Band 4 (GEJ)
Lehren und Taten
Jesu während Seiner drei Lehramts-Jahre.
Durch das Innere
Wort empfangen von Jakob Lorber.
Nach der 7
Auflage.
Lorber-Verlag –
Hindenburgstraße 5 – D-74321 Bietigheim-Bissingen.
Alle Rechte
vorbehalten.
Copyright © 2000
by Lorber-Verlag, D-74321 Bietigheim-Bissingen.
1. Kapitel –
Jesus in der Gegend von Cäsarea Philippi, Fortsetzung (Kap.1-263)
[GEJ.04_001,01]
Als Ich Mich aufgerichtet habe und alle, die mit Mir über drei Stunden lang
recht süß geschlummert haben, berufe Ich sogleich die drei zu Mir und frage
sie, warum sie sich denn nicht auch die drei Stunden hindurch dem stärkenden
Schlafe ergeben haben.
[GEJ.04_001,02]
Sagt Mathael: „Herr! Du Herrlicher, Du Weisester! Wer kann schlafen, so er
durch Dein Wort ohnehin die mächtigste Stärkung erhielt! Wir sind alle drei so
gestärkt, als hätten wir die ganze Nacht allerbestens geschlafen! Wir aber
haben die drei Stunden in Deinem Namen – so gut, als es uns möglich war –
benutzt und haben vermittels Deiner gnädigsten Zulassung Dinge erfahren, von
denen wohl noch keinem Sterblichen je etwas geträumt hat. Dafür wir Dir nun
aber auch den innigsten und wärmsten Dank abstatten; Du bist der Herr, und
allenthalben bist Du allein alles in allem; Dir allein darum aber auch alle unsere
Liebe und höchste Achtung!“
[GEJ.04_001,03]
Sage Ich: „Gut denn, Ich weiß, was ihr alles besprochen und erfahren habt vor
der für euch einberaumten Zeit! Aber da ihr solches erfahren habt, so behaltet
es vorderhand bei euch und machet auch nachderhand keinen unrechten Gebrauch
davon; denn solches fassen die Kinder dieser Erde nicht; denn sie sind nicht
von dorther, von woher ihr seid. Ihr werdet aber noch viel Größeres erfahren;
wenn der Heilige Geist über euch kommen wird, den Ich dereinst aus den Himmeln
über euch ausgießen werde, der wird euch erst in alle Wahrheit leiten! Das wird
sein der Geist der Liebe, der Vater Selbst, der euch ziehen und lehren wird,
auf daß ihr alle dorthin kommen möget, da Ich sein werde.
[GEJ.04_001,04]
Denn wahrlich sage Ich es euch: Niemand wird zu Mir kommen, so ihn nicht der
Vater zu Mir hinziehen wird! Ihr müsset alle vom Vater, also von der ewigen
Liebe in Gott gelehret sein, so ihr zu Mir kommen wollt! Ihr alle müßt also
vollkommen sein, wie der Vater im Himmel vollkommen ist! Aber das viele Wissen,
wie auch die reichlichste Erfahrung wird euch nicht dahin bringen, sondern
allein die lebendige Liebe zu Gott und im gleichen Maße zum Nächsten; darin
liegt das große Geheimnis der Wiedergeburt eures Geistes aus Gott und in Gott.
[GEJ.04_001,05]
Jeder aber wird zuvor mit Mir durch die enge Pforte der vollsten
Selbstverleugnung ziehen müssen, bis er wird, wie Ich bin. Ein jeder muß
aufhören, für sich etwas zu sein, um in Mir alles werden zu können.
[GEJ.04_001,06]
Gott über alles lieben, heißt: in Gott ganz auf- und eingehen, – und den
Nächsten lieben, heißt ebenfalls: in den Nächsten ganz eingehen, ansonst man
ihn nie ganz lieben kann; eine halbe Liebe aber nützt weder dem, der liebt,
noch dem, der geliebt wird.
[GEJ.04_001,07]
Wenn du von einem hohen Berge die volle Aussicht nach allen Seiten hin haben
willst, so mußt du in jedem Falle dessen höchste Spitze erklimmen; denn von
einem unteren Höhenpunkte wird dir von der Ganzaussicht stets ein guter Teil
verdeckt bleiben. Also muß denn auch in der Liebe alles und das Äußerste aus
dem Innersten heraus geschehen, damit ihre Früchte an euch offenbar werden.
[GEJ.04_001,08]
Euer Herz ist ein Acker, und die tätige Liebe ist das lebendige Samenkorn; die
armen Brüder aber sind der Dünger für den Acker. Wer aus euch in den
wohlgedüngten Acker viel der Samenkörner legen wird, der wird auch eine
Vollernte machen. Mit je mehr Armen ihr den Acker düngen werdet, desto
kräftiger wird er sein; und je mehr der guten Samenkörner ihr hineinlegen werdet,
desto reicher wird die Ernte ausfallen. Wer da reichlich säen wird, der wird
auch reichlich ernten; wer aber sparsam säen wird, der wird auch sparsam
ernten.
[GEJ.04_001,09]
Darin aber liegt die höchste Weisheit, daß ihr weise werdet durch die lebendigste
Liebe. Alles Wissen aber ist ohne die Liebe nichts nütze! Darum bekümmert euch
nicht so sehr um ein vieles Wissen, sondern daß ihr viel liebet, so wird euch
die Liebe geben, was euch kein Wissen je geben kann! Es ist ganz gut, daß ihr
drei die drei Stunden zur vielfachen Bereicherung eures Wissens und eurer
Erfahrungen alleremsigst verwendet habt; aber alles das würde für sich eurer
Seele wenig nützen. So ihr aber in der Folge die Zeit also emsig der Liebe zum
Nächsten opfern werdet, so wird euch ein Tag schon von größerem Nutzen für eure
Seelen sein!
[GEJ.04_001,10]
Was nützete es euch vor Mir, so ihr euch nahe auflösen möchtet vor Verwunderung
über Meine Macht, Größe und nie ergründbare Herrlichkeit, außerhalb eures
Hauses aber weineten arme Brüder und Schwestern vor Hunger, Durst und Kälte?
Wie elend und zu gar nichts nütze wäre ein lautes Jubel- und Lobgeschrei zur
Ehre und zum Ruhme Gottes, über dem man das Elend des armen Bruders überhörete!
Was nützen all die reichen und prunkvollsten Opfer im Tempel, wenn vor dessen
Tür ein armer Bruder vor Hunger verschmachtet?
[GEJ.04_001,11]
Darum sei euer Forschen vor allem nach dem Elend eurer armen Brüder und
Schwestern gerichtet; denen bringet Hilfe und Trost! Da werdet ihr in einem
Bruder, dem ihr geholfen habt, mehr finden, als so ihr alle Sterne bereist
hättet und Mich gepriesen mit Zungen der Seraphim!
[GEJ.04_001,12]
Wahrlich, Ich sage es euch, alle Engel, alle Himmel und alle Welten mit all
ihrer Weisheit können euch nicht geben in Ewigkeit, was ihr erreichen könnet,
so ihr einem Bruder, der im Elende war, wahrhaft geholfen habt nach aller eurer
Kraft und nach allen euren Mitteln! Nichts stehet höher und näher bei Mir denn
allein nur die wahre, tätige Liebe!
[GEJ.04_001,13]
So du zu Gott betest und hörst, solange du betest, die Klagestimme deines armen
Bruders nicht, der in deiner Betstunde zu dir um Hilfe gekommen ist, dann sei
verflucht dein leeres Geplärr! Denn Meine Ehre bestehet in der Liebe – und
nicht im eitlen Geplärre deines Mundes!
[GEJ.04_001,14]
Ihr sollet nicht sein, wie da Jesajas gerufen hat: ,Siehe, dieses Volk ehret
Mich mit den Lippen; aber sein Herz ist ferne von Mir!‘, sondern so ihr zu Mir
betet, da tuet das im Geiste und in aller Wahrheit! Denn Gott ist ein Geist und
kann nur im Geiste und in der Wahrheit angebetet werden.
[GEJ.04_001,15]
Das wahre, Mir allein wohlgefällige Gebet im Geiste besteht demnach nicht im
Bewegen der Zunge, des Mundes und der Lippen, sondern allein in der tätigen
Ausübung der Liebe. Was nützt es dir, so du mit vielen Pfunden Goldes eines
Propheten Grab geschmückt hast, hast aber darob die Stimme eines leidenden
Bruders überhört?! Meinst du, Ich werde daran ein Wohlgefallen haben? Tor! Mit
zornigen Augen wirst du von Mir angesehen werden, darum du eines Toten wegen
die Stimme eines Lebendigen überhört hast!“
2. Kapitel
[GEJ.04_002,01]
(Der Herr:) „Seht, Ich habe es darum schon vorgesehen, daß die Orte, die wir
nun besuchen, schon in hundert Jahren nicht mehr dasein werden, auf daß mit der
Zeit mit ihnen keine zu derbe Abgötterei getrieben werden soll!
[GEJ.04_002,02]
Mein Nazareth wird man nicht mehr finden, wohl aber ein anderes überm Gebirge
von hier gegen den Untergang. Genezareth wird erlöschen, nur Tiberias diesseits
des Meeres wird bleiben. Cäsarea Philippi, da wir nun sind, ist schon
erloschen, aber es wird eines bleiben ober dem Merom (See), daher der Jordan
kommt, und eines im Abende unfern des großen Salzmeeres, unweit da Tyrus und
Sidon steht. Das Land Samaria aber wird nur in dem Teile von hier gen Mittag
bis ans große Meer bleiben, der kleine Teil, der mehr gen Morgen liegt, mit dem
wahren Sichar und dem wahren Berge Horeb, wird verwischt werden, und die späten
Nachkommen werden es suchen und finden unweit vom großen Meere; aber es wird
nur der Name noch sein und ein schroffer Berg, aber die Wahrheit nicht. Und
also wird es auch ergehen mit Jerusalem und noch gar vielen Orten des Gelobten
Landes, das vielfach in eine Wüste wird verwandelt werden.
[GEJ.04_002,03]
Merket euch alles dieses wohl; denn es wird also geschehen, auf daß die
Menschen über dem Vergöttern dieser Orte die Stimme ihrer armen Brüder und
Schwestern nicht zu sehr überhören! Sie sollen darüber alle verwirrt werden!
Sie sollen im falschen Nazareth Meine Hütte suchen und dumm werden; denn das
rechte Nazareth wird bald, nachdem Ich werde aufgefahren sein in Mein Reich,
von dem Boden der Erde vertilgt werden.
[GEJ.04_002,04]
Wer da nach Eitlem forschen wird, der wird auch Eitles finden und sterben
daran; wer aber das echte Nazareth im Herzen suchen wird, wird es finden in
jedem armen Bruder und ein echtes Bethlehem in jeder armen Schwester!
[GEJ.04_002,05]
Es werden Zeiten kommen, in denen die Menschen hierher ziehen werden von weiter
Ferne und werden suchen diese Orte. Die Namen werden wohl bleiben, – aber die
Orte nicht! Ja, die Völker in Europa werden Krieg führen um den Besitz dieser
Orte und werden meinen und glauben, Mir einen guten Dienst damit zu erweisen;
aber daheim werden sie ihre Weiber und Kinder und Brüder und Schwestern
verschmachten lassen in Armut, Not und Elend!
[GEJ.04_002,06]
Wenn sie dann aber drüben zu Mir kommen werden, um den vermeinten Lohn für ihre
Mühe und Aufopferung zu empfangen, da werde Ich ihnen ihre große Torheit
offenbar werden lassen und ihnen zeigen, welch ein Elend sie durch ihre von Mir
nie gebotene Torheit unter den Menschen angerichtet haben, und zunächst unter
denen, die ihrer Sorge auch zunächst anvertraut waren, als da sind die armen,
schwachen Weiber, Kinder und sonstige der Hilfe Bedürftige des Hauses! Und es
wird ihnen bedeutet werden, daß sie nicht eher ans Licht Meiner Gnade kommen
werden, bis sie all das von ihnen angerichtete Übel vollends werden gutgemacht
haben, – was ihnen sehr schwer gehen wird, da sie dazu nur höchst dürftige Mittel
besitzen werden im schwachen Dämmerlichte des Geisterreiches über und unter der
Erde.
[GEJ.04_002,07]
Ich sage es euch: Der großen Torheit der Menschen wegen werden diese Orte einem
Heidenvolke überantwortet werden. Und Ich werde durch jene Heiden die falschen
Bekenner Meiner Lehre geißeln lassen im Aufgange und Untergange, im Mittage und
in den Gegenden der Mitternacht.
[GEJ.04_002,08]
Trachtet darum, daß nicht Torheit und blinder Aberglaube Platz greife inmitten
Meiner Lehre des Lebens und der wahren Gotteserkenntnis auf dem alleinigen Wege
der werktätigen Liebe; diese wird jedermann geben das wahre Licht und die
rechte und unbegrenzte Anschauung aller Dinge der Natur- und Geisterwelt! Dies
ist und bleibet ewig der allein wahre und wirksame Weg zu Mir und in Mein
ewiges Reich.
[GEJ.04_002,09]
Ich als die Liebe von Ewigkeit bin allein das Licht, der Weg, die Türe und das
ewige Leben; wer anderswo in Mein Reich des Lichtes eindringen will, ist gleich
wie ein Dieb und ein Räuber und wird in die äußerste Finsternis hinausgestoßen
werden schon dies- und noch mehr erst dereinst jenseits. – Nun wisset ihr, was
ihr zu tun habt, und was vor Mir Rechtens ist. Tut danach, und ihr werdet des
rechten Weges wandeln!
[GEJ.04_002,10]
Nun aber wollen wir zu den neun Ertrunkenen übergehen, und du, Markus, lasse
Wein hintragen; denn dessen werden wir bedürfen!“
3. Kapitel
[GEJ.04_003,01]
Hierauf begaben wir uns schnell zu den neunen hin, und Ich ließ sie mit den
Gesichtern nach aufwärts schauend und mit den Häuptern bergan legen. Als sie
also gelegt waren, sagte Ich zum Markus: „Gib einem jeden etliche Tropfen
Weines in den Mund!“ Solches war leicht zu bewerkstelligen, weil alle den Mund
offen hatten. Als solches vollzogen ward, sagte Ich zu allen Anwesenden:
„Gehet, und prüfe ein jeder Schwachgläubige aus euch, ob die neun nicht
vollkommen tot sind!“
[GEJ.04_003,02]
Es war aber unter den dreißig bekehrten Pharisäern auch ein Arzt, der sich wohl
auskannte, ob ein Leib vollkommen tot war oder nicht. Dieser trat hinzu und
sagte: „Nicht, als würde ich am Tode dieser Ertrunkenen nur den geringsten
Zweifel hegen, trete ich, sie zu untersuchen, hierher, sondern um als ein Sach-
und Fachkundiger euch den vollgültigen Beweis zu geben, daß diese neun
vollkommen tot sind.“ Hierauf befühlte er die neun, besah ihre Augen, die
hippokratische Nase als ein sicheres Zeichen des vollkommenen Todes und des
vollkommenen Erloschenseins aller physischen Lebensgeister.
[GEJ.04_003,03]
Als der Arzt nach genauester Besichtigung, wie auch nach dem Mitzeugnisse
aller, die seine Erkenntnis für echt und gültig und wahr fanden, dahin laut
sein Urteil abgab und noch hinzufügte: „Nicht jetzt, sondern schon gestern,
eine Stunde darauf, als sie ins Wasser kamen, waren sie schon so vollkommen
tot, als sie jetzt sind! Nach der Nase und nach dem Geruche zu urteilen, hat
sich bereits auch schon die Verwesung eingestellt. Keine menschliche
Wissenschaft, Kraft und Macht ruft diese neun mehr ins Leben! Das kann nur Dem
möglich sein, der am Jüngsten Tage alle Toten aus den Gräbern zum Leben
hervorrufen wird!“
[GEJ.04_003,04]
Sagte Ich: „Auf daß ihr auf dies gültige Zeugnis des Arztes aber ganz wohl
erkennet die Herrlichkeit des Vaters im Menschensohne, so rufe Ich laut zum
Vater und sage: ,Vater, verherrliche Deinen Namen!‘“
[GEJ.04_003,05]
Hier vernahmen viele wie eine Stimme vieler Donner: „Ich habe ihn verherrlicht
durch Dich, Mein geliebtester Sohn; denn Du bist es, an dem Ich Mein rechtes
Wohlgefallen habe! Dich sollen die Menschen hören!“
[GEJ.04_003,06]
Viele vernahmen diese Worte, viele aber vernahmen nur einen puren Donner und
fingen an zu fragen, wie es nun gedonnert habe. Aber jene, die im Donner Worte
vernahmen, gaben das Zeugnis von dem, was sie vernommen hatten, und die anderen
wunderten sich darob und sagten: „Das ist sonderbar! Wir vernahmen zwar nur den
Donner, – aber so ihr zu mehreren die gleichen Worte vernommen habt, so glauben
wir solches so gut, als hätten wir sie selbst vernommen. Aber es geht aus dem
dennoch hervor, daß dieser Meister hier eigentlich nur der Sohn ist und nicht
der heilige, allmächtige Vater, der im Himmel wohnt, und den kein Mensch je
sehen, sondern allein nur in geheiligten Momenten sprechen kann. Moses war
demnach auch ein Sohn des Allerhöchsten, da auch er übergroße Zeichen gewirkt
hat, und die andern Propheten waren es im gleichen Maße; nur dürfte dieser
Nazaräer wohl der größte aller Propheten sein, weil er die größten und meisten
Zeichen tut.“
[GEJ.04_003,07]
Sagt Murel, der dies ganz gut angehört hatte: „Nein, da irret ihr euch; dies
ist von euch noch ein ganz gewaltiger Unverstand! Wer hat vor Moses einen Moses
angekündigt durch den Geist des Herrn, wer einen Elias, wer einen Samuel, wer
einen der vier großen Propheten? Sie wurden wie zufällig von Gott erweckt und
weissagten! Und von wem weissagten sie am meisten? Eben von Dem, der nun vor
uns ist! Die Stimme, die nun wie ein mächtiger Donner zu vernehmen war, war
ebensogut Seine höchst eigene wie die, welche Er aus Seinem leiblichen Munde zu
uns redet! Der Unterschied besteht nur darin: Mit dem Leibesmunde redet Er als
Mensch zu uns, mittels der Donnerstimme aber ließ Er sich als Derjenige
vernehmen, der ewig war, ist, und sein wird, – der alles, was da ist,
erschaffen hat und auf Sinai dem Volke die Gesetze gab unter beständigen
Blitzen und Donnern. Darum auch ist Ihm allein alles möglich, auch das, daß Er
aus höchster Liebe zu uns, Seinen Kindern, ein Mensch, wie wir es sind, werden
konnte, ansonst Er von Seinen Kindern, die Er über alles liebt, ewig nie
gesehen und vollkommen erkannt werden könnte!“
4. Kapitel
[GEJ.04_004,01]
Hier trete Ich zum Murel und sage: „Gut hast du es gemacht, Mein Sohn! Du bist
wahrlich tiefst in die Wahrheit gedrungen und hast die, so da ein wenig schief
sahen, ganz der vollsten Wahrheit gemäß belehrt. Du wirst Mir darum schon auch
ein tüchtiges Rüstzeug werden wider Juden und Heiden; dein Lohn im Himmel wird
darum kein kleiner sein!
[GEJ.04_004,02]
Aber nun lasset uns zur Tat schreiten, die Ich für euch bestimmt habe, auf daß
es jeder mit seinen Händen greifen kann, daß Ich allein es wahrhaft bin, der da
kommen sollte nach der Weissagung aller Propheten bis auf Simeon, Anna,
Zacharias und Johannes, den Herodes enthaupten ließ! Siehe, diese neun sollen
allesamt vollkommen lebendig werden und nach Hause zu den Ihrigen gehen! Wenn
sie aber vollkommen gestärkt erwachen werden, dann haltet sie nicht auf,
sondern lasset sie gleich fortziehen; erst wenn Ich diese Gegend werde
verlassen haben, möge jemand aus euch ihnen kundtun, was hier mit ihnen
vorgegangen ist!“
[GEJ.04_004,03]
Als Ich solches ausgeredet hatte, sagte Ich zum Markus: „Nun gib ihnen noch
einmal Wein in den Mund!“
[GEJ.04_004,04]
Markus tat solches; aber Cyrenius und Kornelius fragten Mich, warum den
Ertrunkenen vor der Belebung Wein eingegossen werden müsse.
[GEJ.04_004,05]
Sagte Ich: „Es ist dies zur Belebung dieser neun durchaus nicht nötig; aber da
sie gleich nach der Belebung von hier ziehen werden, bedürfen sie auch einer
leiblichen Stärkung, und diese wird eben dadurch bewerkstelligt, daß man nun
noch vor der Belebung ihnen Wein in den Mund gibt. Er wird von den Gaumen- und
Zungennerven aufgesogen und auf diese Weise auch den andern Lebensnerven
mitgeteilt. Werden diese neun nachher lebendig, so hat ihre in den Leib
zurückgekehrte Seele schon ein gestärktes Werkzeug, das sie sogleich für
allerlei Tätigkeit verwenden kann. Würde aber diese Vorstärkung unterbleiben,
so müßten die Neubelebten einige Zeit hier verweilen, um sich für eine
Tätigkeit ihrer Glieder zu stärken. Zugleich verschafft diese Vorstärkung den
Betreffenden einen guten Geschmack im Munde, was auch nötig ist, weil ihnen der
Trübwassergeruch nach der Erweckung Übelkeiten verursachen würde, von denen sie
lange nicht völlig frei gemacht werden könnten. – Nun wisset ihr denn auch
dieses; habt ihr nun noch irgendein Anliegen in dieser Beziehung?“
[GEJ.04_004,06]
Sagt Kornelius: „Nein, das eben nicht, Herr und Meister; aber nur der Gedanke
ist mir aufgestoßen, wie Du als der Allmächtige, dessen Wille allein alles
vermag, Dich hie und da zur Erreichung irgendeines Zweckes dennoch ganz
natürlicher Mittel bedienen magst!“
[GEJ.04_004,07]
Sage Ich: „Und warum sollte Ich das nicht?! Ist das natürliche Mittel denn
nicht auch ein Werk Meines Willens, – namentlich aber der Wein aus dem Keller
des Markus, dessen leere Schläuche und andere Gefäße Ich allein ganz wundersam
mit dem Weine gefüllt habe?! So Ich Mich sonach eines natürlichen Mittels
bediene, da ist das nicht minder ein Wunder, als hätte Ich Mich keines
natürlichen Mittels, sondern bloß nur Meines Willens bedient! – Verstehet ihr
nun dieses?“
[GEJ.04_004,08]
Sagen Kornelius und Cyrenius: „Ja, jetzt ist uns auch schon das wieder klar;
wir freuen uns nun schon auf die Belebung der neun Ertrunkenen! Wird diese
ehest erfolgen?“
[GEJ.04_004,09]
Sage Ich: „Nur eine kleine Geduld noch, bis sie ein drittes Mal noch Wein in
den Mund bekommen, alswann sie dann für die Neubelebung eine hinreichende
Vorstärkung in sich haben werden!“
[GEJ.04_004,10]
Damit sind alle Neugierigen zufriedengestellt, und Markus gibt den neunen auf
Mein Geheiß zum dritten Male Wein in den Mund.
[GEJ.04_004,11]
Darauf sage Ich dann zu den vielen Umstehenden: „Nun ist dies Werk auch
vollbracht! Entfernen wir uns aber nun von diesem Orte und setzen uns zu den
Tischen, auf denen schon ein wohlbereitetes Frühmahl unser harret! Denn blieben
wir hier, so würden wir die Neuerwachten nur beirren, und sie würden in der
Meinung sein, daß da mit ihnen etwas Außerordentliches müsse vorgefallen sein;
sehen sie aber niemanden in ihrer Nähe, so wird es ihnen vorkommen, daß sie vom
gestrigen Sturme ganz betäubt und ermattet auf diesem Hügel eingeschlafen und
nun am Morgen dieses nächsten auf den gestrigen Sabbat folgenden Tages wieder
vom tiefen Schlafe erwacht sind! Darauf werden sie, sich um uns ganz und gar
nicht kümmernd, von ihren Lagern ganz ruhig sich erheben und nach Hause ziehen,
allwo sie von den Ihrigen natürlich mit der größten Freude von der Welt
aufgenommen und erquickt werden.“
5. Kapitel
[GEJ.04_005,01] Auf
dies Mein Wort tun zwar alle sogleich, was Ich angeordnet habe, – aber die
meisten nicht eben gar zu gerne, da sie gern das Wunder in der Nähe beobachtet
hätten; es getrauet sich aber niemand, Mir eine Bemerkung zu machen. Wir kommen
an unsere Tische und setzen uns, und greifen auch zu den Fischen, die diesmal
gar sehr wohlschmeckend bereitet sind, und essen sie recht heitern Mutes.
[GEJ.04_005,02]
Besonders ist diesmal Meine Jarah bei guter Laune und sagt: „Ich weiß es
wirklich nicht, wie das kommt, daß ich heute gar so heitern Mutes bin. Aber
etwas merke ich dennoch, und das ist, daß alle andern nicht ebenso heiter sind
wie ich! Ich bin zwar ein Mädchen und sollte von der Neugier auch am meisten
geplagt sein, – aber es ist hier gerade umgekehrt! Die Männer lugen stets hin,
ob die neun schon erwacht seien. Ich habe noch gar nicht hingelugt, habe sie
aber dennoch schon fortgehen sehen einen nach dem andern, – und die Männer und
Herren und Könige sehen noch immer dahin und fragen sich im Gemüte, ob sie wohl
wieder lebend geworden seien? Oh, schon vor einer kleinen halben Stunde!
Gleich, als wir zu den Tischen kamen, fingen die neun an, sich zu rühren und
erhoben sich vom Boden einer nach dem andern, rieben sich den Schlaf aus den
Augen und entfernten sich dann. Ich bemerkte solches ganz leicht durch die uns
etwas von jener Stelle verdeckenden Bäume, weil ich klein bin und unter den
Zweigen der Bäume recht leicht hinwegsehe; ihr aber seid groß, und die Baumäste
verdeckten euch das Wunder der Macht des göttlichen Willens. Jetzt aber ist es
schon zu spät; so ihr auch hinginget, würdet ihr nichts finden als höchstens
die Stellen, über denen die neun gelegen sind. Auch jene, die der Herr gestern
bald nach dem Sturme erweckt hat, sind mit den neun heimwärtsgezogen.“
[GEJ.04_005,03]
Sagt Kornelius: „Aber hast du doch gute Augen und entdeckest alles! Wenn denn
schon alles vorüber ist, da ist ja ohnehin alles wohl und gut, und wir brauchen
nichts als das sichere Gelingen dessen, was der Herr anordnet und will; denn
ein einziges Mißlingen würde manche Zweifel bei den Hartgläubigen hervorrufen.
Hast du die neun aber auch wirklich sich erheben und fortziehen sehen?“
[GEJ.04_005,04]
Sagt die Jarah, ein wenig aufgeregt: „Na, ich meine doch, daß man in mir keine
Lügnerin erschauen wird!? Solange ich lebe und denke, ist noch nie eine Lüge
über meine Lippen gekommen, – und an der Seite meines Herrn, meines Gottes und
allerwahrhaftigsten Meisters sollte ich eine Lüge vorbringen, um dadurch eure
Neugier zu stillen?! Oh, da kennst du, hoher Herr, die Jarah noch lange nicht!
Sieh, im noch so hellen Verstande wohnt auch die Lüge; denn du kannst jemandem
aus deinem Verstande etwas erklärt haben nach dem, wie es dir einleuchtend war;
aber es war dein Dir- einleuchtend-Sein ein ganz grundfalsches, und du hast mit
deinem Erklären vollkommen gelogen, – denn du hast dich und deinen Nächsten
hinters Licht geführt. Aber die wahre und reine Liebe lügt nie und kann nicht
lügen, weil sie den Nächsten, als auch ein Kind Gottes, mehr denn sich selbst
achtet und Gott aber über alles! Ich aber
bin voll Liebe zu Gott und somit auch zum Nächsten – und sollte dir demnach
eine falsche Kunde zu geben imstande sein?! Hoher Kornelius, diese Zumutung war
als von dir ausgehend eben nicht sehr artig!“
[GEJ.04_005,05] Sagt Kornelius: „Aber,
allerholdeste Jarah, also habe ich es ja ewig nie gemeint! Ich fragte dich
darum also, weil dies eine ganz gewöhnliche Frageweise ist, dachte aber nicht
im entferntesten daran, als hättest du mir irgend etwas Unwahres sagen wollen!
Frage den Herrn Selbst, der doch sicher weiß, wie es in meinem Gemüte aussieht,
ob ich dich, du treuherzigstes, holdestes Mädchen, einer Lüge habe zeihen
wollen! Die neun sind erweckt worden durch den Herrn Willen und sind auch schon
abgereist ebenfalls nach dem Willen des Herrn, und die ganze Sache ist damit
abgetan. Ich gab dir aber die etwas plumpe Frage aus purer Gewohnheit und
dachte eigentlich gar nichts dabei. – Wirst du mir darum wohl gram sein
können?“
[GEJ.04_005,06] Sagt die Jarah: „O mitnichten,
aber ein zukünftiges Mal mußt du deine Fragen ein wenig besser überdenken! Nun
aber verhandelt etwas anderes; denn wir haben nun des Leeren zur Genüge
verhandelt!“
[GEJ.04_005,07] Sagen Kornelius und Cyrenius:
„Ja, ja, da hast du wohl recht; es ist um jede Minute Zeit schade, die wir
selbst verplaudern, so der Herr unter uns ist! Lassen wir nun dem Herrn allein
die Ehre, etwas zu bestimmen und anzuordnen!“
[GEJ.04_005,08] Sage Ich: „Lasset das gut
sein; wir haben nun Zeit zum Fischen und wollen dem Markus einen guten Vorrat
verschaffen! Nach dem Mittage aber wird schon wieder was vorkommen!“
[GEJ.04_005,09] Der alte Markus, der solches
von Mir vernahm, gebot sogleich seinen Söhnen, die nötigen Fahrzeuge
zurechtzubringen; denn die Fische im großen, eingezäunten Behälter am See
hatten durch den gestrigen Sturm ziemlich viel gelitten.
6. Kapitel
[GEJ.04_006,01] Während wir an unserm Tische
aber also dies und jenes behandelten, entspann sich ein Streit zwischen den
dreißig jungen Pharisäern und den noch anwesenden zwanzig Persern. Die Perser
betrachteten die Erweckung der neun Ertrunkenen als ein ordentliches
Wunderwerk; aber die dreißig jungen Pharisäer zogen es kleinweg als solches in
einen Zweifel. Und namentlich war der Risa, der früher den Hebram für Mich
bestärkte, am meisten gegen dasselbe.
[GEJ.04_006,02] Hebram sagte: „Freund Risa,
wenn ein Mensch einmal dem Leibe nach so total tot ist, wie die neun es waren,
kannst du ihn legen, wie du willst, und ihm am nächsten Tage ebenso und
denselben Wein in den Mund geben, so wird er doch nimmer lebendig werden! Das
ist das Werk der göttlichen Willenskraft, und das Legen und der eingegossene
Wein haben dabei nichts anderes zu tun, als daß durchs Legen einmal das Wasser
aus dem Magen und aus der Lunge sich verlaufe, und daß durch den Wein den noch
unfesten Nerven eine nötige Vorstärkung und dem Gaumen ein uneklicher Geschmack
gegeben werde. Aber in bezug auf das nachherige Erwecken des toten Leibes ist
weder das Legen noch der Wein als nötig zu betrachten. Solches ließ der Herr
nur darum zuvor geschehen, weil Er die Absicht gefaßt hatte, diese neun durch
Seinen Willen ins Leben zurückzurufen, und daß ihre Seelen sogleich einen
bewohnbaren und brauchbaren Leib anträfen! – Siehst du denn das nicht ein?“
[GEJ.04_006,03] Sagt Risa: „Ja, ja, ich sehe
das wohl ein, und du wirst auch ganz recht haben; aber es käme dabei dennoch
nicht unzweckmäßig auf eine Probe an, um sich faktisch selbst zu überzeugen,
daß das Legen und hernach das dreimalige Eingeben des Weines für sich keinem
gänzlich Ertrunkenen das Leibesleben wiedergibt! Hat man auch diese
Überzeugung, dann erst ist diese Erweckung ein vollkommen reinstes Wunder! Das
ist so meine Meinung.“
[GEJ.04_006,04] Sagt Hebram: „Na, so du schon
darauf bestehst und der Herr es will, so kann es sich vielleicht ja noch
treffen, daß bei dieser nun angeordneten Fischerei sich noch irgendein Leichnam
vorfinden wird, und du kannst dann mit demselben den haargleichen Leg- und
Weineingebungsversuch zu dessen Wiederbelebung machen, wobei du aber sicher zu
keinem erfreulichen Resultate gelangen wirst!“
[GEJ.04_006,05] Sagen die Perser: „Dieser
Meinung sind auch wir! Denn was nur der Macht des göttlichen Willens möglich
ist, das ist keinem Menschen, der selbst nur ein Geschöpf ist, möglich, – außer
Gottes Wille wirkt mit und durch den menschlichen. Das ist so unsere Meinung,
und wir glauben damit auf keinem Irrpfade uns zu befinden. – Aber nun begibt
sich alles ans Wasser, und so wollen denn auch wir unsere Fahrzeuge besteigen;
denn bei dieser Gelegenheit wird sich sicher wieder so manches Wunderbare
ereignen, und davon müssen auch wir Zeugen sein.“
[GEJ.04_006,06] Darauf erfolgt ein
allgemeiner Aufbruch aufs Wasser, das an diesem Morgen besonders ruhig und zum
Fischen tauglich ist. Diesmal machen Meine Jünger bis auf den Ischariot ganz
gemeinsame Sache mit den Söhnen des alten Markus und helfen ihnen die großen
Netze auswerfen und ausspannen.
[GEJ.04_006,07] Judas Ischariot aber macht
sich ein Privatvergnügen und geht ganz allein nach der gänzlich zerstörten
Stadt, um nachzusehen, wie es dort aussieht; er hatte ja früher vernommen, daß
dort die reichen Griechen einige Straßen mit Gold und Silber haben bepflastern
wollen. Und er meinte und verstand solches auch also, als hätten die Reichen damit
schon einen ausgiebigen Anfang gemacht; er schlich sich darum nach der
Brandstätte, um dort offenliegendes Gold, Silber und andere Kostbarkeiten zu
fischen.
[GEJ.04_006,08] Aber es trug ihm seine
Schmutzerei diesmal keine Rechnung, – außer auf seinen Rücken; denn als er in
den Gassen als ein Fremdling nach Gold und Silber jagend ersehen ward, wurde er
von den Wächtern alsbald ergriffen und ganz tüchtig durchgebleut. Darauf
verließ er freilich die hier und da trotz des gestrigen Sturmes noch dampfenden
Ruinen der alten Stadt, die vor alters ,Vilipia‘, unter den Griechen ,Philippi‘
hieß und erst unter den Kaisern Roms auch den Beinamen ,Cäsarea‘ bekam.
[GEJ.04_006,09] Als unser Goldfischer aber
eilenden Schrittes wieder zum Hause des Markus kam, da traf er natürlich
niemand außer dem Weibe und den Töchtern des Markus daheim, mit denen nicht gar
viel zu machen war; denn sie hatten alle Hände voll zu tun fürs Mittagsmahl und
hatten keine Zeit, sich mit ihm abzugeben. Zudem glaubten sie schon zu fest an
Mich und waren darum gar nicht aufgelegt, dem Judas Ischariot seine etwas
vorlauten Fragen zu beantworten; auch stand dieser Jünger durchaus nicht
absonderlich in ihrer Gunst, weil er sich in den etlichen Tagen schon zu
öfteren Malen sättig und unausstehlich erwiesen hatte.
[GEJ.04_006,10] Da er im Weiberhause des
Markus keine gute Aufnahme fand, so verließ er das Haus und ging ans Meer
nachsehen, wo wir wären, konnte aber nichts erspähen, weil wir, um einen guten
Fang zu machen, gar auf die hohe See hinausgesteuert sind ob eines Fischzuges,
der nur zwei Male im Jahre nach dem Laufe des Jordans, von dem Meromsee
kommend, seinen Riebzug hält und zumeist aus den besten Goldlachsforellen
besteht.
[GEJ.04_006,11] Weil der zurückgebliebene
Jünger nun vor Langweile nicht wußte, was er tun sollte, begab er sich in die
Zelte des Ouran, um nachzusehen, ob denn da auch alles ausgezogen sei, und ob
nicht vielleicht bei der Gelegenheit so ein paar überflüssige Gold- oder
Silberstücke zu finden wären, die jemand verstreut hätte! Aber auch da war die
Welt mit Brettern vernagelt; denn Ouran hatte in jedem Zelte drei Wachleute
zurückgelassen, mit denen sich in Abwesenheit ihrer Herrschaft nicht gut reden
ließ. Er verließ denn auch mit großem Ärger die Zelte und suchte sich einen schattenreichen
Baum aus, unter dem er sich niederlegte und ganz behaglich einschlief.
[GEJ.04_006,12] Aber es ging mit dem Schlafen
für die Dauer auch nicht, da ihm die Fliegen keine Ruhe ließen, – kurz,
Ischariot war ein Geplagter drei volle Stunden hindurch und ging schon nahe in
eine Verzweiflung über. Da aber ersah er endlich unsere Schiffe, und es ward
ihm darum etwas leichter ums Herz, und er bereute es nun schon sehr, Meine
Gesellschaft verlassen zu haben.
7. Kapitel
[GEJ.04_007,01] Wir aber machten einen wahren
Millionenfang von den besten Fischen, und ganz auf der hohen See wurden auch
zwei weibliche Leichen ganz nackt herumschwimmend gefunden, die in die Hände
von Seeräubern geraten, von selben aller ihrer Habe beraubt und darauf lebendig
ins Wasser geworfen worden waren. Beide, Mägde von neunzehn und einundzwanzig
Jahren, sehr wohlgestaltet, waren aus Kapernaum, Töchter eines reichen Hauses,
wollten nach Gadarena reisen und vertrauten sich dem Meere an. Ihr Schiff und
ihre Schiffsleute waren ganz in der Ordnung. Aber inmitten des Sees stießen sie
auf einen griechischen Kaper; der nahm das Schiff. Die vier Schiffer und die
beiden Mägde verloren das Leben. Die vier Schiffer wurden erschlagen und dann
erst ins Meer geworfen. Gegen die beiden Mägde waren die Seeräuber etwas
humaner; sie zogen die beiden ganz nackt aus, notzüchtigten sie und warfen sie
sodann erst ins Meer. Die Übeltäter aber sind noch heute vor Tagesanbruch vom
Arme der Gerechtigkeit und des Gerichtes aufgegriffen worden, und es werden
diese Teufel ihrer schärfsten Strafe nicht entgehen.
[GEJ.04_007,02] Die beiden Mägde aber waren
bei den Haaren fest zusammengebunden und schwammen als völlig tot auf dem
Wasser. Das war ganz gut für die Leg- und Weinprobe zur dadurch möglich
gemeinten Wiederbelebung eines Ertrunkenen, wie es Risa meinte. Darum wurden
die beiden Leichname auch in Tücher gewickelt und in ein Schiff gelegt.
[GEJ.04_007,03] Es gab nun sehr viel Arbeit,
und Markus wußte kaum, wie er die Fische alle unterbringen werde; aber Ich
gebot dem Raphael, dem Markus zu helfen, und schnell war da alles in der besten
Ordnung. Risa aber übernahm die zwei Leichen zum Wiederbelebungsversuche und
legte sie einmal, wie Ich tags vorher die Leichen der neun legen ließ.
[GEJ.04_007,04] Thomas aber begrüßte
geschwind Judas Ischariot und fragte ihn etwas ironisch, wie denn sein Fischzug
ausgefallen sei? Judas Ischariot murrte etwas in seinen dicken Bart, getraute
sich aber mit dem Thomas in keine Kontroversen einzulassen; denn er gedachte,
daß ihn eben Thomas zuvor gewarnt hatte, nicht nach der Stadt Gold suchen zu
gehen und nun wisse, wie es ihm dort ergangen sei! Darum schwieg Judas
Ischariot; Ich aber gab dem Thomas einen Wink, daß er den Goldsucher nicht
weiter verfolgen solle, indem solches wenig Früchte brächte.
[GEJ.04_007,05] Es begab sich aber, daß ein
Diener des Ouran auf Rechnung des Judas Ischariot in den Schatzbeutel der
Helena griff und ihr dreißig Silbergroschen entwendete. Dieser kam eilends an
unsern Tisch und sagte: „Ein Dieb, ein Dieb! Als die hohe Herrschaft auf dem
Meere dem vergnüglichen Fischfange beiwohnte und niemand, außer den römischen
Soldaten, die um den Berg lagern und ihre Übungen halten, hier war, da mußte
ich zu meiner Notdurft aus dem großen Zelte; im selben Augenblicke schlich sich
ein Jünger des großen Propheten, den ihr euren Meister mit Recht nennt, ins
Zelt und entwendete, ehe ich noch ins Zelt kam, aus dem Schatzbeutel der
Prinzessin dreißig Silbergroschen!
[GEJ.04_007,06] Als ich ins Zelt trat, fand
ich ihn verlegen im Zelte, und zwar mit den Augen den Boden also forschlich
betrachtend, als suchte er etwas Verlorenes; ich rollte ihn, weil er mir
verdächtig vorkam, ganz barsch an, und er, darob erschreckt, verließ sogleich
das Zelt. Ich dachte von einem Jünger des großen Propheten anfangs nichts
Arges; aber als ich im Zelte auf und ab ging, fiel mir der Schatzbeutel der
erhabensten Prinzessin auf, weil er nicht mehr in der frühern, mir nur zu
bekannten Ordnung sich befand. Da ich als der Vertraute mit dem numerischen
Inhalte des Schatzbeutels nicht im Ungewissen mich befand, so nahm ich den
Beutel und überzählte den kostbaren Inhalt, und siehe da, – es fehlten im
selben dreißig Silbergroschen! Diese dreißig köstlichen Silberlinge kann unmöglich
jemand anders genommen haben als jener von mir früher angezeigte Jünger! Ich
zeige dieses hiermit zur rechten Zeit alleruntertänigst an, damit am Ende nicht
unschuldigsterweise gar auf mich ein Verdacht falle.“
[GEJ.04_007,07] Sagt die Helena: „Knecht,
warum entschuldigest du dich denn eher, als noch jemand einen Verdacht auf dich
geschöpft hat?!“
[GEJ.04_007,08] Sagt der Wächter:
„Allergnädigste Prinzessin! Ich entschuldigte mich ja nicht, sondern ich zeigte
hiermit nur pflichtschuldigst und ganz einfach nur den sicher durch den Jünger
des großen Propheten verübten Diebstahl an!“
[GEJ.04_007,09] Sagt Helena: „Wann hast denn
du ohne mein Wissen und Wollen zum vorletzten Male meinen Schatzbeutel
visitiert?!“
[GEJ.04_007,10] Sagt der Wächter: „Oh,
sogleich, nachdem die hohe, allergnädigste Prinzessin das Zelt meiner Hut
überließen! Da waren noch vollkommen 600 Groschen darin; nun sind aber deren
nur noch 570 – fehlen also offen 30 Groschen, die niemand anders hat entwenden
können als jener bezeichnete Jünger! Weil ich als Wächter der erhabenen Schätze
für alles verantwortlich bin, so muß ich ja doch auch wissen, über was und über
wieviel ich Wache zu halten habe, und es kann mir als einem alten, treuen
Diener nicht verargt werden, so ich zu Zeiten mir eine Einsicht nehme, über was
und über wieviel ich zu wachen habe! Ich habe aber nun den angezeigten Abgang
bemerkt und habe solchen pflichtschuldigst angezeigt.“
[GEJ.04_007,11] Sagt Helena: „Ganz gut, ganz
gut und wohl, wir werden die Sache später noch näher untersuchen und den Täter
des Übels herausfinden, der dann der gerechten Strafe nicht entgehen wird!
Vielleicht ist es aber auch möglich, daß du dich beim Zählen das erste Mal oder
das zweite Mal geirrt hast, und es wäre darum nicht fein, einen Jünger des göttlichen
Meisters darum zu beschuldigen, weil er vielleicht aus purer Langweile das Zelt
betreten hat, wozu er sogar ein Recht hatte, weil von uns aus kein Gebot
gegeben ward, daß unsere Zelte von niemandem betreten werden sollten! Gehe nun
wieder auf deinen Stand; ich werde bald selbst nachkommen und alles strengst
untersuchen!“
[GEJ.04_007,12] Mit diesem Bescheide
entfernte sich der Wächter, und sein erstes Geschäft war, so schnell wie
möglich die dreißig Groschen wieder in den Beutel zu stecken, auf daß die
Prinzessin recht habe mit der Bemerkung, daß er sich einmal im Zählen geirrt
haben möge. Als er mit dieser Operation fertig war, wurde er sehr verlegen, was
er bei der Untersuchung sagen werde. Am besten dünkte es ihm, daß er wieder zur
Prinzessin ginge, sie um Vergebung bäte und damit anzeigte, daß er sich richtig
im Zählen geirrt habe und dem Jünger sehr unrecht tat. – Gedacht, getan! Er kam
nach wenigen Minuten Zeit wieder zurück, erklärte es also der Prinzessin und
bat sie zugleich, da nun kein Verbrechen mehr obwalte, die verheißene
Untersuchung fahren zu lassen.
[GEJ.04_007,13] Dabei aber sah er dennoch
sehr verlegen aus, denn er wußte, daß der König Ouran nichts so sehr scharf
bestraft wie die Lüge und den Diebstahl. Die Helena erbarmte der alte Wicht,
der sich sonst noch nie untreu erwiesen hatte, und sie sagte zu ihm: „Stehe auf
und gehe deiner Wege! Es war nicht fein von dir, daß du dich auf eine so
niedrige Art an dem dir nicht zu Gesichte stehenden Jünger des Herrn hast
rächen wollen, der dir doch nie etwas anderes zuleide tat, als daß du ihn,
schon seit wir hier sind, nicht leiden kannst! Sieh, das war arg von dir, und
du hast dich darob der schärfsten Strafe würdig gemacht; denn mir ist nun alles
bekannt, wie du gehandelt hast!“
[GEJ.04_007,14] Hier fängt der Knecht sehr zu
zittern an, und Judas Ischariot, der von einiger Ferne diese Zwiesprache mit
aller Aufmerksamkeit angehört hatte, trat zum Knechte hin und sagte zu ihm: „Du
hast zwar schlecht an mir gehandelt und das ohne allen Grund; aber ich vergebe
es dir! Ich war wohl im Zelte, und als ich mich kaum ein paar Augenblicke darin
aufhielt, kamst du mir aus einem Hinterhalte grimmig entgegen, und ich ging
meinen Weg; aber von einem Sichvergreifen an den Schätzen des Zeltes war doch
unmöglich eine Rede! Und wärest du mir auch nicht gar so grimmig
entgegengetreten, so hätten durch mich die von dir bewachten Schätze nirgends
einen Schaden gelitten. Kurz, nun sei ihm denn, wie ihm wolle, – ich habe dir's
vergeben; mit deiner Herrschaft aber magst du nun selbst gut auszukommen
trachten!“
8. Kapitel
[GEJ.04_008,01] Damit trat Judas Ischariot
zurück, und Ich sagte zu Helena, Ouran und Mathael: „Lasset ab von alldem; denn
wir haben wichtigere Dinge zu verhandeln! Behaltet den Knecht, und strafet ihn
nicht; denn er hätte diesen losen Streich nie unternommen, so er nicht von
einem Geiste dazu getrieben worden wäre! Darum aber ward er getrieben, daß auch
er für uns täte eine Weissagung, die erfüllt werden wird. – Doch davon nun
nichts weiteres; denn wir haben nun viel wichtigere Dinge zu verhandeln!“
[GEJ.04_008,02] Es fragte Mich aber ganz
erstaunt Cyrenius: „Herr, worin soll das bestehen? Mir kommt es vor, daß es nun
schon nichts mehr gäbe, das da noch wichtiger wäre denn das, was wir hier schon
alles durchgemacht haben! O rede, Herr! Mein Herz bebt ordentlich vor Begierde,
Deine neuen Anordnungen und Beschlüsse zu erfahren und mich dann auch danach zu
kehren!“
[GEJ.04_008,03] Sage Ich: „Habe nur eine
kleine Geduld; denn alles muß seine Zeit haben, auf daß es in selbiger zur
Reife gelangt! Darum ist nun vor allem eine kleine Ruhe vonnöten. Ruhet darum
nun mit Mir eine ganz kurze Weile!“
[GEJ.04_008,04] Darauf ruhten alle, und die
Sache zwischen dem Judas Ischariot und dem Wächter der Schätze Ourans, die den
Ouran und den Mathael ohnehin ganz wenig bekümmerte, war abgemacht. Die beiden
hatten mit dem Kornelius und mit dem Faustus ganz wichtige
Regierungsangelegenheiten abzumachen; denn den Ouran fing schon an die Zeit zu
drängen, da er sehr daran zu denken begann, mit dem großen Wahrheitsfunde zum
Volke, dessen König er war, zurückzukehren und es damit nach Möglichkeit zu
beglücken. Er wollte ein König eines verständigen und weisen Volkes sein und
nicht von puren Menschenlarven und -maschinen, die ohne Erkenntnis und ohne
Willen einhergehen wie die Tiere.
[GEJ.04_008,05] Risa aber beobachtete seine
zwei Leichen und dachte nur darüber nach, ob sie mit der von ihm gesehenen
Vormanipulation und endlich durch die Kraft Meines Namens nicht wieder ins
Leben zu rufen wären. Andere um Mich herum dachten wieder darüber nach, worin
das Großwichtige etwa bestehen werde, das Ich nach der genommenen kurzen Ruhe
ausführen würde. Kurz, obschon äußerlich alle zu ruhen schienen, so waren sie
dennoch innerlich in der Seele im höchsten Grade tätig, und es wußte da
niemand, wohinaus und wohinein! Philopold, Murel und Kisjonah steckten die
Köpfe zusammen und deliberierten (überlegten) ganz enorm, was da noch irgend
kommen sollte; Cyrenius und Ebahl und die Jarah dachten auch viel nach und
konnten nichts finden, um was es sich nun noch handeln könnte. Denn ihnen
schien nun schon alles erschöpft zu sein.
[GEJ.04_008,06] Der Schabbi und der Jurah,
die beiden persischen abgeordneten Sprecher, aber sagten zu ihren Gefährten,
die stark in sie drangen: „Laßt das! Das hieße Gottes Kraft in unseren Herzen
versuchen! Was wissen denn wir, wie wir innerlich beschaffen sind! Wissen wir
aber schon von uns selbst nichts, was sollen wir dann erst wissen, wie Gott in
Sich beschaffen ist, und was Er tun wird?! Das aber wissen wir, daß alles, was
Er tun wird, höchst weise sein wird und vollauf zu unserem Besten; komme da
nun, was ihm wolle, mehr oder weniger Großartiges, als schon da war, das
kümmere uns wenig! Wir sind und bleiben Handelsleute und können alles, was zu
unserem Besten abgezielt ist, gar überaus gut gebrauchen. Wir halten aber am
Ende schon alles für gleich großartig, wert und wichtig, was da kommt von Ihm,
dem alleinigen Herrn der Ewigkeit und der Unendlichkeit aller Seiner zahllosen Taten
und Werke.
[GEJ.04_008,07] Da wir uns aber eben selbst
noch gar lange nicht kennen, so können wir auch nicht wissen, was uns noch über
alles das hinaus not tut, was wir schon empfangen haben; Er aber weiß es und
kann daher ganz gut das, was da noch kommen wird, als etwas groß- und überaus
Wichtiges bezeichnen! Denn der Herr aller Ordnung von Ewigkeit kann doch
unmöglich bei 13 oder 14, sondern stets nur bei 1 zu zählen anfangen. Und so
weiß Er sicher auch gar rein und klar, was für uns der Reihenfolge nach
dienlich ist zu unserer innern Lebensvollendung; wir können darum schon in
aller Ruhe abwarten, was Er heute noch alles unternehmen wird!“
[GEJ.04_008,08] Diese recht weise Belehrung
beruhigte die Gemüter der Perser ganz; aber auch die Gemüter derjenigen, die an
Meinem Tische saßen, wurden ruhiger und erwarteten mit gespanntester Erwartung
und Freude das, was Ich nachher ganz offen tun würde.
9. Kapitel
[GEJ.04_009,01] Der alte Markus aber kam aus
dem Hause, in dem er schon fürs Mittagsmahl Voranstalten traf, zu Mir und sagte
ganz leise: „Herr, – vergib, so ich Dich mit meinem Anliegen auf einige
Augenblicke störe!“
[GEJ.04_009,02] Sage Ich zu ihm: „Freund,
gehe und sage es den hinter deinem Hause lauernden Spionen des Herodes: ,Des
Menschen Sohn handelt und redet ganz offen vor aller Welt Augen und Ohren und
will mit niemandem irgendwas Geheimes abzumachen haben; wer demnach mit Mir
reden und irgendwas verhandeln will, der muß zu Mir kommen und ebenfalls ganz
offen reden und handeln! Bei Mir wird nichts ganz still und geheim ins Ohr
geblasen und im Verborgenen gehandelt und ratgehalten; dies ist eine
verdammliche Sitte der Weltkinder nur, so sie irgend Arges im Sinne haben und
sich sohin damit nicht schnell und offen genug ans Tageslicht getrauen, weil sie
sich vor den Menschen fürchten ihrer schlechten Absichten wegen. Ich aber
handle offen und rede alles laut und habe keine Furcht vor den Menschen, weil
Meine Absichten mit den Menschen gut sind!‘ – Gehe sonach hin und sage den
schnöden Verräterischen dieses dir von Mir nun Angesagte!“
[GEJ.04_009,03] Markus verneigte sich tiefst
vor Mir und ging, seinen Auftrag mit der größten Pünktlichkeit zu erfüllen. Als
er den von Herodes nach allen Richtungen nach Mir ausgesandten Lauerern solches
mit allem Ernste ins falsche Gesicht raunte, da sagte einer aus der Menge:
„Freund, du scheinst nicht zu wissen, daß wir vom Herodes mit allen Vollmachten
sogar über Leben und Tod versehen sind und jeden frechen Widerspenstler
sogleich zu verderben das Recht haben!“
[GEJ.04_009,04] Sagte Markus: Auch über einen
Bürger Roms, der ich einer bin?“
[GEJ.04_009,05] Sagte der freche Wortführer:
So wir ihn verderben, werden wir vom Herodes nicht zur Verantwortung gezogen!“
[GEJ.04_009,06] Sagte Markus: Aber dafür
desto sicherer von Gott und vom römischen Oberstatthalter Cyrenius, der sich
zum größten Glücke soeben schon seit etwelchen Tagen mit vielen Großmächtigen
Roms allhier bei mir aufhält! Wehe euch, so ihr mein Haus nur mit einem
feindlichen Finger anzurühren waget!“
[GEJ.04_009,07] Sagte der Freche: „Was sagst
du vom Oberstatthalter Roms, daß er hier sei – und hat erst vor ein paar Tagen
durch den Landpfleger Jerusalems dem Herodes das offene Schwertrecht erteilt?“
[GEJ.04_009,08] Sagte Markus: „Ganz gut, ganz
gut! Es soll sich sogleich weisen, wer dem Herodes ein solches Recht erteilet
hat!“
[GEJ.04_009,09] Hier sandte Markus einen
seiner Söhne an den Cyrenius mit dem Auftrage, solches sogleich dem
Oberstatthalter zu vermelden. Als Cyrenius solches mit einem tiefen Ingrimme
vernahm, beorderte er sogleich den Julius mit hundert Soldaten, die Spione, bei
dreißig an der Zahl, sogleich gefangenzunehmen und jeden, der sich nicht
sogleich seine Waffen abliefernd ergeben würde, ohne alle Gnade zu töten.
[GEJ.04_009,10] Sagte Ich: „Zu töten nicht,
wohl aber gefangenzunehmen!“ – Dieses ward denn auch sogleich befolgt.
[GEJ.04_009,11] Als die Spione die Römer ganz
wütend auf sich losstürzen sahen, wollten sie davonfliehen; aber es gelang
ihnen solches nicht. Die römischen Soldaten bedeuteten ihnen laut, daß sie
jeden ohne Gnade und Erbarmung töten würden, der sich ihnen widersetze. Diese
ganz wütend ernst lautende Verheißung wirkte; die frechen Spione ergaben sich,
wurden sogleich mit Stricken und Ketten gefesselt und also, mit verzweifelten
Gesichtern, dem Oberstatthalter, unter dem Vortritte des Markus und Julius,
vorgeführt.
[GEJ.04_009,12] Als sie also vor dem Cyrenius
und Kornelius und Faustus standen, fragte sie Cyrenius mit dem gewöhnlichen
römischen Diktatorenernste: „Wo sind eure Vollmachten und der Befehl, der euch
heißet den Propheten Galiläas zu verfolgen auf allen seinen Wegen und Stegen?
[GEJ.04_009,13] Spricht der Anführer, der
Zinka hieß: „Mein Herr! Geknebelt an Händen und Füßen kann ich sie dir nicht
aus meinem verborgenen Sacke hervorholen! Laß mich losknebeln, und du sollst
sie haben, auf daß du einsehen magst, daß auch wir einen Herrn im Hintergrunde
haben, der über uns gebietet, und dem wir gehorchen müssen, weil er von euch
Römern das Recht teuer erkauft hat, an eurer Statt auch ein Herr über unser
Leben zu sein, und kann – unverantwortlich gegen euch nach Belieben töten
lassen, wann er nur will!
[GEJ.04_009,14] Unsertwegen können durch ganz
Galiläa zehntausend Propheten herumschwärmen; so sie uns in Ruhe lassen, werden
auch wir ihnen sicher nichts zuleide tun. Aber so da irgendein mächtiger
Gewaltträger uns beruft, uns in einen guten Sold nimmt, im
Dienstverweigerungsfalle uns aber auch sogar durch seine vielen Scharfrichter
töten lassen kann, da bekommt die Sache ein ganz anderes Gesicht! Da müssen wir
jedermanns Verfolger auf Leben und Tod werden, mag der zu Verfolgende ein noch
so ehrlicher Mensch sein! Oder fehlen eure Krieger und Kriegsknechte, so sie
eure Befehle auf Leben und Tod vollziehen? So dabei jemand vor Gott, so es
einen gibt, verantwortlich ist, da kann es nur ein Herr, nie aber dessen Knecht
und getreuer Diener sein! Laß mich entfesseln, und ich werde dir sogleich
unsere von des Herodes eigener Hand in drei Sprachen ausgestellten Vollmachten
vorweisen; daraus erst kannst du ein vollgültiges Urteil über uns fällen!“
[GEJ.04_009,15] Cyrenius läßt den Zinka
losbinden, und dieser greift sogleich in die verborgene Tasche, zieht eine
Pergamentrolle hervor, überreicht sie dem Cyrenius und sagt: „Da lies, und
urteile dann mit Recht vor aller Welt, ob unsere Nachstellungen bezüglich des
galiläischen Propheten, eines gewissen Jesus aus Nazareth, gesetzlich oder
ungesetzlich sind!“
[GEJ.04_009,16] Cyrenius liest die Vollmacht,
die am Ende mit dem Namenszuge des Herodes unterzeichnet ist. Sie lautet kurz
wörtlich also: ,Laut der mir, Vierfürsten Herodes, aus Rom für 1000 Pfunde
Silbers und 100 Pfunde Goldes verliehenen Gewalt über ganz Judenland verordne
und gebiete ich, mich auf die teuer erkaufte Hilfe Roms stützend, den mir und
meinen Institutionen sehr gefährlich dünkenden Propheten Galiläas zu fangen und
ihn mir dann lebend oder tot einzuliefern, – im ersten Falle ich ihn selbst
prüfen werde und sehen, welches Geistes Kind er sei. Meine ausgesandten Häscher
aber haben mit dieser von mir eigenhändig geschriebenen Urkunde das vollste
Recht, den Betreffenden auf allen Wegen und Stegen und auf allen Gassen und
Straßen zu suchen, zu verfolgen, zu ergreifen und im Widersetzungsfalle ihn
samt seinem Anhange zu töten und ihn mir dann auch als tot zu überbringen,
wofür jedem, der seiner habhaft wird, eine Belohnung von 300 Silbergroschen
erteilet wird. – Gegeben zu Jerusalem im eigenen Palaste.‘
[GEJ.04_009,17] Sagt Zinka: „Nun, was sagst
du dazu? Sind wir dreißig im Rechte oder nicht?“
[GEJ.04_009,18] Cyrenius denkt hier ein wenig
nach und sagt dann: „Mit meinem Wissen und Wollen ist dem Herodes in solcher
Weise aus Rom nie eine solche Vollmacht erteilt worden. Wohl ist ihm meines
getreuen Wissens eine Vollmacht nur dahin eingeräumt worden, in seinem eigenen
Hause im Notfalle selbst das Schwertrecht auszuüben, – außer dem Hause nur
dann, so sich gegen uns Römer irgendeine Verschwörung vorfände, und es wäre
eine römische Besatzung und ebenso ein ordentliches Gericht für den
aufständischen Ort zu entlegen, Herodes aber wäre mit seiner Ehren- und
Schutzmacht zugegen; in diesem einzigen Falle könnte er das scharfe
Schwertrecht ausüben!
[GEJ.04_009,19] Also lautet die von Rom aus
an den Herodes ausgefertigte Vollmacht, die ich eingesehen und selbst mit
unterfertigt habe; denn was von Rom aus nach Asien verfügt wird, muß durch
meine Hände oder durch die eines Abgeordneten von mir gehen, der mir aber alles
in jüngster Zeit rückzuberichten hat, was immer irgend da gekommen ist. Diese
Vollmacht wird von mir somit für null und nichtig erklärt, und das auf so
lange, bis ich darüber aus Rom nicht die Weisung erhalten werde, wie, wann und
warum – mir unbekannt – dem Herodes solch eine umfassendste Vollmacht erteilt
ward, die uns getreusten Römern eine gerechte Angst und Besorgnis einflößen
muß.
[GEJ.04_009,20] Diese Vollmacht bekommt ihr
nicht wieder zurück, als bis sie von Rom wiederkehren wird; ihr aber bleibet
unterdessen meine Gefangenen! Seid ihr schon für euch selbst weltgesetzlich
auch keine Verbrecher, so seid ihr aber dennoch Werkzeuge, mit denen der eine
Verbrecher einen Greuel um den andern begeht, – und zu Greueltaten hat Rom noch
nie jemandem eine Befugnis erteilt und wird sie sicher auch eurem Herodes nicht
erteilt haben!
[GEJ.04_009,21] Aber ich weiß es, wie die
Herodesse ihre Konzessionen unter irgendeinem patriotischen Scheinvorwande
mißbrauchen! Der vom alten Herodes verübte Mord an den unschuldigsten Kindern
dient mir noch immer als ein klarer Beweis, wie diese schlauen griechischen
Füchse ihre von Rom aus zugestandenen Rechte zu ihren Gunsten zu mißbrauchen
verstehen, um das Judenvolk in Massen den Römern abhold zu machen.
[GEJ.04_009,22] Oh, ich werde den Herodes
schon in jene Schranken zurückzuweisen verstehen; das wird meine ganz
vollkommen ernste Sache sein! Der alte Herodes verkostete meinen altrömischen
Gerechtigkeitssinn, obschon ich damals kaum etwas über die dreißig Jahre
zählte; nun bin ich nahe ein Greis, bin erfahrener und ernster geworden, – nun
halte ich denn auch noch größere Stücke auf ein strengstes Recht! Jetzt gilt es
bei mir vollkommen: PEREAT MUNDUS, FIAT IUS!
[GEJ.04_009,23] Ich werde nun sogleich zwei
Boten entsenden, den einen nach Rom und den andern nach Jerusalem zum Herodes,
auf daß er verlange alle Vollmachten Roms, die sich befinden in den Händen des
Herodes. Wehe ihm und seinen Knechten, Dienern und Dienersdienern, wenn seine
Vollmachten nicht mit dem Sinne dieser euch erteilten Vollmacht
zusammenstimmen!“
10. Kapitel
[GEJ.04_010,01] Sagt Zinka: „Herr! Das wird
doch etwa nicht auch unsere böse Sache sein? Unser Herr und Gebieter war bis
jetzt Herodes. Er tat wohl so manches an und für sich greuelhaft Ungerechte an
der armen Menschheit – ich erkannte solches recht klar und gut –, aber was ließ
sich dabei anderes tun, als seine Befehle in den traurigen Vollzug zu setzen?
Was kann denn einer deiner Büttel tun, so du ihm gebietest, einem wirklichen
oder auch nur scheinbaren Verbrecher den Kopf vom Leibe zu schlagen? Er mag
hundertmal bei sich die vollste Überzeugung haben, daß der Verurteilte im
Ernste unschuldig ist, – er muß dennoch das scharfe Beil an seinen Nacken
legen!
[GEJ.04_010,02] Wußten wir etwa von der
vollsten Unschuld des erst vor kurzem enthaupteten Johannes nichts? Oh, wir
kannten sie und liebten den weisen und Gott ergebenen Sonderling; denn er gab
uns im Kerker noch die schönsten Lehren, ermahnte uns zu allerlei Geduld und
Ausdauer und warnte uns vor Sünden gegen Gott und gegen den Nächsten, und
zeigte uns auch an, daß nun in Galiläa ein Prophet aller Propheten und ein
wahrster Priester aller Priester aufgestanden sei, dem zu lösen die Schuhriemen
er nicht würdig wäre! Er verkündete es uns, daß dieser uns erst von allem Übel
erlösen und uns zeigen werde den Weg des Lichtes, der Wahrheit und des ewigen
Lebens. Kurz, er belehrte uns Wächter, als wären wir seine Jünger und seine
besten Freunde.
[GEJ.04_010,03] Wenn Herodes uns fragte, was
der Gefangene mache, und wie er sich benehme, konnten wir alle nur das Beste
von ihm aussagen. Es gefiel dies dem Herodes so wohl, daß er Johannes selbst
besuchte und sich von ihm belehren ließ. Es hätte wahrlich nicht viel gefehlt,
daß ihm Herodes die volle Freiheit gegeben hätte, wenn Johannes nicht zu früh
als ein sonst höchst weiser Mann die große Torheit begangen hätte, dem
wollustsüchtigen Gebieter den Umgang mit der schönen Herodias als höchst
sündhaft zu bezeichnen. Ja, es gelang aber dem Johannes beinahe, den Herodes
von der Herodias abzuwenden!
[GEJ.04_010,04] Unglückseligerweise feierte
in dieser Zeit Herodes seinen Tag mit großem Gepränge, und die Herodias, mit
allen Schwächen des Herodes so ziemlich vertraut, schmückte sich an diesem Tage
ganz ungewöhnlich und erhöhte dadurch ihre sonstigen Reize bis zu einer kaum
glaublichen Höhe. Also aufgeputzt kam sie mit ihrer Drachenmutter, ihn zu
beglückwünschen, und da es in seinem Hause Harfner und Pfeifer und Geiger gab,
so tanzte die Herodias vor dem ganz geil gewordenen Herodes. Dies gefiel dem
geilen Bocke so sehr, daß der Narr einen schweren Schwur tat, ihr alles zu
gewähren, was immer sie von ihm verlangen würde! Nun war es um unsern guten
Johannes so gut wie geschehen, weil er der verfluchten Habgier der Alten
schnurgerade im Wege stand; diese gab der Jungen den Wink, daß sie das Haupt
des Johannes auf einer silbernen Schüssel verlangen solle, was die Junge –
wennschon mit einem geheimen Grauen – tat.
[GEJ.04_010,05] Nun, was nützte da unsere
Liebe zu Johannes, was unsere überzeugende Einsicht von seiner vollsten
Unschuld, was unser Bedauern? Zu was war unser lautes Verwünschen der alten und
jungen Herodias? Ich selbst mußte mit einem Schergen ins Gefängnis, dem guten
Johannes den scheußlichen Willen des mächtigen Gebieters kundzutun, und mußte
ihn binden und ihm dann auf dem verfluchten Blocke mit dem scharfen Beile das
ehrwürdige Haupt vom Rumpfe schlagen lassen. Ich weinte dabei wie ein Kind über
die zu große Bosheit der beiden Weiber und über das traurigste Schicksal meines
mir so teuer gewordenen Freundes! Aber was nützte alles das gegen den finstern,
verblendeten und starren Willen eines einzigen mächtigen Wüterichs?!
[GEJ.04_010,06] Also sind wir nun
ausgesendet, den in Galiläa sein Wesen treibenden Propheten, der wahrscheinlich
ebenderselbe ist, von dem uns Johannes so große Dinge verkündet hat,
aufzugreifen und ihn dem Herodes auszuliefern. Können wir darum als eidlich
verdungene Diener und Knechte dieses Wüterichs? Oder können wir aus seinem
Dienste treten, wann wir wollen? Ist von ihm aus nicht etwa der Kerker und der
Tod auf eine treulose Entweichung aus seinem Dienste gesetzt? Wenn wir nun so
sind und handeln, wie wir sein und handeln müssen, da sage du, Herr, mir den
gerechten Richter an, der uns darob verdammen könnte!
[GEJ.04_010,07] Lasse du alle Engel und Gott
Selbst vom Himmel herab zur Erde steigen und über uns ein Verdammungsurteil
aussprechen, so wird es geradeso gerecht sein wie die Enthauptung des Johannes.
Wenn es einen gerechten Gott gibt, so muß Er doch offenbar weiser sein denn
alle Menschen! Ist Er aber weiser und allmächtig dazu, so begreife ich wohl
wahrlich nicht, aus welch einem Grunde Er auf der Welt solche Scheusale von
Menschen aufkommen und dazu noch mächtig werden läßt.
[GEJ.04_010,08] Dies ist auch der einzige
Grund, warum ich und meine neunundzwanzig Helfershelfer an gar keinen Gott mehr
glauben. Den letzten Funken Glaubens aber hat uns die schmählichste Enthauptung
des Johannes genommen; denn da hätte ich als Gott ja doch eher tausend
Herodesse mit hunderttausend Blitzen zerschmettern lassen – als einen Johannes
enthaupten! Es kann wohl wahr sein, daß ein Gott dem Johannes drüben
tausendfach vergelten kann, so er die hier an ihm verübte Grausamkeit mit
Geduld und Ergebung ertrug; aber ich für mein Urteil gebe dem lieben Herrgott
nicht ein halbes Leben, in dessen Überzeugung ich einmal lebe, für tausend
allerglücklichste Leben, von denen noch kein Mensch etwas überzeugend Gewisses
hat erfahren können!
[GEJ.04_010,09] Wer die Gewalt hat, der kann
diktieren und tun nach seiner Lust; wir Schwachen und Gewaltlosen aber müssen
ihm dann als Lasttiere dienen auf Leben und Tod. Wenn er mordet, so ist das gar
nichts, denn er hat ja ein Recht dazu durch seine Gewalt; morden aber wir, so
sind wir Missetäter und werden darum wieder gemordet. Ich aber frage da dich
und alle Herren und Weisen deines Rates, welch ein Gott das als Recht dulden
kann! – Ich bitte dich, Herr, mir darüber eine klare Antwort zu geben!“
11. Kapitel
[GEJ.04_011,01] Cyrenius macht über diese Einwendung
große Augen und sagt zu Mir mit halblauter Stimme: „Der Mensch ist wahrlich
nicht auf den Kopf gefallen und scheint recht viel Gemüt zu besitzen. Dem
sollte geholfen werden! Was meinst Du, o Herr, soll der Mann und etwa auch sein
Gefolge zu uns gewendet werden?“
[GEJ.04_011,02] Sage Ich ganz offen: „Mit
einem Hiebe fällt kein nur einigermaßen starker Baum! Mit einer gewissen Geduld
aber kann ein Mensch viel ausrichten. Auch muß man den, den man führen will ans
Licht, nicht in die volle Mittagssonne schauen lassen. Denn gibt man ihm mit
einem Male zu viel Licht, so wird er blind auf eine längere Zeit; wenn man ihn
aber so nach und nach ans Licht gewöhnt, so wird er dann auch im hellsten
Lichte alles in großer Klarheit zu sehen imstande sein und darauf in keine
Blindheit mehr übergehen.
[GEJ.04_011,03] Dieser Mensch aber hat Mir
damit nun einen guten Dienst erwiesen, indem er als Augen- und Ohrenzeuge vor
Meinen Jüngern getreulichst ausgesagt hat, wie Mein Vorläufer Johannes, der in
den Gegenden des Jordans gepredigt und getauft hatte, von Herodes gefangen und
ums Leben gebracht wurde. Nicht Meinet-, sondern Meiner Jünger wegen soll er
noch kundgeben, warum denn Herodes den Johannes so ganz eigentlich fangen und
ins Gefängnis werfen ließ. Stelle du an ihn die Frage!“
[GEJ.04_011,04] Sagt Cyrenius, sich zu Zinka
wendend: „Freund, meine Sentenz wollte ich nicht also verstanden haben, daß ich
die Diener und Knechte eines Wüterichs auch dann möchte züchtigen lassen, wenn
sie nicht von ferne in ihrem Gemüte seines Sinnes sind, – nur dann, so sie es
wären und hartnäckig und gewisserart schon eigenwillig das arge Vorhaben ihres
herrscherischen Wüterichs vollziehen würden! Aber Menschen wie du, die das
Unmenschliche ihres unmenschlichen Gebieters nur zu gut einsehen und es in
ihrem Herzen tiefst verabscheuen, werde ich stets nach Recht und größter
Billigkeit zu behandeln verstehen!
[GEJ.04_011,05] Warum aber Gott nicht selten
das Laster auf dieser Welt triumphieren läßt, während die Tugend oft leidet und
bis zum Leibestode erdrückt wird, davon, Freund, ist wohl auch ein gar
herrlicher Grund vorhanden, liegt aber für deinen gegenwärtigen
Verstandeszustand noch viel zu tief, als daß du ihn nun fassen könntest samt
deinen Gefährten, deren Verstand noch um vieles äußerlicher zu sein scheint als
der deinige; aber es wird schon noch eine Zeit – vielleicht in Kürze – kommen,
in der du es ganz genau einsehen wirst, mit deinem ganzen Gemüte sogar, warum
es auch Herodesse geben muß!“
[GEJ.04_011,06] Sagt Zinka: „Herr, der du mir
soeben die Gnade erwiesest, mich mit dem Worte ,Freund‘ anzureden, laß dies
vielbedeutende Wort keinen leeren Schall sein, so wie es nun unter den Menschen
leider nur zu oft gebräuchlich ist! Hast du aber das Wort in der wahren
Bedeutung genommen, so erweise mir die Freundschaft und lasse auch meine
neunundzwanzig Gefährten losbinden von den schweren Fesseln! Daß weder ich noch
sie dir durchgehen werden, dafür steht schon erstens die starke Wache, und
zweitens und hauptsächlich dein freundliches Wort. Glaube es mir – ich rede nun
ganz frei und offen –: Wir alle sind mit höchstem Widerwillen das, was wir
leider sind! Könntest du uns von diesem Joche befreien, so würdest du das
menschlichste und gerechteste Werk vollbracht haben!“
[GEJ.04_011,07] Sagt Cyrenius: „Laßt das gut
sein; das soll meine Sorge sein! Sehet umher, und ihr erblicket lauter
Gerettete aus der Hand des Verderbens! Es werden darunter wenige sein, die
nicht nach unserer römischen Strenge entweder das scharfe Beil durch den Hals
oder gar das Kreuz verdient hätten; und siehe sie an, wie sie als wahre
Menschen nun wie lauterstes Gold vor uns stehen und keiner sich wünscht, unsere
Gesellschaft zu verlassen! Ich hoffe es, daß es euch jüngst ebenso ergehen
wird; denn bei Gott sind alle Dinge ganz leicht möglich, wovon ich selbst die
lebendigste Überzeugung habe.
[GEJ.04_011,08] Aber nun erlaube du mir, noch
eine recht gewichtige Frage an dich zu richten, und diese besteht darin: Du
hast uns allen einen recht gewichtigen Dienst dadurch erwiesen, daß du uns ganz
offen kundgetan hast, wodurch und wie der würdige Seher Gottes durch Herodes
ums Leben gebracht worden ist; nun, du warst aber sicher auch bei seiner
Gefangennehmung zugegen!? Könntest du mir denn nicht auch dazu noch kundgeben,
warum und aus welcher Veranlassung denn so ganz eigentlich Herodes den
Johannes, der ihm sicher nichts zuleide getan hatte, hat gefangennehmen lassen?
Denn irgendeinen Grund muß er dazu denn doch gehabt haben!“
12. Kapitel
[GEJ.04_012,01] Sagt Zinka: „Wenn ich ohne irgend
arge Folgen ganz frei und offen reden darf, da könnte ich dir als selbst
Handanleger an den unschuldigsten aller unschuldigen Menschen wohl den getreust
wahren Grund angeben; aber wenn da etwa irgend zu dürres Stroh in einem Dache
stäke, da ist es mir um vieles lieber, so ich schweigen darf von einer
Geschichte, an die ich mich nicht ohne das größte Herzeleid erinnern kann, aber
auch nicht ohne den bittersten und giftigsten Zorn!“
[GEJ.04_012,02] Sagt Cyrenius: „Rede ganz
frei und offen, denn unter uns findest du kein überdürres Stroh im Dache!“
[GEJ.04_012,03] Sagt Zinka: „Nun gut denn,
und du höre mich! Ich sagte dir ehedem, daß ich nun an gar keinen Gott mehr
glaube; denn alles, was von Ihm im Tempel gelehrt wird, ist Lüge, die
schwärzeste und schändlichste Lüge! Denn solch einen Gott kann es ewig nirgends
geben! Unser unglücklicher Freund Johannes lehrte das Volk im Ernste einen
rechten Gott erkennen, und seine Lehre tat not und jedem Menschen im höchsten
Grade wohl, der nicht dem Tempel angehörte und kein Pharisäer war. Aber ein
desto größerer Greuel war seine Lehre vom wahren Gott dem Tempel. Nun wirst du
als ein sehr vernünftiger Mann schon können so ganz sachte zu spannen anfangen,
von wo der Sturmwind zu wehen begann.
[GEJ.04_012,04] Die Templer hätten dem armen
Johannes schon lange gerne einen Garaus gemacht, so sie nicht das Volk
gefürchtet hätten, das nun denn doch schon zum größten Teile hinter die
schändlichsten Lügen und schwärzesten Betrügereien gekommen ist. Sie sannen
sich darum einen Plan aus, durch den sie dem Herodes weiszumachen gedachten,
daß unser Johannes ganz geheim mit dem Plane umginge, durch allerlei falsche
und sehr fein verhüllte Vorspiegelungen das Volk gegen den Bedrücker Herodes zu
einer fürchterlichsten Meuterei aufzuwiegeln.
[GEJ.04_012,05] Dies vermochte den Herodes am
Ende denn doch dahin, daß er mit uns selbst zu Johannes hinaus in eine sehr
wüste Gegend des Jordans eilte und sich selbst überzeugen wollte, ob es mit der
Sache des Johannes denn wirklich also gefährlich stünde! Allein bei Johannes
angelangt, fand er selbst bei der allerkritischsten Probe aber auch nicht eine
allerleiseste Spur von all dem, was ihm die Templer vorgelogen hatten. Er ward
darum am Ende selbst ganz grimmig aufgebracht über solch eine namenloseste
Schlechtigkeit des Tempels und seiner Bewohner.
[GEJ.04_012,06] Als die Templer darauf in ihn
zu dringen begannen, den Johannes unschädlich zu machen, sagte er mit drohender
Miene in meiner Gegenwart zu ihnen: Auf den Rat und Willen elender, gefräßiger
Hunde werde er niemals wider seine Überzeugung irgendeinen Menschen richten!
[GEJ.04_012,07] Auf solch eine energische
Antwort zogen sich die schwarzen Ritter zurück und schwiegen. Aber
nichtsdestoweniger ruhten sie in ihren bösen Ratschlägen; während sie äußerlich
eine gute Miene zum für sie bösen Spiele machten und taten, als kümmerte sie
Johannes nicht im geringsten mehr, dingten sie heimlich Meuchelmörder, die dem
Manne Gottes das Lebenslicht ausblasen sollten.
[GEJ.04_012,08] Als Herodes solches erfuhr,
da dauerte ihn der ehrliche, harmlose Seher. Er berief uns zu sich und erzählte
uns, was er gehört hatte, und sprach am Ende: ,Höret, diesen Menschen muß ich
retten! Gehet zum Scheine hinaus mit Waffen und Stricken, bindet ihn leicht,
gebet ihm meinen geheimen Plan kund, und er wird euch folgen! Hier will ich ihn
in einem guten Gefängnisse wohl verwahren; aber er soll mit allen seinen
Jüngern freien Verkehr haben!‘
[GEJ.04_012,09] Solches geschah denn auch,
und Johannes war damit, so gut er es nur immer sein konnte, zufrieden. Aber die
schwarze Natternbrut des Tempels erfuhr nur zu bald, daß Herodes den Johannes
nur zum Scheine habe ins Herrengefängnis legen lassen, ihm aber alle Freiheit
gewähre, mit seinen Jüngern zu verkehren. Da fingen sie wieder an zu beraten,
wie sie den Herodes am Ende dennoch dahin vermöchten, daß er am Ende selbst die
Hand an den Johannes lege.“
[GEJ.04_012,10] Darauf schwieg Zinka; aber
Cyrenius bat ihn sogar, die Geschichte weiterzuerzählen. Und Zinka begann also
weiterzureden: „Die schwarzen Knechte des Tempels brachten es bald in
Erfahrung, daß Herodes, der halb ein Jude und halb noch immer ein Heide ist,
die junge Herodias gerne sehe, aber als ein Jude sich wegen des
Ehebruchverbrechens nicht so recht getraue, mit ihr in ein näheres Verhältnis
zu treten. Er für sich hätte sich darob gerade kein Gewissenshaar grau werden
lassen; aber des weitmauligen Tempels wegen mußte er wenigstens das äußere
Dekorum beachten.
[GEJ.04_012,11] Solches alles wußten die
schwarzen Ritter, sandten einen so recht verschmitzten Feinzüngler an den
Herodes mit dem Antrage, daß Herodes ob der bekannten Unfruchtbarkeit seines
Weibes sich gegen ein kleines Opfer in den Gotteskasten ohne weiteres ein
Kebsweib halten dürfe und vollauf versichert sein könne, daß der Tempel dagegen
keinen Anstand nehmen werde.
[GEJ.04_012,12] Herodes ließ sich diese Sache
eben nicht zweimal sagen, gab dem Überbringer dieser Urkunde etliche Pfunde
Goldes, und die Geschichte war abgemacht. Er sandte sogleich einen Boten zu der
Herodias, und diese machte natürlich wenig Anstand, dem Verlangen des
Vierfürsten Herodes nachzukommen, zumal sie auch noch von ihrer Mutter dazu
beredet und angetrieben ward; denn die alte Herodias war ein Weib, das für den
Satan wie geschaffen war. Gutes war nichts an ihr, – aber dafür um so mehr
Erzschlechtes. Die Alte selbst führte ihre Tochter zum ersten Male, ganz
entsetzlich reich geziert, zum Herodes und empfahl sie seiner Gnade. Herodes
koste die Herodias zwar zärtlichst, beging aber mit ihr noch keine Sünde. Er
beschenkte sie reichlich und gewährte ihr völlig freien Zutritt zu sich.
[GEJ.04_012,13] Als sie vom Herodes wieder
nach Hause zu ihrer Mutter kam, so befragte diese sie, was Herodes alles mit
ihr geredet und getan habe. Die Tochter redete die Wahrheit, lobte des Herodes
zwar sehr freundlichen, aber dennoch ganz nüchternen Sinn, und wie er sie reich
beschenkt und ihr den allzeit freien Zutritt zu sich gestattet habe; nur müsse
sie ihm vollkommen treuesten Herzens verbleiben.
[GEJ.04_012,14] Die alte Hexe aber dachte
dabei ganz sicher, was ich, der ich die Herodias nach Hause zu begleiten hatte,
der Alten wie eine gut geschriebene Schrift aus den Augen las: ,Siehe, da
steckt etwas dahinter! Hat sich Herodes das erste Mal nicht durch die großen Reize
meiner Tochter gefangennehmen lassen, so wird er dasselbe auch ein zweites Mal
nicht tun!‘ Da dabei aber die Alte dann das Recht verlöre, den Herodes um die
Ehrentschädigung anzugehen, so gab sie der Tochter eine schöne Lehre, wie sie
es ein nächstes Mal anstellen solle, um den Herodes zum Beischlafe zu bewegen.
[GEJ.04_012,15] Ich verließ bald aus Ärger
das Haus der Hexe, kam zu Herodes zurück und erzählte ihm alles, was ich
beobachtet hatte; daß Herodes davon eben nicht zu sehr erbaut war, kann sich
ein jeder leicht von selbst denken. Er begab sich darum auch zu Johannes und
stellte ihm die ganze Sache vor.“
13. Kapitel
[GEJ.04_013,01] (Zinka:) „Johannes aber sagte
zu ihm: ,Habe du nichts zu schaffen mit der Herodias und ihrer Mutter; denn die
Alte ist eine Schlange und die Junge eine Natter! Zudem kennst du den Willen
des allmächtigen Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs und kennst Seine Ordnung,
in der Er vom Anbeginne aller Kreatur einem Manne nur ein Weib gegeben hat.
Fruchtbarkeit oder keine Fruchtbarkeit eines Weibes, das einmal mit einem Manne
sich ehelich verbunden hat, gibt dir keinen Grund zur Annahme eines
Afterweibes; denn so du ausharrest in der Geduld, da ist's Gott ja doch gar
leicht möglich, im Schoße deines Weibes in ihrem hohen Alter noch eine
lebendige Frucht dir zu erwecken! Lies die Geschichte der Patriarchen, und du
wirst es finden, daß die Geduld und Ergebung derselben ihnen im hohen Alter
noch den reichlichsten Segen gebracht hat!
[GEJ.04_013,02] Habe also mit der Herodias nichts
zu schaffen und nimm ja keinen Scheidebrief vom Tempel; denn Gott hat nie einen
Scheidebrief verordnet! Solches hat Moses aus sich heraus als Mensch getan, der
mannigfachen Härte der Menschenherzen wegen; aber er hat daran nicht sehr wohl
getan, und Gott der Herr sah solche Verordnung nicht mit wohlgefälligen Augen
an, dessen du vollends versichert sein kannst! Halte du dich darum nur zu
deinem Weibe und lasse die Herodias nicht zu dir kommen! Gib dem Zinka (mir
nämlich) die Vollmacht, und er wird es schon zu veranstalten verstehen, daß dir
die Natter nicht mehr ins Haus kommt! Wirst du diesen Rat befolgen, so wirst du
in der Freundschaft Jehovas verbleiben, wo aber nicht, wirst du zugrunde
gerichtet und ein Feind Jehovas werden!‘
[GEJ.04_013,03] Herodes nahm sich das zu
Herzen und beschloß, sich von der Herodias zu enthalten. Aber die alte Schlange
samt der jungen Natter wandten alles auf, um Herodes zu verblenden. Sie wußten,
wann er ausging und wohin, und die Herodias wußte ihm zu begegnen, stets so
reizend als möglich geschmückt und geputzt. Er machte mit ihr zwar nichts, aber
in seinem Herzen fing es dennoch stets mehr zu glühen an, so daß er nun am Ende
selbst die Gelegenheiten zu suchen begann, der schönsten Herodias sooft als
möglich zu begegnen.
[GEJ.04_013,04] Als es endlich gegen seinen
Tag zu gehen anfing, da wandte die Herodias aber schon alle Mittel an, daß sie
zum großen Feste käme. Mittlerweile aber erkundigten sich auch die Templer bei
der Herodias, wie weit sie mit dem Herodes wäre. Und sie konnte ihnen nichts
anderes sagen, als daß sie sich noch trotz aller ihrer Kunstgriffe und bösen
Kniffe total auf dem alten Flecke befände; wer oder was daran schulde, wisse
sie kaum, obwohl sie es nur zu klar sehe, daß sie vom Herodes dennoch gerne gesehen
werde, und er ihr so ganz verstohlen stets mehr und mehr nachstelle.
[GEJ.04_013,05] Als der Templer solches
erfuhr, da sagte er den beiden ganz offen: ,Daran schuldet niemand als jener
Wasser- und Taufprophet, an dem sich Herodes sein Heil gefressen hat! Er selbst
nahm ihn vom Jordan gefangen, um ihn vor uns zu schützen; aber es wird ihm das
dennoch nichts nützen! Der Wasserprophet muß und wird fallen! Er ist für euch
und für uns der gefährlichste Stein des Anstoßes! Wenn das eher nicht ginge, so
wird es doch am Tage des Herodes sich fügen! Sucht den Propheten um jeden Preis
zu vernichten, und ihr werdet den Herodes um den Finger winden können!‘
[GEJ.04_013,06] Damit hatten die beiden
Weiber mehr denn eine genügende Aufhellung über den Grund ihrer mißlingenden
Versuche. Die beiden hielten nun Rat, wie sie Johannes verderben könnten, und
die Junge zog mich in ihr Geheimnis und versprach mir viel Goldes und Silbers,
so ich den Johannes auf irgendeine gute Art ums Leben brächte. Ich ließ mich
aber ganz natürlich nicht dazu bewegen, tat aber doch, als ginge ich so nach
und nach in ihre Pläne ein; solches aber tat ich nur, um desto sicherer hinter
alle die argen Satanspläne zu kommen, die von den beiden Weibern und den
Tempelrittern gegen den armen Johannes ausgeheckt worden sind.
[GEJ.04_013,07] Herodes kratzte sich dabei
hinter den Ohren und sagte zu mir: ,So stehen die Sachen, wie ich es schon seit
mehreren Tagen einsehe; aber was läßt sich da tun? Das Beste dürfte noch das
sein, daß wir den Johannes mehr absperren von dem offenen Zutritte, nur seine
bekanntesten Jünger zu ihm kommen lassen und jedem Fremden die Türe weisen.
Denn gar leicht kann es geschehen, daß ein von den Weibern oder vom Tempel
erkaufter Meuchelmörder unserem Johannes einen Dolch ins Herz stößt, und des
Tempels Bosheit hätte ihr Ziel erreicht. Denn glaube du mir: auch die Weiber
sind vom Tempel aus bearbeitet! Ich will aber, um den Johannes zu retten, den
Weibern und namentlich der Herodias den Zutritt gewähren, und gehe du darum hin
und sage es der Herodias, daß sie mich von nun an besuchen kann und darf!‘
[GEJ.04_013,08] Ich als der Diener mußte
gehorchen, obwohl ich das nur zu gut einsah, daß mit dieser Hilfe dem Johannes
schlecht geholfen sein werde. Von der Zeit an kam Herodias beinahe täglich ins
Haus des Herodes und verstand es wie keine zweite, sich seine Neigung wachsend
zu verschaffen. Solches erfuhren nur zu bald die schwarzen Templer, und sie
lagen den Weibern in den Ohren, gegen viel Goldes bei einer Gelegenheit den
Herodes dahin zu vermögen, dem Johannes, der dem Tempel soviel Volk abwendig
gemacht hatte, das Lebenslicht auszublasen. Dieses durchzusetzen, schwur die
Alte beim Tempel: sie werde nicht ruhen, bis der Wasserprophet gefallen sein
werde! Die Junge wußte nun auch stets den Herodes daran zu verhindern, den
Johannes zu besuchen und sich von ihm neuen Rates zu erholen. Ich als Diener
getraute es mir auch nicht, den Herodes an die Worte des Johannes zu erinnern,
da ich ihn nur zu gut kannte, welch ein Wüterich er ist, wenn sein Gemüt von
irgendwas leidenschaftlich ergriffen wird.
[GEJ.04_013,09] Und so ging die böse Sache
bis zum Tage des Herodes vorwärts; nur ein paar Tage vor dem Tage des Herodes
mußte zwischen ihm und der Herodias etwas vorgefallen sein, ansonst sie die
paar Tage sicher nicht ausgeblieben wäre. Aber diese paar Tage machten des
Herodes Herz erst für die schöne Herodias erregt, und der Triumph, den sie dann
über Herodes an seinem Tage feierte, war ein desto sicherer.“
14. Kapitel
[GEJ.04_014,01] (Zinka:) „Daß und wie sie ihn
für mich und für Tausende gefeiert hat, ist bekannt; aber euch allen wird es
nicht bekannt sein, daß unter den Jüngern des Johannes die Sage geht, daß
Johannes wiederum auferstanden sei, sich aber nach Galiläa gezogen habe und nun
wiederum alldort sein Wesen treibe, wo er es ursprünglich zu treiben angefangen
hatte. Solche Sage erfuhr denn auch Herodes und seine Herodias, die seit dem
Tode des Johannes ganz eigens zu siechen angefangen hatte samt dem alten
Drachen von einer Mutter. Solches erfüllt des Herodes und der Herodias Herz mit
großer Furcht und mächtigem Bangen, und Herodes sandte darum mich als einen
bewährten Freund des Ermordeten aus, um ihn wieder zum Herodes zu bringen,
damit ihm Herodes vergelten könnte die große Unbill, die er ihm zugefügt hatte.
Auch die Herodias beweint nun jene Stunde, in der sie ihrer bösen Mutter
nachgab, und möchte nun auch den beleidigten Johannes wieder versöhnen!
[GEJ.04_014,02] Ich aber sehe es wohl ein,
daß Johannes nimmer auferstanden ist; wohl aber habe ich aus dem Munde des
Johannes selbst gehört, daß in Galiläa ein gar großer Prophet auferstanden sei,
dessen Schuhriemen aufzulösen er nicht würdig sei. Ich sagte das dem Herodes,
und er sagte: ,So ziehe dennoch hin und bringe mir jenen, von dem Johannes mit
einer so großen Achtung sprach; denn der kann uns vielleicht auch helfen!‘ Ich
sagte ihm aber auch, was ich von dem großen Propheten vernommen habe, nämlich
daß er zur Bekräftigung seiner Lehre ungeheure Zeichen wirke. Ich sagte ihm,
daß der galiläische Prophet Tote erwecke und Berge versetze und dem Sturme
gebiete, und dergleichen unerhörte Dinge mehr. Ich sagte dem Herodes ferner,
daß ich gegen die Macht solch eines Propheten wenig oder nichts ausrichten
würde, weil er Tausende mit einem Gedanken töten könnte. Aber Herodes und die
Herodias standen von ihrem Begehren darum nicht ab, und Herodes sagte nur:
,Dreihundert schwere Silbergroschen dem, der ihn mir bringt!‘, mit dem
Beisatze: wenn es lebendig nicht möglich wäre, so wolle er ihn doch als Toten
sehen!
[GEJ.04_014,03] Ich erwiderte ihm ganz
beherzt, sagend: ,Wenn er selbstwillig nicht kommen will, so werden wir
fruchtlos nach ihm ausziehen! Denn bis wir ihn einmal töten, leben wir schon
lange nicht mehr; denn da er die verborgensten Gedanken der Menschen erkennt
und ihre Absichten auch, so wird er uns schon töten, so wir seiner noch kaum
ansichtig werden! Wenn aber dies sich also verhält, so sehe ich wirklich nicht
ein, wozu wir nach ihm ausziehen sollen!‘ Da sagte er: ,Ich will es, und mein
Wille ist gut; ist der Prophet gut, so wird er meinen guten Willen auch als gut
anerkennen und zu mir kommen! Daß ich mit ihm das nicht tun werde, was ich in
meiner Verblendung mit dem Johannes getan habe, beweisen meine Tränen um den
guten Johannes. Gehet und vollziehet meinen Willen!‘
[GEJ.04_014,04] Darauf erst gingen wir und
sind nun darum da, – bisher noch vollkommen unverrichteter Dinge, obwohl wir
nun schon bei neun Wochen in der stets gleichen Absicht in Galiläa herumziehen!
Ich habe schon unter der Zeit etliche Male Boten an den Herodes abgesandt und
ihm das Fruchtlose unserer Mühen klar dargestellt; allein, das hilft nichts! Er
weiß es irgend aus anderen Quellen, daß sich entweder der auferstandene
Johannes oder der große Prophet in Galiläa aufhalte und große Zeichen tue; wir
sollen daher alles aufbieten, seiner habhaft zu werden. Jede Lauheit von
unserer Seite werde er allerstrengst zu ahnden wissen!
[GEJ.04_014,05] Und so sind wir denn auch nun
auf unseren Streifzügen hierher gekommen, weil wir vernahmen, daß sich bei
Cäsarea Philippi große Zeichen sollen zugetragen haben! Wir fanden aber
eigentlich nichts als die total abgebrannte Stadt, eine durch den gestrigen
Kardinalsturm verheerte Gegend und nun euch gestrengste Römer allhier!
[GEJ.04_014,06] Versorget uns und machet uns
frei von dem Narren, dem in seiner Wut nicht zu trauen ist, und wir werden euch
dafür dankbar sein, dessen ihr vollkommen versichert sein könnet! Was ich euch
nun kundgetan habe, ist vollste Wahrheit; ihr wisset nun genaust, wie die Dinge
stehen. Handelt nun nach Recht und Billigkeit! Seid ihr Römer einmal vollends
unsere Herren, so geht uns dann Herodes nichts mehr an! Wir aber werden bereit
sein, euch noch um tausend Male treuer zu dienen als dem alten Narren und
Wüterich! Denn bei euch schaut doch noch etwas Menschliches heraus, während der
Herodes ein Unmensch ist, so er von seiner Wut befallen wird!“
15. Kapitel
[GEJ.04_015,01] Sagt Cyrenius: „Was ihr
wünschet, das soll euch geschehen; denn ich bin mit deiner Beschreibung des
Herodes ganz zufrieden und weiß nun, was ich mit ihm zu tun haben werde. Aber
sage mir nun noch, ob es sich mit seiner Fürstenvollmacht wohl also verhält,
wie du sie ehedem mir beschrieben! Hast du dahinter wohl nicht meinen Namen
unterzeichnet gesehen? Oder hast du irgend die Gelegenheit gehabt oder
gefunden, jene Urkunde einsehen zu können? Sei wahrhaft und gib mir das ganz
genau kund!“
[GEJ.04_015,02] Sagt Zinka: „Nichts leichter
als das, weil ich, des Schreibens wohl kundig und der drei Sprachen mächtig,
dieselbe Urkunde schon vielleicht bei fünfzig Male abgeschrieben habe, welche
Herodes als dem Originale gleichlautend stets beim Landpfleger vidieren
(bescheinigen) ließ um zehn Silbergroschen! Deinen Namen sah ich nicht, wohl
aber den des jetzt herrschenden Kaisers. – Mehr kann ich dir darüber nicht
sagen.“
[GEJ.04_015,03] Sagt Cyrenius: „Das ist dann
offenbar eine neue Vollmacht, die ganz anders lautet als jene, in der ich
selbst unterschrieben bin! Könntest du mir etwa auch noch hinzu sagen, um
welche Zeit Herodes zu der berüchtigten Vollmacht aus Rom gelangt ist?“
[GEJ.04_015,04] Sagt Zinka: „Oh, nichts
leichter als das! Diese Vollmacht bekam er schon im Vorjahre, was ich um so
genauer weiß, weil ich das Ansuchen darum selbst geschrieben habe. Es ist im
Gesuche zwar wohl der Punkt gestanden, daß der Kaiser als ein vollkommener
Alleinherr und Herrscher, alle untergeordneten Stellen übergehend, ihm AD
PERSONAM zu seiner nötigen Deckung eine Vollmacht in der Art und Weise erteilen
möchte, wie sie unter der Anmerkung im Gesuche stilisiert sei. Nun aber kommt
eigentlich die Hauptsache, hinter der – so bloß nach meiner Ansicht – die
Großlumperei steckt!
[GEJ.04_015,05] Daß Herodes ein solches
Ansuchen nach Rom gestellt hat, dafür bürge ich als Zeuge um so glaubwürdiger,
weil ich, wie gesagt, das Gesuch selbst stilisiert und geschrieben habe. Das
außerordentliche Gesuch aber ging – wie es sich leicht von selbst versteht –
nicht ohne schwere Begleitung von viel Gold und Silber nach Rom. Die
Überbringer waren fünf der ersten Pharisäer, die in ihren höchst eigenen
Angelegenheiten um jene Zeit eine Reise nach Rom unternahmen. Diese kamen
etliche Tage vor ihrer Abreise zum Herodes und baten ihn, ob er aus Rom nichts
zu bestellen hätte.
[GEJ.04_015,06] Sie kamen dem Herodes wie
gerufen; denn er brütete schon bei vier Wochen lang, wie und durch wen er am
sichersten und am geheimsten das außerordentliche Gesuch nach Rom bringen
könnte. Diese Gelegenheit kam ihm deshalb um so erwünschter, weil er mit den
fünf gescheitesten Pharisäern recht wohlan war und er sie auch für die
Ehrlichsten ihres Gelichters hielt. Als er sie um den Botenlohn fragte, der
sonst von Jerusalem aus nicht leichtlich unter zweihundert Pfunden unternommen
wird, verlangten sie nichts; denn was sie dem Herodes, der ihnen auch schon
viele und gewichtige Freundschaftsdienste erwiesen habe, täten, das täten sie
auch nur aus purer Freundschaft!
[GEJ.04_015,07] Damit war Herodes mehr als
vollkommenst zufrieden und übergab den fünfen das Gesuch samt der schweren
Ladung, an der dreißig Kamele hinreichend zu tragen hatten. Sogestaltig
wanderte das außerordentliche Gesuch dem Wortlaute zufolge nach Rom, der
sicheren Wahrheit nach aber irgendwoandershin, was unsereiner nicht wissen
kann!
[GEJ.04_015,08] Eine Reise von hier bis nach
Rom dauert bei günstigsten Witterungsverhältnissen drei volle Wochen, sonst
auch einen Monat; etliche Tage, oft Wochen, bleibt man in Rom, und es hat seine
Zeit, bis jemand vor den Kaiser kommt. So ein Gesuch erledigt der Kaiser im
günstigsten Falle vor einem halben Jahre nicht, weil er tausend wichtigere
Regierungssachen vor sich hat. Nun kommt es auf die Rückreise, die doch auch
soviel Zeit wie die Hinreise braucht! Genau aus vieler Erfahrung berechnet ist
von Rom meines Wissens noch nichts vor dreiviertel Jahren zurückgekommen.
[GEJ.04_015,09] Die fünf Boten aber haben die
angesuchte Vollmacht, genau nach der Anmerkung im von mir geschriebenen
Gesuche, ganz auf schönem Pergamente geschrieben und mit allen bekannten
kaiserlichen Zeichen ausgestattet und versehen dem Herodes vor der Zeitdauer
von sechs Wochen überbracht und haben dem Herodes dazu mit allem Pompe
gratuliert; ich aber dachte mir mein Teil dabei und setze noch heute meinen
Kopf zum Pfande, daß die fünf Boten bei der in der Rede stehenden Gelegenheit
ebensowenig in Rom waren als ich!
[GEJ.04_015,10] Die Kerls haben die schwere
Mitgabe samt den dreißig gesunden Kamelen gut verwahrt, haben des Kaisers
Unterschrift und die andern Zeichen nachgemacht und so dem Herodes eine geheime
kaiserliche Vollmacht überbracht, von der er selbst sicher so wenig weiß wie
du, hoher Herr und Gebieter! Weißt du, hoher Herr, es ist dies nur so meine
Ansicht; es kann auch möglich sein, daß die Vollmacht doch noch vom Kaiser
herrührt! Vielleicht haben die Schiffe einen guten Wind gehabt einmal hin und
einmal zurück, da ginge es wenigstens mit der Hin- und Herreise so ziemlich
aus, und zufälligerweise können sie den Kaiser in einer gutgelaunten und
geschäftslosen Stunde sogleich bei ihrer Ankunft in Rom angetroffen haben. Der
hat sie sogleich vorkommen lassen und ihnen die gewünschte Vollmacht erteilt,
worauf sie dann gleich wieder ein hierher nach Asien steuerndes Schiff
antrafen, bestiegen und mit dem besten Winde die Küste Judäas erreichten! Kurz,
ich will da durchaus kein Richter sein! Es ist das alles nur so meine Mutmaßung
und Berechnung.“
16. Kapitel
[GEJ.04_016,01] Sagt Cyrenius: „Freund, das
ist mehr denn eine Mutmaßung; das ist vollkommen reinste Wahrheit! Denn hätte der
Kaiser dem Herodes auch im schnellsten Umschwunge die verlangte Vollmacht
erteilt, so wäre sie in sechs Wochen unmöglich von Rom zurück nach Jerusalem
gekommen, da jede Verordnung, von Rom ausgehend, bis nach Sidon bei bestem
Winde schon bei vierzig Tage Zeit braucht. Übers hohe Meer, wo der Weg
vielleicht wohl am kürzesten wäre, fährt ja kein Schiff; bis aber einer längs
den Küsten entweder des großen Mittelländischen oder Adriatischen Meeres über
Griechenland hierherkommt, braucht er wenigstens vierzig Tage, und es kann
darum niemand den Weg in derselben Zeit hin und zurück machen.
[GEJ.04_016,02] Dazu muß ein jeder Fremde,
der nach Rom kommt und vom Kaiser etwas erbitten will, zuvor siebzig Tage in
Rom zubringen, vor welcher Zeit außer einem Feldherrn oder sonstigen
Großamtswürdenträger wohl kein fremder Gesandter oder Privater vor den Kaiser
kommt. Denn es ist einmal in Rom die Einrichtung also getroffen, daß ein jeder
Fremde, der in Rom vom Kaiser eine Gnade erreichen will, zuvor der Stadt ein
Opfer bringen muß dadurch, daß er in der Stadt zuvor möglichst viel verzehrt
und andere Geschenke und Opfer den vielen Einrichtungen und Anstalten gebracht
hat, was sozusagen nahe ein jeder Fremde, von fernen Landen kommend, gar wohl
tun kann, weil er, ohne sehr reich zu sein, nicht nach Rom kommen kann und auch
um keine besondere Gnade zu bitten hat. Denn für die allgemeine, unbemittelte
Volksklasse sind die Gesetze und die gerechten Richter gestellt und
sanktioniert; wen irgend ein Schuh drückt, der weiß es, wohin er zu gehen hat.
Geht er, so wird ihm auch rechtlichst nach dem Gesetze geholfen; denn bei uns
Römern gibt es keinen Unterschleif, und es gilt der Grundsatz gleichfort:
,Justitia fundamentum regnorum!‘ (Gerechtigkeit ist aller Reiche Grundfeste!)
und ,Pereat mundus, fiat ius!‘ (Es gehe die Welt aus den Angeln, so geschehe
doch jedem das Recht!) Das sind bei uns Römern nicht nur so leere Redensarten,
sondern Sätze, die bis jetzt noch stets allergewissenhaftigst beachtet worden
sind.
[GEJ.04_016,03] Es ist also demnach denn doch
nicht unbillig, so die nach Rom Kommenden zuvor der großen Völkerstadt ein
Opfer bringen, bevor sie irgendeiner kaiserlichen Gnade für würdig gehalten
werden. Und es geht nun aus dem wieder hervor, daß die fünf vom Tempel Abgesandten
vor siebzig nacheinanderfolgenden Tagen nicht vor den Kaiser gekommen sind und
daher in sechs Wochen unmöglich eine effektive Reise von hier nach Rom und
wieder zurück haben machen können. Haben sie aber das nicht tun können, so
ergibt sich von selbst der sichere Rechtsschluß, daß die fünfe des Herodes
Ehrenschätze an den Kaiser selbst behalten und dem herrschgierigen Vierfürsten
eine nachgeäffte und somit grundfalsche Vollmacht überbracht und überreicht
haben! Herodes bildet sich nun ein, größere Rechte zu besitzen, als welche er
ursprünglich mit dem Vierfürstentume von Rom aus erhalten hat. Aber es soll ihm
darob ehest klarster Wein kredenzet werden!
[GEJ.04_016,04] Ja, nun ist es denn auch
begreiflich, warum mir darüber von Rom aus keine wie immer geartete Anzeige
gemacht worden ist! Denn mir als dem unbeschränktesten Gewaltträger Roms über
ganz Asien und einen angrenzenden Teil Afrikas muß ja doch Kenntnis gegeben
werden von allem, was immer da von Rom aus über Asien verfügt wird, ansonst ich
eine mir unbekannte Anordnung von Rom aus, wenn sie sich irgend aktiv zu äußern
begänne, als eine provinzielle Eigenmächtigkeit, also als einen Aufstand gegen
Rom und seine Macht ansehen und sogleich mit allen mir zu Gebote stehenden
Gewaltmitteln dagegen einschreiten müßte! Daher werdet ihr nun wohl einsehen,
daß des Herodes Vollmacht falsch sein muß! Ist aber die Vollmacht falsch, so
werdet ihr auch einsehen, daß ich fürs erste dem Herodes den Betrug entdecken
muß und ihm fürs zweite die falsche Vollmacht abnehme, sie dem Kaiser einsende,
auf daß er selbst wegen der Entheiligung seiner Person die argen Frevler
bestrafe!“
17. Kapitel
[GEJ.04_017,01] Sagt Zinka: „Hoher Freund!
Hoher Herr! Das sehen wir alles ganz vollkommen gut ein; aber wir sehen daneben
noch etwas ein, was du nicht einzusehen scheinst!“
[GEJ.04_017,02] Sagt Cyrenius: „Und was wäre
das wohl?“
[GEJ.04_017,03] Spricht Zinka: „Die liebe
Staatspolitik ist's, der zufolge nahe zu allen Zeiten und in allen Landen der
Erde die Priesterschaften ein gewisses Privilegium besitzen, demzufolge sie
vieles tun können, was für die andere Menschheit ein Frevel wäre. Die Priester
sind kühn genug, sich den anderen Menschen als förmliche Götter aufzudrängen
und das angebliche Gotteswort nach ihrem Belieben vor allen Menschen im Munde
zu führen. Und kein Mensch steht wider sie auf, und selbst der Kaiser muß solch
freches Spiel mit freundlichen Augen ansehen, des altangewohnten
Volksaberglaubens wegen, durch den die Menschen in der gewissen gehorsam
demütigen Stellung erhalten werden und sich nicht erheben wider den König des
Landes, so dieser demselben zumeist schwer zu haltende Gesetze gibt und so
manchen schwer zu leistenden Tribut auferlegt.
[GEJ.04_017,04] Wird aber den Priestern
gestattet, an der Stelle Gottes zu schalten und zu walten nach ihrem Belieben,
so wird sich der Kaiser auch nicht gar absonderlich aufhalten, so diese
Volksbetäuber im nötigen Falle manchmal heimlich oder auch öffentlich in des
Monarchen Haut schlüpfen, in seinem Namen reden und sogar Gesetze erlassen,
wenn sie so etwas als etwas Heilsames sowohl für den Herrscher, für seinen
Staat und natürlich auch für sich erkennen, was besonders in jenen Provinzen um
so verzeihlicher erscheinen muß, die von des Herrschers Residenz, wie das
Judenheimatland hier, sehr weit entfernt sind.
[GEJ.04_017,05] Wenn der Kaiser sie wegen der
falschen Vollmacht heute zur Rede und Verantwortung verlangt, so werden sie es
ganz und gar nicht leugnen, solches getan zu haben auch ohne allen Auftrag;
aber sie werden dem Kaiser daneben auch den guten Grund anzugeben imstande
sein, laut dessen sie so etwas nur zum Besten des Monarchen und seines Staates
verfügt haben! Und sie werden dem Kaiser auch haarklein und sonnenhell zu
beweisen suchen, warum solche Verfügung nötig war, und welch ein Nutzen dem
Staate und dem Monarchen daraus erwuchs. Und der Kaiser wird sie am Ende dafür
noch beloben und belohnen müssen.
[GEJ.04_017,06] Stelle du sie heute zur Rede,
und du wirst ihnen nach dem Verhöre ebensowenig anhaben können wie der Kaiser
selbst und wirst am Ende noch dem Herodes die gewisse Vollmacht bestätigen
müssen, so sie dir beweisen, daß so ein Akt notwendig war, um durch ihn der
Herrschgier des Herodes gewisse Schranken zu setzen, ohne die er sich mit Hilfe
seiner unermeßbaren Schätze und Reichtümer gar leicht geheim eine große Macht
gebildet hätte, mit der er dann mit euch Römern ganz kategorisch zu reden
angefangen hätte! Sie seien aber dahintergekommen und hätten sogleich durch die
Erleuchtung von oben ein rechtes Mittel ergriffen, durch das Herodes pro forma
ein Privilegium aus des Kaisers Willensmacht erhielt, welches er sich sonst in
Kürze mit Gewalt ertrotzt haben würde. – Wenn dir die Tempelritter mit solchen
Erklärungen entgegentreten, was anders kannst du da tun, als sie beloben und
belohnen?“
[GEJ.04_017,07] Sagt Cyrenius: „Das sehe ich
noch nicht so ganz recht ein! Wenn Herodes einen solch bösen Plan vorhatte und
ihn auch ausführen wollte, warum ward mir das nicht auf einem geheimen Wege
angezeigt? Ich hätte ja doch auch die rechten Mittel ganz wohl dagegen
ergreifen können! Von Jerusalem bis Sidon oder Tyrus ist es ja doch nicht gar
so weit! Und endlich, – wie werden die Templer die dem Kaiser entwendeten
großen Schätze und die dreißig Kamele verantworten? Ich meine, daß es ihnen
damit denn doch ein wenig schwerfallen wird!“
[GEJ.04_017,08] Sagt Zinka: „Hoher Freund,
hoher Herr! Du scheinst sonst recht viel der gediegensten Staatsklugheit zu
besitzen, aber hier scheinst du wieder um so unerfahrener zu sein – wie jemand,
der noch nie auch nur ein Hauszepter in seiner Hand geführt hat! Um selbst dir
das anzuzeigen, kann sie ein doppelter Grund abgehalten haben! Erstens: Gefahr
beim Verzuge; und zweitens: Vermeidung jedes in dieser Sache gefährlichen
Aufsehens! Denn wärest du davon zu früh in Kenntnis gesetzt worden, so hättest
du sogleich ganz Jerusalem belagern und allersorglichst bewachen lassen; das
hätte im Volke eine große Aufregung gemacht und es mit einem bittern Hasse
gegen euch erfüllt. Herodes aber hätte da solch eine Stimmung gegen euch ganz
gut zu benützen vermocht, wodurch ganz unberechenbare Übel hätten entstehen
können!
[GEJ.04_017,09] Dieses alles wohl berechnend
und zum voraus einsehend, verfügte der Tempel aus seiner göttlichen
Weisheitsfülle eben ein Etwas, wodurch ohne alles Geräusch der schlimmen Sache
abgeholfen war; zur rechten Zeit aber hätten sie dich und den Kaiser so ganz
sachte schon ohnehin in die Kenntnis dessen, was da geschehen ist, gesetzt,
begleitet mit dem Rate, was da weiteres zu verfügen wäre. Die für den Kaiser
bestimmten Schätze aber könnten sie ja ohnehin erst dann an dich übersenden,
wenn sie dir die Nachricht von allem zu geben für rätlich gefunden hätten.
[GEJ.04_017,10] Wenn du, hoher Freund und
hoher Herr, ganz sicher solch eine Antwort auf einige deiner Fragen erhalten
würdest, sage mir, ob du infolge einer wahren Staatsklugheit etwas anderes tun
könntest, als den Templern alles Lob erteilen und sie nach dem Gesetze
belohnen, wie jeder gute und ehrliche Geschäftsführer mit zehn bei hundert zu
belohnen ist!“
[GEJ.04_017,11] Sagt Cyrenius: „So ich aber
für mich von der nur zu sichern großartigsten Schlechtigkeit der Templer
überzeugt bin, kann ich sie da loben und belohnen auch noch dazu? Gibt es denn
kein Mittel und keinen Weg, um diesen Satansbrüdern an den Leib zu kommen?“
[GEJ.04_017,12] Sagt Zinka: „Ob Zinka oder du
die argen Ritter mehr kennt und tiefst verabscheut, ist eine bedeutende Frage;
wenn ich sie alle, den Tempel und ihre Synagogen mit einem Hauche vernichten
könnte, glaube es mir, ich würde mich dazu nicht zwei Augenblicke lang
besinnen! Aber die Sachen stehen nun einmal so, daß dir selbst ein Gott keinen
andern Rat geben kann, als vorderhand zum bösen Spiele ein gutes Gesicht zu
machen. Kommt nachher die Zeit, so kommt auch der Rat.
[GEJ.04_017,13] Nach meiner Berechnung und
nach der Berechnung des Johannes werden sie von jetzt an in vierzig Jahren
vollkommen reif sein zum Umfällen, und ihr werdet dann ganz Judäa und ganz
Jerusalem von neuem erobern und ihre Nester vom Grunde aus zerstören müssen;
vor dieser Zeit aber wird sich mit gewappneter Hand wenig oder nichts gegen sie
unternehmen lassen, außer das, was ich dir ehedem angeraten habe. Du kannst sie
in einer Zeit fragen lassen, wie sich die bewußten Dinge und Sachen verhalten;
wenn du aber den Aufschluß offenbar sogleich erhalten wirst, dann handle, wie
ich dir's gesagt habe, ansonst du der Sache einen schlimmen Ausgang bereiten
kannst!“
18. Kapitel
[GEJ.04_018,01] Sagt Cyrenius: „Freund, ich
erkenne deine große Umsicht und Schlauheit, und Herodes hat sich an dir einen
Advokaten erzogen, der in ganz Judäa seinesgleichen sucht! Nun bist du zwar
nicht mehr herodisch, sondern römisch, und brauchst nimmer des Herodes Sache zu
vertreten, sondern rein die unsrige nur, und das für uns; daher kannst du nun
schon manches mehr erfahren, was sich alles hier auf diesen Punkt am Meere
konzentriert hat, und weshalb so ganz eigentlich! Vor allem aber sage du mir
nun, was du tun würdest, wenn nun auf einmal von irgendwoher der große galiläische
Prophet käme!“
[GEJ.04_018,02] Sagt Zinka: „Ich?! – Gar
nichts; ich ließe ihn ziehen seine Wege! Besprechen wohl möchte ich mich mit
ihm, um zu sehen, ob Johannes wohl recht hatte zu sagen, daß er nicht einmal
würdig wäre, diesem die Schuhriemen aufzulösen! Johannes war ein höchst weiser
Prophet und hatte mehr Licht denn alle die alten Propheten zusammengenommen.
Nun, so aber Johannes über den Jesus aus Nazareth schon ein solches Zeugnis
gibt, wie groß, wie weise und wie mächtig muß er sein!
[GEJ.04_018,03] Weißt du, hoher Freund, wenn
ich ernstlich Jesus irgend hätte aufgreifen wollen – wenn auch zum Scheine nur
–, so hätte ich das schon lange tun können; denn im Grunde wußte ich doch
zumeist, wo sich Jesus aufhielt! Aber es war mir wahrlich nicht darum, und
aufrichtig gesagt, – ich hatte eine eigene Scheu vor diesem Manne! Denn nach
dem, was ich alles von ihm gehört habe – und das von glaubwürdigen Zeugen,
sogar von Samariten –, muß er ordentlich in einer Fülle irgendeiner
vollendetsten Göttlichkeit – oder er muß ein ausgepickter Magier aus der
altägyptischen Schule sein! In keiner Beziehung möchte ich darum mit ihm etwas
Besonderes zu tun haben; denn da bekäme ich doch sicher alle Spreu ins Gesicht.
Fürwahr, ich für mich nur möchte ihn sehen und sprechen, doch nur in der
friedlichsten Situation; aber in diesem meinem Häscherkleide von ferne nicht
einmal!“
[GEJ.04_018,04] Frage nun Ich Selbst den
Zinka und sage: „Lieber Freund, Ich bin auch einer, der den Jesus aus Nazareth
so gut kennt wie Mich Selbst, kann dir aber nur das von Ihm sagen, daß Er
keines Menschen Feind ist, sondern ein Wohltäter aller, die zu Ihm kommen und
Hilfe bei Ihm suchen. Er ist zwar wohl ein Feind der Sünde, aber nicht des
Sünders, der seine Sünde bereut und demütig zum Guten zurückkehrt. Von Ihm ist
noch kein Mensch gerichtet und verurteilt worden, und wären seiner Sünden mehr
gewesen als des Sandes im Meer und des Grases auf der Erde.
[GEJ.04_018,05] Seine Lehre aber besteht ganz
kurz darin, daß der Mensch Gott erkenne und Ihn über alles liebe und seinen
Nebenmenschen, was und wer er auch sei, hoch oder nieder, arm oder reich,
männlich oder weiblich, jung oder alt, ebenso liebe wie sich selbst. Wer das
allezeit tue und meide die Sünde, der werde es jüngst in sich erfahren, daß
solch eine Lehre wahrhaft aus Gott ist und nicht gekommen ist aus dem Munde
eines Menschen, sondern aus dem Munde Gottes; denn kein Mensch könne wissen,
was er tun solle, um zu erlangen das ewige Leben, und worin dieses bestehe.
Solches wisse nur Gott, und am Ende auch der, welcher es aus dem Munde Gottes
vernommen habe.
[GEJ.04_018,06] Er lehret auch, daß alle
Menschen, die das ewige Leben erreichen wollen, von Gott gelehret sein müssen;
die da nur von Menschen es vernehmen, was sie tun sollen, die sind noch ferne
dem Reiche Gottes. Denn sie hören wohl die Worte einer sterblichen Zunge
entgleiten; aber wie die Zunge, die die Worte gab, sterblich ist, so ist es
dann auch das Wort in dem Menschen, der es vernommen hat. Er achtet nicht
darauf und macht es durch keine Tat lebendig. Aber das Wort, das aus dem Munde
Gottes kommt, ist nicht tot, sondern lebendig, beweget des Menschen Herz und
Willen zur Tat und macht dadurch den ganzen Menschen lebendig.
[GEJ.04_018,07] Ist aber einmal der Mensch
durch das Gotteswort lebendig geworden, so bleibt er dann lebendig und frei für
ewig und wird keinen Tod je mehr irgend fühlen und schmecken, – und könnte er
auch dem Leibe nach tausendmal sterben!
[GEJ.04_018,08] Siehe, Freund, das ist so in aller
Kürze der Kern der Lehre des großen Propheten aus Nazareth! – Sage es uns, wie
er dir gefällt, und was du dann von dem großen Propheten hältst!“
19. Kapitel
[GEJ.04_019,01] Zinka denkt hier ein wenig
nach und sagt nach einer Weile: „Lieber Freund! Gegen solch eine Lehre, obschon
sie etwas Gewagtes ist, läßt sich durchaus nichts einwenden; sie ist, wenn es
überhaupt einen Gott gibt, der Sich um die Sterblichen irgend ein wenig nur
kümmert, offenbar göttlicher Natur! Es haben zwar wohl auch andere große Weise
den Grundsatz aufgestellt, daß die reine Liebe der Grundkeim alles Lebens sei,
und daß die Menschen die Liebe am meisten pflegen sollten, weil nur aus der
Liebe den Menschen jegliches Heil erblühen könne; aber sie erklärten das reine
Wesen der Liebe nicht. Es ist aber die Liebe so viel gut- und auch bösseitig,
und man weiß am Ende nicht, welche Seite der Liebe man denn eigentlich als
heilbringend pflegen soll.
[GEJ.04_019,02] Hier aber ist es sonnenhell
ausgedrückt, welche Art der Liebe der Mensch pflegen und zu seinem
Lebensprinzip machen soll. Somit kann solch eine Lehre freilich wohl
ursprünglich von keinem Menschen herrühren, sondern nur von Gott, und beweist
unter einem, daß es einen Gott denn doch gibt. Nun, nun, ich bin dir, du
lieber, mir ganz unbekannter hoher Freund – seist du etwa auch ein Heide – von
ganzem Herzen dankbar; denn du hast mir nun, wie auch meinen nicht auf den Kopf
gefallenen Freunden, einen großen Dienst erwiesen! Wir waren gewisserart alle
mehr oder weniger gottlos; nun aber kommt es mir wenigstens vor, daß wir den
verlorenen Gott wieder aufgefunden haben, was mir sehr erfreulich und angenehm
ist.
[GEJ.04_019,03] Johannes gab sich zwar auch
alle Mühe, mich vom Dasein eines ewigen Gottes zu überzeugen; aber es wollte
ihm die Sache dennoch nicht gelingen. Ich wußte ihm ganz gehörig zu begegnen,
und er löste mir alle meine Zweifel nicht, und so blieb ich denn auch in meinen
alten Zweifeleien stecken bis zu diesem Augenblick. Aber nun ist es mit aller
Zweifelei auf einmal aus!
[GEJ.04_019,04] Merkwürdig! Ja, ja, also ist
es: So jemand das rechte Tor in einen Irrgarten nicht findet, der kommt nicht
zum Palaste des Königs, der in der weiten Mitte des großen Irrgartens seine
bleibende Wohnstätte errichtet hat; du aber hast mir nun das rechte Tor gezeigt
und geöffnet, und es ist also nun ein leichtes, in aller Kürze bis in des
großen und ewigen Königs Palast zu dringen.
[GEJ.04_019,05] Sage mir aber nun auch zur
Güte, wo denn du das hohe Glück hattest, mit dem großen Manne zusammenzukommen!
Sicher ist er kein Magier, sondern ein mit höheren Gotteskräften ausgerüsteter
Mensch; denn das bezeiget seine wahrhaft göttliche Lehre! Sage mir sonach, wo
du ihn gesprochen hast! Ich möchte selbst hin und aus seinem Munde solche
lebendigen Heilsworte vernehmen.“
[GEJ.04_019,06] Sage Ich: „Bleibe du nun nur
hier; im kurzen Verlaufe noch nachfolgender Besprechungen wirst du Ihn von
selbst finden! Auch ist es nun schon bei einer guten Stunde über den Mittag.
Unser guter Wirt Markus ist bereits mit dem Mittagsmahle fertig, und es wird
sogleich aufgetragen werden; nach der Mahlzeit aber werden wir noch sehr viel
Zeit finden, über allerlei miteinander zu verkehren. Du bleibst an unserem
Tische, – deine neunundzwanzig Gefährten aber sollen sich nebenan setzen!“
[GEJ.04_019,07] Markus bringt nun die
Speisen. Als die Speisen auf den Tischen waren, fiel es dem Zinka auf, daß so
viele große Tische von wenig Menschen auf einmal wie mit einem Schlage mit
Speisen und Weinbechern vollbesetzt waren.
[GEJ.04_019,08] Er (Zinka) fragte den neben
ihm sitzenden Ebahl, sagend: „Freund, sage mir gefälligst, wie denn nun auf
einmal auf so viele und große Tische eine solche Masse von Speisen hat können
hergeschafft werden, und das von nur sehr wenig Menschen! Wahrlich, es nimmt
mich das im höchsten Grade wunder! Da möchte ich schon nahe behaupten, daß es
hier nicht ganz mit natürlichen Dingen zugeht! Hat denn der alte Wirt etwa so
ganz geheime dienstbare Geister, die ihm bei solchen Geschäften helfen?“
[GEJ.04_019,09] Sagt Ebahl: „Du wirst nicht
immer achtgegeben haben, dieweil du in dein Gespräch sehr vertieft warst, unter
welcher Zeit dann, ohne von dir sonderheitlich bemerkt zu werden, denn auch die
vielen Tische gar leicht mit Wein und Speisen haben können besetzt werden. Ich
habe zwar selbst nicht darauf achtgegeben; aber geradewegs unnatürlich wird es
etwa doch nicht hergegangen sein!“
[GEJ.04_019,10] Sagt Zinka: „Freund, glaube
es mir, ich kann in irgendein Gespräch noch so sehr vertieft sein, so wird um
mich herum doch nichts geschehen können, das ich nicht gesehen hätte, und ich
weiß es ganz bestimmt, daß vor wenigen Augenblicken noch auf keinem Tische eine
Brosame sich befand, – und nun beugen sich die Tische vor lauter Eßwaren!
Erlaube du mir, da wird denn für einen Menschen mit Herz und Verstand doch wohl
eine Frage erlaubt sein, zumal man ein Fremdling ist!? Es ist nun schon eins,
ob mir darüber jemand einen rechten Aufschluß gibt oder nicht; aber dabei
bleibe ich, daß es hier durchaus nicht mit ganz natürlichen Dingen zugeht! Sieh
auf meine neunundzwanzig Gefährten hin, die untereinander ganz denselben
Gegenstand verhandeln; nur ihr alle, die ihr nun schon vielleicht mehrere Male
hier gespeiset habt, seid ganz gleichgültig bei dieser Geschichte, weil ihr
schon wisset, wie es hier zugeht! Aber es macht das alles nichts, – ich werde
später schon noch hinter dieses Geheimnis kommen!“
20. Kapitel
[GEJ.04_020,01] Hier steht Zinka, der ein
sehr großer Mensch war, auf und sieht sich nach allen Tischen um, die natürlich
durchgehends mit Schüsseln voll der bestzubereiteten Fische besetzt sind, und
mit Brotlaiben und mit sehr vielen Bechern und Krügen des besten Weines; und er
bemerkt auch, daß alle Gäste bereits wacker zugreifen, ohne daß da an den
vielen Tischen ein Wenigerwerden der Speisen bemerkbar würde. Kurz, unser Zinka
wird, je länger er seine Betrachtungen anstellt, desto verblüffter, so daß es
ihm am Ende schon ordentlich zu schwindeln anfängt. Nur ein ziemlicher Hunger
und der gute Geruch der Speise nötigen ihn, sich zu setzen und auch zu essen
anzufangen.
[GEJ.04_020,02] Ebahl legt ihm den besten und
größten Fisch vor und bezeichnet ihn als eine der edelsten Gattungen des Sees
von Tiberias; denn also hieß des Galiläischen Meeres große Bucht in der
ziemlich weiten Umgegend von Cäsarea Philippi. Zinka ißt den Fisch mit stets
größerem Eifer, da er ihm überaus wohl schmeckt, schont dabei das honigsüß
schmeckende Brot nicht und begrüßt auch fleißig den vollen Becher, der aber
darum nicht um ein bedeutendes leerer werden will, wie er auch mit dem Fische
nicht fertig werden kann, obschon er sich dabei recht wacker tummelt.
[GEJ.04_020,03] Wie es aber ihm ergeht, so
ergeht es auch seinen Gefährten. Sie möchten alle recht heiter und munter und
sehr gesprächig werden, aber die stets wachsende Verwunderung über die seltenen
Erscheinungen bei diesem Gastmahle läßt ihnen keine Zeit dazu; denn es sind das
für sie Erscheinungen, von denen sie früher noch nie etwas erlebt haben. Also
sind sie auch schon satt, wie sich's gehört, – aber dennoch reizt sie der
Wohlgeschmack der Fische, des Brotes und des Weines zu stets neuem Genusse;
auch das begreifen sie nicht, wie solches komme.
[GEJ.04_020,04] Zinka fragt endlich den
Cyrenius und nötigt ihn, es zu sagen, wie sich alles das verhalte.
[GEJ.04_020,05] Cyrenius aber antwortet,
sagend: „Wenn die Mahlzeit vorüber sein wird, dann wird es auch an der Zeit
sein, über so manches zu reden; für jetzt aber iß und trinke du nur nach
Herzenslust!“
[GEJ.04_020,06] Sagt Zinka: „Freund und mein
hoher Herr und Gebieter! Ich war in meinem ganzen Leben kein Schlemmer; so ich
aber noch lange um dich sein werde, da werde ich sicher einer! Ich begreife nur
nicht, wo ich hinesse und – trinke!? Ich bin satt und mein Durst ist gestillt,
und dennoch kann ich nun noch in einem fort essen und trinken! Und der Wein ist
besser und geistiger denn jeder, den ich je irgend zu trinken bekommen habe;
aber es nützt das nichts, ich bekomme dennoch keinen Rausch!
[GEJ.04_020,07] Ich bleibe einmal dabei, daß
es hier nicht mit natürlichen Dingen zugeht! In dieser großen Gesellschaft muß
ein großer Magier stecken und tut hier damit ein Zeichen seiner unbegreiflichen
Wunderkraft! Oder wir befinden uns etwa gar in der Nähe jenes großen Propheten,
den ich mit meinen neunundzwanzig Gefährten gesucht habe!? Wenn das der Fall
wäre, dann müßte ich dich, hoher Freund und Gebieter, wohl alleruntertänigst
bitten, uns dreißig von dannen ziehen zu lassen, wohin du uns immerhin haben
wolltest, oder du müßtest uns wieder binden lassen; denn käme uns der Prophet
geradeso in den Wurf, so müßten wir, des dem Herodes geleisteten schweren Eides
wegen, unsere Hände an ihn legen. Es würde uns das zwar nichts nützen, und
dennoch müßten wir das des Eides wegen wagen zu unserem Verderben!“
[GEJ.04_020,08] Sagt Cyrenius: „Was, – woher
dieses?! Wo und in welchem Gesetze steht es denn geschrieben, daß ein
schlechter, gezwungener und verdammlicher Eid gehalten werden soll?! Dein Eid
hebt sich nun aber auch schon dadurch von selbst auf, daß du mein Gefangener bist
samt deinen neunundzwanzig Gefährten! Von nun an heißt's ja doch das tun, was
ich und meine mir untergebenen Feldherrn dir gebieten werden, und ewig nimmer,
was euch euer dummer Herodes geboten hat! Eures schlechten Eides seid ihr
enthoben für alle Zeiten und für ewig!
[GEJ.04_020,09] Käme da nun der große Prophet
auch von irgendwoher in unsere Mitte, so dürfte es aus euch ja niemand wagen,
ihn mit einem Finger anzutasten; wer es aber seines dummen Eides wegen dennoch
täte, dem soll alle Schwere des römischen Ernstes zuteil werden!
[GEJ.04_020,10] Mein Freund Zinka, ich hielt
dich ehedem laut deiner wahrlich geistreichen Äußerungen für einen recht weisen
Menschen; durch diese letzte Enthüllung deines Verstandes aber hast du bei mir
sehr viel verloren! War denn das Frühere alles nur eine Verstellung von dir?“
[GEJ.04_020,11] Sagt Zinka: „Nein, nein,
durchaus nein, du hoher Herr und Gebieter! Ich und wir alle denken und wollen
nun gerade also, wie wir früher gedacht, gewollt und geredet haben; aber du
mußt es ja doch einsehen, daß man bei derlei Erscheinungen, wie sie hier
vorgekommen sind und noch immer vorkommen, als ein Mensch von doch einiger
Gewecktheit Großaugen zu machen anfangen und am Ende in seinem ganzen Denken,
Wollen, Reden und Handeln ein wenig verlegen und verwirrt werden muß!
[GEJ.04_020,12] Hätte ich je so etwas
gesehen, so würde auch ich hier mich sicher so ruhig wie ihr alle verhalten
haben; aber mein weiser Nachbar sagte zuvor kaum, daß das Mittagsmahl kommen
werde, und siehe, in ein paar Augenblicken darauf bogen sich schon alle Tische
von der Last der auf sie gestellten Speisen und Getränke! Es kann schon
irgendeine künstliche Vorrichtung bestehen, mit deren Hilfe so eine Arbeit
etwas schneller als gewöhnlich verrichtet werden kann; aber so schnell!? Da
dürfte wohl keine mechanische Vorrichtung ausreichen! Kurz, sage mir da einer,
was er will, und ich bleibe dabei und sage: Das war entweder eine
außerordentliche Zauberei oder ein vollkommenes Wunder!
[GEJ.04_020,13] Du, hoher Freund und Herr,
hast leicht ruhig sein, weil du sicher den Grund davon kennst; aber bei uns ist
das eine ganz andere Sache! Da sieh nur den Fisch an, den ich nun noch
verspeise! Ich habe davon schon über und über gegessen, und noch ist die bei
weitem größere Hälfte übrig! Ich bin vollkommen satt und kann doch gleichfort
essen! Hier mein Becher, aus dem ich doch schon mehr denn ein volles Maß
(sieben Seidel) mag getrunken haben, und sieh her, – kaum drei Finger stehet
der Wein unter dem Rande! Ja, das kann man denn doch nicht als ein denkender
Mensch so ganz gleichgültig hinnehmen, als wäre daran sozusagen gar nichts! Ich
bin hier dein Gefangener und kann von dir keine Aufklärung dieser wunderbaren
Erscheinung fordern; aber bitten kann und darf ich ja doch wohl? Ich bat euch
aber darum, und ihr beschiedet mich aufs Warten!
[GEJ.04_020,14] Das Warten wäre schon recht,
so in mir statt einer wißbegierigen Seele ein toter Stein seine Trägheit
pflegete; aber meine Seele ist kein Stein, sondern ein stets nach Licht
dürstender Geist. Seinen Durst löscht kein kühler Labetrunk, sondern ein
erklärend Wort, das aus dem Munde eines schon getränkten Geistes kommt. Ihr
habt dieses ätherischen Getränkes in Hülle und Fülle und seid getränkt bis über
den Hals; aber mir, dem Heißdurstigen, wollet ihr von eurem Überflusse auch
nicht einen Tropfen auf meine glühende Zunge träufeln lassen! Sehet, das aber
ist es eben, was mich nun am meisten bekümmert und am meisten meine Sinne
verwirrt macht! Wenn ich unter solchen Umständen so ein wenig konfus werde, –
kann das, hoher Freund, dich wohl wundernehmen?
[GEJ.04_020,15] Aber nun nichts mehr von
alldem! Ich werde darob in mir selbst nun schon ganz ordentlich voll Ärgers und
lasse diese ganze Wunderbarkeit einen guten Mann sein! Der Mensch soll nicht alles
wissen und braucht auch nicht alles zu wissen! Zur nötigen Erwerbung des
täglichen Brotes braucht der Mensch gar nicht viel zu lernen, zu erfahren und
zu wissen. Ein rechter Narr, der darüber hinausstrebt! Darum nun nur gegessen
und getrunken, solange etwas da ist! Darf ich nichts wissen, so will ich lieber
nichts wissen! Denn was man selbst will, erträgt man leicht; nur des Fremden
Wille ist für jede ehrliche Seele schwer zu verdauen. Von nun an könnet ihr
alle darin ganz unbesorgt sein, von mir je wieder mit irgendeiner Frage
belästigt zu werden!“
[GEJ.04_020,16] Mit diesen Worten verstummte
Zinka, aß seinen Fisch ganz ruhig fort und nahm dazu öfters Brot und Wein; auch
seine Gefährten taten dasselbe und kümmerten sich wenig um das, was um sie
herum geschah, oder was da irgend gesprochen wurde.
21. Kapitel
[GEJ.04_021,01] Cyrenius aber fragte Mich
geheim, was da nun mit diesem Menschen zu machen sein werde.
[GEJ.04_021,02] Ich aber sagte: „Noch recht
viel! Die werden uns auch ganz tüchtige Rüstzeuge werden; aber nun tut ihnen
ein wenig Ruhe sehr not, und Ich ließ sie darum in diesen
Gleichgültigkeitszustand kommen.
[GEJ.04_021,03] Glaube du Mir! Eine Seele,
die einmal nach einem höheren Wissen dürstet, begibt sich nicht so leichten
Kaufes in die volle Trägheit! Es geht da einer solchen Seele wie einem jungen
Verlobten, der in die erwählte Maid so recht sterbensverliebt ist. Die Maid
aber, weil sie eine Maid und keine ehrsame Jungfrau ist, nimmt es mit der Liebe
ihres Angelobten um vieles leichter und denkt sich: ,Ist's der nicht, so gibt
es noch eine Menge anderer!‘
[GEJ.04_021,04] Solches erfährt aber nach
einer Weile der Angelobte und wird dabei sehr trüben Herzens. Er nimmt sich
voll Ärgers und Grimmes nun ganz ernstlich vor, an die treulose Dirne gar nie
mehr zu denken; aber je mehr er sich's vornimmt, desto mehr denkt er an sie und
wünscht sich's heimlich, daß all das Schlimme, was er von der Maid vernommen
durch fremden Mund, eine barste Lüge sein möchte.
[GEJ.04_021,05] Doch er sieht endlich die Maid
ihm angesichts mit einem andern verkehren! Da möchte er heimlich vor Zorn
gerade zerbersten und will mit aller Gewalt der Treulosen nicht mehr gedenken;
aber da zerplagen ihn so recht glühheiße Gedanken also, daß neben ihnen gar
kein anderer gesunder Gedanke mehr Raum findet. Tag und Nacht hat er keine Rast
und keine Ruhe; er seufzt und weint oft bitterlich und verwünscht die Treulose.
[GEJ.04_021,06] Ja, warum aber doch das
alles? Hatte er sich's nicht fest vorgenommen, der Nichtswürdigen nimmer zu gedenken?
[GEJ.04_021,07] In seiner Qual aber kommt
dann ein rechter Freund zu ihm und sagt: ,Freund, du tust deiner Angelobten
denn doch ein wenig unrecht! Siehe, mit ihrem scheinbaren Leichtsinn hat sie
nur deine Liebe erforschen wollen; denn sie wußte und mußte es wissen, daß sie
eine arme Maid ist und du aber im Reichtume steckst. Sie begriff ja kaum die
Möglichkeit, daß du sie je zum ordentlichen Weibe nehmen könntest; sie hielt
deine ihr angelobte Liebe mehr denn zur Hälfte für eine Fopperei und gedachte
dir vor der vollen Handreichung ein wenig auf den Zahn zu fühlen, ob du sie
wohl also liebst, wie deine Worte lauteten! Denn zu oft lehrte die armen Maiden
die traurige Erfahrung, daß solch reiche Jungen, wie du einer bist, mit den
armen Maiden ein loses und lockeres Spiel trieben. Deine Maid aber hat nun
gesehen, daß du es doch ernst mit ihr gemeint hast, und liebt dich darum mehr,
als du je glauben könntest; seit sie dir die Liebe angelobt hat, ward sie dir
im Herzen auch nicht mehr ungetreu. – Nun weißt du, blinder Eiferer, wie du mit
ihr stehst! Tue nun, was du willst!‘
[GEJ.04_021,08] Meinst du, Cyrenius, wohl,
der so tief verletzte Liebhaber werde nun von der armen, aber schönsten Maid
nichts mehr hören und sehen wollen, wie er sich's vornahm? O mitnichten! Die
Rede seines Freundes war ihm das liebste, und er konnte den Augenblick kaum
erwarten, in welchem er seiner Geliebten seine Hand für immer reichen würde.
[GEJ.04_021,09] Und also wird es auch unserem
Zinka ergehen! Er ißt und trinkt zwar nun, als kümmere ihn das Wunderbare gar
nicht mehr; aber in seinem Innern ist er nun damit um vieles beschäftigter, als
er es je früher war. Darum deshalb keine Sorge!
[GEJ.04_021,10] Ich kenne die Menschen alle
und weiß, was da alles in ihren Herzen vorgeht. Zudem geht auch nur von Mir die
Lenkung der Gefühle im Herzen aus; wo es nötig ist, da weiß Ich, was Ich zu tun
habe. Seien wir darum nun guter Dinge und essen und trinken, was da vorgesetzt
ist; denn wir benötigen für heute nachmittag etwas mehr Leibesstärkung und
werden spät ans Abendmahl kommen!“
[GEJ.04_021,11] Alles ist nun recht heiter
und froh, und viele loben Gott den Herrn. Einige fingen sogar an zu singen;
aber es war außer dem Herme kein ordentlicher Sänger da. Dieser aber ward von
mehreren angegangen, daß er etwas sänge; er wollte aber nicht recht daran, denn
er fürchtete die Kritik der feinohrigen Römer, und ließ sich darum sehr bitten.
[GEJ.04_021,12] Er (Herme) aber sprach:
„Meine Freunde und Herren! Gott dem Herrn singe ich ein Lied im Herzen; der
Herr Israels vernimmt es sicher mit Wohlgefallen! Sänge ich dasselbe Lied laut
vor euren Ohren, so würde es euch wegen einiger vielleicht unreiner Töne nicht
gefallen. Das würde dann mich mit Scham und Ärger erfüllen, was weder für mich
noch für euch gut wäre; darum singe ich das Herzenslied lieber nicht laut,
sondern ganz still im Herzen. Dem es gilt, der versteht es sicher!“
[GEJ.04_021,13] Sage Ich: „Hast recht, Herme,
singe du also nur gleichfort in deinem Herzen! Dieser Gesang klingt in den
Ohren Gottes um vieles angenehmer als ein lautes, sinnloses Geplärr, durch das
nur das fleischliche Ohr gekitzelt wird, das Herz aber dabei kalt und ungerührt
bleibt.
[GEJ.04_021,14] Wenn bei Gelegenheiten aber
schon auch äußerlich gesungen wird, so soll das erst dann geschehen, wenn das
Herz vom Gefühle der Liebe schon derart übervoll ist, daß es sich durch des
Mundes Stimme muß Luft zu machen anfangen, um gewisserart nicht zu ersticken in
der zu mächtigen Liebeaufwallung zu Gott. Dann freilich ist auch der äußere
Gesang Gott wohlgefällig; aber er soll mit einer reinen Stimme gesungen sein,
welche das Gemüt noch mehr erhebt.
[GEJ.04_021,15] Denn eine unreine und nicht
wohlklingende Stimme ist wie ein trübes Sumpfwasser, auf eine lodernde Flamme
gegossen! Die Folge davon kann sich ein jeder aus euch leicht von selbst
denken.“
[GEJ.04_021,16] Als Ich über den Gesang diese
Erklärung machte, sagte die liebliche Jarah zu Mir: „Aber Herr, wie wäre es
denn – weil wir nun schon gar so heiter beisammensitzen –, wenn uns der Raphael
etwas vorsänge?“
[GEJ.04_021,17] Sage Ich, gleichsam
scherzend, zu ihr: „Gehe ihn darum an! Vielleicht tut er dir zum Gefallen so
etwas. Ich werde natürlich nichts dagegen sagen und haben.“
[GEJ.04_021,18] Die Jarah packt nun gleich
den Raphael und ersucht ihn dringend, daß er etwas sänge.
[GEJ.04_021,19] Und der Raphael sagt: „Du
hast wohl noch keinen Begriff, wie unsereins singt; das aber sage ich dir zum
voraus, daß du meine Stimme nicht lange ertragen wirst, weil sie zu ergreifend
klingt und auch klingen muß, da sie durch zu reine Elemente gebildet wird. Dein
Fleisch hält den Klang meiner Stimme gar nicht aus; wenn ich dir eine
Viertelstunde vorsinge, so stirbst du vor lauter Anmut des Klanges meiner mit
nichts auf der Erde vergleichbaren Stimme! Verlange nun, wenn du, Holdeste,
mich singen hören willst, und ich werde singen; aber welche Wirkung mein Gesang
auf dein Fleisch machen wird, weiß ich dir kaum vorauszubestimmen!“
[GEJ.04_021,20] Sagt die Jarah: „So singe
doch zum wenigsten einen einzigen Ton; der wird mich doch sicher nicht
umbringen oder gar töten!“
[GEJ.04_021,21] Spricht Raphael: „Gut, so
will ich dir denn nur einen Ton singen, und es sollen ihn alle hören, die hier
sind, und die auch in ziemlicher Ferne von hier wohnen, auf daß sie forschen
sollen, welch einen Klang sie vernommen haben! Aber ich selbst muß mich dazu
einige Augenblicke lang vorbereiten! Mache dich nur gefaßt darauf; denn auch
der eine Ton wird für dich von einer ungeheuren Wirkung sein!“
22. Kapitel
[GEJ.04_022,01] Diese Worte vernimmt
natürlich auch unser Zinka und fragt den neben ihm sitzenden Ebahl: „Ist jener
holde Junge wohl so ein Kapitalsänger? Hast du ihn schon einmal gehört?“
[GEJ.04_022,02] Sagt Ebahl: „Er sagt es; ich
aber habe ihn wohl schon oft reden, doch singen noch niemals gehört und bin
darum auf seinen einen Ton selbst sehr neugierig!“
[GEJ.04_022,03] Spricht Zinka: „Woher ist er
denn, und wer ist jenes Mädchen?“
[GEJ.04_022,04] Antwortet Ebahl: „Der Junge ist
bei mir in Genezareth zu Hause, und das Mädchen ist meine leibliche Tochter.
Sie ist erst fünfzehn Jahre alt, hat aber die ganze Schrift im Kopfe und im
Herzen, – und der Junge ebenfalls und ist vorderhand Lehrer in meinem Hause.
Ich kenne ihn also sehr gut! Aber von dem, daß er ein so außerordentlicher
Sänger sei, wußte ich bis zur Stunde nicht eine Silbe; ich bin darum nun selbst
sehr neugierig auf seinen Ton.“
[GEJ.04_022,05] Als Ebahl dieses
ausgesprochen, sagte Raphael: „Nun horchet und passet wohl auf!“
[GEJ.04_022,06] Daraufhin vernahmen alle wie
aus weiter Ferne einen zwar sehr schwachen, aber so unbeschreibbar reinsten
Ton, daß sie alle in eine Entzückung gerieten und Zinka in einem großen
Enthusiasmus ausrief: „Nein, so singt kein irdischer Sänger! So kann nur ein
Gott singen oder mindestens ein Engel Gottes!“
[GEJ.04_022,07] Der Ton aber ward nach und
nach stärker, lebensvoller und mächtiger. In der größten Kraft wie von tausend
Posaunen ausgehend, klang er wie ein Quartsextakkord in Des-Moll, von der
kleinen in die eingestrichene Oktave mit der Wiederholung der Oktave reichend,
nahm darauf wieder ab und verlor sich am Ende wieder in ein schwächstes As
(eingestrichen) von nie vernommener Reinheit.
[GEJ.04_022,08] Alle waren von diesem einen
Tone so entzückt, daß sie in eine Art Betäubung ihres Sinnenlebens übergingen
und sich in einer gewissen Ohnmacht befanden. Der Engel mußte sie erst alle
wieder auf Meinen Wink beleben.
[GEJ.04_022,09] Alle erwachten darauf wie aus
einem seligsten Traume, und Zinka, voll Enthusiasmus, stürzte auf den Raphael
zu, umarmte ihn mit aller Gewalt und sagte: „Junge! Du bist kein Sterblicher!
Du bist entweder ein Gott oder ein Engel! Ja, mit dieser Stimme mußt du ja auch
die Toten erwecken und alle Steine beleben können! Nein, nein, nein! So einen
überhimmlischen Klang hat wohl noch niemals irgendein Sterblicher auf der
ganzen Erde vernommen! O du überhimmlischer Junge du! Wer lehrte dich denn
solche Töne aus deiner Kehle erklingen machen?!
[GEJ.04_022,10] Oh, ich bin ganz weg! Noch
zittern alle meine Lebensfibern von der unbeschreiblichen Schönheit und
Reinheit dieses Eintons! Mir kam es nicht einmal vor, als hättest du den
unerhört reinsten Ton aus deiner Kehle entwickelt, sondern so kam es mir vor,
als hätten sich alle Himmel aufgetan und eine Harmonie aus dem Munde Gottes
wäre über die tote Erde ausgegossen worden!
[GEJ.04_022,11] O Gott, o Gott Abrahams,
Isaaks und Jakobs, – Du bist kein leerer artikulierter Mundlaut! Du bist allein
die Wahrheit und die reinste, ewige Harmonie! Ach, dieser Ton, dieser Ton! Ja,
dieser Ton gab mir alles Verlorene, er gab mir meinen Gott, meinen heiligen
Schöpfer und Vater wieder; er war für mein Gemüt ein reinstes Evangelium aus
den Himmeln! Was vielleicht tausend und abermals tausend Worte nicht vermocht
hätten, das bewirkte dieser eine Ton aus den Himmeln; er hat an mir einen
Menschen vollendet! Mein ehedem steinernes Herz ist wie Wachs an der Sonne und
so zartfühlend wie ein hängender Tautropfen!
[GEJ.04_022,12] O Johannes, dessen Todesverkünder
ich mit dem gebrochensten Herzen sein mußte! Hättest du solch einen Ton im
letzten Augenblick deines irdischen Seins vernommen, wahrlich, dir müßte des
Leibes Tod zur lichtumstrahlten Pforte in die Himmel Gottes geworden sein! Aber
in dem dunklen Kerker, der dich Geheiligten Gottes barg, hörte man nur Töne des
Jammers, der Not und der Trauer!
[GEJ.04_022,13] O Menschen, Menschen,
Menschen! Wie arg muß es in euren Herzen und wie finster in euren armen Seelen
aussehen, die ihr das nicht vernommen habt, was ich nun vernommen habe, und das
auch nicht fühlen könnet, was ich nun fühle und zeit meines Lebens fühlen
werde! O du großer, heiliger Vater im Himmel, der Du ein vollebenswarmes Flehen
auch eines Sünders niemals unerhört gelassen hast, – wenn ich dereinst von
dieser Kummer- und Totenwelt scheide, dann lasse mich ein paar Augenblicke
zuvor noch einmal einen solchen Ton vernehmen, und ich werde allerseligst diese
Erde verlassen, und meine Seele soll darauf ewig loben Deinen allerheiligsten
Namen!“
23. Kapitel
[GEJ.04_023,01] Nach diesen schönen und aller
Anwesenden Gemüter tief erbauenden Exklamationen des Zinka sagte die Jarah: „O
Raphael, Raphael! Welch ein ganz anderes Wesen bist du nun, als du vormals
warst! Du hast mir ja ganz mein Herz zerbrochen! Ach, hättest du den Ton doch
lieber gar nicht gesungen!“
[GEJ.04_023,02] Sagt Raphael: „Warum hast du
mich dazu genötigt?! Ich wollte es ja eigentlich ohnehin nicht; aber da ich den
Ton nicht mehr zurücknehmen kann, so macht das gerade auch nichts! Denke dabei,
daß in den Himmeln Gottes alles diesem Tone gleichen muß, so wirst du dich für
die Folge desto ernster bestreben, dein Leben so einzurichten, daß es in allen
seinen Erscheinungen, Wirkungen und Einrichtungen diesem einen Tone gleicht;
wessen Leben aber nicht diesem Tone gleichen wird, der wird in das Reich der
ewigen und reinsten Liebe nicht eingehen.
[GEJ.04_023,03] Denn der vernommene Ton ist
ein Ton der Liebe und ein Ton der höchsten Weisheit in Gott! Merke dir das nur
so recht gut und handle, daß du ganz dem vernommenen Tone gleich wirst, so
wirst du in aller Liebe und Weisheit gerecht sein vor Gott, der dich zu einer
rechten Braut des Himmels erkoren hat und hat darum mich dir zum Führer
verordnet!
[GEJ.04_023,04] Was aber hier nun geschieht,
das geschieht vor Gott und vor Seinen Himmeln; aber für diese Welt geschieht
das nicht, denn diese würde so etwas nimmer fassen; darum wird davon die Welt
auch wenig oder nichts erfahren, und wird auch von diesem Tone nichts erfahren.
Siehe aber an die Menschen an den anderen Tischen, wie sie allerlei urteilen
und in einen ordentlichen Streit geraten; aber lassen wir sie urteilen und
streiten untereinander! Sie werden doch alle miteinander nichts herausbringen;
denn dies begreift nimmer ein Weltverstand!
[GEJ.04_023,05] Der Herr verweilet hier schon
mehrere Tage; aber der morgige wird der letzte sein! Was nachher geschehen
wird, weiß niemand als nur der Herr allein. Darum erfülle du dein Herz mit
aller Liebe und Demut und behalte verborgen in deinem Herzen, was du hier als
Besonderes und Außerordentliches gehört und gesehen hast; denn dieses den
Weltmenschen wiedererzählen, hieße die edelsten und größten Perlen den
Schweinen vorwerfen, was den Weltmenschen nichts nützen würde. Dies alles mußt
du dir wohl merken und so tun, so wirst du ein nützliches Werkzeug in der Hand
des Herrn werden im Himmel und auf Erden. – Hast du dir das wohl alles
gemerkt?“
[GEJ.04_023,06] Sagt die Jarah: „O liebster
Raphael! Gemerkt habe ich mir wohl alles; aber angenehm ist das gerade nicht,
was du mir nun kundgemacht hast, – namentlich die von dir mir schon für morgen
angekündigte Abreise des Herrn von hier! Du weißt, wie sehr und wie über alles
ich Ihn liebe! Wie wird es mir ergehen, so ich Ihn nicht mehr werde sehen,
hören und mit Ihm nicht mehr werde sprechen können?!“
[GEJ.04_023,07] Sagt Raphael: „Es wird dir
ganz gut gehen, denn wirst du Ihn auch nicht sehen, so wirst du Ihn doch
allzeit hören und sprechen können; denn so du Ihn fragen wirst im Herzen, da
wird Er dir auch antworten durchs Herz.
[GEJ.04_023,08] Sieh, was müssen denn wir
tun!? Ich bin nun, wie du siehst, hier; wenn es aber der Herr will, muß ich
eiligst zu einer von hier entferntesten Welt mich begeben und dort so lange
verbleiben, als es nach der Ordnung des Herrn notwendig ist. Glaube es mir, daß
wir da von der persönlichen Gegenwart des Herrn gewiß oft sehr ferne sind, –
aber von der geistigen gar nicht; denn da sind wir beständig in Gott, also wie
auch Gott in uns ist und wirket Seine nie ermeßbar großen Taten.
[GEJ.04_023,09] Wer Gott den Herrn wahrhaft
liebt, der ist beständig bei Gott und in Gott. Und will er von Gott etwas hören
und wissen, so frage er Ihn im Herzen, und er wird durch die Gedanken des
Herzens auch sogleich eine vollste Antwort bekommen, und es kann sogestaltig
jeder Mensch von Gott allzeit und in allen Dingen belehret und gelehret werden.
Du ersiehst daraus, daß man nicht immer auch zu schauen vonnöten hat, um
glückselig im Herrn zu sein, sondern nur zu hören und zu fühlen, – und man hat
dann auch alles, was zur wahren Seligkeit in Gott nötig ist.
[GEJ.04_023,10] Siehe! Auch ich werde nicht
stets sichtbar um dich sein; aber du wirst mich in deinem Herzen nur zu rufen
haben, und ich werde bei dir sein und werde dir antworten durch deines Herzens
zwar sehr leise, aber dennoch überdeutlich vernehmbare Gedanken. Hast du solche
vernommen, so denke, daß ich sie dir in dein Herz hineingehauchet habe! Du
wirst sie auch erkennen, daß sie nicht auf deinem Grunde und Boden gewachsen
sind. Hast du sie aber erkannt, dann handle danach!
[GEJ.04_023,11] Denn zu wissen allein, was
recht und gut ist und was Gott dem Herrn wohlgefällig, genügt nicht, ja bei
weitem nicht, – auch dann nicht, wenn man das entschieden alleinige und größte
Wohlgefallen an der Lehre aus den Himmeln hätte, würde sich aber dennoch nie
ganz ernstlich dazu entschließen, danach zu handeln in allem und jedem, was die
heilige, aus den Himmeln kommende Lehre vorschreibt.
[GEJ.04_023,12] Darum heißt es, die Lehre
wohl vernehmen, wohl erkennen und dann wohl danach handeln! Ohne das streng
genommene Handeln nach der Lehre aber ist, bleibt und wird nichts!“
24. Kapitel
[GEJ.04_024,01] (Raphael): „Weißt du, meine
lieblichste Jungfrau Jarah, als der Herr in Genezareth Sich aufhielt, da
unterwies Er Selbst dich in allerlei Gartenkultur! Er lehrte dich allerlei
nützliche Pflanzen kennen, zeigte dir, wie sie zu bearbeiten sind und wie zu
gebrauchen. Er legte für dich einen kleinen Garten an und bepflanzte ihn mit
allerlei nützlichen Pflanzen und sagte dir von einer jeden insbesondere, welche
Gestalt sie haben werde, wie sie wachse, wann und wie sie blühe, welche Früchte
sie zum Vorscheine bringen werde, wozu diese gut seien, wie man sie genießen
und wie man von ihnen eine reichere Ernte aufbewahren könne, daß sie nicht
verderbe. Kurz, der Herr Selbst gab dir den nötigen Unterricht in allem, wie
dein Gärtchen zu bestellen sei.
[GEJ.04_024,02] Nun, du hattest darob eine
überaus große Freude! Wäre es aber mit der Freude allein schon abgetan?! Hätte
dir das Gärtchen des Segens Früchte getragen ohne die tatsächliche fleißige
Bearbeitung?! Wegen deines großen Wohlgefallens und wegen deiner Freude an
solcher Lehre aus dem Munde des Herrn wäre in deinem Gärtchen dennoch nichts
gewachsen – außer einiges Unkraut! Dieweil du aber fleißig Hand anlegtest nach
der Lehre, so erblühte dein Gärtchen bald zu einem kleinen irdischen Paradiese,
und du hast die sichere Aussicht, eine recht reiche Ernte aus dem Gärtchen zu
machen!
[GEJ.04_024,03] Und sieh nun! Eben also ist auch
des Menschen Herz ein zwar kleines Gärtchen; wenn man es aber nach der Lehre
aus dem Munde des Herrn recht fleißig bearbeitet und keine Mühe scheut, alles,
was man vernommen hat, in die Tat zu verkehren, so wird man auch ehest so viel
alles Segens und aller Gnade aus den Himmeln im eigenen Herzen besitzen, daß
man am Ende für Seele und Geist schon ganz aus eigenen Mitteln wird leben
können und wird nicht stets unseres Rates und unserer Hilfe benötigen!
[GEJ.04_024,04] Denn das eben will ja der
Herr mit dem Menschen bezwecken, daß er ein ganz selbständiger Bürger der
Himmel werde nach der ewig unwandelbaren Ordnung Gottes; wer das erreicht hat,
der hat dann aber auch schon alles erreicht. – Hast du, liebste Jarah, dieses
alles wohl so ganz recht und gut verstanden? Kennst du dich nun wohl so ein
wenig aus mit dem reinsten Tone, den ich dir vorgesungen habe?“
[GEJ.04_024,05] Sagt die Jarah: „Oh, nun wohl
ganz und so klar und rein wie die Sonne am hellen, wolkenlosen Mittage! Deine
Worte gaben meinem Herzen einen mächtigen Trost, und ich werde sie auch zur
vollen Tat erheben, auf daß sie in mir zur freudigsten und seligkeitsvollsten
Lebenswahrheit werden. Mich zu lehren und die Lehre in die volle Tat verwandelt
zu sehen, dürfte für dich die schwerste Lebensaufgabe wohl kaum sein!? Aber
werden das auch die andern Menschen alle tun, was du mir so treu und wahr
angeraten hast?“
[GEJ.04_024,06] Sagt Raphael: „Sorge zuerst
nur für dich; für die andern wird schon gesorgt werden vom Herrn!“
25. Kapitel
[GEJ.04_025,01] Es hatte aber natürlich auch
der Zinka von dieser Belehrung nicht nur manches, sondern alles vernommen, und
er fragte den Ebahl, zu dem er wohl noch das meiste Vertrauen hatte, sagend:
„Freund, jener sonderbare Junge, der uns ehedem einen Ton aus den Himmeln
vernehmen ließ und nun deiner Tochter eine Belehrung so sonderbar mystischer
Art gab, daß mir – offen gesagt – etwas Ähnliches noch nie vorgekommen ist,
scheint denn doch nicht so ganz, gleich uns, dieser Erde anzugehören; sage
mir's, ob etwa nicht hinter ihm eben derjenige steckt, für dessen
Schuhriemenauflösung sich mein Johannes viel zu gering hielt! Nur zu jung kommt
er mir vor; denn er soll bereits in die dreißig Jahre sein!“
[GEJ.04_025,02] Sagt Ebahl: „Liebster Freund,
das zwar ist der Jüngling nicht, – aber wohl ein Hauptjünger von ihm! Denn ich
muß es dir nun ganz offen bekennen, daß jener Prophet aus Nazareth eine
derartige Macht und Weisheit besitzt, daß da sogar, wie man sagt, Engel aus den
Himmeln auf die Erde herabkommen, um seine Lehre zu vernehmen und seine Taten
zu bewundern und in ihm zu preisen die Allmacht Gottes!
[GEJ.04_025,03] Als Beweis dieser meiner
Aussage dient eben jener Junge, von dem du nicht weißt, was du aus ihm machen
sollst! Als ein irdischer Mensch ist er denn doch ein wenig zu himmlisch, und
als ein Engel vielleicht denn doch noch ein wenig zu irdisch aussehend! Er
wohnt schon seit nahe einem Monde bei mir und ist der Erzieher meiner Tochter;
daß er auf der Erde weder Vater noch Mutter hat und eine Macht in allen Dingen
besitzt, die da rein ins fabelhafteste geht, das kannst du mir allerfestest
glauben! Eine weitere Genealogie kann ich dir von ihm nicht geben. Übrigens
kannst du dich mit ihm selbst näher besprechen, er wird dir auf keine Frage
eine Antwort schuldig bleiben! Hochmut ist keiner in seinem ganzen Wesen!“
[GEJ.04_025,04] Sagt Zinka: „Ich weiß nun
genug, und weiß, für was ich in dieser außerordentlichen Zeit den Jungen zu
halten habe! Aber nun möchte ich denn doch erfahren, ob denn jener große
Prophet aus Nazareth sich etwa nicht auch hier unter uns befindet!? Denn ohne
ihn begreife ich ewig nicht, was da sozusagen ein Engel zu tun hätte! Wenn er
da ist, so sage es mir, auf daß auch ich ihm meine tiefste Ehre bezeige! Denn
nach deinen Reden muß er durchaus rein göttlichen Wesens sein! Zeige mir darum
nur mit einem leisesten Wink, ob er da ist, und welcher es ist!“
[GEJ.04_025,05] Hierauf sagt Ebahl: „Liebster
Freund, habe nur eine kleine Geduld; du wirst ihn schon noch kennen lernen! So
viel aber kann ich dir zu deiner größeren Beruhigung sagen – dieweil du kein
Scherge oder Häscher mehr bist –, daß er sich unter uns befindet und wirklich
hier ist, ansonst alle die Großen Roms sicher nicht hier wären!“
[GEJ.04_025,06] Sagt Zinka: „Auch genug; ich
brauche nicht mehr! Jetzt werde ich ihn schon herausfinden!“
[GEJ.04_025,07] Mit dem ward nun unser Zinka
beruhigt, gab aber nun schon auf alles Obacht und wendete seine Augen und Ohren
nicht ab vom Cyrenius, Kornelius und vom Engel, da er meinte, daß Mich diese am
ehesten verraten dürften, wobei er sich aber freilich ein wenig täuschte; denn
denen habe Ich es sogleich in ihr Herz gelegt, was sie zu reden und wohin sie
des Zinka Aufmerksamkeit zu lenken haben. Auch ward nun die Sitzung aufgehoben
und die Tische wieder abgeräumt, und wir gingen ans Ufer und besprachen uns
daselbst über ganz gleichgültige Dinge. Freilich wohl ließ uns Zinka samt
seinen Gefährten nicht leichtlich aus den Augen.
26. Kapitel
[GEJ.04_026,01] Aber bei der Hin- und
Herwanderung am Ufer des Meeres kamen wir an die Stelle, wo unser Risa die
beiden Ertrunkenen pflegte und auf ihre Wiederbelebung harrte.
[GEJ.04_026,02] Cyrenius sagte zu ihm: „Nun,
Freund Risa, beginnen die beiden schon, so ganz leise Lebenszeichen von sich zu
geben?“
[GEJ.04_026,03] Sagt Risa: „Hoher Herr, da
ist alles rein vergebliche Mühe! Diese beiden werden gewisserart nun immer
toter statt lebendiger; bei denen ist rein alle Mühe und weitere Behandlung
vergeblich! Gottes Allmacht allein nur kann denen das Leben wiedergeben! Da nützt
kein Legen und kein Weineinschütten in den Mund irgend mehr etwas!“
[GEJ.04_026,04] Sage Ich: „Das wird wohl so
deine Meinung sein!?“
[GEJ.04_026,05] Sagt Risa: „Herr, da sieh nur
die blauen Flecken und verspüre den schon sehr vorwärtsgeschrittenen Verwesungsprozeß,
und Du Selbst wirst mir recht geben, daß diese beiden nur am Danielschen
Jüngsten Tage durch Gottes Allmacht wieder belebet werden!“
[GEJ.04_026,06] Hier drängte sich auch Zinka
vor, da er sich bei den Verstorbenen sehr gut auskannte, ob sie völlig tot
wären, und besah sich die beiden Ertrunkenen. Als er seine Proben alle
angestellt hatte, da sagte auch er: „Der Freund hat recht gesprochen! Die
beiden haben mit dem vollkommenen Totsein bis zum Jüngsten Tage zu warten,
vorausgesetzt, daß da auf dieser Erde je einer erfolgen wird, – was ich sehr
schwer glaube! Denn ich weiß es, in was alles sich so ein Fleischklumpen
verwandelt: in Motten, Würmer, Fliegen, Käfer, in allerlei Gras und andere
Pflanzen! Wie viele werden von den wilden Bestien zerrissen und verzehrt! Wie
viele kommen im Feuer um! Sollte das am Jüngsten Tage sich so mir und dir
nichts wiederfinden und eins werden, wie es jetzt ist, da leiste ich auf meine
Menschheit für ewig den vollsten Verzicht! Ich, Zinka aus Jerusalem, in vielen
Dingen kundig, behaupte hier, daß am einst kommen sollenden Jüngsten Tage sich
bei der Wiederbelebung dieser beiden weiblichen Fleischklumpen auch sogar die
Allmacht Gottes ein wenig Zeit lassen wird! Sie wird ihren Seelen einen neuen,
geistigen Leib geben; aber in diesen Leibern wird keine Seele mehr mit einem
Kopfübel geplagt werden!“
[GEJ.04_026,07] Sage Ich zum Zinka: „Freund!
Du weißt so manches und triffst nicht selten den Nagel auf den Kopf; aber hier
hast du, streng genommen, denn doch ein wenig danebengehauen! Du hast zwar
vollkommen recht, daß jede Seele jenseits nimmer in diesem Leibe wandeln wird,
aber eben diese beiden Leiber sollen denn doch noch eine Zeitlang recht
brauchbare Träger ihrer Seelen werden! So Ich es will, müssen diese beiden erwachen!
Eine davon wird noch dein recht fruchtbares Weib werden, und du wirst es lieben
über die Maßen; die andere aber soll das Weib des auch noch ledigen Risa
werden, – aber er wird in ihr keine Frucht erwecken!“
[GEJ.04_026,08] Nach dem berufe Ich die beiden
Ertrunkenen, und sie richten sich im Augenblick auf und schauen voll Staunen um
sich, sich gar nicht fassen könnend, wo sie nun seien, und was mit ihnen
vorgegangen sei.
[GEJ.04_026,09] Risa und Zinka aber fallen
vor Mir nieder, und Zinka ruft: „Du bist's, den Johannes verkündete! Aber Du
bist kein Prophet, sondern Du bist Jehova Selbst!“
[GEJ.04_026,10] Bei dieser Erweckungsszene
kamen auch die noch anwesenden Perser, und der uns namentlich bekannte Schabbi
sagte zum Zinka: „Diesmal hast du, wie ich's fühle, ein rechtes Urteil
gesprochen! Also ist es, Freund, – das ist Jehova! Und der Junge, der uns
ehedem einen himmlischen Ton hat hören lassen, ist ein Erzengel, und zwar
derselbe, der schon einmal auf dieser Erde den jungen Tobias geführt hat. Also stehen
die Sachen: das ist der von allen Propheten und Sehern geweissagte große
Messias, und mit Ihm beginnt ein neues, geistiges Reich auf dieser Erde!
[GEJ.04_026,11] Er ist es, an dem sich viele
ärgern werden und werden über Ihn herfallen und mit Ihm tun wollen, was Herodes
mit Johannes getan hat; aber alle, die das unternehmen werden, werden sich
zerschellen an Seiner Macht und dumm werden und blind wie die finsterste Nacht
vor Seiner Weisheit! Denn Seinesgleichen hat die Erde nie in ihrem Fleische
getragen!
[GEJ.04_026,12] Was ich dir im Namen meiner
zwanzig Gefährten sage, das sage ich dir ohne Scheu; denn von nun an fürchte
ich keine Welt mehr, da ich Diesen habe kennen gelernt, der allein zu fürchten
ist von allen jenen, die sich wider Ihn erheben wollen und werden! Oh, Er wird
den Frevlern allen gar mächtig auf den Zahn fühlen, – und tausend Male Wehe den
Frevlern! Er wird wider niemanden mit dem Schwerte in der Hand zum Kampfe
ziehen, – aber die Macht Seines Wortes wird sie richten und verderben!
[GEJ.04_026,13] Welche Macht aber in Seinem
Worte liegt, davon hast du nun die noch barmutternackten Beweise vor dir! Diese
beiden Mägde waren doch so vollkommen tot, daß daran wohl niemand mehr
irgendeinen Zweifel erheben konnte! Er sprach nur: ,Erhebet euch!‘, – und die
beiden erhoben sich und leben nun wie neugeboren frisch und gesund und sind bei
vollkommen klarstem Bewußtsein; nur wäre es zu wünschen, daß die beiden gar
lieben Geschöpfe eine Leibesbedeckung bekämen! – Aber ich weiß, was ich tun
werde! Es sind mit uns Persern etliche Weiber, die eine dreifache Bekleidung
mit sich führen; da kann jede ein Kleid hergeben, und diesen beiden ist
geholfen!“
27. Kapitel
[GEJ.04_027,01] Hier wandte sich Schabbi an
Mich und fragte, ob er das tun dürfte.
[GEJ.04_027,02] Sagte Ich: „Oh, tue das
immerhin; denn durch eine Wohltat hat sich noch nie jemand vor Mir versündigt!
Gehe hin, und lasse die beiden bekleiden!“
[GEJ.04_027,03] Und Schabbi ging, und in
wenigen Augenblicken war er mit zwei feinsten Seidenhemden von blendend weißer
Farbe und mit zwei himmelblauen, feinsten Kaschmiroberkleidern bei der Hand,
wie auch mit zwei Paaren der teuersten Festsandalen mit langen, mit Seide
gefütterten Bändern; auch zwei diademartige Kämme und goldene Stirnspangen, mit
kostbaren Edelsteinen geschmückt, wurden den beiden Neuerweckten verabreicht.
Sie weigerten sich, den ihnen zu kostbar dünkenden Schmuck anzunehmen.
[GEJ.04_027,04] Aber Ich sagte: „So Ich es
will, da nehmet nur, was euch gegeben wird; denn es ziemet sich für Bräute, daß
sie fein geschmückt sind!“
[GEJ.04_027,05] Da nahmen die beiden auch den
Schmuck an; und als sie so ganz angekleidet und geschmückt waren und dastanden
wie zwei Königstöchter, zeigten sie eine große und dankbare Freude.
[GEJ.04_027,06] Als sie aber also vor uns
standen und vor Schönheit ordentlich strahlten, da sagte Zinka: „Nein, nein,
das ist ja schon wieder ein Wunder! Als ich die beiden ehedem als Tote besah,
kamen sie mir wie als ein paar Weiber von etlichen vierzig Jahren, und ihre verschrumpften
Formen zeigten von keiner Anmut etwas Besonderes; selbst als sie darauf
wunderbarsterweise erweckt wurden, zeigte sich eben auch nichts Besonderes; und
nun sind das zwei Schönheiten, wie meine Augen nie etwas Ähnliches gesehen
haben! Nun sind das zwei Jungfrauen, von denen noch keine zwanzig Jahre zählen
kann! Ja, das ist ja doch auch ein Wunder der Wunder! Was wäre da die junge
Herodias?! Na, wenn Herodes eine von diesen beiden zu Gesichte bekäme und sie
verlangete es, so ließe er ihr zuliebe schon gleich alle Juden enthaupten! Soll
ich armer Sünder wirklich der Gnade gewürdigt werden, einen dieser beiden Engel
zum Weibe zu bekommen, da sieht mich Jerusalem ewig nimmer; denn das wäre so
ein Köder für Herodes und auch für die andern vielen Heiligen der Stadt
Gottes!“
[GEJ.04_027,07] Sagte Cyrenius: „So diese
beiden Wunderkinder entweder keine ordentlichen Eltern mehr haben oder so
selbst die ordentlichen Eltern durch den dazwischengetretenen Tod jedes Recht
auf sie verloren haben, dann sind sie meine Töchter und bekommen von mir aus
eine genügende Aussteuer!“
[GEJ.04_027,08] Sagt die ältere der beiden,
die Gamiela hieß: „Wir beide sind – streng genommen – elternlos; und die wir
Vater und Mutter nannten, sollen mit uns im Grunde nicht von ferne hin
anverwandt sein. Wir kamen als Kindlein von zwei und ich drei Jahren in das
Haus eines eigentlich griechischen Kaufmannes, der erst später so halbwegs das
Judentum angenommen hat; nach einer alten Magd Versicherung wurden wir von
einem Sklavenhändler von Sidon nach Kapernaum gebracht und daselbst vom
bewußten Kaufmanne, den wir Vater nannten, um fünf Schweine und drei Kälber und
acht Schafe erkauft.
[GEJ.04_027,09] Der Verkäufer habe dem
Kaufmanne eine Schrift hinzugegeben, in der unsere Namen und unsere eigentlichen
Eltern sollen aufgezeichnet sein! Unsere wahren Eltern sollen Römer und von
sehr hoher Abkunft sein. Wieviel Wahres nun daran sein mag, wissen wir nicht;
aber die Reise, auf der wir verunglückt sind, haben wir geheimermaßen auch zu
dem Behufe unternommen, um von einem anderorts wohnenden Verwandten unserer
Scheineltern die volle Wahrheit zu erfahren, ob wir wirkliche oder im Ernste
nur angekaufte Töchter unserer Eltern sind.
[GEJ.04_027,10] Allein, da fielen wir in die
Hände der bösen Seeräuber, wurden aller mitgenommenen Habe beraubt, unserer
Kleidung entblößt, dann bei den Haaren trotz alles unseres Flehens fest
zusammengebunden und so dann lebendig ins tiefe Meer geworfen. Was nachher mit
uns geschehen ist, wissen wir nicht, und auch nicht, wie wir nach diesem uns
ganz unbekannten Ort gekommen sind, und wer uns das Leben wiedergegeben hat;
denn wir mußten ja tot gewesen sein, als man uns, sicher vom Meer ans Land
gespült, an irgendeinem Ufer oder Strande gefunden hat! – Wo sind wir denn nun,
und wer seid ihr guten und herrlichen Menschen?“
28. Kapitel
[GEJ.04_028,01] Sagt Cyrenius: „Nur eine
kleine Geduld, meine liebsten Kinder und Töchter! – Du heißt Gamiela, und wie
heißt denn die jüngere Schwester?“
[GEJ.04_028,02] Sagt die Jüngere: „Ich heiße
Ida; denn also rief man mich stets.“
[GEJ.04_028,03] Hier fiel Mir Cyrenius um den
Hals und sagte: „Herr, ja, wie soll ich Dir denn danken?! O Gott, o Vater! Du
hast mir auf diese Art ja meine zwei leiblichen Töchter wiedergegeben, die mir
vor siebzehn Jahren von den frechsten Händen entwendet worden sind! Wie das
möglich war bei der Überwachung, wie sie in meinem Hause stattfand, ist mir nun
bis zur Stunde ein Rätsel!
[GEJ.04_028,04] Ich sandte sogleich nach
allen Seiten Kundschafter aus, die sich nach dem verlorengegangenen
Schwesternpaare umsehen und erkundigen sollten, und ein mutiger Hauptmann
sagte: ,Und sollte sie dir der Pluto geraubt haben, so bringe ich sie dir! Hat
sie aber das Meer verschlungen oder irgendein gefräßiges Raubtier, dann wird alle
Mühe eine vergebliche sein!‘ Er ging und mühte sich drei Jahre vergeblich ab.
[GEJ.04_028,05] Ich sandte auch Forscher nach
Dir, o Herr, nach Nazareth. Sie erfragten Dich wohl, kamen aber mit der
Hiobspost nach Hause, daß mit Dir gar nichts mehr sei. Du wärest ein zwar ganz
ruhiger, aber sonst völlig blöder Junge zwischen dreizehn und vierzehn Jahren,
und von einem Weissagen sei da schon gar keine Rede!
[GEJ.04_028,06] Deine irdischen Eltern gaben
von Dir Selbst ein ganz leidiges Zeugnis und sagten, daß mit Deinem zwölften
Jahre jede Spur von irgendeiner Weisheit ganz verraucht sei und Du nun, was da
Verstand und Einsicht betrifft, jedem ganz gewöhnlichen Erdjungen naehstehest.
Sie sollen damals meinetwegen in Dich gedrungen sein, nur diesmal noch für meine
Boten eine Weissagung zu machen; aber Du verhieltest Dich stumm und sagtest
etwa am Ende, Du seiest nicht der Weissagung wegen in die Welt gegangen,
sondern der Arbeit wegen wie ein jeder Mensch!
[GEJ.04_028,07] Als man Dich fragte, ob Du
Dich nicht erinnertest, was alles Du von der Wiege bis in Dein zwölftes Jahr
geleistet habest, sagtest Du, was da war, das sei nicht mehr! Und als man Dich
um den Grund fragte, da redetest Du nichts mehr, verließest das Zimmer und
gingst hinaus ins Freie, – und meine Sendlinge kamen unverrichteterdinge nach
Hause!
[GEJ.04_028,08] Und so war damals all mein
Forschen ein vergebliches. Sieben volle Jahre trauerte ich um meine zwei
liebsten Töchterchen, – und siehe da, hier sind sie nun! Du hast sie damals mir
vorenthalten, um sie mir nun doppelt wunderbar wiederzugeben! Ja, Herr, wie
soll ich Dir denn nun so ganz eigentlich danken dafür?“
[GEJ.04_028,09] Sage Ich: „Das hast du schon
dadurch, daß du alle, die hier aufgefangen wurden, angenommen hast und hast
Sorge getroffen für ihre Unterbringung und für ihre künftige bessere
Bestimmung, als sie sie bis jetzt hatten! Kurz, – du, Mein erster Freund
Cyrenius, hast Mir schon so vieles getan, daß Ich dich auf dieser Erde nicht
unbelohnt lassen kann! Dereinst in Meinem Reiche im Himmel sollst du darum aber
auch schon noch einen größeren Lohn überkommen!
[GEJ.04_028,10] Aber da du nun deine Töchter
vollkommen gesund wieder hast, so gedenke dessen, wem Ich sie zu Bräuten
bestimmt habe! Die beiden Männer sind zwar nicht königlicher Abkunft; aber sie
sind nun gewisserart Meine Söhne, – und das kann dir denn doch auch genügen!“
[GEJ.04_028,11] Sagt Cyrenius: „Herr, Dein
Wille ist mir ein angenehmstes Gebot, und ich werde für meine beiden
Schwiegersöhne schon Mittel und Wege treffen, vermöge welcher sie so gestellt
werden, den armen Menschen geistig und naturmäßig möglichst viel nützen zu
können!
[GEJ.04_028,12] Aber nun kommet, ihr meine
liebsten Töchter, zu mir und lasset euch an mein Herz drücken; denn ich bin ja
nun einer der glücklichsten Väter auf der ganzen Erde! Wie glücklich wird erst
eure Mutter sein, euch wieder zu besitzen; denn die war um euch untröstlich!
Könnte sie euch auch sehen, so wäre ihr Glück noch größer; aber sie ist bei
aller ihrer großen Liebenswürdigkeit denn doch blind. Als eine Blinde ward sie
mein Weib, bekam auf eine Zeitlang wohl das Augenlicht, ward aber später
dennoch wieder blind! Aber sie hat ein so scharfes Gefühl, daß ich darauf
wetten kann, daß sie euch sogleich erkennen wird! Oh, wie unendlich glücklich bin
ich nun! Kommet her, ihr Armen alle, ich will euch dafür beglücken nach allen
meinen Kräften!
[GEJ.04_028,13] Wenn ich nun daran denke, wie
wir euch auf dem Meere schwimmend fanden bei den Haaren zusammengehängt! Hätte
ich damals mir nur von ferne hin denken können, daß ihr meine Töchter wäret,
wie entsetzlich unglücklich hätte mich euer damaliger Anblick gemacht! Jetzt
erst, da ihr wieder lebet, machte mich der Herr mit euch näher bekannt, auf daß
ich so selig als möglich würde! Und nun bin ich es, und dafür Dir, o Herr,
alles Lob und alle meine Liebe!“
29. Kapitel
[GEJ.04_029,01] Tritt hinzu der Zinka und
sagt: „Hoher Herr und Gebieter! Da die Sachen einmal also stehen, wie ich von
ihnen auch nicht die allerleiseste Spur haben konnte, so bekommt die Sache nun
auch ein ganz anderes Gesicht. Das sind nun keine Kaufmannstöchter aus
Kapernaum mehr, sondern das sind Töchter aus dem Kaiserhause Roms; auf diesem
Baume wachsen auch keine Äpfel für unsereinen! Denn für solche Kinder müssen
sich auch wieder Kinder vorfinden, die von königlichen Eltern abstammen. Ich
bin nur ein gemeiner Judensohn, stamme wohl von Juda ab; aber was ist nun das
gegen dich, der du ein Bruder des großen Kaisers Augustus warst und somit den
Stamm der ältesten Patrizier für dich hast?! Dazu bist du unermeßlich reich,
und ich habe nichts als meinen kärglich zugemessenen Sold für eine ungeheure
Arbeit.
[GEJ.04_029,02] So unendlich glücklich mich
die Gamiela auch gemacht hätte, so ich sie nun als ein Wunder der Himmel zum Weibe
bekommen hätte, – aber da sie nun als deine Tochter, hoher Herr, über meiner
Nichtigkeit steht, kann und darf ich sie nimmer zum Weibe nehmen! Du, hoher
Herr, würdest sie mir heute in deiner reinen Geistesstimmung auch geben; aber
morgen könnte es dich hoch gereuen! Und könnte ich es dir verwehren, so du sie
mir wieder nähmest? Welchen Gram und welche Trauer würde ich dann empfinden!
Muß ich sie zum Weibe nehmen mit der vollsten Versicherung, daß sie mir bleibt,
dann nehme ich sie auch sicher und werde der glücklichste Mensch sein; aber
verlangen werde ich sie nimmer, denn ich kenne meinen Stand und den deinen
auch.
[GEJ.04_029,03] Verschaffe mir aber auf
römischem Gebiete irgendeine kleine Besitzung; die will ich durch meiner Hände
Fleiß bearbeiten und mir und meinen Mitarbeitern den Unterhalt verschaffen! Nur
nach Jerusalem laß mich nicht mehr gehen und im Judenlande nicht mehr
verbleiben! Denn mit Herodes und mit dem Tempel will ich nichts mehr zu tun
haben!“
[GEJ.04_029,04] Sagt Cyrenius: „Laß alles das
gut sein! Ich kann dir ja meine Gamiela nicht mehr nehmen; denn der Herr hat
sie ja dir gewisserart zuvor gegeben denn mir, – und Dessen Wort und Ausspruch
ist mir heilig, überheilig! Was aber der Herr nur von ferne hin wünscht, das
müssen wir tun, wollen wir Seinen heiligen Engeln gleichen! Wohl bin ich auf
dieser Welt nun etwas, solange Er mich leben läßt; aber drüben im großen
Jenseits sind wir dann alle gleich, und unsere hiesigen Schätze bleiben auf der
toten Kruste der Erde hängen und werden zur Nahrung der alles verzehrenden
Zeit.
[GEJ.04_029,05] Darum hindere dich nicht mein
hoher Stand; denn ich trage ihn nur zum Wohle der Menschheit, soviel es nur
immer in meinen Kräften steht. Und solltest du, den mir der Herr der
Unendlichkeit, des Lebens und des Todes besonders ans Herz gelegt hat, davon
ausgeschlossen sein? Nein, nein und nimmermehr! Du bist und bleibst mein Sohn!“
[GEJ.04_029,06] Als Zinka diese Worte
vernimmt, sagt er: „Ja, wahrlich, so kann nur ein Gott dem Herrn über alles
ergebenes Gemüt sprechen! Was der Herr will, das will denn sicher auch ich;
denn Der, der die beiden erweckt hat, ist der Herr Selbst, dessen ich nun
vollkommen überzeugt bin. Und sollten Milliarden nun dagegenzeugen, so wird
Zinka in seinem Glauben nimmer wanken! Ihm allein von nun an alle meine Liebe
und alle meine wahre Anbetung! Ihm sei alle Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit!“
[GEJ.04_029,07] Mit diesen Worten fällt Zinka
vor Mir nieder und sagt: „O Herr, vergib mir alle meine Sünden, auf daß ich als
ein gereinigter Mensch zu Dir beten kann!“
[GEJ.04_029,08] Sage Ich: „Stehe auf, Mein
Bruder! Deine Sünden sind schon lange von Mir hinweggetan worden; denn dein
Herz kannte Ich schon lange und ließ es endlich gar zu Mir kommen. Mich zu
fangen warst du zwar ausgesandt, und Ich ließ Mich von dir auch gefangennehmen,
– aber für dein Herz nur und zu deinem Heile! Stehe nun auf und sei in Meinem
Namen voll heiteren Mutes und werde Mir ein gutes, brauchbares Rüstzeug!“
[GEJ.04_029,09] Mit dem erhebt sich Zinka und
fängt erst so recht an, über die Größe und über die Bedeutung dieser
Begebenheit seine Betrachtungen zu machen. Wenn er sich so nächst Mir gesetzt
haben wird, so werden wir ihn dann erst wieder reden hören. Denn nach Mathael
ist das wohl der größte Geist bei unserer Gesellschaft.
30. Kapitel
[GEJ.04_030,01] Nachdem wir aber den Zinka
auf diese Weise ein wenig zur Ruhe gebracht hatten, kam Risa als der zweite
Schwiegersohn des Cyrenius und fing an, sich auch auf eine ähnliche Art zu
entschuldigen.
[GEJ.04_030,02] Aber Raphael klopfte ihm auf
die Achsel und sagte: „Freund! Bleibe du nur schön bei der Wahrheit deines
Herzens; denn du bist lange kein Zinka! Du bist zwar gut und ehrlich, aber
reden sollst du nie anders, als es dir ums Herz ist! – Verstehst du das?“
[GEJ.04_030,03] Sagt Risa: „Ja, Freund aus
den Himmeln, ich verstehe, was du mir gesagt hast, und ich will reden, so ich
je rede, wie es mir ums Herz ist, und keine Unwahrheit soll über meine Lippen
kommen! Ich bin zwar noch ein junger Mensch und habe weniger Erfahrungen als so
mancher andere; besonders wenige Erfahrungen aber habe ich mit dem weiblichen
Geschlechte gemacht und war noch nie in irgendeine Jungfrau verliebt. Aber ich
fühle mich im Herzen außerordentlich angezogen und fühle es, wie ich über alle
die Maßen glücklich sein werde, wenn die himmlisch schöne Ida mein Weib würde;
aber ich fühle es auch, wie ich mich bei diesem großen Glücke ganz entsetzlich
dumm ausnehmen werde. Aus diesem eigentlichen Grunde möchte ich dieses Glück
für mich missen!
[GEJ.04_030,04] Jetzt ist meine Liebe zur Ida
noch lange keine Leidenschaft, und ich könnte auf dies zu erwartende Glück noch
leichten Gemütes verzichten; werde ich aber später mehr entzündet, und mir
würde das Glück dennoch nicht zuteil werden, so würde mir das ein übergroßes
Herzeleid bereiten, dessen ich mich dann schwerst entledigen könnte. Aus eben
diesem Grunde möchte ich es vom Herrn und vom Cyrenius aus haben, daß ich jeder
Hoffnung auf so ein Glück ledig würde!
[GEJ.04_030,05] Siehe, du mein Himmelsfreund
Raphael, so fühle ich es, und also habe ich denn nun auch geredet! Kannst du
mir da ein wenig helfen, so tue es, bevor es zu spät wird! Denn eine rechte
Hilfe muß auch zur rechten Zeit geschehen, – sonst ist sie zu wenig nütze!“
[GEJ.04_030,06] Sagt Raphael: „Freund, da
wirst du von mir aus wenig oder gar keiner Hilfe benötigen; darum bleibe es nur
so, wie es der Herr bestimmt hat! Du selbst kannst zwar auf alles verzichten –
denn wider des Menschen freien Willen bestimmt der Herr nie etwas, außer das
Maß und die Form des Leibes –; aber es bringt dem Menschen eben nicht irgend
besonders vielen Segen, so er auf das zuwenig achtet, was der Herr, wenn auch
nur durch einen leisesten Wink, geraten hat. – Verstehst du auch das?“
[GEJ.04_030,07] Sagt Risa: „Ja, auch das
verstehe ich und sage darum nichts als: Es geschehe stets des Herrn Wille; denn
wer Gottes Willen tut, der kann unmöglich je fehlen. Denn Gott der Herr muß es
ja doch am besten wissen, was uns Menschen am meisten frommt. Daher werde ich
aber auch von nun an stets alles mit dem größten Dank im Herzen annehmen und
danach tun, wie es der Herr verordnen wird! Was der Mensch leicht tun kann,
weil er dazu schon im Herzen einen Drang hat, das soll er schon allzeit tun und
sich nie darüber hinwegsetzen. Es ist genug des Kampfes in anderen Dingen, über
die des Menschen schwacher Wille schwer Sieger wird. Soll er nun in leichten
und höchst angenehmen Dingen auch schwachwillig werden, da wird er in der
wahren Tugend schon ganz sicher schlechte Fortschritte machen! – Habe ich recht
geredet oder nicht?“
[GEJ.04_030,08] Sagt Raphael: „Allerdings;
aber das sei dir auch noch gesagt, daß es besser ist viel und gut handeln, als
viel und gut reden! Wenn dich die Menschen viel und gut handeln sehen werden,
so werden es dir auch viele nachtun; werden sie dich endlich viel und gut reden
hören, so werden sie es dir auch wollen gleichmachen. Da aber gar vielen zur
wahrhaft guten Rede die rechte Weisheit mangelt, so müssen sie denn doch sicher
nur einen Unsinn zusammenreden und schaden dadurch vielen schwachen Gemütern
und sich selbst auch, weil sie dadurch hochmütigen und einbildnerischen Herzens
werden. Durch eine unnötige Redelust werden mit der Zeit allerlei falsche
Lehren verbreitet, und die arme Menschheit wird geblendet und in alle
Finsternis gebracht, so daß es hernach etwas Schweres ist, sie wieder zu
erleuchten; durch viele und gute Handlungen aber wird die Menschheit edlen und
offenen Herzens. Ein edles und offenes Herz aber ist ohnehin die beste
Pflanzschule zur wahren Weisheit und wird auch da gut und recht zu reden
verstehen, wo es vonnöten sein wird.
[GEJ.04_030,09] Dieses aber habe ich dir
darum gesagt, weil du eine oft zu große Redelust in dir birgst, aber dazu noch
lange nicht alles besitzest, was zu einer vollkommen guten Rede vonnöten ist;
daher rede du wenig, aber dafür höre und handle du desto mehr, so wirst auch du
ein wahrer Jünger des Herrn sein, und das nach Seinem Willen und nach Seinem
Wohlgefallen!
[GEJ.04_030,10] Die dereinst reden und
predigen sollen, die wird der Herr dazu schon eigens auserwählen; die Er aber
nicht eigens fürs Reden und Lehren auserwählen wird, die sind von Ihm nur fürs
Handeln nach Seinem Worte und nach Seiner Lehre bestimmt und sollen demnach nur
allzeit das tun, wozu sie vom Herrn aus die unzweifelhafte Bestimmung haben. So
werden sie sich allzeit des Wohlgefallens Gottes und irgendeiner besonderen
Gnade zu erfreuen haben. Sage das auch deinen Freunden und Amtsgefährten; denn
auch unter ihnen gibt es manche, die sich darauf auch so manches noch zugute
halten, daß sie geordnet und geschmeidig reden können! Sie sind vom Herrn auch
nicht zur Rede, sondern nur zur Handlung ausersehen.
[GEJ.04_030,11] Der Herr läßt dich aber darum
nun irdisch glücklich werden, auf daß du dereinst recht viel Gutes wirken
kannst; hätte der Herr dich aber zu einem Redner und Lehrer berufen, so würde
Er zu dir sagen: ,Komme und folge Mir, wohin Ich ziehe, und lerne alle Weisheit
des Reiches Gottes erkennen!‘ Denn siehe, zum Reden und Lehren wird mehr
erfordert denn zum Handeln, und dennoch ist das Handeln die Hauptsache – und
Rede und Lehre nur der Wegweiser dazu!
[GEJ.04_030,12] Siehe, wie angenehm dem Herrn
der Cyrenius ist; aber wegen der guten Rede sicher nicht, sondern wegen der
guten und vielfach edlen Handlungen! Wer aber viel Gutes und Edles tut, der
kann, so es irgend nötig ist, schon auch gut und recht reden; denn ein offenes
und edles Herz bleibt nie ohne Licht aus den Himmeln. Wer aber das hat nach dem
Maße seiner vielen guten und edlen Taten, dem wird es auch stets klar sein, wo,
wann und wieviel er zu reden hat. – Verstehst du, mein lieber Risa, nun auch
das so recht wohl, was ich nun zu dir geredet habe?“
[GEJ.04_030,13] Sagt Risa: „Wie sollte ich
das nicht; denn du hast ja die reinste Wahrheit geredet, und diese ist allzeit
für jedermann wohl verständlich! Ich werde mich streng und stets nach diesen
deinen Worten richten. Was ich aber nun von dir vernommen habe, werde ich
sogleich auch allen meinen Gefährten wiedergeben; nur das einzige möchte ich noch
erfahren, ob denn Zinka auch bloß nur zum Handeln oder danebst auch zum Lehren
berufen ist!“
[GEJ.04_030,14] Sagt Raphael: „Mein Freund
Risa, zwischen deinen und des Zinka Erfahrungen besteht ein gar großer
Unterschied! Er ist eine große Seele, von oben herabkommend, und hat viele und
große Erfahrungen hinter sich, obwohl er nur um zehn Jahre älter ist denn du;
und daher wird er vom Herrn auch gesetzt werden zum Handeln und zum Reden. Wenn
aber auch du viele Erfahrungen hinter dir haben wirst, so wirst du auch gut zu
reden und zu lehren haben. Aber für jetzt sammle dir Erfahrungen und werde
reich an guten und edlen Handlungen!“
31. Kapitel
[GEJ.04_031,01] Risa schreibt sich das tief
ins Herz und begibt sich zu seinen Gefährten, die ihn zu seinem Glücke zu
beglückwünschen anfangen; er aber öffnet seinen Mund und tut ihnen von Wort zu
Wort kund, was er von Raphael vernommen hat.
[GEJ.04_031,02] Als er damit zu Ende war,
sagte Hebram zu ihm: „Das ist eine gar herrliche Rede, wie aus dem Munde Gottes
kommend; aber etwas ist daran denn doch zu bemerken, wennschon nicht an der
Rede selbst, so doch an dem, der sie vortrug. Sie enthielt viele und gar
denkwürdig wahre Worte, die in guter Reihenfolge nacheinander ins Dasein
traten; der Vortragende aber hatte dennoch zuvor geredet – als gehandelt!
Allein ich finde das ganz recht; denn jeder guten Handlung muß ja doch allzeit
eine gute Lehre vorangehen, ansonst der Handelnde doch unmöglich irgendeine
Direktion zu seinem Tun und Lassen bekommen kann.
[GEJ.04_031,03] Aber im Grunde des Grundes
hat Raphael dennoch recht; denn so viel weiß der Mensch bald, was gut und recht
ist. Einfache Gesetze geben ihm das! Er braucht nun nur recht zu wollen, und
ein gutes Handeln kann da nicht unterm Wege verbleiben. Aber das Wissen allein
scheint mir denn doch noch ein zu geringer Beweggrund zum Guthandeln zu sein,
besonders bei sehr materiellen Menschen, die nur zu leicht von einem eitel
materiellen Vorteile übertölpelt und zum Schlechthandeln verleitet werden. Da
heißt es denn dann doch die Vorlehre so weit ausdehnen, daß durch sie dem
Jünger klare, handgreifliche und unumstößliche Beweise als Beweggründe zum
Guthandeln gegeben werden, wider die zu handeln es dem Jünger ebenso nahe
unmöglich vorkommen muß, als ohne ein Schiff übers Meer kommen zu wollen.
[GEJ.04_031,04] Hat man es mit einem Jünger
einmal so weit gebracht, dann ist das wahre Guthandeln eine gar leichte Sache;
aber ohne die hinzugegebenen handgreiflichen und fest erwiesenen Beweggründe wird
es stets nur ein Problem bleiben, dessen Güte man wohl so einsieht, aber weil
das Handeln danach denn doch mit so manchen Schwierigkeiten und
Sichselbstverleugnungen verbunden ist, so läßt man sich in lieber Trägheit und
leidiger Selbstsucht ganz wohl geschehen und läßt das viele und gute Handeln
einen guten Mann sein. Man geht seinen tierischen Gelüsten gleichwegs nach und
ist nach dreißig Jahren noch derselbe Tiermensch, der man so ganz eigentlich in
der Wiege war. Es gehören darum meiner unmaßgeblichen Ansicht nach zur
Guthandlungslehre auch die obbezeichneten Beweise, und diese fordern schon bei
weitem mehr als zu sagen: ,Dies und jenes hast du zu tun, weil es gut ist, und
dies und jenes mußt du lassen, weil es schlecht und böse ist!‘“
[GEJ.04_031,05] Sagt Risa: „Da hast du ganz
recht und sagst im Grunde denn doch nichts anderes, als was Raphael damit doch
auch handgreiflich klar dargetan hat, daß nämlich nur der lehren und reden
soll, der vom Herrn dazu im Geiste berufen ist. Ein solcher Lehrer wird seinen
Jüngern die Lehre samt den erforderlichen Beweisen schon geben und sie dadurch
zum Handeln bewegen, so wie mich des Engels Rede zum Handeln allerunfehlbarst
bewegt hat. Aber so wir beide nun als Lehrer aufträten, da würden wir sicher
sehr viel dummes Zeug zusammenreden, und käme so ein recht feiner und
wohlgeschliffener Redner zu uns und finge an, so recht kräftige Gegenworte zu
uns zu reden, so würde er uns am Ende verwirren, und wir tanzten vielleicht
zuletzt gar nach seiner Pfeife noch! Handeln wir aber gut, so kann er dagegen
mit allen Verstandesgründen der Welt nicht die geringste Einwendung und
Entgegnung finden. Darum ist für viele das Handeln besser als das Lehren. –
Bist du darüber etwa noch nicht völlig im klaren?“
[GEJ.04_031,06] Sagt Hebram: „O ja, jetzt
wohl, und war es auch schon früher, und es ist gut also! Sonderbar aber ist
doch der Mensch, – das merke ich an mir! Denke dir: Als wir denn doch oft genug
so die Schrift durchlasen und studierten, wie durch und durch unbegreiflich
erhaben und die größte und tiefste Ehrfurcht einflößend kamen uns da alle die
wunderbaren Erzählungen, Begebnisse und hie und da vorkommenden Lehren vor! Den
hie und da wirkend vorkommenden Geist Gottes getrauten wir uns aus der blindest
höchsten Ehrfurcht am Ende ja gar nicht mehr auszusprechen! So wir von einem
erschienenen Engel etwas lasen, – das durchrieselte uns Mark und Bein! Moses
stand so groß da, daß sich vor seinem Namen nahe alle Berge zu neigen schienen!
[GEJ.04_031,07] Nun stehen wir hier vor
demselben Gott, der auf Sinai Seine Gesetze gedonnert hat! Derselbe Engel, der
den jungen Tobias geführt hat, geht unter uns umher wie ein ganz gewöhnlicher
Mensch und lehret uns mit gar süßen Worten den Willen des Herrn näher erkennen!
Dazu geschehen aber noch in einem fort Wunder über Wunder von der unerhörtesten
Art und Weise, – und uns kommt nun alles das aber schon so ganz gewöhnlich vor,
als wären wir schon von Kindheit an dabei aufgewachsen! Sage mir, worin denn
das liegen mag!
[GEJ.04_031,08] Wir sollten nun vor lauter
Verwunderung und Anbetung ja ganz ordentlich aus der Haut fahren, – sind aber
statt dessen so schön stumpf wie ein altes, verrostetes Schwert eines alten
Kriegers! Woran liegt das, was kann daran schulden? Wenn ich dessen gedenke, so
könnte ich mir vor Ärger selbst den Kopf vom Leibe herabreißen!“
[GEJ.04_031,09] Sagt Risa: „Sei darum ruhig,
Freund! Es wird das der Herr also haben wollen; denn stünden wir aus
begreiflichen Gründen stets in der höchsten Gemütsaufregung, da würde uns sehr
vieles entgehen, was hier geschieht und gesprochen wird. Der Herr aber versteht
es, unsere Gemüter in den nüchternen Schranken festzuhalten, und wir können
darum alles, was hier geschieht und vor uns geredet wird – wenn auch von einer
noch so unbegreiflich erhabensten Art –, ganz kaltblütig anschauen und anhören
und können es uns auch desto tiefer in die Seele einprägen. Wenn dies alles
vorüber sein wird, dann wird sich's darüber in unseren Gemütern schon sicher
auch auf die allerkolossalste Art zu regen anfangen! Oh, das wird nicht
ausbleiben! Aber für jetzt ist es also sicher um vieles besser! – Bist du
hierin etwa einer andern Meinung?“
[GEJ.04_031,10] Sagt Hebram: „Durchaus nicht,
– deine Meinung ist da wieder eine ganz vollkommen richtige, und es wird ganz
bestimmt also sein! Aber schlecht ist es gerade auch nicht, so man sich dessen
selbst ermahnt, daß man sich bei dieser noch nie dagewesenen, heiligst
außerordentlichen Gelegenheit gar leicht und viel zuwenig erbaut fühlt, während
einen doch die gelesenen Außerordentlichkeiten aus der Vorzeit gar so tief
ergriffen und oft hingerissen haben. Würde diese geistige Stumpfheit von uns
allein abhängen, so müßte ich sie als eine große und äußerst grobe Lebenssünde
ansehen; aber so nach deiner Meinung der Herr durch Seinen allmächtigen Willen
in uns alles also bewirkt, so müssen wir Ihm dafür dankbar sein und alles, was
Er spricht und tut, desto ernster und tiefer in uns erwägen und darüber sehr
nachdenken, wie wir Sein Wort ins volle Werk setzen werden. Aber daß der Zinka
ein gar so geistvoller Mann ist – und war und ist doch nur ein Oberdiener des
Herodes! –, das ist mir ein Rätsel! Wo hat er denn seine überwiegende Weisheit
geschöpft und sich die vielen Erfahrungen gesammelt?“
[GEJ.04_031,11] Sagt Risa: „Das weiß ich
kaum; aber ein so großer Herr, wie Herodes einer ist, wird seinen Diener sicher
zuvor aus und aus und durch und durch geprüft haben, bis er ihn zu einem ersten
und obersten seiner Diener gemacht hat. Zudem war Zinka nach eigenem Geständnis
ein besonderer Freund des Propheten Johannes und hat von ihm sicher so manches
aufgefangen, was auch von großer Lebensbedeutung war, und es ist daher wenig
Wunderbares daran, so er weiser ist denn unsereins. Er werde aber etwa noch
über etwas eine Rede halten, auf die ich sehr gespannt bin. – Aber nun scheint
der Herr eine Rede halten zu wollen, darum schweigen wir einmal; denn aus
unserem Reden kommt ohnehin nicht viel Gescheites heraus!“
32. Kapitel
[GEJ.04_032,01] Während des Zwiegespräches
der beiden aber verschaffe Ich den beiden Erweckten die Gelegenheit, Mich als
denjenigen kennen zu lernen, der vor etlichen Monden auch in Kapernaum ein paar
Tote erweckt hatte, und die beiden erkannten Mich bald als denselben und
kannten auch Maria und die andern des Hauses Joseph. Die Gamiela erzählte auch,
daß sie sich noch ganz gut erinnern könnten, wie der alte Zimmermeister Joseph
mit seinen sechs Söhnen bei ihrem Ziehvater in Kapernaum einen ganz neuen
Schafstall erbaut habe, und sie sich auch erinnere, Mich Selbst als den jüngsten
der Söhne Josephs bei der Arbeit gesehen zu haben; aber damals habe sie wohl
keine Ahnung gehabt, daß hinter Mir der Geist des Allerhöchsten verborgen wäre.
[GEJ.04_032,02] Aber die Ida sagte dazu:
„Doch, doch, liebe Schwester! Es war am letzten Abend, als der Bau vollendet
war und unser Ziehvater dem alten Joseph die Arbeit bezahlte, aber nach seiner
kaufmännischen Sitte ihm am Ende etliche Groschen abzog, da trat dieser Heilige
zum Kaufmanne hin und sagte: ,Tue das nicht; denn das wird dir keinen Segen
bringen! Du bist ein Heide zwar, glaubst aber an den Gott der Juden. Und sieh,
dieser mächtige Gott wohnt in Meinem Herzen, und so Ich Ihn bitte, gewährt Er
Mir das, um was Ich Ihn gebeten habe! Er wohnt auch in den Herzen aller
Gerechten vor Ihm und erhört gerne ihre Bitten. Würdest du hart gegen den
Joseph, der bei dir eine schwere Arbeit zu bestehen hatte, so würde Ich Meinen
Gott und Vater bitten, daß Er es dir vergelten möchte, und es würde dir alsbald
gar übel vergolten werden! Bedenke, daß es nicht gut ist, die zu beleidigen,
mit denen Gott eins ist!‘ Mein Ziehvater aber horchte wenig darauf und blieb
bei seinem Abzuge bestehen. Der alte Zimmermann aber sagte: ,Siehe, ich bin
ehrlich und sage es dir ehrlich: Die etlichen Groschen wären gerade mein ganzer
Gewinn bei dieser schweren Arbeit gewesen, und ich hätte damit meinen Hauszins
bezahlen können! Weil dir aber, der du ein reicher Mensch bist, schon gar
soviel daran liegt, so behalte sie; aber du behältst sie mit Unrecht, und
dieses tut nie gut!‘
[GEJ.04_032,03] Ich, Ida, aber weinte vor
Ärger über die verstockte Härte meines Vaters, ging in meine Kammer und brachte
geheim all mein Erspartes, und Gamiela tat nach mir dasselbe, und wir steckten
so dem alten Joseph heimlich bei hundert Groschen ins Lägel seiner Werkzeuge.
Niemand bemerkte das außer Dir, o Herr! Und Du sagtest darauf: ,Euch aber, ihr
beiden Mägdlein, wird dereinst hoch vergolten werden, was Gutes ihr uns
erwiesen habt!‘ Bei diesen Worten aber sahst Du einem Verklärten gleich. Darauf
erhobet ihr euch und verließet unser Haus. Es war spät abends, und ihr hattet
zu Fuß doch etliche Stunden Weges nach Nazareth; da sagte ich zu Dir: ,Möchtet
ihr denn nicht lieber die Nacht hier verbleiben, als den unsichern, weiten Weg
gehen, zumal die Nacht gar so finster ist, weil dichte Gewitterwolken den
Himmel bedecken und auch ein Ungewitter im Anzuge ist?‘ Da sagtest Du, was mir
stets denkwürdig blieb: ,Wer den Tag gemacht hat, ist sein Herr, und wer die
Nacht, ist auch ihr Herr; darum hat der Herr des Tages wie der Nacht weder den
Tag noch die Nacht zu fürchten! Das Gewitter aber stehet auch in desselben
Herrn Macht, den die Welt nicht kennt; es wird uns weder die Nacht noch das
Gewitter einen Schaden zu bringen vermögen! Lebet wohl, ihr beiden Engelchen!‘
Mit dem verließet ihr unser Haus, und weiß der Himmel, – kaum waret ihr über
des Hauses Schwelle, so war auch keine Spur mehr von euch irgend zu entdecken!
[GEJ.04_032,04] Oh, ich habe oft an Dich, o
Herr, gedacht, – konnte aber später bis zur Stunde mit Dir nirgends mehr
zusammenkommen! Aber an unserem Ziehvater sind Deine Worte in eine furchtbare
Erfüllung gegangen in derselben Nacht noch! Ein furchtbares Gewitter kam, der
Blitz schlug dreimal in den neuen Schafstall, in dem schon am Tage seiner Vollendung
siebzehnhundert der schönsten Schafe sich befanden. Alles verbrannte in ein
paar Stunden und konnte bei aller Anstrengung nichts gerettet werden! Da
bedauerte unser Ziehvater, sich am treuen Zimmermanne so hart versündigt zu
haben; denn er sagte selbst: ,Diese Strafe kommt über mich von oben, weil ich
sie verdient habe. Niemals soll je wieder in meinem Hause ein treuer Arbeiter
auch nur um einen Stater seines wohlverdienten Liedlohnes verkürzt werden!‘ Er
hielt auch das Wort. Den Stall ließ er jedoch auf derselben Stelle nicht wieder
erbauen; aber auf einer andern Stelle ließ er hundert Morgen Grundes fest
einzäunen und hineinsetzen nur eine Hütte für zehn Hirten und Schafwärter. Den
alten Zimmermann aus Nazareth aber sahen wir nie wieder. Er muß jüngst darauf
gestorben sein; denn er sah schon damals recht schwach aus.
[GEJ.04_032,05] Wir kamen etwa ein halbes
Jahr darauf auf den großen Markt nach Nazareth und erkundigten uns emsigst nach
dem alten Zimmermann und nach seinen Söhnen; aber es hieß, sie seien weit übers
Land geholt worden, allwo sie mehrere Häuser zu erbauen bekommen hätten, – und
wir zogen also ganz unverrichteterdinge wieder Kapernaum zu. Nachher erfuhren
wir aber nichts mehr von der Zimmermannsfamilie. Der Ziehvater soll einmal,
etwa drei Jahre darauf, in Erfahrung gebracht haben, daß sich der Joseph wegen
einer großen Arbeit nach Hochnazareth soll gezogen haben, das gegen Samaria hin
im Gebirge liegt. Aber wir jedoch bekamen da niemand von den Seinigen mehr zu
Gesichte! Und doch hätte ich mit dem jungen Zimmermanne, der meines Wissens
Jesus hieß, gar so gerne eine nähere Bekanntschaft gemacht!
[GEJ.04_032,06] Doch, – was uns damals nicht
mehr vergönnt war, das hast Du, o Herr, bis jetzt wunderbar aufbewahrt! Jetzt
erst ist uns auch ein Licht aufgegangen über jene von Dir am selben Abende, an
dem ihr in der stockfinstersten Nacht unser Haus verließet, so geheimnisvoll
gesprochenen Worte! Jetzt wissen wir, wer der Herr des Tages, der Nacht und des
Gewitters war und ist! Aber nun bringen wir Dir noch einmal mit Herz und Mund
unseren Dank dar für alle die namenlosen Gnaden und Wohltaten, die Du, o
süßester Herr Jesus, uns erzeiget hast ohne alle unsere Verdienste!“
[GEJ.04_032,07] Sage Ich: „Oh, gar so ohne
allen Verdienst seid ihr mitnichten; denket nur an das, was ihr dem alten
Joseph erwiesen habt! Wie sehr zustatten kamen ihm eure hundert Groschen, als
er sie am kommenden Morgen in seinem Werkzeuglägel fand! Er dachte anfangs, daß
ihm solches euer Ziehvater heimlich getan habe; aber er ward von Mir bald in
seinem Irrtume berichtigt. Er lobte sehr eure guten Herzen, und Ich versprach
ihm, daß Ich Selbst solche Güte an euch einmal vielfach vergelten werde, und
habe euch darum nun das Leben und eure wahren Eltern freundlichst und freudigst
wiedergegeben. Gehet nun vollends hin und machet ihm eine rechte Freude; denn
seine Freude ist auch die Meine!“
[GEJ.04_032,08] Darauf erst gingen die beiden
zum Cyrenius und umarmten ihn, und er weinte vor Freuden wie ein Kind. –
33. Kapitel
[GEJ.04_033,01] Als Cyrenius seinen
Freudenschmerz nach einer Weile erst so recht ausgeweint hatte, wobei ihn auch
die beiden Töchter, der Zinka und auch der herbeigekommene Risa so recht
wonniglich kräftig unterstützt haben, ging er wieder auf Mich zu, umarmte Mich
und sagte schluchzend: „O du ewige, reinste Liebe! Wer soll Dich denn nicht
über alles lieben?! O Herr, o Vater, wie gut und wie heilig bist Du denn?! O
Herr, laß mich sterben in dieser meiner Liebe!
[GEJ.04_033,02] Herr und Vater! Solange ich
die nie ermeßbar große Gnade habe, Dich von Deiner irdischen Geburt an zu
kennen, habe ich Dich auch allzeit geliebt, und Du warst stets der Angelpunkt
aller meiner Gedanken! Aber ich war nicht immer gleich stark Herr über meine
eigene Welt in mir und über die Welt außer mir; jetzt aber glaube ich, durch
Deine Gnade und Liebe die nötige Kraft erreicht zu haben, in allem und jedem
Deinem heiligsten Willen gemäß nach menschlicher Weise vollends den Rest meiner
noch zu lebenden Tage zu durchwandeln.
[GEJ.04_033,03] Ich regiere freilich zumeist
nur Heiden, deren Götterlehren ich leider hie und da auch noch beschirmen muß –
es ist das wohl ein großes Übel; aber mit einem Hiebe fällt ja doch nie ein
Baum um –; ich werde es mir aber sehr angelegen sein lassen und trachten, wenigstens
in meinem Regierungsterritorium die Erkenntnis des allein wahren und lebendigen
Gottes unter den besseren Heiden soviel als nur immer möglich auszubreiten!
[GEJ.04_033,04] Mit den Priesterschaften
werden wir wohl die größte Not haben; denn diese Kaste lebt schon seit mehreren
Jahrhunderten von ihrer Volksverfinsterungssache. Die Alten werden wohl Blitz
und Donner vom Himmel rufen, und die Jungen werden dazu grimmige Gesichter
schneiden; aber am Ende werden sie wohl gezwungen sein, ihre alte Gewohnheit zu
verlassen und sich auf unser neues Feld zur Arbeit zu begeben. Das Traurigste
für den ehrlichen Menschen auf dieser Erde ist es aber, daß er die Lüge
sogleich ohne alle Mühe leicht findet, die Wahrheit aber nur durch ein sehr
mühevolles Suchen, das nicht selten mit vielen und großen Gefahren verbunden
ist, erreichen kann.
[GEJ.04_033,05] Die alten Ägypter hatten ihre
Schulen sehr klassisch eingerichtet. Wer nur so eines oder das andere fürs
äußere Leben erlernen wollte, der hatte seine Taxe zu entrichten, und es wurden
ihm die mannigfachen Vorteile gezeigt; wer aber da kam, um die Wahrheit zu
suchen und sie zu finden, durch die das innere Leben des Menschen bedingt ist,
dem wurde sein ominöses Suchen auf eine nahe unerhörte Weise heiß gemacht. Und
hatte er die große Lebenswahrheit gefunden, so mußte er ein Priester
verbleiben, und unter dem schwersten Eide durfte er von dem, was er gefunden,
ja keinem Laien auch nur eine Silbe mitteilen!
[GEJ.04_033,06] Die heilige Wahrheit war
somit stets schwer zu erreichen, während sich das Regiment der Lüge gratis über
die ganze Welt breitmachte. Weil aber die alte Lüge stets das Zepter über die
Menschen geführt hat, so haben sich die Menschen auch an die Lüge gewöhnt; sie
ist ihnen zur zweiten Natur geworden, und das um so leichter, weil sich gar
viele, wenn auch nicht alle, ganz wohl dabei befunden haben und sich noch
befinden. Nun, von wegen des Fahrenlassens der Lüge wäre soviel des Anstandes,
wie ich mir's denke, eben nicht; aber das Fahrenlassen der bisher genossenen
Vorteile ist eben der Haken, der sich sehr schwer wird biegen lassen!
[GEJ.04_033,07] Doch Geduld, – es wird alles
noch gehen! Man verspreche und gebe der Priesterschaft andere Vorteile, zeige
dieser Kaste, die ohnehin keinen Glauben hat, freundlich unter vier Augen die
Wahrheit und verdinge sie dann – wenigstens den bessern Teil – zur Ausbreitung
der Wahrheit, und ich meine, daß sich auf diese Art die sonst größte
Schwierigkeit in eine ganz leichte Mühe wird umgestalten lassen. Ob man aber je
auf der Erde der Lüge ganz wird Meister werden, das ist nun eine andere Frage!
Gute und rechtschaffen gesinnte Menschen, deren Seelen voll Wahrheit sind,
werden wohl sicher alles aufbieten, um wenigstens ihre Nachbarn in ein besseres
Licht zu setzen. Kurz, um solche Leuchter wird es stets so hübsch helle
aussehen. Aber weiter weg von den Leuchtern wird es dann schon wieder finsterer
werden, und gar weit weg, sowohl im Raum und in der Zeit, wird so wie jetzt die
volle Nacht ihr Zepter führen!
[GEJ.04_033,08] Das ist so meine Ansicht. Du,
o Herr, könntest es vielleicht wohl anders machen; aber Du weißt es auch, warum
es auf dieser Erde also sein muß! Daher geschehe auch nur stets Dein allein
heiliger Wille!“
34. Kapitel
[GEJ.04_034,01] Sage Ich: „Mein lieber Freund!
Deine Ansichten gefallen Mir ganz gut, und der heilige Vater im Himmel hat
stets eine rechte Freude daran, wenn Seine Kinder sich mit Ihm weise beraten;
aber es sind gewisse Dinge, die einmal so sein müssen, und es muß dies und
jenes zur Erreichung eines bestimmten Zweckes also geschehen, wie es geschieht,
ohne das der Zweck unmöglich erreicht werden könnte.
[GEJ.04_034,02] Daher gibt es von Gott aus
ein zweifaches Gesetz. Das eine ist ein rein mechanisches und heißt ,Muß!‘. Aus
diesem Gesetze heraus gehen alle Formen und deren Gliederungen, nach denen sich
dann die Tauglichkeit der Form erweist; an diesem mechanischen Gesetze kann
ewig kein Häkchen verändert werden. Das andere Gesetz aber heißt ,Soll!‘. Und
diesem allein gilt die Lehre des Lebens!
[GEJ.04_034,03] Nach dem Gesetze des Lebens
kannst du alle Häkchen des Ganzen vertilgen, zerstören oder gar vernichten, so
macht das eben soviel nicht und ist eins; was da frei werden soll, das muß auch
schon in seiner ersten Entwicklung frei sein! Verbildet es sich auch ganz im
freien innern Sein, so kann es darum das Mußgesetz über sich doch nicht
aufheben; in der Form aber liegt gleichfort der Keim, der von neuem wieder zu
treiben beginnt in der rechten Ordnung, das in der freien Lebenssphäre
Verdorbene wieder ergreift und in die rechte Ordnung herüberzieht.
[GEJ.04_034,04] So siehst du Völker auf der
Erde in aller Verdorbenheit stecken, was die Seele betrifft; aber ihre Gestalt
bleibt, und so du sie ansiehst, mußt du bekennen, daß es Menschen sind. Ihre Seelen
zwar sind verzerrt durch allerlei Lügen, Falschheit und Bosheiten; zur rechten
Zeit aber lasse Ich irgend mehr Wärme in den Lebenskeim dringen, und er fängt
an zu wachsen, verzehrt die alte Unordnung der Seele wie die Graswurzel den
auch schon faul gewordenen Wassertropfen, und es geht dann ein ganz gesunder,
lebenskräftiger und in allen Teilen reiner Grashalm mit Blüte und Samen hervor.
[GEJ.04_034,05] Aus dem Grunde sollet ihr
nicht und nie über ein verdorbenes Volk ein zu hartes Urteil fassen! Denn
solange die Form bleibt, bleibt auch der reine Keim im Menschen, bleibt aber
der, da kann auch noch ein Teufel zum Engel werden!
[GEJ.04_034,06] Gewöhnlich sind irrige
Lehrer, Herrsch- und Habsucht einiger Mächtigeren und eine zeitweilige
Besitznahme von bösen Geistern, die das Fleisch und den Nervengeist der
Menschen beschleichen, die steten Ursachen der Verderbung der Menschen und
ihrer Seelen. Aber von einer gänzlichen Verderbung etwa auch des innersten
Lebenskeimes kann keine Rede sein.
[GEJ.04_034,07] Sieh an den Mathael und seine
vier Gefährten; wie waren sie von den argen Geistern zugerichtet! Ich erlöste
die fünf davon und erweckte den Lebenskeim in ihnen, und siehe, was für
vollkommene Menschen das nun sind!
[GEJ.04_034,08] Freilich gibt es Unterschiede
unter den Menschen! Einige Seelen sind von oben her. Diese sind kräftiger, und
die argen Geister dieser Erde können ihnen weniger oder auch nichts anhaben.
Solche Seelen können denn auch eine stärkere Fleischlebensprobe aushalten, ohne
irgendeinen bedeutenden Schaden zu erleiden. Wird bei denen der Geist, das ist
der verborgene Urlebenskeim, erweckt, und durchdringt er dann mit seinen ewigen
Lebenswurzeln die Seele durch und durch, so wird das nur wenig Verdorbene an
solch einer Seele sogleich ausgeheilt, und der ganze Mensch steht vollendet da,
– wie du solches an Mathael, Philopold und noch etlichen anderen ersehen
kannst.
[GEJ.04_034,09] Mancher Menschen Seelen sind
gar vormalige Engel der Himmel gewesen. Nun, bei denen kann leichtlich nichts
verdorben werden! Johannes der Täufer und mehrere Propheten, wie Moses, Elias,
Jesaja und noch andere mehr, können dir als Beispiele dienen, und es gibt
solcher noch jetzt mehrere auf dieser Erde, die aus den Himmeln gekommen sind,
um hier mit Mir den schmalsten Weg des Fleisches durchzumachen. Solche Menschen
sind einer schon gar starken Fleischlebensprobe fähig und ertragen sie auch
stets mit der größten Aufopferung.“
35. Kapitel
[GEJ.04_035,01] (Der Herr:) „Daneben gibt es
auch noch Unterschiede der Seelen, die von oben her sind, in der Art, daß da
einige aus den vollkommenen Sonnenwelten stammen. Diese sind kräftiger als
solche, die aus den kleinen, dieser Erde ähnlichen Planeten hierherkommen, um
auf dieser Erde die Kindschaft Gottes zu erreichen.
[GEJ.04_035,02] Je unvollkommener aber irgend
ein Planet ist, desto schwächer sind auch seine Auswanderer. Diese haben zwar
eine geringere Lebensprobe zu bestehen, können aber an der Seele schon einen
größeren Schaden bekommen. Sie haben aber dennoch einen kräftigen Urlebenskeim
in sich; wird der in rechter Art erweckt, so sind die Seelen dann auch bald
wieder in der vollen Lebensordnung.
[GEJ.04_035,03] Endlich, am häufigsten, gibt
es Seelen, die aus dieser Erde von Uranbeginn abstammen. Diese sind am
eigentlichsten zur Kindschaft Gottes berufen, sie sind die Schwächsten und
könnten für sich am ehesten total verdorben werden; aber es ist solches wieder
darum nicht leicht möglich, weil je unter hundert sicher ein oder zwei Starke
von oben sich befinden, durch die die schwachen Seelen vor einem gänzlichen
Verderben gehindert und geschützt werden. Gibt es darunter auch schon sehr
verlorene Schafe, so werden sie zu seiner Zeit doch wieder aufgefunden werden.
[GEJ.04_035,04] Jede Seele aber – ob in sich
noch so schwach, ohnmächtig, zertragen und verdorben – hat in sich den
Urlebenskeim, der nimmerdar verdorben werden kann. Ist die Seele mit der
gerechten Länge der Zeit nur dahin gebracht worden, daß ihr innerster
Urlebenskeim in ihr erweckt werden kann, so ist sie dann aber auch gleich selig
und in allen Dingen liebe- und weisheitskräftig und ist dann so gut ein Kind
des Allerhöchsten wie ein menschgewordener Engelsgeist oder eine Seele aus
einer Zentralsonne, aus einer minderen Planetarsonne oder aus irgendeinem
außerirdisch anderwärtigen dunkeln und für sich lichtlosen Erdkörper, deren es
im weiten Schöpfungsraume mehr gibt als des Sandes im Meere und des sämtlichen
Grases auf der Erde.
[GEJ.04_035,05] Wer zum Beispiel von euch ein
schon mehr vollendeter Mensch ist, der mag einem noch so dummen und
abergläubischen Sünder von einem ordentlichen Tiermenschen seine Hände auflegen
oder ihm sanfte Striche geben von der Nasenwurzel über die Schläfen hinab bis
in die Magengrube, so wird der Mensch dadurch in einen verzückenden Schlaf
gebracht. In diesem Schlafe wird dessen wenn noch so verstörte Seele frei von
Plagegeistern ihres Leibes, und der Urlebenskeim tritt dann sogleich auf eine
kurze Zeit wirkend in der Seele auf.
[GEJ.04_035,06] Fraget dann solch einen
Verzückungsschläfer, und ihr werdet da Antworten bekommen, über die sich eure
Weisheit höchst erstaunen wird!
[GEJ.04_035,07] Wird nach einer kurzen Zeit
ein solcher Mensch nach seiner eigenen Verordnung, die zu beachten ist, wieder
ins irdische Leben herüber erweckt, so ist der Urlebenskeim wieder in seine
alte Ruhe zurückgekehrt, und die Seele tritt dann wieder in ihre alten
Fleischbande zurück und erinnert sich an nichts, was mit ihr in dem
verzückenden Schlaf ihres Leibes vor sich gegangen ist. Sie weiß kein Jota von
all dem Weisen, was sie geredet hat durch des Fleisches Mund, und ist dann für
sich wieder so dumm und abergläubisch, wie sie früher war.
[GEJ.04_035,08] Dieses diene euch als ein
Beweis, daß im Grunde keine Seele so verdorben werden kann, daß sie nimmer zu
heilen wäre.
