Band 2 (GEJ)
Lehren und Taten
Jesu während Seiner drei Lehramts-Jahre
Durch das Innere
Wort empfangen von Jakob Lorber.
Nach der Siebten
Auflage.
Lorber-Verlag –
Hindenburgstraße 5 – D-74321 Bietigheim-Bissingen.
Alle Rechte
vorbehalten.
Copyright © 2000
by Lorber-Verlag, D-74321 Bietigheim-Bissingen.
1. Kapitel –
Aufenthalt Jesu und der Seinen in Kis und Nazareth, Fortsetzung (Kis –
Landungsstelle Sibarah – Nazareth). (Kap.1-94)
[GEJ.02_001,01]
Spät am Abend kommen die Schätze aus der Höhle des Kisjonah an, bestehend in
Gold, Silber und in einer schweren Masse geschliffener und ungeschliffener
Edelsteine von großem Werte; denn es sind bei drei Pfund geschliffener und bei
sieben Pfunde ungeschliffener Diamanten, ebensoviel gleich zuständige Rubinen,
noch einmal soviel Smaragde, Hyazinthe, Saphire, Topase und Amethyste, und bei
vier Pfunde wie starke Erbsen große Perlen. Des Goldes aber waren über
zwanzigtausend Pfunde und des Silbers fünfmal soviel.
[GEJ.02_001,02]
Als Faustus diesen horriblen Reichtum in Augenschein nimmt, schlägt er die
Hände über dem Haupte zusammen und spricht: „O Herr! Ich habe als der Sohn
eines der reichsten Patrizier von ganz Rom doch auch Gelegenheit gehabt, große
Schätze dieser Erde zu Gesichte zu bekommen; aber so was hat mein Auge noch
nicht geschaut! Das geht über alle Pharaonen und über die Fabel vom Krösus, der
sich am Ende vor lauter Reichtum nimmer zu helfen wußte und sich im Ernste
einen Palast aus Gold erbaut hätte, wenn sein Sieger ihm das zu viele Gold
nicht abgenommen hätte.
[GEJ.02_001,03]
Jetzt sage Du, o Herr, dem alle Dinge bekannt sind, mir armem Sünder, wie
möglich diese zwölf Knechte des Satans zu solchen Schätzen gekommen sind! Auf
eine nur einigermaßen ehrliche Weise kann das doch nimmer möglich sein, und in
einer kurzen Zeit auch nicht! – Wie sonach war solches möglich?“
[GEJ.02_001,04]
Sage Ich: „Freund, kümmere dich nun nicht mehr darum! Es lohnt sich auch
wahrlich nicht weiter mehr der Mühe, dieses Satansdrecks wegen noch mehrere
Worte zu verlieren. Daß dabei aber kein ehrlicher Stater weilt, des kannst du
vollends versichert sein. Durch was für tausenderlei schändlichste Lumpereien
diese Natternbrut, dieses Schlangengezüchte, aber das alles zusammengerafft und
-geraubt hat, wäre eine zu weitläufige Sache, so man das Punkt für Punkt dartun
sollte.
[GEJ.02_001,05]
Daß sie Spitzbuben von der allerdurchtriebensten Art sind, darüber wirst du
hoffentlich keinen weiteren Zweifel haben; wie sie aber gewisserart noch mehr
als Spitzbuben sind, das braucht kein Mensch mehr zu wissen. Sie haben nach den
Gesetzen Roms schon lange den zehnfachen Tod verdient, bloß wegen des
Verbrechens der Beraubung der kaiserlichen Steuerkarawane; und dieser Raub, den
wir jetzt in den unermeßlichen Schätzen vor uns haben, ist um kein Haar besser,
wennschon gerade nicht so offen die kaiserlichen Steuergelder betreffend.
[GEJ.02_001,06]
Wenn du sonach auch alles wüßtest, so kannst du sie dafür doch unmöglich öfter
denn einmal töten. Du kannst wohl die Marter verschärfen, aber wozu? Ist die
Marter schärfster Art – um in eurer Gerichtsweise zu sprechen –, so ist sie
auch alsbald tödlich, und ist sie gelinderer Art, aber dafür andauernder, nun,
so verspürt der Sträfling eben nicht viel mehr davon als du von einer dich
belästigenden Fliege; denn die vor dem sicheren Tode ihres Leibes sich über
alle Maßen fürchtende, wenn auch noch so materielle Seele zieht sich alsbald
zurück in ihre innersten Gemächer und fängt freiwillig an, sich von ihrem
Leibe, in dem kein Bleiben mehr ist, loszulösen, und der Leib wird bei solchen
Gelegenheiten völlig unempfindlich. Du kannst dann solch einen Leib quälen wie
du willst, so empfindet er wenig oder auch gar nichts mehr davon. Versetzest du
den Leib der Seele aber augenblicklich in einen großen Schmerz, so wird solches
die Seele nicht lange aushalten, sondern sogleich einen gewaltigen Riß tun, und
du kannst dann einen völlig toten Leib sieden und braten, und er wird nichts
mehr fühlen von der Strafe.
[GEJ.02_001,07]
Ich bin deshalb nicht für die Strafe mit dem Tode, weil diese weder für den
Getöteten von irgendeinem Belange ist, und noch weniger irgendeiner
Gerechtigkeit zum Schild und Nutzen dient; denn einen hast du getötet, – und
Tausende haben dir darum Rache geschworen! Aber einen Verbrecher unter eine
allerschärfste Zuchtrute stellen und diese nicht ruhen lassen, bevor nicht eine
gänzliche Besserung eingetreten ist, für das bin Ich aus der notwendigen
göttlichen Ordnung ganz und gar sehr! Eine rechte Zuchtrute zu rechter Zeit
völlig gerecht angewendet, ist besser als Geld und reinstes Gold; denn durch
die Zuchtrute wird die Seele von ihrer Materie mehr und mehr losgestäupt und
wendet sich endlich zu ihrem Geiste. Und hat solches die Zuchtrute bewirkt, so
hat sie eine Seele vor dem Untergange und sonach den ganzen Menschen vor dem
ewigen Tode gerettet.
[GEJ.02_001,08]
Darum soll ein jeglicher Richter nach der Ordnung Gottes auch den größten
Verbrecher nicht mit dem Tode des Leibes, der zu nichts taugt, sondern allzeit
mit der Rute strafen nach dem Maße des Verbrechens. Tut er das, so ist er ein
Richter der Menschen zum Himmel, tut er aber das nicht, – ein Richter zur
Hölle, wofür er von Gott wahrlich ewig nie einen Lohn haben wird; sondern: für
das Reich er gerichtet hat die Menschen, von demselbigen Reiche soll er auch
den Lohn empfangen! – Nun weißt du genug, und laß nun die Schätze verwahren!
Morgen werden auch die von Chorazin anlangen, und es soll dann sogleich die
Verteilung und die Absendung all dieses Teufelsdrecks geschehen. – Nun aber
begeben wir uns in den Speisesaal; denn das Abendmahl harret schon unser!
Wahrlich, diese ganze Geschichte ist Mir schon überlästig, und Meine Zeit
drängt Mich schon nach Nazareth!“
[GEJ.02_001,09]
Sagt Faustus: „Herr, daß Dir diese scheußliche Geschichte über alle Maßen
zuwider sein muß, sehe ich nur zu gut ein; aber was kann man tun, wenn die
Sache sich einmal so gestaltet hat? Übrigens bitte ich Dich, mein Herr und mein
größter und bester Freund, daß Du nicht eher von hier ziehest denn ich; denn
ohne Dich vermag ich fürs erste nichts, und fürs zweite würde mich ohne Dich
die schrecklichste Langeweile trotz meines liebsten Weibchens hier töten! Darum
bitte ich Dich, daß Du nicht eher diesen Ort verlassen wollest, als bis ich mit
dieser allerlästigsten Geschichte zu Ende sein werde! Mit Deiner Hilfe hoffe
ich, morgen bis Mittag mit allem in der Ordnung zu sein!“
[GEJ.02_001,10]
Sage Ich: „Ganz gut! Aber Ich will von all den Schätzen und den elf Pharisäern
nichts mehr sehen; denn es ekelt Mich davor mehr denn vor einem Aase.“
[GEJ.02_001,11]
Sagt Faustus: „Dafür soll gesorgt sein!“
2. Kapitel
[GEJ.02_002,01]
Wir treten nun ins Zimmer, respektive in den Speisesaal, allwo ein reichliches
Abendmahl unser harret. Wir aber verzehren noch kaum das Mahl, als zwei Knechte
den Judas Ischariot in den Saal hereinbringen und dem Oberrichter melden, daß
dieser Jünger, oder was er sonst sei, ein paar Pfunde Goldes habe entwenden
wollen, sie ihn aber bei der Tat ergriffen, das Gold ihm wieder abgenommen und
ihn hierher zur Verantwortung gebracht haben.
[GEJ.02_002,02]
Judas steht hier ganz entsetzlich beschämt da und sagt: „Ich habe nicht im
entferntesten im Sinne gehabt, das Gold mir zueignen zu wollen, sondern habe
ein paar Stänglein bloß versucht, ob sie wohl wirklich so schwer sind, als man
sie angibt; diese Narren aber ergriffen mich sogleich und schleppten mich als
einen gemeinen Dieb herein! – Ich bitte dich, Faustus, darum, daß mir dieser
Fleck abgenommen werde!“
[GEJ.02_002,03]
Sagt Faustus (zu den Knechten): „Laßt ihn gehen! Er ist ein Jünger des Herrn,
und ich will seiner darum schonen; (zu Judas:) du aber greife in Zukunft,
besonders zur Nachtzeit – außer du werdest ein kaiserlicher Taxator
(Abschätzer) – ja keine Goldbarren mehr an, sonst wirst du wegen versuchten
Diebstahls zur unvermeidlichen gesetzlichen Strafe gezogen werden! Hast du den
Oberrichter Faustus wohl verstanden?“
[GEJ.02_002,04]
Sagt Judas ganz entsetzlich beschämt: „Herr, es war im vollsten Ernste auch
nicht die leiseste Spur von einem versuchten Diebstahl, sondern wirklich nur
eine – freilich etwas unzeitige – Probe über die Pfundschwere eines
Goldbarrens.“
[GEJ.02_002,05]
Sage Ich: „Gehe, und suche dir ein Lager! Denn an diesem Übel, an dem alle
Diebe sterben durch die Hand des Satans, wirst auch du in jüngster Zeit sterben;
denn du warst, bist und bleibst ein Dieb! Solange dich des Gesetzes Schärfe
schreckt, bleibst du wohl, der offenen Tat nach, kein Dieb noch; aber in deinem
Herzen bist du es lange schon! Nehme Ich heute alle Gesetze weg, so wirst du
als erster deine Hände an die Schätze draußen legen; denn deinem Herzen sind
alle Rechts- und Billigkeitsgesetze fremd. Schade für deinen Kopf, daß unter
ihm kein besseres Herz schlägt! – Gehe nun schlafen, und werde morgen
nüchterner denn heute!“
[GEJ.02_002,06]
Mit diesem Verweise geht Judas groß beschämt aus dem Speisesaale in sein
Schlafgemach und legt sich nieder, denkt aber bei zwei Stunden nach, wie er dem
entgehen könnte, was Ich ihm geweissagt habe; aber er findet in seinem Herzen
keinen Ausweg, da dieses gleichfort seine golddurstige Stimme von neuem erhebt,
und schläft also ein. – Wir aber begeben uns auch zur Ruhe, da uns zwei
vorhergehende Nächte sehr in Anspruch genommen haben. Der Morgen aber ließ
nicht lange auf sich warten.
[GEJ.02_002,07]
Als sich Faustus noch einmal umwenden wollte, um noch ein Morgenschläfchen zu
machen, da kommen auch die Schätzeführer von Chorazin an, wecken ihn, und er
muß von Amts wegen hinaus, die Schätze besichtigen, sie taxieren und in Empfang
nehmen. Als er mit dieser Arbeit fertig ist, sind auch wir alle auf den Füßen,
und das Morgenmahl, bestehend in frischen, wohlzubereiteten Fischen, ist auch
schon auf den vielen Tischen im großen Speisesaale. Faustus kommt schon nahe
ganz arbeitsmüde in den Speisesaal am Arme seiner jungen Gattin und setzt sich
zu Mir hin.
[GEJ.02_002,08]
Nach dem genossenen Morgenmahle erst, bei dem ein guter Wein nicht gemangelt
hatte, erzählt Mir Faustus, daß sein Morgengeschäft, das ihm sonst bei allem
Fleiße eine Arbeit von ein paar Wochen gemacht hätte, nun bereits beendet und
alles an den Ort seiner Bestimmung abgegangen sei. Es seien alle Dokumente in
aller Ordnung schon fertig auf dem Tische in der großen Amtsstube und die
gerichtlichen Geleitbriefe in der besten Ordnung. Der Schatz aus Kisjonahs
Höhle sei richtig verteilt und mit Bestimmungsdokumenten bestens versehen,
desgleichen auch die Steuergelder nebst dem großen Tempelschatz aus Chorazin,
und so sei nun alles expediert; nur finde sich in der großen Amtsstube noch ein
bedeutendes Zimmermannszeug vorrätig, zu dem sich noch kein Eigentümer
vorgefunden habe.
[GEJ.02_002,09]
Sage Ich: „Dort unten am Ende des Tisches, neben der Mutter Maria sitzend, sind
zwei Söhne des Josef, namens Joses und Joel; diesen beiden gehört es! Es ist ihnen
als Pfand genommen worden mit der kleinen Behausung in Nazareth, und soll ihnen
auch wieder zurückgestellt werden!“
[GEJ.02_002,10]
Sagt Faustus: „Herr, samt der Behausung! Dafür stehe ich! O Herr und Freund!
Was haben diese Schwarzen mir schon alles für Verdrießlichkeiten bereitet; das
dumme Gesetz aber hielt ihnen die Stange, und man konnte ihnen mit dem besten
Willen nirgends hinters Genick kommen. Vor meinen Augen begingen sie die
gräßlichsten Ungerechtigkeiten, und man konnte ihnen bei aller Macht, die einem
zu Gebote steht, nichts machen; aber hier hat sie denn der Satan doch einmal
sitzen lassen, und ich habe nun ein Heft in meinen Händen, vor dem diese Kerle
beben sollen wie ein lockeres Laubblättchen im die Wälder durchsausenden Sturm!
Der Bericht an den Oberstatthalter Cyrenius ist ein Meisterstück, den er
vidimiert (beglaubigt) samt den Steuern augenblicklich nach Rom wird abgehen
lassen. Von Tyrus, Sidon und Cäsarea ist das Kaiserschiff mit vierundzwanzig
Rudern und bei gutem Wind sogar mit einem starken Segel und Steuerruder
versehen in zwölf Tagen an der römischen Küste und so gut als in des Kaisers
Händen! Freuet euch in noch einmal zwölf Tagen darauf, ihr Schwarzen! Eurem
Hochmute sollen ganz sonderbare Schranken gesetzt werden!“
[GEJ.02_002,11]
Sage Ich: „Freund! – Ich sage dir: Juble nur nicht zu früh! Eine Krähe hackt
der andern die Augen nicht aus! Es wird den elfen innerhalb der Mauern durchaus
nicht wünschenswert ergehen! Sie werden zwar nicht getötet, aber dafür
lebenslang in die ewige Bußkammer gesperrt werden! Aber in der öffentlichen
Entschuldigung gen Rom werden sie wie Wolle weiß gewaschen werden, und man wird
dann erst von dir die weiteren Berichte verlangen, und du wirst eine große Not
haben, allen Fragen aus Rom zu genügen. Es wird dir zwar wohl kein Haar
gekrümmt werden; aber einer gewissen Not wirst du kaum entgehen, wenn du nicht
mit den gehörigen Zeugen und andern Wahrzeichen zurechtkommst. Ich überlasse
dir darum den Pilah; der wird dir in allem gute Dienste leisten. Stecke ihn
aber nur geschwinde in die Tracht der Römer, daß er von den in Kapernaum
stationierten Kollegen nicht erkannt wird! Denn Ich kann dir sagen: Satan hat
sein Regiment bei weitem nicht so verschmitzt eingerichtet wie diese
Schlangenbrut. Darum sei denn auch du nebst deiner taubenartigen Sanftmut
schlau wie eine Schlange, sonst kommst du mit diesem Geschlechte nicht
zurecht!“
[GEJ.02_002,12]
Sagt Faustus: „Ewig Dank Dir für diesen Rat! Doch jetzt sollten wir, da dies
Geschäft so gut als möglich abgelaufen ist, denn doch etwas mehr Erheiterndes
unternehmen!“
[GEJ.02_002,13]
Sage Ich: „Ganz wohl! Ich bin schon dabei; nur warten wir noch auf den
Kisjonah, der mit seinen Kassen bald in der Ordnung sein wird!“
3. Kapitel
[GEJ.02_003,01]
Nach einer kurzen Weile kommt Kisjonah, grüßt uns alle auf das zarteste und
liebfreundlichste und sagt darauf: „Mein endlos geliebtester Freund Jesus! –
Also nenne ich Dich aber nur äußerlich; denn Du weißt, was und wer Du mir im
Herzen bist. – Dir allein habe ich alles das zu danken! Nur eine kleine Summe
von fünftausend Pfunden im ganzen habe ich bereitwilligst gestrichen aus dem
Schuldbuche der armen Bürger Kanas, und Du hast mir dafür fünfzigtausend Pfunde
ohne den unschätzbaren Wert der andern Schätze, die vielleicht noch einmal
soviel wert sind, zukommen lassen! Ich gelobe Dir aber auch bei all meiner
unermeßlichen Liebe zu Dir, daß ich all dieses zum Besten der Armen und
Bedrückten verwenden werde, und es soll also aus dem Teufelsunflate am Ende
doch noch Gold für die Himmel Gottes werden!
[GEJ.02_003,02]
Ich werde zwar das Gold und Silber den Menschen nicht in die Hand geben, denn
da ist es wahrlich ein Gift für die schwachen irdischen Herzen der Menschen;
aber ich werde den Dach- und Besitzlosen Dach und Besitz verschaffen mit
steuerfreien Gründen und werde ihnen geben Vieh und Brot und Kleidung. Jedem
aber, den ich beglücken werde, wird Dein Wort gepredigt und ihm Dein Name
kundgemacht, auf daß er lebendig wisse, wem er alles zu danken habe, und daß
ich nichts als nur ein schlechter und träger Diener bin! – Du, o Herr, aber
stärke mich allzeit, so ich dienen werde in Deinem Namen! Sollte es mich aber
je gelüsten, nur einen Sinn der Welt zuzuwenden, dann laß schwach werden alle
meine Kräfte, auf daß ich gewahr werde, daß ich ein schwacher Mensch bin und
aus meiner Kraft nichts zu vollbringen imstande bin!“
[GEJ.02_003,03]
Ich aber lege darauf Meine Hand auf sein Herz und sage zu ihm: „Freund und
Bruder! Da innen behalte Mich, und es wird dir nie an Kraft zur Ausführung edler
Werke mangeln! Ja, im lebendigen Glauben und in voller und reiner Liebe zu Mir
und im Sinne, Gutes zu erweisen den Menschen in Meinem Namen, wirst du den
Elementen gebieten, und sie werden dir gehorchen! Den Winden wird nicht
unverständlich sein dein Ruf, und das Meer wird erkennen deinen Sinn. Und zu
dem einen oder dem andern Berge wirst du sagen können: ,Hebe dich und stürze
dich ins Meer!‘, und es wird geschehen, wie du es geboten hast.
[GEJ.02_003,04]
So aber jemand des Glaubens wegen Zeichen verlangt von dir, so laß es nicht
geschehen, daß dem Verlanger ein Zeichen werde; denn wer die Wahrheit der
Wahrheit wegen nicht erkennen will, und diese ihm nicht ein hinreichendes
Zeichen ist, für den ist es besser, daß er bleibt in seiner Blindheit; denn
wird er durch ein Zeichen zur Annahme der Wahrheit gezwungen und tut aber dann
doch nicht nach der Lehre, so ist das Zeichen ein doppeltes Gericht für ihn.
Fürs erste ist er durch das Zeichen gezwungen, die Wahrheit als Wahrheit
anzunehmen – ob er sie in seiner Blindheit als solche erkennt oder nicht
erkennt –, und fürs zweite muß er offenbar in ein tieferes Strafgericht in sich
selbst zufolge der göttlichen Ordnung verfallen, wenn er nach der durch das
Zeichen ihm aufgedrungenen Wahrheit nicht handelt, gleichviel ob er die
Wahrheit als Wahrheit völlig erkennt oder nicht; denn das Gelingen des Zeichens
hat ihm den bindenden Beweis geliefert. Und das ist schon genug; die Einsicht
oder Nichteinsicht rechtfertigt da niemanden.
[GEJ.02_003,05]
Denn so jemand zur Bestätigung der vernommenen Wahrheit ein Zeichen begehrt und
sagt: ,Ich sehe zwar den Grund der Wahrheit aus deiner Rede nicht ein, wenn mir
aber nach der Diktion, durch die mir solche und solche Lehre unterbreitet ist,
ein Zeichen als tatsächlicher Beweis geliefert wird, so will ich solche Lehre
als volle Wahrheit annehmen!‘ Nun, es wird dann dem Verlanger das Zeichen
gegeben, und er kann nun nicht umhin, die Wahrheit der Lehre anzunehmen, ob er
sie als solche bis auf den Grund erkennt oder nicht; denn nun steht das Zeichen
als ein unbestreitbarer Bürge da.
[GEJ.02_003,06]
Weil es aber seiner Blindheit nicht möglich ist, auf den Grund der Wahrheit zu
kommen, und er nach seinen Begriffen durch die Befolgung der Wahrheitslehre in
zu bedeutende, nie gewohnte Lebensunbequemlichkeiten gelangen könnte, so denkt
er dann bei sich: ,Es mag wohl was daran sein, denn sonst wäre das Zeichen
nicht möglich gewesen; aber ich sehe den Grund dennoch nicht ein, und tue ich
danach, so kostet mich das eine entsetzliche Selbstverleugnung. Darum tue ich
es lieber nicht und bleibe bei meiner angewohnten Lebensweise, die zwar ohne
außerordentliche Zeichen dasteht, aber dessenungeachtet ganz wohl schmeckt!‘
[GEJ.02_003,07]
Sieh, eben darin aber liegt dann auch schon das Strafgericht, das der
Zeichenverlanger sich selbst bereitet hat durch das auf sein Verlangen
geleistete Zeichen, das ihm den unumstößlichen Beweis geliefert hat, gegen den
er keinen Gegenbeweis aufstellen kann; er aber in seiner verkehrten Lebensweise
dann doch als ein Bekämpfer der ewigen Wahrheit auftritt und sie tatsächlich
weidlichst verwirft, obschon er das unvertilgbare Zeichen, das ihm zur Steuer
der Wahrheit geleistet ward, ewig nie als den Erfolg auf die ihm geoffenbarte
Wahrheit als nie bestanden seiend aus dem Wege schaffen kann. Darum ist es
sonach ums unvergleichbare besser, nie ein Zeichen zur Steuer der Wahrheit zu
leisten!
[GEJ.02_003,08]
Aber zum Nutzen und sonstigen Frommen der Menschen ohne irgendeine Aufforderung
magst du im stillen Zeichen wirken, soviel du willst, und es wird das niemandem
zur Sünde und noch weniger zu einem Gerichte gereichen. Hast du aber Zeichen
zum Frommen der Menschen zum voraus geleistet, so magst du hintendrein den
betreffenden Menschen wohl auch eine Lehre geben, so sie ein Verlangen danach
tragen; tragen sie aber kein Verlangen, so gib ihnen bloß eine ernste
Vermahnung vor der Sünde. Aber in eine weitere Belehrung laß dich nicht ein;
denn da sehen dich die, denen geholfen ward, als einen magischen Arzt an, und
das Zeichen hat für sie kein weiteres Zwangsgericht.
[GEJ.02_003,09]
Alle aber, denen die Macht gegeben ward, im Notfalle Zeichen zu wirken, sollen
diesen Meinen Rat treu befolgen, so sie wahrhaft Gutes wirken wollen.
[GEJ.02_003,10]
Vor allem aber hüte sich ein jeder, in einer Art Aufwallung und Ärger ein
Zeichen zu wirken! Denn ein jedes Zeichen kann und soll nur auf Grund der
reinsten und wahrsten Liebe und Sanftmut gewirkt werden; wird es aber im Zorn
und Ärger gewirkt, was wohl auch möglich ist, dann hat schon die Hölle ihren
Anteil dabei, und ein solches Zeichen bringt dann nicht nur keinen Segen,
sondern einen Fluch.
[GEJ.02_003,11]
So Ich euch allen aber schon zu mehreren Malen die Lehre gegeben habe, daß ihr
sogar die noch segnen sollet, die euch fluchen würden, um wieviel weniger soll
von euch den Blinden im Geiste ein Fluch bereitet werden, die euch mit keinem
Fluche entgegenkommen, sondern mit eitler Blindheit ihres Herzens nur!
[GEJ.02_003,12]
Bedenket also solches wohl und handelt auch also, so werdet ihr allenthalben
Segen verbreiten, wennschon nicht durchgängig geistig, so doch leiblich, wie
auch Ich Selbst es getan habe und noch allzeit tue; denn oft wirket eine pur
leibliche Wohltat bei einem Elenden mehr auf sein Herz und seinen Geist als
hundert der besten Tugendlehren, und es ist daher auch ordnungsgemäß, bei der
Ausbreitung des Evangeliums durch leibliche Wohltaten den Weg ins Herz der
Elenden zu bahnen und dann erst den gesunden Gemütern das Evangelium zu
predigen, als die Predigt vorangehen zu lassen und hinterher die elenden
Anhörer durch ein Zeichen in ein offenbarstes Gericht, also – in ein noch
größeres Elend zu stürzen, als da war ihr erstes, pur den Leib betreffend.
[GEJ.02_003,13]
Wenn du zu einem Kranken gerufen wirst, so lege ihm vor der Predigt die Hände
auf, daß es mit ihm besser werde; so er dich dann fragt und sagt: „Freund, wie
war dir solches möglich?“, so erst sage: „Durch den lebendigen Glauben an den
Namen Dessen, der von Gott gesandt ward vom Himmel zur wahrhaften Beseligung
aller Menschen!“ – Wird er dich dann weiter um den Namen fragen, so gib ihm
dann auf Grund der Fähigkeit seiner Fassungskraft so viel einleitender
Belehrung, daß er die Möglichkeit solch einer Erscheinung einzusehen beginnt.
[GEJ.02_003,14]
Ist er soweit gekommen, dann gib ihm im gerechten Maße stets mehr und mehr
kund. Findest du nach solchen Gesprächen, daß das Herz des Hörers stets reger
und reger wird, so sage ihm endlich alles, und er wird es sicher annehmen und
wird glauben jedem deiner Worte. Wenn du ihm aber auf einmal zu viel gibst, so
wird es ihn erdrücken und verwirren seine Sinne, und du wirst dann mit ihm ein
schweres Stück Arbeit haben.
[GEJ.02_003,15]
Wie man aber den neugeborenen Kindern nicht sogleich gibt eines reifen Mannes
Kost, die sie töten würde, also darf man um so weniger gleich anfänglich dem
Geistkinde eine geistig männliche, sondern nur eine solchen Kindlein höchst
angemessene geistige Kost geben, sonst werden sie getötet, und es ist dann
überaus schwer, sie wieder zu beleben im Geiste. – Habt ihr alle solches nun
wohl begriffen und verstanden?“
[GEJ.02_003,16]
Sagen alle mit gerührtem Herzen: „Ja, Herr, solches ist uns nun so klar wie die
Sonne am hellsten Mittage, und wir werden es getreuest beachten!“
[GEJ.02_003,17]
Sage Ich: „Gut, so gehen wir nun zu der Höhle hin, in der die Pharisäer ihre
Schätze verborgen hatten; denn es ist in der Höhle noch eine Höhle, und wir
wollen sie durchsuchen. Nehmt aber Fackeln mit in rechter Menge und desgleichen
Wein und Brot; wir werden dort Wesen antreffen, die sehr hungrig sein werden.“
4. Kapitel
[GEJ.02_004,01]
nun läßt Kisjonah alles hervorholen. Baram, der sich von uns noch immer nicht
trennen konnte, läßt auch seine noch erübrigten Wein- und Brotvorräte holen von
seinen Leuten. Jairuth und Jonael, die sich von Mir auch nicht trennen können,
bitten Mich auch, ob sie diese Expedition mitmachen dürfen.
[GEJ.02_004,02]
Und Ich sage: „Allerdings; denn ihr seid sogar notwendig dabei, und Archiel
wird uns gute Dienste leisten eigener Art! – Ich sage euch aber noch etwas, und
das ist: Es verläßt soeben eine Deputation von euren Erzfeinden Sichar und
begibt sich hierher, um euch zur baldigsten Rückkehr zu bewegen; denn das Volk
hat sich wider sie erhoben und hat vorgestern schon den neu eingesetzten
Priester vertrieben. Dieser wird auch bei der Deputation sein. Sie werden noch
heute abend hier eintreffen, allwann wir sie ein wenig bearbeiten werden. Jetzt
aber machen wir uns auf den Weg!“ – Es wollten aber auch die Weiber und Mägde
bei dieser Expedition zugegen sein und fragten Mich darum.
[GEJ.02_004,03]
Ich aber sagte zu ihnen: „Meine lieben Töchter! Das ist kein Gang für euch;
darum bleibet ihr nur fein zu Hause und sorget, daß wir am Abend ein Mahl im
gerechten Maße antreffen!“ – Die Weiber gaben sich zufrieden, auch die Maria,
und sorgten fürs Haus. Die Lydia aber wäre zwar sehr gerne mit uns gewandelt;
aber da sie sah, daß es Mein Wille nicht war, so blieb auch sie daheim und tat,
was die andern taten.
[GEJ.02_004,04] Wir
aber begaben uns auf den Weg, erreichten in ein paar Stunden die Grotte oder
Höhle und betraten sie mit angezündeten Fackeln sogleich. Da staunte Kisjonah
über die große Räumlichkeit und über die äußerst interessante
Tropfsteinformation, die in dieser Höhle wohl die sehenswürdigste von ganz
Vorderasien ist, das eine große Menge solcher Höhlen zählt. Gigantische
Gestalten aller Art traten da den schüchternen Beschauern entgegen.
[GEJ.02_004,05]
Faustus selbst, dem es sonst am römischen Heldenmute nicht gebrach, ward hier
ganz kleinlaut und sagte: „Man könnte hier unwillkürlich zu der Meinung geführt
werden, daß unterirdisch dennoch eine Art Götter hausen müssen, die durch ihre
ungeheure Kraft solche Riesenwerke zustande bringen. Es sind da Abbilder von Menschen,
Tieren und Bäumen; aber in welcher Größe! Was wären da die Riesentempel und
Statuen Roms dagegen?! – Da, – dieser ganz gut geformte Araber! Wahrlich, so
man ihn bis auf sein Haupt besteigen möchte und könnte, eine volle Stunde hätte
man auf Stufen aufwärts zu steigen. Er hat dazu noch eine sitzende Stellung,
und es schwindelt mir hinaufzuschauen zu seinem Haupte! Ah, das ist wirklich im
vollsten Ernste über alle Maßen sehens- und denkwürdig! Der Zufall kann das
doch unmöglich bewirkt haben!? – Da ist wieder eine Gruppe von Kriegern mit
Schwert und Lanze! Dort aus dem tieferen Hintergrunde grinst uns ein
allerriesigster Elefant an; die Zeichnung läßt nichts zu wünschen übrig! –
Herr, Herr! Wie, wie ist doch dies alles so wunderbar entstanden?!“
[GEJ.02_004,06]
Sage Ich: „Freund, betrachte nun alles, was sich deinen Blicken vorstellen
wird, und frage nicht viel; die ganz natürliche Erklärung wird nachfolgen. Es
wird hier noch so manches vorkommen, das dich noch in ein bei weitem größeres
Staunen versetzen wird; aber auch da frage nicht! Wenn wir aus der Grotte
wieder im Freien sein werden, werde Ich euch allen alle diese Dinge
klarmachen.“
[GEJ.02_004,07]
Wir gehen nun weiter und gelangen in eine übergroße und hohe Halle, die aber
nicht finster, sondern ganz erträglich beleuchtet ist; denn in dieser Halle
gibt es mehrere Erdölquellen, die schon vor gar vielen Jahren von Menschen,
denen diese Grotte zur Wohnung diente, angezündet worden waren und seit der
Zeit in einem fort lichterloh mit unterschiedlich mächtigen Flammen brannten
und diese große Halle teilweise erleuchteten, während in diese Halle auch von
einem Punkte der hohen Kuppe durch eine ziemlich weite Ausmündung ins Freie ein
ziemlich starkes Tageslicht fiel, – und es war somit diese Grotte, wie gesagt,
ganz erträglich beleuchtet.
[GEJ.02_004,08]
Der Boden dieser Grotte oder Grottenhalle aber ließ allerlei Gestalten sehen.
Da lagen Schlangen, riesige Kröten und allerlei andere zum Teil gut und zum
Teil schlecht und nur halb gebildete Tierbildungen aller Art, sowie auch eine
große Masse von kleinen und riesig großen Kristallbildungen in allen Farben,
was einen ungemein überraschend schönen Anblick gewährte.
[GEJ.02_004,09]
Da sagte Faustus: „Herr, da gäbe es des kaiserlichen Schmuckes in einer Fülle,
wie von einer ähnlichen wahrlich nie einem Kaiser etwas geträumt hat! Das aber
wird etwa doch wohl eine Art Tartarus sein, wie ihn der Griechen Mythe
beschreibt!? Es geht nur noch der Styx, der alte Charon, die drei bekannten
unerbittlichen Seelenrichter Minos, Äakus und Rhadamanthys, endlich der
dreiköpfige Hund Zerberus, darauf einige Furien und am Ende gar noch Pluto mit
der schönen Proserpina ab, und der Qualentartarus wäre fertig! Diese vielen
Brände aus dem Boden und aus den Wänden, die tausenderlei scheußlichsten
Tiergestalten am Boden – wennschon tot und versteinert – und noch eine Menge
tartarusartiges Zeug mehr bekunden nur zu laut, daß wir nun entweder schon im
Tartarus selbst oder doch wenigstens auf dem besten Wege dazu sind; oder, was
mich nun am wahrscheinlichsten dünkt: diese oder irgendeine andere dieser
ähnlichen Grotte ist der sichere Grund zur griechischen Tartarusmythe!“
[GEJ.02_004,10]
Sage Ich: „Das letzte hat viel Wahres an sich, wennschon nicht durchgängig
alles; denn die stets am meisten pfiffige Priesterschaft aller Völker hat es zu
allen Zeiten und allenthalben stets am besten verstanden, derlei Naturbestände
zu ihrem eigenen Vorteile auszubeuten und bestens zu benutzen. Dergleichen
benutzte sie auch in Griechenland und in Rom und gab dazu dann noch ihrer argen
Phantasie den freiesten Spielraum, wodurch dann natürlich Völker und Völker
breit- und blindgeschlagen worden sind bis auf diese Zeit und noch fortan bis
ans Ende der Welt breit- und blindgeschlagen werden – bald mehr, bald weniger.
[GEJ.02_004,11]
Solange die Erde in ihrem notwendigen, sehr verschiedenartigen Gefüge irgend
beschauliche Gestaltungen aufzuweisen haben wird, so lange werden auch ihre
Menschen, die aus verschiedenen Ursachen blind und lichtscheu sind im Geiste, in
ihrer Verstandesphantasie allerlei Zerrbilder formen und ihnen
außerordentliche, göttliche Kräfte und Wirkungen beilegen, weil sie als Blinde
den wahren Grund nicht ersehen mögen.
[GEJ.02_004,12]
Da siehe aber nun auch deinen Styx, den Schiffer Charon und über dem bei zwölf
Klafter breiten und allenfalls eine Elle tiefen Flusse drüben, der eigentlich
nur eine Art Teich ist und an der seichten Stelle sehr leicht durchwatet werden
kann, erblickst du im matten Scheine auch deine drei Richter, einige Furien, den
Zerberus und den Pluto mit der Proserpina, – Figuren, die sich nur in einer
gewissen Entfernung also ausnehmen, in der Nähe und in stärkerem Lichte aber
allem andern eher gleichsehen als dem, was die menschliche Phantasie aus ihnen
gemacht hat. – Aber nun gehen wir, ohne dem Charon das Naulum (Fährgeld) zu
bieten, zu Fuß über den Styx, und wir werden jenseits ein wenig den Tartarus in
Augenschein nehmen.“
[GEJ.02_004,13]
Wir waten an einer sehr seichten Stelle über den sogenannten Styx und dringen
durch eine ziemlich enge Spalte in den Tartarus, der durch unsere Fackeln
beleuchtet nur zu bald einen, noch von allen Pharisäern nicht verratenen,
großen Schatz vorzuweisen beginnt, und es kommt also durch Mich alles, was noch
so verborgen war, ans Tageslicht.
5. Kapitel
[GEJ.02_005,01]
Faustus schlägt die Hände über dem Haupte zusammen und ruft sogleich den Pilah
zu sich, zu ihm sagend: „Hast du keine Kenntnis gehabt, weil du mir davon
nichts verraten hast? – Rede, – sonst sieht es übel mit dir aus!“
[GEJ.02_005,02]
Sagt Pilah: „Herr! Davon hatte ich keine Kenntnis und bin in diese Höhle noch
nie so weit gedrungen wie jetzt! Die Alten werden wohl davon gewußt haben; aber
sie verschwiegen solches alles, damit ihnen am Ende aus was immer für einem
Gefängnisse ein Lösegeld übrigbleibe. Nimm aber alles in Empfang; es ist
gottlob von nun an dein!“
[GEJ.02_005,03]
Faustus fragt auch Mich, ob Pilah die Wahrheit gesprochen habe, und Ich
bestätige solche Aussage des Pilah und sage zum Faustus: „Freund, so jemand die
Tochter eines angesehenen Hauses zum Weibe nahm, so hat er mit Fug und Recht
eine Mitgift zu erwarten. Du hast nun viel zu tun gehabt, und es ist dafür bei
der Verteilung der früheren Güter kein Teil auf dich gefallen, – und so nimm du
diesen ganzen Schatz in deinen rechtmäßigen Besitz; er ist irdischer Schätzung
zufolge tausend mal tausend Pfunde wert.
[GEJ.02_005,04]
Den größten Wert aber machen die großen Perlen aus, von denen jede die Größe
eines Hühnereies hat. Eine ganze eherne Kiste, bei tausend Drachmen maßhältig,
ist voll von den großen Perlen, von denen jede eigentlich einen unschätzbaren
Wert hat. Solche Perlen kommen jetzt auf der ganzen Erde als neugebildet nicht
mehr vor, da derlei Schaltiere nebst vielen anderen Urwelttieren nicht mehr
bestehen. Diese Perlen aber wurden auch nicht aus dem Meere gefischt, sondern
der König Ninias, auch Ninus genannt, fand sie in der Erde, als er die Stadt
Ninive bauen ließ, bei Grabungen des Grundes. Durch die mannigfachen Schicksale
kamen sie zum Teil schon zu Davids, zum größten Teile aber zu Salomos Zeiten
nach Jerusalem; in diese Höhle aber kamen sie, als die Römer als Eroberer
Palästina, eigentlich aber nahezu das halbe Asien, in Besitz nahmen.
[GEJ.02_005,05]
Die Hohenpriester, denen die Höhle schon gar lange her bekannt war, haben, als
sie von dem Einfalle der Römer Nachricht erhielten, sogleich alle die größten
und beweglichen Schätze des Tempels zusammengerafft und sie glücklich in die
Höhle gebracht. Die goldenen Löwen, die den Thron Salomos trugen und zum Teil
dessen Stufen bewachten, sind zur Zeit der Zerstörung Jerusalems durch die
Babylonier in den Schutt gekommen, aber bei der nachherigen Wiedererbauung
wiedergefunden und von den Priestern für den Tempel in Empfang genommen worden.
Diese befinden sich auch zum größeren Teile hier; denn man brachte alles
Wertvollste, das man in der Eile zusammenraffen konnte, zur Einfallszeit der
Römer hierher, so wie zur Einfallszeit der damals mächtigen Babylonier auch
eine bedeutende Masse Tempelschätze in die bekannte Höhle bei Chorazin gebracht
worden ist, obgleich hernach die Babylonier im Tempel dennoch genug noch,
namentlich die dem Tempeldienste für immer geweihten Gefäße und Schätze, zum
Mitnehmen fanden und sie nach Babylon brachten. Beordere nun deine Leute, daß
sie alles das aus der Höhle schaffen; nachher soll Archiel dieser Grotte
Eingang so verrammen, daß fürder nimmer ein Mensch sie betreten solle.“
[GEJ.02_005,06]
Faustus gebietet nun sogleich den Dienern, all diese Schätze hinauszuschaffen;
als sie diese aber zu heben anfangen, so haben sie nicht Kraft genug, die
vielen und schweren ehernen Kisten zu heben. Sie bitten Mich aber, daß Ich
ihnen die erforderliche Kraft verleihen möchte!
[GEJ.02_005,07]
Ich aber berufe den Archiel und sage: „So schaffe du all diesen Unflat hinaus,
und zwar sogleich nach Kis ins große Magazin!“ – Im Augenblick verschwanden all
die vielen schweren Kisten, und Archiel war aber auch im Augenblick wieder da,
so daß niemand merken konnte, wann denn Archiel abwesend war.
[GEJ.02_005,08]
Sagt darauf Faustus: „Das geht noch in das Allerfabelhafteste! Meine Diener
hätten damit wohl drei Tage zu tun gehabt – das aber war ein unmerklicher
Augenblick, und es ist von all den vielen Kisten aber auch nicht eine mehr zu
entdecken! Da frage ich auch gar nicht mehr um die Möglichkeit solch einer Tat;
denn dazu gehört ein göttlicher Sinn, um solche Erscheinungen zu begreifen und
nach Recht zu schätzen!“
[GEJ.02_005,09]
Sage Ich: „Ja, ja, du hast recht! Es wäre auch für den Menschen vorderhand gar
nicht gut, so er alles so bald verstände, was sich ihm als Erscheinung
beschaulich darstellt. Denn es steht geschrieben: ,Wenn du vom Baume der
Erkenntnis essen wirst, wirst du auch sterben!‘ Es ist daher auch besser, jede
Wundertat als das zu nehmen, was sie der Erscheinlichkeit nach ist, und sich
dabei lebendig zu denken, daß bei Gott kein Ding unmöglich ist, als sie aus dem
Wirkungsgrunde erklären zu wollen, wo man nach der Erklärung ebensowenig
begreift als vor derselben.
[GEJ.02_005,10]
Genug, daß du siehst, daß die Erde da ist, tauglich zu tragen und zu ernähren
die Menschen! Würdest du den Grund wissen, wie sie gemacht wurde, so verlöre
sie für dich den Reiz, und du würdest an ihr kein Wohlgefallen haben, wohl aber
eine Gier, irgendeine andere Erde auf den Grund zu erforschen. Und würdest du
bei derselben den gleichen Entstehungs- und Bestandesgrund ersehen und
desgleichen auch bei einer dritten, vierten und fünften, so würde dich dann
weiter auch gar nicht mehr gelüsten, noch eine sechste und siebente zu
erforschen; und also würdest du dann träge, lustlos, lebensverächtlich und
ärgerlich das Leben zu verwünschen anfangen und verfluchen die Stunde, die dich
mit solcher Erkenntnis zu bereichern begann, – und ein solcher Zustand wäre
dann ein barster Tod für deine Seele!
[GEJ.02_005,11]
Da aber nach der göttlichen Ordnung alles so eingerichtet ist, daß sowohl der
Mensch wie auch jeder Engelsgeist alles nur nach und nach, und selbst da nur
bis zu einem gewissen Grade, von der göttlichen Natur in sich wie in all den
geschaffenen Dingen, einsehen kann, so bleibt ihm die stets wachsende
Lebenslust und die Liebe zu Gott und zum Nächsten, durch die allein er ewig
selig werden kann und wird. – Fassest du solche Wahrheit?“
[GEJ.02_005,12]
Sagt Faustus: „Ja, Herr und Freund, ich fasse es genau! Und so will ich Dich
nicht mehr fragen um den Entstehungsgrund der Gebilde in dieser Grotte.“
6. Kapitel
[GEJ.02_006,01]
Sage Ich: „Daran liegt auch wirklich nicht viel. Ob du es weißt oder auch nicht
weißt, wird dich nicht lebensärmer oder lebensreicher machen. Aber das kannst
du dennoch wissen, daß daran nie eine Menschenhand etwas zu tun gehabt hat,
sondern die Natur der Elemente allein bildete solches wie zufällig. Die Berge
saugen stets eine auflösende Feuchtigkeit aus der Luft; dazu kommt der öftere
Regen, der Schnee und die Nebel, die gar oft die obersten Kuppen der Berge
einhüllen. Alle die auf den Bergen abgelagerten Feuchtigkeiten sickern zum
großen Teile durch Erd und Stein der Berge, und wo sie über einen inneren hohlen
Raum gelangen, sammeln sie sich in Tropfen, die nahe zur Hälfte aus aufgelöstem
Kalk bestehen. Solche Tropfen fallen herab. Ihr reines Wasser sickert dann
entweder noch tiefer, oder es verdunstet in solch einem Raume. Aber die
schleimige Kalkmasse wird fester und fester, und es bilden sich durch die stete
Vermehrung endlich allerlei Formen, die bald dem einen, bald dem andern Gebilde
auf der Erde – bald mehr, bald weniger – ähnlich sehen. Und auf dieselbe Weise
entstand denn auch all das Gebilde in dieser Höhle auf einem ganz natürlichen
Wege, obschon auch nebenbei anzunehmen ist, daß zur Verblendung der schwachen
Menschen Satans Diener zur besseren Ausbildung von allerlei menschenähnlichen
Gestalten ein bedeutendes beigetragen haben.
[GEJ.02_006,02]
Es ist daher besser, daß solch eine den finstern Aberglauben sehr begünstigende
Grotte für alle künftigen Zeiten unzugänglich gemacht werde. Und so begeben wir
uns nun wieder hinaus ins Freie, auf daß der Archiel seinen Auftrag erfülle mit
dieser Höhle!“
[GEJ.02_006,03]
Faustus dankt Mir innigst für diese Erklärung und sagt: „Mir ist diese
Erklärung um so klarer begreiflich, weil ich solches – wenn auch mehr als eine
Hypothese – schon von den römischen Naturkundigen aussprechen gehört habe. Aber
auch der Beisatz von der Mitwirkung Satans ist viel wert; denn der Feind des
Lebens wird dergleichen Dinge sicher nicht unbenutzt lassen, und die bösen
Folgen liegen in drei Weltteilen vor unseren Augen! Das ist mir nun alles
sonnenklar; aber nur ein Ding kann ich nicht so recht unters Dach bringen, –
und das ist die Seligkeit Gottes!
[GEJ.02_006,04]
Sage mir, welche Lust kann denn Gott, dem der innerste Grund alles Seins ewig
fort gleich und durchdringendst bekannt sein muß, an Seinem eigenen unverwüstbaren
Leben haben?! Kann denn Ihm solch eine notwendig allergleichste Klarheit, ohne
Sich je irgend aus Sich Selbst verändern zu können, zu einer Lust gereichen,
die doch jeden Menschen vor Langweile töten müßte?“
[GEJ.02_006,05]
Sage Ich: „Siehe hier die Menschen! Diese sind die Lust Gottes, wenn sie in
Seiner Ordnung das werden, was zu werden sie bestimmt sind. In ihnen findet
Gott Seinesgleichen wieder, und ihr stetes Wachsen an Erkenntnissen aller Art
und dadurch in aller Liebe, Weisheit und Schönheit, ist Gottes unverwüstbare
Lust und Seligkeit! Denn alles, was die Unendlichkeit fasset, ist allein des
kleinen Menschen wegen da, und es gibt ewig nichts, das nicht da wäre allein
des kleinen Menschen wegen. – Nun weißt du auch das! Aber nun gehen wir aus
dieser Höhle, auf daß Archiel seinem Auftrage ehest möglich nachkommen kann!“
[GEJ.02_006,06]
Wir eilen nun aus der Grotte und erreichen bald das Ende derselben. Als wir
alle außerhalb der Grotte uns befinden, gebe Ich dem Archiel einen Wink, und in
dem Augenblick geschieht ein heftiger Knall, und der äußerst geräumige Eingang
zeigt sich nun als eine hohe Granitwand, durch die mit leichter Mühe wohl kein
Sterblicher durchbrechen würde, so er es sich noch so ernstlich vornähme. Um
aber den Eingang sozusagen gänzlich unmöglich zu machen, wurde, nachdem wir uns
von der Stelle des Eingangs bei dreitausend Schritte entfernt hatten, eine
Absitzung des Erdreichs bewerkstelligt, so, daß die ehemalige Eingangsstelle
über hundert Manneshöhen dem zugänglichen Erdboden, der in die Tiefe geschoben
ward, entrückt wurde, und man hätte nun eine über hundert Manneshöhen hohe
Leiter haben müssen, um über die senkrecht steile Wand hinauf zur gewesenen
Eingangsstelle zu gelangen, – was aber dann dennoch fruchtlos gewesen wäre,
weil der Eingang selbst zur festesten und steilsten Felswand geworden war.
[GEJ.02_006,07]
Als Faustus und auch alle die Anwesenden solche Veränderung mit dieser
Bergesstelle ersehen, sagt Faustus zu Mir: „Herr und Freund! Wahrlich, ich kann
mich jetzt nimmer fassen! Die Erscheinungen werden zu schöpferisch groß; sie
liegen bereits eine Ewigkeit von meinem Erkenntnishorizonte entfernt! Ich weiß
nun wahrlich nicht, ob ich noch lebe, oder ob ich träume! Es geschehen da so
seltsam rätselhaft wunderbarste Dinge, daß man selbst bei der größten
Nüchternheit als ein total Betrunkener dasteht und kaum mehr im eigenen
Bewußtsein zu unterscheiden imstande ist, ob man dem männlichen oder dem
weiblichen Geschlechte angehört. – Da sehe man nun diese furchtbare Felsenwand
an! Wo war diese vorher, als wir ganz bequem in die Grotte auf einem recht gut
zu besteigenden Fußsteige den Weg machten?
[GEJ.02_006,08]
Und was aber eigentlich noch das Sonderbarste bei der ganzen Sache ist, besteht
in dem, daß bei der ganzen Veränderung von mehreren tausend Morgen Grundes
keine Spur von irgendeiner gewaltsamen Zerstörung zu entdecken ist. Das Ding
sieht doch gerade so aus, als ob hier seit dem Urbestande der Erde nie etwas
verändert worden wäre!? Wahrlich, wenn hier tausend Menschen hundert Jahre lang
gearbeitet hätten, so steht es dahin, ob sie solche Masse nur von der Stelle
geschafft hätten also, daß eine solche Felswand, die im ganzen gut
hundertfünfzig Manneslängen Höhe und eine Breite von mehr denn einer Stunde
hat, also frei gestellt worden wäre, wie sie nun, von der noch vor wenig
Augenblicken keine Spur zu entdecken war, frei dasteht, geschweige in solcher
von keiner Zerstörung nur eine leiseste Spur tragenden Weise! Das ist im
vollsten Ernste unerhört! Ich bin nun nur neugierig, was dazu die vielen
Seefahrer für ein Gesicht machen werden, so sie an der Stelle der früheren
üppigen Waldgegend nun diese Riesenwand entdecken werden! – Viele werden sich
gar nicht auskennen, wo sie sich befinden; und viele werden dareinschauen, wie
das Rind in ein neues Tor, dessen es noch ungewohnt ist!“
[GEJ.02_006,09]
Sage Ich: „Darum sage Ich euch allen, daß ihr davon schweigt und nicht einmal
den Weibern etwas davon meldet; denn Ich habe sie darum diesmal auch nicht
mitgehen lassen, weil sie bei gar außerordentlichen Begebnissen trotz alles
Verbotes ihren Zungen nie den schweigsamen Gehorsam abgewinnen können. Deshalb
wollet auch ihr euren Weibern nichts von den außerordentlichen Begebnissen
erzählen, die hier vor sich gegangen sind! Ihr könnet ihnen wohl die Gestaltung
der Grotte beschreiben und auch Meldung tun von den neu aufgefundenen Schätzen;
aber weiter ja keine Silbe mehr!“ – Alle geloben solches aufs feierlichste, und
wir setzen darauf unsern Weg nach Kis ganz ruhig fort und kommen da gerade mit
dem Untergange der Sonne an. Da kommen uns freilich die daheimgelassenen Weiber
und Mägde haufenweise entgegen und können nicht schnell genug fragen, was wir
alles natürlich Wunderbares erlebt hätten. Aber sie bekommen den Bescheid, daß
es noch zu früh sei, zu fragen, und an der ganzen Sache nichts anderes gelegen
sei als die Hebung eines noch von seiten der Pharisäer verschwiegenen Schatzes.
Mit dem Bescheide geben sich die neugierigen Weiber zufrieden und fragen um
nicht vieles mehr weiter.
[GEJ.02_006,10]
Wir aber begeben uns darauf sogleich zum Abendmahle, da alle, die mit waren,
kein Mittagsmahl hatten und schon bedeutend hungrig geworden waren und sich
daher nach einem gut bestellten Abendmahle schon sehr sehnten.
7. Kapitel
[GEJ.02_007,01]
Nach dem bald eingenommenen Abendmahle erst ging Faustus auf Mein Geheiß ins
große Magazin, um nachzusehen, ob die durch Archiel aus der Grotte nach Kis
geschafften Schätze in der Ordnung da wären. Alles war da in bester Ordnung
nebst einem großen Verzeichnisse aller der verschiedenen Schätze samt der
Angabe des Wertes, wie sie in der Grotte vorgefunden worden sind. Faustus fragt
die Wächter, wer da dieses Verzeichnis gemacht habe.
[GEJ.02_007,02]
Die Wächter aber antworten: „Herr, dies haben wir schon angetroffen, als wir
zur Wache hierhergestellt worden sind. Wer es gemacht hat, wissen wir dir darum
nicht anzugeben.“
[GEJ.02_007,03]
Fragt Faustus weiter: „Sagt mir, wie denn diese Schätze hierhergekommen sind,
und wer sie gebracht hat!“
[GEJ.02_007,04]
Sagen die Wächter: „Auch das wissen wir nicht; es kam bloß ein junger Mensch,
den wir schon etliche Tage hier in der Gesellschaft des Wunderarztes aus
Nazareth sahen, und befahl, daß die Schätze bewacht werden. Wir wurden darauf
vom römischen Unterrichter daherbeordert und halten nun schon bei zwei vollen
Stunden die Wache. Das ist alles, was wir von dem Schatze und dessen
Hierherstellung wissen, und keine Silbe darunter und darüber!“
[GEJ.02_007,05]
Faustus begibt sich darauf mit dem zu sich genommenen Verzeichnisse zum
Unterrichter und fragt ihn so wie die Wache; aber der Unterrichter weiß von der
ganzen Sache ebensowenig wie die vorher befragte Wache. Faustus aber, da er
sieht, daß da niemand in Kis etwas von der Herschaffung der Schätze weiß, sagt
bei sich: ,Weil sie alle nichts wissen, so will ich sie auch auf nichts
weiteres mehr aufmerksam machen, damit die Sache dadurch nicht unnötigerweise
im Volke ruchbar werde!‘
[GEJ.02_007,06]
Mit solcher Selbstbesprechung begibt sich Faustus wieder in seine Wohnung,
allwo ihn sein junges Weibchen schon mit offenen Armen erwartet. Aber bevor er
noch zur Nachtruhe sich begibt, kommt er noch zu Mir, um wichtige Dinge zu
besprechen. Aber Ich bescheide ihn auf morgen zu Mir und beheiße ihn nun zur
Ruhe für Körper und Seele, die ihm nun not tue vor allem. Und Faustus begibt
sich dann auch sogleich zur Ruhe, die ihm so wie allen andern not tat.
[GEJ.02_007,07]
Im guten Schlafe hat es mit der Nacht ein baldiges Ende, und so war es denn
auch hier der Fall; man glaubte, erst vor ein paar Minuten eingeschlafen zu
sein, und schon rief alle der helle Morgen, die süßschmeckenden Lager zu
verlassen und wieder des Tages Geschäft zu beginnen. Das schon früh bereitete
Morgenmahl rief alle von den verschiedenen Schlafgemächern in den großen
Speisesaal, in dem alle wie an den vergangenen Tagen das Morgenmahl einnahmen
und nach dem Mahle samt und sämtlich Mir zum ersten Male im Namen Jehovas den
Dank und das Lob darbrachten nach der Weise Davids, der da sprach (Psalm 33):
[GEJ.02_007,08] „Freuet
euch des Herrn, ihr Gerechten; die Frommen sollen Ihn schön preisen. Dankte dem
Herrn mit Harfen, und singet Ihm auf dem Psalter von zehn Saiten. Singet Ihm
ein neues Lied, und machet es gut auf dem Saitenspiele mit reinem Schalle; denn
des Herrn Wort ist wahrhaftig, und was Er zusagt, das hält Er gewiß. Er liebt
Gerechtigkeit und ein rechtes Gericht; die Erde ist voll der Güte des Herrn. –
Die Himmel sind durch das Wort des Herrn gemacht und all Sein Heer durch den
Geist Seines Mundes. Er hält das Wasser im Meere zusammen wie in einem
Schlauche und legt die Tiefe in das Verborgene. Alle Welt fürchte den Herrn,
und vor Ihm scheue sich alles, was auf dem Erdboden wohnet; denn so Er spricht,
so geschieht es, und so Er gebietet, so steht es da. Der Herr vernichtet der
Ungläubigen und Bösen Rat und wendet die Gedanken der Völker von ihnen ab. Aber
Sein Rat bleibt ewig und Seines Herzens Gedanken für und für. Wohl dem Volke,
des der Herr sein Gott ist; denn es ist das Volk, das Er zu Seinem Erbe
erwählet hat! – Der Herr schauet vom Himmel und sieht aller Menschen Kinder.
Von Seinem festen Throne sieht Er auf alle, die auf Erden wohnen. Er lenket ihr
Herz und merket auf ihre Werke. Einem Könige hilft nicht seine große Macht, und
ein Riese wird nicht gerettet durch seine große Kraft! Rosse helfen auch nicht,
und ihre große Stärke errettet nicht! Denn des Herrn Auge siehet nur auf die,
so Ihn fürchten und auf Seine Güte hoffen, daß Er ihre Seele errette vom Tode
und sie ernähre in der Teuerung. Unser Herz freue sich des Herrn, und wir alle
vertrauen auf Seinen heiligen Namen! – Deine Güte, o Herr, sei über uns, wie
wir auf Dich hoffen!“
8. Kapitel
[GEJ.02_008,01]
Nachdem nun alle Mir dieses Morgenlob dargebracht haben, fragt Mich schnell
Faustus, der natürlich auch beim Mahle wie beim Lobe zugegen war: „Aber woher
nahmen denn Deine Jünger alle diese Deiner würdige, gar so herrliche und völlig
wahre Exklamation? So etwas Erhabenes habe ich noch nie vernommen!“
[GEJ.02_008,02]
Sage Ich: „Verschaffe dir von den Pharisäern die Schrift Gottes, und lies darin
die Psalmen des Königs David; darin wirst du alles das finden! Der Oberste
Jairus, mit dem wir noch heute zu tun bekommen werden, wird dir solche Schrift
schon verschaffen. Denn vor zwei Tagen haben sie seine Tochter ins Grab gelegt;
sie ist ihm gestorben! Er hat seine Sünde gegen Mich tiefst bereut; darum soll
ihm denn auch geholfen werden, und er soll nicht verloren sein für das
Himmelreich Gottes!“
[GEJ.02_008,03]
Fragt Faustus: „Herr, was ist das für ein Reich, und wo ist es?“
[GEJ.02_008,04]
Sage Ich: „Ja, mein lieber Freund, das eigentliche wahre Himmelreich Gottes ist
für die wahren Freunde Gottes überall, für die Feinde Gottes aber nirgends;
denn für die ist wieder alles Hölle, wohin du nur immer deine Augen und andern
Sinne wenden kannst und magst. Unten und oben ist da gleich. Blicke weder zu
den Sternen empor – denn sie sind Erden wie diese, die du betrittst – noch
senke deine Augen zur Erde hinab, denn sie ist gerichtet wie dein Fleisch, das
einmal sterben und verwesen muß! Forsche und suche aber dafür fleißig in deinem
Herzen; dort wirst du finden, was du suchst. Denn in eines jeden Menschen Herz
ist der lebendige Same gelegt, aus dem dir des ewigen Lebens ewiges Morgenrot
erblühen wird.
[GEJ.02_008,05] Siehe,
der Raum, in dem diese Erde schwebt so wie die große Sonne, der Mond und all
die zahllosen Sterne, die für sich nichts als wieder Sonnen und Erden sind, ist
unendlich! Mit der Gedanken Schnelligkeit könntest du diese Erde verlassen und
in der geradesten Linie in solcher Schnelligkeit forteilen, – und so du
Ewigkeiten auf Ewigkeiten also forteiltest, so würdest du nach vielen
Ewigkeiten des gedankenschnellen Fortfluges dennoch nimmer irgendeinem Ende
nahekommen! Überall jedoch würdest du Schöpfungen von der seltensten und
wunderbarsten Art und Weise treffen, die allenthalben den endlosen Raum
erfüllen und beleben.
[GEJ.02_008,06]
Durch dein Herz wirst du nach dem Tode deines Leibes hinaustreten in den
endlosen Gottesraum, und nach der Art deines Herzens wirst du ihn entweder als
Himmel oder als Hölle antreffen!
[GEJ.02_008,07]
Denn es gibt nirgends einen eigens geschaffenen Himmel, noch irgendeine eigens
geschaffene Hölle, sondern alles das kommt aus dem Herzen des Menschen; und so
bereitet sich ein jeder Mensch im Herzen, je nachdem er Gutes tut oder Böses,
entweder den Himmel oder die Hölle, und wie er glaubt, will und handelt, also
wird er auch seines Glaubens leben, aus dem heraus sein Wille genährt ward und
ins Handeln überging.
[GEJ.02_008,08]
Jeder aber prüfe die Neigungen seines Herzens, und er wird leicht erfahren,
wessen Geistes sein Herz voll ist. Ziehen seine Neigungen das Herz und dessen
Liebe zur Welt hinaus, und fühlt er in sich eine Sehnsucht, in der Welt etwas
Großes und Angesehenes zu werden, – hat das hochmütig werden wollende Herz ein
Mißbehagen an der armen Menschheit, und fühlt es den Trieb in sich, daß es
herrschen möchte über die andern, ohne zum Herrschen von Gott erwählt und
gesalbt zu sein, so liegt im Herzen schon der Same der Hölle, der, so er nicht
bekämpft und erstickt wird, dem Menschen nach dem Tode des Leibes offenbarst
nichts denn die Hölle bereitet.
[GEJ.02_008,09]
Ist aber das Herz des Menschen voll Demut, und fühlt er sich glücklich, der
Geringste unter den Menschen zu sein, allen zu dienen, seiner selbst der Liebe
zu den Brüdern und Schwestern wegen gar nicht zu achten, dem Vorgesetzten
willig zu gehorchen in allen guten, den Brüdern so wie so nützenden Dingen, und
liebt er also Gott über alles, dann erwächst im Herzen der himmlische Same zu
einem wahren, ewig lebendigen Himmel, und der Mensch, der also schon den
gesamten Himmel in der Fülle in seinem Herzen birgt voll des wahren Glaubens,
der reinsten Hoffnung und Liebe, der kann nach dem Tode des Leibes denn auch
unmöglich irgendwo anders hinkommen als ins Himmelreich Gottes, das er in aller
Fülle schon lange im Herzen trug! – Wenn du solches recht erwägst, so wirst du
leicht begreifen, was es so ganz eigentlich mit dem Himmelreich sowie mit der
Hölle für eine Bewandtnis hat.“
[GEJ.02_008,10]
Sagt Faustus: „Liebster, höchst weiser Herr, Meister und Freund! Wahrlich,
Deine Worte klangen höchst weise wohl; aber ich konnte sie diesmal nicht in
aller Tiefe erfassen! Wie da gewisserart Himmel und Hölle auf einem Flecke
beisammensein können, so daß eins das andere offenbarst durchdringen müßte, das
ist für mich noch sehr materiell denkenden Menschen eine Sache der
Unmöglichkeit! Wie aber am Ende aus meinem Herzen eine unendliche glückliche
oder unglückliche Unendlichkeit erblühen solle, ist mir noch unbegreiflicher
als alles andere! Daher muß ich Dich schon bitten, daß Du mir darüber noch eine
faßlichere Erläuterung geben wollest; denn sonst gehe ich bei allem Lichte am
hellsten Mittage des Geistes blind von hier nach Hause!“
9. Kapitel
[GEJ.02_009,01]
Sage Ich: „So habe denn wohl acht; denn es liegt Mir daran, daß du sehend nach
Hause ziehest!
[GEJ.02_009,02]
Siehe, in einem Hause wohnen zwei Menschen. Der eine ist mit allem zufrieden,
was er im Schweiße seines Angesichtes unter dem Segen Gottes dem Erdboden
entlockt. Zufrieden und heiter genießt er den spärlichen Ertrag seines Fleißes,
und seine größte Freude ist es, mit den noch ärmeren Brüdern seinen mühsam
erworbenen Vorrat zu teilen. So ein Hungriger zu ihm kommt, da hat er eine
Freude, ihn sättigen zu können, und fragt ihn nie mit ärgerlichem Gemüte um den
Grund seiner Armut und verbietet ihm nicht, daß er wiederkommen dürfe, so es
ihn etwa wieder hungern sollte.
[GEJ.02_009,03]
Er murret nicht über irdische Staatseinrichtungen und sagt, so ihm irgendeine
Steuer abgenommen wird, allzeit mit Hiob: ,Herr! Du hast es mir gegeben; Dein
ist alles! Was Du gabst, kannst Du allzeit wieder nehmen; Dein allzeit allein
heiliger Wille geschehe!‘
[GEJ.02_009,04]
Kurz, diesen Menschen kann nichts in seiner Heiterkeit sowohl als auch in
seiner Liebe und in seinem Vertrauen zu Gott, sowie daraus in der Liebe zu
seinen irdischen Brüdern, stören; Zorn, Neid, Hader, Haß und Hochmut sind für
ihn fremde Begriffe.
[GEJ.02_009,05]
Aber sein Bruder ist dafür der unzufriedenste Mensch. Er glaubt an keinen Gott
und sagt: ,Gott ist ein leerer Begriff, durch den die Menschen den höchsten
Grad der diesirdischen Helden bezeichnen. In der Dürftigkeit kann nur ein
dümmster Mensch glücklich sein, gleichwie auch die vernunft- und verstandlosen
Tiere glücklich sind, wenn sie nur das spärlich erhalten, was ihr stummer und
stumpfer Naturtrieb verlangt. Ein Mensch aber, der sich mit seinem Verstande
weit übers Tierische emporgehoben hat, der muß sich nicht mehr mit der gemeinen
Schweinskost begnügen, muß nicht mit den eigenen, zu etwas Besserem bestimmten
Händen in der Erde herumwühlen – was sich nur für Tiere und Sklaven geziemt –,
sondern man muß das Schwert ergreifen, sich zum mächtigen Feldherrn
emporschwingen und durch Triumphpforten in die großen Weltstädte einziehen, die
man erobert hat. Die Erde muß erbeben unter den Huftritten des Rosses, das von
Gold und Edelsteinen strotzend stolz den Herrn der mächtigen Heerscharen
trägt.‘
[GEJ.02_009,06]
Mit solchen Gesinnungen verwünscht dann ein solcher Mensch sein ärmliches Sein,
verflucht die Armut in seinem Herzen und sinnt auf Mittel, wie er sich große
Schätze und Reichtümer verschafft, um mit ihrer Hilfe seine herrschsüchtigen
Ideen zu realisieren.
[GEJ.02_009,07]
Seinen zufriedenen Bruder verachtet er, und jeder noch Ärmere ist ihm ein
Greuel. Von der Barmherzigkeit ist bei ihm gar keine Spur; bei ihm gilt sie als
lächerliche Eigenschaft feiger Sklaven und der Gesellschaftsaffen. Dem Menschen
gezieme nur Großmut, – aber diese so selten wie möglich! Kommt ein Armer zu
ihm, so fährt er ihn an mit allerlei Scheltworten und sagt: ,Weiche von mir, du
faule Bestie, du gefräßiges Ungeheuer mit der zerlumpten Larve eines Menschen!
Arbeite, Tier, so du einen Fraß haben willst! Gehe zum ungeratenen Bruder
meines Leibes, aber nimmer meines erhabenen Geistes; dieser, als selbst ein
gemeines Lasttier, arbeitet für seinesgleichen und ist barmherzig wie ein
Gesellschaftsaffe! Ich bin nur großmütig – und schenke dir diesmal noch dein
gemeinstes Erdwurmleben.‘
[GEJ.02_009,08]
Siehe nun, diese beiden Brüder, Kinder eines Vaters und einer Mutter, leben in
einem Hause beisammen. Der erste ist ein Engel, der zweite nahe ein vollendeter
Teufel. Dem ersten ist die ärmliche Hütte ein Himmel, dem zweiten dieselbe
Hütte ohne irgendeine Veränderung eine allerbarste Hölle voll der bittersten
Qual. Siehst du nun, wie Himmel und Hölle auf einem Flecke beisammen sein
können?!
[GEJ.02_009,09]
Freilich wirst du dir denken: ,Nun, was ist es denn? Man lasse den
Herrschsüchtigen einen Thron erreichen, und er wird ganz tauglich sein, Völker
zu schützen und zu schlagen die Feinde!‘ O ja, das könnte wohl möglich sein!
Aber wo liegt der Maßstab, der ihm vorschriebe, wieweit er seine
herrschsüchtigen Pläne verfolgen solle? Was wird er mit den Menschen machen,
die sich nicht in aller Tiefe werden beugen wollen vor ihm? – Siehe, die wird
er martern lassen auf die möglichst qualvollste Weise, und es wird ihm an einem
Menschenleben ebensowenig gelegen sein wie an einem zertretenen Grashalm! – Was
ist aber dann ein solcher Mensch? – Siehe, das ist ein Satan!
[GEJ.02_009,10]
Es müssen wohl Herrscher und auch Feldherren sein; aber verstehe, diese müssen
von Gott dazu erwählt und berufen sein und für die Folge Abstämmlinge von
altgesalbten Königen sein. Diese sind dann berufen; aber wehe jedem andern, der
seine arme Hütte verläßt und hineilet, sich durch allerlei Mittel den
Herrscherstab zu erringen! Wahrlich, es wäre für ihn besser, nie geboren worden
zu sein!
[GEJ.02_009,11]
Ich will dir aber noch ein Bild vom Himmelreiche Gottes geben: Es gleichet
völlig einem guten Erdreich, auf dem ebensogut die edelsten Trauben fest neben
den Dorngesträuchen und Disteln wachsen und reif werden, – und doch haben sie
ein und dasselbe gute Erdreich! Der Unterschied liegt nur in der Verwendung
desselben: die Rebe verkehrt es in Gutes, der Dornstrauch und die Distelstaude
aber in Arges, Nutzloses und für keinen Menschen Genießbares.
[GEJ.02_009,12]
Also fließet auch der Himmel ein in den Teufel wie in die Engel Gottes; aber
jeder von den beiden verwendet ihn anders! –
[GEJ.02_009,13]
Also ist der Himmel auch noch gleich einem Fruchtbaume, der ein gutes, süßes
Obst trägt. Als aber unter seine reichgesegneten Äste Leute kommen, die solche
Frucht genießen wollen, da sind etliche nüchtern; diese genießen mit Dank nur
soviel, als es ihr Bedürfnis verlangt. Andere aber, da ihnen die Frucht
wohlschmeckt, wollen nichts am Baume zurücklassen, sondern verzehren es aus
Neid, daß nicht die Genügsamen noch einmal etwas fänden, und essen so lange,
bis der letzte Apfel verzehrt ist. Diese aber werden darauf krank und müssen
sterben, während sich die Genügsamen vom mäßigen Genusse der Früchte des Baumes
sehr wohl und gestärkt fühlen! Und doch haben beide Parteien vom selben Baume
gegessen!
[GEJ.02_009,14]
Also ist der Himmel auch gleich einem guten Weine, der den Mäßigen stärkt, den
Unmäßigen aber zugrunde richtet und tötet; und so wird ein und derselbe Wein
für den einen ein Himmel und für den andern die barste Hölle, – und doch wird
er von einem und demselben Schlauche genommen! –
[GEJ.02_009,15]
Sage Mir, Freund, ob du nun verstehest, was da ist der Himmel und was die
Hölle!“
10. Kapitel
[GEJ.02_010,01]
Sagt Faustus: „Herr, nun fängt es bei mir an hell zu werden! – Es ist in aller
Unendlichkeit nur ein Gott, eine Kraft und ein Gesetz der ewigen Ordnung. Wer
aus den Menschen sich dieses Gesetz zum eigenen macht, für den ist alles und
überall Himmel; wer aber aus seiner eigenen Freiheit heraus diesem Gesetze
widerstreben will, für den ist überall Hölle, Qual und Marter!“
[GEJ.02_010,02]
Sage Ich: „Ja, also ist es! – Das Feuer ist ein überaus nützliches Element; wer
es ordentlich, weise und zweckmäßig benutzt, dem verschafft es einen
unberechenbaren Nutzen. Es wäre zu weitläufig, alle die Vorteile herzuzählen,
die den Menschen durch die rechte, weise und zweckmäßige Benutzung des Feuers
entstehen. Wenn aber jemand das Feuer höchst unweise und allenfalls zum bloßen
Vergnügen so leichtsinnig gebrauchen möchte, daß er es anzündete auf den
Dächern der Häuser oder in dichten Waldungen, da wird ein und dasselbe Feuer
alles zerstören und verderben!
[GEJ.02_010,03]
Wenn es im Winter frostig ist, so geht jedermann gerne an den Kamin und wärmt
sich mit großer Lust beim heiter knisternden Feuer, das den festen Kamin mit
wärmenden Flammen füllt; aber wer ins Feuer fiele, den würde es töten und
verzehren.
[GEJ.02_010,04]
Aber Ich sage dir noch etwas: Die Menschen dieser Welt müssen, um wahrhaft
Gottes Kinder zu werden, durch Wasser und Feuer geführt werden. Der Himmel im
Urwesen ist Wasser und Feuer; was nicht dem Wasser verwandt ist, wird vom
Wasser getötet, und was nicht selbst Feuer ist, kann im Feuer nicht bestehen.“
[GEJ.02_010,05]
Sagt Faustus: „Herr, das verstehe ich schon wieder nicht! Wie ist das zu
nehmen? Wie kann man zugleich zu Wasser und zu Feuer werden? Denn bekanntlich
sind Wasser und Feuer die gegenseitig feindlichsten Elemente; eines zerstört
und vernichtet das andere. Ist das Feuer mächtig, und man gießt Wasser hinein,
so wird das Wasser schnell in Dampf und Luft verwandelt; ist aber das Wasser
mächtiger als das Feuer, so erlischt dieses im Wasser, sobald es vom selben
überflutet wird. Wenn man nun aber, um dem Himmel zu gleichen, zugleich Wasser
und Feuer sein soll, da müßte man sich am Ende ja sowieso auflösen!? Wie sähe
es dann mit dem ewigen Lebensbestande aus?“
[GEJ.02_010,06]
Sage Ich: „Oh, recht gut! Beides im rechten Verhältnisse, – und es erzeugt und
erhält dann fortwährend eines das andere! Denn siehe, gäbe es in und um die
Erde kein Feuer, so gäbe es auch kein Wasser; gäbe es aber in und um die Erde
kein Wasser, so gäbe es auch kein Feuer, – denn da erzeugt fortwährend eines
das andere.“
[GEJ.02_010,07]
Fragt Faustus: „Wieso? Wie das?“
[GEJ.02_010,08]
Sage Ich: „Nimm alles Feuer, aus dem alle Wärme stammt, von der Erde, und die
ganze Erde wird zu einem diamantstarren Eisklumpen, auf dem kein Leben
fortkommen könnte; nimm aber darauf alles Wasser von der Erde, und sie wird nur
zu bald zu nichtigem Staube werden! Denn ohne Wasser wird sich auch kein Feuer
halten, das zu Neubildungen auf der Erde so überaus notwendig ist; wo aber
keine Nach- oder Neubildung mehr stattfindet, da ist der Tod und die Verwesung
eingekehrt.
[GEJ.02_010,09]
Siehe an einen Baum, der seine Säfte verlor, und du wirst gewahr werden, daß
der Baum in kurzer Zeit verfaulen und dadurch zunichte wird. Verstehst du nun
solches?“
[GEJ.02_010,10]
Sagt Faustus: „Ja, Herr, nun verstehen wir alle auch dieses und erkennen, daß
Du voll des göttlichen Geistes und der Schöpfer aller Dinge Selbst bist. Denn
welcher Mensch kann das aus sich ergründen, wie die ganze Schöpfung bestellt
ist, und unter was für Gesetzen sie besteht? Solches kann nur dem klar und in
allen Tiefen bekannt sein, der den Geist in sich trägt, durch den alle Dinge
gemacht worden sind und nun gleichfort als dieselben bestehen. – Ich kann Dir
für alle die mir hier erwiesenen großen Wohltaten geistiger und auch
materieller Art nur aus dem für Dich mit höchster Liebe erfüllten Herzen
danken! Denn was anderes sollte ich armer, schwacher, sündiger Mensch Dir, dem
Herrn der Unendlichkeit, tun können?“
[GEJ.02_010,11]
Sage Ich: „Du hast recht; aber behalte vorderhand alles, was du weißt und hier gesehen
und erfahren hast, bei dir, mache Mich nicht ruchbar vor der Zeit, und vergiß
nun in deinem irdischen Glücke der Armen nicht! Denn was du immer den Armen in
Meinem Namen tun wirst, das hast du Mir getan, und es wird dir im Himmel
vergolten werden. – Jetzt aber, da wir hier in Kis alles beendet haben, was da
zu machen und zu schlichten war, wollen wir uns zur Reise nach Nazareth
anschicken.“
11. Kapitel
[GEJ.02_011,01]
Sagt Faustus: „Da muß ich gebieten, meine Sachen auf die Schiffe zu bringen?!“
[GEJ.02_011,02]
Sage Ich: „Ist schon alles geschehen! Weil deine Schiffe nicht ausgereicht
hätten, so haben Baram und Kisjonah ihre zwei großen Schiffe dazu hergeliehen,
und es ist also bis auf die Abfahrt alles in der besten Ordnung.“
[GEJ.02_011,03]
Sagt Faustus: „Daß es sicherst also ist, nimmt mich nun gar nicht mehr wunder;
denn was sollte dem Allmächtigen noch unmöglich sein?!“
[GEJ.02_011,04]
Es treten aber nun Jonael und Jairuth mit Archiel zu Mir und danken für alles,
und als sie sich von Mir unter vielen Danksagungen trennen und den Weg nach
Sichar antreten, so kommt ihnen auch die von Mir ihnen vorausverkündete
Deputation entgegen, nimmt sie in allen Ehren auf und legt dem Jonael die
besondere Bitte zu Füßen, daß er das Oberpriesteramt wieder annehmen möchte;
und beide, Jonael und Jairuth, erinnern sich dessen, was Ich ihnen vorher
verkündigt hatte.
[GEJ.02_011,05]
Wir aber – als Ich die abermaligen Bilder vom Himmelreiche vollendet hatte
(Matth.13,53) und die Sichariten entließ und auch beim Kisjonah, der diesmal
auf Meinen Rat daheim verblieb und auch nicht den Faustus begleitete, Mich
empfahl mit dem Versprechen, bald wieder bei ihm einzusprechen – begaben uns
dann auch bei zwei Stunden vor dem Mittage auf ein großes Schiff und fuhren mit
Faustus, der in Meinem Schiffe mit seinem jungen Weibe Platz nahm, in die Nähe
von Kapernaum hin, wo der gewöhnliche Landungsplatz für diese Stadt sowohl, wie
auch für Nazareth war, das bekanntlich gar nicht weit von Kapernaum gelegen
war.
[GEJ.02_011,06]
Als wir gelandet und aus den Schiffen ans Land gestiegen waren, da sprach
Faustus: „Herr, ich werde mit Dir nach Nazareth ziehen und werde Deiner Mutter
und Deiner irdischen Brüder und Schwestern Behausung ihnen wieder zu eigen
stellen!“
[GEJ.02_011,07]
Sage Ich: „Auch dieses ist schon geschehen, und du wirst auch zu Hause und
draußen in deinem großen Gerichtsbezirke alles in der schönsten und besten
Ordnung antreffen; denn bisher hat Mein Archiel alle Geschäfte für dich
geschlichtet. Gehe du aber nach Kapernaum, und wenn dir der Oberste Jairus
unterkommt – was sich sicher ereignen wird – und wird dir klagen seinen
Schmerz, so sage ihm, daß Ich nun in Nazareth auf eine Zeitlang Mich aufhalten
werde! Wenn er etwas will, so möge er zu Mir kommen, – aber auch nur er ganz
allein!“
[GEJ.02_011,08]
Sagt Faustus: „Dürfte auch ich ihn nicht begleiten?“
[GEJ.02_011,09]
Sage Ich: „O ja, aber auch nur du allein!“ – Mit diesen Worten schieden wir.
[GEJ.02_011,10]
Ich begebe Mich mit Meinen vielen Jüngern nun gen Nazareth in Mein irdisches
Vaterland, und Faustus läßt sogleich eine Menge Träger, Packer und Lastwagen
kommen, mittels derer er die mitgenommenen Schätze in sein Haus nach Kapernaum
schafft. Daß es in Kapernaum ein großes Aufsehen machte, als man den
Oberrichter so reich beladen an der Seite einer wunderschönen Gemahlin
einziehen sah, braucht kaum erwähnt zu werden; aber daß dem Oberrichter in
vieler Hinsicht auch der Oberste der dortigen Pharisäer, namens Jairus,
entgegenkam, läßt sich noch leichter denken, – denn er wußte ja auch einiges
von dem Zuge der zwölf Pharisäer nach Jerusalem und auch, daß Faustus
ihretwegen nach Kis berufen worden war.
[GEJ.02_011,11]
Faustus empfing ihn mit aller Achtung und sagte zu ihm: „Ein Ehrlicher ward
gerettet, und die Pfänder, die ungerecht von diesen Pharisäern im geheimen von
den armen Juden erpreßt worden sind, sind ihnen bis auf einen Stater
zurückgestellt worden, und elf genießen nun für ihre allseitigen unerhörten
Betrügereien und Räubereien zu Jerusalem im Tempel die wohlverdiente Strafe. Es
wäre zu weitläufig, dir alles zu erzählen, was die elf alles verübt haben; wenn
du aber einmal Muße hast, da komme und lies selbst in den vielen Akten, und dir
werden die Haare zu Berge steigen! – Nun aber von etwas anderem! Wie sieht es
denn mit deiner lieben Tochter aus? Lebt sie noch, oder ist sie gestorben?“
[GEJ.02_011,12]
Sagt Jairus übertraurig und sogleich zu weinen beginnend: „O Freund, warum
erinnertest du mich daran? – Sie ist mir leider, leider gestorben; denn kein
Arzt konnte ihr helfen! Der einzige Arzt Borus aus Nazareth sagte, daß er ihr
wohl helfen könnte, aber darum nicht helfen wollte, weil ich mich an seinem
Freunde Jesus, der sein Meister war, zu sehr und zu hart versündigt habe. Und
so starb meine über alles geliebteste Tochter. Es war zu herzzerreißend, wie
die Sterbende Jesum rief, daß Er ihr hülfe, und wie sie mir noch sterbend ein
hartes Wort gab darüber, daß ich mich an Jesu, dem größten Wohltäter der armen
leidenden Menschheit, dermaßen hart versündigt habe, daß sie nun darum
unwiderruflich sterben müsse. Ich wandte ohnehin alles auf, um Jesus zu finden,
daß Er ihr hülfe! Aber Jesus wollte meinen Boten kein Gehör mehr geben, obschon
ich tausend Male nun bitter bereuet habe, daß ich mich an Ihm versündigte!
Jetzt aber ist alles vorbei! Bei vier Tage schon liegt sie im Grabe und riecht
wie die Pest! Jehova sei nun nur ihrer schönen Seele gnädig und barmherzig!“
[GEJ.02_011,13]
Sagt Faustus: „Freund! Ich bedaure dich zwar wohl von ganzem Herzen; aber ich
sage dir auch, daß der allmächtige Herr Jesus Sich nun in Nazareth befindet.
Ihm ist meiner nun vielfachen Erfahrung nach kein Ding unmöglich! Wie wäre es
denn, so du zu Ihm selbst hingingest? Ich sage dir, Er hat Macht genug, deine
Tochter aus dem Grabe ins Leben zu rufen und sie dir wieder zu geben!“
[GEJ.02_011,14]
Sagt Jairus: „Wenn auch letztes nicht mehr möglich sein sollte, so will ich
aber dennoch hingehen und Ihn tausend Male um Vergebung bitten, darum, daß ich
Ihn, freilich nur genötigt und nicht freiwillig, beleidigt und betrübt habe!“
[GEJ.02_011,15]
Sagt Faustus: „Gut, so gehe mit mir hin; wir werden Ihn in Nazareth und zwar im
Hause Seiner Mutter treffen. Aber es darf uns nach Seinem Ausspruche niemand
begleiten!“ – Jairus willigt, von einer beseligenden Hoffnung ergriffen,
sogleich in den Vorschlag des Faustus ein. Beide lassen sogleich gut laufende
Maultiere satteln und reiten so schnell als möglich nach Nazareth hin. Noch ein
paar Stunden vor dem Untergange treffen sie in Nazareth ein, lassen die
Maultiere in einer Herberge und begeben sich dann zu Fuß ins Haus Meiner Mutter
und treffen Mich da mit Borus, der einer der ersten aus Nazareth war, der Mir
mit offenen Armen entgegenkam; denn er bekam Nachricht, daß Ich an diesem Tage
in Nazareth anlangen werde.
[GEJ.02_011,16]
Als nun Faustus mit dem Jairus ins Zimmer trat, da fing letzterer an zu weinen,
fiel vor Mir nieder und bat Mich laut, daß Ich ihm vergäbe seine große Sünde
des Undanks, die er an Mir begangen habe.
[GEJ.02_011,17]
Ich aber sage zu ihm: „Stehe auf! Dein Vergehen ist dir verziehen, aber sündige
zum zweiten Male nicht wieder! – Wo liegt deine Tochter begraben?“
[GEJ.02_011,18]
Spricht Jairus: „Herr, Du weißt, daß ich unfern von hier eine Schule für die
Kinder des Landes habe errichten lassen, versehen mit einem kleinen Bethause.
In diesem Bethause habe ich eine Gruft erbauen lassen für mich; da aber die
Tochter vor mir starb, so ließ ich sie dahin bringen und legen in die neue
Gruft, darin früher noch nie jemand als Toter gelegen. Diese Gruft ist von hier
nur kaum zweitausend Schritte entfernt. So Du, o Herr, sie besehen möchtest,
würde mich das über die Maßen selig stimmen; denn ich bin sonst betrübt bis in
den Tod!“
[GEJ.02_011,19]
Sage Ich: „Nun, da führe Mich hin, – aber es darf Mir außer dir und dem Faustus
niemand folgen!“
[GEJ.02_011,20]
Es fragten aber die Apostel, ob denn auch sie nicht dabei sein dürften.
[GEJ.02_011,21]
Sage Ich: „Diesmal niemand außer den zwei Betreffenden!“
[GEJ.02_011,22]
Sagt Borus: „Herr, Du kennest mich, daß ich stumm sein kann wie ein Fisch; was
täte es denn, so ich als ein Arzt euch geleitete?“
[GEJ.02_011,23]
Sage Ich: „Es bleibt bei Meinem ersten Ausspruche; wir drei allein, und sonst
niemand!“
12. Kapitel
[GEJ.02_012,01]
Darauf getraute sich keiner mehr zu fragen und zu bitten, und wir gingen zur
Gruft hin, und Ich besah die schon sehr stark stinkende Leiche und fragte den
Jairus, ob er nun wohl meine oder gar glaube, daß seine Tochter scheintot sei?
[GEJ.02_012,02] Sagt
Jairus: „Herr, ich habe auch in meinem Herzen so etwas das erste Mal nicht
geglaubt und wußte nur zu bestimmt, daß meine liebste Tochter Sarah vollkommen
tot war. Ich war zu dem falschen Zeugnisse wider Dich bei den Haaren gezogen
worden, und hätte ich nicht das arge Zeugnis unterzeichnet, so wärest Du noch
um vieles ärger verfolgt worden, was ich im vollsten Ernste nie wollte! Da ich
aber das falsche Zeugnis unterzeichnet hatte, so sah man in Dir nur mehr einen
arbeitsscheuen Landstreicher, der hie und da wohl Leute gesund mache und sich
einen Namen in Israel machen wolle als irgendein von Gott erweckter Prophet –
oder gar den verheißenen Messias Selbst, den alle nunmalige, über alle Maßen
gut und reich stehende Priesterschaft am meisten fürchtet, weil es geschrieben
steht, daß, wenn der Hohepriester in der Ordnung Melchisedeks von Ewigkeit auf
die Erde kommen werde, es dann mit allen andern Priestern ein volles Ende
nehmen werde und der neue Melchisedek dann herrschen wird mit seinen Engeln
über alle Geschlechter der Erde in Ewigkeit.
[GEJ.02_012,03]
Ich sage es Dir: Die sämtlichen Oberpriester und alle Unterpriester fürchten
weder das Feuer noch den großen Sturm, der vor der Höhle, darin der große
Prophet Elias verborgen war, vorüberzog; aber das sanfte Wehen über der Höhle
des großen Propheten fürchten sie, weil sie stets sagen, der Messias in der
Ordnung Melchisedeks werde ganz stille kommen in der Nacht wie ein Dieb und
werde ihnen nehmen alles, was sie sich bis jetzt erworben haben! – Darum will kein
Priester die Ankunft des Gesalbten Gottes von Ewigkeit erleben, sondern so weit
als möglich in die fernste Zukunft verschoben haben.
[GEJ.02_012,04]
Weil aber die sämtliche, besonders alte Priesterschaft an Dir wegen Deiner
außerordentlichen Taten und Lehren ungezweifelt so etwas erschaut, so bietet
sie auch alles auf, Dich – so möglich – zu verderben! Sollte es nicht möglich
sein, so Du vollwahr das wärest, für was sie Dich hält, so wird sie denn
hernach für ihre böse Mühe in Sack und Asche Buße tun und mit großem Beben den
allmächtigen Schlag erwarten, durch den sie von jeher alles zu verlieren
fürchtet und allzeit gefürchtet hat, ansonst sie nicht beinahe alle Propheten
gesteinigt hätte. Siehe, das ist der Grund, aus dem ich Dich lieber für einen
Landstreicher erklärte als für Den, der Du sicher bist! Denn Menschen können
ihre Toten nimmer ins Leben rufen; solches vermag nur der Geist Gottes, der
nach meiner Ansicht in aller Fülle leibhaftig in Dir wohnet und wirket.“
[GEJ.02_012,05]
Sage Ich: „Weil Ich geheim von dir das wohl wußte, aus welchem Grunde du so
ganz eigentlich Mich verleugnet hast, so kam Ich denn auch in deiner großen Not
wieder zu dir, um dir für eine lange Dauer zu helfen. Das ist aber auch der
eigentliche Grund, warum Ich außer euch beiden niemand sonst mitnahm. Wann es
aber an der Zeit sein wird, dann auch sollen sie den Grund erfahren. – Nun aber
sollst du Gottes Macht und Herrlichkeit sehen!“
[GEJ.02_012,06]
Hier neigte Ich Mich in die Gruft, in der die junge Sarah in Leinen gewickelt lag,
und sprach zu Jairus: „Siehe, es ist Nacht geworden, und das Lämpchen in der
Gruft gibt einen höchst matten Schein! Gehe zum Wächter dieses Schul- und
Bethauses und laß dir ein stärkeres Licht geben; denn wenn ihr das Leben
wiedergegeben wird, muß sie natürlich sehen, um der Gruft zu entsteigen.“
[GEJ.02_012,07]
Sagt Jairus: „O Herr, sollte das wohl möglich sein? Die Verwesung ist bei ihr
schon stark eingetreten! Aber ich glaube, daß bei Gott alles möglich ist, und
so werde ich sogleich mit einem stärkeren Lichte da sein!“
[GEJ.02_012,08]
Jairus eilt nun um ein stärkeres Licht, das er aber nicht so bald bekommen
kann, da dem Hauswächter das Feuer ausgegangen ist und er durch das starke
Reiben der zum Feuermachen geeigneten zwei Hölzer eine geraume Zeit zu tun
hatte, bis solche zu brennen begannen.
[GEJ.02_012,09]
Ich aber erwecke sogleich, als Jairus zur Tür hinaus war, die Sarah und hebe
sie aus der Gruft.
[GEJ.02_012,10]
Die Erweckte fragt Mich, noch wie ein wenig schlaftrunken: „Um Jehovas willen!
Wo bin ich denn nun? Was geschah mit mir? Ich befand mich erst in einem schönen
Garten mit vielen Gespielinnen, und nun bin ich plötzlich in dieser finstern
Kammer engen Raum versetzt worden!“
[GEJ.02_012,11]
Sage Ich: „Sei heiter und ruhig, Sarah! Denn siehe, Ich, dein Jesus, der Ich
dich noch vor etlichen Wochen kaum das erste Mal vom Tode zum Leben erweckte,
habe dich nun auch wieder vom Tode erweckt und gab dir nun ein festes Leben! Es
soll dich von nun an keine Krankheit mehr plagen, und wenn nach vielen Jahren
deine Zeit kommen wird, werde Ich Selbst dich, aus den Himmeln kommend, abholen
und Selbst dich führen in Mein Reich, das ewig kein Ende nehmen wird.“
[GEJ.02_012,12]
Als Sarah Meine Stimme vernimmt, da erst lebt sie vollends auf und sagt mit der
liebevollst freundlichsten Stimme von der Welt: „O Du einziger Geliebter meines
jungen Lebens und Herzens! Ich wußte es ja, daß der den Tod nicht zu fürchten
hat, der Dich allein über alles liebt! Aus übermächtiger Liebe zu Dir, meinem
ersten Lebensbringer, ward ich krank, weil ich von Dir nichts mehr erfahren
konnte, wohin Du gekommen seiest; und so ich fragte mit dem heißest liebenden
Herzen, wo Du seiest, da sagte man mir, um mich zu beruhigen durch die
offenbarste Tötung meines Gemütes, Du seiest gefangengenommen und als ein
Staatsverbrecher den scharfen Gerichten überantwortet worden! Das machte mein
Herz in meiner Brust brechen; ich ward bald sehr krank und starb zum zweiten
Male! – O wie endlos glücklich aber bin ich nun wieder, daß ich Dich, Du meine
einzige und höchste Liebe, wieder habe!
[GEJ.02_012,13]
Ich sagte ja auf dem Sterbebette: ,So mein einziger Jesus noch lebt, so wird Er
mich nicht verwesen lassen in der kalten Gruft!‘ – Und siehe da, es ist
geschehen, was mein Herz mir gesagt hat. Ich lebe vollauf wieder, und das in
den Armen meines geliebtesten Jesus! Aber von nun an soll auch nichts mehr mich
von Deiner göttlichen Seite zu trennen imstande sein! Als die geringste Deiner
Mägde will ich Dir folgen, wohin Du ziehen magst.“
[GEJ.02_012,14]
Während die Sarah noch also Mir ihr Herz entdecket, nähert sich endlich Jairus
mit einem Harzlichte der Gruftkammer. Ich aber sage zu ihr: „Siehe, dein Vater
Jairus kommt! Verbirg dich daher hinter dem Rücken des Faustus, damit er deiner
nicht sogleich ansichtig wird, was seiner Gesundheit schaden würde! Wann Ich
dich aber rufen werde, dann tritt schnell hervor mit heiterem und fröhlichem
Antlitze, und es wird ihm dann solcher Anblick nicht schaden!“ – Sarah befolgt
solchen Rat sogleich, und Jairus tritt im Momente in die Kammer, als Sarah sich
hinter dem Rücken des Faustus recht wohl versteckt hatte.
[GEJ.02_012,15]
Jairus entschuldigte sich, mit dem verlangten Lichte so lange ausgeblieben zu
sein.
[GEJ.02_012,16]
Ich aber sage: „Hat nichts zur Sache! Denn übers Mögliche hinaus kann niemand
sündigen, und wer einmal tot ist, wird in einer schwachen Viertelstunde nicht
toter, sondern eher lebendiger, wenn die Bedingungen zum Leben noch irgend
vorhanden sind!“
[GEJ.02_012,17]
Sagt Jairus: „Nun, Herr, wenn ein armer Sünder es auch wagen darf, Dich zu
bitten, so wolle nun Deine Gnade nicht mir Unwürdigem, sondern der Dich sicher
über alles liebenden Sarah erweisen!“
[GEJ.02_012,18]
Sage Ich: „Aber eine Bedingung und einen Grund sage Ich dir darin, daß Ich sie
nimmer erweckte für dich, sondern rein nur für Mich! Sie wird von nun an Mir –
und nicht dir folgen; willst aber auch du Mir folgen von Zeit zu Zeit, da
sollst du in der Nähe deiner Tochter sein!“
[GEJ.02_012,19]
Sagt Jairus: „Es geschehe alles, was Du willst, wenn mein einziges Kind nur
wieder ins Leben zurückgerufen werden könnte!“
[GEJ.02_012,20]
Sage Ich: „Nun denn, so leuchte hinein in die offene Gruft!“
[GEJ.02_012,21]
Jairus tritt seufzend hin zum Rande der Gruft und schauet und schauet – und
sieht sonst nichts als die Leinen und die Kopftücher und Bindebänder auf einen
Haufen zusammengedrückt. Als er die tote Tochter nimmer erschaut, wird er
traurig und fragt Mich, sagend: „Herr, was ist denn da vor sich gegangen? Der
Geruch ist wohl noch da, aber sonst nichts! Hat denn jemand die Leiche
gestohlen? Warum nahm er denn nicht auch die Tücher und Bänder?“
[GEJ.02_012,22]
Sage Ich: „Weil die nunmehr Lebendige dergleichen nicht mehr bedarf!“
[GEJ.02_012,23]
Jairus schreit vor Entzückung, die plötzlich seinen Schmerz besiegt hatte:
„Wie?! – Was?! – Wo ist denn die wieder lebende Sarah?“
[GEJ.02_012,24]
Rufe Ich: „Sarah! – Tritt hervor!“
[GEJ.02_012,25]
Plötzlich trat nun die wunderschöne Sarah hinter dem Rücken des Faustus hervor
und sagte mit ganz gesunder und lauter Stimme: „Hier bin ich, vollauf lebendig
und gesund! Aber nun nicht mehr dir, sondern allein Jesu, dem Herrn,
angehörend! Denn die Liebe meines Herzens zu Jesu, dem Herrn über Leben und
Tod, die man mir zur gröbsten Sünde zu machen sich alle Mühe gab, hat meinen
schwachen Leib zum zweiten Male getötet! Aber eben diese mächtige Liebe hat ihm
nun wieder das Leben gegeben! Und siehe, Vater Jairus, du heißest mich deine
Tochter, da du mir doch nur einmal das Leben gegeben hast! Was ist nun Der zu
mir, und ich zu Ihm, der mir volle zwei Male das Leben gegeben hat? Wer von
euch beiden ist nun mehr mein rechter Vater?“
[GEJ.02_012,26]
Sagt Jairus: „Du hast recht! Offenbar Der, der dir zwei Male das volle Leben
wiedergegeben hat, und ich kann da nimmer deiner Liebe entgegentreten! Folge du
von nun an vollkommen deinem Herzen, und ich werde dir samt deiner Liebe auch
folgen von Zeit zu Zeit! Bist du damit zufrieden, die du mir alles warst auf
dieser Erde und nun wieder nächst Jesu, dem Herrn, alles bist?“
[GEJ.02_012,27]
Sagt Sarah: „Ja, Vater Jairus, damit bin ich vollauf zufrieden!“
[GEJ.02_012,28]
Sage Ich: „Und Ich auch! Aber nun begeben wir uns in Mein Haus! Allda wartet
ein gutes Abendmahl unser, und Meine Tochter Sarah muß nun vor allem eine gute
Stärkung zu sich nehmen; denn ihr neubelebter Leib braucht nun recht wohl eine
recht gute Nahrung. Daher gehen wir nun behende von hier!“
13. Kapitel
[GEJ.02_013,01]
Jairus deckt nun die Gruft zu und verschließt hinter uns wohl die Tür, durch die
man zur Gruftkammer und endlich in die Gruft selbst gelangen konnte, und geht
dann mit uns. Aber etwa bei siebzig Schritte außerhalb dieses Schul- und
Bethauses befindet sich die kleine Wohnung des Aufsehers und Wächters, bei dem
Jairus ehedem das Licht geholt hatte.
[GEJ.02_013,02]
Da der zunehmende Mond den Abend etwas erleuchtete, so bemerkte der Wächter nur
zu bald das Töchterchen des Jairus, das im weißen Schleppgewande an Meiner
Seite ganz munter einherging. Voll Entsetzen fragte er den Jairus: „Was ist
denn das?! Was seh' ich?! Ist das nicht Sarah, euer verstorbenes Töchterchen?!
– War sie denn auch diesmal scheintot?“
[GEJ.02_013,03]
Sagt Jairus: „Sei es nun wie es wolle! Du hast hier nicht zu fragen, sondern
über alles, was du hier siehst, völlig zu schweigen, ansonst du des Dienstes
verlustig würdest! Das aber präge dir tief ein in dein Gemüt und denke, fasse
und begreife, daß bei Gott alle Dinge gar leicht möglich sind! Aber es gehört
dazu ein voller Glaube und ein lebendiges Vertrauen! – Hast du es verstanden?“
[GEJ.02_013,04]
Sagt der Wächter: „Ja, höchstwürdiger Herr!“
[GEJ.02_013,05]
Sagt darauf Jairus: „In Zukunft bleibe mir vor allem mit derlei ehrbezeigenden
Ausdrücken vom Halse und rede mit mir wie mit deinem Bruder! Jetzt aber, da du
keine Leiche mehr zu bewachen hast, eile nach Kapernaum und erzähle, was du nun
gesehen, dort niemandem, auch meinem Weibe nicht! Sage aber, daß sie sich mit
dir, so es möglich ist, alsogleich nach Nazareth und daselbst ins Haus Josephs
begeben möchte; denn ich hätte gar wichtige Dinge mit ihr zu besprechen! Nehmet
ein paar gute Maultiere, auf daß ihr schneller nach Nazareth ins Haus des
Zimmermanns kommet!“
[GEJ.02_013,06]
Der Wächter, der selbst im Besitze eines schnelltrabenden Esels ist, zäumt und
sattelt eiligst das Tier, eilt damit nach Kapernaum und entrichtet dort dem
Weibe des Jairus die aufgegebene Botschaft. Das traurige Weib erhebt sich
schnell und folgt dem Boten. Die Esel laufen gut, und in knapp einer Stunde
sind beide in Nazareth im Hause Meiner Leibesmutter Maria, die nun wieder ganz
heiter ist, daß sie das alte Häuschen Josephs ihr eigen nennen darf. Als des
Jairus Weib ins Zimmer tritt, in dem wir uns soeben bei einem recht guten
Abendmahle befinden, das diesmal der Freund Borus bestellt hatte, ersieht sie
alsbald ihre Sarah, die gar fröhlich und munter und dabei besten Aussehens an
Meiner Seite einen guten, grätenlosen Fisch mit Salz, Öl und etwas Weinessig
mit größtem Appetit verzehrt.
[GEJ.02_013,07]
Das Weib traut seinen Augen kaum und sagt nach einer Weile, dem Jairus auf die
Achsel klopfend: „Jairus, mein Gemahl, hier steht dein trauriges Weib, um das
du gesandt hast deinen Boten mit dem Auftrage, als hättest du wichtige Dinge
mit mir zu besprechen! Aber ich erschaue bereits die Wichtigkeit aller
Wichtigkeiten! Sage mir, Mann! Träume ich nun, oder ist es Wirklichkeit? Ist
das Mädchen, das bei Jesus sitzt und gar so gut aussieht, nicht das lebendigste
Ebenbild unserer verstorbenen, allerliebsten Sarah? – O Jehova, warum denn hast
du mir die Sarah genommen!?“
[GEJ.02_013,08]
Sagt Jairus, selbst ganz ergriffen, zu seinem Weibe: „Sei getrost, du mein
stets gleich geliebtes Weib! Dies Mädchen sieht nicht nur unserer allerliebsten
Sarah auf ein Haar gleich, sondern sie ist es vollernstlich selbst! Der
göttlichen Geistes vollste Herr Jesus hat sie nun zum zweiten Male erweckt, wie
Er sie erst vor wenigen Wochen vom Tode erwecket hatte. Daß sie nun gar so gut
aussieht, das macht Seine unbegreifliche, offenbarste Gotteskraft. Störe sie
aber nun in ihrer Eßlust nicht; denn sie hat nun wohl schon lange gefastet!“
[GEJ.02_013,09]
Sagt das Weib, sich vor Verwunderung und Freude kaum fassen könnend: „Sage mir
nun, du weiser Meister in Israel, was du nun von diesem Jesus hältst! Mir kommt
es immer mehr und mehr vor, daß Er denn doch, trotz Seiner niederen Geburt,
dennoch der verheißene Messias ist!? Denn solche Taten hat noch nie irgendein
Prophet, geschweige irgendein anderer Mensch, verrichtet!“
[GEJ.02_013,10]
Sagt Jairus: „Ja, ja, es ist also! Aber es heißt die tiefste Verschwiegenheit
beachten, indem Er es Selbst also haben will; denn wenn das zu sehr ruchbar
würde, hätten wir alsbald ganz Jerusalem und Rom am Halse, und so Er nicht mit
Seiner göttlichen Macht sich entgegensetzte, so sähe es für uns alle übel aus!
Darum, Weib, sei verschwiegen wie eine Festungsmauer! Sarah wird aus dem
Grunde, um den göttlichen Meister mit ihrer Erscheinung nicht zu verraten und
in ihrer Gesundheit für bleibend fest zu werden, wenigstens ein volles Jahr
unter der Aufsicht und Leitung entweder Seiner Selbst oder zum wenigsten Seiner
lieben, überaus weisen Mutter Maria verbleiben, und wir werden sie nur
abwechselnd von Zeit zu Zeit besuchen. Im Grunde des Grundes haben wir beide
auch eben kein zu besonderes Recht mehr auf sie; denn nur ein miserables,
krankheitsvolles Leben haben wir ihr durch unsere stumme Lust gegeben und
wußten, als wir uns beschliefen, nicht, was aus unserem Akte wird. Es ward uns
diese himmlische Sarah gegeben, die von Gott aus wohl mit der gesundesten Seele
begabt ward, von uns aus aber mit einem schwachen, kranken Leibe! Zwei Male ist
sie uns gestorben und wäre für uns auf dieser Erde für ewig verloren gewesen!
Er aber gab ihr beide Male ein neues, gesundes Leben! – Es fragt sich hernach,
wer nun mehr ihr Vater und ihre Mutter ist, – Er, oder wir beiden armen
Sünder!“
[GEJ.02_013,11]
Sagt Sarahs Mutter: „Ja, du bist weise, kennst das Gesetz und alle die
Propheten; daher hast du in allen Dingen allzeit recht, mir aber ist es schon
eine überhimmlische Seligkeit, daß sie wieder lebt und wir das Glück haben, sie
nur dann und wann zu sehen und zu sprechen.“
[GEJ.02_013,12]
Sagt Jairus: „Nun seien wir ruhig; denn das Mahl ist zu Ende, und vielleicht
wird Er etwas sprechen!“
[GEJ.02_013,13]
Ich aber berufe den Faustus und sage zu ihm: „Freund und Bruder, sehr leid ist
es Mir, daß du heute nicht bei Mir übernachten kannst; aber dich erwarten große
Geschäfte zu Hause, und so muß Ich dich für ein paar Tage entlassen. Aber nach
ein paar Tagen komme wieder hierher! Sollte von Mir irgend die Rede sein, da
weißt du, was du zu reden haben wirst!“
[GEJ.02_013,14]
Sagt Faustus: „Herr, Du kennst mich besser denn ich mich selbst! Darum magst Du
Dich wohl auf mich verlassen; denn ein schwaches Rohr ist ein geborener Römer
nicht, daß die Winde mit ihm ihr loses Spiel trieben! Wenn ich Ja sage, da
bringt auch der Tod kein Nein aus mir heraus! Nun aber gehe ich; mein Maultier
ist noch gesattelt und gezäumt, und in einer kleinen Stunde bin ich schon an
Ort und Stelle. In Deinem Namen, o mein größter Freund Jesus, wird mein mich
erwartendes Geschäft wohl sein gutes Ende finden. Deiner alleinigen Liebe,
Weisheit und göttlichen Macht empfehle ich mich ganz!“ Mit diesen Worten
empfiehlt sich Faustus, schnell zur Türe hinausstürzend.
[GEJ.02_013,15]
Darauf tritt Sarahs Mutter zu Mir und dankt Mir, mit tief zerknirschtem Herzen
bekennend, wie sehr sie solch einer unerhörten Gnade unwürdig sei.
[GEJ.02_013,16]
Ich aber vertröste sie und sage zur Sarah: „Mein Töchterchen, siehe hier deine
Mutter!“
[GEJ.02_013,17]
Hier erst erhebt sich Sarah behende und begrüßt die Mutter überaus freundlich,
bemerkt aber sogleich hinzu, daß sie nun bei Mir bleiben werde; denn sie liebe
Mich zu sehr, um sich von Mir trennen zu können! Die Mutter wie auch der Oberste
Jairus beloben darum das liebe Töchterchen sehr und ersuchen sie aber doch auch
zugleich, daß sie ihrer nicht ganz und gar vergessen möchte! Und Sarah gibt
beiden die treuherzigste Versicherung, daß sie sie nun mehr liebe als je
früher. Damit waren denn auch beide über die Maßen zufrieden, wurden ruhig und
liebkosten ihre Tochter.
14. Kapitel
[GEJ.02_014,01]
Es trat aber nun der Grieche Philopold aus Kana in Samaria zu Mir und sagte:
„Herr, über drei Tage bin ich nun schon bei Dir und konnte noch keinen
Augenblick gewinnen, um mit Dir über das zu sprechen, wie ich auf Dein Geheiß
alles nach Deinem Willen in die Ordnung gebracht habe, und wie nun durch meine
Predigt, die ich ihnen nach Deinem Abgange von Kana gehalten habe, alle zum
Glauben an Dich übergegangen sind. Jetzt scheinst Du Muße zu haben; so wolle
denn doch auch mich ein wenig anhören!“
[GEJ.02_014,02]
Sage Ich: „Mein sehr schätzbarer Freund Philopold! Kannst du wohl annehmen, daß
Ich dich nicht schon lange um dies oder jenes, Kana betreffend, gefragt hätte,
so Ich nicht genau wüßte, wie die Sachen stehen? – Da siehe an Meine Brüder
alle! Wieviel rede Ich denn mit ihnen? Viele Tage kein Wort äußerlich, aber
desto öfter innerlich geistig durch ihr Herz; und sieh, es steht keiner auf,
daß er Mich fragte: ,Herr, warum redest Du mit mir denn nicht?‘ Ich sage dir,
wie Ich schon lange zu allen gesagt habe: Ich nehme nicht Jünger an deshalb,
daß Ich mit ihnen plaudern solle für nichts und wieder nichts, sondern daß sie
hören Meine Lehre und Zeugen seien von Meinen Taten! Denn was sie wissen, das
alles weiß Ich schon lange vorher, und was sie besonders wissen wollen,
verkündige Ich ihnen im Augenblicke der Notwendigkeit durch ihr Herz. Und wenn
so, da frage dich selbst, wozu es da für Meine eingeweihten Jünger noch einer
täglichen äußeren Beredung bedürfen sollte! Du aber bist nun auch Mein Jünger
und mußt dir darum solche Einrichtung in Meiner Schule schon gefallen lassen.
[GEJ.02_014,03]
Mit andern Menschen aber, die nicht Meine nächsten Jünger sind, muß Ich
freilich äußerlich Worte wechseln; denn diese würden Mich in ihrem sehr
weltlichen Herzen nicht vernehmen und noch weniger verstehen. Ich rede aber
dennoch auch mit Meinen Jüngern, wenn es Zeit und Umstände verlangen,
äußerlich; aber da geschieht solches nicht der Jünger wegen, sondern derer
wegen, die keine Jünger sind! – Sage Mir, ob du solches begriffen hast!“
[GEJ.02_014,04]
Sagt Philopold: „Ja, Herr, nun ist mir Deine Gnade so klar wie die Sonne eines
hellsten Mittags, und ich danke Dir für solche Deine allerliebfreundlichste
Aufklärung! Aber, Herr, wenn ich nun diese überherrliche, schönste Sarah
betrachte, die sich mit ihrer außerordentlichen Schönheit mit jedem Engel im
Himmel messen könnte, so kommt es mir beinahe unmöglich vor, daß sie im Grabe
je eine Sekunde soll gelegen sein! Denn solch eine Lebensfrische ist mir noch
nie untergekommen! Und doch ist es wahr, daß Du sie zweimal vom Tode erweckt
hast! Nun drängt es mich gar gewaltig im Herzen, von Dir zu erfahren, wie Dir
solches zu bewirken möglich sein kann!“
[GEJ.02_014,05]
Sage Ich halblaut zu ihm: „Ich meine, du hast es doch zu Kana hinreichend
erfahren, wer Ich bin!? Weißt du aber das, da fragt es sich doch sehr gewaltig,
wie du darum fragen kannst, wie Ich einen toten Menschen wieder beleben könnte!
Sind denn nicht Sonne, Mond und alle Sterne, so wie diese Erde, aus Mir
hervorgegangen, und habe nicht Ich diese Erde bevölkert mit zahllosen
lebendigen Geschöpfen? So Ich ihnen aber im Anfange Dasein und ein
selbständiges Leben geben konnte, wie sollte Mir das nun mit einem Mägdlein
unmöglich sein, was Mir mit zahllosen Wesen von Ewigkeit zu Ewigkeit möglich
ist? Wenn du aber solches weißt und bist darüber sogar von einem Engel belehret
worden, wie magst du dann noch fragen?
[GEJ.02_014,06]
Siehe, ein jeder Stein sogar, an dem du dich mit deinem Fuße gar gewaltig
stoßen kannst, wird nur durch Meinen Willen erhalten; ließe Ich ihn einen
Augenblick aus Meinem alles schaffenden und erhaltenden Willen, so träte er
auch im selben Augenblick völlig aus dem Dasein.
[GEJ.02_014,07]
Du kannst zwar den Stein zerstoßen, kannst ihn mit starkem Feuer sogar gänzlich
in eine Luftart auflösen, wie solches lehrt die geheime Apothekerkunst; aber
das alles kann mit dem Steine und mit jeder andern Materie nur geschehen, weil
Ich solches zum Nutzen und Frommen der Menschen zulasse. Ließe Ich es nicht zu,
so könntest du auch den kleinsten Stein ebensowenig von der Stelle heben wie
einen Berg. Du kannst einen Stein auch in die Höhe werfen, und er wird je nach
dem Maße deiner Kraft und Wurfgeschicklichkeit eine ganz ansehnliche Höhe
hinauffliegen; aber wenn er eine gewisse, der Wurfkraft angemessene Höhe
erreicht hat, so wird er dann alsbald wieder zur Erde herabfallen. Und siehe,
das ist alles Mein Wille und Meine Zulassung bis auf einen gewissen Grad, wo es
heißt: ,Bis hierher nur und nicht weiter!‘
[GEJ.02_014,08]
Ein Steinwurf zeigt dir ganz handgreiflich, wie weit des Menschen Kraft und
Wille reicht. Einige Augenblicke Zeit, – und der schwache Wille des Menschen wird
von dem Meinen ergriffen und zurückgetrieben zu der von Mir von Ewigkeit her
bestimmten Ordnung, die bis auf ein Sonnenstäubchen Gewicht abgewogen ist durch
die ganze ewige Unendlichkeit! Wenn aber solches alles rein nur von Meinem
Willen und von Meiner Zulassung abhängt, wie sollte es Mir dann etwa nicht
möglich sein, ein verstorbenes Mägdlein wieder beleben zu können?
[GEJ.02_014,09]
Gehe aber hinaus und bringe Mir ein Stück Holz und einen Stein, und Ich will
dir zeigen, wie Mir alle Dinge möglich sind durch die Kraft des Vaters in Mir!“
[GEJ.02_014,10]
Philopold bringt sogleich einen Stein und ein ganz morsches Stück Holz. Und Ich
sage zu ihm, immer halblaut redend: „Siehe, Ich hebe den Stein und stelle ihn
in die freie Luft, und sieh, er fällt nicht! Versuche du ihn aber aus dieser
Lage zu schieben!“ – Philopold versucht es; aber der Stein läßt sich nicht um
ein Haar verrücken.
[GEJ.02_014,11]
Ich aber sage: „Nun aber werde Ich es zulassen, daß du den Stein nach Belieben wirst
verrücken können; aber so du ihn freilassen wirst, da wird er alsbald wieder
diese Stelle einnehmen und wird sich nach einigen Schwingungen oder plötzlich
an dieser gegebenen Stelle festhalten!“
[GEJ.02_014,12]
Sagt Philopold: „Herr, diese Probe unterlasse; denn mir genügt Dein heilig
Wort!“
[GEJ.02_014,13]
Sage Ich: „Nun gut; Ich will aber nun, daß dieser Stein zunichte werde und dies
Holz grüne und zum Vorscheine bringe Blätter, Blüte und Frucht nach seiner
Art!“ – Der Stein wird darauf unsichtbar, und das alte Holz wird frisch, grünt,
treibt alsbald Blätter, Blüte und am Ende die reife Frucht, und zwar etliche
Feigen, da das Holz einst einem Feigenbaume angehört hatte.
[GEJ.02_014,14]
Alles wird nun auf Mich und den Philopold aufmerksam; denn die meisten Jünger
haben schon geschlummert. Jairus und dessen Weib aber konnten sich an ihrer
Tochter nicht satt kosen. Ich und Philopold aber haben unsere Experimente auf
einem abseitigen kleinen Tische unter einer schon etwas schwachen
Lampenbeleuchtung vorgenommen und wurden daher von Hunderten nicht bemerkt;
aber als sich Philopold etwas stark zu verwundern begann, da wurde freilich
bald eine Menge darauf aufmerksam. Aber Ich empfahl ihnen Ruhe, und alles ward
wieder ruhig.
[GEJ.02_014,15]
Ich aber befahl wieder dem Steine, daß er sei, und er lag wieder auf dem Tische
und ließ aber den Feigenast mit den Früchten, die am Morgen Meine Sarah mit
großer Lust verzehrte.“
[GEJ.02_014,16]
Ich fragte aber dann den Philopold, ob er nun im klaren sei. Und er verneigte sich
tiefst und sagte: „Herr, nun bin ich ganz zu Hause!“
[GEJ.02_014,17]
Und Ich sagte: „Gut, und so begeben wir uns zur Ruhe!“
15. Kapitel
[GEJ.02_015,01]
Es begab sich denn auch Philopold zu der von Mir gebotenen Ruhe. Aber natürlich
hatte er eben nicht einen besonderen Schlaf, da die Ereignisse des Tages sein
Gemüt zu sehr in Anspruch nahmen; zudem waren die Lager auch eben nicht bestens
bestellt, da die Pfandnehmer bis auf etwas weniges Stroh nahezu alles in
Empfang genommen hatten und wir daher nur das buchstäblich leere Haus antrafen.