[GEJ.04_035,09] Freilich wird bei so mancher
Seele eine geraume Zeit entweder hier und noch mehr jenseits erforderlich sein,
bis sie jene selbständige, gesunde Festigkeit erreichen wird, die dazu
erforderlich ist, um den Urlebenskeim in sich vollends zu erwecken und sich vom
selben in allen Teilen durchdringen zu lassen. Aber diesen Lebensakt sich als
unmöglich und nie erfolgbar zu denken bei einer Seele, die im Grunde und Boden
schon gänzlich verdorben zu sein scheint, wäre eine ebenso grobe Sünde gegen
die Liebe und Weisheit Gottes, wie die als verdammt geglaubte Seele in sich
selbst als ein Auswurf der Hölle erscheint und vor den richtenden Weltaugen als
ein bergegroßer und dichter Sündenknäuel dasteht.“
36. Kapitel
[GEJ.04_036,01] (Der Herr:) „Darum sollet ihr
die Menschen nicht richten, auf daß ihr dadurch am Ende nicht zu Richtern über
euch selbst werdet!
[GEJ.04_036,02] Wäre es denn nicht eine
allerunmenschlichste Torheit, einen leiblich kranken Menschen deshalb richten
und über ihn eine gewissenlose Strafe verhängen zu wollen, weil er krank und
elend geworden ist?! Eine um wie vieles größere und um gar vieles
unmenschlichere Torheit aber ist es erst dann, so ihr einen seelenkranken
Menschen darum richtet und verdammet, weil seine Seele aus den früher
angeführten Gründen schwach und krank geworden ist!
[GEJ.04_036,03] Ihr nennet solche Menschen
nach euren Gesetzen und Bestimmungen Verbrecher und unterziehet sie der
unerbittlichen, harten Strafe; was tuet ihr aber dadurch? Ihr strafet eine Seele,
weil sie im Grunde ohne ihr Verschulden krank geworden ist! Fraget euch selbst,
wie sich vor Gott eure Gerichte ausnehmen müssen.
[GEJ.04_036,04] Frage dich aber selbst, du
Mein menschenfreundlicher Cyrenius, was du ohne Mich mit den fünf Hauptverbrechern
als oberster Richter Roms und als Gewaltträger über Leben und Tod gemacht haben
würdest!? Siehe, du hättest dir die ruchlosen, argen Taten vorerzählen lassen
und endlich alle fünf dem Kreuzestod übergeben! Wäre es dir je in den Sinn
gekommen, zu denken, daß hinter diesen fünfen solche Geister zu Hause sein
könnten? O nein! Das wäre dir nimmer in den Sinn gekommen!
[GEJ.04_036,05] Du hättest, ganz ergrimmt
über ihre Untaten, sie mit dem kältesten Blute von der Welt zum Tode verurteilt
und würdest dabei noch der beruhigenden Meinung geworden sein, Gott und der
Menschheit einen guten Dienst erwiesen zu haben! Welchen Schaden aber hättest
du der Menschheit bereitet, solche Geister von der Erde vertilgt zu haben, die
nun als vollkommen geheilt – seelisch und leiblich – den Menschen der Erde wie
Frühlingssonnen leuchten und viele tausendmal tausend Menschenherzen zum Guten
und Wahren erwärmen und beleben werden! Von jetzt an wirst du freilich wohl
anders verfahren; aber früher wärest du unerbittlich gewesen!
[GEJ.04_036,06] Und siehe, so steht es mit
allen weltlichen Gerichten auf der lieben Erde! Für die leiblichen Krankheiten
und Gebrechen finden sich Ärzte und bereiten allerlei Arzneien; nur für die
Krankheiten der armen Seelen gibt es keine anderen Ärzte und Arzneien als
zuerst ein ganzes schweres Buch voll der oft schwerst zu haltenden Gesetze –
und hinter den Gesetzen das richtende Schwert!
[GEJ.04_036,07] Wäre es denn nicht feiner, klüger
und menschlicher, mehr Ärzte und Arzneien für krank gewordene Seelen als für
deren Leiber zu errichten, die in kurzer Zeit eine Speise der Würmer werden?!
[GEJ.04_036,08] Daß da eine weit gediehene
Seelenkrankheit schwerer zu heilen ist denn so manche des Leibes, das weiß Ich
wohl am besten; aber keine ist völlig unheilbar, während es doch für jeden Leib
endlich eine letzte Krankheit gibt, für deren Heilung auf der ganzen Erde kein
Kraut gewachsen ist! Und doch tut ihr Menschen des Verkehrten so viel!
[GEJ.04_036,09] Für den morschen, total
sterblichen Leib errichtet ihr Heilanstalten über Heilanstalten, Apotheken und
Bäder, Salben und Pflaster und heilsame Getränke; aber für die unsterbliche
Seele habt ihr noch nicht auch nur eine Heilanstalt errichtet!
[GEJ.04_036,10] Du sagst bei dir im Herzen
nun freilich wohl: ,Wie wäre das ohne Dich, o Herr, möglich gewesen?! Wo hätten
wir es hernehmen sollen und von wem es erlernen?!‘ Das ist allerdings wahr, –
diese Kenntnis verlangt freilich wohl ein tieferes Erforschen der gesamten
Menschennatur, als bloß aus der alten Erfahrung zu wissen, was für ein
Kräutersaft die Beschwerden eines überschoppten Magens am ersten heilt; aber
die unsterbliche Menschenseele ist es auch wert, daß man sich um ihre
mannigfache Beschaffenheit ein wenig mehr kümmert als um die Beschaffenheit
eines aus Fraßsucht überfüllten Magens!
[GEJ.04_036,11] Es sind aber wohl zu allen
Zeiten auch wahre, von Gottes Geist erfüllte Seelenärzte in diese Welt gesandt
worden und haben den rechten Weg zur Heilung der Seelen gepredigt. Manche haben
sich daran gekehrt und wurden auch unfehlbar geheilt; aber die sogenannten
Großen und Mächtigen der Erde hielten sich ohnehin für ganz seelengesund,
mißachteten die von Mir auf die Erde gesandten Seelenärzte, verfolgten sie am
Ende und verboten ihnen, das Heilwerk für kranke Seelen zu betreiben, – und so
geschah es immer durch der Erde Große und Mächtige, daß die Gnadenlehre zur
Genesung der kranken Seelen bei den Menschen nie diejenigen Wurzeln fassen
konnte, durch die sie dann zu einem vollkräftigen Heilbaum erwachsen wäre.
[GEJ.04_036,12] Und ist irgendwo auch ein
ganz gesunder und kräftiger Same gelegt worden, so wußten die selbstsüchtigen
und herrschgierigen Menschenkinder dieser Erde den Baum so lange zu putzen, ihm
die ihnen überflüssig scheinenden Äste und Zweige zu nehmen und ihm die
notwendige Rinde so lange abzuschaben, bis der ganze Baum endlich verdorren
mußte. Und so ist denn auch für die Heilung der kranken Seelen bis zur Stunde
keine andere Heilanstalt als allerschärfste Gesetze, Arreste,
Untersuchungsgefängnisse, erschreckliche Strafkerker, das scharfe,
allerunbarmherzigste Schwert und allerlei qual- und martervolle Hinrichtungs-
und Tötungsinstrumente errichtet und brauchbar hergestellt worden. Es sind das
Produkte von zwar auch lauter kranken, aber starken Seelen; denen muß vor allem
geholfen werden, so es mit der Heilung der kleinen, schwachen und untergebenen
Seelen zu irgendeinem glücklichen Erfolg auf dieser Erde noch kommen soll.“
37. Kapitel
[GEJ.04_037,01] (Der Herr:) „Ich habe
ebendarum Selbst auf diese Erde kommen müssen, um für alle kranken Seelen eine
bleibende und für alle Zeiten wirksame Seelenheilanstalt zu errichten, weil die
Menschen eine solche nimmer zustande gebracht haben würden.
[GEJ.04_037,02] Aber es wird noch, alles
dessen ungeachtet, stets schwer gehen mit der bleibenden Errichtung einer in
Rede stehenden Heilanstalt für kranke Seelen, weil gewisse Menschen sich
dadurch in ihren Scheinweltrechten werden beeinträchtigt zu fühlen anfangen.
[GEJ.04_037,03] Die Selbst- und Weltliebe,
die ein Hauch der Hölle in des Menschen Brust ist, wird da immer sich dagegen
sträuben und von ihrer argen Krankheit nicht geheilt werden wollen und wird
nicht lassen von ihren Weltmitteln, als da sind die schwer zu erfüllenden
harten Gesetze, deren Gerichte und Strafen.
[GEJ.04_037,04] Aber dennoch werden nach Mir
allenthalben stets viele sein, bei denen diese Meine nun errichtete
Seelenheilanstalt bleiben wird für viele, die sie werden benützen wollen. Zwar
werden solche echten Heilanstalten um Meines wahren und lebendigen Namens
willen von den zwar weltlich mächtigen, aber in sich erzkranken Seelen manches
und oft vieles zu erdulden haben; aber Ich Selbst werde sie zu schützen wissen!
[GEJ.04_037,05] Sollten jedoch zu
selbstwillig arg krank gewordene Weltmenschenseelen aus einem förmlichen
Wahnsinn eine und die andere Seelenheilanstalt ganz zugrunde zu richten
beabsichtigen, so werde Ich sie dann schon durch ein zweckdienliches
außerordentliches Gericht zu ergreifen und ihre Seelenheilung in jenseitigen
Heilanstalten zu verordnen verstehen, wo bis zur nur sehr langsam
vorwärtsschreitenden Heilung viel Heulens und Zähneknirschens vernommen werden
wird!
[GEJ.04_037,06] Schon auf dieser Welt
schmeckt eine sehr wirksame Leibesarznei gewöhnlich sehr bitter; aber noch
bitterer werden die jenseitigen Seelenheilungsarzneien schmecken, weil sie sehr
kräftig sein müssen, um eine gefährlichst kranke Seele sonach dort zu heilen,
weil für sie hier keine Heilung mehr möglich war. Ja, geheilt werden sie wohl
werden, aber lange und sehr verzweifelt bitter wird es hergehen! Darum wohl
dem, der seine Seele in diesen irdischen Heilanstalten gesund machen wird!
[GEJ.04_037,07] Aus allen den bisher
angezeigten Gründen aber seid ihr mächtigen Richter wahre Seelenärzte in aller
Zukunft, und richtet über jede kranke Seele ein rechtes Gericht zu ihrer
Heilung und nicht zu ihrer noch größeren Verkümmerung!
[GEJ.04_037,08] Wahrlich, um wieviel ihr
durch ein eigens selbst seelenkrankes Gericht eine ohnehin schon äußerst kranke
Seele noch kränker gemacht habt, um ebensoviel werdet ihr selbst an eurer Seele
elender und kränker werden, und es wird drüben eure Heilung dann eine um sehr
vieles bitterere als die der von eurem bösen Gericht noch elender gewordenen
Seele! Denn solch eine Seele ist und bleibt trotz eures bösen und unsinnigen
Gerichtes dennoch einfach krank und wird auch jenseits mit einer einfachen
Heilung wiederhergestellt werden können; eine unsinnige Richterseele aber wird
nach jedem ungeratenen und bösen Gericht stets einmal ins Doppelte in jener
Seele Krankheit verfallen, die sie arg gerichtet hatte, und wird dadurch auch
ihr höchst eigenes Grundseelenübel notwendig ums Doppelte erhöhen. Daß es dann
jenseits mit der Heilung solch einer höchst elend und krank gewordenen
Richterseele auch höchst bitter und langwierig hergehen wird, läßt sich bei nur
einigem Nachdenken leicht von selbst verstehen!
[GEJ.04_037,09] So du als ein ungeschickter
Arzt selbst krank zu einem sehr gefährlich Kranken verlangt wirst, und du
gehest des Gewinnes wegen dahin und gibst ihm in deiner Ungeschicktkeit eine
Arznei, die ihm nicht hilft, sondern hie und da noch elender macht, – welchen
Nutzen hast du davon?! Denn hast du ihm nicht geholfen, so bekommst du auch
keinen Lohn – wie es bei euch Sitte ist –; du bist aber dabei auch noch von des
gefährlich Kranken Übel angesteckt worden und hast nun erstens keinen Lohn und
zweitens an dir selbst statt einer einfachen eine doppelte Krankheit zu bestehen!
[GEJ.04_037,10] Wenn nun an deiner Stelle ein
kluger Arzt kommt, wird er nicht deinen früheren Kranken mit einer tauglichen
einfachen Arznei heilen, während er bei dir, weil du nun von zwei Übeln
behaftet bist, auch sicher eine doppelte Arznei wird in Anwendung bringen
müssen, um dir möglicherweise zu helfen?! Und solche doppelte Arznei wird in
deinem leidigen Fleische auch sicher wenigstens eine doppelt so große
Revolution bewirken als die einfache bei deinem früher behandelten nur einfach
Kranken.“
38. Kapitel
[GEJ.04_038,01] (Der Herr:) „Ich meine, daß
dieses euch nun klar sein dürfte, und so führe Ich das Wort weiter und sage: Es
ist damit nicht an dem, als solltet ihr darum nun, weil Ich solches zu euch
geredet habe, alle Gefängnisse und Verwahrungsorte, die dennoch ein notwendiges
Übel gegen das große Übel sehr kranker Seelen sind, zerstören und zerbrechen
alle Fesseln und alle Schwerter; o nein, das soll damit gar nicht gesagt sein!
Denn sehr ansteckend kranke Seelen müssen sogar sorgfältig von den gesunden
abgesondert und so lange in Gewahrsam gehalten werden, bis sie von Grund aus
geheilt sein werden.
[GEJ.04_038,02] Aber nicht euer Zorn und euer
Rachegefühl halte sie in festen Gemächern in Gewahrsam, sondern eure große
Nächstenliebe und die damit engst verbundene innigste Sorge um ihre mögliche
gänzliche Heilung! Wird es euch der rechte Geist der Liebe anzeigen, daß bei
einem oder dem andern Schwerkranken eine bitter schmeckende Arznei vonnöten
ist, so enthaltet sie ihm nicht vor, weil das ein sehr unreifes und unzeitiges
Erbarmen wäre! Aber nur in der wahren Liebe müsset ihr dem Schwerkranken eine
bittere Arznei verabreichen, so wird sie ihm auch sicher die erwünschte Heilung
verschaffen, und ihr werdet dann viel des Segens über euch bekommen!
[GEJ.04_038,03] Die Arznei, die Ich anfangs
am Abend den fünfen verordnete, war sicher nicht süß und fein schmeckend; aber
Meine große Liebe zu ihnen erkannte sie für unvermeidbar nötig zu ihrer
völligen Heilung, und so war jene bittere Arznei auch ein höchster Akt Meiner
Liebe zu ihnen. Sie wurden am Morgen dadurch von allen Übeln um so leichter
geheilt, und sie sollen reden, ob Mir einer wegen der genossenen bittern Arznei
gram sein kann!
[GEJ.04_038,04] Aber so jemand, nur durch
Zorn und Rachedurst geleitet, den vermeintlichen Verbrecher auf die
unbarmherzigste Art quält und martert, so ist er dadurch schon der vielfach
größere Verbrecher und wird dereinst auch desto mehr des Bittersten zum
Verkosten bekommen.
[GEJ.04_038,05] Mit welchem Maße ihr
ausmesset, mit demselben Maße wird es euch dereinst wiedervergolten werden! Wer
mit wahrer Liebe mißt, dem wird es auch also zurückgemessen werden; wer aber in
Zorn und Rache mißt, dem wird dereinst zu seiner Heilung ganz dieselbe Arznei
im sehr verdoppelten Maße wiedergereicht werden, und er wird nicht um eine
Sekunde eher aus der jenseitigen bittersten Anstalt entkommen, als bis jede
harte Fiber an seiner Seele weiß und weich wie Wolle gemacht worden ist!
[GEJ.04_038,06] Ich habe euch nun die
durchgängig wahre Natur und Beschaffenheit des Menschen gezeigt, und ihr möget
nun nicht mehr sagen: ,Solches haben wir nicht gewußt!‘ Da ihr solches nun aber
wohl kennet und wisset, so handelt auch danach und lehret solches auch
diejenigen, die unter euch stehen und bis jetzt als selbst Kranke nicht wissen,
was sie tun, so werdet ihr als wahre und gesunde Mitarbeiter an Meinem Reich
auf dieser Erde im rechten und besten Maße tätig sein, und Mein Wohlgefallen
wird euch begleiten auf allen euren Wegen und Stegen; werdet ihr aber irgendwo
wieder nach eurem alten Sinne arbeiten, da denket, daß eure Seele wieder von
einem Übel befallen ist, und bittet dann, daß Ich sie davon heile und ihr nicht
verfallet in ein doppeltes Selbstleiden!
[GEJ.04_038,07] O ihr, die ihr richtet und
mit euren Urteilen die armen kranken Seelen noch kränker machet, als sie ehedem
waren, bedenket doch ernstlich, was ihr seid und sein sollet der Wahrheit
gemäß, und was ihr tun sollet der Ordnung Gottes zufolge! Ihr Richter und
Obergewaltträger über die Schwäche der Völker, die am Ende doch wieder auch
alle eure Gewalt, Macht und Ansehen sind, sollet wahre Väter eurer Völker sein,
und als solche sollet ihr sehr um die volle Gesundheit der euch anvertrauten
vielen Kinder und mit aller Liebe und wahrer väterlicher Sorgfalt um deren
Seelenwohl bekümmert sein! Leibesärzte brauchet ihr nicht zu sein – aber um
desto mehr wahre Seelenärzte!
[GEJ.04_038,08] So ihr aber eure Kinder
sehet, wie sie öfters eure elterlichen Gebote nicht beachten und sich dann und
wann auch recht stark an ihnen versündigen, würde es euch wohl anstehen, so ihr
darum ein und das andere Kind gewisserart zum abschreckenden Beispiele martern
und am Ende gar ans Kreuz hängen ließet?! Dies kann vielleicht einmal ein
herrschsüchtigster Vater getan haben; doch viele Beispiele derart wird die
Welthistorie nicht aufzuweisen haben! Ihr besseren Eltern aber werdet eure
fehlenden Kindlein wohl wenigstens scheinernstlich zurechtweisen und im
dringendsten Falle sie auch mit der heilsamen Zuchtrute strafen. Werden sich
die Kinder darauf bessern, so werdet ihr sicher eine große Freude daran haben;
denn eine rechte Lust wird es für euch sein, eurer Kinder Seelen frisch und
gesund vor euch zu sehen.
[GEJ.04_038,09] Also seid ihr mächtigen
Richter auch gegen alle Menschen, und eurer Freuden wird nimmer ein Ende sein!
Denket euch an die Stelle derer, die euch billigermaßen gehorchen müssen und
annehmen und beachten eure Gesetze! Würde es euch nicht wohl tun, so sie als
eure Richter mit euch barmherzig wären und möglichst schonend mit euch
verführen?! Was ihr vernünftigerweise wünschen könnet, daß sie euch tun
möchten, so ihr mit kranken Seelen vor ihnen stündet, das tut ihr auch ihnen,
so sie mit ihren kranken Seelen vor euch stehen!
39. Kapitel
[GEJ.04_039,01] (Der Herr:) „Siehe, in dem
liegt die praktische Erklärung aller Gesetze Mosis und alle Weissagung aller
Propheten: Liebet Gott als euren ewigen Vater über alles und eure armen und
vielfach kranken Brüder und Schwestern aber unter allen Umständen wie euch
selbst, so werdet ihr als wahre, seelengesunde Kinder des ewigen Vaters im
Himmel ebenso vollkommen sein, wie Er Selbst vollkommen ist, – wozu ihr
eigentlich berufen seid! Denn wer da nicht so vollkommen wird wie der Vater im
Himmel vollkommen ist, wird nicht zu Ihm kommen und speisen für ewig an Seinem
Tische.
[GEJ.04_039,02] Siehe nun, du Mein Cyrenius,
in dem hast du alles, was du ehedem als ein schwer besiegbares Übel der Welt
ansahst! Freilich wohl ist die in der Welt unter den Menschen eingerissene Lüge
schwer zu bekämpfen, weil sie eine schwere Grundkrankheit der Seele ist; aber
mit der Lüge kann man durch die Wahrheit, die aus der Liebe so wie das Licht
aus der Flamme hervorgeht, leicht fertig werden. So du aber nur des Lichtes
benötigest, um ein finsteres Gemach zu beleuchten, wird dich jemand als weise
preisen, so du gleich lieber das Gemach in Flammen setzest und es dadurch
zerstörst? Darum soll Mein Wort und Meine Lehre nicht mit dem Schwerte
weiterverbreitet werden!
[GEJ.04_039,03] Wenn du jemand, der von einer
Wunde geplagt wird, heilen willst, so mußt du ihm neben der zu heilenden Wunde
nicht eine frische und noch zehnfach ärgere schlagen; denn so du das tun
würdest, da wäre es besser, du hättest dem Verwundeten die alte Wunde ungeheilt
gelassen!
[GEJ.04_039,04] Wahrlich, wer Mein Wort und
Meine Lehre mit dem Schwerte in der Hand verbreiten wird, der wird für seinen
Eifer keinen Segen von Mir überkommen, sondern selbst in die größte Finsternis
hinausgestoßen werden! Wenn du ein Gemach mit reinen Öllampen zur Nachtzeit
erleuchtest, so werden alle, die darin sind, ein erfreuliches Licht haben;
zündest du aber das ganze Gemach an, so werden alle dir zu fluchen anfangen und
dich fliehen wie einen wütenden Narren.
[GEJ.04_039,05] Wer da predigt zur Heilung
der Seelen, der führe wohl ein vernehmliches, aber dabei dennoch sanftes Wort
und schreie nicht wie ein Rasender, der vor Wut und Grimm schäumet; denn ein
vor Wut schäumender Mensch bessert niemanden mit seinem wilden Geschrei! Er macht
entweder, daß ihn die Zuhörer verspotten und verlachen und, treibt er es mit
seinem Geschrei noch ärger, am Ende gar mit Knütteln und Fäusten aus der
Gemeinde stoßen.
[GEJ.04_039,06] So rede auch niemand zu
seinem Bruder ein versöhnlich Wort, so er in der eigenen Brust den Stachel des
Ärgers fühlt; denn am Ende überredet er sich in seinem ärgerlichen Eifer
selbst, wird erbost und hat dadurch seinen Bruder nicht nur nicht zur
Versöhnlichkeit umgewandelt, sondern nur noch mehr zum Gegenteile gereizt und
den sich vorgestellten guten Zweck in einen weiten Hintergrund zurückgedrängt!
[GEJ.04_039,07] Ja, ihr sollt bei der
Verbreitung Meiner Lehre stets nur ein freundliches Gesicht machen; denn mit
Meiner Lehre kommet ihr ja mit einer freundlichsten und freudenreichsten Kunde
aus den Himmeln zu den Menschen und müsset sie ihnen auch mit der freudigsten
und freundlichsten Gebärde verkünden!
[GEJ.04_039,08] Was würde dir aber jemand
sagen, zu dem du kämest und ihn einlüdest zu einem Freudenmahle, die Einladung
aber folgendermaßen von dir gäbest: ,Höre, du nicht werter, von Gott
verfluchter Sünder! Ich hasse dich zwar deiner Sünden und der Gerechtigkeit
Gottes wegen, komme aber dennoch und fordere dich mit all den mir zu Gebote
stehenden Gewaltmitteln auf, zu meinem Freudenmahle um so gewisser zu kommen,
als ich widrigenfalls dich für immer verfluchen und verdammen würde; kommst du
aber, so sollst du wenigstens für den Freudentag meiner Gnade und meines
Wohlwollens versichert sein!‘
[GEJ.04_039,09] Sage Mir, was der Eingeladene
zu solch einer Einladung für ein Gesicht machen würde, und ob für ihn das
anberaumte Freudenmahl wohl auch ein Freudenmahl sein würde! Ich meine, für
solch eine Einladung wird sich jeder noch so dumme Mensch bedanken! Er wird
wohl, so er sich schwach fühlt, kommen, um damit die angedrohten üblen Folgen
von seiner Haut abzuwälzen; fühlt er sich aber stark genug, so wird er den
groben Einlader ergreifen und ihn aus seinem Hause werfen. Und daß er solch
eine Einladung sicher nicht annehmen wird, läßt sich leicht von selbst
verstehen.
[GEJ.04_039,10] Ebendarum ist bei der
Ausbreitung Meiner Lehre, die auch eine wahre Freudenmahlseinladung aus den
Himmeln ist, das vor allem zu beachten, daß alle die, welche Meine Lehre unter
den Menschen der Erde ausbreiten werden, als wahre Boten aus den Himmeln voll
Freundlichkeit und Liebe unter den Menschen auftreten und also das Evangelium
verkünden. Denn etwas überaus Erfreuliches und Gutes kann man ja doch nicht mit
einer wie vom jähsten Zorne entbrannten Gesichtsverzerrung verkünden. Und täte
jemand das, so wäre er entweder ein Narr oder ein Possenreißer und als solcher
gänzlich untauglich zur Ausbreitung Meines Wortes. – Hast du und auch ihr
andern alle dies von Mir nun Gesagte wohl treulich verstanden?“
[GEJ.04_039,11] Sagt Cyrenius, ganz
zerknirscht von der Wahrheit solcher Meiner Ermahnung: „Herr, Du allein
Wahrhaftiger, ich habe das alles wohl verstanden, und was mich betrifft, so
werde ich mich in allem und jedem streng danach halten! Natürlich kann ich für alle
andern keine Bürgschaft geben; aber ich meine, daß sie Dich alle so gut wie ich
verstanden haben. Zugleich aber sehe ich es nun ein, wie groß und wie oft ich
mich bei meinem möglichst besten Wissen, Gewissen, Willen und Wollen an der
Menschheit allergröblichst versündigt habe! Wer wird solche meine Sünden wieder
gutmachen an jenen, gegen die ich gesündigt habe?“
[GEJ.04_039,12] Sage Ich: „Darum sorge dich
nimmer, sondern nur um das Künftige! – Nun aber wird gleich etwas Neues
kommen!“
40. Kapitel
[GEJ.04_040,01] Tritt näher zu Mir Kornelius
und sagt fragend: „Herr, Du hast nun im Verlaufe Deiner übergöttlichen Rede und
Lehre davon eine Andeutung gemacht, wie ein geistig vollendeter Mensch einem
andern die Hände auflegen könnte, und dieser andere würde darauf alsbald in
einen Verzückungsschlaf geraten und mit gesunder Seele weise Reden von sich
geben, – und wäre er sonst ein noch so blinder und vollends dummer Mensch! Wenn
ich doch nur den Vorgang einer solchen Behandlung sehen könnte, so wüßte ich
dann, wie solch ein heilsamer Versuch an jemand vorzunehmen ist, so es irgend
nötig wäre. Wenn man aber in der Behandlungsweise ein Laie ist, da kann man
selbst bei bestem Willen nichts unternehmen und somit auch nichts zustande
bringen. – Möchtest Du mir darüber etwas Näheres anvertrauen?“
[GEJ.04_040,02] Sage Ich: „O ja, recht gerne,
weil dieser Akt zur Herstellung der verlorenen leiblichen und auch seelischen
Gesundheit ein unbedingt notwendiger ist! Denn einmal lindert schon das pure
Auflegen der Hände selbst den heftigsten Leibesschmerz, und dazu ergibt sich
zumeist als Folge, daß der Mensch, dem du die Hände festgläubig aufgelegt hast
mit dem starken Willen, ihm zu helfen, hellsehend wird und sich dann selbst
eine taugliche Arznei bestimmen kann, die, nach seiner Vorschrift angewendet,
ihm die volle Heilung bringen muß. Natürlich, wenn irgend, wider seine
Vorschrift, sich widrige Fälle ereignet haben, da wird es mit der vollkommenen
Heilung nicht gut gehen; ist aber die Vorschrift in ungestörter Behandlung geblieben,
so erfolgt die volle Heilung ganz sicher.
[GEJ.04_040,03] Wenn aber bei dieser
Heilbehandlung irgendeine menschliche Person in den weissagenden Schlaf
gekommen ist, da soll sie nicht durch allerlei unnütze Fragen gestört und
geschwächt werden, sondern nur um das gefragt werden, was da notwendig ist.
[GEJ.04_040,04] Wer aber jemand die Hände
auflegt, der muß das in Meinem Namen tun, ansonst seine Behandlung keinen
Nutzen brächte und nichts bewirkte.
[GEJ.04_040,05] Es gehört ein fester,
unerschütterlicher Glaube und ein ebenso unerschütterlicher, fester Wille dazu.
[GEJ.04_040,06] Aus des Herzens tiefstem
Grunde muß solch eine Bestrebung rühren und muß aus der wahren Nächstenliebe
ausgehen, dann erfüllt solche Kraft der Liebe die Hände des Handauflegers, und
sie dringt dann durch dessen Fingerspitzen und fließt wie ein sanfter Tau in
die Nerven des Kranken und heilt den oft stechenden und oft brennenden Schmerz.
[GEJ.04_040,07] Das aber ist wohl zu merken,
daß mehr dazu gehört, einen Mann in den Verzückungsschlaf zu versetzen denn ein
Weib! In gewissen Fällen könnte auch ein Mann von einem Weibe in den
Verzückungsschlaf versetzt werden; dem frommen Weibe aber gelänge solche
Behandlung nur mit Hilfe eines ihm zur Seite stehenden, unsichtbaren Engels, den
es sich dienstbar machte durchs Gebet und des Herzens Reinigkeit.
[GEJ.04_040,08] Solche frommen Weiber würden
besonders den oft schwer und mit großen Schmerzen Gebärenden eine große
Linderung verschaffen. Dies wäre besser, als daß gewöhnlich die Wehemütter nach
Bethlehem reisen und dort die Kunst erlernen, wie einer Gebärenden beizustehen
ist, wobei ein ganzer Haufe von allerlei abergläubischen Mitteln, die stets
mehr schaden als nützen, in die dümmste Anwendung gebracht wird.
[GEJ.04_040,09] Welche höchst dummen und
lächerlichen Zeremonien werden oft besonders bei den Erstgeburten vorgenommen!
Wird ein Mägdlein zuerst geboren, dann müssen allerlei dumme Klagelieder
angestimmt und es muß drei Tage lang jämmerlich geseufzt und geplärrt werden.
Wird ein Knäblein geboren, so müssen Kälber und Lämmer geschlachtet und Semmeln
gebacken werden und müssen alle Sänger, Pfeifer und Geiger zusammenkommen und
einen ohrenzerreißenden Lärm machen den ganzen Tag hindurch, was der Gebärenden
eine Linderung ihrer Geburtswehen verschaffen soll! Also – statt solcher
Dummheiten wäre die vorerwähnte Geburtshilfe doch sicher sehr am Platze!“
[GEJ.04_040,10] Sagt Kornelius: „Na und ob!
Aber kommt ein Weib zu solch einer Frömmigkeit?“
[GEJ.04_040,11] Sage Ich: „Ganz leicht!
Zuerst gehört eine gute Erziehung dazu, und dann ein gründlicher Unterricht
einer vollreif gewordenen Jungfrau! Aber der Unterricht darf einer noch so
reifen Jungfrau nicht vor der erprobten wahren Frömmigkeit des Herzens erteilt
werden.
[GEJ.04_040,12] Aber auch Männer können
durchs Händeauflegen einer Gebärenden beistehen und ihr eine große Linderung
verschaffen!“
41. Kapitel
[GEJ.04_041,01] Sagt der danebenstehende und
auf alles aufpassende Stahar: „Würde aber so etwas den Mann nicht auf einen ganzen
Tag verunreinigen nach den Vorschriften Mosis?“
[GEJ.04_041,02] Sage Ich: „Von nun an kann
dich nichts verunreinigen als arge und unlautere Gedanken, Begierden und
Wünsche, böser Leumund, Lüge und Ehrabschneidung, Verkleinerung und
Verleumdung. Das sind Stücke, die den Menschen verunreinigen; alles andere
verunreinigt den Menschen entweder gar nicht oder höchstens nur äußerlich an
der Haut, und dafür hat er Wasser genug, um sich von einer äußeren Unreinheit
zu säubern.
[GEJ.04_041,03] Moses hatte solche
Vorschriften den Juden auch nur hauptsächlich wegen ihres großen Hanges zur
Unreinheit in allen ihren äußeren Dingen gegeben; denn Menschen, die schon
äußerlich zu ordentlichen Schweinen werden, werden es auch dann um so leichter
im Herzen. Darum hatte Moses den Juden ganz besonders die äußeren Reinigungen
anbefohlen.
[GEJ.04_041,04] Aber die eigentliche
Reinigung der Menschen geschieht erst durch eine wahre Buße, durch die Reue
über eine begangene Sünde an seinem Nächsten, durch den ernsten Vorsatz, nicht
mehr zu sündigen, und durch die sohin vollkommene Besserung des Lebens.
[GEJ.04_041,05] Erfolgt solches nicht, so
möget ihr hunderttausend Böcke mit Blut besprengen, verfluchen, und statt eurer
Sünden in den Jordan schmeißen, so bleiben eure Herzen und Seelen vor Gott noch
ebenso unrein und unlauter, wie sie zuvor waren! Mit dem Wasser reinigt man den
Leib und mit einem festen, guten und Gott in allem ergebenen Willen Herz und
Seele; und wie das reine, frische Wasser des Leibes Glieder stärkt, so stärkt
ein Gott ergebener, fester Wille das Herz und die Seele.
[GEJ.04_041,06] Solche gestärkten Seelen
können dann einem Kranken in Meinem Namen auch geistig, in die weiteste Ferne
hin, die Hände auflegen, und es wird besser mit ihm werden.
[GEJ.04_041,07] Wer aber noch schwächer in
der Vollendung seines Herzens und seiner Seele ist, der nehme zu den früher in
Meiner Hauptrede angedeuteten Strichen seine Zuflucht, und er wird einem
Leibeskranken auch eine große Linderung seiner Leiden verschaffen. Er wird ihn
auch in den verzückenden Schlaf bringen, und der Behandelte wird im Schlafe
weissagen, was ihm helfen kann. Das Geweissagte muß dann sorglichst angewendet
werden, und es wird in einer Zeit dann auch besser mit dem Kranken werden, –
aber freilich wohl so schnell nicht, als so ein geistig vollendeter Mensch ihm
die segensreichen Hände aufgelegt hätte, allwo die Heilung augenblicklich
bewirkt werden kann und mag.
[GEJ.04_041,08] So kann sich jeder
überzeugen, daß im verzückenden Schlafe auch die sonst dümmste Seele sogar
eines Kindes weissagen kann, weil sie für den Moment mit ihrem allergeistigsten
Lebenskeime in Verbindung gesetzt wird. Wird nach dem vergangenen
Entzückungsschlafe der innerste Lebenskeim wieder in seine Ruhestätte gebracht,
so erwacht die Seele wieder in ihrem Fleische, und von all dem Geschehenen und
aus sich selbst Gesprochenen weiß sie dann gar nichts. Das aber bezeugt eben,
daß nirgends irgendeine Seele so sehr verdorben sein kann, daß sie nicht mehr
zu heilen wäre.“
42. Kapitel
[GEJ.04_042,01] (Der Herr:) „Auf daß ihr aber
das auch praktisch sehet, werde Ich nun veranlassen, daß aus Cäsarea Philippi
so ein recht dummer und kreuzarger Mensch ankommen wird. Dieser soll von einem
aus euch also behandelt werden, und ihr werdet es sehen und hören, in welch
eine verwunderungswürdige Weisheit der dumme und arge Mensch im
Verzückungsschlafe übergehen wird. So er aber dann wieder erwachen wird, da
wird er gleich wieder derselbe arge und dumme Mensch sein, der er zuvor war,
und wir werden zu tun haben, ihm auf dem natürlichen Wege nur einigermaßen
hellere Begriffe von Gott und den Menschen einzuhauchen.“
[GEJ.04_042,02] Sagt Cyrenius: „Herr! Da
freue ich mich schon wieder überaus darauf; denn da wird sich wieder sehr viel
erfahren und lernen lassen! Ist besagter Mensch etwa schon auf dem Wege
hierher?“
[GEJ.04_042,03] Sage Ich: „Jawohl; er sucht
dich und wird dich höchst plump um eine Unterstützung angehen, weil er bei
Gelegenheit des Brandes eine Hütte, zwei Schafe, eine Ziege und einen Esel
eingebüßt hat. Er erfuhr aber, daß du dich hier aufhältst und den Beschädigten
Hilfe zukommen läßt, und der sonst recht arge und dumme Mensch hat sich darum
auf den Weg gemacht, um von dir seinen erlittenen Schaden wieder ersetzt zu
bekommen. Aber er ist eigentlich, wennschon ein armer Tropf, so stark
geschädigt nicht; denn die zwei Schafe hat er zwei Tage zuvor, ehe der Brand
entstand, einem andern gestohlen, und den Esel und die Ziege aber hat er schon
vor einem Jahre auf dieselbe Weise in seinen Besitz gebracht.
[GEJ.04_042,04] Du siehst also schon aus dem
dir nun Kundgegebenen, daß unser neuer Ankömmling ein ziemlich arger Schelm,
dabei zugleich aber dennoch auch recht blitzdumm ist, was bei solchen Menschen
von der tierisch blinden Habgier herrührt. Er hätte seine Hütte samt seinen
Habseligkeiten ganz leicht retten können; aber während des Brandes schlich er
stets überall herum, um auf einem ungesetzlichen Wege sich so manchen Fund
zuzueignen. Nun, er fand aber nichts, und als er ganz verdrießlich nach Hause kam,
fand er seine Hütte in den schönsten Flammen, und seine vier Tiere waren
bereits bis auf die Knochen verbrannt.
[GEJ.04_042,05] Bis heute jammerte er um
seine Hütte; als er aber vor einer Stunde in die Erfahrung brachte, daß du aus
obangezeigten Gründen hier verweilest, da hat er sich nach nicht gar zu langem
Bedenken entschlossen, hierher nachsehen zu kommen, ob du wirklich hier seist,
und ob du auch wirklich Beschädigungen vergütest.
[GEJ.04_042,06] Damit du nun zum voraus
weißt, mit was für einem Menschen wir hier ganz bald zu tun bekommen werden,
und wie du dich wenigstens anfänglich zu benehmen haben wirst, habe ich dir ihn
zum voraus ein wenig gezeichnet; das Bessere wirst du hernach schon von ihm
selbst in die Erfahrung bringen.“
[GEJ.04_042,07] Fragte Cyrenius: „Soll ich
ihm wohl irgendeine Vergütung zukommen lassen?“
[GEJ.04_042,08] Sage Ich: „Vorderhand nicht,
denn da mußt du ihm ganz echt römisch auf den Zahn fühlen; erst nach der
Behandlung, wenn er etwas Menschlicheres annehmen wird, wird sich das andere
finden lassen! Zinka aber soll die Behandlung an ihm vornehmen; denn er besitzt
die meiste Kraft dazu. Ich werde zum voraus dem Zinka Meine Hände auflegen, auf
daß er desto mehr Kraft gewinne und ihm die Behandlung besser gelinge.“
[GEJ.04_042,09] Zinka aber, der stets, um ja
keine Silbe zu verlieren, um Mich war, trat hervor und sagte: „Herr, wie werde
ich solches wohl vermögen, da ich mit der Form der Behandlung viel zuwenig
vertraut bin?“
[GEJ.04_042,10] Sage Ich: „Lege die rechte
Hand auf die Stirne und die linke auf die Magengrube, und er wird sobald in den
besprochenen Schlaf versinken und auch alsbald zu reden anfangen, doch mit
schwächerer Stimme als im Naturzustande! Willst du ihn dann wieder erwecken, so
brauchst du bloß deine Hände in verkehrter Ordnung aufzulegen, etliche
Augenblicke lang anhaltend. Gleich aber, wie er erwachen wird, ziehst du deine
Hände zurück, und die Behandlung ist zu Ende!“
[GEJ.04_042,11] Zinka ist nun mit allem
einverstanden und ist auch voll des festesten Glaubens, daß ihm alles also
gelingen werde, und erwartet nun selbst sehnsüchtig seinen Mann, – fragt Mich
aber dennoch, ob er die Behandlung sogleich bei dessen Ankunft vornehmen oder
eines Winkes harren soll.
[GEJ.04_042,12] Sage Ich: „Ich werde es dir
schon andeuten, wann da etwas zu geschehen hat. Vorher müsset ihr ja doch seine
Dummheit und Roheit kennenlernen, das heißt, den bedeutenden Krankheitszustand
seiner Seele. Wird er darin von euch hinreichend erkannt sein, so ist es dann
erst an der Zeit, seine Seele im gesunden Zustande zu betrachten und daraus zu
erkennen, daß von euch Menschen kein noch so verworfen scheinender Mensch zu
richten und ins volle Verderben zu verdammen ist, dieweil eine jede Seele noch
einen gesunden Lebenskeim in sich birgt. – Aber bereitet euch und sehet euch
vor; er wird nun sogleich da sein!“
43. Kapitel
[GEJ.04_043,01] Als Ich solches kaum
ausgesprochen hatte, kommt unser Mann, der Zorel hieß, mit einem sehr
zerstörten Ansehen, in halbverbrannte Lumpen gehüllt und einen bedeutenden Lärm
schlagend.
[GEJ.04_043,02] Ich bedeute dem Julius, daß
er hingehe und ihn frage, was er wolle, und was er hier am Nachmittage suche.
Und Julius geht ganz ernsten Gesichtes hin und tut, was Ich ihm geraten habe.
[GEJ.04_043,03] Und Zorel stellt sich und
sagt mit fester Stimme: „Ich bin ein ganz abgebrannter Bürger aus der Stadt und
habe erst heute erfahren, daß sich der große Cyrenius hier befindet, um den bei
dem Brande Verunglückten zu helfen durch reiche Mittel. Ich faßte denn auch Mut
und kam hierher, um fürs erste zu sehen, ob Cyrenius wohl hier sei, und ob er
wirklich zum Troste der Verunglückten etwas tue. Tut er etwas nach der edlen
Römer Sitte, so werde auch ich meinen Weg sicher nicht umsonst gemacht haben;
tut er aber aus was immer für einem Grunde nichts, na, so wird er im Nichtstun
mit mir sicher keine Ausnahme machen! Sage mir darum, du edler Römer, ob
Cyrenius hier ist, und ob er wohl also, wie ich's vernommen habe, Wohltaten
ausübt, auf daß ich zu ihm gehe und ihn darum anflehe!“
[GEJ.04_043,04] Sagt Julius: „Ja, er ist hier
und übt bedeutende Wohltaten aus, – aber nur an solche, die ihm eines
vollkommen unbescholtenen Rufes bekannt sind! Ist bei dir das auch sicher der
Fall, so wirst du nicht leer nach Hause zurückkehren! Drüben an jenem langen
Tische, den die hohen Zypressen und Zedern beschatten, sitzt er nun und gibt
Audienzen nach allen Seiten. Gehe hin und stelle dich ihm vor! Aber nimm dich
nur fest zusammen; denn er ist so scharfsichtig wie ein Aar und hat den
Charakter eines Menschen oft auf den ersten Blick heraus! Was er erkennt, ist
soviel als eine beeidete Wahrheit, und wehe dem, der ihm etwas widerspricht! Er
ist niemals kritischer, als wenn er Wohltaten austeilt!“
[GEJ.04_043,05] Zorel denkt auf diese Vorrede
stark nach, was er bei so bewandten Umständen tun solle. Nach einer kleinen
Weile aber entschließt er sich, doch zum Cyrenius hinzuhinken, – was eigentlich
eine dumme Verstellung von ihm ist. Beim Cyrenius angelangt, macht er drei
Verbeugungen, sich bis zur Erde mit dem Kopfe duckend. Als er mit dem dritten
Ducker zu Ende ist, sagt er mit einer bebend kreischenden Stimme: „Hoher Herr
und allergestrengster Gebieter! Ich, Zorel, gewesener Kleinbürger aus dem
abgebrannten Cäsarea Philippi, bitte Eure allerhöchste römische Gestrengheit,
mir armem Faune von einem verunglückten Menschen zu helfen mit etwas wenigen,
selbst ordinärsten Geldes und mit etwas Kleidung, weil ich nichts denn diese
Lumpen besitze.
[GEJ.04_043,06] Ich war der redliche Besitzer
einer kleinen Hütte mit einem Grundanteile von zwei Morgen mageren
Ackergrundes. Ich hatte auch ein Weib, das mir die Götter vor zwei Jahren
sicher sogleich ins Elysium aufgenommen haben. Kinder hatte ich keine, wohl
aber eine Magd, mit der ich noch lebe, aber auch ohne Kinder. Mein beweglicher
Besitz bestand in zwei Schafen, einer Ziege und einem Esel, und in einigen
schlechten Ackergerätschaften und etwas Kleidung. Alles ward, während ich mit
dem Löschen anderer Häuser beschäftigt war, ein Raub der Flammen.
[GEJ.04_043,07] Ich bin nun, wie Hunderte mit
mir, ein vollkommener Bettler; selbst meine Magd, die meine einzige
Lebensstütze war, verließ mich, weil ich ihr nichts mehr geben konnte, – was
ihr aber gemerket bleiben wird! Denn sollte ich das außerordentliche Glück
haben, wieder zu einer Hütte und zu einem anderartigen Besitztume zu kommen, so
soll sie mir nur kommen und ich werde der Losen schon den Weg vom Hause zu
weisen verstehen!
[GEJ.04_043,08] Überhaupt werde ich in der
Folgezeit meines Lebens alles, was Weib heißt, fliehen und verachten; denn es
ist kein Weib etwas wert! Man sagt zwar, daß ich ein dummes Vieh sei und gar
nicht verstehe, mit einem Weibe umzugehen, und mein Weib sei mir aus Gram
gestorben! Wenn das der Fall gewesen wäre, da hätte ich nicht nahe ein Jahr um
sie getrauert, und meine Magd wäre nicht bis zu meinem Unglücke recht gerne bei
mir geblieben, obschon ich ihr keinen großen Lohn geben konnte.
[GEJ.04_043,09] Es ist überhaupt eine
ordentliche Schande, daß auch der Mann von einem Weibe geboren sein muß;
mitunter wäre es nun schon beinahe ehrsamer, so meine Leibesmutter eine Bärin
gewesen wäre!
[GEJ.04_043,10] Wenn die Götter alles weise
eingerichtet haben, so haben sie sich mit den Weibern doch eine große Blöße
gegeben, die ihnen durchaus zu keiner Ehre gereicht! Aber es geschieht dem Zeus
vollkommen recht, wenn ihm die Juno alle Augenblicke ein böses Wetter macht!
Überhaupt scheint die ganze Götterschaft noch nicht recht ausgebacken zu sein;
sonst könnte sie unmöglich mitunter so recht untermenschlich blitzdumme
Streiche machen!
[GEJ.04_043,11] Ich bin zwar ein gläubiger
Mensch und ehre die Götter wegen mancher weisen Einrichtung der Welt; aber wo
sie manchmal vor Dummheit ordentlich stinken, da bin ich kein Freund von ihnen.
Wäre unsere Stadt etwa abgebrannt, wenn Apollo nicht irgend wieder einen dummen
Streich begangen hätte?! Er hatte sich – wie auch unsere weisen Priester
allerfestest behaupten – in irgendeine so recht feinfleischige Erdnymphe
vergafft, vielleicht ihr gar einen schmutzigen Besuch gemacht, ließ unterdessen
den Himmelswagen mit den mutigen Rossen allein stehen, und die Juno oder die
Diana haben ihm unterdessen einen Schabernack gespielt, und wir armen Faune
müssen dafür das schöne Götterbad bezahlen!
[GEJ.04_043,12] Daß dann und wann ein Mensch
schwach wird, gewöhnlich aus Mangel an hinreichenden Erfahrungen, das ist
begreiflich. Was kann das schwache Rohr dafür, so es von den Winden hin und her
gewehet wird?! Aber wenn die gewaltigen Zedern, als Symbole unserer lieben
Götter, sich auch von den elenden Erdwinden gleich einem Rohre nach allen
Richtungen, sogar nach den schmutzigsten manchmal, biegen und beugen lassen, so
ist das unbegreiflich, und ein nur ein wenig nüchtern denkender Mensch muß so
etwas ja notwendig für sehr dumm ansehen!
[GEJ.04_043,13] Gott hin oder Gott her!
Handelt er weise, wie es sich für einen Gott ziemt, so ist er aller Verehrung
wert; handelt er aber mitunter auch so wie ein sterblicher Mensch schwach, und
wir armen Menschen kommen unverdientermaßen durch einen leichtsinnigen
Götterstreich zu Schaden, so ist das auch von einem Gotte dumm, und ich kann
ihn darum nicht ehren und preisen.
[GEJ.04_043,14] Du, hoher Gebieter und
eigentlich selbst so ein bißchen etwas von einem Halbgotte, wirst nun doch
einsehen, daß an meinem Unglücke rein die Götter schuld waren – und namentlich
der verliebte Apollo!? Ich flehe darum zu dir, mir den Schaden zu ersetzen!“
44. Kapitel
[GEJ.04_044,01] Sagt Cyrenius: „Wieviel
wünschest du denn hernach, daß ich dir gäbe?“
[GEJ.04_044,02] Sagt Zorel: „Nicht gar
zuwenig, aber auch nicht gar zuviel; wenn ich nur das Eingebüßte
wiederherstellen kann, so bin ich dann schon gedeckt!“
[GEJ.04_044,03] Sagt Cyrenius: „Kennst du
auch Roms Gesetze, die den Völkern zum Schutze ihres erworbenen Eigentums
gegeben wurden?“
[GEJ.04_044,04] Sagt Zorel: „O ja, – nicht
alle zwar wie irgendein Rechtsgelehrter, aber etwelche kenne ich dennoch! Gegen
die mir bekannten habe ich mich noch niemals versündigt. Eine Sünde gegen
unbekannte Gesetze aber ist ohnehin eine Null!
[GEJ.04_044,05] Übrigens bin ich ein Grieche,
und wir Griechen haben es mit den Gesetzen übers streng geschiedene Mein und
Dein noch nie gar zu ernst und genau genommen, weil wir mehr für den Gemein-
als für den Sonderbesitz eingenommen sind. Denn Gemeinbesitz erzeugt
Freundlichkeit, Brüderlichkeit, wahre und dauernde Ehrlichkeit und
Herrschlosigkeit unter den Menschen, was sicher eine sehr gute Sache ist! Der
Sonderbesitz aber erzeugt stets Habgier, Neid, Geiz, Armut, Dieberei, Raub,
Mord und die großartigste Herrschsucht, aus der am Ende alle Erdenqualen wie
aus einer Pandorabüchse für die Menschheit hervorgehen!
[GEJ.04_044,06] Wenn es keine übertrieben
scharfen Gesetze zugunsten des Sonderbesitzes gäbe, so gäbe es auch um vieles
weniger Diebereien und allerlei Betrügereien. Ich sage und behaupte es, daß die
Sonderbesitzschutzgesetze der gut gedüngte Acker sind, auf dem alle
erdenklichen Laster gedeihen und zur Reife kommen, während im Gemeinbesitze
weder ein Neid, eine Habgier, eine Scheelsucht, ein Leumund, ein Betrug, ein
Diebstahl, Raub, Mord, noch irgendein Krieg und anderes Elend je Platz greifen
können!
[GEJ.04_044,07] Weil ich aber die Gesetze zum
Schutze des Sonderbesitzes stets als einen Greuel der Verwüstung fürs
freundliche und brüderliche Zusammenleben allzeit erkannt habe und noch
gleichfort erkenne, so habe ich mir – in kleinen Dingen wenigstens – nie ein
besonderes Gewissen gemacht, so ich sie mir auf einem illegalen Wege habe
verschaffen können; hatte sich aber jemand bei mir auf demselben Wege etwas
ausgeborgt, so ist er von mir darum sicher nie verfolgt worden.
[GEJ.04_044,08] Meine Hütte und mein Acker
sind legal mein; na, – mit dem, was sich darin als Bewegliches meines
Besitztumes befand, da habe ich es aus den angeführten wahren Gründen niemals
gar zu genau genommen, weil ich ein Spartaner bin. Wer Sparta und dessen alte
und weiseste Gesetze kennt, dem wird es klar sein, warum ich mir aus einem
kleinen sogenannten Diebstahle nie ein besonderes Gewissen gemacht habe. Die beiden
Schafe, eine Ziege und mein Esel waren zwar kein gekauftes, aber eben auch
nicht zu sehr gestohlenes Gut meines Besitzes; denn ich habe sie im Walde
soviel wie wild weidend gefunden, zwar nicht auf einmal, aber dennoch so nach
und nach. Der Besitzer jener großen Waldweiden ist auch Besitzer vieler
Tausende von derlei Tieren. Den schmerzte der kleine Verlust sicher nicht, –
und mir kam er äußerst gut und dienlich zustatten!
[GEJ.04_044,09] Damit habe ich mich an den
römischen Besitzschutzgesetzen sicher nicht gar zu gewaltig versündigt, zumal
ich die angeführten Tiere im großen stundenlangen und -breiten Walde als
einzeln herumirrend und als für ihren legalen Besitzer ohnehin verloren
aufgefunden habe! Die Nachlese ist sogar bei den Juden erlaubt, die dafür vom
höchsten Gott Selbst ein Gesetz zu haben vorgeben. Warum soll sie dann bei uns
Römern ein Verbrechen sein?!
[GEJ.04_044,10] Nur mit dem Schwerte in den
Händen der Erdmächtigen, also durch die wilde Bären- und Löwengewalt, läßt sich
solch ein widersinniges Sonderbesitzschutzgesetz verteidigen, mit der Vernunft
niemals! Und sollten alle zehntausend Götter dafür sein, so bin ich dawider,
solange ich leben werde mit der Fähigkeit, so rein zu denken, wie ich jetzt und
allzeit gedacht habe!
[GEJ.04_044,11] Du, hoher Gebieter, hast wohl
des Schwertes Gewalt und kannst mich armen Faun züchtigen nach deinem
Wohlgefallen, aber die geraden Linien meiner Lebensgrundsätze wirst du mit
allen Waffen Roms nimmer krummzubiegen imstande sein; hast du aber etwa andere und
triftigere Vernunftgründe für streng legalen Besitz, so will ich sie anhören
und meine künftige Lebensweise danach einrichten!“
45. Kapitel
[GEJ.04_045,01] Sagt Cyrenius, große Augen
machend, etwas geheim zu Mir: „Herr! Du hast mir ehedem die Vorbemerkung
gemacht, daß der Mensch so recht dumm und arg sei, und nun redet der Mensch so
in aller Ordnung als einer der ersten heidnischen Advokaten! Er hat zwar vom
Judentume wenig angenommen, aber in unseren Gesetzen und in denen des alten
Griechenreiches ist er so gut bewandert wie unsereiner, und es läßt sich ihm
durchaus nicht viel einwenden! Ich wartete nun auf eine so recht armdicke
Dummheit; aber vergebens, – er wird nur stets heller und verteidigt seinen
Diebstahl auf eine Weise, gegen die sich nahe gar nichts einwenden läßt! Was
wird sich denn bei so bewandten Aussichten mit ihm machen lassen?“
[GEJ.04_045,02] Sage Ich: „Laß das nur gut
sein; er selbst wird alles, was er nun nach seiner arg dummen Idee für völlig
vernünftig recht findet, auf eine schlagende Weise widerlegen! Prüfe ihn aber
nun nur noch weiter; denn Mir liegt es sehr daran, daß ihr des menschlich
sogenannten Mutterwitzes Gründe von denen des Verstandes so recht klar und
helle würdet unterscheiden lernen!“
[GEJ.04_045,03] Sagt Cyrenius: „Na, da bin
ich denn doch neugierig im höchsten Grade, was am Ende da herauskommen wird!“
[GEJ.04_045,04] Sagt Zorel, fragend: „Hoher
Gebieter Roms! Was habe ich zu erwarten, und was zu gewärtigen? Bist du meiner
Ansicht, oder soll ich der deinigen werden, die du aber freilich noch nicht
ausgesprochen hast?“
[GEJ.04_045,05] Sagt Cyrenius: „Bis dahin,
daß ich deinem Wunsche willfahren werde oder auch nicht willfahren werde,
werden wir noch einiges miteinander zum Besprechen bekommen! Du scheinst mir ein
mutterwitziger Kauz zu sein, und deine Ehrlichkeit scheint nicht weit her zu
sein! Ob du die besprochenen vier Tiere gerade als schon für ihren legalen
Besitzer sowieso verloren im großen Walde herumirrend oder vielleicht doch
irgendwo anderwärts gefunden hast, und ob du auch deine andern
Hausgerätschaften bloß nur gefunden hast, das lassen wir vorderhand
dahingestellt sein. Aber ich sage dir nun etwas anderes, und das besteht darin,
daß es nun hier in meiner Gesellschaft, wie in andern Orten, so hellsehende
Menschen gibt, die bereits tausend Beweise von ihrer hellsehenden Fähigkeit
abgelegt haben, und daß ich ihrer höchst nüchternen Aussage einen solchen
Glauben beilege, daß derselbe durch hunderttausend Gegenbeweise nicht
entkräftet werden kann!
[GEJ.04_045,06] Sieh, ein solcher Mann sagte
mir, als du noch kaum die Stadt kannst verlassen haben, daß du kommen werdest,
und was du von mir verlangen würdest. Ich wußte schon, bevor ich dich ersah,
daß dir das Unglück begegnet ist. Du hättest es auch leicht verhüten können, so
du daheim geblieben wärest; aber deine illegalen Begriffe vom schutzrechtlichen
Besitze trieben dich in die Straßen der brennenden Stadt, um dir irgendwo
wieder etwas auf illegalen Wegen zu eigen zu machen. Unterdessen fing deine
Strohhütte Feuer, und dieses verzehrte dir schnell deine illegalen Besitztümer.
Daß dich bei dieser Gelegenheit deine Magd im Kote stecken ließ, ist
begreiflich, weil sie dich kennt und weiß, daß du ein Mensch bist, dem bei
einer solchen Gelegenheit durchaus nicht zu trauen ist.
[GEJ.04_045,07] Denn so sehr du bei andern
gegen den legalen Sonderbesitz bist, so willst du solchen aber in deinem Hause
doch äußerst ungestört und völlig gesichert haben! Nun, das Feuer hat deinen
Besitz aber illegal verzehrt, und du kannst das Element nicht zur strengsten
Verantwortung ziehen, weil dir das sicher keine Rede und Antwort geben würde;
aber deine Magd hättest du auf das härteste hergenommen, und sie hätte dir
unter allerlei Mißhandlungen den Schaden auf Leben und Tod ersetzen müssen,
weil du fest behauptet haben würdest, daß das Feuer nur durch ihre
Fahrlässigkeit dir alles verzehrt hätte.
[GEJ.04_045,08] Sieh, das und noch anderes
sagten solche Menschen über dich zum voraus aus, denen ich mehr als allen
Göttern Roms und Athens den vollsten Glauben schenke! Aber in unseren Gesetzen
steht ein Spruch, der also lautet: AUDIATUR ET ALTERA PARS! Und demzufolge
kannst du mir einen Gegenbeweis liefern. Wende zu deiner Rechtfertigung ein,
was du weißt und kannst; von mir wird alles mit der größten Geduld angehört
werden!“
46. Kapitel
[GEJ.04_046,01] Sagt etwas nachdenkend Zorel:
„Hoher Gebieter! Wenn du schon im voraus behauptest, einem deiner erprobtesten
Wahrsager mehr Glauben zu schenken als hunderttausend andern Zeugen, da möchte
ich denn doch wissen, wozu da eine in jedem Falle wahnwitzige Entgegnung von
meiner Seite gut wäre! Gegen deinen auf was immer für Gründe basierten
unwandelbaren Glauben läßt sich unmöglich mehr irgendein Gegenbeweis liefern.
Zudem hast du die große Gewalt in deinen Händen! Wer könnte da mit dir zu
rechten anfangen?!
[GEJ.04_046,02] Was nützt es mir, wenn ich
dir auch allerfestest sage, daß es dennoch nicht also sei? Du wirst mir den
Wahrsager vorstellen, der mir das, was du mir schon gesagt hast, noch einmal
ins Gesicht sagen wird, und ich sitze dann mit meiner Gegenrede so recht in der
Pfütze aller Pfützen. Kurz, mit deinem Über- hunderttausend-Menschen-Glauben
ist nichts Weiteres mehr zu machen, als ihn dir ganz gutmütig gelten zu lassen;
denn du wirst dem Wahrsager dennoch mehr glauben als den hunderttausend von mir
dir entgegengestellten Beweisen! Ich rede bei solch einer Vorbehauptung nichts
anderes mehr als: Hoher Gebieter, vergib es mir, daß ich mich dir genähert
habe!
[GEJ.04_046,03] Übrigens bleibe ich denn doch
bei meinem Grundsatze stehen, daß ein durch scharf sanktionierte Gesetze
geschützter Sonderbesitz um tausend Male schlechter ist für die
Menschengesellschaft als ein freier Kommunalbesitz! Meine Gründe habe ich gegen
diese echte Büchse der Pandora bereits an den Tag gelegt und brauche sie sonach
nicht mehr zu wiederholen. Nur das setze ich nun dazu, daß ich in der Folge ob
des leidigen Muß der äußern, rohen Gewalt die Praxis meines Grundsatzes werde
fahren lassen!
[GEJ.04_046,04] Ich sehe zwar in den
Besitzschutzgesetzen kein Heil für die arme Menschheit, und im Grunde die
größte Vernunftwidrigkeit; aber was kann ein einzelner, in die elendesten
Lumpen gehüllter Mensch gegen hunderttausendmal Hunderttausende?! Es mögen
schon durch den legalen Besitz irgend im Kommunalbesitze vorkommende Übelchen
hintangehalten werden auf Grund dessen, daß jedes Schlechte auch irgend etwas
Gutes mit sich bringt; aber die Hintanhaltung der Kleinübelchen steht in gar
keinem Verhältnisse zu den Greueln, die aus dem unterminierten Sonderbesitze
entstehen und entstehen müssen!
[GEJ.04_046,05] Ich habe somit ausgeredet.
Etwas Gutes zu gewärtigen habe ich bei obwaltenden Umständen durchaus nicht,
und so wird es besser sein, mich mit deiner gnädigen Genehmigung wieder aus dem
Staube zu machen. Aber natürlich nur mit deiner Genehmigung! Denn laut den –
die Götter wissen es, wie wahr aussehenden Aussagen wider mich, mit denen du
von deinen Wahrsagern voll sein wirst, stehe ich als ein Verbrecher vor dir;
und diese müssen ja zuvor gestraft sein, ehe sie wieder freigelassen werden.
Das Gesetz muß zuvor mit dem Blute eines armen Fauns gesättigt werden, bevor
ihm die Freiheit wieder erteilt wird!
[GEJ.04_046,06] Stehe ich als ein nach deinen
Begriffen strafbarer Verbrecher vor dir, so strafe mich sogleich, und gib mir
dann die Freiheit wieder – oder den Tod! Mir ist es nun einerlei, denn ich
stehe nun vollkommen wehrlos vor dir; ihr Römer aber seid und bleibet trockene
Gesetzesritter, und niemanden schützt seine Vernunft und seine Not vor der
Rache eurer Gesetze! Sage, hoher Gebieter, darf ich, wie ich gekommen, wieder
abziehen, oder muß ich hier einer über mich zu verhängenden Strafe wegen
verweilen?“
47. Kapitel
[GEJ.04_047,01] Sagt Cyrenius in einem zwar
ernsten, aber doch menschlich sanften Tone: „Fortziehen darfst du nicht, aber
wegen einer zu erwartenden Strafe auch nicht hier verweilen, sondern allein um
deines Heiles willen! Am Strafen der Sünder haben wir Römer noch nie ein
Vergnügen gehabt, sondern nur an ihrer wahren und vollkommenen Besserung. Kann
diese ohne die scharfe Zuchtrute erzielt werden, so ist uns das allzeit um
vieles lieber! Die Zuchtrute nehmen wir erst dann zur Hand, wenn alle andern
Mittel nichts nützen. So wird auch niemand wegen einer einmaligen Sünde gegen
das bestehende heilsame Gesetz zur strengsten Verantwortung gezogen; das
geschieht erst dann, so er zum wiederholten Male dieselbe Sünde begangen hat,
entweder aus zu großem Leichtsinn oder gar aus dem allerverderblichsten
Mutwillen. Wer da immer mutwillig wiederholt eine Sünde begeht, der muß auch
mutwillig bestraft werden!
[GEJ.04_047,02] Nun, du hast nach deinen
alten spartanischen Grundsätzen nur aus Not gesündigt und stehst nun zum ersten
Male vor einem Richter! Aus diesem Grunde allein wirst du auch nicht verflucht
und gerichtet werden; aber du mußt nun hier dein Arges und Dummes erkennen und
ablegen! Deine sehr kranke Seele wird geheilt werden, und du mußt den Segen der
weisen Gesetze einsehen und sodann erst fest danach zu handeln anfangen, so wirst
du dann erst von hier als ein ganz Freigewordener heimziehen und selbst eine
große Freude haben darum, weil du ein wahrhaft reiner und freier Mensch sein
wirst.
[GEJ.04_047,03] Damit aber solch eine Heilung
bezweckt werden kann, so wird ein reiner und physisch und geistig kräftiger
Mann aus unserer Gesellschaft dir seine heilbringenden Hände auf dein Haupt und
auf deine Brust legen; und solch eine überzarte Behandlung wird bei dir erst
jene in dir selbst schlummernden Begriffe erwecken und beleben, aus denen
heraus du dann erst das Heil der geordneten und scharf sanktionierten Gesetze
Roms erkennen und dich selbst darüber freuen wirst! – Bist du damit
einverstanden?“
[GEJ.04_047,04] Sagt Zorel, etwas heiterer
denn zuvor: „Hoher Herr und erhabenster Gebieter! Ich bin schon mit allem
einverstanden, was da nicht Schläge, Enthauptung oder gar Kreuzigung heißt! Ob
mich aber solch eine Behandlung zu besseren und vernünftigeren Grundsätzen
bringen wird, dafür stehe ich nicht völlig gut; denn ein bejahrter Baum läßt
sich nicht mehr gar leichtlich biegen! Aber an der Möglichkeit will ich gerade
eben auch nicht gänzlich zweifeln! – Wo aber ist der Mann, der mir seine
kräftigen Hände auflegen wird?“
[GEJ.04_047,05] Cyrenius fragt Mich
seitwärts, ob es nun an der Zeit wäre.
[GEJ.04_047,06] Sage Ich: „Noch eine kleine
Geduld; lasse nun der Seele noch eine kleine Verdauungsfrist! Der Mensch ist
nun voll aufgeregter Gedanken und würde nicht gut in den verzückenden Schlaf zu
bringen sein; auch Zinka darf nicht eher als der dazu Gewählte ihm gezeigt
werden, als bis es an der vollends rechten Zeit sein wird! Ich werde euch dazu
schon den Wink geben.“
[GEJ.04_047,07] Nach solchen Meinen Worten
und nach solcher Meiner Bestimmung verhält sich alles eine Zeitlang still, und
unser Zinka harret mit einer ängstlichen Freude auf Meinen Wink zur Behandlung
des Zorel. Dieser aber faßt nun allerlei Gedanken, was man etwa doch im Ernste
Gutes, möglich nach seiner Idee aber auch Arges mit ihm vornehmen könnte. Aber
er durchmustert unsere Gesichter und sagt dann bei sich selbst: ,Nein, aus
diesen Menschen leuchtet keine Hinterlist; denen kann man sich anvertrauen!
Diese können nur Gutes, nie aber etwas Arges tun!‘
[GEJ.04_047,08] Nun, diese Vorbereitung aus
sich selbst heraus war vor der vorzunehmenden Behandlung notwendig, ohne welche
das Auflegen der Hände von seiten unseres Zinka eine fruchtlose Mühe geblieben
wäre. Denn bei diesen Behandlungen muß der zu Behandelnde selbst in ein
gewisses Glaubens- und Vertrauensstadium gesetzt werden, ohne das es nicht
leicht möglich wäre, ihn mit aller menschlich möglichen, wenn noch so
überflutenden Seelensubstanzialkraft in den heilsamen Verzückungsschlaf zu
bringen.
[GEJ.04_047,09] Ah, ganz was anderes ist es
dann bei vollkommen aus dem Geiste und im Geiste wiedergeborenen Menschen!
Diese bedürfen so wie Ich nur ihres erregten Willens, – und der Akt der Heilung
ist vollbracht! Aber bei noch nicht voll wiedergeborenen, einen Kranken also
behandelnden Menschen muß auch die Erweckung und Belebung des zu behandelnden
Menschen vorausgehen, ansonst – wie bemerkt – die ganze Behandlung eine
vergebliche Mühe und Arbeit wäre.
[GEJ.04_047,10] Nun ist unser Zorel reif, und
Ich gebe nun sogleich dem Zinka den bekannten Wink, dem Zorel die Hände
aufzulegen.
48. Kapitel
[GEJ.04_048,01] Ich winke nun dem Zinka, und
er tritt sogleich zum Zorel hin und sagt: „Bruder, also will es der Herr, der
allmächtig und voll Erbarmung, Güte und Liebe und Weisheit ist, daß ich dich
allein durch die Auflegung meiner lebenskräftigen Hände heilen soll. Fürchte
nichts, sondern vertraue und werde dann ein anderer Mensch, und es soll dir
darauf nichts vorenthalten werden, was dir nur irgend leiblich und geistig zum
wahren Heile gereichen kann! Willst du, und vertraust du mir, deinem wahren
Freunde und Bruder, so lasse es mir, daß ich dir meine Hände auflege!“
[GEJ.04_048,02] Sagt Zorel: „Freund, mit der
treuen Sprache kannst du mich in den Tartarus schicken, und ich werde gehen!
Daher lege du immerhin deine wahren Bruderhände auf mich, wo und wie du sie
legen willst, und ich werde mich dir nicht widrig entgegenstellen!“
[GEJ.04_048,03] Sagt Zinka: „Nun wohl denn, –
so setze dich denn auf diese Bank, und ich will dich von der Kraft Gottes
durchströmen lassen!“
[GEJ.04_048,04] Sagt Zorel: „Welches Gottes
denn? Etwa gar des Zeus, Apollo, Mars, Merkur oder des Vulkan, Pluto oder
Neptun? Ich bitte dich, laß mir nur den Pluto aus dem Spiele; denn von dessen
orkanischer Kraft möchte ich wahrlich nicht durchdrungen sein!“
[GEJ.04_048,05] Sagt Zinka: „Laß die Götter,
die da nirgends als nur in der Phantasie der lange Zeiten blinden Menschen
existieren! Es gibt nur einen wahren Gott, und das ist der euch unbekannte
große Gott, dem ihr Heiden zwar auch allenthalben einen Tempel erbauet, Ihn
aber bisher noch nie erkannt habt. Nun aber ist die Zeit herangekommen, daß ihr
auch diesen allein wahren Gott werdet kennen lernen! Und siehe, von dieses
Gottes Gnade und Kraft sollst du nun zu deinem Heile durchströmt werden, so ich
dir meine Hände auflegen werde!“
[GEJ.04_048,06] Sagt Zorel: „Ah, wenn also,
dann lege mir deine Hände nur sogleich auf nach der Weise, die dir bestens
bekannt sein wird!“
[GEJ.04_048,07] Hier legt Zinka dem Zorel in
der vorbeschriebenen Weise die Hände auf, und sogleich verfällt Zorel in den
Verzückungsschlaf.
[GEJ.04_048,08] Nach einer Zeit von einer
starken Viertelstunde fängt Zorel, sonst fest schlafend mit stark
zugeschlossenen Augen also zu reden an: „O Gott, o Gott, was bin ich doch für
ein gar elender und schlechter Mensch, und was für ein ehrlicher und biederer
Mensch könnte ich sein, wenn ich's nur sein wollte; aber darin liegt eben der
Fluch der Sünde und der Lüge und des Hochmuts, welche beiden die eigentliche
Grundsünde sind, daß sie sich selbst stets wieder von neuem zeuget und
vermehret wie das Gras auf der Erde und der Sand im Meere!
[GEJ.04_048,09] O Gott! Ich habe so viele
Sünden und Makel an meiner Seele, daß ich vor lauter Sünden meine Haut nicht
sehe; ja, wie in einem dicksten Rauche und Nebel stecke ich nun in meiner
zahllosen Sünden Wucht!
[GEJ.04_048,10] O Gott, o Gott, wer wird mich
je von meinen Sünden frei zu machen imstande sein?! Ich bin ein Hauptdieb, ich
bin ein Lügner, und so ich lüge, da lüge ich noch immer neu hinzu, um durch eine
neue Lüge die alte zu bekräftigen und sie als irgendeine Wahrheit geltend zu
machen. O ich abscheulicher Lügenhund ich! Alles, was ich habe, habe ich nur
durch Lüge und Betrug und durch geheimen und offenen Diebstahl an mich
gebracht!
[GEJ.04_048,11] Freilich wohl hielt ich das
alles in meiner großen Blindheit für keine Sünde, aber ich hatte auch oft die
Gelegenheit, mich von der Wahrheit überzeugen zu lassen. Aber ich wollte mich
nicht überzeugen lassen! Ich schob immer Sparta und Lykurg vor und verachtete
stets Roms weise Gerechtigkeitsgesetze! Oh, ich gar zu gemein schlechter Lump
ich!
[GEJ.04_048,12] Na, das einzige nur tröstet
mich, daß ich noch niemanden ermordet habe; aber es hätte nicht viel gefehlt!
Wäre meine Magd nicht vorher durchgegangen, als ich nach Hause kam, so wäre sie
ein trauriges Opfer meiner teufelsargen Wut geworden!
[GEJ.04_048,13] Oh, ich bin ein gar
scheußliches Ungeheuer! Ich bin ärger denn ein Bär, ärger denn ein Löwe, ärger
denn ein Tiger, ärger denn eine Hyäne, viel ärger denn ein Wolf, und um vieles
ärger denn eine wilde Sau! Denn ich bin auch schlau wie ein Fuchs, und das
stempelt mich zu einem wahren vermummten Teufel!
[GEJ.04_048,14] Oh, ich bin sehr krank an
meiner Seele, und du, Bruder Zinka, wirst mich schwer oder gar nicht heilen!
[GEJ.04_048,15] Es wird nun wohl etwas heller
in mir, und der gar dicke Rauch und die gar dichten Nebel um mich schwinden!
Sieh, sie werden dünner, und es kommt mir vor, daß ich leichter atme; aber in
dieser größern Helle sehe ich erst so recht meine wahre Ungestalt, voll von
allerlei Aussatz, voll von Beulen und eklichen Geschwülsten! Ach, ach, meine
Gestalt ist ein wahres Scheusal! Wo ist der Arzt, der mich heilete?! Mein
schlechter Leib ist wohl gesund; aber es läge nichts an dem schlechten Leibe,
wenn nur ich, Seele, gesund wäre!
[GEJ.04_048,16] O Gott, könnte jemand meine
Seele schauen, er würde sich entsetzen vor ihrer zu großen Häßlichkeit! Je
heller es um mich wird, desto scheußlicher nimmt sich meine Seele aus! Bruder
Zinka, gibt es denn kein Mittel, durch das meine Seele ein nur etwas besseres
Aussehen bekommen könnte?!“
49. Kapitel
[GEJ.04_049,01] Hier fängt Zorel an zu
seufzen in seinem Schlafe, und einige meinen, daß er nun erwachen werde.
[GEJ.04_049,02] Ich aber sage zu ihnen allen:
„O mitnichten! Das war nun nur das erste Stadium seines Schlafes; er wird noch
über eine Stunde lang schlafen und bald wieder, in einem andern und höheren
Stadium seines Seelenlebens zu reden anfangen. Dieses Stadium bestand in dem
Sichloswinden der Seele von ihren fleischlichen und weltsinnlichen
Leidenschaften, die er als lauter Krankheiten am Formleibe seiner Seele sehen
und gegen die er von tiefstem Abscheu ergriffen werden mußte. Für solche
Seelenübel aber gibt es keine andere Arznei, als zuerst die Erkenntnis
derselben, dann ihre tiefste Verabscheuung und endlich den festen Willen, ihrer
ehestmöglich vollends los zu werden. Ist der Wille einmal da, so geht es dann
leicht mit der Heilung vorwärts.
[GEJ.04_049,03] Gebet nun nur acht, er wird
gleich wieder zu reden beginnen! So er dich, Freund Zinka, wieder um etwas
fragt, so antworte du ihm nun bloß nur mit den Gedanken, und er wird dich hören
und ganz wohl verstehen!“
[GEJ.04_049,04] Als Ich dem Zinka solch eine
Weisung noch kaum gegeben hatte, begann Zorel schon also zu reden und sagte:
„Siehe, ich weinte über mein großes Elend! Aus den Tränen entstand ein Teich
wie Siloah in Jerusalem; und ich bade mich nun in diesem Teiche, und siehe,
dieses Teiches Wasser heilt die vielen Wunden, Geschwüre und Beulen am Leibe
meiner Seele! Ah, ah, das ist ein wahres Heilbad! Die Masen (Narben) sehe ich
nun wohl noch, aber die Wunden, Beulen und Geschwüre sind verschwunden vom
Leibe meiner gar so armen Seele. Aber wie war das möglich, daß sich sichtlich
aus meinen Tränen ein ganzer Teich gebildet hat?
[GEJ.04_049,05] Den Teich umgibt eine recht
herrliche Gegend; es ist das die Gegend des Trostes und einer lieblichen
Hoffnung. Es kommt mir auch in meinem Gefühle so vor, als dürfte ich auf eine
volle Genesung hoffen. – Ah, gar so lieblich ist diese Gegend; da möchte ich
immer bleiben! Das Wasser in meinem Teiche ist sehr klar nun, aber früher war
es trübe; und je klarer es wird, desto heilsamer wirkt es auf mich ein!
[GEJ.04_049,06] Ah, jetzt merke ich aber
auch, daß sich in mir etwas zu regen anfängt wie ein starker Wille, und hinter
dem starken Willen merke ich etwas wie einen Worttrieb, und der redet laut: Ich
will, ich muß, – ich muß, weil ich will! Wer kann in mir hemmen das, was ich
will? Ich bin frei in meinem Willen; ich darf gar nicht wollen, was ich soll,
sondern ich will, was ich selbst will! Was wahr und gut ist, das will ich, weil
ich es selbst wollen will, und niemand kann mich dazu zwingen!
[GEJ.04_049,07] Ich erkenne nun die Wahrheit;
sie ist ein göttliches Licht aus den Himmeln! Unsere Götter alle sind Schemen;
nichts, gar nicht sind sie. Wer an sie glaubt, ist ärger denn ein wirklicher
Narr; denn ein wirklicher Narr glaubt niemals an solch nichtigste Götter. Ich
sehe die Götter nirgends, aber das göttliche Licht sehe und das göttliche Wort
vernehme ich. Aber Gott Selbst kann ich nicht sehen; denn Er ist zu heilig für
mich.
[GEJ.04_049,08] Aber nun ist mein Teichwasser
schon zu einem See um mich herum geworden! Der See ist nicht tief; mir steht
das Wasser nur bis an die Lenden. Und klar ist es, ganz ungeheuer klar; aber es
gibt noch kein Fischlein darin! Ja, da werden aber auch nie Fischlein
hineinkommen; denn die Fischlein rühren vom Gotteshauche her, und das ist gar
ein allmächtiger Hauch! Ich bin nur eine sehr schwache Menschenseele, aus deren
Hauche keine Fischlein Gottes werden.
[GEJ.04_049,09] Oh, da gehört viel dazu, da
muß man sehr allmächtig sein, so man mit seinem Hauche Fischlein zeihen will!
Oh, das kann ein Mensch nimmer; denn ein Mensch ist da viel zu schwach dazu!
Ganz unmöglich wäre es wohl gerade nicht für den Menschen, aber da müßte er
voll des göttlichen Willens und des göttlichen Geistes sein! Das ist für einen
rechten Menschen zwar nichts Unmögliches; aber ich bin kein rechter Mensch, und
darum ist das für mich dennoch rein unmöglich!
[GEJ.04_049,10] Aber rein ist das Wasser, und
der Boden ist auch rein, lauter schönes Gras; 's ist wohl recht wunderbar:
unterm Wasser ein so schönes, üppiges Gras! Und sieh, das Gras wächst zusehends
und fängt an, das schöne Wasser zu verdrängen! Ja ja, die Hoffnung wird
mächtiger als die Erkenntnisse und die sie begleitende Furcht!
[GEJ.04_049,11] Ah, ah, nun sehe ich einen
Menschen am ziemlich fernen Ufer; der winkt mir! Ja, ich möchte wohl hin zu
ihm, weiß aber nicht, wie tief allenthalben der See ist! Wenn dazwischen etwa
sehr tiefe Stellen sich vorfänden, da könnte ich ja untergehen und wäre
verloren!
[GEJ.04_049,12] Aber eine Stimme aus dem
Wasser tönt: ,Ich bin durchweg gleich tief! Du kannst ohne Furcht und Scheu
durch mich ziehen; gehe hin zu dem, der dich ruft, der dich führen und richten
wird!‘ Das ist doch sonderbar; hier redet sogar das Wasser und das Gras! Nein,
das ist noch nicht dagewesen!
[GEJ.04_049,13] Ich gehe nun zum Freunde am
Ufer. Ein Freund muß er ja doch sein, sonst hätte er mir nicht gewinkt! Zinka,
du bist es nicht, – das ist ein anderer! Dich sehe ich nun auch hinter ihm;
aber du bist lange nicht so freundlich wie er! Wer er etwa doch sein mag? Aber
ich schäme mich vor ihm sehr, weil ich ganz nackt bin. Mein Leib sieht nun zwar
schon ganz gut aus; ich entdecke nun nahe keine Krankheitsspuren mehr an ihm.
Oh, wenn ich doch nur ein Hemd hätte! Aber so bin ich ganz nackt wie ein
Badender. Aber ich muß doch hin; sein Winken zieht mich gewaltig! Ich gehe nun,
– und sieh, es geht sich recht gut!“
50. Kapitel
[GEJ.04_050,01] Hier erfolgt eine Redepause
des Zorel, und Zinka fragt: „Wie sieht er denn das alles, und wie geht er nun durch
ein Wasser, und doch liegt er so unbeweglich da, als wäre er tot?!“
[GEJ.04_050,02] Sage Ich: „Seine Seele sieht
nun nur ihre zum Bessern führenden Zustände; aus diesen formt sich im Gemüte
der Seele eine eigene Welt, und das, was du hier eine Gedankenbewegung nennst,
das erscheint im Seelenreich als eine Bewegung von einem Orte zum andern.
[GEJ.04_050,03] Der Teich, der aus seinen
Tränen entstand, und dessen Wasser seine Seele heilte, stellt seine Reue über
die begangenen Sünden vor, und das Bad darin bezeichnet eine rechte Buße, die
aus der Reue entspringt. Das reine Wasser bezeichnet das gerechte Erkennen
seiner Sünden und Gebrechen; und so der Teich zu einem See wird, so drückt dies
das mächtigere Wollen aus, aus sich selbst gereinigt und geheilt zu werden. Das
schöne Gras unter dem Wasser bezeichnet die Hoffnung auf die Erreichung der
vollen Gesundheit und der höheren freien Gnade Gottes. Diese stellt sich
bereits am noch etwas fernen Ufer erscheinlich auf; Ich selbst bin das im
Geiste und im Willen. Die Bewegung zu Mir hin durch das Gewässer der wahren
Reue und Buße aber bezeichnet in sich den Fortschritt der Seele zur wahren
Besserung.
[GEJ.04_050,04] Das alles aber ist für seine
Seele nur eine entsprechende Erscheinlichkeit, aus der die Seele ersieht, wie
sie beschaffen ist und was zu ihrer Besserung sie in ihrem Gemüte vornimmt und
tut, – freilich in diesem Zustande nur allein im Willen, ohne eine äußere,
wirkliche Tätigkeit. Diese muß erst erfolgen, so er sich im wachen Zustande im
vollen Verbande mit seinem Leibe befinden wird.
[GEJ.04_050,05] Nun wird er bald bei Mir sein
und sogleich wieder zu reden beginnen. Gebet nur recht acht; alles, was er nun
aussagt, hat Entsprechung mit seinem innern Seelenzustande! Es wird noch
manches Verworrene zum Vorscheine kommen, bis er ins dritte Stadium, das ist in
die zeitweilige Verbindung mit seinem reinen Lebenskeime treten wird.
[GEJ.04_050,06] Im dritten Stadium werdet ihr
euch dann schon überzeugen, wie zusammenhängend und wie weise er da reden wird!
Jetzt spricht nur seine für diesen Augenblick geläuterte Seele; im dritten
Stadium aber wird sein Geist aus ihm sprechen! Und da werdet ihr gar keine
Lücken mehr in ihm entdecken; da wird er eine Rede führen, bei der es euch
allen warm ums Herz wird!
[GEJ.04_050,07] Nun kommt er schon ans Ufer
und sagt: ,Ah, war aber das doch eine recht mühevolle Reise! Da bin ich nun bei
dir, du edler Freund! Hast du kein Hemd bei dir? Sieh, ich schäme mich meiner
Nacktheit ganz entsetzlich!‘
[GEJ.04_050,08] Sage Ich aus Meinem ihm nun
sichtbaren Geiste und Willen: ,Steige heraus aus dem Wasser; nach deinen Werken
wirst du bekleidet werden!‘
[GEJ.04_050,09] Sagt Zorels Seele: ,Freund, o
rede nicht von meinen Werken; denn diese sind eitel schlecht und böse! Wenn ich
danach ein Kleid bekomme, so wird es ganz entsetzlich schwarz und zerlumpt
aussehen!‘
[GEJ.04_050,10] Sage Ich: ,Wenn das, so ist
ja hier des Wassers genug, um es weiß zu waschen!‘
[GEJ.04_050,11] Sagt Zorel: ,O Freund, das
hieße einen Mohren weiß waschen wollen! Das wird nicht gut gehen! Aber ein
Kleid ist immer besser denn gar keines. Ich steige sonach aus dem Wasser!‘
[GEJ.04_050,12] Zu Meinen Füßen liegt eine
Toga mit vielen Falten, aber sehr beschmutzt, obschon die Grundfarbe weißgrau
ist, – eine Eigentümlichkeit der Heidenkleidungenfarbe im Geisterreiche. Er
nimmt das Kleid und findet einen Ekel an dem Schmutze, was da ein gutes Zeichen
ist. Aber er nimmt es dennoch, eilt aber damit schnell ins Wasser und fängt an,
es zu rippeln und zu schwemmen und endlich auszubalgen.
[GEJ.04_050,13] Nun ist er fertig, und das
Kleid ist rein. Da es aber noch feucht ist, getraut er sich nicht, es so recht
mutig anzuziehen. Ich aber bedeute ihm, daß er es dennoch anziehen soll; er
habe doch ehedem das Wasser nicht gescheut, wie solle er nun vor dem noch ein
wenig feuchten Kleide eine Art Abscheu haben?! Nun sagt er – höret nur, denn
solches wird er laut reden! –:“
[GEJ.04_050,14] Zorel: „Ist aber auch wahr!
Früher hat mir der ganze See nichts gemacht, und nun sollte das feuchte Hemd
mir etwas machen? Nur über den Leib damit! – Ah, wie das wohl tut!“
51. Kapitel
[GEJ.04_051,01] Nun macht Zinka mit seinen
Gedanken eine Frage und sagt: „Hat denn die Seele auch einen Leib?“
[GEJ.04_051,02] Diese Frage stellte Zinka,
weil er selbst keinen Dunst von dem hatte, wie da eine Seele aussieht und
beschaffen ist. Denn der gewöhnliche jüdische Begriff von der Seele war, daß
sie sich solche als eine Art von einem dunstigen Nichts vorstellten und sagten:
sie, die Seele, sei ein purer Geist, der einen Verstand und Willen, aber
durchgehends weder eine Gestalt, noch weniger irgendeinen Leib habe.
[GEJ.04_051,03] Zinka machte darum große
Augen, als Zorel ihm auf die Gedankenfrage zur Antwort gab: „Na freilich hat
die Seele auch einen, zwar nur ätherischen Leib, – aber für die Seele ist ihr
Leib ebenso vollkommen Leib, wie dem Fleische das Fleisch vollkommen Leib ist.
Nichts fehlt dem Seelenleibe, was immer da innehat der fleischliche Leib. Du
siehst solches mit deinen Fleischaugen freilich wohl nicht, aber ich kann das
alles sehen, hören, empfinden, riechen und schmecken; denn auch die Seele hat
dieselben Sinne, wie sie der Leib hat als Verkehrsmittel zwischen sich und
seiner Seele.
[GEJ.04_051,04] Die Sinne des Leibes sind die
Leitzügel in den Händen der Seele zur Beherrschung ihres Leibes für die
Außenwelt. Hätte der Leib solche Sinne nicht, so wäre er gänzlich unbrauchbar
und der Seele eine unerträgliche Last.
[GEJ.04_051,05] Denke dir nur einen Menschen,
der völlig blind und taub wäre, nichts fühlte, weder Schmerz noch das Behagen
der Gesundheit, und auch keinen Geruch und keinen Geschmack hätte; sage es dir
selbst, ob der Seele mit solch einem Leibe in etwas gedient wäre! Müßte sie bei
ihrem sonstigen vollsten und klarsten Bewußtsein nicht völlig verzweifeln?
[GEJ.04_051,06] Aber im gleichen Maße würden
der Seele die schärfsten Sinne des Leibes nichts nützen, so sie nicht selbst in
ihrem ätherischen Leibe ganz dieselben Sinne besäße! Weil aber auch die Seele
dieselben Sinne besitzt wie der Leib, so nimmt sie denn auch leicht und
bestimmt mit ihren feinen Sinnen wahr, was vorausgehend die Sinne des Leibes
von der Außenwelt wahr- und aufgenommen haben. – Nun weißt du, wie die Seele
auch eine leibliche Form ist.
[GEJ.04_051,07] Du weißt es zwar nun, da ich
es dir gesagt habe, wie ich es nun schaue, fühle und wie körperlich empfinde;
wenn ich aber wieder wach werde, dann wirst du das noch wissen, aber ich werde
nichts davon wissen, weil ich das nun nur mit meinen feinen Seelensinnen sehe,
fühle und empfinde – und nicht zugleich auch mit den Sinnen des Leibes.
[GEJ.04_051,08] Würde ich das alles nun auch
mit den Sinnen des Leibes wahrnehmen, so würden diese auf meines Gehirnes
Nerven und entsprechend auf die Lebensnerven des Fleischherzens gewisse
Merkmale eingraben, und ich Seele würde sie dann in meinem Fleischleibe
wiederfinden und sie durch und durch erkennen. Aber da ich nun nahe außer allem
Verbande mit meinem Leibe frei dastehe und auf die Sinne meines Leibes nicht
rück- und einwirken kann, so werde ich nach dem Wiedereintritte in meinen Leib
von all dem gar nichts wissen, was ich nun sehe, höre und fühle und rede, und
was alles nun mit mir vorgeht.
[GEJ.04_051,09] Es hat aber die Seele auch
für sich gar wohl ein Erinnerungsvermögen und kann sich demzufolge an alles
Kleinste und Unbedeutendste erinnern, was je mit ihr vor sich gegangen ist;
aber nur in ihrem freien Zustande kann sie das. Ist sie aber im sie durch und
durch verdunkelnden Leibe, so sieht, hört und fühlt sie, alles Geistige
übertäubend, nur die groben und übermächtig rauschenden und rohen Eindrücke;
ihr Selbstisches aber nimmt sie oft kaum derart wahr, daß sie sich ihrer selbst
nur insoweit bewußt wird, daß sie da sei, geschweige daß sie von den in ihr
rastenden höheren und tieferen geistigen Eindrücken etwas wahrnähme.
[GEJ.04_051,10] Du hast auch eine Seele, wie
ich selbst nun eine völlig freie Seele bin; aber du wußtest auch wenig oder
nichts von dir selbst. Der Grund davon liegt im finstersten Fleische, mit dem
eine Zeitlang eine jede Seele umhüllt ist. Erst nun, weil ich dir durch des
noch lebendigen Leibmundes Stimme einige Eindrücke in deines Hinterhauptes
Nerven machte und du als Seele nun durch solche Eindrücke die gleichen
Urmerkmale in dir selbst liesest, so weißt du nun auch als Seele und nicht als
Fleisch, daß du eine Seele hast und auf Grund deines Denkens und Wollens selbst
Seele bist, die in ihrem ätherisch-leiblichen Wesen die gleiche Gestalt hat wie
dein Leib.
[GEJ.04_051,11] Wundere dich aber übrigens
gar nicht, so ich dir nun sage, daß ich nachher bei meinem Erwachen ins
irdische Leben nichts mehr wissen werde von all dem, was ich dir nun gesagt
habe; denn ich habe dir den Grund davon erklärt!“
52. Kapitel
[GEJ.04_052,01] (Zorel:) „Jetzt sagt der Freund
zu mir: ,Komm, Zorel, verlasse diese Stätte, ich werde dich in eine andere
Gegend führen!‘
[GEJ.04_052,02] Ich gehe nun mit dem guten
Freunde fort, weit fort und hinweg von dem See. Wir wandeln nun durch eine
herrliche Allee, und die Bäume verneigen sich vor dem, dem ich folge. Der muß
etwas Großes sein im Reiche aller Geister! Oh, einige der Bäume brechen sich
fast ab vor lauter Verbeugung!
[GEJ.04_052,03] Du, Zinka, gehest wohl auch
mit, schaust aber sehr neblig aus und scheinst nicht zu bemerken, wie sich die
Bäume beugen vor meinem Freunde! Das ist doch etwas sonderbar für die Welt,
aber dennoch ist es wahr!
[GEJ.04_052,04] Merkwürdig, merkwürdig! Jetzt
fangen die Bäume sogar zu reden an! Sie rufen in lautem und wohl vernehmbarem
Geflüster: ,Heil dem Heiligen der Heiligen, Heil dem großen Könige der Könige
von Ewigkeit zu Ewigkeit!‘
[GEJ.04_052,05] Findest du das nicht höchst
merkwürdig?! Du tust aber ärgerlicherweise dennoch, als bemerktest du so etwas
gar nicht, oder als wäre das eine so ganz gewöhnliche Erscheinung wie irgendein
fauler Regen auf der Erde!
[GEJ.04_052,06] Ja, ja, der Freund, vor dem
sich die Bäume verneigen und sein Lob ausrufen, sagt's mir, daß das, was dir
ähnlich uns folgt, nicht du selbst, sondern nur ein schattenartiges Ausbild
deiner Seele sei und sich erst in unserer Atmosphäre erzeuge. Aus deiner Seele
gingen gewisse Lebensstrahlen wie von einem Lichte aus; sobald sie unsere
Atmosphäre berührten, da gewännen sie auf eine nahe ähnliche Weise die
Gestaltung, wie die am Tage von einem Menschen ausgehenden Strahlen, wenn sie
auf die Oberfläche eines Spiegels fallen, auch sogleich die Gestaltung
desjenigen Menschen annehmen, von dem ausgehend sie auf die Fläche eines
Spiegels gelangen.
[GEJ.04_052,07] Ich möchte dir nur auf die Füße
sehen und werde mich überzeugen, daß du nicht mitgehst, sondern nur
mitschwebst. Und richtig, du bewegst weder Füße noch Hände und folgst uns
dennoch in einer Entfernung von sieben guten Schritten! Ja, nun begreife ich's,
warum du die Bäume sich nicht verneigen siehst und nicht hörest ihr wunderbares
Geflüster!
[GEJ.04_052,08] Aber die Allee wird nun immer
enger, und die Bäume werden niederer, stehen aber dafür enger aneinander; aber
die Verneigungen und das Flüstern hört darum nicht auf. Der Weg wird aber auch
stets beschwerlicher. Nun ist die Allee schon so enge und der Weg so dornig und
gestrüppig, daß wir nur sehr mühsam durchkommen können! Noch ist kein Ende zu
sehen, obschon der Freund sagt, daß der Weg nun bald sein Ende erreicht haben
wird und wir am Ziele sein werden. Oh, jetzt werden die Gestrüppbäumlein gar
dicht, und der Boden nahezu steinicht, und zwischen den Steinen ist alles voll
von Dornen und Disteln; da ist es aber nun schon fast rein nicht mehr zum
Weiterkommen!
[GEJ.04_052,09] Ich frage den Freund, warum
wir denn einen gar so heillos schlechten Weg eingeschlagen haben. Der Freund
aber sagt: ,Siehe dich nur nach rechts und links um, und du wirst zu beiden
Seiten ein Meer entdecken, das eine grundlose Tiefe hat! Das ist die einzige
und alleinige, zwar am Ende sehr schmale und dornige, aber feste Landzunge, die
zwischen den beiden endlos großen Meeren sich dahinzieht. Sie verbindet alle
irdische Welt mit dem großen jenseitigen Paradieslande der Seligen. Wer dahin
kommen will, muß sich diesen Weg, weil er der einzige ist, schon gefallen
lassen!‘
[GEJ.04_052,10] Siehst du, Zinka, solche
merkwürdige Antwort gab mir nun der Freund und Führer meiner Nichtigkeit! Ich
frage ihn aber nun wieder und sage: ,Auf der Welt gibt es auch recht viele
schlechte Wege, aber da helfen sich die Menschen; sie nehmen Hauen, Krampen und
Schaufeln und machen den Weg gut. Warum geschieht denn hier so was nicht?‘
[GEJ.04_052,11] Aber der Freund sagt: ,Weil
eben dieses gewaltige Gestrüppe diese Landzunge vor den oft zu gewaltigen
Meeresstürmen schützt! Wäre diese einzige, feste Zunge nicht so dicht und so
fest mit diesem Gestrüppe verwahrt, so hätten die mächtigen Wogen des
beiderseitigen Meeres sie schon lange ganz hinweggespült durch ihre starke
Brandung. Weil aber dies Dorngestrüppe so dicht verwachsen ist, besonders gegen
die beiden Ufer hinaus, so brechen sich an ihm die starken Wogen und setzen
zwischen sein dichtes Gezweige ihren Schaum ab, der sich nach und nach zu Stein
verhärtet und so diese gar wichtige Landzunge nur stets mehr und mehr
befestigt. Diese Landzunge aber führt den Namen Demut und feste Grundwahrheit.
Beide, Demut und Wahrheit, aber sind für den Menschen ja noch allzeit voll
Dornen gewesen!‘
[GEJ.04_052,12] Siehe, Zinka, also hat der
Freund geredet, und in mir wird es nun sonderbar helle, und ich fange an
wahrzunehmen, als finge in meinem Herzen etwas an, sich zu regen; und das, was
sich regt, ist ein Licht, und das Licht hat eine Form im Herzen wie die eines
Embryo im Mutterleibe. Es ist ganz rein, – ich sehe es. Es wird aber stets
größer und mächtiger nun! Ah, was das doch für ein herrliches und völlig
reinstes Licht ist! Das ist sicher die eigentliche Lebensflamme aus Gott im
wahren Herzen des Menschen! Ja, ja, das ist es! Es wächst nun in einem fort,
und ach, wie wohl tut mir das!
[GEJ.04_052,13] Noch wandeln wir den schmalen
Pfad; aber nun beirrt mich das Gestrüppe und das Dornwerk nicht mehr; auch
empfinde ich nichts Schmerzliches mehr, so mich auch noch irgendein Dorn sticht
und ritzt! – Nun wird das Gestrüppe dünner, die Bäume werden wieder größer, es
gestaltet sich wieder eine herrliche Allee. Das Gestrüppe hört gänzlich auf,
die Landzunge erweitert sich, und der Meere Ufer entfernen sich von uns stets
mehr und mehr, und schon sehe ich, wohl noch in weiter Ferne, ein gar
herrliches Land mit den schönsten Gebirgen, und über die Gebirge strahlet wie
ein herrlichstes Morgenrot! Aus der nun stets größer und breiter werdenden
Allee aber sind wir noch immer nicht herausgekommen, und die nun sehr großen
und hohen Bäume haben noch nicht aufgehört, ihre majestätischen Kronen zu
beugen vor meinem Freunde und Führer, und ihr Geflüster tönet nun wie die
herrlichsten und reinst gestimmten Harfen!
[GEJ.04_052,14] O Zinka! Da, wohl da, da ist
es schon gar unbeschreibbar herrlich! Aber du schwebest uns auch noch nach und
bist so stumm wie ehedem, kannst aber nicht darum; denn du bist es ja nicht,
sondern nur dein flüchtig Abbild ist es. Ach, könntest auch du so etwas
schauen, aber dann auch davon ganz lebendig die guten Merkmale behalten hinüber
ins irdische Leben, – was für ein denkwürdiger Mensch wärest du dann! Ich
könnte es auch sein, wenn mir von all dem etwas in der Erinnerung bliebe; aber
mir wird gar nichts bleiben! Doch der Freund sagt, mit der Zeit solle mir die
lebendige Erinnerung an alles das wiedergegeben werden; aber ich werde zuvor
auch im Fleische diesen dornigen Weg, der sich finden wird, durchmachen
müssen.“
53. Kapitel
[GEJ.04_053,01] (Zorel:) „Ah, mein inneres
Lebenslicht wird nun aber schon ungeheuer stark; es durchdringt nun schon alle
meine Eingeweide! Oh, wie wohl doch tut dieses Licht meinem ganzen Wesen! Aber
ich sehe es nun in der Gestalt eines vierjährigen Kindes von ungemein
freundlichem Aussehen! Und sehr weise muß es sein; denn es sieht aus wie ein
reinst gedachter kleiner Gott, aber nicht wie ein Phantasiegott der Ägypter,
Griechen und Römer, sondern wie ein wundersames Abbild des wahren Gottes der
Juden! Es ist ein Abbild der wahren Gottheit!
[GEJ.04_053,02] Oh, jetzt erkenne ich es
wohl, daß es nur einen wahren Gott gibt; aber nur diejenigen werden Sein
heiliges Angesicht schauen, die eines vollkommen reinen Herzens sind! Ich werde
wohl schwer zu dessen Anschauung gelangen; denn mein Herz war schon ganz
verzweifelt unrein! Du wohl, Freund Zinka; denn an deinem Herzen entdecke ich
beinahe gar nichts Unreines, außer den Fleck und den Faden, mittels welchem du
notwendig mit der Welt noch eine Zeitlang zusammenhängend bleiben mußt!
[GEJ.04_053,03] Aber nun erst erschaue ich in
wohl noch ziemlicher Ferne das breite Ende der Allee. Nun ist von keinem Meere
irgendwo mehr eine Spur, überall üppigstes und wunderschönstes Land, Gärten an
Gärten; überall stehen die schönsten Häuser und Paläste! Ach, ist das doch eine
unbeschreibliche Herrlichkeit!
[GEJ.04_053,04] Mein Freund sagt, dies sei
noch lange kein Himmel, sondern das sei das Paradies. In den Himmel wäre bis
jetzt noch kein Sterblicher gekommen; denn dahin sei bis jetzt noch keine
Brücke erbaut worden. Alle die Guten, die vom Anfange der Schöpfung an auf der
Erde gelebt haben, weilen hier mit Adam, Noah, Abraham, Isaak und Jakob. Jene
hohen Berge begrenzen dieses gar wundersam herrliche Land. Wer auf jene Berge
käme, der würde wohl den Himmel erschauen mit den großen Scharen der Engel Gottes,
aber hinein könnte niemand kommen so lange, als über die große Kluft, die
keinen Boden habe, nicht eine feste Brücke für ewig dauernd erbaut sein wird.
[GEJ.04_053,05] Wir gehen nun so schnell wie
ein Wind. Mein Lichtmensch in mir hat bereits die Größe eines achtjährigen
Knaben, und es kommt mir vor, daß seine Gedanken wie Blitze mein ganzes Wesen
durchzucken. Ich fühle wohl ihre unbegreifliche Erhabenheit und Tiefe, aber
ihre Formen erfasse ich noch nicht. Es muß etwas Wundersamstes darin sein! Jeder
ausfahrende Gedankenblitz aber verursacht mir ein unbeschreibbares Wonnegefühl!
So eine Wonne kennt die ganze Erde nicht, – kann sie auch nicht fühlen! Denn
die ganze Erde ist ja nur ein Gnadengericht Gottes, – aber immerhin ein
Gericht; im besten Gericht aber sind die Wonnen stets spärlich ausgeteilt.
[GEJ.04_053,06] Nun kommen wir den hohen
Bergen schon sehr nahe, und immer herrlicher wird es! Welch eine
unbeschreibliche Mannigfaltigkeit von Wundern über Wundern! Sie alle zu
beschreiben würden tausend Menschenalter nicht auslangen!
[GEJ.04_053,07] Und da siehe erst, an den
Bergen wohnen eine Unzahl von den schönsten Menschen! Aber uns beide, das heißt
mich und meinen lieben Freund, scheinen sie nicht zu bemerken; denn sie gehen
eilenden und stets muntern Schrittes an uns vorüber, tun aber nicht
dergleichen, als sähen sie uns, während doch meinen Freund sichtlich alle Bäume
begrüßen! Ein sonderbares Geistervolk das!
[GEJ.04_053,08] Aha, aha, bei dieser
Gelegenheit haben wir auch den Gipfel eines hohen Berges erstiegen! O Gott, o
Gott, da stehen wir nun, und besonders ich, wie ein wahrer Ochse am Berge! Ich
erschaue stets klarer in die weiteste Ferne hin einen großen, übersonnenhellen
Horizont. Da soll der Himmel Gottes Anfang sein, der aber dann immer fortginge,
höher und höher ewig fort!
[GEJ.04_053,09] Aber zwischen hier und dort
gähnt eine Kluft, größer denn der Raum zwischen der Erde und der Sonne! Darüber
werde nun eine Brücke erbaut werden! Bei Gott mag das wohl alles ganz gut
möglich sein!
[GEJ.04_053,10] Aber nun ist mein innerer
Lichtmensch schon so groß wie ich selbst, und sonderbar, ich werde nun
schläfrig, und der Freund heißt mich auf dem grünen und duftigen Rasen
ausruhen! Ich werde es auch tun!“
54. Kapitel
[GEJ.04_054,01] Sage Ich: „Sehet, nun erst
wird er ins dritte Stadium übergehen; da merket wohl auf seine Rede!“
[GEJ.04_054,02] Fragt Cyrenius: „Herr, wenn
Zorel nun auf dem für uns unsichtbaren Rasen einschläft, was wird dann dadurch
bezweckt? Muß das sein, oder könnte er nicht ohne ein gewisses Einschlafen ins
dritte Stadium übergehen?“
[GEJ.04_054,03] Sage Ich: „Wenn seine Seele
pur wäre, so ginge es auch ohne einen gewissen Schlaf; aber solange seine Seele
noch durch gewisse Bande mit dem Leibe in Verbindung steht, muß vor dem Wechsel
des Stadiums eine gewisse Betäubung eintreten, in der die Seele unvermerkt in
ein anderes Stadium übergeht. Was des Zorel Seele nun im zweiten Stadium
geschaut und gesprochen hat, war bis auf sich selbst nur eine zuständliche
Erscheinlichkeit; im dritten Stadium erst kommt sie ins wahre Hellsehen, und
was sie da reden wird, das wird auch volle Realität haben.“
[GEJ.04_054,04] Fragt Cyrenius: „Was ist aber
dann so ganz eigentlich der Schlaf? Wie und wodurch entsteht dieser?“
[GEJ.04_054,05] Sage Ich: „Mußt du denn auch
das wissen? Nun wohl denn, so du es schon durchaus wissen willst, da muß Ich es
dir gleichwohl kundtun, und so höre denn!
[GEJ.04_054,06] Wenn du einen Rock am Leibe
hast und nach griechischer Art eine Hose an den Beinen, so leben durch deines
Leibes Bewegung Rock und Hose, das heißt, sie müssen deinem Willen sich also
fügen, als wie sich deines Leibes Glieder fügen dem Willen deiner Seele. So du
aber im Sommer in ein Bad gehst, da ziehst du die Kleider aus, weil du sie im
Bade nicht brauchen kannst. Rock und Hose befinden sich nun, während du im Bade
bist, in einer notwendigen Ruhe und haben für sich weder eine Regung noch eine
Bewegung. Entsteigst du wieder dem Bade, so werden dein Rock und deine Hose
gleich wieder die frühere Regung und Bewegung bekommen und gewisserart mit dir
leben. Warum zogst du aber des Badens wegen deine Kleidung aus? Sieh, weil sie
dir beschwerlich war und dich zu drücken begann! Im Bade aber hast du dich
gestärkt, und deine dir beschwerlich gewordene Kleidung wird dir nach dem Bade
völlig federleicht vorkommen.
[GEJ.04_054,07] Wenn deine Seele durch des
Tages Beschwerden müde und schwach geworden ist, so erwacht in ihr das
Bedürfnis nach einer erquicklichen und stärkenden Ruhe. Da zieht dann die müde
Seele alsbald ihr gegliedertes Fleischgewand aus und begibt sich in ein
stärkendes Bad des geistigen Wassers und badet, reinigt und stärket sich darin;
ist sie wieder stark geworden, dann begibt sie sich wieder in ihren Fleischrock
und bewegt dessen schwerfällige Glieder wieder mit einer großen Leichtigkeit.
[GEJ.04_054,08] Nun hast du aber durch die
Erzählung des Zorel sicher gesehen oder vielmehr so recht lebendig
wahrgenommen, daß in seiner Seele noch ein innerster Lichtmensch aus dem Herzen
der Seele aufzukeimen angefangen hat, zu dem sich das Wesen der Seele nahe also
verhält, wie zur Seele ihr materieller Leib. Nun, dieser Lichtmensch hatte
zuvor in dieser seiner Seele, als seinem gegliederten Gewande, noch nie eine
wie immer geartete Stärkung erhalten; er lag so im Herzen der Seele wie das Ei
im Weibe ohne eine männliche Belebung, Erregung und Erweckung. Durch diese
eigenste Behandlung ist der eigentliche Urlebenskeim durch Mein und durch des
Zinka Wort für den Moment belebt, erregt und erweckt worden, und da das mit ihm
vorgenommen ward, so fing er an zu wachsen so lange, bis er seine ganze Seele,
das ist sein Kleid, erfüllt hatte mit seinem rein geistigen Wesen.
[GEJ.04_054,09] Die Seele aber, obschon so
viel als für den Moment möglich gereinigt, hat doch noch so gewisse materielle
Teile in sich, die für den reinen Geist zu beschwerlich sind, da er früher nie
ein solches Joch zu tragen eingeübt ward. Dieser gewisserart nur auf eine
künstlich geistige Weise erweckte und zum Schnellwachstume genötigte
Geistmensch ist zur Tragung der schwerfälligen Seele noch viel zu schwach und
sehnt sich nach Ruhe und Stärkung. Dieser Scheinschlaf der Seele auf dem
Gebirgsrasen ist sonach auch nichts anderes als eine Entkleidung des Geistes
von den materiellsten Teilen seiner Seele; nur das ihm Ähnliche in der Seele
behält er, das andere muß derweil also ruhen, wie der Leib ganz stumm ruht,
wenn die Seele sich stärkt, oder wie dein Rock ruht, wenn du deinem Leibe in
einem Bade eine erquickliche Stärkung gönnest.
[GEJ.04_054,10] Aber es besteht bei solcher
zur Stärkung der edleren Menschensphäre erfolgten Zur-Ruhe-Legung der gröberen
und unedleren Außenteile dennoch immerdar eine Verbindung. So jemand käme, wenn
du im Bade dich erquickst, und nähme dein ausgezogenes Kleid und begänne es zu
zerstören, da würde deine natürliche und notwendige Liebe zu deinem Kleide
sogleich ein ganz gewaltiges und grimmiges Veto einlegen. Eine noch intensivere
Verbindung besteht zwischen dem Leibe und der Seele; wer vor der Zeit den
Fleischrock nehmen und zerstören wollte, den würde sie dann ganz kurios
behandeln.
[GEJ.04_054,11] Aber die Verbindung zwischen
Seele und Geist ist eine allerintensivste, weil die Seele, besonders eine ganz
reine, selbst ein ganz geistiges Urelement ist, und der Geist würde eine ganz
entsetzliche Bewegung machen, so man ihm seinen Leib und sein Kleid ganz
entreißen wollte. Er würde dann gleich ins höchste Feuer geraten und alles
zerstören, was sich ihm nahen würde.
[GEJ.04_054,12] Aber das Materielle muß die
Seele zuvor doch ganz ablegen, bis der Geist das ihm Verwandte in ihr als sein
Selbstisches anziehen kann und werden mit demselben ein vollkommenes Ich. Das
Materielle der Seele ist für den Geist ersichtlich in dem, womit die Seele
bekleidet ist. Du hast gehört, wie Zorel von einem schmutzigen Hemde redete,
das er selbst reinigte im See, dann ausbalgte und als ein noch feuchtes
Vestiment anzog. Siehe, dies Vestiment ist eben die noch materielle Außenseite
der Seele, die zuvor ab- und zur Ruhe gelegt werden muß, bevor der innerste,
göttliche Geistmensch völlig in seine ihm nun sehr verwandte Seele übergehen
und mit ihr eins werden kann.
[GEJ.04_054,13] Das braucht stets eine kleine
Zeit für den Moment des Überganges, weil alles, was in den eigentlichen Bereich
des freien Lebens gehört, erst mit dem neuen und edleren Wesen in eine volle
Verbindung (geistige Ehe) treten muß, bevor das neue Wesen oder der neue,
himmlische Mensch als in allem selbst fühlend, denkend, sehend, hörend,
riechend, schmeckend und aus sich heraus selbsttätig auftreten kann. In dem
gewissen Schlafe geschieht solche notwendige geistige Übersiedlung; ist die
Übersiedlung geschehen, so ist der neue Mensch fertig und braucht zu seinem nur
ganz rein geistigen Bestehen fürder ewig keine weitere Umwandlung mehr.
[GEJ.04_054,14] In solchem Zustande ist aber
ein Mensch dann auch ganz vollendet und kann in der Wesenheit nicht noch mehr
vollendet werden; nur im Erkennen und im steten Vollkommenerwerden in der
reinsten Liebe und Weisheit der Himmel und ihrer die ganze Unendlichkeit
ordnenden, regierenden und führenden Macht ist ein stetes Zunehmen in Ewigkeit
und dadurch auch die Erreichung einer stets höheren Seligkeit als Folge der
stets höheren Liebe, Weisheit und Macht zu gewärtigen.
[GEJ.04_054,15] Als ein so vollendeter
Geistmensch wird nun unser Zorel sogleich auftreten und wird – immer noch durch
seinen Fleischmund – Kunde geben von der Vollendung seiner wesenhaft höchst
vollendeten Menschheit. – Gebet nun acht; er wird sogleich wieder zu reden
anfangen!“
55. Kapitel
[GEJ.04_055,01] Als Ich solches dem Cyrenius
erklärt hatte, fing Zorel, der die Zeit hindurch ohne alle Regung wie tot
dalag, an, sich zu rühren, und bekam das Aussehen eines Verklärten derart, daß
sein Anblick sogar den anwesenden römischen Soldaten eine große Ehrfurcht
einflößte und einer sagte: „Dieser Mensch sieht aus wie ein schlafender Gott!“
[GEJ.04_055,02] Cyrenius sagte auch:
„Wahrlich, ein unbeschreiblich erhabenes Menschenbild!“
[GEJ.04_055,03] Endlich machte Zorel den Mund
auf und sagte: „Also stehet der vollendet in seiner Wesenheit vor Gott, der Ihn
nun erst erkennt, liebt und anbetet!“ – Hier folgte eine Pause.
[GEJ.04_055,04] Nach dieser spricht Zorel
weiter und sagt: „Mein ganzes Wesen ist nun Licht, und ich sehe keinen
Schatten, weder in mir noch außer mir; denn auch um mich ist alles Licht. Im
Allichte aber sehe ich noch ein allerheiligstes Licht; es leuchtet wie eine gar
mächtige Sonne, und in dieser ist der Herr!
[GEJ.04_055,05] Zuvor dachte ich von meinem
Freunde und Führer, daß er nur eine Menschenseele gleichwie unsereins wäre;
allein in meinem Vorzustande war noch viel Täuschung in mir. Nun erkenne ich
erst den Führer! Er ist nun nicht mehr bei mir, sondern in jener Sonne sehe ich
Ihn, der da heilig ist über heilig! Endlose Scharen der vollendetsten
Lichtgeister umschweben diese Sonne nach allen Richtungen in engeren, weiteren
und weitesten Kreisen. Welch eine unendliche Majestät ist das doch! O Menschen!
Gott zu schauen und Ihn über alles zu lieben ist die höchste Wonne, ist der
Seligkeiten höchste!
[GEJ.04_055,06] Aber ich sehe nun nicht nur
die Himmel alle, sondern mein Blick dringt nun auch in die Tiefen der
Schöpfungen des allmächtigen, einen, großen Gottes. Ich sehe diese unsere
magere Erde durch und durch und sehe alle Inseln und Festlande auf der ganzen
Erde. Ich sehe der Meere Grund und was unter demselben alles ist und besteht,
alle die vielen Geschöpfe im Meere von der kleinsten bis zur größten Art. Welch
eine unendliche Mannigfaltigkeit doch unter denselben haust!
[GEJ.04_055,07] Ich sehe auch, wie das Gras
gebaut wird von allerlei Geisterchen, die sehr munter und emsig sind. Ich sehe,
wie der Wille des Allmächtigen sie nötigt, emsig zu sein, und sehe eines jeden
der zahllos vielen Geisterchen genaust abgemessene Bestimmung und Arbeit. Wie
da arbeiten die Bienen an ihren Wachszellen, so arbeiten die Geisterchen an und
in den Bäumen und Gesträuchern, Gräsern und Pflanzen. Aber sie tun das alles,
wenn sie ergriffen und durchdrungen werden von dem Willen Dessen, der mein
Freund und Führer war auf dem schmalen und dornigen Pfade meiner Selbstprobe
des Lebens bis hierher und nun in jener nie erreichbaren Sonne als in Seinem
urheiligsten Lichte wohnt und ausfahren läßt Seinen Willen in alle
Unendlichkeiten.
[GEJ.04_055,08] Ja, Dieser allein ist der
Herr, Ihm ist niemand gleich! Seinem Willen muß sich fügen groß und klein.
Nichts in der ganzen Unendlichkeit gibt es, das Ihm einen Widerstand bieten
könnte. Seine Macht geht über alles, und Seine Weisheit ist nie erforschbar.
Alles, was da ist, ist aus Ihm, und es gibt nichts in den endlosesten Räumen
Seiner Schöpfungen, das da nicht aus Ihm hervorgegangen wäre.
[GEJ.04_055,09] Ich sehe aus Ihm die Kräfte
fahren, wie man siehet am Morgen der aufgehenden Sonne Strahlen nach allen
Richtungen mit mehr denn Blitzesschnelle ausfahren, und wo ein Strahl etwas
erreicht und ergreift, da fängt es an, sich zu regen, zu leben und zu bewegen,
und bald tauchen neue Formen und neue Gestalten auf. Aber des Menschen Form ist
aller Formen Grenz- und Schlußstein, und seine Gestalt ist eine rechte Gestalt
des Himmels; denn der ganze Himmel, dessen Grenzen nur Gott allein kennt, ist
auch ein Mensch, und jeder Verein der Engel ist ebenfalls ein ganz vollendeter
Mensch.
[GEJ.04_055,10] Das ist ein großes Geheimnis
Gottes, und wer nicht auf dem Punkte steht, auf dem ich nun stehe, der kann
solches unmöglich fassen und begreifen; denn nur der reinste Geist aus Gott im
Menschen kann fassen und begreifen und schauen, was des Geistes ist, und was da
ist in ihm und außer ihm, und wie es besteht und entsteht, und warum und wofür!
Nichts gibt es in der Unendlichkeit, daß es nicht da wäre für den Menschen;
alles ist auf den Menschen und sein jedzeitliches und zuständliches Bedürfnis
abgezielt.“
56. Kapitel
[GEJ.04_056,01] (Zorel:) „Gott Selbst ist der
höchste und allervollkommenste, ewigste Urmensch aus Sich Selbst; das heißt,
dieser Mensch ist in sich selbst ein Feuer, dessen Gefühl die Liebe ist; ein Licht,
dessen Gefühl Verstand und Weisheit sind; und eine Wärme, deren Gefühl das
Leben selbst ist in der vollsten Sphäre des Seiner- selbst-Bewußtseins. Wenn
das Feuer heftiger wird, so wird auch heftiger das Licht und mächtiger die
alles schaffende Wärme und strahlt am Ende weithin, und der Strahl ist selbst
Licht, hat in sich schon die Wärme, und diese schafft in der Ferne wie in sich.
Das Geschaffene nimmt stets mehr des Lichtes und der Wärme auf, leuchtet und
erwärmt dann stets weiter und weiter hin und schafft abermals, dahin es
gelangt. Und so pflanzt sich alles ewig fort aus dem Urfeuer, Urlichte und aus
der Urwärme und erfüllt stets fort und fort und mehr und mehr den unendlichen
Schöpfungsraum.
[GEJ.04_056,02] Alles nimmt sonach aus dem
einen Ursein Gottes seinen Ursprung und bildet sich aus, bis es ähnlich wird
dem Urwesen des Urmenschen, in welcher Ähnlichkeit es dann auch in einer
vollends selbständigen Freiheit in der Form des Menschen bestehet aus Gott, wie
ein Gott für sich in der notwendigen Erzfreundlichkeit mit dem Urgotte, weil es
dasselbe ist, was der Urgott Selbst ist.
[GEJ.04_056,03] Wo ihr sehet Licht, Feuer und
Wärme, da ist auch der Mensch entweder fertig oder im Beginne. Milliarden von
Licht-, Feuer- und Wärmeatomen puppen sich ein und erzeugen Formen. Die
einzelnen Formen ergreifen sich wieder von neuem, puppen sich in eine größere
und dem Menschen schon entsprechendere Form ein und bilden sich in derselben zu
einem Wesen. Dieses Wesen erzeugt nun schon mehr des Feuers, des Lichtes und
der Wärme; mit dem stellt sich aber ein höheres Bedürfnis nach einer höheren
und vollkommeneren Form ein. Gleich zerreißen die vielen, wenn auch in sich
schon vollkommeneren Formen ihre Umhäutungen, ergreifen sich und puppen sich
mit der Substanz ihres Willens wieder in eine höhere und vollendetere Form ein.
Das geht so fort bis zur Vollendung des Menschen hin, und der Mensch puppt sich
dann selbst aus bis zu dem Zustand, in welchem ich mich nun befinde, und ist
also dem Urfeuer, Urlichte und der Urwärme völlig ähnlich, welches alles da ist
Gott, den ich nun schaue mit unverwandtem Blicke in Seinem Urlichte, in Sich
das volle Feuer und die volle Wärme, was allein da ist Gott von Ewigkeit zu
Ewigkeit.
[GEJ.04_056,04] Der Mensch ist darum zuerst
ein Mensch aus Gott und dann erst ein Mensch aus sich. Solange er allein aus
Gott ist, gleicht er einem Embryo im Mutterleibe; erst wenn er auch aus sich
selbst ein Mensch wird in der Ordnung Gottes, dann ist er ein vollkommener
Mensch, weil er dadurch erst zur wahren Gottähnlichkeit gelangen kann. Ist er
zu dieser gelangt, dann bleibt er wie ein Gott in Ewigkeit und ist ein
Selbstschöpfer der weiteren Welten und Wesen und Menschen geworden. Denn es ist
sonderbar, daß ich nun alle meine Gedanken, Gefühle und Wünsche schaue, und
mein Wille ist gleich der Umhäutung dessen, was ich mir gedacht und was ich
gefühlt habe! Seht, so geht das Erschaffen stets von neuem vor sich!
[GEJ.04_056,05] Das Gefühl als Wärme, und
sohin Liebe, hat das Bedürfnis nach Wesenhaftem; je mehr aber das Gefühl
mächtig wird, je mehr Flammen und Wärme sich da in sich erzeugt, desto
mächtiger wird auch der Flammen Licht.
[GEJ.04_056,06] Im Lichte drückt sich das
Bedürfnis der Liebe in Formen aus. Aber die Formen entstehen und vergehen
gleich wie bei einem Menschen von einer erhitzten Phantasie bei geschlossenen
Augen die Augenliderbilder, wie man sie also benamset; es kommen aber dafür
stets wieder andere, sie werden größer und nehmen nach und nach weilendere und
bestimmtere Formen an. Aber bei den vollendeten Menschen, wie bei mir nun
freilich nur für eine kurze Dauer, wird der Gedanke in seiner Form erhalten,
weil er, vom Willen erfaßt, sogleich durch eine schnelle Umhäutung in der
aufgetretenen Form erhalten wird und dieselbe nicht mehr ändern kann; da die
Umhäutung aber ursprünglich nur höchst ätherisch zart und somit und sonach
durchscheinend ist, so dringt vom Schöpfer des nun eingefangenen Gedankens
stets mehr Licht und Wärme hinein. Dies vermehrt des eingefangenen Gedankens
eigenes Licht und eigene Wärme, aus welch beiden geistigen Elementen er
ursprünglich entstand, und der also eingefangene Gedanke fängt bald an, sich
mehr und mehr zu entwickeln, und wird nach dem Lichte der Weisheit und der
vollendetsten Erkenntnis, der die noch so künstliche Konstruktion klarer als
der hellste Tag ist in allen ihren notwendigen Teilen, Verbindungen und
Gliederungen, notwendig und zwecklich organisch eingerichtet. Hat der Gedanke
einmal die Organeinrichtung, so fängt dann schon an, sich in ihm ein eigenes
Leben seiner selbst bewußt zu werden und sich zu richten.
[GEJ.04_056,07] Nun läßt sich wohl denken,
daß ein vollendeter Mensch schon eine endlose Fülle von allerlei Gedanken und
Ideen in einigen Augenblicken, ganz organisch eingerichtet, wird denken und
zusammenfassen können. Will er sie mit seinem Willen einhäuten, so werden sie
fortbestehen und sich ausbilden, am Ende dem Schöpfer selbst ähnlich werden in
ihrer natürlich höchsten endlichen Selbstvollendung und werden ihresgleichen
fortzeugen und erschaffen und so aus sich eine endlose Vermehrung ihresgleichen
auf dieselbe Art bewerkstelligen, auf welche Art sie selbst ins Dasein getreten
sind. Davon weist schon die materielle Welt handgreifliche Beispiele auf.
[GEJ.04_056,08] Die Selbstfortzeugung findet
ihr bei Pflanzen, Tieren, Menschen dem Leibe nach und bei den Weltkörpern, die
sich auch vermehren. Ihrer Vermehrung sind jedoch Grenzen gesetzt. So ist einem
Samenkorne von einer bestimmten Art und Gattung auch nur eine bestimmte Anzahl
nachgezeugter gleicher Samenkörner zugeteilt, welche Anzahl es nicht übertreten
kann; ebenso den Tieren – und zwar: je größer das Tier, desto beschränkter in
der Nachzeugung! Ebenso ist es beim Menschen, und noch um vieles mehr bei den
Weltkörpern. Aber im Geisterreiche der vollendeten Menschen geht, wie bei Gott,
das Fühlen und Denken ewig fort. Da aber auf die vorbeschriebene Weise ein
jeder Gedanke und eine jede Idee von dem sie schaffenden Geiste durch seinen
Willen eingehäutet und endlich gar selbständig werden kann, so ist es zu
begreifen, daß die ewige Vermehrung der Wesen nie ein Ende haben kann.
[GEJ.04_056,09] Du, Zinka, fragst nun in
deinem Gemüte, wo am Ende alle die so endlos vielfach entstandenen Wesen Raum
haben werden, wenn das Erschaffen ewig im stets ungeheuer vervielfachten Maße
und Verhältnisse zunehmen soll. O Freund, bedenke nur, daß der physische Raum
selbst unendlich ist, und so du ewig fort in jedem Augenblicke zehnmal
hunderttausend Sonnen erschaffen möchtest, so würden diese bei schnellster
Fortbewegung im unendlichen Raume sich dennoch ewig fort also verlieren, als
wäre keine Sonne je erschaffen worden! Niemand außer Gott fasset des ewigen
Raumes Unendlichkeit; selbst die größten und vollkommensten Engel fassen des
Raumes ewige Tiefen nicht, wohl aber erschauern sie vor den zu endlosen Tiefen
des ewigen Raumes!
[GEJ.04_056,10] O Freund, ich sehe nun mit
meines Gemütes Augen die Ganzheit der materiellen Schöpfung! Diese Erde, ihr
Mond, die große Sonne und alle die zahllosen Sterne, die du erschaust, und deren
es welche gibt, die, deinem Auge wie ein schwach schimmernder Punkt vorkommend,
selbst ein unmeßbar großes Sonnen- und Weltengebiet sind, das in sich
milliardenmal Milliarden Sonnen und noch mehr Planeten faßt, sind nicht das
gegen die gegenwärtige Allheit der Schöpfung, was ein kleinstes und feinstes
Sonnenstäubchen gegen diesen ganzen dir sichtbaren Sternenraum ist! Und doch
kann ich dir sagen, daß es unter den vielen Sternen, die dein Auge erschaut,
etliche gibt, deren Durchmesser noch um viele tausend Male größer ist, als wie
lang die Linie selbst von dem dir kaum sichtbaren, entferntesten Sterne bis zum
von diesem gleich weit abstehenden Gegensatze ist, – eine Entfernung, zu deren
Durchwanderung du sogar mit des Blitzes Schnelle mehr denn eine Milliarde mal
Milliarden von Erdjahreslängen zu tun hättest!
[GEJ.04_056,11] Also einzelne Körper sind
schon von solch einer rätselhaften Größe, und doch erscheinen sie deinem Auge
als kaum leuchtende Punkte wegen ihrer zu großen Ferne von hier! Und doch ist
das alles gegen die Allheit des gesamten Schöpfungsalls, wie gesagt, ein
kleinstes Stäubchen, das die Sonnenstrahlen ganz leicht tragen können! Ich sage
es dir: Du kannst eine Milliarde Sonnen mit all ihren Planeten und Monden und
Kometen erschaffen und sie alle verteilen in dieser Sonnengebietsglobe, und sie
werden dir diesen nur einen Globenraum noch ebensowenig merkbar beengen, wie
ein Tropfen Wassers das Meer vergrößert und dessen weites Bett beengt; und
milliardenmal Milliarden Globen würden im ganzen nun bestehenden
Schöpfungsallgebiete ebensowenig bemerklich sein wie die Milliarden
Regentropfen im Meere.
[GEJ.04_056,12] Sieh an die ganze Erde! Wie
viele tausend Bäche, Flüsse und Ströme in das Meer auch fallen, so wird
dasselbe darum dennoch nicht um eine Linie vergrößert; nun denke dir noch so
viele Schöpfungen über Schöpfungen in jedem Augenblick, und sie werden sich im
unendlichen Raume stets ebenso verlieren wie die Myriaden mal Myriaden
Wassertropfen, die, in jedem Augenblick ins Meer fallend, sich in ihm
verlieren. Es sei dir darum wegen des zu vielen Erschaffens ja nicht kleinmütig
bange; denn im Unendlichen gibt es ewig Raum und Platz genug fürs Unendliche,
und Gott ist mächtig genug, alles für ewig zu erhalten und einer endlichen
Hauptbestimmung zuzuführen!
57. Kapitel
[GEJ.04_057,01] (Zorel:) „Ich sage dir nun
noch mehr, Zinka! Soviel du je von deiner Jugend an auf dieser Erde gedacht,
gesprochen und getan hast, und was du auch in deiner vordieserdlichen
Seelenexistenz gedacht, geredet und getan hast, das alles ist aufgezeichnet im
Buche des Lebens; davon trägst du ein Exemplar im Haupte deiner Seele, das ganz
große Exemplar aber ruhet stets offen und weit aufgeschlagen vor Gott. Wenn du
vollendet sein wirst, so wie ich nun vollendet vor Gott stehe, so wirst du alle
deine Gedanken, Reden und Taten getreust wiederfinden. An dem, was gut war,
wirst du natürlich eine große Freude haben; was aber nicht war in der guten
Ordnung, daran wirst du zwar keine Freude haben, aber als ein vollendeter
Mensch auch keine Trauer. Denn du wirst daraus die großen Erbarmungen und
weisen Führungen Gottes erkennen, und das wird dich stärken in der reinen Liebe
zu Gott und in aller Geduld gegenüber allen jenen armen, noch unvollendeten
Brüder, die Gott der Herr deiner Führung anvertrauen wird, sei es in dieser
oder auch in einer andern Welt.
[GEJ.04_057,02] Aus solchen deinen
aufgezeichneten Gedanken werden einst auch noch neue Schöpfungen hervorgehen.
Gewöhnlich werden aus solchen aufgezeichneten Gedanken, Reden und Taten zuerst
größere oder kleinere Weltkörper in der Neuzeit. Sie werden ins Feuer der
Sonnen gegeben, um dort bis zu einer gewissen Reife zu gelangen; haben sie
solche erreicht, so werden sie dann mit aller Gewalt in den Schöpfungsraum
hinausgeführt und dort nach und nach und stets mehr und mehr ihrer
selbsttätigen Ausbildung anheimgestellt. Nach und nach bilden sich in einer
solchen neugeborenen Welt die vielen tausendmal tausend Einzelgedanken und
Ideen – wie die ins Erdreich gelegten Samenkörner – durch das in ihnen
lebenskeimige Feuer und Licht stets mehr und mehr aus und dienen dann der neuen
Welt als Grundlage zur nachherigen Entstehung von allerlei Wesen, als
Mineralien, Pflanzen und Tieren, aus deren Seelen mit der Zeit Menschenseelen
gebildet werden.
[GEJ.04_057,03] Derartige Neuwelten siehst du
dann und wann als zum größten Teile dunstige Nebelsterne, auch als
Schweifsterne durch den Himmelsraum ziehen. Ihr Urursprung sind die im
Gottesbuche aufgezeichneten Gedanken, Ideen, Reden und Handlungen.
[GEJ.04_057,04] Du siehst daraus, daß da auch
der leiseste Gedanke, den ein Mensch je gedacht hat, entweder auf dieser oder
auf einer andern Erde, unmöglich ewig je verlorengeht und – gehen kann; und die
Geister, aus deren Gedanken, Worten und Ideen und Taten solch eine Neuwelt
durch Gottes Willen gebildet wird, erkennen in ihrem vollendeten Zustande gar
bald, daß solch eine Welt ein Werk ihrer Gedanken, Ideen, Reden und Taten ist,
und übernehmen dann ganz gerne und mit einem großen Seligkeitsgefühle die
Führung, Leitung, Ausbildung und volle Belebung und zweckliche innere
Organisierung des Weltkörpers selbst und endlich aller Dinge und Wesen, die auf
solch einem Weltkörper zu bestehen haben werden.
[GEJ.04_057,05] Du schauest dir nun diese
Erde an und siehst nichts denn eine totscheinende Materie. Ich sehe nun zwar
die totscheinenden Formen der Materie auch; aber ich sehe noch viel mehr darin,
was du mit deinen Augen nimmer sehen kannst. Ich sehe darin die gebannten
geistigen Dinge und Wesen und fühle ihr Bestreben, und sehe, wie sie stets
zunehmen an der inneren Ausbildung und besseren und bestimmteren Gestaltung und
Entfaltung ihrer zweckdienlichen Formen, und ich sehe abermals zahllose Geister
und Geisterchen, die da unablässig tätig sind, so wie der Sand in einem
römischen Stundenmesser. Da ist von keiner Ruhe eine Rede, und aus ihrer
unablässigen Tätigkeit bildet sich das gesamte zweckdienliche Werden alles und
jedes Naturlebens.
[GEJ.04_057,06] Ich sage es dir: In jedem
Tautropfen, der noch so helle an einer Grasesspitze zittert, sehe ich wie in
einem Meere schon Myriaden Wesen sich nach allen Richtungen herumtummeln! Des
Tropfens Wasser ist nur eine erste und allgemeine Umhäutung eines
Gottesgedankens. Aus dieser nehmen dann die darin gefangenen Geistlein ihre sonderheitliche
Umhüllung und bestehen darauf schon gleich in irgendeiner bestimmteren Form,
die von der äußern allgemeinen schon sehr verschieden ist; dadurch aber
verschwindet dann der Tropfen als Wasserperle, und die im selben sich neu
gebildeten Formen als schon Leben tragende Püpplein bekriechen dann die
Pflanzen oder andere Dinge, an denen der Wassertropfen sich gebildet hatte. Da
gehen aber diese Püpplein, sich ergreifend, alsbald in eine andere Form über,
und aus hunderttausenden wird eins. Eine neue Haut wird um die neue Form
gebildet; in ihr werden die vielen kleinen Formen durch den Einfluß des Lichtes
und der Wärme zum zweckdienlichen Organismus der neuen und größeren Form
umgewandelt, und das also entstandene neue Wesen beginnt eine neue Tätigkeit
als Vorbereitung zum abermaligen Übergange in eine stets mehr und mehr
ausgebildete Form, in der es wieder für den Übergang in eine noch höhere und
vollendetere Form tätig zu werden beginnt. Und so ist die sichtliche Tätigkeit
eines jeden schon in irgendeine bestimmte Form eingegangenen Wesens nichts als
eine rechte Vorbereitung für eine höhere und vollkommenere Form zur stets
größeren Festigung des seelischen und endlich in der Menschenform des rein
geistigen Lebens.
[GEJ.04_057,07] Was ich dir hier sage, ist
keine Phantasie, sondern die reinste und ewige Wahrheit. Ich könnte dir nun
noch gar vieles von der Ordnung aus Gott kundtun also, wie ich's nun schaue und
allerklarst erkenne! Aber ich erkenne nun auch, daß die Zeit dieser meiner
Vollendung zu Ende geht; darum muß ich dir hiermit nur noch die Bitte anfügen,
daß du mit mir, wenn ich wieder ein sehr dummer und mitunter ärgerlicher Mensch
sein werde, Geduld habest und mich in der rechten, dir nun bekannten Ordnung
Gottes leitest und führest auf den rechten Weg. Du wirst bei meinem Erwachen in
die Welt dich hoch erstaunen, daß ich wieder ganz dumm und finster sein und von
allem dem, was nun mit mir vorgegangen ist, keine Silbe wissen werde; aber es
wird mir das alles dennoch wohl zustatten kommen.
[GEJ.04_057,08] Eine Zeitlang wird mein nun
gezwungen reif gewordener Geist, dieses ungewohnten und ungeübten Zustandes
müde, sich wohl ganz schlafstumm verhalten; aber er wird durch die für jetzt
noch nötige Ruhe bald gestärkt und wach werden und fühlen die Dringlichkeit der
wirklichen Lebensvollendung, deren seligste Süße er nun zum Verkosten bekam,
und wird sonach zur schnelleren Vollausbildung der Seele sehr viel beitragen,
auf daß sie ehest reif werde in ihm in aller Wahrheit und rechten Fähigkeit, um
vollends überzugehen in den sie durchdringenden Geist.
[GEJ.04_057,09] Ich werde nun abermals
schlafen noch eine halbe Stunde lang, nach welcher Zeit du mich durch die
Gegenlage deiner Hände erwecken mußt. Wenn ich aber wieder wach werde, da lasse
mich nicht von der Stelle, bis ich nicht den Menschen der Menschen an diesem
Tische werde vollends erkannt haben! Denn Dieser ist eins mit Dem, den ich nun
noch sehe in der Sonne der ewig großen Geisterwelt.
[GEJ.04_057,10] Nun habe Dank darum, daß du
mir aufgelegt hast deine Hände!“
58. Kapitel
[GEJ.04_058,01] Nach diesen Worten schlief
unser Zorel wieder ruhig, und Zinka sagte: „Nein, was dieser Mensch uns jetzt
alles geoffenbart hat! Wenn das alles also wahr ist, dann haben wir eine
Kenntnis erhalten, von der schwerlich je irgendeinem Propheten etwas geträumt
hat! Nein, ich bin ganz wie aufgelöst von dieses Menschen tiefster Weisheit!
Wahrlich! Kein Engel kann eine tiefere Weisheit besitzen!“
[GEJ.04_058,02] Sagt auch Cyrenius: „Ja, dem
Menschen muß geholfen werden; denn so viel des höchst Wundervollen aus Deiner
göttlichen Ordnung ist hier noch nicht enthüllt worden! Mathaels Enthüllungen
waren groß und machten mich sehr denken; aber was nun dieser Zorel alles
enthüllt hat, ist unerhört! Kaum glaublich und denkbar, daß solche innersten
Weisheitstiefen sich noch in menschliche Worte einkleiden und dann als klar
verständlich darstellen lassen! Kurz, ich bin ganz außer mir ob diesem Zorel!
Könnte er das auch im nachfolgenden fleischwachen Zustande sagen, oh, ich würde
ihn auf einen Thron setzen, von dem herab er den Menschen die hohe Wahrheit
predigen sollte, auf daß sie alle desto sicherer erreichten ihres Seins und
Lebens wahre und vollendete Bestimmung!“
[GEJ.04_058,03] Sage Ich: „Ganz gut, Freund
Cyrenius! Es liegt vorderhand weniger an dem, was er in seinem dritten Stadium
geweissagt hat – obschon es durchgängig wahr ist –, als vielmehr an dem, daß
ihr in der Folge über keinen Menschen darum den Stab brechet, weil er an sich
eine kranke Seele ist. Denn ihr alle habt es nun gehört und empfunden, wie auch
in einer noch so kranken Seele ein völlig allergesundester Lebenskeim rastet;
und wird die Seele durch eure brüderliche Mühe gesund gemacht, so habt ihr
einen Gewinn gemacht, den euch ewig keine Welt bezahlen kann! Welchen Nutzen
kann danach ein solch vollendeter Mensch stiften! Wer ermißt dessen Tragweite?!
Ihr Menschen wisset es nicht, aber Ich weiß es, wie weit solch eine Mühe sich
der Mühe lohnt!
[GEJ.04_058,04] Darum sage Ich es euch: Seid allzeit
barmherzig auch gegen die großen Sünder und Verbrecher wider eure und wider die
göttlichen Gesetze! Denn nur einer kranken Seele ist eine Sünde zu begehen
möglich, einer gesunden wohl niemals, weil eine gesunde Seele gar nicht
sündigen kann, da die Sünde stets nur eine Folge einer kranken Seele ist.
[GEJ.04_058,05] Wer aus euch Menschen aber
kann eine Seele wegen der Verletzung eines Meiner Gebote richten und strafen,
da ihr doch alle unter demselben Gesetze stehet?! Ein Gesetz aus Mir aber
besteht ja eben darin, daß ihr niemanden richten sollet! Wenn ihr eure Nächsten
richtet, die sich an Meinem Gesetze versündigt haben, so versündigt ihr euch ja
im gleichen Maße an Meinem Gesetze! Wie könnet ihr aber als selbst Sünder einen
andern Sünder richten und verdammen?! Wisset ihr denn nicht, daß, während ihr
euren seelenkranken Bruder zur harten Sühne verdammet, ihr damit auch für euch
ein doppeltes Verdammungsurteil ausgesprochen habt, welches an euch dereinst,
wenn nicht nach Umständen auch schon hier, vollzogen werden wird?!
[GEJ.04_058,06] So einer aus euch ein Sünder
ist, der lege das Richteramt nieder; denn richtet er, so richtet er sich selbst
in doppeltes Verderben, aus dem er schwerer frei werden wird als derjenige, den
er gerichtet und verdammt hat. Kann denn je ein Blinder einen andern führen
oder ihn setzen auf den rechten Weg?! Oder kann ein Tauber einem andern Tauben
etwas erzählen von der Wirkung der Harmonien der Musik, wie sie am reinsten
geübet ward vom David? Oder kann ein Lahmer zum andern sagen: ,Komme her, du
Elender, ich werde dich führen auf die Herberge!‘? Werden da nicht alle beide
bald ausgleiten und fallen in einen Graben?!
[GEJ.04_058,07] Daher merket euch das vor
allem, daß ihr niemanden richtet, und leget das auch allen denen ans Herz, die
dereinst eure Jünger werden! Denn bei der Befolgung dieser Meiner Lehre werdet
ihr aus Menschen Engel zeihen, – bei der Nichtbefolgung aber Teufel und Richter
wider euch selbst.
[GEJ.04_058,08] Niemand zwar ist ganz
vollkommen auf dieser Welt; doch der Vollkommenere im Verstande und im Herzen
sei der Leiter und Arzt seiner kranken Brüder und Schwestern, und der selbst
stark ist, der trage den Schwachen, sonst erliegt er samt dem Schwachen, und
sie werden beide nicht mehr von der Stelle kommen!
[GEJ.04_058,09] Daß ihr alle aber das so
recht grundrichtig und wahr einsehet, dazu habe Ich euch eben mit diesem Zorel
so ein recht handgreifliches Beispiel gestellt, aus dem ihr wohl erkennen
möget, wie sehr und wie hoch gefehlt es ist, einen Verbrecher nach eurer Art zu
richten! Zwar wird eure Art zu richten stets ein Angehör der Welt verbleiben,
und dem Drachen der Tyrannei wird das harte, diamantene Haupt schwer je völlig
zertreten werden – denn die Erde ist ja eben darum eine Probewelt für Meine
angehenden Kinder –; aber unter euch soll es nicht also verbleiben, denn unter
euch streuen die Himmel Früchte mit reichlichen Samenkörnern versehen.
[GEJ.04_058,10] So ihr die Früchte Meines
Eifers nun genießet, da vergesset es ja nicht, die davon entfallenden Samenkörner
so reichlich als möglich in die Herzen eurer Brüder und Schwestern zu streuen,
auf daß sie darin aufgehen und eine reichliche und gesunde neue Frucht tragen
mögen! Wie sich aus den ins Herz gelegten Samenkörnern aber eine neue
wunderbare Frucht erzeugt, das hat euch Zorel nahe ins kleinste klar und
deutlich gezeigt. Tut also danach, so werdet ihr wie aus euch selbst schon
Leben zeihen und eben dadurch selbst das ewige Leben in aller euch nun
bekannten Vollendung überkommen! Das ist nach diesem Händeauflegungsakte für
euch zur möglichst genauesten Danachachtung und Handhabung gegeben.
[GEJ.04_058,11] Nun aber ist die Zeit
herangekommen, wo du, Zinka, dem Zorel deine Hände entgegengesetzt auflegen
mußt, auf daß er wach werde; dann aber, so er wach wird, gib du, Markus, ihm
Wein mit etwas Wasser, auf daß sein Leib in die frühere Kraft komme! So er aber
wach wird und zu reden anfangen wird wieder wie früher, da ärgert euch nicht
und erinnert ihn nun gar nicht an das, was er in seiner Ekstase geredet hat;
denn solches könnte ihm einen leiblichen Nachteil bewirken. Belachet ihn aber
auch nicht, so er mit irgendeiner Dummheit zum Vorscheine kommen wird! Ganz
sachte könnet ihr nach und nach auf Mich hinlenken; aber nur keine Übereilung
dabei, weil durch sie vieles auf lange Zeit für ihn verdorben werden könnte!
Und jetzt gehe du, Zinka, an dein Werk, dieweil der Markus mit dem Weine und
Wasser bereits schon da ist!“
59. Kapitel
[GEJ.04_059,01] Zinka legte dem Zorel nun die
Hände entgegengesetzt auf, und dieser schlug alsbald die Augen auf und wurde
wach. Als Zorel vollends wach geworden war, winkte Ich dem alten Gastwirte
Markus, ihm den etwas gewässerten Wein zu verabreichen, da ihn der Durst sehr
plagte. Markus tat solches sogleich, und der sehr durstige Zorel leerte einen
ganz tüchtigen Becher mit einem Zuge und bat um noch einen Becher voll, da es
ihn noch dürste. Markus fragte Mich, ob er so etwas wohl tun solle. Und Ich
bejahte solche Frage, nur mit dem hinzugesetzten Bemerken, das zweitemal mehr
Wasser als Wein zu geben. Und Markus tat solches, und es bekam dies dem Zorel
wohl. Als er sich aber also gestärkt hatte, sah er sich um und musterte die
Umgebung, die er noch ganz gut ausnehmen konnte, obwohl sich die Sonne schon
sehr dem Untergange zu nahen begann.
[GEJ.04_059,02] Nach einer Weile sagte er
(Zorel), mit seinen Augen Mich unverwandt anschauend: „Zinka, jener Mensch dort
kommt mir sehr bekannt vor! Ich muß ihn schon irgendwo gesehen haben! Wer er
etwa doch ist, und wie er heißt? Je länger ich ihn betrachte, desto mehr kommt
es mir ganz lebendig vor, daß ich ihn irgendwo gesehen habe! Zinka, ich habe
nun eine große Sympathie für dich, – darum vertraue es mir an, wer jener Mann
ist!“
[GEJ.04_059,03] Sagt Zinka: „Jener Mann ist
eines Zimmermanns Sohn aus Nazareth, das da liegt über Kapernaum, – aber nicht
aus dem gleichnamigen Flecken, der da liegt hinterm Gebirge und zum größten
Teile von den schmutzigen Griechen bewohnt ist. Sein Charakter ist der, daß er
ein Heiland ist und überaus geschickt in seiner Kunst; denn dem er hilft, dem
ist geholfen. Sein Name entspricht seinem Charakter, und er heißet darum
,Jesus‘, was da ist ein Heiland der Seelen und der kranken Leibesglieder
zugleich. Er hat eine noch viel größere Kraft in seinem Willen und in seinen
Händen und ist dabei engelsgut und weise. Nun weißt du alles, darum du gefragt
hast; hast du etwa noch um irgend etwas zu fragen, so tue das, – ansonst
dürften die hohen Herren etwas unternehmen, und wir hätten dann wenig Zeit
mehr, über manches uns näher zu verständigen!“
[GEJ.04_059,04] Sagt Zorel so etwas halblaut
zum Zinka: „Ich danke dir für das Mitgeteilte, obschon ich nun noch nicht weiß,
wie ich so ganz eigentlich daran bin; denn ich kann mir nur den Grund nicht
aufhellen, aus dem mir jener Mann gar so bekannt vorkommt! Es kommt mir vor,
als hätte ich irgendwann eine große Reise mit ihm gemacht! Ich bin gereist, und
das viel zu Wasser und zu Lande, und habe Gesellschaft gehabt, kann mich aber
nicht irgend entsinnen, solch einen Mann gesehen und gesprochen zu haben; und
doch kommt es mir, wie gesagt, gar sehr also vor, als hätte ich gar vieles auf
einer Reise mit ihm zu tun gehabt! – Erkläre mir das, wie das kommen mag!“
[GEJ.04_059,05] Sagt Zinka: „Auf die
natürlichste Art von der Welt! Du hast irgendeinmal einen recht lebhaften Traum
gehabt, dessen du dich nun so ganz dunkel erinnerst, und das wird der sichere
Grund deines nunmaligen Gefühles sein!“
[GEJ.04_059,06] Sagt Zorel: „Kannst recht
haben! Mir träumt öfter etwas, dessen ich mich erst so nach etlichen Tagen
entsinne, so ich durch ein ähnliches Außenobjekt daran gewisserart erinnert
werde; ansonsten geht da alles verloren, und ich erinnere mich dann keines
Traumes, und hätte ich noch so lebhaft geträumt! Aber das wird schon so sein;
denn in der Wirklichkeit habe ich jenen Nazaräer wohl noch nie gesehen.
[GEJ.04_059,07] Nun aber noch etwas, lieber
Freund! Sieh, ich bin hierhergekommen, um vom hohen Statthalter das bewußte
Almosen zu erhalten. Was meinst du, wird mit ihm etwas zu machen sein? Wäre da
nichts zu hoffen, so könntest du dich wohl bei ihm wenigstens dahin für mich
verwenden, daß ich wieder heimziehen dürfte. Denn was soll ich nun hier? Für
all den theosophisch und auch philosophisch weisen Kram gebe ich nichts. Meine
Theosophie und Philosophie sind ganz kurz beisammen: Ich glaube an das, was ich
sehe, also an die Natur, die sich von Ewigkeit her immer und immer erneuert.
Darauf glaube ich auch, daß das Essen und Trinken die zwei allernotwendigsten
Stücke zum Leben sind; aber an sonst etwas glaube ich nicht leichtlich.
[GEJ.04_059,08] Es gibt wohl manches
Sonderbare in der Welt, wie allerlei Magie und andere Künste und
Wissenschaften. Aber zwischen ihnen und mir besteht dasselbe Verhältnis wie
zwischen dem Feuer und mir: solange es mich nicht brennt, blase ich nicht! Ich
fühle kein Bedürfnis in mir, mehr zu wissen und zu verstehen, als was ich nun
weiß und verstehe; und so wäre es auch sehr dumm von mir, noch länger etwa
darum verweilen zu wollen, um irgendeine schwer verständliche Weisheitslehre zu
erschnappen, damit ich mich dann irgend vor dummen Kerlen patzig machen könnte.
[GEJ.04_059,09] Du siehst in mir einen
Naturmenschen, dem alle die weise sein wollenden Einrichtungen und Gesetze der
Menschen zuwider sind, weil sie dessen angeborene Freiheit oft auf zu harte
Weise beeinträchtigen, und das bloß darum, damit einige wenige sehr reich,
mächtig und hoch angesehen werden können, wofür dann freilich Millionen im oft
tiefsten Elend schmachten dürfen. Verstünde ich mehr noch, als ich jetzt verstehe,
so würde ich noch tiefer auf den Grund solcher Ungerechtigkeiten sehen können,
was mich sicher nicht glücklicher machen würde; so aber muß mir in meiner
Dummheit viel Kummer erspart werden, weil ich nicht den Grund von all den
menschlichen Schlechtigkeiten recht fundamental einsehe.
[GEJ.04_059,10] Wo die argen, weise sein
wollenden Menschen nicht aus sich selbst genug die Menschheit drückende Gesetze
haben erfinden können, da stellten sie denkende und sehr erfinderische Köpfe
auf, die, mit ekstatisch verzerrten Gesichtern einhergehend, mit mancherlei
Gesetzen von seiten der Götter sicher nur lügnerisch ans Licht traten und damit
die arme und schwache Menschheit von neuem zu plagen anfingen unter den
lächerlichsten Androhungen von den schrecklichsten, ewigen Strafen und unter
Verheißungen von den allergrößten Belohnungen, aber freilich das alles erst
nach des Leibes Tode, wo es gut belohnen ist, weil die Toten nichts mehr
brauchen.
[GEJ.04_059,11] Doch was die Strafen
betrifft, da ließen die Menschen es nicht bis nach dem Tode anstehen, griffen
ihren erfundenen und nichtigen Göttern vor und straften die Vergeher gegen die
Gesetze der Götter gleich lieber schon hier, damit jenseits ja niemand zu kurz
käme in der angedrohten Strafe. Nur auf die Belohnung ließen sie die Frommen
bis ganz nach dem Tode warten; da kommt in diesem lieben Leben niemals
irgendein freier Vorschuß zum Vorscheine, außer man hätte sich für einen Großen
irgend förmlich totschlagen lassen! Alles, was in den menschlichen Gesellschaftsverbänden
ist und besteht, ist so einzeln hoch menschenintereßlich eingeleitet, daß jeder
nüchterne Denker auf den ersten Griff gleich den Grund heraus hat, auf dem es
erbaut ist: das göttergesetzliche und menschengesellschaftliche Element!
[GEJ.04_059,12] Freund! Wenn einer allein als
ein freiester Herr aller Herrlichkeiten der Erde leben will, da muß dann
freilich die andere willens- und kraftschwache Menschheit weinen samt dem
Erdboden, darauf sie steht! Für die Bedrücker der Menschheit, für die allerherzlosesten
Tyrannen wäre dereinst freilich wohl eine entsprechende Vergeltung gut; aber
wer soll solche erteilen können?! Kurz, es ist nichts! Ein pures, loses
Puppenspiel!
[GEJ.04_059,13] Wer die andern, das ist die
Nebenmenschheit, sich dienstbar machen kann, der tut recht und wohl; denn ein
dummer Mensch ist nicht mehr wert denn ein dummer Hund! Der Stärkere und
Pfiffigere erschlage ihn, nehme von seinen Gütern vollen Besitz und suche sie
dann auf Leben und Tod vor fremden Eingriffen auf jede mögliche Art zu
beschützen! Bringt er das zustande, dann wird er bald ein großer und freier
Herr; kann er das nicht, so geschieht es ihm auch recht, darum er etwas
unternommen hat, von dem er als ein weiser Mann lange genug hätte voraussehen
sollen, daß es ihm nicht gelingen werde. Kurz, für die Dummen tauget nichts
besser als die Vernichtung; wenn sie nicht mehr sind, da haben für sie alle
Gesetze, alle Verfolgungen und alle die unmenschlichen Strafen für ewig
aufgehört! Nur nicht sein, wenn man elend sein muß; eine Stunde rechten Elends
wiegt zehntausend Jahre der größten Glückseligkeit nicht auf!
[GEJ.04_059,14] Liebster Freund Zinka, sieh,
das ist so mein harmloses Glaubensbekenntnis, gegen das sich auf dieser Welt
wohl schwer wird irgend etwas entgegenstellen lassen. Es ist Wahrheit, die man
nun nirgends hören will; alles wiegt sein Dasein in lauter lügenhaften
Phantasien und dünket sich dabei so recht glücklich zu sein! Nur zu! Wühle ein
jeder denn im Reiche der Lüge und suche in der phantastischsten Phantasie den Trost,
wenn das Elend mit eherner Ferse ihm das Genick zu zertreten beginnt!
[GEJ.04_059,15] Betäubet euch, ihr Elenden,
alle mit dem Mohngifte der Lüge, und schlafet solange ihr lebet unter dem süßen
Drucke des Wahnsinns, und es geschieht jedem wohl und recht, so ihn das
glücklich macht; nur mir geschieht es unrecht, weil ich mich unter den
Aarsfittichen der Wahrheit überaus unglücklich fühlen muß, so ich aus den
lichten Höhen den stets gleichen und todbringenden Sturz sehen, fühlen und
selbst berechnen muß, der meiner und der andern, mir ähnlichen, harrt! Wer wird
mich im Falle aufhalten, so das lockere Band bricht, mit dem mich meine Torheit
an des Aars mächtigen Fittich befestigt hat?!
[GEJ.04_059,16] Menschen! Lasset mich in der
Ruhe doch meinen Raub verzehren, ich tue euch ja nichts; gebt mir von eurem
Überflusse nur so viel, daß ich mir das wieder anschaffen kann, was mir der
arge Zufall genommen hat, und ihr sollet an mir keinen undankbaren Bettler
finden! Wollt ihr mir aber nach der gewöhnlichen Art gar nichts geben, so
lasset mich zum wenigsten unbeirrt heimziehen, auf daß ich als ein armer Faun,
natürlich auf ungesetzlichen Wegen, mir so viel Holz zusammensammle, um mir
auch nur eine allernotdürftigste Hütte zu erbauen, so gut wenigstens, wie sich das
Bibertier eine erbaut! Eines oder das andere werdet ihr mir ja etwa doch
gewähren; mich aber etwa noch elender zu machen, als ich nun schon bin, das
werdet ihr ja etwa doch wohl nicht tun! Habt ihr für mich aber solches im
Sinne, da tötet mich lieber gleich! Denn elender als ich nun schon bin, will
ich durchaus nicht werden und sein! Denn tötet ihr mich nicht, dann weiß ich,
was ich zu tun habe! Ich werde mich selbst zu töten verstehen!“
[GEJ.04_059,17] Sagt Zinka endlich wieder:
„Das sei ferne von dir! Auch sollst du bei deinen sonderlich guten Kenntnissen
und Erfahrungen zu solch einer tollsten Tat, sie zu vollführen, nicht genötigt
werden; denn während du schliefst, hat Cyrenius für dich schon bestens gesorgt,
– aber erst wenn du einsehen wirst, wie eben das, was du als Wahrheit nun
erkennst, die größte Unwahrheit ist! Sei also unbesorgt und nimm eine bessere
Lehre an, und du sollst dann erst wahrhaft und ganz glücklich werden!“
60. Kapitel
[GEJ.04_060,01] Sagt Zorel: „Deine Worte klingen
recht freundlich, gut und zart, und ich bin überzeugt, daß du ebenso redest,
wie es dir ums Herz ist und die Sache auch wahr sein wird; aber es fragt sich
da wohl sehr, welch eine Lehre ich da annehmen soll, unter deren Leuchtfackel
ich das, was ich nun als höchst wahr einsehe, als etwas Grundfalsches erkennen
werde! Zwei und noch einmal zwei geben zusammen vier, das ist eine
mathematische Wahrheit, gegen die sich aus allen Himmeln heraus nichts
einwenden läßt, und es kann da unmöglich irgendeine andere Lehre geben, die
diese ewige Wahrheit Lügen strafen könnte! Ich müßte nur ein abergläubischer
Narr sein, um annehmen zu können, daß zwei und abermals zwei zusammen gleich
sieben als Summe geben könnten, dann wäre bei mir freilich wohl eine Glaubensänderung
möglich; aber bei meinem gegenwärtigen Erkennen ist das rein unmöglich!
[GEJ.04_060,02] Daß es irgendeine
intelligente, ewige Urkraft geben muß, von der wenigstens die Urkeime oder zum
mindesten deren erste Regelungen herrühren, kann von keiner noch so reinen
Vernunft geleugnet werden; denn wo es einmal ein Zwei gibt, da muß es zuvor
auch ein Eins gegeben haben. Aber wie lächerlich und überaus dumm ist es von
den albernen, blinden Menschen, so sie sich eine Urkraft – die doch in der
ganzen, ewigen Unendlichkeit gleich verteilt und ausgebreitet sein muß, weil
ihre Grundwirkung durch die ganze Unendlichkeit gleich verspürbar sein wird –
in einer Form, und gar in einer menschlichen, vorstellen, ja mitunter sogar in
einer bestialischen!
[GEJ.04_060,03] Die Juden hätten, wenn sie
bei ihrer Urlehre stehengeblieben wären, im Grunde noch die vernünftigste
Vorstellung von einer allgemeinen Urkraft, die sie ,Jehova‘ nennen; denn es
lautet bei ihnen ein Satz: ,Du sollst dir Gott unter gar keiner Form vorstellen
und dir noch weniger ein geschnitztes Bild von Ihm machen!‘ Aber sie sind davon
ganz abgegangen und haben nun ihre Synagogen und Tempel voll Bilder und
Zieraten und glauben daneben an die albernsten Dinge, und die Priester strafen
jene ihrer Bekenner, die das nicht glauben, was sie lehren. Sie heißen sich
Gottes Diener und lassen sich darum ungeheuer ehren; aber dafür plagen sie die
arme Menschheit mit allerlei, was sie dazu nur immer erfinden können. Soll ich
etwa bei solchen Bewandtnissen ein Jude werden? Nein, dies sei ewig ferne!
[GEJ.04_060,04] Wohl heißt es, daß sie
Gesetze von Gott Selbst haben, die Er ihnen durch ihren Grundlehrer Moses
gegeben habe auf dem Berge Sinai. Die Gesetze sind zwar an und für sich ganz
gut, so sie jedermann als eine unerläßliche Lebensregel dieneten; aber was
nützt das, so man dem armen Menschen das Stehlen und Betrügen auf das strengste
untersagt, selbst aber, als ein auf dem Stuhle der Herrlichkeit Sitzender, alle
ihm ganz sklavisch untergeordnete Menschheit bei jeder Gelegenheit ausraubt,
sie bestiehlt und betrügt, wie da nur immer möglich ist, und sich darum dem
göttlichen Gesetze zum Trotz aber auch nicht das allergeringste Gewissen macht!
Sage mir, in welch einem Lichte einem Reindenker solch ein Gesetz und die Hüter
desselben erscheinen müssen!
[GEJ.04_060,05] Hat einen armen Faun die Not
dazu gezwungen, sich irgend, wo er einen Überfluß fand, für sein dringendes
Bedürfnis etwas zu nehmen, so wird er mit aller unnachsichtigen Strenge zur
Verantwortung gezogen und sogleich über und über gestraft; aber der
Gesetzeshüter, der alle Tage und bei jeder Gelegenheit raubt, mordet, stiehlt
und betrügt, steht über dem Gesetze, beachtet es nicht im geringsten und glaubt
bei sich selbst auch an nichts, außer an seine viel fordernden zeitlichen
Vorteile! Kann das wohl irgendeine göttliche Einrichtung sein, die mit den
selbst nur sehr geringen Anforderungen der armen Menschheit in einem gar zu
grellen Widerspruche steht?! Welche nur einigermaßen gereinigte Vernunft kann
das wohl je billigen?!
[GEJ.04_060,06] Was mir sicher nur angenehm
sein kann, daß man es mir tue, das muß ich auch von meinem Nebenmenschen
denken, daß es auch ihm nicht unangenehm sein werde, so ich ihm tun werde, was
ihm bescheidenstermaßen wohl und angenehm dünkt! So ich bis über die Ohren in
aller Not und Armut stecke, kein Geld habe, mir auch nur das Notdürftigste zu
verschaffen, gehe, suche und bitte, auf die Bitte von niemandem etwas erhalte
und erst am Ende mir selbst nehme, was mir not tut, – kann ein Gesetz mich darum
verdammen?! Habe ich denn gar kein Recht, von etwas mir höchst Nötigem Besitz
zu ergreifen, da doch die starken Vorfahren sicher keine Sünde begingen, von
ganzen Ländern den vollen Besitz zu ergreifen?!
[GEJ.04_060,07] Ja, so ich aus Arbeitsscheu
stehlen und immer stehlen würde, da könnte sich darob keine Vernunft für
beleidigt halten, so man mich darum zur Verantwortung zöge; wenn ich aber nur
im äußersten Notfalle von irgend etwas mir Notwendigstem den gewisserart
gesetzwidrigen Besitz ergreife, so kann und soll mich darum auch kein Gott zur
Verantwortung ziehen können, – geschweige ein selbstsüchtiger, schwacher
Mensch, der in mancher Hinsicht in einem Tage mehr Ungerechtigkeiten begeht
denn ich in einem ganzen Jahre! Ich will mich zwar gegen das göttlich sein
sollende Besitzschutzgesetz nicht schmähend äußern; aber besser und
menschlicher macht es in seiner ausnahmslosen Rigorosität die Menschheit nicht,
sondern nur härter und liebloser!
[GEJ.04_060,08] Ebenso ist das
Verwahrungsgesetz für reine Zucht und Sittlichkeit sehr roh und rauh
hingeworfen, ohne alle Rücksicht auf die Natur, Zeit und Kraft der Menschen.
Man bedenke, welchen Zuständen der Mensch – gleichviel, ob männlich oder
weiblich – ausgesetzt ist! Oft gar keine Erziehung, oft eine, die noch
schlechter denn gar keine ist! Er genießt oft Speisen und Getränke, die sein
Blut sehr aufregen; er findet oft eine leichte Gelegenheit, seinen mächtigen
Naturtrieb zu befriedigen und befriedigt ihn auch. Aber die Geschichte kommt
auf, und er wird als Sünder ohne alle Rücksicht bestraft, denn er hat ja ein –
göttliches Gesetz übertreten.
[GEJ.04_060,09] O ihr Narren samt euren
göttlichen Gesetzen! Warum habt ihr denn nicht dahin ein göttliches Vorgesetz
herausgegeben, demnach vor allem für eine wahre und beste Erziehung gesorgt
sein sollte, und hättet dann erst gesehen, ob irgendein anderes Nachgesetz
notwendig gewesen wäre?! Ist es nicht kaum aussprechbar dumm von einem Gärtner,
der zu einem Bugspalier Bäume setzt, wenn er sie dann erst zu beugen beginnt mit
aller Macht und Kraft, so die Bäume zuvor schon eine Reihe von Jahren hindurch
groß, hart und unbeugsam geworden sind?! Warum hat der dumme Gärtner denn mit
seinen Bäumen die Beugung nicht zu einer Zeit vorgenommen, in der sie ganz
leicht und ohne alle Gefahr zu beugen gewesen wären?! Sorge ein Gott oder auch
ein Mensch, durch dessen Mund die Gottheit reden soll, zuerst für eine
gerechte, der sittlichen Menschennatur angemessene weise Erziehung und gebe
erst dann weise Gesetze, wenn der besterzogene Mensch derselben irgend noch
bedürfen sollte!
[GEJ.04_060,10] O Freund Zinka! Du bist wohl
ein Jude und wirst deine Lehre besser kennen als ich; aber soviel mir von ihr
zufälligerweise bekannt ist, kann ich dir nichts anderes sagen, als was ich dir
bereits gesagt habe, und du wirst aus dem einsehen, daß ich wegen der
Versorgung von seiten des hohen Cyrenius meine auf der reinen Vernunft und auf
den mathematischen Grundsätzen fußende Erkenntnis durchaus nicht von mir lassen
kann. Unter solchen Tauschbedingungen weise ich jede noch so glänzende
Versorgung zurück, ergreife lieber den Bettelstab und bringe so den armseligen
Rest meiner Tage auf dieser Erde zu; was aber nachher die Natur mit mir machen
will, das wird einem Toten und ins alte Nichts Zurückgekehrten wohl sehr
einerlei sein! – Rede nun du, Zinka, ob ich recht oder nicht recht habe nach
deiner Ansicht!“
[GEJ.04_060,11] Sagt Zinka: „Freund und
Bruder Zorel! Ich kann dir im Grunde des Grundes ganz und gar nicht unrecht
geben; aber das muß ich dir dennoch auch hinzubemerken, daß es noch ganz
sonderbare Dinge gibt, von deren Möglichkeit du dir noch gar keine Vorstellung
machen kannst. Wenn du dahinterkommen wirst, dann erst wirst du selbst
erkennen, wieviel Gutes und Wahres an deinen diesmaligen Grundbehauptungen
liegt!“
[GEJ.04_060,12] Sagt Zorel: „Ja, ja, recht
also; wenn du aber schon etwas Besseres weißt, so wende mir was ein, und ich
bin bereit, dir Rede zu stehen!“
[GEJ.04_060,13] Sagt Zinka: „Das würde dir
und mir wenig nützen; aber wende dich an jenen Mann dort, von dem du sagtest,
daß er dir gar so bekannt vorkäme! Der wird dir schon ein rechtes Licht
anzünden, und du wirst darauf die Wahrheit oder das Gegenteil deiner
Behauptungen gleich heller einzusehen beginnen!“
[GEJ.04_060,14] Sagt Zorel: „Gut denn, ich
werde solches tun und habe keine Scheu vor ihm; aber er wird an mir eine harte
Nuß zum Knacken bekommen!“
61. Kapitel
[GEJ.04_061,01] Mit diesen Worten verläßt der
in seine sehr elenden Lumpen gehüllte Zorel den Zinka und tritt zu Mir hin,
sagend: „Hoher Herr und Meister der Heilkunde, dies Kleid, das da bedeckt
meinen elenden Leib, sind Lumpen von gar elender Art; aber sie decken
wenigstens die Scham eines Menschen, dem es wirklich leid tut, unter diesen
vielen sein wollenden oder sollenden Menschen leider auch ein Mitmensch zu
sein! Form haben wir zwar bis aufs Kleid dieselbe; aber zwischen dem Sein
scheint ein himmelhoher Unterschied obzuwalten.
[GEJ.04_061,02] Ich bin ein Mensch, der da
wohl zu unterscheiden versteht, daß zwei und zwei zusammen nicht sieben,
sondern vier ausmachen! Zinka sagte mir, daß du der Mann wärest, der mir noch
ein helleres Lichtchen anzünden könnte, als da ist das meinige, das mir
wenigstens unter meinen Glaubensgenossen den Stempel der Menschheit aufdrückte;
aber ich habe mir darauf nie was zugute getan und will mir noch weniger zugute
tun, wenn du mir ein anderes Lichtlein anzünden willst. Zinka sagte mir, daß du
allein solches zu tun imstande wärest.
[GEJ.04_061,03] Meine eben sicher nicht aus
der blauen Luft gegriffenen Grundsätze hast du gehört. Sie waren für mich
leider eine nur zu handgreifliche Wahrheit; kannst du mir aber dafür etwas
Besseres geben, so tue das, und ich lasse gerne augenblicklich meinen ganzen
Wahrheitsplunder von ganzem Herzen fahren! Ich weiß zwar nicht, mit welchem
Ehrentitel ich dich begrüßen soll, – aber ich denke, daß auch du ein Mensch der
Wahrheit bist, und solchen Menschen ist es wohl eins, welchen Titel man ihnen
beilegt. Ich nenne dich ,Hoher Meister‘ und ehre dich als solchen, obwohl ich
dich bloß nur vom Hörensagen kenne. Wirst du mir aber auch in der Tat genügen,
da sollst du von mir angebetet werden!
[GEJ.04_061,04] Sage mir denn, so es dir
genehm ist, inwieweit ich mit meinen Wahrheitsgrundsätzen wohl oder irrig daran
bin! Sind wir nun mehr oder weniger Menschen, als jene es waren, die als erste
vernünftige Wesen diese Erde bewohnt haben? Darf ich nun, weil die Menschen
einmal ein Besitzschutzgesetz erfunden haben, von dem sie sagen, daß es ein
Gott gegeben habe, als ein armer Faun, der schon oft drei Tage keinen Bissen zu
essen hatte und durchs Bitten auch nichts bekommen konnte, mir nicht so viel
nehmen von irgendeines andern Menschen Überflusse, um mich nur zur Not vor dem
Hungertode zu schützen, da doch ein jeder Erdwurm das Recht hat, sich mit einem
Fremdbesitze zu sättigen, ohne ihn kaufen zu müssen, weil auch er ein Bewohner
dieses Erdbodens ist und leider sein muß, da es einmal die mächtige Natur also
eingerichtet hat? Oder soll ein Mensch weniger Recht haben, sich mit den seiner
Natur zusagenden Erdfrüchten zu sättigen darum, weil er sich kein gutes Stück
Erdreich kaufen konnte –, als ein Vogel in der Luft, von denen doch ein jeder
ein ausgemachter Dieb ist?! Ich bitte dich, daß du mir darüber einen rechten
Bescheid geben möchtest!“
[GEJ.04_061,05] Sage Ich: „Freund, solange du
deine Menschenrechte denen der Tiere gleichstellst, hast du mit deinen
Naturgrundrechten auch vollkommen recht; da kann Ich dir durchaus nichts
einwenden, und jedes Eigentum schützende und jedes andere Moralgesetz ist da
eine allerabsurdeste Lächerlichkeit! Wie dumm müßte der sein, der den Vögeln in
der Luft, den Tieren auf der Erde und den Fischen im Wasser
Eigentumsschutzgesetze und andere sittliche Vorschriften geben wollte; denn ein
nur einigermaßen vernünftiger Mensch, oder gar ein Gott, muß es ja wissen, daß
diese Wesen ihre Natur zum einzigen Gesetzgeber haben! Du hast demnach ganz
recht mit deinen Ansichten, wenn der Mensch vorderhand nichts anderes ist und
zu erwarten hat – als irgendein Tier, wie es so in seiner Natur dasteht.
[GEJ.04_061,06] Aber wenn der Mensch
irgendeines sehr wohl möglichen höheren Zweckes wegen da ist oder da sein
dürfte, wovon dir freilich bis jetzt wohl noch nichts in deinen Sinn hat kommen
können, was deine nur für die untersten Bedürfnisse streitende Weisheit nur zu
deutlich zu erkennen gibt, so dürften deine mathematischen Grundsätze wohl auf
sehr schwachen und wankenden Füßen stehen!
[GEJ.04_061,07] Daß aber ein jeder Mensch für
einen höheren Zweck auf diese Erde gesetzt wurde, solltest du ja schon daraus
erkennen, daß er als ein neugeborenes Wesen tief unter jedem Tiere steht und
erst nach einigen Jahren tüchtiger Pflege anfängt, ein Mensch zu werden. Er muß
in irgendeine Ordnung treten und mit allerlei gerechter Mühe und rechtlichem
Kampfe sich sein Brot erwerben. Darum hat er aber denn auch Gesetze überkommen,
damit er sie als erste Wegweiser zu einem höheren Ziele hin betrachten soll und
sie auch halten aus seinem freien Willen heraus wegen der ferneren
Selbstbildung und Selbstbestimmung, durch die allein er am Ende seine hohe
Bestimmung erreichen kann, – aber nie als ein noch so beißend vernünftiger
Tiermensch, sondern als ein vollkommener Menschmensch.
[GEJ.04_061,08] Solange du dich nur kümmerst
um das, was dem Fleische gebührt, wirst du als Mensch nicht weit kommen; ah,
wenn du aber dahinterkommen wirst, daß in dir noch ein Mensch wohnt, der ganz
andere Bedürfnisse als dein Leib hat und auch für etwas ganz anderes bestimmt
ist, da wird es dir nimmer schwer werden zu erkennen, wie sehr du mit deinen
Grundsätzen im lockersten Sande herumwühlst!
[GEJ.04_061,09] Siehe, Ich kenne deinen sonst
guten Willen und dein Forschen nach Wahrheit und nach dem Grund all des Bösen,
mit dem nun die Menschheit auf Erden wahrlich bis über die Ohren behaftet ist!
Deine Gedanken, dieweil du am Stehlen von jeher eine besondere Freude hattest,
haben dir das Schutzgesetz für Eigentum und rechtlichen Besitz als deine
Pandorabüchse bezeichnet; und weil du in deinen jüngeren Jahren zugleich ein großer
und genußsüchtiger Freund der Weiber warst, so genierte dich auch stets ein
Moralgesetz, das dir wie jedermann den Mißbrauch des Beischlafs als eine Sünde
bezeichnet hat.
[GEJ.04_061,10] Ja, als ein Tiermensch hast
du auch da mit deinen Grundsätzen ganz vollkommen recht, wie auch damit, daß
vor den anderen Gesetzen dahin ein Vorgesetz bestehen sollte, demnach alle
Kinder eine solche Erziehung erhalten sollten, durch die ihnen die
gesellschaftliche Ordnung so eingebleut werden müßte, daß es ihnen im männlichen
Alter zur blanksten Unmöglichkeit würde, je irgendein Gesetz zu übertreten, was
dann eine nachträgliche Gesetzgebung ganz natürlich überflüssig machen würde.
[GEJ.04_061,11] Ja, siehe, diese Ordnung hat
der Schöpfer der Welten und aller Wesen ja auch bei den Tieren eingeführt!
Jedes Tier bekommt schon im Mutterleibe deine verlangte Vorerziehung ordentlich
in seine ganze Natur und bedarf für späterhin gar keines Gesetzes mehr; denn es
bringt mit der Vorerziehung im Mutterleibe schon alles mit sich, was es fürs
ganze Leben braucht! Der aber, der die Engelsgeister, die Himmel, die Welten
und die Menschen erschuf, wußte sicher recht wohl, was dazu erforderlich ist,
um den Menschen zu einem freien Menschen und zu keinem gerichteten Tiere zu
erschaffen und nachher zu erziehen.
[GEJ.04_061,12] Wenn du deine mathematisch
richtigen Lebensgrundsätze noch etwas genauer untersuchst, so wirst du bald
auch finden, daß die Sprache für den Menschen ein großes Übel ist, da die
Menschen sich durch sie in allen schlechten Dingen und Sachen unterweisen
können. Auch wäre die Lüge nie unter die Menschen gekommen, so sie nicht reden
könnten, weder durch Zeichen noch durch Worte; ja sogar das Denken ist
gefährlich, weil die Menschen durch dasselbe auf allerlei Bosheiten und Hinterlistigkeiten
geraten könnten! Am Ende sollten sie auch nicht klar sehen, rein hören, nicht
schmecken und nicht riechen dürfen; denn alle diese Sinne im klaren und reinen
Zustande könnten den Menschen ja noch gar leicht auf irgend etwas gierig und
lüstern machen, was zufälligerweise schlecht wäre! Jetzt betrachte du deinen
Menschen nach deinen mathematischen Grundsätzen und frage dich selbst, ob
zwischen ihm und einem Meerespolypen, mit Ausnahme der Form, irgendein
Unterschied obwaltet!
[GEJ.04_061,13] Was willst du aber dann für
den hohen Zweck, für den ein jeder Mensch erschaffen ist, mit solch einem
Menschen machen? Welche Bildung wirst du ihm geben können? Wann wird so ein
Mensch zur Erkenntnis seiner selbst und zur Erkenntnis des wahren Gottes, des Urgrundes
aller Dinge und alles Lichtes und aller Seligkeiten, gelangen? Siehe an die
Einrichtung eines gesunden Menschen, betrachte und durchforsche sie mit deinem
kritischen Verstande genau, und du wirst finden, daß ein so weise und überaus
kunstvoll eingerichtetes Wesen am Ende ja doch noch eine andere Bestimmung
haben muß als bloß die nur, sich täglich den Bauch zu füllen, um hernach recht
viel Unrates von sich lassen zu können!“
62. Kapitel
[GEJ.04_062,01] (Der Herr:) „Du schützest hier
freilich deine und noch vieler anderer Menschen Armut vor und willst für dich
gegen das göttliche Eigentumsschutzgesetz so viel des Rechtes haben, daß du als
hungrig und durstig dir im dringenden Notfalle so viel ohne Sünde gegen das
besagte Gesetz nehmen darfst, um dich zu sättigen. Ich kann dir da aus
verläßlichster Quelle sagen, daß Jehova, als Er durch Moses dem israelitischen
Volke die Gesetze gab, dieses Bedürfnisses wohl gedachte und ebenfalls als ein
förmliches Gesetz den Menschen einschärfte, indem Er sagte: ,Dem Esel, der auf
deinem Acker arbeitet, sollst du nicht wehren, daselbst einen Fraß zu nehmen,
und dem Ochsen, der den Pflug zieht, das Maul nicht zubinden! So du aber die
gebundenen Garben in deine Scheuern trägst, da lasse die auf dem Acker
gebliebenen Ähren liegen, auf daß die Armen sammeln für ihre Notdurft! Jeder
aber sei stets bereit, dem Armen zu helfen, und wer da sagt: ,Es hungert
mich!‘, den lasse nicht weiterziehen, als bis er sich gesättigt hat!‘ Siehe,
das ist auch ein Gesetz Jehovas, und Ich meine, daß da auch der Armut
hinreichend gedacht wurde.
[GEJ.04_062,02] Daß aber nicht ein jeder auf
dieser Erde geborene Mensch ein Grundbesitzer werden und sein kann, liegt ja
klar in der Natur der Dinge. Die wenigen ersten Menschen konnten sich in den
Besitz der Ländereien freilich leicht teilen, denn es war damals noch die ganze
Erde herrenlos; nun aber wird die Erde besonders in ihren fruchtbaren Ländern
von nahe zahllos vielen Menschen bewohnt und darunter kann man doch jenen
Familien, die den Erdboden schon seit lange her im Schweiße ihres Angesichtes
bearbeitet und ihn mit vielen Lebensgefahren gereinigt und fruchtbar gemacht
haben, den ihnen zugemessenen Grundbesitz nicht mehr streitig machen, sondern
muß sie des allgemeinen Wohles wegen allerkräftigst schützen, daß denen, die
einmal durch ihren Fleiß den Erdboden gesegnet haben, ihr Anteil nicht
entrissen werde, weil sie ihn nicht nur für sich ganz allein, sondern noch
danebst für hundert andere Menschen, die keinen Grund und Boden besitzen
können, alljährlich bearbeiten müssen.
[GEJ.04_062,03] Wer einen großen Grundteil
besitzt, der muß sehr viele Dienstleute haben, und diese leben alle wie der
Besitzer selbst vom selben Grund und Boden. Wäre es gut für die Diener, so man
einem jeden von ihnen irgendeinen gleich großen Grund gäbe? Könnte ihn ein
Mensch wohl bearbeiten?! Und könnte er dies auch eine Zeitlang, – was aber
geschähe dann, wenn er krank und schwach würde? Ist es denn nicht bei weitem
besser und klüger, so da wenige etwas Festes besitzen und haben Kammern und
Vorräte, als so da alle Menschen, ja sogar schon die neugeborenen Kinder nichts
als lauter vereinzelte Grundbesitzer wären, bei welcher Einrichtung am Ende,
und das ganz sicher, zur Zeit der Not gar niemand einen Vorrat hätte?!
[GEJ.04_062,04] Weiter frage Ich deinen
mathematischen Verstand: Wenn es in der Gesellschaft von Menschenvereinen nicht
ein Eigentumsschutzgesetz gäbe, so möchte Ich denn doch sehen, was du für eine
Miene dazu machen würdest, so da andere kämen, die es nie besonders gelüstet
hatte zu arbeiten, und dir wegnähmen deinen kleinen Vorrat, um sich zu
sättigen! Würdest du ihnen da nicht zurufen und sagen: ,Warum habt denn ihr
nicht gearbeitet und gesammelt?!‘? Und wenn sie dir antworteten: ,Weil wir dazu
keine Lust hatten und wohl wußten, daß unsere Nachbarn arbeiten!‘, würdest du
da nicht ein Schutzgesetz für höchst zweckmäßig finden und wünschen, daß solche
losen Frevler durch irgendein Gericht gezüchtigt würden und endlich angehalten
zu dienen und zu arbeiten, und möchtest du fürder nicht wünschen, daß dir die
weggenommenen Vorräte wieder zurückerstattet würden? Siehe, das verlangt alles
auch die reine Vernunft des Menschen!
[GEJ.04_062,05] Wenn du deine mathematischen
Grundsätze aber schon durchaus für die besten von der Welt ansiehst, so wandere
du von hier tausend Feldwege gen Osten fort; dort wirst du noch eine Menge
vollkommen herrenlosen Grundes finden in den hohen und weitgedehnten Gebirgen!
Dort kannst du dich sogleich ganz ungehindert in den Besitz eines viele Stunden
Weges langen und breiten Grundes setzen, und kein Mensch wird dir den Besitz
streitig machen. Du darfst dir sogar ein paar Weiber und noch etliche Diener
mitnehmen und dir in jener etwas fernen Gebirgsgegend einen förmlichen Staat einrichten,
und in tausend Jahren wird dich kein Mensch in deinen Besitzungen stören; nur
etwelche Bären, Wölfe und Hyänen wirst du dir zuvor aus dem Wege zu räumen
haben, weil sie dich sonst zur Nachtzeit ein wenig beunruhigen könnten. Auf
diese Weise würdest du wenigstens die bedeutenden Schwierigkeiten samt und
sonders kennenlernen, mit denen die Besitzer dieser Gründe zu kämpfen hatten,
bis der Boden auf den gegenwärtigen Kulturzustand gebracht werden konnte! Wenn
du das alles selbst versucht haben würdest, da würdest du dann auch einsehen,
wie ungerecht es wäre, den Urgrundbesitzern nun für die trägen und
arbeitsscheuen Gauner den Besitz wegzunehmen und ihn diesen einzuräumen.
[GEJ.04_062,06] Siehe, weil du selbst weder
ein besonderer Freund vom Arbeiten und noch weniger vom Bitten bist, so hat
dich das alte Eigentumsschutzgesetz auch stets geniert, und du nahmst dir darum
selbst das Recht, zu nehmen, wo du nur etwas ungesehen und ungestraft zu nehmen
bekamst! Nur den bei zwei Morgen großen Acker hast du dir samt der Hütte
angekauft, aber auch mit einem Gelde, das du dir nicht durch Arbeiten verdient,
sondern in Sparta einem reichen Kaufmanne auf eine ganz pfiffige Art entwendet
hast. Nun, in Sparta war einst das Stehlen erlaubt, wenn es auf eine pfiffige Art
vollzogen wurde; aber nun bestehen auch in Sparta schon seit vielen Jahren
dieselben Eigentumsschutzgesetze wie hier, und du hattest darum jenen Kaufmann
ganz rechtswidrig bestohlen und ihn um ein paar Pfunde Goldes leichter gemacht.
Und damit hast du dir als ein Flüchtling hier den bewußten Acker samt der Hütte
angekauft; alles andere aber, was du besessen, hast du dir in Cäsarea Philippi
und in der Umgegend zusammengestohlen!
[GEJ.04_062,07] Wehe jedoch dem, der dir
etwas entwendet hätte; dem hättest du das dich so stark anwidernde
Eigentumsschutzgesetz auf eine Weise eingeschärft, die einem römischen Büttel
sicher keine Schande gemacht haben würde! Oder wäre es dir wohl genehm gewesen,
so deines Ackers reife Frucht jemand anders darum, weil er ein vollkommen Armer
wäre, eingeerntet hätte?! Siehe, was dir nicht recht wäre, das wird auch einem
andern nicht recht sein, so du ihn mit deinen mathematisch wahren und richtigen
Lebens- und Erziehungsgrundsätzen seiner Ernte berauben würdest! Wenn aber die
Sache sich praktisch nur so verhalten kann, wie Ich sie dir nun dargestellt
habe, hältst du da nun noch deine Lebensgrundsätze für die allein wahren und
unbestreitbar richtigen?“
[GEJ.04_062,08] Hier stutzt Zorel sehr, da er
sich gänzlich überwiesen und besiegt ersieht.
63. Kapitel
[GEJ.04_063,01] Zinka aber kommt von hinten
zu ihm, klopft ihm auf die Achsel und sagt: „Nun, Freund Zorel, wirst du nun
die Versorgung vom Cyrenius annehmen oder nicht? Denn mir scheint's, daß deine
Lebensmaximen, so gut sie anfänglich sogar mir selbst geschienen haben, samt
und sonders in den Brunnen hinabgefallen sind!“
[GEJ.04_063,02] Sagt nach einer Weile Zorel:
„Ja, ja, der Heiland hat allein recht! Ich sehe nun meinen Unsinn ganz hell und
klar ein, und es verhält sich alles also, wie er es über mich ausgesagt hat.
Wie er aber nur das alles hat erfahren können?! Ja, wahr ist alles, und das nur
leider zu wahr! Aber, was nun anfangen, was nun tun?“
[GEJ.04_063,03] Sagt Zinka: „Nichts, als
weiter bitten um eine rechte Belehrung, sie dann hören und danach handeln;
alles andere überlasse du nun denen, die dir wohlwollen und dir helfen können
und auch werden, so du das tust, was ich dir nun angeraten habe!“
[GEJ.04_063,04] Hier fällt Zorel gleich vor
Mir auf die Knie nieder und bittet Mich um eine Belehrung, und Ich bescheide
ihn zum Apostel Johannes darum. Zorel fragt Mich nun sehr ehrfurchtsvoll, warum
Ich ihm nicht eine weitere Belehrung geben wolle.
[GEJ.04_063,05] Ich aber sage: „So ein Herr
einer Sache allerlei Diener und Knechte um sich hat, tut er etwa unrecht, so er
auch ihnen nach ihren guten Fähigkeiten Arbeiten zuteilt? Es ist nicht nötig,
daß er selbst alles mit seinen Händen angreift, damit es vollendet werde; es
genügt des Herrn Geist, und die Arbeit wird doch vollendet werden auch durch
der Knechte gewandte Hände. Gehe du darum nur hin, zu dem Ich dich beschieden
habe, und du wirst schon auch an ihm den rechten Mann finden! Jener dort an der
Ecke des Tisches ist es, der einen lichtblauen Mantel über seinen Lenden
trägt.“
[GEJ.04_063,06] Nach diesen Meinen Worten
erhebt sich Zorel und eilt zu Johannes hin. Als er zu Johannes kommt, sagt er
zu ihm: „Du treuer Knecht jenes überweisen Herrn dort! So du auch vernommen
hast, wer ich bin und wie beschaffen, so gib du mir zu meiner vollen Besserung
jene Lehre, die mich würdig machen soll, unter die Zahl derjenigen aufgenommen
zu werden, die sich mit wahrem Rechte Menschen nennen dürfen! Ich verlange nun
keine Versorgung mehr darum, daß ich ein rechter Mensch werde, sondern allein um
der Wahrheit willen möchte ich von dir die volle Wahrheit hören!“
[GEJ.04_063,07] Sagt Johannes: „Die soll dir
im Namen jenes Herrn dort auch zuteil werden! Aber zuvor mußt du mir die
Versicherung geben, daß du dein Leben in der Zukunft völlig ändern wirst und
gutmachen jeglichen Schaden, den du je jemand wider seinen Willen zugefügt
hast; auch dem noch lebenden Kaufmanne in Sparta müssen seine zwei Pfunde
Goldes zurückerstattet werden! Nebstbei mußt du dein Heidentum auch ganz fahren
lassen und ein Neujude werden; denn es war dein Großvater ein Jude, und zwar
aus dem Stamme Levi. Er zog vor vierzig Jahren nach Sparta, um dort den
Griechen den allein wahren Gott zu verkünden und sie zu Juden im Geiste zu
machen; aber er ließ sich am Ende selbst überreden und ward mit seinem ganzen
Hause ein dummer und sehr blinder Heide, und du wardst dasselbe, weil du in
Sparta erst auf die Welt kamst. Deine beiden Brüder aber, die sich nun in Athen
aufhalten, wurden zufolge ihrer guten Beredsamkeit gar heidnische Priester und
weihen noch zur Stunde ihre leeren Dienste dem Apollo und der Minerva, und
deine einzige Schwester ist das Weib eines Krämers, der mit den Ephesergöttern
und -bildern einen lockern Handel treibt und daneben auch mit allerlei Lust-
und Buhldirnen ziemlich Geld eintragende Geschäfte, teils durch Verkauf und
größtenteils durch Verkuppelung, macht. Das ist dein Schwager, einst auch ein
Jude, und nun das, was ich dir soeben bemerket habe.“
[GEJ.04_063,08] Zorel war ganz betroffen
darob, daß Johannes alles wußte, was er selbst aus ganz triftigen Gründen wohl
nie jemandem gemeldet hätte; aber er konnte nun nicht umhin, solches alles aus
dem Munde eines Menschen zu vernehmen, von dem er nichts anderes halten konnte,
als daß dieser im Griechenlande war und um alles wußte, was dort war und
geschah und nun noch ist.
[GEJ.04_063,09] Zorel fragte darum etwas
hastig den Johannes, sagend: „Aber wozu dies alles nun hererzählen vor allen
Menschen? Ist es denn nicht genug, daß du und ich es wissen?! Warum müssen denn
das alle uns Umgebenden vernehmen?“
[GEJ.04_063,10] Sagt Johannes: „Sei darob
ruhig, Freund! Täte ich solches, um dir zu schaden an Seele und Leib, so wäre
ich ein schlechter Mensch und wäre vor Gott ärger daran denn dein loser
Schwager in Athen; aber ich muß dich nun um deines Heiles willen ganz enthüllen
vor den Menschen, auf daß du vor niemandem als etwas dastehest, was du nicht
bist! Willst du vollkommen werden, so mußt du dich entdecken, und es darf kein
Hehl in deiner Seele sein; erst wenn alles Unordentliche aus dir heraus ist,
kannst du an der Vollendung zu arbeiten anfangen. Du könntest zwar auch im
stillen bei dir selbst alle deine vielen Sünden gänzlich ablegen und ein
besserer Mensch werden, so daß dich die Menschen darob achteten und ehrten;
denn sie wüßten von dir ja nur Gutes und nichts Schlechtes, und es würden viele
deinem guten Beispiele folgen! Aber so sie nach der Zeit von einem
glaubwürdigen Zeugen erführen, welch ein grober und großer Sünder du so ganz im
Verborgenen gewesen bist, mit welch bedenklichen Augen würden dich am Ende alle
die ansehen, die dich zuvor als einen reinen Menschen ehrten und deinem
Beispiele folgten?! Alle deine Tugend würde zu einem Schafspelze werden, hinter
dem man einen reißenden Wolf zu wähnen anfinge, und man würde dich dann trotz
aller deiner an und für sich tadellosen Tugend fliehen und deine sonst so
lehrreiche Gesellschaft meiden.
[GEJ.04_063,11] Du siehst daraus, daß man, um
vollkommen zu sein, nicht nur das Sein, sondern auch den Schein des Bösen
meiden muß, ohnedem es schwer sein wird, seinem Nächsten wahrhaft zu nützen,
was am Ende doch der Hauptberuf eines jeden Menschen ist und sein muß, weil
ohnedem sich keine wahrhaft glückliche Gesellschaft auf dieser Erde denken
läßt!
[GEJ.04_063,12] Denn was nützete das einer
Menschengesellschaft, so auch jeder Mensch für sich ganz vollkommen wäre,
hielte sich aber stets verborgen vor seinem Nachbar? Da würde einer dem andern
zu mißtrauen anfangen, und wo irgendeine Mücke um das Haupt eines noch so
harmlosen Nachbarn sumsete, würde man lauter fliegende Drachen und Elefanten
ersehen! Lernen dich aber nun alle kennen, wer und wie du warst, was du getan
und wie du gelebt hast, und du besserst dich nun und wirst vor aller Menschen
Augen und Ohren ein anderer Mensch voll Einsicht in deine früheren Übel und
voll wahrer und lebendiger Verabscheuung gegen dieselben, so wird ein jeder
Mensch dich auch mit dem aufrichtigsten Vertrauen und Wohlwollen umfassen und
dich lieben, wie da ein reiner Bruder den andern reinen Bruder liebt. Es muß
daher hier von dir zuvor alles offenkundig werden, bevor du wirksam in eine
bessere Lehre eingehen kannst.
[GEJ.04_063,13] Es ist nun zwar vieles schon
offenbar geworden, aber noch nicht alles, und weil dir das Bekennen etwas
schwer vorkommt, so erleichtere ich dir solches eben dadurch, daß ich statt
deiner ganz wort- und sinngetreu erzähle, was mir aus deinem Leben sonnenhell
und klarst bekannt ist!“
[GEJ.04_063,14] Fragt Zorel: „Aber wie
möglich kannst du das alles wissen? Wer hat es dir geoffenbart? Ich habe dich
zuvor noch nie gesehen und gesprochen!“
64. Kapitel
[GEJ.04_064,01] Sagt Johannes: „Darum kümmere
dich nun wenig; wenn du vollkommen wirst, dann wird dir alles klar werden; aber
nun zu unserer Sache!
[GEJ.04_064,02] Das Schlimmste an deinem
Wesen aber ist, daß du einen geheimen Sklavenhändler gemacht hast, in der
letzten Zeit mit zwölf- bis vierzehnjährigen Mägdlein aus Kleinasien, und
verhandeltest sie nach Ägypten und nach Persien, und es kamen solche edlen
Mägdlein oft in sehr böse Hände und nur wenige in gute. Daß solche Mägdlein von
dem, der sie an sich gekauft hatte, alsbald auf das schnödeste geschändet
worden sind, kannst du dir wohl denken. Wenn es noch beim natürlichen
Beischlafe geblieben wäre, so machte das noch nicht gar soviel der Schuld aus;
aber wie sind welche in Alexandrien, in Kahiro, in Theben und in Memphis
zugerichtet worden! Und wie werden sie noch zugerichtet! Sähest du so ein armes
Mädchen, wie es vor dem Genusse der größeren Sinnlichkeitserregung halber von
ihrem Teufel von einem Herrn mit Ruten und Peitschen zerfleischt wird, so
würdest du dich selbst, bei deinem wenigen Menschengefühle, verfluchen, durch
schnöde Gewinnsucht einen Menschen solch einem unbeschreiblichen Elende ausgeliefert
zu haben!
[GEJ.04_064,03] Wie viele tausend Flüche und
allergräßlichste Verwünschungen sind über dich schon ausgesprochen worden, wie
viele hunderttausendmal hunderttausend Tränen im zu großen Schmerze zu
teuflischer Mißhandlungen geweint und verächzet worden! Wie viele solcher
zarten Mägdlein sind infolge zu unaushaltbarer Schmerzen in der
allergrinsendsten Verzweiflung gestorben! Und siehe, diese alle hast du, dich
verdammend, auf deinem Gewissen! Denn sieh, du triebst dein geheimes, losestes
Geschäft ins Große, besonders vor etwa drei Jahren, und die Zahl derer, die du
also sehr unglücklich gemacht hast, ist groß geworden und faßt nun schon die
Vielheit von achttausend Köpfen! Frage: Wie wirst du das je wohl gutzumachen
imstande sein? Was haben dir diese Mägdlein je getan, darum du sie gar so
unglücklich gemacht hast? Jetzt rede und verantworte dich!“
65. Kapitel
[GEJ.04_065,01] Hier steht Zorel ganz
betroffen und bestürzt, und erst nach einer ziemlich langen Pause sagt er:
„Freund, hätte ich damals das erkannt und gekannt, wie und was ich nun erkenne,
so kannst du dir's wohl denken, daß ich alles eher denn einen Sklavenhandel
getrieben hätte! Ich bin ein Staatsbürger Roms, und kein Gesetz verbot je
meines Wissens den Sklavenhandel; er ist und war von jeher erlaubt, und was
Hunderte gesetzlich erlaubt treiben durften, wie hätte das dann mir untersagt
sein sollen?! Kinder dürfen ja sogar die Juden kaufen, besonders so sie
kinderlos sind, warum irgend andere gebildete Völker nicht, zu denen die Ägypter
doch schon seit Menschengedenken ohne allen Zweifel gehörten, wie im gleichen
Maße auch die Perser?! Man hatte also die Mägdlein an kein wildes und rohes
Volk verkauft, sondern an das in jeder Hinsicht gebildetste auf der nun
bekannten weiten Erde, wo man mit Fug und Recht erwarten konnte, dadurch das
heimisch traurige Los solcher Kinder nicht zu verschlimmern, sondern offenbar
nur zu verbessern!
[GEJ.04_065,02] Denn gehe du hin in die
Gegend von Kleinasien, und du wirst dort solche Massen von Menschen und
besonders Kindern antreffen, daß du als ein weisester Mann dich am Ende dennoch
selbst zu fragen anfangen müßtest, woher diese Menschen sich, ohne daß sie sich
gegenseitig aufzuessen anfangen, ernähren und erhalten sollen! Ich kann dir
versichern, daß ich beim jedesmaligen Kommen in die Gegenden von Kleinasien von
den Bewohnern mit Kindern ordentlich bestürmt wurde. Um etliche Brotlaibe bekam
ich Mägdlein und auch Knaben in Hülle und Fülle; und die Kinder rannten mir
jauchzend zu und wollten sich von mir gar nicht mehr trennen. Wenn ich hundert
kaufte, bekam ich noch eine Zuwage von vierzig bis fünfzig Mägdlein. Viele
kauften mir die Essäer ab, die Knaben nahe alle, welchen Alters sie auch waren;
auch Mägdlein nahmen sie mir häufig ab. Die Ägypter kauften nur die schon mehr
erwachsenen Mägde teils zur Arbeit, teils wahrscheinlich auch zu ihrer Lust.
Daß es einige Geilböcke darunter geben mag, die eine Sklavin aus Wollust
peinigen, will ich nicht gerade bezweifeln; aber viele solcher wird es ja doch
wohl nicht geben.
[GEJ.04_065,03] Nach Persien sind meines
Wissens nicht viele gegangen, und die wurden zumeist von persischen Kaufleuten
und allerlei Künstlern aufgekauft, allwo sie meines Wissens zu allerlei
nützlichen und guten Arbeiten verwendet werden. Dazu besteht in Persien schon
seit langem ein recht weises Gesetz, laut dem ein jeder Sklave und eine jede
Sklavin nach zehn Jahren, wenn sie sich gut aufgeführt haben, die volle
Freiheit erlangen und am Ende tun können, was sie wollen. Sie können dort bleiben,
für sich ein Gewerbe anfangen oder aber auch heimwärts ziehen. Also die nach
Persien Verkauften können wahrlich von wenig Unglück reden! Nun, daß es gerade
einigen in Ägypten eben nicht am besten gehen dürfte, will ich nicht in
irgendeine Abrede stellen; aber begeben wir uns nur in ihr Vaterland, und wir
werden dort gar viele treffen, denen es sicher als Freie nicht um ein Haar
besser geht als jenen Unglücklichen in Ägypten! Denn fürs erste haben diese
nahe nichts zu essen, und viele nähren sich von rohen Wurzeln, die sie in
Wäldern sammeln, und viele gibt es, die sommers und winters aus Mangel an
irgendeiner Bekleidung ganz nackt herumziehen und betteln, stehlen und
wahrsagen. Manche von ihnen erbetteln oder erstehlen sich einige Lumpen; den
meisten gelingt dies nicht, und die ziehen darum ganz nackt herum, stets mit
einem Haufen Kinder versehen.
[GEJ.04_065,04] Von diesen Herumziehern haben
ich und mein Gesellschafter denn auch stets die größte Anzahl von überzähligen
Kindern aufgekauft und sie auf diese Weise versorgt. Die festen Pontusbewohner
heißen sie ,Zagani‘, was soviel besagt als ,die Vertriebenen‘. Es wimmelt von
diesen Menschen; ganze, große Horden treiben sich herum und haben weder Dach
noch Fach, noch irgend Grund und Boden. Höhlen, Erdlöcher und hohle Bäume sind
gewöhnlich ihre Wohnung; und ich frage nun dich, ob man diesen Menschen nicht
schon dadurch eine große Wohltat erweist, so man ihnen die Kinder umsonst
abnimmt und sie irgend versorgt, geschweige erst, so man sie den nackten und
überhungrigen Eltern ums bare Geld, um Kleidung und ums gute Brot abkauft?
[GEJ.04_065,05] Wenn man nach meiner
bisherigen Art zu denken nun das gegeneinander hält, wie einige von diesen
Menschen früher die leidigsten Sklaven der größten Armut waren und hernach
durch mich zu von Menschen ganz gut versorgten Sklaven wurden, so wird man mit
Leichtigkeit finden, daß das Unglück, das ich nach deinem Dartun diesen
Menschen zubrachte, nicht ein gar so enorm großes ist, wie du es dir
vorstellst. Aber auch dieses würde ich ihnen nicht zugefügt haben, wenn ich
ehedem so wie nun gedacht hätte.
[GEJ.04_065,06] Übrigens sage ich dir nur so
im Vertrauen, obwohl ich über deine fromme und gottergebene Weisheit staune,
daß es von einem allgütigen Gott, wenn Er irgend in die Geschicke des Menschen
eingreift, denn doch auch ein wenig sonderbar ist, eine so große Anzahl ganz
wohlgestalteter Menschen gleich wilden Tieren auf der Erde herumkriechen zu
lassen! So viel könnte irgendein allmächtiger Gott schon tun, daß derlei
Menschen irgendeine etwas bessere Unterkunft auf der lieben Erde fänden!
[GEJ.04_065,07] Es ist ja für einen denkenden
Menschen doch ein bißchen sonderbar, wenn er Hunderttausende von sonst ganz
wohlgestalteten Menschen im höchsten Grade unversorgt, hungrig und nackt
herumziehen sieht und kann ihnen selbst mit dem besten Willen von der Welt
nicht helfen! Wäre es denn ein Wunder, Freund, so man beim Anblick solcher
Menschen am Dasein eines allweisen und höchst gütigen Gottes ein wenig zu
zweifeln anfinge?! Und meine frühere Behauptung gegen wenigstens ein zu
schroffes Eigentumsschutzgesetz dürfte beim Anblick so vieler Elenden am Ende
doch nicht ganz ohne sein!
[GEJ.04_065,08] Nun, Freund, hast du meine
Verantwortung und Rechtfertigung wider den schwersten von dir mir gemachten
Vorwurf; tue nun, was du willst, doch vergiß es nie, daß ein sehr weltkundiger
Zorel mit gespanntem Bogen vor dir steht und trotz der Lumpen, die ihn nun
bedecken, vor keiner Weisheit irgendeine zu übermäßige Furcht hat! Gib mir aber
nun bessere Gründe dafür, daß alles, was da ist, nach der Weisheit Gottes so
sein muß, wie es ist, und ich werde dir leichten Atems höchst dankbar sein!
Denn das mußt du so gut wie ich einsehen, daß es auf der Erde nach meiner
menschlichen Einsicht viel des unnötigen Elendes nebst eines häufig
vorkommenden zu großen Wohlstandes einzelner Menschen gibt! Warum hat gerade
einer alles – und Hunderttausende neben ihm nichts? Kurz, erkläre mir das Elend
von all den kleinasiatischen Zaganen! Wer sind sie, von woher kommen sie, und
warum müssen sie in solcher ewigen Not schmachten?“
66. Kapitel
[GEJ.04_066,01] Sagt Johannes: „Wenn du die
wahre Weisheit aus Gott mit der Elle des etwas geweckten Verstandes bemißt,
dann hast du recht, dich vor keiner Weisheit zu scheuen. Aber da die wahre
Weisheit aus Gott nie mit der kurzen Verstandeselle bemessen wird, sondern wie
alles aus Gott mit dem Maße der Ewigkeit und Unendlichkeit, da dürftest du mit
deinem Verstande schier etwas zu kurz kommen! Aber lassen wir das und kehren zu
dem zurück, von dem wir ausgegangen sind.
[GEJ.04_066,02] Du sagtest mir aus guter
Sachkenntnis, wie schlecht es den Zaganen in Kleinasien ergeht, und wie elend
sie sind, und daß es für ihre Kinder eine rechte Wohltat sei, und mitunter auch
ist, von den Sklavenhändlern aufgekauft und sodann irgendwohin weiterverkauft
zu werden. Lassen wir somit das; denn du schützest eine Art guten Wollens von
deiner Seite vor, und ich will dir einen Zehnteil davon zugute kommen lassen!
Aber ich habe aus deiner Gewissenskammer noch etwas im Hintergrunde, und dieses
sonderbare Etwas verzehrt das dir zugute kommen sollende Zehntel nahe ganz, so
daß dir am Ende nichts als pur Arges wird zugeschrieben werden können! Ich
zweifle, daß dir dagegen dein Verstand irgendein Recht zuerkennen wird.
[GEJ.04_066,03] Sage mir, womit du, sage nur
für deine Person, die von dir sehr häufig vorgenommene Mädchenschändung
rechtfertigst! Findest du da nicht auch irgendeinen vernünftigen Grund, nicht
gegen das mosaische Gottesgesetz, sondern gegen das römische Staatsgesetz, das
mit starker Ahndung gegen die Schändung unreifer Mägdlein zu Felde zieht?! Hat
dich je das gewaltige Angst- und Wehegeschrei eines Mägdleins, das deiner
großen Sinnlichkeit zu Gesichte stand, gerührt?! Und sind nicht bei fünf von dir,
wennschon in früherer Zeit, erbärmlichst genotzüchtigte, sonst sehr
wohlgestaltete Mägdlein auf eine elendeste Art von der Welt verstorben?! Dein
Kompagnon zeigte dir noch den Geldschaden, der euch dadurch erwachsen war, denn
die fünf zehn- bis zwölfjährigen Mägdlein hättet ihr wegen ihrer schönen und
üppigen Gestalt leicht um fünfhundert Pfunde Silbers in Kahiro verkaufen
können. Dich schmerzte zwar ein so bedeutender Verlust, und du verwünschtest
darum auch zu öfteren Malen deine starke Geilheit; aber darum hast du sie noch
nie verwünscht, weil du ein blinder Mörder von fünf gar lieblichen Mägdlein
geworden bist!
[GEJ.04_066,04] Nun fasse du das alles
zusammen und sage mir, wie du dir nun als Mensch unter den Menschen vorkommst,
und ob das Maß deines Verstandes hier auch noch einen entschuldigenden Grund
für dich finden wird! Mit dem, als wärest du ein ganz verwildeter, roher
Naturmensch, der kaum das noch so Schlechte von etwas Gutem zu unterscheiden
vermöchte, kannst du dich nicht entschuldigen; denn du hast mir ehedem recht
schön gezeigt, wie bedauerlich elend die Zaganen leben, und wie solch eine
Vernachlässigung eines ganzen Volkes Gott dem Herrn und Seiner Liebe und
Weisheit eben keine besondere Ehre mache. Ja du fordertest mich sogar auf, dir
den göttlichen Weisheitsgrund zu zeigen, aus dem ein Gott ein ganzes, großes
Volk gar so elendiglich darben läßt! Du hast demnach ein ganz respektierliches
Rechtsgefühl und eine vollkommene Kenntnis von Gut und Böse. Wie konntest du
mit jenen Mägdlein gar so unmenschlich verfahren? Du hast sie wohl selbst
darauf nach deiner schlechten Kenntnis ärztlich behandelt, verdarbst sie aber
dadurch nur noch mehr als früher durch deine Geilheit! – Rede nun, und
rechtfertige dich vor Gott und den Menschen!“
67. Kapitel
[GEJ.04_067,01] Hier ist unser Zorel endlich
ganz geschlagen und weiß nun nichts mehr zur Rettung seiner Ehre vorzubringen.
Er fängt nun an, bei sich sehr nachzudenken, was er noch zu seiner
Rechtfertigung aus seiner Verstandeskammer hervorbringen könnte; aber er findet
sich allenthalben verrammt, und kein noch so kleines Loch will sich irgendwo
zeigen, zu dem er hinausschlüpfen könnte.
[GEJ.04_067,02] Johannes ermahnt ihn, zu
reden und von seinem gespannten Bogen Gebrauch zu machen; aber Zorel will noch
immer seinen Mund nicht eröffnen.
[GEJ.04_067,03] Mich aber fragt Cyrenius,
etwas erstaunt über Zorels Schlechtigkeit: „Herr, was wird denn da zu machen
sein? Der Mensch ist bei all solchen Umständen ja den Gerichten verfallen! Denn
unsere Gesetze hinsichtlich des Sklavenhandels gestatten wohl, Sklaven samt
ihren Kindern, so sie welche haben, an jedermann zu veräußern, aber Kinder von
freien Menschen, besonders weiblichen Geschlechts, dürfen unter dem vollends
zurückgelegten vierzehnten Jahre bei großer Strafe nirgends auf den Markt
gebracht werden. Das ist ein Verbrechen!
[GEJ.04_067,04] Ferner muß ein jeder, der den
Sklavenhandel treiben will, eine eigene, wohlgeordnete Befugnis dazu haben und
dem Staate eine bedeutende Kaution für diese Befugnis geben, nebst einer
jährlichen eigenen großen Steuer. Bei dem und seinem Gesellschafter ist darin
von weitem her keine Spur irgend zu entdecken; sie haben sonach einen
Schleichhandel betrieben, was abermals ein starkes Verbrechen gegen die
bestehenden Gesetze bekundet, auf das bei solch erschwerenden Umständen ein
zehnjähriger schwerer Kerker als Strafe gesetzt ist.
[GEJ.04_067,05] Und dazu kommt gar noch eine
fünffache allergewissenloseste Schändung, der als einer zu mächtigen Verletzung
der Tod folgte! Das ist schon wieder ein Verbrechen, auf das bei so
erschwerenden Umständen ein mindestens fünfzehnjähriger schwerster Kerker
gesetzt ist oder gar der Tod!
[GEJ.04_067,06] Dazu kommen im Vordergrunde
noch allerlei Diebereien, Betrügereien und massenhafte Lügen!
[GEJ.04_067,07] Herr, Du kennst meine
Staatspflichten und meinen Eid auf alles, was mir heilig und teuer ist! Was
soll ich hier tun? Beim Mathael und seinen vier Gefährten war ihre totalste
Besessenheit ein sicherer Schutz gegen meine harten Staatsoberrichterspflichten;
aber hier deckt den Menschen ja gar nichts vor meiner Richterpflicht. Er ist
ein vollendeter Bösewicht! Werde ich da nicht bemüßigt sein müssen, mein
strenges Amt zu handhaben?“
[GEJ.04_067,08] Sage Ich: „Verstehe, – da Ich
hier zufälligerweise der Herr bin und du im Grunde des Grundes nur Mir deinen
Eid schuldest und Ich dir ihn erlassen kann, wie und wann Ich will, so habe
hier unterdessen auch Ich allein zu bestimmen, was hier der Reihenfolge nach
zur Heilung einer kranken Seele zu geschehen hat! Zudem hast du deinen Eid zu
den Göttern, die ewig nirgends bestehen, geschworen; da es aber mit den
Schützern deines Eides gar so sehr luftig aussieht, so wird auch dein Eid kein
größeres Gewicht haben. Deine Götter und dein Eid sind demnach gleich eine Null
für sich. Nur insoweit, als Ich deinen Eid als ein Treuzeichen ansehe, hat er
auch eine Geltung; inwieweit Ich aber deinen Eid als eine Null ansehe, hat er
vor Mir auch nicht die geringste Geltung, und du bist wenigstens für jetzt
desselben völlig enthoben.
[GEJ.04_067,09] Ich sage es dir, daß es mit
dem Examen dieses Menschen noch nicht ganz zu Ende ist; es wird schon noch
etwas zum Vorscheine kommen, das dich noch mehr ergreifen wird!
[GEJ.04_067,10] Es ist dies ein gar sonderbarer
Mensch, den du eigentlich dadurch schon mehr und mehr nun kennen solltest, daß
er in seinem Entzückungsschlafe sich schon ohnehin zum größten Teile, wennschon
etwas allgemeiner wie nun, enthüllt hat, besonders in seinem ersten reuigen
Stadium. Die gegenwärtige offene Enthüllung geht freilich spezieller zu Werke,
weil sie also zu Werke gehen muß; aber sie muß dir nicht anstößig erscheinen,
denn Ich lasse sie ja eben darum geschehen, um euch eine total kranke Seele
ganz zu zeigen und endlich auch die Medizin, wie sie möglicherweise noch zu
heilen ist. Ich habe es dir ja ehedem erzählt, wie ungeschickt und dumm es
wäre, einen leiblich kranken Menschen darum zu strafen mit Rute und Kerker,
weil er krank geworden ist; um wieviel ungeschickter und dümmer aber ist es
dann erst, einen Menschen seiner total kranken Seele wegen leiblich und
moralisch mit den tödlichsten Hieben zu strafen! – Sage Mir, du Mein Freund
Cyrenius, hast du solche Meine Lehre in deinem Eifer nun schon völlig
vergessen?“
[GEJ.04_067,11] Sagt Cyrenius: „Das nicht, o
Herr und höchster Meister von Ewigkeit; aber weißt Du, aus alter Gewohnheit
kommt mir zuweilen, wenn so ein recht armdicker Bösewicht irgendwo auftaucht,
so ein kleiner Sturm! Aber du siehst es ja, wie geschwinde ich mich ermahnen
lasse und meine alte Dummheit auch sogleich einsehe! Jetzt freue ich mich ja
schon wieder aufs weitere Examen, auf das sich unser Johannes sehr zu verstehen
scheint! Aber dazu gehört auch des Johannes Weisheit und sein innerer
Scharfblick, geleitet natürlich von Deinem Geiste. Das Schönste dabei aber ist,
daß der Zorel von etwas Wunderbarem im Grunde noch nichts merkt, und doch
sollte es ihm auffallen, wie der weise Johannes ihm seine allergröbsten
Todsünden aus allen Landen, in denen er sie begangen hat, so schön hererzählt,
als wäre er überall Augen- und Ohrenzeuge gewesen!“
[GEJ.04_067,12] Sage Ich: „Jetzt horche du
nur wieder fein zu; denn der Johannes wird ihn nun sogleich wieder angehen!“
[GEJ.04_067,13] Cyrenius wird nun wieder voll
Aufmerksamkeit; Ich aber beheiße alle anwesenden Weiber und Jungfrauen, sich
unterdessen etwa in die Zelte zurückzuziehen, weil die fernere Verhandlung nur
von reifen Männern vernommen werden solle. All das Weibervolk gehorcht samt der
Jarah und den zwei neubelebten Töchtern des Cyrenius, der Gamiela und Ida.
68. Kapitel
[GEJ.04_068,01] Die Neugier der Weiber ist
zwar groß gewesen; aber Mein Wort wirkte dennoch mächtiger, und alle begaben
sich in die Zelte des Ouran, allwo sie so lange zu verweilen hatten, bis man
sie wieder berief.
[GEJ.04_068,02] Als die Weiber auf diese
Weise versorgt waren, sagte Johannes zum Zorel: „Nun, wie sieht es denn aus mit
dem Losdrücken deines gespannten Bogens? Mir scheint es, als hättest du deine
vielen scharfen Pfeile alle ins Blaue verschossen, ohne irgend etwas getroffen
zu haben. Und doch wolltest du zuvor sogar mit der unendlichen Weisheit Gottes
einen Kampf eingehen! Ich sage dir, daß du nun redest, so du noch etwas zu
reden vermagst!“
[GEJ.04_068,03] Sagt endlich Zorel: „Was soll
ich da noch reden? Dir ist – die Götter wissen's woher – ja ohnehin alles
bekannt, was ich von der Wiege an alles angestellt habe; warum soll ich dir
dazu noch etwas mehreres erzählen? Ich könnte nun auch reden; aber wozu mich
noch weiter rechtfertigen? Wie ich war und zum größten Teile noch bin, so
handelte ich auch; denn ich konnte ja nicht anders handeln, als ich beschaffen
war in meinem Gemüte! Können denn ein Löwe und ein Tiger darum, daß sie wilde,
reißende Bestien sind? Das ist einmal ihre Natur, und sie sind doch sicher
darum nicht im Grunde und Boden fehlerhaft, weil sie so sind, wie sie sind!
Wenn sie schlecht sind, so trägt daran die Schuld nur Der, der sie also
geschaffen und gemacht hat!
[GEJ.04_068,04] Warum kann es Tausende von
Menschen geben, die da frömmer denn die Lämmer sind, und warum bin ich's denn
nicht?! Habe ich mich etwa selbst erschaffen und also gemacht?! Wollte ich aber
schon ganz schlecht sein, so könnte ich dir jetzt noch alles in die vollste
Abrede stellen, was auch du aus deiner Weisheit mir vorgetragen hast; denn
einzelner Menschen Weisheitssprüche gelten bei uns vor dem Forum des
Weltgerichtes nie als ein Beweis, solange sie nicht durch andere Zeugenaussagen
als sich durch und durch bestätigend erwiesen werden. Aber ich erkenne deine
Weisheit und glaube in dir den Menschen zu erkennen, der mir nun nicht schaden,
sondern nur helfen will, und gestehe darum auch das, was du über mich
aussagtest, als etwas Wahres. Ich leugne die Wahrheit alles dessen nicht im
geringsten; aber irgend rechtfertigen werde ich mich wohl etwa immer noch
dürfen!
[GEJ.04_068,05] Du hast aber ohnehin das
freie Recht über mich, alles laut vorzutragen, was ich je zufolge meiner dazu
inklinierenden (neigenden) Natur angestellt habe; denn mehr als töten könnet
ihr mich nicht dafür, und dem Tode kann ich mutigst in die hohlen, finstern
Augen schauen und habe keine Furcht vor ihm! Du kannst aus dem schon ersehen,
daß ich kein heuriger Hase bin. Wenn dir aus meinem allerlumpigsten Leben etwa
noch so einige Mordspektakel bekannt sein sollten, so packe damit nur aus; denn
mich geniert nun schon lange nichts mehr in der Welt!
[GEJ.04_068,06] Übrigens hast du in bezug auf
die fünf Mägdlein dahin ein wenig zuviel aufgetragen, so du mich beschuldigest,
daß mir um sie bloß darum leid war, weil mir durch ihren Tod, der auch nicht so
ganz von einer leichten Schändung herrührte, sondern durch den Rücktritt eines
bösen Aussatzes erfolgte, ein bedeutender Gewinn entging; ich könnte dir sogar
etliche glaubwürdige Zeugen aufführen, die es gehört haben, daß ich den Zeus
inständigst bat, mir die fünf Mägdlein zu erhalten, und tat den Göttern einen
Schwur, die Mägdlein als Töchter zu behalten für immer, so sie gesund würden
und am Leben blieben. Als mir aber trotz aller Pflege im Verlaufe von dreißig
Tagen dennoch alle fünfe starben, ward ich untröstlich und tat abermals einen
Schwur, kein Mädchen mehr zu berühren und keinen Sklavenhandel mehr zu
betreiben. Das hielt ich bis zur Stunde, habe mich ebendarum hierhergezogen und
meine Besitzung mir angekauft, mit der ich durchs Feuer nun alles verlor, was
ich mir je irgend erworben hatte. – Rede du nun, ob ich auch diesmal eine
Unwahrheit geredet habe!“
69. Kapitel
[GEJ.04_069,01] Sagt Johannes: „Ja ja, das
tatest du wohl später; aber im Anfange warst du nur also gesinnt, wie ich es
dir gesagt habe! Daß du dich aber der Mägdlein nur so ganz leicht bedient
habest, da redest du auch nun noch eine grobe Unwahrheit! Nur eine hast du
etwas milder hergenommen, und das war die letzte, als deine Geilheit dir den
schnöden Dienst schon versagte; die ersten vier hast du nicht im geringsten
geschont, sondern sie ganz entsetzlich bedient! Kannst du das in Abrede
stellen? – Sieh, du schweigst und bebst! Die Mägdlein bekamen darauf einen sehr
gefährlichen Aussatz, der freilich den Tod beschleunigte; aber auch dafür war
deine Geilheit die so ganz eigentliche und alleinige Schuldträgerin! Aber dies
Kapitel ist zu Ende, und wir gehen nun auf ein anderes über!
[GEJ.04_069,02] Weißt du, was noch auf deinem
Gewissen rastet, ist freilich etwas, wobei abermals dein Wille nicht haftet;
aber die Tat ist da und ihre Folge! Darum soll der Mensch im Zorne nie handeln;
denn den Taten, die im Zorne geschehen, schleichen stets böse Folgen wie der
Schatten auf der Ferse nach. Kannst du dich noch erinnern, als besonders deine
Mutter Agla, die eine sehr vernünftige Person war, dich von deinen liederlichen
Streichen und von deiner ruchlosen Gesellschaft vollernstlich abmahnte, was du
ihr da entgegentatst?“
[GEJ.04_069,03] Sagt Zorel: „O Götter! Mir
schwebt wohl noch so was wie aus einem Traume vor; aber etwas Genaues kann ich
darüber nicht mehr sagen! Rede daher nur du, weil du schon einmal im Redezuge
stehst! Das weiß ich, daß ich nie etwas Arges mit einem vorgefaßten bösen Willen
tat; für das aber, daß ich dem Jähzorne unterliege, kann ich ebensowenig, wie
ein Tiger darum kann, daß er eine blutdürstige, reißende Bestie ist! – Rede du
nun!“
[GEJ.04_069,04] Sagt Johannes: „Das werden
wir erst später durchnehmen; aber damals hast du einen Topf, der auf einer Bank
sich befand, ergriffen und schleudertest ihn mit aller Gewalt an den Kopf
deiner Mutter, daß sie darob ganz betäubt zu Boden sank. Du aber, statt deiner
guten Mutter nun beizuspringen und ihr Hilfe zu verschaffen, nahmst die
bewußten Goldpfunde und entflohst auf einem Korsarenschiffe hierher und
machtest darauf einige Jahre lang das schöne Seeräuberhandwerk mit, bei welcher
Gelegenheit du dann auch ein Sklavenhändler wurdest. Deine Mutter aber starb
bald darauf, teils an den Folgen einer starken Hirnschädelverletzung und teils
aus Gram ob deiner Unverbesserlichkeit. Und so hast du nebst vielen anderen
Sünden auch die eines Muttertotschlägers auf deinem Gewissen, und als Krone für
deine vielen argen Taten rastet auf deinem Haupte ein allerbitterster Fluch von
seiten deines Vaters, wie auch von seiten deiner Geschwister! – Nun bist du
ganz enthüllt; was sagst du nun zu alledem als ein Mensch von reiner Vernunft?“
[GEJ.04_069,05] Sagt Zorel: „Was soll ich
dazu sagen? Geschehen ist geschehen und kann nicht mehr ungeschehen gemacht
werden! Jetzt sehe ich gar manches aus meinen früheren Handlungen ein, was da
hoch gefehlt war; aber was nützt mir alle diese Einsicht? Es ist genau also,
als könntest du aus einem Tiger einen einsichtsvollen Menschen machen, der
zurücksähe, welche blutigsten Greuel er angerichtet hat; was würde ihm alles
das nützen?! Könnte er das Geschehene ungeschehen machen, so würde er sich dazu
sicher alle erdenkliche Mühe geben; aber was konnte er in seinem Tigerzustande
dafür, daß er eben ein Tiger und kein Lamm war?! Da ist auch die Reue über eine
verruchte Tat und der beste Wille, sie wieder völlig gutzumachen, etwas so
Vergebliches wie eine albernste Mühe, einen vergangenen Tag wieder zu einem
gegenwärtigen zu machen. Ich kann wohl von nun an ein ganz anderer und besserer
Mensch werden; aber dort, wo ich ein böser Mensch war, kann ich mich unmöglich
mehr besser machen, als ich war. Soll ich etwa darüber bittere Schmerzenstränen
vergießen, daß ich so viele arge Taten verübt habe? Das wäre doch etwas so
Lächerliches, als ob ein menschgewordener Tiger darum die bittersten Tränen der
Reue vergießen wollte, weil er früher ein Tiger war!“
70. Kapitel
[GEJ.04_070,01] (Zorel:) „Ich besaß von der
Geburt an ein jähzorniges Temperament. Statt dasselbe durch eine sanfte und
vernünftige Erziehung zu dämpfen und den Verstand möglichst auszubilden, ward
ich mit allen Strafen korrigiert, die es nur gibt. Meine Eltern waren stets
meine größten Peiniger! Hätten sie Verstand mit gutem Willen vereinigt, so
hätten sie aus mir einen Engel der Juden erziehen können; aber mit den tausend
Strafen ward ich zu einem Tiger! Und an wem liegt da die Schuld, daß ich zu
einem Tiger ward? Ich selbst habe mir fürs erste schon nicht können vor der
Zeugung und Geburt irgend weisere Eltern aussuchen, und fürs zweite, als ich
geboren ward, war ich sicher noch so hübsch lange kein Plato oder Phrygius und
keine Spur von einem Sokrates und konnte mir darum selbst keine Erziehung
geben! Was hätte da aber geschehen sollen, daß ich ein besserer Mensch und kein
Tiger geworden wäre?
[GEJ.04_070,02] Ich halte dich für zu weise,
als daß du auf diese Frage keine vernünftige Antwort von selbst finden
solltest. Bei euch Juden gibt es stets hie und da von bösen Geistern besessene
Menschen, wie ich erst vor etlichen Wochen einen bei den Gadarenern gesehen
habe, und das wäre noch der bessere; einer soll etwa gar eures jüdischen
Teufels sein, der sein Unwesen in den finstersten Nächten halte! Es war aber
der Tagesteufel sein Geld wert; denn ganze Scharen von Menschen richteten
nichts mit ihm aus. Er verrichtete Taten, vor denen aller Menschheit die Haut
schaudert und angstrunzlich wird. Könnte aber möglicherweise der erwähnte
Besessene von seinem Übel geheilt werden, sage mir, welcher Ochse von einem
Menschenrichter könnte so blind und finster dumm sein, daß er dem geheilten
Menschen zeigte alle die unerhörtesten Greuel, die er in seiner Besessenheit
verübt hat, und hielte ihn darum an zur tränenvollsten Reue und Besserung?!
Konnte denn der Mensch darum, daß er in seinem Besessensein solche Greuel
verübt hat?!
[GEJ.04_070,03] Sage mir, Freund voll
Weisheit: Von einer großen Höhe fällt ein schweres Felsstück und erschlägt
unten, dahin es stürzte, zufällig zwanzig daselbst weilende Menschen. Warum
mußte denn das geschehen? Wer trägt an dieser Kalamität die Schuld? – Ich setze
aber den wenigstens denkbar möglichen Fall, daß dazukäme ein so mächtiger
Zauberer, der aus dem Felsblocke nach Art des Deukalion und der Pyrrha einen
Menschen machte, mit aller Einsicht und Intelligenz begabt. Wie der neue Mensch
so ganz gesund dastünde, da käme dann ein weiser und barmherziger Richter und
sagte zu diesem Neumenschen: ,Da siehe hin, du Verruchter! Da ist dein böses
Werk! Warum fielst du als Felsstück also mit aller Gewalt auf diese zwanzig
Menschen? Rechtfertige dich, oder du hast für die Tat die furchtbarste Strafe
zu gewärtigen!‘ Was wohl würde der Neumensch zu dem dummen Richter sagen?
Nichts als: ,Konnte ich als schwerer und völlig bewußtloser Felsblock denn
dafür, daß ich fürs erste irgend auf einer Höhe durch eine fremde Gewalt von
meinesgleichen getrennt wurde, und fürs zweite irgend darum, daß ich eben so
entsetzlich schwer war, und habe ich fürs dritte irgend diese zermalmten Menschen
berufen, hier zu harren, bis ich herabstürzte und sie alle erschlug?!‘
[GEJ.04_070,04] Das höchst unvernünftige
Beschuldigen dieses Neumenschen von seiten eines superklugen Richters wirst du
nun hoffentlich einsehen, aber daneben vielleicht doch auch, daß ich, als nur
erst aus einem Rohklotze ein Neumensch werdend, für alle meine schlechten Taten
nahe ebensoviel kann wie der dir soeben gezeigte Felsklotz-Neumensch! Willst du
kein dummer Richter sein, so richte mich nach der Gerechtigkeit der reinen Vernunft
und nicht nach deiner sich weise dünkenden Laune! Sei ein Mensch, wie auch ich
nun ein Mensch bin!“
71. Kapitel
[GEJ.04_071,01] Johannes fängt an, über diese
schlagenden Worte des Zorel tiefer nachzudenken und findet, daß sie nicht ohne
Grund dastehen, und wendet sich still, bloß nur im Herzen, mit einer Frage an
Mich, was er nun fürder mit dem Menschen noch weiteres anfangen solle, da ihm
dieser offenbar über den Kopf zu wachsen beginne.
[GEJ.04_071,02] Ich aber sage dem Johannes:
„Laß ihm nun ein wenig Zeit; dann werde Ich dir wie bis jetzt schon ins Herz
und auf die Zunge legen, was du als weiteres mit ihm zu reden haben sollst!“ –
Das befolgt Johannes.
[GEJ.04_071,03] Cyrenius, der die Rechtfertigung
des Zorel mit großer Aufmerksamkeit angehört hatte, sagte zu Mir: „Herr, ich
muß es hier offen bekennen, daß dieser Mensch ein ganz merkwürdiges Wesen ist!
Nun scheint es, daß er sogar den weisen Jünger Johannes ganz bedeutend zum
Nachdenken gebracht hat. Kurz, ich zum Beispiel wäre jetzt rein fertig mit
meiner Weisheit und müßte ihn als Richter von aller seiner Schuld lossprechen!
[GEJ.04_071,04] Aber unbegreiflich ist es
mir, woher dieser Hauptlump in seinen Handlungen solch eine schlagende
Verstandesschärfe überkommen hat! Daß Menschen, wie zum Beispiel ein Oberster
Stahar, auch ein Zinka, ganz scharf verständig zu ihrem Vorteile reden konnten,
bevor sie mit Dir noch die nähere Bekanntschaft gemacht hatten, ist
begreiflich, denn das sind lauter gelehrte Menschen und in vielen anderen
Dingen tief erfahren; aber dieser Mensch war von jeher doch sicher ein Lump der
allerersten Klasse, – und trotzdem diese enorme Verstandesschärfe! Ah, so was
ist mir noch gar in meinem ganzen Leben nicht vorgekommen! Sage es mir doch, o
Herr, wie dieser Mensch wohl dazu gekommen ist!“
[GEJ.04_071,05] Sage Ich: „Gar so leer ist er
nie gewesen; denn die Griechen sind ja stets die besten Advokaten Roms! Sie
kennen die rücksichtslose Schärfe der römischen Gesetze und studieren sie darum
ungemein genau durch, auf daß sie, wenn ein Richter sie irgendeines Vergehens
wegen zur Verantwortung zöge, mit einer gediegensten Entgegnung in steter
Bereitschaft seien; und solche Menschen, die sich vorgenommen haben, den Staat
so recht baumdick zu hintergehen, die haben sich die Rechte des Staates und der
Menschheit schon gar ungewöhnlich fest angeeignet und auch die Schriften von
verschiedenen Weltweisen sich ungemein intensiv zu eigen gemacht. Und zu solch
einer Klasse gehört auch dieser Zorel.
[GEJ.04_071,06] Vor dem Verzückungsschlafe
aber hätte er auch nicht mit solch einer determinierten Verstandesschärfe
gesprochen; aber von dem Schlafe ist ihm aus seinem Geiste so ein gewisser
Nachduft geblieben in seiner Seele, und darum kritisiert diese nun so scharf.
Diese Schärfe würde sich aber wohl bald wieder verlieren, so er von nun an
wieder ganz in die alte Lebenssphäre überginge; aber bei dieser Behandlung wird
er noch immer schärfer werden, was Ich auch eigens Meiner Jünger wegen zulasse,
damit sie bei dieser Gelegenheit die möglichste Schärfe des menschlichen
Weltverstandes ein wenig zu verkosten bekommen, was ihnen sehr heilsam ist.
Denn obwohl sie sehr demütige Menschen sind und ein schon sehr verständiges
Herz besitzen, so kommt ihnen aber doch so dann und wann ein wenig ein
eigendünklicher Gedanke, und dem gegenüber ist so ein Mensch ein ganz
ausgezeichneter Stein des Anstoßes.
[GEJ.04_071,07] Johannes hat Mir bereits die
Unzulänglichkeit seiner Weisheit im Herzen bekanntgemacht, und die anderen
Jünger denken und denken nun, was dies sei; aber Ich lasse sie noch eine kleine
Weile nachdenken, damit sie sich selbst besser finden. Haben sie sich etwas
tiefer gefunden, so werde Ich ihnen dann schon wieder vorwärtshelfen. Aber
Mücken wird er ihnen noch in die Ohren setzen, daß sie sich alle gar gewaltigst
hinter den Ohren werden zu kratzen anfangen! Dann aber werden sie schon wieder
einen Schritt weiter machen können. – Nun aber werde Ich wieder dem Johannes
die Zunge lösen, und er wird wieder zu reden anfangen; darum gib nun nur recht
acht!“
72. Kapitel
[GEJ.04_072,01] Nach einer kurzen Weile sagte
Johannes zu Zorel: „Ich kann es dir gerade nicht in Abrede stellen, daß du nun
mit deinem Verstande so manches berührt hast, was allerdings nicht so ganz ohne
allen Grund dasteht; aber auf dein Leben paßt es darum schlecht oder gar nicht,
weil deine Seele in sich selbst allzeit so weit gebildet war, um das Falsche
vom Wahren unterscheiden zu können. Welche Seele aber das in solcher Schärfe,
wie es bei dir der Fall ist, zu tun imstande ist, die unterscheidet auch das
Gute vom Bösen, und kann sie das, so sündigt sie wider ihre eigene Erkenntnis
und ihr Gewissen; wer aber wider seine Erkenntnis und wider sein Gewissen
sündigt, der kann nur durch eine wahre Reue und Buße von dem alten Unflate
seiner Sünden gereinigt und Gott angenehm werden.
[GEJ.04_072,02] Du willst und sollst ein
besserer Mensch werden! Willst du das, so mußt du auch erkennen, daß du an all
den argen Handlungen selbst schuld warst; warst du aber das, so liegt es nun
auch an dir, einzusehen, daß es nicht recht ist, die Schuld auf einen andern
hinzulenken, sondern du sollst sie bei dir selbst und für dich als ganz zu
eigen erkennen und darum eine wahre Reue fühlen, dieweil du das Wahre und Gute
in vielfacher Hinsicht gar wohl erkannt, im Handeln aber doch fürs
Entgegengesetzte dich bestimmt hast.
[GEJ.04_072,03] Ja, hättest du gar keine noch
so blasse Idee von etwas rein Wahrem und somit Gutem in dir erkannt, sondern
wärst nur in einem finstersten Aberglauben, als begründet in der Sphäre deines
Lebens, dagestanden, da könnten dir deine Handlungen – und wären sie vor dem
Richterstuhle des allerreinsten Verstandes an und für sich noch so böse – nicht
als Schuld angerechnet werden, und so wärst du dann ebenso sündenfrei wie dein
menschgewordener Tiger und Felsklotz, und niemand hätte das Recht, dir zu
sagen: ,Bessere dich, bereue deine Untaten und tue eine rechte Buße, auf daß du
dem wahren Gott wohlgefällig werdest!‘
[GEJ.04_072,04] Da müßte man dich zuvor erst
in aller Wahrheit fein unterrichten, dir den rechten Weg zeigen und dich eine
Zeitlang führen auf demselben! Würde jemand, als vollkommen in dieser Wahrheit
unterwiesen, sich dennoch wieder in sein altes Falsche werfen und ebenso arg
handeln wie zuvor, so würde er dann schon sündigen, weil er da wider seine
feste Überzeugung handeln und sein Gewissen in eine tobende Unruhe versetzen
würde. Deine mir vorgestellten Bilder taugen daher nur für Menschen, die gleich
den Tieren noch nie irgendeine Wahrheit erkannt haben; aber du bist in der
echten Wahrheit kein Laie, sondern erkennst sie nahe so gut, wie ich sie
erkenne, und hast solche auch schon lange erkannt. Und es hat dir dein Gewissen
auch allzeit eine jede deiner argen Taten vorgeworfen; du aber achtetest wenig
darauf und suchtest durch allerlei falsche Vernunftgründe dasselbe zu
übertäuben. Du fühltest auch allzeit Reue, sooft du etwas Schlechtes wider dein
Erkennen und wider dein Gewissen begangen hattest; nur zur Buße und zur wahren
Besserung kam es bei dir bis jetzt noch nicht.
[GEJ.04_072,05] Gott der Herr aber hat dich
darum nun in ein großes Elend kommen lassen. Du hast nun nichts; auch dein
ehemaliger Sklavenhandelsgesellschafter hat dich im Stiche gelassen und
befindet sich nun schon in Europa, allwo er seine bedeutenden Gewinne verzehrt.
Du stehst nun nackt hier und suchest Hilfe. Diese soll dir auch werden; aber du
mußt dich derselben zuvor erst würdig machen dadurch, daß du aus dir selbst
freiwillig das allein Wahre und Gute ins handelnde Leben überträgst. Alsdann
wird dir auch wahrhaft geholfen für zeitlich und ewig.
[GEJ.04_072,06] Verharrest du aber handelnd
bei dem, was du so gut wie ich als falsch und schlecht erkennst, so bleibst du
elend dein Leben lang, und wie es dereinst drüben aussehen wird, indem es ein
reines Leben nach dem Abfalle des Leibes gibt, darüber kann dir deine eigene
reine Vernunft den ganz guten Aufschluß geben, so du bedenkst, daß dieses
zeitliche Leben der Same und das jenseitige ewige die Frucht ist.
[GEJ.04_072,07] Pflanzest du in diesem deinem
Lebensgarten einen edlen, guten Samen ins Erdreich eben dieses deines
Lebensgartens, so wirst du auch edle Früchte ernten; legst du aber Distel- und
Dornensamen in deines Lebensgartens Erdreich, so wirst du dereinst auch das
ernten, was für Samen du nun gesäet hast! Denn das wirst du wohl wissen, daß
auf den Distelstauden keine Feigen und auf den Dornen keine Trauben wachsen!
[GEJ.04_072,08] Sieh, ich habe dich nun nicht
gerichtet, sondern dir nur gezeigt, was du für die Folge tun sollst, und mein
Wort war nicht hart gegen dich, und sanft war der Ton meiner Rede! Beherzige
solche meine Worte, und ich stehe dir als Freund mit meinem Leben dafür, daß
dich dessen wohl ewig nie gereuen wird!“
73. Kapitel
[GEJ.04_073,01] Sagt Zorel: „Ah, also lasse
ich mit mir schon reden; denn das hat echt menschlich getönt, und ich werde mir
alle Mühe geben, das zu tun, was du mir als Mensch, nur nicht als Richter,
sagen wirst. Lieber Freund! Ich kenne mich nun genau, mein innerer Lebenskern
scheint nicht eben der schlechteste zu sein; aber mein Äußeres ist durchgängig
schlecht! Wäre es möglich, dieses Fleisch samt seinen schlechten seelischen
Anhängseln total auszuziehen und den inneren Lebenskern mit einer besseren
Fleischmasse zu umhüllen, so wäre ich ein ganz rarer Mensch; aber bei dieser
meiner gegenwärtigen Leibeskonstitution ist nichts zu machen! Ich bin nun
freilich kein so bedeutender Bösewicht mehr, als ich war; aber zu trauen ist
meinem Fleische nimmer. Merkwürdig ist doch immer das, daß ich bei allen meinen
noch so arg aussehenden Handlungen mit meinem Willen nie dabei war! Ich bin
noch allzeit gerade wie zufällig hineingezogen worden; was ich eigentlich
wollte, davon geschah gerade das Gegenteil! Wie ist das zu verstehen?“
[GEJ.04_073,02] Sagt Johannes: „Ja sieh, der
Wille des Menschen ist ein zweifacher: der eine Wille ist der, an dem das
Erkennen der Wahrheit ein stets etwas schwaches Zug- oder Leitseil besitzt; der
andere Wille aber ist der, an dem die sinnliche Welt mit ihren wonnig duftenden
Ansprüchen auch ein Zugseil besitzt, und das ein durch allerlei Gewohnheiten
recht stark und mächtig gewordenes. Läßt dich die Welt einen angenehmen Bissen
erschauen samt der Möglichkeit, seiner leicht habhaft zu werden, da fängt das
starke Seil am Willensknaul des Herzens sogleich stark zu ziehen an; rührt sich
da zu gleicher Zeit auch das weniger starke Zug- und Leitseil der
Wahrheitserkenntnis, so nützt das wenig oder nichts, weil seit jeher der Starke
noch allzeit den Sieg über den Schwachen davonträgt.
[GEJ.04_073,03] Der Wille, der wirken soll,
muß entschieden ernst auftreten und vor nichts irgendeine Furcht haben. Mit der
stoischsten Gleichgültigkeit muß er all den Vorteilen der Welt ins Angesicht
lachen können und sogar auf Kosten seines Leibeslebens den lichten Weg der
Wahrheit verfolgen. Dann ist der sonst schwache Erkenntniswille zum starken und
mächtigen geworden und hat sich den rein weltlichen Gefühls- und Genußwillen
vollends untertänig gemacht. Dieser geht endlich selbst ganz ins Licht des
Erkenntniswillens über, und so ist der Mensch endlich eins in sich geworden,
was zur inneren Vollendung des menschlich unsterblichen Wesens von der
allerunerläßlichsten Wichtigkeit ist.
[GEJ.04_073,04] Denn kannst du im Denken und
in dir selbst nicht einig werden, wie kannst du da sagen: ,Ich habe die
Wahrheit erkannt in ihrer Tiefe und Fülle!‘, – bist aber in dir selbst noch
vollkommen uneins und somit für dich selbst nichts als eine barste Lüge?! Die
Lüge aber ist der Wahrheit gegenüber nichts, als was da ist die dickste Nacht
gegenüber dem hellsten Tage. Eine solche Nacht ersieht kein Licht, und der
Mensch in sich als Lüge kann keine lichte Wahrheit erkennen, und darum ist bei
allen in sich höchst zertragenen Weltmenschen das Zug- und Leitseil des
Erkenntniswillens gar so schwach, daß es schon von einem leichtesten Gegenzuge
des weltlichen Genußwillens über Bord geworfen und somit besiegt wird.
[GEJ.04_073,05] Hat bei manchen Menschen der
Weltgenußwille den Erkenntniswillen für immer ganz besiegt und erdrückt, so daß
dadurch auch eine Art Einheit in der Finsternis des innern Menschen erfolgt
ist, so ist der Mensch im Geiste tot geworden und ist somit ein in sich selbst
Verdammter und kann zu keinem Lichte mehr kommen in Ewigkeit, außer durchs
Feuer seiner durch den Begierdendruck entzündeten groben Materie. Aber die
Materie der Seele ist hartnäckiger um vieles als die des Leibes, und es gehört
ein gar mächtiges Feuer dazu, um alle die Seelenmaterie zu verzehren und zu
vernichten.
[GEJ.04_073,06] Da sich aber eine Seele solch
eine überaus schmerzliche Purifikation (Reinigung) nicht aus Liebe zur Wahrheit
oder zum Lichte wird gefallen lassen, sondern sich aus alter Genuß- und
finsterer Herrschsucht derselben wie ein Proteus dem Fange zu entziehen
trachten wird, so ist ein Mensch, der in dieser Welt in sich in seiner
Lebensnacht völlig eins geworden ist, auch so gut wie für ewig verloren.
[GEJ.04_073,07] Nur der Mensch, der durch
seinen energischen lichtvollen Erkenntniswillen den weltlichen
Genußsuchtswillen gänzlich besiegt hat und also im Lichte und in aller Wahrheit
in sich eins geworden, ist dadurch ganz Licht und Wahrheit und sohin auch das
Leben selbst. Dazu ist aber, wie ich dir schon früher bemerkt habe, eine
wahrhaft stoische Selbstverleugnung nötig, – nur nicht jene in sich hochmütige
eures Diogenes, die sich für mehr und höher dünkt als ein vom Golde strahlender
König Alexander, sondern jene demütige eines Henoch, eines Abraham, Isaak und
Jakob. Kannst du das, so wird dir geholfen sein für zeitlich und ewig; kannst
du aber das nicht, und nicht aus deiner eigenen Wahrheitserkenntniskraft, dann
ist es aus mit dir, und es kann dir weder auf der einen noch auf der andern
Seite geholfen werden. Ich aber bin der Meinung, daß du solches über dich
vermögen wirst; denn an der Einsicht und Erkenntnis fehlt es dir nicht. Was
sagt dazu nun dein innerer Sinn?“
74. Kapitel
[GEJ.04_074,01] Sagt Zorel: „Der sagt: ,Zorel
kann alles, so er als der echte Zorel es will!‘; und der will es nun, und so
wird ihm sicher auch geholfen werden! Könnte ich aber wenigstens nur etliche
Wochen bei dir sein, so ginge die Sache offenbar leichter und schneller!“
[GEJ.04_074,02] Sagt Johannes: „So du nur den
vollkommen ernsten Willen, ein besserer Mensch zu werden, gefaßt hast, so wirst
du schon unter Männern verbleiben, die ebenso stark sind wie wir in der
unmittelbarsten Nähe des großen und lebendigen Lichtes aus Gott!“
[GEJ.04_074,03] Sagt Zorel: „Was und wer ist
denn so ganz eigentlich euer Gott, den ihr Juden den Gott Abrahams, Isaaks und
Jakobs nennet?“
[GEJ.04_074,04] Sagt Johannes: „Diese Frage
wirst du, so du in dir in deinem Lichte eins geworden sein wirst, klarst
beantwortet finden, so wie wir sie gefunden haben; wollten wir dir aber nun solches
näher zu erklären suchen, so würdest du uns nicht verstehen dein Leben lang.
Das aber kannst du wohl zum voraus wissen, welchen Begriff sich ein wahrer
Mensch von Gott machen soll, und so höre denn!
[GEJ.04_074,05] Der allein wahre und einige
Gott ist in Sich ein ewiger, purster Geist aus Sich Selbst, ausgerüstet mit dem
höchsten Grade des Selbstbewußtseins, mit der tiefsten und lichtvollsten
Weisheit und mit jenem festesten Willen, dem kein Ding unmöglich ist.
[GEJ.04_074,06] Gott ist das Wort in Sich,
und das Wort selbst ist Gott. Dies ewige Wort aber hat nun Fleisch angenommen,
kam in die Welt zu den Seinen, und diese erkennen nicht das Licht, das dadurch
in die Welt gekommen ist. Darum wird dieses Licht den Kindern genommen und den
Heiden (Abergläubern) überantwortet werden. Denn die Heiden suchen nun die
Wahrheit, des Lichtes Kinder aber fliehen sie, wie die großen Verbrecher das
Gericht. Darum also wird es den Kindern genommen werden und gegeben den Heiden,
wie solches soeben der Fall ist und geschieht.
[GEJ.04_074,07] Denn zu Jerusalem wohnen des
Lichtes Urstammkinder, ächten die Wahrheit aus Gott und hängen sich stets mehr
und mehr an die Nacht, an die Lüge und an ihre losen Werke. Aber die Heiden
durchwandern die Welt und suchen die Wahrheit, und so sie sie gefunden haben,
da haben sie eine große Freude und loben und preisen den Geber des Lichtes über
alle die Maßen wahrhaft im Herzen und in der Tat.
[GEJ.04_074,08] Hier sieh dich um, und du
ersiehst eine bedeutende Volksmenge! Die größte Anzahl sind Heiden, die das
Licht aus den Himmeln gesucht haben. Sie haben es gefunden und freuen sich
dessen; aber Jerusalem, die Stadt des Herrn, sandte nur Schergen und Häscher
aus, daß sie das Licht erdrücken sollten! Doch die ausgesandt wurden, waren klüger
als die, welche sie ausgesandt hatten; sie kamen aus ihrer großen Finsternis
ans Licht, hatten eine rechte Freude am selben und blieben im selben. Sie haben
das Licht zwar gefangengenommen, aber nicht für die Kerker Jerusalems, sondern
für sich, für ihre Herzen, und sind nun unsere Brüder im Lichte aus Gott, und
freuen sich desselben und Dessen, von dem das große Licht ausgeht.
[GEJ.04_074,09] Du kamst als ein Heide
hierher, zwar nicht, damit du ein Licht fändest für deine Lebensnacht, sondern
Gold und Silber. Aber wer da kommt aus den Kerkern in das Licht der Sonne, der
wird es nicht leichtlich verhüten können, daß er erleuchtet wird. Und also
ergeht es dir hier. Suchtest du auch eben nicht das Licht, so wirst du nun aber
dennoch erleuchtet, da du an die Sonne kamst, das heißt nicht an das Licht der
Natursonne, die jetzt soeben den Horizont des Unterganges berührt, sondern an
das Licht der Geistessonne, das erleuchtet mit aller Weisheit die
Unendlichkeit, auf daß alle Wesen, die der Gedanken fähig sind, aus diesem
Lichte denken und wollen können, so wie auf dieser Erde also auch auf zahllosen
anderen Welten, mit denen aus Gott der endlose Raum erfüllt ist.
[GEJ.04_074,10] Lasse dich demnach
durchleuchten von diesem Lichte, das du nun ein wenig zu merken anfängst, daß
es durchleuchtet deine Eingeweide, und du wirst durch ein kleinstes Fünklein
dieses Lichtes schon glücklicher werden, als so du dich in den Besitz aller
Schätze der Erde versetzen könntest. Suche du nun selbst das wahre Reich der
Wahrheit, und es wird dir alles andere als eine freie Zugabe werden, und du
wirst an nichts irgendeinen Mangel haben!“
75. Kapitel
[GEJ.04_075,01] Sagt Zorel: „Freund, du hast
recht: Was der Mensch in der Finsternis genießt, gedeihet nicht! Daß ich aber
in einer starken Geistesnacht lebe, das merke ich nun schon selbst; denn deine
Worte haben mir trotz ihres geheimnisvollen Klanges eine rechte und große
Erleuchtung gegeben, und ich habe nun schon eine große Freude daran. Aber, so
dein Wort auch beim Cyrenius etwas vermag, so bitte ihn, daß er mir doch
wenigstens gäbe einen nur etwas besseren Mantel; denn ich kann mich in diesen
Lumpen nicht mehr sehen in eurer Gesellschaft. Cyrenius wird wohl so
irgendeinen alten, abgetragenen Dienerschaftsmantel haben!“
[GEJ.04_075,02] Ruft Cyrenius einen seiner
Diener und sagt: „Gehe hin, da unser Gepäck ist, und hole mir ein gutes Hemd,
eine Toga und einen griechischen Mantel!“
[GEJ.04_075,03] Der Diener geht und bringt
das Verlangte.
[GEJ.04_075,04] Cyrenius aber beruft darauf
den Zorel und sagt: „Hier, nimm das Gewand, gehe irgend hinter das Haus und
kleide dich um!“
[GEJ.04_075,05] Zorel nimmt höchst
dankbarlich das Gewand, begibt sich damit hinter des Markus Haus, kleidet sich
um und bekommt dadurch ein ganz stattliches Aussehen.
[GEJ.04_075,06] In wenigen Augenblicken ist
Zorel wieder bei uns und sagt zu Cyrenius: „Hoher Herr! Nicht mehr unsere
nichtigen Götter, sondern der eine, wahre und ewig lebendige Gott lohne es dir!
Du hast nun einen nackten, armen Menschen bekleidet; und das ist ein edles
Werk, dessen ich wohl nicht wert bin! Aber so es einen wahren, allmächtigen und
höchst weisen Gott gibt, dessen Kinder wir alle sind, oder doch zum wenigsten
Seine Werke, und wie Er uns ja auch mit Wohltaten überhäuft, deren wir nicht
wert sind, und für die wir Ihm auch nur danken können und sonst nichts, so bin
auch ich nun hier vor dir, hoher Herr und Gebieter: aus dem innersten Grunde
des Herzens kann ich dir nur danken und sonst nichts tun! Willst du mich aber
als einen letzten deiner Diener annehmen, so bringe ich dir darum meinen Acker
zum Geschenke!“
[GEJ.04_075,07] Sagt Cyrenius: „Dein Acker
ist nicht dein, sondern dessen, um wessen Geld du ihn erkauft hast; daher
werden wir ihn verkaufen, dem Eigentümer oder seinen Kindern das Geld einhändigen,
und du wirst erst dann mein Diener sein können!
[GEJ.04_075,08] Sagt Zorel: „Hoher Herr und
Gebieter! Was du willst, das tue! Von dir ist mir alles eine Gnade; aber nur
verlasse mich nicht, und beschenke mich mit einem Dienste! Wie ich meine alten
Lumpen ausgezogen habe für immer, so werde ich auch meinen schlechten, alten
Menschen ausziehen und ein ganz anderer Mensch werden! Das kannst du mir
glauben! So schlecht ich war, so gut will ich aber auch wieder werden, um mit
dem Reste meiner allfällig noch übrigen Lebenszeit das einigermaßen zu sühnen,
was alles ich Übles angerichtet habe.
[GEJ.04_075,09] Hätte ich je irgendeinen
Menschen antreffen können, der mir über Recht und Unrecht ein so hell
leuchtendes Licht angezündet hätte wie jener Johannes dort, so wäre ich nie so
tief in alle Laster versunken; aber so mußte ich mir stets selbst der
gescheiteste Mensch sein! Wie weit ich es aber mit meiner großen Gescheitheit
gebracht habe, weißt du, und ich brauche dir meine große Schande vor euch nicht
mehr zu wiederholen. Darum sei du mir von nun an gnädig und barmherzig; denn in
der Folge sollst du keine Gelegenheit mehr bekommen, mit mir unzufrieden zu
sein. Ich kann verschiedene Künste und bin sehr kundig im Schreiben und
Rechnen, und die Geschichte der Völker bis auf diese Zeit ist mir nicht fremd.
Der ganze Herodot ist mir geläufig; auch der Juden, Perser und der alten
Babylonier Chronik ist mir nicht unbekannt. Und so wirst du mich wohl irgend
verwenden können.“
[GEJ.04_075,10] Sagt Cyrenius: „Darüber
wollen wir später reden; für jetzt aber kehre du nur wieder zu deinem Freunde
Johannes zurück, und lasse dir von ihm den rechten Weg zeigen! Hast du den, –
für alles andere dürfte dann bald gesorgt sein!“
76. Kapitel
[GEJ.04_076,01] Auf diese Worte des Cyrenius
verneigte sich Zorel tiefst vor uns allen und begab sich dann sogleich wieder
zu Johannes, der ihn abermals mit aller Freundlichkeit aufnahm und ihn fragte,
wie es ihm nun wohl ergangen sei.
[GEJ.04_076,02] Sagt Zorel: „Mir ist es
überaus wohl ergangen, was du aus meiner Bekleidung gar wohl ersehen kannst;
denn wenn man einmal ein ganz gesundes Hemd besitzt, eine Toga und einen
griechischen Mantel von blauem Merino um die Schultern gehangen trägt, dann ist
es einem irdisch doch sicher sehr wohl! Freilich mit dem geistigen Wohlsein und
Wohlergehen, ich sage es dir, da hat es noch ein ganz gewaltiges Unwohlergehen
am Brette! Wollte Gott, daß ich auch im Geiste also neubekleidet auszusehen
anfinge wie nun am Leibe, so ginge es mir sicher noch wohler; aber da wird es
schon noch seine Zeit benötigen!
[GEJ.04_076,03] Eine Frage, Freund, aber
wirst du mir schon erlauben, und diese lautet also: Ihr seid Menschen wie ich,
habt Fleisch und Blut und die gleichen Sinne wie unsereins; du hast mir aber
Beweise von deiner Geistesstärke gegeben, die alles, was mir bis jetzt
vorgekommen ist, himmelhoch und weit übertrifft! Es fragt sich nun, wie du dazu
kamst. Wer hat dich und deine Kollegen solches gelehrt? Wie kamet ihr auf den
Weg?“
[GEJ.04_076,04] Sagt Johannes: „Dir das zu
erklären, würde dir wenig nützen; so du aber das tust, was ich dir nun sagen
werde, so wirst du die Lehre in dir selbst finden, und dein geweckter Geist
wird dich, gestärkt vom Geiste Gottes, in alle Wahrheit und Weisheit leiten.
Willst du irgendeine Kunst erlernen, so mußt du zu einem Künstler gehen und dir
von ihm die Handgriffe zeigen lassen; dann kommt die fleißige Übung, dir die
Handgriffe derart zu eigen zu machen, daß sie denen des Meisters völlig
gleichen, und du bist dann ein Künstler wie dein Meister.
[GEJ.04_076,05] Willst du denken lernen, so
mußt du zu einem Philosophen gehen; der wird dich auf die Ursachen und
Wirkungen aufmerksam machen, und du wirst dadurch zu denken und zu schließen
anfangen und wirst sagen: Dieweil das Wasser ein flüssiger Körper ist, so kann
es leicht in eine Unruhe versetzt werden; es muß vermöge seiner Schwere
talabwärts fließen, weil nach der allgemeinsten Erfahrung bis jetzt alles
Schwere vermöge einer der Erdtiefe eigenen Anziehungskraft sich eben auch stets
der Tiefe der Erde zugewendet hat und dahin unaufhörlich streben muß nach dem
unwandelbaren Willen des Schöpfers, der da ein Mußgesetz in der gesamten Natur
ist.
[GEJ.04_076,06] Hat das Wasser im Meere ein
möglich tiefstes Bett erreicht, so kommt es in bezug auf ein Weiterfließen wohl
zur Ruhe, – aber in sich bleibt es dennoch stets ein flüssiger Körper; und weht
ein Sturmwind über die weite Oberfläche, so bringt er die sonst ruhige
Oberfläche des Wassers in eine wogende Bewegung, und dies Wogen des Wassers ist
an sich wieder nichts anderes als ein Bestreben des flüssigen Wasserkörpers
nach der Ruhe. Aber weil eben nichts so sehr einen Trieb nach der Ruhe hat wie
das Wasser, so kann es auch am leichtesten und am ehesten aus dem
Gleichgewichte seiner Ruhe gebracht werden.
[GEJ.04_076,07] Hieraus kommt endlich der
Schluß: je flüssiger irgendein Körper ist, desto mehr Bestreben nach Ruhe birgt
er in sich; und je mehr Bestreben nach Ruhe er in seinem körperlichen Wesen
äußert, desto leichter kann er in eine Unruhe versetzt werden. Je leichter aber
ein elementarischer Körper in Unruhe zu bringen ist, desto flüssiger muß er
sein. Du siehst aus diesem Beispiele, wie man in einer Schule der Philosophen
denken zu lernen anfängt, und wie man von der Ursache auf eine Wirkung und also
auch umgekehrt zu schließen anfängt.
[GEJ.04_076,08] Allein all dies sogestaltige
Denken bewegt sich innerhalb eines Kreises, aus dem es nirgends einen weiteren
Ausweg findet und auch nicht finden kann. All solches Denken nützt dem Menschen
denn auch wenig oder nichts in bezug auf sein inneres, geistiges Sein, Wollen
und Denken. Wenn du dir aber irgendeine Kunst nur bei einem Künstler, ein
geordnetes rationales Denken nur bei einem Philosophen zu eigen machen kannst,
so wirst du das innere, geistige Denken nur von einem Geiste, und zwar vom
alles durchdringenden Geiste Gottes in dir selbst erlernen können, – das heißt:
nur ein Geist kann einen Geist wecken; denn ein Geist sieht und erkennt den
andern Geist, so wie ein Auge das andere erschaut und erkennt, daß es ein Auge
und wie es beschaffen ist.
[GEJ.04_076,09] Der Geist ist der Seele
innerste Sehe, deren Licht alles durchdringt, weil es ein innerstes und somit
reinstes Licht ist. Aus dem ersiehst du nun, wie es mit dem Erlernen der verschiedenen
Dinge zugeht, und wie man zu allem, was man erlernen will, stets den
geeignetsten Lehrer haben muß, ansonst man ein ewiger Stümper verbleibt; es
kommt aber dann sehr darauf an, so man schon auch den allergeeignetsten Lehrer
gefunden hat, daß man das alles genaust und fleißigst tut, was einem der
Meister zu tun und zu üben befohlen oder angeraten hat.
[GEJ.04_076,10] Wenn dein Geist in dir wach
wird, so wirst du seine Stimme wie lichte Gedanken in deinem Herzen vernehmen.
Diese mußt du wohl anhören und dich danach in deiner ganzen Lebenssphäre
richten, so wirst du dadurch deinem eigenen Geiste einen stets größeren
Wirkungsraum verschaffen; also wird der Geist wachsen in dir bis zur männlichen
Größe und wird durchdringen deine ganze Seele und mit ihr dein ganzes
materielles Wesen.
[GEJ.04_076,11] Hast du mit dir selbst diesen
Standpunkt erreicht, so bist du dann auch ebenso wie unsereins fähig, nicht nur
das zu sehen und zu erkennen, was alle natürlichen Menschen mit ihren Sinnen
sehen und wahrnehmen können, sondern auch solche Dinge, die für den
gewöhnlichen Menschen unerforschlich sind, wie du solches an mir entdeckt hast,
da ich, ohne dich früher je gesehen und gekannt zu haben, dir doch alles von
dir noch so verborgen Gehaltene auf ein Haar vortragen konnte, was du auf
dieser Erde je irgend angestellt hast.
[GEJ.04_076,12] Nun habe ich dir nur so einen
kleinen Vorgeschmack von dem Sachverhalte gegeben, auf daß du ersehen und
erkennen kannst, wie es sich mit den Dingen des Geistes verhält. Aber mit
alldem ist dir noch immer wenig oder auch nichts geholfen; du mußt nun
erfahren, was du zur Erweckung deines Geistes tun mußt. Das dir vorzuzeichnen
aber steht mir noch lange nicht zu, sondern einem andern, der auch unter uns
ist, und dessen ganzes Wesen vom Gottesgeiste allerdichtest durchdrungen ist.
Der wird dir erst den Wahrheitsweg zeigen und durch dein Fleisch zu deinem
Geiste als Selbst Geist aller Geister rufen: ,Erwache in der Liebe zu Gott und
daraus zu deinen Brüdern im Namen Dessen, der ewig war, ist, und auch ewig sein
wird!‘ – Und nun sage du mir, wie du all das von mir dir nun Gesagte findest!“
77. Kapitel
[GEJ.04_077,01] Sagt Zorel: „Ich finde deine
mir nun gemachte Belehrung höchst geistreich, wahr und gut, und es muß alles
also sein; denn sonst hättest du mir ehedem wohl nicht können meine
verborgensten Taten wie aus einem Buche hersagen. Man kann als Mensch somit in
jedem Falle einer kaum glaublichen Vollendung gewärtig werden, und es genügt
mir vor allem diese nun gemachte Überzeugung; ich geize auch gar nicht nach
solcher an dir nun wahrgenommenen Vollendung darum, um bei einer andern
ähnlichen Gelegenheit einem armen Sünder seine begangenen Sünden vorzutragen,
sondern der menschlichen Vollendung selbst wegen möchte ich in solch einen
Zustand kommen, um dadurch mir selbst einen wahren Lebenstrost zu verschaffen
und mich also im stillen über mich selbst zu freuen! Ich will nie ein Lehrer
noch irgendein noch so sanfter Richter sein; nur dienen will ich als ein
vollkommener Mensch, auf daß in der Folge kein Mensch durch meine Dummheit in
irgendeinen Schaden kommen soll.
[GEJ.04_077,02] Dieses ist der alleinige
Beweggrund, aus dem ich in deine Vollendung kommen möchte. Bestehe die
Forderung dazu an mein Leben, worin sie nur immer wolle, ich werde ihr sicher
nachkommen; denn so ich etwas will, da ist mir kein Opfer zu schwer! Es wird
ausgeführt, selbst auf Kosten dieses meines Leibeslebens! Denn welchen Wert
kann auch ein Leben haben, wenn es aus lauter Unvollkommenheiten
zusammengesetzt ist?! Mit der Unvollkommenheit kann man nichts Vollkommenes
erreichen, – nach etwas Unvollkommenem aber gelüstet es mich wahrlich durchaus
nicht mehr!
[GEJ.04_077,03] Du sagtest aber, daß mich
über das, was ich tun soll, ein anderer Mensch belehren wird, der voll des
Geistes Gottes ist; du kennst ihn, – zeige mir ihn, auf daß ich hintrete zu ihm
und ihn bitte um die Mittel zur Erweckung meines Geistes!“
[GEJ.04_077,04] Sagt Johannes: „Jener ist es,
der dich ehedem zu mir beschied! Zu Dem gehe hin, Der wird dich erwecken!“
[GEJ.04_077,05] Sagt Zorel: „Eine innere
Ahnung hat es mir schon seit meinem Erwachen gesagt, daß dieser mir früher
bekanntgegebene Zimmermannssohn aus Nazareth etwas mehr denn bloß nur ein
Mensch sein muß. Endlich kommt es als Wahrheit heraus, was ich bisher dunkel
nur geahnt! Es ist überhaupt äußerst merkwürdig, daß mir eben jener Mensch gar
so bekannt vorkommt! Wie aber kam denn hernach er zu solch einer Vollendung?
Weißt du mir darüber keinen Bescheid zu geben?“
[GEJ.04_077,06] Sagt Johannes: „Darüber kann
ich dir nichts anderes sagen, als daß dir so eine Frage wohl zu vergeben ist;
sonst aber wäre das wohl so viel, als würdest du danach fragen, wie und auf
welche Art Gott zu Seiner unendlichen Weisheits- und Machtvollkommenheit
gelangt ist. Gott Selbst hat Diesen erwählt zu Seiner leiblichen Wohnstätte!
Das ist die große Gnade, die durch diesen Erwählten allen Völkern widerfährt.
Das Menschliche, das du an Ihm siehst, ist gleichsam der Sohn Gottes; aber in
Ihm wohnt des Geistes Gottes Fülle!
[GEJ.04_077,07] Wenn aber das, da kann man ja
nicht fragen, wie Er zu solch einer unendlichen Vollendung kam! Das, was Er nun
ist, und ewig sein wird, war Er schon im Mutterleibe. Er machte zwar alles rein
Menschliche mit, bis auf die Sünde, die die Menschen immer mehr oder weniger
begehen; aber zu Seiner geistigen Vollendung trug das nichts bei, weil Er schon
von Ewigkeit her vollendet war. Er tat und tut aber alles nur, damit alle
Menschen ein vollkommenstes Vorbild an Ihm haben sollen, um Ihm als dem Urgrunde
und Urmeister alles Seins und Lebens nachzufolgen.
[GEJ.04_077,08] Jetzt weißt du auch, mit wem
du es in Ihm zu tun hast. Gehe darum hin, auf daß Er dir zeige den rechten Weg
zu deinem Geiste, der in dir ist als die reine Liebe zu Gott, und durch deinen
Geist oder durch deine Liebe zu Ihm, der da unter uns nun weilt als das wahre
Heil aller Menschen, die je auf dieser Erde gelebt haben, jetzt leben und in
der Zukunft leben werden.
[GEJ.04_077,09] So du aber zu Ihm gehest, da
gehe in der Liebe deines Herzens zu Ihm und nicht mit der Purheit deines
Verstandes! Denn nur durch die Liebe kannst und wirst du Ihn gewinnen und Ihn
in Seiner Göttlichkeit auch begreifen; mit dem Verstande aber wirst du ewig
nichts ausrichten! Denn nur die reine Liebe ist einer ewigen Steigerung fähig,
während dem Verstande seine Grenzen gesetzt sind, über die er ewig nicht zu
klettern vermögen wird. Aber des Menschen Liebe zu Gott ist, wie gesagt, einer
ewigen Steigerung fähig, und je mächtiger die Liebe zu Ihm in dir werden wird,
desto heller wird es auch in deinem ganzen Wesen! Denn die reine Liebe zu Gott
ist ein lebendiges Feuer und ein hellstes Licht. Wer in diesem Lichte wandelt,
der wird den Tod in Ewigkeit nicht sehen, wie Er Selbst also geredet hat. – Und
nun weißt du schon gar vieles; erwecke dich im Herzen und wandle zu Ihm hin!“
[GEJ.04_077,10] Zorel weiß aber auf diese
Nachricht vor lauter Ehrfurcht kaum, was er nun denken und tun soll. Denn diese
letzte Belehrung läßt ihm nun gar keinen Zweifel mehr übrig, daß Ich die
Gottheit in aller Fülle in Mir berge, und er wird darum aus der stets
wachsenden Ehrfurcht auch stets verzagter und kleinmütiger, und er sagt nach
einer Weile tiefernsten Nachdenkens: „Freund! Je mehr ich nun deine Worte
überdenke und bedenke, desto schwerer wird es mir auch, zu Ihm hinzutreten und
Ihn als ein Seiner Gnade Unwürdigster zu bitten, daß Er Selbst mir zeige den
lichtvollen Weg zum Leben! Es ist, geradewegs zu sagen, mir nun nahe unmöglich,
zu Ihm hinzutreten; denn ich fühle eine eigene Heiligkeit aus Ihm mir
entgegenwehen, und diese sagt mir stets: ,Tritt zurück, du Unwürdigster! Wirke
zuvor eine jahrelange Buße, dann erst komme und sieh, ob du den Saum Meines
Gewandes anrühren kannst!‘ Sage mir, woher nun solch eine außerordentliche
Bangigkeit mein ganzes Wesen durchdringt!“
[GEJ.04_077,11] Sagt Johannes: „Das ist schon
recht also; der wahren Liebe zu Gott dem Herrn muß ja stets die Demut des
Herzens vorangehen! Wo dies nicht der Fall ist, da kommt die Liebe nie und
nimmer zum wahren und lebendigen Vorscheine. Verharre nur noch eine kleine
Weile in solch einer rechten Zerknirschung deines Herzens vor Ihm! Wenn Er dich
aber rufen wird, dann zaudere nimmer, eiligst zu Ihm hinzutreten!“
[GEJ.04_077,12] Nach diesen Worten findet
Zorel etwas mehr Beruhigung in sich, denkt aber dennoch sehr darüber nach, wie
gut und selig es nun wäre, ohne Sünde vor den Heiligsten hinzutreten.
78. Kapitel
[GEJ.04_078,01] Ich aber sage zum Zorel zu
seiner höchsten Überraschung und zu seinem größten Erstaunen: „Wer seine
Gebrechen reuig bekennt und Buße wirkt in der wahren, lebendigen Demut seines
Herzens, der ist Mir lieber denn neunundneunzig Gerechte, die der Buße noch nie
bedurft haben. Komme daher nun zu Mir, du bußfertiger Freund; denn in dir
waltet nun das rechte Gefühl der Demut, das Mir lieber ist denn das der
Gerechten von Urbeginn an, die da in ihren Herzen rufen: ,Hosianna, Gott in der
Höhe, daß wir Deinen heiligsten Namen niemals entheiligt haben durch eine Sünde
mit unserem Wissen und Willen!‘ Das rufen sie wohl und haben auch ein Recht
dazu; aber darum sehen sie auch einen Sünder mit richterlichen Augen an und
fliehen seine Nähe wie die Pest.
[GEJ.04_078,02] Sie gleichen den Ärzten, die
selber von der vollsten Gesundheit strotzen, sich aber darum scheuen, dorthin
zu gehen, wo ein Kranker um ihre Hilfe ruft, aus Furcht, etwa selbst krank zu
werden. Ist da nicht ein Arzt besser und achtbarer, der keine Krankheit scheut
und zu jedem Kranken hineilt, der ihn gerufen hat?! Wird er manchmal auch von
einer Krankheit mitergriffen, so ärgert er sich nicht darob, hilft dennoch dem
Kranken und sich selber auch. Und also ist es recht!
[GEJ.04_078,03] Komme du darum nun nur zu
Mir, und Ich werde dir zeigen, was dir Mein Jünger nicht zeigen konnte, nämlich
den allein wahren Weg des Lebens und der Liebe und der wahren Weisheit aus
ihr!“
[GEJ.04_078,04] Auf diese Meine Worte bekam
Zorel Mut und kam ganz langsamen Schrittes zu Mir.
[GEJ.04_078,05] Als er bei Mir war, sagte
Ich: „Freund, der Weg, der zum Leben des Geistes führt, ist ein dorniger und
schmaler! Das will soviel sagen als: Alles, was dir in diesem Leben von seiten
der Menschen auch immer Ärgerliches, Bitteres und Unangenehmes begegnen kann,
das bekämpfe du mit aller Geduld und Sanftmut, und wer dir Übles tut, dem tue
nicht wieder dasselbe zurück, sondern das Gegenteil, so wirst du glühende
Kohlen über seinem Haupte sammeln! Wer dich schlägt, dem vergelte nicht
Gleiches mit Gleichem, nimm lieber noch einen Schlag von ihm, auf daß Friede
und Einigkeit zwischen euch sei und bleibe; denn nur im Frieden gedeiht das
Herz und des Geistes Wachstum in der Seele.
[GEJ.04_078,06] Wer immer dich um einen
Dienst bittet oder um eine Gabe, dem verweigere nichts, vorausgesetzt, daß der
von dir verlangte Dienst nicht den Geboten Gottes und den Gesetzen des Staates
zuwider ist, was du schon gar wohl zu beurteilen imstande sein wirst.
[GEJ.04_078,07] Bittet dich jemand um den
Rock, da gib ihm auch noch den Mantel hinzu, auf daß er erkenne, daß du ein
Jünger aus der Schule Gottes bist! Erkennt er das, so wird er dir den Mantel
lassen; nimmt er ihn aber, so ist seine Erkenntnis noch äußerst schwach, und
dir sei nicht leid um den Mantel, sondern darum, daß ein Bruder noch nicht
erkannt hat die Nähe des Reiches Gottes.
[GEJ.04_078,08] Wer dich bittet, eine Stunde
mit ihm zu gehen, mit dem gehe zwei Stunden, auf daß ihm solche deine
Bereitwilligkeit zu einem Zeugnis werde, aus welcher Schule der sein müsse, dem
ein so hoher Grad von Selbstverleugnung eigen ist! Auf diese Weise werden sogar
die Tauben und Blinden die rechten Winke bekommen, daß das Gottesreich nahe
herbeigekommen ist.
[GEJ.04_078,09] An euren Werken und Taten
wird man es erkennen, daß ihr alle Meine Jünger seid! Denn leichter ist, recht
predigen als recht tun. Was nützt aber das leere Wort, wenn es nicht Leben
durch die Tat bekommt?! Was nützen dir die schönsten Gedanken und Ideen, so dir
das Vermögen mangelt, sie je ins Werk zu setzen?! So nützen die schönsten und
die wahrsten Worte ebenfalls nichts, wenn dir selbst nicht einmal der Wille
eigen ist, sie vor allem ins Werk zu setzen. Das Werk allein hat den Wert;
Gedanken, Ideen und Worte aber sind wertlos, wenn sie nicht irgend ins Werk
gesetzt werden. Darum soll jeder, der gut predigt, auch selbst gut handeln, –
sonst ist seine Predigt nicht mehr wert als irgendeine hohle Nuß!“
79. Kapitel
[GEJ.04_079,01] (Der Herr:) „Es gibt in der
Welt eine große Menge der Gefahren für die Seele. Auf der einen Seite hast du die
Armut; ihre Begriffe von Mein und Dein werden desto schwächer, je mehr ein
Mensch von derselben gedrückt wird. Darum lasset unter den Menschen die Armut
nie zu groß werden, wollet ihr sicheren Weges wandeln!
[GEJ.04_079,02] Wer aber schon arm ist, der bitte
die wohlhabenderen Brüder um eine nötige Gabe; stößt er an harte Herzen, so
wende er sich zu Mir, und es soll ihm geholfen werden! Armut und Not
entschuldigen den Diebstahl und den Raub nicht, und noch weniger den Totschlag
eines Beraubten! Wer arm ist, der weiß nun, wohin er sich zu wenden hat.
[GEJ.04_079,03] Es ist zwar die Armut eine
gar große Plage für die Menschen, aber sie trägt den edlen Keim der Demut und
wahren Bescheidenheit in sich und wird darum auch stets unter den Menschen
verbleiben; dennoch aber sollen die Reichen sie nicht mächtig werden lassen,
ansonst sie sehr gefährdet werden hier und dereinst auch jenseits.
[GEJ.04_079,04] Wenn ihr unter euch Arme
habt, so sage Ich es euch allen: Ihr brauchet ihnen nicht zu geben, daß auch
sie reich würden; aber Not sollet ihr sie nicht leiden lassen! Die ihr sehet
und kennet, denen helfet nach Recht und Billigkeit! Es wird aber noch gar viele
geben auf dieser weiten Erde, die gar entsetzlich arm sind und eine übergroße
Not leiden. Allein ihr kennet sie nicht und vernehmet auch nicht ihr
Jammergeschrei; darum lege Ich sie euch auch nicht ans Herz, sondern die nur,
die ihr kennet und die irgend zu euch kommen.
[GEJ.04_079,05] Wer von euch ein Freund der
Armen sein wird aus vollem Herzen, dem werde auch Ich ein Freund und ein wahrer
Bruder sein, zeitlich und ewig, und er wird nicht nötig haben, die innere
Weisheit von einem andern Weisen zu erlernen, sondern Ich werde sie ihm geben
in aller Fülle in sein Herz. Wer seinen nächsten armen Bruder lieben wird wie
sich selbst und wird nicht hinausstoßen eine arme Schwester, welchen Stammes
und welchen Alters sie auch sei, zu dem aber werde Ich Selbst kommen allzeit
und Mich ihm treulichst offenbaren. Seinem Geiste, der die Liebe ist, werde
Ich's sagen, und dieser wird damit erfüllen die ganze Seele und ihren Mund. Was
der dann reden oder schreiben wird, das wird von Mir geredet und geschrieben
sein für alle Zeiten der Zeiten.
[GEJ.04_079,06] Des Hartherzigen Seele aber
wird ergriffen werden von argen Geistern, und diese werden sie verderben und
sie einer Tierseele gleichmachen, wie sie dann auch jenseits also offenbar
werden wird.
[GEJ.04_079,07] Gebet gerne und gebet
reichlich; denn wie ihr da austeilet, so wird es euch wieder zurückerteilt
werden! Wer ein Hartherz besitzt, das wird von Meinem Gnadenlichte nicht
durchbrochen werden, und in ihm wird wohnen die Finsternis und der Tod mit all
seinen Schrecken!
[GEJ.04_079,08] Aber ein sanftes und weiches
Herz wird von Meinem Gnadenlichte, das gar zarter und übersanfter Wesenheit
ist, gar bald und leicht durchbrochen werden, und Ich Selbst werde dann
einziehen in ein solches Herz mit aller Fülle Meiner Liebe und Weisheit.
[GEJ.04_079,09] Solches möget ihr wohl
glauben! Denn diese Worte, die Ich zu euch nun rede, sind Leben, Licht,
Wahrheit und vollbrachte Tat, deren Realität ein jeder erfahren muß, der sich
danach kehren wird.“
80. Kapitel
[GEJ.04_080,01] (Der Herr:) „Also, die Armut
haben wir nun durchgemacht und haben auch gesehen die feindlichen Dinge, die
aus ihrer Überhandnahme zum Vorscheine kommen können; wir haben aber auch
gesehen, wie ihr abzuhelfen ist und warum, und welche Vorteile dem Menschen aus
der Befolgung dieser Meiner Belehrung an euch alle für jedermann erwachsen
können. Und so wären wir mit dieser Plage und Ärgerlichkeit fertig und kommen
nun daneben auf ein anderes Feld, das dem nun bearbeiteten zwar sehr wenig
ähnlich sieht, aber dennoch mit ihm in einer nächsten Verbindung steht. Dieses
Feld heißt: des Fleisches Lust.
[GEJ.04_080,02] Darin liegt eigentlich das
Hauptübel für alle Menschen mehr oder weniger begraben. Aus dieser Lust
entspringen nahe alle leiblichen Krankheiten und gar alle Übel der Seele schon
ganz sicher und vollends gewiß.
[GEJ.04_080,03] Jede Sünde legt der Mensch
leichter ab als diese; denn die anderen haben bloß nur äußere Motive, diese
Sünde aber hat das Motiv in sich selbst und im sündigen Fleische. Daher sollet
ihr eure Augen abwenden von den reizenden Gefahren des Fleisches auf so lange,
bis ihr Meister über euer Fleisch geworden seid!
[GEJ.04_080,04] Bewahret die Kinder vor dem
ersten Fall und erhaltet ihnen ihre Schamhaftigkeit, so werden sie als
Erwachsene dann ihr Fleisch leicht zu beherrschen haben und nicht leicht zu
Falle kommen; aber einmal übersehen, – und des Fleisches böser Geist hat vom
selben Besitz genommen! Kein Teufel aber ist schwerer aus dem Menschen zu
vertreiben als eben der Fleischteufel; der kann nur durch vieles Fasten und
Beten aus dem Menschen geschafft werden.
[GEJ.04_080,05] Hütet euch darum, die Kleinen
zu ärgern oder sie durch übermäßiges Putzen und durch reizende Kleidung zu
reizen und fleischlich zu entzünden! Wehe dem, der sich also an der Natur der
Kleinen versündigt! Wahrlich, dem wäre es wohl erklecklicher, so er nie wäre
geboren worden!
[GEJ.04_080,06] Den Frevler an der heiligen
Natur der Jugend werde Ich Selbst züchtigen mit aller Macht Meines Zornes! Denn
ist das Fleisch einmal brüchig geworden, dann hat die Seele keine feste
Unterlage mehr, und ihre Vollendung geht schlecht vonstatten.
[GEJ.04_080,07] Welche Arbeit ist es für eine
schwache Seele, ein brüchiges Fleisch wieder zu heilen und ganz und narblos zu
machen! Welche Angst steht sie dabei oft aus, so sie merket ihres Fleisches,
ihres irdischen Hauses Brüchigkeit und Schwäche! Wer schuldet daran? Die
schlechte Überwachung der Kinder und die vielen Ärgernisse, die den Kindlein
durch allerlei gegeben werden!
[GEJ.04_080,08] Namentlich aber ist die
Sittenverderbnis in den Städten stets größer als auf dem Lande; darum machet
einstens als Meine Jünger die Menschen darauf aufmerksam und zeiget ihnen die
gar vielen bösen Folgen, die aus einem zu frühen Fleischbruche entstehen, so
werden sich viele daran kehren, und es werden daraus gesunde Seelen zum
Vorscheine kommen, in denen der Geist leichter zu erwecken sein wird, als es
nun bei gar so vielen der Fall ist!
[GEJ.04_080,09] Sehet an die Blinden alle,
die Tauben, die Krüppel, die Aussätzigen, die Gichtbrüchigen; sehet weiter an
alle die verschiedenartig bresthaften und mit allerlei Leibesübeln behafteten
Kinder und erwachsenen Menschen! Alles Folgen einer zu frühen
Fleischbrüchigkeit!
[GEJ.04_080,10] Der Mann soll vor seinem
vierundzwanzigsten Jahre keine Jungfrau anrühren – ihr wisset es, wie und wo es
zu verstehen ist vor allem –, und die Jungfrau soll wenigstens vollkommen
achtzehn Jahre zählen oder mindestens volle siebzehn; unter dieser Zeit ist sie
nur notreif und soll keinen Mann erkennen! Denn vor dieser Zeit ist hie und da
eine nur notreif; wird sie zu früh berührt von einem geilen Manne, so ist sie
schon brüchigen Fleisches und zu einer schwachen und leidenschaftlichen Seele
geworden.
[GEJ.04_080,11] Es ist schwer, eines Mannes
brüchiges Fleisch zu heilen, – aber noch um vieles schwerer das einer Jungfrau,
so sie vor der Zeit brüchig geworden ist! Denn fürs erste wird sie nicht
leichtlich ganz gesunde Kinder zur Welt bringen, und fürs zweite wird sie
darauf von Woche zu Woche beischlafsüchtiger und am Ende gar eine Hure, die da
ist ein elendester Schandfleck beim Menschengeschlechte, nicht so sehr für sich
selbst, als vielmehr für jene, durch deren Nachlässigkeit sie dazu gemacht
wurde.
[GEJ.04_080,12] Wehe aber dem, der die Armut
einer Jungfrau benützt und ihr Fleisch bricht! Wahrlich, für den wäre es auch
besser, so er nie geboren worden wäre! Wer aber eine schon verdorbene Hure
beschläft, anstatt durch die rechten Mittel sie von der Bahn des Verderbens
abzuwenden und ihr auf den rechten Weg zu helfen, der wird dereinst vor Mir ein
mehrfaches, strengstes Gericht zu bestehen haben; denn wer da schlägt einen
Gesunden, der hat sich nicht so mächtig versündigt als einer, der einen Krüppel
mißhandelt hat.
[GEJ.04_080,13] Wer irgend beschlafen hat
eine ganz reife und gesunde Jungfrau, der hat zwar auch gesündigt; aber da das
dadurch angerichtete Übel von keinem besonders schädlichen Belange ist,
besonders so beide Teile ganz gesund sind, so steht darauf nur ein kleineres
Gericht. Wer aber aus purer, schon alter Geilheit einer noch so reifen Jungfrau
das tut etwa also, wie er es täte einer Hure, ohne Zeugung einer lebendigen
Frucht in der Jungfrau Schoße, der soll ein doppeltes Gericht zu bestehen
haben; wenn er aber solches tut mit einer Hure, so soll er auch ein zehnfaches
Gericht zu bestehen haben!
[GEJ.04_080,14] Denn eine Hure ist eine in
ihrem Fleische und in ihrer Seele vollkommen zerrüttete und zerbrochene
Jungfrau. Wer ihr hilft aus solcher ihrer großen Not aus redlichem und Mir
getreuem Herzen, der wird groß sein in Meinem Reiche dereinst. Wer eine Hure um
einen schnöden Sold beschläft und sie noch schlechter macht, als sie früher
war, der wird dereinst mit dem Lohne belohnt werden, mit dem ein jeder
böswillige Totschläger belohnt wird im Pfuhle, der allen Teufeln und ihren
Dienern bereitet ist.
[GEJ.04_080,15] Wehe dem Lande, wehe der
Stadt, wo die Hurerei getrieben wird, und wehe der Erde, wenn dies große Übel
auf ihrem Boden überhandnehmen wird! Über solche Länder und Städte werde Ich
Tyrannen zu Herrschern setzen, und diese werden den Menschen unerschwingbare
Lasten auferlegen müssen, auf daß alles Fleisch hungere und ablasse von der
frevelhaftesten Handlung, die nur immer ein Mensch an seinem armen Mitmenschen
begehen kann!
[GEJ.04_080,16] Eine Hure aber soll verlieren
alle Ehre und Achtung sogar bei denen, die sie um den Schnödsold gebraucht
haben, und ihr Fleisch soll in der Folge dazu noch behaftet werden mit allerlei
unheilbarer oder wenigstens schwer heilbarer Seuche. Wenn sich aber eine
ordentlich bessert, so soll sie bei Mir wieder in Gnaden angesehen werden!
[GEJ.04_080,17] So aber irgendein Geiler zu
anderen Befriedigungsmitteln greift außerhalb des von Mir im Schoße des Weibes
gestellten Gefäßes, der wird schwerlich je zur Anschauung Meines Angesichtes
gelangen! Moses hat zwar dafür die Steinigung angeordnet, die Ich zwar darum
nicht völlig aufhebe, weil sie eine harte Strafe für dergleichen schon ganz dem
Teufel verfallene Verbrechen und Verbrecher ist, sondern Ich erteile euch nur
den väterlichen Rat, solche Sünder von den Gemeinden zu entfernen, sie vorerst
einer großen Not an einem Orte der Verbannung preiszugeben und erst, wenn sie
nahe nackt an die Grenzen des Heimatlandes kommen, sie wieder anzunehmen, sie
dann in eine Seelenheilanstalt zu bringen und sie diese nicht eher verlassen zu
lassen, bis solche Menschen in die vollste Besserung übergegangen sind. Wenn
sie, vielfach erprobt, ihr Bessersein vollkommen an den Tag legen längere Zeit
hindurch, so können sie zur Gesellschaft wieder zurückkehren; lassen sich aber
nur irgend noch die allergeringsten Spuren von sinnlichen Anfechtungen
erkennen, so bleiben sie lieber unter Gewahrsam ihr Leben lang, was um vieles
besser und heilsamer ist, als so die unverdorbenen Menschen einer Gemeinde
durch sie verpestet würden.
[GEJ.04_080,18] Du, Zorel, warst in solcher
Hinsicht eben auch nicht ganz rein; denn schon als Knabe warst du mit allerlei
Unlauterkeit behaftet und warst ein ärgerliches Beispiel für deine
Jugendgefährten. Aber es kann dir solches dennoch zu keiner Sünde gerechnet
werden; denn du hattest keine jener Erziehungen bekommen, aus der du zu
irgendeiner reinen Wahrheit gelangt wärst, die dir gezeigt hätte, was da nach
der Ordnung Gottes vollkommen Rechtens ist. Das Bessere hast du erst einzusehen
angefangen, als du bei einem Advokaten die Rechte der Bürger Roms kennengelernt
hast. Von da an warst du zwar wohl kein Tiermensch mehr, aber sonst ein
Gesetzesverdreher erster Klasse und betrogst deine Nächsten, wo es nur immer
möglich war. Doch alles das ist vorbei, und du stehst nun nach deiner
gegenwärtigen Erkenntnis als ein besserer Mensch vor Mir!
[GEJ.04_080,19] Aber alles dessenungeachtet
merke Ich dennoch, daß in dir noch viel fleischliche Geilheit vorhanden ist.
Auf diese mache Ich dich besonders aufmerksam und rate dir, daß du dich in
diesem Punkte sehr in acht nehmen sollst; denn wenn du einmal in einem etwas
bessern Leben stecken wirst, so wird sich dein noch sehr durchlöchertes Fleisch
in seiner noch lange nicht geheilten Brüchigkeit zu rühren anfangen, und du
kannst dann deine Not haben, dasselbe zu beruhigen und endlich an selbem die
alte Brüchigkeit völlig zu heilen. Hüte dich darum vor aller Übermäßigkeit;
denn in der Un- und Übermäßigkeit ruht der Same der fleischlichen Wollust! Sei
daher in allem mäßig, und laß dich niemals zur Unmäßigkeit im Essen wie im
Trinken verleiten, ansonst du dein Fleisch schwer wirst bezähmen können!
[GEJ.04_080,20] Und so haben wir nun denn
auch das Feld des Fleisches so ein wenig durchgemacht, insoweit es nun für dich
notwendig ist. Und nun wollen wir uns auf ein anderes Feld begeben, das bei dir
auch als ein starkes bezeichnet werden kann!“
81. Kapitel
[GEJ.04_081,01] (Der Herr:) „Dieses besteht
in dem reinen Begriffe über Mein und Dein. Moses sagt: ,Du sollst nicht
stehlen!‘ und wieder: ,Du sollst kein Verlangen tragen nach allem, was deines
Nächsten ist, außer ein solches, das aller Gerechtigkeit entspricht!‘
[GEJ.04_081,02] Du kannst deinem Nächsten
wohl ganz redlich etwas abkaufen und es dann gerecht und vor allen Menschen
ehrlich besitzen; aber jemandem wider seinen Willen geheim etwas entwenden, ist
Sünde wider die von Gott durch Moses den Menschen gegebene Ordnung, weil so
eine Handlung offenbarst gegen alle Nächstenliebe streitet. Denn was dir
rechtlichermaßen unangenehm sein muß, so es dir ein anderer tut oder täte, das
tue auch du deinem Nächsten nicht!
[GEJ.04_081,03] Der Diebstahl entspringt
zumeist der Eigenliebe, weil daraus hervorgehen die Trägheit, der Hang zum
Wohlleben und zur Tatlosigkeit. Aus dem geht hervor eine gewisse Mutlosigkeit,
die mit einer hochmütigen Scheu umlagert ist, der zufolge man sich zwar nicht
zur etwas lästigen Bitte, aber desto eher zum geheimen Stehlen und Entwenden
bequemt. Im Diebstahl ruhen sonach eine Menge Gebrechen, darunter die zu sehr
emporgewachsene Eigenliebe der offenbarste Grund von den andern allen ist.
Durch eine recht lebendige Nächstenliebe kann diesem Seelenübel am meisten
entgegengewirkt werden zu allen Zeiten.
[GEJ.04_081,04] Du denkst nun
erklärlicherweise in deinem Gehirne: ,Nächstenliebe wäre leicht geübt, wenn man
nur immer die Mittel dazu besäße! Aber unter hundert Menschen gibt es stets
kaum zehn, die so gestellt sind, daß sie diese herrliche Tugend üben können;
die neunzig sind zumeist solche, an denen diese Tugend von den zehn Vermögenden
ausgeübt werden soll. So man aber nur durch die Ausübung der Nächstenliebe dem
Laster der Dieberei kräftigst begegnen kann, da werden die neunzig Armen sich
schon schwer ganz davor verwahren können; denn denen fehlen die Mittel, diese
Tugend kräftigst zu üben.‘
[GEJ.04_081,05] Du hast verstandesgemäß ganz
richtig gedacht, und niemand kann dir mit dem Weltverstande etwas einwenden.
Aber im Verstande des Herzens liesest du eine andere Sprache, und diese lautet:
Nicht mit der Gabe nur werden die Werke der Nächstenliebe geübt, sondern
vielmehr durch allerlei gute Taten und ehrliche und redliche Dienste, bei denen
es am guten Willen natürlich nicht fehlen darf.
[GEJ.04_081,06] Denn der gute Wille ist die
Seele und das Leben eines guten Werkes; ohne den hätte auch das an und für sich
beste Werk gar keinen Wert vor dem Richterstuhle Gottes. Hast du aber auch ohne
alle Mittel den lebendig guten Willen, deinem Nächsten, so du ihn in
irgendeiner Not erschauest oder triffst, so oder so zu helfen, und es wird dir
darum schwer ums Herz, so du solches nicht vermagst, so gilt dein guter Wille
bei Gott um sehr vieles mehr als das Werk eines andern, zu dem man ihn durch
was immer erst hat verlocken müssen.
[GEJ.04_081,07] Und hat ein Reicher eine ganz
verarmte Gemeinde darum wieder auf die Füße gestellt, weil die Gemeinde ihm, so
sie wieder wohlständig wird, den Zehent und eine gewisse Untertänigkeit
zugesagt hat, so ist sein ganzes gutes Werk vor Gott gar nichts; denn er hat
sich seinen Lohn schon genommen. Was er getan hat, das hätte des Gewinnes wegen
auch ein jeder noch so wucherische Geizhals getan.
[GEJ.04_081,08] Du siehst daraus, daß vor
Gott und zum Vorteile des eigenen inneren, geistigen Lebens ein jeder Mensch,
ob er reich oder arm ist, die Nächstenliebe üben kann; es kommt nur auf einen
wahrhaft lebendig guten Willen an, demnach ein jeder mit aller Hingebung gerne
tut, was er nur kann.
[GEJ.04_081,09] Freilich wäre da der gute
Wille allein auch nichts, so du ein oder das andere Vermögen wohl besäßest und
es dir auch nicht am guten Willen fehlte, du nähmest aber dabei doch gewisse
Rücksichten, teils auf dich selbst, teils auf deine Kinder, teils auf deine
Anverwandten und teils noch auf manches andere, und tätest dem, der bedürftig
vor dir steht, entweder nur etwas weniges oder mitunter auch gar nichts, weil
man denn doch nicht allzeit wissen könne, ob der Hilfesucher doch nicht etwa
ein fauler Lump sei, der der angesuchten Hilfe nicht würdig sei. Man täte da
dann nur einen Lumpen in seiner Trägheit unterstützen und entzöge dadurch die Unterstützung
einem Würdigeren! Kommt aber ein Würdigerer, so trägt man dann auch dieselben
Bedenken; denn man kann es ja doch nicht mit völliger Bestimmtheit wissen, daß
dieser ein völlig Würdiger ist!
[GEJ.04_081,10] Ja, Freund, wer sich beim
Wohltun, selbst beim besten Willen, also besinnt, ob er etwas Erkleckliches tun
solle oder nicht, dessen guter Wille ist und hat noch lange nicht das rechte
Leben; darum zählen bei ihm weder der gute Wille noch die guten Werke etwas
Besonderes vor Gott. Wo das Vermögen ist, müssen der Wille und die Werke gleich
sein, sonst benimmt eines dem andern den Wert und die Lebensgeltung vor Gott.
[GEJ.04_081,11] Was du aber tust oder gibst,
das tue und gib mit vielen Freuden; denn ein freundlicher Geber und Täter hat
einen Doppelwert vor Gott und ist der geistigen Vollendung auch ums Doppelte
näher!
[GEJ.04_081,12] Denn des freundlichen Gebers
Herz gleicht einer Frucht, die leicht und früh reif wird, weil sie in sich eine
Fülle der rechten Wärme hat, die zum Reifmachen einer Frucht von höchster
Notwendigkeit ist, weil in der Wärme das entsprechende Element des Lebens, weil
der Liebe, waltet.
[GEJ.04_081,13] Also ist des Gebers und
Täters Freudigkeit und Freundlichkeit eben jene nicht genug zu empfehlende
Fülle der rechten innern, geistigen Lebenswärme, durch die die Seele für die
Vollaufnahme des Geistes in ihr ganzes Wesen mehr denn ums Doppelte eher reif
wird und auch werden muß, weil eben diese Wärme ein Übergehen des ewigen
Geistes in seine Seele ist, die durch solchen Übergang ihm stets ähnlicher
gemacht wird.
[GEJ.04_081,14] Ein sonst aber noch so
eifriger Geber und Wohltäter ist von dem Ziele der wahren innern, geistigen
Lebensvollendung um so entfernter, je saurer und unfreundlicher er beim Geben
und Tun ist; denn das unfreundliche und saure Gebaren beim Geben hat noch etwas
materiell Weltliches in sich und ist darum vom rein himmlischen Elemente um
sehr vieles entfernter denn das freudige und freundliche.
[GEJ.04_081,15] Also sollst du beim Geben
oder Tun auch nicht ernste und oft bittere Ermahnungen mitgeben; denn diese
erzeugen bei dem armen Bruder oft eine bedeutende Traurigkeit, und er fängt
dann an, sich im Herzen sehr danach zu sehnen, von dem ihn stets mit ernster
Miene ermahnenden Wohltäter ja nichts mehr annehmen zu müssen. Den Wohltäter
aber machen solche unzeitige Ermahnungen nicht selten so ein wenig stolz, und
der Bewohltätigte fühlt sich dadurch zu tief unter die Füße des Wohltäters
geworfen und fühlt dann erst so recht seine Not vor dem Wohlstande des Wohltäters,
und da ist es, wo das Nehmen bei weitem schwerer denn das Geben wird.
[GEJ.04_081,16] Wer Vermögen und einen guten
Willen hat, der gibt leicht; aber dem armen Nehmer wird schon beim
freundlichsten Geber bange, so er sich durch seine Armut genötigt sieht, dem
noch so freundlichen Wohltäter zur Last fallen zu müssen. Wie schwer muß ihm
aber erst ums Herz werden, so der Wohltäter ihm mit einem grämlichen Gesicht
entgegentritt und ihm noch vor der Wohltat mehrere weise Lehren zukommen läßt,
die für den Bewohltätigten in der Zukunft zu schmerzlichen Hemmschuhen werden,
in einem Notfalle noch einmal vor die Tür des Mahnpredigers zu kommen, weil er
bei einem zweiten Kommen noch eine weisere, längere und somit eindringlichere
Predigt erwartet, die nach seinem Verständnisse allenfalls soviel sagt als:
,Komme du mir ja nicht sobald – oder auch gar nie wieder!‘, obwohl der Geber
sicher nicht und nie im entferntesten Sinne daran gedacht hat.
[GEJ.04_081,17] Eben darum aber hat ein
freudiger und freundlicher Geber einen so großen Vorzug vor dem grämlichen
Mahnprediger, weil er das Herz des Nehmers tröstet und erhebt und in eine
dankbare Stimmung versetzt. Auch erfüllt es den Nehmer mit einem liebevollen
und gedeihlichen Vertrauen gegen Gott und gegen Menschen, und sein sonst so
schweres Joch wird ihm zu einer leichteren Bürde, die er dann mit mehr Geduld
und Hingebung trägt, als er sie zuvor getragen hat.
[GEJ.04_081,18] Ein freudiger und
freundlicher Wohltäter ist einem armen und notleidenden Bruder gerade das, was
dem Schiffer auf sturmbewegtem Meer ein sicherer und freundlicher Hafen ist.
Aber ein grämlicher Wohltäter in der Not gleicht nur einer dem Sturme weniger
ausgesetzten Meeresbucht, die den Schiffer wohl vor einer gänzlichen Strandung
sichert, aber ihn danebst stets in einer spannenden Furcht erhält, ob nicht
eine unheimliche und sehr verderbliche Springflut die Bucht nach dem Sturme,
wie es dann und wann geschieht, heimsuchen könnte, die ihm dann einen größeren
Schaden bringen könnte als zuvor des hohen Meeres Sturm.
[GEJ.04_081,19] Jetzt weißt du auch
vollkommen nach dem Willensausmaße Gottes, wie die wahre und die geistige
Vollendung einer leicht und ehest zu bewerkstelligenden Nächstenliebe
beschaffen sein muß; tue danach, so wirst du auch leicht und ehest das allein
wahre Lebensziel erreichen!“
82. Kapitel
[GEJ.04_082,01] (Der Herr:) „Aber nun kommt
noch ein gar überaus wichtiges Lebensfeld, auf dem man dann erst so ganz zur
vollen Wiedergeburt des Geistes in seiner Seele gelangen kann, was da ist des
Lebens wahrster Triumph und höchstes Endziel. Dieses Feld ist der
schnurgeradeste Gegensatz zum Stolz und Hochmut und heißt – Demut.
[GEJ.04_082,02] In einer jeden Seele aber
liegt gleichfort ein Hoheitsgefühl und Ehrgeiz, der bei der geringsten
Gelegenheit und Veranlassung sich nur zu leicht zu einer alles zerstörenden
Zornleidenschaft entflammt und nicht eher zu dämpfen oder gar vollauf zu
löschen ist, als bis er die ihn beleidigenden Opfer verzehrt hat. Durch diese
gräßliche Leidenschaft aber wird die Seele so zerstört und materievoll, daß sie
für eine innerliche, geistige Vollendung noch um vieles untauglicher wird – als
der großen Wüste Afrikas glühender Sand zur Stillung des Durstes!
[GEJ.04_082,03] Bei der Leidenschaft des elenden
Hochmutes wird am Ende die Seele selbst zum glühenden Wüstensand, über dem auch
nicht ein elendstes Moospflänzchen erwachsen kann, geschweige irgendeine andere
saftvollere und gesegnetere Pflanze. So die Seele eines Hochmütigen! Ihr wildes
Feuer versengt und verbrennt und zerstört alles Edle, Gute und Wahre des Lebens
vom Grunde aus, und tausendmal Tausende von Jahren werden vergehen, bis Afrikas
Sandwüste sich in freundliche und segentriefende Fluren umgestalten wird. Da
wird noch gar oftmals das ganze Meer seine Fluten darüber treiben müssen!
[GEJ.04_082,04] Siehe an einen stolzen König,
der durch irgendeine kleine Sache von seinem Nachbar beleidigt wurde! Seine
Seele gerät darauf stets mehr und mehr in den wüstesten Brand; aus seinen Augen
sprühen schon lichterlohe Zornflammen, und die unwiderrufliche Losung heißt:
,Die furchtbarste Rache dem ehrvergessenen Beleidiger!‘ Und ein verheerendster
Krieg, in dem sich Hunderttausende für ihren stolzen und übermütigen König auf
die elendeste Weise zerfleischen lassen müssen, ist die altbekannte, traurigste
Folge davon. Mit großem Behagen schaut dann der zornentflammte König aus seinem
Zelte dem tollsten Schlachten und Morden zu und belohnet stolz jeden wütendsten
Krieger mit Gold und Edelsteinen, der dem bekriegten Gegenteile irgendeinen
größten und empfindlichsten Schaden hatte zufügen können.
[GEJ.04_082,05] Wenn ein solcher König seinen
Beleidiger schon nahe bis aufs letzte Hemd beraubt hat mit seiner überwiegenden
Macht, so ist ihm das noch viel zu wenig! Ihn selbst will er vor sich noch auf
das allergrausamste martern sehen! Dagegen nützet kein Bitten und kein Flehen
etwas. Und ist der Beleidiger auch vor des stolzen Königs Augen unter den
peinlichsten und schmerzlichsten Martern gestorben, so wird dessen Fleisch noch
dazu allergräßlichst verflucht und den Raben zum Fraße ausgestreut, und nimmer
kehrt in das diamantene Herz eines solchen Königs irgendeine Reue zurück,
sondern der Zorn oder die glühende Wüste Afrikas bleibt, einem jeden gleichfort
den fürchterlichsten Tod bringend, der es je wagen sollte, auch nur der Stelle,
wo irgend der stolze König stand, nicht die höchste Ehre zu bezeigen.
[GEJ.04_082,06] Ein solcher König hat
freilich wohl auch noch eine Seele; aber wie sieht diese aus? Ich sage es dir:
ärger denn die glühendste Stelle der großen Sandwüste Afrikas! Meinst du wohl,
daß solch eine Seele je zu einem Fruchtgarten der Himmel Gottes wird
umgewandelt werden können? Ich sage es dir: Tausendmal eher wird Afrikas Wüste
die herrlichsten Datteln, Feigen und Trauben tragen, denn solch eine Seele auch
nur einen kleinsten Tropfen der himmlischen Liebe!
[GEJ.04_082,07] Daher hütet euch alle vor
allem vor dem Hochmut; denn nichts in der Welt zerstört die Seele mehr als der
stets zornschnaubende Hochmut und Stolz! Ein immerwährender Rachedurst ist
gerade also sein Begleiter, wie der ewige und unlöschbare Regendurst der
großen, glühenden Sandwüste Afrikas steter Begleiter ist, und alles Getier, das
seine Füße auf diesen Boden setzt, wird ebenfalls nur zu bald von derselben
Plage ergriffen, so wie die Dienerschaft des Stolzen am Ende selbst ganz
ungeheuer stolz und auch rachedurstig wird. Denn wer dem Stolze ein Diener ist,
muß ja am Ende selbst stolz werden; wie könnte er sonst dem Stolzen ein Diener
sein?!“
83. Kapitel
[GEJ.04_083,01] (Der Herr:) „Wie aber kann
sich denn ein Mensch vor dieser allerbösesten Leidenschaft verwahren, da doch
in einer jeden Seele der Keim dazu vorhanden ist und schon gar oft bei den
Kindern einen beträchtlichen Wucherhöhepunkt erreicht hat? Durch die Demut
allein ist dieses möglich!
[GEJ.04_083,02] Und es ist auf dieser Erde
eben darum die Armut so überwiegend groß vor der Wohlhabenheit der Menschen, um
dadurch den Hochmut gleichfort am scharfen Zügel zu haben. Versuche du, einem
ärmsten Bettler eine Königskrone aufzusetzen, und du wirst dich alsbald
überzeugen, wie seine frühere Demut und Geduld mit mehr denn Blitzesschnelle
verdampft sein wird. Und es ist darum sehr gut, daß es sehr wenig Könige und
sehr viele demütige Bettler gibt.
[GEJ.04_083,03] Eine jede Seele hat,
angestammt von Gott aus, dessen Idee und Wille sie ist, ein Hoheitsgefühl,
dessen Dasein man schon an der Kinder Schamhaftigkeit gar wohl merken kann.
[GEJ.04_083,04] Das Schamhaftigkeitsgefühl
der Kinder ist eine Empfindung der Seele, sowie sie sich einmal zu fühlen
anfängt, durch die sich stumm die Unzufriedenheit kundgibt, da sich die Seele
als ein Geistiges mit einem plumpen und ungefügigen Fleische umkleidet sieht,
dessen sie ohne Schmerzen nicht los werden kann; je zarter und sensitiver der
Körper einer Seele ist, desto stärker wird auch ihr Schamhaftigkeitsgefühl
sein. Wenn nun ein rechter Erzieher der Kleinen es versteht, dieses
unvertilgbare Gefühl zur rechten Demut zu lenken, so schafft er aus diesem Gefühle
dem Kinde einen Schutzgeist und stellt es auf den Weg, auf welchem fortwandelnd
es leicht zur frühen geistigen Vollendung gelangen kann; aber eine nur ein
klein wenig schiefe Leitung dieses angestammten Gefühls kann sogleich auf den
Hochmut und Stolz hinüberlenken.
[GEJ.04_083,05] Das Schamhaftigkeitsgefühl in
den sogenannten Kinderehrgeiz hinüberzulenken, ist schon hoch gefehlt; denn da
fängt ein Kind gleich an, sich als ein vorzüglicheres zu denken denn ein
anderes. Es wird leicht beleidigt und gekränkt und weint darum ganz bitterlich;
in diesem Weinen gibt es klar und deutlich kund, daß es in seinem
Hoheitsgefühle von jemand verletzt worden ist.
[GEJ.04_083,06] Suchen nun schwache und sehr
kurzsichtige Eltern das beleidigte Kind dadurch zu besänftigen, daß sie, wenn
auch nur zum Scheine, den Beleidiger des Kindes zur Verantwortung und zur
Strafe ziehen, so haben sie bei dem Kind schon den ersten Keim zur Stillung des
Rachedurstes gelegt; und so die Eltern ihr Kind gleichfort auf dieselbe Weise
besänftigen, so erziehen sie aus demselben nicht selten einen Teufel für sich
und für viele andere Menschen. Wo aber die Eltern klug sind und dem Kind schon
frühzeitig stets den größeren Wert in den andern Menschen und Kindern erschauen
lassen und so das Schamhaftigkeitsgefühl in eine rechte Demut hinüberlenken, da
werden sie aus ihren Kindern Engel ziehen, die später als wahre Lebensvorbilder
den andern, gleich den schönsten Sternen in der Nacht des Erdenlebens,
voranleuchten und sie erquicken werden mit ihrer Sanftmut und Geduld.
[GEJ.04_083,07] Da aber Kinder nur selten
eine solche Erziehung erhalten, durch die ihr Geist in ihrer Seele erweckt
würde, so hat dann der erwachsene und zur reineren Erkenntnis gelangte Mensch
vor allem darauf zu sehen, daß er sich der wahren und rechten Demut befleißige
aus allen seinen Kräften. Bevor er nicht den letzten Rest eines
Hochmutsgefühles getilgt hat, kann er weder hier noch jenseits in eine völlige
Vollendung des rein geistigen Himmelslebens übergehen.
[GEJ.04_083,08] Wer da sich selbst erproben
will, ob er in der Demut ganz vollendet ist, der frage sein Herz, ob er noch
durch irgend etwas beleidigt werden kann, und ob er seinen größten Beleidigern
und Verfolgern leicht aus vollem Herzen vergeben kann und Gutes tun denen, die
ihm Arges zugefügt haben, ob er gar keine Sehnsucht nach irgendeiner
Weltherrlichkeit dann und wann fühlt, ob es ihm angenehm ist, als der Geringste
unter den Geringen sogar sich zu fühlen, um jedermann in allem dienen zu
können! Wer das alles ohne Trauer und Wehmut vermag, der ist schon hier ein
Einwohner der höchsten Himmel Gottes und wird es bleiben in Ewigkeit; denn
durch solch eine gerechte Demut wird nicht nur die Seele völlig eins mit ihrem
Geiste, sondern auch zum größten Teile der Leib.
[GEJ.04_083,09] Daher wird solch ein Mensch
den Tod des Leibes auch nie fühlen und schmecken, weil der gesamte ätherische
Leibesteil – als der eigentlich naturlebige – schon diesseits mit der Seele und
ihrem Geiste unsterblich geworden ist.
[GEJ.04_083,10] Durch den physischen Tod wird
nur das gefühl- und leblose Schattenwerk von der Seele abgelöst, was der Seele
kein Bangen und keinen weiteren Schmerz verursachen kann, weil alles
Gefühlslebendige des Leibes sich schon lange ganz mit der Seele geeinigt hat;
und alsonach kann ein so vollendetgestaltiger Mensch denn auch den Abfall des
ohnehin immer gefühllosen und somit toten, äußern Schattenleibes ebensowenig
verspüren, als so man seinem Leibe bei dessen vollen Naturlebzeiten die Haare
abschneidet oder die Nägel, wo sie übers Fleisch hinausgewachsen sind, oder den
Wegfall einer Hautschuppe, die sich hie und da von der ohnehin unfühlbaren
Oberhaut des Leibes ablöst. Denn was am Leibe nie ein Gefühl hatte, das kann
auch beim gänzlichen Austritt der Seele aus dem Leibe keine Empfindung haben,
weil alles Empfindsame und Lebendige des Leibes sich zuvor schon ganz mit der
Seele vereinigt hat und mit ihr nun ein Wesen ausmacht, das nimmer von ihr
getrennt wird.
[GEJ.04_083,11] Du sahst jetzt, was die
rechte Demut ist, und was sie bewirkt, und so wirst du dich in der Folge dieser
Tugend befleißigen! Wer nun dies dir von Mir Gesagte getreust befolgt, der wird
sich in sich selbst überzeugen, daß diese leichtfaßlichen Worte, wenn auch ohne
allen rednerischen, leeren Prunk gegeben, nicht von einem Menschen, sondern von
Gott herkommen. Und wer danach lebt und handelt, der wandelt auf dem rechten
Wege zur wahren innersten, geistigen Lebensvollendung. – Nun aber sage du Mir
auch, ob dir das alles wohl so ganz klar und einleuchtend geworden ist!“
84. Kapitel
[GEJ.04_084,01] Sagt Zorel, ganz zerknirscht
vor Verwunderung über die hohe Wahrheit und Reinheit dieser Meiner etwas
gedehnten praktischen Lebenslehre: „Herr und ewiger Meister alles Seins und
Lebens! Ich für meine Person habe Dich aus dieser Deiner Lehre auch ohne die
vorhergehende praktische Lebensübung erkannt, – daß solches aus Deinem Munde
kein Mensch, sondern nur ein Gott, der Himmel und diese Erde und den Menschen
erschaffen hat, geredet hat; desto intensiver aber werde ich auch alles
praktisch in mein Leben übertragen, was Du, o Liebe der Liebe, mich nun
gnädigst gelehret hast!
[GEJ.04_084,02] Verstanden habe ich alles;
denn es kam mir merkwürdigermaßen vor, als hätte ich ähnliche Worte schon
irgendwo einmal vernommen und sie auch praktiziert. Aber es kann das nur so in
einem Traume gewesen sein; denn im wirklichen Leben wüßte ich wahrlich nicht,
wo und wann mir je solch eine Gnade wäre zuteil geworden! Sonderbar aber bleibt
es immer, wie mich ein jedes Wort aus Deinem heiligen Munde gar so bekannt und
überaus freundlich angeregt hat! Es war mir darum auch alles gar so
verständlich! Aber sei ihm nun wie ihm wolle, – solche Worte und solche Lehren,
die alles, was im Menschen irgend Leben heißet, so tief, wahr und treu berühren,
sind von eines sterblichen Menschen Munde noch nie ausgesprochen worden!
[GEJ.04_084,03] Wer nach diesen Worten noch
nicht den rechten Weg zu seiner innern, geistigen Lebensvollendung finden
sollte und nicht den mächtigen Trieb in sich bekäme, all sein Tun und Lassen
genau danach einzurichten, der müßte wahrlich entweder gar kein Mensch sein,
oder er müßte sich gar mächtig in die dumme, tote Welt hineingelebt haben, und
seine Seele müßte ganz diamanten geworden sein, ansonst es wohl gar nicht zu
denken wäre, wie ein Mensch, der diese Lehre gehört und begriffen hat, nicht
auch sein ganzes Leben danach einrichten würde, da er doch den dadurch zu
erreichenden Endzweck so hell und klar wie die Sonne am Mittage vor sich sehen
müßte! Ich will mich aber damit nicht rühmen, als hätte ich schon etwas
erreicht; aber eine helle, ins Lebensbewußtsein eindringende und vollkommen
klare Anschauung der reinsten Wahrheit solcher Lehre ist doch auch schon etwas,
das da – für mich wenigstens – einen schon ganz bedeutenden Lebenswert hat.
[GEJ.04_084,04] Wer aber diese heilige Sache
einmal so hell einsieht wie ich, der wird doch samt mir nicht mehr der Narr
sein und sich bei all solcher lebendigster Einsicht und Erkenntnis lieber in
alle Kotlachen und Pfützen der Welt stürzen, um den stinkenden Schlamm
herauszufischen, an dem er am Ende ersticken müßte, als zu besteigen die
lichten Höhen des Horeb und Libanon und dort zu sammeln die heilsamen Kräuter,
die die kranke Seele heilen und völlig gesund machen zum ewigen Leben. Ich verstehe
unter den heilsamen Kräutern auf den lichten Höhen Horebs und Libanons die
Werke, die man nur auf der lichtvollsten Höhe der Wahrheitserkenntnis Deiner
Lehre, o Herr, findet, das heißt, durch das Handeln nach dem Worte, das man aus
Deinem Munde vernommen hat. Unter ,Horeb‘ und ,Libanon‘ aber verstehe ich das
Göttlich-Wahre und das Göttlich-Gute, – das ist so nach meinem Verstande die
Bedeutung.
[GEJ.04_084,05] Groß, heilig und über alles
erhaben bist Du, o Herr, der Du hier vor mir stehest, – aber nie größer,
heiliger und erhabener als in den Menschen, die Deine Liebe und Weisheit zu
Deinen Kindern umgewandelt hat!
[GEJ.04_084,06] Siehe, Herr, es muß ja auch
für Dich die größte Freude sein, so ein vorher bloß menschförmiges Geschöpf
Dein Vaterwort zu hören und zu verstehen beginnt, ja endlich sogar frei aus
sich den unwandelbaren Entschluß faßt, also zu wandeln und zu handeln, um zu
jener geheiligten Vollendung zu gelangen, die Du als Gott, Schöpfer, Vater und
Lehrer zum seligsten Ziele gesetzt hast!
[GEJ.04_084,07] Wie groß muß Deine
Vaterfreude erst dann sein, so ein Mensch die Vollendung in Deiner heiligen
Ordnung erreicht hat! Aber wie groß muß dann auch die Freude eines Kindes sein,
das in und aus seiner geschöpflichen Nichtigkeit in der Fülle seiner wahren
Demut in seiner inneren Vollendung endlich Dich Selbst als den wahren und
einzigen Vater erkannt hat! Den himmlischen Engelsgeist möchte ich wohl
kennenlernen, der mit der sonnenhellsten Phantasie mir solch eine Freude
beschreiben könnte, – und denjenigen, der nun aus dieser seiner gegenwärtigen
geistigen Verarmung solche Tiefe einer solchen Phantasie zu fassen vermöchte
also, wie sie als nur einigermaßen gelungen zu fassen wäre! Ich habe wohl so
ein dumpfes Vorgefühl, – ja, es kommt mir nun wieder gerade also vor, als hätte
ich irgendwie in einem Traume einmal etwas Ähnliches gefühlt; aber das scheint
dennoch alles nur so eine selige Rückwirkung von dem zu sein, was Deine Lehre,
o Herr, in meinem Herzen und in meinem Willen geschaffen hat!
[GEJ.04_084,08] Es ist die Freude eines
Säemanns, der das frohe Bewußtsein hat, daß sein Acker einmal von allem
Unkraute gereinigt und in seine Furchen ein reinster Same gelegt wurde, der
ganz gewiß auf eine segensreichste Ernte die schönste Hoffnung erweckt.
[GEJ.04_084,09] Mein Acker ist nun gut, was
Du, o Herr, sicher gesehen hast, ansonst Du nicht so verschwenderisch den
reinsten Samen hineingestreut hättest. Dies Bewußtsein aber mag in mir eben das
mir unbeschreibliche Wonnegefühl erzeugen; denn ich bin ja des Erfolges sicher,
weil ich der Möglichkeit so gut als vollkommen sicher bin, daß ich Dein heilig
Wort in mir zur vollsten Realität bringen werde. Ist aber die Ursache einmal
vollendet da, so kann die große, heilige Wirkung nicht unterm Wege bleiben. Ich
aber will keine Halbheit, sondern das vollendete Ganze; daher soll bei mir in
meinem Handeln auch nie eine Halbheit, sondern solch ein Ganzes wie Dein Wort
werktätig zum Vorscheine kommen!
[GEJ.04_084,10] Habe ich doch als Lump etwas Ganzes
leisten können, wo ich keinen Erfolg als irgend gesegnet nur mit einiger
Sicherheit zu erwarten hatte; nur ein etwas arger Luftzug, und alle meine noch
so vorteilhaften Hoffnungen lagen im Meeresgrunde! Und doch kann mich niemand
je irgendeiner Lauheit zeihen und mir nie irgendeine Halbheit nachweisen.
Konnte ich aber schon als Lump etwas Ganzes sein, oft auch ohne alle Aussicht
auf irgendeinen nur halbwegs günstigen Erfolg, um wieviel mehr werde ich nun
auf diesem Wege jede Halbheit zu vermeiden verstehen und meine Gedanken, Worte
und Taten von dem abwenden, was die Welt verlangt; denn sie hat mich lange
genug am Narrenseile herumgeführt.
[GEJ.04_084,11] Kein Keim von einem
Weltgedanken und keine Spur von einer Welttat soll in mir mehr vorkommen, das
heißt, nach meinem einmal gefaßten Willen sicher nimmer! Für das aber, was ich
nicht handhaben kann, als da sind die ordentlichen Bedürfnisse meines Leibes,
kann ich natürlich wohl nicht stehen; denn diese stehen, o Herr, in Deiner
allmächtigen Willenshand. Aber meine Gedanken, meine Ideen, meine Worte und
meine Handlungen sollen mir dereinst das Zeugnis geben, daß auch ein Grieche
sein Wort und seinen einmal gefaßten Vorsatz halten kann!
[GEJ.04_084,12] Es kann auch sein, daß ich in
dieser meiner seligen Gemütsaufloderung manches zu voreilig gesprochen habe;
aber es macht das nichts! Vergessen wird es Zorel nicht, was er nun geredet
hat; und vergißt er es nicht, so handelt er auch strenge danach – und sollte es
ihm sein irdisches Leben kosten! Seit ich nun klarst weiß und lebendigst fühle,
daß es nach dem Abfalle dieses Fleischlebens überaus sicher und wahr noch ein
anderes, unvergleichbar vollkommeneres Leben gibt und geben muß, ist mir dieses
Fleischleben um eine hohle Nuß feil! Habe ich mein Leben doch so oft um einen
nichtigen, irdischen Gewinn in die Schanze schlagen müssen, – warum nun da
nicht, wo ich des Gewinnes sicherer bin denn dessen, daß ich nun denke, fühle
und rede?!
[GEJ.04_084,13] Oh, ich rede nun nicht wie
irgendein berauschter Narr, sondern mit den nüchternsten Sinnen von der Welt
rede ich solches zu einem Zeugnisse, daß ich die Fülle der Wahrheit des Wortes
Gottes begriffen und verstanden habe! Daß ich's aber in der Fülle verstanden
habe, beweist, daß ich nun mein irdisches Leben für diese heiligste Wahrheit in
die Schanze schlagen will, – was ich nun nicht etwa darum also rede, um meinen
Worten vor euch ein gewisses rednerisches Ansehen zu verleihen, sondern ich
rede, wie es mir nun wahrhaft ums Herz ist.
[GEJ.04_084,14] Wohl gibt es Menschen, die,
von der außerordentlichen Gelegenheit ergriffen und hingerissen, auch also
reden, als wollten sie schon am nächsten Tage die ganze Erde in einen Garten
umgestalten; wenn aber dann die Gelegenheit vorüber ist, da denken sie über all
das Gesehene und Gehörte wohl nach, aber mit den Entschlüssen zum Handeln
wird's von Tag zu Tag lauer, und die alten, dummen Gewohnheiten treten bald
wieder an die Stelle der neuen Entschließungen. Bei mir aber ist das noch nie
der Fall gewesen; denn hatte ich einmal etwas als Wahrheit erkannt, so handelte
ich auch so lange strenge danach, bis ich mir von etwas Besserem eine volle
Überzeugung verschafft hatte.
[GEJ.04_084,15] Meine früheren Handlungen
standen in keinem Kontraste zu meinen Lebensansichten, die vor dem Forum sogar
der reinsten und zum großen Teile philanthropisch (menschenfreundlich)
eingestellten Weltvernunft durchaus nicht verwerflich waren. Wie aber konnte
ich's auch nur ahnen, daß ich mit dem ewigen Meister alles Seins und Lebens je
in dieser Welt in eine leibhaftige Berührung kommen würde, vor dessen reinster
Weisheit und wahrhaftester Lebensanschauung und – bestimmung meine
Vernunftansichten so wie Wachs vor der Sonne zerflossen! Aber das
Unglaublichste ist geschehen: Der Gott in aller Fülle Seiner ewigen Macht- und
Weisheitsvollkommenheit steht vor uns allen und lehrt uns des Menschen und
seines Lebens nicht nur zeitliche, sondern ewige Bestimmung mit so
handgreiflich klaren Worten, daß man sie schon als nahe ein Blinder und Tauber
bis auf den Grund des Grundes verstehen muß! Und da kann man denn doch nicht
umhin, einen Lebensentschluß zu fassen, von dem mich auch eine in Trümmer
zerstoßene Welt ewig nicht abbringen würde!
[GEJ.04_084,16] Ja, Menschen, die da nichts
als eitel feige Memmen sind, die werden sich allzeit nach der Welt mehr richten
als nach der heiligsten Wahrheit aus dem Munde des allein wahren Gottes; denn
die Welt hat ja auch Vorteile für die Zeit und Gold, Silber und Edelsteine! Um
solchen Kot lassen die schwachen Menschen Gott bald einen guten Mann sein; denn
Er läßt ihnen ja kein Gold und kein Silber aus den Wolken regnen. Ich aber habe
nun das reinste Gold der wahren Himmel Gottes kennengelernt und verachte daher
schon jetzt aus dem tiefsten Grunde meines Lebens diesen verlockenden Kot der
Erde! Du, allmächtiger Herr der Ewigkeit, aber strafe mich nun, so ein Wort
falsch ist, das nun meinen Mund verlassen hat!
[GEJ.04_084,17] Dich, hoher Cyrenius, aber
habe ich nur in meiner Dummheit und geistigen Armut um eine Unterstützung
angefleht; jetzt aber nehme ich meine ungeschickte Bitte zurück! Denn wo ich
der Himmel Schätze in einem so reichlichsten Maße gefunden habe, da bedarf ich
der irdischen nicht mehr; auch meinen Acker und meine verbrannte Hütte brauche
ich nicht mehr, da ich Gottes Hütte in meinem Herzen erkannt und gesehen habe.
Verkaufet alles und bezahlet die, denen ich irdisch etwas schulde! Ich aber
werde arbeiten und den Menschen in allem, was vor Gott recht ist, dienen; denn
ich kann ja arbeiten, habe mir die Zeit meines Lebens hindurch so manche
Fertigkeiten erworben und bin darum ein brauchbarer Mensch. Nur so viel Zeit
wird man mir doch überall gönnen, daß ich dem in meinem Handeln entsprechen
kann, wozu ich mich nun für alle meine Zeit und für ewig bestimmt habe?!“
[GEJ.04_084,18] Sage Ich: „Weil Ich deine
Seele wohl kannte, so habe Ich dich im Geiste auch berufen, ansonst du nicht
hierhergekommen wärest; da du nun aber so sehr umgestaltet worden bist, so ist
für dich auch schon für weiterhin gesorgt. Du wirst Mir auch ein gutes Rüstzeug
sein für die Griechen an den Küsten von Kleinasien und auch bei denen in
Europa. Dort gibt es gar manche, die nach dem Lichte schmachten und keines von
irgendwoher erhalten können. Vorderhand aber bist du im Hause des Kornelius
aufgenommen, der ein Bruder des Cyrenius ist. Von selbem Hause aus wirst du mit
allem versehen werden. Wann es aber an der Zeit sein wird, daß du hinausgehest
und den Völkern bekanntmachest Meinen Namen, werde Ich dir zur rechten Zeit
bekanntgeben. Nun aber hast du alles, dessen du benötigest; ein mehreres wird
dich der Geist der Wahrheit lehren. Wenn du zu reden haben wirst, wirst du
nicht not haben nachzudenken, sondern zur Stunde wird es dir ins Herz und in
den Mund gelegt werden, und die Völker werden dich hören und werden preisen
Den, der dir solche Weisheit und Macht gegeben hat.“
85. Kapitel
[GEJ.04_085,01] (Der Herr:) „Nun aber ist es
Abend geworden, und unser Wirt Markus hat das Abendmahl bereitet, und da wir an
dir nun noch einen guten Fang gemacht haben, so werden wir uns nun das
Abendmahl auch so gut als auf dieser Erde möglich schmecken lassen; in Meinem
Reiche jenseits wird es dereinst schon besser gehen! Nach dem Abendmahle aber
werden wir uns nicht mit dem Schlafen abgeben, sondern mit etwas ganz anderem,
und morgen, bevor noch die Sonne aufgehen wird, werden wir uns trennen auf eine
Zeit; denn Ich habe noch viele Orte zu besuchen. Du, Raphael, aber gehe nun zu
den Weibern und lasse sie wieder hierherkommen; denn die Verhandlung, die sie
wenig oder nichts anging, ist vorüber, und die Zeit des Abendmahles ist
herbeigekommen!“
[GEJ.04_085,02] Raphael geht und holt die
Weiber alle, und die Jarah kommt zu Mir gelaufen und sagt: „O Herr! Du meine
Liebe! Eine Ewigkeit schien es mir nun zu dauern, bis wir wieder berufen
wurden; aber nun Dir allen Dank, daß ich wieder bei Dir sein darf! Aber hätten
wir weiblichen Wesen das gar nicht hören dürfen, was Du, o Herr, mit dem Zorel
alles verhandelt hast?“
[GEJ.04_085,03] Sage Ich: „Nein, weil es für
euch weibliche Wesen um vieles vor der rechten Zeit gewesen wäre; im übrigen
aber hast du daran gar nichts verloren, – denn zur rechten Zeit wird dir das
alles offenbar werden. Nun aber kommt das Abendmahl, und du kannst dich dabei
recht erheitern mit dem Josoe und mit dem Raphael, den Ich erst nach dem
Abendmahle näher mit dem Zorel werde bekannt machen; denn von dem hat er noch
keine Vermutung.
[GEJ.04_085,04] Heute nach dem Mahle aber
werden wir wieder bis an den Morgen wach verbleiben, und ihr alle werdet die
letzte Nacht, die Ich leiblich unter euch verbringen werde, eine solche Masse
des Wunderbaren zu sehen und zu hören bekommen wie früher noch nie; denn in
dieser Nacht sollet ihr ganz kennenlernen, wer Der ist, der nun solches zu dir
geredet hat. Aber davon darf vor der Zeit niemand etwas gemeldet werden! – Du,
Mein lieber Zorel, aber halte dich nun an den Kornelius; denn er, und nicht der
Cyrenius, wird von nun an dein Versorger sein!“
[GEJ.04_085,05] Sagt Cyrenius: „Herr! Ich
mißgönne meinem Bruder sicher nichts, was nur irgend gut ist; aber den Zorel
hätte auch ich überaus gerne bei mir gehabt!“
[GEJ.04_085,06] Sage Ich: „Dein Wunsch macht
Meinem Herzen eine große Freude und gilt soviel als das Werk selbst; du aber
hast von all denen, die hier bekehrt wurden, ja ohnehin schon eine große Anzahl
auf deine Schüsseln übernommen! An Zinka und seinen Gefährten hast du einen
Schatz, hast den Stahar, Murel und Floran, den Hebram und Risa, den Suetal,
Ribar und Bael, den Herme mit Weib und Töchtern, und hast nun auch deine beiden
Töchter Gamiela und Ida samt denen, die Ich zu deinen Schwiegersöhnen bestimmt
habe, und hast den Wunderknaben Josoe; und es versteht sich, daß dir auch aller
der Benannten Anhang gegeben ist, und du kannst damit vollkommen zufrieden
sein! Dein Bruder Kornelius übernimmt nur den Zorel, und dieser wird vorerst
seinem Hause gute Dienste leisten und später aber auch den Fremden, für die Ich
ihn erweckt habe. Du aber wirst ohnehin noch oft genug zu deinem Bruder kommen
und er zu dir, und da wirst du mit unserem Zorel schon auch über so manches
dich besprechen können. – Bist du noch traurig darum, daß Ich dir den Zorel
nicht übergeben habe?“
[GEJ.04_085,07] Sagt Cyrenius: „O Herr! Wie
fragst Du mich denn um so etwas?! Du weißt es ja, daß Dein allein heiliger
Wille meine höchste Seligkeit ist, laute er nun, wie er wolle! Dazu vergeht ja
ohnehin nie ein voller Monat, daß nicht ich zum Bruder oder der Bruder zu mir
kommt auf Besuch, entweder in Geschäften oder so aus alter Bruderliebe, und da
wird sich wohl eine Gelegenheit geben, mit dem Manne etwelche Wörtlein zu
reden!
[GEJ.04_085,08] Aber Du hast ehedem zu der
lieben Jarah gesagt, daß Du diese Nacht hindurch noch eine Menge des
Wunderbarsten wirken wirst, dieweil wir nun alle hinreichend eingeweiht sind in
Deine Wesenheit; nun, worin wohl dürfte der Wunderhauptmoment bestehen?“
[GEJ.04_085,09] Sage Ich: „Lieber Freund! Das
wirst du samt allen andern alles schauen und vernehmen zur rechten Zeit! Nun
aber siehst du ja den alten Markus schon auf das emsigste die Speisen auf die
Tische tragen und Wein, Salz und Brot, und vor allem bedürfen deine Töchter
einer guten Stärkung; darum wird nun vor dem verzehrten Abendmahle nichts mehr
unternommen, geredet und besprochen werden!“
86. Kapitel
[GEJ.04_086,01] Markus gibt nun das Zeichen
zum Sichniederlassen auf die angebrachten langen Bänke, und Kornelius beruft
den Zorel, daß er bei ihm zur Rechten Platz nehme.
[GEJ.04_086,02] Zorel weigert sich dessen,
sagend: „Hoher Herr und Gebieter! Tue mir doch so was nicht an! Denn siehe, ich
gehöre dorthin nahe an der Holzhütte zum letzten und allergemeinsten
Brettertische, an dem eure letzten und geringsten Diener und Knechte sitzen, –
nicht aber hierher und sogar zu deiner Rechten, da der allererste Tisch gedeckt
ist! Das wäre eine schöne Demutsübung von mir, die der Herr alles Lebens mir
doch über alles ans Herz gelegt hat!“
[GEJ.04_086,03] Sage Ich: „Freund Zorel, es
genügt hier dein Wille! Darum tue dem Kornelius den Gefallen! Die wahre Demut
aber liegt ja ohnehin nicht in einem äußerlichen Werke ins Gesicht, sondern im
Herzen, der vollen Wahrheit gemäß. Gehe nach Jerusalem, und siehe dort die
Pharisäer und alle Schriftgelehrten an, mit welch demutsvollen Gesichtern und
Kleidern sie einherschreiten; ihre Herzen aber sind danebst doch des
stinkendsten Hochmutes voll und hassen bis tief unter die Hölle jedermann, der
nicht nach ihrer Pfeife tanzen will, – während ein König mit Krone und Zepter,
so er diese nicht setzt über den Wert eines Menschen, so demutsvollen Gemütes
sein kann wie ein letzter Bettler auf der Straße! Wenn du das so recht
bedenkst, da wird es dich zur Rechten des Kornelius an unserem Tische schon
dulden.“
[GEJ.04_086,04] Sagt Zorel: „Ah, wenn so, da
geht es freilich wohl!“ – Er geht nun hin und setzt sich nach dem Wunsche des
Kornelius.
[GEJ.04_086,05] Kornelius aber sagt zu ihm:
„So, lieber Freund, so freut es mich von ganzem Herzen! Wir wollen ja in der
Folge miteinander leben und wirken im Namen Dessen, der uns erleuchtet hat! Ich
denke es mir also, was da betrifft eine rechte Demut: Man soll im Herzen voll
der wahren Demut und Nächstenliebe sein, aber äußerlich soll man damit eben
nicht prunken; denn dadurch, daß ich mich äußerlich zu knechtisch tief unter
die anderen Menschen beuge, mache ich sie hochmütig und benehme mir die
Gelegenheit, ihnen in allem, was da nützlich wäre, dienen zu können.
[GEJ.04_086,06] Eine gewisse Achtung, die ich
schon bloß nur als Mensch von meinen Nebenmenschen zu erwarten habe, darf ich
nie völlig vergeben, weil ich ohne dieselbe nichts ersprießlich Gutes bewirken
kann! Darum wollen wir beide zwar in unseren Herzen so demütig als nur immer
möglich sein; aber von unserem notwendigen äußeren Ansehen können und wollen
wir nichts vergeben!
[GEJ.04_086,07] Wir werden gar oft in
Gelegenheiten kommen und sehen, wie irgend arme Menschen sich zu ihrem
Unterhalte mit sehr geringen und allerunansehnlichsten Arbeiten abgeben müssen.
Sollen wir, um etwa unserer Demut die Krone aufzusetzen, auch die Pfützen und
Kloaken räumen gehen?! Dessen glaube ich, bedarf es nicht äußerlich; da genügt
es, daß wir jene Menschen, die sich mit solcher Arbeit abgeben, darum in
unseren Herzen nicht für geringer halten denn uns, die wir vom Herrn aus ein
ganz anderes Amt zu versehen überkommen haben.
[GEJ.04_086,08] Wir selbst müssen zuerst das
Amt hochachten, uns aber freilich nicht etwa um unsertwillen, sondern vor dem
Volke nur um des Amtes willen. So aber das eine Notwendigkeit ist, da dürfen
wir nicht selbst die Pfützen und Kloaken reinigen gehen, sondern müssen diese
Arbeit denen übertragen, die vom Herrn und von der Natur dazu bestimmt sind.
Wir würden es auch nicht aushalten, weil wir nicht von Jugend auf daran gewöhnt
worden sind. Und der Herr wird so etwas von uns auch sicher nicht verlangen; aber
das verlangt Er als Vater aller Menschen, daß wir in unseren Herzen keinen
Menschen, sogar den größten Sünder nicht, verachten sollen, sondern alles
aufbieten, um seine Seele zu retten! Und so glaube ich, daß wir recht handeln
werden vor Gott und vor allen Menschen.“
[GEJ.04_086,09] Sage Ich: „Ja, also ist es
recht! Die wahre Demut und die wahre Nächstenliebe wohnen wahrhaft in euren
Herzen – und nicht im äußern Scheine wie bei den Pharisäern!
[GEJ.04_086,10] Wer sich ohne Not unter die
Kleie und Treber menget, muß sich's am Ende gefallen lassen, von den Schweinen
aufgefressen zu werden!
[GEJ.04_086,11] Also verlangt die rechte
Demut auch nicht, daß ihr die Perlen Meiner Lehre gerade den Schweinen
vorwerfen sollet. Denn es gibt Menschen, die da ärger sind denn die Schweine,
und für die taugt Meine Lehre nicht; denn diese Art Menschen möget ihr ganz
füglich eher zur Räumung der Pfützen und Kloaken verwenden, bevor ihr ihnen
Meine Worte und Meinen Namen kundmachet!
[GEJ.04_086,12] Sehet aber da nicht etwa aufs
Kleid oder auf eine Außenwürde, sondern allein auf das Benehmen eines Menschen
seinem Herzen und Gemüte nach! Ist das edel, sanft und geduldig, dann verkündet
ihm das Evangelium und saget: ,Der Friede sei mit dir im Namen des Herrn und
mit allen Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind!‘ Ist der also zum
voraus gesegnete Mensch eines wahrhaft guten Willens und Herzens, so wird der
segenvolle Friede in ihm verbleiben, und das ihm bekanntgemachte Evangelium
wird ehest die schönsten Himmelsfrüchte zu tragen beginnen. Und so glaube und
meine Ich Selbst nun nach eurer menschlichen Weise, daß ihr alle nun mit dem,
was die rechte Demut ist, so völlig zu Hause sein dürftet!
[GEJ.04_086,13] Und da die Speisen bereits
auf dem Tische im reichlichsten Maße sich befinden, so essen und trinken wir
alle nach Herzenslust und voll heiteren Mutes; denn so Ich als ein wahrer
Bräutigam eurer Seelen unter euch sitze, so möget ihr wohl heitersten Mutes und
fröhlichsten Sinnes dies wohlbereitete Mahl mit Mir verzehren! Werde Ich aber
jüngst wieder nicht also wie nun unter euch sein, so möget ihr schon wieder mit
minderer Lust und Heiterkeit am Speisetische sitzen!“
87. Kapitel
[GEJ.04_087,01] Alle greifen nun zu und essen
wacker und heiter drauflos; besonders stark nahm wieder Raphael zur Sicht
mehrere große Fische vor sich und verzehrte sie wunderbar schnell, was dem
Zorel und dem Zinka sehr auffiel, besonders aber dem Zorel, der noch gar nicht
wußte, wer der Jüngling sei. Er erkundigte sich darum beim Cyrenius, wie der
Junge gar so heißhungrig die größten Fische verzehre, da er ja doch von ferne
keinem Vielfresser gleichsehe.
[GEJ.04_087,02] Darauf gibt ihm Cyrenius zur
Antwort: „Jener Junge ist ein wundersames Wesen; er ist ein Mensch und Geist
zugleich, ist von einer Kraft und Macht belebt, von der dir noch nie etwas
geträumt hat. Mein Bruder Kornelius, der neben dir sitzt, kann dir dasselbe
bezeugen!“
[GEJ.04_087,03] Hierauf fragt Zorel den
Kornelius, was es denn mit dem Jungen für eine besondere Bewandtnis habe.
[GEJ.04_087,04] Sagt Kornelius: „Siehe,
lieber Zorel, es ist das, was dir mein Bruder schon gemeldet hat; ein mehreres
über sein wundersames Wesen kann ich dir aus dem ganz einfachen Grunde nicht
mitteilen, weil ich, ganz offen gesagt, es wahrlich selbst nicht verstehe. Er
ist etwa derselbe Engel, der nach der Juden Mythe einst einem jungen Tobias
schon als Führer gedient hat. Ich war sicher nicht dabei, um dir in dieser
Sache als ein lebendiger Zeuge dienen zu können; aber ich glaube es, daß es
also war, – und warum sollte man so etwas nicht glauben?!
[GEJ.04_087,05] Es geschehen ja hier wieder
solche Wunderdinge, die unsere späten Nachkommen schwer glauben werden, – und
doch sind sie wahr vor unseren Augen und Ohren, weil wir sie sehen und hören!
Es geschieht nun des göttlich Wunderbaren ja so viel, daß man am Ende schon
alles glauben muß, was immer in den Schriften und Büchern der Juden als
Wundersames erzählt wird. Denn kann hier ein Wunder das andere ordentlich
zudecken, warum nicht auch in jenen alten Zeiten, – und so kann unser
Starkesser ganz gut vor etlichen hundert Jahren einem frommen jungen Tobias als
ein Führer gedient haben! Ich für mich glaube das alles nun steinfest und bin
der Meinung, daß du darin auch keinen Anstand nehmen wirst!“
[GEJ.04_087,06] Sagt Zorel: „Ich schon gar
nicht; denn alles Wunderbare ist etwas Besonderes und hat mit den Erscheinungen
im Gebiete des Natürlichen keine Ähnlichkeit. Es tritt die bekannten Gesetze
der Naturwelt mit Füßen und ist in sich die Verwirklichung der Phantasie eines
mit aller Weisheit begabten Dichters. Denn was nur immer ein phantasiereicher
Mensch sich denken kann, wird im Gebiete des Wunderbaren realisiert!
[GEJ.04_087,07] Einem Gott muß ja doch alles
möglich sein, weil der Bestand einer Welt und des gestirnten Himmels in einem
fort als permanente Zeugen dastehen! Denn die erste Erschaffung einer Welt
müßte uns ja ganz entsetzlich wunderbar vorkommen! Ist aber eine Welt als
erschaffen und mit den gewissen Bestandsgesetzen versehen einmal da und von
Wesen unter denselben Bestandsgesetzen bevölkert, so kann sie denen, die sie
bewohnen, freilich wohl nicht mehr gar zu wunderbar vorkommen!
[GEJ.04_087,08] Kommt aber, wie
außerordentlichstermaßen nun, auf derselben wunderbarst erschaffenen Welt der
Schöpfer zu der Bevölkerung der Welt, so muß diese sicher von neuem groß zu
staunen beginnen, wenn der alte Allmächtige vor ihren Augen Werke zu vollführen
beginnt, die freilich nur Ihm und sonst in der ganzen Unendlichkeit ohne Seinen
Willen niemandem möglich sein können.
[GEJ.04_087,09] Ich stelle damit aber gar
nicht in irgendeine Abrede, daß irgendein geistig ganz vollendeter Mensch auch
Wunderbares zu leisten imstande sein wird; vielleicht wird er als ein ganz
vollendeter, reiner Geist sogar auch eine kleine Welt erschaffen können, – aber
ohne Mitwirkung des göttlichen Willens sicher ewig nicht! Ein solcher Geist
wird auch sicher höchst weise reden und lehren können, aber ohne den göttlichen
Geist in seiner Brust auch ewig nicht!
[GEJ.04_087,10] Ich kann mich noch so dunkel
entsinnen aus der jüdischen Geschichte, daß einmal ein Esel zu einem Propheten
Bileam soll ganz weise gesprochen haben. Ja, in der gar alten Zeit sollen sogar
die wilden und reißenden Tiere die verstockten Menschen gelehrt haben! Wir
waren nach deinen Worten auch nicht dabei; aber es kann dem ungeachtet schon
immer etwas Wahres daran sein. Aber solche Tiere wurden für den Augenblick
sicher vom Geiste Gottes ergriffen und mußten Ihm als Werkzeuge dienen! Und
nicht um vieles anders und besser wird es mit der Weisheit der weisesten
Menschen und Geister stehen; der eigentliche, große Unterschied wird nur in dem
Verbleiben und Wachsen bestehen!
[GEJ.04_087,11] Das ist so meine Ansicht!
Dies will ich freilich wohl nicht als eine apodiktisch gewisse Wahrheit
aufgestellt haben, – denn ich bin mit meinen Vernunftgründen schon einmal
eingegangen und möchte solch einen Sprung auf Leben und Tod nicht noch einmal
durchmachen; aber nur, wie man vernünftigermaßen also davon spricht, kann man
ohne irgendeine Begründung ja doch immerhin so eine Meinung gegen eine andere
aufstellen und am Ende zur Einsicht gelangen, ob und wieviel Wahres etwa daran
ist oder auch nicht ist!“
[GEJ.04_087,12] Sagt Kornelius: „Freund, du
redest wie geschrieben, und es ist an deiner bescheidenen Meinung schon sicher
auch etwas daran; aber ich habe nun noch eine Meinung für dich, und diese
besteht darin, daß du nun deinen Fisch verzehren sollst und nicht so sehr
darauf sehen, wie der Himmelsjunge einen Fisch um den andern wegißt und noch immer
einen Appetit äußert, aus dem sich mit aller Leichtigkeit erkennen läßt, daß er
noch zehn solche Fische ohne alle Anstrengung unters Dach zu bringen imstande
wäre! Iß nun auch du, und zeige, daß auch du wenigstens eines Fisches Meister
werden kannst und eines Bechers guten, ja besten Weines!“
[GEJ.04_087,13] Auf diese Worte ißt und
trinkt nun unser Zorel in aller Ruhe ganz wacker drauflos und kümmert sich
nicht mehr gar so um alles, was da irgend um uns her geschieht.
88. Kapitel
[GEJ.04_088,01] Der Wein aber fing an, an den
Tischen die Zungen zu lösen, und es ward darum stets lebhafter und lebhafter.
Es entstanden sogar verschiedene Meinungen über Mich, und man könnte sagen, daß
hier beim Abendmahle eine erste Kirchenspaltung vor sich ging. Einige behaupteten,
daß Ich ganz unmittelbar das allerhöchste Gottwesen sei; andere sagten aber:
Ich sei das wohl, aber nicht unmittelbar, sondern mittelbar. Wieder andere
sagten: Ich sei eigentlich nur ein Sohn Davids laut der Abkunft und sei zum
Messias des Davidschen Reiches bestimmt und darum mit der Wunderkraft Davids
und mit der Weisheit Salomos ausgerüstet. Noch andere meinten: Ich sei ein
erster Engel der Himmel, nun auf Erden pro forma im Fleische wandelnd, und habe
noch einen Adjutanten aus den Himmeln bei Mir.
[GEJ.04_088,02] Ein Teil, zu dem sich sogar
Meine Apostel teilweise schlugen, erklärte Mich für den Sohn des Allerhöchsten.
Ich hätte zwar dieselben Eigenschaften wie Mein Vater, sei aber dennoch eine
ganz andere Persönlichkeit, und es möchte etwa also auch der oft besprochene
Geist Gottes am Ende gar noch eine dritte Persönlichkeit ausmachen, die in
gewissen Fällen für sich ganz allein ein Wörtlein zu reden hätte!
[GEJ.04_088,03] Mit dieser Meinung waren
jedoch nur sehr wenige einverstanden. Einige fragten Petrus, was er denn meine.
[GEJ.04_088,04] Petrus aber sagte: „Er, der
Herr Selbst, hat uns, als wir in dieser Gegend umherfuhren, befragt, was die
Leute von Ihm hielten, wer Er sei, und was endlich wir selbst von Ihm hielten.
Da ward auch dies und jenes behauptet, und als am Ende ich befragt ward, sagte
ich es auch geradeheraus, wie ich es im Herzen empfand: ,Du bist der Sohn des
Allerhöchsten!‘ Und Er war mit solch meinem Zeugnisse vollkommen zufrieden und
nannte mich sogar einen Glaubensfels, auf dem Er Seine Kirche bauen werde, die
von den Pforten der Hölle nicht mehr überwunden werden würde. Damit ward also
meine damals ausgesprochene Meinung von Ihm Selbst gutgeheißen und bestätigt,
und also tue ich nicht unrecht, so ich wie ein Fels dabei stehenbleibe!“
[GEJ.04_088,05] Johannes aber war dennoch
sehr bedeutend gegen diese Meinung des Petrus und sagte: „In Ihm wohnt die
Fülle der Gottheit körperlich! Als den Sohn, der aber keine andere
Persönlichkeit ist und sein kann, erkenne ich nur Seinen Leib insoweit, als er
ein Mittel zum Zwecke ist; aber im ganzen ist Er dennoch identisch mit der in
aller Fülle in Ihm wohnenden Gottheit!
[GEJ.04_088,06] Oder ist denn mein Leib etwa
eine andere Persönlichkeit als meine Seele? Machen nicht beide einen Menschen aus,
obschon anfänglich meines Seins die Seele sich diesen Leib erst ausbilden mußte
und man füglich sagen könnte: Die Seele hat über sich einen zweiten,
materiellen Menschen gezogen und somit um sich eine zweite Persönlichkeit
gestellt? Man kann wohl sagen, daß der Leib ein Sohn oder etwas von der Seele
Erzeugtes ist, aber darum macht er keine zweite Persönlichkeit mit ihr oder gar
ohne sie aus! Und noch weniger kann man das von dem Geiste in der Seele sagen;
denn was wäre denn eine Seele ohne den göttlichen Geist in ihr? Sie wird ja
erst ein vollkommener Mensch durch ihn, so er sie ganz durchdrungen hat! Da ist
ja dann Geist, Seele und Leib vollkommen ein und dieselbe Persönlichkeit!
[GEJ.04_088,07] Zudem steht es geschrieben: ,Gott
schuf den Menschen vollkommen nach Seinem Ebenmaß.‘ So aber der Mensch als
vollkommenes Ebenmaß Gottes mit seinem Geiste, seiner Seele und seinem Leibe
nur ein Mensch ist und nicht drei, so wird doch etwa Gott als der vollkommenste
Urgeist, umgeben mit einer ebenso vollkommenen Seele und nun auch vor unseren
Augen sichtbar mit einem Leibe, auch nur ein Gott und ewig nie ein Dreigott,
etwa gar noch in drei gesonderten Personen, sein! – Das ist meine Ansicht, die
ich ewig festhalte, ohne darob ein Glaubensfels sein zu wollen!“
[GEJ.04_088,08] Sagen alle an Meinem Tische:
„Johannes hat recht geredet!“
[GEJ.04_088,09] Petrus aber will sich darum
nun korrigieren und sagt: „Ja, also meine ich es ja auch; nur bin ich nicht so
mundwendig, um mein inneres Verständnis so schnell an den Tag zu legen, obwohl
diese Sache immer etwas schwer zu fassen sein wird!“
[GEJ.04_088,10] Sagt Johannes: „Schwer und
wieder nicht schwer! Nach deiner Art wird es wohl nie ein Mensch auf dieser
Erde fassen, – nach meiner Art, so denke ich, wieder ganz leicht! Der Herr
allein aber soll nun zwischen uns beiden einen rechten Schiedsrichter machen!“
[GEJ.04_088,11] Sage Ich: „Der Glaube vermag
vieles, aber die Liebe vermag alles! Du, Simon Juda, bist wohl ein Fels im
Glauben; aber Johannes ist ein reiner Diamant in der Liebe, und darum sieht er
auch tiefer denn jemand anders von euch. Er ist darum auch Mein eigentlicher
Leibschreiber; er wird vieles von Mir zum Niederschreiben bekommen, das euch
allen noch ein Rätsel sein wird! Denn in solcher Liebe hat vieles Raum, im
Glauben aber nur etwas Bestimmtes, allda es heißt: ,Bis hierher und dann nicht
mehr weiter!‘ Haltet euch nur an den Ausspruch Meines Lieblings; denn er wird
Mich der Welt als vollkommen überbringen!“
[GEJ.04_088,12] Darob wird Petrus etwas
verlegen und auf den Johannes ganz geheim stets so ein wenig eifersüchtig. Aus
diesem Grunde hielt sich Petrus auch nach Meiner Auferstehung, als Ich ihn
behieß, daß er Mir folgen solle und weiden Meine Lämmer, darüber auf, daß Mir
Johannes ohne Mein Geheiß auch folgte, was Ich dann, wie bekannt, dem Petrus
verwies, und wobei Ich dem Johannes auch eine vollste Unsterblichkeit verhieß,
– woher dann die Sage ins Volk kam, daß dieser Jünger nimmer, auch leiblich
sogar, sterben werde.
[GEJ.04_088,13] Petrus aber fragte den
Johannes, wie er denn tue, daß er stets eine viel tiefere Einsicht und
Erkenntnis an den Tag lege als er, Petrus nämlich.
[GEJ.04_088,14] Johannes aber sagte: „Sieh,
ich wohne nicht in deinem Gemüte und du nicht in dem meinigen, und ich habe
dazu keinen Maßstab, um bestimmen zu können, aus welchem Grunde meine Ansicht
die gediegenere und richtigere ist! Aber so der Herr Selbst es nun gesagt hat
laut vor uns, nämlich den Unterschied zwischen Glauben und Liebe, da nimm das
als Antwort auf deine Frage! Denn Nieren und Herzen kann nur der Herr allein
prüfen, und so wird Er es auch wissen auf ein Haar, welch ein Unterschied da
ist zwischen unsern Gemütern.“
[GEJ.04_088,15] Mit dieser Antwort war Petrus
vorderhand auch zufrieden und fragte nicht weiter. Es war aber nun auch das
Mahl zu Ende, und wir erhoben uns und gingen alle auf den Berg.
89. Kapitel
[GEJ.04_089,01] Als wir alle nach und nach
auf dem uns schon bekannten Berge ankamen und unsere Plätze einnahmen, da trat
der alte Markus mit seinem Weibe und seinen Kindern zu Mir hin und bat Mich
inständigst, daß Ich doch noch den kommenden Tag über bei ihm verbleiben
möchte, da es ihm zu schmerzlich vorkomme, so Ich ihn schon vor dem Aufgange
verließe.
[GEJ.04_089,02] Sagte Ich: „Sei du darum
unbesorgt! Ich kann gehen und bleiben, Mich nötigt keine Zeit; denn Ich bin
auch ein Herr der Zeit und aller Zeiten! Mir wächst keine Zeit je über dem
Haupte zusammen. Es gibt aber noch viele Orte, die Ich besuchen muß und
besuchen werde; aber gerade auf einen Tag und auf eine Stunde kommt es bei Mir
dort nicht an, wo Ich eine wahre, lebendige Liebe gefunden habe.“
[GEJ.04_089,03] Sagt Markus, mit Tränen in
den Augen: „O Herr und Vater, ewig Dank Dir für diese übergroße Gnade! Dein
allein heiliger Wille geschehe! Aber, Herr, die Nacht ist sehr finster, weil
die Wolken den Himmel sehr dicht überzogen haben; soll ich nicht Fackeln
herauftragen lassen?“
[GEJ.04_089,04] Sage Ich: „Laß das, wir
werden uns schon Licht verschaffen!“
[GEJ.04_089,05] Hierauf berufe Ich den
Raphael und sage zu ihm: „In Afrikas Mitte, da, wo die hohen Komrahai-Berge
stehen und des Nils erste Quelle einem Felsen entsprudelt, wirst du zehn
Manneshöhen unter dem Gerölle einen Stein von der Größe eines Menschenkopfes
finden; den schaffe Mir her, er soll uns diese Nacht erhellen zur Genüge! So du
ihn aber wirst hierhergebracht haben, dann lege ihn auf jenen kahlen Baumstamm,
auf daß sein Licht weithin dringe und die Gegend erleuchte! Daß Ich mit dir
aber nun also geredet habe wie mit einem Menschen, geschah eben um der Menschen
willen, auf daß sie wissen sollen, was da zu geschehen hat, und Meine Macht
erkennen in deiner Ausführung Meines Willens.“
[GEJ.04_089,06] Mit dem verschwand Raphael,
war aber jedoch gleich einem fliegenden Lichtmeteore sogleich wieder samt dem
sonnenhell leuchtenden Steine bei uns.
[GEJ.04_089,07] Bevor aber Raphael den Stein
noch auf den bezeichneten hohlen und kahlen Baumstamm legte, verlangten
mehrere, den Stein näher in Augenschein zu nehmen.
[GEJ.04_089,08] Als ihn aber Raphael sehr in
die Nähe brachte, konnte denselben vor lauter Lichtstärke niemand anschauen,
weil er nahe ein so starkes Licht von sich ließ, wie die Sonne für die Erde an
einem kürzesten Wintertage, das heißt fürs Sehgefühl der menschlichen
Fleischaugen, und es blieb demnach dem Raphael nichts anderes übrig, als den
Leuchtstein sogleich an den Ort seiner Bestimmung zu legen. Von dort
erleuchtete sein intensivstes Licht die Umgegend so bedeutend, daß man weithin
noch alles recht gut ausnehmen konnte.
[GEJ.04_089,09] Daß sowohl Zinka mit seinen
Leuten und ganz besonders aber Zorel sich vor lauter Verwunderung kaum zu atmen
getrauten, läßt sich leicht begreifen. Zorel strengte sich an, etwas so recht
Kernvernünftiges darüber zu sagen; aber er brachte nichts heraus, weil sich ihm
hier nach seinen noch sehr mathematisch stereotypen Begriffen logische
Unmöglichkeiten in der Erscheinung der schnellen Steinherbeischaffung und in
dessen vehementesten Leuchten entgegenstellten, denen seine Erfahrungen und
seine Wissenschaften keinen Sieg abnötigen konnten. Er war fürs erste mehrere
Male mit seinen Sklavinnen in Ägypten, und einmal noch ein paar Tagereisen weit
hinter den Katarakten gewesen. Es war ihm darum die Entfernung der
hinterägyptischen Gegenden nicht ganz unbekannt, da er mit guten Kamelen bis zu
den Katarakten stets fünf bis sechs Wochen Reisezeit benötigte.
[GEJ.04_089,10] Nach seiner Berechnung würde
diese Strecke ein Orkan in drei Tagen und ein Pfeil diese Reise in einem
Halbtage zurücklegen. Welche Schnelligkeit in der Bewegung muß sonach der Junge
gehabt haben, um eine sicher dreimal so lange Strecke in wenigen Augenblicken
zurückzulegen! Ist der Junge ein Geist, – wie konnte er eine Materie tragen,
und wie konnte die Materie, selbst von der härtesten Art, vor der Zerstörung
durch den Widerstand der Luft geschützt werden?! Das gibt es in den
Naturgesetzen nicht! Dann kommt dazu das ganz hitzlose, sonnenähnlich
intensivste Licht; das gibt es auch nicht! Keine Erfahrung hat das noch je
irgend entdeckt, außer beim faulenden Holze, dessen Leuchten aber eigentlich
auch nur ein so matter Schimmer ist, daß er in der Nacht, selbst in höchster
Potenz, nur kaum dem Leuchten der Sonnenwendewürmer gleichkommt!
[GEJ.04_089,11] Also dachte unser Zorel eine
Zeitlang und sagte nachher zu Kornelius und Zinka: „Das will ich denn doch ein
wahrhaftes Wunder nennen; denn so etwas hat bisher auf der Erde noch nie
stattgefunden! Was etwa doch das für eine Steinart sein wird? Von allen Zeiten
bis jetzt ist ein solcher Stein noch nie entdeckt worden! Welchen Wert müßte
ein solcher Stein für einen Kaiser oder für einen König haben, vorausgesetzt,
daß er sein Licht mit der Zeit nicht einbüßt! Denn an der weitgedehnten Küste
Afrikas bis sehr weit hinter die Herkulessäulen, bis in die Gegenden, wo des
hohen Atlas Ausläufer den atlantischen Ozean begrüßen, sieht man im Spätsommer
ebenfalls hie und da sehr weiße und in der Nacht zu gewissen Stunden sehr stark
leuchtende Steine; aber ihr Leuchten dauert nicht lange, und läßt man einen
solchen Stein in ein trockenes Gemach bringen, so ist's mit seinem Leuchten
bald aus, und der Stein hat darum keinen Wert mehr. Mit diesem Steine aber
scheint es eine ganz eigentümliche Bewandtnis zu haben! Der wird sein Licht
sicher nimmer verlieren und muß darum einen unsäglichen Wert haben!“
[GEJ.04_089,12] Sagt Kornelius: „Nicht nur
des Leuchtens wegen, sondern vielmehr dessen wegen, durch den er hergeschafft
ward! Aber lassen wir nun das! Morgen am Tage werden wir ihn schon leichter
besichtigen und beurteilen können als heute; denn da werden unsere Augen durch
der Sonne Licht weniger empfindlich sein denn eben heute, das heißt nun in
dieser dicken Nacht, in der das Gewölke zu einem tüchtigen Landregen ein allen
gesegnetstes Gesicht macht. Nun seien wir aber ruhig; denn der Herr wird erst
das beginnen, was Er uns unten am Tische verheißen hat!“
[GEJ.04_089,13] Mit dem begnügt sich Zorel
und ist nun ganz Aug' und Ohr.
[GEJ.04_089,14] Es tritt aber nun Ouran zu
Mir hin und sagt: „Herr, was wird morgen mit dem Steine geschehen, und wird er
wohl sein Licht stets behalten?“
[GEJ.04_089,15] Sage Ich: „Mit dieser Frage
hast du so ganz eigentlich den Wunsch an den Tag gelegt, daß du ihn für deine
Kronen besitzen möchtest! Aber es geht das nicht; denn es könnten wegen der
Eroberung dieses Steines große und sehr verderbliche Kriege entstehen. Daher
wird ihn morgen Mein Engel wieder dahin zurückstellen, von woher er ihn geholt
hat, und das macht dann allem Streite für immer ein Ende.“
[GEJ.04_089,16] Mit dem Bescheide begnügt
sich Ouran vollkommen und tritt wieder an seinen Platz zurück.
[GEJ.04_089,17] Aber Cyrenius sagt dennoch:
„Herr! Als ein Geschenk an den Kaiser würde dieser Leuchtstein sicher einen
mächtigen Eindruck machen.“
[GEJ.04_089,18] Sage Ich: „Das ganz gewiß, er
würde aber am Ende seines zu hohen Wertes wegen auch dort zu Kriegen sein Licht
herleihen, und das wäre recht schlimm! Einige Körnchen davon sollst du wohl
schon haben, – aber den ganzen Stein ja nicht!“
[GEJ.04_089,19] Sagt Cyrenius: „Aber wie und
auf welche Weise ist denn diesem Steine diese Leuchtfähigkeit inne? Welchen
Namen hat er wohl?“
[GEJ.04_089,20] Sage Ich: „Diese Steine
gehören eigentlich nicht dieser Erde an, sondern sind nur in der großen Sonnenwelt
einheimisch. Nun, in der großen Sonnenwelt aber gibt es von Zeit zu Zeit große
Eruptionen von einer für eure Begriffe allerunmeßbarsten Kraftäußerung, von der
gar oft solche Steine ergriffen und mit der größten Wurfgewalt in den weiten
Schöpfungsraum hinausgeschleudert werden. Und da hast du einen davon!
[GEJ.04_089,21] Ihr Leuchten rührt allein von
ihrer über alle deine Begriffe allerglattesten Oberfläche her, an der sich
beständig eine Menge Blitzfeuer ansammelt und die in die überaus harte Materie
gebannten Geister zur Tätigkeit eben durchs benannte Feuer stets von neuem
auffordert. Zudem ist dieser Stein im höchsten Grade durchsichtig, und es wird
demnach gar leicht jede auch innerste Geistertätigkeit in der äußern
Erscheinlichkeit des Leuchtens tätig ersichtlich und natürlich durch die
Außentätigkeit der an der höchst glatten Oberfläche der Kugel schnell
vorbeigleitenden Geister der Luft im hohen Grade vermehrt.
[GEJ.04_089,22] Diese Steine aber werden in
der Sonne nicht etwa in der Natur schon also angetroffen, sondern auch erst
durch die Kunst und durch die Hände der dortigen Menschen dazu präpariert. Sie
werden zumeist schon in der runden Form gefunden in der Gegend großer Gewässer
und entstehen stets bei Ausbrüchen. Es werden da im höchsten Grade geschmolzene
mineralische Elemente weit in den mit Äther erfüllten Raum hinausgetrieben und
nehmen im freien Raume stets die runde Gestalt eines Tropfens an, nach dem in
alle Materie gelegten, dem Mittelpunkte zustrebenden und denselben suchenden
Ruhegesetze.
[GEJ.04_089,23] Das Zurückfallen solcher
Kugeln, die von sehr verschiedener Größe sein können, dauert oft Tage, Wochen,
Monate und bei größeren oft viele Jahre, je nachdem sie mehr oder minder weit
von der Sonne entfernt hinausgeschleudert worden sind. Nun, manche fallen auf
der Sonne Gebirge und Felsen und zerschellen sich; aber viele fallen in die
großen Gewässer, bleiben unbeschädigt und werden leicht von den Menschen der
Sonnenwelt herausgeholt. Denn die Sonnenmenschen können ganz leicht oft stundenlang
unterm Wasser verbleiben und auf dem Meeresgrunde arbeiten wie auf dem
trockenen Lande, und das um so leichter, weil sie nebst solcher nahe
amphibienartigen Eigenschaft noch ganz überaus zweckmäßige Taucherinstrumente
besitzen.
[GEJ.04_089,24] Wenn ein großes Sonnenhaus
sich mit solchen Kugeln hinreichend versehen hat, so werden sie, trotzdem sie
schon ohnehin eine äußerst glatte Oberfläche besitzen, mit allem Kunstfleiße
noch mehr geglättet und poliert, und zwar bis auf den Grad, wo sie unter dem Polieren
zu leuchten anfangen. Ist die Polierung einmal bis auf den Punkt gediehen, so
werden sie in den häufig vorkommenden unterirdischen, katakombenartigen, langen
Gängen, durch die stets ein starker Luftzug geht, als Leuchtkugeln auf eigens
dazu hergerichtete Säulen gelegt und beleuchten sogestaltig mehr als zur Genüge
die unterirdischen Gänge und dienen zugleich als besondere Zierde solcher
Gänge, auf die besonders in der Sonnenwelt sehr gesehen wird; denn daselbst ist
nicht selten ein ganz gewöhnliches Wohnhaus schon bei weitem gezierter und
geschmückter, besonders inwendig, als in Jerusalem der Salomotempel. Und so
läßt sich's wohl auch denken, daß die Sonnenmenschen, besonders die des
Mittelgürtels, auch für die Verzierung ihrer unterirdischen Gänge alles
mögliche aufbieten.
[GEJ.04_089,25] Jedoch, wir sind hier nicht
versammelt, um eine Erdbeschreibung der großen Sonnenwelt zu erzielen, sondern
der Stärkung eures Glaubens und Willens wegen. Dieses aber zu erreichen, dazu
gehört ganz was anderes als eine noch so genaue und umfassende Erdbeschreibung
der großen Sonnenwelt!“
[GEJ.04_089,26] Fragt Cyrenius: „Herr! Wenn
aber diese Leuchtkugel also über alle Diamanten kompakt ist, wie wird man von
ihrer Oberfläche irgendwelche einzelne Körner ablösen können, die ich zum
Gedächtnisse für diesen Abend gar so gerne besitzen möchte?!“
[GEJ.04_089,27] Sage Ich: „Du denkst manchmal
auch noch sehr irdisch! Dort, von wo diese Leuchtkugel her ist, gibt es noch
eine Menge, sei es nun in Afrika oder in der Sonne selbst, – für Meinen Engel
ist es überall gleich weit. Von dieser Leuchtkugel wird, ohne sie zu zerstören,
freilich wohl kein Sterblicher irgend ein paar Körner herausbekommen können,
und würde er die Kugel zerstoßen wollen, so würden die Stücke die Eigenschaft des
Leuchtens auch sogleich einbüßen; aber die kleinen Kügelchen werden die
Leuchteigenschaft gleichfort beibehalten. – Aber nun vollernstlich genug von
dieser Sache!“
90. Kapitel
[GEJ.04_090,01] (Der Herr:) „Wir wollen nun
sogleich etwas anderes vornehmen! Zorel und du, Zinka, tretet nun etwas näher
zu Mir und saget Mir, was ihr nun vor allem noch sehen und wissen möchtet.“
[GEJ.04_090,02] Die beiden Gerufenen treten
nun näher, und Zinka sagt: „Herr, das ist für Menschen unserer noch sehr
unvollkommenen Art und Weise eine sehr schwer zu beantwortende Frage! Denn wir
möchten sehr vieles noch sehen und wissen, weil uns noch sehr vieles zu sehen
und zu wissen übriggeblieben ist, trotzdem wir doch schon so gar manches
gesehen und erfahren haben. Aber was da unter dem endlos vielen für uns das
Notwendigste ist, das ist eine ganz andere Frage, die wir darum nicht zu
beantworten imstande sind, weil wir noch lange nicht wissen, was uns eigentlich
vor allem am allernotwendigsten wäre! Du, o Herr, aber weißt es genau, was uns
so ganz eigentlich am allernotwendigsten ist; daher handle Du ohne unser
Begehren nach Deiner unendlichen Liebe und Weisheit, und es wird da schon ein
jeder das Beste sehen, hören und fühlen!“
[GEJ.04_090,03] Sage Ich: „Nun wohl denn, –
so werde Ich sehen, was da zu machen sein wird! Ich meine, so eine recht
zuversichtliche Einsicht in das Fortleben der Seele nach dem Tode des Leibes
dürfte für euch alle wohl von der größten Wichtigkeit und Notwendigkeit sein;
daher werden wir diese Sache ein wenig näher in den Augenschein nehmen!
[GEJ.04_090,04] Ich habe es euch durch Worte
schon zu mehreren Malen gezeigt, worin der eigentliche Tod des Leibes besteht
und auf welch eine verschiedene Art er vor sich gehen kann, und was seine
Folgen für die Seele und ihren Geist sind und sein müssen. Sollte Ich euch aber
das durch lange theoretische Sätze erklären, so würden wir damit in einem
vollen Jahre nicht zu Ende kommen. Ich werde euch zu eurem gründlichen Erkennen
die Sache mit Wort und Tat zeigen, und ihr werdet es dann begreifen.
[GEJ.04_090,05] Bevor wir aber zur
eigentlichen Sache kommen, muß Ich dennoch das voranschicken, wie die Seele mit
dem Leibe zusammenhängt.
[GEJ.04_090,06] Und so höret Mich: Die Seele
als ein Gemengtes und sich ergreifend Zusammengesetztes ist durch und durch
ätherisch-substantieller Beschaffenheit. Da aber der Leib in seinem Wesen auch
im Grunde Ätherisch- Substantielles in sich faßt, so ist solches verwandt mit
der substantiellen Wesenheit der Seele. Und dieses Verwandte ist das Eigentliche,
das da die Seele mit dem Leibe so lange verbindet, solange es nicht mit der
Zeit zu sehr in das pur Materielle übergegangen ist, woselbst es dann mit der
seelischen Bestandwesenheit eine zu geringe und oft aber auch gar keine
Verwandtschaft mehr hat, – und wenn schon noch welche vorhanden ist, so muß
diese erst durch den Verwesungsprozeß aus dem Körper geschieden und jenseits
der gewisserart nackten Seele zugeführt werden.
[GEJ.04_090,07] Hat aber die Seele selbst am
Ende zu viel Materielles aus ihrem Leibe in sich aufgenommen, so erreicht der
Leibestod auch sie, und sie muß mit dem Leibe verwesen und dann erst nach
mehreren Erdenjahren als natürlich höchst unvollendet erwachen, wo es ihr dann
sehr schwer wird, sich in ein höheres Licht emporzuschwingen, weil ihr alles
ein finsteres Erdending ist, in dem wenig Leben und viel Finsternis in allen
Winkeln rastet.
[GEJ.04_090,08] Von einer Geisteserweckung in
ihr kann so lange keine Rede sein, bis die Zeit, die Not und allerlei
Demütigungen das weltdinglich Finstere und Grob- oder gewisserart
Leiblich-Substantielle aus der Seele geschieden und hinausgefegt haben; und das
geht jenseits um vieles schwerer denn hier, weil die Seele jenseits so lange in
einer gewissen Abödung für sich allein dastehen muß, um nicht als ein zu
nacktes und gewisserart noch haut- und kleidloses Wesen von einer andern
Wesenheit, die schon voll des höhern Lebensfeuers in voller Kraft dasteht,
verschlungen und wie ein Wassertropfen auf glühendem Erze vernichtet und
verzehrt zu werden. Denn für jede noch sehr unvollkommene Seele gilt gegenüber
einem schon vollendeten Geiste das, was Ich dereinst zu Moses sagte, als er
Mich zu sehen verlangte: ,Gott kannst du nicht schauen und leben!‘
[GEJ.04_090,09] Je höher potenziert ein Leben
einmal für sich dasteht, desto kräftiger, mächtiger und schwerer steht es für
sich da, und alles Leben, das da noch auf einer sehr niedern Stufe steht, kann
sich einem potenzierten Leben gegenüber nie behaupten, außer in gewissen
Entfernungen. Was ist eine Mücke gegen einen Elefanten, was eine Fliege gegen
einen Löwen?! Was ist ein zartestes Moosschimmelpflänzchen gegen eine mehrere
Jahrhunderte alte Zeder auf Libanon, was diese Erde gegen die große Sonne?! Was
ist ein Tropfen Wassers gegen ein mächtiges Feuer?! – Wenn jemand von euch auf
einen Elefanten tritt, so wird das einem Elefanten wohl gar nichts machen;
tritt aber jemand von euch auf eine Ameise, so ist es mit ihrem Naturleben
vollkommen zu Ende.
[GEJ.04_090,10] Was aber schon in der äußeren
Natur, sogar mit Händen zu greifen, sich zeigt, das steht im Reiche der Geister
desto ausgebildeter und ausgeprägter wahr da. In jedem schon für sich
bestehenden Leben steht das unersättliche Bedürfnis da, stets mehr Leben in
sich zu vereinen; das Einswerdungsprinzip aber ist im Grunde des Grundes die
Liebe. Wäre dieses Prinzip aber einem Leben nicht vor allem inne, so gäbe es
weder irgendeine Sonne im endlosen Raume noch eine Erde, und ebenso auch keine
Geschöpfe auf derselben und in derselben.
[GEJ.04_090,11] Weil aber eben im Leben
selbst das Lebeneinungsprinzip besteht und jedes freie Leben in einem fort
bemüht ist, mit einem andern ihm ähnlichen und verwandten Leben sich zu
vereinen, so wird aus vielen Sonderleben und Sonderintelligenzen am Ende nur
ein Leben und eine vervielfachte und darum weit ausgreifende Intelligenz, und
dadurch auch aus den mit wenig Vernunft begabten vielen Weslein ein mit viel
Vernunft und mit vielem Verstande ausgerüstetes Wesen.“
91. Kapitel
[GEJ.04_091,01] (Der Herr:) „Wenn nun laut dieses
fürs Sein und Leben nötigsten und unwandelbaren Prinzips eine sogenannte arme
und nackte Seele drüben sogleich mit einem Geiste, wie zum Beispiel unser
Raphael hier einer ist, zusammenkäme, so würde sie von ihm sogleich also
verschlungen, wie da verschlingt das Meer einen einzelnen Wassertropfen. Es ist
darum von Mir aus die Fürsorge durch die ganze Unendlichkeit getroffen, daß ein
kleines, schwaches und noch sehr blödnacktes Leben immer also exponiert wird,
daß es wie einzeln für sich dasteht und sich ihm nur solche Lebenspotenzen
nahen dürfen, die sicher nicht in irgend etwas um vieles stärker sind als das
einzeln für sich in seiner Abödung und Nacktheit dastehende Leben.
[GEJ.04_091,02] Solche Lebenspotenzen können
sich nicht verschlingen, weil die einzelnen Ichheiten von gleicher Kraft und
Stärke sind; aber sie bilden dennoch Vereine unter sich und halten Rat, aus dem
aber nie viel Ersprießliches herauskommen kann, weil die Weisheit von einem
jeden Einzelwesen nahe auf ein Haar die gleiche ist. Stellet euch einen
Ratsverein von lauter blitzdummen Menschen vor, die etwas recht Weises
beschließen und endlich mit vereinten Kräften ausführen möchten! Was wohl wird
aus ihren Beratungen hervorgehen? Nichts als dummes Zeug!
[GEJ.04_091,03] Wir haben auf dieser Erde,
und zumeist auf ihren Inseln, noch heutzutage Völkerschaften, die ihre Inseln
ganz ungestört seit Adams Zeiten bewohnen; es sind das Kains Nachkommen, die
heute noch auf derselben Kulturstufe stehen, auf der sie vor zweitausend Jahren
gestanden sind. Ja, warum haben sie denn in ihrer Kultur gar keinen
Fortschritt, sondern nur eher einen Rückschritt gemacht mit allen ihren häufig
vorkommenden Rathaltungen? Weil unter ihnen der Weiseste dümmer und blinder ist
denn hierzulande ein noch so blöder Schweinehirt! Wenn aber der Weiseste schon
nichts weiß, was sollen dann erst die andern wissen, die sich bei ihm Rates
erholen?!
[GEJ.04_091,04] Man wird freilich hier fragen
und sagen: ,Ja warum hat Gott denn zu solchen Völkern keine von Seinem Geiste
erfüllte Propheten gesandt?‘ Da sind wir nun eben zu dem Hauptpunkte gekommen!
[GEJ.04_091,05] In diesen Völkern wohnen noch
viel zu unreife und nackte Seelen. Eine höhere Offenbarung würde sie
verschlingen und verpanzern mit einem Gerichte, aus dem sie nimmer frei zu
machen wären. Die höchste und reinste Wahrheit würden sie in den dicksten
Aberglauben umwandeln und sich darin derart begründen, daß dann am Ende Ich
Selbst sie durch kein Mittel mehr daraus erlösen könnte.
[GEJ.04_091,06] Es ist daher notwendig, daß
sie noch bei tausend Jahre lang also, wie sie sind, verbleiben. Nach dieser
Zeit erst sollen sie Besuche von pur verstandesgeweckten Menschen bekommen und
von diesen aber noch lange keinen Unterricht, sondern nur ein sie nur ein wenig
weckendes Beispiel bekommen. Sonach soll ihnen von Zeit zu Zeit zu öfteren
Malen eine solche sie weckende Überraschung zuteil werden. Wenn das ein paar
Jahrhunderte hindurch geschieht, dann werden solch nackte Völker etwas mehr
bekleidet werden, leiblich und seelisch, und sodann erst nach und nach für eine
höhere Offenbarung reif sein.
[GEJ.04_091,07] Und gerade also, und noch um
ein bedeutendes mühsamer, geht im großen Jenseits die Fortbildung und
Lebensvollendung einer ganz nackten Naturseele vor sich. Sie muß so lange in aller
Lichtlosigkeit für sich dastehend belassen werden, bis sie, durch die eigene
Not gedrungen, sich aus ihrer mehr denn noch halbmateriellen Lethargie
aufrüttelt und so über was immer bestimmtere Gedanken in ihrem Herzen zu denken
beginnt.
[GEJ.04_091,08] Werden die Gedanken immer
ausgeprägter und bestimmter umrissen, so fängt es in einer solchen Seele dann
ganz leise zu dämmern an, und sie beginnt einen Grund zu bekommen, auf dem sie
ein wenig stehen und nach und nach auch ein wenig umhergehen kann. Dieses
Umhergehen entspricht dann dem Übergehen eines Gedankens in einen andern und
einer Empfindung in die andere. Es ist das ein Suchen, und dem Suchen muß
irgendein Finden folgen, weil sonst der Sucher, so er zu lange gar nichts
finden möchte, am Ende infolge seiner fruchtlosen Mühe erlahmen und also
zurückfallen müßte in die alte Lethargie.
[GEJ.04_091,09] Aber wie die emsig zu suchen
anfangende Seele nur irgend etwas findet, so gibt ihr das einen neuen und
erhöhten Impuls zu einem noch weiteren und emsigeren Suchen und Forschen, und
wenn sie gar Spuren vom Dasein ihresgleichen findet, so jagt sie diesen gleich
einem Spürhunde nach und ruht nicht eher, bis sie etwas gefunden hat, das ihr
wenigstens ein nahes Dasein von ihresgleichen bezeugt.
[GEJ.04_091,10] Durch dieses stets
potenziertere Suchen wird sie aber auch reifer und sucht sich zu sättigen mit
allem, was sie irgend wie zufällig zur Umhüllung ihres substantiellen
Seelenleibes findet. Hie und da findet sich auch etwas, wenn auch noch so
Mageres, zur Füllung ihres Magens und zur Stillung ihres oft brennenden
Durstes. Denn wird es in einer Seele einmal so recht begierlich infolge des
inneren, stets lebendiger werdenden Lebensfeuers, da findet sich dann stets ein
mehreres irgend vor, für das in der Seele irgendein Bedürfnis wach wird.“
92. Kapitel
[GEJ.04_092,01] (Der Herr:) „Da muß von
seiten eines Geistes, der wie von einer gewissen Ferne eine solche Seele leitet
und führt, aber wohl die größte Vorsicht gebraucht werden, damit sie auf dem
Suchpfade ja nur das findet, was sie in ihrer Lebensvollendung weiterbringen
kann.
[GEJ.04_092,02] Mit der Zeit erst kann sie
eine auch ihr ähnliche Seele, von nahe gleichen Bedürfnissen bedrückt, finden,
mit der sie dann natürlich alsogestaltig sogleich in eine Korrespondenz tritt,
wie in dieser Welt zwei Menschen, die von einem und demselben Schicksale
verfolgt worden sind. Sie fragen sich gegenseitig aus, bedauern sich und fangen
nach und nach an, Rat zu halten, was da zu tun wäre, um ihr Los in irgend etwas
erträglicher zu machen.
[GEJ.04_092,03] Es versteht sich von selbst,
daß die zweite Seele nur eine scheinbare Ähnlichkeit mit der ersten, erst aus
der vollen Abödung getretenen, haben muß; denn sonst würde ein Blinder einem
Blinden als Führer gegeben, wobei dann nur zu leicht beide in eine Grube fallen
könnten und sich dann in einem ärgeren Zustande befänden, als da war der
frühere in der Abödungsperiode.
[GEJ.04_092,04] Der wie zufällig zu der
jungen suchenden Seele stoßende, in sich vollendete Geistmensch aber darf von
seiner Vollendung ja nichts merken lassen, sondern muß anfänglich ganz das
sein, was die junge Seele ist. Lacht sie, so lache er mit ihr; und weint sie,
da weine er mit! Nur so die Seele ärgerlich wird über ihr Schicksal und
schimpft und flucht, da tue der Geist das wohl nicht mit, sondern tue
anfänglich zwar auch, als wäre er selbst etwas ärgerlich über sein (zum
Scheine) ähnliches Los, spiele aber dabei stets den Gleichgültigen, dem es nun
schon alles eins ist, ob's ihm so oder so geht! Will's durchaus nicht besser
werden, nun, so bleibe es denn, wie es wolle! Dadurch wird die junge Seele
gefügiger und wird sich zufriedenstellen schon mit einem kleinen Vorteile, der
sich wieder irgend wie zufällig hat auffinden lassen.
[GEJ.04_092,05] Wenn solch eine Seele im
Jenseits dann irgendein Plätzchen gefunden hat, so lasse man sie dort so lange,
als sie selbst kein Bedürfnis in sich verspürt, ihr Los zu verbessern; denn
solche Seelen gleichen hier solchen Menschen, die mit einer ganz kleinen
Besitzung insolange ganz zufrieden sind, wenn sie ihnen nur knapp so viel
einträgt, daß sie dabei notdürftig bestehen können. Alles Höhere und
Vollendetere und Bessere geht sie nach ihrer Sehnsucht gar nichts an, und sie
bekümmern sich dessen auch gar nicht. Was liegt ihnen an der großen
Beschäftigung eines Kaisers oder irgendeines Feldherrn?! Wenn sie nur etwas zu
essen und die liebe Ruhe haben, so sind sie dann aber auch schon ganz glücklich
und wünschen sich ewig nichts Besseres mehr.
[GEJ.04_092,06] Ebenso steht es dann in einem
zweiten Stadium mit einer Seele, die, wie gezeigt, aus ihrer Abödung getreten
und nun durch ihre Mühe irgend dahin versorgt worden ist, daß sie ihren Zustand
als einen erträglichen ansieht und sich um nichts weiteres mehr bekümmert, ja
sogar eine Furcht und Scheu davor hat, weil sie alles, was ihr irgendeine Mühe
machen könnte, verabscheut.
[GEJ.04_092,07] Wir haben eine Seele im
Jenseits nun dahin versorgt, daß sie zum Beispiel entweder bei so ziemlich
guten Leuten einen Dienst gefunden hat, der sie mit dem Nötigsten versieht,
oder sie hat irgendein Häuschen mit einem reichlich besetzten Obstgarten und
ein paar Melkziegen als ein verlassenes Gut zum Eigentume mit etwa noch einem
Diener oder einer Dienerin bekommen, oder besser auch gefunden; da hat dann der
leitende Geist vorderhand nichts anderes zu tun, als eine solche Seele eine
Zeitlang in solchem Besitze ganz ungestört zu belassen.
[GEJ.04_092,08] Er entferne sich auch
zeitweilig von ihr und tue, als ginge er selbst etwas Besseres suchen, komme
dann wieder und rede davon, daß er wohl Besseres gefunden habe, – aber es sei
jenes Bessere um vieles schwerer zu bekommen, und man müsse es sich durch viele
Mühe und Arbeit verdienen! Die Seele wird darauf sicher fragen, worin die Mühe
und die Arbeit bestände; dann erkläre der Führer das der fragenden Seele. Fühlt
sich die Seele dazu geneigt, so führe er sie dahin; im Gegenteile aber belasse
er sie, sorge aber dafür, daß der Garten in seinen Erträgnissen stets magerer
wird und am Ende nicht einmal mehr das Allernotdürftigste erträgt!
[GEJ.04_092,09] Die Seele wird nun wohl allen
Fleiß anwenden, um den Garten zu einem reichlicheren Erträgnisse zu bringen;
aber der Führer darf es nun nicht zulassen, daß die Seele ihren Wunsch
erreicht, sondern muß machen, daß die Seele endlich das Fruchtlose aller ihrer
Mühe einsieht und den Wunsch äußert, diese ganze Behausung aufzugeben und einen
Dienst anzunehmen, bei dem sie, bei sicher nicht mehr Mühe und Arbeit, doch
eine erträgliche Versorgung finde.
[GEJ.04_092,10] Hat sich in einer Seele solch
ein Wunsch lebendig zur Genüge ausgesprochen, so werde sie weitergeführt und in
einem Dienste mit vieler Arbeit untergebracht. Da verlasse sie dann der Führer
wieder unter irgendeinem Vorwande, als hätte er auch an irgendeinem andern Orte
einen zwar sehr beschwerlichen, aber sonst gut dotierten Dienst bekommen. Die
Seele wird nun zur Arbeit gewiesen, die sie genaust zu verrichten hat. Man sage
es ihr und lege es ihr ans Herz, daß da jede Vernachlässigung mit
entsprechender Entziehung des bedungenen Liedlohnes bestraft, dagegen ein
freiwilliges Mehrtun übers Bedungene hinaus sehr löblich berücksichtigt werde.
[GEJ.04_092,11] Nun wird die Seele entweder
das Bedungene genau und noch manches darüber leisten, oder sie wird sich die
Mühe zu sauer werden lassen, wird träge werden und darum in eine noch größere
Not verfallen. Im ersten Falle werde sie dann erhoben und in einen freieren und
schon bedeutend angenehmeren Zustand versetzt, allwo sie mehr zu denken und
mehr zu fühlen bekommt. Im zweiten Falle aber überlasse sie der Führer einer
bedeutenden Not, lasse sie zu ihrem früheren mageren Besitze zurückkehren,
etwas Weniges, aber bei weitem nicht Genügendes finden.
[GEJ.04_092,12] Nach einer Zeit, wenn sich
eine dringendste Not eingestellt hat, komme der nun viel besser aussehende
Führer schon als ein Herr und Selbstbesitzer von vielen Gütern und frage die
Seele, was ihr denn eingefallen sei, den guten und aussichtsvollsten Dienst so
fahrlässig zu behandeln. Die Seele wird nun sich mit der für ihre Kräfte zu
großen und zu anstrengenden Mühe ausreden und entschuldigen; da werde ihr aber
gezeigt, wie ihre Mühe und Anstrengung hier auf dem magersten Kleinbesitze eine
noch viel größere sei und doch sei da keine Aussicht vorhanden, je nur zu einem
notdürftigsten Vorteile zu gelangen.
[GEJ.04_092,13] Auf diese Weise wird so eine
Seele zur Einsicht gebracht, wird abermals einen Dienst annehmen und nun sicher
mehr guttun denn vorher. Tut sie nun gut, so werde ihr in Kürze ein wenig
vorwärtsgeholfen, – aber noch ist sie bei dem Gefühle zu belassen, als sei sie
leiblich noch nicht gestorben; denn dies fühlen materielle Seelen lange nicht
und müssen davon erst auf einem geeigneten Wege unterwiesen werden. Die Kunde
davon wird für sie erst dann erträglich, wenn sie als ganz nackte Seelen zu
einer mit schon gutem Gewande bekleideten, gewisserart seelenleiblichen
Festigkeit gediehen sind. In solchem festeren Zustande sind sie dann auch
irgend kleiner Offenbarungen fähig, weil ihres Geistes Keim sich in ihnen zu
regen beginnt.
[GEJ.04_092,14] Ist eine Seele einmal so weit
gediehen und hat sie einsichtig angenommen, daß sie sich nun in der Geisterwelt
befindet und von nun an erst ihr ewiges Los ganz allein von ihr abhängt, so
werde ihr der allein rechte Weg der Liebe zu Mir und dem Nächsten gezeigt, den
sie ganz aus ihrem völlig freien Willen und aus ihrer ganz freien
Selbstbestimmung zu wandeln hat.
[GEJ.04_092,15] Ist ihr das gezeigt worden
nebst dem, was sie in jedem Falle ganz bestimmt zu erreichen vor sich hat, da
verlasse sie der Führer abermals und komme erst dann wieder zu ihr, wenn sie
ihn allerernstlichst berufen wird in ihrem Herzen. Beruft sie ihn aber nicht,
dann wandelt sie ohnehin auf dem rechten Wege; ist sie aber von dem abgewichen
und hat einen schlechten betreten, so lasse er sie wieder in ein entsprechend
großes Elend kommen. Wird sie ihren Fehltritt einsehen und den Führer
herbeiwünschen, so komme er und zeige ihr das vollauf Nichtige ihrer Mühen und
Bestrebungen.
[GEJ.04_092,16] Hat sie darauf den Wunsch,
sich wieder zu bessern, so bringe er sie abermals in einen Dienst, und so sie
da erfüllt ihre Pflichten, so werde sie wieder befördert, aber nicht so bald
wie ein erstes Mal, weil sie da gar leicht wieder in ihre alte, materielle
Lethargie zurückverfiele, aus der sie viel schwerer zu befreien wäre denn aus
der allerersten, weil sie sich bei jedem Rückfalle stets mehr und mehr wie ein
wachsender Baum verhärtet und von Jahr zu Jahr sich auch schwerer beugen läßt
denn in den ersten Wachstumsperioden.“
93. Kapitel
[GEJ.04_093,01] (Der Herr:) „Es versteht sich
schon von selbst, daß hier von einem sonderheitlichen Falle nicht die Rede sein
kann, sondern nur von einer Grundnorm, nach der, sowohl bei der diesseitigen
und ganz besonders bei der jenseitigen Führung, eine Seele aus ihrer
lebenshemmenden Materialität zu heben ist.
[GEJ.04_093,02] Es gibt daneben noch zahllos
viele Abweichungen, von denen eine jede ein wenig anders zu behandeln ist; aber
alles dessen ungeachtet muß es dennoch eine Grundnorm geben, nach der sich
endlich alle andern zu richten haben, so wie das Erdreich mit einem Regen
befruchtet werden muß, damit im selben der ausgesäte Samen zu keimen beginnen
kann. Wie aber dann die verschiedenartigen Samen, die im Erdreiche zur Belebung
ruhen, das ihnen Zusagende aus dem Regentropfen an sich bringen, das ist eine
Sache der speziellen Intelligenz der Geister, die die Keime bewohnen und für
ihr Haus gar wohl zu sorgen verstehen.
[GEJ.04_093,03] Ich sage euch dies darum,
damit ihr einsehen sollet, wie schwer und mühsam es jenseits vor sich geht mit
und auf dem Wege zur Vollendung des innern Lebens, und wie leicht und
ungebunden hier, wo die Seele noch den materiellen Leib um sich hat, in den sie
zu allernächst alle ihre vorhandene Materialität ablagern kann, wie und wann
sie solches nur immer will; aber jenseits ist das nicht so leicht möglich, weil
die Seele eben keinen materiellen Leib mehr hat und mit ihren Füßen auch nicht
mehr über einen materiellen Boden gleitet, sondern über einen geistigen, aus
der Seele Gedanken und Ideen erbauten, der aber durchaus nicht geeignet ist,
das aus der Seele geschiedene Materielle aufzunehmen und in sich für ewig zu
begraben.
[GEJ.04_093,04] Denn was da auch aus der
Seele auf ihren Boden fällt, das gilt nahe soviel, als so man einen Stein nähme
und ihn ganz von dieser Erde hinweg in den endlosen Raum hinausschleudern
wollte. Ja, wer die Kraft besäße, einen Stein mit einer solchen Schnellkraft
empor- oder von dieser Erde hinwegzuschleudern, daß sie die Schnelle eines
abgeschossenen Pfeiles ums dreißigtausendfache überträfe, der würde den Stein
schon ganz sicher derart von der Erde entfernen, daß er nimmer zurückfiele;
aber jede mindere Schnellkraft würde solch eine Wirkung nie zustande bringen.
Sie würde den Stein wohl mehr oder minder weit von der Erde hinaustreiben; aber
so die dem Steine mitgeteilte Wurfkraft zufolge der beständig weithinaus
wirkenden Anziehungskraft der Erde dann minder und notwendig schwächer würde,
so würde der Stein wieder umkehren, und auf den Boden der Erde jählings
zurückfallen.
[GEJ.04_093,05] Und sehet, ebenso steht und
also verhält sich's mit den der Seele im Jenseits noch anhaftenden materiellen
Sündenbrocken! Entfernt die Seele solche auch aus sich und wirft sie hin auf ihrer
Welt Boden, so nützt ihr diese Mühe wenig, ja dann und wann gar nichts, weil
der Boden der Seele, auf dem sie in der Geisterwelt steht und sich bewegt,
ebenso ihr höchst eigener Anteil ist, wie da irdisch die Anziehungskraft dieser
Erde, und ob sie noch soweit hinausreicht, ein Anteil eben der Erde ist und
nicht ein Atom sich von ihr entfernen läßt.
[GEJ.04_093,06] So dann jenseits die Seele
alles Grobe und Materielle aus sich entfernen will, muß eine höhere Kraft in
ihr wirksam werden; und das ist die Kraft, die in Meinem Worte und in Meinem
Namen liegt! Denn es steht, aus dem Munde Gottes kommend, geschrieben: ,Vor
Deinem Namen werden sich beugen alle Knie im Himmel, auf der Erde und unter der
Erde!‘ Darunter sind zu verstehen alle Menschengeschöpfe der zahllos vielen
anderen Welten im endlosesten Schöpfungsraume; denn im Himmel wohnen die schon
für ewig vollendeten Gotteskinder, – auf dieser Erde, wohl verstanden, einzig
und allein die werdenden Kinder Gottes. So aber nur dieser Erde der hohe Vorzug
eingeräumt ist, so steht sie in der Würde vor Gott über allen anderen
Weltkörpern; diese stehen dann moralisch unter ihr und daher auch ihre
Bewohner, die denn auch unter dem ,die da wohnen unter der Erde‘ zu verstehen
sind.
[GEJ.04_093,07] Also durch Mein Wort und
durch Meinen Namen kann die Seele erst ganz geläutert werden. Aber es geht dies
jenseits nicht so leicht, als man sich's etwa wohl vorstellen mag; da gehören
große Vorbereitungen dazu! Die Seele muß zuvor in aller möglichen
Selbsttätigkeit vollauf geübt sein und muß schon eine ganz tüchtige Kraft fest
in sich haben, bevor es ihr möglich sein kann, Mein Wort und endlich gar Meinen
Namen anzunehmen.
[GEJ.04_093,08] Ist aber eine Seele einmal
des imstande, dann wird es ihr ein leichtes sein, auch das letzte materielle
Atom aus ihrem ganzen Territorium derart zu entfernen, daß es ewig nimmer in
sie zurückfallen kann. Wie und Warum, soll sogleich gezeigt werden!“
94. Kapitel
[GEJ.04_094,01] Sagt hierzu Cyrenius, der
alles mit der allergespanntesten Aufmerksamkeit angehört hatte: „Herr, ich kann
gerade nicht sagen, daß ich das alles nicht verstanden hätte; es ist mir wohl
alles so recht klar, – nur kommt es mir vor, als könnte mir dies alles auf
dieser Erde auch noch einmal unklar werden, und das würde mich dann unglücklich
machen! Denn alles das, was wir nun aus Deinem heiligen Munde vernommen haben,
ist denn doch ein wenig zu hoch über den selbst allergewecktesten
Menschenverstand; daher wäre eine kleine Nachbeleuchtung über einiges
vielleicht wohl nicht überflüssig zu nennen!“
[GEJ.04_094,02] Sage Ich: „Freund, ihr Römer
habt ein recht gutes Sprichwort, das etwa also lautet: LONGUM ITER PER
PRAECEPTA, BREVIS ET EFFICAX PER EXEMPLA! Sieh, das läßt sich hier auch recht
gut anwenden! Warte auf die später folgenden Beispiele, die Ich euch
wunderbarerweise zur Sicht stellen werde! Diese werden dir das, was dir jetzt
noch unklar ist, aufhellen; das ganz Reine der Sache aber wirst du erst dann
erfahren, wenn der reine Geist der ewigen Wahrheit über euch kommen und euch
leiten wird in alle Wahrheit der Himmel und aller Welten.
[GEJ.04_094,03] Merkst du aber nicht, daß es
schon in der Natur nur ein Gesetz im Wachstum aller Pflanzen und Tiere gibt?!
[GEJ.04_094,04] Siehe, alle Pflanzen wachsen
und vermehren sich von innen heraus; sie ziehen aus der Feuchtigkeit der Erde
ihre entsprechenden Stoffe an sich und endlich, geläutert durch viele tausend
Kanäle und Röhrlein, in sich selbst oder in ihr Leben.
[GEJ.04_094,05] Die Tiere nehmen ihre Kost im
Grunde aus derselben Quelle, – nur ist sie zuvor, entweder im Organismus der
Pflanzen oder im schon viel mehr raffinierten Fleische der unteren
Tiergattungen um sehr vieles geläuterter als im ursprünglichen Humus der Erde.
[GEJ.04_094,06] Der Mensch genießt am Ende
schon das Allerfeinste und Reinste aus der Pflanzenwelt sowohl als auch aus der
Tierwelt. Heu, Gras und Stroh nähren ihn nicht mehr. Von den Pflanzen braucht
er hauptsächlich nur das Korn und von den Bäumen die edelsten, honigsüßen
Früchte. Von den Tieren genießt er zumeist nur das anerkannt Reinste und hat
einen Ekel vor dem Fleische ganz unreiner Tiere.
[GEJ.04_094,07] Aber wie viele Abweichungen,
Abirrungen und Seitenwege gibt es im nur diesirdischen Sich-Entfalten der
Pflanzen- und Tierwelt, und dennoch gelangt jedes an sein Ziel! Es kann dem
sorgsamen Auge eines Forschers aller Dinge in der Naturwelt nicht entgehen, zu
merken, wie da stets ein Ding dem andern dient und eines zur Hebung und
Weiterbelebung des andern da ist.
[GEJ.04_094,08] Das Leben der Seele muß sich
durch die verschiedenen Naturelemente durchseihen. Vorerst ist es im Äther; da
sammelt es sich durchs Ergreifen des Gleichen mit Gleichem, Ähnlichem und
Verwandtem. Dadurch wird es schwerer und sinkt vorerst in sich selbst in sein
eigenes Zentrum, wird schwerer und schwerer und wird aus sich die schon
schwerere und fühlbare Lebenssubstanz.
[GEJ.04_094,09] Als Luft sammelt es sich
wieder wie oben im Äther, daraus werden Wolken und Nebel, und diese sammeln
sich wieder, werden zu Wassertropfen und fallen zur Erde im Regen, Hagel,
Schnee, Tau und in gewissen Gegenden als bleibende und fortwährende
Dunstbildungen und feuchte Niederschläge aus der Luft.
[GEJ.04_094,10] Das Wasser, als ein zwar noch
sehr untergeordnetes, aber schon über Äther und Luft stehendes Lebenselement,
muß nun schon recht vielseitig den wieder höher stehenden
Lebenskondensationsanstalten zu dienen anfangen. Es muß einmal das mehr und
ganz zu Stein verhärtete Leben in der groben Materie erweichen und zur Aufnahme
und Weiterbeförderung in sich selbst, das heißt, ins Element des Wassers,
aufnehmen; das ist ein erstes Dienen.
[GEJ.04_094,11] Darauf muß es seine
Lebensgeister oder gewisserart seelischen Substanzpartikel in die Pflanzen
abgeben. Haben sich die Partikel in den Pflanzen nach und nach und mehr und
mehr zu schon bestimmten Intelligenzformen ausgebildet, so werden sie wieder
vom Wasser und von der dunstigen Luft aufgenommen, und das Wasser muß ihnen
Stoff zu neuen und freieren Lebensformen schaffen. Also dient das Wasser noch
stets in seiner Sphäre, obschon aus ihm stündlich Myriaden mal Myriaden
Kleinseelenlebensintelligenzteilchen frei und mehr und mehr selbständig werden.
[GEJ.04_094,12] Aber das Pflanzenleben muß
abermals mehrere und schon kompliziertere Dienste annehmen und verrichten. Des
Wassers Dienste sind noch sehr einfach, während der Pflanzen Dienste zur
Weiterförderung des Lebens schon bei nur einiger Betrachtung einer noch so
einfachen Pflanze schon sehr zusammengesetzt sind.
[GEJ.04_094,13] Noch vielfacher und viel bedeutender
sind die Dienstleistungen zur Weiterbeförderung des Seelenlebens selbst in den
allerersten und einfachsten Tieren, die der Pflanzenwelt am nächsten stehen.
Und so wird das Dienen ein immer komplizierteres in einer jeden höher stehenden
Lebensform.
[GEJ.04_094,14] Ist das Seelenleben einmal
ganz und gar in die Menschenform übergegangen, so ist Dienen seine erste
Bestimmung. Da gibt es verschiedene Naturdienste, die jeder Menschenform als
,Muß‘ auferlegt sind; danebst aber gibt es dann auch eine zahllose Menge
freierer und eine noch größere Menge freiester moralischer Dienste, die ein
Mensch zum Verrichten überkommt. Und hat er nach allen Richtungen hin einen
treuen Diener gemacht, so hat er dadurch auch sich selbst in die höchste
Vollendung des Lebens erhoben. Nun, dies geschieht wohl bei einigen Menschen,
die schon von der Geburt an auf eine höhere Stufe gestellt worden sind; aber
bei anderen Menschen, die noch sozusagen knapp an der Linie der Tiere stehen,
geht das diesseits nicht, und es geschieht ihre Weiterbildung erst jenseits, –
aber immer auf dem Grundwege des Dienens.“
95. Kapitel
[GEJ.04_095,01] (Der Herr:) „Durch das Dienen
wird die Demut am meisten geübt und gefördert, je untergeordneter oft ein
Dienst erscheint, desto tauglicher ist er für die wahre Ausbildung des Lebens.
Die Demut selbst aber ist nichts als das sich stets mehr und stärker
Kondensieren des Lebens in sich selbst, während der Hochmut ein stets
lockereres Gestalten und sich ins Endloseste hin auseinander Zerstreuen und am
Ende nahe gänzliches Verlieren des Lebens ist, was wir den zweiten oder
geistigen Tod nennen wollen.
[GEJ.04_095,02] Im Hochmute hat alles Dienen
ein Ende genommen und somit auch alle weitere Fort- und Ausbildung des Lebens.
Wäre im hochmutsvollen Herrschen über die andern des Lebens Ausbildung
bedungen, so würde von Mir sicher eine solche Ordnung getroffen sein, daß ein
jeder Mensch irgendein unbeschränktes Recht zum Herrschen hätte; da aber das
Meiner ewigen Ordnung zuwider ist, so muß ein jeder Mensch und Engel zum Dienen
sich bequemen und am Ende eben im ewigen, stets mehr und ausgebreiteteren
Dienen die größte Wonne und Seligkeit finden.
[GEJ.04_095,03] Ohne Dienen gibt es dann
eigentlich gar kein Leben, keine haltbare Dauer desselben, kein Glück, keine Glückseligkeit
und keine Liebe, keine Weisheit und keine Wonne des Lebens weder hier noch
jenseits; und wer sich einen Himmel voll Dienstlosigkeit, voll Trägheit und
voll müßiger Schwelgerei denkt, der irrt sich groß!
[GEJ.04_095,04] Denn ebendarum bekommen die
seligsten Geister der höchsten Himmel eine Mir nahe gleiche Kraft und Gewalt,
um Mir und allen Menschen hier schon auf dieser Lebensprobewelt desto
gediegenere Dienste leisten zu können. Wozu würde ihnen sonst wohl der Besitz
einer sogar schöpferischen Kraft und Gewalt dienlich sein?! Braucht man wohl
zum Nichtstun eine Kraft und eine Weisheit?! Ist ihre Tätigkeit und
Dienstleistung von einer für euch unbeschreibbaren Wichtigkeit für diese Erde
schon, wie groß muß sie sein in ihrer Wichtigkeit für die Geisterwelt, und aus
der für die ganze Unendlichkeit!
[GEJ.04_095,05] Ich kam ja auch nicht darum
zu euch, um aus euch Müßiggänger zu zeihen oder euch bloß für den Ackerbau, für
die Viehzucht und dergleichen mehreres zu bilden, sondern um aus euch tüchtige Arbeiter
für den großen Weinberg der Himmel zu erziehen. Meine Lehre an euch alle ist
dahin abgezielt, um fürs erste euch selbst im Gebiete eures inneren Lebens
wahrhaft zu vollenden, und fürs zweite, daß ihr dann selbst als
Lebensvollendete Mir schon hier und ganz besonders einstens drüben in Meinem
Reiche die tüchtigsten und kräftigsten Arbeiter abgeben möchtet und sollet.
[GEJ.04_095,06] Würde dies nicht Meine
Endabsicht sein, und Ich sagete zu euch: ,Seid nur hier tätig; einstens drüben
in Meinem Reiche werdet ihr dann bei bestem Saus und Braus in alle Ewigkeit
vollauf ruhen können und angaffen alle die Herrlichkeit Gottes!‘, so müßte Ich
Selbst blöder sein als irgendein Blödester aus euch. Ja, ihr werdet wohl Gottes
Herrlichkeiten ewig anzustaunen haben, aber ohne Tätigkeit nicht; denn an eurer
Tätigkeit wird es ja eben liegen, die Wunder der Himmel zu mehren und sie stets
herrlicher und göttlicher zu machen!
[GEJ.04_095,07] Ich will es, daß von nun an
alle Meine Gedanken und Ideen durch euch, Meine Kindlein, erst ins vollste Werk
gesetzt werden, hier schon für Seele, Herz und Geist eurer Brüder und
Schwestern, und jenseits aber in alle die großen Wirklichkeiten von ihrer
innersten geistigen Entstehungssphäre bis zu ihrer alleräußersten materiellen
Ausbildung, und von da zur abermaligen Rückführung ins gemehrte, rein und
selbständig geistige, vollendete Leben. Und dazu, Freunde, wird unendlich viel
Zeit, Geduld und eine große Tätigkeit erforderlich sein und eine ebenso große
und allumfassende Weisheit und Kraft!“
96. Kapitel
[GEJ.04_096,01] (Der Herr:) „Glaubet ja
nicht, daß eine Welt, wie diese kleine Erde nur, von heute bis morgen
erschaffen und auf ein mal bevölkert werden kann! Dazu gehören für eure Begriffe
undenkbar viele Myriaden von Erdjahren. Welch eine für euch undenkbar lange
Zeit gehört allein dazu, bis eine Welt zur Erkeimung eines Menschen reif wird!
Wie viele Pflanzen- und Tiergattungen müssen zuvor der Erde Boden durch ihre
Gärung und Verwesung gedüngt haben, bis sich auf ihrem Boden und in ihrem
Pflanzen- und Tierweltsmoder jener Humus gebildet hat, aus dem eine erste
kräftige Seele ihren Leib nehmen und ihn also einrichten konnte nach der
göttlichen Ordnung, daß er ihr dienlich werden mußte und fähig zur Fortzeugung
der gleichen Nachkommen, auf daß die fertigen und freien, aber noch unbeleibten
Seelen nicht mehr jahrhundertelang sich aus den Dünsten einen Leib
zusammenzuziehen notwendig haben, sondern denselben auf einem viel kürzeren Wege
in einem schon mit allem dazu Nötigen vollkommenst ausgerüsteten Mutterleibe
erzeugen.
[GEJ.04_096,02] Sehet, zu allem dem gehört
viel Zeit und viel Weisheit, viel Geduld und eine unendliche Kraft! Da aber
weder ihr und noch weniger Ich je werden zu denken und Ideen zu fassen
aufhören, so geht das Erschaffen auch ewig fort; denn leer denken kann Ich und
könnet auch ihr nicht! Wie der Gedanke aber einmal als ein Etwas empfunden
wird, so muß er als eine Form dastehen; steht er aber einmal als Form da, so ist
er auch schon geistig umhäutet, steht als Gegenstand lichtaufnahmefähig vor
uns, ansonst wir ihn nicht als ein geformtes Etwas wahrnehmen könnten. Solange
sonach Ich aus Mir denken und Ideen fassen werde und ihr aus Mir, so lange wird
auch das Erschaffen unmöglich aufhören. An Raum wird die Unendlichkeit ewig nie
einen Mangel leiden und uns nie eine Untätigkeitslangweile belästigen.
[GEJ.04_096,03] Wo es aber viel zu tun gibt,
da gibt es auch viele Bedienstungen, je nach den Graden der Dienstfähigkeit
derer, denen ein Amt zugemessen wird. Wer sich viele Eigenschaften in Meiner
Ordnung erworben hat, der wird auch über vieles gesetzt werden; wer sich aber
nur sehr wenige Eigenschaften erworben hat, der wird auch nur über sehr weniges
gesetzt werden. Wer sich hier aber gar keine Fähigkeiten erwerben wird, der
wird sicher dort so lange in aller Nacht schmachten und darben müssen, bis er
sich durch seine inneren, freien und selbständigen Bestrebungen insoweit
befähigt hat, um in irgendeinen auch nur allergeringsten Dienst zu treten.
Versieht er den geringsten Dienst gut, so wird er schon in einen bedeutenderen
gesetzt werden; versieht er ihn aber nur schlecht, so wird er bald auch das
verlieren, was er sich mit seinen wennschon geringsten Fähigkeiten ganz leicht
hätte erwerben können.
[GEJ.04_096,04] Wer da hat, dem wird noch
mehr gegeben werden, daß er dann eine Fülle haben soll; wer aber nicht hat, dem
wird auch das genommen, was er schon hatte, und wieder wird Nacht, Finsternis,
Hunger, Elend und allerlei Not sein Los sein so lange, bis er sich dazu
bequemen wird, zuerst in sich selbst tätig zu werden, um dadurch zu irgendeiner
weiteren Dienstfähigkeit zu gelangen.
[GEJ.04_096,05] Daher seid alle hier
bestrebsam, und lasset euch nicht blenden von den Schätzen dieser Welt, die da
vergehen werden wie die jetzige Materieform dieser ganzen dem Fleischauge
sichtbaren Schöpfung; sammelt euch aber dafür desto mehr der geistigen Schätze,
die für die ganze Ewigkeit dauern werden! Seid kluge Wirte und Haushälter im
Hause eures Herzens; je mehr der Geistesschätze ihr durch allerlei gute Werke
darin aufspeichern werdet, desto besser wird es euch drüben ergehen! Wer aber
hier karget und filzet, der wird sich's dereinst nur selbst zuzuschreiben
haben, wenn er seine Herzensvorratskammern nahezu völlig leer antreffen wird.
[GEJ.04_096,06] Hier ist's leicht sammeln;
denn hier wird alles, was jemand tut im guten Willen aus Liebe zu Gott und zum
Nächsten, als barstes und reinstes Gold angenommen; jenseits aber wird er alles
mit dem reinsten Golde der inneren und pursten Selbsttätigkeit aus sich selbst
und in sich selbst erwerben und bezahlen müssen. Und das, Meine Freunde, geht
in jenem Reiche etwas schwer, wo es keine äußeren Gold- und Silberbergwerke
gibt!
[GEJ.04_096,07] Hier könnet ihr aus dem
gemeinsten Straßenkote Gold machen und euch den Himmel dafür erkaufen, so euer
Herz in aller Wahrheit beim Kaufe dabei war; jenseits werdet ihr nur aus dem
Edelsten das Edle in euch selbst erzeugen können, und dies wird noch schwerer
sein, als hier aus den gemeinsten Kieseln Gold zu machen. Wer aber durch seine
edlen und guten Werke hier schon eine Masse und große Menge Goldes erzeugt hat,
der wird jenseits keinen Mangel daran haben; denn aus einem Sandkorne dieses
geistig edlen Metalles wird jenseits ein weltengroßer Klumpen, und das gibt
schon einen großen Vorrat.“
97. Kapitel
[GEJ.04_097,01] (Der Herr:) „Aber Ich sehe
nun in einigen von euch einen bösen Gedanken aufsteigen, den euch Satan geheim
eingeflüstert hat! Der Gedanke aber lautet also: Euch hat es Mühe gekostet und
viele Arbeit, daß ihr zu eurem Golde für euch und eure Nachkommen gekommen
seid, und nun sollet ihr es vergeuden an solche, die in allerlei Trägheit ihr
Leben verschleudert haben?! Lasset sie arbeiten und von euch ihr Brot
verdienen, das ihr ihnen nach ihrem Verdienste stets nur karg zumessen möget!
Wer nicht arbeiten kann und mag, der soll zugrunde gehen wie ein Hund auf
offener Straße!
[GEJ.04_097,02] Oh, Ich sage es euch, das ist
ein schlechter Gedanke, der euch eingegeben ward! Wie soll ein Blinder
arbeiten? Und doch ist er euer Bruder, der dasselbe Recht zu leben hat wie ihr,
die ihr sehet und höret und gerade Glieder habt. Wie sollen arme Greise und
schwache Kinder verarmter Eltern arbeiten, denen dazu die nötige Kraft
gebricht? Wie sollen Lahme und Krüppel arbeiten um euren Lohn, den ihr noch so
karg als möglich zumessen wollet?
[GEJ.04_097,03] Wie sollen jene Menschen
arbeiten, die von Tag zu Tag Arbeit suchen und nirgends eine finden? Denn zu
wem sie kommen, der weist sie damit weiter, daß er derzeit keine Arbeit für sie
habe. Und doch verweiset ihn euer böser Gedanke, Arbeit zu suchen, die er
irgendwoanders ebensowenig wie bei euch finden kann. Aus dem Menschen wird
endlich ein Bettler; den schmähet ihr dann und heißet ihn einen faulen
Tagedieb. Aus einem andern wird ein Dieb; den fanget ihr wie ein reißendes
Tier, mißhandelt ihn und werfet ihn dann erst in einen Kerker. Aus einem
dritten wird gar ein Raubmörder oder zum wenigsten ein gefürchteter
Straßenräuber. So ihr den fanget, wird er verurteilt, in einen Kerker geworfen
und kurze Zeit darauf qualvoll getötet.
[GEJ.04_097,04] Sehet, das sind zumeist
Erfolge eurer bösen Gedanken, die euch ganz geheim der Fürst der Finsternis
eingehaucht hat zu allen Zeiten. Aber von nun an soll es nicht also sein!
Solche Gedanken gehören der Hölle an, – aber in euren Gemütern sollen sie
nimmer stattfinden.
[GEJ.04_097,05] Es wird nicht verlangt, daß
ihr alle eure Habe darum an die Armen verteilen sollet, dieweil ihr Meine
Jünger seid; aber weise Verwalter des euch anvertrauten Vermögens sollet ihr
sein, auf daß ihr die unverschuldet Armen nicht darben und schmachten lassen
möget, wenn sie vor eure Türe kommen!
[GEJ.04_097,06] Sehet an hier den Freund
Ebahl aus Genezareth! Der hat, seit er ein Wirt ist, Tausende von allerlei
einheimischen und auch weltfremden Armen beherbergt, und das nie mit
Widerwillen oder mit einer Art Ängstlichkeit der Seinen wegen, – und doch ist
sein Vermögen um nichts geschmälert worden! Er besitzt nun im Gegenteile so
viele und große Erdenschätze, daß er sich dafür ein großes Königtum erkaufen
könnte; aber er legt auf alle diese Schätze nur darum einen Wert, weil er
dadurch um so mehr in den Stand gesetzt ist, noch mehr Armen kräftigst unter
die Arme greifen zu können. Er denkt nicht an sein ganzes Haus und an seine
Kinder nur so weit, daß sie alle in der Erkenntnis des einigen und allein
wahren Gottes stark und kräftig werden; dafür aber sorge dann Ich für alles
andere seines Hauses, und Ich stehe euch dafür, daß sein Haus an nichts je
einen Mangel leiden wird!
[GEJ.04_097,07] Den Ängstlichen aber
überlasse Ich die Sorge um ihr Haus und überschütte ihre Scheuer nimmer mit
Weizen und Korn, und ihre Kelter soll nicht überfließen vom Weine. Ihrer Gärten
Bäume sollen nicht strotzen vor Schwere Meines Segens, und ihre Teiche sollen
nicht zu sehr getrübt werden vor zu großer Menge der edlen Fische, und ihre
Herden sollen im Lande nicht die fettesten sein! Denn, wie her so auch hin, –
und es ist nirgends zu erwarten ein zu großer Gewinn! Wer auf Mich schwach
vertrauend baut, der soll auch ernten nach seinem Vertrauen! Ich werde
jedermann geben nach seinem Vertrauen und nach seinem Glauben, der stets eine
Frucht der Liebe zu Mir und zum Nächsten ist.
[GEJ.04_097,08] Seid darum stets und allzeit
barmherzig, und ihr werdet dann auch bei Mir eben allzeit Barmherzigkeit
finden! Wie ihr euch verhalten werdet gegen die armen Brüder und Schwestern,
also werde auch Ich Mich verhalten gegen euch. Ich sage und rate es euch allen:
Seid voll Dienstfertigkeit untereinander, überbietet euch im Wohltun, liebet
euch wahrhaft untereinander, also wie auch Ich euch liebe, so werdet ihr aller
Welt zeigen, daß ihr wahrhaft Meine Jünger und in eurem Geiste vollends Meine
wahren Kinder seid.
[GEJ.04_097,09] Dies ist die Bestimmung aller
Meiner Kinder, daß sie sich hier auf dieser Erde gleichfort üben sollen im
einstigen großen Geschäfte in Meinen Himmeln; denn dort wird alles und allein
nur die Liebe zu tun haben, und jede Weisheit, die nicht dem Flammenlichte der
Liebe entstammt, wird in Meinen Himmeln für immer und ewig nie eine Aufnahme
finden und ebenalso auch nichts zu tun bekommen!“
98. Kapitel
[GEJ.04_098,01] (Der Herr:) „Wer von euch
viel des Geldes hat, der leihe es nicht stets denen, die ihm hohe und
wucherische Zinsen und das Kapital zur bedungenen Zeit zurückbezahlen können,
sondern auch den Armen, die ihm weder das Kapital noch die Zinsen
zurückerstatten können, so wird er sein Geld bei Mir guthaben, und Ich werde
ihm schon hier zehnfach und jenseits hundertfach Kapital und Zinsen
zurückbezahlen. Wer aber sein Geld nur allein denen leiht, die ihm zur
bedungenen Zeit Kapital und Zinsen zurückbezahlen können oder in gewissen
Fällen durch gerichtlichen Zwang zurückzahlen müssen, der hat seinen Lohn schon
hier ganz genommen und hat von Mir keinen mehr zu erwarten; denn er hat dadurch
nicht Mir, sondern nur der Welt und sich selbst gedient.
[GEJ.04_098,02] Ihr werdet zwar sagen: ,So
man jemand, der in einer Not steckt, auch ein Geld auf Zinsen leiht, so ist das
ja auch eine Wohltat; denn der Entleiher hat sich dadurch geholfen, ist ein
reicher Mann geworden und kann dann ja ganz leicht Kapital und Zinsen
zurückerstatten! Denn der Darleiher hat ja doch wagen müssen, sein Geld im
ungünstigen Spekulationsfalle zu verlieren! Da es aber dem Entleiher genützt
hat, so kann darob ja doch kein Gott mit aller Seiner Weisheit Sich irgend
aufhalten, wenn er, der Entleiher, dem Darleiher das Kapital samt den
bedungenen Zinsen zurückbezahlt! Denn der Darleiher ist fürs erste ja auch ein
Mensch, gegen den ein anderer dieselben Verpflichtungen hat wie er zu ihm, und
fürs zweite kann das dargeliehene Geld ja des Darleihers ganze Habseligkeit
sein, von der er also, wie der Landmann vom Grunde und Boden, leben muß! Läßt
sich aber der Darleiher das dargeliehene Geld, wie auch die Zinsen davon, nicht
zurückerstatten, wovon soll er dann leben? Oder kann es der Entleiher auch nur
von ferne hin wünschen, das entliehene Geld zu behalten, indem er mit demselben
doch sehr viel gewonnen hat und wohl wissen kann und muß, daß dies des
gefälligen Darleihers einzige Habseligkeit ist?!‘
[GEJ.04_098,03] Dazu sage Ich: Jeder, der ein
Geld hat, und ein Freund benötigt dessen und kommt und will ein Darlehen, so
soll es ihm nicht vorenthalten werden. Wer es ihm darleiht gegen die
gesetzlichen Zinsen, der hat an ihm schon ein gutes Werk vollbracht, das auch
in den Himmeln seine Würdigung finden wird. Es ist aber ebenso die Pflicht des
Entleihers, dem Darleiher nicht nur gewissenhaftest das Entliehene samt den
bedungenen Zinsen zurückzuerstatten, sondern noch mehr; so er viel gewonnen
hat, soll er auch aus freiem Herzensantriebe den Gewinn mit dem Darleiher
teilen, da er ja doch nur mit dessen Gelde den Gewinn gemacht hat. Doch der
Darleiher soll das nicht irgend verlangen! Das alles könnet ihr in aller
Freundlichkeit tun, aber darum das andere nicht völlig fahren lassen!
[GEJ.04_098,04] Wenn aber zu dem, der ein
Geld zum Ausleihen hat, ein ganz Armer kommt, von dem es nicht zu erwarten ist,
daß er eine dargeliehene größere Summe ersprießlich und nutzbringend verwenden
könnte oder möchte, da ist von Mir aus kein Mensch verpflichtet, solch einem
Armen ein vom selben verlangtes Geld zu leihen, weil er auf diese Weise
mutwillig sein Geld, ohne jemand damit wirklich genützt zu haben, gleichsam
weggeworfen und dem armen Entleiher nur eine Gelegenheit bereitet hätte, durch
die er sich zu allerlei Ausschweifungen angetrieben zu fühlen anfangen würde
und je nach seiner Natur auch müßte. Solch ein Werk wäre sonach nicht besonders
gut, im Gegenteile nur mehr, wennschon gerade nicht schlecht, so doch sehr dumm
zu nennen, – was weder Meiner Liebe und noch weniger Meiner Weisheit angenehm
sein könnte.
[GEJ.04_098,05] Ah, ganz was anderes wäre es,
so ein armer Mann käme, von dem ihr wisset, daß er mit dem Gelde wohl umzugehen
versteht und er nur durch widrige Zufälle arm geworden ist, und verlangte von
euch ein Geld zu entleihen; dem sollet ihr es ja nicht vorenthalten, auch ohne
Zinsen und ohne eine sichere Zuversicht, das dargeliehene Kapital je
wiederzuerhalten! Hat der Mann das Geld gut verwendet, so wird er als euer
Bruder schon auch wissen, was er danach zu tun haben wird; denn er hat
dieselben Verpflichtungen gegen euch, wie ihr gegen ihn.
[GEJ.04_098,06] Sollte er das Entliehene
jedoch nicht mehr zurückzuerstatten imstande sein, so sollet ihr ihm darum
nicht gram werden oder euer Guthaben bei seinen Nachkommen suchen; denn dies
wäre hart und gänzlich wider Meine Ordnung. Sind aber die Nachkommen, besonders
die Kinder oder die ersten Enkel, zu einem Vermögen gekommen, so werden sie
sehr wohl und Mir wohlgefällig daran tun, jene Schuld zu tilgen, die ihr armer
Vater oder Großvater bei einem Menschenfreunde gemacht hat. Geschieht das, so
wird der Menschenfreund dann aber auch schon wissen, was er mit solch einem
Gelde aus Liebe zu Mir und zum Nächsten zu tun haben wird!
[GEJ.04_098,07] Wenn Ich demnach sage, daß
ihr euer Geld auch denen leihen sollet, die es euch nicht zurückerstatten
können, so will Ich damit nur eben das sagen, daß ihr mit eurem Geld oder
sonstigen Vorrat eben also euch gebaren sollet, wie Ich es euch nun angezeigt
habe; was darunter oder darüber ist, wäre entweder dumm oder von bedeutendem
Übel, also eine grobe Sünde wider die wahre Nächstenliebe!“
99. Kapitel
[GEJ.04_099,01] (Der Herr:) „Dienen heißt
demnach das große Losungswort durch alle Sphären der Unendlichkeit, im großen
Reiche der Natur sowohl, als auch im endlosen Reiche der Geister!
[GEJ.04_099,02] Auch der Hölle arge Bewohner
verstehen sich darauf, – nur mit dem gewaltigen Unterschiede von der Dienerei
der Bewohner der Himmel: In der Hölle will im Grunde jeder bedient sein; und
dient schon einer dem andern, so ist das bloß eine Augendienerei, also ein
allzeit höchst selbstliebig interessierter Scheindienst, wodurch einer den
andern täuschen will, um ihn bei einer günstigen Gelegenheit desto sicherer
unter seine Krallen zu bekommen und aus seinem Falle Vorteile für sich zu
ziehen.
[GEJ.04_099,03] Ein höllisches Gemüt hebt
seinen Oberen gerade aus der Ursache in die Höhe, aus der es am Ufer des Meeres
eine gewisse Gattung der Geier mit den Schildkröten macht. Ein solcher
dienstbarer Geier ersieht eine Schildkröte in einem Sumpfe herumwaten. Die
Kröte bemüht sich, aufs Land zu kommen, um Kräuter zur Stillung ihres Hungers
zu suchen. Der fleischlüsterne Geier erweist ihr den Gefallen, hebt sie vorerst
aus dem Sumpfe und setzt sie aufs trockene, kräuterreiche Land. Da fängt die
Kröte bald an, sich mit dem Suchen der ihr dienenden Kräuter abzugeben. Der
Geier sieht ihr eine Weile zu und macht bloß ganz leise Versuche, wie hart etwa
ihre Schale ist. Da aber sein scharfer Schnabel von der Schale kein Stück
Fleisches herauszwacken kann, so läßt er die arme Kröte so lange ganz ruhig
weiden, bis sie furchtloser und kecker ihren Kopf aus der Schale, nach den
Kräutern gierend, herausstreckt.
[GEJ.04_099,04] Wie der Geier solches
Zutrauen bei der Kröte merkt, packt er mit seinen Krallen den weichen,
fleischigen Kopf, hebt dann die Kröte hoch in die Luft und trägt sie dahin, wo
er unten auf der Erde einen steinigen Grund merkt. Dort läßt er die so hoch
emporgehobene Kröte los, und da beginnt ihr tödlicher Fall. Auf hartem
Steinboden pfeilschnell anlangend, zerschellt sie in Stücke, und der Geier, der
leichten Fluges sein fallend Opfer ebenso pfeilschnell begleitet hatte, ist
dann auch schnell bei der Hand und fängt nun an, den Lohn seines früheren
Diensteifers zu sich zu nehmen und damit seinen stets hungrigen Magen
vollzustopfen. – Da habt ihr ein treues Naturbild des höllischen Diensteifers!
[GEJ.04_099,05] Es ist dies wohl auch ein
Dienen, aber ein höchst eigennütziges, und sonach ist jeder irgend mehr oder
weniger eigennützige Dienst, den sich die Menschen gegenseitig erweisen, auch
stets mehr oder weniger mit der Dienerei der Hölle verwandt und kann, insoweit
er mit der Hölle verwandt ist, unmöglich einen Wert vor Mir und allen Meinen
Himmeln haben. Nur ein rein uneigennütziger Dienst ist auch ein wahrer und
somit auch ein rein himmlischer Dienst und hat vor Mir und vor allen Meinen
Himmeln allein einen wahren und vollkommenen Wert.
[GEJ.04_099,06] Wenn ihr euch sonach
gegenseitig dienet, da dienet euch in Liebe und wahrer Brüderlichkeit, wie
solches in den Himmeln gang und gäbe ist! Wenn jemand einen Dienst von euch
sich erbittet, so verrichtet denselben in aller Freudigkeit und Liebe, und
fraget den Dienstbieter nicht vor der Dienstleistung um den Lohn; denn solches
tun auch die Heiden, die den wahren Vater im Himmel nicht kennen und ihre Sitten
mehr von den Tieren denn von einem Gotte genommen haben! Beweise für das
liefern noch bis auf den heutigen Tag die alten Ägypter, deren erster, sie zu
einigem Nachdenken nötigender Schulmeister ein Stier war, dem sie darum auch
bis auf diesen Tag eine göttliche Verehrung erweisen.
[GEJ.04_099,07] So dir aber jemand einen
guten Dienst erwiesen hat, da sollst du dann aber auch nicht fragen und sagen:
,Freund, was schulde ich dir?‘, sondern du sollst den dir gut geleisteten
Dienst deinem Freunde aus aller Liebe und Freudigkeit deines Herzens nach
deinen Kräften bestens belohnen! Wird der, welcher dir den guten Dienst
erwiesen hat, dessen gewahr, so wird er dich umarmen und sagen: ,Edler Freund,
sieh, einen nur sehr kleinen Dienst habe ich dir geleistet, und du belohnst
mich dafür so groß! Sieh, ein Zehnteil davon ist mehr denn übergenug, und
selbst den nehme ich nur als einen Beweis deines mir so teuren Bruderherzens
an!‘
[GEJ.04_099,08] Wenn der Dienstleister also
zu seinem Dienstherrn reden wird aus dem wahren und lebenstiefen Gefühlsgrunde,
werden da der Diener wie der Dienstgeber nicht sogleich zu wahren
Himmelsbrüdern werden?! Ganz sicher, und es wird eben dadurch das wahre Reich
Gottes zu euch kommen und euch himmlisch beherrschen mit dem Zepter des Lichtes
und aller Gnade.“
100. Kapitel
[GEJ.04_100,01] (Der Herr:) „Oh, es genügt
lange nicht, nur zu wissen und zu glauben, was nach der Ordnung Gottes und
aller Himmel gut, recht und wahr ist, sondern handeln muß man danach in aller
Liebe und Freudigkeit des Herzens, dann erst kommt das Reich Gottes und seine
Gerechtigkeit wahrhaft unter euch Menschen und macht euch also erst zu den
wahren Kindern Gottes!
[GEJ.04_100,02] Was würde jemandem aber auch
nützen alle Einsicht und Erkenntnis, er täte aber nicht danach, sondern bliebe
bei der altgewohnten Weltsitte?! Gliche der nicht einem törichten Menschen, der
einen Palast zum reinen Geschenke bekommen hat, daß er denselben bewohne mit
den Seinen in großer Ruhe und aller Bequemlichkeit?! Dieser Mensch hätte zwar eine
große Freude an des Palastes herrlichsten und bequemsten Einrichtungen; aber er
ist des höchst unbequemen Wohnens in seiner alten, schmalen und unreinen Hütte
von Jugend an gewohnt und bleibt trotz der Einsicht des Guten und überaus
Zweckmäßigen des herrlichen und überaus geräumigen Palastes dennoch in der
feuchten, ungesunden und höchst unbequemen Hütte mit den Seinigen und klagt
aber in einem fort über die großen Mängel seiner engen Behausung!
[GEJ.04_100,03] Ja, wenn so ein Mensch nicht
ein Narr ist, so ist doch kein Narr in dieser Welt! Aber ein noch bei weitem
größerer Narr ist der, welcher Meine Lehre hat und sie als ewig wahr erkennt,
dabei aber in all seinem Handeln dennoch stets ein alter Jochochse verbleibt!
[GEJ.04_100,04] Ich sage es euch allen: Gar
sanft ist Mein euch an den Dienstnacken gelegtes Joch und überaus leicht die
euch zum Tragen auferlegte Bürde. Wer sie tragen wird, wird eine leichte Mühe
haben. Wer sie aber nicht tragen wird, der wird es sich nur selbst
zuzuschreiben haben, so es ihm schlecht und bitter und jämmerlich ergehen wird.
Erweiset euch gegenseitig eine rechte Liebe, so werdet ihr auf sanften und
überweichen Kissen ruhen! Wollet ihr aber lieber Steine unter euren Häuptern
haben, so möget ihr sie auch haben; aber dann klage am Morgen des Lebens ja
niemand, daß sein Haupt auf dem Steine wund und schmerzhaft geworden sei!
[GEJ.04_100,05] So du einen treuen Diener
hast und einen ungetreuen, bist du nicht ein riesenhafter Esel, so du den
treuen Diener darum von dir entfernest, weil er um vieles kürzer in deinem
Hause ist als jener echte, alte Spitzbube, der dich noch bei jeder Gelegenheit
nach aller deiner Länge und Breite betrogen hat?! Darum muß von euch alle
Altdienerei ganz verschwinden; denn sie taugt nicht zur reinen Lehre aus dem
Himmel, und diese Lehre ist nicht nur so ein neuer Lappen zum Ausstopfen eines
alten, ganz zerrissenen Rockes, sondern sie ist für sich ein ganz neues,
fertiges Kleid, dem der alte, schlechte Rock ganz Platz machen muß!
[GEJ.04_100,06] Ich aber verstehe unter dem
alten Rocke ja nicht etwa Moses und die Propheten – denn diese sind ein
reinstes Gold aus den Himmeln –, sondern eure Menschensatzungen verstehe Ich
unter dem Bilde des alten, zerrissenen Rockes. Aus diesen und aus den Satzungen
des Tempels ist nichts mehr zu machen; denn setzte man da auch irgendeinen ganz
neuen Fleck auf einen weitklaffenden Riß, so könnte man ihn doch nicht annähen,
weil des alten Rockes zu morsch gewordener Stoff keinen Stich mehr halten
würde.
[GEJ.04_100,07] Moses hat zwar für die
damalige Zeit eine Verfassung für den ganzen Haushalt und für alle Bedürfnisse
und Nöte der Menschheit dem israelitischen Volke gegeben; diese wurde aber
schon ganz entstellt, und taugte auch als unentstellt zu dieser Meiner Lehre
nicht mehr. Denn so man pflügt, kann man nicht Ernte halten; so aber das gesäte
Weizenkorn reif geworden ist, da dinget man Schnitter, und dann taugt der Pflug
nicht unter den Schnittern. Moses hat gepflügt, die Propheten haben gesät, und
nun ist die Schnitt- und Erntezeit herbeigekommen, in der man Moses mit dem
Pfluge in der Hand nicht mehr brauchen kann. Wir werden nun wohl Ernte halten
und bringen in unsere Scheuern, was da nur immer reif ist; aber nach der Ernte
wird euch wieder der Pflug Mosis in die Hände gegeben werden zum neuen
Auflockern des Erdreichs und zur neuen Ansaat eines reinsten Weizens aus den
Himmeln, und es werden da Hüter bestellt werden, die da wohl achthaben werden,
daß kein Feind komme und Unkraut säe unter den reinsten Weizen!“
101. Kapitel
[GEJ.04_101,01] (Der Herr:) „Wohl wird die
Erde neu bebaut werden, wohl wird der reinste Same in die frischen Furchen
gestreut werden, und es werden Hüter bewachen den Acker, – aber dennoch
erschaue Ich schon eine Menge Unkrautes unter dem neuen Weizen! Wie kommt das
unter den Weizen?
[GEJ.04_101,02] Ja sehet, das ist eine Sünde
der Hüter! Sie schliefen ein, als die Nacht kam; denn sie dachten und sagten:
,Wer wird es wagen, so wir den Acker umstellt halten?!‘
[GEJ.04_101,03] Aber als sie schliefen,
schlich sich der Feind auf den Acker und streute schnell seinen bösen Samen
über den Acker.
[GEJ.04_101,04] Und als morgens die Hüter
merkten, daß unter dem Weizen auch eine Menge Unkrautes zum Vorscheine gekommen
ist, eilten sie freilich zum Herrn und sagten: ,Herr! Den reinsten Weizen, wie
du ihn uns gegeben hast, haben wir in den ebenso lautern Erdboden gesät und
hüteten wohl den schönsten Acker; aber was nützte all das?! Nun kam denn doch
der Feind, irgend heimlich von uns unbemerkt, und hat viel Unkrautes unter den
Weizen gestreut! Es geht nun wucherisch auf! Sollen wir es ausjäten oder
wachsen lassen?‘
[GEJ.04_101,05] Was wohl wird der Herr ihnen
zur Antwort geben? Ich sage es euch, daß er also reden wird: ,Dieweil ihr nicht
wach geblieben seid zur Zeit der Nacht, die da ist eine Lebensprobe für jeden
Menschen, so hatte der Fürst der Finsternis ja doch ein leichtes Spiel, sein
Unkraut unter meinen Weizen zu säen! Lasset aber nun beides wachsen bis zur
Zeit der Neuernte; da werden wir den Schnittern sagen: ,Sammelt zuerst den
Weizen und bringet ihn in meine Scheuern, und darauf aber sammelt auch das
Unkraut und bindet es in Bündel und machet ein Feuer und verbrennet alle
Unkrautbündel, auf daß dessen Same nicht von neuem in die Erde komme und sie
verunreinige!‘‘
[GEJ.04_101,06] Ihr fraget nun emsig in euren
Herzen und saget: ,Wie so, wie das, wie soll man das verstehen?‘
[GEJ.04_101,07] Und Ich sage euch, daß dies
gar leicht zu verstehen ist. Der Acker ist gleich den Herzen der Menschen
dieser Erde; der reinste Weizen ist Meine Lehre; der Pflüger und Säer bin nun
Ich Selbst und ihr mit Mir. Die bestellten Hüter seid auch ihr und die, die ihr
in Meinem Namen bestellen werdet. Der Herr bin Ich, und Meine Scheuern sind die
Himmel. Satan aber ist der Feind, und sein Unkraut ist die arge Welt mit all
ihren bösen und todbringenden Gelüsten. Die neu bestellten Schnitter sind jene
Boten, die Ich zu seiner Zeit neu aus den Himmeln erwecken und senden werde, zu
sammeln den Weizen und zu verbrennen all das böse Unkraut, damit es fürder
nicht mehr so leicht verunreinige den Acker und den Weizen. – Nun, werdet ihr
das wahre Bild etwa wohl verstehen?
[GEJ.04_101,08] ,Ja‘, saget ihr, ,nun
verstehen wir es wohl! Aber Du, o Herr, könntest mit Deiner Allmacht und
Allweisheit ja doch leicht verhüten, daß fürder, wenn uns auch manchmal in der
Lebensprobenacht ein wenig Schlaf käme, der Feind nicht kommt und seinen bösen
Samen streut unter den reinsten Weizen!‘
[GEJ.04_101,09] Und Ich sage darauf: ,Meine Allmacht
kann und darf da nichts zu tun haben, wo sich in Meinen Kindern ein freies
Leben entfalten soll. Da kann Ich Selbst jemandem nicht mehr tun, als ihr euch
untereinander. Ich gebe euch den Acker, den Pflug, den Weizen, und bestelle die
Schnitter; aber arbeiten müßt ihr dann selbst! Und arbeitet ihr recht, und
gebricht es euch irgend an der nötigen Kraft, so wisset ihr nun schon, daß Ich
euch damit allzeit ausrüsten werde, so ihr Mich darum angehen werdet in euren
Herzen, und ihr werdet dann mit erneuter Kraft gut arbeiten haben; aber für
euch arbeiten kann und darf Ich ewig nicht! Und würde Ich das, so hättet ihr
für die Freiheit und Selbständigkeit eures Lebens keinen Nutzen; denn da wäret
ihr pure Maschinen, aber ewig keine freien, aus sich heraus lebenden, denkenden
und handelnden Menschen!‘
[GEJ.04_101,10] Aus dem allem muß es euch nun
vollauf klar werden, daß das gegenseitige Dienen nach Meiner nunmaligen Lehre
die Hauptbedingung alles Lebens ist! – Verstehet nun dieses alles wohl!“
[GEJ.04_101,11] Sagt Cyrenius: „Herr, Du
allein Wahrhaftigster in Ewigkeit, Dir ist niemand gleich! Deine Worte sind
klar, sind Wahrheit und Leben! Ich fange nun erst an zu leben, und es kommt mir
vor, als wäre ich nun erst so recht aus einem tiefsten Schlafe erweckt worden.
Also, wie Du, o Herr, nun geredet hast, kann ja nur ein Gott und kein Mensch
reden, weil kein Mensch wissen kann, was in ihm ist, und was ihn belebt, und
wie er das Leben fruchtbringend kultivieren soll! Wir, o Herr, sind nun wohl
versorgt und verwahrt von Dir aus unmittelbar für ewig; aber die nach uns
kommen werden, werden bei allem Diensteifer vielleicht schon mit allerlei
Unkraut auf Deinem Acker mitten unter dem herrlichsten Weizen sehr zu kämpfen
bekommen! Doch was da steht in meiner Macht, so soll es der Hölle ein gar so
leichtes nicht werden, ihr Unkraut dem Acker einzustreuen, den Du uns nun
gezeigt hast!
[GEJ.04_101,12] Aber nun möchte ich denn doch
auch noch aus Deinem Munde erfahren, wie denn die Hölle und ihr Fürst bei den
Menschen einwirken! Wie bringen sie ihr Unkraut auf den Acker der Himmel?“
102. Kapitel
[GEJ.04_102,01] Sage Ich: „Nichts leichter
als das! Ich habe es euch schon gezeigt, wie ein jeder Mensch durch den Weg des
Gesetzes wandeln muß, so er zur Freiheit und zur Selbständigkeit seines Seins
und Lebens gelangen will. Wenn aber ein Gesetz besteht, das dem Menschen wie
von außen her gegeben wird, so muß ja auch eine Anreizung im Menschen sein,
dasselbe noch leichter und freudiger, wenn auch nur für den Moment, zu
übertreten, als es ganz strenge zu halten. Also wurden vor aller materiellen
Schöpfung Geister von Mir aus ins Dasein gerufen, was und wie Ich es euch schon
also gezeiget habe, daß ihr es habt verstehen und begreifen müssen; denn ihr
selbst beachtet heutzutage, so ihr etwas schaffet, ganz dieselbe Ordnung.
[GEJ.04_102,02] Zuerst fasset ihr allerlei
Gedanken; aus diesen bildet ihr dann Ideen und Formen. Habt ihr einmal aus den
Gedanken und Ideen eine bestimmte Form entwickelt, so wird diese durch den
Willen, daß sie bleibe, umhäutet. Ist sie einmal das, so bleibt sie schon in
einem geistigen Sein ganz unverwüstbar, und ihr werdet euch ihrer allzeit
bildsam gegenwärtig, sooft ihr derselben nur immer gegenwärtig werden wollet.
Je länger ihr aber eine derartig geformte Idee in euch schon als einen
förmlichen Gegenstand betrachtet, desto mehr Neigung fasset ihr zu der
geformten und geistig umhäuteten Idee; es erwacht in euch Liebe zu dieser
geistigen Form. Die Liebe zu ihr nimmt zu, es flammet in eurem Herzen für sie,
und durch die Lebenswärme und durch das Licht aus der Liebesflamme wird die nun
stets bestimmter geformte Idee in sich selbst mehr und mehr ausgebildet,
vollständiger, schöner, und ihr fanget an, aus ihrer stets größeren
Vervollständigung allerlei Nutzbarkeiten zu entdecken und Entschlüsse zu
fassen, die nun stets mehr ausgebildete Idee in ein äußeres Werk zu setzen und
zu übertragen.
[GEJ.04_102,03] Anfangs machet ihr auf dem
Pergamente Zeichnungen, und das so lange, bis die Zeichnung vollähnlich dem
schon ausgebildeten Geistbilde in euch wird. Findet ihr an der Zeichnung
gegenüber dem Geistbilde in euch nichts mehr auszustellen, so beratet ihr euch
mit Sachverständigen, wie dieses ins wirkliche materielle Werk umzugestalten
und zu verwandeln wäre. Und die Sachverständigen denken nach, finden sich in
der aufgestellten Idee bald zurecht und sagen: ,Dieses und jenes brauchen wir
dafür, eine Zeit von ein paar Jahren, und soundsoviel wird es kosten!‘ Ihr
machet dann einen Kontrakt, das Werk wird begonnen, und in ein paar Jahren
steht eure Idee zur Ansicht, Bewunderung und Benutzung vor euch und Tausenden
von anderen Menschen.
[GEJ.04_102,04] Sehet, also erschaffet ihr
eure Häuser, Geräte, Städte, Burgen, Schiffe und noch tausenderlei andere
Dinge! Und ebenalso erschaffe Ich auch die Himmel, die Welten und alles, was
diese fassen und tragen. Freilich wird zur Erschaffung einer Welt mehr Zeit
erfordert, als ihr da derselben bedürfet, um eine Hütte, ein Haus oder sonst
etwas aufzubauen; denn ihr habt schon die fertige Materie vor euch, – Ich aber
muß die Materie erst schaffen und sie nehmen aus der unwandelbarsten Festigkeit
Meines Willens.
[GEJ.04_102,05] Ich könnte irgendeine Materie
auch wohl augenblicklich herstellen, ja sogar ein ganzes Weltenheer in einem
Moment ins Dasein rufen; aber solch eine Welt würde eben darum schwer einen
haltbaren Bestand haben, weil sie von Mir früher zu wenig genährt worden ist
bis zu ihrer Vollreife. Ist aber eine große Weltenidee bei Mir einmal gehörig
ausgereift und genährt worden durch Meine Liebe und Weisheit, so wird sie dann
auch stets mehr und mehr an Intensität gewinnen und wird dadurch stets mehr und
mehr bestandfähig.
[GEJ.04_102,06] Ist es ja doch auch bei euch
also, wo ihr schon mit der fertigen Materie zu tun habt! Ein Haus, das ihr zur
Not innerhalb eines Tages erbaut habt, wird wahrlich keinem Jahrhundert und
noch weniger einem Jahrtausend trotzen! Aber bei Bauten, vor deren Beginne ihr
einmal die geformte Idee in euch in einer längeren Zeit habt vollauf ausreifen
lassen und dabei erst selbst aus dem Widerstrahlen eurer Idee ins stets klarere
gekommen seid, was da alles dazu erfordert wird, um eine solche Form in ein
möglichst dauerhaftes und vollendetstes werkhaftes Dasein umzugestalten, da
werdet ihr auch etwas Dauerhaftes aufstellen gleich den Pyramiden, die bis
jetzt schon, allen gebildeten Sterblichen bekannt, nahe zweitausend Jahre
stehen und allen Stürmen trotzen und noch mehr als viermal solange stehen
werden, kaum von außen her ein wenig verwittert.
[GEJ.04_102,07] Hätten die alten Pharaonen
nicht lange genug nachgedacht, solche Gebäude als Bewahranstalten für ihre
Geheimkünste und Wissenschaften zu erbauen, die der Zahn der Zeit Jahrtausende
hindurch nicht zerstören solle, so ständen diese Pyramiden nimmer als Denkmäler
der Urbaukunst; aber weil die Erbauer zuvor ihre einmal gefaßte und in eine
volle Form übergegangene Idee jahrelang genährt und auf diese Weise zu einer
Reife gebracht haben, so ist es denn auch begreiflich, warum ihre in die
Materie übersetzte Idee noch heute den Wanderer mit Staunen erfüllt.
[GEJ.04_102,08] In der Folge lernten die
Menschen zwar recht schnell denken und konnten aus der Summe ihrer Gedanken
schnell eine Idee entwickeln, die manchmal sogar sehr kompliziert war, auch
zumeist ins Werk gesetzt ward; aber da die Idee bald und leicht entwickelt war,
so wurde sie auch bald und leicht ins Werk gesetzt. Das Werk selbst aber war
darum auch ein leichtes und der zu geringen Vorreife der Idee wegen ein bald
vergängliches. Kurz, alles Leichte bleibt leicht, und alles Schwere bleibt
schwer!“
103. Kapitel
[GEJ.04_103,01] (Der Herr:) „Als Ich im
Voranfange die Geister als Meine reifgewordenen Ideen aus Mir hinausstellte und
sie erfüllte mit Meiner Kraft also, daß sie selbst zu denken und zu wollen
begannen, da mußte ihnen denn auch eine Ordnung gezeigt werden, nach der sie zu
denken, zu wollen und endlich zu handeln haben sollten. Mit dieser angezeigten
und gegebenen Ordnung mußte aber auch der Reiz zur Nichthaltung der gegebenen
Ordnung in diese ersten Wesen gelegt werden, ansonst sie von ihrem Wollen nie
irgendeinen Gebrauch zu machen imstande gewesen wären. Der in sie gelegte Reiz
brachte in ihnen erst eine wahre Lebensregung zustande, der zufolge sie zu
schließen, zu wählen, fest zu wollen und zu handeln begannen.
[GEJ.04_103,02] Es ist, so man das weiß, dann
endlich ganz leicht zu begreifen, daß schon in den erstgeschaffenen Geistern
ein gewisses Unkraut sich zu zeigen anfangen mußte, weil der Reiz gar viele der
ersten Geister aus der Ordnung hob und sie im stets mächtiger werdenden
Widerstreben am Ende verhärten mußten und auf diese Weise den Grund zur
materiellen Weltenschöpfung boten.
[GEJ.04_103,03] Zuerst wurden
Hauptzentralsonnen, und aus ihnen wurden endlich alle zahllosen anderen Sonnen
und Weltkörper und mit diesen jedes und alles andere, was ihr auf, über und in
ihnen entdecket und findet.
[GEJ.04_103,04] Alles, was nun Materie ist
und heißt, war dereinst Geistiges, das da freiwillig aus der guten Ordnung aus
Gott getreten ist, sich in den verkehrten Anreizungen begründete und in selben
verhärtete, was dann die Materie bildete und ausmachte. Die Materie selbst ist
demnach nichts anderes als ein gerichtetes und aus sich selbst verhärtetes
Geistiges; noch deutlicher gesprochen, ist sie eine allergröbste und schwerste
Umhäutung oder Umhülsung des Geistigen.
[GEJ.04_103,05] Das Geistige aber kann mit
all der noch so harten und groben Umhülsung nie selbst zur vollkommenen Materie
werden, sondern lebt und besteht in der Materie, welcher Art sie auch sei, fort.
Ist die Materie sehr hart, so ist das geistige Leben in ihr auch sehr geknebelt
und kann sich nicht irgend weiter äußern und entfalten, so ihm nicht irgendeine
Hilfe von außen her gegeben wird.
[GEJ.04_103,06] Im harten Gesteine kann das
Leben erst dann zu einer Äußerung gelangen, wenn der Stein in langer
Zeitenreihe von Regen, Schnee, Tau, Hagel, Blitz und noch anderen Elementen
erweicht und stets morscher und morscher wird. Dadurch entfleucht dann etwas
Leben als Äther in die Luft, ein Teil bildet sich eine neue und leichtere
Umhülsung, anfangs in der Form der zarten Schimmel- und dann Moospflanzen; aber
für die Dauer mit dieser Umhülsung unzufrieden, ergreift sich das freiere Leben
und schafft sich alsbald eine neue Umhülsung, in der es sich freier und
selbständiger bewegen kann.
[GEJ.04_103,07] Solange die neue Umhülsung
zart und weich ist, befindet sich das gefangene Geistige ganz wohl und verlangt
nichts Besseres. Aber die anfangs ganz zarte Umhülsung wird durch die innere
Tätigkeit der Geister, die nun stets mehr und mehr alles sie drückende
Materielle zur Seite schaffen, auch wieder härter und gröber; daher trachtet
das geistige Leben nach aufwärts, bildet dadurch des Grases Halm und im weitern
Verfolge des Baumes Stamm und sucht sich durch gemachte und stets enger
gezogene Ringe und Einschnitte vor der von unten her nachstrebenden stets
größeren Verhärtung zu schützen. Aber da aus dieser Tätigkeit am Ende doch
keine Rettung vor dem gänzlichen Erstarren zu erwarten ist, so verengern sie
den untern Stamm soviel als nur möglich und ergreifen die weitere Flucht in
kleine Zweiglein, Fäden, Blätter, Härchen und endlich in die Blüte; weil aber
auch alles das in kurzer Zeit wieder härter und härter wird und die Geister zum
größten Teile sehen, daß ihr ganzes Mühen ein vergebliches ist, so fangen sie
bald gewisserart sich einzupuppen an und verwahren sich in Hülschen, die sie
recht fest mit einer ihnen entsprechenden bessern Materie umlagern.