Es waren während der Zeit der Wiedererweckung der Sarah Borus, Meine Brüder und
viele andere Jünger wohl sehr beschäftigt, Lager, Tische, Bänke, Küchen- und
Tischgeräte in entsprechender Anzahl ins Haus zu schaffen; aber für etliche
hundert Menschen, von denen freilich viele teils im Freien und teils in andern
Häusern Herberge nahmen, war es dennoch für die Kürze auf natürlichen Wegen
nicht möglich, auch nur das Nötigste zu besorgen.
[GEJ.02_015,02]
Und so brachte Ich Selbst diese Nacht auf einer Bank mit ein wenig Stroh unter
dem Haupte zu – und Philopold gar am Fußboden ohne Stroh. Er war darum morgens
auch einer der ersten auf den Füßen; und als ihn Jairus, der mit seinem Weibe
und der Tochter Sarah ein ziemlich gutes Strohlager hatte, fragte, wie er am
harten Boden doch geruht habe, so sagte
[GEJ.02_015,03]
Philopold: „Wie des Bodens Eigenschaft es zuläßt! Aber es kommt alles auf die
Angewöhnung an; in einem Jahre würde sich der Leib sicher mehr damit befreunden
als in einer Nacht!“
[GEJ.02_015,04]
Sagt Jairus: „Hättest du mir doch etwas gesagt! Wir hatten Stroh in Menge!“
[GEJ.02_015,05]
Sagt Philopold: „Da sieh den Herrn an! Dem alle Himmel und alle Welten
gehorchen, und alle Engel auf Seinen Willen sehen! Sein Lager ist nicht um ein
Haar besser, als da war das meinige!“
[GEJ.02_015,06]
Sagt Jairus, in dem noch eine starke Portion Pharisäismus steckt: „Freund,
sagst du da denn doch nicht vielleicht ein bißchen zu viel? Es ist wohl nicht
zu leugnen, daß dieser Jesus voll des göttlichen Geistes ist, mehr als je ein
Prophet vom selben Geiste erfüllt war – denn Seine Taten überrragen himmelhoch
all die Taten Mosis, des Elias und aller andern großen und kleinen Propheten;
aber daß in Ihm gerade alle Fülle der Gottheit vorhanden sein soll, scheint mir
dennoch eine zu gewagte Annahme! Die Propheten haben auch Tote erweckt durch
den göttlichen Geist, dessen sie voll waren; nur haben sie es nie gewagt, sich
selbst, sondern allzeit nur Gott das Gelingen zuzuschreiben. Denn hätten sie
das Gelingen sich zugeschrieben, da wären sie zu groben Sündern wider Gott
geworden, und Gott hätte ihnen den Geist genommen. Aber Jesus tut alles wie aus
Sich und wie ein Herr, – und das ist wohl, was für deine gewagte Annahme
spricht, und ich bin in gewisser Hinsicht vollends deiner Meinung; aber wie
gesagt: mit aller Vorsicht! Denn es könnte solches auch eine uns prüfende
Zulassung von oben sein, in der wir uns bewähren müßten, ob wir wohl allein an
einen Gott glauben! Aber wenn in Jesus im Ernste alle Fülle der Gottheit
wohnte, da freilich müßten wir unter jeder Bedingung Sein Zeugnis als für ewig
wahr annehmen! – Welcher Meinung bist du nun?“
[GEJ.02_015,07]
Sagt Philopold: „Ich bin vollkommen der letzteren Meinung und glaube, daß Sein
Zeugnis über die Fülle der Gottheit in Ihm völlig wahr ist! Er ist es – und
kein anderer außer Ihm!
[GEJ.02_015,08]
Es läßt sich die Sache besonders in dieser unserer wundertätigen Zeit schwer
erklären, da man immer sagen kann: ,Ich habe dort und dort Magier gesehen, die
wahrlich außerordentliche Taten verübten, und die alten Propheten haben auch
Tote erweckt, – ja einer hatte sogar einen Haufen Totengebeine mit Fleisch
umgeben und belebt, und so sind Wundertaten noch lange kein Beweis, laut dessen
man einen Wundertäter für einen Gott anpreisen soll!‘
[GEJ.02_015,09]
Aber hier mit Jesus, dem Herrn, ist es ein ganz anderes! Bei allen Propheten
mußten anhaltende Gebete und Fasten einer Wundertat vorangehen, bis Gott sie
für würdig hielt, eine Wundertat durch sie verrichten zu lassen; die Magier
müssen einen Zauberstab haben und eine Menge anderer Zeichen und Formeln, und
dazu haben sie noch eine Menge Salben, Öle, Wässer, Metalle, Steine, Kräuter
und Wurzeln bei sich, deren verborgene Kräfte sie wohl kennen und solche bei ihren
Produktionen in Anwendung bringen; – aber wo hat je jemand bei Jesus, dem
Herrn, so etwas gesehen!? Vom Beten und Fasten keine Spur, wenigstens die kurze
Zeit hindurch, da ich die Gnade habe, Ihn zu kennen; von einem Zauberstab und
all den andern magischen Mitteln ist noch weniger etwas anzutreffen!
[GEJ.02_015,10]
Dabei haben alle Propheten, einer wie der andere, in einer stets gleichen
geheimen Bildersprache geredet und geschrieben, und wer nicht aus ihrer Schule
war, konnte sie unmöglich verstehen! Ich bin zwar ein Grieche; aber mir ist
deshalb eure Schrift nicht unbekannt, und ich kenne Moses und alle eure
Propheten! Wer die durchgehends versteht, der muß wahrlich von besonderen
Eltern herstammen!
[GEJ.02_015,11]
Jesus aber spricht die verborgensten Dinge in einer solchen Klarheit aus, daß
sie nicht selten ein Kind fassen muß! Er erklärte die Schöpfung, und ich
glaubte beinahe schon, selbst eine Welt erschaffen zu können! Wo ist denn der
Prophet und wo der Meister aller Zauberer, daß er führe eine Sprache wie
Jesus?!
[GEJ.02_015,12]
Wer hat noch je eine Silbe von dem verstanden, was der Magier bei seinen
Produktionen spricht? In ihren Reden herrscht die dickste Nacht, und in den
Reden der Propheten dämmert es wohl hie und da; aber es kennt bei ihrem schwachen
Dämmerlichte sich noch niemand aus, was es sei, das er dreißig Schritte vor
sich stehen sieht. Hier aber ist alles Sonnenlicht am hellsten Mittage! Was Er
spricht, ist alles tiefste göttliche Weisheit, – aber hell und klar vor nahe
jedes Menschen Verstand; und was Er will, das geschieht in einem Augenblick!
[GEJ.02_015,13]
Wenn es denn aber sich mit Jesus wahr auf ein Haar so verhält, da weiß ich dann
wahrlich nicht, aus was für einem Grunde ich noch irgendein Bedenken tragen
sollte, Ihn als den unleugbarsten Herrn Himmels und der Erde anzuerkennen, Ihn
zu lieben über alle Maßen und Ihm allein zu geben alle Ehre!?
[GEJ.02_015,14]
Da sieh her auf den Tisch! Dieser sehr frische Feigenast mit einer Menge
vollreifer Früchte ist eine lebendige Erklärung, die Er mir gestern gab, als
ich Ihn, während ihr schon schliefet, fragte, wie es Ihm denn doch möglich sei,
völlig Tote zu erwecken. Er verlangte einen schon ganz morschen, also vollends
toten Zweig. Ich brachte, was mir in der Nacht zunächst in die Hände fiel. Er
rührte das morsche Holz gar nicht an, sondern gebot es bloß, und das morsche
Holz fing an zu grünen, zu blühen – und hier hast du die reifen Früchte! Nimm
und gib sie der allerliebsten Sarah; sie wird sich wohl erlaben daran!“
16. Kapitel
[GEJ.02_016,01]
Jairus weckt die Sarah, die ohnehin schon wach zu werden begann, und überreicht
ihr den reichen Zweig, die daran eine große Freude hat und aber auch sogleich
in die vollreifen und honigsüßen Früchte beißt und sie verzehrt. Als sie alle
verzehrt hat, werde Ich wach auf Meiner Bank.
[GEJ.02_016,02]
Sarah ist wohl die erste, die Mir einen allerherzlichsten Morgengruß bietet,
und Ich frage sie, wie ihr die Feigen geschmeckt haben. Und sie sagte voll
Freude: „Herr, die waren himmlisch gut und süß wie Honig! Philopold, Dein
Freund, gab sie mir in Deinem Namen, und ich verzehrte sie alle; denn sie waren
gar zu gut! Du hast sie sicher für mich hergeschafft!?“
[GEJ.02_016,03]
Sage Ich: „Meine allerliebste Sarah! Jawohl, für dich; denn du warst die
Ursache, der zufolge Ich gestern in der Nacht, um dem Freunde Philopold zu
zeigen, wie Ich die Toten erwecke, einen ganz faulen Feigenast belebte, auf daß
er für dich, Meine geliebte Sarah, noch einmal trüge süße Früchte, und du hast
darum sehr wohl getan, daß du sie verzehrtest; denn sie werden dir eine
dauernde Gesundheit vermehren! – Jetzt aber begeben wir uns sogleich ins Freie,
bis die Zimmer geräumt und gereinigt sind, dann werden wir ein Morgenmahl
nehmen und uns dann zum Geschäfte des Tages wenden!“
[GEJ.02_016,04]
Auf diese Worte begibt sich alles mit Mir ins Freie und genießt da den heiteren
und kristallklaren Morgen; und alle waren erbaut von dem schönsten Morgen.
[GEJ.02_016,05] Es
trat aber Jairus zu Mir und sagte: „Herr, meines Dankes soll nimmerdar ein Ende
sein! Ehe ich mich je wider Dich sollte verleiten lassen, werde ich meine
Stelle niederlegen und ein eifrigster Nachfolger Deiner heiligen Lehre sein;
und Philopold soll mein Freund bleiben mein Leben lang; denn erst ihm habe ich
das wahre Licht über Dich zu verdanken. Ein Grieche zwar ist er; aber er ist in
unserer Schrift tüchtiger denn ich und all die Schriftgelehrten von ganz Judäa,
Galiläa, Samaria und Palästina! Kurz, ich bin nun über Dich ganz im klaren, und
es ist in der Tat also, wie ich es mir oft schon ganz heimlich gedacht habe.
Ich aber muß nun von hier nach Kapernaum, allwo Geschäfte meiner harren. Dir
aber empfehle ich denn auf eine Dir genehme Zeit Mein Weib und die Tochter
Sarah! Denn besser als bei Dir wären sie auch im Himmel nicht aufgehoben! Wenn
ich aber abends abkommen kann, so werde ich wohl mit Faustus und Kornelius,
vielleicht auch mit dem alten Cyrenius, der etwa heute nach Kapernaum kommen
soll, hierher kommen! Und so denn empfehle ich mich Deiner Liebe, Geduld und
Gnade.“ – Darauf empfiehlt er sich bei seinem Weibe und der lieben Sarah, läßt
sich darauf seine scharftrabenden Maulesel vorführen, besteigt das stärkste
Tier und eilt mit großer Schnelligkeit davon.
[GEJ.02_016,06]
Ich aber berufe nun alle wieder zum Morgenmahle, und wir begeben uns in die
geräumten und gereinigten Zimmer, allwo ein von Borus bereitetes gutes Mahl
unser wartete.
[GEJ.02_016,07]
Nach dem Mahle ruft Mich Borus auf die Seite und sagt: „Mein allerinnigst
geliebter Freund! Ich weiß, daß Du schon lange wissen kannst, was ich mit Dir
insgeheim besprechen möchte; aber es gibt unter Deinen Jüngern einige, die es
nicht zu wissen brauchen meiner Ansicht nach, was wir da miteinander zu reden
haben, und ich habe Dich bloß darum auf die Seite gebeten!“
[GEJ.02_016,08]
Sage Ich: „Wäre eigentlich gar nicht nötig; denn das, was du Mir hier erzählen
willst, habe Ich in Kis den Jüngern umständlich erzählt und darüber Mein Lob
offen ausgesprochen. Sie wissen alles, und wir brauchen daher vor ihnen kein
Geheimnis zu machen.“
[GEJ.02_016,09]
Sagt Borus: „Ah, wenn so, da rede ich ganz offen!“
[GEJ.02_016,10]
Wir kehren darum wieder zu der Gesellschaft zurück, und Ich sage zum Borus:
„Mein allerliebster Freund! Was du Mir sagen willst, weiß Ich, und alle die
Jünger wissen es auch, und wir betrachten daher die Sache als abgetan. – Du
hast aber als ein Grieche, der du das Judentum nur frei bekennst, aber nicht
unterm Gesetze der Juden stehst, auch mit all den Pharisäern leicht reden;
wärest du aber ein wirklicher Jude durch die Beschneidung und das Gesetz, da
hättest du deiner Zunge einen starken Zaum anlegen müssen. Aber es war also
recht, wie du geredet hast, und so lassen wir die Sache nun in den Sand
geschrieben sein. – Nun aber führe Mich in die Schule von Nazareth! Ich werde
das Volk lehren, auf daß es erkenne, um welche Zeit es nun sei!“ (Matth.13,54).
[GEJ.02_016,11]
Fragt die Mutter Maria, ob Ich mittags nach Hause kommen werde.
[GEJ.02_016,12] Sage
Ich: „Sorge dich nicht, ob ich komme; es ist genug, daß Ich alle Sorge auf Mich
nehme! Am Abend aber werde Ich kommen.“
[GEJ.02_016,13]
Fragt die Sarah, ob sie mit Mir gehen dürfe in die Schule.
[GEJ.02_016,14]
Sage Ich: „Allerdings, gehe du nur, obschon nach dem Gesetze das Weib die
Schule nicht betreten soll in männlicher Gesellschaft. Es soll aber nun alles
anders werden; denn es hat das Weib gleichwie ein Mann das volle Recht auf
Meine Liebe und Gnade, die von Gott dem Vater ausgeht durch Mich. Und so gehe
du nur ganz heiter, fröhlich und voll Zuversicht mit, und lerne in der Schule
mit erkennen, um welche Zeit es nun sei, – und so gehen wir! Du, Sarah, aber
bleibst an Meiner Seite und wirst Mir dienen als ein kräftiger Zeuge! Darum
behalte auch dies Grabkleid an deinem Leibe; denn auch das Kleid wird Mir ein
Zeuge sein! – Nun aber gehen wir!“
[GEJ.02_016,15]
Auf diese Meine Worte begeben wir uns sogleich in die Schule.
17. Kapitel
[GEJ.02_017,01]
Als Ich in die Schule trete, saßen bei zehn Älteste von Nazareth mit mehreren
Pharisäern und Schriftgelehrten an einem großen Tische und berieten gerade aus
Jesajas die Verse, die also lauteten: ,Waschet und reiniget euch; tut hinweg
euer böses Wesen von Meinen Augen, und lasset ab von der Sünde! Lernet Gutes
tun, trachtet nach Recht; helfet den Unterdrückten, schaffet den Waisen Recht
und helfet der Witwen Sache! – So kommt dann und laßt uns miteinander rechten,
spricht der Herr. Wenn eure Sünde gleich blutrot ist, soll sie doch schneeweiß
werden, und so sie gleich ist wie Rosinfarbe, soll sie doch wie Wolle werden.
Wollt ihr Mir gehorchen, so sollt ihr des Landes Gut genießen. Weigert ihr euch
aber und seid Mir ungehorsam, so soll euch das Schwert fressen; denn also
spricht der Mund des Herrn! – Wie aber geht das zu, daß die fromme Stadt zur
Hure geworden ist? Sie war voll Rechts und Gerechtigkeit wohnte darinnen, und
nun wohnen da Mörder! Dein Silber ist zu Schaum geworden und dein Getränk mit
Wasser vermischt. Deine Fürsten sind Abtrünnige und Diebsgesellen; sie nehmen
gerne Geschenke und trachten nach Gaben; den Waisen aber schaffen sie nicht
Recht, und der Witwen Sache kommt nicht vor sie! Darum spricht Jehova, der Herr
Zebaoth, der Mächtige in Israel: O wehe, Ich werde Mich trösten durch Meine
Feinde, und rächen durch Meine Feinde!‘ (Jes.1,16-24). Solcher Verse Sinn
berieten sie und kamen nicht ins klare.
[GEJ.02_017,02]
Da trat Ich vor und sagte zu ihnen: „Was sinnet ihr darüber, was doch so klar
als die Sonne des Mittags vor euch in aller Tat enthüllt steht? Beschauet eure
Waisen, eure Witwen! Wie sind sie bestellt? Statt für sie zu sorgen, nehmt ihr
ihnen noch das weg, was sie haben; und die armen Waisen verkauft ihr als
Sklaven an die Heiden, wie ihr solches erst vor etlichen Tagen auf einem
geheimen Wege ins Werk setzen wolltet und auch ins Werk gesetzt hättet, wenn
euch nicht der Zöllner Kisjonah daran ganz gewaltig gehindert hätte.
[GEJ.02_017,03]
Wohl spricht der Herr: ,Kommt und lasset uns miteinander rechten! Wenn eure
Sünde gleich blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden, und so sie gleich
ist wie Rosinfarbe, soll sie wie weiße Wolle werden!‘ – aber Ich frage: wann
und unter welcher Bedingung? Wie sieht es aus mit euch und mit der frommen
Stadt, die auch ,die Stadt Gottes‘ heißt? Wie viele Sünden der allergröbsten
und himmelschreiendsten Art sind darin schon begangen worden, und wie viele
werden jetzt begangen!?
[GEJ.02_017,04]
,Waschet und reiniget euch und tuet weg von Meinen Augen euer böses Wesen!‘,
sprach Jehova durch des Propheten Mund. Wohl waschet ihr euren Leib des Tages
siebenmal und reiniget eure Kleider und übertünchet jährlich zwei- bis dreimal
eurer Verstorbenen Gräber; aber eure Herzen bleiben verstockt und sind voll
Unflates, und daher kommt es, daß ihr euren übertünchten Gräbern gleichet, die
von außen geziert und gereinigt aussehen, inwendig aber voll Ekelgeruchs, voll
Totengebeine und voll stinkenden Moders sind!
[GEJ.02_017,05]
Der Prophet sprach von der Reinigung eurer Herzen und ermahnte euch,
hinwegzutun eure Sünde vor dem allsehenden Auge Gottes; aber ihr habt diesen
Sinn noch nie in euer Herz aufgenommen und reinigtet daher bloß eure Haut und
ließet euer Herz versinken in allen Unflat der Hölle! O du Unart der Hölle, wer
hat dich je solches gelehrt?!
[GEJ.02_017,06]
Wohl saget ihr: ,Der Bock, den Moses und Aaron anbefohlen haben, wird bis zur
Stunde alljährlich mit den Sünden von ganz Israel belegt, dann geschlachtet und
in den Jordan geworfen!‘ (3. Mose 16). O ihr Blinden! Was kann denn der Bock
dafür, daß ihr sündiget fort und fort und euch nicht bessert in euren Herzen?
[GEJ.02_017,07]
Diese Handlung war nur ein Bild, aus dem ihr schon lange hättet lernen sollen,
daß der Bock nur eure argen, weltlichen Gelüste anzeigt, dergleichen da sind
euer Hochmut, der gleich dem Bocke stößig und über die Maßen stinkend ist, eure
Hurerei und eure Unflätigkeit in allen Dingen, euer Geiz und Neid und eure
Scheelsucht! Mit der Vernichtung des Sündenbocks hättet ihr für immer euren
Herzensbock vernichten sollen, so hättet ihr Mosis und Aarons Gebot lebendig
erfüllt und dadurch dessen Segen unfehlbar geerntet! So aber habt ihr wohl die
Böcke getötet, das euch nichts nützen konnte, aber eure sündevollsten Herzen
sind euch geblieben; darum hat Jehova Seine Drohung ausgeführt und wird sie fürder
noch mehr ausführen, wann euer böses Maß voll sein wird.
[GEJ.02_017,08]
Schön ist es ja, daß nun die Heiden dem Volke Recht schaffen müssen und sorgen
für dessen Witwen und Waisen! Aber es ist darum auch wahr, wie der Prophet
spricht: ,Ich werde Mich trösten durch die Feinde, das die Heiden sind, und
werde Mich rächen durch sie!‘ Wohin ist eure Macht gekommen und verlaufen eure
Stärke? Ein kleiner Haufe Heiden beherrscht das einst so mächtige Gottesvolk!
Pfui der ewigen Schmach und Schande! Die Kinder der Schlange sind weiser und
biederer denn ihr Kinder des Lichtes.
[GEJ.02_017,09]
Darum aber wird es auch in Kürze kommen, daß dieser heilige Boden den Heiden
wird überantwortet werden, und ihr sollt fürder nimmer haben weder ein Land und
noch weniger einen König; sondern fremden Tyrannen sollet ihr als Sklaven
dienen, und eure edlen Töchter sollen von den Heiden und Knechten der Heiden
beschlafen werden, und ihre Frucht soll gehasset sein wie das Gezüchte der
Schlangen und Ottern!
[GEJ.02_017,10]
Da beratet ihr aus dem Propheten, der für euer Herz geschrieben hat, wie ihr
die Zeremonie glänzender machen möchtet bei der Handlung der nichtigen Waschung
und Reinigung eurer Leiber, Kleider und Gräber, auf daß euch die Zeremonie
desto reichere Opfer abwerfe; aber des möget ihr nicht innewerden, was Gott
allein wohlgefällig wäre! O ihr argen Knechte des Teufels! Dem dienet ihr mit
eurer Zeremonie – und werdet darum von ihm einst auch den Lohn im Pfuhle
ernten, wie ihr ihn auch allzeit verdient habt.
[GEJ.02_017,11]
Man reinigt den Leib, wann es nötig ist, ein-, zwei-, auch dreimal des Tages
und reinigt die Kleider, so sie schmutzig sind; denn solches hat Moses
verordnet zur Gesundheit des Leibes. Also überdeckt man auch die Gräber gut
eine Handspanne dick mit Ziegellehm und übertüncht solche Lehmdecke, wann sie
trocken geworden ist, etliche Male mit gutem Kalk, auf daß die Decke nicht
Sprünge bekomme, durch die besonders in den ersten Jahren der Verwesung die
schädlichen Dünste leicht durchkommen könnten und anrichten allerlei schädliche
Krankheiten bei Menschen, Tieren und Pflanzen.
[GEJ.02_017,12]
Seht, darum ist das Übertünchen der Gräber anbefohlen, was doch mit Händen zu
greifen ist! Wie mochtet ihr denn daraus eine gottesdienstliche Handlung
machen?! O ihr Unsinnigen, ihr Narren! Was sollte denn das der Seele des
Verstorbenen nützen?!“
18. Kapitel
[GEJ.02_018,01]
(Der Herr:) „So der Mensch stirbt, wird die Seele aus dem Leibe genommen und,
allein als ein Geistmensch für sich dastehend, an einen Ort hinkommen, der
ihrem ganzen Lebenswesen vollkommen entspricht; und es wird ihr da nichts
helfen als ihr freier Wille und ihre Liebe. Ist der Wille und die Liebe gut, so
wird auch der Ort gut sein, den sich die Seele selbst also zurichten wird durch
die von Gott ihr eingepflanzte Kraft und Macht; ist aber Wille und Liebe
schlecht, so wird auch deren Werk schlecht sein – also, wie auf der Erde ein
schlechter Baum keine guten und ein guter Baum keine schlechten Früchte trägt.
Gehet hin und schmücket mit Gold und Edelgestein einen Dornstrauch, und sehet,
ob er euch darum Trauben bringen wird! Ob ihr aber die Rebe mit Gold zieret
oder nicht, so wird sie dennoch süße Trauben voll Wohlgeschmack als Frucht
bringen.
[GEJ.02_018,02]
Wenn aber also und unmöglich anders, da fraget euch selbst, was das Übertünchen
der Gräber, darin nichts als Modergebein und ekeliger Unflat rastet, den Seelen
der Verstorbenen nützen solle oder könne!
[GEJ.02_018,03]
Glaubt ihr denn im Ernste, Gott sei so schwachsinnig und eitel töricht, daß Er Sich
dienen lasse durch eitelstes und nichtigstes Gepränge der Materie durch
Materie?!
[GEJ.02_018,04]
Ich sage euch: Gott ist ein Geist, und die Ihm dienen wollen, müssen Ihm im
Geiste und in vollster, lebendiger Wahrheit ihres Herzens dienen, nicht aber in
der Materie mit der Materie, die nichts ist als ein auf eine gewisse Zeit
gefesteter Wille des allmächtigen Vaters!
[GEJ.02_018,05]
Was würdet ihr aber zu einem Menschen sagen, der zu euch käme und verlangte
noch einen Lohn darum, daß er euch die Saat verwüstet hat, aber dazu noch
behauptete, daß er euch einen guten Dienst geleistet habe?! – Sehet, was ihr zu
solch einem kecken Narren sagen würdet, das wird euch auch dereinst der Vater
im Jenseits sagen, und ihr werdet von Ihm weichen müssen und dazu noch in die
äußerste Finsternis hinausgestoßen werden, allwo Heulen und Zähneknirschen euer
Lohn sein wird!
[GEJ.02_018,06]
Wie ihr aber für der Witwen Sache sorget, dafür dient als Beweis vorerst Meine
Mutter Maria, der ihr alles genommen habt, und danach tausend andere, mit denen
ihr es nicht besser getrieben habt und noch treibt!
[GEJ.02_018,07]
Ist es denn nicht himmelschreiend, daß Jüdinnen bei den Heiden ihr Recht suchen
müssen und es auch erhalten? Muß es nicht recht lustig für den Satan sein, daß
seine Kinder nun die Kinder Gottes an Recht und Gerechtigkeit himmelweit
übertreffen? Ja, es sollen denn fürder auch die Weltkinder zu Gotteskindern
werden; ihr aber sollet darum Kinder dessen sein, dem ihr noch allzeit treu
gedient habt!
[GEJ.02_018,08]
Habt ihr denn, da ihr schon den Jesajas leset, nicht gefunden, allwo er
spricht:
[GEJ.02_018,09]
,Ich habe Wohlgefallen an der Barmherzigkeit und nicht am Brandopfer!‘ und
wieder: ,Dies Volk ehrt Mich mit den Lippen; aber ihr Herz ist ferne von Mir!‘
[GEJ.02_018,10]
So ihr saget: ,Dies hat Gott geredet durch den Mund der Propheten!‘, welche
Achtung müßt ihr wohl vor Ihm haben, daß ihr allzeit eure schnödesten Satzungen
den Geboten Gottes vorziehet, nur die eurigen zu eurem Weltnutzen beachtet, die
göttlichen aber mit Füßen tretet?! – O ihr Argen, ihr allzeitigen Knechte des
Teufels! Wie wollt ihr einst vor dem Gerichte Gottes bestehen?! Wahrlich, den
Sodomitern wird es besser ergehen denn euch! Denn wären dort und damals solche
Zeichen geschehen, wie sie bei euch schon geschehen sind, sie hätten in Sack
und Asche Buße getan, und Gott hätte sie nicht mit Feuer und Schwefel vom
Himmel gerichtet! – Wehe euch, die Zeit ist nahe gekommen, und es wird mit euch
werden, wie Ich es euch vorhergesagt habe!“
19. Kapitel
[GEJ.02_019,01]
Hier erheben sich ärgerlichst die Ältesten, die Pharisäer und Schriftgelehrten
und sagen: „Was unterfängst du Milchbart dich, mit uns zu rechten? – Welche
Zeichen sind denn hier geschehen?“
[GEJ.02_019,02]
Sage Ich, ihnen die all diesen Schul- und Schriftrittern überaus wohlbekannte
Sarah vors Angesicht stellend: „Kennet ihr dies Mägdlein, und wisset ihr, was
zum zweiten Male vor sich gegangen ist mit ihr?“
[GEJ.02_019,03]
Hier machen sie alle große und sehr verdutzte Augen und sagen still unter sich:
„Beim Himmel, das ist des Obersten Tochter, wie sie geleibt und gelebt hat! Hat
er sie denn wieder erweckt? Wie ist das zugegangen? Wenn er sie aber erweckt
hat, diesmal als wirklich tot zum zweiten Male, – was tun wir da? Jairus
scheint mit ihm zu sein, sonst hätte er ihm seine allergeliebteste Tochter
sicher nicht anvertraut! Oder weiß er etwa nichts davon?! Hat sie etwa der Sohn
Josephs heimlich erweckt und will sie dem Jairus bei irgendeiner Gelegenheit
wieder zuführen? Sollten wir etwa davon dem Jairus eine Nachricht geben? Diese
Sache ist zu auffallend! – Sie ist es, ohne allen Zweifel ist sie es! Und doch
waren wir alle bei ihrem Begräbnisse zugegen, sowie auch zuvor in Kapernaum,
als sie gestorben ist! Was ist da zu tun? Was wird daraus werden, wenn dieser
Mensch- Gott durch was immer für eine Kunst oder Macht solch unerhörte Dinge
vollbringt?“ – Hier verstummen sie.
[GEJ.02_019,04]
Ich aber sage, sie alle scharf ansehend: „Nun, was sagt euer böses Herz dazu?
Ist dies Zeichen genügend oder nicht, euch die Wahrheit dessen zu bestätigen,
was Ich zu euch geredet habe?“
[GEJ.02_019,05]
Sagen die Ältesten: „Wir sind weder Ärzte noch Apotheker, die die Kräfte der
Natur erforschen und sie in ihrer Kunst zu benutzen verstehen; ebensowenig sind
wir mit der Zauberei, die man vom Teufel erlernen kann, vertraut, weil so etwas
die größte Sünde vor Gott wäre, und können daher nicht wissen, durch was für
Kunst oder Macht du sie erweckt hast! Es ist daher ausgemacht, daß wir uns
durch derlei Zeichen nicht können irremachen lassen in unserem Glauben an Moses
und die Propheten, sowie in der Auslegung der Schrift, die vom Tempel aus als
beim Himmel geschworen autorisiert ist! Zeichen wirken jetzt verschiedene
Magier, die teils von den Morgenlanden zu uns kommen, und viele aus Ägypten;
alle leisten Wunderdinge, die kein Jude begreift, auch nicht begreifen will und
darf, weil alle derlei zauberische Dinge vom Teufel herrühren! Und somit ist
hier unter einem soviel gesagt als: Deine Zeichen, weil sie auch der Zauberei angehören
können, haben für uns keinen Wert und beweisen uns nur so viel, daß du sie
glücklich auszuführen verstehst und daher darin ein vollkommener Meister bist;
aber daß wir deiner Zeichen wegen deine Lehre, vor der es uns ekelt, annehmen
sollen, das sei ferne von uns! Denn ein Arzt ist uns noch lange kein Priester,
und noch weniger ein Prophet – und du schon am wenigsten, da wir dich schon
seit nahe dreißig Jahren kennen, so wie wir deinen Vater gekannt haben! Siehe
daher, daß du mit deinen Müßiggängern bald aus der Schule kommst, ansonst wir
Gewalt brauchen müßten!“
[GEJ.02_019,06]
Spricht die Sarah: „Herr, ich bitte Dich, verlaß diese Elenden! Denn sie sind
verstockter als Steine, finsterer als jede Nacht und liebloser als ein Abgrund!
Zweimal hast Du mir das Leben wiedergegeben, und für diese Elenden ist das
nichts! Sie halten das noch dazu für eine gotteslästerliche Zauberei und wagen
es in ihrer allergröbsten Blindheit, Dich sogar aus der Schule zu weisen! Herr,
das ist zu arg! Gehen wir, gehen wir! Es ist mir in dieser Elenden Nähe, als
stünde der Satan vor uns!“
[GEJ.02_019,07]
Sage Ich: „Meine allerliebste Sarah! Sei du nur ruhig! Solange Ich es will,
werden wir hier verweilen; denn Ich bin ein Herr! Nennen sich doch die
Mächtigen der Erde ,Herren‘ – und haben oft sehr wenig Macht; Ich aber habe
alle Macht über Himmel, Hölle und über die ganze Erde! Ich bin darum auch ganz
gut ein Herr und lasse Mir ewig nichts gebieten! Was Ich tue, das tue Ich frei;
denn Ich bin vollkommen ein Herr!“
[GEJ.02_019,08]
Als die Ältesten das hören, reißen sie ihre Gewänder auseinander und schreien:
„Hinweg mit dir! Denn nun haben wir es klarst vernommen, daß du ein
Gotteslästerer bist! Deine Werke verrichtest du durch Beelzebubs Hilfe und
willst dadurch und dafür mit deiner Lehre die Völker von Moses und von Gott
abwendig machen; es bleibt uns daher nichts übrig, als dich mit Steinen aus der
Welt zu schaffen!“
20. Kapitel
[GEJ.02_020,01]
Es waren aber in allen Schulen wie auch im Tempel für den Zweck der Steinigung
Steine vorhanden, und so denn auch in dieser Schule in Nazareth. Da die
Ältesten, Pharisäer und Schriftgelehrten dieser Stadt zu blind erbittert waren,
so griffen sie nach den Steinen, um sie nach Mir zu werfen. Aber da erhoben
sich die Jünger alle und bedrohten die Tollen; diese aber fingen an zu schreien
und machten noch ärgere Mienen, die aufgehobenen Steine nach Mir zu werfen. In
diesem Augenblick traten Faustus, Kornelius, Jairus und der alte Cyrenius in
den großen Schulsaal.
[GEJ.02_020,02]
Als die Wütenden diese für sie ganz erschrecklich großen Herren bemerkten, die
ihnen wohlbekannt waren, so legten sie sogleich ihre Mordwerkzeuge nieder und
fingen an, sich ganz entsetzlich tief zu verneigen.
[GEJ.02_020,03]
Jairus eilt sogleich zu Mir und zur Sarah hin, umarmt Mich und sagt sogleich
laut zum Cyrenius: „Hier steht Er, der große Mensch der Menschen, und hier
meine geliebte Tochter Sarah, die Er zweimal vom vollkommensten Tode erweckte!“
[GEJ.02_020,04]
Da tritt der alte Cyrenius zu Mir hin, bekommt Tränen in die Augen und spricht:
„O mein Gott und mein Herr! Mit welchen Worten soll ich als ein armer,
schwacher Mensch Dir danken für alle die endlos großen Gnaden, die Du mir hast
angedeihen lassen?! O wie glücklich bin ich, daß meine Augen noch einmal das unschätzbare
Glück haben, Dich, Du mein heiliger Freund, zu sehen! Seit mehr als zwanzig
Jahren hörte ich nichts mehr von Dir, trotzdem daß ich an jedem Tage viele Male
an Dich dachte und mich auch zu öfteren Malen nach Dir angelegentlichst
erkundigte!
[GEJ.02_020,05]
Ach, wie sehr doch war ich vor wenigen Tagen noch betrübt, als der Kaiser
vollernstlichst von mir die unglückseligsten Steuergelder aus Pontus und
Kleinasien zu fordern begann und ich nicht wußte, wohin sie gekommen sind! Aber
wie glücklich, ja wie unaussprechlich glücklich war ich, als vor etwa drei
Tagen nicht nur die in Verlust geratenen Steuern, sondern noch eine bei weitem
größere Menge von unschätzbaren Schätzen in Gold, Silber, Perlen und
Edelsteinen mir durch meine biederen Freunde Faustus und Kornelius eingesandt
worden sind, und das alles durch Deine heilige Vermittlung!
[GEJ.02_020,06]
Mein Herr, mein heilig größter Freund Jesus! O sage mir doch, was ich denn nun
tun soll, um Dir die zu ungeheuer große Schuld nur ein wenig abtragen zu können!
Möchtest Du meine Oberlandpflegerkrone auf Dein Haupt setzen, o mit welch
unnennbarer Freude und Würde möchte ich sie Dir zu Deinen heiligen Füßen legen!
[GEJ.02_020,07]
Wahrlich wahr, Herr, Du mein Leben, es liegt mir, wie es Dir sicher nur zu bekannt
ist, ganz entsetzlich wenig an den eitlen Schätzen dieser Erde; wäre das mein,
was ich schon nach Rom abgesandt habe, so wäre damit schon lange vielen
Tausenden armer Leute geholfen worden! Aber es war des Kaisers, und es mußte
mir alles daran gelegen sein, ihm das Verlangte aufzubringen! Wie aber wäre
solches je möglich gewesen ohne Dich und hernach ohne meinen lieben Faustus und
Bruder Kornelius!? – Oh, eine Weltlast habt ihr von meiner Brust abgewälzt! Nun
heißt es lohnen und vergelten, was da nur immer in meiner Macht steht! – O
rede, rede, Du heiligst großer Freund der Menschen, was ich nun tun soll!“
[GEJ.02_020,08]
Bei dieser glänzenden Ansprache des Cyrenius an Mich werden die, die Mich
ehedem steinigen wollten, leichenblaß und fangen an zu beben, als ob sie ein
überaus starkes Fieber ergriffen hätte, da sie meinten, Ich werde nun vollste
Rache nehmen an ihnen und sie verklagen beim Cyrenius, den sie alle mehr
fürchteten als den Tod; denn er verstand allzeit keinen Scherz! Bekanntlich
waren die römischen Richter über alle Maßen streng in der Ausführung ihrer
gefällten richterlichen Aussprüche und Urteile; darum hatten die Juden denn
auch eine unbeschreibliche Furcht vor ihnen, – besonders aber diese
nazaräischen Ältesten, Pharisäer und Schriftgelehrten, von denen einige
Mitwisser waren von dem römischen Steuerraube.
[GEJ.02_020,09]
Ich aber sagte in großer Freundlichkeit zum Cyrenius: „Meinst du denn, der Mann
hätte vergessen, was du dem Kinde getan hast, als es vor Herodes fliehen mußte
aus Bethlehem nach Ägypten? Oh, der Mann erinnert sich gar wohl alles dessen!
Du hast Mir alles ohne Interesse getan, weil du Mich liebtest, – und Ich sollte
von dir nun irgendeinen Lohn begehren? Nein, das sei ewig ferne von Mir! Aber
da du schon als ein Stellvertreter des Kaisers über Asien zu gebieten hast, so
gebiete diesen widerspenstigen, nicht Gottes-, sondern Satansdienern, daß sie
von allem, was Ich hier gewirkt habe, schweigen sollen wie eine Mauer,
widrigenfalls sie aufs schärfste gezüchtiget werden sollen! Denn ein jeder, der
wider seinen Nächsten einen Stein aufhebt, soll gezüchtigt werden auf das
schärfste!“
[GEJ.02_020,10]
Sagt Cyrenius: „Haben diese Elenden etwa gar gewagt, wider Dich Steine
aufzuheben?“
[GEJ.02_020,11] Sagt
die Sarah: „Ja, ja, hoher Cyrenius! Den Herrn haben die Elenden steinigen
wollen, weil Er ihnen die Wahrheit gesagt hat! Sie nennen sich ,Gottesdiener‘
und sind dabei die größten Gottesleugner; denn nur ihre höchst selbst- und
herrschsüchtigen Satzungen halten sie und geben ihnen durch schändlichste
Gewalttaten den göttlichen Schein!
[GEJ.02_020,12]
Wer sich von ihnen nicht durch den Trugschein blenden läßt, der wird mit
schändlichster Gewalt blind gehalten und hat keine Freiheit mehr auf der lieben
Gotteserde! Man lese nur Moses und die Propheten und lese dagegen ihre
Satzungen, und man wird mit gar leichter Mühe finden, was ich als ein Mädchen
von noch nicht sechzehn Jahren schon lange gefunden habe! Wahrlich, wer an
Moses und die Propheten hält, der ist ihr größter Feind! Er wird gleich den
Samaritern, die noch reine Mosaisten und Jünger der Propheten sind, täglich von
neuem für verflucht angesehen und von den Templern also gehaßt werden, daß sein
wie ihr Name im Munde eines Juden den größten Fluch zu bedeuten hat!
[GEJ.02_020,13]
Ich aber frage nun als ein junges Mädchen: Ist das Gottes Wort, ist das ein
Gottesdienst? Jesus hat es ihnen klar bewiesen, daß das nur ein Wort der Hölle
sein kann und ein Dienst, wie ihn nur der Satan wünschen kann; und darum
wollten sie Ihn denn auch steinigen, weil Er ihnen zu sehr die Wahrheit gesagt
hat vor dem Volke, das ihnen am Ende denn doch ihr reiches Einkommen schmälern
könnte!
[GEJ.02_020,14]
Hoher Herr! Ich war schon zwei Male völlig jenseits, und ich weiß es, was meine
Seele gesehen hat. Ich sah Moses und all die guten Propheten! Diese hatten
Frieden, und ihre Freude ist diese Zeit, die sie den ,großen Tag des Herrn‘
nennen. Aber auch nicht einen Pharisäer und Schriftgelehrten sah ich unter den
Heiligen Israels! Ich fragte daher, wo diese wären.
[GEJ.02_020,15]
Da kam ein lichter Engel und hieß mich, ihm zu folgen. Und ich folgte ihm. Bald
standen wir an einem höchst düsteren Ort; es war kaum so hell wie in einer
umwölkten Nacht. In tiefer Ferne sah es sehr glühend aus, und der Engel sprach
zu mir: ,Dort siehe hin! Das ist der Pfuhl, allwo die wohnen, nach denen du
fragtest!‘ Und ich sah hin, erblickte nichts als Teufel und sagte zum Engel:
,Bote des Herrn! Ich sehe pur Teufel und sonst niemand! Wo sind denn hernach
die, um die ich gefragt habe?‘ Da antwortete der Engel: ,Die du siehst, die
sind es!‘
[GEJ.02_020,16]
Da erschrak ich gewaltig und gedachte meines Vaters, der gar ein Oberster der
Pharisäer ist; aber der Engel merkte, was mich beben machte, und sprach: ,Sei
unbesorgt! Dein Vater kommt auf den rechten Weg, und du wirst ihm noch einmal
zu einem Führer werden auf Erden!‘
[GEJ.02_020,17]
Solches habe ich gesehen und gehört und weiß darum, was ich weiß, nicht vom
Hörensagen, sondern aus der Erfahrung! Ich brauche daher von diesen Dummköpfen
und argen Knechten des Satans nichts zu lernen; denn ich habe es gesehen und
gelernt die Wahrheit lebendig und kann daher als eine, die von drüben
zurückgekommen ist, zur Steuer der ewigen Wahrheit dessen, was Jesus, der Herr
von Ewigkeit, lehrt, bezeugen, daß alles, was diese schwarzen Lehrer sagen und
lehren, die vollkommenste Lüge ist, und ist nicht ein wahres Häkchen daran! –
Ich habe geredet.“
21. Kapitel
[GEJ.02_021,01]
Sagt Cyrenius: „Habt ihr von einer vom Tode Wiedererstandenen vernommen ein
Zeugnis wider euch, was euch schwerer inkriminiert (beschuldigt) denn aller
Raub und Mord? Was soll ich denn auf diese höchst wahre Anschuldigung mit euch
machen? Ans Kreuz hängen wäre viel zu wenig! Euch bis zu den Knochen einen
vollen Tag hindurch geißeln und euch dann erst die Köpfe abschlagen lassen,
wäre auch noch viel zu gelinde! Aber ich weiß schon, was ich tun werde, und ihr
werdet mit mir ganz zufrieden sein können!“ – Auf diese Anrede des Cyrenius
werden alle leichenblaß und fangen ganz entsetzlich an zu heulen und zu bitten.
[GEJ.02_021,02]
Cyrenius aber fragt Mich heimlich, ob er über die Argen im Ernste eine Strafe
verhängen solle, nebst dem Verdikte (Wahrspruch), laut dessen ihnen über all
das Vorgefallene ein ewiges Stillschweigen aufgetragen werde.
[GEJ.02_021,03]
Sage Ich: „Erlaß bloß das Verdikt mit einer ernsten Bedrohung, die sie bei der
ersten Übertretung ohne alle weitere Gnade zu gewärtigen bekommen sollen!
Darauf entlasse sie!“
[GEJ.02_021,04]
Cyrenius tritt vor, gebietet zu schweigen und sagt hernach: „Höret mich nun an,
ihr argen Wichte! Diesem hier, den ihr steinigen wolltet der heiligen Wahrheit
wegen, die aus Seinem Munde an euch erging, habt ihr es allein zu danken, daß
ich euch nicht samt und sämtlich in die Wüste treiben und daselbst auf Felsen,
die ringsum mit Abgründen umgeben sind, setzen und die Augen ausstechen ließ!
Aber so es einer wagen sollte, von all dem, was sich zugetragen hat, auch nur
eine Silbe aus der Schule zu schwätzen, entweder mündlich oder schriftlich oder
durch Gebärden, Mienen oder Handzeichen, an dem wird unerbittlichst die
schärfste Strafe in Vollzug gesetzt werden!
[GEJ.02_021,05]
So werde ich es auch nicht ungeahndet lassen, so ich erfahre, daß ihr durch
ungesetzliche Erpressungen das Volk quälen solltet und verfolgen möchtet die
göttliche Wahrheit eurer schändlichen, selbstsüchtigen Satzungen halber! Lehret
das Volk Gott und dessen Gesetze kennen und danach handeln, so werdet ihr
ebenso angesehen sein, wie dieser göttliche Mann Jesus es ist, der durchaus
keine neue, sondern nur die uralte Lehre von Gott den von euch in die tiefste
Nacht versenkten Völkern verkündet, was Er um so leichter und wahrer tun kann,
da Er – was ihr nicht begreifet, aber ich als ein von euch deklarierter Heide
ganz wohl begreife – im Geiste Selbst Der ist, der nach eurer Lehre auf Sinai
vor etwa tausend Jahren dem Moses für euch die Gesetze gab! Hütet euch daher,
diesen Heiligen zu verfolgen; denn solch eine Verfolgung würde euch das
doppelte Leben kosten, hier leiblich und jenseits geistig! – Habt ihr mich
verstanden?“
[GEJ.02_021,06]
Sagen alle die Betreffenden: „Ja, hoher Herr, und wir wollen alles tun, was du
von uns verlangst! Aber du weißt es ja, daß wir Menschen keine Götter sind und
allerlei Schwachheit an uns haben; wenn sich jemand denn doch möglicherweise in
irgendwas und -wo ein wenig verginge, so wolle du, als selbst Mensch, uns auch
nur menschlich zur Rechenschaft ziehen und strafen!“
[GEJ.02_021,07]
Sagt Cyrenius: „Griechische Kaufleute und Krämer pflegen wohl mit sich handeln
zu lassen, – aber die Römer nie! Dies bedenket wohl und handelt danach, so
werdet ihr keiner Nachsicht benötigen; denn nur durch scharfe und unerbittliche
Gesetze werden die Menschen stark und werden Helden der Ordnung und werden
eines Sinnes und voll Eifer in allen gesetzlichen Bestrebungen!
[GEJ.02_021,08]
Hätte der Soldat nicht die unerbittlich schärfsten Gesetze, so wäre er ein
Feigling, und so es hieße, den Feind verfolgen, bekämpfen und besiegen, da
hätte der Feind eine gute Zeit – und mit dem notwendigen Schutze des
Vaterlandes hätte es seine geweisten Wege! Aber so das eherne Gesetz dem
Soldaten auf Tod und Leben jeden Schritt und Tritt vorschreibt, was er vor dem
Feinde zu tun hat, so tut er es sicher! Denn täte er es nicht, so wäre der Tod
sein Los; tut er aber, was ihm geboten ist, so ist ihm der Tod durch den Feind
ungewiß, und er kann als Sieger und gekrönter Held aus der Schlacht
hervorgehen!
[GEJ.02_021,09]
Das ist denn in Rom strengste Regel: ,Ein strenges Gesetz macht auch strenge
und ordentliche Menschen.‘ Daher lassen wir denn auch kein Häkchen groß mit uns
handeln, und jeder Mensch steht ohne Rangesrücksicht vor dem Gesetze! Ihr wißt
nun meine gesetzliche Gesinnung. Tut danach, so seid ihr frei im Gesetze; tut
ihr es aber nicht, so wird das Gesetz euch richten ohne alle Gnade darum, weil
es ein Gesetz ist.
[GEJ.02_021,10]
Die ganze Erde und alles, was in und auf ihr ist, besteht nur durch die ewige
Unbeugsamkeit des göttlichen Willens. Ließe Gott nur im geringsten mit Sich
handeln, wie sähe es im nächsten Augenblick mit der Erde und mit uns allen aus?
Da ginge alles aus den Fugen!
[GEJ.02_021,11]
Ebenso erginge es einer staatlichen Völkergesellschaft; würde da nur ein Gesetz
gelockert, so würden auch die andern ihre Kraft und Festigkeit verlieren, und
das große Staatsgebäude würde nur zu bald zu einer Ruine! Also bleibt es
unabänderlich bei meiner euch gemachten Androhung!“
[GEJ.02_021,12]
Auf solch entschiedene Erwiderung des Oberstatthalters machten die Ältesten und
die Pharisäer ganz entsetzlich bittere Gesichter, und einer aus ihnen sprach in
einer Art schmerzlicher Begeisterung: „O Rom, o Rom! Du bist ganz entsetzlich
hart und schwer! – Jehova! Aus der babylonischen Gefangenschaft hast Du Deine
Kinder befreit, als sie Buße taten und darum baten; wirst Du uns aus dieser
tausendmal härteren Gefangenschaft nimmer erlösen?“ –
[GEJ.02_021,13]
Sage Ich: „So ihr bleibet wie ihr seid und euch nicht vom Grunde aus bessert,
so sollt ihr nicht nur ewige Untertanen Roms verbleiben, sondern vom selben
ganz gefressen werden wie ein Aas von den Adlern! Nur noch eine kurze Zeit wird
Gott gedulden, dann aber wird über euch das scharfe Los ausgeworfen werden, und
es wird dann mit euch werden, was Ich euch zuvor geweissagt habe, und man wird
euch verfolgen bis ans Ende der Welt. – Jetzt aber gehet, und ärgert euch nicht
mehr!“
[GEJ.02_021,14]
Auf dieses Mein Wort entfernten sich alle in ihre Nebengemächer; wir aber
verblieben in der Schule, in die bald eine Menge Nazaräer kamen, um die hohen
römischen Herrschaften zu sehen. Wir mußten uns am Ende auf Tische und Bänke
stellen, um nicht erdrückt und um vom gafflustigen Volke gesehen zu werden.
22. Kapitel
[GEJ.02_022,01]
Es brachte aber Borus selbst einen gichtbrüchigen Menschen, dessen Hände und
Füße schon ganz verdorrt und derart verdreht und zusammengezogen waren, daß es
wohl keinem sterblichen Arzte mit allen Mitteln in der Welt möglich gewesen
wäre, ihn zu heilen.
[GEJ.02_022,02]
Borus aber, als er durch zwei Träger den Gichtbrüchigen in einem Korbe durch
das starke Gedränge zu Mir hatte hinbringen lassen, sagte laut vor dem Volke:
„Diesem Kranken kann nur Gott allein helfen! Ich bin doch einer der ersten
Ärzte in ganz Galiläa, und es kommen Kranke von Jerusalem und Bethlehem zum
Arzte Borus, und er hilft ihnen; aber diesem kann er nicht helfen! Ich bitte
Dich aber, Du mein heiliger Freund Jesus, da Dir meines Wissens und Glaubens
kein Ding unmöglich ist, daß Du diesem Menschen die geraden Glieder wiedergeben
möchtest, so es Dein Wille ist!“
[GEJ.02_022,03]
Sage Ich: „Freund, hier gibt es viel zuviel Ungläubige, und da ist so eine
Heilung immer eine schwere Sache! Ich aber werde ihn schon bei dir unter vier
Augen heilen.“
[GEJ.02_022,04] Darauf
fingen einige im Volke an zu murmeln und sagten: „Oh, des Zimmermanns Sohn ist
pfiffig! Dieser Kranke ist ihm zu stark, darum möchte er ihn lieber im geheimen
heilen, auf daß wir ja nicht merken sollen, ob es mit ihm besser geworden ist
oder nicht.“
[GEJ.02_022,05]
Ich aber vernahm solche Reden und sagte zu den Schimpfern: „O ihr Tollen und
Irrsinnigen! Kennet ihr dies Mädchen an der Seite des Jairus? Ist sie nicht
dessen Tochter, und war sie nicht tot zwei Male? Wer gab ihr das Leben wieder?
– Ihr Toren! So des Menschen Sohn Macht hat, die Toten wieder ins Leben zu
rufen, wird Er nicht auch Macht haben, zu diesem Kranken zu sagen: ,Stehe auf
und wandle!‘? Auf daß ihr aber sehet, daß Ich gar wohl diese Macht habe, so
gebiete Ich dir, du gichtbrüchiger Mensch, daß du aufstehest und wandelst mit
vollkommen gesunden Gliedern!“
[GEJ.02_022,06]
In diesem Augenblick fuhr ein Feuer in die Glieder dieses Kranken, und er
fühlte sich völlig kräftig, stand auf und wandelte, und seine Glieder waren
völlig frisch; er hatte Fleisch und volle Muskeln und wandelte heiter und voll
dankbaren Herzens und sagte nach einer Weile seines höchst eigenen Staunens:
„So etwas kann nur Gott möglich sein! Ohne Arzneien, ohne Händeauflegung,
sondern allein durchs Wort eine solche Heilung in einem Augenblick
hervorzurufen, das ist noch nie gehört worden! Herr Jesus, ich bekenne und
glaube nun vollauf, daß Du entweder Gottes Sohn oder gar der menschliche Form
angenommen habende Gott Selbst bist! Es kommt mir gerade vor, als ob ich Dich
anbeten sollte!“
[GEJ.02_022,07]
Sage Ich: „Laß das und mache darob keinen Lärm! Was du aber im Herzen fühlst,
das bewahre getreu; es wird eine Zeit kommen, in der du dessen benötigen wirst,
und dann magst du beten zum Vater im Himmel, der allein Seinem Sohne gegeben
hat solche Macht!“ Mit diesen Worten verstummt der Geheilte.
[GEJ.02_022,08]
Aber das Volk entsetzte sich und sprach: „Woher kommt dem denn solch eine
Weisheit und solche Taten und solche Macht dazu? Ist er nicht des Zimmermanns
Sohn? Heißt nicht seine Mutter Maria? Und seine Brüder: Jakob und Joses und
Simon und Judas? (Matth.13,55) Und seine Schwestern, sind sie nicht alle bei
uns? Woher um des Himmels willen kommt ihm denn das alles?“ (Matth.13,56)
[GEJ.02_022,09]
Und da sie also miteinander redeten und einander fragten, ärgerten sich viele
und sagten: „Das ist gerade zum Wahnsinnigwerden! Unsere Söhne haben studiert
zu Jerusalem und sich Kenntnisse in allerlei Künsten und Wissenschaften
gesammelt; auch haben sie die noch bestehende Schule der Propheten durchgemacht
und die ägyptische Weisheit in der Deutung der Zeichen vollkommen erlernt! Und
dieser Zimmermann, der erweislich nie eine Schule besucht hat, den wir nur
stets mit Hacke und Säge arbeiten sahen, beschämt nun uns und unsere Kinder auf
eine Art, vor der sogar die allerhöchsten Regierungspersonen erstaunen und den
sonst mehr tölpelhaften Zimmermann schon nahe für einen Gott halten! Das ist
wahrlich ärgerlich! Er ist alles in allem, spricht alle Zungen, als wäre er
darin geboren, er ist ein Prophet ersten Ranges und wirket Zeichen und Dinge,
die gewirkt zu haben sich kein Gott schämen dürfte; unsere Söhne aber stehen
samt uns, die wir doch unserer Zeit auch etwas gelernt haben, da, als könnten
sie nicht einmal ihrer Hände Finger abzählen! Weiß denn niemand von uns irgend
etwas, wie dieser Zimmermann das alles sich zu eigen gemacht hat?“
[GEJ.02_022,10]
Sagen andere: „Wo sollte er sich etwas zu eigen gemacht haben? Er war ja bis
auf nunmalige etliche Monde immer zu Hause und baute Häuser bei uns und auch
anderswo mit seinem Vater und seinen Brüdern; wir merkten nie eine Spur von
etwas Besonderem bei ihm! Er war dazu noch sehr wortkarg, und so man ihn um
etwas fragte, da gab er entweder gar keine oder eine allzeit nur sehr
einsilbige Antwort, so daß man ihn für eine Art Tölpel hielt, – und jetzt steht
er auf einmal als ein Mann da, auf den alle Welt die Augen richten muß! Das ist
ja doch allerärgerlichst mehr, als was nur irgendein gesunder Menschensinn
fassen kann!
[GEJ.02_022,11]
Was ist denn mit diesem Menschen vor sich gegangen? Wir wissen es wohl aus
seiner frühesten Jugendzeit her, daß er damals als ein noch nahezu unzüngiger
Knabe einige zauberische Fähigkeiten gezeigt haben soll! Vater und Mutter
glaubten, daß aus diesem Knaben einst etwas Großes werden würde; aber es hätten
sich alle die vielversprechenden Fähigkeiten mit den Jahren so ganz und gar
verloren, daß davon aber auch nicht eine leiseste Spur bei irgendeiner
Gelegenheit zu entdecken war! Eine Schule hat er schon als Knabe nie besuchen
wollen und war somit ohne alle wissenschaftliche Bildung ein höchst einfacher
Zimmermann. Ich fragte oft den alten Joseph, wie es mit dem Jesus stehe, ob er
denn auch zu Hause so einsilbig wäre. Und die Antwort war: ,Noch einsilbiger
als irgendwo außer dem Hause!‘ Und seine Brüder sagten dasselbe! – Wenn aber
also, woher denn nun solche Fähigkeiten?“
23. Kapitel
[GEJ.02_023,01]
Da Ich ihnen aber dennoch vermöge dessen, was sie gesehen hatten, als ein
Prophet vorkam, so sagte ein alter Nazaräer: „Ich habe einmal von einem
durchreisenden Babylonier, wie solche Menschen gewöhnlich als außerordentliche
Bettler öfter unsere Gegenden und Orte zu besuchen pflegen und sich um einige
Stater in allerlei Zaubereien und Wahrsagereien produzieren, gehört, wie er bei
meinem Nachbar eine Weissagung machte, und zwar mit diesen Worten:
[GEJ.02_023,02]
,Nazareth, in deinen Mauern lebt ein Mensch, den du nicht kennst! Er ist still
und ist karg an Worten; wann aber Seine Zeit kommen wird, da werden sich vor
Ihm und Seiner Rede beugen die Berge; die Winde und das Meer werden Ihm
gehorchen, und der Tod wird vor Ihm beben und keine Macht über Ihn haben! Da
wird alles Volk dieser Stadt in ein ärgerliches Staunen versetzt werden; aber
es wird niemand Seiner Macht trotzen können, und der Tod wird fliehen vor Ihm
wie eine furchtsame Gazelle vor einem sie verfolgenden Löwen! Wann Er aber von
dieser Welt in die Himmel wird übergehen wollen, so wird Er auf drei Tage Sich
töten lassen von Seinen Feinden; aber am dritten Tage wird Er aus höchst
eigener Macht den Tod von Sich weisen und wird auferstehen in aller Kraft und
Herrlichkeit und wird auffahren mit Fleisch und Blut in die Himmel! Aber darauf
wehe allen, die Ihn verfolgt haben; ihr Los wird sein ein allerschrecklichstes
Feuergericht, desgleichen noch nie eines auf dem Erdboden stattgefunden hat!
Wehe allen hochmütigen Juden! Sie werden fürder bis ans Ende der Welt kein
eigenes Land mehr haben, sondern auf dem ganzen Erdboden zerstreut umherirren
wie ein verfluchtes Wild in der Wüste, und von Stoppeln, Dornen und Disteln
werden sie ein ungenießbares Brot bereiten, um zu stillen ihren Hunger, und
werden sterben an solcher Kost!‘ –
[GEJ.02_023,03]
Solches hat besagter Babylonier geredet vor etwa drei Jahren; und es ist im
Ernste ungeheuer merkwürdig, daß in diesem Jesus ein solcher Mann in unsern
Mauern nun aufgetreten ist, dessen Reden und Taten alles das vom besagten
Babylonier prophezeite nahe auf ein Haar bestätigen! Was aber ist da zu machen?
Ist das eine eingetroffen, so dürfte auch das andere, nämlich das Gericht
eintreffen! Darum bin ich der maßgeblichen Meinung, daß wir Ihn wirken lassen
sollten, wie Er will, mag und kann; denn es dürfte schwer werden, uns mit Ihm
in einen Kampf einzulassen! Denn wer einmal Tote erweckt, der muß auch noch
mehr vermögen! Vor dem sich die Berge neigen und Winde und Meere lautlos
verstummen, mit dem werden wir einen schlechten Kampf bestehen! Darum lassen
wir Ihn gehen, zumal da bereits, wie ihr selbst sehet, mehrere Hunderte Seiner
Lehre mit Leib und Seele anhängen und Ihn für den verheißenen Messias halten!“
[GEJ.02_023,04]
Auf diese Rede des alten Nazaräers ärgern sich viele noch mehr; aber es getraut
sich niemand mehr ein Wort zu reden.
[GEJ.02_023,05]
Ich aber sah wohl, daß mit diesem Volke nichts zu machen war, da es keinen
Glauben und kein Vertrauen hatte, und sagte daher auch ganz kurz, aber so laut,
daß es alle wohl vernehmen konnten: „Warum ärgert ihr euch denn? Habt ihr nie
gehört, daß man schon von alters her gesagt hat: ,Ein Prophet gilt nirgends
weniger als in seinem Vaterlande und in seinem Hause!‘? (Matth.13,57) Wenn aber
also, wie es noch allzeit die alte Erfahrung gelehrt hat, was ärgert ihr euch
denn? Ihr wollt klug sein, und Ich sage es euch, daß ihr blind, taub und voll
Blödsinnes seid! So Ich Der bin, Der Ich bin, und Meine Worte und Meine Taten
dafür zeugen, warum glaubet ihr denn nicht? Muß denn ein Prophet allzeit
weither sein, damit er Glauben finde? Muß denn sein Geburtsort unbekannt und
seine Zunge eine fremde sein?
[GEJ.02_023,06]
Wenn Ich aus Persien oder gar aus Indien gekommen wäre und täte die Zeichen,
die Ich nun tue, und wie sie vor Mir keiner je getan hat, so würdet ihr auf
euren Angesichtern vor Mir liegen und schreien: ,Gott hat uns heimgesucht, und
wir sind voll Sünden und Gebrechen! Wer wird uns verbergen und schützen vor
Seinem Zorn?‘ Weil Ich aber der euch bekannte Josephssohn bin, so fraget ihr:
,Woher kommt ihm solches?‘ O ihr blinden Toren! Ist hier dieser Boden nicht
ebensogut Gottes Erde wie in Persien und Indien? Scheint hier nicht dieselbe
Sonne, und werden hier nicht, so gut wie in Persien und Indien, durch Gottes
gleichfort waltende Kraft und Macht allerart Früchte zum Wachstum und zur Reife
fördert? Ist der Mond und sind die Sterne samt der Sonne und dieser Erde hier
denn weniger göttlich als in den besagten Ländern?
[GEJ.02_023,07]
So aber ohne allen Zweifel hier doch alles ebensogut göttlich und Gottes ist
wie in andern fernen Landen, warum sollte es dann der Mensch nicht sein? Wenn
Ich aber vor euren Augen nun Taten verrichte, die keinem Perser und Indier je
möglich waren, wie sollte Ich dann nicht wenigstens ebensogut wie ein dummer
Perser oder Indier Mir eure Achtung und euren Glauben erwerben können?
Wahrlich, ginge Ich heute zu den Griechen und Römern hin, sie würden Mir Tempel
und Altäre errichten!
[GEJ.02_023,08]
Ihr aber hingegen, da Ich in eurer Mitte aufgewachsen bin und ihr Mich von Kind
auf kennet, fragt ganz ärgerlich erstaunt: ,Woher kommt denn auf einmal diesem
Zimmermanne das alles, den wir stets als einen wahrhaftigen Tölpel gekannt
haben?‘ O wartet nur, der Tölpel hat aufgehört, ein Tölpel zu sein und hat euch
viel Gutes getan – früher als Tölpel und nun als Meister und Heiland noch mehr;
aber fürderhin wird Er es bleiben lassen!“
[GEJ.02_023,09]
Auf diese Worte ärgerten sich die Nazaräer noch mehr und verließen die Schule.
24. Kapitel
[GEJ.02_024,01]
Da sagte Cyrenius: „Herr und Meister, wie es mir vorkommt, so ist hier wirklich
mehr Dummheit als Bosheit vorhanden! Denn die Nazaräer bis auf wenige sind als
Dümmlinge bekannt, und ein Dümmling ist allzeit am schwersten hell zu machen!
Wenig Schule, keine Erfahrung, meistens arm, wenig Handel und Wandel! Sie leben
meistens vom mäßigen Ackerbau und von einiger Viehzucht und kommen bekanntlich
nie – außer im Jahre etwa einmal – nach Jerusalem, wo sie nicht nur nichts in
der geistigen Bildung gewinnen, sondern allzeit nur verlieren. Woher sollen sie
dann einen bessern Verstand nehmen, um Deine göttliche Lehre und Deine
göttlichen Taten zu beurteilen? Dazu sind die dummen Menschen auch gewöhnlich
neidisch, und wie ich's gemerkt habe, so ärgerte sie auch das am meisten, daß
ihre Söhne, die sie in alle möglichen Schulen haben gehen lassen, Dir in aller
Weisheit, Kenntnis und vollendetster Tatkraft gar so endlos weit nachstehen!
Ich will ihnen gerade keine Bosheit, sondern die barste Dummheit beimessen, die
wohl auch manchmal in Bosheit ausarten kann, aber natürlich in eine sicher
nicht gar zu schädliche, da der dumme Mensch es auch notwendig dumm angreift,
um jemand wahrhaft zu schaden. Lassen wir sie darum gehen!
[GEJ.02_024,02]
Sollte Dir aber jemand an den Leib gehen wollen, nun, so ist es mir um Dich am
wenigsten bange! Fürs erste besitzest Du in einem hinreichendsten Maße soviel
der unleugbarst göttlichen Kraft, um ein ganzes wohlausgerüstetes Kriegsheer
weidlichst in die Flucht zu schlagen – und um so leichter diese barsten
Dümmlinge; und fürs zweite hast Du uns als höchste römische Gewaltträger über
ganz Asien vollauf für Dich, und es kann Dir darum an gerechtem Schutze nie
fehlen! Solltest Du hier verfolgt werden, nun, Du weißt doch, wo Sidon und
Tyrus liegt! Komme dahin, und Du bist sicher vor jeder wie immer gearteten
Verfolgung!
[GEJ.02_024,03]
Daß aber diese Nazaräer-Bürger Leute nahe ohne alle Bildung sind, hat sich auch
aus dem erwiesen, daß sie nahe alle mehr als Maulaffen denn als Menschen in die
Schule bloß aus rein tierischer Neugierde gelaufen sind, zum Beweise dessen sie
weder mich noch irgend jemand andern hochgestellten Herrn und Gebieter nur im
geringsten mit irgendeiner Gebärde begrüßt haben! Gleich Eseln, Ochsen und
dummen Schafen fielen sie herein und taten, als wenn sie allein die Herren der
Welt wären! Ich kann es diesen Menschen gar nicht zu einer Sünde rechnen, weil
sie zu roh, dumm und ungebildet sind, und ich meine, Du, o Herr und Meister,
der Du sie noch um tausendmal besser kennst, wirst ihnen das auch zu keiner
Sünde anrechnen!“
[GEJ.02_024,04]
Sage Ich: „Das kannst du wohl sicher annehmen, Ich sicher am wenigsten! Aber es
liegt alles daran, daß sie Mich in ihrem Herzen als das erkennen, was Ich bin;
denn ihr ewiges Leben hängt ja allein von dem ab! Erkennen sie Mich nicht, so
können sie auch unmöglich Den erkennen, der Mich in die Welt gesandt hat – und
noch weniger, daß Ich und Der, der Mich gesandt hat, ein und dasselbe Wesen
sind! Solange aber ihre Herzen das nicht erkennen, haben sie Mich nicht in sich
und somit auch das ewige Leben nicht und sind im Geiste tot! Denn Ich Selbst
bin ja eben das ewige Leben Selbst und durch Meine Lehre der Weg zum selben.
[GEJ.02_024,05]
Wer demnach Mich und Meine Lehre nicht annimmt, der nimmt auch das ewige Leben
nicht an, und der ewige Tod muß darum notwendig sein Anteil sein.
[GEJ.02_024,06]
Ich darf aber dennoch niemanden zum Glauben zwingen, weil jeder Zwang ein
Gericht des Geistes wäre, das ihm so gut den Tod gäbe wie der Unglaube, – und
es ist darum hier selbst für Gott schwer also zu wirken, daß der Mensch keinen
Schaden leide an seiner Seele! Wird er gezwungen durch irgendeine noch so
verborgene Macht, so bewegt er sich im Gerichte; wird er aber durch gar nichts
gezwungen, so bleibt er ungläubig und zweifelt an allem und beweist eben
dadurch, daß er völlig toten Geistes ist. Wer oder was soll dann lebendig
machen seinen Geist?
[GEJ.02_024,07]
Mein lebendig machendes Wort nimmt er nicht an – und somit auch Mich nicht als
die in der ganzen Unendlichkeit alleinige Quelle alles Lebens; nun frage dich
selbst, woher er dann sonst noch das Leben, das Ich allen Menschen brachte und
geben will, nehmen solle!“
[GEJ.02_024,08]
Sagt Cyrenius: „Ja, ja, das sehe ich nun ganz klar ein und muß es einsehen,
weil ich Dich schon seit dreißig Jahren kenne, wer Du bist; aber lassen wir das
nun, ich werde diese Menschen schon noch gläubig machen! Jetzt aber gehen wir
weiter und sehen, wo wir ein Mittagsmahl bekommen werden! Es ist schon ziemlich
spät nachmittags.“ – Wir verließen darauf die Schule und die Stadt und begaben
uns in Mein Haus, allwo schon ein gutes Mahl unser harrte. Wir aßen und tranken
ganz wohlgemut und waren diesen ganzen Tag über guter Dinge.
25. Kapitel
[GEJ.02_025,01]
Es ward viel geredet von den Begebnissen zu Ostrazine in Ägypten, allwo Ich
Meine Kindheit zugebracht hatte, und die Mutter war dabei auch sehr gesprächig und
hatte eine große Freude an den Gesprächen des Vizekönigs von Asien, wie man
also auch den Cyrenius begrüßte.
[GEJ.02_025,02]
Jakobus, Josephs Sohn, der des Schreibens wohl kundig war, holte eine ziemlich
dicke Rolle aus seinem Schrank und überreichte sie dem Cyrenius mit den Worten:
„Hoher Herr, hier habe ich von Seiner Geburt an alles aufgezeichnet bis zu
Seinem fünfzehnten Jahre, tatenreich aber eigentlich nur bis in Sein zwölftes
Jahr; denn nach dem zwölften Jahre verlor sich Seine göttliche Gabe so ganz und
gar, daß davon aber auch nicht die leiseste Spur mehr zu entdecken war. Darum
stehen die drei Jahre 13, 14 und 15 auch völlig leer; denn bis auf einige
ziemlich weise Worte hat sich da nichts Erhebliches mehr ereignet, und so habe
ich es denn auch über Sein fünfzehntes Jahr hinaus nicht mehr für nötig
gefunden, die ganz gewöhnlichen menschlichen Begebnisse, die ich an Ihm
bemerkte, aufzuzeichnen, und so ist diese Beschreibung über Seine Jugendzeit
als vollkommen für abgeschlossen zu betrachten. (Vgl. „Jugend Jesu“.)
[GEJ.02_025,03]
Es bestehen aber neben dieser meiner Aufzeichnung noch eine Menge falscher
Sagen, die wahrscheinlich ein Werk alter, müßiger Fischerweiber sind; ich bitte
daher jedermann, nur diese meine Beschreibung als die allein richtige, durchaus
wahre und alles umfassende anzusehen. Wenn ich dir, hoher Herr, damit ein
Vergnügen verschaffen kann, so bitte ich dich, diese meine kleine Mühe als eine
kleine Erkenntlichkeit von meiner Seite für die vielen Wohltaten, die du uns
erwiesen, gnädigst anzunehmen!“
[GEJ.02_025,04]
Cyrenius nimmt die Rolle mit vieler Freude in die Hände, blättert eine Weile
darin und liest manches laut vor, und alles hat eine große Freude daran. Eine
ganz besonders große Freude aber hatte daran die lieblichste Sarah, wie auch
ihre Mutter.
[GEJ.02_025,05]
Die Sarah wurde alle Augenblicke zu Tränen gerührt und sagte am Ende in einer
Art Erregtheit: „Was braucht man da denn noch, um das mit Händen zu greifen,
was ich schon seit meiner ersten Heilung eingesehen habe?! Gott! Solche Taten,
solche Zeichen – und noch kein Glaube, keine Einsicht, keine Erkenntnis des nur
zu wahrhaft Göttlichen?! Herr, ich als eine arme, schwache Sünderin vor Dir,
bitte Dich: tue hier keine Zeichen mehr! Denn dieses Volk von Nazareth mit höchst
geringer Ausnahme ist nicht des Anspuckens wert, geschweige Deiner zu heiligen
Worte und Taten! Ich bekenne es offen, dieses Volk, so mir eine Macht gegeben
wäre, ließe ich so lange fasten, hungern und stäupen, bis es zur Einsicht käme
und erkennete, wie sehr es dadurch gesündiget hat, daß es diese heilige Zeit
seiner Heimsuchung und der großen Gnade nicht erkannt hat!“
[GEJ.02_025,06]
Sagte Ich zur Sarah: „Ärgere dich, du Mein einziges Herz, der Dummen und
Blinden wegen nicht! Ich kenne sie und ihren Unglauben, und wie du es
wünschest, also werde Ich auch des Unglaubens willen wenig oder gar keine
Zeichen mehr tun (Matth.13,58). Und du, Mein Schreiber Matthäus, merke das an,
daß Ich des Unglaubens wegen hier in Meiner leiblichen Heimat wenig Zeichen mehr
wirkte, auf daß es sogar in den spätesten Zeiten alle Welt wissen solle, was
für harte und ungläubige Knöpfe diese Bürger Nazareths zu Meiner Zeit waren!
Wir aber werden uns dennoch einige Tage hier aufhalten und uns als von den
Bürgern deklarierte Müßiggänger recht wohl geschehen lassen! Denn weil sie sich
ärgern, so sollen sie sich also recht ärgern, auf daß sie desto eher reif
werden für den Satan und sein verfluchtes Reich!“
[GEJ.02_025,07]
Sagt Cyrenius: „Mir ist es endlos leid, daß ich mich vermöge meiner starken
Regierungsgeschäfte nicht länger als höchstens einen Tag hier aufhalten kann;
aber wenn ich Dir, o Herr, in dem einen oder andern etwas tun kann bei diesem
schmählichst ungläubigen Volke, so äußere Dich nur und begehre es, und ich lege
sogleich die Hand ans Werk! So Du es willst, lasse ich sogleich die ganze Stadt
mit Ruten durchstäupen!“
[GEJ.02_025,08]
Sage Ich: „Lassen wir das alles! Diese sind schon mit dem durchgestäupt zur
Übergenüge und voll gestraft dadurch, daß sie an Mich nicht glauben; denn ihr
Unglaube wird dereinst ihr unerbittlichster Richter sein, dem sie auf tausend
nicht eins zu erwidern imstande sein werden! Wahrlich, sage Ich dir, eher und
leichter werden alle Hurer, Ehebrecher und Diebe ins Gottesreich eingehen denn
diese ungläubigen Böcke und Klötze! Oh, Ich sage dir, wie Ich es nur zu gut
weiß: Diese Böcke und Klötze sind nicht so ungläubig, wie sie sich zeigen; sie
wollen nur nicht glauben, auf daß sie desto freier sündigen können! Denn nähmen
sie, durch die Zeichen genötigt, Meine Lehre an, da bekämen sie ja notwendig
ein Gewissen, das sie hindern würde in ihrem argen Tun und Treiben; darum
glauben sie denn lieber nichts und disputieren sich gegenseitig jede noch so
handgreifliche Wahrheit aus ihrem Gemüte, damit sie nur frei tun können, was
ihnen ihre argen Gelüste vorschreiben. Freund, da wäre sehr viel zu reden; aber
es ist hier besser, zu schweigen! Darum lassen wir sie, wie sie sind; denn was
einmal des Teufels ist, das ist auf ordentlichem Wege schwer göttlich zu machen!“
26. Kapitel
[GEJ.02_026,01]
Sagt Cyrenius: „Es ist gut, daß ich das weiß; das andere wird sich schon finden
lassen! Weil sie Deine Lehre nicht annehmen, da werde ich für eine andere
sorgen. Ich werde ihnen kaiserliche Verordnungen, die mir schon vor einem
halben Jahre zur Begutachtung von Rom als schon sanktioniert eingesandt worden
sind, durch Faustus und seine Knechte bekanntmachen lassen! Vielleicht wird
ihnen das Evangelium aus Rom mehr Respekt einflößen als das Deine aus den
Himmeln! Die Verordnung enthält hundert Punkte als Gesetze, hinter deren jedem
das Kreuz und die Geißel aufgerichtet sind: Die Mehrweiberei wird aufgehoben,
Unzucht und Hurerei mit der Geißel auf das schärfste bestraft, der Ehebruch mit
dem Kreuze, Dieberei und Betrug mit dem Kreuze, der Schmuggel mit der Geißel
und mit hundert Pfund Silbers, und dazu eine Menge Mein- und Dein-Gesetze,
deren Übertretung die Geißel und hundert Pfund Silbers zur Folge haben wird! So
wird ihnen auch das Reisen ohne einen Reiseschein auf das strengste untersagt
sein; der Reiseschein aber wird gegen Erlegung von hundert Pfund zu bekommen
sein! – Ja, das werde ich tun und werde diese neuen Gesetze besonders für diese
Städte in Galiläa allerstrengstens handhaben und sehen, ob bei diesem Volke
kein Gewissen mehr zu entdecken und zu erwecken ist!“
[GEJ.02_026,02]
Sage Ich: „Das gehört in Deinen Regierungsbereich, und Ich kann dir dagegen
weder mit Nein noch mit Ja antworten. Tue da, was du willst; aber erschwere
damit Mir und den Meinen das notwendige Umherreisen nicht!“
[GEJ.02_026,03]
Sagt Cyrenius: „Durchaus nicht; denn Künstler, Ärzte, Weise und Propheten sind
ausgenommen! Ihre Zeugnisse, ihre Taten und Reden dienen ihnen als
vollgültigster Reiseschein, und es darf sie bei Todesstrafe niemand daran hindern.
Dir aber stelle ich sogleich ein Zeugnis aus, und es wird Dich niemand
anhalten, so Du ihm das Zeugnis vorweisest!“
[GEJ.02_026,04]
Sage Ich: „Mich freuet dein allzeit guter Wille; aber erspare dir
dessenungeachtet diese Mühe! Denn solange Ich werde umherreisen wollen, wird es
Mir keine Macht in der Welt verwehren können! Werde Ich Mich aber einmal für
die gesamte Menschheit opfern wollen, so wird Mir auch keine Macht in der Welt
einen Schutz bieten können; und böte sie Mir solchen auch, so würde Ich ihn
dennoch nicht annehmen! Denn, Freund: Der, dem Himmel und Erde gehorchen, wird
doch mächtiger sein als alle Menschen auf dieser Erde, die Mir kaum zu einem
Fußschemel dienen kann!? Darum tue du zwar, was du willst; aber es wird da
wenig fruchten! Denn du magst ein Gesetz noch so vollständig geben, so wirst du
nur zu bald gewahr werden, mit welcher Geschicklichkeit die Menschen das Gesetz
umgehen werden, und du wirst dagegen nichts tun können.
[GEJ.02_026,05]
Gottes Gebote, die durch Moses dem Volke sind gegeben worden, sind gewiß so
erschöpfend als nur etwas Vollendetes erschöpfend sein kann; aber Menschen, wie
diese Zeiten zeigen, haben Gottes Gebote ganz geschickt in ihre höchst eigenen
bösen Satzungen also umzugestalten verstanden, daß die jetzigen Menschen nun
gar kein Gewissen mehr haben, die Gebote Gottes zu übertreten, so sie nur ihre
Weltsatzungen erfüllen!
[GEJ.02_026,06]
Wenn aber die Menschen solches am grünen Holze tun, was alles werden sie tun
mit einem dürren Klotze aus Rom!? – Daher tue du zwar, was du willst, und Mir
wird es recht sein; aber Ich sage dir auch:
[GEJ.02_026,07]
Je mehr Gesetze, desto mehr Verbrecher, für die mit der Zeit eure Kreuze und
Geißeln lange nicht ausreichen dürften!“
[GEJ.02_026,08]
Sagt Cyrenius: „Das alles, was Du mir nun sagtest, ist unwidersprechlich wahr,
aber ich frage Dich doch noch weiter zu meiner höchst eigenen Belehrung: Was
kann man aber anwenden gegen die Widerspenstigkeit der Menschen, die vor allem
gleich diesen Nazaräern an keinen Gott und an keine höhere Offenbarung mehr
glauben und den Geboten Gottes mit jeder ihrer Handlungen den offenbarsten Hohn
sprechen?! Soll man sie denn dann auch noch ohne schärfst sanktionierte
weltliche Gesetze lassen, damit sie ohne alle Furcht ihren losen Gelüsten frönen
könnten, wie es ihnen beliebig wäre, wenn sie schon seit lange her jedes
göttlichen Gesetzes bar sind und es unter sich, wie mit ihren Nachbarn, weit
ärger zu treiben anfangen als das reißende Wild der Wüste und Wälder?! Da,
meine ich, sind scharfe, weltliche Gesetze ganz an ihrem Platze, um solche ganz
wildgewordene Menschen wieder zu einer Ordnung und aus dieser zur Erkenntnis
Gottes zurückzuführen!“
[GEJ.02_026,09]
Sage Ich: „Allerdings; denn da ist kein anderer Weg möglich und denkbar als der
durch den Zwang der weltlichen Gesetze! Aber es kommt nun wohl überaus sehr
darauf an, was für Gesetze den Menschen zu geben sind!
[GEJ.02_026,10]
Dazu gehört eine überaus tiefe Kenntnis der menschlichen Natur; und den wahren
Grund, durch den die Menschheit zur Entartung geführt ward, darf der
Gesetzgeber nie aus den Augen fallen lassen, – sonst gleicht er einem Arzte,
der mit ein und derselben Medizin alle bei den Menschen vorkommenden
Krankheiten heilen will, aber gar nicht bedenkt, daß die höchst verschiedenen Krankheiten,
die den menschlichen Leib befallen können, auch höchst verschiedener Natur sind
und jede einen andern Grund hat. Ein solcher Arzt wird dann und wann wohl hie
und da einen Kranken finden, für dessen Übel seine Arznei gerade taugt, und der
Kranke wird darauf gesund; aber hundert andere Kranke, deren Übel einer anderen
Art und Beschaffenheit sind, werden auf solch eine Arznei nicht nur nicht
besser, sondern um vieles schlechter und sterben wohl gar darauf!
[GEJ.02_026,11]
Wenn es aber schon für den kranken Leib, den doch jeder Arzt sehen und greifen
kann, schwer ist, eine rechte Arznei zu bestimmen, um wieviel schwerer ist es
dann, für eine kranke Menschenseele eine rechte Arznei zu finden und zu
bestimmen!
[GEJ.02_026,12]
Das Gesetz ist wohl die Arznei, so mit dem Gesetze die rechte Lehre, wie und
warum das Gesetz zu halten ist, im Verbande ist; aber denke nun selbst nach:
[GEJ.02_026,13]
Da hast du eine zornmütige Seele, da eine furchtsame, da wieder eine
ränkesüchtige, dort eine neidische, geizige und betrugslustige Seele; wieder
wirst du eine forschende Seele antreffen, und der gegenüber eine träge und
schläfrige; in einem Hause sitzen vier gehorsame, demütige Seelen, in einem
andern fünf widerspenstige – und so fort unter zahllos vielen Eigentümlichkeiten,
Schwächen und Leidenschaften.
[GEJ.02_026,14]
Nun gibst du für all diese zahllos vielen Charaktere der Seelen ein gleiches
Gesetz; wie aber wird es ihnen frommen? Der Furchtsame wird verzweifeln, der
Zornige auf Rache und Umsturz zu sinnen beginnen, der Laue wird lau bleiben,
und der Forscher wird allen Mut verlieren und innehalten mit seiner guten
Arbeit; der Geizige wird noch geiziger werden, und der Hochmütige wird mit dem
Zornigen eine Sache machen, und der Schlaue wird beiden seine Hände bieten!
[GEJ.02_026,15]
Bedenke nun diese und tausend andere der traurigsten Folgen, die aus einem
unweisen, plumpen Gesetze hervorgehen müssen, so wirst du neben der
Notwendigkeit eines Gesetzes auch die andere Notwendigkeit einsehen, der
zufolge ein Gesetz überaus scharf und genau dahin geprüft werden muß, ob es
allen möglichen Charakteren heilsam entsprechen könne oder nicht!
[GEJ.02_026,16]
Ist ein zu gebendes Gesetz nicht zuvor also geprüft, so soll es nicht den
Menschen zur Beachtung vorgestellt werden, weil im allgemeinen es offenbar mehr
Schaden als Nutzen verursachen müßte.“
[GEJ.02_026,17]
Siehe, Gott, der allweiseste Schöpfer, hat aus Seiner endlosesten
Weisheitstiefe nur zehn Gesetze gewisserart gefunden, die für alle
Seelencharaktere wohltauglich sind, und jeder Mensch kann sie auch überaus
leicht beachten, wenn er nur will; wenn aber Gott Selbst nur zehn Gesetze
findet, die mit der Natur und Eigenschaft jeder Menschenseele in voller
nutzwirkender Entsprechung stehen, wie möglich kann ein heidnischer Kaiser in
Rom gleich hundert Gesetze finden, aus deren Beachtung die Menschenseelen ihr
Heil schöpfen sollen?“
27. Kapitel
[GEJ.02_027,01]
(Der Herr:) „Ich sage dir: Solange das jüdische Volk unter den Richtern stand, die
allein die Gesetze Gottes aufrechterhielten, da war es auch eine lange Zeit im
Leben, Handel und Wandel bis auf wenige Eigenheiten völlig der Ordnung Gottes
gemäß; als es aber späterhin Gelegenheit bekam, den Glanz der Könige der Heiden
zu erschauen, wie diese in großen, prunkvollen Palästen wohnten, und wie sich
ihre Völker vor ihnen bis in den Staub beugten, so gefiel das den blinden
Narren aus dem jüdischen Volke wohl, und sie verlangten, da sie sich für das
mächtigste Volk der Erde hielten, von Gott auch einen König. Gott wollte dem
dummen Verlangen des Volkes aber nicht sogleich nachkommen, sondern warnte es
und zeigte ihm all die bösen Folgen, die sie unter dem Könige würden zu
gewärtigen haben! Aber Gott ließ da durch die Propheten tauben Ohren predigen;
es half nichts, das Volk wollte um jeden Preis einen König!
[GEJ.02_027,02]
Und Gott gab dem Volke in Saul den ersten König und ließ ihn salben durch den
alten, treuen Knecht Samuel. Als das Volk nun einen König hatte, der ihm sofort
schwer zu erfüllende Gesetze gab, da erst fing es an zu sinken immer mehr und
mehr – bis auf den gegenwärtigen Punkt der äußersten Verworfenheit.
[GEJ.02_027,03]
Wer aber schuldet hauptsächlich daran? – Siehe, – die ungeschickten Gesetze,
die von Menschen herrühren, die weder ihre eigenen und sicher noch weniger
ihrer Nebenmenschen Naturen gekannt haben und mit ihren plumpen und nur auf den
speziellen Eigennutz berechneten Gesetzen alles innere Seelenleben gänzlich
zugrunde richteten!
[GEJ.02_027,04]
Sage dir es selber und denke wohl darüber nach: Wenn da irgendwo bestünde ein
mechanisches Kunstwerk, das lange Zeit gut ging und dem Willen des Meisters
entsprach, aber endlich doch stehenblieb, weil daran irgendein Teil schadhaft
geworden war, und es käme dann ein Mensch voll Aufgeblasenheit und Eigendünkel
und spräche zum Besitzer der Maschine: ,Übergib mir das Werk, ich werde es
herstellen!‘, und der Besitzer täte dies in der Meinung, daß der Großsprecher
ein Verständiger sei, – was wird, wenn der Maulreißer seine höchst ungeschickten
Hände ans Werk legt, nur zu bald und zu sicher aus der Maschine werden? Wird
dieser, aller mechanischen Kenntnis im Grunde des Grundes völlig bare
Maulreißer, der vom ebenfalls blinden Maschinenbesitzer nur einige Goldstücke
herauspressen will, der Maschine nicht mehr schaden als nützen? Oder wird er
sie am Ende nicht also gänzlich verderben, daß darauf sogar der wirkliche
Meister, der die Maschine gebaut hatte, sie kaum mehr wird zurechtbringen
können?
[GEJ.02_027,05]
Wenn aber das schon bei einer höchst einfachen, plumpen Maschine, deren Teile
offen liegen, leicht zu zählen, zu übersehen und allenthalben mit Händen zu
greifen sind, notwendig der Fall ist und sein muß, so ein unverständiger
Maulreißer sie herstellen will, um wie viel mehr muß der Mensch, der in allen
seinen Teilen die allerweisest kunstvollste Lebensmaschine ist, von deren
totaler Zusammenfügung nur Gott allein die vollste Kenntnis und Einsicht hat,
notwendig verdorben werden, so ein unwissender und höchst unweiser, selbstsüchtiger
Gesetzgeber ihn durch allerplumpste und zweckwidrigste Gesetze bessern will, wo
er doch nicht die leiseste Spur von einer Kenntnis besitzt, durch die er
wenigstens nur zum tausendsten Teile einsähe, was alles dazu gehört, um nur ein
Haar auf dem Haupte eines Menschen wachsen zu machen!
[GEJ.02_027,06]
Darum, Mein liebster Freund Cyrenius, laß du deine vermeinten hundert Gesetze
fein zu Hause; denn du würdest damit niemanden wahrhaft bessern! Laß aber dafür
die Gesetze Gottes walten und sanktioniere sie; durch die Beachtung derselben
wirst du aus den Menschenmaschinen wirkliche Menschen machen.
[GEJ.02_027,07]
Sind sie erst Menschen geworden, dann kannst du ihnen des Staates Bedürfnisse
vortragen, und sie werden dann als wahre Menschen freiwillig mehr tun, als sie
je als geknebelte Sklaven harter, plumper Gesetze tun könnten.
[GEJ.02_027,08]
Ich sage dir: Nur das, was ein Mensch aus freiem Willen nach seiner frei und
somit wohlgebildeten Einsicht tut, ist wahrhaft getan und bringt Nutzen auf
eine oder die andere Art; jede erzwungene Arbeit und Tat aber ist nicht eines
Staters wert. Denn bei jeder gezwungenen Arbeit und Tat arbeitet allzeit Zorn
und Rache gegen den Zwinger (Zwingherrn) mit, und das kann ewig kein Segen für
was immer für ein Werk sein.
[GEJ.02_027,09]
Wenn du, liebster Cyrenius, diese Meine Worte recht durchdenken wirst, so wird
es dir vollends klar sein, daß Ich dir nun die vollste Wahrheit gesagt habe!“
[GEJ.02_027,10]
Sagt Cyrenius: „Edelster, göttlichster Freund, da brauche ich wahrlich nicht
viel nachzudenken; denn Deine Worte sind ja so klar und wahr wie die Sonne am
hellsten Mittage, und ich werde das tun, was Du mir geraten hast. Das Mosaische
Gesetz werde ich neu sanktionieren und das Volk zu nötigen verstehen, danach zu
handeln! Edelster Freund, so es Dir genehm wäre, würde ich mit Deiner geheimen
geistigen Hilfe auch den Griechen das mir wohlbekannte Mosaische Gesetz zu
strenger Beachtung verkündigen lassen! Mir kann es dazu sogar an einem
politischen Grunde nicht fehlen; denn bekanntlich gibt es zwischen den Juden
und Griechen gleichfort Reibungen, die stets und zumeist auf Grund des
verschiedenen Glaubens an Gott und der ebenso verschiedenen Erkenntnis
desselben entstehen. Die Juden behaupten auf Mord und Brand das ihrige, und die
Griechen dagegen, die den Juden in der Dialektik bei weitem vor sind, verhauen
mit ihren geläufigen Zungen die schwerfälligen Juden auf eine solche Weise, daß
sie den Griechen nicht eins auf tausend zu erwidern imstande sind, und es kommt
daher nicht selten zwischen beiden Parteien zu blutigen Tätlichkeiten, was doch
sicher keine wünschenswerte Folge von den bestehenden Glaubens- und
Gottesgesetzesdifferenzen ist.
[GEJ.02_027,11]
So ich aber auch den Griechen das jüdische Gottesgesetz zur strengen Beachtung
gebe und es, wie gesagt, auch aus politischen Gründen vom Staate sanktioniere,
so werden derlei mir stets äußerst unangenehmen Reibungen sicher unterbleiben.
Herr und Meister, habe ich recht, wenn ich das tue? Und so ich es tue, da sage
es mir aus Deiner unergründlichen Weisheitstiefe, wie ich das anstellen soll,
um den vorgestellten guten Zweck zu erreichen!“
28. Kapitel
[GEJ.02_028,01]
Sage Ich: „Freund, dein Wille ist gut, aber das Fleisch ist schwach! Dein gutes
Vorhaben wird wohl im Verlaufe eines Säkulums (Jahrhunderts) zur vollen Wirkung
kommen, und du wirst dazu noch manches Gute als Vorbereitung zustande bringen,
– aber hüte dich in geistigen Lebensdingen vor nichts mehr als vor dem
römischen ,Muß‘; denn solches schadet dem Menschen allzeit mehr, als es ihm je
nützen kann! Denn jedes Muß ist ein Gericht und läßt keine Freiheit zu, die in
den rein göttlichen Lebensdingen doch das einzige wohlgedüngte Feld ist, auf
dem der Same des Lebens keimen, treiben und endlich zur segensreichen und
reifen Lebensfrucht gedeihen kann!
[GEJ.02_028,02]
So du einen jungen Vogel, der erst dem Ei entkrochen ist, nimmst und fütterst,
auf daß er eher flugstark werde, ihm aber neben der sonst guten Fütterung
gleichfort die Flügel stutzest, sage, wird da dem Vogel selbst die beste
Fütterung zu etwas nütze sein? Der Vogel wird wohl vegetieren, aber mit dem
freien Fliegen wird es so lange einen ganz mächtigen Haken haben, als wie lange
du ihm die Flügel stutzen wirst!
[GEJ.02_028,03]
Wie aber der Vogel ohne Flügelfedern nicht fliegen kann, so kann auch der Geist
des Menschen nie zur freien Lebenstätigkeit gelangen, wenn ihm durch das
sanktionierte Muß die Flügel der freien Erkenntnis gestutzt werden. Ein Geist
ohne freie Tätigkeit aber ist schon darum tot, weil er das nicht hat, was im
Grunde des Grundes sein Leben bedingt und ausmacht.
[GEJ.02_028,04]
Du kannst dem Menschen tausend Gesetze geben für seine bloß irdische
Lebenssphäre und sie alle unter Muß sanktionieren, so wirst du damit dem Geiste
des Menschen viel weniger schaden, als so du ihm ein einziges Gottesgebot
weltlich sanktionierest.
[GEJ.02_028,05]
Das Geistige muß frei bleiben und muß die Sanktion in sich selbst frei
bestimmen, sowie das damit verbundene Gericht; und so erst kann es in und aus
sich des Lebens Vollendung erreichen.
[GEJ.02_028,06]
Die freien Erkenntnisse des Guten und Wahren sind des Geistes Lebenslicht; aus
diesen bestimmt er für sich dann selbst die ihm zusagenden Gesetze. Diese
Gesetze sind dann freie Gesetze und sind allein mit des Lebens Freiheit für
ewig verträglich. Des Geistes Wille nach den Erkenntnissen ist das freie Gesetz
im Geiste, und die ewige Notwendigkeit, nach dem freien Willen zu handeln, ist
die ewige Sanktion, nach der auch sicher kein Geist anders handeln kann, als er
eben frei handeln will.
[GEJ.02_028,07]
Und siehe, das ist denn auch die sich ewig selbst bestimmende Ordnung in Gott,
der doch sicher keinen Gesetzgeber über Sich hat.
[GEJ.02_028,08]
Gottes freiester Wille bestimmt nach den ewig vollkommensten Erkenntnissen und
weisesten Einsichten in Ihm Selbst das Gesetz und sanktioniert dieses durch die
höchst eigene, obschon noch immerhin freie Notwendigkeit; und diese ist dann
der Grund aller geschaffenen, irdischen Dinge und ihres Bestandes insoweit, als
dieser zur inneren Ausbildung, Konsistierung (Festigung) und endlichen freien
Isolierung (Verselbständigung) des Geistes notwendig ist.
[GEJ.02_028,09]
Der menschliche Geist aber soll ebenso vollkommen werden in sich und durch
sich, wie der Urgeist Gottes in Sich und durch Sich vollkommen ist, ansonst der
Geist kein Geist, sondern ein gerichteter Tod ist.
[GEJ.02_028,10]
Damit aber der Menschengeist das werden kann, muß ihm die Gelegenheit geboten
werden, sich ebenso entwickeln zu können in der Zeit, wie sich der göttliche
Geist in Gott Selbst von Ewigkeit her in, aus und durch Sich Selbst gebildet
hat!
[GEJ.02_028,11]
Siehe, Ich hätte doch sicher von Ewigkeit her Macht genug, alle Menschen mit
unwiderstehlicher innerer Gewalt zu zwingen, nach irgendeinem gegebenen Gesetz
also genau zu handeln, daß sie davon nicht um ein Haarbreit abweichen könnten;
aber dann würde der Mensch aufhören ein Mensch zu sein, und er wäre ebensogut
ein Tier wie irgendeines aus dem großen Reiche desselben. Er würde dann seine
Arbeit freilich höchst genau verrichten, aber an der Arbeit selbst würdest du
ebensowenig irgendeinen Unterschied entdecken wie bei der zellenbauenden Arbeit
der Bienen und zahllos vieler andern großen und kleinen Tiere.
[GEJ.02_028,12]
Wolltest du aber dann mit deiner freien Erkenntnis solche Tiermenschen zu etwas
Höherem bilden, so würdest du dann mit ihnen ebensowenig auszurichten imstande
sein, als wenn es dir einfiele, die Bienen in eine Schule zu geben, in der sie
endlich einmal ihre Zellen auf eine bessere und zweckmäßigere Weise zu bauen
anfangen sollten.
[GEJ.02_028,13]
Deshalb mußt du die Fähigkeit der Menschen, daß sie sündigen können, nicht so
niedrig und nicht als zu sehr verbrecherisch anschlagen; denn ohne die
Fähigkeit, den gegebenen Gesetzen zuwiderzuhandeln, wäre der Mensch ein Tier
und kein Mensch!
[GEJ.02_028,14]
Und Ich sage es dir: Die Sünde gibt dem Menschen erst das Zeugnis, daß er ein
Mensch ist; ohne diese wäre er ein Tier!“
29. Kapitel
[GEJ.02_029,01] (Der
Herr:) „Es ist daher zwar wohl gut und recht, die Sünder zu strafen, wenn sie
zu sehr von der Ordnung abweichen, die Gott Selbst zur sicheren und in
kürzester Zeit möglichen Vollendung gesetzt hat; aber mit einem eisernen Muß
soll niemand von der Möglichkeit zu sündigen abgehalten werden. Denn wahrlich
sage Ich dir: Mir ist ein Sünder, der frei aus sich Buße tut, lieber als
neunundneunzig Gerechte nach dem Maße des Gesetzes, die der Buße nie bedurft
haben; der ist ganz Mensch, die andern nur zur Hälfte!
[GEJ.02_029,02]
Ich will aber damit freilich nicht sagen, daß Mir darum ein Sünder lieber wäre
denn ein Gerechter, weil er etwa allzeit ein Sünder ist – denn in der Sünde
verharren heißt: ebenfalls ein Tier werden, das nur mehr aus der falschen
instinktartigen Begründung ein schmutziges Leben fristet –; sondern es ist hier
nur von einem Sünder die Rede, der das Unrecht, dem Gesetze zuwidergehandelt zu
haben, in sich frei erkennt, sich nach der erkannten Ordnung Gottes neu zu
bestimmen anfängt und zu einem Menschen wird, dem keine Schule des Lebens fremd
geblieben ist.
[GEJ.02_029,03]
Solch ein Geist wird in Meinem Reiche dereinst endlos Größeres zu leisten
imstande sein als einer, der stets aus einer sklavischen Furcht nie um ein Haar
vom Gesetze abgewichen ist und sich in solcher, durch die Furcht gezwungenen
Beachtung des Gesetzes zu einer keinen eigenen Willen habenden Maschine herab
begründet und sich leiblich und geistig in dieselbe hineingelebt hat.
[GEJ.02_029,04]
Nimm einen Stein und wirf ihn in die Höhe! Es wird nicht lange währen, so wird
er, nach dem in ihn wie in die ganze Erde gelegten Mußgesetz, nur zu bald in
sicher kürzester Zeit zur Erde herabfallen. Ist der Stein darum zu loben, daß
er das Gesetz gar so genau beachtet? Du kannst zwar mit dem Steine da, wo es
sich um eine feste Unterlage handelt, alles mögliche tun; schaffe aber dem
Steine irgendeine freie Tätigkeit, und er wird seine tote Ruhe nie verlassen!
[GEJ.02_029,05]
Darum sollst du aus Menschen nicht Steine machen durch Mußgesetze, sondern sie
nur bilden in ihrer Freiheit, – dann hast du völlig der Gottesordnung gemäß
gehandelt.
[GEJ.02_029,06]
Siehe, wären die Menschen, die hoch obenan stehen auf der Erde, nicht so träge,
wie sie mit seltener Ausnahme sind, so würden sie bei nur einigem
Beobachtungsgeiste gar leicht wahrgenommen haben, daß der Mensch, wenn er nur
einen gewissen Grad von irgendeiner Bildung erreicht hat, sich ewig nimmer mit
der tierischen Einförmigkeit begnügt. Er baut sich zu seiner Wohnung keine
Hütte mehr aus Reisern, Stroh und geknetetem Lehm, sondern er behaut Steine und
macht aus Lehm Backsteine, baut sich daraus ein stattliches Haus mit Ringmauern
und baut dazu feste Türme, von deren Zinnen er weit umhersehen kann, ob sich
seinem Hause kein Feind nahe!
[GEJ.02_029,07]
Und so bauen tausend gebildete Menschen sich sicher auch tausend Häuser, von
denen keines dem andern gleicht – weder in der Form, noch in der inneren
Einrichtung; betrachte aber dagegen die Nester der Vögel und die Lager der
Tiere, und du wirst nie irgendeine Veränderung daran entdecken! Betrachte das
Nest der Schwalbe, des Sperlings, siehe an das Gewebe der Spinne, die Zelle der
Biene und tausend andere von den Tieren herrührende Produkte und Machwerke, und
du wirst nie eine Verbesserung und auch so nie eine Verschlechterung daran
entdecken; betrachte aber dagegen das Machwerk des Menschen: welch eine nahe
ans Unendliche streifende Mannigfaltigkeit wirst du daran entdecken! Und doch
sind es immer die einen und dieselben Menschen, die das alles mit oft großen
Mühen zustande bringen!
[GEJ.02_029,08]
Daraus aber läßt sich ja schon mit den Händen greifen, daß Gott, der dem
Menschen einen Ihm ähnlichen Geist gab, eben den Menschen nicht zum Tierwerden,
sondern zum völlig freiesten Gottähnlichwerden erschaffen hat.“
30. Kapitel
[GEJ.02_030,01]
Der Herr: „Wenn aber der Mensch, ohne Unterschied des Geschlechtes, der
Hautfarbe und des irdischen Standes, für solch allerhöchsten Beruf von Gott
erschaffen worden ist – was du nun sicher mit den Händen greifen kannst –, so
kann seinem geistigen Teile ewig kein Mußgesetz gegeben werden, so aus ihm
endlich das werden solle, wozu ihn Gott bestimmt hat; sondern da solle ein
jedes Gesetz mit ,Soll‘ gegeben sein, und nur für offenbar böswillige Gegner
des freien Gesetzes solle eine taugliche, stets auf die freie Besserung des
Menschen berechnete Züchtigung gesetzt sein, die aber allzeit so gestellt sein
solle, daß sie nicht als eine willkürliche, sondern nur als eine notwendige
Folge des unterlassenen Ordnungsgesetzes erscheint. So wird der menschliche
Geist dadurch zuerst zum selbständigen Denken gelangen und wird das gegebene
Gesetz ehest zu dem seinigen machen und danach handeln, während eine ganz
willkürlich bemessene Strafe auf ein Vergehen das menschliche Gemüt allzeit
verhärtet und erbittert und aus dem Menschen einen Teufel zieht, dessen
Rachgier nicht eher erlöschen wird, als bis er sich, entweder noch in dieser,
ganz sicher aber in der andern Welt, auf das unerhörteste rächen wird, – was
ihm zugelassen werden muß, weil er sonst in der Hölle seines eigenen Herzens
ewig nie zu bessern wäre!
[GEJ.02_030,02]
Der Gesetzgeber und Züchtiger soll nie vergessen, daß der Geist des Menschen,
ob gut oder böse, nicht getötet werden kann, sondern fortlebt! Solange er noch
sichtbar auf der Erde umherwandelt, kannst du dich ihm zur Wehr stellen und ihn
vertreiben, wenn er dich verfolgt; ist er aber einmal aus dem Leibe und kann
sich dir nahen auf tausendfache Art, um dir zu schaden bei jedem Schritte und
Tritte, ohne von dir gesehen und wahrgenommen zu werden, – sage, mit welchen
Waffen kannst du ihm dann entgegentreten?
[GEJ.02_030,03]
Siehe, nun sage Ich dir: Dein großes Unglück, das dich ohne Mich gänzlich
zermalmt hätte, hast du rein jenen Geistern zu verdanken, die du dir durch
deine oft zu straffe Handhabung der römischen Staatsgesetze zu unversöhnlichen
Feinden gemacht hast! Laß dir daher diese Meine umfassende Belehrung
fruchtbringend zu Gemüte führen, so wirst du dadurch selbst ein guter Arbeiter
im Weinberge Gottes werden, denn dir fehlt es weder an Macht, noch an Mitteln
und an einem stets gleich guten Willen; was dir aber gefehlt hat, das hast du
nun von Mir empfangen. Wende es treulich an, und der segensreichsten Früchte
Krone wird für dich sicher nicht unterm Wege verbleiben!“
[GEJ.02_030,04]
Sagt Cyrenius ganz gerührt von der praktischen Weisheit dieser Meiner an ihn
ergangenen Lehre: „O Du mein heiligster, erster und größter Freund, Meister und
Gott meines Herzens! Nun erst bin ich vollends klar, und tausend und aber tausend
Begebnisse aus meinem Leben tauchen nun auf, und ich sehe nun erst, daß eben
ich selbst bei meinem sonst ehrlichen und guten Willen an jenen gegen die
Ordnung Gottes bei weitem mehr und stärker gesündigt habe als alle, die ich
deshalb, leider nach der ganzen Strenge der Gesetze, habe richten lassen. Wer
aber wird nun solche meine gröbsten Sünden vor Dir, o Herr, je gutmachen
können?“
[GEJ.02_030,05]
Sage Ich: „Freund, sei darum ruhig! Bei Gott ist kein Ding unmöglich, und Ich
habe für dich schon lange alles gutgemacht, – ansonst du nicht bei Mir wärest!“
31. Kapitel
[GEJ.02_031,01]
Sagt darauf auch Jairus: „Ja, ja, du mächtiger Cyrenius, du hast völlig recht,
daß du von dir selbst aussagst, daß du nun vollends im reinen bist in deinen
nunmaligen Einsichten; denn auch ich und sicher ein jeder aus uns ist es und
kann die ewige Notwendigkeit auf Grund der allerunbestreitbarsten Wahrheit
einsehen, wie da alles beschaffen ist, und wie der Mensch beschaffen sein soll.
Aber was kann man da tun? Die Menschheit ist zu tief herabgekommen; sie
versteht eine sanfte freie Lehre nicht, und es wäre – gerade herausgeredet –
schade um die Zeit, die man dazu verwenden möchte, weil man sich damit nichts
als eine fruchtlose Mühe gäbe, aus der kaum Disteln und Dornen als Frucht zum
leersten Vorscheine kämen! Also auf die sanfte Art ist keine Wirkung möglich,
wenigstens nicht bei den mir nur zu bekannten Juden!
[GEJ.02_031,02]
Das Volk aber durch Wunder lehren, ist zwiefältig schlecht: einmal schlecht,
weil der Mensch, durch ein Wunder zur Wahrheitsannahme bewogen, ein
gerichteter, unfreier Mensch ist und dem durch ein Wunder bekräftigten Worte
nicht der kaum erkannten Wahrheit, sondern nur des mächtigen Wunders wegen
glaubt und nicht aus innerer Überzeugung und daraus hervorgehender
Selbstbestimmung, sondern aus purer knechtischer Furcht vor irgendeiner
plötzlichen Strafe nach dem vernommenen Worte tätig wird. Versteht aber einer,
ihm das Wunder recht geschickt auszureden, so wird er auch sicher der erste
sein, der dem Worte und dem Glauben darauf ein ganz fröhliches Lebewohl
nachrufen wird! Und zum andern Male ist die durch ein Wunder bekräftigte Lehre
schlecht, weil das Wunder, das als solches kein Bleibens haben kann, nicht auf
die späteren Generationen übergeht, ein erzähltes und nicht erlebtes Wunder
aber ohnehin keinen andern Wert als ein erzähltes Kindermärchen hat und haben
kann.
[GEJ.02_031,03]
Könnte man aber ein Wunder auch bleibend machen, oder würde man allen Lehrern
dieser hier vernommenen Wahrheiten die Fähigkeit geben, allzeit Wunder zu
wirken, so würde fürs erste ein bleibendes Wunder von dem Menschenverstande nur
zu bald in die Reihe der täglich natürlichen Erscheinungen gestellt werden und
den kräftigen Beweisgrund verlieren. Ein Wunder aber, das von allen Wahrheitslehrern
zu allen Zeiten gewirkt werden würde, würde fürs zweite eben auch alltäglich
werden wie sonst irgendeine alltägliche Zauberei der Gassengaukler, die ich
zwar auch nicht nachzuahmen imstande bin, und bei der ich nicht einsehe, wie
und mit welchen Mitteln sie zustande gebracht wird; aber weil man derlei nur zu
oft sieht, so verliert es den Wert des eigentlich Wunderbaren und sinkt zum
Alltäglichen und ganz Gewöhnlichen herab.
[GEJ.02_031,04]
Ist nicht alles Wunder über Wunder, was uns täglich umgibt? Was wir hören,
sehen, fühlen, riechen, schmecken – ist nichts als Wunder über Wunder! Aber
weil alles das bleibend ist und in einer stets gleichen Ordnung fortschreitend
geschieht, so verliert es den Charakter des Wunderbaren und nimmt auch keines Menschen
Gemüt mehr wie ein Gericht für den Glauben gefangen; nur einige Naturkundige
beschäftigt es wissenschaftlich. Diese legen ihr Ohr auf die Erde und geben
sich alle Mühe, um etwa doch das Gras wachsen zu hören; aber da sie mit aller
ihrer Mühe dabei wenig oder nichts herausbringen und nicht erfahren können, wie
da das Gras wächst, so tun sie am Ende doch mit weise tuender Miene, als
verstünden sie es. Weil sie aber das Gras nicht wachsen machen können, so
lernen andere alte, schon sehr abgenutzte Zauberstücklein, schlagen damit die
Blinden breit und machen dabei aber die Sehenden darüber lachen, wie die
Blinden sich von ihnen auf die harmloseste Weise breitschlagen lassen.
[GEJ.02_031,05]
Es ist demnach gewiß, daß die Wunder im Grunde des Grundes entweder wenig oder,
was meistens der Fall ist, zur Besserung der Menschen gar keinen Wert haben,
weil das, was ich von den Wundern nun gesagt habe, leider nur zu wahr ist; sie
erwecken wohl zumeist die neugierdevolle Gafflust der Zuseher, aber die
finsteren Bande des Herzens lösen sie bei aller Ängstigung der Seele dennoch
nicht, und die Wundergaffer bleiben unverändert dieselben, die sie ehedem
waren, und fragen sich höchstens untereinander, zumeist so dumm als möglich:
,Aber wie er, der Wundermann, doch das zustande gebracht hat!?‘ Der noch
dümmere Teil aber sieht um den Wundermann ohnehin lauter Teufel und deren
Spukwerk.
[GEJ.02_031,06]
Wenn aber sogestaltig auf dem Felde der Wundertäterei so wenig erwünschte
Früchte zum Vorschein kommen und nach Deiner klarsten Darstellung, o Herr und
Meister, durch die äußere Zwangsgewalt der Gesetze noch wenigere und
schlechtere, für die freie Belehrung aber nun unter tausend Menschen kaum fünf
aufnahmefähig sind, so glaube ich nun nicht mit Unrecht noch einmal die wichtige
Frage zu stellen: Was soll man als Lehrer endlich tun? Das Wunder verdirbt, das
strenge Gesetz verdirbt auch, – und für die freie Belehrung aus der göttlichen
Weisheitstiefe ist nur überaus selten ein Mensch völlig aufnahmefähig! Wie kann
man sich aus diesem Dilemma (Zwangslage) wirkend frei machen? Wie kann man denn
mit einem Schiffe durch die weltbekannte Szylla und Charybdis also kommen, daß
man weder von der einen noch von der andern verschlungen wird?“
32. Kapitel
[GEJ.02_032,01]
Sage Ich: „Mein Freund, du hast ganz richtig geurteilt; aber eines hast du
dennoch vergessen, und das besteht darin, daß bei Gott gar viele Dinge möglich
sind, die die Menschen als unmöglich erachten. Siehe und zähle Meine Jünger! Es
sind wenig Schulgebildete darunter; Ich aber habe sie zuerst durchs Wort
geweckt und an Mich gezogen und habe sie darauf erst die vorgesagte Macht des
göttlichen Wortes tatsächlich erfahren lassen. Eine Wundertat aber nach dem
vorangegangenen reinen Worte ist kein Gericht mehr, sondern nur eine Bekräftigung
des Wortes.
[GEJ.02_032,02]
Aber Ich setze die Beweise dennoch nicht in die Wundertaten, die Ich verrichte,
sondern in das Licht des Wortes selbst und sage: Wer völlig nach Meinem Worte
leben wird, der wird es erst in sich zur lebendigen Überzeugung bringen, daß
Meine Worte keine leeren Menschen-, sondern Gottesworte sind!
[GEJ.02_032,03]
Wahrlich, wer in seinem Herzen nicht diesen nun ausgesprochenen Beweis
überkommen wird, dem werden alle andern Beweise wenig oder nichts nützen! Denn Meine
Worte sind selbst Licht, Wahrheit und Leben.
[GEJ.02_032,04]
Wer daher Mein Wort hört, es annimmt und danach lebt, der hat Mich Selbst in
sich aufgenommen; wer aber Mich aufnimmt, der nimmt auch Den auf, der Mich in
die Welt gesandt hat, aber dennoch vollkommen eins ist mit Mir. Denn was Ich
will, das will auch Er! Und Er ist kein anderer denn Ich und Ich kein anderer
denn Er bis auf die Haut, die uns beide umgibt. In wem aber, wie in Mir, Liebe
und Weisheit in einem Herzen wohnen, der ist wie Ich und Der, der Mich in diese
Welt gesandt hat zur Heilung und Beseligung aller, die an den Sohn des Menschen
glauben werden! – Verstehet ihr das?“
[GEJ.02_032,05]
Sagen viele: „Ja, Herr!“; aber einige sagen: „Herr, dies ist zum ersten Male
eine etwas harte Lehre, und wir fassen ihren Sinn kaum. Wie kannst Du und Dein
Wort ein und dasselbe sein?“
[GEJ.02_032,06]
Sage Ich: „Wenn ihr das nicht zu fassen vermöget, was so klar wie die Sonne des
Mittags vor euch leuchtet, wie werdet ihr dann Größeres fassen? Wenn ihr das
Irdische nicht begreift, wie werdet ihr dann Himmlisches fassen? – Was und wer
ist denn der Vater? Sehet und vernehmet: Die ewige Liebe in Gott ist der Vater!
– Was und wer ist denn der Sohn? Was aus dem Feuer der Liebe hervorgeht, das
Licht, welches da ist die Weisheit in Gott! Wie aber Liebe und Weisheit eines
ist, so sind auch Vater und Sohn eins!
[GEJ.02_032,07]
Wo ist denn jemand unter euch, der in sich nicht hätte irgendeine Liebe und
nicht irgendeinen entsprechenden Grad Verstandes? Ist er aber darum zweifach in
seinem Wesen? Oder so da brennt eine Lampe mit einer hellen Flamme, die doch
sicher Feuer ist, muß er denn überall eine Flamme anzünden, wo er in der Nacht
in einem und demselben Zimmer etwas sehen will? Oder beleuchtet nicht eine
helle Flamme dasselbe eine Zimmer so gut, daß man im ganzen Zimmer hell genug
hat? Geht denn nicht das Licht von der Flamme, die ein Feuer ist, aus? Und weil
es von der Flamme ausgeht, ist es darum etwas anderes als die leuchtende Flamme
selbst? – O ihr Blinden! So ganz natürliche Dinge vermöget ihr nicht
zusammenzubringen, – wie wollt ihr hernach Himmlisches begreifen?
[GEJ.02_032,08]
Darum, wer aus euch an Mir sich irgend ärgert, der ziehe heim und tue und
glaube, was ihn gut und recht dünkt! Denn dereinst wird jeder seines Glaubens
leben, und die Taten, die er nach dem Glauben aus seiner Liebe verrichtet hat,
werden seine Richter sein!
[GEJ.02_032,09]
Denn Ich werde niemanden richten, sondern jedes Menschen Richter wird seine
eigene Liebe sein – nach diesem Meinem Worte, das Ich nun zu euch geredet
habe!“
[GEJ.02_032,10]
Nach dieser Erklärung treten die, welche früher Meine Rede nicht verstanden
haben, zu Mir und bitten Mich, daß sie bleiben dürfen; denn es finge nun bei
ihnen an, schon heller zu werden, und sie würden sich alle Mühe geben, Mein
Wort klarer zu verstehen, als es bisher der Fall gewesen sei!
[GEJ.02_032,11]
Und Ich sage: „Habe Ich euch doch nie fortgeschafft, sondern nur den Rat
erteilt allen, die sich an Mir ärgern möchten, daß sie um ihres Heiles willen
lieber gehen sollten, als sich etwa noch fürderhin zu ärgern! Da Ich euch
sonach nicht fortgeschafft habe, warum solltet ihr nicht bleiben dürfen?
Bleibet, so ihr ärgerlosen Herzens seid!“ – Nach solchem Bescheide treten sie
zurück und sind damit ganz zufrieden.
33. Kapitel
[GEJ.02_033,01]
Aber da kommt auf einmal ein alter Jude aus der Gegend von Nazareth ins Zimmer
und fragt gar ängstlich nach Mir. Die Jünger zeigen Mich ihm, und er tritt zu
Mir hin, fällt auf seine Knie nieder und spricht mit einer weinerlichen Stimme:
[GEJ.02_033,02]
„Lieber Meister, Sohn meines alten Freundes Joseph! Ich habe von deiner
wunderbaren Art, die Kranken zu heilen, vernommen und begab mich daher in
meiner größten Not zu dir, da ich gehört habe, daß du dich nun wieder in
Nazareth aufhieltest.
[GEJ.02_033,03]
Siehe, ich zähle bereits neunzig Jahre und bin schon sehr mühselig; ich habe
aber Kinder und Kindeskinder, die mich allzeit mit aller Liebe und
Aufmerksamkeit gepflegt haben. Nun aber kam eine unbekannte, böse Krankheit
unter sie, so daß sie nun alle daniederliegen, und ich als ein kraftloser,
alter Greis bin der einzige Verschonte im Hause und weiß mir nicht zu helfen.
Kein Nachbar getraut sich zu mir ins Haus aus Furcht, von der bösen Krankheit
selbst ergriffen zu werden, und so stehe ich hilflos allein und weiß mir nicht
mehr zu raten und zu helfen! Ich habe zu Gott dem Herrn gebetet, daß Er mir
helfe – auch durch den Tod, so es Sein Wille sei!