[GEJ.04_103,08] Dadurch entstehen dann
allerlei Samen und Früchte. Aber der am meisten selbstsüchtige Teil des in
einer Pflanze freier gewordenen Lebens gewinnt nicht viel; denn das, was sich
in eine feste Keimhülse einschloß, muß so oft denselben Weg durchmachen, als
wie oft der Same in die feuchte und lebensgesättigte Erde kommt. Der andere,
mehr geduldige Lebensteil, der sich's gefallen ließ, in der unteren Materie als
Schildwache und als Träger des eifrigsten, furchtsamsten und ungeduldigsten
Lebens zu verbleiben, verwest bald und geht bald in eine noch höhere und freiere
Lebenssphäre über, umhäutet sich zwar noch immer, aber gewöhnlich schon mit
einer ihm entsprechenden Tierform; und was da als Frucht von Tieren und gar
Menschen verzehrt ward, wird dem gröberen Teile nach zur Bildung und Nahrung
des Fleisches verwendet, und dem edleren Teile nach wird es zum
nervenstärkenden und belebenden Geiste, und der ganz edle Teil wird zur
Seelensubstanz.“
104. Kapitel
[GEJ.04_104,01] (Der Herr:) „Wenn ihr nun
diesen Fortgang ein wenig näher betrachtet, so wird es euch wahrlich nicht
schwer werden, in richtiger Wahrheitstiefe zu erkennen, woher das Unkraut auf
den reinen Acker des Lebens kommt.
[GEJ.04_104,02] Alles, was Welt und Materie
heißt, ist ein Verkehrtes, der wahren, geistigen Ordnung aus Gott stets und
notwendig Widerstrebendes, weil es ursprünglich als eine Gegenreizung zum
Erwecken des freien Willens in der belebten und als Selbstwesen aus Gott
hinausgestellten und wohlgeformten Idee in sie gelegt werden mußte, und ist
darum als das wahre Unkraut auf dem allein wahren und geistreinen Lebensacker
anzusehen.
[GEJ.04_104,03] Ist das Unkraut ursprünglich
auch eine Notwendigkeit zur Konstatierung eines völlig freien, geistigen
Lebens, so muß es aber endlich von dem frei geschaffenen Menschwesen doch als
solches erkannt und freiwillig hinausgeschafft werden, weil es mit demselben
unmöglich fortbestehen kann. Es ist wohl ein notwendiges Mittel zum Zwecke,
kann aber nie mit dem Zwecke selbst eins werden.
[GEJ.04_104,04] Das Netz ist auch ein notwendiges
Mittel zum Fange der Fische; aber wer wird es darum ins Wasser tauchen, um es
statt der Fische um seiner selbst willen wieder herauszuziehen, es dann am
Feuer zu rösten und als eine Speise zu genießen?! Das Netz ist also nur zum
Fange der Fische notwendig; und hat man damit die Fische aus dem Wasser gehoben
und sie in die Speisekammer gebracht, so legt man das Netz weg und benutzt den
damit gemachten Gewinn.
[GEJ.04_104,05] Es muß sonach ja der Reiz zum
Übertreten des Gebotes dasein; denn er ist ein Wecker des Erkenntnisvermögens
und ein Wecker des freien Willens. Er erfüllt die Seele mit Lust und Freude auf
so lange, als sie den Reiz gar wohl erkennt, ihm aber nicht huldigt, sondern
ihn stets mit demselben freien Willen bekämpft, der eben durch den Reiz in ihr
erweckt und belebt wurde, und die freie Seele gebraucht ihn dann als ein
Mittel, nicht aber als einen in ihm erreichten Zweck.
[GEJ.04_104,06] Der Schlauch ist ja doch nie
der Wein selbst, sondern nur ein Gefäß für die Erhaltung des Weines. Wer wird
aber so dumm sein und möchte des reizenden Geruches wegen gleich in den
Schlauch sich verbeißen und ihn beschädigen, da er doch wissen kann, daß er den
Schlauch nur an der rechten Stelle zu öffnen hat, um den puren Wein aus dem
Schlauche zu bekommen?!
[GEJ.04_104,07] Das Unkraut oder der Reiz zum
Übertreten des Gesetzes ist daher ein Untergeordnetes und darf nie und nimmer
zu einer Hauptsache werden; wer immer das höchst Untergeordnete zur Hauptsache
macht, der gleicht einem Narren, der sich mit den Töpfen, in denen gute Speisen
gekocht werden, sättigen will, die Speisen aber wegwirft!
[GEJ.04_104,08] Worin aber besteht das
Unkraut, durch dessen Verwesung das Leben gedüngt werden soll? Welche Namen hat
denn hernach der in die belebte Form gelegte gegengesetzliche Reiz? Er heißt
Eigenliebe, Selbstsucht, Hochmut und am Ende Herrschsucht. Durch die Eigenliebe
geht die belebte Form zwar in sich, aber mit einer Habgier, alles in sich zwar
aufzunehmen, aber es dann in sich für immer also zu verschließen und zu
verwahren, daß es da nie außer sich jemandem zugute kommen solle, und das aus
Furcht, ja selbst nie in irgendeinen Mangel zu geraten! Durch solches
In-sich-selbst-Verschließen alles dessen, was es von der alles ernährenden und
erhaltenden Gottesordnung stets in sich aufnimmt, muß in dem Wesen eine stets
wachsende Verdichtung entstehen und eine gewisse zeitweilige Gediegenheit und
Präpotenz und dadurch ein besonderes Wohlgefallen an sich selbst, – und das ist
im vollwahren Sinne des Wortes und der Bedeutung nach die Selbstsucht, die ihr
Selbst als etwas fühlbar Vollgewichtiges über jedes andere Selbst mit aller
Kraft und Gewalt zu erheben bemüht ist durch alle ihr zu Diensten stehenden
Mittel, und wären sie schon gleich auch von der allerschlechtesten Art.
[GEJ.04_104,09] Hat die Selbstsucht das, was
sie wollte, erreicht, dann erhebt sie sich über alles ihr Ähnliche und blickt
gewisserart wonnetrunken auf alles mit einer Verachtung herab; und diese
Verachtung gleicht dem Ekel eines überfüllten Magens gegen vor ihm stehende
Speisen und ist dann das, was man den Hochmut nennt. Darin ist schon sehr viel
Materie und ein ganzes Feld voll des schlechtesten Unkrautes.
[GEJ.04_104,10] Der Hochmut aber ist in sich
selbst von der größten Unzufriedenheit, weil er noch immer die Wahrnehmung
macht, daß ihm noch immer nicht alles zu Diensten steht, wie er es haben
möchte. Er prüft nun alle seine Mittel und sonstigen Kräfte und findet, daß er
sich alles dienstfertig machen könnte, so er politischermaßen einen Flotten und
Freigebigen spielen würde. Gedacht, geprüft und getan! Da es der Hungernden
stets mehr gibt als der Gesättigten, so hat der flott gewordene Hochmut ein
ganz leichtes Spiel. Bald sammeln sich alle die hungernden Kleinkräfte um ihn
und lassen über sich ganz strenge gebieten, weil nun auch sie von dem Reichtume
des Hochmutes etwas zu schnappen bekommen. Sie gehorchen nun schon sklavisch
dem Hochmute, vermehren dadurch seine Kraft, und der Hochmut trachtet nun schon
gleich, sehr vieles oder lieber alles sich dienst- und zinsbar zu machen. Und
dies unersättliche Trachten ist dann das, was man im wahrsten Sinne die
allerverderblichste Herrschsucht nennt, in der keine Liebe mehr waltet.
[GEJ.04_104,11] In solcher Herrschsucht aber
spricht sich dann schon die allerdickste Materie aus; mit ihr ist ein ganz zu
Granit verhärteter Planet mit allen möglichen bösen Elementen allerbestens
versehen. Daß aber die Herrschsucht und mit ihr die wirkliche Herrscherei der
allerdichtesten Materie gleich ist, beweisen die überaus festen Burgen und
Festungen, hinter denen sich die Herrscher verschanzen. Mehrere Klafter dick
müssen die Mauern sein und bestellt mit starken Kämpfern, auf daß da ja niemand
imstande sein soll, je zu durchbrechen die allergröbste Materie und zu
schmälern den Herrscher in seiner allerhochmutsvollsten Ruhe. Wehe dem
Schwachen, wenn er es wagete, nur einen Stein zu rütteln an des Herrschers
Feste; der wird alsbald zermalmt und vernichtet werden!
[GEJ.04_104,12] Ich meine aber hier ja nicht
jene Herrscher und Regenten, die hier die Ordnung Gottes zur Verminderung der
Herrschsucht jedes einzelnen Menschen gesetzt hat zu Pfeilern und
Aufrechthaltern der Demut und Bescheidenheit, der Liebe und der Geduld; denn
diese von Gott bestellten Regenten der Völker müssen das sein, was sie sind,
und können nicht anders, als wie sie zur Besserung der Völker vom Willen des
allmächtigen Gottes getrieben und geleitet werden. Es ist hier nur von der
allgemeinen wahren Herrschsucht jedes einzelnen Geistes und Menschen die Rede,
und ist gezeigt, was sie an und für sich selbst ist. Ja, es gab wohl Herrscher,
die man arge Tyrannen nannte! Diese haben sich aus dem Volke erhoben,
rebellierten gegen die von Gott gestellten Herrscher, wie dereinst Absalom
gegen seinen eigenen Vater David. Solche Herrscher sind nicht von Gott
bestellt, sondern durch sich selbst, und sind darum schlecht und ein wahres
Unkraut und entsprechende Formen der allerdicksten Materie.
[GEJ.04_104,13] Aber du, Mein Cyrenius, und
dein Kaiser seid das nicht, sondern das nach Meinem Willen, was ihr seid, –
obgleich noch Heiden! Aber Mir seid ihr als Heiden lieber denn viele Könige,
die als sein sollende Führer der Gotteskinder nur wahre leibliche und noch mehr
geistige Mörder derselben waren, darum ihnen die alten Throne und Kronen und
Zepter aber auch für immer genommen und euch weiseren Heiden überantwortet
wurden. – Ich machte hier notwendigerweise diesen Beisatz, auf daß du, Mein
Cyrenius, etwa ja nicht meinen sollest, als säßest du und dein Neffe als ein
Usurpator vor Mir auf dem Herrscherthrone. – Und nun weiter in unserer
Betrachtung übers Unkraut auf dem guten Acker!“
105. Kapitel
[GEJ.04_105,01] (Der Herr:) „Sehet, so wie
nun die Menschen durch die Eigenliebe, durch die Selbstsucht, durch den Hochmut
und durch die daraus hervorgehende Herrschsucht derartig aller Materie voll
werden, daß sie viele tausendmal Tausende von Jahren hindurch sich nicht völlig
davon zu befreien imstande sein werden, – ebenso gab es dereinst auch
urgeschaffene Geister, die auch durch den ihnen verliehenen Reiz zu sehr
eigenliebig, selbstsüchtig, hochmütig und am Ende herrschsüchtig wurden, und
die Folge davon war, daß sie sich in die purste Materie verwandelten.
[GEJ.04_105,02] Sie haben sich abgesondert in
große Vereine und stellten sich in für euch nicht denkbar großen Entfernungen
auf. Ein jeder Verein wollte von einem zweiten nichts mehr hören, sehen und
erfahren, um nur der Eigenliebe so recht weltendick frönen zu können. Durch
dieses stets wachsende Eingehen in die Eigenliebe und Selbstsucht, in den
dadurch mehr und mehr erwachten Hochmut und in eine absolute Herrschsucht
schrumpften die zahllos vielen Lebensformen endlich nach dem Gesetze der
Schwere, das sich aus der Eigenliebe und Selbstsucht von selbst entwickelt
hatte, zu einem übergroßen Klumpen zusammen, – und die materielle
Urzentralsonne einer Hülsenglobe war fertig.
[GEJ.04_105,03] Nun aber gibt es im
unendlichen Raume ebenfalls eine Unzahl solcher Systeme oder Hülsengloben, wo
überall eine besprochene Urzentralsonne zahllosen Weltengebieten zum
gemeinsamen Mittelpunkte dient, und diese Urzentralsonnen sind eben die
zusammengeschrumpften Urgeistervereine, aus denen mit den Zeiten der Zeiten
alle andern Sonnenalle, Sonnengebiete, Nebenzentralsonnen, Planetarsonnen,
Planeten, Monde und Kometen hervorgegangen sind.
[GEJ.04_105,04] Wie aber ging das zu? Seht,
in der Urzentralsonne ward vielen großen Geistern der Druck zu mächtig! Sie
entzündeten sich zornglühendst und machten sich vom Urdrucke los. Sie flohen
förmlich endlos weit von ihrem ersten Vereinsklumpen. Eine Zeitlang schwärmten
sie ganz frei und harmlos für sich in aller Ungebundenheit im endlosen Raume
umher und machten eine gute Miene, von selbst in die rein geistige Ordnung
überzugehen; aber weil sie des Elementes der Eigenliebe nicht ledig werden
konnten, so fingen sie endlich auch wieder an, zu einem festen Klumpen
zusammenzuschrumpfen, und es entstanden daraus Zentralsonnen zweiten Ranges in
einer wie in der andern der zahllos vielen Hülsengloben.
[GEJ.04_105,05] In diesen Zentralsonnen
zweiten Ranges ergrimmten mit der Zeit der Zeiten die Hauptgeister ob des stets
zunehmenden Druckes, entzündeten sich und machten sich in zahllosen Massen von
den Gemeinklumpen zweiten Ranges los. Sie machten nun wieder die besten Mienen zu
einem rein geistigen Übergange; da sie aber mit der Weile dennoch wieder ein
großes Wohlgefallen an sich fanden und nicht völlig von der Eigenliebe lassen
wollten, so wuchsen sie auch abermals im materiellen Gewichte und schrumpften
ebenfalls wieder in große Klumpen zusammen, und es wurden daraus Zentralsonnen
dritten Ranges.
[GEJ.04_105,06] Aber bald erhob sich da
derselbe Anstand, wie bei den früheren Zentralsonnen. Die höheren Geister, als
die wenigeren an der Zahl, wurden nach und nach von den noch immer zahllos
vielen untergeordneten Geistern zu mächtig gedrückt, ergrimmten bald wieder und
rissen sich zu vielen tausendmal Tausenden mit großer Gewalt vom gemeinsamen
Klumpen los, mit dem festen Vorsatze, nun endlich ins völlig rein Geistige
überzugehen. Undenkbar lange Zeiten schwebten sie als voneinander weit
getrennte Ätherdunstmassen im weiten Schöpfungsraume.
[GEJ.04_105,07] Diese Freiheit gefiel ihnen
in der Rückerinnerung an den mächtigen Druck, den sie ausgestanden hatten. Aber
in dieser untätigen Freiheit fing es sie mit der Zeit zu hungern an, und sie
fingen an, im Raume Nahrung zu suchen, – also eine Sättigung von außen
irgendwoher. Diese fanden sie und mußten sie finden; denn die Begierde ist
gleich jenem nordischen Magnetsteine, der alles Eisen, wie auch alle
eisenhaltigen Minerale mit einer unwiderstehlichen Gewalt an sich zieht.
[GEJ.04_105,08] Was aber war davon die
unvermeidbare Folge? Ihre Wesenheit fing dadurch sich nach und nach sehr zu
verdichten an; damit erwachte auch bald wieder die Eigenliebe und ihr Gefolge,
und die unausweichbare Folge war wieder die Einschrumpfung zu einem gemeinsamen
Klumpen, wozu freilich wohl stets eine Unzahl von Erdjahren vonnöten war.
[GEJ.04_105,09] Allein, was ist eine noch so
lange Zeitendauer vor dem ewigen Gott?! Ein Seher der Vorzeit sagte: ,Tausend
Jahre sind vor Gott wie ein Tag!‘ Ich sage euch: Tausendmal tausend Jahre sind
vor Gott im Ernste kaum ein Augenblick! Wer ein Müßiggänger ist, dem werden aus
lauter Langweile die Stunden zu Tagen und die Tage zu Jahren. Dem Fleißigen und
vielfach Tätigen werden die Stunden zu Augenblicken und Wochen zu Tagen. Gott
aber ist von einem unendlichen Tätigkeitseifer von Ewigkeit her erfüllt und in
einem fort unendlich tätig, und die seligste Folge davon ist, daß Ihm für euch
undenkbar lange Zeiten wie einzelne Augenblicke vorkommen müssen, – und eine
volle Ausbildung einer Sonne dauert vor Seinen Augen dann nur ganz kurz.
[GEJ.04_105,10] Aus der nun zuletzt
bezeichneten Einschrumpfung entstanden und entstehen noch die Planetarsonnen,
wie die da eine ist, die dieser Erde leuchtet. Diese Art Sonnen sind zwar in
ihrer Wesenheit viel zarter und sanfter als die Zentralsonnen, haben aber
dennoch eine ungeheure Masse von schwerer Materie als Folge der Eigenliebe
ihrer äonenmal Äonen Geister, aus deren Eigenliebe eben solch eine Sonne
zusammengeklumpt ist. Den edleren und besseren Geistern in diesem Leuchtklumpen
wird mit den Zeiten der Zeiten der Druck von seiten der gemeinen Geister, die
ganz Materie geworden sind, denn doch wieder viel zu schwer und unerträglich;
die Folge davon ist, wie bei den früheren Sonnen, Gewalttätigkeit, Eruptionen
über Eruptionen, und die edleren Geister machen sich frei.
[GEJ.04_105,11] Hier erwacht dann in ihnen
der schon ganz ernstliche Wille, ins Urreingeistige durch die Befolgung der
wahren Ordnung Gottes überzugehen. Viele bekämpfen den in sie gelegten Reiz und
werden zu urgeschaffenen Engeln, ohne einen Fleischesweg vorderhand
durchzumachen. Denen, die sich demselben aber entweder gleich auf der Sonne
oder gar auf dieser Erde unterziehen wollen, wird solches freigestellt, was
aber auch, hier nacherinnerlich, bei den vorher beschriebenen Zentralsonnen der
Fall ist, – aber nicht so häufig, wie namentlich und besonders bei dieser
Planetarsonne, die dieser Erde das Licht, das zumeist von der großen Tätigkeit
ihrer Geister abstammt, verleiht.
[GEJ.04_105,12] Aber einige Geistervereine,
die sich aus dem Sonnenklumpen auch mit den besten Vorsätzen losmachten,
konnten sich von der Eigenliebe doch wieder nicht ganz losmachen und fingen so
nach und nach wieder an, dem in sie gelegten Urreize zu frönen; von eins kamen
sie bald auf zwei, und so fort und fort unvermerkt weiter hinauf!
[GEJ.04_105,13] Bald darauf wurden sie als
dunstige Kometen mit einem langen Schweife schon materiell ersichtlich. Was
besagt dieser Schweif? Er zeigt an den Hunger der schon materiell werdenden
Geister und die große Gier nach materieller Sättigung. Diese Gier zieht aus dem
Äther ihr zusagendes Materielles, und so ein Komet, als ein Kompendium
(Zusammenfassung) von schon sehr materiell gewordenen Geistern, irrt dann gar
viele Jahrtausende im großen Ätherraume umher und sucht Nahrung wie ein
reißender Wolf.
[GEJ.04_105,14] Durch dieses stete Einsaugen
und Fressen wird er ebenfalls stets dichter und dichter und schwerer und
schwerer. Mit der Zeit wird er von der Sonne, der er durchgegangen ist, wieder
insoweit angezogen, daß er ordnungsgemäß um sie zu kreisen beginnen muß. Muß er
sich einmal solch eine Ordnung gefallen lassen, so wird er ein Planet, wie
diese Erde, der Morgen- und Abendstern, oder der Mars, der Jupiter und der
Saturn und etliche der euch unbekannten jeder für sich einer ist.
[GEJ.04_105,15] Nun ist ein Planet da und hat
stets einen ungeheuren Hunger, und da er der Sonne näher steht denn früher als
Komet, so bekommt er von ihr aus auch eine genügende Nahrung, die zugleich ein
Köder ist, um den Entlaufenwollenden wieder stets näher und näher an sich zu
ziehen und ihn nach langen Zeiten ganz wieder in sich zu begraben, – ein
löblicher Wunsch der urgeschaffenen Geister in der Sonne, der aber in
Anbetracht der gar großen Planeten, zu denen auch diese Erde gerechnet werden
kann, gar nie in seiner Art in Erfüllung geht; denn obschon die in den Planeten
gebannten Geister noch sehr materiell sind, so kennen sie aber der Sonne
Materie und haben kein besonderes Bedürfnis und gar keine Lust, sich je mehr
mit der Sonne völlig zu vereinen. Sie nehmen die aus der Sonne zu ihnen
kommenden Geister und Geisterlein als eine gute Stärkung und Nahrung recht
gerne auf, aber von einer völligen Vereinigung mit der Sonne wollen sie nichts
wissen.
[GEJ.04_105,16] Es geschieht auch zuweilen,
daß die einmal entflohenen Geister in ihrem materiellen Klumpenkompendium ganz
in die Nähe der Sonne gelockt und gezogen werden; aber der ungeheure
Tätigkeitseifer der den harten Klumpen der Sonne umgebenden freieren Geister,
dem hauptsächlich das Leuchten der äußern Sonnenoberfläche zu verdanken ist,
bewirkt, daß alle in den starren Klumpen zusammengeschrumpften Geister nahe
augenblicklich insgesamt sich zu der möglich höchsten Tätigkeit erheben,
auseinanderfahren und ein jeder für sich dann, wie man zu sagen pflegt, das
Weite zu suchen anfängt.
[GEJ.04_105,17] Die Folge solch einer
erwachten Tätigkeit der in einem Planeten oder wenigstens schon reiferen
Kometen lange zusammengeklumpt gewesenen Geister ist die plötzliche und
gänzliche Auflösung des Klumpens und die Erlösung vieler tausendmal tausend und
abermals tausendmal tausend Geister, von denen die meisten, durch solch eine
Lektion gewitzigt und belehrt, sich sogleich in die rechte Lebensordnung
begeben und zu urgeschaffenen Engelsgeistern werden und zu nützlichen Hütern
ihrer weniger freien Lebensbrüder, wie auch jener in harten Klumpen
schmachtenden, und zur schnelleren Erlösung derselben vieles beitragen.“
106. Kapitel
[GEJ.04_106,01] (Der Herr:) „Ein Teil solcher
aufgelösten Geister aber will noch auf irgendeinem Planeten den Weg des Fleisches
durchmachen. Einige machen ihn auch in der Sonne durch, auf irgendeinem Gürtel,
der ihnen natürlich am besten zusagt; nur auf diese Erde begeben sich höchst
wenige, weil ihnen da der Weg des Fleisches zu beschwerlich vorkommt, denn hier
müssen sie sogar alle Erinnerung an einen früheren Zustand aufgeben und ganz in
ein von Anfang an neues Sein eintreten, was auf den anderen Planeten und
Weltkörpern nicht der Fall ist.
[GEJ.04_106,02] Denn fürs erste bleibt den
eingefleischten Geistern dort stets eine traumartige Rückerinnerung an die
früheren Zustände, und die Folge davon ist, daß die Menschen auf den anderen
Planeten und Weltkörpern vom Grunde aus schon um vieles weiser und nüchterner
sind denn auf dieser Erde. Aber dafür sind sie auch keines Fortschrittes in
eine höhere Stufe des freien Lebens fähig. Sie gleichen, wie schon einmal
berührt, mehr den Tieren dieser Erde, die schon von Natur aus für ihr Sein die
gewisse Instinktbildung haben, worin sie stets eine große Fertigkeit und
Vollendung an den Tag legen, so daß ihnen der Mensch mit all seinem Verstande
gar manches nicht nachzumachen imstande wäre. Versuchet nun aber, ein Tier
darüber hinaus zu unterrichten, und ihr werdet nicht viel Ersprießliches ihm
beizubringen imstande sein!
[GEJ.04_106,03] Wohl gibt es welche, die so
viel Bildung annehmen, daß sie dann für eine höchst einfache und allergröbste
Arbeit zur Not verwendet werden können, wie der Ochse zum Ziehen, das Pferd,
der Esel und das Kamel zum Tragen, ein Hund zum Aufspüren, Jagen und Treiben;
aber darüber hinaus werdet ihr ihnen nicht viel Weiteres beizubringen imstande
sein, und mit der Sprache wird es schon gar nicht gehen. Die einfache Ursache
liegt auch darin, daß eine stumpfe Rückerinnerung an ihre früheren Zustände die
Tierseelen gleichfort noch wie ein Gericht gefangenhält und beschäftigt, und
daß sie sonach in einer gewissen Betäubung leben.
[GEJ.04_106,04] Allein bei allen Menschen
dieser Erde tritt der sonst nirgends mehr vorkommende Fall ein, daß sie aller
Rückerinnerung bar werden und daher eine ganz neue Lebensordnung und -bildung
vom Anfange an beginnen, die also gestellt ist, daß mit ihr ein jeder Mensch
bis zur vollsten Gottähnlichkeit emporwachsen kann.
[GEJ.04_106,05] Darum kann aber auch nur eine
solche Seele auf dieser Erde eingefleischt werden, die entweder aus einer
Sonne, in der noch alle Urelemente beisammen sind, herstammt, alldort aber
schon einen Fleischweg durchgemacht hat und somit alle jene
Seelenintelligenzspezifika in sich faßt, die für die Vollendung eines höchsten
Geisteslebens nötig sind, – oder eine Seele stammt unmittelbar von dieser Erde
und hat zuvor alle die drei sogenannten Naturreiche durchgemacht von der
plumpsten Steinmaterie durch alle Mineralschichten, von da durch die gesamte
Pflanzenwelt und zuletzt durch die ganze Tierwelt im Wasser, auf der Erde und
in der Luft.
[GEJ.04_106,06] Man nehme aber hier ja nicht
den Materienleib, sondern das in dessen Gehülse enthaltene seelisch-geistige
Element; denn das Gehülse ist zwar auch seelisch- geistig in der weiteren
Analyse, aber es ist in sich noch zu gemein, zu träge und zu plump und ist noch
ein zu schwerer Ausdruck der Eigenliebe, der Selbstsucht, des Hochmutes und des
trägsten, faulen Genusses der gierigsten, geizigen und todbringend zornigen
Herrschsucht. Solche Materie muß erst durch ein vielfaches Verwesen und nur
teilweises Übergehen in die reinere Seelenumhäutungs- und – bekleidungssubstanz
aufgenommen werden; zur eigentlichen Seelensubstanz wird daraus wohl nie etwas
verwendbar sein.
[GEJ.04_106,07] Es gibt darum auf dieser Erde
aber auch mehr verschiedene Gattungen von Mineralen, Pflanzen und Tieren als
auf allen anderen Planeten und Sonnen, natürlich jedes für sich einzeln
genommen. Alle zusammen würden wohl eine größere Gattungssumme herausbringen,
aber auf einem jeden anderwärtigen Weltkörper einzeln gibt es im ganzen
Schöpfungsraume nicht den hunderttausendsten Teil so vieler Gattungen wie hier
auf dieser Erde in jedem ihrer drei Reiche. Eben darum ist aber auch nur diese
Erde allein bestimmt, im vollwahrsten Sinne Gottes Kinder zu tragen.
[GEJ.04_106,08] Wie und warum aber solches?
Es hat mit dieser Erde eine höchst eigentümliche Bewandtnis. Sie gehört zwar
nun als Planet zu dieser Sonne; aber sie ist, streng genommen, nicht so wie
alle die anderen Planeten – mit Ausnahme des einen zwischen Mars und Jupiter,
der aber aus gewissen bösen Gründen schon vor sechstausend Jahren zerstört
worden ist oder eigentlich durch sich selbst und durch seine Bewohner zerstört
wurde – aus dieser Sonne, sondern hat ihre Entstehung ursprünglich schon aus
der Urzentralsonne und ist in einer gewissen Hinsicht ums für euch Undenkliche
der Zeit nach älter denn diese Sonne. Doch hat sie eigentlich erst körperlich
zu werden angefangen, nachdem diese Sonne schon lange als ein ausgebildeter
Weltenklumpen den erstmaligen Umlauf um ihre Zentralsonne begonnen hatte, und
hat aber dann ihr eigentlich Materiell- Körperliches dennoch hauptsächlich aus
dieser Sonne an sich gezogen.“
107. Kapitel
[GEJ.04_107,01] (Der Herr:) „Vor vielen
tausendmal Tausenden von Erdjahren war sie (die Erde) körperlich noch bedeutend
schwerer, und ihre Geister wurden sehr gedrückt. Da ergrimmten aber die ärgeren
Geister und trennten sich mit sogar viel gröbstmaterieller Masse von ihr und
schwärmten viele Jahrtausende hindurch in einer sehr ungeordneten Bahn um diese
Erde.
[GEJ.04_107,02] Da aber alle die Teile
dennoch bis auf einige Klumpen ganz weich und zur Hälfte flüssig waren und die
ganze Masse in einem beständigen Rotieren war, so gestaltete sich endlich die
ganze Masse zu einer großen Kugel, deren Achsenumschwingung für ihren kleinen
Durchmesser viel zu langsam war, um auf ihrer dennoch nicht ganz unbedeutenden
Oberfläche die Flüssigkeit gleichmäßig zu erhalten, weil deren Umlauf um diese
Erde dagegen ein sehr geschwinder war, demzufolge alles Flüssige stets auf der
der Erde entgegengesetzten Seite den Aufenthalt nehmen mußte, vermöge der alten
Wurfschwere.
[GEJ.04_107,03] Dadurch aber ward dieses
runden Klumpens eigentlicher Schwerpunkt stets mehr nach jener Seite hin
verschoben, wo sich gleichfort sämtliche Flüssigkeit aufhielt, und so mußte mit
der Zeit dieses Klumpens eigene, zu langsame Achsenrotation endlich – als der
Klumpen selbst kompakter war, durch den das Wasser nicht mehr so schnell durchsickern
konnte und die mitgenommenen Wogen an den gewordenen hohen Bergwänden zu schwer
und widerhaltig anbrandeten – ganz aufhören, und der ganze Klumpen fing dann
an, der Erde, von der er ausgeworfen ward, nur ein und dasselbe Gesicht zu
zeigen.
[GEJ.04_107,04] Und das war auch gut, auf daß
dessen zu hartnäckige Geister genießen können, wie gut es ist, in einer
trockensten und nahe aller Nahrung baren Materie zu stecken. Und zugleich dient
dieser Mondesteil (denn der in der Rede stehende Klumpen ist eben unser Mond),
seit diese Erde von Menschen bewohnt ist, auch dazu, daß die
allerweltliebigsten Menschenseelen dorthin beschieden werden und sich von dort
aus, mit einer luftig-materiellen Umhäutung versehen, ihre schöne Erde von
einer über hunderttausend Stunden langen Weges weiten Ferne etliche Tausende
von Jahren hindurch recht sattsam ansehen können und sich selbst bedauern, daß
sie nicht mehr ihre geizigen Bewohner sind. Daß sie aber trotz aller ihrer
Begierde nicht wieder herab zur Erde gelangen können, dafür ist schon
allerbestens gesorgt. Aber etliche Äonen von Erdenjahren werden nach und nach
auch die Allerhartnäckigsten zur Besinnung bringen!
[GEJ.04_107,05] Ihr habt nun denn gesehen,
wie die ganze materielle Weltenschöpfung entstanden ist, bis zu den Monden der
Planeten, die fast überall, wo sie bestehen, auf dieselbe Weise entstanden
sind, dieselbe Natur haben und nun zum selben Zwecke dienen.
[GEJ.04_107,06] Wie aber und aus welchem
Grunde ursprünglichst aus in sich selbst hineingefallenen Geistern die gesamte
materielle Weltenschöpfung, bis zu den Monden herab, hervorgegangen ist, auf
eben dieselbe Weise sind mit der Zeit auf den harten und schweren Weltkörpern
die Berge, als die ersten Riesenpflanzen einer Welt, und nachher allerlei
Pflanzen, Tiere und zuletzt der Mensch selbst hervorgegangen.
[GEJ.04_107,07] Bessere Geister entwinden
sich gewaltsam dem stets zunehmenden Drucke der Materie, ihre eigene auflösend
mit der Kraft ihres Willens. Sie konnten sogleich in die Ordnung der reinen
Geister übergehen; aber der alte Reiz übt noch immer auch seine alte Gewalt
aus. Die Eigenliebe wird gleich wieder wach, die Pflanze saugt, das Tier frißt,
und des Menschen Seele sucht, kaum von neuem in die alte Gottform eintretend,
gierigst materielle Kost und ein gleiches, träges Wohlbehagen; sie muß sich
darum gleich wieder mit einem materiellen Leibe umgeben, der aber dennoch
zarter ist als die alte, sündige Materie. Trotz des zarteren Leibes aber nimmt
im selben die pure Seele doch so sehr in der Eigenliebe zu, daß sie ganz wieder
zur härtesten Materie würde, so Ich in ihr Herz nicht einen Wächter, ein
Fünklein Meines Liebegeistes gesteckt hätte.“
108. Kapitel
[GEJ.04_108,01] (Der Herr:) „Ihr habt von dem
Erbübel gehört – wenigstens ihr Juden sicher! Was ist dieses, und worin besteht
es? Sehet und höret!
[GEJ.04_108,02] Es ist die alte Eigenliebe
als der Vater der Lüge und aller Übel aus ihr; die Lüge aber ist die alte,
sündige Materie, die an und für sich nichts ist als eine lose und sündige
Erscheinlichkeit der Eigenliebe, der Selbstsucht, des Hochmutes und der
Herrschsucht.
[GEJ.04_108,03] Alles das entstand zwar aus
dem notwendigen Reize, den Ich wegen der Erkenntnis des eigenen freien Willens
in die Geister legen mußte; aber obschon der Reiz notwendig war, so war ihm als
Folge die sündige Werdung der materiellen Welten durchaus keine Notwendigkeit.
Sie war nur eine aus Meiner Ordnung zugelassene, leider notwendige Folge
dessen, daß so viele Geister dem Reize nicht widerstehen wollten, obschon sie
es vermocht hätten, – ebensogut wie es sechsmal so viele urgeschaffene Geister
vermochten, von denen uns zu Diensten nun einer hier stehet und den Namen
Raphael führt.
[GEJ.04_108,04] Der Feind, der stets das
Unkraut unter den reinen Weizen streute, und noch streut, und noch lange
streuen wird, ist demnach die alte Eigenliebe, und ihr euch nun bekanntes
Gefolge ist das Unkraut und im weitesten Sinne der Inbegriff aller wie immer
gearteten Materie, Lüge, Satan, Teufel.
[GEJ.04_108,05] Mein Wort aber ist das edle
und reine Weizenkorn, und euer freier Wille ist der Acker, in den Ich als
Säemann alles Lebens das reinste Korn Meiner ewigen Ordnung streue und säe.
[GEJ.04_108,06] Lasset ihr euch nicht von der
Eigenliebe überwältigen, sondern bekämpfet ihr dieselbe leicht und mächtig mit
dem glühenden Schwerte der wahren, alleruneigennützigsten Liebe zu Mir und zu
euren nächsten Brüdern und Schwestern, so werdet ihr den Acker von allem
Unkraute rein erhalten und jüngst selbst als reinste und kostbarste Frucht in
Mein Reich eingehen und dort neue und rein geistige Schöpfungen schauen und
leiten in Ewigkeit!
[GEJ.04_108,07] Aber achtet wohl darauf, daß
der Feind, oder die Eigenliebe in euch, auch nicht um ein Atom groß Platz
greife; denn dieses Atom ist schon ein Same des wahren Unkrautes, das mit der
Zeit euren freien Willen ganz für sich in Beschlag nehmen kann, und euer rein
Geistiges geht dann stets mehr und mehr in das Unkraut der Materie über, wo ihr
dann selbst zur Lüge werdet, weil alle Materie als das, was sie ist, sichtlich
eine allerbarste Lüge ist!
[GEJ.04_108,08] Das kleinste Atom Eigenliebe
in euch, Meinen Jüngern nun, wird in tausend Jahren zu ganzen Bergen voll des
giftigsten Unkrautes, und Mein Wort wird man auf den Gassen und Straßen mit dem
schlechtesten Kote einmauern, auf daß sich ja keine Lüge voll Hochmutes und
Hasses daran stoße! Bleibet ihr aber rein in Meiner Ordnung, so werdet ihr bald
die Wölfe mit den Lämmern aus einem Bache trinken sehen.
[GEJ.04_108,09] Ich habe euch nun eine Erklärung
gegeben, von der bisher noch keinem Geiste etwas in den Sinn gelegt wurde, auf
daß ihr daraus entnehmen könnet, wer Derjenige ist, der allein euch solch eine
Lehre geben kann und warum. Der Lehre wegen allein sicher nicht, sondern wegen
der wahren Tat danach! Darum aber sollet ihr nicht nur eitle und erstaunte
Hörer von Lehren sein, die vor Mir noch nie jemand so offen wie Ich nun zu den
Menschen gepredigt hat; auch ist es nicht genug, daß ihr nun klar erkennet, daß
solches Gott Selbst, der Vater von Ewigkeit, zu euch geredet hat, sondern ihr
müßt euer Herz streng erforschen, ob in seiner Liebe kein Unkrautsatom rastet.
Findet ihr das, so jätet es mit allen noch so kleinsten Würzelchen aus und
werdet sodann tätig in Hülle und Fülle nach Meiner euch nicht mehr unbekannten
Ordnung, so werdet ihr den wahren Lebensnutzen für ewig daraus ernten!
[GEJ.04_108,10] Damit ihr auch sehen möget,
wie das alles so ist, was Ich euch nun erklärt habe, so will Ich euch denn für
eine kurze Zeit die Augen öffnen, auf daß ihr das alles auch selbsterfahrlich
schauen könnet. Gebet darum nun auf alles wohl acht, was ihr sehen werdet!“
109. Kapitel
[GEJ.04_109,01] Auf diese Erklärung war aus
leicht begreiflichen Gründen wohl niemand gefaßt, und es ging da ein Staunen
und Verwundern durch alle Anwesenden, das ebenso wie Meine Erklärung nichts
Ähnliches hatte.
[GEJ.04_109,02] Viele schlugen sich auf die
Brust und schrien überlaut: „Herr, Herr, Herr, töte uns, denn wir stehen als zu
große und grobe Sündenklötze vor Dir; und das alles durch unsere höchst eigene
bewußte und unbewußte Schuld! Du allein bist gut und heilig; alles andere aber,
was da trägt eine materielle Umhüllung, ist schlecht und in sich fluchwürdig. O
Herr, wie lange werden wir in unserer eigenen Materie wandeln? Wann werden wir
vom alten Fluche erlöst werden?“
[GEJ.04_109,03] Sage Ich: „Eben jetzt, da Ich
Selbst alle Materie dadurch segne, daß Ich Mich Selbst in euren alten Fluch
hineingeschoben und ihm dadurch den Segen gebracht habe! Alle alte Ordnung der
alten Himmel samt den Himmeln hört auf, und es wird nun auf die Grundlage der
nun durch Mich gesegneten Materie eine neue Ordnung und ein neuer Himmel
gemacht, und die ganze Schöpfung, wie auch diese Erde, muß eine neue
Einrichtung bekommen.
[GEJ.04_109,04] Nach der alten Ordnung konnte
niemand in die Himmel kommen, der einmal in der Materie gesteckt ist; von nun
an aber wird niemand wahrhaft zu Mir in den höchsten und reinsten Himmel kommen
können, der nicht gleich Mir den Weg der Materie und des Fleisches durchgemacht
hat.
[GEJ.04_109,05] Wer immer von nun an in
Meinem Namen getauft wird mit dem lebendigen Wasser Meiner Liebe und mit dem
Geiste Meiner Lehre und in Meinem Namen der Kraft und Tat nach, von dem ist die
alte Erbsünde für ewig abgewischt, und sein Leib wird dadurch nicht mehr sein
eine alte Mördergrube der Sünde, sondern ein Tempel des Heiligen Geistes.
[GEJ.04_109,06] Aber ein jeglicher gebe da
acht, daß er ihn nicht von neuem verunreinige durch das alte, giftige Unkraut
der Eigenliebe! Hütet euch nur vor der, dann werdet ihr heiligen auch euer
Fleisch und Blut; und wenn der reine Geist in euch zur Alleinherrschaft
gelangen wird, so wird dann in ihm und durch ihn nicht nur zum vollendeten,
ewigen Leben auferstehen die Seele, sondern auch des Leibes Fleisch und Blut
samt Haut und Haaren!
[GEJ.04_109,07] Sehet, welch ein Unterschied
da ist zwischen früher und jetzt! Wie es aber nun eingerichtet wird, so wird es
auch bleiben in Ewigkeit.
[GEJ.04_109,08] Die Sonne, die ehedem voll
Fluches war, wird von nun an voll Segens, und ebenso alles, was im endlosen
Raume ein wie immer geartetes Dasein hat! Denn wie Ich's euch gesagt habe, so
mache Ich nun alles neu, und alle alten Verhältnisse müssen umgewandelt werden,
dieweil Ich Mich Selbst umgewandelt habe dadurch, daß Ich Selbst die Materie
angezogen habe.
[GEJ.04_109,09] Aber das setze Ich hinzu und
sage: Wer da nicht glaubt und getauft wird aus dem Wasser und aus dem Geiste in
und auf Meinen Namen und auf Mein Wort, für den wird es bleiben beim alten!
Solche werden nicht kommen in Mein Reich und nicht zu Meiner Anschauung
jenseits, sondern werden bleiben an den äußersten Grenzen Meines Reiches, allda
es viel Dunkelnis und Nacht geben wird und viel Heulens und Zähneknirschens.
Und es wird der Himmel reinstes Lebenslicht nicht anders zu ihnen dringen, als
da dringt das Licht eines kleinsten Fixsternes auf diese Erde, und sie werden
vollends von Meinen wahren Lebenshimmeln geradesoviel wissen, als wie die
Menschen hier nun wissen, wie dort aussehen die Fixsterne, und was in ihnen
ist. Und die Menschen mögen Tag und Nacht tausendmal tausend Jahrhunderte
hindurch stets nachdenken, was dort oben diese glänzenden Punkte sind, so
werden sie auch nach dieser langen Periode der Zeit ebensoviel wissen, wie sie
jetzt wissen. Wohl werden mit der Weile Menschen aufstehen, die da Augenwaffen
erfinden, um ferne Gegenstände ganz so zu sehen, als ständen sie in der vollen
Nähe; aber mit den Fixsternen werden sie dennoch nie etwas ausrichten, weil
diese viel zu weit von der Erde abstehen.
[GEJ.04_109,10] Und ebenso werden im Jenseits
die Heiden, die nicht glaubten und getauft worden sind, in ihrer besten Sphäre
also gestellt sein und werden von weitester Ferne Meine Himmel schauen und über
sie urteilen, wie nun die Menschen schauen den irdisch gestirnten Himmel, und
welche Urteile sie darüber schöpfen. Sie werden nach einem Jahrtausend wohl
etwas mehreres wissen denn jetzt und werden allenfalls herausfinden, daß dies
lauter Sonnen sind; aber was eine Sonne ist, wie sie leuchtet, wie groß und wie
weit entfernt sie ist, wie viele Planeten um sie kreisen, und wie diese
beschaffen sind, welche Bewohner sie tragen, welche Sitten, Sprachen und
Gebräuche dort vorhanden sind, – das werden sie mit ihrem Verstande nicht
herausbringen!
[GEJ.04_109,11] Und so ihr, die ihr nun viel
wisset, es ihnen möglicherweise sagen würdet, so würden sie es euch doch nicht
glauben; denn ein reiner Weltverstand, wie er nun bei vielen Heiden so recht
kernfest zu Hause ist, glaubt an nichts, was er nicht sehen und mit Händen
greifen kann.
[GEJ.04_109,12] Ja, Ich werde in jenen
künftigen Zeiten wohl auch hie und da unter den wahren Bekennern Meines Namens
Männer und Mägde erwecken, denen alle Geheimnisse der Himmel und der Welten von
Mir aus eröffnet werden durch ihr liebevolles Herz; aber es werden wenige sein,
die das als etwas wie überzeugend Wahres annehmen werden!
[GEJ.04_109,13] Denen es aber geoffenbaret
wird, die werden im Schauen sein, und werden eine große Freude haben, und
werden loben und preisen den Namen Dessen, der ihnen solche Dinge als für sie
vollüberzeugend wahr geoffenbaret hat, zu denen sonst keines Menschen Sinn je
dringen kann.
[GEJ.04_109,14] Ja es wird auf dieser Erde
dereinst noch Menschen geben, vor deren Sehe die ganze Schöpfung wie eine geheime
Schrift Gottes offen aufgerollt sein wird; aber niemandem, der zuvor nicht
geglaubt hat an Meinen Namen und getauft ward in selbem, wird solch eine Gnade
erteilt werden!“
110. Kapitel
[GEJ.04_110,01] Fragt Cyrenius: „Herr, ich
glaube alles, was Du, o Herr, lehrest; bin ich darum auch schon getauft?“
[GEJ.04_110,02] Sage Ich: „Nein, getauft bist
du zwar noch nicht; aber es hat dies eben nun nichts zur Sache! Denn wer da
glaubt wie du, Freund, der ist im Geiste so gut wie getauft, und zwar mit aller
Segnung der Taufe.
[GEJ.04_110,03] Die Juden haben wohl die
Beschneidung, die eine Vortaufe ist und für sich wie vor Mir keinen Wert hat,
so der Beschnittene nicht auch zugleich beschnittenen Herzens ist. Ich verstehe
unter einem beschnittenen Herzen ein rein gefegtes und mit aller Liebe
gefülltes Herz, das mehr wert ist denn alle Beschneidungen von Moses bis auf
uns herab. Nach der Beschneidung kam auf eine Zeit die Wassertaufe des
Johannes, die von seinen Jüngern fortgesetzt wird. Diese Taufe ist an sich selbst
aber auch nichts, so ihr die geforderte Buße nicht entweder schon vorangeht
oder doch ganz sicher nachfolgt.
[GEJ.04_110,04] Wer sich darum im ernsten
Besserungsvorsatze mit dem Wasser taufen läßt, begeht dadurch keinen Fehler;
aber nur soll er nicht glauben, daß da das Wasser reinige sein Herz und stärke
seine Seele. Dies bewirkt nur der eigene, ganz freie Wille; das Wasser bewirkt
nur ein Zeichen und zeigt durch dasselbe an, daß der Wille, als des Geistes
lebendiges Wasser, nun die Seele ebenalso gereinigt hat von den Sünden, wie das
natürliche Wasser da reiniget das Haupt und den andern Leib vom Staube und
anderartigem Schmutze.
[GEJ.04_110,05] Wer die Wassertaufe im wahren
tatsächlichen Sinne genommen hat, der ist vollkommen getauft, so bei oder schon
vor der Taufhandlung der Wille im Herzen des Getauften seine Wirkung gemacht
hat. Ist diese nicht dabei, so hat die pure Wassertaufe auch nicht einen
allergeringsten Wert und erwirkt keine Segnung der Materie und noch weniger
irgendeine Heiligung derselben.
[GEJ.04_110,06] Ebenso hat auch die
Wassertaufe an unmündigen Kindern gar keinen Wert außer den als ein pur äußeres
Zeichen für die Aufnahme in eine bessere Gemeinde, und daß das Kind irgendeinen
Namen bekommt, der fürs Leben der Seele doch offenbar nicht den allergeringsten
Wert hat, sondern bloß nur einen äußern politischen. Man könnte aus diesem
Grunde dem Kinde auch ohne die Beschneidung und ohne die Wassertaufe des
Johannes einen Namen geben, und es wäre das vor Mir alles gleich; denn kein
Name heiligt die Seele eines Menschen, sondern allein der freie, gute Wille,
nach der besten Erkenntnis recht zu handeln sein Leben lang. Jeder Name kann
durch den Willen und durch die Handlung geheiligt werden; aber umgekehrt ist
das unmöglich je der Fall.
[GEJ.04_110,07] Als Johannes taufte, da
brachten sie ihm wie auch seinen Jüngern Kinder zur Taufe, und er taufte sie
auch, wenn sich fürs Kind gewissenhafte Stellvertreter vorstellten und auf das
heiligste gelobten, für die geistige Erziehung die eifrigste Sorge zu tragen.
Nun, in diesem Falle kann wohl auch ein Kind des Namens wegen mit Wasser
getauft werden; die Taufe aber heiligt des Kindes Seele und Leib auf nicht
länger als auf so lange nur, bis das Kind zur wahren Erkenntnis Gottes und
seiner selbst und zum Gebrauche des freien Willens kommt. Bis dahin hat der
Stellvertreter auf das gewissenhafteste zu sorgen, daß das Kind in allem, was
zur Erlangung der wahren Heiligung nötig ist, bestens versehen werde, – ansonst
der Stellvertreter alle Verantwortung auf seine Seele geladen trägt.
[GEJ.04_110,08] Es ist darum besser, die
Wassertaufe erst dann erfolgen zu lassen, wenn ein Mensch für sich fähig ist,
alle Bedingungen zur Heiligung seiner Seele und seines Leibes aus seiner
Erkenntnis und aus der freiwilligen Selbstbestimmung zu erfüllen. Übrigens ist
die Wassertaufe zur Heiligung der Seele und des Leibes gar nicht nötig, sondern
allein das Erkennen und das Tun nach dem richtigen Erkennen der Wahrheit aus
Gott. So aber mit Wasser getauft wird, da bedarf es nicht eben nur des
Jordanwassers, dieweil Johannes im Jordan getauft hat, sondern es ist dazu ein
jedes frische Wasser gut, das Quellwasser jedoch besser denn ein
Zisternenwasser, weil es der leiblichen Gesundheit zuträglicher ist als das
faulere Zisternenwasser.
[GEJ.04_110,09] Die wahre und bei Mir allein
gültige Taufe ist die mit dem Feuer der Liebe zu Mir und zum Nächsten und mit
dem lebendigen Eifer des Willens und mit dem Heiligen Geiste der ewigen
Wahrheit aus Gott. Diese drei Stücke sind es, die im Himmel für jedermann ein
gültiges Zeugnis geben; es sind dies: die Liebe, als der wahre Vater; der
Wille, als das lebendige und tatsächliche Wort oder des Vaters Sohn; und
endlich der Heilige Geist, als das rechte Verständnis der ewigen und lebendigen
Wahrheit aus Gott, aber als lebendig tätig im Menschen und nur allein im
Menschen! Denn was da nicht im Menschen ist und nicht aus der höchsteigenen
Willensregung geschieht, hat für den Menschen keinen Wert, und weil es für den
Menschen keinen Wert hat und haben kann, so kann das auch vor Gott keinen Wert
haben.
[GEJ.04_110,10] Denn Gott in Seiner
Selbstheit ist für den Menschen so lange nichts, bis der Mensch durch die Lehre
Gott erkennt und dessen Willen zu seinem höchst eigenen macht durch die Liebe und
durch den lebendigsten Willenseifer all sein Handeln und Lassen nur nach dem
erkannten allerhöchsten Willen einrichtet. Dadurch erst wird Gottes Ebenbild im
Menschen lebendig und wächst und durchdringt bald des Menschen ganzes Wesen. Wo
das, da geschieht es dann auch, daß der Mensch in alle Tiefen der Gottheit
dringt; denn das Ebenbild Gottes im Menschen ist ein vollkommenstes Ebenmaß
eines und desselben Gottes von Ewigkeit.
[GEJ.04_110,11] Wenn beim Menschen das
geschieht, so ist in ihm alles geheiligt und die wahre Taufe der Wiedergeburt
des Geistes erlangt. Durch solche Taufe macht sich dann der Mensch zu einem
wahren Freunde Gottes und ist in sich selbst ebenso vollkommen, wie der Vater
im Himmel vollkommen ist. Und Ich sage es euch allen ausdrücklich, daß ihr alle
danach aus allen euren Kräften trachten müsset, ebenso vollkommen zu werden,
als wie vollkommen da der Vater im Himmel ist! Wer nicht so vollkommen wird,
der kommt nicht zum Sohne des Vaters.
[GEJ.04_110,12] Wer aber ist der Sohn? Der
Sohn ist des Vaters Liebe. Er ist die Liebe der Liebe, Er ist das Feuer und das
Licht, Er ist der Sohn der Liebe oder des Vaters Weisheit. Wenn sonach aber das
Ebenmaß des Vaters in euch ist, so muß es ja so vollkommen werden wie der
Urvater Selbst in allem, ansonst es kein Ebenbild des Vaters wäre; ist es aber
als Ebenbild nicht vollkommen, woher soll dem Menschen dann die Weisheit
kommen, oder wie soll der Mensch dann zur wahren Weisheit gelangen?
[GEJ.04_110,13] Wie Sich aber der Vater in
Mir stets findet, also finde auch Ich Mich im Vater, und ebenso müsset ihr euch
in euch selbst finden, so werdet ihr euch dadurch auch in Gott finden, und Gott
wird Sich finden in euch. Wie da Ich und der Vater eins sind, so müsset auch
ihr zuerst in euch eins sein mit dem Ebenmaße des Vaters in euch. Seid ihr das,
da seid ihr dann auch mit Mir und mit dem ewigen Vater in Mir eins geworden,
dieweil Ich und der Vater in Mir vollkommen eins sind von Ewigkeit!“
[GEJ.04_110,14] Hier sagen die Jünger: „Herr,
dies fassen wir nicht! Du wirst hart in Deiner Lehre! Wir bitten Dich
inständigst, daß Du Dich auch hierin klarer ausdrücken möchtest!“
[GEJ.04_110,15] Sage Ich: „Seid denn auch ihr
noch unverständig? Wie lange werde Ich auch euch noch also ertragen müssen?! O
du noch stark verkehrte Art! Aber euch soll es ja gegeben werden, zu verstehen
das Geheimnis des Reiches Gottes auf Erden!
[GEJ.04_110,16] Wo habt ihr denn die Gedanken
eures Herzens?! Mehrere Male habe Ich es euch schon erklärt, wer der Vater und
wer der Sohn sei, daß Sich Vater und Sohn gerade also verhalten, wie die Liebe
und die Weisheit sich zusammen verhalten, oder wie die Wärme und das Licht. Ich
habe es euch gezeigt, wie das Licht ohne die Wärme nichts nütze wäre, aber auch
eine Wärme ohne Licht keine Ähren auf den Feldern zur Reife bringen würde. Ich
habe es euch gezeigt, wie aus der Wärme stets ein Licht entsteht, weil die
Wärme der erste Ausdruck irgendeiner bestimmten Tätigkeit ist; die
Erscheinlichkeit einer Tätigkeit aber ist das Licht, das sich steigert, wie sich
irgendeine geordnete Tätigkeit steigert, und dennoch fasset ihr nicht das
,eins‘ des Vaters und des Sohnes, und nicht das ,eins‘ zwischen euch und Mir!“
[GEJ.04_110,17] Sagen die Jünger: „Herr,
werde uns darum nur nicht gram! Wir fassen es nun schon, und was da noch irgend
abgehen sollte, werden wir wohl nachtragen können und einholen nach Recht und
Gebühr!“
[GEJ.04_110,18] Sage Ich: „Ich weiß es wohl,
daß dies der Fall sein wird; aber Ich sagte das zu euch, weil Ich es wohl
merkte, daß es euch mehr ums Fragen denn ums Wissen zu tun war.“
111. Kapitel
[GEJ.04_111,01] Sagt dazu Cyrenius: „Hat mich
selbst gewundert, daß Deine Jünger das nicht verstehen sollen, was doch ich und
sicher alle andern recht gut verstanden haben! Aber nun, da Du, o Herr, schon einmal
in der Verfassung bist, Dinge, die noch nie jemand vor Dir erklärt hat,
klarzumachen, so möchte ich denn von Dir nun vernehmen, was es denn bei den
Juden mit dem Verbote des Genusses unreiner Speisen und mit dem Berühren
gewisser als unrein bezeichneter Dinge für eine Bewandtnis hat! Wir Heiden
genossen alles und wurden doch nach unserer Lehre nicht unrein! Die alten
Ägypter aßen auch alles, was nur die Zeit und Erfahrung als genießbar
darstellte, und ich weiß nichts von einer Verunreinigung, – im Gegenteile weiß
ich aus der Geschichte, daß Ägypten sehr reine und wahrhaft große Geister auf
seinem Boden getragen hat; auch bei uns Römern gab es deren zu allen Zeiten.
Warum mußten gerade die Juden allerlei entbehren?“
[GEJ.04_111,02] Sage Ich: „Weil ihr Geschlecht,
als von Adam her erhalten, von oben her war und zur gegenwärtigen Zeit zum
größten Teile noch ist und bestimmt dazu, daß Ich in seiner Mitte in die Welt
und in diese Materie kommen konnte zum Heile aller Kreatur. Du hast doch
vernommen, wie durch Mich nun die gesamte Materie gesegnet und geheiligt wurde,
dieweil auch Ich Selbst die Materie angezogen habe?! Du bejahest solches in
deinem Gemüte! Siehe, vor Meiner Darniederkunft auf diese Erde lag, wie du nun
weißt, mehr oder weniger der Fluch auf derselben, – nicht als hätte Gott sie
verflucht, sondern weil sie in sich durch Eigenliebe, Selbstsucht, Hochmut und
Herrschsucht als ein zusammengeklumptes Geistiges zum Selbstfluche geworden
ist!
[GEJ.04_111,03] Es gab und gibt in der
Materie aber dennoch verschiedene Grade und Abstufungen zwischen sehr viel,
mehr, weniger und nahe gar keiner Härte. Je härter aber irgendeine Materie ist,
desto wilder und in sich unreiner ist sie auch, weil ihr in sie
zusammengeklumptes Geistiges im gleichen Verhältnisse aus desto mehr des
bekannten Unkrautes besteht.
[GEJ.04_111,04] Die Tiere, die sich gleich
anfangs der Bevölkerung dieser Erde zu den Menschen gesellt haben – als das
Rind, das Schaf, die Ziege, und unter den Vögeln die Henne und die Taube –,
sind sicher von reinerer Natur und sind sanfteren Charakters, und ihr Fleisch
ist dem Menschen, der von oben her kam, sicher wegen der reineren Erhaltung der
Seele am zuträglichsten gewesen; nur mußten selbst diese Tiere ganz vollkommen
gesund sein und durften auch nicht in der Brunstzeit geschlachtet werden, weil
in solch einer Zeit auch das sonst reine Tier unreiner ist.
[GEJ.04_111,05] Es gesellten sich aber
nachderhand auch noch andere Tiere – als das Pferd, der Esel, das Kamel, das
Schwein, der Hund und die Katze – zum Menschen, doch schon anfänglich nur mehr
zu den Kindern dieser Welt, während mit Ausnahme des Esels allein, und
nachderhand auch des Kamels, die vorbenannten Tiere mit den Juden in einer sehr
geringen Freundschaft standen und noch gegenwärtig stehen.
[GEJ.04_111,06] Noch hat ein echter Jude eine
eigene Furcht vor einem Pferde, vor einem Hunde, ist kein Freund einer Katze
und traut dem Kamele eben auch nicht zuviel. Das zahme Wassergevögel ist ihm
zuwider, und die Trut- und Perlhühner kann er schon gleich um die ganze Welt
nicht leiden, und es wird noch lange dauern, bis er dieser Tiere Freund sein
wird. Das ekelt den echten Juden ganz gewaltig an, während es den Griechen, wie
auch euch Römern, schon lange einen angenehmen und sehr beliebten Braten gegeben
hat.
[GEJ.04_111,07] Von nun an stehen die Sachen
freilich ganz anders und werden noch viel anders stehen, so Ich einmal nach
Hause gegangen sein werde! Zum Zeichen alles dessen werde Ich nach Meiner
Heimkehr im großen Garten des Bruders Kornelius einem Meiner Jünger, der noch
ein Erzjude vom alten Schrot und Korn ist, zeigen, was für Speisen in der Folge
ohne alles Bedenken gegessen werden können.
[GEJ.04_111,08] Nun habe Ich dir den Grund
auch von dieser Mosaischen Eßsatzung für die Juden gezeigt, und du und ihr alle
müsset solchen nun wohl einsehen! Darum ist es nun Zeit, zu dem überzugehen,
dessentwegen wir uns eigentlich und hauptsächlich auf diesen Berg gemacht
haben!“
112. Kapitel
[GEJ.04_112,01] (Der Herr:) „Ich sagte, daß
ihr da Wunderdinge der seltensten Art schauen werdet; nun ist bis auf die aus
Tief- und Hochafrika durch Raphael herbeigeschaffte Leuchtkugel noch nichts
weiteres geschehen, obgleich die Nacht ihre Mitte bereits überschritten hat.
Ich habe euch auch früher darauf aufmerksam gemacht, daß Ich auf eine kurze
Zeit eure Augen auftun werde, auf daß ihr vorderhand einmal bloß schauen
könnet, wie es so ganz eigentlich in der Welt aussieht.
[GEJ.04_112,02] Bevor Ich jedoch das nun tue,
sage und gebiete Ich es euch allen sogar, daß ihr von den Gesichten ja niemand
etwas saget; denn dazu wird die Menschheit der Welt wohl noch sehr lange nicht
von ferne hin reif sein, und es ist im Grunde auch zu ihrem Seelenheile gar
nicht nötig, daß die Weltmenschheit so etwas erfahre! Wenn sie es sich nur sehr
angelegen sein lassen wird, Gott über alles und den Nächsten wie sich selbst zu
lieben, so wird ihr alles andere und weitere schon ohnehin, soweit als nötig,
geoffenbart werden.
[GEJ.04_112,03] Aber ihr, als die ersten
Grundpfeiler Meiner Lehre, müsset für euch so manches mehr wissen im geheimen
denn alle anderen zusammen, auf daß ihr nach einiger Zeit ja in keine
Versuchung zum Abfalle von dieser Meiner Lehre gelangen möget.
[GEJ.04_112,04] Es wird aber alles das
dennoch nicht verlorengehen, und wenn da tausend und nicht ganz tausend Jahre
von nun an verflossen sein werden und Meine Lehre nahe ganz in die schmutzigste
Materie begraben sein wird, so werde Ich in jener Zeit schon wieder Männer
erwecken, die das, was hier von euch und von Mir verhandelt ward und geschehen
ist, ganz wortgetreu aufschreiben und in einem großen Buche der Welt übergeben
werden, der dadurch vielseitig die Augen wieder geöffnet werden!“
[GEJ.04_112,05] Nota bene: Du, Mein Knecht
und Schreiber, meinst nun wohl, als hätte Ich damals dessen kaum erwähnt?!
Willst du auch schwach werden im Glauben, wie du in deinem Fleische noch
schwach bist?! Sieh, Ich sage es dir, daß Ich dem Cyrenius und dem Kornelius
sogar deinen und mehrerer anderer Namen angegeben habe und sie nun auch die
erfreulichsten Zeugen alles dessen sind, was Ich dir nun in die Feder sage.
Aber Ich werde am Schlusse auch dir Namen ansagen, die von nun an in
zweitausend Jahren noch Größeres niederschreiben und leisten werden als du nun!
– Solches merke dir vorderhand, und schreibe alles vollgläubig!
[GEJ.04_112,06] Hierüber verwunderte sich
Cyrenius sehr, und Kornelius fragte Mich um die Männer näher, denen solches
verliehen wird.
[GEJ.04_112,07] Und Ich gab ihnen den Stand
und den Charakter und sogar die Namen an und setzte dazu: „Einer von denen, dem
wohl das meiste geoffenbart wird, mehr denn euch allen nun, wird in männlicher
rechter Linie abstammen von Josephs ältestem Sohne und wird sonach auch ein
rechter Nachkomme Davids sein dem Leibe nach. Er wird zwar sein gleich David
schwachen Fleisches, aber dafür desto stärkeren Geistes! Wohl denen, die ihn
hören und ihr Leben danach einrichten werden!
[GEJ.04_112,08] Es werden aber auch die
anderen Großgeweckten zumeist von David abstammen. Denn solche Dinge können nur
solchen gegeben werden, die sogar fleischlich von dorther stammen, von wannen
auch Ich fleischlich abstamme; denn auch Ich stamme ob der Maria, der Mutter
dieses Meines Leibes, von David ab, da die Maria auch eine ganz reine Tochter
Davids ist. Es werden in jener Zeit zwar diese Davidsnachkömmlinge sich zumeist
in Europa aufhalten, aber darum werden sie dennoch ganz reine und echte
Nachkommen des Mannes nach dem Herzen Gottes und fähig zur Tragung der größten
Lichtstärke aus den Himmeln sein. Auf einen irdischen Thron werden sie wohl
nimmer gelangen, aber desto mehr werden in Meinem Reiche ihrer harren, und Ich
werde Meiner Brüder wohl allzeit gedenken! Auch die meisten Meiner Jünger, die
hier sind, stammen männlicherseits von David ab und sind darum leiblich Meine Brüder
in allem Ernste bis auf einen, der nicht von oben, sondern pur von dieser Welt
her ist. Er sollte zwar nicht dabei sein, und doch muß er wieder dabei sein,
auf daß das, was geschrieben stehet, erfüllet werde!“
[GEJ.04_112,09] Sagt Cyrenius ganz verwundert:
„Also nur den Nachkommen Davids wirst Du allzeit Deinen Willen offenbaren? Sind
denn Mathael, Zinka und Zorel auch Nachkommen des großen Königs? Denn denen
offenbarst Du nun ja auch dasselbe wie den Nachkommen Davids!“
[GEJ.04_112,10] Sage Ich: „Freund, das hier
geschieht nicht auf dem Wege der geheimen Offenbarung, sondern durch offenes
Wort für jedes Fleischohr wohl vernehmbar! Aber ganz was anderes ist's, zu
vernehmen das geheime, innere Wort, das da kommt von Meinem Herzen in das Herz
dessen, der es in sich vernimmt; und dafür muß es schon eine gewisse
vorbereitete Linie von Menschen geben, deren Inneres fähig ist, die Allgewalt
und Allkraft Meines Wortes zu ertragen! Denn jeden Unvorbereiteten würde ein
Jota nur, unmittelbar aus Mir kommend, schon zerstören und töten. Wenn es aber
einmal geschrieben ist, da mögen es Menschen, die eines guten Willens und
Sinnes sind, wohl lesen; es wird sie nicht nur nicht töten, sondern stärken und
kräftigen zum ewigen Leben.
[GEJ.04_112,11] Aber so es arge Weltmenschen
lesen würden, um es zu verhöhnen, so würde es sie auch, wenngleich es nur
geschrieben ist, zerstören und töten! – Nun weißt du auch, wie da diese Dinge
stehen; und Ich sage nun, daß ihr euch bereit haltet, zu schauen die Wunder des
Werdens, Seins und Bleibens für ewig!“
[GEJ.04_112,12] Sagt Cyrenius: „Herr, bereit
sind wir wohl, zu schauen, was uns Deine große und ganz besondere Gnade bieten
wird; aber nur eine ganz kleine Frage möchte ich von Dir noch zuvor beantwortet
haben, so es tunlich wäre!“
[GEJ.04_112,13] Sage Ich: „Frage du immerhin,
und Ich werde dir antworten!“
113. Kapitel
[GEJ.04_113,01] Sagt Cyrenius, fragend:
„Herr, so zur Vernehmung Deines heiligen Wortes für späterhin im Geiste nur die
in gewisser Hinsicht sogar leiblich und besonders seelisch Vorbereiteten fähig
sind, so nützt das ja den Unfähigen wenig, wenn sie es durch ein noch so
strenges Leben auch zur wirklichen Wiedergeburt des Geistes gebracht hätten:
sie werden doch der Gnade nicht gewürdiget, Deines Herzens Wort in ihrem Herzen
zu vernehmen! Denn sie könnten es nicht ertragen, weil sie nicht schon von
David aus dazu vorbereitet und hergerichtet sind. Ich meine aber, daß alle
Menschen, ob von oben oder von unten her, wenn sie Deinem Willen gemäß leben,
auch zu den gleichen Fähigkeiten gelangen müßten! Der Geist, der ihre Seele und
endlich sogar ihren Leib durchdringt, wird ja doch auch fähig sein, ein Wort
von Dir zu ertragen?!“
[GEJ.04_113,02] Sage Ich: „Freund! Du bist
Mir ganz lieb und wert und teuer; aber hier hast du durch deine Frage wieder
einmal über diese Sache geurteilt wie ein Blinder von den schönen Farben des
Regenbogens. Es könnte Mich bei solchen deinen Urteilen sogar wundernehmen, daß
die Glieder deines Leibes nicht schon lange in eine Revolution gegen dein Haupt
gelangt sind, weil sie nicht auch mit jenen Fähigkeiten behaftet sind, deren
sich das Haupt rühmen kann.
[GEJ.04_113,03] Deine Füße sind für sich
blind und taub und müssen trotz der sehr stiefmütterlichen Ausstattung die
schwerste Arbeit verrichten. Deine Hände müssen äußerlich vollstrecken deinen
Willen und müssen tun bald dies und bald jenes und haben doch keine Augen, zu
schauen das schöne Licht, und kein Ohr, zu vernehmen die herrliche Harmonie des
Gesanges; auch haben sie keinen Geruchssinn und keinen Geschmack, um zu
verkosten die würzhafte Anmut des Lebens! Findest du wohl, daß darob derlei
Glieder gegen das Haupt sehr schlecht daran sind?
[GEJ.04_113,04] Oder könnte sich nicht einmal
eine Dornhecke gegen eine Weinrebe beschweren und sagen: ,Was habe ich denn
verbrochen, daß mir die Gnade nicht zuteil werden darf, derzufolge auch ich
einmal mit den herrlichen Trauben prunken könnte?!‘
[GEJ.04_113,05] Weißt du denn das auch noch
nicht, daß von Mir aus alles genaust bemessen ist und alles seine Bestimmung
hat?! Wie es unter den verschiedenen Gliedern deines Leibes sich verhält, daß
eines mit seiner ihm allein eigenen Fähigkeit allen anderen Gliedern dient,
also sind auch die Menschen von allerlei Fähigkeiten und können dienend sich
gegenseitig nützlich erweisen, und das ist es dann ja eben, was die höchste
Seligkeit des Lebens bedingt und ausmacht.
[GEJ.04_113,06] Wenn dein Kopf und dein Herz
heiter sind, so werden auch alle anderen Glieder heiter und fröhlich sein; ist
aber nur irgendein kleinstes Gliedlein irgend leidend, so ist es auch mit der
Heiterkeit des Hauptes, des Herzens und aller andern, für sich ganz gesunden
Glieder aus! Alle sind traurig um des einen willen und bieten alles auf, um dem
einen Gliede zu helfen und es gesund zu machen.
[GEJ.04_113,07] Es ist gewiß ein schöner
Beruf, die Fähigkeit zu besitzen, Meiner Liebe Stimme zu vernehmen, sie
aufzuschreiben und den anderen Menschen, denen diese Fähigkeit mangelt,
mitzuteilen, so sie danach dürsten; aber eine ebenso schöne Fähigkeit des
Herzens ist es, das Vernommene im Herzen zu behalten und danach zu leben. Hat
es dadurch ein Mensch, wenn er auch von unten herstammt, zur Wiedergeburt
seines Geistes gebracht, so wird er schon den sicher bestbemessenen Lohn dafür
finden und wird sich gegen den Wortvernehmbefähigten ebensowenig beschweren,
wie sich je irgend einmal dein kleiner Finger darum beschwert hat, daß er nicht
ein Auge deines Hauptes geworden ist! – Sage Mir nun, ob du mit dieser Antwort
zufrieden bist!“
[GEJ.04_113,08] Sagt Cyrenius: „Herr, – mehr
als vollkommen! Werde Dir mit solch einer höchst dummen Frage auch nimmer
kommen! Du aber habe nun ganz ungestört die Gnade, uns etwas sehen zu lassen!“
114. Kapitel
[GEJ.04_114,01] Sage Ich: „Sehet, Ich habe zu
dem Behufe diese unsere Leuchtkugel aus der tiefsten Mitte Afrikas
herbeischaffen lassen, um euch gewisserart ohne Wunder, mehr auf einem für euch
bisher noch ganz unbekannten natürlichen Wege, die Naturgeisterwelt zu
erschließen!
[GEJ.04_114,02] Das Licht dieses Steines hat
die Eigenschaft, auf die Lebensnerven über der Magengrube derart einzuwirken,
daß die Seele ihr Sehvermögen nach längerem Einwirken dieses Lichtes dahin
zieht und dadurch selbst die verborgensten Dinge zu sehen beginnt. Euer Schauen
wird sich nun ganz dahin versetzen, und ihr werdet dadurch mit geschlossenen
Augen besser sehen als so nun mit den offensten Fleischesaugen.
[GEJ.04_114,03] Für einige Menschen hat auch
der Mond eine ähnliche Wirkung, jedoch nie in dem hohen und mächtigen Grade wie
das Licht eben dieses Steines. Schließet nun eure Augen und überzeuget euch, ob
ihr mit der Magengrube nicht besser sehet denn mit den Naturaugen!“
[GEJ.04_114,04] Auf diese Meine Worte
schlossen alle die Augen und konnten sich nicht genug wundern über dies
allerschärfste Sehvermögen der Seele durch die Magengrube.
[GEJ.04_114,05] Nur Mathael und seine vier
Gefährten sagten: „Dies wunderliche Schauen ist uns durchaus nicht fremd; denn
auf diese Art sahen wir oft die seltensten Dinge und wandelten oft über
Stellen, über die im natürlich- wachen Zustande kein Sterblicher ohne den
gräßlichsten Fall hinwegkommen könnte, und sahen dabei alle Luft, wie auch das
Gewässer der Meere und Seen, Flüsse und Bäche stets dicht angefüllt mit
allerlei der wundersamen Fratzen und Larven, die sich in der Luft schneller
oder langsamer fortschoben nach allen bekannten Windrichtungen; auch schwebten
sie auf und nieder, drehten sich bald langsam, bald ganz geschwind in Kreisen.
Einige saßen gewisserart wie Schneeflocken auf die Erde nieder und verkrochen
sich gewissermaßen schnell in ihre Furchen; einige wurden wie ein Tau von den
Pflanzen aufgesogen, andere vom Erdreiche, und noch einige von allerlei
Gestein.
[GEJ.04_114,06] Die ins Erdreich sich
verkriechenden und die von der Pflanzen- und Steinwelt aufgesogenen kamen nicht
wieder zum Vorscheine; aber wo irgendein Baum oder ein Kraut oder etwas
Tierisches verweste, da erhoben sich, anfangs wie ein leichter, schimmernder
Dunst aussehend, allerlei neue Gebilde, die sich bald zu Hunderttausenden ergriffen
und in eine schon ganz gut ausgebildete Form zusammenschmolzen.
[GEJ.04_114,07] War die Form einmal fertig,
so dauerte es gar nicht lange, daß sich diese Form, wie mit einer Art von
eigenem Bewußtsein versehen, zu bewegen anfing und also tat wie ein Hund, so er
etwas sucht, was seine Spürnase irgendwo aufgewittert hat.
[GEJ.04_114,08] Wir sahen diese Wesen
gewöhnlich den Herden von Schafen, Ziegen, Rindern zuschweben. Hatten sie eine
solche erreicht, so blieben sie unter derselben; und wurde von den Tieren eine
Begattung verübt, wozu sie die Tiere sehr anzureizen schienen, da wurden sie
von den Tieren, die sich begatteten, abermals, wie ein Tau vom schon etwas dürr
gewordenen Grase, eingesogen und kamen nicht mehr zum Vorscheine.
[GEJ.04_114,09] Viele solcher Formen eilten
auch den Gewässern zu und schwammen leicht gleitend eine Zeitlang auf der
Oberfläche herum. Einige tauchten darauf entschieden unters Wasser; einige
drängten sich zu einer nebligen Masse mehr zusammen und tauchten dann erst
unter, so sie wieder in eine neue Form zusammenschmolzen, die nicht selten
einem Wassertiere ähnlich sah.
[GEJ.04_114,10] Aber was das Sonderbarste
war, so sahen wir, wie jetzt aus dem Wasser sich stets tausenderlei Fratzen,
Larven und Formen erhoben, und sie hatten die beiläufige Gestalt von allerlei
fliegenden Insekten, wie auch von kleinen und großen Vögeln jeder möglichen Art
und Gattung. Sie hatten förmlich ganz gut ausgebildete Flügel, Beine und andere
Extremitäten; aber sie bedienten sich derselben nicht wie die Vögel, sondern es
hing alles an ihnen, und sie schwebten dann mehr wie Flaumen oder Flocken in
der Luft umher. Nur wenn ein Schwarm wirklicher Vögel in ihre Nähe geflogen
kam, sah man wirkliche Lebensregungen an diesen dunstigen Larven und Formen;
sie zogen dann auch mit dem Schwarm und wurden von selbem in Kürze wie
aufgezehrt.
[GEJ.04_114,11] Aus der Höhe aber entdeckten
wir stets wie einen lichten Staub herabregnen, manchmal mehr, manchmal weniger
dicht, und besonders häufig war er über den Wasserflächen zu ersehen. Wenn man
diesen Staub näher betrachtete, so fand man an ihm auch irgendeine Form, die
entweder kleinsten Eierchen oder überaus kleinen Wassertierchen gleichsah, und
dieser Staub wurde vom Wasser aber auch sogleich verschlungen.
[GEJ.04_114,12] Oh, es ließe sich da sehr
vieles erzählen, wenn man die Zeit dazu hätte! Aber was wir vorher in unserem
unglücklichen Zustande sahen, das sehen wir nun mit wirklich verschlossenen
Augen wieder, und dieses Schauen weckt in uns die Erinnerung wieder, die uns
nun laut zuruft: ,Dieses alles habt ihr etliche Jahre hindurch allabendlich und
allnächtlich geschaut!‘ Manchmal hatten wir sogar am Tage, wenn es so recht
herbstlich trübe war, dieselben Gesichte, wußten natürlich nicht, was wir
daraus hätten machen sollen; nun aber verstehen wir glücklicherweise die Sache
und wissen, was daraus wird, und woher es kommt, und was es ist! Dir, o Herr,
alle Ehre, alle Liebe, allen Dank und alle Anbetung darum!“
115. Kapitel
[GEJ.04_115,01] Sagt nun die nebenan ruhende Jarah:
„Aber Herr! Was sind denn das für kleine Männlein? Sie kamen vom Walde her und
umlagern uns nun scharenweise in allen Farben! Einige scheinen ein dunstiges
Kleid zu haben; die meisten aber sind ganz nackt und haben aber alle die Größe
von kaum zwei Jahre alten Kindern.“
[GEJ.04_115,02] Sage Ich: „Das sind
diesirdische, schon konkrete Menschenseelen, die den Weg des Fleisches noch
nicht durchgemacht haben. Sie haben auch bis jetzt noch keine besondere Lust
dazu, weil sie eine neue Einkerkerung in die Materie zu sehr fürchten. Die
Bekleideten haben sogar eine Art Sprache, die freilich nicht gar weit her ist;
aber eine gewisse Affenintelligenz besitzen alle!“
[GEJ.04_115,03] Sagt die Jarah: „Würden die
Bekleideten mich verstehen, so ich sie anredete?“
[GEJ.04_115,04] Sage Ich: „Versuche es einmal
auf gut Glück!“
[GEJ.04_115,05] Hierauf nimmt sich die Jarah
einen Mutanlauf und fragt einen dunstbekleideten Lichtblauen: „Wer seid ihr
denn, und was wollt ihr hier?“
[GEJ.04_115,06] Das lichtblaue Männlein tritt
nun ganz knapp zur Jarah hin, glotzt sie recht starr an und sagt darauf: „Wer
gebot dir, du stinkendes Fleisch, uns Reine zu fragen?! Bis auf den einen und
bis auf noch einen stinket ihr alle gar ekelhaft nach der Materie; und das ist
der größte Feind unserer Nüstern! Frage du in der Folge uns erst dann, du
stinkendes Aas, wenn du vom allmächtigen Geiste aller Geister dazu ein Gebot
erhalten haben wirst, – sonst sorge du dich, wie du deines fleischlichen
Mottensackes auf eine gute Art ledig wirst!“
[GEJ.04_115,07] Frage Ich die Jarah: „Nun,
Mein Töchterchen, wie schmeckt dir diese Antwort?“
[GEJ.04_115,08] Sagt die Jarah: „Herr, Herr,
ach, diese Wesen sind ja ganz ungeheuer roh und grob! Bin ich denn wohl gar so
ein stinkendes Aas? Ich kann mir nun vor lauter Wehmut nicht helfen; ja ich
könnte nun ganz leicht verzweifeln!“
[GEJ.04_115,09] Sage Ich: „Schau, schau, Mein
Töchterchen, das Geistlein hat dir ja etwas Gutes getan! Warum grämst du dich
nun darob?! Das Geistlein hätte dir das freilich wohl mit zierlicheren Worten
sagen können, daß in dir noch so ein ganz kleines Schönheitshochmütchen ganz
verborgen wohnet; aber das Geistlein ist kein Sprachkünstler, hat nur einen
notdürftigen Wortreichtum und spricht so ganz eigentlich mehr aus seiner
Empfindung denn aus irgendeinem Verständnisse heraus.
[GEJ.04_115,10] Ist dein Gemütsglück
zerstört, daß du den Lichtblauen angeredet hast? Hättest du erst so einen
Glühroten um etwas Ähnliches wie den Lichtblauen gefragt, der hätte dir erst
eine Antwort erteilt, daß du darob vor lauter Grimm in eine Ohnmacht verfallen
wärest. Aber nun bedanke dich für die Wohltat, die dir der Lichtblaue erteilt
hat, dann wird es mit ihm wohl bessern Wortes zu reden sein!“
[GEJ.04_115,11] Jarah nimmt sich das zu
Herzen und sagt sogleich zum sie noch immer starr anglotzenden Geistlein: „Ich
danke dir, liebes Männlein, für die Wohltat, die du durch deine aller Schonung
baren Wörtlein mir zugefügt hast; sei mir aber darum nur nicht gram! Gelt,
liebes Männchen, du wirst mir darum doch nicht gram sein oder bleiben?“
[GEJ.04_115,12] Hier macht das Männchen eine
helle Lache und sagt, noch lachend: „Der dir das gesagt hat, der wäre schon
recht, – aber du Schneegänschen noch lange nicht; denn auf deinem stinkenden
Boden ist weder der Gedanke noch der Wille dazu gewachsen! Aber erträglicher
bist du mir nun schon denn zuvor; nur draußen ist dein Schönheitshochmütlein
noch lange nicht ganz. Bilde nur du dir gar nichts ein; denn alles, was dein
ist, ist schlecht, – das Gute gehört wem andern!“
[GEJ.04_115,13] Sagt Jarah: „Aber sage mir,
du liebes Männchen, woher weißt du denn das alles?“
[GEJ.04_115,14] Lacht's Männchen wieder und
sagt: „Was man sieht, das braucht man nicht zu wissen! Du siehst nun ja auch
mehr, als was du sonst sehen konntest! Ich sehe aber noch mehr als du, weil ich
kein stinkendes Fleisch um mich gehängt habe; und so sehe ich genau, wie du und
ein jeder andere aus euch beschaffen ist. Ich sage dir's, bilde du dir auf alle
deine Vorzüge nichts ein; denn die sind bei dir noch langehin ein fremdes Gut!“
[GEJ.04_115,15] Sagt die Jarah: „Ja, wieso
denn? Erkläre mir das doch näher!“
[GEJ.04_115,16] Sagt das Männchen: „Wenn dir
einer, der viele Reisen gemacht hat und sich dadurch mit viel Mühe und
Beschwerden allerlei Kenntnisse und Erfahrungen gesammelt hat, das mitteilt,
was er gesehen und erfahren hat, so wirst du dann auch das wissen, was er
selbst weiß und kennt; kannst du dir darauf etwas einbilden? Denn das, was du
nun mehr weißt denn früher, ist ja nur ein doppeltes Verdienst dessen, der sich
erstens mit viel Mühe und mit vielen Opfern solche Kenntnisse und Erfahrungen
mühsam gesammelt hat, und der zweitens noch so gut war, dir das alles getreust
mitzuteilen. Sage mir, ob du dir die Erwerbung solcher Erfahrungen und
Kenntnisse zu einem Verdienste anrechnen kannst?
[GEJ.04_115,17] Sieh, da stehst du nur als
ein mit viel nützlichen und guten Wissenschaften und Erfahrungen beschriebenes
Buch und noch lange nicht als ein weiser Schreiber des Buches da! Wem gehört
denn da das Verdienst des Guten, was im Buche geschrieben steht, dem Buche oder
dem, der das alles in dasselbe geschrieben hat? Siehe, du bist ein recht
beschriebenes Buch, aber ein Schreiber noch lange nicht! Darum bilde nur du dir
nichts ein!“
[GEJ.04_115,18] Hierauf lacht das Männchen
wieder und stellt sich auf wie ein Feldherr und sagt zu seinem Heere: „Wenn ihr
euch an der Gesellschaft sattgeglotzt habt, so ziehen wir wieder weiter; denn
hier stinkt es mir einmal zu viel!“
[GEJ.04_115,19] Auf einmal ziehen sie ab und
verschwinden im Walde.
116. Kapitel
[GEJ.04_116,01] Jarah aber sagt: „Wer hätte
denn je in diesen luftigen Männlein so viel Weisheit gesucht?! Aber im Grunde
bin ich doch froh, daß sie wieder abgezogen sind; denn sie hätten uns mit der
Zeit noch ganz kurios warm gemacht, obwohl sie für sich ganz kalter Natur zu
sein scheinen. Von einer Liebe scheint in ihnen nicht viel zu wohnen; aber sie
wissen sehr wohl das Wahre vom Falschen zu unterscheiden. Was wird denn hernach
aus diesen Wesen, wenn sie den Weg des Fleisches gar nicht durchmachen wollen?“
[GEJ.04_116,02] Sage Ich: „Sie werden ihn
schon einmal durchmachen; aber es wird noch lange hergehen, bis sie sich dazu
entschließen werden. Die Lichtblauen am ehesten, die andern aber noch lange
nicht!
[GEJ.04_116,03] Denn die Seelen, die so aus
der Natur dieser Erde hervorgegangen sind und täglich hervorgehen, entschließen
sich äußerst schwer dazu; nur viele Erfahrungen und viele Erkenntnisse und
daraus hervorgehende beste Hoffnungen sind es, die sie dazu bewegen, wenn sie
zu der sichern Erkenntnis kommen, daß sie durch den Fleischweg nie etwas
verlieren, sondern nur gewinnen können, indem sie im schlimmsten Falle das
wieder werden können, was sie nun sind.
[GEJ.04_116,04] Diese Naturseelen halten sich
zumeist gern in Bergen auf, gehen aber auch in die Wohnungen ganz einfacher,
armer, schlichter Menschen und tun ihnen Gutes; nur dürfen sie nicht beleidigt
werden. In diesem Falle ist mit ihnen nicht gut Mahlzeit halten.
[GEJ.04_116,05] Sie besuchen heimlich auch
Schulen und lernen vieles von den Menschen. Den Bergleuten zeigen sie nicht
selten die besten und reichsten Metallager. Auf den Alpen dienen sie den Hirten
und den Weidetieren; nur dürfen sie nicht beleidigt werden.
[GEJ.04_116,06] Es gibt noch etliche solcher
Naturseelen auf dieser Erde, die nahe ein fünffaches Alter Methusalems erreicht
und den Weg des Fleisches noch nicht betreten haben. Alles wäre ihnen sonst
recht, – nur der Verlust der Rückerinnerung hält sie am meisten zurück, weil
sie dies als eine Art Tod ihres gegenwärtigen Seins ansehen.
[GEJ.04_116,07] Nun aber wisset ihr auch, was
es da mit diesen Wesen für eine Bewandtnis hat. Gebet nun aufs Weitere acht,
was da kommen wird!“
[GEJ.04_116,08] Sagt hier einmal auch unser alter
Kisjonah aus Kis: „O Herr, als Du vor etlichen Wochen in meinem Hause Dich
gnädigst aufgehalten hast, was Großes und Erhabenes habe ich da alles gesehen
und gehört! Aber was nun während ein paar Tagen meines Hierseins alles
geschehen ist, und gehört und gesehen ward, davon hat in ganz Galiläa wohl
niemand irgendeinen noch so leisen Traum gehabt! Herr, vergib, daß ich es
gewagt habe, mit meinem plumpen Munde Dich nur in irgend etwas zu unterbrechen!
Denn man sollte hier eigentlich selbst nie ein Wort reden, sondern allein hören
und schauen; und versteht man irgend etwas nicht ganz auf der Stelle, so
gedulde man sich nur ein wenig, und es kommt bald die Erklärung von selbst! –
Ich habe schon ausgeredet!“
[GEJ.04_116,09] Sage Ich: „Oh, rede und frage
du, Mein liebster Freund Kisjonah, nur immerhin und -zu, denn Deines Mundes
Rede klingt überaus wohl in Meines Herzens Ohren; denn der Demut Stimme Klang
ist Mir bei weitem die allerschönste Harmonie.
[GEJ.04_116,10] Du hast auch gestern am Tage
vernommen den herrlichen Ton, den Mein Engel Raphael hervorbrachte; wie
himmlisch herrlich sich aber auch jener Ton hat vernehmen lassen, so klingt
Meinem Ohre der reinste Klang der wahren Demut noch ums unvergleichbare
herrlicher!
[GEJ.04_116,11] Du bist auch ein rechter Mann
nach Meinem Herzen, und Ich werde die Wintertage in deinem Hause zubringen, und
da wird sich noch so manche Gelegenheit finden, dich und dein ganzes Haus über
so manches aufzuhellen. Sei du darum immerhin guten Mutes, und schaue dir nun
alles gut an, – die Erklärungen werden nicht hinterm Wege verbleiben!“
[GEJ.04_116,12] Sagt Kisjonah: „O Herr,
dieser zu großen Gnade bin ich zwar wohl nicht im geringsten wert, aber solch
ein Winter wird für mich wohl eine allerseligste Zeit sein! Oh, welche Freuden
werden daselbst in meinem Hause vor sich gehen! Aber nun wohl kein Wort mehr
über meine Lippen!“
[GEJ.04_116,13] Sagt Cyrenius: „Da werde auch
ich von Zeit zu Zeit ein Bewohner deines Hauses werden und alles beitragen, um
die ganze Gegend, das heißt die Armen, so gut als tunlich zu versorgen!“
[GEJ.04_116,14] Sagt Kisjonah: „Hoher
Gebieter, das wird von dir sehr schön sein, und mir wird es zu einer großen
Freude sein! Aber ich bitte, nur jetzt nicht viel reden dazwischen; denn an uns
schweben in einem fort Wunder über Wunder vorüber, und wir betrachten sie mit
einer viel zu geringen Aufmerksamkeit!“
117. Kapitel
[GEJ.04_117,01] Darauf sagte Mathael: „Oho,
was schwebt denn dort von der Gegend der Stadt her für ein ungeheuer großer
Knäuel?! Er kommt näher und näher. Seht seht, wie es im selben
durcheinanderwoget und schlangenartig sich windet! Was sind denn das alles für
sonderbare Gestalten?! Ich bemerke, wohl unterscheidbar, Ochsen, Kühe, Kälber,
Schafe, Hühner, Tauben, allerlei andere Vögel, Fliegen, Käfer aller Art und
Gattung; Esel, auch etliche Kamele, Katzen, Hunde, ein paar Löwen, Fische,
Nattern, Schlangen, Eidechsen, Grillen, Stroh, allerlei Holz, eine Masse
Getreidekörner, Kleider, Früchte, sogar allerlei Gerätschaften und noch eine
Menge von allerlei, das ich gar nicht kenne! Was soll denn das vorstellen?!
Sollen das etwa auch Seelen sein, die alle wie in einen überaus großen und
völlig durchsichtigen Sack eingenäht erscheinen und im selben
durcheinanderfahren wie lockere Spreu im Wirbelwinde?!“
[GEJ.04_117,02] Sage Ich: „Das sind Seelen
oder respektive Geister unterer Art, als eine sich noch eine Zeitlang
zusammenhaltende Unglückskompanie, die sich erst dann trennen wird, wenn sie in
dem ersichtlichen Nährsacke reifer geworden ist.
[GEJ.04_117,03] Alles, was auf der Welt nur
irgendwo als was immer besteht, ist Seelenstoff. Wird er durch was immer in
seiner materiellen Kohäsion (Zusammenhalt) zerstört und dadurch seelisch frei,
so ergreift er sich nach der Zerstörung in der früheren materiellen Form wieder
und besteht so noch eine Zeitlang fort. Hat sich mit der Weile diese Form mehr
ausgereift mit der Intelligenz, so fängt er dann nach und nach an, die alte
Form zu verlassen und in eine lebensfähigere überzugehen.
[GEJ.04_117,04] Dieser Knäuel ist ein
Aufnahmegefäß für alles; was nur immer bei dem Feuer und durch das Feuer
zerstört wurde, das findest du nun in diesem Knäuel als Seelensubstanz, mit
einiger Intelligenz behaftet. Daß sie alle in diesem Sacke wie in einem Käfige
beisammen und untereinandergemengt erscheinen, daran ist die Angst schuld.
[GEJ.04_117,05] Wenn zum Beispiel auf
irgendeinem Punkte der Erde große Elementarrevolutionen in sehr naher Aussicht
stehen, was natürlich von einer großen Bewegung der Naturerdgeister oder
-seelen herrührt, so werden auch alle Tierseelen von einer großen Bangigkeit
befallen. Da fangen alle Gattungen Tiere an, sich gegenseitig ganz freundlich
entgegenzukommen und bilden eine ganz friedliche Gesellschaft. Die Natter
kümmert sich nicht um ihr Gift, die Schlange auch nicht; die reißenden Tiere
vergreifen sich nicht mehr an den friedlichen Lämmern; die Biene und die Wespe
haben ihren Stachel wie ein Krieger sein Schwert in die Scheide gesteckt. Kurz,
da ändert alles seine Natur; sogar die Pflanzenwelt läßt ihre Häupter traurig
hängen, und es erhebt keine Pflanze eher ihr keusches Haupt, als bis die
Kalamität vorüber ist.
[GEJ.04_117,06] Alles aber – mit Ausnahme der
Menschen –, was bei einer solchen Gelegenheit irdisch zerstört wurde, vereinigt
sich nach der Zerstörung in der noch fortbestehenden Angst auch als
Seelensubstanz und umhäutet sich zur Not. Wenn so ein lockerer Seelenknäuel
dann etwa ein Jahrhundert lang also herumgeschwärmt hat, so haben sich die
ursprünglich verschiedenartigen Seelenelemente gegenseitig mehr angezogen,
fangen nach und nach an, sich zu vereinen, und machen sonach dann eine oder
auch mehrere recht kräftige Naturmenschenseelen aus.
[GEJ.04_117,07] Dieser vor uns schwebende
Knäuel faßt alles in sich, was durch das Feuer von Cäsarea Philippi zerstört
worden ist. Dieser Knäuel wird zu der Vollentwicklung wohl über hundert Jahre
benötigen; aber es werden dann auch über hundert reife Naturmenschenseelen die
leichte Umhäutung durchbrechen und etwa wieder nach hundert Jahren unsern
Fleischesweg durchmachen.
[GEJ.04_117,08] Bei Feuersbrünsten, bei
feuerspeienden Bergen, auch bei großen Überschwemmungen bilden sich gleichfort
solche Knäuel. Wo wenig tierische Elemente dabei sind, dauert die Umwandlung
länger; wo aber tierische Elemente daruntergemengt sind, wie hier, dauert sie
gewöhnlich kürzer.
[GEJ.04_117,09] Auch ist eben nicht die
Folge, daß aus den Knäueln, in denen kein Tier sich befindet, dennoch
Naturmenschenseelen sich entwickeln sollen; es können daraus auch
Naturtierseelen oder gar nur wieder edlere Pflanzenseelen hervorgehen, welch
letztere gewöhnlich aus den Verwesungsdünsten oder aus allerleiartigen,
sogenannten vulkanischen Dämpfen und Rauchmassen sich entwickeln.
[GEJ.04_117,10] Kurz, wo bei den Dünsten
nachgewiesen werden kann, daß sie entweder aus der Verwesung grob-tierischer
und ebenso grober Pflanzenmaterie hervorgehen oder bloß mineralischen
Gärungsprozessen entstammen, da entwickeln sich nur allerlei Pflanzenseelen und
vereinen sich den gröbsten Teilen nach durch die Wurzeln, den etwas edleren
Teilen nach mit den Blättern und den edelsten Teilen nach bei Gelegenheit der
Blütenbegattung mit einer aus einem Keime hervorbrechenden und tätig werdenden
Pflanzenseele und bilden somit die segenreiche Vervielfachung der Samenkörner
und ihrer Keime.
[GEJ.04_117,11] Die gröberen derartigen
Pflanzenseelenspezifika bleiben in der Materie sitzen, als im Stamme und im
Holzfaserstoffe, die edleren kommen in das zartere Blätterwerk, die noch
edleren bestimmen die Frucht selbst und was derselben vor- und nachgehet, und
die alleredelsten vereinen sich dann schon zu einem in sich intelligenten
Keimleben, das dann schon fähig ist, entweder sich selbst zu einem gleichen
Leben von neuem zu erwecken, um die alte Tätigkeit von vorne herein zu beginnen
oder durch den Genuß von seiten eines Tieres oder eines Menschen sogleich in
die Tier- oder gar Menschenseele überzugehen.
[GEJ.04_117,12] Darum genießt der Mensch auch
zumeist nur die Frucht der Pflanzen, damit die Pflanzenkeimseelen sich sogleich
mit seiner Seele einen können, die schon gröberen Teile des Kerns und der
Frucht aber nur mit dem Blute und Fleische und mit den Knorpeln und Knochen,
was alles nach dem Abfalle als ein noch zu Unlauteres wieder durchs Reich der
Pflanzenwelt sich dann und wann noch mehrere Male mit hindurchzureinigen hat,
bis es zu einem Keimgeiste und zur Aufnahme in eine neue Tier- oder gar
Menschenseele vollends reif wird. – Nun wisset ihr so beiläufig auch, wie diese
Knäuel entstehen und welchen Fortgang sie nehmen, und was da ihr Endziel ist,
und so könnet ihr nun eure Betrachtungen schon weiter beginnen und sehen, ob
nicht wieder eine Erscheinung euch aufstoßen wird!
[GEJ.04_117,13] Das aber, was ihr hier nun
schauet, ist die erklärte Jakobsleiter, durch die er Himmel und Erde in einer
Verbindung erschaute und sah die Kräfte des Lebens und Gottes Gedanken auf- und
niedersteigen. Jakob sah das Bild wohl, aber weder er noch jemand nach ihm bis
auf diese Zeitstunde hat es verstanden. Vor euch aber habe Ich es nun enthüllt;
aber dazu mußtet auch ihr alle durch das Licht jener Leuchtkugel zuvor in eine
Art hellen Schlafes versetzt werden, um die enthüllte Jakobsleiter zu schauen
und sie endlich durch Mein Wort auch zu verstehen, auf daß ihr wisset, wie da
Himmlisches und Irdisches zusammenhängt und auf derselben Stufenleiter eines
stets in das andere übergeht. – Sehet über das Meer hin, das heißt nun mit
eurer Geist- oder vielmehr Seelensehe, und saget Mir, was ihr da sehet!“
118. Kapitel
[GEJ.04_118,01] Sagt einmal Zinka: „Herr, ich
sehe auf des Wassers Oberfläche, wie eine Unzahl feuriger Schlangen hin und her
fahren; einige tauchen auch unter, doch die Schnelle ihrer Bewegung wird durch
des Wassers Masse nicht gehemmt. Ich sehe bis auf den Grund des Meeres; am
Grunde gibt es eine Menge Ungeheuer aller Art, auch zahllos viele Fische, und
alles schnappt nach diesen feurigen Schlangen. Hat ein Fisch oder ein anderes
Ungeheuer eine oder mehrere solcher Feuerschlangen in sich verschlungen, dann
werden sie regsamer und lebendiger, und eine förmliche Art Wollust blitzt aus
diesen Wasserwesen.
[GEJ.04_118,02] Ich sehe nun diese
Feuerschlangen, nur viel kleiner und minder leuchtend, auch in der Luft
herumschwärmen; über der Region des Wassers sind sie am dichtesten. Vögel, die
zur Nacht sich über dem Wasserspiegel zu belustigen pflegen, scheinen sie nicht
sehr zu lieben; aber die Fische springen ihnen aus dem Wasser entgegen. Die auf
dem Wasser herumschwimmenden aber glänzen am stärksten und haben auch eine
pfeilschnelle Bewegung! – Was, o Herr, ist das nun? Wie sollen wir dieses
verstehen?“
[GEJ.04_118,03] Sage Ich: „Das, was ihr da
sehet, ist der eigentliche Lebensnährstoff, es ist das Salz der Luft und das
Salz des Meeres; einstens werden die Naturweisen dieses Element den Sauerstoff
nennen. Sehen werden sie ihn wohl nicht, aber wahrnehmen, und sie werden
bestimmen seinen Gehalt und sein Vorhandensein nach mehr oder weniger oder auch
seine gänzliche Abwesenheit.
[GEJ.04_118,04] Das Wasser als das
Hauptlebenselement für Pflanzen, Tiere und Menschen muß dieses Sauerstoffes am
meisten in sich fassen, und namentlich das große Weltmeer. Die Tiere im Wasser
könnten gar nicht leben, so das Wasser nicht stets im reichlichsten Maße mit
diesem Stoffe erfüllt würde.
[GEJ.04_118,05] Dieser Stoff ist ursprünglich
die eigentliche Seelensubstanz und entspricht den Gedanken, bevor sie noch zu
einer Idee zusammengefaßt werden. Aber so ihr einmal dieses seelischen
Lebensstoffes in einer hinreichenden Menge irgend zusammengedrängt finden
werdet, da wird sich auch bald irgendeine Form entweder belebt, das heißt als
zart und regsam, oder aber auch ganz starr wie ein Stein oder wie ein Stück
toten Holzes zeigen. Sehet nur besonders gegen die Ufer hin, und ihr werdet
stellenweise ein besonderes, punktiertes Stechleuchten entdecken; das entsteht
durchs Zusammendrängen des Lebensstoffes.
[GEJ.04_118,06] Ihr könnet es nun sehen, wie
sich unsere Feuerschlangen hie und da wie auf einen Klumpen zusammenziehen zu
Hunderten und Tausenden an der Zahl. Solch ein also wie zufällig gebildeter
Klumpen leuchtet dann eine kurze Zeit äußerst heftig. Dies größere Leuchten ist
der Moment des Sich- Ergreifens von einer Menge dieser Lebensfeuerschlangen;
mit diesem Ergreifen ist dann aber auch schon eine Idee unter irgendeiner Form
fertig.
[GEJ.04_118,07] Ist die Form einmal in der
Ordnung, so tritt dann eine Ruhe ein, und das besondere Leuchten hat aufgehört;
aber dafür wird schon ein Geschöpf daraus. Entweder zeigt es sich in der Form
eines Kristalles oder in der eines Samenkornes oder Eies oder gar schon in der
Form eines fertigen Wassertierchens oder mindestens eines
Wassermoospflänzchens, – aus welchem Grunde ihr auch sehr häufig die flacheren
und seichteren Ufergegenden stets am reichsten mit allerlei Wasserpflanzen
werdet bewachsen ersehen mit dem fleischlichen Auge. Und wo solche
Pflanzenstellen sich sehr häufig vorfinden, dort wird es an allerlei größeren
und kleineren Wassertieren auch keinen Mangel haben.
[GEJ.04_118,08] Ihr fraget nun wohl, wer da
diese Lebensgeister, von denen eins dem andern gleichsieht, modelliert zu
irgendeiner entweder starren oder lebensregsamen Form?! Diese Frage wird euch
am besten Mein Raphael beantworten. Komm, Raphael, rede und zeige dich
praktisch!“
119. Kapitel
[GEJ.04_119,01] Hier tritt Raphael hervor und
sagt: „Gott ist in Sich ewig und unendlich. Der unendliche Raum ist von Ihm
allein erfüllt. Er als der höchste, reinste und größte Gedanke und die ewig
vollendetste Idee in und aus Sich Selbst kann, als alles das von Ewigkeit, auch
nur in einem fort Gedanken fassen in Seiner ganzen Unendlichkeit, und diese ist
voll derselben aus Ihm; wir (die ,Urengel‘) aber, als Seine schon seit den für
euch Menschen undenklichsten Zeiten ausgereiften und nun selbständigen Lebensideen
voll Licht, Weisheit, Erkenntnis und Willenskraft, haben noch eine unendliche
Menge Dienstgeister unter uns, die gewisserart unsere Arme ausmachen und unsern
Willen erkennen und denselben auch sogleich in Vollzug setzen.
[GEJ.04_119,02] Die puren Gedanken Gottes
sind der Stoff, aus dem alles, was die Unendlichkeit faßt, entstanden ist: wir
ursprünglich ganz allein durch den Willen des allerhöchsten und allmächtigsten
Geistes Gottes, – alle diese Dinge und Wesen aber dann durch uns, die wir die
ersten und vorzüglichsten Aufnahmegefäße für die aus Gott kommenden Gedanken
und Ideen waren und sind und von nun an in erhöhter und stets
vervollkommneterer Weise auch für ewig verbleiben werden.
[GEJ.04_119,03] Wir fassen die aus Gott
kommenden Lebensgedanken, die sich euch in der Gestalt feuriger Langzungen zur
Beschauung stellen, zusammen und bilden in einem fort, nach der Gottesordnung
in uns, Formen und Wesen; und so da euch jemand fragete, woher Gott oder wir,
als Seine sozusagen schon ewigen Diener, Boten und Knechte, den materiellen
Stoff zur Bildung der Wesen hergenommen haben, – da vor euch habt ihr ihn nun!
Diese schlangenartigen und feurigen Langzungen sind die geistigen Bausteine,
aus denen alles, was die ganze Unendlichkeit nur immer Materiell-Wesenhaftes in
sich faßt und birgt, gemacht worden ist.
[GEJ.04_119,04] Wie dieses Machen aber vor
sich geht, hat euch zuvor der Herr Selbst überaus klar gezeigt. Aber ihr werdet
das alles erst dann in aller Fülle der wahren Lebensklarheit einsehen und
vollkommen begreifen, wenn ihr selbst ganz lebensvollendet vor Gott dem Herrn
stehen werdet im Geiste und nicht mehr im schweren Fleische.
[GEJ.04_119,05] Auf daß ihr aber nach dem
Willen des Herrn auch, was euch nun möglich ist, sehen könnet, wie wir
mächtigen und alten Diener Gottes aus diesen in dem Raume umherschwebenden
Gottesgedanken Formen und Wesen bilden, so sehet mit eurer Seele Augen her, und
ihr werdet etwas erfahren, was bis jetzt noch kein Sterblicher auf der Erde
erfahren hat!
[GEJ.04_119,06] Sehet, ich gebot nun im Namen
des Allerhöchsten meinen dienstbaren Geistern, recht viel des notwendigen
Stoffes hierherzuschaffen! Und sehet, schon haben wir nun einen hellstrahlenden
Klumpen von unseren feurigen Langzungen vor uns, der noch keine andere Form denn
die eines runden Feuerballes hat! Sehet nur, wie die feurigen Langzungen sich
aneinanderdrängen und -schmiegen, als wollte eine jede in die Mitte
hineinkriechen! Nach und nach tritt nun in dem Bestreben scheinbar stets mehr
und mehr Ruhe ein; aber es ist dies dennoch keine Ruhe, sondern nur ein durch
stets vermehrtes Drängen gegen den Mittelpunkt eingetretenes Hindernis, sich
dem Mittelpunkte noch mehr zu nähern.
[GEJ.04_119,07] Ja, aber warum strebt denn
alles dem Mittelpunkte zu? Sehet, wenn ich hier verschiedene gleich große
Materiekugeln zum Werfen habe, so wird jene, die am meisten schwer ist, auch am
schnellsten und am weitesten geworfen werden können, oder sie wird bei einer
gleich weiten Entfernung bei einer ganz gleichzeitigen Abschleuderung sicher
zuerst das gestellte Ziel erreichen! Also verhält es sich auch mit den endlos
vielen aus Gott gehenden wesenhaften Gedanken. Es gibt darunter gewisserart
ganz schwere, die schon einer förmlichen Idee gleichkommen, weniger schwere,
aber doch immer als Gedanken ganz gediegene; dann gibt es leichtere Gedanken,
die noch weniger reif und lichtgenährt sind, ganz leichte Gedanken, erst als
ein Etwas gedacht, und endlich gibt es auch sehr leichte Gedanken. Das sind
solche, die den Frühkeimen oder besser den Frühknospen eines Baumes gleichen.
Sie sind zwar in sich schon etwas, haben aber noch nicht jene göttliche
Entfaltung erreicht, daß man in ihrem Absonderungsstande bestimmen und sagen
könnte: ,Diese oder jene Form werden sie annehmen!‘
[GEJ.04_119,08] Wenn unsereiner aus diesem
euch nun bekannten Lebensstoffe ein Wesen in der Ordnung des göttlichen Wollens
formen will und eigentlich muß nach dem innersten Triebe des allerhöchsten
Geistes, so beruft er die ihm dienenden Geister, und diese haben ihm den euch
nun hinreichend bekannten Stoff zusammenzuführen; und es ist hier geistig so
leicht begreiflich wie materiell natürlich, daß die schwereren Gedanken hier
eher an Ort und Stelle sein werden denn die leichten und die gar sehr leichten.
Die schwersten bilden offenbar das Zentrum, während die leichten, als später
ankommend, mehr und mehr sich mit den Außenseiten begnügen müssen, und die gar
sehr leichten das Alleräußerste ausmachen.
[GEJ.04_119,09] Da aber die Zentralgedanken
die schon reichsten an Nährstoff sind, so drängen sich die noch mehr leeren,
armen und noch hungrigen an die reichen, um von ihrem Überflusse etwas zu
gewinnen zu ihrer Sättigung. Und ihr habt darum das Phänomen vor euch, wie sich
die auswendigsten Feuerlangzungen stets mehr an das Zentrum anschmiegen und nun
endlich stets mehr sich zu beruhigen scheinen, obschon ihr Bestreben noch immer
das gleiche ist, dem Zentrum so nahe als möglich zu kommen, um vom selben desto
mehr von der Nährfülle in sich aufzunehmen.
[GEJ.04_119,10] Ihr seht hier also einen
Klumpen, der zum größten Teile noch sehr hungrig ist und nun nichts als eine
ihm hinreichende Sättigung verlangt. Er ist gleich einem Kugelpolypen des
Meeres, der mit seinen tausendmal tausend Saugrüsselchen in einem fort die ihm
zusagende Nahrung aus dem Meeresschlamme saugt, bis der Kugelpolyp aus
Übersättigung endlich anfängt, Auswüchse zu bekommen, mit denen er dann schon
weiter um sich herumgreifen und sich zuzeiten auch schon von Ort und Stelle
bewegen kann. Mit den Freßarmen bekommt er auch mehr eine ganz eigentümliche
und ausgezeichnetere Form und unterscheidet sich schon sehr von seiner
ursprünglichen Kugelform.
[GEJ.04_119,11] Ihr alle wundert euch zwar
geheim über diese meine aus dem ersten Uranfange eines Wesens und dessen Form
abgeleitete Erklärung eines werdenden Seins Darstellung, wie sie nur also und
nie und nimmer anders sein kann; wendet eure Blicke aber nur zur Außennatur der
Dinge, und ihr werdet dasselbe nur zu leicht und zu bald finden!
[GEJ.04_119,12] Nehmet zum Beispiel aus einer
Henne den Eierstock und betrachtet die angesetzten Eiklümpchen genau! Einige
werdet ihr noch ganz klein, wie kleine Erbsen, andere schon wie die Weinbeeren,
und noch andere wie kleine Äpfel finden. Innerhalb einer leichten Umhäutung
wird sich nichts vorfinden als der gelbliche Dotterstoff! Wie unförmlich ist
noch dieses Sein!
[GEJ.04_119,13] Nun wird dieser Zentralstoff
aber stets mehr ausgenährt und setzt um sich das Klar an. Nach einiger Nährzeit
wird aus dem Klar das Gröbste ausgeschieden, entfernt sich aber dennoch nicht
vom Ei, sondern es setzt sich als eine ganz feste Hülse um das Ei und dient
demselben zum Schutze gegen das Erdrücktwerden bei der Ausgeburt. Betrachtet
nun ein gelegtes Ei; wie sehr verschieden ist es schon vom ersten Ei-Embryo im
Mutterleibe!
[GEJ.04_119,14] Nun setzt sich die Henne aufs
Ei und durchwärmt dasselbe eine Zeitlang. Welche Veränderungen gehen da im Ei
vor! Im Dotter fängt es an, sich zu regen und zu ordnen, die rechten Gedanken
(feurige Langzungen) finden und verbinden sich und ziehen die ihnen
nächstverwandten an sich. Diese verbinden sich wieder teils mit den ersten und
noch mehr unter sich, und ziehen aber gleich wieder die ihnen nächstverwandten
äußeren, das heißt leichteren, an sich. In kurzer Zeit werdet ihr schon des werdenden
Küchleins Herz, Kopf, Augen, Eingeweide, Füße, Flügel und Flaumfederchen
entdecken. Ist das Wesen einmal so weit gediehen, so ziehen die geordneten
Teile ihr Gleichartiges aus dem vorhandenen Stoffe stets mehr und mehr an sich
und bilden sich dann von Augenblick zu Augenblick stets mehr und mehr aus.
[GEJ.04_119,15] Ist einmal die Form und der
Organismus schon nahe völlig ausgebildet, so wurde während solcher
fortgesetzter Tätigkeit auch der ursprüngliche Haupt- und Mittelgedanke stets
mehr und mehr gestärkt, unterstützt und gesättigt und fängt nun an, mit der
Überfülle seines Lebens in den Organismus überzugehen und greift in desselben
Zügel, und das Wesen wird sichtlich lebendig und bildet sich alsdann erst ganz
aus.
[GEJ.04_119,16] Ist er einmal ganz
ausgebildet, da nimmt der in den ganzen Organismus übergegangene Lebensgedanke,
was eigentlich die Seele ist, alsbald wahr, daß er sich noch in einem Kerker
befindet. Er fängt darob stärker sich zu regen an, durchbricht den Kerker und
tritt ganz matt und voll Furcht in die große Welt hinaus, da er sich noch nicht
hinreichend gekräftigt fühlt. Er fängt nun gleich an, äußere Weltnahrung zu
sich zu nehmen, und fängt dadurch auch gleich wieder weiterzuwachsen an, und
das so lange, bis er sich leicht fühlbar mit der Außenweltnatur in ein
Gleichgewicht gesetzt hat.
[GEJ.04_119,17] Und wir sehen da nun eine
ausgebildete, fruchtbare Henne vor uns, die nun wiederum das Vermögen hat,
teils aus der Luft, teils aus dem Wasser und zum größten Teile aus der ihr
zusagenden schon beseelten organischen Nahrung die sie ernährenden
Seelenspezifikalteile in sich aufzunehmen, die geistigen zur weiteren
Ausbildung ihrer Lebensseele und die gröberen nicht nur zur Erhaltung ihres
Organismus, sondern auch zur Neuschaffung von Eiklümpchenansätzen zu verwenden,
aus denen nach dem ordnungsgemäß euch nun gezeigten Verlaufe wieder eine Henne,
Männlein oder Weiblein, zum Vorscheine kommt.
[GEJ.04_119,18] Das Geschlecht aber rührt von
dem jedesmaligen Mehr oder Weniger der ursprünglichen Schwere, Gediegenheit und
Kraft des lebendigen Seelengrundgedankens her. Ist dieser schon vom Ursprunge
an vollends gediegen, so daß er schon in sich selbst eine Idee ist, so wird
dessen Ausbildung in eine männliche Gestalt führen; ist aber das Primitive des
Grundlebensgedankens auf der zweiten und leichteren Stufe stehend, so wird sich
die Ausbildung in ein Weiblein hinüberziehen.“
120. Kapitel
[GEJ.04_120,01] (Raphael:) „Durch die
Begattung der Tiere aber geschieht bloß eine Erregung zur geordneten Tätigkeit
des im Ei schon vorhandenen Seelengrundlebensgedankens, ohne welche Erregung
dieser in seiner stummen Freßruhe verbliebe, von seiner nachbarlichen Umgebung
zehrete und diese vice versa (umgekehrt) wieder von ihm, und das so lange fort,
bis sie sich gegenseitig bis aufs letzte Pünktchen aufgezehrt haben würden. Es
kann aber solches auch mit den anderen Eiern, die durch die Begattung erregt
worden sind, geschehen, wenn die notwendigen späteren Ausbildungsbedingungen
ausgeblieben oder nicht im rechten Maße hinzugekommen sind.
[GEJ.04_120,02] Bei allen Tieren ist der Akt
der Begattung nur eine Erregung des schon Vorhandenen in des Weibleins Leibe;
denn Pflanzen- und Tierseelenklümpchen sammeln sich gleichfort in bestimmten
Zahlen und Ordnungen am bestimmten Ort im Mutterleib. Sind sie einmal da, so
erregen sie zuerst die Mutter, diese erregt durch ihr Erregtsein das Männlein,
und dieses geht und befruchtet das Weiblein, – nicht aber, als legte es einen
neuen Samen in die Mutter, sondern nur zur tätigen Erweckung des in der Mutter
schon vorhandenen Lebensklümpchens.
[GEJ.04_120,03] Dieses geschieht dadurch, daß
des Männleins Same, als aus mehr freien und ungebundenen Lebensgeistern
bestehend, eben als solcher die gebundenen Lebensgeister im Lebensklümpchen der
Mutter in eine ordentliche Revolution versetzt und sie also zur Tätigkeit
zwingt, ohne welchen Zwang sie in ihrer süßen Trägheit liegenblieben und nimmer
zur Formung und inneren Organisierung zu einem Wesen sich ergreifen würden. Des
Männleins Samengeister necken und jucken die Lebensgeister im Weiblein in einem
fort und geben ihnen keine Ruhe, welchem Necken sich die Mutterlebensgeister in
einem fort widersetzen, ja manchmal, wenn sie sehr kräftig sind, des Männleins
Samengeister sogar zum Schweigen bringen, – welchen Akt dann die
Landwirtschaftssprache ,das Verschütten‘ nennt, was besonders beim Rindvieh
häufig geschieht, aber auch bei anderen Tieren und sogar beim Menschen sehr
häufig vorkommt. Denn die Lebensgeister im Mutterlebensklümpchen sind zu sehr
für die Ruhe gestimmt, als daß sie sich zu gerne zu irgendeiner anhaltenden und
geordneten Tätigkeit bequemten. Aber sind sie einmal gehörig und genügend
erregt, dann geht die Sache schon vorwärts.
[GEJ.04_120,04] Und sehet, gerade so einen Mutterlebensklumpen
haben wir hier zur offenen Betrachtung vor uns! Sehet, wie er in der Zeit
meiner an euch gerichteten Erklärung sich schon sehr beruhigt hat! Ließe ich
ihn nun also, da würde er stets mehr in seinem Bestreben nach Ruhe
einschrumpfen, da sich seine Teile stets mehr dem Zentrum näher zögen, dasselbe
ganz aussaugten und am Ende mit demselben verkümmern müßten. Denn solche
Lebensgeister sind gewisserart wie die kleinen Kinder scheu und furchtsam und
nehmen, so sie sich einmal, wie ihr hier sehet, eingepuppt haben, von außen her
ja keine Nahrung mehr zu sich, sondern saugen in einem fort an ihrem
Mutterzentrum und müssen darum einschrumpfen bis zu einem punktgroßen
Klümpchen. Aber nun werden wir kräftige und sonach männliche, nur für die Bewegung
gleichfort erregte Urlebensgeister hierherziehen und diesen weiblich trägen
Klumpen von ihnen in einem fort bestreichen lassen, und ihr werdet da sehen,
welche Wirkung das in diesem weiblichen Klumpen hervorbringen wird.
[GEJ.04_120,05] Sehet, ich habe nun nach dem
Willen des Herrn durch die vielen untergeordneten Dienstgeister die großen und,
wie ihr sehet, sehr hell leuchtenden, langfeuerzungenartigen
Urgedankenlebensgeister, die dort am Wasser spielten, hierhergezogen! Sehet nur
recht genau, wie sie sich um den vor uns frei schwebenden weiblichen
Lebensklumpen alleremsigst zu tummeln anfangen! Und sehet, schon fangen die
kleineren, sämtlich weiblichen Lebensgeister wieder an, sich zu rühren, und
bemühen sich, dieser unruhigen, männlichen Lebensgeister los zu werden; aber
diese weichen nimmer, und die Erregung der weiblichen Lebensgeister greift
immer tiefer und tiefer bis zum Hauptlebenszentrum!
[GEJ.04_120,06] Nun beginnt sogar dieses sich
auch zu rühren, und da die dasselbe umlagernden Lebensgeister, durch starke
Regsamkeit wieder sehr hungrig gemacht, vom Lichte der männlichen Lebensgeister
Nahrung zu nehmen genötigt sind und dadurch wieder selbst heller und voller
werden, so bekommt auch der Zentralhauptlebensgedankengeist durch sie eine
Mannsnahrung. Durch diese Tätigkeit genötigt, bekommen die Umlagerer von innen
heraus die Anregung, sich mehr und mehr zu ordnen, zu einer Art gut geordnetem
Bollwerke. Die kräftigeren Lebensgeister gegen das Zentrum hin aber, nun gut
erhellt, erkennen sich und ihren Sinn und dessen Ordnung und scharen sich nach
der Art ihres Sinnes und ihrer Verwandschaft; und schon sehet ihr daraus
organische Verbindungen entstehen, und das Äußere geht in eine Form über, die
stets mehr und mehr einem Tierwesen ähnlich zu werden anfängt.
[GEJ.04_120,07] Durch diese Tätigkeit und
durch diesen Kampf werden alle Lebensteile stets der Nahrung bedürftiger, und
durch die männlichen wird ihnen diese auch stets mehr zugeführt. Die sich stets
mehr und mehr ordnenden äußeren Lebensgeister aber fangen an, wegen der Nahrung
sich mit den sie beunruhigenden Mannsgeistern vertraut zu machen, die alte
Furcht und Scheu schwindet, und es geht das auch auf die inneren Geister über.
Es fängt alles an, sich freier zu regen und zu bewegen, und die Folge ist das
Vollenden des Wesens, das nun in aller Kürze schon so weit gediehen ist, daß
ihr Kinder des Herrn nun schon bestimmen könnet, welche Tiergattung da heraus
zum Vorscheine kommen wird. Sehet, es wächst heraus eine ganz kräftige Eselin,
und der Herr will, daß sie bleibe und nicht wieder aufgelöst werde!“
[GEJ.04_120,08] Da bemerken Hebram und Risa:
„Der gute Raphael muß eine besondere Lust haben, Esel zu erschaffen! Vor zwei
Tagen war er zu unserem nicht geringen Erstaunen auch schnell mit einem
fertig!“
[GEJ.04_120,09] Sagt Raphael: „Lasset das,
was damals zu eurer Belehrung geschehen mußte! Diese Eselin hat hier etwas ganz
anderes zu bedeuten; sie ist das euch allen notwendige Symbol der rechten
Demut. Es geht auch euch Menschen auf der Welt bei euren Unternehmungen nicht
anders, so ihr euch in euren Urteilen und Beschlüssen übereilet, als daß am
Ende als Folge auch gewöhnlich ein Esel oder zum wenigsten ein gutes Stück
desselben zum Vorscheine kommt. Hier handelte es sich auch darum, euch schnell
die Entwicklung eines Geschöpfes wie vom Urbeginne an zu zeigen, und es kam
durch die Übereilung denn auch eine Eselin zum Vorscheine –, so ihr an der
Sache schon durchaus etwas Witziges haben wollt.
[GEJ.04_120,10] Diese Eselin wird vom
vortägigen Esel belegt werden, und es wird im nächsten Jahr ein Mensch aus
Jerusalem beides an sich kaufen, und ihres Füllens wird gedacht werden die
ewigen Zeiten hindurch!
[GEJ.04_120,11] Doch nun nichts weiter mehr
von dem; es genügt, daß ihr nun gesehen habt, wie aus Urlebensgeistern (Gottes
Einzelgedanken) ein natürliches Wesen entsteht ohne Mutter, wie vom Urbeginne
an. So ihr aber noch wollet, kann ich euch auch andere Wesen in aller
Schnelligkeit herstellen!“
[GEJ.04_120,12] Sagen alle: „Mächtiger Diener
des Herrn, es ist das durchaus nicht nötig; denn zu unserer Belehrung haben wir
an dem einen gar zu wunderbaren Beispiele mehr denn hinreichend genug! Ein
mehreres könnte uns nur mehr verwirren denn aufhellen!“
[GEJ.04_120,13] Sagt Raphael: „Nun gut denn,
so höret mich noch ein wenig weiter an! Ich habe euch die Zeugung und die
Werdung eines Wesens, welcher Art es auch sei, nun gezeigt, einmal die in einem
schon bestehenden Mutterleibe, und hier nun eine freie, wie sie zu sein und zu
bestehen pflegt auf einem jeden neuen Planeten, oder auch auf irgendeiner neu
entstandenen Insel auf einem schon alten Planeten, was von Zeit zu Zeit immer
zu geschehen pflegt.
[GEJ.04_120,14] Aber nur dürfet ihr dieses
Beispiel nicht auf die Werdung und Zeugung des Menschen, namentlich auf dieser Erde,
übertragen; obschon dabei viel Ähnliches stattfindet, so ist aber der Grund
davon dennoch höchst verschieden!
[GEJ.04_120,15] Es hat zwar das Menschenweib
auch schon einen Naturstoff in sich; wenn aber die Zeugung geschieht auf die
jedermann bekannte Weise, so wird zwar auch ein Klümpchen befruchtet und
erregt, aber es wird, wie eine Beere von einer Traube abgerissen, an die rechte
Stelle gebracht, und eine schon fertige Seele tritt da hinzu, pflegt eine
Zeitlang diese Lebensbeere, bis der Stoff in derselben so weit gediehen ist,
daß die sich stets mehr zusammenziehende Seele in den noch sehr flüssig
lockeren Embryo eindringen kann, zu welcher Verrichtung die Seele auch bei zwei
Monden lang zu tun hat. Hat sie sich des Embryos im Mutterleibe ganz bemächtigt,
dann wird das Kind gleich fühlbar lebendig und wächst dann auch schnell zur
ordnungsmäßigen Größe.
[GEJ.04_120,16] Solange die Nerven des
Fleischkindes nicht völlig ausgebildet und tätig sind, arbeitet die Seele mit
Selbstbewußtsein mit allem Eifer fort und richtet sich den Leib nach ihren
Bedürfnissen ein; sind aber einmal die Nerven alle ausgebildet, und wird deren
sich stets mehr entwickelnder Geist ganz ordnungsmäßig tätig, dann begibt sich
die Seele mehr und mehr zur Ruhe und schläft am Ende in der Gegend der Nieren
ganz ein. Sie weiß nun nichts von sich selbst und vegetiert bloß, ohne alle
Erinnerung an einen früheren nackten Naturzustand. Erst etliche Monde nach der
Geburt fängt sie stets mehr und mehr an zu erwachen, was aus der Abnahme der Schlafsucht
recht gut wahrgenommen werden kann; aber bis sie zu einigem Bewußtsein gelangt,
braucht es schon eine längere Zeit. Wenn ein Kind der Sprache mächtig wird,
dann erst tritt auch ein rechtes Bewußtsein in die Seele, jedoch ohne
Rückerinnerung; denn diese könnte man bei der höheren Weiterbildung der Seele
auch durchaus nicht brauchen.
[GEJ.04_120,17] Die Seele aber sieht und
erkennt nun, ganz im Fleische steckend, sonst vorderhand nichts, als was ihr
durch des Leibes Sinne vorgestellt wird, und kann etwas anderes in sich selbst
gar nicht erkennen, weil sie durch die Fleischmasse in sich derart verfinstert
ist und sein muß, daß sie zumeist gar nicht weiß, daß sie für sich auch ohne
das Fleisch da sei. Sie fühlt sich lange Zeit hindurch als mit dem Fleische
ganz identisch, und es gehört viel dazu, eine Seele im Fleische so weit zu
bringen, daß sie sich als etwas Selbstisches zu fühlen und zu betrachten
anfängt, – was auch wieder höchst notwendig ist; denn ohne dieses könnte sie
keinen Geist in sich bergen und denselben natürlich auch nie erwecken.
[GEJ.04_120,18] Erst wenn der Geist in der
Seele zu erwachen beginnt, wird es nach und nach lichter in der Seele; sie
fängt an, sich genauer zu erkennen und in sich selbst ganz verborgene Dinge zu
entdecken, mit denen sie freilich noch nicht viel zu machen weiß.
[GEJ.04_120,19] Erst wenn der Geist und sein
mächtiges Licht in der Seele ganz zur vollen Tat werden, dann auch kehrt alle
Erinnerung in die Seele zurück, aber natürlich alles in einem verklärten
Lichte. Da gibt es dann keinen Trug und keine Täuschung mehr, sondern nur eine
allerhellste, himmlische Wahrheit, und die Seele ist dann selbst eins mit ihrem
göttlichen Geiste, und alles in ihr und außer ihr wird zur höchsten Wonne und
Seligkeit!
[GEJ.04_120,20] Verstehet ihr alle nun so ein
wenig das Bild der geheimnisvollen Jakobsleiter? – Bis so weit ich, das Weitere
der Herr Selbst mit euch!“
121. Kapitel
[GEJ.04_121,01] „Was wohl ist uns jetzt noch
nicht einleuchtend?!“ sagten nach der Lehre des Engels alle Anwesenden.
[GEJ.04_121,02] Und der Hauptmann Julius
fügte hinzu: „Wenn das so fortgeht, so werden wir bald selbst zu Göttern
umgestaltet werden! Wäre es möglich, dieses Hellsehen nach Belieben
beizubehalten, so würden wir bei mehr Kräftigung des Willens selbst Götter
werden und Wunder wirken; aber dies unser Hellsehen ist nur eine Folge jenes
magischen Lichtes aus der Kugel dort, und unser Wille ist wie unsere Erkenntnis
schwach, und wir sind und bleiben darum schwache Menschen!
[GEJ.04_121,03] Wenn ich nun so betrachte und
bedenke, was nur diesem Engel alles möglich ist, dem allerwillenskräftigsten
Menschen aber auch nicht ein Jota davon, so sieht man erst den unendlichen
Unterschied zwischen Gott und zwischen dem Menschen. Man begreift es mit den
Händen: Gottes Alles und des Menschen Nichts. Mag jemanden diese große
Weisheits- und Gottesmachttiefe noch so sehr erheitern, so erheitert sie mich
jedoch gar nicht; denn ich fühle es zu klar in mir, daß ich ein vollkommenstes
Nichts gegen nur so einen Engel Raphael bin. Was bin ich dann erst gegen Gott?!
Nein, nein, das ist und heißt: nichts!
[GEJ.04_121,04] Man weiß und erkennt nun
schon Ungeheures und schauet Wunder über Wunder, daß einem darob gerade das
Hören und Sehen vergehen könnte, und versucht man hernach den eigenen Willen,
ob sich nach ihm etwa auch so eine Langfeuerzunge richten und zusammenbalgen
möchte zu einem puren Klumpen nur, oh, nicht ein Atom rührt sich mit der Kraft
meines Willens von der Stelle, geschweige erst solch eine Feuerzunge! Darum halte
ich's für besser, so man viel weniger weiß und erkennt, weil einen da nicht die
Versuchung anwandeln kann, auch Wunder zu wirken. Mir wird darum nun schon vor
lauter ungeheuer viel Wissen und Erkennen angst und bange! Wozu muß ich denn
nun gar so ungeheuer viel sehen, hören, erkennen und wissen?“
[GEJ.04_121,05] Sage Ich: „Auf daß du danebst
auch erkennest, wie wenig der Mensch aus sich selbst ist, und wie sein Sein,
Wissen, Erkennen und Vermögen allein nur von Gott abhängt!
[GEJ.04_121,06] Mit deinem Willen wirst du
freilich wohl ewig nichts vermögen, so wie auch dieser Engel mit seinem Willen
nichts ausrichten würde; hast du aber Meinen Willen zu dem deinigen gemacht,
dann wirst auch du vermögen, was dieser Engel vermag!
[GEJ.04_121,07] Es ist aber nun gut, daß du
so viel erkennst und einsiehst, dabei aber zugleich praktisch einzusehen
beginnst, daß dein eigener Wille über deinen Leib hinaus wenig oder nichts
vermag. Du kannst alles erkennen und einsehen, was der Engel einsieht und
erkennt; hast du aber Meinen Willen nicht ebenso wie Meine Weisheit dir zu
eigen gemacht, so nützt dir freilich alles Wissen und Erkennen nichts. Es dient
dir, so du tatsüchtig bist, nur zu einer Qual. Und das ist auch gut; denn nur
durch die Demut wird der Mensch erst Mensch und ein wahres Kind Gottes!
[GEJ.04_121,08] Übrigens wird euch allen das
nicht der Nachahmung wegen gezeigt, sondern nur, damit ihr Gott in Mir völlig
erkennen sollet, um dann desto festwilliger das zu tun, was Ich, als der
Schöpfer alles Lebens, euch wegen der Vollendung des Lebens gelehrt und
anbefohlen habe.
[GEJ.04_121,09] Ihr müsset dadurch erst zur
Wiedergeburt eures Geistes gelangen, ohne die Mein Wille als tatkräftig in euch
keine Wurzeln fassen kann. So ihr mit eurem Willen Meinen Willen einmal nur
insoweit ergreifet, daß ihr freiwillig euren Willen dem Meinen durch die Tat
untertan machet und euch sorgfältig darin übet, daß Mein von euch erkannter
Wille vollkommen die Oberherrschaft in euch bekommt, so wird dadurch Mein Geist
in euch lebendig in der Fülle und wird bald euer ganzes Wesen durchdringen.
[GEJ.04_121,10] Mein von euch zuvor emsigst
geübter Wille wird dadurch zur Vollkraft gelangen, und was er, ganz Mir gleich,
dann wollen wird, das wird geschehen; aber, wie gesagt, erst dann – und eher nicht!
[GEJ.04_121,11] Das Erkennen aber soll
eigentlich nun der Zügel sein, durch den ihr euren Willen in den Meinen
hineinziehen möget; denn ihr müsset nun durch Meine Taten ja erkennen, daß Ich wohl
Der bin, als der Ich Mich euch nun fortwährend zu erkennen gebe.
[GEJ.04_121,12] Erkennet ihr aber das
vollkommen, so wird es euch ja ein desto leichteres sein, Meinen Willen, der
seinen Grund in der ewigen, unverkennbarsten Wahrheit hat, desto leichter zu
befolgen und ihn dadurch zu eurem Eigentume zu machen.
[GEJ.04_121,13] Wenn euch jemand einen Weg
anratet, und ihr merket in seiner Rede, daß ihm der Weg etwa selbst nicht
völlig bekannt ist, so werdet ihr euch wohl bedenken, den Weg zu wandeln, den er
euch gezeigt und vorgezeichnet hat, und werdet sagen: ,Oh, da bleiben wir
lieber, wo wir sind!‘ Aber so ihr aus jemandes Rede doch leicht entnehmet, daß
er jenes Weges vollkommen kundig sein muß, weil er eben von dort her ist, wohin
er euch den Weg bis ins kleinste richtig und wahr beschrieben hat, so werdet
ihr sagen: ,Der hat Kenntnis und den besten Willen, der kann und will uns nicht
täuschen, und wir wollen den Weg ohne alles Bedenken antreten!‘ Sehet, dadurch
werdet ihr infolge des guten und festen Vertrauens den eigenen Willen dem
Willen desjenigen unterordnen, der euch als ein vollkommen Sachkundiger den
guten und rechten Weg gezeigt hat!
[GEJ.04_121,14] Und sehet, also ist es hier
der Fall! Würde Ich vor euch nur in einer umdunsteten und mystischen Halbheit
auftreten, da müßten in euch noch immer irgendwelche Zweifel zurückbleiben, und
es wäre euch sehr zu verzeihen, so sich in euch auch irgendwelche Zweifel
erheben würden. Aber so Ich Mich euch nun schon nahe bis auf ein Atom in Wort
und Tat enthülle und euch mit aller Weisheit, Liebe und Macht zeige, daß Ich
wirklich Der bin, als der Ich Mich euch Selbst vorgestellt habe, so ist ja doch
die Folge sicher! Erstens könnet ihr unmöglich mehr einen Zweifel haben über
Mich, und zweitens muß euch ja darum die Befolgung Meines Willens, durch den
euer Geist allein zur vollsten Wiedergeburt gelangen kann, etwas ganz Leichtes
werden, weil ihr nur zu klar einsehen müsset, daß ihr durch die Befolgung
Meines Willens nicht ins Blaue hauet, sondern zur ewig wahren Realität gelangen
müsset. Ich meine, daß ihr nun wohl einsehen werdet, warum Ich jetzt all das
Unerhörteste vor euch tue und Mich euch ganz zeige und enthülle!
[GEJ.04_121,15] Ein recht vollkommen weiser
Meister aber tut nichts ohne Grund, und so tue auch Ich nichts ohne Grund. Ich
aber lehre euch nicht bloß um euretwillen selbst, sondern damit ihr danach auch
Lehrer, Führer und Wegweiser eurer anderen blinden Brüder und Schwestern würdet
in Meinem Namen, und darum müsset ihr um so tiefer eingeführt werden in die
Geheimnisse Meines Reiches, Meines Wesens, und müsset erkennen auch den
Menschen in seinem ganzen Wesen, von seinem tiefsten Ursprunge angefangen bis
zu seiner höchsten und wie möglichen Vollendung und vollsten
Gottähnlichwerdung!
[GEJ.04_121,16] Denn durch euer vollstes und
lebendigstes Vertrauen kann am ehesten ein gleiches Vertrauen in euren Jüngern
erweckt werden, durch das auch sie bald jene verborgenen Dinge erschauen und
begreifen werden, die ihr nun erschauet und begreifet.
[GEJ.04_121,17] Habt ihr Mich nun wohl
verstanden, und versteht ihr es wohl, warum Ich dies alles nun vor euch
enthülle?“
[GEJ.04_121,18] Sagen alle, tiefbewegt: „Ja
Herr, unser Meister, unser Gott!“
[GEJ.04_121,19] Sage Ich: „Nun wohl denn, so
erwachet wieder in die Naturwelt herüber, auf daß Ich euch noch andere Dinge
zeige; denn ihr müsset noch gar manches weiter und tiefer erkennen und
begreifen!“
122. Kapitel
[GEJ.04_122,01] Auf dies Mein Wort schauen
alle wieder mit den Augen des Fleisches und sind voll des höchsten Staunens
über alles, was sie gesehen und gehört haben, und alle fangen an, Mich laut zu
preisen, bei einer halben Stunde dauernd.
[GEJ.04_122,02] Als alle durch ihr lautes
Loben und Preisen wohl zu erkennen gaben, daß sie Mich nun in der wahren
Lebenstiefe erkannt hatten, kam auch Judas Ischariot zu Mir hin und sagte:
„Herr, ich war lange hartgläubig; aber jetzt glaube auch ich in der Fülle, daß
Du im Ernste Jehova Selbst bist, oder doch mindestens ein rechter Sohn
desselben! Aber etwas kann ich an Dir doch noch immer nicht begreifen, und das
besteht darin:
[GEJ.04_122,03] Wie konntest Du als Jehova,
der unendlich ist, diese Deine Unendlichkeit verlassen und Dich hineinzwängen
in diese höchst endliche Form? Bei all dem aber blieb der alte, unendliche Raum
noch derselbe, der er von Ewigkeit her war! Du als Jehova bist ja eben der
unendliche Raum selbst! Wie kann dieser bestehen in seiner unverrückten,
endlosesten Wesenheit und Du als der Unendliche Selbst in dieser engen
Menschenform?!
[GEJ.04_122,04] Siehe, Herr, das ist eine gar
gewichtige Frage! So Du mir darin ein gehöriges Licht gibst, dann bin ich der
Eifervollste aller Deiner Jünger, – ansonst aber wird immer ein kleiner Zweifel
meine Seele trüben!“
[GEJ.04_122,05] Sage Ich: „Wie ist das
möglich, daß nun alle sehen und du allein blind geworden bist?! Meinst denn du,
daß Mich diese Hülse einschließt?! Oder ist die Sonne mit ihrem wirkenden
Lichte nur allein dort eingeschlossen, wo sie wirkt?! Wie könntest du sie wohl
schauen, so sie mit ihrem Lichte nicht weiter reichte als bis zu ihrer
äußersten Hautoberfläche?!
[GEJ.04_122,06] Ich bin nur der ewige
Mittelpunkt Meiner Selbst; von diesem aus aber erfülle Ich dennoch ewig fort
unverändert den unendlichen Raum.
[GEJ.04_122,07] Ich bin überall der ewige
Ich; aber hier bei euch bin Ich nun in Meiner ewigen Seinsmitte, von der aus
die ganze Unendlichkeit ewig fort und fort und unverändert gleich und gleich
erhalten wird in ihrer endlosesten, ewigen Ausdehnung.
[GEJ.04_122,08] Von Ewigkeit wohnte Ich in
Meiner unzugänglichen Mitte und in Meinem unzugänglichen Lichte aus Mir Selbst.
Aber Mir hat es der Menschen dieser Erde wegen wohlgefallen, aus Meiner
unzugänglichen Mitte und aus Meinem unzugänglichen Lichte derart
herauszutreten, daß Ich nun in ebenderselben Mitte und in ebendemselben Lichte,
das auch den höchsten Engeln von Ewigkeit völlig unzugänglich war, Mich auf
diese Erde begab und nun euch Menschen sogar von allen Seiten her wohl
zugänglich bin und ihr Mein Licht wohl ertragen könnet.
[GEJ.04_122,09] Als wir aber von Sichar
auszogen nach Galiläa herüber und wir nach der Mittagszeit Ruhe nahmen auf
einem Berge, da habe Ich mehreren von euch tatsächlich gezeigt, wie Mein Wille
auch bis zur Sonne hinlanget. Rufe dir das ins Gedächtnis zurück, und du wirst
es dann schon sehen, wie Ich überall daheim bin und sein kann durch den Ausfluß
Meines überall gleich mächtig wirkenden Willens!“
[GEJ.04_122,10] Sagt Judas Ischariot: „Kann
mich wohl erinnern, daß Du dort die Sonne, so ich mich ordentlich besinne, auf
einige Augenblicke lichtlos gemacht hast! Nun, das ist allerdings keine
Kleinigkeit, – aber doch erzählt man sich, daß solches auch die alten
ägyptischen Magier vermochten; wie, das ist freilich eine andere Frage! In der
großen Natur gibt es gar sonderbare, geheime Kräfte; Du kennst sie, und die
alten Magier haben sie auch gekannt und sie sich dienstbar gemacht. Natürlich
hat bisher unseres Wissens wohl niemand solche Taten verrichtet wie Du!
[GEJ.04_122,11] Aber ohne alle weltliche
Schule bist auch Du nicht! Denn man erzählt sich dennoch verschiedenes von der
Geschicklichkeit Deines Vaters Joseph und selbst von Deiner Mutter Maria, die
eine Jüngerin des Simeon und der Anna war; und hat ein geistvoller junger
Mensch solche Eltern, dann kann er es schon zu etwas bringen. Aber es ist das
nur so meine rein weltliche Ansicht; denn ich für mich glaube, daß in Dir
Jehovas Geist wohnet und wirket in der Fülle.
[GEJ.04_122,12] Was soll mir auch der ewig
unsichtbare Jehova nützen, der irgendwo hoch über allen Sternen in Seinem
unzugänglichen Lichte sitzt und Sich Seinen Geschöpfen nie zeigt, keine Wunder
wirkt außer den stereotypen täglichen, die aber von der Natur selbst ebensogut
bewirkt werden könnten?! Du bist darum, für mich wenigstens, ein rechter
Jehova, weil Du Dich vor unseren Augen als ein vollkommener Meister aller Natur
und Kreatur durch Worte und Taten nur zu offen und zu handgreiflich gezeigt
hast. Wer wie Du den Toten das Leben wiedergeben kann, und gebieten den
Elementen, und sogar aus der Luft einige ganz nagelneue Esel und Fische ins
Dasein rufen und des alten Markus Speisekammern mit Brot und Wein ebenfalls aus
der Luft her füllen kann, der ist für mich ein allein wahrer Gott, über den mir
alle anderen gestohlen werden können! Hast Du demnach Deine rein göttlichen
Fähigkeiten, woher Du willst, so bist Du für mich nun einmal ein rechter Gott!
Habe ich recht oder nicht?
[GEJ.04_122,13] Gar so auf den Kopf gefallen
bin ich ja doch nicht, wie es mein Bruder Thomas gemeint hat. Ich weiß, was ich
weiß, und was ich rede; aber wenn der Bruder Thomas in einem fort meint, daß
ich ein Esel oder ein Ochse sei, da irrt er sich gewaltig an mir. Wenn ich mit
ihm reden wollte, wie ich reden könnte, auf tausend würde er mir nicht eins zu
antworten imstande sein! Hätte ich in Dir nicht schon lange den wahren Jehova
gewittert, so wäre ich auch schon lange nach Hause zu meiner Töpferei
zurückgekehrt; aber weil ich vielleicht am besten weiß, mit wem ich es in Dir
zu tun habe, so bleibe ich und lasse meine sehr einträgliche Kunst, trotzdem
daß ich eben auch kein Feind des Goldes und des blanken Silber bin, – denn Dein
geistiges Gold und Silber ist mir lieber!
[GEJ.04_122,14] Aber daß mir zuvor Thomas
heimlich ins Ohr raunte, als der Engel nach Deinem Willen eine ganz kerngesunde
Eselin ins Dasein rief, dies Wunder sei allein meinetwegen geschehen, um mir zu
zeigen in einem lebendigen Bilde, wer und was ich sei, das kann ich denn doch
nicht so ganz hingehen lassen! Wenn Thomas sich weiser dünkt, denn ich ihm zu
sein scheine, so sei er es; aber mich lasse er ungeschoren! Denn ich lege ihm
nichts in den Weg, und heißt er mich auch einen Dieb, so habe ich ihm sicher
noch nie etwas entwendet!
[GEJ.04_122,15] Du hast doch zuvor uns allen
eine gar herrliche und überaus göttlich weise Lehre über die Krankheit einer
Menschenseele gegeben und gezeigt vom Grunde aus, wie man mit einer kranken
Seele noch mehr Geduld haben solle als mit eines Menschen krankem Leibe! Warum
schreibt sich denn solche Lehren ein weiser Thomas mir gegenüber, der ich auch noch
seelenkrank sein kann, nicht hinter seine Ohren, wennschon für derlei rein
göttliche Lehren in seinem Herzen sich kein Platz vorfinden sollte?! Ich
verlange es durchaus nicht, daß er mir darum eine Abbitte leisten soll, weil es
seiner Weisheit wohlgefallen hat, mich einen Esel zu nennen – denn so demütig,
wie er sich zu sein dünkt, bin ich auch! Aber es drängte mich, hier offen zu
bekennen, daß ich zwar ein seelenkranker Mensch bin, aber darum keinen Thomas
um seine große Seelengesundheit beneide! Ich will auch darum stets gleich sein
Freund und guter Bruder sein, wie ich es immer war, – aber nur das einzige
wünsche ich von ihm, daß er in aller Zukunft seinen Korrektionseifer an jemand
anderem versuchen solle, und nicht an mir; denn bisher bin ich doch ebendas
noch, was er ist, nämlich ein ihm gleich berufener Jünger vor Dir, meinem Herrn
und meinem Gott!“
[GEJ.04_122,16] Sage Ich: „Es ist zwar eben
nicht ganz löblich von seiten Meines Thomas, daß er dich stets auf der
Zielmücke seines Zielbogens hat; aber es ist Mir übrigens auch bekannt, daß du
bei gänzlicher Vollendung dieser hier noch vor uns weilenden Eselin zuerst
einen sehr unzeitigen Witz gerissen hast, und der war der eigentliche Grund,
aus dem dich Thomas mit deinen eigenen Worten so ein wenig schlug!
[GEJ.04_122,17] Sage Mir, aus welchem Grunde
denn du die Bemerkung zu machen hattest, laut der du sagtest und eigentlich
meintest: am Ende würden sich alle Meine Wundertaten in der Herstellung von
ganz kerngesunden Eseln erweisen! Siehe, diese deine Bemerkung war sehr boshaft
und hatte des Thomas Gegenbemerkung sehr verdient! Ich tadle deinen Glauben
nicht, nach dem du Mich als deinen alleinigen Gott und Herrn ansiehst, nur
tadle Ich an dir das, daß solcher dein Glaube und solche deine Meinung nur mehr
in deinen Worten besteht als im Leben deines Gemütes.
[GEJ.04_122,18] Denn der Wahrheit nach hältst
du Mich denn doch mehr für einen echt altägyptischen Weisen und mit allen
geheimen Naturkräften bestens vertrauten Magier, der es wohl versteht, wo er diese
Kräfte anzufassen hat, daß sie ihm ihren Dienst nicht versagen. Siehst du, das
ist an dir sehr tadelnswert!
[GEJ.04_122,19] Was Hunderte als eine reinste
Wahrheit mit den Händen greifen, darüber kannst du noch immer einen Zweifel um den
andern erheben und Behauptungen ganz offen aussprechen, die Mich stets bei
einigen Schwächeren in ein Zwielicht stellen müssen. Hast du doch, als Ich
mehreren total Ertrunkenen das Leben wiedergab, gleich herausgebracht, daß hier
der Ort selbst und die Stellung der Sterne ihr Gehöriges beitrügen, und daß es
Mir darum ein leichtes wäre, allerlei Wunder zu wirken; auf einem andern Orte
würde Mir das bei weitem nicht mehr also gelingen! In Nazareth, Kapernaum und
in Kis, in Jesaira und selbst in Genezareth hätte Ich wohl auch große Wunder
geleistet, – aber bei weitem nicht so viele denn hier auf diesem Flecke. – Wenn
du Mich aber im vollen Ernste für deinen alleinigen Gott und Herrn halten
solltest, warum verdächtigest du Mich denn vor den Fremden?!“
[GEJ.04_122,20] Sagt ganz keck und resolut
Judas Ischariot: „Es scheint aber doch bei einer etwas genaueren Beobachtung
der Welt und der Natur, daß Gott denn doch stets sehr Rücksicht nimmt auf die
Günstigkeit des Ortes, auf dem Er etwas Besonderes hervorbringen will! Gehen
wir auf einen sehr hohen Berg, wie zum Beispiel der Ararat einer ist, und wir
werden eben nichts als kahles Gestein und Schnee und Eis antreffen. Warum
wachsen denn dort keine Trauben und Feigen, Äpfel, Birnen, Kirschen und
Pflaumen? Da meine ich, daß Jehova dazu den Ort nicht günstig zur Genüge
findet, diese Süßwunder auch dort hervorzurufen! Da scheint es denn doch, daß
Jehova Selbst auf die Günstigkeit eines Ortes sehr Rücksicht nimmt, ansonst Er
sicher auch auf den Ararat die nährenden Süßwunder hingestellt haben würde!
[GEJ.04_122,21] Und ich glaube, Dir dadurch
von Deiner Gottheit nichts zu nehmen, so ich behaupte, daß Du zum Wirken der
Wundertaten immer einen Ort denn doch für günstiger findest als irgendeinen
gewissen andern, wie zum Beispiel Nazareth, wo Du Dich mit Wundertaten eben
nicht überboten hast. Du könntest als Jehova die große Wüste Afrikas auch
leicht in die gesegnetsten und blühendsten Fluren umgestalten, wenn Du dies
Territorium geeignet und günstig fändest! Weil aber das erwähnte Territorium
noch immer eine Wüste ist und auch höchstwahrscheinlich noch sehr lange bleiben
wird, so glaube ich, daß Du dadurch an Deiner Göttlichkeit keine Einbuße
erleidest, wenn die afrikanische große Wüste Sahara noch sehr lange das bleiben
wird, was sie ist. – Das ist so meine Meinung, obwohl der Bruder Thomas damit
vielleicht eben nicht völlig einverstanden sein wird!“
[GEJ.04_122,22] Tritt Thomas auf Meinen Wink
hinzu und sagt: „Gesprochen hättest du so ganz in der Ordnung, wenn du das auch
also in deinem Gemüte fühlen und ebenalso auch als völlig wahr erkennen
würdest; aber davon ist in dir keine Spur zu entdecken! Deinem innern
Bekenntnisse nach ist der Herr gleichfort fürs erste ein weiser Eklektiker, der
es versteht, aus den vielen ihm bekannten Lehren eine allerweiseste
herauszuziehen, und fürs zweite sich alle Magie also vollkommen zu eigen
gemacht hat, daß ihm bei sicheren Gelegenheiten und günstigen Umständen nichts
mißlingen kann. Nur das ist so deine mit dem Satan ziemlich nahe verwandte
Idee, daß so ein recht großer Magier, der seinem Willen alle noch so geheimen
Kräfte zu unterjochen verstünde, am Ende ein rechter Gott sein müßte!
[GEJ.04_122,23] Nun zeigt sich hier, daß der
Herr Jesus aus Nazareth solcher deiner Anforderung vollkommen entspricht, und
so trägst du auch kein Bedenken, den alten Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs
gänzlich zu entthronen und dafür diesen deinen Magier vollends darauf zu
setzen! Denn daß du den Geist dieses Heiligen aus Nazareth für Ebendenselben
hieltest, der dereinst auf Sinai unseren Vätern Seine Gesetze donnerte, von dem
hast du in deinem Herzen nicht den allerleisesten Dunst von irgendeinem nur
halben Begriffe.
[GEJ.04_122,24] Und weil es nun bei dir noch
immer also aussieht, so kann ich nicht umhin, dich bei jeder Gelegenheit zu
ermahnen, so du irgend bei eben einer solchen Gelegenheit dich hervortun willst
und zeigen deine stets verräterische, böse Doppelzunge; denn jeder, der anders
denkt und fühlt und anders die Zunge rührt, ist ein Verräter am Heiligtume der
Wahrheit. Daher solltest du dich hiermit wohl ermahnen lassen und in aller
Zukunft nicht anders denken und fühlen, und dabei aber dennoch ganz anders
reden! Denn solches ist die Art und Weise der reißenden Wölfe, die in
Schafspelzen einhergehen, um desto leichter ein unschuldiges und sanftes Lamm
in ihre tötenden Klauen zu bekommen. Verstehe mich wohl; denn ich durchschaue
dich ganz und ermahne dich nur dann, wenn du laut auftrittst, weil ich da
gleich sehe, wie du allzeit ein Lügner bist, da du anders redest, als du denkst
und fühlst. Ich bin dir als einer kranken Seele sicher nicht feind, – aber der
Krankheit selbst bin ich es!“
123. Kapitel
[GEJ.04_123,01] Sagt Judas Ischariot: „Wenn
es aber mit dem schon also steht, da muß ich mich ja doch entäußern; denn es
hat der Herr ja doch den andern stets die Gelegenheit gegeben, sich ihrer
Bosheit und Falschheit gänzlich zu entäußern. Haben die Fremden diese
Begünstigung erhalten, warum soll sie denn gerade mir vorenthalten werden, der
ich doch zu eurem Bunde gehöre und mit euch stets Freude und Leid geteilt
habe?!“
[GEJ.04_123,02] Sagt endlich einmal
Bartholomäus: „Bei den Fremden war es ja ein ganz anderer Fall! In ihnen war
zumeist nur wirklich schon von alters her begründetes Falsches. Sie konnten im Grunde
nicht dafür, daß sie schlecht und böse waren; als sie aber das lichte Wort der
ewigen Wahrheit vernahmen, da fing es an, in ihnen zu sieden und zu kochen, und
sie fingen an, sich des alten Unflates zu entledigen, und wurden rein. Du aber
stehst schon lange in aller Fülle des geistigen Wahrheitslichtes und hast für
die vollste Echtheit desselben tausend der allerlebendigsten Beweise in Worten
und allerlei Wundertaten! Aber das alles ficht dich nicht an; du möchtest am
liebsten selbst Wunder wirken, um dir dadurch, gleich den Pharisäern im Tempel,
möglichst viel Goldes und Silbers zu verdienen. Du brauchst für dich keinen
Gott, außer einen solchen, der dir recht viel Geldes verschaffete, damit du
dann auf der Erde ganz entsetzlich wohl leben und dich am Ende ohne alle
Rücksicht auf die hier vernommenen Lebenswahrheiten aus Gott ordentlich zu Tode
sündigen könntest!
[GEJ.04_123,03] Und bei solcher deiner
inneren Denkungsweise ist's dann mit dem Sich- Entäußern deines Innern nichts,
weil es dich nicht bessern und uns keine Mittel bieten kann, durch Worte oder
Taten in dir ein neues Herz zu schaffen, ohne das du bleiben wirst, wie du
bist.
[GEJ.04_123,04] Vermag aber des Herrn
allmächtiges Wort dich nicht umzuwandeln, was soll unser menschliches Nachwort
mit dir ausrichten?! Gehe du lieber auf deinen alten Platz zurück und störe uns
fürder nicht mit deinem allernichtigsten Geplauder! – Ich habe ausgeredet!“
[GEJ.04_123,05] Auf diese sehr kräftige
Zurechtweisung wollte Judas Ischariot zwar noch etwas sagen; aber Kornelius
sagte zu ihm: „Öffne du deinen Mund nur dann noch einmal, so du dazu von jemand
aufgefordert wirst; sonst aber schweige und störe den Herrn nicht in Seinem
Wirken! Willst du aber schon durchaus reden, da begib dich so hübsch tief in
den nahen Wald und rede dort mit Bäumen und Gesträuchen; sie werden dir keine
Widerrede bringen, die dich ärgern und am Ende gar ganz tief beleidigen könnte!
Oder ziehe dich hinab ans Meer und rede dort mit den Fischen; diese werden dir
auch alles gelten lassen! Denn von dem, was hier gesprochen wird, und was hier
geschieht, verstehst du ohnehin soviel wie nichts; und deine mürrische Dummheit
und deine aus ihr stets neu erwachte Selbst- und Habsucht stört uns in den für
uns so notwendigen tieferen Betrachtungen der großen Lebenswahrheiten aus Gott
dem Herrn über alles!“
[GEJ.04_123,06] Nach diesen Worten tritt
Judas Ischariot ganz in den Hintergrund und redet kein Wort mehr; denn vor dem
Kornelius hatte er einen großen Respekt, da er dessen Eifer und Sinn für Mich
und Meine Lehre nur zu gut kannte.
[GEJ.04_123,07] Als aber mit dem das wieder
beschwichtigt ward, sagte Ich zu allen: „Wer da hat, dem wird immer noch
mehreres gegeben werden; wer aber nicht hat, dem wird auch noch genommen, was
er allenfalls hatte!
[GEJ.04_123,08] Ihr habt euch nun selbst
überzeugt, was die Welt- und Habsucht für arge Dinge sind; darum bewahret eure
Herzen allersorgfältigst davor! Denn ein habgieriges Herz fasset unmöglich
etwas von den geistigen Dingen und kann auch nicht und nimmer völlig dahin und
also mehr erhellet werden, daß es fassete, was zu seinem Heil gereicht.
[GEJ.04_123,09] Ihr alle habt nun schwere
Dinge schon begriffen, obwohl ihr erst wenige Tage um Mich seid; jener Jünger
aber ist nun schon nahe ein halbes Jahr um Mich und war Augen- und Ohrenzeuge
von allen möglichen Wundern und Lehren, und dennoch fasset er die Wahrheit
nicht! Der Grund davon liegt in seiner übergroßen Geldgier, und das deshalb,
weil er sehr faul und träge ist.
[GEJ.04_123,10] Ein wahrhaft fleißiger Mensch
erwirbt sich leicht täglich so viel, als er bedarf, und noch manches darüber,
das ihm in seinen alten Tagen gut zustatten kommen wird; und hätte er sich auch
nichts ersparen können, indem er gerne seinen Überschuß den Armen und Dürftigen
gab, so wird für seine alten Tage dennoch gesorgt sein.
[GEJ.04_123,11] Aber ein fauler Mensch liebt
das Nichtstun und will sich gut geschehen lassen auf Kosten seiner fleißigen
Nebenmenschen; er wird darum ein Lügner, ein Betrüger, ein Dieb, um nur so
viele Schätze zusammenzuraffen, daß er dann gleich einem Könige leben könnte.
[GEJ.04_123,12] Mit solcher Gier aber
verfinstert er seine Seele derart, daß sie gar nichts von etwas rein Geistigem
mehr begreifen kann; und wird sie auch vom höchsten und reinsten Geisteslichte
beleuchtet, so verkehrt sie es alsbald in ihr selbstisches, gröbstmaterielles
Wesen und ersieht und erkennt darum abermals nichts als nur Materielles.
[GEJ.04_123,13] Wie aber das Geistige sich in
die Materie umwandelt, das habt ihr bei der Werdung dieser vor euch nun
grasenden Eselin gesehen, und Ich brauche euch darum nicht weiter mehr etwas
davon zu erklären. Denn wer aus euch das begriffen hat, der hat es gleich und
leicht begriffen; wer es aber nicht gleich und leicht begriffen hat, der wird
das auch noch lange nicht, und auf dieser Welt schon gar nie, völlig begreifen!
[GEJ.04_123,14] Darum fraget euch alle
selbst, wie es da stehet mit eurem Verständnisse! Wer es hat, der hat es; wer
es aber nicht hat, der wird es auch noch lange nicht haben. In wem die Seele
eine geistige ist, der kann das Geistige auch leicht fassen; in wem aber die
Seele nach der Materie gieret, der kann dies höchst und reinst Geistige auch
unmöglich begreifen!“
124. Kapitel
[GEJ.04_124,01] (Der Herr:) „Es muß zwar
unter den Menschen wohl Unterschiede geben; doch niemand ward in diese Welt der
Seele nach also verwahrlost gestellt, daß sie ganz Materie werden müßte. Denn
auch nicht eine Menschenseele ist ohne den freien Willen und selbstische
Intelligenz ins Fleisch gesteckt worden.
[GEJ.04_124,02] Der Hauptgrund der Verderbung
der Menschenseelen aber liegt hauptsächlich in der uranfänglichen, gewöhnlich
affenliebigen Erziehung. Man läßt das Bäumchen wachsen, wie es wächst, und
trägt durch die sehr unzeitigen Verzärtelungen noch alles mögliche dazu bei, um
den Stamm ja recht krumm wachsen zu lassen. Ist aber der Stamm einmal erhärtet,
so nützen dann gewöhnlich alle Geradbeugungsversuche wenig oder nichts mehr;
eine einmal krumm gewachsene Seele wird wohl selten mehr zu einem völlig geraden
Stamme!
[GEJ.04_124,03] Darum beuget ihr alle eure
Kinder in ihrer leicht lenksamen Jugend gerade, und es wird dann bald wenig
mehr irgendwo eine solche sehr materielle Seele geben, die da nicht verstehen
könnte das Geistige und sich nicht leicht fügete zur rechten Tat auf den Wegen
der wahren Lebensordnung aus Gott! Merket es wohl; denn darum habe Ich euch
gezeigt die Fleischwerdung einer Seele im Mutterleibe!
[GEJ.04_124,04] Ein Kind bis ins siebente
Jahr ist stets noch bei weitem mehr Tier als Mensch. Denn was bei dem Kinde
Mensch ist, das liegt zumeist noch in einem tiefen Schlafe begraben. Da also
ein Kind bei weitem mehr Tier denn Mensch ist, so hat es auch nur sehr viele
tierische und dabei sehr wenige der wahrhaft menschlichen Bedürfnisse.
[GEJ.04_124,05] Nur das Nötigste werde ihnen
gereicht! Man gewöhne sie frühzeitig an allerlei Entbehrungen, lobe die Braven
nie zu übertrieben, sei aber auch gegen die Minderbefähigten und -braven nie zu
hart, sondern behandle sie mit rechter Liebe und Geduld.
[GEJ.04_124,06] Man lasse sie sich üben in
allerlei Gutem und Nützlichem und mache ein noch so braves Kind ja nie eitel,
selbstliebig und sich überschätzig. Auch mache man Kinder, besonders wenn sie
irgend schöngestaltig sind, nie durch schöne und reiche Kleider noch eitler und
stolzer, als solche Kinder schon von Natur aus gerne sind. Man halte sie rein,
mache jedoch nie die gewissen Hausgötzen daraus, so wird man sie schon von der
Geburt an auf jenen Weg setzen, auf dem sie in ihrer reiferen Jugend dahin gelangen
werden, wohin ihr alle nun durch Mich erst gelanget.
[GEJ.04_124,07] Die Jungfrau wird voll
Keuschheit und Züchtigkeit den Stand einer ehrbaren Mutter erreichen, und der
Jüngling wird mit mannsreifer Seele und gewecktem Geiste in ihr in das Mannesalter
treten und wird ein Segen sein für die Seinen und für die Erde und alle ihre
Kreatur.
[GEJ.04_124,08] Gebet ihr aber den tierischen
Begierden und Leidenschaften eurer Kinder zu sehr nach, so werdet ihr mit ihnen
auch allen Lastern ein neues und weites Tor eröffnen, durch das sie
heerscharenweise in diese Welt verderbensvoll dringen werden; und werden sie
einmal dasein, so werdet ihr vergeblich gegen sie mit allerlei Waffen zu Felde
ziehen und nichts ausrichten gegen ihre Macht und große Gewalt!
[GEJ.04_124,09] Pfleget daher die Bäumchen,
daß ihr Wuchs ein himmelanstrebend gerader wird, und reiniget sie sorgfältigst
von allen Afterauswüchsen; denn sind einmal die Bäume groß und stark geworden,
und sind sie voll arger Krümmungen gestaltlich, die die bösen Winde an ihnen
zustande gebracht haben, dann werdet ihr sie auch mit allen Gewaltmitteln nicht
mehr geradezubiegen imstande sein!
[GEJ.04_124,10] Ihr habt früher den
Feuerzungenklumpen vor euch gesehen. In seinem seelenspezifisch lockern und
freien Zustande war es noch lange nicht bestimmt, daß aus ihm gerade eine
Eselin hätte werden sollen; erst nach der nachfolgenden Beorderung von seiten
des Engels fingen die Teile an, sich also zu einem Organismus zu ergreifen, daß
am Ende die Gestalt eines Esels zum Vorscheine kommen mußte.
[GEJ.04_124,11] Da nun aber der Esel als
schon vollkommen fertig dasteht, so ist eine Umwandlung in ein anderes Tier
wohl kaum mehr möglich! Es gibt zwar nichts, das bei Gott unmöglich wäre; aber
da müßte denn dieser Esel zuvor doch ganz aufgelöst werden, und alle
Grundspezifika müßten sich zu einem ganz andern Organismus verbinden mit der
Annahme neuer Spezifika und mit Ausschaffung vieler nun das Wesen eines Esels
bedingenden. Dies aber wäre doch sicher eine hundertfach größere Mühe und
Arbeit, als aus den Urgedanken im rechten Verhältnisse ein ganz neues Wesen zu
schaffen, das zuvor noch nie dieser Erde Boden betreten hat.
[GEJ.04_124,12] So ist auch aus einem Kinde
alles leicht zu machen, während ein Mann oder gar ein Greis wenig oder nichts
mehr annehmen wird.
[GEJ.04_124,13] Seid darum vor allem auf eine
wahre und gute Erziehung eurer Kinder bedacht, dann werdet ihr den neuen
Völkern leicht dies Mein volles Evangelium zu predigen haben, und es wird der
gute Same auch auf einen guten und reinen Boden fallen und wird bringen eine
hundertfältige Ernte! Lasset ihr aber eure Kinder wie die Affen ihre Jungen
emporwachsen, so werden sie als Unkraut euch den Nutzen gewähren, wie die
Affenkinder ihren Alten: was die Alten zusammensammeln, das verzehren und
zerstören mutwillig ihre Kinder; und wollen die Alten sie abwehren von solcher
Frevelei, so fletschen ihnen ihre zarten Jungen gleich die scharfen Zähne
entgegen und treiben die Alten hinweg.“
125. Kapitel
[GEJ.04_125,01] (Der Herr:) „An dem Jünger
(Judas Ischariot) aber habt ihr ein sprechendes Beispiel. Er war der einzige
Sohn seines sehr vermögenden Vaters und ebenso seiner in ihn bis zum Sterben
verliebten Närrin von einer Mutter. Die Folge war, daß die beiden Eltern ihren
Sohn ganz affenartig verzärtelten und ihm alles angehen ließen und auch alles
gaben, wonach es den Jungen nur immer gelüstete; und die noch weitere Folge
davon war, daß der Junge, als er kräftig geworden war, die Alten zum Hause
hinaustrieb und sich selbst mit feilen Dirnen belustigte, was nur immer seine
Natur vertragen konnte.
[GEJ.04_125,02] Es brauchte keine lange Zeit,
so hatte der Junge das Vermögen der Alten auch derart geschmälert, daß dann
beide den Bettelstab ergreifen mußten und bald darauf auch aus Gram und Kummer
starben.
[GEJ.04_125,03] Aber der Junge, als nun
ebenfalls ganz verarmt, ging nun etwas in sich und fing am Ende an, sich selbst
zu fragen, und sagte: ,Ja, warum bin ich denn so und nicht anders geworden?
Geboren habe ich mich nicht, gezeugt noch viel weniger; erziehen habe ich mich
doch auch nicht selbst können, – und doch ruft ein jeder Mensch mir ins
Gesicht, daß ich ein elender Schurke und Bösewicht sei, der durch seine
liederlichen und bösen Streiche seine Eltern um all ihr schwererworbenes Vermögen,
an den Bettelstab und am Ende sogar so frühzeitig ins Grab gebracht habe!
[GEJ.04_125,04] Was kann denn ich darum? Es
mag von mir alles das recht schlecht gewesen sein; kann ich aber darum, wenn
mich die Alten zu nichts Besserem erzogen haben?! Aber was tue ich nun? Arm,
ohne Geld, ohne Haus, ohne Dienst, ohne Brot! Stehlen und Rauben wäre das
Leichteste, und man käme zuerst zu einem guten Ziele; aber als ein
ungeschickter Dieb erwischt und dann blutig gezüchtiget zu werden, schmeckt
etwa durchaus nicht süß! Mit dem Rauben sieht es noch schlimmer aus! – Ich weiß
aber nun, was ich tun werde! Ich erlerne irgendeine Kunst, und wäre es die
alte, dumme Töpferei, die meinen Vater reich gemacht hat!‘
[GEJ.04_125,05] Gesagt, getan! Er ging in
Kapernaum zu einem ganz gemütlichen Töpfer in die Lehre und erlernte mit vielem
Fleiße dessen Kunst in kurzer Zeit. Der alte Töpfer hatte aber eine Tochter,
die bald darauf des Kunstjüngers Weib ward.
[GEJ.04_125,06] Aber so flott unser Judas
früher war, so hart und geizig ward er nun als ein Töpfermeister. Sein Weib
verkostete oftmals seine Härte. Er machte gute Ware und fing an, alle Märkte zu
besuchen, und ließ daheim seine Leute darben und bis zum blutigen Schweiße
arbeiten. Kam er von einem Markte nach Hause mit vielem Gelde, so bedachte er
die fleißigsten Arbeiter wohl mit etwas wenigem; kam er aber mit weniger Beute
nach Hause, so gab es dann harte Dinge in seinem kargen Hause.
[GEJ.04_125,07] Um sich neben seiner Töpferei
noch einen Nebenverdienst zu verschaffen, pachtete er auch eine Fischerei und
fing vor ein paar Jahren an, sich auf die natürliche Magie zu verlegen, weil er
in Jerusalem zu öfteren Malen gesehen hatte, wie sehr viel Geldes sich da so
manche ägyptische oder persische Magier erwarben. Er brachte aber nichts
Ordentliches zustande, obwohl er viel Geld dafür ausgab. Er nahm darin auch
Unterricht bei einigen externen Essäern, die ihm vorgemacht hatten, als könnten
sie, wenn es sein müßte, schon gleich auch eine Welt erschaffen mit allem, was
sie faßt und trägt.
[GEJ.04_125,08] Aber er überzeugte sich bald,
daß er der Betrogene war, und zeigte seinen feinen Meistern den Rücken. In
diesem Jahre vernahm er, was Ich alles täte, und wie das alles in einem
höchsten Grade überträfe, was man auf dieser Erde bisher ,Wunderwirken‘ nannte.
[GEJ.04_125,09] Das war denn auch der
eigentliche Grund, warum er sich an Mich anschloß, daheim alles verließ, um nur
von Mir das Wunderwirken zu erlernen und danach viel Goldes und Silbers zu
verdienen.
[GEJ.04_125,10] An Meiner Lehre liegt ihm
wenig. Wenn er aufmerket auf Meinen Mund, so möchte er eigentlich nur eine
Erklärung vernehmen, auf welche Weise und mit welchen Mitteln Ich das eine oder
das andere Wunderwerk zustande gebracht habe. Nun, davon kann er als für ihn
brauchbar nie etwas vernehmen und ist daher stets mürrisch.
[GEJ.04_125,11] Übrigens wird er für diese
Welt bei Mir eine ganz entsetzlich schlechte Rechnung finden. Eine
verräterische Handlung und darauf die finsterste Verzweiflung wird aus ihm
einen Selbstmörder machen, und ein Strick und ein Weidenbaum werden sein
trauriges Weltende sein! Denn er ist einer, der Gott versuchen will, was ein
großer Frevel ist und sein muß. Wer es aber wagt, gegen Gott einen Frevel zu
begehen, der wird ihn auch an sich selbst nicht unterlassen. Zuerst an Gott,
und dann an sich selbst!
[GEJ.04_125,12] Ich aber sage es euch, daß
jenseits die Selbstmörder schwerlich je Gottes Angesicht schauen werden! Ich
könnte euch davon auch sogar den mathematisch festgestellten Grund zeigen; aber
es lohnt sich wahrlich der Mühe nicht. Es genügt, daß ihr Mir das glaubet, was
Ich euch als Folge des Selbstmordes angab. Sein Grund ist stets eine Art
Blödheit, aus der Verzweiflung hervorgehend, und diese ist eine Folge
irgendeines Frevels gegen Gott oder gegen Seine Gebote.“
126. Kapitel
[GEJ.04_126,01] (Der Herr:) „Man findet zwar
die Gesetze Gottes höchst gut und gerecht; aber man findet auch Menschen, die
von solchen Gesetzen der Tat nach nichts wissen wollen, sondern rein und pur
der Welt leben. Mit solchen Menschen ist natürlich kein Geschäft oder höchstens
nur ein schlechtestes von der Welt zu machen. Wer mit ihnen in eine
geschäftliche Verbindung tritt, der ist schon gleich von vornherein der
weidlichst Betrogene und Überlistete. Jener aber, der sich mit solchen
Weltmenschen einließe, um von ihnen etwas zu gewinnen, müßte schon sehr blöde
sein; denn sonst hätte er seine Verbündeten sicher schärfer durchschaut, bevor
er sich mit ihnen noch in ein Geschäft einließ.
[GEJ.04_126,02] Solch ein wenigstens
halbblöder Mensch ist aber immer noch besseren Herzens, obschon stets etwas
gewinnsüchtig, aber dabei eben wegen der Blödheit schwachgläubig und auf Gott
wenig vertrauend. Er denkt sich zwar immer und sagt: ,Laßt mich nur einmal
recht reich werden! Dann erst werde ich der beste Mensch von der Welt werden
und mir auch alle Mittel anschaffen, durch die es mir möglich wird, das
mystische Gottwesen besser und heller kennen zu lernen! Ich werde dann alle
erdenklichen Wohltaten der armen Welt gegenüber verrichten, und Jahrtausende
noch sollen meinen Namen im Munde führen! Aber lasset mir die reichen
Weltmenschen einmal dienstbar werden, dann wird sich alles andere plötzlich
geben!‘
[GEJ.04_126,03] Mit solch blinden Hoffnungen
treibt sich solch ein Blödling herum, macht sich Pläne und Versuche und nähert
sich mit seinen Plänen den Großen und Reichen, die aus seinen Erfindungen mit
ihrem scharfen Weltverstand bald irgendwo einen Nutzen für sich herausschauen.
Der blöde Spekulationsmensch sitzt ihnen auf und wird dabei auf eine
himmelschreiende Weise betrogen und hinter alles Licht geführt.
[GEJ.04_126,04] Nun steht er mit all seinen
Plänen und Hoffnungen total ausgeplündert und völlig mittellos da und weiß sich
keinen Ausweg zu verschaffen. Der Glaube an Gott und ein festeres Vertrauen auf
Gottes Macht, Güte und Hilfe waren bei ihm von jeher nahe gleich einer Null.
Mit der Welt hat er durch den Betrug, der ihn um alles brachte, allen
Zusammenhang verloren. Sein Verstand ist zu blöde und kann trotz alles Suchens
und trotz alles Anstrengens keinen Ausweg finden.
[GEJ.04_126,05] Was ist nun die Folge davon?
Die Verzweiflung und mit ihr der brennendste Überdruß des Seins, weil sich für
dasselbe keine auch nur halberträgliche Aussichten irgend zeigen wollen! In
solch einer Fieberhitze nimmt sich dann gewöhnlich so ein Blödling das Leben
und wird zum Selbstmörder. Daß er dadurch seiner Seele nicht selten einen
unbegrenzten Schaden zufügt, könnet ihr aus dem klar und deutlich entnehmen,
daß solch ein Mensch noch gar lange hin sich immer mehr und mehr zerstören
will, weil er schon einmal gegen das Sein doch sicher den allertödlichsten Haß
geschöpft hat, ohne den er nicht ein Selbstmörder geworden wäre. Die bewußte
Blödigkeit aber ist ja niemand angeboren, sondern allein die Folge einer
schlechten und verkehrten Erziehung.
[GEJ.04_126,06] Wer seine Kinder wahrhaft
liebt, dem muß ja doch vor allem daran gelegen sein, ihre Seelen so zu ziehen,
daß sie nicht von der Materie verschlungen werden. Werden die Seelen in der rechten
Ordnung erzogen, so werden sie ehest fähig, den Geist in sich aufzunehmen, und
nie blöde werden, und von einem Selbstmord wird da schon nie die Rede sein.
[GEJ.04_126,07] Aber bei eurer affenartigen
Erziehung der Kinder, besonders in den Städten, kann es nicht anders kommen.
Gewöhnet darum eure Kinder schon frühzeitig daran, das wahre Reich Gottes im
Herzen zu suchen, und ihr habt sie dadurch mehr denn königlich geschmückt und
habt für sie das größte und beste Erbteil erworben für zeitlich und ewig!
[GEJ.04_126,08] Aus den verzärtelten Kindern
aber wird nie und nimmer etwas Lebensgroßes! Wenn mit ihnen schon sonst auch
nichts Arges geschieht oder sie in sonst nichts Arges übergehen, so bildet sich
mit der Zeit bei ihnen doch so eine gewisse schwache Seite heraus, die kein
Mensch beleidigen, ja nicht einmal antasten darf. Wird so eine schwache Seite
angerührt und angetastet oder gar beleidigt, dann ist es schon aus mit solch
einem Menschen. Er wird ganz rasend und grimmig werden und sich sicher an dem Beleidiger
auf jede erdenkliche Art zu rächen suchen oder ihm wenigstens dahin eine ganz
entsetzlich ernste Drohung machen, solchen Scherz in aller Zukunft zu meiden,
da im Gegenteil ihm das ganz entsetzlich üble Folgen zuziehen würde.
[GEJ.04_126,09] Solch eine schwache Seite ist
im Grunde eigentlich nichts aus dem freien Willen und Erkennen hervorgehend
Schlechtes; aber sie ist dennoch ein Leck in der Seele, an dem sie stets
verwundbar bleibt, und das nicht nur hier, sondern auch noch lange während jenseits.
[GEJ.04_126,10] Darum sollet ihr bei euren
Kindern auch darauf sehr sehen, daß sich in ihnen keine sogenannten schwachen
Seiten herausbilden, denn sie werden der Seele das, was die sogenannten
chronischen, halbvernarbten Krankheiten sind. Ist es gleichfort schönes Wetter
und geht dabei ein guter Wind, so schweigen sie, und der Mensch, der sie
besitzt, fühlt sich ganz gesund; fängt es aber in der Luft nur an, sich zu
einem bösen Wetter vorzubereiten, so fangen solche Lecks im Fleische auch
gleich an, sich zu rühren und bringen den Menschen vor Schmerzen oft zur
Verzweiflung.
[GEJ.04_126,11] Wie es aber für jeden Arzt
etwas besonders Schweres ist, solche alte Leibesschäden zu heilen, ebenso
schwer und oft nahe noch schwerer ist es, solch alte Seelenlecks zu heilen.
Wenn der Schiffer sein Schiff vor den Lecks bewahren will, muß er nicht dahin
fahren, wo es im Meere allerlei Klippen und Korallenbänke gibt, sondern nur
dahin, wo das Wasser die ganz gehörige Tiefe hat. Und so muß der Erzieher der
Kinder als ein wahrhaft lebenskundiger Steuermann seine kleinen
Lebensschifflein auch nicht in aller weltlichen klippenhaften Seichtheit
herumführen, sondern sich gleich mehr auf die inneren Lebenstiefen wagen, und
er wird die kleinen Schifflein vor den gefährlichen Lecks bewahren und sich
dadurch die Krone eines wahren Lebenssteuermannes erringen!
[GEJ.04_126,12] Wohl jedem, der auch diese
Worte beherziget; sie werden nicht ohne Segen für ihn und seine Angehörigen
verbleiben!
[GEJ.04_126,13] Und nun, da wir diese Nebensache,
die sich durch den Auftritt des Jüngers Judas Ischariot ergeben hat, auch
nutzbringend besprochen haben, kehren wir wieder zu unseren Betrachtungen des
Werdens und nun des scheinbaren Vergehens zurück und wollen nun ganz besonders
das letztere in Augenschein nehmen!“
127. Kapitel
[GEJ.04_127,01] (Der Herr:) „Das Werden einer
Sache, eines Dinges, eines Wesens oder gar eines Menschen hat gewiß stets etwas
Erheiterndes in sich, aber das sichtliche Vergehen und das Sichauflösen,
besonders eines Menschen, hat in sich wieder nur etwas Trauriges, das jedes
Menschen Gefühl stets mit einer Wehmut erfüllt.
[GEJ.04_127,02] Ich aber frage und sage: Ja,
warum denn das, so die Menschen doch an die Unsterblichkeit der menschlichen
Seele noch irgendeinen Glauben haben?! Die Ursache liegt tiefer, als ihr sie
euch denken möget. Vorerst entstammt diese Trauer der Furcht vor dem Tode und
nachher noch vielem anderen, das Ich euch aber nun nicht auf einmal auftischen
kann und darf, um euch nicht bald im einen und bald im andern verwirrt zu
machen.
[GEJ.04_127,03] Ist eine Seele einmal völlig
wiedergeboren und in alle wahre Lebenstätigkeit übergegangen, so ist wohl
natürlich alle Trauer und alle die leere Furcht vor dem Sterben oder Vergehen
vergangen; aber bei Seelen, die noch nicht den rechten Grad der innern
Lebensvollendung erreicht haben, bleibt noch immer etwas von der Trauer um ihre
verstorbenen Nächsten und in ihnen selbst etwas von der Furcht vor dem Tode
zurück, von der sie auf dieser Welt nur dann erst völlig los werden, wenn ihre
Seele in ihrem Geiste und ihr Geist in ihr groß geworden ist.
[GEJ.04_127,04] Betrachtet nur so ein recht
verzärteltes Kind, wenn es nicht schon von frühester Zeit an stets mehr und
mehr an Tätigkeit gewöhnt worden ist, was für ein ganz entsetzlich trauriges
Gesicht es machen wird, so es etwa nach dem zurückgelegten zwölften Jahre in
eine ganz ernste und anhaltende, wenn auch seinen Kräften angemessene Tätigkeit
treten muß! Es fängt an zu weinen, wird voll Traurigkeit, voll Mißmut, voll Ärger
auch und voll Zorn gegen jene, die es zu einer anhaltenden Arbeit anzutreiben
anfangen.
[GEJ.04_127,05] Sehet dagegen ein Kind von
gleichem Alter an, das schon von seiner frühesten Jugend mit Arbeiten stets
ernster Art, die den Kräften angemessen waren, beschäftigt wurde! Mit welcher
Freude und mit welch einem Behagen tummelt sich so ein Kind den ganzen Tag
herum, ohne müde zu werden!
[GEJ.04_127,06] Wie aber in einer trägen
Seele eine große Furcht vor aller ernsten und anhaltenden Tätigkeit stets
daheim ist, so ist in der Seele auch aus derselben Quelle herrührend die Furcht
vor dem Tode, ja sogar vor einer etwas gefährlicheren Krankheit vorhanden.
[GEJ.04_127,07] Ihr werdet auch schon öfter
zu erleben die Gelegenheit gehabt haben, daß so recht fleißige und sehr
arbeitsame Menschen bei weitem keine so große Furcht vor dem Sterben haben, wie
jene arbeitsscheuen, aber dabei doch wohllebensheiteren und -lüsternen sie
haben; und diese Furcht verliert sich nicht eher, als bis solche Seelen eine
rechte Tätigkeit ergriffen haben.
[GEJ.04_127,08] Ihr meinet freilich, diese
Furcht sei nur eine Folge der Unbestimmtheit im Wissen und Erkennen des
Jenseits. Ich aber sage es euch allen: Mitnichten, dieses ist selbst nur eine
Folge der tief wurzelnden Tätigkeitsscheu der Seele, und weil die Seele es
geheim ahnt, daß mit der Wegnahme des Leibes ihre Weiterexistenz eine höchst
tätige werden wird, so ist sie ganz untröstlich darüber und gerät in eine Art
Fieber, in welchem dann auch eine Art Ungewißheit über das einstige Fortbestehen
sich herausstellt. – Denket ein wenig darüber nach, und wir werden dann in
dieser sehr wichtigen Sache weiter fortfahren!“
[GEJ.04_127,09] Auf diese Meine Worte erhebt
sich Mathael und sagt: „So es gestattet wäre, möchte ich wohl bei dieser Sache
ein Wörtlein zu dessen näherem Verständnis mitreden!“
[GEJ.04_127,10] Sage Ich: „Rede du nur
immerhin, was du weißt und verstehst; denn dein Wissen und Verstehen steht auf
dem besten Grunde!“
128. Kapitel
[GEJ.04_128,01] Fängt darauf Mathael an zu
reden, und seine Worte lauteten also: „Liebe Freunde und Brüder, ich weiß es
zwar nicht, wie ich dazu kam, daß ich zuweilen schon von meiner frühesten
Jugend an Geister habe sehen und mich mit ihnen sogar besprechen können, was
denn auch ein Hauptgrund war, demzufolge ich so ganz eigentlich in die Mauern
des Tempels trat; denn man sagte mir, daß darin die mir oft schon sehr lästig
gewordenen Geister keine Gewalt mehr über mich haben würden, und ich würde von
da an auch keine mehr zu Gesichte bekommen. Nun, das war richtig und ganz in
der Ordnung; denn als ich des Tempels gebenedeite Kleider anzog, war es mit
meinem Geistersehen völlig zu Ende! Wie und warum das, könnte ich nicht
angeben; aber es ist vollkommen wahr und richtig.
[GEJ.04_128,02] Obwohl ich aber von dieser
Plage durch die Mauern und durch die Kleider des Tempels befreit worden bin, so
wußten sich aber die Geister dennoch auf eine andere Art zu rächen. Mein
nachheriges furchtbares Besessensein war sicher eine sehr leidige Folge davon!
Das Weitere jenes meines höchst bedauerlichen Zustandes ist bekannt, und ich
brauche darüber kein weiteres Wort mehr zu verlieren. Aber aus meinem früheren
geisterseherischen Zustande ist mir noch so manches bekannt, und wenn ich hier
einige Züge daraus nun zum Besten aller meiner nunmaligen Freunde und Brüder
gebe, so glaube ich, wenigstens bei dieser Gelegenheit ihnen auch einen kleinen
Dienst zu erweisen.
[GEJ.04_128,03] Als ich erst so ungefähr
sieben oder wohl etwa schon acht Jahre alt war, da starben an einer pestartigen
Epidemie plötzlich fünf Menschen; es waren das des Nachbarn Weib, zwei der
älteren Töchter und zwei sonst ganz gesunde Mägde.
[GEJ.04_128,04] Merkwürdig war es, daß an
dieser sonderbaren Epidemie nur lauter erwachsene und sonst sicher ganz
kerngesunde Mägde und Weiber verstarben. Als in des Nachbars Hause aber das
Weib erkrankte, während schon den Tag vorher die zwei Töchter und die zwei
Mägde den Tod erlitten, kam der Nachbar voll Verzweiflung vor lauter Trauer zu
uns und bat uns inständigst, ihm beizustehen und wo möglich sein Weib dem Tode
zu entreißen; denn mein Vater, in der Nähe Jerusalems eine recht schöne
Besitzung habend und zumeist daselbst wohnend, war zur Not auch ein Arzt, und
es war darum desto mehr eine Art Pflicht, dem Rufe des unglücklichen Nachbarn
zu folgen. Daß ich da nicht daheimbleiben durfte, werdet ihr aus dem Umstande
leicht entnehmen, daß ich dem Vater nicht selten ganz gute Heilmittel angeben
konnte, weil mir solche meine Geister nicht selten offen und treuherzig
anzeigten.
[GEJ.04_128,05] Mein Vater meinte ganz
zuverlässig, daß ich im Hause des Nachbarn mit Geistern zusammenkommen werde,
die mir zur Heilung der todkranken Nachbarin etwas ansagen würden, und so ward
ich denn NOLENS VOLENS mitgenommen. Mein Vater hatte sich auch nicht geirrt;
ich bekam wirklich eine Menge Geister – sicher gute und schlechte durcheinander
– zu Gesichte. Aber mit dem Anraten irgendeines heilenden Mittels hatte es
diesmal seine geweisten Wege; denn ein großer Geist, mit einem lichtgrauen
Faltenkleid angetan, sagte zu mir, als ich ihn nach dem Wunsche meines Vaters
um ein Heilmittel anging: ,Sieh hin auf die Verscheidende! Ihre Seele entsteigt
ja bereits ihrer Brustgrube, die der gewöhnliche Ausweg der Seele aus dem Leibe
ist!‘
[GEJ.04_128,06] Ich besah mir nun die
Sterbende näher. Aus der Brustgrube erhob sich wie ein weißer Dunst, breitete
sich über der Brustgrube immer mehr aus und wurde auch stets dichter; aber von
irgendeiner menschlichen Gestalt merkte ich lange nichts. Als ich das so etwas
bedenklich betrachtete, da sagte der lichtgraue große Geist zu mir: ,Sieh nur
zu, wie eine Seele ihr irdisches Wohnhaus für immer und ewig verläßt!‘ Ich aber
sagte: ,Warum hat denn diese scheidende Seele keine Gestalt, während doch ihr,
die ihr auch pure Seelen seid, ganz ordentliche Menschengestalten habt?‘ Sagte
der Geist: ,Warte nur ein wenig noch; wenn die Seele erst ganz aus dem Leibe
sein wird, wird sie sich schon ganz fein zusammenklauben und wird dann auch
recht schön und freundlich anzusehen sein!‘
[GEJ.04_128,07] Während ich solchen Dunst
über der Brustgrube der Kranken sich immer mehr ausbreiten und verdichten sah,
lebte der Leib noch immer und stöhnte zuweilen wie jemand, der von einem
schweren Traume geplagt wird. Nach etwa dem vierten Teile der Zeit einer
römischen Stunde schwebte der Dunst in der Größe eines zwölfjährigen Mädchens
etwa zwei Spannen hoch über des sterbenden Weibes Leib und war mit dessen
Brustgrube nur noch durch eine fingerdicke Dampfsäule verbunden. Die Säule
hatte eine rötliche Färbung, verlängerte sich bald und verkürzte sich auch
wieder dann und wann; aber nach jedesmaligem Verlängern und abermaligem
Verkürzen ward diese Dampfsäule dünner, und der Leib trat während der
Verlängerungen stets in sichtlich schmerzhafte Zuckungen.
[GEJ.04_128,08] Nach etwa zwei römischen
Stunden der Zeit nach ward diese Dampfsäule von der Brustgrube ganz frei, und
das unterste Ende sah aus wie ein Gewächs mit sehr vielen Wurzelfasern. In dem
Augenblick aber, als die Dampfsäule von der Brustgrube abgelöst ward, bemerkte
ich zwei Erscheinungen. Die erste bestand in dem völligen Totwerden des Leibes,
und die andere darin, daß die ganze weißneblige Dampfmasse sich in einem
Augenblick in das mir nur zu wohlbekannte Weib des Nachbarn umwandelte.
Alsogleich umkleidete sie sich mit einem weißen, faltenreichen Hemde, grüßte
die umstehenden freundlichen Geister, fragte aber auch zugleich deutlich, wo
sie nun sei, und was mit ihr vorgegangen sei; auch verwunderte sie sich gleich
höchlichst über die schöne Gegend, in der sie sich nun befinde.
[GEJ.04_128,09] Von der Gegend aber nahm ich
selbst nirgends etwas wahr. Ich fragte darum meinen großen Lichtgrauen, wo denn
die so schöne Gegend zu sehen wäre. Da sagte der Geist: ,Diese kannst du aus
deinem Leibe heraus nicht sehen; denn sie ist nur ein Produkt der
Lebensphantasie der Verstorbenen und wird erst nach und nach in eine größere
und gediegenere Realität übergehen!‘ Mit diesen Worten ward ich abgefertigt,
und der Geist redete darauf in einer mir ganz unverständlichen Zunge; er muß
aber der nun freien Seele etwas sehr Angenehmes gesagt haben, weil sich darauf
ihr Angesicht gar so aufgeheitert hatte.
[GEJ.04_128,10] Merkwürdig aber kam es mir
vor, daß die nun freie Seele sich gar nicht mehr darum zu kümmern schien, was
da mit ihrem früheren Leibe geschehen ist; sie unterhielt sich sichtlich gleich
sehr gut mit den Geistern, – aber alles in einer mir ganz fremden Zunge. Mit
der Weile wurden auch die beiden verstorbenen Töchter und die beiden Mägde
herbeigeführt und grüßten ihre frühere Mutter und Herrin mit aller
Freundlichkeit, – aber nicht, als wären die ersten beiden ihre Töchter und die
andern beiden ihre früheren Dienstmägde gewesen, sondern als echte, wahre, gute
Freundinnen und Schwestern, und zwar in einer mir fremden und ganz
unverständlichen Zunge. Keine aber schien sich im geringsten um ihren früher
doch sicher sehr in Ehren gehaltenen Leib zu kümmern; auch schienen sie
niemanden von uns noch Sterblichen wahrzunehmen.
[GEJ.04_128,11] Merkwürdig war es, daß die
Seele des eben verstorbenen Weibes gleich nach dem Austritte aus dem Leibe wohl
noch ganz gut hebräisch ihre Freude über den Anblick der schönen Gegend zu
erkennen gab; als sie sich aber gewisserart mehr gesammelt und kondensiert
hatte, bediente sie sich einer Sprache, die meines schwachen Wissens nun wohl
auf der ganzen Erde und unter allen ihren sterblichen Menschen nirgends
bestehen dürfte.
[GEJ.04_128,12] Ich wandte mich darum wieder
an meinen Lichtgrauen und fragte ihn: ,Was ist das, was nun die fünf neu in
eurem Reiche Angekommenen miteinander besprechen, und in welcher Zunge?‘
[GEJ.04_128,13] Sagte der Lichtgraue: ,Was du
doch für ein neugieriger Knabe bist! Sie reden ja eben deinetwegen diese eigene
Geisterzunge, weil sie von dir nicht verstanden werden wollen; denn sie wissen
und fühlen es genau, daß du hier weilest als einer, der aus seinem Leibe die
Geister sehen und sprechen kann gleich einem Birmanen in Hochindien. Sie wissen
und fühlen es auch, daß ihre Leiber noch hier sind; aber diese kümmern sie
nicht mehr als wie dich ein alter Rock, den du als gänzlich zerrissen
weggeworfen hast. Du dürftest ihnen nun alle Reiche der Welt mit der Aussicht
auf ein tausend Jahre langes Leben voll Gesundheit bieten, so würden sie doch
nimmer in ihre Leiber zurückkehren! Das aber, was sie miteinander reden,
würdest du nicht verstehen, und wäre es auch in deiner Zunge; denn sie sehen
nun eben in dieser Zeit, daß der große Verheißene bereits als Mensch, wennschon
noch erst als ein zartes Kind, in der materiellen Welt sich befindet. Wenn du
ein Mann bist, wirst du Ihn erkennen in Galiläa.‘
[GEJ.04_128,14] Das war der ganze Bescheid,
den mir der Lichtgraue ganz artig und freundlich hatte zukommen lassen. Es war
das gewiß eine sehr denkwürdige Erscheinung, die ich damals als ein Knabe
ebenso wahr und lebendig geschaut habe wie jetzt euch alle; und daß der
Lichtgraue keine Unwahrheit mir aufgetischt hatte, davon liegt der Beweis
darin, daß ich nun Dich, o Herr, wirklich in Galiläa gefunden habe also, wie
der Lichtgraue es mir angesagt hatte.
[GEJ.04_128,15] Ich möchte nun nur das ein
wenig mehr erläutert haben, warum die Seele im Moment des Scheidens als ein
Dunst der Brustgrube entsteigt, und warum nicht gleich als eine ausgebildete
Menschenform. – Herr, Du liebevollster, Du allweisester Meister alles Lebens,
möchtest Du uns darüber wohl eine Erklärung geben?“
129. Kapitel
[GEJ.04_129,01] Sage Ich: „Die sollet ihr
sogleich haben; und so höret denn! Der ersichtliche Dunst – in dem Maße (Form)
eines Menschen doch immerhin – ist eine Folge der großen Beklommenheit der
Seele im Moment des Scheidens, in welchem sie vor lauter Furcht und Entsetzen
auf einige Augenblicke ganz bewußtlos wird.
[GEJ.04_129,02] Es ist eine außerordentliche
Tätigkeitsanstrengung der scheidenden Seele, sich zu erhalten in ihrer sich
selbst bewußten Existenz. Alle ihre Teile werden in eine außerordentlich
heftige Vibration gesetzt, daß darob auch das schärfste geistersehende Auge
irgendeine bestimmte Form nicht entdecken kann.
[GEJ.04_129,03] Ein Beispiel in der Natur
böte die tiefklingende Saite einer Harfe. Wenn du sie stark angeschlagen hast,
so wird sie sich eine Zeitlang also schnell hin und her schwingen, daß du ihren
Körper auch nur als einen durchsichtigen Dunstfaden sehen wirst; hat die Saite aufgehört
mit dem Schwingen, dann wird infolge ihrer Ruhe auch ihre eigentliche Form
wieder ersichtlich.
[GEJ.04_129,04] Eine gleiche Erscheinung hast
du beim Anblick einer summenden Fliege, deren Flügel du erst dann als Flügel
wahrnehmen kannst, wenn die Fliege zu fliegen und dadurch zu summen aufgehört
hat; im fliegenden Zustand hast du sie nur wie mit einem kleinen Dunstwölkchen
umgeben geschaut.
[GEJ.04_129,05] Wenn die Seele im
Scheidemomente austritt aus dem zerstörten, zerrissenen und fürderhin nicht
mehr brauchbaren Leibe, so vibriert sie in oft eine Spanne langen Schwingungen,
und zwar so schnell, daß du tausend Schwingungen als hin und her und auf und ab
in einem Augenblicke annehmen kannst; da ist es dann während der Dauer solcher
Seelenvibration dem disponierten Beschauer rein unmöglich, nur irgend etwas von
der seelischen Menschenform auszunehmen. Nach und nach beruhigt sich die Seele
mehr und mehr und wird dadurch auch als menschliche Form ersichtlich; tritt sie
aber endlich ganz in den Zustand der Ruhe zurück, die gleich nach der völligen
Ablösung eintritt, so ist sie dann auch sogleich in der vollkommenen
Menschenform zu erschauen, vorausgesetzt, daß sie sich zuvor durch allerlei
Sünden nicht zu sehr entstellt hat. – Verstehst du nun solches?“
[GEJ.04_129,06] Sagt Mathael: „O Herr, Du
Allerweisester, wie sollte ich nun das nicht bestens verstehen? Du hast mir
diese Erscheinung ja als mit den Händen zu greifen klargemacht! Aber nun möchte
ich – Herr, vergib mir meine Wißbegier – denn auch noch dazu wissen, was für
eine Zunge die fünf Seelen miteinander geredet haben! Ich selbst bin doch auch
mehrerer Zungen fähig; aber dem ungeachtet verstand ich keine Silbe, was diese
miteinander geredet haben. Besteht in dieser Welt noch irgendeine ähnliche Zunge?“
[GEJ.04_129,07] Sage Ich: „O ja, die
birmanischen Priester sind im Besitze dieser Zunge, und es ist das die
Ursprache der ersten Menschen dieser Erde gewesen; eure, die altägyptische, und
mitunter auch die der Griechen, stammen alle von dieser einen und ersten
Menschensprache nahe vollkommen ab. Meinet ihr wohl, daß ihr verständet den
Vater Abraham, Isaak und Jakob, so sie hier wären und redeten also, wie sie
dereinst geredet haben? O mitnichten, nicht ein Wort würdet ihr von ihnen
verstehen! Verstehet ihr doch schon die Bücher Mosis schwer, die doch nahe um
tausend Jahre jünger sind denn Abraham, um wieviel weniger die Erzväter selbst!
Ja, es hat sich bei den Juden gar vieles sehr verändert, also auch die Sprache,
ohne eine zweite babylonische Sprachenverwirrung. – Verstehest du nun auch
das?“
[GEJ.04_129,08] Sagt Mathael: „O Herr, auch
darin bin ich nun im reinen; ich glaube, daß es auch die andern alle sind, und
so möchte ich Dich im Namen aller wieder um weitere Belehrungen anflehen!“
[GEJ.04_129,09] Sage Ich: „Diese werden nicht
ausbleiben; aber du hast noch eine Menge Erfahrungen im Bereiche des Sterbens
gemacht und mußt uns daher noch einige der denkwürdigsten deiner Brüder wegen
erzählen. Was dir oder jemand anderem dabei unklar ist, das werde Ich euch dann
schon wieder aufhellen.
[GEJ.04_129,10] Ich habe euch vorher das
Werden gezeigt bis auf den Punkt des Überganges durch den Abfall der Materie.
Der leibliche Tod ist noch immer der Schrecken aller Kreatur. Den Grund davon
habe Ich euch auch in aller Kürze kundgegeben; derselbe wird aber bei
Gelegenheit noch ausführlicher dargetan werden. – Aber nun mache du dich nur
wieder an deine Erzählungen!“
[GEJ.04_129,11] Sagt Mathael: „O Herr, nur
auf Dein so überliebevolles Verlangen will ich noch mehrere Fälle also
erzählen, wie ich sie mit meiner Seele Augen geschaut habe!“
130. Kapitel
[GEJ.04_130,01] (Mathael:) „Als ich ein Knabe
von zwölf Jahren war und schon ganz männlich ernst zu denken und zu reden
imstande war, da wurden zu Jerusalem mehrere Raubmörder schwerster Art zur
Kreuzigung bestimmt. Es waren deren sieben an der Zahl. Das machte damals ein
großes Aufsehen nicht bloß in ganz Jerusalem, sondern auch weit und breit in
der Umgegend. Es war damals auch ein gewisser Kornelius römischer Oberhauptmann
und dazu AD INTERIM Landpfleger. Dieser war über diese Erzbösewichter überaus
aufgebracht, da sie mit einer wahrhaften Tigernatur die gefangenen Menschen
bloß so zum Vergnügen mit allerlei unbeschreibbar gräßlichen Marterungen
töteten und eine desto größere Lust hatten, je länger sie einen quälen konnten.
Kurz, der Begriff ,Teufel‘ wäre für sie noch viel zu gut und zu ehrlich!“
[GEJ.04_130,02] Hier unterbricht ihn
Kornelius und sagt: „Freund, vergiß deine mir überaus werten Worte nicht! Aber
ich muß dir hier noch bemerken zugunsten deiner treu angefangenen Erzählung,
daß eben ich derselbe Kornelius war! Und nun erzähle du nur wieder weiter; denn
bis jetzt war noch keine unwahre Silbe darunter!“
[GEJ.04_130,03] Sagt weiter Mathael: „So ganz
leise und ahnungsweise habe ich es mir wohl gedacht, weil mir deine Züge von
jener Zeit her noch so ziemlich bekannt waren, und es ist für diese meine
Erzählung um so besser, daß sich in deiner hohen Person sicher ein sprechender
und wahrhaftigster Zeuge befindet! Und also wollet mich denn weiter vernehmen!
[GEJ.04_130,04] Weil denn die beschriebenen
sieben gar so böse Teufel waren, so beschloß denn auch Kornelius, mit ihnen zu
einem abschreckenden Beispiele allergrausamst zu verfahren. Dazu gehörte denn
auch, daß sie einmal fürs erste auf vierzehn volle Tage zum Tode ausgesetzt
waren, und es wurden ihnen diese Zeit hindurch täglich Martern mit den
glühendsten Farben vorgelesen, die sie zu erwarten hatten; übrigens wurden sie
in dieser ihrer Schreckenszeit ganz leidlich gut gefüttert, damit ihnen das
Leben recht angenehm und der sicherst zu erwartende martervollste Tod desto
bitterer vorkäme.
[GEJ.04_130,05] Ich habe diese Kerle mit
meinem Vater bei fünf Male besucht, erblickte sie aber am Ende stets gleich
einem halbverkohlten und noch glühenden Holzscheite dampfen und rauchen; und
dieser Rauch und Dampf verbreitete wenigstens für meine Nase einen
unerträglichen Gestank, der sonst seinesgleichen auf dieser Welt kaum haben
dürfte! Je länger sie schon ausgesetzt waren, und je näher ihr Schreckenstag
heranrückte, desto penetranter wurde der Dampf, Rauch und Gestank. Es versteht
sich von selbst, daß die sieben Teufel ihre Farbe mehr denn ein Chamäleon zu
verändern begannen.
[GEJ.04_130,06] Endlich erschien der
fürchterliche Schreckenstag. Die Schergen und die Büttel kamen, und den sieben
wurden auf offenem Platze bei Anwesenheit von Tausenden die Kleider ausgezogen
bis auf ihre Scham, worauf sie blutig gegeißelt wurden. Ich konnte dieser
Exekution nur von weitem zusehen, bemerkte aber dennoch, wie während dieser
Behandlung eine Menge schwarzer Fledermäuse von den Gegeißelten wie ein
Bienenschwarm hinaus- und hinwegflogen; auch wie kleine fliegende Drachen
erhoben sich über den Gegeißelten, und diese dampften und rauchten nun schon um
ein bedeutendes weniger.
[GEJ.04_130,07] Aber bei einem etwas
genaueren Betrachten entdeckte ich bald und leicht, daß dieser Dampf und Rauch
sich schnell in allerlei gräßlichen Formen ergriff, die dann als die vorbezeichneten
schwarzen Fledermäuse auf und davon flogen; auch die kleinen Drachen bildeten
sich daraus. Wie viele solche Höllenkreaturen mögen sich schon während der
vierzehn Tage von den sieben empfohlen haben!
[GEJ.04_130,08] Nachdem aber die sieben so
recht skytisch (barbarisch) durchgegeißelt worden waren, bemerkte ich, daß sich
ihre früher ganz teuflisch aussehenden Gesichter ins etwas menschlicher
Aussehende umwandelten und die Delinquenten auch schwächer und furchtsamer zu
werden begannen; sie kamen mir vor wie Betrunkene, die kaum wissen, was da mit
ihnen vorgeht. Die ganze Sache kam mir sehr sonderbar vor, wie diese früheren
Wüteriche nun in eine Art Lämmernatur überzugehen begannen.
[GEJ.04_130,09] Nach der Geißelung wurden
sieben Kreuze herbeigeschafft und jedem Delinquenten eines auf die Schulter
gelegt zur Tragung hinaus auf Golgatha, das der allgemeine Scharfrichtplatz der
Römer schon seit lange her ist; aber keiner vermochte die ihm auferlegte
Todesbürde trotz alles Stoßens, Schlagens und Mißhandelns auch nur einen
Schritt weiterzubringen. Man brachte deshalb einen großen Karren herzu,
bespannt mit zwei starken Ochsen, legte zuerst die Kreuze und dann über
dieselben die Verbrecher auf denselben, band alles mit Stricken und Ketten fest
nieder und fuhr dann hinaus auf Golgatha.
[GEJ.04_130,10] Dort angelangt, dahin nebst
mir und meinem Vater eben nicht zuviel Volkes wegen der zu furchtbaren
Grausamkeit gefolgt war, band man alles wieder los, riß die bluttriefenden
Delinquenten vom Karren, band gleich einen um den andern mit gröbsten und mit
Dornen eingeflochtenen Stricken riesenhaft fest an die Kreuzpfähle und stellte
diese dann aufrecht in die schon eigens dazu in den Stein ausgemeißelten
Löcher. Nun erst begannen die Delinquenten zu heulen und allergräßlichst zu
wehklagen!
[GEJ.04_130,11] Es muß ihnen das
unerträgliche Schmerzen verursacht haben; denn fürs erste waren sie durch das
Geißeln schon ganz zerfleischt, – fürs zweite die mit Dornen eingeflochtenen
Stricke, und drittens das grobe und rohe Holzwerk! Denn so ein Kreuz ist zwar
fest, aber sonst stets so roh als möglich quer zusammengefügt und muß dem fest
an Händen, Füßen und am Mittelleibe daran Geknebelten schon bei einem vorher
ganz gesunden Leibe, geschweige bei einem schon über alle Maßen zerfleischten,
ohne weiteres die allerunerträglichsten Schmerzen verursachen. Ich habe diese
von mir genau beobachtete Sache nur darum beigefügt, damit ihr Brüder im
Angesichte des Herrn das Darauffolgende desto leichter fassen möget, zugleich
aber auch, um zu zeigen, wie unabänderlich getreu der hohe Kornelius sein
Richterwort erfüllt hat.
[GEJ.04_130,12] Je länger die sieben an den
Kreuzen hingen, desto gräßlicher ward ihr Geschrei und desto schrecklichere
Läster- und Fluchworte stießen sie aus, bis sie nach etwa drei Stunden als ganz
heiser und völlig stimmlos bloß nur noch einen blutigen Geifer von sich trieben
und sich die Zunge und die Lippen klein zerbissen. Nach sieben vollen Stunden
wurden sie ruhiger, und es schien sie alle nahe zugleich ein Nervenschlag
gerührt zu haben.
[GEJ.04_130,13] Ich muß aber offen gestehen,
so sehr sie als wahre Teufel in ihrem freien Zustande gewirtschaftet hatten und
es sicher nicht einen Menschen in ganz Jerusalem und Judäa gab, der da nur
einen aus den sieben irgend bemitleidet hätte, so kam mir die Sache am Ende
denn doch eben nicht sehr löblich vor! Aber sei ihm nun, wie ihm wolle, das
Gesetz schreibt das vor, und vor den Augen der Welt hatten sie das verdient!
[GEJ.04_130,14] Was wir jetzt, o Herr, aus
Deinem Munde gehört und gesehen haben, von dem hatte natürlich damals kein
Mensch auch nur eine leiseste Ahnung, und so war es recht und billig, diese
sieben mit des Gesetzes äußerster Strenge zu bestrafen zum abschreckenden
Beispiele für die vielen, die irgend auf ähnlichen Wegen wandelten. Aber so
empörend gräßlich die ganze Geschichte bisher auch war, so ist das doch alles
rein nichts gegen das, was, als gleich darauf folgend, ich euch erst erzählen
werde.
[GEJ.04_130,15] Bei diesen sieben fing nun
auch eine sonderbare Art ganz kohlschwarzen Dunstes und Rauches über der
Brustgrubengegend sich zu entwickeln an und wuchs und wuchs bis zur doppelten
Größe der an den Kreuzen Hängenden; ich bemerkte auch die gewisse Dunstschnur,
durch die der ausgestiegene Dunst mit dem noch fiebrig und krampfhaft zuckenden
Leibe in einer Verbindung stand. Die schwarze Dunstmasse aber entfaltete sich
ja nicht etwa in eine Menschenform, sondern in die erschrecklichste eines
größten und ganz schwarzen Tigers, der aber wie mit Blut gestreift war. Als
diese schwarzen Bestien bald genug ausgebildet dastanden, fingen sie alsbald
überaus furchtbar an zu toben und versuchten, sich mit aller Gewalt völlig vom
Leibe zu trennen. Aber es ging das nicht; denn die Lebensschnüre waren so
hartnäckig, daß sie sich durch gar keine Gewalttat zerreißen ließen.
[GEJ.04_130,16] Die Sache sah mir zu toll und
gräßlich aus, und da es ohnehin schon gut eine Stunde über die Tagesmitte war,
so gingen ich und mein Vater nach Hause, und ich erzählte auf dem Wege erst dem
Vater, was bei dem Verlaufe der Kreuzigung alles zu sehen war. Er gestand mir
zwar, nichts dergleichen gesehen zu haben, hatte aber fleißig meine Augen
beobachtet und nahm aus ihrem fixierten Hin- und Herschweifen genau wahr, daß
ich da etwas Besonderes sehen müsse; also nahm er auch aus der Treuheit meiner
Worte genau ab, daß ich ihm keine Unwahrheit erzählt hatte. Er, als ein Arzt
zur Not und als ein Philosoph und Theosoph zugleich, fand darin sehr viel
Denkwürdiges, obgleich er trotz aller seiner Philosophie und Theosophie von
meinen Erzählungen ebensoviel verstand als ich selbst; aber er beschloß, gegen
Abend dennoch wieder dahin zu ziehen, um durch mich noch weitere Beobachtungen
machen zu können, und um bei Gelegenheit den Sadduzäern so recht derb sagen zu
können, daß sie die größten Ochsen und Esel seien, wenn sie die Unsterblichkeit
der menschlichen Seele ableugnen.“
131. Kapitel
[GEJ.04_131,01] (Mathael:) „Wir selbst hatten
einen ausgespickten Sadduzäer mitsamt seiner Familie zum Nachbarn, der zwar als
Mensch ganz ordentlich, gut und sehr verträglich war, mit dem aber über Gott
und über die Unsterblichkeit der Seele nie ein Wort zu reden war. Er hielt alle
für höchst beschränkte Köpfe, die an derlei glaubten, und über mich sagte er,
daß ich zu einem Dichter die besten Anlagen besäße, indem mir eine so lebhafte
Phantasie und Einbildung eigen wäre. Kurz und gut, mein Vater gab sich zu
zeiten viel ab mit ihm; aber es war alles rein vergeblich.
[GEJ.04_131,02] Diesmal fragte ihn mein
Vater, ob er nicht mit auf Golgatha möchte. Da sagte er: ,Nicht um die ganze
Welt! Ich kann kein Tier sterben oder gar schlachten sehen, geschweige erst
Menschen, und möchten sie noch mehr Greueltaten ausgeübt haben denn diese
sieben! Kommen reißende Bestien uns in die Nähe, gut, so mache man Jagd auf
sie, um sie unschädlich zu machen, und man hat der Menschheit dadurch schon
einen guten Dienst erwiesen! Also mache man es auch mit dergleichen Menschen,
die für eine friedliebende Menschengesellschaft durchaus nicht mehr taugen! Man
töte sie ganz einfach, – aber man martere sie nicht; denn sie können sicher am
wenigsten darum, daß sie zu reißenden Bestien geworden sind! Natur,
Temperament, Komplexion und Erziehung sind allzeit die Ursachen von solchen
Entartungen.
[GEJ.04_131,03] Wenn man aber sagt, daß man
solches nur des abschreckenden Beispieles wegen anordne, so muß ich darüber nur
ganz hellauf zu lachen anfangen; denn wir friedsamen und ordentlich erzogenen
Menschen bedürfen des abschreckenden Beispieles nicht, und für die es
allenfalls gut wäre, die werden keine Narren sein, herzukommen, um sich die
sieben abschreckenden Beispiele so ganz gemütlich anzusehen!
[GEJ.04_131,04] Das aber werden diese
Beispiele sicher als löbliche Folge haben, daß die noch lange nicht eingefangenen
anderen Verbrecher – vielleicht tausend an der Zahl – in der Folge mit denen,
die in ihre Hände geraten werden, noch um vieles grausamer verfahren werden
denn bisher! Besonders zu gratulieren wird es einem Römer sein, der leicht
möglich das Glück haben wird, den noch freien Verbrechern zur Beute zu werden!
Wahrlich, in dessen Haut möchte ich mich um alle Schätze der Erde nicht
befinden! Diesen einzigen Vorteil kann solch eine grausame Handhabung zu
martialischer Gesetze haben!
[GEJ.04_131,05] Wer erinnert sich nicht der
Zeiten vor den Römern?! Die Gesetze waren zwar immer ernster Natur, – aber
wenigstens vernünftig, und man hörte nie etwas von großen Greueln. Nun aber
haben die weisen Heiden uns mit den allerschärfsten politischen und
martialischen Gesetzen gesegnet, diese hochtrabenden Weltverbesserer und
Städte- und Ländereroberer, und an den Straßen unseres gelobten Landes werden
trotz der zehnfach verstärkten römischen Wachen Greuel begangen, die sich ein
ordentlicher Mensch nicht mehr erzählen lassen kann, ohne dabei auf einmal in
zehn Ohnmachten zu versinken! Gehet ihr darum nur allein hin und besehet euch
das Siebenmuster der echt römischen Grausamkeit, die bald eine siebzigfache von
der andern Seite zur Folge haben wird!
[GEJ.04_131,06] Der Mensch soll Mensch sein,
weil ihn die ewige Natur zum Menschen über sich erhoben hat! Wenn aber der
Mensch mit aller seiner so hoch gepriesenen Vernunft am Ende noch ein bei
weitem ärgeres und grausameres Tier wird als der Wälder allerreißendste
Bestien, dann ist es rein aus mit dem Menschen, und es ist hoch an der Zeit,
daß wir zu den wilden und reißenden Bestien in die Wälder ziehen, um von ihnen
die natürliche Humanität zu erlernen! Gehet also nur hin nach Golgatha, auf
diesen allerverfluchtesten Fleck der ganzen Erde, der mit Menschenblut getränkt
ist wie eine Schlächterbude mit dem Blute der Rinder, der Lämmer und der
Ziegen! Was ihr dort erlernen werdet, das wird wahrlich von keinem guten
Ansehen sein!
[GEJ.04_131,07] Ihr bekennet seinen Gott und
glaubet an der Seele Unsterblichkeit und könnet dennoch mit leichtem Gemüte mit
ansehen, wie verzogene und tief verirrte Menschen von den noch größeren
Wüterichen auf das namenlosest schmerzlichste den ganzen Tag über bis zum Tode
gepeinigt werden! Glaubet mir, diese sieben wären ohne die römische Strenge nie
so arg geworden, als sie freilich, in die Haut schaudernd, waren! Aber wer hat
sie dazu gemacht? Die, die sie nun den ganzen Tag über mit allem Behagen
martern!
[GEJ.04_131,08] Und ihr als heilige und
gottgläubige Juden könnet auch zusehen, wie die Verruchtesten die Verruchten
peinigen und martern?! Seid mir wohl auch recht schöne Leute und Nachbarn!
Wahrlich, in meinem Eselsstalle sieht es bei weitem humaner und menschlicher
aus als in eurem an einen Gott gläubigen Hause! Verstanden?‘ – Mit dem
entfernte er sich, und wir gingen auch unsere Wege.“
132. Kapitel
[GEJ.04_132,01] (Mathael:) „In einer halben
Stunde waren wir schon wieder auf Golgatha und trafen daselbst außer den
Wächtern nahe niemanden dort. Aber die sieben boten einen Anblick des tiefsten
Entsetzens dar. Ich will hier nicht so sehr von dem schrecklichen Aussehen der
sieben Halbleichname reden, als vielmehr von ihren Seelen, die von ihren
Leibern noch nicht abgelöst waren, sich aber alle Mühe gaben, selbst die Leiber
zu zerstören und zu zerreißen. Diese schwarzen und dunkelblutrot gestreiften
Tiger krallten sich in ihre Leiber und verbissen sich in dieselben; aber sie
mußten dafür aus dem noch nervenlebenden Leibe eine sie schmerzende Rückwirkung
verspüren. Denn nach jedem dem Leibe beigebrachten Bisse machten sie
schmerzhafte Grimmgesichter und legten ihre Tatzen gleich auf die entsprechend
gleiche Stelle, allwo sie in ihren halbtoten Leib hineingebissen hatten.
[GEJ.04_132,02] Diesem bösen Manöver sahen
wir nahe eine Stunde lang zu, und ich mußte meinem Vater stets erzählen, was
ich an den sieben wahrnahm. Das aber bemerkte der römische Wachtmeister, der
meinen unsteten Blick schon länger mit aller Aufmerksamkeit beobachtet haben
mußte. Er trat zu uns und fragte in der römischen Zunge uns beide, was wir denn
an den sieben sähen, weil wir, besonders ich, mit solch unsteter Aufmerksamkeit
beobachteten und ich stets meinem Vater etwas zu rapportieren hätte. Wir
sollten das in seiner Zunge tun, ansonst er uns wegschaffen müßte.
[GEJ.04_132,03] Der Vater sprach mit ihm
griechisch, worin er sich leichter bewegte als im Lateinischen, obschon wir
beide auch das Lateinische recht gut verstanden; denn in Jerusalem mußte man ja
schon als ein Knabe drei Sprachen kennen, so man mit den vielen Fremden
konversieren wollte. Mein Vater erklärte ihm, dem Wachtmeister, daß er ein Arzt
sei und hier mit mir als seinem Sohne und zugleich seinem Schüler
morbognostische und psychologische Beobachtungen anstelle, und mich dabei antreibe,
auf alle Symptome wohl achtzuhaben; er erkläre mir nebstbei auch dieses und
jenes nach der Weise des Hippokrates.
[GEJ.04_132,04] Der Wachtmeister aber fand
daran als ein wißbegieriger Mensch sein Wohlgefallen, nur wünschte er, daß mein
Vater die Erklärungen mir in der griechischen Zunge machen möchte, damit auch
er dabei etwas profitieren könne. Jetzt saßen wir in der Patsche! Denn daß mein
Vater mir etwas dabei erklärt hatte, war nur eine Finte, um den Wachtmeister zu
beruhigen, indem nur ich dem Vater über das psychisch Gesehene Mitteilungen
gemacht hatte, die doch sicher von der Art waren, über die uns der Wachtmeister
ins Gesicht lachen müßte, so er sie vernähme. Was war nun hier zu tun? Wir
beide waren ratlos!
[GEJ.04_132,05] Aber nun bemerkte ich einen
Geist, der sich gerade aus der Lufthöhe, auf einer Wolke stehend, herabließ und
in seiner Rechten ein großes, blankes Schwert trug. ,Was wird er hier tun?‘
dachte ich mir. Der Wachtmeister aber bemerkte meinen fixiert forschenden Blick
und fragte mich gleich, ob ich etwa irgend etwas Besonderes sähe. Und ich
erwiderte ihm nach meiner damaligen Art ganz kurz und etwas barsch:
,Allerdings, – aber so ich es dir auch mitteilete, so würdest du es mir dennoch
nicht glauben!‘
[GEJ.04_132,06] Der Wachtmeister wollte hier
in mich dringen; aber da es bei dieser Gelegenheit schon gen Abend zu gehen
anfing und vom Kornelius eine Order kam, den sieben nach der Römer Sitte mit
Beilen die Beine an den Füßen zu brechen, und wenn einer noch lebete, ihm mit
einem Schlage aufs Haupt und einem auf die Brust den Garaus zu machen, so bekam
unser Wachtmeister wieder strengen Dienst, und wir waren in unserer Beobachtung
unbehindert.
[GEJ.04_132,07] Ich sah nun nur auf den
großen Geist, der ein dunkelhimmelblaues Faltengewand anhatte, was denn er bei
dieser Geschichte tun werde. Hört! Wie die Beinbrecher auf das Kommando
harrten, um den sieben die Beine zu zerschlagen und einem noch beim Leben
Seienden mit den bewußten Schlägen den Garaus zu geben, da streckte der
mächtige Geist sein Schwert aus und hieb die Fäden entzwei, mit denen die
schwarzen Tigerseelen noch mit den Leibern zusammenhingen.
[GEJ.04_132,08] Als diese schrecklichen
Seelen ihrer Leiber ganz ledig waren, bekamen sie auf einmal ein etwas menschlicheres
Aussehen, gingen auf den Hinterbeinen einher, aber ganz stumm und höchst
traurigen und leidenden Aussehens, und der Geist herrschte sie folgenderweise
an: ,Entfernet euch an den Ort eurer bösen Liebe; er wird euch anziehen! Wie
eure Taten, also auch euer Lohn!‘ Die sieben Seelen aber schrien: ,Sollen wir
verdammt sein, so wäre dazu noch Zeit gewesen! Warum mußten wir uns denn
martern lassen, so uns nun hier die ewige Verdammnis erwartet?!‘
[GEJ.04_132,09] Sagte der große, mächtige
Geist: ,Alles lag und liegt noch an eurer Liebe! Ändert diese nach der euch
bekannten Ordnung Jehovas, und ihr werdet eure eigenen Erlöser sein; aber außer
euch kann euch niemand in der ganzen Unendlichkeit Gottes erlösen! Das Leben
ist euer, und die Liebe ist euer; könnet ihr eure Liebe ändern, so wird diese
dann auch euer ganzes Leben und Sein umgestalten! Und nun entfernet euch!‘
[GEJ.04_132,10] Bei diesen scharfen Worten
des großen und mächtigen Geistes fuhren die sieben unter einem gräßlichen
Geheule schnellstens von dannen; ich aber war so keck, den großen Geist zu
fragen, was es denn mit den sieben späterhin für ein Ende nehmen werde.
[GEJ.04_132,11] Und der Geist erhob sich
wieder und sagte nichts als: ,Ihr höchst eigener Wille! Bei diesen war es nicht
Mangel an der Erziehung, nicht an der Erkenntnis, und sie waren auch nicht
besessen – denn nur durch ihren bösen Willen. Das Geschmeiß, das du während
ihres Ausgesetztseins und während ihrer Stäupung ihnen entfliehen sahst, waren
keine fremden Dämonen, sondern lauter Produkte und Ausgeburten ihres eigenen
bösen Willens. Also ist dies Gericht ein gerechtes; denn es hatte mit sieben
vollendeten Teufeln zu tun, für die es auf dieser Welt keine Lehre, kein Wort
und keine Besserung gab! Hier bei uns aber, da alles offenbar wird, wird ihr
Los so sein, wie sie selbst es aus ihrer Liebe heraus wollen werden. An
Gelegenheiten, wenn auch nur zum Scheine, wird es hier nicht fehlen, sich zu
versuchen in noch mehr Bösem oder aber auch in Besserem. Verstehe das, Junger,
und erkläre solches auch deinem Vater, dem für das keine Sehe gegeben ist!‘
[GEJ.04_132,12] Mit diesen bedeutungsvollen
Worten verschwand der große und mächtige Geist, und die Beinbrecher begannen
ihr Werk. Bei fünfen rann kein Blut mehr aus den weitklaffenden Wunden; aber
bei den zwei letzten zeigte sich noch Blut. Bei diesen wurden denn auch
sogleich die gewissen Garausmachungsschläge angebracht, was aber auch eine ganz
vergebliche Mühe und Arbeit war; denn wo die gute oder schlechte Seele einmal
aus dem Leibe ist, da ist der Leib schon sicher ganz vollkommen tot.
[GEJ.04_132,13] Nach dieser eben nicht zu
einladend schönen Handlung begaben sich die Scharfbüttel nach Hause, die
Leichname aber wurden dem Wasenmeister und seinen Knechten zur weiteren
Vertilgung übergeben. Die Art der Vertilgung aber war verschieden und ist es
noch, nur beerdigt durften sie nicht werden. Gewöhnlich wurden sie verbrannt
mit dem verfluchten Holz oder ausgesotten im verfluchten Wasser und sodann erst
den wilden Tieren zum Fraße vorgeworfen. Die wilden und reißenden Bestien aber,
die davon fraßen, gingen gewöhnlich zugrunde, daher der Wasenmeister
dergleichen Leichname ganz gewöhnlich im verfluchten Wasser auskochte und sie
dann zur Vertilgung der Wölfe, Hyänen, Bären und Füchse weithin ganz gut
verkaufen konnte und recht viel Geld dafür bekam.
[GEJ.04_132,14] Das, o Herr, ist nun abermals
ein Histörchen, das ich erlebt habe in meiner Jugend, bei der mir sonst alles
klar wäre, – nur die Gestalt der Seelen nicht, die aller menschlichen Form bar
waren, und das vorher zahllos viele aus den Verruchten entflogene, mir sichtbar
gewordene Geschmeiß von Fledermäusen und kleinen Drachen. Der große Geist gab
mir freilich dahin wohl ein etwas erläuterndes Wort, daß dies nur Ausgeburten
des bösen Willens seien; aber wie, – das ist eine ganz andere Frage, die außer
Dir, o Herr, wohl niemand beantworten und lösen wird! Diese beiden könntest Du,
o Herr, uns wohl lösen, so es genehm wäre Deinem heiligsten Willen!“
133. Kapitel
[GEJ.04_133,01] Sage Ich: „Ganz gut und wahr
hast du deine Erzählung von dem, was du selbst erlebt hast, vorgetragen. Die
bestiale Gestaltung der Seelen der bewußten sieben großen Verbrecher hat ihren
Grund eben in einer gewissen freien Ordnung, aber freilich dahin nur, wie sich
in einem Leibe die darin wirkenden Seelenspezifikalteile von neuem ergreifen
oder umtauschen, was dem gleich ist, als wie ihr einen Knaul Würmer sehet, die
da durcheinanderkriechen und -steigen und gewisserart eine ihnen stets
bequemere Ruhelage suchen. Haben sie entweder in ihrer guten oder bösen Art
eine gefunden, so wird die äußere Form gewiß stets eine der guten oder bösen
Art entsprechende.