[GEJ.02_033,04]
Als ich aber also betete, siehe, da kam ein Mensch ans Fenster meines Gemaches
und sagte: ,Was zweifelst du denn, da die Hilfe dir so nahe ist?! Gehe hin ins
Haus Josephs! Der Heiland Jesus ist daselbst; Der allein kann und wird dir
helfen!‘ – Darauf raffte ich alle meine Kräfte zusammen, übergab alle meine Kranken,
denen ich ohnehin nicht helfen kann, Gott dem Herrn und machte mich auf den
eben nicht weiten Weg hierher zu dir. Und da ich denn so glücklich war, dich,
du guter, lieber Heiland, anzutreffen, so bitte ich dich denn nun auch aus
allen meinen Lebenskräften, daß du hingingest und Hilfe gäbest meinen siebzehn
Kranken, die gar entsetzlich von der unbekannten Krankheit geplagt werden!“
[GEJ.02_033,05]
Sage Ich: „Ich habe es Mir für diese Gegend zwar vorgenommen, wegen des zu
großen Glaubensmangels kein Zeichen mehr zu wirken; aber wenn du glauben
kannst, daß Ich dir zu helfen vermag, so ziehe getrost heim, und dir geschehe,
wie du geglaubt hast!“
[GEJ.02_033,06]
Auf diese Worte dankte der Greis voll tiefster Rührung und begab sich nach
Hause. Und als er, selbst ganz gestärkt, sich dem Hause nahte, da kamen ihm
alle siebzehn so gesund, als wären sie nie krank gewesen, entgegen, begrüßten
ihn wie stets aufs freundlichste und gaben ihm die vollste Versicherung, daß
sie vor einer halben Stunde urplötzlich gesund geworden wären, versucht hätten
aufzustehen und sich beim Aufstehen viel stärker fühlten denn je früher im
gesunden Zustande. Sie hätten ihn schon überall gesucht und sich schon sehr
gesorgt um ihn.
[GEJ.02_033,07]
Als der Alte solches vernahm, da merkte er, daß die böse Krankheit die Seinen
um dieselbe Zeit verließ, als Ich in Meinem Hause zu ihm gesagt hatte: ,Dir
geschehe, wie du geglaubt hast!‘
[GEJ.02_033,08]
Im Hause erst, als ihn die Seinen baten, daß er ihnen kundgeben möchte, wo er
war, sagte er: „Ich hatte vernommen, daß der nun weltberühmte Heiland Jesus
sich wieder in Nazareth aufhalte, und ich machte mich auf und ging hin, – und
seht, er erhörte mich und sagte bloß: ,Dir geschehe, wie du geglaubt hast!‘ Und
ihr seid auf dieses sein Wort im Augenblick gesund geworden! Saget nun selbst,
ob so etwas je in ganz Israel ist erlebt worden!“
[GEJ.02_033,09]
Sagen die Gesundgewordenen: „Höre du, Vater, wenn so, da muß er mehr sein denn
ein Wunderheiland allein! Vater, dies ist am Ende gar einmal wieder ein großer
Prophet, größer denn Jesaja, Jeremia, Hesekiel und Daniel, ja vielleicht so
groß wie Moses, Aaron und Elias! Nur denen war es möglich, mit der Hilfe
Jehovas solche Wunder zu tun, da ihnen alle Geister sowohl unter der Erde als
auf der Erde, im Wasser und in der Luft völlig untertänig sein mußten! Wenn sie
aber einem so übergroßen Propheten untertänig sind, dann muß er freilich wohl
alles im Augenblick zu bewirken imstande sein, was er nur will!
[GEJ.02_033,10]
Aber wie kam der Zimmermannssohn zu solch einer unermeßlichen Gnade von Gott?
Wir kennen ihn ja alle recht wohl; es werden kaum drei Jahre her sein, daß er
mit seinen Brüdern bei uns gezimmert hat! Da war nichts Ähnliches an ihm zu
entdecken! Er müßte solch eine Gabe erst vor kurzem erhalten haben!? Ein sehr
frommer Mensch war er wohl immer; sein Benehmen war immer höchst anständig; er
war ein stiller Arbeiter und redete nur das Nötigste; lachen sah man ihn nahezu
nie, aber auch nie trauern; und so kann Jehova seine Tugenden wohl angesehen haben
und hat ihm nun gegeben solche Gnade! Denn Jehova sieht ja auf das weltliche
Ansehen der Person eines Menschen nie, sondern bloß auf dessen reines,
unbescholtenes Herz!“
[GEJ.02_033,11]
Spricht der Alte: „Ja, ja, da möget ihr wohl recht haben, – es wird schon also
sein; aber wenn es unfehlbar also ist, da müssen wir morgen in aller Frühe
hingehen und ihm unser Lob und unsern Dank darbringen! Denn vor einem von Gott
sichtbar berufenen und mit Seinem Geiste gesalbten Propheten soll jeder Mensch
seine Knie beugen! Denn nicht der Prophet, sondern Gott Selbst ist es, der da
redet und wirket durch das Herz und durch den Mund desselben!“
[GEJ.02_033,12]
Sagen alle: „Amen, dies sei unsre erste und höchste Pflicht!“ – Diese Menschen
begaben sich nun ins Haus, und die Jungen bereiteten ein Abendmahl; denn sie
waren alle hungrig.
34. Kapitel
[GEJ.02_034,01]
Es hatten aber die Pharisäer von Nazareth erfahren, daß dieses Hauses Bewohner
also gefährlich krank seien, daß sie nimmer gesund zu werden vermöchten. Sie
gingen hin, um über das Erbzehntel und über die Begräbnisse zum voraus alles
abzumachen; denn nach dem Tode hatten sie kein Recht mehr auf die
Hinterlassenschaft, weil der Kranke ohne ihren Beistand verstorben ist, – in
welchem Falle dann der Staat als Erbe eintrat. Als also aus diesem Grunde die
Pharisäer hinkamen schon spät in der Nacht, als dieses Hauses Leute sich nach
dem Abendessen schon zur Ruhe zu begeben anfingen, da machten die schon sehr
habgierigen Beförderer der Seelen ins andere Leben ganz verzweifelt große
Gesichter, als sie dieses Hauses, wenigstens zur Hälfte tot vermeinten Leute
bei der besten Gesundheit antrafen.
[GEJ.02_034,02]
Der erste, ganz behutsam mit verhaltenem Atem eintretende Pharisäer sagte: „Ja,
was ist denn das? Lebet ihr denn noch? Wir vermeinten, daß ihr schon wenigstens
zur Hälfte dahingeschieden wäret, und sind daher gekommen, eure Seelen
einzusegnen und eure Leiber zu beerdigen nach der Sitte unserer Väter! Wer hat
euch denn gesund gemacht? Borus sicher nicht! Wir wissen, daß er nicht zu euch
ging, als er gerufen ward; denn er hatte sicher gleich uns eine starke Furcht
vor eurer äußerst bösen Krankheit. Wer also war euer Arzt?“
[GEJ.02_034,03]
Sagt der Schwiegersohn des Alten, der ein kräftiger Mann war im Arbeiten und
Reden: „Was fraget ihr darum? Ihr habt uns nicht geholfen, und somit sind wir
einander gegenseitig nichts schuldig! Ihr seid nicht unseres Heils willen zu
uns gekommen, sondern des Erbzehntes wegen; und ich sage es euch: da könnet ihr
euch ewig von unserem Hause fernhalten! Denn könnet, wollet und getrauet ihr
euch einem in aller Gefahr stehenden Hause keine Hilfe zu schaffen, dann
brauche euch, wer euch will! Dieses Haus wenigstens wird nimmer ein Begehren
nach euch haben! Wahrlich, ihr seid mit all eurem Tun schlechter denn das böse
Gewürm der Erde, das allein da ist zu fressen, nichts Gutes zu tun, wohl aber
allerlei gute Frucht der Erde elend zu machen und zu verderben! Gehet uns daher
bald aus den Augen, sonst vergreifen wir uns an euch!“
[GEJ.02_034,04]
Sagt ein Ältester: „Nun ja, wir werden schon gehen; aber den Gefallen könnt ihr
uns ja tun, daß ihr uns saget, wer euch geholfen hat! Wir haben täglich sieben
Stunden lang für euch gebetet und möchten daher erfahren, ob ihr doch etwa
wunderbar durch unser Gebet geheilt worden seid! Denn mit natürlichen Mitteln
wäre euch wohl in keinem Falle mehr zu helfen gewesen! Saget es uns daher; es
kostet euch so etwas ja ohnehin nichts!“
[GEJ.02_034,05] Sagt
der Schwiegersohn: „Hebet euch von hinnen, ihr Lügner! Ihr möget des Erbzehntes
wegen wohl täglich sieben Stunden um unsern Tod gefleht haben, aber für unser
Leben sicher nicht; denn ihr seid nun nicht darum hergekommen, um uns als
Wiedergenesene zu begrüßen, sondern um von uns, den vermeintlich Verstorbenen,
den Erbzehnt zu beschreiben und nach aller Tode in den gierigen Besitz zu
nehmen! O ihr losen Wichte, ich kenne euch nur zu gut und eure Gebete auch!
Darum hebet euch von hinnen, sonst werde ich genötigt sein, von meinem
Hausrechte Gebrauch zu machen! Ihr seid ja ewig nicht wert, den Namen dessen
auszusprechen, der uns geholfen hat!“
[GEJ.02_034,06]
Sagt der Älteste noch einmal: „Nun, es sei denn, daß wir also sind, wie du
meinst; wir aber können ja doch noch anders sein oder werden! Denn da ist ein
Wunder geschehen, und das kann uns ja sehr leicht anders gestalten in allem
unserem Denken und Handeln! Darum saget es uns!“
[GEJ.02_034,07]
Sagt der Schwiegersohn ganz erregt: „Euch ändert auf dieser Welt nichts mehr,
auch Gott nicht! Wäret ihr zu ändern, so hättet ihr euch schon lange geändert;
denn ihr habt Moses und alle die Propheten, die wider euch zeugen! Aber euer
Gott ist der Mammon und besteht im Golde und Silber! Diesem Gotte dienet ihr in
eurem Herzen und umhüllet euch bloß äußerlich zum Scheine mit dem Kleide Mosis
und Aarons, auf daß ihr als reißende Wölfe im Schafspelze desto leichter mit
euren todbringenden Zähnen in die Herden der Lämmer einfallen und sie zerreißen
und verschlingen könnet!
[GEJ.02_034,08]
Jehova aber kennt euch und wird euch auch sicher ehestens den schon seit gar
lange her wohlverdienten Lohn geben! Gott hat nun Jesus, den Sohn des
Zimmermanns Joseph, erweckt wie dereinst Moses, und dieser Jesus, der uns alle
bloß durch sein mächtiges Wort aus der Ferne her augenblicklich gesund gemacht
hat, wird euch sicher auch sagen, wieviel eure Verdienste vor Gott wert sind;
denn er ist vom Geiste Gottes erfüllt, ihr hingegen aber vom Geiste Beelzebubs!
Daher lasset euch's nun zum letzten Male gesagt sein, daß ihr gehet und nimmer
betretet dies Haus, – sonst soll euch Arges widerfahren!“
[GEJ.02_034,09]
Nach diesen Worten verlassen die Pharisäer das Haus und denken ganz sonderbare
Dinge über Jesus, der ihnen hier schon wieder in die Quere gekommen ist, und
beraten, wie sie seiner loswerden könnten, ansonst es weidlichst zu befürchten
wäre, daß er in kurzer Zeit alle Juden also wie dies Haus wider sie aufwiegeln
werde.
[GEJ.02_034,10]
Als sie aber solche argen Gedanken in sich recht lebhaft aufkommen lassen,
geschieht hinter ihnen ein donnerartiger, mächtig starker Knall, daß sie darob
alle über die Maßen erschrecken und darauf gar stille und sehr behende in die
Stadt zu laufen beginnen.
35. Kapitel
[GEJ.02_035,01]
Als sie in ihre Wohnung kommen, da greifen sie sogleich nach Davids Psalter und
schlagen gerade auf den ersten Wurf den 37. Psalm auf, und der Älteste fängt
an, ihn zu lesen also:
[GEJ.02_035,02]
„,Erzürne dich nicht über die Bösen, sei nicht neidisch über die Übeltäter;
denn wie das Gras werden sie bald abgehauen, und wie das grüne Kraut werden sie
verwelken. Hoffe auf den Herrn und tue Gutes; bleibe im Lande und nähre dich
redlich! Habe deine Lust am Herrn; Er wird dir geben, was dein Herz wünschet:
Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf Ihn! Er wird alles wohl machen und
wird deine Gerechtigkeit hervorbringen wie ein Licht, und dein Recht wie den
Mittag.
[GEJ.02_035,03]
Sei stille vor dem Herrn und warte auf Ihn; erzürne nicht über den, dem sein
Mutwille glücklich vor sich geht! Stehe ab vom Zorn, und laß den Grimm; ja
erzürne dich nicht, daß du dann auch übel tuest! Denn die Bösen werden
ausgerottet; die aber des Herrn harren, werden das Land erben.
[GEJ.02_035,04]
Es ist noch um ein kleines, so ist der Gottlose nimmer; und wenn du nach seiner
Stätte sehen wirst, wird er weg sein. Aber die Elenden werden das Land erben
und Lust haben in großem Frieden. Der Gottlose droht dem Gerechten und beißt
seine Zähne zusammen über ihn. Aber der Herr lacht über den Gottlosen; denn Er
sieht es, daß sein Tag kommt. Die Gottlosen ziehen das Schwert aus und spannen
ihren Bogen, daß sie fällen den Elenden und Armen und schlachten die Frommen;
aber ihr Schwert wird in ihr eigenes Herz dringen, und ihr Bogen wird
zerbrechen.
[GEJ.02_035,05]
Das wenige, das ein Gerechter hat, ist besser denn das große Gut vieler
Gottlosen. Denn der Gottlosen Arm wird zerbrechen; aber der Herr wird erhalten
den Gerechten. Der Herr kennt die Tage der Gerechten und Frommen, und ihr Gut
wird ewiglich bleiben; sie werden nicht zuschanden in der bösen Zeit, und in
der Teuerung werden sie genug haben. Denn die Gottlosen werden umkommen, und
die Feinde des Herrn, wenn sie gleich sind wie eine köstlich grünende Aue,
werden sie doch vergehen, wie da vergehet der Rauch. Der Gottlose borgt und
bezahlt nicht; der Gerechte aber ist barmherzig und milde.‘“
[GEJ.02_035,06]
Nach diesem Verse erhebt sich ein Pharisäer und sagt zum lesenden Ältesten:
„Was liesest du da für ein dummes Zeug?! Merkst du es denn nicht, daß dies
alles auf der schlechten Seite uns angeht und auf der guten Seite niemand
andern als den Sohn des Zimmermanns? Das ist ein ganz verdammtes Zeugnis wider
uns, und du liesest die Sache so leicht und heiter fort wie irgendeine
Lobschrift des Hohenpriesters aus Jerusalem an uns!“
[GEJ.02_035,07]
Sagt der Älteste: „Freund, es schadet uns gar nicht, wenn wir dadurch vor uns
selbst ein wenig heller beleuchtet werden, als wir beleuchtet sind! Es ist
besser, wir erkennen uns vorher unter uns, als daß wir um eine kurze Zeit später
vor der ganzen Welt als Volksbetrüger nackt dastehen sollen, verachtet und
verlassen von jedermann! Denn es hängt denn doch am Ende nur allein von Gott
ab, wie lange wir in unserer gegenwärtigen Art und Weise als unentdeckt
bestehen sollen, und ich lese darum den sehr merkwürdigen Psalm weiter!“
[GEJ.02_035,08]
Sagen mehrere: „Hast recht, tue das!“
[GEJ.02_035,09]
Und der Älteste liest also weiter:
[GEJ.02_035,10]
„,Denn Seine Gesegneten erben das Land; aber Seine Verfluchten werden
ausgerottet werden!‘“
[GEJ.02_035,11]
Hier fragt der Pharisäer ganz hastig wieder: „Wer sind die Gesegneten und wer
die Verfluchten?“
[GEJ.02_035,12]
Sagt der Älteste: „Daß wir die Gesegneten nicht sind, das ist nun bei der stets
zunehmenden Verfolgung der Römer wider uns wohl schon mit den Händen zu
greifen! Denn wären wir die Gesegneten, so würde uns Gott nicht solch eine nie
erhörte Plage in unser gesegnetstes Land gesetzt haben! Alles andere kannst du
dir leicht selbst enträtseln. – Ich aber lese nun weiter:
[GEJ.02_035,13]
,Von dem Herrn wird solches Mannes Gang gefördert, und Er hat Lust an seinem
Wege. Fällt er, so wird er nicht weggeworfen; denn der Herr hält ihn bei der
Hand. Ich bin jung gewesen und bin alt geworden; aber ich habe noch nie den
Gerechten verlassen oder seinen Samen nach Brot gehen gesehen. Denn der
Gerechte ist allzeit barmherzig und leihet gern dem Armen; darum wird sein Same
gesegnet sein.
[GEJ.02_035,14]
Laß ab vom Bösen und tue Gutes! Bleibe gerecht immerdar; denn der Herr hat das
Recht lieb und verläßt Seine Heiligen nie. Ewiglich werden sie bewahrt; aber
der Gottlosen Same wird ausgerottet werden. Allein die Gerechten erben das Land
und bleiben ewiglich darinnen.
[GEJ.02_035,15]
Der Mund des Gerechten redet die Weisheit, und seine Zunge lehret das Recht;
das Gesetz Gottes ist in seinem Herzen, und seine Füße gleiten nicht. Der
Gottlose aber lauert stets auf den Gerechten und sucht ihn zu töten. Aber der
Herr läßt ihn nicht in des Gottlosen Händen, und verdammt ihn nicht, wenn er
vom Gottlosen verurteilt wird.
[GEJ.02_035,16]
Harre auf den Herrn und halte Seinen Weg, so wird Er dich erhöhen, daß du das
Land erbest; und du wirst es dann sehen, daß die Gottlosen ausgerottet werden!
[GEJ.02_035,17]
Ich habe einen Gottlosen gesehen, der war sehr trotzig, breitete sich aus und
grünte wie ein Lorbeerbaum. Als man aber vorüberging, siehe, da war er schon
dahin; und als ich nach ihm fragte, war er nirgends zu finden!
[GEJ.02_035,18]
Darum bleibe fromm und halte dich recht; denn solch einem wird es zuletzt gut
gehen! Die Übertreter des Gesetzes Gottes aber werden vertilgt werden
miteinander, und die Gottlosen werden zuletzt ausgerottet! Der Herr allein aber
hilft den Gerechten in jeglicher Not und ist ihre alleinige Kraft und Stärke.
Der Herr wird ihnen beistehen und wird sie erretten. Er Selbst wird sie von den
Gottlosen erretten und wird ihnen helfen; denn sie trauen auf Ihn.‘“
[GEJ.02_035,19]
Als der Älteste nun mit dem Psalm zu Ende war, fällt ihn der Pharisäer ganz
zornig an und schreit: „Du alter Esel, merkst du es denn nicht, daß wir durch
diesen Psalm als die Gottlosen bezeichnet werden, und die, die es mit Jesus
halten, als die Gerechten? Merkst du nicht, daß wir ausgerottet werden, und sie
bleiben im Lande? Trachten nicht eben wir, ihn als den Gerechten zu töten,
während Gott ihn erhält? Das ist ein schöner Psalter für uns!“
[GEJ.02_035,20]
Sagt der Älteste: „Ich habe ihn nicht geschrieben! Er steht im Buche; und so
wir bleiben, wie wir sind, so werden wir ihn uns auch tatsächlich gefallen
lassen müssen! Verstehst du solches und die Macht Gottes?!“
[GEJ.02_035,21]
Sagt ein anderer: „Diese Sache verstehe ich besser als ihr alle! Unser Freund
Roban hat müssen diesen Psalm lesen; das hat des Zimmermanns Sohn mit seiner,
uns allen freilich höchst unbegreiflichen Zaubermacht bewirkt! Denn so er die
ganze Familie, bei der wir soeben vergebens unser goldenes und silbernes Heil
suchten, mit einem Worte zu heilen imstande ist, so ist er ebensogut auch
imstande, uns zu nötigen, nur solche Psalmen zu lesen, die alleroffenbarst
ebensogut wider uns, als dereinst wider die Feinde Davids, Zeugnis geben.
[GEJ.02_035,22]
Zudem soll der alte Joseph wirklich von David in guter Linie ein Abkömmling
sein, und man nennt nun Jesus, weil auch Josephs zweites Weib, Maria, aus demselben
Stamme sei, einen ,Sohn Davids‘, aus welchem Grunde der alte Joseph, der stets
ein schlauer Fuchs war, auch höchstwahrscheinlich ganz geheim alle möglichen
Künste mag seinen Sohn haben lernen lassen, auf daß dieser mit seinen
Zaubereien die abergläubischen Römer und Griechen breitschlüge, sich dann als
ein Sohn Jupiters oder Apollos vorstelle und die Römer ihn sonach unfehlbar zu
ihrem Kaiser ausrufen und erheben müßten! Und wenn die in Rom residierenden
Herren so blind sind wie diese, die hier über Asien zu befehlen haben, die
Jesus schon sozusagen in seinem Sacke hat, so kann es ihm auch gar nicht
fehlen, daß er in jüngster Zeit den Römern Gesetze vorschreiben wird, – und wir
sind dann alle versorgt!“
[GEJ.02_035,23] Sagt ein anderer: „Solch einem
Unternehmen wird sich etwa durch ein Geheimschreiben an den Kaiser wohl ein
Riegel vorschieben lassen!“
[GEJ.02_035,24] Sagt der erste: „Du wirst dem
schwer einen Riegel vorschieben, der mit seinem zauberischen Sehvermögen alles
erschaut, was du noch so verborgen denkst! Wer sonst als er hat uns auf dem
Heimwege mit dem Donnerknall erschreckt, weil er sicher vernommen hatte, was
wir untereinander geredet haben wider ihn?! Und wer sonst als er hat uns den
scharf wider uns zeugenden Psalm lesen lassen? Und warum? Weil er sicher gewußt
hat, was wir wider ihn beschließen wollten! Gehe hin, setze dich an den
Schreibtisch und versuche es mit einem Geheimschreiben an den Kaiser – und ich
stehe dir dafür, daß du entweder nicht imstande sein wirst, auch nur ein Wort
niederzuschreiben, oder du wirst wider dich ein gräßliches Zeugnis zu zeichnen
genötigt werden durch seine unbegreifliche, geheime Zaubermacht!
[GEJ.02_035,25] Zudem ist selbst unser
Oberster Jairus für ihn nun mit Leib und Seele eingenommen, da er ihm zwei Male
die Tochter erweckt hat vom Tode, und unterstützt ihn mit allem, was dieser nur
wünscht – und wir vermögen darum auch nichts in Jerusalem wider ihn
auszurichten. Kurz und gut, wir sind nun von allen Seiten vernagelt und
gebunden und können uns gegen ihn nicht rühren. Am besten dünkt es mich noch,
zum bösen Spiele eine gute Miene zu machen oder uns vollends zu seinen Jüngern
zu bekennen – sonst können wir nichts für uns Ersprießliches wider ihn tun, da
wir nicht einmal also etwas zu denken vermögen, daß er es nicht auf der Stelle
in die durchdringendste Erfahrung brächte.“
[GEJ.02_035,26] Sagt der alte Roban: „Der
Meinung bin ich auch! Es steht uns wirklich nur der einzige Weg offen: daß wir
uns entweder ganz indifferent verhalten, oder wir alle schlagen uns zu seiner
Lehre und tun, was er uns ratet oder gebietet; denn wider diesen Stachel läßt
sich vorderhand gar nicht löcken!“
[GEJ.02_035,27] Sagen alle: „Wir wollen uns
ganz indifferent halten, das wird das beste sein; denn da verfeinden wir uns
weder mit Rom noch mit Jerusalem, und darin besteht nun alle Klugheit, nach der
wir unser Leben einzurichten haben.“
[GEJ.02_035,28] Nachdem begeben sich alle zur
Ruhe, und ein jeder denkt sich seinen Teil heimlich, was er für sich tun solle.
36. Kapitel
[GEJ.02_036,01] Am Morgen aber kommt der
Roban dennoch zu Mir ins Haus und bittet, ob er mit Mir reden dürfe.
[GEJ.02_036,02] Ich aber sage zu ihm: „Was du
Mir sagen willst, das weiß Ich; aber was Ich dir zu sagen habe, das weißt du
nicht, und so magst du Mich hören.“
[GEJ.02_036,03] Sagt Roban: „So du reden
willst, so rede, und ich will dich hören!“
[GEJ.02_036,04] Sage Ich: „Du hast gestern
den Psalm vorgelesen; es war gerade der 37. Dieser Psalm hat dich, wie deine
Kollegen, stark getroffen, und ihr seid dadurch ein wenig in euch gegangen und
habet dann beraten, ob ihr euch Mir gegenüber ganz indifferent verhalten, oder
ob ihr Meine Jünger werden sollet. Ihr habt euch fürs Indifferentsein erklärt!
Du aber dachtest in der Nacht nach, ob du nicht Mein Jünger würdest, und bist
nun gekommen, Mich darum zu fragen.
[GEJ.02_036,05] Ich aber sage zu dir weder ja
noch nein, sondern: willst du bleiben, so bleibe; willst du gehen, so gehe!
Denn sieh, Ich habe der Jünger zur Genüge! Es sind hier in Meinem Hause etliche
Gemächer, und sie sind alle voll von Jüngern. Draußen im Freien siehst du Zelte
aufgerichtet; sie werden von Meinen Jüngern bewohnt. Da, neben diesem Meinem
kleinsten Gemache, ist das große Arbeits- und zugleich Speisezimmer; darin
ruhen nun noch, da es frühe ist, die großen Weltherren Roms, und die sind
ebenfalls Meine Jünger. In einem kleinen Gemache daneben wohnt der Oberste
Jairus mit Weib und Tochter, die Ich erweckt habe zweimal vom Tode; und sieh,
auch er ist Mein Jünger. Wenn Ich aber solche Menschen zu Meinen Jüngern habe,
so kannst du ja auch ebensogut Mein Jünger werden; aber wie du auch siehst, so
stehe Ich nicht an auf dich! Willst du, so bleibe; und willst du nicht, so
gehe! Denn es stehen dir die beiden Wege offen.“
[GEJ.02_036,06] Sagt Roban: „Herr, ich
bleibe, – und es ist sehr leicht möglich, daß von meinen Kollegen noch mehrere
kommen und bleiben werden gleich mir! Denn ich fange nun an zu begreifen, daß
hinter dir mehr sein muß als bloß die geheime Zauberkunst eines
morgenländischen Zauberers! Du bist ein von Gott gesalbter Prophet eigener Art,
wie vor dir nie einer da war, und ich bleibe darum!
[GEJ.02_036,07] Es steht zwar wohl
geschrieben, daß aus Galiläa nie ein Prophet aufstehen solle; aber ich halte
mich nun nicht mehr daran, – denn bei mir gilt die offene Tat mehr als das
rätselhafte Wort der Schrift, das niemand in der rechten Wahrheitstiefe
verstehen kann. Zudem bist du meines Wissens nicht einmal ein Gebürtiger
Galiläas, sondern Bethlehems, und da kannst du vermöge der Geburt auch ganz gut
ein Prophet sein! Ich fühle mich von dir sehr angezogen, und es tut mir wohl
deine Nähe, und so bleibe ich. Ich habe zwar kein großes Vermögen; aber was ich
habe, reicht für uns alle hin, davon volle dreißig Jahre zu leben! So du ein
Lehrgeld verlangst, steht dir mein halbes Vermögen zu Gebote!“
[GEJ.02_036,08] Sage Ich: „Gehe hin und frage
Meine Jünger, wieviel sie Mir zahlen für Lehre und Kost; das zahle dann auch
du!“
[GEJ.02_036,09] Roban fragte sogleich mehrere
der anwesenden Jünger darüber. Diese aber sprachen: „Unser heiliger Meister hat
noch nie auch nur einen Stater von uns verlangt, obschon wir alle stets mit
allem von Ihm versorgt werden. Sicher wird Er von dir nicht mehr verlangen, als
Er von uns verlangt! Glaube und Liebe ist alles, was Er von uns verlangt.“
[GEJ.02_036,10] Fragt Roban weiter: „Könnet
ihr denn auch schon einige besondere, für den menschlichen Verstand
unbegreifliche Taten ausüben? Und so ihr das könnet, verstehet ihr es auch, wie
so etwas möglich sein kann?“
[GEJ.02_036,11] Sagt Petrus: „So es not tut,
da können auch wir durch des Meisters Kraft in uns solche Taten verrichten und
verstehen auch ganz durchgreifend gut, wie sie gar wohl und überaus leicht
möglich sind. So du Sein wahrhaftiger Jünger sein willst, da wirst auch du
solche Taten ausüben können und dann wohl verstehen, was du tust! Denn hier
gibt die Liebe das Gesetz, und die Weisheit übt es aus!“
[GEJ.02_036,12] Fragt Roban noch weiter,
sagend: „Aber davon hast du doch nie etwas bemerkt, daß etwa bei solch außerordentlichen
Taten manchmal, so ganz unvermerkt, der Satan einen Anteil hätte!?“
[GEJ.02_036,13] Sagt Petrus: „Was Arges
fragst du armer, blinder Mensch doch! Wie kann da Satan einen Anteil nehmen, wo
alle Himmel den allerhöchsten und allmächtigsten Einfluß haben!? Ich und wir
alle haben die Himmel offen gesehen und die Engel Gottes in zahllosen Scharen
danieder zur Erde kommen; und wir sahen, wie sie Ihm und uns allen dienten –
wenn aber also, wie möglich dann ein Anteil des Satans!?
[GEJ.02_036,14] Kannst du mir aber solches
nicht glauben, so ziehe hin nach Sichar und erkundige dich dort beim
Oberpriester Jonael und bei dem Großkaufmanne Jairuth, der nun außerhalb Sichar
das bekannte Schloß Esaus bewohnt! Diese unsere Freunde werden es dir treu
kundgeben, wer Der ist, dessen Jünger zu sein wir die nie verdiente,
allerhöchste Gnade haben! Beim Jonael sowohl als beim Jairuth wirst du noch
dienende Engel in scheinbar leiblicher Gestalt antreffen.“
[GEJ.02_036,15] Als Roban solches vernimmt,
da tritt er voll Ehrfurcht zu Mir hin und fragt Mich, ob Ich nichts dawider
hätte, so er eine Reise nach Sichar unternähme.
[GEJ.02_036,16] Sage Ich: „Nicht im
geringsten irgendwas! Gehe hin und erkundige dich um alles; und so du wieder
hierhergekommen sein wirst, da unterrichte deine Brüder und Kollegen von allem,
was du gehört und gesehen hast! Wenn du solchen Auftrag mit guter Wirkung wirst
vollzogen haben, da komme wieder und folge Mir nach! Denn du wirst es schon
erfahren, wohin Ich Mich in der Zeit werde gewendet haben! So du aber durch
Sibarah, den ersten Mautort von hier, dann durch Kis und Kana in Samaria
ziehest und man dich fragen wird, wohin und in wessen Namen du diese Reise
machest, so nenne Meinen Namen, und man wird dich allenthalben frei ziehen
lassen. Aber mit dem Kleide eines Ältesten der Pharisäer ziehe nicht! Denn
damit möchtest du nicht weit kommen; sondern ziehe du eine ganz einfache
Bürgerkleidung an, und man wird dich dann auch in Samaria nirgends
beanstanden.“
[GEJ.02_036,17] Als Roban solches vernommen
hatte, machte er sich sogleich auf den Weg und ging in die Fremde, das zu
suchen und zu erkennen, was er nun daheim gar so nahe hatte.
[GEJ.02_036,18] Aber es gibt immer Menschen
und Geister, die stets der Meinung sind, daß man in der Fremde mehr sehen, erfahren
und lernen kann als daheim; und doch scheint überall ein und dieselbe Sonne.
Ja, man kann in der Fremde wohl andere Gegenden, andere Menschen und andere
Sitten und Sprachen kennenlernen; ob aber dabei das Herz etwas gewonnen hat,
das ist eine andere Sache!
[GEJ.02_036,19] Wer nur aus purer Neugierde
in die Fremde zieht, um sich dort besser zu vergnügen und zu zerstreuen, der
wird für seines Herzens Bildung wenig gewinnen; wer aber in die Fremde zieht,
um den dortigen Menschen zu nützen und ihnen zu bringen ein neues Licht, der
wandere und wirke, und die Reise wird ihm viel Gewinnes abwerfen!
[GEJ.02_036,20] Jeder Prophet macht in der
Fremde mehr Geschäfte denn daheim in seinem Hause.
37. Kapitel
[GEJ.02_037,01] Als der Roban fort war, da kam
der Alte, der Josa hieß, mit seinen in dieser Nacht geheilten Kindern und
Kindeskindern und brachte Mir Dank, Lob und Ehre und bat Mich, ob er mit den
Seinen nicht den Tag über in Meiner Gesellschaft sich aufhalten dürfe.
[GEJ.02_037,02] Und Ich sprach zu ihm: „Was
du willst, das tue! Du hast gestern in der Nacht Meinetwegen noch einen Kampf
mit den Pharisäern zu bestehen gehabt, und ihr alle habt euch in Meinem Namen
gut benommen. Darum aber sollet ihr in Zukunft von aller solcher Plage befreit
sein, und es soll fürder kein habgieriger Zelot (Glaubenseiferer) mehr die
Schwelle eures Hauses betreten! Gehet aber nun zu Meinen Jüngern hin; diese
werden euch unterweisen, was ihr alle für künftighin zu glauben und zu tun
haben sollet!“
[GEJ.02_037,03] Bei diesen Worten tritt
Petrus vor und führt die ganze Gesellschaft zum Matthäus dem Schreiber hin, und
dieser gibt ihnen zu lesen, was alles sich bei Meinen Jüngern zugetragen hat,
und was Ich gelehrt habe.
[GEJ.02_037,04] Als diese also für ihren
Geist versorgt sind, da erst treten Cyrenius, Kornelius, Faustus und der
Oberste Jairus mit Weib und Tochter aus ihren Schlafkammern, begrüßen Mich auf
das allerfreundlichste und bedanken sich bei Mir für den guten und überaus
stärkenden Schlaf und für die überaus schönen Träume, die sie diese Nacht
hindurch gehabt haben; Ich aber begrüße sie auch und zeige ihnen die soeben
Angekommenen, die geheilt worden waren.
[GEJ.02_037,05] Und Cyrenius tritt zu ihnen
hin und fragt sie um alles klein aus. Als er aber von den nächtlichen Umtrieben
der Pharisäer gehört hatte, da ward er völlig zornig und sprach: „Nein, Herr,
bei Deinem mir nun über alles heiligen Namen, das kann ich diesen Satansjüngern
nimmer nachsehen! Ich muß sie züchtigen lassen, und sollte ich darob auch mein
Leben verlieren! Sind aber das doch Wölfe, Hyänen und Füchse, wie es keine
zweiten in ganz Palästina, ja in ganz Asien gibt! Welcher Unterschied ist denn
zwischen ihnen und den ärgsten Dieben und Straßenräubern? O ihr Argen, ihr
Bestien erster und reißendster Klasse! Gottesdiener nennen sie sich und lassen
sich dafür auch allenthalben überhoch ehren und preisen am Tage; bei der Nacht
aber ziehen sie dann auf offenbarsten Raub aus! Nun, wartet, wartet, ich werde
euch das nächtliche Auf-den-Raub- Ausgehen schon auf eine Art vertreiben, daß
euch darob das Hören und Sehen vergehen soll!“
[GEJ.02_037,06] Sage Ich zum ganz erbosten
Oberstatthalter: „Freund, laß du das; denn was du nun tun möchtest, habe Ich
geistig schon in dieser Nacht auf eine viel empfindlichere Art getan, und die
Folge davon wird sein, daß sie alle bald Meine Lehre annehmen werden. Ihr
Ältester, namens Roban, war heute schon hier und hat Meine Lehre angenommen;
und Ich habe ihn darum denn auch schon als bereits Meinen Jünger nach Sichar
gesandt, allwo er vieles sehen und lernen wird. In zwei Tagen kommt er wieder
zurück und wird seine Kollegen ganz sicher unter Mein Dach bringen! Und siehe,
das ist besser denn Rute, Kreuz und Beil!“
[GEJ.02_037,07] Sagt Cyrenius etwas weniger
erregt: „Wenn so, da nehme ich mein Wort zwar wohl zurück und werde über sie
kein scharfes und peinliches Gericht ergehen lassen; aber Rede stehen müssen
sie mir!“
[GEJ.02_037,08] Sage Ich: „Aber nur nicht
vormittags, sondern nachmittags! Denn diese schöne Zeit wollen wir mit etwas
Besserem zubringen. Nun aber gehen wir vor allem zum Morgenmahl!“
[GEJ.02_037,09] Es hatte nämlich Borus im
Freien eine Menge Tische aufrichten lassen, bei welcher Arbeit ihm Meine Brüder
als Zimmerleute natürlich Hilfe leisteten, und so war heute als an einem
Vorsabbat, respektive an einem Freitage, das Morgenmahl im Freien einzunehmen.
Es waren bei fünfzig große Tische mit Bänken versehen, voll mit Speisen und
Wein besetzt, und es war wahrlich recht ergötzlich, zu sehen, wie da Hunderte
von Gästen aller Art schon an den Tischen saßen, Lobpsalmen sangen und das
reichliche Morgenmahl verzehrten. In der Mitte der vielen Tische war eine Art
Tribüne errichtet, auf der ein großer, zierlich geschmückter Tisch mit Speisen
unser harrete und wir – Ich, Cyrenius, Kornelius, Faustus, Jairus mit Weib und
Tochter, Meine Mutter und die zwölf Apostel – Platz nahmen und daselbst unter
allerlei erbaulich heiteren Gesprächen das Morgenmahl einnahmen, welches
Faustus und Borus also bestellt hatten.
[GEJ.02_037,10] Es fehlte aber die Lydia, des
Faustus junges Weib, das er in Kapernaum daheim ließ wegen seiner vielen
häuslichen Geschäfte, obschon es überaus gerne auch mit nach Nazareth gezogen
wäre. Meine Mutter machte ihm darum, natürlich ganz sanfte, Vorwürfe; und er
bereute es, sein liebstes Weib daheim gelassen zu haben und beschloß, es
sogleich selbst zu holen.
[GEJ.02_037,11] Ich aber sagte zu ihm: „Laß
das; so Ich will, wird sie bis gen Mittag ganz wohlbehalten hier sein!“ Faustus
bat Mich darum, und Ich versprach ihm, solches zu tun.
[GEJ.02_037,12] Es waren aber an Meiner Seite
sogleich zwei überaus holde Jünglinge in lichtblauen Faltenkleidern zu sehen.
Diese verneigten sich vor Mir bis zur Erde und sprachen: „Herr, Deine Diener
harren in tiefster Ehrfurcht Deiner heiligsten Befehle!“
[GEJ.02_037,13] Und Ich sage zu ihnen:
„Gehet, holet die Lydia, auf daß sie bei uns sei!“
[GEJ.02_037,14] Die beiden verschwinden, und
Cyrenius fragt Mich ganz erstaunt: „Freund, wer waren diese beiden gar so
ungemein schönen und holdesten Jünglinge? Beim Himmel, solch herrliche
Gestalten hat mein Auge noch nie gesehen!“
[GEJ.02_037,15] Sage Ich: „Sieh, ein jeder
Herr hat seine Diener, und so er sie ruft, müssen sie da sein und ihm dienen.
Da Ich auch ein Herr bin, so habe auch Ich Meine Diener, die Meine Befehle der
ganzen Unendlichkeit zu verkünden haben. Sie sind dir freilich nicht sichtbar,
aber wohl Mir; und wo du nichts ahnest, da harren dennoch gleichfort zahllose
Legionen Meiner Winke! Und solche Meine Diener sind dazu – ob sie auch noch so
zart aussehen – dennoch stark genug, diese Erde, so Ich es ihnen gebieten
würde, in einem Augenblick zunichte zu machen! – Nun aber sehet, dort kommen
die beiden schon zurück mit der Lydia!“
[GEJ.02_037,16] Nun ergreift fast alle bei
Meinem Tische ein Entsetzen, und Cyrenius sagt: „Wie ist das möglich? Die
beiden können kaum noch fünfhundert Schritte von hier entfernt gewesen sein –
nach Kapernaum sind von hier nahe zwei Stunden Weges –, und nun sind die beiden
schon wieder da! Ach, das ist doch über alles, was ein armer Mensch auf dieser
Erde je erleben kann!“
[GEJ.02_037,17] Als die Lydia, vom erstaunten
Faustus überzart empfangen, an unsern Tisch gebracht ward, so fragte Cyrenius
sie sogleich: „Aber holdeste Lydia, wie kamst denn du so schnell von Kapernaum
hierher?! Bist du etwa schon auf dem Wege gewesen?“
[GEJ.02_037,18] Sagt Lydia: „Siehst du denn
nicht die beiden Engel Gottes? Diese trugen mich mehr denn in Pfeiles Schnelle
hierher. Ich sah am Wege weder Erde noch Luft, sondern dort und hier war nur
ein Moment, und ich bin nun hier. Frage aber die beiden Engel; diese werden
davon mehr denn ich kundzugeben verstehen.“
38. Kapitel
[GEJ.02_038,01] Cyrenius wendet sich nun
sogleich an die beiden Engel und fragt sie, wie da doch solches möglich wäre.
Diese aber weisen allerehrfurchtsvollst mit ihren himmlisch schönsten Händen
auf Mich hin und sagen mit einer höchst reinen und wohlklingenden Stimme: „Sein
Wille ist unser Sein, unsere Kraft und unsere Schnelligkeit! Aus uns selbst
vermögen wir nichts; so Er aber will, da nehmen wir Seinen Willen in uns auf
und vermögen dann alles durch denselben. Unsere Schönheit aber, die nun dein
Auge blendet, ist unsere Liebe zu Ihm, und diese Liebe ist wieder nichts als
Sein Wille in uns! Wollt ihr uns aber gleich werden, so nehmet Sein lebendiges
Wort auf in euer Herz und tut freiwillig danach, so werdet ihr dadurch auch
gleich uns solches Seines Wortes allmächtige Kraft und Stärke in euch haben;
und so Er euch dann berufen wird, zu handeln in Seinem Willen, da werden euch
alle Dinge möglich sein, und ihr werdet mehr tun können denn wir, da ihr pur
aus Seiner Liebe seid, während wir nur mehr Seiner Weisheit entstammen. – Nun
weißt du, wie uns das, was dich in Erstaunen setzte, gar leicht möglich ist.
Handle in der Zukunft vollends nach Seinem Worte, so werden dir auch gar
wunderbare Dinge möglich sein!“
[GEJ.02_038,02] Cyrenius macht hier große
Augen und sagt: „Also habe ich denn doch recht, so ich Jesus für den alleinigen
Gott und Schöpfer der ganzen Welt halte!?“
[GEJ.02_038,03] Sagen die Engel: „Da hast du
wohl recht; aber nur rede davon nicht zu laut! Und so du an Ihm Menschliches
erschauest, da ärgere dich nicht; denn alles Menschliche wäre kein
Menschliches, wenn es nicht von Ewigkeit zuvor Göttliches gewesen wäre. So Er
Sich daher zuweilen in dir bekannten und angewöhnten Formen bewegt, so bewegt
Er Sich aber dennoch in keinen Seiner unwürdigen Formen; denn jede Form, jeder
Gedanke war zuvor in Ihm, ehe sie durch Seinen Willen einen außer Ihm
bestehenden, freien Willen auszumachen und zu bestimmen anfingen. In der
Unendlichkeit gibt es kein Ding und kein Wesen, das nicht aus Ihm
hervorgegangen wäre. Diese Erde und alles, was in ihr und auf ihr lebt, ist
nichts als Sein ewig gleich festgehaltener Gedanke, der durch Sein Wort zur
Wahrheit ward. So Er nun, was Ihm ganz überleicht möglich wäre, diesen
wesenhaften Gedanken in Seinem Gemüte und Willen fallen ließe, so wäre auch in
demselben Augenblick keine Erde mehr, und alles, was sie enthält und trägt,
würde ihr vernichtendes Los teilen.
[GEJ.02_038,04] Aber des Herrn Wille ist
nicht wie der eines Menschen, der schlecht genug heute so und morgen anders
will. Des Herrn Wille ist ewig ein und derselbe, und nichts kann diesen beugen
in der von Ewigkeit her festgestellten Ordnung; aber innerhalb dieser Ordnung
herrscht dennoch die größte Freiheit, und der Herr kann tun, was Er will,
gleichwie auch jeder Engel und Mensch. Daß aber das also ist, kannst du an
deinem höchst eigenen Wesen und an tausend andern Erscheinungen ersehen.
[GEJ.02_038,05] Du kannst in deiner
persönlich wesenhaften Form tun, was du willst; daran kann dich nichts als
allein dein Wille hindern. Aber die persönlich wesenhafte Form läßt durchaus
keine Veränderung zu, weil sie sich unter der festen göttlichen Ordnung
befindet.
[GEJ.02_038,06] Also kannst du das Äußere der
Erde wohl sehr bedeutend verändern; du kannst Berge abgraben lassen, kannst den
Strömen einen neuen Weg vorzeichnen; du kannst Seen austrocknen und für neue
Seen Bette graben lassen; kannst über Meere Brücken bauen und die Wüste in ein
gesegnetes und fruchtbares Land durch Fleiß und Mühe umgestalten, kurz, du
kannst auf der Erde eine Unzahl Veränderungen zuwege bringen; – aber du kannst
den Tag nicht um ein Haar länger und die Nacht nicht um ein Haar kürzer machen
und kannst den Winden und Stürmen nicht gebieten.
[GEJ.02_038,07] Den Winter mußt du ertragen
und dulden des Sommers Hitze, und aller Kreatur kannst du bei all deinem Wollen
keine andere Gestalt und Beschaffenheit geben. Aus dem Lamme wirst du ewig
keinen Löwen und aus dem Löwen ewig kein Lamm ziehen; und siehe, das ist wieder
Gottes feste Ordnung, innerhalb welcher dir zwar eine große Freiheit zu handeln
gegeben ist, während du die eigentliche Gottesordnung nicht um ein Haarbreit zu
verrücken imstande bist.
[GEJ.02_038,08] Hier vor dir aber ist Der,
der solche Ordnung von Ewigkeit her gegründet hat und sie allein wieder
auflösen kann, wenn Er will. Wie aber du in solcher gefesteten Gottesordnung, die
zuerst dein Sein und das Sein alles dessen, was dich umgibt, bedingt, dennoch
frei bist im Denken, Wollen und Handeln, also ist der Herr um so mehr frei und
kann tun, was Er will.
[GEJ.02_038,09] Wir aber sagen dir darum noch
einmal: Ärgere dich deshalb nicht, so der Herr vor euch Sich in menschlicher
Form bewegt; denn es ist ja jegliche Form Sein höchst eigenes Werk.“
39. Kapitel
[GEJ.02_039,01] Als Cyrenius solche Lehre von
den beiden Engeln vernahm, ward ihm das nun zur vollen Gewißheit, und er riet
nun bei sich nicht mehr, daß Ich sicher ein höheres Wesen sei, sondern er
sprach nun bei sich: „Ja, Er ist es!“ Er ging darauf ganz ehrfurchtsvoll zu Mir
hin und sagte zu Mir: „Herr, nun ist mir alles klar! Du bist es!
[GEJ.02_039,02] Mein Herz hatte mir das wohl
schon lange gesagt; aber da traten immer wieder Deine menschlichen Formen und
Bewegungen auf und machten mich bald hier, bald dort in meinem Glauben
zweifeln. Aber nun sind alle meine geheimen Bedenklichkeiten aus meinem Gemüt
verschwunden, und es kann nun geschehen, was da will, so werde ich in meinem
Glauben wie ein Fels fest verbleiben. O wie endlos glücklich bin ich nun, daß
sogar mein fleischlich Auge Den schauet, der mich erschaffen hat, und der mich
nun erhält und ewig erhalten kann und wird!“
[GEJ.02_039,03] Sage Ich: „Mein liebster
Freund, was du nun hast, das soll dir auch bleiben für ewig! Aber nur behalte
es vorderhand für dich und für nur sehr wenige deiner eingeweihtesten Freunde;
denn sprächest du nun zu offen davon, so würdest du Meiner Sache und dadurch
den Menschen mehr schaden denn nützen! Zudem aber behalte auch das, daß du dich
nicht ärgerst, so du hie und da Menschliches an Mir gewahrst; denn bevor alle
Engel und Menschen waren, war Ich von Ewigkeit her wohl der erste Mensch und
habe daher auch sicher das Recht, unter Meinen geschaffenen Menschen auch noch
fortan Mensch zu sein!“
[GEJ.02_039,04] Sagt Cyrenius: „Tue, was Du
willst, und Du bleibst mir dennoch ewig gleichfort Das, was Du mir nun ohne
allen Zweifel bist! Aber diese beiden Engel möchte ich bis an mein irdisches
Lebensende bei mir haben! Sie sind gar so schön, lieb und weise!“
[GEJ.02_039,05] Sage Ich: „Das kann nicht
sein; denn du würdest ihre persönlich sichtbare Gegenwart nicht ertragen, und
sie würde deiner Seele zu nichts nütze sein. Aber unsichtbar für deine
irdischen Sinne sollen sie fortan deine Beschützer bleiben, wie sie es schon
von deiner Geburt an waren. Für jetzt aber, da sie den heutigen Tag über hier
sichtbar zu verweilen haben, kannst du noch viel mit ihnen verkehren.
[GEJ.02_039,06] Du kannst aber, wenn du sie
auch nicht siehst, mit ihnen reden und kannst sie fragen um allerlei, und sie
werden dir die Antwort in dein Herz legen, die du allzeit als einen klar
ausgeprägten Gedanken im Herzen vernehmen wirst. Und das ist besser denn die
äußere Rede! Ich sage es dir: Ein Wort, das dir ein Engel in dein eigenes Herz
gelegt hat, ist für deine Seele heilsamer als tausende Worte, durch das Ohr von
außen her vernommen! Denn was du im Herzen vernimmst, das ist schon dein
Eigentum; was du aber von außen her vernimmst, das mußt du dir erst zu eigen
machen durch die Tat nach dem vernommenen Worte.
[GEJ.02_039,07] Denn hast du das Wort im
Herzen und sündigest deinem Außenwesen nach dennoch von Zeit zu Zeit, so ist
dein Herz dabei nicht einstimmig und zwingt dich sobald zur Erkenntnis der
Sünde und der Reue über dieselbe, und du bist schon dadurch kein Sünder mehr;
hast du aber das Wort im Herzen nicht, sondern nur im Gehirne, durchs Ohr dahin
gebracht, und sündigest, so sündiget das leere Herz mit und zwingt dich weder
zur Erkenntnis noch zur Reue der Sünde, und die Sünde bleibt in dir, und du
machst dich schuldig vor Gott und den Menschen!
[GEJ.02_039,08] Und so, Freund, ist es dir
heilsamer, deine geistigen Beschützer nicht zu sehen, solange du im Leibe zu
verweilen hast; wenn du aber dereinst den Leib zu verlassen haben wirst, dann
wirst du sie, als selbst Geist, ohnehin für ewig zu sehen und zu greifen haben
– nicht nur diese zwei, sondern zahllos viele andere.“
[GEJ.02_039,09] Sagt Cyrenius: „Ich bin schon
wieder zufrieden, aber heute will ich mich vollauf mit ihnen allergeistigst
unterhalten!“
[GEJ.02_039,10] Sage Ich: „Aber wie wird es
denn sein? Du hast ja den harten und diebischen Pharisäern verheißen bei Meinem
Namen, daß du ihnen einen starken Verweis geben wirst; da wird der Nachmittag
dir ja die Gesellschaft der beiden Engel entziehen!?“
[GEJ.02_039,11] Sagt Cyrenius: „Ja fürwahr,
das hätte ich nahezu ganz vergessen! Ei, ei, das ist mir nun wohl sehr
ungelegen! Was soll ich da tun?“
[GEJ.02_039,12] Sage Ich: „Wie wäre es denn,
so Ich dich des Eides entbinde, wenn du den Pharisäern den beabsichtigten
Verweis ganz erließest, da sie ohnehin an deiner gestrigen Androhung genug zu
kauen haben?“
[GEJ.02_039,13] Sagt Cyrenius: „Herr, wenn es
Dir genehm ist, so erlasse ich ihnen nun überaus gerne den beabsichtigten
Verweis und überlasse alles Dir und dem alten Roban, der sie nach ein paar
Tagen schon zurechtbringen wird.“
[GEJ.02_039,14] Sage Ich: „Oh, da habe Ich
sicher am allerwenigsten etwas dawider! Denn Ich habe darum schon dein Vorhaben
mit den Pharisäern auf den Nachmittag verschoben, weil Ich nur zu gut wußte,
daß du bald anderen Sinnes werden würdest. – Jetzt aber, da der heutige Tag
sich so schön gemacht hat, wollen wir alle ans Meer hinausgehen und uns für den
Mittag und Abend einige Fische holen. Wer mit will, der mache sich auf die
Füße!“
40. Kapitel
[GEJ.02_040,01] Fragen Petrus und Nathanael:
„Aber Herr, wir haben kein Fischzeug bei uns; wie wird das gehen? Sollen wir
etwa vorauseilen und bei den Fischern am Meere ein Fischerzeug ausborgen?“
[GEJ.02_040,02] Sage Ich: „Daran hat es keine
Not; aber eine andere Not hat es, und das ist euer Gedächtnis, das alle
Augenblicke zu vergessen scheint, daß Ich der Herr bin, dem kein Ding unmöglich
ist! Bleibet daher in der Gesellschaft, und erkläret beim Fischen dem alten
Josa und dessen Familie die Kraft und Macht Gottes auch im Menschen!“ – Auf
diese Meine Worte ziehen sich beide zurück und denken darüber nach, wie sie so
blind sein mochten, Mir mit solch einer höchst weltlichen Frage zu kommen.
Selbst Josa bemerkt ihnen, daß er kaum begreife, wie sie Mich darum haben
fragen können!
[GEJ.02_040,03] Sagt Nathanael: „Freund, wir
beide sind gleich dir noch Menschen und als solche zu sehr an die weltlichen
Verhältnisse gewöhnt, als daß aus uns nicht noch dann und wann etwas so recht
Dummes zum Vorschein käme; aber für die Zukunft werden wir uns schon ganz
besonders zusammennehmen! Wir waren ja von unserer Jugend auf Fischer, und so
wir vom Fischen etwas vernehmen, so fallen wir leicht wieder ein wenig, des
Geistigen vergessend, in unsere alten Besorgnisse zurück. Aber jetzt ist es
schon wieder gut.“
[GEJ.02_040,04] Es kommt aber auch die Sarah
zu Mir und bittet Mich, ob sie mitgehen dürfe.
[GEJ.02_040,05] Sage Ich: „Ganz natürlich;
dir zuliebe veranstalte Ich ja diese Arbeit! Du bist ja gleichfort Meine
Geliebte! Warum setztest du dich denn heute beim Morgenmahle nicht an Meine
Seite?“
[GEJ.02_040,06] Sagt Sarah, vor Liebe ordentlich
zitternd: „Herr, ich habe mich ja nicht getraut; denke, – die drei höchsten
Gebieter Roms an Deiner Seite, und ich eine arme Magd! Wo hätte ich den Mut
hernehmen sollen?“
[GEJ.02_040,07] Sage Ich: „Nun, nun, Mein
Liebchen, Ich habe es dir nur zu gut angemerkt, daß du viel lieber bei Mir als
überall anders gewesen wärest! Oh, Mir entgeht nichts, was da vorgehet in
jemandes Herzen, und Ich habe dich darum aber auch gar so überaus lieb!
[GEJ.02_040,08] Aber sage Mir nun, du Meine
allerliebste Sarah, wie dir die beiden Jünglinge gefallen? Möchtest du etwa den
einen oder den andern nicht lieber haben denn Mich? Denn sieh, Ich bin denn der
Gestalt nach doch nicht so schön wie die beiden!“
[GEJ.02_040,09] Sagt die Sarah: „Aber Herr,
Du meine ewig alleinige Liebe, wie kannst denn Du mir so etwas ansinnen? Einen
ganzen Himmel voll noch tausendmal schönerer Engel nähme ich nicht um ein Haar
Deines Hauptes, geschweige einen der beiden für Dich als Ganzen, voll Liebe in
meinem Herzen. Wenn sie auch schön sind, so frage ich: Wer gab ihnen denn solch
ihre Schönheit? Das warst ja Du! Wie aber hättest Du ihnen solch eine Schönheit
geben können, wenn sie zuvor nicht in Dir gewesen wäre!?
[GEJ.02_040,10] Ich sage es Dir: Du bist für mich
alles in allem, und ich lasse nimmer von Dir, und wenn Du mir darum auch alle
Himmel voll der herrlichsten Engel gäbest!“
[GEJ.02_040,11] Sage Ich: „So ist es recht,
so habe Ich es am liebsten! Wer Mich liebt, der muß Mich ganz und über alles
lieben, so er von Mir auch über alles geliebt werden will. Siehe, die beiden
Engel sind sicher überaus schön; aber du bist Mir nun auch lieber als zahllose
Scharen der reinsten Engel, und darum bleibe nun nur fest bei Mir! Ich sage es
dir: Du bist aus vielen eine rechte Braut von Mir! – Verstehst du das?“
[GEJ.02_040,12] Sagt die Sarah: „Herr, das
verstehe ich wohl nicht! Wie sollte ich Deine Braut sein? Kann ich Dir denn das
werden, was meine Mutter meinem Vater ist? Du bist der Herr Himmels und der
Erde, und ich bin nur ein Geschöpf von Dir; wie sollte das zugehen, daß das
Niederste sich mit dem Allerhöchsten verbinden könnte?“
[GEJ.02_040,13] Sage Ich: „Siehe, das geht
ganz leicht, und zwar aus dem ganz einfachen Grunde, weil das von dir vermeinte
Niederste auch aus dem Allerhöchsten hervorgegangen ist – und sonach mit
Allerhöchstes ist.
[GEJ.02_040,14] Ich bin ein Baum des Lebens,
und du bist seine Frucht. Die Frucht ist dem Anscheine nach freilich kleiner
und unbeständiger als der Baum; aber in ihrer Mitte ruht ein aus der Frucht
genährter und gereifter Same, in dem Samen aber liegen wieder Bäume derselben
Art, fähig, selbst dieselben Früchte zu tragen mit wieder lebendigem Samen, aus
welch einem einzelnen sie hervorgegangen sind.
[GEJ.02_040,15] Aus dem aber kannst du denn
auch ganz leicht entnehmen, daß der Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf
in einer gewissen Hinsicht kein gar so großer ist, als du es dir vorstellst;
denn das Geschöpf selbst ist in und für sich der Wille des Schöpfers, der
sicher durchaus gut und würdevoll ist. Erkennt dieser vom Schöpfer ausgegangene
und unter der Form des Schöpfers Selbst frei gestellte Wille sich in seinem
frei gestellten Alleinsein als das, was er im Grunde des Grundes ist, und
handelt danach, so ist er seinem Schöpfer gleich und ist in seinem kleinen Maße
vollkommen das, was der Schöpfer in Seinem unendlichen Maße ist; erkennt aber
der vom Schöpfer frei gestellte Teilwille sich nicht als das, was er ist, so
hört er darum zwar dennoch nicht auf, das zu sein, was er ist, aber er kann so
lange die höchste Bestimmung nicht erreichen, bis er sich nicht als das erkannt
hat, was er im Grunde des Grundes ist.
[GEJ.02_040,16] Um aber solchen frei
gestellten Willensteilen, die da Menschen heißen, die Mühe der
Sichselbsterkennung leichter zu machen, hat der Schöpfer zu allen Zeiten
Offenbarungen, Gesetze und Lehren aus den Himmeln herab den Menschen gegeben
und ist nun sogar im Fleische Selbst zur Erde gekommen, um den Menschen bei der
Arbeit der Sichselbsterkennung zu helfen und ihnen für die Folge mehr Licht zu
geben, auf daß ihre Mühe eine leichtere würde, als sie bis jetzt war.
[GEJ.02_040,17] Nun wirst du wohl verstehen,
wie sich Schöpfer und Geschöpf zueinander verhalten, und somit auch leicht
einsehen, wie du, als Mir völlig ebenbürtig, gar leicht Meine Braut und Mein
Weib sein kannst, für ewig gebunden durch deine große Liebe zu Mir! – Verstehst
du nun das, was Ich dir nun enthüllt habe?“
41. Kapitel
[GEJ.02_041,01] Sagt die überaus schöne und
liebenswerteste Sarah: „Ja, jetzt bin ich schon mehr im klaren; aber da haben
dann ja alle Töchter Evas dasselbe Recht auf Dich wie ich!?“
[GEJ.02_041,02] Sage Ich: „Allerdings, wenn
sie sind, wie du nun bist; sind sie aber nicht so, da können sie wohl Meine
Mägde, auch Bräute, aber dennoch nicht völlig Meine Weiber werden. Hatte aber
Meines Leibes Urvater David doch auch viele Weiber gehabt und war ein Mann nach
dem Herzen Gottes; warum sollte Mir das nicht freistehen, viele Weiber zu
haben, da Ich doch mehr bin denn David? Und Ich sage dir noch dazu, daß Ich das
Vermögen habe, so viele Weiber allerseligst zu erhalten, als es da gibt des
Sandes im Meer und des Grases auf der Erde, und daß eine jede also versorgt
sein wird, daß sie ewig nie einen Wunsch wird haben können, der ihr nicht aufs
zuvorkommendste befriedigt würde. Wenn aber so, kann dich das dann etwa
genieren, wenn Ich vielen das Glück geben will, das Ich dir in Überfülle gebe?“
[GEJ.02_041,03] Sagt die Sarah: „Du bist ja
allein der Herr und bist die unbegrenzteste Liebe und Weisheit Selbst, und was
Du tust, ist weise getan; aber ich kann dennoch nicht dafür, daß ich Dich gar
so sterbensmächtig liebe und Dich darum wie allein besitzen möchte! Du mußt
aber das meinem kindlichen Herzen schon nachsehen, das in der Liebe noch so blöde
ist!“
[GEJ.02_041,04] Sage Ich: „Das ist gerade
recht, sage Ich dir. Wer Mich nicht wie du völlig eifersüchtig liebt und Mich
in seinem Herzen wie nahe ausschließend allein besitzen will, der hat noch
keine wahre, lebendige Liebe zu Mir! Hat er aber diese nicht, so hat er auch
die Fülle des Lebens nicht in sich; denn Ich bin ja das eigentlichste Leben im
Menschen durch die Liebe in seiner Seele zu Mir, und diese Liebe ist Mein Geist
in jedem Menschen.
[GEJ.02_041,05] Wer also die Liebe zu Mir
erweckt, der erweckt seinen von Mir ihm gegebenen Geist, und da dieser Geist
Ich Selbst bin und sein muß, weil es außer Mir ewig keinen andern Lebensgeist
gibt, so erweckt er dadurch eben Mich Selbst in sich und ist dadurch ins ewige
Leben vollauf eingeboren und kann dann hinfort ewig nimmer sterben und ewig
nimmer vernichtet werden – auch durch Meine Allmacht nicht, weil er mit Mir
eins ist. Ich aber kann Mich Selbst auch nicht vernichten, weil Mein
unendliches Sein sich ewig nie ins Nichtsein umgestalten kann. Darum denke ja
nicht, daß deine Liebe zu Mir blöde ist, sondern sie ist gerade so, wie sie
sein muß! Beharre darin, so wirst du ewig keinen Tod weder sehen, noch fühlen
oder schmecken!“
[GEJ.02_041,06] Diese Meine Erklärung an die
Sarah machte sie so ganz glücklich, daß sie Mich mit aller Kraft umarmte und
gar überaus zärtlich zu kosen begann.
[GEJ.02_041,07] Die Mutter Sarahs verwies ihr
das und sagte: „Aber liebe Sarah, das schickt sich ja nicht! Geh, du bist wohl
recht unartig!“
[GEJ.02_041,08] Sagt die Sarah: „Ei was,
schicken oder nicht schicken! Es schickt sich auch nicht zu sterben und dann
fein tot zu sein; aber wenn dann der Herr kommt und den Toten erweckt und aus
dem Grabe zieht, was auch gewiß ganz höchst ungewöhnlich ist, wie schickt sich
dann so etwas vor der Welt? O Mutter, den Herrn lieben vor aller Welt über
alles, das schickt sich für jeden Menschen sicher am allerbesten! – Nicht wahr,
Herr Jesus, ich habe recht geurteilt?!“
[GEJ.02_041,09] Sage Ich: „Ganz rechtens und
vollauf wahr! Wer in der Welt sich geniert, Mich offen über alles zu lieben, da
geniere dann auch Ich Mich, ihn vor allen Himmeln zu lieben und ihn zu erwecken
zum ewigen Leben am jüngsten Tage!“
42. Kapitel
[GEJ.02_042,01] Es fragten aber nun auch
mehrere, wann der „jüngste Tag“ kommen werde.
[GEJ.02_042,02] Ich aber sagte: „Wann der
ältere vergangen ist, so kommt auf den älteren Tag dann stets ein jüngster; und
da Ich niemanden an einem schon vergangenen Tage erwecken kann, so muß das ganz
natürlich an einem jüngsten Tage geschehen, weil dazu ein vergangener, älterer
Tag unmöglich mehr zu gebrauchen ist. Ist denn nicht jeder neue Tag, den ihr
erlebt, ein jüngster Tag? Oder kann etwa jemand noch einen jüngeren erleben,
als da eben der ist, in dem er lebt? Seht, wir alle leben heute doch sicher in
einem möglichst jüngsten Tage! Denn der gestrige kann kein jüngster mehr sein,
und der morgige ist noch lange nicht da. Aus dem aber läßt sich hoffentlich
doch mit Händen greifen, daß es am Ende ebenso viele jüngste Tage gibt und
geben muß für jeden Menschen, als so viele er deren durchlebt hat! Ich sage es
euch, daß ihr alle am jüngsten Tage sterben werdet und werdet auch unmöglich
anderswann als an einem jüngsten Tage vom Tode zum Leben erweckt werden; und so
ein Mensch oder alle Menschen ihm zu bestehen bekommen, so wird solches auch
unmöglich an einem alten, vergangenen Tage, sondern an irgendeinem künftigen,
also offenbar jüngsten Tage geschehen! Welcher dazu bestimmt wird, das ist
weder von Mir noch von irgendeinem Engelsgeist zum voraus bestimmt; denn es ist
dazu jeder kommende Tag ganz überaus gut und sehr brauchbar. – Versteht ihr nun
das?“
[GEJ.02_042,03] Die Fragenden ziehen sich
etwas verdutzt zurück und sagen: „Wahrlich, die Sache ist so klar wie die
reinste Luft, und doch mochte unsere Dummheit fragen!? Es ist wahrlich mit
Händen zu kneipen und zu greifen! So wir gar oft von den alten Tagen reden, so
muß es ja auch junge und jüngste geben! Es ist, ist, ist, ist – das doch sehr
dumm von uns gewesen! Es gehört von Seiner unendlich weisen Seite wahrlich
unendlich viel Geduld dazu, um uns zu ertragen!“
[GEJ.02_042,04] Sagt die Sarah, ein wenig
lächelnd: „Ja, der Herr hat wohl die größte Geduld mit uns allen! Aber was ein
jüngster Tag ist, und wann er kommen werde, das habe ich schon in der Wiege
gewußt; und hatte mich jemand darum gefragt, so sagte ich allzeit: ,Morgen wird
der jüngste Tag kommen!‘ Habt ihr denn das im Ernste nicht gewußt?“
[GEJ.02_042,05] Sagen die, die gefragt haben:
„Ja, ja, wir waren richtig so dumm, es nicht zu wissen, und hatten immer eine
schreckliche Furcht vor solch einem einst kommen sollenden Tage! Nun sind wir
freilich darüber im klaren; aber nun schämen wir uns auch ganz ordentlich, daß
uns so etwas hat entgehen können, was doch so klar vor jedermanns Augen und
Ohren liegt!“
[GEJ.02_042,06] Sage Ich: „Machet euch nichts
daraus; denn es ist dies dennoch ein Stein, über den in der Zukunft noch viele
tausendmal Tausende fallen werden und werden darüber viel weissagen und
schreiben und predigen dem blinden Volke.
[GEJ.02_042,07] Nun aber sehen wir, wie wir
mit den Fischen zurechtkommen werden; denn wie ihr sehet, so stehen wir bereits
am Meeresstrande, und Fischerboote sind in Menge zu unserem Gebrauch hier
vorrätig. An Netzen und andern zum Fischfange nötigen Geräten fehlt es auch
nicht; und so können wir sogleich an die Sache gehen. Die beiden Jünglinge, mit
denen sich Cyrenius noch sehr eifrig bespricht, sollen uns auch gute Dienste
leisten! Legen wir sonach gleich unsere Hände ans Werk!“
43. Kapitel
[GEJ.02_043,01] Es fingen aber nun alle an,
sich zu wundern, da sie nicht wußten, wie sie von Meinem Hause hierher ans Meer
gekommen sind.
[GEJ.02_043,02] Ich aber sagte: „Wie möget
ihr euch noch wundern?! Habt ihr denn nicht schon einige Male Ähnliches bei Mir
erlebt? Daß sich der alte Josa mit seinen Kindern und Kindeskindern wundert,
ist begreiflich; aber bei euch, Meinen nun schon vielerfahrenen Jüngern, ist es
eigentlich unbegreiflich, wie ihr euch noch verwundern könnet, da ihr doch
schon nur zu klar einsehen solltet, daß Mir kein Ding unmöglich ist und sein
kann!
[GEJ.02_043,03] Seht, Ich sagte nicht umsonst
,unbegreiflich‘; denn jede Verwunderung über irgendeine von Mir vollführte
außerordentliche Tat setzt auch irgendeinen kleinen, noch immer irgendwo in der
Seele versteckten Unglauben voraus. Der Mensch bezweifelt im voraus die
Möglichkeit irgendeiner besonderen Tat oder Erscheinung; so aber die Tat trotz
seines Zweifels dennoch vollführt wird, so steht dann der am Gelingen derselben
zweifelnde Zeuge verblüfft da, staunt und fragt: ,Wie war denn das möglich?‘
Was sagt er aber mit solcher Frage? Ich sage es euch, nichts als: ,Ich
zweifelte an der Möglichkeit des Gelingens, und doch ist es gelungen! Das ist
merkwürdig und sonderbar!‘
[GEJ.02_043,04] So ein Laie sich also
verwundert, so ist das wohl begreiflich; aber wenn Tiefeingeweihte sich noch
wundern, so zeigen sie dadurch an, daß sie selbst auch noch sehr zu denen
gehören, die mit Recht ,Laien‘ genannt werden! Wundert euch daher in der Folge
besonders vor den Fremden nicht mehr, wenn Ich irgendeine außerordentliche Tat
vollführe, auf daß euch die Fremden nicht auch für Mitfremde ansehen!“
[GEJ.02_043,05] Sagen die Jünger: „Herr, Du
weißt es ja, daß wir Dich über alles liebhaben und gar wohl wissen, wer und was
Du bist; aber trotz alledem können wir denn doch oft nicht umhin, uns über ein
neues Wunder auch wieder von neuem zu verwundern, weil Deine offenbarsten
Wundertaten zumeist so ganz unerwartet und unvorbereitet kommen, daß man bei
aller Fassung und allem Glauben denn doch ein wenig verblüfft dastehen muß. –
Siehe, man hat ja auch oft genug die Sonne auf- und untergehen sehen; aber wo
ist oder wo lebt wohl der Mensch von einem nur einigermaßen besseren Gefühle,
dem nicht ein jeder neue, herrliche Sonnenaufgang irgendeine Verwunderung
abnötigen möchte?! Und siehe, Herr, so ist es auch mit uns! Du bist aber endlos
mehr denn zahllos viele Sonnenaufgänge und wollest uns daher schon ein wenig
solche Fehler nachsehen, die stets von neuem mit Dich über alles liebenden
Herzen zu begehen wir im Grunde des Grundes von Dir genötigt werden.“
[GEJ.02_043,06] Sage Ich: „Nun, nun, es ist
schon alles wieder gut; aber in Zukunft beachtet solchen Meinen Rat der Fremden
wegen, damit diese in euch Meine wahren Jünger erkennen! – Nun aber gehen wir
ans Fischen! Es werden dabei auch wieder kleine Wunder geschehen; aber ihr tut
dabei, als wären das keine Wunder! Die Fremden sollen sie selbst finden und
beurteilen, ob das ganz gewöhnliche, oder ob es außerordentliche Taten sind!“
[GEJ.02_043,07] Nach dieser nötigen Belehrung
bestiegen die Jünger eilends die Boote, spannten die Netze aus und warfen sie
ins Wasser nach der Kunst der Fischer, und machten einen Zug um den andern;
aber der Fang war sehr wenig ergiebig.
[GEJ.02_043,08] Petrus bemerkte, daß da der
ziemlich heftige Westwind ungünstig wirke und die Fische zu Boden treibe.
[GEJ.02_043,09] Ein anderer bemerkte wieder,
daß man vor dem Abende nicht viel ausrichten werde; die Sonne scheine, durch
kein Wölklein getrübt, zu heftig, und die Fische eilten darum der Tiefe zu,
weil sie das heftige Licht nicht ertrügen.
[GEJ.02_043,10] Nun bestiegen aber auch die
zwei Jünglinge zwei Boote, spannten ein großes Netz und stießen mächtig weit in
die See hinaus.
[GEJ.02_043,11] Da sprach Andreas, der auch
ein Meister im Fischen war: „Wenn die nicht wunderbarerweise durch ihre
geistige Macht Fische in ihr Netz treiben, so können sie draußen auf der hohen
See wohl zehn Jahre lang fischen, und sie werden nicht ein Stück ans Ufer
bringen!“
[GEJ.02_043,12] Aber die beiden Jünglinge
machen einen heftigen Zug, sind bald am Ufer und bringen bei dreißig gute
Stücke ans Land.
[GEJ.02_043,13] Da sagt Andreas: „Das ist
zwar kein Wunder, aber sonst dennoch recht viel, von der hohen See her dreißig
Stück Waller (Welse) zu fangen.“
[GEJ.02_043,14] Endlich bestieg auch Ich ein
Boot, die mutige Sarah aber auch eines. Wir spannten ein ziemlich großes Netz
und ließen es ins Wasser. Als wir einen kleinen Zug unfern des Ufers taten,
hatte sich das Netz schon mit fünfhundert Stück Lachsen, Salmen und Wallern
gefüllt, so daß die beiden Jünglinge der Sarah zu Hilfe eilen mußten, weil sie
das Netz sonst nicht hätte halten können. Die Fische wurden alsbald ans Land
und da in die vielen Lägel gebracht, die hier auch in hinreichender Menge
vorhanden waren.
[GEJ.02_043,15] Die Jünger aber machten noch
einen Zug, und als sie das Netz ans Land zogen, fanden sie wieder nur wenige
und das nur kleine Fischlein im Netze.
[GEJ.02_043,16] Petrus sagte: „Nun habe ich
für heute wohl den letzten Zug getan! Es zahlt das ja bei weitem die Mühe
nicht, die ein solcher Zug verursacht, daß man als ein alter, erfahrener
Fischer nur ein Boot besteigt!“ – Darauf wollte er diese kleinen Fische wieder
ins Meer zurückwerfen lassen.
[GEJ.02_043,17] Aber Ich sagte zu ihm:
„Behalte, was du gefangen hast; denn die kleinen Fische sind oft recht gute
Fische und sind Mir lieber denn die großen, die nicht selten ein zähes und
schwer verdauliches Fleisch haben. Merke dir aber diese entsprechende Erscheinung!
[GEJ.02_043,18] Wenn du als Menschenfischer
hinausgehen wirst, so laß es dich nicht verdrießen, so in das Netz des
Evangeliums sich kleine Fischlein einfangen lassen werden; denn wahrlich, Mir
sind sie lieber denn die großen! Alles aber, was da groß und wertvoll ist vor
der Welt, ist in einer gewissen Hinsicht vor Mir ein Greuel! – Lassen wir aber
nun die Fischerei, und begeben wir uns wieder nach Hause! Für heute und morgen
sind wir versorgt; der Nachsabbat wird sich dann, so es not täte, schon wieder
versorgen.“
[GEJ.02_043,19] Man zog nun alle Netze ein
und brachte noch eine Menge von allerlei Fischen ans Land, gab sie in die Lägel
und schaffte sie auf Karren und Tragen in den ziemlich großen Fischbehälter bei
Meinem Hause, den seinerzeit Joseph selbst angelegt hatte.
44. Kapitel
[GEJ.02_044,01] Als wir von der Fischerei
etwa eine Stunde nach dem Mittage nach Hause kamen, wartete abermals ein gutes
Mittagsmahl unser, das nun wieder Borus, der darum nicht mit uns fischen ging,
hatte zubereiten lassen; denn es war dies seine größte Freude, für recht viele
Menschen Gastmähler zu bereiten, und besonders gern kochte er mit seinen Köchen
und Köchinnen im Freien. Er war auch dazu wie ein Kisjonah reich genug, um
täglich wenigstens sechs- bis siebentausend Menschen zu speisen und zu tränken
mit bestem Weine. Denn fürs erste war er der Sohn eines überaus reichen
Griechen aus Athen, der aber auch in Asien große Besitzungen und auch mehrere
kleine Inseln in seinem Besitze hatte; fürs zweite war er der einzige Erbe
solcher großen und weitausgedehnten Besitzungen; und fürs dritte war er der bei
weitem geschickteste Arzt vom ganzen Judenlande und verdiente sich durch seine
Kunst, besonders von den großen und reichen Häuptern, große Summen Goldes und
Silbers, wogegen er wieder den armen Kranken ganz umsonst alle mögliche Pflege
zukommen ließ und daher von diesen als des Landes größter Wohltäter gepriesen
war.
[GEJ.02_044,02] Zu alledem war er ledig,
hatte weder Weib noch Kinder und hatte aber dennoch eine große Freude, arme
junge Männer mit eben wieder jungen und gesunden Mädchen zu verbinden und zu
segnen mit Wort und einer genügenden Aussteuer. Und so war er denn auch jetzt
in seinem allerglänzendst besten Humor, weil er heimlich der Meinung war, Ich
würde die überschöne und überzarte Sarah im Ernste ehelichen.
[GEJ.02_044,03] Als wir alle voll guten Mutes
bei Tische saßen, aßen und tranken, da kam er und fragte Mich so ganz heimlich,
ob da etwa doch etwas daraus würde!?
[GEJ.02_044,04] Erwiderte Ich ihm: „Liebster Freund
und Bruder! Dein übergutes und edelstes Herz ist Mir nun zu bekannt. Ich weiß
nur zu gut, daß du nur dann über Hals und Kopf glücklich bist in deiner Seele,
so du andere glücklich gemacht hast. An dich hast du noch kaum je gedacht, und
weil du zwischen Mir und der schönsten Sarah eine wirklich beachtenswerte große
Liebe bemerkt und auch vernommen hast, wie wir heute vormittag von Braut und
Weib geredet haben, so bist du bei dir heimlich der fröhlichen Meinung einer
zwischen Mir und der schönsten Sarah sehr nahe bevorstehenden ehelichen
Verbindung geworden. Aber Ich sage dir: da bist du in einer kleinen Irre! Denn
siehe, so viele Weiber da auf der Erde leben, gelebt haben und noch leben
werden, sie alle sind, so sie einen reinen Lebenswandel führen, mehr oder
weniger Meine Bräute, und auch ebensogut Meine Weiber; aber solch eine noch so
innigste Verbindung mit Mir hindert sie niemals, eines ordentlichen Mannes Weib
zu werden, – und ein ganz notwendig gleiches Verhältnis findet soeben zwischen
Mir und der allerliebsten Sarah statt. Aber sie kann darob ganz gut dein Weib
werden, und doch im Geiste jetzt wie für ewig Mein wahrhaftigstes Weib sein!
[GEJ.02_044,05] Ich meine aber nun also: Da
du schon so vielen biederen Männern, wenn sie auch noch so arm waren, zu lieben
und braven Weibern verholfen hast, was die jungen, noch wie immer bei der
Jugend, brennenden Männer wohl für ein größtes Glück hielten, so will denn auch
Ich dir zu einem solchen Glück verhelfen! Siehe, gerade diese wahrhaft
himmlisch schöne Sarah soll dein Weib werden! Du hast Mich verteidigt nach
ihrer ersten Erweckung, als sie zum zweiten Mal auf dem Sterbebette lag, und
Ich habe sie für dich erweckt zum andern Male und habe sie schon damals dir zum
gebührenden Lohn bestimmt. Wie sie nun aussieht, so wird sie aussehen in ihrem
siebzigsten Lebensjahre; dieses Kind wird nicht altern auf dieser Erde! Siehe
an die beiden Engel, mit denen Cyrenius nun spricht, ob sie so schön sind wie
dieses Mädchen! Sage Mir aufrichtig, ob du diese allerliebste Sarah denn doch
nicht schon einige Male sehr bedeutungsvoll angeschaut hast, und ob dabei dein
Herz gar nichts empfunden hat!“
[GEJ.02_044,06] Sagt Borus etwas verlegen:
„Herr, vor Dir das zu verbergen, wäre eine allerreinste Unmöglichkeit! Daher
sage ich es lieber ganz frei heraus: Sarah ist das einzige Wesen auf der Erde,
das ich denn doch lieber selbst besäße, als daß ich jemand anderm zu ihrem
Besitze verhülfe! Ich bin zwar auch schon stark über die dreißig Jahre hinaus,
und sie kann erst sechzehn Frühlinge zählen; aber mein Herz scheint da noch
kaum ihr schönstes Alter erreicht zu haben. So sie möglicherweise doch mein
Weib würde, so liebte ich sie tausendfach mehr denn mein eigenes Leben!“
[GEJ.02_044,07] Sarah hatte diesem Gespräch
heimlich sehr aufmerksam zugehört, und als Ich sie darauf ansah und fragte, wie
ihr diese Unterredung zwischen Mir und dem stattlich aussehenden Borus gefallen
habe, schlug sie, etwas schamrot, die Augen nieder und sagte nach einer Weile:
„Aber so mußt Du denn doch alles bemerken! Ich habe den lieben Borus ja nur ein
einziges Mal so ganz flüchtig angeschaut, weil er ein gar so lieber und überaus
dienstfertiger Mann ist!“
[GEJ.02_044,08] Sage Ich, so mehr im scherzhaften
Tone: „Aber in deinem Herzen hast du ihn, wenn Ich Mich nicht irre, schon
etliche Male angeschaut!?“
[GEJ.02_044,09] Sagt Sarah, noch mehr ihr
Gesicht verdeckend: „Aber Herr, Du fängst ja ganz ordentlich an, ein wenig
schlimm zu werden! Daß aber Du doch um alles wissen mußt!?“
[GEJ.02_044,10] Sage Ich: „Sarah, wenn es
also darauf und darum ankäme und er dich darum so recht herzlich um deine
schönste Hand bäte, würdest du sie ihm verweigern?“
[GEJ.02_044,11] Sagt Sarah, ganz angenehm
verblüfft über solch eine Frage: „Wenn ich das nicht täte, wie könnte ich dann
Dein Weib werden? Lieben kann ich ja doch nur Dich, obschon ich vor Dir auch
offen bekennen muß, daß ich den guten Borus überaus hochachte und schätze; denn
er scheint mir nach Dir wohl der beste Mensch im ganzen Judenlande zu sein,
obwohl er von Geburt aus ein Grieche ist und erst bloß der Wissenschaft, aber
nicht der Beschneidung nach ein Jude geworden ist, seit kurzem erst.“
[GEJ.02_044,12] Sage Ich: „Nun ja, die Sache
wird sich schon machen! Denke nur ein wenig nach, und sieh da uns gegenüber die
Lydia an, die auch gleichfort Mein Weib ist geistig, aber dem Leibe nach
dennoch als Weib dem biederen Faustus angehört! Unser Verhältnis aber stört das
nicht im geringsten; denn du bleibst nach wie vor Meine Braut und Mein
himmlisches Weib.“
[GEJ.02_044,13] Sagt nach einer Weile die
Sarah: „Wenn es denn auch mir genehm wäre, dem guten Borus meine Hand zu
reichen, so weiß ich ja doch nicht, was meine irdischen Eltern dazu sagen!
Diese müßte ich denn doch auch fragen! Ich möchte zwar wohl schon darum den
guten Borus, weil Du es gerne sähest; aber den Vater und die Mutter sollte man
denn doch auch fragen!“
[GEJ.02_044,14] Sage Ich: „Nun ja, siehe hin,
die sind schon gefragt worden und stimmen ganz mit Mir überein; aber Ich nötige
dich durchaus nicht dazu. Dir bleibt dein völlig freier Wille!“
[GEJ.02_044,15] Sagt die Sarah, stets mehr
verlegen: „Herr, – ja, daß ich es wohl weiß, – aber – ich, – ja, ja, ich –
möchte aber – aber – doch nicht!“
[GEJ.02_044,16] Sage Ich: „Was möchtest du
nicht?“
[GEJ.02_044,17] Sagt Sarah: „Ei, ei, Du
bringst mich aber nun schon in eine ungeheure Verlegenheit! Ach, wenn ich doch
den sonst gar so lieben Borus nur nicht angeschaut hätte!“
[GEJ.02_044,18] Frage Ich: „Ja, jetzt hast du
Mir aber noch nicht gesagt, was es eigentlich ist, das du nicht möchtest! Also,
geh, liebste Sarah, sage es mutig heraus, was das ist, was du so ganz
eigentlich nicht möchtest!“
[GEJ.02_044,19] Sagt Sarah: „Aber Herr, wie
magst Du mich noch fragen!? Weißt es ja ohnehin, was es ist, das ich nicht
möchte! Laß Du mich raten, und ich werde durch ein leises Kopfnicken Dir schon
zu erkennen geben, was das sei, was ich nicht möchte!“
[GEJ.02_044,20] Sage Ich: „Nun denn, weil du
es willst, so will Ich dich erraten lassen, was Ich meine, was das sei, das du
nicht möchtest. Und so höre denn: Du möchtest gewiß nicht, daß etwa der gute
Borus darum aus Gram krank würde, so du ihm deine schöne Hand nicht
reichtest!?“
[GEJ.02_044,21] Steht die Sarah auf und klopft
Mir mit ihrer Hand auf Meine Schulter und sagt, zum Schein sanft ärgerlich:
„Ehhh – heißt denn das raten lassen, wenn man gleich mit – hätte mich bald
versprochen!“
[GEJ.02_044,22] Sage Ich: „Nun, – nur heraus
mit der Wahrheit!“
[GEJ.02_044,23] Sagt Sarah: „Nun ja, hast so
schon gesagt ,Mit der Wahrheit‘; ist aber auch wahr, daß das nicht ,raten‘
heißt, wenn man gleich mit der Wahrheit herauskommt!“
[GEJ.02_044,24] Sage Ich: „Nun sieh, Ich
wußte es ja, daß du für Meinen liebsten Freund Borus mehr Sinn hast, als du es
uns äußerlich wolltest merken lassen! Aber es ist das schon alles recht also!
Das Mädchen soll bis auf den letzten Augenblick nur höchst wenig merken lassen,
daß sie zu einem Manne eine besondere Neigung in ihrem Herzen trägt; erst wenn
es sich um einen vollen Ernst handelt, soll sie dem Mann, der sie zum Weibe
nehmen will, ihr Herz eröffnen, – sonst verlockt sie ihn vor der Zeit, und so
dann möglicherweise sich Hindernisse erheben, da macht sie dann traurig sein
Herz und unruhig sein Gemüt! Und das alles ist dann von großem Übel.“
[GEJ.02_044,25] Sagt die Sarah: „Aber Herr,
das alles habe aber ich doch nicht getan!?“
[GEJ.02_044,26] Sage Ich: „Nein, nein liebste
Sarah; darum habe Ich dich ja als ein Muster belobt! – Jetzt kannst du dem
lieben Borus aber schon nach und nach sagen, wie es dir so ganz eigentlich ums
Herz ist!“
[GEJ.02_044,27] Sagt die Sarah: „Ach, – jetzt
sage ich's ihm noch nicht; wenn er erst mein Gemahl ist, dann ist es schon noch
Zeit!“
[GEJ.02_044,28] Sage Ich: „Wenn er aber von
Mir aus zum Beispiel schon dein Gemahl wäre, wie dann?“
[GEJ.02_044,29] Sagt die Sarah, heimlich
fröhlich überrascht: „Nun ja, wie dann? – Nun ja, dann – – dann – nun ja, –
dann – müßte ich ihm freilich mein Herz vollends enthüllen!“
[GEJ.02_044,30] Sage Ich zum Borus: „Sieh,
wie unbeschreiblich lieb sie ist! Nimm sie, liebe recht und pflege sie wie eine
zarteste Pflanze; denn Ich gebe sie dir aus den Himmeln als einen
wohlverdienten Lohn. Gehet hin zu den Eltern, auf daß sie euch segnen, und
kommet dann zu Mir, daß auch Ich euch nochmals segne!“
[GEJ.02_044,31] Borus dankt Mir, vor lauter
Freude kaum reden könnend, und die Sarah erhebt sich gar züchtig von ihrem
Sitze und sagt mit fröhlich erregter Stimme: „Herr, nur weil Du es also willst,
tue ich es gerne; wäre es Dein Wille, so hätte ich dennoch gegen mein Herz
gekämpft, – aber so danke auch ich Dir für den besten Mann vom ganzen
Judenlande!“
[GEJ.02_044,32] Nach diesen Worten begeben
sich beide zu dem Elternpaare hin und bitten es um den Segen, und als dieser
ihnen mit allen Freuden zuteil wird, so kehren sie sogleich wieder zu Mir
zurück; und Ich segne sie auch sogleich zu einer wahren, auch für alle Himmel
gültigen Ehe, wofür Mir dann beide mit dem gerührtesten Herzen vollauf danken.
[GEJ.02_044,33] Es ist also hier eine ganz
unvermutete Ehe geschlossen, die als eine der glücklichsten auf der ganzen Erde
zu finden sein möchte. Und es geht daraus hervor, daß jemand das, was er Mir
völlig zum Opfer bringt, nie verliert, sondern voll des höchsten Segens
wiedererhält, und das allemal zu einer Zeit, in der er es sicher am wenigsten
vermutet. Borus war in die Sarah überaus verliebt und hätte alle Schätze der
Welt um sie gegeben, so man sie von ihm gefordert hätte; denn ihre wunderbare
Schönheit, besonders nach der zweiten Erweckung, war für den Borus etwas, das
er nicht beschreiben konnte, – und doch opferte er sie Mir ganz und wollte mit
allem, was ihm zu Gebote stünde, Meinen vermeinten Hochzeitstag feiern. Ebenso
fühlte auch Sarah überaus viel für den Borus, opferte ihn aber auch ganz Mir
und wollte entschieden nur Mir allein angehören. Aber da wandte Ich das
Blättchen auf einmal um und gab beiden, was sie Mir wahrlich von ganzem Herzen
gegeben hatten. – Wer so handelt wie diese beiden, dem werde Ich auch tun wie
diesen beiden!
[GEJ.02_044,34] Dies zur Belehrung für
jedermann, der dies hören oder selbst lesen wird; denn auf diesem Wege kann man
von Mir alles erlangen. Wer Mir alles opfert, dem opfere dann auch Ich alles;
wer aber reichlich opfert, aber dabei dennoch vieles für sich zurückbehält, dem
wird nur das wiedergegeben, was er geopfert hat. – Und nun wieder zur Sache!
45. Kapitel
[GEJ.02_045,01] Nach dieser recht herrlichen Begebenheit
trat abermals Cyrenius zu Mir und sagte: „Herr, ich habe mich über manche Dinge
mit beiden Engeln besprochen; aber ich habe aus allem, was sie mir sagten,
nichts anderes gelernt, als was ich durch Deine Güte und Gnade schon ohnehin
gewußt habe. Da hat also nichts Neues herausgeschaut! Aber was mich wenigstens
sehr gewundert hat, ist, daß die beiden unbeschreiblich schönen Jünglinge
gewisserart so ganz kalt sind für alles, was da vor sich geht! Sie sprechen
voll tiefster Weisheit, und der Klang ihrer Stimme übertrifft die reizendste
Harmonie der Äolslyra; aus ihren Mienen lächelt gleichfort ein reinstes
Morgenrot; ihr Hauch duftet wie Rosen, Jasmin und Ambra; ihre Haare sind wie
reinstes Gold, und ihre alabasterweißen Hände sind so rund und im vollüppigsten
Ebenmaße so zart, daß ich auf der Erde dafür wahrlich keinen Vergleich finden
kann; ihre Brust ist im vollendetsten Maße gleich der einer aufblühenden
Jungfrau, wie ich nur eine einzige einmal in einer Gegend am Pontus gesehen
habe; und ebenso schön und strotzend üppig im herrlichsten Ebenmaße sind ihre
Füße; kurz, – man könnte vor lauter Liebe zu diesen beiden Wesen ganz rasend
werden! Aber bei all diesen glorieartigen, unbeschreiblichen Vorzügen, aus
denen nichts als Liebe und wieder tausendfache Liebe duftet, womit sie sogar
den härtesten Stein zu Wachs erweichen müßten, sind sie dennoch so kalt und
teilnahmslos wie eine marmorne Statue im höchsten Winter! Und das macht mich
nahezu auch so kalt, als wie kalt da die beiden sind.
[GEJ.02_045,02] Sie haben zwar durchaus
nichts von sich Abstoßendes, weder in der Rede noch in der Gebärde; aber es
rührt sie nichts und bringt sie auch nichts aus ihrer überstoischen
Gleichgültigkeit gegen alles, was ist und geschieht. Sie äußern sich über Dich
Selbst zwar in großer Weisheitstiefe, aber mir kommt ihre Rede vor wie das
Herablesen eines Briefes in einer Sprache, die man nicht versteht.
[GEJ.02_045,03] Sage mir doch, wie denn das
bei den zwei reinst himmlischen Wesen möglich ist! Ist denn das der reinen Geister
Sitte in Deinen Himmeln?“
[GEJ.02_045,04] Sage Ich: „Das wohl
mitnichten! Aber diese beiden verhalten sich hier nur darum also, weil sie sich
also verhalten müssen; sie aber haben für sich dennoch den vollkommenst freien
Willen und ein Herz voll der heftigsten Liebesglut, die dich im Augenblick
verzehren würde, so sich die beiden dir gegenüber ihrer Liebe entäußern würden!
[GEJ.02_045,05] Der irdische Mensch kann wohl
die höchste Weisheitstiefe der Engel ertragen, aber ihre Liebe nur dann, wenn
er in seinem Herzen ihrer Liebe gleichgekommen ist.
[GEJ.02_045,06] Daß die Sache sich aber also
verhält, kannst du schon aus den ganz natürlichen Verhältnissen des irdischen
Feuers und Lichtes ganz leicht ersehen. Das Licht kannst du ertragen wohl, das
der Flamme entströmt; kannst du darum aber auch die Flamme selbst, die das
Licht gibt, ertragen?
[GEJ.02_045,07] Die Sonne hat für die Welt
doch sicher das stärkste Licht, und du kannst es noch ganz behaglich ertragen!
Und wenn sich mit der Zunahme des Lichtes auch die Wärme mehrt, so wirst du das
Licht freilich wohl schwerer ertragen; aber könntest du mit deinem Leibe auch
gleich einem Engel in der über alle deine Begriffe lichtglühenden Sonnenluft
bestehen? Ich sage es dir: Diese Sonnenluft würde die ganze Erde samt allem,
was sie trägt, in einem Augenblick also zerstören, als wie da zerstört wird ein
Tropfen Wassers, so er auf ein weißglühendes Erz fällt!
[GEJ.02_045,08] Wer in solchem Licht und
Feuer bestehen will, der muß zuvor selbst das gleiche Licht und Feuer sein! Und
sieh, aus eben diesem Grunde können die beiden Engel sich ihrer Liebe dir
gegenüber nicht entäußern, weil dich ihre zu mächtige Liebe verzehren würde! –
Verstehst du das?“
[GEJ.02_045,09] Sagt Cyrenius: „Beinahe
verstehe ich es, aber so ganz klar dennoch nicht – wie so manches andere! Denn
wie mich eine zu große Liebe töten könnte, will mir noch nicht recht
einleuchten!“
[GEJ.02_045,10] Sage Ich: „Nun denn, so soll
dir auch das soviel nur immer möglich einleuchtend gemacht werden, und so höre
denn: Du hast eben auch einen Sohn und eine überaus liebenswürdige Tochter.
Diese beiden Kinder liebst du nahe fabelhaft stark; ja, dein Herz kann vor
lauter Liebe kaum beurteilen, wie mächtig es die beiden Kinder liebt, weil es
von den Kindern wieder überaus mächtig geliebt wird. Aber nun stelle dir so
recht lebendig vor, als wären dir die beiden Kinder gestorben, und frage dein
Herz, ob es den Schmerz über solch einen Verlust wohl ertragen würde! Siehe,
dich ergreift schon jetzt ein förmliches Fieber, wo Ich den möglichen Fall bloß
als ein Beispiel aufgestellt habe! Wie würde es dir ergehen im Falle der
Wirklichkeit? Ich sage es dir, wie Ich dein Herz kenne, daß du den Schmerz
nicht drei Stunden lang ertrügest; er würde dich unfehlbar töten!
[GEJ.02_045,11] Nun, was aber ist die Liebe
und die Liebenswürdigkeit deiner Kinder gegen die Liebe und allerfreundlichste
Liebenswürdigkeit dieser zwei Himmelsboten!? Wenn diese beiden dich nur ein
wenig mit einem liebenden Auge ansähen und gäben dir nur einen Finger zum Kosen,
so würde die Liebe in deinem eigenen Herzen sich zu einer solchen Mächtigkeit
steigern, daß du solche nicht viele Augenblicke ertragen könntest; und
verließen dich dann die Engel auch nur scheinbar, so würde sich dann deines
Herzens eine solche Trauer bemächtigen, daß du darob sterben müßtest!
[GEJ.02_045,12] Denn siehe, so schön nun auch
diese Meine beiden Lieblingsengel sind, so ist solch ihre Schönheit doch nichts
gegen jene von ihnen, wenn ihr Wesen von Meiner Liebe in ihrem Herzen so ganz
durchdrungen wird! Ich sage es dir: da verschwindet endlos weit zurück alles,
was die Welt Schönes und Liebes aufzuweisen hat! – Nun meine Ich, daß du Mich
wohl wirst verstanden haben!?“
46. Kapitel
[GEJ.02_046,01] Sagt Cyrenius: „Ja, Du mein
Herr und offenbarst mein Gott, nun verstehe ich auch das wieder; ihre
scheinbare Kälte ist dennoch pur Liebe!
[GEJ.02_046,02] Ich entsinne mich da der
Mythe von einer Jungfrau, die durch sonderbare Fügungen der Kräfte der Natur
wohl unbegreiflich schön und reizend war. Das merkten die Jünglinge, Männer und
Greise und gerieten bald in einen großen Kampf, damit es sich entscheide,
wessen Weib sie würde. Aber der Kämpfer Schar mehrte sich von Tag zu Tag zum
Verderben der vielen Kämpfenden. Da man endlich sah, daß man da mit dem Kampfe
auf Leben und Tod nimmer zum Ziele gelangen konnte, so trafen die Kämpfer
endlich unter sich dahin das Übereinkommen und sprachen: ,Dies Wesen gehört
nicht dieser Erde an, sondern den hohen Himmeln, und ist eine Göttin! Daher
müssen hier hohe Opfer entscheiden! Wem aus den vielen Opfernden sie ihre
schönste Hand reichen wird, der soll sie dann fürderhin ungestört besitzen!‘
Und man brachte auf diesen Beschluß von allen Seiten her unermeßliche Schätze
zum Opfer und gab ihr göttliche Verehrung. Die Adoration (Anbetung) dieser
Schönheit ging am Ende so weit, daß man die Verehrung und Anbetung der Götter
gänzlich beiseite setzte. Darob erzürnten sich die Götter und gaben der schönen
Jungfrau einen noch größeren Reiz, machten aber dafür ihren Odem giftig, daß
davon ein jeder, der von ihr nur in die Ferne hin angehaucht wurde,
besinnungslos zu Boden fiel und stundenlang in solcher Betäubung liegenblieb;
dazu gaben sie in der Jungfrau Zunge einen überaus tödlich giftigen Stachel,
mit dem sie nach Willkür jeden töten konnte, der sich, als ihr mißliebig, ihrem
Munde nahte.
[GEJ.02_046,03] Als aber einer kam, ein
Jüngling von blühend schönster Gestalt, da ward es auf einmal lebendig im
Herzen der Jungfrau; aber was sollte sie tun, um ihn zu lieben, da sie darin sicher
ist, von dem Jüngling glühend geliebt zu werden? Kehrt sie ihm ihr Antlitz zu,
so wird ihr Liebling betäubt zu Boden sinken; küßt sie ihn, so wird er sterben.
Sie wandte darum aus Liebe ihr Antlitz vom Jünglinge ab und stellte sich kalt
gegen ihn, auf daß er sich ja nicht ihrem Munde nähern möchte. Auf daß ihr
sonach ihr Liebling nicht stürbe, mußte sie ihn mit der scheinbar möglichsten
Kälte lieben.
[GEJ.02_046,04] Und so, dieser Mythe völlig
ähnlich, lieben diese beiden Jünglinge denn auch die Menschen dieser armseligen
Erde mit der scheinbar größten Kälte, weil sie nur zu gut wissen, daß die
Menschen die Liebesglut ihrer himmlischen Herzen nicht ertrügen!“
[GEJ.02_046,05] Sage Ich: „Ja, ja, also ist
es; nur ist natürlich ihr Odem nicht giftig, und ihre Zunge führt keinen
tödlichen Stachel; sondern ihr Odem belebt, und ihre Zunge segnet die Erde.“
[GEJ.02_046,06] Hier trat wieder Borus mit
der Sarah zu Mir und fragte Mich, was er denn doch tun müßte, um sich für diese
überschwenglich große Gnade dankbarer zeigen zu können, als solches bis auf
diesen, für ihn überglücklichen Augenblick der Fall war!
[GEJ.02_046,07] Sage Ich: „Sage Mir, du Mein
Freund und Bruder, wo ist denn der Mensch, der von seiner Kindheit an Mir mehr
zugetan gewesen wäre als du!? Du warst als Knabe Mein täglicher Gefährte und
tatest Mir, was du nur Meinen Augen ansahest, daß es Mir eine Freude wäre. Wann
du alle Jahre mit deinen Eltern auf deren Besitzungen in Griechenland zogst und
nach etlichen Wochen wieder heimkehrtest, so war stets Ich der erste, den du
besuchtest, und dem du allerlei gute und oft recht kostbar schöne Sachen als
Geschenk mitbrachtest, und du bist nicht ärgerlich geworden, als Ich einmal
einen Mir geschenkten silbernen Dianatempel mit einem Hammer zerschlug und verbot,
Mir je so etwas wieder zum Geschenke zu bringen!
[GEJ.02_046,08] Als Ich ein Jüngling ward und
fast niemand auf Mich achtete, warst du der einzige, der sich gleichblieb; und
wie du allzeit warst, so bist du noch und wirst auch also bleiben. Darum habe
Ich dir hiermit nichts als einen schon seit vielen Jahren schuldigen
Gegenfreundschaftsdienst erwiesen. Mache darum nicht viel Aufhebens davon! Du
hast das sicher liebenswerteste junge und schöne, wie auch geistig geweckteste
Weib bekommen – und die Sarah an dir den besten, treuesten und in jeder
Hinsicht den reichsten und angesehensten Mann. An Meinem Segen in jeder guten
Hinsicht sollt ihr von Mir aus auch ewig nie einen Mangel haben, und du bleibst
zudem der beste Arzt nicht nur in diesem Lande, sondern in der ganzen Welt! Und
so meine Ich, werdet ihr wohl recht gut leben können!?
[GEJ.02_046,09] Aber nur vergesset der
wahrhaft Armen nie, und laß dir deine, von keinem Menschen der Welt erreichbare
Kunst in der Heilung aller Krankheiten von keinem armen Bürger und noch weniger
von einem Diener zahlen, sei's mit Geld, mit Abdienen, mit Getreide oder mit
Vieh!
[GEJ.02_046,10] Aber den großen
Geldbesitzern, Maklern und Wechslern, Kaufleuten und den großen Grundbesitzern
rechne deine Kunst nach Recht und Gebühr; denn wer da hat und leben will, der
soll dann und wann für sein Leben nur ein Opfer bringen! Es gibt dann schon
Arme genug, denen du das zubringen kannst, um was sich ein begüterter Reicher
sein Leben erkauft.
[GEJ.02_046,11] Ein Arzt wie du verkauft den
Menschen das Leben, das besonders für die Weltmenschen das größte Gut ist.
Darum sollen sie sich's auch nur ums teure Geld und Gut allzeit erkaufen und
dabei noch überfroh sein, daß es auf der Erde irgendeinen Menschen gibt, bei
dem sich das Leben erkaufen läßt.
[GEJ.02_046,12] Denn Ich sage es dir: Das ist
wahrhaft eine übergroße und allererste Kunst in der Welt, die kein Weltmensch
je erlernen kann: durchs Wort, durch den Willen und nur zuweilen durch die
Auflegung der Hände alle Krankheiten, vom ärgsten Besessensein – alle Pestarten
mit inbegriffen – bis zum leichten Schnupfen herab, in einem Augenblick zu
heilen und alle Aussätzigen zu reinigen, die Blinden sehend, die Tauben hörend,
die Lahmen gehend und die Krüppel gerade zu machen – und dazu noch den Armen
Kunde zu geben vom Reiche Gottes! Freund, gehe hin in die ganze Welt und suche,
ob du einen findest, der dir vollends gliche! Ich sage dir, da gibt es außer
dir und Mir keinen!
[GEJ.02_046,13] In Sichar habe Ich wohl auch
einen Arzt geweckt, daß er sehr namhafte Heilungen bewerkstelligen kann; aber
er kann sich von seinen Kräutersäften nicht völlig trennen und steht daher dir
bei weitem nach.
[GEJ.02_046,14] Meine Jünger werden dir in
etlichen Jährchen auch nachkommen, aber nicht alle, die du hier siehst.
[GEJ.02_046,15] Meine allerliebste Sarah aber
soll auch eine Kunst sich aneignen, und zwar die einer Wehemutter (Hebamme);
denn es ist vor Gott ein sehr wertvoller Dienst, den stets mit vielen Schmerzen
gebärenden Weibern beizustehen. Und so seid ihr beide sicher also versorgt, wie
noch nie ein königlich Paar versorgt war!
[GEJ.02_046,16] Aber diesen Rat gebe Ich dir
auch: Wenn ein Kranker zu dir kommt oder du zu einem gerufen wirst, so frage ihn
stets ganz ernstlich: ,Glaubst du, daß ich dir im Namen Jesu, des Heilandes aus
den Himmeln, helfen kann?‘ Sagt der Kranke darauf vollernstlich: ,Ja, ich
glaube!‘, so heile ihn; zweifelt er aber, da heile ihn nicht, bis er glaubt,
daß du ihn in Meinem Namen heilen kannst! – Nun aber noch ein Wort zu dir,
Jairus!“
47. Kapitel
[GEJ.02_047,01] Sagt Jairus: „Herr, rede, ich
will dich hören und danach auch tun nach Deinem Worte!“
[GEJ.02_047,02] Sage Ich: „Ganz gut also;
wirst du danach tun, so wirst du zeitlich und ewig glücklich sein. Und so höre
denn:
[GEJ.02_047,03] Du bist nun ein Oberster der
Pharisäer und ihrer Schulen in dieser ganzen Gegend von Nazareth, Kapernaum und
Chorazin, von Kana in Galiläa und vielen andern Flecken, Dörfern und Weilern.
Du stehst darum in Galiläa in einem großen Ansehen, das nicht viel geringer ist
denn das des Hohenpriesters zu Jerusalem. Aber siehe, all dies dein großes
Ansehen konnte deine Tochter nicht vor dem zweimal erfolgten Tode erretten und
noch weniger sie vom Tode erwecken, als sie vollwahr gestorben war!
[GEJ.02_047,04] Du siehst, daß solch ein
großansehnliches Amt zu gar nicht viel anderem nütze ist, als vor allem den
Hochmut des Hochbeamteten noch mehr zu erhöhen, ihm das immer steigende
Wohlleben zum Bedürfnisse zu machen, aber in der Nützung und wahren Hilfe den
Menschen gegenüber stets schwächer und hilfloser zu werden und sich sonach den
Hilfebedürftigen als selbst hilflos oder zu helfen ohnmächtig
gegenüberzustellen; denn wer jemandem, der irgendeiner Hilfe bedürftig ist,
nicht helfen kann oder will, der ist ebenso hilflos wie der Hilfsbedürftige
selbst.
[GEJ.02_047,05] Es ist demnach ein hohes Amt,
besonders das deine, von einem höchst geringen Belange. Wie wäre es denn, so du
es in die Hände des Hohenpriesters nach Jerusalem zurücklegtest und darauf zu
deinem nunmaligen Schwiegersohne zögest, bei dem du sicher besser und
ansehnlicher versorgt wärest, als wie du es jetzt vom stockblinden Jerusalem
aus bist? Du könntest dem Borus die Schrift, in der du wohlbewandert bist, nach
und nach stets heller und heller machen, was für ihn von großem Nutzen wäre; er
aber würde dich dafür so manches in der Heilkunde lehren. Ich aber lege dir
damit kein Gebot auf, sondern stelle es dir ganz frei! Willst du diesen Meinen
Rat befolgen, so wirst du wohl tun; willst du aber das nicht, so wirst du
deshalb keine Sünde begehen.“
[GEJ.02_047,06] Sagt Jairus: „Herr, da bist
du meinem höchst eigenen Wunsche wahrlich zuvorgekommen! Das ist nicht jetzt,
sondern schon lange mein Wunsch gewesen, mein lästiges Amt niederzulegen; jetzt
aber, da sich alles gar so überaus wundervoll günstig für mein Sein gestaltet
hat, werde ich morgen schon einen Boten mit einem Dienstentlassungsgesuche nach
Jerusalem senden mit der Bitte, dieses Amt einem andern zu verleihen!
Aspiranten um solche Ämter gibt es in Jerusalem stets eine Menge, die für die
Verleihung solch eines Amtes dem Tempel zehnfache Taxen bezahlen können, und so
wird den Herren im Tempel ein solches Gesuch sicher sehr erwünscht sein, weil sie
sogar Anträge denen machen, die irgendein hohes Amt besitzen, daß sie davon
abstünden, weil dadurch ein neuer Aspirant in die Gelegenheit versetzt werden
könnte, den Tempel um einige hundert Pfunde Silbers und Goldes reicher zu
machen, als er vorher war! Mit den Ämtern wird nun in Jerusalem ja ein ganz
ergiebiger Handel getrieben!“
[GEJ.02_047,07] Sage Ich: „Oh, das weiß Ich
am allerbesten, wie es nun in Jerusalem zugeht! Da wird nur aufs Gewicht des
Silbers und Goldes und der Perlen und Edelsteine gesehen, nie aber auf den
Geist des Menschen. Wenn du als ein Prophet über Moses und Elias hinaus in den
Tempel kämest und fingest an, als solcher zu predigen, so würde man dir nur zu
bald die verfluchten Steine zeigen, mit denen die meisten der Propheten gesteinigt
worden sind; aber so du kämest mit zehntausend Pfunden Goldes, so würde man dir
die größten Ehren erweisen! Laß du nur zwei fette Ochsen in den Tempel treiben,
und du kannst versichert sein, daß sie ihnen um vieles lieber sein werden denn
Moses und Elias. – Aber lassen wir nun das! Die Zeit ist nicht mehr ferne, die
den Templern und ganz Jerusalem den wohlverdienten Lohn geben wird; denn gar
lange wird man diesem Greuel nicht mehr zusehen. – Nun von etwas anderem!
[GEJ.02_047,08] Was hört man denn nun vom
Johannes? Ist er noch in der Haft des Herodes?“
[GEJ.02_047,09] Sagt Jairus: „Ich habe nichts
vernommen, daß er irgend wieder in Freiheit gesetzt worden wäre! Aber ich werde
mich durch den morgigen Boten, den ich in der bewußten Sache nach Jerusalem absenden
werde, darüber ganz angelegentlich erkundigen, so es Dir, o Herr, genehm ist!“
[GEJ.02_047,10] Sage Ich: „Laß das; denn
Herodes ist ein schlauer Fuchs, und dein Bote könnte als Galiläer Anstände
bekommen. Ich aber sehe es im Geiste ohnehin, wie es mit Johannes steht. Wir
werden übermorgen traurige Nachrichten erhalten, an denen samt Mir niemand eine
Freude haben wird.“
[GEJ.02_047,11] Nach diesen Worten fragen
Mich Cyrenius und Kornelius, ob Ich denn haben möchte, daß auch sie ihre hohen
Ämter niederlegen sollen.
[GEJ.02_047,12] Sage Ich: „Oh, mitnichten!
Eure Ämter sind ganz anderer Art und überaus nötig und von großer Wichtigkeit!
Aber nur verwaltet eure wichtigen und hohen Ämter stets nach Recht und
Billigkeit und stellet vor dem Gesetz jedermann gleich! Nur – wie ihr es schon
wisset aus Meinem Munde – lasset die Liebe stets vor dem Gesetz einhergehen,
und denket, daß der Sünder, der gegen die sehr weitläufigen Staatsgesetze als
ein dieser vielen Gesetze völlig Unkundiger nur zu leicht zu handeln imstande
ist, auch ein Mensch ist, bestimmt, so wie ihr, fürs ewige Leben im Reiche
Gottes! Werdet ihr stets also euer Gesetz handhaben, so werdet ihr gleich den
Engeln handeln, die eben auch also Gottes Diener sind, wie ihr Diener des
Kaisers seid.“
[GEJ.02_047,13] Sagt Cyrenius: „Das wollen
und werden wir! Aber nun haben wir noch eine äußerst wichtige Frage, und diese
besteht darin: Wir sind, wie Dir nur zu wohl bekannt ist, Römer und sonach, wie
ihr sagt, Heiden (Irrgläubige). Sollen wir dem Äußeren nach bleiben was wir
sind, nämlich Heiden, oder sollen wir öffentlich dem Heidentume abschwören und
uns beschneiden lassen?“
[GEJ.02_047,14] Sage Ich: „Weder das eine
noch das andere! Sondern wer, wie ihr, im Herzen beschnitten ist durch den
Glauben an und durch die Liebe zu Gott, braucht weiter nichts mehr; denn das
genügt vollkommen zur Erreichung des ewigen Lebens. Nach etlichen Jahren aber
werden schon ohnehin Meine vom Gottesgeiste erfüllten Jünger zu euch kommen und
euch taufen mit dem Geiste Gottes, und ihr werdet dadurch alles erhalten, was
euch not tut. – Nun wisset ihr alles. Der Abend ist nicht mehr fern, und wir
wollen uns der Juden wegen heute, als am Vorsabbate, etwas früher zur Ruhe
begeben als an einem andern Tage. Nach dem Abendmahle werden wir denn für heute
nichts weiteres mehr verhandeln.“
[GEJ.02_047,15] Hier treten die zwei Engel zu
Mir in der tiefsten Ehrfurcht und bitten Mich, ob sie denn nicht noch die paar
Tage sichtbar hier in Meiner leiblichen Nähe verweilen dürften; es sei für sie
das die höchste Seligkeit, die sie je empfunden haben.
[GEJ.02_047,16] Und Ich sage es laut: „Ihr
habt von jeher die vollste Freiheit, und so tut, was euch frommt; aber
vergesset darob nicht, welchen Dienst ihr zu leisten habt! Die Mittelsonnen
bedürfen einer großen Pflege, und ihr wisset es, wie viele es deren im
unendlichen Gottesraume gibt!“
[GEJ.02_047,17] Sagen die beiden Engel:
„Herr, dies alles ist besorgt und wird fortan gleich besorgt!“
[GEJ.02_047,18] Sage Ich: „Ja, ja, das weiß
Ich, darum auch möget ihr nach eurem Wunsche hier verweilen; denn der Geringste
hier aus diesen Menschen, die um Mich sind, ist mehr denn zahllose Mittel-,
Neben- und Planetarsonnen! Die Sonnen aber sind der Menschen wegen gemacht und
müssen dieser wegen denn auch stets allersorgfältigst besorgt werden!“ – Die
Engel verneigen sich überseligst und gehen wieder zu Meinen Jüngern, mit denen
sie sich gleichfort besprechen und ihnen über gar viele Dinge in der Welt
überwichtige Aufschlüsse geben.
[GEJ.02_047,19] Borus aber eilt nun ins Haus
und sorgt für ein gutes Abendmahl, das er reichlich bereiten läßt.