[GEJ.04_133,02] Seht hier mehrere Pflanzen;
da steht eine heilsame, da eine giftvolle! Betrachtet bei dem sonnenhellen Lichte
unserer Leuchtkugel die Formen! Sehet, wie geschmeidig, lieblich, sanft und
bescheiden die heilsame Pflanze in ihrer Form anzusehen ist, und wie eckig,
zerrissen und hie und da auch ganz verdächtig glatt die Giftpflanze dagegen in
ihrer Form anzusehen ist, und dennoch bestehen beide Gattungen aus einer- und
derselben Ursubstanz, stehen in gleicher Erde, schlürfen denselben Tau ein, die
ganz gleiche Luft und das gleiche Licht! Und dennoch ist in der heilsamen
Pflanze alles heilsam, in der Giftpflanze aber ganz und gänzlich Gift! Der
Grund liegt allein im Verkehren der Ordnung.
[GEJ.04_133,03] Ihr habt ja gesehen, wie
zuvor aus den sich ganz ähnlichen Glühzungen oder umherschwebenden
Feuerschlangen, die für das Fleischauge vor lauter Kleinheit nicht zu erschauen
wären, sich ein vollkommener, ganz gemütlicher Esel herausgeformt hat; glaubt
ihr, daß daraus bei einer andern Ordnung der sich zu einer ganzen organischen
Form ergreifenden Ursubstanzen nicht ebensogut ein Tiger, ein Kamel, ein Ochse
oder Elefant oder sonst etwas hätte entstehen können?! O ganz sicher! Und ein
anders geordnetes Sich-Ergreifen hätte aber dann auch eine ganz andere Natur
und Eigenschaft in sich, die einer andern ganz feindlich gegenüberstünde, und
das darum, weil in jeder anders organisierten eigentümlichen Form fortwährend
das Bestreben vorwaltend ist und zum größten Teile auch bleibt, alles andere
und etwa Schwächere in seine Ordnung umzugestalten.
[GEJ.04_133,04] Aus dieser Eigenschaft gehet
hervor die Liebe, die innere Wärme, das Bestreben, die Gier, der Hunger und der
Durst. Ist diese Gier, die gleich der Herrschsucht ist, hie und da zu groß und
haschet nach zu vielem, um es unter seine ursprüngliche Ordnung zu schieben, so
wird das in sich Hineingeschobene nicht selten zu mächtig, ergreift die erste
im Wesen schon seiende seelenorganische Ordnung, zieht sie in die eigene gute,
bessere, aber gar leicht auch schlechte, schlechtere und am Ende gar
allerschlechteste Ordnung!
[GEJ.04_133,05] Was geschieht aber dadurch?
Mathael, nun komme mit deinen gesehenen tigergestaltigen Verbrecherseelen! Sie
sind von jenen zu gierig zu sich genommenen Seelenursubstanzen, die zu ihrer
Ordnung nicht taugten, zu übermäßig in sich aufgenommen worden; und diese haben
dann erst ihre Seelen in das ihrige Überschlechte verkehrt und somit aus
Menschenseelen wahre Tigerseelen gezeugt, und vom selben Ursprunge war auch all
das Geschmeiß, das du den geängstigten Verbrechern massenhaft hast entsteigen
sehen. Nun aber saget mir alle, ob ihr diese gar reichliche Lehre wohl allseits
verstanden habt!“
[GEJ.04_133,06] Sagen die meisten: „Jawohl,
Herr, wir verstanden diese Lehre jedenfalls so ziemlich; aber daß wir uns
rühmen könnten, darin so recht zu Hause zu sein, da würden wir Lügner sein. Aus
der früheren Gestaltung der Eselin haben wir wohl wahrgenommen und gesehen, wie
aus den geistigen Ursubstanzen ein Ding oder Wesen wird. Wir sahen ja
ordentlich das Gras wachsen, und wie sich gewisserart von selbst eine Eselin
aus den Feuerzungen erschaffen hatte. Ja, wir wissen durch Deine Güte und Gnade
sogar, was, wer und woher kommend diese Feuerzungen sind, und wie sie sich als
verwandt zu irgendeiner ausgeprägten Idee und Form ergreifen können. Wir wissen
es recht wohl, wie sich diese Deine zahllosesten Urgedanken, von denen die
ganze Unendlichkeit strotzt, obschon sich der äußeren Erscheinlichkeit nach
gleichsehend, in sich selbst dennoch sehr unterscheiden, leichter und schwerer
sind, je nachdem sie in sich irgendeinen Sinn enthalten, der etwas Tieferes,
Ernsteres und Gediegeneres in sich faßt, und wie die verwandteren sich auch
zunächst ergreifen und irgendein Organ zu bilden anfangen.
[GEJ.04_133,07] Wie gesagt, das alles
begreifen wir nun ganz gut; aber etwas ist uns dabei dennoch ein starkes
Rätsel, welches Du, o Herr, uns wohl lösen könntest, so es Dir genehm und
wohlgefällig wäre. Wir alle aber brauchen es Dir sicher nicht anzugeben, wo es
uns noch fehlt; denn Du kennst alle Lücken, die in uns sind, und wirst sie
sicher noch ausfüllen mit Deiner Gnade, so Du es für notwendig erachtest!
Sollte es für uns nicht von irgendeiner großen Wichtigkeit sein, so sind wir
denn auch mit dem, was wir haben und verstehen, mehr als vollkommen zufrieden.“
[GEJ.04_133,08] Sage Ich: „Um das Geheimnis
des Reiches Gottes zu fassen in aller Tiefe der Tiefen, müßt ihr alle zuvor im
Geiste wiedergeboren sein, was für euch jetzt noch unmöglich ist. Erst wenn des
Menschen Sohn wird dahin zurückgekehrt sein, von wannen Er gekommen ist, so
wird Er dann den Geist aller Wahrheit, der heilig ist, zu euch senden; der wird
euch erst völlig erwecken und wird vollenden eure Herzen und erwecken den Geist
aller Wahrheit in euch, das heißt, im Herzen eurer Seele, und ihr werdet durch
diesen Akt dann wiedergeboren sein im Geiste und im hellsten Lichte alles sehen
und verstehen, was die Himmel fassen in ihren Tiefen.
[GEJ.04_133,09] Das aber, was Ich euch nun
zeige und erkläre, ist nur ein Vorbau zu dem, was euch in aller Fülle geben
wird der Geist. Gar vieles hätte Ich euch noch zu sagen, aber ihr könntet es
nun nicht ertragen; wenn aber der Geist der Wahrheit kommen wird, der wird euch
führen und leiten in alle Weisheit! Da ihr nun das wisset, so wollen wir gleich
wieder einen bedeutenden und weiteren Vorbau an dieser Stätte beginnen, und
unser vielerfahrener Mathael wird uns aus seinen Erlebnissen ein anderes
Histörchen erzählen.
[GEJ.04_133,10] Und so mache du, Mathael,
dich wieder ans Werk und erzähle uns die von dir erlebte und wohlgesehene
Geschichte aus Bethanien! Wir haben noch vier Stunden bis zum Aufgange und
können darum noch so manches erfahren und gleichsam miterleben, und du,
Mathael, kannst nun gleich mit deiner Erzählung beginnen!“
134. Kapitel
[GEJ.04_134,01] Sagt Mathael: „Herr, darf ich
nebenher auch jener sonderbaren Naturerscheinung erwähnen, die ich und mein mit
mir um die Mitternachtszeit dahin (nach Bethanien) ziehender Vater im Aufgange
beobachtet haben?“
[GEJ.04_134,02] Sage Ich: „Allerdings; denn
sie hat sehr viel Beziehung auf die Begebenheit, die du vor siebzehn Jahren in
Bethanien erlebt hast! Fange du darum nun nur an!“
[GEJ.04_134,03] Sagt Mathael: „Herr, ich
sehe, daß Dir nichts unbekannt ist in der ganzen unendlichen Schöpfungssphäre!
Für Dich brauchte ich demnach die Geschichte durchaus nicht zu erzählen; aber
der anderen Freunde und Brüder wegen erzähle ich derlei höhere Dinge sehr
gerne, besonders wo ich es sehe, daß ich gläubigst angehört werde. Es hat zwar
alles, was ich euch nun kundgeben werde, einen sehr mystisch und fabelhaft
aussehenden Charakter; aber darum ist doch alles wahr, was ihr vernehmen
werdet, und so wollet mir denn abermals eure Aufmerksamkeit schenken!
[GEJ.04_134,04] Höret! Es war schon sehr
spätherbstlich an der Zeit. Der hohen Berge Spitzen lagen im Nebel, und ein
durchaus nicht freundlicher Nordwind wirbelte die dürren Blätter der Bäume
durch die Luft; nur im Osten gab es noch etliche Stellen, durch die die
lieblichen Sterne wie verweint zur Erde herabblickten, welche Naturszene ich
und mein Vater, der ein großer Freund der Natur auch in deren unfreundlichem
Wirken war, nahe bis gen Mitternacht hin betrachtet haben. Als wir aber
anfingen uns anzuschicken, ins Haus zu gehen und darin unser Ruhelager zu
nehmen, da entdeckten wir einen Menschen eiligen Schrittes, mit einer
Schafurinblasenlaterne in seiner Hand, gerade auf unser Haus losziehen, und es
währte kaum etwelche Augenblicke, und ein ziemlich betrübter, noch recht junger
Mann stand vor uns.
[GEJ.04_134,05] Meinen Vater als einen Arzt
gleich erkennend, sagte er in einem wehmütigen Tone: ,Freund und Arzt! Ich
komme von Bethania her; mein Name ist Lazarus, bin der Sohn des alten Lazarus,
den ich über alles liebe! Der ward heute plötzlich sehr krank, und es sieht
übel aus mit ihm! Unser Rabbi, der zur Not auch so ein bißchen ein Arzt ist,
kennt sich bei meinem Vater nun durchaus nicht mehr aus! Er selbst beschied
mich zu dir, da du ein außergewöhnlicher Arzt wärest und den Kranken schon in
Fällen Hilfe gebracht habest, in denen kein anderer Arzt mehr ein Heilmittel
fand. Komme und heile, wenn noch möglich, meinen leidenden Vater!‘
[GEJ.04_134,06] Sagte mein Vater: ,Wenn ein
anderer Arzt einen Kranken schon bis an den Tod gebracht hat, da soll dann
unsereins wieder Wunder wirken! Das wäre übrigens schon alles recht, wenn man
nur auch gleich überall das vermöchte! Ich will mit diesem meinem einzigen
Sohne, der mir zur Hand sein muß, weil er die Gabe hat, Geister zu sehen und im
Notfalle sogar zu sprechen, denn nun mit dir wohl hinziehen und sehen, was
daselbst zu machen sein wird; hättest du aber etliche Saumgäule mitgenommen,
die dich schneller herüber- und uns nun schneller hinübergebracht hätten, so
wäre eine leichtere Heilung erfolgt. Haben sich bei ihm nun aber etwa schon die
hippokratischen Todesspuren eingestellt, dann ist es mit dem Heilen vorbei; denn
gegen die Macht des Todes ist kein Kräutlein gewachsen, weder auf den Alpen und
noch weniger in irgendeinem Garten!‘
[GEJ.04_134,07] Der Bote Lazarus war mit
diesem Bescheide zwar zufrieden, nur bedauerte er sehr, keine Saumrosse
mitgenommen zu haben. Wir begaben uns aber nun doch ganz eilig auf den Weg;
denn man hatte bei guten Füßen eine gemessene Stunde Zeit bis dahin.
[GEJ.04_134,08] Als wir, ganz stumm
nachdenkend, unsern Weg dahinwandeln, verschwinden im Osten die Nebel ganz, und
es wird heller und heller, – ja, nach etwa einer Viertelstunde wird es so helle
wie etwa eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang. Das hat unsere Aufmerksamkeit in
einem so hohen Grade in Anspruch genommen, daß wir trotz aller Eile denn doch
stehenbleiben mußten, um zu sehen, woher denn dieses sonderbare Heller- und
Hellerwerden komme.
[GEJ.04_134,09] Endlich aber wurde es ganz
Tag, und über den östlichen Horizont erhob sich förmlich eine Sonne, aber mit
einer viel größeren Raschheit als die gewöhnliche oder – wie man zu sagen pflegt
– die alltägliche. Aber es wollte bei dieser schnell emporsteigenden
Lichterscheinung das untere, östliche Ende oder der östliche Rand nicht zum
Vorscheine kommen.
[GEJ.04_134,10] Die Lichterscheinung wuchs zu
einer Lichtsäule, die in wenigen Augenblicken ihr Haupt bis an den
Mittagsstrich heraufschob und bald eine solche Helle und Wärme verbreitete, daß
wir genötigt waren, uns unter einen noch ziemlich dicht belaubten Feigenbaum zu
begeben, um nicht zu erblinden vor Licht und nicht zu vergehen vor Hitze. Aber
bald wurde diese Lichtsäule wieder dünner und dünner, und es schwand das Licht
und die starke, durch diese Lichtsäule erzeugte Wärme.
[GEJ.04_134,11] Nach einer beiläufig
genommenen ganz kleinen Viertelstunde war es mit der Lichterscheinung gar, aber
auch mit unserem Schauen; denn es ward darauf, als dieses Licht gänzlich
verschwand, derart total finster, und unsere Augenkraft war derart geschwächt,
daß wir nicht einmal die Laterne unseres Boten vollends aus- und wahrnehmen
konnten.
[GEJ.04_134,12] Erst nach etwa etlichen
dreißig Augenblicken fingen unsere Augen an, die nötigste Sehkraft wieder
zurückzugewinnen, und wir sahen wieder bei dem schwachen Lichte unserer Laterne
mit genauer Not den Weg, den wir zu gehen hatten. Die ganze Geschichte hielt
uns aber dennoch ganz gut bei einer halben Stunde der Zeit nach auf, und mein
Vater fragte mich gleich, ob ich bei dieser Lichterscheinung nicht etwa
irgendwelche Geister gesehen hätte.
[GEJ.04_134,13] Und ich sagte zu ihm, der
vollsten Wahrheit gemäß: ,Im Lichte, das ohnehin noch um vieles weniger als die
Mittagssonne anzusehen war wegen der ungeheuersten Lichtstärke, war nichts zu
entdecken, wohl aber unten bei uns auf der Erde. Da wurden mir eine Menge
Gestalten nur so halbwegs ersichtlich, – aber alle wie in einem geschäftigsten
Zuge gegen Westen; ihre Bewegung war sonach eine homogene (gleichartige) mit
der der Lichterscheinung. Nur eine einzige Geistgestalt, die uns sehr nahe kam,
war ganz ersichtlich, hatte ein ernstes, altmännliches Aussehen und schien an
der Lichterscheinung ein großes Behagen gehabt zu haben. Als aber das
Lichtphänomen am Himmel zu schwinden begann, da entschwand auch die
Geistgestalt schnell, und zwar, wie es mir vorkam, auch nach Westen, doch etwa
so mehr in der Richtung gegen Bethania hin!‘ Mehr sah ich nicht und konnte
darum meinem Vater auch keinen weiteren Bericht erteilen.
[GEJ.04_134,14] Unser Führer wunderte sich
über mich und meine Sehergabe und glaubte an meine Aussagen; denn er meinte,
meine Phantasie und Einbildungskraft könnte noch unmöglich jene dichterische
Intensität erreicht haben, daß ich ihr zufolge mir solches aus den Ärmeln
gleich so herausbeuteln könnte. Damit hatte er aber auch ganz recht; denn
erfinderisch bin ich wohl nie gewesen und besaß als Knabe und Jüngling nahe gar
keine Phantasie oder irgendeine Einbildungskraft, wohl aber besaß ich sehr viel
Talent für die Erlernung fremder Zungen.
[GEJ.04_134,15] Wir kamen aber bei diesen
wenig sagenden Betrachtungen endlich nach Bethania und daselbst in das sehr angesehene
Haus des Lazarus und fanden den Kranken gerade in den letzten krampfhaften
Zügen, von welchen man sagt, daß für sie kein Kräutlein mehr gewachsen ist.
[GEJ.04_134,16] Das Bett umstanden zwei
weinende, sonst überaus liebliche Töchter des Sterbenden und noch eine Menge
Muhmen und Basen und schluchzten und weinten, wie es bei solchen Gelegenheiten
schon immer herzugehen pflegt. Unser Führer, als Sohn des Hauses, weinte auch
mit und vergaß vor lauter Traurigkeit, meinen Vater zu fragen, ob da noch etwas
zu helfen wäre oder nicht.
[GEJ.04_134,17] Nur der kleine Rabbi näherte
sich meinem Vater, ob etwa da denn doch noch irgend etwas anzuwenden wäre, das
den Alten doch zum wenigsten auf eine nur ganz kurze Zeit zur Besinnung
brächte. Mein Vater sagte anfangs auf diese Frage nichts, fragte mich aber ganz
im stillen, wie es mit dem Alten stünde, und ob etwa die Seele schon anfange,
sich aus dem Leibe zu ziehen und zu erheben.
[GEJ.04_134,18] Ich aber sagte dem Vater, wie
ich es sah, ganz harmlos: ,Die Seele schwebt bereits ganz vollendet bei einem
halben Mann hoch in waagrechter Richtung über dem Leibe und ist mit dem Leibe
nur noch durch einen haardünnen Lichtfaden verbunden, der nach unseren
gemachten Erfahrungen wohl keine sechzig Augenblicke mehr dauern dürfte; der
wird ehest zerreißen. Merkwürdig aber ist zu sehen, wie jene ungeheure
Lichtsäule, die wir in der großen Natur mit den Naturaugen schauten, sich hier
über dem Haupte der Seele wieder zeigt, die gleiche Lichtkraft hat und auch
eine sehr wohltuende Wärme von sich ausströmen läßt. Die Seele wendet ihr Auge
nicht ab von der Lichtsäule und scheint daran ein großes Wohlbehagen zu haben.“
135. Kapitel
[GEJ.04_135,01] (Mathael:) „Als mein Vater
solches vernommen hatte von mir, wandte er sich gleich an den schon etwas
ungeduldig werdenden kleinen Rabbi und sagte: ,Freund, wie ich die Sache nun
beobachtet habe, so wäre es da für jeden Tropfen selbst des stärksten
Lebensbalsams schade; denn seine Seele schwebt bereits manneshoch über dem
schon so gut wie vollkommen toten Leibe. Darum stimme nun nur deinen
Klagepsalter an, und zeige es als ein Priester den Menschen an, daß hier keine
irdische Hilfe etwas vermag!‘
[GEJ.04_135,02] Bei dieser Erklärung machte
der kleine Rabbi ein etwas saures Gesicht und fragte den Vater, wie er das zu
merken imstande wäre. Der Vater aber war niemals von einer zu großen
Höflichkeit und sagte dem kleinen Rabbi so ganz trocken ins Gesicht: ,Wie und
woher ich das sehe und weiß, gehet dich nichts an; tue du nur das Deinige, und
ich kenne recht genau und gut, was ich zu tun habe!‘
[GEJ.04_135,03] In diesem Moment ward die
Seele ganz vom Leibe gelöst, und mehrere sehr erhaben und weise aussehende
Geister nahmen sie gleich in ihre Mitte, gaben ihr wie aus weißestem Bissus ein
wunderherrliches Faltengewand, und einer nahm die Lichtsäule, bog sie um die
Lenden der nun freien Seele, und es ward daraus ein gleich der Sonne mächtig
strahlender Gürtel. Zugleich setzte ein mächtiger Geist der freien Seele einen
ebenso mächtig strahlenden Hut aufs Haupt und sagte: ,Sei, Bruder, für ewig
geschmückt mit dem Lichte deiner aus Gott in dir leuchtenden Weisheit!‘
[GEJ.04_135,04] Mit dem verließen aber auch
augenblicklich alle hohen anwesenden Geister samt der nun frei gewordenen Seele
das Haus, was ich dem Vater sogleich mitteilte, und der Vater sagte zum Rabbi:
,Nun, weil die Seele des Alten von dem Leibe vollends abgelöst ist, wirst du
etwa doch hingehen und den sich nahe blind Weinenden den vollkommenen Tod des
Alten ankündigen?!‘
[GEJ.04_135,05] Sagte der kleine Rabbi: ,Ei
warum nicht gar! Jetzt werde erst ich ihm ein belebendes Tröpflein auf die
Zunge lassen, und wir werden dann gleich sehen, ob seine Seele – vorausgesetzt
und angenommen, daß es eine besondere Seele im Menschenleibe gibt – wohl wirklich
schon aus dem Leibe gefahren ist! Nach meiner wohlgeprüften Ansicht hat kein
Mensch eine Seele, die über das Leben des Blutes und der Nerven hinausreichte
mit einem besonderen spirituellen Leben. Der Mensch, wenn er einmal tot ist, da
ist er ganz tot wie ein Stein oder ein dürres Stück Holz, und bei allem, was
ich heilig nennen kann, schwöre ich dir, daß dann im Menschen nichts mehr am
Leben bleibt. Es gibt aber noch Arkana (Geheimmittel) in der Natur, das Leben
im nahe schon toten Leibe von neuem zu wecken; und das will ich nun tun und
werde dir als einem steifen Juden beweisen, daß die Seele noch lange nicht aus
dessen Leibe gefahren ist und auch nicht fahren kann, weil niemals eine
eigentliche Seele darin gewohnt hat!‘
[GEJ.04_135,06] Hier zog der Rabbi ein
goldenes Fläschchen aus seiner Rocktasche, zeigte es meinem Vater und sagte:
,Da, Freund, sieh her! Darin sitzt die Seele eines schon tot gewordenen
Menschen!‘
[GEJ.04_135,07] Sagte mein Vater lächelnd:
,Nur zu! Meine ganze, große Besitzung, die du kennen dürftest, ist dein, wenn
der Tote auf deine ihm gegebenen Tropfen sich rührt nur auf ein paar
Augenblicke lang; denn dein Arkanum ist mir bekannt. Ich besitze es auch, und
es hat mir bei Scheintoten schon ganz gute Dienste geleistet; aber bei Scheintoten
ist die Seele noch lange gut im Leibe. Es ist darum dieses Arkanum bei allen
Verstorbenen, bei denen sich noch keine hippokratischen Symptome zeigen, mit
vielem Nutzen anzuwenden; aber wenn einmal aus dem Gesichte eines Verstorbenen
der allerausgebildetste Hippokrates herausschaut, da ist die Seele entflohen,
und du kannst dem Toten zehntausend solche Fläschchen eingießen, so wird sich
der Leib dennoch nicht rühren, sondern völlig tot und unempfindlich daliegen
wie dein Stein oder dein dürres Stück Holz. Nun gehe aber deine Probe an mit
deinem echt persischen Farrenkrautöle, und wie ich hier vor vielen Zeugen
gesagt habe: meine Besitzung ist von dem Augenblick an vollkommen dein, wenn
dieser Tote, um den sich nun schon ganz leise der Verwesungsgeruch zu
entwickeln beginnt, auch nur einen Rührer auf deine Tropfen machen wird!‘
[GEJ.04_135,08] Der kleine Rabbi ist auf
diese ganz energische Einsprache von seiten meines Vaters zwar etwas betroffen,
tritt aber dennoch zum Toten hin, öffnet ihm den Mund und läßt ihm zehn Tropfen
statt der gewöhnlichen ein, zwei bis höchstens drei auf die schon ganz
verdorrte Zunge fallen. Er schließt ihm darauf den Mund wieder und harrt nun
mit großer Aufmerksamkeit, bis sich der Tote etwa doch nur ein bißchen irgend
zu rühren beginne. Allein es vergeht eine Vollstunde und noch eine Vollstunde,
es fängt schon an sehr zu tagen, und der Tote macht noch keine Miene von einer
Bewegung.
[GEJ.04_135,09] Nun fragt mein Vater den
kleinen Rabbi, ob er noch der Meinung sei, daß sich der Tote auf seine echt
persischen Farrenkrauttropfen zu rühren anfangen werde und vielleicht auch gar
zu reden.
[GEJ.04_135,10] Sagt der Kleine: ,Warten wir
nur noch eine Stunde, warten wir ab den Aufgang der Sonne, und der Tote wird
sich schon zu rühren anfangen; auch reden wird er!‘
[GEJ.04_135,11] Sagt mein Vater, abermals
lächelnd: ,Nur zu, ich werde nichts dagegen haben; im Gegenteil opfere ich
gerne mein Hab und Gut für die Wiedergewinnung des Lebens dieses alten, mir
überaus wohlbekannten, gottergebenen Biedermannes! Und verlierst du gegen mich,
so verlange ich von dir nichts, als daß du glaubst an den wahren, ewig
lebendigen Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs und an die vollste Unsterblichkeit
der menschlichen Seele!‘
[GEJ.04_135,12] Sagt der Rabbi: ,Ja, Freund,
das will und werde ich; aber ich sehe es im voraus, daß du bei diesem Handel
eingehen wirst! Denn ich gehöre geheim zur vernünftigen Sekte der Sadduzäer und
möchte meine Templerschaft in die große Sandwüste Afrikas verwünschen! Aber
solltest du nun im Ernste über mich siegen, dann werde ich wieder recht froh
sein, dem Tempel mit Haut und Haaren anzugehören!‘
[GEJ.04_135,13] Nun ward alles still und
harrte mit großer Begierde auf den Augenblick der Wiederlebendigwerdung des
alten Lazarus.“
136. Kapitel
[GEJ.04_136,01] (Mathael:) „Unterdessen aber
trat der junge Lazarus zu meinem Vater und fragte ihn, ob denn die geheimen
Tropfen des Rabbi den Vater im Ernste nimmer erwecken würden.
[GEJ.04_136,02] Sagte mein Vater: ,Tut mir
sehr leid, mein bester Freund, daß ich dir die vollste Wahrheit eingestehen muß
als Arzt und Mensch! Was heißt es auch, einen Menschen mit blinden Hoffnungen
dahinhalten, aus denen nie und nimmer irgendeine Realität zum Vorscheine kommen
wird! Ich kann dir zu deinem Troste aber etwas viel Besseres sagen, und das
besteht darin, daß ich dir die lebendigste und vollwahrste Versicherung gebe
und geben kann, daß dein Vater lebt und der Wahrheit nach nie gestorben ist!‘
[GEJ.04_136,03] Sagte traurig der junge Lazarus:
,Siehe hin aufs Lager! Der lebt nicht und ist über und über tot!‘
[GEJ.04_136,04] Sagte der Vater: ,Ja, der
ganz sicher; aber der war nicht dein Vater, sondern nur deines Vaters
Fleischrock! Mein Sohn aber, der ein vollkommenster Geisterseher ist, kann dir
etwas anderes erzählen; gehe hin und frage ihn darum, und du wirst eine große
Freude an dem haben, was er dir von seinem hier gehabten Gesichte kundtun
wird!‘
[GEJ.04_136,05] Des Lazarus Sohn wandte sich
nun an mich, als Sohn meines Vaters, und fragte mich, was ich als des Arztes
Sohn ihm wohl zu seinem Troste sagen könnte. Und ich erzählte ihm haarklein und
sehr umständlich, was ich alles gesehen hatte. Lauschende Ohren gab es viele um
mich, aber wenige so gläubigen Herzens, als da war unser junger Lazarus. Je
länger ich ihm von meinem Gesichte vorerzählte, desto mehr heiterte sich sein
Angesicht auf, was auch seine beiden Schwestern, die noch der zartesten
weiblichen Jugend angehörten, bald bemerkten und ihn fragten, was es denn wäre,
das ihn auf einmal gar so heiter machete. Lazarus deutete auf mich und sagte
darüber nichts weiteres.
[GEJ.04_136,06] Da gingen die beiden Mägdlein
auf mich zu und fragten mich kurz und bescheiden, was ich denn dem Bruder
gesagt hätte, demzufolge er auf einmal alle die große Traurigkeit verlor und
nun also heiter dastehe, als wäre da im ganzen Hause nie etwas Trauriges
geschehen. Ich möchte es ihnen doch auch erzählen!
[GEJ.04_136,07] Ich aber ward damals etwas
schlimm und sagte: ,Oh, euch Mägdlein schadet es nicht im geringsten, so ihr
auch ein wenig trauert! Ich sage euch nichts; zur rechten Zeit wird es euch
schon euer Bruder Lazarus sagen!‘
[GEJ.04_136,08] Die beiden Mägdlein drangen
darauf zwar nicht mehr in mich, ihnen das zu sagen, was ich ihrem Bruder
erzählt hatte. Sie wurden aber dennoch weniger traurig, und mein Vater wandte
sich, weil gerade die Sonne schon ganz purpurrot über den Horizont zu blicken
begann, an den Rabbi und sagte: ,Nun Freund, wie steht es denn mit deinen
persischen Farnkrautöltropfen? Der Verstorbene liegt noch immer so regungslos
wie ein altes Stück Holz da! Wie ist es denn? Die Sonne ging bereits auf, und
es ist alles stille und voll der totesten Ruhe! Wer gewann die Wette, ich oder
du?‘
[GEJ.04_136,09] Sagte der Rabbi: ,Freund, ich
gebe mich dir gefangen, und ich will nun glauben, was du glaubst! Du bist ein
weiser und vielerfahrener Arzt, der ohne Grund sicher nicht leichtlich an etwas
glaubt. Sehe ich auch den Grund nicht ein, so will ich dennoch glauben, weil du
es glaubst, der du den Grund sicher kennst! Ich nehme hier den Ansehensglauben
und bleibe bei dem, was du mir gesagt hast. Du hast die bedeutungsvolle Wette
gewonnen, und ich bin dein Gefangener!‘
[GEJ.04_136,10] Sagte mein Vater: ,Nicht mein
Gefangener, sondern ein freiester Mensch im Namen Jehovas!‘
[GEJ.04_136,11] Hierauf fragte der Rabbi
meinen Vater: ,Freund, was muß ich denn tun, um deine Freundschaft vollends zu
gewinnen?‘
[GEJ.04_136,12] Sagte mein Vater: ,Du hast
sie schon! Glaube fortan, und du wirst durch den Glauben in das rechte Licht
kommen!‘
[GEJ.04_136,13] Nun trat ich zum Vater hin
und sagte, was ich im Augenblicke gesehen hatte: Es war nämlich ein großer
Geist, der in das Zimmer trat und mir winkte und sagte, die Kinder des Lazarus
sollen sich bereit halten, es werde des Vaters Geist noch einmal kommen und
werde sie segnen und eine große Verheißung machen. Ich sagte auch zum Vater,
daß er solches den dreien verkündigen solle; und der Vater tat das. Des Lazarus
Sohn und seine beiden noch ganz jungen Schwestern, Mägdlein von vierzehn und
sechzehn Jahren, hatten eine große Freude daran.
[GEJ.04_136,14] Es dauerte gar nicht lange,
da trat des verstorbenen Lazarus Geist voll himmlischen Glanzes wieder in das
Zimmer, und alle drei wurden seiner ansichtig und konnten auch vernehmen seine
Stimme.
[GEJ.04_136,15] Der Lichtgeist aber sagte zu
seinem Sohne: ,Du bist volljährig; sei ein rechter Ziehvater deiner jungen
Schwestern! Lasse keinen bösen Gedanken in dein Herz dringen; denn sieh, ich
lebe und bin nicht gestorben! Was da geschah, das hat der Herr also gewollt.
Unser Haus hat Er ausersehen, und das Wunder aller Wunder wird in diesem Hause
verübt werden.
[GEJ.04_136,16] Schon wandelt der Herr als
wie ein Sohn armer Eltern im Fleische auf dieser Erde. Er, der Ewige, der Heiligste,
hat bereits das große Erlösungswerk begonnen. Er will allen Menschen dieser
Erde, die eines guten Willens sind, ein Vater werden für ewig. Fürder sollen
die Menschen dieser Erde keinen unsichtbaren, ewig unzugänglichen, sondern
einen zugänglichen und allzeit sichtbaren Vater haben. Und dieser Gott, der
alles, was da fasset die ewige Unendlichkeit, erschaffen hat, wird in diesem
Hause aus und ein gehen. Bewahret darum eure Herzen vor Unlauterkeit, auf daß
dieses Haus würdig werde, Den zu ertragen, den Himmel und Erde nicht
einzuschließen vermögen!
[GEJ.04_136,17] Daß ich lebe, das sehet ihr;
aber sehet auch zu, daß ihr lebet, wie ich nun lebe für ewig in Gott, meinem
und eurem Vater! Mit dem aber nehmet nun auch hin meinen wahren Vatersegen, den
ich euch nun erteile, nicht mehr als Fleisch, das dort im Bette als ein
abgetragener alter Rock harret der Erlösung durch der Würmer Nagekiefer,
sondern als ein vollkommener Geist aus dem Paradiese Gottes, im Reiche der
reinen Geister! Haltet die Gebote Gottes und lobet und liebet Ihn allein über
alles, und ihr werdet auf dieser Erde schon eine größere Ernte machen als die,
die ich nun genieße im hellsten Paradiese Gottes! Gott der Herr wird sein mit
euch, Amen!‘
[GEJ.04_136,18] Hierauf verschwand der Geist,
und die drei Kinder wurden so voll Freuden, die ich gar nicht beschreiben
könnte.“
137. Kapitel
[GEJ.04_137,01] (Mathael:) „Alle Anwesenden
aber staunten vor Freuden über die unbegreifliche erbauliche Heiterkeit der
Jungen des alten Lazarus. Gesehen hatte außer mir und den drei Kindern des
Lazarus niemand etwas; aber aufgefallen war es dennoch gar sehr allen
Anwesenden. Einige meinten, die drei müßten ein tröstendes Gesicht gehabt
haben. Ein paar Pharisäer, die da auch zugegen waren, meinten, daß die Kinder
ob der zu großen Trauer verrückt geworden seien; der kleine Rabbiner aber
meinte, daß mein Vater sie auf irgendeine ganz geheime Art verzaubert habe.
[GEJ.04_137,02] Aber da fiel ich dem kleinen
Mann übers Gesicht und sagte laut: ,Mensch, gedenkest du denn nimmer, welche
Verheißung und welches Versprechen du meinem ehrlichen Vater ins Gesicht
gemacht hast?! Wie magst du nun gegen die außerordentliche Gnade Gottes also
urteilen?! Gib acht, daß dich Jehova nicht augenscheinlich züchtigt! Denn du
bist kein Mensch, sondern ein elendes Tier!‘
[GEJ.04_137,03] Na, diese meine Worte aber
haben einen solchen Eindruck auf den kleinen Rabbiner gemacht, daß er ebenso
hippokratisch bleich wurde wie die Leiche im Bette und am ganzen Leibe zu beben
begann.
[GEJ.04_137,04] Mein Vater bemerkte dieses,
ging hin und fragte ihn, was ihm denn nun begegnet sei, daß er nun gar so
leichenblaß werde. Der kleine Mann aber erzählte ihm mit bebender Zunge, was
Arges ich ihm alles nun geoffenbart habe.
[GEJ.04_137,05] Mein Vater aber sagte zu ihm:
,Es geschieht dir ganz recht! Warum bliebst du denn nicht im Glauben, den du
mir so teuer angelobt hast?! Mit Gott und Seinen Geistern ist durchaus kein
Scherz zu treiben! Verstehst du das? Entweder glaubst du, wenn auch nur aufs
Ansehen derer, denen die vollste Erfahrung doch ewig nie abzustreiten ist, –
oder du bleibst wie du warst!
[GEJ.04_137,06] Was du bist, das sei ganz,
entweder ein Engel oder ein Teufel! Das Schlechteste des Schlechten aber ist:
ein Doppelwesen sein wollen, ein Engel und ein Teufel in einer und derselben
Person! Gelt, die beiden nun angekommenen Pharisäer haben dir durch ihr
Eintreten den Kopf warm und das Herz glühend gemacht?! Du bekamst Furcht und
fingst an, als ein früherer Anhänger der Sekte der Sadduzäer nach ihrer Pfeife
zu tanzen, wie die Griechen nun ihre Bären vor uns nach ihrer Pfeife tanzen
lassen; dabei aber konntest du vergessen, wem du gleichsam einen Eid gebrochen
hast! Was willst du nun tun, du Elender?‘
[GEJ.04_137,07] Der Rabbi aber bedeckte sich
sein Angesicht und ging von dannen, und zog sich wahrscheinlich nach Jerusalem
in seine Wohnstube zurück, um über alle seine Todsünden nachzudenken. Was da
weiter mit ihm geschehen ist, weiß ich bis zur Stunde nicht; nur das einzige
weiß ich, daß sowohl der Vater als auch ich ihm darauf in Jerusalem noch
etliche Male begegnet sind, er uns aber stets schon von weitem jählings
ausgewichen ist. Warum, ob aus Zorn oder ob aus einer Art Scheu, weiß ich
ebenfalls nicht. Er kam auch nie wieder ins Haus des Lazarus, obschon er seine
Zauberfläschchen dort vergessen hatte, – was für uns ein leichtes zu erfahren
war, da der junge Lazarus mit seinen Schwestern uns nachher noch sehr oft
besucht hat.
[GEJ.04_137,08] Nun, Herr, das ist die
Geschichte, die ich mit meinem Vater in Bethania so treu und wahr erlebte, wie
ich sie nun erzählt habe. Damals war mir natürlich alles ein unauflösbares
Rätsel. Nun ist mir davon vieles verständlich, nur die zwei Erscheinungen sind
mir noch jetzt ein Rätsel, und ich verstehe sie trotz Deinen nun schon sehr
vielen Erklärungen nicht. Und diese zwei Erscheinungen sind: erstens der am
natürlichen Himmel um Mitternacht auftauchende Lichtmeteor und die dasselbe
nach Westen hin begleitenden Geister, und zweitens das ähnliche, rein geistige
über dem Haupte der schon ganz frei über ihrem Leichname schwebenden Seele.
[GEJ.04_137,09] Auch sah ich bei dieser Seele
zuvor keine so ganz eigentliche Dunstwolke, sondern nur mehr gleich eine ganz
gut ausgebildete Menschengestalt, die nur mit einem sehr lichtvioletten Faden
mit dem Leibe zusammenhing, der auch bald ganz abriß, worauf die Seele gleich
als völlig frei mit einem blendendweißen Faltenkleide vom feinsten Bissus in
der Mitte einiger weiser und mächtiger Geister dastand, wie ich's ehedem
erzählt habe.
[GEJ.04_137,10] Wie diese Dinge und
Erscheinungen wohl zusammenhängen, möchte ich, und sicher auch alle anderen,
aus Deinem Munde vernehmen! O Herr, erläutere uns das!“
138. Kapitel
[GEJ.04_138,01] Sage Ich: „Ich will es euch erläutern;
nur müsset ihr alle dabei wohl höchst aufmerksam sein, ansonst ihr die ganze
Sache eben nicht einsehen würdet! Denn dieser Sterbefall ist ein ganz
eigentümlicher, ist lange nicht dagewesen und wird auch noch länger nicht
wieder zum Vorscheine kommen.
[GEJ.04_138,02] Der alte Lazarus ward infolge
seines höchst eigenen Willens als ein großer, urgeschaffener Engelsgeist ins
Fleisch eines Menschen gelassen, und zwar unter den schwierigsten
Lebensbedingungen, die es auf dieser Erde nur irgend geben kann. Von der Wiege
an bis in sein siebenundvierzigstes Erdlebensjahr hat er Dinge und Proben
ausgestanden, die hier nicht leicht wieder zu erzählen wären. Wie oft hatte er
mit vielen Lebensgefahren zu kämpfen! Wem aus euch die Lebenshistorie Hiobs
bekannt ist, der kann sich daraus aber nur so ein Bild machen von dem, wie es
unserem Lazarus ergangen ist.
[GEJ.04_138,03] Er ward ein paar Male zu den
höchsten Weltehren befördert und kam zu großen Reichtümern, hatte ein Weib und
die schönsten und bravsten Kinder, fünf an der Zahl, die ihn als einen guten
und weisen Vater sehr liebten. In seinem neunzehnten Jahre verheiratete er sich
mit einer einzigen Tochter eines reichsten Mannes aus Bethlehem; sein Gold und
Silber und die schönsten Perlen und Edelsteine hätten hundert Kamele nicht
leichtlich von der Stelle geschafft. Allein dies sein großes Erdenglück dauerte
nur eine kurze Zeit. Seine Schätze verflüchtigten sich von Jahr zu Jahr, er
ward als ein guter und zu nachsichtiger Mensch häufig und oft ganz bedeutend bestohlen;
am Ende brach in seinem zumeist aus Zedern gezimmerten Hause Feuer aus, und er
konnte von allen seinen Schätzen nichts retten als sein, seines Weibes und
seiner Kinder Leben und mußte darauf nahe von Almosen leben bei drei Jahre
lang.
[GEJ.04_138,04] In den drei Jahren aber
starben ihm auch sein Weib und alle seine lieben fünf Kinder. Er selbst ward
voll Aussatzes und litt daran ein volles Jahr. Ein Arzt aus Ägypten kam endlich
mit einem Arkanum und befreite ihn völlig von diesem Übel. Er ward darauf als
immer noch ein schöner Mann von vierunddreißig Jahren Alters auf einem Wege von
geheimen Häschern aus Hinterpersien überfallen und dahin ohne alle Rücksicht
als Sklave an einen äußerst harten Herrn verkauft.
[GEJ.04_138,05] Da er aber unter allen den
vielen Sklaven seines Herrn der treueste war und alle Härte seines Herrn stets
mit der größten Geduld und Ergebung ertrug, so berief ihn sein Herr nach zehn
Jahren und sagte zu ihm: ,Ich habe dich erforscht in aller meiner Härte gegen
dich, daß du mir allergetreuest warst und hattest dir zu meinen oft großen
Vorteilen keine Mühe und Arbeit sauer werden lassen. Wenn ich von dir viel
verlangte, so tatest du allzeit ein mehreres und oft zu meinem Vorteile. Ich
bin wohl ein harter Herr – dies Zeugnis gibt mir alle Welt –, aber ohne Augen
und ohne Einsicht und Erkenntnis bin ich darum nicht; und weil ich das nicht
bin, so gebe ich dir die volle Freiheit! Du kannst nun ganz getrost nach Hause
in dein Land ziehen. Zudem schenke ich dir als Zeichen meiner Einsicht für
deine treuen Dienste noch hundert Kamele, zehn meiner schönsten Sklavinnen und
neunzig Knechte; und damit du dir überall etwas ankaufen, weiter leben und
handeln und wandeln kannst, soll dir mein Schatzmeister tausend Säckel Goldes
und zweitausend Säckel Silbers ausbezahlen! Siehe, so belohnt der harte Herr
einen getreuesten Sklaven und doppelt so groß einen getreuesten Knecht, den ich
aber leider noch nie gehabt habe! Ziehe nun getrost ab mit allem, womit du von
mir, deinem harten Herrn, beschenkt worden bist!‘
[GEJ.04_138,06] Da verneigte sich Lazarus
tiefst vor seinem Herrn und wollte danken. Der aber sagte mit ernsten Worten:
,Freund, wer einen Lohn verdient wie du, der braucht nach dem Empfange dem
Geber nicht zu danken! Darum ziehe ab in Frieden; es sei und es geschehe!‘
[GEJ.04_138,07] Da verließ Lazarus, bis zu
Tränen gerührt, den Saal, und als er in den großen Hofraum trat, war alles
schon bereitet: Kamele, die zehn Sklavinnen und die neunzig Diener, und jedes
der kräftigsten Kamele war beladen mit Gold und Silber.
[GEJ.04_138,08] Lazarus bestieg sein Kamel,
und es ward der Marsch angetreten. Nach zehn ganz heiteren Reisetagen erreichte
er wieder Bethlehem, nahm Herberge und erkundigte sich nach seinem früheren
Besitze. Dieser ward aber nach den römischen Gesetzen, weil der ordentliche
Besitzer trotz allen durch eigene Herolde ergangenen Ausrufungen nichts von
sich hören ließ, als ein römisches Staatsgut veräußert und schon vor drei
Jahren als ein vollkommenes Besitztum dem Ersteher eingeantwortet. Denn sieben
Jahre lang war er gewisserart nur Pächter; kam im siebenten Jahre der früher
abhandengekommene Besitzer zurück, so stand ihm noch das Reklamationsrecht
offen, – nur mußte er dem Ersteher das Meistgebot samt Interessen
zurückerstatten, weil da dieser als ein Geschäftsleiter ohne Auftrag anzusehen
war und für seine Mühewaltung gesetzlich honoriert werden mußte. Nach
abgelaufenen vollen sieben Jahren aber trat der Ersteher in den für weiterhin
unantastbaren vollen Besitz eines solchen erstandenen Gutes. Und also war es
auch da in Bethlehem mit dem Besitzgute des Lazarus der Fall. Der Ersteher war
nun voller Besitzer, geschützt durch Roms Gesetze, und unser Lazarus mußte
unverrichteterdinge weiterziehen.
[GEJ.04_138,09] Ein ganzes Jahr mußte er in
den Herbergen zubringen, bis endlich in Bethania ein bedeutendes Gut, das einem
Griechen angehörte, zum Verkaufe kam. Um fünfzehnhundert Säckel Silbers brachte
es Lazarus in seinen vollen Besitz und heiratete dann in seinem
siebenundvierzigsten Jahre eine seiner treuesten Sklavinnen, die auch eine
Jüdin war, und er zeugte mit ihr eben den jungen Lazarus und dessen beide
Schwestern. Nach zehn Jahren schenkte auch er allen seinen aus Persien
mitgenommenen Dienern die vollste Freiheit; aber es verließ keiner den Lazarus
und heutigentags leben noch dreiundfünfzig der mitgenommenen. Alle aber traten
schon in zwei Jahren zum Judentume über und waren dem Lazarus desto werter und
angenehmer. Das Weib starb erst vor zwei Jahren, auch als ein Muster weiblicher
Duldung und Frömmigkeit, und seit der Zeit wirtschaften die drei
hinterlassenen, sehr braven Kinder ganz allein; außer Gott haben sie nahe keine
Bedürfnisse und tun den Armen wohl sehr viel Gutes.“
139. Kapitel
[GEJ.04_139,01] (Der Herr:) „Da aber der alte
Lazarus seine irdische Lebenslaufbahn gar so gut vollendet hatte und an seiner
früheren himmlischen Vollkommenheit nicht nur nichts verloren, sondern nur
äußerst vieles gewonnen hatte, so vereinigten sich um die Zeit des Abschiedes
unseres tiefstgeprüften und seine Probe bestens bestanden habenden Engels
Myriaden der vollkommensten Engel und wirkten auf die Naturgeister dieser Erde
also ein, daß diese sich in eine gleiche Tätigkeit versetzen mußten, wie da
tätig sein müssen die Naturgeister der Sonne. Durch diese außerordentliche
Tätigkeit der Myriaden auf einem engen Raume zusammengedrängten Geister
entstand jenes von dir, von deinem Vater und von dem jungen Lazarus gesehene
Licht, gerade im Momente, als des alten Lazarus Engelsseele und Geist sich von
den Banden des Fleisches loszuwinden begonnen hatte.
[GEJ.04_139,02] Die dieses Licht gegen Westen
hin begleitenden, dir sichtbar gewordenen Geister haben sonst mit der
Erscheinung weiter keinen andern und besondern Zusammenhang, als daß sie durch
eine so außerordentliche Tätigkeit der Naturgeister, die sonst unter ihrem
Kommando stehen, selbst ganz ungewöhnlich erregt worden sind und dann auch
selbst, nicht ahnend, was da vor sich geht, sich zu einer teils flüchtigen und
teils scharf beobachtenden Bewegung und ängstlichen Tätigkeit als genötigt
haben bequemen müssen.
[GEJ.04_139,03] Daß der Zug von Osten gegen
Westen, nach deiner Kunstsprache, zu sehen war, bedeutet einen bedeutungsvollen
irdischen Sterbefall, entsprechend dem, wie da alles auf der Erde vom Osten her,
wo die Sonne aufgeht, mit deren Aufgange erwacht und alles mit ihrem Untergange
wieder in den Schlaf erstirbt. Zugleich aber entspricht der irdische Abend ganz
umgekehrt dem rein geistigen Morgen und umgekehrt der irdische Morgen dem
geistigen Abende; denn am irdischen Morgen fangen die meisten Menschen an, sich
möglichst mit den Weltsorgen abzugeben, und diese sind ein wahrer und tiefster
geistiger Abend ohne Dämmerung oft genug, also schon eine förmliche geistige
Nacht. Nur am Abende, der Weltsorgen müde, bequemen sich dann viele, über die
Flucht des Zeitlichen nachzudenken und sich zu Gott zu kehren, und das
entspricht dann zum wenigsten doch einem geistigen Morgendämmern.
[GEJ.04_139,04] Das wäre sonach für euer
Verständnis zur Genüge erklärt, und ihr wisset nun um das Wie und Warum des
geistigen und naturmäßigen Zusammenhanges der großen nächtlichen
Lichterscheinung und um ihre geisterhafte Begleitung.
[GEJ.04_139,05] Nun gehen wir in das
Sterbegemach des alten Lazarus! Dort sahst du keine zertragene Dunstgestalt
über dem Leichnam schweben, sondern schon mehr eine volle Menschenform. Der
Grund davon liegt in der großen Liebe zur Tätigkeit, was schon ein vollendetes
inneres, geistiges Leben andeutet, das aller Furcht vor der kommenden großen
Tätigkeit im endlosen Reiche der Himmel vollkommen bar ist. Die
Angstvibrationen der Seele können da nicht stattfinden, und somit ist die
seelische Menschenform schon gleich beim ersten Austritt aus dem Leibe als
unzertragen und in voller Ruhe ersichtlich, natürlich für den, der solches zu
schauen das seltene Vermögen hat.
[GEJ.04_139,06] Der kleine und äußerst dünne
Bindefaden zwischen der Seele und ihrem Leibe bekundet den stets
allergeringsten Sinn fürs Irdische und somit auch das vollkommenst leichte und
schmerzlose Lostrennen vom Leibe. Die gleiche Lichterscheinung über dem Haupte
der Seele aber bekundet vor allem den mächtigsten Willen der Seele selbst,
durch dessen außerordentliche Tätigkeit nach der Ordnung der Himmel er sich als
eine Lichtsäule über dem Haupte darstellt, – als Säule, entsprechend der
Unbeugsamkeit, und als Licht, das stets ein Produkt der gerechten Tätigkeit
ist, entsprechend der göttlichen Ordnung der Himmel Gottes, welches Licht stets
das Erkenntnisvermögen der Seele durchstrahlt und vollauf erleuchtet, damit der
Wille nicht blind, sondern allzeit hellst sehend handle.
[GEJ.04_139,07] Weil aber des Gerechten
Denken hauptsächlich nur vom Herzen ausgeht, so wie auch der Liebe und des
Willens Sitz nur darin zu suchen ist, so wird der freien Seele Willenslicht,
das im irdischen Leben nur im Verein mit dem Verstande des Hauptes zu wirken
hatte, nun zum Gürtel des Kleides der Liebe und Gerechtigkeit, Geduld und
Duldung, zu schauen um die Lenden der freien Seele; der Hut aber bezeugt eine
neue Gabe des reinsten Lichtes aus den Himmeln, das aber dennoch nur jenen
extra hinzugegeben wird, die sich schon auf der Erde der wahren himmlischen
Weisheit beflissen haben und daraus zu Menschen voll Liebe, Weisheit und der
wahren himmlischen Gerechtigkeit geworden sind. Solch ein Lichthut ist dann ein
Produkt des Weisheitswillens der sämtlichen urgeschaffenen Engel der Himmel und
bekundet bei dem, der ihn trägt auf seinem Haupte, daß er nun als ein ganz
vollendetes und Gott ähnlichstes Wesen in alle Weisheit und in alle
Erkenntnisse aller Himmel eingeweiht ist.
[GEJ.04_139,08] Solch ein auch das Fleisch
des Erdenlebens durchwandert habender Geist der Himmel erkennt dann so viel für
sich allein, als alle die anderen, den Weg des Fleisches noch nicht betreten
habenden urgeschaffenen Engelsgeister zusammengenommen, weil solch ein Hut,
ebenso wie des Menschen Seele ein Kompositum aller irdischen
Intelligenzpartikel ist, auch ein Kompositum sämtlicher Himmelsintelligenzen
ist, was da sicher unendlich viel sagen will.
[GEJ.04_139,09] Ich meine nun, daß ihr alle
diese etwas außergewöhnlichen Erscheinungen wohl verstehen werdet. Hat aber
jemand noch irgendeinen Anstand, nun, so frage er, und es soll ihm Licht
werden! Denn die Himmel tauen denen ein rechtes Licht, die gerecht und eines
guten Willens sind. Fraget darum ohne Scheu, so euch noch irgend etwas abgeht!“
140. Kapitel
[GEJ.04_140,01] Sagt Cyrenius: „Herr, wir
alle können Dir nicht zur Genüge danken für diese unendlich großen Belehrungen,
die Du uns allen nun erteilt hast, und ich verstehe nun schon ungeheuer vieles
mehr! Auch bei der letzten Erscheinung, die uns nun der Vizekönig Mathael
abermals aus seinem reichlichen Vorrate zum besten gab, blieb mir nichts
Unklares zurück; nur die zwei oder drei großen und mächtigen Engelsgeister, die
den Lazarus abgeholt haben, sind mir ihrem Stande nach noch völlig unbekannt!
Vielleicht könnten wir wenigstens ihre sehr geheiligten Namen erfahren, und was
es da mit der seine Kinder belehrenden Rückkunft für eine vielleicht noch nähere
Bewandtnis habe?! Die Historie war sonst höchst merkwürdig, obschon ich, offen
gesagt, noch recht gerne hätte erfahren mögen, wie und wohin der Leib des alten
Lazarus beerdigt worden und was etwa doch später aus dem kleinen Rabbi geworden
ist. Auch eine nähere Beleuchtung des berühmten Farrenkrautöles wäre eben nicht
unwünschenswert. Möchtest Du, o Herr, uns etwas Näheres darüber kundtun?“
[GEJ.04_140,02] Sage Ich: „Aber Freund, das
sind ja nur ganz höchst unbedeutende Nebendinge, deren Dasein wir für die
Hauptsache eigentlich gar nicht als völlig notwendig annehmen können, da sie
mit ihr nichts zu tun haben und nahe in gar keinem Verbande stehen! Was liegt
denn an den leeren Namen der Engelsgeister, die dem Lazarus entgegenkamen?!
Einen Reiseschein nach den Gesetzen brauchen sie nicht und ein weltliches
Schutzgericht auch nicht. Wozu dieneten dir dann ihre Namen?! Weil es dir aber
schon darum zu tun ist, so waren es die Erzengel Zuriel, Uriel und im tiefen
Hintergrunde auch Michael in der Gestalt Johannes des Täufers, von dem uns
Zinka vieles mitgeteilt hat.
[GEJ.04_140,03] Es waren aber noch eine Menge
Geister daselbst anwesend, die Mathael nicht sehen konnte, weil diese, als noch
ganz reine und purste Geister, nicht mehr mit dem Auge der Seele, sondern nur
mit den Augen des in sich selbst reinsten Geistes gesehen werden können – ein
Vermögen, das Mathael noch niemals besessen hat. Dann, was liegt am Begräbnisse
des Leibes des Lazarus, was am kleinen Rabbi und am Farrenkrautöle, das da wohl
den Starrkrampf hebt und die Würmer im Magen tötet, wenn es echt ist; ist es
aber nicht echt, so macht es auch gar keine Wirkung! Lassen wir darum das, was
uns wenig oder auch gar nichts nützen kann, und sehen wir zu, unser Erkennen
und Wissen nur in geistigen Dingen zu vermehren!
[GEJ.04_140,04] Fraget darum lieber nach
etwas Geistigem, noch aus der Sphäre vom Mathael geistig Geschauten, als nach
Dingen, die für den Geist ebenso gleichgültig sein können wie der Schnee, der
tausend Jahre vor Adam die wüsten Gefilde der Erde bedeckt hat! Was die Materie
ist, und wie sie entstand, besteht und noch entsteht, ist euch bereits
handgreiflich klargemacht worden, und somit haben wir uns nunmehr vor allem nur
um die geistigen Dinge zu bekümmern. Was nützen auch dem Menschen alle
Kenntnisse und Wissenschaften der ganzen Welt, wenn er sich nicht bis zur
tiefsten Lebenswurzel selbst erkennt, und das namentlich in seiner seelischen
und geistigen Lebens- und Bestandessphäre?!
[GEJ.04_140,05] Wird er wohl je wahrhaft
glücklich sein können, auch im Besitze aller irdischen Güter, so er sich dann
und wann wird fragen und sagen müssen: ,Was wird nach dem Tode mit dir werden?
Wirst du irgend deiner selbst bewußt fortleben, oder wird es ganz gar sein mit
dir auf ewig?‘ Wenn dem ängstlichen Fragesteller aber keine genügende Antwort
wird, weder von jemand, der mehr erfahren ist, oder noch weniger aus der
eigenen finstern Weltlebenskammer, in die noch nie ein geistig Licht der
Wahrheit nach gedrungen ist, – was dann? Werden dem ernstlich also fragenden,
sonst überreichen Manne wohl munden seine großen Schätze und Reichtümer? Bei
nur einigem Bewußtsein der Liebe zum Leben wohl kaum! Denn was kann es dem
Menschen nützen, so er auch gewönne alle Schätze der Erde, an seiner Seele aber
Schaden litte?
[GEJ.04_140,06] Weg somit mit allem, was der
Rost und die Motten zerstören können! Nur was des Geistes ist, bleibet für ewig
unwandelbar; alles Angehörige der Materie aber ist noch oft zahllosen
Verwandlungen unterworfen, bis es den Standpunkt des Geistigen erreicht haben
wird. Darum fraget um Geistiges und Seelisches, aber nimmer um Irdisches!“
141. Kapitel
[GEJ.04_141,01] Sagt Cyrenius, etwas
verlegen: „Herr, es hat Dich außer mir doch niemand um irgend etwas gefragt, und
es hat den Anschein, als ob Du mir darum als Gott, als mein Herr und mein
Erhalter gram geworden wärest!“
[GEJ.04_141,02] Sage Ich: „Wie magst du Mich
also verkehrt verstehen?! Wie kann Ich dir gram sein, so Ich dir vollernstlich
und für ewig wahr zeige, was euch allen und jedem Menschen zum Leben das
Notwendigste ist? Siehe, siehe, wie sehr kurz noch deine Urteilskraft ist! Wann
wohl wird sie das rechte Maß erhalten? Wem kann die reinste Urliebe aller Liebe
in Gott je gram werden?
[GEJ.04_141,03] So ihr leset von einem Zorne
Gottes, da sollet ihr darunter verstehen den ewig stets gleichen und festesten
Ernst Seines Willens; und dieser Ernst des Willens in Gott ist aber ja eben der
innerste Kern der allerreinsten und allermächtigsten Liebe, aus der die Unendlichkeit
und alle Werke in ihr wie die Küchlein aus dem Ei hervorgegangen sind, – und
diese kann doch ewig niemandem gram werden! Oder meint aus euch wohl jemand,
daß Gott gleich wie ein dummer Mensch zürnen könne?“
[GEJ.04_141,04] Tritt hier der alte Oberste
Stahar einmal wieder zu Mir und sagt: „Herr, vergib es mir, so ich mir hier
auch eine Bemerkung im Punkte des Zornes Gottes erlaube!
[GEJ.04_141,05] Wenn man, verbunden mit einem
festen Glauben an Gott, die alte Welthistorie betrachtet, so kann man sich's
denn doch nicht ganz verhehlen, daß Gott zu Zeiten den Menschen, die zu
unbändig geworden sind, Seinen Zorn und Seine Rache auf ganz besonders
unerbittlich strenge Weise hat fühlen lassen.
[GEJ.04_141,06] ,Der Zorn ist Mein, und die
Rache ist Mein!‘ spricht der Herr durch den Mund des Propheten. Daß es aber
wohl also ist, beweisen die Vertreibung Adams aus dem Paradiese, die Sündflut
zu den Zeiten Noahs, die Billigung des Fluches des Noah über einen seiner
Söhne; später der Untergang von Sodom, Gomorra und der umliegenden zehn Städte,
auf dem Punkte, da wir heute das Tote Meer bewundern; noch später die Plagen
Ägyptens und die der Israeliten in der Wüste; dann die von Gott befohlenen
allermörderischesten Kriege gegen die Philister, die babylonische Gefangenschaft
und nun endlich die volle Unterjochung des Volkes Gottes durch die Macht der
Heiden!
[GEJ.04_141,07] Herr, wer nun dieses Benehmen
Jehovas gegen die Sünder, die niemand anders als eben wir Menschen sind, nur
ein wenig ins Auge und ins Gemüt faßt, der kann ja doch unmöglich etwas anderes
herausfinden als einen förmlichen Zorn und eine vollkommenste Rache Jehovas!
[GEJ.04_141,08] Freilich könnte man sagen:
Also erzieht Gott mit dem vollsten Ernste Seine Menschen und ganze, große
Völker mit der gehörigen Zuchtrute in der Hand! Aber die Hiebe und Schläge
haben durchaus nicht das Ansehen, als kämen sie aus der Hand eines
liebevollsten Vaters, sondern da schaut überall ein ganz entsetzlich zorniger,
wenn auch in einer gewissen Hinsicht höchst gerechter Richter auf Leben und Tod
und auf Pestilenz und Brand heraus!
[GEJ.04_141,09] Dies ist so meine Ansicht,
das heißt, wenn die Welthistorie uns eine volle Wahrheit verkündet; sind aber
alle die traurigen Aufzählungen dessen, was Gott gewirkt hat, nur eine Fiktion,
dann mag das, was man Zorn und Rache Gottes nennt, immerhin der Kern Seiner
ewigen und reinsten Liebe sein. Ich habe nun das nur so vorgebracht, da Du, o
Herr, ehedem Selbst den Zorn und die Rache angezogen hast!
[GEJ.04_141,10] Es wird wohl immerhin schon
also sein, wie Du, o Herr, es zuvor gesagt hast; aber merkwürdig bleibt es
immer, daß mit dem angekündigten Zorne Gottes in den alten Zeiten, wenn die
Menschheit sich nicht gebessert und wahre Buße gewirkt hat, auch die
allermartialste Strafe erfolgt ist, und das im Großen wie im Kleinen, und im
Allgemeinen wie im Besonderen, ohne alle Schonung! Nun, wie sich dieses mit der
allerreinsten, zorn- und rachelosesten Liebe vereinbart, das wäre wahrlich auch
der Mühe wert, so es bei dieser Gelegenheit ein wenig näher beleuchtet werden
wollte!“
142. Kapitel
[GEJ.04_142,01] Sage Ich: „So wie du, Freund,
nun geredet hast von Gottes Zorn und Rache, Gerechtigkeit und Liebe, ebenalso
urteilt auch ein Stockblinder von der harmonischen Pracht der Farben im Regenbogen!
[GEJ.04_142,02] Hast du denn noch nicht
aufgefaßt, wie da alle fünf Bücher Mosis und alle Propheten, Davids und Salomos
Schriften nur auf dem Wege der inneren geistigen Entsprechung verstanden und
begriffen werden können?!
[GEJ.04_142,03] Meinst du denn im Ernste, daß
Gott den Adam aus dem Paradiese durch einen Engel, der ein flammendes Schwert
als Vertreibungswaffe in seiner Rechten führte, vertreiben ließ? Ich sage es
dir: mag das auch dem Adam als Erscheinung vorgestellt worden sein, so war es aber
nur eine Entsprechung von dem, was eigentlich in Adam selbst vorgegangen ist,
und gehörte eben also zum Akte seiner Erziehung und zur Gründung der ersten
Religion und Urkirche unter den Menschen auf Erden.
[GEJ.04_142,04] Auf der Erde aber gab es nirgends
ein materielles Paradies, in dem dem Menschen die gebratenen Fische in den Mund
geschwommen wären, sondern er mußte sie so wie jetzt erst fangen und braten und
dann erst mit Maß verzehren; war der Mensch aber tätig und sammelte sich die
Früchte, die die Erde ihm trug, und hatte sich dadurch einen Vorrat erzeugt, so
war jede Gegend der Erde, die der Mensch kultiviert hatte, ein rechtes
irdisches Paradies!
[GEJ.04_142,05] Was wäre auch aus dem
Menschen und seiner Geistesbildung geworden, wenn er in einem wahren
Müßiggangs- und Freßparadiese sich um gar nichts zu kümmern und zu sorgen
gehabt hätte, wenn ihm, wie gesagt, die besten Früchte in den Mund
hineingewachsen wären, wenn er sich, auf weichstem Rasen liegend, nur hätte
wünschen dürfen, und alles wäre schon da, so daß er nur den Mund aufzusperren
brauchte, und die besten Bissen schöben sich ihm schon in den Mund?! Wann würde
der Mensch bei solch einer Erziehungsweise denn zur bedingten
Lebensselbständigkeit gelangen?! Ich sage dir, daß der Mensch nach deinem
Begriffe vom Paradiese bis zur Stunde nichts anderes wäre und wüßte als ein
ganz wohlbestellter Freßochse oder als ein Freßpolyp auf dem Meeresgrunde.
[GEJ.04_142,06] Was stellt demnach die
Erscheinlichkeit des Engels mit dem Flammenschwerte vor? Was besagt dies
Wortbild? Der Mensch war nackt; denn bis jetzt ist noch kein Mensch mit einem
Kleide in die Welt getreten. Hatte er auch, ebensowenig wie diese Eselin hier,
keine Kindheit dem Leibe nach durchzumachen gehabt, da er dem Leibe nach ebenso
entstanden ist wie diese Eselin, und hatte er auch eine Größe von mehr denn
zwölf Schuhen, wie nicht viel minder auch die Eva, so war er aber in der
ursprünglichen Erfahrung über die Beschaffenheit der Erde ja dennoch ein Kind
und mußte erst klug werden zumeist durch die Erfahrung.
[GEJ.04_142,07] Im warmen Frühjahre, Sommer
und Herbste konnte er es schon mit der nackten Haut aushalten; aber im Winter
fing er an, die Kälte sehr zu fühlen, und er selbst fragte sich in seinem
Gefühle, das Gott in ihm stets mehr und mehr erweckte durch geistiges und
naturmäßiges Einfließen: ,Wo bin ich denn? Was ist mit mir vorgegangen? Es war
mir zuvor so angenehm, und nun friert es mich, und die kalten Winde tun wehe
meiner Haut!‘ Offenbar mußte er sich um eine vor dem Winde geschützte Wohnung
umsehen und seinen Leib mit allerlei Laub der Bäume zu überdecken anfangen.
Durch diese gezwungene Arbeit ward das Denken reger und ordnete sich auch bald.
[GEJ.04_142,08] Aber es fing ihn auch zu
hungern an; denn gar viele Bäume und Gesträuche hatten leere Zweige. Er ging
weit aus und suchte Nahrung und fand noch volle Bäume; er sammelte die Früchte
und trug sie in die Grotte, die er als eine gute Wohnung auffand. Da sagte ihm
sein schon mehr erfahrenes Gemüt abermals: ,In dieser Zeit liegt die Erde in
einem Fluche, und du Mensch kannst dir nur im Schweiße deines Angesichts deine
Kost sammeln!‘
[GEJ.04_142,09] Nachdem aber der erste Mensch
dieser Erde einmal in der Grotte überwintert hatte auf den Höhen, die da
begrenzen den nordöstlichen Teil des Gelobten Landes, zu dem auch unser Galiläa
gehört, da hatte er Muße, mit seinem Weibe tiefer in sich hinein zu forschen
und zu schauen. Da fand er auch ein Bedürfnis nach einer größeren Gesellschaft.
Im Traume ward er belehrt, was er zu tun hätte, um zu einer solchen, das heißt
größeren Gesellschaft zu gelangen, und nach solcher Belehrung fing er an, zu
zeugen den Kain und dann bald darauf den Abel und den Seth.
[GEJ.04_142,10] Das Weib aber war es, das ihm
den ersten Einschlag zur Zeugung gab; denn dem Weibe kam zuerst im Traume ein
Gesicht, wie die Zeugung zu geschehen habe. Weiter wollen wir diese Sache nicht
verfolgen, und Ich sage nun dir, Mein Freund Stahar: alles ging ganz natürlich
zu, und es gab da nirgends etwas Widernatürliches. Aber Moses sah es dennoch,
daß dies alles nur nach dem Wollen Jehovas geschehen konnte; er erkannte durch
Gottes Geist, daß alle diese ganz natürliche Führung auf dem Wege gemachter
Erfahrungen durch Mich, das heißt durch Meinen Geist, geleitet ward und stellte
darum Gott durch entsprechende Bilder stets an die Seite dieses ersten
Menschenpaares und personifizierte aber auch Meine Einwirkung in den kürzesten,
aber doch entsprechendsten Bildern, wie sie damals allgemein üblich waren und
auch sein mußten, weil überall zur Leitung des Volkes und der Völker solche
Bilder notwendig waren.
[GEJ.04_142,11] Übrigens aber versteht es
sich von selbst, daß Gott und die Engel es wohl wußten und auch verstanden, das
erste Menschenpaar in einer der fruchtbarsten Gegenden der Welt werden und
entstehen zu lassen.
[GEJ.04_142,12] Wenn spätere und eigens
zugelassene Naturereignisse die ersten Menschen nötigten, ihren ersten
Nährgarten zu verlassen und sich auf der Erde weiter umzusehen, so geschah das
auch nicht etwa aus einer Art göttlichen Zornes, sondern nur aus Liebe zum
Menschen, auf daß er von seiner träge gewordenen Sinnlichkeit wieder aufgeweckt
würde und überginge zur Tätigkeit, und daß er mache ausgedehntere Erfahrungen.
[GEJ.04_142,13] Als Adam und sein Weib und
seine Söhne es wahrnahmen, daß es auf der weiten Erde nahe überall etwas zu
essen gab, fingen sie an, größere Reisen zu unternehmen, wodurch sie mit Asien
und Afrika so ziemlich vertraut wurden. Das bereicherte sie wieder mit allerlei
Erfahrungen. Geheim vom Gottesgeiste geleitet, kamen sie in ihr erstes Eden
zurück und blieben daselbst, von wo aus denn auch die Bevölkerung der ganzen
Erde erging.
[GEJ.04_142,14] Sage Mir in deinem Gemüte:
Schaut da irgendein Zorn oder eine Rache Gottes heraus?!
143. Kapitel
[GEJ.04_143,01] (Der Herr:) „Ja, Gottes
Weisheit kann wohl widerwillig werden, so schon gebildete und wenigstens zur
Hälfte reif gewordene Menschen mutwillig und auch böswillig gegen die Ordnung
Gottes sich auflehnen; aber dafür ist wieder die Liebe Gottes da, die in ihrer
großen Geduld stets jene tauglichen Mittel den verkehrten Bestrebungen der
Menschen entgegenzustellen weiß und sie wieder auf den rechten Weg bringt,
wodurch dann am Ende Mein Endzweck mit der Menschheit doch immer erreicht
werden muß, ohne daß der Mensch durch irgendeine allmächtige Rache Gottes dazu
gleich einer Maschine genötigt wird.
[GEJ.04_143,02] Aber selbst diese Mittel sind
nicht als eine Folge der göttlichen Zornmacht anzusehen, sondern rein nur als
eine Folge der verkehrten Handlungsweise der Menschen. Ja, die Welt und die
Natur hat von Gott aus ihre notwendigen und unwandelbaren Mußgesetze, und zwar
in der rechten Ordnung; dergleichen Gesetze aber hat auch der Mensch seiner
Form und seinem leiblichen Wesen nach. Will der Mensch nun irgend wider diese
Ordnung sich auflehnen und die Welt umgestalten, so wird er darum nicht von
einem freiwilligen Zorne Gottes gestraft, sondern von der beleidigten, strengen
und fixierten Gottesordnung in den Dingen selbst, die so sein müssen, wie sie
sind.
[GEJ.04_143,03] Du sagst nun bei dir und
fragst dich, ob die Sündflut auch als eine natürliche und notwendige Folge der
verkehrten Handlungsweise anzusehen wäre. Und Ich sage es dir: Ja, das war sie!
Mehr denn hundert Seher und Boten habe Ich erweckt und habe die Völker vor
ihren natur- und gottesordnungswidrigen Handlungen gewarnt, und habe sie mehr
denn hundert Jahre hindurch auf die für sie daraus notwendig entstehenden und
leiblich und seelisch schrecklichen Folgen sehr ernstlich aufmerksam gemacht;
aber ihr boshafter Mutwille ging so weit, daß sie in ihrer Blindheit die Boten
nicht nur verhöhnten, sondern viele sogar töteten und mit Mir also einen
förmlichen Kampf unternahmen. Aber darum ergrimmte Ich dennoch nicht vor Zorn
und Rache, sondern ließ sie handeln und die traurige Erfahrung machen, daß die
Unvernunft und die Unkunde – als selbst schuld an dem, was sie sind – mit der
großen Natur und Ordnung Gottes durchaus nicht alles machen dürfen, was ihnen
in ihrer Blindheit beliebt.
[GEJ.04_143,04] Siehe, es steht dir ja frei,
auf jenen von hier gegen Süden gelegenen und bei fünfhundert Mannslängen hohen
Felsen zu steigen und dich dann mutwillig häuptlings über die hohe Wand
hinabzustürzen! Nach den notwendigen Gesetzen der Schwere aller Körper wird dir
solch ein Mutwille doch offenbar sicher das Leben des Leibes kosten. Frage
dich, ob dir das aus Meinem Zorne und aus Meiner Rache zugekommen ist!
[GEJ.04_143,05] Dort gegen Osten ersiehst du
hohe Gebirgszüge, die ganz fest und dicht bewaldet sind. Gehe hin mit zehnmal
hunderttausend Menschen, lege Feuer an und verbrenne alle die Wälder, dann
werden die Berge ganz kahl dastehen! Was wird aber davon die Folge sein? Die
vielen dadurch tatlos und nackt gewordenen Naturgeister werden dann in der
freien Luft zu wüten und zu toben beginnen. Blitze in Unzahl, Wolkenbrüche von
der fürchterlichsten Art und ein unausgesetzter Hagelschlag werden darauf die
ganzen und weiten Umgegenden verheeren. Das alles ist eine ganz natürliche
Folge jener waldverheerenden Handlung. Sage, ob auch da wieder der Zorn Gottes
herausschaut und Seine Rache!
[GEJ.04_143,06] Wenn aber zehnmal
Hunderttausende von Menschen sich ernstlich bestreben, Berge abzugraben und
große Seen auszufüllen oder die allerbreitesten Heerstraßen anzulegen, um
leichter Kriege zu führen; wenn Menschen ganze Bergketten tagereisenweit
skarpieren auf vierhundert bis fünfhundert Mannslängen hoch oder stechen
zweihundert bis dreihundert Mannslängen tiefe Gräben um die Berge und eröffnen
dadurch der Erde inwendige Wasserschleusen, daß die Berge zu sinken beginnen in
die leer gewordenen großen Wasserbecken und das Wasser also zu steigen beginnt,
daß es in Asien nahe über der höchsten Berge Spitzen wie ein Meer dahinzuwogen
beginnt – dazu kommt noch, daß bei diesen großen Bergezerstörungen viele
hunderttausendmal Hunderttausende Morgen der kräftigsten Waldungen mit zerstört
wurden, bei welcher Gelegenheit zahllose Myriaden von Erd- und Naturgeistern,
die früher mit der schönsten und üppigsten Vegetation vollauf zu tun hatten,
nun auf einmal frei und tatlos geworden sind –, frage dich selbst, welch einen
Aufruhr die Geister in den Luftregionen mögen angefangen haben! Welche Stürme
und welche massenhaften Wolkenbrüche, welche Hagelmassen und welch eine Unzahl
von Blitzen hat es dadurch mehr denn vierzig Tage lang aus den Wolken auf die
Erde herabgeschleudert, und welche Wassermassen werden sich da nahe über ganz
Asien erhoben haben, und das alles aus lauter natürlichen Gründen! Sage, war
das wieder Gottes Zorn und Seine nie versöhnbare Rache?!
[GEJ.04_143,07] Moses beschrieb diese
Historie so wie alles andere in der damals üblichen Schreibweise, das heißt in
Bildern, in denen er nach der Eingabe des göttlichen Geistes stets Meine
Vorsehung vorwalten ließ, was nur auf dem Wege echter und wahrer Entsprechungen
herauszubringen ist.
[GEJ.04_143,08] Ist aber darum Gott ein Zorn-
und Rachegott, so du und gar viele Seine großen Offenbarungen noch nie
verstanden haben?“
144. Kapitel
[GEJ.04_144,01] (Der Herr:) „Ich sage es dir:
Nur fünfzig Jahre lang leben in der rechten Ordnung Gottes, – und ihr werdet
von keiner Kalamität je etwas zu sehen, zu hören, zu schmecken und zu genießen
bekommen!
[GEJ.04_144,02] Ich sage euch: Alle
Kalamität, Seuchen, allerlei Krankheiten unter Menschen und Tieren, schlechte
Witterung, magere und unfruchtbare Jahre, verheerender Hagelschlag, große,
alles zerstörende Überschwemmungen, Orkane, große Stürme, große
Heuschreckenzüge und dergleichen mehr sind lauter Folgen der unordentlichen
Handlungsweisen der Menschen!
[GEJ.04_144,03] Würden die Menschen möglichst
in der gegebenen Ordnung leben, so hätten sie alles das nicht zu gewärtigen.
Die Jahre würden wie die Perlen auf einer Schnur verlaufen, eines so gesegnet
wie das andere. Es würde den bewohnbaren Teil der Erde nie eine zu große Kälte
oder eine zu große Hitze plagen. Aber da die gescheiten und überaus klugen
Menschen aus sich allerlei bei weitem über ihren Bedarf hinaus unternehmen,
wenn sie auf der Erde zu große Bauten und zu übertriebene Verbesserungen
vornehmen, ganze Berge abgraben, um Heerstraßen anzulegen, wenn sie viele
Hunderttausende von Morgen der schönsten Waldungen zerstören, wenn sie des
Goldes und des Silbers wegen zu tiefe Löcher in die Berge schlagen, wenn sie
endlich untereinander selbst im beständigen Zank und Hader leben, während sie
doch zu jeder Zeit von einer großen Menge der intelligenten Naturgeister
umgeben sind, von denen alle Witterung der Erde herrührt, sowie die Reinheit
und Gesundheit der Luft, des Wassers und des Erdreiches, – ist es da denn
hernach zu verwundern, wenn diese Erde von einer Unzahl von Übeln aller Art und
Gattung stets mehr und mehr heimgesucht wird?!
[GEJ.04_144,04] Geizige und habsüchtige
Menschen legen vor ihren Scheunen Schloß und Riegel an und obendrauf noch
scharfe Wächter zu ihren über allen Überfluß steigenden Schätzen und
Reichtümern, und wehe dem, der sich ihnen unbefugt nähern möchte; wahrlich, der
bekäme augenblicklich einen scharfen Prozeß!
[GEJ.04_144,05] Ich will damit nicht sagen,
als sollte jemand sein mühsam erworbenes Eigentum nicht beschützen; Ich rede
hier vom höchst unnötigen, ins Ungeheure gehenden Überfluß. Wäre es denn da
nicht tunlich, auch solche Scheuern zu errichten, die da offen stünden für
jeden Armen und Schwachen, wennschon unter der Aufsicht eines weisen Spenders,
auf daß kein Armer sich mehr nähme, als was er für seine Nahrung bedarf? Würden
sogestaltig die Habsucht und der Geiz von der Erde verschwinden, so würden auch
– höret Mich wohl! – alle mageren Jahre von der Erde den Abschied nehmen.
[GEJ.04_144,06] Du fragst, wie solches denn
möglich sei. Und Ich antworte darauf: Auf die natürlichste Art von der Welt,
das heißt: wenn man auch nur ein wenig im innern Wirken der gesamten Natur
bewandert ist, so muß man das nicht nur bald einsehen, sondern sogar mit Händen
und Füßen begreifen!
[GEJ.04_144,07] Da stehen vor uns noch die
Heilpflanze und dort, etwas weiter voran, die äußerst schädliche Giftpflanze!
Nähren sich nicht beide vom ganz gleichen Wasser, von der ganz gleichen Luft,
vom ganz gleichen Lichte und von dessen ganz gleicher Wärme? Und dennoch ist
diese Pflanze voll Heilstoffes und die andere voll tödlichen Giftes!
[GEJ.04_144,08] Ja, warum denn also? Weil die
Heilpflanze vermöge ihres innern wohlgeordneten Charakters alle die sie
umgebenden Naturlebensgeister nach ihrer guten Art stimmt und diese sich darauf
ihr in aller Freundlichkeit und Friedsamkeit, sie ernährend, anschmiegen von
außen her, wie von innen heraus, und es wird dadurch dann alles Heilsamkeit in
der ganzen Pflanze, und am Tage im Sonnenlichte wird ihre Ausdünstung und die
sie recht weithin umgebenden Naturlebensgeister auf den Menschen wie auch auf
viele Tiere einen ungemein heilsamen Einfluß ausüben.
[GEJ.04_144,09] Bei der Giftpflanze dort,
deren Inneres einen höchst selbstsüchtigen und grimmig zornigen Charakter in
sich faßt und einschließt, aber werden die gleichen Naturlebensgeister vom
selben Charakter ergriffen und somit total verkehrt; sie schmiegen sich dann
ebenfalls, die Pflanze ernährend, ihr an, und ihr ganzer Charakter wird darauf
ganz homogen mit dem ursprünglichen der Pflanze. Aber auch ihre Umgebung und
gleichsam Ausdünstung ist giftig und der menschlichen Gesundheit schädlich, und
die Tiere gehen ihr mit ihren reizbaren Nüstern nicht in die Nähe.
145. Kapitel
[GEJ.04_145,01] (Der Herr:) „Eine ganz
außerordentlich große und weitaus wirkende Giftpflanze ist aber um so mehr ein
geiziger und habgieriger Mensch. Seine ganze weithin reichende
naturlebensgeistige Umgebung, seine Aushauchung, sein ganzer Außenlebenskreis
wird mit seinem Innern gleichen Charakters; seine schlecht gewordenen ihn
umgebenden Naturlebensgeister aber verkehren stets von neuem die ihnen
zuströmenden noch guten Naturlebensgeister in ihr Schlechtes, Geiziges und
Habsüchtiges.
[GEJ.04_145,02] Da aber diese
Naturlebensgeister nicht nur allein mit dem Menschen, sondern auch mit den
Tieren, mit den Pflanzen, mit dem Wasser und mit der Luft in fortwährendem
Konflikte stehen, so geben sie auch stets viel Anlaß zu allerlei Kämpfen, Reibungen
und unnötigen Bewegungen in der Luft, im Wasser, in der Erde, im Feuer und in
den Tieren.
[GEJ.04_145,03] Wer dies so recht praktisch
erfahren will, der gehe zu einem sehr guten Menschen, und es werden bei ihm
auch alle Tiere einen viel sanfteren Charakter haben. Am ehesten merkt man das
an den Hunden, die in kurzer Zeit ganz den Charakter ihres Herrn annehmen. Der
Hund eines Geizigen wird sicher auch eine geizige Bestie sein, und wenn er
frißt, wird es nicht ratsam sein, ihm in die Nähe zu treten. Gehe aber hin zu
einem freigebigen, sanften Menschen, und du wirst merken, wenn er einen Hund
hält, daß dieses Tier ganz gutmütigen Charakters sein wird; es wird eher von
der Fraßschüssel abstehen, als sich etwa mit einem ungeladenen Gaste in einen
bissigen Kampf einzulassen. Auch alle anderen Haustiere einer sanften und
gutherzigen Herrschaft werden um ein bedeutendes sanfter sein, ja sogar an den
Pflanzen und Bäumen wird ein Scharffühler einen gar nicht unbedeutenden
Unterschied wahrnehmen.
[GEJ.04_145,04] Betrachten wir aber auch die
Dienerschaft eines Geizhalses, ob sie nicht zumeist auch knickerisch, neidisch
und geizig und zu dem Behufe hinterlistig, falsch und betrügerisch wird! Selbst
ein sonst ganz guter und freigebiger Mensch, wenn er längere Zeit in der Nähe
eines Geizhalses ist, der im Golde und Silber bis über den Hals steckt, wird am
Ende in ein recht sparsames System übergehen und im Ausüben der Wohltaten viel
bedenklicher werden.
[GEJ.04_145,05] Nun kommt es auf der Erde
aber auch noch darauf an, daß alles Schlechte das Gute mit viel geringerer Mühe
in das seinige umwandelt, als das Gute etwas Schlechtes in sein Gutes!
[GEJ.04_145,06] Sehet einen so recht zornigen
Menschen an, der alles um sich nur gleich aus lauter Grimm und Wut umbringen
möchte! Tausend ganz gute Menschen, die ihn beobachten, werden am Ende selbst
ganz grimmzornig und möchten sich gleich alle an dem einen Zornigen vergreifen
und ihm seinen Zorn austreiben, wenn sie nur alle mit ihren scharf tatsüchtigen
Händen Platz fänden an seiner Haut. Warum erregt hier ein Glühzorniger Tausende
zum Gegenzorn, und warum nicht die tausend Gutmütigen an der Stelle den einen
Glühzornigen zu der eminentesten Gutmütigkeit?
[GEJ.04_145,07] Alles auf Grund dessen, weil
besonders auf dieser Erde, der Erziehung der Kinder Gottes wegen, der Reiz zum
Schlechten und Bösen ein bei weitem größerer ist, und auch sein muß, als wie
zum Guten. Den Grund davon im allgemeinen habe Ich euch schon ehedem einmal
gezeigt und brauche ihn hier nicht noch einmal zu wiederholen.
[GEJ.04_145,08] Da sehet euch noch einmal
diese beiden Pflanzen an, und stellet euch einen sehr großen ehernen Kessel
vor! In diesem Kessel wollen wir tausend solcher Heilpflanzen zu einem heilsamen
Tee sieden, und wer aus der Sphäre der Brustkranken davon trinken würde, der
würde auch bald eine heilsame Wirkung davon wahrzunehmen anfangen; denn die
guten Naturlebensgeister möchten die wenigen schlechteren in seiner Brust schon
bald zurechtbringen.
[GEJ.04_145,09] Aber nehmen wir darauf diese
besondere Giftpflanze und werfen sie auch in den Kessel, in welchem tausend
Stück von der Heilpflanze zu einem Heiltranke kochen! Sehet, diese einzige
Giftpflanze wird den ganzen Heilstoff in ihren tödlichen Giftstoff verkehren,
und wehe dem Kranken, der es wagen würde, von dem Tee einen Trunk zu nehmen!
Wahrlich, es würde ihn das unfehlbar das Leben kosten, und es könnte ihm auf
natürlichem Wege nicht geholfen werden!
[GEJ.04_145,10] Nehmen wir aber nun den
umgekehrten Fall! Kochen wir tausend Stück dieser Giftpflanzen im selben Kessel
zu einem Tee zum Tode und legen am Ende nur eine von diesen Heilpflanzen in den
Kessel zu den tausend Giftpflanzen! Oh, wie schnell werden alle ihre guten und
heilsamen Naturgeister in das tödlichste Gift der tausend Giftpflanzen
verwandelt sein!
[GEJ.04_145,11] Aus dem aber geht ja wieder
sonnenhell hervor, daß eben auf dieser Erde aus dem bekanntgegebenen Grunde das
Schlechte das Gute um vieles eher in sein Schlechtes zu verkehren imstande ist,
denn umgekehrt.
[GEJ.04_145,12] Stelle dir nun eine Menge
allerlei schlechter Menschen in einer Gegend vor, oder in einem ganzen Lande,
und frage dich nach dem bereits Vernommenen, ob es da im Ernste von einem
Gotteszorne abhängt, wenn so allerlei Übel über dasselbe kommen! Ich sage es
euch, und besonders dir, Freund Stahar, daß alles das allein und lediglich von
den Menschen, ihren Handlungen und Lebensweisen abhängt, und Gottes Zorn und
Seine Rache hat damit ewig nichts zu tun, außer das, daß Ich eine solche
Ordnung in die Natur der Dinge gelegt habe, die natürlich, solange die Erde
besteht, umwandelbar bleiben muß, ansonst sich die Erde auflösen würde und dem
Menschen keine Wohnstätte für sein Probeleben bieten könnte.
[GEJ.04_145,13] Darum heißt es nun, all das
Gute mit allem Ernste, mit aller Gewalt und aller Kraft an sich zu reißen, so
man von dem vielen Schlechten nicht verschlungen werden will.
[GEJ.04_145,14] Suchet daher euer inneres
Leben durch die tatsächliche Befolgung Meiner Lehre zu vollenden, so werden
euch die Gifte der Welt keinen Schaden mehr zuzufügen imstande sein!“
146. Kapitel
[GEJ.04_146,01] (Der Herr:) „Kehren wir aber
noch einmal zu unserm Giftkessel mit den darin kochenden tausend Stück
Giftpflanzen zurück! Sehet, zehn-, auch hunderttausend dieser Art Heilpflanzen
werden nicht imstande sein, diesen Gifttee des vollen Kessels zu entgiften!
Aber es wächst auf dieser Erde ein ganz kleines Pflänzchen auf den indischen
Hochalpen – auch am Sinai kommt es vor –: nur ein kleines Stückchen, etwa so
groß wie ein mittelmäßiger Grashalm, dürfen wir in den großen Giftkessel
werfen, und im Augenblick ist all sein Gift in den allerheilsamsten Tee
verwandelt!
[GEJ.04_146,02] ,Wie möglich das?‘ fragst
ganz erstaunt du, weiser Stahar, nun. Und Ich sage dir, daß auch das mit ganz
natürlichen Dingen zugeht. Wie, das soll dir und auch allen anderen sogleich
und ganz klar gezeigt werden.
[GEJ.04_146,03] Siehe, wenn es in einer
mondlosen Gewitternacht so recht stock-, kohl- und rabenfinster ist, da wird es
dir doch vorkommen, daß es nun schon in der ganzen Unendlichkeit gleichwegs
also finster ist. Diese Finsternis, die dem Augenlichte wenigstens auf eine
Zeit ein tödliches Gift ist, weil sie dasselbe alles seines Vermögens beraubt, wird
ihres Giftes durch einen kleinsten Funken Lichtes aus der Sonne ledig und im
Augenblick in ein helles Licht verwandelt.
[GEJ.04_146,04] Spannest du schon, wohinaus
es gehen wird? Spannen und ahnen kannst du wohl, aber wissen noch lange nicht!
Da du es aber nicht wissen kannst, so höre!
[GEJ.04_146,05] Wie kann denn ein Funke des
Sonnenlichtes schon die ganze Finsternis verscheuchen, und warum ist es ohne
denselben überhaupt finster? Die Luft besteht ja aus denselben Geistern zur
allerfinstersten Nachtzeit wie am hellsten Tage!
[GEJ.04_146,06] Wenn die Sonne einmal
vollends untergegangen ist, so begeben sich nach und nach die
Naturlebensgeister zur Ruhe, jedes für sich speziell, und weil sie in sich
selbst ruhen und in ihren leichten Hülschen nicht vibrieren, so merkt des
Fleisches Auge ihre Gegenwart und ihr Sein nicht, und die fühlbare Folge davon
für des Fleisches Auge ist die finstere, lichtlose Nacht.
[GEJ.04_146,07] Du meinst freilich, daß auch
in der Nacht der Wind weht und die Naturlebensgeister sonach doch nicht
ruheten! Oh, da irrst du dich und hast keinen Begriff von der innern speziellen
Bewegung eines Naturgeistes! Der Wind zieht wohl auch in der Nacht, und somit
machen auch offenbar die Naturlebensgeister eine Bewegung, – aber keine
spezielle in sich, sondern eine allgemeine nach irgendeiner bestimmten
Richtung, genötigt durch irgendeinen höheren Geist. Wenn aber auf irgendeinem
Punkte ein Naturgeist oder eine ganze, große Gesellschaft von Naturgeistern,
welche da sind jene Feuerzungen, die du gesehen hast gleich allen anderen hier
Anwesenden, in eine außerordentliche innere vibrierende Bewegung gerät, so wird
es auf jenem Punkte für das Auge empfindlich hell und licht und zeigt den
Moment eines Sich-Ergreifens und Etwas-Werdens an.
[GEJ.04_146,08] In solch einem Momente aber
werden eine unzählbare Menge von Naturlebensgeistern in der weitesten Umgebung
mit erregt, und es wird somit licht und helle im weitesten Umkreise. Von einer
je heftiger vibrativ tätigen Naturgeistersphäre aber die nachbarlichen Geister
erregt werden, desto heller wird es im weitesten Umkreise, und so verkehrt sich
eine sich zu irgendeinem Etwas-Werden ergriffen habende Geistermenge in ein
ähnliches Streben; und das Licht der Sonne liefert durch seine produktive Kraft
und Einwirkung auf den Weltkörpern, die ihr nahe genug stehen, dafür den
sprechendsten Beweis.
[GEJ.04_146,09] Aber nicht nur auf den
Planeten werden die freien Naturlebensgeister zu einem Etwas-Werden durch das
Sonnenlicht erregt, sondern auch im freien Ätherraume; denn da entstehen durch
ein solches Sich-Ergreifen der freien Naturlebensgeister oft Dinge, von denen
sich eure Weisheit noch nie etwas hat träumen lassen.
[GEJ.04_146,10] Wie du aber nun gesehen hast,
daß ein einziger Lichtfunke nach der Kraft des Sonnenlichtes einen ungeheuer
großen finstern Raum augenblicklich in ein helles Licht umgestalten kann, so
gestaltet das angeführte Heilkräutlein den ganzen großen Kessel voll Gifttees
in einen heilsamsten Trank um, weil die Naturlebensgeister im kleinen Heilkräutlein
zu intensiv tätig sind in der rechten guten Ordnung und darum die trägeren und
widerordentlichen Geister der Giftpflanze augenblicklich in eine ordentliche
Tätigkeit hinüberzwingen.
[GEJ.04_146,11] Also steht es auch mit der
Einwirkung eines wahrhaft lebensvollendeten Menschen – einmal auf seine
Nebenmenschen und dann aber auch auf die noch freien Naturlebensgeister in
einem weiten Umkreise.
[GEJ.04_146,12] An und für sich gute und
ordentliche Menschen werden unter mehr und minder Guten auch gut wirken, und
die Minderguten werden an ihnen recht heilsame Kräuter haben. Wenn aber diese
nur an sich recht natürlich guten Menschen unter recht grundschlechte, böse und
ausgelassene Menschen geraten, die ihr böses Haar auf den Zähnen tragen, so
werden sie gar bald und leicht mitverdorben, weil ihre innere
Lebensordnungskraft ihnen kein Gegengewicht bieten kann; ist aber ein Mensch in
sich vollendet, so gleicht er dem kleinen Heilkräutel im großen Giftteekessel
und dem Sonnenlichtfünklein im weitesten Nachtraume.
[GEJ.04_146,13] Wenn du auch das nun ganz
gehörig aufgefaßt hast, so wirst du doch endlich ganz einsehen, wie alles Übel
unter den Menschen auf dieser Erde wahrlich nicht vom Zorne und von der
Gottesrache, sondern allein von der Lebensordnung der Menschen herrührt, so wie
auch das Gute oft von einem einzigen in sich vollendeten Menschen.
[GEJ.04_146,14] Und da Ich dich auf diese
instruktive Weise nun zurechtgebracht habe, so steht es nun wieder bei euch
allen, Mich noch um irgend etwas zu fragen, das euch aus der Sphäre der
Sterbegeschichte des alten Lazarus fremd sein könnte. – Einer aus euch hat noch
eine kleine Frage im Hintergrunde; er lasse sie vernehmen!“
147. Kapitel
[GEJ.04_147,01] Sagt Mathael: „Herr, dieser
eine werde offenbar ich selbst sein! Denn ich habe im Ernste noch so eine
Kleinigkeit im Hintergrunde, die ich mir trotz meines scharfen Nachdenkens
nicht so recht zusammenreimen kann!“
[GEJ.04_147,02] Sage Ich: „Ja, ja, eben du
bist es; gib es von dir, was dich drückt!“
[GEJ.04_147,03] Sagt weiter Mathael: „Als ich
und mein Vater von unserm Hause mit dem jungen Lazarus nach Bethania zogen und
auf dem Wege die große Lichterscheinung sahen, so empfanden wir dabei eine ganz
bedeutende Wärme. Als aber die Lichterscheinung endlich ganz erlosch, da ward
es nebst der plötzlich eingetretenen totalen Finsternis auch so empfindsam
kalt, daß es mich durch und durch zu fiebern begann. Worin nun diese Kälte
ihren Grund haben mag, bringe ich mit meinem Denken durchaus nicht heraus; wenn
es Dir, o Herr, genehm wäre, möchte ich den Grund davon wohl auch noch
erfahren!“
[GEJ.04_147,04] Sage Ich: „Nun, da liegt der
Grund zum Mit-den-Füßen-Darauftreten nahe! Wenn du zwei Stücke Holzes recht
fest aneinander reibst, so werden sie dadurch erwärmt, heiß, entzünden sich am
Ende wohl gar und fangen lichterloh zu brennen an. Warum geschieht denn das?
Weil die im Holze und in dessen Zellen und Organen vorhandenen
Naturlebensgeister aus ihrer stummen und stumpfen Ruhe zu gewaltsam geweckt und
erregt werden, alsbald in eine große selbstische, vibrierende Bewegung geraten
und sich schon als ein Licht und Feuer zu zeigen anfangen, dadurch die noch
trägeren angrenzenden Geister mit erregen und so am Ende alle
Naturlebensgeister in die erregteste Bewegung oder, geradeheraus gesagt, in
Brand stecken. Ist es mit der Erregung oder mit dem Brennen zu Ende, so kühlt
sich dann bald die ganze Naturlebensgeisteranzahl schnell ab; je heftiger eine
Erregung bewirkt wird, desto schneller tritt dann eine Ermattung der
Naturgeister ein, mit ihr die Ruhe, und mit dieser die Kälte.
[GEJ.04_147,05] Ein ganz glühendes Stück Holz
oder eine Glühkohle ist selbst beim stärksten Angefachtsein nie so heiß wie ein
ebenso stark glühendes Stück Erz. Der Grund davon ist, daß die Naturgeister im Erze
einer größeren Erregung fähig sind als jene im Holze; wenn aber die Kohle und
das Erz sich abkühlen in einer gleich kalten Temperatur, so wird das Erz sich
schneller abkühlen denn die Kohle und wird in ganz abgekühltem Zustande um ein
bedeutendes kälter anzufühlen sein denn die auch ganz abgekühlte Kohle.
[GEJ.04_147,06] Wenn es im Sommer an einem
Tage sehr heiß und schwül wird, so fangen die Naturlebensgeister an, sich zu
regen, und dies mächtigere Regen erzeugt auch die stets größere Wärme und
Schwüle. Wird diese größer oder intensiver, so geschieht das dadurch, daß sich
die bewußten Geister enger aneinander zu drücken anfangen und bald in der
Gestalt von Nebeln und Wolken auch dem Fleischauge ersichtlich werden.
[GEJ.04_147,07] Wie bei einer solchen Gelegenheit
aber die Wolken sich mehren und mehren, ist euch bekannt, wie auch, daß es am
Ende in den Wolken zu blitzen und aus denselben ganz gewaltig zu regnen und
mitunter auch zu hageln anfängt, was eine Wirkung der euch auch schon bekannten
Friedensgeister ist.
[GEJ.04_147,08] Je heftiger aber bei einem
Gewitter die Blitze folgen und leuchten, desto kälter wird bald darauf die
Luft, – was alles eine Folge der Sich-zur-Ruhe-Legung der aufgeregten
Naturgeister ist, wozu sie freilich von den mächtigen Friedensgeistern genötigt
werden. Also ward es auch bei deiner großen, mächtigen Lichterscheinung, als
sie verschwand, aus dem ganz gleichen Grunde kühl und ordentlich kalt. – Bist
du nun auch darin im klaren?“
[GEJ.04_147,09] Sagt Mathael: „Herr, ich
danke Dir für diese Aufhellung; ich bin nun auch darin im klaren!“
148. Kapitel
[GEJ.04_148,01] Sage Ich: „Wenn also, da mußt
du uns schon noch den Sterbefall erzählen von einem Knaben, der von einem Baume
herabfiel und bald darauf verschied, und zugleich aber auch jenen eines
Menschen, der sich selbst in einen Teich stürzte und ertrank und somit einen
Selbstmord beging. Fasse dich aber kurz und gib uns nur die Hauptmomente kund!“
[GEJ.04_148,02] Mathael begann sogleich zu
reden und sagte: „Nur um eine kleine Geduld bitte ich; denn ich möchte die
beiden Fälle auf einmal zusammen erzählen und muß mich darum zuvor ein wenig
fassen!“
[GEJ.04_148,03] Sagte Ich: „Tue das; Ich aber
werde dir schon die rechte Art und Weise in den Mund legen, und es wird auch
ohne eine Vorfassung gehen!“
[GEJ.04_148,04] Sagte darauf Mathael: „Ja,
wenn also, dann werde ich mich freilich nicht lange zu fassen nötig haben und
werde darum als sogleich die mir noch sehr wohl im Gedächtnisse haftenden
beiden Begebenheiten so treu und wahr als mir nur immer möglich erzählen!“
[GEJ.04_148,05] Sagen alle laut: „Nun, hoher
Vizekönig der Völker um den weiten Pontus bis an das Kaspische Meer, freuen wir
uns alle ganz besonders auf deine Erzählungen; denn im Erzählen bist du
wahrlich ein unübertrefflicher Meister!“
[GEJ.04_148,06] Sagt Mathael: „Zum Erzählen
gehört vor allem eine kleine Sprachkundigkeit und eine große Wahrheitsliebe.
Wer wahr erzählt, hat immer einen Vorzug vor einem Fabeldichter! Doch sei dem
nun, wie ihm wolle; was ich euch nach dem Wunsche des Herrn zu erzählen habe,
ist eine von mir erlebte Geschichte, wie ich deren von der Wiege an bis in mein
zwanzigstes Jahr viele erlebt habe. Ich werde sie euch mit der Zunge geben, wie
ich sie in meinem siebzehnten Lebensjahre erlebt habe an der Seite meines stets
um mich seienden, durch meine Gesichte schon ganz weise gewordenen Vaters. Die
beiden Geschichten aber lauten also:
[GEJ.04_148,07] Es war um die Zeit der
allgemeinen Judenreinigung, wo – wie bekannt – am Jordanflusse der Sündenbock
für alle Judensünden geschlachtet und geopfert und am Ende unter allerlei
Geplärr und Gebetsformeln und Verfluchungen in den lieben Jordanfluß geworfen
wird. Nun, darüber noch ein Wort mehr zu verlieren, wäre ein eitles und
wertloses Geplauder, da derlei Zeremonie jedem noch so geringen Juden nur zu
bekannt ist.
[GEJ.04_148,08] Weniger bekannt aber dürfte
euch sein, daß damals bei dem erwähnten Sündenbocksopferfeste eine übergroße
Volksmenge sich eingefunden hatte. Griechen, Römer, Ägypter und Perser waren
zahlreich vertreten. Kurz, an Neugierigen gab es keinen Mangel!
[GEJ.04_148,09] Daß die Knaben von dem
Schauspiele doch auch etwas sehen wollten, wird euch begreiflich sein. Daß sie
aber wenig sehen konnten über die großen Leute hinweg, das wird euch auch begreiflich
sein, und auch begreiflich, daß die Neugierde die nichtssehenden Knaben auf die
nahestehenden Bäume trieb. Es dauerte gar nicht lange, als den vielen Knaben am
Ende der gastlichen Bäume zu wenig wurden und sie sich auf den Ästen zu zanken
begannen. Sie wurden wohl zu öfteren Malen zur Ruhe gewiesen, aber es halfen
diese gutgemeinten Zurechtweisungen wenig oder auch gar nichts.
[GEJ.04_148,10] Ich und mein Vater saßen auf
unseren Kamelen, die wir von einem Perser, den mein Vater von einer bösen Krankheit
geheilt hatte, zum Geschenk erhielten; es waren beide Doppelhöcker und sonach
zum Reiten um vieles bequemer denn die Einhöcker. Wir übersahen darum auch ganz
bequem die ganze Geschichte. Unfern von unserm Standpunkte stand eine recht
schöne und hohe Zypresse, auf deren schon von Natur aus eben nicht zu kräftigen
Ästen sich drei Knaben zankten. Jeder war bemüht, sein Gewicht möglichst dem
stärksten Aste anzuvertrauen.
[GEJ.04_148,11] Da aber dieser schon sehr
bejahrte Baum eigentlich nur zwei Äste von einer noch derart soliden Stärke
besaß, daß man ihnen sein Leben anvertrauen konnte, so stritten sich die drei
Knaben um den Besitz der zwei stärkeren Äste, und ein dritter war genötigt,
sich mit einem eigentlich mehr Zweige als Aste zu begnügen. In einer Höhe von
immerhin gut fünf Mannslängen kauerte der dritte auf seinem Aste, der mehr ein
Zweig denn ein Ast war.
[GEJ.04_148,12] Es ging aber die Sache eine
Stunde nun leidentlich, bis sich gen Mittag hin ein ziemlich starker Wind
erhob, der den Gipfel unserer Zypresse in ein recht bedenkliches Schwanken
brachte und den Rauch vom stark dampfenden Opferaltare gerade diesen drei
Knaben so recht armdick ins Gesicht trieb, daß sie die Augen zuhalten mußten,
um nicht einen förmlichen Strom von Tränen umsonst zu vergießen.
[GEJ.04_148,13] In dieser höchst bedenklichen
Stellung betrachtete ich mir den auf dem schwachen Zweigaste kauernden Knaben.
Als der Rauch so recht, man könnte sagen, pfundschwer, ihm ins Gesicht
getrieben ward, da bemerkte ich auf einmal zwei große Fledermäuse um seinen
Kopf herumschwirren. Sie hatten die Größe von zwei ganz ausgewachsenen Tauben
und trieben dem armen Kerl noch mehr Rauch ins Gesicht.
[GEJ.04_148,14] Ich machte hier meinen Vater
aufmerksam und sagte zu ihm, daß hier sicher ehestens etwas Unangenehmes vor
sich gehen werde. Ich sagte ihm auch, was ich sah, und daß mir die beiden
Fledermäuse gar nicht natürlich vorkämen, und zwar aus dem Grunde, weil sie
sich bald vergrößerten und bald wieder verkleinerten.
[GEJ.04_148,15] Der Vater lenkte sein Kamel,
auf dem er saß, an den Baum und rief dem Knaben auf dem Baume zu, daß er vom
Baume eiligst herabsteigen solle, ansonst er ein Unglück haben werde. Ob der
Knabe meines Vaters ziemlich laut gesprochene Worte vernommen hatte oder nicht,
weiß ich kaum als eine Wahrheit zu bezeichnen; denn ich bemerkte nur stets das
frühere Schauspiel, und wie der sehr bedenklich auf dem Zweige kauernde Knabe
sich stets mehr und mehr mit der Hand die vom dicken Rauche beleidigten Augen
auszuwischen begann und nahe halbblind sein mußte.
[GEJ.04_148,16] Da der Vater aber sah, daß
sein warnendes Rufen an den Knaben total ohne Wirkung blieb, so entfernte er
sich wieder vom bedenklichen Baume, kam wieder zu mir und fragte mich, ob ich
noch das Gesicht habe. Ich bejahte die Frage der vollen Wahrheit gemäß und
beteuerte, daß der Knabe, wenn er nicht sogleich vom Baume entfernt würde, ein
unvermeidbares Unglück werde erleiden müssen. Sagte der Vater: ,Ja, mein Sohn,
was läßt sich da machen?! Eine Leiter haben wir nicht, und aufs Zurufen verläßt
der Knabe den Baum nicht; man ist darum genötigt abzuwarten, was Gott der Herr
über diesen ungehorsamen Knaben wird kommen lassen.‘
[GEJ.04_148,17] Mein Vater hatte gerade das
letzte Wort ausgesprochen, als der schwache Ast, durch die stetige Bewegung des
Knaben zu oft und zu sehr hin und her und auf und ab gebogen, brach, der Knabe,
natürlich nun ganz stützlos, die Höhe von stark fünf Mannslängen häuptlings auf
einen unter dem Baume befindlichen Stein mit aller Gewalt auffiel, sich die
Hirnschale einschlug, das Genick brach und somit auch gleich tot liegenblieb.
[GEJ.04_148,18] Darüber entstand im Volke ein
Spektakel; alles drängte sich hin zu dem verunglückten Knaben. Was half aber
das nun, da der Knabe einmal tot war?! Die römischen Wachen trieben endlich das
Volk auseinander, und es ward sogleich mein wohlbekannter Vater berufen, den
Knaben zu untersuchen, ob er wirklich tot sei, oder ob an ihm etwa noch
Wiederbelebungsversuche mit Erfolg angewendet werden könnten. Mein Vater befühlte
des Knaben zerschmettertes Haupt und dessen Genick und sagte: ,Da hilft kein
Kraut und keine Salbe mehr! Denn dieser ist nicht nur einfach, sondern zweifach
tot und wird in dieser Welt nimmer lebend werden!‘“
149. Kapitel
[GEJ.04_149,01] (Mathael:) „Zugleich aber
fragte mich der Vater, was ich etwa noch als etwas Besonderes an dem Knaben
entdecke.
[GEJ.04_149,02] Ich sprach auf griechisch zu
ihm und sagte: ,Jene beiden großen Fledermäuse haben über seiner Brusthöhle
sich vereinigt, und zwar in der Gestalt eines ganz betrübt aussehenden Affen,
und bemühen sich nun, von dem Leibe sich zu trennen, scheinen aber von
demselben noch derart angezogen zu sein, daß es ihnen vorderhand noch nicht
möglich ist, sich von dem Leibe ganz wegzumachen; aber je länger da ihre Mühe
dauert, desto mehr werden sie eins, und – da, nun sind sie als ein flüchtig
Wesen vom Leibe los! Das hockt und springet nun noch um den Leib, als suchte es
irgend etwas!‘
[GEJ.04_149,03] ,Das wird doch nicht die Seele
des Knaben sein?‘ sagte der Vater.
[GEJ.04_149,04] Sagte ich: ,Ja, das weiß ich
wahrlich selbst durchaus nicht! Sollte so ein verwahrloster Knabe denn im
Ernste noch keine bessere Seele haben?! Nun hockt dies sonderbare Wesen beim
noch blutenden zerschmetterten Kopfe und tut, als leckte es das Blut aus der
großen Wunde. Es bringt aber dennoch nichts von der Stelle! Nur den leichten
und ganz schwach sichtbaren Blutdampf schlürft es ein und bekommt dadurch ein
etwas mehr menschliches Aussehen. – Aber nun kommen Träger, die höchst
wahrscheinlich den Leichnam von der Stelle schaffen werden! Bin neugierig, ob
dies Affenwesen sich auch mit bewegen wird!‘
[GEJ.04_149,05] Es kamen in diesem Momente
vier Träger mit einer ziemlich langen Stange, banden den Leichnam mit
Leintüchern an die Stange, hoben ihn auf und trugen ihn von dannen.
[GEJ.04_149,06] Sagte ich: ,Aber das Wesen
bleibt und sieht um sich wie jemand in einer großen Leere, in der nirgends
etwas zu erschauen ist. Uns Leibesmenschen scheint es nicht zu sehen. Nun
kauert es sich an der Stelle nieder, wo der Knabe vom Baume herabgestürzt ist,
und macht Miene, als wollte es einschlafen. Das muß denn doch im Ernste die
Seele des Knaben sein!‘
[GEJ.04_149,07] Sagte der Vater: ,Nun,
glücklicherweise geht die Bockvernichtungsgeschichte ihrem Ende zu! Nur noch
die Sentenz (Urteilsspruch) über jene, die von dieser allgemeinen Reinigung als
zu große und böse Sünder ausgeschlossen sind, dann wird es gar sein! Wie alle
Jahre: immer eine und dieselbe Geschichte, – für mich ohne Segen, Kraft und
Nutzen, und ich glaube, auch für jedermann!‘
[GEJ.04_149,08] Darauf schwieg der Vater,
hörte die Sentenzen an und ärgerte sich nicht wenig darüber, als der erste
Fluch über die armen Samaritaner, dann erst über alle Heiden, über die Essäer,
Sadduzäer und, so mehr leichtweg, auch über unbußfertige Blutschänder, Bruder-,
Vater- und Muttermörder, Tierschänder und Ehebrecher und – mit der
fürchterlichsten Sentenz – am Schlusse über die Verächter des Tempels und
seiner Heiligtümer ausgesprochen ward.
[GEJ.04_149,09] Nach dieser durchaus nicht
erbaulichen Zeremonie, bei der jeder Fluch dem Gewande des Hohenpriesters einen
gewaltigen Riß zubrachte, zog sich bald alles in die Stadt zurück; nur ein
Mensch, den wahrscheinlich die wohlmeinenden Fluchtsentenzen etwas mehr als
recht aus der Lebensfassung brachten, blieb an einem Teiche stehen, der unfern
von uns lag und eigentlich ein alter, noch immer sehr tiefer, vom Jordan
erzeugter Tumpf war, von dem einige Narren fabelten, als hätte sich durch
dieses bei hundert Mannslängen im Umkreise habende Loch das Wasser der Sündflut
von der ganzen Erde verloren in einem Jahre und etlichen Tagen. Daß dieser
Tumpf zwar sehr tief ist, das ist wahr, – aber ohne Grund und Boden wird er
wohl auch nicht sein.
[GEJ.04_149,10] Es kam meinem Vater etwas
verdächtig vor, wie der Mensch gar so stier und wirr von einem ins Wasser des
Teiches stark vorspringenden Felsen in den schwarzen Tumpf hineinsah. Er fragte
mich, ob ich etwa um jenen Mann herum oder etwa über ihm etwas Ungewöhnliches
entdecke.
[GEJ.04_149,11] Ich sagte, wie es vollkommen
wahr war: ,Ich entdecke nichts, kann aber dennoch nicht leugnen, daß mir der
ganze Mensch durchaus nicht gefällt! Ich glaube, daß man da gar kein irriges
Prognostikon stellete, so man behauptete: Der wird ehestens mit dem ganzen,
höchst eigenen Leibe untersuchen gehen, wie tief etwa der Tumpf ist!‘
[GEJ.04_149,12] Ich gebe das so getreu
wieder, wie ich damals geredet habe, obwohl mein Vater es nie gerne hörte, wenn
ich so bei ganz ernsten Dingen ein wenig zu witzeln anfing, – wozu ich ein ganz
besonderes Talent besaß. Daher wolle Du, Herr, es hier mir auch gnädigst
nachsehen, wenn ich mich hier eben jener Worte bediene, deren ich mich damals
bedient habe!“
[GEJ.04_149,13] Sage Ich: „Wie du redest,
also ist es recht; denn also will Ich es, und also lege ja Ich Selbst dir
sozusagen die Worte in den Mund! Erzähle nun weiter; alle hören dich mit aller
Aufmerksamkeit an!“
[GEJ.04_149,14] Und Mathael begann gleich
weiterzuerzählen und sagte: „Ich aber hatte kaum das letzte Wort ausgesprochen,
so hob der Mensch seine Hände in die Höhe und sagte sehr laut: ,Der
Hohepriester hat mich verflucht, weil ich ein Essäer ward und den Tempel
verlassen habe, um zu erlernen eine andere und bessere Weisheit, die ich aber
dort ebensowenig fand wie in dem Tempel zu Jerusalem. Ich aber bin reuig in den
Tempel zurückgekehrt und habe gebetet und geopfert; aber der Hohepriester
verwarf mein Opfer, schalt mich einen allerärgsten Tempelschänder und verfluchte
mich für ewig, indem er sieben Risse in sein Kleid tat. Nun, bei der
allgemeinen Reinigung, hoffte ich eine Milderung seines ausgesprochenen Fluches
zu erlangen; allein vergeblich harrte ich darauf! Er bekräftigte nur noch mehr
den alten Fluch und machte mich zu einem Verfluchten vor Gott und den Menschen!
Ich bin also verflucht! – So sei ich denn verflucht!‘ – Mit diesen überlaut
geschrieenen Worten stürzte er sich vom Felsen hinab in den Teich und ertrank.“
150. Kapitel
[GEJ.04_150,01] (Mathael:) „Es dauerte aber
gar nicht lange, so entdeckte ich etwas wie ein graues Menschengerippe auf der
Oberfläche des Wassers langsam herumschwimmen, begleitet von ganz sonderbar
aussehenden schwarzen Enten. Es mögen derer bei zehn an der Zahl gewesen sein.
Nur die Füße, aber erst unter den Knöcheln, waren ganz mager befleischt; alles
andere waren haut- und fleischlose Knochen, was mir im hohen Grade sonderbar
vorkam. Anfangs lag das schwimmende Gerippe mit dem Gesichte nach oben gekehrt;
aber nach etwa einer halben Stunde hatte es sich umgedreht, fing wie ein
gewandter Schwimmer mit Händen und Füßen an zu arbeiten und schien sich zu
bemühen, die schwarzen Enten von sich abzuwehren. Diese aber waren hartnäckig
und wollten den sehr unheimlich aussehenden Schwimmer durchaus nicht verlassen.
[GEJ.04_150,02] So trieb sich dies
rätselhafte Gebilde eine gute Stunde, bald schneller und bald wieder langsamer,
auf des Teiches Oberfläche nach allen Richtungen herum, tauchte auch ein paar
Male unter und kam wieder in die Höhe. Ich hätte dies Ungetüm für ein
Wassertier gehalten, wenn mein Vater dasselbe auch gesehen hätte; aber er
konnte seine sonst scharf sehenden Augen noch so sehr anstrengen, so konnte er
aber dennoch nichts erschauen, wodurch ich dann ganz natürlich die Überzeugung
gewinnen mußte, daß das im Teiche herumschwimmende Totengerippe etwas
Unnatürliches, also Seelisches und Geistiges, war. Nach einer Stunde ward es
ganz ruhig, und die schwarzen Enten taten, als nippten sie dem Gerippe noch
irgendein vorhandenes Stück Fleisches herab.
[GEJ.04_150,03] Weil da nichts von
irgendeiner Bedeutung mehr geschah, so kehrten wir wieder zu unserem Affen
zurück, der sich eben emporzurichten anfing und zu versuchen begann, auf den
zwei Hinterbeinen zu stehen und schlechtweg zu gehen. Aber mit dem Gehen ging
es schlecht. Das Wesen sank bei jedem fünften Schritte mit den Vorderbeinen zur
Erde, erhob sich jedoch schnell wieder und sah sich dabei stets nach allen
Richtungen um, und man konnte aus dem Charakter des emsigen Umherschauens den Schluß
ziehen, als fürchte sich das Wesen vor irgend etwas oder als habe es einen
bedeutenden Hunger und sehe sich nach einer ihm zusagenden Kost um. Mit diesen
Geh- und Stehversuchen kam es bis zu unserm berüchtigten Teiche. Dort ersah es
aber bald unser Gerippe, das sich nun wieder im Teiche in der Gesellschaft der
unheimlichen Enten herumtrieb.
[GEJ.04_150,04] Als unser Affe, oder sicher
unseres verunglückten Knaben Seele, des Gerippes ansichtig ward, da stieß er
einen heftigpfeifenden Schrei aus und betrachtete das Gerippe mit einer
besonderen Aufmerksamkeit. Nach einer Zeit von etwa einer halben Stunde
richtete er sich ganz gerade wie ein Mensch auf, und ich vernahm ganz deutlich
die Worte in einer Art Lispelstimme: Das war meines schlechten Leibes unglücklicher
Vater! Wehe ihm und mir; denn uns beide hat Jehovas Zorn und Gericht ereilet!
Bei mir kann immerhin noch geholfen werden; aber wie wird ihm zu helfen sein?
[GEJ.04_150,05] Hier hielt der Affe inne und
zeigte ein höchst betrübtes Gesicht, während im Teiche die schwarzen Enten ganz
munter das nicht viel Leben äußernde Gerippe im Wasser herumneckten und
herumtrieben. Dieser Stand dauerte nun abermals eine gute halbe Stunde, und es
verliefen sich bei der Gelegenheit nahe auch alle Menschen bis auf etliche
wenige Römer und Griechen, die aber in einem sehr geschäftlichen Diskurse
standen und auf unsere stillen Beobachtungen gar nicht achteten.
[GEJ.04_150,06] Mein Vater fragte mich, ob
ich irgend weiteres noch bemerke. Ich verneinte und sagte ganz kurz: ,Nicht das
Geringste bis jetzt!‘
[GEJ.04_150,07] Da meinte der Vater, daß wir
gehen könnten; denn da werde schon alles Sehens- und Denkwürdige beisammensein,
und es dürfte uns etwas Weiteres, was da Jehova mit den beiden Seelen
unternehmen werde, kaum kümmern.
[GEJ.04_150,08] Ich aber sagte: ,Vater, bei
drei Stunden Zeit haben wir den beiden Seelen gewidmet und haben auch nichts
davon außer ein stilles, trauriges Spektakel vor meinen Augen; widmen wir ihnen
darum noch eine Stunde, – vielleicht kommt da doch noch irgend etwas
Interessantes heraus!‘ Der Vater war mit meinem Antrage ganz zufrieden, und wir
blieben. Nach wenigen Augenblicken dieser unserer Unterredung aber bekam die
Sache plötzlich ein anderes Gesicht.
[GEJ.04_150,09] Der Affe richtete sich plötzlich
ganz voll Grimmes auf, sprang auf des Wassers Oberfläche und fing daselbst an,
die unheimlichen Enten zu fangen, und wehe jeder, die er gefangen hatte! In
einem Nu ward sie in tausend Stücke zerrissen! Bis auf fünf hatte er alle
vernichtet; die übriggebliebenen fünf aber machten sich auf und davon.
[GEJ.04_150,10] Als diese bösen Enten auf
diese Weise verschwunden waren, hob der Affe das Gerippe aus dem Wasser und
setzte es, mir sichtbar, ungefähr fünf Schritte weg vom Teiche auf einen recht
schönen Rasenfleck und sagte dann: ,Vater in deiner großen Armut, vernimmst du
meine Stimme, vernimmst du mein Wort?‘ Da nickte das sitzende Gerippe mit dem
offenbarsten Totenschädel und gab dadurch offenbar zu verstehen, daß es des
Sohnes Worte vernehme und sicher auch verstehe.
[GEJ.04_150,11] Und der Affe, der nun aber
zusehends mehr Menschliches in seiner Form annahm, erhob sich, als hätte er
eine bedeutende Gewalt, und sagte nun mit einer mir sehr wohl vernehmbaren
Stimme: ,Vater! So es einen Gott gibt, da kann es nur einen guten und gerechten
geben! Dieser Gott verflucht niemanden; denn so der Mensch ein Werk dieses
Gottes ist, kann er keine Pfuscherei, sondern nur ein Meisterwerk sein! Fände
sich aber ein Meister, der im Ernste sein Werk verfluchte, so stünde er ja tief
unter einem ärgsten Pfuscher; denn sogar ein Pfuscher verdammt sein Werk nicht,
sondern hält sich darauf noch was zugute. Und Gott als ein Großmeister aller
Meister sollte Seine Werke verfluchen?
[GEJ.04_150,12] Das Verfluchen und Verdammen
ist eine Erfindung der Menschen als Folge der Blindheit und Unausgebildetheit
der menschlichen Natur. Die Fehltritte, die ein erst werdender Mensch begeht,
sind Proben, wie der selbständig werden sollende Mensch seine Willensfreiheit
gebrauchen soll, und das Handeln des Menschen ist eine Übung der
Sichselbstbestimmung in der Sphäre des Erkennens sowohl, als auch in der Sphäre
des freien Wollens in einer gewissen Ordnung, die also gestellt sein wird durch
alle endlosen Reihen der großen Schöpfungen des einen weisen Schöpfers, daß nur
in solch einer Ordnung eine Existenz der Wesen für zeitlich und ewig denkbar
ist und sein kann.
[GEJ.04_150,13] Der Fluch der Menschen ist
ein böses Stück aus ihrer Nachtseite; sie verderben sich und ihre Nebenmenschen
und stürzen am Ende Völker in die größte Not, in den größten Jammer und in alle
Verzweiflung. Dich, meinen armen Erdenvater, tötete des Hohenpriesters
zehnfacher Fluch, obwohl du vor Gott dich nicht eines Fluches würdig gemacht
hast. In deiner großen Verzweiflung nahmst du dir selbst das zeitliche
Leibesleben und bist nun elend hier als eine traurigste Ausgeburt des pur
menschlichen Divinationshochmutes; ich aber habe sicher Gnade von Gott bekommen
und so viel Einsicht und Kraft, den zehnfachen Hohenpriesterfluch, der dich in
der Gestalt schwarzer Wasservögel plagte, von dir zu entfernen, und du bist nun
im Freien und Trockenen. Ich aber werde nun alles aufbieten, dir hier in dieser
deiner großen Not und Armut zu helfen, soviel mir meine Lebenskraft gestatten
wird!‘
[GEJ.04_150,14] Während dieser Rede gewann
der frühere Affenmensch stets mehr und mehr an wahrhaft menschlicher Form, und
nach dem Schlusse der angeführten Anrede ward der Mensch vollkommen ausgebildet
zu einer ganz anmutigen Menschenform und wurde angetan wie aus der Luft mit
einem lichtgrauen Faltenkleide. Neben ihm aber lag noch etwas in einem Tuche
Eingewickeltes. Der nun ganz schöne Knabe löste es und zog ein langes, aber
dunkelgraues Hemd hervor und sagte: ,Aha, das ist ein Kleid für dich; laß es
zu, daß ich es dir anziehe!‘
[GEJ.04_150,15] Der Gerippemensch nickte
bejahend, und der Knabe legte ihm das Hemd in einem Nu an und band ihm das
Tuch, das von einer etwas helleren Farbe war, um die Stirne in der Art eines
Turbans, und es bekam dadurch das Gerippe ein besseres Ansehen. Der nun ganz
mutige Knabe griff darauf dem Alten unter die Arme und wollte ihn aufrichten
zum Stehen; aber das gelang ihm nicht.
[GEJ.04_150,16] Nach mehreren Versuchen rief der
Knabe, der nun schon eine Jünglingsgröße hatte, mit durchdringend lauter
Stimme, die sogar mein Vater gehört zu haben vorgab, aber ohne Artikulation:
,Jehova! Wenn du irgendwo bist, so sende mir und meinem Vater irgendeine Hilfe!
Er hat nicht gesündigt, sondern derer gröbste Sünde, die als Menschen ein
göttliches Ansehen sich anmaßen, um von der Welt desto mehr Ehre und Nutzen zu
ziehen, hatte ihn wie ein aus den Wolken gefallener Stein ordentlich zermalmt,
und er liegt nun hier als eine arme, von der Welt verdammte Seele! Wird sie
darum auch von Dir aus für ewig verdammt sein und bleiben? Gib ihr wenigstens
eine Haut über die scheinbaren Knochen! Denn zu sehr dauert mich des Vaters zu
grauenerregende Kahlheit! Hilf Jehova, hilf!‘
[GEJ.04_150,17] Auf diesen Ruf erschienen
bald zwei mächtige Geister und rührten das Gerippe in der Gegend der Schläfe
an. Augenblicklich bekam es Sehnen, Haut, etwas wenig Haare und – wie es mir
vorkam – auch die Augen, aber sehr hohl und tiefliegend. Aber keiner von den
beiden Geistern verlor ein Wort, und sie verschwanden nach dieser Handlung
alsogleich wieder.
[GEJ.04_150,18] Darauf versuchte der nun
schon ganz vergnügt aussehende Knabe den nunmaligen Skelettmenschen
aufzurichten, daß er stehe; und es gelang ihm diesmal. Als der Alte nun stehen
konnte, fragte der Junge ihn, ob er auch gehen könnte. Der Alte bejahte solches
mit einer äußerst kreischend hohlen Stimme; der Junge aber griff ihm gleich
unter die Arme, und beide bewegten sich nun gegen Süden weiter, und bald wurden
sie mir unsichtbar.“
151. Kapitel
[GEJ.04_151,01] (Mathael:) „Das waren die
beiden Historien, die ich erlebt habe. Was mit den beiden weiterhin im Reiche
der Geister geschehen ist, weiß ich ganz sicher nicht; also verstehe ich auch
trotz Deiner früheren Erklärungen durchaus noch lange nicht, was bei dem vom
Baume gefallenen Knaben die beiden Fledermäuse, die später in eine Affengestalt
zusammenschmolzen, zu bedeuten und zu besagen haben, und wie und warum mir
endlich die Seele des Selbstmörders auf der Oberfläche des Wassers als ein
vollkommenes Totengerippe nahe ohne Leben erschaubar vorkam. Woher kamen die
zehn schwarzen Enten, und warum plagten sie das Gerippe? Wie konnte endlich des
Knaben noch immer affengestaltige Seele der zehn bösen Vögel Herr werden? Was
hat die Bekleidung zu bedeuten, woher kam sie, und welche Wirkung übte sie nach
ihrer Art auf die beiden verschiedenen Seelen aus?
[GEJ.04_151,02] Ja, es gäbe hierbei noch so
manches, darüber sich vieles fragen ließe; aber für mich sind vor allem die
Punkte wichtig, über die ich meine Unwissenheit kundgetan habe durch die
Fragen, und über die mir eine gnädigste Erklärung wohl zustatten käme. So
jemand anders aus uns noch über irgendeine Nebenerscheinlichkeit eine Erklärung
wünscht, der wird sich wohl auch fraglich äußern dürfen?!“
[GEJ.04_151,03] Sagt Cyrenius: „Freund, bei
diesen deinen Erzählungen ward es mir ganz sonderbar zumute! Das menschliche
Leben kommt mir vor wie ein auf einer Bergebene ganz ruhig und harmlos
dahinfließender Strom. Aber am Ende der Bergebene stürzt der früher so ruhige
Strom mit dem schrecklichsten Ernste in eine unabsehbare Tiefe, und mit
donnerndem Getöse bohrt er sich ein schaurig tiefes Ruhebett, – findet aber
keine Ruhe! Denn seines eigenen Falles Gewalt treibt ihn fort und fort aus dem
Lager seiner Ruhe mit großem Ungestüm hinaus, und er muß fliehen und fliehen,
bis er irgend verschlungen wird von des Meeres Allgewalt und unmeßbarer Tiefe.
[GEJ.04_151,04] O Herr, erläutere uns doch zu
unserm Troste solch schreckbar ernste Momente des sonst so schönen Lebens!
Nehmen wir an unsern Menschen, der nach der Erzählung des Bruders Mathael in
den Teich, der mir ganz wohl bekannt ist, gesprungen ist, um seinem
verzweiflungsvollen Leben ein Ende zu machen. Welch eine erschreckliche
Veränderung gleich nach dem Sprunge! Es scheint wohl bald nachher eine Art
Milderung einzutreten; aber wie sieht diese aus! Welch eine Unbestimmtheit,
welch ein Elend! Daher gib Du, o Herr und Meister, eine tröstliche Erklärung
über alles das vom Bruder Mathael Geschaute und schauderhaft treu Erzählte!“
[GEJ.04_151,05] Sage Ich: „Allerdings ersehen
wir hier ein paar entsetzlich traurig aussehende Lebensmomente, die wahrlich
voll Ernstes sind. Aber was willst du tun, um ein durch die Einwirkung der Welt
und ihrer höllischen Gelüste total zertragenes Leben, damit es nicht ganz
zerrinne und sich verliere, zu retten und es nach und nach in das rechte
Geleise zu lenken? Muß solch ein Leben nicht mit allem Ernste ergriffen werden?
[GEJ.04_151,06] Ja, es ist wahr, dieser
Ergreifungsmoment hat allerdings für den Zuschauer etwas höchst Abstoßendes!
Der Übergang durch ein allerengstes Pförtchen ist wohl freilich nicht so
angenehm anzusehen wie das Gesicht einer ganz kerngesunden jungfräulichen
Braut; aber er führt den eigentlichen Menschen ins Leben ein, und das in ein
wahres und ewig unvergängliches Leben! Und aus diesem Grunde hat am Ende solch
ein ernstester Lebensmoment für den, der ihn versteht, noch immer mehr
Tröstliches als das lachende Frühlingsgesicht einer jungfräulichen Braut. – Nun
aber wollen wir denn zu einiger Beleuchtung dessen übergehen, was wir vom
Mathael vernommen haben!
[GEJ.04_151,07] Mathael ersah beim Knaben
schon zuvor zwei große Flattermäuse, die um ihn herumschwirrten, als derselbe
vom Baume fiel und sogleich völlig tot liegenblieb. Der Knabe war fürs erste
ein Abkömmling pur dieser Erde. Die puren Erdkinder aber, wie ihr es aus Meinen
Erklärungen schon oft vernehmen und wohl einsichtlich verstehen konntet, sind
seelisch und auch leiblich aus der gesamten organischen Schöpfung dieser Erde
zusammengesetzt. Dafür liefert schon die höchst verschiedene Nahrung für den
Leib, die ein Mensch zu sich nimmt, den Beweis, während ein Tier in der Wahl
der Nährkost sehr beschränkt ist. Damit aber der Mensch allen
Intelligenzpartikeln, aus denen seine Seele besteht, aus den zu sich genommenen
natürlichen Nährstoffen eine entsprechende Seelennahrung zuführen kann, kann er
eben auch so verschiedenartige Nahrungsteile aus dem Tier-, Pflanzen- und auch
Mineralreiche zu sich nehmen; denn der substantielle Formleib der Seele wird
gleich wie der Fleischleib aus der zu sich genommenen Naturkost genährt und
ausgereift.
[GEJ.04_151,08] Nun kommt es aber noch darauf
an, aus welcher vorhergehenden Kreatursphäre ein pur diesirdischer Mensch seine
Seele nach den aufsteigenden Graden erhalten hat. Und es ist dann, besonders
bei Kindern, fürs zweite der Umstand zu erwägen, daß ihre Seele für sich noch
immer Spuren jener Vorkreaturgattung in sich birgt, aus der sie zunächst in eine
Menschenform überging. Wird ein Kind gleich in eine gute Erziehung gebracht, so
geht die Vorkreaturform bald völlig in die Menschenform über und festigt sich
stets mehr und mehr in derselben. Wird aber bei einem Kinde die Erziehung sehr
vernachlässigt, so tritt in dessen Seele bald mehr und mehr die Vorkreaturform
in den Vordergrund und zieht nach und nach sogar den festgeformten Leib in die
besagte Vorkreaturform, und man kann bei so manchem rohen Menschen mit leichter
Mühe erkennen, welche Form seine Seele sicher ungezweifelt vorherrschend
besitzt.
[GEJ.04_151,09] Wenn Ich also früher sagte,
daß der Knabe pur aus dieser Erde seelisch und leiblich abstamme, so werdet ihr
bei seiner verwahrlosten Erziehung wohl nun einsehen, warum seine Seele anfangs
auf dem Baume, noch bevor er herabfiel, schon in der Gestalt von zwei
Flattermäusen im Augenblicke ersichtlich war, als er, teils durch zu
angestrengtes Sich-Festhalten an den Baum und teils durch den dicken Qualm
erstickt, in eine krampfhafte Ohnmacht verfiel, die ihn eine Zeitlang wohl noch
auf dem Baume erhielt, obschon er von sich aus nichts mehr wußte.
[GEJ.04_151,10] Denn solange eine Seele im
Momente des Sterbens nicht völlig vom Leibe getrennt sein wird, so lange ist
sie infolge ängstlicher Perturbation (Verwirrung) ganz ohne Bewußtsein. Es
ergeht ihr wie einem, der mit dem Gesichte nach auswärts auf einer Spindel fest
angebunden wäre, die sich in einer ungemein schnellen Umdrehung befindet. Der
kann da schauen, wie er schauen will, so wird ihm dennoch kein Gegenstand
ersichtlich werden; höchstens wird er einen mattfarbigen Dunstkreis um sich
erschauen, der bei erhöhter Schnelligkeit des Sich-Umdrehens und bei dadurch
zunehmender Unstetigkeit des Sehorgans in eine völlige Nacht übergehen kann.
[GEJ.04_151,11] Wie aber das Sehorgan eine
Ruhe haben muß, um ein Objekt als das auszunehmen, was es ist, also benötigt
die Seele eine gewisse innere Ruhe, um zu einem sichern und hellen Bewußtsein
ihrer selbst zu gelangen. Je mehr die Seele in sich selbst beunruhigt wird,
desto mehr verschwindet denn auch ihr klares Selbstbewußtsein; und ist die
Seele einmal in eine möglich höchste Unruhe versetzt, dann weiß sie von sich
selbst so gut wie nichts mehr auf so lange, bis sie in die Ruhe zurückgekehrt
ist. Und dieser Moment tritt bei Sterbenden um so mehr ein, auf einer desto
niederen Lebensbildungsstufe eine Seele stand. Ah, bei einer lebensvollendeten
Seele tritt dieser etwas traurig aussehende Moment freilich wohl nicht ein, wie
Mathael solches beim Sterben des alten Lazarus ganz gut gesehen hat, da dessen
Seele keine wie immer geartete Unruhe merken ließ.
[GEJ.04_151,12] Der Knabe auf dem Baume war
etwa eine Viertelstunde lang leiblich nahe schon völlig tot und wußte von sich
nichts mehr; seine Seele wie sein Leib waren sonach schon von der allerdicksten
Finsternis umflossen. Und eine Seele, die in eine zu große Unruhe gerät, fängt
an, sich ordentlich zu teilen in die früheren, kleineren und unvollkommeneren
Vorlebenskreaturen; daher wurden hier auch zuerst zwei Flattermäuse
ersichtlich. Erst nachdem der Knabe durch die Zerschmetterung seines Gehirns
außer allem Verbande mit seiner Seele trat, kam bald mehr Ruhe in die zerstörte
Seele, die beiden seelischen Vorkreaturen ergriffen sich, und bald ward ein
Affe als letzte Vorkreatur ersichtlich; er bedurfte aber einer längeren Ruhe
bis zum vollkommenen Sich-Ergreifen, und dann noch mehr Ruhe bis zum Sich-
wieder-Erkennen und Seiner-selbst-bewußt-Werden. Darum kauerte er auch eine
längere Weile an der Stelle, wo sein Leib vom Baume fiel, mehr instinktmäßig
als wissend, was da vorgefallen ist.
[GEJ.04_151,13] Aber nach und nach kehrte das
Bewußtsein und das Sich-wieder- Erkennen stets mehr zurück, und der Affe bekam
danebst auch ein stets menschlicheres Aussehen und fing an, sich
emporzurichten. Sein seelisches, ständig weiter reichendes Wahrnehmungsgefühl
fing an, die Nähe der verunglückten Seele seines irdischen Vaters wahrzunehmen.
Er verließ seinen Kauerplatz, bewegte sich nach dem Zuge seiner Wahrnehmung zum
Teiche hin und erkannte nun vollkommen seines Vaters mit zehnfachem
Menschenfluche belastete und geplagte Seele.
[GEJ.04_151,14] Da erwachte in ihm die
Kindesliebe, mit ihr aber auch zugleich die Frage nach Gott und Seiner wahren
Gerechtigkeit; mit alldem aber erwachte in ihm auch ein ganz gerechter Zorn
gegen den Fluch, den die Menschen in ihrem endlosen Hochmut gegen die armen,
aber im Grunde viel besseren Mitmenschen zu schleudern sich erkühnen. Mit dem
erkannte der nun schon viel vollkommenere Affenmensch in sich aber auch die
Kraft, es mit den zehn Fluchteufeln aufzunehmen, die in der Gestalt schwarzer
Enten seines Vaters Seele über die Gebühr hinaus plagten.
[GEJ.04_151,15] In diesem erhöhten
Selbstbewußtsein stürzt sich der Affenmensch in den Teich und fängt, von seiner
Kindesliebe zu seinem armen Vater getrieben, unter den zehn Fluchteufeln eine
gar üble Wirtschaft an; in wenigen Augenblicken sind sie vernichtet, und der
Affenmensch bekommt dadurch schon nahe ein ganz menschliches Aussehen.
[GEJ.04_151,16] Seine Liebe aber fängt an,
auch in der toten Vaterseele neue Lebenswurzeln zu schlagen. Dies gibt dem
Sohne noch mehr Liebe und mehr Kraft, und mit dieser reißt er den Vater aus dem
Orte seines Unterganges und seines Verderbens und bringt ihn sonach aufs Trockene,
allda durch des Sohnes Liebe auch für des Vaters künftiges Sein ein fester
Ruhegrund sich gestaltet und liebtreulich vorfindet. Da aber des Sohnes Liebe
wächst, so wird auch stärker sein Licht; aus diesem Licht erkennt er die
Unzulänglichkeit seiner Kraft und wendet sich ganz ordentlich an Gott, daß Er
helfe seinem Vater. Und die Hilfe bleibt nicht unterm Wege; es kommt Bekleidung
und die Kraft zum Fortkommen in eine bessere und vollkommenere Lebenssphäre,
allwo des Vaters Seele von des Sohnes stets wachsender Liebe genährt, wieder zu
einem geistigen Fleische und Blute gelangt und endlich sogestaltig fähig wird,
Gott zu erkennen und einzugehen in Seine Ordnung, – was bei Selbstmördern stets
eine ungemein schwere Sache ist.“
152. Kapitel
[GEJ.04_152,01] (Der Herr:) „Es gibt aber
auch Unterschiede bei den Selbstmördern. So jemand aus dem Grunde, weil durch
jemand anders sein großer Hochmut zu sehr gedemütigt ward und ihm dafür gar
keine Möglichkeit zu einer Rachenehmung offensteht, sich das Leibesleben nimmt,
so ist das eine böseste Art des vorsätzlichen Selbstmordes. Eine solche Art des
Selbstmordes kann an einer Seele nimmer völlig gutgemacht werden. Tausendmal
Tausende von Jahren werden erfordert, um eine solche Seele nur zum wenigsten zu
einer Umhäutung ihrer dürren, aller Liebe baren Scheinknochen zu bringen,
geschweige zu einer Inkarnierung ihres ganzen Wesens; denn die Inkarnierung ist
ja eben ein Produkt der Liebe und erweckt auch wieder Liebe.
[GEJ.04_152,02] Wenn jemand eine Jungfrau
ansieht, die in ihrer fleischlichen Formsphäre sehr vollendet dasteht und vor
Üppigkeit strotzt, so wird er von solch einer Gestalt alsogleich durch und
durch ergriffen, und sein Herz wird sogleich eine liebeglühige Sehnsucht dahin
an den Tag legen, diese Jungfrau sein nennen zu können. Ja warum denn das also?
Weil der Jungfrau fleischliche Üppigkeit pur ein Produkt vieler Liebe ist! Was
als Stoff aber die Liebe zum Grunde hat, kann und muß im Nebenmenschen auch das
erwecken, was es selbst ist.
[GEJ.04_152,03] Treten wir aber zu einer
andern Jungfrau hin, die ganz entsetzlich mager ist, und Ich sage es euch, daß
diese niemandes Herz besonders mächtig rühren wird; man wird sie heimlich
bemitleiden, aber verlieben wird sich schwerlich jemand in sie. Warum denn da
wiederum also? Weil über ihren Knochen viel zu wenig desjenigen Materials
hängt, das nur ein Produkt der Liebe ist!
[GEJ.04_152,04] Eine Seele, die schon hier
pur Liebe war, sieht jenseits gleich allerreizendst, der Form nach überaus
vollendet aus. Eine geizige und sehr eigenliebige Seele sieht dagegen üppigst
und somit sehr mager aus; aber etwas Fleisch und Blut ist noch immer da, weil
eine solche Seele doch noch wenigstens die Liebe zu sich selbst hat. Ein
Selbstmörder aber ist auch dieser Liebe vollkommen ledig, und seine Seele muß
daher notwendig als ein ganz dürres Gerippe im Jenseits erscheinen. Es kommt
nun nur noch darauf an, ob als menschliches oder als irgendein tierisches
Gerippe!
[GEJ.04_152,05] Wir haben schon ehedem
berührt, wie es mehrere Arten des Selbstmordes geben kann, und Ich habe bereits
die schlimmsten ausführlich erwähnt. Nun, ein schlimmstartiger Selbstmörder
kommt jenseits nicht in der Form eines menschlichen Gerippes zum Vorschein,
sondern in dem eines Drachen, einer Schlange oder eines höchst wilden,
reißenden Tieres. Warum? Das könnet ihr euch nun wohl gar leicht denken! Eine
solche Seele wird nie mehr in eine völlige Lebensvollendung eingehen können.
[GEJ.04_152,06] Daneben gibt es Selbstmörder
aus Eifersucht um einer Jungfrau willen, der ein anderer ohne ihr Verschulden
besser gefiel als der eifersüchtige Patron, der sie bei jedem Zusammenkommen
mit allen möglichen Vorwürfen quälte und ihr Verbrechen der Untreue andichtete,
an die sie nie gedacht hatte. Ein solcher kommt jenseits im Gerippe eines
Wolfes, Hundes oder Hahnes zum Vorscheine, weil dieser Tiere Lebensnaturen den
Verstand und den Willen solch eines eifersüchtigsten Toren leiteten, da sie als
Vorkreaturen das eigentliche Hauptwesen solcher Seele bedingten. Auch solche
Selbstmörder werden einst höchst schwer nur zu einiger Vollendung des Lebens
gelangen.
[GEJ.04_152,07] Dann gibt es Selbstmörder,
die geheim ein großes Verbrechen begangen haben, auf das, ihnen bewußt, eine schimpflichste
und schmerzlichste Todesstrafe gesetzt ist. Sie wissen, daß ihr Verbrechen
offenbar werden muß. Was geschieht da gewöhnlich? Ein solch geheimer Verbrecher
geht aus größter Furcht und aus seiner gerechten Gewissensqual in die vollste
und finsterste Verzweiflung über und erwürgt sich selbst. Eine solche Seele
erscheint jenseits im Skelett ihrer Vorkreaturen, als etwa der Molche,
Eidechsen und Skorpione, die alle auf einem Haufen zusammenkauern, um den ein
Glutwall gezogen ist, gewöhnlich in der Form einer glühenden Riesenschlange.
Auch der Glutwall gehört zur Vorkreatur einer und derselben Seele und ist ein
Intelligenzteil derselben.
[GEJ.04_152,08] Kurz, wenn eine Seele einmal,
auf Grund einer schlechten Erziehung, aller Liebe, auch der zu sich selbst, bar
geworden ist, dann ist von der ganzen Hölle, als des Lebens ärgstem Feinde,
auch die ganze Seele durchdrungen und wird dadurch in sich selbst ein Feind des
eigenen Lebens und Seins und trachtet stets, auf irgendeine schmerzlose Art
dasselbe zu vernichten! Bei solch einer totalen Lebensfeindschaft muß am Ende
ja alles aus den Lebensfugen gehen, und eine solche Seele kann dann jenseits
doch unmöglich anders als ganz in ihre Urlebenssonderformen aufgelöst
erscheinen, und da nur in deren fleischlosen Skeletten, die bloß das notwendige
Gericht in sich tragen.
[GEJ.04_152,09] Der Knochen, beim Menschen
wie beim Tier, ist der am meisten gerichtete und somit aller Liebe barste Teil,
und weil in den Knochen, sowenig wie in einem Steine, sich eine Liebe zum Leben
aufhalten kann, so bleiben diese, wenn auch substantiell seelisch nur, am Ende
als solche Entsprechungsteile übrig, in denen sich nie irgendeine Liebe
aufhalten kann. Menschenknochen aber sind noch immer fähiger, sich mit Leben zu
umkleiden, als die Tierknochen, und gar die Skeletthülsen der Insekten und die
Knorren, Knorpeln und Gräten der Amphibien.
[GEJ.04_152,10] Wenn jenseits dann ein
Selbstmörder in der vorbeschriebenen Art erscheint, so könnet ihr es euch nun
schon vorstellen, wie schwer und wie lange es hergehen wird, bis eine solche
Seele nur einmal dahin kommt, in ein menschliches Gerippe überzugehen und dann
eine Haut und gar irgendein Fleisch aus sich selbst bekommt.
[GEJ.04_152,11] Aber es entsteht in euch nun
die Frage, ob eine solche Seele auch irgendwelche Schmerzen leide. Und Ich sage
es euch: zuzeiten die größten und brennendsten, zuzeiten auch wieder gar keine!
Wird sie ihrer noch immer möglichen Wiederbelebung halber von den sich zu dem
Behufe nahenden Geistern gewisserart aufgerührt, so empfindet sie in ihren
Teilen einen brennendsten Schmerz; kommt sie aber wieder zur Ruhe, dann ist in
ihr weder ein Gefühl, ein Bewußtsein, noch somit irgendein Schmerz vorhanden.
[GEJ.04_152,12] Es gibt aber noch weiter eine
Menge Arten des Selbstmordes, die aber in ihren Folgen nicht so bösartig auf
die Seele einwirken wie die beiden soeben beschriebenen; jedoch irgend gute
Folgen für die Seele hat kein Selbstmord!
[GEJ.04_152,13] Der von Mathael erzählte war
noch einer von der besten Art, daher es mit der Wiederbelebung und Errettung
jener Seele auch leicht und recht schnell herging. Aber ein Leck bleibt einer
solchen Seele doch für immer, und das besteht darin, daß sie nahe nie wieder
zur vollen Kindschaft Gottes gelangen kann; über die Seligen des ersten,
äußersten und somit auch untersten Himmels, oder gar nur bis an die Grenzmarken
desselben, kommt eine selbstmörderische Seele kaum je!
[GEJ.04_152,14] In den ersten, den
Weisheitshimmel kommen zumeist nur Seelen von allen anderen Weltkörpern, und
von dieser Erde die Seelen jener weisen Heiden, die nach ihrer Erkenntnis wohl
sehr gewissenhaft und gerecht gelebt haben, aber von Meiner Person auch
jenseits nichts vernehmen wollen. Nehmen sie jedoch mit der Weile etwas an, so
können sie wohl in den zweiten, also höheren oder auch Mittelhimmel aufgenommen
werden; aber in den dritten, innersten und höchsten, den eigentlichen Liebe-
und Lebenshimmel kommen sie nie und nimmer. Denn dahin werden nur jene kommen,
die schon die volle Kindschaft Gottes erlangt haben.
[GEJ.04_152,15] Ich meine, daß euch nun auch
diese vom Bruder Mathael erzählten Todesarten als hinreichend erklärt vorkommen
sollten; ist aber doch noch jemandem irgend etwas nicht klar genug, so steht
jedem eine Frage frei. Es fehlen nur noch zwei Stunden, und die Sonne wird über
dem Horizonte stehen, und da werden wir alle dann wieder etwas ganz anderes
unternehmen. Wer sonach noch etwas will und mag, der rede nun!“
[GEJ.04_152,16] Sagen alle: „Herr, es ist uns
alles klar; denn bei einer solch lebendigen Erklärungsweise kann ja niemandem
etwas unklar bleiben!“
153. Kapitel
[GEJ.04_153,01] Sage Ich wieder: „Nun gut, da
wir noch ein paar Stunden Zeit übrig haben, so soll uns noch unser Mathael eine
letzte in ihrer Art eigentlich denkwürdigste Sterbegeschichte erzählen! Zuvor
aber, da es schon morgendämmert, soll Raphael die Leuchtkugel an ihren Ort
bringen und bei dieser Gelegenheit dem Cyrenius die verheißenen gleichen Körner
herschaffen!“
[GEJ.04_153,02] Raphael ward damit bald
fertig und brachte dem Cyrenius sieben solche Leuchtkörner, die von der Größe
einer vollen Erbse waren. Diese von Raphael dem Cyrenius überbrachten nur
erbsengroßen Leuchtkügelchen leuchteten so stark, daß sie niemand anschauen
konnte; denn schon eines leuchtete so stark, daß es einen großen Saal, so es in
dessen Mitte auf einem erhöhten Punkte angebracht wäre, mehr erhellen würde als
zehntausend hellst brennende Lampen.
[GEJ.04_153,03] Cyrenius wußte nun nicht, wie
er diese sieben Leuchtkügelchen aufbewahren sollte, und fragte Mich um einen
Rat; und Ich berief abermals den Raphael, daß er dem Cyrenius ein taugliches
Gefäß verschaffe, damit dieser die sieben Leuchtkügelchen wohl aufbewahren
könnte.
[GEJ.04_153,04] Und Raphael war damit auch
schon bei der Hand und überreichte dem Cyrenius eine Büchse aus reinstem Golde,
leicht angefüllt mit Steinflachs (Asbest), legte die sieben Kügelchen hinein
und schob den Deckel darüber, der mit sinnreicher, erhabener Arbeit geziert
war. Als auf diese Weise die sieben Kügelchen wohl verwahrt waren, übergab er
sie dem Cyrenius mit den Worten: „Verwahre sie für dich! Nie schmücke einer
dieser alleredelsten Steine irgendeine Fürstenkrone, auf daß nicht eines andern
Fürsten Lüsternheit nach einer solchen Krone erweckt und darum ein Krieg entfacht
werde, in dem Tausende von Menschen sich wie wütende Wölfe, Hyänen und Bären
zerfleischen müßten, bloß eines solchen Leuchtkügelchens halber!“
[GEJ.04_153,05] Cyrenius dankte Mir und auch
dem Raphael, der den Dank aber augenblicklich ablehnte und ihn Mir zuschob.
[GEJ.04_153,06] Ich aber sagte: „Gut ist es,
daß auch diese Sache ihr Ende gefunden hat! Die dir, Cyrenius, verheißenen
Kügelchen sind untergebracht; mache nie einen weltlichen Gebrauch davon und
brüste dich nie damit, auch gegen deine nächsten Anverwandten nicht! Wenn du
weissagen willst, dann lege dir die Büchse auf die Magengrube, und du wirst
helle Gesichte haben; aber das bleibe allein dir bekannt, daß du durch den
Besitz solcher Steine zur Weissagung gestärkt werdest! Das Volk soll die Weissagung
vernehmen und sich danach richten, aber wissen soll es nimmer, woher sie rühre!
So du aber je etwas von einem Steine der Weisen gehört hast, so hast du ihn nun
in diesen sieben Kügelchen; aber nur für dich und für niemand anders mehr!“
[GEJ.04_153,07] Sagt Cyrenius: „Herr, so ich
aber dereinst auch sterben werde, was soll dann aus den sieben Kügelchen
werden?“
[GEJ.04_153,08] Sage Ich: „Dann übergib sie
dem Josoe, und der wird schon innewerden, was damit zu geschehen hat des Heiles
der Welt willen! Aber nun nichts mehr davon, und du, Bruder Mathael, beginne
deine Erzählung; denn sie hat für euch einen tausendmal tausend Male größeren
Wert denn hunderttausend solcher Leuchtsteine! Fange nun an; fasse dich kurz,
auf daß uns der heute sehr denkwürdige Sonnenaufgang nicht störe!“
154. Kapitel
[GEJ.04_154,01] Mathael verneigt sich und
beginnt sogleich folgenden denkwürdigen Sterbefall zu erzählen; und die
Erzählung lautete wie folgt. „In einem Flecken zwischen Bethlehem und Jerusalem
lebte eine sonderbare Witwe. Sie war verehelicht gewesen an zwei Männer. Der
erste Mann starb ihr schon nach einem Jahre. Sie hatte mit ihm eine Tochter,
die aber von der Geburt an taub und stumm war, sonst frisch, gesund und voll
Munterkeit, was bei den Taubstummen seltener der Fall ist.
[GEJ.04_154,02] Nach einem einjährigen
Witwenstande freite ein zweiter, gar rüstiger Mann um ihre Hand und heiratete
die Witwe, die damals gar sehr schön gewesen sein soll. Aber der Mann bestand
mit diesem Weibe kaum etwas besser als sein Vorgänger; denn er lebte nur zwei
Jahre und etwa ein paar Monde und starb gleich dem ersten an der allgemeinen
Auszehrung.
[GEJ.04_154,03] Das schreckte nunmehr alle
anderen Männer ab, so daß fürder niemand sich mehr um ihre Hand zu bewerben
getraute. Mit dem zweiten rüstigen Manne aber hatte sie gar kein Kind, während
die taubstumme Tochter recht üppig emporwuchs und in ihrem fünften Jahre eine
Größe und Stärke hatte wie sonst kaum ein Mädchen in seinem zwölften Jahre, war
dabei von einer äußerst angenehmen Gesichtsbildung, und jeder Mann blickte
diese Taubstumme mit einem großen und oft schon sehr begierlichen Vergnügen an.
[GEJ.04_154,04] Es lebte aber diese Witwe
nachher noch zwanzig Jahre, blieb stets schön und sogar sehr reizend, und ihre
Tochter bezauberte jeden Mann; denn etwas Schöneres und Reizenderes gab's
damals wohl im ganzen Judenlande nicht! Dies Mädchen war zugleich sehr gescheit
und recht fein gebildet und wußte sich durch die Zeichensprache recht gut
jedermann verständlich zu machen, und das immer auf eine so echt künstlerisch
zierliche Weise, daß ein jeder Mann ganz glücklich war, mit dieser Taubstummen
konversiert zu haben. Viele machten dem Mädchen Heiratsanträge, aber da nach
einer Gesetzeskunde Taubstumme von der Ehe auszuschließen sind, wovon mir
irgendein vernünftiger Grund durchaus nicht klar werden will, so war auch da
durchaus nichts auszurichten.
[GEJ.04_154,05] Die Witwe gehörte auch zu den
sehr Bemittelten und hatte weitläufige Besitzungen, und somit viele Knechte und
Mägde, und war gegen Arme äußerst wohltätig. Das Weib hätte gerne noch einmal
geehelicht; aber da sich niemand mehr um seine Hand bewarb und das Weib auch
niemand mehr zu begehren sich getraute, aus Furcht und zugleich aus dem guten
Willen, um nicht auch noch eines dritten Mannes unwillkürliche Mörderin zu
werden, so blieb es ledig, führte ein recht sittliches und eingezogenes Leben
und war die Trösterin vieler Notleidenden.
[GEJ.04_154,06] Es kam einmal auch ein
griechischer Arzt und wollte sie heilen von ihrer sonderbaren Eigentümlichkeit;
sie aber wies ihn von sich und sagte – wie sie es später meinem Vater treu
erzählte, und zwar, wenn mich mein sonst gutes Gedächtnis nicht täuscht, mit
folgenden Worten –: ,Meine Eltern waren gute und gottesfürchtige Leute, und ich
war als Mädchen als ein Muster der Eingezogenheit bekannt. Vor meiner ersten
Verehelichung habe ich nie einen Mann erkannt. Wie dann meinem sonst ganz
wohlgestaltigen Leibe eine so böse Eigenschaft innewohnen konnte, ist mir ein
Rätsel; ich aber bin – dem Jehova allein alles Lob! – sonst kerngesund und will
darum keine Arznei. Es ist also Gottes Wille, den ich mir gerne gefallen lasse!
Du, Pseudoäskulap, aber magst gehen, sonst hauche ich dich an, und du bist dann
etwa auch rettungslos verloren, trotzdem du ein Arzt sein willst und mir helfen
möchtest, aber, wie ich sehe, nicht einmal dir deinen abscheulichen Halskropf
vertreiben kannst, wie auch das Hinken deines linken Fußes! Ein Arzt muß doch
zuvor selbst ein makelloser und kerngesunder Mensch sein, so er einem Kranken
helfen will! Die frische und volle Gesundheit des Arztes muß ja dem Kranken ein
gewisses Vertrauen einflößen, damit er glauben kann, daß der Arzt etwas
verstehe; wenn aber der Arzt als ein Krüppel dasteht und will einem Gesunden
helfen, da ist er ja doch hundertfältig auszulachen und aus einem Hause, in dem
er zudringlich wird, auf der Stelle hinauszutreiben!‘
[GEJ.04_154,07] Als der Arzt diese Anpreisung
vernommen hatte, verließ er knurrend und murrend das Haus, kam aber nach einem
Jahre wieder, erkundigte sich um das Befinden unserer schönen Witwe und fing
an, sich um ihre schöne Hand zu bewerben.
[GEJ.04_154,08] Da ward die Witwe ungeduldig
und hauchte von einer Ferne dreier Schritte gegen den Arzt und sagte: ,Entferne
dich und tritt mir nicht näher! Denn wie du in diesen Hauch trittst, bist du
ein Kind des Todes; kein Jahr wird vergehen, und du wirst faulen unter der
Erde!‘
[GEJ.04_154,09] Da lachte der Arzt und
schlürfte den ausgestoßenen Hauch voll Freude und Begierde ein, um der schönen
Witwe zu zeigen, wie wenig er sich vor dem nichtigen Gifthauche scheue, indem
er zu überzeugt sei, daß daran gar nichts sei. Das Beste an der Sache aber war,
daß die Witwe selbst nicht im geringsten daran glaubte, sondern sich dieser Drohung
nur darum bediente, dieweil die Menschen solches ruchbar machten und sich darum
niemand zu sehr in ihre Nähe wagte.
[GEJ.04_154,10] Aber das Volk hatte dennoch
nicht ganz unrecht. War diese unsere Witwe nicht durch etwas leidenschaftlich
aufgeregt, so war ihr Odem ganz gut und gesund; sobald sie aber durch irgend so
ein bißchen in einen Harnisch gekommen war, da war es mit ihr nimmer
auszuhalten. Wer da zu sehr von ihr angehaucht ward, der machte kein Jahr mehr
und war ein Kind des Todes. Er bekam eine eigene Art Auszehrung und konnte
dagegen brauchen, was nur irgendein noch so bewährter und förmlicher Wunderarzt
ihm bringen konnte, so half das alles nichts; mit einer eisernen Beharrlichkeit
schritt das Übel vorwärts, und der Kranke unterlag ihm unfehlbar! Und also
erging es im Ernste auch unserem griechischen Arzte; er fing bald darauf an zu
siechen und wurde in acht Monden eine elendeste und total ausgezehrte Leiche,
gegen die eine bei dreitausend Jahre alte ägyptische Mumie noch ganz
wohlgenährt aussehen würde!
[GEJ.04_154,11] Unsere Witwe erfuhr das bald,
und man raunte ihr von mehreren Seiten ins Ohr, daß sie vors Gericht gefordert
werde. Das ergriff die Witwe gar sehr in ihrem Gemüte; sie fing am Ende selbst
an zu kränkeln und sandte bald zu meinem Vater, der natürlich mich als seinen
unentbehrlichen Seher mitnahm, um durch meine Sehergabe bei diesem sonderbaren
Weibe irgend etwas zu erfahren. Wir kamen mit einiger Vorsicht in das Haus
dieses sonderbaren Weibes und fanden sie im Bette ganz matt und erschöpft
liegen. Ihre taubstumme, aber sonst im Ernste himmlisch schöne Tochter und ein
paar andere Mägde waren bei ihr und warteten sie.
[GEJ.04_154,12] Es ist hier wohl zu bemerken,
daß ihr sonderbarer Odem nur den Männern, nie aber den Weibern und Mägden
schädlich war.
[GEJ.04_154,13] Mein Vater sagte, als er mit
etwas verhaltenem Atem ins Zimmer trat: ,Hier steht der berufene Arzt aus
Jerusalem; was wünscht die holde Witwe von mir?‘
[GEJ.04_154,14] Sagte die Witwe: ,Was wünscht
wohl eine Kranke von einem Arzte, als daß sie gesund würde?! Hilf mir, wenn du
kannst!‘
[GEJ.04_154,15] Sagte der Vater: ,Laß zu, daß
ich dich einige Zeit beobachte, dann werde ich es wohl sehen, ob dir noch zu
helfen ist oder nicht!‘
[GEJ.04_154,16] Sagte die Witwe: ,Tue, was dir
gut dünkt!‘
[GEJ.04_154,17] Da sagte der Vater auf
römisch zu mir: ,Habe acht, ob du hier nichts zu entdecken imstande bist; denn
der ihre Krankheit muß einen ganz besonderen Grund haben!‘
[GEJ.04_154,18] Ich strengte nun gleich meine
Sehe möglichst an, konnte anfangs aber nichts bemerken, das heißt nichts
bemerken von irgend etwas Geistigem und Unheimlichem. Aber nach etwa einer
Stunde bemerkte ich einen bläulichen Rauch über das Lager der Witwe sich
verbreiten und fragte den Vater, ob er davon etwa auch etwas bemerkete. Er
verneinte das und schloß daraus, daß dies schon etwas Außergewöhnliches sei.
Ich setzte nun meine Beobachtung mit der angestrengtesten Aufmerksamkeit fort
und entdeckte in diesem Blaudunste bald eine Menge etwa fingerlanger Klapper- und
Ringelschlangen, die da in dem Blaudunste wie Fische im Wasser herumschwammen.
Diese Bestien wanden sich ganz entsetzlich und schlugen Ringe über Ringe und
blitzten mit ihren stählernen Zungen ganz außerordentlich; aber über den
gewisserart fixierten Dunstkreis bewegte sich keines von den vielen Bestien.
Ich machte meinen Vater sogleich darauf aufmerksam und gab ihm dahin meine
Meinung kund, daß es allenfalls nicht ganz geheuer sein dürfte, sich dem Bette
so sehr zu nahen. Diese Meinung teilte der Vater sogleich mit mir, fragte mich
aber auch zugleich, ob ich nicht irgendein Mittel eruieren könnte, mit dem der
Witwe zu helfen wäre.“
155. Kapitel
[GEJ.04_155,01] (Mathael:) „Als ich, ganz in
mich vertieft, dastand, vernahm ich, als hätte mir jemand ins Ohr geraunt:
,Fanget eine Klapper- und eine Ringelschlange, schlaget ihnen die Köpfe ab,
kochet sie gut ab und gebet der Witwe solch eine Suppe oder Brühe zu trinken,
und zeiget ihr, daß das Gericht, das sie unendlich fürchtet, durchaus nichts
wider sie haben kann, so wird sie gleich wieder die Gesundheit erlangen! So
aber jemand in der Folge von ihr durch ihren giftigen Hauch zu siechen anfinge,
der sehe, daß er eine Brühe von den benannten Schlangen bekomme, mit der auch
der alte Äskulap seine Abzehrenden heilte, und er wird alsbald vollends
genesen! Die bezeichneten Schlangen aber bekommt man sehr häufig am südlichen
Abhange des Horeb.‘
[GEJ.04_155,02] Diesen Rat, den ich ganz
deutlich vernahm, teilte ich kurz und gleich meinem Vater mit. Er, darüber ganz
außer sich vor Freuden, sagte sogleich zur Witwe, daß sie sehr getrost sein
solle; denn er werde ihr ganz sicher helfen. Vor allem aber habe sie das
Gericht wegen des griechischen Arztes nicht im geringsten zu scheuen, da sie an
seinem Tode nicht die entfernteste Schuld trage. Er selbst kenne überaus wohl
Roms Gesetze und wisse nichts, daß solch ein Fall je irgend für eine
Krimination taugete.
[GEJ.04_155,03] Die ganz ernste Darstellung
der Unschuld der Witwe beruhigte die Arme so sehr, daß der Blaudunst über ihr
ganz verschwand, was ich dem Vater sogleich anzeigte, worüber er viel Freude
empfand, und er sandte sogleich nach Horeb um die bewußten Schlangen. Dort
befanden sich etliche der bekannten Schlangenfänger und -banner, und es wurden
in ein paar Tagen mehrere Stücke beiderlei Gattungen herbeigeschafft, aber
natürlich schon enthauptet und in Lehm gut eingemacht, auf daß sie, von der
Luft gut abgesperrt, nicht sogleich in die Verwesung übergehen konnten; denn es
gab dort eine Art fetten, gelben Lehms, in welchem ein Leichnam hundert Jahre
lang nicht verwest.
[GEJ.04_155,04] Als die Schlangen auf einem
Kamele überbracht waren, wurden sie, soviel man von ihnen auf einmal brauchte,
vom Lehm gereinigt und darauf in einem guten Topfe aufs Feuer gestellt und bei drei
Stunden lang gesotten, ohne daß die das Bett hütende Witwe davon irgendeine
Kunde erhielt. Die Zeit von der Sendung um die Medizin nach Horeb dauerte bis
zur Kocherei vier Tage, während welcher Zeit mein Vater die Witwe des Tages zu
öfteren Malen tröstete und ihr die vollste Genesung schon in fünf Tagen
verhieß. Darüber erholte sich die Witwe von Tag zu Tag sichtlich mehr und hatte
am vierten Tage das Bett schon verlassen wollen. Der Vater aber wollte sie
wegen der Bereitung der Schlangenbrühe nicht aus dem Bette lassen; denn hätte
sie etwas gesehen, da hätte es wahrscheinlich mit der vollen Heilung wohl seine
sehr geweisten Wege gehabt. So aber sah sie von allem nichts, und als ihr der
Vater die Brühe zum Hinabtrinken überreichte, trank sie dieselbe mit einer
sichtlichen Wohlbehaglichkeit bis auf den letzten Tropfen aus und gestand am
Ende, daß diese brühartige Medizin äußerst gut geschmeckt habe.
[GEJ.04_155,05] Der Vater ließ ihr die Brühe
in ein paar Stunden nur noch einmal verabreichen, und die Witwe fing darauf an,
sich so wohl zu befinden, daß sie kaum den vierten Tag noch im Bette zu halten
war. Aber auf des Vaters strenges Geheiß mußte sie wenigstens noch den halben
fünften Tag seit unserem Hiersein das Bett hüten, nach welcher Zeit sie dann das
Bett ganz frisch und vollkommen gesund verließ. Sie beschenkte meinen Vater
äußerst reichlich und vergaß auch mich nicht.
[GEJ.04_155,06] Bei unserer Abreise fragte
sie meinen Vater so im Vertrauen, ob er den griechischen Arzt gekannt habe, und
ob dieser ihr von ihrem Übel auch wohl irgend hätte helfen können.
[GEJ.04_155,07] Mein Vater aber sagte: ,Gar
sehr wohl habe ich diesen gar elenden Quacksalber gekannt; der hat wohl nie
jemandem geholfen – außer ins Grab!‘
[GEJ.04_155,08] Mit dieser Äußerung war die
liebliche Witwe ganz zufrieden und entließ uns beide mit großem Wohlwollen. Der
Vater packte nun gar sorgfältig verhüllt die in Lehm befindlichen übrigen
Schlangen, band sie auf des Kamels Rücken, nebst anderen Dingen und Sachen von
großem Werte; wir aber bestiegen auch unsere Dromedare und zogen uns also ganz
wohlgemut in unsere Heimat zurück.
[GEJ.04_155,09] Mit der mitgenommenen Medizin
der sicher sonderbarsten Art hat mein Vater hernach noch eine Menge abzehrende
Kranke geheilt und sich dadurch recht viel Geldes und einen berühmten Namen
erworben. Freilich stand er darum nicht sehr in Gunsten der Templer und
ebensowenig der Essäer; aber es achteten ihn die Römer desto mehr, ließen ihm
allen Schutz angedeihen, erhoben seine Kunst und Wissenschaft bis zu den
Sternen und gaben ihm den Ehrennamen Aesculapius iunior. Wenn dem Vater aber
die Schlangen ausgegangen waren, so bestellte er sich gleich wieder eine
bedeutende Sendung vom Horeb und heilte damit die Abzehrenden, von denen ihm
aber im Ernste keiner gestorben ist.“
156. Kapitel
[GEJ.04_156,01] (Mathael:) „Es waren aber
seit der Heilung dieser Witwe ganz gut ein paar Jahre verlaufen, ohne daß wir
von unserer Witwe etwas vernommen hatten. Auf einmal frühmorgens, gerade an
einem Sabbate, erschien ein Bote von seiten unserer Witwe und ersuchte den
Vater, sich so schnell als möglich auf den Weg zu machen; denn die bekannte
Witwe sei samt der Tochter urplötzlich derart unwohl geworden, daß wohl niemand
mehr aus dem Kreise ihrer sie tief betrauernden Nachbarn an ihr Aufkommen zu
denken sich getraue.
[GEJ.04_156,02] Daß wir auf diese Kunde hin
trotz des Sabbats uns bald auf unseren Dromedaren befanden, braucht kaum
erwähnt zu werden, und daß der Vater die sonderbare Medizin nicht vergaß, von
ihr ein rechtes Quantum mitzunehmen, versteht sich auch von selbst; denn er war
ganz naturgerecht der Meinung, daß diese Witwe einen Rückfall ihres Übels
bekommen habe, wie das bei derlei Übeln eben in nicht gar zu seltenen Fällen
sich ereignet, und ein jeder Arzt weiß, daß ein Rückfall in ein altes Übel viel
hartnäckiger ist als das erstmalige Auftreten desselben.
[GEJ.04_156,03] Nach etlichen Stunden
erreichten wir das bekannte Haus. Aber schon in der Ferne von einer halben
Stunde Fußweges entdeckte ich das ganze, große Wohnhaus in einen recht dichten,
blauen Dunst eingehüllt; und je näher wir dem wohlbekannten Hause kamen, desto
deutlicher entdeckte ich in dem Blaudunste die schon bekannten Bestien
herumschwimmen. ,Halt‘, sagte ich zum Vater, als wir noch so etwa sechzig Schritte
von dem Hause entfernt standen, ,da gehen wir wegen unseres leiblichen Heiles
um keinen Schritt mehr weiter, wollen wir nicht beide alsbald eine Beute des
Todes werden; denn derselbe böse Blaudunst mit seinen höchst unheimlichen
Einwohnern umhüllt nun das ganze Haus!‘
[GEJ.04_156,04] Mein Vater fing nun an, ganz
gewaltig zu stutzen, und hielt plötzlich inne. Er sandte den Boten ins Haus der
beiden Kranken, auf daß er ihm Kunde brächte, wie sich dieselben etwa doch
befänden. Der Bote eilte sogleich ins Haus und fand die beiden aber schon ganz
bewußtlos und im vollsten Ringen mit dem unerbittlichen Tode.
[GEJ.04_156,05] Als der Vater solches vom
Boten vernommen hatte, da sagte er zu ihm: ,Freund, Wunder wirken kann ich
nicht, und so bleibt mir nichts anderes übrig, als umzukehren, und je schneller
desto lieber! Denn es ist nicht geheuer, in der Nähe dieser beiden Kranken zu
sein!‘
[GEJ.04_156,06] Der Bote aber meinte, daß wir
uns doch noch eine Stunde aufhalten sollten; denn man könne ja noch nicht ganz bestimmt
wissen, ob die beiden nicht doch noch einmal zu sich kämen.
[GEJ.04_156,07] Sagte der Vater: ,Du freilich
nicht, aber desto bestimmter weiß ich darum! Alles in der Welt hat in und um
sich oft weit herum gewisse Kennzeichen, aus denen ein Kundiger mit großer
Sicherheit schließen kann, wie da irgendeine Sache oder ein Ding beschaffen
ist; und so ist es auch hier! Ich erkenne es sogar am Hause, daß die beiden
keine Stunde mehr leben werden und leben können! Hier wäre ein jeder
Rettungsversuch ein rein vergeblicher zu nennen!
[GEJ.04_156,08] Ihr männlichen Diener dieses
Hauses alle aber suchet Klapper- und Ringelschlangen zu bekommen, schlaget
ihnen die Köpfe ab, reiniget und kochet sie und genießet ihre Brühe zu öfteren
Malen, sonst sterbet ihr alle in einem Jahre an der gänzlichen Auszehrung; denn
die euch unbekannte Ausdünstung dieser beiden weiblichen Wesen ist von der Art,
daß ein jeder Mann, der ihnen besonders jetzt zu sehr in die Nähe kommt, davon
ergriffen und längstens in anderthalb Jahren eine förmliche Mumie wird!‘
[GEJ.04_156,09] Der Bote dankte sehr für
diesen Rat und wollte den Vater sehr reich beschenken; aber der Vater nahm
nichts an und fing an, die Dromedare und das Lastkamel umzukehren, eine bei
diesen Tieren immer nicht zu leichte Arbeit, besonders wenn sie müde und
hungrig geworden sind. Dem Vater war dieses Umkehren unserer Träger zwar stets
etwas Ärgerliches, aber diesmal kam es uns beiden sehr gut zustatten. Denn
hätten sich unsere Tiere schnell unserem Willen gefügt, so wären wir beide, und
ganz besonders ich, um eine wohl der allerdenkwürdigsten Anschauungen gekommen.
[GEJ.04_156,10] Der Blaudunst vergrößerte
sich nach und nach gut um die Hälfte, erhob sich aber gleich einer Riesenkugel
bald übers ganze, große Haus und ward angefüllt nicht nur von den beiden
Schlangengattungen, sondern von noch einer übergroßen Menge von allerlei Getier
böser und mitunter auch sehr sanfter Art. Diese trieben sich in dem Großballe
herum wie die Kraniche, wenn sie auf und in die Höhe fliegen. Der ganze Ballen
aber hing an zwei schwach aussehenden Schnüren oder besser Bändern. Die eine
und etwas kleinere Hälfte des Ballens war etwas lichter als die größere andere.
[GEJ.04_156,11] Sehr sonderbar kam es mir
vor, wie da ein recht starker Frühabendwind dem sehr locker hängenden Ballon
nicht die allerleiseste Störung zu bewirken imstande war. Während aber ich mir
diese Erscheinung also ganz erstaunt ansah und in römischer Zunge den Vater
davon benachrichtigte, bemerkte ich am Ende stets mehr Exemplare von größeren
Tieren, als Ratten, Mäuse, Kaninchen, Hühner, Tauben, Enten, Gänse, Lämmer,
Ziegen, Hasen, Rehe, Hirsche, Gazellen und noch eine Menge anderer Tiere, ganz
vollkommen ausgebildet, in dem großen Balle herumschwärmen.
[GEJ.04_156,12] Der Vater bemerkte mir:
,Sohn, redest du wohl die vollste Wahrheit? Denn diese Geschichte fängt denn
doch an, mir ein wenig zu bunt zu werden!‘
[GEJ.04_156,13] Ich aber beteuerte dem Vater,
daß ich nun wie allzeit ihm nur das erzähle, was ich klarst vor meinen Augen
sehe, nicht ein Wort mehr und auch nicht ein Wort weniger mache. Da sagte der
Vater dann nichts mehr und gab auf jedes meiner Worte außerordentlich acht.
[GEJ.04_156,14] Als ich dies sonderbarste
Bild von einer je erlebten Erscheinung so immer intensiver und erregter in den
Augenschein nahm, da rissen auf einmal die beiden Bänder, an denen der große
Ball befestigt zu sein schien, und nun schwebten aber statt des einen großen
Balles plötzlich zwei getrennte, ungefähr bei zwei Mannshöhen hoch, über dem
Hause. Der stets heftiger werdende Wind vermochte ihnen nichts anzuhaben; wie
gemauert fest schwebten nun die beiden Ballons über dem großen Wohnhause.
[GEJ.04_156,15] Ich bemerkte nach der
Trennung nichts mehr von den Geschmeißtieren in den getrennten Ballons, von denen
einer etwas kleiner zu sein schien und auch mehr Helle hatte denn der größere;
auch hatte der kleinere nur ein MIXTUM COMPOSITUM von lauter sanften Tieren in
sich, der größere aber faßte in sich auch Wölfe, Bären und eine Menge Füchse,
die aber nebst den vielen auch sanften Tieren ganz gemütlich hin und her und
auf und ab schwärmten. Merkwürdig war auch das, daß ich im schon ziemlich
bedeutenden Abenddunkel alles in diesen beiden Ballons so hell und klar
ausnahm, als würden sie von der Mittagssonne beleuchtet.“
157. Kapitel
[GEJ.04_157,01] (Mathael:) „Gut eine halbe
Viertelstunde blieb die Stellung eine ganz gleiche; aber nachher fing die Sache
an, sich ganz bedeutend zu verändern. Die Veranlassung dazu war ein
herbeigeflogener, ganz natürlich aussehender Elsternschwarm; denn es mochten
deren wohl einige hundert gewesen sein. Diese fingen an, die beiden Ballons
sehr zu beunruhigen. Das viele Getier in selben schob sich wie ineinander, und
bald wurden in den beiden Ballons nur zwei recht riesengroße, grauweiße Adler
ersichtlich, die ganz gewaltig nach den in sie stoßenden Elstern schnappten.
Wehe der, die sie erwischten; die verschwand bald aus ihrem ballonneckenden
Dasein! Es dauerte aber diese Geschichte gar nicht zu lange, – und alle die
Elstern waren aufgezehrt!
[GEJ.04_157,02] Als ich solches meinem Vater
alsogleich treust erzählte, sagte er: ,Ja, das sieht denn doch also aus, als
wären das die Seelen der beiden Verstorbenen!? Sieh doch die Sache genau an,
und sage es mir, was immer dir zu Gesichte kommt; denn wahrlich, so eine
seltsame Sterbegeschichte hast du mir noch nie erzählt!‘
[GEJ.04_157,03] Sagte ich: ,Vater, was ich
sehe, erzähle ich dir augenblicklich! – Soeben werden die Ballons kleiner, und
die Riesenadler verwandeln sich in – geradeheraus gesagt – zwei Kühe, aber ohne
Hörner, und ich sehe einen vollkommenen Menschen am Gerüste des Daches auf und
ab steigen und in jeder Hand ein Bündel Heues tragen; er wird doch nicht die
beiden Kühe damit füttern wollen? Richtig! Die beiden langen mit den Zungen
danach und haben sich ganz niedergesenkt, so daß sie die vorgehaltenen
Heubündel leicht erreichen können; und nun verzehren sie das Heu auch ganz
gemütlich!‘
[GEJ.04_157,04] So erzählte ich dem Vater
alsogleich, wie und was ich sah. Nach dem Verzehren des Heues verschwand der
Mensch vom Giebel des Daches; aber bald kam ein anderer, der dem ersten nicht
im geringsten gleichsah, mit zwei Eimern Wasser und hielt den beiden Kühen das
darin enthaltene Wasser zum Trinken vor, und die Kühe tranken dasselbe sichtlich
bis auf den letzten Tropfen aus.
[GEJ.04_157,05] Auf diese Erscheinung
verschwand auch der zweite Mensch samt den Eimern; aber gleich darauf fingen
die Kühe an, sich in einem Kreise schnell zu drehen. Die früheren Dunstballone
wurden ganz unsichtbar, und vor lauter Schnellumdrehen konnte ich die Gestalt
der beiden Wesen durchaus nicht mehr ausnehmen. Während dieses Schnelldrehens
aber wurden die Wesen auch immer heller und erreichten endlich den Schein eines
untergehenden Mondes.
[GEJ.04_157,06] Bald darauf hörte das Drehen
ganz auf, und an der Stelle der früheren Kühe schwebten nun zwei etwas magere
Menschengestalten, aber ganz nackt. Da sie mit dem Rücken gegen uns gekehrt
waren, so konnte ich das Geschlecht nicht wohl ausnehmen; aber so der Größe
nach zu urteilen, waren das doch zwei weibliche Gestalten.
[GEJ.04_157,07] Nach einer Weile von einer
Viertelstunde sah ich abermals ein menschliches Wesen mit zwei Bündeln auf des
Daches Giebel kommen und einer jeden der zwei Gestalten ein Bündel austeilen.
Gleich verschwand wieder der Bündelüberbringer, und die beiden Gestalten lösten
behende die Bündel auf, nahmen daraus eine jede ein lichtgraues Faltenkleid und
warfen dasselbe in einem Momente über den Leib; nun erkannte ich erst mit aller
Bestimmtheit, daß die beiden Gestalten die der sonderbaren Witwe und ihrer
taubstummen Tochter waren. Sie kamen mir wohl magerer vor, aber
dessenungeachtet waren sie es doch ungezweifelt.!
[GEJ.04_157,08] Als sie nun so als
vollkommene Weibsgestalten vollends am Dachgiebel vor meiner Sehe standen, da
kamen wieder die zwei Mannsgestalten in lichtgrünen Mänteln aufs Dach zu ihnen
und winkten denselben, ihnen zu folgen, was denn die beiden auch taten ohne die
allergeringste Weigerung.
[GEJ.04_157,09] Der Zug ging gen Mittag hin.
Bald entschwanden sie meiner Sehe völlig; ich aber vernahm darauf sogleich die
deutlichen Worte: ,Gott dem Herrn allein allen Dank und allen Preis und alle
Ehre für die Rettung dieser zwei Armen!‘
[GEJ.04_157,10] Wer etwa diese Worte
ausgesprochen hatte, weiß ich nicht; aber gehört habe ich sie höchst deutlich
und klar! Von den zwei Mannsgestalten konnten sie unmöglich hergekommen sein,
da sie da schon lange irgendwo über Berg und Tal waren. Es muß da jemand anders
irgendwo hinter mir die Worte ausgesprochen haben. Wer aber, das ist eine ganz
andere Sache!
[GEJ.04_157,11] Wer sie aber auch immer mag
gesprochen haben, so geht das die ganze Geschichte äußerst wenig an; daß aber
die Worte gut waren und vieles in sich fassen mögen, das ist auch gewiß! Denn
beide Wesen haben im ganzen äußerst gut und züchtig gelebt, waren sehr
wohltätig gegen Arme und dazu auch äußerst gottesfürchtig, woher denn etwas
schwer zu begreifen ist, warum die Stimme gerade so ganz besonders für die
Rettung dieser Witwe und ihrer taubstummen Tochter Gott Dank, Preis und Ehre
gegeben hat. Diese Stimme muß daher etwas mehr wissen oder gewußt haben als
das, was nun mein Verstand sogar zu begreifen imstande ist.
[GEJ.04_157,12] Du, o Herr, aber weißt
ohnehin, was alles uns in dieser Sterbegeschichte ein Rätsel verbleiben wird!
Ich will daher übers Ganze durchaus keine besondere Frage mehr setzen, da
ohnehin die ganze Erzählung von ALPHA bis OMEGA eine Frage ist; daher erkläre
Du, o Herr, gleich lieber alles, denn da sehe ich nirgends aus und ein! Schon
die Krankheit war an und für sich höchst rätselhaft, geschweige die
Erscheinungen während und nach dem Sterben! Das Steigen des offenbar seelischen
Blaudampfes übers ganze Haus, die Tiere darin, endlich die Trennung des einen
großen Ballons in zwei kleinere, die neckenden Elstern, die Riesenadler, die
Umwandlung derselben in ungehörnte Kühe und so weiter, – kurz, da ist alles
eine Fabel, die gar nicht und von niemandem zu glauben ist, so man sie so
gleich hinweg erzählen würde! So Du, o Herr, es sonach allergnädigst wollen
möchtest, da mache uns diese Geschichte ein wenig durchsichtig; denn bis jetzt
hängt zwischen ihr und mir mehr denn die dreifache Mosisdecke!“
158. Kapitel
[GEJ.04_158,01] Sagte Ich: „Ist diese
Historie euch allen gleich unklar?“
[GEJ.04_158,02] Alle bejahten diese Frage und
baten um die Enthüllung.
[GEJ.04_158,03] Und Ich sagte zu allen: „Habt
ihr doch gelesen von den Kindern der Schlange und tut bei dieser Geschichte gar
so lichtlos seiend! Seht, auf dieser Erde gibt es giftige Mineralien, giftige
Pflanzen und ebenso auch bekannte giftige Tiere! Die giftigen Minerale sind
ganz giftig, die giftigen Pflanzen zum größten Teile und die giftigen Tiere in
bezug auf ihr ganzes Wesen zum mindesten Teile. Ihr habt aber auch gehört, wie
die Seelen der Menschen rein von dieser Erde ein Konglomerat aus den
Mineral-, Pflanzen- und Tierseelen sind. Das ist eine Sache, die Ich vor euch
schon zu öfteren Malen erklärt habe, nur habe Ich da mehr allgemein als
speziell geredet und hatte auch bis nun keine besonderen Ausnahmen gezeigt; das
aber ist ein solch besonderer Ausnahmefall, und Ich will euch alle mit ihm
näher vertraut machen.
[GEJ.04_158,04] Ihr kennet die gerechte und wahre
Ordnung Gottes, kennet aber auch die Exzentrizitäten derselben; ihr könnet sie
denken, fühlen und empfinden! Was aber ihr könnet, das gleiche kann auch Gott;
Er kennt Seine ewige Ordnung sicher am besten und hellsten, kennt aber dahinzu
auch alle die möglichen und verschiedenartigsten Aus- und Übertretungen dieser
Ordnung, muß sie also auch denken und tiefst zu fühlen imstande sein.
[GEJ.04_158,05] Ja, Gott muß in die frei und
selbständig werden sollenden und frei wollenden Geschöpfe, besonders in die
Engel und dieser Erde Menschen, wie ihr wisset, sogar den Reiz zur Widerordnung
legen, auf daß sich daraus für die Benannten eine wahre, freitätige
Sichselbstbestimmung vollkommen bewahrheite. Aus dem aber geht doch etwa klar
hervor, daß Gott die möglichste Widerordnung ebenso bekannt sein muß wie die
gute, wahre und lebendige Ordnung.
[GEJ.04_158,06] Die Gedanken und die Gefühle
der Widerordnung in Gott sowohl als im Menschen unter den ordnungsmäßigen
Gedanken und Gefühlen sind entsprechend den Giftmineralien, Giftpflanzen und
Gifttieren. Weil sie aber auch Gottesgedanken und Gottesgefühle sind, so können
sie nicht vergehen, sondern bleiben auch in der feuerzüngigen
Intelligenzurgestaltung, können als verwandt sich in der negativen Sphäre
ergreifen und eine eigene Wesenreihe bilden.
[GEJ.04_158,07] Aus diesem Urborne entstand
eigentlich zumeist die ganze materielle und gerichtete Schöpfung. Da aber diese
berufen ist, den Geistgeschöpfen nicht nur als ein prüfend Lebensgift zu
dienen, sondern bei gerechtem Gebrauch auch als ein heilsamer Lebensbalsam, so
ist auch eine Ordnung dahin getroffen, daß die gar zu ordnungswidrigen
Ursubstantialgedanken sich von den viel weniger ordnungswidrigen scheiden und
eine schon bemerkte giftige Wesenreihe in allen drei Reichen der sichtbaren,
äußeren, materiellsten Natur der Dinge ausmachen.
[GEJ.04_158,08] Zuerst stehen die Gifte in
der gröbsten Materie der Minerale, dann kommen sie, schon etwas gemildert, im
dafür geeigneten Pflanzenreiche vor, und schon bis auf eine Kleinigkeit
gemildert machen sie sich in gewissen Tieren unterster Gattung dem bessern,
also positiven äußern Leben gefährlich und können sogar unter gewissen
Umständen auch das innere, ganz positive, wahre Leben, wenn auch nicht
verderben, so doch sehr verletzen.
[GEJ.04_158,09] Nun, dieser Giftwesen
Seelenspezifikalpotenzen samt ihrer Intelligenzfähigkeit ergreifen sich am
Ende, und es wird aus ihnen am Ende auch eine Gestalt, aber stets nur eine
weibliche, gebildet, die aber dann ganz natürlich auch nicht ohne eine noch
ganz besonders giftige Beigabe dasteht. Diese Seelen kommen endlich auch auf
den Weg des Fleisches durch den irgendwo verübten Akt der bekannten Zeugung
durch den Beischlaf.“
159. Kapitel
[GEJ.04_159,01] (Der Herr:) „Ist solch eine
Seele einmal in einem Fleische wohnend, so legt sie ihr Giftiges ins Fleisch
und Blut des eigenen Leibes, den das aber naturgesundheitlich eben nicht
besonders in seiner Lebenssphäre beirrt, weil er schon urentstehlich also
eingerichtet ist.
[GEJ.04_159,02] Aber es ist für einen aus der
positiven Ordnung hervorgegangenen Menschen dennoch nie geheuer, sich einem
solchen Menschen zu sehr zu nähern; denn schadet sie seiner Seele schon auch
geradewegs nicht, so schadet sie aber doch seinem zur Aufnahme eines solchen
Giftes nicht geeigneten Leibe. Und nun stehen wir schon bei unserer Witwe!
[GEJ.04_159,03] Ihre sonst ganz gute und in
eine gute Ordnung übergegangene Seele hat ihr giftiges Urelement in ihres
Leibes Milz und Leber niedergelegt, das sich dort so lange ganz ruhig und
weiter unschädlich verhält, solange sie nicht durch irgend etwas
leidenschaftlich erregt wird; ist aber eine solche wahre Giftperson erregt
worden, dann ist es für jeden Mann hoch an der Zeit, sich schnell aus ihrer
Giftsphäre zu ziehen.
[GEJ.04_159,04] Denn dieses ihrem Leibe
innewohnende Gift ist nervenätherischer Art und dringt in der Person
Außenlebenssphäre. Wer es durchs Einatmen oder durch längeres Verweilen in
solcher vom Gifte durchschwängerten Sphäre mit dem eigenen Nervenäther in eine
gar leicht erfolgte Verbindung bringt, der ist leiblich verloren, besonders so
er das Gegengift nicht kennt.
[GEJ.04_159,05] Nun, das Gegengift wäre wohl,
wenn alle Nerven nicht schon zu sehr irritiert sind, die gewisse Brühe;
zugleich aber müßten in einem großen Gefäße solche Tiere im Olivenöle erstickt
werden und dann nebst der getrunkenen Brühe der ganze Leib mit dem Schlangenöle
ganz gut eingerieben werden. Dadurch erst könnte eine volle Heilung zustande
gebracht werden, und das darum, weil das schon in den Nerven hausende Gift sich
gleich aus den Nerven zieht und sich zum Teil mit seinem Urelemente in der
Brühe im Magen oder mit jenem im Öle ruhenden verbindet und vereinigt und
dadurch auf die Nerven nicht mehr rückwirken und ihnen daher auch nicht mehr
schaden kann.
[GEJ.04_159,06] Als du, Mathael, zum ersten
Male zu ihr geladen warst mit deinem Vater, da war die Witwe durch ihr eigenes
Gift, das ihr der griechische Arzt zu heftig erregt hatte, leidend und hätte
daran damals ebensogut wie späterhin sterben können; denn äußerst selten
sterben solche Giftpersonen an irgendeiner andern Krankheit als am eigenen
Gifte.
[GEJ.04_159,07] Der dir sichtbar gewordene
Blaudunst, in dem mehrere dir eben nicht zu sehr liebsame Tiere herumschwammen,
war so ein Auserguß des Giftäthers und zeigte durch seine ersichtliche
Inwohnerschaft ganz klar und deutlich, wessen Geistes Produkt er war.
[GEJ.04_159,08] Als dein Vater die der Witwe
Inneres sehr aufregende Furcht durch seine kluge Beredsamkeit bedeutend
milderte, zog sich der böse Äther in die beruhigte Milz und Leber zurück; der
Überfluß aber verharrte in der Galle des Magens, ward in vier Tagen endlich von
der gewissen Brühe total aufgenommen und durch den natürlichen Gang
hinausgeschafft, und die Witwe ward darauf wieder vollkommen gesund. Die Stimme
aber, die dir das Mittel angab, kam von einem Geiste her, der der Witwe
Geisteshüter war.
[GEJ.04_159,09] Als du mit deinem Vater aber
zum zweiten Male hingerufen wurdest, hatte die Witwe einen starken Ärger wegen
ihrer taubstummen Tochter, die sich in einen etwas ausgelassenen Menschen trotz
ihrer Taubstummschaft denn doch recht fest zu verlieben begann. Dadurch ward
der Witwe, wie auch der gleichartigen Tochter Eigengift zu heftig erregt; beide
wurden wie von tausend der giftigsten Schlangen in allen ihren Lebensnerven
gebissen, und es war von diesem Moment an keine leibliche Heilung mehr zu
denken, – außer nur durch Meine Kraft wäre es natürlich wohl möglich gewesen.
Die Seelen beider aber lösten sich infolge der großen Erregung nahezu gänzlich
auf, das heißt, sie lösten sich in ihre Urelemente auf und drangen, notwendig
einen größeren Raum einnehmend, sogar übers Haus, darin die beiden sterbend
lagen, hoch und weit hinaus.
[GEJ.04_159,10] Als die völlige Ablösung vom
Leibe erfolgt war und sich nach erfolgter weiterer Beruhigung die Urelemente im
Lebensdunstknäuel wieder als zusammengehörig zu erkennen begannen, trennten
sich bald die früher ineinander verschwommenen Knäuel, von denen der große die
Lebensurelemente der Witwe und der kleinere jene der Tochter faßte. Die
Lebensurelemente aber, nun stets mehr beruhigt, erkannten sich auch stets mehr,
ergriffen sich, und dir ward in den Ballons sogleich eine höherstehende
Tiergattung ersichtlich.
[GEJ.04_159,11] Als im Lebensknäuel, wie in
seiner innern Gestalt sich wieder mehr Ruhe einfand, da erkannten sich die
Seelenvorgebilde wieder inniger und gingen in zwei Adlerweiblein über. Bald
ersahst du einen Schwarm Elstern die Ballons beunruhigen; dies waren die
Außenlebensgeister, die sich nun auch mit den beiden Seelen zu vereinigen
hatten. Als dies auf die dir erscheinliche und der Sache entsprechende Weise
geschah, da wurden dir sogleich zwei Kühe sichtbar. Das wäre dem Menschen schon
nahe; aber es geht nun noch etwas Urelementarisches ab.
[GEJ.04_159,12] Die beiden Mannsseelen, die
zuvor Männer der Witwe waren, erkennen diesen Abgang und schaffen ihn nach der
guten Ordnung her. Da tritt ein neues Leben in die Kuhgestalten, alles wird
durcheinandergetrieben, dadurch entsteht eine neue organische Ordnung, und bald
gehen aus ihr zwei vollkommene Menschengestalten hervor. Diese werden nun von
den anwesenden Mannsseelen mit Liebe erfaßt, und diese Liebe bildet gleich den
gerechten Urstoff zu einer entsprechenden Bekleidung, und also werden die
früher so sehr zertragenen Seelen wieder für immer vollständige Menschenformen,
begabt mit der nötigen Erkenntnis, was der Abzug gegen Abend klar anzeigt.
[GEJ.04_159,13] Die letzte Dankstimme aber,
die du, Mathael, zuletzt vernommen hast, war abermals die eines und desselben
Schutzgeistes, der dir um nahe zwei Jahre früher das rechte Mittel zur Heilung
solch einer Krankheit angab. Der Geist aber sah die große Schwierigkeit ein,
die dazu erforderlich war, aus einer direkten Widerordnung eine wahre und himmlische
zu gestalten; denn auch da kann man mit wenig Gift sehr viel Balsam auch zu
Gift, aber mit wenig Balsam viel Gift nahezu unmöglich zu einem heilsamen
Balsam machen. Nur bei Gott allein ist alles möglich, und darum der letzte
Dankruf des Schutzgeistes an Gott den Herrn!
[GEJ.04_159,14] Verstehet ihr dies alles nun
wohl? Wem irgend etwas noch dunkel ist, der frage, und es soll ihm Licht
werden!“
160. Kapitel
[GEJ.04_160,01] Sagt Cyrenius: „Herr, Du
allein Weiser und Gerechter, was da betrifft diese Geschichte, so ist sie mir
nun völlig klar; denn ich sehe dies von Dir ausgehende wahrhaft göttliche
Kunstgefüge im natürlichen Werdungsfortgange, ich sehe Deine ewige Ordnung und
sehe auch, daß Dir nur in solcher Ordnung alle Dinge möglich sind. Aber eines
darunter bleibt mir im Ernste etwas dunkel, und ich kann da schon denken, wie
ich will, so will's mir darin dennoch nicht lichter und heller werden.
[GEJ.04_160,02] Ich begreife nämlich das noch
immer nicht, warum unsere menschliche Seele denn zuvor, ehe sie in die
vollintelligente menschliche Form übergeht, ganz zerteilt in tausendmal tausend
Pflanzen, ja sogar Mineralien und in mehr als noch einmal soviel Tieren
bestehen muß. Bevor sie also eine vollkommene Menschenseele wird, muß sie durch
Blitz und Regen aus den Steinen – und wer weiß, aus was noch – vorher
gewisserart herausgefeuert und endlich herausgeschwemmt werden?! Nachher geht
diese Seelenwanderungs- und Seelenzusammenklaubungsgeschichte langweilig genug
durch die ganze Pflanzen- und Tierwelt hindurch, und am Ende muß sie noch die
Ehre haben, als eine werdende kräftige Menschenseele in wenigstens zwanzig
Ochsen totgeschlachtet zu werden und daneben noch so in etwa hundert Schafen,
Kälbern und Eseln?! Das nennen wir Römer eine DOCTRINA DURA!
[GEJ.04_160,03] Wäre es denn Gott nicht
möglich, gleich eine vollkommene Menschenseele zu erschaffen und sie dann zu
umkleiden mit Fleisch und Blut? Wozu denn ein so langweiliges Fortschreiten? Da
sehen wir unsern Raphael an! Was geht dem irgend wohl noch ab zu einem
vollendeten Leben?! Was sind wir zusammengeklaubte Seelen gegen ihn?! Hat er
nicht im kleinsten Finger mehr Macht und Weisheit als wir im ganzen Leibe
legionenweise zusammengestellt?! Ich möchte den Untergang von tausend Legionen
der bewährtesten Krieger nicht sehen; in einem Nu würde er sie alle zu Staub
zermalmen! Das nenne ich eine Lebensvollendung! Kann sie dem von Dir aus
verliehen werden, warum denn einer Menschenseele nicht?! Oder hat auch sein
Geist als eine Seele zuvor eine so ungeheure Durchwanderung durch wer weiß wie
zahllos viele Stufen machen müssen? Das, o Herr, ist so meine Nachtseite! Gib
auch da ein rechtes Licht hinein, und ich will Dich weiterhin sicher mit keiner
so dummen Frage mehr belästigen!
[GEJ.04_160,04] In eurem Moses heißt es wohl:
,Und Gott der Herr machte den Menschen aus einem Erdenkloß, und Er blies ihm
ein den lebendigen Odem in seine Nase. Und also ward der Mensch eine lebendige
Seele.‘ Nach diesen freilich höchst dunklen Worten – wenn man sie so nehmen
könnte, wie sie wortlautig stehen – hättest Du als Gott dem Menschen dann also
wohl eine schon vollkommene Seele durch seine Nüstern eingeblasen, und der
ganze Mensch wäre dann nach Deinem Bilde zur vollkommenen Seele geworden. Aber
es ist da schon das eine ebenso lichtlos als das andere. Darum bitte ich Dich,
uns allen nur so zur Not ein Lichtlein da hineinzustellen!“
[GEJ.04_160,05] Sage Ich: „Ja, Mein lieber
Freund Cyrenius, wenn dein Gedächtnis dich hie und da schon zuweilen zu
verlassen anfängt, so kann Ich da nicht dafür; denn das, was du nun wissen
möchtest, habe Ich euch ja schon lange ganz umständlich erklärt! Du hast es ja
nur vergessen; Ich werde dir dein Gedächtnis ein wenig wecken, und es wird dir
dann schon alles recht helle werden!“
[GEJ.04_160,06] Sagt Cyrenius: „Ja, ja, Herr,
Du hast schon allzeit recht! Ich bin nun schon ganz im klaren; auf diesem Berge
und in dieser Nacht ist uns alles auf ein Haar klein erklärt worden, als wir
alle durch das magische Licht der gewissen Leuchtkugel alles Werden und sogar
den Ausfluß Deiner Gedanken und Ideen, ihre endloseste Vielheit und sogar
unsere höchst eigenen Gedanken vor uns in Gestalt von feurigen Zungen und
Zünglein haben schweben sehen! Ja, ja, das alles haben wir nicht nur schon
gehört, sondern auch ordentlich gesehen!
161. Kapitel
[GEJ.04_161,01] (Cyrenius:) „Mit Moses aber
kann ich mich alles dessenungeachtet noch nicht so recht befreunden. Es muß
viel außerordentlich Großes und Wahres darin liegen; aber wer außer Dir
versteht das, was er geschrieben hat?
[GEJ.04_161,02] Besonders dunkel ist seine
Schöpfungsgeschichte gehalten! Einmal heißt es: ,Lasset uns Menschen machen,
ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meere, über
die Vögel unter dem Himmel, über das Vieh und über die ganze Erde und über das
Gewürm, das auf der Erde kriecht!‘ Und Gott schuf den Menschen Ihm zum Bilde,
zum Bilde Gottes schuf Er ihn; und schuf sie ein Männlein und ein Fräulein. Und
Gott segnete sie und sprach zu ihnen: ,Seid fruchtbar und mehret euch und
füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im
Meere, über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden
kriecht!‘ Und Gott sprach: ,Sehet da, Ich habe euch gegeben allerlei Kraut, das
sich besamet auf der ganzen Erde, und allerlei fruchtbare Bäume, die sich
besamen zu eurer Speise, und allem Getier auf Erden und allen Vögeln unter den
Himmeln und allem Gewürme, das da lebet auf Erden, daß sie allerlei Grünkraut
essen!‘ Und es geschah also. Und Gott sah alles an, was Er gemacht hatte, und
siehe da, es war alles sehr gut! Und es ward aus dem Abend und Morgen der
sechste Tag.‘
[GEJ.04_161,03] Mit dieser Textierung sollte
man nun die Erschaffungsgeschichte als abgemacht betrachten; allein, dem ist es
bei weitem nicht also! Hinterdrein, nachdem Gott der Herr Seine Schöpfung
allenthalben ansah und alles sehr gut fand, läßt Moses wieder von Gott den
ersten Menschen aus Lehm oder einem Erdenkloße formen und ihm durch die Nase
einhauchen eine Seele, und der Mensch wäre nun da als vollends fertig; nur
scheint Gott vergessen zu haben, daß auch der Mensch eines Weibleins benötigen
wird!
[GEJ.04_161,04] In der früheren Textierung
heißt es zwar: ,Und Gott schuf ein Männlein und ein Fräulein‘; hier aber, nachher,
läßt Moses den Adam lange allein sein und läßt ihm erst dann in einem tiefen
Schlafe von Gott das erste Weib aus seiner Rippe erschaffen oder machen! Nun,
wer das vernünftig und sinnreich verbinden kann, der versteht offenbar mehr als
ich!
[GEJ.04_161,05] Nach der ersten Textierung
zeigt Gott dem Adam und der Eva sogleich an, daß sie beherrschen sollen die
ganze Erde und alle Kreatur auf ihr. Er segnet sie alsogleich; denn es heißt:
,Und Gott segnete sie.‘ Und also muß Er zuvor auch schon die Erde und alle ihre
Kreatur gesegnet haben; denn es steht auch geschrieben, daß Gott Selbst alles
sehr gut fand, was Er erschaffen hatte. Was aber Gott Selbst als sehr gut
findet, das kann doch unmöglich anders als schon durch das allerhöchste
Wohlgefallen Gottes auch höchst gesegnet sein!
[GEJ.04_161,06] Also erscheint in der
Vortextierung die ganze Erde und das erste Menschenpaar als im höchsten Grade
gesegnet! Aber in der Nachtextierung bekommt alles gleich ein anderes Gesicht:
Die Erde hat nur einen bewohnbaren Garten, der freilich hübsch groß sein mußte,
weil in seiner Mitte gleich vier der größten Ströme Asias (Asiens) entspringen.
Da ward von Gott der erste Mann allein aus Lehm gemacht und ihm darauf eine
lebendige Seele durch die Nasenlöcher eingehaucht; er sah und benannte die
Bäume und das Kraut, die Fische im Meere, die Vögel unter dem Himmel und alles
Getier, das auf Erden umherkriecht und umherwandelt.
[GEJ.04_161,07] Die Insekten, Fliegen,
Bienen, Wespen, Hornissen, Schmetterlinge und noch eine große Menge der kleinen
Luftbewohner, die man doch kein Gewürm nennen kann, hatte Moses ebensogut, wie
außer den Fischen die zahllose Meeresbewohnerschaft, rein vergessen; denn er
spricht in der Luft, als unter dem Himmel, nur von den Vögeln, und im Meere nur
von den Fischen. Das ist auch ein wenig sonderbar!
[GEJ.04_161,08] Aber lassen wir das noch so
dahingehen; denn man kann unter dem Begriffe ,Vogel‘ am Ende ja alles im
allgemeinsten Sinne verstehen, was da bewohnt die Luft, und unter dem
allgemeinen Begriffe ,Fisch‘ alles Getier, das da hauset im Wasser. Ob aber
Moses seine aufgestellten Begriffe auch so weit ausgedehnt hatte, wie es zu
seinem Rechtverstehen nötig sein möchte, das könnte ich wohl in keinem Falle
behaupten!
[GEJ.04_161,09] Sei dem aber nun, wie ihm
wolle, damit könnte man sich immerhin noch verständigen lassen; aber wie er in
der Vortextierung am sechsten Schöpfungstage von Gott aus gleich nach dem
Ausrufe Gottes ,Lasset uns Menschen erschaffen nach dem Bilde Gottes!‘ ein
Männlein und ein Fräulein werden läßt, in der Nachtextierung aber das Männlein
lange zuvor aus Lehm geformt hat, das Fräulein aber viel später aus des
Männleins Rippe werden läßt, die ganze Erde bei weitem ungesegneter erscheint,
von der Segnung dieses ersten Menschenpaares gar keine Rede ist, im Gegenteil
ihnen von einem gewissen Baume bei Androhung der Strafe des Todes und der
Verfluchung der Erde die Frucht zu essen verboten wird, und wie es später nach
der Übertretung dieses Gebotes auch heißt, daß die Erde im Ernste verflucht
ward und nun nur Dornen und Disteln tragen werde, und nebstdem, daß er sterben
müsse, und daß er sich im Schweiße seines Angesichtes werde das Brot erwerben
müssen, – ja, da ist von der Segnung, deren Moses in der Vortextierung erwähnt,
sowie von der ebendaselbst erwähnten höchsten Zufriedenheit der beendeten Werke
Gottes keine allerleiseste Spur irgend mehr zu entdecken! Ja, Du unser
allergöttlichster Freund, das ist denn doch etwa auch eine DOCTRINA DURA, und
man kann sich in ihr selbst beim besten Willen nicht zurechtfinden!
[GEJ.04_161,10] Aufrichtig gesagt: Wer Du, o
Herr, bist, und was Du lehrest, das glaube ich mehr als felsenfest; aber mit
dem etwas stark verwirrten Moses bleibet mir so hübsch weit vom Leibe! Ist es
Dir möglich, mir darüber irgendein Licht zu geben, so ist es mir recht; ist
aber das vorderhand nicht Deiner Ordnung gemäß leicht tunlich, nun, so liegt da
für mich wenigstens sehr wenig oder auch gar nichts daran! Ich und wir alle
haben von Dir ein vollkommenes Licht und können daher des Moses Afterlicht
leicht missen. Was nützt uns eine Lehre, die wir in ihrer Urwahrheit nicht
verstehen können?! Besser ein belehrend verständiges Wort als zehntausend
Worte, die niemand versteht!“
162. Kapitel
[GEJ.04_162,01] Sage Ich: „Deine Bemerkung über
Moses ist gerade so übel nicht, mit dem Maßstabe des eigentlichen
Weltverstandes bemessen; aber mit dem Verstande des Geistes beurteilt, ist
Moses ganz etwas anderes, als was er dir dem Wortlaute nach vorkommt. Übrigens
aber ist dem Wortlaute nach die Vortextierung von der Nachtextierung nicht gar
so verschieden, als du es meinst; denn die Nachtextierung kommentiert vielmehr
die Vortextierung und beschreibt die Art und Weise – wennschon eigentlich in
geistig entsprechender Weise – näher, wie des Menschen Werdung vor sich
gegangen ist.
[GEJ.04_162,02] Wie aber das Werden
naturgemäß zu verstehen ist, habe Ich euch insoweit, als es für euch vorderhand
notwendig ist, schon ohnehin sogar in dieser Nacht gezeigt. Und Mathael, der
mit der Wissenschaft der Entsprechungen sehr vertraut ist, hat vor einem Tage
euch auch kundgetan, wie des Moses Schriften zu verstehen sind; und Ich muß
dir, du Mein Freund Cyrenius, abermals die Bemerkung machen, daß du im Ernste
ein ganz kurzes Gedächtnis hast! Zwar habe Ich ehedem dein Gedächtnis von neuem
belebt, und du kannst dich nun schon, wenn du recht fest willst, darin ein
bißchen freier bewegen; bei deinem Mosaischen Menschenschöpfungszweifel aber
will Ich dir doch noch so viel Zurechtweisliches hinzuerzählen, daß du und auch
noch so mancher andere daraus entnehmen könnet, wie es sich so ganz eigentlich
mit der Sache verhält.
[GEJ.04_162,03] Sehet, alles was Moses mit
seiner Schöpfungsgeschichte sagt und so ganz eigentlich sagen will, bezieht
sich zuallernächst nur auf die Erziehung und geistige Bildung der ersten
Menschen überhaupt, und nur durch Entsprechung auch auf die des allerersten
Menschenpaares.
[GEJ.04_162,04] Übrigens ist Adam wohl dem
Leibe nach aus den Ätherteilen des feinsten Erdlehms durch Meinen Willen nach
der gesetzten Ordnung, wie Ich sie euch nun gezeigt habe, geschaffen und
geformt worden; und als er voll gemachter Erfahrung durch Meinen Willen einmal
zu jener Kraft gediehen war, durch die sich bei ihm eine äußerst intensive
Außenlebenssphäre hatte bilden müssen, und als er einmal arbeits- und reisemüde
in einen tiefen Schlaf verfiel, so war es denn auch an der Zeit, eine sich aus
allen euch bekannten Naturstufen zusammengeklaubte Naturseele in die
Außenlebenssphäre Adams zu versetzen.
[GEJ.04_162,05] Diese Seele, in der
Außenlebenssphäre sich befindend, fing sogleich an, sich aus diesen ihr sehr
lieblichen Adamischen Außenlebensteilen oder aus dem reichlichsten
Lebensdunste, wie es noch heutzutage Seelen Verstorbener zu tun pflegen, wenn
sie den Menschen auf einige Momente erscheinen wollen, einen ihr entsprechenden
Leib nach Meinem Willen und nach Meiner Ordnung zu bilden, und war mit
demselben auch in drei Tagen vollkommen fertig.
[GEJ.04_162,06] Als darauf Adam erwachte, sah
er voll Staunens und voll Freude sein Ebenbild neben sich, das ihm natürlich
äußerst zugetan war und sein mußte, weil es dem Leibe nach auch aus seinem
Wesen herstammte.
[GEJ.04_162,07] Er aber nahm in der Gegend
des Herzens wahr, als drücke ihn etwas, aber ganz angenehm, auch fühlte er
wieder zuweilen wie eine Leere – das war der Anfang der geschlechtlichen Liebe
– und konnte sich nimmer trennen von dem Bilde, das ihm gleich soviel Anmut
verschaffte. Wohin er ging, da folgte das Weib ihm, und ging das Weib wohin, so
konnte er es sicher nicht allein gehen lassen. Er fühlte des Weibes Wert und
dessen Liebe und sagte darum in einem hellsehenden Momente: Wir, ich ein Mann
und du ein Weib, mir aus meinen Rippen (in der Herzensgegend) entwachsen nach
dem Plane Gottes, sind sonach ein Fleisch und ein Leib; du bist meines Lebens
lieblichster Teil, und es wird fürder also bleiben, und es wird der Mann Vater
und Mutter (der Mannesernst und seine Sorge) verlassen und wird hangen an
seinem Weibe!
[GEJ.04_162,08] Wo es aber heißt, daß Gott
beim Adam den Teil mit Fleisch bedeckte, da Er ihm die Rippe nahm, so wird von
euch hoffentlich doch niemand so dumm sein anzunehmen, daß Gott den Adam im
Ernste verwundet hat, um ihn um eine Rippe zu verkürzen, damit aus der kleinen
Rippe ein großes Weib werde. Die Rippen sind ein äußerer, fester Schutzschild
der zarten, inneren Lebensorgane.
[GEJ.04_162,09] Wenn ein David sagt: ,Gott,
unsere feste Burg und ein starker Schild!‘, – ist darum Gott dann im Ernste
eine aus lauter Würfelsteinen erbaute feste Burg, oder ein großer, eherner
Schild?!
[GEJ.04_162,10] Also steht es auch mit der
Rippe, aus der die Eva stammen soll! Sie, die Rippe, ist nur ein Zeichen für
die Sache; die Sache aber ist Adams inneres, mächtiges Liebeleben. Und die
Rippe, als der Schutz dieses Lebens, ward von Moses darum in die Schrift
genommen: erstens, weil sie das Leben schützt und somit, ein äußerer Schild des
Lebens seiend, auch dasselbe bildlich darstellt; zweitens ist aber später ein
gutes, treues und liebbraves Weib auch als ein Schutz, Schild und Schirm des
Lebens des Mannes anzusehen und kann daher entsprechend auch ganz gut als eine
Rippe des Mannes angesehen werden; und drittens ist der Außenlebensäther auch
ein allergewaltigster Schutz des inneren Seelennaturlebens, ohne welchen der Mensch
nicht zehn Augenblicke lang leben könnte.
[GEJ.04_162,11] Nun ist aber die Eva aus der
Überfülle dieses Adamischen Außenlebensäthers, dem zarten leiblichen Wesen
nach, entstanden; und da dieser Lebensäther aus der Gegend der Rippen und der
Brustgrube ausdunstet und hernach den Menschen weithin allseitig umgibt, so
konnte ein Moses, dem die entsprechende Bildsprache höchst geläufig zu Gebote
stand, die Eva ganz richtig aus einer Rippe Adams entstehen lassen und von Gott
dem Adam die Wunde mit dem Fleische der Eva zudecken oder vertreten lassen.
Denn eben die Eva war ja das aus dem Außenlebensäther Adams gewordene Fleisch,
mit dem Gott dem Adam den Abgang seines Außenlebensäthers ersetzte und ihm
sonach die wunde Stelle mit dem dem Adam höchst angenehmen Fleische der Eva
zudeckte, was denn eigentlich auch ein Fleisch Adams war.“
163. Kapitel
[GEJ.04_163,01] (Der Herr:) „Sehet, auf diese
Weise ist Moses zu lesen und dem natürlichen Verstandesteile nach auch zu
verstehen! Freilich gibt es da noch ein tieferes, inneres, rein geistiges
Verständnis, demzufolge unter der ganzen Schöpfungsgeschichte hauptsächlich das
Menschenbildungsgeschäft Gottes, daß sie sich und Ihn als ihr Alles erkennen
und lieben sollen, zu verstehen ist. In dieser Sphäre wandelt Gott mit Adam
geistig und lehrt ihn, gibt ihm Gesetze, züchtigt ihn, so er fehlt, und segnet
ihn abermals, so Adam oder überhaupt die erste Urmenschheit dieser Erde Gott
erkennt, Ihn liebt und in Seiner Ordnung wandelt.
[GEJ.04_163,02] Geschah das natürlich der Materie
nach auch nicht so sehr, so geschah es aber dennoch geistig, und dieses auch
bei noch ganz reinen, unverdorbenen und höchst einfachen Menschen wie als
Natürliches sehr ersichtlich. Man kann darum Moses sogar vierfach lesen und
allzeit sehr wohl und rein verstehen.
[GEJ.04_163,03] Erstens: bloß rein
naturmäßig, woraus man ein notwendiges Werden in gewissen Perioden nach der
ewig unwandelbaren Ordnung Gottes ersieht. Daraus können alle Naturweisen ihren
Verstand anfüllen und ihre unmöglich anders als nur immer höchst seichten
Betrachtungen ziehen; sie können auf diesem Wege recht vieles eruieren, aber
dabei doch niemals auf irgendeinen festen und haltbaren Grund kommen.
[GEJ.04_163,04] Zweitens: naturmäßig und
geistig gemengt. Diese ebenfalls höchst wahre Sphäre ist für die Menschen, die
nach dem Wohlgefallen Gottes trachten, die beste, weil da beides, wie Hand in
Hand gehend, klar in der Tat und in der Erscheinlichkeit ersichtlich und
begreiflich wird. (Nota bene: In dieser Weise ist auch ,Die Haushaltung Gottes‘
gegeben.)
[GEJ.04_163,05] Drittens: rein geistig, wobei
auf die Naturerscheinungen und ihre zeitweiligen Bestände und Veränderungen
nicht die allergeringste Rücksicht genommen wird. Da handelt es sich bloß nur
um die geistige Bildung der Menschen, die Moses gar trefflich in den
entsprechenden Naturbildern dargestellt hat. Dieses haben zu verstehen alle
Gottesweisen, denen die innere Bildung der Menschen anvertraut ist.
[GEJ.04_163,06] Und endlich viertens: rein
himmlisch, wo der Herr alles in allem ist und alles auf Ihn Bezug hat. Wie aber
dieses zu nehmen und zu verstehen ist, könnet ihr nicht eher fassen, als bis
ihr durch die volle Wiedergeburt eures Geistes mit Mir eins geworden seid, so
wie Ich auch eins bin mit dem Vater im Himmel, doch mit dem Unterschiede, daß
ihr alle mit Mir eins sein werdet in gesonderter Persönlichkeit, während Ich
und der Vater, der Meine Liebe ist, miteinander in ewig ungesonderter
Persönlichkeit vollkommen eins sind.
[GEJ.04_163,07] Nun aber hoffe Ich von dir,
lieber Freund Cyrenius, daß du von Moses eine bessere Meinung fassen wirst;
oder meinst du etwa noch, daß Moses – nach deinem Dafürhalten etwa wie ein
Blinder – nicht gewußt hat, was er schrieb?!“
[GEJ.04_163,08] Sagt Cyrenius ganz
zerknirscht: „Herr, laß mich ganz beschämt nun und ganz still und stumm sein;
denn ich sehe nun schon meinen großen und groben Unsinn ein. Ich will von nun
an bloß hören und selbst aber kein Wort mehr reden!“
[GEJ.04_163,09] Tritt hier Kornelius zu Mir
und sagt: „Herr, nun, bevor die Sonne vollends aufgegangen sein wird, erlaube
auch mir ein Wörtlein zu reden und eine vielleicht nicht zu unwichtige Frage zu
stellen oder eigentlich eine Bemerkung zu machen!“
[GEJ.04_163,10] Sage Ich: „Nur zu; was dich
drückt, das muß heraus!“
[GEJ.04_163,11] Spricht Kornelius weiter:
„Mit der Schrift Mosis wird sich's schon sicher genau also verhalten, wie Du
uns darüber nun die hellsten Erklärungen gegeben hast, und wir Menschen könnten
da wohl den ersten, zweiten und dritten Sinn durch entsprechende Betrachtungen
herausbringen; denn es muß Entsprechung zwischen allem Geistigen und
Materiellen ja wohl bestehen. Aber wer außer Dir hat wohl den rechten Schlüssel
dazu?
[GEJ.04_163,12] Das, was Du uns nun erklärt
hast, das verstehen wir jetzt freilich wohl; aber es hat mir bekanntermaßen
Moses fünf Bücher geschrieben. Diese haben mehr oder weniger denselben Stil und
denselben Geist. Wer kann sie lesen und wer verstehen?! Nun, wäre es denn nicht
möglich, uns dafür nur so eine ganz allgemeine Anleitung zu geben? Denn ich für
meinen Teil werde mich von jetzt an nur zumeist mit der Heiligen Schrift der
Juden abgeben, da ich sie mir in guter Abschrift aus dem Tempel zu verschaffen
gewußt habe, möchte aber auch verstehen, was ich darin lese.
[GEJ.04_163,13] Ich bin der hebräischen
Sprache auch vollkommen mächtig und verstehe dem Wortlaute nach die Schrift
vollkommen; aber was nützet mir der Worte Laut und ihr materieller Sinn, wenn
ich deren Geist nicht ergründen kann?! Gib, o Herr, uns darum eine Anleitung
dahin, daß wir verstehen können, was wir lesen!“
164. Kapitel
[GEJ.04_164,01] Sage Ich: „Ja, Mein Freund
Kornelius, eine Regel und eine Anleitung dafür gibt es nicht in der
Außenweltsphäre; das einzige, was dir den Schlüssel gibt und zum Verständnisse
des Geistes der Schrift verhilft, ist dein eigener, aus Mir und Meiner Lehre
wiedergeborener Geist. Solange du im Geiste nicht wiedergeboren bist, nützt dir
keine Regel irgend etwas; bist du aber einmal das, dann bedarfst du keiner
Regel mehr, denn dein geweckter Geist wird seinesgleichen auch ohne eine
allgemeine Regel gar leicht und gar geschwinde finden.
[GEJ.04_164,02] Willst du aber wenigstens den
naturmäßigen Sinn der Schrift besser fassen, als es bis jetzt der Fall war, so
mußt du dich mit der Sprache der Illyrier sehr vertraut machen, die da die
größte wurzelrechte Ähnlichkeit mit der altägyptischen Zunge hat, und diese ist
nahe eins mit der urhebräischen. Ohne die Sprachkenntnis wirst du die Schrift
Mosis nie ganz richtig lesen und daher auch selbst den Wortlaut nicht richtig
verstehen. Verstehst du aber schon die darin vorkommenden irdischen Bilder
nicht, wie möchte es dir wohl mit dem darin verborgenen geistigen Verständnisse
gehen, selbst mit vielen tausend Regeln und Anleitungen?!
[GEJ.04_164,03] Die gegenwärtige Judenzunge
ist nahezu eine ganz fremde gegen die einstige geworden, die Abraham, Noah und
selbst Adam geredet haben. Bleibe du aber in Mir im Glauben und in der Liebe,
so wird dir das rechte Verständnis schon von selbst hinzugegeben werden, und das
in einer nicht gar zu langen Zeit! Im übrigen aber wird es dir nicht schaden,
so du zu öfteren Malen liesest in der Schrift; denn dadurch wird deine Seele in
der suchenden und denkenden Tätigkeit erhalten werden. – Bist du mit diesem
Bescheide zufrieden?“
[GEJ.04_164,04] Sagt Kornelius: „Allerdings,
Herr und Meister! Eine gerechte und auf einem sichern Grunde ruhende Hoffnung
ist mehr wert als der volle Besitz dessen, was man erhoffet. Und so will ich
mich nun dessen freuen, was ich von Dir besitze. Nimm meines Herzens wärmsten
Dank dafür!“
[GEJ.04_164,05] Als damit unser Kornelius
befriedigt ward, trat sogleich der alte, gewesene Oberste Stahar zu Mir und
sagte: „Herr und Meister, das, was wir alle nun aus Deinem Munde vernommen
haben, ist eine Lehre, die wir wohl jetzt verstehen; aber wird sie auch ein
anderer verstehen, so wir sie ihm mitteilen? Was haben wir alles erfahren,
gehört und gesehen, damit wir nun auch das zu fassen imstande waren; denen wir
aber dieses auch mitteilen sollen, die haben zuvor noch nichts erfahren, gehört
und gesehen! Wie werden diese das mit Nutzen fassen?“
[GEJ.04_164,06] Sage Ich: „Freund, wo hattest
du denn deine Ohren, als Ich gleich im Anfange sagte und sogar euch allen dahin
ein Gebot gab, das, was ihr diese Nacht hindurch hier alles sehen und erfahren
würdet, keinem andern Menschen zu verraten?! Dies bleibe vor aller Welt
verborgen! Wer im Geiste wahrhaft wiedergeboren wird, dem wird ohnehin alles
offenbar werden; wer aber in seiner Weltäußerlichkeit verharrt, dem müßte das als
eine Torheit zu seinem großen Ärger werden, so er davon etwas erführe. Darum
ist es denn besser, daß die Welt davon nichts erfährt; euch aber ist es eurer
Stärkung wegen notwendig, des Reiches Gottes Geheimnisse zu verstehen, und das
genügt für alle Welt!
[GEJ.04_164,07] Was ihr zu lehren habt in
Meinem Namen, das wisset ihr bereits zum größten Teile; alles andere ist ein
Segen für euch, die ihr mehr oder minder zu Volkslehrern erwählt seid, auf daß
ihr selbst ungezweifelt glaubet, daß Ich allein der Herr und Meister von
Ewigkeit bin. Denn habt ihr den rechten und unwandelbar festen Glauben, so
werdet ihr auch leicht in euren Jüngern den festen und lebendigen Glauben
erwecken dadurch, daß ihr zuvor ihnen zeiget eure eigene Glaubensstärke. Damit
ihr aber diese in aller ihrer Kraft zeigen könnet, war es notwendig, daß ihr
Mich zuvor erkanntet, daß Ich vom Vater ausgegangen bin, um in eurem Fleische
euch allen zu zeigen den Weg des Lebens.
[GEJ.04_164,08] Wenn du das nun hoffentlich
doch begriffen hast, da wirst du nun wohl auch wissen, was ihr alle zur Zeit,
wenn ihr von Mir ausgesendet sein werdet, den Völkern zu predigen habt. Liebet
Gott, euren ewigen Vater, über alles und euren Nächsten wie euch selbst und
haltet die Gebote, die Gott durch Moses allen Menschen gegeben hat, dann habt
ihr Meine Lehre, die ihr den Völkern zu predigen habt, schon beisammen; eines
mehreren bedarf es nicht.
[GEJ.04_164,09] Alles andere aber, das ihr
hier erfahret, gehört für euch, wie Ich es dir soeben wiederholtermaßen erklärt
habe. Nun weißt du hoffentlich, was du für alle Zukunft zu tun und zu beachten
hast, und kannst dich darum abermals auf deinen Platz begeben!“ – Mit dem geht
Stahar auf seinen Platz.
[GEJ.04_164,10] Der König Ouran aber erhebt
sich und fragt Mich, sagend: „Herr, Meister und Gott! Du weißt es, weshalb ich
eine Reise unternahm! Was ich suchte, das habe ich auch gefunden. Mir tut
dieser Fund überaus wohl; er wird aber sicher gar jedermann wohltun, der ihn
gleich mir wird gefunden haben! Ohne Lehre kann ihn aber niemand finden! Es
fragt sich darum, wer da lehren soll, und was dazu gehört, um als ein
Volkslehrer fähig dazustehen! Sollen die Lehrer als Boten von Ort zu Ort reisen
und ziehen von Land zu Lande, oder wäre es etwa besser, zu errichten
öffentliche Schulen, sie zu versehen mit den tauglichsten Lehrern und der
Menschheit Gesetze vorzuschreiben, diese Schulen zu besuchen? Herr und Meister
und Gott, ich bitte Dich, mir darüber allergnädigst eine Anleitung zu erteilen;
denn ich will und werde alles tun, was Du willst und wünschest, das ich tun
soll!“
165. Kapitel
[GEJ.04_165,01] Sage Ich: „Mir gefällt dein
wahrhaft ernstguter Wille; aber auch dein Gedächtnis ist etwas kurz geworden, –
denn darüber habe Ich dir, und besonders dem Mathael als deinem Eidam, ja schon
die hinreichendsten Anweisungen gegeben. Denke nur ein wenig nach, und du wirst
es schon finden! Übrigens versteht sich's ja von selbst, daß derjenige, der den
Blinden führen will, selbst sehen muß, wenn er nicht samt demselben in eine
Grube fallen will. Du kannst nicht sagen zum Bruder: ,Komme, daß ich dir den
Splitter aus deinem Auge ziehe!‘, wenn in deinem Auge etwa gar ein ganzer
Balken steckt.