48. Kapitel
[GEJ.02_048,01] Nach dem Abendessen, das über
eine gute Stunde angedauert hatte, fragte Kornelius den Cyrenius sagend: „Hoher
Bruder, was meinst du denn?! Sollen wir heute noch hier verweilen, oder sollen
wir uns vielleicht – irgend wichtiger, auf uns wartender Geschäfte halber – von
dannen begeben? Ich bin dir tief untergeben und füge mich deinem Worte.“
[GEJ.02_048,02] Sagt Cyrenius: „Ich hätte
eigentlich schon heute in der Frühe abreisen sollen, da meiner sicher schon
irgend dringende Geschäfte harren. Aber sage: Wer, wenn er weiß, was hier ist,
kann sich von da trennen? Man könnte schwer einen freundlichen Kaiser
verlassen, so er sagete: ,So du bleiben willst, so bleibe!‘ Was ist aber ein
Kaiser gegen hier, wo unleugbar der Schöpfer Himmels und der Erde weilt als
Mensch unter Seinen Menschen und unter Seinen Engeln?! Zudem haben Seine Engel
auch eine längere Frist zum Hierbleiben erhalten, von denen wir noch sehr viel
lernen und erfahren können. Ah, jetzt gehe ich schon gar nicht fort! Nicht ums
ganze römische Kaiserreich brächte mich jetzt jemand von der Stelle, und sollte
da schon kommen, was da wollte! – Bleibe nur du auch! Von mir aus hast du die
volle Erlaubnis dazu; und käme da auch etwas aus, so wird wegen ein paar Tagen
die Erde noch lange nicht zugrunde gehen! Dazu meine ich, daß wir bei diesem
Herrn viel besser versorgt sind denn von Rom aus!? Und sollte auch etwas noch
Dringendes ausfallen, so gibt es in der Hand des Allmächtigen Mittel genug,
auch das Dringendste im Augenblick zu schlichten.“
[GEJ.02_048,03] Sagt Kornelius: „Hoher
Bruder! Mit diesem Bescheide bin ich ja ohnehin über alle Maßen zufrieden, und
es verlangt mich noch lange nicht, diesen Ort zu verlassen! Ich habe ohnehin
nur der politisch-staatlichen Ordnung wegen diese Frage getan. Aber es wäre in
einer gewissen Hinsicht denn vielleicht doch gut, eine geheime Spioniererei
durch unsere Wachleute, die wir bei uns haben, die heutige Nacht hindurch in
der Stadt anzuordnen, um zu erfahren, was denn etwa doch die Leute von unserm
Hiersein halten und untereinander reden!?“
[GEJ.02_048,04] Sagt Cyrenius: „Wenn es dem
Herrn genehm ist, können wir die Sache anordnen; aber ich bin da dieser
Meinung, daß wir am Herrn vor allem, und dann auch an den zwei Engeln, die
allerverläßlichste geheime Polizei haben und es nicht nötig sein dürfte, uns,
solange als wir hier sind, einer andern zu bedienen. Sind wir fürderhin wieder
von dieser heiligen Gesellschaft aus den Himmeln entfernt, dann werden wir uns
leider wohl wieder der geheimen Auskundschafter bedienen müssen, um die
Gesinnungen der Menschen in der nötigen Evidenz (augenscheinliche Gewißheit) zu
erhalten und dort sogleich Vorsichtsmaßregeln zu treffen, wo sich für den Staat
ungünstige Konspirationen zu zeigen beginnen. Aber wie gesagt, wenn es dem
Herrn genehm ist und Er es wünscht, da bin ich gleich bereit, das
Allertriftigste anzuordnen.“
[GEJ.02_048,05] Sage Ich zum Cyrenius: „Laß
das; denn fürs erste weiß Ich ohnehin vom Alpha bis zum Omega, was in der Stadt
nun alles für und wider uns geredet wird. Im ganzen aber liegt durchaus keine
Gefahr darin; denn dies Volk ist auch für gewisse Bosheiten viel zu blind und
zu dumm. Darum lasset das alles gehen! Von Nazareth aus wird nie eine Emeute
ausgehen, des könnt ihr versichert sein. Übrigens ist Mein Freund Borus stets
die allerverläßlichste geheime Polizei; ihm entgeht gar zu leicht nichts, – was
in der eben nicht gar großen Stadt sicher nicht schwer ist. Zudem könnte Ich
Meinen Engeln sagen, daß sie die Spionage vornehmen, und ihr könntet durch sie
in einem Augenblick mehr erfahren, als so ihr zehn Jahre hindurch die
allerklügsten Spione hieltet. Aber wie gesagt, hier tut weder das eine noch das
andere not, – und wir begeben uns daher ganz ohne Sorge zur Ruhe. Nur Jairus
wird noch einen Boten nach Jerusalem bestellen und ihn mit der
Amtszurücklegungsanzeige versehen müssen. Denn morgen werden wir ganz andere
Dinge zum Verhandeln bekommen.“
[GEJ.02_048,06] Sagt Jairus, ganz traurig,
daß er jetzt die Gesellschaft verlassen solle: „Herr, wäre es denn nicht
möglich, hier die Urkunde auszufertigen und sie nach Jerusalem, mittels eines
Boten, von hier aus zu befördern? Das Haus in Kapernaum ist ohnehin mein volles
Eigentum und alles, was darin ist, Gründe, wie Äcker und Wiesen, durften wir
Priester ja ohnehin nicht besitzen, und so ist mein alles in meinem Hause, das
Dir wohlbekannt ist. Ich habe somit vorderhand in Kapernaum nichts zu tun und
werde wahrscheinlich auch nachderhand dort nichts mehr zu tun bekommen; mein
Haus samt allem, was darin ist, gebe ich nun sogleich meinem lieben
Schwiegersohne. Mit einer Schrift von mir in seiner Hand wird er hingehen und
alles unter staatsgerichtlicher Assistenz (Hilfe) in den vollen Besitz nehmen –
gleich einem rechtmäßigen Erben nach meinem Tode, und ich und mein Weib sind
dabei ganz überflüssig. Was aber die Freunde in Kapernaum betrifft, so sind
diese hier; die aber noch in Kapernaum sich befinden und sich zu meinen
Freunden zählen, sind wahrlich keines Abschiedsbesuches wert; denn es sind das
lauter Freunde ins Gesicht, aber im Herzen doch sind s' ohn' Gewicht!“
[GEJ.02_048,07] Sage Ich: „Nun, so bleibe
denn auch du, und Ich werde an deiner Stelle einen Meiner zwei hier anwesenden
Boten nach Jerusalem senden; der wird mit solcher Botschaft eher fertig werden,
als so du einen Boten nach Jerusalem absenden würdest. Aber nicht mehr heute,
sondern morgen als an einem Sabbat!“
[GEJ.02_048,08] Sagt Jairus: „Am Sabbat wird
sich's wohl im Tempel am wenigsten schicken; denn die Hohenpriester und
Oberpriester im Tempel halten auf nichts strenger als auf die Sabbatsfeier!“
[GEJ.02_048,09] Sage Ich: „Laß du das gut
sein! Sie halten auf die Feier des Sabbats nur darum so große Stücke, weil
notwendigerweise zum öftesten dawidergehandelt wird und werden muß, da ein
jeder Mensch denn doch oft an einem Sabbat irgend etwas zu tun genötigt wird,
die Pharisäer aber dabei auch am öftesten die Gelegenheit bekommen, den
Übertretern der Sabbatfeier recht derbe Strafbußen zu diktieren.
[GEJ.02_048,10] Bringe du ihnen aber an einem
Sabbat nur Gold und Silber soviel du willst, so werden sie sogleich im Tempel
den Sabbat brechen und sodann ganz vergnügt dein Gold und Silber annehmen. Sei
du darum des Sabbats im Tempel wegen ganz unbesorgt; Mein Bote wird das ihm
anvertraute Geschäft ganz überaus wohl zustande bringen!
[GEJ.02_048,11] Meinest du denn, daß da es
den Pharisäern angenehm wäre, so es niemanden gäbe, der durch irgendein dringendes
Geschäft dann und wann schändete den vermeinten Tag des Herrn? Oh, da seien wir
ganz ruhig! Je mehr Sabbatschändungen, besonders bei Reichen, vorkommen, desto
mehr jubeln im geheimen die Tempelherren!
[GEJ.02_048,12] Darum noch einmal gesagt: Sei
du darob ganz ohne Besorgnis! Mein Bote wird morgen, sogar während der
Opferung, die an jedem Sabbat geschieht, ganz vortrefflich aufgenommen werden!
Denn er wird mit einer schweren goldenen Beilage in den Tempel eintreten und
sogestaltig von den Pharisäern mit den freundlichsten Mienen und offensten
Armen aufgenommen werden; zudem warten ohnehin schon zehn Aspiranten auf eine
Oberstenstelle, für die sie große Summen bieten. Und so wird ihnen, und
besonders aber den Templern, deine Abdankung überaus erwünscht kommen.
[GEJ.02_048,13] Es wird darauf sogleich der
Sabbat im Tempel unter der bekannten Zeremonie gebrochen und darauf sogleich
die Versteigerung der Oberstenstelle von Kapernaum vorgenommen werden; und du
wirst durch den zurückkehrenden Boten sogar den Namen deines Nachfolgers
erfahren.
[GEJ.02_048,14] Siehe, so stehen die Dinge
nun im Gotteshause zu Jerusalem, das da auch heißet ,die Stadt Gottes‘, aber
nun ganz eigentlich eine Stadt des Satans ist. Da nun aber alle Dinge gut
geordnet sind, so begeben wir uns zur Ruhe; denn morgen soll es für uns früh
Tag werden!“
49. Kapitel
[GEJ.02_049,01] Auf diese Meine Worte begibt
sich nun alles zur Ruhe; nur Meine Brüder, die Mutter Maria und der Borus sind
noch in der Küche beschäftigt, um für den kommenden Sabbat alles Nötige
vorzubereiten. Auch die Sarah und die Lydia sind der Maria behilflich und
tummeln sich recht emsig in der Küche herum. Als sie alles in der Ordnung
haben, begeben auch sie sich zur Ruhe, und wie gewöhnlich ist auch am Morgen
die Maria zuerst auf den Beinen und weckt die, die sie braucht, noch lange vor
dem Aufgange, auf daß sie alles, was wir den Tag hindurch vonnöten haben, nach
jüdischer Sitte noch vor Beginn des Sabbats in der Ordnung und Bereitschaft
hat. Borus ist auch sehr geschäftig, und so sind zum Morgenmahle schon alle
Tische bestellt, als wir alle uns von den Lagern erheben.
[GEJ.02_049,02] Im Freien werden
Morgenpsalmen gesungen, und auf den vielen Tischen im Freien harren schon
wohlzugerichtete Fische und Brot und Wein derer, die sie verzehren werden.
[GEJ.02_049,03] Wir begeben uns dann auch zum
Morgenmahle, und Ich entsende nach dem Mahle den Boten in der bewußten
Angelegenheit nach Jerusalem. Jairus harret mit großer Sorge auf die Rückkunft
des abgesandten Boten, der natürlich nur so lange ausbleibt, als er auf rein
menschliche Weise mit den Templern zu verhandeln hat. Da aber die Verhandlung
dennoch bei zwei Stunden angedauert hatte, so kam der Bote auch nur erst in
zwei Stunden, zur großen Freude des Jairus, zurück und hinterbrachte dem Jairus
nebst der Nachricht von der freudigen Annahme seiner Abdankungsurkunde auch
eine Lob- und Dankadresse für dessen treu verwaltetes Amt, und es wird ihm
zugleich auch der Name seines Nachfolgers kundgegeben mit der Bitte, selbem im
Falle der Not mit Rat und Tat an die Hand zu gehen, falls er dessen bedürfe.
[GEJ.02_049,04] Jairus ist nun ganz heiter
und sagt zu Mir: „Herr, aus aller Tiefe meines Herzens danke ich Dir für diese
wunderbare Errettung von einem Amte, in dem ich nach solchen gotteswiderlichen
Dienstverhältnissen alleroffenbarst eine Beute des Satans werden müßte!“
[GEJ.02_049,05] Sage Ich: „Nun, habe Ich es
dir nicht gesagt: Wenn es sich um glänzende Geschäfte der Templer handelt, da
kann nun der Sabbat inmitten der Opferung zu jeder Stunde des Tages gebrochen
werden! Aus dem aber kannst du leicht ersehen, wie viel die Templer auf Gott
und Seine heiligen Gesetze halten!
[GEJ.02_049,06] Nun aber wollen wir des
Volkes wegen dennoch wieder die Synagoge besuchen und dort sehen, was die Pharisäer
alles machen und lehren werden; aber wir nehmen ganz rückwärts Platz, auf daß
wir von den aufgeblähten Pharisäern und Volksältesten nicht so bald bemerkt
werden!“
[GEJ.02_049,07] Sagt Jairus: „Aber ich werde
nicht hineingehen, denn mich kennt ein jeder Knabe; wäre ich in der Synagoge,
so müßte ich vorne im Presbyterium des Obersten Platz einnehmen, und ihr wäret
dadurch verraten!“
[GEJ.02_049,08] Sage Ich: „Laß nur du dir
kein Kummerhaar wachsen! Denn so Ich etwas anrate, was da zu geschehen hat, so
kannst du ohne alle weiteren Besorgnisse danach handeln, und es wird dir
dennoch kein Haar gekrümmt werden! Und so machen wir uns sämtlich auf den Weg!“
– Wir setzen uns darauf in Bewegung und erreichen bald die Synagoge.
[GEJ.02_049,09] Als wir in dieselbe treten,
so zeigt es sich, daß sie sehr leer ist, und nur allein die diensttuenden
Pharisäer erfüllen das Presbyterium. Nach und nach kommen einige alte Juden und
nehmen in ihren Bänken Platz, um darin so recht con amore (mit Liebe) ihr
Vormittagsschläfchen zu machen.
[GEJ.02_049,10] Nach vollbrachter Opferung
und stumpfer Herabmurmelung der Gesetze, einiger professionsmäßiger Psalmen und
des Hohenliedes Salomonis besteigt ein Redner den Rednerstuhl und fängt mit
einer sehr heiseren Stimme folgendes zu predigen an: „Meine Geliebten in
unseren Vätern Abraham, Isaak und Jakob! Wir leben nun in einer sehr bedrängten
Zeit – nahe gleich derjenigen, als Noah die Arche baute und endlich, auf
Jehovas Geheiß, sich samt seiner Familie in dieselbe einschloß! Wir stehen nun
an der heiligen Stätte, von der Daniel geweissagt hat, sehen den von ihm
vorhergesagten Greuel der Verwüstung an – wie die gebannten Sklaven der
heidnischen Hexe Megära die Qualen ihrer Brüder ansehen und schmerzlich
erwarten mußten, bis man auch sie in kochendes Erz legen werde – und können uns
weder links noch rechts hin irgend bewegen! Wir stehen so verlassen da wie
irgendein schon lange abgestorbener Baumrumpf auf einer Bergspitze zum
klaffenden Beweise, daß einst auch in solcher Höhenregion üppige Wälder mögen
gestanden haben! Was ist aber da zu machen? Das ist eine große Frage! Eine
diamantene Krone dem, der darauf eine taugliche Antwort zu finden imstande ist!
Aber er bedenke wohl unsere höchst gebannte und mit allen Ketten der Welt
gefesselte Stellung!
[GEJ.02_049,11] Auf der einen Seite sitzen
uns die Römer wie der ganze Berg Sinai knapp auf dem Genicke, auf der andern
Seite des Zimmermanns Sohn, der auf einmal, wie aus den Wolken gefallen, aus
einem barsten Haustölpel zu einem Propheten erstanden ist, wie seit Abraham
noch nie einer unter den Juden gelebt hat. Alles läuft ihm nach, groß und klein
und jung und alt! Wenn heute Jehova Selbst zur Erde herabkäme, so fragt es sich
sehr, ob Er größere Taten vollbringen würde oder könnte! Jede Krankheit heilt
er bloß durchs Wort in die Ferne hin, die Toten ruft er aus den Gräbern und
gibt ihnen ein vollkommen gesundes Leben wieder! Also gebietet er den Winden
und den Meereswogen, und sie gehorchen ihm wie ein Sklave seinem Gebieter! Wenn
er redet, so leuchtet allenthalben die allertiefste göttliche Weisheit heraus,
und alles ist von der Macht seines Wortes hingerissen und folgt ihm von einer
Stadt zur andern. Dazu hat er noch die Großen Roms fest auf seiner Seite, die
ihm mit Legionen zu Dienste stehen, wann er deren benötigen würde. Wir aber
stehen gerade am Rande des scheußlichsten Abgrundes, um in jedem Augenblick
verschlungen zu werden, und haben aber auch nicht ein sterbliches Wesen auf
unserer Seite – außer diese alten Schläfer in der Synagoge! Da frage ich noch
einmal: Was sollen wir tun?
[GEJ.02_049,12] Was nützen uns nun Moses und
alle die Propheten, was selbst Jehova, der mit Moses und den Propheten geredet
hat, uns aber nun schon seit mehr denn einem ganzen Säkulum im tiefsten Moraste
stecken läßt!? Und ob wir schon schreien, daß man uns bis zu den Sternen
vernehmen solle, so meldet sich dennoch kein Jehova mehr und läßt uns ärger in
der schmählichsten Patsche, als ein vollendet windbeutliger Bräutigam seine
arme, von ihm zehnmal verführte und unglücklich gemachte Braut! Wir aber haben
dafür noch den Ehrentitel, ,Gottes Volk‘ zu heißen, während die gottlos sein
sollenden Heiden in allem Ansehen und im Besitz aller Macht und aller
Reichtümer der Erde stehen also, wie solches Jehova Seinem David nach der
Schrift verheißen hat, – was aber nie in Erfüllung ging!
[GEJ.02_049,13] Da heißt es, ganz göttlich
groß gesprochen: ,Und deines Reiches wird fürder ewig kein Ende sein!‘ Sehen
wir nun das ewige Reich Davids an! O du schöne Lüge eines dem David schmeichelnden
Propheten! Wie oft schon ist des Reiches Davids ein Ende gewesen! Er selbst hat
schon das Vergnügen gehabt, es an der Seite seines Sohnes zu erleben, und hätte
den Sohn nicht eine Eiche gefangengenommen, so hätte der gute David seinem
süßen Jehova noch zehntausend Psalmen vorsingen können, und Absalom wäre
dennoch auf dem Throne gesessen! – Lassen wir aber das Vergangene beiseite und
besehen uns jetzt das verheißene ewige Reich Davids! O du schönes Reich!
Vielleicht hat sich die Seele Davids in die Cäsaren Roms begeben, deren Reich
wenigstens jetzt ein bei weitem besseres Gesicht hat für einen ewigen Bestand
als das Schneckenreich des großen Mannes nach dem Herzen Gottes! Brüder,
greifet ihr es noch nicht mit den Händen, daß unsere ganze alte Lehre eine pure
Fabel ist, an der sonst nichts ist als erdichtete Namen aus der Vorzeit?! Und
wir sind noch die Narren und hängen daran, als wenn da wirklich irgendein Heil
zu gewinnen wäre! Welch ein Esel oder Ochse von einem Menschen wird denn noch
einen alten, klein zerlumpten Rock am Leibe dulden, so er für den alten zehn
neue vom besten Stoffe haben kann?!
[GEJ.02_049,14] Die Geschichte und die höchst
eigene Erfahrung zeigen uns sonnenhell, daß an der ganzen Mosaischen Lehre und
an allen Propheten nicht mehr von irgendeinem reellen Belange ist, als an einer
hohlen, tauben Nuß, – und doch hängen wir schier verhungert daran wie an
irgendeiner sicheren Berechnung und weichen vor lauter alteingewurzelter
Dummheit dennoch nicht von der Stelle, wenn uns auch schon das Wasser bei allen
unsern Leibesöffnungen hineinrinnt wie der Jordan in das Tote Meer!
[GEJ.02_049,15] Auf darum, Brüder, schließen
wir uns auch an den Sohn des Zimmermanns an, und wir sind geborgen! Denn er tut
vor unsern Augen das, was die Alten nie von Jehova, den sie so wenig als wir je
gesehen, gefabelt haben! Ich meine, mit diesem meinem Vortrage nun die von mir
aufgestellte schwere Frage unter einem beantwortet zu haben; tut danach, und es
soll uns allen sogleich physisch und moralisch besser ergehen!
[GEJ.02_049,16] Roban, unser Ältester, ist
uns zuerst mit einem guten Beispiele vorangegangen; folgen wir ihm nach, und es
soll für keinen aus uns gefehlt sein! Vielleicht ist gerade dieser vorher wenig
beachtete Zimmermann Jesus dazu ganz vollkommen geeignet, das wahrlich
unglückliche, ewig sein sollende Reich Davids wenigstens auf eine Zeitlang
wieder herzustellen! Denn bei seiner unbegreiflichen magischen Macht, mit der
sich keine Macht der Welt messen kann, ist es am ersten möglich, den sehr abergläubischen
Römern einen derartigen Respekt einzutreiben, daß davon ihre mächtigen Legionen
nur zu bald tausend Füße zum Davonlaufen bekommen könnten.“
[GEJ.02_049,17] Hier erheben sich die
Ältesten, die Schriftgelehrten, Pharisäer und Leviten und sagen: „Du verstehst
die Schrift schlecht, wenn du solch eine ketzerische Rede führen kannst, an der
zwar wohl in einer gewissen irdischen Hinsicht was zu sein scheint, die aber in
geistiger Hinsicht ein schwarzes Verbrechen gegen die unleugbare Majestät
Gottes ist, und wir darum genötigt sind, dich unseres Heiles willen aus unserer
Gesellschaft unter die Heiden zu stoßen!“
[GEJ.02_049,18] Sagt der Redner: „Meinet ihr
etwa, mich dadurch zu strafen? Oh, da irret ihr gewaltig! Wollt ihr Narren
bleiben und als solche verhungern, so tut ihr das immerhin, damit ihr
verbleibet in eurer alten Nacht und Finsternis! Ihr alten Dummköpfe, gebet mir
ein Beispiel an, wo irgendein Gottesredner einen Toten aus dem Grabe ins Leben
zurückgerufen hätte, wie dieser unser Zimmermann!“
[GEJ.02_049,19] Sagen die Ältesten: „Das wird
Gott tun am Jüngsten Tage!“
[GEJ.02_049,20] Sagt der Redner: „Euer Gott
wird euch am Jüngsten Tage was vorpfeifen! Kein Mensch weiß irgendeine Silbe davon,
daß Jehova, wie wir Ihn kennen aus der Schrift, je irgendeinen Menschen vom
Tode ins Leben zurückgerufen hätte! Weil solches nie ein Mensch erlebt und am
Rande seines kurzen irdischen Lebens nichts als den sichern ewigen Tod vor
Augen hatte, so ward es ihm sehr bange, und er fing sehr traurigen Gemütes
ängstlich zu fragen an: ,Was bin ich, und wohin komme ich, wenn dieses Leben zu
Ende ist?‘ Und da es an sogenannten Gottesknechten, wie wir zu sein die
spottschlechte Ehre haben, nie gemangelt hat, so mußten sie zum Troste der
vielen Fragenden und zum besten ihrer eigenen möglichst besten Zwecke denn doch
etwas erfinden, das die vielen sehr scharf Fragenden in etwas beruhigte, und es
kam dadurch die Erweckung am jüngsten Tage, den die weiten Himmel wahrscheinlich
nie werden erstehen lassen, zum Vorscheine; und wir denkenden Narren lassen uns
damit aber auch noch breitschlagen und sind darob blind für die unerhörtesten
wahren Taten und Begebenheiten, die vor unseren Augen, Nasen und Ohren zustande
gebracht werden! Ist es denn im Ernste gar so etwas Erhabenes für einen Mann,
so er sich als Greis noch immer nicht von dem schon ganz verschimmelten
sogenannten Kinderzuzel zu trennen vermag?
[GEJ.02_049,21] Was wollt ihr denn noch
fernerhin mit dem alten Kram der Juden, der sich bei der gegenwärtigen
Aufhellung der Völker kein halbes Säkulum mehr halten kann? Ich werde der Narr
sicher nicht sein und abwarten das Ende dieser blinden Lehre, an der sonst
nichts ist als leere geschichtliche Namen oder aber auch Namen und märchenhafte
Fabeln, die zuerst die Ammen ihren Säuglingen aus dem Stegreife erzählt haben
mögen, und aus denen dann die erwachsenen Säuglinge eine fabelhafte Gotteslehre
zusammengestoppelt haben, in der kein System und kein Funke von irgendeiner nach
griechischer Art logischen Ordnung zu entdecken ist!
[GEJ.02_049,22] Sollte denn Jehova nicht
einmal so logisch zu reden und zu lehren imstande sein wie ein armseliger
griechischer Philosoph, da mag Er erst zu den Griechen in die Schule gehen,
bevor Er Seine durchaus nicht allgemein auf den Kopf gefallenen Völker
Wahrheit, Ordnung und Weisheit lehren will!
[GEJ.02_049,23] Aber das sei von mir ewig
ferne, daß ich mir den Jehova nicht weiser vorstellen sollte als einen durch
seine Kindsmagd gebildeten Propheten, der bei aller seiner sonstigen Dummheit
gerade noch so viel Mutterwitz besitzt, eine so dunkle Lehre von sich zu geben,
daß er sie zuerst und als der erste durchaus nicht versteht und verstehen kann,
was eigentlich schon in seinem Plane darum gelegen ist, auf daß solch eine
Lehre desto weniger von irgendeinem andern Menschen verstanden werden solle! –
Höret mir auf mit eurem Jehova! Wahrlich, als ein ehrlicher Mensch muß ich mich
nun erst so recht zu schämen anfangen, daß ich je solch einer unmenschlich
dummen Lehre habe anhangen können!
[GEJ.02_049,24] Wenn an der Lehre Mosis aber
im Beginne etwas gewesen war, so ist dieses ,Was‘ nun sicher so entstellt durch
die niedrigsten menschlichen Lumpereien, daß wir davon aber auch nichts mehr
als den vielleicht auch schon ganz falsch ausgesprochenen Namen besitzen!
[GEJ.02_049,25] Ich bin daher heute noch ein
Jünger des Zimmermanns Jesus! Er ist gut und wird einen ehrlichen Kerl sicher
nicht, wie ihr, von sich weisen!“
50. Kapitel
[GEJ.02_050,01] Sagen die Ältesten, ganz
grimmig erstaunt über den Redner: „Gottesleugner! Gotteslästerer! Weißt du, daß
du genau nach Mosis nun durch diese deine übergotteslästerliche Rede verdient
hast, gleich in der Synagoge gesteinigt zu werden? Wie kannst du es wagen,
andere Menschen in ihrem festesten Glauben zu erschüttern, an Gott und Moses
zweifeln zu machen, weil du keinen Glauben hast?
[GEJ.02_050,02] Hast denn du wirklich so
blutwenig Verstand, daß du darob nicht einsehen kannst, daß da keines Menschen
Alter hinreicht, daß man in sich, selbst durch mehrtausendjährige Erfahrung,
klug würde und nur das glaubte, was man selbst erlebt hat? Gott hat darum aus
Seinem Geiste die Menschen Schriftzeichen kennen gelehrt, durch die sie das,
was sie erlebt haben, und was ihre Nachkommen kaum je wieder erleben dürften,
für eben diese Nachkommen aufzeichnen sollen, auf daß auch diese eine heilsame
Kenntnis davon bekämen, was sie selbst in ihrer Zeit kaum erleben können, weil
eine jede Zeit etwas anderes hervorbringt. Dies lehrt uns handgreiflich schon
die Erfahrung unserer wenigen Tage, die wir auf der Erde zu durchleben haben,
da kein Jahr, kein Monat, keine Woche und sogar kein Tag dem andern völlig
gleicht in dem, was da geschieht! Forsche nach der Chronik zurück, und wir
geben dir alles, was wir haben, so du uns eine Zeit nachzuweisen imstande bist,
in der sich gerade das ereignet hätte, was sich vor unsern Augen und Ohren
zuträgt!
[GEJ.02_050,03] Wenn aber unleugbar die
Sachen auf der Erde sich also und nicht anders verhalten, was willst du sonach
mit deinen losen und groben Verdächtigungen der Schrift, die ein heiliges
Vermächtnis unserer Urväter an uns, ihre Nachkommen, ist und uns in klaren
Zügen lehrt, was sie als fromme, gottergebene Menschen alles erlebt haben, und
welche Anstalten getroffen wurden, durch die ihre Nachkommen leichter und
geordneter ein Gott wohlgefälliges Leben führen könnten, als es wahrscheinlich
bei ihnen der Fall war?!
[GEJ.02_050,04] Glaubst du denn, daß wir gar
so dumm sind, daß es uns unmöglich wäre, das zu beurteilen, was nun vor unsern
Augen geschieht? Oh, da irrest du dich groß! Aber wir benützen die Weisheit
unserer Väter, die alles früher viele Jahre einer gewaltigen Prüfung unterzogen
haben, bis sie es als das, als was es sich gezeigt hat, angenommen haben!
[GEJ.02_050,05] Wären unsere Ahnen so
leichtgläubig gewesen wie du, so hätten sie die Propheten nicht gesteinigt!
Wenn sie aber sahen, daß ein echter Prophet auch unter dem tötenden Steinregen
von dem, was er aussagte, auch nicht um ein Haarbreit wich, dann bekam seine
Aussage freilich ein anderes Gesicht, und die Väter nahmen sie als von Gott
ausgehend an!
[GEJ.02_050,06] Wenn aber unsere Väter also
kritisch bei der Annahme einer von einem Propheten aufgestellten neuen
Verkündigung des Willens Gottes an die Menschen verfuhren, ist es dann nur
einigermaßen vernünftig, anzunehmen, als sei unsere Gotteslehre nichts als ein
Pamphlet (Schmähschrift) irgend vorzeitlicher, gutmütig leichtsinniger junger
Burschen, denen es ein Vergnügen machte, alle späteren Generationen für einen
Narren zu halten?!
[GEJ.02_050,07] Du hast uns als Narren und
Dummköpfe deklariert; aber es ist da eine große Frage, ob du unter uns nicht
der allergrößte bist!? Denn so lieblos gegen seine Brüder zu urteilen wie du,
ziemt einem Manne aus dem Stamme Levi nicht!
[GEJ.02_050,08] Hast du uns aber durch deine
schlechte Rede bloß prüfen wollen, ob wir bei den außerordentlichen Begebnissen
dieser Zeit wohl noch das seien, was wir als echte Juden sein sollen, so hast
du dazu eine schlechte Art gewählt und hast dich vor uns nur so ganz eigentlich
selbst enthüllt, wie du in deinem Herzen beschaffen bist.
[GEJ.02_050,09] Denn ein jeder Mensch verrät
sich in seinem blinden Eifer am meisten und zeugt über sich, wie er in seinem
Gemüte beschaffen ist; denn da läßt er seinen Lieblingsideen, Gesinnungen und
Leidenschaften den vollen, freien Lauf.
[GEJ.02_050,10] Aber der nüchterne Zuhörer
denkt sich sein Teil und hat dabei den Vorteil, seinen Freund aus dem
Fundamente kennenzulernen.
[GEJ.02_050,11] Glaubst du denn, daß wir es
nicht wissen, wie sich in unsere Gotteslehre, besonders in ihrem auszuübenden
Teil, gar große Mißbräuche eingenistet haben, die leider den Moses und die
Propheten nicht selten noch ärger bedecken als die dicksten Gewitterwolken die
Sonne? Aber die reine, unverfälschte Schrift kann nicht mit derlei Wolken
bedeckt werden, und ein echter Schriftgelehrter wird dennoch stets wissen, wie
er mit der reinen Wahrheit daran ist.
[GEJ.02_050,12] Wir alle sehen es so gut wie
du, daß diese Mißbräuche am Ende die reine Gotteslehre, wie die bösen
Holzwürmer einen frischen Baum, bei den Menschen töten werden, aber auch nur
bei dir ähnlichen Menschen; aber die Lehre in sich selbst wird darum dennoch
rein verbleiben und wird zu allen Zeiten ihre reinen und festen Bekenner haben.
[GEJ.02_050,13] Hast denn du noch nie einen
Baum gesehen, auf dessen Ästen zum Verderben des Baumes für die Menschen eine
Menge böser Afterpflanzen sich eingewurzelt haben und ihre Nahrung aus
demselben Baume nehmen? Höret aber darum der eigentliche Grundbaum auf, das zu
sein, was er im Grunde des Grundes ist?
[GEJ.02_050,14] Wir Menschen mit unsern
blöden Sinnen können den Grund von dergleichen Ausartungen freilich wohl nicht
einsehen; aber das sehen wir doch ein, daß sie unmöglich entstehen könnten,
wenn es der allmächtige und allweiseste Gott nicht wollte. Warum muß es denn
Wölfe geben, die bloß da sind, die friedlichen und unschädlichsten Lämmerherden
zu zerstören und sich zu sättigen an ihrem Blute und Fleische? Warum müssen der
Löwe, der Bär, der Tiger, die Hyäne und andere reißende Raubtiere dasein, warum
neben der sanften Taube der mächtige, gefräßige Aar? Siehe, das sind
unergründliche Geheimnisse für uns kurzsichtige Menschen, und wir können sie
nicht aufhellen!
[GEJ.02_050,15] Ein Landmann bebaut sein
Feld; es steht alles im vollsten Segen da; er erweitert schon seine
Vorratskammern, auf daß sie aufnähmen den neuen Segen. Aber da kommt an einem
Tage auf einmal ganz unerwartet eine Sturmstunde, – und der ganze Segen ist
vernichtet! Könnte man da nicht füglich die Frage stellen und sagen: ,Gott, so
Du gewollt hast, daß dies Feld dem Landmanne keine Früchte tragen solle, weil
er vielleicht ein Sünder ist, so hättest Du ja Macht genug gehabt, des Feldes
Segen im Keime zu zerstören, wodurch dem Landmanne Kosten und Mühe erspart
worden wären!‘ Aber siehe, solches geschieht gar oft vor unsern Augen, und
niemand ist imstande, davon nur irgendeinen vernünftigen Grund anzugeben.
[GEJ.02_050,16] Ebenso sehen wir praktische
Abweichungen sowohl in der reinen Lehre Mosis im Tempel als wie bei allen
Bekennern desselben, hie und da mehr oder weniger; wir sehen die Wandler auf
Irrwegen; wir sehen auf dem alten Baume des Lebens eine große Masse
Schmarzotzerpflanzen. Was aber können wir darum und dafür? Wir haben das alles
nicht gemacht und gewollt, daß es also ist, sondern wir haben es schon also
gefunden und müssen es erdulden, wenn es uns auch noch so bitter im Munde
vorkommt!
[GEJ.02_050,17] Aber deshalb ist unserem
Geiste dennoch keine Schranke gezogen, daß wir darum die Schmarotzerpflanzen an
dem Lebensbaume als ein und dasselbe mit in den Kauf nehmen sollten. Uns bleibt
dennoch der Baum in seiner ursprünglichen Echtheit, und seine Aftergewächse
werden als das betrachtet, was sie sind; und gegen diese Lebensweisheit kann
kein Gott irgendeine Einwendung machen. Da wohl wäre Gott ein alberner Gott, so
Er zu jedem einzelnen von uns sagen möchte: ,Gehe hin und breche den Tempel,
der voll Unflates geworden ist, ab; denn Ich, Gott, habe ein großes Mißfallen
an dessen Greueln!‘ Könnte da der einzelne schwache Mensch seinem Gott nicht
erwidern und sagen: ,Herr, siehe, was Unsinniges verlangst Du von mir, Deinem
armseligen, schwachen Geschöpf? So Dich mein Dasein geniert, so kostet es Dich
bloß einen Gedanken, und ich bin nicht mehr; aber von mir Unmögliches
verlangen, heißt einer Mücke gebieten, daß sie mit ihrer unvermehrten
natürlichen Kraft einen Elefanten auf ihren Rücken nähme und davontrüge!‘
[GEJ.02_050,18] Wir meinen aber, daß Gott
viel zu weise ist, als daß Er nicht einsähe, daß kein Mensch gegen einen
reißenden Strom schwimmen kann!
[GEJ.02_050,19] Sage uns nun, ob du die volle
Wahrheit unserer Rede eingesehen hast, und wir wollen dir alles nachsehen, was
du blinder- und törichterweise uns angeworfen hast!“
51. Kapitel
[GEJ.02_051,01] Sagt der Redner, der unter
dieser im Ernste ganz triftigen Belehrung seine wahrhaft stoische Fassung nicht
einen Augenblick verloren hatte: „Liebe Freunde und Brüder! Das, was ihr mir nun
vorgepredigt habt, weiß ich so gut wie ihr; aber dennoch freut es mich nun zum
ersten Male in meinem Leben unter euch, daß mir bei dieser Gelegenheit das
große Glück zuteil ward, zu erfahren, daß ihr ebenso wie ich nicht auf den Kopf
gefallen seid! Was ihr geredet habt, ist wahr; aber meine Frage ist darum
dennoch nicht beantwortet.
[GEJ.02_051,02] Es ist so, wie ihr geredet
habt, was ich bei mir recht klar einsehe, obschon ich euch mit scheinbaren
Widergründen nur einen Rippenstoß habe versetzen wollen, durch den euer stets
verschlossener Mund geöffnet werden sollte. Und seht, es ist mir gelungen, daß
ihr das erste Mal während unseres zwanzigjährigen Beisammenseins und Wirkens
ganz offen mit mir geredet habt!
[GEJ.02_051,03] Aber weder meine noch eure klare
Einsicht vermindert das Übel, in dem wir uns augenscheinlichst befinden. Es ist
und bleibt die große, wichtige Frage, was wir nun beginnen sollen.
[GEJ.02_051,04] Ich, der Sohn eines
Oberpriesters aus Jerusalem, im Tempel aufgewachsen und erzogen, weiß nur zu
genau, wie es mit der Arche des Bundes steht. Holz, Silber und Gold ist noch
das alte; aber der immergrüne Aaronsstab ist zum Pulverisieren trocken, die
Gesetzestafeln sind zerbrochen, das Manna besteht bloß noch in der Idee! Und
die Feuersäule, wo etwa die ist?! Man weiß es aus den Annalen (Jahrbüchern) der
Schrift, daß jeder Unberufene das Leben verlor, so er mit ungeweihten Händen
die Lade anrührte; nun kann man auf der Lade herumsteigen und sie anrühren, wie
man will, und es fährt kein tötend Feuer aus ihr.
[GEJ.02_051,05] Wenn fremde Reisende um
vieles Geld und heiligst beschworener Verschwiegenheit das alte Wunder
besichtigen wollen, so wird ihnen das ohne allen Anstand bewilligt, aber erst
am nächsten Tage nach der erteilten Bewilligung. Da wird dann die Feuersäule
wieder künstlich dargestellt, aber wohlgemerkt, nicht über der wirklichen,
alten, sondern über einer aus Metall künstlich nachgemachten Lade! Diese Lade
hat zuoberst, in der Mitte eingerichtet, einen schwarzen Becher, aber so, daß man
dieses Bechers, der im Oberdeckel befestigt und bis auf dessen Fläche in ihn
eingesenkt ist, in der für sich ganz dunklen heiligsten Kammer der
hervorquellenden hellen und sehr dichten Flamme wegen nicht leichtlich
ansichtig werden kann. In diesen Becher wird feinstes, ätherisches Naphthaöl,
mit andern wohlriechenden feinsten Ölen vermengt, gegeben und etwa eine Stunde
vorher angezündet; also brennt es dann bei sechs Spannen hoch empor und stellt
also die Feuersäule vor.
[GEJ.02_051,06] Wenn die Schaulustigen diese
recht schöne Feuersäule mit großem Behagen angegafft haben und das Innere der
Lade zu sehen wünschen, so wird mit stets formeller Zeremonie und leeren
Gebeten der Oberdeckel samt gleichfort hoch auflodernder Feuersäule ganz
behutsam auf ein vergoldetes Gestell herabgehoben, und den Beschauern werden
natürlich die neuen Mosaischen Tafeln als echte gezeigt, so das Manna, das aber
auch ganz frisch, ein grünender Aaronsstab und dergleichen mehr, was die Lade
enthält.
[GEJ.02_051,07] Manche Beschauer werden
dadurch ganz ergriffen; manche, besonders Griechen, aber gehen wieder heimlich
schmunzelnd aus dem Allerheiligsten und sagen am Ende: ,Das ist wirklich eine
ganz artige Komposition!‘ Nur bedauern die meisten, daß der übrige Tempel gar
so schmutzig gehalten werde. Ich sage euch, ich möchte sogar eine große Wette
machen, daß in der Zeit die alte Bundeslade für alle Zeiten aus dem Wege
geräumt ist, und daß nunmehr für beständig die neue aus Erz ihre Stelle und ihr
Amt vertritt.
[GEJ.02_051,08] Wollt ihr mir aber darin
keinen Glauben schenken, so verkleiden wir uns zum Beispiel als Römer, ziehen
hin nach Jerusalem, betreten den Tempel und tun wie Fremde darin; sogleich wird
sich ein dienstbarer Geist einfinden, der uns haarklein ausfragen wird, woher wir
sind, was wir in Jerusalem suchen, wie lange wir in der ,Stadt Gottes‘
verweilen werden, wohin wir uns dann begeben, und ob wir mit großem Gelde
reisen, ob wir kein Gold oder Silber zu verkaufen hätten, und ob wir nicht etwa
gegen Entrichtung einer ganz unbedeutenden Taxe das Allerheiligste sehen
wollten. Dann fragen wir bloß um den Preis, und man wird uns von einhundert
Pfunden Silbers was sagen. Wir aber sagen dann, das ist zuviel, und wir stehen
überhaupt nicht darauf an, solche Dinge zu sehen; wenn's um zehn Pfunde möglich
ist, dann lassen wir uns herbei. Und wir kommen alle um zehn schlechte Pfunde
ins Allerheiligste, so wir dem betreffenden Oberhüter zuvor ein feierliches
Gelöbnis geben, davon um alles in der Welt ja nie, weder im Judenlande noch in
einem weit entlegenen fremden Lande, etwas davon zu verraten, wie auch
niemandem zu sagen, im Allerheiligsten gewesen zu sein. Solches geloben wir
ganz leicht, und wir kommen so als Pseudo- Römer ins Allerheiligste, und ihr
könnt euch dann selbst überzeugen, ob eine Silbe von all dem erlogen ist, was
ich euch ehedem über die Lade des Bundes mitgeteilt habe!
[GEJ.02_051,09] Und, liebe Freunde und
Brüder, wenn man als Mensch von einem etwas helleren Verstande solche Sachen im
Allerheiligsten, wo man selbst bei solchen Gelegenheiten als ein pfiffig
brauchbarer Handlanger gedient hat, mit höchst eigenen Augen gesehen hat, da
wird es einem ehrlichen Menschen dann wohl für immer eine bittere Sache, einen
schmählich bezahlten Betrüger und Lügner des Volkes zu machen! Wie oft dachte
ich dann bei mir selbst nach und sagte zu mir: ,Wenn das lebendigst sein
sollende Allerheiligste, auf das die ganze Gotteslehre und alle die Gesetze
basiert sind, eine pure, geheim gehaltene Lumperei ist, was soll man dann von
der ganzen Lehre und von den Gesetzen halten?‘ – Ich habe nun geredet, jetzt
redet wieder ihr; ich bin geneigt, euch zu hören.“
[GEJ.02_051,10] Sagt ein Ältester: „Ward es
dir denn erlaubt, solches Geheimnis zu verraten? Hast du nicht einen Eid der
ewigen Verschwiegenheit leisten müssen, bevor man dich als Eingeweihten aus dem
Tempel entließ?“
[GEJ.02_051,11] Sagt der Redner: „Allerdings;
aber ich bin nun so frei, diesen dummen Eid, der für mich gar keinen Wert hat
und haben kann, nicht mehr zu halten, sondern der ganzen Welt laut zu
verkünden, wie sie betrogen ist! Und hier in Nazareth nehmen wir es mit derlei
Sachen ja ohnehin nicht gar zu genau, und so kann man es ja wagen, einen
solchen Betrugseid zu brechen, ohne sich daraus ein Gewissen zu machen.“
52. Kapitel
[GEJ.02_052,01] Sagen die Ältesten: „Wir
sehen nun wohl ein, daß du in einer gewissen Hinsicht recht hast, – aber
durchgehends dennoch nicht; dazu bist du wenigstens um zwanzig Jahre an
Erfahrung zu jung. Es sieht nun im Tempel wohl so aus, wie du gesagt hast; aber
es war nicht allezeit also. Denn siehe, so du recht gründlich und folgerecht zu
denken vermagst, so mußt du ja notwendig den Satz als unumstößlich wahr
aufstellen: ,Wenn nie ein Wahres und Wirkliches dagewesen wäre, so würde es
auch nie einem Menschen einfallen können, ein Falsches und Unwahres
nachzubilden.‘ Warum bekommt man nur zu oft in unserer in allerlei Künsten
übergeweckten Zeit falsche Diamanten, falsche Perlen, so auch falsches Gold und
Silber?
[GEJ.02_052,02] Wir wissen, daß die Perser die
besten und feinsten Schals und andere Kleiderstoffe bereiten und ihnen auch die
haltbarste Farbe geben nach ihrer geheimen Kunst, darum ihre Erzeugnisse auch
in einem hohen Werte stehen. So du aber heute nach Jerusalem, nach Sichar oder
gar nach Damaskus auf den Markt ziehst, so mußt du ein feiner Warenkenner sein,
um nicht schier in unseren Landen nachgemachte, also falsche und schlechte
Stoffe für echt persische um den hohen Wert zu kaufen, um den man gewöhnlich
persische Stoffe kauft! – Was geht aber daraus hervor?
[GEJ.02_052,03] Siehe, so es nie einen echten
Diamanten, nie eine echte Perle, nie ein echtes Gold und Silber und nie echte
kunstvolle persische Stoffe gegeben hätte, so würde es auch nie einem Menschen
einfallen, derlei falsch nachzumachen! Und hätte das Echte nicht einen so hohen
Wert, dann würde auch die falsche Nachahmung sicher unterbleiben; denn es wird
sicher keinem Menschen einfallen, einen falschen Kalkstein nachzumachen, weil
des echten Kalksteins eine unsägliche Menge vorhanden ist. Nun kannst du dir
wohl sehr leicht denken, daß man eben sogestaltig nie eine falsche Lade mit der
Feuersäule nachgemacht hätte, wenn früher nicht in der Tat eine echte und
wundervoll wahre bestanden hätte.“
[GEJ.02_052,04] Sagt der Redner, der Chiwar
hieß: „Ganz gut! Das ist klar; aber es fragt sich, was denn da vor sich
gegangen ist, daß die alte Bundeslade gewisserart gestorben ist! Sie existiert
richtig noch und befindet sich noch dann und wann an der Stelle der falschen in
der allerheiligsten Halle, – was aber in dieser Zeit fast gar nicht mehr
geschieht wegen der häufigen Besuche, die jetzt der allerheiligsten Halle
zuteil werden, da man es doch ganz genau weiß, daß noch vor kaum dreißig Jahren
außer dem Hohenpriester, der das Recht hatte, auf dem Stuhle Aarons zu sitzen,
kein Mensch ins Allerheiligste treten durfte und der Hohepriester selbst nur
zweimal im Jahre nach der gewöhnlichen Vorschrift; nur bei außerordentlichen
Fällen durfte er auch drei- oder viermal ins Allerheiligste treten.
[GEJ.02_052,05] Wie ging also das zu, daß das
Allerheiligste nun bloß nur dem Namen nach ein Allerheiligstes geblieben ist,
im Grunde des Grundes aber nun ein ebensowenig Allerheiligstes ist wie diese
unsere Synagoge hier?“
[GEJ.02_052,06] Sagt ein erfahrener Ältester:
„Was dazu die Veranlassung und die Ursache gewesen sein mochte, weiß weder ich
noch irgendein Eingeweihter in ganz Israel; nur das ist faktisch gewiß, daß die
Feuersäule nach der argen Ermordung des Priesters Zacharias zwischen dem
Opferaltar und dem Allerheiligsten auf einmal erlosch und hinfort mit allem
Bitten und Beten nicht mehr zum Vorschein kam.
[GEJ.02_052,07] Daß man aber solchen Vorgang
dem Volke nicht offenbaren konnte, wirst du hoffentlich doch einsehen! Denn das
hätte eben bei dem Volke eine zu große Bewegung verursacht; dazu die Römer im
Lande! Welch ein Blutbad und welch eine Verwüstung hätte das nach sich ziehen
müssen!
[GEJ.02_052,08] So aber weiß außer uns
Eingeweihten kein Mensch in ganz Israel etwas davon, und diese Galiläer, die
hier schlafen und unser leises Geflüster schwer vernehmen dürften, wenn sie
auch nicht schliefen, würden auch nichts machen, so sie es auch wüßten, weil
sie samt und sämtlich wenig glauben und mehr Griechen als Juden sind und fürs
praktische Leben schon lange von dem Grundsatze ausgehen: eine Religion müsse
es geben zur Darniederhaltung des gemeinen Volkes, dessen sich der kleine
gebildete Teil desto leichter zu seinem Vorteile bedienen kann, und es sei da
ganz gleichgültig, was für ein Mysterium einer Religion zugrunde liege.
[GEJ.02_052,09] Was kümmert es da einen
echten besseren Galiläer, ob die Lade echt oder unecht ist, wenn sie nur fürs
gemeine Volk, das abergläubisch und überleicht zu blenden ist, die nötige
Wirkung macht!? Man kann darum hier in Nazareth, in Kapernaum und Chorazin
unter guten Bekannten und Freunden schon ziemlich offen sein, ohne dadurch
einen Schaden anzurichten; was aber die Griechen und Römer betrifft, nun, da
wissen wir, mit wem wir es zu tun haben!
[GEJ.02_052,10] Darum zumeist hat man ja auch
den Prediger Johannes, der mehrere Jahre lang zu Bethabara sein Unwesen trieb,
ins Gefängnis gebracht, weil man befürchtete, daß er als ein Sohn des
Zacharias, der den Priestern zu Jerusalem durchaus kein gutes Zeugnis gab,
leicht von der falschen Lade etwas wissen und solches dem Volke offenbaren
könnte!
[GEJ.02_052,11] Es wird darum auch der
Zimmermann so verfolgt, weil man Ihn bei seiner offenbarst prophetischen
Eigenschaft fürchten muß, da er davon dem Volke etwas kundgeben könnte! Darum
bleibe das unter uns noch gleichfort ein Geheimnis, und wir dürfen uns gar so
leichten Kaufs noch lange nicht wegwerfen!“
[GEJ.02_052,12] Sagt Chiwar: „Das ist
freilich wohl eine ganz verzweifelte Geschichte; wenn nur die dort unten beim
Haupteingange von unserem Diskurse nichts vernommen haben!“
[GEJ.02_052,13] Sagt der Älteste: „Nun, wir
haben eigentlich nur mehr gemurmelt als gesprochen, und die dort unten werden
wenig oder nichts davon vernommen haben! Und hätten sie auch etwas vernommen,
so sind sie zumeist Griechen und Römer und verstehen nicht, was wir da unter
uns verhandelt haben.“
[GEJ.02_052,14] Sagt Chiwar: „Aber ich habe
des Zimmermanns Sohn Jesus, den Oberstatthalter Cyrenius, den Obersten Jairus,
den Obersten Kornelius, den Faustus und andere bekannte Leute unter ihnen
bemerkt!“
[GEJ.02_052,15] Sagt der Älteste: „Das sind
Menschen, gegen die wir uns ohnehin nicht schützen können; ob die es gehört
haben oder nicht, das ist einerlei! Wollen sie das dem Volke kundtun, so
bedürfen sie unserer Besprechung lange nicht, da sie sicher auch ohne uns schon
lange nur zu klar wissen werden, wie es mit der Lade im Tempel steht; und
wollen sie es nicht, so wird diese unsere Besprechung sicher kein Motiv dazu
sein – und so können wir schon ganz ohne Sorge sein! Nun aber seien wir darauf
bedacht, daß wir als Eingeweihte die fragliche Sache nicht irgendwo ruchbar
machen; und wird solches dereinst geschehen müssen, so wird dazu wohl die
höchste Vorsicht notwendig sein!“
53. Kapitel
[GEJ.02_053,01] Sagt Chiwar: „Wahrlich, ich
muß eure Weisheit loben! Wie lange wir auch schon beisammen leben und wirken,
so hat sich dennoch nie eine Gelegenheit ergeben, bei der ich euch, meine
Gefährten, so wie heute hätte kennenlernen können, und es freut mich nun ganz
besonders, an euch auch Menschen statt dummer Tempelknechte an meiner Seite zu
haben; aber alles dessen ungeachtet bleibt die Erscheinung des Zimmermanns das
Außerordentlichste, was je, solange die Erde von Menschen bewohnt ist, von Menschensinnen
wahrgenommen worden ist. Da geht Adam mit allen seinen tausendjährigen
Erlebnissen und Gesichten unter! Ein Henoch gehört zum geistigen Bettelvolke;
Abraham, Isaak und Jakob, Moses, Aaron und Elias sind arme Schlucker gegen uns!
Ein Tag bringt nun mehr des Wunderbarsten und nie Erhörten zustande, als alle
die Ur- und Erzväter je erlebt haben!
[GEJ.02_053,02] Ich selbst habe gestern und
auch heute schon so von weitem hin einen geheimen Beobachter alles dessen
gemacht, was in und außer dem Hause des alten Joseph vor sich gegangen ist. Ich
sage es: nichts als Wunder über Wunder! Zwei sichtbare, vollkommen lebendige
Engel dienen ihm! Des Faustus Weib war in Kapernaum, und der Zimmermann wollte
sie an der Morgentafel haben; aber es wären dazu nahe vier Stunden Zeitdauer
erforderlich gewesen, um sie von Kapernaum nach Nazareth zu bringen. Was
geschieht aber? Der Zimmermann winkt den zwei offenbarsten Engeln. Diese
verschwinden nur auf ein paar Augenblicke und bringen ganz heiteren Mutes die
schöne Lydia, des Faustus Weib, nach Nazareth! – Was sagt ihr dazu? Das wird
doch offenbar mehr sein, als was wir zu fassen vermögen?!“
[GEJ.02_053,03] Fragen die Ältesten: „Was
hast du denn noch gesehen?“
[GEJ.02_053,04] Sagt Chiwar: „Ihr kennet doch
des Jairus Tochter und wisset auch, daß sie zweimal gestorben ist, und daß sie
das zweite Mal schon etliche Tage im Grabe gelegen ist, wißt ihr auch; aber ihr
wißt es nicht, daß diese Sarah, des Jairus himmlisch schöne Tochter, des Borus
Weib geworden ist! Ist das nicht unerhört, daß ein zweimal vollkommen
gestorbenes weibliches Wesen eines Mannes Weib wird, und das in einer Art und
Weise, wie die Erde noch nie eine Vermählung erlebt hat?! Als des Zimmermanns
Sohn sie gesegnet, sah sie den Himmel offen, und zahllose Scharen erfüllten die
Luft und lobten Gott, daß Er den Menschen der Erde solche Ehren und Gnaden
erweise. Als das Paar aber von Jesus gesegnet war, da verschlossen sich die
Himmel auf einen sichtbaren Wink des Zimmermanns, und nur die zwei Engel
blieben, wie sie früher waren, und wie ihr sie sehen könnt hier in der
Synagoge, dort, nahe an der Türe stehend in der Gestalt zweier himmlisch
schöner Jünglinge. Betrachtet sie und saget, ob sie von wo anders her sein
können als rein aus den Himmeln nur!
[GEJ.02_053,05] Wenn aber nun das alles sich
also wunderbar verhält, was niemand von uns leugnen kann, warum sollen wir den
Sohn des Zimmermanns denn nicht für etwas Höheres halten als bloß für einen
Schüler der Essäer, die er nie gesehen haben kann, weil er meines Wissens sich
nie aus dieser Gegend entfernt hat, außer ein paar Male mit seinem Vater und
seinen Brüdern nach Jerusalem und, glaube ich, einmal nach Sidon, um dort ein
Haus aufzubauen; sonst aber war er stets zu Hause.
[GEJ.02_053,06] Obschon man weiß, daß er gleichfort
ein stiller, eingezogener Arbeiter war, und daß man ihn sogar für ein wenig
blöde hielt, so weiß man aber doch auch, daß sich von seiner Geburt an bis in
sein etwa zwölftes Jahr ganz sonderbare Dinge mit ihm zugetragen haben; sogar
seine Geburt soll eine ganz wunderbare gewesen sein – nach der Erzählung des
nun römischen Obersten Kornelius, der mir solches erst unlängst in Kapernaum
bei einer festlichen Gelegenheit erzählt hat!
[GEJ.02_053,07] Wenn sich aber die Sachen so
verhalten, da frage ich aber doch vollernstlich, ob man noch Bedenken tragen
soll, diesen Jesus wenigstens als einen Gottessohn anzusehen; denn dergleichen
Dinge, die er verrichtet, und wie er den Engeln gebietet und sie ihm auf einen
Wink gehorchen, dies alles läßt doch offenbarst den Schluß zu, daß da hinter
diesem Jesus eine Fülle des urgöttlichen Geistes stecken muß!
[GEJ.02_053,08] Wenn aber das – was seine
Taten und Lehren zeigen –, so weiß ich wahrlich nicht, aus welchem Grunde wir
noch fortan an der toten Lade hängen, während hier die lebendige vor unsern
Augen wandelt und handelt! Wir können pro forma (zum Schein) vor dem Volke das
sogar bleiben, was wir nun sind, um die Sache nicht zu auffallend zu machen;
aber im Herzen sollten wir uns alle fest zu ihm bekennen!“
[GEJ.02_053,09] Sagt der weise Älteste:
„Entweder ganz oder gar nicht! Denn, ist Göttliches in ihm, so wird dieses jede
Halbheit verabscheuen; ist aber das nicht der Fall, dann ist es dennoch besser,
bei der toten Lade mit wenigstens einer lebendigen Erinnerung an ihren früheren
Bestand zu verbleiben, als etwas anzunehmen, davon man den Grund nicht kennt!“
[GEJ.02_053,10] Sagt Chiwar: „Darum wollen
wir die Sache prüfen euretwegen; denn meinetwegen braucht sie gar nicht geprüft
zu werden. Ich bin im klaren und weiß ganz genau, was ich tue, wenn ich ihm
nachfolge.“
[GEJ.02_053,11] Sagt der Älteste: „Meinst du
aber, daß der Tempel keine Schritte mehr tun werde, wenn eine Gemeinde und eine
Ortschaft um die andere von ihm abfällt wie eine vollreife Frucht vom Baume?
Ich glaube, daß der Tempel gar nicht lange auf sich warten lassen und seine
Strafpriester in alle Orte hinaussenden wird! Und dann wehe allen abgefallenen
Menschen; die werden mit allerlei bitter geplagt werden! Besser dürfte es dann
noch denen ergehen, die der weisen Griechen Lehre angenommen haben, als eben
den Jüngern Jesu, die weder völlig Juden und noch weniger Griechen sind und
wohlbewußtermaßen wissen, daß diese oder wenigstens einige aus ihnen mit den
schlechten und nun vollends leeren Tempelverhältnissen und dessen heiligen
Mysterien ganz wohl vertraut sein dürften!
[GEJ.02_053,12] Ich sage es euch: nichts wird
die Templer nun in eine größere, natürlich ganz geheimgehaltene, aber für uns
desto gefährlichere Unruhe versetzen – als das offenbarste prophetische Wesen
Jesu und dessen Jünger! Und solch eine Unruhe wird alle Satanskniffe ergreifen
lassen, um eine Lehre zu verderben, durch die dem Tempel der offenbarste
Untergang bereitet werden muß.
[GEJ.02_053,13] Oder habt ihr nicht im
vorigen Jahre gesehen, was die Templer sogar mit einem Griechen gemacht haben,
der es unters Volk brachte, daß diese nun auch römisches Silber- und Goldgeld
als Opfer im Tempel annähmen, während dazu allein nur Aarons Münze bestimmt ist
und außer diesem kein anderes Geld je angenommen werden dürfte? Seht, man
lockte ihn in den Tempel mit Gewinnversprechungen; und als man auf diese feine
Weise seiner im Tempel habhaft ward, wurde er sobald auf eine Weise ums Leben
gebracht, von der die Chronik kein Beispiel aufzuweisen hat! – Es ist demnach
eine große Vorsicht anzuwenden! Wir müssen entweder ganz Griechen werden und
als solche dann erst zu den Jüngern Jesu uns gesellen mit Leib und Seele, oder
wir müssen ganz das bleiben, was wir sind; denn mit der Halbheit ist uns
nirgends etwas geholfen!“
[GEJ.02_053,14] Sagt Chiwar: „Da hast du
wieder recht, insoweit es die weltliche Vorsicht erheischt; aber unter uns
geradeheraus gesagt: Wenn dieser scheinbare Zimmermann eben der verheißene
Messias, also – wie David Ihn nennt in tiefster Ehrfurcht – Jehova Selbst wäre,
sollen wir auch dann noch auf schlauen Umwegen Seine Jünger werden, oder sollen
wir nicht vielmehr sogleich zu Seiner himmlischen Fahne stoßen und uns von all
den Kniffen des Satans schon darum nicht abschrecken lassen, weil wir durch Ihn
des ewigen Lebens vollauf versichert sein können, so es uns auch dieses
wenigsagende, armselige Erdenleben, das ohnehin nur sehr kurz dauert, kosten
sollte?!“
[GEJ.02_053,15] Bei diesem Antrage Chiwars
stutzen alle und wissen nun nicht mehr, was sie entschieden tun sollen.
54. Kapitel
[GEJ.02_054,01] Da treten die zwei Engel zu
ihnen hin und sagen: „Chiwar hat recht geredet einesteils, und du Ältester hast
auch recht in dem, daß man Gottes ganz sein müsse, da Gott jede Halbheit
verabscheue! Wir aber sagen euch als Seine Zeugen aus den Himmeln: Fürchtet die
nicht, die eurer Seele nichts anhaben können, sondern fürchtet vielmehr Den,
der ein Herr ist über alles Leben im Himmel und auf Erden! Ohne Ihn gibt es
kein Leben, weder im Himmel noch auf Erden! Darum sei euch von uns, als Seinen
wahrhaftigsten Zeugen aus den Himmeln, geraten, das zu tun, was euch der Freund
Chiwar geraten hat.“
[GEJ.02_054,02] Sagt der Älteste: „Wer seid
ihr holdesten Jünglinge denn, daß ihr euch vor uns Zeugen aus den Himmeln nennet?“
[GEJ.02_054,03] Sagen die beiden: „Fraget den
Chiwar, der uns gesehen hat aus Kapernaum des Faustus Weib holen, und er wird
es euch sagen, wer wir sind!“
[GEJ.02_054,04] Sagt der Älteste: „Wenn so,
da gibt es wohl nichts weiteres mehr zu bedenken, und dem Tempel werde der
Rücken zugewendet!“
[GEJ.02_054,05] Sagen die beiden: „Nicht so,
liebe Freunde; denn der Herr ist billig in allen Dingen! So ihr im Herzen Ihm
anhanget, lebendig an Ihn glaubet, und daß durch Ihn allein die Schrift erfüllt
wird und zum großen Teile schon erfüllt ist, so tut ihr genug; sonst aber
bleibet, wie ihr seid, auf daß die Diener der Welt und des Teufels, von denen
der Tempel vollgestopft ist, nicht vor der Zeit geweckt werden! Lehret das Volk
Moses und die Propheten und haltet auf die Beachtung der wahren Gebote Gottes;
aber auf die Beachtung der weltlichen Satzungen des Tempels haltet wie auf
laues Wasser, so werdet ihr dadurch ebensogut Seine Jünger sein wie jene, die
Er aus den Fischern berufen und erwählt hat.“
[GEJ.02_054,06] Nach zwei Tagen aber werdet
ihr aus Jerusalem einen neuen Obersten bekommen, der anfangs sehr templerisch
gesinnt sein wird, später aber mit sich wird ganz bedeutend handeln lassen und
ums Geld Dispense über Dispense (Ausnahmegenehmigungen) geben wird; denn er
selbst glaubt an den Tempel auch nicht ein Sonnenstäubchen groß, und ihr werdet
dabei ein leichtes Spiel haben. Jairus aber hat sich in den Ruhestand gesetzt
und wird leben im Hause seines Schwiegersohnes. Saget aber dem neuen Obersten
nichts von all dem Wunderbaren, das sich hier zugetragen hat!“
[GEJ.02_054,07] Sagt Chiwar in tiefster
Ehrfurcht: „Diener Gottes aus dem Reiche des Lichtes und des ewigen Lebens! Es
ist so ganz gut zu tun, wie ihr nach der Gnade des Herrn uns geraten habt; aber
ich für mich möchte es dennoch ein wenig besser haben! Wie wäre es denn, so ich
für meine Person ganz zu den Jüngern, als selbst Jünger, überginge?“
[GEJ.02_054,08] Sagen die beiden: „Ein jeder
der Menschen dieser Erde ist frei und kann tun, was er will, und glauben und
reden, was er will; aber so jemandem, wie nun euch, aus den Himmeln die Gnade
zuteil wird, einen Rat bekommen zu haben, so tut er wohl, so er dessen achtet;
denn es werden über die Jünger, die nun stets beim Herrn sind, noch Zeiten
starker Versuchung kommen, wo sie sich, im Geiste, auch im Feuer werden
bewähren müssen, und da werden viele schwach werden und abfallen! Ihr aber
werdet es leichter haben und werdet in aller Ruhe das erreichen können, was die
Jünger unter großer Angst und Verfolgung erreichen werden! Du, Chiwar, kannst
nun tun, was du willst; aber für dich ist es besser, wenn du bleibst in deiner
Stellung.“
[GEJ.02_054,09] Sagt Chiwar: „Ja, ich werde
bleiben; aber solange Sich der Herr noch hier aufhalten wird, möchte ich denn
doch in Seiner Nähe zubringen und so manches von Ihm hören und sehen! Soll ich
auch das nicht?“
[GEJ.02_054,10] Sagen die beiden: „Ach, das
kannst du schon, obwohl der Herr hier weder viel reden und noch weniger etwas
Besonderes tun wird, weil die Menschen hier fast glaubenslos sind und den Herrn
für einen Zauberer halten. Ihr aber werdet hinreichend Gelegenheit haben, diese
Menschen nach und nach eines Besseren zu belehren, wofür euch der Herr den Lohn
nicht vorenthalten wird. Heute gen Abend wird auch Roban wieder zu euch kommen
und euch wichtige Zeugnisse für Jesus den Herrn mitbringen, und ihr werdet an
ihm einen sehr klugen und weisen Leiter haben; denn Roban ist einer der
stärksten Geister unter euch.“ – Nach diesen Worten entfernen sich die beiden
Engel und begeben sich wieder zu unserer Gesellschaft.
55. Kapitel
[GEJ.02_055,01] Nun fragt Cyrenius Mich, ob
es wohl rätlich wäre, diese seiner Ansicht nach total bekehrten Pharisäer,
Ältesten, Leviten und Schriftgelehrten von seinem über sie verhängten harten Gesetze
freizusprechen.
[GEJ.02_055,02] Sage Ich: „Man soll, wenn man
das Gesetzgebungsrecht hat, nie zu voreilig ein neues Gesetz geben! Ist aber
ein Gesetz gegeben, so soll man noch weniger voreilig sein, das gegebene Gesetz
aufzuheben; denn da muß der Rat der Verständigen das Rechte zeigen. Siehe, wenn
du ein neues Gesetz gibst, so wirst du dir alle jene zu Feinden machen, denen
das Gesetz auferlegt ward; hebst du dann aber das Gesetz auf, so wird dir darum
niemand dankbar sein, sondern man wird dich der Schwäche zeihen, wird
triumphieren und sagen: ,Da sieht man den Tyrannen! Weil er sieht die Überzahl
seiner Feinde, so möchte er sich durch die plötzliche Aufhebung des harten
Gesetzes beim Volke wieder in Gunst setzen! Aber er wird der Freunde im Volke wenige
finden; denn wer einmal ein Tyrann ist, der ist es zum zweiten Male, so er
wieder zur Macht kommt, ein zweifacher!‘
[GEJ.02_055,03] Und es ist daher besser, ein
gegebenes Gesetz zu belassen, als dasselbe sobald wieder aufzuheben; aber man
kann dafür das Gesetz ganz geheim fallen lassen, und wenn Übertretungen
desselben vorkommen, so übe man Nachsicht und sei im Urteil nicht zu streng.
Kommt dann ein anderer Regent, so steht es ihm frei, die Gesetze, die sein
Vorgänger erlassen hat, ganz aufzuheben und dafür dem Geiste des Volkes gemäß
mildere zu geben. Es müßte denn sein, daß sie kämen und dich darum bäten, da
wohl kannst du den strengsten Teil des einmal erlassenen Gesetzes wegtun, aber
stets mit dem Vorbehalt, das Gesetz sobald wieder mit aller Strenge zu
erneuern, wenn sich Spuren zur böswilligen Verfolgung der durch das Gesetz zu
bewerkstelligenden guten Sache zeigen sollten!
[GEJ.02_055,04] Siehe, das ist die Klugheit,
nach der jeder Regent seine ihm untergebenen Völker leiten sollte, so er
glücklich regieren will! Ein lauer und nachlässiger Regent aber wird bald zu
der stets traurigen Überzeugung gelangen, daß er sich durch zu große
Nachgiebigkeit die Völker nicht hätte über den Kopf wachsen lassen sollen!
[GEJ.02_055,05] Denn die Völker verhalten sich
zu ihren Regenten wie die Kinder zu ihren Eltern. Strenge und dabei weise
Eltern werden auch gute, gehorsame und dienstfertige Kinder haben, die ihre
Eltern lieben und ehren werden, wogegen den zu nachgiebigen Eltern die Kinder
nur zu bald über den Kopf wachsen und sie am Ende aus dem Hause treiben und
stoßen werden.
[GEJ.02_055,06] Liebe mit Ernst und Weisheit
ist ein ewiges Gesetz; wer danach handelt, macht keinen Fehltritt, und die
Früchte davon werden gut und köstlich schmecken. Hast du Mich wohl völlig
verstanden?“
[GEJ.02_055,07] Sagt Cyrenius: „Ja Herr, ganz
vollkommen, und es ist das in der Welt immer der gleiche Fall gewesen. Ein zu
guter, nachgiebiger Regent ist mit seiner Regierung bald fertig; aber auch ein
zu tyrannisch strenger hat selten eine lange Dauer. Ich meine, so in der Mitte
zwischen beiden ruhet die Weisheit, das Glück und dessen dauerhafte
Festigkeit!?“
[GEJ.02_055,08] Sage Ich: „Ja, ja, also ist
es: in der Mitte, wie Ich es dir gezeigt habe! Nun aber gehen wir wieder nach
Hause; denn es ist schon stark Nachmittag geworden!“
[GEJ.02_055,09] Fragt Kornelius: „Aber Herr,
bleiben die alten Bürger, nun schon hier schlafend? Diese Menschen könnten ja
auch daheim diese löbliche Sabbatfeier verrichten, auf daß sie nicht durch ihr
gewaltig starkes Geschnarche die Anwesenden störten! Denn es ist ja zum
Davonlaufen, wie diese Leute schnarchen, – eine Erscheinung, die mir im
höchsten Grade unangenehm ist! Ich kann viel Ungemach ertragen, aber das
Schnarchen eines Schlafenden kann mich zu einer Art Verzweiflung treiben!“
[GEJ.02_055,10] Sage Ich: „Nun, nun, laß das
nur gut sein! Solange sie schnarchen, begehen sie keine Sünde! Es ist gut, daß
sie nun schnarchen; denn wären sie wach gewesen, so hätten sie manches gehört,
was sie sehr geärgert hätte, und das wäre nicht gut! Weil sie aber fest
geschlafen haben, so haben sie von all dem Vorgefallenen nichts gehört und
gesehen und haben sich darum auch nicht geärgert; und siehe, das ist gut! Aber
jetzt gehen wir und lassen diese Leute schlafen!“
[GEJ.02_055,11] Darauf fingen wir an, uns zur
Türe zu bewegen; aber die Pharisäer und Ältesten eilten hin zur Türe, die zur
Hälfte geöffnet war, und machten schnell die ganze, große Türe auf und sagten:
„Herr, es stehet geschrieben: ,Machet die Türen hoch und die Tore weit, auf daß
der König der Ehren einziehe! Wer aber ist dieser König? Es ist Jehova Zebaoth!
Dem von uns allen sei alles Lob, alle Ehre und aller Preis von Ewigkeit zu
Ewigkeit!‘“
[GEJ.02_055,12] Und der Cyrenius sagt mit
freundlicher Miene: „Ja, also ist es und soll es bleiben ewig! Der Herr sei
allzeit mit euch!“
[GEJ.02_055,13] Und sie rufen: „Und mit
deinem Geiste, auf daß du uns, wie Er, gnädig sein möchtest! Denn deine Gesetze
haben uns hart gedrückt bis jetzt, ärger denn der Tod; aber da wir nun selbst
vollends Seine Jünger geworden sind und uns deine Gesetze selbst lebendig
auferlegen, so sind deine harten Gesetze für uns so gut wie gar nicht mehr da.
Aber wir danken dir dennoch für eben diese Gesetze; denn ohne sie hätten wir
leicht zu Verrätern dieser allerheiligsten Sache werden können! Wir bitten dich
darum nun auch gar nicht mehr um die Aufhebung der gegebenen strengen Gesetze;
denn wir selbst, als mit dir gleich Denkende, Glaubende und Handelnde, heben
sie eben durch unser höchst eigenes Tun und Lassen bis aufs letzte Häkchen auf,
für alle Zeiten der Zeiten!“
[GEJ.02_055,14] Sagt Cyrenius: „In der
Hinsicht ist das Gesetz euch auch von mir erlassen, und ich bin der sicheren
Hoffnung, euch dies harte Gesetz nie mehr erneuern zu brauchen. Lasset euch
daher nimmer irreleiten und befolget strenge, was euch die beiden Engel Gottes
geraten haben, so werden wir die besten Freunde in Gott dem Herrn verbleiben,
und meine Regierung wird euch nicht drücken! Und sollte es sich unter dem neuen
Obersten eurer Schulen zeigen, daß er euch wie immer verfolgen möchte darum,
daß ihr Freunde Jesu, des Herrn von Ewigkeit, und zugleich Freunde der euch
wohlwollenden Römer seid, so werdet ihr den Weg bis zu mir wohl finden, – und
dann werden schon jene Vorkehrungen getroffen werden, durch die eure physischen
und ganz besonders geistigen Rechte aufs beste geschützt werden! Und nun
abermals sage ich: Der Herr sei mit euch!“
[GEJ.02_055,15] Und sie alle rufen wieder:
„Und mit deinem Geiste ewig!“
[GEJ.02_055,16] Darauf machen sie eine
tiefste Verbeugung vor uns, und wir gehen durch die weitgeöffnete Tür und
begeben uns nach Hause, allda ein gutes Mahl unser harret, bestehend aus Brot,
Wein und allerlei süßen und vollreifen Früchten. Wir setzen uns an die Tische,
danken und verzehren nach und nach, was die Tische tragen, – bleiben aber
zugleich an den Tischen sitzen bis zum Untergang unter allerlei erbaulichen
Reden und Gesprächen.
56. Kapitel
[GEJ.02_056,01] Nahe dem Untergange kommt
Roban, von Kisjonah aus Kis begleitet, bei Meinem Hause an, grüßt schon von
weitem alles, was ihm unterkommt, und Kisjonah eilt eben auch mit offenen Armen
zu Mir hin, grüßt vor allem Mich auf das wahrhaft freundlichste mit Tränen in
den Augen und grüßt darauf nach einer Weile erst seine Tochter, die ihn schon
lange bei der Hand hielt und viele Küsse darauf heftete; also grüßt er auch
seinen Schwiegersohn, den Kornelius, und als er es erst erfährt, daß der neben
Mir sitzende glänzende Römer der Oberstatthalter Cyrenius ist, so bittet er ihn
um Vergebung, ihn übersehen zu haben!
[GEJ.02_056,02] Aber Cyrenius ergreift ganz
gerührt des Kisjonah Hand, drückt sie an seine Brust und sagt ganz laut: „Nicht
du mich, sondern ich muß dich um Vergebung bitten, daß ich dich nicht zuvor
gegrüßt habe; aber als Entschuldigung diene, daß ich dich persönlich nicht
gekannt habe! Denn nebst dem Herrn Jesu, dem natürlich allein alles Lob und
alle Ehre gebührt, bin ich auch dir, du treuer, biederer Mann, einen nie zu
erschöpfenden Dank schuldig; denn unter allen Menschen jener Gegend hast du
entschieden das meiste dazu beigetragen, daß ich aus einer Verlegenheit
gerettet wurde, die mich sonst wohl sicher das Leben gekostet haben würde! Das
ist mir wirklich eine große Freude, dich, du mein überaus schätzenswerter Freund,
nun persönlich kennenzulernen.“
[GEJ.02_056,03] Kisjonah ist nun wieder
einmal ganz glücklich und erzählt uns vieles, was er alles unterdessen erlebt
hat, und erzählt uns am Ende auch, daß er mit dem recht biederen alten Roban
Sichar besucht und dort mit Jonael, Jairuth und sehr viel mit dem Archiel
gesprochen habe, der nun ganz natürlich wie ein Mensch lebe und handle, so daß
es einem Fremden aber auch nicht im Traume einfallen könne, als stäke hinter
ihm ein rein geistiges Wesen.
[GEJ.02_056,04] Also habe er auch den Arzt
Joram und dessen wundervoll herrlichstes Haus, sowie dessen liebes,
herrlichstes Weib besucht und von beiden überaus wundervollste Dinge vernommen;
und Roban sei allenthalben bloß Ohr und Auge gewesen und hätte sich über alles
nicht genug verwundern können; und wenn er so recht mächtig ergriffen gewesen,
da habe er immer vor sich hingesagt: Ja, ja, Blut und Leben für den göttlichen
Meister aus Nazareth! Denn Er kann kein Mensch, sondern Er muß Gott Selbst
sein, ansonst Ihm dergleichen Dinge nicht möglich sein würden!
[GEJ.02_056,05] Als Kisjonah also noch
erzählt, tritt Roban zu Mir hin und sagt nichts als: „Herr, ich bin Dein, und
keine Macht, außer allein Dein Wille, kann mich von Dir trennen!“
[GEJ.02_056,06] Sage Ich: „Ich habe es wohl
zum voraus gewußt, daß du einer der Meinigen werdest; aber du weißt es noch
nicht, daß nun auch alle deine Brüder und Amtsgefährten zu den Meinigen
gehören, ohne deshalb aufzuhören, das zu sein vor der Welt, was sie ehedem
waren, – desgleichen auch du vorderhand das bleiben wirst, was du warst, so
lange, bis der neue Schuloberste, der die Stelle des Jairus übermorgen beziehen
wird, sich ein wenig abgestoßen haben wird.
[GEJ.02_056,07] Deine Brüder aber werden dich
schon in allem unterweisen, was du zu tun, zu reden und wie du dich zu benehmen
haben wirst gegen den neuen Obersten, der im Anfange zwar mit einem sehr
buschigen Besen zu kehren beginnen wird; aber es wird kein halbes Jahr währen,
und ihr werdet mit ihm um einiges Geld alles ausrichten können, da er keinen
Glauben hat an den Tempel, sondern vorderhand allein ans Geld; nachderhand aber
wird er schon auch an etwas Besseres zu glauben imstande sein. – Nun aber gehe
zu deinen Brüdern und benachrichtige sie von allem, was du gesehen und gehört hast!“
[GEJ.02_056,08] Auf diese Meine Worte
empfiehlt sich Roban beim Kisjonah, ihm für alles dankend, was er ihm Gutes
erwiesen hatte, und sagt am Ende: „Kisjonahs dürften auf der Erde wohl wenige
mehr anzutreffen sein! Darum bist du der einzige, der mein Herz getroffen und
gefunden hat! Der Herr segne dich für alles, was Gutes du mir und tausend
andern erwiesen hast!“ – Nach diesen Worten verneigt er sich tief vor uns und
eilt zu seinen Brüdern, die heute noch in der Synagoge versammelt sind – jedoch
ohne die Schlafenden, die bald nach unserem Abgange aus der Synagoge entfernt
wurden. Er wird überraschend freundlich aufgenommen, und sie teilen sich nun
gegenseitig fröhlichen und heiteren Geistes unter Staunen und Staunen alles
mit, was sie erlebt, gehört und gesehen haben.
[GEJ.02_056,09] Wir aber sind ebenfalls guter
Dinge; denn Kisjonah kam nicht allein, sondern mit mehreren vollbeladenen
Lasttieren und ihren Führern und brachte Wein, Mehl, Käse, Brot, Honig und eine
Menge der edelsten Fische in geräuchertem Zustande, so daß die Mutter Maria
kaum Platz hatte, all das Mitgebrachte unterzubringen.
[GEJ.02_056,10] Es ward daher ein Nachbar
ersucht, den Überschuß sorgsam in seiner großen Speisekammer aufzubewahren, was
er denn auch tat, obschon eben nicht gar zu gerne aus purer Gefälligkeit, da er
stets ein habsüchtiger Filz war. Aber da ihm nun Kisjonah ein Paar Goldstücke
für seine Mühe und Gefälligkeit anbot und gab, so war er gleich gut gesinnt und
über die Maßen dienstfertig und stieß im Tragen der Säcke, da es schon stark
dämmerlich geworden war, einmal stark an den Jünger Johannes. Dieser aber sagte
zu ihm: „Freund, sei vorsichtiger in deinem bezahlten Eifer, sonst wirst du für
dich und die andern einen Schaden anrichten! Glücklich aber wärest du, so du
fürs Gottesreich, das gar so nahe zu dir gekommen ist, so eifrig wärest wie für
die zwei elenden Goldstücke, und du würdest dabei dich an niemanden stoßen! O
der großen Blindheit, die das Allerhöchste nimmer erkennen kann und mag!“
[GEJ.02_056,11] Der Nachbar aber ließ sich
nicht irremachen, verrichtete seine bedungene Arbeit und kümmerte sich um
nichts weiteres mehr.
[GEJ.02_056,12] Da fragte Johannes: „Herr,
ist es denn doch möglich, daß ein Mensch soviel Stumpfsinn in seinem Leibe und
in dessen Seele haben kann?“
[GEJ.02_056,13] Sage Ich: „Laß ihn gehen! Es
gibt dergleichen nun zu vielen Tausenden im Judenlande, die da stumpfer und
eigensinniger sind als ein Esel! Darum gebührt ihnen aber auch nur der Lohn
eines Esels!“
[GEJ.02_056,14] Darüber entstand eine kleine
Lache durch die Gesellschaft, die Philopold mit seinen sehr treffenden
Bemerkungen noch mehr erhöhte und bewies, wie ein Mensch gewöhnlich alles
besser zu sehen imstande ist als gerade das, was ihm auf der Nase sitzt! Und
alles bewunderte seine ausgezeichnete Dialektik.
[GEJ.02_056,15] Nach dieser Szene aber
erhoben wir uns vom Tische und begaben uns bald zur Ruhe.
57. Kapitel
[GEJ.02_057,01] Alles nahm nun sein Lager ein
und schlief bis zum hellen Morgen; auch Ich ruhte und schlief ein paar Stunden.
Die beiden Engel aber verrichteten ihr Weltenleitungsgeschäft in der Nacht und
waren mit dem Aufgange der Sonne auch schon wieder bei uns, traten zu Mir hin,
dankten und sprachen: „Herr, es ist alles in der größten Ordnung im ganzen
großen Weltenmenschen. Die Hauptmittelsonnen stehen unverrückt in ihren
Stellen, und ihre Umdrehungen sind gleich; die Bahnen der zweiten Mittelsonnen
sind unverrückt, die Bahnen der dritten Klasse Mittelsonnen um die zweiten sind
eben auch in der größten Ordnung, ebenso die Mittelsonnen der vierten Klasse
mit ihren zehnmal hunderttausend Planetarsonnen, hie und da mehr und hie und da
weniger, – wie Du, o Herr, vom Urbeginn an das Maß gelegt hast! Die zahllos
vielen Planetarsonnen aber mit ihren kleinen, zumeist lichtlosen Planeten und
Monden hängen ohnehin von der Ordnung der großen Leitsonnen ab, und somit ist
in dieser uns beiden zum Überwachen gegebenen Hülsenglobe alles in der größten
und besten Ordnung, und wir dürfen darum wieder hier bei Dir, heiliger Vater,
und bei Deinen uns gar so teuren Kindern einen hellen Tag zubringen!“
[GEJ.02_057,02] Sage Ich: „Ganz gut, bringet
aber jede Minute wohl zu durch allerlei nützliche Belehrungen; denn Meine
Kindlein bedürfen derer noch sehr!“
[GEJ.02_057,03] Die beiden Engel treten nun
ganz heiter und überselig zurück und begrüßen Maria und darauf die Jünger, den
Cyrenius, Kornelius, Faustus, Jairus, den Kisjonah und den Borus. Cyrenius
aber, der von den vielen Sonnen etwas gehört hatte, fragt die beiden gleich,
von was für Sonnen sie da mit Mir geredet hätten, da er nur eine Sonne kenne.
[GEJ.02_057,04] Die beiden aber sagen überaus
liebreich: „Liebster Freund und Bruder im Herrn, wolle nicht wissen das, was du
nun unmöglich fassen kannst, und wovon das Heil deiner Seele auch gar nicht
abhängt; denn das, was wir mit dem Herrn geredet haben, würde dich töten, so du
es in dem Maße verstündest und einsähest, wie wir es verstehen und allzeit
einsehen müssen. Denn so viele Sterne du in einer schönen Nacht erschauest und
noch viele andere, die dein Auge ob ihrer zu großen Entfernung von hier aus
nicht erschauen kann, sind lauter Sonnenwelten von einer für deinen Verstand
unmeßbaren Größe. Die eine Sonne, die du siehst, ist eine der kleinsten Planetarsonnen;
sie ist aber dennoch schon über tausendmal tausend Male größer denn diese Erde.
Nun denke dir dann erst eine Mittelsonne nur der vierten Abstufungsklasse, um
die wenigstens zehnmal hunderttausend solcher Planetarsonnen in weitgedehnten
Kreisen samt ihren Planeten oder lichtlosen kleinen Erden, wie die von dir
bewohnte eine ist, bahnen! Deren Umfang ist für sich allein so groß wie die
Summe aller Umfänge aller der Planetarsonnen und ihrer um sie kreisenden Erden
und Monde um tausend vervielfacht. – Sage uns, Freund, kannst du dir nun wohl
einen Begriff von solch einer Größe machen?“
[GEJ.02_057,05] Sagt Cyrenius: „Lieblichste
Diener Gottes, ich bitte euch, mir davon nichts Weiteres mehr kundzutun; denn
es fängt an, mich ganz schwindlig zu ergreifen! Wer hätte je sich so etwas im
Traume einfallen lassen mögen? Und ihr könnet das alles so gewisserart mit
einem Blick übersehen? Welche Macht und welch eine Tiefe der göttlichen
Weisheit muß in euch sein! Aber weil ich schon so voll Wißbegierde bin, so saget
mir so im höchst allgemeinen noch dazu, was denn eigentlich in den so endlos
vielen und endlos großen Sonnen ist!?“
[GEJ.02_057,06] Sagen die beiden: „Was du auf
dieser Erde ersiehst, das und ähnliches in freilich viel edlerer und oft auch
riesenhaft größerer Art kannst du auch auf einer großen Sonnenwelt antreffen.
Menschen, Tiere und Pflanzen aller Art gibt es dort wie hier, dazu übergroße
und unbeschreiblich herrliche Wohngebäude, gegen die der Tempel von Jerusalem
und der Palast des Kaisers in Rom die allerelendesten Schneckenhäuschen sind,
und allenthalben ist dieser Eine ewig allein der Herr und gleichfortige
Schöpfer von Ewigkeit!“
58. Kapitel
[GEJ.02_058,01] Als Cyrenius solches
vernimmt, da sagt er von einer übergroßen Ehrfurcht ergriffen: „Freunde und
Diener des Herrn, jetzt weiß ich erst, wer der Herr ist, und wer ich bin! Ich
bin total nichts, und Er ist endlos alles! Nur begreife ich unsere menschliche
Keckheit nicht, die da mit Ihm so mir und dir nichts reden kann, als hätte sie
ihresgleichen vor sich!“
[GEJ.02_058,02] Sagen die beiden Engel: „Er
Selbst will es also; denn die Kinder haben von Ewigkeit her das Recht, mit dem
Vater zu reden nach ihrer Herzenslust! Frage daher nicht um alberne Dinge und
Verhältnisse; denn an dir liegt es nicht, daß du ein Mensch bist, sondern an
Dem allein, der dich also, wie du bist, erschaffen hat aus Sich Selbst heraus
und hat Sich dabei an niemandes Rat gebunden denn an Seinen höchst eigenen. Wie
aber hätte Er auch jemand anders fragen können als nur Sich Selbst allein, da
vor Ihm in der ganzen Unendlichkeit kein Wesen da war?!
[GEJ.02_058,03] Wenn du demnach mit Ihm
sprichst wie mit deinesgleichen, so tust du ganz wohl daran; denn Gott hat
niemanden außer Sich, mit dem Er reden könnte. Aber Seine Geschöpfe, die aus
Ihm sind, sind also frei gestellt, daß sie nun mit Gott und Gott mit ihnen wie
ein Mensch mit dem andern reden können, und es ist sonach ganz in der Ordnung,
daß du mit Ihm sprichst wie mit deinesgleichen; denn das Geschöpf ist seines
Schöpfers wert und der Schöpfer Seines Geschöpfes.
[GEJ.02_058,04] Jedes Geschöpf ist ja ein
Zeuge von der Allmacht, Weisheit und Liebe Gottes, und es ist ohne Seine Macht
kein noch so mächtiger Geist fähig, aus sich selbst etwas zu erschaffen,
sondern das kann nur Gott allein! Da aber jedes Geschöpf ein Zeuge ist der
göttlichen Allmacht, Weisheit und Liebe, wie sollte es dann nicht seines
Schöpfers wert sein? – Verstehst du dieses?“
[GEJ.02_058,05] Sagt Cyrenius: „O ihr
überweisen Diener des allmächtigen Gottes, wie höchst klar und verständig ist
doch eure überaus weise Lehre! Ja, also ist es! Der Mensch hat sich wahrlich
nicht zu schämen dessen, was er ist; denn er ist ja das wahrste Meisterwerk des
Schöpfers, so er lebt nach dem frei erkannten Willen Gottes. Aber wenn ein
Mensch dem Willen Gottes zuwiderhandelt, so meine ich, verpfuscht er sich
selbst und kann dem nicht mehr entsprechen, was er uranfänglich war und ewig
sein und bleiben soll.
[GEJ.02_058,06] Und so denn muß die Sünde
eine Handlung wider die ursprüngliche Ordnung Gottes sein, durch welche
Handlung sich der Mensch als im sich ausbildenden Teile selbst Schöpfer seiner
Gott ähnlich werden sollenden Natur verpfuscht und dadurch sich selbst unwürdig
macht, ein Geschöpf des ewigen, allmächtigen Meisters zu sein!“
[GEJ.02_058,07] Sagen die Engel: „Da hast du
ganz recht! Insoweit bleibt wohl ein jeder Mensch ein Gottes würdiges
Meisterwerk, als er seiner Form, Tauglichkeit, Fähigkeit und lebendigen
Freiheit nach gewisserart eine pure Maschine ist, in der sich der Geist frei
und lebendig äußern kann.
[GEJ.02_058,08] Aber was die ihm selbst
notwendig anheimgestellte moralische Ausbildung seines Herzens und seiner Seele
betrifft, so kann er sich selbst zu einem Scheusale der Hölle herabwürdigen und
begeht eben dadurch die größte Sünde, weil er in sich selbst durch sich selbst
das höchste Meisterwerk Gottes zu einem erbärmlichen, Gottes unwürdigsten
Pfuschwerke umgestaltet, worauf es dann Gott Selbst eine große Mühe kostet und
eine nie berechenbare Geduld, bis aus dem verpfuschten Werke wieder ein
Meisterwerk wird.
[GEJ.02_058,09] Wegen gar unnennbar vieler
durch sich selbst verpfuschter Werke ist eben diesmal der Meister Selbst in
diese Welt gekommen, um diese vielen Werke, die sich selbst verdorben haben,
für alle Zeiten der Zeiten zurechtzubringen! Aber es werden sich auch fortan
die Werke verderben; darum aber wird Er auf dieser Welt eine neue Anstalt
gründen, in der sich alle verdorbenen Werke von sich selbst aus werden
zurechtbringen können. Aber wer von dieser Anstalt frei aus sich selbst keinen
Gebrauch wird machen wollen, der wird verdorben bleiben ewig, so sein Wille
sich nimmer ändern wird! Verstehst du solches?“
[GEJ.02_058,10] Sagt Cyrenius: „Auch das
verstehe ich ganz und bin eben darum der Meinung, daß man die Menschen durch
gewählte, aber strenge Gesetze wird anhalten müssen, von der Anstalt vollsten
Gebrauch zu machen!“
[GEJ.02_058,11] Sagen die Engel: „Es wird
zwar solches wohl geschehen, aber der Menschheit wenig nützen; denn nur allein
das nützet dem Menschen, was er frei aus sich selbst tut. Alles andere ist ihm
zum größten Schaden.
[GEJ.02_058,12] Denn könnte der Mensch durch
irgendeinen Zwang entweder von außen oder von innen vollendet werden, so hätten
wir Macht zur Übergenüge, alle Menschen so zu binden und zu zwingen, daß sie
unmöglich je wider irgendein Gesetz zu handeln imstande wären! Aber dadurch
würden wir aus dem in aller Freiheit Gott völlig ähnlich werden sollenden
Menschen nur eine stummbelebte Maschine erzeugen, die sich selbst ebensowenig je
zur zweckdienlichen, freien Tätigkeit bestimmen könnte – wie das noch so
scharfe Schwert der Gerechtigkeit, ohne von einer geübten Hand geführt zu sein!
[GEJ.02_058,13] Aus dem aber kannst du schon
ganz klar ersehen, daß es sich mit was immer für einem Zwange für ewig nicht
tut, sondern allein mit der wahren Belehrung und dann darauf mit der freien
Selbstbestimmung nach der vernommenen Lehre, durch die jedem der
wohlerleuchtete Weg der göttlichen Ordnung nach allen Seiten hin kundgemacht
wird, zu handeln und zu wandeln. Verstehst du auch dieses?“
59. Kapitel
[GEJ.02_059,01] Sagt Cyrenius: „Ja, auch das
verstehe ich leider; denn ich sehe daraus wenig gute Erfolge! Wo sind die
Menschen, und wie viele gibt es von denen, die nur eine Belehrung aufzunehmen und
zu begreifen fähig wären? Und wie viele gibt es dann selbst aus der Zahl der
Belehrten, die den überwiegend starken Willen in dem Grade besitzen, die an sie
ergangene und auch wohl begriffene Belehrung in die volle Tat umzugestalten?
Ich stelle tausend Wohlbelehrte her und setzte alles darauf, wenn darunter zehn
zu finden sind, die den vollen Willen und auch den erforderlichen Mut besitzen
– besonders unter fanatisch abergläubischen Volksmassen –, die vernommene und
wohlbegriffene Lehre ins Werk zu setzen! Denn was würde es ihnen nützen, die
Lehre der ewigen, klarsten Wahrheit ins Werk zu setzen, wenn sie darob schon am
nächsten Tage von den selbstsüchtigen und grausamen Fanatikern auf das
qualvollste erwürgt werden?!
[GEJ.02_059,02] Ihr seid zwar endlos weise
und mächtige Diener des Allerhöchsten, aber da sage ich als ein alterfahrener
Staatsmann: Ganz ohne irgendeinen Zwang wird diese noch so wahrhaft göttliche
Lebenslehre nie einen besonderen offenen Eingang finden! Wenigstens muß der gar
zu krasse fanatische Aberglaube mit aller Zwangsgewalt verdrängt werden,
ansonst es ewig schade wäre, sie auch nur eine Tagereise von hier
weiterzutragen!
[GEJ.02_059,03] Wir glauben hier freilich
ungezweifelt fest an die reinste ewige Wahrheit, die uns hier gar reichlich
geoffenbart wird, aber dennoch nicht so ganz ohne Zwang; denn ihr beide, der
Herr und Seine Taten sind denn doch eben auch kein gar zu geringfügiges
Zwangsmittel, ohne welches auf diesem Platze nicht nahe über tausend Zuhörer
und Lehrbefolger beisammen wären. So aber dieses überaus beachtenswerte
Zwangsmittel uns noch immer zu keinen schon ganz toten Maschinen umgestaltet
hat, wie euch solches diese meine vielleicht nicht jeden Grundes entbehrende
Einrede hinreichend kundtut, so dürfte ein bloß äußeres Zwangsmittel den
Menschen, die sich künftig nach dieser neuen Lehre aus den Himmeln zu wahren
Kindern Gottes umgestalten sollen, von keinem gar zu großen Schaden sein!“
[GEJ.02_059,04] Sagen die beiden Engel: „Du
hast in einer Hinsicht allerdings recht, und es werden auch äußere Zwangsmittel
nicht unterm Wege verbleiben; aber du wirst auch daneben zu der Überzeugung
kommen, daß ein äußerer Zwang im Grunde noch schlechter ist als ein
unsichtbarer innerer! Denn der äußeren Zwangsmittel bedient sich auch der Satan,
um den bösen Aberglauben aufrechtzuerhalten; wenn wir aber bei der Ausbreitung
der Lehre aus den Himmeln uns am Ende auch der schnöden Mittel des Satans
bedienen und sogestaltig in seine Fußstapfen treten, – Frage: Was können wir
dabei zum ewig Besten des Menschen gewinnen?
[GEJ.02_059,05] Mit Feuer, Schwert und großem
Blutvergießen hat sich noch allzeit der böse Aberglaube den Weg und Eingang in
die Welt verschafft; so aber nun das reinste Wort Gottes sich auch auf
demselben Wege Eingang verschaffen sollte, könnte es da je ein Mensch von nur
einigem Geiste wohl als ein Friedenswort Gottes aus den Himmeln anerkennen?
Würde er nicht sagen müssen: ,Gott, genügt es Dir denn nicht, daß die
Menschheit vom Satan geplagt wird zum Haarsträuben, daß auch Du, Allmächtiger,
auf den Wegen des Satans zu uns armen und schwachen Menschen kommen mußtest?‘
[GEJ.02_059,06] Siehe, du liebster Freund und
Bruder, wie gar sehr ungereimt das herauskäme, so Sich Gott der Herr je solcher
Mittel zur Ausbreitung Seiner Lehre unter den Menschen zu ihrer ewigen
Beseligung bedienen möchte, deren sich die Hölle noch allzeit bedient hat, um
ihren harten Früchten und Speisen in der Welt bei den Menschen Eingang zu
verschaffen!
[GEJ.02_059,07] Ja, es werden dereinst leider
Zeiten kommen, in denen man die verunreinigte Lehre Jesu des Herrn mit Feuer
und Schwert den Völkern predigen wird; aber das wird für die Menschen von
großem Übel sein! – Verstehst du das?“
[GEJ.02_059,08] Sagt Cyrenius: „Leider
verstehe ich auch das und frage immer noch, ob denn solche ganz äußeren
Kalamitäten von den allmächtigen Himmeln nicht wollen verhütet werden, und
warum überhaupt je einmal dem Bösen vollster Eingang in diese Welt mußte oder
wollte gestattet werden!“
[GEJ.02_059,09] Sagen die beiden: „Liebster
Freund und Bruder, wenn du irgendeine Weisheit besitzest, so urteile selbst, ob
es ohne ein Kontra je ein Pro geben kann! Wo ist noch je ein Mensch ohne Kampf
ein Held geworden? Wäre es aber je unter den Menschen zu einem Kampfe gekommen,
wenn es unter ihnen lauter fromme Lämmlein gegeben hätte? Oder könntest du je
deine Kraft erproben, so es keine Gegenstände gäbe, die deiner Kraft zu
widerstreben vermöchten? Könnte es je ein Hinauf geben, so es kein Hinab gäbe?
Oder könntest du jemandem etwas Gutes tun, so da nie jemand in die Lage käme,
deine Hilfe zu benötigen? Was wäre dann eine gute Tat, so deren niemand
bedürfte? Oder könntest du einen Allwissenden je etwas lehren, das er zuvor
nicht wüßte?
[GEJ.02_059,10] Siehe, in einer Welt, wo der
Mensch aus sich selbst sich zu einem wahren Kinde Gottes gestalten soll, muß
ihm auch alle mögliche gute und schlechte Gelegenheit geboten sein, die Lehre
Gottes im Vollmaße ausüben zu können!
[GEJ.02_059,11] Es muß kalt und warm sein,
damit der Reiche Gelegenheit bekommt, seine armen und nackten Brüder mit
Kleidung zu versehen. Also muß es Arme geben, auf daß wieder die Reichen sich
in der Barmherzigkeit und die Armen in der Dankbarkeit üben können. Ebenso muß
es Starke und Schwache geben, auf daß die Starken Gelegenheit bekommen, den
Schwachen unter die Arme zu greifen, die Schwachen aber in der Demut ihres
Herzens erkennen, daß sie schwach sind. Also muß es auch gewisserart Dumme und
Weise geben, ansonst denn ja den Weisen ihr Licht ein vergebliches wäre!
[GEJ.02_059,12] So es keine Bösen gäbe, an
wem würde denn der Gute ein Maß haben, ob und inwieweit er wirklich gut sei?!
[GEJ.02_059,13] Kurz, in dieser
Sichselbstbildungsanstalt der Menschen zu den freiesten Kindern Gottes muß es
auch möglichst viele Pro- und Kontra-Gelegenheiten geben, durch die sich die
Kinder vom Grunde aus in allem üben und völlig ausbilden können, ansonst sie
unmöglich zu wahren, allmächtigen Kindern des Allerhöchsten werden könnten!
[GEJ.02_059,14] Wir sagen es dir: Solange ein
Mensch nicht in allen möglichen Dingen und Verhältnissen den Satan mit höchst
eigener Macht aus dem Kampffelde treiben kann, hat er die volle Kindschaft
Gottes noch lange nicht! Wie sollte er aber je dieses Feindes Sieger werden,
wenn man ihm alle Gelegenheit nähme, auch nur mit einem Haare des Feindes in
Berührung zu kommen? Ja, das wahre Reich Gottes kostet einen großen Kampf der
vollsten Freiheit des ewigen Lebens wegen, und so muß euch ja Gelegenheit zum
Kampfe gegeben sein zwischen Himmel und Hölle!“
60. Kapitel
[GEJ.02_060,01] (Die Engel:) „Also wirst du
finden, daß da verschiedene Leidenschaften die Menschen beherrschen. Der eine
fühlt in sich das Bedürfnis, alles zu besitzen, was nur irgendeinen Wert hat;
das ist offenbar Geiz, der ein Laster ist. Und siehe, diesem Laster hast du die
Schiffahrt zu verdanken; denn nur überaus hab- und gewinnsüchtige Menschen
konnte die lebensgefährliche Begierde anwandeln, Mittel zu finden, über das
überweit gedehnte Meer zu schwimmen, um zu suchen, ob es über dem Meere auch
noch Länder gäbe, die vielleicht von unerhörten Schätzen strotzen. Sie kommen
nach vielen ausgestandenen Mühseligkeiten und Lebensgefahren wirklich in ein
über dem Meere gelegenes, noch gänzlich unbevölkertes Land. Die ausgestandenen
großen Gefahren haben ihre Habsuchtsleidenschaft sehr abgekühlt und haben sie
mutlos gemacht für eine Rückfahrt; sie siedelten sich gleich dort an, wohin sie
der Wind gebracht hatte, bauten sich Hütten und Häuser und bevölkerten auf
diese Weise ein noch ganz menschenleeres Land. – Nun urteile selbst, ob die
Menschen ohne die Leidenschaft der Hab- und Gewinnsucht je das fremde Land
entdeckt hätten!?
[GEJ.02_060,02] Nehmen wir die Leidenschaft
des fleischlichen Sinnlichkeitsgenusses. Denke du dir diese Leidenschaft ganz
weg und stelle dir die Menschheit so himmlisch keusch als möglich vor, und du
wirst an dem reinsten Jungfern- und keuschesten Junggesellenleben bis ins graue
Alter ein lobenswertes Wohlgefallen haben. Denke dir aber nun alle Menschen in
solch einem höchst keuschen Zustande und sage dir es selbst: Wie wird es dabei
mit der in der Gottesordnung bedungenen Fortpflanzung des Menschengeschlechtes
aussehen? Du siehst also hieraus, daß dem Menschen auch diese Leidenschaft
innewohnen muß, ansonst die Erde nur zu bald menschenleer werden müßte! Daß ein
und der andere Mensch in dieser Leidenschaft nur leider zu oft ausartet, wie es
die tägliche Erfahrung lehrt, ist sicher wahr, und es ist solch eine Ausartung
allzeit wider die Ordnung Gottes, und somit eine Sünde. Aber es ist die
oftmalige Ausartung dieser Leidenschaft wider die göttliche Ordnung dennoch
gleichfort um vieles besser als die allergänzlichste Ausrottung derselben.
[GEJ.02_060,03] Alle Kräfte aber, die dem
Menschen gegeben sind und sich im Anfange als schwer zu zügelnde Leidenschaften
kundgeben, müssen nach oben oder nach unten der höchsten Ausbildung fähig sein,
ansonst der Mensch sowieso gleich einem lauen Wasser bleiben und in die
stinkendste Trägheit versinken würde.
[GEJ.02_060,04] Wir sagen es dir: Nichts kann
dir ein vollwahreres Zeugnis von der göttlichen Bestimmung des Menschen geben
als die größten Laster gegenüber den höchsten Tugenden der Menschen; denn
daraus erst ist ersichtlich, welch endlose Fähigkeiten den Menschen dieser Erde
gegeben sind! Vom allerhöchsten Himmel Gottes, der sogar uns Engeln
unzugänglich ist, bis zur tiefsten Hölle ist des Menschen Bahn; und wäre sie
nicht, nie könnte er die Kindschaft Gottes erreichen!
[GEJ.02_060,05] Wir haben mit Menschen
zahlloser anderer Welten zu tun; aber welch ein Unterschied zwischen hier und
dort! Dort sind den Menschen in geistiger wie auch in naturmäßiger Hinsicht
Schranken gestellt, über die sie höchst schwer einen Schritt tun können. Ihr
Menschen dieser Erde aber habt im Geiste ebensowenig eine Beschränkung als der
Herr Selbst und könnet tun, was ihr nur immer wollt. Ihr könnet euch erheben
bis in die innerste Wohnung Gottes, aber eben darum auch so tief fallen als der
Satan selbst, der einst auch der höchst freieste Geist aus Gott war; und da er
fiel, mußte er auch in die tiefste Tiefe alles Verderbens notwendig fallen, aus
der er kaum je einen Rückgang finden wird, weil dem Laster von Gott aus eine
ebenso endlose Vervollkommnungsfähigkeit gegeben ist wie der Tugend.“
61. Kapitel
[GEJ.02_061,01] (Die zwei Engel:) „Es kommt
demnach auf dieser Erde bei den Menschen alles allein nur auf den freien Willen
an und auf die möglichst zwanglose Belehrung, die schon vom Herrn aus so
gestellt ist, daß sie für den ausübenden Teil jedem Verstande der Menschen
schon auf einmaliges Sagen hinreichend verständlich ist; es kann sich daher
niemand entschuldigen, er habe die Lehre nicht verstanden. Denn das ,Liebe Gott
über alles und deinen Nächsten wie dich selbst!‘ ist so allgemein verständlich
wie nur etwas, das jeder Blinde sogar mit Händen greifen kann! Und befolgt
jemand tatsächlich diese kurze, leicht faßliche, aber dennoch alles in sich
enthaltende Lehre, so wird er dadurch aus seinem Herzen schon ohnehin in alle
erdenkliche Weisheit geleitet werden vom Herrn Selbst aus und kann darauf
wieder zum Lehrer der Nebenmenschen werden. Und so kann denn einer den andern
ziehen so weit, bis ihn der Herr Selbst ergreift und großzieht zu einem wahren
Gotteskinde.
[GEJ.02_061,02] Das aber ist dann die rechte
Verbreitung der heiligen Lehre in der Ordnung der Himmel; alles, was darunter
oder darüber, ist vom Übel und ziehet wenig oder gar keinen Segen bei den
Pflanzen der Himmel Gottes. – Hast du das wohl alles verstanden?“
[GEJ.02_061,03] Sagt Cyrenius: „Ja, ich habe
alles verstanden! Ich sehe nun vollkommen, zu was Großem diese Erde und ihre
Menschen von Gott aus bestimmt sind; nur das einzige Fatale dabei ist, daß
neben den Kindern Gottes auch die Kinder der Hölle gewisserart in ein und
derselben Schule großgezogen werden, und zwar jegliches für seine Sphäre! Aber
ich sehe nun auch wirklich ein, daß es, vom Standpunkte der tiefsten
himmlischen Weisheit aus betrachtet, nicht anders sein kann. Der Herr jedoch
ist weise, gut und allmächtig zur Übergenüge, einst auch der Hölle eine andere
Richtung zu geben! Die Ewigkeit ist ja lang genug dazu, um in ihrer endlosen
Dauer allerlei Modalitäten (Arten von Verhältnissen) zu treffen, unter denen
sich ihre Kinder am Ende samt ihrem Verlocker und Erzieher ergeben werden!“
[GEJ.02_061,04] Sagen die beiden Engel: „Da
geht deine Vermutung wohl schon weit über unsern Weisheitshorizont! Aber du,
als ein Kind des Herrn, stehst deinem Vater offenbar näher, als wir Ihm als
pure Geschöpfe nahestehen, und kannst daher auch ein rein göttliches Bedürfnis
in dem Herzen eher wahrnehmen denn wir; aber soviel wissen wir auch, daß bei
Gott kein Ding unmöglich ist. Weiteres darüber aber vermögen wir dir auch nicht
eine Silbe mehr zu sagen.
[GEJ.02_061,05] Willst du in dieser Sache tiefere
Aufschlüsse haben, so wende dich an den Herrn Selbst; Ihm ist alles
übersonnenklar, was die künftigen Ewigkeiten allerdickst verhüllt enthalten.
Aber wir meinen, daß Er so etwas wohl kaum einem Sterblichen, wegen der feinen
Ohren des Satans, offenbaren wird. Denn der Feind hat tausendmal tausend Ohren,
und man muß in der Rede von ihm auf der größten Hut sein, so man ihn nicht noch
ärger machen will, als er ohnehin schon ist!“
[GEJ.02_061,06] Sagt Cyrenius: „Ich verstehe!
Ich werde darum davon dem Herrn auch nichts vermelden!“
[GEJ.02_061,07] Sage Ich: „Brauchst ja nicht
laut zu reden; denn Ich verstehe es ja auch, was du in deinem Herzen ganz
geheim redest und fragest.“
62. Kapitel
[GEJ.02_062,01] Sagt Cyrenius: „Herr, es geht
bei mir mit dem Denken im Herzen durchaus nicht, weil ich schon von meiner
Jugend an gewöhnt wurde, im Kopfe zu denken; mir scheint es nahe unmöglich, im
Herzen denken zu können! Wie soll man es denn anfangen, um im Herzen denken zu
können?“
[GEJ.02_062,02] Sage Ich: „Das ist ja ganz
leicht und ganz natürlich! Alles, was du dir nur immer denken kannst und magst
nach deinem Gefühle im großen Gehirne, kommt zuvor aus dem Herzen; denn jeder
noch so geringe Gedanke muß ja doch zuvor irgendeine Anregung haben, durch die
er als notwendig hervorgerufen wird. Wenn der Gedanke erst im Herzen
irgendeines Bedürfnisses halber angeregt und erzeugt ward, so steigt er dann
erst auf in das Gehirn des Kopfes zur Beschauung der Seele, auf daß diese
darauf die Glieder des Körpers in die geeignete Bewegung setze, damit der
innere Gedanke sogestaltig zum Worte oder zur Tat werde; aber daß je ein Mensch
pur im Kopfe denken könnte, wäre die platteste Unmöglichkeit! Denn ein Gedanke
ist eine rein geistige Schöpfung und kann darum nirgends entstehen denn allein
im Geiste des Menschen, der im Herzen der Seele wohnt und von da aus den ganzen
Menschen belebt. Wie möglich aber könnte sich je eine Schöpfung aus irgendeiner
noch so subtilen (feinen) Materie entwickeln, da alle Materie, somit auch das
Gehirn des Menschen, nichts als eine purste Materie ist und somit nie Schöpfer,
sondern nur Geschaffenes sein kann?! – Verstehst du nun wohl solches und fühlst
es vielleicht gar schon, daß kein Mensch etwas im Kopfe zu denken vermag?“
[GEJ.02_062,03] Sagt Cyrenius: „Herr, ja ich
fühle das nun ganz lebendig! Aber wie geht das denn zu? Es kommt mir jetzt
wahrlich so vor, daß ich von jeher bloß nur im Herzen gedacht habe! Merkwürdig!
Wie ist denn das? Ja, ich fühle förmliche Worte im Herzen, und das als
ausgesprochene Worte, und es kommt mir nun gar nicht mehr vor, daß es möglich
wäre, im Kopfe einen Gedanken zu fassen!“
[GEJ.02_062,04] Sage Ich: „Das ist die ganz
natürliche Folge deines stets mehr und mehr geweckt werdenden Geistes im
Herzen, der da ist die Liebe zu Mir und durch Mich zu allen Menschen.
[GEJ.02_062,05] Bei Menschen aber, bei denen
solche Liebe noch nicht erwacht ist, bilden sich die Gedanken zwar auch im
Herzen, werden aber im selben, weil es zu materiell ist, nicht wahrgenommen,
sondern erst im Gehirne, wo die Gedanken des Herzens, als schon mehr materiell
wegen des Antriebes zur Handlung, sich bildlich gestalten und sich mit den
Bildern, die von der Außenwelt durch die äußersten Leibessinne sich in die
Gehirntäfelchen eingeprägt haben, amalgamieren (vermischen) und sogestaltig vor
den Augen der Seele selbst materiell und schlecht werden und sodann auch als
notwendiger Grund der schlechten Handlungen der Menschen angesehen werden
müssen.
[GEJ.02_062,06] Darum muß ein jeder Mensch
zuvor im Herzen und daselbst im Geiste wiedergeboren werden, ansonst er ins
Gottesreich nicht eingehen kann!“
[GEJ.02_062,07] Sagt Cyrenius zum
nebenstehenden Petrus: „Verstehst du das wohl von der Wiedergeburt des Geistes
im Herzen, und was und wo so ganz eigentlich das Reich Gottes ist, von dem Er
und die beiden Engel in einem fort reden und solches als Künftiges für unsern
Glauben verheißen?“
[GEJ.02_062,08] Sagt Petrus: „Allerdings
verstehe ich solches, und so ich's nicht verstünde, bliebe ich nicht hier,
sondern würde daheim für mein Haus sorgen. Forsche du, hoher Herr, aber nur in
deinem Eigenherzen, da wirst du in Kürze mehr finden, als was ich dir in
hundert Jahren erörtern könnte!
[GEJ.02_062,09] Siehe uns an, die wir Seine
ersten Jünger und Zeugen waren, ob wir viel mit Ihm äußerlich reden! Und siehe,
dennoch reden wir mehr mit Ihm denn du und viele andere durchs äußere Mundwort;
denn wir reden mit Ihm rein nur im Herzen und fragen Ihn um tausenderlei, und
Er antwortet uns in klaren, wohlausgeprägten Gedanken, und so gewinnen wir
doppelt. Denn eine Antwort des Herrn in des Menschen Herzen ist gewisserart
schon sein Lebensanteil, während das äußere Wort erst durch die fortgesetzte
Tat wegen der Übung der Seele zum Lebensanteil werden muß.
[GEJ.02_062,10] Und so kannst du, hoher Herr,
denn in der bewußten Satanssache ja auch in deinem Herzen fragen, und der Herr
wird dir dann schon die rechte Antwort in dein eigenes Herz so ganz still und
geheim legen, daß sie der vielohrige Satan unmöglich wird zu vernehmen imstande
sein! Und auf die gleiche Weise kannst du den Herrn auch wegen der Wiedergeburt
des Geistes im Herzen und wegen des Reiches Gottes fragen, und es wird dir
alsbald die klarste Antwort zuteil werden!“
[GEJ.02_062,11] Sagt Cyrenius: „Ja, nun ist
es mir klar, warum ihr – was mich schon einige Male sehr gewundert hat – mit
dem Herrn fast nie ein Wort redet! Nun, ich werde es versuchen. Wenn der Herr
euch also geheim gnädig ist, da wird Er es wohl auch mir sein können! Denn daß
ich Ihn über alle Maßen liebe, beweist, daß ich mein großes und schweres
Regierungsgeschäft unterdessen gewisserart an den Nagel hänge und mich bei Ihm
aufhalte und meine Seele stärke mit jeglichem Worte aus Seinem heiligsten
Munde!
[GEJ.02_062,12] Ich glaube auch, daß ich aus
purer Liebe zu Ihm mehr tue und mehr getan habe denn ihr alle; denn ich kannte
Ihn schon als zartes Kind und habe im fremden Heidenlande gesorgt für Ihn, für
Seine Eltern und Brüder! Und während ihr nur eure Fischernetze Ihm geopfert
habt, bin ich, so Er es annehmen möchte, sogleich bereit, alle meine Weltwürden
niederzulegen und Ihm dann als Geringster unter euch allen getreuest zu folgen
und jeden Augenblick mein Leben für Ihn und euch alle in die Schanze zu
schlagen, wie ich es schon ein paar Male getan habe, abgesehen von dem, was
deshalb gar leicht von Rom aus über mich hätte kommen können!
[GEJ.02_062,13] Wenn ich aber solches alles
tue aus purer Liebe zu Ihm, so wird Er mich ja doch wohl auch einer Gnade für
wert halten, die Er euch in so reichem Maße zukommen läßt!?“
[GEJ.02_062,14] Sage Ich: „Hast sie ja schon,
Mein teuerster Freund und Bruder! Was du aber hast, das brauchst du ja nicht
mehr zu suchen und dich nicht mehr zu ereifern, als ob du es noch nicht
hättest! Sei daher nun nur ruhig und versuche es einmal in deinem Herzen, Mich
um was immer zu fragen, und Ich werde dir die Antwort klar, deutlich,
verständig und wohlvernehmlich in dein Mich wahrlich über alles liebendes Herz
legen!“
63. Kapitel
[GEJ.02_063,01] Auf dieses Mein Anraten fragt
Cyrenius in Hinsicht des Satans, was einst aus ihm wird, und ob von dessen
Seite je an eine Umkehr zu denken ist.
[GEJ.02_063,02] Und Ich lege ihm folgende
Antwort in sein Herz: „Was da geschieht, geschieht dessentwegen: Der verloren
ist, wird gesucht, und dem Überkranken wird Arznei geboten, aber dessen Wille
bleibt frei und muß frei bleiben; denn seinen Willen hemmen, hieße die ganze,
nahe endlose materielle Schöpfung und alle ihre Elemente in den härtesten Stein
verwandeln, darin sich kein Leben regen kann. Die ganze materielle Schöpfung
ist der so weit als möglich gerichtete große Geist, und dieser wird getrennt in
zahllose Welten, die aber in ihrer endlosen Zahl dennoch sein komplettes Wesen
bedingen. Aber aus diesem einen Wesen werden zahllose Myriaden der Myriaden
Wesen, wie da sind die meisten Menschen dieser Erde, genommen und werden durch
Gottes Kraft, Macht, Liebe und Weisheit zu ganzen, gottähnlichen Wesen
umgestaltet, und das ist eine sichere Umkehr des einen großen Geistes!
[GEJ.02_063,03] Wenn aber alle Erden und alle
Sonnen in lauter Menschen aufgelöst sein werden, dann wird auch von dem einen
nichts mehr übrig sein als sein pures ,Ich‘, das im völligsten Alleinsein sich
nach Zeiten der Zeiten zur Umkehr anschicken müssen wird, ehe es sich einem
ewigen Verschmachten preisgeben wird. Dann wird keine materielle Sonne und
keine materielle Erde mehr kreisen im endlosen ewigen Raume, sondern all und
überall wird eine überherrliche neue geistige Schöpfung mit seligen freien
Wesen den endlosen ewigen Raum erfüllen, und Ich werde ewig gleichfort aller
Wesen Gott und Vater sein von Ewigkeit zu Ewigkeit, und dieses allerseligsten
Zustandes wird fürder nimmer ein Ende sein; es wird da sein eine Herde, ein
Schafstall und ein Hirte!
[GEJ.02_063,04] Wann aber dieses alles also
wird, nach der Anzahl der Erdjahre, kann nimmer bestimmt werden! Und würde Ich
dir die Zahl auch kundtun, so würdest du sie unmöglich fassen; und sagete Ich
dir auch die Zahl damit, daß tausendmal tausend so viele Zeitläufe von tausend
zu tausend Jahren vergehen werden, als wieviel es da gibt des Sandes im Meere
und auf der ganzen Erde, und wieviel es da gibt des Grases in allen Landen und
auf allen Bergen der Erde, und wieviel es da gibt der Tropfen im Meere, in
allen Seen und Strömen, Flüssen, Bächen und Quellen, so könntest du dies alles
dennoch nicht zählen, um dadurch die endliche Hauptlösezeit zu bestimmen!
[GEJ.02_063,05] Darum gedulde dich mit dem:
Trachte du nur vor allem nach dem Reiche Gottes und nach dessen wahrer
Gerechtigkeit, so wirst du nach deines Leibes Tode von Mir sogleich zum ewigen
Leben erweckt werden, und im Reiche der reinen Geister werden tausend Erdjahre
vergehen wie ein Tag!
[GEJ.02_063,06] Und, Freund, in Meinem
geistigen Reiche voll all der höchsten Seligkeiten wird sich das, was dich hier
unendlich dünkt, ganz seligst leicht und kurz erwarten lassen! Jetzt kannst du
nicht und keiner Meiner Jünger in alle Weisheit der Himmel eingeführt werden –,
dann aber, wenn du nach wenig Jahren getauft wirst mit dem heiligen Geiste aus
Gott! Dieser Geist wird dich und alle andern leiten in alle Weisheit der
Himmel. Dann erst wirst du das alles im hellsten Lichte schauen, was dir nun
noch dunkel und verworren sein muß! – Dies dir nun Geoffenbarte aber behalte
fest bei dir und laß davon niemanden etwas merken; denn das muß noch lange
geheimgehalten werden!“
[GEJ.02_063,07] Als Cyrenius solches in sich
vernommen hatte, stutzte er ganz gewaltig und sagte nach einer Weile besonderen
Nachdenkens: „Es war ohne weiteres Dein Wort, das ich nun wie einen guten Redefluß
in meinem Herzen treu und klar vernommen habe; aber soll die Schlußermahnung
wohl so strenge gehalten sein und werden? Gar vertrauten, redlich und ehrlich
denkenden und glaubenden Menschen dürfte so etwas ja doch – etwa nur so einiges
davon wie teilweise hingeworfen – kundgemacht werden!? Denn so etwas könnte ja
doch keinem Menschen schaden!“
[GEJ.02_063,08] Sage Ich laut: „Ja Freund,
einem Menschen, wenn er es wie du auf innerem Wege erhält, schadet es freilich
nicht, ansonst Ich es dir nicht kundgetan hätte; aber wenn so etwas viele
Menschen von außen her empfingen, so würde es ihnen ganz gewaltig schaden. Wie
und warum, – das haben dir Meine Engel ganz genügend enthüllt, und so lassen
wir diesen Gegenstand ruhen; denn wir haben noch viele andere Sachen von großer
Wichtigkeit zu schlichten, die vorderhand um vieles notwendiger sind als diese
deine Frage, deren volle Antwort erst in der Ewigkeit zur Reife gelangen muß.“
64. Kapitel
[GEJ.02_064,01] Cyrenius gibt sich nun mit diesem
Bescheide zufrieden, dafür aber erhebt sich Kisjonah und bittet Mich, ob er
auch eine Frage über eine von Mir getroffene Anordnung, die nicht wurde,
stellen dürfe.