[GEJ.04_165,02] Also muß ein wahrer Lehrer
frei sein von Mängeln, die ihm hinderlich sein können bei der Verwaltung seines
Amtes; denn da ist kein Lehrer besser denn ein unvollkommener! Weil Ich euch zu
Lehrern bilde, darum zeige und erkläre Ich euch auch so vieles und Unerhörtes;
also muß aber auch ein jeder vollkommene Lehrer zuvor von Gott gelehrt sein,
gleichwie nun auch ihr von Gott gelehrt werdet. Der Vater im Himmel muß ihn
ziehen, ansonst er nicht zur Wahrheit in aller ihrer Lichttiefe kommt; wer aber
nicht in diese kommt und dadurch nicht selbst Licht wird, wie soll es ihm dann
möglich sein, die Nacht seines Nächsten zu erleuchten?!
[GEJ.04_165,03] Was die Nacht erleuchten und
sie umwandeln soll in den Tag, das muß ein Selbstlicht sein gleich der Sonne,
die sich nun dem Aufgange naht. Wäre die Sonne aber finster und schwarz wie
eine Kohle, würde sie da wohl der Erde Nacht in den schönsten Tag umwandeln?
Ich meine, daß sie dann die Nacht noch schwärzer und lichtloser machen würde,
als zuvor die Nacht selbst in sich schon war.
[GEJ.04_165,04] Darum ist ein Lehrer, der nicht
von Gott zu einem Lehrer erzogen ist, schlechter als gar kein Lehrer! Denn
solch ein finsterer Lehrer ist nichts als ein Sack voll schlechter Samenkörner,
aus dem alles Unkraut des finstersten Aberglaubens gestreut wird in die Furchen
des von der Natur aus geistig stets und notwendig armseligen Menschenlebens.
[GEJ.04_165,05] Wenn du deine Völker lesen
und schreiben und rechnen lernen lassen willst, so kannst du geeignete
weltliche Lehrer aufnehmen und solches schon den Kindern in den Schulhäusern
beibringen lassen; aber Mein Evangelium können und dürfen nur jene mit Nutzen
und Segen den anderen Menschen verkündigen, die eben jene Eigenschaften im
Vollmaße besitzen, die Ich früher als zu diesem Amte erforderlich klar
ausgesprochen habe.
[GEJ.04_165,06] Dazu aber bedarf es keiner
besonderen Schulhäuser, sondern ein rechter Himmelsbote gehet von Gemeinde zu
Gemeinde und sagt: ,Der Friede sei mit euch; das Reich Gottes ist nun nahe zu
euch gekommen!‘ Wird der Bote angenommen, so bleibe und predige er; wird er
aber nicht angenommen von einer Gemeinde, die zu sehr der Welt und des Teufels
ist, so ziehe er weiter und schüttle sogar zuvor den Staub von seinen Füßen!
Denn solch eine Gemeinde ist auch das nicht wert, daß ein rechter Himmelsbote
ihren Staub an seinen Füßen weitertrüge.
[GEJ.04_165,07] Es soll aber diese Meine
Lehre niemandem aufgedrungen werden, sondern ein oder mehrere Glieder sollen
zuerst vernehmen die überschwenglich großen Vorteile Meiner Lehre aus den
Himmeln. Wollen die Glieder die Lehre hören, so werde sie ihnen gepredigt in
kurzer und bündiger Rede; wollen sie aber das nicht oder zeigen sie wenig Lust
dazu, dann ziehe der Himmelsbote nur gleich wieder ab, – denn Schweinen sollen
die kostbaren Perlen nimmer zum Fraße vorgeworfen werden!
[GEJ.04_165,08] Nun weißt du, wie es sich mit
der Ausbreitung Meiner Lehre zu verhalten hat; aber von nun an darfst du diese
Meine Anweisung nicht mehr vergessen! Übrigens überlasse du besonders dies
heilige und allerheiligste Geschäft nur dem Mathael und seinen vier Gefährten;
denn diese wissen es nun genau, was sie in bezug auf die Ausbreitung Meiner
Lehre zu tun und anzuordnen haben werden und werden in ihrem Herzen auch stets
in der Zwiesprache mit Mir bleiben, was auch ein notwendigstes Erfordernis zur
wahren Ausbreitung dieser Meiner Lehre ist.
[GEJ.04_165,09] Denn wer da seine Brüder,
hoch oder nieder, lehret in Meinem Namen, muß nicht aus seinem, sondern stets
nur aus Meinem Brunnen schöpfen! Er soll nicht nötig haben zu denken: ,Was
werde ich reden, so ich komme, vor diesem oder jenem zu reden das Wort des
Herrn?‘; denn zur Zeit der Notwendigkeit wird es ihm ins Herz und auf die Zunge
gelegt werden, was er zu reden hat.
[GEJ.04_165,10] Wem aber diese Gnade zuteil
wird, der bedenke sich nicht, dasselbe laut auszusprechen etwa aus Angst,
Furcht oder Scheu vor einem Machthaber, als könnte er ihn damit beleidigen oder
gar erzürnen! Denn wer die Welt mehr fürchtet denn Mich, der ist Meiner schier
nicht wert, und ebensowenig Meiner geringsten Gnade, und tauget nimmer für
einen Himmelsboten.
[GEJ.04_165,11] Leichter jedoch wirst du in
deinem Reiche es haben, allwo du ein Gesetzgeber und oberster Richter bist und
deine Völker dich fürchten, weil sie die Unabänderlichkeit deiner Urteile und
Aussprüche kennen; aber wo ein Lehrer als Himmelsbote an einen Ort gelangen
wird, der von einem harten Fürsten beherrscht wird, so wird er schon offenbar
mehr Mutes benötigen denn du als gefürchteter Fürst in deinem weiten Lande.
[GEJ.04_165,12] Wer da aber ein rechter
Himmelsbote ist oder sein will, der trage keinen Stock, noch irgendeine andere
Waffe, auch habe er keinen Sack bei sich, um etwas einzustecken; denn Ich
Selbst werde ihm schon Freunde erwecken, und diese werden ihm geben, dessen er
als Fleisch- und Blutmensch benötigt. Also soll ein rechter Himmelsbote außer
im Winter oder in des Nordens kalten Landen nicht mehr denn einen Rock tragen,
auf daß niemand ihm darum einen Vorwurf machen könne, als habe er zuviel und
dafür ein anderer zu wenig. So ihm aber jemand noch einen zweiten oder auch
dritten schenkt, so soll er ihn nur annehmen; denn er wird Gelegenheiten zur
Genüge finden, wo derlei fromme Gaben gar gut zu verwenden sein werden.
[GEJ.04_165,13] Mit dem hast du, Ouran, nun
alle Regeln, unter denen sich die wahren Lehrer zu bewegen haben; nur eines
füge Ich hinzu und sage: Ein jeder rechte Himmelsbote wird von Mir aus die
Fähigkeit erhalten, jeden Kranken zu heilen durch die Auflegung seiner Hände.
Und es sollen die rechten Boten auch in einer Gemeinde zuvor irgend da seiende
Kranke heilen; solches wird in den Gemeinden einen guten Sinn erwecken, und
diese werden dann eher für die neue Lehre aus den Himmeln gestimmt werden, als
durch eine noch so wohlgeordnete Rede.
[GEJ.04_165,14] Ein jeder Mensch aber horcht
ohnehin lieber auf die Worte eines Arztes denn auf jene eines noch so
leuchtenden Propheten. Was Ich tue, dasselbe tue auch ein rechter Himmelsbote,
als von Mir gesandt in alle Lande der Erde. Nur soll ein rechter Himmelsbote
auch vor der Händeauflegung stets wohl erkennen, ob eine Krankheit nicht von
einer solchen Art ist, durch die ein Mensch schon mehr jenseits als diesseits
sich befindet. Wenn der wahre Himmelsbote schon einmal des Kranken Seele außer
dem Leibe erschaut, da soll er ihm nimmer die Hände auflegen, sondern nur beten
über ihn und in Meinem Namen segnen die von dieser Welt scheidende Seele. Kurz
gesagt aber: Ein jeder rechte Himmelsbote wird es zur Stunde wohl erkennen, was
er zu tun hat. – Bist du, Ouran, nun in der Ordnung mit allem, was du noch zu
wissen wünschest?“
[GEJ.04_165,15] Sagt Ouran: „Ja, Herr und
Meister und Gott, der allein wahrhaftige! Meinen liebeheißesten Dank dafür! Und
meine Völker sollen und werden Dich weit und breit loben und preisen, daß Du
ihrem alten Könige soviel unverdiente Gnade erteilt hast, durch die auch sie
eben derselben teilhaftig werden. Darum Dir noch einmal meinen liebeheißesten
Dank dafür!“
166. Kapitel
[GEJ.04_166,01] Auf diesen wirklich
heißgefühlten, wie mit aller Wärme ausgesprochenen Dank begab sich Ouran wieder
auf seinen Platz zurück, und es fing im selben Augenblick die Sonne an, auf
eine früher noch nie gesehene Weise sich dem Aufgange derart zu nahen, daß sich
vor lauter Glanz des Horizontes kaum jemand hinzuschauen getraute. Tausend
leichte Wölkchen im hellroten Lichte harrten, wie vor tiefster Ehrfurcht
bebend, der herrlichen Tagesmutter.
[GEJ.04_166,02] Nach einigen Augenblicken
fing die große Sonne im hellsten Regenbogenlichte an, über die fernen Berge
sich zu erheben. Ihr Durchmesser aber schien diesmal ein zehnfach größerer zu
sein denn irgend sonst wann; zugleich bemerkten viele der Anwesenden große
Scharen von Vögeln, die sich in Kreisen drehten, mehr oder minder hoch, in der
Luft reinsten, lichtfarbenen Wogen, welche auch der aufgegangenen Sonne eine
ganz sehenswerteste Randbewegung verliehen.
[GEJ.04_166,03] Über der weiten Spiegelfläche
des Meeres lag ein leichter Dunst, der der Sonne Regenbogenfarben auf das
herrlichste reflektierte. Zugleich flog eine große Menge großer, weißer
Seemöwen munter über der weiten, im Brillantlichte stehenden Meeresfläche
umher, und ihre Flügel strahlten, als wären sie Diamanten und Rubine.
[GEJ.04_166,04] Zugleich wehte ein so
angenehm kühlender Morgenduft, daß Cyrenius und viele andere mit ihm laut
ausriefen: „Nein, einen so herrlichen Morgen hat noch nie ein sterbliches Auge
geschaut und keines Menschen Sinn je eine so erheiternde Morgenfrische
empfunden!“
[GEJ.04_166,05] Auch die Jarah, die die ganze
Nacht hindurch geschwiegen hatte und mit Schauen und Anhören beschäftigt war,
schrie auf einmal vor Entzücken auf: „Oh, das ist ein Morgen, wie ihn die Engel
im Himmel genießen! Ach, ach, welch eine Schönheit, welch eine unbeschreibliche
Anmut! Das ist auch ein entsprechender Morgen gleich dem, der uns in dieser Nacht
in der allerüberschwenglichsten Fülle aufgegangen ist in unseren Herzen! Nicht
wahr, o Herr, Du meine ganz alleinige Liebe, das ist wohl so ein recht
bedeutungsvoller Himmelsmorgen?“
[GEJ.04_166,06] Sage Ich lächelnd:
„Allerdings, Mein allerliebstes Rosentöchterchen, so im Menschen alles
himmlisch geworden ist, da wird auch schon alles himmlisch, was ihn umgibt! Die
Morgen werden Himmelsmorgen, die Tage Himmelstage, die Abende wahre
Himmelsabende, und die Nacht wird zu einer Ruhe der Himmel, aber nicht mehr
finster, sondern voll des herrlichsten Lichtes für des Menschen reine, mit
ihrem Geiste vereinte Seele. Genieße nur recht in vollen Zügen die stärkende
Herrlichkeit dieses duftigsten Morgens!“
[GEJ.04_166,07] Das Mädchen weint
Freudentränen und erhebt sich von ihrem Sitze, um den ganzen Leib in diesem
Morgendufte so recht schwelgen zu lassen.
[GEJ.04_166,08] Soeben kommt auch der Wirt
Markus. Da er das Morgenmahl bestellt hatte, so hatte er den Aufgang der Sonne
versäumt. Aber da die Sonne im vollen und hellsten Regenbogenfarbenlichte am
Himmel prangt, so fragt er Mich ganz erstaunt, was denn das für ein sonderbarer
Morgen sei; denn er sei schon so ein alter Mann geworden, habe Europa, Afrika
und Asien weit und breit durchwandert, aber die Sonne und die Morgenwölkchen
nie in solch einem Lichte gesehen! Ich möchte ihm denn doch sagen, was das zu
bedeuten habe.
[GEJ.04_166,09] Sage Ich: „Siehe, so der
Kaiser aus Rom hierher käme, so würden die ihm untertänigen Völker alle nur
erdenklichen Feste bereiten, teils aus Freude, ihren Kaiser einmal zu sehen,
und teils aber auch, um von ihm, so er in einer freudigen Stimmung sich
befindet, so manche Gnade und Nachsicht zu erhalten. Siehe, hier in Meiner
Person sitzt auch ein Kaiser und ein Alleinherrscher über alle Himmel und
Welten!
[GEJ.04_166,10] Die Bewohner der Himmel, wie
unser Raphael einer ist, wissen, welche großen Eröffnungen des Lebens Ich euch
Menschen in dieser Nacht gemacht habe, und daß es gestattet ist, Mich unter
euch Menschen, als Vater weilend und euch lehrend, von Angesicht zu Angesicht
in dieser Meiner Person zu schauen. Die höchste und seligste Freude, die sie
nun empfinden, lassen sie auch durch die Tätigkeit der Naturgeister dieser Erde
sehen und fühlen.
[GEJ.04_166,11] Aber nicht nur auf dieser Erde,
sondern in allen Welten der ganzen, unendlichen Schöpfung wird in dieser Zeit
ein entsprechendes Fest gehalten, und zwar die Zeit von sieben Stunden
hindurch. In dieser Zeit stirbt in der ganzen Schöpfung keine geschaffene
Kreatur und wird auch keine gezeugt. Wenn aber die sieben Stunden werden
abgelaufen sein, hat das Fest ein Ende, und alles geht den natürlichen Gang
weiter.
[GEJ.04_166,12] Nun weißt du den Grund von
der Herrlichkeit dieses Morgens! Gehe aber nun und sorge für ein besonders
gutes Morgenmahl; denn auch wir wollen heute ein besonderes Fest feiern!“
[GEJ.04_166,13] Markus geht eiligst weiter;
alle Anwesenden aber stimmen in die Freude der Himmel ein und loben und preisen
Mich, am stärksten die Jarah.
[GEJ.04_166,14] Nachdem Mich alle bei einer
guten Stunde lang über die Maßen gelobt und gepriesen haben, kommt Markus, uns
zum bereiteten Morgenmahle zu bitten. Aber viele möchten nun noch länger auf
dem Berge verweilen.
[GEJ.04_166,15] Da aber sage Ich zu allen:
„Unten bei den im Freien stehenden Tischen weilet derselbe Morgen wie hier oben
auf dem Berge; auf dem kurzen Wege hinab genießt ihr ihn, und unten werdet ihr
ihn doppelt genießen! Unsere Leiber bedürfen einer Stärkung, und daher gehen
wir behende hinab zu den Tischen!“
167. Kapitel
[GEJ.04_167,01] Auf diese Meine ganz
natürlichen Worte bemerkt einer der dreißig jungen Pharisäer: „Nun, endlich
einmal auch ein natürliches Wort aus dem Munde Dessen, in dem der allerhöchste
Geist Jehovas wohnt in aller Fülle Seiner göttlichen Weisheit, Liebe, Kraft und
Macht. Aber zu trauen ist dem dennoch nicht, ob dahinter nicht auch noch ein
tiefer, geistiger Sinn liegt. Wer außer Ihm ihn herausfindet, sollte mit einem
Königreiche belohnt werden! Ich werde kein König.“
[GEJ.04_167,02] Sagt zu ihm ein Gefährte:
„Diese Bemerkung war schon ganz leise zu denken, geschweige sie laut der Luft
zu übergeben, zu dumm! Wie kann Der etwas ohne einen inneren, tiefsten
geistigen Sinn aussprechen?! Erscheint es uns auch noch so gewöhnlich, so ist
und bleibt es dennoch ein Ausspruch des allerhöchsten Geistes und kann darum
nicht anders als voll des allertiefsten geistigen Sinnes sein! Wir beide werden
etwa wohl in alle Ewigkeit die volle Tiefe dieses so ganz leicht hingehauchten
Satzes nicht ergründen; aber das fühle ich klar, daß darin etwas Unendliches
verborgen sein kann. Daher hüte dich in der Folge vor solch überdummen
Bemerkungen!“
[GEJ.04_167,03] Sagt der erste: „Nun, nun,
dumm war es schon von mir auf jeden Fall, das gestehe ich ja sehr gerne ein; aber
es war dennoch nicht irgend etwas Böses darunter gemeint!“
[GEJ.04_167,04] Sagt der zweite: „Na, ist dir
etwa gar leid darum, daß du nichts Schalkhaftes darunter gemeint hast?! So viel
der höchsten Weisheit hast du diese Nacht hindurch samt mir gehört, gesehen,
gefühlt und empfunden, – und jetzt fällt dir auf einmal ein, dir eine Art lauer
Glossen zu erlauben?! Siehe, weil wir eben so dumm sind und verschlagen und
vernagelt wie eine allertrübste Herbstnacht, so hat uns der Herr auch nie
berufen, auch so wie ein erhabenster Mathael eine wunderbare Begebenheit zu
erzählen! Ein schöner Unterschied zwischen uns beiden und dem Mathael! Ich
komme mir schon ohnehin als gar nichts vor; und du willst noch glosseln – in
dieser unendlich erhabensten Gesellschaft!“
[GEJ.04_167,05] Sagt der erste: „Hast ganz
recht, Bruder, wasche mich nur so recht derb durch! Hab wahrlich nichts
Besseres verdient! Ich werde mich aber dafür nun auch selbst strafen! Weißt,
das Morgenmahl würde mir gar sehr munden; aber nein, gerade nicht! Kein Bissen
soll bis an den Abend über meine Lippen kommen! Oh, ich werde meinen Bummelwitz
zu züchtigen verstehen!“ – Mit dem begibt sich dieser junge Pharisäer wieder
auf den Berg zurück und geht nicht zum Morgenmahle.
[GEJ.04_167,06] Aber auch sein Gefährte sagt:
„Ja, wenn du fastest, da bin ich durch meine an dich gerichtete Rüge schuld
daran, und so will ich dir fasten helfen, damit du dasselbe leichter erträgst!
Du hast zwar gefehlt, aber du hast deinen Fehler auch sogleich eingesehen und
verdienst Vergebung und eine rechte Unterstützung in deinem dich selbst
korrektiven guten Werke. Ich faste also mit dir!“
[GEJ.04_167,07] Sagt abermals der erste: „Das
sollst du aber nicht; denn es ist nicht fein, so der Unschuldige mit dem
Schuldigen leidet, wie es in der Welt leider nur zu oft der wahrhaft äußerst
traurige Fall ist!“
[GEJ.04_167,08] Sagt der zweite: „Daß ich das
nicht wüßte! Aber sage mir, wo diese Fälle denn gar so häufig vorkommen, daß
Unschuldige meiner Art mit einem Schuldigen freiwillig leiden!“
[GEJ.04_167,09] Sagt der erste: „Nun, derlei
Fälle dürften eben gar zu häufig wohl nicht vorkommen, – aber desto mehr
solche, wo die Unschuldigen unfreiwillig mit den Schuldigen leiden müssen, zum
Beispiel: Irgendein Kaiser, der ein übergroßes Reich hat und mächtig ist durch
seine großen Heere, wird von einem kleinerreichigen und mindermächtigen Könige
beleidigt. Der Kaiser könnte sich ja für solch eine Beleidigung nur an dem
Könige rächen; aber nein, er überzieht das Königsland mit seinen Kriegsheeren und
verwüstet es greuelhaft! Er schont weder Vieh noch Menschen; alles muß über die
Klinge springen, und Dörfer, Märkte und Städte werden durchs Feuer vernichtet.
Wie viele Unschuldige müssen hier mit einem Schuldigen leiden! Ich glaube, dies
Beispiel wird dir etwa doch genügen, und du wirst es einsehen, daß ich dann und
wann doch auch recht habe!“
[GEJ.04_167,10] Während diese beiden
Zurückgebliebenen aber also miteinander ihre Worte tauschten, erreichten wir
die Tische und setzten uns zum sehr reichhaltigen und bestbereiteten
Morgenmahle. Außer Mir vermißte wohl niemand die beiden jungen Pharisäer, die
nun freilich wohl keine Pharisäer mehr waren. Darum sagte Ich denn alsogleich
zum Markus, daß er auf den Berg gehen und sie im Namen des Herrn zum Morgenmahle
holen solle.
[GEJ.04_167,11] Markus begab sich schnell auf
den Berg und richtete beiden Meinen Willen aus. Da erhoben sich die beiden und
folgten dem Markus auf dem Fuße.
[GEJ.04_167,12] Als sie unten ankamen, sagte
Ich zu beiden: „Simon und Gabi! Kommet hierher und setzet euch zu diesem
Tische; denn wir wollen nach dem eingenommenen Mahle doch sehen, ob in Meiner
natürlichen Beheißung auf dem Berge wegen des Heruntergehens zum Morgenmahle im
Ernste kein geistiger, innerer Sinn zu finden ist! Zuerst aber heißt es nun
essen und trinken; denn der Leib braucht seines zeitweiligen Fortbestandes
wegen ebenso eine Nahrung und Stärkung wie die Seele, wenn sie in der
Erkenntnis und in der Kraft des Willens wachsen soll.
[GEJ.04_167,13] Darum esset und trinket nun
und lasset das Fasten auf eine andere Zeit! Solange Ich bei euch bin als ein
wahrer Vater eures Geistes und Bräutigam eurer Seelen, sollet ihr nicht fasten
weder leiblich noch seelisch; wenn Ich aber mit der Zeit persönlich, wie nun,
nicht mehr unter euch sein werde, dann werdet ihr schon wieder in allerlei zu
fasten bekommen!“
[GEJ.04_167,14] Ein übertriebenes und
grundloses Fasten ist ebenso eine Torheit und kann sogar zur Sünde werden wie
ein übertriebenes Schwelgen. Wer denn in einer wahren Ordnung leben will, der
sei mäßig in allem; denn jedes Unmaß muß mit der Zeit für Leib, Seele und Geist
nachteilige Folgen haben! Esset und trinket nun ganz wohlgemut, und seid
heitern und muntern Gemütes!
[GEJ.04_167,15] Ein heiteres und munteres
Herz ist Mir um vieles angenehmer denn ein betrübtes, trauriges, klagendes,
murrendes, mit allem unzufriedenes, dadurch undankbares und sicher wenig Liebe
in sich fassendes; denn in einem heiteren Herzen wohnt Liebe, gute Hoffnung und
ungezweifelte Zuversicht. Kommt ein aus einem gewichtigen Grunde Trauernder zu
einem Heitern und Fröhlichen, so wird er bald mit heiter gestimmt, seine Seele
fängt an, sich freier zu bewegen, und des Geistes Licht kann die ruhige Seele
leichter durchleuchten, – während eine traurige Seele ordentlich
zusammenschrumpft und am Ende ganz finster und mürrisch wird.
[GEJ.04_167,16] Ich meine, unter der
Heiterkeit und Munterkeit des Herzens werdet ihr wohl keine ausgelassene,
unlautere und unsittliche Spaßmacherei verstehen – denn dergleichen bleibe ferne
von euch! –, sondern jene Heiterkeit und Munterkeit, die eines ehrbaren und
kerngesunden Ehepaares Herz erfüllen, oder die gottergebene Menschen nach guten
und Gott wohlgefälligen Handlungen empfinden. – Habt ihr das alles wohl
verstanden?“
[GEJ.04_167,17] Alles bejaht und freuet sich
in Meiner Freude. Darauf aber ward von allen Seiten ganz ordentlich in die
Schüsseln gegriffen, und die großen, edlen Fische ließen wahrlich nichts zu
wünschen übrig! Auch dem Weine wurde ganz ordentlich zugesprochen.
168. Kapitel
[GEJ.04_168,01] Nach einer halben Stunde
wurde es sehr lebendig in unserer großen Gesellschaft, und der Simon fing an,
seinem allerdings recht geistreichen Witze Luft zu machen. Gabi, als ein mehr
ernster junger Mensch von etlichen zwanzig Jahren, zupfte den Simon wohl zu
öfteren Malen, sich nicht zu weit irgend zu vergessen.
[GEJ.04_168,02] Aber Simon sagte: „Wer zupfte
denn damals den David, als er, ordentlich ausgelassen, vor der Lade
einhertanzte? Sein Weib wohl riet ihm aus Schamhaftigkeit mehr Mäßigung in
seiner Freudenraserei; aber David kehrte sich nicht daran! Und sieh, ich werde
mich nun auch nicht kehren an deine Korrektionszupfer, sondern werde nur noch
heiterer werden! Zupfe mich darum nicht mehr, sonst müßte ich dich auch zupfen!
[GEJ.04_168,03] Dort siehe hin, dort sitzt
der Herr; Der allein ist nun unser Korrektor! Was wollen wir Sünder einander
viel korrigieren? Denn ein jeder von uns Menschen korrigiert seinen Nächsten
zumeist aus seiner Eigenliebe! Der Knicker ermahnt seine Nächsten zur
Mäßigkeit, Nüchternheit und Sparsamkeit und hat seine Sittensprüche dafür.
Warum tut er aber das? Er fürchtet sich, daß da jemand verarmen könnte, den er
dann als ein wohlhabender Mensch, wennschon nicht aus Nächstenliebe, so aber
doch schandenhalber, unterstützen müßte.
[GEJ.04_168,04] Ein anderer, der nicht
schnell gehen kann, wird seinen Begleitern ganz ärztlich die Schädlichkeit des
Schnellgehens auseinandersetzen. Ein anderer, der kein besonderer Freund einer
bedeutenderen Hitze ist, wird die Nützlichkeit des Schattens, sich soviel als
möglich bevorzugend, hervorheben. Der Weintrinker wird seinen Freunden sicher
das Wasser nicht besonders anpreisen. Ein junger, oder auch schon ein
bejahrterer Mann, der selbst irgendeine Maid sehr gerne sieht, wird ihr stets
von der Gefahr, mit anderen Männern Umgang zu pflegen, vorpredigen und andere
Männer recht schön und moralisch gründlich vor dem unbesonnenen Umgange mit dem
weiblichen Geschlechte warnen. Da wird doch in solcher Warnung ein recht nettes
Stück Eigenliebe ersichtlich sein?!
[GEJ.04_168,05] Und so habe ich bis jetzt
noch stets, ich sage es ganz offen, die Bemerkung gemacht, daß bei den so oft
vorkommenden Ermahnungen stets ein wenig Eigenliebe auf der Seite des Ermahners
herausschaut, was sich kein Ermahner, so er nur ein wenig über sich nachdenkt,
verhehlen kann. Was ihn irgend unangenehm berührt, das zu tun, wird er seinen
Nächsten stets am meisten unter allerlei moralisch aussehenden Gründen warnen.
[GEJ.04_168,06] Wenn einer in eine Maid
verliebt ist, so wird er sie sicher stets bald ernst und bald liebreich warnen
vor anderen Männern, die etwa, wie es zuweilen zu geschehen pflegt, auch ein
Auge auf sie haben dürften. Warum warnt er denn viele andere Maiden nicht vor
der Schlechtigkeit der anderen Männer? Weil bei den anderen Maiden seine
Eigenliebe nicht mit im Spiele steht!
[GEJ.04_168,07] Ich möchte sogar aus den
Charakteren der verschiedenen Warnungen und Belehrungen, welche sich die
Menschen gegenseitig erteilen, die sogenannten schwachen Seiten der Menschen
auf ein Haar herausfinden!
[GEJ.04_168,08] Nicht umsonst hat unser
Gottmeister auf dem Berge die herrliche und gar überaus treffliche Bemerkung
für die gewissen ungebetenen Korrektoren gemacht, die nicht gar sogleich zu
ihrem Nächsten sagen sollen: ,Komme Freund, daß ich dir den Splitter aus deinem
Auge ziehe!‘ Sie sollen zuvor so hübsch darauf achten, ob etwa nicht gar ein
ganzer Balken in den eigenen Augen stecke! Hätten sie erst diesen mit
vielleicht so mancher Mühe hinausgearbeitet, dann hätten auch sie ein
bedächtiges Recht, zu ihrem Bruder zu sagen, ob es ihm genehm sei, sich sein
Splitterchen aus dem Auge nehmen zu lassen!
[GEJ.04_168,09] Siehst du, Freund Gabi, das ist
auch Moral, die ich dir freilich nicht so, wie du mir deine Stupfer, aufdrängen
will, obschon ich da nahe ganz fest behaupten möchte, daß da sehr wenig
Unwahres darin stecken dürfte!
[GEJ.04_168,10] Ich habe jetzt geredet und
werde mich nun wieder über einen Fisch hermachen! Unterdessen kannst du, Freund
Gabi, deiner Predigerzunge ein wenig die Zügel schießen lassen! Aber nur mit
der Salomonischen Weisheit verschone mich; denn für die haben wir beide noch
keine Haare auf unsern Milchzähnen! Wir beide müssen überhaupt nur darum froh
sein, daß wir bewußtermaßen noch leben; aber den Salomo lassen wir beide einen
ganz guten Mann sein! Und sein Hoheslied singe, wer da will; unsere Stimmen
werden hoffentlich diese Höhe auf der lieben Mutter Erde nie erreichen!“
[GEJ.04_168,11] Gabi sieht über diese
Simonischen Stiche zwar ein wenig verdrießlich aus, bleibt aber dennoch stille
aus purer Ehrfurcht vor Mir.
169. Kapitel
[GEJ.04_169,01] Sage Ich zu Simon: „Ist also
dein Gefährte ein großer Freund des Salomo? Und was versteht er denn aus dessen
Hohemliede? Sage Mir, wieweit ihr darin schon vorgedrungen seid!“
[GEJ.04_169,02] Sagt Simon: „Herr und Meister
Himmels und dieser Erde! Darf ich so, wie mir die Zunge gewachsen ist, ganz von
der Leber weg reden, so rede ich gerne; wenn ich aber klauben muß, da ist's zu
bei mir, – denn da bringe ich nichts heraus!“
[GEJ.04_169,03] Sage Ich: „Rede, wie dir die
Zunge gewachsen ist; denn dein Witz und Humor entstammt einem guten
Samenkorne!“
[GEJ.04_169,04] Sagt darauf Simon: „Ach, wenn
so, da werden wir schon etwas herausbringen! Aber freilich über meinen höchst
einfachen Verstand hinaus wird's nicht reichen; doch soll meine Meinung keine
ungesunde sein!
[GEJ.04_169,05] Du, o Herr und Meister,
fragtest, wieweit wir schon im Hohenliede vorgedrungen wären! Hilf, Elias, ich
bin noch gar nicht vorgedrungen; denn da wäre mir um die Zeit leid gewesen!
Aber Gabi hat bereits das ganze erste Kapitel auswendig im Kopfe. Noch immer
schleckt und kauet er daran und nimmt allzeit die beiden Backen voll; aber von
dem Sinne dieses Kapitels hat er ebensowenig Kenntnis wie ich vom tiefsten
Meeresgrunde. Das Schönste dabei ist aber, daß man dieses Liedes erstes Kapitel
stets weniger versteht, je öfter man es liest! Und wenn man es gar am Ende noch
dazu auswendig kann, da versteht man es dann schon am allerwenigsten!“
[GEJ.04_169,06] Sage Ich: „Ja, kannst du etwa
das erste Kapitel auch auswendig?“
[GEJ.04_169,07] Sagt Simon: „Der – hat es mir
ja schon so oft vorgeleiert, daß ich es nun leider auch schon von Wort zu Wort
auswendig kann zu meinem größten Überdrusse! Mit den Skythen reden, ist viel
unterhaltender, als sich das Hohelied Salomos vorsagen. Wer daran etwas findet,
der muß ein Kind ganz kurioser Eltern sein. Ich halte es für einen Unsinn! So schön,
wahr und gut die Sprüche Salomos sind und auch seine Predigten, ebenso dumm und
gar nichts sagend ist dann sein Hoheslied. Wer daran etwas mehr als ein Werk
eines Narren findet, der hat offenbar ein vollkommen krankes Gehirn!
[GEJ.04_169,08] Was soll zum Beispiel das
heißen: ,Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes; denn deine Liebe ist
lieblicher denn Wein.‘ Wer ist der ,er‘, und wer ist der ,mich‘? Dann soll der
unbekannte ,er‘ den ebenso unbekannten mich mit des ,er's‘ eignem Munde
küssen!? Hat denn dieser ,er‘ auch andere fremde Munde in seinem Gesichte? Das
muß dann ein sehr wunderlich sonderbares Wesen sein!
[GEJ.04_169,09] Der Nachsatz dieses ersten
Verses scheint offenbar den Grund des Verlangens im Vordersatze zu enthalten;
aber da steht der ,er‘ in der zweiten Person, und man kann's nicht als bestimmt
annehmen, daß unter dem Ausdrucke ,deine Liebe‘, die lieblicher denn der Wein
sei, eben des ,er's‘ Liebe gemeint sei. Weiß man aber schon nicht, wer der ,er‘
und wer der ,mich‘ ist, woher soll man dann erst wissen, wer der ist, dessen
Liebe in der zweiten Person lieblicher als der Wein sein soll?
[GEJ.04_169,10] Übrigens ist da auch damit
der Liebe kein besonderes Kompliment gemacht, wenn man sagt, daß sie lieblicher
als der Wein sei, so der Wein zuvor nicht als ein besonders köstlicher
bezeichnet wird. Denn es gibt ja auch ganz elende und schlechte Weine! Ist aber
die Liebe nur köstlicher oder lieblicher als der Wein, ohne Unterschied seiner
Qualität, dann ist solch eine Liebe wahrlich durchaus nicht gar weit her! Es
mag über all diesem Geplauder wohl immerhin etwas Besonderes darin stecken,
aber ich finde es doch auf dieser Welt nimmer heraus.
[GEJ.04_169,11] Zum größten Überflusse zur
Zeigung meines Blödsinnes will ich noch den zweiten Vers zum ersten ankleben;
der lautet, so mich mein Gedächtnis nicht trügt: ,Daß man deine gute Salbe
rieche; dein Name ist eine ausgeschüttete Salbe, darum lieben dich die Mägde.‘
Da paßt der zweite Vers, meinem Verstande nach, doch geradeso auf den ersten,
wie ein ganzes Haus auf ein Auge hinauf! Was ist denn das für eine Salbe, und
wessen? Wer soll denn diese Salbe riechen? Wie kann jemandes Name eine
ausgeschüttete Salbe sein, und warum soll er gerade darum von den Mägden
geliebt werden? Was sind das für Mägde?
[GEJ.04_169,12] Darum fahre ab, großer
Salomo, mit all deiner hohen Weisheit! Ein Wort von Dir, o Herr, hat für mich
ja einen tausendmal tausend Male größeren Wert als alle die hohe Salomonische
Weisheit! Nun habe ich von Salomo schon wieder genug! O Herr, ich bitte Dich,
schenke mir die weiteren Verse; denn die gehen schon bei weitem übers
Skythische hinaus!“
[GEJ.04_169,13] Sage Ich: „Ganz gut, Mein
lieber Simon, könntest du Mir nicht auch jene Mahnworte wiedergeben, die Ich
auf dem Berge zu jenen gesprochen habe, die des schönsten Morgens wegen nicht
vom Berge hinabgehen wollten, von welchen Worten du behauptetest, daß sie
sicher keinen innern, geistigen Sinn haben würden? Wenn du dich deren noch
erinnerst, so sage sie Mir noch einmal vor!“
[GEJ.04_169,14] Sagt Simon, mit einem etwas
verlegenen Gesichte: „O Herr und Meister, so mich mein Gedächtnis nicht trügt,
da hießen die wenigen Worte etwa wohl also: ,Unten bei den frei stehenden
Tischen weilet derselbe Morgen wie hier oben auf dem Berge; auf dem kurzen Wege
hinab genießet ihr ihn, und unten werdet ihr ihn doppelt genießen. Unsere
Leiber bedürfen einer Stärkung, und so gehen wir behende hinab zu den Tischen!‘
Ich glaube, daß Du, o Herr und Meister, gerade also gesprochen hast?!“
[GEJ.04_169,15] Sage Ich: „Ganz gut, Mein
lieber Simon! Du hast den Satz von Wort zu Wort vollkommen richtig
wiedergegeben. Aber was sagst du dazu, so Ich es dir nun sage, daß solcher von
Mir ausgesprochene Mahnsatz geistig ganz dasselbe nun als erfüllt besagt, wie
deine zwei Mir aus Salomos Hohemliede vorgetragenen Verse?! Kannst du dir
hierin irgendeine Möglichkeit denken?“
[GEJ.04_169,16] Sagt Simon: „Ehe ich das
begreife, eher begriffe ich, daß das bedeutende Meer sich morgen schon in die
üppigsten Fluren umgestalten wird. Denn was Du, o Herr, auf dem Berge
gesprochen hast, das war klar und allerdeutlichst, und wir verstanden alle nur
zu gut, was wir angenehmstermaßen zu tun hatten, nämlich hinabzugehen, uns ganz
wohlgemut an diesem herrlichsten Morgen zu den Tischen zu setzen und unsere
Leiber mit einem bestbereiteten Morgenmahle zu stärken! Wer das etwa nicht
verstanden hat, der muß nur ganz stocktaub gewesen sein.
[GEJ.04_169,17] Wer aber versteht also auch
die beiden Verse des Hohenliedes? Die sind naturgemäß, wie ich gezeigt habe,
ein barster Unsinn! Sind sie aber das, wer kann dann darin im Ernste noch einen
höchst weisen, geistigen Sinn suchen wollen? Das kommt mit Fug und Recht mir
nun gerade so vor, als sollte ich mir von einem mehr Tier als Mensch seienden
Stummtrottel die Vorstellung machen, daß er ein weiser Plato sei! Übrigens, –
möglich ist alles, warum dieses nicht?! Ich gebe hier nur an, wie ich es nun
fühle und empfinde.“
[GEJ.04_169,18] Sage Ich: „Desto besser; denn
je mehr Unmögliches du nun daran findest, desto wunderbarer wird dich hernach
die Aufhellung berühren: Aber es ist auch das nun wunderbar, daß du und
deinesgleichen mit offenen Augen noch immer nichts sehet und mit offenen Ohren
nichts vernehmet! Aber lassen wir das! Weil dir das Hohelied so geläufig ist,
so sage Mir zu den zwei Versen auch noch den dritten hinzu, und Ich werde dann
gleich imstande sein, vor dir das dir so unentwirrbare Rätsel sicher vollkommen
zu deiner Zufriedenheit zu lösen!“
[GEJ.04_169,19] Sagt Simon: „O weh, auch den
dritten Vers noch?! Dir zuliebe, o Herr, tue ich schon gerne alles, was Du von
mir verlangst; aber sonst kann ich Dir versichern, daß mir das nahe den Magen
umkehrt!
[GEJ.04_169,20] Der dritte Vers ist erst
recht verwirrt. So mich mein Gedächtnis nicht trügt, da lautet der berühmte
dritte Vers ungefähr also: ,Ziehe mich dir nach, so laufen wir! Der König
führet mich in seine Kammer. Wir freuen uns und sind fröhlich über dir; wir
gedenken an deine Liebe mehr denn an deinen Wein. Die Frommen lieben dich.‘
[GEJ.04_169,21] Da ist er nun! Wer ihn
verdauen kann, der verdaue ihn! Wenn es im Anfange nur hieße: ,Ziehe mich dir
nach, so laufe ich!‘; aber so heißt es im Nachsatze: ,so laufen wir!‘ Wer ist
der, so da nachgezogen sein will, und wer hernach die ,wir‘, die da laufen?
[GEJ.04_169,22] ,Der König führet mich in
seine Kammer.‘ Welcher König denn, der ewige oder irgendein zeitlicher und
weltlicher? Der Satz ist aber übrigens noch immer einer der besten.
[GEJ.04_169,23] ,Wir freuen uns und sind
fröhlich über dir.‘ Hier möchte ich nur wissen, wer da die ,wir‘ sind, und wer
der ist, über den sie fröhlich sind!
[GEJ.04_169,24] Ferner gedenken die gewissen
Unbekannten des auch gewissen Unbekannten Liebe mehr denn des Weines, von dem
auch nicht gesagt wird, von welcher Güte er sei!
[GEJ.04_169,25] Wer ist am Ende der höchst
unbekannte ,dich‘, den die Frommen lieben? Oh, der unbestimmtesten aller
Redeweisen!
[GEJ.04_169,26] Was ist der Mensch dieser
Erde doch für ein armseligster Tropf! Mit nichts fängt er an, lebt mit nichts und
hört endlich wieder mit nichts auf. Wenn er auch glaubt, etwas zu verstehen
seines Lebens bessere und hellere Periode hindurch, kommt aber dann
unglücklicherweise hinter Salomos Hoheslied, so ist der Narr vollkommen fertig;
denn sobald der Mensch einmal durch Wort oder Schrift von seiten eines anderen
Menschen aufmerksam gemacht worden ist, daß es mit seiner Weisheit vollkommen
aus ist, dann ist es schon auch rein aus mit dem Menschen selbst, das heißt, er
lebt wohl noch fort, aber als ein Narr, der nichts weiteres mehr zu fassen und
zu begreifen imstande ist! Ist der Mensch mir gleich bis dahin gekommen, wo es
gar nicht mehr weitergehen will, so kehrt er wieder um und fängt wie ein Tier
an, bloß zu vegetieren. Wozu auch einer weiteren Mühe um nichts und noch
tausendmal nichts?!
[GEJ.04_169,27] Wahrlich, Herr und Meister,
Du hast uns auf dem Berge diese Nacht hindurch Dinge gezeigt, wie sie auf
dieser Erde noch nie den sterblichen Menschen irgendwann gezeigt worden sind!
Ich begreife und verstehe nun ungeheuer vieles. Aber warum begreife ich denn
Salomos Weisheit nicht? Darf sie überhaupt kein Mensch begreifen, oder ist sie
wirklich – was sie dem Außen nach sehr scheint – ein frommer Wahnsinn, also
durchaus nie zu begreifen? Oder sind da doch irgend Geheimnisse darin
verborgen, die von größter Lebenswichtigkeit wären?
[GEJ.04_169,28] Wenn eines oder das andere,
da sage es mir! – denn Dir allein glaube ich, was Du im Ernste darüber sagest;
denn Du kannst das Hohelied wohl verstehen, wenn es überhaupt zu verstehen ist!
Ist aber das ganze Hohelied nur so eine letzte Salomonische
Weisheitsschwindelei, so sage es mir auch, und ich werfe gleich das ganze
Hohelied in eine Kloake, damit deren Einwohner aus ihm die Weisheit Salomos
studieren sollen!“
170. Kapitel
[GEJ.04_170,01] Sage Ich: „Freund, du wirst
mit deinem Witze zwar ein wenig schlimm, und Ich möchte zu dir nun auch sagen,
was dereinst ein berühmter Maler zu einem Schuster gesagt hat! Aber es kann bei
dir jetzt noch nicht anders sein; denn nach Salomo hat ja alles seine Zeit auf
dieser Erde. Fasse dich aber nun ordentlich und mit viel gutem Willen, so soll
dir Salomos Hoheslied ein wenig näher beleuchtet werden, und wie es mit Meiner
kurzen Mahnrede auf dem Berge völlig einstimmig ist und dasselbe besagt.
[GEJ.04_170,02] Salomo hat in seinem
Hohenliede nichts als nur Mein nunmaliges Sein prophetisch unter allerlei
Bildern, die voll geistiger Entsprechung sind, den Menschen von Tat zu Tat, von
Stellung zu Stellung und von Wirkung zu Wirkung dargestellt. Ich allein bin
sein Gegenstand; der ,er‘ und der ,du‘, der ,ihm‘ und der ,dich‘ bin alles Ich.
Wer aber aus Salomo spricht mit Mir, ist dessen Geist in der Einzahl, und in
der Vielzahl sind es des Volkes Geister, die sich gewisserart in Salomos
Königs- und Herrschgeiste für einen und denselben Zweck einen und alsonach eine
moralische Person darstellen.
[GEJ.04_170,03] Wo es heißt: ,Er küsse mich
mit dem Kusse seines Mundes‘, so heißt das soviel als: Der Herr rede aus Seinem
wahrhaft eigenen Munde zu mir, Salomo, und durch mich zum Volke Israel und
durch dieses zu allen Menschen der Erde; der Herr rede nicht mehr pur Worte der
Weisheit, sondern Worte der Liebe, des Lebens zu mir! Denn ein Wort der Liebe
ist ein wahrer Kuß des Gottesmundes an das Herz des Menschen; und darum sagt
Salomo: ,Er (der Herr) küsse mich mit dem Kusse seines Mundes!‘
[GEJ.04_170,04] Nun paßt dann der Nachsatz
schon ganz gut darauf, wo es heißt: ,Denn deine Liebe ist lieblicher denn
Wein‘, oder: Deine Liebe ist mir und allen Menschen dienlicher als die
Weisheit. Denn unter ,Wein‘ versteht man allzeit Weisheit und Wahrheit.
[GEJ.04_170,05] Daß Salomo im ersten
Bittsatze, als um das Wort der Liebe bittend, noch in der dritten Person zu Mir
seufzet, bezeichnet, daß er durch die alleinige Weisheit Mir noch ferne ist;
durch die zweite Person im Nachsatze, wo der Grund der Bitte des ersten Satzes
ausgesprochen wird, aber bezeiget Salomo die schon größere Annäherung Gottes
auf dem Wege der Liebe denn auf dem Wege der puren Weisheit. Den Kuß, die Liebe
aber, um die Salomo in seinem Hohenliede gebeten hat, bekommt ihr alle soeben
von Mir, und so dürfte dir, Mein lieber Simon, nun der erste Vers des
Hohenliedes wohl schon ein wenig klarer sein, als er dir zuvor gewesen ist!“
[GEJ.04_170,06] Sagt Simon: „O Herr, nun ist
mir dadurch freilich auch schon der zweite Vers klar, und ich getrauete mir ihn
nun zu erläutern!“
[GEJ.04_170,07] Sage Ich: „Tue das, und wir
werden es sehen, wie du den zweiten Vers aufgefaßt hast aus dem Lichte des
ersten Verses!“
[GEJ.04_170,08] Sagt Simon: „Das wird nun
schon offenbar soviel heißen: Herr, so Du mich aber küssest mit dem Kusse
Deines Mundes, so Dein Wort Liebe wird, also eine wahre Salbe des Lebens, so
möge diese Salbe, dies Dein göttliches Liebewort, für die Menschen alle
verständlich sein. Denn man sagt ja schon oft im gewöhnlichen zierlich
,riechen‘ statt ,verstehen‘. Man sagt oft: ,Riechest du, wo das hinaus will?‘
oder: ,Er hat den Braten oder die Salbe gerochen!‘
[GEJ.04_170,09] Nun bist Du, o Herr, da bei
uns, wie auf die Bitte Salomos im ersten Verse! Wir haben Deinen Namen, Dein
heilig Liebewort, das wohl köstlicher ist denn Salomos pure Weisheit! Wir haben
nun die vor uns ausgeschüttete Salbe, Deinen Namen, Deine Liebe, Dein heilig
Lebenswort, allen verständlich, vor uns.
[GEJ.04_170,10] Nun, die Mägde, die Dich
darum lieben, sind offenbar auch wir, vom Standpunkte unserer beschränkten
Einsicht und Verständnisses aus betrachtet! Denn eine Magd ist zwar ein
lieblich Wesen, ist nicht ganz ohne Einsicht und Verstand, aber von einer
großen männlichen Weisheit kann, wenigstens im allgemeinen angesehen, keine
Rede sein. Daher sind wir offenbar die Mägde, die Dich, o Herr, über alles
lieben, weil uns Dein Liebewort verständlich ist, für uns also eine
ausgeschüttete Salbe ist, an deren köstlichem Geruche wir uns gar wunderbar
ergötzen. – Sage mir, o Herr, ob ich denn wohl nach dem ersten Verse den
zweiten richtig aufgefaßt habe!“
[GEJ.04_170,11] Sage Ich: „Ganz vollkommen
richtig und grundwahrheitlich! Es ist mit dem sehr unverständlich scheinenden
Hohenliede der Fall, daß es ganz leicht begriffen werden kann, wenn jemand nur
den ersten Vers richtig auf dem Wege der Entsprechung aufgefaßt hat. Da du nun
aber den zweiten Vers so ganz vollkommen richtig aufgefaßt hast, so versuche
dich nun noch am dritten Verse; vielleicht wirst du auch da den Nagel auf den
Kopf treffen!“
[GEJ.04_170,12] Sagt Simon: „O Herr, nun
wagete ich mich schon gleich ans ganze Hohelied! Aber der dritte Vers liegt nun
nach den zwei ersten doch so klar wie dieser herrlichste Morgen vor mir
enthüllt!
[GEJ.04_170,13] ,Ziehe, o Herr, mich Dir
nach, so laufen wir!‘ Wer kann sonst wohl geistig ziehen, als allein nur die
Liebe?! Und die Folge ist, daß diejenigen, die mit und durch die Liebe
unterwiesen und gezogen werden, in einem Augenblicke mehr fassen und begreifen,
daher im Erkenntniswachstume wahrhaft laufen, denn durch die trockene und kalte
Weisheit in vielen Jahren. Die einfache Person im ersten Satze ist also nur
eine moralische und erscheint im zweiten Nachsatze geteilt in der Vielheit, was
vorderhand doch offenbar wir sind, und danach ganz Israel, und am Ende gar
alles, was auf der ganzen Erde Mensch heißt.
[GEJ.04_170,14] Der König, der Ewige, der
Heilige führet mich und uns alle nun wohl freilich in die allerheiligste und
lichtvollste Liebe- und Lebenskammer Seines allerheiligsten Vaterherzens! Und
wir freuen uns nun wohl und sind über die Maßen fröhlich über Dir und gedenken
sicher Deiner Vaterliebe tausend Male mehr denn aller der trockenen und kalten
Weisheit! Nur in Deiner Liebe sind wir voll Demut und einfältigen und dadurch
frommen Herzens; wir sind dadurch fromm und lieben Dich, o Herr, erst
vollkommen in dieser unserer Frömmigkeit.
[GEJ.04_170,15] Der Weisheit Morgen,
entsprechend dem auf dem Berge oben, ist zwar herrlich und schön; aber hier
unten bei den gastfreiesten Liebesmahltischen in der großen, heiligen Kammer
Deines allerheiligsten Vaterherzens weilet freilich auch derselbe Morgen des
wahren Lebens. Oben auf dem Berge genossen wir, also noch in der wahren
Erkenntnis Unterwiesene, den herrlichen Lebenslichtmorgen; aber es waren dort
keine Tische mit den nährenden und das Leben stärkenden köstlichen Speisen
bestellt.
[GEJ.04_170,16] Wohl gefiel uns das Licht der
tiefsten Weisheit; aber Du sahst auch schon in vielleicht so manchen den Keim
des Dünkels, im Herzen der Furche des Lebensgärtchens entsprossen, und sagtest
mit den hinreißendsten Liebeworten: ,Kinderchen, unten in der Demutstiefe
weilet derselbe Morgen! Wenn ihr den kurzen Weg von der Eigendünkelshöhe, die
gewöhnlich eine Folge hoher, purer Weisheit ist, hinab in der Liebe Demutstiefe
steiget, so genießet ihr ja denselben Lichtmorgen! Und unten in der Tiefe der
Liebe weilet er auch so wie hier, und ihr genießet ihn doppelt; denn dort ist
nicht nur ganz dasselbe Licht, sondern auch in der Liebe und Demut die Quelle
des Lichtes und des Liebelebens daheim! Unten stehen die vollen Tische zur
Stärkung, Ernährung und Erhaltung des Lebens in seiner Ganzheit!‘
[GEJ.04_170,17] Dahin, o Herr, hast Du uns
gezogen durch den wahren Kuß Deines heiligen Mundes, und wir haben dann nicht
mehr gesäumet, sondern sind Dir nachgelaufen und lieben Dich als nun Deine in
aller Liebe und Demut wahrhaft Frommen! – Herr, habe ich die Sache wohl recht
aufgefaßt und dargestellt und erraten den innern Sinn Deiner auf dem Berge
ausgesprochenen Mahnworte?“
171. Kapitel
[GEJ.04_171,01] Sage Ich: „Ganz vortrefflich!
Wenn Ich Selbst dir und euch allen die Verse des Hohenliedes, und damit
vergleichend Meine Mahnworte, auf dem Berge erklärt hätte, so hätte Ich Mich
sogar ganz derselben Worte bedient. Du hast demnach die gute Sache zu Meiner
vollsten Zufriedenheit erörtert. Da du aber nun schon der Hoheliedserklärer
geworden bist, so könntest du dich nun etwa wohl mit ein paar Versen des ersten
Kapitels weiter versuchen! Oder ist jemand anders unter euch, der das
vermöchte?“
[GEJ.04_171,02] Sagen alle: „Herr, wir
vermögen es dennoch nicht, obwohl es uns vorkommt, als vermöchten wir es!“
[GEJ.04_171,03] Sagt Simon: „O Herr, da hat's
bei mir nun gar keinen Anstand mehr; das verstehe ich nun auf einmal ganz gut,
und sicher auch ganz richtig!
[GEJ.04_171,04] Ein weiterer Vers heißt: ,Ich
bin schwarz, aber gar lieblich, ihr Töchter Jerusalems, wie die Hütten Kedars,
wie die Teppiche Salomos.‘ Dies nun in unsere natürliche Zunge übertragen, kann
doch nichts anderes besagen als: ,Ich, der Herr, nun in der Welt bei euch
blinden und vielfältigst hochmütigen Menschen, bin von euch meistens ungekannt
und von eurer hohen Welt tiefst verachtet, und in Mir aber dennoch voll der
tiefsten Demut und Sanftmut, Geduld und Liebe zu euch Töchtern Jerusalems!‘
[GEJ.04_171,05] Wer sind die Töchter
Jerusalems? Diese sind der Hochmut, der Stolz, die Herrsch- und Habsucht der Nachkommen
Abrahams; das sind die gezierten Töchter Jerusalems, denen aber der verachtete,
also vor ihnen schwarze Herr, der erste Mensch aller Menschen, doch gnädig und
barmherzig ist und lieblicher und liebevoller als die von außen gar elend
aussehenden Hütten Kedars (Kai-darz), die aber inwendig dennoch reichlichst
ausgestattet waren mit allerlei Schätzen zum Verteilen unter die gerechten
Armen und Notleidenden und auch lieblicher denn Salomos wertvollste Teppiche,
deren äußere Gesichtsseite ein dunkelgrauer, härener Stoff war, das Untere und
Inwendige aber die kostbarste indische Seide, mit feinstem Golde durchwebt.
[GEJ.04_171,06] Weiter heißt es: ,Sehet mich
nicht an, daß ich so schwarz bin (vor euch Töchtern Jerusalems); denn die Sonne
(euer Weltstolz) hat mich verbrannt (vor eurem hochmütigen Weltangesichte)!
Meiner Mutter Kinder zürnen mit mir.‘ Wer anders kann Deine Mutter in Dir, o
Herr, sein als Deine ewige Weisheit, so wie der Vater in Dir Deine ewige Liebe
ist?! Deine Mutter ist auch gleich Deine ewige Ordnung, deren mit Dir, o Herr,
zürnende Kinder den ewig unendlichen Raum erfüllen und durch ihre Ordnung der
großen Unordnung der Kinder Israels zürnen.
[GEJ.04_171,07] Denn diese heilige Ordnung
,hat man zur Hüterin der Weinberge gesetzt‘, das heißt: Dein Wille im Vereine
aller Deiner Himmelsmächte hat den Menschen diese Ordnung gegeben durch
Gesetze, daß durch sie die Weinberge, das sind die Menschengemeinden, in der
Ordnung der Himmel verblieben.
[GEJ.04_171,08] ,Aber meinen Weinberg, den
ich hatte, habe ich nicht gehütet!‘ Das heißt soviel als: ,Meine ewige,
göttliche, unzugängliche Höhe und Tiefe habe Ich außer der Hut gesetzt!‘, –
wovon hoffentlich für jedermann Deine hier höchst zugänglichste Gegenwart doch
das sprechendste Zeugnis gibt. Deine höchsten und unzugänglichen und
lichtvollsten Himmel hast Du verlassen, um hier in der tiefsten Demut, also
schwarz vor den Kindern dieser Erde, zu erscheinen und die gerechten Armen aber
zu führen in Deine Kammer, in die rechte Hütte Kedars. – O Herr, sage mir nun,
ob ich wohl auch die von Dir noch nachverlangten zwei Verse richtig beurteilt
habe!“
[GEJ.04_171,09] Sage Ich: „Ganz richtig;
darum gib uns noch die Erklärung des sechsten Verses zu den fünfen!“
[GEJ.04_171,10] Sagt Simon: „Dir ewig meine
vollste Liebe und meinen innersten Dank, daß Du, o Herr, mich jungen Burschen
würdigest durch Deine Gnade und Liebe, hier jene tiefen Geheimnisse vor denen,
die Dich lieben, aufzudecken, die, seit sie geschrieben worden sind, bis jetzt
noch niemand aufgedeckt hat! Meine Seele freuet sich dieser Gnade über alle die
Maßen. Es ist aber dennoch kein Hochmut darob in ihr; im Gegenteile werde ich
nur stets demütiger, je mehr ich Dein Alles und mein vollkommenes Nichts
einsehe und begreife. Aber Du, o Herr, weißt es ja, daß ich stets mit dem guten
Humor etwas zu tun habe, und der köstliche Wein stimmt mich noch mehr dazu, und
so kann ich hier beim verlangten sechsten Verse schon nicht umhin, so ernst er
auch immerhin ist, einen kleinen Humor anzubringen!“
[GEJ.04_171,11] Sage Ich: „Rede du, wie dir
Herz und Zunge gewachsen sind!“
[GEJ.04_171,12] Spricht Simon weiter: „Hätte
Salomo oder seine mit aller Weisheit erfüllte Seele die Gelegenheit gehabt,
hier in unserer Mitte zu sein, so hätte sie den sechsten Vers sicher nicht
niedergeschrieben; denn im sechsten Verse sagt Salomo: ,Sage mir an, du, den
meine Seele liebt, wo du weidest, wo du ruhest im Mittage, daß ich nicht hin
und her gehen müsse bei den Herden deiner Gesellen!‘ Denn da hätte Dich Salomos
und durch ihn seines Volkes Seele, Deine Schafe weidend am Morgen, Mittage,
Abende und auch in der Mitternacht, sicher gefunden; also stets tätig und nicht
allein im Mittage ruhend!
[GEJ.04_171,13] Ich meine, der ewige Mittag
Deiner Ruhe – das ist jene unendlich lange Zeitendauer, in der Du nicht, wie
jetzt, Selbst mit den Menschen umgingst, sondern sie überlassen hast Deinen
Gesellen, die immer dümmer und hochmütiger geworden sind – sei nun vorbei, und
ein neuer und ewiger Lebensmorgen ist uns aufgegangen, und wer Dich erkannt
hat, wird Dich wohl nimmer hin und her suchen bei Deinen nun höchst dumm und
träge gewordenen Gesellen.
[GEJ.04_171,14] Wie gedenkest Du, o Herr:
habe ich auch wenigstens nur so im Vorbeigehen den rechten Sinn berührt?“
[GEJ.04_171,15] Sage Ich: „Ganz vollkommen
auch hier trotz des Humors, den du hier ganz passend hineingemengt hast! Da wir
aber nun gesehen haben, daß auch Salomos Hoheslied enthüllt werden kann und du,
Simon, selbst davon eine ganz andere Meinung überkommen hast, so soll uns nun
auch dein Korrektor Gabi etwas zum besten geben; und zwar möchte Ich Selbst aus
seinem Munde den Grund vernehmen, warum er denn für das Hohelied Salomos gar so
eingenommen war, ohne es jedoch nur im geringsten verstanden zu haben! – Gabi,
öffne demnach deinen Mund und sage uns etwas!“
172. Kapitel
[GEJ.04_172,01] Gabi erhebt sich, macht eine
tiefste Verbeugung und sagt dann mit einer sehr wackeligen Stimme, die sogar
den sonst höchst ernsten Römern ein gewisses Schmunzeln abnötigte: „O Herr und
Meister! Ich habe nie Ruhm gesucht; denn das ist meine Sache nie gewesen, und
darum suche ich auch hier um so weniger einen Ruhm und will eigentlich schon in
meinem ganzen Leben keinen Ruhm, und weil ich keinen Ruhm suche und will, so
rede ich lieber nichts und bleibe still! Bin nun mit meiner Rede auch schon zu
Ende!“
[GEJ.04_172,02] Sagt unwillkürlich darauf
Simon: „Oho, ja was ist denn das? Du hast sonst ja gerne viel geplaudert, hast
dich überall als ein Hauptredner hervortun wollen und gerade eine Berühmung
nicht verschmäht?! Merkwürdig!“
[GEJ.04_172,03] Sagt Gabi: „Was ich tue, das
tue ich, und du brauchst dich darum eben gar nicht zu bekümmern! Unter Menschen
allein ist leicht reden; hier aber ist Gott und sind Engel gegenwärtig, und da
soll keines Menschen Stimme irgend zu vorlaut werden, sondern ganz demütig und
bescheiden schweigen! Ich heiße Gabi, der Stille, und nicht Simon, der
Vorlaute!“
[GEJ.04_172,04] Sagt lächelnd Cyrenius: „Aha,
HINC ILLAE LACRIMAE! Schau, schau, der junge Mann sucht keinen Ruhm und scheint
darob aber doch sehr ungehalten, weil sein Gefährte Simon mit der Erklärung des
Hohenliedes, o Herr, Dein Wohlgefallen erworben hat! Wahrlich, das gefällt mir
vom Gabi durchaus nicht!“
[GEJ.04_172,05] Sagt sogar die Jarah: „Mir
gefällt das auch nicht! Denn ich habe nur darum nun eine große Freude, so ich
bei jemandem merke, wie des Herrn Liebe und Gnade in seiner Seele sich
wundersam zu offenbaren beginnt; aber die Duckmauserei einer Seele ist etwas
Widriges. Wer vom Herrn aufgefordert wird zu reden, will aber etwa aus falscher
Scham nicht und sagt, daß er keinen Ruhm suche, der lügt sich und alle andern
an, und das Lügen ist etwas sehr Häßliches!“
[GEJ.04_172,06] Sagt nun abermals Simon: „So
erhebe dich und rechtfertige dich vernünftig, und gib dem Herrn Antwort auf
Seine heilige Frage!“
[GEJ.04_172,07] Hier erhebt sich Gabi wieder
und bittet um Entschuldigung, daß er ehedem so dumm seinen Mund vor dem Herrn
geöffnet habe. Er wolle nun antworten, wenn es dem Herrn noch genehm wäre.
[GEJ.04_172,08] Sage Ich: „Nun, so rede! Denn
Ich habe Meine an dich gerichtete Frage noch lange nicht als ungültig
zurückgenommen; im Gegenteile harren wir noch alle auf irgendeine bescheidene
Antwort von dir! Rede du demnach, und gib kund, was du weißt!“
[GEJ.04_172,09] Sagt Gabi: „Da mir die Frage
in bezug auf meine Liebhaberei des Hohenliedes Salomos, trotzdem ich es auch
nicht verstehe, gegeben ward, so will ich den Grund von solch meiner
Liebhaberei hier wohl offen kundtun, obwohl ich am Ende selbst der Wahrheit
gemäß bekennen muß, daß ich dafür eigentlich gar keinen Grund hatte, das heißt,
ich meine, einen guten Grund, sobald ich von einem Grunde rede; denn etwas
Dummes und eigentlich Schlechtes kann nie als ein eigentlicher Grund zu einem
Sichverhalten als geltend angesehen werden, weil etwas Schlechtes ein purer
Sand ist, der nie als ein haltbarer Grund zu einem Hause, geistig oder
naturmäßig genommen, dienen kann. Nun, was war denn hernach der eigentliche
Urgrund zu meiner Salomonischen Hohenliedsliebhaberei? Nichts als eine heimliche,
nun mir ersichtlich große Dummheit und Eitelkeit!
[GEJ.04_172,10] Ich wollte als ein weiser und
der Schrift bestkundiger Mann nicht nur bei meinen Gefährten, sondern auch bei
all den übrigen Menschen gelten und hatte mir darum aus der ganzen Schrift
gerade das als eine Lieblingsbetrachtung auserwählt, von dem ich überzeugt war,
daß es von der ganzen Schar der Schriftgelehrten ebensowenig wie von mir selbst
verstanden wurde. Ich war aber sehr pfiffig und tat zum Scheine so ganz klug,
ernst und weise.
[GEJ.04_172,11] Man fragte mich oft, wenn man
mich im Hohenliede mit falschfröhlicher Miene herumlesend fand, ob ich denn
wirklich des Liedes unentwirrbare Mystik verstehe. Meine Antwort lautete ganz
kurz: ,Welch ein Narr liest wohl anhaltend, was er unmöglich verstehen kann?!
Verstünde ich die höchste Mystik des Liedes nicht, würde ich wohl auch der Narr
sein, sie zu lesen, und rührete das Gelesene mein Gemüt, so ich's gleich euch
nicht verstünde?!‘ Man drang in mich, man beschwor mich, ja man kam mir mit
Drohungen, daß ich mein Verständnis wenigstens dem Hohenpriester kundgäbe. Aber
es half all das nichts; denn ich verstand mich auf Ausreden und
Entschuldigungen aller Art und war daher durch nichts zu bewegen, von meinen
Geheimnissen irgend etwas zu verraten, was um so leichter war, weil ich
wirklich keine besaß.
[GEJ.04_172,12] Nur Simon, als mein intimster
Freund, wußte, aber nur zum Teil, wie es mit meiner Salomonischen Weisheit
aussah. Er hielt es mir oft vor und bewies es mir, daß ich mit Salomos Hohemliede
entweder mich selbst oder die Welt für einen Narren halte. ,Denn‘, sagte er mir
oft, ,mit deinen sonst in allen Dingen beschränkten Kenntnissen und
Erfahrungen, wirst du darum etwa das Hohelied verstehen, weil du es höchst
mühsam auswendig gelernt hast?!‘ Allein, ich suchte ihn aber dennoch dadurch
auf einen halben Glauben zu bringen, daß ich sagte, daß ich eben für jene
tiefsten, unklarsten und verworrensten Geheimnisse darum die höchste Vorliebe
habe, weil ich mir dahinter etwas ungeheuer Großes vorstelle. Das glaubte mir
Simon doch am Ende; aber er irrte sich dennoch ganz gewaltig. Denn bei mir
selbst war ich ein Feind der Salomonischen Weisheit, durch die er am Ende ein
Götzendiener ward.
[GEJ.04_172,13] Nun wollte ich zwar wohl
niemanden mehr täuschen, aber ich wollte mich gerade auch nicht unnötigerweise
dahin enthüllen, als habe ich ehedem die Menschen nur stets zu täuschen
gesucht, um, offen gestanden, dereinst ein tüchtiger Pharisäer zu werden, was
denn für meinen erst jetzt seit drei Tagen ganz aufgegebenen Sinn sicher nichts
Kleines war; denn je pfiffiger und verschlagener ein Pharisäer ist, in einem
desto größeren Ansehen steht er nun beim Tempel.
[GEJ.04_172,14] Ich wollte der ganzen
Dummheit eigentlich schon ohnehin nimmer gedenken und wollte sie so ganz im
stillen total fallen lassen; aber da ich von Dir, o Herr, nun aufgefordert
worden bin, mich zu entäußern, nun, so habe ich mich denn jetzt auch der
Wahrheit gemäß entäußert und es weiß nun ein jeder, wie es mit mir gestanden
ist, und wie es nun mit mir steht. Ich war in diesem Falle wohl höchst
eigensinnig, und es war mit mir da eben nicht viel anzufangen; aber jetzt bin
ich ganz vollkommen in der besten Ordnung, erkenne das allein wahre Licht alles
Lebens und werde auch nie je wieder jemanden zu täuschen versuchen.
[GEJ.04_172,15] Habe ich mich aber nun in des
Herrn Gegenwart etwas ungeziemend benommen, so bitte ich zuerst Dich, o Herr
und Meister, wie auch alle Deine Freunde groß und klein, aus dem tiefsten
Lebensgrunde um Vergebung! Denn ich wollte durch mein erstes Schweigen ja doch
niemand schaden, sondern bloß nur so ein wenig meine alte Schande zudecken. Es
ging dieses aber hier vor Deinem heiligen, allsehenden Auge nicht an, und also
habe ich mich denn gezeigt, wie ich war, und wie ich nun bin. Und damit wäre
ich aber auch mit meiner Rede wider mich vollkommen zu Ende und weiß nun von
nichts weiterem mehr.“
173. Kapitel
[GEJ.04_173,01] Sage Ich: „Das war für dich allein
nun höchst gut, daß du dich nun also vollkommen entäußert hast; aber alles
dessen ungeachtet mußt du noch eines sagen und treu kundgeben, – aber wieder
nicht Meinet-, sondern allein deinetwegen! Siehe nun, als du dich in und für
den Tempel einweihen ließest, glaubtest du denn damals an gar keinen Gott, da
du dich sogleich auf den Betrug zu verlegen begannst und alle deine Sinne nur
darauf richtetest, ein so recht mit allen Tücken durch- und abgedrehter
Pharisäer zu werden? Hatte es dir denn niemand gesagt, daß ein Pharisäer denn
doch nur ein dem Aaron folgender Priester und Gottesdiener ist und nie ein
selbst- und herrschsüchtiger Menschenbetrüger? Wie hast du einen so grundbösen
Sinn in deinem Herzen je aufkeimen lassen können?
[GEJ.04_173,02] Ist denn den Menschen nützen,
wo nur immer möglich, nicht schon an und für sich ein allerherrlichster
Grundsatz des Lebens, den sogar die alten heidnischen Weisen stets in den
größten Ehren gehalten und beachtet haben?! Sagte nicht ein Sokrates: ,Willst
du, Mensch, in deiner Sterblichkeit die Götter würdigst ehren, so nütze deinen
Brüdern; denn sie sind wie du der Götter köstlichstes Werk! Liebst du die
Menschen, dann opferst du den Göttern allen, die gut sind, und die bösen werden
dich darum nicht züchtigen können!‘ Die Römer sagten: ,Lebe ehrbar, schade
niemand und gib jedem das Seine!‘ Siehe, so urteilten die Römer, die Heiden
waren; wie hast denn du hernach als ein Jude einen gar so höllischen Sinn
fassen können?
[GEJ.04_173,03] Konntest du dir's denn nicht
wenigstens so ein bißchen nur denken, daß es doch irgendeinen Gott geben muß,
der nichts anderes denn nur das Gute wollen kann und der den Menschen nicht nur
für die kurze Spanne dieses Erdenlebens, sondern für die Ewigkeit erschaffen
hat?! Siehe, darüber mußt du Mir nun noch eine streng wahre Rechenschaft führen
und dich dessen völlig entäußern! Und so rede nun!“
[GEJ.04_173,04] Sagt Gabi: „Gott, Herr und
Meister von Ewigkeit, hätte ich je irgendeine Gelegenheit gehabt, nur den
hundertsten Teil von dem zu vernehmen, was ich hier in diesen
allermerkwürdigsten drei Tagen vernommen habe, so hätte ich sicher keinen gar
so elenden Sinn gefaßt; aber – EXEMPLA TRAHUNT –, was auch die Römer erfunden
haben – ich hatte ja derlei Beispiele und Muster vor mir, die schlechter als
schlecht waren! Und diese schlechten Beispiele und Muster befanden sich ganz
gut dabei, und zwar stets um so besser, je mehr sie die Kunst besaßen, das Volk
allerdickst zu prellen und hinters Licht zu führen.
[GEJ.04_173,05] Denn sie sagten: Die Natur –
nicht etwa Gott, der nichts denn eine alte Menschendichtung sei – habe dem
helleren Menschen schon von der Wiege an einen Fingerzeig gegeben, daß er sich,
wenn er wahrhaft gut leben wolle, vor allem die Dummheit der Menschen zugute
machen solle; wer das nicht verstünde, der bleibe ein Narr sein Leben lang und
solle auch als nichts anderes als ein mit einiger Vernunft begabtes
Menschenlasttier verbleiben und sich nähren von Dornen und Disteln und liegen
auf Stoppeln!
[GEJ.04_173,06] Als Volkslehrer solle man nur
dahin besorgt sein, daß die gemeinen Menschenlasttiere stets im allerdicksten
Aberglauben erhalten würden! Solange dies bezweckt würde, würden die
eigentlichen Geistmenschen gut zu leben haben; sowie man aber jenen die
Wahrheit zeigen und sie ans Licht führen würde, da würden die eigentlichen
Geistmenschen selbst Haue, Pflug, Spaten und Sichel in die Hand nehmen und im
Schweiße ihres Angesichtes das mühevolle, harte Brot verzehren müssen.
[GEJ.04_173,07] Der rechte Mensch müsse es so
weit zu bringen trachten, daß er von den Menschenlasttieren wenigstens als ein
Halbgott angesehen werde. Habe er es dahin gebracht, so verschließe er sein
Licht wie ein ägyptisches Grab und umgebe sich mit allerlei falschem Schimmer
und betäubendem Dunste; da würden ihn die Menschenlasttiere bald förmlich
anzubeten anfangen, und das um so mehr, wenn er ihnen von Zeit zu Zeit
irgendeinen scheinbaren Nutzen erweise. Kurz, er müsse den Menschenlasttieren
ganz grundvoll, aber immerhin falsch, zu beweisen imstande sein, daß es ihnen
zum unschätzbaren Heile gereiche, wenn sie vom vermeinten Halbgotte blau- und
mitunter sogar totgeschlagen würden!
[GEJ.04_173,08] Man gebe ihnen harte Gesetze
und setze als Sanktion darauf die schärfsten zeitlichen und allermartialischst
angedrohten ewigen Strafen und verheiße dem treuen Befolger der Gesetze nur
kleine irdische Vorteile, aber desto größere ewige nach dem Tode, – und man
stehe dann als ein wahrer Mensch vor all den zahllosen Menschenlasttieren da!
Verstünden es seine Nachfolger, den Pöbel in der Nacht des dicksten
Aberglaubens zu erhalten, so würden ihn Jahrtausende nicht aufhellen;
verstünden sie aber das nicht, so würden sie als Betrüger der Menschen ehest
gar jämmerlich das Weite zu suchen bekommen!
[GEJ.04_173,09] Moses und Aaron seien solche
wahren Menschen gewesen, die durch ihren geweckten Verstand und durch ihre
vielen Kenntnisse des israelitischen Volkes Schwächen bald abgelauscht hätten,
sich als Führer und Beglücker desselben Volkes aufgeworfen und es durch eine
fein ausgedachte, aber großartigste Prellerei derart vernagelt hätten, daß das
Volk noch heutzutage ebenso dumm sei, wie es am Fuße des Sinai vor nahe tausend
Jahren gewesen sei und vielfach noch mehrere Jahrtausende also verbleiben
werde. Im Grunde aber sei das dennoch auch eine Wohltat fürs Volk; denn der
Mensch sei vom Anfange an eine faule Bestie und müsse deshalb mit einem
eisernen Zepter beherrscht und mit Ruten zum Guten gepeitscht werden!
[GEJ.04_173,10] Herr, was ich hier
kundgegeben habe, ist keine irgend eitle Dichtung meiner Einbildungskraft,
sondern volle Wahrheit! Das ist eines jeden vollkommenen Pharisäers innere
Anschauung der göttlichen Offenbarung, die stets desto wertvoller sei, je
unverständlicher sie sei. Salomos Hoheslied hätte gerade so den rechten
Zuschnitt; auch die Propheten samt dem Moses hätten viel des sehr Brauchbaren!
Und das war denn auch ein Mitgrund, warum ich mich denn so ganz besonders auf
das Hohelied geworfen habe.
[GEJ.04_173,11] Ich bin nun wieder zu Ende
und glaube, hinlänglich bewiesen zu haben, daß meine früheren Gesinnungen
unmöglich anders sein konnten; denn wie der Unterricht, so der Mensch, und also
auch sein Wille und seine Tätigkeit! Daß ich nun mit der tiefsten Verachtung
auf solch einen echt höllischen Unterricht zurückblicken kann, versteht sich
wohl von selbst! Ich erwarte aber auch nun von Dir, o Herr, daß Du mir, infolge
Deiner Liebe und Weisheit, dies mein hier treu und wahr kundgegebenes Denken
und Handeln gnädigst nachsehen und vergeben wirst!“
[GEJ.04_173,12] Sage Ich: „Wie könnte Ich
dir's vorenthalten, da du doch selbst all dies Höllenwerk aus dir für immer
verbannt hast? Und Ich ließ ja eben aus dem Grunde dich alles dessen laut vor
uns allen entäußern, auf daß dein Herz vollkommen frei würde und du nun ganz vom
innersten Lebensgrunde der vollsten Wahrheit angehören kannst! Zugleich aber
habe Ich damit auch den Zweck verbunden, daß alle hier Anwesenden aus dem Munde
treuer Zeugen vernehmen sollen, wie das Pharisäertum in dieser Zeit durchgängig
bestellt ist, und wie es sonach notwendig war, daß Ich Selbst persönlich in
diese Welt kommen mußte, auf daß nicht alle Menschheit verderbe und zugrunde
gehe. – Nun aber vergleichet euch, ihr beiden, auch vollkommen wieder, und
Simon soll nun seine innerste Ansicht über Mich uns allen kundtun!“
174. Kapitel
[GEJ.04_174,01] Sagt Simon: „O Herr, da werde
ich bald und leicht fertig! Du bist der Sohn aus Gotte im Geiste und bist hier
vor uns Gott und Mensch zugleich. Du bist aus Dir Selbst der einzige im Himmel,
wie auf dieser Erde. Dir ist in der ganzen Unendlichkeit niemand gleich! Ein
Engel ordnet sich nie dem Willen eines Menschen unter; so Du ihm aber nur den
allerleisesten Wink gibst, so vollzieht er in einem kaum denkbar schnellsten
Augenblicke Deinen Willen. Was Du willst, das geschieht unvermeidbar; ein von
Dir ausgesprochenes Wort ist eine vollendete Tat!
[GEJ.04_174,02] Dein Auge durchschauet in
einem Augenblick alle geistige und materielle Schöpfung. Der Engel geheimste
Gedanken sind Dir so klar, als hättest Du sie Selbst gedacht, und was wir
armseligen, sterblichen Menschen noch so tief in uns denken, das erschauest Du
heller, als wir diese noch so herrlich strahlende Sonne. Du kennst alles, was
das Meer in seinen tiefsten Gründen verborgen hält, Du kennst die Zahl des
Sandes im Meere, jene der Sterne, und was sie fassen und tragen, und die Zahl
des Grases auf der Erde, der Kräuter, der Gesträuche, der Bäume und der Geister
im ganzen, endlosesten Raume ist Dir bekannter als mir die Zahl Eins! Wenn ich
nun das nicht nur lebendigst glaube, sondern es auch allerhellst weiß, da wird
es etwa doch nicht schwer sein, nun zu sagen: Herr, dies ist mein innerstes
Urteil über Dich, insoweit ich Dich nun durch die drei Tage erkannt habe! Etwas
anderes zu sagen wüßte ich kaum mehr!“
[GEJ.04_174,03] Sage Ich: „Aber ihr seid ja
schon mit heute mehr denn nur drei Tage bei Mir! Wie sprichst du nur von drei
Tagen?“
[GEJ.04_174,04] Sagt Simon: „Herr, was gehen
mich die materiellen drei Tage an?! Ich zähle nur die drei geistigen Erkenntnistage;
diese aber sind erstens die wahre Erkenntnis der Materie, zweitens die
Erkenntnis des Wesens der Seelen und drittens die Erkenntnis des Reingeistigen.
Das sind die wahren drei Tage des Lebens, die wir bei Dir sind!“
[GEJ.04_174,05] Sage Ich: „Ah, das ist
freilich etwas ganz anderes! Damit bin Ich mit dir auch ganz zufrieden; denn in
den Entsprechungen bist du nun ganz wohl zu Hause, – aber noch nicht vollends
also mit deiner inneren Selbsterkenntnis! Und so ist denn auch das Urteil, das
du über Mich geschöpft hast, nicht ganz aus deinem Innersten; da hockt noch
etwas darin, und dessen sollst du dich denn doch auch entäußern! Es ist zwar
nur ein kleinstes Körnchen eines nur zeitweilig auftretenden Zweifels über
Mich, – und siehe, dieses Körnchen muß auch aus dir, sonst fängt es mit der
Weile an zu keimen und kann zu einem Walde voll des finstern Zweifels in deinem
Herzen erwachsen, der dann schwer zu vertilgen und auszurotten wäre! Sieh nur
so recht tief in dein Herz hinein, und du wirst das böse Zweifelskörnchen schon
finden!“
[GEJ.04_174,06] Simon sieht Mich und auch
alle die andern Tischgenossen ein wenig verdutzt an, denkt über sich nach und
sagt nach einer Weile: „Herr, fürwahr, ich kann suchen, wie ich nur immer will,
so finde ich dennoch sozusagen nichts! Denn alle noch so leise auftauchenden
Zweifel über Dich zerstäube ich in einem Augenblick, und es kann nun völlig
keiner mehr stattfinden!“
[GEJ.04_174,07] Sage Ich: „Und doch, und
doch, – denke nur nach, du wirst ihn schon finden!“
[GEJ.04_174,08] Sagt Simon: „Herr, Du machest
mich bangen vor mir selbst! Sollte ich denn wohl ganz im geheimen ein Ungeheuer
sein? Ich kann tun und denken, wie ich nur immer will, so finde ich dennoch von
ferne nichts, das dem nur ähnlich sähe, was Du, o Herr, in mir haben willst.
Worin und in welcher Art könnte ich nun wohl noch einen Zweifel haben oder
wenigstens einen Grund davon?“
[GEJ.04_174,09] Sage Ich: „Aber Freund Simon,
sieh Mich an! Sehe Ich denn im Ernste so strafgierig und rachsüchtig aus, daß
du dich scheuest, das nun laut und offen zu bekennen, was dir schon sozusagen
auf der Zunge liegt?“
[GEJ.04_174,10] Auf diese Meine Worte
erschrickt Simon förmlich und sagt: „Aber Herr! Muß denn auch diese
Kleinigkeit, deren laute Aussprechung ich rein nur für unschicksam hielt, auch
laut ausgesprochen werden?
[GEJ.04_174,11] Denken kann sich der Mensch
ja doch so manches; ja, er denkt es eigentlich nicht einmal von sich selbst
willkürlich! Der Gedanke kommt mir von irgendwo ins Herz hineingehaucht und
bleibt dann oft einige Zeit hängen; endlich verwehet er, und man erinnert sich
dann seiner wohl kaum je mehr. Und so dürfte auch dieser mein kleiner
Zweifelsgedanke von irgendwoher in mein Herz hineingeflogen sein, und ich habe
ihn gedacht, aber auch gleich wieder verworfen, weil ich dagegen doch Tausende
der schwersten Beweise im Kopfe und Herzen trage. Dazu fand ich im Ernste die
laute Aussprechung dieses Gedankens für etwas unschicksam. Wenn Du, o Herr,
aber schon durchaus darauf bestehst, nun, so will ich ihn ja auch gerne
aussprechen. – Liebe, große Freunde des Herrn, nehmet ihn aber also auf, wie
ich ihn nun schon total verworfen habe!
[GEJ.04_174,12] Also aber lautet dieser
Gedanke: Da ich nun schon seit meinem Hiersein gleichfort das ungemein
liebliche und überüppige Mägdlein an der Seite des Herrn erblickte, so drängte
sich, aber wahrlich wie von selbst, in mir der freilich stark lächerliche
Gedanke auf, ob der Herr etwa auch geschlechtlich verliebt sein könnte,
wenigstens auf so lange, als Er auf dieser Erde auch im Fleische umherwandelt!
Wenn aber das, wie sähe es dann mit Seiner ganz reinen Geistigkeit aus? Gott
kann zwar wohl alle Seine Geschöpfe reinst lieben; ob aber ganz besonders
irgendein überreizend schönes Mädchen nun auf der Erde auch geschlechtlich, – das
zu bejahen oder zu verneinen war für meine Intelligenz etwas schwer, obwohl ich
es mir zurief in meiner Seele: ,Bei Dir kann jede Liebe nur im höchsten Grade
rein sein, auch eine, die wir unter uns Menschen völlig unrein nennen würden!‘
[GEJ.04_174,13] Herr, das ist es nun, was Du
von mir heraushaben wolltest! Nun aber bin ich wohl fertig mit allen Körnchen
und Keimchen, und Du, o Herr, mache nun daraus, was Du willst! Oder ersieht
Dein göttlich allsehend Auge noch etwas in mir? Wenn noch irgend etwas darin
stecken sollte, dahin ich nicht sehe, so mache, o Herr, mich gnädigst darauf
aufmerksam, und ich werde nun gleich ganz ohne alle Scheu damit herausfahren!“
175. Kapitel
[GEJ.04_175,01] Sage Ich: „Nun bist du rein, und
es ist nichts mehr in dir, das dich je in deinem Glauben an mich beirren
könnte; aber nun will Ich dir und auch euch andern zeigen, welch ein dichtester
Zweifelswald aus dir erwachsen wäre, wenn du dich nun dieses Zweifelskörnchens
nicht entledigt hättest. Du hättest ganz einfach nach und nach also zu
philosophieren angefangen:
[GEJ.04_175,02] Was würde daraus, so Ich Mich
mit einer Maid verginge und es entstünde daraus eine Frucht im Schoße der Maid?
Wenn sie männlich wäre, wäre sie auch ein Gott? Und wäre sie weiblich, was
dann? Würde das das Mosaische Gesetz schwächen, so Ich Mich vergangen hätte?
Würde das Meinen Gottmenschen nicht zur Behaltung des göttlichen Geistes
unfähig machen? Oder wäre Ich eines solchen Aktes für Meine Person wohl fähig
oder nicht? Aber wie konnte Ich die Menschen für diesen Akt beleben, so Ich
Selbst desselben unfähig wäre?
[GEJ.04_175,03] Ist der Akt eine Sünde im
Fleische und schwächt Seele und Geist, warum habe Ich dem Menschen zu seiner
Fortpflanzung diesen sündigen Akt ins Fleisch und in die Seele gelegt? Hätte
Ich nicht auf einem reineren Wege die Fortpflanzung bewerkstelligen können?!
Ist aber dieser Akt der Fortpflanzung aus der Ordnung Gottes der allein
gerechte und mögliche, so muß ihn Gott so gut begehen können wie der Mensch!
Warum ist der Akt für den Menschen eine Sünde und für Gott keine; oder kann
Gott unter gewissen Umständen auch gegen Seine Ordnung sündigen? Wie aber kann
Gott die reinste Liebe sein, so Er auch einer sündigen Menschenschwäche
schuldig wäre?!
[GEJ.04_175,04] Gott als Gott kann wider
Seine Ordnung unmöglich sündigen! So Er aber des Menschen Natur angenommen hat,
ist Sein Fleisch einer Sünde fähig oder nicht fähig? Muß auch Er gegen alle
Anfechtungen des Fleisches kämpfen? Hat Er solche, wer läßt sie über Ihn
kommen? Gibt es noch irgendeinen höheren und älteren Gott, der diesen jungen,
nun erst werdenden mit allerlei schweren Proben festigt und im Geiste
wiedergebäret? Wenn dieser junge Gott nun sündigte wie ein Mensch, könnte er
auch diesem gleich verworfen werden?
[GEJ.04_175,05] Könnten nicht etwa die alten
Ägypter recht haben mit ihrer Genealogie der Hauptgötter? Uranus erzeugte mit
der Gea den Kronos (Saturn, Zeit), der seine Werke immer wieder zerstört. Der
Zeus, als des Kronos Wille, wird gerettet durch die Liebe, wächst im
Verborgenen groß und wird übermächtig. Des Zeus Macht versetzt den Uranus und
den Kronos in den ewigen Ruhestand, herrscht ganz allein und erschafft die
Menschen auf der Erde, wofür er aber nach der Bestimmung des entsetzlichen,
unerforschlichen Fatums, als der urältesten Gottheit, auch mit vielem
Menschlichen sehr geplagt wird. Das Fatum scheint der unbekannte große Gott zu
sein; nun aber, gewisserart der Regierung müde, hat er unsichtbar und ungekannt
in eine reine Dirne einen Gottfunken gelegt und hat sich nun verjüngt in diesem
einen Sohn einen Regierungsnachfolger bestellt, und der stehet vor uns und
macht seine ersten Gottregierungsversuche! –
[GEJ.04_175,06] Ich könnte dir wohl noch eine
große Menge solcher Auswüchse mitteilen, aus denen ein solcher Zweifelswald
besteht, und in welch anderes Gestrüppe und Unkraut er hinüber degenerieren
kann. Aber da nun bei dir der Same vernichtet ist, so bist du rein, und es kann
von einem weiteren Aufblühen des Unkrautes keine Rede mehr sein; und da du nun
als ganz gereinigt dastehest, so bist du auch ganz geeignet, einer Meiner
ersten Jünger zu sein.
[GEJ.04_175,07] Übrigens wirst du das nun
einsehen, wie und warum dies Mägdlein Mir gar so in aller ihrer Liebe anhängt.
Denn so sehr, wie dies Mägdlein Mich liebt, liebt Mich niemand von euch; denn
eure Liebe ist mehr eine Verwunderung über Meine Weisheit und über Meine für
euch unbegreiflichen Wundertaten. Dies Mägdlein aber liebt Mich ganz rein um
Meiner Selbst willen, weil sie einmal weiß, wer hinter Mir daheim ist. Und das
ist mehr wert, denn Mich als Gott bewundern, da es doch jedermann klar sein
muß, daß bei Gott alle Dinge möglich sind. Es ist wohl das auch gut; aber das
andere ist besser.
[GEJ.04_175,08] Was wird denn dir lieber sein:
ob man dich schon darum liebt, weil du ein Mensch bist, oder nur darum, weil du
als Mensch ein Weiser seist und wohl kundig bist in allerlei Künsten? Die erste
Liebe geht vom Leben aus und ergreift wieder das Leben; die zweite aber geht
nur vom Kunstsinne aus und ergreift nur die Kunst und Wissenschaft desjenigen,
der sie besitzt. Sage nun, welche Liebe du höher achten würdest?“
[GEJ.04_175,09] Sagt Simon: „Offenbar die
erste! Denn wer mich schon als einen Menschen liebt, der wird mich auch als
Weisen und als Künstler dann um so mehr lieben; wer mich aber in der Meinung,
daß ich ein Weiser und ein Künstler sei, lieben wird, der wird mit der Liebe
bald fertig werden, so er erfährt, daß ich etwa weder ein Weiser noch ein
Künstler sei! Darum ist die reinste Liebe dieses Mägdleins zu Dir, o Herr,
wirklich eine Musterliebe und übertrifft uns alle in einem hohen Grade!
[GEJ.04_175,10] Freilich, wohl liebt ein
Mädchen einen Mann seiner selbst willen leichter und natürlicher, denn ein Mann
wieder einen Mann; wenn aber ein Mann mit seinem Verstande und Gemüte den Wert
eines Menschen, eines Bruders, tiefer betrachtet, dann wird er, seinen eigenen
Wert fühlend und einsehend, auch den Nebenmenschen ohne Rücksicht auf dessen
Eigenschaften achten und lieben. Und hat er in der Folge gar verborgene, sehr
achtbare Eigenschaften an ihm entdeckt, so wird die Liebe zu ihm sicher desto
intensiver werden! – O Herr! Jedes Deiner Worte und Lehren ist groß und erhaben
und in alle Ewigkeiten der Ewigkeiten Wahrheit!“
176. Kapitel
[GEJ.04_176,01] (Simon:) „Ich sehe nun, daß
Du, o Herr, Dich den Menschen ganz als Gott offenbarst und nirgends einen
Rückhalt oder irgendein Geheimnis machst gleich den alten Propheten, die Dich
dem Menschen stets nur unter einer dicksten Verschleierung offenbarten und kaum
den Saum Deines Kleides den Sterblichen zeigten. Sie gründeten wohl eine
Religion und eine Kirche; aber was war das für eine Religion, was für eine
Kirche? Die Religion war ein kaum sichtbarer Stern, aus irgendeiner endlosen
Raumestiefe einen allerspärlichsten Hoffnungsstrahl zur mit dickster Nacht
umhüllten Erde herabspendend, und die Kirche ein Gebäude aus harten Steinen,
ein Tempel, um den lauter Irrgänge und finstere Vorhöfe standen, in welche die
Menschen gelangen konnten, aber nie in des Tempels Innerstes, wo alle die
großen Lebensgeheimnisse enthüllt auf goldenen Tischen lagen.
[GEJ.04_176,02] Hier aber wird nicht nur des
Tempels Innerstes allen Menschen als vollkommen zugänglich eröffnet, sondern
Gott, als der ewig Unzugängliche, offenbart Sich Selbst persönlich ganz, wie Er
war, ist und sein wird ewig, den Menschen. Daher ist es aber andernteils auch
notwendig, Gott nicht etwa nur teilweise, sondern ganz in sich leiblich,
seelisch und geistig aufzunehmen durch die ausschließlich alleinige Liebe zu
Ihm. Ein solches Entgegenkommen, wie das des Schöpfers zum Geschöpfe, also auch
das des Geschöpfes zum Schöpfer, muß ja am Ende notwendig eine volle
Identifizierung zwischen dem schöpferischen Ursein und dem geschöpflichen
Nachsein zur Folge haben.
[GEJ.04_176,03] Gott wird eins mit uns, und
wir werden eins mit Ihm ohne die geringste Beschränkung unserer persönlichen
Individualität und der vollkommensten Willensfreiheit! Denn ohne die
vollendetste Identifizierung des Geschöpfes mit dem Schöpfer ist ewig nie an
eine vollendetste Willensfreiheit zu denken, weil nur des Schöpfers Wille in
der vollendetsten Unbeschränktheit sich befinden kann und des Geschöpfes Wille
nur dann, wenn er vollkommen eins mit dem Willen des Schöpfers geworden ist.
[GEJ.04_176,04] Wollen wir das, was der Herr
will, so ist unser Wollen ein vollkommen freies, weil des Herrn Wille auch ein
vollkommenst freier ist; wollen wir aber das nicht oder nur zum Teil, so sind
wir die elendsten Sklaven unserer eigenen unendlichen Blindheit. Nur in Gott
können wir vollkommen frei werden; außer Gott gibt es nichts als Gericht und
Tod!
[GEJ.04_176,05] Herr, Du siehst, daß ich mich
nicht scheue zu reden; und ich glaube, diesmal auch wieder den Nagel auf den
Kopf getroffen zu haben! Du aber gib nun Deinen allmächtigen Segen dazu, auf
daß dies herrlichste Weizenkorn, das Du, o heiligster Vater, Selbst aus Deinem
ewigen Himmel hierher auf diese leider sehr magere Erde verpflanzet hast, im
Erdreiche unserer noch blöden Herzen tausendfältige Früchte tragen möge! O
heiligster Vater, werde eins mit uns, Deinen Geschöpfen, mit Deinen noch
armseligen Kinderchen, auf daß wir dereinst, Dir ähnlich, auch eins mit Dir
werden können!“ – Hier bricht Simon ganz ergriffen in Weinen aus.
[GEJ.04_176,06] Ich aber erhebe Mich nun und
sage zu Simon: „Komme zu Mir her, du Mein geliebter Bruder, und umarme in Mir
nicht mehr deinen Schöpfer, sondern deinen Bruder, auf daß du der erste seist,
der mit Mir eins geworden ist!“
[GEJ.04_176,07] Sagt Simon ganz zerknirscht:
„O Du zu Heiliger! Dieser Gnade ist der sündige Simon ewig nicht wert!“ Darauf
weint er abermals. Dafür aber gehe Ich zu ihm und drücke ihn mit abermaligem
Brudergruße an Mein Herz.
[GEJ.04_176,08] Nach einer Weile, als sich
Simon aus seinem Ergriffensein erholt und Ich auf sein Gemüt auch beruhigend
eingewirkt hatte, sagte Simon: „Mein Herr und mein Gott! Was tat ich denn, daß
Du mir nun auf einmal gar so gnädig und barmherzig bist? Sieh, ich bin ein
sündhafter Mensch; denn mein Fleisch ist sehr locker. Die schönen und üppigen
Jungfrauen machen auf mich einen mächtigen Eindruck, und es drängen sich von
Zeit zu Zeit stets unzüchtige Gedanken in mir auf. Und gar oft willige ich mit
einer Art Lust und Freude in diese Gedanken, wennschon nicht in der Tat wegen
Mangel an Gelegenheit, so aber doch im Gemüte, das in solchen Brunststadien bei
mir sehr bejahend sich verhält.
[GEJ.04_176,09] Es gibt dann darauf bei mir
wieder auch ganz helle Momente und vernünftige Anschauungen und Betrachtungen
über diesen Punkt; aber was nützt das alles? Sehe ich dann gleich darauf wieder
eine schöne Maid, so sind alle die hellen Momente, alle die vernünftigen
Anschauungen und Betrachtungen in einem Augenblicke wieder verflogen, und der
alte Sündenbock steht, mit allem Unzuchtssinne gewappnet, wieder auf seinem
Flecke. Ich tue dabei und darauf freilich wohl nichts; aber dieses Nichtstun
ist dennoch kein wahres Nichtstun, sondern bloß ein durch die schlechte
Gelegenheit verhindertes Tun. Die Furcht vor zeitlicher Strafe und Schande hält
einen davon ab, aber lange nicht der eigene freie Wille, der bei solchen
Gelegenheiten nur sehr viel Begehrendes in sich hat und bei guter Gelegenheit
sicher keine Verneinung an den Tag legen würde! Ich kenne mein lumpiges Fleisch
leider nur zu gut und bin somit ein sündiger Mensch und so einer großen Gnade
von Dir aus nie wert.“
177. Kapitel
[GEJ.04_177,01] Sage Ich: „Freund und Bruder,
was geht dich denn das Fleisch an und was im selben vorgeht?! Würde Ich dem
Fleische nicht diese Eigenschaft einpflanzen, würde da wohl je ein Mann sich
ein Weib nehmen und erwecken in ihr die lebendige Menschenfrucht?!
[GEJ.04_177,02] Hätte Ich in den Magen nicht
die materielle Eßgier gelegt, würde jemand wohl jemals eine Speise zu sich
nehmen? Auf welch andere Weise könnten Naturspezifikalgeister in das Blut und
in andere Säfte des Leibes, von da in den Nervenäther und, in solcher Weise
geläutert, in die Seelensubstanz übergehen? Durch Meine Willensmacht allerdings
wohl in der primitiven Ordnung; aber wie stünde es dann mit der ewigen
Bestandfähigkeit? Anders nicht, als durch ein hartes, bleibendes Gericht; wie
sähe es dann aber mit der Selbständigkeit und einstigen geistigen
Lebensfreiheit aus?!
[GEJ.04_177,03] Sieh, ein Punkt in Meiner
einmal gestellten Ordnung verrückt, – und mit dem Leben in aller
Selbständigkeit und Freiheit ist es für ewig aus und gar. Habe nicht Ich den
Augen die Sehfähigkeit, den Ohren das Vernehmungsvermögen eingehaucht, der
Zunge Rede- und Geschmacksfähigkeit und der Nase den Geruch gegeben?!
[GEJ.04_177,04] Bist du darum ein Sünder,
weil es dich zuzeiten hungert und dürstet? Sündigst du, wenn du schaust, hörst,
schmeckst und riechst? Alle diese Sinne sind dir ja dazu gegeben, wahrzunehmen
der Dinge Formen, zu vernehmen der Rede weisen Sinn und wahrzunehmen gute und
schlechte und schädliche Geister der noch ungegorenen und rohen Materie!
[GEJ.04_177,05] Freilich, wohl kannst du
sündigen mit den Augen, Ohren, der Nase, dem Gaumen und der Zunge, wenn du eben
diese Sinne nicht in der Ordnung gebrauchst, wenn du deine Augen frech nur
dorthin wendest, wo dem Fleische Rechnung getragen wird, wenn du nur
Lästerungen, Schmähungen und unflätige Reden gerne und begierlich anhörst, wenn
du bloß des Spaßes halber stinkende Dinge riechst, die das Fleisch verunreinigen
und krank und zur Arbeit unfähig machen. Du sündigst auch mit dem Gaumen und
mit der Zunge, wenn du die zu große Lüsternheit nach den teuersten Leckerbissen
nicht bezähmst; denn warum soll dein Gaumen mit den kostbarsten Dingen
prasserisch gekitzelt werden, wo neben dir viele Arme vor Hunger und Durst
verschmachten?! So es dich hungert und dürstet, so sättige dich mit einer
einfachen und frischbereiteten Kost; aber wenn du Fraß und Völlerei treibst, da
sündigst du offenbar wider alle Ordnung Gottes.
[GEJ.04_177,06] Nun siehe, das alles aber ist
bei dir nicht der Fall; im Gegenteile hast du eben schon manchen recht
glorreichen Sieg über dein Fleisch von dir aus selbst errungen! So auch bist du
mäßig in allen Dingen gewesen und nüchtern in deinem Begehren. Was an dir mehr
oder weniger vom Übel war, bestand in deinem Unglauben an die Schrift, die du
vorher nicht verstehen konntest; aber dein Unglaube war ein redlicher, während
der Unglaube des Gabi ein echt pharisäisch unredlicher war. Du verwarfst aber
darum die Schrift nicht; nur Licht und Aufhellung wolltest du und studiertest
darum auch alle ägyptischen und griechischen Weltweisen. Aber es wollte dir
dennoch nicht helle werden; du bliebst zwar dem Äußeren nach ein Pharisäer,
aber dem Innern nach warst du dennoch ein stets fleißiger Forscher nach der
Wahrheit. Und weil Ich das wohl wußte, so habe Ich dich denn nun auch erweckt
und dir, wie auch damit allen anderen, die Pforten zur lichtvollsten Wahrheit
eröffnet.
[GEJ.04_177,07] Nun kannst du nimmer in eine
Nacht geraten und sollst darum ein Eiferer um Mein Reich des Geistes auf dieser
Erde werden! Durch dich sollen die Heiden in Persien viel Lichtes überkommen!
Nun iß und trinke wieder; denn du hast noch Hunger und Durst und hast deinen
Fisch noch nicht einmal zur Hälfte aufgezehrt und deinen Becher auch nicht
geleert! Darum nur eifrig zugegriffen, Mein junger Bruder Simon!“
[GEJ.04_177,08] Simon ist stets bis zu Tränen
gerührt, setzt sich und verzehrt nach und nach seinen Fisch mit Brot und Wein.
178. Kapitel
[GEJ.04_178,01] Auch die anderen Gäste
greifen noch zu, und ganz besonders wieder der Raphael, was den Kornelius am
Ende doch zu einer etwas lakonischen Bemerkung bewegt, die er den neben ihm
sitzenden Römern gewisserart zuflüstert. Diese Römer waren Faustus und Julius,
und seine, das ist des Kornelius, Bemerkung lautete: „Dem Menschen von Fleisch
und Blut schmecken diese höchst gut zubereiteten Fische sehr gut, und er kann
eine große Menge zu sich nehmen; aber der Geist Raphael, der kein Fleisch und
kein Blut hat, könnte sich mit dem Riesen Herkules und mit dem Philister
Goliath messen! Merkwürdig, wie so ein Geist gar soviel verzehren kann! Nun
verzehrt er bereits den zwölften Fisch, und das ist für einen Geist doch
wahrlich wunderbar viel! Ich habe einen Fisch kaum weggebracht, und der Engel
ist in derselben Zeit mit zwölfen fertig geworden! Nein, das ist denn doch ein
wenig zu stark! Ich glaube, daß er noch einmal zwölf wegbrächte!“
[GEJ.04_178,02] Sagt der Engel: „Nicht noch
einmal zwölf, sondern zehnmal hunderttausendmal zwölf in einem Augenblick, und
wären es auch lauter größte Walfische, wie der, in dessen Bauche der Prophet
Jonas drei volle Tage hindurch ein etwas unbequemes Quartier genommen hatte!
[GEJ.04_178,03] Ich bedarf der Fische zu
meiner Nahrung nicht, wohl aber zur Bildung jenes naturgeistigen Äthers, aus
dem ich mir nach dem Willen des Herrn diesen sichtbaren Leib bilden und
zeitweilig erhalten muß, der, obschon geistig, des Fleisches und Blutes nicht
ermangelt. Sieh her, sind das keine Blutadern, ist das nicht Fleisch?!
[GEJ.04_178,04] Daß es in meiner mir vom
Herrn verliehenen Macht steht, diesen Leib in einem Augenblicke wieder
aufzulösen und ihn wieder zusammenzuziehen, das liegt in meiner bisher
möglichst höchsten geistigen Lebensvollendung; aber ich bin nicht nur imstande,
diesen meinen Leib mit meiner Willensmacht in einem Augenblicke aufzulösen,
sondern auch den deinen und in einem gleichen Zeitraume auch die ganze Erde.
[GEJ.04_178,05] Ist darum aber dein Leib
nicht aus Fleisch und Blut bestehend, weil ich ihn in einem Augenblicke
auflösen könnte?! Oder bestehet darum die Erde nicht aus allerlei festester
Materie und aus Wasser, Luft und einer zahllosen Menge von Urstoffen, so ich
sie auch mit des Herrn Zulassung in einem dir nicht denkbar schnellsten
Augenblicke auflösen könnte in die urgeistigen Spezifikalteilchen, deren
Volumen deinem Auge, so es auch ein materielles Etwas wäre, ein barstes Nichts
wäre?!
[GEJ.04_178,06] Darum, Freunde, denket,
denket zuvor, ehe ihr ein Wort über eure Lippen fließen lasset, damit ihr als
Jünger Gottes nie einen Unsinn aussprechet, mit dem ihr eurem Meister wahrlich
keine Ehre antut! Ihr habt nun wohl schon so manches gesehen, gehört und
erfahren; aber von der innern Geistesgröße und Macht eines – sage – nur
Engelsgeistes, geschweige vom ewigen Geiste Gottes, habt ihr ja noch keine
blasse und dunstige Idee! Und ihr könnet hernach spitzige Bemerkungen über das
machen, was ein Erzengel zu seiner zeitweiligen, scheinleiblichen Erhaltung
benötigt?!
[GEJ.04_178,07] Meinst du wohl, daß du meine
wahre Urlichtgestalt ertrügest, so ich mich dir in derselben zeigen wollte?!
Siehe, das Feuer meines Urseinlichtes ist mächtig genug, um eine zahllose Menge
von Urzentralsonnen zu vernichten, geschweige dich und diese ganze Erde! Damit
aber das durch meine Gegenwart nicht geschieht, muß ich diesen Scheinleib nach
dem allmächtigen Willen des Herrn mir bilden und mein eigentliches Wesen derart
umhüllen, daß da jede Störung der Ordnung im Gerichte der Materie vermieden
werde. Aber es muß dennoch zuvor die Materie durch mein inneres Lebensfeuer
vorbereitet werden, um demselben als Schutzhülle dienen zu können! Und darum
muß ich notwendig mehr der materiellen Kost zu mir nehmen als irgendeiner aus
euch.
[GEJ.04_178,08] Das wußtet ihr zwar nicht und
konntet es nicht wissen; aber das konntet ihr schon wohl wissen, daß unsereins
nicht darum vom Herrn in diese Erscheinlichwerdung berufen wurde, um vor euch
zu eurem Ärger einen Vielfraß oder einen Spaßvogel oder einen Schnellzauberer
zu machen, sondern um euch vielseitig zu nützen, und um euch einen tastbaren
Beweis von der Anwesenheit der Engel Gottes und ihrer Macht zu geben! So ihr
aber das einsehet, wie möget ihr spitzige Bemerkungen über mein Essen machen?“
[GEJ.04_178,09] Sagt Kornelius: „Lieber,
herrlichster Bote des Herrn aus den Himmeln, o zürne mir nicht darum; denn du
siehst es ja, daß wir geistig nichts als kaum neugeborene Kinder in der Wiege
sind und mehr ein Traumleben leben als irgendein sich schon vollends bewußtes!
Iß du in der Folge, wieviel du nur immer willst; es wird sich von uns allen
wohl nie jemand mehr von ferne beifallen lassen, darüber irgendeine noch so
leise Bemerkung zu denken, geschweige sie auszusprechen. Zugleich aber statten
wir dir hiermit auch unsern Dank für die großartige Belehrung ab, die du uns in
deinem gerechtesten Ärger über unsere beharrliche Dummheit hast zukommen
lassen. Wissen wir, wie jetzt, um das Warum, dann werden wir übers Darum sicher
nie ein schiefes Urteil fällen! Ist uns aber das Warum fremd, wie soll uns
hernach das Darum bekannt sein? Daher noch einmal meinen ganz besonderen Dank
für deine nunmalige große und wichtige Belehrung!“
[GEJ.04_178,10] Sagt Raphael: „Der Dank
gebührt allein dem Herrn, der euer wie auch unser Vater ist von Ewigkeit! Laßt
aber diese Belehrung auch auf alle andern im Leben vorkommenden Erfahrungen und
Erscheinungen übergehen, so werdet ihr uns Engeln jüngst als würdige Brüder an
der Seite stehen! Nichts sollet ihr bekritteln und belachen, außer die Lüge und
den Betrug! Denn der Lügner soll allzeit zu Schanden stehen und der Betrüger an
den Pranger gestellt werden, auf daß er verkoste die Frucht der Lüge und des
Betrugs!
[GEJ.04_178,11] Bei jeder andern Gelegenheit
sollet ihr die irrende Menschheit sanft belehren. Richtet sie sich danach, dann
ist's wohl und gut; richtet sie sich nicht danach, dann möget ihr die Saiten
schon straffer spannen! Nützt das auch nichts, so sperret solche Eigensinnige
in ein Korrektionshaus, und lasset sie fasten und nötigenfalls auch züchtigen
mit Ruten; denn bei einer rechten und guten Zucht soll die Rute nicht fehlen!
Auch wir als eure geheimen Erzieher, bedienen uns derselben bei Menschen, die
eigensinnig und sehr halsstarrig sind. Also auch diese Lehre behaltet und
handhabt sie, wo es notwendig ist, so werdet ihr unter Menschen wandeln; sonst
aber nur unter allerlei wilden Tieren, die in menschlichen Larven stecken!“
[GEJ.04_178,12] Sagt Cyrenius: „Herr, hat der
Engel das aus sich allein – oder alles nur aus Dir geschöpft?“
[GEJ.04_178,13] Sage Ich: „Mein Freund, dein
Gedächtnis ist schon wieder irgend zu kurz geworden! Habe Ich euch ja doch vor
etlichen Tagen sattsam erklärt, was die Engel sind, und wie sie denken, wollen
und handeln, und nun fragst du schon wieder darum! So sie nur durch Meinen
Willen belebte Formen sind, was haben sie Selbstisches dann? Welchen Gedanken
können sie für sich denken, da sie doch nur ein Ausfluß Meines Willens und ein
Sammelgefäß Meiner Gedanken und Meiner Ideen und Absichten sind?
[GEJ.04_178,14] Wenn sie selbständig denken,
wollen und handeln sollten, müßten sie vorher gleich euch am Kindertische
speisen und in eurem Fleische diese Erde segnen! Aus dem aber geht doch etwa
sonnenklar hervor, daß das, was euch der Engel Raphael nun gesagt hat, Mein
Wort, Meine Rede und Mein Wille ist, den ihr ebenso zu beachten habt, als hätte
Ich ihn unmittelbar Selbst ausgesprochen.
[GEJ.04_178,15] Ihr müsset Meine Worte tiefer
ins Herz fassen, so werden sie dann eurem Gedächtnisse nicht gar zu leicht
untreu werden; denn alles, was einmal das Herz lebendig erfaßt hat, das bleibt
dann sicher auch in der Erinnerung fest sitzen, und ihr habt es bei tauglicher
Gelegenheit gut hernehmen. Wollt ihr euch aber das von Mir Gesagte nur allein
im Gedächtnisse merken, so werdet ihr es zum größten Teile in einem Jahre
wenigstens hundert Male vergessen; denn im Alter ist das Gedächtnis nicht mehr
so saftig wie in der Jugendzeit. Es vergißt aber schon die Jugend leicht, was
sie gelernt hat, geschweige das Alter. Was aber das Herz einmal ergriffen hat,
das ist ins Leben übergegangen und bleibt für ewig!
[GEJ.04_178,16] Ich sage es euch, was ihr
immer auf dieser Welt nur ins Gedächtnis aufgenommen habt, davon wird im Jenseits
nicht ein Jota verbleiben; darum erscheinen jenseits alle trockenen
Weltgelehrten wie Taube, Blinde und Stumme, wissen gar nichts und können sich
an nichts erinnern. Sie kommen jenseits nicht selten so jedes Begriffes bar an,
wie ein Kind aus dem Mutterleibe in diese Welt. Sie müssen dort alles von den
ersten Elementen neu zu lernen und zu erfahren anfangen, sonst blieben sie
taub, blind und stumm in Ewigkeit und hätten nichts denn ein dumpfes Gefühl vom
Dasein, ohne jedoch zu fühlen, daß sie es sind, die schon auf der Erde da
waren. Das muß ihnen allererst so nach und nach auf die sinnigste Weise
beigebracht werden.
[GEJ.04_178,17] Wo es beim Menschen im Herzen
finster ist, da ist schon gleich der ganze Mensch finster; wo es aber da licht
und helle ist, da ist der ganze Mensch helle, und es kann bei ihm nimmer
finster werden! Darum fasset das, was ihr vernehmet, gleich ins Herz auf, so
wird es in euch bald helle werden!
[GEJ.04_178,18] So ihr das alles begriffen
habt und aufgenommen in euer Herz, so lasset uns nun auf etwas anderes
vorbereiten! Was da nun bald anlangen wird, wird euch viel Denkens machen; aber
ihr werdet daraus sehr vieles ablernen und zu seiner Zeit auch bestens davon
Gebrauch machen können.“
179. Kapitel
[GEJ.04_179,01] (Der Herr:) „Die meisten von
euch kennen wenigstens den Sagen nach das altberühmte Ägypterland.
[GEJ.04_179,02] Hinter den großen
Wasserfällen des Nils befindet sich ein sehr fruchtbares und großes
Gebirgsland, und hat den Namen hAbi ie sin (das ist des hAbi Sohn). Dieser hAbi
ist ein Nachkomme Kains und nicht Noahs; denn das Hochland, wie noch mehrere
Länder der Erde, blieb zu Noahs Zeiten von der großen Flut verschont.
[GEJ.04_179,03] Der Sohn dieses hAbi ward wie
Nimrod ein mächtiger Jäger. Er erfand die Keule und den Bogen, und alle Tiere
von noch so reißend grimmiger Wildheit flohen schon von weitem vor ihm; denn er
war ein Riese. Seine Stimme machte Felsen beben, mit seiner mächtigen Keule
zerschlug er Felsen, und mit seinem Bogen schoß er zehn Pfund schwere Pfeile
tausend Schritte weit; und auf was er gezielt hatte, das traf er sicher und
machte es zu seiner Beute.
[GEJ.04_179,04] Nebstdem er aber ein Meister
über alle Tiere ward, gehorchten ihm auch alle seine schwächeren Brüder und
Schwestern. Er war sehr ernst, aber dabei dennoch gegen Menschen niemals
grausam, ja nicht einmal hart; aber was er anordnete, das mußte geschehen.
[GEJ.04_179,05] Er glaubte an einen irgend
fernen, allmächtigen Gott, von dem ursprünglich alle Dinge herrühren. Aber dieser
Gott habe unzählig viele und überaus mächtige Diener und Knechte, sichtbare und
unsichtbare. Einige hätten zu gebieten über Sonne, Mond und über alle Sterne,
ein Teil über das Erdreich, ein Teil übers Wasser, ein Teil übers Feuer und so
weiter, ein Teil übers Gras, über Bäume und Gesträuche, ein Teil über die
Gewässer über und unter der Erde, ein Teil über die Metalle, ein Teil über die
Vögel in der Luft, ein Teil über alle Tiere im Wasser und ein Teil über alle
Tiere, die auf der Erde umhergehen und -kriechen.
[GEJ.04_179,06] Diese unsichtbaren Diener und
oft sichtbaren Knechte müßten von den sterblichen Menschen stets in hohen Ehren
gehalten werden durch Gehorsam und strenge Beachtung der Gesetze, die sie zu
Zeiten den Menschen gäben. Den Ungehorsam straften sie stets auf eine
allerempfindlichste Weise durch allerlei Übel, die sie über die ungehorsamen
Menschen erlassen würden, die ihrer nicht achten, ihre Gesetze nicht befolgen
und sich als Menschen auch gegenseitig unfreundlich betragen.
[GEJ.04_179,07] Kurz, dieser Sohn des hAbi
war der erste Regent dieses damaligen Völkleins und zugleich der erste
Priester, der ihm einen notdürftigen Begriff von Gott und anderen geistigen
Wesen beibrachte, und war in der Linie ein sechster Nachkomme Kains und ein siebenter
Adams.
[GEJ.04_179,08] Er lehrte es die zahmen Tiere
kennen, behandeln und zum Haushalte verwenden und war somit ein rechter Gründer
einer Hirtenkolonie und lehrte es auch so manche Früchte als Nährmittel
erkennen, in den Gärten bauen, pflegen und veredeln; er lehrte es auch Hütten
aus Steinen, Palmen und Lehm erbauen und darin eine sichere Wohnung nehmen.
[GEJ.04_179,09] Er selbst säuberte das ganze,
große Land von den reißenden, wilden Bestien. Schon seine ebenso riesig
mächtigen Söhne ernteten den Segen der rastlosen Mühen ihres mächtigen Vaters.
In einem Verlaufe von ein paar Jahrhunderten war dies schwarzhäutige Völklein
zu einem großen und mächtigen Volke herangewachsen und hatte gute Sitten und
eine recht zweckmäßige Staatseinrichtung, klüger und besser denn Ägypten selbst
unter den ersten Oberhirten (Varaonen).
[GEJ.04_179,10] Dies recht glückliche Volk
aber verrammte alle irgend möglichen Zugänge derart, daß es sogar den fremden
wilden Tieren nahe rein unmöglich war, die reichen Herden dieses weit und breit
ausgedehnten großen Landes, das die fünffache Größe des ganzen Gelobten Landes
hatte, zu besuchen und ihnen zu schaden. Aus diesem Grunde aber drang auch bis
zur Stunde kein fremder Feind in dieses Landes grüne Gefilde, obwohl sich das Volk
bis jetzt schon weit über die alten Grenzen ausbreitete. Jedes neuen
Besitztumes Grenzen aber verrammte dieses Volk auch derart, daß es einem Feinde
nicht leicht möglich würde, über diese Grenzen ins Innere des Landes zu
dringen.
[GEJ.04_179,11] Gegen Ägypten heraus, wo die
letzten Ausläufer des Komrahai-Gebirges den höchst schroffen Anfang nehmen,
haben sie einen einzigen Ausweg. Es ist ein ganz entsetzlicher Engpaß, der aber
bei vier Stunden Weges in vielen verirrbaren Windungen zumeist unterirdisch im
obersten Teile Ägyptens ausmündet und durch eine sehr enge Grotte führt, –
welcher Ausweg aber erst zu den Zeiten Mosis von den Eingeborenen gefunden
ward, und zwar von Flüchtlingen, die als große Staatsverbrecher vor der
gefürchteten Strafe flohen. Als man sie verfolgte, flohen sie in ein
Felsenloch, um sich dort zu verbergen. Als sie etwa bei fünfhundert Schritte in
dem Loche vorwärtsdrangen, bewaffnet mit Bogen und Pfeil, entdeckten sie in der
entgegengesetzten Richtung Tageslicht und eilten auf dasselbe los; sie
erreichten es bald und waren sehr froh, ihren Verfolgern so glücklich entronnen
zu sein. Diesseits in eine früher nie gesehene Freie gelangt, verlegten sie
sogleich den Ausgang mit Steinen, auf daß es ihren Verfolgern ja nicht möglich
sein solle, je in diese weite, schöne, freie Landschaft zu gelangen.
[GEJ.04_179,12] Die Zahl der Flüchtigen war
im ganzen siebzig Köpfe, darunter sechsunddreißig Männer und vierunddreißig
Weiber; den, der kein Weib hatte, machten sie zu ihrem Anführer, weil er unter
ihnen auch so der Erfahrenste war; einer aber war noch zu jung, ein Weib zu
haben, und ward darum zum Diener des Anführers.
[GEJ.04_179,13] In dieser Gegend hielten sich
diese Flüchtlinge bei anderthalb Jahre auf. Sie konnten aber mit der Säuberung
dieser Gegend nicht fertig werden, obwohl sie die meiste Zeit auf der Jagd auf
die reißenden Bestien standen. Sie brachen nach abgelaufener, vorbesagter Zeit
auf und zogen nach dem Nil nordwärts, wie sein ganzer Zug gehet, weiter, kamen
nach ein paar Wochen bis zu den Katarakten, die man nun von Ägypten aus die
zweiten nennt. Da fanden sie viele Mühe und Arbeit, um da weiter
vorwärtszukommen.
[GEJ.04_179,14] Am rechten Ufer des Nils
wären sie wohl leichter vorwärtsgedrungen, aber sie befanden sich am linken
Ufer, und da sieht es in dieser Gegend sehr zerklüftet aus und hat keinen
Mangel an allerlei Getier, das den Menschen nicht gar freundlich gesinnt ist.
Sie wollten, weil die Reisebeschwerden kein Ende nahmen, schon wieder umkehren
und in die frühere Gegend zurückziehen, da kam ihnen im Rücken eine große Herde
Rinder und Schafe nach und zog ebenfalls nach Norden. Diese Erscheinung machte
sie glauben, daß ihre Verfolger ihnen auf die Spur gekommen seien. Sie machten
sich denn auf und drangen, so gut es nur immer ging, weiter und gelangten nach
einer mühevollen Tagesreise endlich in eine schöne, große und überaus
fruchtbare Gegend.
[GEJ.04_179,15] Da strotzte es von Datteln
und Feigen, und es gab große Herden von Schafen und Rindern, die ganz frei und
ohne Besitzer umherzogen und weideten. Jene Herde aber, die unsere schwarze
Menschengesellschaft zum Weiterziehen zwang, verlor sich in den Schluchten der
Katarakte und kam nicht nach, was unserer Gesellschaft sehr recht war, weil sie
dadurch versichert zu sein glaubte, daß ihr die vermeinten Verfolger nicht
nachkommen würden.
[GEJ.04_179,16] In dieser neuen Gegend suchte
sich die Gesellschaft vorderhand einmal den möglichst besten Platz aus,
befestigte ihn und ließ sich daselbst nieder. Es war ein schöner, glatter Hügel
am Nil und voll bewachsen mit Datteln, Feigen und schönen Palmen; außer einigen
Affen war keine Spur von einem andern reißenden Getier anzutreffen.
[GEJ.04_179,17] Hier vermehrten sich diese
Menschen und machten in ein paar hundert Jahren ein ganz bedeutendes Volk aus,
das sich aller der freien Herden bemächtigte und Hütten und sogar Dörfer
erbaute und ganz gut lebte. Es hatten aber alle den Glauben und alle die Sitten
und Gebräuche, die der Sohn des hAbi eingeführt hatte.
[GEJ.04_179,18] Dieses große, damals sehr
schöne und fruchtbare Land benannten die schwarzen Einwohner mit dem Namen
,Noua Bia‘, das heißt verdolmetscht Neue Wohnstätte.
[GEJ.04_179,19] Von da aus machte dieses Volk
mit der Zeit auch Bekanntschaft mit den Ägyptern, die sich nachher alle Mühe
gaben, diese ersten schwarzen Menschen zu unterjochen, was ihnen aber dennoch
nicht völlig gelingen wollte. Es waren das auch die ersten ganz schwarzen
Menschen, die die Ägypter zu sehen bekamen.
[GEJ.04_179,20] Anfangs hielten die Ägypter
diese Menschen für große Affen; allein als sie merkten, daß diese Menschen auch
sogar eine ihrer Sprache nahe völlig ähnliche Zunge redeten, fingen sie an, sie
für wirkliche Menschen zu halten, kauften von ihnen Rinder und Schafe, und
diese Schwarzen lernten von den Ägyptern dafür allerlei Künste und
Wissenschaften, die sie sehr gut brauchen konnten, besonders die Bereitung der
Metalle, von der sie bisher noch keine Kenntnis hatten.
[GEJ.04_179,21] Bei diesem Volke sind bis auf
den heutigen Tag ihre alte Religion und alle die alten Sitten und Gebräuche
geblieben, die sie vom Sohne des hAbi überkommen haben.
[GEJ.04_179,22] In diesem Jahre aber ist bei
diesem Volke ein Seher auferstanden und hat seinen schwarzen Brüdern und
Schwestern kundgetan ein außerordentliches Gesicht, das er sieben Male
hintereinander hatte. Er beschrieb ihnen den Weg, den er zu gehen hätte, um auf
der Erde an den Ort zu gelangen, wo sich Der aufhalte, der die Menschen die
Wahrheit und den großen unbekannten Gott kennen lehre.
[GEJ.04_179,23] Und seht, dieser Seher aus
Noua Bia wird mit einer ganz ansehnlichen Gesellschaft noch vor dem Mittage
hier in der Gegend von Cäsarea Philippi anlangen; wir werden darum einen Boten
hinsenden, daß er hingehe und sie bringe hierher! Sie sind auf vielen Kamelen dahin
gekommen und haben viele Schätze mitgebracht und werden, was sie hier
verzehren, alles mit Gold und Edelsteinen bezahlen.
[GEJ.04_179,24] Du, Markus, sieh dich darum
vor, daß diese Nubier ganz gut versorgt werden! Denn als du Mich gestern abend
batest, diesen Tag über noch bei dir zu verbleiben, da gab Ich deiner Bitte
nach und blieb, ansonst Ich mit Meinen Jüngern schon heute vor dem Aufgange
dieser Mich suchenden Karawane entgegengezogen wäre. Ich blieb aber, und dieses
Bleiben wird heute deinem Hause noch viel Arbeit machen; aber du wirst schon
deine Rechnung finden.“
180. Kapitel
[GEJ.04_180,01] Fragt Mich Markus mit einem
überfreudigen Gesichte: „Herr, Du Allwissender! Wie viele Personen zählt die
Karawane?“
[GEJ.04_180,02] Sage Ich: „Sie besteht genau
aus siebzig Köpfen, darunter auch, wie bei ihren flüchtigen Ureltern,
vierunddreißig Weiber und sechsunddreißig Männer sich befinden. Der eine
Weiberlose ist der Seher, und der zweite Weiberlose ist sein Diener!
[GEJ.04_180,03] Sehet, so wurden diese
Schwarzen vor nahe tausend Jahren flüchtig, und zwar auf Grund einer Neuerung
gegen die Gesetze, die freilich zu den Zeiten Mosis nicht mehr ganz das waren,
was sie waren vor der Sündflut! Der alte Anführer, der flüchtig ward, wollte
die alten Sitten und Gebräuche wieder beleben; allein er stieß auf lauter
Feinde, die ihn samt seinem Anhange ganz jämmerlich zu verfolgen anfingen, so
daß ihm am Ende nichts übrigblieb, als zu fliehen vor der blinden fanatischen
Übermacht seiner gar vielen Feinde.
[GEJ.04_180,04] Jene Flucht war demnach ein
prophetisches Vorzeichen zum Empfange eines höheren Lichtes und deutete zu den
Zeiten Mosis auch den besseren Nachkommen Kains an, daß in dieser Zeit auch ein
Erlösungslicht aufgehen werde. Die Schwarzen werden zwar zum alten Brunnen
Jakobs nicht völlig gelangen gleich den Kindern Abrahams, aber dessen
herrliches Wasser sollen sie dennoch zu trinken bekommen, so es sie danach
dürstet.
[GEJ.04_180,05] Und nun werde ein Bote
erwählt, welcher der oberägyptischen Zunge mächtig ist! Im Lager des Julius
befindet sich ein Wachführer; den rufet Mir her, auf daß Ich ihn unterweise,
wie er den Anführer sogleich erkennen werde, und was er ihm zu sagen haben
wird!“
[GEJ.04_180,06] Julius erhob sich eiligst
selbst vom Tische und eilte hin ins Lager, berief den Wachführer und brachte
ihn alsogleich zu Mir.
[GEJ.04_180,07] Als dieser Stockrömer bei Mir
ankam, sagte er: „Allerhöchster Sohn des allererhabensten Zeus! Was gebietest
Du mir, das ich tun soll? Zwar bin ich im höchsten Grade unwürdig, von Dir
einen Befehl zu erhalten – des höchsten Gottes Sohn gebietet nur den
Untergöttern, diese den Fürsten der Erde, diese ihren obersten Feldherrn, diese
dann erst ihren Obersten und Hauptleuten, und diese dann erst ihren Sklaven,
die wir zu sein die hohe Ehre haben –; aber Du, Allerhöchster, willst hier eine
Ausnahme machen, und so bitte ich Dich um Deine heiligen Befehle!“
[GEJ.04_180,08] Sage Ich: „Ganz gut, ganz
gut, Mein lieber Freund! Du bist zwar noch ein Stockrömer, aber treu und ehrlich
deines Glaubens und deines Standes. Du bist längere Zeit in Ägypten gestanden,
hast das Altägyptische verstehen und sprechen gelernt und sollst Mir nun einen
Boten in die Gegend von Cäsarea Philippi abgeben. Du bist ein guter Reiter und
wirst zu Pferde bald am rechten Orte und an rechter Stelle sein.
[GEJ.04_180,09] In der Nähe der abgebrannten
Stadt wird dir eine Karawane von siebzig schwarzen Menschen unterkommen; voran
sind, auf zwei weiß umhüllten Kamelen reitend, rechts der Anführer und links sein
Diener. Der Anführer wird dich grüßen schon von weitem. Er ist ganz weiß
angezogen; aber sein Gesicht wirst du kohlschwarz finden. Ebenso seine Hände
und Füße; aber im Herzen sieht es bei ihm um vieles heller aus denn auf seines
Leibes Haut. Diesem sage: ,Du hast das Ziel deiner Mühe erreicht; folge mir! In
wenigen Augenblicken wirst du vor dem Angesichte Dessen stehen, den du nach
deinem sieben Male gehabten Gesichte suchtest!‘
[GEJ.04_180,10] Solches rede du in der
altägyptischen Zunge mit ihm, deren du wohl fähig bist! Gehe nun, sattle dein
Tier und gehe dann schnell ab; wo sich die Hauptstraßen kreuzen, wirst du mit
ihnen zusammentreffen!“
[GEJ.04_180,11] Als der Wachführer solches
von Mir vernommen hatte, machte er eine tiefste Verbeugung und sagte: „Außer
nur vor den Göttern verbeugt sich ein römischer Veteran niemals; aber Dir
allein gebühret alle Verehrung und alle Anbetung! Und nun an den anbefohlnen
Dienst!“
[GEJ.04_180,12] Schnell eilte der schon grau
gewordene Krieger von dannen, war auch eben ganz in voller Rüstung auf seinem
arabischen Gaule und sprengte pfeilschnell dem angezeigten Orte zu. Eine ferne
Staubwolke gab gewisserart ein sicheres Zeichen, daß sich die starke Karawane
dem bezeichneten Orte nahe. Unser Bote war in wenigen Augenblicken an der
bezeichneten Stelle und wartete noch eine Viertelstunde auf die volle Ankunft
der großen Karawane. Wir konnten sie, wenn wir über des Hauses Ecke
hinaustraten, sehen; denn es war bis dahin nur eine schwache halbe Stunde
Weges.
[GEJ.04_180,13] Als der Anführer an den bis
an die Zähne gerüsteten und bewaffneten Wachführer kam, hielt dieser ihn auf
und fragte ihn zuerst nach der Römer Kriegssitte, wohin zu gehen er willens
sei, und was ihn in seiner Heimat zu dieser Reise bestimmt habe.
[GEJ.04_180,14] Der Anführer blieb stehen,
sah dem Römer fest ins Angesicht und sagte in einem sehr ernst klingenden Ton:
„Römer! Wer hieß dich mich hier erwarten? Wir kommen heute schon vom großen
Meere her und zogen durch Steppen und Wälder. Von Alexandria weit übers Meer
trugen Schiffe uns; nur Vögel konnten uns sehen von Ägypten bis hierher! Du
bist der erste Mensch, der uns unterkommt auf der ganzen Reise; wie konntest du
wissen, daß wir hier ankommen? Wer hat dir unsere Ankunft geoffenbart? Bist du
ein Seher? Aber du trägst Waffen, die oftmals ins Menschenblut getaucht worden
sind, und kannst sonach kein Seher sein; denn wisse, es gibt ein allererstes
und ein allerhöchstes Gottwesen über alle eure Götter und über alle Menschen,
von welcher Hautfarbe sie auch sein mögen!
[GEJ.04_180,15] Ich hatte sieben Male
dasselbe Gesicht; in diesem Gesichte sah ich stets nur diese Gegend in einem
unbeschreiblichen Lichte. Ein kleines Häuflein Menschen von weißer und brauner
Haut standen schon in diesem großen Lichte und leuchteten selbst wie Sonnen.
Aber mitten unter diesen Lichtmenschen stand einer, der leuchtete mehr denn
hunderttausend Sonnen! Von dem ging alles Licht aus; ja, es war in mir das
Gefühl, als wäre die ganze Unendlichkeit voll seines allerunmeßbarsten Lichtes!
Aber so unbeschreibbar helle auch sein Licht war, so tat es doch nicht wehe wie
bei uns das viel schwächere Licht der Sonne.
[GEJ.04_180,16] Am Ende des allzeitig
gleichen Gesichtes vernahm ich immer die klaren Worte: ,Da ziehe hin, du
Schwarzer, dort wird auch deine Nacht erhellet werden!‘ Solches gab ich kund
allen meinen schwarzen Brüdern und Schwestern, und wir entschlossen uns, diese
Reise gar von Nouabia aus zu unternehmen, und sind nun schon bei drei Monden
lang auf dem Wege.
[GEJ.04_180,17] Ich wußte es wohl, wohin wir
zu ziehen hatten; denn mein Geist, der mich begleitete schon bei sieben Jahre
lang, hatte es mir gesagt, daß der Ort, den ich in meinem Gesichte sah, sich in
Asia und zwar an der Küste des großen Meeres befinde. Ich erkannte vom Meere aus
die Küste sogleich als diejenige, die ich sieben Male in meinen Gesichten
erschaut hatte. Als wir am rechten Punkte waren, da bestiegen wir alsbald das
Land. Es zeigte sich auch gleich ein Weg, auf dem wir bis hierher gewandelt
sind, – und da kommst du uns entgegen! O sage, wer verriet uns dir? O rede! Ich
ahne Großes!“
[GEJ.04_180,18] Sagt der Römer: „Du hast das
Ziel deiner mühevollen Reise erreicht! Folge mir! In wenigen Augenblicken wirst
du vor dem Angesichte Dessen stehen, den du nach deinem sieben Male gehabten
Gesichte suchtest!“
[GEJ.04_180,19] Der Anführer gebot sogleich
allen, dem Römer zu folgen; denn dieser sei offenbar ein Bote Dessen, den sie
sucheten.
[GEJ.04_180,20] Der Römer ritt sogleich
voran, und die ganze Karawane folgte ihm.
181. Kapitel
[GEJ.04_181,01] Der Ritt ging hurtig
vonstatten, und unser Wachführer brachte die ganze Karawane zu uns, die wir
alle noch ganz wohlgemut an den Tischen saßen.
[GEJ.04_181,02] Als Meine Jarah die
kohlschwarzen Gesichter mit den förmlich blutroten Lippen und sehr weißen Augen
ersah, erschrak sie ordentlich und sagte: „O Herr, tun einem diese Wesen wohl
nichts? Die sehen ja doch ganz entsetzlich schwarz aus! Ich habe wohl schon
Mohren gesehen, aber so entsetzlich schwarz noch nie einen, wie diese da sind!
Was sie nur für ein starkes Gebiß haben! Wahrlich, Herr, wenn ich nicht bei Dir
wäre, finge ich an, mich ganz entsetzlich zu fürchten! So einen Schwarzen zu
lieben, wäre eine Aufgabe für ein zartfühlendes Mädchenherz!“
[GEJ.04_181,03] Sage Ich: „Schon gut, Meine
allerliebste Tochter, – aber schön gescheit, Mein Kindchen! Wer wird sich denn
vor einer Farbe fürchten? Jetzt warst du wohl ein wenig kindisch, – aber es
macht nichts! Gib nun nur auf alles fein acht; denn da werden jetzt gar
wichtige Dinge verhandelt werden!“
[GEJ.04_181,04] Sagt die Jarah: „Aber davon
werde ich sicher nicht viel verstehen; denn mit der altägyptischen Zunge ist's
bei mir Nacht, und eine andere können diese Schwarzen nicht!“
[GEJ.04_181,05] Sage Ich: „Es wird alles
verdolmetscht werden; sei daher nun ruhig, rede nichts, sondern höre!“
[GEJ.04_181,06] Auf das wird die Jarah still,
und Ich lasse sogleich den Anführer und Seher zu Mir kommen und frage ihn, was
ihn und seine Gefährten die weite Reise hierher zu machen bestimmt habe. Ich
wußte es natürlich gar wohl von der Wurzel aus; aber Ich mußte ihn dennoch also
fragen, damit ihm Gelegenheit werde, sich zu entäußern und sein Anliegen
vorzubringen.
[GEJ.04_181,07] Auf Meine Frage, die Ich ihm
in der jüdischen Zunge gestellt hatte, gab er (der Anführer) auch in unserer
Sprache folgende Antwort: „Für mich namenlosester, allererhabenster Mensch
dieser Erde, vergib es mir armem, schwachem Halbmenschen, so ich mir die
schüchterne Bemerkung zu machen unterfange, daß ich in dir ebendieselbe Person
entdecke, die ich vor vier Monden in meinen gehabten stets gleichen sieben
Gesichten in einem unbeschreibbar hellsten Lichte geschaut habe, und die ich
auch aufsuchen ging bis nahe ans Weltende, und in meinem Herzen tiefst
ergriffen, auch nun in der Wirklichkeit gefunden zu haben glaube! Wolltest du,
Erhabenster, mir denn nicht kundtun, ob ich recht habe in meinem Erkennen?“
[GEJ.04_181,08] Sage Ich: „Es würde dir wenig
nützen, so Ich dir sagete ja oder nein; du mußt es selbst erkennen! Forsche,
und es wird dir schon klar werden! Bist du so weit gekommen, so wirst du auch
noch weiter kommen; aber du mußt es selbst ernstlich und fest wollen! Jede
äußere Belehrung ist zu nichts nütze, wenn sie nicht zugleich von innen aus
gewonnen wird. Sieh, du sprichst nun gut jüdisch! Kannst du dich erinnern, daß
du je irgendwann diese Sprache erlernt hast? Frage auch deine Gefährten, die
nun auch diese Sprache ganz gut verstehen, ob sie irgendwann diese Sprache
erlernt haben! Gehe hin und überzeuge dich!“
[GEJ.04_181,09] Der Anführer lenkt sein Kamel
sogleich zu seinen Gefährten und redet sie auf jüdisch an. Alle verstehen ihn
und geben ihm auch Antworten in unserer Sprache. Darüber wird der Anführer ganz
außer sich vor Verwunderung und weiß sich nicht Rat zu schaffen, wie er und
alle seine Gefährten zu der Kenntnis der jüdischen Sprache gekommen sind; denn
er weiß nicht, daß Ich solches vermitteln kann.
[GEJ.04_181,10] Er (der Anführer) kehrt nach
der gemachten Erfahrung zu Mir zurück, noch immer auf seinem Kamele sitzend,
und sagt: „Erhabenster Mensch der Erde! Da kenne ich mich in meiner schwarzen
Haut nicht aus; denn es ist dies meine erste Reise, die ich je gemacht habe!
Ich habe nie mit Sprachen und Eigenschaften fremder Länder je irgendeine
Bekanntschaft gemacht und bin total arm an allerlei Erfahrungen, und bei mir
daheim im Lande geht es sehr einfach zu. Das Land ist zwar gut und schön, aber
für uns bietet es nichts Neues. Es ist also möglich, daß dies Land die
Eigenschaft innehat, daß ein Fremder, sowie er das Land betritt, auch den Geist
der Volkssprache in sich aufnimmt und sogleich mit den Eingeborenen also reden
kann, als wäre er selbst ein Eingeborener. Ob solches möglich oder unmöglich
ist, weiß ich nicht zu beurteilen; daher wolle du mir darin eine Erklärung
geben! In meinem Lande habe ich so etwas ja nie erproben können, da in dasselbe
wohl noch nie ein Fremder eingedrungen ist!“
[GEJ.04_181,11] Sage Ich: „Entlastet erst
eure Kamele, führet sie auf die Trift am Meere, damit sie eine ihnen schon sehr
nötige Rast nehmen, um euch dann leichter wieder in euer Land zurückbringen zu
können; denn der Weg zurück ist um nichts kürzer denn hierher bis zu uns! Tut
das und kommet dann wieder; es wird sich dann gleich zeigen, wieviel Lichtes
ihr alle zusammen zu ertragen imstande seid!“
[GEJ.04_181,12] Der Anführer verneigt sich
und sagt: „Erhabenster Mensch der Menschen! Du hast überaus recht, so wir es
nur wagen dürfen, mit unseren unheiligsten Füßen diese heilige Erde zu
betreten; denn nach meinen Gesichten muß dieser Boden von einer unermeßlichen
Heiligkeit sein!“
[GEJ.04_181,13] Sage Ich: „So er für die Füße
eurer Kamele nicht zu heilig ist, da wird er ja wohl auch für eure Menschenfüße
nicht zu heilig sein!“
[GEJ.04_181,14] Sagt der Anführer: „Ja
wahrlich, wahrlich, wahrlich! O erhabenster Mensch der Menschen der Erde, du
bist höchst gut und überweise!“
[GEJ.04_181,15] Darauf lenkt er sein Kamel
wieder zu seinen Gefährten und richtet ihnen Meinen Wunsch aus. Sogleich liegen
die Kamele auf den Knien, und ihre Reiter steigen herab zur Erde. Darauf
erheben sich diese wohlabgerichteten Tiere und werden auf die Trift am Meere
geführt, allwo sie zu grasen beginnen und sich dabei ganz behaglich gut
geschehen lassen. Zehn Neger werden bei den Kamelen zur Hut beordert, der
übrige Teil aber kehrt sogleich mit dem Anführer zu Mir zurück.
[GEJ.04_181,16] Als sie bei Mir ankommen, da
frage Ich ihn (den Anführer) zuerst um seinen Namen, und er sagt: „Mein Name
ist dem gleich, was ich bin; in unserer Zunge lautet er Ou bratou vishar. Bei
uns hat niemand einen Namen außer den seiner Tätigkeitsweise; sonst heißen wir
alle gleich Slouvi.“
182. Kapitel
[GEJ.04_182,01] Ich frage weiter: „Wo bist du
zu dieser deiner ganz schätzenswerten Bildung gekommen?“
[GEJ.04_182,02] Sagt der Oubratouvishar: „Ich
und mein Diener gingen vor zehn Jahren einmal den Nil entlang, begleitet von
noch zwanzig der kräftigsten Unterdiener, die da eine schöne Herde Rinder
nachzuleiten hatten; denn wer dort bei uns reisen will, muß eine reiche Herde
mitnehmen, sonst kann er auf der Reise verschmachten. Feigen und Datteln
wachsen nicht überall, sondern nur auf guten und fetten Böden; am Grase aber
gibt es am Nil nirgends einen Mangel, und so hat er denn überall der Kühe nährhafte
Milch, die eine Würze jeder Speise ist.
[GEJ.04_182,03] Also ausgerüstet versuchten
wir denn, wie vorbemerkt, vor zehn Jahren oder zehn Regenzeiten abwärts eine
Wanderung zu unternehmen. Ein paar Tage kamen wir ohne Beschwerden ganz leicht
vorwärts; aber am dritten Tage vernahmen wir schon von ferne ein mächtiges
Donnern. Wir beschleunigten unsere Schritte und waren in der Zeit, in der man
tausend Steine abzählen würde, an der ersten Abfallstelle des Nils. Da bot sich
wenig Aussicht zum Weiterkommen. Einer unserer kecksten Kletterer erstieg einen
hohen Felsen, um zu erspähen, wie es da mit der Gegend aussähe. Als er zu uns
wieder zurückkam, beschrieb er mir einen Weg, der sich zwar weit nach links vom
Nil entferne, aber in weiter Ferne wieder zum Nil komme. Ich beschloß darauf,
diesen Weg zu verfolgen. An Klippen und andern Unwirtbarkeiten hatte dieser
Umweg wahrlich keinen Mangel. Erst am Abende dieses Tages gelangten wir unter
großer Hitze endlich auf eine mit vielen Palmen und Papyrusbäumen bewachsene
Trift, in deren Mitte sich eine recht reiche Quelle befand, die unseren Herden
und uns sehr wohl zustatten kam. Hier nahmen wir einen vollen Tag Rast.
[GEJ.04_182,04] Am zweiten Tage brachen wir
mit dem ersten Grauen des Tages auf und setzten unsere Reise fort. Mit dem
Aufgange der Sonne erreichten wir wieder den Nil und eine von uns früher nie
gesehene, breite Straße, auf der wir in einem halben Tage in die Nähe jener
Stadt gelangten, von der uns unsere Voreltern viel zu erzählen wußten. Ungefähr
bei gut zweitausend Schritte vor der Stadt lagerten wir uns; ich und mein
Diener aber ritten in die Stadt, um uns eine Erlaubnis zu erbitten, in der Nähe
der Stadt mit unseren nötigen Herden lagern zu dürfen.
[GEJ.04_182,05] Als ich mit meinem Diener in
die Stadt kam, ward ich von einer Menge sehr brauner Menschen umringt und
befragt, wer und woher ich wäre. Andere aber rieten gleich und sagten: ,Thot e
Noubiez!‘ (,Dieser ist ein Nubier!‘), und ich sagte: Ja, ich bin ein Nubier und
möchte hier so manches Gute und Schöne von euch vollkommenen Menschen erfahren
und erlernen!‘
[GEJ.04_182,06] Da ließen diese Neugierigen
einen alten Greis zu mir kommen, und der fragte mich um Verschiedenes klein
aus, begab sich am Ende sogar in unser Lager und gab sich uns erst da so ganz
zu erkennen, daß er ein oberster Priester dieser Stadt sei und zugleich ein von
Rom aus bestellter Pfleger dieser Stadt und ihres weiten Bezirkes. Ich machte
ihm sogleich ein Geschenk mit sieben der schönsten Kühe und zwei Stieren und
mit zwanzig unserer feinstwolligen Schafe.
[GEJ.04_182,07] Das machte den guten Alten
sehr freundlich, und er sagte darauf zu mir: Unsere alte und reine Weisheit
wird euch wohl recht viel nützen! Aber eignet euch ja von unseren gänzlich
verdorbenen Sitten nichts an; denn diese sind schlechter als sehr schlecht!
Diese Stadt war einst ein Stolz des Landes, was auch noch ihr Name Memavise
(griechisch Memphis) = ,hat den höchsten Namen‘, klar und deutlich besagt; nun
ist die namenlose Höchste nur ein weitläufiger Schutthaufen, wie ihr euch bald
und leicht selbst überzeugen werdet!
[GEJ.04_182,08] Das Volk, das noch hier ist,
hat teils gar keinen Glauben an ein höchstes Gottwesen, und teils steckt es im
finstersten Aberglauben, von dem es nimmer zu befreien ist. Nur wir wenigen leben
noch in der alten, wahren Erkenntnis des einen, ewigen, wahren Gottes. Das
Volk, das blinde und dumme, glaubt an etliche Tausende Götter; sogar den Tieren
und ihren Überresten erweist es eine göttliche Verehrung, und wir müssen es
dabei belassen.
[GEJ.04_182,09] Es haben wohl unsere
Urvorfahren schon dazu den Samen gelegt, und zwar dadurch, daß sie einigen
Tieren ihrer großen Nützlichkeit wegen eine Art halb göttlicher Verehrung
erwiesen, um das Volk mehr zur sorglichen Pflege dieser nützlichsten Landes-
und Haustiere zu bestimmen. Die Alten wollten dadurch freilich nur die
mannigfache Ausstrahlung der göttlichen Liebe und Weisheit in der Natur der
Dinge dem damals noch sehr niedrig stehenden Volke beschaulich darstellen; aber
mit der Zeit wird die Völkergeschichte, je tiefer sie in die Vergangenheit
zurücktritt, ehrwürdiger und ehrwürdiger, stets mehr und mehr erscheint sie von
einem gewissen göttlichen Hauche umdunstet, und schlechte und gewissenlose
sogenannte Volkslehrer haben dann ein um so leichteres Spiel, alles im urgrauen
Altertume Geschehene zu vergöttlichen und das blinde Volk im finstersten
Aberglauben so tief als möglich zu begraben.
[GEJ.04_182,10] Darum seid ja auf eurer Hut,
ihr treuherzigen Nubier, und nehmet nur das, was ihr von mir hören werdet, als
eine korrekte Wahrheit an; von allem aber, was ihr beim Volke sehen und hören
werdet, wendet euch ab, – denn es ist schlechter als sehr schlecht! Ihr werdet
es opfern und allerlei leere Zeremonie verrichten sehen; ja bei gar großen
Feierlichkeiten werdet ihr sogar mich im glänzendsten Ornate an der Spitze
erschauen. Stoßet euch aber dennoch nicht daran; denn mit alldem wirket nur
meine Haut mit, mein Inneres aber ist und bleibt stets bei dem einen, ewigen,
allein wahren Gotte, dessen Liebe mein Leben und dessen Licht mein wahres
Wissen und Erkennen ist.
[GEJ.04_182,11] Du und dein Diener aber
kommet mit mir nun zu Fuß in die Stadt in meine Wohnung, allda ich dir alle
näheren Anweisungen geben werde, wie du und deine Gefährten euch hier zu benehmen
habt; auch werde ich euch und für eure Herden den rechten Platz zeigen, auf dem
ihr als Fremde ein volles Jahr zubringen könnet, ohne von jemandem belästigt zu
werden. Du und dein Diener aber werdet bei mir wohnen, auf daß ich dich in
vielen Dingen unterweisen kann.‘
[GEJ.04_182,12] Sagte ich: ,Guter Oberster!
Das von dir aus meiner Hand gnädigst angenommene Geschenk aber wirst du wohl
erlauben, daß wir es mit in die Stadt treiben dürfen?‘
[GEJ.04_182,13] Sagte darauf sehr
liebfreundlich der wahrhaft gute Oberste: ,Nicht jetzt, sondern in drei Tagen
erst, wenn ihr eine andere Trift werdet bezogen haben! Aber dort müsset ihr
eure Füße nach unserer Art beschuhen; denn zur Nachtzeit kriecht hier eine
Menge kleiner Insekten und Würmchen über den stets sandigen Grasboden empor,
verkriechen sich unter die Zehennägel und verursachen mit der Zeit große
Schmerzen. In meinem Hause werde ich euch damit schon nach Möglichkeit bestens
versehen; denn ich habe viele Knechte, Diener und Sklaven.‘
[GEJ.04_182,14] Wir, ich und mein Diener,
gingen nun mit dem Obersten in die große Stadt. Nach etwa viertausend Schritten
gelangten wir in der Stadt auf einen großen Platz, der mit den großartigsten
Gebäuden aus gewürfelten Steinen eingefaßt war. Mehrere dieser großen Gebäude waren
schon bedeutend beschädigt, aber viele waren noch gut erhalten. Eines war aus
lauter Säulen bestehend, und innerhalb der weitgedehnten Säulengänge waren
riesenhaft große Statuen aller Art und Gattung ersichtlich; auch waren die
Säulen mit einer Anzahl von allerlei Zeichen und Schriften versehen, die mir
der Oberste hernach oft und häufig erklärte. Neben dieser Säulenhalle stand ein
ungeheuer großer Palast, in welchem es sehr lebendig zuging.
[GEJ.04_182,15] Da sagte der Oberste: ,Sehet,
dies ist mein Wohnhaus; kommet nun herein und besehet alles, was darin ist!‘“
183. Kapitel
[GEJ.04_183,01] (Oubratouvishar:) „Vor diesem
Palaste standen zwei ungeheuer große Säulen (Obelisken) ganz frei und waren auf
allen Seiten voll beschrieben mit allerlei Zeichen, Figuren und Schriften; auch
vor der großen Säulenhalle waren zwei gleiche Säulen angebracht.
[GEJ.04_183,02] Wir gingen schüchternen
Schrittes in das Haus des Obersten und hatten eine Weile zu gehen, bis wir in
dessen Wohngemächer drangen. Ach, darin sah es schon so wundervoll schön aus,
daß mir dabei ordentlich das Hören und Sehen verging.
[GEJ.04_183,03] Ich verglich im Geiste meine
armseligste Hütte daheim mit dieser Wohnung und sagte zu mir selbst: ,Warum
sind denn wir Schwarzen gar so wunder arm in unserem Wissen und Erkennen? Warum
können wir keine solchen Gebäude zustande bringen? Warum können wir noch immer
nicht umgehen mit der Erzeugung der Metalle? Noch haben wir keine anderen
Schneidewerkzeuge als die, die wir von den Ägyptern gegen unsere rohen Naturprodukte
eingetauscht haben! Wie elend sind unsere Webestühle, wie schlecht unsere
Spinnerei! Unter uns ist kein Geist, kein Talent, kein Eifer; wir sind kaum auf
einer etwas höheren Stufe als unsere Affen!‘
[GEJ.04_183,04] Als ich mich in solche
Gedanken verlor, brach mir das Herz, und ich mußte zu weinen anfangen und sagte
dabei laut: ,Oh, warum sind denn wir Schwarzen nicht ganz Tiere, die weder
denken noch irgend etwas fühlen können?! Was Herrliches können die wirklichen
Menschen, diese wahren Erdengötter, schaffen, und wir gar nichts dagegen, wir
schwarzen Halbmenschen und Halbtiere! Und dennoch müssen wir gar mächtig fühlen
über alles das Herrliche, was die wirklichen Menschen geschaffen haben!‘
[GEJ.04_183,05] Da sagte der Oberste zu mir:
,Mache du dir da nichts daraus! Wir sind bereits Menschengreise geworden, denen
alle diese Herrlichkeiten keine Freude mehr machen können, da wir uns schon
überlebt haben; ihr aber seid noch Kinder voll Kraft und voll von stets mehr
und mehr wach werdendem Eifer. Wir haben für diese Welt schon ausgelebt, unsere
Kronen liegen verwelkt im Grabe der Vergessenheit, unsere Paläste stürzen ein,
und unser gegenwärtiges Wissen und Erkennen ist schlechter als sehr schlecht.
Wir haben hier wenige Schmiede und wenige Weber mehr; alle unsere technischen
Bedürfnisse müssen wir entweder von Rom oder von Griechenland aus befriedigen.
[GEJ.04_183,06] Ja, einstens vor ein paar
tausend Jahren hausten hier in diesem Lande freilich wohl mehr Götter als
Menschen und errichteten Werke, über deren Reste noch dieser Erde späteste
Nachkommen staunen werden! Aber was wir nun hervorbringen, ist gleich einem
Zerstören nur, sowohl in der Materie als auch in der Seele. Ihr aber seid noch
ein unverdorbenes, urwüchsiges und jugendlich kräftiges Volk, könnet denken und
wollen, und könnet darum bald größer werden in euren Werken, als da die Völker
dieses Landes je waren.
[GEJ.04_183,07] Wollet ihr aber als Menschen
wahrhaft glücklich leben auf dieser Erde, so bleibet bei eurer alten
Einfachheit! Erstens kostet diese euch wenig Mühe und Arbeit, und zweitens habt
ihr nur ganz geringe natürliche Bedürfnisse, die ihr leicht decket. Eure
Viehzucht auf euren fetten Gebirgstriften macht euch wenig Arbeit und Sorge,
und euer Ackerbau, den ihr nur sehr wenig betreibet, ist ohnehin als nichts zu
rechnen; auch eure Kleidung ist einfach und leicht zustande zu bringen. Ihr
brauchet daher sehr wenig Zeit auf eure natürlichen Bedürfnisse zu verwenden
und könnet euch darum mehr und ausschließlich mit den geistigen Betrachtungen
abgeben! Und siehe, das ist viel mehr wert, denn mit blutigem Schweiße auf
Unkosten von hunderttausendmal hunderttausend Menschenleben solche Paläste
erbauen, damit der nie verwüstbare Zahn der Zeit dann Tausende von Jahren an
ihnen sattsam zu nagen hat!
[GEJ.04_183,08] Und was ist endlich so ein
künstlich übereinandergelegter Steinhaufen gegen einen Grashalm nur, der vom
großen Geiste Gottes erbauet ward? Ich sage es dir: gar nichts! Jeder Grashalm,
jeder Baum ist ein Gebäude Gottes, wächst aus der lieben Erde ohne unsere Mühe
und Arbeit, und in kurzer Zeit erquickt er unsern Gaumen mit seiner süßen
Frucht. Welche Mühe und erschreckliche Arbeit aber kostet den Menschen solch
ein Palast! Und was haben sie hernach, wenn ihr Werk nach vielen blutigen Jahren
fertig dasteht? Nichts als eine elende Nahrung ihres Hochmutes, die Erweckung
des Neides fremder Völker, mit der Zeit Krieg und allerlei Verfolgung!
[GEJ.04_183,09] Wahrlich, du mein lieber
schwarzer Freund, das ist ein elendes Glück eines Volkes, das so dumm ward, mit
solchen toten Palästen seine schönsten und fruchtbarsten Triften zu überziehen,
auf denen sonst viele Hunderttausende von den fruchtbarsten Bäumen ihre edlen
Früchte den zufriedenen und in ganz einfachen Hütten wohnenden Menschen in ihren
Schoß schütten könnten! Siehe, auf dem Flecke, da diese Stadt erbaut steht,
könnten ganz leicht zehntausend Menschen nebst ihren zahlreichen Herden einen
genügendsten Unterhalt finden; so aber wohnen gegenwärtig freilich noch bei
hunderttausend Menschen in diesen schadhaften Mauern! Aber welch ein Leben
führen die meisten!
[GEJ.04_183,10] Vormals, wie die Geschichte
lehrt, war dies Land eine Kornkammer, aus der in den Zeiten der Not fremde Völker
mit Brot versorgt worden sind; nun müssen wir nicht selten das Korn von weit
entlegenen Ländern und Völkern uns verschaffen! Unsere Herden befinden sich in
dem elendesten Zustande. Tausende von Menschen in einer solchen Stadt arbeiten
wegen ihres bißchen Goldes und Silbers gar nicht, gehen Tag für Tag müßig
umher, halten sich feile Dirnen und unterhalten sich nicht selten auf eine
niedrigst tierische Weise mit ihnen; das erzeugt stets eine Menge Krankheiten,
– ein Etwas, das ihr gar nicht kennt. Am Tage, solange die Sonne wirkt, werdet
ihr diese große Stadt wie ganz entvölkert sehen; erst wenn die kühlere Nacht
gekommen ist, dann entsteigen sie gleich den Raubtieren ihren künstlichen
Steinhöhlen und unterhalten sich mit allerlei, wonach sie ein Gelüste tragen.
Und so siehe, du einfacher Sohn der reinen Natur, das sind die Segnungen, die
die Menschen von ihrer großen Steinkultur haben!‘“
184. Kapitel
[GEJ.04_184,01] (Oubratouvishar:) „,Daher
bleibet ihr in eurer großen und ursprünglichen Naturreinheit und habt nimmer
nach solch einer elenden Landeskultur ein Gelüste! Erbauet ja keine Städte!
Bleibet in euren einfachen Hütten, und ihr könnet alle Zeiten der Zeiten
hindurch das glücklichste Volk der Erde sein, und das besonders, so ihr in der
rechten Erkenntnis des einen und ewig wahren Gottes bleibet, Ihn allein ehret
und liebet! Könnet ihr Ihn auch nicht sehen, so doch Er euch, und Er wird euch
stets versehen mit jener Kraft, die euch nötig ist zur Hintanhaltung jeden dem
Menschen feindlichen Elements. Nach den ursprünglichen Naturgesetzen ist der
Mensch der Herr über alles, was auf, unter und über der Erde ist, lebt und
atmet.
[GEJ.04_184,02] Ihr seid es noch, was der
Mensch sein soll! Vor euch flieht der grimmige Löwe, und Tiger, Panther,
Hyänen, Wölfe, Bären, Schlangen und Nattern fliehen eure Nähe; nur die zahmen
Herden folgen euch auf jedem eurer Tritte und Schritte! Mit solchen
Eigenschaften ausgestattet, steht der Mensch noch auf jenen erhabenen
Urseinsstufen, auf die ihn zu Anfang aller Kreatur der Schöpfer gestellt hat.
Leget euch hin auf den Rasen, unter dem die Klapperschlange und die giftige
Viper ihr loses Spiel treiben, und sie weichen von der geheiligten Stelle, über
der der Mensch als Herr der Natur sein Lager genommen hat! Die böse Ameise, der
Fluch so mancher Wälder und Steppen, wandert aus, sobald der Mensch in seiner
Urkraft das Gebiet betritt und seine Wohnung aufrichtet. Der Löwe, der Panther,
der böseste Tiger hält sich ferne von den Herden, die der echte Mensch bewacht,
und das Krokodil, des Nils Drache, ist nimmer zu sehen in jenen Landesteilen,
die von Menschen bewohnt werden. Der Ibis, der Storch und der Icz ne ma on
(Ichneumon = Gift hat er nicht) stehen willfährigst dem Menschen zu Diensten
und reinigen das Land von allem kriechenden Tiergeschmeiß, und die scharf
sehenden Aare suchen auf alles Aas und verzehren es, damit davon die Luft
niemals verpestet werde.
[GEJ.04_184,03] Oh, welch ein herrliches Sein
eines rechten Menschen in einer jeden Gegend, und welch ein elendes Leben der
Menschen in den Städten, die voll Hochmutes und voll der stinkendsten
Eigenliebe sind! In ihnen ist alle Urlebenskraft dahin; sie sind im großen
Reiche der sie umgebenden Natur fremde Körper, fremde Wesen geworden, die außer
allen Verband mit Gott und somit auch mit aller andern Kreatur getreten sind.
Sie müssen sich erbauen feste Burgen und Schlösser, um sich darin vor der sie
anfeindenden Natur zu verwahren und möglichst zu schützen!
[GEJ.04_184,04] Ich lasse heute hundert
Menschen auf jener Trift, die ich euch anweisen werde, übernachten, und nicht
einer wird am Morgen des kommenden Tages mit dem Leben davonkommen; denn das
sind keine Menschen mehr, sondern schwache Schattenbilder derselben, und ihre
verkrüppelten Leiber sind wahre Wohnstätten aller möglichen bösen und
ungegorenen Geister der Natur und Unnatur. Ihr Außenlebenskreis ist nicht mehr
ihr göttliches Ich, sondern ein gemein tierisches, und darum ist keine Kraft
mehr in ihnen und noch weniger außer ihnen. Die Außennatur gewahrt in ihnen
nicht mehr das oberste Kulminationsziel ihres kreatürlichen Seins, sondern nur
eine totale Verworfenheit und völlige Zerstörtheit derjenigen Stufe, auf der
alle Kreatur in ihr höchstes Ziel übergehen soll. Darum ist aber alle Kreatur
solcher Menschheit feindlichst gewogen und sucht sie auf jede mögliche Weise
ganz zu vernichten, weil sie in ihr nichts mehr zu erwarten hat.
[GEJ.04_184,05] Daher, mein edler,
schwarzhäutiger Freund, sei du und dein ganzes Volk froh, daß ihr schwarz seid,
und daß ihr noch in des wahren Lebens unschuldsvollen Frühlingshütten wohnet;
denn eben dadurch seid ihr noch das, was der rechte Mensch nach der Ordnung des
allerhöchsten Geistes Gottes sein soll! Bleibet darum aber auch fortwährend
das, was ihr nun seid, auch in euren spätesten Nachkommen, so werdet ihr nie
über Not und Elend des menschlichen Lebens zu klagen haben!‘“
185. Kapitel
[GEJ.04_185,01] (Oubratouvishar:) (Der
Oberste) „,Und nun wollen wir hinausgehen auf den Platz, den ich euch zur
Bewohnung anweisen werde! Zugleich aber werde ich euch eine Schirmwache für die
ganze Zeit eures hiesigen Aufenthaltes beigeben, die dies schlechte Volk von
euch abhalten wird; denn das würde sich wenig oder nichts daraus machen, euch
im Grunde und Boden zu verderben, und das physisch und moralisch. Ich frage
dich gar nicht, ob du mich ganz verstanden hast; denn ich weiß es, daß du mich
wohl verstanden hast und mich in der Folge noch mehr verstehen wirst!“
[GEJ.04_185,02] Auf diese Worte gab der
Oberste ein Zeichen mit dem Schlage auf eine stark schallende Metallplatte, und
es kamen wie durch ein Wunder eine Masse bewaffneter Männer von stark
dunkelbrauner Färbung zum Vorscheine, und der Oberste gebot ihnen in einer uns
fremden Zunge etwas, das wir nicht verstanden. Aber als der wahrhafte, gute Oberste
mein Befremden merkte, so tröstete er mich damit, daß er mir in meiner Zunge
das erklärte, was er zu den Bewaffneten gesprochen hatte. Es handelte sich um
unsere möglichste Bewachung vor der Zudringlichkeit der verdorbenen Bewohner
der Stadt, die ihm gar nicht mehr als Menschen vorkamen.
[GEJ.04_185,03] Einer der Führer der Wache,
der nahe also bekleidet war wie dieser Freund, der uns hierher den Weg gezeigt
hatte, machte dem Obersten die Bemerkung, daß der sonst zwar äußerst üppige und
grasreiche Platz eine wahre Schlangen- und Natterntrift sei, auf der kein
Mensch und kein Vieh gut fortkomme.
[GEJ.04_185,04] Sagte der Oberste:
,Verdorbene Menschen samt ihrem Vieh freilich wohl nicht; aber das sind noch
echte Urmenschen, die auch noch wahre Herren der sämtlichen Natur und ihrer wie
immer gearteten Kreatur sind! Diesen werden die vielen Schlangen und Nattern
sicher nicht nur nichts tun, sondern sie werden ihnen samt ihrer Brut sogleich
den sonst schönsten Platz räumen. Und ihr als ihre Wächter werdet mit dem
Geschmeiße auch nicht die mindesten Ungelegenheiten zu bestehen bekommen,
dessen ihr vollends versichert sein könnet! – Nun aber holet mir zweiundzwanzig
Paare lederner Bandschuhe, mit denen wollen wir diese unverdorbenen Menschen
versehen, damit sie sich auf unserm Spitzsandboden nicht ihre Füße
unnötigerweise verderben!‘
[GEJ.04_185,05] Alsbald wurden die Schuhe
hervorgeholt. Mir und meinem Diener wurden gleich die bequemsten angebunden;
die andern zwanzig wurden auf Befehl des Obersten durch vier Wächter zu unseren
Gefährten hinausgetragen, und als diese sich auch also beschuht hatten, bekamen
sie von den Wächtern die Weisung, ihnen auf die neue Weidetrift zu folgen. Der
Oberste, ich und mein Diener und die anderen Wachleute aber zogen durch viele Gassen
der Stadt hinaus ins Freie, wo die schöne und große Trift war, voll bewachsen
mit dem schönsten Grase, einer Menge Datteln und Feigen und Pomeranzen und mit
noch einer Menge anderer Früchte. Aber das sah ich auch, daß die Trift sehr
wenig von Menschen besucht sein mußte; denn schon von weitem vernahmen wir das
Rauschen von unzähligen Klapperschlangen.
[GEJ.04_185,06] Bald nach uns kamen auch
meine Gefährten mit den zahlreichen Herden und Kamelen. Als sie an der Trift
ankamen, harrten sie ja nicht, bis etwa das Geschmeiß vor uns und unseren
Herden abzöge, sondern ergriffen sogleich ohne die allergeringste Scheu den
vollen Besitz von der Trift und ihren Früchten, durchwanderten gleich kreuz und
quer den großen Weideplatz, und alles Geschmeiß floh dem Nil derart zu, daß
dessen Spiegel bei einer halben Stunde lang ganz mit dem Geschmeiße bedeckt
wurde; auch vier Nildrachen flohen jählings vor meinen Gefährten und vor meinen
Herden.
[GEJ.04_185,07] Der Oberste aber erklärte nun
diese Erscheinung auch der uns mitgegebenen Wachmannschaft und sagte ihr, daß
sie sich mit uns ganz ohne Furcht in alle Teile der Trift begeben dürfte; denn
er sei vollkommen überzeugt, daß sich schon in der Nacht nicht mehr auch nur
eine Natter oder Schlange auf der ganzen Trift befinden werde. Und also war es
auch: Schon nach einer Stunde war abends die Trift rein von allem wie immer
gearteten Geschmeiße.
[GEJ.04_185,08] Am jenseitigen Ufer des Nils
aber sahen wir eine ganze ägyptische Herde von Schafen fliehen vor den sie
verfolgenden giftigen Auswanderern, und ihre Hirten flohen mit der Herde. Die
Hirten schrien jämmerlich, entflohen jedoch auf eine Nilbrücke; aber die Herde
litt Schaden, – denn etliche Lämmer wurden von den großen Bestien ereilt und
verzehrt. Auch gab es am jenseitigen Ufer Massen von Kaninchen, denen dieser
unerwartete Besuch auch sehr ungelegen kam; denn eine Menge der Jungen wurde
von den kriechenden Bestien verzehrt.
[GEJ.04_185,09] Der Wachmannschaft stachen
die früher unerreichbaren schönsten Datteln, Feigen und Pomeranzen sehr in die
Augen, und desgleichen auch die schönsten Roscize (Johannesbrot), die allda
gewöhnlich als Kamelfutter gebraucht werden.
[GEJ.04_185,10] Der Wachmeister sagte zum
Obersten: ,Ehre der Isis und dem Osiriz! Endlich können wir auch hier Ernte
halten, was seit Menschengedenken nicht der Fall war!‘
[GEJ.04_185,11] Der Oberste aber sagte: ,Die
Ernte werden nur diese halten ein volles Jahr hindurch, die diese Trift
gereinigt haben; nur was sie euch zu nehmen gestatten, dürft ihr nehmen, sonst
eigenmächtig aber auch nicht ein Blatt von einem Baume! Dazu hütet euch, vor
diesen höchst unverdorbenen Menschen irgend eure nichtigen Landesgötter
anzurufen; denn unter euch ist auch nicht einer, den ich nicht den allein
wahren Gott hätte kennen gelehrt! Bleibet bei dem, aber ja keine Isis und auch
keinen Osiriz, noch irgendeinen Apis mehr! Denn dies alles ist und bleibt ewig
nichts!‘
[GEJ.04_185,12] Nach dem sagte der Oberste zu
mir: ,Wie du nun selbst siehst, so seid ihr mit Hilfe des Allerhöchsten bestens
versorgt. Ich werde euch nun verlassen, aber morgen mit dem ersten Tagesgrauen
bin ich wieder bei dir; da werde ich dir dann schon den rechten Unterricht
erteilen hier im großen, offenen Tempel des Allerhöchsten! Und du wirst dann
das von mir Gehörte auch deinen Gefährten zukommen lassen! Und nun lebet alle
wohl unter dem Schutze des Allerhöchsten!‘
[GEJ.04_185,13] Mit diesen Worten kehrte er
in die Stadt zurück. Er mußte schon seit langem ein großes Ansehen bei dem
ägyptischen Volke genießen; denn wer ihm nur immer begegnete, verneigte sich
bis zur Erde vor ihm. Er aber tat, als merkte er von all den Ehrbezeigungen
nichts, sondern ging, wie in ein tiefstes Nachdenken versunken, seinen geraden
Weg ganz hurtig fort.
[GEJ.04_185,14] Als die Sonne untergegangen
war, kamen bald eine Menge Schaulustiger aus der Stadt; aber niemand getraute
sich, nur auf zwanzig Schritte der berüchtigten Schlangentrift zu nahen.
Mehrere riefen uns zu, uns von der Trift zu entfernen, ansonst wir
unvermeidlich den größten Schaden erleiden müßten. Die Wache aber schob die
Neugierigen zurück und erklärte ihnen, daß da keine Gefahr irgend mehr
vorhanden sei, indem durch unsere geheime Kraft all das giftige Geschmeiß schon
längst über den Nil geschwommen sei.
[GEJ.04_185,15] Da gingen die Neugierigen
bald zurück, und wir versorgten unsere Herden, die uns für diesen Abend so viel
der besten und nahrhaftesten Milch gaben, daß wir sie gar nicht aufzuzehren
imstande waren. Wir befragten die Wachmannschaft, ob sie auch Milch trinke. Sie
bejahte das mit Freuden, und wir gaben ihr so viel der Milch zu trinken, daß
sie nicht mehr imstande war, ein mehreres davon zu genießen. Den noch
bedeutenden Überfluß gaben wir in die mitgenommenen Gefäße, um sie in Käse zu
verwandeln.
[GEJ.04_185,16] Ein Jahr lang wirtschafteten
wir hier und haben von dem guten Obersten sehr viel gelernt, namentlich in der
wahren Erkenntnis des allerhöchsten Gottwesens. Mit der größten Freundlichkeit
wurden wir nach einem Jahre wieder entlassen und zogen wohlgemut in unser Land
zurück.
[GEJ.04_185,17] Bald darauf bekam ich meine
Gesichte, stellte gleich eine Karawane zusammen und wollte eigentlich nur nach
Memphis, um dem Obersten das gehabte Gesicht kundzutun. Dieser aber wußte
bereits von dir, Erhabenster, und wies mich eigentlich hierher, zeigte mir den
sehr weiten Weg bis Alexandria und vertraute mich einem kundigsten Schiffer an,
daß er mich hierher brächte. Er gab mir auch einen Dolmetsch mit, den ich aber
nicht hierher mitnahm.
[GEJ.04_185,18] Nun weißt du, erhabenster
Mensch der Menschen, wie ich zu meiner kleinen Weisheit kam; und nun sage du
mir auch einmal bestimmt, ob ich am rechten Orte stehe, oder ob ich noch
weiterziehen solle! Denn lange kann ich mich nicht aufhalten, da mein Weg nach
unserer Heimat ein gar weiter ist.“
186. Kapitel
[GEJ.04_186,01] Sage Ich: „Ich habe es dir
schon gesagt, daß es dir wenig oder nichts nützen würde, so Ich es dir sagete:
,Ich bin es!‘ oder: ,Ich bin es nicht!‘ Das mußt du auf jeden Fall selbst finden;
und das kannst du gar leicht, weil es dir dazu am Geiste nicht gebricht. Denke
dir, was bei Menschen alles möglich und was da unmöglich sein kann! Ist dir
denn noch nichts eingefallen, oder hast du noch nichts weder an dir, noch an
jemand anderm wahrgenommen?“
[GEJ.04_186,02] Sagt der Schwarze: „Wie ich
schon früher bemerkte, – außer dem, daß wir mit dem Betreten dieses Landes
zugleich in eure Zunge eingegangen sind, ist mir durchaus noch nichts
Besonderes aufgefallen; ich rede ganz offen und klar! Als ich hierher kam, da
ist mir für den ersten Moment wohl mehreres so gewisserart wunderbar
vorgekommen; je länger ich aber nun hier verweile, desto mehr Natürlichkeit
finde ich in euch allen.
[GEJ.04_186,03] Die Sprache ist sonach noch
immer das einzige an etwas Wunderbares Streifende, kann aber, wie ich schon
vorher meine Bemerkung gemacht habe, ebensogut eine ganz natürliche, wennschon
unerklärliche Folge der besonderen Eigenschaft dieses Landes sein. Denn ich
habe ja Ähnliches bei meiner Reise durch das große Ägypterland erfahren: Wir
kamen mit Römern und Griechen zusammen; diese redeten ihre Zunge, und wir
verstanden sie ganz gut und konnten zur Not uns doch ganz gut mit ihnen
verständigen. Mit dem Reden ging es freilich nicht so geläufig wie hier; aber
das alles kann ja ganz gut in der Beschaffenheit des Landes, dessen Luft und
Ausdünstung liegen!
[GEJ.04_186,04] Wir sind als ganz
grundeinfache Menschen aber auch um vieles empfänglicher für allerlei besondere
Erscheinungen und Eindrücke. So können wir die Seelen der Verstorbenen sehen,
zuzeiten auch solche, die nach ihrem eigenen Geständnisse noch nie einen Leib
getragen haben. Diese Naturseelen sind auch daran leicht zu erkennen, daß sie
ihre Form plötzlich ändern und sich in allerlei andere kleine Wesen auflösen
und wieder in die Menschenform zusammenziehen können, was eine Erscheinung ist,
die wir bei Seelen verstorbener Brüder und Schwestern noch niemals entdeckt
haben.
[GEJ.04_186,05] Wir fragten den weisen
Obersten in Memphis, ob er solches mit seinen Augen auch wahrnähme. Aber er
sagte: Dies sei alles nur eine Eigenschaft von ganz einfachen und schlichten
Naturmenschen, die kein verkünsteltes Leben auch nur dem Namen nach kennen. Bei
ihm und den Ägyptern wäre es noch nie vorgekommen. Es kämen wohl dann und wann
vereinzelte Fälle vor, aber so unbestimmt und so unerklärbar als nur immer
möglich, während bei uns alles bestimmt, natürlich und somit auch mehr
erklärbar sei.
[GEJ.04_186,06] Aus dem geht aber auch so
ziemlich erklärlich hervor, wie wir eines Volkes ganz fremde Sprache bald
verstehen und reden können. Wenn du, erhabenster Mensch der Menschen, nun das
erwägst, so wirst du es mit deiner hervorragendsten Weisheit wohl einsehen, wie
uns in dieser kurzen Zeit unseres Hierseins noch nichts Besonderes hat
auffallen können, aus dem wir unwiderlegbar hätten entnehmen können, daß wir
uns hier schon ganz bestimmt an dem Orte befänden, den ich in meinen Gesichten
wahrgenommen habe.
[GEJ.04_186,07] Es stimmt wohl vieles damit
überein: am Ufer eines kleinen Landmeeres ein an einen Berg angebautes
Fischerhaus; eine Menge Menschen hohen Standes und Ansehens; auch du hast im
Ernste viel Ähnlichkeit mit jenem über alle Begriffe leuchtenden Menschen, den
ich sieben Male in meinen Gesichten mit der höchsten Entzückung geschaut habe.
Aber jener Lichtmensch brachte durch sein Wort alles zustande; er sprach's, –
und es war da! Himmel und Erde waren ihm untertan, und unabsehbare Scharen
harrten seiner Winke!
[GEJ.04_186,08] Nun, erhabenster Mensch der
Menschen, das ist hier doch wohl nicht der Fall! Ich fand hier an euch, so wie
vor zwei Jahren an dem Obersten in Memphis, äußerst gute und weise Menschen, –
aber von dem, was ich erwartete, fand ich bisher noch nichts und frage dich
eben darum, ob ich am rechten Flecke bin oder nicht. Sagst du ja, so werde
ich's glauben und bleiben; denn dein Wort genügt mir vollkommen, da du in jedem
Falle ein Tiefweiser bist. Sagst du aber nein, oder sagst du mir wieder nichts,
so werden wir uns doch wieder auf die Heimreise machen und unsere Herden, die
wir gegen Gold und Silber in Memphis nach dem Rate des weisen Obersten
zurückließen, wieder auslösen mit dem unverbrauchbaren Reste der Summe, die uns
für den Rücklaß der Herde der Oberste dargeliehen hatte, von der er aber
unterdessen die Nutzung hat.
[GEJ.04_186,09] Du, erhabenster Mensch der
Menschen, siehst, daß ich und wir alle, wenn unser Fleisch auch keine weiße
Haut ziert, nichts Falsches und Hinterlistiges besitzen; wir alle suchen die
volle Wahrheit, an der allein uns alles gelegen ist, und haben auch die
lebendige Hoffnung, sie entweder hier oder irgendwo anders zu finden! Sind wir
darum am rechten Platze, so bejahet uns solches, und wir wollen da ja gern
alles tun, was ihr nur immer von uns verlanget!“
[GEJ.04_186,10] Sage Ich zum Raphael: „Gehe
und gib ihnen ein Zeichen, auf daß sie erfahren, woran sie sind!“
[GEJ.04_186,11] Sogleich trat der Raphael zum
Schwarzen (Oubratouvishar) hin und sagte: „Freund, was hast du in deiner Heimat
zurückgelassen, dessentwegen du in Memphis umkehren wolltest, um es zu holen?
Du wolltest damit dem Obersten ein besonderes Geschenk für seine mit dir
gehabte Mühe machen und hattest es darum schon in frische Linnen eingewickelt,
hast es aber nachher infolge der Schnelle eurer Abreise daheim vergessen, und
zwar in einem Winkel deiner Hütte, allwo es noch liegt. So du es wünschest,
schaffe ich es dir im Augenblicke her! Rede, – wie du es willst, so wird es
geschehen!“
[GEJ.04_186,12] Sagt der Schwarze: „Nicht
meiner Überzeugung halber, ob ich am rechten Orte sei – denn dadurch schon, daß
du mir da sagtest, was ich daheim vergessen habe, weiß ich, daß ich am rechten
Orte bin, da so etwas nur ein allsehend Gottesauge erschauen kann –, sondern du
tätest mir einen recht guten Dienst; denn auf dem Heimwege möchte ich damit dem
guten Obersten in Memphis eine sicher recht große Freude machen, denn er ist
ein großer Freund von seltenen Naturgebilden! Das ganze Ding kann an und für
sich gar keinen andern als höchstens nur einen eingebildeten Wert haben, einen
reellen gar nicht! Aber es ist wunderschön!“
[GEJ.04_186,13] Hier reicht Raphael schon das
in Linnen gewickelte, schöne Naturgebilde dem Schwarzen dar und fragt ihn, ob
es wohl das rechte sei.
[GEJ.04_186,14] Der Schwarze fällt bei dieser
Gelegenheit nahe in eine Ohnmacht und schreit auf, sagend: „Ja, es ist's, es
ist's! Aber wie möglich schafftest du mir dies Kleinod hierher, da du dich von
mir auch nicht einen Augenblick entfernt hast?! Hast du es mir etwa als ein
junger, mutiger Ägypter, im Dienste des Obersten stehend, auf eine mir
unbegreiflich pfiffige Weise daheim entwendet? Hast du uns etwa vor einem
Jahre, als wir von Memphis wieder heimkehrten, heimlich mit einigen Gefährten
deiner Art begleitet bis in die Nähe unserer Hütten und hast dir gemerkt meine
Wohnhütte?
[GEJ.04_186,15] Ja, aber wozu dies mein ganz
dummes Fragen?! Ich hatte es ja daheim noch wenige Augenblicke vor unserer
Abreise in meinen Händen, legte es dann für die Zeit der Aufrüstung meines
Kamels und der Zusammenstellung meiner Herde in den Winkel meiner Hütte und
deckte es mit einer Kürbisschale zu! Mit dem Zusammenstellen der Herden und mit
dem Aufrüsten meines Kamels vergaß ich des schönsten Naturgebildes; du kannst
es mir nicht entwendet haben! Du hast es nun also offen wunderbar geholt; aber
– wie, wie, wie ist dir, als einem Menschen sichtbar mit Fleisch und Blut, das
möglich?! Denn hier, dort und wieder hier war ein schnellster Moment! Das ist
eine rein nur einem Gotte mögliche Handlung! Du bist entweder selbst ein Gott
oder ein rechter Diener desselben!“
[GEJ.04_186,16] Sagt Raphael: „Das erste
nicht, wohl aber das zweite! Aber sieh, ich habe dennoch bei dem Abholen deines
schönen Naturgebildes etwas vergessen, und das ist die Kürbisschale, mit der du
in deiner Hütte dein Kleinod zugedeckt hattest! Diese sollst du denn auch noch
sogleich dazu haben! – Sieh, hier ist sie schon! Tue nun dein Kleinod hinein,
und enthülle es vor uns; denn es sind viele hier, die deinen gefundenen Schatz
sehen möchten!“
187. Kapitel
[GEJ.04_187,01] Hier werden die Schwarzen
ganz schwindlich vor Verwunderung über Verwunderung; denn das ist etwas für
sie, was sie über alles halten. Sie sind reine, noch ganz unverdorbene
Naturmenschen und vermögen als noch wahre Herren der Natur so manches zu
bewirken durch die Festigkeit ihres vollen Glaubens und Willens, was einem
schon tiefst herabgekommenen Menschen von der weltlichen Gewöhnlichkeit als ein
großes Wunderwerk vorkommen muß, und es wäre darum ordentlich schwer gewesen,
durch ein anderes Wunderwerk auf diese urnatürlichen Gemüter einzuwirken. Die
Heilung einer Krankheit wäre da am schlechten Platze gewesen; denn diese echten
Naturmenschen kennen keine Krankheit. Ihre Alten erreichten stets ein sehr
hohes Alter, und ihr Sterben war stets nur ein ganz ruhiges und schmerzloses
Einschlafen.
[GEJ.04_187,02] Kinder starben ihnen nie,
weil sie, als ganz in der Ordnung gezeugt, auch ganz vollkommen ausgereift und
kerngesund zur Welt geboren wurden; sie wurden auch nachher naturgerecht
genährt, und es konnte sich deshalb kein Krankheitsstoff in ihnen ansetzen.
Hätte man dann vor ihnen irgendwelche Kranken geheilt, so hätte man ihnen zuvor
schon erklären müssen, was eigentlich eine Krankheit ist, und wodurch sie
entsteht. Damit aber würde man ihnen doch offenbar mehr geschadet als genützt
haben; denn Kenntnis nehmen von den Sünden und von ihren Folgen, heißt schon
soviel, als sie nahe selbst begangen zu haben.
[GEJ.04_187,03] Da meinte jemand, daß eine
Totenerweckung ihre Wirkung auch nicht verfehlt haben dürfte. Wäre auch nichts
für diese Menschen! Denn sie sehen des Leibes Tod als eine große Wohltat Gottes
an den Menschen an und würden solch einen Akt sogar für einen Frevel wider die
Ordnung des allerhöchsten Geistes Gottes ansehen, solange sie über Mich nicht
eines vollkommen Besseren belehrt werden können. Das Erwecken eines großen
Sturmes würden sie mit ganz natürlichen Augen ihres höchst sensitiven Gemütes
ansehen; denn sie selbst haben ja stets einen mächtigen Einfluß auf die
Naturgeister der Luft, des Wassers, der Erde und des Feuers. Aber eine
Bewegung, die die Geschwindigkeit ihrer abgeschossenen Pfeile ums
unvergleichbare übertrifft, ist für diese Menschen ein wahres Wunder, das nur
von Gott und Seinen dienstbaren höchsten Geistern verübt werden kann, nie aber von
den vernünftigen schwachen und sterblichen Menschen dieser Erde.
[GEJ.04_187,04] Als sich unsere Schwarzen so
recht kreuz und quer und durch und durch verwundert hatten, da sagte der
Anführer zu seinen Gefährten: „Brüder! Ich und ihr alle habt nun gesehen eine
Tat, die nur von Gott allein auszuführen ist; denn wir können sogar mit unseren
Gedanken nicht so schnell in unsere Heimat und von da wieder zurückkehren bis
hierher, als wie schnell dieser Gottesdiener mit meinem Kleinode hin- und
hergekommen ist! Wir sind sonach am rechten Platze und dürfen uns hier nur mit
der größten Ehrfurcht und steter innerster Anbetung Dessen bewegen, der dort in
der Mitte des großen Tisches mit der undenkbar allergöttlichst erhabensten
Miene sich befindet.
[GEJ.04_187,05] Was Er in Seiner
unaussprechlichen Gnade und Huld uns sagen wird, das soll von nun an uns das
heiligste Gebot sein, das wir wie die klaren Felsen unseres Heimatlandes halten
werden auch in unseren Nachkommen bis ans Ende aller Zeiten, die diese Erde
noch durchzumachen haben wird! Ihr wisset, was uns der weise Oberste von dieses
erhabensten Gottmenschen ewiger Würde geweissagt hat! Also ist es, dessen wir
nun vollkommen überzeugt sind! Weil es aber also und nicht anders ist, so
wissen wir denn ja auch, was wir dagegen zu tun und zu beachten haben!
[GEJ.04_187,06] Weit und beschwerlich war die
Reise hierher; allein wenn sie noch tausend Male so weit wäre und auch um
tausend Male noch beschwerlicher, als sie war, so wöge sie doch die Größe
dieser unbegreiflich höchsten, von uns allen in Ewigkeit unverdienten Gnade
nicht dem geringsten Teile nach auf! Denn dort sitzet jener ewige, allmächtige
Geist in Menschengestalt, der Himmel und Erde und alles, was da ist, bloß durch
Seinen Willen und aus Seinem Willen gemacht hat, wie uns solches der weise
Oberste in Memphis sattsam erläutert hat.
[GEJ.04_187,07] Wir stehen nun vor dem
wahren, ewigen Gott, der uns gemacht und belebt hat. Jeder Augenblick unseres
Lebens steht in Seiner Hand; so Er es wollte, wären wir nicht mehr da. Kurz, Er
allein ist alles in allem, und alles, was da ist, ist nichts ohne Ihn! Das
besagte mein Gesicht, und also hat uns auch der Oberste von Memphis belehrt,
und also haben wir es anzunehmen und für ewig zu glauben. – Nun scheint der
ewige Herr und Meister mit uns etwas reden zu wollen! Darum heißt es hier
aufmerken, als ginge es auf eine gefahrvollste Löwenjagd hinaus, wie uns von
dem Obersten in Memphis eine solche beschrieben ward!“
188. Kapitel
[GEJ.04_188,01] Als der Schwarze solch eine
recht würdige Rede an seine Gefährten gehalten hatte, berief Ich den Anführer
und fragte ihn, ob er und seine Gefährten etwa keinen Hunger und Durst hätten,
und, so sie hungrig und durstig wären, was sie wohl zu essen und zu trinken
wünschten. Denn die Reise am Meere zehre, und sie würden sicher des Essens und
Trinkens bedürftig sein, und darum sollten sie ihre Stimme nur vernehmen
lassen, und es solle ihnen sogleich geholfen werden!
[GEJ.04_188,02] Sagt der Oubratouvishar: „O welche
Gnade! Du Alles in Allem berufst einen elenden Erdwurm, daß er seine Not äußern
dürfe vor Dir, Du allererhabenster, ewiger Geist! Aber der sich vor Dir im
Staube der vollsten Nichtigkeit wälzende Wurm getraut sich vor zu übermächtiger
Ehrfurcht vor Deiner Göttlichkeit kein Wort zu äußern, um nicht gar leicht
durch ein zu ungeschicktes Wort Dir, ewig Allerheiligster, zu mißfallen und
hernach von Dir mit zornigen Augen angesehen zu werden. Wir haben wohl noch von
Ägypten einige Säcke voll gedörrter Feigen und Datteln, auch etwas zweimal
gebackenen Brotes, das für unsern kurzen Aufenthalt hier wohl bei unserer
Mäßigkeit auslangen wird! Daher bringe ich Dir mit dem dankbarsten und
zerknirschtesten Herzen meinen wenig oder auch wohl gar nichts sagenden Dank
für Deine uns gewähren wollende übergroße Gnade dar!“
[GEJ.04_188,03] Sage Ich: „Ja Freund, wenn du
stets in einer solch ungeheuren und mehr denn zu Dreiviertelteil unnötigen
Ehrfurcht vor Mir dich bewegen wirst, da wird es Mir Selbst kaum möglich sein, dir
irgendein Licht mit in dein Heimatland zu geben! Übrigens tust du Mir als dem
Schöpfer durchaus keine zu große Ehre dadurch an, daß du dich als doch offenbar
Mein Werk für gar nichts schätzest und tief unter die Würde eines sich im
Staube aller Nichtigkeit wälzenden Wurmes setzest! Denn durch solch eine
Geringstachtung deiner selbst vor Mir, deinem Schöpfer, setzest du ja auch Den,
der dich aus Seiner höchsten Weisheit und Liebe geschaffen und gestaltet hat,
ganz kurios herunter!
[GEJ.04_188,04] Siehe, wenn dir ein Mensch
ein Kunstwerk zeigt, das er gemacht hat, und du es ihm dann für dich ab- und
ankauftest, weil es dir sehr wohlgefallen hat, wirst du dann dadurch dem weisen
Künstler wohl eine Ehre erweisen, wenn du alle seine anderen Werke und über alles
den Künstler selbst lobst, aber für das von dir ihm abgekaufte gleich herrliche
Kunstwerk darum nicht genug des Tadels schlechteste Worte finden kannst, weil
es nun dein eigen ist?
[GEJ.04_188,05] Siehe, diese Art Demütigung
vor Mir ist darum durchaus nicht weise, sondern läppisch und närrisch! Denn
wenn du dich für zu schlecht und wertlos hältst, so sagst du dadurch ja doch
leicht begreiflich Mir ins Gesicht, daß Ich ein elender Pfuscher mit Meiner
ganzen Schöpfung bin.
[GEJ.04_188,06] Ah, wenn du aber gerechtermaßen
Meinen Wert auch in dir anerkennst und dich selbst nicht für zu unendlich
gering, elend und schlecht hältst, um mit Mir über dies oder jenes dich zu
bereden, so ehrest du in dir selbst Mich und erkennst Meine göttliche
Vortrefflichkeit auch auf deinem eigenen Grund und Boden; und also gestellt,
kannst du aus Meiner Gegenwart jenen wahren und lebendigen Nutzen ziehen,
dessentwegen du eigentlich hierher gezogen bist. Es ist übrigens deine
übergroße Demütigung vor Mir keine Sünde von deiner Seite Mir gegenüber; denn
sie ist begründet in deiner erzfrommen Erziehung von Kindheit an.
[GEJ.04_188,07] Aber nun hast du auch in
dieser Sache eine rechte Ansicht bekommen; denn mit dieser deiner gegenwärtigen
könnten wir beide wohl gar nicht auskommen; denn du hättest in einem fort eine
unbegrenzte Frommscheu vor Mir, und diese würde dich nötigen, diesen für dein
Frommgefühl zu unerträglich heiligen Ort nur sobald als möglich zu verlassen,
um dann in Memphis und endlich daheim recht ungeheuer vieles und Außerordentlichstes
von Meiner für dich unaushaltbaren Heiligkeit zu schwätzen! Und das wäre dann
aber auch der ganze Nutzen, den du hier für dich, für dein Volk und deines
Volkes Nachkommen abgeholt hättest! Wärest du damit wohl zufrieden?
[GEJ.04_188,08] Sicher nicht! Denn du müßtest
so bei einem helleren Augenblicke deines Lebens dir denn doch selbst laut
zuzurufen anfangen und sagen: ,Ja, was ist denn das nun?! Bin ich denn wohl nur
darum auf eine so weite und beschwerliche Reise eingegangen in meinem Rate mit
mir selbst, um am erreichten Orte der mühsamst aufgefundenen Bestimmung vor
lauter allertiefster Ehrfurcht in einem fort nahe verzweifeln zu müssen? Nein,
das war eine fürchterliche Wonne und Seligkeit, von der ich mir in meinem
ganzen Leben sicher keine Wiederholung wünsche!‘ Siehe, das hättest du am Ende
deiner Reise bis hierher!
[GEJ.04_188,09] Daher heißt es auch hier, die
Vernunft ein wenig vorwalten lassen und denken, was in jedem Lebensverhältnisse
recht und billig ist, und du wirst dann überall gut und ehrlich durchkommen und
allzeit fürs Leben den lebendigen Nutzen schöpfen können. Hinweg daher mit
deiner übertriebenen Ehrfurcht vor Mir! Liebe Mich als deinen Schöpfer, Vater,
Meister und Herrn aus allen deinen Lebenskräften, und liebe auch deine Brüder
wie dich selbst, so tust du mehr als genug! Und so du Mich anredest, da heiße
Mich ganz einfach Herr und Meister, was Ich denn auch bin, – alles andere aber
gehört wohl schon lange nicht hierher!“
189. Kapitel
[GEJ.04_189,01] (Der Herr:) „Ich fragte dich
ehedem, ob ihr Hunger und Durst habet, und ich fragte dich darum, weil Ich nur
zu gut sehe, daß ihr alle voll Hungers und Durstes seid; denn der Tag währt
schon vier volle Stunden, und ihr habt seit gestern mittag weder etwas gegessen
noch getrunken; denn Milch konntet ihr auf dem Schiffe nicht haben, und das
Wasser war schon faul und somit schlecht. Und so gehet nun Meine Sorge für euch
zunächst dahin, daß ihr eine leibliche Stärkung erhaltet; denn ohne sie würdet
ihr nicht jene Ruhe einnehmen können, die dazu notwendig ist, um dann die
geistige Kost desto haltbarer in sich aufzunehmen. Denn jemandem, dem der
Hunger und der Durst schon bei den Augen und Ohren herausschaut, ein Evangelium
predigen zu wollen, bevor man ihn gesättigt hat, wäre eine Krone der menschlich
eigenliebigen Torheit! Daher müsset auch ihr zuerst leiblich versorgt sein;
dann erst wollen wir uns ums Evangelium umsehen!
[GEJ.04_189,02] Aber hier werdet ihr euch
schon wider eure Gewohnheit mit Meinen Tischen begnügen müssen und eure
mottigen Datteln und Feigen von euren Kamelen verzehren lassen. Lasset euch
darum an jenen Tischen dort nieder, die da leer stehen, und ihr sollet sogleich
mit Speise und Trank versehen werden zur Genüge! Du, Oubratouvishar, setze dich
hierher; denn auch du bist deinem Volke ein rechter König, und dies da ist ein
Tisch der Könige, die miteinander abzumachen haben, wie ihre Völker zu leiten
und zu Menschen heranzubilden sind!“
[GEJ.04_189,03] Alle befolgen, was Ich sage,
und unser Markus ist mit Hilfe unsichtbarer Helfer auch mit einem Mahle von den
besten Fischen in genügender Menge in Bereitschaft; und als die Schwarzen an
den Tischen sich befinden, so werden auch schon die Fische, Brot, Salz und Wein
aufgetragen, und es wird den Gästen bedeutet, daß sie das Vorgesetzte verzehren
sollen. Alsbald fingen diese an, die noch dampfenden Fische zu verzehren,
nahmen Brot und Wein, und fanden alles sehr gut und wohlschmeckend.
[GEJ.04_189,04] Der Anführer, der nun schon
mehr Mut hatte, sagte: „Herr meines Lebens, so etwas Wohlschmeckendes hat noch
nie meinen Gaumen berührt! Fische haben und essen auch wir zuweilen daheim;
aber das ist eine Bußspeise bei uns. Wer sich irgend unartig benommen hat gegen
die einmal bestehende Ordnung, der bekommt Fische zu essen; könnten wir sie
auch also bereiten, wahrlich, da hörten sie auf, eine Bußspeise zu sein!
[GEJ.04_189,05] Was ist denn aber das für
Wasser, das wir hier zu trinken bekommen haben? Das schmeckt ja auch
unbeschreiblich gut; das könnte man auch ohne Durst zu jeder Zeit trinken und
also auch fortessen dieses honigsüße Brot! Ich habe in Memphis von dem Obersten
auch zuweilen ein Stück Brotes zu essen bekommen, das mir aber bei weitem nicht
so süß vorkam. Vor allem aber bewundere ich hier dies Wasser! Wo ist dieses Wassers
Quelle? Kann man es bei euch hier zu kaufen bekommen? Ich möchte davon etwas in
meine Heimat mitnehmen und dorten kosten lassen ein Wasser aus der Erde
himmlischen Gebieten.
[GEJ.04_189,06] Die Erde ist hier auch viel
schöner denn bei uns! Hier ist ja eine außerordentliche Mannigfaltigkeit!
Überall strotzt üppiger Wuchs der Kräuter, Gesträuche und Bäume; bei uns gibt
es nur gewisse Triften, die also bewachsen sind, – sonst aber ist alles öde,
wüste und leer. Hier sind die Berge zumeist bis auf die Gipfel mit den
schönsten Bäumen bewachsen und sehen ganz sanft aus; bei mir daheim sind sie
ein ganz kahles Gestein, selten auf mancher Stelle mit etwas graurötlichem
Moose bewachsen. Sie sehen höchst zerstört und verwittert aus. Ihre Farbe ist
zumeist verbrannt rot und dunkelgrau, und sie sind zumeist so steil, daß man
sie nur hie und da mit der größten Lebensgefahr erklettern kann. Ist man einmal
irgend auf einer Höhe, so kann man es da vor Hitze nicht aushalten, an einem
Nachmittage schon gar nicht; denn da werden der Berge Gipfel ordentlich ganz
glühend, so, daß über sie gelegte Fische in wenigen Augenblicken ganz durch und
durch gebraten werden, auch das Fleisch der Lämmer und Ziegen. An den
Nachmittagen setzt sich sogar kein Aar auf eine Bergspitze, und die Steinböcke
steigen herab in die Gefilde des rauschenden Nils.
[GEJ.04_189,07] Oh, wir bewohnen ein sehr
hartes und überheißes Land, allwo es wahrlich zu Zeiten höchst schwer wird, ein
Mensch zu sein und zu bleiben! Weit vom Nile entfernt wäre es besonders in der
Nachsommerszeit unmöglich zu wohnen; denn da kann es solche Tage geben, die die
Steine und den Sand schmelzen, – besonders, so an einem Nachmittage der Wind
vom Mittage her zu wehen beginnt. Da sieht man förmlich Flammen über die weiten
Sandwüsten sich hinwälzen, und den Menschen und den Tieren bleibt nichts übrig,
als den guten Nil zu umarmen, der bei uns wunderbarerweise ganz kalt
daherströmt.
[GEJ.04_189,08] Gegen die drei letzten Monde
des Jahres, bevor der Regenmond kommt, ist es bei uns aber schon am
allerschrecklichsten, denn da kommen die Feuergewitter. Es wird ganz
entsetzlich schwül. Wolken gleich ungeheuren Flammensäulen kommen hinter den
Bergen heraufgestiegen und bedecken am Ende den ganzen Himmel, und zahllose
Blitze mit dem furchtbarsten Donnergebrülle entstürzen der grauschwarzen
Himmelsdecke und versetzen Menschen und Tiere stets in ein großes Entsetzen.
Sie richten zwar wenig Schaden an, weil sie zumeist in der hohen Luft
verpuffen; aber es ist und bleibt immerhin kein Scherz, oft bei vierzig Tage
lang dieses Gekrache, Gebrülle, Gezische und Gebrause Tag und Nacht in einem
fort anhören zu müssen und dabei auch noch in der Furcht zu sein, von einem oft
dem Erdboden zu nahe kommenden Blitze auf das schmählichste verbrannt zu
werden, – was dann und wann schon geschehen ist, besonders jenen Menschen, die
in dieser Zeit nicht sorglichst ihren Leib mit Fett überstreichen.
[GEJ.04_189,09] Ist dann die Feuerzeit
vorüber, da fängt es an zu regnen und regnet dann gute vier bis sechs Wochen
oder Mondwechselzeiten hindurch. Der Regen fällt fein und dicht, und auf den
höchsten Bergspitzen schneit es wohl auch zuweilen. Gegen das Ende der
Regenzeit wird es oft ganz empfindlich kalt, so daß wir dann oft beim Feuer uns
erwärmen müssen. Es ist dies zwar auch nichts besonders Wohltuendes, aber doch
immer besser als das Sein im Nachsommer.
[GEJ.04_189,10] So ist unser Leben und
Wohnen, und Tun und Treiben bestellt! Wir haben sehr viel Ungemach und ganz
wenig Angenehmes zu bestehen. Oh, welch ein Himmel sind doch diese Gegenden
gegen die unsrigen! Wie anmutig muß sich's hier in diesem wahren Himmel der
Erde leben lassen, und wie öde und traurig sieht es dagegen bei uns aus! Aber
Du, o Herr, hast es also gewollt, daß wir es nicht anders, in unseren schwarzen
Häuten steckend, haben sollen, und es wird denn also auch schon ganz vollkommen
recht sein, und es hat noch nie jemand gemurrt gegen solch eine Deiner
göttlichen Einrichtungen!
[GEJ.04_189,11] Unsere kohlschwarze Haut ist
uns in mancher Hinsicht wohl eine recht schwere Bürde; denn fürs erste zieht
sie nach unserer vielfach gemachten Erfahrung die Hitze bei weitem mehr an als
irgendeine mehr helle Farbe, und fürs zweite sind wir stets abschreckend
häßlich gegenüber eurer weißen Gestaltung. Wie schön ist zum Beispiel die
himmlische Gestalt dieser hier anwesenden Jungfrau, und wie häßlich dagegen die
einer Jungfrau bei uns! Wir sehen und wir fühlen das, und dennoch können wir
uns nicht anders färben! Welch ein schönes Haar habt ihr, und welch eine
häßliche, ganz verwickelte, schwarze Kurzwolle haben wir zum Schmucke unseres
Hauptes! Aber wir murren nicht und sind zufrieden mit allem, was Du, o Herr und
Meister, uns beschieden hast!
[GEJ.04_189,12] Aber nun muß ich euch denn
doch mein schönes Naturgebilde zeigen, und Du, o Herr, wirst es gnädigst
bestimmen, welchen Wert es etwa wohl haben könnte!“
190. Kapitel
[GEJ.04_190,01] Hier wickelte unser
Oubratouvishar sein Kleinod aus den Baumwoll- Linnen und stellte es vor Mich
hin, sagend: „Da ist es, wie ich es zwischen dem Gerölle eines Bergabhanges
gefunden habe und nicht umhin konnte, es aufzulesen und aufzubewahren!
Menschenhände haben damit sicher nie etwas zu tun gehabt! Es scheint somit ein
reines Produkt, ein sogenanntes Spiel der Natur zu sein. Was ist es, und
welchen Wert könnte es haben? Denn mit etwas Wertlosen möchte ich wohl nie
einem Menschen ein Geschenk machen.“
[GEJ.04_190,02] Sage Ich: „Es ist das ein
allerwertvollster Edelstein, und zwar ein geschliffener größter Diamant. Er ist
dennoch durch Menschenhände also geschliffen und geglättet worden und ist zu
den Zeiten, als die Perser Ägypten bekriegt haben und bei der Gelegenheit auch
bis in die Wüsten Nubiens vorgedrungen sind, von einem Feldherrn im Kampfe mit
einem großen Heere hungriger Löwen und Panther verloren worden; du machst damit
dem Obersten von Memphis ein irdisch ungeheuer wertvollstes Geschenk, und das
seiner außerordentlichen Seltenheit wegen.
[GEJ.04_190,03] Sieh, dieser Stein ist
hundertsiebzig Jahre lang geschliffen und geglättet worden, ward dann zum
Kronschmucke einiger Könige Persiens, bis endlich ein König einen seiner
größten Feldherrn damit beehrte; und eben dieser Feldherr verlor ihn dann an
den wüsten Grenzen eures Landes, allda es in derselben Zeit von Löwen und
Panthern nur gleich gewimmelt hat. Diese Tiere habe damals auch Ich zu eurem
Schutze hingestellt, sonst hätten die damals sehr kriegerischen Perser euch
wohl gefunden und eure Herden gar arg gelichtet.
[GEJ.04_190,04] Wie du aber schon bestimmt
warst, sogar irdisch einen wertvollsten Schatz zu finden, der schon einige
hundert Jahre unter dem Gerölle geruht hat, also bist du denn auch berufen, den
größten und wertvollsten Schatz für den Geist und aus diesem für eure Seelen zu
finden. Du suchtest und hast es auch ehrenvollst gefunden, was du gesucht hast!
Deine schwarze Haut soll dich nicht drücken und soll Mir eine der angesehensten
Farben bleiben.
[GEJ.04_190,05] Dies Evangelium, das Ich euch
nun predigen werde, wird nur bei euch ganz rein erhalten werden. Du sollst Mein
Vorapostel für deine schwarzen Brüder und Schwestern werden! In Kürze der
Zeiten aber werde Ich euch schon einen Nachhelfer senden, der wird euch führen
in ein ganz glückliches Land eures Erdteiles und wird euch lehren den Ackerbau
und andere nützliche Künste, die für das diesirdische Leben von einer großen
Notwendigkeit sind.
[GEJ.04_190,06] In jenem euch nun noch völlig
fremden Lande werdet ihr ein ganz zufriedenes und glückliches Volk sein und werdet
bewahren die Reinheit Meines Wortes und Meiner Lehre. Wehe aber denen, die euch
in späteren Zeiten etwa aufsuchen werden, um euch zu bedrängen und zu
unterjochen; gegen die werde Ich Selbst das glühende Zornschwert ergreifen und
sie schlagen bis auf den letzten Mann! Und so sollet ihr Schwarzen in einem
abgesperrten, ganz großen Winkel als ein stets freies Volk bis ans Ende der
Zeiten verbleiben.
[GEJ.04_190,07] Wenn ihr aber dereinst
untereinander solltet uneins werden – was auch möglich bleiben muß eurer
Freiheit wegen –, so werden sich unter euch die Mächtigen als Könige aufwerfen,
werden euch mit harten Gesetzen plagen, und mit eurer goldenen Freiheit wird es
für lange oder auch wohl gar für immer ein Ende haben! Dann werden eure Kinder
in großer Not dahinzuschmachten haben und sich nach der Erlösung sehnen; aber
diese wird dann recht sehr lange auf sich warten lassen. Darum ordnet euch
also, daß unter euch keine Könige entstehen – außer solche, wie du einer bist!
Denn du bist kein Bedrücker, sondern ein wahrer Beglücker deines Volkes, und
das ist also auch in Meiner Ordnung, und es soll bei euch auch also
verbleiben!“
191. Kapitel
[GEJ.04_191,01] (Der Herr:) „Mein Name ist
Jesus aus Nazareth, irdisch als Mensch, und Jehova von Ewigkeit; aber von nun
an wird Jesus bleiben in Ewigkeit. In diesem Namen werdet ihr alles zu tun und
zu bewirken imstande sein, nicht nur für zeitlich, sondern auch für ewig!
[GEJ.04_191,02] Liebet Mich als euren Gott
und Herrn und Meister über alles und euch untereinander wie ein jeder sich
selbst, so werdet ihr verbleiben in Meiner Liebe, in Meiner Kraft und Macht,
und Mein Licht wird nimmerdar von euch weichen!
[GEJ.04_191,03] Werdet ihr aber schwächer
werden in der Liebe zu Mir und zu euren ärmeren Brüdern und Schwestern, dann
wird es auch finster werden in euren Herzen, und Meine Kraft und Macht in euch
wird schwinden und sehr geringe werden! Werdet ihr dann auch Meinen Namen
anrufen und werdet wirken wollen durch ihn, so wird er euch keine Kraft und
Macht mehr verleihen; denn alle Kraft, alle Macht und alles gelungene Wirken in
Meinem Namen wird nur ganz allein durch die Liebe zu Mir und daraus zum
Nächsten erhalten!
[GEJ.04_191,04] Mein Name allein wirket
nichts, sondern nur die Liebe in ihm, durch ihn und zu ihm, und daraus zum
Nächsten! Zu wem aber da käme ein Armer und flehte ihn um irgendeine Hilfe an,
dieser aber sagete zu ihm: ,Gehe und verdiene es dir!‘, wahrlich, der hat Meine
Liebe nicht und wird in Meinem Namen keine Macht und keine Kraft überkommen!
[GEJ.04_191,05] Gehe nun hin und sage das
deinen Gefährten, und komme dann, und Ich Selbst werde dir ein weiteres
Evangelium verkünden! Es sei!“
[GEJ.04_191,06] Oubratouvishar verneigte sich
tiefst vor Mir und ging an den Tisch zu seinen Gefährten, um ihnen das, was er
von Mir vernommen hatte, mitzuteilen. Aber wie groß war sein Staunen, als er,
statt den diesmal mitgenommenen etlichen zwanzig, darunter ebenfalls
vierunddreißig Weiber am Tische sitzen fand. Er erkannte sie natürlich sogleich
als seine Nachbarn und nächsten Anverwandten, und seine erste Frage war ganz
leicht begreiflich keine andere als die: wie und wann sie ihnen nachgezogen
seien.
[GEJ.04_191,07] Und sie (die Nachgezogenen)
antworteten: „Selbst sehen und hören ist besser, als davon pur aus dem Munde selbst
der bewährtesten Augen- und Ohrenzeugen sich das Wunderbare vorerzählen lassen!
Wir waren stets um eine halbe Tagreise hinter euch!
[GEJ.04_191,08] Wir hätten das nicht
unternommen, wenn nicht bald darauf ein gar unbeschreiblich schöner, blendend
weißer Jüngling wie aus der Luft herab zu uns gekommen wäre und uns dazu
förmlich angetrieben hätte. Wir stellten eine Herde Kühe, Stiere und eine
kleine Herde Schafe zusammen und kamen damit bis Memphis; dort kam uns der gute
Oberste schon von weitem mit seinen Leuten entgegen und sagte, daß er eben auch
von einem gleichen Jünglinge Kunde von uns erhielt und uns eben darum
entgegengezogen sei.
[GEJ.04_191,09] Er gab uns Kunde von euch,
nahm uns unterdessen unsere Herden in gute Verwahrung und versah uns dafür mit
Gold und Silber in verschiedenen Gewichts- und Wertabteilungen zum nun überall
üblichen Eintausche für allerlei Lebensmittel und andere Dinge und Sachen. Wir
dankten ihm, und er gab uns bis Alexandria Begleiter mit, die uns auf dem Wege
mit allem Nötigen versahen und uns in Alexandria auch einen sichern
Wasserkasten besorgten, in dem wir über ein nie enden wollendes großes Wasser
hierhergeschafft worden sind.
[GEJ.04_191,10] Als wir an die Küste gesetzt
wurden, haben wir eure Tritte ganz unversehrt in den Sand gedrückt gefunden und
sind auf solcher Spur euch nachgezogen. Wir kamen euch endlich so nahe, daß wir
den von euren Kamelen aufgewühlten Staub ganz gut ausnehmen konnten; nur als
ihr hinter einen Wald und Berg euch verloren habt, konnten wir von euch nichts
mehr wahrnehmen.
[GEJ.04_191,11] Aber da kam uns eben der
Jüngling entgegen und hat uns auf eine Art hierhergebracht, daß wir davon dir
nichts Weiteres sagen können, als daß wir nun selbst voll Staunens hier sind!
Wie wir aber von dort hierhergekommen sind, davon wissen wir nicht einmal
soviel wie von einem schlechtesten Traume!
[GEJ.04_191,12] Dir aber hat nun jener
Erhabenste für uns etwas aufgegeben! Was ist es? Rede! Denn der sieht nach
deinen uns vielfach erzählten Gesichten ja auf ein Haar der Gestalt nach dem
gleich, dessentwegen eigentlich du und wir alle hergezogen sind! Rede, rede!“
192. Kapitel
[GEJ.04_192,01] Sagt der Anführer: „Wir,
meine Brüder und Schwestern, glauben es, weil wir nun Augen- und Ohrenzeugen
sind von dem, was hier vor uns ist und besteht! Alle menschliche Weisheit,
aller Verstand und selbst die reinste und nüchternste Vernunft kann es nicht
fassen, daß das irgend möglich wäre, auch nur daran zu gedenken, was hier ist,
und was hier weilet.
[GEJ.04_192,02] Oh, ihr ahnet es nicht und
könnet euch auch keinen Begriff machen von dem, was hier ist! Ich hatte mir
nach meinen gehabten Gesichten etwas annähernd unermeßlich Großes vorgestellt,
das mich hier erwarten werde; aber an etwas Allerunermeßlichstes und
Allerunendlichstes hat sich selbst mein größter und kühnster Gedanke nicht zu
erheben getraut und zu erheben vermocht, und dennoch ist es so und ist da,
unverkennbar vor unseren erstaunten Augen!
[GEJ.04_192,03] Ihr kennet, von was einzig
und allein ich und der Oberste in Memphis ein Jahr lang vor euch ganz laut
verhandelt haben, obwohl der Oberste oft meinte, daß es genüge, wenn ich allein
in seine tiefe Weisheit eingeweiht würde. Ich aber sagte: ,Siehe, Herr, hier
meine Brüder und Schwestern! Keines ist irgend minder denn ich selbst; darum
sollst du, Herr, um meinetwillen vor ihnen kein Hehl machen!‘ Und er tat darauf
stets laut seinen Mund auf.
[GEJ.04_192,04] Als er uns nach etwa einem
halben Jahre nach Kar nag zu Korak führte, um uns dort den altberühmten
Isis-Schleier zu lüften, da waret ihr auch über die Hälfte mit und habt so wie
ich alles gehört und gesehen.
[GEJ.04_192,05] Wir sahen dort zwei
sonderbare Bilder: erstens das der I-sis (des Urlebens Nährsein), hinter einem
dichten Schleier verborgen, und daneben das Bild Osiris (Ou sir iez; des
reinen, geistigen Menschen Weide).
[GEJ.04_192,06] Das erste Bild stellte ein
kolossales Weib dar, das voll Brüste an der Brust anzusehen war; zu Zeiten soll
auch eine Kuh an die Stelle des von uns gesehenen Vielbrüsteweibes gestellt
gewesen sein.
[GEJ.04_192,07] Das zweite Bild des Ou sir
iez stellte ein sonderbares Wesen vor. Es stand auf einer weiten, fetten Trift
ein Mann, umgeben von vielen Herden, die emsig weideten, und der sonderbare
Mann stand in der Mitte von allerlei Früchten, und seine Stellung war die eines
Essenden.
[GEJ.04_192,08] Durch diese beiden Bilder
stellten die Ägypter, wie ihr aus dem Munde des weisen Obersten es selbst
vernommen habt, zuerst verhüllt das Ursein des schaffenden und all das
Geschaffene ernährenden und erhaltenden Gottwesens – und durch das zweite,
unverhüllte Bild alles das Erschaffene, Lebende und Zehrende der ganzen
Schöpfung dar.
[GEJ.04_192,09] Hier fing der Oberste an, uns
allen das Wesen eines einzigen, ewigen, urschaffenden Gottes mit tiefen Worten
der Weisheit zu erläutern, und wir erkannten, daß es ein allmächtigstes,
allerhöchstweisestes Urwesen geben müsse, aus dem alle Wesen in der ganzen,
ewigsten Unendlichkeit hervorgegangen sind und nun auch gleichfort ernährt und
erhalten werden.
[GEJ.04_192,10] Dies Urgottwesen ist für
niemand irgend sichtbar oder begreiflich, da es die ganze Unendlichkeit erfüllt
und allerverborgenst allenthalben zugegen und gegenwärtig ist sowohl im Raume
wie auch in der Zeit, aus welchem Grunde das Bild der I-sis stets verhüllt war.
Niemand konnte und durfte der I-sis gewaltigen Schleier lüften, außer nur zu
gewissen, besonders heiligen Zeiten der oberste Priester, – aber selbst der nur
den untersten Saum vor dem Volke.
[GEJ.04_192,11] Ihr habt damals den ungeheuersten
Respekt vor der Urgottheit bekommen, wie nicht minder auch ich. Auf dem Wege
von Kar nag (nicht nackt, also umkleidet und verhüllt) zu Ko rak (demütig wie
ein Krebs) wurde von nichts als von der Urgottheit gesprochen, und der Oberste
erklärte uns bei jedem Baume, des Inneres auch vor jedermanns Augen verhüllt
ist, das verhüllte Bild der I-sis, und unser Staunen und unsere Ehrfurcht stieg
mit jedem Schritte unserer uns tragenden Kamele.
[GEJ.04_192,12] In jedem Naturgegenstande fingen
wir an, das rätselhafte Bild der verhüllten und verschleierten I-sis zu
ersehen, und der Oberste hatte eine rechte Freude an uns, seinen schwarzen
Jüngern, und wir sahen von Kar nag an die ganze Natur mit ganz anderen Augen an
denn zuvor.
[GEJ.04_192,13] Welche herrlichen und großen
Gespräche wurden hernach zwischen uns gewechselt, und von welcher Ehrfurcht
ward unser ganzes Gemüt ergriffen, wenn wir in unseren arbeitsfreien Stunden
unsere Gedanken und Worte zu dem einen, ewigen Urgottwesen hinlenkten! Wie oft
haben wir uns so mit dem guten und weisen Obersten in Memphis darüber
besprochen, welch ein namenlos beseligendes Gefühl das im Menschen
hervorbringen müßte, wenn es irgend möglich wäre, nur einmal ein Wort von dem
höchsten Gottwesen – wenn auch nur ganz leise, aber bestimmt – im Gemüte zu
vernehmen!“
193. Kapitel
[GEJ.04_193,01] (Oubratouvishar:) „Wir
fragten den Obersten, ob irgend so etwas Ähnliches auf der ganzen Erde noch nie
irgendeinem höchst gerechten Menschen begegnet sei.
[GEJ.04_193,02] Der Oberste zuckte mit den
Achseln und sagte: ,Unmittelbar wohl sicher noch nie; aber mittelbar hat man
aus den Schriften und mündlichen Überlieferungen wahre Beispiele, daß gar sehr
gerechte und fromme Menschen in eine gewisse Verzückung versetzt worden sind,
in der sie den Geist Gottes als ein alle Räume der Unendlichkeit erfüllendes
Licht ersahen und wahrnahmen, daß sie selbst ein Teil dieses Lichtes sind. Alle
aber, denen solch eine Gnade zuteil ward, bekennen, daß sie in diesem Lichte
von einem unaussprechlichen Wonnegefühl durch und durch ergriffen wurden und zu
weissagen anfingen; und was sie da weissagten, das ist auch stets in Erfüllung
gegangen. Noch nie aber hat ein Sterblicher den wahren Urgott unter einer
andern Gestalt gesehen!
[GEJ.04_193,03] Der Mensch als eine begrenzte
Form möchte zwar den Urgott sich näherbringen, sein Herz dürstet danach, den
Schöpfer einmal in einer zugänglichen Menschenform zu erschauen und mit Ihm,
dem ewigen Urgeiste, Worte wie mit einem Menschen zu wechseln; aber es ist dies
nichts denn ein törichtes Verlangen des schwachsinnigen Menschen, das in einer
gewissen Hinsicht sehr verzeihlich ist, aber ewig nie realisiert werden kann.
Denn das Endliche kann ewig nie unendlich werden – und das Unendliche nie
endlich!‘
[GEJ.04_193,04] Also sprach der weise Oberste
zu uns, und wir begriffen das auch, so gut es für unsere schwache
Begriffsfähigkeit möglich war.
[GEJ.04_193,05] Aber alles dessen ungeachtet
drängte sich bei jedem aus uns von selbst eine wenn auch noch so große göttliche
Persönlichkeit auf, da wir uns in der göttlichen Unendlichkeit als zu verlassen
dennoch nie so ganz zurechtfinden konnten. Unser Herz verlangte stets einen
persönlichen, schau- und liebbaren Gott, wenn unser Verstand auch allzeit einen
Krieg dem armen Herzen ankündigte, das sich denn doch viel zu klein fühlte, die
göttliche Unendlichkeit mit aller Liebe zu erfassen, obwohl uns der Oberste
anriet, die Urgottheit zu lieben.
[GEJ.04_193,06] Der Oberste bekannte uns, daß
es auf der Erde ein Volk gäbe, das da den Namen ,Juden‘ habe. Dies Volk sei in
der richtigsten Erkenntnis des allerhöchsten Gottes. Ein Erster ihrer Weisen,
ein geborener Ägypter namens Moi ie sez (das heißt: ,meine Aufnahme‘, ein Name,
den ihm eine Prinzessin gab, als sie ihn aus dem Nilstrome rettete), habe bei
fünfzig Jahre lang mit dem Geiste Gottes Unterredung gepflogen. Dem habe eben
der Geist Gottes zu einer strengen Pflicht gemacht, Ihn sich ja nie unter
irgendeinem Bilde vorzustellen! Auch dieser Weise verlangte einmal nach dem
Bedürfnisse seines Herzens, Ihn persönlich zu erschauen, bekam aber zur
Antwort: ,Gott kannst du nicht schauen und leben!‘
[GEJ.04_193,07] Als aber dessenungeachtet im
Herzen des Weisen die Sehnsucht, Gott zu erschauen, heftiger ward, da hieß ihn
der Geist Gottes sich verbergen in eine Felskluft und hervortreten, wenn er
gerufen werde. Das tat der Weise; und als er gerufen ward, trat er hervor und
hat in einer Ferne Gottes Rücken strahlend mehr denn tausend Sonnen gesehen!
Sein Angesicht aber soll darauf derart strahlend geworden sein, daß dasselbe
sieben Jahre lang kein Mensch ohne zu erblinden ansehen konnte, weshalb dieser
Weise denn auch sein Gesicht diese Zeit hindurch ganz dick verhüllen mußte.
Also, wie ihr wisset, hatte uns solches alles der sehr weise Oberste kundgetan.
[GEJ.04_193,08] Inwieweit sich das alles also
oder anders verhielt, darüber wissen wir kein weiteres Urteil zu fällen; nur
das wissen wir, daß über des Obersten Lippen nie ein unwahres Wort geflossen
ist. Wie er es vernommen hat, genau also hat er es uns auch mitgeteilt.
[GEJ.04_193,09] Wisset ihr, als wir ihn
fragten, wo im ganzen Lande Ägypten denn je die wahre, ewige Urgottheit
angebetet und höchst verehrt werde der möglichsten Wahrheit nach, wie er dann
sagte: ,Nicht sehr ferne von hier, und zwar im großen Felsentempel von Ja bu,
sim, bil (das heißt: ,Ich war, bin und werde sein‘)! Durch ein großes und hohes
Tor führt der Weg in das Innere der großen Berghalle. Diese ist geziert mit
Säulen, die alle aus dem Felsen ausgehauen sind. Zwischen einer jeden Säule
steht ein gewappneter Riese von mindestens zwölf Mannshöhen also, als trüge er
des Tempels Decke.
[GEJ.04_193,10] Das Innere ist in drei Hallen
durch einen Bogen getrennt; in jeder zu beiden Seiten aber stehen sieben solche
Riesen, zusammen vierzehn Riesen in jeder der drei Hallen. Es sind dies
Sinnbilder der von Gott ausgehenden sieben Geister. Die Halle zählt aber in
ihren drei Abteilungen sechsmal sieben solcher Riesen; das bezeiget, daß Gott
schon vom Anbeginne aller Schöpfung sechs Zeiträume gesetzt hatte, und daß in
jedem dieser endlos langen und sich stets durchgreifenden Zeiträume dieselben
sieben Geister alles getragen und überall gewirkt haben. Jede der sechs Seiten
der langen, dreiteiligen Tempelhalle ist mit allerlei Zeichen und Figuren
geziert, aus denen der in die alte Weisheit Eingeweihte alles entziffern kann,
was der Geist Gottes den Urerzweisen dieses Landes geoffenbart hat.
[GEJ.04_193,11] Am Schlusse der drei Hallen
befindet sich abermals das verhüllte Bild der I-sis, das offene des Ou-sir-iez,
und an einem Altare vor der I-sis stehen die Worte in den harten Stein
gegraben: Ja-bu-sim-bil! Am Eingange zu beiden Seiten des Tempeltores befinden
sich je zwei Riesen in sitzender Stellung und stellen die vier Hauptelementarkräfte
Gottes in der Natur dar; daß sie sitzen, bezeichnet die Ordnung und Ruhe, in
die sie von Gott aus gestellt worden sind, um aller Kreatur nach dem Willen
Gottes zu dienen.
[GEJ.04_193,12] Eine Inschrift über dem Tore
mahnt den Besucher dieser geheiligten Stätte, daß er stets gesammelten Geistes
die heiligen Hallen betreten solle. Wer in die erste Halle kommt, wird die zwei
ersten Pfeiler mit ganz absonderlichen Zeichen und Figuren geziert finden;
diese sollen auf eine Art Weltenkampf unter dem Ausdruck ,Gotteskriege‘
Beziehung haben.
[GEJ.04_193,13] Nun, da bin ich selbst zu
wenig tief in der alten Weisheit bewandert, um euch das weiter und tiefer
erläutern zu können! In sieben Tagen will ich euch dahin führen, wo ihr das
alles selbst in Augenschein nehmen könnet. Freilich hat der scharfe Zahn der
Zeit so manches an diesem uralten Heiligtume verwüstet; aber es ist noch sehr
viel ganz gut erhalten, und ihr könnet noch sehr vieles daraus lernen!‘
[GEJ.04_193,14] Nun, welche Gefühle fingen
dann in uns aufzukeimen an! Und wir konnten den Tag kaum erwarten, an welchem
uns der Oberste zu dem beschriebenen Heiligtume führen würde. Als endlich der
Tag kam, und wir auf unseren Kamelen dahin trabten, wie fing es an zu glühen in
unseren Herzen, als wir uns nur dem kleinen Vortempel zu nahen anfingen, der
nichts als eine Grabstätte einiger Urweisen sein soll! Wie aber pochte unser
Herz, als wir vor das Tor des großen Felsentempels kamen! Welch einen
unbeschreiblichen Eindruck machte die Ansicht der vier personifizierten
Elemente, und wurden wir nicht nahe sprachunfähig, als wir mit brennenden
Fackeln in des Tempels innere Hallen kamen? Warum aber ergriff uns das alles
gar so mächtig? Weil wir uns dort dem allerhöchsten, wahren Gottwesen näher zu
sein dünkten denn irgendwoanders bei Memphis.