[GEJ.02_064,02] Sage Ich: „Rede, Freund der
Freunde und Feinde!“
[GEJ.02_064,03] Spricht Kisjonah: „Siehe, als
wir den letzten Rest aus der Grotte in meinen Bergen holten, da ordnetest Du
an, Brot und Wein in rechter Menge mitzunehmen, da wir dort viel Hungrige und
Durstige antreffen würden! Ich ließ darauf gleich Brot und Wein in großem Maße
mitnehmen und wartete hernach bei und in der Grotte, ob da jemand käme, der des
Brotes und Weines bedürfe! Aber siehe, Herr, es fand sich niemand vor, dem man
das Mitgenommene hätte verabfolgen können!
[GEJ.02_064,04] Als wir aber aus der Grotte
gekommen waren und Du diese durch Deine Macht im Archiel hast für ewige Zeiten
verrammen lassen, so waren wir ohne Brot und Wein, und keiner von den Trägern
wußte mir zu sagen, wer ihnen das Brot und den Wein abgenommen hätte. Ich habe
solches in der Grotte, wie auch außer derselben, im wundervollsten Momente
wahrlich nicht bemerkt; aber einen Tag darauf, als Du Kis verließest, sprach
natürlich mein ganzes Haus von nichts als von Dir, und – wie die Menschen schon
sind, besonders bei so wunderbarsten Begebnissen – es wurden da wenigstens noch
einmal soviel Taten erzählt, als Du meines Wissens gewirkt hast! Viele
dergleichen erzählte Taten, die die Erzähler wollen von Dir verrichten gesehen
haben, verwies ich den Erzählern und erklärte sie als Erfindungen ihrer erhitzten
Phantasie, das denn doch am Ende nichts als eine fromme Lüge sei; aber die
Erzählung vom Verschwinden des mitgenommenen Brotes und Weines hatte selbst
mich im Vollernste stutzen gemacht. Denn ich konnte mich wahrlich nicht
entsinnen, was da mit dem mitgenommenen vielen Brot und Wein geschehen war, da
wir davon nichts genossen hatten.“
[GEJ.02_064,05] Sage Ich: „Ich wußte es wohl,
daß dich so etwas Mir nachsenden würde; aber es liegt daran wahrlich nicht gar
so besonders viel, als du es dir vorstellst. Da du jedoch schon gekommen bist,
auch darüber ins klare zu kommen, so muß Ich dir die Sache gleichwohl
aufhellen; und so höre denn:
[GEJ.02_064,06] „Siehe, in den Bergen, so wie
in der Luft, wie auch in der Erde, im Wasser und im Feuer, gibt es gewisse Naturgeister,
die noch nicht den Weg des Fleisches durchgemacht haben, weil sich dazu noch
nicht die Gelegenheit geboten hat, in der sie bei einem menschlichen
Zeugungsakte den Eingang ins Fleisch hätten finden können, um durch den Leib
eines Weibes im Fleische zur Welt geboren zu werden. Massen solcher noch
ungeborener Seelen sind in allen Elementen vorhanden.
[GEJ.02_064,07] Nun, die in den Bergen
waltenden Naturgeister aber haben aus der Luft irgend mehr Konsistenz (größere
Dichtigkeit) angenommen. Diese haben kein besonderes Bedürfnis, ins Fleisch
eingezeugt und darauf im Fleische aus einem Weibe geboren zu werden; ihnen ist
es bei einiger, manchmal ziemlich scharfen Intelligenz lieber, solange als
möglich im freien, ungebundenen Zustande zu verbleiben. Sie haben sogar ein
Rechtsgefühl und fürchten den Geist Gottes, von dem sie manchmal eine ziemlich
helle Kenntnis haben, das heißt nur immer einige aus ihnen, die schon alt
geworden sind; die jungen in diese Gesellschaft aufgenommenen Geister sind
gewöhnlich noch sehr finster und mitunter auch böse und könnten viel Übles
anrichten, wenn sie nicht von den älteren im Zaume gehalten würden. Ihr
Hauptgeschäft ist, allerlei Metalle in den Bergen zu gestalten, zu ordnen und
sie gedeihen zu lassen in den Spalten und Gängen der Berge.
[GEJ.02_064,08] Solche Geister nehmen
zuweilen auch Nahrung aus der Natur, und zwar nur aus dem Reiche der Pflanzen.
Solches tun sie bei starker Arbeit im Reiche der Berge bei der Umgestaltung der
Felsen, bei der Abtreibung großer Bergteile, bei der Ausschöpfung innerer, mit
Wasser zu voll gewordener Höhlen und bei dergleichen Arbeiten mehr, mit denen
diese Geister oft auf das vollgemessenste beteiligt werden, damit sie, als oft
zu mächtig geplagt, die Liebe zu ihren Bergen verlieren sollen und sucheten ins
Fleisch eingezeugt zu werden, weil besonders von nun an kein Geist zur voll
lebendig freien Seligkeit gelangen kann, der nicht den Weg des Fleisches
durchgemacht hat.
[GEJ.02_064,09] Diese Geister, Mein lieber
Kisjonah, und namentlich die, die deine Berge bestellen, hatten in der
Verrammung der schnöden Grotte eine überstarke Arbeit vor sich und mußten dazu
mit Brot und Wein gestärkt werden! Und siehe, diese sind es, die Ich gemeint
habe, da Ich sagte: ,Wir werden der Hungrigen und Durstigen in großer Menge
antreffen, die solcher Stärkung bedürftig sein werden!‘ Sie ist auch ohne
irgendein Überbleibsel verzehrt und darauf auf das Geheiß Meines Engels auch
die überschwere Arbeit auf das vollendetste verrichtet worden. Darin besteht
nun die voll erhellte Antwort auf deine Frage. – Hast du sie wohl verstanden?“
65. Kapitel
[GEJ.02_065,01] Sagt Kisjonah: „Ja, Herr, ich
habe sie ganz verstanden, und das um so mehr, weil mir von meinen Bergleuten,
die in meinen Bergschächten allerlei Erz graben, solche Dinge schon gar oft
erzählt worden sind, wie ihnen manchmal Brot und Wein weggekommen sei und sie
nicht wußten, wer unter ihnen sich etwa solch einen Diebesscherz mochte gemacht
haben! Wenn die hungrigen Bergleute dann recht ärgerlich wurden, so vernahmen
sie nicht selten ein schallendes Gelächter, und einige von ihnen wollen auch
kinderkleine Menschengestalten vor ihnen herhüpfen gesehen haben, und zwar der
Farbe nach blaue, rote, grüne, gelbe und auch ganz schwarze.
[GEJ.02_065,02] Also erzählte mir auch erst
unlängst mein ältester Bergmann, daß ihm ein blaues Männchen geraten haben
soll, künftighin Brot und Wein bei sich in einer umgehängten Ledertasche zu
tragen, so würden sich die hungrigen Berggesellen desselben nicht bemächtigen
können. Und also solle auch niemand in den Schächten der Berge zu laut reden,
durchaus nicht pfeifen oder gar fluchen; denn alles das möchten die
Berggesellen nicht vertragen und täten darum allen jenen, die solches Gebot
nicht halten möchten, Übles! Auch solle niemand lachen in der Berge Tiefe; denn
das Lachen könnten die Gesellen auch nicht vertragen. So meine Bergleute
manchmal Brot und Wein den Berggesellen überlassen wollten, so würden ihnen
dafür die Berggesellen in reicher Auffindung edler Metalle behilflich sein.
[GEJ.02_065,03] Ich hielt solche Sagen
gewöhnlich für Fabeln, da ich selbst nie etwas Ähnliches erfahren konnte,
obschon ich recht oft die Schächte meiner Berge betreten habe; aber jetzt, nach
dieser Deiner gütigen Erklärung, ist mir alles auf ein Haar klar! Nur dies
einzige kann ich wenigstens für den Augenblick noch nicht fassen: wie denn die
Berggesellen, die doch eigentlich Geister sind, eine naturmäßige Kost verzehren
können! Wie essen und trinken denn diese etwas unheimlichen Wesen?“
[GEJ.02_065,04] Sage Ich: „Ungefähr auf diese
Weise, wie das Feuer die Dinge verzehrt, die es ergreift! Gib in selbes einen
Tropfen Wein oder vom Brote ein Bröckchen, und du wirst beides schnell
verschwinden sehen! Und siehe, auf diese Weise ungefähr verzehren die Geister
oder Berggesellen die naturmäßige Kost. Sie lösen das Materielle schnell auf
und verkehren das in der Materie vorhandene Geistig- Substantielle in ihr
seelisches Wesen, es aufnehmend in ihr Selbstiges, – und das in einem
Augenblick! – Nun weißt du auch das und brauchst dich darüber um nichts
weiteres mehr zu bekümmern.“
[GEJ.02_065,05] Sagt Kisjonah: „Herr, ich
danke Dir für diese Mitteilung; denn sie erheitert nun mein ganzes Gemüt, und
ich erkenne nun noch klarer, daß da alles nichts als pur Leben ist, was mich
von allen Seiten umgibt.“
[GEJ.02_065,06] Sage Ich: „Ganz gut, Mein
geliebtester Freund! Aber nur um das bitte Ich dich, daß du wie jeder, der
davon nun Kenntnis erhielt, die Sache bei sich behalten möchte, denn so etwas
ist nicht für jedermann heilsam, wenn er es wüßte; denn all die ägyptischen und
persischen Zauberer stehen nicht selten im Verbande mit den Geistern und
Kobolden und führen mit ihrer Hilfe allerlei Zaubereien aus. Aber alle solche
Zauberei ist ein Greuel vor Gott, und der sie übt, fürwahr, der wird schwerlich
je ins Reich Gottes kommen! Denn solche Zauberer versperren obbenannten
Geistern den Eintritt ins Fleisch; und wenn sie sterben, werden sie zu
Gefangenen solch unreifer Seelen und sind überaus schwer davon zu befreien,
weil sie gleichfort Naturmäßiges von den unreifen, nackten Naturseelen in sich
aufnehmen. Ich sage es euch: Verflucht sei ein Zauberer! Denn noch nie ist
erlebt worden, daß ein wahrer Zauberer mit seiner Zauberei irgendeinen nur halb
guten Zweck verbunden hätte! Überall sieht bergedick die bellendste Hab- und
Gewinnsucht, daneben aber auch die frechste Herrschgier heraus, und solche
Geister sollen in der tiefsten Hölle ihren demütigenden Lohn erhalten!“
[GEJ.02_065,07] Sagt einmal Faustus: „Herr,
Herr, da wird es mit den vielen Zauberern und Wahrsagern im weiten römischen
Reiche schlecht aussehen! Denn diese Art Menschen stehen eben in Rom in einem
götterähnlichen Ansehen und vermögen mit einem Worte den Willen des Kaisers
sowie jedes noch so großen und tapferen Helden zu erlahmen, – im Gegenteile
freilich auch wieder so zu beleben, daß vor seinem Mute die Berge erbeben
müssen!“
[GEJ.02_065,08] Sage Ich: „Ja, Freund, diesen
halbgöttisch tuenden Menschen wird es dereinst wohl nicht am besten ergehen;
denn sie wissen es, daß sie die in ihre Kunst nicht Eingeweihten auf das
schmählichste betrügen und sie durch solche Betrügereien nicht selten zu
allerlei Greuel verleiten. Darum aber kann es solchen Wichten auch nimmer gut
ergehen; denn das sind die wahren Nichtsverkäufer um vieles Geld und die echten
Erzeuger von zahllosen Greueln und Sünden zum Verderben der Menschen!“
[GEJ.02_065,09] Sagen mehrere: „Aber wenn sie
sich besserten, könnten sie auch dann nicht selig werden?“
[GEJ.02_065,10] Sage Ich: „Ja, ja, wenn sie
sich besserten, dann könnten auch sie selig werden; aber das ist eben das
Traurige, daß eben derart Menschen am wenigsten zur Besserung geeignet sind!
Mörder, Räuber, Diebe, Hurer und Ehebrecher möget ihr bekehren, und ein Kaiser,
ein König kann leicht seine Krone niederlegen; aber ein Zauberer trennt sich
nicht von seinem Zauberstabe! Denn seine unsichtbaren Gesellen lassen solches
nicht zu und sind allzeit seine Meister, wenn er sich von ihnen trennen wollte.
[GEJ.02_065,11] Darum sage Ich noch einmal:
Verflucht sei die böse Zauberei; denn durch sie kamen alle Sünden in die arge
Welt!
[GEJ.02_065,12] Wer Wunder wirken will, der
muß dazu die innere Kraft von Gott aus haben; und dann wirke er nur dort ein
Wunder, wo es die äußerste Notwendigkeit erheischt!
[GEJ.02_065,13] Wer aber falsche Wunder wirkt
und durch allerlei Sprüche und Zeichen einen Wahrsager macht, der braucht nicht
mehr verdammt zu werden, denn er ist schon vollauf verdammt durch seinen
eigenen Willen. Darum hütet euch alle vor der argen Zauberei, sowie vor der
Wahrsagerei; denn solches alles ist vom größten Übel für den Geist des
Menschen!“
[GEJ.02_065,14] Nach diesen Worten waren
alle, die sie vernommen hatten, nahe durch und durch erschreckt und fragten, ob
man denn auch nicht auf die aus uralten Erfahrungen verläßlichen
Witterungsvorzeichen halten solle.
[GEJ.02_065,15] Sage Ich: „O ja, dann, wenn
sie auf einer rein wissenschaftlichen berechenbaren Basis ruhen; ist aber das
nicht der Fall, so ist auch solches eine Sünde, weil der Mensch dabei einen
zweiten Glauben, der den reinen Glauben an die alleinige göttliche Vorsehung
schwächt, annimmt und am Ende mehr an die Zeichen als an den allein wahren,
allmächtigen Gott glaubt.
[GEJ.02_065,16] Wer beim reinen Glauben
bleibt, der darf bitten, und es wird ihm gegeben werden, um was er gebeten hat,
und möchten auch die durch Erfahrung erwahrten (bestätigten) bösesten Zeichen
der Erde und der Luft das schroffste Gegenteil anzeigen; wer sich aber auf die
Zeichen verläßt, dem solle auch nach den Zeichen werden. Die Pharisäer halten
auf die Zeichen und lassen sich ums teure Geld von den Menschen befragen darum;
sie werden aber dereinst auch desto mehr Verdammnis überkommen!
[GEJ.02_065,17] Hat denn nicht Gott alles, was
da den Menschen zum Zeichen dient, erschaffen? Wenn aber das alles Gott
erschaffen hat, so wird Er wohl bleibend Herr darüber sein und wird alles
leiten und lenken! So aber Gott allein der Herr und der Lenker aller
geschaffenen Dinge und Erscheinungen ist, wie sollen dann diese ohne Ihn etwas
anzuzeigen haben? Können sie aber solches unmöglich je, so bitte der Mensch
Gott, der allein alles vermag, ob nun die Zeichen so oder so stehen! Ist das
nicht tröstlicher denn tausend der allerverläßlichsten Zeichendeutereien?“
[GEJ.02_065,18] Sagen alle Anwesenden an
Meinem Tische: „Herr, das ist gewiß und wahr! Wolltest Du doch auch machen, daß
die ganze Welt also dächte und täte, dann sähe es in der Welt anders aus, als
es nun aussieht! Wir hier um Dich Versammelten aber haben es nun freilich
leicht, da wir Dich als den Grund alles Seins und Erscheinens bei der Hand
haben; aber nicht also wie uns geht es gar vielen hunderttausendmal Tausenden,
die das unschätzbar große Glück nicht haben, in Deiner allerheiligsten Gesellschaft
zu sein und aus Deinem Munde zu vernehmen die Worte des Lebens! Diese sehnen
sich sicher auch gleich uns nach Dem, von dem die ganze Schöpfung ein nur zu
lautes Zeugnis gibt; aber ihre Blicke zu den Sternen entdecken Dich nimmer, und
ihre große Sehnsucht wird nicht befriedigt. Was Wunder, daß bei solchen
Menschen dann die wundertätigen Zauberer und Zeichen und deren Deuter nur zu
leicht Anklang finden, weil sie den nach göttlichen Dingen sehnsüchtigen
Menschen etwas bieten, das, wenn auch falsch, aber dennoch immerhin einen
gottähnlichen Anstrich hat!?“
66. Kapitel
[GEJ.02_066,01] Von hier an fängt Cyrenius
wieder allein zu reden an und sagt mit ziemlich ernster Miene: „Herr, es ist
vollkommen wahr, daß Du ganz sicher Der bist, als den wir Dich schon seit lange
her erkannt haben, und niemand aus uns kann das in Abrede stellen; aber ich muß
Dir dennoch nun ganz offen gestehen, daß ich bei Deiner gegenwärtigen Erklärung
über die Zauberer, Zeichendeuter und Wahrsager von Deiner mir sonst nur zu gut
bekannten Barmherzigkeit und Liebe nahe gar nichts verspürt habe! Bei solchen
Umständen und Verhältnissen ist es dann denn doch allein von Dir abhängig, –
denn Du Selbst versetzest dem Menschen gewaltige Hiebe, die sehr schmerzen;
aber wehe dem geschlagenen Menschen dann, wenn er bei den mächtigen Hieben
wehezuschreien anfängt! Ob das aber auch recht ist, weiß ich kaum!
[GEJ.02_066,02] Sieh, die Menschen der Erde
sind sicher zuallermeist blind und dumm, und dadurch auch böse. Aber ich frage,
worin da die Schuld liegt, und woher das Übel veranlaßt wird! Und so, wie ich
nun, fragen viele Hunderttausende der sicher durchaus nicht unreifen Römer!
[GEJ.02_066,03] Es ist durchaus nicht
anzunehmen, daß der Mensch uranfänglich schlecht aus Deiner Hand hervorging, sowenig
als ein Kind je einmal schon als ein Teufel zur Welt geboren wird; wenn aber
der erste Mensch gut war, wie ist hernach der zweite oder der dritte schlecht
geworden? War es Dein Wille also, oder der dessen, der ihn nachderhand gezeuget
hat? Es muß also das alles, wie es da ist, doch nach Deinem Willen gekommen
sein! Wenn das alles aber Dein Wille also gewollt hatte, warum dann die
schwerste Verdammnis über dergleichen Menschen, die im Grunde die arme
Menschheit nur vor der sicheren Verzweiflung gerettet haben, weil Du auf ihr
Rufen Dich ihnen nicht hattest zeigen wollen?! Ich bitte Dich, darum wohl
gerecht, aber nicht hart zu sein; denn das Geschöpf hat gegen seinen Schöpfer
keine Waffe, – es kann nur bitten, dulden, leiden und verzweifeln!“
[GEJ.02_066,04] Sage Ich: „Aber Freund
Cyrenius! Hast du denn schon alles wieder vergessen, was du sowohl von Mir als
auch von den beiden Engeln vernommen hast? Sagte Ich denn, daß Ich Selbst
solche Leute richten oder verdammen werde? Hast du doch vor wenigen Tagen noch
die Pharisäer gleich züchtigen lassen wollen, weil sie Mich steinigen wollten,
und Ich ließ es dich nicht! Und nun scheint es, daß du nahe ihre schlechte
Partei nehmen möchtest! Oder verstehst du's etwa besser, den Menschen so zu
stellen, daß er in solcher Stellung ein Kind Gottes werden muß, wenn er es
will? Sieh, wie schwach du noch bist!
[GEJ.02_066,05] Bist du denn in der
allerallgemeinsten Geschichte aller Menschen wohl so meisterlich bewandert, daß
du auf deren Grund Mir vorhalten kannst, daß Ich Mich um die Rufenden und
Suchenden erst jetzt bekümmere und früher nie?
[GEJ.02_066,06] Haben nicht die ersten
Menschen steten Umgang mit Mir gehabt? Wer war seit Noah bis Moses der
Hohepriester zu Salem, der Melchisedek hieß, und auch zugleich als ein rechter
König der Könige zu Salem wohnte? Wer war hernach der Geist in der Arche des
Bundes? Und da der Geist aus der Arche in Mich trat, – Frage: Wer bin nun Ich?
[GEJ.02_066,07] Die Rufenden wollten Mich
freilich von den Sternen herab haben, weil Ich ihnen, als Ich unter ihnen war,
zu gemein und zu wenig göttlich war, da Ich nicht also glänzen wollte wie die
Sterne!“
[GEJ.02_066,08] Siehe, was dich also nun
bewegt hat, war grundfalsch, und der Satan, der es ein wenig gemerkt hatte, daß
du sein Geheimnis in dir trägst, hat dir nur ein wenig auf den Zahn gefühlt,
und schon wolltest du mit Mir zu hadern anfangen! So bedenke doch, ob du ein
Recht in deiner Rede haben kannst!?
[GEJ.02_066,09] Kann Ich je hart oder
ungerecht sein gegen jemanden? Oder bin Ich ungerecht, so Ich dir fürs falsche,
gemachte Gold das echte, allerreinste biete? Oder soll Ich euch denn bei dem
alten, bösen und auch nutzlosen Aberglauben lassen? Hätte Ich als der Herr
nicht mehr Recht gehabt, die bösen, widerspenstigen Pharisäer zu verderben,
denn du?! Habe Ich sie aber gerichtet? Ja, sie wären auch ihrem eigenen inneren
Richter als Beute verfallen, wenn Ich sie nicht wunderbar gerettet hätte!
[GEJ.02_066,10] Sieh, sieh, wie kurzsichtig
du noch bist! Ich meine, Freund, das alles, was du schon gehört und gesehen
hast, hätte dich denn doch schon ein wenig weitsichtiger machen sollen!“
[GEJ.02_066,11] Cyrenius bittet Mich um
Vergebung, sowie auch alle andern, und sie sehen ihre falsche Meinung ein; Ich
aber vertröste sie alle und sage: „Oh, ihr werdet noch öfter in noch stärkere
Proben kommen; aber dann vergesset dieses Begebnis und diese Meine nun an euch
erflossene Lehre nicht, sonst könntet ihr trotz dem, daß ihr alle Mich gesehen
und gesprochen habt, in noch größere Versuchungen geraten und von Mir ebensogut
abfallen und wieder in alle Welt, in ihre Lügen und Betrügereien übergehen und
denen ganz gleich werden, von denen ihr meinet, daß sie Mich gesucht und
gerufen haben und Ich ihnen dann, um sie desto leichter verdammen zu können, an
Meiner Statt Zauberer und Zeichendeuter gegeben habe!“ – Alle bitten noch
einmal um Vergebung, – und Ich segne sie alle.
67. Kapitel
[GEJ.02_067,01] Gleich darauf aber kommen aus
der Stadt eine Menge Bürger und geben kund, daß ein Mensch tobend geworden sei.
[GEJ.02_067,02] Ich aber frage sie, was Ich
mit dem Tobenden machen solle.
[GEJ.02_067,03] Und die Bürger sprechen: „Wir
wissen, daß du ein Wunderarzt bist, da uns heute die Pharisäer das verkündet
haben und erzählten, wie du bloß durch den Willen das Haus des alten Josa
völlig gesund gemacht hast, und daß du mehr seist als allein der uns allen
wohlbekannte Zimmermann Jesus! Und so bitten wir dich als unsern wohlbekannten
Landsmann, daß du diesen tobenden Menschen wieder gesund machen wollest!“
[GEJ.02_067,04] Frage Ich: „Wie ist er denn
zu dieser Tobsucht gekommen?“
[GEJ.02_067,05] Sagen die Bürger: „Ja, lieber
Meister, das hat er von einem tollen Hunde, der ihn gebissen hatte, geerbt, und
das ist ein schrecklich gefährliches Übel, das bis jetzt noch nie von einem
Arzt hat geheilt werden können! Wenn er stirbt, muß das ganze Haus mit ihm
verbrannt werden; denn wer ihn nur anrührete, würde kurz darauf auch von
solcher schrecklichen Tobsucht befallen werden! Darum haben wir ihn in seinem
Hause wohl verwahrt, damit er nicht ins Freie kann, allwo er einen großen
Schaden anrichten würde. Lieber Meister, befreie uns doch von dieser Plage!“
[GEJ.02_067,06] Sage Ich: „So gehet und
bringet ihn heraus, auf daß er gesund werde, und alle, die er schon angesteckt
hat, als sie ihn einfingen und ins Haus sperrten!“
[GEJ.02_067,07] Sagen die Bürger: „O Meister,
wer wird den herausführen? Wer ihn anrührt, ist ja so gut als schon des
schrecklichen Todes!“
[GEJ.02_067,08] Sage Ich: „So ihr nicht
glaubet und kein Vertrauen habt, da kann Ich weder ihm noch euch helfen!“
[GEJ.02_067,09] Sagen die Bürger: „Meister,
konntest du doch dem Hause Josa helfen, das von einem nahezu ähnlichen Übel
behaftet war, und die Kranken wurden nicht zu dir geführt, also könntest du ja
auch diesem Tobenden helfen, ohne daß es nötig wäre, ihn zu dir
herauszubringen!?“
[GEJ.02_067,10] Sage Ich: „Josa glaubte, ihr
aber glaubet nicht und seid vielmehr gekommen, Mich aus eurem Halbglauben
heraus zu prüfen, was Ich mit dem unheilbar Tobenden tun würde. Darum sage Ich
euch noch einmal: Bringet ihn heraus, so soll ihm und euch geholfen werden!
Denn ihr habt schon alle, wie ihr da seid, dasselbe in euch, das in kurzer Zeit
ausbrechen kann; so ihr aber glaubet und ihn herausbringet, so soll eben
dadurch das Satansgift in euch vertilgt werden!“
[GEJ.02_067,11] Auf diese Meine Worte begeben
sie sich von dannen und bringen in kurzer Zeit gebunden den Tobenden heraus,
der ganz schrecklich wild aussah und also geifernd brüllte wie ein hungriger
Löwe. Als Meine vielen Gäste dieses Tobenden ansichtig wurden, überfiel sie
eine große Angst, und die Weiber flüchteten sich samt und sämtlich ins Haus;
denn sie hatten nicht Mut, dieses schrecklich verzerrte und gräßlich brüllende
Bild anzusehen. Selbst Meine Mutter verbarg sich ins Haus, und Meine Jünger
erweiterten ebenfalls ihren Weilkreis, Judas verbarg sich hinter einem Baume;
nur Cyrenius, Faustus, Kornelius, Kisjonah und Borus blieben fest bei mir.
[GEJ.02_067,12] Da sprach Ich zu den Bürgern:
„Löset ihn los und lasset ihn frei!“
[GEJ.02_067,13] Da entsetzte sich alles und
schrie: „Herr, da sind wir verloren!“ – Und die Bürger getrauten sich solches
auch nicht zu tun, weil das andere Volk samt den Jüngern zu viel schrie!
[GEJ.02_067,14] Da sagte Ich zum Borus: „Gehe
hin und löse du ihn los; denn er ist schon geheilt und kann niemandem mehr
schaden!“
[GEJ.02_067,15] Da ging Borus ganz beherzt
auf den noch Tobenden zu und sprach: „Der Herr Jesus sei mit dir, und du sei
geheilt in Seinem Namen!“
[GEJ.02_067,16] In dem Augenblick ward der
Tobende ruhig; seine schon nahe ganz mohrenschwarze Gesichtsfarbe ward wieder
wie früher natürlich, und er bat den Borus mit dankbarer Miene, daß er ihm die
harten Bande abnähme; und Borus löste ihm sogleich die Bande, die ganz rein und
unbegeifert waren. Und der Genesene ging zu Mir hin und dankte Mir
allerinbrünstigst für diese ihm erwiesene, nie erhörte Wohltat, bat Mich aber
auch, daß er künftighin vor solch einem Übel möchte verschont bleiben.
[GEJ.02_067,17] Und Ich sagte zu ihm: „Du und
alle, die durch dich unfehlbar in dein Übel verfallen wären, ihr seid nun
vollkommen geheilt; aber seid in Zukunft Menschenfreunde und keine Hundefreunde
mehr! Wozu müsset ihr Hunde halten im Übermaß? Hunde sollen diejenigen halten,
die ihrer nötig haben bei Jagden der wilden, reißenden Tiere, und die
Schafhirten großer Herden als Schutz gegen die Wölfe, Bären und Hyänen; außer
diesen bedarf niemand eines Hundes. Wer aber schon einen hält, der halte ihn an
einer Kette wohl angehängt, auf daß sich die Armen nicht der bösen Hunde wegen
fürchten, in eure Häuser zu treten und euch um ein Almosen zu bitten. Wer aus
euch künftighin solchen Rat nicht befolgen wird, der soll von seinen Hunden
denselben Lohn erhalten, der dir zuteil ward.
[GEJ.02_067,18] Nehmet lieber Kinder armer
Eltern in eure reichen Häuser denn nutzlose und leicht große Gefahr bringende
Hunde, so werdet ihr nie von der bösesten Tobsucht, die vom Gifte des Satans,
den die Hunde in sich tragen, herstammt, befallen werden!“
[GEJ.02_067,19] Nach diesen Worten
versprechen Mir alle, daß sie an diesem Tage noch ihre Hunde vertilgen und
fürder nimmer derlei Tiere halten werden. Es fragen Mich aber dennoch einige
Schwachgläubige, ob sie nun wohl vollkommen von diesem Übel befreit seien und
solches sie wohl nimmer befallen werde.
[GEJ.02_067,20] Sage Ich: „O ihr
Kleingläubigen! Sehet ihr denn nicht, daß der, den ihr gebracht habt,
vollkommen genesen ist? Wenn aber ihm geholfen ward, so wird wohl auch euch
geholfen sein, die ihr noch lange nicht von solcher Toberei befallen worden
waret! Wenn Ich Tote aus dem Grabe rufen kann, so werden wohl solche Übel nicht
größer sein als der wirkliche Tod selbst! Die Zeit aber soll euch den Beweis
liefern, daß ihr alle völlig wieder geheilt seid! Nun aber möget ihr wieder
ganz ruhig nach Hause ziehen. Gehet aber nun auch zu den Ältesten und
Pharisäern hin, zeiget euch, daß ihr völlig geheilt seid, und gebet dann auf
dem Altar euer Opfer, das Moses anbefohlen hat den Aussätzigen, wann sie rein
geworden sind!“
[GEJ.02_067,21] Nach diesen Worten danken Mir
alle auf das inbrünstigste und fragen Mich, was sie denn Mir für diese
übergroße Wohltat entgegentun sollen.
[GEJ.02_067,22] Und Ich sage: „Das glauben
und tun, was euch die Pharisäer und Schriftgelehrten lehren werden!“
[GEJ.02_067,23] Nach diesen Worten treten sie
ihren Rückweg ganz getrost an, begeben sich gleich in die Synagoge und erzählen
den Pharisäern alles, was sich hier zugetragen hat, und geben dafür eine reiche
Opfergabe.
[GEJ.02_067,24] Die Pharisäer aber, die
vorher von diesem Tobenden noch nichts vernommen hatten, fangen an, sich
überaus zu verwundern und sagen: „Wahrlich, das ist eine Heilung, die nur Gott
allein möglich sein kann! Solches ist in ganz Israel noch nie erhört worden!
Wahrlich, dieser Mensch tut Dinge, die noch nie einer der allergrößten
Propheten getan hat! Es gibt keine Krankheit, die er nicht zu heilen imstande
wäre, und keinen Toten im Grabe, den er nicht wieder ins Leben zurückzurufen
vermöchte! Ist das doch ein Mensch, wie die Erde noch nie einen ähnlichen
getragen hat! Gehet nun nach Hause und kommet morgen wieder, und wir wollen
dann mehreres über ihn mit euch verhandeln!“
68. Kapitel
[GEJ.02_068,01] Die Bürger begeben sich nun
nach Hause und geben in dem Geheilten dessen Kindern den Vater und dessen über
die Maßen traurigem Weibe den ganz gesunden Mann wieder, das anfangs ihren
Sinnen kaum traut, aber darauf bald in einen Strom von Dankes- und
Freudentränen ausbricht und mit den Kindern, deren sie zehn hatte, sogleich
hinaus zu Mir eilt und samt den Kindern Mir auf den Knien für solch eine ihr
und ihren Kindern erwiesene nie erhörte Wohltat dankt. Sie bittet Mich aber
auch zugleich, Meinem Hause mit allem möglichen, was nur immer in ihren Kräften
stünde, dienen zu dürfen, wie auch jedem andern, den Ich ihr nur immer
anempfehlen möchte!
[GEJ.02_068,02] Sage Ich: „Alles, was du den
Armen um Meines Namens willen tun wirst, wird also angesehen werden, als ob du
es Mir tätest! Mein Haus aber ist nun versorgt zur Genüge für die kurze Zeit,
die Ich noch hier zubringen werde; wenn Ich aber wiederkommen werde, dann wirst
du es schon erfahren.“
[GEJ.02_068,03] Das Weib weint vor Freude und
Dankbarkeit und sagt: „Herr, du wahrhaftigster Meister, aus den Himmeln uns
gegeben! Ich habe ein großes Vermögen; die Hälfte will ich sogleich den
wirklich Armen zukommen lassen, und die andere Hälfte will ich für sie
verwalten, auf daß sie bei mir immer etwas finden sollen. Denn ich meine, daß
solches gut sei, da mir bekannt ist, daß die Armen mit einem größeren Vermögen
nicht haushälterisch umgehen können, gewöhnlich auf einmal zuviel ausgeben und
zur Zeit der Not dann wieder nichts haben!“
[GEJ.02_068,04] Sage Ich: „Tue das, liebes
Weib! Also sollten es alle Reichen tun, dann würden die Armen nie Not zu leiden
haben; denn die Not ist ein übles Ding und verleitet den Menschen oft zu
größeren Lastern als der Reichtum. Der Reiche bleibt wenigstens in seiner Ehre
öffentlich vor der Welt und gibt selten so viel Ärgernis der Welt wie ein
Armer, den die Not nur zu leicht für die schlechtesten Taten fähig macht; aber
der unbarmherzige Reiche, der die Armen zur Ausführung seiner Laster benützt,
ist dennoch bei aller seiner Weltehre um tausend Male schlechter denn der
lasterhafte Arme. Denn der Arme wird lasterhaft durch die Not, und der Reiche
ist des Lasters Schöpfer in seinem unverzehrbaren Überflusse.
[GEJ.02_068,05] Aber wie du, Mein liebes
Weib, nun deinen Reichtum verwenden willst und auch wirst, da ist der Reichtum
ein Segen aus den Himmeln und wird zeitlich und ewig dessen Verwaltern den
größten Gewinn abwerfen! Darum, wer da recht tugendhaft sein will, der sei
allzeit sparsam und haushälterisch, auf daß er zur Zeit der Not fähig sei, den
Armen und Schwachen unter die Arme zu greifen.
[GEJ.02_068,06] Ich sage es euch allen: Eure
Liebe zu euren Kindern brenne wie ein Licht; aber die Liebe zu den fremden
Kindern armer Eltern sei ein großer Feuerbrand! Denn niemand in der Welt ist
ärmer denn ein armes verlassenes Kind, ob ein Knabe oder ein Mägdlein, das ist
einerlei. Wer ein solch armes Kind aufnimmt in Meinem Namen und versorget es
leiblich und geistig also wie sein eigenes Blut, der nimmt Mich auf, und wer
Mich aufnimmt, der nimmt auch Den auf, der Mich in diese Welt gesandt hat und
vollkommen Eines ist mit Mir!
[GEJ.02_068,07] Wollt ihr Segen von Gott in
euren Häusern ziehen und ihn wie ein wohlbestelltes Feld zur reichen Ernte
erheben, so leget in euren Häusern Pflanzschulen für arme Kinder an, und ihr
sollet mit allem Segen überschüttet werden also, wie ein hoch angeschwollener
Strom die niederen Ebenen, die er überschwemmt, mit Sand und Steingerölle
überschüttet; aber so ihr arme, hungrige Kindlein von euch weiset und sie
obendrein noch angrollet, als wenn sie euch schon einen Schaden zugefügt
hätten, der kaum ersetzlich wäre, da wird der Segen von euren Häusern also
weichen wie der sterbende Tag vor der ihn raschen Schrittes verfolgenden Nacht.
Wehe dann solchen Häusern, die von solcher Nacht ereilt worden sind! Wahrlich,
darin wird es nimmer wieder zu tagen beginnen! Und nun gehe du, Mein liebes
Weib, nach Hause und tue, was du dir vorgenommen hast, und gedenke vorzüglich
der armen Witwen und Waisen!“
[GEJ.02_068,08] Nach dieser Lehre erhebt sich
das Weib mit seinen Kindern, dankt Mir noch einmal samt seinen Kindern und ruft
endlich laut aus: „O Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, wie groß, gut und heilig
bist Du und wie endlos mächtig und weise, der Du uns armen Sündern einen
Menschen aus Deinem Herzen gegeben hast, der wohl imstande ist, zu heilen alle
unsere Gebrechen, leiblich und geistig! Dir, heiliger Vater, sei allein alles
Lob, alle Liebe, alle Ehre und aller Preis ewig! O Du lieber Vater Du, wie gut
doch bist Du denen, die auf Dich allein vertrauen! Du züchtigest wohl scharf
alle, die Deine Gebote nicht achten; aber wenn Dich dann der reumütige Sünder
wieder rufet: ,Lieber heiliger Vater, vergib mir Schwachem!‘, o dann erhört ihn
der heilige gute Vater gleich wieder und hilft ihm mit Seinem allmächtigen Arm
aus jeglicher Not!
[GEJ.02_068,09] O Menschen, nehmt euch alle
an mir ein Beispiel! Auch ich war eine Sünderin, und Gott hat mich gewaltig
unter Seine allzeit heilige Zuchtrute getan; aber ich wankte in meinem
Vertrauen nicht, bereuete meine Sünden und betete inbrünstig zum Vater im
Himmel; und seht, Er, Er allein hat mein Flehen erhört und half mir wunderbarst
aus der größten und schrecklichsten Not!
[GEJ.02_068,10] Darum vertrauet und bauet
alle allein auf Ihn! Denn wo kein Mensch mehr helfen kann, da kommt Er und
hilft dem Bedrängten! Darum lobe Ihn alles unaufhörlich! Denn Er allein nur
kann jedermann wahrhaft helfen! Dir, du lieber Gesandter aus den Himmeln, aber
danke ich auch noch einmal; denn du selbst mußt ein heiliges Werkzeug in der
Hand des allmächtigen Gottes sein!“
[GEJ.02_068,11] Diese Exklamation, die Mich,
dem Weibe unbewußt, allein anging, kostete Mich etliche Tränen der innigsten
Rührung, daß Ich Mich von ihr abwenden mußte.
[GEJ.02_068,12] Es bemerkte aber solches der
Cyrenius und sprach: „Herr, was ist Dir, daß Du weinest?“
[GEJ.02_068,13] Und Ich antwortete: „Freund,
solcher Kindlein wie dieses gibt es wohl wenige auf der Erde! Sollte Ich als
der Vater, den es so herzlich lobte, denn nicht auch vor Freude zu Tränen
gerührt werden können? Oh, Ich sage es dir: Mehr als jeder andere Vater! Siehe,
das ist eine, die da ist, wie jede sein sollte, und Ich habe eine
unbeschreibliche Freude an ihr! Aber sie soll es auch gewahr werden, was das
ist, wenn Ich über sie vor großer Freude geweint habe!“
[GEJ.02_068,14] Nach diesen Worten trocknete
Ich Mir die Tränen an Meinen Augen und sagte zum noch ganz durch und durch für
Gott allein liebeglühenden Weibe und deren Kindern: „Du Mein liebes Weib! Weil
deine Liebe und dein Glaube zu Gott so mächtig ist, wie dergleichen noch selten
vorkam, so kann Ich dich so, wie du nun bist, denn doch nicht entlassen. Sende
den ältesten Sohn nach deinem Manne, daß er herauskommen solle; denn Ich habe
mit ihm noch so manches sehr Wichtige zu besprechen!“
[GEJ.02_068,15] Nach diesen Worten läuft der
Knabe sogleich in die Stadt und kommt in kurzer Zeit mit dem geheilten Vater
wieder.
[GEJ.02_068,16] Als die beiden ankamen, sagte
Ich zu ihm: „Freund, auf daß du nicht nur dem Leibe nach, sondern vorzugsweise
auch der Seele nach, die ewig leben wird, völlig gesund werdest und wissen sollst,
wie du daran bist mit all dem, was sich hier alles ereignet hat, so habe Ich
dich nun herausrufen lassen. Fürs erste wirst du diesen Abend hindurch Mein
Gast sein samt deinem lieben Weibe und deinen Kindern, und fürs zweite wirst du
hier so manches sehen und hören und daraus leicht entnehmen, wer Der ist, der
dich geheilt hat. Nachdem du und dein Weib dessen innesein werdet, wird es euch
noch ums tausendfache leichter ums Gemüt werden, und du wirst es einsehen, daß
du wahrhaft vollkommen geheilt bist.
[GEJ.02_068,17] Bevor aber noch die Zeit des
Abendmahles kommt, wollen wir einen kleinen Weg nach der neuen, vom Jairus
erbauten Synagoge machen, und Jairus, sein Weib, seine Tochter, ihr Gemahl
Borus, der Cyrenius, Kornelius, Faustus, Kisjonah, dein Weib und deine Kinder
sollen uns begleiten. Dort soll dir etwas gezeigt werden, was dich in deinem
Glauben sehr stärken soll!“
[GEJ.02_068,18] Sagt der Geheilte, der Bab
hieß: „Meister, es geschehe, was und wie du es willst! Ich bin bereit, dir bis
ans Ende der Welt zu folgen.“
[GEJ.02_068,19] Auf dies Wort Babs begaben
wir uns sogleich nach der Synagoge, die man bei mäßigem Schritte in einer
Viertelstunde, ganz bequem aber in einer halben Stunde, erreichen konnte.
69. Kapitel
[GEJ.02_069,01] Wir kamen also auch bald
daselbst an, betraten die Synagoge und begaben uns in die Gruft, in der die
Sarah schon über vier Tage gelegen hatte, in der noch die Leichenbänder und
Tücher lagen, mit denen Sarah als Leiche umhüllt war, und in welcher Gruft aber
auch noch ein Leichnam aus der Freundschaft des Jairus lag. Das war ein Knabe
von zwölf Jahren, der an einer bösen Krankheit schon vor ein und einem halben
Jahre verstorben ist; dieser lag in einem aus Zedernholz angefertigten Sarge
und war schon völlig in die Verwesung übergegangen bis auf die Knochen.
[GEJ.02_069,02] Beim Anblick dieses Sarges
kamen dem Jairus die Tränen in die Augen, und er sagte halb weinend: „Was ist
doch die Welt für ein arges Ding! Die zartesten Blumen läßt sie auf ihrem Boden
entstehen, und was ist ihr Los? Daß sie sterben und vergehen! Der Rose
balsamischer Duft wird nur zu bald zum Ekelgeruch, und die zarte, unschuldige
Lilie verbreitet widrigen Gestank in ihrer Verwesung; der Hyazinthen Himmelblau
wird totengelblich grau, und die Nelke stirbt – gleich Tausenden ihrer lieblich
duftenden Schwestern.
[GEJ.02_069,03] Dieser Knabe war, man könnte
sagen, ein Engel! Gottesfurcht hatte ihn schon von der Wiege an beseelt, und in
seinem zehnten Jahre verstand er schon die Schrift und hielt die Gebote wie ein
frommer erwachsener Jude; kurz, sein wahrhaft kindlich frommer Lebenswandel und
seine zum Verwundern geweckten Geistesfähigkeiten berechtigten uns zu den
schönsten Hoffnungen. Aber da kam eine böse Krankheit über ihn, und kein Arzt
konnte derselben Meister werden, und so starb in diesem Knaben alles, was man
in Kürze von ihm mit Recht hätte erwarten können.
[GEJ.02_069,04] Da läßt sich denn doch
fragen, warum Gott der Herr, der voll Liebe und Barmherzigkeit ist, solches den
Menschen tut, die auf Ihn hoffen und vertrauen! Tausend arme Kinder irren ohne
Obdach und jegliche Bildung herum, und Gott ruft sie nicht von dieser Erde;
aber Kinder solcher Eltern, die jegliches Vermögen besitzen, ihren Kindern jene
Erziehung zu geben, die Gott allein nur wohlgefällig sein kann, müssen
gewöhnlich ins Gras beißen! Warum denn also?
[GEJ.02_069,05] Wenn es Gott wohlgefällig
ist, lauter Wildlinge auf diese Erde zu setzen, die kaum fünf Worte zu reden
imstande sind, dann tut Gott wohl daran, jedes Kind, das nur irgendeinen
besseren Geist zu verraten beginnt, sogleich von der Erde zu nehmen und allein
die Trottel leben zu lassen neben den Affen! Aber wenn es Gott darum zu tun
ist, im Geiste geweckte, fromme, Gott erkennende und liebende Menschen auf
dieser Erde zu haben, so glaube ich, daß Gott das Leben solcher Kinder mehr
beachten sollte, als es bisher der stets traurige Fall war!“
[GEJ.02_069,06] Sage Ich: „Mein lieber Freund
Jairus, du redest, wie du es in menschlicher Weise verstehst; aber Gott tut,
wie Er es in Seiner göttlichen Weise von Ewigkeit her einsieht und versteht und
einsehen und verstehen muß, ansonst du und alles, was da ist, kein Dasein
hätte! Danebst aber tust du in deinem Hader Gott dennoch unrecht.
[GEJ.02_069,07] Denn so Gott alle Kinder, die
schon in ihrer Kindheit Geist und Talente verraten, von der Welt nähme, so
wäret ihr alle, die ihr nun hier bei Mir seid, schon in der Erde verwest! Aber
da ihr nun noch hier seid in einem bedeutenden Alter, so ist dein Vorwurf gegen
Gott ein ungerechter! Denn gleich also habt auch ihr in eurer Kindheit
besonders viel Geist verraten, waret auch Kinder in jeder Hinsicht überaus
vermögender Eltern, und Gott hat euch dennoch leben lassen, während Er draußen
den Heiden viele Tausende armer Kinder durch Ruhr und durch manche andere böse
Krankheiten von dieser Erde genommen hat, wofür die armen Eltern ebensoviel
Leid getragen haben wie die Eltern dieses Knaben, die noch leben und für diesen
Knaben drei arme Kinder an Kindes Statt aufgenommen haben. Diese drei Kinder
sind nun ganz würdige Nachfolger dieses einen Kindes, das mit der Zeit ob
seiner bedeutenden Talente von seinen es mehr denn Gott liebenden Eltern zu
sehr verzärtelt und verweichlicht worden wäre und am Ende den hochgestellten
Hoffnungen seiner Eltern nicht im geringsten entsprochen hätte; denn es wäre am
Ende aus ihm nichts als ein eingebildeter, stolzer und eigensinniger Tropf
geworden, mit dem kein Hoherpriester etwas ausgerichtet hätte!
[GEJ.02_069,08] Gott aber sah das im voraus,
nahm ihn zur rechten Zeit von dieser Welt und gab ihn jenseits den Engeln zur
besseren Erziehung, auf daß er desto eher jene Bestimmung erreichen möge, die
ihm, wie jedem Menschen, von Gott aus besonders gestellt ist.
[GEJ.02_069,09] Zu all dem aber hatte Gott
auch vorgesehen, daß nun eine Zeit kommen werde, in der für euch wenige Gottes
Name verherrlicht werden soll. Und siehe, darum auch ließ Gott eben diesen
Knaben schon vor anderthalb Jahren sterben, auf daß dieser sich in der rechten
Verwesung dann befinden solle, wenn ihn Gott der Herr wieder erwecken werde.
Hebet darum den Sarg heraus und öffnet ihn!“
70. Kapitel
[GEJ.02_070,01] Auf diese Worte stiegen
sogleich Borus und Kisjonah in die Gruft und versuchten den Sarg zu heben; aber
sie vermochten ihn nicht von der Stelle zu rühren, denn er war sehr schwer,
indem er aus massivem Zedernholz angefertigt war und obendrauf noch eine Menge
schwerer Verzierungen von Erz, Gold und Silber hatte. Nach mehreren Versuchen
sprach Borus: „Herr, der Sarg ist zu schwer, wir können seiner durchaus nicht
Meister werden! Dieser Sarg ward meines Wissens mit Maschinen hineingelegt und
wird auf natürlichem Wege nur wieder durch Maschinen herausgehoben werden
können!“
[GEJ.02_070,02] Sage Ich: „So steiget heraus
aus der Gruft; die beiden Jünglinge, die hier sind, sollen ihn herausheben!“ –
Borus und Kisjonah steigen nun schnell aus der Gruft, und die zwei Jünglinge
heben den Sarg schnell und mit einer solchen Leichtigkeit heraus, als hätten
sie es mit einer Federflaume zu tun.
[GEJ.02_070,03] Bab machte große Augen samt
seinem Weibe und seinen Kindern und sagte, ganz erstaunt ob solcher Kraft in
den beiden Jünglingen: „Aber heißt das doch eine unglaubliche Kraft und Stärke
besitzen! Diese zwei zarten Knaben, von denen keiner über fünfzehn Jahre zählen
kann, spielten – wie der Sturmwind mit einer Flaume – mit dieser Last, der doch
die Kraft von zwei starken Männern nichts anhaben konnte! Ah, so etwas ist denn
doch auch noch nie erhört worden!“
[GEJ.02_070,04] Sage Ich: „Laß es nur gut
sein; denn du wirst nun Zeuge von noch größeren Dingen sein! Aber das sei euch
allen ganz ernstlich ins Herz geredet: daß ihr davon ja keinem Menschen, nicht
einmal Meinen Jüngern, etwas meldet! Denn es ist die Zeit für sie noch lange
nicht da; wenn es aber an der Zeit sein wird, dann werden sie schon ohnehin
alles in die Erfahrung bekommen. – Nun aber öffnet den Sarg, auf daß wir sehen,
inwieweit der Knabe schon verweset ist!“
[GEJ.02_070,05] Der Sarg ward sogleich
geöffnet, und der bis auf die stärkeren Knochen gänzlich verweste Knabe war von
den Tüchern und Bändern durch des Borus geschickte Hände für alle Anwesenden
zur Besichtigung enthüllt. Alle besahen das jämmerlich aussehende Skelett mit
sichtlichem Schaudern.
[GEJ.02_070,06] Und Faustus sagte: „Ecce
homo! Sieh, das auch ein Mensch! Ein schönes Los des üppigen Fleisches der
Menschheit! Ein gräßlich aussehender Knochenschädel, mit einigen
zusammenklebenden Haaren noch sparsam versehen; eine zusammengefallene,
grünlichbraune Brusthaut, hie und da von halbabgefaulten Rippen durchbrochen,
das schwarze Rückgratgebein, über dem doch noch einige Spuren von verwesten
Gedärmen hängen, die mit Schimmel bedeckt sind. Endlich die Füße, – wie sehen
diese doch gar schrecklich entstellt aus; voll Verwesung und Schimmel! Und
unsere Nasen aber verspüren es auch, daß wir uns nun nicht im Verkaufsgewölbe
eines Balsamhändlers befinden; denn der Gestank ist stärker, als ich ihn
erwartet hätte! Nein, das ist eine Gestalt, die ganz geeignet ist, dem Menschen
sein Sein so verächtlich wie möglich zu machen, weil solch ein Los am Ende denn
doch ein jeder von uns zu erwarten hat! Aus diesem Grunde ziehe ich das
Verbrennen der Leichen den Begräbnissen bei weitem vor.“
[GEJ.02_070,07] Sage Ich: „Aber so des
Menschen Sohn die Macht hat, auch solche Leiber wie auch alle, die seit Adam in
der Erde als völlig verwest ruhen, zu erwecken und ins Leben zurückzurufen, ist
auch dann ein solches Bild des Schreckens Gestaltung für die Menschen der Erde?
Kann der Tod noch etwas Fürchterliches an sich haben, wenn sich ein Meister
über ihn erhoben hat? Auf daß ihr aber alle, die ihr hier seid, sehet, daß Ich,
als auf dieser Erde ein Menschensohn, vollkommen die Macht habe, auch solche
Leiber ins Leben zurückzurufen und sie neu und unsterblich zu beleben, so soll
eben dieser Knabe euch davon ein Zeuge werden!“
[GEJ.02_070,08] Hierauf sage Ich zum Knaben:
„Josoe, Ich sage es dir, richte dich auf und lebe, und zeuge, daß Ich Macht
habe, auch solche Tote zu erwecken, wie du einer bist!“
[GEJ.02_070,09] In diesem Augenblick entstand
ein starker Luftzug; der Verwesung Schimmel verschwand, über den Knochen
ergänzte sich schnell die Haut, und innerhalb derselben fing der Leib also zur
Vollgestaltung zu schwellen an, wie ein mit Sauerteig vermengter Brotteig in
den Brotkörben, und in wenig Augenblicken erhob sich der Knabe als vollkommen
lebendig aus dem offenen Sarge, erkannte gleich den Jairus, den Faustus und
Kornelius, die er von Nazareth aus gar wohl kannte, und fragte besonders den
Jairus, sagend: „Aber lieber Oheim, wie kam denn ich hierher in diesen Sarg?
Was ist denn mit mir vorgegangen? Ich war ja erst in einer gar lieben
Gesellschaft und weiß wahrlich nicht, wie ich nun auf einmal daher komme!“
[GEJ.02_070,10] Sagt Jairus: „Mein lieber
Josoe, Den siehe an, der neben dir steht, das ist ein Herr über Leben und Tod!
Du warst dem Leibe nach tot und bist schon anderthalb Jahre hier in diesem
Sarge gelegen, und keine Macht, von den Menschen ausgehend, wäre vermögend
gewesen, dir für diese Erde das Leben wiederzugeben; aber Dieser, der zwar auch
so aussieht wie ein Mensch, aber viel mehr denn ein Mensch ist, hat dich vom
Tode wieder ins Leben zurückgerufen! Daher sollst du auch Ihm allein danken für
dieses dir nun wieder geschenkte Leben!“
[GEJ.02_070,11] Der Knabe sah Mich groß an
und betrachtete Mich vom Kopfe bis zum Fuße und sagte nach einer Weile reiferen
und helleren Entsinnens: „Das ist ja eben Der, der mich von der schönen
Gesellschaft abrief und zu mir sagte: ,Josoe, komme, denn du mußt Mir auf der
Erde ein Zeuge werden, daß Mir alle Gewalt gegeben ist im Himmel und auf
Erden!‘
[GEJ.02_070,12] Und ich folgte Ihm willig;
denn ich habe es gleich gemerkt, daß Er von Gott ausgegangen ist und in Sich
trägt die Fülle der göttlichen Kraft und Macht über alles, im Himmel und auf Erden.
Denn also, wie Er hier ist, sah ich Ihn ehedem in der Geistwelt, in der ich
sicher war, da ich von Ihm gerufen ward, zurückzukehren in diese Welt.
[GEJ.02_070,13] Es wird mir nun erst alles klar,
und ich erkenne nun auch, daß ich schon gelebt habe auf dieser Erde und bin
dann gestorben; aber wie das Sterben war, weiß ich nicht! Denn kaum mochte ich
diese Welt verlassen haben – was ich nicht weiß, wie und auf welche Weise –, so
war ich auch schon in einem schönen Hause unter einer gar lieben Gesellschaft,
in der es mir gar wohl erging. Ich sah auch dann und wann meine Eltern und
Geschwister und besprach mich mit ihnen über göttliche Dinge, die mir von
meinen vielerfahrenen Gesellen gezeigt und gelehrt wurden. Aber diesen Heiligen
der Heiligen habe ich eher nie gesehen denn um einige Augenblicke früher, als
ich in diese Welt zurückgekehrt war!“
[GEJ.02_070,14] Hier sage Ich zu den zwei
Jünglingen: „Schaffet ihm ein Gewand und etwas Brot und Wein, auf daß sein
Fleisch stark werde und er mit uns nach Nazareth ziehen kann!“ – Als Ich
solches den zweien gebot, waren sie auch schon mit dem Verlangten da.
71. Kapitel
[GEJ.02_071,01] Das war für unsern Bab und
sein Weib nun zuviel, und sie sagte zu ihrem Manne: „Lieber Bab, merkst du
nicht, daß wir beide große Sünder sind, und daß hier in dem Menschen Jesus die
Fülle Gottes ist? Ist Er nicht Der, von dem alle Propheten bis auf Zacharias
und dessen Sohn Johannes weissagten? Ist Er nicht Der, den David seinen Herrn
nannte, indem er sprach: ,Der Herr sprach zu meinem Herrn‘? Ist Er nicht Der,
von dem eben der große David spricht, indem er sagt: ,Machet die Tore der Stadt
hoch und die Pforten weit, auf daß der König der Ehren einziehe! Wer aber ist
der König der Ehren? Es ist der Herr Jehova Zebaoth!‘? Mein Gemahl, hier ist
Jehova und niemand anders! Wir aber sind Sünder und sind unwürdig, vor Ihm zu
weilen! Komme, daß wir uns reinigen nach dem Gesetze Mosis, dann erst können
wir wiederkommen und uns Ihm nahen!“
[GEJ.02_071,02] Sage Ich zu den beiden tiefst
Ergriffenen: „Der die Toten erwecken kann, der kann euch auch ohne Moses
reinigen! Darum bleibet; denn Moses ist nicht mehr denn Ich und Der, der ihn
dazu, was er war, erweckt hatte! Eure Sünden sind euch vergeben, und so seid
ihr rein und braucht den Moses nimmermehr; denn Moses ist nichts ohne Mich!“
[GEJ.02_071,03] Sagt Bab: „Wenn also, woran
ich nun nicht den allergeringsten Zweifel habe, da bleiben wir; denn reiner als
der Allmächtige Selbst wird uns Moses nimmer waschen!“
[GEJ.02_071,04] Sagt das Weib: „Ich bin nur
gleichfort eine Magd meines Herrn, und so geschehe, was du willst und
einsiehst, daß es also recht sei! Aber mich erdrückt nahezu diese zu
überheilige Gegenwart Gottes!“
[GEJ.02_071,05] Sage Ich: „Weib, Ich habe
deine Gottesverehrung in Nazareth vernommen und tat nun, was du sahst, vor
allem deinetwegen! Darum magst du es bei Mir wohl aushalten! Aber nun sage Ich
es euch allen, daß ihr davon ja niemandem eine Silbe meldet, und das zwar nicht
Meinetwegen und auch nicht euretwegen, sondern allein der vielen ungläubigen
Menschen wegen, auf daß diese nicht gerichtet glauben an den Sohn des Menschen,
sondern frei, wenn zu ihnen das Evangelium gepredigt wird!
[GEJ.02_071,06] Denn die gegenwärtigen Menschen
würden durch solch ein Zeugnis wie mit ehernen Ketten gezwungen sein, an Mich
zu glauben, wodurch ihr freies Leben einen großen Schaden erlitte, die späteren
Nachkommen aber würden solche erzählten Zeugnisse als übertrieben ohnehin nicht
annehmen, sie als pure Erfindungen der menschlichen Phantasie betrachten und
sich dadurch an der reinen Lehre und ewigen Wahrheit stoßen; und also ist es
besser, daß dergleichen Taten, als von Mir verübt, gänzlich verschwiegen
bleiben, weil sie niemandem etwas nützen würden – besonders in dieser Meiner
ersten Lehrzeit.
[GEJ.02_071,07] Du Jairus aber, der du den
Knaben Josoe wieder seinen Eltern zuführen sollst nach einer Zeit, die sich
dazu günstig gestalten wird, sollst demselben ganz gewissenhaft treu
beibringen, wie er die Sache für sich zu nehmen habe. Er soll glauben, aber er
soll dabei vor den Menschen kein Aufsehen bewirken wollen! Dieser nun erweckte
Knabe aber, da er die Verwesung durchgemacht hat, wird fürder nicht mehr
sterben dem Leibe nach; sondern wenn seine Zeit kommen wird, wird er von einem
Engel gerufen werden und wird dem Rufe frei folgen, – und darauf wird ihn kein
sterbliches Auge mehr wandelnd auf dieser Erde je mehr irgendwo erschauen.
[GEJ.02_071,08] Nun, da der Knabe sein Brot
und den Wein vollauf verzehrt hat und die Dämmerung schon sehr bemerkbar wird,
wollen wir uns nach Hause begeben!“
[GEJ.02_071,09] Wir begeben uns nun sogleich
aus der Synagoge, deren Gruft Jairus und Borus wieder hinter sich zusperren,
nachdem sie zuvor die beiden Jünglinge gebeten hatten, den Sarg in die Gruft zu
schaffen, was diese auch in einem Augenblick ins Werk setzten.
72. Kapitel
[GEJ.02_072,01] Im Freien sagt zu Mir
Cyrenius: „Herr, wenn so etwas zu Rom geschähe, da würden sogar die Steine vor
Dir niederfallen und Dich laut anbeten; und wir tun hier, als wenn da so etwas
ganz Gewöhnliches vorgefallen wäre! Herr, habe doch Geduld mit – entweder
unserer Schwäche oder Dummheit!“
[GEJ.02_072,02] Sage Ich: „So Ich das wollte,
da wäre Ich ja wohl in Rom statt in Nazareth zur Welt gekommen! Tut nur das,
was Ich von euch verlange! Alles, was darüber ist, gehört dem Heidentum an und
ist Sünde. Weißt du denn das noch nicht, daß ,Gott lieben über alles und seinen
Nächsten wie sich selbst‘ unaussprechlich mehr ist, denn dem Herrn Himmels und
der Erden elende Tempel aus Steinen und Holz zu erbauen?
[GEJ.02_072,03] Wenn, wie Salomo sprach,
schon Himmel und Erden zu klein sind, die Majestät Gottes zu fassen, was soll
dann ein elendes Steingehäuse aus behauenen oder gebackenen Steinen, da die
ganze Erde doch so gut wie die ganze Unendlichkeit von Gott erschaffen ist?!
[GEJ.02_072,04] Sage Mir: Was würde denn ein
Vater zu seinen Kindern sagen, so diese dumm genug wären, aus den Exkrementen
des Vaters ein fliegengroßes Häuschen zu erbauen, oder auch größer, und möchten
dann eben aus des Vaters Kot ein Bild machen, das den Vater vorstellte, und
wenn das alles fertig wäre, sich dann vor dem Kottempel auf die Knie
niederwerfen und ihren Vater also verehren und anbeten? Was würdest du tun,
wenn deine Kinder dir so etwas täten und, so du ihnen so etwas auch als dumm
und säuisch und deiner völlig unwürdig verwiesest, sie aber dennoch desto
eifriger um den Drecktempel kröchen und dein Bild aus gleichem Stoff verehrten,
ja sogar wider deinen Willen ihre mitunter vielleicht doch etwas heller
denkenden Brüder mit Strafen auf Leben und Tod dazu zwängen und von ihnen noch
eine fromme Steuer verlangten? Sage, was würdest du da tun? Könnte dich solch
eine über alle Maßen schweinisch dumme Verehrung von seiten deiner Kinder
erfreuen?
[GEJ.02_072,05] Siehe, du verneinest solches
ganz gewaltig in deinem Herzen, und Ich sage es dir, daß solch eine Verehrung
der dummen Kinder ihrem irdischen Vater gegenüber noch viel besser wäre denn
die der Menschen in den Tempeln Gott gegenüber! Denn die Kinder benützten zu
ihrem Tempelbau doch noch das, woraus der Vater seine Nahrung erhielt; aber die
Menschen bauen aus dem Kote des Satans – Tempel und beten darin ihren Gott und
Vater an! Sage, wie gefällt dir denn hernach solch eine Gottesverehrung – und
Anbetung?“
[GEJ.02_072,06] Sagt Cyrenius: „Herr, so
wollte ich jetzt doch mit tausend Blitzen alle Tempel auf der Erde zerstören
lassen! Oder Deine beiden Engel kostete es ja doch nur einen Augenblick, und
alle Tempel lägen im Staube!?“
[GEJ.02_072,07] Sage Ich: „Freund, solches
geschah, geschieht noch und wird in der Zukunft gar oft noch geschehen, und die
Menschen werden dennoch nicht aufhören, Tempel zu bauen! Der zu Jerusalem wird
verwüstet sein, und von den Götzentempeln wird man nichts mehr sehen. Aber an
Stelle der auch wenigen werden viele Tausende kommen, und solange auf der Erde
Menschen wohnen werden, werden sie auch Tempel bauen, große und kleine, und
werden in denselben ihr Heil suchen; aber einen lebendigen Tempel im Herzen für
Gott zu erbauen, darin Er allein würdig erkannt, verehrt und angebetet werden
kann und soll, weil das allein das ewige Leben der Seele bedingt, werden nur
wenige unternehmen!
[GEJ.02_072,08] Solange die Menschen in
Palästen wohnen werden und sich durch die Paläste und wegen der Paläste werden
ehren und hochpreisen lassen von denen, die keine Paläste haben können, wird
man auch neben den Palästen einen Tempel für irgendeinen Gott erbauen und wird
ihn darin verehren, wenn nicht in der Wahrheit, so doch zur Erhöhung der Ehre
des Palast- und Tempelerbauers.
[GEJ.02_072,09] Und also wird es kommen, daß
die Menschen die Ehre für sich nehmen werden, die sie Gott geben sollen; ihr
Lohn für ihre Werke soll aber dann auch in dem erschöpft bestehen, was sie sich
selbst genommen haben! Jenseits aber wird man sie nicht erkennen, und sie
werden in die äußerste Finsternis gestoßen werden, allda Heulen und
Zähneknirschen ihr Los sein soll, das da ist ein ewiger Hader und Krieg der
großen Finsternis wegen! Darum lassen wir vorderhand alles also, wie es ist;
denn alle Knoten werden erst jenseits die vollste Lösung finden!“
73. Kapitel
[GEJ.02_073,01] Als Ich solches dem Cyrenius
mitgeteilt hatte, hatten wir auch die Heimat erreicht, allwo schon ein ganz tüchtiges
Abendmahl unser harrte, bestehend wie gewöhnlich aus Brot, Wein und einer Menge
wohlzubereiteter Fische. Der Knabe Josoe war besonders lüstern auf die Fische
und zeigte eine große Freude über die wohlbesetzten Tische.
[GEJ.02_073,02] Jairus aber sagte zu ihm:
„Mein lieber Neffe, du mußt nun nicht gar so heißhungrig das Abendmahl
verzehren, weil dein gewisserart neu erschaffener Magen doch noch nicht fähig
sein dürfte, eine zu starke Masse dieser irdischen Speisen zu vertragen!“
[GEJ.02_073,03] Sagte der Knabe: „Sei du,
lieber Oheim, deshalb nur ganz unbesorgt! Der mich vom Tode erweckt hat, würde
meinem Magen sicher keine so große Eßlust eingepflanzt haben, so es dem Magen
im Ernste schädlich sein sollte, nun etwas mehr Nahrung zu sich zu nehmen als sonst
in einem schon immer gesättigten Zustande; denn es ist kein Scherz für den
Menschen, anderthalb Jahre tot und ohne Nahrung gewesen zu sein! So du das
einmal an dir erführest und nun meinen neugeschaffenen Magen in dir hättest,
dann würdest du meine Eßlust ganz leicht begreifen. Aber es kann nicht ein
jeder Mensch in meine Lage kommen, und darum läßt sich in dieser Sache nun mit
mir denn auch kein Streit anfangen. Ich weiß es nun am besten nächst Dem, der
mich erweckt hat, wie es mir geht, und du sorge dich darum ja nicht, daß mir
nun ein paar Fische, ein Stück Brot und ein Becher Wein nur im geringsten
schaden werden!“
[GEJ.02_073,04] Sagt Jairus: „Von mir aus ist
dir alles von Herzen vergönnt; ich habe es mit dir nur gut gemeint.“
[GEJ.02_073,05] Nach diesem kleinen Gespräche
zwischen dem Jairus und dessen Neffen Josoe begaben wir uns zu Tische und
verzehrten das Abendmahl recht fröhlich und heiter; und es ward dabei viel
geredet über manches, was da geschehen ist, und was etwa zu Jerusalem darüber
geredet wird.
[GEJ.02_073,06] Die Jünger aber erkundigten
sich um den Knaben und wußten nicht, was sie aus ihm machen sollten. Bald
fragten sie den Knaben, bald den Jairus, bald die beiden Jünglinge, die auch
mit uns an der Haupttafel saßen, was es denn da mit diesem Knaben für eine
Bewandtnis hätte. Es müßte dahinter gar etwas Außerordentliches stecken; denn
es sei ihnen nur zu bekannt, daß Sich der Herr mit gar zu gewöhnlichen Knaben
nie über die Gebühr abzugeben pflege. Aber der Jünger Fragen war hier ein
vergebliches, da ihnen darüber niemand eine befriedigende Antwort erteilte.
[GEJ.02_073,07] Als aber die Maria merkte der
Jünger Ungeduld, da sagte sie zu ihnen: „Was euch not tut, wird euch nicht
vorenthalten; das euch aber offenbar nicht not tut, warum forschet ihr danach?
Tut, was Er euch sagt, und wollet nie mehr wissen, als was Er euch als für euch
notwendig zu wissen offenbart, so werdet ihr Seinem Willen gemäß leben und
handeln und eures ewigen Lohnes versichert sein; alles aber, was ihr wollt
wider Seinen Willen, ist Sünde wider den Meister, der euer Heiland ist –
leiblich und geistig! Merket euch diese Lehre!“
[GEJ.02_073,08] Auf diese recht weise
Ermahnung der Mutter Maria stellten die Jünger ihre Forschungen über den Knaben
ein und besprachen sich über ihn bloß unter sich, und Petrus wandte sich an
Meinen Liebling Johannes und fragte ihn, was er von diesem Knaben halte.
[GEJ.02_073,09] Aber Johannes sagte zu ihm:
„Hast denn du nun die lieben Worte der herrlichen Mutter überhört, daß es dich
noch gleichfort jucken kann zu erfahren, was vorderhand der Herr sicher aus
höchst weisen Gründen nicht gewillt ist uns kundzugeben? Sieh, mich juckt es
aber wieder gar nicht; wir wissen, was wir wissen, und das ist genug! So wir
aber auch wissen wollten, was der Herr über unser Wissen endlos weit hinaus
weiß, so wäre solch ein Verlangen von unserer Seite doch sicher die größte
Torheit, und wir alle verdienten eher alles – denn Seine Jünger zu sein!“
[GEJ.02_073,10] Sagt Petrus: „Ja, ja, du hast
auch recht; aber es ist die Wißbegierde auch ein großes Gut, vom Herrn Selbst
in des Menschen Herz gelegt, und hätte der Mensch diesen höchst edlen Drang
nicht, so wäre er gleich wie ein Tier, das meines Dafürhaltens von einem
wissensgierigen Drange sicher keine Spur in seiner stumpfen Seele besitzt. Das
rein Göttliche des Wissensdranges scheint mir wenigstens schon darin zu liegen,
daß dieser einem Durste im Traume gleicht, zu dessen Stillung die träumende
Seele nicht selten ungeheure Gefäße voll Wasser oder Wein verzehrt und dabei
aber dennoch gleichfort durstig bleibt und nach stets größeren Quantitäten von
durstlöschenden Getränken den unversiegbaren Reiz bekommt. Unsere unersättliche
Wißbegierde sagt uns auch klar und deutlich, daß in Gott eine unendliche Fülle
von Weisheit liegen muß, die kein forschender Geist ewig je ergründen wird! Und
so meine ich denn, lieber Bruder, daß auch mein gegenwärtiger Wissensdrang
keine Sünde sein wird.
[GEJ.02_073,11] Sieh, mir und mehreren
unserer Brüder geht es nun wie so manchen genäschigen Kindern, die nach
allerlei Leckerbissen keine Eßgier haben, solange sie von dergleichen
Süßigkeiten nichts wissen und nichts zu sehen bekommen; setze sie aber an einen
mit allerlei süßen Speisen besetzten Tisch und verbiete ihnen, etwas davon zu
genießen, und du wirst bald Tränen in ihren Augen und noch mehr Eßlustwasser in
ihrem Munde entdecken. Aber dessenungeachtet hast du dennoch recht; denn wie
ein weiser Vater seinen Kindern, um sie in der höchst wichtigen Tugend der
Selbstverleugnung zu üben, auch dann und wann Leckerspeisen vorsetzen wird, die
zu essen ihnen untersagt sein werden, ebenso scheint unser himmlischer Vater
uns auch von Zeit zu Zeit geistige Speisen aufzutischen, die zu genießen uns so
lange vorenthalten sein sollen, bis wir in einem gewissen Grade der
Selbstverleugnung fest geworden sind. Haben wir nach Seiner Ordnung diesen Grad
erreicht, den Er unserer Seele für nötig vorgesteckt hat, so wird Er uns die
Speise zum Genusse geben, nach der es uns nun gieret. Und somit wollen wir uns
für heute, und für so lange Er es will, vollkommen mit dem zufriedenstellen,
was wir wissen und haben, und allzeit geschehe Sein allein heiliger Wille!“
[GEJ.02_073,12] Sage Ich: „Mein lieber Bruder
Simon Juda, so ist es recht und wahr! Nicht jedes Wissen und Erfahren taugt zur
Erweckung des Geistes und zur Belebung der Seele. Denn siehe, es stehet
geschrieben: ,Und Gott sprach zu Adam: Wenn du vom Baume der Erkenntnis essen
wirst, wirst du sterben!‘ Und so ist es!
[GEJ.02_073,13] In der Erkenntnis liegt das
Gesetz und das Gericht; denn solange dir ein Gesetz nicht gegeben oder dir
nicht verkündet ist, so lange auch gibt es kein Gericht, das hinter dem Gesetze
einherschreitet. Daher wolle du nur das wissen, was Ich dir zu wissen offenbare,
und du weißt dadurch für deinen Teil für ewig genug. Wenn es an der Zeit sein
wird, wird dir alles offenbar werden.“
74. Kapitel
[GEJ.02_074,01] Mit diesem Bescheide begnügen
sich bis auf den Judas alle Jünger und loben Meine Güte und Weisheit und die Macht
Gottes, die durch Mich waltet; Judas aber schmollte und sagte ziemlich laut vor
sich hin: „Über Pharisäer, die den Fremden das Allerheiligste geheim ums teure
Geld sehen lassen, eifert Er bis auf den Schwefelregen vom Himmel; aber so Er
den Fremden Sein Heiligtum zeigt und uns einheimische Kinder ausschließt, das
ist dann ganz recht und der göttlichen Ordnung völlig gemäß! Hat jemand aus uns
schon so etwas erlebt? Wenn es die zu Jerusalem tun, so ist es gefehlt beim
Himmel und bei der Erde; aber wenn Er für sich nahe dasselbe tut, so ist das
recht und vollkommen nach der Ordnung Melchisedeks! Man kann dagegen freilich
nichts tun und unternehmen; aber ärgern muß man sich denn doch!“
[GEJ.02_074,02] Sagt Thomas, als der noch
immer auf Judas Ischariot scharf absehende Jünger: „Nun, ist dir endlich einmal
schon wieder etwas nicht recht? Mich wundert es schon sehr, daß du mit dem
Herrn darum nicht schon lange einen Hader begonnen hast, daß Er die Sonne so
weit von der Erde gestellt hat und du deine Töpfe in ihrer sicher überheißen
Nähe nicht billiger hartbrennen kannst als durch das gewöhnliche Holzfeuer!
[GEJ.02_074,03] Schau, wie gut wäre es,
gleich Vögeln fliegen zu können! Ja, es hat sogar mich schon mehrere Male an
den Achseln gejuckt, und es kam mir vor, als müßte ich mit einer Schar lustig
dahinschwebender Kraniche ziehen; ich versuchte zu hüpfen und zu springen, aber
der schwere Leib wollte durchaus nicht sich auch nur eine Elle über die Erde
erheben!
[GEJ.02_074,04] Ich stellte mich aber damit
bald wieder zufrieden und dachte mir: Wenn es Gott gewollt hätte, daß die
Menschen gleich den Vögeln sollten fliegen können, so hätte Er ihnen ebensogut
wie den Vögeln taugliche Flügel gegeben; aber Gott sah es, daß solch eine
Eigenschaft dem Menschen mehr schaden als nützen würde und gab ihm daher lieber
ein Paar gute und starke Füße, mit denen er sich ganz gut von einem Orte zum
andern tragen kann. Auch gab Er ihm nebst den zwei starken Füßen ein Paar sehr
brauchbare Hände und den über alle Sterne hinausreichenden Verstand, mittels
dessen er an der Stelle eines tauglichen Flügelpaares tausend andere
Bequemlichkeiten sich verschaffen kann, die ihm offenbar mehr Vergnügen
bereiten können, als den Vögeln ihre Flügel; denn es steht sehr dahin, ob die
Vögel ihre Flügel so zu schätzen verstehen wie der Mensch seine Füße, seine
Hände und seinen Verstand!
[GEJ.02_074,05] Sieh, der Mensch kann auch im
Wasser nur sehr schlecht fortkommen, – denn er hat keine Flossen und keine
Schwimmhaut zwischen seinen Zehen und Fingern; aber sein von Gott ihm
verliehener Verstand lehrte ihn Schiffe bauen, mittels welchen er nun weitere
Reisen im Wasser machen kann als ein Fisch, dem ein Wassertümpel ein Wohnhaus
ist, von dem er sich nie gar zu weit entfernt. Und wir können mit vollster Gewißheit
annehmen, daß unsere späten Nachkommen in der Schiffsbaukunst noch äußerst
große Fortschritte machen werden. Wer weiß es, ob es nicht noch irgendeinem
Weisen abermal gelingen wird, vermittels eines künstlichen Flügelpaares sich,
den alten Indiern gleich, in die freie Luft zu erheben!“
[GEJ.02_074,06] Hier unterbricht Judas den
Thomas und sagt etwas ärgerlich: „Habe ich dich denn je als meinen Hofmeister
gedungen, daß du bei jeder Gelegenheit mir Predigten machst? Behalte du deine
Weisheit für dich und deine Kinder und laß mich in der Ruhe, sonst wirst du
mich nötigen, dir einmal ganz scharf über deinen Mund zu fahren! Denn darauf
verstehe ich mich ganz gut, wenn ich's will. Ich habe dir bei allen deinen, den
meinen ganz gleichen freien Reden und Handlungen noch nie ein ungeschaffenes
(ungeschliffenes) Wort gegeben und weiß es daher wahrlich nicht, was du an mir
immer zu schnitzen und zu hobeln hast! Kehre du nur fleißig vor deiner
Hausflur, für die meinige werde schon ich sorgen! Ist mir etwas nicht recht, so
ist es für mich allein und braucht's für dich ja nicht auch nicht recht zu
sein; ich gehe dich nichts an, und das von jetzt an für immer! – Verstehst du
solches?
[GEJ.02_074,07] Denke nur nach Kis zurück,
wie der Herr die strittige Sache zwischen mir und dir abgemacht hat; das genüge
dir und mir, und Weiteres haben wir beide mit und unter uns nicht mehr zu tun!
Wenn ich dich um etwas fragen werde, so kannst du mir auf die Frage eine gute
Antwort geben, – vorausgesetzt, daß du einer solchen fähig bist! Aber du wirst
es am spätesten erleben, daß ich dir solch eine Ehre antun werde!“
[GEJ.02_074,08] Sagt Thomas: „Aber sage mir,
Bruder Judas, was Arges und Beleidigendes habe ich zu dir denn nun gesagt,
darum du über mich gar so aufgebracht bist? Ist es denn etwa unwahr, daß du nur
zu oft, meines guten Wissens, mit Gott dem Herrn gehadert hast, daß Er die
Sonne so weit von der Erde gestellt, und daß Er dir keine Flügel zum Fliegen
gemacht hat gleich all den stummen Vögeln unter dem Himmel?“
[GEJ.02_074,09] Sagt Thomas nach einer Weile
weiter, weil ihm Judas Ischariot keine Widerrede geben wollte: „Wenn du mir
gram sein willst, so sei mir gram ohne Grund und Ursache! Im Angesichte des
Herrn zeigt ein solches höchst unbrüderliches Benehmen sich nicht am löblichsten!
Ein Gemüt wie das deine gehört auch durchaus nicht unter die Zahl der Jünger
des Herrn, und du tätest tausendmal besser, so du heimzögest zu deiner
Töpfemacherei, als daß du hier für nichts und wider nichts die Gesellschaft
Gottes belästigst und verunreinigst mit deinem höchst gottesordnungswiderlichen
Gemüte. Hast du denn schon ganz der Bergrede des Herrn bei Sichar in Samaria
vergessen, wo der Herr gebietet, sogar die Feinde zu lieben, die uns Fluchenden
zu segnen und Gutes zu erweisen denen, die uns Böses tun?
[GEJ.02_074,10] Willst du aber das Wort
Gottes nicht befolgen und dich nicht bei jeder Gelegenheit üben in der
Selbstverleugnung, so frage dich in Gottesnamen selbst, wozu du unsere
Gesellschaft mit deiner Gegenwart belästigest!
[GEJ.02_074,11] Du redest mit keinem von uns
auch nur ein Wort tagelang; und fragt dich jemand um etwas, so gibst du ihm
entweder gar keine Antwort, oder du fährst ihn so roh und grob als nur immer
möglich an, so daß er dir zum zweiten Male sicher nimmer mit einer Frage kommt.
Ist denn das ein Benehmen für einen Jünger des Herrn? Pfui, schäme dich, und
werde ein anderer Mensch, – ansonst packe dich zum Plunder!
[GEJ.02_074,12] Wahrlich, es reut mich schon
mehr, als wenn ich einen Raubmord begangen hätte, daß eben ich dich zu dieser
Gesellschaft brachte! Ich will den Herrn auf den Knien bitten, daß Er dich mit
Seiner allmächtigen Gewalt von uns entfernt, wenn du mit Güte nicht
flottzumachen sein solltest!“
[GEJ.02_074,13] Sagt endlich Judas mit
sichtlich verbissenem Zorn, aber lächelnder Miene: „Weder du noch der Herr
könnet mir schaffen (mich heißen), ob ich gehen oder bleiben soll! Denn ich bin
so gut wie jeder andere aus euch ein ganz freier Mensch und kann tun, was ich
will! Sieh, wüßte ich, daß ich dir weniger ein Dorn im Auge wäre, als ich es
dir sicher bin, so hätte ich eure Gesellschaft schon lange verlassen und mir
eine andere gesucht; aber um dich so recht nach Herzenslust zu ärgern, bleibe
ich und will dir zu einem Probiersteine dienen, an dem du deine Geduld, Langmut
und Feindesliebe auf die gleichfort schönste Probe stellen kannst, und will von
dir die angewandte Bergpredigt Jesu erlernen und sie dann selbst ausüben! –
Hast mich verstanden, du weiser Thomas?“
[GEJ.02_074,14] Sagt Thomas, zu Mir sich
wendend: „Herr, ich und wir alle bitten Dich um Entfernung dieses räudigen
Schafes! Denn neben ihm ist keine brüderliche Existenz denkbar, und wir können
Deine heilige Lehre unmöglich ins Werk setzen; denn er ist und bleibt
gleichfortig ein Aufhetzer und Verräter! Warum soll er denn hier unter uns
sein, so er von Deiner heiligen Lehre nicht nur nichts ins Werk setzen will,
sondern uns nur allzeit belächelt, so wir nach Deinen Worten zu leben und zu
handeln uns die Mühe geben?“
75. Kapitel
[GEJ.02_075,01] Sage Ich zu Judas Ischariot:
„Der Bruder Thomas führt eine gerechte Klage wider dich! Ich sage es dir:
Ermahne dich im Herzen und werde ein Mensch! Als Teufel bist du Mir widerlich
und kannst gehen! Denn Meine Gesellschaft ist eine heilige Gesellschaft, weil
sie vom Geiste Gottes durchwehet wird, und in solcher Gesellschaft kann und
darf kein Teufel bestehen!“
[GEJ.02_075,02] Diese Worte bewirken, daß
Judas sogleich vor dem Thomas auf die Knie niederfällt und ihn um Vergebung
bittet.
[GEJ.02_075,03] Thomas aber sagt: „Freund,
nicht mir gebührt die Abbitte, sondern Dem, wider dessen heilige Lehre du an
mir schlecht genug gehandelt hast!“
[GEJ.02_075,04] Da erhebt sich Judas und
begibt sich schnell zu Mir hin, fällt vor Mir auf die Knie und fängt an, Mich
um Vergebung zu bitten.
[GEJ.02_075,05] Ich aber sage zu ihm:
„Ermahne dich selbst im Herzen; denn deine Mundbitte hat ohne die innere,
wahrhafte Besserung nicht den allergeringsten Wert vor Mir, da Ich dein Herz
durchschaue und finde, daß es durchaus schlecht ist. Die bloß äußerlich
freundliche Form gleicht einer Schlange, die durch ihre zierlichen Windungen
die Vöglein des Himmels betört, daß sie ihr dann zum Fraße in den Rachen
fliegen. Ich sage es dir: Nimm dich in acht, auf daß du dem Satan nicht in
Kürze zur Beute wirst! Denn der läßt das, was er einmal sein nennt, nicht gerne
fahren.“
[GEJ.02_075,06] Auf diese Worte erhob sich
Judas wieder und sagte zu Mir: „Herr! Tote rufst Du aus den Gräbern, und sie
leben; warum läßt denn Du mein Herz im Grabe des Verderbens zugrunde gehen? Ich
will ja ein besserer Mensch werden und kann es dennoch nicht, weil ich mein
Herz nicht umändern kann; daher gestalte Du mein Herz um, und ich bin ein
anderer Mensch!“
[GEJ.02_075,07] Sage Ich: „Darin eben liegt
das große Geheimnis der Selbstgestaltung des Menschen! Alles kann Ich dem
Menschen tun, und er bleibt Mensch; aber das Herz ist sein eigen, das er
vollkommen selbst bearbeiten muß, so er das ewige Leben sich selbst bereiten
will. Denn würde Ich Selbst zuerst die Feile an des Menschen Herz legen, so
würde der Mensch zur Maschine und gelangte nie zur freien Selbständigkeit; wenn
aber der Mensch die Lehre bekommt, was er zu tun hat, um sein Herz für Gott zu
bilden, so muß er diese auch frei befolgen und sein Herz nach ihr bilden!
[GEJ.02_075,08] Hat er sein Herz danach
gebildet und es gereinigt und gefegt, sodann erst ziehe Ich im Geiste in
dasselbe und nehme Wohnung darin, und der ganze Mensch ist dann im Geiste
wiedergeboren und kann fürder ewig nimmer verlorengehen, da er dadurch eins mit
Mir geworden ist, wie Ich Selbst eins bin mit dem Vater, von dem Ich
ausgegangen bin und gekommen in diese Welt, um allen Menschenkindern den Weg zu
zeigen und zu bahnen, den sie zu gehen haben im Geiste, um zu Gott in der Fülle
der Wahrheit zu gelangen!
[GEJ.02_075,09] Du mußt daher, so wie jeder
von euch, zuerst die Hand an die Bearbeitung deines Herzens legen, sonst bist
du verloren, – und hätte Ich dich tausendmal aus den Gräbern ins Leben des
Fleisches gerufen!“
[GEJ.02_075,10] Sagt Judas Ischariot: „Herr,
da bin ich verloren! Denn ich habe ein unbändiges Herz und kann mir selbst
nicht helfen!“
[GEJ.02_075,11] Sage Ich: „So höre die Brüder
und zürne ihnen nicht, so sie dich liebfreundlich ermahnen; denn sie helfen dir
ja bearbeiten dein Herz!
[GEJ.02_075,12] Siehe an den Thomas, der sich
von aller deiner Grobheit nicht abschrecken läßt, dich zu ermahnen, wenn du
deinem bösen Herzen einen zu freien Spielraum zu gewähren anfängst; horche
darum auf seine um dich besorgten Mahnworte, so wird es nach und nach schon
besser werden in deinem Herzen! So du dir aber gleichfort, wie es bis jetzt der
Fall war, von niemandem etwas sagen läßt, so wirst du in Kürze zugrunde gehen
und, wie gesagt, dem Satan zur Beute werden; denn da werde nicht Ich, sondern
der Satan in deinem Herzen Wohnung nehmen.
[GEJ.02_075,13] Hüte dich also vor allem vor
dem Zorne und vor der Habsucht, ansonst du ein Kind des ewigen Todes werden
wirst! Denn die Reue und Buße über dem Grabe haben einen geringen Wert und
können einer unreinen, schwarzen Seele wenig nützen. Gehe nun und überdenke
diese Meine Worte wohl!“
[GEJ.02_075,14] Judas tritt nun zurück,
nachdenkend, faßt wohl so einen halben Entschluß, sich nach Meinen Worten zu
bessern, und sagt zum Thomas: „Nun, Bruder, sollst es sehen, wie Ischariot ein
ganz anderer Mensch wird, und am Ende noch euch allen zu einem Vorbilde! Denn
Ischariot kann viel, wenn er will; er will es aber nun und wird daher auch
vielvermögend werden!“
[GEJ.02_075,15] Sagt Thomas: „Bruder, wenn du
dich schon im voraus rühmest, da wird die Tat wahrscheinlich im Hintergrunde
verbleiben, und du wirst oder kannst dadurch auch zu einem Vorbilde werden,
aber zu keinem aneifernden, sondern zu einem abschreckenden, – und es wird auf
dieser Welt schwerlich je besser werden mit dir!
[GEJ.02_075,16] Denn siehe, so du besser
werden willst, als da wir alle sind, die wir unsere großen Schwächen auch ohne
deine Vorbildschaft kennen und nur zu klar einsehen, wie elend und gar nichts
wert wir vor dem Herrn sind, so mußt du dich geringer dünken für alle Zeiten
der Zeiten, als da sind deine Brüder vor dem Herrn, und sogar nie daran denken,
uns ein nachahmungswürdiges Vorbild werden zu wollen, sondern dich stets als
der Letzte und Geringste dünken; dann wirst du, ohne es sein zu wollen, das in
der Tat uns sein, was du nun noch stark hochmütigerweise zu werden dir
vornimmst. – Lebe also nach dieser Regel, die nicht auf meinem Grund und Boden,
sondern auf dem heiligen des Herrn für dich gewachsen ist, dessen Grundlage die
wahre Demut und Selbstverleugnung ist, so wirst du nach der Gottesordnung das
erreichen, was du erreichen willst! – Gehe aber hin zum Herrn und erkundige
dich, ob ich dich unrecht und unwahr belehrt habe!“
76. Kapitel
[GEJ.02_076,01] Ruft Judas nach Mir und
fragt: „Herr, ist es also, wie nun Thomas zu Mir geredet hat in einem stark
herrschenden Ton?“
[GEJ.02_076,02] Sage Ich: „Ja, also ist es!
Wer aus euch sich erniedrigt am meisten vor seinen Brüdern, der ist der Erste
im Gottesreiche; jedes Sichbesserdünken setzt ihn aber im Gottesreiche auf eine
letzte Stufe zurück.
[GEJ.02_076,03] So jemand von euch noch
irgendein Hoheits- und somit Besserseinsgefühl in sich verspürt, da ist er von
der alles verzehrenden, gierigsten Hölle noch nicht frei und noch lange nicht
geschickt zum Reiche Gottes; denn solch ein Mensch ist nicht freien Geistes.
[GEJ.02_076,04] So aber jemand sich unter
alle seine Brüder herabgesetzt hat und also bereit ist, allen zu dienen nach
seiner Fähigkeit, so ist er der Erste im Reiche Gottes, und alle andern können
sich ganz füglich nach ihm bilden. Wahrhaft göttlich großen Geistes ist nur
derjenige, der sich unter alle menschliche Kreatur herabzuwürdigen vermag!“
[GEJ.02_076,05] Sagt Judas: „Da kann dann nur
ein Mensch, der sich am meisten zu erniedrigen versteht, der Erste im Reiche
Gottes sein!? Denn so er beflissen ist, allen zu dienen nach seinen
Fähigkeiten, so müssen die andern ihm doch offenbar erst den Gefallen erweisen,
sich von ihm bedienen zu lassen, um ihm dadurch zur himmlischen Priorität
(Vorrang) zu verhelfen! – Was aber dann, wenn die andern seine Dienste entweder
gar nicht annehmen wollten oder dem Himmelreichsprioritätsbestreben selbst ihre
Dienste anbieten? Wer wird dann der Erste im Reiche Gottes werden?“
[GEJ.02_076,06] Sage Ich: „Alle, die aus
redlichem Herzen solches zu tun sich bemühen! Aber Menschen, die gewisserart
aus Selbstsucht ihres Bruders Dienste darum nicht annähmen, um ihm jede
Gelegenheit zu entziehen, ein Erster im Reiche Gottes werden zu können, ohne je
nach solcher Priorität (Vorrecht) zu streben, die werden dennoch die Letzten
sein, und er der Erste, weil er wahrhaft aus Liebe und wahrer Demut allen
Brüdern dienen wollte!
[GEJ.02_076,07] Ah, ganz etwas anderes wäre
es, so jemand auf dieser Welt bloß der einstigen himmlischen Priorität
(Erstrecht) wegen der Geringste und ein Diener aller werden wollte! Oh, der
wird auch einer der Letzten im Reiche Gottes sein! Jenseits wird alles mit der
feinsten Waage abgewogen und nach dem genauesten Maße bemessen werden. Wo immer
etwas Selbstsüchtiges zum Vorschein kommen wird, wird die Waage den Ausschlag
nicht geben und das Maß der Himmel nicht decken! Daher mußt du die volle
Wahrheit ohne allen Hinterhalt in dir haben, sonst kannst du ins Reich Gottes
nicht eingehen. Nur die reinste Wahrheit ohne Falsch und hinterhältigen Trug
kann und wird euch frei machen vor Gott und aller Seiner Kreatur! – Verstehest
du das?“
[GEJ.02_076,08] Sagt Judas Ischariot: „Ja,
das verstehe ich wohl, sehe aber auch zugleich ein, daß solches unmöglich zu
bewerkstelligen ist; denn es ist dem Menschen unmöglich, alle Selbstliebe
fahren zu lassen! Er muß doch essen und trinken und sich um eine Wohnung und
Kleidung umsehen, – und das geschieht denn auch aus einer geringen Art von Selbstliebe!
Man nimmt sich ein liebes Weib und will dieses allein für sich haben, und wehe
dem, der es wagte, seines Nächsten Weib zu begehren! Das wird aber etwa doch
auch eine Art Selbstliebe sein!?
[GEJ.02_076,09] Wenn ich einen
wohlbearbeiteten Grund habe, und es kommt die Zeit der Ernte, werde ich wohl
nun aus lauter Selbstverachtung und gänzlichem Mangel an Selbstliebe zu meinen
Nachbarn hingehen und sagen: ,Meine Freunde, gehet hin und erntet, was auf
meinen Feldern gewachsen ist; denn ich habe als der Geringste unter euch, als
euer aller Knecht ohne allen Wert vor euch, nur für euch gearbeitet!‘ Ich
meine, da sollte die so hochgestellte Selbstverleugnung und Selbstverachtung
doch irgend einige bestimmte Grenzen haben, ohne welche es sogar unmöglich wäre,
Deine Lehre den Menschen zu verkünden, weil man dadurch offenbarst anzeigete,
daß man seine Brüder für dümmer und blinder hielte als sich selbst! Denn sich
im Geiste für vorzüglicher halten als seine Brüder, da wird doch etwa auch ein
wenig von einem Hochmut dabei sein! Wenn aber so, da sehen wir uns die
Menschheit in hundert Jahren an, und wir werden sie gleich dem Ochsen auf der
Weide Gras fressen sehen, und von einer Sprache wird keine Spur mehr zu finden
sein und ebensowenig von irgendeinem Wohnhause oder gar von einer Stadt! – Wie
weit darf also des Menschen Eigenliebe gehen?“
77. Kapitel
[GEJ.02_077,01] Sage Ich: „Ganz gut, Ich will
dir denn ein Maß geben, nach welchem du und ein jeder wissen soll, wie er mit
der Eigenliebe stehen soll, wie mit der Liebe zum Nächsten und wie mit der
Liebe zu Gott.
[GEJ.02_077,02] Nimm die Zahl 666, die in
guten und schlechten Verhältnissen entweder einen vollendeten Menschen oder
einen vollendeten Teufel bezeichnet!
[GEJ.02_077,03] Teile du die Liebe im Menschen
gerade in 666 Teile; davon gib Gott 600, dem Nächsten 60 und dir selbst 6!
Willst du aber ein vollendeter Teufel sein, dann gib Gott sechs, dem Nächsten
sechzig und dir selbst sechshundert!
[GEJ.02_077,04] Siehe, die rechtschaffenen
Dienstleute und Knechte und Mägde sind es, die die Felder ihrer Herrschaft
bearbeiten. Nach deiner Ansicht sollen sie denn nun auch die Ernte nehmen, weil
sie durch ihren Fleiß und ihre Mühe geworden ist; aber sie tun diese in die
Scheuern und Scheunen ihrer Herrschaft und haben eine große Freude daran, so
sie zu ihrer Herrschaft sagen können: ,Herr, alle deine Scheuern und Scheunen
sind bereits voll, und noch ist die Hälfte auf dem Felde! Was sollen wir da
tun?‘ Und ihre Freude wird größer, so der Herr zu ihnen sagt: ,Ich lobe euren
großen und uneigennützigen Fleiß und Eifer; gehet und bringet Bauleute her, auf
daß sie mir Vorratskammern in kürzester Zeit erbauen und ich des Feldes Segen
aufbewahre für Jahre, die vielleicht weniger gesegnet sein möchten, denn dieses
da war, an allen Früchten!‘ Sieh, nichts gehört den Dienstleuten, sie haben
keine Scheuer, keine Scheunen und keine Vorratskammern, und doch arbeiten sie
um einen geringen Lohn, als gelte es für ihre Scheuer, Scheunen und
Vorratskammern; denn sie wissen es, daß sie nicht Not zu leiden brauchen, wenn
der Herr alle Vorratskammern voll hat.
[GEJ.02_077,05] Und siehe, im Tun eines
rechtschaffenen Dienstboten liegt das ganze Verhältnis jedes wahren Menschen zu
sich, zum Nächsten und zu Gott. Der wahre Dienstbote sorgt für sich 6fach, für
seine Dienstgefährten, damit sie ihm wohlwollen, 60fach und für seinen
Dienstherrn 600fach und sorgt dadurch, ohne es zu wollen, dennoch 666fach für
sich; denn die Nebendiener werden ihrem Gefährten, bei dem sie die wenigste
Selbstliebe merken, am meisten wohlwollen, und der Dienstherr wird ihn bald
über alle setzen. Aber einen Diener, der nur für seinen Sack sorgt, bei der
Arbeit gern der letzte ist und da seine Hände nur an die leichteste Arbeit
legt, den werden seine Gefährten mit scheelen Augen ansehen, und sein
Dienstherr wird es wohl merken, daß der selbstsüchtige Diener ein fauler Knecht
ist. Er wird ihn daher nie über seine Dienerschaft setzen, sondern ihm
vermindern den Lohn und ihn setzen zuunterst am Speisetische. Und wird sich
dieser selbstsüchtige, faule Knecht nicht bessern, so wird er mit schlechten
Zeugnissen aus dem Dienste getan werden und also schwerlich je wieder einen
Dienst erhalten. So er aber einen einzigen Freund noch hat, dem gegenüber er
sich uneigennützig bewiesen hatte, so kann dieser ihn in seine Wohnung
aufnehmen, wofür ihn der Herr nicht schmähen wird. – Verstehst du das?
[GEJ.02_077,06] Ein jeder Mensch hat und muß
einen gewissen Grad von Eigenliebe haben, ansonst er nicht leben könnte, –
aber, wie gezeigt, nur den möglich geringsten Grad; ein Grad darüber hebt schon
das rein menschliche Verhältnis auf, und es ist die Sache in der göttlichen
Ordnungswaage also auf ein Haar abgewogen! – Nun sind dir die Grenzlinien
gezeigt, und wir wollen sehen, wie du diese tatsächlich befolgen wirst!“
[GEJ.02_077,07] Sagt Judas: „Dazu gehört viel
tiefste Weisheit, um beurteilen zu können, ob man das genaue Maß mit der
Eigenliebe getroffen hat! Wie kann der kurzsichtige Mensch das beurteilen?“
[GEJ.02_077,08] Sage Ich: „Er tue mit
redlichem Willen das, was er tun kann; das Abgängige wird schon von Gott aus
hinzugetan werden. Für weniger aber als sechs Teile für sich darf man wohl bei
keinem Menschen irgendeine Sorge tragen! Am allerwenigsten für Menschen deiner
Art!“
[GEJ.02_077,09] Hier verstummt Judas und geht
nachdenkend vom Tische, um sich eine Lagerstätte für die schon stark
hereingebrochene Nacht zu bereiten.
[GEJ.02_077,10] Nun aber tritt erst der Knabe
Josoe auf und sagt: „Aber hat mich dieses Menschen Dummheit doch schon über all
die Maßen geärgert! Ein Jünger ist er und noch so dumm wie eine Nachteule am
hellen Tage. Ich habe alles gleich verstanden, was Du, o Herr, zu ihm geredet
hast; er aber verstand nichts, indem er immer fragte und allerlei Einwürfe
machte, und nun am Ende des Endes noch so dumm davonging, als wenn Du, o Herr,
ihm kein Silbenswörtlein gesagt hättest! Wenn ein Kind fragt, so ist das
verzeihlich; aber wenn so ein alter Mensch, der auf der andern Seite doch
wieder weiser sein will denn seine Nebenmenschen, auch noch fragt – und das
ersichtlich nicht gut-, sondern böswillig –, so muß man sich ja doch ärgern!
Ich will noch dreimal sterben, wenn dieser Mensch sich auf dieser Welt je
bessern wird! Er ist allem Anscheine nach ein Geizhals und rechnet, wie er,
wenn er das vermöchte, was Du, o Herr, vermagst, sich in kürzester Zeit zu
ganzen Bergen von Gold und Silber aufschwingen könnte! Und ich, so wahr ich
Josoe heiße, will alles darum geben, was ich habe, und alles erleiden, was nur
je ein Mensch erleiden kann, wenn dieser Mensch je eine Besserung ergreifen
wird!“
[GEJ.02_077,11] Sage Ich: „Mein lieber Josoe,
laß das nur gut sein; denn wir brauchen allerlei Handlanger bei der Erbauung
eines neuen Himmels und einer neuen Erde, und da ist eben Judas auch einer, den
wir brauchen können! – Aber nun sage du Mir, was du deinen irdischen Eltern
sagen wirst, wenn du wieder mit ihnen zusammenkommen wirst! Wie wirst du
reden?“
78. Kapitel
[GEJ.02_078,01] Sagt Josoe, freudig lächelnd:
„Herr, ich meine, diese Geschichte wird sich ganz einfach machen lassen! Ich
komme vom Oheim Jairus geleitet ins Haus meiner sicher noch immer um mich
trauernden Eltern. Diese werden ganz verwundert große Augen machen, daß sie in
mir einen Knaben erblicken, der ihrem Josoe so ähnlich sieht wie ein Auge dem
andern; dann mag Jairus sagen, daß ich ein Findling sei und sogar den Namen des
Verstorbenen führe, und meine Eltern werden mich ohne weiteres an Kindes Statt
aufnehmen und mich lieben mehr denn ihren Josoe. Nach und nach können sie dann
durch allerlei rare Wendungen in die volle Wahrheit eingeleitet werden, und sie
werden am Ende denn doch glauben müssen, daß ich ihr wirklicher Sohn Josoe bin.
In einer Zeit aber, die Du, o Herr, bestimmen kannst, können sie dann denn auch
in die vollste Wahrheit geführt werden. – Ist es also recht, o Herr?“
[GEJ.02_078,02] Sage Ich: „Die Sache ist gar
nicht übel ausgedacht, Mein lieber Josoe; aber nur ein Umstand kommt dabei vor,
und zwar der, daß da eine offenbare Lüge vorkommt, und eine jede Lüge ist vom
Übel und erzeugt wieder Übel. Siehe, ein Findling bist du denn doch offenbar
nicht; wie wirst du den ,Findling‘ hernach vor deinen Eltern und Gott
rechtfertigen?“
[GEJ.02_078,03] Sagt der Knabe: „Herr, wenn
Du lächelst, so ist das sicher ein gutes Zeichen, und ich bin schon
gerechtfertigt vor Dir, so wie einst der Jakob mit seinen in Lammfelle
gewickelten Händen vor seinem blinden Vater Isaak! Siehe Herr, das war denn
doch mehr Lüge denn bei mir, so ich als ein Findling meinen Eltern vorgeführt
werde, und doch war vor Gott Jakobs Erstgeburtssegen als gerecht angenommen!
Wenn aber Gott damals einen doch offenbarsten Betrug, der eine tatsächliche
Lüge ist, mit gnädigen und segnenden Augen ansehen konnte, so wird Ihn ja doch
der nunmalige Findling Josoe nicht anwidern, zudem er doch ein allerwahrster
Findling ist wie kein zweiter auf der ganzen weiten Gotteserde! Ich meine, Du
mein Gott und mein Herr, es dürfte für diese Erde wohl nichts so sehr verloren
sein als einer, der gestorben ist; und so dürfte es auch nichts im vollwahrsten
Sinne Gefundeneres geben als einen – –, Herr, Du verstehst mich, wen ich hier
meine!“
[GEJ.02_078,04] Sage Ich: „Gut hast du es
gemacht! Ich wußte es ja, daß du einen rechten Grund finden wirst; aber nun
möchte Ich denn von dir auch noch hören, wie du dich deinen Eltern durch
allerlei rare Wendungen am Ende als der wirkliche Sohn Josoe aufführen wirst.“
[GEJ.02_078,05] Sagt Josoe: „O Herr, das ist
doch eine überaus leichte Sache! Wenn ich einmal im Hause bin, so werde ich,
was mir ein leichtes ist, mich gerade so benehmen, wie ich mich früher benommen
habe; ich werde nach und nach um dies und jenes fragen, wie ich es früher getan
habe, werde auch meine Spielereien hervorsuchen und damit die bekannten
Verfügungen treffen, was meinen Eltern offenbar auffallen wird und sie am Ende
werden sagen müssen: ,Das ist unser Josoe, der vielleicht vom Borus im Grabe
durch seine geheimen Mittel erweckt und mit der Zeit bis her vollends geheilt
worden ist!‘ Und ich lasse sie einstweilen bei der Meinung. Kommt dann die
rechte Zeit, so sollen sie die Wahrheit schon erfahren, und ich meine, daß die
Sache sich also ganz gut machen wird.“
[GEJ.02_078,06] Sage Ich: „Aber da kommt
schon wieder eine Lüge vor! Siehe, jemanden geflissentlich im Irrtum belassen,
heißt ebensoviel wie jemand anlügen! Wie wirst du dich denn da reinwaschen?“
[GEJ.02_078,07] Sagt Josoe: „Herr, solange Du
lächelst, wenn Du prüfest, ist es immer und ewig ein gutes Zeichen; ich meine
aber so, daß die Lüge auch von einer sehr unterschiedlich zweifachen Art ist.
Jemandem geflissentlich aus bösem Willen eine Lüge als eine verbürgte Wahrheit
auftischen, ist und bleibt eine satanische Bosheit! Aber eine Scheinlüge, durch
die man die nackte Wahrheit nur so lange umhüllt, als eben die nackte Wahrheit
für den Menschen, den sie betrifft, noch unerträglich wäre, ja ihm offenbar
mehr schaden als nützen würde, kann nicht vom Übel sein, weil sie dem edlen,
guten und wohlwollendsten Herzen und Willen entstammt!
[GEJ.02_078,08] Es müßte in dieser Hinsicht
dann ja auch jedes Gleichnis, hinter dem doch die erhabenste Wahrheit verborgen
sein kann, eine barste Lüge sein. Und doch haben die weisesten Väter und
Propheten zumeist in lauter Gleichnissen gesprochen! Und daß hier Borus als der
allgemein bekannte, berühmte Arzt eben als Arzt eigenschaftlich Deine Stelle
vertritt, ist im Grunde denn doch auch nichts anderes, als wie zu den Zeiten
Abrahams die drei zum Erzvater gekommenen Engel die Stelle Jehovas vertreten
haben, und gar nichts anderes als die mir immer recht hart vorkommende Lüge des
Joseph in Ägypten vor seinen Getreide suchenden Brüdern! Aber Gott hatte es
Selbst also gewollt und rechnete dem Joseph solch sein Benehmen gegen seine
Brüder sicher nicht zur Sünde. Und so meine ich, daß solch eine Scheinlüge bloß
nur eine Klugheit aus den Himmeln ist, während die wirkliche Lüge in die Reiche
der ärgsten höllischen Verschmitztheit gehört!“
[GEJ.02_078,09] Sage Ich: „So komme her, du
Mein liebster Josoe, und laß dich küssen; denn du bist ja schon als ein noch
zarter Knabe weiser denn ein alter Schriftgelehrter!“
[GEJ.02_078,10] Mit diesen Worten eilt Josoe
sogleich um den ganzen Tisch, umarmt Mich und küsset Mich klein ab und sagt
darauf in völlig ausgelassener, aber dabei dennoch sehr weiser Heiterkeit: „Da
sehet her alle ihr alten himmlischen Geister, Mächte und Kräfte, und verhüllet
euer Angesicht! Denn das, was hier geschah, habet ihr noch nie erlebt! Der
ewige heilige Vater hier vor uns, im Sohne Jesus völlig gegenwärtig, läßt Sich
fleischlich liebkosen von einem Seiner Geschöpfe!
[GEJ.02_078,11] So zieht, Der ewig war, das
zeitlich Seiende an Sich, koset es und macht es dadurch Ihm gleich ewig! O Du
wahrer, alleiniger Vater aller Menschen, wie süß doch schmecket Deine Liebe!“
79. Kapitel
[GEJ.02_079,01] Hier treten die zwei Engel
hervor und sagen: „Ja, holdester Knabe, du hast wahr gesprochen! Das war
unseren Augen, die schon lange den endlosen Raum Gottes durchstierten, ehe noch
eine Sonne ihr Dasein weithin durch den ewigen Raum Gottes mittels ihrer
Strahlen verkündete, noch nie ersichtlich geworden! Bleibe du daher aber auch
gleichfort in dem Geiste, der dich jetzt so rein göttlich hehr belebt, und wir
bleiben ewig Brüder!“
[GEJ.02_079,02] Sagt Josoe: „Wer seid ihr
denn, daß ihr gar so erhaben weise Worte auszusprechen vermöget? Seid ihr denn
nicht auch Menschen, so gut wie ich einer bin?“
[GEJ.02_079,03] Sagen die beiden: „Liebster
Bruder, im Geiste wohl sind wir völlig das, was du bist und noch mehr und mehr
werden wirst; aber Fleisch und Blut haben wir nie getragen! Wir sind Engel des
Herrn und sind hier, Ihm allein allzeit zu dienen. So uns aber Der einst auch
gnädigst will durchs Fleisch, Ihm gleich, gehen lassen, so werden wir dir dann
auch in dieser Hinsicht vollends gleichen. Für jetzt aber bist du uns bedeutend
voraus; doch die Ewigkeit ist lang und endlos, und in ihr werden sich dereinst
alle Unterschiede ausgleichen. Wir aber tragen nun auch dir unsere Dienste an;
willst du etwas, so schaffe (befiehl) und wir werden dir dienen!“
[GEJ.02_079,04] Sagt Josoe: „Was sollte ich
euch mir zu dienen schaffen? Wir alle haben einen Gott und einen Herrn und
Vater von Ewigkeit. Dem allein kommt das Recht zu, zu schaffen mit mir wie mit
euch; wir aber, die wir samt und sämtlich von Ihm erschaffen worden sind,
sollen einander nicht schaffen, sondern aus Liebe zuvorkommend uns allzeit
gegenseitig dienen, so aus uns einer oder der andere Engel oder Mensch,
gleichviel irgendeines Dienstes bedarf!
[GEJ.02_079,05] Ich halte aber schon den nicht
für vollkommen, der, wenn auch noch so willfährig, seinem hilfsbedürftigen, um
irgendeinen Beistand flehenden Bruder beispringt; denn da wird nur dem
geholfen, der Gelegenheit, Mut und Kraft besitzt, seinem in was immer für einer
Hinsicht vermögensreichen Bruder seine Not darzustellen und ihn um die
entsprechende Hilfe anzuflehen. Wer aber hilft dann dem, der die Gelegenheit,
den Mut nicht besitzt, seinen vermögensreichen Bruder um Hilfe anzuflehen? Wenn
ich aber schon eine erbetene Hilfe durchaus nicht gutheißen kann, um wieviel
weniger dann erst eine befohlene!
[GEJ.02_079,06] Darum sage ich euch hier in
der Gegenwart Dessen, der ein Herr ist über Leben und Tod: So ihr sehen werdet,
daß mir eine Hilfe not tut, so helfet mir, ohne daß ich euch darum bitte oder
gar schaffe, als ob ich ein Herr wäre! Und ich werde dasselbe tun, so ich es
wüßte, daß auch ich euch wo dienen könnte; sonst brauche ich keine Hilfe und
keinen Dienst von euch, am allerwenigsten aber einen befohlenen, der schlechter
ist denn gar keiner!
[GEJ.02_079,07] Es solle sich aber ein in was
immer für einer Hinsicht Vermögensreicher mit Fleiß umsehen unter seinen
hilfsbedürftigen Brüdern, ob nicht einer bald in dieser und bald in einer
andern Hinsicht irgendeiner Hilfe bedarf. Und hat er einen gefunden, so solle
er ihm die Hilfe antragen! So wird er meines Erachtens dem Herrn und Vater, der
ewig gleichfort also handelt, sicher angenehm sein und wird das heilige Ebenmaß
Gottes, nach dem er erschaffen ist, rechtfertigen; wer aber seinem Nächsten
erst dann hilft, wenn dieser ihn um die Hilfe angefleht hat, – oh, wie weit ist
ein solcher Helfer noch vom vollen Ebenmaße entfernt, und wie weit dann erst
der, der sich eine Hilfeleistung befehlen läßt!
[GEJ.02_079,08] Seht ihr, meine lieben
Freunde, wenn eure Weisheit nicht weiter reichen sollte als dahin nur, den
Menschen Anträge zu machen, daß sie euch gebieten sollen, wenn sie eurer Hilfe
bedürfen, da gehe ich als ein Knabe mit euch nicht tauschen; habt ihr mich aber
bloß nur prüfen wollen, so glaube ich, meine Prüfung vor euch wenigstens nicht
schlecht bestanden zu haben. Und solltet ihr vielleicht aus meinem Munde etwas
vernommen haben, was euch vielleicht ein wenig hart berührt hätte, so müßt ihr
das mir schon zugute halten; denn um euch zu belehren, habe ich meinen Mund
nicht aufgetan, sondern der Wahrheit willen, weil ihr euren Antrag mir nicht
der Wahrheit gemäß gemacht habt. Als vollkommene Himmelsgeister aber hättet ihr
doch mein Inneres insoweit zum voraus durchblicken und erkennen sollen, daß ich
euch auf euren Antrag mit solch einer Antwort sicher entgegenkommen werde, und
ihr hättet dann eurem Antrage, für den ich euch durchaus nicht danken kann,
sicher ein anderes Gesicht gegeben!“
[GEJ.02_079,09] Die beiden Jünglinge treten
nun etwas gedemütigt zurück und sagen: „Wahrlich, diese hohe, rein göttliche
Weisheit hätte kein Engel in diesem Knaben gesucht!“
[GEJ.02_079,10] Sage Ich: „Ja, Meine Lieben,
Gottes Auge sieht gar scharf und entdeckt auch in den vollkommensten Engeln
Flecken, – also auch eines Menschen reinstes Herz, das da ist wie ein Augapfel
Gottes. Ich ließ aber das nicht euretwegen, sondern der Gäste wegen geschehen,
auf daß sie aus dem reinen Munde eines erweckten Knaben erfahren sollten,
wieviel es ihnen an der Gottähnlichkeit noch mangelt. Im übrigen aber hat der
Knabe schon von Geburt an einen außerordentlich scharfen Geist, und es meine ja
niemand, Ich hätte nun bei dieser Gelegenheit ihm die Worte ins Herz und
endlich in den Mund gelegt. Sie sind auf seinem höchst eigenen Grund und Boden
gewachsen; darum wird er Mir zu einer Zeit ein tüchtiges Rüstzeug sein.“
80. Kapitel
[GEJ.02_080,01] Sagt Cyrenius: „Herr, diesen
Knaben möchte ich zu mir nehmen, und so er zu mir wollte, möchte ich ihn nicht
nur meinen Kindern gleich, sondern in allem über dieselben stellen. Wahrlich,
ich würde es mir zum größten Glücke rechnen, so ich diesen lieben Knaben, der
ohnehin mehr Engel als Mensch ist, mein nennen könnte! Er wird ohnehin einen
etwas schweren Stand bei seinen einstigen Eltern haben, und es ist die Frage,
ob diese ihn noch annehmen werden. Ich weiß aber um alles und kann mit der Zeit
Einleitungen treffen, daß seine, mir als sehr templerisch gesinnt bekannte
Eltern ganz gut ihren Josoe erkennen werden. Wollen sie ihn annehmen, so wird es
ihnen auch freigestellt sein, jedoch mit der Bedingung, daß er in meinem Hause
zu verbleiben und um mich zu sein hat, wo ich bin, – bald in Asien, bald in
Europa und bald in Afrika; denn seine Weisheit geht mir über alles!“
[GEJ.02_080,02] Sage Ich: „Mache du das mit
dem Jairus und dem Knaben ab! Mir ist alles recht; denn der Knabe, Mein lieber
Josoe, wird Mir ja überall getreu verbleiben!“
[GEJ.02_080,03] Sagt der Knabe: „Vater, daran
wirst doch Du nicht zweifeln? Du müßtest mir nur Selbst eine andere Gesinnung
ins Herz legen! Das aber wirst Du ewig nicht tun, und so werde ich Dir auch
ewig getreu verbleiben. So ich aber über mein künftiges Sein auf dieser Erde zu
wählen hätte, da bliebe ich am liebsten geradewegs bei Dir! Denn was Höheres,
was Besseres und was Seligeres kann es denn in der ganzen Unendlichkeit und in
allen alten und neuen Himmeln noch geben, als bei Dir, dem Urquell der Liebe,
der Weisheit und alles Lebens, zu sein? Aber das ist auch nur der eigentliche,
innerste Wunsch meines Herzens; im übrigen aber verstehe ich schon auch zu
gehorchen und begebe mich überall willig hin, wohin mich Dein heiliger Wille
nur immer bestimmen mag! Ich gehe zum Cyrenius, den ich überaus achte und
schätze, also gehe ich auch zu meinen irdischen Eltern zurück, die mir auch
sehr lieb und wert sind; aber ohne Deinen Willen werde ich nicht leichtlich
etwas tun.“
[GEJ.02_080,04] Sage Ich: „Daß du bei Mir
bleiben möchtest und mit der Zeit auch bei Mir bleiben wirst, davon zeugt dein
ganzes Wesen; aber für jetzt bedarfst du noch einiger Ruhe, die dir in der
äußeren Abgeschiedenheit von Mir notwendig ist, auf daß zwischen deiner Seele
und dem neuen Leibe eine festere Konstistenz gebildet werde. Wenn solches etwa
im Verlaufe von einem Jahre geschehen wird, dann kannst du schon wieder zu Mir
kommen und wirst dich alsdann in Meiner Nähe ganz gut erhalten können, ohne daß
Ich, wie nun, nötig haben sollte, mit der Macht Meines Willens deine Seele in
deinem Leibe festzuhalten. Siehe, das ist der Grund, warum Ich zu deinem Wohle
nun dich auf eine kurze Zeit von Mir gehen lasse! Frage aber nun deinen Sinn,
ob du lieber mit dem römischen Oberstatthalter Cyrenius von hier ziehest, oder
ob du lieber zu deinen irdischen Eltern heimkehrst! Mir ist es da ganz
einerlei, – nur das ist wahr, daß du beim Cyrenius immer mehr gewinnen kannst
denn als ein scheinbarer Fremdling in deiner Eltern Hause; denn diese werden
lange nicht wissen, was sie aus dir machen sollen.“
[GEJ.02_080,05] Sagt Josoe: „Ganz gut, weil
ich nun so viel weiß, so ziehe ich mit dem hohen Statthalter Cyrenius. Sehen
aber möchte ich die Eltern doch und erfahren, was sie bei meinem Anblick für
fragende Gesichter machen werden.“
[GEJ.02_080,06] Sagt Cyrenius: „Das können
wir morgen, so wir von hier über Kapernaum nach Sidon und Tyrus ziehen werden,
ganz leicht zustande bringen! So wir in Kapernaum bei diesem meinem Bruder, den
du hier neben mir siehst und dessen Name Kornelius ist, zu Mittag speisen
werden, da sollen nebst einigen Hauptständen der Stadt auch deine Eltern zu Tische
gezogen werden, und du wirst dann eine hinreichende Gelegenheit haben, deine
Eltern zu sehen, zu hören und sie zu beobachten, was sie alles für Bemerkungen
über dich machen werden. Aber du mußt dabei wohl dich sehr in acht nehmen, daß
du dich nicht etwa durch ein hingeworfenes Wörtlein zu sehr verrätst! An der
Kleidung werden sie dich nicht erkennen, da ich dir morgen sogleich aus meinem
Vorrate eine Toga, wie sie die Römer tragen, werde anziehen lassen. Aber, wie
gesagt, auf deinen Mund mußt du allein recht wohl achthaben, daß du dich nicht
verrätst vor der Zeit!“
[GEJ.02_080,07] Sagt der Knabe: „Darüber sei
du ganz ohne Sorge! Der römischen Zunge bin ich ziemlich mächtig, sowie der
griechischen, und werde darum in diesen Zungen reden, so ich um etwas gefragt
werde. Freilich sind auch meine Eltern dieser Zungen mächtig; aber das macht
nichts! Kurz, mit der Hilfe des Herrn, der mich erweckt hat, werde ich alles in
der sicher besten Ordnung darzustellen verstehen.“
[GEJ.02_080,08] Cyrenius drückt den Knaben an
seine Brust, küßt ihn und sagt: „Kurz und gut, ich liebe dich überaus und
betrachte dich von nun an als einen Sohn, den ich mehr liebe als alle meine
Leibeskinder und eine Menge anderer Kinder, denen ich freiwillig, wie nun dir,
ein Vater geworden bin. Denn allen wirst du mit deinem Geiste vieles nützen
können.“
[GEJ.02_080,09] Sagt der Knabe: „Ich freue
mich auch darauf; denn das ist meine größte Freude von jeher gewesen, so ich
jemand habe in was immer nützlich sein können.“
[GEJ.02_080,10] Sage Ich: „Gut, Mein Josoe!
Wenn Ich sehen werde, daß du deinem Vorsatze getreu verbleiben wirst, so werde
Ich dir dann auch eine Kraft aus den Himmeln zukommen lassen, mit deren Hilfe
du dann noch mehr Gutes zu wirken imstande sein sollst. Worin aber die Kraft bestehen
wird, wirst du erst dann innewerden, wann du sie überkommen wirst. Nun aber
wollen wir uns zur Ruhe begeben; denn es ist bereits die Mitternacht
herbeigekommen. Morgen ist auch wieder ein Tag, und Ich will ihn nicht zum
voraus erforschen, was er bringen wird, sondern, was er bringen wird, das
werden wir alle annehmen. Das Gute soll unser Anteil sein, und das Schlechte
werden wir auszuscheiden verstehen. Und also begeben wir uns zur Ruhe!“ – Nach
diesen Meinen Worten begibt sich alles zur Ruhe.
81. Kapitel
[GEJ.02_081,01] Der Morgen des kommenden
Tages war wieder einer der heitersten, und viele der anwesenden Gäste, die auch
früher als wir sich zur Ruhe begeben hatten, tummelten sich schon im Freien
herum, als Ich, die Jünger, die Römer und der Kisjonah uns aus dem Hause ins
Freie begaben.
[GEJ.02_081,02] Als wir uns aber eine kurze
Zeit im Freien aufhielten, kam auch Bab mit seiner Familie aus der Stadt; denn
er ging am späten Abend nach Hause in die Stadt, um nicht Ungelegenheiten in
Meinem Hause zu machen. Als er aber ankam – so erzählte er uns in entschiedener
Eile –, habe in der Stadt, und namentlich in der Synagoge, eine große Aufregung
geherrscht, so zwar, daß er sich gar nicht getraute, jemanden zu fragen, was es
da gäbe. Es müßte aber etwas sehr Bedeutendes vor sich gegangen sein, da er
sonst noch nie eine solche Aufregung unter den Dienern und Herren der Synagoge
bemerkt habe.
[GEJ.02_081,03] Sage Ich: „Das wird eine
Folge des neuen Besens sein, der nach dem Austritte des Jairus aus Jerusalem angekommen
sein wird und wahrscheinlich heute hier in Nazareth eine Visitation halten
will! Da liegt gar wenig daran, und wir wollen uns darum unser bereits fertiges
Morgenmahl ganz gut schmecken lassen.“
[GEJ.02_081,04] Darauf wandte Ich Mich zu den
beiden noch anwesenden Jünglingen: „Eilet hinein in die Synagoge und bringet
Mir Roban, den Ältesten, heraus; Ich habe mit ihm zu reden! Gehet aber
gemächlichen Schrittes, auf daß ihr euch durch euer plötzliches Auftreten nicht
verratet!“ – Die beiden Engel tun sogleich, was Ich ihnen geboten habe; wir
aber begeben uns zum Morgenmahle und verzehren es mit frohem Mute.
[GEJ.02_081,05] Als wir die Tische wieder
verlassen, kommt auch schon Roban mit den beiden Engeln daher, verneigt sich
tief vor Mir und vor den noch anwesenden hohen Römern und sagt ganz erschöpften
Gemütes: „Ach, Herr, hier der Himmel, und dort in der Synagoge die Hölle im
vollsten Toben! Herr, ich brauche es Dir zwar nicht zu sagen, da ich nur zu gut
weiß, daß Dir nichts in der ganzen Welt unbekannt sein kann; aber es ist nun
schon wahrlich zum Verzweifeln, was unser neuer Oberster treibt!
[GEJ.02_081,06] Wenn der Mensch nicht ein
leiblicher Bruder des Satans ist, so leiste ich auf meine Menschheit den
vollsten Verzicht! Fürs erste plündert er uns nicht nur was das Geld betrifft,
sondern auch in allen andern Habseligkeiten rein aus, so daß wir nicht einmal
wissen, wovon wir nun in der Folge mit unseren Familien leben sollen; nimmt
alles Mehl, alle Hülsenfrüchte, alles Getreide, alle geräucherten Fische;
bezeichnet unsere Ochsen und Kühe und Kälber, Schafe und Esel als ein Eigentum
des Tempels und wird sie uns auf diese Weise ohne alle Gnade nehmen! Dazu
erklärte er uns alle als Abtrünnige des Tempels und will uns noch obendrauf mit
allen möglichen Strafen belegen; denn man wisse in Jerusalem haarklein alles,
was hier geschehe, und er habe zugleich den gemessensten Auftrag, Dich als
Volksverführer und Volksaufwiegler ergreifen und den Gerichten ausliefern zu
lassen! – Was sagst Du zu solcher Bestialität?
[GEJ.02_081,07] Herodes wisse jeden Tritt und
Schritt von Dir; er hätte schon lange ganz ernste Schritte gegen Dich getan, so
er etwa nicht von der irrigen Meinung befangen wäre, die ihm sein Wahrsager,
der geheim ein Jünger Johannis war, beibrachte, daß Du der vom Tode wieder
auferstandene Johannes seiest; denn er hatte ihn auf Verlangen der Metze
Herodias im Kerker enthaupten und ihr dessen Haupt auf einer Schüssel
präsentieren lassen, zum Beweise, daß er den ihr gemachten Eid erfüllt habe!
[GEJ.02_081,08] Aus dem wenigen kannst Du, o
Herr, nun schon entnehmen, wie die Sachen stehen! Ich sage es Dir: wenn Du
nicht mit aller Deiner Macht Dich entgegenstellst, so bist Du samt allen, die
hier bei Dir sind, dem Fleische nach verloren! Denn mehr kann ich Dir nicht
sagen, als daß nun buchstäblich die ganze Hölle los ist; auf Deinen Kopf sind
bloß zehntausend Pfunde Goldes gesetzt!“
[GEJ.02_081,09] Ich berufe hier den Matthäus
und sage zu ihm: „Was du nun hören wirst, das zeichne auf!“
[GEJ.02_081,10] Matthäus bringt sogleich
seine Schreibgeräte her und richtet sich zum Schreiben.
[GEJ.02_081,11] Ich aber sage noch einmal zum
Roban: „Freund, du hast nun die traurige Geschichte vom Johannes nur flüchtig
hingeworfen; sei so gut und erzähle sie also, wie sie euch der neue Oberste
kundgegeben hat! Denn es liegt Mir daran, daß die Sache also aufgezeichnet
werde!“
[GEJ.02_081,12] Sagt Roban: „Mit der größten
Bereitwilligkeit von der Welt tue ich das; nur fürchte ich, daß ich vermißt
werde, und wir stehen in der Gefahr, daß der Satansbruder von einem Obersten
herauskommt und uns hier einen gräßlichen Spektakel macht!“
[GEJ.02_081,13] Sage Ich: „Fürchte nichts;
denn so viel Macht haben wir noch hier, ihm einen Mentor (Führer) zu stellen!“
[GEJ.02_081,14] Sagt Roban: „Wenn so, dann
will ich die Johannesgeschichte sogleich wörtlich also wiedergeben, wie sie uns
der neue Oberste kundgegeben hat. Also lauteten aber seine Worte:
82. Kapitel
[GEJ.02_082,01] (Roban:) „Vor kurzem
berichteten die Steuereinhebungsknechte des Vierfürsten Herodes eben diesem
Herodes die Gerüchte von Dir und Deinen Taten (Matth.14,1), erzählten ihm, wie
Du sie beim Steuererpressen in die Flucht geschlagen habest, und wie sie Deiner
Macht durchaus nichts anhaben konnten. Darauf berief Herodes sogleich seinen
Wahrsager. Dieser aber, als erstens eine feine Kundschaft, und zweitens
insgeheim ein Jünger des Johannes, der die Ermordung dieses Propheten dem
Herodes nicht verzeihen konnte, fand hier Gelegenheit, eine erste Rache an Herodes
zu nehmen, und erklärte ihm mit fester Miene und Rede: ,Das ist Johannes, der
von den Toten auferstanden ist und wirket nun gegen Dich solche Taten!‘
[GEJ.02_082,02] Darüber erschrak Herodes und
kam bebend zu seinen Knechten zurück und sagte zu ihnen: Das ist nicht der
Zimmermann Jesus, den ich kenne, da er vor noch kaum fünf Jahren mit seinem
Vater Joseph bei mir einen neuen Thron angefertigt hat und bei dieser Arbeit
als Kunstzimmermann, obschon er sonst als ein ganz einfältiger Mensch dastand,
eine bedeutende Geschicklichkeit an den Tag legte, sondern das ist der von mir
enthauptete Johannes, der von den Toten wieder auferstanden ist und nun als
unverwüstlicher Geist gegen mich solche Taten verrichtet, die sonst kein Mensch
verrichten kann. (Matth.14,2) Daher sollet ihr wider ihn nichts mehr
unternehmen; denn solches könnte euch und mir das größte Unheil bereiten!
[GEJ.02_082,03] Auf diese Erklärung sollen
die Knechte ganz große Augen gemacht haben und ganz verdutzt von dannen
gegangen sein; denn sie wußten es bei sich, daß Du nicht Johannes seiest, –
aber sie getrauten dem erregten Herodes keine Widerrede zu machen.
[GEJ.02_082,04] Wir fragten aber auf diese
Erzählung des Obersten, was es denn mit der Ermordung des Johannes für eine
Bewandtnis habe. Denn wir wußten wohl, daß ihn Herodes ins Gefängnis geworfen
hatte; aber daß er ihn auch ermorden ließ, davon wußten wir noch keine Silbe.
Darauf erzählte uns der Oberste ganz kurz: Herodes war anfangs selbst –
freilich ganz schwachweg nur – ein Anhänger Johannis und achtete ihn als einen
besonderen Weisen; er nahm ihn daher an seinen Hof und wollte von ihm erlernen
die geheime Weisheit. Da er aber daneben die schlechte Liebe zur Herodias, die
seines Bruders Philipp Weib war, nicht aufgeben wollte (Matth.14,3), so erregte
sich Johannes und sprach in dem ernstesten Ton zum Herodes: ,Es ist nicht recht
vor Gott und deinem Bruder, daß du sie hast! (Matth.14,4) Denn es steht
geschrieben: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib!‘ Da ergrimmte der
stolze Herodes, ließ Johannes in ein Gefängnis werfen und hätte ihn auch gleich
mögen töten lassen, so er das Volk nicht gefürchtet hätte, das den Johannes für
einen Propheten hielt. (Matth.14,5)
[GEJ.02_082,05] Es begab sich aber wenige
Tage darauf, daß Herodes seinen Jahrestag hielt. An diesem Tage tanzte die
schöne Tochter der Herodias vor ihm und seinen hohen Gästen, was Herodes
überaus wohl gefiel. (Matth.14,6) Er verhieß daher der schönen Tänzerin mit
einem Eide, daß er ihr geben werde, was sie von ihm fordern möchte.
(Matth.14,7) Die Tochter aber ging zuvor zu ihrer Mutter, die dem Johannes
Rache geschworen hatte, weil er ihr den Herodes abwendig machen wollte; und die
Mutter richtete daher ihre Tochter also zu, daß sie das Haupt Johannis
verlangen solle.
[GEJ.02_082,06] Da ging die Tochter hin und
sprach zu Herodes: ,Gib mir das Haupt Johannis auf einer goldenen Schüssel!‘
(Matth.14,8) Da ward der König denn doch traurig, zwar nicht so sehr des
Johannes, als vielmehr des Volkes wegen, das er fürchtete, daß es an ihm Rache
nähme. Doch des Eides willen und derer, die mit ihm zu Tische saßen, befahl er
seinen Knechten, das Verlangte der Tochter zu geben. (Matth.14,9) Und die
Knechte gingen hin, enthaupteten Johannes im Gefängnisse (Matth.14,10), nachdem
sie zuvor unter einem Vorwande etliche seiner Jünger von ihm entfernten, und
trugen dann sein Haupt auf einer Schüssel in den Speisesaal, um es der Tochter
zu übergeben; und diese übergab es darauf ihrer argen Mutter. (Matth.14,11)
[GEJ.02_082,07] Darauf kamen wieder seine
Jünger und trafen zu ihrem größten Schrecken und Leidwesen den Leichnam
Johannis. Sie aber nahmen den Leichnam, trugen ihn hinaus und begruben ihn
(Matth.14,12) im Angesichte von vielen Tausenden, die da weinten und den
Herodes und dessen ganzes Haus mit zahllosen Flüchen belasteten. Die Herodias
aber soll beim Anblick des Hauptes Johannis augenblicklich unter gräßlichen
Verzerrungen ihres Gesichtes tot zu Boden gesunken sein und ihre Tochter ein
paar Augenblicke darauf; und Herodes und alle seine Gäste flohen voll Entsetzen
aus dem Saale.
[GEJ.02_082,08] Herr, das ist wörtlich die
überaus traurige Geschichte Johannes des Täufers am Flusse Jordan unweit der
Wüste zu Bethabara, allwo dieser Fluß in den See fällt, denselben durchströmt
und sich endlich dem Toten Meere zuwendet. – Was sagst Du nun dazu? Ist es denn
wohl möglich, daß Menschen gar so zu Teufeln werden können, und zwar zu einer
Zeit, wo Du, dem Himmel und Erde gehorchen, Selbst als Mensch auf der Erde
wandelst? Hast Du denn keine Blitze und keine Donner mehr?“
[GEJ.02_082,09] Treten darauf Cyrenius und
Kornelius zu Mir und sagen ganz ergrimmt: „Herr, da ist Gefahr im Verzuge! Hier
können wir nicht mehr auf Deine zu große Geduld und Langmut harren; da heißt
es: augenblicklich Hand ans Werk legen! In längstens zehn Tagen muß die ganze
Höllenbrut samt Jerusalem und Tempel von der Erde vertilgt sein!“
[GEJ.02_082,10] Sage Ich: „Siehe her, diese
beiden Jünglinge genügen, in einem Augenblick auszuführen, was aller römischen
Macht in hundert Jahren nicht gelänge! Wenn solches alles nicht geschehen müßte
der Ordnung Gottes wegen, glaubet es, Mir wäre es ein leichtes, alles dieses zu
vernichten im schnellsten Augenblick! Aber es muß solch Äußerstes geschehen der
Gestaltung eines neuen Himmels und einer neuen Erde halber.
[GEJ.02_082,11] Sehet aber nun, daß ihr von
hier kommet, denn dieser neue Oberste ist ein böser Mensch, und der Satan zeigt
ihm tausend Wege, auf denen er euch allerweidlichst schaden könnte; darum
sehet, weiterzukommen!
[GEJ.02_082,12] Auch Ich werde heute Mich von
hier begeben und nicht so bald wieder in diese Gegend kommen; denn einem
wütigen Hunde muß man ausweichen! Das ist einer, der viel Gold und Silber hat,
ansonst er sich diese Amtsstelle nicht hätte erkaufen können; und mit viel Gold
und Silber kann man in der Welt bei den Weltmenschen viel ausrichten, und wer
sich dazu noch eine solche Stelle aus purer Gewinn- und Herrschsucht kauft –
wie dieser da es getan hat –, dem ist durchaus nicht zu trauen. Darum machet
euch nun alle auf und begebet euch von hier, und du, Roban, kehre auch wieder
heim; denn bis jetzt bist du noch nicht vermißt worden!“
[GEJ.02_082,13] Sagt Roban: „Wenn ich aber
Deinetwegen befragt werde, was soll ich antworten?“
[GEJ.02_082,14] Sage Ich: „Das wird dir ins Herz
und in den Mund gelegt werden!“
83. Kapitel
[GEJ.02_083,01] Mit diesen Worten begibt sich
Roban schnell nach Hause, und als er kaum einige Augenblicke in seinem Hause
weilt, da kommt schon ein Bote und nötigt ihn, in die Synagoge zu kommen, wo
der neue Oberste mit ihm eben über Mich reden will; denn er hatte es erfahren,
daß Roban Meinetwegen in Sichar gewesen war. Roban begibt sich auch schnell
hin, und der Oberste geht ihn gleich scharf an.
[GEJ.02_083,02] Aber Roban sagt: „Ich bin ein
Ältester von Nazareth, stehe zwischen siebzig und achtzig Jahren Alters, und du
hast die dreißig noch lange nicht erlebt! Darum aber, daß du durch dein Geld
dich zum Obersten über uns gemacht hast, bist du noch lange kein Moses und kein
Aaron und wirst mich nichts lehren, das ich nicht schon gewußt hätte, ehe du
noch gezeugt warst! Wir alle haben unser Amt allzeit zur Zufriedenheit deines
würdevollen Vorgängers und des gesamten Tempels verwaltet, alle Erscheinungen
mit den rechten Augen gottergebener Juden betrachtet und haben dort Dämme
gesetzt, wo sie nötig waren; verstehst du aber die Sache besser und willst nun
mit einem Hiebe etwa gar alle Griechen und Römer zu Juden machen, so fahre nur
so fort, und ich stehe dir dafür, daß du nächst uns der einzige Jude in ganz Galiläa
bist!
[GEJ.02_083,03] Sieh, der bedeutende Flecken
Jesaira ist in dieser Hinsicht aus einem gleichen Grunde ganz griechisch
geworden, und alle Pharisäer, Schriftgelehrten und Priester haben den Ort
verlassen müssen! Gehe hin und fange dort solch scharfe Untersuchungen an, und
die Jesairer werden dir dafür etwas zu erzählen anfangen, daß du sicher nicht
Füße genug haben wirst, um dich so schnell als möglich auf die Flucht zu
begeben! Warum aber sind die Jesairer abgefallen? Infolge der zu habsüchtigen Strenge
der dortigen Priesterschaft, und sie bekennen nun den Pythagoras an der Stelle
Mosis!
[GEJ.02_083,04] Und auf ein Haar dasselbe
wird hier der Fall sein in aller Kürze, und du und wir alle können dann das
Weite suchen! Sei also nicht blind, und erkenne die Wahrheit!
[GEJ.02_083,05] Die höchsten
Staatsgewaltträger sind die Römer und Griechen und sehen es gerne, wenn die
Juden zu ihrer Lehre übertreten. Wie willst du solche Übertritte verhindern,
zumal es nun in ganz Galiläa eine nur zu bekannte Sache ist, daß das ganze
Tempelwesen nur zu sehr einer hohlen Nuß gleich geworden ist? Und wer anders
schuldet daran als die habsüchtigen Templer selbst, die den reichen Fremden ums
Geld das Allerheiligste öffnen und diese, trotz aller Eide, hernach lachend und
unter großem Gespött die ganze Sache unters Volk bringen?! Gehe hin und frage
sie, die Bürger dieser Stadt, und sie werden dir das erzählen, was sie uns
erzählt haben!“
[GEJ.02_083,06] Sagt der Oberste: „Was sagst
du? Solches alles wüßte das Volk?“
[GEJ.02_083,07] Sagt Roban: „Ja, solches
alles weiß das Volk! Gehe aber hin und nimm ihm die Wissenschaft (das Wissen)!“
[GEJ.02_083,08] Der Oberste geht ganz ernst
in der Synagoge auf und ab und sagt nach einer Weile: „Da wird wohl dieser
Nazaräer Prophet seinen gehörigen Teil daran haben! Darum soll mit ihm
geschehen, was da mit dem Johannes geschehen ist durch den König Herodes!“
[GEJ.02_083,09] Sagt Roban: „Ja, ja, es kommt
da nur auf einen Versuch an, sich an dem Wunderarzte zu vergreifen, und das
Volk, Römer, Griechen und Juden, die ihn wie einen Gott verehren, werden dir
dann ebenfalls etwas zu erzählen wissen! Ich, als Ältester von Nazareth, sage
es dir und gebe dir den treumaßgeblichen Rat: Tritt du in die bescheidenen
Fußstapfen deines würdigen Vorgängers Jairus, so wirst du noch eine Zeitlang
gut fahren; aber wenn du so, wie nun, alles Oberste zuunterst und alles
Unterste zuoberst zu verkehren dich bemühest, so kannst du dich bald um eine
Gelegenheit nach Jerusalem zurück umsehen! Jairus selbst ist in den Händen der
Griechen. Borus ist sein Schwiegersohn; Borus, der zweite Wunderarzt, mächtig
an Schätzen aller Art, wird dir nur zu bald etwas zu erzählen anfangen! Kurz,
versuche es nur und sage es mir hernach, ob ich dir einen falschen Rat erteilt habe!“
[GEJ.02_083,10] Der Oberste stampft mit dem
Fuße vor Zorn in den Boden und sagt: „Ihr seid ja schon alle des Teufels und
scheinet es mehr mit unsern Widersachern zu halten als mit uns und seid
Anhänger der Lehre des Volksbetrügers! Darum werde ich euch alle aus der
Synagoge stoßen, sie von Jerusalem aus mit neuen Leuten besetzen und euch den
Gerichten überantworten! Ich frage dich darum noch einmal: Was hast du in
Sichar bei den Samaritern zu tun gehabt?“
[GEJ.02_083,11] Sagt Roban: „Ich bin
neunundsiebzig Jahre alt und weiß, was ich tue und zu tun habe! Deine Drohung
erschreckt weder mich, noch irgend jemand anders; willst du uns aber den
Gerichten überantworten, so kannst du es ja versuchen, und wir werden es sehen,
wer von den Gerichten am Ende eher ergriffen wird, – wir oder du!
[GEJ.02_083,12] Glücklicherweise stehen wir
beim Oberstatthalter, der ein Bruder des Kaisers Augustus ist und in Rom den
größten Einfluß hat, sehr gut angeschrieben, darum er uns nicht gar so leicht,
wie du es meinst, ins Gefängnis legen wird! Dem Jesus aber, den der Tempel haßt
aus purem allerselbst- und herrschsüchtigen Grunde, hat eben der Tempel es zu
verdanken, daß er von den Römern nicht schon jetzt der Erde gleichgemacht ist!
[GEJ.02_083,13] Von dem berühmten Steuerraube,
der von den Agenten des Tempels unter der Maske des Oberstatthalters erst vor
kaum fünf Wochen verübt worden ist, und dessen schnöder Transport – sowie viele
andere rein geraubte und mit schändlicher Gewalt erpreßten Objekte – in Kis
durch die Aufseher des endlos reichen Kisjonah aufgefangen worden war, wirst du
sicher etwas vernommen haben! Siehe, da war eben der vom Tempel ohne allen
Grund verhaßte Jesus, den selbst die höchsten Römer mehr denn ihren Jupiter
verehren, derjenige, der durch sein Wort und durch seine nie erhörten
Wundertaten den allerverderblichsten Sturm von Jerusalem abgewendet hat! Er ist
aber darum noch lange nicht aufgehoben; nur irgendeine Hartnäckigkeit von eurer
Seite, – und der Sturm bricht los!
[GEJ.02_083,14] Auch bedarf es nur einer
Anzeige vom Borus, Jairus und respektive auch von mir, und ich erlaube dir
dann, dich, dein Jerusalem und deinen Tempel in dreimal sieben Tagen anzusehen,
und du wirst schwer den Platz finden, an dem einst der Tempel gestanden ist! –
Hast du mich wohl verstanden?“
[GEJ.02_083,15] Hier stampft der neue Oberste
wieder in den Boden voll Zorn und Ärger und sagt: „Wer kann solches mit einem
Eide bekräftigen? Denn die solches verübt haben sollen, sitzen im Tempel!“
[GEJ.02_083,16] Sagt Roban: „Nach den römischen
Gesetzen wird der Täter auch nie zu einem Eide zugelassen, sondern nur die
anderwärtigen Zeugen, und deren bringen sie im nötigen Falle zehntausend
zusammen, und ich meine, daß diese gegen etliche zehn Verbrecher genügen
dürften!“
[GEJ.02_083,17] Sagt völlig niedergeschlagen
der Oberste: „Also ist auf Jehova, Moses und die Propheten nichts mehr zu
halten, und ihre Gebote darf – der Römer wegen – kein Mensch mehr beachten?!“
[GEJ.02_083,18] Sagt Roban: „Rede nur du mir
nicht von Moses und Jehova und von all den Propheten! Von all dem ist weder bei
dir und noch viel weniger bei den Oberen und Allerobersten des Tempels mehr
eine Spur anzutreffen; denn der ganze Tempel ist schon seit dreißig Jahren in
ein Wechsel- und Verkaufshaus umgewandelt worden, und da ist von dem wahren
Jehova und vom Moses schon lange keine Spur mehr anzutreffen! Das, was noch da
ist, ist pur Larve und Maske, und die reißenden Wölfe gehen in Schafspelzen
einher, um der armen Schafe desto leichter habhaft zu werden. Gingest du nach den
Gesetzen Mosis, da hätte dich nie gelüstet, dir diese Stelle um viel Gold und
Silber zu erkaufen! Ich aber setze dir darum mein Leben ein, wenn Moses je
irgend befohlen hat, sich die Oberpriesterstellen durch Gold und Silber zu
erkaufen!“
[GEJ.02_083,19] Bei dieser Erwiderung des
Roban zerbarst der neue Oberste nahezu vor Zorn und sagte: „Macht aber alles
nichts! Ich werde darum euch allen dennoch einen Herrn finden, daß ihr euch bis
zur Hölle hinab verwundern sollet; denn ich weiß auch noch um so manches, das
ihr nicht wisset, und kenne so manche Wege, die euch unbekannt sein dürften!“
[GEJ.02_083,20] Sagt Roban: „Wohl möglich;
aber es ist sehr möglich, daß uns alle deine Wege und Stege vielleicht noch
besser bekannt sind denn dir, und es steht sehr in der Frage, ob wir dir nicht
schon alle Wege verrammt haben, auf denen du dir heimlich gedacht hast, uns
hinter den Rücken zu kommen! Wie gesagt, mache du nur einen einzigen Versuch,
dann sollst du gleich erfahren, was alles wir dir erzählen werden!“
[GEJ.02_083,21] Sagen die andern zum Roban:
„Aber Bruder, warum wahrest du denn diesen Unmenschen vor seinem sicheren
Verderben? Er ist ja in unseren Händen und soll sich eine Hilfe vom Himmel
rufen, so wir uns die außerordentliche Freiheit nehmen, ihm die Steine von
Nazareth zum Verkosten zu geben!“ – Hierauf zu dem Obersten: „Wir sind
Pharisäer und Schriftgelehrte so gut wie du, und eigentlich mehr; denn wir
stammen von Levi ab, während wir es wohl wissen, daß du die Abstammung dir
erkauft hast, wie in dieser Zeit nun schon alles samt dem Himmel verkäuflich
ist! Du bist sonach ein Eindringling ins Allerheiligste und ein Gottesbetrüger
und solltest für solchen Frevel füglichst gesteiniget werden; du darfst darum
ja nicht gar zuviel mehr machen, und wir greifen nach den Steinen!“
[GEJ.02_083,22] Diese sehr energisch
ausgesprochene Drohung machte den Obersten wenigstens zum Scheine erträglicher,
aber dafür desto erbitterter, und er sprach nach einer Weile: „Ihr müßt mich
aber auch nicht verkennen; denn mir sind die großen Mängel des Tempels so
bekannt wie euch, und es handelt sich nur darum, wie dieselben zu verdecken
sind, und wie der Tempel wieder zu seiner früheren Geltung gebracht werden
könnte.“
84. Kapitel
[GEJ.02_084,01] Sagt darauf der Redner
Chiwar: „Wozu bedarf es denn für uns Eingeweihte solch unsinnigster Plackerei?
War ich nicht von meinem elften Jahre an bis in mein fünfundzwanzigstes ein
Diener im Tempel und weiß es nur zu gut, wie dort die Dinge stehen? Hätte ich
schlecht sein wollen, was alles hätte ich schon seit lange her verraten können!
Aber ich dachte mir: Das blinde Volk hängt dennoch am Tempel – wie zuvor!
[GEJ.02_084,02] Warum sollte ich dem Volke
den Glauben nehmen, auf den meines Dafürhaltens es noch immer seine
unbegrenzten Hoffnungen setzt, und bei dem wir Priester wenigstens ein
weltliches gutes Sein haben? Spannen wir aber nun, wo wir keinen reellen
Hintergrund mehr haben, unsere Saiten zu hoch, so werden sie reißen, und mit
unserem Gesange wird es dann auf einmal aus sein, und wir können uns nachher um
Fischernetze umsehen und dort zu fischen anfangen, wo das Meer am bodenlosesten
sich zeigt.
[GEJ.02_084,03] Was vermögen wir dann gegen
die Macht unserer von Tag zu Tag zahlreicher werdenden Feinde? Glaubst du, daß
uns dann der Tempel schützen werde? Dessen sei du ja nicht gewärtig; denn in
Rom leben nun schon gar viele Juden, die dort von den im Tempel widerrechtlich
zusammengerafften großen Schätzen glänzende Häuser führen! Diese werden unsere
Vertreter sowenig sein wie die gegenwärtigen Templer, die ihre Flügel gleich
den Schwalben schon jetzt in der Spannung halten, bei der ersten besten
Gelegenheit eine Reise übers große Meer nach Italien in Europa zu machen, um
nimmer wieder nach Asien heimzukehren.
[GEJ.02_084,04] Darum sollte es uns allen nun
ein gepriesener Rat sein, fürs erste unserem Fache als Priester so würdig als
möglich in aller Gelassenheit vorzustehen, und fürs zweite das römische ,In
medio beati‘ (,In der Mitte liegt das Richtige!‘) ja recht wohl zu beachten,
sonst könnten wir schon in wenig Jahren uns aufs Fischen verlegen!
[GEJ.02_084,05] Zu allem dem treten gerade in
dieser Zeit zwei Männer auf, deren ewig unbegreifliche Macht imstande wäre, mit
ihrer neuen Lehre die ganze Erde in wenigen Jahren rein für sich zu gewinnen!
Johannes, der zwar dem Leibe nach nicht mehr unter den Sterblichen, ist der
erste, zu dessen Lehre sich halb Judäa und Galiläa bekannt haben und sich jetzt
noch hartnäckiger bekennen, als das zu seinen Lebzeiten der Fall war! Herodes
konnte also wohl in seiner Geilheit dem Leibe des offenbarsten Propheten das
Haupt nehmen; wird er aber solches auch seinem Geiste und dem Geiste seiner
göttlichen Lehre zu tun imstande sein? Ich glaube es ewig nicht; denn erst
durch die Verfolgung wird jede gute Lehre groß und unüberwindlich stark!
[GEJ.02_084,06] Johannes ist zwar dem Leibe
nach aus dem Wege geräumt, aber an seine Stelle trat der bekannte Jesus, gegen
den sich Johannes kaum so verhält, wie ein Maulwurfshügel gegen den mächtigen
Berg Ararat! Sein übermenschlich sanftes und über alle Maßen
menschenfreundliches, allerfreisinnigstes Auftreten und Benehmen, die tiefste
Weisheit in jedem Satze Seiner Reden, deren rein göttlich salbungsvolle und
leichtfaßliche Wahrheit keinen Menschen, der nur einen erbsengroßen Verstand in
seinem Herzen besitzt, auch nur einen Augenblick zweifeln läßt, daß sie aus den
Himmeln herabkommt – und endlich Seine Taten, von denen jeder Mensch sagen muß:
So etwas kann nur Gott allein möglich sein!
[GEJ.02_084,07] Was wollen oder können wir
nun mehr wohl gegen Ihn ausrichten? Verhaßt und unerträglich können wir uns
solchen zu außerordentlichen Erscheinungen gegenüber wohl machen, aber sicher
nicht zu unserem Nutzen, sondern nur zu unserem größten Schaden.
[GEJ.02_084,08] Darum heißt es hier, sich so
klug als möglich zu benehmen und nie auf das Gegenwärtige, sondern vielmehr auf
das Künftige all unser Augenmerk zu richten, sonst ist es mit unserem Bestande
über Nacht aus!“
[GEJ.02_084,09] Sagt der Oberste: „Du meinst
sonach, daß man diesen Jesus nicht solle aufgreifen lassen, sondern fein
abwarten, bis er uns total zugrunde gerichtet haben wird?“
[GEJ.02_084,10] Sagt darauf Chiwar: „Greife
Ihn auf, wenn dir solches möglich ist! Was haben wir nicht alles gegen Ihn
unternommen, und was hat es genützt? Ich sage es dir: Sonst nichts, als daß Er
um ein paar tausend Jünger reicher geworden ist und wir um dieselbe Zahl ärmer,
– und daß wir bald alle das große Glück gehabt hätten, über die scharfen
Klingen der Römer zu springen, die Ihn für einen barsten Gott halten!
[GEJ.02_084,11] Zudem hat Er, was auf der
Erde nie erlebt wurde, stets ein paar Engel in Seinem Gefolge, die bei all
ihrer scheinbaren Zartheit und Knabenschwäche aber dennoch eine Macht und Kraft
besitzen, von der sich unsere überaus kurze Weisheit noch nie etwas hat träumen
lassen. Und an Den möchtest du deine Hände legen und Ihn aufgreifen? Ich bitte
dich: sei alles, aber nur nicht wahnsinnig! Ehe du einen Tritt in böser Absicht
gegen Ihn machst, bist du schon gelähmt! Oder glaubst du, Er weiß es etwa
nicht, was wir hier verhandeln? Ich sage es dir: da irrst du dich himmelhoch!
Diese alle stehen als Zeugen hier, wie Er vor ein paar Tagen um jede
Kleinigkeit gewußt hat, was wir um Mitternacht über Ihn geredet und so leise
weg beschlossen haben!
[GEJ.02_084,12] Es ist ganz angenehm, sich
von einem großen Sturm auf dem Meere etwas vorerzählen zu lassen; aber eine
ganz andere Sache ist es, ihn selbst bestanden zu haben! Ich sage es dir:
Verwalte du ganz ruhig und ohne Aufsehen dein Amt, und es werden dich von
keiner Seite her Unannehmlichkeiten treffen; wie du aber tyrannisch zu Werke
gehen wirst, so stehen wir alle dir dafür, daß nicht nur du und dein Kapernaum,
sondern ganz Jerusalem über den Haufen geworfen wird! Wir können durch große
Klugheit das Jerusalem wohl allfällig noch fünfzig Jahre erhalten, – aber auch
dessen Sturz in wenigen Wochen herbeiführen durch unsere höchst unzeitige
Torheit!
[GEJ.02_084,13] Dir steht nun die Wahl frei,
zu tun, was dir beliebt; wir haben nur einen Katzensprung zu den Römern! Sie
sind, gottlob, unsere Freunde; aber für dich dürfte der Weg ein sehr
weitgedehnter werden! Es erheischt ja doch die menschliche Klugheit, eine hohle
Nuß allzeit für eine volle hintanzugeben! Was willst du denn vom habgierigen
Tempel aus, der schon lange eine total hohle Nuß ist, noch fischen? Ist es denn
nicht bei weitem klüger, sich an das Werdende zu halten, wo etwas darin ist?
Ich sage es dir ganz unverhohlen, daß nun all die großen und mächtigsten Herren
aus Rom sich von Jesus wie die Lämmer leiten lassen! Hat Er diese für Sich und
Seine wahrhaft göttlich reine Lehre, was sollen wir dann gegen Ihn anfangen?
Wirst du nur eine Miene machen, Ihn aufzugreifen, so wirst du schon so gut wie
aufgegriffen sein, und es wird kein Mensch für deine Freilassung auch nur einen
Schritt tun; benimmst du dich aber klug, so werden die Römer auch deine Freunde
werden, und du wirst also gleich dem Jairus ein gutes Sein haben! Tue aber nun,
was du willst; die Folgen werden es dir sagen, ob wir dir einen freundschaftlichen
oder einen feindlichen Rat erteilt haben!“
[GEJ.02_084,14] Diese Rede des Chiwar hatte
ihre Wirkung nicht verfehlt; der Oberste ward sanfter und fing an einzusehen,
daß sowohl Roban wie Chiwar vollkommen recht hatten und versprach ihnen, daß er
ihren Rat getreu befolgen werde. – Und es war so der erste Sturm in der
Synagoge gut abgelaufen.
85. Kapitel
[GEJ.02_085,01] Nach einer Stunde kam Chiwar
zu Mir hinaus und wollte Mir erzählen, was in der Synagoge mit dem neuen
Obersten alles verhandelt ward.
[GEJ.02_085,02] Ich aber sagte: „Freund,
erspare dir die Mühe; denn du weißt es, daß Mir nichts unbekannt sein kann.
Übrigens sage Ich dir, daß du und der Roban eure Sachen vollkommen gut gemacht
habt; denn der Oberste hätte sonst noch gar manche tolle Sachen unternommen.
Aber so ist er nun überzeugt, daß es ein Unsinn wäre, gegen die Römer irgend
etwas zu unternehmen, und so wird er wenigstens eine Zeitlang ruhen; aber ganz
trauen dürft ihr noch lange nicht, sondern ihr müßt auf der beständigen Hut
sein und ihn sozusagen nie aus dem Bereiche eurer Augen lassen. Dir aber will
ich, weil du Mein einfrigster Verteidiger warst und noch bist, die Fähigkeit
verleihen, die Kranken durch ein rechtes Gebet und durch die Auflegung der
Hände zu heilen, in deinem Herzen die Pläne des neuen Obersten zu erfahren und
dagegen die rechten Mittel zu ergreifen, – was aber jedesmal gleich geschehen
muß, ansonst es keine Wirkung hätte! Die rechten Mittel aber werden dir
ebenfalls angezeigt werden. Und so empfange von Mir nun dafür den Segen!“
[GEJ.02_085,03] Hier warf sich Chiwar vor Mir
auf die Knie und bat Mich inbrünstig darum. Ich aber legte Meine rechte Hand
auf sein Herz und Meine linke Hand auf sein Haupt, und es ward in dem
Augenblicke helle in ihm. Und er sprach: „Herr, nun sind alle Finsternisse aus
mir verschwunden; alles ist helle in mir, und es kommt mir vor, als wäre nun
mein ganzer Leib aus einer diamantenartig durchsichtigen Materie, durch die das
Licht des Tages ungehindert dringt. O Herr, belaß mir für immerdar diesen
Segen; ich werde ihn sicher zu wahren und allzeit dankbarst zu würdigen
verstehen!“
[GEJ.02_085,04] Sage Ich: „Bleibe zu allzeit
tätig in Meiner Lehre, und du sollst nie über den Verlust dieses Lichtes zu
trauern Ursache haben!“
[GEJ.02_085,05] Hier erhebt sich Chiwar und
bemerkt, daß außer dem Borus und Jairus und außer der Maria und Meinen
Hausbrüdern kein fremder Gast mehr gegenwärtig ist, auch sogar die zwölf
Hauptjünger nirgends zu ersehen sind, und fragt Mich, was denn da vor sich
gegangen sei.
[GEJ.02_085,06] Sage Ich: „Dies alles mußte
also gehen! Siehe, es kommt bald der Herbst und dann der Winter. Die Zeit der
Vollernte ist nahe, und Ich muß hinaus, muß Arbeiter dingen für Feld und
Weinberg. Ist für dieses Jahr alles gut eingebracht, so wird sich im Winter gut
ruhen lassen; und kommt dann das Frühjahr, so werden wir dann wieder mit
erneuten Kräften vollauf zu tun bekommen.
[GEJ.02_085,07] Ich werde Mich heute noch aus
dieser Gegend machen; denn Herodes ist ein schlauer Fuchs, und der neue Oberste
ist in seinem Solde; und es soll darum Mein Haus kein Kampfplatz des Satans
werden. Meine Jünger aber habe Ich schon vor ein paar Stunden ausgesandt. Sie
zogen mit Meinem Bruder Kisjonah und werden dort in Kis die Jünger des Johannes
erwarten und ihnen verkünden, daß das Reich Gottes nahe herbeigekommen ist; sie
werden aber noch heute mit den Jüngern des Johannes hierher kommen und dann mit
Mir am Abende diesen Ort verlassen. Wohin wir aber ziehen werden, das wirst du
schon, wie vieles andere, in dir selbst erfahren.
[GEJ.02_085,08] Wirke du aber häufig mit dem
Borus und Jairus; denn das sind nun die zwei würdigsten Männer in ganz Nazareth
und besitzen Meine vollste Liebe und durch Mich auch die vollste Gnade Gottes!
Denn so, wie Mich diese beiden lieben und kennen, liebt und kennt Mich bis
jetzt auch nicht einer aus der Zahl Meiner Jünger!
[GEJ.02_085,09] Alle Meine Jünger werden sich
in einer gewissen Zeit, die nicht gar lange auf sich wird warten lassen, an Mir
noch ärgern genug. Aber die beiden wird keine Erscheinung an Mir mehr
irremachen; denn sie kennen Mich durchaus ganz. – Halte dich daher an diese, so
wirst auch du das erreichen, was sie selbst erreicht haben!“
[GEJ.02_085,10] Mit diesem Bescheide ist
Chiwar auch ganz zufrieden und fragt nur noch, was da mit den beiden Engeln
geschehen sei, weil auch diese nirgends mehr sichtbar wären.
[GEJ.02_085,11] Ich aber sage zu ihm: „Erhebe
deine Augen, und du wirst nicht nur die zwei, sondern noch zahllose Scharen um
sie herum erschauen!“
[GEJ.02_085,12] Hier erhebt Chiwar seine
Augen. Er sieht im großen Lichte die zwei Erzengel, und um sie herum zahllose
Myriaden von Engeln, die jeden Augenblick bereit sind, Mir zu dienen.
[GEJ.02_085,13] Chiwar aber senkt seine Augen
bald wieder zur Erde und sagt: „Herr, ich bin ein Sünder, und meine Augen
können darum den zu heiligen Anblick nicht ertragen; aber es soll mein
eifrigstes Bestreben sein, mich solch eines Anblickes würdig zu machen!“
[GEJ.02_085,14] Sage Ich: „Tue alles recht,
und dein Lohn in den Himmeln, deren Saum du nun gesehen hast, soll groß werden!
Jetzt aber begib dich wieder in die Synagoge; denn dich darf der Oberste, der
sich noch etliche Tage hier in Nazareth aufhalten wird, nicht vermissen, denn
er hält nun auf deinen Rat große Stücke.“
86. Kapitel
[GEJ.02_086,01] Mit diesen Worten entfernt
sich der ehrliche Chiwar und gelangt bald in die Synagoge und überzeugt sich
aber auch gleich, daß er dem Obersten schon sehr abgegangen ist. Der Oberste
fragt ihn auch gleich, wo und was er nun so lange gearbeitet habe.
[GEJ.02_086,02] Und Chiwar sagte: „Herr, ich
hatte einen gefährlichen Kranken, und dem mußte ich Hilfe schaffen. Und siehe,
er ist geheilt und kann nun, da er ein Reisender ist, seinen Weg getrost
fortsetzen!“
[GEJ.02_086,03] Fragt der Oberste: „Wohin
reist er, wann reist er ab, und von wo ist er hierher gekommen? Kann ich ihn
noch sehen und sprechen?“
[GEJ.02_086,04] Sagt Chiwar: „Er ist ein
Jude, kam von oben her und ist jetzt schon nach unten hin abgereist; du kannst
ihn nicht mehr sehen und sprechen – außer, wenn er wieder zurückkommt! Wann
aber das? Da dürften viele Tage verrinnen!“
[GEJ.02_086,05] Sagt der Oberste: „Mit dieser
fuchsschwänzigen Auskunft kann ich mich nimmer begnügen! Wo ist die Herberge,
daß ich selbst hingehe und mich fest erkundige nach dem von dir geheilten
Reisenden nach unten hin, denn solch eine wunderbare Heilung von seiten eines
Pharisäers ist eine wichtige Sache und muß von möglichst vielen Zeugen
bestätigt werden, ansonst sie keinen Glauben und somit auch keinen Wert finden
kann!“
[GEJ.02_086,06] Sagt Chiwar: „Wenn du mehr
wissen willst, als ich weiß, so wende dich an die, die mehr wissen als ich;
soviel ich wußte, habe ich dir auch allertreulichst kundgemacht. Wie möglich
aber sollte ich dir mehr kundtun, als ich selbst weiß? Die Herberge aber war
draußen im Hause des Zimmermanns Joseph. Willst du dich aber weiter darum
erkundigen, so gehe hinaus! Vergiß aber ja nicht, deinen Rücken mit etwas zu
verwahren; denn dort wird es an Schlägen durchaus keinen Mangel haben! Glaubst
du denn, daß etwa die Leute einen gar so außerordentlichen Respekt vor
dergleichen Menschen haben, wie wir da sind? Ich sage es dir: Keine Spur von so
etwas! Bei der kleinsten Unbesonnenheit kann man seine Schläge nach dem
Alphabet haben, und kein Gott nimmt sie dir dann mehr von deinem Leibe! Wie
gesagt, es kommt nur auf einen Versuch an, und man kann dann schon aus der
Erfahrung sprechen!“
[GEJ.02_086,07] Sagt der Oberste: „Aus solch
einer zuversichtlichen Rede kann ich nur zu gut entnehmen, daß ihr euch samt
der ganzen Bürgerschaft von Nazareth gegen mich verschworen habet. Aber das tut
nichts, wir werden für diese Hacke schon auch noch einen Stiel finden! Jetzt
weiß ich schon so ziemlich, wie ich hier daran bin! Ich hoffe aber, daß es mir
in Kürze gelingen wird, dieses Komplott ganz zu entlarven; dann aber wehe euch
und der ganzen Stadt! – Wo führt der Weg hinaus zum Hause des Zimmermanns?“
[GEJ.02_086,08] Sagt Chiwar: „Da sieh zu
diesem Fenster hinaus! Dort in der Entfernung von etwa zweitausend Schritten
siehst du ganz bequem des Zimmermanns Behausung samt dem dorthin führenden
Wege. Gehe hin und überzeuge dich von allem – nota bene auch von den sicheren
Schlägen!“
[GEJ.02_086,09] Sagt der Oberste: „Aber ihr begleitet
mich und dienet mir als Sicherheitswache!“
[GEJ.02_086,10] Sagen alle: „Daß wir Narren
wären! Das werden wir bleibenlassen! Wen es juckt, der trage seinen Rücken
hinaus!“
[GEJ.02_086,11] Sagt der Oberste: „Nun denn
in Jehovas Namen gehe ich selbst hinaus, und wir wollen es dann doch sehen, ob
jemand mich, als einen Gesalbten Gottes, anrühren wird; denn es stehet
geschrieben: ,An dem Gesalbten aber soll sich niemand vergreifen; wehe dem, der
seine Hand an das Haupt eines Gesalbten legt!‘“
[GEJ.02_086,12] Sagt Chiwar: „Ja, ja, was du
weißt, das wissen wir schon lange! Aber Gesalbte wie wir, deren Salbung nichts
als ein elendes Blendwerk ist, gelten nichts mehr vor Gott, und Er wird unsere
pseudo-gesalbten Häupter nicht beschützen, wenn sie den Fäusten unserer Feinde
nach aller Gerechtigkeit ausgesetzt sein werden! Denn wie ich schon lange
vorher erwähnt habe, so weiß das Volk nur zu gut, was da hinter uns und hinter
dem Tempel steckt.“
[GEJ.02_086,13] Sagt der Oberste:
„Gleichviel, ich gehe einmal hinaus! Aber dann wehe euch allen, so ich die
Sache anders finde, als du, Chiwar, es mir mitgeteilt hast, als ich dich
gefragt habe, wo du gewesen seiest!“
[GEJ.02_086,14] Sagt Chiwar: „Das, was du
erfahren willst, wirst du wohl schwerlich erfahren, sondern etwas ganz anderes
– und wird dir höchstens ein bedeutendes Weh verursachen, während wir gar kein
Weh verspüren werden!“
[GEJ.02_086,15] Auf diese Worte begibt sich
der Oberste schnell hinaus.
[GEJ.02_086,16] Als er aber in der Gasse
geht, schreien die Jungen und die Mädchen: „Das ist der neue böse Oberste, der
uns alle verderben will! Hinweg mit ihm!“ – Von allen Seiten läuft ihm jung und
alt mit Knitteln und Steinen zu, und einige Steine treffen auch schon seinen
Leib und versehen ihn mit blauen Flecken.
[GEJ.02_086,17] Der Oberste merkt es nur zu
bald, daß die Nazaräer keinen Spaß verstehen, kehrt sehr schnellfüßig wieder in
die Synagoge zurück und schließt hinter sich die Türe hastig zu, in die noch
eine ganze Ladung nachgeworfener Steine einige Merkmale eindrücken, die nur zu
klar besagen, wie die Nazaräer gegen den neuen Obersten gesinnt sind.
[GEJ.02_086,18] Als der Oberste zu den
Pharisäern kommt, sagt er voll Zorn: „Das ist euer Werk, und ich werde mich
dafür an euch zu rächen wissen!“
[GEJ.02_086,19] Sagt Chiwar nun sehr erregt:
„Was sprichst du, elender Narr! Wie kann das unser Werk sein, so wir alle dich
gewarnt haben, hinauszugehen? Erst wenn du von uns dem Volke angepriesen wirst,
kannst du mit dem Volke reden und mit ihm verhandeln; solange wir dich aber
nicht anpreisen, wirst du allzeit mißhandelt werden, sooft du es wagst, allein
die Straßen der Stadt zu betreten! Denn du bist schon darum beim Volke schwarz,
weil du dir die Stelle erkauft hast! Nun du aber bei deiner ersten Ankunft uns
wie das gesamte Volk auch tyrannisieren willst, um alles durch den Terrorismus
ins Gleichgewicht zu bringen, so haßt dich alles wie die Hölle, und ich sage es
dir, du wirst nun am besten tun, deine Stelle an einen Würdigeren zu verkaufen.
Denn für deine Zukunft gebe ich keinen Stater!
[GEJ.02_086,20] Ein wie himmelhoch anderer
Mensch müßtest du werden, wenn du dich unter uns günstig erhalten wolltest! Das
aber scheint dir platterdings unmöglich zu sein. Denn bloß äußerlich eine
freundliche Miene zeigen, innerlich im Herzen aber dennoch ein reißender Wolf
sein, geht bei uns durchaus nicht, da wir alle merkwürdigerweise soviel
prophetischen Geistes besitzen, dir auf ein Haar zu sagen, was du dir in deinem
durch und durch bösen Herzen denkst!
[GEJ.02_086,21] Ja, wenn du dein Herz
gänzlich umgestaltest und dasselbe von der reinen, göttlichen Weisheit und
Wahrheit durchglühen lässest, dann werden wir dich auch anpreisen vor dem
Volke, und du wirst dann hier ein gutes Sein haben; aber dein Hoherpriester,
dein Pilatus, und noch weniger dein Herodes, werden dir hier zu nichts nütze
sein!“
[GEJ.02_086,22] Sagt der Oberste: „Wie kannst
du wissen, daß ich nun im Ernste an diese drei Helfer gedacht habe?“
[GEJ.02_086,23] Sagt Chiwar: „Weil auch ich
etwas prophetischen Geist besitze, der dich haarklein durchschaut, und du dich
vor uns unmöglich verbergen kannst, – auch in Kapernaum so wenig wie hier; und
wärest du tausend Tagreisen von hier, so würden wir dich auch in solcher
Entfernung durchschauen! Du wirst sonach gegen uns schwer etwas zu unternehmen
imstande sein, wo wir nicht schon im voraus die tauglichsten und
wirkungsvollsten Gegenmittel ergreifen könnten! Bist du so mit uns zufrieden?
[GEJ.02_086,24] Denn siehe, wir sind noch
Priester vom alten Schrot und Korn! Der Geist Jehovas ist noch in uns, wenn er
auch schon lange den Tempel zu Jerusalem total verlassen hat. Willst du sonach
aber unter uns bestehen, so mußt auch du ein echter Priester sein; denn als
Scheinpriester wirst du dich unter uns nie halten können und wirst besser tun,
deine Stelle an irgendeinen Würdigen zu veräußern, wie ich es dir schon früher
bemerkt habe!“
[GEJ.02_086,25] Sagt der Oberste: „O ihr
verfluchten Hurenknechte im Tempel zu Jerusalem! Mein schönes Gold und Silber
hat euch geschmeckt, – aber das habt ihr nicht bedacht, daß mir dafür statt
einer ansehnlichen und einträglichen Stelle ein wahres Wespennest zuteil ward!
Nun wartet, es soll euch bald klar werden, daß Korah sein Gold und Silber nicht
umsonst in euren Rachen gesteckt hat!“ – Nach einer Weile wendet er sich
abermals an den Chiwar und fragt ihn: „Was soll ich denn tun, um mich eurer
Freundschaft und der Freundschaft des Volkes teilhaftig zu machen?“
[GEJ.02_086,26] Sagt Chiwar: „Ich, wie der
Roban, haben dir die Weisung schon gegeben, und hier auf dem Tische liegt die
Schrift; diese zeigt dir den Willen Jehovas genau an. Handle danach und nicht
nach den verdammlichen Menschensatzungen des Tempels, so wirst du unter uns ein
wahrhaft gutes Sein haben! Du mußt dir das Wohlgefallen Gottes erringen, so
wird dir auch alles andere von selbst hinzufallen!“
[GEJ.02_086,27] Sagt Korah: „Ja, das werde
ich tun von nun an, soweit es nur immer in meinen Kräften steht. Aber es wird
euch doch nicht unangenehm sein, wenn ich wenigstens auf ein Jahr meinen Sitz hierher
nach Nazareth verlege? Denn hier bei euch kann ich wahrlich etwas lernen,
während in Kapernaum – und sicher auch in Chorazin, wie in den andern kleineren
Städten am Galiläischen Meere – lauter elende Kriecher anzutreffen sind!“
[GEJ.02_086,28] Sagen alle: „Da wirst du sehr
wohl daran tun, und uns allen wird es eine große Freude sein, dir als unserem
Obersten wahrhaft dienen zu können! Denn hier wird kein Betrug mehr geübt, kein
Tempelmist verkauft und um keine Ochsen, Kühe, Kälber und Schafe im Bethause
gefeilscht; sondern unser kleines Bethaus ist noch das, was es sein soll, und
in der Synagoge werden keine Wechseleien getrieben!
[GEJ.02_086,29] In unserem kleinen Bethaus
lodert zwar keine Flamme über irgendeiner Bundeslade, dafür aber desto mehr und
wahrhaftiger lebendig in unseren Herzen, und das ist Gott wohlgefälliger als
aller Tempeldienst in Jerusalem, hinter dem kein Wahrheitsfunke mehr glüht; und
es bewahrheitet sich am Tempel, was Gott durch den Mund des Propheten Jesaja
geredet hat, da er sprach: ,Siehe, dieses Volk ehrt Mich mit den Lippen, aber
sein Herz ist ferne von Mir!‘ Ist die Falschheit Jerusalems ja doch mit den
Händen zu greifen! Schmücken die Priester nicht alljährlich die oft falschen
Gräber der Propheten, während diese von ihren Vätern gesteinigt worden sind?
Und handeln die jetzt Lebenden etwa anders? O nein, sie treten ihren bösen
Vorfahren genau in die Fußstapfen! Den Zacharias haben sie getötet zwischen dem
Opferaltar und dem Allerheiligsten, und dem Johannes hat Herodes den Kopf vom
Leibe schlagen lassen! Sage, was für Gottesdiener sind das wohl? Wir sagen es
dir ganz unverhohlen: Das sind Diener des Satans, aber ewig nie Diener Gottes!
Glücklicherweise stehen sie in unseren Händen, was sie wohl wissen; darum
lassen sie uns auch fein ungeschoren!
[GEJ.02_086,30] Sollten sie jedoch einen oder
den andern von uns noch so freundlich nach Jerusalem zu irgendeinem Feste
laden, so sind wir allzeit so keck, die Einladung um keinen Preis der Welt
anzunehmen, und erwarten lieber hier den natürlichen Tod, als daß wir etwa in
allen Ehren auch nach einem künstlichen in den geheimen Gemächern um den Tempel
herum suchen sollten! Glaube uns, so klug wie die Herren im Tempel sind auch
wir und schmecken den Braten schon lange eher, als diese ihn ans Feuer setzen!
Darum halte du dich nur schön fest an uns, und es wird dir durchaus nichts
abgehen!“
[GEJ.02_086,31] Sagt Korah: „Jetzt bin ich
mit euch schon ganz im klaren, was mir sehr lieb ist; aber der Tempel soll sich
freuen über die mannigfachen Freundschaften, die wir ihm bei guten
Gelegenheiten erweisen werden!“
[GEJ.02_086,32] Sagt Chiwar: „Weißt du,
absichtlich Böses werden wir ihm nicht zufügen; aber wenn er uns angreifen
sollte, dann auch wehe ihm! Denn am Material dazu fehlt es uns doch wahrhaftig
nicht!“
[GEJ.02_086,33] Nach diesen Worten Chiwars
kommt der Koch und ladet sie alle zum Mittagstische.
87. Kapitel
[GEJ.02_087,01] Als alle beim Mittagstische
es sich unter allerlei geistigen Besprechungen recht wohl schmecken lassen,
tritt Borus in den Speisesaal, grüßt alle und führt ihnen sein Weib Sarah auf,
mit dem Ersuchen, sie, weil der jüdischen Lehre angehörig, als sein
rechtmäßiges Weib in ihren Büchern zu vermerken!
[GEJ.02_087,02] Und Chiwar holt gleich das
große Ehebuch und schreibt beide sogleich als vor Gott und aller Welt
vollkommen rechtmäßige Eheleute ein!
[GEJ.02_087,03] Aber der Oberste fragt den
Chiwar, ob solches hier wohl ginge, da doch erwiesenermaßen Borus ein Grieche
sei.
[GEJ.02_087,04] Sagt Chiwar: „Freund, hier bei
uns geht alles, und es wäre eine Torheit, ein Ehepaar nicht verbinden zu
wollen, das Gott schon lange zuvor verbunden hatte!“
[GEJ.02_087,05] Sagt der Oberste: „Woher
weißt du denn das?“
[GEJ.02_087,06] Sagt Chiwar: „Wie ich um gar
manches weiß, um was du jetzt noch lange nicht weißt, so weiß ich auch das,
wenn du es jetzt auch noch nicht weißt! Darum sei du nun nur ganz ruhig; denn
hier wird alles anders gehandhabt als im Tempel!“
[GEJ.02_087,07] Der Oberste lächelt und
stellt sich zufrieden.
[GEJ.02_087,08] Borus aber zieht gleich einen
schweren Beutel Goldes aus seiner Tasche hervor und entrichtet damit nach der
Vorschrift seine Taxe, die freilich bei weitem nicht so groß war wie das, was
er in den Beutel hineingelegt hatte, und empfiehlt sich darauf sogleich.
[GEJ.02_087,09] Als Borus den Speisesaal
verläßt, hebt der Oberste den Beutel und sagt: „Da sind ja über fünf Pfunde
Goldes in den reinst geprägten Augustus- Stücken, – auch sind einige Tiberiusse
darunter! Ist denn hier das so üblich? Im Tempel wäre ein Pfund Goldes schon
eine Ehrengabe!“
[GEJ.02_087,10] Sagt Chiwar: „Solche Gaben
sind hier nichts Seltenes; aber Borus, nach Jesus wohl der erste Arzt in der
Welt, ist ein zu großer Ehrenmann und dabei zu reich, als daß er sich nur bei
irgendeiner Gelegenheit schmutzig zeigen möchte!“
[GEJ.02_087,11] Fragt der Oberste weiter:
„Wer war denn sein gar überaus schönes und liebenswürdigstes Weibchen?“
[GEJ.02_087,12] Sagt Chiwar: „Das ist des
Obersten Jairus Tochter, von der ich dir schon gemeldet habe, daß sie der
Wunderheiland Jesus zweimal nacheinander vom Tode erweckt hat.“
[GEJ.02_087,13] Sagt der Oberste: „Sie war
vielleicht nur in einer starken Ohnmacht, was bei so zarten, reizenden Wesen
eben nichts Neues ist!“
[GEJ.02_087,14] Sagt Chiwar: „Oho, wenn man
über vier Tage im Grabe modert und den Leichengeruch jede noch so stumpfsinnige
Nase nur zu gut empfindet – wie wir alle solchen trotz aller Salben nur zu
martialisch empfunden haben, als wir sie zur Gruft begleiteten und dort die
Klagelieder absangen –, da ist von einer Ohnmacht keine Spur mehr vorhanden!
Aber Jesus, dem guten Heilande, war das wunderbarst möglich, was nur Gott
allein möglich sein kann, sie dennoch, bloß mit einem Worte, ohne alle
sonstigen Mittel, in das schönste Leben augenblicklich wieder zurückzurufen;
und sie ist jetzt lebhafter und gesünder, als sie es je in ihrem ganzen Leben
war, – denn sie ist noch sehr jung und zählt kaum sechzehn Jahre!“
[GEJ.02_087,15] Fragt der Oberste: „Wie lange
ist es denn schon her, daß sie vom Tode erweckt wurde?“
[GEJ.02_087,16] Sagt Chiwar: „Höchstens sechs
bis sieben Tage! Ganz genau wüßte ich die Zeit nicht anzugeben; aber soviel ist
gewiß, daß sie zu Anfang der vergangenen Woche vom Tode wieder zum Leben
erweckt worden ist.“
[GEJ.02_087,17] Sagt der Oberste, ganz außer
sich vor Verwunderung: „Das ist wirklich etwas, das auf der Erde noch nicht
erlebt worden ist! Nun die heitere Frische dieses liebsten Weibchens und doch
schon als Leiche vier Tage im Grabe!? Wahrlich, das ist unerhört, vorausgesetzt,
daß ihr mir wohl die volle Wahrheit kundgebet, was ich nun nicht mehr
bezweifeln will; denn dieser Ort scheint aus lauter Wundern zusammengesetzt zu
sein!“
[GEJ.02_087,18] Sagt Chiwar: „Jawohl, es ist
wahrlich also! Besonders aber zieht vor allem eben der besagte Heiland Jesus
alle erdenkliche Aufmerksamkeit auf Sich; denn Seine Leistungen überbieten in
einem unbeschreibbar höchsten Grade alles und jedes, was je von den Erzvätern
durch Moses geschrieben worden ist, und was alles wir von den großen Propheten
wissen! Denn das ist noch nie dagewesen! Es gibt dir keine noch so böse
Krankheit, die Er nicht augenblicklich durchs pure Wort heilt, ohne den Kranken
zu sehen oder zu berühren! Will Er etwas anderes, so geschieht es im
Augenblick!
[GEJ.02_087,19] So ist zum Beispiel die vor
etwa vier Tagen erfolgte Abdankung des Jairus und die im selben Augenblick im
Tempel zu Jerusalem dem Hohenpriester präsentierte Abdankungsurkunde ja doch
mehr als ein Wunder! Auf dem natürlichen Wege wäre diese Urkunde vielleicht
kaum heute erst in die Hände des Hohenpriesters gelangt; so aber hast du schon
vor zwei Tagen in Kapernaum und heute in aller Frühe von dort hier eintreffen
können, – und es ist dabei durchaus kein Versehen in der Regel und alten
Herkömmlichkeit geschehen! Du bist nun auf diesem wunderbarsten Wege vollkommen
oberster Priester von ganz Galiläa, und die Abdankung des Jairus liegt
vollkommen mit allen erforderlichen Beigaben und Erklärungen in den Händen des
Oberpriesters im Tempel, und alles das kostete einen und denselben Augenblick!
Also ist es uns von getreuen Zeugen erzählt worden, daß eben dieser Jesus erst
vor wenigen Wochen einen allergewaltigsten Meeressturm bedrohte, – und das Meer
und die Winde gehorchten augenblicklich dem Worte des Heilandes! Dergleichen
Histörchen könnte ich dir noch in Menge kundtun; aber es ist für den Augenblick
die Zeit nicht dazu. Man könnte nun meinen, dieser Mensch sei ein Söldling des
Satans, wenn einen Seine Worte, Lehren und lieblich ernsten Ermahnungen nicht
eines Bessern belehrten!
[GEJ.02_087,20] Ich sage es dir offen, treu
und wahr: Unbegreiflich wunderbar sind Seine Taten; aber sie verschwinden als
leere Nebensachen gegen die wunderbarste Macht Seiner Reden und Lehren! Da
vernimmst du Wahrheiten, von denen es nie einem Propheten geträumt hat! Er
stellt dir das Leben eines Menschen auf eine Art dar, nach der kein Mensch nur
einen allergeringsten Zweifel haben kann, ob seine Seele sterblich oder
unsterblich ist. Die Unsterblichkeit wird dir auf eine so handgreifliche Weise
dargestellt, daß du aber auch keinen Augenblick zweifeln kannst, daß es nach
des Leibes Tode ein ewiges Fortleben der Seele durch den in ihr wohnenden
göttlichen Geist gibt.
[GEJ.02_087,21] Kurz, es ist dieser Jesus dir
ein Mensch von so ungewöhnlichen Fähigkeiten, daß man mit dem besten Gewissen
sagen muß: Solch einen Menschen hat die Erde seit Adam nie zu ihrem Bewohner
gehabt! Alle Elemente gehorchen Ihm, Myriaden Geister sind zu Seinen Diensten
stets bereit, und so habe ich auch von mehreren Seiner Jünger erfahren, daß Er
auf Seiner Reise von Sichar nach Kana in Galiläa am hellsten Mittage die Sonne
augenblicklich total finster gemacht hat, aber sie dann in einigen Augenblicken
darauf wieder so hell wie zuvor hat leuchten lassen!
[GEJ.02_087,22] So erzählten uns Roban und
mehrere hundert Zeugen, die wir ausgeforscht haben, daß Er in Sichar zwei alte,
verfallene Burgen, das alte Haus Josephs und Benjamins und das alte Schloß
Esaus, das nun dem reichen Kaufmanne Jairuth gehört, auf Sein Wort in einem Augenblick
derart hergestellt hat, daß darüber alle dortigen Baumeister ganz offen
bekennen, daß sie mit einer solchen Herstellung der beiden alten Burgen bei
allem Fleiße zum wenigsten zehn volle Jahre zu tun gehabt hätten, so sie
solchen Wiederaufbau auf natürlichem Wege hätten zur Bewerkstelligung
überkommen! Dazu aber ist das überaus weitläufige Gebäude in einem Augenblick
aus dem festesten Baumaterial nicht für sich allein fertig dagestanden, sondern
mit allen möglichen Erfordernissen eingerichtet, und das in einer so
zweckmäßigen und zugleich überaus schönen Art, wie man so etwas, aus den Händen
der Bauleute hervorgehend, auf dieser Erde wohl nirgends mehr zu sehen bekommen
kann!
[GEJ.02_087,23] Ebenso erzählte mir ein
gewisser Grieche aus Kana in Samaria – sein Name war Philopold – nahezu
unglaubliche Dinge, die ich dennoch glauben mußte, weil er mir dafür tausend
Zeugen vorführte.
[GEJ.02_087,24] Wenn aber meiner, nur für
mich geltenden Ansicht nach ein Mensch solche Dinge vollbringt, so halte ich
ihn für mehr als einen Menschen und für mehr als den größten Propheten! Er
sagte freilich vor etlichen Tagen – ich glaube am See bei einer Fischerei, die
auch eine vollkommen wunderbare zu nennen war –, daß solches jeder Mensch
bewirken könnte, so er einen festen, vollkommen zweifellosen Glauben hätte.
Aber da meine ich, daß ein solcher Glaube ebenso wunderbar wäre als das größte
Wunder selbst; denn ein solcher Glaube kann nur eine helle Folge der in sich
klar bewußten Fähigkeit sein, die jedes erdenkliche Gelingen in sich schließt.
[GEJ.02_087,25] Wer seine Kräfte kennt, der
muß ihnen auch soweit trauen, als er sie für die Effektuierung einer Sache oder
überhaupt eines Werkes als hinreichend aus vieler Erfahrung schon lange im
klaren Bewußtsein hat. Wenn der Mensch aber seinen Glauben aufs Gelingen über
seine ihm bewußten Kräfte hinaus spannen sollte, so wird solch einen Glauben
meiner Ansicht nach sobald der Zweifel zu begleiten anfangen, als er eine zu
hebende Last vor sich erschauet, für deren Bemeisterung er, sich nur zu klar
bewußt, bei weitem nicht die hinreichenden Kräfte in sich fühlt.
[GEJ.02_087,26] Wenn ich einen Stein von
etlichen Pfunden vor mir auf der Straße liegen sehe, der mir im Wege ist, so
werde ich wohl keinen Augenblick zweifeln, daß ich den Stein mir, wenn ich es
nur will, aus dem Wege räumen kann; liegt aber auf dem Wege ein Felsblock von
vielleicht hunderttausend Pfunden, da glaube ich, daß es mit dem ungezweifelten
Glauben ganz verzweifelt schwer halten wird. Wenn ich meinen Willen noch so
anstrengte, so wird das wahrscheinlich nichts nützen, weil mir die subjektive
Überzeugung total fehlen muß, daß man mit einer Hebekraft für höchstens
zweihundert Pfunde auch einer Last von hunderttausend Pfunden Meister werden
kann.
[GEJ.02_087,27] Nun aber ist diesem Jesus wie
einem Gott alles möglich! Seinem Willen ist ein Berg ebensowenig wie ein
Sonnenstäubchen! Erde, Luft, Wind, Wasser und Feuer gehorchen Ihm wie die
Lämmer ihrem Hirten, und den Blitz leitet Er tausend Male sicherer als der
beste Schütze den Pfeil von seinem Bogen! – Was folgt aber hieraus? Ich bitte
nun dich, darüber als unser Oberster uns deine Meinung kundzutun!“
88. Kapitel
[GEJ.02_088,01] Sagt der Oberste: „Wenn das
alles sich also verhält, was ich geradewegs nicht bezweifle, so muß er auf eine
unbegreifliche Weise ohne weiteres mit dem allmächtigen Geiste Jehovas in einem
engsten Bunde stehen, etwa gleich einem Moses oder Elias, welch letzterer auch
das Feuer vom Himmel rufen konnte, das ihm gehorchte. Er mag vielleicht auch noch
so manches Wunderbare gewirkt haben, das da nicht aufgezeichnet worden ist,
wovon aber wohl noch Volkssagen vorhanden sind, denen man freilich nur wenig
Glauben schenken kann; aber im ganzen könnte doch viel Wahres daran kleben!
[GEJ.02_088,02] So soll eben der Elias, so
mich mein Gedächtnis nicht trügt, einmal bei einer Gelegenheit einen ganzen
Haufen Totengerippe auf einem Schlachtfelde belebt und mit Fleisch, Haut und
Haaren versehen haben! Also habe er auch bei einer andern Gelegenheit alle
Grundquellen des großen Euphrat versiegen lassen auf drei Jahre und gebot dazu
auch den Wolken, drei Jahre lang den Himmel zu meiden. Erst als die Menschen
eine rechte Buße taten, öffnete er wieder die Quellen der Ströme und gebot den
Wolken, daß sie aufzögen am Firmamente und Wasser gäben dem dürre gewordenen
Erdboden! Und so erzählt man noch eine Menge von diesem merkwürdigsten aller
Propheten, das aber mit der Zeit doch sehr entstellt werden mochte, und man
sagt, daß eben dieser Elias vor dem Ende der Welt noch einmal wiederkommen
werde, daß er durch große Zeichen die Menschen bekehre zur Buße, indem
bekanntlich dieser rätselhafte Prophet nie gestorben, sondern in einem feurigen
Wagen in die Himmel aufgefahren ist. Es kann sonach ja sehr leicht sein, daß
dieser Jesus ein Träger des Geistes des großen Propheten ist und deshalb, als
mit der Macht Jehovas im engsten Verbande stehend, nun solche Taten, die nur
Gott möglich sein können, verrichtet!“
[GEJ.02_088,03] Sagt Chiwar: „Deine Ansicht ist
durchaus nicht schlecht, und ich möchte dir fast beistimmen, wenn ich nicht
eben bei diesem Jesus so manche Dinge mit meinen höchst eigenen Augen gesehen
hätte, die den ganzen Elias eine ganze Unendlichkeit weit hinter sich
zurücklassen. Du möchtest hier freilich fragen und sagen: ,Welche denn? Wie
heißen sie?‘ Aber ich müßte dir offenbar gestehen, daß mir, um das zu
beschreiben, die Worte vollkommen mangeln würden; denn das muß man selbst
gehört, gesehen und gefühlt haben, sonst kann man sich davon durchaus keinen
Begriff machen. Und ich bin darum der Ansicht von nun mehreren Tausenden, daß
dieser Jesus platterdings der verheißene Messias ist! Denn ich frage jeden, ob
dieser, so er noch zu einer andern Zeit kommen sollte, größere Zeichen tun
werde!? Zudem stammt Er nach der Chronik, die bis zum Großvater Josephs reicht,
in der geradesten Linie von David ab. (Matth.1,1-17). Achim war ein Vater
Eliuds, Eliud ein Vater Eleasars, dieser ein Vater Matthans, dieser ein Vater
Jakobs, und Jakob war der Vater Josephs, und dieser ein Vater unseres Jesus.
Gehe nach dieser Chronik weiter zurück, und du kannst in der geradesten Linie
auf David zurückkommen; nun aber steht es geschrieben, daß der Messias von
David abstammen werde, und daß Ihn jedermann an Seinen Taten erkennen werde.
[GEJ.02_088,04] Diesem Jesus fehlt dafür
meiner Ansicht nach nun gar nichts; die Abstammung ist authentisch gewiß, und
Taten, wie solche, die die Erde auf ihrem Boden nie erlebt hat, sind auch in
der überschwenglichsten Fülle vorhanden. Ich weiß demnach wahrlich nicht, was
uns daran hindern sollte, Ihn als Denjenigen anzunehmen, der Er offenbarst
ist!?
[GEJ.02_088,05] Daß sich der herrschsüchtige
Tempel nicht leichtlich dazu bequemen wird, läßt sich wohl mit den Händen
greifen; aber wir sollten uns da durchaus nicht mehr nach dem Tempel richten,
der meiner Ansicht nach vollkommen tot ist und uns fürderhin weder einen
Schutz, noch eine Weisheit und noch weniger irgendeinen bleibenden Unterhalt
verschaffen kann, – außer wir geben ihm zuvor für eine Stelle so viel, daß
davon zehn Menschen hundert Jahre lang ganz gut leben könnten.
[GEJ.02_088,06] Berechne du nur die Summe,
die du für die Oberstenstelle im Tempel mit Gold und Silber bezahlt hast, und
du wirst es leicht finden, daß du mit dem Gelde gar leicht, und das fürstlich,
hundert Jahre lang ausgereicht hättest! Laß dich aber hier von den Römern
bedrängen und suche dagegen im Tempel um Schutz an, und man wird dir nicht nur
keinen gewähren können, sondern auch nicht wollen, und man wird dich höchstens,
um einige Hände voll Silberlinge, mit doppelsinnigen Tröstungen ungefähr auf
die Art abfertigen, wie das berühmte Orakel zu Delphi – natürlich um viel Gold
und Silber – die Fragesteller abfertigt, daß hernach das Orakel allzeit recht
hat, ob nun dem Fragesteller etwas Gutes oder etwas Böses widerfährt!
[GEJ.02_088,07] Ich kenne gottlob die ganze
gegenwärtige Lumperei des Tempels und mache mir darum auch durchaus kein
Gewissen daraus, denselben so dick als nur immer möglich hinters Licht zu
führen, welcher Art es auch sei! Denn, Freund, wer in dieser Zeit vom Tempel
nicht auf das allerdickste hintergangen sein will, der muß sich die kluge Mühe
geben, den Tempel selbst so dick als nur immer möglich zu hintergehen! Oder
meinst du, daß du mit einem ehrlichen und rechtlichen Gemüte und Gesichte im
Tempel etwas ausrichten wirst? Oh, dessen rühme sich ja keiner! Gehe aber mit
einem so recht verschmitzten Gemüte und Gesichte hin, und ich stehe dir dafür,
daß du die Templer nach deinem Belieben wie eine Schnur um den Daumen winden
kannst!
[GEJ.02_088,08] Ich kann mich noch sehr gut
eines gewissen Bars entsinnen, der da ein beschnittener Grieche war. Er mußte
schon ein großes Vermögen besessen haben, weil er voll Perlen und Diamanten
war. Dieser Mensch hatte dir so ein verschmitztes Gesicht, sprach wenig, und
was er sprach, war doch so gewiß eine allerabgefeimteste Lüge, wie ich Chiwar
heiße. Er verlangte aber bloß tausend Pfunde Goldes und gab dafür eine
Pergamentrolle, die höchstens einen halben Stater wert war. Der Hohepriester
zuckte zwar sehr mit den Achseln; aber Bar schnitt dazu eine Miene, wie ich sie
in meinem Leben kaum je wieder zum zweiten Male sehen dürfte, und sprach dazu
ganz höhnisch: ,Hm, aut Caesar – aut nihil!‘, worauf der Hohepriester – Gott weiß,
aus welchem Grunde – ganz blaß wurde und dem Bar sogleich die tausend Pfunde
Goldes verabfolgen ließ, von denen der Tempel nie mehr auch nur um ein Haar
schwer zurückbekam; denn es hatte sich erst nach einem Jahre aufgeklärt, daß
dieser Bar nichts als ein allerabgefeimtester Betrüger war, der mit allen
Satanszaubersalben gesalbt war, um auch dem Hohenpriester tausend Pfunde Goldes
herauszuschrecken.
[GEJ.02_088,09] Es kamen aber daneben auch
oft ganz ehrliche Juden, die im Tempel ein Geld ausborgen wollten gegen gute
Pfänder; nichts bekamen sie, denn sie taten viel zu ehrlich und hatten auch
viel zu rechtliche Gesichter! – Und so ist mein Grundsatz bei mir festgestellt:
Man muß den Tempel hinters Licht führen, so man von ihm nicht hinters Licht
geführt werden will! Und so werde ich auch ewig den Tempel nicht fragen, ob
Jesus der verheißene Messias sei, sondern Er ist es für mich auch ohne Tempel!
– Was sagst du zu dieser meiner Meinung?“
89. Kapitel
[GEJ.02_089,01] Sagt der Oberste: „Freund,
ich liebe dich; denn eine so ehrliche Seele wie du ist mir noch nicht
untergekommen! Wahrlich, du hast ganz recht! Ich kenne diesen Jesus noch viel
zu wenig, als daß ich gleich vollauf deiner Ansicht mich anschließen könnte!
Aber soviel meine auch ich: wenn die Verheißung nicht eine ganz hohle Nuß ist,
die sich geschichtlich gewiß seit David her wenigstens irdisch noch nie
bestätigt hat – denn vom ewigen Reiche Davids sind nun die Römer ein noch
handgreiflicherer Gegenbeweis als die vierzig Jahre andauernde babylonische
Gefangenschaft –, so bin ich gar nicht abgeneigt, mit dir den Glauben zu
teilen. Aber es fragt sich nun nur darum, was zu all dem ihr alle saget, und
was die Priester und Pharisäer der anderen Städte!?“
[GEJ.02_089,02] Sagt Chiwar: „Was ich dir
hier sage, ist unser aller Stimme in dieser Stadt; die zu Kapernaum sollen
zufolge einiger derber Lektionen, die ihnen bei verschiedenen Gelegenheiten
zuteil geworden sind, nicht ferne davon sein, und was die noch andern Städte
betrifft, das lassen wir einstweilen auf sich beruhen und lassen sie bis auf
ein günstiges Weitere bei ihrem alten Wahne!
[GEJ.02_089,03] Wenn hier dein Sitz für die
Zukunft ist, da laß nur mich Sorge tragen, und Galiläa steht in wenigen Jahren,
als für sich abgeschlossen, vom Tempel vollkommen unabhängig da! Galiläa steht
ohnehin im Tempel auf dem letzten Pergamentblatte angeschrieben! Was liegt nun
daran, so wir auch dies letzte Blatt ausreißen? Die Römer und Griechen haben
wir für uns, und das fest, und so ein bißchen von der allmächtigen, lebendigen
Gnade Gottes auch, und es soll dem Tempel ganz verzweifelt sauer werden, unsere
Ysopstauden zu belecken!“
[GEJ.02_089,04] Sagt Korah, der Oberste: „Ich
gebe dir in allem ganz recht und bin nun auch auf einmal mehr noch denn früher
überzeugt, daß du recht hast; aber bedenken müssen wir immer, daß der Erzengel
Michael, als der mächtigste aller Himmelsgeister nach Gott, mit all seiner
Kraft und Macht drei Tage und Nächte einen harten Kampf mit dem Satan um den
Leib Mosis zu bestehen hatte! Nun, wenn es der Satan mit uns aufnähme, wie
würden da wir den Kampf mit ihm bestehen?“
[GEJ.02_089,05] Sagt Chiwar: „Nicht mit
einem, sondern mit zehntausend Satanen nehme ich's allein auf, obschon ich noch
gar lange kein Michael bin! Man muß nur Mut haben und dem bösen Luder alle Wege
verlegen, so richtet er auch mit seiner ganzen Hölle voll Teufel nichts aus;
aber wenn man ihm einmal Blößen zeigt, wo er leicht einen Anhangspunkt finden
kann, dann dürfte der Kampf freilich ums hundertfache schwerer werden!
[GEJ.02_089,06] Aber so wahr ein Gott mich
erschaffen hat: einen Tempel werde ich darum dem Satan nie erbauen und ihm
Weihrauch streuen, daß er mich darum in der Ruhe belassen möchte! Er komme, so
es ihn gelüsten sollte, mit Chiwar einen Kampf zu beginnen, und ihr sollet
Zeugen sein, daß ich mit ihm eher denn in drei Tagen fertig werde!“
[GEJ.02_089,07] Sagt der Oberste: „Freund, du
wagst viel, als Mücke es mit einem Löwen aufzunehmen und ihn sogar zum Kampfe
ordentlich herauszufordern, während du nur Gott bitten solltest, daß Er dich
für ewig vor den Nachstellungen des Satans verschonen möchte!“
[GEJ.02_089,08] Sagt Chiwar: „Freund, ich
kenne aber einen Namen, und dieser genügt für Legionen von Satanen und Teufeln!
Wo ist er denn, so er Mut besitzt, sich mit mir in einen Kampf einzulassen?
[GEJ.02_089,09] Die Mücke ist zwar
hinsichtlich der Stärke ein purstes Nichts gegen einen Löwen; aber so die Mücke
es will, treibt sie den stärksten Löwen dennoch in eine tagereisenweite Flucht!
Sie stößt fliegend in sein Ohr und summt ihm im Ohre also, daß der Löwe am Ende
der Meinung wird, es brause der höchste Sturm, und der Tiere König ergreift
bald die schmählichste Flucht!
[GEJ.02_089,10] Und so ist es gerade nicht
notwendig, dem Mächtigen gegenüber übermächtig zu sein, sondern da geht die
rechte Klugheit über alles! Siehe, du selbst bist mit einer starken Portion des
echten Satanismus zu uns gekommen; und siehe meine etwaige Klugheit hat ihn
zuschanden gemacht, und du stehst nun als ein freier Mann und als ein von uns
erwählter Oberster vor uns allen, und es hat uns darum der Satan noch keinen
Schaden zuzufügen vermocht – und wird uns auch fürder keinen zuzufügen
vermögen!
[GEJ.02_089,11] Ich weiß, was ich weiß, und
kann, was ich kann; aber dafür stehe ich, daß der Satan in Ewigkeit mein
Meister und Herr nicht wird!“
[GEJ.02_089,12] Sagt Korah: „Freund, rede
nicht zu laut; denn der Böse soll seine Augen und Ohren überall haben! Mit der
Hilfe Jehovas und deines mir noch zu wenig bekannten Messias wird er uns wohl
freilich nichts anhaben können; aber herausfordern wollen wir ihn durchaus
nicht! Gott behüte uns vor seinem wie immer gearteten Besuche!“
[GEJ.02_089,13] Sagt Chiwar: „Allerdings
werde auch ich den Kampf nicht wünschen, – aber auch nicht die allerleiseste
Furcht davor haben!“
[GEJ.02_089,14] Als Chiwar solche Worte
ausgeredet hatte, siehe, da trat auf einmal ein unbändig großer Riese in den
Speisesaal und mit hohnzorniger Miene vor den Chiwar hin und sagte mit einer
donnerähnlichen Stimme, daß darob die Pfeiler des Saales erbebten: „Bist du die
lose Mücke, die in des Löwen Ohr ein Sturmgetobe erheben will? Versuche es, du
elender Wurm des Erdstaubes, wie du kämpfend mit mir zurechtkommen wirst! Ich
vermag auch etwas, das dir noch sehr unbekannt sein dürfte! Siehe, dein Messias
hängt nur von meiner Großmut ab, weil es für mich denn doch nicht gar zu
ehrenvoll ist, mit Mücken mich in einen Kampf einzulassen; aber wenn er mir
viel Flausen macht, so laß ich ihn ohne weiteres ans Querholz spannen, und du
kannst dann deinen Messias am Querholze anbeten! – Was aber willst du nun
machen, so ich dich augenblicklich in sonnenstaubgroße Stückchen zerreiße?“
[GEJ.02_089,15] Hier erhebt sich Chiwar ganz
sachte von seinem Platze und herrscht den Riesen, respektive Satan, mit
folgenden Worten an: „Wie du Elender hereingekommen bist, so siehe wieder – und
zwar mit dem ernsten Vorsatze, ewig nie mehr diese heilige Stätte zu betreten –
ebenalso hinauszukommen, sonst richte dich Jesus der Herr!“
[GEJ.02_089,16] Bei der Nennung des Namens Jesus
wich der Riese gleich mehrere Schritte zurück und drohte höchst zornglühend,
ihm diesen verhaßtesten Namen ewig nie wieder zu nennen!
[GEJ.02_089,17] Chiwar aber sagt: „Ich muß in
deinem Ohr ja ein Gesäuse machen, auf daß du erfahrest, wie der Löwe vor einer
summenden Mücke flieht!“ – Hierauf beginnt er wieder: „Jesus, der Sohn des
Allerhöchsten, richte und züchtige dich! Jesus, der Sohn des Allerhöchsten,
treibe dich ewig von hier aus! Jesus, der Sohn des Allerhöchsten, züchtige dich
für deine zahllosen Frevel!“
[GEJ.02_089,18] Der Satan wartete aber die
letzte Strophe nimmer ab, sondern entfernte sich mit einem Donnergeheule.
[GEJ.02_089,19] Hierauf sagt Chiwar zu dem
vor Angst noch wie das Espenlaub bebenden Korah: „Hast du nun gesehen, wie man
den Löwen in die Flucht treiben kann? Warum hat er mich denn nicht sogleich zu
Staub zerrissen? Siehe, das ist seine Ohnmacht! Er komme nur wieder, wenn es
ihn jucken sollte, und ich stehe dir bei dem Namen meines Jesus dafür, daß er
ein zweites Mal noch geschwinder hinauskommen wird, als er diesmal
hinausgekommen ist!“
[GEJ.02_089,20] Sagt der Oberste: „Höre
Freund, deinen unbegreiflichen Mut bewundere ich über alle Maßen, und – bei
allen Erzvätern! – ich fühle mich nun ganz in deren wundervolle Zeiten
zurückversetzt! Aber laß es dir dennoch gesagt sein, den Satan ja nie wieder zu
einem neuen Kampfe aufzufordern; denn er ist endlos erfinderisch und soll alle
Gestalten, selbst die eines Lichtengels, annehmen können, und ich glaube, daß
er in einem sanften himmlischen Anzuge bei weitem gefährlicher ist als in dem,
in welchem wir ihn jetzt zu erschauen die wahrhaft höllische Ehre hatten!“
[GEJ.02_089,21] Sagt Chiwar: „Den
Probierstein haben wir ja, und an dem läßt sich gleich erkennen, wessen Geistes
Kind irgendeine wie immer gestaltete Erscheinung ist! Aber wir können nun
völlig ruhig sein; denn für diesmal dürfte er auf lange Zeit genug haben!“
90. Kapitel
[GEJ.02_090,01] Darauf fragte Korah den
Chiwar, ob Ich Mich noch in dem Orte aufhielte, und ob er mit Mir nicht eine
nähere Bekanntschaft machen könnte. Und er redete weiter und sprach: „Ich bin
nun vollkommen innegeworden, daß in deinem Messias etwas außerordentlich
Göttliches liegen muß; denn in der Gunst des Satans steht er in keinem Falle, und
sein Name scheint dem Satan die größte Qual zu sein! – Das sind zwei, freilich
auf dem wunderbarst außerordentlichen Wege erfahrene Tatsachen, die ich mir
ewig nie werde hinwegleugnen können, und ich entnehme nun ruhigeren Gemütes
daraus, daß du mit dem Ausrufe ,Sohn des Allerhöchsten‘ auch im allerhöchsten
Grade recht haben dürftest, und so möchte ich, wenn es tunlich wäre, dennoch
eine Bekanntschaft mit ihm machen. Führe du mich hinaus!“
[GEJ.02_090,02] Sagt Chiwar: „Es wäre alles
recht, und ich wäre wohl am ersten geneigt, dich hinaus zu Ihm zu führen; aber
das Volk ist nun gegen dich noch ein wenig schwierig, und wir liefen durch den
Mutwillen des gemeinen Pöbels in die Gefahr, mit einem Steinwurfe verwundet zu
werden; und zugleich bereitet Er Sich zur Abreise vor, so daß es Ihm darum etwa
doch nicht angenehm wäre, so wir Ihm zur Last fielen! Er kommt aber gegen den
Winter entweder wieder hierher oder nach Kis und wird an einem dieser benannten
Orte den Winter zubringen, und wir werden da Gelegenheit genug bekommen, Ihn
näher kennenzulernen; darum meine ich, daß wir für diesmal das Vorhaben, Ihn
näher kennenzulernen, bis zum Winter hin aufgeben sollten.“
[GEJ.02_090,03] Sagt Korah: „Es ist alles
wahr, was du nun gesagt hast; aber dessenungeachtet kann ich mich der Sehnsucht
nicht erwehren, diesen gar zu außerordentlichen Menschen, durch den alle Fülle
der göttlichen Macht, Kraft und Herrlichkeit tätig ist, persönlich
kennenzulernen! Oder warte, mir fällt nun eine Geschichte vom Osterfeste zu
Jerusalem im Tempel ein! Am Ende war es eben dieser Jesus, der an einem
Nachsabbat, wenn ich mich nicht irre, alle Käufer und Verkäufer aus dem Tempel
trieb und allen Wechslern ihre Buden wie ein Sturm umstieß!? Alle verkäuflichen
Tiere fingen gräßlich zu heulen an und rannten in wildester Hast aus den
Verkaufshallen des Tempels!
[GEJ.02_090,04] Denn jener Mann, den ich
selbst gesprochen habe – freilich in keinem freundlichen Sinne –, war auch ein
Galiläer und hieß ebenfalls Jesus, und mit ihm waren eine Menge anderer, höchst
ordinär aussehender Männer und Weiber, und es sah die ganze Gesellschaft einer
ganz gewöhnlichen galiläischen Landstreichergesellschaft gleich; aber ihr
Anführer Jesus sah ganz einem Menschen gleich, hinter dem etwas Ungewöhnliches
verborgen ist.
[GEJ.02_090,05] Er sprach im Grunde nicht
viel; aber was er sprach, war tief, wahr und gehaltvoll! Er hat damals auch in
Jerusalem eine Menge Kranker geheilt; als aber die Sache, ich glaube – vor den
Herodes kam, den dieser Jesus bedeutend fürchten soll, da verschwand der
Wundermann bei Nacht und Nebel plötzlich aus Jerusalem, und wir konnten es
nicht erfahren, wohin er sich gewendet hatte. Nach Galiläa muß er nicht
gekommen sein – gleich von Jerusalem weg; denn da hätten wir von ihm sicher
sobald eine Nachricht erhalten, da wir viel Kundschafter nach ihm ausgesandt
haben.
[GEJ.02_090,06] Es kamen uns wohl nach ein
paar Wochen Gerüchte vom Zimmermannssohne Jesus zu; aber wir konnten es denn
doch nicht annehmen, daß jener bekannte, einfache, stille und wissenschaftlich
durchaus ungebildete, sogar des Lesens und Schreibens unkundige Mensch eben
derselbe gewaltige Jesus sein könnte, vor dem im Tempel zu Jerusalem Tausende
wie vor einem Gottesgerichte gebebt haben. Aber wenn hier der bekannte
Zimmermann Jesus es ist, der solche Gottestaten übt, so wird er sicher auch der
gleiche Jesus sein, der zu Ostern ganz Jerusalem erschreckt hat! Nun, wenn der
es ist, so kenne ich ihn schon von Jerusalem aus und brauche ihm daher nun gar
nicht lästig zu fallen!“
[GEJ.02_090,07] Sagt Chiwar: „Ja, es ist ein
und derselbe! Ich kenne Ihn schon mehrere Jahre, wie auch den alten Joseph, der
erst vor etwa einem Jahr gestorben ist; ich habe an Ihm fürwahr nicht die
leiseste Spur von etwas Außergewöhnlichem entdeckt, obschon – wie man mir hie
und da erzählt hat – sich bei Seiner Geburt, die zu Bethlehem in einem
Schafstalle erfolgt ist, ganz außerordentliche Dinge sollen zugetragen haben,
sowie nachher bis in Sein zwölftes Jahr. Aber vom zwölften Jahre an habe sich
all das Außerordentliche verloren, die großen Hoffnungen Seiner Eltern gingen
unter, und Er blieb bis nun, respektive in Sein dreißigstes Jahr, das eben das
gegenwärtige ist, ein höchst unbeachteter, allereinfachster Zimmermann!
[GEJ.02_090,08] Er war überaus wortkarg; man
bekam auf zehn Fragen kaum eine, höchst einsilbige Antwort; dagegen war Er aber
dennoch stets wohltätig gegen Kinder und Arme. Man habe Ihn öfter beten und
auch weinen – aber stets im stillen –, doch nie lachen sehen; lustige, lärmende
Gesellschaften floh Er und liebte vor allem die Einsamkeit; das Merkwürdigste
von allem aber war, daß man Ihn nur höchst selten in einer Synagoge sah,
ebensowenig in einer Schule, die Er nur auf vieles Zureden Seiner Eltern ein
paarmal im Jahre besuchte, dieselbe auch allzeit sichtbar ärgerlich bald
verließ; in einem Bethause aber habe Ihn nie jemand gesehen. Wegen solcher
Seiner Sonderbarkeit kam es denn auch, daß Er von vielen als etwas blödsinnig
angesehen wurde.
[GEJ.02_090,09] Aber mit Seinem dreißigsten
Jahre verschwand Er auf einmal aus Seinem elterlichen Hause und soll Sich eine
Zeitlang in der Wüste bei Bethabara, wo am kleinen Jordan der berühmte Johannes
sein Wesen trieb, aufgehalten haben und Sich von selbem haben taufen lassen.
Von da zog Er dann also, wie Er jetzt ist, voll göttlicher Kraft aus, lehrte
das Volk vom Gottesreiche, machte alle die Kranken gesund und trieb von den
Besessenen die bösen Geister aus. Das ist so ungefähr, ganz kurz gefaßt, Seine
diesirdische Lebensgeschichte, die ich zum Teil selbst von Ihm erfahren, jedoch
zum Großteile durchs Hörensagen in meine Wissenschaft gebracht habe.“
[GEJ.02_090,10] Sagt Korah: „Ja, ja, du wirst
recht haben! Diese Geschichte in Bethlehem hat vor ungefähr dreißig Jahren viel
Aufsehen gemacht; und so ich mich nicht irre, so hat der alte Herodes eben
seinetwegen den grausamen Knäbleinmord anbefohlen. Er aber sei nach Ägypten
entflohen. – Nun siehe, da bin ich nun ja schon ganz im klaren! Nun, nun, das
also ist derselbe Jesus!? Ja, an dem kann allerdings etwas Außerordentliches
sein, und du wirst mit deiner Annahme sicher nicht weit vom Ziele sein! Aber
sprechen möchte ich ihn denn doch noch, bevor er diesen Ort zu verlassen
gedenkt!“
[GEJ.02_090,11] Sagt Chiwar: „Wie du es
willst, – mir ist das gleich! Aber da muß denn doch von uns zuvor ein Herold in
die offene Stadt gehen und dich dem Volke als nun vollends günstig anpreisen,
ansonst es denn doch nicht ganz geheuer sein dürfte, sich in die offenen
Straßen zu begeben; denn meine Nazaräer kenne ich!“
[GEJ.02_090,12] Sagt Korah: „Nun, entsende
schnell mehrere Herolde und laß durch sie meinen Namen als einen dem Volke
günstigen anpreisen, sonst reist er uns früher ab!“
[GEJ.02_090,13] Chiwar sendet sogleich zwölf
Herolde aus, und diese preisen den neuen Obersten dem Volke so günstig an, daß
es eine Weile dauernd darob in einen lauten Jubel ausbricht und allerlei
kostbare Geschenke vorzubereiten anfängt, mit denen es am nächsten Vorsabbat
den neuen Obersten begrüßen will.
[GEJ.02_090,14] Als die Herolde wieder mit
der guten Nachricht in die Synagoge zurückkommen, sagt der Oberste zum Chiwar:
„Nun gehen wir aber nur schnell hinaus, sonst weiset er uns am Ende ab, – und
ich möchte ihn denn doch sprechen!“
[GEJ.02_090,15] Chiwar sagt: „Ich bin schon
bereit, und es schickte sich, daß wir alle Ihm einen Abschiedsbesuch machten;
aber gehen dennoch wir beide allein!“ –
[GEJ.02_090,16] Chiwar und der neue Oberste
begeben sich nun sogleich hinaus. Als sie aber einige Schritte außer dem
Stadttore sich befinden, kommen ihnen Borus, Jairus, dessen Weib, die Sarah und
die Mutter Maria entgegen und bringen dem Chiwar und dem Obersten die für sie
betrübende Nachricht, daß der Herr vor einer halben Stunde Zeit mit Seinen
zwölf Jüngern und mit den sieben angekommenen Jüngern Johannis abgereist sei.
91. Kapitel
[GEJ.02_091,01] Diese Nachricht betrübt den
Obersten, und er kehrt, von Borus geladen, mit Chiwar in dessen großes,
palastartiges Haus, wo Borus natürlich auch sogleich alles aufbieten läßt, um
den neuen Obersten so glänzend als möglich zu bewirten.
[GEJ.02_091,02] Es kommen auch Bab und Roban
dazu, und es wird den ganzen Abend hindurch natürlich von nichts gesprochen als
von Jesus dem Herrn.
[GEJ.02_091,03] Aber endlich fragt der
Oberste und sagt: „Aber saget mir denn doch, was denn ganz eigentlich der Grund
gewesen sein mag, daß er sich nach alledem, was ich bis jetzt alles von ihm und
über ihn vernommen habe, nicht mehr getraut hat, hier zu verweilen? Denn ganz
etwas anderes wäre es, so er vorgeblich seines allerhöchsten Berufes wegen sich
irgendwohin von hier auf eine Zeitlang hätte begeben müssen; aber so scheint
die Furcht vor Herodes allein ihn von hier entfernt zu haben! Ein Mann aber wie
er, insoweit mir nun Sein Wesen bekanntgegeben worden ist, dem Himmel und Erde
gehorchen, der dazu noch den römischen Oberstatthalter zu seinem intimsten
Freunde hat, sollte doch offenbarst ewig keinen Grund haben, vor dem schwachen
Pachtkönige Jerusalems die Flucht zu ergreifen!
[GEJ.02_091,04] Wahrlich, man nehme die
Sache, wie man will; aber so viel ist gewiß, daß es für die Bewohner der Erde
dann durchaus nicht gut aussieht, so ein Gott einmal vor den Teufeln Sich zu
fürchten anfängt und vor ihnen die Flucht ergreift! – Hm, hm, je mehr ich
darüber nachdenke, desto rätselhafter erscheint mir die ganze Sache!
[GEJ.02_091,05] Gebet mir darüber bessere
Aufschlüsse, sonst muß ich euch allen, so lieb ihr mir seid, ganz offen
erklären, daß ihr samt mir euch an diesem Manne doch gewaltig möget geirrt
haben; denn der Allmächtige hat wahrlich nicht nötig, Sich vor einem Herodes,
der vielleicht gar noch nie daran gedacht hat, Ihn verfolgen zu wollen, zu
fürchten! Denn ich, als ein Günstling dieses Pachtkönigs, kenne ihn besser als
jeder von euch und weiß, daß er schon tausendmal in dieser kurzen Zeit bereut
hat, den Johannes getötet zu haben. Denn der plötzliche Tod der Herodias und
deren Tochter haben den Pachtkönig in eine solche Angst versetzt, daß er sein
Leben lang sicher nie wieder einen Propheten wird töten lassen!
[GEJ.02_091,06] Jesus muß daher aus einem ganz
andern Grunde von hier so schnell abgereist sein! Und hätten ihm auch die
erregten sieben Jünger Johannis noch so gräßliche Dinge von Herodes erzählt, da
frage ich, ob ein allwissender Mann, der, von Gott ausgehend, sicher weiß, was
wir hier nun über ihn verhandeln, denen Glauben schenken kann, die offenbare
Lügen hervorgebracht haben werden!? Weiß von euch denn niemand mir zu meiner
Beruhigung einen besseren Grund seiner so plötzlichen Abreise anzugeben?“
[GEJ.02_091,07] Sagt Borus: „Lieber Freund,
da wird es allerdings einen kleinen Haken haben, da uns alle Seine Flucht so
gut wie dich befremdet hat, obschon wir vollkommen überzeugt sind, daß Er
dennoch das und Der ist, als den wir Ihn anerkannt und angenommen haben. Er hat
Sich auch – so ganz offen gesprochen – vor dir gefürchtet und darum schon heute
früh alle die vielen Jünger entlassen samt den hohen Römern, die bei Ihm waren
nun etliche Tage hindurch. Aber wie ich es nun sehe, so hätte Er wenig Grund
haben sollen, Sich vor dir zu fürchten, da du nun für Ihn und durchaus nicht
wider Ihn bist; es muß daher in Ihm doch ein ganz anderer Grund sein, der Ihn
zu dieser plötzlichen Abreise bestimmt hat, als der, den wir aus der
Erscheinung füglich annehmen müssen.“
[GEJ.02_091,08] Spricht der Oberste: „Saget mir
aber doch, wie die Sache herging und sich verhielt, bevor er sich zur Abreise
anschickte! Vielleicht gelingt es dann mir, oder noch eher dem Freunde Chiwar,
einen vernünftigeren Grund herauszufinden!“
[GEJ.02_091,09] Sagt Borus: „Die Sache ging also
her: Schon vormittags sandte Er Seine zwölf Jünger, die Er ,Apostel‘ nennt,
gegen das Meer hinaus, daß sie irgendein Schiff für Ihn herrichten sollten, und
wahrscheinlich um zugleich Erkundigungen einzuholen, ob nicht irgend von
Jerusalem ausgesandte Laurer und bedungene Meuchelmörder sich vorfänden. In
Sibarah, dem Mautorte, der einem gewissen Matthäus, der auch ein Jünger Jesu
ist, gehört, kamen die Jünger Jesu mit den sieben Jüngern des Johannes
zusammen, mit denen sie schon früher einmal zusammengekommen waren – ich glaube
bei der Gelegenheit, als Johannes schon im Gefängnisse war und die Worte Jesu
vernommen hatte. Diese sieben Jünger erzählten den Aposteln alles, was sich in
Jerusalem mit ihrem Meister zugetragen hatte. Und zugleich erzählten sie, wie
denn doch ganz geheim Herodes – obschon er denen, die ihm von Jesus die
Nachricht hinterbrachten, offen gestand, daß dieser der vom Tode auferstandene
Johannes sei – Laurer und Mörder ausgesandt habe, sie dahin bescheidend: Würden
sie finden, daß der vermeintliche Jesus im Ernste der auferstandene Johannes
ist, so sollen sie ihm nichts tun, sondern ganz friedlich heimkehren; sei es
aber im Ernste Jesus, so sollen sie Ihn ohne weiteres zu töten versuchen!
Gelänge ihnen der Mord, so hätten sie von Herodes eine große Belohnung zu
gewärtigen; gelänge ihnen aber der Mord nicht, und zwar darum, daß Jesus
gleichsam ein nicht zu tötender wirklicher Gottmensch sei, so hätten sie von
Herodes den gleichen Lohn zu gewärtigen, und er werde dann mit seinem ganzen großen
Hofstaate ein Anhänger Jesu werden! – Solche Nachricht brachten die Jünger
Johannis, mit den Jüngern Jesu hierher nach Nazareth kommend, Jesu dem Herrn.“
[GEJ.02_091,10] Als Er solches vernommen
hatte, da sagte Er: ,Durch diese schnöde Probe soll Herodes ewig nie Mein
Jünger werden! Die Erde ist groß, und Ich werde schon noch ein Plätzchen
finden, allwo Mich die schnöden Apostel des Herodes nicht finden sollen! Ist
denn des Menschen Sohn gekommen, durch bedungene Mörder das zu werden, was Er
ist? Nein, und ewig nein! Wer Mich mit Mordwerkzeugen in der Hand fragt, wer
Ich sei, dem soll ewig nie eine Antwort werden! Es ist aber ohnehin Zeit, daß
wir von hier aufbrechen, und so gehen wir und sehen, auf fremdem Boden uns
Menschen zu gewinnen, die uns auch ohne Mordwerkzeuge gegen unser Leibesleben
glauben werden, daß wir das sind, was wir sind!‘
[GEJ.02_091,11] Auf diese Worte Jesu aber
geschah denn auch sogleich die Abreise; denn Er sagte: ,Gehen wir, denn nun
will Ich es und sehe es darum auch, daß und wo sich bereits sechshundert solche
Herodianische Mordapostel gegen Mich, und zwar schon sehr nahe, befinden; darum
begeben wir uns aber auch sogleich von hier!‘ – Mit dem begaben sich dann alle
Seine und des Johannes Jünger auf den Weg gegen Sibarah hin und werden sich nun
schon auf der hohen See befinden!“
92. Kapitel
[GEJ.02_092,01] Sagt darauf der Oberste: „Ah,
nun hat die Sache ein ganz anderes Gesicht! Da reiste er ja lange nicht aus
Furcht, sondern aus reiner Klugheit ab, um dem Herodes aus wohlverdienter
Strafe jede Gelegenheit abzuschneiden, daß er darum nun weder noch schlechter,
aber auch nicht leichtlich besser werden kann! Ah, da hat er sehr wohl getan,
und ich kann ihn darum nur loben.
[GEJ.02_092,02] Es ist aber dieser Herodes
auch im eigentlichsten Worte ein Mensch, bei dem sich so ganz eigentlich kein
Mensch recht auskennt, wie er mit ihm daran ist. Er ist zur Hälfte ein guter,
hie und da über die Maßen wohltätiger Mensch, zur Hälfte aber auch wieder
gleich darauf ein Teufel ersten Ranges! Er macht dir heute in einer Art
Anwandlung von Herzensgüte und Großmut die allerlobenswertesten Verheißungen
und erfüllt sie auch an dem, der bald nach der Verheißung zu ihm kommt. Aber
wehe dem, der ihn am nächsten Tage dessen erinnern würde; der bekommt nicht nur
nichts von all dem Verheißenen, sondern er wird noch auf eine so empfindliche
und bösbeleidigende Weise abgewiesen, daß ihm für ein zweites Mal sicher aller
Mut vergeht, sich ihm je wieder zu nahen und ihn an die gemachte Verheißung zu
erinnern!
[GEJ.02_092,03] Es ist mit ihm darum auch nie
irgendein besonderer Freundschaftsbund zu schließen; denn der ihn sicher nicht
hält, – das ist Herodes! Und unser erhabener Heiland Jesus wird das so gut wie
unsereiner wissen und ist ihm darum mit allem Fug und Recht ausgewichen; denn
so sich auch Herodes hundertmal überzeugt hätte, daß Jesus unverletzbar sei, so
würde das für den Herodes dennoch soviel wie gar nichts beweisen. Für ihn
liefert das, was heute geschah, für morgen durchaus keinen Beweis; denn dieser
Mensch hat entweder kein Gedächtnis oder er lebt in solchen Grundsätzen, mit
denen bloß er, aber neben ihm kein anderer Mensch mehr bestehen kann!
[GEJ.02_092,04] Daß er aber übrigens ein
schlauer Fuchs ist, bedarf wohl keines weiteren Beweises. Denn die Steuern zu
erpressen, versteht er aus der Kunst, sowie den Römern den Pachtzins schuldig
zu bleiben. Ich aber weiß es, wie er es macht; jedoch davon ein anderes Mal!
[GEJ.02_092,05] Ich möchte aber nun dennoch
erfahren von euch, ob unser Heiland Jesus nicht noch einmal wieder nach
Nazareth kommen wird. Hat er euch allen nichts davon gesagt?“
[GEJ.02_092,06] Sagt Borus: „Bestimmtes wohl
nicht; aber ich hoffe, daß Er den Winter über bei uns zubringen wird! Es ist
freilich auch möglich, daß Er den Winter gar in Sidon oder Tyrus zubringen
wird; aber dann werden wir von Ihm schon Nachricht erhalten und uns zeitweilig
dahin begeben.“
[GEJ.02_092,07] Sagt die ganz traurig
aussehende Mutter Maria: „Er wird wohl hierher kommen; aber sicher nur wieder
auf ein paar Tage!“
[GEJ.02_092,08] Sagt der Oberste: „O liebe
Mutter, mache nur du dir nichts daraus; denn er wird weder uns und sicher noch
weniger dich vergessen!“
[GEJ.02_092,09] Sagt die Mutter: „Das wird Er
nicht; aber für mich ist es dennoch traurig, wenn ich sehen und erfahren muß,
wie die bösen, blinden Menschen ihren ewig größten Wohltäter mutwillig
verkennen, Ihn verfolgen und Ihm fast allenthalben mit dem größten Undank
begegnen!“
[GEJ.02_092,10] Sagt der Oberste: „Siehe,
liebe Mutter, die Menschen sind einmal so wie sie sind, und David hat in seiner
Not nicht umsonst ausgerufen: ,O wie zu gar nichts nütze ist aller Menschen
Hilfe; denn sie können dem Bedrängten alle nicht helfen!‘ Übrigens war das ja
noch allzeit das traurige Los aller von Gott mit höheren, geheimnisvollen
Fähigkeiten begabten, großen Menschen, daß sie von den Erdwürmern von Menschen
gleich also verfolgt worden sind, wie da die kleinen Schwalben mutwillig
verfolgen den großen mächtigen Aar. Denn die kleinen Menschen wollen bei all
ihrem Nichtssein dennoch groß sein und können es daher nicht ertragen, wenn ein
wahrhaft großer Mann auftritt, an dem sie nur zu augenscheinlich das Maß ihrer
vollsten Nichtigkeit nehmen müssen!
[GEJ.02_092,11] Siehe an die großen
Propheten! Was war ihr Erdenlos? Allzeit Armut von Geburt an, allerlei Mangel
und Entbehrung, Mißgunst, Verfolgung und endlich gar ein gewaltsamer Tod durch
die Hände der selbstsüchtigen Erdwürmer! Warum Gott das stets so haben will,
ist mir seit meiner Kindheit her ein Rätsel gewesen; aber die allzeitige
Erfahrung lehrt uns, daß es leider allzeit so war, und wir können dagegen
ebensowenig etwas unternehmen, wie gegen den lästig kurzen Tag des Winters.
Gott hat einmal die Sache also eingerichtet, und wir können sie nicht ändern,
hoffen aber, daß es dereinst im andern Leben besser gehen werde!
[GEJ.02_092,12] Dein göttlicher Sohn hätte
wohl nach dem, was ich von ihm vernommen habe, Macht in mehr als hinreichender
Fülle, dem ganzen Weltmenschenunfug mit einem Schlage ein Ende zu machen; daß
er es aber nicht tut, können wir ja leicht aus dem entnehmen, daß er
gewisserart vor dem Erdwurme Herodes lieber flieht, als daß er ihn vernichtete
mit einem Hauche! Er, der es leicht könnte, tut es nicht, und wir können es
nicht tun, – und so bleibt immer die alte bekannte schlechte Sache! Wenn er
einmal hierher kommt, so will ich mit ihm in dieser Hinsicht eine ganz ernste
Zwiesprache führen.“
[GEJ.02_092,13] Sagt Borus: „Wird aber wenig
fruchten! Denn ich war Zeuge, was alles in dieser weltverbessernden Hinsicht der
Oberstatthalter, der dazu noch ein Oheim des Kaisers ist, Ihm alles für
Vorschläge und Angebote gemacht hat; aber da war alles umsonst! Er zeigte mit
Händen zu greifen klar, was die Menschheit ist, und wie sie möglichst ohne
besondere Gerichte und Strafen zu führen und zu lenken ist, wenn sie lediglich
durch reinen Unterricht und durch ihre höchst eigene freie Bestimmung danach
ihre einstige, von Gott gestellte ewige Bestimmung erreichen will! Der
Statthalter mußte Ihm, so gut wie wir alle, das vollste, ungezweifeltste Recht
zuerkennen, und das mehrmals fest angetragene Dareinhauen unterblieb völlig und
vollkommen; und so kann ich dir schon zum voraus versichern, daß es mit deiner
dir vorgenommenen Zwiesprache ebenfalls seine geweisten, abschlägigen Wege
haben wird!“
93. Kapitel
[GEJ.02_093,01] Sagt der Oberste: „Das werden
wir erst sehen; denn vom Standpunkte der irdischen Verhältnisse betrachtet ist
die Menschheit noch immer schlechter statt besser geworden! Was sind nun Moses
und alle die großen Propheten? Ich sage es euch: In den sogenannten besseren
Kreisen lacht man darüber und hält sie zwar für fromme, aber für den Geist der
Menschen ganz zwecklose Fabeln und stellt die Lehre eines Pythagoras und eines
Aristoteles himmelhoch über alle die Propheten! Ein lebendiger Beweis, daß die
Einrichtung Jehovas, so erhaben und wahr sie im Grunde des Grundes auch ist,
dennoch den Zweck bei den Menschen durchaus nicht erreicht, den sie nach Seinem
Wortlaute erreichen will!
[GEJ.02_093,02] Was nützt alle Offenbarung,
wenn ihr die handgreiflichen Mittel nicht für immer belassen werden, durch die
es allein möglich ist, die Menschen im stets gleichen Respekte vor der
göttlichen Offenbarung zu erhalten? Es sollte nur ein Elternpaar versuchen,
seine Kinder ohne Rute zu erziehen, und wir würden es nur zu bald erfahren,
welchen Respekt die unmündigen Kinder vor ihrer Eltern noch so weisen und guten
Lehren haben werden!
[GEJ.02_093,03] Darum halte ich auf alle
Lehren und selbst Gesetze nichts, wenn sie ohne Rute und Schwert den Menschen
überantwortet werden; denn der Mensch ist vom Grunde aus schlecht und muß zum
Guten erst mit Ruten gepeitscht werden!“
[GEJ.02_093,04] Sagt Borus: „Bin mit dir in
dieser Hinsicht ganz einverstanden; aber es gibt dennoch ein großes Aber, das du
erst dann wirst kennenlernen, wenn du einmal darüber von Seinem höchsteigenen
Munde wirst belehrt werden!
[GEJ.02_093,05] Siehe, so wir ein
mechanisches Werk vor uns haben, mit dem irgendeine Arbeit verrichtet wird, so
werden wir im Anfange staunen; werden wir aber mit dem Werke näher bekannt
gemacht, so werden wir gleich eine Menge Mängel entdecken, und es wird uns
sofort die förmliche Gier anwandeln, dieses Werk von den sichtlichen Mängeln
frei zu machen. Wir verfügen uns darum zum Werkmeister und sagen ihm dies und
jenes.
[GEJ.02_093,06] Aber der Werkmeister wird zu
lächeln und unfehlbar also mit uns zu verkehren anfangen und wird sagen: ,Liebe
Freunde, das ginge wohl, – aber es geht dennoch nicht; denn die Maschine
richtet sich hier nach vielen sehr beachtenswerten Punkten! Der sie erbauen
ließ, hat sie nach seinem Bedarfe bestellt; für diesen Bedarf kann sie nur die
beobachtete, bestimmte Einrichtung haben, und da wäre jede Zutat ein offenbares
Gebrechen der Maschine selbst! Die Maschine hat nur eine gewisse Kraft zu
besiegen nötig und darf darum keine höhere Kraft besitzen, als die ihr für den
bestimmten Zweck nötig ist. Würde man ihr eine höhere Kraft zu wirken geben, so
würde der Weber mit ihr sein Gefäde mit jedem Schlage zerreißen und auf diese Art
nie auch nur eine Elle Zeug zutage fördern. Darum muß die Maschine für den
Zweck, dem sie zu entsprechen hat, gerade diese Einrichtung haben, die sie hat,
und jedes Mehr oder Weniger ist ein Fehler der Maschine! Ah, wenn die Maschine
einmal durch langen Gebrauch abgenutzt sein wird, dann erst ist es an der Zeit,
sie wieder in den Stand zu setzen, wie sie anfangs war, damit sie ihrem Zwecke
wieder entsprechen kann.‘
[GEJ.02_093,07] Siehe, so wird der kluge
Werkmeister uns bescheiden, und wir beide werden es uns am Ende denn doch
selbst sagen müssen: Der Werkmeister hat recht; denn ein jeder Meister muß
seine Sache doch offenbar besser verstehen als so ein paar Pseudomeister, wie
wir da sind! Und ungefähr eine fast ähnliche Antwort könnten wir in dieser Hinsicht
von Jesus dem Herrn bekommen, so wir Ihn fragten, wie es möglich ist, daß die
Menschen an der Seite der göttlichen Weisheit dennoch gar so teufelsschlecht
werden können!