[GEJ.04_193,15] Als wir dann wieder unter
vielen Tränen und Seufzern den wunderbaren Tempel verließen und der gute
Oberste uns so manches aus der Urzeit der Erde mitteilte, wie ergreifend
erbaute uns das alles, daß wir am Ende gleich schon die ganze Erde für einen
großen Gottestempel zu halten anfingen! Ob die paar Tage heiß oder mehr kühl
waren, das verspürten wir gar nicht; denn unsere Gemüter hatten zu vollauf zu
tun, und zwar mit dem allem, was uns den Urgeist Gottes hätte näherbringen
mögen. Und dennoch hieben wir damit ganz offenbar ins Blaue. Wir wußten wohl
viel dann; aber die I-sis blieb verhüllt und verschleiert, und kein Sterblicher
vermochte irgend zu lüften dies mysteriöse Gewand der ewigen Gottheit.“
194. Kapitel
[GEJ.04_194,01] (Oubratouvishar:) „Erst
daheim in unserem heißen Lande bekam ich die Gesichte! Ich erzählte sie euch so
treu, wie sie mir durch die offenbare Gnade des allerhöchsten Geistes zuteil
wurden, und ihr alle hattet dabei eine allergrößte Freude, daß ihr darob
herumspranget wie junge Lämmer auf der Weide. So heiter und fröhlich aber ihr
dabei auch waret, so beneidetet ihr mich aber dennoch ganz edel in euren Herzen
darum, indem auch in euch der Wunsch stets reger ward, auch solche Gesichte zu
bekommen. Als ich mit den etlichen zwanzig Gefährten nach sieben Male an mich
ergangenen geheimen inneren Weisungen mich auf die Reise hierher begab, so
konntet ihr es kaum einen halben Tag ohne mich daheim aushalten. Ihr zoget mir
nach und habt mich hier wunderbar eingeholt.
[GEJ.04_194,02] Nun sind wir an dem
heiligsten Orte meiner gesichtlichen Weisung, und da ist unendlichmal mehr denn
Memphis, Karnag zu Korak und der größte Tempel der Welt Ja bu sim bil,
unendlichmal mehr als das geheimnisvollste I-sis-Bild! Denn dahin sehet – an
den großen Tisch! In der Mitte desselben, mit rosenrotem Leibrocke und darüber
mit einem blauen Faltenmantel bekleidet, sitzet, über dessen Schultern ein
reiches, goldblondes Haar wallet, nicht bloß allerhöchst gottgeistig, sondern auch
körperlich das allerhöchste Gottwesen, – das allerlebendigste Bild der
enthüllten I-sis!
[GEJ.04_194,03] Als uns der Oberste die Liebe
zu dem unendlichen Gottwesen ans Herz legte, da empfanden wir, daß das kleine
Menschenherz solcher Liebe ganz unfähig sei, und dachten und sprachen es auch
aus, daß wir wohl irgendeine Persönlichkeit, die da trüge die Fülle des
Gottesgeistes, gar wohl über alles lieben könnten, daß aber eine zu unendliche
Göttlichkeit, die vom Geiste Gottes erfüllte Unendlichkeit, als etwas
Unerfaßbares auch nicht geliebt werden könne, außer die Liebe zu solch einem
unendlichsten Gottwesen bestehe in der wunderlichen Erdrücktheit des zu
kleinen, nichtigen Menschen durch die zu endloseste urgöttliche Allheit.
[GEJ.04_194,04] Wie sehr erquickte uns die
Aussage des Obersten, dahin lautend, daß Moisez am Ende dennoch der urewigen
Gottheit Rücken geschaut habe, wenn auch durch das unbeschreibbar höchste Licht
sein Gesicht auf sieben Jahre lang also leuchtete, daß es kein Mensch ohne zu
erblinden habe ansehen können, und der Weise darum die lange Zeit hindurch sein
Gesicht mit einer dreifachen Decke verhüllt umhertragen mußte. Oh, diese
Erzählung des Obersten hat uns sehr erquickt, weil wir dadurch die Möglichkeit
eines persönlich wesenhaften Gottes uns haben vorzustellen angefangen! Von da
an erst begannen wir den allerhöchsten Gott zu lieben, und infolge solcher
unserer Liebe habe ich dann auch unfehlbar sicher meine sieben Gesichte als
eine Einladung hierher bekommen, ohne welche wir wohl nie hierhergekommen
wären.
[GEJ.04_194,05] Wir haben nun den
allerhöchsten Gott persönlich vor uns, und Er gebietet uns nichts anderes zu
unserer Vollendung, als Ihn zu lieben über alles, uns gegenseitig aber also,
wie ein jeder aus uns sich selbst notwendig liebt!
[GEJ.04_194,06] Was saget ihr alle, meine
lieben Brüder und Schwestern, nun zu alledem? Was fühlet ihr jetzt, und welche
Gedanken beschäftigen denn nun eure Herzen? O redet nun und betet an den
allerheiligsten, ewigen Urgeist, den Gott, den bis jetzt nahe kein Sterblicher
zu denken vermochte! Redet, redet! Was denket und fühlet ihr nun? Wie ist euch
zumute?“
195. Kapitel
[GEJ.04_195,01] Sagen voll des möglich
höchsten Erstaunens die noch irgend wortfähigen schwarzen Gefährten: „Ist denn das
wohl denkbar möglich? Dieser ganz einfache, schlichte Mensch soll der Träger
des allerhöchsten Gottwesens sein? Welche haltbaren Beweise hast du dafür? Denn
weißt du nicht, daß man sehr auf der Hut sein muß, um nicht unvorsichtigerweise
in eine finstere, aberglaubensvolle Abgötterei zu verfallen, die am Ende
schlimmer werden könnte denn tausend noch so verhüllte I-sis-Bilder?! Denke dir
nur die Gefahren und Abwege, in die wir verfallen könnten, wenn es denn am Ende
doch nicht also wäre! Denke dir die endlos kolossalen Begriffe, die wir über
das Urgottwesen in Memphis und namentlich beim großen Felsentempel über das
Urgottwesen durch des weisen Obersten Mund erhielten, – und das sollte alles
vereint in diesem Menschen verborgen sein?! Möglich kann bei Gott schon wohl
alles sein; aber hier schaut nun nicht eine allerleiseste Wahrscheinlichkeit
für uns heraus! Welche haltbaren Beweise hast du wohl dafür und darüber?
[GEJ.04_195,02] Ja, wenn es also ist, wie du
es uns mit deiner stets wahrheitsvollsten Miene nun kundgetan hast, dann hätten
wir freilich das Höchste des Allerhöchsten gefunden, unser Leben hätte sein
erhabenstes Ziel gefunden, sich selbst in seinem Urgrunde, und nichts Weiteres
mehr bliebe uns zu forschen und zu suchen übrig! Denn wer sich selbst und Gott,
den Urgrund alles Seins, gefunden hat, der hat alles gefunden und hat das vom
Obersten uns gezeigte heiligste und seligste Ziel in aller Fülle erreicht!
[GEJ.04_195,03] Daß wir aber hier alles das
sollen gefunden haben, muß strenge und mehr denn handgreiflich klarst gezeigt
und bewiesen werden, ansonst du und wir mit dir aus zu großer
Leichtgläubigkeit, vor der uns der Oberste über alles gewarnt hat, nur zu
leicht, wie wir schon ehedem bemerkt haben, in die größten Irrtümer geraten
könnten!
[GEJ.04_195,04] Siehe an das unendlich große
Firmament mit den zahllos vielen Sternen, die nach einer ganz geheimen Kunde
des Obersten lauter ungeheure Welten sein sollen und nur wegen ihrer
unermeßlichen Entfernungen so klein aussähen! Betrachte diese unsere übergroße
Erde und alles, was auf ihr lebt, ist, sich regt und bewegt! Betrachte das
Meer, den mächtigen Nil, den Sand, das Gras, alle die zahllosen Gesträuche und
Bäume und alle die Tiere in den Wassern, auf der Erde und in der Luft!
Betrachte die Wolken des Himmels und ihre Kraft, den Mond, die Sonne! Kannst du
es dir wohl nur von ferne hin denken und irgend vernünftig einbilden, daß
dieser sonst sicher sehr weise Mensch von dieser eigentlich kaum handbreiten
Erdfläche aus die ganze, ewige Unendlichkeit vom Kleinsten bis zum Größten
übersehen, erhalten, leiten und führen soll? Ja, er kann für uns sogar
Wunderdinge leisten als ein mit der Natur geheimen Kräften sehr vertrauter
Mann, wie wir deren in Cahirou und Alexandria etliche gesehen haben; aber was
ist alles das gegen die ewige Unendlichkeit und ihre zahllosen, uns ewig
unbekannten Wesen und Dinge?!
[GEJ.04_195,05] Gedenke der großen Worte des
Obersten, wie er uns treuest gewarnt hat vor derlei feilen Gauklern und
Magiern, wie er sie nannte! Ein Mensch, der mit seiner Zauberkunst auch noch
eine sonstige sittliche Weisheit verbände, wie es der Oberste sagte, würde sich
mit der größten Leichtigkeit zum Herrscher der Menschen der Erde und am Ende
gar zu einem Gotte machen, – und dieser Mensch scheint uns bis jetzt die beste
Anlage dazu in reichlichster Fülle zu besitzen! Darum heißt es hier ganz
besonders auf der Hut sein und Beweise verlangen, die in jeder Hinsicht
geeignet sind, um der bevorstehenden größten Sache das erforderliche Licht zu
bieten! Denn je größer, heiliger und wichtiger eine Sache ist oder zu werden
scheint, desto mehr muß bei ihr aller Leichtsinn entfernt werden!
[GEJ.04_195,06] Wenn es sich um die
Wegräumung eines kleinen Steines, der einen Fußsteig verunreinigt, handelt, so
braucht's da eben keines besonderen Rathaltens, wie man solchen Stein aus dem
Wege räumen wird. Der nächste und beste klaubt ihn auf und wirft ihn
irgendwohin, allwo er niemanden behindert. Aber ganz anders verhält es sich,
wenn ein gar mächtiger Fels, der von einem Berge herabgestürzt ist, einen
Engweg verlegt und trennt dadurch Menschen von Menschen, Nachbarn von Nachbarn,
Eltern von ihren Kindern, Brüder von Brüdern und Schwestern von Schwestern! Ah,
da wird die ganze Gemeinde Rat halten, was da zu tun sein werde; denn der Weg
muß wieder gangbar erhalten werden! Hier aber handelt es sich um den
allerwichtigsten Moment unseres Lebens, um dessentwillen wir alle die sehr
weite und höchst beschwerliche Reise unternommen haben!
[GEJ.04_195,07] Sind wir am rechten Flecke
deinen Gesichten nach, so haben wir alles gewonnen, was uns die triftigsten
Beweise sicher zeigen werden; sollten wir jedoch noch lange nicht am rechten
Flecke sein, so müssen wir wieder unverrichteterdinge wegen entweder heimkehren
oder unsere Wanderschaft weiter beginnen, so wir zuvor dem braven Wirt werden
bezahlt haben, was wir hier verzehrten. Rede aber du nun unverhohlen, ob du
irgendwelche Beweise für das, was du uns von jenem Menschen ausgesagt hast, in
den Händen hast, und welche!“
196. Kapitel
[GEJ.04_196,01] Sagt Oubratouvishar: „Meint
ihr denn, daß ich leichtgläubiger bin als ihr es seid? Oh, da seid ihr im
ersten und größten Irrtume über mich! Habt ihr denn nicht gesehen, welche
Beweise mir, nur auf einen leistesten Wink jenes Herrn, jener überschöne Junge,
der offenbar ein Geist aus den Himmeln ist, auf alle meine Zweifel gegenwirkend
geliefert hat?“
[GEJ.04_196,02] Sagen die zwanzig: „Wir sahen
wohl allerlei und vernahmen hie und da auch ein und das andere Wort, konnten
uns aber jedoch keine Bedeutung entziffern und noch weniger irgendeinen
Zusammenhang finden; denn dieser Tisch ist dafür zu entfernt vom Haupttische!“
[GEJ.04_196,03] Sagen darauf die
Neuangekommenen: „Wir kamen wirklich etwas wunderbarerweise im selben Momente
erst an diesen zweiten, früher leer gestandenen Tisch, als du eben vor jenem
Herrn dich tiefst verneigtest und darauf zu uns herüberzogst, und können daher
von all dem, was du mit jenem holdesten Jünglinge vorhattest, unmöglich etwas
bemerkt haben! Rede darum, was du weißt und gesehen hast, und wir werden daraus
gleich entnehmen und sehen, woran wir sind!“
[GEJ.04_196,04] Sagt der Anführer: „Wohl
denn, und so höret mich denn noch einmal an: Euch allen ist bekannt mein
jüngster Fund in einem Graben voll Gerölles. Diesen wollte ich bei unserer
Abreise hierher mitnehmen und ihn in Memphis dem Obersten zu einem sicher recht
angenehmen Geschenke machen; allein in der Hast unserer Abreise vergaß ich
denselben rein ganz, erinnerte mich erst später dessen, und der Fund blieb
darum, gut in Linnen eingewickelt, in meiner Hütte in einem Winkel, mit einer
Kürbisschale zugedeckt. Als ich hier Beweise verlangte von und wegen dem, wie
auch ihr sie nun von mir verlanget, da erinnerte mich jener holde Jüngling an
jenen zu Hause vergessenen Fund und sagte es mir genau, wo und wann ich den
schönen Stein gefunden, wo ich ihn in der Hütte versteckt hatte, und wem ich
damit ein Geschenk machen wollte.
[GEJ.04_196,05] Freunde und liebe Brüder! Das
mußte mir denn doch etwas sonderbar vorkommen und mich wahrlich im höchsten
Grade überraschen! Wie konnte jener Jüngling um ein Geheimnis wissen, das so
weit von hier im tiefsten Winkel meiner Hütte verborgen lag?
[GEJ.04_196,06] Freunde und Brüder, um das zu
wissen, dazu gehört mehr denn alle Weisheit aller Menschen! Für mich wäre das
schon ein hinreichender Beweis gewesen, weil ich das wohl zu begreifen imstande
bin, was im allergrundweisesten Falle einem Menschen zu wissen möglich ist!
Aber bei dem ließ es jener Jüngling nach einem erhaltenen Winke jenes Herrn
dort am Tische nicht bewendet sein, sondern er fragte mich, ob es mir nicht
wünschenswert wäre, so er mir den bewußten Fund aus meiner Hütte in Nouabia
hierher schaffte! Dieser Antrag mußte mich denn doch wohl im höchsten Grade
überraschen, und ich nahm den Antrag des holden Jungen an.
[GEJ.04_196,07] Nun werdet ihr euch denken,
daß der Junge mich darauf eine Zeitlang im Warten ließ? O mitnichten! Im selben
Augenblick überreichte er mir zuerst den Stein und gleich darauf sonderlich
auch noch die Kürbisschale, mit der im tiefsten und äußersten Winkel meiner
Hütte der schöne Fund zugedeckt war, und es ward mir darauf handgreiflich klar
erklärt, wo dieser sehr schöne Stein herrühre!
[GEJ.04_196,08] Damit ihr aber nicht denket
oder mich etwa gar der Leichtgläubigkeit beschuldiget, so betrachtet alle
diesen Stein und diese Kürbisschale, ob das alles nicht dasselbe ist, was ich
euch allen daheim gezeigt habe! Und hier mein Diener weiß es auch, wo ich ihn
in meiner Hütte verwahrt habe und wie! Was saget ihr nun dazu? Vermag so etwas
auch ein Magier der berühmtesten Art aus Cahiro? (Kahi roug = des Kahi, eines
der größten Stiere dieser Gegend, Horn, das geheiligt war.) –. Ich habe nun
geredet, nun ist die Reihe wieder an euch!“
[GEJ.04_196,09] Sagen nun alle: „Wenn also,
woran keiner aus uns zweifelt, dann Heil uns allen, denn hier wird dann das
Unglaublichste zur belebendsten und lichtvollsten Wahrheit! Heil uns und
unserem Lande und allen, die mit großer Sehnsucht daheim unser harren; denn
auch unter ihrer schwarzen Haut soll es bald sonnenhelle werden!
[GEJ.04_196,10] Aber nun sage du uns, wie du
dir das zusammenreimen kannst, daß dieser Mensch zugleich das allerhöchste
Gottwesen sei, von dem die ganze Unendlichkeit erfüllt ist, und das überall
allmachtskräftig wirkt, leitet und alles erhält und ernährt. Wo hat in ihm
solch eine ewig unbegrenzte Weisheit und solch eine allmächtigste Willenskraft
Platz?! Hier, gleich uns, nur ein begrenzter Mensch, und dort durch die ganze
Unendlichkeit mit der höchsten Einsicht, Weisheit und mit der
allerunbeschränktesten, höchsten Kraft wirkend; hier auf und in allen den
unzählbarsten Punkten der ganzen Erde, wie dort in den fernsten Tiefen der
unendlichen Schöpfung gleich sehend, wissend, empfindend, berechnend und mit
nie geschwächter, ewiger Kraft und Macht wirkend?! Fassest du diese
unbegreiflichste Möglichkeit?“
[GEJ.04_196,11] Sagt der Anführer: „Das fasse
ich wohl ganz sicher noch nicht; aber ich fasse auch samt euch nicht, wie jener
Junge mir diesen daheim vergessenen Stein in einem schnellsten Augenblick
hierhergebracht hat! Gedulden wir uns aber in aller Demut und wahrer Liebe zu
diesem Einzigen, und es wird uns sicher noch mehr des Lichtes werden!“
[GEJ.04_196,12] Damit stellen sich vorderhand
alle, sehr nachdenkend, zufrieden und warten, was da noch weiteres kommen
werde.
197. Kapitel
[GEJ.04_197,01] Sagt zu Mir Cyrenius: „Herr,
aber bei diesen Mohren hätte ich so viel Weisheit und vollkommen klaren
Verstandes nicht gesucht; nur die vielen Kenntnisse und wundersamen Erfahrungen,
die sie haben, wahrlich, setzen mich in ein gerechtes Staunen! Der Oberste von
Memphis, namens Justus Platonicus, ist mir als ein sehr weiser Mensch bekannt;
aber daß er in alle die alten ägyptischen Mysterien eingeweiht wäre, habe ich
wahrlich nicht gewußt!
[GEJ.04_197,02] Daß er schon von jeher ein
starker Platoniker war, das weiß ich. Als der Sohn eines höchst angesehenen
Hauses in Rom und reich wie ein Krösus, hat er sich schon in seiner Jugend mit
den griechischen und ägyptischen Philosophen sehr befreundet und hat Ägypten
zum Kulminationspunkte aller seiner Studien gemacht. Bei zehn Jahre hat er im
Lande der alten Weisheit zugebracht und sich dort in alles einweihen lassen.
Mit einem Geleitschreiben, von meinem Bruder, dem Caesar Augustus, versehen, in
der Hand, mußten ihm alle Mysterien vom Anfange bis zum Ende gezeigt werden,
und so kam er zu seiner nunmaligen Weisheit. Und weil er in allen den
ägyptischen Angelegenheiten so durch und durch bewandert war, so setzte ihn
schon Augustus als einen mehr Zivil- denn Militärobersten nach Memphis in
Oberägypten. Es liegt wohl etwas Militär in Memphis, über das unser Justus
Platonicus zu gebieten hat, aber Feldherr ist er darum nicht.
[GEJ.04_197,03] Daß er ein großer Gelehrter
ist, weiß ich; aber daß er nun auch ein Weiser und ein förmlicher Priester
geworden ist, das wußte ich ganz natürlich nicht! Ich muß aber nun seiner näher
gedenken; denn durch seine Mühe mit den Mohren hat er sich bei mir ein großes
Verdienst erworben. Der würde eine übergroße Freude haben, so er hier wäre! Was
wäre so Dein Urteil über meinen Justus Platonicus? Wie verhält er sich als ein
Heide samt mir zum Reiche Gottes auf Erden?“
[GEJ.04_197,04] Sage Ich: „Was fragst du
darum? Justus ist ein Mann nach Meinem Herzen, er liebt Gott über alles und die
Mitmenschen mehr denn sich selbst; und wer das tut, der ist schon in Meinem
Reiche, ob er ein Jude oder ein Heide ist! Ich sage es dir, daß Ich mit ihm
eher zurechtkäme denn mit euch allen, aber ihr seid Mir auch recht! Zur Bewahrung
Meines Wortes aber tauget niemand besser denn diese Schwarzen; denn was sie
einmal haben und gefaßt haben, das bleibt so rein und unverändert wie ein
geschliffener Diamant. Für sie kann jeder stehen, daß sie diese Meine Lehre
nach zweitausend Jahren ebenso rein haben werden, als wie rein sie solche von
Mir empfangen!
[GEJ.04_197,05] Diese schwarze Menschenart
hat das Eigentümliche, eine Lehre oder Sitte in tausend und auch noch mehr
Jahren ganz kernrein zu erhalten, ganz also, wie sie solche im Anfange erhalten
hat. Sie werden nichts hinwegnehmen und eben auch nichts hinzusetzen; aber es
zeigt alles das nicht etwa an, als wären sie als Menschen vorzüglicher denn ihr
Weißhäutler, sondern sie stehen als Nachkommen Kains auf einer niedereren Stufe
und können nur sehr schwer zur Kindschaft Gottes gelangen, weil sie eigentlich
rein dieser Erde angehörige Planetarmenschen sind. Sie sind pure diesirdische
Geschöpfe, begabt mit Vernunft, Verstand, Gewissen, aber mit weniger freiem
Willen denn ihr weißen Menschen.
[GEJ.04_197,06] Doch aber haben sie den
weniger freien Willen um vieles fester denn ihr den völlig freien! Was die
Schwarzen einmal wollen, das setzen sie auch durch – und müßten sie dabei Berge
abtragen! Im Verlaufe des heutigen Tages werden sie schon noch einige Proben
ihres festen Willens geben, worüber ihr euch wundern werdet! Daß sie aber in
allem ihrem Tun und Lassen unwandelbarer sind denn ihr Nachkommen Seths,
beweist und bezeugt schon ihre Gestalt.
[GEJ.04_197,07] Seht, der Anführer ist offenbar
der Älteste unter ihnen, und sein Diener ist gut um achtundzwanzig Jahre
jünger! Betrachtet sie beide, ob dem Ansehen nach einer nur ein Jahr vor dem
andern vorauszuhaben scheint; sie sehen sich einander wie Zwillingsbrüder
ähnlich! Das Alter werdet ihr diesen Menschen sehr schwer ankennen. Also sieht
es auch mit ihrer natürlichen Kraft und Munterkeit aus. Ein Siebziger springt
mit einem Jünglinge von siebzehn Jahren um die Wette!
[GEJ.04_197,08] Ihr Weißen werdet oft krank,
und eure Haut unterliegt allerlei Übeln; diese aber, so sie bei ihrer Naturkost
verbleiben, kennen kein Leibesübel. Die meisten sterben an der Altersschwäche.
Wie aber schon ihre Außennatur unveränderlicher ist denn die eurige, so ist
auch ihr innerer Seelencharakter ein ganz anderer und um vieles fester denn der
eurige; aber sie werden eben darum in der Vollausbildung ihres Geistes euch
gegenüber dennoch viel geringere Fortschritte machen, weil ihnen dazu die
Beugsamkeit des Willens nahe völlig mangelt. Ihr Wille läßt sich zwar wohl auch
in etwas beugen; aber dazu gehört allzeit recht viel Ernst und eine große Mühe
und Arbeit.
[GEJ.04_197,09] Die Vorzüglichkeit der Seele
und des Geistes in ihr aber liegt nicht in der gewissen, mehr tierischen
Festigkeit des Willens, sondern in der leichten Erkenntniseigenschaft der
Seele, durch die sie das Licht der Wahrheit schnell begreift und faßt, und in
der leichten Beugsamkeit des Willens, so daß die Seele das Wahre und Gute
einsieht und dieses auch schnell mit dem Willen ergreift und zur Tat werden
läßt, ohne die keine Erkenntnis einer Seele etwas nützt.“
198. Kapitel
[GEJ.04_198,01] (Der Herr:) „Sehet, diese
Menschen werden von nun an auch kommen in Länder ganz geweckter und gebildeter
Völker und werden sehen den Ackerbau, die Weinkultur und große Städte mit den
schönsten Palästen! Aber wenn ihr nach tausend, auch zweitausend Jahren sie
sehen würdet, so werden sie noch in denselben Hütten wohnen und nicht imstande
sein, sich ein regelrechtes Haus aus Holz zu zimmern, und noch weniger aus Steinen
zu bauen.
[GEJ.04_198,02] Wir wollen ihnen nicht die
Fähigkeit dazu gewisserart streitig machen, sie können ganz gut die Baukunst
erlernen; aber es wird ihnen der leicht beugsame Unternehmungsgeist mangeln,
der dem Menschen zur Ausführung eines jeden Werkes vonnöten ist!
[GEJ.04_198,03] Es war darum ihre Reise
hierher seit ihrer Menschheit Gedenken schon eine der riesenhaftesten
Unternehmungen; für euch wäre das nur ein Scherz! Es ist dahin wohl eine weite
Strecke, und des Landes Hitze erschwert das Reisen sehr; aber für dieser
Menschen Naturbeschaffenheit kann die Hitze schon einen sehr bedeutenden Grad
erreichen, bis es ihnen einmal so recht warm wird. Sie haben ein viel trägeres
Blut, in dem ganz wenig Eisenteile vorhanden sind, und so ist ihr Blut dicker
und galliger denn das der Weißen und braucht einen viel größeren Wärmestand,
bis es ganz gehörig flüssig wird.
[GEJ.04_198,04] Im strengen Winter, etwa in
den Nordlanden unseres Ouran, würden diese Menschen ganz entsetzlich saure
Gesichter schneiden. In einem ersten Winter würde ihnen die Haut bersten, weil
ihr Blut, da zu dick, in ihren äußeren Leibesteilen nicht wohl fortkäme, daher
da Schoppungen entstünden, die bei einer starken Spannung des Gefäßes dasselbe
zerbersten machen würden, was dann Blutungen und bedeutende Schmerzen zur Folge
haben würde. Aber eine Hitze, die ein schwarzes Gestein nahe zum Glühen bringt,
macht ihnen eben noch nicht gar zu absonderlich viel. Dagegen aber würde ein
echter Nordskythe in Nouabia, so er im hohen Sommer dahin käme, in wenigen
Tagen verschmachten und somit auch ehest sterben.
[GEJ.04_198,05] Du denkst dir nun freilich
und sagst in deinem Gemüte: ,Muß es denn auf der Erde so verschiedene
Temperaturabstufungen geben? Könnte es denn nicht überall gleich kalt oder warm
sein?‘ Würdest du mit der notwendigen Kugelgestalt der Erde vertrauter sein,
als du es nun bist, obschon du von Mir, als Ich ein zartes Kind war, über die
Gestalt der Erde belehrt worden bist, so würdest du an diese Frage sicher nun
nicht gedacht haben!
[GEJ.04_198,06] Die verschiedenen
Temperaturen sind eine unvermeidbare Folge der kugelrunden Form der Erde. Die
runde Form aber ist wieder darum notwendig, weil bei jeder andern Form das
Licht der Sonne sich unmöglich so zweckmäßig verteilen könnte wie eben bei der
Kugelform, – man müßte denn eine Erde von drei Sonnen beleuchten lassen, und
zwar über den beiden Polen je eine und über dem Mittagsgürtel eine! Wer aber
würde dann erstens die Hitze auf dem Erdboden ertragen, wie würde es mit der
alle Kreatur stärkenden Nacht aussehen, und wie sähe es fürs zweite mit der
Bewegung der Erde aus, wenn sie von der gleich mächtigen Anziehungskraft dreier
ganz gleicher Sonnen abhinge?
[GEJ.04_198,07] Ich habe dir und euch
mehreren ja doch erklärt, wie groß die Sonne ist und sein muß, und wie klein
dagegen die Erde! Diese muß um die Sonne in einer entsprechenden Entfernung und
Geschwindigkeit kreisen, ansonst sie in dieselbe fallen oder bei übertriebener
Geschwindigkeit sich von derselben ins Unendliche entfernen müßte. Im ersten
Falle würde die Erde in der Lichtglut der äußersten Sonnenatmosphäre in den
Urätherstand oder in die in ihrer Materie gefangengehaltenen Urnaturgeister
nahezu in einem Augenblicke aufgelöst werden; im zweiten Falle aber würde sie
aus Mangel an Wärme zu einem härtesten Eisklumpen gefrieren! In beiden Fällen
wäre an kein Fleischleben auf der Erde Triften zu denken.
[GEJ.04_198,08] Du siehst aus dem, wie da
nach Meiner Ordnung eine Notwendigkeit die andere nach sich zieht, und daß auf
dieser Erde eine gleiche Temperatur von Pol zu Pol unmöglich statthaben kann,
anderseits aber doch notwendig ist, daß die ganze Erde möglichst allenthalben
bevölkert sein solle, damit die aus den Vorkreaturen hervorgegangenen und
freier gewordenen Seelen in einen ihrer Natur entsprechenden Leib treten
können. Was bleibt dann übrig, als für die heißen Erdgegenden solche Menschen
leiblich hinzustellen, deren Natur ein so heißes Klima wohl ertragen kann, und
in die kalten Klimatas solche, deren natürliche Beschaffenheit eben die noch so
kalten Gegenden bewohnen und einigermaßen kultivieren kann.
[GEJ.04_198,09] Wenn du das nun nur
einigermaßen einsiehst, so wirst du es wohl begreifen, warum im heißen
Mittelafrika nur solche dir zuvor charakteristisch beschriebenen Menschen
schwarz und von einer ganz eigenen Gemütsbeschaffenheit sein müssen. – Sage
Mir, ob du das nun wohl begriffen und gefaßt hast!“
[GEJ.04_198,10] Sagt Cyrenius: „O Herr, ich
bin nun auch darin völlig in der Ordnung und danke für diese mir höchst
heilsame Belehrung; denn ich sehe nun daraus, daß alle Welteinrichtung
allerweisest oder zweckmäßig ist, und alles so auf ein Haar sein muß, wie es
ist und nie anders sein kann! Darum Dir, Gott und Herr, allein alle Ehre, alle
Liebe und aller Preis; denn die ganze Erde und alle Himmel sind Deiner Liebe
und Weisheit voll!
[GEJ.04_198,11] Was aber wirst Du, o Herr,
mit den Schwarzen noch weiteres unternehmen? Denn so ganz in der Ordnung
scheinen sie mir noch nicht zu sein; ich merke das aus ihren sehr nachdenkenden
Stellungen.
[GEJ.04_198,12] Ihr Anführer hat ihnen Deine
Gottheit wohl auf eine wahrhaft triftigste Art und Weise vorgetragen, und das
vorerzählte Wunder mit dem großen Diamantentransporte hat sie, wie es scheint,
anfangs sehr stutzig gemacht; aber nun scheinen sie da allerlei Fragen an sein
Gewissen zu richten, und einer, der sich nun ein paarmal nach uns umgesehen
hat, hat soeben den Anführer ganz ernst gefragt, ob er den Stein nicht etwa
heimlich doch selbst mitgenommen habe samt der Kürbisschale, um sie damit
wunderähnlich zu berücken. Auf was diese Schwarzen doch alles kommen! Die
werden schon durch ein größeres Wunder zurechtgebracht werden müssen! Der ganz
gute Anführer hat offenbar seine entschiedene Not mit ihnen, was ich recht gut
merke!“
[GEJ.04_198,13] Sage Ich: „Nur noch eine ganz
kleine Geduld, bis sie in eine rechte Gärung geraten werden, dann erst werden
wir dem Anführer zu Hilfe kommen; denn bei dieser Menschenart geht alles
langsamer als wie bei uns vonstatten! Dazu haben sie alle nun zum ersten Male
ganz fremde Nahrung und einen Wein bekommen, und das macht sie nun für den
Augenblick auch begriffsstutziger, als sie je irgend zuvor waren. Aber es ist
gut, daß es also ist, ansonst es nicht leicht möglich gewesen wäre, sie von
etwas zu überzeugen, was nun noch zu sehr wider die in Memphis eingesogenen
Begriffe über Gott streitet.
[GEJ.04_198,14] Sie können Gottes
Unendlichkeit mit Meiner Persönlichkeit unmöglich unter ein Dach bringen; aber
wenn sie einmal so recht durchgegärt sein werden, dann werden wir mit ihnen
ganz leicht und bald fertig werden! Unterdessen aber bearbeitet sie ihr
Anführer wegen des gegen ihn gefaßten Wunderbetrugsverdachtes, was auch recht
ist; denn wer da immer ob eines rechten Wunderwerkes einen losen Verdacht
erhebt, der soll darum allerdings auch eine ganz gediegene Zucht samt der Rute
bekommen! Je mehr diese Schwarzen nun mit den Worten gezüchtigt und gedemütigt
werden, desto fester und leichter werden sie für uns dann für immer bleiben!“
199. Kapitel
[GEJ.04_199,01] (Der Herr:) „Es ist aber das
schon eine alte Erfahrung, daß Menschen, die etwas leicht fassen und zuvor
nicht recht tüchtig durchgegerbt worden sind, die leicht aufgefaßte und
begriffene Sache auch gar leicht und gar bald fahren lassen, während Menschen,
die gewisserart durch lauter Rippenstöße und harte Vorproben eine Lehre in sich
zum Fassen und zum Begreifen bringen, dieselbe dann nicht leichtlich irgend
mehr auslassen.
[GEJ.04_199,02] Oh, es gibt welche, die da
ganz gute Talente besitzen und dazu auch jedes andere Vermögen haben! Sie
fassen alles bald und leicht und begreifen es wohl; aber zur Zeit dann
eingetretener notwendiger Proben gedenken sie ihrer Weltvorteile, fürchten sich
zuviel zu opfern und trachten dann nach Möglichkeit jener geistigen Sachen zu
vergessen und loszuwerden, die, wenn für sie auch handgreiflich wahr, ihnen auf
dieser Welt keine Interessen tragen. Solche Menschen gleichen jenen nahe ganz
durchsichtigen Tagesfliegen, die den ganzen schönen Tag hindurch im Lichte, als
selbst ganz durchleuchtet und durchglüht, spielen und voll Lebens sind; so aber
dann kommt die das Leben prüfende Nacht, da hat ihr Licht und ihre Glut auch
ein Ende, und damit auch ihr Leben!
[GEJ.04_199,03] Darum taugen jene Menschen,
die anfänglich irgendeine höhere Wahrheit etwas schwerer fassen, fürs
Gottesreich besser denn die Leichtfasser; denn sie behalten das Gefaßte dann
treu und lebenswarm, während die Leichtfasser mit dem Lichte aus den Himmeln
geradeso spielen wie die Tagesfliegen mit dem Sonnenlichte, haben aber dann in
der Folge keinen größeren Nutzen vom Himmelslichte als die Tagesfliegen vom
Sonnenlichte.
[GEJ.04_199,04] Es gibt aber mitunter schon
auch Menschen, die eine Wahrheit leicht fassen, sie behalten und dann auch zur
Nachtzeit gleich hellen Sternen fortleuchten und sich und anderen einen großen
Nutzen schaffen; aber dieser Menschen gibt es wenige, und sie sind selten.
[GEJ.04_199,05] Diese Mohren aber gehören
alle zu den Schwerfassenden; aber was sie einmal erfaßt haben, das gehört
ihnen, und sie werden fürder und fürder leuchten in ihren spätesten Nachkommen
gleich den Sternen im Orion und gleich Sirjezc (Sirius) in der großen Weite.
[GEJ.04_199,06] Es ist mit der gründlichen
Fassung und dem richtigen Verständnisse Meiner Lehre nahe wie mit dem Erwerben
eines Vermögens: Wer auf eine ganz leichte Art zu einem bedeutenden Vermögen
gekommen ist, der wird auch bald und leicht damit fertig; denn an Entbehrungen
ist er nie gewöhnt worden, und Sparen hat er nie versucht. Ist er einmal im
Besitze eines Vermögens durch Erbschaft oder durch einen sonstig leicht zu
erzielenden Gewinn, so wird er das Vermögen nicht achten; denn er denkt und
fühlt es auch, daß man sich ein bedeutendes Vermögen ganz leicht erwirbt. Wer
aber mit seiner Hände Fleiß sich ein bedeutendes Vermögen erworben hat, der
kennt die schwere Mühe und Arbeit und weiß, wie viele Schweißtropfen ihn ein
jeder Groschen gekostet hat; darum achtet er auch sein schwer erworbenes
Vermögen und vergeudet und verpraßt es sicher nimmer auf eine leichtfertige Weise.
[GEJ.04_199,07] Also aber steht es auch mit
den geistigen Schätzen. Wer sie leicht gewinnt, der achtet ihrer kaum, weil er
sich denkt und in sich auch fühlt, daß er sie entweder gar nie und nimmer
verlieren könne, oder, verlöre er auch etwas davon oder gar alles, er alles
Verlorene ganz leicht wieder gewinnen werde. Aber dem ist nicht also; denn wer
da geistig etwas verliert, der gewinnt das Verlorene ein zweites Mal nicht so
leicht wieder wie das erste Mal.
[GEJ.04_199,08] Denn an die Stelle des verlorenen
Geistigen tritt sogleich das Materielle, und das ist ein Gericht, und läßt sich
nicht so leicht mehr verdrängen wie im Anfange. Denn wie da alles Geistige
fortwährend geistiger und freier wird, so wird auch alles Materielle gleichfort
materieller, weltlicher und voller des Gerichtes und des Todes; wer aber einmal
im Gerichte steckt und gefesselt ist im Wollen und Erkennen, der gibt sich
selbst die Freiheit schwer oder nimmer wieder.
[GEJ.04_199,09] Wer einmal Mein Wort hat, der
muß es behalten und im selben unwandelbar verbleiben nicht nur durchs Wissen
allein, sondern hauptsächlich durch die Taten und Werke nach dem Worte; denn
alles Wissen und Glauben ohne Werke ist so gut wie gar nichts und kann fürs
Leben keinen Wert haben!
[GEJ.04_199,10] Was nützete es jemand, der
eine Reise zu machen hätte an irgendeinen ihm bloß dem Namen nach bekannten
Ort, dahin er den Weg nicht kennt, so ihm ein des Weges Kundiger eine
vollkommene Beschreibung machte, wie der Weg zu dem Orte sich hinzieht, wenn
er, nun des Weges kundig, nicht auf demselben wandeln will, sondern sich
umkehrt und in einer ganz entgegengesetzten Richtung fortzugehen anfängt?! Wird
er wohl je an den Ort gelangen? Ich sage: Der kann kommen, wohin er will, – nur
an den Ort seiner Bestimmung wird er nie gelangen; denn wohin man kommen will,
dahin muß man auch wandeln!
[GEJ.04_199,11] Diese Mohren sind gewiß in
der Erdbeschreibung die allerunkundigsten Menschen von der Welt! Ohne den
Obersten Justus Platonicus würden sie den Weg hierher wohl ewig nie infolge
ihrer Kunde gefunden haben; aber nachdem ihnen der Weg vom Obersten einmal
ordentlich beschrieben worden war, da wandelten sie genau nach der
Beschreibung, und ihr nunmaliges Dasein bekundet zur Genüge, daß sie des
Obersten Weisung allergenaust in die Ausführung gebracht haben, und dazu
gehörte ein unerschütterlich fester Wille, der eben diesen Mohren in einem
hohen Grade eigen ist. Wer aber etwas ganz fest will, der vollführt auch das
sicher, was er fest will.
[GEJ.04_199,12] Wer demnach Mein Wort und
Meine Lehre hat und tut festwillig danach, der muß sein Ziel erreichen, und
nichts kann ihn daran hindern; aber wer da wohl etwas nach Meinem Worte und
daneben aber auch das tut, was die lose Welt begehrt, der gleicht einem Menschen,
der einen halben Weg an einen Ort hin macht, so er aber kommt auf den halben
Weg, gleichfort umkehrt und den schon begangenen Weg wieder zurückmacht.
[GEJ.04_199,13] Auch gleicht er einem
Knechte, der zwei Herren, die wider einander sind, dienen will. Wird der mit
seiner Arbeit bei den zwei sich gegenseitig anfeindenden Herren zurechtkommen?
Wird er beide lieben können, wenn auch nur dem Scheine nach? Welches Gesicht
aber werden die beiden Herren machen, so sie erfahren werden, daß der
Doppelknecht jedem der zwei Herren gleich zugetan ist? Wird nicht der eine wie
der andere zum Knechte sagen: ,Ei du schalkhafter Diener, wie magst du meinen
ärgsten Feind auch lieben wie mich?! Diene mir allein, oder hebe dich aus
meinem Dienste!‘ Denn niemand kann zweien Herren der Wahrheit nach dienen; er
muß den einen dulden und den andern verachten. Und siehe, solch ein loser und
schalkhafter Knecht wird dann von beiden Herren zugleich aus dem Dienste gejagt
und dann schwer mehr bei einem dritten in den Dienst aufgenommen werden, und es
wird mit ihm sein, daß er zwischen zwei Stühlen auf die Erde niedersitzen wird.
[GEJ.04_199,14] Daß aber diese Mohren nicht
Diener zweier, sondern des einen Herrn sein wollen und auch werden, das
entnimmst du ganz leicht aus dem, wie der Anführer zu kämpfen hat mit seinen
Gefährten, denen des Obersten Worte noch zu mächtig im Herzen eingegraben und
nicht so leicht herauszubringen sind!
[GEJ.04_199,15] Das einzige, was der Oberste
ihnen von einer göttlichen Persönlichkeit aus Moses angeführt hat, ist ein
Anhaltspunkt und eine Brücke, auf der sie zu Mir gebracht werden können. Und
auf eben dieser Brücke treibt sich nun der Anführer hauptsächlich herum und
sucht die Hartnäckigsten umzustimmen. Sende Ich ihm nicht den Engel zu Hilfe,
so ist er auch in einem Jahre noch nicht fertig mit ihnen; aber Ich werde ihm
nun den Engel hinsenden und da wird sich diese Sache auch geben!“
[GEJ.04_199,16] Sagt Cyrenius: „O Herr, da
möchte ich wohl in der Nähe sein, um die Verhandlungen klarer und deutlicher ausnehmen
zu können!“
[GEJ.04_199,17] Sage Ich: „Wird nicht nötig
sein; denn der Wind wird alles zu unseren Ohren bringen!“
200. Kapitel
[GEJ.04_200,01] Gleich darauf berufe Ich den
Engel und sage zu ihm, der Tischgenossen wegen laut: „Raphael, nun ist Oubratouvishar
mit seinen Gefährten auf den rechten Punkt wieder zurückgekommen, und da kannst
du dem Streite mit einem Hiebe helfen! Sie sind ganz geneigt, nun seine An- und
Einsicht über Mich anzunehmen, wenn er's ihnen beweisen kann, daß der Stein
wirklich durch dich in einem Momente aus Nouabia hierhergeschafft worden ist.
Gehe denn hin und schaffe jedem, der es verlangt, das, was er verlangt, aus
seiner Hütte hierher, und die ganze Streitsache wird damit vollkommen abgetan
sein!
[GEJ.04_200,02] Denn diese festwilligen, aber
schwer fassenden Menschen müssen durch ein Wunder bekehrt werden, weil das Wort
allein für sie zu wenig überzeugende Kraft besitzt. Diesen Menschen schadet ein
Wunder auch nicht soviel wie irgend euch und ganz besonders so manchen Juden;
denn sie als Naturmenschen können selbst ganz ansehnliche Wunder bloß durch
ihren festen Glauben und durch ihren unbeugsamen Willen zustande bringen, was
sie aber freilich als eine nahe ganz natürliche Sache ansehen. Davon werden wir
uns später überzeugen. Ein großes Wunder gilt dann bei ihnen nur als ein
halbes, und so können sie ohne irgendeine Ärgernisnahme durch Wunder ganz
unschädlichermaßen bearbeitet werden. Gehe nun sonach hin! Was du zu reden und
zu tun hast, liegt schon in dir.“
[GEJ.04_200,03] Mit dem nun allen bekannten
Bescheide begibt sich der Engel zu dem Tische, wo die Schwarzen, durch den
Genuß des Weines noch lebhafter gemacht, ihre ziemlich lauten Disputationen
halten. Als er dort anlangt, sagt er mit einer durchdringend lauten Stimme: „Was
beschuldiget ihr diesen euren größten Freund und Wohltäter, dem ihr alles Gute
zu verdanken habt, als wollte er euch betrügen und einen falschen Glauben
aufdrängen?! Was verdächtiget ihr das Wunder, das ich zu seiner Überzeugung auf
Geheiß des Herrn gewirkt habe, dahin, als wäre ich ein von ihm bestellter
Gauner, der, um euch zu betrügen, ihm behilflich wäre! Welche Beweise wollt ihr
denn, die da vermöchten, eure Zweifelsucht in euch bekämpfend, euch
zurechtzubringen? Soll ich für euch aus euren Hütten etwas hierherschaffen?
Verlangt, und ich werde es tun!“
[GEJ.04_200,04] Auf diese energische Anrede
wurden alle still und wußten vor Angst nicht, was sie tun sollten.
[GEJ.04_200,05] Aber der Anführer sagte: „Das
ist Gottes Hilfe! Die wird mich rechtfertigen von euren schon ganz arg
gewordenen Anwürfen! Verlanget und überzeuget euch; denn nichts als das allein
nur kann eure große Torheit brechen!“
[GEJ.04_200,06] Darauf erhob sich einer, der
am meisten gezweifelt hatte, und sagte: „In meiner Hütte ist ein Schatz
verborgen; außer mir und meinem Weibe, das hier ist, kennt ihn wohl niemand.
Schaffe mir ihn hierher, und ich werde dann vollauf glauben!“
[GEJ.04_200,07] Sagt der Engel: „In welcher
Zeit soll ich dir den Schatz, den du in Linnen und Röhricht eingewickelt und in
den Winkel gen Sonnenaufgang in deiner Hütte an der Stelle, wo außerhalb der
Hütte ein großer Palmbaum steht, zwei Schuh tief in den Sand verscharrt hast,
und der in einem dreißig Pfunde schweren und ganz reinen Goldklumpen besteht,
hierherschaffen? Sage mir an die Zeit!“
[GEJ.04_200,08] Hier macht der Zweifler große
Augen und sagt: „Aber um aller Himmel willen, wie möglich kannst du, holdester
Junge, das so genau wissen? Schon damit hast du meinen Zweifel vernichtet; denn
nun ist mir alles einleuchtend, was immer unser Führer und Ältester von jenem
jungen Manne ausgesagt hat! Aber bei alldem wird die Sache stets fürchterlicher
merkwürdig! Wenn außer allem Zweifel in jenem Manne die ganze Fülle des
urewigen Gottgeistes wohnt, wie werden wir bestehen vor Ihm! Muß Ihn unser
Zweifeln nicht im höchsten Grade beleidigt haben? Oh, oh, wir sind alle
verloren!“
[GEJ.04_200,09] Sagt der Engel: „O
mitnichten, ihr seid nun nur alle gewonnen! Aber nun bestimme du die Zeit, in
der ich dir deinen Schatz hierherholen soll!“
[GEJ.04_200,10] Sagt der Zweifler: „O
Holdester, – ist nun gar nicht mehr nötig um meines Unglaubens halber; aber so
du ihn mir schon wunderbarst herschaffen willst, da lasse es dir leicht
geschehen! Wenn er etwa hier für jemanden einen besonderen Wert hat, so soll er
ihn mir mit anderen nützlichen Werkzeugen ablösen; denn mir ist er ja ohnehin
zu nichts nütze! Er ist schön und hat Stellen, die an der Sonne sehr stark
glänzen; und wenn man ihn recht aufmerksam betrachtet, so besteht er aus allerlei
Figuren, die auf seiner Oberfläche ersichtlich sind. Manche sind dunkel und
glanzlos, aber manche leuchten mächtig an der Sonne. Darin lag für mich der
eigentliche Wert des ziemlich großen und ganz kompakten Klumpens. Wenn du,
holdester, schönster Junge, ihn mir sonach herschaffen willst, so brauchst du
dich bei aller deiner wundersamen Kraft nicht zu übereilen!“
[GEJ.04_200,11] Sagt der Engel: „Sieh mich
an! In diesem Augenblick hole ich deinen Schatz; zähle die Augenblicke, wie
viele ich derer brauchen werde, um hin- und wieder zurückzukommen!“
[GEJ.04_200,12] Der Zweifler und seine
Gefährten richten ganz scharfe Blicke auf den Engel, um zu sehen, wann er sich
entferne, und wie bald er darauf wiederkehren werde.
[GEJ.04_200,13] Aber der Engel entfernt sich
gar nicht, sondern fragt den früheren Zweifler: „Nun, hast du meine Abwesenheit
bemerkt?“
[GEJ.04_200,14] Sagt der Zweifler: „Nein;
denn bis jetzt standst du noch immer felsenfest auf demselben Flecke!!“
[GEJ.04_200,15] Sagt der Engel: „Oh, mitnichten;
denn sieh nur hinab, zu deinen Füßen liegt schon ganz gesund und wohlbehalten
dein Schatz!“
[GEJ.04_200,16] Der Zweifler schaut unter den
Tisch, und sein wohlerkennbarer Schatz ruht in der unversehrten Einfassung zu
seinen Füßen! Darüber erschrickt der Zweifler so sehr, daß darob seine sonst
ganz karminroten Lippen blaß werden und er ordentlich zu beben anfängt.
[GEJ.04_200,17] Auch die anderen machen ein
ganz absonderlich betroffenes Gesicht über diese Erscheinung und schreien:
„Aber um Gottes Willens Macht! Was ist das, wie kann das sein?! Du Holdester
hast dich von der Stelle ja doch nicht einen allerkürzesten Augenblick
entfernt! Wie war hernach das möglich?“
[GEJ.04_200,18] Sagt der Engel: „Bei Gott ist
alles möglich, und ihr könnet daraus entnehmen, wie Gott der Herr, wenn Er auch
hier als Mensch gleich einem andern Menschen anwesend ist, mit Seiner
allerunendlichsten Willensmacht dennoch die ganze Unendlichkeit leitet, regiert
und erhält, und wie vor Seinen allsehenden Augen es ewig nirgends etwas Verborgenes
geben kann, um das Er nicht auf das allergenaueste wüßte!
[GEJ.04_200,19] Daß der ewige Gottgeist nun
auf dieser Erde das Fleisch angenommen und Selbst persönlich Mensch geworden ist,
dazu bewog Ihn Seine übergroße Liebe zu euch Menschen dieser Erde vor allem,
und dadurch auch zu den Menschen von all den zahllosen anderen Weltenerden, um
euch für alle ewigen Zeiten ein fühlbarer, schaubarer und sprechbarer Gott und
Vater in aller Liebe zu sein! Denn Er als Gott ist die mächtigste und reinste
Liebe, darum sich Ihm aber auch kein Mensch und kein Engel anders als allein
nur in und durch die Liebe nahen kann.
[GEJ.04_200,20] Wollt ihr zu Ihm kommen, so
müsset ihr Ihn vor allem über alles lieben und euch untereinander als wahre
Brüder und treuherzige Schwestern; ohne solche Liebe ist eine wahre Annäherung
zu Ihm so gut wie rein unmöglich! Nun aber hebe du, erschreckter Hase, deinen
Schatz herauf auf den Tisch und betrachte ihn, ob er wohl der rechte ist!“
201. Kapitel
[GEJ.04_201,01] Hier, vom ersten Schreck ein
wenig erholt, beugte sich der Mohr hinab und hob den ziemlich großen Klumpen
auf den Tisch, löste das Röhricht und die Linnen ab, und in kurzer Zeit lag der
Goldklumpen ganz nackt auf dem Tische; und viele gingen hinzu und betrachteten
diesen reichen Schatz. Auch unser Judas Ischariot konnte seine Neugierde nicht
bezähmen, besah sich den Schatz und bedauerte heimlich sehr, daß nicht er der
Besitzer desselben sei.
[GEJ.04_201,02] Als der Schatz hinreichend
betrachtet und bewundert worden war, da fragte der Mohr den Engel, wem er nun
wohl am füglichsten diesen Klumpen schenken dürfte, weil er ihn denn doch wohl
nicht mehr den weiten Weg nach Hause tragen möchte.
[GEJ.04_201,03] Und der Engel zeigte ihm den
Cyrenius an und sagte: „Dort sieh, zur Rechten des Herrn sitzt der
Oberstatthalter Roms! Der hat zu gebieten über Asien und einen großen Teil
Afrikas; ganz Ägypten steht unter ihm, und somit auch der Oberste von Memphis!
Dem gib diesen Schatz! Auch du, Oubratouvishar, würdest besser tun, den Stein
diesem Oberstatthalter einzuhändigen, als dem Obersten in Memphis, der auf
derlei Schätze wenig oder gar nichts hält! – Übrigens ist das nur mein Rat, und
du kannst tun nach deinem Wohlgefallen!“
[GEJ.04_201,04] Sagt der Anführer: „Dein
weiser Rat ist mir schon ein Gebot, das ich auch um den Preis des Lebens
erfüllen würde, weil du mir nur das Weiseste und Beste raten kannst!“
[GEJ.04_201,05] Mit dem erheben sich beide –
der Zweifler mit seinem Goldklumpen und der Anführer mit seinem großen
Diamanten – und begeben sich damit zum Cyrenius.
[GEJ.04_201,06] Als sie da anlangen, sagt der
Anführer: „Nicht wußte ich früher, wer du bist. Ich erkundigte mich auch nicht
um jemand andern, denn allein nur um den Herrn, da ich mir dachte: ,Da kann nur
einer der Herr und Gebieter sein, und alle andern sind dessen Knechte und
Diener!‘ Aber nun hat mir jener blendendweise Wunderjunge erst erzählt, daß du,
irdisch genommen, auch ein großer Herr und Gebieter bist, und so habe ich nach
dem weisen Rate jenes holdesten Wunderjungen mich samt diesem Gefährten frei
entschlossen, unsere so wunderbar hierhergebrachten Schätze zu deinem Gebrauche
dir zu geben, wofür du uns aber dennoch einige der nötigsten, brauchbarsten
Hausgeräte möchtest zukommen lassen, auf daß auch wir mit ihnen unser Haus für
die Erzeugung des Brotes, das gar so gut und wohlschmeckend ist, einrichten
könnten.
[GEJ.04_201,07] Unsere Hau- und
Schneidewerkzeuge sind schlecht und werden gleich stumpf; denn sie sind sehr
mühsam aus Holz und Tierknochen verfertigt. In Memphis aber haben wir allerlei
Schneidegeräte kennengelernt, die sogar der Stein nicht so leicht stumpf macht,
– und derlei Werkzeuge könnten wir wohl besser brauchen als unser gelbglänzendes
Metall, das weich und unbrauchbar ist! – Nimm somit diese zwei Stücke gütig
an!“
[GEJ.04_201,08] Sagt Cyrenius: „Gut, Freunde,
ich nehme von euch die zwei überaus wertvollen Stücke an; aber nicht für mich,
sondern für dies verarmte Galiläervolk, das sich nach Rom schon in einem
bedeutenden Steuernrückstand befindet! Mit diesen zwei Stücken ist Rom für
dieses Land für zehn aufeinanderfolgende Jahre mit Steuern für alle Fälle zum
voraus gedeckt, und das Land kann sich in der Zeit erholen.
[GEJ.04_201,09] Wenn ihr wieder heimkehren
werdet, werde ich Sorge tragen, daß euch eine gerechte Menge von allerlei
nötigsten und wohl brauchbaren Werkzeugen und Gerätschaften mitgegeben werde,
und wollet ihr freiwillig unter den römischen Schutz euch begeben, so würdet ihr
dann von Jahr zu Jahr mit neuen Werkzeugen und Gerätschaften versehen werden!
Sonst müßtet ihr denn wenigstens alle Jahre, natürlich gegen Eintausch für
derlei Metalle, euch in Memphis selbst damit versehen!“
[GEJ.04_201,10] Sagt der Anführer: „Um das zu
verfügen, müßte zuvor ein allgemeiner Volksrat gehalten werden, was bei uns
stets eine etwas schwere Sache ist, weil unser Land von einer großen Ausdehnung
ist und die Bewohner in gar vielen, oft ganz unzugänglichen Winkeln birgt und
es daher sehr schwer ist, einen Volksrat zusammenzurufen. Das Bessere wird
daher schon sein, daß wir uns in Memphis von Zeit zu Zeit etwas abholen, was
wir am nötigsten brauchen.
[GEJ.04_201,11] Eure römischen Gesetze mögen
sehr gut sein; aber sie würden für unser Land und Volk dennoch nicht taugen. Es
hat uns auch schon der Oberste von Memphis einen gleichen Antrag gemacht, den
wir aber ebensowenig wie nun diesen deinen haben annehmen können. Könntet ihr
auch in unser Land dringen, so würde euch das wenig nützen! Ihr würdet dort in
der glühheißen Wüste umherirren und verschmachten zu Hunderten und würdet doch
keine Menschen, wohl aber Löwen, Panther und Tiger finden in Herden zu
Hunderten, die euch zerreißen würden; auch würdet ihr den Kampf mit Schlangen
und Nattern nicht bestehen!“
[GEJ.04_201,12] Sagt Cyrenius: „Wie kommt
denn dann ihr mit so vielen reißenden Bestien aus? Tun sie euch denn im Ernste
nichts zuleide?“
[GEJ.04_201,13] Sagt der Anführer: „Hast doch
ehedem aus dem Munde des Jungen und aus dem allerheiligsten Munde des Herrn
Selbst vernommen, wie wir beschaffen sind! Wie kannst du darüber hinaus auch
noch mich fragen? Also ist es, wie der Herr Selbst es von uns ausgesagt hat;
wie, wodurch und warum aber, – das wissen wir selbst nicht! Ich bitte dich
darum, mich mit derlei Fragen zu verschonen; denn die Antworten darauf können
dir nichts nützen!“
[GEJ.04_201,14] Hierauf machten beide eine
tiefste Verbeugung vor uns und gingen darauf sogleich wieder zu ihren Gefährten
zurück und erzählten, was sie alles bei Mir ausgerichtet hatten.
202. Kapitel
[GEJ.04_202,01] Aber die Gefährten sagten:
„Wie könnet ihr beim Herrn irgend etwas ausgerichtet haben, da ihr mit Ihm doch
kein Wort geredet habt?!“
[GEJ.04_202,02] Da sagte der Anführer: „Hier,
wo Er weilt, geht alles von Ihm aus, und wir haben darum stets nur mit Ihm zu
tun, ob wir schon mit Seinen Jüngern verhandeln!“ – Mit diesem Bescheide waren
alle zufrieden und sagten nichts mehr.
[GEJ.04_202,03] Aber einige sagten zum Engel:
„Höre, du Wunderjunge, möchtest du nicht auch uns fünfen, die wir auch ganz
sonderbare Schätze in unseren Hütten verborgen halten, dieselben
hierherschaffen?“
[GEJ.04_202,04] Sagte der Engel: „Hebet sie
nur von euren Füßen auf den Tisch, und wir werden sehen, was daran ist!“
[GEJ.04_202,05] Hier schauen fünf der am
Tische sitzenden Mohren unter den Tisch und ersehen zu ihrem größten Erstaunen
ihre ihnen wohlbekannten, ziemlich großen Bündel, heben dieselben auf den
Tisch, und es kommen da noch vier ganz tüchtige Klumpen Goldes zum Vorschein,
die zusammen über hundert Pfunde wiegen; aber in einem fünften Bündel kommen
sieben ziemlich große Flußgeröllsteine vor, die der neben dem Engel stehende
Markus für ganz wertlos halten möchte.
[GEJ.04_202,06] Aber der Engel sagt: „Warte
nur, bald wirst du's gewahr, daß eben diese sieben Steine vom größten und
unschätzbaren Werte, irdisch genommen, sind! Bringe aber einen festen, ehernen
Hammer, und wir werden sie untersuchen!“
[GEJ.04_202,07] Markus eilt, als selbst voll
Neugierde, in seine Zeugkammer und kommt bald mit einem festen, eisernen Hammer
zum Vorschein und überreicht ihn dem Engel. Dieser nimmt einen solchen Stein
zur Hand und versetzt ihm einige vorsichtige Schläge, auf welche sogleich die
weißliche, kiesartige Kruste abfällt, und eine Perle in der Größe eines
Menschenkopfes kam zum Vorscheine, was alle ins größte Erstaunen setzte.
[GEJ.04_202,08] Auf der Oberfläche dieser
Wunderperle waren Hieroglyphen und andere Zeichen eingraviert. Unter andern war
auch eine ganz gute Zeichnung des Tempels von Ja bu sim bil im Baumomente, und
zwar in jenem ersichtlich, wo die vier riesenhaften Figuren nach einer
hundertsiebzigjährigen Arbeit voll Schweiß und mancher Aufopferung beendet
worden waren und man noch an den Simsungen lebhaft arbeitete und durch die
Skulptierung riesige Schriften und sonstige Zeichen in die platten, großen
Flächen eingravierte und zugleich aber auch das Tor in der Mitte der je zwei
Riesenfiguren aufzureißen begann. Wer sich diese Zeichen und Schriften, die
ganz deutlich zu sehen waren, entziffern konnte, der hatte den Ursprung dieses
Tempels vor sich und den Grund, warum er von den damaligen Ägyptern errichtet
worden ist, und zwar knapp am Nilstrome.
[GEJ.04_202,09] Diese Perle hatte demnach
nicht nur als eine Riesin ihrer Gattung einen unschätzbaren Wert, sondern auch
einen historischen. Zugleich aber stammte sie aus einer Periode der Erde, von
der an es noch gar viele Jahrtausende währte, bis ein erster Mensch im Fleische
ihren Boden betrat.
[GEJ.04_202,10] Zu der Erdzeit, als solche riesenhaften
Schaltiere das Meer bewohnten, spülten über den größten Teil der niederen Lande
Afrikas des großen Weltmeeres Wogen. Die Urägypter fanden die Mutterschale bei
der Grundgrabung der ersten Pyramide, und als sie die Mutterschale öffneten,
fanden sie darin diese sieben Perlen, von denen die eine nun der Engel von
ihrer Kruste befreit hat.
[GEJ.04_202,11] Natürlich ward nun der Engel
mit Fragen bestürmt, und er erklärte den Sachverhalt auch gerade also, wie er
nun hier in Kürze angeführt ward.
[GEJ.04_202,12] Als Raphael mit der natürlich
nur oberflächlichen Erklärung der zuerst enthüllten Perle zu Ende war, sagte
er: „Was euch vorderhand not tut, habe ich euch nun in Kürze so verständlich
als möglich gesagt; gehen wir nun zur Enthüllung der zweiten Perle über, die
etwas kleiner sein wird denn die erste!“
[GEJ.04_202,13] Hier nahm der Engel die
zweite Perle und befreite sie auf die frühere Art und Weise von ihrer Kruste.
Auch sie war voller Zeichen und Schriften. Auf einer der glattesten Flächen war
der kleine Tempel von Ja bu sim bil ganz gut eingraviert und daneben ein Kopf,
ähnlich dem der großen Sphinx. Und der Engel ward abermals bestürmt, all diese
Zeichen und Schriften zu erklären.
[GEJ.04_202,14] Und er (der Engel) sagte:
„Freunde, ohne die volle Erwecktheit des Geistes in der Seele vermag das von
den jetzt lebenden Menschen wohl niemand zu entwirren, was alles das besagt,
was da auf dieser Perle geschrieben und gezeichnet ist!
[GEJ.04_202,15] Obwohl diese Perle so alt ist
wie die erste und größte, so ist sie aber dennoch um hundert Jahre später also
beschrieben und bezeichnet worden, und zwar um die Zeit der Beendigung des
kleinen Felsentempels, in der aber das Innere des großen Tempels noch nicht
völlig beendet war. Darum ist hier auch der kleine Tempel schon als völlig
beendet dargestellt.
[GEJ.04_202,16] Der Kopf stellt den des
damalig schon siebenten Hirtenkönigs dar, der sich den Namen Shivinz (irrig
,Sphinx‘) der Lebhafte, der Unternehmende, gab. Er hatte ein Alter von nahe
dreihundert Jahren erreicht, und man hatte seinen Kopf höchst kolossal aus
einem großen Granitfelsen gemeißelt, der noch heutzutage, ziemlich gut
erhalten, zu sehen ist.
[GEJ.04_202,17] Dieser Shivinz hatte große
Verbesserungen in den Schulen, wie auch in der Viehzucht und Landeskultur
eingeführt und genoß von seinem Volke aber auch eine nahezu göttliche
Verehrung. Die Zeichen und Schriften besagen aber eben das viele Gute, was er
mit seinem höchst regen Geiste alles für Verbesserungen in diesem Lande
eingeführt hatte.
[GEJ.04_202,18] Er hatte den großen Tempel
nicht zu meißeln begonnen, denn das haben zwei seiner dem unsichtbaren Geiste
Gottes sehr ergebene Vorfahren getan; aus großer Achtung aber ließ er sie
unweit vom großen Tempel auf einer schönen Ebene in sitzender Stellung aus
Stein in einer höchst kolossalen Größe meißeln und zum ewigen Gedenken nahe am
Nile aufstellen. Und da die beiden keinen Namen hatten und auch aus purer
Bescheidenheit irgendeinen Namen nicht führen wollten, so benannte er sie und
gab ihnen den Namen ,Die Namenlosen‘ (ME MAINE ONI, schlecht in der späteren
Zeit ,Memnon‘), welche beide Bildsäulen auch noch bis an den heutigen Tag recht
gut erhalten zu sehen sind.“
[GEJ.04_202,19] Sagt der Anführer: „Ja, ja,
das haben wir alles gesehen und hoch bewundert! Aber wie alt mögen nun diese
außerordentlichen Sachen wohl sein?“
[GEJ.04_202,20] Sagte der Engel: „Nahe an
dreitausend Jahre, und die nächstkommenden dreitausend Jahre werden ihre Spuren
nicht ganz verwischen! – Wartet nun aber ein wenig, wir werden nun die dritte
Perle enthüllen; an deren Oberfläche werdet ihr nebst den zwei Vorfahren des
Shivinz schon als Statuen noch eine ganz andere große Denkwürdigkeit graviert
ersehen, die euch sehr nachdenken machen wird!“
203. Kapitel
[GEJ.04_203,01] Hier nahm Raphael die dritte
Perle in die Hand und befreite sie von ihrer Kruste.
[GEJ.04_203,02] Als sie nun nackt da war,
machte Raphael die vor Wißbegierde ordentlich Brennenden sogleich auf die ganz
gut gravierten Memnonstatuen aufmerksam und sagte: „Sehet, da sind sie schon,
die beiden Namenlosen! Aber da oberhalb erschauet ihr, als vor den Namenlosen,
sieben riesige Figuren in bekleideter Menschengestalt, und um sie her erschauet
ihr eine Menge ganz kleiner Menschenfigürlein! Was hat denn der weise Shivinz,
der die Perlen alle eigenhändig gezeichnet hat, damit andeuten wollen?
[GEJ.04_203,03] Hört! Es ist in derselben
Zeit, etwa hundertsieben Jahre vor dem ersten der zwei namenlosen Vorfahren,
ein sehr großer Erdball im tiefen Schöpfungsraume durch die Zulassung des Herrn
in viele Stücke zerstört worden. Gar viele und gar riesenhaft große Menschen
bewohnten ihn.
[GEJ.04_203,04] Bei der plötzlichen, von
niemand vorgesehenen Zerstörung, obwohl sie jenen Menschen zu öfteren Malen
angekündigt ward, kam es, daß sieben von den erwähnten Erdballsmenschen in
Oberägypten auf mehreren offenen Plätzen des großen Landes niederfielen und
durch ihren schweren Fall eine sehr starke Erderschütterung verursachten.
[GEJ.04_203,05] Dieser Menschenregen dauerte
über zehn Tage lang, das heißt vom Erstgefallenen bis zum Letzten. Die Bewohner
des Landes haben dabei viel Angst und großen Schrecken zu bestehen gehabt; denn
sie fürchteten sich besonders in der Nacht, daß ein solcher Riese über sie
fallen und sie allesamt gar übel erdrücken werde. Darum starrten sie
beklommensten Herzens stets den Himmel an, ob nicht wieder irgendein solcher
ungeladener Gast ihnen aus den Wolken einen höchst unwillkommenen Besuch
abstatten möchte.
[GEJ.04_203,06] Gut bei zehn Jahre lang
wurden bleibende Wachen aufgestellt, um zu sehen, ob nicht wieder so ein ganz
entsetzlicher Reisender aus der Luft ankäme; aber da davon nach den zehn Tagen
keine Spur mehr zu entdecken war, so wurden die Gemüter der Menschen nach und
nach wieder ruhiger, und sie wagten sich sogar zu den großen, ganz
vertrockneten Riesenleichnamen, die bis zu ein viertel Tagereisen weit
voneinander zerstreut herumlagen.
[GEJ.04_203,07] Die Weisen unter jenen
Urmenschen Ägyptens meinten wohl, daß es die etwa vom Geiste Gottes bestraften
Riesen eines großen, weit entlegenen Landes seien und gegen Gott gefrevelt
haben dürften, und Gott habe sie dann in Seinem gerechten Zorne von der Erde
durch Seine mächtigen Geister aufheben und hierher schmeißen lassen, um den
Ägyptern zu zeigen, daß Er auch der mächtigsten Riesen nicht schone, so sie
wider Seinen Willen handelten. Kurz und gut, man fing endlich gar an, diese
toten Riesen stückweise zu verbrennen, und in fünfzig Jahren war von diesen
toten Riesengästen keine Spur irgend mehr zu entdecken.
[GEJ.04_203,08] Was die Ägypter aber sich von
diesen riesigsten Menschengestalten dennoch merkten, war das, daß sie aus den
ihnen gar sehr im Gedächtnisse gebliebenen Riesen in einen kolossalen Sinn für
alles übergingen, wovon ihre ersten Skulpturen mehr als einen handgreiflichen
Beweis liefern.
[GEJ.04_203,09] Im Tempel zu Ja bu sim bil
wurden in jeder der drei Abteilungen sieben Riesen als gewisserart Träger der
Decke abgebildet, das heißt in Stein gehauen, und zwar in jener Tracht, in der
die großen Reisenden aus der Luft angekommen sind; und die Ägypter, die vormals
nahe ganz nackt herumwandelten, haben angefangen, sich auch in solcher Art zu
kleiden, – aus welchem Grunde man denn auch bis auf den heutigen Tag alle die
alten Überreste also bekleidet erschaut. Ihre Mumien und Sarkophage sind voll
von derartigen Verzierungen.“
[GEJ.04_203,10] Fragt der Anführer, was denn
die alten Ägypter so ganz eigentlich unter den Sarkophagen verstanden und warum
sie die großen und auch kleineren sehr massiven Särge also benannt haben.
[GEJ.04_203,11] Sagt Raphael: „Das sollet ihr
sogleich und ganz gründlich vernehmen! Ihr wißt, daß es mit dem Begraben der
Leichname in diesem Lande zum größten Teile seine sehr geweisten Wege hat, da
in dem trocknen Boden ein Leichnam schwerlich in eine Verwesung übergeht und
die Fäulnis ihn nicht zerstören kann. In der feuchteren Nilnähe wollte man die
Toten aus dem sehr weisen Grunde auch nicht begraben, um des Stromes Wasser
nicht zu verunreinigen. Die Leichname also liegenlassen oder sie gar den
Wildtieren zum Fraße vorwerfen, dazu waren besonders die alten Ägypter zu viel
Mensch und achteten auch die Leichname der verstorbenen Brüder zu hoch, als daß
sie ihnen eine solche Unehre hätten antun können. Was war denn aber sonst zu
machen?
[GEJ.04_203,12] Seht, sie kamen auf einen
sehr gescheiten Einfall! Sie meißelten aus Stein zum Teil sehr große und später
aber auch ganz kleine Särge, in welchen höchstens ein, zwei bis drei Leichname
ganz bequem Raum hatten. Ein jeder Sarg ward mit einem verhältnismäßig großen
und schweren Deckel versehen. Wenn dann in einen solchen Sarg ein oder mehrere
Leichen hineingelegt wurden, nachdem sie zuvor mit Mum (Muma, auch Mumie, =
Erdharz, Erdbalsam) gut eingesalbt wurden, so ward dann der Deckel ganz
glühheiß gemacht und der Sarg mit dem glühheißen Deckel sozusagen für ewige
Zeiten zugedeckt. Dadurch wurden die Leichname im Sarge ganz vertrocknet und
bei sehr erhitzten großen Deckeln manchmal auch ganz verkohlt oder gar bis zu
Asche verbrannt.
[GEJ.04_203,13] Es gab in den größeren Orten
und Gemeinden aber auch allgemeine Särge, die alle sieben Jahre wieder zum Teil
aufgedeckt wurden. Diese wurden dann wieder mit Leichnamen nach und nach
gefüllt und ganz zugedeckt, worauf dann über dem Deckel ein tüchtiges Feuer angemacht
ward, wodurch die Leichname im großen Sarge natürlich zu Asche wurden. War ein
solcher Sarg voll Asche, so ward er dann nicht mehr eröffnet, sondern blieb zum
Gedächtnisse an die Vergänglichkeit alles Irdischen als ein verehrliches
Monument stehen.
[GEJ.04_203,14] Mit der Zeit baute man
Gewölbe und Pyramiden darüber, darum man noch heutzutage in der Gegend der
Pyramiden eine Menge solcher Särge in manchmal sehr engen und manchmal in
weiteren Gewölben (Kai-tu comba, das heißt verborgenes Gemach) findet. Diese
nun euch klar beschriebenen Särge hat man denn darum Sarkophage genannt, weil
nach der Urzunge der Ägypter Sarko ,glühend‘ und vaga (Vascha) ein
,Schwerdeckel‘ heißt.
[GEJ.04_203,15] Da hast du nun deine
Sarkophage; aber nun schreiten wir zur Enthüllung der vierten Perle und wollen
sehen, was uns diese alles enthüllen wird!“
204. Kapitel
[GEJ.04_204,01] Der Engel nimmt sie ganz
behutsam in die Hand und entkrustet sie.
[GEJ.04_204,02] Hier fragt der Anführer den Engel
und sagt: „O Wunderjunge, du dienstbarer Finger des Allerhöchsten, sei nicht
ungehalten, so ich dich mit einer Zwischenfrage belästige! Siehe, mich drückt
bei deiner sonstigen Wundermacht der Hammer! Ist er dir abolut notwendig, oder
bedienest du dich dessen bloß nur, um dich uns in einer größeren Natürlichkeit
zu zeigen, auf daß wir dir etwa furchtloser und ruhiger zusehen und zuhören
mögen!“
[GEJ.04_204,03] Sagt der Engel: „Keines von
beiden, – sondern das tue ich bloß darum nur, um euch zu zeigen, wie ihr bei
ähnlichen Vorkommnissen mit solchen Steinen zu verfahren haben sollet, um sie
zu enthüllen, so ihr irgend wieder welche vorfinden dürftet! Denn besonders in
Ober- und Mittelägypten finden sich eine große Menge solcher inkrustierter
Steine vor, und zwar in die Wüsten hin höchst verstreut; freilich werden
solcher Perlen wenige mehr darunter sein. Aber auch die andern Steine sind mit
allerlei Zeichen, Schriften und Abbildungen versehen; denn die alten Ägypter
hatten noch lange kein Papier zum Schreiben. Darum wurden Steinflächen benutzt,
um gar anfangs mit beinernen und später mit ehernen Griffeln allerlei zum
Gedächtnisse hineinzugraben.
[GEJ.04_204,04] Die urersten Aufzeichnungen
haben freilich wohl wenig anderes aufzuweisen als die ganz einfachen
Begebenheiten ihrer Herden; aber die späteren enthalten dann schon, so wie
diese Perlen, große und bedeutungsvolle Begebenheiten, nicht nur für dieses
große Land und Volk, sondern gleich für die ganze Erde. Denn der Herr wollte
es, daß dieses Land eine ganz tüchtige Vorschule für Seine Darniederkunft sei,
darum Er denn auch Sein innigst erwähltes Volk, die Hebraemiten in eine lange
anhaltende Schule nach Ägypten gesandt hat. Und Moses, der große Prophet des
Herrn, hatte im Horn des Kahi (Kahiro), in Theben (Thebai, auch Thebsai, =
Narren-Haus, später freilich eine große, volkreiche Stadt), in Kar nag zu Korak
und in den ältesten Städten Memphis, Diathira (Dia daira = Ort des
Frondienstes) und zu Elephantine (El ei fanti = die Nachkommen der Kinder
Gottes) seine Schulen durchgemacht und ward vom Geiste Gottes zu einer höchsten
Weihe erst in einem Alter von siebenundfünfzig Jahren zum Madan über den Sues,
als flüchtig vor einem grausamen Varion (Pharao), geführt, von wo aus ihr seine
spätere Geschichte in der Schrift lesen könnet.
[GEJ.04_204,05] Kurz, Ägypten war also von
Gott aus zu einer Vorschule bestimmt, und die Bewohner dieses ältest bewohnten
Landes der Erde waren schon vor ururalters mit vieler Weisheit begabt und
trieben auch Handel und Wandel mit nahezu allen besseren Völkern der Erde. Ihr
werdet es nun auch begreifen, wie und warum eben in diesem Lande alles, was da
vorgefunden wird, eine oft sehr tiefgreifende Bedeutung hat.
[GEJ.04_204,06] Und nun zu unserer enthüllten
vierten Perle!
[GEJ.04_204,07] Da erschauen wir mehrere
Abgebilde von Jägern mit Köcher, Bogen und Pfeil und eine große Herde, die von
Löwen umgeben ist. Dies bedeutet einen großen Kampf der Ägypter mit den Löwen,
die zu Zeiten in großer Anzahl die fetten Herden Ägyptens heimsuchten.
[GEJ.04_204,08] Und seht, mehr rechts von
dieser Szene ersehet ihr die Triften schon mit Mauern umfangen, und auf ihnen
liegen Stierköpfe, mit den Hörnern bald auf-, bald ab- und bald seitwärts
gewendet, was alles darauf hindeutet, daß die Herden vor den gewaltigen
Einfriedungen der großen Weidetriften stets in großer Gefahr ganz wehrlos sich
befunden haben. In den Ecken der Mauern ersehet ihr auch einen großen Hund, wie
zum Kampfe bereit, bald stehen, bald liegen; sein Name, den diesem wachsamen
Tiere die alten Ägypter gaben, heißt Pas, auch Pastshier (Hüter der Weide).
[GEJ.04_204,09] Hier, noch weiter rechts,
ersehet ihr wieder den Hirtenkönig Shivinz (Sphinx), an seiner Seite einen
riesenhaft großen Hund, und vor dem Hunde mehrere Stücke von dem Löwen. Noch
mehr rechts aber, mehr in der Höhe, ersehen wir denselben Hund, unter ihm das
Bild der Sonne und des Mondes. Was besagt das?
[GEJ.04_204,10] Hört! Unser Shivinz hatte als
ein König der Hirten im Ernste einen der größten Hunde, vor dem kein Löwe und
kein Panther seines Lebens sicher war. Dieser Hund hütete lange Zeit die Herden
des Shivinz. Als aber mit der Weile der Hund durch sein Alter umstand
(verendete), bestimmte Shivinz, aus Achtung und zum Andenken, sich dieses Tier
mit einem Sternenbilde am südlichen Himmel allzeit zu versinnbildlichen. Er
benannte das Sternbild mit dem bestimmenden Namen des großen Hundes, der
jahrelang des Königs Herde treu gehütet hatte. Daß der König seinen Hund unter
die Sterne versetzte, ist daraus ersichtlich, daß unter des Hundes Bauche Sonne
und Mond ersichtlich werden. Alles, wo unterhalb Sonne und Mond ersichtlich
stehen, befindet sich unter den Sternen sinnbildlich zum Andenken an etwas von
großer und gewichtiger Bedeutung.
[GEJ.04_204,11] Ein sehr großer und wachsamer
Hund ist heutzutage – besonders hierzulande, wo es nahezu gar keine reißenden
Tiere gibt – wohl nicht von irgendeiner besonderen Bedeutung; aber im alten
Ägypten, wo es ganze Herden von reißenden Bestien gab und teilweise noch gibt,
war ein großer, starker und mutiger Hund ein überaus großes Bedürfnis. Denn
fürs erste war ein solcher Hund der treueste Hüter der Herden. Seine Erhaltung
war eine ganz leichte, weil diese große Hunderasse sich gewöhnlich von den
unzählbar vielen Erdmäusen, an denen dies Land noch nie einen Mangel gehabt
hatte, nährte; auch fraßen sie die großen Heuschrecken in einem Tage zu
Tausenden. Nur einmal des Tages bekamen sie etwas Milch, und das machte, daß
sie der Herde getreu blieben.
[GEJ.04_204,12] Nebst den großen Hunden aber
waren bei den alten Ägyptern auch eine Art kleinerer Hunde gut gelitten; ihr
Name war Mal pas (kleiner Hund). Das waren die Lärmmacher; Poroshit heißt nach
der alten Zunge ,Zeichen-‘ oder ,Lärmmacher‘. Wenn etwas Fremdes sich einem
Hause oder einer Herde nahte, so fingen die kleinen Hunde schon an zu bellen;
das machte die großen aufmerksam, und diese fingen dann mit ihrem gewaltigen
Gebelle an, die Gegend für die wilden Bestien mit Respekt zu erfüllen, worauf
sich diese auch zurückzuziehen begannen.
[GEJ.04_204,13] Die kleinen Hunde waren
vielfach auch Hüter der Hühner und der Brut, wozu sie eigens abgerichtet
wurden. Das alles war eine Erfindung des Shivinz, der diese Vögel erst zu gar
nützlichen Haustieren gemacht und den Ägyptern gezeigt hatte, wie gut ihr Fleisch
und wie gar gut ihre gebratenen und gekochten Eier schmecken. So lehrte er die
damals schon sehr großzählig gewordenen Einwohner dieses großen Landes neue
Nährmittel und neue Herden kennen, deren Braten und Eier später gar nur zu gut
schmeckten, – ansonst nicht späterhin einmal ein ordentlicher Hühnerkrieg
ausgebrochen wäre, dessen sogar der griechische Geschichtsschreiber Herodot
mythischer Weise erwähnt.
[GEJ.04_204,14] Unser Shivinz, der den großen
Hund an den Himmel heftete, verschaffte auch dem kleinen eine Stelle unter den
Sternen und gab ihm den Namen Porishion (Prozion). In seiner Nähe befindet sich
die alte Kokla (Gluckhenne); später hat dies Sternbild auch den Namen Peleada,
auch Peleadza, und unter einer falschen Sage der Griechen von den Griechen den
Namen Plejaden erhalten.
[GEJ.04_204,15] Hier ganz zuoberst an der
Perle sehet ihr auch das ganz gut aufgezeichnet und könnet daraus erkennen, was
unser Shivinz für ein heller Kopf war. Ihm war es nicht so sehr darum zu tun,
um durch die leicht erkennbaren Sternbilder seine Hunde und Gluckhühner seinen
Jüngern stets ins Gedächtnis zu rufen, sondern sie nach den Sternen den Gang
der Zeit kennen zu lehren.
[GEJ.04_204,16] Der Shivinz war es auch, der
zu Diadaira (Diathira) den ersten Zodiacus (Sa diazc = für die Arbeiter)
errichtet hatte, ihn am Firmamente zuerst erfand und den Sternbildern nach den
gleichzeitigen Erscheinungen und Landesvorkommnissen den Namen gab, wie wir
solches sogleich an der enthüllten fünften Perle sehen werden!
205. Kapitel
[GEJ.04_205,01] (Raphael:) „Gebet nun recht
acht; da ist schon die fünfte Perle! Wie man derlei aufgefundene
Urzeitreliquien zu benützen hat und eigentlich wie zu enthüllen, habe ich euch
nun schon gezeigt, und so will ich die noch übrigen drei bloß durch meine
Willensmacht enthüllen, und sehet, – da haben wir schon die fünfte Perle
enthüllt vor uns!
[GEJ.04_205,02] Sehet gleich hier einen
Zodiacus von Diathira vor uns auf der Perle schönster und größter Fläche
gezeichnet! Da ist ein kolossaler Tempel; 365 Säulen von der massivsten Art
tragen einen ebenso massiven Bogen aus rötlichen Granitquadern, überaus
baukunstgerecht und höchst fest konstruiert. Die höchste Bogenspannung ist vom
Boden bei 66 Mannslängen hoch erhoben. Der ganze Bogen hat genau 365 Öffnungen,
die genau so angebracht sind, daß während der Dauer eines Himmelszeichens,
unter dem die Sonne sich befindet, ihr Licht auf den Mittelpunkt einer in der
Mitte des Tempels aufrecht stehenden Säule genau um die Mitte des Tages fallen
mußte. Das Licht durch die anderen fiel zwar auch auf den Altar zu den
verschiedenen Tageszeiten, ging aber schon nimmer durch den Mittelpunkt,
sondern einen oder mehrere Grade seitwärts.
[GEJ.04_205,03] Dieser äußerst sinnreich
konstruierte Bogen besteht auch noch heutigentags, wenngleich durch den Zahn
der Zeit etwas zernagt, und wird noch lange bestehen und den Sternkundigen zur
Richtschnur dienen.
[GEJ.04_205,04] Ihr fraget, zu welchem Nutzen
denn so ganz eigentlich der große Shivinz diesen Bogen sicher mit der größten
Mühe von der Welt aufgestellt habe? – Vordem bestand keine bestimmte
Zeiteinteilung. Das wenige Kürzer- oder Längerwerden des Tages merkte man kaum.
Der Mond war noch der sicherste und verläßlichste Zeiteinteiler. Zu Diathira,
als der Stadt der aus Zucht gemüßigten Arbeiter, mußte man eine bestimmte
Zeiteinteilung haben bei Tag- wie zur Nachtzeit, und zu dem Behufe und der
genaueren Ordnung halber hatte unser Shivinz denn auch diesen Bogen gemacht,
hatte daran aber zehn volle Jahre hindurch mit hunderttausend Arbeitern zu tun
gehabt.
[GEJ.04_205,05] Der Bogen war natürlich sehr
breit, und zu je 30 und 31 Rundöffnungen mit dem Symbole eines der zwölf
Himmelszeichen bemalt, über welchem gewöhnlich rotem Gemälde die Sterngruppe
weiß und ganz getreu aufgetragen war. Ihr sehet hier auf der Perle das Innere
des Bogens ganz gut mit feinen Linien, die dann mit einer dunkelroten Farbe
eingerieben wurden, gezeichnet, und ihr könnet euch nun wohl vorstellen, welch
ein geweckter Geist unser Shivinz war, und welch eine unbegrenzte Achtung die
Völker Ägyptens vor ihm hatten! Die Folge davon aber war auch eine derartige,
daß er nur zu winken brauchte, und Hunderttausende von Menschen fingen an, sich
mit aller Energie zu regen, und ein großartigstes Werk wurde dem Boden der Erde
entzaubert!
[GEJ.04_205,06] Die Weisesten aus dem Volke
machte er zu Lehrern und Priestern und errichtete allenthalben Schulen für alle
möglichen Fächer des menschlich nützlichen Tun und Treibens. Die höchste
Gottesgelehrtheit aber war nur in Kar nag zu Korak und am Ende zu Ja bu sim bil
im geheimen durch viele und harte Proben zu gewinnen.“
[GEJ.04_205,07] Hier fragte der alte Wirt
Markus, den Engel in seiner Erklärung unterbrechend: „Höchst lieblichster
Freund, weil du schon einmal in der Enthüllung deiner Perlen begriffen stehest,
möchtest du uns denn nicht auch erklären, was es denn mit jener höchst
sonderbaren Sphinx für eine Bewandtnis hat, die als Halbweib und als Halbtier
den Menschen das berühmte Rätsel stets auf Leben und Tod aufgab: was nämlich
das für ein Tier sei, das morgens auf allen vier, mittags auf zwei und abends
auf drei Füßen einhergehe? Wer das Rätsel nicht zu lösen vermochte, wurde von
der Rätselsphinx getötet; wer es aber lösen würde, von dem werde sich die
Sphinx töten lassen! – Ist daran wohl etwas faktisch Wahres oder nicht?“
206. Kapitel
[GEJ.04_206,01] Sagt Raphael: „Siehe da,
diese sechste Perle wird dir deine Frage beantworten! Dahier hast du sie
enthüllt; was erschauest du auf den ersten Blick?“
[GEJ.04_206,02] Sagt Markus: „Da sehe ich
abermals das kolossale Ebenbild des Shivinz und etliche Pyramiden; vor der
größten stehen zwei Spitzsäulen, Oubeliske genannt, und seitwärts der großen
Pyramide, in der Wirklichkeit vielleicht ein paar hundert Schritte entfernt,
was man aus dem Bilde wohl kaum bestimmen kann, ist ebenfalls wieder eine
ziemlich kolossale Statue ersichtlich. Diese hat einen Weibskopf, weibliche
Hände und eine weibliche, starke Brust. Wo die Brust aufhört, an der Stelle des
Bauches, fängt ein ganz unbestimmbarer Tierleib an. Hinter dieser sonderbaren
Statue ist weit gedehnt eine Kreismauer, durch die eine große Weidetrift
eingeschlossen ist. Das scheint ein Ganzes und Zusammengehörendes auszumachen.
– Was besagt das alles?“
[GEJ.04_206,03] Sagt Raphael: „Das kolossale
Brustbild ist eben der Shivinz, das das Volk, um den großen Wohltäter zu ehren,
aus eigenem Antriebe von den besten Meißlern und auch Maurern auf höchst eigene
Kosten hat ausführen lassen. Die große Pyramide mit den zwei Obelisken war ein
,Mensch, erkenne dich selbst!‘-Schulhaus. Sie hatte im Innern große Gemächer
und weithin laufende Gänge nach allen Richtungen, in denen allerlei sonderbare
Einrichtungen für die Selbsterkenntnis und daraus für die Erkenntnis des
allerhöchsten Geistes Gottes sich vorfanden. Die Einrichtungen sahen mitunter
gar grausam aus; aber sie verfehlten nur äußerst selten ihren Zweck. Die andern
Pyramiden sind zumeist nur Zeichen jener unterirdischen Stellen, allwo sich
eine Menge Sarkovage befanden, die übermauert worden sind, wie solches schon
ehedem gezeigt wurde.
[GEJ.04_206,04] In dieser Zeit aber finden
sich im weiten und überaus langen Niltale noch eine Menge von Pyramiden und
allerlei Tempeln vor, die viel später unter den Pharaonen zu Abrahams, Isaaks
und Jakobs Zeiten entstanden sind; von denen ist hier nicht die Rede, sondern
allein von jenen nur, die unter Shivinz gebaut wurden.
[GEJ.04_206,05] Piramidai war der eigentliche
Urname und besagte soviel als: ,Gib mir Weisheit!‘, und die beiden Spitzsäulen
besagten mit dem Namen Oubeloiska: ,Der Reine sucht das Erhabene, Schöne,
Reine‘. ,Belo‘ hieße eigentlich ,weiß‘; aber weil die ganz weiße Farbe bei den
alten Ägyptern als ein Zeichen des Reinen, Erhabenen und Schönen galt, so
bezeichnete man damit auch das Erhabene, Reine und Schöne.
[GEJ.04_206,06] Die gute Wirkung solcher
Schulen wurde bald weit und breit ruchbar, und es kamen bald Fremde zum Besuche
solcher Schulen, und derer waren so viele, daß sie nicht untergebracht und
versorgt werden konnten. Da ersann unser Shivinz in seiner letzten
Regierungszeit ein etwas ominöses Mittel, um die Fremden abzuhalten, damit sie
nicht zu häufig kämen zum Besuche der von ihm errichteten Schulen. Worin
bestand aber eben dieses Mittel?
[GEJ.04_206,07] Hier auf dieser Perle seht
ihr die halb menschliche und halb tierische Statue. Sie war hohl, und inwendig
konnte ein Mensch auf einer Wendeltreppe in ihren Kopf gelangen und aus dem
Munde der Statue, der nach abwärts trichterförmig ausgehöhlt war, ganz stark
und wohl vernehmlich reden, und es hatte der starken Stimme wegen auch den
Anschein, als hätte im Ernste die kolossale Statue geredet.
[GEJ.04_206,08] Wenn nun die Fremden dahin
kamen und in die Schule aufgenommen zu werden verlangten, so wurden sie von
einem Diener dieser Statue darauf aufmerksam gemacht, daß sie sich vor die
erhabene Statue, die außen tot, aber inwendig lebendig sei, auf einen
bestimmten Platz hinzustellen hätten, und zwar einer nach dem andern. Da bekam
ein jeder, der ein Jünger der Pyramiden werden wollte, von dem erhabenen
Shivinz eine rätselhafte Frage auf Leben und Tod. Hatte der Befragte das Rätsel
gelöst, so wurde er aufgenommen, und es war ihm mit der Aufnahme das Gegenrecht
erteilt, auch der Statue eine Gegenfrage zu stellen und im Falle, so die Statue
ihm keine befriedigende Antwort zu geben imstande wäre, dieselbe zu zerstören
und gewisserart zu ermorden.
[GEJ.04_206,09] Die Frage aber ward drei Tage
vorher den Klienten zum Nachdenken bekanntgegeben; am dritten Tage aber, wo sie
dieselbe Frage aus dem Munde der Statue auf Leben und Tod zu bekommen hatten,
ließ es sicher keiner darauf ankommen, sondern zog sich ganz bescheiden zurück,
zahlte die verlangte Vorfragetaxe und reiste in seine oft sehr ferne Heimat.
[GEJ.04_206,10] In eine spätere Zeit fallend,
sagt eine Mythe, daß es einem Griechen gelungen sei, das alte Rätsel zu lösen;
allein dies ist mit hunderttausend anderen wohl eine Fabel und entbehrt jeder
Wahrheit! Denn das berühmte Rätsel hat Moses gelöst, aber darum die Statue nicht
zerstört, indem auch diese Statue, wenn auch etwas zernagt durch den Zahn der
Zeit, noch heutigentags zu sehen ist.
[GEJ.04_206,11] Freilich kann nun die innere
Einrichtung nicht mehr aufgefunden werden, weil sie ganz versandet und
verschlammt ist; denn der Nil tritt gewöhnlich alle hundert, manchmal auch nach
zweihundert Jahren ganz ungewöhnlich stark aus, so daß er in den engeren
Talgegenden seine Wogen über dreißig Ellen hoch über den gewöhnlichen
Wasserstand hinwegtreibt. Dadurch wird vieles verwüstet und unbrauchbar
gemacht, weil da eine Menge Gerölles und Sandes und Schlammes über die früher
schönsten Fluren abgelagert wird.
[GEJ.04_206,12] Es hat nach der Zeit des
Shivinz zwei Nilfluten gegeben, deren Wogen hoch über die Spitzen der Pyramiden
hinwegtrieben. Eine solche Flut fand auch, von jetzt an gerechnet, vor 870
Jahren statt, durch die der Tempel von Ja bu sim bil nahezu bis zur Hälfte
versandet und verschlammt worden ist, und man hat ihn und viele andere
Denkmäler seit der Zeit nicht mehr ganz vom Sande und Schlamme zu reinigen
vermocht. Und so steht es nun auch mit unserer rätselhaften Statue; sie ist
inwendig voll verhärteten Schlammes und Sandes, den wohl niemand mehr ausräumen
dürfte! So, mein lieber Markus, verhält es sich in Wahrheit mit der
rätselhaften Sphinx! – Bist du nun darüber im klaren?“
[GEJ.04_206,13] Sagt Markus: „Hat es denn
wohl im Verlaufe von etwa tausend Jahren kein Beherzter gewagt, sich auf Kosten
seines Lebens von der Sphinx das bekannte Rätsel vorsagen zu lassen? Und so er
es getan hätte, was wäre ihm begegnet, wenn er ganz begreiflichermaßen das
Rätsel nicht gelöst hätte?“
[GEJ.04_206,14] Sagt Raphael: „Da war auf dem
Platze, auf den der Befragte zu stehen kam, eine Versenkung angebracht, mittels
welcher er in einen Brunnen schnell hinabzuversenken gewesen wäre; und wäre er
einmal unten, da hätten ihn dann etliche Diener ergriffen, ihn durch
unterirdische Gänge wegen seines Mutes, wenn er auch das Rätsel unrichtig
gelöst hatte, in die Schule gebracht, von der er nicht eher weggekommen wäre,
als bis er ein vollendeter Mensch geworden wäre. Aber es ist nie dazu gekommen;
und zu den Zeiten, als das Rätsel gelöst wurde, war diese uralte Einrichtung
schon derart verschlammt und versandet, daß sie völlig unbrauchbar war, und die
ersten Hirtenkönige und ihr Volk sind bis dahin schon lange von einem
phönizischen Volke gewisserart besiegt worden, und die Varaonen selbst zu
Abrahams Zeiten waren schon Phönizier.
[GEJ.04_206,15] Nun weißt du auch darüber
einen kurzen Bescheid, und wir gehen nun darum zur Enthüllung der siebenten und
letzten Perle über!
207. Kapitel
[GEJ.04_207,01] (Raphael:) „Sehet, da ist sie
schon! Was erschauet ihr darauf? – Ihr erschauet wohl etwas, aber ihr kennet
euch dabei nicht aus; es sind auf dieser sehr schönen Perle alle die
Sternbilder gezeichnet, und mit einer braunroten Farbe eingerieben, und sie
blieben unter der Kruste bis zur heutigen Stunde wohl erhalten.
[GEJ.04_207,02] Aus dieser Perle lernen wir
sonst nicht vieles und gar zu Besonderes; aber das entnehmen wir immerhin
daraus, daß unser Shivinz sich am gestirnten Himmel auskannte und er ganz
sicher der erste war, der die Sternbilder in ein gewisses System gebracht hat.
Und wie er die Sternbilder benamste, so werden sie noch bis auf die heutige
Stunde benamst!
[GEJ.04_207,03] Vor seiner Leitung sah es bei
den alten Ägyptern noch so ziemlich mager aus, sowohl mit dem Zeichnen und dem
daraus hervorgegangenen Schreiben, als auch mit einer richtigen Erkenntnis
seiner selbst, und noch magerer mit der Erkenntnis Gottes. Aber unser Shivinz
hat mit vieler, unsäglicher Mühe das alles geordnet und aus dem früheren wilden
Nomadenvolke eines der gebildetsten und weisesten Völker der ganzen Erde
gemacht, was ihm freilich mit der Zeit viele Neider erzeugte. Denn die Fremden
fanden nur zu bald ein zu großes Wohlgefallen an solch einer großartigsten
Landes- und Volkskultur; alles, was sie ansahen, kam ihnen gar himmlisch
wundersam vor, so daß sie sich, einmal dahin gelangt, nicht mehr davon trennen
konnten.
[GEJ.04_207,04] Je mehr dahin zu wallfahrten
anfingen, desto mehr siedelten sich auch mit der Zeit da an, und so geschah die
erste Unterjochung der Urvölker und ihrer Regenten zumeist auf einem ganz
friedlichen Wege.
[GEJ.04_207,05] Die Nachkommen des Shivinz
wurden stets zartere und verweichlichtere Menschen, ließen sich's gut
geschehen, pochten auf den Ruhm ihres Ahnvaters und ließen das
Regierungsgeschäft einen guten Mann sein. Die Folge davon war, daß dann bald
und leicht die eingewanderten Fremden, die da sehr viel Haare auf den Zähnen
hatten, von den Eingeborenen sogar zu Leitern und Führern erwählt und
eingesetzt wurden, und das alles ohne Schwert.
[GEJ.04_207,06] Das war zwar in einer
Hinsicht ganz gut und recht, aber die Ureingeborenen haben bei diesem Wechsel dennoch
nicht gar zuviel gewonnen. Denn die fremden Hüter (Varion; schlecht Pharaon)
bildeten nur zu bald eine bewaffnete Macht und wurden zu wahren Tyrannen und
Volksbedrückern. Die Schulen wurden nur wenigen mehr zugänglich, und was da
noch gelehrt wurde, war himmelweit verschieden von dem früher Gelehrten, warum
und aus welchem Grunde sich dann auch bald aus der vormals reinsten Wahrheit
die absurdesten Götzereien, verbunden mit der dicksten Finsternis,
herausgebildet haben, hinter denen die Urkultur dieses Landes wohl kaum –
selbst für große Weise – herauszufinden war.
[GEJ.04_207,07] Es sind darum diese sieben
Perlen von einem so unschätzbar großen Werte, weil sie noch aus einer Zeit
stammen, in der Ägypten in seiner höchsten geistigen Blüte stand, und sie
können darum nicht gut genug aufbewahrt werden!“
[GEJ.04_207,08] Fragt der Mohren einer, bei
welcher Gelegenheit diese Perlen denn hernach in den Sand des Nils gekommen
seien und sich in des Stromes Sand verloren hätten.
[GEJ.04_207,09] Sagt Raphael: „Habe ich euch
ja doch gezeigt, wie der Nilstrom in gewissen Zeiten zu einer wahren Sündflut
anwächst! Ungefähr 567 Jahre nach Shivinz bekam unser Nil eine rätselhafte
Höhe; in den Engen ging er über hundertsechzig Ellen über seinen gewöhnlichen
Wasserstand. Alle mehr in der Taltiefe liegenden Städte waren von der Flut auf
fünf Wochen gänzlich überspült, und bei dieser Gelegenheit wurden die Perlen
samt den Häusern, in denen sie aufbewahrt waren, von der Gewalt der Wogen
fortgetragen und gleich den Quadern, aus denen die Gebäude erbaut waren, vom
Schlamme und Sande bedeckt.
[GEJ.04_207,10] In den nahe dreitausend
Jahren ihres Begrabenseins hat sich denn auch eine solche Kruste herumgebildet,
wie ihr sie gefunden habt, und von welcher ich sie nun vor euch anfangs auf
eine ganz natürliche und nun später auf die mir mögliche wunderbare Art
enthüllt habe.
[GEJ.04_207,11] Nun wisset ihr auch dies und
habt an diesen sieben Perlen sieben Bücher, die euch nun und für alle Zeiten
eine ganz tüchtige Belehrung über das Land, welches zum Teil auch ihr bewohnet,
geben können und auch immer geben werden. Bewahret sie darum wohl auf; denn da
ist eine jede dieser Perlen viel mehr denn ein großes Königreich wert!
[GEJ.04_207,12] Vorderhand soll sie der
Oubratouvishar, als der offenbar Weiseste aus euch, in die Verwahrung nehmen;
und wird er einst diese Erde verlassen, so soll er bestimmen, wer fürderhin
würdig sein soll, diesen unermeßlichen Schatz in die Verwahrung zu nehmen. Wehe
einem Unwürdigen, der sich etwa aus Habsucht seiner bemächtigen wollte!
[GEJ.04_207,13] Ich, als ein Bote und
Willensausrichter Dessen, der dort sitzet, glaube zur Belebung eures Glaubens
nun des Wunderbaren zur Genüge getan zu haben; genügete euch das noch nicht, so
würde euch ein mehreres und weiteres auch nicht genügen! Glaubet ihr nun, daß
jener dort Sitzende Der ist, für den der große Shivinz und seine zwei Vorfahren
den großen Felsentempel von Ja bu sim bil errichtet haben?“
[GEJ.04_207,14] Sagen alle: „Ja, ja, ja, dir,
du wundermächtiger Bote des Herrn, sei es hiermit vollends bestätigt aus dem
tiefsten Grunde unseres Lebens!“
[GEJ.04_207,15] Mit dem verließ sie der
Engel, und Cyrenius fragte Mich, ob diese eigentlich ganz rein historische
Darstellung Ägyptens denn im Bereiche des Evangeliums aus Meinem Munde auch
eine Notwendigkeit sei.
[GEJ.04_207,16] Und Ich sagte zu ihm: „Eine
der größten! Denn es werden nach mehreren Jahrhunderten Forscher aller Art
aufstehen und dies Land klein durchsuchen, und sie werden vieles noch
vorfinden, von dem nun durch des Raphael Mund die Rede war. Das wird sie sehr
verwirren, wie es euch und schon eure nächsten Nachkommen auch sehr verwirren
würde; aber diese vollwahre Offenbarung wird euch auch hierin in allem
zurechtweisen. In der späteren Zeit aber werde Ich schon wieder Männer
erwecken, die den Menschen, den Suchenden und Forschenden, diese alten Rätsel
abermals enthüllen werden. – Nun aber wollen wir selbst zu ihnen hinübergehen
und ihnen geben das wahre Evangelium aus den Himmeln.“
[GEJ.04_207,17] Wir erhoben uns nun und
gingen zu den Mohren, die unser harreten.
208. Kapitel
[GEJ.04_208,01] Wir standen nun endlich, als
eben die schöne Morgensonne ihren natürlichen Lichtglanz wieder annahm, von
unserem Tische auf und begaben uns schnell zu den Mohren hin. Als Ich hinkam,
erhoben sich alle von ihrem langen Tische und machten vor Mir ihre
ehrfurchtsvollste Verbeugung mit quer über ihre Brust gelegten Händen.
[GEJ.04_208,02] Und der Anführer sagte mit
gut galiläisch-hebräischer Zunge: „Herr, Herr, Herr! Nun ist kein Ungläubiger
mehr unter uns! Jedes Wort aus Deinem heiligsten Munde wird für uns eine nie
ermeßbar große Gnade Deiner wahrhaftigsten Freundlichkeit und Erbarmung sein
für alle Zeiten der Zeiten, ja für die Ewigkeit!
[GEJ.04_208,03] So Du, ewig Heiligster, uns
Schwarzhäute einer näheren Belehrung über uns und unsere Pflichten und dann
auch über Dein Wesen für würdig hältst, so beglücke uns nur mit einigen Worten
aus Deinem Munde, und wir werden uns dadurch für alle Zeiten der Zeiten auch
noch in unseren spätesten Nachkommen für überglücklich fühlen, Dich als den
Schöpfer und Herrn aller Sinnen- und Geisterwelt gesehen und gesprochen zu
haben!
[GEJ.04_208,04] Jener Lichtglanz, den ich in
meinen Gesichten schaute als eine ewige Lebensglorie um Dein heiliges Wesen,
ist nun ersichtlich in Deiner großen Liebe, Freundlichkeit, und in Deiner
Weisheit, die ihresgleichen nicht hat in der ganzen Unendlichkeit.
[GEJ.04_208,05] Wir sind nun als willige
Lämmer, wenn auch mit schwarzer Wolle bewachsen; aber wie die schwarze Farbe
sicher mehr Lichtes und der Wärme in sich aufnimmt als die weiße – darum wir
auch weiße Kleider tragen, um die Überfülle des Lichtes und der Wärme von uns
hintanzuhalten –, so glaube ich auch, daß wir Schwarzhäute auch das heilige
Licht Deines Geistes tiefer und heftiger in unser Gemüt aufnehmen werden denn
gar viele, deren Fleisch in eine weiße Haut gehüllt ist, aber ihr Gemüt des
Geistes Licht ärger abstößt, denn unsere weißen Kleider das Naturlicht und
dessen Wärme, wie wir solche Beispiele genug im großen Memphis angetroffen
haben, die der Oberste ,bewegliche Lebensschatten‘ genannt hat. Diese leben
gleich den Tagesfliegen, die der Morgen erschafft und der Abend wiederum tötet.
[GEJ.04_208,06] Wir haben zwar auch nichts,
dessen wir uns vor Dir, o Herr, rühmen könnten; aber das wissen wir doch, daß
wir nicht mehr als Menschen sind, und daß wir alle Werke eines und desselben
Schöpfers sind und uns daher auch nie einbilden können, daß einer vor dem
andern etwas voraus hat, als wäre er im Ernste irgendein herrschender Halbgott,
wie wir solches bei den Weißen gesehen haben, wo sich einer als ein Herr dünkte
und alle andern sich bis zur Erde vor ihm beugen mußten, und die es nicht
taten, sogleich mit Ruten gezüchtigt wurden. Herr, diese Tugend der Weißen
gefiel uns durchaus nicht, und es schaut in solcher Zucht sehr wenig von
irgendeiner Weisheit heraus!
[GEJ.04_208,07] Wir schlagen unsere Kinder
nie, auch kein Tier; aber wir haben Geduld und Ausharrung und üben unsere
Kinder beständig in allem, was wir als gut, wahr und notwendig erkannt haben.
Werden unsere Kinder dann groß, kräftig und verständig, so behandeln wir sie
nicht mehr als unsere zeitlebigen Sklaven, sondern als unsere mit uns ganz
ebenbürtigen Brüder und Menschen, die gleich uns Eltern mit allen Lebensrechten
aus der Hand Gottes hervorgegangen sind. Und dennoch lieben uns unsere Kinder
überaus, und nie versündigt sich irgend ein Sohn oder eine Tochter je gegen
Vater und Mutter!
[GEJ.04_208,08] Bei den Weißen sahen wir die
Kinder aus Furcht kriechen und gleich Hunden winseln vor dem strengen
Angesichte ihrer Eltern! Man hätte da auf den Glauben kommen sollen, daß auf
diese Weise Engel erzogen werden. Wie aber dann solche Kinder bei Gelegenheiten
aus den Augen der Eltern gerieten, da waren sie ausgewechselt und hätten ganz
bequem für Jünger der Teufel gehalten werden können, wie wir von derselben
bösesten Anwesenheit in den argen Klüften der Erde vom Obersten in Memphis
Kunde erhalten haben. – Für solch eine Zucht der Menschen möchten wir uns für
ewige Zeiten bedanken!“
209. Kapitel
[GEJ.04_209,01] (Oubratouvishar:) „Bei uns
besteht eine wahre Zucht darin, daß wir zuerst das Gemüt unserer Kinder soviel
als möglich nach unserer Art und Weise veredeln; und ist das Gemüt einmal in
der Ordnung, so bekommt dann auch der Verstand diejenige Bildung, die wir
selbst besitzen. Aber die Weißen fangen an, ihre Kinder, sobald sie nur zu
lallen anfangen, beim Verstande zu bilden, und meinen, wenn das Kind nur einmal
einen vollkommen ausgebildeten Verstand habe, so werde dann schon dieser für
das Gemüt Sorge tragen!
[GEJ.04_209,02] O Herr, wie dumm die vielen
Weißen in dieser Hinsicht doch sind, daß sie das nicht einsehen, daß ein
vorausgebildeter Verstand stets ein Mörder des Gemütes ist! Denn der pure
Verstand macht das Kind einbilderisch und hochmütig; wo aber Einbildung,
Eigendünkel und Hochmut einmal das Gemüt in den Besitz genommen haben, da soll
dann nur jemand versuchen, dasselbe umzugestalten, und er wird sich ehest
überzeugen, daß sich ein alter, krummgewachsener Baum nimmer gerade machen
läßt.
[GEJ.04_209,03] Wir haben bei uns keine
Gerichte, keine Gerichtshäuser und keine Gefängnisse und keine Kerker, aber
auch keine anderen Gesetze als die, die ein wohlgebildetes Gemüt dem Menschen
vorschreibt. Darum aber gibt es bei uns keine uns irgend bekannte Sünde und
kein irgendeinen Namen habendes Verbrechen und somit auch keine Strafe, denn
wie ein jeder von uns für sich denkt, geradeso und eher noch besser denkt er
für seine Nebenmenschen.
[GEJ.04_209,04] Bei den weißen
Verstandesmenschen aber haben wir gerade das Gegenteil gefunden. Nahe die
meisten halten nur auf sich alles und auf die Nebenmenschen nur so viel, als
sie der Selbstsucht des einen irgend nützen können. Sieht der selbstsüchtige
Eine, daß ein oder der andere Nebenmensch keinen Nutzen schaffen kann oder
will, so ist dem einen jedes Tier lieber denn ein solcher Nebenmensch!
[GEJ.04_209,05] Bei uns aber schätzt man den
Menschen zuerst als Menschen. Kann ein Nächster mir nichts nützen, so kann doch
ich ihm nützen, und so hebt sich das auf. Ich habe auch einen Diener; aber ich
habe ihn nicht durch was immer mir zu dienen gedungen, sondern es ist das sein
vollkommen freier Wille. Wir dienen uns gegenseitig sicher mehr, als sich je
die Weißen gedient haben um den elenden Verpflichtungssold; aber keines
Menschen Wille ist durch irgendein äußeres Mittel zum Sklaven eines andern
gemacht worden, sondern was er tut, das tut er frei und vollkommen ungebunden!
[GEJ.04_209,06] Wir haben darum keine Paläste
und große, gemauerte Wohnhäuser, sondern ganz einfache Hütten von ganz gleichem
Aussehen. Wer da noch keine hat und hat auch nicht Raum, in einer oder der
andern Hütte untergebracht zu werden, der muß sich nicht etwa selbst aus seinen
Kräften und Mitteln eine neue Hütte erbauen oder zu einer weit entlegenen
Gemeinde darum betteln gehen, sondern wir erbauen ihm freiwillig aus Liebe und
Achtung vor seiner uns ganz gleichen Menschheit sogleich eine gleiche, wie die
unsrigen sind; und so besteht Friede und Einigkeit stets im gleichen Maße unter
uns.
[GEJ.04_209,07] Diese unsere Hausordnung ist
den Weißen, soviel wir sie leider kennen gelernt haben, ganz fremd, und einige
haben sie uns ins Gesicht geradewegs als eine aller Kultur widerstrebende
Narrheit erklärt. Aber wie ist es denn hernach, daß unserem Einwillen alle
Tiere und sogar die Elemente gehorchen, während die Weißen bei aller ihrer
Verstandeskultur sich keiner Löwenherde nahen dürfen?! Wehe dem verwegensten
Kämpfer mit dem Schwerte! Er soll es nur versuchen; schon ein Löwe wird es ihm
zeigen, daß er sein und nicht der Kämpfer des Löwen Herr ist!
[GEJ.04_209,08] Wir aber können unter Löwen
und Panthern umhergehen wie unter unseren Kamelen, Rindern und Schafen und
Ziegen und wissen um keinen Fall, daß sich eine solche Bestie je an einem
Menschen vergriffen hätte, – aber auch an unseren Herden nie; denn sie bekommen
deren Fleisch erst dann zum Fraße, wenn Tiere unserer höchst zahlreichen Herden
vor Alter umgestanden (verendet) sind. Da hat eine jede Gemeinde in einer
gewissen Ferne einen Ort, an den sie nahezu täglich ein oder auch mehrere
umgestandene Tiere hinbringt, und da kommen dann auch gleich die scharfzähnigen
Kostgänger und verzehren die toten Tiere samt Haut und Haaren und Knochen. Denn
niemand bei uns ißt ein Fleisch, außer das der Fische und der Hühner, solange
sie noch jung und mürbe sind; die alten werden auch den wilden Tieren
überlassen.
[GEJ.04_209,09] Was vermag ein Weißer, so er
ins Wasser gefallen ist, bei aller seiner Verstandesbildung? Er sinkt unter und
ertrinkt! Wir aber können, wann und wo wir wollen, über einen Wasserspiegel
ebenso hinwegwandeln wie über ein trockenes Land. Nur so es jemand will, kann
er auch untertauchen; aber es kostet ihn so etwas stets eine rechte Mühe und
Anstrengung.
[GEJ.04_209,10] Alle Schlangen, die da giftig
sind, fliehen unsere Nähe; Mäuse und Heuschrecken haben wir erst in Ägypten
kennengelernt; die bösen Ameisen scheuen unsere Nähe und unsere Hühner, und
Geier und Adler sättigen sich mit dem Fleische krepierter Löwen, Panther und
Füchse.
[GEJ.04_209,11] Und so scheint bei uns
Schwarzen bis jetzt noch eine solche Ordnung zu bestehen, wie sie unter
Menschen, welcher Hautfarbe sie auch seien, nach dem Willen des Schöpfers von
Uranbeginn sicher bestand und hatte bestehen müssen; denn wäre das erste
Menschenpaar in der schlechten Ordnung der gegenwärtigen Weißhautmenschen auf
diese Erde gesetzt worden, so möchte ich denn doch wissen, wie es sich gegen
den Anfall von allerlei wilden und reißenden Tieren verteidigt hätte!
[GEJ.04_209,12] Denn bevor das erste
Menschenpaar diese Erde betrat, hat es von allerlei reißenden und grimmigen
Tieren gewimmelt, wie uns solches der weise Oberste in Memphis ganz klar
gezeigt hat. Wäre also das erste Menschenpaar nach der Lehre des Obersten so
schwach in allen seinen Lebenselementen gewesen, wie da nun sind die jetzigen
Weißhäute, wie oftmals wären denn sie von ganzen Herden der wildesten Bestien
zerrissen und aufgefressen worden?! Sie hätten nur in den massivsten ehernen
Kleidern und mit den schärfsten Waffen versehen, als überaus kräftige Riesen,
etwa gleich jenen, die vor Shivinz Ägypten heimgesucht haben, aus der Luft auf
diese Erde kommen müssen, so sie es in natürlicher Kraft mit diesen Bestien
hätten aufnehmen wollen, – und selbst da hätten sie noch genug zu tun bekommen,
um mit den riesenhaften Ungeheuern einen Kampf glücklich zu bestehen!
[GEJ.04_209,13] Aber wenn die Urmenschen
dieser Erde mit all ihren inneren Lebenselementen uns glichen, dann natürlich bedurften
sie keiner Waffen und waren mit ihrer Gemütskraft Herren und Regenten aller
Tier-, Pflanzen- und Elementenwelt!
[GEJ.04_209,14] Ich meine denn, weil wir alle
also sind, so dürften einige Deiner an uns gerichteten Worte des Lebens in unserem
Leben ganz tiefe Wurzeln fassen! Und gibst Du, o Herr, uns irgend Gesetze oder
Regeln des Lebens, so werden wir sicher ganz streng danach leben; denn darauf
verstehen wir uns, eine einmal als gut und wahr erkannte Ordnung zu halten, wie
vielleicht nur selten einer der Weißen.
[GEJ.04_209,15] Da wir denn nun schon das
außerordentliche Glück haben – das selbst Deinen größten Engeln ein Wunder
aller Wunder sein muß –, bei Dir, o Herr, Du Ewiger, Du Schöpfer aller Geister-
und Sinnenwelt, zu sein, so bitten wir Dich durch meinen Mund, eines Herzens
und in allem vollkommen eines Sinnes, zu all dem Wunderbaren, das wir hier in
kürzester Frist zu Gesichte bekamen, noch das Wunder hinzuzufügen, daß Du mit
uns einige Worte reden möchtest!“
210. Kapitel
[GEJ.04_210,01] Sage Ich: „Nicht nur einige,
sondern noch gar viele Worte werde Ich nun an euch richten! Ich werde euch
keine neuen Gesetze geben, sondern nur bekräftigen die alten, die schon seit
dem Beginne der Zeiten eures Seins Ich selbst in euer Herz mit unverwüstbarer
Schrift eingegraben habe.
[GEJ.04_210,02] Ich bin eigentlich und
hauptsächlich darum in diese Welt gekommen, um die gänzlich entartete und aus
aller Meiner ursprünglichen Ordnung getretene Menschheit wieder durch Lehre,
Beispiele und Taten auf denjenigen Urzustand zurückzuführen, in welchem die
ersten Menschen als wahre Herren aller andern Kreatur sich befanden.
[GEJ.04_210,03] Diese Menschen mit heller
Hautfarbe bedürfen sonach sehr Meiner Lehre und Meiner Taten, auf daß sie
erkennen, wer Der ist, der sie lehret, und was Er will. Ihr aber befindet euch
noch in dem herrlichen Urzustande. Eure Lebensschule fängt mit den rechten
Mitteln auch am rechten Orte an. Ihr fanget den Menschen dort zuerst als
Menschen zu bilden an, wo er zuerst und vor allem gebildet werden muß, und dies
sollen in der Folge die Weißen auch; denn Ich zeige ihnen nun den Weg dazu.
[GEJ.04_210,04] Aber es wird noch vieler
Mühen, Lehren und Taten und Zeiten bedürfen, bis diese Weißen dahin kommen
werden, wo ihr nun stehet. Sie sind die Verirrten, Verkehrten und Verlorenen,
die zurechtgebracht werden müssen; sie sind krank und bedürfen darum des
Arztes, der sie heilen kann.
[GEJ.04_210,05] Ich hätte ja zu euch auch
kommen können, da ihr nun doch ums unvergleichbare besser seid denn die Weißen;
aber ihr habt Meiner Hinkunft zu euch noch nie bedurft. Aber Ich bedurfte nun
euer als Zeugen Meiner Urordnung hier und ließ euch durch Meinen Willen also
leiten und am Ende sogar drängen hierherzukommen, damit diese Weißen sehen
sollen, was der Mensch in seinem unverdorbenen Urzustande ist und sein soll.
[GEJ.04_210,06] Darum aber werdet ihr nun vor
diesen Menschen einige Proben eures noch ganz echten Urmenschentums zur
Belehrung dieser eurer vielen blinden und noch sehr verkehrten Brüder ablegen!
Es gibt schon einige darunter, die der Vollendung sehr nahe sind; aber keiner
von ihnen ist als Mensch so weit wie irgend der Geringste von euch! – Wollet
ihr Mir zuliebe das tun?“
[GEJ.04_210,07] Sagt Oubratouvishar: „O Herr,
dessen Liebe, Güte und Erbarmung schon jetzt auch jene Räume der Unendlichkeit
erfüllet, in denen erst nach verlaufenen Ewigkeiten neue Schöpfungen Deinen
allerheiligsten Namen in tiefster Zerknirschung preisen werden, was sollten wir
nicht sogleich mit der größten Ergebung in Deinen heiligsten Willen tun wollen?
Alles, alles! O Herr, gebiete nur über uns!“
[GEJ.04_210,08] Sage Ich: „Nun denn, so
zeiget zuerst eure urmenschliche Herrlichkeit über das Element des Wassers und
wandelt auf dessen Oberfläche wie auf einem trockenen, festen Boden, und zeiget
auch eure große Behendigkeit auf dem feuchten Felde!“
[GEJ.04_210,09] Sogleich berief der Anführer
bei sechzig an der Zahl seiner kohlschwarzen Gefährten und fragte Mich, ob es
deren genug seien. Ich bejahte, und die sechzig beiderlei Geschlechts begaben
sich an das Meer und wandelten auf der Oberfläche desselben also fort wie zuvor
auf trockenem Boden. Am Ende machten sie einige Ausgleitevolutionen und
schossen mit einer solchen Schnelligkeit auf der ziemlich ruhigen Oberfläche umher,
daß sie keine Schwalbe auch im schnellsten Stoßfluge eingeholt hätte. In
einigen Augenblicken waren sie schon so weit von uns entfernt, daß wir sie
nicht mehr erschauen konnten, und kamen in eben wieder einigen Augenblicken mit
einem orkanähnlichen Gebrause ganz nahe ans Ufer.
[GEJ.04_210,10] Dem Cyrenius stiegen
ordentlich die Haare zu Berge, als die sechzig wie geschleudert dem Ufer
zuschossen; sie kamen aber dennoch dem Gestade nur auf fünfzig Schritte nahe
und blieben da plötzlich stehen. Nur der Anführer ging zu Mir her aufs Land
ganz leichten Atems und fragte Mich, ob sie noch mehrere Produktionen auf dem
Wasser anstellen sollten.
211. Kapitel
[GEJ.04_211,01] Sagte Ich: „Noch etwas
weniges, das ihr kennet, zum Beispiel was ihr während eines flammenheißen
Windzuges auf dem Wasser tut, und wie ihr Fische fanget!“
[GEJ.04_211,02] Der Anführer begibt sich
schnellst wieder zu den sechzig und gibt ihnen Meinen Wunsch kund, und auf
einmal fallen alle auf ihre Angesichter, respektive aufs Wasser, und liegen
einige Augenblicke so ruhig wie trockene Stücke Holz auf demselben. Bald darauf
aber werden sie sehr unruhig und fangen an, sich ganz ausgestreckt und überaus
schnell um ihre Achse zu drehen.
[GEJ.04_211,03] (Der Herr:) „Dieses geschieht
darum, daß sie stets gehörig naß an allen Körperteilen verbleiben, um vom
glühenden Kamb'sim (Wohin fliehe ich?) nicht verbrannt und gebraten oder zu
Asche verbrannt zu werden; denn der Kamb'sim (auch Kam beshim = ,Wohin fliehe
ich nun?‘) ist wohl der bei weitem heißeste Wind der Wüsten Nubiens und
Abessiniens. Der Samum (,fürs Pech‘ = der Wind zum Erdpech schmelzen machen)
ist bei weitem nicht so heiß wie der Kamb'sim. Noch weniger heiß ist der
Giroukou (der über die Weiden her wehende Südostwind), der in Memphis, weil
über die gerade in solcher Richtung von der Stadt aus gelegenen großen Weiden
Giri herkommend, schon im grauesten Altertume also benannt worden ist. Aber so
warm waren beide Winde außer dem Kamb'sim, daß sich die Menschen in die
feuchten Höhlen vor ihnen zurückzogen.
[GEJ.04_211,04] Was sie nun machen auf dem
Wasser, das tun sie nur bei Gelegenheit des Kamb'sim; und geht er lange, und
nimmt er an Heftigkeit zu, dann erst fangen sie an, unters Wasser zu tauchen,
also wie sie es nun zeigen. Aber sie können nie zu lange unterm Wasser
verbleiben, weil ihre starke Innen- und Außenlebenssphäre ihren Leib spezifisch
leichter macht, als da ist das Wasser.
[GEJ.04_211,05] Nun aber sitzen sie auf dem
Wasser und werden uns in dieser Stellung zeigen, wie sie Fische fangen! Seht,
durch die starke Macht ihres Willens treiben sie die Fische von weit her zu
sich! Diese nehmen sie mit der Hand aus dem Wasser und legen deren nach ihrem
Bedarf in ihre aufgebogenen Vortücher, die sie stets um ihre Lenden gebunden
tragen, und fahren damit in der sitzenden Stellung schnell ans Ufer. Ihre Segel
und ihre Ruder bestehen allein in ihrem Wollen; sobald sie auf dem Wasser eine
Bewegung schnellerer Art machen wollen, so wollen sie das in aller ihrer
ungezweifelten Glaubensfestigkeit, – und es geht alles, wie sie es wollen!
[GEJ.04_211,06] Seht, nun haben sie schon
gefischt und werden nun damit, in dieser ihrer sitzenden Stellung über des
Wassers Oberfläche fahrend, pfeilschnell hier am Ufer sein! Seht, nun fahren
sie schon ab und sind aber auch schon am Ufer! Sie stehen nun schnell auf und
tragen ihre Beute zu uns her.
[GEJ.04_211,07] Markus, sage es deinen
Söhnen, daß sie die vielen und sehr edlen Fische sogleich versorgen mit Wasser,
sonst stehen sie ab!“
[GEJ.04_211,08] Als die Schwarzen die
Vortücher voll lebender Fische zu uns bringen, führt sie Markus selbst an einen
Fischbehälter, in den sie ihre Fische, bei etlichen hundert an der Zahl,
hineinlassen. Sie begeben sich darauf schnell wieder zu Mir hin.
[GEJ.04_211,09] Und der Anführer richtet
sogleich folgende Worte an die Weißen und sagt: „Das, ihr weißen Brüder, was
wir nun ausführten, scheint euch ganz fremd und noch nie dagewesen zu sein?
Allein es ist bei uns ganz einfachen Naturmenschen alles das, was wir nun vor
euch auf dem Wasser machten, etwas so ganz Natürliches wie bei euch das
Schauen, das Hören, das Riechen, Schmecken und Fühlen.
[GEJ.04_211,10] Der seelisch verhärtete und
verkehrte Mensch wird auch dem Leibe nach um vieles schwerer und gleicht stets
mehr und mehr einem Steine, der auf dem Wasser nicht schwimmend bleibt, weil er
schwerer ist denn das Wasser. Wir aber gleichen dem Holze, dessen innere
Lebensgeister schon um vieles freier sind denn jene stark gerichteten was immer
für eines Steines.
[GEJ.04_211,11] Habet acht, lasset einen
Gemütsmenschen, der aber keinen Hochmut und keine herrschgierige Eigenliebe in
seiner Brust gefühlt hat, herkommen; er soll sich dem Wasser überlassen, und
ich stehe dafür, daß er nicht untergehen wird! Stellet aber daneben auch einen
herrschsüchtigen und sehr selbstliebischen Menschen auf das flüchtige Element,
und er wird untergehen wie ein Stein! Er müßte nur sehr fett sein – was bei
sehr Selbstsüchtigen wohl schwerlich je der Fall ist –, da würde ihn dann das
Fett eine Zeitlang so ziemlich bis allenfalls zwei Drittel seines Leibes – das
heißt, wenn er sehr gemästet fett wäre! – über dem Wasser erhalten; aber im
gewöhnlichen Fleischstande sinkt er unter wie ein Stein.
[GEJ.04_211,12] Bei uns gilt das Wasser darum
auch als eine gute Probe für die innere Echtheit eines Menschen. Den das Wasser
nicht mehr so recht füglich trägt, dessen Gemüt hat sicher irgendeinen Schaden
erlitten, und es wird ihm das Element nicht freundlich sein und ihm nicht jeden
erwünschten Dienst erweisen. Wie wir nun aber sicher mit der ersichtlichsten
Ungezwungenheit uns auf dem Wasser umherbewegten und auch gezeigt haben, daß
die Tiere im Wasser unserem Willen untertan sind vom Anbeginne unseres Seins,
so war es auch bei und mit den Urmenschen der Fall. Für sie waren Ströme, Seen
und sogar das Meer kein Hindernis, über die ganze Erde hinzuwandeln; sie
benötigten weder der Schiffe noch der Brücken. Ihr aber werdet oft samt euren
Schiffen und Brücken vom Wasser verschlungen, und nicht eine Wassermücke
gehorcht eurem Willen! Wie weit entfernt seid ihr demnach von der echten
Menschheit!
[GEJ.04_211,13] Ihr müßt allerlei Waffen
haben, um einen Feind in die Flucht zu schlagen; wir haben uns deren noch
niemals bedient. Bis auf diese Zeit hatten wir auch nicht ein anderes als nur
ein beinernes Schneidewerkzeug, durch dessen Hilfe wir uns unsere Hütten und
unsere Kleider auf eine ziemlich mühsame Art bereiteten; aber darum gingen wir
doch nie völlig nackt einher, und unsere Mühe ist uns noch nie sauer geworden.
Wenn wir von euch die nötigsten Werkzeuge mitbekommen werden, so werden wir uns
deren aus desto gesteigerter Nächstenliebe bedienen; aber als irgendeine Waffe
werden sie uns nie Dienste leisten, dessen ihr ganz versichert sein könnet!
[GEJ.04_211,14] Nun aber machet ihr eine Probe
auf dem Wasser, und zeiget, wie lebenstüchtig ihr schon seid!“
[GEJ.04_211,15] Es rauchte diese Sprache ganz
heimlich den Römern wohl so ein wenig in die Nase, aber sie drückten es, wie
man sagt, so ganz gutwillig hinab.
212. Kapitel
[GEJ.04_212,01] Der Anführer aber fragte
Mich, ob sie noch etwas den weißen Menschen Ungewöhnliches leisten sollten.
[GEJ.04_212,02] Sagte Ich: „Ja, Meine lieben,
alten Freunde! Seht dort oben, etwa fünftausend Schritte gen Mittag hin am
Meere ersehet ihr einen Hügel, der gegen das Meer sehr steil abfällt. Dieser
ist ganz durchwühlt von sehr giftigen Schlangen und Nattern, und ihr sollet Mir
diese Bestien vertreiben! Wir alle werden euch dahin geleiten!“
[GEJ.04_212,03] Sagt der Anführer: „Herr, Du
Allmächtiger! Wenn es sich nur um die Vertreibung handelt, da kostet es Dich ja
nur einen Gedanken, und der Hügel ist frei von all dem Geschmeiße für alle
Zeiten der Zeiten; aber so es sich auch hier nur um ein Beispiel handelt,
welche Kraft in der echten Urmenschheit verborgen ist, so tun wir das wie alles
nach Deinem höchst heiligsten Willen!“
[GEJ.04_212,04] Sage Ich: „Es versteht sich
ja von selbst, daß Ich das nur des Beispieles wegen von euch verlange; darum
gehen wir!“
[GEJ.04_212,05] Wir brachen auf und bewegten
uns ganz schnell zu dem beschriebenen Hügel und erreichten denselben nach einer
halben Stunde Zeit. Dort angelangt, ward der ziemlich ausgedehnte Hügel ganz
lebendig von lauter Schlangen und Nattern; es entstand da ein Gezische und ein
nahe unerträgliches Gepfeife, daß man darob kaum sein Wort verstehen konnte.
Alle diese vielen tausend Bestien eilten ins Meer und schwammen pfeilschnell
über das weite Wassergewoge, und in wenigen Augenblicken war der Hügel rein.
[GEJ.04_212,06] Der Anführer aber trat zu Mir
hin und sagte: „Herr, alle Schlangen und Nattern, von den ältesten bis auf die
erst aus dem Ei gekrochenen, sind fort; aber noch einmal so viele stecken in
den Eiern! Wer wird diese aus den vielen Löchern und inneren Nestern holen?
Denn kommen diese nicht auch heraus, so ist in einem halben Jahre dieser Hügel
von neuem ebenso belebt, wie er bis jetzt war! Wer wird den Hügel dann
reinigen?“
[GEJ.04_212,07] Sage Ich: „Habt ihr denn gar
kein Mittel, auch diese zu vertilgen?“
[GEJ.04_212,08] Sagt der Anführer: „Außer dem
Ich nei maon (,Gift hat er keins‘) wissen wir alle um keines! Man müßte denn
den ganzen Hügel lange überheizen. Dadurch wäre auf natürlichem Wege eine
Zerstörung auch der Nester und Eier möglich. Aber der bessere Weg wäre
natürlich Dein Wille oder auch der Deines Dieners! Wir aber besitzen vorderhand
kein anderes Mittel; denn hier verbleiben, um durch unseren bleibenden
Außenlebenskreis die Bestien zu ersticken, können wir nicht.“
[GEJ.04_212,09] Sage Ich: „Lasset das gut
sein! Ihr habt euer Wunder schon geleistet, und mehr forderte Ich ja nicht von
euch; das werde schon Ich in die Ordnung bringen! Da aber nun dieser Hügel frei
ist von seiner bösen Einwohnerschaft, so wollen wir ihn besteigen, und ihr
werdet uns noch einige Proben von eurer menschlichen Tüchtigkeit ablegen!“
[GEJ.04_212,10] Darauf bestiegen wir den
Hügel, der auf seinem recht breiten Scheitel mindestens zweitausend Menschen
aufnehmen konnte. Als wir auf der Höhe, etwa tausend Fuß über dem
Wasserspiegel, uns befanden, da zog hoch in der Luft eine große und lange Reihe
Kraniche.
[GEJ.04_212,11] Und Ich sagte zum Anführer:
„Freund, sind euch auch diese Vögel noch untertan?“
[GEJ.04_212,12] Sagte der Anführer: „Dies ist
uns ein fremdes, früher noch nie gesehenes Geschlecht; aber ich zweifle keinen
Augenblick, daß auch diese unser Wollen verspüren und sich dann auch danach
richten werden!“
[GEJ.04_212,13] Hier sah der Anführer seine
Gefährten an und sagte: „Wollet mit mir, auf daß wir erfüllen des Herrn
Willen!“
[GEJ.04_212,14] Sobald der Anführer solches
ausgesprochen hatte, fingen die Kraniche an sich zu senken und waren in wenigen
Augenblicken auf dem Hügel unter den Schwarzen; aber die Weißen mieden sie.
Gleich darauf bedeutete der Anführer den Kranichen, weiterzufliegen, und sie
flogen auf und davon.
[GEJ.04_212,15] Und es flogen abermals hoch
in der Luft ein Paar Geier von riesiger Größe und fingen an, zu kreisen über
unseren Häuptern.
[GEJ.04_212,16] Da sagte der Anführer zu den
Weißen: „Rufet nun ihr es herab, das kreisende Paar!“
[GEJ.04_212,17] Sagt Cyrenius zum Anführer:
„Aber wozu dieses denn doch ein wenig hochmütig aussehende Auffordern an uns?
Denn du weißt es nun ja ohnehin, daß wir sehr verkehrt gewordenen Menschen
solcher urmenschlichen Taten nicht mehr fähig sind! Erfülle du nur des Herrn
Willen; für alles andere wird schon der Herr, und nach Seiner Lehre auch wir,
nach Möglichkeit sorgen!“
[GEJ.04_212,18] Sagt der Anführer: „Du
meinst, daß ich an euch Weiße die Aufforderung zur Herablockung der noch über
uns schwebenden beiden Geier aus einer Art Selbsterhöhungsgefühl gemacht habe?
Oh, mit solch einer Meinung von mir irrest du dich sehr! Ich machte an euch
weiße Brüder die Aufforderung, um euch eurer großen Verkehrtheit, für die ihr
am Ende freilich wenig oder nichts könnet, desto lebenstiefer zu erinnern, was
da niemandem von euch etwas schaden kann!
[GEJ.04_212,19] Wie sollen wir uns denn
unserer natürlichen Eigenschaften rühmen können?! Oder rühmet ihr euch eurer
Sehe oder eures Gehöres irgendwann?! Denn könnten wir je stolz auf unsere euch
wunderbar scheinenden Eigenschaften werden, so besäßen wir sie schon lange
nicht mehr; weil aber das bei uns etwas Unmögliches ist, so besitzen wir unsere
wunderbar scheinenden Eigenschaften gleich fort und fort, wovon ihr Weißen
sogleich wieder einen neuen Beweis haben sollet! – Herab mit euch, ihr beiden
Luftbewohner!“
[GEJ.04_212,20] Als der Anführer solches ganz
laut ausgesprochen hatte, schossen die beiden mächtigen Lämmergeier wie Pfeile
herab und setzten sich mit aller Zartheit und sichtlicher Freundlichkeit, als
wären sie von einem Menageristen bestens gebändigt, auf die rechte Hand des
Anführers.
[GEJ.04_212,21] Es flog in dem Augenblick
eine Elster vorüber, und der Anführer gebot einem Geier, sie unbeschädigt zu
fangen und ihm zu überbringen. Wie ein Pfeil schoß der riesige Geier der
schnell flatternden Elster nach und brachte sie in wenigen Augenblicken
wiederkehrend und nicht irgend davonfliegend. Die schreiende Elster hielt der
Geier in einer seiner gewaltigen Krallen zwar sehr fest, ohne sie jedoch irgend
verwundet zu haben, und ließ sie erst dann los, als der Anführer sie angefaßt
hatte. Darauf streichelte dieser die beiden Geier und entließ sie dann wieder,
worauf die beiden großen Raubvögel sich sehr schnell wieder sehr hoch in der
Luft befanden und nach einem für sie fetten Raube spähten.
[GEJ.04_212,22] Die Elster aber gab der
Schwarze dem Cyrenius zum Andenken an diese Tat, die dem Oberstatthalter und
auch allen anderen Römern und Juden sehr wunderbar vorkam.
[GEJ.04_212,23] Cyrenius übergab zur
sorgsamen Pflege die Elster seinen beiden Töchtern, die anwesend waren, und
sagte zu Mir: „Aber Herr, das geht ja rein ins Fabelhafte, was diese Schwarzen
alles zu leisten imstande sind, – wenn Du nun heimlich nicht etwa Deinen
allmächtigen Willen so ein wenig hast mitspielen lassen?!“
[GEJ.04_212,24] Sagte Ich: „Ich sagte es dir
ja doch zuvor, daß Ich sie da ganz allein werde handeln und wirken lassen!
Warum zweifelst du nun denn daran?! O gedulde dich nur; Ich werde sie schon
noch einiges machen lassen, daß dir selbst darob ordentlich schwindlig werden
soll!“
213. Kapitel
[GEJ.04_213,01] Darauf berief Ich abermals
den Oubratouvishar und sagte zu ihm: „Zeiget nun, wie ihr mit der Luft und ihrer
Kraft vertraut seid; denn es ist im Anfange dem Menschen in seiner Reinheit
gegeben worden auch eine Herrlichkeit über die Geister der Luft, auf daß sie
ihm dienstbar wären in allen Fällen, da er ihres Dienstes benötigen würde!
Zeiget sonach, inwieweit ihr noch mit dieser Urlebensfähigkeit ausgerüstet
seid!“
[GEJ.04_213,02] Sogleich berief der Anführer
zehn der Tüchtigsten seiner Gefährten und verlangte, daß sie ihre Hände auf ihn
strecken und um ihn in einem Kreise also stehen sollten, daß je einer mit
seinem rechten Fuße den linken Fuß des Nachbarn ganz gut decke. Solches geschah
sogleich, und unser Anführer fing an, sich umzudrehen, verließ den Boden der
Erde, schwebte nun völlig in der Luft, und zwar bei einer guten Mannslänge hoch
über dem Erdboden.
[GEJ.04_213,03] In dieser Stellung fragte er
Mich, ob er sich noch höher schwingen solle, oder ob dies zu einem Zeugnisse
genüge.
[GEJ.04_213,04] Und Ich sagte: „Es genügt,
darum tritt zurück!“
[GEJ.04_213,05] Sogleich traten die zehn
auseinander, und der Anführer war schnell wieder am Boden, machte eine tiefste
Verbeugung vor Mir und fragte Mich, ob er noch mehreres produzieren solle.
[GEJ.04_213,06] Und Ich sagte: „Wie
entwurzelt ihr denn die Bäume, und wie schafft ihr große Steinmassen von der
Stelle?“
[GEJ.04_213,07] Sagte der Anführer: „Herr, an
sehr starken und großen Bäumen hat unser Land wohl einen bedeutenden Mangel;
nur die höheren Berge können sich daran erfreuen. Allwo auf den Hochtriften,
dahin der Kamb'sim nicht dringt, die Herden weiden, dort stehet hie und da ein
alter Bohahania-Baum als gewöhnliche Wohnstätte der Affen. Hie und da findet
man auch eine Zypresse und Myrthe, wilde Datteln und Bock- und Hühnerbrot.
Darin besteht dann aber schon auch die ganze Baumvegetation unseres Landes.
[GEJ.04_213,08] In der Ebene und in den
windabseitigen Landeswinkeln gedeiht nur die edle Dattel, die Feige, die
Ouraniza (Pomeranze) und die Semenza (Samen- oder Granatapfel) und mehrere
bedeutende Staudengattungen, die uns zu unseren Hütten das Baumaterial liefern.
[GEJ.04_213,09] Diese zu entwurzeln, dazu
gehört wahrlich nichts besonders Außerordentliches von einer Kraftanstrengung;
an den stärkeren Bäumen aber haben wir unsere Kräfte noch nie versucht, obwohl
wir keinen Zweifel haben, daß sich auch diese gleich den schwersten und größten
Felsstücken unserem Willen fügen müßten. Hier auf diesem Berge steht wohl ein
gar gewaltiger Baum, um dessen Namen wir natürlich nicht wissen können, wie
auch um seine sonstige Beschaffenheit nicht; aber wir wollen einen Versuch
machen, ob er sich durch unsern Willen wird entwurzeln lassen wird oder nicht!“
[GEJ.04_213,10] Sagt der alte Markus: „Na,
ganz gehorsamster Diener aller Herren der Erde! Das ist eine wenigstens
fünfhundert Jahre alte Zeder! Sieben Männer dürften sie kaum umfassen, und vier
sehr kräftige und geübte Holzknechte fällten diese Zeder in zwei Tagen kaum,
und da gehen nun sechs Männer und sieben Weiber hin und wollen ohne Haue und
Axt diesen Baum entwurzeln?! Na, diese Geschichte, wenn der Herr sie nicht heimlich
mit Seinem allmächtigen Willen unterstützt, dürfte doch einmal etwas rar
werden!“
[GEJ.04_213,11] Sage Ich: „Nur Geduld, Mein
alter Krieger! Ich werde mit Meinem Willen auch diesmal ganz daheim verbleiben,
und doch wird der Baum in kurzer Frist mit allen seinen Wurzeln dem Erdboden
entrissen werden!“
[GEJ.04_213,12] Während Ich dem alten Markus
aber diesen Bescheid erteilte, legten die Schwarzen ganz leicht ihre Hände um
den Stamm, und zwar also, daß die rechte Hand eines Mohren stets die Linke
seines Nachbarn oder seiner Nachbarin deckte. In solcher Stellung blieben sie
etwa eine halbe Viertelstunde lang ganz ruhig am Baume stehen. Nach dieser Zeit
fing der Baum an, sich anfangs ganz langsam zu drehen und krachte danebst ganz
gewaltig. Da fingen alle Anwesenden an, im höchsten Grade zu erstaunen, und
niemand verstand es, sich diese Erscheinung nur einigermaßen zu entziffern.
[GEJ.04_213,13] Als der Baum sich aber nun
samt den dreizehn ihn ganz leicht Umklammernden stets mehr zu drehen begann,
bemerkte man bald, daß er samt dem Erdballen und samt den ihn umklammernden
Mohren sich schon ganz in der Luft herumdrehte. Da fingen mehrere, besonders
die Weiber, förmlich an zu schreien; denn sie meinten, daß der nun umfallende
Baum mehrere der Mohren zerquetschen werde.
[GEJ.04_213,14] Allein Ich sagte zu den
Furchtsamen: „Fürchtet euch nicht; der Baum wird ganz sachte umgelegt werden
und durch seinen Fall niemandem einen Schaden zufügen!“
[GEJ.04_213,15] Damit war alles beruhigt, und
im selben Augenblick ließen die den Baum umklammernden Mohren sich aus,
sprangen jählings vom Berge herab und liefen zu uns herüber. Im selben
Augenblick fing der Baum in der Luft an hin und her zu schwanken, neigte sich
endlich nach seinem natürlichen Schwerpunkte und legte sich nach einigen
Augenblicken ganz sacht auf den Boden nieder.
[GEJ.04_213,16] Als der Baum auf diese Weise
entwurzelt war, da zeigte Ich den Mohren noch einen Felsen, dessen Gewicht
sicher fünftausend Zentner war, und sagte zum Anführer: „Jenen Felsen hebet auch
hinweg und setzet ihn in selbiges Loch, das nun durch die Aushebung des Baumes
entstanden ist!“
[GEJ.04_213,17] Schnell bewegten sich
dieselben Mohren hin zum Felsen und umklammerten ihn auf dieselbe Weise wie
zuvor den Baum. Noch eher als der Baum schwebte der Fels in der Luft. Freilich
ward er seines größeren Umfanges wegen von etlichen Mohren mehr denn ehedem der
Baum umfaßt; aber jeder sah es ein, daß zur Bemeisterung des Gewichtes dieses
Felsens tausend der kräftigsten Menschen auch noch viel zu wenig gewesen wären.
[GEJ.04_213,18] In etwa einer ganz kleinen
halben Viertelstunde stand der Fels schon mauerfest im für ihn bestimmten
Loche, und die Mohren eilten darauf wieder zu uns herüber, und der Anführer
fragte Mich, ob sie noch etwas tun sollten.
[GEJ.04_213,19] Ich aber tat, als dächte Ich
über etwas nach, was dem Anführer gleich auffiel, und er zu mir sich also
äußerte: „Oh, da wird wieder etwas Ungeheures herauskommen, weil Du Selbst
zuvor mit Dir Rat hältst! Denn sonst waren wir der Meinung, daß einem Gotte
schon von Ewigkeit alles überklar ist, was Er tun will!“
[GEJ.04_213,20] Sagte Ich: „O jawohl, das ist
es auch! Aber ich gönnte euch nur eine kleine Ruhe; denn das, was ihr Mir noch
tun werdet, ist stets euer zuwiderstes Geschäft, und ihr bedurftet nach zwei,
eure äußere Außenlebenssphäre sehr in den vollsten Anspruch nehmenden Taten nun
einer kleinen Ruhe. Ihr habt nun ausgeruht, und ihr sollet nun noch zeigen, wie
ihr euch das Feuer bereitet, und wie ihr auch Herren dieses Elementes seid! Gehet
und machet Feuer und zeiget darauf, daß ihr dessen Herren seid!“
[GEJ.04_213,21] Sogleich bildeten alle
anwesenden Mohren um ein großes, aber schon seit langem ganz dürres Gebüsch
einen Halbkreis und streckten ihre Hände und Finger strahlenförmig nach dem
dürren Gebüsche aus. In wenigen Augenblicken fing das Gebüsch an zu rauchen;
der Rauch wurde stärker und stärker, und auf einmal schlugen prasselnd
lichterlohe Flammen auf. Als aber das ganze Gebüsch so recht in hoch
aufschlagenden Flammen stand, legten sich alle Mohren in einem geschlossenen
Kreise um das Feuer auf ihre Angesichter, und in einem Augenblick erlosch das
Feuer derart, daß man von dem im ganzen zur Hälfte abgebrannten Gebüsch auch
nicht ein glimmendes Fünklein mehr antreffen konnte.
[GEJ.04_213,22] Darauf kamen die Mohren
wieder und fragten Mich, ob sie ihre Sache gut gemacht hätten. Und Ich gab
ihnen das beste Zeugnis. Sie wollten nun von Mir gleich Worte der Belehrung für
sie; aber Ich bedeutete ihnen, noch ein wenig zu warten, da Ich nun diese ihre
Taten den Weißen erklären müßte. Damit waren die Mohren zufrieden, und wir
begaben uns wieder an unsere Tische.
214. Kapitel
[GEJ.04_214,01] Als Ich mit Meinen Jüngern,
Römern und Griechen wieder an Meinem nun schon gewohnten Tische Platz nahm,
trat der Anführer zu Mir hin und bat Mich, ob er mit einigen seiner Gefährten
auch teil an Meinen Erklärungen nehmen dürfte.
[GEJ.04_214,02] Sagte Ich: „Ohne allen
Anstand; denn ihr müßt ja euer Leben von nun an ganz vollkommen erkennen! Wohl
seid ihr noch im Vollbesitze der urzeitlichen Lebenskraft der Menschen, noch
seid ihr als Menschen, Mich erfreuend, vollkommene Herren der gesamten Natur –
alles das liegt in eurem vollkommensten Vertrauen und eurem ungezweifelten
Glauben und festesten Willen. Aber ihr kennet solch eure Kraft ebensowenig, wie
jemand die Kraft kennt, die da in Bewegung setzt des Menschen Glieder und
herumtreibt das Blut in den Adern und pulsen macht das Herz und nötigt die
Lunge, zu atmen die Luft aus und ein nach dem Bedarfe fürs Leben und nach ihrer
inneren Tätigkeit in bezug auf mehr oder weniger Wärme, die in ihr meistens
durch größere oder mindere Tätigkeit der Leibesglieder im Blute erzeugt wird.
[GEJ.04_214,03] Also das sind doch tägliche
Erfahrungen eines jeden Menschen, und doch versteht sie niemand, weil niemand
sich selbst recht kennt; um wieviel weniger erst werden dann eure
außerordentlichen Lebenseigenschaften begriffen, die offenbar tiefer liegen als
bloß diejenigen, die in eurem leiblichen Organismus sich tätig äußern!
[GEJ.04_214,04] Aber so Ich euch die
tieferliegenden erkläre, werdet ihr sie dennoch eher fassen, als wenn Ich euch
erklärte des Leibes Organismus und dessen Zusammenhang mit der Seele. Solches
ist auch eigentlich gar nicht zu erklären, weil die für euch nahe zahllose
Vielheit der verschiedensten Organe schon mehr als Methusalems Alter, nahezu
tausend Jahre, in Anspruch nehmen würde, um sie nur vom ersten bis zum letzten
zu zählen, geschweige dann erst eines jeden Organs Sonderbeschaffenheit und
Bestimmung einzusehen und die allgemeine Verbindung, die Wechselwirkung und
tausenderlei Verschiedenes von einem einzelnen Organe kennenzulernen.
[GEJ.04_214,05] Zum Beispiel: Zwei Haare
stehen fest nebeneinander. Da meinet ihr, daß sie die gleiche Behandlung brauchen,
und sie würden umgetauscht auch wachsen. Bei den Haaren auf dem Menschenleibe
geht das nicht an, als wie es da geht auf der Erde mit dem Übersetzen der
Bäume, Gesträuche und Pflanzen! Ein Haar wächst mit dem ganz eigenen Organismus
nur an der Stelle, da es vorkommt; an einer jeden andern Stelle würde es mit
der besonderen Einrichtung seines Wurzelorganismus nicht fortkommen.
[GEJ.04_214,06] Im menschlichen
Leibesorganismus besteht eine höchst ordnungsmäßige Gewähltheit und für euch
kaum glaubliche Verschiedenheit. Um den organischen Bau des Menschenleibes
einzusehen und zu wissen um jedes kleinste Atom und wohl zu erkennen den Grund
des ,Also und nicht anders!‘, muß man im Geiste zuvor vollendet sein.
[GEJ.04_214,07] Wenn der Geist und die Seele
eins geworden sind, dann beschauet die vollendete und lichtvolle Seele von
innen heraus und hindurch ihren Leib, erkennt dann mit einem Blick den ganzen
künstlichst eingerichteten Bau des Leibes und erinnert sich des Grundes und der
Ursache eines jeden einzelnen noch so kleinsten Teiles eines Organs in ihrem
Leibe und erkennt seine allerzweckmäßigste Einrichtung. Solange aber eine Seele
ihre Lebensvollendung nicht erreicht hat, kann sie in tausend und abermals
tausend Jahren nicht zur gründlichen Erkenntnis des Organismus ihres Leibes
gelangen.
[GEJ.04_214,08] Aber ganz anders verhält es
sich mit dem rein geistigen Vermögen einer Seele! Das kann ihr in allgemeinen
Umrissen erläutert werden, und es ist auch also notwendig, daß sie das eher und
leichter erkennen muß. Denn ohne diese praktische Erkenntnis könnte die Seele
ja nie zu einer wahren Verbindung mit ihrem Geiste gelangen, ohne welche aber
eine innere und tiefste Erkenntnis seiner selbst unmöglich ist.
[GEJ.04_214,09] Merket darum auf, wie Ich nun
das rechte, ordnungsmäßige Urleben der ersten Menschen so klar als möglich vor
euch erläutern werde!
215. Kapitel
[GEJ.04_215,01] (Der Herr:) „Das, sage, erste
Menschenpaar konnte von Mir unmöglich anders als nach der rechten Lebensordnung
vollendet auf diese Erde gesetzt werden. Das Gemütsleben mußte als vollkommen
ausgebildet in dieser Welt auftreten, um nicht schnell eine Beute von
tausendmal tausend anderen feindlichen Kreaturen und Elementen zu werden.
[GEJ.04_215,02] Das eigentliche Ebensein mit
Meinem urgöttlichen Sein war in dem ersten Menschenpaare schon als vollendet da
und konnte darum die Herrlichkeit über die gesamte Kreatur vollst wirksam
ausüben. Wie aber geschieht solche Wirkung? Höret!
[GEJ.04_215,03] Die im Gemüte vollkommene
Seele ist persönlich zwar auch in der vollkommenen Menschenform im Leibe
vorhanden; aber ihr Empfinden, Fühlen und Wollen gehet, gleichwie die
Lichtstrahlen aus und von der Sonne, nach allen denkbaren Seiten weit und
wirkend hinaus. Je näher an der Seele, desto intensiver und wirksamer ist denn
auch der beständige Ausfluß des Denkens, Fühlens und Wollens.
[GEJ.04_215,04] Die Außenlichtsphäre der
Sonne, in der sich diese Erde, der Mond und noch eine große Menge
allerleiartiger anderer Weltkörper befinden, ist gewisserart die Außenlebenssphäre
der Sonne, durch die alles, was in ihrem Bereiche sich befindet, zu einem
bestimmten Naturleben erweckt wird. Alles muß sich da mehr oder weniger in die
Ordnung der Sonne fügen, und diese ist dann ein Gesetzgeber und ein Herr aller
andern Weltkörper, die sich nur irgendwo im Bereiche ihrer Lichtausstrahlung
befinden.
[GEJ.04_215,05] Freilich kann man von der
Sonne nicht sagen, daß sie denke und wolle; aber ihr Licht ist dennoch ein gar
großer Gedanke, und des Lichtes Wärme ein gar fester Wille, – aber nicht von
der Sonne, sondern von Mir ausgehend und wirkend durch das organische Wesen des
Sonnenkörpers.
[GEJ.04_215,06] Je näher denn ein Weltkörper
der Sonne ist, desto mehr muß er auch die lebenswirkende Kraft der
Außenlebenssphäre der Sonne in sich wirkend und bestimmend wahrnehmen und muß
sich fügen in alles das, was das Licht und die Wärme der Sonne in und auf ihm
zeihen will.
[GEJ.04_215,07] Wie aber da die Sonne wirket
auf den Weltkörpern Wunderbares bloß durch ihre Außenlebenssphäre, also auch
eine unverdorbene und in ihrer ursprünglichen Art vollkommene Seele, die da ist
voll Lebens, also voll Liebe, voll Glaubens und voll des festen Willens!
[GEJ.04_215,08] Eine solche Seele ist ganz
Licht und Wärme und strahlet weithin aus, und diese Ausstrahlung bildet dann
gleichfort ihre mächtige Außenlebenssphäre. Wie sich aber in der
Außenlebenssphäre der Sonne Mein Wille als überall wunderbar wirkend ausspricht
und keine Macht demselben widerstreben kann, ebenso spricht sich der Wille
einer vollkommenen, unverdorbenen Seele, der – weil Meine Ordnung – auch Mein
Wille ist, als wunderbar wirkend aus.
[GEJ.04_215,09] Wenn aber die Sonne durch
Meine Zulassung ganz zerrüttet werden würde, zerstört in ihrem höchst
kunstartig und weise geschaffenen großartigen Organismus und Mechanismus und
ihre große Naturseele aller Naturseelen am Ende, ganz geängstigt und
verkümmert, nichts zu tun und zu sorgen hätte, als ihren kleinzerrütteten
Körperorganismus zurechtzubringen oder im ungünstigsten Falle gar zu verlassen
und die großen Trümmer der höchst eigenen Auflösung zu überantworten, wie würde
es dann mit der allbelebenden Außenlebenssphäre aussehen? Da würde gleich in
ihrem Planetengebiete die größte Unordnung eintreten; alle Vegetation und alles
Fleisches Leben hätte da ehest ein Ende!
[GEJ.04_215,10] Würden sich die Menschen auch
noch eine Zeitlang mit den allerleiartigen Vorräten forthelfen, die ewige Nacht
eine Weile erhellen mit Fackeln und Lampen und die Gemächer erwärmen mit dem
auf der Erde vorrätigen Holze der Wälder, so würde das im günstigsten Falle bei
den allervorratsreichsten Menschen dieser Erde höchstens zehn Jahre
allerkümmerlichst andauern. Nach dieser Zeit aber wäre es dann schon aus mit
allem vegetativen und kreatürlichen Leben auf der Erde. Alle Pflanzen würden
nicht mehr wachsen und zeihen den lebendigen Samen; die Tiere fänden kein
Futter mehr und müßten Hungers verenden und vor zu großer Kälte erstarren; die
Erde selbst würde aus ihrer Bahn treten und dann entweder irgend mit einem
andern Planeten zusammenstoßen, oder sie würde nach vielen tausend Jahren in
das Lichtgebiet einer andern der zahllos vielen Sonnen hingelangen, in deren
Licht und Wärme von neuem aufzutauen und in einer veränderten Ordnung wieder
irgend langsam und nach und nach aufzuleben anfangen, aber in ihr jetziges,
ganz glückliches, bestgeordnetes Sein sicher nimmer gelangen!
[GEJ.04_215,11] Das alles wäre Wirkung und
Folge, so die Sonne in eine große oder gar größte Unordnung in ihrem Wesen
geriete. Sie wäre nicht mehr Herr und Gesetzgeber für die vielen anderen,
kleineren, sie umbahnenden Weltkörper. Diese würden, wie gesagt, bald selbst in
eine gräßliche Unordnung geraten und zunächst der Sonne durch ihr mächtiges
Fallen auf sie feindlich werden, was die Sonne nimmer verhindern könnte, weil
sie nach außen hin gar keine wirkende Außenlebenskraft besäße, um die
entfesselte Schwerkraft der Planeten entweder aufzuhalten oder sie wenigstens
zu mäßigen.
[GEJ.04_215,12] Daß sich aber irgendeine, nur
auf der großen Oberfläche, also nur auf der äußersten Haut der Sonne
vorkommende, nicht füglich ganz vermeidbare und nur kurz dauernde örtliche
Zerrüttetheit auch sogleich auf den Planeten unvorteilhaft äußert, das beweisen
die nicht selten vorkommenden schwarzen Flecke, mit denen ihr dann und wann die
auf- oder die untergehende Sonne behaftet gesehen habt. Sobald ihr solch einen
Fleck nur wie einen Punkt groß erschauet, so dürfet ihr darauf rechnen, daß
sich auf der Erde solch eine Unordnung auch bald stürmisch und böswetterig wird
zu äußern anfangen.
[GEJ.04_215,13] Aber warum denn das? Ist die
Sonne doch so weit von der Erde entfernt, daß ein scharf abgeschossener Pfeil
nahezu fünfzig volle Jahre benötigen würde, um in die Sonne zu gelangen; was
kann dann das der lebenskräftigen Erde machen, was in solch einer Entfernung
auf dem Sonnenkörper geschieht?
[GEJ.04_215,14] Ja, das unmittelbar, was auf
dem Sonnenkörper geschieht, würde auf der Erde wohl von gar keiner Wirkung
sein; aber der schwarze Fleck ist auf der Sonne nicht so klein, wie er sich von
dieser Erde her ausnehmen läßt! Dort in der Wirklichkeit ist er von einer um
etliche tausend Male größeren Ausdehnung, als wie groß da ist die ganze Erde
auf ihrer Oberfläche. Das bewirkt dann für die höchst sensitiven Lebensgeister
der Erde schon einen fühlbaren Licht- und Wärmemangel. Sie werden sofort
ängstlich und setzen sich in eine übermäßige Tätigkeit, und heulende Stürme,
Wolken, Regen, Hagel und Schnee, zuweilen sogar in den heißen Ländern der Erde,
sind die Folgen solch einer nur ganz geringsten Unordnung auf gewisserart nur
einem Punkte der Sonne, weil die heimische Unordnung auch in der Sonne
Außenlebenssphäre, die noch sehr weit über diese unsere Erde in den weiten
Schöpfungsraum hinausreicht, übergeht und sich auf den Weltkörpern, die im
Außenlebensbereiche der Sonne sich befinden, ebenso nachteilig äußern muß, wie
sich sonst die ungestörte Licht- und Wärmeordnung der Sonne auch durch ihre
Außenlebenssphäre auf den zur Sonne gehörigen Erdkörpern nur sehr wohltätig
äußert.“
216. Kapitel
[GEJ.04_216,01] (Der Herr:) „Denket euch nun
eine Menschenseele in ihrer ursprünglichen Unverdorbenheit als eine wahre Sonne
unter allen den auch verschiedenartig beseelten und belebten Kreaturen, die
sich alle der Menschenseele unterzuordnen haben, weil sie aus ihrer
Außenlebenssphäre, wenn diese, gleich der Seele, in aller Ordnung ist,
geistiges Lebenslicht und geistige Lebenswärme zur Vegetation ihrer weiter
aufsteigenden Seelenlebenssphäre aufnehmen und dadurch sanft, duldsam und
gehorsam gezeihet werden. Denn die Seelen der Pflanzen wie der Tiere haben ja
die euch freilich noch sehr unbekannte Bestimmung, einst selbst zu
Menschenseelen zu werden.
[GEJ.04_216,02] Die Pflanzen und noch mehr
die Tiere sind nichts als nach Meiner Weisheit und Einsicht taugliche Vorgefäße
zur Ansammlung und sukzessiven Ausbildung und Sich-Ergreifung der im
unermeßlichen Schöpfungsraume – ihr könnet sagen – allgemeinen
Naturseelenlebenskraft, aus der auch eure Seelen – ob ursprünglich auf dieser
oder auch auf einer andern Erdenwelt, was nahe eins ist, herangebildet –
herstammen. Diese Tierseelen empfinden einer ordentlichen Menschenseele
Ausströmung und die daraus gebildete Sphäre des Außenlebenslichtes und der
Außenlebenswärme.
[GEJ.04_216,03] In dieser vollkommenen Außenlebenssphäre
gedeihen die Tiere, wie die Planeten im Lichte und in der Wärme der Sonne, und
nicht eines Tieres Seele vermag sich da gegen den Willen einer vollkommenen
Menschenseele zu erheben, sondern kreist bescheiden um diese wie ein Planet um
die Sonne und bildet sich in solch geistigem Lichte und in dessen Wärme ganz
vortrefflich für einen weiteren Übergang in die höhere Stufe aus.
[GEJ.04_216,04] Um das noch praktischer
einzusehen, wollen wir bloß einige Haustiere und ihre Besitzer einer näheren
Betrachtung unterziehen! Höret! Begeben wir uns zu einem hartherzigen und
stolzen Besitzer hin und besehen im Geiste alle seine Haustiere! Seine
Haushunde sind böser und wilder als die Wölfe der Wälder, seine Rinder scheu
und zum Schrecken oft ganz gefährlich wild. Seine Schafe und Ziegen fliehen vor
jeder Menschengestalt und lassen sich schwer fangen. Durch den Garten seiner
Schweine, die er des Fettes wegen hegt, ist nicht ratsam zu gehen, um von deren
völliger Wildheit nicht mörderisch angefallen zu werden. Die Hühner und anderes
Hausgeflügel sind ebenfalls scheu und lassen sich schwer fangen. Auch mit
seinen Eseln, Pferden, Kamelen und Zugochsen ist nicht ein sehr vertraulicher
Umgang zu pflegen; denn da bemerkt man höchst wenig von irgendeiner Tierkultur.
Nur durch ein immerwährendes wildes Geschrei und Gefluche und durch ein
fortwährendes Schlagen, Stoßen und Stechen können sie zu für sie bestimmte
Zugarbeiten verwendet werden, und da geschieht zumeist schier irgendein Unglück
dabei!
[GEJ.04_216,05] Ja, warum sind denn bei
unserem harten und stolzen Besitzer die Haustiere gar so roh und wild und so
sehr ungeschmeidig? – Die Seele des Besitzers ist für sie eine in höchster
Unordnung sich befindende Lebenssonne! Seine Diener und Knechte sind endlich
bald wie ihr Herr, also auch schon von weitem keine Lebenssonnen für die
eiskalt gewordenen Seelen ihrer ihnen zur Hut und Leitung übergebenen Tiere! Da
schreit, flucht und schlägt ein jeder zu, was er nur kann! Wie sollten solch
eines Besitzers Tiere in jener wohltuenden Verfassung sein, von der man sagen
könnte, daß sie in der Ordnung sei?!
[GEJ.04_216,06] Gehen wir nun aber zu einem
so echt altpatriarchalisch guten und weisen Besitzer von vielen und großen
Herden und beobachten wir seine Haustiere! Welch ein kaum glaublicher
Unterschied! Weder Rinder noch Schafe verlassen ihren guten Hirten! Nur ein
einziger Ruf von ihm, und sie laufen in aller Hast zu ihm, umringen ihn und
horchen förmlich mit einer sichtlichen Aufmerksamkeit, ob er ihnen etwas sagen
werde! Und tut er das, so gehorchen sie und fügen sich wundersam dem Willen des
guten Hirten, an dessen Seelenlichte sie sich nun wieder erquickt haben.
[GEJ.04_216,07] Das Kamel versteht seines guten
Leiters leisesten Wink, und das mutige Pferd wird nicht scheu unter dem Sattel
seines Reiters. Kurz und gut, alle Haustiere eines sanften und guten Hausherrn
sind sanft, fügsam und hören auf die Stimme ihrer Hüter und ihres Herrn, und
man merkt bei allen Tieren ebensoleicht eine gewisse Sanftmut, wie man es den
edlen Bäumen auf den ersten Blick ankennt, daß sie edle Früchte tragen; denn da
sind der Stamm, die Äste und das Laub ganz sanft gerundet, glatt und ohne
scharfe Spitzen und Stacheln, und die Frucht hat einen lieblichen Geschmack.
[GEJ.04_216,08] Der Grund von allem dem sind,
wie gesagt, eine oder mehrere gesunde, unverdorbene Seelen, aus deren lichter
Wesenheit sich nach außen hin eine seelische Lichtsphäre ausbreitet, die alles
das in sich enthält, was die Seele als Lebenselement in sich faßt, als: Liebe,
Glauben, Vertrauen, Erkennen, Wollen und Gelingen.“
217. Kapitel
[GEJ.04_217,01] (Der Herr:) „Ist aber die
Seele des Menschen in allerlei weltlich materielle Sorgen begraben, oder fängt
sie an, sich darein zu begraben, dann trübt sie ihr Lichtwesen, und es wird am
Ende ganz dunkel und finster. Da ist dann kein Vorrat von einer mächtigen Liebe
mehr vorhanden, und die höchst geringe reicht kaum für sich aus; daher kommt
die Eigenliebe, die an niemand andern mehr übergehen kann. Wo aber die Liebe so
gering wird, wo soll da ein mächtiger Glaube und Wille herrühren, da der Glaube
doch ist das Licht aus der Flamme der Liebe und der Wille die allwirkende Kraft
des Lichtes?!
[GEJ.04_217,02] Wenn solche liebkargen
Menschen am Ende in sich, wennschon ganz stumpf, nur wahrzunehmen anfingen, daß
wegen der Schwäche ihrer Liebe ihnen nichts gelingen will und sie zumeist durch
eine jede gemachte Rechnung einen Strich erblicken – woran sie selbst schuld
sind, weil da keine Wirkung sein und entstehen kann, wo die dazu erforderliche
Kraft mangelt –, so könnte ihnen wohl noch geholfen werden; aber so werden sie
nur zornig und voll Bitterkeit gegen jedes Gelingen bei andern Menschen.
[GEJ.04_217,03] Der Zorn aber ist zwar auch
ein Leuchten, aber ein verderbliches. In solchem Höllenschimmer erschauen sie
dann auch bald allerlei Trugmittel, mit denen sie sich in einen Wohlstand
setzen könnten. Sie versuchen solche Mittel bald; sie mißlingen ihnen aber
zumeist, weil sie Trugmittel sind. Aber das öftere Mißlingen belehrt sie nicht,
sondern macht sie noch erboster und zorniger. Sie werden stolz und voll
Hochmutes und fangen an, ihre Zuflucht zu Gewaltmitteln zu nehmen und sie auch
anzuwenden. Ein manchmaliges Gelingen macht sie kecker, sie werden grausam und
suchen sich alles aus dem Wege zu räumen, was sie als ein Hemmnis zu ihrem
vermeinten Glücke erkennen. Sie haben sich also durch lauter schlechte Mittel
in einen bedeutenden Wohlstand gesetzt und erkennen nun den Weg als den allein
rechten und wahren, auf dem sie selbst zum Glücke emporgeklommen sind.
[GEJ.04_217,04] Wenn derart Menschen dann
auch Kinder wie gewöhnlich bekommen, so werden diese doch unmöglich anders
erzogen als nur in der Art, durch die ihre Eltern zum Weltglücke emporgekommen
sind, nämlich durch allerlei Weltklugheit. Sie lassen dann solche Kinder
allerlei lernen, – aber alles nur für die Welt! Da wird auf die zuerst
berücksichtigt werden sollende Bildung des Gemüts nicht die allergeringste
Rücksicht genommen, kann auch nicht genommen werden, weil die Eltern und die
ihnen aus Gewinnsucht gefällig und angenehm werden wollenden Lehrer und
Erzieher selbst keinen Begriff von dem Gemüte einer Seele mehr haben.
[GEJ.04_217,05] Alles wird auf früheste
Bildung und Schärfung des Verstandes verwendet. Dazu wird das Kind durch
allerlei Geschenke und Auszeichnungen soviel als möglich angeeifert, wird dabei
schon in der frühesten Zeit in der Selbst- und Gewinnsucht mit der Bildung des
Verstandes soviel als nur möglich geübt, trägt feine und geschmückte Kleider
und kennt sich oft schon im zehnten Lebensjahre vor lauter Hochmut nicht. Wehe
dem armen Kinde oder auch einem andern armen Menschen, der solch einem
verbildeten Kinde die gewünschte Ehre nicht bezeigete oder es etwa gar
verhöhnete! Denn der hat sich an solch einem verzogenen Kinde einen bleibenden
Feind gezogen!
[GEJ.04_217,06] Wo ist aber dann bei solchen
Menschen noch an jene Mir ähnliche innere Lebenskraft zu denken?! Wo ist da des
Menschen Herrlichkeit über die gesamte Natur und über die Elemente, aus denen
am Ende alles Geschaffene besteht und bestehen muß?!
[GEJ.04_217,07] Wird aber bei dem Menschen
das Gemüt zuerst und vor allem gebildet, und kommt darauf dann erst eine ganz
leicht zu bewerkstelligende und wirkungsreiche Ausbildung des Verstandes hinzu,
so wird der also geweckte Verstand zum lebendigen Lichtlebensäther, der die
Seele also umfließt wie der Lichtäther die Sonne umflutet, aus dem heraus dann
alle jene herrlichen Wirkungen zum Vorscheine kommen, die ihr diese Erde
allenthalben beleben sehet.
[GEJ.04_217,08] Bei der rechten Bildung der
Seele des Menschen ist und bleibt die Seele ein Inwendiges und ein Tätiges, und
das, was ihr ,Verstand‘ nennet, ist die ausströmende Wirkung der inneren
Tätigkeit der Seele. Das Außenlicht des Verstandes erleuchtet der Seele alle
noch so kritischen äußeren Verhältnisse, und der Wille der Seele geht dann in
dieses Außenlicht über und wirket wunderbar alles Befruchten und Gedeihen; denn
weil also gestellt ist des Menschen Ordnung nach Meiner Ordnung, so ist der
Wille und das Vertrauen eben auch ein aus Mir oder aus Meinem allmächtigen
Wollen Hervorgehendes, dem sich doch sicher alle Kreatur fügen muß. Was dann
ein solch geordneter Mensch will, das muß geschehen im weiten Umkreise, weil
die Außenlebenssphäre eines Menschen eigentlich von Meinem Geiste durchwehet
wird, dem alle Dinge möglich sind.
[GEJ.04_217,09] Wird ein solcher Mensch dann
erst ganz und gar von oder aus seinem Geiste wiedergeboren, so ist er Mir dann
völlig ebenbürtig und kann aus sich in aller seiner Lebensfreiheit wollen, was
ihm in Meiner Ordnung, die er dann selbst geworden ist, nur immer beliebt, und
es muß dasein und geschehen nach seinem freien Willen. In solchem
lebensvollendeten Zustande, weil Mir völlig ähnlich, ist der Mensch dann nicht
nur ein Herr der Kreatur und der örtlichen Elemente dieser Erde, sondern seine
Herrlichkeit erstreckt sich dann, gleich der Meinigen, über die ganze Schöpfung
im endlosen Raume, und sein Wille kann den zahllosen Welten Gesetze
vorschreiben, und sie werden befolgt werden. Denn seine verklärte Sehe
durchdringt alles gleich der Meinigen und eigentlich mit der Meinigen, und sein
klarstes Erkennen erschauet allenthalben die Bedürfnisse in aller Schöpfung und
kann darauf verordnen und schaffen und helfen, wo es und was es auch sei; denn
er ist ja in allem eins mit Mir.“
218. Kapitel
[GEJ.04_218,01] (Der Herr:) „Allein diesen
Grad der allerhöchsten Lebensvollendung hatte vor Meiner Menschwerdung wohl
niemand erreichen können; und Ich bin nun darum auf diese Erde gekommen, um
durch die Wiedergeburt eures Geistes in eure Seele hinein euch zu Meinen wahren
Kindern zu machen. Wenn Ich denn jetzt von einer vollkommenen Seele rede, so
gilt das pur von der Seele, in der Mein Geist zwar auch schon tätig, aber mit
derselben noch nicht völlig eins ist.
[GEJ.04_218,02] Eine also vollkommene Seele
ist demnach aus den früher angeführten Gründen nicht nur imstande, als ein Herr
über die gesamte Kreatur Wunderbares zu tun, sondern auch vermöge des in ihr
auf Augenblicke mehr erweckten Geistes Gesichte zu haben in die rein geistigen
Sphären, und kann das Wort des Geistes Gottes vernehmen, wie solches bei allen
Sehern und Propheten der Fall war, die nebst ihrer Sehergabe und der Weissagung
aus Meinem Geiste auch stets eine gewisse, für alle naturmäßige Menschheit
sichtlich wunderbare Herrschaft über die Elemente und über die gesamte Kreatur
innehatten.
[GEJ.04_218,03] Moses tat Wunder, sein Bruder
Aaron desgleichen, ebenalso Josua und später Elias, und nach ihm noch eine
Menge Propheten und Seher.
[GEJ.04_218,04] Ein Prophet namens Daniel
(,des Tages oder des Lichtes Sohn‘) ward zu Babielon (Babylon) von einem
grausamen Könige, dem er eine Strafrede hielt, in eine Löwengrube geworfen, in
der bei zwölf hungrige Löwen als Scharfrichter sich befanden. Sie wurden schon
jahrelang mit allerlei unglücklichen Verbrechern gefüttert. Der ob der scharfen
Mahnrede Daniels ergrimmte König ließ auch den Daniel, so er ihn sonst seiner
Weisheit wegen auch liebhatte, ohne alle Gnade und Nachsicht in die Grube des
sichern Todes werfen.
[GEJ.04_218,05] Allein Daniels vollkommene
Seele war ein Herr auch über die hungrigen Löwen! Als er von den Schergen
hineingeworfen ward, taten ihm die Löwen nicht nur nichts, sondern kauerten in
einer sichtbaren Ehrfurcht um ihn als um ihren natürlichen Herrn und Gebieter.
Daniel, wohl wissend, wie er unter den Löwen sich befinde, verlangte seine
Schreibtafel von seinen Jüngern und schrieb bei drei Tage lang die Weissagung,
unversehrt in der Todesgrube mitten unter den zwölf Löwen. Als solches dem
Könige berichtet ward, da gereute es ihn, solches an Daniel getan zu haben, und
er ließ den Daniel in einem Korbe wieder aus der Grube ziehen und ihm die
Freiheit geben.
[GEJ.04_218,06] Ebenso gab es zu derselben
Zeit drei Jünglinge, die vor dem Baal ihre Knie nicht beugen wollten. Darob
ergrimmte der dumme König so sehr, daß er einen Kalkofen drei Tage hindurch
übermäßig heizen ließ, in welchen die drei Jungen geworfen würden, so sie dem
Gebote des Königs einen längeren Widerstand leisteten. Die seelenvollkommenen
Jünglinge beharrten aber auf ihrem wohlbegründeten Vorsatze und äußerten nicht
die geringste Furcht vor dem glühendsten Ofen. Die drei Tage verrannen, und die
drei Jünglinge wurden auf grimmigsten Befehl des Königs von den Schergen
ergriffen und über den glühenden Rand in den weiten Feuerschlund geworfen. Es
ward aber diesen auch nicht ein Haar auf ihrem Haupte versehrt, während ein
jeder der Schergen von der zu großen Hitze ergriffen wurde und zu Kohle
verbrannte.
[GEJ.04_218,07] Ja, was schützte denn die
drei Jungen in dem Feuerofen? Die vollkommene, in Meiner Urordnung seiende
Seele! Am Ende kam noch ein Engel und führte sie vollkommen unversehrt aus der
entsetzlichen Glut, der sich kein anderer Mensch ohne die Gefahr, plötzlich
verbrannt zu werden, auf dreißig Schritte nahen durfte!
[GEJ.04_218,08] Dies alles sind nichts als
lauter Beispiele von der herrlichen Kraft und Macht einer vollkommenen Seele!“
219. Kapitel
[GEJ.04_219,01] (Der Herr:) „Diese Mohren
gaben hier abermals die sprechendsten Beweise davon, daß es also und nicht
anders ist und sein kann, und die Sonne liefert tagtäglich in jeder Pflanze und
in einem jeden Tiere doch den noch bei weitem handgreiflicheren Beweis, welche
Kraft und Wirkung in ihrer weitgedehnten Außenlebenssphäre liegt.
[GEJ.04_219,02] Alles das muß dem verkehrt
erzogenen Welt- und Verstandesmenschen wie eine Märe vorkommen, und er ersieht
darin nichts denn Dichtung einer erhitzten Phantasie, was alles ihm als eine
bare Torheit vorkommt. Das sind für seine Erkenntnisse pure Torheiten, deren
Effektuierung ihm unmöglich dünkt, weil ihm so etwas zu machen natürlich
unmöglich ist und aus wohlweisen und notwendigen Gründen unmöglich sein muß.
Denn wer sollte wohl ohne Hände eine Handarbeit verrichten können und wer ohne
Füße gehen?!
[GEJ.04_219,03] Wäre die Sonne ein ganz
finsterer Klumpen, was sie trotz ihrer Größe ebensogut sein könnte wie ein
schwarzer Kalkstein, so würde sie kein Naturleben auf den Welten bewirken. Aber
ihre innere großartige, für euer Verständnis freilich noch unbegreifliche
organische Einrichtung ist also bestellt und beschaffen, daß sich aus ihren
inneren Eingeweiden fortwährend eine ungeheure Menge von feinen Luftarten
(Gasen) entwickeln muß. Dadurch wird der übergroße Sonnenkörper fürs erste
genötigt, sich um seine Achse zu drehen, welche Drehung dann die große
Atmosphäre der Sonne mit dem auf ihr lastenden Äther (Urluft) in eine
beständige Reibung bringt, durch die fürs zweite die Tätigkeit der in der
großen Sonnenatmosphäre rastenden zahllos vielen Naturgeister stets von neuem
erregt wird, welche Tätigkeit sich dann den im Äther ruhenden Naturgeistern
derart mitteilt, daß diese, als sehr leicht erregbar, dann in einem Augenblick über
zweihunderttausend Feldweges weit von der Sonne in gerader Linie entfernt
miterregt werden und in jedem darauffolgenden Augenblick um dieselbe Entfernung
weiter und weiter, und so in jedem Augenblick (soviel als eine Sekunde) noch
fort und fort weiter bis in eine für euch unermeßliche Ferne von der Sonne
hinweg.
[GEJ.04_219,04] Durch diese Miterregung der
Urnaturgeister im unermeßlichen Schöpfungsraum teilt sich das ursprüngliche
Licht der Sonne auf die Weise, die Ich euch nun schon genügend erklärt habe,
den in ihrem Bereiche um sie bahnenden Erdkörpern oder Planeten mit und bewirkt
in den kleineren Atmosphären der Planeten eine gleiche Erregung der in den
Atmosphären schon gediegeneren Naturgeister, die sich je tiefer herab um desto
heftiger wahrnehmen und empfinden lassen muß, weil die Geister auch stets
gediegener werden. Denn wenn ihr zwei Steine aneinander reibet, so wird die
Reibung doch sicher eine heftigere sein, als so ihr zwei Federflaumen
aneinander zu reiben beginnet, aus welchem Grunde es denn auch in den tiefen
Tälern der Erde lichter und wärmer wird denn auf den höchsten Bergspitzen der
Erde.
[GEJ.04_219,05] Aber es denkt nun ein starker
Rechner unter euch: ,Ja, wenn das die Fortpflanzung des Sonnen- und jedes anderen
Lichtes bewirkt, so muß das Licht allenthalben ein gleichartiges sein, und man
kann dann unmöglich das Bild der Sonne separiert und bei weitem stärker
leuchtend denn das ganze andere Lichtfirmament ausnehmen!‘
[GEJ.04_219,06] Ja, sage Ich euch, das würde
auch unfehlbar der Fall sein, wenn Ich nicht das Auge also gemacht hätte, daß
alles Licht und Rücklicht alles Erleuchteten die durch eine gewisse Rückwirkung
erregtesten Konturstrahlen, als sich in einem gewissen Winkel durchschneidende
Linien, durch eine ganz kleine Öffnung auf die höchst reizbare Netzhaut und von
der auf den noch reizbareren Sehnerv gelangen läßt.
[GEJ.04_219,07] Durch diese Vorkehrung werden
alle nur einfach erregten Lichtausflüsse ausgeschieden, und nur die
Hauptkonturstrahlen gelangen gebrochen auf die höchst empfindsame Netzhaut und
von da auf den Sehnerv, durch welchen dann das Bild erst durch die geeigneten
Organe auf die Gehirntäfelchen in einer dem Bilde entsprechenden Weise oder in
entsprechenden Zeichen eingeprägt und der Seele zur Beschauung dargestellt
wird.
[GEJ.04_219,08] Wäre das Auge nicht also
eingerichtet, so würdet ihr freilich wohl keine für sich als Lichtbild
vereinzelte Sonne erschauen, sondern alles wäre ein gleichförmiges Lichtmeer
gleich dem, das mehrere verzückte Menschen geistig geschaut haben, darin nicht
einmal ihr Ich im allgemeinen Licht als ein Wesen zu unterscheiden vermochten.
[GEJ.04_219,09] Ein weiser Ägyptogrieche,
Plato, gibt in seinen hinterlassenen Schriften davon Zeugnis, und nebst ihm
mehrere Weise der Vorzeit. Sie schliefen ein und befanden sich in einem
Lichtmeere, in welchem sie sich wohl denken, aber sich nicht sehen konnten und
daher auch das immerhin wonnigliche Gefühl hatten, als wären sie vollends eins
mit dem Urlichte, das sie die eigentliche Gottheit nannten.
[GEJ.04_219,10] Der Grund davon lag in der
noch nicht vollkommen eingerichteten Sehe der Seele. Und diese war darum nicht
vollkommen eingerichtet, weil ihre ursprüngliche Erziehung, wennschon eine
strenge, dabei aber dennoch eine verkehrte war; denn wo immer man mit der
Verstandesbildung der Gemütsbildung vorangeht, ist die Bildung verkehrt.“
220. Kapitel
[GEJ.04_220,01] (Der Herr:) „Was würde denn
ein Baum für Früchte bringen, so an ihm nicht alle das Gemüt ergötzenden
Erscheinungen der Ansetzung der ersten Frucht vorangingen? Wie nähme sich ein
Herbst an der Stelle des Frühlings und ein Frühling an der Stelle des Herbstes
aus, dem gewöhnlich der kalte und starre Winter zu folgen pflegt? Würde da des
Winters Frost nicht das gemüterhebende Blütentum verderben und das
hoffnungstrahlende Blatt töten samt der wahren Frucht, die erst von der Blüte
zu einem gedeihlichen Sein und Werden gesegnet und belebt wird? Da würde wohl
des Baumes Holz zunehmen, aber nimmer würde jemand von euch je eine Frucht am
selben reifen sehen!
[GEJ.04_220,02] Und so ist es gerade auch mit
einem Menschen und ganz besonders mit dessen Seele! Alles wird zur groben
Materie, von der keine andere Frucht kommt als jene nur, die man endlich
abhauet und als Holz im Feuer des Gerichtes verbrennt, um am Ende etwa doch
noch aus der Asche einen Nutzen zum Düngen und Reinigen des schlechten und
mageren Erdreichs (materielle Landeskulturkenntnisse) zu gewinnen.
[GEJ.04_220,03] Wer denn seine Kinder beim
Verstande zu wecken und zu bilden anfängt, der beginnt ein Haus beim Dachgiebel
zu bauen und schöpft Wasser in ein durchlöchertes Gefäß. Naß wird es wohl sein,
solange sich der Schöpfer mit solch einer vergeblichen Arbeit abgeben wird;
aber es wird für sich dennoch nie ein Tropfen lebendigen Wassers darin
verweilen, und mit den wundervollen Äußerungen des Seelenlebens wird's wohl für
alle Zeiten nichts sein. Man müßte denn das durchlöcherte Gefäß klein
verstopfen mit einer unsäglichen Mühe, so möchte es dann auch wohl das Wasser
halten. Aber wie leicht verfault ein zu wenig gutes und fest eingepfropftes
Zäpfchen, und das Gefäß kann mit der Zeit wieder ganz lebenswasserleer werden!
[GEJ.04_220,04] Es ist das also zu nehmen:
Ein verstandesgebildeter Mensch kann es durch viele Selbstverleugnungen auch zu
einer wirksamen, nachträglichen Gemütsbildung bringen; ist er aber dabei nicht
äußerst sorgsam und gibt nicht gehörig acht auf die vielen Pfropfen, mit denen
er sein Lebensgefäß in allen seinen vielen Löchern (irdischen Schwächen) verstopft
hat, und läßt er auch nur einer Schwäche oder einem Löchlein, das nicht sorgsam
genug verstopft ist, Luft, so wird er sich ehest überzeugen, wie das
angesammelte Lebenswasser ihm durchgegangen ist, und wie er ganz unvermerkt
wieder ganz der alte Mensch ohne allen innern Lebensgehalt geworden ist!
[GEJ.04_220,05] Darum aber empfahl Ich euch
vor allem die Nächstenliebe, die da kommt aus der Liebe zu Gott! Denn diese
allein vermag aus eurer gänzlichen Verkehrtheit wieder Menschen in Meiner
Ordnung zu machen. Lasset euch von der Welt nicht verblenden; denn alles, was
sie euch gibt, ist Tod und Gericht, eine Frucht des puren Verstandes! Nur die
Liebe allein kann euch ins Leben umgestalten!
[GEJ.04_220,06] Darum bin Ich gekommen in die
Welt, um euch zu zeigen die rechte Umkehr zu Meiner Ordnung zurück und den
rechten Weg, fortzuwandeln in derselben bis zur Erreichung der wahren
Wiedergeburt des Geistes in die Seele, nach der kein böser Rückfall mehr
denkbar und möglich ist.
[GEJ.04_220,07] Dieses muß bei euch nun
angebahnt werden, da denen, die einmal verkehrt worden sind, mit der alleinigen
geflickten Umkehr der Seele wenig geholfen wäre. Die Seele muß zwar vorher ganz
umkehren, bevor die Wiedergeburt des Geistes in die Seele zu erlangen ist; aber
der ausgestopfte und ausgeflickte, also auf den rechten Weg gebrachte bessere
Seelenzustand ist nicht haltbar, weil durch die Macht der Welt und ihre
zeitlichen Vorteile eine pur ausgeflickte Seele nur zu leicht bei der nächsten,
etwas stärker lockenden Gelegenheit wieder in ihre alt angewohnte Verkehrtheit
verfällt.
[GEJ.04_220,08] Um das aber möglichst zu
verhüten, habe Ich nun den neuen Weg also angebahnt, daß Mein Geist, den Ich
nun als einen Funken Meiner Vaterliebe in das Herz einer jeden Seele lege und
gelegt habe, durch eure Liebe zu Mir, und daraus wahrhaft und tätig zum
Nächsten, genährt werde, in eurer Seele wachse und nach Erreichung der rechten
Größe und Kraft sich völlig mit der gebesserten Seele vereine und eins werde
mit ihr, – welcher Akt dann die Wiedergeburt des Geistes heißen soll und auch
heißen wird.
[GEJ.04_220,09] Wer diese erreicht hat, der
steht dann freilich ums unvergleichbare höher als eine für sich allein noch so
vollkommene Seele, die zwar auch vieles vermag, aber dessenungeachtet dennoch
ewig nicht alles, was dem völlig Wiedergeborenen vorbehalten ist.
[GEJ.04_220,10] Dieser Funke Meiner Liebe
aber wird in das Herz einer Menschenseele erst dann gelegt in der Fülle, wenn
ein Mensch Mein Wort vernommen und es in seinem Gemüte gläubig und mit aller
Liebe zur Wahrheit angenommen hat; solange dies nicht der Fall ist, kann kein
noch so seelenvollkommener Mensch zur Wiedergeburt des Geistes gelangen. Denn
ohne Mein Wort, das Ich nun zu euch rede, kommt der Funke Meiner Liebe nicht in
das Herz eurer Seele, und wo er nicht ist, kann er auch nicht wachsen und
gedeihen in einer Seele und somit in derselben auch nicht wiedergeboren werden.
[GEJ.04_220,11] In der Folge aber werden auch
die Kindlein, so sie auf Mein Wort und auf Meinen Namen gezeichnet und getauft
werden, den Geistesfunken Meiner Liebe ins Herz ihrer Seele gelegt bekommen;
aber dieser wird dennoch nicht wachsen bei einer verkehrten Erziehung, wohl
aber bei einer Erziehung nach Meiner euch allen nun überklar gezeigten Ordnung,
nach der vor allem das Gemüt, und von dem aus erst entsprechend der Verstand,
gebildet werden soll. Das Gemüt aber wird gebildet durch die wahre Liebe und
durch Sanftmut und Geduld.
[GEJ.04_220,12] Lehret früh die Kindlein den
Vater im Himmel lieben, zeiget ihnen, wie gut und liebevoll Er ist, wie Er
alles, was da ist, zum Besten der Menschen höchst gut, schön und weise
erschaffen hat, und wie gar so sehr Er besonders den kleinen, Ihn über alles
liebenden Kindlein zugetan ist! Machet sie bei jeder besonderen Gelegenheit
aufmerksam, daß so etwas alles der Vater im Himmel anordnet und geschehen macht
und läßt, so werdet ihr die Herzen der Kleinen zu Mir kehren, und Meine Liebe
wird in ihnen ehest zu wuchern anfangen! Wenn ihr also die Kleinen leiten
werdet, dann wird eure leichte Mühe euch bald die güldensten Früchte tragen, –
sonst aber Dornen und Disteln, auf denen weder Trauben noch Feigen wachsen!
[GEJ.04_220,13] Saget Mir nun aber auch
offen, ob ihr jetzt wohl verstehet, wie und aus welchem Grunde diese unsere
schwarzen Brüder solche Taten zustande bringen können, die euch vorderhand noch
ein rätselhaftes Wunder waren und sein mußten!“
221. Kapitel
[GEJ.04_221,01] Sagt hierauf der Anführer der
Mohren: „Herr, Du allmächtiger und allweisester Gott! Ich und meine Gefährten
haben Dich gar wohl verstanden; aber ob Dich auch die Weißen, derentwegen Du
eigentlich diese Erläuterung gegeben hast, verstanden haben im rechten Sinne
und im rechten Geiste, das natürlich könnte ich durchaus nicht mit völliger
Gewißheit behaupten! Wie es mir so vorkommt, dürfte manchem wohl auch noch so
manches unklar geblieben sein!
[GEJ.04_221,02] Allein, wen irgend etwas noch
drückt, der wird sich wohl melden, wenn ihm an der reinen Erkenntnis mehr liegt
als an der dadurch vermeintlich verwirkt geglaubten Verstandesehre! Denn es
dürfte auch unter diesen Weißen welche geben, die darum um nichts weiteres
fragen, um durch die Frage selbst nicht zu verraten ihres Verstandes Schwäche!
Nun, denen wohl möchte ich als ein Schwarzer den Rat erteilen, lieber die
nichtige Ehre des Verstandes fahren zu lassen und sich dafür für die reine
Wahrheit zu erklären, die nur aus einem reinen Verständnisse erfolgen kann,
ansonst eine unverstandene Wahrheit für ihre Jünger um nicht vieles besser sein
kann als eine platte Lüge; denn eine unverstandene Wahrheit kann jemandem
ebensowenig nützen wie eine Lüge!
[GEJ.04_221,03] Eine erkannte Lüge wird wohl
niemand in eine tatsächliche Anwendung bringen, daher sie ihm weder schaden und
natürlich noch weniger irgend nützen kann; eine unverstandene Wahrheit aber
kann auch niemandem nützen, weil sie als unverstanden entweder in gar keine
oder höchstens in eine unrichtige und falsche Anwendung gebracht werden kann
und in solcher Hinsicht für den Anwender um kein Haar besser sein kann als eine
ganz ausgemachte, vollkommene Lüge.
[GEJ.04_221,04] Das wäre so meine Ansicht;
vielleicht hat jemand eine bessere, und ich will mich dann gerne schweigend auf
ein weiteres alleraufmerksamstes Anhören legen!“
[GEJ.04_221,05] Sage Ich: „Deine Bemerkung
war ganz gut und sehr wahr. Ich kenne Selbst mehrere hier, die diese Meine
Erklärung nicht tief genug erfaßt haben; aber sie schämen sich, die Schwäche
ihres Verstandes durch eine Frage zu verraten und stellen sich darum lieber mit
einem halben Verständnisse zufrieden.“
[GEJ.04_221,06] Als Ich diese Bemerkung
gemacht hatte, fragten gleich mehrere, ob sie es wären, die diese herrliche
Erklärung nicht tief genug begriffen haben. Ich aber schwieg. Es fragte Mich
auch sehr ängstlich Cyrenius, ob etwa auch er diese Wahrheiten nicht tief und
wahr genug begreife.
[GEJ.04_221,07] Da sagte Ich: „Nicht du
allein, sondern die meisten von euch! Nur zwei Meiner Jünger haben diese Meine
Erklärung über den vollkommenen Seelenzustand ganz begriffen, – alle andern, mit
Ausnahme der Mohren, nicht! Ihr habet nun nur so einen Dunst von der Sache und
lange keinen irgend vollkommenen Begriff, was mehreren von euch sogar der
Anführer angesehen und wohl angemerkt hat, darum seine Bemerkung auch eine
vollkommen richtige war.
[GEJ.04_221,08] Ja, eine urlebensvollkommene
Seele hat nebst der wunderbar wirkenden Kraft als Herrin über alle Kreatur
dieser Erde auch diese besondere Eigenschaft, in besonders erregten Momenten
auch die Gedanken der Menschen zu erkennen und sogar zu sehen, was in jemandes
Herzen vorgeht; denn die stark gesättigte Außenlebenssphäre solch eines
Menschen nimmt das in der Außenlebenssphäre eines andern Menschen auf der
Stelle wahr, und es sind darum solche seelenlebensvollkommene Menschen durchaus
nicht zu betrügen. Sie erkennen mit ihrer höchst intensiven Außenlebenssphäre
oft schon auf sehr weite Distanzen, was sich ein Mensch, der ihnen
entgegenkommt, denkt, oder was er will.
[GEJ.04_221,09] Wenn sich ein Feind naht, so
können solche seelenlebensvollkommenen Menschen durch die Vereinigung ihrer
Außenlebenssphären ihn ebensogut allerweidlichst in die Flucht schlagen, als
wie ihr sie durch die Vereinigung ihrer Lebenssphären habt einen mächtigen Baum
aus der Erde ziehen, den gewaltigen Felsen übertragen und am Ende sogar Feuer
machen sehen, das sogleich ein tüchtiges Gebüsch ergriff und zu Asche
verwandelte.
[GEJ.04_221,10] Es ärgere darum niemanden von
euch, wenn euch der Schwarzen Anführer so manches sagt und euch trifft, wie ein
bestgeübter Schütze sein Ziel; denn eure Außenlebenssphären verraten ihm ja,
ganz hell erleuchtet, selbst eure innersten Gedanken, wenn mit ihnen nur
irgendein Wollen vereinigt ist. Die puren Gehirngedanken, die eigentlich gar
keine Gedanken sind, erkennen sie wohl nicht, weil solche nur aus puren
Gehirntäfelchenbildern bestehen und kein Leben haben; aber die Gedanken des
Herzens erkennen sie allergenaust, besonders so sie selbst in einem etwas
gemütserregteren Zustande, wie nun, sich befinden.“
222. Kapitel
[GEJ.04_222,01] (Der Herr:) „Ihr begreifet
nun nur das noch lange nicht lebensklar zur Genüge, was im Grunde des Grundes
so ganz eigentlich die Außenlebenssphäre der Seele ist, und wie diese Kraft
wirkend, fühlend, hörend und sogar sehend sich äußern kann! Es ist dieses wohl
für euer Verständnis ein bißchen schwer zu begreifen, weil sich in der äußern,
für eure Fleischaugen beschaulichen Welt gar kein recht taugliches Beispiel
aufstellen läßt, weil alles Geistige sich nur höchst schwer in irgendein
materielles Bild einkleiden läßt. Aber da ihr diese äußerst wichtige Sache denn
doch ein wenig zu schwach einsehet, so will Ich euch dies noch ein wenig mehr
erhellen. Aber ihr müßt alle eure Sinne so recht kernfest zusammennehmen, sonst
fasset ihr diese allerwichtigste Lebenssache abermals nicht tief genug!
[GEJ.04_222,02] Daß dies aber ein
Allerwichtigstes ist, möget ihr daraus ersehen und gar wohl erkennen, daß Ich
die Erklärung dieses Urlebensgeheimnisses zur Letzt unseres hiesigen
Beisammenseins erläutere. Wie Großes Ich euch aber auch schon zum voraus die
sieben Tage hier und früher auch anderorts gezeigt habe, so bleibt aber dieses
dennoch das Größte, und alles andere ist euch dieses bis jetzt Größten wegen
gezeigt worden, weil ihr es ohne solche wunderbare Vorgänge und Vorbereitungen
unmöglich nur dem geringsten Teile nach begriffen hättet.
[GEJ.04_222,03] Warum bezeichne Ich aber eben
dieses nun als ein Wichtigstes? – Das ist sehr leicht zu erraten und
einzusehen! Wer sein Leben wahrhaft bessern und zum eigentlichen Leben erheben will,
der muß es zuvor in allen seinen Teilen erkennen, wie es besteht, sich äußert,
wie es unter gewissen Bedingungen und Vorgängen sich so oder so äußert; wie es,
so es verdorben und verkehrt wurde, wieder zu bessern ist und ein vollends
gebesserter Lebenszustand zu erhalten und auch auf die Nebenmenschen übergehend
zu verpflanzen ist, damit am Ende ein Hirt und eine Herde werde.
[GEJ.04_222,04] Daß aber für den wahren
Menschen die volle Erkenntnis des Lebens das Allerwichtigste ist, das haben zu
allen Zeiten die weisesten Männer aller Völkerschaften eingesehen und
behauptet; nur fanden sie den Weg nur sehr mühsam und schwer oder zumeist auch
gar nicht dazu. Nun aber bin Ich, als ein Herr und Meister alles Lebens und
Seins von Ewigkeit, Selbst zu euch gekommen und habe wunderbar alles hierher
auf diesen von der Welt noch zuallermeist abgetrennten Ort beschieden, um euch
das wahre Lebenssein so beschaulich und handgreiflich als möglich vor die Augen
zu stellen, und so werdet ihr es mit der Weile und rechter Geduld wohl
begreifen; aber dann wird es auch eure Pflicht sein, das von euch Begriffene
auch euren Nebenmenschen soviel als möglich begreiflich zu machen!
[GEJ.04_222,05] Denn so in einem Lande das
nur ein oder zwei Menschen für sich einsehen, begreifen und davon den Gebrauch
für sich machen, so wird ihnen das ebensowenig von einem besonderen Nutzen sein
wie einem Weisen in einem Narrenhause unter lauter Narren oder in einem Esel-
und Ochsenstalle! Werden diese den Weisen wohl verstehen, so er ihnen aus seiner
innersten Weisheitstiefe die erhabensten Lehren mit den freundlichsten Worten
vortragen wird?!
[GEJ.04_222,06] Ein Weiser kann ja nur wieder
von Weisen erkannt und verstanden werden! Aus dem Leben der Tiere und der
rechten Narren läßt sich nichts machen, denn was daraus zu werden hat, dafür
ist schon durch Meine ewige Ordnung gesorgt; aber aus dem Leben der Menschen
könnet ihr alles zeihen auf dem rechten Wege der Wahrheit, Liebe, Geduld und
Weisheit!
[GEJ.04_222,07] Und habt ihr aus den Menschen
euch wahre Brüder und Freunde gezeihet, die mit der Zeit in der Erkenntnis des
Lebens euch gleichen werden, so werdet ihr auch eine wahre Freude und Seligkeit
untereinander genießen und stark werden in allem Guten, das ihr leicht
ausführen werdet! Denn hundert Arme richten mehr aus als einer, hundert Augen,
nach allen Seiten gerichtet, sehen mehr als zwei, und die Außenlebenssphäre von
Tausenden vereint, ist ein ganz kurios mächtiger Hebel zur Abwendung von
allerlei Gefahren und Übeln, von welcher Seite sie auch immer kommen möchten,
und welches Namens sie auch seien.“
223. Kapitel
[GEJ.04_223,01] (Der Herr:) „Ihr habt doch
gesehen die Macht des gemeinschaftlichen Wirkens durch den Verband der
Außenlebenssphären von etlichen dieser nun unserer Mohren! Wie viele
gewöhnliche Menschenkräfte wären dazu wohl erforderlich, um einen solchen Baum,
wie jene alte Zeder, samt dem schweren Erdballen herauszuheben?! Wie viele
natürliche Menschenkräfte hätten wohl jenen sehr großen und somit überaus
schweren Fels von seiner früheren Stelle weitergeschoben oder hinweggewälzt?!
Die wenigen Mohren haben ihn vor euren Augen durch die Luft geschoben oder
eigentlich getragen! Aus dieser unleugbaren Tatsache mußtet ihr ja doch
entnehmen, welch eine Macht und Kraft da liegt in der vereinigten
Außenlebenssphäre einer naturvollkommenen Seelen!
[GEJ.04_223,02] Wenn aber schon diese Mohren,
die von der Macht und Kraft Meines Namens nichts wußten, bloß durch die Macht
der vereinten Außenlebenssphären ihrer naturvollkommenen Seelen so Außerordentliches
zustande gebracht haben, um wieviel Größeres müßtet dann erst ihr zustande
bringen, die ihr mit den vereinten Außenlebenssphären eurer durch Mein Wort und
durch den allmächtigen Geist Meiner Liebe zu euch vollendeten Seelen wirken
könntet!
[GEJ.04_223,03] Wahrlich, wahrlich, Ich sage
es euch: Nicht nur solche Bäume und Felsen, sondern ganze Berge könntet ihr
versetzen, so es irgend nach der klaren Einsicht eures weisen Herzens vonnöten
wäre; was aber irgend not täte, das würdet ihr doch in einem jeden Augenblicke
durch Meinen Geist in euch erfahren, der durch Mein stets lebendiges Wort in
eurer Seelen Herzen gleichfort gegenwärtig wäre!
[GEJ.04_223,04] Wäre das nicht ein höchst
wünschenswerter Zustand eines vollendeten Menschen in Meinem Namen, und noch
wünschenswerter von einer ganzen Gemeinde oder gar einem Volke?
[GEJ.04_223,05] Seine mögliche Effektuierung
(Verwirklichung) liegt vor euren Augen, und es ist daher höchst notwendig, daß
ihr als nun Meine nächsten Jünger diesen allerwichtigsten Zustand in und bei
euch vollkommen erkennet und ihn dann aber auch alle anderen Menschen in der
rechten Art und Weise erkennen lehret! Denn wer ein Licht hat, der soll es
nicht unter einen Scheffel stellen, allda es mit seinen die Finsternis
erhellenden Strahlen niemand etwas nützen kann, sondern das Licht tue man auf
einen freien Tisch, von dem aus es allen Anwesenden leuchten kann!
[GEJ.04_223,06] Ein natürliches Licht ist
zwar leicht auf einen Tisch gestellt! Mit der Leuchte für Herz und Seele geht
es sicher ums unvergleichliche schwerer; aber ein guter und fester Wille bringt
auch das zustande, und mit Meiner sichern Hilfe in solch wichtigster
Lebensangelegenheit sogar mit leichterer Mühe, als ihr es glaubet. Natürlich
muß jeder das, was er seinem Nächsten geben will, zuvor selbst besitzen,
ansonst gleicht er einem Blinden, der einen andern Blinden führen will; kommen
sie endlich an einen Graben, so fallen sie beide hinein!
[GEJ.04_223,07] Ich habe euch nun diese
größte Wichtigkeit solches Zustandes der wahren Lebenskraft einer vollkommenen
Menschenseele doch hoffentlich hinreichend auseinandergesetzt und habe euch
auch gezeigt die große Wichtigkeit der vollen Selbsterkenntnis, die bei den
Kindern durch eine rechte Erziehung und bei den ohne ihre Schuld schon einmal
verbildeten Menschen durch die rechte Demut, Geduld und hauptsächlich durch die
wahre, tätige Liebe zu Gott und daraus zum Nächsten im möglich reichlichsten
Maße erreicht werden kann. Die Taten der seelenlebenskräftigen Mohren, die euch
zur richtigen Selbsterkenntnis führen sollen, habe Ich euch erklärt, die ihr
aber dennoch nicht zur Genüge lebenstief begriffen habt. An euch liegt es denn
nun, der Wichtigkeit des Gegenstandes wegen zu fragen und durch die Frage aus
euch selbst kundzutun, wo und was euch noch mangelt!
[GEJ.04_223,08] Ihr müßt das Abgängige zuvor
lebendig fühlen, ansonst ihr euch mit eurem freiesten Willen nimmer darum
bekümmern könntet; denn so jemand etwas verloren hat, und er weiß aber nichts
davon, – wird er dann das Verlorene wohl irgendwo zu suchen beginnen? Man muß
alsonach zuvor recht lebendig fühlen, daß einem etwas abgeht, und worin das
besteht, was einem abgeht, und muß auch erkennen den großen Wert des
Abgängigen, ansonst man es nie mit dem erforderlichen lebendigen Eifer zu
suchen anfangen wird!“
224. Kapitel
[GEJ.04_224,01] (Der Herr:) „Der gewöhnliche
Weltmensch kann sich von dem wahren und höchsten Lebenswerte freilich nichts
träumen; denn, wenn nur für seinen Bauch gehörig gesorgt ist, was kümmern ihn
dann alle die andern Wichtigkeiten des Lebens?! Er hat ja in Hülle und Fülle zu
essen und auch zu trinken, wenn es ihn dürstet, hat eine schöne und bequeme
Wohnung, eine weiche Lagerstatt, feine Kleider und noch eine Menge anderer
Lebensannehmlichkeiten, und hat auch keinen Mangel an schönen und üppigen
Maiden und andern Ergötzlichkeiten! Was sollte solch einem Usurpator der
Erdengüter noch abgehen?!
[GEJ.04_224,02] Die armen Schlucker müßten
freilich zu allerlei Weisheit und Erkenntnissen, die ihnen ihre stets hungrige
Einbildung verschaffte, ihre Zuflucht nehmen, um damit hie und da irgendeinen
Reichen für sich zu gewinnen, von ihm zu leben und ihm dafür etwas vorzumachen;
aber an allem dem sei nichts als Wahres anzunehmen als die Not des hungrigen
Weisen und die Trägheit seiner Hände, und daß er sich darum lieber mit seiner
mühelosen Einbildung und Phantasie über irgendeinen Gott und übers ewige Leben
der Menschenseele seinen hungrigen Magen stopft als mit irgendeiner
mühevolleren Arbeit seiner Hände!
[GEJ.04_224,03] Sehet und erkennet aus diesem
lebenstreuen Bilde, ob einem mit den irdischen Lebensgütern wohlversehenen
Menschen irgend etwas abgeht! Was liegt ihm an der allerwichtigsten
Selbsterkenntnis, ohne die eine wahre Gotteserkenntnis nicht denkbar möglich
ist? Wird er das, was ihm doch sicher im höchsten Grade mangelt, je einmal zu
suchen anfangen? Ganz sicher nicht; denn er leidet ja keinen Hunger und keinen
Durst, was doch die vermeintlichen Hebel sind, durch welche die arbeitsscheuen,
armen Schlucker zur Weisheit und Wissenschaft angespornt werden!
[GEJ.04_224,04] Wie könnte er denn sonst
wahrnehmen, was ihm zum wahren Leben abgeht? Nur Hunger und Durst sind – nach
des wohlversorgten Prassers Meinung – die einzigen Beweggründe zu irgendeiner
Tätigkeit; wer sonach weder Hunger noch Durst zu leiden hat, der brauche sich
gar nicht nach irgendeiner Weisheit umzusehen! Kurz, wem nach seiner Meinung
nichts abgeht, der hat auch nach nichts ein Verlangen, und wer nichts verloren
hat, was sollte der suchen, als hätte er etwas verloren?!
[GEJ.04_224,05] Also ist es auch mit einer
Lehre, die vorgetragen wurde. Wer sie völlig zu verstehen wähnt, der wird sich
weiter nicht näher darum erkundigen. Der Gesättigte fragt um keine Speise mehr;
wenn er wieder hungrig wird, dann wird er sich freilich wieder um eine Speise
umsehen. Aber was wird er tun, wenn der Speisemeister nicht anwesend ist? Wird
er sich wohl selbst eine Speise bereiten können?
[GEJ.04_224,06] Darum sehet euch alle jetzt
um eine Speise um, solange der Speisemeister unter euch ist! Wenn er wieder
heimkehren wird dahin, von wannen er gekommen ist, da werden viele anfangen,
sich nach der rechten Speise umzusehen; aber dann wird es schwer werden, eine
zu erhalten.
[GEJ.04_224,07] Viele von euch, die ihr nun
um Mich euch befindet, sind irdisch wohlversorgt und übermäßig reich an allen
irdischen Schätzen und trachten nun mit allem Eifer nach den geistigen, die
nicht aus den Goldschächten der Erde ans Tageslicht gefördert werden! Sie werden
euch zuteil im Übermaße nun, – nur müsset ihr nicht denken, daß eine Vielheit
genügt, um alles klarst einzusehen.
[GEJ.04_224,08] Jedes von Mir zu euch
gesprochene Wort verstehet ihr wohl, soweit ihr als Menschen es verstehen
könnet; alles aber, was darin in einer endlosen Fülle verborgen ist, fasset ihr
noch lange nicht! Ihr fraget auch nicht darum, weil ihr nicht wahrnehmet, was
ihr nicht verstehet! Warum nehmet ihr aber das nicht wahr, und warum hat es der
Oubratouvishar an euch wahrgenommen, daß ihr Meine Erklärung nicht völlig
verstanden habt? Weil sein möglichst urvollkommener Außenseelenlebensäther
euren noch ziemlich unvollkommenen sehr leicht durchfühlt, wie ihr sogar bei
der stockfinstersten Nacht an jemandes Haupte wahrnehmen werdet, ob er viele
Haare hat, oder ob er ein Kahlkopf ist, so ihr dessen Haupt mit euren Händen
betastet!
[GEJ.04_224,09] Bei eurer noch höchst
schwachen Außenlebenssphäre fängt euer Fühlen erst dort an, wo der Leib
anfängt; über diesen hinaus hat eure Seele noch kein Fünklein Gefühles!“
225. Kapitel
[GEJ.04_225,01] (Der Herr:) „Dieser Mohren
Fühlen und Wahrnehmen aber kann sich besonders in einer größeren Erregtheit
viele Stunden Weges weit erstrecken, und sie können es darum leicht wahrnehmen,
wessen Geistes Kinder jene sind, die sich ihnen nahen. Sie werden zwar bei
jemandem ein tieferes geistiges Sein nicht wohl erkennen, – aber den
eigentlichen Seelenzustand ganz gewiß!
[GEJ.04_225,02] Als sie heute morgen
hierherkamen, erkannten sie Meine Seele und ihre Weisheit und Kraft gewisserart
schon von weitem; nur den Geist in der Seele konnten sie nicht erkennen, weil
den Geist Gottes nur wieder ein Geist aus Gott erkennen kann. Dazu mußte Ich
durch Mein Wort erst in ihr Herz den Funken legen; und als der Funke, in einer vollkommenen
Seele die Fülle der rechten Nahrung findend, alsbald erstarkte, da erkannten
sie auch alsbald Mich in Meinem Geiste und wissen nun schon intensiver denn
ihr, mit wem sie es in Mir zu tun haben.
[GEJ.04_225,03] Das alles ist die Folge einer
vollkommenen Seele. Eure Seelen werden zwar, bis auf ein paar, als Seelen für
sich zu solch einer Erkenntnis nie gelangen, aber sie werden durch Meine
übergroße Liebe zu euch also geläutert werden, daß sie zur vollen Aufnahme
Meines Geistes als höchst geeignet dastehen werden. Werdet ihr dann, nicht etwa
durch euer Verdienst, sondern lediglich nur durch Meine Liebe, Gnade und
Erbarmung geisteswiedergeboren, so werdet ihr noch Größeres leisten denn diese
Mohren, – aber nicht aus der Kraft der Vollkommenheit eurer Seelen, sondern aus
der Kraft Meines eure für sich nur schwachen Seelen durchdringenden Geistes,
durch den dann freilich auch eure Seelen für ewig stets lebenskräftiger werden!
[GEJ.04_225,04] Doch will Ich aus euch nicht
Wundertäter, sondern wahre Wohltäter der Menschen machen! Wenn Mein in euch
erweckter Geist volltätig wird, da wird es licht und helle werden in eurem
Verstande, und durch den werdet ihr auf ganz natürlichen Wegen der Natur ihre
Kräfte ablauschen und euch dienstbar machen ihre Geister oder respektive die
seelischen Urspezifikalsubstanzen; dadurch werdet ihr erreichen große irdische
Lebensvorteile, die ihr aber zu Wohltaten für die ärmere Menschheit zu
verwenden haben sollet!
[GEJ.04_225,05] Werden die großen Vorteile,
in die euch mit der Zeit Mein Geist leiten wird, in Meiner Ordnung verwendet,
so werden sie euch eine tausendfache Segnung in allem bringen; werdet ihr sie
aber dann etwa mit der Zeit wider Meine Ordnung selbstsüchtig zu gebrauchen
anfangen, so werden sie für die Menschen zu Brutanstalten alles erdenklichen
irdischen Unheils werden!
[GEJ.04_225,06] Was Ich zu euch nun rede, das
rede Ich auch zu allen, die euch in tausend und noch tausend Jahren, was
darüber oder was darunter, folgen werden. Nachher kommt wieder eine andere Schicht
der Erde zur Durchgärung und Bearbeitung mit und ohne Menschen; denn die Erde
ist groß, und ihrer Geister sind viele, die da im Gerichte harren der Löse.
[GEJ.04_225,07] Ein jeder Wiedergeborene kann
zwar auch Wunder wirken, aber nicht so wie diese Mohren ohne die Erkenntnis
Meines Namens und Meines Willens, sondern mit der vollen Erkenntnis Meines
Namens und Meines Willens und Meiner unwandelbaren Ordnung. Denn würde jemand
etwas anderes wollen, so würde das nicht geschehen können, weil ihm dazu Mein Geist
in ihm keine Kraft leihen würde; denn da würde nur die Seele für sich wollen,
weil der Geist wider Meinen Willen nie etwas wollen könnte!
[GEJ.04_225,08] Es wird aber durch des
Geistes Wiedergeburt in die Seele der Seele nicht benommen ihr eigener, freier
Wille und ihr äußeres Erkennen in den Reihen der großen Schöpfungen, die fort
und fort hervorgehen werden aus Meiner Liebe, aus Meiner Weisheit, Ordnung,
Macht und Kraft.“
226. Kapitel
[GEJ.04_226,01] (Der Herr:) „Die Seele wird
sich zum Geiste stets so verhalten, wie der irdische Leib zur Seele. Der Leib
einer noch so vollkommenen Seele hat gewisserart auch einen eigenen
Genußwillen, durch den die Seele verdorben werden kann, so sie in denselben
eingehet. Eine recht erzogene Seele wird wohl nie in des Leibes Freßwillen
eingehen und stets ein Herr über ihren Leib bleiben; aber bei den verbildeten
Seelen ist solches sehr möglich.
[GEJ.04_226,02] Zwischen Seele und Geist
waltet aber dennoch nur ein solches Verhältnis wie zwischen einer
urvollkommenen Seele und ihrem Leibe. Der Leib mag für sich Begierlichkeiten
haben, so viele er will, und die Seele reizen zur Gewährung und Befriedigung
mit allen seinen oft sehr scharfen Stacheln, so sagt die vollkommene Seele
dennoch stets ein wirkungsreiches Nein dazu! Und auf ein Haar dasselbe tut Mein
Geist in der Seele, in die er vollends übergegangen ist!
[GEJ.04_226,03] Solange die Seele in des
Geistes Willen vollkommen eingeht, so lange geschieht alles auf ein Haar nach
dem Willen des Geistes, was da auch Mein Wille ist; wenn aber die Seele infolge
ihrer Rückerinnerung etwas mehr die sinnlichen Dinge Betreffendes will, so
tritt in solchen Momenten der Geist zurück und überläßt der Seele allein die
Ausführung des Wunsches, aus der gewöhnlich nichts wird, besonders wenn das
Vollbringenwollen sehr wenig oder oft auch gar nichts Geistiges in sich als
wohlbezwecklich enthält.
[GEJ.04_226,04] Die Seele, ihre selbstische
Schwäche und Ungeschicklichkeit bald merkend, läßt von ihren
Selbstlustträumereien denn auch alsbald ab, vereinigt sich wieder mit dem
Geiste auf das innigste und läßt seinen Willen vorwalten. Da natürlich ist dann
wieder Ordnung und Kraft und Macht in der Fülle.“
[GEJ.04_226,05] Fragt endlich, etwas
kleinlaut, doch wieder einmal Cyrenius: „Herr, durch Dein vieles nunmaliges
Reden und Ermahnen bin ich nun wohl hinter eine Kluft gekommen, in der ich
einen Hauptmangel in der Sphäre meiner Erkenntnisse gemerkt habe und ihn jetzt
noch immer besser merke!
[GEJ.04_226,06] Du sagtest ehedem, daß das
Selbstische der Seele, wenn auch Dein Geist in ihr durch den Akt der geistigen
Wiedergeburt sie ganz durchdringt und völlig einnimmt, dennoch nicht derart in
den Geist übergegangen ist, daß sie es in gewissen Momenten von selbem nicht
mehr sondern könnte. Sie besitzt also gleichfort noch ihr Selbstisches und kann
sogar ganz für sich denken und wollen wie vor der Wiedergeburt des Geistes in
ihr substantielles Wesen.
[GEJ.04_226,07] Kann sie zuvor selbst wollen
und denken, so muß sie ja auch ein freies, für sich bestehendes
Erkenntnisvermögen besitzen und muß damit erkennen den namenlosesten Vorzug
dessen, was ihr aus ihrem Geiste einfließt, vor dem, was ihr ihre eigenen Sinne
bieten. Erkennt sie aber notwendig das, wie möglich kann sie noch je etwas für
sich denken und wollen, was ihr nicht der Geist eingehauchet hat?! Muß denn
nicht ihr sehnlichster und ihr ganzes Wesen beseligendster Wunsch vor allem der
sein, ganz vollkommen eins mit dem Geiste für ewig zu sein und unwandelbar zu
verbleiben?! – Ich finde in der bleibenden selbstischen Denk-, Wollens- und
Erkennensfähigkeit eigentlich noch eine Unvollkommenheit im geistigen Sein des
Menschen.
[GEJ.04_226,08] Sonderbar aber klingt auch
das, daß die in ihren Geist hinüber so ganz eigentlich neugeborene Seele – die
denn doch viel kräftiger sein sollte als die pure, urvollkommene Seele eines
dieser Mohren, bei denen von einer geistigen Wiedergeburt noch lange keine Rede
ist und auch um so weniger früher je eine war – für sich viel weniger vermag
als eine solche für sich allein dastehende pure, urvollkommene Seele eines
dieser Mohren! Wenn solche Seelen etwas wollen, so geschieht es; wenn aber eine
in ihrem Geiste wiedergeborene Seele – was doch sicher mehr sagen will als bloß
eine urvollkommene Seele sein – etwas so aus sich wollte, so geschieht's nicht,
weil es der Geist nicht will!
[GEJ.04_226,09] Den Seelen dieser Mohren wird
sicher auch jenseits die wunderbare Fähigkeit innewohnen, laut der sie
wenigstens so viel Wundersames wie hier werden zu bewirken imstande sein;
unsere in den Geist hinüber wiedergeborene Seele aber sollte dann für sich,
gewisserart zu ihrem Privatvergnügen, gar nichts vermögen? Wahrlich, Herr, das
ist mir nun zum ersten Male etwas, was ich durchaus nicht zu fassen vermag!
Denn ich finde dazu weder irgendeinen Grund, noch irgendeinen für die Vernunft
annehmbaren Anhaltspunkt. Wolle Du also die Gnade haben, uns Weißen diese Sache
in ein etwas helleres Licht zu setzen; denn das ist eine unverdauliche Kost für
uns!“
227. Kapitel
[GEJ.04_227,01] Sage Ich: „Ich habe es euch
schon früher einmal gezeigt, wie eine Seele und am Ende der ganze Mensch durch
eine verkehrte Erziehung um alle menschlichen, Mir ähnlichen
Herrlichkeitsfähigkeiten kommt! Wenn du bei einem Kinde zuerst den Verstand
einer gewissen Bildung unterziehst, und es ist das Gehirn noch nicht zu zwei
drittel Teilen reif ausgebildet und wird dennoch belästigt, Worte, Bilder und
Zahlen in einer Unzahl auf die noch sehr weichen und auch noch wäßrigen, in der
besten Ausbildung begriffenen Gehirntäfelchen entsprechend bildlich
aufzunehmen, so werden diese obbenannten Täfelchen einerseits zu sehr
abgehärtet und anderseits durch zu starke Memorialanstrengungen in eine
gänzliche Unordnung gebracht, infolgedessen dann solche Kindlein später als
Jünglinge und noch später als Männer beständig von Kopfschmerzen geplagt sind,
von denen sie zeitlebens nie völlig befreit werden können.
[GEJ.04_227,02] Das ganze Gehirn wird schon
lange vorher mit allerlei Zeichen überkleistert und für die Aufnahme der ganz subtilen
Zeichen, die, aus dem Gemüte zuerst aufsteigend, sich den sehr empfänglichen
Gehirntäfelchen einprägen sollen, ganz unempfänglich gemacht. Wird später der
Seele auch etwas vom Gemüte, irgendeine höhere geistige Wahrheit, vorgetragen,
so hat diese keine Haft irgend, und die Seele kann sie nicht fassen, weil diese
Wahrheit der Seele nicht irgendmehr für länger als auf einen Moment nur
beschaulich dargestellt werden kann.
[GEJ.04_227,03] Zudem hat die Seele stets
eine Menge der materiellen, groben Weltbilder wie einen dichten Wald vor sich
und kann unmöglich durch diese die gar zarten, kleinen, endlos vielen, nur ganz
schwach eingeprägten Zeichen erschauen. Erspäht sie auf Augenblicke die ganz
leise aufgetragenen Dunstbilder, die aus dem Herzen aufgestiegen sind, so
erscheint ihr das als ein Zerrbild, das sie unmöglich fassen und klar genug
erschauen kann, weil die groben Materiebilder vor das geistige Bild zu stehen
kommen und dasselbe zum Teile verdecken und zum Teile zerstören.
[GEJ.04_227,04] Nun würdest du meinen und
sagen: ,Ja, wozu muß denn die Seele gerade auf die Gehirntäfelchen sehen? Sie
befasse sich nur gleich mit dem Herzen und gehe also ein in ihres Geistes
Licht!‘ Wäre alles recht, wenn man nur gleich so, das Leben unbeschadet, die
einmal gestellte Lebensordnung ganz umgestalten könnte!
[GEJ.04_227,05] Wäre es denn nicht auch wohl
füglich, so man jemandem, der durch was immer für Ursachen entweder schon im
Mutterleibe oder nachher auf der Welt blind geworden ist, etwa am Kinn oder auf
der Stirne oder auf der Nase ein paar Augen erschaffen würde? – Das wäre ganz
gut, wenn so ein paar neue, anderorts angebrachte Augen nur nicht auch einen
ganz andern Leibesorganismus benötigten!
[GEJ.04_227,06] Denn beim Mechanismus des
Menschenleibes besteht eine so strenge, mathematische Ordnung, dernach alles
auf seinem Platze nicht um ein Haar verrückbar steht und ohne gänzliche
Veränderung des ganzen Organismus des Leibes nicht verändert werden kann. Es
ist demnach ganz unmöglich, jemandem ein Sinneswerkzeug an irgendeine andere
Stelle des Leibes hinzusetzen, ohne den ganzen Leib total umzugestalten, ihm zu
geben eine andere Form und eine ganz andere innere Einrichtung.
[GEJ.04_227,07] Wie man aber dem Leibe keine
anderortigen Sinne anstatt der schon rechtorts bestehenden aus dem
wohlgezeigten Grunde hinstellen kann, so ist das auch bei der Seele, die ein
noch viel zarterer, geistiger Organismus ist, um so mehr der Fall! Sie kann nur
sehen und hören durch das Gehirn des Leibes; die andern Eindrücke, die aber
stumpf und unerklärbar sind, kann die Seele freilich auch mit anderen Nerven
wahrnehmen, aber sie müssen dennoch mit den Gehirnnerven in einer
ununterbrochenen Verbindung stehen, da sonst der Gaumen keinen Geschmack und
die Nase keinen Geruch hat.“
228. Kapitel
[GEJ.04_228,01] (Der Herr:) „Solange die
Seele den Leib bewohnt, ist und bleibt das Gehirn das Hauptsehorgan der Seele.
Ist dieses recht gebildet, so wird die Seele die aus dem Gemüte dem Gehirn
eingeprägten Lebensbilder gut und genau erschauen und wird auch danach denken,
schließen und handeln; denn kann die Seele auch in gewissen entzückten Momenten
durch die Auflegung der Hände eines Glaubens- und Willensstarken aus der
Magengrube für sich allein helle sehen, wie euch unser Zorel ein Beispiel abgab,
so nützt ihr das fürs reelle Leben wenig oder nichts, denn es kann ihr davon in
der finstern Behausung ihres Fleischleibes auch nicht die allerleiseste
Rückerinnerung bleiben.