[GEJ.02_093,08] Was wissen wir wohl von des
Menschen innerer Einrichtung und Beschaffenheit? Wir mögen oft fluchen, wo der
Herr noch vollauf segnet! Denn wir sehen weder das Gute noch das Schlechte
vollkommen ein.
[GEJ.02_093,09] Jeder noch so gute Mensch hat
mehr oder weniger etwas von Selbstsucht in seinem Gemüte. Nach dieser seiner Eigenschaft
ist er dann auch stets ein Richter seiner Nebenmenschen und rechnet es ihnen
schon allzeit am ersten und liebsten zu einem Fehler an, wenn sie Handlungen
begehen, die mit seiner Selbstnutzungsidee nicht im Einklange stehen. Da aber
ein jeder Mensch für sich ebenso ein wenig selbstsüchtig denkt, so kommen auf
der Erde nichts als lauter schiefe Urteile der Nebenmenschheit gegenüber
heraus. Diese Schiefurteile bewirken gegenseitig Unzufriedenheiten, nach und
nach Ärger, Neid, Zorn und dergleichen moralische Löblichkeiten mehr.
[GEJ.02_093,10] Wer anders ist hernach schuld
an der Verschlimmerung der Menschen als eben die Menschen selbst? Die
Lebensmaschine nützt sich denn mit der Zeit auch ab, muß darum von ihrem erhabenen
Werkmeister auch von Zeit zu Zeit wieder neu ausgebessert oder dann und wann
gar von Grund aus neu gestaltet werden.
[GEJ.02_093,11] Und solch eine totale
Ausbesserungszeit scheint nun wieder, nach mehr als fast einem Jahrtausend,
dazusein. Darauf werden die Menschen zum besseren Teile wieder auf eine
Zeitlang halten; aber für länger als höchstens zweitausend Jahre werden die
ausgebesserten Menschen abermals nicht halten, und wir werden jenseits
scharfsehende Zeugen sein, daß es also gehen wird, wie ich dir's nun gesagt
habe!“
[GEJ.02_093,12] Sagt der Oberste: „Nun, ich
gratuliere dir! Du bist ein würdiger Jünger deines Meisters! Ich sehe es nun
schon, daß ich es vorderhand in der wahren Weisheit mit dir nicht aufnehmen
kann. Aber ich werde mir alle Mühe geben, es an der Seite meines lieben
Freundes Chiwar in Kürze so weit zu bringen, daß ich über dergleichen Dinge mit
dir werde Rücksprache führen können; denn mit gegenwärtiger Tempelweisheit in
Jerusalem reicht man hier nicht aus, – was eben kein Wunder ist, da die
gegenwärtige Tempelweisheit auch nicht weit her ist!“
94. Kapitel
[GEJ.02_094,01] Als der Oberste lächelnd
diese Bemerkung ausgesprochen hatte, brachten ein paar Bürger der Stadt einen
Kranken, der viele Jahre schon an der Raserei litt. Da er aber arm war, so
getrauten sich die Seinen nicht, sich bei einem Arzte für ihn um Hilfe zu
verwenden, und ihn zu Mir zu bringen, getrauten sie sich auch nicht, da bei
mehreren Bürgern die böse Sage war: wer sich von Mir heilen ließe, der
verschriebe seine Seele dem Beelzebub! In einem fast gleichen Geruche stand
auch Borus, von dem man sagte, daß er von Mir solche Stücke des Teufels erlernt
habe!
[GEJ.02_094,02] Als darum Borus des ihm schon
bekannten Rasenden ansichtig ward und seiner ihn hertragenden schwachsinnigen
Freunde, so sprach er zu ihnen: „Nun, was ist euch denn nun eingefallen, diesen
Kranken zu mir zu bringen? Was tat er euch denn, daß ihr ihn nun dem Teufel
ausliefern wollt?“
[GEJ.02_094,03] Sagen die beiden: „Herr, wir
sind aber eines Bessern belehrt worden und haben ihn darum nun zu dir
gebracht!“
[GEJ.02_094,04] Sagt Borus: „Wer hat euch
denn eines Bessern belehrt?“
[GEJ.02_094,05] Sagen die beiden: „Herr,
gerade diejenigen, die uns lange zuvor in solcher Dummheit, wie mit Ketten
geknebelt, belehrt und erhalten haben!“
[GEJ.02_094,06] Sagt Borus, etwas lächelnd:
„Verstehe, verstehe! Aber, was soll ich denn nun mit diesem Rasenden anfangen?
Denn sein Übel ist in ihm verhärtet infolge eurer großen Dummheit, und es wird
nun bei eurem schwachen Glauben schwerhalten, diesem Menschen zu helfen!“
[GEJ.02_094,07] Sagen die beiden: „Herr, so
wir schwachgläubig wären, hätten wir den Kranken nicht zu dir gebracht!“
[GEJ.02_094,08] Sagt Borus: „Nun gut, so
wollen wir sehen, was Gottes Kraft im Menschen vermag!“ – Hier trat Borus mit
entblößtem Haupte hin zum Kranken und sagte laut: „Ich will es im Namen Jesu,
des Herrn von Ewigkeit, daß du gesund seiest, und so sei gesund und wandle
fortan frei!“
[GEJ.02_094,09] In diesem Augenblick ward der
Rasende völlig gesund und gab Gott die Ehre, daß Er dem Menschen solch eine
Kraft verliehen hatte.
[GEJ.02_094,10] Borus aber lobte Gott selbst
laut mit, beschenkte den Geheilten sowie seine beiden Freunde reichlich und
ließ sogleich beiden und dem Geheilten zu essen und zu trinken geben, was da
vorrätig war auf den Tischen der Gäste.
[GEJ.02_094,11] Da trat der Oberste zu Borus
hin und sagte: „Wahrlich, das hätte ich in dir nicht gesucht! Daß im Namen
Jesus eine besondere Kraft liegt, vor der, von mir wohlerfahrenermaßen, sogar
die Mächte der Unterwelt einen ganz verzweifelten Respekt haben, habe ich heute
in der Synagoge gesehen; aber daß vor diesem Namen sich auch die
Leibeskrankheiten, welcher Art sie auch sind, beugen müssen, das haben meine
Augen erst hier gesehen. Wahrlich, hinter diesem Jesus muß noch viel mehr
stecken als ein bloß eliasartiger Prophet; denn durch dessen Namen ist meines
Wissens noch nie ein Kranker geheilt worden! Über diesen Namen, meine lieben
Freunde, werden wir miteinander noch vieles zu reden haben!“
[GEJ.02_094,12] Nach diesen Worten begab sich
der Oberste zu dem Geheilten und fragte ihn, ob er sich nun wohl als völlig
geheilt fühle!?
[GEJ.02_094,13] Antwortet der Geheilte: „So
gesund wie ich nun bin, war ich nie zuvor in meinem ganzen Leben, – und ich
zähle bereits fünfzig Jahre, und das wird etwa doch geheilt sein!?“
[GEJ.02_094,14] Der Oberste belobt ihn und
gibt ihm ein schönes Goldstück.
[GEJ.02_094,15] Der Geheilte aber schiebt es
mit den Worten zurück: „Herr, es gibt noch viel Ärmere hier in Nazareth, –
denen gib es! Ich kann nun arbeiten, und das ist für mich Reichtum zur Genüge!“
[GEJ.02_094,16] Sagt der Oberste: „Das heißt
wahrhaft uneigennützig sein! Wahrlich, das hätte ich in dir nicht gesucht! Nun,
ich bin der Oberste der Synagoge hier in Nazareth und von ganz Galiläa und
werde hier und nicht in Kapernaum residieren; daher wirst du mich wohl finden,
wenn über dich je eine Not kommen sollte!“
[GEJ.02_094,17] Sagt der Geheilte: „Der guten
Menschen gibt es wenige, und so muß jeder Arme sich die wenigen merken und zu
ihnen gehen, so es ihm not tut! Ich danke dir für diesen Antrag; wenn ich in
der Not sein werde, werde ich schon zu dir kommen.“
[GEJ.02_094,18] Nach diesen Worten erheben
sich die drei, der Geheilte und seine zwei Führer, danken dem Borus und dem
Obersten und entfernen sich dann ganz wohlgemut nach Hause. Ihre gemietete
Wohnung hatten sie einige hundert Schritte außerhalb der Stadt, gleich Meinem
Hause, das auch bekanntlich außerhalb von Nazareth stand, gerade am entgegengesetzten
Ausgange.
[GEJ.02_094,19] Nach dieser Begebenheit im
Hause des Borus wird noch viel davon geredet, und die Gesellschaft geht erst
nach Mitternacht auseinander; die Mutter Maria aber bleibt eine Zeitlang im
Hause des Borus, wo sie wohlversorgt ist und vielen Trost hat. Das ganze
Hauswesen aber besorgen Meine zwei ältesten Brüder, die daheim geblieben sind,
und Borus verschafft ihnen alles, was sie nur immer nötig haben. Und so leben
Meine Freunde in Nazareth im besten Einvernehmen in Meiner persönlichen
Abwesenheit und beschäftigen sich tagtäglich mit Mir, Meinen Lehren und Meinen
Taten, die sie selbst erlebten.
[GEJ.02_094,20] Der neue Oberste aber prüft
alles mit stets erhöhter Schärfe, aber er wird allzeit vom Gegenteile
überzeugt; denn er gehörte auch zu den Menschen, die das am nächsten Tage ganz
leicht nehmen, was sie am vorhergehenden Tage erlebt haben, und dessen
vergessen, was sie versprochen haben. Und so hatten Chiwar und Roban an jedem
Tage eine neue Not mit dem sonst guten Menschen, der immer die Absicht hatte,
streng gerecht zu sein und zu handeln, aber dabei stets zwischen allerlei
Grundsätzen von Recht und Unrecht hin- und herschwankte; denn er fragte stets,
was eigentlich ,Recht‘ ist.
[GEJ.02_094,21] Und wenn man ihm auch
tausendmal an den Fingern bewies, daß das eigentliche Recht in nichts anderem
bestehen kann als allein in dem, daß der Mensch nach den Geboten Gottes lebe,
so begriff er das heute ganz gründlich gut; aber am nächsten Tage fand er dafür
schon eine derartige Menge von Vernunftgründen dawider, daß es dem Chiwar nicht
selten sehr schwer ward, dem Obersten alle seine Gründe zu widerlegen. Und
Chiwar begriff nun, warum Ich zu ihm gesagt hatte, daß er auf den Obersten
stets ein scharfes Auge haben solle, da diesem noch lange nicht völlig zu
trauen sein werde.
[GEJ.02_094,22] Am meisten aber beschäftigte
den Obersten doch die Kraft Meines Namens. War er auch zu öfteren Malen
unerträglich, so brachte ihn Chiwar am leichtesten mit Meinem Namen zurecht.
Borus aber übte dennoch stets am meisten eine Bevormundung über ihn aus und
brachte ihn allzeit auf wenigstens einige Tage zurecht, daß er fest an Meinen
Namen glaubte.
[GEJ.02_094,23] Hiermit ist im allgemeinen
gezeigt, was die Nazaräer nach Meiner Wegreise gemacht haben, und so gehen wir
nun wieder zu Mir Selbst über und zu dem, was Ich nach Meiner Abreise am Abend
von Nazareth weiter getan und gelehrt habe, und wohin und wie dahin Ich Mich
begeben habe.
95. Kapitel – Nazareth – Höhle bei Bethabara (Erste
Volksspeisung) – Berg des Gebets – Wandel auf dem Galiläischen Meer (des Petrus
Glaubensprobe) – Zu Schiff nach Genezareth an der gleichnamigen
Meeresbucht. (Kap.95-167)
[GEJ.02_095,01] Als ich – wie schon
bekanntgegeben – von den angekommenen Jüngern des Johannes vernommen hatte, was
Ich ganz sicher schon früher wußte – ansonst Ich nicht schon des Morgens die
ganze, große Gesellschaft zur rechtesten Zeit von Mir hinweg beschieden hätte
–, da verließ Ich alsbald Nazareth und ging mit den zwölf Jüngern gen Sibarah
an das Meer und da sogleich in ein Schiff und fuhr in die Gegend oberhalb von
Bethabara. Im Schiffe selbst erzählten Mir die Jünger, was sie den Tag über
auch sonst noch gelehrt und getan hatten, darum Ich sie denn auch belobte.
[GEJ.02_095,02] Als wir aber an den Ort der
vorgenommenen Bestimmung gelangten, da hieß Ich die Jünger, allein im Schiffe
zu verweilen, und stieg allein ans Land und ging, bloß von ein paar Jüngern
begleitet, in die Wüste, um ein Plätzchen zu suchen und zu bestimmen, wo Ich
Mich einige Tage lang aufhalten könnte und sicher wäre vor den bekannten
Nachstellungen des Herodes.
[GEJ.02_095,03] Aber unserem Schiffe folgten
in einiger Entfernung auch eine Menge anderer, kleiner Fahrzeuge und erfuhren
dadurch leicht Meinen Aufenthalt, und das um so leichter, weil Ich durchaus
nicht die Absicht hatte, Mich vor der hilfsbedürftigen Menschheit völlig zu
verbergen.
[GEJ.02_095,04] Es dauerte darum Mein
Aufenthalt in dieser Wüste auch keinen Tag, als schon von allen Städten,
Märkten und Dörfern eine große Menge Volkes herbeiströmte nebst den schon
alten, über achthundert zählenden Jüngern, die in den früheren Städten und
Märkten zu Mir gestoßen und am Morgen des vorhergehenden Tages von Mir in ihre
Heimat beschieden worden waren. (Matth.14,13)
[GEJ.02_095,05] Von diesen waren etliche von
Kana in Galiläa und Kana in Samaria, etliche von Jesaira, etliche von Kis und
Sibarah, von Kapernaum, Chorazin, Caesarea, Genezareth und Bethabara und
machten Mich ruchbar noch in vielen anderen Orten, so daß aus allen diesen
Märkten und Städten eine große Masse Volkes teils über den See und teils zu Fuß
in die Wüste zu Mir kam, natürlich mit einer großen Menge von allerlei kranken
und bresthaften Menschen. Wie schon früher erwähnt, so war kaum der Tag angebrochen,
als schon bei tausend Pilger, Mir nach, Meine Lagerstätte auffanden und
umlagerten.
[GEJ.02_095,06] Es war aber Meine
Lagerstätte, die Ich in der Wüste Mir gewählt hatte, eine geraume Höhle ohne
eine hinterhaltige Öffnung. Diese Höhle lag ziemlich hoch und war mit Bäumen
dicht umwachsen. Es war vor der Höhle auch ein sehr geräumiger freier Platz,
auf dem etliche tausend Menschen mehr denn einen hinreichenden Lagerplatz
finden konnten; und auf diesem Platze hatten sich denn auch die Menschen mit
ihren Kranken gelagert.
[GEJ.02_095,07] Da die Jünger, die um Meinen
Aufenthalt wohl wußten, aber sahen, daß von allen Seiten her sich Massen von
Menschen hinaufzogen und Meine Lagerstätte stets mehr und mehr umlagerten, so
wurde ihnen bange um Mich. Sie überließen das Schiff ihren acht Schiffsknechten
und begaben sich zu Mir hinauf, um Mir Nachricht zu geben, welche Massen von
Menschen da zusammenkämen, und daß sie im Ernste nicht mehr dafür gutstehen
könnten, ob nicht etwa Herodianer darunter sich befänden.
[GEJ.02_095,08] Als die gutmütigen und
besorgten Jünger Mir solche Nachricht brachten von dem, das Mir auch also
bekannt sein mußte, da ging Ich aus der Grotte hervor und besah Mir das
wahrlich große Volk, und es jammerte Mich wahrhaft desselben, als es Mich da
mit tränenden Augen bat, daß Ich ihre mitgebrachten Kranken heile
[GEJ.02_095,09] Und Ich heilte denn auch in
einem Augenblick alle die anwesenden Kranken (Matth.14,14), wie auch alle, die
noch auf dem mühevollen Wege zu Mir hin waren. Darauf gab es natürlich des
Lobens und Preisens kein Ende. Bis gen Abend noch strömten Menschen herbei,
obschon ihre Kranken auf dem Wege heil geworden waren, damit sie ihren Dank und
ihren Preis darbrächten. Der Platz vor der Grotte war schon nahe gedrängt voll,
so daß es den Jüngern förmlich bange zu werden begann; junge Leute stiegen
sogar auf Bäume, daß sie Mich besser beschauen konnten.
[GEJ.02_095,10] Als aber der Abend
hereinzubrechen begann, da traten die Jünger zu Mir und sprachen: „Herr, hier
ist eine Wüste; die Nacht fällt schon herein und, wie wir allgemein bemerkten,
so hat niemand etwas Eßbares bei sich! Laß daher das Volk von Dir, daß es in
die näherliegenden Märkte ziehe und sich Brot und Speise kaufe!“ (Matth.14,15)
[GEJ.02_095,11] Sagte Ich zu den Jüngern: „Es
ist nicht nötig, daß die Menschen darum in die Märkte gehen, sondern gebet ihr
ihnen zu essen! (Matth.14,16) Zu trinken brauchen sie nichts denn Wasser, das
hier in reichen Quellen vorhanden ist.“
[GEJ.02_095,12] Sagen die Jünger, etwas
verwundert über Mein Begehren: „Herr, wir haben hier mit uns nichts denn fünf
Brote aus Gerstenmehl und zwei gebratene Fische. (Matth.14,17) Was ist das für
so viele Menschen?“
[GEJ.02_095,13] Sage Ich zu den Jüngern:
„Bringet sie Mir hierher!“ (Matth.14,18)
[GEJ.02_095,14] Als die Jünger das taten,
hieß Ich das Volk samt und sämtlich sich lagern aufs Gras, nahm darauf die fünf
Brote und die zwei Fische, sah auf gen Himmel und dankte dem Vater, brach
darauf die Brote und gab sie den Jüngern, und diese gaben sie dem Volke.
(Matth.14,19) Die beiden Fische aber und ein wenig Brot blieben diesmal für die
Jünger.
[GEJ.02_095,15] Und alle, die da waren, aßen
genüglich davon und wurden alle genüglich satt. Da sie aber nicht alles
aufessen konnten, so sammelten sie die übriggebliebenen Brocken in Körbe, die
das Volk auf einer Reise gewöhnlich mitnahm; und die Körbe waren gewöhnlich
ziemlich groß, da sie mittels der Achselbänder auf dem Rücken getragen wurden;
und von den übriggebliebenen Brocken wurden zwölf solcher großen Körbe voll.
(Matth.14,20) Derer aber, die da gegessen hatten, waren – ohne Weiber und
Kinder gerechnet – bei fünftausend Mann. (Matth.14,21)
[GEJ.02_095,16] Daß diese Speisung, die eine
gute Stunde angedauert hatte, bei diesem Volke ein großes Staunen erregte, wird
hoffentlich leicht zu begreifen sein, wie auch, daß dies Volk darauf gleich
unter sich beschloß, Mich zu seinem Könige auszurufen.
[GEJ.02_095,17] Da Ich aber solchen Plan des
Volkes merkte, so gebot Ich den Jüngern, sogleich das Schiff zu besteigen und
vor Mir hinüberzufahren ans jenseitige Ufer, bis Ich das Volk entließe.
(Matth.14,22) Das tat Ich aber, um das Volk durch diese Bewegung an seinem
Plane zu hindern, selben in die Ausführung zu bringen. Denn es begannen einige
Männer eben mit den Jüngern darob Zwiesprache zu führen, an Mir das zu begehen
aus übergroßer Dankbarkeit. Mir aber getraute sich niemand zu nahen!
[GEJ.02_095,18] Mit der alsbaldigen
Hinwegsendung der Jünger räumte Ich sonach dem Volke das Mittel aus den Händen,
und als die Jünger sich auf Mein Wort hin schnell auf das Schiff begaben zur
mondhellen Nachtzeit, da stand auch alsbald das Volk mehr und mehr von seinem
Plane ab. Nach dem Abzuge der Jünger aber, die bereits schon einige Ruten weit
in die See getrieben hatten, entließ Ich sogleich das gesamte Volk, das sich
auch sogleich willig von dannen begab.
[GEJ.02_095,19] Darauf bestieg Ich ganz
allein einen nahen kahlen Berg und betete da, um Mein Fleischlich-Menschliches
noch inniger mit dem Vater zu einen. Auf dieses Berges Kuppe weilte Ich denn
ganz allein (Matth.14,23) und konnte recht gut sogar mit den fleischlichen
Augen beim hellen Mondscheine ausnehmen, wie das Schiff der Jünger, schon auf
der Mitte des Meeres, da es eben nicht sehr breit war, große Not litt von den
Wellen, die ein widriger, ziemlich heftiger Wind dem Schiffe entgegentrieb.
(Matth.14,24)
96. Kapitel
[GEJ.02_096,01] Daß die Jünger darob gerade
nicht bei der besten Laune waren, läßt sich leicht denken; sie machten über
Mich mannigfache Bemerkungen und Glossen, und selbst ein Petrus sagte: „Hat Er
denn für diese Nacht nichts Besseres für uns gewußt, als uns dem sicheren Tode
in den Wellen preiszugeben? Ist wahrhaft ein wenig sonderbar von Ihm! Ich
getraue mir kaum weiter rudern zu lassen; denn ein paar Ruten weiter kommen wir
auf Untiefen, Klippen und Sandbänke, und ich, als ein grau gewordener Schiffer,
stehe dann weiter für nichts gut! Daher ist es besser, daß wir uns sogar bis
gen Morgen hier auf der Höhe halten!“
[GEJ.02_096,02] Sagt Thomas: „Möchte aber auch
wissen, was Er damit gewollt hat, daß Er uns so plötzlich von Sich wies und
förmlich gebot, daß wir vor Ihm herüberfahren sollten!“
[GEJ.02_096,03] Sagt Andreas: „Meines Wissens
weilt nun längs der wüsten Küste kein Schiff; ich frage: Wie wird Er uns nachkommen?
Will Er etwa den Weg zu Land machen, so braucht Er gut vierzehn Stunden, um auf
der unteren Seite des Meeres über Sibarah und Kis dahin zu gelangen, wo wir zu
landen beabsichtigen; will Er aber über den Oberteil des Meeres dahin gelangen,
so braucht Er zwei gute Tagereisen; denn dort ist unser Meer am breitesten und
hat starke Einbuchtungen und weitgedehnte Versumpfungen.“
[GEJ.02_096,04] Sagt Judas Ischariot: „Ihr
wißt alle zusammen nichts! Ich habe es schon lange gemerkt, daß wir ihm lästig
geworden sind; aber es hat sich nur keine günstige Gelegenheit dargeboten, uns
auf eine gute Art loszuwerden. Und seht, die Gelegenheit hat sich gemacht, und
er ist uns und wir ihn los! Nun können wir ihn mit allen Fackeln suchen gehen,
und wir werden ihn schwerlich je wieder zu Gesicht bekommen! Ob das von ihm
aber – unter uns gesagt – gerade löblich ist, das ist eine andere Frage!“
[GEJ.02_096,05] Sagt Johannes der Liebling:
„Nein, das tut Er ewig nie! Da kenne ich Ihn zu lange und zu gut! Das würde er
nicht einmal als Mensch tun, geschweige als Gottes Sohn, der Er nun wohl ohne
allen weiteren Zweifel ist in aller Fülle der Innehabung des göttlichen
Geistes! Daß Er das getan, hat sicher – wie alles, was bisher geschehen ist –
seinen höchst weisen Grund, und so wird das auch seinen sicher höchst weisen
Grund haben! Und ich ahne es lebendig in mir, daß wir uns davon jüngst
überzeugen werden!
[GEJ.02_096,06] Mein Gott, wenn Er, dem
Himmel und Erde gehorchen, uns weghaben wollte, so bedürfte es nur eines
leisesten Hauches aus Seinem Munde, und wir alle ständen am andern Ende der
Welt, gleichwie es erst etwa vor drei Wochen oder höchstens einem Monate auf
dem Hochgebirge von Kis, das wir von hier aus noch sehr gut sehen, auch nur
eines Hauches aus Seinem Munde bedurfte, und wir machten eine blitzschnelle
Reise durch die Luft und waren in einem Augenblick auch schon bei Ihm auf der
Höhe! – Mein lieber Bruder Judas, nur mit solchen gar lächerlich dummen
Meinungen von Ihm mußt du mir nicht kommen; denn damit legst du allzeit ein
Zeugnis deines Unglaubens ab!“
[GEJ.02_096,07] Sagt Nathanael, der auch im
Schiffe war: „Ich bin sonst ganz der Meinung des lieben Bruders Johannes; aber
nur das meine ich, daß es denn doch bei aller unserer Gewissenssorgfalt etwa
doch möglich wäre, daß wir uns irgendwo und irgendwodurch gegen Ihn versündigt
haben und Er es uns nicht hat sagen wollen, sondern uns dafür uns selbst
überlassen hat, daß wir uns inniger und tiefer beschauen sollten. Er wird dann
schon wieder zu uns kommen, wenn wir uns völlig werden gereinigt haben.
[GEJ.02_096,08] Freilich habe ich nun mein
Gewissen schon ganz entsetzlich durchforscht, kann aber leider nichts finden,
was mir als ein Unrecht dünkte. Wahrlich, für mich wäre nun eine bewußte Sünde eine
ordentliche Wohltat; denn sie wäre mir ein Licht, an dem ich erkennen würde,
daß ich diese Verweisung vom Herrn aus verdient habe, und eine aufrichtige Reue
wäre ein Balsam für mein Herz! Aber so suche ich mit allem Eifer eine Sünde an
mir und kann keine finden, um derentwillen es sich der Mühe lohnte, in Sack und
Asche Buße zu tun! Wahrlich, jetzt beneide ich einen Sünder! Es sei ferne, daß
ich darum ein Sünder werden möchte; aber so ich nun einer wäre, wäre es mir
leichter ums Herz! Oh, wie süß muß es sein, vor Gott und den Menschen ein
rechter Büßer zu sein! Aber wie kann ein stets gerechter Mensch, ohne sich vor
Gott lächerlich zu machen, das Gewand der strengsten Buße anziehen?“
[GEJ.02_096,09] Sagt Bartholomäus: „Aber was
du doch für sonderbare Ideen oftmals hast! Wem könnte es denn je einfallen,
einen Sünder als glücklicher anzupreisen denn einen Gerechten?“
[GEJ.02_096,10] Sagt Johannes: „Hat nicht
ganz unrecht! Freilich wird hier nur ein Sünder aus Schwäche und manchmal
unüberlegter Leidenschaft, nicht aber ein abgefeimter Knecht der Hölle
verstanden; und da möchte unser Bruder Nathanael eben nicht ganz unrecht
haben!“
[GEJ.02_096,11] Sagt Jakobus: „Ja, ja Brüder!
Unser Nathanael ist ein Mann, dem wir, was die tiefe und feine Weisheit
betrifft, alle zusammen nicht das Wasser reichen können; denn er versteht es so
recht aus der Tiefe herauszuholen! Er ist immer der Stille und Wortkarge; aber
wenn er spricht, da muß man ihn hören! Denn seine Worte sind stets
inhaltschwer!“
[GEJ.02_096,12] Sagt Nathanael: „Aber Bruder
Jakobus, lobe mich doch nicht immer, wenn ich dann und wann etwas sage! Der
Herr weiß es ja am besten, was an mir und meiner schwachen Weisheit ist; denn
wäre etwas daran, da wäre ich auch schon lange dir gleich ein Bote geworden, so
aber bin ich noch immer nur ein Schüler, weil es der Herr wohl wissen wird, was
mir noch abgeht. Ich habe wohl einen poetischen, aber darum noch lange keinen
prophetischen Geist! Da siehe dir den jungen Bruder Johannes an, der ist ein
Prophet schon von der Wiege an; das weiß der Herr und hat ihn darum zu Seinem
Geheimschreiber gemacht!“
[GEJ.02_096,13] Sagt Johannes: „Ah, warum
nicht gar! Was wäre denn hernach der Bruder Matthäus?“
[GEJ.02_096,14] Sagt Nathanael: „Der ist des
Herrn Offenschreiber – und nur du Sein Geheimschreiber!“
[GEJ.02_096,15] Sagt Johannes: „Mag wohl
sein! Und wenn es so ist, so will es der Herr also, und wir müssen es nehmen,
wie es uns der Herr gibt!“
[GEJ.02_096,16] Brummt Judas Ischariot
darein: „Wird euch fortan wahrscheinlich nichts mehr geben! Der Stundensand ist
bereits viermal abgelaufen, während wir hier noch immer zwischen Luft und
Wasser schweben, was soviel sagen will: als zwischen Leben und Tod; und ich
entdecke noch immer kein Fahrzeug, das uns nachführe!“
[GEJ.02_096,17] Sagt Johannes: „Das macht ja
auch nichts; denn Er hat es uns ja nicht zeitbestimmlich gesagt, wann Er
nachkommen werde!“
[GEJ.02_096,18] Sagt Judas: „Dafür wird er
wahrlich seinen wohlweisen Grund haben! Das verstehen wir!“
[GEJ.02_096,19] Sagt Johannes: „Freund, sage
du mir einmal denn doch ganz aufrichtig, ob du denn nach allem dem, was du doch
mit deinen höchst eigenen Augen gesehen und mit deinen höchst eigenen Ohren
gehört und sicher mit allen deinen Sinnen gefühlt und empfunden hast, noch
nicht glaubst, daß unser Herr Jesus, so gewiß ich Johannes heiße, wahrhaft Gott
ist und Ihm alle Gewalt, in den endlosen Himmeln und auf dieser Erde zu
schaffen, zu schalten und zu walten, vollkommen eigen ist! Ich bitte dich, daß
du mir ein aufrichtiges Wort redest!“
97. Kapitel
[GEJ.02_097,01] Sagt Judas: „So ich das
gleich so ohne alles Bedenken glaubte, da müßte ich so schwach sein wie du und
mehrere von euch! Es ist im ganzen noch kaum ein halbes Jahr, daß wir bei ihm
sind und so manches gehört und gesehen haben, was unleugbar außerordentlich und
wunderbar ist, und ihr, die ihr ganz einfache Leute seid und noch nie etwas
anderes gesehen und gehört habt als diesen, uns alle freilich himmelhoch
überragenden Jesus, ihm allerdings die volle Göttlichkeit beimessen müsset. Für
euch genügen diese seine Werke und Reden ganz sicher; aber bei mir steht die
Sache ganz anders, da ich weit herumgekommen bin und viel anderes Wunderbare
gesehen und gehört habe hie und da! Gehet zu den Essäern und sehet, welche
Werke sie verrichten, und ich wette, ihr haltet sie alle für lauter Götter,
gleich den Römern und Griechen, die ihnen sogar reiche Opfer spenden, weil sie
meinen, daß sie Götter seien.
[GEJ.02_097,02] Sehet, alles das, und hie und
da noch Außerordentlicheres, was unser Jesus tut, könnt ihr ebensogut bei den
Essäern sehen. So es aber auf der Erde noch eine Menge Menschen gibt, die das
leisten, was unser Meister Jesus leistet, da sehe ich denn doch unmöglich ein,
wie und warum wir ihm so ganz eigentlich die ausschließlichen Prärogative
(Vorrechte) der totalen Göttlichkeit als ungezweifelt wahr beilegen sollten.
[GEJ.02_097,03] Ja, wenn er der einzige auf
der Erde wäre, dem die Elemente gehorchen, dann wäre es mit dem Glauben an
seine Göttlichkeit ein leichtes; aber da es, meiner nur zu lebendigen Erfahrung
zufolge, mehrere solcher Menschen auf der lieben Erde gibt, die einen Rock ohne
Naht am Leibe tragen, so muß unser Jesus noch viel mehr leisten, auf daß wir
ihm die ausschließlichen göttlichen Prärogative beilegen und dann sagen und
ungezweifelt glauben können: Das ist Jehova, wie Er von Ewigkeit her war!
[GEJ.02_097,04] Ihr haltet die Erweckungen
vom Tode, die plötzliche Vermehrung von Speisen und Getränken, die Herstellung
von Gebäuden und das Zeichentun in den Mond und in die Sonne für Gotteswunder!
Das ist aber noch lange nicht genügend, die Göttlichkeit eines, solches zu
wirken imstande seienden Menschen zu erweisen; denn solches und ähnliches habe
ich zu öfteren Malen bei den Essäern gesehen. Die Heilung der Kranken wird dort
nur so nebenbei betrieben; aber ich selbst war Zeuge, wie der Oberste der
Essäer in den Mond hineingeschrieben hat in drei Sprachen! So war ich Zeuge,
wie er die Sonne einmal am hellen Mittage total verfinstert hat! Er hatte seine
Zeichen und eine Rechnung gemacht und sagte zu uns darauf: ,In einer Stunde
will ich eine Plage den Menschen geben; ich werde die Sonne auf mehrere
Augenblicke lang vollkommen finster machen, und es soll finster sein auf der
ganzen Erde!‘
[GEJ.02_097,05] Wir andern machten auf diese,
eben nicht gar zu angenehme Verheißung ganz große Augen und warteten mit
ängstlicher Spannung auf die verheißene Plage, welche mit jedem Augenblick an
der Wahrscheinlichkeit gewann, da es nach und nach auf diese Verheißung stets
dunkler und dunkler zu werden begann! Als der Sand nahezu abgeronnen war,
streckte der Oberste seine Hände aus und sprach in langsamem Pathos: ,Ich will
es! Sonne, werde finster!‘ Da ward die Sonne finster, und auf der ganzen Erde
war es finster wie zur Nachtzeit. Nach einigen Augenblicken, und zumeist durch
unsere glühende Bitte bewogen, streckte er wieder seine Hände aus, deren Finger
wie glühend aussahen, und sprach zur Sonne: ,Es genügt die Plage den Menschen;
darum entzünde dich nach und nach wieder und erleuchte und erwärme den
Erdkreis!‘ Und sehet, auf solch sein Geheiß ward die Sonne gleich wieder
leuchtend und nach einer halben Stunde mit all ihrer Wärmekraft wieder
beisammen!
[GEJ.02_097,06] Also stand unweit des großen
Wohnschlosses der Essäer in ihrem großen, mit hohen Mauern eingefriedeten
Garten ein bedeutender Berg, der gut die zweifache Höhe eines Schlosses hatte.
Ich kam alle Jahre viermal mit allerlei Kochgeschirren zu den Essäern; einmal
sagte einer der Essäer zu mir: ,Wenn du wieder ein großes Wunderwerk von der
Kraft des Willens unseres Obersten sehen willst, wie sich auch Berge seinem
Rufe fügen müssen, so bleibe heute hier! Siehe, jener Berg dort ist uns im
Wege; heute siehst du ihn noch als Berg, und morgen wirst du an seiner Stelle
einen prachtvollsten Palast ersehen!‘
[GEJ.02_097,07] Ich besah mir den Berg, der
kaum vierhundert Schritte vom Wohnschlosse abstand, genau, und meine Augen
trügen nicht, es war ein nackter, hie und da nur mit spärlichem Moose und
Kleingestrüppe bewachsener Felsblock. Da sagte ich lächelnd zum Essäer: ,Wenn
das im Ernste ein Felsberg ist, woran ich nicht zweifle, so muß eurem Obersten
eine rein göttliche Kraft innewohnen, so er aus diesem Marmorberge über die
Nacht einen Palast zu schaffen imstande wäre!‘
[GEJ.02_097,08] Darauf sagte der Essäer:
,Zweifelst du etwa, daß der Berg ein ungeheurer Steinklotz ist? Wenn du
zweifelst, so gehe mit mir und überzeuge dich!‘ Ich aber sagte: ,Freund, was
meine scharfen Augen sehen, das brauche ich nimmer mit den Händen anzutasten;
denn auf vierhundert Schritte unterscheide ich noch die kleinsten Gegenstände!‘
Sagte der Essäer: ,Nun gut denn, so bleibe hier, und ich werde eine Menge
wunderbarer Erscheinungen produzieren!‘ – Ich kann noch nicht staunen genug,
was ich da alles gesehen habe!
[GEJ.02_097,09] Der Essäer führte mich in
eine große, dunkle Kammer, in der wenigstens hundert Leichen auf eigenen
Leichenbetten umherlagen, und der nur zu bekannte starke Leichengeruch sagte
mir nur zu deutlich, daß die da in einer weiten Reihe umherliegenden Leichname
keine lebenden Menschen mehr waren. Während wir beide unter den vielen Leichen
umhergingen und sie auch hie und da befühlten, brachten vier Träger noch zwei
hinzu, legten die Entseelten auf noch leere Betten und verließen darauf die
Kammer.
[GEJ.02_097,10] Ich fragte meinen Führer, ob
er denn keine Scheu habe vor so vielen Toten! Und er entgegnete: ,Warum denn?
Solange sie tot sind, können sie uns nichts tun, und wenn ich sie wieder ins
Leben rufe, werden sie mir darum nur danken, daß ich sie vom sichern und
gewissen Tode wieder zum Leben erweckt habe! Siehe, es sind darunter Männer,
Weiber und Mägde! Es ist nur schade, daß diesmal keine Kindlein darunter sind.
Aber sei standhaft und erschrick nicht, wenn sich auf mein Wort alle von den
Lagern erheben werden!‘
[GEJ.02_097,11] Ich stellte mich so hübsch
nahe an die Ausgangstüre, um im Falle der Not bald das Freie zu gewinnen.
[GEJ.02_097,12] Der Essäer aber erhob seine
Hände und rief mit mächtiger Stimme: ,Erwachet ihr Toten alle, lebet danach
fort und erwerbet euch mit euren lebendigen Händen redlich euer Brot! Gebet
aber auch vor allem dem höchsten Gottgeiste die Ehre darum, daß er uns Menschen
solche Weisheit und Kraft gelehrt hat!‘
[GEJ.02_097,13] Auf diese Worte des Essäers
erhoben sich alle Toten und dankten mit großer Inbrunst dem Essäer für die
Erweckung und waren völlig gesund und voll Freundlichkeit. Er begrüßte sie
ebenfalls sehr freundlich und entließ sie hernach.
[GEJ.02_097,14] Das wird etwa doch auch eine
Totenerweckung sein, wenn einhundertundzwei Leichname auf einmal wieder ins
Leben gerufen werden!? – Ich fragte darauf den Wundermann, ob so etwas im Jahre
mehrere Male geschehe. Und er sagte: ,Das geschieht in jeder Woche einmal. Der
Oberste aber kann auch ganz entfleischte Gerippe wieder vollkommen also
beleben, daß sie darauf ebenso vollkommen wieder leben wie diese, die ich hier
erweckt habe! Aber diese Kraft besitze ich noch lange nicht!‘
[GEJ.02_097,15] Er führte mich darauf in eine
andere, noch dunklere Kammer und zeigte mir eine große Menge von puren
Gerippen, die ebenfalls auf reihenweise gestellten Bänken lagen. Ein Mattlicht
nur erhellte diese schreckliche Kammer ein wenig; aber man konnte die Gerippe
ganz leidlich ausnehmen.
[GEJ.02_097,16] Wir besahen uns eine Weile diese
höchst leblosen Gebeine. Da kam der Oberste furchtbar ernsten Aussehens und
fragte meinen Führer, ob ihm die Wiedererweckung der Leichen völlig gelungen
sei. Und er antwortete darauf mit einem allerehrfurchtsvollsten ,Ja, hoher,
weisester Meister!‘. Darauf sprach der Oberste: ,Nun, so habe denn auf alles
acht; dich will ich nun auch in Gegenwart dieses Fremden einweihen, daß du in
Zukunft auch die entfleischten Totengebeine sollst zum Leben erwecken können!
Gehe hin und betaste mit dem Daumen und dem Mittelfinger beider Hände bloß die
Brust und den Schädel der Gerippe, darauf zähle langsam bis sieben und rufe
darauf laut: ,Umhüllet euch mit Fleisch und Haut, und das Lebensfeuer dringe
aus den Wänden hervor und belebe euch zu ordentlichen Menschen!‘
[GEJ.02_097,17] Solches tat nun
augenblicklich mein Führer, und auf dessen letzten Ruf schossen auch im
vollsten Ernste starke und reine Flammen hervor, und die ehemaligen Gerippe,
von denen nun keine Spur mehr zu entdecken war, standen als vollkommene Menschen
voll Leben und voll Regsamkeit, auch bei hundert an der Zahl, vor uns,
begrüßten uns und dankten dem Obersten für diese erwiesene Gnade. Dieser
beschied sie hinaus in die frische Luft, die ihnen nun not täte vor allem. –
[GEJ.02_097,18] Was saget ihr zu allem dem?
Wie weit hinten steht da noch unser Meister! –
[GEJ.02_097,19] Darauf ward ich zum Speisen
geladen, und wir setzten uns an einen langen, speisenleeren Tisch. Der Oberste
verrichtete in einer fremden Zunge ein Gebet, sah gen Himmel, und wir alle
folgten seinem Beispiele. Da krachte es auf einmal, als ob des Zimmers Decke
eingestürzt wäre; und sehet da, weder ich noch sicher jemand anders konnte
sich's versehen, wie die Sache vor sich gegangen war, – und wir saßen an
demselben Tische zwar noch, aber er war nun nicht mehr leer, sondern
vollbesetzt mit den besten Speisen und Getränken, wie sie sich für ein
königliches Abendmahl schicken! Nach dem Abendmahle besah ich mir noch einmal
den Berg, der während der Nacht in einen Palast umgestaltet werden sollte, und
begab mich darauf nach der Ordnung der Essäer in ein abgesondertes Gemach zur
Ruhe.
[GEJ.02_097,20] Früh am Morgen schon kam mein
Führer zu mir und sprach: ,Komm und schaue!‘ Und ich ging voll Neugierde mit
ihm, – und von dem Felsen war keine entfernteste Spur mehr vorhanden! An dessen
Stelle stand ein großer königlicher Palast, in dessen weiten Gemächern ich
herumgeführt wurde, wobei ich mich fest überzeugt habe, daß das ganze Wunder
kein Blendwerk war. –
[GEJ.02_097,21] Ich aber frage euch nun, ob
uns unser Meister Jesus etwas Höheres und Wunderbareres vorgeführt hat! Und ihr
erkläret ihn schon für den Jehova Selbst!
[GEJ.02_097,22] Es sollte euch darum in der
Folge, wenn wir noch einmal das Glück haben sollten, ihn zu sehen, nicht
allzeit ärgerlich erfassen, so ich von Zeit zu Zeit irgend Fragen stelle, die
euch, wie ihm, sicher nicht munden; denn ich habe viel Wunderbares vor Jesu
gesehen und gehört, und so ihr das recht wohl bedenket, so kann es euch alle,
wenn ihr einige männliche Kraft in euch verspüret, nimmer ärgerlich
wundernehmen, so ich mich manchmal ein wenig absonderlich gebärde!“
98. Kapitel
[GEJ.02_098,01] Sagt Johannes: „Das, was du
uns jetzt von den Essäern erzählt hast, habe ich, und so mancher von uns, schon
lange gewußt! Aber wir wissen noch mehr als du, und das besteht darin, daß wir
wissen, daß eben deine uns angerühmten Essäer noch viel großartigere Betrüger
und Halunken sind als die bekannten, jetzt schon nahezu allen Glauben verloren
habenden Seher von dem Orakel zu Delphi!
[GEJ.02_098,02] Denn diese Menschen – noch
ein Überbleibsel aus der alten ägyptischen Priesterkaste, versehen mit großen
Schätzen, bestehend in Gold und Silber und den kostbarsten Edelsteinen und
Perlen – haben sich an der Grenze zwischen unserem gelobten Lande und Ägypten
eine wahre Wundermühle errichtet und besitzen eine zweite nun schon in der Nähe
von Jerusalem, mit der sie auch schon die besten Geschäfte machen! Siehe, das
wissen wir, und es wundert uns sehr, daß du, der du doch sonst nicht auf den Kopf
gefallen bist, das nicht wissen solltest!“
[GEJ.02_098,03] Sagt Judas: „Ich habe doch
allzeit meine gesunden fünf Sinne bei mir gehabt!“
[GEJ.02_098,04] Sagt Johannes: „Und hast
dennoch nichts gesehen und gehört und nichts gefühlt und begriffen! Meinst du
denn, daß die Toten, die du hast erwecken sehen, wirkliche Tote waren?“
[GEJ.02_098,05] Sagt Judas: „Was sonst?“
[GEJ.02_098,06] Sagt Johannes: „Siehst, wie
du da in der eigens dafür dunklen Kammer nichts gesehen hast!? Die dir
gezeigten Toten waren als dir gezeigte Tote ebenso lebendig wie du, und der
Erweckungsruf war nichts als ein Zeichen, wann sich diese von ihren scheinbaren
Totenbetten zu erheben hatten. Da frage unsern guten Bruder Bartholomäus, der
zwei Jahre lang als Toter bei den Essäern in gutem Dienste war, aber nach zwei
Jahren endlich dennoch eine gute Gelegenheit fand, ganz geheim aus dem
furchtbaren Kloster dieser Betrüger zu entkommen; der wird es dir schon
erzählen, auf welche Art und Weise die Essäer ihre Toten erwecken!
[GEJ.02_098,07] Er war, wie er mir oft
erzählt hat, alle Wochen hindurch viermal tot! Zuerst in der Kammer der jüngst
Verstorbenen und darauf gleich noch einmal in der Kammer der Totengerippe, wo
die schwarzen Gestelle, auf deren Deckeln die Gerippe zumeist nur gemalt und
nur auf den ersten, wegen des Anfühlens seitens der eingeführten Fremden, aus
Holz geschnitzt angeheftet sind, in Reihen angebracht sind. Diese Gestelle sind
Bänke mit halbrunden Überdeckeln, die mit der Unterbank mit Bändern zum Auf-
und Zumachen versehen sind. Die lebendigen Menschen müssen sich auf die
Unterbank legen; dann werden über sie die beiden Seitenflügel, die auf der
Außenseite mit der Totengerippgestalt zumeist nur bemalt sind, geschlagen.
Kommen dann ein oder mehrere Fremde, und zwar in die sehr dunkel gehaltene
Kammer, so wird die Erweckung bewerkstelligt. Der Erweckungsruf ist dann wieder
nichts anderes als ein Zeichen zuerst für die zwölf außerhalb der Wände der
Gruft vor den bestimmten Öffnungen harrenden Knechte, die auf solchen Ruf fein
gepulvertes Harz, das in eine Röhre gestreut ist, über kleine, flammende
Pechpfannen in die Öffnungen hinein- und hindurchzublasen haben, was allzeit
einen großen Flammenqualm verursacht.
[GEJ.02_098,08] Wenn nun auf den Ruf diese
Flammen aus den Wänden hervorschlagen, so erschrecken die Fremden, und in
diesem wohlberechneten Verwirrungsaugenblick müssen die auf den Bänken
Liegenden schnell die Deckel auseinanderreißen und sich dann langsam von ihren
Bänken erheben und darauf des Scheines halber in aller Zerknirschtheit ihrem
Erwecker den Dank und den Preis darbringen. – Siehe, darin besteht die
Totenerweckung in der Gerippekammer! Da aber steht der Bruder Bartholomäus als
Zeuge!“
[GEJ.02_098,09] Sagt Judas, die Posserei
einsehend, ganz verdutzt: „Nicht übel! Der Betrug ist fein ausgedacht und muß
diesen Lumpen sehr viel Geld eintragen. Aber, wie machten sie denn hernach aus
dem Felsberge den Palast?“
[GEJ.02_098,10] Sagt nun Bartholomäus: „Der
Palast ist schon lange erbaut! Hast du aber über dem Palaste auf einem starken
und hohen Pfeiler nicht eine große Kuppel gesehen?“
[GEJ.02_098,11] Sagt Judas: „O ja, die habe
ich wohl gesehen und bewundert!“
[GEJ.02_098,12] Sagt darauf Bartholomäus:
„Siehe, in der Kuppel liegt das leinwandene Geheimnis, wie die Essäer diesen
Palast in einer halben Stunde in einen scheinbaren Berg und in einer gleichen
Zeit den Scheinberg wieder in den wirklichen Palast verwandeln können! –
Verstehst du mich, oder muß ich mich deutlicher ausdrücken?“
[GEJ.02_098,13] Sagt Judas: „Oh, ich verstehe
dich nur zu gut! Aber wer sollte das meinen, daß diese so fromm und weise
tuenden Kerle mit gar so lumpigen Salben gesalbt sein sollen? – Ja, wie ist es
denn dann mit der Schrift im Vollmonde und mit der totalen Verfinsterung der
Sonne?“
[GEJ.02_098,14] Sagt Bartholomäus: „Das geht
gar ins Lächerliche, und ich habe diesen künstlichen Mond mit fünfzig andern
starken Männern gar oft auf einer ungeheuer langen Stange vom Erker des
Schlosses in die freie Luft in einer schiefen Richtung hinaushalten müssen! Der
Mond selbst aber besteht aus einem bei zwei Spannen breiten Siebreife, der zu
beiden Seiten mit weißem Pergamente überzogen ist. Der Reif hat einen
Durchmesser von zehn starken Handspannen und ist inwendig, das heißt innerhalb
der beiden Pergamentdeckel – und zwar in der Mitte des Kreises – mit vier
Öllampen versehen, die, angezündet, innerhalb der beiden weißen Pergamentdeckel
einen starken Schein verbreiten. Die dem Schlosse zugekehrte Seite ist mit
ziemlich großen, sehr schwarzen Lettern in drei Zungen beschrieben. Wenn nun
ein Fremder schnell an ein bestimmtes Fenster geführt wird, so ersieht er
scheinbar am Firmamente den beschriebenen Vollmond, den, wie gesagt, fünfzig
starke Menschen auf einer gut bei zwölf Klafter langen Stange, die vom Fremden
aus dem bestimmten Fenster nicht bemerkt werden kann, schief quer über hoch in
der Luft emporhalten. – Nun, wie gefällt dir der Vollmond?“
[GEJ.02_098,15] Sagt Judas: „Ach, höre auf,
das geht ja ins rein Scheußliche alles Betruges! – Ja, wie ist dann die
Verfinsterungsgeschichte mit der doch wirklichen Sonne?“
[GEJ.02_098,16] Sagt Bartholomäus: „Das geht
durch eine gewisse kunstvolle Berechnung, aus der sich die Zeit einer künftigen
natürlichen Sonnenfinsternis, die, wie mir einer einmal erklärte, durch den
Mond, wenn dieser am Tage über die Sonne hinweggeht, bewirkt wird, genau soll
ermitteln lassen. An dieser Berechnung ist aber auch allein etwas daran, weil
sie wirklich ins Gebiet des menschlichen reinen Wissens und Kennens gehört, und
die Essäer haben sie von Ägyptern erlernt. Was aber den anfangs leeren und
darauf gedeckten Tisch voll Speisen betrifft, so ist auch das auf einer höchst
einfachen Maschine beruhend, die ungefähr auf die Weise wie die Gerippebänke in
der dunklen Kammer bestellt ist!
[GEJ.02_098,17] Sieh, sogestalt sehen die
Wunder der Essäer aus, von denen du aber nicht den hundertsten Teil gesehen
hast, und die ganz geeignet sind, jeden Nichteingeweihten, wenn auch sonst noch
so vernünftigen und erfahrenen Menschen, auf das allerweidlichste
breitzuschlagen.
[GEJ.02_098,18] So ist in einem entferntesten
Winkel des großen, mit sehr hohen Mauern eingefriedeten Gartens ein Wald, in
dem der Fremde die Bäume reden hört; in einem andern Teile des Gartens reden
die Felsen, und an einem dritten Ort kannst du sogar eine aus der Erde
sprudelnde Quelle reden hören! In einem Bassin aus Quadern, über eine Klafter
tief gemauert, befindet sich eine Menge zahmer Schlangen, die täglich mit Milch
gefüttert werden. Diese reden auch dann und wann! An einem andern Punkte des
Gartens spricht sogar das Gras! – Es wäre da viel zu reden, wenn man das alles
beschreiben möchte; es genügt, so ich dir sage, daß da nahezu Tag für Tag bei
30 bis 40 Fremde breitgeschlagen werden um viel Gold und Silber!“
99. Kapitel
[GEJ.02_099,01] (Bartholomäus): „Das Schönste
aber ist noch das, daß dann und wann auch wirklich verstorbene Kinder reicher
Eltern zur Wiedererweckung angenommen werden, wo aber der wiedererweckte Sohn
oder die wiedererweckte Tochter den Eltern nicht vor einem, manchmal auch zwei
Jahren wiedergegeben werden. Wenn durch vieles Bitten und um vieles Gold und
Silber eine verstorbene Tochter oder ein verstorbener Sohn in der
Erweckungsanstalt der Essäer angenommen wird, so geht so eine Art Heiland von
einem Essäer zu den traurigen Eltern und erkundigt sich haarklein um alles, was
das verstorbene Kind nur immer betreffen mag. Es muß da genau das Alter
angeführt werden, so auch alles, was das verstorbene Kind je gehört, gesehen
und gelernt hatte, ob und was es gerne gegessen und getrunken, wie sein Bett
und Wohnzimmer aussah, wer und wie beschaffen des Kindes Gespielen und Freunde
waren, was sich alles unter ihnen zugetragen, und bei welchen Gelegenheiten und
an welchen Orten; kurz, da darf nicht die geringste Kleinigkeit verschwiegen
werden, – denn sonst, sagt der Essäer, kann die Wiedererweckung nicht
bewerkstelligt werden!
[GEJ.02_099,02] Die guten Eltern erzählen das
auch gerne haarklein und meinen ungezweifelt, daß der forschende Essäerheiland
solches vollwahr zur Erweckung ihres verstorbenen und vielgeliebten Kindes
benötige. – Allein der Essäer braucht solches zu etwas ganz anderem!
[GEJ.02_099,03] An der Grenze von Ägypten
haben die Essäer eine große Menschenzuchtanstalt von allen möglichen Arten und
Gestalten, nehmen ganz geschickt ein Abbild von dem Verstorbenen, den sie
darauf bald und recht tief in die Erde begraben. Mit dem Abbilde gehen sie dann
in ihre große Zuchtanstalt und suchen sich unter den mehreren Tausenden von
Kindern jeden Alters das dem Abbilde des Verstorbenen ähnlichste heraus, nehmen
es mit und erziehen es dann auf das sorgfältigste in allem dem, was sie vom
Verstorbenen wissen, und führen es oftmals ganz geheim an die Orte hin, an
denen der Verstorbene oft war, laden nach und nach auch dessen Freunde ins
Kloster und machen den Neuerweckten mit ihnen vorteilhaft bekannt. Sie machen
ihn mit der Einrichtung des zukünftigen Elternhauses auf das möglichst
genaueste bekannt, beschreiben alle Zimmer, damit der seine Eltern dann um
alles fragen kann und die Eltern dadurch eine wahrhaftige Freude haben an ihrem
Sohne oder an ihrer Tochter. Kurz, es wird die Sache so klug bestellt, daß die
Eltern darüber auch nicht den allergeringsten Zweifel haben, daß der von der
Erweckungsanstalt ihnen als wieder lebendig zurückgegebene Sohn oder die
Tochter echt sei. Natürlich wird dann bei der Rückgabe ungeheuer gezahlt, und
das mit vielen Freuden.
[GEJ.02_099,04] Den armen Eltern kommt so ein
Wunder freilich fast nie zugute; aber sie werden dafür recht herzlich getröstet
und durch allerlei kleine, wenig kostende Wunder im Glauben bestärkt, daß ihr
verstorbenes Kind in geradester Linie ins Elysium aufgefahren sei, und das
macht die armen Eltern dann auch wieder frohgestimmt.
[GEJ.02_099,05] Im Grunde aber haben diese
Essäer gar keine schlechten Lebensgrundsätze; denn sie sagen: ,Es muß eine
Gesellschaft von tiefgebildeten Menschen unter den Menschen sein, die dann für
die Beglückung ihrer Nebenmenschen alles aufzubieten hat, was auch immer für
Mittel sie zum Zwecke für vollends tauglich findet. Solch eine gebildete
Gesellschaft hat durch ihr jahrelanges Lernen, Denken und Forschen gefunden,
daß der Tod die letzte Linie aller Dinge ist, und daß es nach dem Tode kein
Bewußtsein und kein Leben unter irgendeiner Form mehr gibt. Die Glieder der
Gesellschaft aber haben Philosophie genug, um das Leben zu verachten und lange
nicht als der Güter Höchstes zu betrachten; aber um die Außenmenschen glücklich
zu machen, muß ihnen noch ein vollkommeneres Leben der Seele nach dem Tode
gepredigt werden. Um den Außenmenschen aber solches fest begreiflich zu machen,
muß man Scheinwunder zu Hilfe nehmen. Je außerordentlicher dieselben zustande
gebracht werden können, desto wirksamer sind sie!
[GEJ.02_099,06] Dazu aber gehört von seiten
der eingeweihten Mitglieder stets die tiefste Verschwiegenheit, und ein jeder
hat die strengste Pflicht, vor den Außenmenschen die Wahrheit zu fliehen, mehr
denn die Pest; denn jede Wahrheit macht den Menschen zum Sklaven des Todes.
Darum auch schon Moses in seiner Genesis auf diesen Umstand in einem einzigen,
kurzen Verse mit der reinen Wahrheit zum Vorscheine kam, da er sagte: ,Wenn du
vom Baume der Erkenntnis – was soviel heiße als vom Baume der Wahrheit – essen
wirst, da auch wirst du sterben!‘ Und so geht es mit jedem Menschen, der
allenthalben nach der Wahrheit trachtet und sich ihr, und somit dem Tode, in
die Arme wirft. Darum hat auch Moses, als ein in alle Weisheit und Wahrheit der
ägyptischen Priesterkaste Eingeweihter, für die Juden sogleich einen Priesterstand
gebildet, der sich – freilich schon ganz entartet – bis auf diese Zeit erhalten
hat.
[GEJ.02_099,07] Der Hauptgrundsatz muß aber
Liebe sein, mit der im unwandelbaren Verbande zu leben die Außenmenschen wie
von Gott aus verpflichtet sein sollen, und es müssen darum die Menschen sogar
durch Gesetze, die Gott geoffenbart habe, streng zur Ausübung dieser Tugend
angehalten werden. Damit sie sich solcher Tugend stets mehr und mehr befleißen
und sich die gepredigte Gottheit als daseiend mehr versinnlichen, so muß ihnen
die Liebe zu Gott vor allem so stark als möglich ans Herz gelegt und Gott
Selbst ihnen einerseits als ein guter Vater voll der höchsten Liebe, anderseits
den Widerspenstigen gegenüber auch als allergerechtester Richter dargestellt
werden, der alles Gute der gepredigten Liebe gemäß ewig belohnt, alles Böse
aber auch als der gepredigten Liebe zuwider zeitlich und ewig bestraft; dadurch
wird die Menschheit am leichtesten im Zaume gehalten und zu allerlei guten und
nützlichen Dingen zu verwenden sein.
[GEJ.02_099,08] Sollte sich jedoch ein Mensch
vorfinden, der anfinge, seinen Nebenmenschen die Wahrheit zu predigen und
dergleichen Anstalten wie die ihrige zu verdächtigen, so solle von der Anstalt
aus alles aufgeboten werden, solch ein Ungeheuer, das den Millionen durch seine
Wahrheitslehren den Tod bringt, so schnell wie möglich aus dem Wege zu räumen,
oder noch besser, womöglich für die Anstalt zu gewinnen! Denn nichts sei den
Außenmenschen gefährlicher als was immer für eine Aufklärung im Bereiche des
Glaubens an einen Gott und an ein ewiges Leben.‘ –
[GEJ.02_099,09] Siehe, das sind die
Lebensgrundsätze der von dir, Bruder Judas, so berühmt uns vorgeführten Essäer!
Weltlich genommen kann man sie nicht zu sehr tadeln, aber geistig, wie wir nun
ein ganz anderes Licht haben, sind sie über alle Maßen verwerflich! Denn aus
ihrem Munde hört nie ein Uneingeweihter auch nur eine wahre Silbe; und will er
vor ihnen die Wahrheit reden, so schreibt er sich dadurch sein sicheres
Todesurteil!“
[GEJ.02_099,10] Sagt Judas, ganz zornig
aussehend: „Oh, sind das doch Bestien! Nein, daß diese Kerle mit solchen Salben
gesalbt sind, davon hätte ich ohne dich auch nie eine Silbe geglaubt; aber da
du, als selbst ein einstmaliger Essäer, uns nun solches kundgibst, glaube ich
es! – Aber wie kamst du denn mit heiler Haut aus dem Kloster?“
[GEJ.02_099,11] Sagt Bartholomäus: „Ich ließ
mich vollends einweihen, legte meine Proben ab und kam dann zur Besorgung des
Außendienstes hierher. Und weil ich das Vertrauen genoß im Vollmaße, so ward
ich auch draußen belassen; denn diesen Vorteil gewährt das Kloster recht gerne,
weil es davon nur Vorteile ziehen kann und nie irgendeinen Schaden.
[GEJ.02_099,12] Nun aber, da ich statt der
Lüge die vollste Wahrheit habe kennengelernt, bleibe ich schon desto sicherer
für immer draußen! Von mir aus sollen die im Kloster nie erfahren, was ich
weiß; aber mit der Zeit sollen es die, die draußen sind, erfahren, was die
Essäer im Kloster tun!“
100. Kapitel
[GEJ.02_100,01] Sagt Petrus: „Aber es wird
nun schon die dritte Nachtwache sein (etwa ein Uhr nach Mitternacht), und noch
ist von keiner Seite her ein Fahrzeug auf dem Meere zu entdecken!“
[GEJ.02_100,02] Sagt Andreas, der sehr
scharfe Augen hatte: „Ich entdecke auch nichts, – kann schauen, wie ich will!“
[GEJ.02_100,03] Sagt der Zöllner Matthäus:
„Wenn sich nur einmal der uns gar widrige Wind legte! Die Schiffsknechte sind
schon vom starken Rudern ganz erschöpft, trotzdem wir sie nun schon einige Male
recht tüchtig unterstützt haben. Nur mit aller Anstrengung können wir uns auf
der hohen See erhalten. Wenn es nur einmal zu grauen anfinge! Der Morgen bringt
uns sicher einen andern Wind!“
[GEJ.02_100,04] Sagt Nathanael: „Ich fragte
um alles andere wenig, wenn nur der Herr nachkäme, – sonst es vielleicht denn
doch rätlich wäre, daß wir wieder zurückführen und Ihn suchen gingen! Am Ende
ist Er möglicherweise etwa doch in die Hände der Herodesknechte geraten!?“
[GEJ.02_100,05] Sagt Simon: „Ah, was nicht
noch alles! Er, dem alle Himmel und alle Elemente zu Gebote stehen – und die
elenden Knechte Herodes! Er hat es einmal gesagt, daß Er nachkommen werde, so
Er alles Volk entlassen haben wird, und daß wir vor ihm hinüberfahren sollen!
Was Er sagt – ist heilig und somit überwahr! Wir werden das andere Ufer noch
lange nicht erreicht haben bei diesem widrigen Winde, und Er wird bei uns sein!
Denn wer den Winden gebieten kann, der kommt leicht und geschwind übers Meer!“
[GEJ.02_100,06] Sagt Johannes: „Bin ganz
deiner Meinung! Darum vertrauen wir nur alle fest auf Ihn, Er verläßt uns in
Ewigkeit nicht! Sehet, bei dem starken Winde, der uns nun schon bei fünf
Stunden lang plagt, würden unsere Ruder eine ganz schlechte Wirkung gegen den
Sturm zustande gebracht haben, wenn uns Seine Macht über die Elemente nicht auf
der Höhe des Meeres erhalten hätte! Ohne Seine Einwirkung wären wir schon lange
wieder dort, von wo wir ausgefahren sind! Denn, wie ich's recht gut merke, so
steht unser Schiff wie angemauert auf einem Punkte, und ich meine, daß wir,
recht festen Glaubens auf Ihn, das Rudern, das die Schiffsknechte schon ganz
erschöpft gemacht hat, ganz füglich einstellen könnten; das Schiff wird sich
dennoch nicht von dieser Stelle bewegen, und der Herr wird uns wahrscheinlich
auf dieser Stelle einholen wollen, sonst wären wir schon lange Gott weiß wo bei
diesem Sturme!“
[GEJ.02_100,07] Sagt Petrus: „Ja, ja, du hast
aber auch ganz recht! Ich merke es auch, daß uns der sehr heftige Wind nichts
anhaben kann, und unsere Ruder würden diesem Winde nicht Meister zu sein
vermögen, wenn uns Seine göttliche Macht nicht handgreiflich klar Hilfe
leistete. Ich werde nun auch den Knechten sagen, daß sie mit dem Rudern sich
keine so große Mühe geben sollen.“
[GEJ.02_100,08] Petrus ging nun zu den
Knechten und sagte zu ihnen, daß sie mit dem Rudern sich nicht zu sehr abmühen
sollten.
[GEJ.02_100,09] Aber die Knechte sagten: „Wir
sehen die Küste längs der Wüste, wie sie weiß ist vor Schaum; die
Küstenbrandung muß mächtig sein! Erhalten wir uns nicht bis zum Morgen auf der
Höhe, so gehen wir allesamt zugrunde!“
[GEJ.02_100,10] Sagt Petrus zu den Knechten:
„Da müßten wir nicht Jünger des allmächtigen Herrn Jesus sein! Da wir aber
Seine Jünger sind, so wird uns der Sturm auch ohne das beständige fruchtlose
Rudern nichts oder sehr wenig anhaben können. – Wir haben nicht mehr weit bis
zum Morgen, und am Tage wird es uns allen besser ergehen!“
[GEJ.02_100,11] Auf diese Worte des Petrus
stellen die Knechte das Rudern mehr und mehr ein und merken, daß das Schiff
sich auch ohne ihr Rudern auf der Höhe erhält. Und so fangen auch die acht
Knechte an zu glauben, daß das Schiff im vollsten Ernste durch Meine Kraft auf
Höhe des Meeres erhalten werde.
101. Kapitel
[GEJ.02_101,01] Es ist aber bei solcher
Gelegenheit um die Zeit der vierten Nachtwache geworden. Da legte sich der Wind
ein wenig, und der scharfäugige Andreas sah nach allen Richtungen hin über die
noch stark bewegte Meeresfläche und erblickte einen Menschen auf den
Meereswogen ganz wie auf dem trockenen Lande einherwandeln. (Matth.14,25)
[GEJ.02_101,02] Da berief Andreas die Brüder,
machte sie auf die über den Meereswogen wandelnde Gestalt aufmerksam und sagte:
„Brüder, das ist kein gutes Zeichen, es ist ein Seegespenst! Wenn solche Wesen
sich sehen lassen, da haben die Schiffer nichts Gutes zu erwarten!“
(Matth.14,26)
[GEJ.02_101,03] In die Meinung des Andreas
stimmten bald alle ein, gerieten darauf in große Furcht und fingen an zu
schreien: „O Jesus, warum hast Du uns verlassen, daß wir nun alle unrettbar werden
zugrunde gehen müssen!? Oh, wenn Du noch irgendwo bist, so gedenke unser und
errette uns vor dem sicheren Untergange!“
[GEJ.02_101,04] Während die Jünger noch so
schrien und um Hilfe riefen, kam Ich auf zehn Schritte dem Schiffe nahe und
redete die vor Furcht Bebenden also an: „Seid getröstet, Ich bin es ja!
Fürchtet euch darum nicht!“ (Matth.14,27) – Da wurden die Jünger still.
[GEJ.02_101,05] Andreas sagte: „Beim Himmel,
es ist Jesus, unser Herr und Meister!“
[GEJ.02_101,06] Petrus aber zweifelte noch
ein wenig und sagte: „Wenn Er es ist, so muß Er mich aufs Meer steigen lassen,
auf daß auch ich wie Er auf dem Wasser für meine Füße eine feste Unterlage
erprobe!“
[GEJ.02_101,07] Sagt Andreas: „Wirst du wohl
auch den Mut haben, so Er dich beriefe, zu Ihm aufs bewegte Meer
hinauszutreten?“
[GEJ.02_101,08] Sagt Petrus: „Allerdings! Ich
weiß es wohl, daß das Meer hier am tiefsten ist; ist Er es, so wird mir nichts
zuleide geschehen, – ist Er es aber nicht, sondern ein uns äffendes Gespenst,
so sind wir ohnehin verloren. Ich gehe da nur einige Augenblicke vor euch hinab
in den tiefen Grund und werde für euch alle eine Wohnung bestellen!“
[GEJ.02_101,09] Darauf ging Petrus in die
niederste Mitte des Schiffes und schrie hinaus zu Mir: „Herr, so Du es bist, da
heiße mich auf dem Wasser zu Dir hinauskommen!“ (Matth.14,28)
[GEJ.02_101,10] Da sagte Ich zu ihm: „Komm
heraus und überzeuge dich!“
[GEJ.02_101,11] Da trat Petrus unter dem
Angstgeschrei der Brüder aus dem Schiff aufs Wasser. Als die Brüder aber sahen,
daß Petrus nicht unterging, sondern ganz so wie Ich auf dem Wasser dahinging,
da wich aller Zweifel von ihnen, und ein jeder glaubte, daß Ich es war.
[GEJ.02_101,12] Petrus aber eilte, daß er zu
Mir käme. (Matth.14,29) Als er aber kaum noch sieben kleine Schritte von Mir
entfernt war, da sah er starken Wind kommen, der hohe Wellen vor sich hertrieb.
Er erschrak darum heftig, fing an, daran zu denken, wie ihn die hohen Wellen
etwa doch mit sich reißen möchten, verlor dabei ein wenig nur den starken
Glauben und bemerkte, daß er mit den Füßen schon über die Knie zu sinken
begann. Da fing er an, gar jämmerlich zu schreien: „Herr, hilf mir!“
(Matth.14,30)
[GEJ.02_101,13] Ich aber trat schnell zu ihm
hin, streckte Meine Hand nach ihm aus, zog ihn heraus und setzte ihn wieder auf
des Wassers Oberfläche, die ihn nun wieder trug wie zuvor, – sagte aber darauf
zu ihm: „O du Kleingläubiger! Warum zweifelst du? (Matth.14,31) Weißt du denn
noch nicht, daß der ungezweifelte Glaube allein ein Meister aller Elemente
ist?“
[GEJ.02_101,14] Petrus aber sprach: „Herr,
vergib es mir! Denn Du siehst es ja, daß ich noch immer nur ein schwacher
Mensch bin. Der Wind und die gegen uns ziehenden Wogen haben mich also
erschreckt!“
[GEJ.02_101,15] Sagte Ich: „Nun ist schon
wieder alles gut! Wir stehen nun am Schiffe, und so steigen wir in dasselbe!“
[GEJ.02_101,16] Darauf stiegen wir denn auch
ins Schiff, und der Sturm hatte sich im selben Augenblick gelegt. (Matth.14,32)
[GEJ.02_101,17] Alle aber, die Jünger und die
Schiffsknechte, eilten zu Mir, priesen Mich und sagten einstimmig: „Nun erst
erkennen wir, daß Du wahrhaftig Gottes Sohn bist!“ (Matth.14,33)
[GEJ.02_101,18] Und Mein Johannes umfaßte und
herzte Mich aus allen seinen Kräften und sprach: „O Du mein Jesus Du, daß wir
nur Dich wieder haben! Jetzt ist alle unsere Furcht dahin! Aber nur Du verlaß
uns nimmer; denn es ist gar zu entsetzlich schrecklich, ohne Dich zu sein!
Wahrlich, an diese nächtliche Meeresfahrt werde ich denken mein Leben lang!
Denn so viel Angst und Schrecken habe ich noch nie ausgestanden! Jetzt kann der
Sturm sich um uns her lustig machen, wie er will; denn nun haben wir seinen
Meister in unserer Mitte, der ihm zu schweigen gebieten kann, und das Ungetüm
muß gehorchen der Stimme des Allmächtigen!“
102. Kapitel
[GEJ.02_102,01] Sage Ich: „Ob ihr Mich sehet
oder nicht, so bin Ich dennoch bei euch; denn so ihr Mir glaubet, auf Meinen
Namen bauet, vertrauet und hoffet und Mich wahrhaft liebet, dann bin Ich
allzeit bei euch und unter euch; aber der an Mir zweifelt, bei dem bin Ich
dennoch nicht – und sähe er Mich auch fest an seiner Seite stehen!
[GEJ.02_102,02] Im übrigen aber hat der
Bruder Bartholomäus sehr wohl daran getan, daß er über das Wesen der Essäer
besonders dem Judas die Augen geöffnet hat. Es wird zwar für ihn wenig Heil
daraus erwachsen; aber desto mehr für euch andere! Denn Judas gefällt sich
heimlich in solchen Trugstücken und meint: ,So ich von Jesus die Wirklichkeit
(das Wunderwirken) nicht erlerne, gehe ich zu den Essäern!‘ – Denn er ist und
bleibt ein Geizhals, und zehn Pfunde Goldes sind ihm lieber als die
allerhimmlischste Wahrheit und das ewige Leben dazu! Wenn ihm Herodes heute ein
bedeutendes Angebot macht, da verrät und verkauft er uns alle! Diese Erde wird
ihn schwerlich je bessern!
[GEJ.02_102,03] Darum ist für den Menschen
nichts gefährlicher zum ewigen Leben als die großen Schätze dieser Welt! Was
aber nützet es dennoch dem Menschen, so er auch besäße die Schätze der ganzen
Welt, aber dafür an seiner Seele Schaden litte? Ehe er sich's versehen wird,
wird man seine Seele von ihm nehmen und sie werfen in große Finsternis, da
ewiges Heulen und Zähneknirschen waltet! Wieviel werden ihm dann alle seine
Schätze nützen!?
[GEJ.02_102,04] Darum sammle sich ein jeder
von euch Schätze des Geistes, die vom Roste und von den Motten nicht zerstört
werden können, dann werdet ihr von allem in großer Genüge haben ewig!
[GEJ.02_102,05] Sehet, da unten am Boden des
Meeres liegt schon manches beladene Schiff mit seinen Herren und Schiffern
begraben! Welchen Gewinn haben die nun, die da wollten auf den Märkten große
Summen erbeuten? Ein Sturm machte all ihrem losen Tun und Treiben ein Ende, und
ihre Seelen sind mit begraben worden in den Abgrund!
[GEJ.02_102,06] Ihr aber hattet auf eurem
Schiffe, das diese Nacht hindurch mit einem sehr heftigen Sturme zu kämpfen
hatte, nichts als die unverwüstlichen Schätze für Geist und Leben aus Gott
geladen, – und sehet, der Orkan vermochte es auch mit all seiner ungestümen
Gewalt nicht, euch hinabzuschleudern in den Abgrund! Und Ich kam deshalb zu Fuß
über den brausenden Wogen zu euch, um euch in der Tat zu zeigen, daß der, der
allein des Himmels ewige Schätze in sich trägt, sich über alle die tollen
Stürme und Wogen des Weltgetriebes leicht erhebt und über denselben fein
schadlos einherwandeln kann und am Ende dennoch der Herr über all das Ungemach
der Welt ist und verbleibt.
[GEJ.02_102,07] Wenn er aber sein
Lebensschiff beschwert mit den Schätzen der Welt und der Sturm ereilt ihn über
den Wogen seiner Weltsorgen, so werden dann Schiff und Schiffer beide
untergehen! – Habt ihr alle dies Gesagte wohl begriffen?“
[GEJ.02_102,08] Sagen alle: „Ja, Herr, das
war klar und sehr verständlich und über alle Maßen vollwahr.“
[GEJ.02_102,09] Sage Ich: „Nun wohl denn, so
lasset uns hinüberschiffen nach dem Städtchen Genezareth und in das kleine
freie Ländchen, welches da führt den Namen seiner kleinen Stadt!“
[GEJ.02_102,10] Und die Knechte fingen an zu
rudern, und wir kamen eine kleine halbe Stunde Weges unterhalb der Stadt
Genezareth ans Land (Matth.14,34). Das Meer machte aber gegen Genezareth eine
große Einbuchtung und war mit derselben nur durch eine kaum zehn Klafter breite
Meerenge verbunden, darum denn auch diese Bucht eigens den Namen ,See
Genezareth‘ führte. An der linken Erdzunge stiegen wir denn auch ans Land, weil
die Schiffe, welche die Meerenge passierten und in den See Genezareth fuhren,
einen Zoll entrichten mußten. Wir ließen dann an der Erdzunge unser Schiff
anbinden und ließen nur zwei Knechte im selben als Wache zurück, die andern
sechs aber zogen mit uns in die Stadt und kauften darin für ihren Bedarf Brot,
Salz und etwas Wein; die Nacht hatte sie sehr stärkungsbedürftig gemacht.
[GEJ.02_102,11] Ich aber habe ihnen das
wenige, was sie sich kauften, gesegnet, daß sie alle mehrere Tage lang zu essen
und zu trinken hatten.
[GEJ.02_102,12] Ich habe Mich in Genezareth
mehrere Tage lang aufgehalten; denn das war eine Freistadt, und man konnte dort
weder von Jerusalem, noch vom Tempel und ebensowenig von Herodes angegriffen werden,
weil diese Stadt unter strengem Schutze der Römer stand, die dort ein
beständiges Lager hielten, das von Kapernaum aus befehligt ward. Es steht
solches zwar in keiner Schrift gezeichnet, weil es zu geringfügig war, aber
dessenungeachtet verhielt sich alles genau also.
103. Kapitel
[GEJ.02_103,01] Als wir in der Stadt ankamen,
kehrten wir in die Herberge eines biederen Mannes ein, der Ebahl hieß.
[GEJ.02_103,02] Ebahl nahm uns sehr
gastfreundlich auf und sagte: „Allem Anscheine und der Kleidung nach seid ihr
Galiläer aus der Gegend von Nazareth!?“ Wir bejahten es ihm, und er ließ uns
sogleich Brot, Wein und Fische bringen und sagte: „Drei Tage und Nächte
hindurch seid ihr völlig zahlungsfrei! Könnet ihr als Nazaräer mir aber einen
Aufschluß über den berühmten Heiland namens Jesus geben, der auf die
wunderbarste Weise alle möglichen Krankheiten heilen soll, so halte ich euch
euer Leben lang zechfrei, und ihr könnet essen und trinken, was ihr wollet und
möget!
[GEJ.02_103,03] Wenn sich die Sache mit dem
berühmten Jesus so verhält, so biete ich alles auf, um ihn zu finden und dann,
neben ihm auf Knien gehend, ihn hierherzubringen! Denn unser sonst gutes und
freies Ländchen hat aber doch gleichfort das Üble, daß es in einem fort von
allerlei argen Krankheiten heimgesucht ist. Es sind die Krankheiten zwar nicht
eben so sehr tödlicher Art; aber dafür desto lästiger, und man wird sie nicht
los!
[GEJ.02_103,04] Wenn es nun denn möglich
wäre, diesen Heiland zu uns zu bringen, – beim Jehova, ich wüßte nicht, was ich
darum gäbe! Ich selbst habe eine ganz große Herberge voll Kranker, die vor
Schmerzen gar keinen Schritt weiterreisen können, und es sind manche weither;
sogar Ägypter, Perser und Indier sind darunter und können nicht fort. So liegen
bei mir auch Pharisäer und Schriftgelehrte aus Jerusalem und zwei Essäerbrüder
schwer krank, und kein Arzt und Heiland, soviel auch ihrer von allen Orten hier
waren, kann ihrer Krankheit Meister werden!
[GEJ.02_103,05] Wenn ihr mir also diesen
Jesus aus Nazareth verschaffen oder mir nur wenigstens sagen könnt, wo ich ihn
halbwegs sicher treffe, so seid ihr alle, wie gesagt, meine Gäste euer Leben
lang!“
[GEJ.02_103,06] Sage Ich: „Warum hast du denn
nicht schon lange nach Ihm Boten gesandt, da du wußtest, daß Er Sich in Nazareth
aufhält?“
[GEJ.02_103,07] Sagt Ebahl: „Das habe ich
nicht einmal, sondern schon oftmals getan, habe aber noch nie das Glück gehabt,
von den zurückgekehrten Boten zu hören: ,Wir haben ihn gefunden!‘ Wohl
erzählten sie mir tausend Wunderdinge von ihm, die ihnen von andern erzählt
worden sind; aber sie selbst haben noch nie das Glück gehabt, mit ihm
persönliche Bekanntschaft zu machen.“
[GEJ.02_103,08] Sage Ich: „Nun denn, weil Ich
sehe, daß dich in bezug auf den Heiland Jesus kein Eigennutz beseelt, sondern
daß du vollwahr nur einzig und allein den Wunsch hast, den Leidenden, welchen
Nationen sie auch angehören mögen, Hilfe zu bringen – was Mich denn auch
hierher geführt hat –, so wisse denn zu deiner Freude und zu deinem Troste, daß
Ich eben derselbe Jesus bin, den du so oft vergeblich gesucht hast, und den
Kranken in deiner Herberge soll in diesem Augenblick geholfen sein! Sende nun
deine Knechte nach der Herberge und frage sie, ob noch ein Kranker darin zu
finden ist!“
[GEJ.02_103,09] Da war Ebahl nahe außer sich
vor Freude und sprach: „Meister, so du es bist, dann glaube ich deinem Wort und
will gar nicht weiter mich erkundigen; du wirst es schon ganz sicher sein, und
ich kann schon im voraus Gott nicht genug loben und preisen, daß Er meinem
Hause ein so unerwartet großes Heil hat widerfahren lassen! Meister, großer,
göttlicher Meister, schaffe (verlange) nun für dich und die Deinen; denn nun
bist du ganz Herr in meinem Hause! Alles, was du darin findest, muß sich deinem
Willen fügen!“
[GEJ.02_103,10] Als er noch also
weiterredete, kam schon die Nachricht von seiner großen Herberge, daß die bei
zweitausend Kranken auf einmal vollkommen gesund geworden sind. Es müsse da ein
Wunder geschehen sein, ansonst so etwas rein unmöglich wäre! Die Geheilten
würden bald selbst kommen und dem Herbergsherrn ihren heißesten Dank mit Wort
und Tat abstatten!
[GEJ.02_103,11] Sagt Ebahl: „Gehet hin und
saget es ihnen, daß ich fürs erste alles dessen nicht bedarf, und daß mir darum
auch nicht der geringste Dank gebühre, sondern Gott allein, der den
Wunderheiland in unsern Ort gnädiglich geführt hat! Verlanget von den Reichen,
die fremd sind, einen mäßigen Herbergslohn für euch, aber tuet mir ja niemandem
zu hart! Die Heimischen aber seien frei!“
[GEJ.02_103,12] Auf diese Worte entfernen
sich die Nachrichtbringer und tun, was ihnen ihr Herr geboten hat.
[GEJ.02_103,13] Darauf aber wendet sich Ebahl
wieder zu Mir, fällt vor Mir auf seine Knie und dankt Mir mit vielen Tränen
großer Freude für die seinem Hause erwiesene wunderbare Wohltat.
[GEJ.02_103,14] Ich aber heiße ihn aufstehen
und Mir vorführen seine Weiber und Kinder.
[GEJ.02_103,15] Und er geht und tut, was Ich
von ihm verlangte.
[GEJ.02_103,16] Als er seine zwei Weiber und
sechzehn Kinder zu Mir brachte, darunter zehn männliche und sechs weibliche,
sagte er (Ebahl): „Siehe an mir noch einen echten Israeliten! Wie dereinst
Jakob, unser Stammvater, eine Lea und eine Rahel zu Weibern hatte und mit
beiden Kinder zeugte, also habe auch ich mir zwei Weiber genommen, die jedoch nicht
Schwestern sind, und habe mit dem älteren Weibe die zehn Knaben und mit dem
jüngeren sechs Mägdlein gezeugt; allein, wie du siehst, die zehn Knäblein sind
nun schon rüstige Männer und Jünglinge, und die sechs Mägdlein sind auch schon,
jegliches über zehn Jahre, zu Jungfrauen herangereift, und ich zähle siebzig
Jahre.
[GEJ.02_103,17] Alle diese Kinder sind nach
der Schrift erzogen, und mein ältester Sohn ist ein Schriftgelehrter, aber
nicht im Solde des Tempels stehend, sondern bloß für sich und dereinst für
seine Nachkommen! Aber auch meine andern Kinder sind in der Schrift tüchtig
bewandert, kennen den reinen Willen Gottes und sind allzeit streng gehalten,
danach zu handeln. Sie lieben Gott, aber sie fürchten Ihn auch; denn
Gottesfurcht ist der Anfang der Weisheit. In meinem Hause werden die wahren
Weisheitssprüche des Jesus von Sirach strenge gehandhabt. – Bist du, großer
Meister, wohl zufrieden mit meiner Hausordnung?“
[GEJ.02_103,18] Sage Ich: „Wie es bis jetzt
üblich war, ist deiner Hausordnung nichts auszustellen, und Ich verbiete es
auch niemandem, zwei, drei und auch noch mehr Weiber zu haben; denn das Weib
ist der Zucht (Fortpflanzung) der Menschen wegen erschaffen worden. Ein
unzüchtiges (unfruchtbares) Weib ist Gott nicht wohlgefällig, es müßte denn
sein, daß sie von Natur aus unzüchtig ist, – was eine Sache ist, für die kein
Mensch kann.
[GEJ.02_103,19] Aber in der Folge soll ein
jeglicher Mann nicht mehr denn nur eine Jungfrau oder eine Witwe, die noch
zuchtfähig ist, sich zum Weibe nehmen; denn wäre es Gottes Wille gewesen, daß
ein Mann mehr denn ein Weib habe, so hätte Er dem Adam auch sicher mehr als nur
ein Weib erschaffen. Aber Gott wollte, daß ein jeglicher Mann nur ein Weib
haben solle und gab daher dem Adam auch nur ein Weib.
[GEJ.02_103,20] Daß die Menschen hernach von
diesem ersten Gesetze abgegangen sind – was besonders bei den Heiden oft ins
lasterhafte Böse ging, da besonders ein Fürst sich gleich alle die schönsten
Jungfrauen seines Landes zu seinen Weibern nahm und dazu noch von fremden
Fürsten sich auch mehrere dazukaufte –, war nicht Gottes, sondern der
sinnlichen Menschen Wille; denn viele der Weiber eines Fürsten oder eines
sonstigen Reichen waren nicht Weiber für die Zucht, sondern pure Lustdirnen zur
Erweckung der zugrunde gegangenen Mannheit und deren Wollust. Jeder Mann aber
lebt dann nicht mehr vollkommen in der göttlichen Ordnung, so er das erste
Urgesetz Gottes nicht hält!
[GEJ.02_103,21] Ah, was ganz anderes ist es,
so das eine Weib unzüchtig (fortpflanzungsunfähig) wäre, wie es bei der Rahel
der Fall war; da kann der Mann sich auch ein zweites Weib nehmen und in ihr
sich Nachkommen erwecken. Jedoch bei dir ist dennoch alles in der Ordnung; du
hattest stets einen gerechten Sinn, der Gott wohlgefällig ist, und so bist du ein
Gerechter vor Gott und den Menschen, ansonst Ich in dein Haus nicht gekommen
wäre!“
104. Kapitel
[GEJ.02_104,01] Hierauf segnete Ich die
Kinder und die beiden Weiber wie ein Weib, da beide eines Sinnes und eines
Herzens waren und sich nie mit Zank und Hader begegnet sind. Nach der Segnung
entließ Ich wieder die zwei Weiber und die sechzehn Kinder und sagte zu Ebahl:
„Du kannst eine rechte Freude an deinen Kindern haben; denn darunter ist nicht
eines verdorben, weder geistig noch naturmäßig. Alle strotzen vor Gesundheit
und haben noch ganz kristallreine Herzen, voll Frömmigkeit und Gehorsam, und
deine beiden Weiber sehen noch ganz jugendlich gut aus! Auf dein Haus scheint
die krankhafte Luft dieser Gegend keinen Einfluß zu haben!“
[GEJ.02_104,02] Sagt Ebahl: „Ja, für die hier
Eingeborenen ist die Luft und das Wasser ganz unschädlich, – aber nicht also
für die Fremden; denn da darf sich jemand oft nur ein paar Tage lang aufhalten,
und er wird so schwer krank, daß er nicht selten ein ganzes Jahr das Krankenbett
nicht verlassen kann! Hat er einmal die Krankheit überstanden, so kann er
darauf hier verweilen, solange er will, – und er bleibt gesund.
[GEJ.02_104,03] Aber es ist das dennoch ein
Jammer für dieses Land! Denn wir bekommen nur schwer Arbeiter, und die fremden
Reisenden, wenn sie nicht absonderliche Geschäfte haben, meiden diese Gegend
wie ein Aas, und die, welche in dringlichen Geschäften kommen, bleiben sicher
über die Hälfte krank bei uns. So liegen auch gut zwei Drittel der römischen
Soldaten krank, und kein Arzt kann ihrem Übel ein Meister werden! Nach einem,
oft auch erst zwei Jahren werden sie von selbst wieder gesund und bleiben
gesund.
[GEJ.02_104,04] Das Merkwürdigste aber ist, daß
da nie zwei eine und dieselbe Krankheit bekommen! Der eine bekommt ein Fieber,
der zweite einen Aussatz, ein dritter einen Durchfall, ein vierter einen
stechenden Husten, und so ein jeder etwas anderes, und kein Arzt weiß dann, was
er mit den Kranken beginnen soll. Und so gibt es in unserem kleinen Lande eine
große Menge mit allerlei Krankheiten behafteter Menschen; und es ist da keinem
zu helfen. Die Sterblichkeit ist zwar bei allem dem gering, aber desto größer
die Zahl der gleichfort Leidenden.
[GEJ.02_104,05] Vielleicht wäre dir auch das
möglich, daß du alle die Kranken heiltest und dann mir fürs ganze Land ein
Heilmittel angäbest, durch dessen rechtzeitigen Gebrauch die Menschen sich vor
dem Anfalle der Übel dieser Gegend schützen könnten?“
[GEJ.02_104,06] Sage Ich: „Da Ich Mich
ohnehin hier einige Tage aufhalten werde, werden die Landeskranken durch die
Geheilten wohl erfahren, daß Ich hier bin. Die da kommen werden, denen soll
auch geholfen sein, – die aber nicht kommen werden, die sollen auch nicht
geheilt werden; denn so schwer krank ist keiner im ganzen Lande, daß er nicht
den Weg hierher machen könnte!“
[GEJ.02_104,07] Sagt Ebahl: „Wenn es dir, du
mein göttlicher Meister, genehm wäre, so würde auch ich Boten ins ganze Land
aussenden!“
[GEJ.02_104,08] Sage Ich: „Laß das gut sein,
sie werden es überall früh genug erfahren!“
[GEJ.02_104,09] Bald darauf kommen mehrere
Geheilte, darunter Pharisäer und Schriftgelehrte aus Jerusalem und zwei
Essäerbrüder, um Mir den Dank für die Heilung zu überbringen und womöglich von
Mir die Wissenschaft zu erlernen, wie Ich die Kranken also bloß durchs Wort
augenblicklich zu heilen vermöge.
[GEJ.02_104,10] Ich aber machte nicht viel
Wesens mit ihnen, sondern sagte bloß: „Was forschet ihr? Eure Sache ist diese
Welt und ihre für euch allein kostbare Materie; hier aber handelt es sich um
rein Geistiges! Ihr aber habt noch nie begriffen, was Materie ist, wie wollt
ihr begreifen, was da rein geistig ist? Und ihr Essäer schon ganz besonders,
die ihr euren Bekennern einen Gott und eine Auferstehung predigt und mit vielen
Kosten Wunderdinge bewerkstelligt, um dadurch für eure Blindlehre Anhänger zu
gewinnen! Euer Grundsatz ist: ,Man muß mit gutem Willen die Menschen betrügen
und anlügen, wenn man sie glücklich machen will; denn die Wahrheit tötet die
Wohlfahrt der Menschen dieser Erde!‘
[GEJ.02_104,11] So aber euer
Menschenbeglückungsgrund die Lüge ist, wie sollet ihr von Mir nun die Wahrheit
hören wollen? Euch geht für die Erkenntnis des Reiches Gottes auf Erden alles
ab, und ihr seid die Allerletzten, obschon ihr die Allerersten sein wollet!
Wahrlich, wenn ihr bleibet, wie ihr seid, werdet ihr ewig keinen Teil am Reiche
Gottes haben!
[GEJ.02_104,12] Was nützt euch euer guter
Wille, die Menschen durch Betrug und Lüge irdisch glücklich zu machen, so ihr
aber dadurch tötet die Seelen der Blinden?
[GEJ.02_104,13] Mein Grund aber ist: um alle
Kosten des Leibes und alles dessen Glückes die Seele zu retten und ihr zu
bereiten ein wahres, ewiges Leben!
[GEJ.02_104,14] Wie aber wird und muß es euch
zumute werden jenseits, wo euch die von euch Betrogenen zu Richtern werden!?
Ihr glaubet es wohl freilich nicht, daß es also sein wird; aber es wird dennoch
also sein, wie Ich es euch nun gesagt habe.
[GEJ.02_104,15] Glaubet ihr aber schon Meinen
Worten nicht, so glaubet es doch Meinen Werken, die Ich verrichte, und die vor
Mir nie ein Mensch verrichtet hat!
[GEJ.02_104,16] Wenn aber Meine Werke echt
und wahr sind und Meinen Worten Zeugnis geben, so werden doch Meine Worte auch
wahr sein!?
[GEJ.02_104,17] Niemand kann es euch sagen,
wie es in Indien aussieht, als der nur, der dort war und von dort zu euch
herübergekommen ist; also kann euch auch niemand einen Bescheid übers Jenseits
geben als der nur, der von dort zu euch herübergekommen ist, – und der bin Ich!
[GEJ.02_104,18] Wer Meinen Worten glaubt, der
wird das ewige Leben haben; wer aber nicht glaubt, der wird übergehen in den
ewigen Tod! Denn Meine Worte sind nicht wie die eines Menschen dieser Welt; sie
sind Leben und geben Leben dem, der sie aufnimmt in sein Herz und hernach
handelt nach dem Laute der Worte und nach ihrem alles belebenden Geiste!
[GEJ.02_104,19] Eure Worte aber, die ihr
Essäer dem Volke predigt, sind pur Lug und Trug, weil ihr selbst nicht glaubet,
was ihr lehret! Denn ihr habt eine Doppellehre: eine fürs Volk und eine ganz
andere für euch, von der ihr unter euch saget, daß sie wahr sei, daß aber das
Volk von solcher nichts vernehmen dürfe, um in der vermeinten Lüge ruhig und
glücklich zu sein.
[GEJ.02_104,20] Aber Ich sage es euch, daß
ihr dem Volke in eurer vermeintlichen Lüge dennoch mehr Wahrheit gegeben habt
denn euch selbst! Denn was ihr für Wahrheit haltet, ist ganz Lüge, was ihr aber
das Volk lehret, ist nur zur Hälfte Lüge; darum man euch von Gott aus auch
geduldet hat.
[GEJ.02_104,21] Lehret aber in der Zukunft
die Wahrheit und glaubet selbst an sie, dann werdet ihr der Belohnung werte
Knechte im Weinberge Gottes sein; aber mit der Lüge und mit dem Truge müsset
ihr für alle Zeiten weichen und nie mehr einen Gebrauch davon machen, sonst
wird in jüngster Zeit ein übles Gericht über euch ergehen!“
[GEJ.02_104,22] Sagen die beiden Essäer:
„Meister, wir erkennen es wohl, daß du recht geredet hast, – und was da uns
beide betrifft, so werden wir alles Erdenkliche aufbieten, um deinen Worten in
unserer großen Gesellschaft Eingang zu verschaffen; aber gutstehen können wir
dennoch für nichts! Grausam sind unsere Brüder durchaus nicht, man kann bei
verschlossenen Türen schon auch ganz frei reden und wird gerne angehört, – aber
ob das also Besprochene von irgendeiner Wirkung sei, das ist eine andere Frage!
Aber reden werden wir beide und sind zum voraus versichert, daß wir ohne
weiteres mit der größten Aufmerksamkeit angehört werden!“
[GEJ.02_104,23] Sage Ich: „Tuet ihr das
eurige, so wird Gott das Seinige zu tun nicht unterlassen! Nehmet an die volle
Wahrheit, und diese wird euch frei machen für ewig!“
[GEJ.02_104,24] Sagen die beiden Essäer:
„Herr und Meister, gestatte uns, so lange hier zu verweilen, als wie lange du
dich hier aufhalten wirst!“
[GEJ.02_104,25] Sage Ich: „Ihr seid frei und
könnet hier verweilen, solange ihr wollt!“
105. Kapitel
[GEJ.02_105,01] Mit diesem Bescheide waren
die beiden zufrieden, und Ebahl kam und lud Mich und Meine Jünger zum
Mittagsmahle, das er in reichlichem Maße für uns hatte bereiten lassen; außer
seiner Familie durfte kein fremder Gast an selbem teilnehmen. Solches aber
rauchte den etlichen Pharisäern sehr in die Nase; denn ihr Sinn war,
allenthalben die Ersten zu sein und sich grüßen und ehren zu lassen von
jedermann. Sie wurden wohl in einem andern Speisezimmer sehr gut bewirtet,
waren aber dennoch nicht zufrieden, weil sie wahrnahmen, daß Ebahl Mir viel
mehr Aufmerksamkeit schenkte denn ihnen. Sie fragten nach der Mahlzeit auch
einen Wärter, ob der Hausherr ihre Gesellschaft denn für zu gering gehalten
habe, daß er sie nicht an seinem Tische habe speisen lassen.
[GEJ.02_105,02] Aber der Wärter war klug und
sprach: „Der Herr hat wegen der vielen Kranken mit dem Wunderarzte so manches
zu besprechen und wollte darum mit ihm allein sein!“
[GEJ.02_105,03] Sagen die Pharisäer und
Schriftgelehrten: „Weißt du und dein Herr denn nicht, daß in einem Hause, da
wir eingekehrt sind, uns alle Geheimnisse aufgedeckt werden müssen? Denn wir
sind es, die euch reinigen, so ihr euch verunreinigt habt, und euch auch
heilen, so ihr von argen Krankheiten geplagt werdet!“
[GEJ.02_105,04] Sagt der Wärter: „Wenn ihr
aber solche Heilbringer seid, warum konntet denn ihr euch nicht helfen? Wenn
der Wunderheiland von Nazareth nicht vielleicht durch einen Wind
zufälligerweise hierhergetrieben worden wäre, so hätte euch euer heftiges
Gliederreißen durchaus nicht verlassen; nur seiner Wunderkraft habt ihr es zu
verdanken, daß ihr nun vollkommen gesund hier in diesem Speisesaale sitzet! Wer
aber so etwas vermag, dem gebührt doch vor euch alle und jede Auszeichnung!“
[GEJ.02_105,05] Auf diese ganz triftige
Antwort des Wärters sagen die Pharisäer und Schriftgelehrten kein Wort mehr und
geben sich zufrieden, aber nicht von Herzen, sondern aus einer Art gezwungener
Notwendigkeit.
[GEJ.02_105,06] Gegen den Abend hin aber
kommen aus den Häusern der Stadt und aus deren nächster Umgebung schon über
hundert, mit allerlei Krankheiten behaftete Menschen und bitten Mich, daß Ich sie
gesund mache; und Ich gehe hinaus unter sie und mache sie allein durchs Wort
alle gesund.
[GEJ.02_105,07] Die Gesundgemachten aber
loben und preisen alle Gott, der dem Menschen eine solche Macht gegeben hat,
und gehen froh und gesund nach Hause.
[GEJ.02_105,08] Am Abende kommt aber auch ein
Hauptmann, der in diesem Orte die Soldaten befehligte, und bat Mich, ob Ich
nicht auch den vielen kranken Soldaten helfen möchte.
[GEJ.02_105,09] Und Ich sagte zu ihm: „Gehe
hin, es geschehe dir nach deinem Glauben!“
[GEJ.02_105,10] Und der obbenannte Hauptmann
ging ins Lager und fand, daß keiner der Soldaten irgend mehr krank war. Da
kehrte er froh wieder zu Mir zurück und wollte Mich belohnen mit Gold und
Silber.
[GEJ.02_105,11] Aber Ich wies solches alles
zurück und sagte zum Hauptmann: „Freund, um Schätze dieser Welt heile Ich
niemanden, sondern nur um die Schätze aus den Himmeln; und diese sind fürs
erste ein lebendiger Glaube und fürs zweite eine wahre uneigennützige Liebe zu
Gott und dem Nächsten, welches Standes er auch sei!
[GEJ.02_105,12] Habe lieb deine
Untergeordneten, als wären sie deine leiblichen Brüder, und halte sie nicht zu
hart, so wirst du Mich damit am wertvollsten belohnen! Das Gold und das Silber
aber, das du Mir geben wolltest, gib dem Ebahl; denn seine Herberge kostet ihn
viel, und es ist gut, daß sie unterhalten wird.
[GEJ.02_105,13] Es wäre aber überhaupt gut,
so ihr Römer in der Folge statt der vielen Götzentempel Herbergen für Arme
errichten möchtet; denn eure Götter aus Holz, Erz und Stein sind tote Gebilde,
von Menschenhänden gemacht; und ihr könnet jahrelang vor ihnen auf den Knien
liegen, so werden sie euch dennoch nicht helfen können, weil sie tot sind. Aber
so ihr die vielen Armen, Kranken, Bresthaften, Krüppel, Lahmen, Blinden und Tauben
in gut eingerichteten Herbergen versorget und suchet den Kranken Heilung zu
verschaffen, so wird der eine, wahre, lebendige Gott eure guten Werke ansehen
und wird euch darum segnen vielfach; aber eure toten Götter werden euch fürs
Gute, das ihr tut, nicht segnen und fürs Böse nicht strafen.
[GEJ.02_105,14] Und so ihr in eurem Reiche
Recht und Ordnung aufrechtzuerhalten euch bestrebet, müsset ihr zu Schwert und
Lanze greifen! Da machet ihr dann nur mit den Waffen in der Hand, was Gott für
euch tun würde, so ihr Ihn erkenntet und Seine Gebote hieltet!“
106. Kapitel
[GEJ.02_106,01] Sagt der Hauptmann: „Lieber
Freund, ich erkenne es wohl, daß du die Wahrheit redest und es also sein
sollte, wie du nun gar weise und menschenfreundlich zu mir geredet hast; aber
die Welt der Menschen ist ein gar mächtiger Strom, gegen den sich sehr schwer
schwimmen läßt. Wer es noch irgendwo versucht hatte, ist von den mächtigen
Stromwirbeln verschlungen worden. So etwas kann nur an kleinen, ruhigen Orten
geschehen, dahin der Strom nicht reicht mit seiner verheerenden Macht; wer sich
würfe in des Stromes Mitte, der ist verloren!
[GEJ.02_106,02] Also hast du, lieber Freund,
gut die Wahrheit zu reden in einem ruhigen Orte, dessen Menschen weich und
fügsam sind und noch nicht den luxuriösen Pesthauch der großen Welt eingeatmet
haben; aber gehe hin nach Rom, nach Athen, nach Jerusalem, und so du nicht
völlig ein Gott bist, so wirst du nur zu bald alle Schärfe des Schwertes der
Mächtigen der Erde zum Verkosten bekommen gleich dem Johannes von Bethabara,
den der mächtige Herodes im Gefängnisse hat enthaupten lassen.
[GEJ.02_106,03] Siehe, dieser Johannes war
doch sicher ein Mann, der, himmelweit abgesehen von jedem weltlichen Erwerbe,
in der tiefst möglichen Selbstverleugnung den Menschen mit hinreißender
Redekraft die allernackteste Wahrheit ins Gesicht sagte, und Tausende nahmen
seine wirklich von einem göttlichen Geiste durchglühte Lehre an, taten Buße aus
freiem Willen und bekehrten sich zum Guten. Aber als er vor etwa ein paar Monaten
Bethabara verließ, wie man es mir erzählte, und am großen Jordan in der Nähe
von Jerusalem zu predigen und zu taufen begann, da dauerte es nur wenige Tage,
– und die Häscher des Herodes bemächtigten sich schon seiner und warfen ihn ins
Gefängnis, in das nur seine etlichen wohlhabenden Jünger gegen Entrichtung
einer gewissen Taxe einige Male vor seiner Enthauptung kommen durften, von der
ich vor ein paar Tagen Kunde erhielt. Nun können freilich wohl seine Jünger die
von ihm empfangene Lehre ganz geheim ihren Bekannten und Verwandten mitteilen,
und diese ihren Kindern; aber es ist eine große Frage, ob nach ein paar hundert
Jahren sich seine Lehre so erhalten wird, wie sie aus seinem Munde kam!
[GEJ.02_106,04] Unsere römische Gotteslehre
hat sicher den haargleichen Ursprung wie die der Juden; sie basiert ja auch auf
nur einem Urgrundwesen, dem sogar alle Götter ohne Unterschied untertan sind!
Die Mythe hat diesem Wesen verschiedene Namen beigelegt; die Griechen nennen es
noch den unbekannten Gott der Götter, die Römer heißen es das Fatum, dem jede
andere Macht untertan ist.
[GEJ.02_106,05] Schau die gegenwärtige
Gottheitslehre der Griechen und der Römer an, und du findest nichts als für
einen denkenden Menschen höchst läppische, nichtssagende Fabeln und Märchen,
aus allen Winkeln der menschlichen Tugenden mitunter, aber zumeist dennoch aus
den menschlichen Leidenschaften, Schwächen und Lastern zusammengetragen; und
das wird als Gotteslehre den Menschen mit Feuer und Schwert aufgedrungen! Mach
es aber anders, wenn es dir möglich ist! Von meiner Seite wenigstens wird dir
nichts in den Weg gelegt werden!
[GEJ.02_106,06] Das schönste Beispiel aber
gibt dir deine Mosaische Gotteslehre selbst! Lies den Moses und schaue dir
hernach den Tempel an, und sage es mir, ob wohl noch ein Häkchen der alten
Weisheitslehre vorhanden ist! Gott Selbst habe in der Wüste am Roten Meer vom
Sinai herab unter Blitz und Donner dem bebenden Volke die wahrlich heilsamen
Gesetze auf steinernen Tafeln gegeben und befestigte den alten Bund zwischen
Sich und Seinem Volke; die es wagten, abtrünnig zu werden, wurden
augenblicklich gezüchtigt durch allerlei Übel, ja selbst durch den Tod! Aber
wozu war alles das gut? Frage die nun ins Scheußliche gehenden Mysterien des
Tempels, und sie werden dir die handgreiflichsten Nichtigkeitsbeweise liefern!
[GEJ.02_106,07] Wo ist die wunderbare
Bundeslade, über der Gott in der Gestalt einer Flammensäule ruhte? Ja, eine
Naphthaflamme kannst du zu sehen bekommen, wenn du ein Römer bist und dafür
etwas Gold und Silber dem Tempel opferst; aber von der wunderbaren Bundeslade
ist keine Spur mehr anzutreffen!
[GEJ.02_106,08] Daher ist es nach meiner
unmaßgeblichen Ansicht mit jeder Gotteslehre und mit jeder Offenbarung nichts;
sie mag in ihrem Entstehen noch so rein sein, so wird sie in den Händen der
Menschen nur zu bald also umgestaltet werden, daß sie der ursprünglichen
ebensowenig ähnlich sieht, als ein hundertjähriger Greis mit dem eine
Ähnlichkeit hat, wie er als ein neugeborenes Kind ausgesehen hat! Die Zeit und die
mannigfachen Leidenschaften und Bedürfnisse der Menschen verwandeln das Reinste
in das Unreinste; und als großer, nie besiegbarer Zeuge zur Steuer dieser
Wahrheit steht die Geschichte aller Zeiten und aller Völker vor uns, die von
niemandem geleugnet werden kann!
[GEJ.02_106,09] Siehe weiter, Freund: obschon
ich mich nie so weit überschätzen möchte, daß ich mir einbildete, dir einen
Lehrer abzugeben imstande zu sein, so glaube ich aber hie und da – abgesehen
von deiner sicher allertiefsten Kenntnis der geheimen Kräfte der Natur – in der
besseren menschlichen Hinsicht denn doch auch etwas weniges zu verstehen und
rate es dir, als sicher ein dir ähnlicher Menschenfreund, die großen Orte, in
denen die Menschheit schon zu sehr bis in den tiefsten Lebensgrund verdorben
ist, ja mehr noch als die ärgste Pestilenz zu fliehen, sonst wird der Erdboden
nicht lange mehr von deinen heilbringenden Füßen betreten werden!
[GEJ.02_106,10] Traue den Pharisäern,
Schriftgelehrten, deiner eigenen Gotteslehre nicht und betritt jene Gegenden
selten, über die Herodes seine Lehensherrschaft ausübt, so wirst du der armen
Menschheit noch lange Gutes tun können; setzest du dich aber über alles das
hinaus, so wirst du leider nur zu bald das herbe Los mit dem Johannes teilen!
Denn ich bin in der Lage, zu wissen aus dem Fundamente, wie unbeschreiblich
schlecht nun die Menschen der eigentlichen Welt sind! Nimm der Regierung Roms
heute das Schwert aus der Hand und hebe die drückenden Gesetze auf, und du
wirst am nächsten Tage die Menschen untereinander noch ärger wirtschaften sehen
als eine große Herde von Tigern, Bären, Wölfen und Hyänen! Die Männer werden zu
Teufeln und die Weiber zu Furien!“
107. Kapitel
[GEJ.02_107,01] Sage Ich: „Du bist Mir wohl
ein recht lieber Mann und Freund, und was du geredet hast, ist leider nur zu
wahr; wäre Ich ein Mensch der Art, wie die Menschen der Erde sind, so würde Ich
deinen Rat auch ohne weiteres befolgen, denn in deiner Brust pulst ein
redliches Männerherz; aber Ich bin ein ganz anderer Mensch und ein ganz anderes
Wesen, als für was du Mich hältst! Siehe, Mir müssen gehorchen alle Mächte der
Himmel und dieser Erde; und Ich habe sonach nichts zu befürchten. Es wird wohl
an Mir die Schrift bitter und schmerzlich erfüllet werden, aber nicht nach dem
Willen dieser Welt, sondern nach dem Willen des Vaters im Himmel, der aber nun
in Mir ist, wie Ich in Ihm bin von Ewigkeit her! Aber darum wird Meine Macht
über Himmel und Erde nicht den allergeringsten Verlust erleiden. Denn wollte
Ich es, so wäre diese Erde im schnellsten Augenblick in den nichtigsten Staub
umgestaltet samt allem, was in und auf ihr ist, atmet, lebt und webt; aber da
Mein Grund ,Erhaltung‘ heißt, so geschieht solches nicht!
[GEJ.02_107,02] Es kann geschehen, daß Ich
als ein Aufwiegler des Volkes und Gotteslästerer angeklagt werde aus Ärger und
neidigster Scheelsucht des Tempels und darob ans Querholz geheftet werde; aber
alles das wird Meine Macht nicht brechen und Meiner Lehre bis zum Ende dieser
Welt nicht den geringsten Eintrag tun.
[GEJ.02_107,03] Es werden zwar die
eigentlichen Weltmenschen mit der Zeit aus Meiner Lehre zum größten Teile
dasselbe machen, was die Ägypter, Griechen und Römer aus der Urlehre gemacht
haben, die Adam und seine ersten Nachkommen erhielten; aber neben solcher Abgötterei
werden dennoch viele sein, die Meine Lehre und Meine Macht geradeso rein
erhalten und besitzen werden, wie sie nun kommt aus Meinem Munde, und damit
werden sie auch gleichfort haben und besitzen die Macht, die ihnen durch den
lebendigen Glauben an Mein Wort verliehen wird für zeitlich und jenseits für
ewig! Ich bin also auch ein Herr und fürchte darum keinen Herrn und keine
Gesetze desselben!“
[GEJ.02_107,04] Sagt der Hauptmann: „Freund,
da ist mit wenig Worten viel gesprochen! Nach dem, was du hier geleistet hast,
könnte ich es fast glauben, daß dir so etwas möglich sein dürfte, obschon mir
ähnliche Heilungen – nur nicht in diesem überweit gedehnten Maße – nicht ganz
fremd sind; denn es ist eine bekannte Sache, daß außerordentliche Erscheinungen
auf die leibliche wie auch seelische Gesundheit eines Menschen, je nachdem sein
Temperament beschaffen ist, einen oft wunderbar entschiedenen Einfluß haben. So
zum Beispiel hat ein großer Schreck schon einem Taubstummen das Gehör und die
Sprache wiedergegeben! Ich wüßte dir eine Menge ähnlicher Fälle zu erzählen, –
aber es ist die Zeit zu kurz.
[GEJ.02_107,05] Ich will aber in aller Kürze
dir damit nur das sagen, daß deine Heilart, so außergewöhnlich sie auch ist und
zu wieviel Dank sie uns auch verpflichtet, mir aber dennoch die volle
Überzeugung nicht verschaffen kann, daß dir darum jede andere Macht der Himmel
und der Welt nichts anhaben könnte! Ich will dir die Möglichkeit nicht streitig
machen, – bei Gott sollen ja alle Dinge möglich sein; aber Freund, es ist eine
große Kluft zwischen der Möglichkeit und Wirklichkeit! So ich dich näher werde
kennenlernen, werde ich vielleicht auch glaubensfester werden.
[GEJ.02_107,06] Aber nun, liebster, teuerster
Freund, bitte ich dich, meine vielleicht ein bißchen zu anmaßende Rede ja nicht
für ungut aufzunehmen; denn ich habe nur geredet, wie ich es verstehe, nicht
etwa aus bösem Herzen, sondern aus einem sicher guten Herzen! Mich aber rufen
nun die Amtsgeschäfte, denen ich Folge leisten muß; morgen aber stehe ich dir
den ganzen Tag zu Diensten!“
[GEJ.02_107,07] Sage Ich: „So du bleiben
willst, kannst du auch bleiben; denn dein Dienst ist in deinem Namen
verrichtet!“
[GEJ.02_107,08] Sagt der Hauptmann: „Es ist zwar
schon ziemlich dämmerig geworden; ohne den Mond wäre es schon Nacht; ich werde
aber gleich wieder hier sein, – nur muß ich zuvor noch einen Sprung ins Lager
tun und sehen, ob die Nachtwachen wohl ordentlich ausgeteilt und aufgestellt
sind.“
[GEJ.02_107,09] Mit diesen Worten verläßt der
Hauptmann eilig das Zimmer, und Ebahl lobt ihn als einen Kommandanten, der
wenige seinesgleichen haben dürfte, und daß Genezareth sich es für ein großes
Glück rechnen könne, solch einen guten, in allen Dingen erfahrenen, gerechten
und in seiner Sphäre äußerst klugen Militärchef zu haben!
[GEJ.02_107,10] Sage Ich: „Das ist er
allerdings zur großen Beschämung vieler Juden, die Gottes Wort und Gottes
Gebote haben, und deren ganzes Herz dennoch voll Lüge und voll Betrug, voll
Zank, Zorn, Ehebruch und aller Hurerei ist. Darum auch wird es geschehen, daß
den Juden das dem David verheißene Reich nach der Aussage Daniels
hinweggenommen und den Heiden gegeben werden wird, und die Nachkommen des
Sohnes der Hagar werden herrschen über die Nachkommen Isaaks, obschon alles
Heil zu dieser Zeit über die ganze Erde ausgeht vom Stamme Juda.“
[GEJ.02_107,11] Sagt Ebahl: „Meister, du bist
als Heiland besser denn als Prophet! Ich kann überhaupt noch immer nicht
begreifen, warum die Propheten ohne Ausnahme gleichweg allzeit nur Schlechtes,
nie aber etwas Gutes aussagten! Muß das also sein, oder glauben die Propheten,
lediglich dadurch ihr mysteriöses Ansehen aufrechtzuerhalten, so sie den
Menschen nichts als eine Gottesstrafe um die andere verkünden?
[GEJ.02_107,12] Lieber, herrlicher Meister,
ich habe aus deinen Reden gemerkt, daß du neben dem Wunderheilande noch etwas
anderes bist, nämlich ein Prophet gleich einem der vier großen Propheten, und
so könntest du mir wohl über das sonderbare Wesen der Propheten irgendeine
Aufklärung geben! Wie gesagt, mir sind die Propheten stets ein Rätsel gewesen,
und so möchte ich etwas Näheres über sie von dir vernehmen!“
108. Kapitel
[GEJ.02_108,01] Sage Ich: „Ein Prophet ist
gerade solch ein ganz einfacher, natürlicher Mensch mit allerlei Schwächen
behaftet wie du; aber da er ein verständiges Herz hat, in dem weder Zorn noch
Rache, noch Mißgunst, noch Stolz, noch Ehebruch und allerartige Hurerei feste
Wurzeln schlagen können, so reinigt der göttliche Geist dessen Herz von den
mannigfachen Schlacken der Welt; und wenn das alleinige Herz also gereinigt
ist, so gießt der göttliche Geist ein Licht aus den Himmeln in solch ein Herz.
[GEJ.02_108,02] Da der Prophet es leicht
erkennt, daß dies ein Licht aus den Himmeln ist, das sich allzeit in klar
vernehmbaren Worten ausspricht, so darf der sohin fertige Prophet dann nur mit
der Stimme seines Mundes laut nachsprechen, was er in seinem Herzen klar und
deutlich vernimmt, und er prophezeit dann schon im vollendet prophetischen
Maße!
[GEJ.02_108,03] Wenn es nun notwendig ist, so
wird des Propheten Wille von Gott aus angetrieben, das zu reden zu dem Volke,
und desgleichen zu tun vor demselben, was er in seinem Herzen vernimmt, – und
solches heißt dann eine vollwahre Prophezeiung oder Weissagung und ist
ebensogut reines Gotteswort, als hätte Gott Selbst unmittelbar aus Seinem Munde
zu den Menschen geredet.
[GEJ.02_108,04] Aber darum gilt ein solcher
Prophet um kein Haar mehr vor Gott als jeder andere Mensch, dem diese Gabe ganz
mangelt; denn der Prophet muß dann aus seinem höchst eigenen Willen ebenfalls
das tun, was der Geist Gottes durch sein Herz und durch seinen Mund zu den
Menschen geredet hat, sonst kommt über ihn so gut ein Gericht wie über jeden,
der den Willen Gottes vernimmt, aber nicht danach tut, – und es ist da ein
Prophet schlimmer daran denn ein anderer Mensch. So ein anderer in der Schwäche
und Nacht seiner Seele es schwer glaubt, was der Prophet zu ihm spricht, so
wird er ein minderes Gericht zu bestehen haben, dieweil er nicht glauben
mochte, was der Prophet zu ihm geredet hat; aber für den Propheten selbst gibt
es keine Entschuldigung, sowie auch für den nicht, der da geglaubt hat und
dennoch aus Liebe zur Welt und deren Schätzen nicht tat, was ihm vom Propheten
zu tun geboten ward.
[GEJ.02_108,05] Jedoch aber wird der Lohn
eines Propheten dereinst größer sein denn der eines andern Menschen; denn ein
Prophet muß allzeit siebenfach soviel tragen als ein jeder andere Mensch für
sich. Alle, zu denen ein Prophet geredet hat, werden jenseits, die Guten wie
die Schlechten, ihm übergeben, und er wird sie in Meinem Namen richten über
jegliches Wort, das er vergeblich zu ihnen geredet hat!
[GEJ.02_108,06] Wer aber einen rechten
Propheten aufnimmt in Meinem Namen und im Namen des Propheten selbst und
verpflegt ihn und ist dessen Freund, der wird dereinst auch eines Propheten
Lohn überkommen. Und wer einen Propheten unterstützt, daß es dem Propheten
leichter geschieht in seiner schweren Arbeit, der wird auch eines Propheten
Lohn überkommen; denn jenseits wird der Knecht des Propheten auf gleicher Stufe
stehen neben dem Propheten und wird mithin richten die dem Propheten
untergebenen Geister und herrschen über sie immerdar, und seines Reiches wird
für ewig nimmer ein Ende sein!