[GEJ.04_228,02] Wo bei irgendeinem Schauen
und Wahrnehmen der Seele während ihres Leibeslebens das Gehirn des Hauptes
nicht mitbetätigt ist, da bleibt der Seele keine Erinnerung, sondern höchstens
nur eine dumpfe Ahnung; denn für das, was die Seele in ihres Hauptes Gehirn
aufnimmt, hat sie ebensowenig irgendeine Sehe, als der Leib irgendeine Sehe
hat, die inwendig das besehen könnte, was alles sich durch die Augen und durch
die Ohren in die vielen Gehirntäfelchen bildlich eingeprägt hat. Solches kann
nur die Seele beschauen, die inwendig alles Fleischlichen ist.
[GEJ.04_228,03] Was aber dann entsprechend im
seelischen Gehirne haften bleibt, das kann die Seele mit ihren Augen, die so
wie die des Leibes nur nach außen gerichtet sind, nicht erschauen und mit ihren
Ohren nicht vernehmen, sondern das kann nur der Geist in ihr, darum ein Mensch
auch erst dann etwas rein Geistiges vollends erkennen kann, so der Geist, in
der Seele vollauf erwacht, in diese übergegangen ist.
[GEJ.04_228,04] Was aber inwendig im Geiste
ist, das erkenne Ich und aus Mir dann wieder des Menschen Geist, der mit Mir
oder mit Meinem Geiste identisch ist; denn er ist Mein Abbild in der Seele
also, wie die Sonne ihr volles Abbild legt in einen Spiegel.
[GEJ.04_228,05] Solange demnach eine Seele
den Leib bewohnt, ist ihr ein recht gebildetes Leibesgehirn zum wahren, hellen
Schauen unumgänglich nötig; aber ein verbildetes Gehirn nützt ihr fürs geistige
Schauen gar nichts, wie ihr auch das Schauen durch die Magengrube nichts nützt,
weil sie davon, wie es gezeigt wurde, keine Rückerinnerung behalten kann. Denn
wenn solches auch in ihrem geistigen Gehirne haften bleibt für ewig, so hat sie
dafür doch kein Auge und kein Ohr, was erst der in ihr erwachte Geist hat.
[GEJ.04_228,06] Wenn sonach das Gehirn aus
dem Herzen richtig und recht nach Meiner Ordnung gebildet wird und die
geistigen Lebensbilder, welche ein Licht sind, sich den Gehirntäfelchen eher
einprägen als die materiellen, so werden dann die darauf folgenden
außenweltlichen durchleuchtet und dadurch leicht in allen ihren Teilen gar wohl
verständlich und der wahren Weisheit nach begreiflich und faßlich. Und das
daraus durchgehende Licht erfüllt dann nicht nur den ganzen menschlichen
Organismus, sondern strömt in geistig hellen Strahlen noch weit über denselben
hinaus und bildet so die Außenlebenssphäre, mit der ein Mensch dann, wenn sie
mit der Zeit notwendig stets dichter und kräftiger geworden ist, in die
Außenwelt auch ohne die Wiedergeburt des Geistes Wunderbares wirken kann, wie
ihr solches bei unseren Mohren gesehen habt.
[GEJ.04_228,07] Ist aber beim Menschen das
Gehirn verkehrt gebildet und haften auf dessen Gehirntäfelchen nur matte
Schattenbilder, zu deren Beschauung die Seele am Ende all ihr Lebenslicht
verwenden muß, um sie nur höchst oberflächlich nach den äußersten Formumrissen
zu erkennen, so kann die Seele selbst ja nie also leuchtend werden, daß sich
aus ihrem überschwenglichen Lichte ein Außenlebenskreis bilden könnte.
[GEJ.04_228,08] Nur durch eine rechte Demut,
durch die mächtigste Liebe zu Gott und zum Nächsten und durch ein besonderes
Streben nach geistigen Dingen werden die materiellen Bilder im Gehirne
erleuchtet und dadurch in geistige verkehrt, und das Gehirn wird dadurch zu
einiger Ordnung gebracht, – aber im Leibesleben dennoch nimmer zu derjenigen,
wie ihr sie bei diesen Mohren ersehet.
[GEJ.04_228,09] Aber es macht solches nichts;
denn Mir ist ein Wiedergeborener aus euch lieber denn 99 solche
naturvollkommenen Seelen, die noch nie einer Buße bedurft haben. Denn Meine
rechten Kinder müssen aus ihrer Schwäche stark werden!
[GEJ.04_228,10] Hast du, Mein Cyrenius, nun
solches alles wohl verstanden, und sind deine Fragen nun wohl beantwortet?“
229. Kapitel
[GEJ.04_229,01] Sagt Cyrenius: „Herr,
aufrichtig gefühlt und gesprochen, um diese Deine Erklärung ganz richtig
verstehen zu können, müßte man doch irgendeine Kunde vom Gehirn im
Menschenkopfe haben, da man sich sonst doch unmöglich die Gehirntäfelchen, auf
die entweder in der rechten Bildungsweise die seelisch-geistigen Bilder oder
bei der schlechten und verkehrten Bildungsweise die materiellen, groben
Weltbilder zuerst gezeichnet werden, irgend richtig vorstellen kann und noch
weniger, wie auf solche Täfelchen die verschiedenartigen Lebensbilder
gezeichnet werden.
[GEJ.04_229,02] Wäre es Dir, o Herr, denn
nicht genehm – da Dir doch alle Dinge möglich sind –, uns so ein Beispiel oder
Ebenbild eines Gehirntäfelchens, sowohl des Vorderhauptes wie auch des
Hinterhauptes, vorzustellen, auf daß wir dann auch eine richtige Vorstellung
von dem, was Du Selbst als Wichtigstes zu erkennen angeraten hast, überkommen
möchten?! Denn wenn man bei einer so ungeheuer wichtigsten Belehrung sich von
einer dabei vorkommenden Sache keinen völlig richtigen Begriff machen kann, so
muß dann offenbar auch das Ganze darunter leiden!
[GEJ.04_229,03] Unsere Seele ist sicher noch
viel zu lichtlos, um selbst des Hauptes Gehirntäfelchen sowohl ihrer Form als
auch ihrer Brauchbarkeit nach richtig zu beurteilen oder gar hellseherisch zu
beschauen, um sich selbst davon einen rechten Begriff zu schaffen. Es ist also
notwendig, daß uns schwachseelischen Weißen wenigstens von jenem Organismus
unseres Leibes eine richtige Kenntnis verschafft wird, von dessen gerechter
Ausbildung des Menschen Lebenswohl oder -übel sozusagen nahezu ganz allein
abhängt. Wenn, wie gesagt, o Herr, es Dir genehm wäre, so möchte ich wohl gerne
so ein oder mehrere Gehirntäfelchen zu sehen bekommen; aber auch, wo tunlich,
mit den rechten und dann mit den unrechten Zeichnungen!“
[GEJ.04_229,04] Sage Ich: „Ich wußte es ja,
daß Ich euch darauf hinbringen werde, wo ihr das Mangelnde an euch selbst
erkennen und ein rechtes Bedürfnis fühlen würdet, die Lücken in euch
auszufüllen; und siehe, dies dein Verlangen ist Mir lieber denn ein anderes,
laut dessen du dich ehedem nahezu aufgehalten hast, als Ich zu erkennen gab, daß
die Seele selbst eines völlig wiedergeborenen Menschen für sich in der
materiellen Kreaturenwelt nimmer das Wunderbare leisten wird, das eine
urunverdorbene Seele für sich und aus sich vollbringt!
[GEJ.04_229,05] Ich sagte dir zwar wohl, daß
ein Wiedergeborener das zu leisten vermöchte, was Ich Selbst zu leisten vermag,
freilich nur in und durch Meine Ewigkeitsordnung; aber damit schienst du nicht
so ganz zufrieden gewesen zu sein! Du beachtest aber dabei nicht, daß diese
urvollkommenen Seelen sonst auch nichts vermögen als nur das, was in Meiner
Ordnung zulässig und nutzbringend wohl möglich ist.
[GEJ.04_229,06] Denn alles, was sie mit der
Kraft ihrer seelischen Außenlebenssphäre als euch scheinend Wunderbares wirken,
ist etwas, das ebenso natürlich ist, als wie natürlich es ist, daß hier dieser
Boden mit Moos und Gras bewachsen ist und das Wasser dieses Binnenmeeres in der
großen Grube stehenbleibt vermöge der ihm innewohnenden Schwere. Findest du
aber diese beiden dir nun angeführten Naturerscheinungen in der Ordnung und
vollen Natürlichkeit, so wirst du auch das ganz leicht in derselben Ordnung und
Natürlichkeit finden, was diese urvollkommenen Seelen als für ihre irdische
Lebenssphäre und für das von ihnen bewohnte Land notwendig zu leisten imstande
sein müssen.
[GEJ.04_229,07] Diese Mohren haben wohl eine
sehr schwarze Haut, aber dafür eine desto lichtvollere Seele. Sie kennen auch
zum größten Teile die wichtigsten Organe ihres inneren
Hauptleibeslebensorganismus, und die Gehirntäfelchen sind ihnen wohlbekannt;
denn ihre urvollkommenen Seelen können von innen heraus ihren Leib beschauen,
und ist am selben etwas krank, so sehen sie die Stelle, wo das Übel sitzt, wie
auch das, worin das Übel besteht.
[GEJ.04_229,08] Mit ihrer Außenlebenssphäre,
die in solchen Momenten sehr kräftig wirkt, finden sie auch bald das Kraut,
durch dessen Gebrauch das Übel so oder so bald beseitigt wird. Nur wenn bei
ihnen die Sehnen und Spannadern faul und schlaff werden und dicker das Blut, so
glauben sie, daß es dann kein Kraut mehr gäbe, dem allgemeinen Gebrechen des
alt und aus ganz natürlichen Gründen schwach und sehr müde und träge gewordenen
Leibes abzuhelfen; dann sei es schon am besten, daß die Seele für sich sorge,
sich zusammenraffe und den für weiterhin gänzlich unbrauchbar und häßlich
gewordenen Leib verlasse und sich begebe, von allen irdischen Banden frei, in
das Land der Wonne, das da sei zwischen Sonne, Mond und Erde für immerdar und
ewig.
[GEJ.04_229,09] Diese Menschen haben denn
auch nicht die geringste Furcht vor dem Tode, wohl aber fürchten sie eine
Krankheit des Leibes, weil dadurch die Seelenkräfte unnötigerweise in einen
tätigsten Anspruch genommen würden und dadurch die Seele selbst nachher auf
eine Zeitlang schwach und somit unvollkommen bleiben müßte.“
230. Kapitel
[GEJ.04_230,01] (Der Herr:) „Was da aber
betrifft Züchtigkeit des Fleisches und des Lebens und eine wahre jungfräuliche
Keuschheit, so gibt es auf der Erde wohl kein Volk, das dieser Tugend mehr
ergeben wäre als eben diese Schwarzen, und dem das Laster der Hurerei, Unzucht
und Unkeuschheit weniger eigen wäre als eben wieder diesen Mohren.
[GEJ.04_230,02] Das ist aber auch etwas von
der größten Lebensbedeutung; denn würden die weißen Menschen dieses Laster
meiden und den Beischlaf nur so oft begehen, als wie oft er zur Erweckung einer
Frucht in eines ordentlichen Weibes Leibe notwendig ist, Ich sage es euch:
Nicht einen gäbe es unter euch, der nicht mindestens ein Hellseher wäre! So
aber, wie es unter euch Sitte ist, vergeudet der Mann wie das Weib die besten
Kräfte durch das oft tägliche Verpuffen der alleredelsten und
seelenverwandtesten Lebenssäfte und hat demnach nimmer einen Vorrat, aus dem
sich am Ende ein stets intensiveres Licht in der Seele ansammeln könnte!
[GEJ.04_230,03] Darum aber werden sie stets
mehr und mehr träge und polypenartig genußsüchtige Wesen. Sie sind selten eines
hellen Gedankens fähig und sind furchtsam, feig, sehr materiell, launisch und
wetterwendisch, selbstsüchtig, neidisch und eifersüchtig. Sie können schwer
oder oft gar nimmer etwas Geistiges begreifen; denn ihre Phantasie schweift
immer im Reize des stinkenden Fleisches umher und mag sich nimmer zu etwas
Höherem und Geistigem emporzuerheben. Und gibt es darunter schon auch dann und
wann etwelche Menschen, die wenigstens in fleischgierlichkeitslosen Momenten
irgendeinen flüchtigen Blick nach oben senden, da kommen doch gleich, wie
schwarze Wolken am Himmel, fleischsinnliche Gedanken und verdecken das Höhere
derart, daß die Seele dessen rein vergißt und sich gleich wieder in den
stinkenden Pfuhl der Fleischeslust stürzt!
[GEJ.04_230,04] Bei solchen Menschen nützen
zumeist ihre nicht selten ganz guten Vorsätze wenig oder nichts. Sie gleichen
zumeist den Schweinen, die sich mit stets erneuter Gier in die
allerabscheulichsten Kotlachen stürzen und darin mit dem ganzen Leibe
herumwühlen, und den Hunden, die zu dem, was sie gespien haben, wieder
zurückkehren und es mit Gier wieder auffressen.
[GEJ.04_230,05] Darum aber sei es euch auch
für vollwahr gesagt, daß Hurer und Huren, Ehebrecher und Ehebrecherinnen und
Unzüchtlinge aller Art und jeden Geschlechts in Mein Gottesreich schwer oder
auch gar nie den Eingang finden werden!
[GEJ.04_230,06] So du nun in deinem Herzen
das für etwas zu stark hältst, da versuche du, so einen fleischsinnlichen
Menschen umzugestalten! Fange an, ihn auf die Gebote Gottes aufmerksam zu
machen, sage zu ihm: ,Der Friede sei mit dir, das Reich Gottes ist dir
nahegekommen! Laß ab von deinem lasterhaften Leben, liebe Gott über alles und
deinen Nächsten wie dich selbst! Suche die Wahrheit, suche das Reich Gottes in
deines Herzens Tiefen! Laß ab von der Welt und ihrer losen Materie, und suche
zu wecken in dir des Geistes Leben! Bete, forsche und handle in der Ordnung
Gottes!‘ – und du wirst diese Worte an völlig taube Ohren gerichtet haben! Er
wird dich verlachen, dir den Rücken kehren und zu dir sagen: ,Fahre ab, du
frömmelnder Narr, reize mich mit deiner Dummheit nicht, sonst nötigst du mich,
dich ins Gesicht zu schlagen!‘
[GEJ.04_230,07] Sage Mir, was würdest du dann
noch weiteres gegen solch einen Fleischwüstling unternehmen, vorausgesetzt, daß
in deinen Händen keine Staatsgewalt läge?! Ermahnst du ihn zum zweiten Male, so
hast du eine noch ärgere Grobheit zu erwarten, als da war die erste! Was
nachher? –
[GEJ.04_230,08] Du wirst ein Wunder vor
seinen Augen wirken! Wird ihm das vielleicht Ohren und Augen öffnen? O siehe,
das wird er für eine Zauberei ansehen und zu dir sagen: ,Noch mehr dergleichen
unterhaltende Stücke!‘ – aber ohne Nachteil für ihn, sonst vergreift er sich an
dir und kämpft mit dir auf Leben und Tod; und lähmst du ihm die Glieder, so
wird er dich bedienen mit den gräßlichsten Flüchen!
[GEJ.04_230,09] Darum ist ein Hurer nicht nur
ein sinnlicher Sündenbock, sondern in seiner Gereiztheit auch ein gar böser
Mensch; er ist voll des wilden Feuers und blind und taub für alles Gute und
Wahre des Geistes. Einen Räuber bekehrest du lange eher denn einen echten Hurer
und Ehebrecher.“
231. Kapitel
[GEJ.04_231,01] (Der Herr:) „Nun, wo unter
den Menschen die Geilheit und Hurerei als eine wahre Seelenpest eingerissen
ist, da hat das Predigen des Evangeliums sein Ende erreicht! Denn wie sollte
man, und wie könnte man vor tauben Ohren reden und vor blinden Augen Zeichen
wirken? Wo aber die Wahrheit nicht gepredigt wird und nicht mehr gepredigt
werden kann, die allein die Seele stärken und frei machen kann und sie
erleuchten durch und durch, weil die Seele nur durch die Wahrheit tätig, voll
Liebe und sonach auch voll Lichtes wird, wie sollte da von irgendwo anders her
ein Licht in die Seele kommen, und aus was anderem, als aus eben dem
Wahrheitslichte der Seele, sollte sich dann die Außenlebenssphäre bilden?!
[GEJ.04_231,02] Wo demnach Unzucht und
Hurerei bei einem Volke sehr eingerissen sind, da sind die Menschen ohne alle
Außenlebenssphäre, träge, feig und gefühllos und finden an nichts mehr
irgendein erhebendes und beseligendes Vergnügen und keine Lust an einer schönen
Form und Gestalt. Ihre Sache ist der stumme, tierische Fleischtriebsgenuß; für
alles andere haben sie entweder nur einen sehr geringen oder gar keinen Sinn!
[GEJ.04_231,03] Sorget darum vor allem, daß
dieses Laster nirgends einreiße, und die Eheleute sollen nur so viel tun, als
da zur Zeugung eines Menschen unumgänglich notwendig ist!
[GEJ.04_231,04] Wer sein Weib stört während
ihrer Schwangerschaft, der verdirbt die Frucht schon im Mutterleibe und pflanzt
derselben den Geist der Unzucht ein; denn welch ein Geist die Gatten nötigt und
reizt, sich über die natürliche Gebühr zu beschlafen, derselbe Geist geht dann
potenziert in die Frucht über.
[GEJ.04_231,05] Daher soll auch bei der
Zeugung dieses wohl und sehr gewissenhaft beachtet werden, daß erstens die
Zeugung nicht aus gemeiner Geilheit verübt werde, sondern aus wahrhafter Liebe
und seelischer Neigung, – und zweitens, daß das einmal empfangen habende Weib
noch gut sieben Wochen nach der Ausgeburt ihrer Frucht in der Ruhe ungestört
belassen werde!
[GEJ.04_231,06] Kinder, auf diese ordentliche
Art gezeugt und im Mutterleibe ungestört ausgereift, werden erstens schon
seelenvollkommener in die Welt kommen, weil die Seele in einem vollkommen
ausgebildeten Organismus doch sicher eher und leichter für ihren geistigen Herd
sorgen kann als bei einem ganz verdorbenen, an dem sie gleichfort zu bessern und
zu flicken hat; und zweitens ist sie selbst reiner und heller, weil sie nicht
von den geilen Unzuchtsgeistern, die durch die oft täglichen geilen
Nachzeugungen in des Embryo Fleisch und auch Seele hineingezeugt werden,
verunreinigt ist.
[GEJ.04_231,07] Wie leicht kann solch eine
Seele ihr Gemüt schon in der zartesten Kindheit gleich einem Samuel zu Gott
erheben aus wahrer kindlicher, allerunschuldigster Liebe! Und welch eine
herrliche Urlebensgrundzeichnung wird auf diese Weise aus der wahren Gemütstiefe
dem jungen, zarten Gehirne vor jeder materiellen Zeichnung ganz licht und hell
eingeprägt, aus welchem Lichte sich dann ein Kind die später kommenden Bilder
aus der materiellen Welt in der rechten Bedeutung und Beziehung erklären wird,
weil diese Bilder auf einen lichtvollen und lebenswahren Grund gewisserart
eingepflanzt werden und erweitert und wie in ihre Einzelteile zerlegt und, als
durch und durch besterleuchtet, von der Seele auch leicht durch und durch
beschaut und begriffen werden.
[GEJ.04_231,08] Bei solchen Kindern fängt
sich schon frühzeitig eine Außenlebenssphäre zu bilden an, und sie werden bald
und leicht hellsehend, und ihrem Willen wird sich alles in Meiner Ordnung
Seiende zu fügen anfangen. – Was sind dagegen die schon im Mutterleibe verdorbenen
Kinder? Ich sage es euch: Kaum mehr als scheinbelebte Schattenbilder des
Lebens! Und was ist hauptsächlich daran schuld? Das, was Ich euch bisher
sattsam als Folge der Geilheit gezeigt habe!
[GEJ.04_231,09] Wo irgend in der späteren
Zeit Mein Wort von euch gepredigt wird, soll diese Lehre nicht fehlen; denn sie
bearbeitet des Lebens Grund und Boden und macht ihn frei von allen Dornen und
Gestrüppen und Disteln, von denen noch nie ein Mensch Trauben und Feigen
geerntet hat. Ist der Grund und der Boden einmal gereinigt, so ist es dann ein
leichtes, den edlen Lebenssamen in die vom Gemütslichte durchleuchteten und von
der Flamme der Liebe lebensdurchwärmten Furchen zu streuen. Nicht ein Körnlein
wird fallen, ohne sogleich zu keimen und in Kürze sich zu entfalten zur Tragung
einer reichlichen Lebensfrucht! Aber auf einem wilden, ungereinigten Boden
könnet ihr säen, was ihr wollet, so werdet ihr damit doch niemals eine
gesegnete Ernte erzielen!
[GEJ.04_231,10] Denn ein Mensch, der Mein
Wort austrägt und streuet unter die Menschen, gleicht einem Säemann, der ein
schönstes Getreide nahm und streute es auf jeden Boden, dahin er immer kam.
[GEJ.04_231,11] Da fiel etliches auf dürren
Sand und auf Felsen. Als darauf ein Regen fiel, so fingen wohl die Körnchen an,
ganz zarte Keime zu treiben; aber der Regen hörte bald auf, und es kamen Winde
und der Sonne glühende Strahlen und verzehrten bald alle Feuchtigkeit des
harten Bodens, und damit erstarben auch die zarten, kaum getriebenen Keime, und
es kam zu keiner Frucht.
[GEJ.04_231,12] Ein anderer Teil aber fiel
unter Dorngestrüppe und hatte Feuchtigkeit und keimte wohl und ging auf; aber
nur zu bald ward es von dem Unkraute der Weltbegierden überwuchert und
erstickt, und es brachte somit auch keine Frucht.
[GEJ.04_231,13] Ein Teil fiel aber auf den
Weg der menschlichen Gemeinheit; der keimte nicht einmal, sondern ward bald
teils zertreten und teils von den Vögeln der Luft verzehrt! Daß der auch keine
Frucht abwarf, braucht nicht extra berührt zu werden.
[GEJ.04_231,14] Nur ein Teil fiel auf ein
gutes Erdreich; der keimte, ging gut auf und gab eine gute und reichliche
Ernte.
[GEJ.04_231,15] Dieses Bild diene euch aber
dazu, daß ihr einsehet, daß man die Perlen nicht den Schweinen vorwerfen soll!
Vor allem heißt es, den Boden erst reinigen und düngen und sodann erst darauf
mit der Aussaat des lebendigen Wortsamens beginnen, so wird man sich mit der
schweren Arbeit sicher keine vergebliche Mühe gemacht haben! Denn bei der
Arbeit der Ausbreitung Meines lebendigen Wortes reicht der gute Wille allein
wohl nicht völlig aus; da muß ihn eine rechte und wahre Lebensweisheit leiten,
– sonst könnte ein bloß gut- und festwilliger Austräger Meines Wortes mit dem
Propheten Bileam verglichen werden, dessen Esel weiser war als er!
[GEJ.04_231,16] Siehe, du Mein Freund
Cyrenius, in allem dem, was Ich dir bis jetzt gesagt habe, hast du zwar die
Antwort auf dein Begehren als tatsächlich nicht erhalten, und du bist im Herzen
schon immer im Zuge, Mich daran zu erinnern, – aber Ich sage dir, daß dir dein
alsogleich erfülltes Verlangen eben keinen großen Nutzen gebracht hätte, so Ich
das nicht vorangeschickt hätte.“
232. Kapitel
[GEJ.04_232,01] (Der Herr:) „Nun aber werden wir
sehen, ob wir uns ein Gehirntäfelchenwerk zu eurer näheren Belehrung werden zu
verschaffen imstande sein! Wir könnten uns nun zwar aus Rom durch den Raphael
sogleich ein paar natürliche Menschenköpfe herschaffen lassen – denn soeben
sind zwei Hauptverbrecher in Rom, sogar auf dem Kapitol, enthauptet worden! –,
aber es wäre uns mit diesen Bösewichtsschädeln wenig oder nichts geholfen!
[GEJ.04_232,02] Es soll denn geschehen, daß
uns der Engel vier ganz taugliche weiße und ganz reine Kiesel aus irgendeinem
Bache herbeischafft. Aus diesen werden wir ein menschliches Gehirn darzustellen
suchen, so gut sich das mit der Materie nur immer tun läßt. – Raphael, gehe und
besorge das Verlangte!“
[GEJ.04_232,03] Raphael ward nun auf einmal
unsichtbar, etwa sieben Augenblicke lang; dann aber stand er wieder plötzlich
bei uns und legte vier ganz schneeweiße Kiesel vor uns, das ist vor Mir, auf
den Tisch. Zwei waren größer und zwei kleiner, entsprechend dem großen
Vorderhauptsgehirn für Lichtbilder und dem kleinen Hinterhauptsgehirn für die
Zeichen der Töne.
[GEJ.04_232,04] Als die Steine vor Mir in
rechter Ordnung lagen, rührte Ich sie an, und sie wurden durchsichtig wie ein
reinster Bergkristall. Darauf hauchte Ich sie an, und sie teilten sich in
Millionen vierflächiger Pyramidchen, jedes bestehend aus drei Seiten oder
Außenflächen und aus der Unterfläche.
[GEJ.04_232,05] Die zwei zu Meiner Rechten
aufgestellten Steine stellten das Gehirn in rechter Ordnung und die zu Meiner
Linken das Gehirn in der durch die falsche Erziehung und durch andere
nachträglich böse Einflüsse verkehrten Ordnung dar, wie es gewöhnlich unter den
Menschen vorkommt.
[GEJ.04_232,06] Da aber waren nicht lauter
Pyramiden, sondern nebst den wenigen Pyramiden waren nahezu alle in der
Meßkunst vorkommenden stereometrischen Formen, Figuren und Typen zu ersehen,
was um so genauer zu ersehen war, als Ich durch einen Anhauch die vorliegenden
Gehirnnachgebilde ums Zehnfache vergrößert hatte, so daß nun vier ganz große
Haufen vor uns auf dem Tische, der zu dem Behufe von Raphael schnellst um ein
Bedeutendes vergrößert werden mußte, vor den Augen der überaus erstaunten
Jünger wohlaufgerichtet lagen.
[GEJ.04_232,07] Ich sagte: „Nun könnet ihr
die Tafelformen aller vier Gehirnhaufen wohl absonderlich und gut unterscheidbar
betrachten!
[GEJ.04_232,08] Seht, hier zur Rechten
besteht das große Vorderhauptsgehirn aus lauter höchst regelrechten Pyramiden,
und ebenso das kleine Hinterhauptsgehirn aus den gleichen Pyramiden, – nur sind
sie ums Dreifache kleiner, aber zur Aufnahme von lauter Luftvibrationszahlen
für die Seele dennoch groß zur Übergenüge.
[GEJ.04_232,09] Besehet aber nun auch die
beiden Haufen zu Meiner Linken! Da gibt es schon sehr verschiedene Formen, wie
schon früher bemerkt, und sie passen nirgends gut zusammen; bald ist da, bald
dort ein hohler Raum und gibt Anlaß zu allerlei falschen Abspiegelungen, wie
ihr solches später tatsächlich erschauen werdet. Das Hinterhaupt, ganz dem
Vorderhaupte gleichend, hat ebenfalls ums Dreifache kleinere Tafelformen denn
das Vorderhaupt. – Betrachtet nun einmal die Formen!“
[GEJ.04_232,10] Nun kommen alle, um zu
betrachten das nun aus den vier Kieselsteinen künstlich im vergrößerten Maße
dargestellte Gehirn – bis jetzt noch bloß nur in seinen
Pyramidaltäfelchen-Formen ohne innere Kammerabteilung und ohne Verband der
Gehirntäfelchen untereinander.
[GEJ.04_232,11] (Der Herr:) „Wenn alle sich
davon einen möglichst klaren Begriff werden genommen haben, werde Ich durch
einen wiederholten Anhauch die Gehirntäfelchen in Kammern absondern und sie in
jeder Kammer polarisch verbinden sowie die Kammern selbst und das Vorderhaupt
mit dem Hinterhaupte, damit dadurch die Gehirntäfelchen, welcher Art sie auch
seien, bilder- und zeichenaufnahmefähig werden.“
[GEJ.04_232,12] Cyrenius kann sich vor lauter
Staunen gar nicht erholen und sagt endlich: „Ah, nun geht mir ein Licht auf!
Die Urägypter, die zuerst ihre Schulhäuser in der Gestalt der Pyramiden erbaut
haben, waren sicher noch urvollkommene Seelenmenschen, also von innen voll
Lichtes, und konnten beschauen ihres Leibes organischen Bau! Denen werden diese
Pyramidalformen, als für das Erkennen des Menschen die wichtigsten, sicher auch
beschaulich gewesen sein, und sie haben hernach denn auch diese Form bei der
Erbauung ihrer großartigsten Schulhäuser gewählt. Ja, sie werden auch den Bau
einer jeden einzelnen Gehirntafelpyramide möglichst genau durchschaut und
durchmustert und dann einer jeden Pyramide auch innerlich eine solche
Einrichtung im größten Maßstabe gegeben haben, als wie organisch eingerichtet
sie eine Gehirntafelpyramide gefunden haben!
[GEJ.04_232,13] Darum hat so eine Pyramide
innerlich eine solche Menge von allerlei Gängen und Gemächern, bei und mit
denen sich ein nun auch schon allervernünftigster Mensch unmöglich mehr auskennen
kann, wofür das eine oder das andere gut war! – Herr, habe ich nun wohl so ganz
recht geurteilt?!“
[GEJ.04_232,14] Sage Ich: „Ganz vollkommen
recht und richtig; denn also war es, und die Ägypter haben denn auch die
Flächen der Pyramiden besonders von innen mit allerlei Zeichen und Schriften
und Bildern bemalt, die entsprechend alles mögliche anzeigten, was ein Mensch
auf dieser Erde in seinem Fleische durchzumachen und zu erkämpfen hat, wie er
sich selbst zu erkennen hat, und wie die wahre Liebe der Mittelpunkt alles
Lebens ist.“
233. Kapitel
[GEJ.04_233,01] (Der Herr:) „Aber nun hauche
Ich unsere vier Gehirnhaufen noch einmal an, und du wirst dann auch etwas
Ähnliches wie die zwei und zwei Oubeliske (Spitzsäulen) vor den Pyramiden
erschauen. Die Spitzsäulen waren wohl zu einem andern Zwecke bestimmt als die
je zwei und zwei Säulchen vor jeder Fläche der Gehirnpyramidentäfelchen; denn
die Spitzsäulen vor den Pyramiden zeigten bloß an, daß in den Pyramiden die
Weisheit zu suchen sei, wozu freilich nur ein erwiesen reiner Mensch zugelassen
wurde.
[GEJ.04_233,02] Die zwei Spitzlein vor den
Gehirntäfelchenflächen, deren somit jedes Gehirnpyramidlein acht besitzt, sind
die Schreibstifte, mit denen mittels der Bewegung der dazu eigenen
Gehirnnerven, die mit den Seh- und Gehörnerven in einer höchst kunstvollen und
organisch-mechanischen Verbindung stehen, die Täfelchen entweder nach einer
gewissen Ordnung beschrieben oder mit noch anderen entsprechenden geistigen
Lichtbildern bezeichnet werden.
[GEJ.04_233,03] Gebt aber nun ganz besonders
acht auf alles, was da vorkommen wird! Wir wollen nun diese Schreibstifte mit
einer Lymphe füllen und zuerst unsere Betrachtungen bei dem ordentlichen
Gehirne anfangen! – Ich will, daß die Täfelchen dieses Gehirnes zuerst ordentlicherweise,
wie von einem Gemüte ausgehend, sowohl seh- als auch gehörseits, ganz
ordentlich überzeichnet werden!“
[GEJ.04_233,04] Nun strengten alle nach
Möglichkeit die Augen an und starrten mit der gespanntesten Aufmerksamkeit nach
unserem Gehirnapparate. Ich mußte hier freilich die Lichtbilder auch von
materiellem Grellichte entstehen lassen; denn mit dem Seelenlichte wäre für die
Fleischaugen Meiner Jünger so gut wie nichts zu sehen gewesen. – Was bemerkten
denn nun die aufmerksamsten Beobachter?
[GEJ.04_233,05] Sie bemerkten, wie sich aus
den Spitzen rötliche und bläuliche Sternlein über die Gehirntäfelchen ergossen,
und zwar in einer solchen Ordnung, daß ein recht scharfes Auge aus diesen
zahllosen Sternlein auf den Gehirntäfelchen allerlei der wundersamsten Bildchen
zu entdecken begann.
[GEJ.04_233,06] Ich bewirkte für diesen
Augenblick freilich auch, daß die Augen der Beobachtenden auf einige
Augenblicke die stark vergrößernde Eigenschaft eines Mikroskopes bekamen, was
hier sehr notwendig war, weil sonst die Beobachter von den wunderbaren
Lichtzeichenbildern und -formen nicht viel ausgenommen haben würden. Da hätte
die frühere zehnfache Vergrößerung der Gehirnpyramidchen nicht ausgelangt. Da
sie aber nun die Gehirntäfelchen ums Tausendfache größer ersahen, so konnten
sie schon immer recht sehr vieles entdecken.
[GEJ.04_233,07] Ich fragte denn nun auch den
Cyrenius, was er nun alles sähe. Und er sagte: „Herr, Wunder über Wunder! Aus
den sehr beweglichen und aus sehr vielen Organen nach der ganzen Länge und nach
kreuz und quer bestehenden Vorpyramid-Obelisken strömen fortwährend eine Menge
Sternlein von lichtrötlicher und lichtbläulicher Farbe. Die beiden gleichsam
Fühlhörner jeder der vier Pyramidenflächen sind ununterbrochen tätig und fahren
mit ihren funkensprühenden Spitzen ununterbrochen auf der ihnen
gegenüberstehenden Pyramidenfläche mit aller Emsigkeit umher und bestreuen
diese mit den Sternlein. Man sollte meinen, daß durch dieses scheinbar sinnlose
und wie zufällige Herumfahren auf der Dreikanttafel nichts als ein Gekritzel
herauskommen könne; aber es wächst wie von selbst allerlei ordentliches
Gebildwerk heraus und ist gar lieblich anzusehen.
[GEJ.04_233,08] Nur merke ich nun, daß die
beiden Säulchen ganz ruhig werden, wenn eine Fläche einmal voll angezeichnet
ist. Es ist aber kaum glaublich, daß diese tausendmal tausend Zeichen und
Bildchen in der kurzen Zeit von den zwei lebendigen Zeichenstiften auf eine
solche Dreiecktafel haben hingezeichnet werden können! Die Formen sind zwar
noch sehr klein, obwohl wir so eine Fläche in der größten Manneshöhe erschauen;
aber so rein stehen diese kleinen Bildchen und Zeichlein da, daß man sich schon
nichts Reineres und Vollendeteres denken kann.
[GEJ.04_233,09] Aber warum sind denn im
Hinterhaupte auf den dem Vorderhaupte ganz ähnlichen Täfelchen keine Bildchen
zu entdecken? Ich entdecke darauf nichts als pure Linien, Punkte und anderes
hakenförmiges Zeichenwerk, aus dem ich nicht klug werden kann. Was soll denn
das zu bedeuten haben?“
[GEJ.04_233,10] Sage Ich: „Das sind Zeichen
der Töne und Zeichen des Wortes; sie stehen aber dennoch nicht allein für sich
da, sondern stehen stets mit einer Fläche eines Vorderhauptsgehirntäfelchens in
einer polarischen Verbindung, und der Ton oder der Begriff, der auf des Hinterhauptes
Täfelchen mittels Linien, Punkten und anderer hakenförmiger Zeichen aufgetragen
wird, wird im selben Momente auch gewöhnlich auf die zuunterst liegende
Pyramidenfläche des Vorderhauptes als ein entsprechendes Bildlein aufgezeichnet
und so der Seele zur leichtere Erkennung dargestellt.
[GEJ.04_233,11] Um das zu bewerkstelligen,
müssen eine Menge von Nervenfäden von jedem Gehirnpyramidchen des Hinterhauptes
zum entsprechenden Pyramidchen des Vorderhauptes gezogen sein, ansonst sich
niemand von einem vernommenen Begriffe, von einer mit Worten beschriebenen
Gegend oder Handlung eine klare Vorstellung machen könnte.
[GEJ.04_233,12] Unartikulierte Töne, auch
Musik, werden nicht übertragen, daher sich denn auch kein Mensch unter einem Tone
oder unter einer Harmonie oder einer Melodie irgendein Bild oder irgendeine
Sache vorstellen kann; denn, wie gesagt, es werden solche Töne nicht auf des
Vorderhauptes Gehirntäfelchen wiedergezeichnet, sondern bleiben allein auf
einer entsprechenden Pyramidenfläche des Hinterhauptes haften als Linien,
Punkte und Häkchen.
[GEJ.04_233,13] Von den mit puren Tönen
angezeichneten Hinterhauptspyramidflächen gehen aber dafür Nerven durch das
Rückgratmark zu den Magengrubennerven (Ganglien) und von da zum Herzen, aus
welchem Grunde denn die Musik, wenn sie ganz rein ist, auch hauptsächlich nur
auf das Gemüt wirkt, es ergreift und nicht selten zart und weichfühlend macht.
[GEJ.04_233,14] Aber vom Gemüte ausgehend und
aufsteigend, können die Töne dennoch durch das Licht der Liebe als die
Sternlein durch zwei Obelisklein auf die Gehirntäfelchen in Formen gezeichnet
werden und sind dann der Seele nicht selten wahre Wegweiser in die großen
Lebenshallen des Geistes, und aus diesem Grunde kann eine rechte und ganz reine
Musik der Seele sehr behilflich sein zur vollen Einigung mit ihrem Geiste.
Daher lernet und lehret auch die reine Musik, wie sie dereinst David betrieb!
[GEJ.04_233,15] Daß eine reinste Musik das
vermag, könnet ihr auch daraus ersehen, daß ihr auf einem Platze Feinde und
Freunde aufstellen und dann in ihrer Mitte erschallen lassen könnet die reine
Musik, und ihr werdet statt der Feinde bald lauter gemütliche Freunde
erblicken. Aber es bringt diese Wirkung nur eine reinste Musik zustande; eine
unreine und zotige Musik bewirkt gerade das Gegenteil.
[GEJ.04_233,16] Du hast denn nun gesehen, wie
auch die Töne auf einem Umwege dennoch auch als etwas Beschauliches der Seele
vorgestellt werden, wennschon nicht als Sachbilder, so doch als höhere geistige
Formen in Gestalt von allerlei Zeichen, wie man ähnliche auch auf den alten
Denkmälern Ägyptens antrifft. Ich meine, daß dir das bisher Gezeigte so
ziemlich klar sein wird, und so setze Ich da nichts Weiteres mehr hinzu, als
daß das alles nur bei einem wohlgeordneten und unverdorbenen Gehirne vorkommt
in der ordentlichen Vorbildung aus dem Gemüte, wo die Gehirntäfelchen zuerst
mit dem Lichte mit allerlei seelischen und geistigen Formen beschrieben
werden.“
234. Kapitel
[GEJ.04_234,01] (Der Herr:) „Da wir aber nun
diese gar wichtigste Vorarbeit beschaut und begriffen haben, so müssen wir, um
die Sache ganz zu verstehen, auch noch ganz kurz auf das einige Blicke richten,
wie endlich die Seele auch die Bilder aus der materiellen Welt denselben
Gehirntäfelchen einprägen läßt.
[GEJ.04_234,02] Sehet nun her, es sollen nun
denn auch Bilder, durch die Augen kommend, den Gehirntäfelchen eingeprägt
werden! – Ich will es, und also geschehe es!
[GEJ.04_234,03] Besehet nun die besonders vor
zwei Flächen angebrachten Schreibstifte oder Obelisken, wie sie nun auf einmal
ganz dunkel geworden sind! Es hat das Ansehen, als wären sie mit einem sehr
dunklen Safte angefüllt worden, und sehet, schon sind wir alle, zum Reden
getroffen, auf die Gehirntäfelchen von Zug zu Zug, nebst den Bäumen und nebst
allem, was uns da zu Gesichte kommt, gezeichnet! Aber nicht nur einseitig und
tot, sondern allseitig und wie lebendig!
[GEJ.04_234,04] Jede Bewegung, die wir
machen, wird hier ein wie tausendmal tausend Male wiedergegeben, und dennoch
bleibt eine frühere oder auch tausend frühere Stellungen, in der Pyramide
inneren Gemächern eingezeichnet, dem Auge der Seele gleichfort ersichtlich,
weil vom geistig-seelischen Lichte gleichfort erhellt; und das bewirket das,
was man zum Teil ,Gedächtnis‘ und zum Teil ,Erinnerung‘ nennt, weil es inwendig
der Gehirnpyramiden haftet. Dieses vervielfacht sich aber auf dem Wege der
vielfältigsten Reflexion so, daß man einen und denselben Gegenstand dann
unzählige Male in sich tragen kann.
[GEJ.04_234,05] So trägt ein jeder Mensch,
besonders in seiner Seele und noch unaussprechbar mehr in seinem Geiste, die
ganze Schöpfung vom Größten bis zum Kleinsten ihrer Teile in sich, weil er
daraus genommen ist.
[GEJ.04_234,06] Beschaut er nun die Sterne
oder den Mond oder die Sonne, so wird alles das von neuem wieder in seine
Gehirnorgane gezeichnet auf die euch nun gezeigte Art, und die Seele beschaut
es und hat ein rechtes Wohlgefallen daran, und es wird das Geschaute durch die
rechte Lust der Seele gleich in der Gehirnpyramidchen Inneres und Innerstes,
natürlich in sehr verkleinertem Maßstabe, vielfach auf dem Wege der inneren
Reflexion eingegraben und kann von der Seele allzeit wieder gefunden und
vollkommener beschaut werden.
[GEJ.04_234,07] Alle die Zeichnungen aus der
Sphäre der äußeren Welt erscheinen zwar für sich nur als dunkle Bilder; aber
die hinter ihnen stehenden Lichtbilder aus einer bessern Lebenssphäre erhellen
die Naturbilder, und diese sind daher selbst und in allen ihren Teilen zur
Genüge erhellt, so daß sie die Seele in ihrem Innerstgefüge gar wohl
durchschauen, erforschen und begreifen kann.
[GEJ.04_234,08] Zudem aber steht besonders
das Vordergehirn mit den Geruchs- und Geschmacksnerven in einer steten
Verbindung, so wie das Hinterhaupt mit den allgemeinen Gefühlsnerven. Diese
hinterlassen denn auch auf den eigens dazu bestimmten Gehirntäfelchen gewisse
Merkmale, aus denen die Seele gleich und ganz leicht wieder erkennt, wie zum
Beispiel eine oder die andere Blume oder Salbe riecht, oder wie diese oder jene
Speise, Frucht oder dieses und jenes Getränk schmeckt und auch wieder riecht;
denn es ist die Einrichtung also getroffen, daß jedes Geruchs- und
Geschmackstäfelchen durch sehr reizbare Nerven in strenger Verbindung mit einem
oder dem andern Sachtäfelchen steht.
[GEJ.04_234,09] Sobald nun ein bekannter
Geruch die Geruchsnerven jemandes in Bewegung setzt, so repräsentiert sich das
auch gleich auf einer entsprechenden Geruchs- oder Geschmackstafel, und von der
aus wird sogleich die entsprechende Sachtafel angeregt, und die Seele erfährt
dadurch schnell und leicht, womit sie unter jenem Geruche oder Geschmacke zu
tun hat. Ebenso repräsentiert sich der Seele auch von seiten des allgemeinen
Gefühls durch das Hinterhaupt die Sache, durch die irgend das Gefühl erregt worden
ist, in ihrer Form und Beschaffenheit. Aber das alles geschieht wohl
erkenntlich nur bei einem, wie nun gezeigt, höchst geordneten Gehirne; bei dem
andern, ungeordneten Gehirne werden wir hie und da kaum entfernte Ähnlichkeiten
mit diesem geordneten Gehirne finden, wie wir uns davon gleich faktisch und
praktisch überzeugen werden.
[GEJ.04_234,10] Ihr bemerket dieses zweite
Gehirn in seinem Tafelgefüge und in der Unregelmäßigkeit der Haupt- und
Nebenkammerabteilungen schon als ein Gemenge von allerlei stereometrischen
Figuren, darunter auch Scheiben, Kugeln, Sphäroiden und sonstige breiartige
Klumpen. Die Obelisken vor den Flächen sind zumeist gar nicht als daseiend
ersichtlich; und wo sie noch ersichtlich sind, da sind sie wie ganz verkümmert
und selten von irgend gleicher Größe und Stärke!
[GEJ.04_234,11] Wie kann solch ein Gehirn
einer Seele dienlich sein? Dies Gehirn, wie es sich nun darstellt, kam aus den
gezeigten Gründen schon also zerrüttet aus dem Mutterleibe. Wir werden aber nun
sogleich ersehen, welchen Verlauf es mit der gewöhnlichen Weltbildung nehmen
und zu welch einem Ende und Ziele es gelangen wird. Gebet nun alle wohl acht
darauf!“
235. Kapitel
[GEJ.04_235,01] Fragt Cyrenius etwas
verblüfft: „Herr, ist denn dies nur von Dir allmächtiger- und somit
wunderbarerweise hierhergeschaffene Gehirn auch schon in einem Mutterleibe
seiend verdorben worden durch die sinnlich- wollüstigen Nachbeischläfe?“
[GEJ.04_235,02] Sage Ich: „Aber Freund, welch
eine Frage von dir! Sagte Ich denn nicht ehedem, daß dieses alles nur also
dargestellt wird, wie es in der Wirklichkeit vorkommt? Wem könnte es denn je
beifallen, daß dieses hier nur der Belehrung wegen künstlich dargestellte
Gehirn je im Ernste in einem Mutterleibe wäre verdorben worden?! Es sieht nur
genau also aus, und darum sagte Ich: Dies Gehirn kam schon also zerrüttet, wie
es sich zeigt, aus dem Mutterleibe! Das ist nur eine etwas bestimmtere Diktion
des leichteren Verständnisses wegen und darum an sich nur eine nachgebildete
Wirklichkeit, aber keine genitative, wahre Realität! – Bist du nun im klaren?“
[GEJ.04_235,03] Sagt Cyrenius: „Herr, vergib
mir meine große Dummheit; denn ich sehe sie nun schon ein!“
[GEJ.04_235,04] Sage Ich: „Das wußte Ich
wohl, daß du es einsehen wirst; aber zu deiner nun höchst albernen Frage hatte
dich so ein reminiszierender (erinnernder) Weltspritzer in dein Gehirn
verleitet, und du kannst daraus ersehen, welch eine Weisheit alle sogenannte
Weltklugheit einer nach Wahrheit lechzenden Seele bietet oder bieten kann!
[GEJ.04_235,05] Alle Fragen der Weltklugen
sind an und für sich schon über alle die Maßen dumm; wie sieht es dann erst mit
den Antworten aus, die andere Weltkluge den fragenden Weltklugen geben? So ihr
Licht schon Nacht und Finsternis ist, wie sehr Nacht und Finsternis wird dann
erst ihre wirkliche Nacht und Finsternis sein?
[GEJ.04_235,06] Darum hütet euch vor aller
Weisheit der Welt; denn Ich sage es euch, daß sie um vieles finsterer und böser
ist als das, was die hochangesehene Weltweisheit Dummheit nennt! Denn einem
Weltdummen ist leicht zu helfen, während einem so recht aus der Wurzel
Weltweisen gar nicht mehr oder nur höchst schwer zu helfen ist. Ihr fragt
läppischerweise, ob denn der eigentlichen Weltweisheit gar nicht mehr zu helfen
wäre? Das liegt doch nun mit diesem zweiten, verdorbenen Gehirne klar am Tage
vor euch!
[GEJ.04_235,07] Seht dies rechts aufgestellte
urgeordnete und ganz unverdorbene Gehirn an! Welch eine Klarheit in seinen
Gebilden! Alles Licht und Licht, und alle Formen, sowohl ihrer äußern Umfassung,
wie auch ihrem innern organischen Gefüge nach, sind da in höchster Klarheit
rein ausgebildet zu sehen! Welch klare Begriffe und Vorstellungen muß eine
solche Seele von all den Dingen und Verhältnissen bekommen! Wie weise und wie
in jeder Hinsicht lebenskräftig steht ein solcher Mensch da! Wer aus der Zahl
der vielen Weltkinder kann sich mit ihm messen?! Was eine urgeordnete Seele
alles vermag, das habt ihr früher an den Schwarzen zu beobachten Gelegenheit
gehabt!
[GEJ.04_235,08] Nun aber haben wir ein
verdorbenes Gehirn vor uns und werden es schauen, wie dieses durch eine
nachträgliche, allerschlechteste und verkehrteste Erziehung noch mehr verdorben
wird, und ihr werdet daraus mehr denn klar doch wohl ersehen können, wie
gänzlich frucht- und weisheitslos so eine Weltweisheit gegenüber der wahren,
himmlisch geordneten Weisheit sich ausnimmt! Sehet an nun dieses wahre Chaos
von einem Gehirne! Nirgends ein geordneter Zusammenhang; hie und da nur ein
verkrüppeltes Gehirnpyramidchen! Die ganze Geschichte sieht lange eher einem
Schotterhaufen denn irgendeinem Gehirne gleich!
[GEJ.04_235,09] Eine solche Gestalt bekommt
das Gehirn schon im Mutterleibe! Was soll aus einem Menschen in der Folge
werden, welche Fortschritte wird er in der wahren Lebensschule machen mit solch
einem Gehirne?! Ja, wenn man es noch beließe und finge mit einer sorgfältigen
Bildung des Gemütes an bei zehn Jahre lang! Aber wo bleibt die Gemütsbildung?!
Es wird ihrer gar nie mehr gedacht, in den höherstehenden Volksklassen schon
gar nicht! Die untere Volksklasse aber weiß ohnehin weder von einer Seelen-
noch Lebensbildung irgend etwas Besseres mehr als die lieben Tiere der Wälder,
und ihre Eigenschaften gleichen vollkommen jenen Urbewohnern der Wälder, die
vom Raube und Blute anderer sanfterer Tiere sich ernähren und leben.“
236. Kapitel
[GEJ.04_236,01] (Der Herr:) „So schlecht aber
derartige Menschen auch notwendig sind, so ist aus ihnen dennoch eher ein
vollkommener Mensch zu machen als aus einem echten Weltweisen. Die Weltweisen haben
zwar in mancher Hinsicht – das heißt auf einen Punkt hingezielt, meistens auf
den selbstsüchtigen – einen recht scharfen Verstand, und das auf Grund dessen,
weil die Pyramidalgehirntäfelchen sich zum wenigsten in der Mitte des Gehirns
bei jedem Menschen teil- und zeilenweise erhalten, und das macht, daß viele
Weltweise in einem gegenseitigen Rathalten mitunter, aber nur für rein irdische
Zwecke, irgend etwas Besonderes herausbringen; aber alles Innere, Tiefere –
Geistige bleibt ihnen dennoch fremd. Denn zwischen den Vorteilen der Welt und
jenen ewig dauernden des Geistes und der Seele bleibt eine unübersteigbare
Kluft, über die ewig nimmer auch der schärfste Weltverstand je eine Brücke
finden wird.
[GEJ.04_236,02] Und seht, das liegt alles in
der Grundverdorbenheit des menschlichen Gehirnbaues schon im Mutterleibe und
darauf in der nahe noch schlechteren Erziehung des Herzens und des Gemüts; denn
würde wenigstens nach der Geburt eine rechte Erziehung des Herzens und des
Gemütes erfolgen, so würde durch diese das im Mutterleibe verdorbene Gehirn zum
größten Teile wieder zurechtgebracht werden, und die Menschen könnten in der
Folge zu so mancher Helle und Lebenskraft gelangen, und durch eine fortgesetzte
rechte Demut und wahre Herzensgüte würde sich, freilich nach Jahren, das
Verlorene wieder ganz finden oder ersetzen lassen.
[GEJ.04_236,03] Denn wer da sät auf ein gutes
Erdreich, bei dem kann die Ernte nicht unterm Wege bleiben; aber so in das
ohnehin ganz magere und schlechte Erdreich weder ein Dünger und noch weniger je
ein Same der vollen Wahrheit des Lebens gestreuet wird, wie und von woher soll
da eine Frucht oder gar eine reichliche Lebensernte zu erwarten sein?
[GEJ.04_236,04] Ja, die Weltmenschen
verstehen es wohl recht, den materiellen Boden der Erde gleich den Schweinen
und Schermäusen zu durchwühlen und mit allerlei Früchten zu bebauen. Sie machen
bedeutende Ernten, füllen ihre Scheuern und Getreidekästen bis obenan und
werden darauf voll Stolzes und Hochmutes und darum desto härter und gefühlloser
gegen die arme Menschheit, welcher die zu große Habgier der Weltreichen und
darum Mächtigen keine Spanne breit Erdreichs zum sich selbst erhaltenden
Eigentume zukommen ließ.
[GEJ.04_236,05] Also das verstehen die
Weltmenschen ganz vortrefflich; aber das Erdreich des Geistes, des ewigen
Lebens, lassen sie gleichfort brachliegen und kümmern sich wenig darum. Ob
darauf Dornen oder Disteln wuchern, das kümmert sie wenig oder nichts, und es
wird darum begreiflich, wie und warum die Menschen dieser Erde anstatt besser
stets schlechter und elender werden. Wenn sie sich nur prachtvolle Paläste
erbauen können, liegen auf weichen Betten, und sie haben, um ihren Bauch mit
den besten Leckerbissen zu stopfen und ihre Haut zu bekleiden mit weichen,
königlichen Kleidern, dann haben sie genug und sind zufrieden; denn sie haben
ja das, was ihr selbstsüchtigstes Fleischleben nur immer verlangen kann durch
die kurze Zeit ihres irdischen Lebens.
[GEJ.04_236,06] Wenn aber dann kommt der
stark hinkende Bote, die böse Krankheit und ihr folgend, der Tod, dann geht
ihre verkümmerte Seele von einer großen Angst in eine stets noch größere,
endlich in die volle Verzweiflung, Ohnmacht und endlich gar in den Tod über,
und lachende Erben teilen sich dann in die hinterlassenen großen Schätze und
Überflüsse des verstorbenen Weltnarren. Und was hat dieser dann jenseits?
Nichts als in jeder Hinsicht die größte Armut, die größte Not und das größte,
für diese Welt unbeschreibbare Elend, und nicht etwa nur so auf eine kurze
Zeit, sondern auf für eure Begriffe undenkbar lange Zeiten, die ihr ganz sicher
mit dem Begriffe ,ewig‘ bezeichnen könnet, was aber auch ganz natürlich ist;
denn woher soll eine Seele, die nie für etwas anderes gesorgt und gearbeitet
hat als nur für ihren Leib, die Mittel nehmen, um sich zu vollenden in einer
Welt, die in nichts anderem bestehen kann und darf als nur in dem, was eine
Seele in sich hat und dann durch ihren geistigen Außenlebenslichtäther in eine
sie umgebende Wohnwelt umgestaltet.
[GEJ.04_236,07] In solch einer Welt sollte
ihre neue, liebtätigste Wirtschaft in ihrem höchst eigenen Geisterreiche
beginnen. Wie soll aber das möglich sein, wenn ihr Gemüt, respektive Herz,
verhärtet und unempfindsam ist, stets tiefer in einen sich selbst bedauernden
Ärger versinkt, Zorn und Rache brütet, und wenn in ihr der Geist wie völlig
tot, taub, stumm und blind ist und somit der Seele Gehirntäfelchen nimmer
beschauen und in den hellen Augenschein nehmen kann?
[GEJ.04_236,08] Und würde ein solcher
himmlischer Geist, so es möglich wäre, sich in der total verkümmerten Seele
auch aufrichten, um zu beschauen und zu befühlen, was alles im Gehirne der
Seele für Dinge vorhanden sind, um ihr daraus ein neues Wohn- und Wirkungsreich
schaffen zu helfen, so würde er im Gehirne der Seele dennoch nichts finden,
woraus er selbst, ihr helfend, das zu bewerkstelligen vermöchte. Denn von all
dem Materiellen, was die Seele in dieser Welt in ihr total verdorbenes
Fleischgehirn aufgenommen hatte, konnte unmöglich etwas in ihr eigenes
geistiges Gehirn gelangen, weil ihr für solch eine Übertragung das
Hauptlebensmittel, das Licht aus der Lebensliebesflamme zu Gott und daraus zum
Nächsten, gänzlich fehlte!“
237. Kapitel
[GEJ.04_237,01] (Der Herr:) „Oder gebet ihr
einen noch so hellen Spiegel in einen total finstern Keller, ob sich wohl die
im Keller befindlichen Gegenstände darauf abbilden werden? Ihr werdet, als mit
eurem Keller ganz vertraut, mit eurem Tastsinne die darin befindlichen
Gegenstände nach ihrer Art wahrnehmen und zur Not auch ohne ein Licht erkennen;
aber einen Spiegel werdet ihr umsonst in dem finstern Keller aufstellen, denn
der wird euch ohne Licht nie ein feines Abbild von den Kellerdingen für eure
Augen liefern.
[GEJ.04_237,02] Also ist es auch bei einem
Menschen mit einem weltgebildeten, verdorbenen und finsteren Gehirne der Fall.
Von dem aus geht kein die entsprechenden geistigen Formen in sich tragender
Lichtstrahl aus dem finstern materiellen Gehirne in das seelische, also schon
geistige Gehirn über, und die gänzlich verkümmerten Gehirntäfelchen der Seele
bleiben in sich selbst finster und leer; dränge dann auch des Geistes Licht auf
die Täfelchen, so würde das dem Geiste und der Seele ebensoviel nützen, als so
da jemand stellte ein Licht in ein vollkommen leeres, nur allein mit Kalk übertünchtes
Gemach.
[GEJ.04_237,03] Was wird er darin erschauen?
Nichts als die leeren Wände! Welche Studien wird er wohl darin vornehmen?
Sicher keine anderen als die der verzweiflungsvollen Langweile! Und den Sinn
fassend, wird er sich selbst zurufen: ,Hinaus mit dir und deinem Lichte aus
dieser leeren Kammer; denn da ist nichts! Dahin mit dem Lichte, allwo es etwas
zu beleuchten gibt! Mit dem Lichte soll etwas gewirkt werden, – warum damit die
leeren vier Wände erhellen, die, lichtvoll wie lichtlos, leer dastehen?!‘
[GEJ.04_237,04] Wenn des Geistes Augenlicht
in der Seele Gehirntäfelchen blickt, und sie sind leer, dann dringt kein Licht
eines Geistesauges mehr hinein, und es bleibt darin finster gleich schon so gut
wie nahe für ewig! Wenn aber unwiderlegbar also und nicht anders, woher soll
dann jenseits eine Seele das Baumaterial zur Erbauung einer für sie bewohnbaren
Welt hernehmen? Wie wird sie das anfangen? Ihr meinet, daß Ich auch solch einer
armen Seele werde helfen können? O ja, aber ewig nie durch eine Art schwachen,
menschlichen, zu unzeitigen Erbarmens, sondern nur nach Meiner ewig
unwandelbaren Ordnung, die aber bekanntlich überlange, langmütige und der
höchsten Geduld volle Arme hat!
[GEJ.04_237,05] Erst infolge der den höchsten
Kulminationspunkt erreicht habenden höchsten Not, in der die Seele durch den
mächtigen Druck aller Verzweiflung in eine Art Glühleuchten übergehen wird,
werden aus der höchsten Angst ihres Herzens, also aus ihrem beklommensten
Gemüte wie aus einer verzehrenden Feueresse Glühfünklein in ihr Gehirn
aufsteigen, und es werden sich daraus Dämmerbilder ihrer Not, ihrer Qual, ihrer
Pein, ihrer Schmerzen, ihres Elends, ihrer Ohnmacht, ihrer Verlassenheit in
ihre Gehirntäfelchen einprägen; dann erst wird sie selbst wieder zu einigen
magersten Ideen gelangen und nach langen Zeiten imstande sein, anzufangen, aus
solchen höchst kläglichen Bildern sich eine höchst magere Wohnwelt aus sich
anzulegen!
[GEJ.04_237,06] Um solch einen Besitz aber
wird sie sicher wohl niemand beneiden, und es wird abermals höchst lange
hergehen, bis so eine Seele aus sich eine Verbesserung ihrer Zustands-Wohnwelt
bewirken wird. Dazu werden lauter Gewaltmittel zur tätigen Belebung ihres
Gemüts von neuem nötig sein! Erst aus den vielen und vielen Notständen wird
solch eine Seele zu einer Copia von wenigstens lauter höchst traurig
aussehenden Begriffen in ihr über sich selbst gelangen und wird sich daraus
also auf ihrem Grund und Boden Wege zu ordnen anfangen, auf denen sie nicht so
leicht mehr in die allerhöchste Not und Verzweiflung geraten könnte!
[GEJ.04_237,07] Nun, das könnte man dann
schon mit Fug und Recht ein Kapital und eine eigene Ernte nennen; aber welch
eine Beschränktheit noch darin, welche Magerkeit und welch eine
Unbehilflichkeit!
[GEJ.04_237,08] Wenn jemand unmündige Kinder
in einem dichten Walde aussetzete, so wäre ein möglicher Fall, daß eines oder
das andere aufkäme im Walde. Nehmen wir an, es kämen ein Männlein und ein
Weiblein davon, weil sie gerade unter einem Feigenbaum ausgesetzt wurden, dessen
Früchte, ihnen in den Schoß fallend, sie anfänglich ernährten bis zu einem
gewissen Alter, in welchem sie, als ganz verwildert, sich dann auch eine andere
Kost zu suchen anfangen würden! Sie wüchsen nun auf, erreichten ein mannbares
Alter, zeugeten Kinder, und es würde aus ihnen in ein paar Jahrhunderten ein
Volk; das aber bliebe ohne Unterricht und ohne Offenbarung von oben!
[GEJ.04_237,09] Gehe hin zu solch einem Volke
und erkundige dich nach seiner Bildung, und du wirst dich überzeugen, daß du
statt Menschen Tiere antreffen wirst, die viel wilder und reißender sind als
alle Tiger, Hyänen, Wölfe und Bären! Du wirst unter ihnen keine Sprache,
sondern nur eine Nachahmung von allerlei Naturlauten antreffen, mit denen sie
sich nur ihre Gier und ihren allerrohesten Willen mitteilen. Sie werden die
fremden Menschen, Tiere und Früchte roh auffressen – und bei großem Hunger auch
sich selbst. Ihre Beschäftigung wird in einer beständigen Jagd nach Nahrung
bestehen.
[GEJ.04_237,10] Erst wieder nach ein paar
Jahrhunderten – wenn sie ihre ländergroßen Urwälder überschritten haben und an
irgendein gebildetes Volk gestoßen sind, von dem sie zurückgetrieben und
etliche von ihnen gefangen und einer Bildung übergeben wurden, und sage, nach
öfter wiederholten solchen Fällen und nach der Rückkunft der gewitzigten und
einiger zwar gefangen gewesener, aber nun mit einiger Bildung versehenen
Landsleute – wird der ganze Stamm mit der Zeit zu einiger Bildung gelangen, die
aber freilich von einer rein geistig menschlichen Bildung himmelweit entfernt
sein wird!
[GEJ.04_237,11] Wie lange wird so ein Volk
darauf aber noch zu tun haben, bis es nur wenigstens eure äußere, weltliche
Kultur erreicht haben wird, und wie lange bis zu eurer nunmaligen geistigen,
das heißt, auf dem bloß sich selbst überlassenen Naturwege!“
238. Kapitel
[GEJ.04_238,01] (Der Herr:) „Natürlich durch
Offenbarung von oben her dürfte es mit der Bildung solch eines Naturvolkes
schneller hergehen! Eine Offenbarung kann aber einem Volke auf dieser Welt
leichter gegeben werden denn jenseits einer Seele, die vorbeschriebenermaßen
aber auch nicht ein Fünklein dessen mit nach jenseits hinübergebracht hat, was
nur von fernehin einer göttlichen Ordnung gliche.
[GEJ.04_238,02] Wenn eine so ganz
vermaterialisierte Seele durch eine Unzahl von allerlei Notständen und
unmenschlichen Bedrängnissen jenseits endlich dahin kam, daß sie zu gewissen
Begriffen und Ideen gelangt ist, und aus der größeren Regsamkeit ihres Gemütes
ein mattes Licht in ihr substantielles Gehirn kommt, woraus sie sich infolge
ihrer sehr dürftigen Einbildung und ihres Wollens eine schimärische
(trügerische) Notwohnwelt bildet, die natürlich noch lange keinen Bestand haben
kann, weil noch zu ferne von der einigen Wahrheit und der göttlichen Ordnung
daraus, – so ist es dann erst möglich, durch Sendlinge, die, ganz ihr ähnlich
scheinend, sie besuchen, sie ganz behutsam und so unvermerkt als möglich mit
mehreren und besseren Begriffen zu versehen und zu bereichern.
[GEJ.04_238,03] Und da sind oft noch hundert
Erdjahre ein zu geringer Zeitraum, um die auf dieser Welt so gänzlich
verdorbene Seele in eine ganz kümmerliche Ordnung der Himmel zu bringen.
[GEJ.04_238,04] Höher aber als bis zum
untersten, ersten und puren Weisheitshimmel sie zu fördern, ist und bleibt
nahezu unmöglich; denn ihr Gehirn verliert die traurigen ersten Merkmale
nimmer, aus denen sich von Zeit zu Zeit stets noch eine Art Racherecht und
-weisheit entwickelt, was im nun stets mehr erleuchteten Gehirne auch wieder
ein Bild hinterläßt und der Seele Gemüt dahin stimmt, daß sie einsieht, daß es
ihr zwar ganz gut geht, aber dies Gutgehen lange kein Ersatz ist für alles das,
was sie bis dahin ausgestanden hat.
[GEJ.04_238,05] Sie gleicht einem alten römischen
Soldaten, der seines Alters und seiner vielen Wunden und Narben wegen vom
Kaiser einen Bauerngrund zum Geschenk erhielt, auf dem er sich durch seiner
Hände Fleiß ein ganz gutes Auskommen verschaffen kann. Aber der alte Soldat
murret dennoch, wenn er seiner Wundnarben ansichtig wird, und sagt: ,Gut ist
gut, aber viel zuwenig für mich, der ich für Kaiser, Volk und Vaterland so
oftmals mein Leben in die Schanze geschlagen habe! Meine Nachbarn haben nie
wider einen mächtigen und bösen Feind gekämpft, haben einen gesunden und
geraden Leib und können ihre Felder leicht bebauen. Ich habe wohl auch Diener
und Dienerinnen, die mir arbeiten helfen; aber dennoch muß auch ich selbst die
Hand ans Werk legen, wenn ich etwas Ordentliches haben will. Ich brauche freilich
dem Kaiser keine Steuern und keinen Zehent zu geben, solange ich lebe, und auch
meine Kinder bis ins fünfte Nachkommenglied nicht, besonders so einer meiner
Söhne für Kaiser und Staat die Kriegsrüstung tragen wird. Aber das ginge
unsereinem noch ab, nun auch noch dem Kaiser Steuern zahlen zu müssen! Aber
dennoch, auch ohne Steuern, ist dieser sehr angesehene Lohn für mich viel
zuwenig!‘
[GEJ.04_238,06] Und so auf diese Weise
schmollen denn auch die Seelen des untersten Himmels in einem fort, besonders
wenn sie sich erinnern, daß sie viel ausgestanden haben und nun als Selige
selbst arbeiten müssen, und das mit vielem Fleiße auch noch dazu, um sich den
nötigen Lebensunterhalt zu verschaffen gleichwie dereinst als Menschen auf der
Erde, nur mit dem leidigen Unterschiede, daß sie sich dort keinen übermäßigen
Überfluß erwerben können; denn das gibt's drüben nicht, weil solches die
Vorsteher der Vereine auf das sorgfältigste zu vermeiden und zu hintertreiben
verstehen. Und so sind denn diese seligen Seelen nie so ganz glücklich, weil
ihnen vermöge ihrer Natur immer etwas abgeht.
[GEJ.04_238,07] Ja, es geht ihnen freilich so
hübsch viel ab; aber das Abgängige ist für die meisten von ihnen so gut wie
völlig für ewig unerreichbar, weil dazu die Grundelemente in ihnen gar nicht
vorhanden sind. Sie gleichen auch den Menschen, die gar so gerne gleich den
Vögeln in der Luft herumfliegen möchten und darum oft ganz traurig sind, weil
ihnen als Menschen solche vorzüglichen Eigenschaften versagt sind, deren sich
so viele unvernünftige Tiere in einem höchst vollkommenen Grade erfreuen
können.
[GEJ.04_238,08] Aber was nützt den Menschen
solch ein Trauern? Es fehlen ihnen zum Behufe des Fliegens die Grundelemente,
und so können sie trotz aller Trauer und trotz alles Schmollens dennoch nicht
erreichen, was die Vögel besitzen, nämlich das herrliche, freie Fliegen.
[GEJ.04_238,09] Nun habe Ich dir, du Mein
Cyrenius, und euch allen so ganz klar gezeigt, zu welchen Erfolgen eine Seele
jenseits durch ihre diesseitige Verweltlichung gelangen muß, weil ihr außer
Meiner ohnehin alles umfassenden Ordnung durchaus nicht zu helfen ist, – außer
man müßte ihr Sein ganz aufheben und ein fremdes an seine Stelle setzen, womit
aber der Seele auch sicher nicht gedient wäre!
[GEJ.04_238,10] Eine jede Seele muß sich
entweder hier leicht oder jenseits schwer einmal selbst bilden, wozu ihr die
Mittel eingepflanzt sind. Versäumt sie es hier, weil sie sich zu sehr von der
Welt und ihren verlockenden Schätzen hat umstricken lassen, so wird sie es jenseits
tun müssen. Auf welche Art und Weise, das habe Ich euch soeben ganz klar
gezeigt und eure Herzensfragen zur Genüge beantwortet. Machet ihr nun keine gar
zu freundlichen Gesichter dazu, so kann Ich euch dennoch nicht helfen und kann
es unmöglich anders machen, wie es gemacht und gestellt ist; denn drei mal drei
kann nie sieben, sondern stets nur neun sein und ausmachen! Der Apfelbaum muß
ewig Äpfel und der Feigenbaum ewig Feigen als Frucht tragen!“
239. Kapitel
[GEJ.04_239,01] (Der Herr:) „Um aber alles
das noch heller und handgreiflicher zu verstehen, wollen wir zu dem Behufe das
Gehirn hier zu Meiner Linken mit der größten Aufmerksamkeit in seinen weiteren
Ausbildungsperioden verfolgen!
[GEJ.04_239,02] Es ist bis jetzt noch ganz
unverändert also zu sehen, wie es, schon im Mutterleibe verdorben, in die Welt
ausgeboren wird. Wir werden aber nun gleich sehen, welches Gesicht und was für
eine Farbe es annehmen wird, wenn das Kind etwa nach fünf Jahren Alters die
ersten Züge einer verkehrten Erziehung bekommt, in der man da anfängt, sein
Gedächtnis mit allerlei Auswendiglernereien zu belästigen und soviel als
möglich zu verwirren.
[GEJ.04_239,03] Sehet an, Ich will, daß nun
die ersten Weltbegriffe dem Gehirne eingeprägt werden! Sehet nun nur recht
genau her, und ihr werdet es leicht bemerken, wie die Obelisken vor einem oder
dem andern zerstreut vorkommenden Gehirnpyramidchen ganz plump und mit einer
sehr trägen Bewegung anfangen, auf eine Gehirntafel von einer Sache ein sehr
mageres Bild mit einer ganz dunklen Substanz zu schmieren!
[GEJ.04_239,04] Die erste Anlage ist kaum als
etwas anderes als eine pure, ganz sinnlose Schmiererei anzusehen, daher die
Seele solch eines Kindes sich anfangs in dem vorgesagten Sachbegriff auch lange
nicht zurechtfinden kann. Hundert Male darf es dem Kinde vorgesagt oder
vorgezeigt werden, bis es sich davon wohl endlich einmal eine gemerkte, aber
immer nur eine höchst dunkle Vorstellung machen kann.
[GEJ.04_239,05] Der Grund davon liegt erstens
in der Unreife der etlichen, an und für sich selbst noch ganz ordentlichen
Pyramidalgehirntäfelchen. Die vor ihnen angebrachten Zeichenstifte (Obelisken),
selbst noch ganz schwach und ungeübt, werden mit äußerer Gewalt genötigt, zu
zeichnen ohne die gehörige, aus dem Gemüte hervorgegangene Übung und ohne
Besitz der rechten Substanz, und das auf die rohen, noch lange nicht zum
Daraufzeichnen gehörig präparierten Täfelchen. Daher verrinnt das Bild immer
von neuem wieder und muß nicht selten von den ordentlich genotzüchtigten
Obelisken zum hundertsten Male von neuem gezeichnet werden, bis einmal ein
Bild, ganz schwach nur, auf der unreifen Tafel haften bleibt.
[GEJ.04_239,06] Und welchen Gewinn hat dann
eine Seele von solch einem puren Schattenbilde? Sie erschaut nun bloß die
matten äußersten Umrisse. Von einem Eindringen in die Sache selbst ist bei
solch einem Bilde wohl von weitem keine Möglichkeit! Wer könnte aus einem
matten Schatten eines Menschen ersehen, wie er innerlich beschaffen ist?! Durch
vieles und mühsames Zwingen und Nötigen werden die brauchbaren Gehirntäfelchen
zum größten Teile mit schwarzer Tünche übersudelt, auch die Gotteslehre wird
gleich dem Einmaleins in das Gehirn hineingekeilt, und des Gemütes Bildung
besteht bloß in den Raststunden von der materiellen Verstandeskeilerei.
[GEJ.04_239,07] Erst, wenn der junge,
geplagte Mensch nach zurückgelegten sogenannten ,Berufs‘verstandesquetschereien
(Studien) irgendein Amt überkommen hat, wird sein Herz um etwas freier; er
sieht sich nach einer ihm wohlgefälligen Maid um, um sie zum Weibe zu nehmen.
Die kurze Zeit des eigentlichen Verliebtseins ist für den jungen Menschen noch
die beste, weil während ihrer Dauer der Mensch doch ein wenig in seinem Gemüte
eine kleine, wennschon sehr untergeordnete Erregung überkommt, durch die so viel
Licht in sein Gehirn kommt, daß er sich erst mit Hilfe dieses wenigen Lichtes
in allem dem, was er jahrelang mühsam erlernt hat, doch ein wenig praktischer
auszukennen anfängt und also für ein weltliches Amt ein etwas tauglicheres
Individuum wird.
[GEJ.04_239,08] Menschen aber, die sogar von
dieser Liebe in ihrem Gemüte nicht irgend wärmer erregt werden, bleiben höchst
selbstsüchtige und stoische Pedanten, die sich fürderhin nicht um ein Haarbreit
über ihre stereotyp besudelten Gehirntäfelchen erheben und in nichts anderem
herumwühlen als nur in ihren Gehirnschattenbildern, deren Zahl keine große sein
kann, und was noch da ist, ist finster, schwarz und fürs Sehvermögen der Seele
rein unwahrnehmbar.
[GEJ.04_239,09] Die Seele eines solchen
Stoikers ist daher so gut wie vollends blind. Wie auch ein jeder sonst noch so
scharf sehende Mensch in einer stockfinsteren Nacht ebensogut als vollkommen
blind ist und sich zur Not nur mit dem Greifen fortbringen kann, also kann auch
die Seele so eines rechten Selbstsüchtlers nicht etwa beschauen, was auf ihren
Täfelchen gezeichnet ist, sondern weil bei einer so gänzlich verkehrten
Gehirnbildung, wo nur durch oft wiederholtes Besudeln einer Gehirntafel ein
Bild am Ende ganz stereotyp und plastisch auf derselben haften bleibt, durch
irgendeine regere Gemütsbewegung, die nicht vorkommt, gar kein Licht ins Gehirn
für bleibend aufsteigt, so muß sich die Seele aufs Befühlen ihrer finsteren,
aber stereotypen Gehirntafelbilder verlegen.
[GEJ.04_239,10] Weil aber eine solche
verrumpelte Seele nur durchs Betasten ihrer bezeichneten Gehirntafeln sich ihre
Weisheit schafft, so wird es etwa doch auch begreiflich sein, warum eine solche
Seele in allem ihrem Tun und Lassen so abgemessen pedantisch und stereotyp wird
und nichts als ein Etwas annimmt, was sie nicht allergröbst und materiellst mit
den Händen greifen und betasten kann. Eine solche Seele hält am Ende auch das,
was sie in der Außenwelt mit ihren Augen sieht, für eine optische Täuschung,
und was sie hört, für Lüge; nur was sie nach allen Seiten hin mit den Händen
betasten kann, hält sie für eine reelle Wahrheit. Wie es dann mit der Weisheit
und höheren geistigen Kultur einer solchen Seele aussieht, davon kann sich ein
jeder leicht einen Begriff machen, der dieses von Mir nun Gezeigte und
hinreichend Erklärte nur einigermaßen aufgefaßt hat.
[GEJ.04_239,11] Besehet nun noch einmal zum
Überflusse dieses Gehirn links da! Es stellt nun gerade die finstere
Weisheitskammer eines so recht stereotypen Weltweisen dar, und du, lieber
Freund Cyrenius, als mit sehr scharfen Augen begabt, rede, was du darin nun
alles erschaust!“
240. Kapitel
[GEJ.04_240,01] Sagt Cyrenius: „Herr, das
Vorder- wie auch das Hintergehirn sehen dunkelgrau auf ihrer Oberfläche aus;
tiefer hinein ist trotz des darauffallenden Sonnenlichtes alles schwarz und
finster, und die dazwischen herausglitzernden, weißgrauen Punkte stellen gar
nichts vor. Und so bin ich denn eigentlich auch schon fertig mit allem, was da
zu sehen ist. Nur eine Frage erlaube, o Herr, mir noch, und diese bestehe
darin: Was hat es denn in diesem verdorbenen Gehirne mit jenen anderen
Gehirngebilden, die als die Meistzahl keine pyramidale Bildung haben, für eine
fürdere Bewandtnis?“
[GEJ.04_240,02] Sage Ich: „Diese sind für
nichts; sie sind eine wahre Wüste im Gehirne und erzeugen in der Seele bloß das
leidige Gefühl eines unendlichen Nichtwissens und Nichterkennens. Und willst du
solch einer Seele gleich von höheren, überirdischen Dingen und Verhältnissen
etwas vorzureden anfangen, so wirst du bald die Bitte, davon zu schweigen,
bekommen; denn so sie darüber weiter nachdächte, müßte sie offenbar ein Narr
werden. Es ist darum mit solchen Menschen nichts zu reden, weil sie solches,
wie du nun den wahren Grund einsehen kannst, unmöglich einsehen und irgend begreifen
können. Sie werden ganz natürliche, irdische Dinge schwer oder gar nie völlig
begreifen, geschweige geistige und himmlische.
[GEJ.04_240,03] Siehe, ein Ochse hat auch ein
Maul, im selben eine sehr bedeutende Zunge und Zähne und hat auch eine Stimme.
Die Folge davon sollte sein, daß er auch ganz wohl sollte reden lernen; allein,
versuche, ob du es mit einem Ochsen in zwanzig Jahren dahin bringen wirst, daß
er dir nur ein einsilbiges Wort auszusprechen imstande sein wird! Und doch sage
Ich dir, daß es eher noch möglich wäre, einen Ochsen reden zu machen, als einem
mit solchem Gehirne versehenen Menschen etwas Übersinnliches als begreiflich
beizubringen! Denn so du mit ihm von so etwas, das zu sehr über seinen
beschränktesten Wissenshorizont steigt, wirst zu reden anfangen, so wird er
dich höchstens ganz gutmütig auslachen und dich für einen Narren zu halten
anfangen. Und wirst du es fortsetzen, ihn mit derlei für ihn zu fabelhaften
Dingen zu belästigen, so wird er toll werden und dich ganz grimmig zur Türe
hinausweisen!“
[GEJ.04_240,04] Sagt Cyrenius: „Ja, wie wird
man denn hernach solchen Menschen, deren es doch eine Unzahl gibt, Dein Wort
vortragen?“
[GEJ.04_240,05] Sage Ich: „Findet ihr bei den
Menschen, zu denen ihr kommen werdet, ein teilnehmendes Herz, und werden sie
euch aufnehmen in ihre Wohnungen, so bleibet und suchet vor allem ihr mit
einigem Leben behaftetes Gemüt soviel als möglich zu beleben! Werdet ihr das
tun, so wird solcher Menschen stets tätiger werdendes Gemüt anfangen, ein Licht
im Gehirne zu verbreiten, und die Wärme dieses Lichtes wird dann anfangen, die
Gehirntäfelchen mehr und mehr in eine erträgliche Ordnung zu bringen, und es
werden dann solche Menschen für eine höhere Lehre bald aufnahmefähiger werden
und so von Stufe zu Stufe emporsteigen zum stets reineren Lichte.
[GEJ.04_240,06] Findet ihr aber ein ganz
totes Gemüt bei dem, zu dem ihr kommet, da ziehet nur schnell weiter! Denn da
sollet ihr die Perlen den Schweinen nimmer vorwerfen! – Verstehet das alles nun
wohl! Wer noch in etwas nicht ganz im reinen ist, nun, der frage noch, und es
soll ihm eine rechte Antwort werden! Sonst sollen die beiden Gehirne
weggeschafft werden.“
[GEJ.04_240,07] Kommt der alte Markus herbei
und sagt: „Herr, es nahet der Mittag! Soll ich noch nicht fürs Mittagsmahl zu
sorgen anfangen?“
[GEJ.04_240,08] Sage Ich: „Das ist schon ganz
löblich von dir, daß du Mich fragest; aber das Mittagsmahl für Seele und Geist,
das aus Meinem Munde kommt, hat vor deinem leiblichen Mittagsmahle einen
unberechenbar großen Vorzug! Daher wollen wir noch einige geistige Gerichte
vorher verspeisen, und Ich werde es dir dann schon sagen, wann es an der Zeit
sein wird, für ein leibliches Mittagsmahl zu sorgen! Gut ist gut, aber besser
ist besser!“
[GEJ.04_240,09] Mit dem gibt sich Markus ganz
zufrieden und bleibt mit seinen Söhnen stehen, um zu sehen und zu hören, was da
Weiteres vorkommen werde.
241. Kapitel
[GEJ.04_241,01] Zugleich aber tritt auch der
Oubratouvishar zu Mir und sagt: „Herr, Herr, wußten denn die weißen Brüder das
ehedem nicht, was Du ihnen nun so weise erklärt hast? Bei uns, Dir alles Lob
darum, wissen das sogar unsere Kinder; denn sie können sich alle inwendig
beschauen und haben allzeit eine große Freude, wenn sie uns von ihren schönen
Gärten, die sie in sich von Zeit zu Zeit beschauen, etwas erzählen können. Was
haben denn diese weißen Brüder getan, daß sie solcher allerwichtigsten
Anschauungen unfähig geworden sind? Wenn sie solcher allerwichtigsten
Fähigkeiten bar sind, da sind sie ja eigentlich keine ordentlichen Menschen,
sondern große Affen, wie sie bei uns vorkommen, nur um die Sprachfähigkeit
vollkommener!
[GEJ.04_241,02] Wir alle haben große Augen
gemacht, als Du da bei diesen Gehirnen mit Erklärungen zum Vorscheine kamst,
die uns doch nahezu noch bekannter sind als unsere Wohnhütten daheim. Wir sind
freilich im ganzen organischen Baue unseres Leibes nicht bewandert, aber unser
Gehirn kennen wir von Punkt zu Punkte. Es sind bei uns wohl noch sehr viele
Täfelchen leer, da wir nichts haben, sie alle vollzuzeichnen; aber die da
angezeichnet sind, die stehen gerade also da, wie Du sie nun beim rechten
Gehirne als ganz in Deiner Ordnung gezeigt und überhinreichend klar erklärt
hast. Aber wissen möchte ich wahrlich, wie denn diese Menschen das in sich gar
nicht wahrnehmen mögen, was uns Schwarzhäuten doch für immer klarst ersichtlich
ist! Was haben sie denn so ganz eigentlich angestellt? Wer hat da zu solch
einem Verderben den Grund gelegt? Einer muß da einmal einen schlechten Grund
gelegt haben; aber wer, warum und bei welcher Gelegenheit?“
[GEJ.04_241,03] Sage Ich: „Wer da der
eigentliche Urheber ist, danach forsche du nicht! Denn so manches liegt
verborgen im Rate Gottes, was die Menschen auf dieser Erde nicht völlig auf den
Grund zu wissen vonnöten haben! Wenn der Mensch nur weiß und erkennt, was zu
tun ihm vor allem notwendig ist in Meiner Ordnung! Tut er das, wozu er die
anweisenden Gesetze hat, gegeben aus den Himmeln, so wird bei ihm alles in der
besten Ordnung sein; alles andere aber wird ein jeder Mensch, der Gott über
alles und seinen Nächsten wie sich selbst liebt und dadurch im Geiste
wiedergeboren wird, vollkommen erfahren.
[GEJ.04_241,04] Es handelt sich nun bloß
darum, ob alle die weißen Brüder das alles wohl verstanden haben, und daß der
Mensch, so er in sich verspürt eine Leere, fragt, was ihm noch fremd ist, und
es soll ihm dann solches so hell als möglich berichtet werden. Das ist nun vor
allem nötig! Das aber, um was du gefragt hast, wird jedem noch früh genug bekannt
werden, wenn er zur Wiedergeburt seines Geistes gelangen wird.“
[GEJ.04_241,05] Der Oubratouvishar ist damit
ganz zufrieden und bespricht sich darauf in seiner Landeszunge mit den Seinen.
[GEJ.04_241,06] Es tritt aber nun auch einmal
wieder Mathael hervor und sagt: „Herr, Du unser Leben, Du unsere Liebe, da Du
das Fragen erlaubt hast, so bitte ich im Namen meines Schwiegervaters, meines
lieben Weibes und im Namen meiner vier Gefährten, daß Du über einen kleinen
dunklen Punkt in dieser Sache uns ein rechtes Licht verschaffen möchtest! Es
ist das gewisserart eine Rechtsfrage, und ich glaube, daß diese Dir gegenüber
ein jeder Mensch, so er zum Gebrauche seiner Vernunft gekommen ist, ganz
bescheiden aufzustellen berechtigt ist. Ist ja doch der Mensch ursprünglich
nicht sein, sondern nur Dein Werk, was mir alle Himmel ewig nie in Abrede
stellen können!
[GEJ.04_241,07] Und so scheint mir denn
besonders in der jenseitigen Führung der Geister oder eigentlich Seelen von
sehr verdorbener Art bei Deinen Liebe- und Allmachtsmitteln der Weg doch ein
wenig zu langwierig und zu hart zu sein! Es ist zwar wahr, daß Du uns auch in
dieser Hinsicht schon gar vieles zur klarsten Rechtfertigung Deiner einmal von
Ewigkeit her gefaßten und fest gestellten göttlichen Ordnung gesagt, gezeigt
und erklärt hast; aber über alles das drängt sich mir denn doch noch diese
wahre Rechtsfrage auf:
[GEJ.04_241,08] Kann der Apfel darum, so ihn
ein Sturm vom Aste gerissen hat, oder kann ein zersplitterter Baum darum, daß
er einem verderblichen Blitze zur Zielscheibe dienen mußte, oder kann das
ruhige Meer darum, wenn es durch die Wut eines Orkans zu berghohen Wogen
aufgestaucht wird?! Was kann die Klapperschlange darum, daß ihr Biß tötend
ist?! Und die Tollkirsche hat sich nicht selbst das Gift gegeben! Es treibt
überall ein Keil den andern, und es kann am Ende keiner darum, daß er getrieben
wird!
[GEJ.04_241,09] Von einer hohen Felswand
stürzte ein locker gewordenes großes und schweres Stück herab und machte
zufällig bei einer zuunterst der Wand entlang weidenden Herde eine große
Verheerung. Welcher Schuldige wird da den Schaden ersetzen? Wenn ich über einen
Stein auf dem Wege in der Nacht gestolpert und endlich auch gefallen bin, wer
ist da schuld daran gewesen, – die Nacht, der Stein, oder mein augenloser Fuß?
Kurz und gut, es gibt da eine Menge der kitzlichsten Kreuz- und Querfragen, in
denen allen eine wahre gegenseitige Verletzung des individuellen Urnaturrechtes
mit Händen zu greifen ersichtlich wird! Von wem stammt sie prinzipiell?
[GEJ.04_241,10] Ein Gleiches entdeckte ich
nun beim Menschen. Diese Schwarzen sind noch im vollen Besitze der
urmenschlichen Eigenschaften, – wir Weißen haben davon keine Ahnung bis auf
diesen Tag gehabt! Ja, warum denn nicht? Es heißt: wegen unserer seelischen Verdorbenheit,
und die Seele wieder mußte verdorben werden, weil des Menschen Gehirn schon im
Mutterleibe verdorben wurde und späterhin noch mehr durch eine ganz verkehrte
Erziehung! Und ich muß da offen der vom Oubratouvishar gestellten Frage
beipflichten und sage denn auch: Ja, ja, die Menschheit ist schlecht und
verdorben im Grunde und Boden; wer aber hat sie ursprünglich verdorben, und wer
hat sie verderben lassen? Infolge solcher Verdorbenheit können die Menschen nur
etwas ganz Verkehrtes wollen und können darum nie besser, sondern nur stets
schlechter und elender werden!“
242. Kapitel
[GEJ.04_242,01] (Mathael:) „Nun, auf dieser
Welt tut es sich für manchen noch so ziemlich! Er macht sich irgendein
Paradieslein, so gut er's nur kann und mag. Freilich müssen andere zu Tausenden
dafür mehr leiden, und das darum, weil sie sicher nicht so gut verstanden
haben, sich ein Paradieslein zu schaffen, wie der eine Pfiffige! Diese werden
darum vor Neid und Zorn in ihrer Seele zerstört – und jener Paradiesleinbesitzer
vor lauter Wollust und Üppigkeit! Die ersten sind verdammt vor lauter Not und
Elend – und der Reiche wegen seines Wohllebens!
[GEJ.04_242,02] Lassen wir aber die
diesseitigen Verhältnisse, denn sie seien die Frucht der nun gründlichst
bekannten Seelenverdorbenheit, und wenden uns zu den allerschaudererregendsten
Folgen im einstigen großen Jenseits! Die Haare sträuben sich, nur daran
ernstlich zu denken, in welch einen überscheußlich erbärmlichsten Zustand solch
eine so oder so verdorbene Seele gerät! Welcher Fluch kann zu solch einer
Darstellung einem menschlichen Munde die gehörig gefärbten Worte leihen?! Nur
die größten Qualen des Zornfeuers in der Seele selbst können sie auf dem Wege
einer namenlos bösen Witzigung in einen etwas erträglicheren Zustand bringen,
wozu allzeit gleich so ein bißchen was von einer Ewigkeit, der Zeitendauer
nach, erfordert wird! Wie gar viele Seelen werden sonach von jetzt an in
Myriaden von Erdjahren gerade so erst recht ins tiefste und schauderhafteste
Elend gelangen, um erst wieder nach abermaligen Myriaden von Erdjahren sich
gerade etwa um ein Haar freier und somit erträglicher zu befinden!
[GEJ.04_242,03] Herr, ich stelle das genau
nach Deinen Worten auf und setze nichts hinzu, nehme aber auch nichts hinweg!
Wenn ich nun einerseits Deine Allmacht, Güte und Liebe betrachte und anderseits
die gewisse prinzipiell unverschuldete Verdorbenheit einer jeden elenden Seele
und die nahe ewig dauernden Folgen der haarsträubendsten Art und am Ende aller
der unbeschreiblichsten Qualen einen Seligkeitshimmel, der kaum um ein Haar
besser als ein ganz wohlbestellter Sklavenstand auf dieser lieben Mutter Erde
aussieht, da muß ich trotz aller der Gnaden, die Du, o Herr, mir erteilet hast,
Dir offen bekennen, daß ich das mit meiner Vernunft höchst sonderbar finde und
als Mensch, begabt mit einem fühlenden Gemüte, eine Ungerechtigkeit darin
entdecke, gegen welche alle die von den Menschen begangenen größten und
himmelschreiendsten Ungerechtigkeiten eine barste Null sind. Und ich bedanke
mich ganz gehorsamst für ein solches Dasein, möge es am Ende hinauslaufen,
wohin es wolle!
[GEJ.04_242,04] Es ist schon ganz richtig von
Dir, o Herr, gezeigt, wie ein jeder Mensch, um vor Deiner nackten Gottheit
bestehen zu können, sich selbst wesenhaft gestalten muß, und wie Du ihm dazu
nur die Gelegenheit und sonst nichts bieten kannst. Kurz, das alles sehen wir
nun ganz gut ein, und es bedarf dafür kein erklärend Wort mehr. Aber daß
Menschenseelen, die schon seit mehr denn tausend Jahren auf die gleiche Weise eingefleischt
und sodann auf dieselbe Weise erzogen werden, wie sie leider nun besteht, im
Jenseits darob nahezu ewig leiden sollen, um nur um ein Haar besser zu werden,
das kommt mir in jedem Falle sehr hart vor! Du lehrtest uns selbst, mild, sanft
und nachsichtig mit kranken Seelen zu verfahren! Ist aber eine kranke Seele
hier auf dieser Welt nicht genesen, sondern tritt als noch durch und durch
krank ins große Jenseits hinüber, – so ihr da kein Funke irgendeiner Liebe und
Milde mehr erwiesen und erzeiget werden kann oder darf, da meine ich denn doch,
daß auch hier Gnade und Liebe an die Stelle der zu strengen Ordnung und
Gerechtigkeit treten könnten!
[GEJ.04_242,05] Ich will es ja recht gerne
zugeben, daß ein vollendetes Leben der Seele, mit dem Geiste aus Gott vereint,
aller Güter höchstes ist; aber die Erfahrung lehrt daneben doch auch wieder,
daß ein Gut dadurch viel an seinem Werte verliert, so man es irgend zu lange
und mit großen Beschwerlichkeiten suchen muß.
[GEJ.04_242,06] Jemand wollte sich ein Weib
nehmen. Er kennt schon die Erwählte seines Herzens. Als er aber um deren Hand
bittet, so werden ihm da Bedingungen gemacht, die er alle erst in tausend
Jahren vollkommen lösen könnte, und die damit verbundenen Beschwerden sind von
nahezu unbesiegbarer Art! Ja, ist es denn da ein etwa gar zu großes Wunder,
wenn so ein Mensch am Ende gar kein Begehren nach dem Besitze des gewählten
vornehmen Weibes mehr in seinem Herzen trägt und sich schon lange mit einer
Maid ganz geringen Herkommens verheiratet hat, zu deren Gewinnung ihm ganz
erträgliche und leicht zu erfüllende Bedingungen gestellt wurden?
[GEJ.04_242,07] Darin, o Herr, also besteht
mein hoffentlich ganz wohl begründeter Anstand und vielleicht eine Schwäche
meines Herzens! Ich fragte Dich darum, weil Du uns alle Selbst aufgefordert
hast, über etwas noch Unverstandenes zu fragen! So es Dir genehm wäre, könntest
Du mich darin wohl mit Deiner Gnade erleuchten?“
243. Kapitel
[GEJ.04_243,01] Sage Ich: „Ja ja, das ist
eben der Knoten, den Ich auf die Gehirnerklärung nicht nur in dir, sondern in
mehreren von euch entdeckt habe, und Ich habe euch auch eben darum zu fragen
aufgefordert.
[GEJ.04_243,02] Es versteht sich ja von
selbst, daß Gott, als die höchste und purste Liebe von Ewigkeit unverändert
gleich, nimmerdar irgend lieblos sein kann, und daß Sie alle Ihr zu Gebote und
zu Diensten stehenden Mittel auf das allerlebhafteste anwenden wird, um
irgendeine wie immer kranke Seele zu heilen. Aber der Seele ihr eigenes
charakteristisches Ich kann Sie nicht nehmen, sondern muß es belassen und die
Seele in solche Zustände kommen lassen, die sie, wenn sonst alles nichts nützt,
durch eine Art Witzigung zurechtbringen!
[GEJ.04_243,03] In einem äußersten Falle kann
dieser Weg freilich nur ein äußerst langwieriger werden; aber es trägt dann
niemand die Schuld als die zu sehr starr- und eigensinnig gewordene Seele, die
freilich das zumeist nur infolge dessen wurde, was Ich euch von ihrer
Unvollkommenheit ehedem erzählt und erklärt habe.
[GEJ.04_243,04] Aber es ist das ja der
vollstarke, höchst eigene Wille der Seele; sie will es also und tut immer nur,
was ihr gut dünkt! Nun, da geht es mit einem allmächtigen und also gewaltigsten
Entgegenwirken nicht; denn das würde der Seele erst die allerunerhörtesten
Qualen bereiten! – denn schon ein leisestes Einfließen bereitet ihr die
unsäglichsten Schmerzen; was würde sie bei einem allzustarken Einfließen erst
auszustehen haben?!
[GEJ.04_243,05] Gott ist in Sich das höchste
Feuer alles Feuers und das stärkste Licht alles Lichtes! Wer aber kann ein
Feuer ertragen, wenn er nicht selbst Feuer, und das höchste Licht, wenn er
nicht selbst Licht ist?! Da siehe das linke noch hier seiende Gehirn! Ersiehst
du irgendein Feuer darin oder irgendein Licht, auch nur so stark leuchtend wie
ein Sonnenwendkäferlein in der Nacht? Was gehört dazu, bis dieses Gehirn ganz
Feuer und hellstes Licht wird?!
[GEJ.04_243,06] Wollte Ich aber mit aller
Gewalt hier einzufließen anfangen, so wirst du diese beiden Linksgehirnhaufen nicht
mehr schauen; denn sie werden sofort in jene dir noch bekannten Feuerzünglein
aufgelöst werden und sich zerstreuen, bis Mein Wille sie irgend erfaßt und aus
ihnen ein neues Wesen bildet. Was ist aber dann mit dieser gegenwärtigen
Wesenheit?!
[GEJ.04_243,07] Damit aber kein Wesen, das
einmal besteht, ewig je irgend in seiner seelischen Sphäre zerstört und in ein
anderes Wesen übergehen kann und verlieren das Ur- Ich, so ist dahin Meine als
ewig unwandelbar fest gestellte Ordnung ja auch gut! Und mag eine Seele mit
ihrer Vollendung noch solange zu tun haben, so bleibt sie dennoch ihr eigenstes
Ur-Ich und wird sich als solches auch für ewig unwandelbar erkennen, was denn
hoffentlich doch tröstender ist, als so die Seele als völlig zerteilt in ein
anderes Individuum übergehen würde, allwo alle Erinnerung an ein früheres Sein
notwendig verschwinden müßte und keine Spur von einem früheren konkreten Sein
übrigbliebe! Wozu wäre dann ein sich selbst frei bestimmendes Vorleben gut
gewesen? Wäre da ein Mensch wohl besser daran denn ein kriechender Wurm im
Staube?!
[GEJ.04_243,08] Das Vorleben ist doch zumeist
mit allerlei Drangsalen gesegnet. Der Mensch, und sei er ein Königssohn, muß
von seiner Geburt bis zum Grabe hin so manche sehr schwere Probe mitmachen. Er
hat sich oft tausend Pläne gemacht, die er alle auf das gelungenste ausführen
wollte; aber es traten bald unvorhergesehene Hindernisse entgegen, und aus
allen den schönen Plänen wurde nichts. An ihre Stelle traten allerlei
Plackereien, Krankheiten, Verdrießlichkeiten, – kurz, auf einen Anmutstag
kommen gewöhnlich fünf Tage, von denen keiner etwas besonders Erfreuliches
aufzuweisen hat, und in einem Lebensjahre hat ein Mensch sicher dreißig ganz
vollendet schlechte Tage gehabt!“
244. Kapitel
[GEJ.04_244,01] (Der Herr:) „Wenn man denn so
das Leben des Menschen selbst in seinen irdisch günstigsten Verhältnissen
durchmustert, so ersieht man es leicht, daß demselben eben nichts geschenkt
ist. Vom Könige bis zum Bettler hat ein jeder mit des Lebenssommers Fliegen,
die voll Stacheln sind, den Kampf zu bestehen, der durchaus nichts Anmutiges in
sich faßt. In der Kindheit wird der Mensch mit der Schwäche geplagt, als Mann
mit allerlei Sorgen und als Greis mit beiden, und die letzte Lebensstunde hat
noch nie jemand für die angenehmste seiner Zeit gefunden.
[GEJ.04_244,02] So schleicht das irdische
Leben stets zumeist zwischen Dornen und Disteln hin, und wem diese nicht
gefallen, der wird sich von dem Erdfleischleben am Ende wenig Angenehmes und
Beseligendes vorzuerzählen imstande sein; und je eigenliebiger jemand war,
desto mehr Beleidigungen hatte er auch zu bestehen gehabt. Wer sich jedoch, als
am wenigsten eigenliebig, aus all den vorkommenden Lebenssommerstechfliegen und
aus all den ihn verkleinernden und verunglimpfenden Dornen und Disteln nichts
gemacht hat, und wen auch allerlei körperliche Leiden, Armut, öfterer Hunger
und Durst, Kälte, schlechte Kleider und ebenso schlechte Wohnung und daneben
noch allerlei anderes Elend nicht aus der Fassung gebracht haben, der wird am
Ende seines Lebens noch von mancher Lebensanmut zu erzählen wissen, während
selbst ein König trotz all des ihm gestreuten Weihrauches am Ende seiner
Erdenlebensbahn über nichts als lauter Unzufriedenheiten über Unzufriedenheiten
sich wird zu beklagen haben.
[GEJ.04_244,03] Denn wo etwa lebt der König,
der alles das, was er sich beim Antritte seiner Regierung vorgenommen hatte, in
eine glückliche Ausführung gebracht hätte?! Weil aber solches unmöglich war und
er am Ende manchen gar groben Rechnungsfehler bei sich selbst entdeckt hat, so
ist er total unglücklich, und es ist eine alte, bekannte Sache, daß die Könige
zumeist aus Folgen eines geheimen inneren Grames sterben.
[GEJ.04_244,04] So befindet sich demnach der
sich selbst bestimmende und bildende Mensch die Zeit seines Erdenlebens
hindurch in seinem vollkommen bestimmten Bewußtsein seiner selbst, in und unter
welchem er diese Erdenlebensprobe durchgemacht hat. Ob in oder außer Meiner
Ordnung, das wollen wir nun in diesem Falle als einerlei annehmen; denn in
jeder Hinsicht hatte das Erdenleben ihm wenig Anmutiges, aber dafür desto mehr
allerlei Bitteres erwiesen. Darum auch die großen Weltweisen der Heiden auf der
Welt gar niemanden glücklich preisen wollten, und sie nur jene glücklich
priesen, die wieder in den Schoß der Erde zurückgekehrt sind.
[GEJ.04_244,05] Was hätte denn dann eine
Seele für alle die ausgestandenen Mühsale, so sie nach der Ablegung des Leibes
ihr Bewußtsein als das unvertilgbare Ur-Ich verlöre und entweder gar aufhörete
zu sein oder ihr Ich zerteilt bekäme in tausend andere Ichs?! Wäre von euch
wohl jemand zufrieden mit solch einer Einrichtung Meiner Ordnung? Sicher
niemand! Daher meine Ich, daß es dennoch immer besser sein wird, die Sache bei
der alten Ordnung zu belassen und vor allem darauf zu sehen, daß ja wohl ewig
nie jemandes noch so schlecht bestelltes Ich irgendeinen Schaden erleiden solle
in seiner Identität!
[GEJ.04_244,06] Daß ein Ich erst dann ein
vollkommen glückliches werden kann und muß, wenn es, sich selbst bestimmend, in
Meine Ordnung eingegangen ist, das wisset ihr nun vollkommen; denn darum habe
Ich euch ja nun seit nahe sieben Tagen in einem fort gepredigt und habe euch
zurückgeführt auf die Urwurzeln aller Schöpfung der Geister- und Sinnenwelt.
Daß aber im Gegenteil eine Seele auch so lange in keine wahre und dauernde
Glückseligkeit eingehen kann, als bis sie nicht, sich selbst frei bestimmend,
in Meine Ordnung eingegangen ist, das habe Ich euch auch schon gar vielfach
gezeigt durch Worte, Taten und viele schaubare Beispiele und habe es euch
wiederum durch Worte dargetan. Wie kann hernach irgendeine Lieblosigkeit,
Unbarmherzigkeit, Härte und Ungerechtigkeit in Mir vorhanden sein? Oder kannst
du das, was zum Sein eines Menschen notwendig ist, wohl eine Härte in Mir
nennen? Ja, mit einem Grane weniger Geduld und mit um ebensoviel weniger
Langmut wäre Ich hart und ungerecht; aber also durchaus nicht!“
245. Kapitel
[GEJ.04_245,01] (Der Herr:) „Daß du, Mathael,
aber sagst, daß am Ende dennoch auf Mich die Schuld falle, daß mit der Länge
der Zeiten die Menschen in eine so gänzliche böse Lebensverkehrtheit
übergegangen sind, in der sie offenbarst zugrunde gehen müßten, da stelle Ich
dir auch gleich das entgegen und sage: Seelen, wie die dieser Schwarzen, sind
bis jetzt zur Kindschaft Gottes noch nicht berufen gewesen, und als das, was
sie vorzustellen haben, genügte ihnen eine mehr stereotyp fest erhaltene
Vollkommenheit ihrer Seele; denn sie ist nicht etwa als eine besondere Folge
ihrer vortrefflichsten Selbstentwicklung anzusehen, sondern sie ist ihnen
gegeben gleichwie ihre schwarze Haut. Wenn sie aber auch die Kindschaft Gottes
werden erreichen wollen, dann wird ihnen dieses alles nicht mehr gegeben
werden, sondern allein die Lehre.
[GEJ.04_245,02] Werden sie nach dieser sich
selbst bestimmen und suchen, die Vollendung ihrer Seele aus eigenen Kräften zu
erstreben, und dadurch erwecken in sich Meinen Geist der Liebe, sodann werden
sie freilich gleich sein wie ihr nun; aber solange ihre Seelenvollkommenheit zu
zwei drittel Teil eine gegebene und nur zu einem Teile eine selbsterworbene
ist, können sie mit solch einer Seelenvollkommenheit den Geist in sich nimmer
erwecken und bleiben auch jenseits das, was sie hier sind: ganz gute, aber mehr
mechanisch selige, vollkommene Seelen, bei denen die Grenzen der Seligkeit denn
sicher notwendig fest gestellt sein müssen, was nimmer anders zu denken möglich
ist.
[GEJ.04_245,03] Wo das eine und Vorhergehende
gegeben ist, da kann das daraus Hervorgehende und darauf Folgende doch sicher
keine freie Selbsterworbenheit sein; denn wer dir den Kopf gegeben hat, der hat
dir doch sicher auch die Hände, den Leib und die Füße hinzugegeben! Oder meinst
du wohl, daß diese von selbst aus dem Kopfe hervorgegangen sind?
[GEJ.04_245,04] Ah, ganz was anderes ist es
bei einer sich selbst bestimmenden und sich selbst nach dem vernommenen
Gottesworte ausbildenden Seele! Was die hat, das ist ihr volles Eigentum, und
sie kann sich daraus tausend Himmel erbauen und mehr; denn sie hat nun ja ihren
eigenen Stoff und ihre eigene Materie und durch ihren in ihr erweckten Geist
der Liebe auch die vollkommen gottähnliche Kraft, solches zu tun und so
vollkommen in allem zu sein, wie auch der Vater im Himmel vollkommen ist! – Und
nun weiter!
[GEJ.04_245,05] Mit einer Seele, wie da diese
Schwarzen sie zuversichtlich besitzen, ist jenseits leicht und bald fertig zu
werden; denn was sie hat, das hat sie, und es bleibt ihr. Sie hat für sich ewig
kein höheres Bedürfnis und ist vollkommen glücklich, gleich einer Biene, wenn sie
einen reichen, mit Honig gefüllten Blumenkelch angetroffen hat; aber über
diesen Honig hinaus fühlt sie für ewig kein Bedürfnis. Wenn die Biene hat, was
sie gesucht, dann hat sie schon alles; alle die anderen Schätze der ganzen
Unendlichkeit sind ihr eine Null.
[GEJ.04_245,06] Aber ganz anders verhält es
sich mit einer sich selbst vollkommen machenden Seele! Um das realisieren zu
können, mußten ihr ja doch alle dazu nötigen Mittel vollkommen zu Gebote
gestellt werden, durch die sie, wenn sie dieselben gebrauchen will, notwendig
und unfehlbar die Vollendung erreichen muß; aber die dazu erforderlichen Mittel
werden der Seele, die zur freien Kindschaft Gottes berufen ist, doch sicher
niemals aufgedrungen, sondern ihr nur gestellt, so wie da einem weisen Baumeister
die Materialien, die zum Aufbaue eines Hauses notwendig sind. Von da gebraucht
sie der Baumeister nach seinem hocheigenen Gutdünken und erbaut daraus ein Haus
nach seiner Ansicht und nach seinem Geschmacke, und das erbaute Haus ist dann
vollkommen sein Werk und nicht etwa ein Werk dessen, der ihm das Material
gestellt hat. So du aber auch das beste Material gestellt hast, um dir ein
gutes Wohnhaus zu erbauen, du erbaust es aber nicht selbst, sondern berufst dir
einen Baumeister, der dir das verlangte Haus erbaut, kannst du da auch sagen:
,Sehet, dies nun schöne und bestens eingerichtete Haus ist mein Werk!‘? Sicher
nicht; denn das Haus bleibt immer ein Werk dessen, der es erbaut hat nach
seinem Gutdünken und Erkennen!
[GEJ.04_245,07] Und siehe, ebenso sind die
vollendeten Seelen der Schwarzen nicht ihr Werk! Sie sind freilich gar sehr
wohl erbaut, aber die Schwarzen haben nur wenig dazu beigetragen. Weil aber
also und nicht anders, so können sie vorderhand die Kindschaft Gottes nicht
erreichen; aber würde es etlichen auch erteilt werden, diese zu erreichen, dann
würden ihre Seelen gleich unvollkommener auszusehen anfangen. Da aber einer zur
Kindschaft Gottes berufenen Seele nur das Material zum Baue ihrer selbst zu
geben ist und daneben die Lehre, wie der Bau zu führen ist, so ist es wohl
sicher einsichtlich zur Genüge dargetan, daß einer jeden Seele auch jenseits
nicht mehr getan werden darf, so sie in ihrer Ichheit verbleiben soll. Ist dann
eine Seele noch so verdorben, so darf sie dennoch nicht mit Meiner Allmacht
ergriffen werden, sondern es wird ihr nur das Material in dem Maße gestellt,
als sie es zu verarbeiten imstande ist; es darf ihr auch nicht mehr aufgebürdet
werden, als wie groß da ist ihre Kraft.“
246. Kapitel
[GEJ.04_246,01] (Der Herr:) „Nun ist aber
eine sehr verdorbene Seele auch gewöhnlich und eigentlich immer sehr schwach,
so daß sie nicht einmal ihre Menschenform aufrechtzuerhalten imstande ist und
daher jenseits gewöhnlich in einem halb-, manchmal auch ganztierischen
Zerrbilde erscheint. Nun, da wird ihr, nach und nach freilich, mehr und mehr
Kraft, ihr unbewußt, verliehen; aber da wird die größte Vorsicht angewendet,
auf daß dadurch die Seele in ihrer Ichheit ja nicht gestört werde. Zugleich
verursacht solch eine Unterstützung stets große Schmerzen, weil eine solche
schwache Seele äußerst empfindlich und reizbar ist.
[GEJ.04_246,02] Würde Ich sie auf einmal mit
zu viel Kraft aus den Himmeln versehen wollen, so würde solch eine himmlische
Munifizenz die Seele in eine allergräßlichste Schmerzverzweiflung bringen,
wodurch sie endlich verschlossen würde ärger denn ein Diamant und in sie nichts
mehr hineinzubringen wäre, bevor man sie nicht gänzlich auflösete, wodurch ihr
Ich freilich einen derartigen Stoß erleiden würde, dem dann nicht leichtlich
ein selbstisches Gegengewicht, als von der Seele ausgehend, gestellt werden
könnte. Es ginge dadurch das sich selbst bewußte Ich auf wenigstens eine Äone
von Erdjahren verloren und müßte sich von da an wieder zu sammeln und zu
erkennen anfangen, was der Seele in ihrem freien, unkörperlichen Zustande um
vieles schwerer ist denn hier, wo sie den Leib als ein tauglichstes Werkzeug zu
dem Behufe hat.
[GEJ.04_246,03] Dich, Mein lieber Mathael,
hat die außerordentliche Länge der Zeit allzusehr in eine Beklemmnis gebracht;
aber würdest du einsehen, was dazu gehört, eine Seele derart frei darzustellen,
daß sie das wird, was sie nun schon in dir ist, so würdest du an der Länge der
Zeit sicher keinen Anstoß genommen haben! Was meinst du wohl, wie lange es hergegangen
sein mochte, bis du als nun schon sehr vollendeter Seelenmensch diesen deinen
gegenwärtigen Lebensgrad erreicht hast? Wenn Ich dir alles vorrechnen würde, da
würde dich ein Grauen erfassen, und du würdest das nun noch lange nicht zu
fassen imstande sein! Unser Raphael aber weiß es wohl und fasset es in der
rechten Tiefe der Tiefen.
[GEJ.04_246,04] Aber so viel kann Ich dir
wohl sagen, daß hier niemandes Seele jünger ist denn die ganze sichtbare
Weltenschöpfung! Du fühlst dich nun unbehaglich darob, so Ich dir der Wahrheit
getreu sage, daß eure Seelen schon viel mehr als äonenmal Äonen von Erdjahren
alt sind; sollte etwa Ich Selbst Mich auch darum unbehaglich zu fühlen
anfangen, weil Ich ewig bin und unter Mir und aus Mir schon Äonen von
Vorschöpfungen bloß um euretwillen in für euch nie denkbar langen Zeiten
erfolgt sind?!
[GEJ.04_246,05] Ja, Mein Freund, eine Sonne,
eine Erde und alle die Dinge auf ihr zu erschaffen, ist eine leichte Sache!
Dazu bedarf es keiner so langen Zeit. Auch gerichtete Tier- und Pflanzenseelen
erschaffen, ist nicht schwerer. Aber eine Seele herzustellen, die in allem Mir
völlig ähnlich sei, ist auch für den allmächtigen Schöpfer eine durchaus
schwere Sache, weil Mir da die Allmacht nichts nützen kann, sondern nur die
Weisheit und die größte Geduld und Langmut!
[GEJ.04_246,06] Denn bei der Hervorbringung
einer Mir völlig ähnlichen Seele, also einer zweiten Gottheit, darf Meine
Allmacht nur sehr wenig, alles aber der neu werdende Gott aus Mir zu tun und zu
versehen haben. Von Mir aus bekommt er nur das Material geistig und nach Bedarf
auch naturmäßig. Und wäre es nicht also, und könnte es anders sein, so würde
Ich wohl nicht, als der ewigste Urgeist, Mir Selbst infolge Meiner Liebe die
saure Mühe aufgebürdet haben, Selbst Fleisch anzunehmen, um die bis zu einem
gewissen Punkte gediehenen Seelen nicht etwa durch Meine Allmacht, sondern
lediglich durch Meine Liebe weiterzuleiten und ihnen zu geben eine neue Lehre
und den neuen Gottgeist aus Mir, auf daß sie nun, so sie es ernstlich wollen,
mit Mir in kürzester Zeitenfrist vollkommen eins werden können.
[GEJ.04_246,07] Ich sage es euch: für Meine
ewigen Vorarbeiten fängt nun erst die Ernte an, und ihr werdet wohl Meine
ersten ganz vollendeten Kinder sein, was aber noch immer bei eurem und nicht
bei Meinem Willen steht. Und nun meine Ich, daß du, Mathael, Mich bei dir wohl
entschuldigen wirst, da du nun hoffentlich alles das einsehen wirst, was du
früher noch nicht eingesehen hast! – Bist du nun im klaren?“
247. Kapitel
[GEJ.04_247,01] Sagt Mathael: „Ja, Herr,
darin bin ich nun vollends im klaren; aber ich war ja auch samt meinen vier
Gefährten unter dem Hunde schlecht, ich war ein Teufel, und dennoch hat Dein
allmächtiger Wille mich schnellst geheilt, und ich habe darum das
Selbstbewußtsein und die Erinnerung an alles Frühere nicht verloren! Wie ist
denn hernach das? Da hat doch Deine Allmacht uns schnellst völlig geholfen!“
[GEJ.04_247,02] Sage Ich: „Ja, Mein Freund,
das war ein ganz anderer Fall; da waren nicht eure Seelen, sondern lediglich
nur eure Leiber dadurch verdorben, daß sich in deren Eingeweiden eine Menge
böser Geister eingenistet hatten! Diese bemächtigten sich insoweit des
leiblichen Organismus, daß sie darin schalten und walten konnten, wie sie
wollten, und eure Seelen zogen sich unterdessen, als gegen die Masse der
Geister noch viel zu wenig kräftig, zurück und mußten die argen Geister im
Leibe schalten und walten lassen, wie diese es nur immer wollten.
[GEJ.04_247,03] Dadurch aber litten eure
Seelen nicht den geringsten Schaden; denn es werden solche Besitznahmen auch
nur da zugelassen, wo einen Leib eine schon insoweit gediegene Seele bewohnt,
daß ihr die argen, noch höchst unreifen Seelengeister aus dem Jenseits, so sie
sich wegen ihrer vermeinten Besserung noch einmal eines Fleisches bedienen,
durchaus nichts anhaben können.
[GEJ.04_247,04] Da ist Meine leiseste
Machtäußerung hinreichend, um tausendmal tausend solcher Seelen aus dem Leibe
zu schaffen, wovon dich ein heute noch erfolgendes Beispiel noch mehr
überzeugen wird. Sind die Geister einmal aus dem Leibe, so wirst du freilich
eine bedeutende Schwäche in dem Leibe verspüren, die so lange anhält, bis die
Seele sich wieder des gesamten Leibesorganismus bemächtigt hat. Ist dieser
Aktus bald erfolgt, so beherrscht den Leib wieder die alte, ganz gesunde Seele;
da ist also nur dem Leibe und nicht der Seele durch Meine Allmacht geholfen
worden. Wo aber eine Seele in sich selbst zerstört ist durch ihr Wollen, da
kann Meine Allmacht nicht helfen, sondern nur die Liebe, Lehre und Geduld, weil
eine jede Seele selbst zu bauen anfangen und sich mit dem ihr verschafften
Materiale selbst vollenden muß. – Verstehst du nun das? Wenn dir noch etwas
unklar ist, da frage nur weiter; denn nun ist die Zeit der vollkommenen Aufklärung
über alles da, und ihr bedürfet viel Lichtes, um alle andern in allen ihren
finsteren Lebensgemächern bestens zu erleuchten!“
[GEJ.04_247,05] Sagt Mathael: „Herr, Du
allein Weisester und Liebevollster von Ewigkeit! Ich bin nun ganz im klarsten Lichte
und glaube, in meiner Lebenskammer der Seele wenig Finsternis mehr zu besitzen;
aber wie es mit manchen andern steht, das weißt Du, o Herr, natürlich ganz
allein! Bei meinem Schwiegervater und bei meinem Weibe wird's wohl noch so
manches dunkle Kämmerlein geben; allein da werde ich mit Deiner Gnade und Hilfe
schon das Abgängige getreulichst nachtragen!“
[GEJ.04_247,06] Sage Ich: „Tue das nur; denn
dein Schwiegervater und dein Weib waren bis jetzt noch Heiden, aber Heiden von
der besten Art, von denen Ich sagen kann: Da ist Mir einer lieber denn tausend
Abkommen Israels zu Jerusalem und auch in den andern zwölf Städten des ganzen
Gelobten Landes! Denn diese alle wollen von einem nahen Gott nichts hören und
wissen; ein irgendwo unendlich weit entfernter Gott ist ihnen lieber, weil sie
geheim bei sich in ihrer groben Dummheit denken, daß ein irgendwo endlos weit
fern stehender Gott doch leichter zu täuschen sei als ein sehr nahe stehender!
[GEJ.04_247,07] O des gröbsten Irrtums unter
den Juden in dieser Welt! Aber was kann man da wieder anderes tun, als mit
aller Geduld und selbst mit der Aufopferung des eigenen Fleischlebens, so es
nötig wäre, die Menschen durch Lehre und entsprechende Taten zum Urlichte alles
Seins und Lebens zurückzuführen?!
[GEJ.04_247,08] Und das ist nun Meine Mir
Selbst gestellte Aufgabe für euch, und die eure an die Nebenmenschen wird
folgen! Freilich dürfet ihr euch nicht der Hoffnung hingeben, als werde das
alles schon in wenigen Jahren erfolgen können! Ich sage es euch: In tausend Jahren
und darüber wird mehr denn die halbe Bevölkerung der Erde von diesem Meinem
Worte noch nicht eine Silbe vernommen haben!
[GEJ.04_247,09] Aber es macht das eben nicht
soviel Schädliches an der Sache; denn auch jenseits wird den Geistern aller
Weltteile dieses Evangelium gepredigt werden. Seid aber hier darum dennoch voll
Eifers; denn die rechte Kindschaft Gottes für Meinen innersten und reinsten
Liebehimmel wird nur von hier aus zu erlangen sein! Für den ersten und auch
zweiten Himmel kann noch jenseits Sorge getragen werden.“
248. Kapitel
[GEJ.04_248,01] (Der Herr:) „Du, Mathael,
bist denn nun vollkommen im klaren, das heißt insoweit eine Menschenseele im
klaren sein kann, solange sie noch nicht völlig eins mit ihrem Geiste geworden
ist; daher lasse dein Licht denn auch leuchten vor allen deinen Brüdern!
Erwecke aber auch deinen Glauben an die Kraft Meines Namens; denn nur in Meinem
Namen wirst du im Falle der Notwendigkeit auch Zeichen tun können vor den
Menschen für die erste Erweckung des Glaubens an Mich!
[GEJ.04_248,02] Denn wer Mein Wort den
Menschen predigt und kann aber nichts wirken durch die Macht desselben, der ist
noch ein schwacher Diener Dessen, der ihn gesandt hat, zu bringen den Völkern
der Erde das neue Wort alles Lebens aus den Himmeln.
[GEJ.04_248,03] Ich will aber damit nicht
etwa sagen, als solle sich ein rechter Apostel Meiner Lehre stets und allzeit
produzieren vor den Menschen, um dadurch Meiner Lehre bei den Völkern der Erde
Eingang zu verschaffen. Nein, das sei ferne; denn die Wahrheit muß für sich
selbst sprechen, und wo sie nicht verstanden wird, da folge eine nähere
Erklärung, und das so lange, bis die Wahrheit für sich begriffen wird! Aber
dennoch kommen eben bei der Erklärung Fälle vor, wo die Erklärung allein
besonders bei noch sehr rohen und ungeschlachten Völkern nicht hinreicht; da
ist es dann sehr notwendig, auch durch ein mäßiges Zeichen die Erklärung selbst
in ein helleres Licht zu stellen.
[GEJ.04_248,04] Doch soll ein gewirktes oder
noch zu wirkendes Zeichen niemals von einer zu grellen und schlagenden Art
sein, durch das die Menschen in eine große Angst und Furcht und dadurch auch in
ein sie nötigendes Gericht geraten könnten; denn dadurch würde für die freie
Entwicklung der Seele aus sich selbst wenig oder nichts gewonnen sein.
[GEJ.04_248,05] Ein zu wirkendes Zeichen hat
demnach stets einen solchen Charakter anzunehmen, daß es fürs erste stets in
einer besonderen Wohltat besteht und stets in der Art, als folge diese auf den
Glauben dessen, dem die außerordentliche Wohltat erwiesen wurde; und fürs
zweite muß das Zeichen von der Natürlichkeit nie so weit abstehen, daß auch ein
sogenannter Weltweiser keinen natürlich erklärenden Weg mehr übrig hätte! Bei
den sogenannten Weltaufgeklärten muß das Zeichen sie wohl stutzen, aber niemals
völlig glauben machen; denn diese haben schon immerhin so viel
Begriffsfähigkeit, eine Wahrheit auch ohne Zeichen als das gar wohl zu
erkennen, was sie ist.
[GEJ.04_248,06] In dieser Zeit der Magier und
Zauberer aber können die Zeichen schon so ziemlich stark und handgreiflich
aufgetragen werden; denn wo nun auch ein Zeichen gewirkt wird, haben die
Menschen zuvor schon hundert Zaubereien von persischen und ägyptischen Magiern
aufführen sehen, und es macht darum ein von uns gewirktes Zeichen eben keinen
besondern Eindruck bei den Weltweisen. Zudem sind wir auch von den Essäern nach
allen Seiten hin umlagert, die vor dem blinden Volke mit Leichtigkeit allerlei
Zeichen tun, um es mit der Zeit ganz für sich zu gewinnen. Und so machen nun
unsere stärker und wunderbarer auftretenden Zeichen das Volk im allgemeinen
wenigstens stutzen, wenn sie es auch nicht völlig überzeugen, und das ist
gerade das rechte Maß, und es wäre dem Volke zu keinem Heile, so wir mit den
Zeichen noch einen größeren Aufwand machten.
[GEJ.04_248,07] Wenn Ich alle die Kranken
heile, ja sogar die Toten auferwecke, so macht das eben vor dem Volke den
Essäern gegenüber kein zu großes Aufsehen, – wohl aber bereitet das den
Templern einen möglichst größten Ärger, die aber auch den ihnen gerade auf der
Nase sitzenden Essäerorden schon lange zu allen Teufeln gewünscht haben. Denn
seit sich dieser auch in Judäa breitgemacht hat, tragen den Pharisäern ihre
Wunderkuren gar nichts mehr ein, und das macht alles der Essäer pfiffige
Erweckung der Toten, ein uns zwar sehr wohlbekanntes, aber den Pharisäern total
unbekanntes Geheimnis.
[GEJ.04_248,08] Es ist aber auch ein
ordentlicher Scherz, da Ich gerade ein Wasser auf die Mühle der Essäer bin, und
ihr werdet es noch erleben, daß man zu euch sagen wird, daß auch Ich ein aus
der Schule dieses Ordens hervorgegangener Jünger sei und arbeite nun für das
Gedeihen dieses Ordens, der nun selbst der Meinung ist, daß er moralisch bald
alle Welt beherrschen werde. Diesen Orden haben wir daher vorderhand nicht
wider uns, und er dient uns, auch ohne uns eigentlich dienen zu wollen; denn er
mildert uns unsere Zeichen vor dem Volke am meisten, und es bleibt daneben den
Menschen noch immer ein großer, freier Spielraum ihrer Gedanken und
mannigfachen Urteile. Ansonst dürften wir mit unseren Zeichen nicht einen so
mächtigen Zug tun!
[GEJ.04_248,09] Ich habe aber das alles für
diese Zeit also vorgesehen und alles also entstehen und werden lassen, daß wir
nun daneben ganz leicht und in allem unbeirrt für das wahre, freie Heil der
Menschen möglichst vieles wirken können, ohne jemanden durch unser Wirken zur
Wahrheit hin besonders zu nötigen. Für diese Zeit machen demnach unsere stark
aufgetragenen Zeichen kein besonderes Aufsehen für den oberflächlichen
Betrachter. Nur wer bei uns tiefer eingegangen ist, der wird zwischen den von
Mir gewirkten Zeichen und zwischen jenen der Magier und der Essäer freilich
wohl gleich einen unaussprechlich großen Unterschied finden. Aber dem wird
diese Erkenntnis darum auch keinen Schaden an seiner Seele zufügen, weil er
schon zuvor die Wahrheit erkennen mußte, bevor er imstande war, einen wahren
Unterschied zwischen Meinen und der Essäer Zeichen zu finden. Er ist sonach
schon rein, und dem Reinen ist dann alles rein.“
249. Kapitel
[GEJ.04_249,01] (Der Herr:) „Ich könnte nun
auch für Jerusalem Zeichen wirken, durch die ganz Jerusalem derart
breitgeschlagen würde, daß es sich sicher nicht zwei Augenblicke lang bedünken
ließe, im Glauben an Mich ordentlich sich anschmieden zu lassen; aber was wäre
das für ein Glaube? Das wäre Sklavenglaube aus Furcht und Angst und wäre den
Menschen ein Gericht, aus dem sie sich in mehreren tausend Jahren nicht mehr
zurechtfinden würden!
[GEJ.04_249,02] Denn blinder, fanatischer
Glaube, ob auf Wahrheit oder Lüge beruhend, hat einmal fürs Leben keinen
inneren Wert, und ist in der Folge schwer irgendwann mehr von einem davon
befangenen Volke zu entfernen. Und solange ein Volk in einem fanatischen
Glauben lebt, steht es geistig im Gerichte und somit in der tiefsten
Seelensklaverei, und es ist ihm nicht zu helfen, weder hier noch jenseits,
außer durch einen langwierigen Unterricht durch Worte und Taten und durch eine
allergründlichste und zugleich faßlichste Erklärung alles des Wunderbaren, das
eigentlich des Volkes Seelen gefesselt hielt.
[GEJ.04_249,03] Das beste Mittel aber ist das
Schlecht-, Falsch- und Lügenhaftwerden der Priester, die späterhin sich noch
bei jeder Gotteslehre wie Pilze aus der Erde herangebildet haben und sich dann
dem Volke als Stellvertreter der Gottheiten aufdrangen, – zuerst freilich als
weise und ganz sanfte Ermahner, Belehrer, Tröster und Hilfeleister, und später,
wenn sie sich einmal so recht in die Gunst des Volkes gesetzt hatten, aber dann
auch schon als Richter, als Bestrafer und als Herrscher über die Throne der
Könige sogar!
[GEJ.04_249,04] Nun, da geschieht es dann
zumeist, daß das Volk hinter ihre argen Kniffe gelangt, und der alte,
faulgewordene, fanatische Glaube fängt an, morsch zu werden und stets größere
Risse und Löcher zu bekommen; und es mag da an ihm noch so emsig herumgeflickt
werden, so nützt das nichts mehr, und es gibt dann schon bald wenige mehr, die
nicht bei der nächsten besten Gelegenheit sogleich den alten, ganz zerflickten,
engen Rock gegen einen neuen umtauscheten. Aber bis ein Volk dahin gebracht
wird, dazu gehören mindestens ein paar Tausende von Jahren!
[GEJ.04_249,05] Daher seid denn wohl äußerst
vorsichtig bei der Ausbreitung Meiner Lehre, daß ihr sie ja niemandem
aufdränget, weder durch das Schwert und noch weniger durch zu auffallende
Zeichen! Die Wunde mit dem Schwerte ist zu heilen, aber die eines zu grellen
Wunderzeichens nahezu nimmer.
[GEJ.04_249,06] Wo ihr demnach mit dem Worte ausreichet,
da wirket ja keine Zeichen; denn diese sind bis jetzt noch allzeit die Mittel
der falschen Propheten gewesen, mit denen sie allezeit die blinden Völker noch
blinder gemacht haben, als sie ehedem waren. Ich will aber damit freilich nicht
sagen, als sollet ihr auch im Notfalle keine Zeichen wirken! Ihr werdet kommen
zu allerlei Heiden, deren Priester sich gar wohl darauf verstehen, allerlei
Zeichen zu wirken und allerlei Weissagungen zu machen, die entweder infolge
einer feingestellten, doppelsinnigen Diktion oder durch weitverzweigte,
verabredete Mittel allzeit in die Erfüllung gehen, was da alles eine Eingebung
des Satans und seiner Engel ist, und was alles sich in dem bösen Willen und
Wollen des Menschen kundgibt.
[GEJ.04_249,07] Also solchen erzfalschen
Propheten gegenüber ist es am rechten Platze, entweder ein tüchtiges
Gegenzeichen zu wirken oder dem besseren Teile des Volkes die falschen Wunder
seiner Priester so recht augenfällig zu erklären; dadurch fängt wenigstens der
bessere Teil des Volkes an, starken Verdacht gegen seine Priester zu schöpfen,
und ihr habt dann schon so gut wie ein gewonnenes Spiel.
[GEJ.04_249,08] Darauf erst könnet auch ihr
ein aber stets nur wohltätiges Zeichen wirken, als etwa allerlei Kranke heilen
durch die Auflegung der Hände in Meinem Namen, und hie und da sättigen die
Hungrigen und Durstigen, auch hie und da abwenden einen verheerenden Sturm
durch die bloße Nennung Meines Namens gegen die unheilschwangeren Wolken in der
Luft, die bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich voll der zotigsten und ärgsten
Geister sind. Dadurch werdet ihr keines Menschen Seele wie mit Ketten
gefangennehmen, sondern sie also ganz freien Ganges führen, wie da führet ein
guter Hirte seine Lämmer, die ihm auf jedem Schritt und Tritt freiwillig gerne
folgen, weil sie stets nur lauter Gutes von ihm zu erwarten haben.
[GEJ.04_249,09] Nun weißt du, Mein lieber
Mathael, auch, wie du vollkommen Meinem Willen gemäß mit der Ausbreitung Meiner
Lehre durch Wort und Tat bei den Völkern, über die du künftighin gebieten
wirst, vorzugehen hast, und desgleichen auch deine vier Gefährten!“
250. Kapitel
[GEJ.04_250,01] (Der Herr:) „Du wirst aber
besonders in den nördlichsten Teilen deines Reiches, das dereinst wohl der Erde
größtes werden wird, gar überaus finstere Heiden antreffen, bei denen es sehr
schwer sein wird, das Licht der Wahrheit unter sie zu bringen; tue ihnen aber
von deiner verliehenen Macht keine irgend zu harte Gewalt an! Du kannst sie
schon, wo es nötig ist, irgend mit einem rechten Ernste angehen, aber ja nicht
mit dem Schwerte oder mit zu auffallenden Zeichen; denn das Schwert würde ihnen
nur äußerlich den alten, tief eingewurzelten Aberglauben nehmen, ihn innerlich
aber noch um so bitterer befestigen. Mit gar zu grellen Zeichen aber würdest du
bloß einen Umtausch eines Fanatismus für den andern bewirken! Denn jene Völker,
die deine Zeichen sähen, würden bald die größten Feinde ihrer noch ungläubigen
Nachbarn verbleiben und sie verfolgen mit Feuer und Schwert, und die Altgläuber
würden den Neugläubern dasselbe tun. Was wäre dann damit gewonnen?
[GEJ.04_250,02] Da aber Meine Lehre eine
wahre Friedensbotschaft aus den Himmeln ist, so soll sie nicht Zwietracht,
Unfrieden und Krieg stiften unter den Menschen und Völkern der Erde! Das soll
soviel als nur immer möglich vermieden werden. Um von Mir aus das zu vermeiden,
brauchte Ich euch bloß fest unter die Macht Meines allmächtigen Willens zu
nehmen, wonach ihr freilich unfähig würdet, anders zu denken und zu handeln,
als es gerade Mein gemessener Wille wäre; aber wie sähe es da mit eurer eigenen
Willensfreiheit aus?! Und hätte Ich das gewollt, so hätte Ich Selbst nie
notwendig gehabt, ins Fleisch dieser Welt zu treten; denn Meine ewige Allmacht
hätte euch auch ohne dies Fleisch ergreifen können und nötigen, dies und jenes
zu reden und zu handeln, gleichwie sie dereinst die Propheten dazu anzutreiben
verstand. Wäre das aber für euch ein Nutzen? Ihr würdet dadurch wohl gleich
diesen Schwarzen zu vollkommenen Naturseelenmenschen geworden sein, aber schwerlich
je vollkommene Kinder Gottes.
[GEJ.04_250,03] Darum aber, daß ihr selbst
vollkommen freie Verkünder Meines Wortes würdet für alle Zeiten der Zeiten, kam
Ich ja ins Fleisch zu euch auf diese Erde, allwo Ich die Pflanzschule Meiner
Kinder für die ganze Unendlichkeit aufgerichtet habe, auf daß ihr als Meine
freien Kinder auch frei aus Meinem Munde die Lehre vernehmet, sie beurteilen
und dann auch weiter ausbreiten könnet unter den Völkern der Erde; und wer sie
in ihrer Reinheit auch frei annehmen wird, der wird damit auch frei überkommen
die Anwartschaft auf die allerbeseligendste Kindschaft Gottes.
[GEJ.04_250,04] Wer aber diese Meine nun an
euch ergangene Lehre nicht frei, sondern mit was immer für Gewalt aufgedrungen
überkommt, wird so lange keinen Anteil an der Anwartschaft zur wahren
Kindschaft Gottes haben können, bis er sich frei aus höchst eigenem Antriebe
entweder hier oder auch jenseits um Mich und Mein reines Wort allerlebendigst
zu bekümmern anfangen und es freiwillig zu seiner Lebensrichtschnur machen
wird.
[GEJ.04_250,05] Ich sehe es leider, wie es
auch mit dieser Meiner Lehre in wenigen Jahren, nachdem Ich wieder heimgegangen
sein werde, gar recht sehr traurig im allgemeinen aussehen wird. Aber Ich sehe
auch, wie sie sich in kleinen Gemeinden sonnenrein bis ans Ende der Zeiten
dieser Erde erhalten wird! Und das ist eine große Erquickung Meinem
wahrhaftigsten Vaterherzen. Aber das Allgemeine kümmere euch Reine wenig oder
auch gar nicht; denn aus den vielen Schweinen werdet ihr nie Philosophen bilden.
Für diese Geschöpfe ist dann auch bald ein Futter gut genug. Wohl rufe Ich:
,Kommet alle zu Mir, die ihr mühselig und beladen seid, denn Ich will euch alle
erquicken!‘; aber dieser Mein Lebensruf wird von gar vielen unerhört und
unbefolgt bleiben!“
251. Kapitel
[GEJ.04_251,01] (Der Herr:) „Es werden Zeiten
kommen, wo die Weisen aus Meinem Worte rufen werden: ,Herr, nun ist es
wahrhaftig schwer, Mensch zu sein; die Wahrheit darf man bei angedrohter Strafe
nicht reden, sondern höchstens ganz geheim! Das aber, was die falschen
Propheten wollen, ist offenbare Lüge und somit Gotteslästerung! Herr, so rüste
Dich doch einmal und ziehe aus gegen Deine Feinde, bevor sie ganz verderben
Deinen Lebensacker!‘
[GEJ.04_251,02] Ich aber werde noch und noch
verziehen und sagen zu jedermann, der Mich also fragend anrufen wird: ,Geduldet
euch noch eine kurze Weile, bis voll wird das gegebene Maß! Verharret bis ans
Ende, und ihr werdet selig sein; denn der Zwang der Welt wird euch Reinen von
keinem Schaden sein an euren Seelen, und ihr als Meine jüngsten Kinder, die ihr
in allerlei Drangsal, Not und Elend den Weg des Fleisches durchgemacht habt,
werdet desto näher ruhen an Meinem Herzen in Meinem Reiche, und euch werde Ich
zu Richtern machen der Welt und derer, die euch mit Not und Drangsalen aller
Art gepeinigt haben ohne Grund und Recht von Mir aus!‘
[GEJ.04_251,03] Kurz, daran werden allzeit
Meine wahren Jünger zu erkennen sein, daß sie sich untereinander lieben werden
also, wie Ich euch alle liebe, und daß sie Meinen Namen und Mein Wort niemals
mit dem Schwerte verkünden!
[GEJ.04_251,04] Ja, wenn einmal ein Volk ganz
in Meinem Lichte stünde, und es wäre bedroht durch hartnäckige, blinde, äußere
heidnische Völker, die den Glauben an Mich durchaus nicht annehmen wollten, wohl
aber verfolgen mit aller Hast und Wut Meine Lämmer, dann ist es Zeit, das
Schwert zu ergreifen und die Wölfe von den frommen Herden für immer zu
verscheuchen. Wird aber einmal gegen die Wölfe in Meinem Namen das Schwert
ergriffen, dann soll es aber auch mit allem Ernste ergriffen sein, auf daß die
Wölfe des Schwertes gedenken, das sie in Meinem Namen ergriffen hat. Denn wo
einmal ein Gericht in Meinem Namen auftritt, soll es nicht das Aussehen eines
nur kaum halben Ernstes haben!
[GEJ.04_251,05] Gegen blinde Heiden, deren
Seelen zu weit noch von Meiner Ordnung entfernt sind und Mein Wort unmöglich
verstehen können, aber ihrem Glauben sonst mit einem besonderen Eifer obliegen,
soll das Schwert bloß als ein Hüter der Grenzen auf so lange aufgestellt sein,
bis die nachbarlichen Heiden sich nach und nach in Meine Ordnung zu fügen
angefangen haben; ist dieses erfolgt, dann vertrete des Schwertes Stelle das
Zeichen der brüderlichen Eintracht und Liebe.
[GEJ.04_251,06] Aber ganz was anderes ist es,
wenn fürder Menschen, die vom Anbeginne das ,Volk Gottes‘ genannt und belehrt
und beschützt wurden, – ah, wenn die anhaltend sich dieser Meiner Lehre
widersetzen werden und werden sie verfolgen mit ihrem allerbösesten und
selbstsüchtigsten Eifer, ja, gegen die wird es wohl kein anderes Mittel mehr
geben denn das allerschärfste und unnachsichtigste Schwert! Wehe ihnen, wenn es
losgelassen wird; dann wird es keinen Stein auf dem andern lassen, und die
Kinder im Mutterleibe werden nicht verschont werden! Und wer da fliehen wird
wollen, den werden die Pfeile des Bogens ereilen und ihn töten, darum er aus
Selbstsucht wider seine innere Überzeugung ein Mörder Meines Wortes und Meiner
hatte werden wollen; denn gegen die Ich mit den Meinen ins Feld ziehen werde,
die werden einen schweren Kampf zu bestehen haben, aus dem sie ewig nimmer als
Sieger hervorgehen werden!
[GEJ.04_251,07] Nun habt ihr auch die Regel,
wie und wann ihr in Meinem Namen das Schwert zu gebrauchen habt! – Habt ihr das
alles ganz wohl und richtig aufgefaßt?“
[GEJ.04_251,08] Sagt Mathael: „Herr, Du meine
einzige Liebe, nach allem dem, was bisher von Dir allergnädigst gesagt und
erklärt ward, finde ich nichts Dunkles mehr in mir, und ich sage Dir nun aus
dem tiefsten Grunde meines Herzens den allerlebenswärmsten Dank dafür und auch
schon zum voraus den Dank aller jener Menschen und Völker, die ich durch meinen
Eifer für Dein Wort und für Dein Reich gewinnen werde!“
[GEJ.04_251,09] Sagt Cyrenius: „Herr, den
ganz gleichen Dank bringe auch ich Dir dar und wage vor Dir, o Herr, nun einen
schwachen Propheten zu machen aus dem, was Du eben der Erklärung des
Schwertgebrauches beigefügt hast, über das bekannte Volk Gottes: dieses dürfte
sehr in Jerusalem vertreten sein! Über dieses Volk möchte ich schon jetzt mit
dem allerschärfsten Schwerte ein unmenschlich großes Kreuz schlagen; denn das
scheint mir fürs Schwert schon überreif zu sein!“
[GEJ.04_251,10] Sage Ich: „Noch nicht ganz;
es fehlen ihm noch drei Meisterstücke der allerunmenschlichsten Bosheit! Wenn
es auch diese trotz aller Lehren und Warnungen verübt hat, dann erst, Freund,
soll über diese Stadt und alle ihre Bewohner dein unmenschlich großes Kreuz mit
dem schärfsten Schwerte geschlagen werden! Wir wollen aber mit dem Volke noch
eine Geduld von vierundvierzig Jahren und noch etwas darüber haben und wollen
es vor dem Untergange noch sieben Jahre lang durch allerlei Boten, durch
Erscheinung der Toten und durch viele und große Zeichen am Firmamente warnen
lassen! Und, Freund, sollte auch das alles vergebens sein, dann erst wird dein
unmenschliches Zeichen im größten Maße und mit dem schärfsten Schwerte über sie
geschlagen werden! Ich wollte, daß es zu verhindern wäre!
[GEJ.04_251,11] Aber was da noch geschehen
wird, das weiß der Vater allein und sonst kein Wesen in der ganzen
Unendlichkeit! Wem es aber Der noch zur rechten Zeit offenbaren wird, der wird
es auch wissen!“
[GEJ.04_251,12] Da sagt Cyrenius: „Aber Du, o
Herr, wirst wohl ganz genau darum wissen; denn in Deinem Geiste bist Du ja der
Vater Selbst!“
252. Kapitel
[GEJ.04_252,01] Sage Ich: „Hast ganz wohl
geredet! Der Vater ist in Mir in aller Fülle; aber Ich als der äußere Mensch
bin dennoch nur ein Sohn von Ihm und weiß in Meiner Seele auch nur das, was Er
Mir offenbart! Ich bin wohl die Flamme Seiner Liebe, und Meine Seele ist das
Licht aus dem Feuer der Liebe des Vaters; ihr aber wisset ja, wie das Licht
wirket allzeit und allenthalben wunderbar!
[GEJ.04_252,02] Die Sonne, von der das Licht
ausgeht, hat eine wundersame innere und allerinnerste Einrichtung; diese aber
ist nur dem Innersten der Sonne selbst bekannt. Das äußere, obgleich alles
belebende Licht weiß nichts darum und zeichnet auch nirgends ein Bild hin, aus
dem man der Sonne innere und innerste Einrichtung erschauen könnte.
[GEJ.04_252,03] Ja, der Vater ist in Mir
schon von Ewigkeit; aber Sein Innerstes offenbart sich auch nur dann in Meine
Seele, wenn Er es Selbst will. Ich weiß aber dennoch um alles, was von Ewigkeit
her im Vater war; aber der Vater hat dennoch gar vieles in Seinem Innersten,
darum der Sohn nicht weiß. Und will Er darum wissen, so muß auch Er den Vater
darum bitten!
[GEJ.04_252,04] Aber es kommt bald die
Stunde, in der der Vater in Mir auch mit Seinem Allerinnersten vollends eins
wird mit Mir, dem einzigen Sohne von Ewigkeit, gleichwie auch des Vaters Geist
in euren Seelen jüngst völlig eins wird mit den Seelen in euren Leibern noch;
und erst dann wird euch durch des Vaters Geist in euch alles offenbar werden,
was euch jetzt noch unmöglich offenbar gemacht werden könnte! Und so weiß nun
der Vater in Mir noch um so manches, um das der Sohn nicht weiß! – Verstehet
ihr dieses wohl?“
[GEJ.04_252,05] Sagen nun mehrere Jünger: „Ei
doch, ist das wieder einmal eine so recht steinharte Lehre! Da würden wir wohl
wieder um eine Erklärung bitten! Denn wenn Du und der Vater eines seid, wie
kann der Vater in Dir denn hernach mehr wissen denn Du? Und doch bist Du nach
Deinen nachträglichen Lehren der Vater Selbst?! Ei, das begreife, wer es kann
und mag, – wir begreifen das nicht! Es kommt immer dicker und dicker! Es mag
schon etwas dahinter sein; aber was nützt das? Wir verstehen es nicht! Herr,
wir bitten Dich darum, daß Du uns dieses heller und klarer sagst; denn mit dem
ist uns sonst wohl um nichts geholfen!“
[GEJ.04_252,06] Sage Ich: „O Kinder, o
Kinder! Wie lange werde Ich euch noch zu ertragen haben, bis ihr Mich fassen
werdet?! Ich rede nun als Mensch zu euch Menschen, und ihr verstehet den
Menschen nicht; wie wollet ihr für späterhin ein reines Gotteswort verstehen?! Um
euch aber dafür dennoch fähiger zu machen, so will Ich euch die Sache etwas
näher auseinandersetzen, und so höret Mich denn gar sehr wohl an!
[GEJ.04_252,07] Stellet euch unter dem
,Vater‘ dieser unserer Sonne eigentlichen Körper vor, in welchem alle Bedingungen
vorhanden sind, durch die die euch sichtbare, außerordentlich stark leuchtende
Lichthülle in einem fort gleich und gleich erzeugt wird. Die Lichthülle ist um
den Sonnenkörper ungefähr das, was bei dieser Erde die atmosphärische Luft ist,
die auch die ganze Erde auf einige tausend Mannshöhen hoch gleichmäßig umgibt
und somit mit der Erde, etwa vom Monde aus besehen, eine ziemlich stark
leuchtende, große, scheinbare Scheibe bildet.
[GEJ.04_252,08] Wie wird aber die Luft der
Erde gebildet? Aus dem innersten Lebensprozesse der Erde! Der Erde Inneres ist
sonach zuerst voll Luft, und nur das sehr bedeutende Superplus sammelt sich
stets im gleichen Maße um die Erde. Damit aber das Innere der Erde gleichfort
die Luft erzeuge, so muß darin ein immerwährendes Feuer tätig sein, das sich
aus der großen Tätigkeit der inneren Geister erzeugt.
[GEJ.04_252,09] Stellet euch nun also vor:
Das inwendigste Feuer entspricht dem, was Ich ,Vater‘ nenne, und aus allen
durch das innere Feuer aufgelöst werdenden Elementen wird die Luft erzeugt,
welche aber dem entspricht, was wir ,Seele‘ nennen.
[GEJ.04_252,10] Das Feuer aber könnte ohne
die Luft nicht bestehen, und die Luft könnte ohne das Feuer nicht erzeugt
werden. Das Feuer ist demnach auch Luft, und die Luft ist auch Feuer: denn die
Flamme ist wahrlich auch nur Luft, deren Geister sich in der größten Tätigkeit
befinden, und die Luft in sich ist auch pur Feuer, aber im Zustande der Ruhe
ihrer Geister, aus denen sie besteht. Es ist daher nun leicht einzusehen, daß
im Grunde des Grundes Feuer und Luft eines sind. Aber bevor die Luftgeister
nicht bis auf einen gewissen Grad erregt werden, bleibt die Luft immer nur
Luft, und es ist daher zwischen der erregten Feuerluft, als schon Feuer, und
zwischen der noch ruhigen eigentlichen Luft ein großer Unterschied.
[GEJ.04_252,11] Im Feuer selbst ist das Licht
und somit, geistig genommen, das reinste und höchste Wissen und Erkennen; in
der Luft, die vom Lichte des Feuers durchdrungen ist, ist dann ebenfalls ein
volles Wissen und Erkennen vorhanden, jedoch offenbar in einem schon minderen
Grade. Wird aber die ruhigere Luft auch also erregt, daß sie selbst Feuer und
Licht wird, so ist dann auch in ihr allenthalben das höchste Wissen und
Erkennen vorhanden.
[GEJ.04_252,12] Die Erde mit solcher ihrer
Einrichtung gleicht demnach einem Menschen. Das innerste Feuer ist der
Liebegeist der Seele in seiner Tätigkeit, und die Luft ist gleich der Seele,
die durchaus auch ein Feuergeist sein kann, wenn sie von der Liebe des Geistes,
das ist von seiner Tätigkeit, ganz durchdrungen wird, wo sie dann ganz eines
ist mit dem Geiste! Und das wird die Seele durch die Wiedergeburt des Geistes.
[GEJ.04_252,13] Und sehet, ganz das gleiche
Verhältnis findet ihr in der Sonne. In ihrem Innersten ist ein allerheftigstes
Feuer, dessen Lichtkraft die Lichtstärke der äußeren Lichtatmosphäre ums
unaussprechliche übertrifft. Aus diesem Lichte entfaltet sich gleichfort die
reinste Sonnenluft, und diese Luft wird auf ihrer Oberfläche selbst Feuer und
Licht, jedoch in einem Mindergrade, als da ist das Feuer und dessen
allermächtigstes Licht im Großzentrum der Sonne. Aber die äußere
Sonnenlichtatmosphäre ist darum dem Wesen nach doch ganz gleich dem Feuer im
Zentrum der großen Sonne! Sie bedarf nur derselben höchsten Erregung, dann wird
sie auch ganz dem innersten Feuer gleichen.
[GEJ.04_252,14] Nun, dieses innerste Feuer
der Sonne ist also gleich dem Vater in Mir, und Ich bin das aus dem
Grundzentralfeuer stets gleich hervorgehende Licht und auch Feuer, durch das
alles, was da ist, erschaffen ward, lebt und besteht. Also bin Ich in Meinem
gegenwärtigen Sein das Äußere und Auswirkende des innersten Vaters in Mir, und
es ist sonach alles des Vaters Mein und wiederum alles Meine des Vaters, und
Ich und der Vater müssen da ja notwendig vollkommen eins sein, nur mit dem
Unterschiede, daß in dem innersten Feuer stets ein tieferes Wissen und Erkennen
vorhanden sein muß als in dem äußeren Lichte, das von dem inneren Feuer nur
stets in dem Grade erregt wird, als es notwendig ist.
[GEJ.04_252,15] Ich könnte Mich aber auch
alsogleich miterregen; aber dann wäre es um euch geschehen, gleichwie es um
alle die Weltkörper, die um diese Sonne bahnen, geschehen wäre, so einmal der
Sonne Außenlichtatmosphäre sich entzünden würde in der Kraft des innersten
Sonnenfeuers und Lichtes, dessen Macht alle Geister im weiten Schöpfungsraume
derart erregen würde, daß er augenblicklich zu einem alle Materie urplötzlich
auflösenden, unendlichen, allermächtigsten Feuermeere würde! Nun, das Innere
der Sonnenmaterie ist freilich also eingerichtet, daß es dieses Feuer aushält,
und die fort und fort auf dasselbe strömenden mächtigen Gewässer infolge des
beständigen Kreislaufes – wie beim Menschen der Kreislauf des Blutes – geben
dem Feuer fortwährende Beschäftigung zur Auflösung und zu neuer Bildung der
Luft und daraus wieder des Wassers, und es kann darum den eigentlichen
Sonnenkörper nicht zerstörend angreifen; und werden davon auch immer Teile
aufgelöst, so ersetzen sie sich bald wieder durchs hinzuströmende Wasser. Und
es muß also alles in der beständigen Ordnung verbleiben.
[GEJ.04_252,16] Wenn ihr nun dieses Bild ein
wenig näher betrachten wollet, so muß es euch ja doch einigermaßen klar werden,
was eigentlich der ,Vater‘ und was der ,Sohn‘ ist, und was die Seele und was
der Geist in ihr! – Saget Mir's nun, ob ihr denn jetzt auch noch nicht im nahe
völlig klaren seid!“
253. Kapitel
[GEJ.04_253,01] Sagt Simon Juda: „Herr, als
Du Dich vor mir im Flusse Jordan vom Johannes mit dem Wasser taufen ließest, da
sahen wir alsbald eine Flamme in der Art einer Taube über Deinem Haupte
schweben, und man sagte, dies sei Gottes heiliger Geist! Und man vernahm damals
auch eine Stimme wie aus der Luft: ,Seht, dies ist Mein geliebter Sohn, an dem
Ich ein Wohlgefallen habe; den sollet ihr hören!‘ Was war denn das? Woher kam
jene heilige Flamme, und von wem wurden die deutlich vernommenen Worte
gesprochen? Wie sollen wir solches fassen und verstehen?“
[GEJ.04_253,02] Sage Ich: „Von wo anders her
konnte das wohl kommen, als allein nur von Mir her und von Mir aus?! Oder
meinst du, daß etwa hinter den Sternen ein Vater im endlosen Raume wohnt, der
die Flamme über Mein Haupt herabkommen ließ und dann etwa auch aus der
unendlichen Höhe die gewissen Worte herab auf diese Erde geredet hat? O du
schöne blindeste Blindheit der Menschen! Wenn der ewige Vater in Mir, Seinem
ebenso ewigen Sohne, wohnt in der Art, wie Ich sie euch nun klar genug gezeigt
habe, von woher kann da die Flamme und die Stimme gekommen sein? Da siehe her,
und wieder wirst du dieselbe Flamme über Meinem Haupte erschauen! Und horche,
und du sollst dieselben Worte abermals vernehmen!“
[GEJ.04_253,03] Da ersahen alle die Flamme in
der Gestalt eines flammenden Kreuzes oder irrig so ziemlich in der Gestalt
einer Taube, die im Grunde auch ein Kreuz darstellt, schweben, und gleichzeitig
vernahmen auch alle die schon bekannten Worte.
[GEJ.04_253,04] Ich aber sagte: „Das war die
Stimme des Vaters in Mir, und die Flamme entstand aus Meiner unendlichen
Außenlebenssphäre, die da ist Mein auswirkender heiliger Geist! – Verstehst du,
Simon Juda, nun auch dieses wohl?“
[GEJ.04_253,05] Und alle sagten: „Ja, Herr,
nun ist uns auch das klar, obwohl wunderbar über wunderbar!“
[GEJ.04_253,06] Sagt darauf Mathael: „Herr,
Herr, Du Weisester von Ewigkeit, unerforschbar große Dinge hast Du uns erklärt
und gezeigt Deine Ordnung, wie sie ist und war von Ewigkeit! Ich kann nun
denken hin und her, und siehe, es ist mir alles hell und klar, was alle die
unwandelbaren Verhältnisse zwischen Dir, dem Schöpfer, und uns, Deinen
Geschöpfen, betrifft! Alle Deine Einrichtungen sind so weise gestellt, daß auch
der schärfste Verstand und die hellste Vernunft nirgends etwas finden können,
das in sich und mit sich selbst nur im geringsten Widerspruche stünde.
[GEJ.04_253,07] Nur wenn ich mich mit meinen
Gedanken so recht in den tiefsten Hintergrund aller Zeit und Ewigkeit versetze,
so muß ich mir denken, daß alles das Geschaffene, was da ist, alle Urerzengel,
alle Himmel, alle Welten – als Sonnen, Erden, Monde, alle die Sterne, die nach
Deiner Erklärung auch nichts anderes sind als Sonnen, Erden und deren Monde,
die wir Sterblichen mit unseren Fleischaugen wegen der zu großen Ferne freilich
nie wahrnehmen können –, denn doch einmal einen Anfang habe nehmen müssen,
ansonst die Möglichkeit ihres Daseins wenigstens für mich nicht so recht gut
denkbar wäre! Denn ich denke es mir da in gewissen positiven Beziehungen also:
Ein Wesen, Ding oder eine Sache, die zu sein nie angefangen hat, kann
eigentlich auch gar nicht dasein! Oder könnte ein Ding wohl aus nichts
entstehen, das Du als Schöpfer Dir Selbst nie gedacht hast?!
[GEJ.04_253,08] Also muß eine daseiende
Sache, wie zum Beispiel eine Urzentalsonne, doch einmal von Dir zuvor gedacht
worden sein in Deiner gradativen (stufenweisen) Ordnung, bevor sie, freilich
erst dann, als eine konkrete Ursonne in ihrer Sphäre zu wirken begann. Sie
könnte aber, nach meinem Verstande gerechnet, nicht dasein, so Du zuvor auch
nicht eines Atoms ihrer Wesenheit gedacht hättest! Kurz, sie könnte nicht
dasein, wenn sie zu sein nie angefangen hätte! Sie kann wohl äonenmal Äonen
Säkula alt sein, auch noch tausendmal tausend älter, das macht nichts; so sie
unleugbar da ist, hat sie auch müssen einmal dazusein anfangen. Wann, das ist
hier gleich und ein Etwas, um das man sich weiter gar nicht zu kümmern hat!
[GEJ.04_253,09] Nun könnte man den Satz
umgekehrt freilich auch auf Dich anwenden, und es fiele demnach Deine ganz
vollkommenst solide Ewigkeit ohne einen genommenen Anfang auch in ein
allerschönstes Nichts! Allein, da sagt mir mein klarer Verstand und meine helle
Vernunft wieder ganz etwas anderes! Ich kann mir, wenn ich mich in meinen
Gedanken auch in Ewigkeiten der Ewigkeiten zurückversetze, kein Ende denken. Es
bleibt der unendliche Raum und mit ihm die ebenso unendliche Zeitendauer.
[GEJ.04_253,10] In diesem also notwendig
ewigen, unendlichen Raume muß denn doch auch jene urewige Kraft gegenwärtig
gewesen sein, die die unendliche Ausdehnung des Raumes ewig gleichfort bedingt,
ohne die der Raum ebensowenig als diese Kraft ohne ihn denkbar wäre. Diese
Kraft kann nur eine sein, wie der Raum auch nur einer ist; sie muß in sich
ebenso irgendein Zentrum und gewisserart einen Schwerpunkt haben wie der
unendliche Raum selbst. Weil aber der Raum als solcher da ist, so muß auch in
ihm sich das unendlichste und somit freieste Sein, als sich selbst fühlend,
aussprechen; denn wie könnte er sein, so er nicht in seiner höchsten
Ungebundenheit wahrnähme, daß er ist?!
[GEJ.04_253,11] Was aber vom Raume gilt, das
gilt auch von der in ihm enthaltenen Kraft; auch sie muß sich notwendig als
solche daseiend fühlen, ansonst sie unmöglich da wäre. Kurz, das sind in sich
begriffene, derartig durch sich selbst bedungene Notwendigkeiten, daß eine ohne
die andere gar nicht dasein kann! Das alles ist aber ja ursprünglich und
allereigentümlichst Dein geistigstes Ursein Selbst und kann demnach Deinem
Geiste nach nie und nimmer hinweggedacht werden!
[GEJ.04_253,12] Du bist also nach meinem
Verstande ebenso notwendig ewig, als wie notwendig alles andere, wenigstens in
seinem formellen Bestande, nur zeitlich sein kann! – Aber nun kommt erst eine
ganz andere Frage!
[GEJ.04_253,13] Weil alle diese sichtbare und
auch unsichtbare Schöpfung denn doch einmal vor noch so undenklich langen Zeiten
einen Anfang genommen hat, was hast Du, o Herr, vor diesem Anfange Ewigkeiten
hindurch getan? Ich merke zwar aus Deinem freundlich lächelnden Antlitze, daß
ich meine Frage etwas dumm gestellt habe; aber dessen bin ich doch sicher, daß
sie nicht ganz gehaltlos ist! Und Du, o Herr, wirst uns auch hierin ein kleines
Lichtlein anzünden! Meine forschende Seele will nun einmal schon völlig im
klaren sein.“
254. Kapitel
[GEJ.04_254,01] Sage Ich: „Mein lieber Freund
Mathael, der unübersteigbare Unterschied zwischen Gott und dem geschaffenen
endlichen Menschen, selbst der allervollkommensten Art und Gattung, bestehet
dennoch gleichfort, und es kann nicht aufgehoben werden in alle Ewigkeit, daß
Gott in Seinem Urwesen durchgängig ewig und unendlich in allem ist und sein
muß, während der Mensch wohl ewig hinfür stets vollkommener in seinem
Geistwesen bestehen wird, aber dem unendlichen Urwesenmaße nach Gott doch
nimmer erreichen kann und erreichen wird.
[GEJ.04_254,02] Der Mensch kann Gott ähnlich
werden in der Form, auch in der Liebe und in ihrer Kraft, aber dennoch ewig nie
völlig im wesenhaften Ausmaße der endlosesten Weisheit in und aus Gott; und so
könnten die langen Ewigkeiten in ihren zahllosen Ewigkeitsperioden wohl so
manches fassen, das im endlosesten Raume sicher Platz findet, wovon sogar einem
Urerzengel sicher noch nie etwas geträumt hat! Denn auch ein Urerzengel hat
dafür noch eine zu ungeheuer beschränkte Fassungskraft; erst wenn ein jeder
Urerzengel gleich Mir den Weg des Fleisches wird durchgemacht haben, dann wird
er auch mehr zu fassen imstande sein, – aber alles in der ganzen, ewig nie
endenden Unendlichkeit unmöglich je wann!
[GEJ.04_254,03] Ja, ihr werdet ewig fort und
fort für euch neue Wunder kennenlernen und euch zu finden anfangen in
denselben, aber das Ende derselben dennoch ewig nie und nimmer erreichen, –
wofür ihr aber auch daraus euch den Grund leicht einleuchtend machen könnet, so
ihr euch denket, ob es wohl möglich wäre, so lange zu zählen, bis man erreicht
das Ende der Zahlen! So Ich aber dem Geiste nach von aller Ewigkeit her als
immerwährend ein und derselbe Gott bestehe, denke, will, handle und wirke aus
der stets gleichen Liebe und Weisheit, die in sich durch jede Schöpfungsperiode
sich freilich durch das für alle künftigen Ewigkeiten vollendet gelungene Werk
auch vollendeter und gediegener selig fühlen müssen, so könnet ihr Weiseren es
euch wohl von selbst denken, daß Ich, wie der Vater nun in Mir und aus Mir
spricht, bis zu dieser Schöpfungsperiode sicher nicht in irgendeinem
Unendlichkeitspunkte im ewigen Raume eine Art Winterschlaf gehalten habe! Möge
eine Schöpfungsperiode von ihrem Urbeginn an bis zur gesamten endlichen
geistigen Vollendung auch tausendmal Tausende von äonenmal Äonen von
Tausenderdjahrszyklen andauern, so ist solch eine Schöpfungsperiode dennoch
nichts gegen Mein ewiges Sein, und ihre für euch unmeßbarste Ausdehnungsgröße
ist dem Raume nach ein Nichts im unendlichen Raume!
[GEJ.04_254,04] Du, Mathael, kennst die
Sternbilder der alten Ägypter wohl, und der Regulus im großen Löwen ist dir
wohlbekannt! Was ist er deinem Auge? Ein schimmerndes Pünktchen, – und ist
dort, wo er ist im Raume, dennoch ein so großer Sonnenweltkörper, daß ein
Blitz, der doch in vier Augenblicken eine Strecke von 400000 Feldwegen
durchmacht, nach dir, Mathael, wohlbekannten altarabischen Zahleneinteilungen
über eine Trillion von Erdjahren zu tun hätte, um die Strecke von seinem Nord-
bis zu seinem Südpole zurückzulegen! Sein eigentlicher Name ist Urka, besser
Ouriza (die erste oder der Anfang der Schöpfung von äonenmal Äonen Sonnen in
einer nahe endlos weit umhülsten Schöpfungsglobe); sie ist die Seele oder der
Zentralschwerpunkt einer Hülsenglobe, die aber an und für sich nur einen Nerv
im großen Weltenschöpfungsmenschen ausmacht, deren der gedachte Großmensch
freilich ungefähr so viele hat als die Ganzerde des Sandes und des Grases, –
welcher Großweltenmensch aber eigentlich nur eine Schöpfungsperiode ausmacht
von seinem Anfange bis zu seiner geistigen Vollendung.
[GEJ.04_254,05] Eine solche Urka und noch
mehr eine ganze Hülsenglobe sind sonach schon ganz respektabel große Dinge, und
noch unnennbar größer ist ein solcher Weltenschöpfungs-Großmensch! Aber was ist
er gegen den ewigen, unendlichen Raum? Soviel als nichts! Denn alles notwendig
Begrenzte, wenn an und für sich für eure Begriffe auch noch so endlos Große,
ist im Verhältnisse zum unendlichen Raume soviel als nichts, weil es mit
demselben in gar kein je berechenbares Verhältnis treten kann.
[GEJ.04_254,06] Nun frage Ich dich, Mein
lieber Mathael, ob du nun aus dem Gesagten schon so ein bißchen zu spannen
angefangen hast, wo's eigentlich da hinausgehen wird!“
[GEJ.04_254,07] Sagt Mathael: „O Herr, ja
wohl, ja wohl spanne ich; aber bei dieser Spannung fange ich an, mich so
ziemlich ganz zu verlieren und mich aufzulösen ins Nichts! Denn Deine ewige
Macht und Größe, der unendliche Raum und die ewige Zeitendauer verschlingen
mich völlig. So dunstig wird's mir wohl und – ob ich's recht verstanden habe,
was Du, o Herr, so gewisserart hingehaucht hast, weiß ich natürlich kaum oder
eigentlich auch schon gar nicht – so kaum aussprechlich schimmerig hell, daß Du
solcher Schöpfungsperioden nicht etwa – um auch nach arabischer Art zu zählen –
nur dezillionen- oder äonenweise hinter Dir hast, sondern unzählige! Denn wenn
ich, nach rückwärts der Zeitendauer nach zählend, bei dieser gegenwärtigen
anfange, so würde ich mit dem Zählen sicher nie fertig werden und ewig nie zu
der kommen, von der man sagen könnte, sie wäre Deine erste!
[GEJ.04_254,08] Kurz, Dein Anfang ist keiner,
und so haben auch Deine Schöpfungen unmöglich je einen Anfang gehabt, und
soviele derer auch der ewige Raum fassen kann, so ist darunter doch keine, von
der man sagen könnte: ,Sieh, das war die erste! Vor dieser ist nichts
erschaffen worden!‘ Denn hinter solch einer sein sollenden ersten steckt ja
doch wieder eine vollkommen ganze Ewigkeit! Was hättest Du diese hindurch dann
gemacht bei Deiner stets gleichen Wesenheit? Platz haben im endlosen Raume auch
endlos viele Schöpfungen; wenn ihre Distanzen auch noch so endlos groß sind, so
macht das nichts! Der endlose Raum hat Platz genug für alle die ewig endlos
vielen und wird ewig noch Platz für äonenmal Äonen viele und so ewig fort und
fort für noch zahllose neue haben, und diese künftigen werden die schon von
Ewigkeit her vorhandenen auch gewisserart um nichts vermehren; denn ein end-
und zahllos Vieles kann darum nie ein Mehreres werden, weil es ohnehin ein
endlos Vieles ist.
[GEJ.04_254,09] Ja, wenn ich diese Periode
mit eins zu zählen anfange, so wird sie um eine, wie in den künftigen
Äonen-Zeiten oder -Ewigkeiten sicher stets um eins und eins und eins weiterhin
vermehrt werden können; aber wo die Hinterzahl schon ohnehin eine endloseste
ist, da ist keine Vermehrung derselben mehr denkbar! Die neuen Schöpfungen
zählen wohl für sich noch etwas, – aber zur Anzahl der Vorschöpfungen gar
nichts!
[GEJ.04_254,10] So lautet meine mich nun ganz
vernichten wollende Spannung. Aber hinweg mit solchen Gedanken, die wegen ihrer
endlosen Größe meine dafür zu kleine Seele gänzlich erdrücken und zunichte
machen! Wenn ich nur ein ewiges Leben habe, die Liebe und Gnade dazu und eine
solche Gegend, wie diese da ist, so werde ich es mir fürder nimmer wünschen,
auch nur den Mond oder gar unsere Sonne näher kennenzulernen! Ich sehe nun auch
ein, wie dumm es von mir war, Dich um etwas zu fragen, was sich für einen
beschränkten Menschen zu wissen ganz und gar nicht ziemt! Herr, vergib Du mir
meine große Dummheit!“
255. Kapitel
[GEJ.04_255,01] Sage Ich: „Nein, Mein Freund,
Dummheit ist das eben keine, aber so ein für dieses Erdenleben nun etwas zu
weit und tief gehender Vorwitz; denn solange die Seele nicht völlig eins mit
Meinem Geiste in ihr geworden ist, kannst du derlei Dinge unmöglich in der
rechten Tiefe fassen und begreifen. Wirst du jüngst auch zur geistigen
Wiedergeburt gelangen und sogar drüben im Reiche Gottes dich geistig als eine
vollendete Wesenheit befinden, so wirst du vieles wohl bis auf den tiefsten Grund
einsehen, aber freilich nur insoweit, als es diese gegenwärtige
Schöpfungsperiode betrifft, in deren Ordnung jede vorhergegangene ihren Bestand
hatte und als irgend vollendet jetzt und immerfort bestehend geistig noch hat.
Dennoch aber besteht zwischen dieser und all den vorangegangenen
Schöpfungsperioden, gleichwie zwischen dieser Erde und all den andern zahllosen
Weltkörpern des Urschöpfungsmenschen, ein allergewaltigster Unterschied.
[GEJ.04_255,02] Bei all den ewig zahllos
vielen Vorschöpfungen, die alle einen Urgroßweltenmenschen darstellten und
ausmachten, bin Ich nicht auf irgendeiner Erde derselben als ein Mensch ins
Fleisch gehüllt worden durch die Kraft Meines Willens, sondern korrespondierte
mit ihren Menschengeschöpfen nur durch für jene Schöpfung geschaffene reinste
Engelsgeister. Nur diese Schöpfungsperiode hat die Bestimmung, auf irgendeinem
kleinen Weltenerdkörper, welcher gerade diese Erde ist, Mich für alle die
vorhergehenden wie für alle in der nie endenden Ewigkeit nachfolgenden Schöpfungen
in Meiner ewig urgöttlichen Wesenheit im Fleische und in engster Form vor sich
zu haben und von Mir Selbst belehrt zu werden.
[GEJ.04_255,03] Ich wollte für alle künftigen
Zeiten und Ewigkeiten Mir wahre und wirkliche, Mir völlig ähnliche Kinder nicht
nur wie gewöhnlich erschaffen, sondern durch Meine väterliche Liebe wahrhaft
zeihen, damit sie dann mit Mir beherrscheten die ganze Unendlichkeit.
[GEJ.04_255,04] Um aber das zu erzielen, nahm
Ich, der unendliche, ewige Gott, für das Hauptlebenszentrum Meines göttlichen
Seins Fleisch an, um Mich euch, Meinen Kindern, als schau- und fühlbarer Vater
zu präsentieren und euch Selbst aus Meinem höchst eigenen Munde und Herzen zu
lehren die wahre, göttliche Liebe, Weisheit und Kraft, durch die ihr dann Mir
gleich beherrschen sollet und werdet nicht nur alle die Wesen dieser
gegenwärtigen Schöpfungsperiode, sondern auch die vorangegangenen und alle die
noch künftig folgenden.
[GEJ.04_255,05] Und es hat demnach diese
Schöpfungsperiode vor allen anderen den für euch noch lange nicht hell genug zu
erkennenden Vorzug, daß sie in der ganzen Ewigkeit und Unendlichkeit die
einzige ist, in der Ich Selbst die menschliche Fleischnatur vollkommen
angezogen und Mir im ganzen, großen Schöpfungsmenschen diese Hülsenglobe, in
dieser des Sirius Zentralsonnenallgebiet, von den zweihundert Millionen ihn
umbahnenden Sonnen eben diese und von ihren sie umkreisenden vielen Erdkörpern
gerade diesen, auf dem wir uns nun befinden, erwählt habe, um auf ihm Selbst
Mensch zu werden und aus euch Menschen Meine wahren Kinder für die ganze
Unendlichkeit und Ewigkeit nach vor- und rückwärts zu zeihen. Und so du,
Mathael, als einer der gediegensten Rechner das so recht ins Auge fassest, so
wird dich dann die Ewigkeit und des Raumes Unendlichkeit nicht mehr gar so
stark drücken.
[GEJ.04_255,06] Für die noch so weise,
endliche und begrenzte Seele sind die Unendlichkeits- und Ewigkeitsbegriffe
freilich etwas sie notwendig immerwährend drückend Unbegreifliches; aber nicht
mehr also für den einmal vollkommen erweckten Geist in ihr. Denn der ist frei
und in allem Mir gleich, und seine Bewegung ist schon einmal von der Art, daß
alle Räumlichkeitsverhältnisse für ihn eine barste Null sind, und das, Freunde,
ist schon eine gar gewichtigste Eigenschaft des Geistmenschen!
[GEJ.04_255,07] Stellet euch alle die noch so
schnellen Bewegungen der Körper vor, wie Ich sie euch schon bei einer früheren
Gelegenheit hinreichend erklärt habe, und ihr werdet es bald finden, daß die
allerschnellsten euch bekanntgemachten Bewegungen der Zentralsonnen, in ihrer
Schnelligkeit dazu noch veräonfacht oder zur äonsten Potenz erhöht, gegen die
Schnelligkeit des Geistes eine wahre Schneckenpost sind, weil sie, um eine
überaus große Raumesferne zu durchwandern, dennoch gleichfort einer Zeit nach
Verhältnis der Entfernung bedürfen, während dem Geiste jede noch so unermeßbare
Raumferne gleich ist; denn für den Geist ist hier und noch so unermeßlich ferne
irgendwo ,dort‘ eins, während die Verschiedenheit der Raumferne für jede andere
Bewegung einen gar sehr wesentlichen Unterschied macht.
[GEJ.04_255,08] Ferner mache Ich dich darauf
aufmerksam, wie vom Geiste des Menschen, wenn solcher auch noch nicht völlig
eins geworden ist mit der Seele, dennoch ein eigentümliches Gefühl in die Seele
überfließt und sich dadurch als ein rein Geistiges bemerkbar macht, daß es sich
alle Fakta – und mögen diese eine Ewigkeit hinter dieser Gegenwart geschehen
sein! – stets also vorstellt, als geschähen sie jetzt, oder als wäre der Geist
damals auch schon als ein Augen- und Ohrenzeuge dabeigestanden. Das Fernestehen
solcher längst geschehenen Fakta malt sich hernach erst die beschränkte Seele
selbst in ihrem Gehirne aus. In der Seele tritt die Erinnerung an die Stelle
dieses geistigen Gefühls; aber diese vergegenwärtigt das Faktum nicht, sondern
stellt es dem Zeitraume nach dahin, wann es begangen wurde. Der Geist aber
stellt sich ganz als gegenwärtig in die Handlungsperiode zurück und
vergegenwärtigt sich auch eine künftige derart, als wäre sie schon gegenwärtig
vor ihm, entweder als begonnen oder auch schon als lange vollendet.
[GEJ.04_255,09] Die Weltweisen nennen dieses
rein geistige Gefühl der Vergegenwärtigung entweder längst vergangener oder
auch erst künftig zu erfolgen habender Fakta die Phantasie des Menschen. Allein
das ist es nicht, weil man Phantasie nur das nennen kann, was die Seele selbst
aus dem Vorrate ihrer Bilder als etwas Neues zusammenstellt und also eine sonst
irgend in der freien Naturwelt nicht vorhandene Form oder ein Werk zustande
bringt. Aus diesem pur seelischen Vermögen sind hervorgegangen alle
Gerätschaften, alle Gebäude und Kleidung des Menschen und Fabeln und allerlei
Dichtungen, deren Hintergrund sicher entweder sehr selten eine volle Wahrheit,
zumeist aber nur eine barste Lüge und eigentlich gar nichts ist.
[GEJ.04_255,10] Das ist demnach das, was man
Phantasie nennen kann; aber das vorerwähnte Vergegenwärtigungsgefühl entweder
vergangener oder auch erst künftiger Fakta ist eine Lebenseigentümlichkeit des
Geistes, und der rein denkende Mensch kann daraus entnehmen, wie der Geist im
Menschen weder mit dem Raume und ebensowenig mit der Zeit etwas zu tun hat und
dadurch über beiden herrschend steht.
[GEJ.04_255,11] Für den Geist gibt es sonach
nur dann einen Raum, wenn er einen schafft und haben will, und unter ganz
denselben Bedingungen auch eine Zeit. Will er keine Zeit, so tritt an ihre
Stelle sogleich die ewige Gegenwart des Vergangenen, Gegenwärtigen und
Zukünftigen.
[GEJ.04_255,12] Endlich könntet ihr noch eine
dritte rein geistige Eigenschaft in euch bemerken, wenn ihr so recht aufmerksam
darauf wäret! Diese Eigenschaft aber besteht darin, daß ihr euch irgendeine
noch so große Sache als plötzlich in allen ihren Teilen vollendet vorstellen
könnet und mit einem Blicke überschauen ein ganzes Sonnengebiet. Die Seele mit
ihrem Sinnenwahrnehmungsvermögen muß eine Sache nach allen Seiten hin langsam
und zeitweilig betrachten, betasten und behorchen und muß sie zergliedern, um
sich von ihr erst nach und nach eine Totalvorstellung machen zu können. Der
Geist aber umfliegt eine ganze Zentralsonne von aus- und inwendig in einem kaum
denkbar schnellsten Augenblick und ebensoschnell auch eine Unzahl von solchen
Sonnen und aller ihrer Planeten; und je mächtiger der Geist ist durch die
Ordnung der Seele, desto heller und bestimmter ist eben des Geistes Über- und
Durchblick der größten und noch endlos komplizierten Dinge der Schöpfung.
[GEJ.04_255,13] ,Ja‘, saget ihr und mit Recht
sogar, ,wie ist dem Geiste denn solch ein schnellster Totalüberblick möglich?‘
Und Ich sage und antworte euch: In einer vollkommensten Art eben auf die Weise,
wie einer vollkommenen, naturordnungsgemäß gediehenen Seele das Fern- und
Durchfühlen mittels ihres Außenlebensäthers möglich ist, – wie ihr solches an
den Schwarzen hinreichend erprobt habt. Aber bei der nur substantiellen Seele
ist solch eine Eigenschaft immerhin bei aller ihrer noch so großen Intensität
gegen die ähnliche des Geistes in keinen rechten Vergleich zu stellen, weil sie
notwendig noch räumlich beschränkt und da nur unter gewissen
transzendent-naturmäßigen Urelementen außer ihrer Grundform zu denken und zu
fühlen imstande ist, und das, je näher ihrer eigentlichen Menschenlebensform,
desto fühlbarer und gediegener. Nach sehr weit weg gelingt es ihr dann selbst
in ihrem vollkommensten, natürlich bloß seelischen Zustande schlecht; und mag
eine Seele eine noch so kräftige Außenlebenssphäre besitzen, so wird sie, als
von hier ausstrahlend, bis nach Afrika hin schon gar nichts mehr wahrzunehmen
imstande sein.“
256. Kapitel
[GEJ.04_256,01] (Der Herr:) „Ah, wenn zu
Zeiten eines gewissen Verzücktwerdens auf einige Augenblicke der Geist mit
seinem Urlebensfeueräther in die vollkommene Seele überstrahlt, dann wird das Fernfühlen,
Fernwirken und – schauen sehr potenziert, und der Seele ist es dann in solchen
Momenten möglich, sogar bis zu den sehr weit abstehenden Sternen zu reichen und
sie dort mit einer großen Genauigkeit zu überblicken; aber wie der Geist sich
in der Seele wieder ordnungsmäßig zurückzieht, so kann die Seele mit ihrer
puren Außenlebenssphäre nur so weit wirksam reichen, als wieweit sie im
günstigsten Falle noch etwas ihr elementar Entsprechendes findet. Es gleicht
ihre Außenlebenssphäre der Ausstrahlung eines irdisch ersichtlichen Lichtes. Je
weiter von der Flamme abstehend, desto matter und schwächer wird sie, bis am
Ende von ihr gar nichts mehr übrigbleibt als Nacht und Finsternis.
[GEJ.04_256,02] Aber nicht also steht es mit
der Außenlebenssphäre des Geistes. Diese ist gleich dem Äther, der den ganzen,
endlosen Raum als völlig gleich verteilt erfüllt. Wenn der Geist denn einmal,
als in der Seele frei auftauchend, sich erregt, so erregt sich auch seine
Außenlebenssphäre im selben Augenblick endlos weit hinaus, und sein Schauen,
Fühlen und Wirken geht dann ohne die geringste Beschränkung so endlos weit
hinaus, als der Äther zwischen den Schöpfungen und in denselben den Raum durch
und durch erfüllt; denn dieser Äther ist – unter uns gesagt – eigentlich ganz
identisch mit dem ewigen Lebensgeiste in der Seele. Dieser ist nur ein
kondensierter Brennpunkt des allgemeinen Lebensäthers, der die ganze
Unendlichkeit erfüllt. Und wie er als ausgewachsen durch die Seele mit dem
Außenäther in die Berührung kommt, so vereint sich sein Fühlen, Denken und
Schauen augenblicklich mit dem unendlichen Außenlebensäther in die endlosesten
Fernen hin ungeschwächt, und was der große Lebensäther im endlosen Raume
allenthalben alles umfließend und durchdringend fühlt, sieht, denkt, will und
wirkt, das fühlt, sieht, denkt, will und wirkt auch im selben Augenblick der
Sondergeist in einer Seele, und das sieht, fühlt, denkt, will und wirkt dann
auch die Seele, solange sie von ihrem Geiste durchdrungen wird und dieser im
Verbande steht mit dem ihm innigst verwandten unendlichen und allgemeinsten
Außenlebensäther.
[GEJ.04_256,03] Der Unterschied zwischen der
Außenlebenssphäre einer noch so vollkommenen Seele für sich und dem
Außenlebensäther des Geistes ist demnach gar leicht begreiflich ein endlos und
unaussprechlich großer, und ihr werdet nun etwa wohl schon so einen kleinen
Dunst davon zu bekommen anfangen, wie es einem Geiste dann so ungefähr möglich
ist, sich fühlend, sehend, denkend, wollend und wirkend in eine noch so große
Ferne hin zu versetzen, ja die ganze Unendlichkeit für sich zu durchdringen,
weil er in der ganzen, ewigen Unendlichkeit als völligst ununterbrochen auf
allen Punkten des ganzen, ewigen Raumes ungeschwächt einer und derselbe ist.
[GEJ.04_256,04] Wenn denn durch die Inwohnung
in den Seelen Teile des allgemeinen Geistes als abgesondert da sind, so bilden
sie aber dennoch gleichfort ein vollkommenes Eins mit dem Allgeiste, sobald sie
die Seele infolge der bedungenen Geisteswiedergeburt ganz durchdringen. Sie
verlieren dadurch ihre Individualität aber ganz und gar nicht, weil sie als
Lebensbrennpunkte in der Menschenform der Seele auch dieselbe Form besitzen und
dadurch mit ihrer Seele, die eigentlich ihr Leib ist, als gleich alles sehende
und fühlende Geister auch notwendig das fühlen und höchst klar wahrnehmen, was
alles als besonders individuell in ihren sie umfassenden Seelen vorhanden ist.
Aus diesem Grunde aber kann dann auch eine Seele, die von ihrem Geiste einmal
durch und durch erfüllt ist, alles das sehen, fühlen, hören, denken und wollen,
weil sie also denn vollends eins ist mit ihrem Geiste.
[GEJ.04_256,05] So euch bei dieser nun schon
handgreiflichen Erklärung noch kein Licht über das Wesen des Geistes und seiner
Fähigkeiten aufgehen sollte, da wüßte Ich Selbst für die Folge wahrlich nicht
mehr, auf welche Weise Ich euch das vor eurer Geisteswiedergeburt in eure Seele
noch klarer machen könnte! Darum redet ihr nun alle ganz offen, ob ihr Mich nun
endlich in diesem allerwichtigsten Punkte wohl verstanden habt!“
257. Kapitel
[GEJ.04_257,01] Sagen Mathael und mehrere
andere: „O Herr, nun wohl, nun sind wir vollends im klaren und wüßten kaum
noch, um was Weiteres wir Dich noch fragen könnten oder sollten! Herr, frage Du
nun uns um Verschiedenes; denn Du wirst es am besten wissen, wo es uns noch
irgend abgeht!“
[GEJ.04_257,02] Sage Ich: „Das ist wohl etwas
Ungeschicktes, so Ich euch eigentlich fragete um irgend etwas also, als müßte
Ich solches erst von euch erfahren, da Ich doch alles weiß und sehe, was da
vorgeht in euch! Ja, sogar eure geheimsten Gedanken, um die ihr kaum wisset,
sind Mir, wie euch die Sonne am Himmel, klarst ersichtlich, und Ich sollte euch
da noch um etwas fragen, als wüßte Ich's zuvor nicht?! Wäre das nicht
ungeschickt oder zum wenigsten eine unnütze, zeitvergeuderische Mund- und
Zungenwetzerei?!“
[GEJ.04_257,03] Sagt hier der danebenstehende
Schwarze: „Herr, das kommt mir nicht folgerichtig vor; denn meines Wissens hast
Du nun vor einer kurzen Zeit doch Selbst Deine weißen Jünger gefragt, ob sie
dies oder jenes wohl verstanden haben! Das ist ja doch auch eine Frage, mittels
welcher man von jemandem etwas erfahren will, von dem man früher noch nicht die
rechte Aufhellung erhalten hatte! Warum fragtest Du da die Jünger? Wußtest Du
denn nicht, ob sie Deine großen und weisesten Enthüllungen wohl verstanden oder
auch nicht verstanden haben?“
[GEJ.04_257,04] Sage Ich: „O du Mein
schätzbarer schwarzer Freund! In bezug auf das Fragen erkundigt man sich lange
nicht allzeit nur um das, was man zuvor etwa selbst nicht weiß, sondern man
fragt gar oft, und das aus gutem Grunde, prüfend, um durch die Frage seinen
Nebenmenschen zum Nachdenken zu bewegen.
[GEJ.04_257,05] So fragt ein Lehrer seine
Schüler um Dinge aus, die er auch ohne die Antwort der kleinen Jünger zuvor gar
gut weiß und wissen muß. Und der Richter fragt den Sünder am Gesetze, was er
verschuldet habe, nicht etwa, um nun erst zu erfahren, was dieser wider das
Gesetz getan hat – darum weiß der Richter schon lange! –, sondern er will von
dem Inquisiten nur das Eigengeständnis und züchtigt den verschmitzten Sünder,
wenn er beharrlich alles das ableugnet, von dem der Richter durch die gleichen
Aussagen mehrerer Zeugen schon lange in die hellste Überzeugung gelangt ist!
[GEJ.04_257,06] Und so kann auch wohl Ich,
als ein rechtester Lehrer und als ein allergerechtester Richter, an euch
Menschen allzeit Fragen stellen, nicht etwa, um von euch etwas zu erfahren, das
Ich zuvor etwa nicht gewußt hätte, sondern um euch dadurch zum Nachdenken und
Sichselbstprüfen zu nötigen! Also in der Art kann Ich wohl jedermann fragen;
aber so Ich jemanden von euch also fragen würde, als wollte Ich Mich
überzeugen, ob dieser oder jener von den Jüngern Meine Lehre wohl verstanden
hätte oder nicht, so wäre das von Mir aus ein eitles und ungeschicktes Fragen,
da Ich das auch ohne alle Fragen als Gott ohnehin schon seit Ewigkeiten her
habe wissen können, wer und wie er Mich in dieser Zeit auf dieser Erde wohl
verstehen wird! – Bist du nun darüber auch im hellen!“
[GEJ.04_257,07] Sagt der Schwarze: „Ja Herr,
und ich bitte Dich um Vergebung darum, daß ich nun Dich, o Herr, mit meiner
höchst ungeschickten Frage belästigt habe! In der Folge werde ich so etwas
sicher nicht mehr tun, wenn es mir vergönnt sein sollte, mich mit den Meinigen
noch länger in Deiner heiligen Nähe aufhalten zu dürfen!“
[GEJ.04_257,08] Sage Ich: „Solange du willst,
kannst du dich bei Mir aufhalten und auch fragen! Wenn du noch irgend etwas
hast, was dir nicht helle genug ist, da hast du, so wie jeder andere, das freie
und volle Recht zu fragen! Denn nun gebe Ich Mich ganz offen an diesem Orte;
späterhin wird eine Zeit kommen, in der Ich auf eine Zeitlang von niemandem
eine Frage anhören werde. Es ist in dir noch etwas Lückenhaftes; erforsche dich
und frage, und es soll dir auch darin Licht werden!“
[GEJ.04_257,09] Sagt der Schwarze: „O Herr,
da bedarf es nicht, daß ich mich lange erforschete; denn meine Lücken kenne ich
schon seit langem! Und siehe, es ist das eine Hauptlücke, daß ich mir Gottes
Allwissenheit am allerwenigsten erklären kann! Wie kannst Du denn gar so um
alles in der ganzen Unendlichkeit wissen?“
[GEJ.04_257,10] Sage Ich: „Ja, wenn du das
nun noch nicht verstehst, so hast du ehedem eben Meine Enthüllungen vom
Außenlebensäther des Geistes nicht tief genug aufgefaßt! Das wirst du doch
begriffen haben, wie der ewige Schöpfungsraum ewig und unendlich ist, und wie
er mit nichts anderem erfüllt ist als nach allen Seiten ewig fort und fort mit
Meinem Geiste, welcher da ist pur Liebe, also Leben, Licht, Weisheit, klarstes
Selbstbewußtsein, ein bestimmtestes Fühlen, Gewahrwerden, Schauen, Hören,
Denken, Wollen und Wirken.
[GEJ.04_257,11] In Mir ist zwar dieses ganz
einen und ewig gleichen Geistes Brennpunkt, der aber eins ist mit seinem
unendlich großen und alle Unendlichkeit erfüllenden Außenlebensäther, der bei
Mir mit dem Hauptlebensbrennpunkte stets mit allem, was er faßt, in der
innigsten Verbindung steht. Dieser Mein Außenlebensäther aber durchdringt alles
und umfaßt alles in der ganzen, ewigen Unendlichkeit und sieht, hört, fühlt,
denkt, will und wirkt überall auf eine und ganz dieselbe Weise.
[GEJ.04_257,12] Auf eine gewisse Ferne vermag
das ja deine Seele auch, und es würde jemandem schwer sein, in deiner Nähe
einen bösen Gedanken zu fassen, ohne daß du solchen sogleich erkennetest. Wie
du solches aber vermagst mittels der kräftigen Außenlebenssphäre deiner Seele,
die mit ihr stets im innigsten Verbande steht und somit dein klares Ich weit
über dich hinaus ausbreitet, – also ist es auch bei Meinem Geistesaußenlebensäther
der Fall, nur mit dem Unterschiede, daß deiner Seele Außenlebenssphäre nur auf
einen gewissen Raum beschränkt ist, weil sie als Substanz, wegen der
Verschiedenheit der ihr begegnenden fremden Elemente, sich nicht weiter
ausbreiten kann.
[GEJ.04_257,13] Des Geistes Außenlebensäther
aber kann ewig auf keine fremden Elemente stoßen, weil im Grunde alles er
selbst ist; und so kann er auch allerfreiest und ungehindertst endlos über
alles alles sehen, fühlen, alles hören und bestens verstehen. Und siehe, darauf
basiert denn ganz klar und leicht faßlich die dir so schwer begreifliche
Allwissenheit Gottes! – Sage, bist du nun darüber im klaren?“
258. Kapitel
[GEJ.04_258,01] Sagt der Schwarze mit ganz
aufgeheitertem Gesichte: „Ja, ja, ja, – nun sehe ich auch das völlig ein und
glaube, daneben nun noch so manches einzusehen, was ich früher auch nie so
recht klar eingesehen habe! So verstehen wir offenbar die Sprache der Tiere
ganz und gar, und wer sich die Mühe geben will, die wenigen Laute der Tiere nach
der Art der inneren Empfindung und der naturseelischen Intelligenz zu
modulieren – wozu freilich eine kleine Übung erforderlich ist –, der kann mit
den Tieren wie mit den Menschen ganz förmlich reden und von ihnen so manches
erfahren, was in vollem Ernste oft von keiner geringen Bedeutung ist. Ich habe
selbst mich versucht, habe es aber dennoch nie zu einer allen Tieren
verständlichen Sprache bringen können, weil meine Organe nicht danach
eingerichtet waren und auch jetzt nicht eingerichtet sind; aber verstehen kann
ich alles, was irgendein Tier mit seinesgleichen abmacht.
[GEJ.04_258,02] So habe ich einmal daheim
zwei Ichneumone ganz deutlich am Nil in meiner von ihnen unbemerkten Nähe
folgendes miteinander abmachen hören: Das wohlkennbare Männchen sagte zum
Weibchen: ,Du, mir wird bange um unsere Kinder, die eine Tagereise von hier am
Unterstrome Jagd nach des Mokels (Krokodil) Eiern machen! Ich fürchte, daß
unser ältester Sohn, wenn er am Ufer träge und voll angefressen ruhen wird, von
einem bösen Aar gepackt, in die Luft getragen und darauf auf einem Felsen
jämmerlich zerfleischt und bis auf die Beine aufgezehrt wird! Wenn wir beide
sehr behende eilen, so könnten wir diesem Unglücke noch vorbeugen! Gegen Abend
kommen die Löwen und Panther zum Nil zur Tränke, da wäre die Reise für uns
gefährlich; verlassen wir aber nun schnell diesen Platz, an dem ohnehin nicht
viel zu gewinnen ist, so haben wir keine Gefahr auf der weiten Reise dahin zu
bestehen, und wir retten unsern ältesten Sohn!‘ Da richtete sich das Weiblein
auf und sagte nichts als: ,So eilen wir denn in der uns gewohnten Hast!‘ Und
als das Weibchen das aussprach, da ging es gleich pfeilschnell über Stock und
Stein dem Nil entlang.
[GEJ.04_258,03] Nach etwa vierzehn Tagen kam
ich wieder an jene Stelle, weil ich in mir wahrnahm, daß sich dort nun eine
ganze Ichneumonfamilie aufhalte. Ich eilte leisen Trittes hinzu und fand sieben
Ichneumone auf einer Sandbank sich herumtummeln und miteinander schäkern und
sich gegenseitig freundlich necken. Diesmal aber nahm ich auch meinen Diener
mit, weil er ganz besonders gut mit vielen Tierarten zu reden verstand.
[GEJ.04_258,04] Als wir beide uns ganz ruhig
und still hinter einem Busche der Stelle am Strome nahten und ihr Geschwätze
ganz gut vernehmen konnten, da sagte das mir recht wohl bekannte Weibchen zu
ihrem Männchen: ,Du, sieh dich um nach jenem Busche; hinter ihm lauern zwei
Menschen! Fliehen wir; denn diesen ist nie und nimmer zu trauen!‘ Darauf
schnupperte das Männchen etliche Male gegen uns beide herüber und sagte darauf
zum Weibchen: ,Sei ruhig, Weiblein! Diese beiden kenne ich; das sind keine
bösen Menschen, und sie werden uns schon am wenigsten irgendein Leid zufügen.
Sie verstehen uns, und einer könnte sogar reden mit uns, so er wollte. Wir
werden uns mit ihnen noch recht gut unterhalten, und sie werden uns dann Milch
und Brot zu essen geben!‘
[GEJ.04_258,05] Auf das ward das Weibchen
ruhig und fing an, freudenvoll wieder herumzuhüpfen und -zutanzen; denn es
hatte eine große Freude daran, seinen in großer Gefahr schwebenden Sohn
gerettet zu haben. Der Sohn aber war auch ein ganz besonders wohlgestaltetes
Tier und verriet eine Art von Selbstgefühl, was man in unserer menschlich
moralischen Sphäre Stolz nennen könnte.
[GEJ.04_258,06] Mein Führer meinte, daß wir
uns nun dieser muntern Gesellschaft der Ichneumone ohne Bedenken ganz ruhig
nähern könnten und sie würden nicht fliehen vor uns. Wir taten das, und siehe,
das alte Männchen erwies uns sogar eine Art Höflichkeit und wies uns einen ganz
bequemen Platz zum Zuschauen an, sagte aber, die Sandbank möchten wir nicht
betreten, weil in ihr viele Mokeleier verscharrt wären und er nun beschäftigt
sei, seine Jungen im Aufsuchen dieser bösen Eier zu üben.
[GEJ.04_258,07] Wir taten das, und mein
Diener gab dem Männchen die volle Versicherung, daß er und seine Gesellschaft
nicht nur nichts zu befürchten hätten, sondern daß wir sie die ganze Zeit ihres
dasigen Aufenthaltes reichlich mit Milch und Milchbrot (Käse) versehen würden.
Da sagte das Männlein: ,Das wird sehr gut sein, und ich werde dir darum den
Strom von allen Mokeleiern reinigen. Aber warte mit deiner Wohltat noch zwei
volle Tage; denn meine Jungen müssen zuvor durch Hunger genötigt werden,
Mokeleier zu vertilgen, dann erst wird am dritten Tage der süßschmeckende Lohn
am rechten Platze sein!‘
[GEJ.04_258,08] Darauf fragte der Diener das
Männchen abermals, wie denn in diese Gegend Mokeleier verpflanzt würden, da man
in diesem Stromgebiete doch noch nie eine Mokel gesehen habe. Da sagte das Männchen:
,Die Mokel sind ganz gescheit und sehr naturkundig. Sie wissen es aus ihrer
Natur und Erfahrung, daß ihre Eier in diesen Hochgebieten des Stromes besser
und gesünder gedeihen als in des Stromes Niedergebieten. Daher schleichen sie
gleich nach der Regenzeit in den Nächten schwimmend hierher und noch etliche
Tagereisen weiter von hier aufwärts bis in das Gebiet der harten Wasser des
Stromes und verscharren da eine Unzahl Eier in den warmen Sand. Sind sie mit
dieser Arbeit gerade in der Zeit fertig, in welcher ihr großen Menschen euch
vor Schlamm den Ufern des Stromes samt uns nicht leichtlich nahen könnet, so
begeben sie sich eben wieder zur Nachtzeit schwimmend nach den Unterlanden, wo
es reiche Herden gibt, auf die sie zur Nachtzeit eine stets sehr erfolgreiche
Jagd machen können. Wenn aber die Jungen hier ausgebrütet werden, so steigen
sie auch sogleich dem Wasser zu und schwimmen ganz bequem dorthin, wo ihre
Alten sich gewöhnlich aufhalten. Dort finden sie auch gleich Nahrung und
gedeihen sehr schnell. Da wir aber wohl wissen, wo sich ihre kräftigsten Eier
befinden, so ziehen wir denselben nach, suchen sie nach Möglichkeit zu
vernichten und nähren uns von dieser unseren Gaumen sehr wohlschmeckenden Kost.
Nur mit dem Auffinden geht es im Anfange etwas schlecht, und dazu belästigen
uns oft noch ein paar Feinde; der eine ist ein mächtiger Bewohner der Luft, der
Aar, und der zweite ist die verwünschte Klapperschlange. Aber wenn wir unser
mehrere beisammen sind, da mögen uns beide nichts anhaben. – Nun aber gebet
acht, wie wir die Eier suchen, finden und sogleich auch vernichten werden!‘
[GEJ.04_258,09] Hierauf sprang das Männchen
von uns und quitscherte fürs menschliche Ohr einige eintönige, unartikulierte
Laute, deren Sinn ich nicht sehr genau verstand; aber mein feinhöriger Diener
sagte, daß das Männchen nun den Befehl zum Aufsuchen der Eier gegeben habe. Und
richtig, die Tierchen fingen an, in den Sand hineinzuschnippern, und sowie sie
eine Stelle fanden, an der sich im Sande eine Lage Eier befand, gaben sie einen
ganz eigenen Laut von sich, gruben sich höchst schnell in den Sand hinein und
stellten die Eier frei, worauf es dann gleich ans Vertilgen der vorgefundenen
Beute herging. Sie verzehrten aber nur die kleineren; die großen zerbissen sie
wohl, warfen sie dann aber höchst behende mit den Vorderpfoten ins Wasser.
Darauf aber ging die Jagd gleich wieder von neuem an.
259. Kapitel
[GEJ.04_259,01] (Der Schwarze:) „Wir sahen
ihnen einen halben Tag ganz ungestört zu und unterhielten uns recht gut, da wir
bei jedem Schritte und Tritte dieser Tierchen eine gewisse Ordnung und einen
ganz wohlberechneten Plan ganz klar und deutlich abnehmen konnten und zugleich
uns stets sehr hoch über die besondere Geschicklichkeit verwundern mußten, mit
welcher diese wahrlich übermenschlich intelligenten Wesen ihr Werk ausführten.
Ich dachte an eine Ermüdung dieser Arbeiter; aber keine Spur davon. Je länger
die Arbeit dauerte, mit einem desto größeren Eifer wurde sie stets von ganz
neuem wieder begonnen.
[GEJ.04_259,02] Etwa so nach drei Stunden
nach eurer Zeitmessung kam das Männlein wieder und sagte: Mit dieser Sandbank
würden sie in vier Tagen kaum fertig, dann wäre gegenüber am linken Ufer auch
eine bedeutende Sandlehne, in der auch viele Mokeleier verscharrt seien. Dieselben
müßten sie auch vertilgen, sonst würde es in einem Jahre nur wimmeln von lauter
Mokels, und in zehn Jahren würden sie sich so sehr vermehren, daß kein Mensch
einen Schritt im ganzen Unterlande tun könnte, ohne irgend auf einen Mokel zu
stoßen. Die Menschen dieser Länder könnten ihnen, den Ichneumonen, daher nicht
zur Genüge dankbar sein für die stetige Vernichtung der bösen Mokel im ganzen
Unter- und Oberlande zu beiden Seiten dieses Stromes.
[GEJ.04_259,03] Mein Diener aber fragte das
muntere Männchen, wie es denn bei solchem ihrem Fleiße doch immer kommen mag,
daß sich noch immer Mokel in dem Strome aufhalten und fortkommen. Da sagte das
Männchen, sich ganz ernst stellend: ,Das will der große Geist aller Natur, daß
die Mokel für diesen Strom nie ganz ausgerottet werden dürfen; denn auch ihre
Bestimmung ist, der Erde und ihren Bewohnern zu nützen. Nur überhandnehmen
dürfen sie nicht; dafür sind wir da, um ihre Vermehrung in den rechten
Schranken zu halten. Der große Geist hat das alles also weise vorgesehen, und
es muß das alles also geschehen, damit ein Leben in dem andern seine
Vervollkommnung finden kann. Die Übergänge sind stets bitter, aber dafür ist
dann das höhere Sein ein angenehmes!‘
[GEJ.04_259,04] Der Diener fragte es, wie's
denn zur Kenntnis eines höchsten Geistes gelangt sei. Da fing das Männchen an
zu kichern, und es war das eine Art des Lachens. Als sich das Männchen
ausgekichert hatte, sagte es zum Diener: ,Sehen wir doch täglich Seine Sonne am
Himmel, und wie aus derselben allerart gute Geister zu uns herüberströmen!
Woher sollen sie denn anders kommen als vom großen Lichtgeiste aus der Sonne?!‘
[GEJ.04_259,05] Und wieder fragte der Diener
das Männchen: ,Verehret ihr auch solchen großen Lichtgeist?‘ Sagte das
Männchen: ,Ist aber das für einen großen Menschen doch eine seltsame Frage! Ihr
werdet doch nicht dümmer sein als wir schwachen Tiere? Wenn wir das allzeit
gerne und unverdrossen tun, was uns Sein Wille in unser Naturleben gelegt hat,
dann ehren wir ja am besten den großen Geist! Oder könnet ihr euch gegenseitig
besser ehren, als so einer freudig tut den Willen seines Nächsten?! Sieh, darin
liegt alles, daß man den Willen Dessen tut, den man wahrhaft ehrt!‘ Mit dem
verließ das Männchen uns wieder und ging wieder mit allem Fleiße seiner Arbeit
nach. Wir aber verließen darauf den Ort und gingen wieder nach Hause zur
Bestellung unserer Hausgeschäfte.
[GEJ.04_259,06] Ein paar Tage darauf versahen
wir die Tierchen mit Milch und Käse, welche Kost sie mit großem Wohlgefallen
verzehrten, aber darauf richtig einen ganzen Tag von ihrer Arbeit ruhten.
[GEJ.04_259,07] Der Diener fragte das
Männchen, ob für Menschen Mokelfleisch auch zu essen wäre, freilich zuvor beim
Feuer gebraten. Da sagte das Männchen: das Bauchfleisch wohl, weil solches
verdaulich sei; aber mit dem andern Fleische wäre nichts zu machen, es sei
unverdaubar hart. Das Nilpferd wäre besser, und noch besser das Nilkalb, das
sich aber stets mehr in der Nähe des Meeres zumeist in der Tiefe aufhalte und
sich nur zu Zeiten der unterwässerlichen Stürme auf die Oberfläche begebe und
da mit den Fahrzeugen der Menschen spiele.
[GEJ.04_259,08] Nach dieser Erklärung
sprangen wieder alle sieben von uns und setzten übers Wasser ans jenseitige
Ufer, wohin wir ihnen dann nicht mehr folgten, weil wir nun ihre Natur und
ihren Charakter hinreichend hatten kennengelernt.
[GEJ.04_259,09] Ich habe hier bloß darum
dieses Beispiel von Ichneumonen erzählt, weil es für mich etwas ganz Neues war,
und weil ich so viel Klugheit in gar keinem mir bekannten Tiere gefunden habe.
[GEJ.04_259,10] Es gibt auch unter den Vögeln
ganz weise Charaktere. Vor allem gehören dazu die Ibisse und Störche, die
Kraniche, die Wildgänse und die Schwalben. Unter den vierfüßigen Erdtieren aber
sind das Kamel und noch mehr der große Elefant, der Esel, der Hund, der Affe,
die Ziege, dann der Fuchs, der Bär und der Löwe sicher die intelligentesten und
führen eine recht deutliche Sprache. Der anderen Haustiere Intelligenz ist
schwächer, und ihre Sprache ist mehr unverständlich und dumm. Unter den
kaltblütigen Tieren aber steht die große Eidechse obenan; denn diese wird bei
uns als ein ordentlicher Prophet angesehen und verkündet uns oft mehrere Tage
zum voraus, was da alles kommen werde. Daher werden bei uns diese Tiere auch
besonders gepflegt und mit Milch und Käse gefüttert.
[GEJ.04_259,11] Es ist im höchsten Grade zu
verwundern, woher diese Tiere ihre Wissenschaft nehmen. Nun, ich erzählte hier
durchaus keine Fabel, obwohl dies von mir nun Erzählte den unerfahrenen Weißen
als eine Fabel vorkommen muß. Wenn sie es aber durchaus nicht glauben können,
daß sich alles das also verhält, so führet des praktischen Beispieles halber
etwa einen ganz fremden Esel her, und mein Diener wird an ihn Fragen richten
und dem Esel auftragen, etwas Bestimmtes zu tun, und das Tier wird das auch
sicher ganz pünktlich tun, was der Diener von ihm begehren wird!“
260. Kapitel
[GEJ.04_260,01] Sagt der alte Markus zu Mir:
„Herr, soll ich wohl einen Esel, aber einen von meinen ganz natürlichen,
hierherstellen? Denn die zwei neugeschaffenen könnten da zu einem Vorurteile
Anlaß geben!“
[GEJ.04_260,02] Sage Ich: „Ja ja, tue das;
denn es wird daraus noch eine gar wichtige Lehre gefolgert werden!“
[GEJ.04_260,03] Schnell entfernte sich
Markus, brachte ein Eselmännlein zu uns und sagte etwas lächelnd zum Schwarzen:
„Da wäre so ein Weltweiser; tue nach deinem Gutdünken mit ihm!“
[GEJ.04_260,04] Da berief der Schwarze seinen
Diener. Dieser richtete sogleich in seiner dem Eselsgeplärre ähnlichen Weise
allerlei Fragen an das Tier, und siehe da, das Tier gab ihm eine Menge Dinge
von dem Haushalte des Markus kund, wie auch von seinem früheren sehr rohen
Besitzer, dessen Namen und noch so eine Menge der überraschendsten Daten, um
die sonst der schwarze Diener nicht leichtlich hätte wissen können, was den
Markus im hohen Grade frappierte. Endlich gebot der Diener dem Esel, ihm zu
Gefallen dreimal um unsern Tisch zu laufen und am Ende siebenmal recht laut
sein ,J-a‘ hören zu lassen. Und sogleich befolgte das der Esel und entfernte sich
darauf von selbst.
[GEJ.04_260,05] Darauf fragte der schwarze
Anführer unsere Gesellschaft, ob das nun wohl auch eine kaum glaubbare Fabel
wäre.
[GEJ.04_260,06] Da sagte der nicht genug
staunen könnende Cyrenius: „Nein nein, Freund, Fabel ist das keine; aber
beinahe möchte ich nun schon zu glauben anfangen, daß auch unser berühmter
Fabeldichter Äsop mit den Tieren hat reden können! Herr, da ist ja schon wieder
eine neue Tugend der Schwarzen, von der wir früher keinen noch so schwachen
Dunst hatten! Ja, wenn das so fortgeht, da werden wir mit den Schwarzen noch
lange nicht fertig werden! Es kommt immer besser, immer unglaublicher und
unerklärlicher! In den Büchern eurer Schrift las ich wohl einmal von einem
Esel, der mit seinem ihn zu sehr mißhandelnden Propheten namens Bileam geredet
habe; aber was ist das gegen das, wo dieser Schwarze sich nun von diesem ganz
harmlosen Esel dessen ganze Biographie ganz klassisch hererzählen läßt! Und daß
es keine Dichtung des Schwarzen war, das bezeugte der alte Markus!
[GEJ.04_260,07] Es ist das, dies und jenes,
schon ganz gut und recht, und ich habe da gar nichts dawider, wenn ich bei all
dem, was ich nun schon alles für weise Lehren vernommen habe, mir diese neue
wunderbare Erscheinung nur ein wenig versinnlichen könnte, wie es möglich ist,
sich mit den Tieren sprachlich zu verständigen! Es wird an solcher Kunde des
Menschen Heil wohl auch nicht gelegen sein; aber da die höchst sonderlich
wunderbare Erscheinung, von rein menschlicher Seite ausgehend, einmal da ist,
so möchte ich das Wie- und Wodurchmöglich denn doch ein wenig näher erkennen!
Wie können sich die Tiere mit dem Menschen sprachlich verständigen, und wie der
Mensch mit den Tieren? – Herr, gib uns darüber nur so einige ganz kurze Winke!“
[GEJ.04_260,08] Sage Ich: „Menschen, die so
etwas vermögen, sind darum nicht vorzüglicher denn ihr, die ihr das nicht
vermöget; denn je näher irgendeines Menschen Seele den Tierseelen steht, desto
mehr solches Vermögens, mit denselben sich zu verständigen, besitzt sie
natürlich in ihrem lebensordnungsmäßigen, vollreinen Zustande. Verfleischt sie
sich zu sehr, so ist es dann auch aus mit den besonderen Eigenschaften, und die
finsteren Gesetze der Materie treten dann an ihre Stelle, und der Seele schadet
dann auch alles, was nur immer dem Fleische schaden kann.“
261. Kapitel
[GEJ.04_261,01] (Der Herr:) „Aber es bedarf
zu dem Vermögen, sich mit den Tieren vollkommen zu verständigen, nicht gerade
der Mohren. Auch die Weißen können das erlangen, wenn sie sich vollkommen
gereinigt haben. Ist einmal eine Seele ganz rein und somit auch ganz gesund und
kräftig, so fängt sie an, den Überfluß ihrer Außenlebenssphäre gewisserart über
die Grenzen ihres Leibes hinauszuschieben, und das stets um so weiter, je
lebensgediegener sie in sich selbst geworden ist.
[GEJ.04_261,02] Es ist dies ungefähr also zu
nehmen, als so sich jemand von euch eine noch matt glühige Kohle vorstellte in
einer ganz finsteren Kammer. Die Kohle wird nun kaum so viel Lichtes in ihrer
allernächsten Nähe um sich verbreiten, daß man sie mit genauer Not ersehen
wird, wo sie liegt. Bläst man die sie verfinsternde Asche als gewisserart
Seelenmaterie von ihrer Oberfläche hinweg, so wird ihr Licht um sie schon so
stark und so weithin ausströmen, daß man ihre nächste Umgebung schon ganz gut
wird ausnehmen können. Verstärkt man das Gebläse noch mehr und mehr, so wird
aus ihrer schon lichtglühenden Oberfläche sich schon so viel Lichtes
auszubreiten anfangen, daß man schon zur Not in der ganzen Kammer die darin
befindlichen Gegenstände recht klar wird auszunehmen anfangen. Wird die Kohle
dann erst ganz weißflammenglühig gemacht, so wird es dadurch schon in der
ganzen Kammer ganz gut helle werden, und man wird nun schon alle Sachen in
derselben zur Genüge erleuchtet auch ihren Farben nach reiner ausnehmen können.
[GEJ.04_261,03] Also steht es auch mit der
puren Seele. Die glühige, mit Asche umlagerte Kohle gleicht einer ganz ins
Fleisch verwachsenen Seele. Sie braucht all ihr mattes Lebensfeuer nur zur Bildung
ihrer sie umlagernden, finsteren Materie; da ist es sonach mit der Bildung
einer Außenlebenssphäre soviel als nichts! Und solch eine sehr materielle Seele
kann unmöglich je von einer besonderen und höheren Eigenschaft etwas verspüren.
Da ist es nichts mit der Meisterschaft über alle Kreatur, ebenso nichts mit dem
Schauen in die Sphären des seelischen Lebensbereiches, nichts mit dem Vernehmen
einer innern Geistesstimme und noch viel mehr nichts mit einem Verstehen der
Tier- oder gar Pflanzensprache, – lauter Dinge, die den Altvätern so bekannt
waren wie euch die allerbekannteste Außenform eines Dinges oder irgendeiner
Sache. Denn was sollte doch der Seele geistige Außensphäre als lebendig
beleuchten, wenn sie als selbst leuchten sollend nicht so viel des
Lebensleuchtäthers über sich hinausbringt, daß sie sich selbst erschauete, daß
und wie sie ist?!
[GEJ.04_261,04] Solch eine Seele weiß am Ende
von ihrem eigenen Dasein kaum etwas, kennt ihre Unterlage durchaus nicht, und
hört sie irgend Geistiges über sich, so widert sie solches an; sie erschrickt
bis zu einer Art Ohnmacht, so sie nur etwas erschaut, das irgend eines
Abgeschiedenen Seele ähnlich sieht, und verzagt beim Anblick großer Wunder. Was
soll es mit solch einer Seele?
[GEJ.04_261,05] Ah, wenn aber eine Seele,
nachdem sie von irgendwoher entweder durch eine verbürgte Nachricht oder durch
Selbstüberzeugung geistig angeweht worden ist und gleich der vorbezeichneten
Kohle lebensglühig wird, da fängt sie auch schon an, sich fürs erste einmal als
Seele seiend zu fühlen und ihren Grund zu erkennen, auf dem sie basiert. Werden
die Anwehungen stärker und stärker, so wird sie, als selbst stets mehr Licht
und Licht, ihr Selbstisches stets heller, reiner und von der Materie
unterscheidlicher erkennen, und es wird ihr Licht schon anfangen, über sie
hinauszureichen und ihre Außenlebenssphäre zu erhellen.
[GEJ.04_261,06] Je heftiger und
unausgesetzter aber dann die geistigen Lebenswinde die Seele anfachen, desto
lebensweißglühender und weiter über sich hinaus leuchtender und heller wird
auch die Außenlebenslichtsphäre der Seele, und was dann in solche seelische
Außenlebenslichtsphäre tritt, das wird auch seelenlebensdurchleuchtet und von
der leuchtenden Seele bald und leicht völlig erkannt und bestens beurteilt.
[GEJ.04_261,07] Hat es eine Seele einmal für
sich zum möglich höchsten Lichte, also vergleichlich zur flammenden und
weißglühenden Kohlenglut gebracht, so wird ihre Außenlebenslichtsphäre, als
allein von der Seele ausgehend, auch die möglich weiteste und intensivste
Ausbreitung erreicht haben, mittels welcher sie dann schon als Beherrscherin
aller Kreatur dasteht, weil sie sich mittels solcher ihrer
Außenlebenslichtsphäre schon in eine vollkommen intelligente und kräftigst
wirksame Korrespondenz mit aller ihr in rechter Nähe stehenden Kreatur setzen
kann.“
262. Kapitel
[GEJ.04_262,01] (Der Herr:) „Die alten,
frommen Patriarchen hatten eine so starke Außenlebenslichtsphäre, daß sie in
der Nacht leuchteten, auch von irdischen Augen gesehen. Des Moses Seele leuchtete
am Tage vor Liebeglut zu Gott, nachdem er auf dem Sinai mit Ihm zu tun hatte,
so hell, daß sein Angesicht herrlicher und heller strahlte denn das Licht der
Sonne am Mittage und Moses sich sein Gesicht mit einer dreifachen Decke
verhüllen mußte, damit die andern Menschen ihn anschauen konnten. Des Moses
Seele hatte hernach auf dieser Erde unter den Menschen wohl die
überschwenglichste Vollendung erreicht; daher mußte ihm aber auch alle Kreatur
auf das allerpünktlichste gehorchen. Er befand sich in der
allerintelligentesten Korrespondenz mit allen kreatürlichen Wesen, fand dadurch
auch Meinen Willen überall, zeigte ihn den blinden Menschen und zeichnete ihnen
auch die Wege genau vor, auf denen ein jeder Mensch, so er nur fest will, zur
Vollendung seiner Seele gelangen kann. Er errichtete zu dem Behufe auch eine
eigene Prophetenschule, die in dieser Zeit zwar noch besteht, aber in der Art
freilich wie die neue, falsche Bundeslade, da die echtmosaische schon lange
ohne Kraft und Wirkung geworden ist.
[GEJ.04_262,02] Hätte Moses zu seiner höchst
vollendeten Seele auch des Geistes Eingeburt erreichen können, die ihm auch
dann erst zuteil wird, wenn Ich aufgefahren sein werde nahe gleich einem Elias,
doch ohne einen Feuerwagen, so hätte dieser größte aller Propheten dieser Erde
allen Sternen neue Bahnen bestimmen können, und die großen Sonnen hätten sich
seinem Willen gleich den Wogen des Roten Meeres fügen müssen, und gleich wie
der harte Granitfels gerade an der Stelle eine reiche Wasserquelle entstehen lassen
mußte, wo sie Moses haben wollte; denn er gebot es den gebannten Geistern des
Steines, und diese verstanden wohl die Zunge Mosis und wurden tätig nach seinem
von ihnen erkannten Willen.
[GEJ.04_262,03] Daß die alten Weisen aber
zumeist nicht nur mit den Tieren, sondern mit allen Pflanzen und sogar mit
Steinen und Metallen, mit dem Wasser, mit der Luft, mit dem Feuer und mit allen
Geistern der Erde korrespondieren konnten, davon sprechen als laute und sicher
ganz glaubwürdigste Zeugen aus der gesamten Schrift namentlich das Buch der
Richter, der Propheten, die fünf Bücher Mosis und noch eine Menge anderer
Bücher und Aufzeichnungen und einige freilich schon stark entstellte
Traditionen im Volke. Die künstlich konstruierte Gras-, Baum-, Fels- und
Wasserrederei der Essäer in ihren Wundergärten ist nichts als eine bloße
Nachahmung dessen, was dereinst in lebendiger Wirklichkeit bestand!
[GEJ.04_262,04] Diese Schwarzen aber haben es
euch nun vielseitig gezeigt, in welcher Kraft sich eine unverdorbene
Menschenseele befindet, und Ich Selbst habe euch nun den Grund vielfältig
sonnenhell erklärt, und so meine Ich nun, daß ihr solches jetzt gar wohl als
eine ausgemachte Wahrheit annehmen könnet, und das um so mehr, so Ich euch noch
hinzusage, daß solches bei den Menschen stattgefunden hat, noch jetzt
stattfindet und noch fürderhin stattfinden wird.
[GEJ.04_262,05] Zugleich habt ihr an euren
Hirten noch heutzutage darin einen laut sprechenden Beweis dafür, daß sehr
sorgsame Hirten durch gewisse eigentümliche Namen und Laute ihre Herden leiten,
ihnen ihren Willen zu erkennen geben und die Herden sich plötzlich danach
richten. Oder versteht der Esel oder Ochse, wenn auch etwas mühsam, nicht
völlig den Wink seines Herrn und Führers? Wem ist es unbekannt, daß sogar der
grimmige Löwe seinen Wohltäter allzeit erkennt und ihm nimmer, selbst in seinem
grimmigsten Zorne, etwas zuleide tut? Das beweist, daß die Tiere nach ihrer Art
auch ein Verständnis, eine Beurteilung und oft ein sehr scharfes Erkennen
besitzen und bei vielen Gelegenheiten dem Menschen durch allerlei Gebärden und
Bewegungen und oft auffallende Widersetzlichkeiten eine ihn erwartende Gefahr
andeuten und den Menschen retten, wenn er darauf achtet.
[GEJ.04_262,06] Woher wohl stammen die noch
heutzutage unter den Heiden seienden Haruspices (Opferdeuter), die da aus dem
Gesange und Fluge der Vögel und aus der Gebärdung der anderen Tiere allerlei
erkennen wollen? Sie sind Schatten jener einst gewesenen Wirklichkeit, von der
wir soeben reden.“
263. Kapitel
[GEJ.04_263,01] (Der Herr:) „Ich erkläre euch
das aber nicht darum etwa, als wollte Ich euch in jene Urzustände der ersten
Menschen der Erde zurückführen, sondern nur darum, um euch bei solchen noch
immer möglichen Vorkommnissen auf jenen reinen Wissensstand zu stellen, von dem
aus ihr alles das nicht mehr abergläubisch wunderlich, sondern der vollen und
ganz natürlichen Wahrheit gemäß beurteilen und euch danach richten sollet. Denn
kämet ihr ohne diese Meine Erklärung einst bei der Weiterverbreitung Meiner
Lehre zu Völkern, wie diese Schwarzen nun da vor uns sind, und ihr sähet sie
Handlungen begehen, wie ihr sie nun sattsam gesehen habt, so würdet ihr dadurch
bald so sehr befangen werden, daß ihr euch dann von solchen wundertätigen
Völkern ein anderes Evangelium vorpredigen ließet und bald von Meinen Wegen
abwichet und dadurch schwerlich je zur Wiedergeburt Meines Geistes gelangen
könntet, anstatt daß ihr den fremden Völkern Mein Evangelium überbrächtet.
[GEJ.04_263,02] Wisset ihr aber nun um alles,
wie es in der Welt war und geschah und noch ist und geschieht, so ist bei euch
dann von einer Gefahr, verführt zu werden, so leichtweg keine Rede mehr, außer
ihr müßtet euch höchstens durch einen in jemand neuerwachten Eigennutz dazu
verleiten lassen, was aber dann auch ganz natürlich, richtig gefolgert, euer
Untergang wäre.
[GEJ.04_263,03] Ihr brauchet eure Seelen nun
aber nicht mehr darum zu vollenden, um euch in alle jene euch nun treu
bekanntgegebenen Eigenschaften der Alten zu versetzen – denn das gibt keiner
Seele ein wahres, seliges ewigstes Leben –, sondern von nun an hat ein jeder
von euch den ganz neuen Grund, seine Seele möglichst zu vollenden und zu
reinigen, um aus der tatsächlichen Befolgung Meines Wortes zur dadurch
bedingten Wiedergeburt des Geistes in seine gesamte Seele zu gelangen. Denn wer
das erreicht hat, der hat dann auf einmal mehr der wundervollsten Fähigkeiten
in sich, als alle alten Väter bei aller ihrer Seelenvollkommenheit je besaßen!
Er wird in einem Augenblick leichter alle Sternenwelten und Sonnen durchschauen
und sogar deren noch so entfernteste Sprache hören und verstehen, als die alten
Seher und Wundertäter ihre nächste Landesnähe zu durchschauen und zu beurteilen
vermochten.
[GEJ.04_263,04] Ja, sie verrichteten Wunder,
– aber verstanden dieselben nicht. Sie waren kräftig, vermochten aber die Kraft
nicht wohl zu erkennen und konnten dieselbe nur dann richtig und nützlich
anwenden, wenn sie von Meinem sie zuzeiten durchdringenden Geiste dazu erweckt
wurden. Sonst aber bedienten sie sich ihrer Kraft auch oft, wo es gar nicht
notwendig war, nahe den Kindern gleich, die bei ihren Spieltätigkeiten auch oft
eine höhere Kraft dazu anwenden, wovon sie doch nie und nimmer einen Nutzen
haben können, außer höchstens den einer Übung ihrer Naturkraft.
[GEJ.04_263,05] Aber ganz anders verhält es
sich mit der Allkraft des Geistes, so er einmal vollkommen in die Seele herüber
wiedergeboren, eigentlich eingeboren, ist; denn dadurch tritt er in die volle
Gemeinschaft Meiner unendlichen und ewigen Allmacht, Meiner Liebe und Meiner
Weisheit, Einsicht, Erkenntnis und Meines Willens! Ist er aber im Vollbesitze
alles dessen als Mein dadurch erst wahrhaftigstes Kind, wie sollte er dann noch
einen Wunsch in sich haben können, Dinge bewerkstelligen zu können, die einst
die Alten, wie noch jetzt diese Mohren, nur stückweise und das nur unvollkommen
haben verrichten können?!
[GEJ.04_263,06] Daß solches ihr zwar nun
nicht mehr vermöget, daran schuldet nicht euer Wille, sondern die Zeit und ihre
verkehrten Sitten. Darum aber bin Ich ja nun Selbst gekommen, um euch für das
kleine verlorene Paradieslein den ganzen Himmel des reinsten und mächtigsten
Geistes aus Mir Selbst zu geben, – und da meine Ich an eurer Statt, daß ihr da
schon vollkommen zufrieden sein könnet!
[GEJ.04_263,07] Freilich braucht ihr, um die
Durchgeistung eurer Seele zu erreichen, auch viele Mühe und Tätigkeit; allein,
wo es sich um eine bestimmte und höchst gewisse Erreichung des allergrößten und
allerhöchsten Lebensgutes handelt, da könnet ihr euch so ein bißchen was
gefallen lassen! Denn alle die wunderbaren Eigenschaften einer für sich
vollkommenen Menschenseele und alle die Schätze dieser Erde sind ja nicht ein
kleinster Tautropfen zu nennen gegen das große Weltmeer dessen, was euch aus
der genauen Beachtung Meines Wortes und Willens um vieles sicherer erwartet als
der einstige Materietod euren Leib, der euch aber im Grunde ebensowenig
genieren wird, als es euch genieret ein altes, morsches und alle Stund zum
Zusammenfallen bereites Haus zu verlassen und dafür ein neues zu beziehen für
immer und ewig, – ein Haus, dem keiner Zeit Stürme etwas anzuhaben vermögen
werden!
[GEJ.04_263,08] Denn wahrlich, sage Ich es
euch: Alle aus Meinem Worte und der Tat danach Wiedergeborenen werden des
Leibes Tod weder fühlen noch ihn gleich den Weltmenschen und manchen Tieren
ängstlich ahnen, sondern sie selbst werden ganz freiwillig den Körper
verlassen, wenn Ich, sie zu höheren Zwecken benötigend, sie von dieser Welt in
Mein Haus berufen werde! – Habt ihr nun dieses alles wohl beherziget und
begriffen?“
[GEJ.04_263,09] Sagen alle: „Ja, Herr, Du
unsere höchste Liebe, Du unser alles! Alles, alles geben wir um Deine Liebe, um
Deine so unendlich große Gnade, die Du uns hier erweisest! Nun wüßten wir auch
wahrlich um nichts mehr zu fragen!“