[GEJ.02_108,07] Wehe aber denen, die einen
Propheten verlassen der Welt wegen oder ihn gar verdächtigen hie und da und in
einem und dem andern! Und noch mehr Wehe den Verfolgern eines Propheten; denn
diese werden schwerlich ewig je zur Anschauung Gottes gelangen! Wer aber an
einen Propheten die Hand legt, soll mit dem ewigen Feuer in der untersten Hölle
bestraft werden! Denn eines Propheten Herz ist Gottes, und sein Mund ist
Gottes, und so seine Hände, Füße, Augen und Ohren! Wo ein Prophet ist, da ist auch
Gott; darum sollt ihr seine Wohnstätte mit tiefer Ehrfurcht betreten, denn der
Ort, da er steht, ist heilig. Das soll beachtet sein im Herzen, zwar nicht des
Propheten willen, der ein Mensch ist, sondern um Gottes willen, der im Herzen
des Propheten redet und zeugt.
[GEJ.02_108,08] Daß aber ein rechter Prophet
für die Welt nur ein Gericht ums andere verkündet, hat seinen Grund ganz
einfach darin, weil Gott nur dann einen Propheten erweckt, wenn diese (d.i.:
die Welt) Gottes vergessen und sich in alle Laster eben der Welt hineingestürzt
hat!
[GEJ.02_108,09] Sage Mir nun, Ebahl, ob du
nun über das Wesen eines rechten Propheten im reinen bist!“
[GEJ.02_108,10] Sagt Ebahl: „Vollkommen, du
mein überaus hochgeachteter Meister! Du bist demnach aber doch sicher auch ein
Prophet!?“
[GEJ.02_108,11] Sage Ich: „Ich bin kein
Prophet; denn es steht geschrieben: ,Aus Galiläa steht kein Prophet auf!‘ Aber
Ich bin mehr denn ein Prophet! Denn in Meiner Brust wohnt ebenderselbe Geist,
der durch den Mund der Propheten geredet hat und hinfort noch viel mehr reden
wird. Denn die in der Folge Meinen Namen vollgläubig in ihrem Herzen tragen
werden, denen wird auch der Geist der Weissagung innewohnen! Verstehst du
solches?“
[GEJ.02_108,12] Sagt Ebahl: „Herr und
Meister! Mir kommt es vor, daß so wie du kein gewöhnlicher Mensch reden kann!
Hinter dir steckt ein anderer, den dein Rock und deine Haut vor unsern Augen
verbirgt!“
109. Kapitel
[GEJ.02_109,01] Während Ebahl, dem schon ein
anderes Licht aufzugehen beginnt, noch so fort ratschlagt, kommt auch schon der
Hauptmann wieder zurück und erzählt voll Freude und Verwunderung, wie er alles
in der besten Ordnung angetroffen habe, und wie sich seine Unterkommandanten
gewundert hätten, als er nach ihrer Aussage zum zweiten Male gekommen sei und
gefragt habe, ob wohl alles in Ordnung sei, indem er doch um eine halbe Stunde
zuvor selbst alles aufs beste bestellt und geordnet hätte! Er aber habe sich
damit wieder herausgeputzt, daß er vorgab, hiermit nur eine kluge Nachrevision
angestellt zu haben, womit denn auch alle ohne weitere Fragen vollkommen
befriedigt waren.
[GEJ.02_109,02] Mich aber fragte er darauf
höchst wißbegierig, wer denn sonach sein zweites Ich gewesen wäre, das seine
Arbeit gar so lobenswert an seiner Statt verrichtet habe.
[GEJ.02_109,03] Sage Ich: „Habe Ich dir ja
doch zuvor gesagt, daß Mir alle Mächte der Himmel und die Kräfte dieser Erde in
jedem Augenblick zu Gebote stehen; du aber mochtest es nicht glauben! Nun aber
wirst du es hoffentlich wohl glauben, daß Ich ewig keinen Tod zu fürchten habe,
und daß auch Ich ein Herr bin, der etwas zu reden und zu gebieten hat!“
[GEJ.02_109,04] Sagt der Hauptmann: „Ja, Herr
und Meister, du mußt ein Gott sein! Und es erscheint mir unsere römische
Gotteslehre eben nicht mehr so fabelhaft wie ehedem; denn ich habe nun an dir
ja die vollkommen lebendigste Überzeugung, daß dann und wann denn doch ein Gott
seine Himmel verlassen hat und eine Zeitlang bald in der und bald in einer
andern Art sich den sterblichen Kindern gezeigt und sie mit allerlei geistigen
und irdischen Schätzen bereichert hat, auf daß die Sterblichen die sonst wüste
Erde also kultivierten, daß sie dereinst auch ein Wohnsitz für unsterbliche
Götter würde! – Habe ich recht oder nicht?“
[GEJ.02_109,05] Sage Ich: „Das ist nichts als
eine eitel leere Dichtung, die recht heidnisch zart klingt, aber kein Fünklein
von einer Wahrheit in sich enthält in der Art, wie du sie verstehst.
[GEJ.02_109,06] Ah, wenn du aber unter der
,Erde‘ die Erkenntnisse und den Willen der Menschen verstehst, dann könntest du
wenigstens in einer der Wahrheit gut entsprechenden Art und Weise recht haben;
aber Götter, die nicht und nirgends sind, haben wohl nie irgendwo der Erde
Boden betreten. Jene Menschen, durch deren Mund der Geist Gottes zu den Menschen
der Erde geredet hat, und durch deren Willen gar oft und gar viele Wunder
geschehen sind, waren keine Götter, sondern Propheten, an und für sich
gleichsogut Menschen wie du, und sind auch gestorben dem Fleische nach, – aber
freilich der Seele und dem Geiste nach nicht.
[GEJ.02_109,07] In Mir aber betritt der Geist
Gottes nun zum ersten Male diese Erde! Das ist derselbe Geist, von dem alle die
Urväter und alle die alten Weisen und alle die Propheten oft und oft in ihren
reinen Gesichten geweissagt haben.“
[GEJ.02_109,08] Während Ich aber solches zum
erstaunten Hauptmanne redete, kam ein Diener ins Zimmer und sagte, daß draußen
im Freien schon wieder eine Menge Kranker auf die Hilfe harreten, und ob Ich
ihnen helfen möchte.
[GEJ.02_109,09] Sage Ich zum Diener: „So geh
hinaus und sage ihnen, daß sie getrost in ihre Heimat ziehen sollen!“
[GEJ.02_109,10] Und der Diener begab sich
eiligst hinaus und erstaunte nicht wenig, als er alle, die ehedem vor dem
Hausflur jammerten und wehklagten, heiter, munter und fröhlich, Gott lobend,
untereinander hin- und herwandelnd erblickte. Nach einer Weile erst sagte er zu
den Geheilten das, was Ich ihm zu sagen gebot – und die Geheilten zogen in ihre
Heimat.
[GEJ.02_109,11] Es ward aber darauf und
darüber noch bei zwei Stunden lang geredet, das mit dem, was man schon bei der
früheren Heilung geredet hatte, von ein und demselben Geiste war und darum hier
füglich übergangen werden kann. Wir nahmen während des Geredes Brot und Wein
und begaben uns darauf zur Ruhe.
110. Kapitel
[GEJ.02_110,01] Am nächsten Tage schon früh
morgens war der ganze Platz schon wieder vollgefüllt von allerlei Kranken.
[GEJ.02_110,02] Ebahl kam zu Mir und bat
Mich, daß Ich ihm helfe; denn sie verstellten den Platz vor seinem Hause schon
derart, daß da kein Mensch mehr aus- und eingehen könne. Er habe auch schon den
Hauptmann draußen gesehen, der ins Haus möchte, aber durch die Menge der dicht
aneinandergereihten Kranken nicht durchzudringen vermöge!
[GEJ.02_110,03] Da begab Ich Mich an die
Hausflur, hob Meine Hände über die Kranken, – und sie wurden alle auf einmal
gesund, schrien vor Freude und lobten und priesen Gott in der Höhe, der dem
Menschen solche Macht gäbe!
[GEJ.02_110,04] Ich aber gebot ihnen zu
schweigen und sich nach Hause zu begeben und fortan zu meiden die Sünde! Und
sie gehorchten alle und zogen heim.
[GEJ.02_110,05] Darauf aber sagte Ich zu
Ebahl: So noch den Tag hindurch mehrere hier Hilfe suchen kämen, so sollen sie
sich nicht auf der Straße, sondern auf der über der Straße liegenden großen
Wiese lagern, dort werde ihnen geholfen sein; die sich aber auf der offenen
Straße lagern würden, denen soll nicht geholfen werden! – Darauf segnete Ich
die Wiese, worauf dann ein jeder, der als Kranker die Wiese betrat, sogleich
gesund ward.
[GEJ.02_110,06] Es kamen aber an diesem Tage
aus allen Städten, Märkten und Dörfern mehrere hundert Kranke, und darunter war
nicht einer, der nicht geheilt worden wäre.
[GEJ.02_110,07] Die beiden Essäer machten von
Stunde zu Stunde größere Augen, und die etlichen Pharisäer und Schriftgelehrten
ärgerten sich auch von Stunde zu Stunde mehr, da ihr Ansehen eben auch von
Stunde zu Stunde sich bis auf nichts verringerte; denn sie wurden gar nicht
mehr angesehen und um nichts befragt, und des Ebahls Leute gaben ihnen hin und
wieder sogar zu verstehen, daß sie im Hause nun vollends überflüssig seien und,
da die Zeit schön sei, sie wohl nach Jerusalem ziehen könnten. – Aber sie
nahmen solchen Rat nicht an, sondern blieben allhier.
[GEJ.02_110,08] Nach einer Weile trat einer
der Pharisäer zu Mir und fragte Mich, ob diese Wiese fortan diesen Charakter
behalten werde.
[GEJ.02_110,09] Sagte Ich: „Nur den heutigen
Tag über, bis zum Untergange!“
[GEJ.02_110,10] Spricht der Pharisäer: „Warum
denn nicht für immer?“
[GEJ.02_110,11] Sage Ich: „Weil es gewisse
Menschen gibt, die eine solche Wiese nur zu bald und zu hoch einfrieden würden
und dann von denen, die gesund werden möchten, viel Gold und Silber verlangen
würden; und da Ich solches nicht will, so bleibt diese Wiese nur bis heute abend
heilbringend, dieweil der Zudrang der Menschen zu groß ist. – Morgen, wo wenige
der Heilung wegen hierherkommen werden, sollen sie durch ihren Glauben und
durch ihr Vertrauen geheilt werden!“
[GEJ.02_110,12] Auf diese Erklärung kehrten
Mir die Frager voll Ärger den Rücken und fragten Mich den ganzen Tag über um
nichts mehr; dafür aber gaben sich die beiden Essäer desto emsiger mit Mir ab.
[GEJ.02_110,13] Der Hauptmann ward darob über
die Essäer schon ärgerlich und hätte ihnen gerne gesagt, daß sie sich mit Mir
wohl schon zur Genüge werden besprochen haben; aber er hielt sich Mir zuliebe
dennoch mit aller Gewalt zurück.
[GEJ.02_110,14] Nachmittags verwies Ich die
beiden aber an den Matthäus und an Meine andern Jünger, unter denen sie bald
den Bartholomäus fanden und an ihm eine große Freude hatten, da er bekanntlich
auch ein Essäer war. Mit den Jüngern besprachen sich die beiden dann bis
Mitternacht über Meine Lehren, Meine Taten und über Meine göttliche Wesenheit.
[GEJ.02_110,15] Ich aber machte nachmittags
mit dem Hauptmann und mit Ebahl und seiner Familie einen Ausgang an das Meer,
wo die acht Schiffsknechte das Schiff bedienten und dasselbe, weil es hie und
da schon etwas schadhaft war, recht gut und mit allem Fleiße ausbesserten. Als
wir zu ihnen kamen, hatten sie eine große Freude und erzählten dem Hauptmanne,
wie Ich auf dem Wasser gegangen sei. Denn diese Erscheinung ging den achten gar
nicht aus dem Kopfe und aus dem Gemüt.
[GEJ.02_110,16] Als der Hauptmann solches
vernahm, fragte er Mich, wie denn das möglich sei.
[GEJ.02_110,17] Sagte Ich zu ihm: „Ich habe
dir's ja gestern erzählt, welche Mächte Mir untertan sind und Mir dienen
müssen! Wie magst du hernach fragen? Übrigens, so du dich getrauest, deine Füße
aufs Wasser zu setzen, und Ich es will, so wirst auch du darauf umherwandeln
können, solange Ich es will! Wenn es euch allen beliebt, so wollen wir gleich
einen Versuch machen! Aber ihr müßt keinen Zweifel haben, sondern ihr müßt Mir
ganz beherzt und mutig folgen!“
[GEJ.02_110,18] Sagt der Hauptmann: „Es wäre
alles recht, wenn nur das Meer hier beim Ufer nicht gleich so tief wäre! Die
längste Strecke von hier nach oben und unten geht es gleich senkrecht in die
beinahe unergründliche Tiefe hinab! Es dürfte einem der erste Tritt
möglicherweise denn doch mißlingen, – und man wäre da unten, wo die großen
Molche und Salamander hausen!“
[GEJ.02_110,19] „Kleingläubiger“, sagte Ich,
„meinst du denn, daß Ich es wagen möchte, tollkühn zu sein, wenn Ich nicht
wüßte, wer Ich bin, und wer alles Meinem Willen untertan sein muß? – Wer von
euch Mut und Glauben hat, der folge Mir!“
[GEJ.02_110,20] Hierauf trat Ich auf des
Meeres Fläche, – und sie trug Mich wie festes Land. Also schritt Ich zehn
Schritte vom Ufer, wandte Mich um und lud die Gesellschaft ein, zu Mir zu
kommen; aber sie getrauten sich nicht.
[GEJ.02_110,21] Da berief Ich das jüngste,
zwölf Jahre alte Töchterchen des Ebahl, und das Mägdlein bekam Mut und setzte
am Anfange den ersten Fuß ganz behutsam aufs Wasser. Als sie sich aber
überzeugt hatte, daß das Wasser nicht wich, sondern dem Fuße so gut Widerstand
leistete wie ein Steinboden, da fing sie gleich an, ganz munter zu Mir
hinzuhüpfen, und hatte eine große Freude daran, daß das Wasser sie trug!
[GEJ.02_110,22] Nach dem Mädchen versuchten
es denn auch die andern, bis auf den Hauptmann, und alle befanden sich recht
wohl und munter auf dem nun freilich sehr ruhigen Wasserspiegel.
[GEJ.02_110,23] Der Hauptmann fragte Mich,
voll Staunen und nun doch schon halb mutig: „Wie würde es denn dann gehen, wenn
ein Sturm käme?“
[GEJ.02_110,24] Sage Ich: „Komm und überzeuge
dich!“
[GEJ.02_110,25] Endlich versuchte auch der
Hauptmann, einen Fuß auf das Wasser zu setzen, und da er sich überzeugte, daß das
Wasser nicht wich, so setzte er endlich ganz behutsam auch den zweiten nach,
ging, sich sehr leicht machend mit zurückgehaltenem Atem, die zehn Schritte zu
Mir hin und war ganz glücklich, bei Mir auf einem, nie auf diese Weise
betretenen Boden zu stehen.
[GEJ.02_110,26] Ich aber sagte: „Nun, da ihr
überzeugt seid, daß den Festgläubigen auch das Wasser ein fester Boden ist, so
wollen wir nun unsere Lustwandelschaft weiter fortsetzen!“
[GEJ.02_110,27] Der Hauptmann wäre zwar
lieber auf den festen Boden des Ufers zurückgegangen; aber die überaus munteren
sechs Töchter des Ebahl flößten ihm durch ihr munteres Hin- und Herlaufen Mut
ein, so daß er dann auch mit uns bei fünftausend Schritte weit hinaus auf die
schon ziemlich hohe See wandelte.
[GEJ.02_110,28] Da erhob sich aber ein
ziemlich heftiger Wind und fing an, starke Wellen zu treiben. Es fing an, allen
bange zu werden, und der Hauptmann bat Mich, daß Ich umkehren möchte.
[GEJ.02_110,29] Aber Ich sagte: „Fürchte dich
nicht! Die Wellen kommen ja nur, um dich zu überzeugen, daß auch sie, samt dem
Winde, der sie treibt, Mir gehorchen müssen.“
[GEJ.02_110,30] Aber nach einer Weile, als
die Wellen stets mächtiger kamen, kehrte der Hauptmann um und lief, was er nur
laufen konnte, erreichte bald ganz wohlbehalten das Ufer und war nach mehreren
fieberhaften Leibesschüttlern überaus froh, wieder einen undurchsichtigen,
festen Boden unter seinen Füßen zu haben. – Wir aber gingen bald darauf auch
zurück und kamen zum erstaunten Hauptmann.
111. Kapitel
[GEJ.02_111,01] Als wir uns alle wieder am
Ufer befanden, da sprach der Hauptmann: „Herr, nun habe ich des Beweises in
größter Menge, daß du entweder der allerhöchste Gott Selbst, oder ein Sohn
desselben bist; denn das vermag kein Sterblicher!“
[GEJ.02_111,02] Darauf fielen alle vor Mir
auf ihre Knie und wollten anfangen, Mich anzubeten.
[GEJ.02_111,03] Aber Ich behieß sie, sich vom
Boden zu erheben, und sagte zu ihnen: „Höret, alles dessen bedarf Gott und Ich
nicht, sondern das allein wahre Gebet besteht in der aufrichtigen Liebe zu
Gott, dem Vater im Himmel, und gleichermaßen zu den Nebenmenschen, die eure
Nächsten sind. Alles andere Gebet hat vor Gott keinen Wert, und vor Mir auch
nicht.
[GEJ.02_111,04] Gott hat die Menschen auch
nie gelehrt, Ihn mit den Lippen zu verehren und die Herzen kalt zu halten. Aber
weil ein Samuel vor dem Volke laut gebetet hat, desgleichen mehrere Propheten,
und weil David Gott dem Herrn seine Psalmen und Salomo sein Hoheslied sang, so
kam das Volk zum leeren Lippengebet und zu den kalten Opfern.
[GEJ.02_111,05] Aber vor Gott ist solch ein
Beten und Opfern ein Greuel! Wer nicht im Herzen beten kann, der bete lieber
gar nicht, auf daß er sich vor Gott nicht unanständig gebärde! Füße, Hände,
Augen, Ohren und Lippen hat Gott dem Menschen nicht gegeben, daß er damit eitel
und leer beten solle, sondern allein das Herz!
[GEJ.02_111,06] Aber dennoch kann ein jeder
Mensch auch mit den Füßen, Händen, Augen, Ohren und Lippen beten; und zwar mit
den Füßen: wenn er hingeht zu den Armen und ihnen Hilfe und Trost bringt; mit
den Händen: wenn er den Notleidenden unter die Arme greift; mit den Augen: wenn
er gerne die Armen ansieht; mit den Ohren: wenn er gern und tatwillig Gottes
Wort anhört und dieselben vor den Bitten der Armen nicht verschließt; und am Ende
mit den Lippen: wenn er sich gerne tröstend mit den armen, verlassenen Witwen
und Waisen bespricht und für die Gefangenen nach seiner Macht und Kraft gern
ein gutes Wörtlein einlegt bei denen, die die Armen oft schuldlos
gefangenhalten, auf daß sie dieselben freiließen.
[GEJ.02_111,07] Also betet der Mensch mit den
Lippen auch, wenn er die Unwissenden belehrt und sie zum wahren Glauben, zur
rechten Erkenntnis Gottes und zu allerlei nützlicher Tugend beredet. Das alles
ist dann auch ein Gott höchst wohlgefälliges Gebet.
[GEJ.02_111,08] So ihr aber nun das wißt, da
tuet auch danach, – und ihr werdet an den Segnungen Gottes nie einen Mangel
haben! Denn das heißt dann: Gott im Geiste und in aller Wahrheit anbeten.
[GEJ.02_111,09] Es steht zwar wohl
geschrieben, daß der Mensch ohne Unterlaß beten soll, so er nicht in eine
Versuchung fallen will; wie läppisch und vollkommen närrisch aber wäre es, so
Gott von den Menschen ein unablässiges Lippengebet verlangen würde! Da müßten
denn die Menschen, um Gott wohlgefällig zu werden, Tag und Nacht in einem fort
auf den Knien liegen und unaufhörlich leere, herz- und sinnlose Lippengebete,
gleich den Vögeln in der Luft, herschnattern! Wann aber würden sie dann sonst
eine nötige Arbeit bestellen können? Aber so ihr mit Händen, Füßen, Augen,
Ohren und Lippen in einem fort also tätig seid und liebet in euren Herzen
allzeit Gott und eure armen Nächsten, so betet ihr wahr und in der Tat ohne
Unterlaß zu Gott, der euch darum auch allzeit segnen und euch darum auch
dereinst jenseits geben wird das allerglückseligste ewige Leben! – Habt ihr das
wohl alles verstanden?“
[GEJ.02_111,10] Sagen alle: „Ja, Herr und
Meister, das ist so klar und wahr, wie klar und wahr da ist das Licht der
Sonne, und wir werden alle danach tun!“
[GEJ.02_111,11] Sage Ich: „Gut denn, Meine
lieben Freunde, so lasset uns nun wieder in die Stadt heimziehen!“
[GEJ.02_111,12] Die acht Knechte aber behieß
Ebahl, daß einige von ihnen mitgehen sollten; und er werde ihnen Brot, Wein,
Fische und Früchte geben für ihren Unterhalt. – Da machen sich gleich sechs mit
auf den Weg, und Ebahl versieht sie mit allem reichlich.
112. Kapitel
[GEJ.02_112,01] Als wir ins Haus kamen, da
wollten die Kinder auch in Meiner Gesellschaft verbleiben.
[GEJ.02_112,02] Da aber Ebahl eine strenge
Hauszucht hielt, so verwies er, besonders den Mädchen und den beiden Weibern,
solches und sagte: „Ihr habt nun gesehen, erfahren und gehört genug; behaltet
das und tut danach, so werdet ihr nicht ohne Segen verbleiben, wie es euch der
Herr Selbst draußen am Meere verkündet hat. – Nun aber gehet wieder an eure
Arbeit!“
[GEJ.02_112,03] Die Mädchen und die beiden
Mütter beurlauben sich mit wehmütigem Herzen und begeben sich in ihre Gemächer,
deren das Haus Ebahls viele hatte; denn es war wohl das größte Haus in ganz
Genezareth.
[GEJ.02_112,04] Ich aber sage darauf zu
Ebahl: „Freund, warum schafftest du sie denn fort? Siehe, es ist wohl recht,
eine strenge und gute Hauszucht bei den Kindern zu halten, und sehr lobenswert
ist es, die Mädchen vor der Welt zu verwahren; aber siehe, hier, wo Ich bin,
ist keine gefahrdrohende Welt, sondern ein segenvollster Himmel nur, und den
sollst du deinen Kindlein nicht mißgönnen!“
[GEJ.02_112,05] Als Ebahl solches von Mir
vernahm, sagte er: „Oh, wenn sie nur Dir nicht lästig sind, so will ich sie
gleich wieder hierherbringen lassen! Aber meine Kinder gaffen und plaudern
gern, und so schaffte ich sie fort, auf daß sie Dir nicht lästig seien.“
[GEJ.02_112,06] Sage Ich: „Was auf der Welt
gäbe es, außer der großen Bosheit der Menschen, das Mir lästig werden könnte? –
Gehe und bringe sie alle wieder hierher!“
[GEJ.02_112,07] Ebahl ging und brachte sie
alle wieder zu Mir, und das jüngste Mägdlein setzte sich flugs zu Mir hin und
fing an, Mich zu kosen und zu herzen.
[GEJ.02_112,08] Ebahl aber verwies es ihr und
sagte, daß solches eine Unart wäre.
[GEJ.02_112,09] Ich aber sagte zu ihm:
„Freund, laß ihr das; denn sie hat sich schon den allerbesten Teil erwählt! Ich
sage es dir und euch allen: Wer nicht zu Mir kommt wie dies Mägdlein, wird den
Weg ins Reich Gottes nicht finden! Dieses aber hat ihn bereits gefunden! Mit
Liebe, und das mit heißester Liebe, müßt ihr zu Mir kommen, so ihr das ewige
Leben ernten wollet!
[GEJ.02_112,10] Dies Mägdlein beweist es in
der Tat, was es im Herzen fühlt; ihr aber machet kluge Reden und haltet kühl
euer Herz! Fällt es euch denn noch nicht bei, wer Ich sein könnte und auch
wirklich bin?“
[GEJ.02_112,11] Hier fallen alle nieder, und
Ebahl ergreift Meine Füße und küßet sie klein ab und sagt nach einer ganz von
Ehrfurcht verwirrten Weile: „Herr! Gefühlt habe ich es schon lange, nur fehlte
mir der Mut dazu!“
[GEJ.02_112,12] Sage Ich: „Nun, so strafe das
Mägdlein nicht, das euch allen den Mut machte, zu Mir aufs Wasser zu kommen!
Hier aber hat sie euch wieder den Mut gemacht, Mich zu lieben! Oh, dies
Mägdlein ist denn aber auch Mir überaus lieb! Es hat schon, was ihr noch zu
suchen habt und noch nicht sobald finden werdet! Bestrebet euch aber der
wahren, lebendigen Liebe zu Gott und dem Nächsten, so werdet ihr der Gnade und
des Segens in Fülle haben!“
[GEJ.02_112,13] Sagt der Hauptmann: „Herr,
ich habe außer zu meinem Weibe und meinen etlichen Kindern, die sich in Rom
befinden, nie eine Liebe zu jemandem gefühlt, handelte aber stets redlich nach Recht
und Billigkeit. Ich handhabte das Gesetz nie nach dessen Schärfe, sondern stets
mehr nach dessen Milde und bin dabei stets gut ausgekommen. Aber jetzt fühle
ich es, daß man die Menschen lieben und ihnen aus Liebe Gutes erweisen kann,
das heißt: Man kann selbst wollen, den Menschen nach Kraft und Möglichkeit das
angedeihen zu lassen, was man gegen sich selbst als recht und notwendig
erkennt, – und das ist Liebe zum Nächsten.
[GEJ.02_112,14] Nun, wenn man den Nächsten
also liebt, so liebt man dadurch ja auch schon Gott; bedenkt man aber bei der
Liebe zu Gott, daß Gott Selbst die erste und vollkommenste Liebe sein muß, der
zufolge allein Er die Sinnen- und Geisterwelt erschaffen hat, so muß dieser
klare Gedanke ja notwendig die höchste Liebe zu Gott dem Schöpfer im
geschaffenen Menschen erwecken, und der Mensch kann dann ja nicht mehr umhin,
Gott, als den liebevollsten Schöpfer aller Dinge, über alles aus allen Kräften,
die ihn beleben, zu lieben.
[GEJ.02_112,15] Da ich nun aber nach allem
dem, was ich von Dir die paar Tage hindurch gesehen und gehört habe, ohne allen
Zweifel annehme, daß Du entweder der Urschöpfer Selbst oder doch sicher Sein
Sohn von Ewigkeit her bist und Dich uns hier auf der Erde in unserer Form
zeigst und uns lehrst, Gott und Dich zu erkennen, so ist es ja eine notwendige
Folge, daß auch ich Dich über alles lieben muß. Habe ich auch den Mut nicht,
Dich so zu herzen wie dies wahrlich überzarte Mägdlein, so umarme ich Dich aber
dennoch im Herzen und preise Dich über alles! Und ich meine, daß es also auch
recht ist.“
[GEJ.02_112,16] Sage Ich: „Es ist ganz recht
also; aber besser ist es, wenn die Liebe also wächst wie bei diesem Mägdlein! –
Sehet sie nur an, ob sie nicht förmlich glüht vor Liebe zu Mir!“
113. Kapitel
[GEJ.02_113,01] Sagt die älteste Schwester,
die ein wenig die Eifersucht zu plagen begann: „Die Jarah war schon von jeher
sehr verliebter Natur und verliebte sich bald in alles, was ihr unterkam; was
Wunder, daß sie sich in einen so schönen Mann, wie du einer bist, bis zum Sterben
verliebt?! Das ist wahrlich keine gar so große Lebenskunst! Das könnte ich
auch; aber was würde es mir nützen, wenn dich die klein verliebte Jarah nun
ganz in Beschlag genommen hat?“
[GEJ.02_113,02] Sage Ich: „Siehe, du
eifersüchtige Schwester, hättest du je eine rechte Liebe in deinem Herzen
gehabt, so würdest du nun auch nicht also geredet haben! Weil du aber nie eine
rechte Liebe ob der Verzärtelung in dein Herz bekamst, so kannst du auch nicht
umhin, daß du eben also redest, wie du nun redest!
[GEJ.02_113,03] Siehe, die Jarah liebt – und
fragt nicht, ob sie wiedergeliebt wird! Freund und Feind sind ihr gleich; sie
ist ganz glückselig, daß sie nur alles mit Liebe umfassen kann. Daran zu denken
nur, ob auch sie geliebt werde, ist noch nie in ihren Sinn gekommen; sie liebt
dich und alle ihre Geschwister so wie ihre Eltern mehr, als sie von allen
geliebt wird! Sie steht in eurer Liebe aber als die letzte, was sie noch nie in
ihrer großen Liebe zu euch beirrt hat! Siehe, das heißt wahrhaft lieben!
[GEJ.02_113,04] Wenn du liebst, so willst du
dafür noch zehnmal mehr geliebt sein! Und wird dir die Liebe nicht also
erwidert, so wirst du voll Unmutes und voll allerlei Verdachtes in deinem von
Eigenliebe vollen Herzen!
[GEJ.02_113,05] Siehe dagegen die liebe Jarah
an, ob sie je noch auf Gegenliebe einen wie immer gearteten Anspruch gemacht
hat! Aus dem Grunde aber darf sie Mich denn nun auch lieben, was nur immer ihr
Herz vermag! Denn allein dieser zuliebe kam Ich hierher, und ihr zuliebe werde
Ich noch etliche Tage hier verweilen; und so habt ihr es alle diesem Mägdelein
zu verdanken, daß Ich hierher kam und eure Kranken, sowie den ganzen Ort
geheilt habe und hinfort noch mehrere Kranke heilen werde.
[GEJ.02_113,06] Denn wohin Ich komme, suche
Ich das Niederste und das Gedrückteste! Alles aber, was vor den Augen der Welt
groß und hochgeachtet ist, ist vor Gott ein Greuel! Bestrebet euch darum, so zu
sein, wie da ist die liebe Jarah, so werdet ihr Mir auch ebenso nahestehen wie
sie nun, geistig und leiblich, für zeitlich und dereinst für ewig!
[GEJ.02_113,07] So ihr aber jemand lobet, da
lobet den, der wahrhaftig ein Lob verdient! Wird der Belobte aber auf das Lob
eitel, dann lobet ihn nicht mehr; denn die Eitelkeit ist der Same zum Hochmut,
und dieser ist des Satans Geist!“
[GEJ.02_113,08] Sagt Ebahl: „Aber Herr, wenn
Du meine Jarah gar so auszeichnest vor ihren übrigen Geschwistern, ist es nicht
zu besorgen, daß sie eitel wird?“
[GEJ.02_113,09] Sage Ich: „Habe du nur darum
keine Sorge! Wer einmal Mich umfaßt hat, von dem ist jede Eitelkeit für ewig
gewichen! Jarah, sage es Mir, ob du darum dich nun für besser hältst als alle
deine Geschwister, dieweil Ich dich nun so ausschließlich liebhabe!?“
[GEJ.02_113,10] Sagt ganz schüchtern die
Jarah: „O Herr, Du mein einzig Geliebter, dafür kann ich nicht und meine
Schwester auch nicht! Ich möchte aber, daß Du meine fünf Schwestern noch lieber
hättest denn mich; denn sie sind ja viel schöner und viel gescheiter denn ich.
Mich haben sie ja immer die Häßliche und die Dumme genannt, was ich aber auch
recht wohl verdient habe; denn so schön bin ich sicher nicht wie sie, und – nun
ja – dumm bin ich wirklich auch. Aber ich bin ja noch jung und werde schon noch
gescheiter werden, wenn ich so alt werde, wie sie sind!
[GEJ.02_113,11] Oh, über meine lieben
Schwestern lasse ich nichts aufkommen; denn sie lehren mich ja allerlei
nützliche Dinge und haben mich alle recht lieb, aber ich liebe sie auch aus
allen meinen Seelen-Leibeskräften. Herr, mußt ihnen auch gut sein! Denn siehe,
ich fühle gleich ein starkes Herzeleid, so ich meine Geschwister in etwas
bekümmert ersehe; da möchte ich gleich wieder alles hergeben, daß nur meine
lieben Geschwister recht heiter und froh sein möchten!
[GEJ.02_113,12] Ich kann keinen Traurigen und
keinen Unglücklichen sehen; lieber möchte ich alle Traurigkeit und alles
Unglück auf mich nehmen, wenn dadurch nur alle Unglücklichen und Trauernden
glücklich, froh und heiter sein möchten! Darum sei Du, mein allerallerliebster
Herr Jesus, auch meinen Schwestern gleich so gut wie mir; denn sie verdienen es
ja auch!“
[GEJ.02_113,13] Sage Ich: „Ja – dir, Meine
allerallerliebste Jarah, kann Ich freilich nichts abschlagen! Deine Schwestern
sehen nun aber auch schon ein, warum Ich dich gar so liebhabe, und so sie dir
in ihren Herzen vollends gleichen werden, werde Ich sie auch so liebhaben wie
dich; sei du darum ganz unbesorgt!
[GEJ.02_113,14] Denn sieh, geradeso, wie du
keinen Unglücklichen und Trauernden sehen kannst, ohne den Wunsch, ihm zu
helfen, ist es auch bei Mir – nur in einem viel größeren Maße – der Wunsch und
mit ihm der allmächtige, feste Wille, jedem Menschen für Zeit und Ewigkeit zu
helfen!
[GEJ.02_113,15] Das Verlorene zu suchen, das
Kranke zu heilen, und alles, was da gefangen ist, zu erlösen, ist Mein Sinn, Meine
Absicht und Mein Wille; aber dennoch soll auch einem jeden Menschen sein
freiester Wille unverrückt belassen werden. – Sage Mir, du Meine allerliebste
Jarah, ob dir Meine Absicht nicht recht gut gefällt.“
114. Kapitel
[GEJ.02_114,01] Sagt Jarah: „Oh, wie sollte
sie mir nicht gefallen? Ich möchte es ja auch so machen, wenn ich es nur
könnte! Aber was nützt mir mein menschenfreundlicher Wille, wenn ich nicht
helfen kann? Ich kann dann nur, wenn es kleine Sachen sind, meine Eltern
bitten, daß sie den Armen und Notleidenden Hilfe schaffen möchten, und da bin
ich beinahe noch immer erhört worden, – freilich manchmal wohl auch dafür ein
wenig ausgezankt, weil ich gar so ein dumm-weiches Herz habe; aber darüber habe
ich mich nie gekränkt, – wenn dem Armen nur geholfen war.
[GEJ.02_114,02] Mit der Bitte zu Gott, dem
allmächtigen Herrn, aber ist es mir nicht immer so gut ergangen! Denn da habe
ich auch oft gebetet; und wenn ich schon glaubte, daß Gott meine Bitte sicher
erhören werde und ich dann hinging, um nachzusehen, ob mein kindliches Gebet
etwas gefruchtet habe, – da war nichts da! Es war alles noch beim alten Übel.
[GEJ.02_114,03] Ich ging dann freilich wieder
zu meinem Vater und fragte ihn, warum denn Gott der Allmächtige manchmal gar so
harthörig sei!
[GEJ.02_114,04] Da sagte mir der Vater, Gott
wisse, warum Er diesem oder jenem zu seinem Seelenheile ein längeres Leiden
sende, und bemesse sehr wohl die Zeit, wie lange dieser oder jener zu büßen
habe; und da nütze dann kein Gebet besonders, außer ein solcher Sünder hätte
sich schnell vollends bekehrt! Und sieh, ich war damit beruhigter; aber ich gab
darum das Bitten für den Armen nicht auf.
[GEJ.02_114,05] Aber manchmal erhörte mich
auch der liebe, große Gott schnell, und da hatte ich aber wohl auch die größte
Freude! Denn es gibt in dieser Welt für ein mitleidiges Herz wohl keine größere
Seligkeit, als zu erfahren, daß der große Gott sogar das Gebet eines fast noch
unmündigen Mägdleins erhört!
[GEJ.02_114,06] Und daß Du, o Herr, zu uns
gekommen bist, kommt mir auch fast so vor, als ob der große Gott mein Gebet
erhört hätte! Denn wir alle haben es von vielen, die hierhergekommen sind,
vernommen, daß in Nazareth und dessen Umgegend ein gewisser Zimmermann Jesus
gar so außerordentlich große, ja unerhörte Heilungen an den Kranken bewirke, ja
sogar die Toten wieder lebendig mache; die Blinden sähen, die Stocktauben
bekämen vollkommen ihr Gehör und die Stummen die Sprache wieder, die Lahmen und
Krüppel würden wieder gerade und ganz, – kurz, es gäbe gar keine Krankheit, die
er nicht augenblicklich heilete!
[GEJ.02_114,07] Anfangs hielten wir das für
eine Fabel; aber als immer wieder Leute zu uns kamen, sogar solche, die von
Jesus wunderbar geheilt worden waren, da fingen wir an zu glauben, daß es sich
wirklich also verhalten werde.
[GEJ.02_114,08] Da ergriff mich eine
überstarke Liebe zu diesem Manne, dem solches möglich, und ich bat dann den
lieben Gott tagtäglich so andächtig und vertrauensvoll, als es mir nur immer
möglich war, daß Er Dich zu uns führen möchte durch Seine Allmacht! Und siehe,
Gott hat mich richtig erhört und hat Dich zu uns gebracht!
[GEJ.02_114,09] Als es hieß, daß Du gekommen
seiest, ach, das ist unbeschreiblich, was ich da für eine Seligkeit empfunden
habe! O wie gerne, wenn ich nur den Mut gehabt hätte, wäre ich Dir um den Hals
gefallen! Aber ich mußte meinem Herzen, der Eltern und der Geschwister wegen,
einen großen Zwang antun. Heute aber ist die für mich gar zu unbeschreiblich
glückliche Zeit gekommen, bei Dir, dem Meister und Herrn, zu sitzen, den ich
schon, seit ich von Ihm das erste Wort gehört habe, über alle Maßen liebe.
[GEJ.02_114,10] Oh, jetzt bist Du da und ich
habe Dich und – o welch eine unbeschreibliche Seligkeit! – darf Dich lieben und
werde auch von Dir geliebt. Oh, nun dürften wohl selbst die vollkommensten
Engel im Himmel nicht seliger sein, als ich's nun bin! – Aber Du darfst uns nun
auch nimmer verlassen; denn da müßte ich wohl sterben vor zu großer
Traurigkeit!“
[GEJ.02_114,11] Sage Ich: „Nein, nein, du
Mein Herz! Dich verlasse Ich ewig nimmer und sage dir auch, daß du den Tod
weder sehen noch fühlen wirst; Meine Engel werden dich von dieser Welt dereinst
holen und werden dich bringen zu Mir, deinem Vater von Ewigkeit! Denn sieh, du
Meine allerallerliebste Jarah, zu Dem du um Meine Hierherkunft gar so herzlich
gebetet hast, Der sitzet nun in Meiner Person bei dir und liebt dich mit all
der rein göttlichsten Flamme aller Himmel, und du hattest recht zu sagen, daß
du seliger bist denn die vollkommensten Engel aller Himmel! – Hebe deine Augen
auf, und du wirst es sehen, daß es also ist, wie Ich es dir nun gesagt habe!“
115. Kapitel
[GEJ.02_115,01] Hier hebt die lieblichste
Jarah ihre schönen himmelblauen Augen auf zu den Himmeln und schauet wie eine
Verklärte, voll der höchsten Entzückung, in die Tiefen der ihren Augen
geöffneten Himmel. Nach einer ziemlich geraumen Weile erst fängt sie an, mit
einer himmlisch reinen und sanften Stimme mehr zu stammeln als zu reden
folgendermaßen: „Ah, ah, ah, o Du großer, überheiliger Gott! Welch endlos
unbeschreiblich Entzückendes sehe ich nun! Die endlos großen Himmel sind
angefüllt von den seligsten Engeln! O wie endlos selig müssen sie sein! Aber
die arme Jarah ist dennoch seliger! Denn der ewige Thron in der großen Mitte
der endlos weiten Himmel, um den zahllose Scharen der Engel auf sonnenlichten
Wolken knien und in einem fort rufen: ,Heilig ist Der, dessen Thron hier
stehet! O freuet euch ihr Ewigkeiten, bald wird Er auf der Erde das nie zu
beschreibende große Werk vollendet haben und wird kommen und einnehmen diesen
Thron der Herrlichkeit Gottes!‘, ist leer; Der aber darauf zu sitzen allein das
ewige Recht hat, sitzet nun als Mensch hier bei der armen Jarah! Oh, so lobet
und preiset Ihn; denn Sein ist der ewige Thron aller göttlichen Macht und
Herrlichkeit!“
[GEJ.02_115,02] Nach diesen Worten sinkt sie
an Meine Brust, nachdem ihr das Gesicht wieder benommen ward, und sagt: „O Du
großer Alleinheiliger! Verstoße mich arme, schwache Jarah, darum ich Dich über
alles das, was ich nun gesehen habe, gleichfort zu lieben wage! Aber ich kann
ja nicht dafür, daß mein Herz Dich stets mehr liebt!“
[GEJ.02_115,03] Sage Ich: „Ja, du Mein
Herzchen, siehe, darum habe Ich dir ja Meine Herrlichkeit und Mein Reich
gezeigt, weil Ich will, daß du Mich noch immer mehr und mehr lieben sollst!
Liebe du Mich darum fest darauf los; denn solche Liebe wird dir keinen Schaden
bringen!“
[GEJ.02_115,04] Die Jarah umklammert Mich
darauf mit beiden Händen und drückt Mich so fest als möglich an ihr Herz, und
Ich sage darauf zu den, ganz stumm vor Erstaunen, Umstehenden: „Da sehet und
nehmt euch alle ein Exempel daran! Dies Mägdlein, erst zwölf Jahre alt, bezeigt
Mir eine Liebe, wie Mir so etwas in ganz Israel noch nicht vorgekommen ist;
aber der Mich so liebt wie diese, dem werde auch Ich geben, daß er dann in
Fülle haben wird, was die Welt noch nicht gehabt und Israel nie gefühlet und
geschmecket hat!“
[GEJ.02_115,05] Nach dieser über die Maßen
erbaulichen Szene, die bei einer guten Stunde angedauert hatte, kamen die
Diener Ebahls und fragten, ob es an der Zeit wäre, das Nachtmahl
hereinzubringen.
[GEJ.02_115,06] Sagt Ebahl: „Wenn es unserem
Herrn Jesus genehm ist, dann bringet es!“
[GEJ.02_115,07] Sage Ich: „Bringet, was ihr
habt! Denn die Liebe gibt und genießt, und Ich will auch genießen, was Ich
gegeben habe! Aber Meine liebste Speise ist hier dies Mägdlein; denn sie gibt
Mir, was Mir die Ewigkeit noch nicht gegeben hat und auch nicht geben konnte!“
[GEJ.02_115,08] Da entfernen sich die Diener,
um die bereiteten Speisen hereinzubringen. Aber sie machen ganz entsetzlich
große Augen, als von ihren bereiteten Speisen nichts mehr vorhanden ist, aber
dafür die Speisekammer voll von den besten und seltensten Speisen und von den
edelsten Früchten und voll des allerbesten Weines gefüllt ist. Sie kommen bald
wieder und erzählen mit verwunderungsvollem Eifer, was sich, während sie hier
fragten, in der Küche alles zugetragen hatte; und sie fragen weiter, ob sie die
neuen Speisen hereinbringen oder ob sie frisch zu kochen anfangen sollen.
[GEJ.02_115,09] Ich sage: „Was in der
Speisekammer ist, das bringet herein; denn heute seid ihr alle Meine Gäste!
Meinen Jüngern, den zwei Essäern und den Pharisäern aber sind schon die von
euch bereiteten Speisen überbracht worden. Störet sie nicht; denn sie haben
heute in Meinem Namen noch ein großes Geschäft, das ihre Kräfte bis nach
Mitternacht sehr in Anspruch nehmen wird.“ – Darauf gingen die Diener zu holen
die himmlische Kost.
[GEJ.02_115,10] Ebahl und der Hauptmann aber
sagten überfrohen Mutes: „Herr, nun nehmen uns dergleichen Erscheinungen gar
nicht mehr wunder, da wir nun schon nur zu klar einsehen, daß Du der Herr bist,
dem kein Ding unmöglich ist! Uns bleibt nichts als die große Frage übrig:
,Wodurch, Herr, haben wir uns solcher Gnade würdig gemacht?‘ Aber nun kommen
schon die Speisen aus den Himmeln! Nach dem Mahle wollen wir darüber
weiterreden!“
[GEJ.02_115,11] Die Speisen werden auf den
Tisch gesetzt, die Danksagung wird dargebracht, und alles greift auf Mein Geheiß
mutig zu und ißt und trinkt. Und der Hauptmann sagt, daß er noch nie solch
wahrhaft himmlisch wohlschmeckende Gerichte gegessen und noch nie einen so
köstlichen Wein getrunken habe. Auch Meine Jarah läßt sich's gut schmecken und
sagt auch, daß so etwas Wohlschmeckendes noch nie ihren Gaumen berührt und
ihren Magen nie etwas so befriedigt habe. Kurz, alle können den Wohlgeschmack
der Speisen nicht genug rühmen und fangen an, laut Mich und den guten Vater im
Himmel zu loben.
116. Kapitel
[GEJ.02_116,01] Ich aber sage zu ihnen: „Wohl
euch allen, daß ihr glaubet, daß des Menschen Sohn vom Vater im Himmel
ausgegangen und gekommen ist in diese Welt, aufzurichten das Gefallene und zu
erlösen das Gefangene! Aber nehmet euch alle wohl in acht, daß ihr von allem
dem, was ihr nun als besondere Zeichen von Mir gesehen habt, niemandem etwas
kundtuet; denn solches wäre von doppeltem Übel!
[GEJ.02_116,02] Die Hälfte, die solches
vernähme, würde sich ärgern und das Vernommene nicht nur nicht glauben, sondern
euch dazu noch als Narren erklären und euch allenthalben Übles nachreden; denn
ein Blinder ist in seiner Wut gefährlicher als hundert Sehende! Die andere
Hälfte dagegen würde eure Aussagen zu leichtgläubig annehmen und sich im
Handeln endlich selbst solche Fesseln anlegen, daß sie darauf gar keiner freien
Handlung mehr fähig wäre. Und dies hieße, den freien Geist des Menschen töten!
[GEJ.02_116,03] Die Lehren aber, die ihr
vernommen habt, teilet euren Freunden und Bekannten mit; denn Meine Worte sind
ewige Wahrheit, die allein jeden Menschen frei machen kann, der sie in sich
aufnimmt, sie zu seiner Lebensrichtschnur macht und dadurch erkennt, daß sie
eine ewige Wahrheit aus Gott ist, die da ist und war und allzeit sein wird das
Sein und das ewige Leben jedes Menschen, der solche lebendig in sich hat.
[GEJ.02_116,04] Aber leider wird es viele
geben, die solche Wahrheit nicht werden hören und annehmen wollen und sie
verfolgen werden, als wäre sie ein Feind. Und andere wieder werden aus Furcht vor
den Mächtigen der Erde sie fliehen, als wäre sie eine tödliche Pest. Aber die
das tun werden, die werden das ewige Leben in sich nicht überkommen, sondern
ihr Anteil wird sein der ewige Tod!
[GEJ.02_116,05] Wer das Leben des Leibes
liebhat und es um jeden Preis zu erhalten strebt, der wird mit dem bald
endenden Leben des Leibes auch das ewige Leben der Seele verlieren! Wer aber
das Leibesleben flieht, der wird das ewige Leben der Seele gewinnen! – Dieses
merkt euch wohl! Wer da aber noch etwas zu fragen hat, der frage! Ich werde ihm
antworten.“
[GEJ.02_116,06] Sagt der Hauptmann: „Herr und
Meister, was sollen wir Dich um weiteres fragen!? Wer Du bist, das wissen und
fühlen wir! Was wir zu tun haben, wissen wir auch und sehen davon auch die
Notwendigkeit ein! Wir wissen es auch und empfinden es tief in uns, daß Du das
ewige Leben hast und dasselbe jedem Menschen geben kannst und geben wirst, so
er nach Deinem Worte lebt und handelt! Mehr zu wissen aber wäre für uns
Menschen unnötig, und um so mehr, da wir in Deinem Namen – wie mir einer Deiner
Jünger auf das lebendigste versichert hat – ohnehin im lebendigen Glauben sogar
die Kranken heilen können!
[GEJ.02_116,07] Wir sind Dir für solche
unerwartete und ewig unverdiente Gnade und Erbarmung ewigen Dank schuldig, und
wir geben dir die treueste Versicherung, daß Du Dir in unseren dankerfüllten
Herzen ein ewiges Gedächtnismal errichtet hast, das der Hölle Macht und aller
Zeiten Stürme nimmer verwischen werden! – Und so meine ich, daß wir uns nun, da
es schon ziemlich spät in der Nacht geworden ist, zur Ruhe begeben sollen. Aber
ich dringe nicht darauf, obschon ich für meine Person noch einmal werde
nachsehen müssen, wie es mit meiner Mannschaft steht.“
[GEJ.02_116,08] Sage Ich: „Laß das gut sein!
Denn da ist, so wie gestern, alles in der besten Ordnung! Ich aber will heute
noch bis über die Mitte der Nacht wachen; denn ihr werdet euch überzeugen, daß
unser Wachbleiben kein vergebliches sein wird. Es werden heute noch Reisende
aus Jerusalem und darunter Pharisäer und Schriftgelehrte ankommen und uns so
manches zu tun machen.“
[GEJ.02_116,09] Sagt Ebahl: „Oh, das ist sehr
fatal; die könnten wohl füglich ausbleiben! Dergleichen Gäste sind mir stets
die unangenehmsten; denn von denen verlangt einer soviel Aufmerksamkeit wie von
sonst woher hundert Fremde, die ihre Pflege bezahlen, während diese alles
umsonst haben wollen und am Ende noch mit nichts zufrieden sind, besonders,
wenn sie vom Tempel aus beweislich von Amts wegen reisen! Ach, Herr, da hast Du
mir wahrlich nichts Erfreuliches gesagt! – Ei, ei! Was soll denn da nun
vorbereitlich geschehen?“
[GEJ.02_116,10] Sage Ich: „Sorge dich nicht!
Die Speisekammer und der Keller sind voll; für Nachtlager für Hunderte ist in
diesem Hause auch schon lange gesorgt, und mehr braucht es nicht. Sie sind von
Jerusalem Meinetwegen abgesandt nach Nazareth; da sie Mich aber hier finden
werden, so werden sie nach Nazareth nicht kommen. Ihr werdet euch morgen alle
ärgern über sie; aber es soll ihnen von Mir reiner Wein eingeschenkt werden,
daß sie darob vor Galle und Ärger noch morgen diesen Ort verlassen werden!“
[GEJ.02_116,11] Sagt Ebahl: „Dann aber haben
wir den Teufel am Halse! Denn diese werden uns dann im Tempel ein Zeugnis
geben, daß es ein Jammer und eine Schande sein wird!“
[GEJ.02_116,12] Sage Ich: „Dafür wird gesorgt
sein, daß sie daheim nicht viel reden werden!“ – Auf diese Meine Erklärung
tritt eine Pause ein, in der alles, was sich in dem Gemache befand, sich ganz
still und ruhig verhielt und allein im Herzen beschäftigt war.
117. Kapitel
[GEJ.02_117,01] Aber nach einigen
Augenblicken Zeit ward es vor dem Hause lebendig. Man vernahm Stimmen von
allerlei Zungen, zugleich fingen die Hunde des Nachbars, der ein Grieche war,
an, stark anzuschlagen, und Ebahl sagte: „O weh, nun werden die Angesagten wohl
schon da sein!“
[GEJ.02_117,02] Sage Ich: „Noch nicht! Das
sind Kranke (Matth.14,35); aber es wird nicht mehr lange dauern, so werden auch
die Angesagten hier eintreffen! Die Kranken jedoch sollen bis morgen harren;
denn für heute sind ihrer genug geheilt worden. Gehe aber dennoch hinaus und
laß sie alle, die hier angekommen sind, in eine Herberge bringen, und gib
denen, die es hungert und dürstet, etwas zu essen und zu trinken!“
[GEJ.02_117,03] Auf diese Meine Worte begibt
sich Ebahl sogleich mit seinen herbeigerufenen Hausdienern in seines Hauses
großen Hofraum und findet denselben nahezu voll von allerlei Kranken, darunter
viele Griechen, Römer und Ägypter. Alle diese verlangten zu Mir zu kommen, auf
daß Ich sie heilte und gesund machte.
[GEJ.02_117,04] Ebahl aber wies ihnen eine
Herberge an und ließ sie verpflegen, jegliches nach seiner Notdurft. Nach
diesem Geschäfte kam er wieder in unseren Saal und sagte: „Dem Herrn alles Lob!
Diese wären für heute versorgt und haben mir sehr wenig Mühe und Arbeit
verursacht; wenn nur die angesagten Wichte aus Jerusalem auch schon in gleichem
Maße versorgt wären! Aber da wird's nicht so leicht herabzukommen sein!“
[GEJ.02_117,05] Während Ebahl, der der
ankommenden Pharisäer und Schriftgelehrten wegen Wachen auf- und ausgestellt
hatte, aber noch so halbkläglich vor sich hin phantasierte, trat schon ein
Diener in den Saal und verkündete zum Schrecken Ebahls die volle Ankunft der
Angesagten. Ebahl eilt hinaus, um sie zu empfangen, und dessen zwei Weiber und
die älteren Töchter folgen dem Ebahl, um ihn zu unterstützen, und Ebahls Söhne
tun desgleichen; nur die liebe Jarah bleibt bei Mir.
[GEJ.02_117,06] Der Hauptmann aber, der auch
neben Mir saß, sprach: „Wenn ich an Ebahls Stelle wäre, wüßte ich recht gut,
was nun zu machen wäre! Ich geböte meinen Knechten, daß sie diese Kerle
weidlichst durchstäupten! Was könnten sie ihm machen? Und es wäre solcher
Empfang sicher nicht der erste, der ihnen schon hie und da zuteil geworden ist!
Ich wollte mit ihnen einen ganz kurzen Prozeß machen! Und wenn sie hier
hereinkommen sollten, so werde ich ihnen in jedem Falle dennoch einen
Schabernack spielen, daß sie darob an Leib und Seele beben sollen, als hätte
sie das Pestfieber ergriffen! Ich werde sie fragen, auf wessen Geheiß sie sich
zur tiefen Nachtzeit einem Orte haben nahen dürfen, in dem sich eine römische
Besatzung befindet; ich werde es ihnen zeigen, wie da ein jeder Ortskommandant
das Recht hat, jeden, welchen Standes und welchen Bekenntnisses er auch sei, gefangenzunehmen
und, so er sich nicht gültig zu rechtfertigen vermag, auch sogleich dem
scharfen Gerichte zu übergeben! Ich werde das an ihnen zwar nicht in der Tat
ausüben, aber einen panischen Schrecken will ich dennoch über ihre argen
Häupter treiben, daß ihnen der Angstschweiß bis zur Ferse hinabfließen soll!“
[GEJ.02_117,07] Sage Ich: „Freund, tue, was
du willst, von Mir aus werden dir hier keine Schranken gesetzt; aber so du hier
ein gewisses Amt handeln willst, so mußt du nun hinausgehen und solches mit
ihnen draußen abmachen unter Beiziehung einiger deiner unteren Führer!“
[GEJ.02_117,08] Sagt der Hauptmann: „Da laß,
o Herr, nur mich sorgen; denn meine Gesetze und meine Rechte verstehe ich
allenthalben zu handhaben!“
[GEJ.02_117,09] Nach diesen Worten ruft er
sogleich seinen Diener, der im Vorhofe Wache hält. Dieser tritt eilig in den
Saal und bittet den Hauptmann um den Befehl.
[GEJ.02_117,10] Der Hauptmann aber sagte zu
ihm: „Laß du den Läufer sogleich ins Lager, und der Unterführer soll mir
ungesäumt dreißig Mann hierhersenden! Gehe!“ – Mit diesen Worten verläßt der
Wachmann augenblicklich den Saal, und in zehn Minuten treten schon die dreißig
Mann samt dem Unterführer in den Saal und werden von den noch auf der Straße
rastenden und sich loben und preisen lassenden Pharisäern nicht bemerkt. Der
Unterführer fragt den Hauptmann, was da nun zu geschehen haben werde.
[GEJ.02_117,11] Sagt der Hauptmann:
„Vorderhand nichts von Bedeutung! Es gilt hier bloß, den Respekt
aufrechtzuerhalten, den die Fremden zu beachten haben; und sollte ihnen das
römische Lagergesetz fremd sein, so werden wir es ihnen einschärfen. Verhaltet
euch daher hier ruhig und ernst, und habet acht auf jeglichen meiner Winke! Es
geschehe!“
[GEJ.02_117,12] Bald darauf öffnet Ebahl weit
des Saales Tür und bei zwanzig Pharisäer und Schriftgelehrte treten ein. Es
versteht sich schon von selbst, daß die zwanzig noch eine Menge Begleiter mit
sich hatten und Lastesel und Maultiere, die sie und ihr vieles Reisegepäck
fortzuschaffen hatten; die Begleiter und die Tiere und alles Gepäck mußten
versorgt werden. Als die Pharisäer und die Schriftgelehrten vollends im Saale
waren, musterten sie sogleich die Saalgesellschaft und fragten den Wirt, was
das römische Militär hier zu tun habe.
[GEJ.02_117,13] Sagt Ebahl: „Es wird
vernommen haben, daß ihr hier ankommen werdet, und es kam, um euch die
gebührende Achtung zu bezeigen.“
[GEJ.02_117,14] Sagt der Pharisäer einer:
„Das sieht den Römern durchaus nicht gleich! Aber sei ihm nun, wie ihm wolle, –
wir sind hungrig und durstig, darum laß Speisen und Trank bringen!“
[GEJ.02_117,15] Ebahl setzt sogleich alle
Hände und Füße in Bewegung, die außer Meiner Jarah nur im Hause existieren, und
in wenigen Augenblicken ist ein großer Tisch bestens bestellt.
[GEJ.02_117,16] Die Pharisäer waschen sich
die Hände und greifen hernach zu. In kurzer Zeit ist alles aufgezehrt und bei
sechzig Becher Wein ausgetrunken. Der Wein aber macht sie gesprächig, und sie
fangen darauf an, sich nach allerlei zu erkundigen, geben bald den Grund ihrer
Hierherreise an und erkundigen sich um Mich, sagend: „Wisset ihr hier nichts
von einem Vagabunden, der aus Nazareth gebürtig sein soll? Dieser Mensch, etwa
ein Zimmermann von Profession, treibe unerhörte Zauberei, verbreite eine neue
Gotteslehre, mache Kranke gesund, beschwöre die Geister und wiegle das Volk
gegen den Tempel und gegen den Kaiser auf. Wir sind seinetwegen auf dem Wege
nach Nazareth, um dort diese Sache zu untersuchen. Da er aber in ganz Galiläa
sein Wesen treiben soll, so dürftet ihr hier von ihm wohl vielleicht etwas
Näheres wissen!“
118. Kapitel
[GEJ.02_118,01] Hier tritt der Hauptmann auf
und sagt: „Den Mann, um den ihr euch erkundiget, kenne ich sehr genau und weiß um
alle Seine Taten, auch um jene, die erst kaum vor etlichen Wochen von Ihm im
Orte Kis vollbracht ward, wo eben Er durch Seinen göttlich prophetischen Geist
dem Gerichtsvorsteher Faustus eröffnet hat, daß die kaiserlichen Steuergelder
und sonstigen Schätze aus dem Pontus und aus Kleinasien kommend, von
euresgleichen der römischen Überbringungskarawane auf eine allerschmählichst
pfiffige Art abgenommen worden sind, was den Oberstatthalter Cyrenius in die
größte Verlegenheit und ganz Galiläa, ja sogar das ganze jüdische Reich, in die
größte Gefahr gesetzt hat.
[GEJ.02_118,02] Nur eben dem Jesus hat der
Oberstatthalter, das ganze Judenreich und ihr selbst es zu verdanken, daß ihr
jetzt noch lebet! Denn wären jene von euresgleichen geraubten kaiserlichen
Gelder durch Jesus nicht zum Vorscheine gekommen, so wäre das ganze Land
gebrandschatzt worden, und alle Schätze von ganz Judäa hätten nicht
hingereicht, den verübten Frevel zu sühnen! Daß es aber also gut und stille für
euch und euresgleichen zu Jerusalem, wie im ganzen Judenreiche, abgelaufen ist,
das habt ihr allein Jesus, dem größten und weisesten und mächtigsten Propheten
zu verdanken; und es ist darum im höchsten Grade schlecht und unbillig von
euch, so ihr ausgehet, einen Mann zu verfolgen, dem ihr nun alles, euer Leben
und Sein, zu verdanken habt!
[GEJ.02_118,03] Das aber, was ihr soeben
aussagtet, daß ihr deshalb nach Nazareth ziehet, um den Jesus gleich wie einen
größten Verbrecher zu fangen und zu untersuchen, ist Er am allerwenigsten! Er
wiegelt keinen Menschen weder gegen euch und noch weniger gegen den Kaiser auf,
ansonst mir geheim wohlbekanntermaßen Cyrenius nicht Sein Freund wäre! –
[GEJ.02_118,04] Aber nun von etwas anderem,
meine Tempelherren! Ihr werdet etwa doch wissen, daß hier in Genezareth sich
schon seit einigen Jahren gleichfort ein römisches Militärlager befindet; und
es muß daher ein jeder Mensch, ohne Ausnahme, wes Standes und Landes er auch
sei, eine verläßliche, von römischer Obrigkeit wohl signierte Reiseurkunde bei
sich haben, so er den Lagerort mit heiler Haut unbeanstandet passieren will.
Ich ersuche euch daher um so mehr, da ihr zur Nachtzeit hierhergekommen seid,
um eine solche Urkunde, ohne die ich als Haupt- und Befehlshaber über diesen
Ort, wie über diese ganze Gegend, euch gefangennehmen müßte, morgen öffentlich
stäupen und endlich euch geschlossen nach Jerusalem zurück verschicken würde!
Habet also die Güte und weiset mir eure erforderlichen Reisezeugnisse vor!“
[GEJ.02_118,05] Sagt der Oberste der
Pharisäer: „Herr, ich selbst bin als ein Oberster aus Jerusalem das lebendige
Reisezeugnis für alle, und wir bedürfen keines andern! Denn so gut du ein Herr
bist, bin ich es auch und kann mit kaiserlichem Privilegium reisen bei Tag und
bei Nacht in ganz Israel! Wir sind von Gott gesalbt – und wehe dem, der seine
Hände an uns legte!“
[GEJ.02_118,06] Sagt der Hauptmann: „Das
kaiserliche Privilegium gilt nur für lagerfreie Orte; aber an Orten, da ein
offenes Militärlager sich befindet, gilt das kaiserliche Privilegium nichts!“
[GEJ.02_118,07] Sagt der Oberste: „Uns ist
solch ein Gesetz noch nie bekanntgegeben worden, und somit konnten wir es auch
nicht beachten; denn so dumm sind wir nicht, daß wir uns bei einer Reise nicht
mit allen Dingen versehen möchten, die zu unserer Sicherheit notwendig sind.
Wenn aber hier solches vonnöten ist, da entsenden wir auch sogleich Boten nach
Jerusalem, und morgen bis um diese Zeit kannst du die erforderlichen
Reisedokumente in deinen Händen haben.“
[GEJ.02_118,08] Sagt der Hauptmann: „Es hat
dessen nicht vonnöten; denn es steht bei mir, eurer Aussage Glauben zu schenken
oder nicht. Ich aber werde euch streng beobachten; sowie ich nur im geringsten
etwas merke, das mir verdächtig wäre, da seid ihr aber auch augenblicklich
meine Gefangenen! Für jetzt und für solange ihr euch hier aufhalten werdet,
bekommt ihr eine starke Wache, von der ihr dann auch gegen Bezahlung von
hundert Silbergroschen bis zur Grenze dieses Gebietes begleitet werdet; hättet
ihr aber die erforderliche Reiseurkunde bei euch, so wäret ihr von aller
Zahlung frei!“
[GEJ.02_118,09] Sagt der Oberste: „Solches
wird der Herbergsherr für uns entrichten, da wir auf einer Reise nie Geld
mitnehmen dürfen; denn die Erde ist Gottes, und wir sind Dessen Knechte und
haben von Gott aus das Recht, die ganze Erde unser zu nennen und überall zu
ernten, wo wir auch nicht gesäet haben! Denn jeder Jude weiß es, daß alles, was
er hat, nur ihm von uns aus geliehene Sache ist, die wir allzeit von ihm
zurücknehmen können. Aus diesem ganz einfachen Grunde können wir auch in ganz
Israel nirgendswohin als Fremde kommen, sondern nur als Herren und alleinige
von Gott aus berechtigte Eigentümer jedes Hauses, jedes Grundes und Bodens und
jedes Geldes und sonstigen Schatzes; und wir können daher ganz gut dem Ebahl
gebieten, daß er für uns die hundert Groschen bezahle, denn er hat sie ja auf
unserem Grund und Boden genommen! Und täte er es nicht, so geben wir alle diese
seine Besitztümer einem andern, dem es auf die hundert Groschen nicht ankommen
wird!“
[GEJ.02_118,10] Weil das den Ebahl sehr nahe
angeht, so macht er endlich denn doch auch seinen Mund auf und sagt: „Meine
Herren, da seid ihr ein wenig in einer Irre! Denn fürs erste ist von alters her
dieser Ort ein Freigebiet, von dem außer Gott und Kaiser kein Mensch etwas zu
fordern hat, und fürs zweite habe ich diesen Ort mit meinem zweiten Weibe, das
von Geburt auf eine Griechin und erst durch mich eine Jüdin geworden ist,
erheiratet, da sie des Hauses einzige Tochter war, und somit gehört all dieser
große Besitz nicht mir, sondern meinem zweiten Weibe und nach ihr ihren
Töchtern. Ich besitze sonach nichts, und es kann mir daher auch nichts genommen
werden; und die hundert Groschen werdet dann ihr selbst zahlen müssen! So ihr
das mir nicht glauben wollet, da fraget hier den Hauptmann, der meine alleinige
Obrigkeit ist, der wird es euch sagen!“
[GEJ.02_118,11] Sagt gleich der Hauptmann:
„Ja, ja, also ist es! Ihr selbst werdet die hundert Silbergroschen bezahlen!
Dagegen hilft kein Bitten und keine weitere Einsprache; denn hier bin ich
allein derjenige, der da zu gebieten und zu verlangen hat!“
[GEJ.02_118,12] Sagt der Oberste: „Wenn wir
aber nun sogleich nach Jerusalem einen Boten, der ein guter Reiter ist, senden,
so ist er morgen bis gen Mittag mit dem erforderlichen Dokumente hier!“
[GEJ.02_118,13] Sagt der Hauptmann: „Das ist
gleich! Denn die hundert Groschen müßt ihr schon darum bezahlen, weil ihr ohne
ein solches erforderliches Dokument hierhergekommen seid; darum nun keine
weitere Rede über diese Sache!“
[GEJ.02_118,14] Sagt der Oberste: „Wir haben
aber kein Geld bei uns; denn so wir reisen, führen wir nie Geld mit uns, weil
solches Verhalten bei uns Gesetz ist! Woher sollen wir nun Geld nehmen?“
[GEJ.02_118,15] Sagt der Hauptmann: „Das wird
schon meine Sorge sein! Wo das Geld mangelt, da tritt das Pfandrecht ein. Eure
Effekten, die ihr, wie ich vernommen habe, massenhaft mit euch führet, werden
wohl die hundert Groschen wert sein!“
[GEJ.02_118,16] Sagt der Oberste: „Wert sind
sie wohl tausendmal soviel; aber das sind lauter gottgeweihte Dinge, und Gott
würde den jählings tot werden lassen, der sich an ihnen vergriffe! Daher wirst
du solche Dinge nicht anrühren und noch weniger nehmen dürfen!“
[GEJ.02_118,17] Sagt der Hauptmann: „Wird
nicht so arg sein! Wir werden es versuchen, ob es sich mit euren gottgeweihten
Effekten wirklich so gefährlich verhält!“
[GEJ.02_118,18] Schreien alle die Pharisäer:
„Nein, nein, nein! Wir werden die hundert Groschen schon noch zusammenbringen;
denn unsere Leute führen schon Geld mit sich!“
[GEJ.02_118,19] Hier geht ein Pharisäer
hinaus und bringt in einem Beutel die hundert Groschen und überreicht sie dem
Hauptmanne, und der Hauptmann übergibt den Beutel dem Unterführer; dieser muß
das Geld zählen. Nachdem die Zahl richtig ist, befiehlt der Hauptmann dem
Unterführer, das Geld in die Kasse der armen Sünder zu legen, was der
Unterführer auch sogleich ausführt.
[GEJ.02_118,20] Der Oberste aber sagt: „Das
ist hier ein sonderbarer Gebrauch, das geweihte Geld in die Kasse der armen
Sünder zu legen, indem wir doch Diener Gottes sind! Weißt du denn nicht, daß
derjenige, der einen Diener Gottes beleidigt, auch Gott beleidigt?“
[GEJ.02_118,21] Sagt der Hauptmann: „Was geht
mich euer Gott an!? Ich bin ein Römer und weiß, was ich weiß, und was ich
glaube! Euer Gott aber, dem ihr nun dienet, ist und wird mein Gott nie sein!
Für mich seid ihr sonach die allergrößten Sünder, und euer eurem Gotte
geweihtes Geld gehört demnach in die Kasse der armen Sünder! – Verstehet ihr
solches?“
[GEJ.02_118,22] Sagt der Oberste: „Ja, Herr,
wir verstehen es und begreifen es, daß wir es mit einem festen Heiden zu tun
haben, der so wie alle festen Römer uns samt unserer Gotteslehre so tief als
möglich verachtet!“
[GEJ.02_118,23] Sagt der Hauptmann: „Nicht so
tief, als ihr es meinet; denn das wahre alte Judentum erkennen auch wir an; nur
eure neuen Satzungen, euren eigenen Unglauben und eure himmelschreienden
Betrügereien aller Art verachten wir dreimal ärger als den Tod selbst. Denn bei
euch ist wohl keine Spur mehr vom alten Judentume; euch sind bloß die Namen
geblieben. Aber wo sind die auserlesenen Werke derer, von denen ihr abstammet,
und die Lehre und weise Gesetze gegeben haben? Ich weiß es recht gut, wie es
dereinst mit eurer Bundeslade ausgesehen hat. Wie sieht es aber nun aus? Wo ist
der über ihr schwebende Geist Gottes?“
[GEJ.02_118,24] Sagt der Oberste: „Das ist
alles noch also, wie es war zu Aarons Zeiten!“
[GEJ.02_118,25] Sagt der Hauptmann: „Oder wie
anders! Hört! Ich war noch vor kaum drei Jahren selbst in eurem sogenannten
Allerheiligsten, und zwar gegen Erlag von siebenhundert Silbergroschen. Was
aber habe ich da gesehen und gerochen? Einen ehernen Kasten auf einem
Traggestelle, aus dessen Mitte eine recht lebhafte Naphthaflamme loderte, deren
etwas widriger Geruch meine Nase eben nicht auf das angenehmste affizierte! Die
bewußten Ingredienzien in der sogenannten Bundeslade waren sicher viel jünger
als Moses und Aaron, und meine Börse ward darauf sehr traurig, daß ich sie
eurer Torheit und Betrugs halber gar so mächtig gelüftet hatte! Mit mir redet
darüber keine Silbe mehr; denn ich bin einer, der euren Betrug himmelweit
durchschaut! Wisset, so ich Kaiser wäre mit meiner jetzigen Wissenschaft, so
ließe ich morgen den ganzen Tempel über die Klinge springen! Euer Glück, daß
ich eben nicht Kaiser bin; aber was euch der Kaiser nicht tut, das wird euch
sein nächster Nachfolger tun!“
[GEJ.02_118,26] Sagt der Oberste: „Herr, so
du das weißt, da bitte ich dich zu schweigen des Volkes wegen; denn käme so
etwas ins Volk, so hätten wir den allerunbändigsten Aufstand zu befürchten!“
[GEJ.02_118,27] Sagt der Hauptmann: „Nichts
zu befürchten deshalb! Denn so etwas weiß nun schon beinahe ein jeder Galiläer,
und von einem Volksaufstande ist dennoch nicht im entferntesten die Rede! Denn dazu
sind schon wir Römer da, die mächtig genug sind, jeden Aufstand in der Wurzel
zu ersticken!“
[GEJ.02_118,28] Sagt der Oberste: „Nun, Herr,
wir haben gezahlt und sind demnach gleich; lassen wir darum diese Sache! Wenn
du aber von dem berüchtigten Magier Jesus etwas Näheres weißt, so wolle es uns
gütigst mitteilen, wie es mit ihm und seiner fraglichen Lehre und seinen Taten
sich verhält, auf daß wir dem Tempel darüber etwas zu berichten haben!“
[GEJ.02_118,29] Sagt der Hauptmann: „Ich habe
es euch schon gesagt, daß ich Ihn ganz genau kenne und ich Ihn auch schon lange
hätte ergreifen lassen, wenn sich nur im geringsten etwas gezeigt hätte, was
einer Meuterei gleichsähe; aber so bin ich zu sehr vom schnurgeradesten
Gegenteile überzeugt, und so kann ich Ihm nur das beste Zeugnis geben. Wäret
ihr wie Er, Jerusalem wäre die ewige und erste Stadt Gottes durch alle Zeiten
der Zeiten, und der Geist Gottes schwebte noch wie zu Aarons Zeiten über der
Lade! Aber ihr seid das schnurgerade Gegenteil von Ihm, und darum wird sich
eure Stadt und euer Tempel nicht lange mehr halten! Das berichtet euren
Kollegen, auf daß sie es erfahren, auf welchem Sandboden ihre Stadt und ihr
Tempel erbaut ist! – Morgen jedoch sollet ihr mit euren Augen und Ohren mehr
erfahren, und so möget ihr euch für heute zur Ruhe begeben!“
[GEJ.02_118,30] Sagt der Oberste: „Wir
bleiben hier am Tische sitzen; denn deine bedeutungsvollen Worte haben uns den
Schlaf auf Tage lang benommen! Wer da schlummern kann, der schlummere; ich aber
werde sicher überwach verbleiben! – Dort im Winkel des Tisches sitzt ja ein
Gast mit einer Maid!? Wer ist er denn? Haben wir seiner zu achten, oder ist er
ein Gefangener von dir samt der Maid? Hat er vielleicht auch keine
Reisedokumente in den Händen?“
[GEJ.02_118,31] Sagt der Hauptmann: „Um
diesen habt ihr euch nicht zu erkundigen; der steht unter meinem Schutze!
Morgen jedoch hoffe ich, daß ihr Ihn werdet näher kennenlernen.“
119. Kapitel
[GEJ.02_119,01] Nach diesen Worten fragt
keiner der Pharisäer um mehreres.
[GEJ.02_119,02] Ich aber erhebe Mich darauf,
grüße den Hauptmann, der Mir mit großer Wärme und Innigkeit den Gruß erwidert
und Mich mit der Jarah im Beisein des Ebahl und dessen Weibern und den andern
Kindern in ein anderes Gemach begleitet, allwo für Mich ein gutes Nachtlager
bereitet ist.
[GEJ.02_119,03] Ich aber sage zum Hauptmanne:
„Wollt ihr alle die Nacht hindurch bei Mir verbleiben, so bleibet; wollt ihr
aber euch zur Ruhe begeben, so könnet ihr auch das tun! So ihr aber bleibet, da
wird es niemandem darum des Morgens am Schlafe gebrechen. – Übrigens hast du
als Mein wahrer Freund sehr gut mit den Pharisäern verhandelt; sie sind nun in
einer großen Furcht und Spannung und werden die Sandkörner ihrer Uhr zählen und
mit großer Ungeduld den kommenden Tag erwarten!
[GEJ.02_119,04] Es war nur gut, daß Meine
Jünger, die sich noch mit den zwei Essäern und mit den etlichen Pharisäern
abmühen und sie schon nahe ganz auf ihrer Seite haben, nicht auf den
bedeutenden Lärm zu uns in den Speisesaal gekommen sind! Denn das hätte ein
unzeitiges Aufsehen erregt! Doch – also wollte Ich es ja, und so konnte es auch
nicht anders geschehen! – Aber was werde Ich denn mit Meiner allerliebsten
Jarah beginnen? Dies Mägdlein verläßt Mich nimmer!“
[GEJ.02_119,05] Sagt die Kleine: „Herr,
solange Du in unserem Hause verweilest, wird Jarah nicht von Deiner Seite
weichen; und wäre es möglich, daß Du stürbest, so stürbe Jarah mit Dir! Wenn Du
aber unser Haus wieder verlassen wirst und die Jarah nicht mit Dir wird ziehen
können, dann wird sie daheim seufzen und den Vater in Deinem Herzen bitten, daß
Er Dich wieder zu ihr führen möchte; denn ohne Dich kann nun die Jarah nicht
mehr leben!“
[GEJ.02_119,06] Sage Ich: „Sehet, das ist ein
rechtes Beispiel, wie man Gott lieben muß, um von Ihm in gleichem Maße
wiedergeliebt zu werden! Gottes Liebe erfaßt zwar alles, und es ist in ihr ewig
kein Zorn und keine Rache; aber es ist dennoch ein großer Unterschied zwischen
dem, wie ein Mensch von Gott geliebt wird. Solange ein Mensch atmet und lebt,
ist es ein Beweis, daß Gott durch Seine Liebe ihm das Leben gibt, ansonst er
schon lange völlig tot wäre.
[GEJ.02_119,07] Aber wer Gott also liebt wie
diese Kleine hier, der nötigt Gott, daß Er komme zu ihm und Wohnung nehme in
des liebenden Menschen Herzen! Und Gott kommt und nimmt dann durch Seinen Geist
Wohnung im Gott über alles liebenden Herzen; und ein solcher Mensch hat dadurch
das ewige, unvergängliche Leben in sich und ist völlig eins mit Gott!
[GEJ.02_119,08] Es ist zwar nicht jedem
gegeben, Gott also mächtig zu lieben, wie das der Fall ist bei dieser Meiner
allerliebsten Jarah; aber dennoch kann jeglicher Mensch Gott lieben aus allen
seinen Kräften, und Gott wird darum auch des Herz erfüllen mit Seinem Geiste
und Seiner Gnade und wird ihn ewig nimmer fallen lassen in den Abgrund. Wenn er
schon strauchelt, so wird ihm allzeit wieder aufgeholfen werden, und das ewige
Leben wird in ihm sein und bleiben immerdar.
[GEJ.02_119,09] Und nun, Meine allerliebste
Jarah, weil du Mich denn gar so lieb hast, so mußt du uns nun denn auch so eine
kleine Geschichte erzählen; denn Ich weiß es, daß du mit den Geschichten aller
guten Art reichlich ausgestattet bist!“
[GEJ.02_119,10] Sagt die Jarah, lieblich
kindlich lächelnd: „O Herr, nur damit verschone mich! Denn so etwas würde sich
an Deiner endlos weisesten Seite ja denn doch viel zu dumm ausnehmen!“
[GEJ.02_119,11] Sage Ich: „Nein, nein, du
Meine allerliebste Jarah, das darf dich nicht beirren; denn die größte
Nachsicht kannst du allzeit und ewig nur von Mir erwarten! Denn siehe, Ich
verstehe das Weinen der Kindlein schon, geschweige erst ihre Sprache! Du hast
ja manchmal so recht seltsame Träume, – gehe und erzähle Mir so einen Traum!“
120. Kapitel
[GEJ.02_120,01] Sagt die Jarah: „Nun, damit
könnte ich schon aufwarten; aber meine Träume sind gewöhnlich recht
fürchterlich und zeigen mir die Weltmenschen in ihrer ganzen scheußlichen
Gestalt, und ich sehe dann an ihrer Statt lauter Teufel! Und so hatte ich erst
unlängst einen Traum! Da sah ich einen herrlichen Menschen, der Dir, o Herr,
sehr ähnlich sah. Diesen Menschen sah ich gebunden mit Stricken, wie einen
Verbrecher.
[GEJ.02_120,02] Ich fragte die ihm folgenden
Weinenden, was denn dieser herrliche Mensch möge angestellt haben, daß die
Weltmenschen so übel mit ihm verfahren. Und die Weinenden sagten mir, einer wie
der andere gleich: ,Er war ein mächtiger Wohltäter der Menschheit. Nie beging
er eine Ungerechtigkeit, und hellste Wahrheit war der Honigseim seines Mundes.
Den welt- und herrschsüchtigen Pharisäern hatte er zu viel Wahrheit gesagt, und
sie haben ihn darum zum Tode am Kreuze durch den schwachen römischen
Landpfleger verdammen lassen. Sie führen ihn jetzt zur Richtstätte; komm mit
uns und schaue mit, mit welchem Lohne der größte Menschenfreund von den
schlechten, allerselbstsüchtigsten Menschen belohnet wird!‘
[GEJ.02_120,03] Und ich ging mit den
Weinenden auf einen niederen Berg und sah den ehrlichen Menschen, der von
Schlägen und Hieben voll Blut war und am Haupte noch zur Erhöhung der Qual
einen Dornenkranz trug, ein schweres Kreuz schleppen. Auf der Richtstätte aber
entblößte man ihn, warf ihn darauf unbarmherzigst wie ein wildes Tier aufs
Kreuz hin, nahm viele spitzige Nägel und schlug sie ihm mit schweren Hämmern
durch Hände und Füße und heftete ihn also auf die allergrausamste Weise auf das
harte und schwere Kreuz! – O Herr, das war Dir ein fürchterlicher Anblick! Wenn
ich an diesen Traum nur denke, so vergeht mir Hören und Sehen! – Endlich erhob
man das Kreuz und setzte es in ein schon fertiges Loch und verkeilte es, daß es
feststünde.
[GEJ.02_120,04] Das Wunderbarste war dabei
aber doch, daß dieser über alle Maßen ehrliche Mensch auch bei aller solcher
qualvollster Marter nicht einen Schmerzenslaut von sich stieß, während doch
noch zwei andere, die bei weitem nicht so grausam gemartert wurden, ungeheuer
schrien und wehklagten!
[GEJ.02_120,05] Hier wurde ich wach und
zitterte am ganzen Leibe. Herr, so ein Traum ist aber auch kein Scherz für ein
so zartfühlendes Mädchenherz, wie das meinige ist! Ich bat darauf gleich den
lieben Vater im Himmel, daß Er mir ja keinen gar so schweren und qualvollen
Traum mehr zukommen lassen möchte; und siehe, bis zur Stunde hatte ich wirklich
keinen so schweren Traum mehr zu bestehen! Mein Vater sagte mir zwar immer, daß
die Träume leere Schäume seien und vom schweren Geblüte herrührten. Mag sein!
Wenn ich schon ein so schweres Geblüt hätte, so müßte ich sonst ja auch
schwerfälliger sein, als ich bin; aber ich bin sonst ja ein flinkes und
munteres Mädchen, – wie kann ich da ein schweres und faules Geblüt haben?“
[GEJ.02_120,06] Sage Ich, der Ich bei dieser
Erzählung etwas düsterer geworden bin: „Nein, nein, du Meine allerliebste
Jarah, du hast nur ein ätherleichtes Geblüt; aber es ist dein Traum von großer
Bedeutung! – Doch nun nichts weiter mehr davon, die Zeit wird dir darin eine
Lehrerin sein; aber selig bist du, die du solches im Traume geschaut hast! Nur
wenigen Propheten war es gegönnt, solches in ihren Gesichten wahrzunehmen.
[GEJ.02_120,07] Vieles aber ist den Menschen
auf dieser Erde verborgen. Das große ,Warum‘ werden sie erst jenseits erfahren!
– Aber nun erzähle Mir noch einen Traum, den du in drei Tagen darauf von
demselben Menschen geträumt hast!“
[GEJ.02_120,08] Sagt die Jarah: „Oh, den
erzähle ich auch viel lieber; denn er ist um viele tausend Male heiterer! Da
befand ich mich auf einmal noch sehr früh morgens dem Anscheine nach in einem
recht artigen Garten, von wo aus ich freilich leider recht wohl erkennend die
im früheren Traume besagte Richtstätte sehen konnte. Solcher Anblick erfüllte
mich gleich mit großer Angst, daß ich darob im Traume zu beten begann, der
liebe Vater im Himmel möchte mich doch mit einer ähnlichen Erscheinung
verschonen; denn noch sah ich leider die drei bekannten Kreuze auf der Richtstätte
aufrecht stehen.
[GEJ.02_120,09] Aber da kam alsbald ein
wunderschöner Jüngling zu mir, tröstete und stärkte mich mit den Worten, die
ich mir gar wohl gemerkt habe: ,Fürchte dich nicht, du zarte, reine Seele! Das,
was du vor drei Tagen gesehen, mußte also geschehen nach dem Ratschlusse
Gottes, ansonst nie ein Mensch hätte selig werden und zur Anschauung Gottes
gelangen können. Das, was gekreuziget ward, war Gottes Sohn, und Gott war in
Ihm. Nun aber nach drei Tagen wird dieser Gottessohn aus höchst eigener Macht
wieder vom Tode Seines göttlichen Fleisches auferstehen und wird herrschen
fortan über die ganze Unendlichkeit, und Seines Reiches und Seiner Herrschaft
wird ewig nimmer ein Ende sein; und vor Seinem Namen werden sich beugen alle
Mächte und Kräfte, und die sich nicht werden beugen wollen, die wird Er
verderben lassen. Aber der letzte, seligste Augenblick naht, darum habe acht
auf den schweren versiegelten Grabstein!‘
[GEJ.02_120,10] Als der Jüngling solches zu
mir geredet hatte, siehe, da hob sich der schwere Grabstein aus freien Stücken
selbst vom Grabe, und aus demselben stieg heiteren, aber dabei dennoch überaus
würdevollen Antlitzes auf ein Haar derselbe Mann, den ich vor drei Tagen habe
so schrecklich kreuzigen sehen. Ich sah sogar die Wundmale an Händen und Füßen,
und ich zweifelte nicht einen Augenblick, daß er es war.
[GEJ.02_120,11] Und der Mann trat zu mir hin
und sagte mit einer unendlich wohlklingenden Stimme: ,Das, was du hier im
Traume gesehen, war nur ein scheinend Vorbild von dem, was jüngst in der
Wirklichkeit geschehen wird; Mich aber wirst du zuvor noch in der Wirklichkeit
sehen, und nach Meiner Auferstehung zu öfteren Malen!‘ – Nach diesen Worten
ward ich wieder wach und habe viel darüber nachgedacht. Aber bis auf Dich so ungefähr
wollte mir in der Wirklichkeit noch kein Mann (jenem ähnlich) vorkommen!“
[GEJ.02_120,12] Sage Ich: „Nun, vielleicht
bin Ich es? – Aber nun nichts Weiteres mehr davon, und darum nun von etwas
anderem für den morgigen Tag!“
121. Kapitel
[GEJ.02_121,01] (Der Herr:) „Die Pharisäer,
die Meinetwegen von Jerusalem hierhergereist sind, und die unser Freund auf
eine wahrhaft weise Art ins Bockshorn getrieben hat, werden Mir morgen hart
zusetzen, so sie Mich werden erkannt haben. Ich aber werde ihnen zum ersten
Male reinen Wein zum Verkosten geben, das heißt, Ich werde ihnen die volle
Wahrheit unumwunden ins Gesicht sagen.
[GEJ.02_121,02] Die Kranken, die hier sind,
und die noch kommen werden, diese sollen nichts als nur den Saum Meines
Oberrockes anrühren – und sie werden gesund werden. Meine Jünger sollen darauf
das Morgenbrot mit ungewaschenen Händen essen, und das wird genug sein, um
diese wahren Erzphilister von Pharisäern und Schriftgelehrten in allen Harnisch
zu bringen. Darauf werden sie gleich mit ihren bekannten Fangfragen beginnen,
und Ich werde ihnen Antworten geben, die ihnen noch um vieles saurer und
bitterer vorkommen werden als Essig und Galle, ein bekanntes Getränk, mit dem
sie den armen Sündern den Durst zu löschen pflegen. – Nun aber werden wir die
paar Stunden bis zum Tage schweigend zubringen.
[GEJ.02_121,03] Meine Jünger haben sich nun
auch mit ihren zwei Essäern und etlichen Pharisäern und Schriftgelehrten zur
Ruhe begeben und haben ein gutes Werk vollbracht; denn sie haben sie alle für
Mich gewonnen. Zwei junge Pharisäer aber, Pilah und Ahab, ersterer aus Kis und
letzterer aus Jesaira, beide Hauptredner und dabei nüchterne, kluge Menschen,
sind schon längere Zeit unter Meinen Jüngern. Diese, erst gestern morgen hier
angelangt, haben sich gleich wieder zu Meinen Jüngern gesellt und bei dem
Bekehrungswerke Meine Jünger ganz vorteilhaft unterstützt; denn Meine Jünger,
durchgängig Fischer bis auf drei, haben noch zu wenig gewandte Zungen, und
daher leisten ihnen die beiden jungen Pharisäer gute Dienste.
[GEJ.02_121,04] Gehe du, Ebahl, aber zu ihnen
und sage es den Jüngern, daß sie morgen mit ungewaschenen Händen das Brot des
Morgens essen sollen, und die andern hier bekehrten Pharisäer und
Schriftgelehrten samt den zwei Essäern sollen sich unterdessen verborgen
halten, bis die Jerusalemer abgereist sein werden; dann erst sollen sie
hervorgehen, und Ich werde sie segnen. Wollen sie sich dann umkleiden und bei
Mir bleiben, oder wollen sie vor den Menschen ins Gesicht das fortan sein, was
sie bis jetzt waren, so steht ihnen beides frei und offen. Gehe und berichte
das den Jüngern und den andern, – du weißt schon wem!“ – Ebahl entfernt sich
sogleich und richtet alles genau aus, wie Ich es ihm angegeben habe. Und alle
sind froh über diese Nachricht und versprechen, alles pünktlich und genau zu
halten, was zu beachten Ich ihnen verkünden ließ.
[GEJ.02_121,05] Ebahl kommt zurück und
erzählt uns gleich die gute Aufnahme, die seinem ausgerichteten Auftrage zuteil
ward. Alle freuen sich dessen, und der Hauptmann sagt: „Ich freue mich ganz
ungemein auf den morgigen Tag; aber das sage ich auch, und ganz besonders nun
durch den merkwürdigen Traum der liebsten Jarah angeregt dazu, daß ich mit den
Kerlen durchaus keinen Scherz treiben werde. Sobald sie mir Flausen machen,
lasse ich sie stäupen, daß ihnen das böse Blut stromweise von den Rücken
fließen soll! Denn Wortschläge sind für diese Unmenschen viel zuwenig und
spornen sie nur noch mehr zur Rache an; aber eine Stäupung auf Leben und Tod
wird sie in ihrem bösen Eifer sehr abkühlen. Es ist noch nicht gewiß, daß ich's
tue; aber ungewiß eben auch nicht!
[GEJ.02_121,06] Es könnte sehr leicht möglich
sein, daß diese Kerle und ihre Helfershelfer in Jerusalem an Dir, o Herr und
Freund, im Ernste, so nur irgendein Haar von einer Möglichkeit vorhanden ist,
das auf ein Haar verübten, was im ersten Traume das Mägdlein gesehen hat! Ich
sage, ein Fünklein Möglichkeit und der höchst weibisch schwache Landpfleger
Pontius Pilatus dazu – und Dich nageln sie mir und dir nichts ans Querholz!
[GEJ.02_121,07] Ja, wenn ich in Jerusalem
Landpfleger wäre, da sollte einer versuchen, an Dich seine Hand zu legen! Den
hängte ich zehnmal ans Querholz und ließe ihm erst beim zehnten Male die Beine
brechen! Aber ich bin leider hierher postiert und könnte Dir nicht zu Hilfe
kommen, und Deine Freunde Cyrenius und Kornelius auch nicht; darum muß man
diesen Kerlen vorher ihren verderblichen Mut abzukühlen anfangen, auf daß sie
ganz gehörig eingeschüchtert sind und fürder nicht so leicht wo immer es wagen
sollen, an Gottesmänner, wie Du einer zuallerhöchst bist, ihre scheußlichen
Tatzen zu legen!
[GEJ.02_121,08] O wartet, ihr Lumpen, der
morgige Tag soll für euch ein so heißer werden, daß ihr mir vor lauter Hitze
Blut schwitzen sollt! Wenn die Kerle so einige recht derbe Lektionen bekommen
werden, da möchte ich beinahe ums halbe Römische Reich wetten, daß sie in ihren
schlechten Handlungen – wenigstens in deren grausamsten Teilen – nachgeben
werden; aber ihr altes böses Leder muß zuvor ordentlich durchgegerbt werden!
Dixi (ich habe gesprochen)!“
[GEJ.02_121,09] Sage Ich: „Du kannst zwar
tun, was du willst, und Ich werde dir nicht sagen: Tue es nicht! Denn du bist
einer Meiner weisesten Freunde, die Mir irgend vorgekommen sind. Du hast wirklich
in allen deinen Worten und Handlungen einen richtigen Takt; aber Ich sage es
dir, es wird das alles dieser bösen Art nichts helfen, sondern sie nur noch
böser und dabei verschmitzter machen. Denn die einmal des Satans sind, die sind
es ganz, und man kann sie dann und wann mit Wortschlägen noch am ehesten zu
etwas Besserem wenden, so wie dies nun Meine Jünger gemacht haben und wie
solches geschehen ist in Nazareth, wo der Oberste samt den Pharisäern und
Schriftgelehrten zu Meiner Lehre sich bekannt haben. Aber vielfach ist auch
nichts zu machen und mit deiner Art ebensowenig! Denn einen Teufel treibst du
mit der Rute hinaus, dafür aber wandern an des einen Stelle zehn andere hinein,
von denen jeder ärger ist als der frühere eine.“
[GEJ.02_121,10] Sagt der Hauptmann: „So wahr
ich Julius heiße, werde ich auch an keinen eher die Rute und die Geißel legen
lassen, bevor ich nicht durch die äußerste Not dazu gezwungen werde; werde ich
aber das, dann wehe den Kerlen!“
[GEJ.02_121,11] Sage Ich: „Da hast du wieder
ganz recht! Man muß die Geduld so lang und weit als möglich hinausdehnen; sind
aber einmal die äußersten Grenzen erreicht, dann heißt es aber auch, ohne allen
weiteren Aufschub und ohne alle Schonung mit allen Blitzen und Donnern
dareinhauen, sonst kämen die Sünder gleich auf die Idee, man scherze und spiele
mit ihnen wie mit den kleinen Kindern!“
[GEJ.02_121,12] Sagt der Hauptmann Julius:
„Ganz meine Maxime! Bis ich jemanden strafe, da braucht es viel; aber nötigt
mich ein Unverbesserlicher dazu, so wird er sich's aber auch merken, wenn er
von mir gestraft worden ist! – Aber jetzt glaube ich, wollen wir die paar
Stündchen noch ein wenig ruhen; denn es fängt schon zu grauen an!“
[GEJ.02_121,13] Sage Ich: „Ja, tun wir das
hier, ein jedes auf seinem Plätzchen!“
[GEJ.02_121,14] Darauf ist alles stille, und
über jedes Auge senkt sich zwar ein kurzes, aber dabei dennoch honigsüßes
Schläfchen. Und als man darauf allgemein erwacht, ist jeder so gestärkt, als ob
er eine ganze Nacht auf weichem Lager ganz gut geschlafen und geträumt hätte.
122. Kapitel
[GEJ.02_122,01] Alles verwundert sich über
solch stärkenden Schlaf, während die Sonne schon anfängt, die Kuppen der Berge
zu bescheinen. Ebahl beordert sogleich seine Weiber, daß sie sorgten für ein
frisch und wohlbereitetes Morgenmahl; und die Weiber mit den älteren Töchtern
eilen und besorgen gleich ein reichliches und gutes Morgenmahl, was sie gar
leicht tun können, da ihre Speisekammern von unten bis oben vollgestopft sind.
[GEJ.02_122,02] Die Pharisäer haben im Speisesaale
schon ihren Tisch vollkommen okkupiert, so daß an ihrem Tische niemand sonst
Platz haben könnte; und Ebahl ließ ihnen auch gleich das Morgenmahl aufsetzen,
bestehend aus Brot, Wein, einigen gebratenen Fischen und aus Honigseim. Als
diese erst fertig waren, ließ Ebahl einen anderen großen Tisch decken, der für
Mich, Meine Jünger, für den Hauptmann und für Ebahl und dessen Weiber und
Kinder bestimmt war.
[GEJ.02_122,03] Bevor Ich aber in den Saal
trat, ließ Ich durch Ebahl alle die auf Mich harrenden Kranken ins große
Gastzimmer bringen und ihnen sagen, daß sie nichts denn Meinen Mantel anrühren
sollen, und sie würden alsogleich gesund. – Ebahl ging und vollführte Meinen
Auftrag.
[GEJ.02_122,04] Und Ich trat darauf mit dem
Hauptmann, Meinen Jüngern und der kleinen Jarah, die keinen Schritt von Mir
wich, in den Speisesaal und setzte Mich zu Tische, ohne bei Meinem Eintritte
einen Pharisäer anzusehen oder gar zu grüßen, auf was sie große Stücke hielten.
[GEJ.02_122,05] Als Ich, der Hauptmann und
die Jünger schon am Tische saßen, da traten auch schon bei zweihundert Kranke
in den Speisesaal und baten Mich, daß sie Meines Mantels Saum anrühren dürften.
Und Ich gestattete ihnen, solches zu tun, während Ich mit Meinen Jüngern und
den andern das Morgenmahl zu Mir nahm. Da drängte sich bald alles, was krank
war, zu Mir hin und berührte Meines Mantels Auswendiges; und alle, die da
anrührten, wurden gesund. (Matth.14,36)
[GEJ.02_122,06] Aber hinter einige der
Kranken steckten sich die über alle Maßen eifersüchtigen Pharisäer und
Schriftgelehrten und sagten geheim zu ihnen: „Rühret das Kleid dieses
Nazaräers, den wir nun schon kennen, nicht an, und ihr werdet dennoch gesund
werden!“ – Und die da sich von den Pharisäern haben bereden lassen und haben
nicht angerührt Mein Kleid, die blieben krank.
[GEJ.02_122,07] Da sie aber solches merkten,
kamen sie wieder zu Mir und baten Mich, ob sie anrühren dürften Mein Kleid. Ich
aber verwies es ihnen und sagte: „Seid ihr Meinetwegen oder seid ihr jener
Pharisäer wegen hierhergekommen, die euch abgeredet haben, anzurühren Meinen
Mantel? Denen ihr geglaubt habt, die sollen euch auch helfen; gehet hin zu
ihnen!“
[GEJ.02_122,08] Das vernahmen die Pharisäer
natürlich gar leicht und wurden darob schon ganz brennrot vor Zorn. Sie gingen
darauf bald zu Mir hin, und ihr Oberster sagte zu Mir: „Du bist also derjenige,
um dessentwillen wir von Jerusalem nach Nazareth haben gehen müssen?“
[GEJ.02_122,09] Ich gebe dem Obersten keine
Antwort auf solche seine Frage, nur der Hauptmann, der in Meiner Nähe – das
heißt an Meiner Rechten – am Tische saß, sagt mit einer Donnerstimme: „Ja,
Dieser ist es, dessen Angesicht anzusehen ihr Elenden ewig nimmer wert seid!
Warum habt ihr diesen Armen abgeredet, anzurühren Sein Gewand, daß sie auch,
wie ihre Gefährten, gesund geworden wären? Ihr elenden Hunde, wißt ihr auf der
Welt denn im Ernste nichts anderes zu tun, als Menschen unglücklich zu machen,
wo sich nur immer eine Gelegenheit darbietet?!“
[GEJ.02_122,10] Hier winke Ich dem Hauptmann,
daß er sich etwas mäßigen möchte, ansonst es unangenehme Auftritte gäbe.
[GEJ.02_122,11] Und der Hauptmann mäßigt sich
zwar, verhält aber den Obersten dennoch streng darauf, ihm den Grund
gewissenhaft anzugeben, warum er die einigen Kranken abgehalten habe, des
göttlichen Meisters Kleid anzurühren, auf daß sie, wie die andern, auch gesund
geworden wären.
[GEJ.02_122,12] Da sagt der Oberste etwas
verlegen: „Wir haben uns dadurch nur die sichere Überzeugung verschaffen wollen,
ob wirklich nur die gesund würden, die das Kleid anrührten. Wir haben uns aber
nun überzeugt, daß wirklich nur jene gesund geworden sind, die des Meisters
Kleid angerührt haben, und wir stellen ihnen nun weiterhin nichts mehr in den
Weg, das zu tun, was sie gesund machen kann.“
[GEJ.02_122,13] Da erheben sich die noch
Kranken und sagen: „Oh, wären wir nicht so krank, elend und schwach, so würden
wir euch nun einen Lohn für euren Versuch an uns, ob wir auch ohne Anrührung
des Kleides des göttlichen Heilandes gesund würden, geben, an den ihr eine
Ewigkeit lang hättet denken mögen; aber: ,Aufgeschoben ist nicht aufgehoben!‘
Wir werden wohl mit der Hilfe Gottes auch noch einmal gesund werden und werden
uns schon irgendwo begegnen; dann möget ihr acht haben, was wir mit euch alles
unternehmen werden!“
[GEJ.02_122,14] Ich aber sage zu den Kranken:
„Rache sei eurem Herzen ferne! Wollt ihr, daß Ich auch euch heile, so verbannet
allen Zorn und alle Rache aus eurem Herzen!“
[GEJ.02_122,15] Da sagen die noch Kranken:
„Meister, Dir zuliebe tun wir alles, was Du nur immer von uns verlangen magst;
aber nur befreie auch uns Schwachsinnige von unseren Leiden!“
[GEJ.02_122,16] Sage Ich: „So kommet und
rühret an Mein Kleid!“
[GEJ.02_122,17] Hier gingen die noch Kranken hin,
rührten den Saum Meines Überkleides an und wurden alle plötzlich vollkommen
gesund.
[GEJ.02_122,18] Und der Hauptmann sagte, im
hohen Grade aufgeregt: „Nun, ihr blinden Seher aus der sogenannten heiligen
Stadt Gottes, seid ihr nun überzeugt, daß der Mann, von dem ihr gar so
scheußlich schlecht berichtet seid, und den zu untersuchen und zu fangen ihr
ausgezogen seid, jener schlechte Mensch ist, als den ihr mir ihn gestern
beschrieben habt?“
[GEJ.02_122,19] Sagt der Oberste und auch die
andern Pharisäer: „Daß von ihm eine außergewöhnliche Heilkraft ausgeht, von dem
haben wir uns nun mehr als hinreichend überzeugt; aber daraus folgt noch lange
nicht, daß er das aus einer Art göttlicher Kraft verrichtete; denn wir bemerken
an ihm und an denen, die mit ihm zu Tische sind, daß sie nicht halten die
Aufsätze der Ältesten, – und wo das, da kann von einer Göttlichkeit noch lange
keine Rede sein!“
[GEJ.02_122,20] Sagt der Hauptmann: „Das
verstehe ich nicht; redet mit Ihm Selbst darüber!“
123. Kapitel
[GEJ.02_123,01] Darauf erst tritt der Oberste
vor Mich hin und fragt Mich (Matth.15,1): „Meister, wer sind die, so mit dir zu
Tische sind?“
[GEJ.02_123,02] Sage Ich: „Es sind Meine
Jünger!“
[GEJ.02_123,03] Fragt weiter der Oberste:
„Warum übertreten diese deine Jünger der Ältesten Aufsätze? Sie waschen ihre
Hände nicht, wenn sie Brot essen!“ (Matth.15,2)
[GEJ.02_123,04] Hier erst stand Ich auf,
stellte Mich dem Obersten schroff gegenüber und fragte ihn mit einer ernsten
Stimme: „Warum übertretet denn ihr Gottes Gebote eurer Aufsätze willen?
(Matth.15,3) Gott hat geboten: ,Du sollst Vater und Mutter ehren! Wer aber
Vater und Mutter flucht, der soll des Todes sterben!‘ (Matth.15,4) Ihr aber
lehret den Sohn und die Tochter, daß sie zu ihren Alten sagen sollen: ,So ich
für dich, du Vater oder du Mutter, im Tempel opfere, so ist es dir nützlicher,
als so ich dich ehre in einem fort nach altem Gebrauche.‘ Und ihr saget zu
solch einem Sohne und zu solch einer Tochter: ,Also hast du wohlgetan!‘
(Matth.15,5) – Was aber ist die Folge davon? Sehet! Dadurch geschieht es, daß
nun fast niemand mehr seinen Vater und seine Mutter ehrt! Ihr habt also Gottes
Gebot aufgehoben um eurer Aufsätze willen! (Matth.15,6) Wer gab euch dazu das
Recht? Weil ihr an Gott noch nie geglaubt habt, so möget ihr solches wohl tun;
denn der geistig tot ist, hat kein Gewissen mehr!“
[GEJ.02_123,05] Hier tritt wieder der
Hauptmann auf und sagt: „Ah, um die Zeit also ist es? Oh, das muß ich mir ganz
besonders notieren! Solche Gottesdiener seid ihr? Darum also könnet ihr das
sicher rein Göttliche unseres Meisters und Heilandes nicht anerkennen?! Euer
Gott ist also bloß zuerst euer Bauch, und dessentwegen eure Gold- und
Silbersäcke! Nun, nun, ich kenne euch nun ganz genau. Verhandelt nun nur weiter
miteinander!“
[GEJ.02_123,06] Sagt der Oberste: „Wir sind
Gottes Diener nach der Ordnung Aarons!“
[GEJ.02_123,07] Sage Ich: „Oh, ihr elenden
Heuchler! Es hat wohl Jesajas von euch geschrieben und geweissagt (Matth.15,7):
,Dies Volk naht sich zu Mir mit seinem Munde und ehrt Mich mit seinen Lippen,
aber sein Herz ist ferne von Mir! (Matth.15,8) Aber vergeblich dienen sie Mir,
dieweil sie dem Volke geben solche Lehren, die nichts denn Menschengebote
sind!‘“ (Matth.15,9)
[GEJ.02_123,08] Sagt der Oberste: „Wegen
unserer Satzungen, die den Menschen auch heilsam sind, heben wir die Gebote
Gottes nicht auf!“
[GEJ.02_123,09] Sage Ich: „Ich habe es euch
schon gezeigt bei dem einen Gebote Gottes; wollt ihr auch hören, wie ihr all
die andern Gebote Gottes in den Staub tretet und über sie eure Satzungen bis in
den Himmel hineinragend stellet?“
[GEJ.02_123,10] Sagt der Oberste: „Solches
laß des Volkes wegen; denn es ist viel Volk hier!“
[GEJ.02_123,11] Sagt der Hauptmann: „So gebet
ihr dem Meister vor dem Volke das Zeugnis, daß Er als vollkommen recht nach dem
Gesetze Gottes lebt und handelt!“
[GEJ.02_123,12] Sagt der Oberste: „Das können
wir nun nicht tun; das kann erst vom Tempel aus geschehen durch den gesalbten
Hohenpriester!“
[GEJ.02_123,13] Sagt darauf der Hauptmann:
„Das heißt bei uns Römern: Ars longa, vita brevis! (Die Kunst ist lang, das
Leben kurz!), oder man will die Sache aus gewissen Gründen auf die sogenannte
lange Bank hinausschieben, um ja nichts zu tun; aber ich sage es euch vor dem
Volke ganz geradeheraus, denn als Zeugnis für einen Meister, wie Jesus von
Nazareth einer ist, wäre auch euer bestes Zeugnis noch viel zu elend und
schlecht! So ihr es daheim im Tempel wagen solltet, nur irgendeinen schiefen
Bericht über Jesus abzustatten euren heuchlerischen Kollegen, so werde ich im
selben Augenblick einen Bericht an den Kaiser nach Rom abgehen lassen und ihm
haarklein und mit hundert Zeugen versehen dartun, wie ihr und eure Kollegen auf
euer Geheiß den berühmten Steuerraub verübt habt! Darauf rechnet denn ja auch
kein Jahr, und euer Höllennest wird zerstört sein also, daß man es darauf
schwer finden wird, wo es dereinst gestanden hat! Merket euch dieses wohl! Denn
was ein Römer gesprochen, das hält er, und wenn darob auch Himmel und Erde
zugrunde gingen ,Fiat iustitia, pereat mundus!“ (Es geschehe Recht und ginge
die Welt zugrunde!) – Habt ihr mich verstanden?“
124. Kapitel
[GEJ.02_124,01] Auf diese Rede des Hauptmanns
Julius ziehen sich die Pharisäer ganz verdutzt zurück und beraten unter sich,
was da rätlich wäre. Der eine meint, man solle Mir das vom Hauptmann verlangte
Zeugnis doch geben.
[GEJ.02_124,02] Der Oberste aber sagt: „Wie
können wir das, so er die Gesetze des Tempels verachtet und mit Füßen tritt?!
Tun wir's aber nur zum Scheine, so nützt das uns nichts; zu seiner Zeit würde
man das Zeugnis, von uns ausgestellt, vorzeigen, und alle Schuld und Strafe
käme dann über uns! Halten wir lieber, was der Hauptmann von uns will; denn
käme es dann auch zu etwas, so haben wir dann einen guten Grund, uns zu
entschuldigen vor unseren Allerobersten!“ – Mit diesem Bescheide begnügen sich
bald alle die Pharisäer und Schriftgelehrten, verstummen am Ende ganz und reden
kein Wort mehr.
[GEJ.02_124,03] Da erhob Ich Mich
vollernstlich, wandte Mich an den Obersten und sagte zu ihm: „Also wegen der
Nichthaltung eurer gottvergessenen Menschensatzungen kannst und willst du Mir
kein Zeugnis geben, und das aus Furcht um deinen elenden Leib? Oh, hättest du
Mir ein Zeugnis gegeben, wie glücklich wärest du geworden zeitlich und ewig;
aber nun ist es vorbei! Es wird des Menschen Sohn von dir nimmerdar eines
Zeugnisses benötigen; denn Seine Werke und Seine Worte geben Ihm das rechte
Zeugnis! Auf daß du und deine Gefährten aber sehen, daß des Menschen Sohn keine
Furcht vor den Menschen hat, so werde Ich nun all dem Volke vor dir sagen, daß
an der Haltung eurer Satzungen gar nichts ist, und daß jener, der sie nach
eurem Sinne beachtet, eine grobe Sünde begeht vor Gott!“
[GEJ.02_124,04] Sagt der Oberste: „Das tue du
nicht, sonst dürfte es dir übel ergehen!“
[GEJ.02_124,05] Sagt der Hauptmann: „Ja, das
wird Er tun, und es wird Ihm nichts Übles begegnen! Merket euch das, ihr
elenden Geldschufte! Hier seid ihr in meiner Gewalt; nur eine mir verdächtige
Bewegung von euch, und ich lasse euch in Stücke zerhauen und ins Meer werfen,
den Drachen zur Speise, so wahr ich Julius genannt werde! Da sehet einmal diese
Wichte an! Die Geschichte weiset, daß die Templer seit schon mehr denn
dreihundert Jahren keinem Menschen etwas Gutes getan haben. Und war noch dann
und wann eine edle Seele unter ihnen, so haben sie mit ihr getan, wie mir
bekanntermaßen vor noch kaum dreißig Jahren mit dem frommen, biederen
Zacharias; und wie sich unter ihren Glaubensgenossen irgendein Mensch erhebt voll
Wahrheit, Ehrlichkeit und Gotteskraft und die armen Menschen mit Wohltaten
aller Art überhäuft, da sind diese Wichte auch schon da, um ihn zu verderben!
Oh, dies elende Handwerk soll euch bald gelegt werden!
[GEJ.02_124,06] Seht, dieser wahrhaftige Gottesmann
kam hierher in diese Gegend, die wegen ihrer ungesunden Lage weltbekannt ist.
Es befanden sich hier in der ganzen Gegend mehrere tausend Kranke –
Einheimische und Fremde –, selbst meine Soldaten lagen über die Hälfte an
lästigen und bösen Fiebern danieder, manche schon über ein Jahr; da kam dieser
reine Gottmensch hierher und heilte alle, die da Hilfe gesucht haben. Sollte
man solch einem Manne nicht füglich einen Altar erbauen, ihm wie einem Gott
opfern und alle erdenkliche Ehre und Salbung darbringen? Was Gutes aber habt
ihr den Menschen erwiesen, als ihr hierher kamet? Des Ebahl Keller und
Speisekammer werden bald um hundert Groschen Wertes geringer werden!
[GEJ.02_124,07] Und aus Dank, daß ihr überall
gleich den Wölfen umsonst fresset, wollet ihr uns hier noch unsern größten
Wohltäter verderben! Einen Menschen, dem allein ihr es zu verdanken habt, daß
Cyrenius nicht gleich alle Macht in Asien zusammenrufen und bis auf den Grund
zerstören ließ euer scheußliches Raub- und Hurennest! Nein, es ist zu arg, so
man über eure Schändlichkeit nachdenkt! Auf daß eure Betrügereien, die ihr dem
Volke als göttliche Dinge ums teure Geld verkaufet, nicht verraten würden,
suchet ihr mit aller Satanslist sogar eure größten Freunde und Wohltäter, so
ihr bei ihnen irgendein höheres Licht wittert, aus dem Wege zu räumen! Saget es
selbst, ob ihr nicht schlechter seid um vieles als der Satan selbst!?“
[GEJ.02_124,08] Hier wandte sich der
Hauptmann an Mich und sagte: „Herr und Meister aus der Schule Gottes, lehre uns
ungescheut die Wahrheit und was das Volk in bezug auf die Menschensatzungen zu
tun hat in der Folge! Ich weiß es, daß Dir Himmel und Erde und alle Elemente
gehorchen und Du mit dem leisesten Hauche Deines Mundes diese Wichte so gewiß
wie Spreu in die Lüfte hinaus zerstreuen kannst, als wie gewiß Du imstande
warst, dem Meere zu gebieten, daß es uns getragen hat, als wäre es ein festes
Land; aber dennoch stehe ich Dir – nur als ein schwacher Mensch gegen Dich mit
aller meiner Macht, die durchaus nicht unbedeutend ist – bis auf den letzten
Mann und bis auf den letzten Tropfen Blut zu Diensten! Diese elendesten Wichte
sollen den Ort Genezareth kennenlernen!“
[GEJ.02_124,09] Sagt der Oberste mit einer
stark bebenden Stimme: „Herr Hauptmann! Wo aber hast du einen Beweis gegen uns
dahin, daß wir nur darum gekommen seien, diesen Menschen zu verderben? Wir sind
wohl gekommen, ihn zu untersuchen und zu prüfen, was man uns doch unmöglich
verargen kann; aber vom Verderben kann da doch bei Gott keine Rede sein! Du
hast nun leicht reden; denn du hast schon eine hinreichende Gelegenheit gehabt,
ihn durch seine Taten und Reden kennenzulernen; wir aber haben außer der
heutigen wunderbaren Heilung noch wenig gehört und gesehen, außer deinen
durchaus nicht sehr humanen Drohungen, und es sollte uns denn, als gewisserart
noch völlig Fremden in dieser Sache, ja doch auch freistehen, diesen Wundermann
ein wenig durchzukosten!
[GEJ.02_124,10] Daß wir Templer auf einem
bereits sehr hohlen Grunde stehen, ist uns sicher nicht fremd; aber dessenungeachtet
ist er dennoch besser als gar keiner, und der Staat muß ihn so lange schützen,
als es irgend Gott gefällig sein wird, einen gediegeneren zu schaffen! Daher
bitte ich dich, uns nicht gleich mit dem Schwerte zu drohen, so wir irgend mit
dem Wundermanne Jesus ein paar Worte wechseln! Er soll nun tun, was er will,
und soll lehren und predigen, auf daß auch wir davon etwas Besseres erfahren,
als was wir bloß vom Hörensagen und von vielen, sicher falschen Berichten
vernommen haben; werden wir sehen, daß an der Sache etwas ist, so werden auch
wir andere Urteile in uns fassen, als wir sie bis jetzt fassen konnten! Denn
gar so dumm sind wir nicht, und unser Herz ist noch immer eines gerechten
Urteiles völlig fähig.“
[GEJ.02_124,11] Sagt der Hauptmann: „Die
Verweigerung des verlangten Zeugnisses spricht nicht zu Gunsten der
Gerechtigkeit eures Herzens, im Gegenteil! Ex trunco non quidem Mercurius (Aus
einem Klotz ist noch kein Gott geworden!) – aber wir wollen sehen!“
125. Kapitel
[GEJ.02_125,01] Da rief Ich sogleich alles
Volk zusammen, das zum Teil hier aus den Genesenen und zum Teil aus den
ziemlich vielen Einwohnern der Stadt bestand, die an diesem Tage, als am
Vorsabbat, einen Feiertag machten.
[GEJ.02_125,02] Als das Volk beisammen und
der Saal nahezu vollgefüllt war, sagte Ich zum Volke: „Höret zu, und vernehmet
Mich wohl! (Matth.15,10) Was zum Munde eingeht, das verunreinigt den Menschen
nicht; aber was zum Munde ausgeht, das verunreinigt den Menschen. (Matth.15,11)
Mit ungewaschenen Händen das Brot essen, verunreinigt keinen Menschen. Das sage
Ich euch allen und hebe somit für ewig solche Menschensatzung auf!“ – Da fing
alles Volk an zu jubeln und lobte Mich.
[GEJ.02_125,03] Da traten aber auch die
Jünger zu Mir und fragten Mich und sprachen: „Hast Du wohl gemerkt, wie grimmig
sich die Pharisäer geärgert haben, als sie Dich solches Wort aussprechen
hörten?“ (Matth.15,12)
[GEJ.02_125,04] Sage Ich laut zu den Jüngern:
„Alle Pflanzen, die nicht Mein himmlischer Vater gepflanzt hat, werden
ausgereutet. (Matth.15,13) Lasset sie fahren! Sie sind blinde Blindenleiter. Wo
aber ein Blinder einen Blinden führt, da fallen doch sicher beide in den
Graben! (Matth.15,14) Diese können sich ärgern wie sie wollen; denn ihr Vater
ist ein anderer als der unsrige. Unser Vater ist oben – und der ihrige unten!“
[GEJ.02_125,05] Als die Pharisäer solches
vernahmen, da wurden sie gelb, grün und feuerrot vor Zorn und Wut; und der
Oberste sagte, mit zwar bebender Stimme: „Wir haben nun genug gehört! Er hat
Gott und uns gelästert! Nun wissen wir, mit wem wir es zu tun haben, und wer
dieser Jesus aus Nazareth ist! Lasset uns daher von dannen ziehen und laut
verkünden dem Hohenpriester, welch ein Mensch dieser Nazaräer ist!“
[GEJ.02_125,06] Sagt der Hauptmann: „Man kann
wohl in eine Stadt kommen, wie ihr, nach eigenem Willen; aber das Hinauskommen
liegt im Willen des Machthabers über die Stadt! Es ist wohl bald gesagt:
,Lasset uns hinausziehen!‘; aber da tritt der Machthaber entgegen und spricht:
,Ihr bleibet!‘“ – Das letzte ward mit einer Donnerstimme hinausgedröhnt.
[GEJ.02_125,07] Über die letzten Worte: „Ihr
bleibet!“ erschraken die Pharisäer aber auch derart, daß sie alle erdenbleich
wurden, zu beben begannen und kein Wort mehr über ihre Lippen zu bringen
imstande waren.
[GEJ.02_125,08] Als der Hauptmann sah, daß
seine Anrede auf sie einen mörderischen Eindruck gemacht hatte, da sagte er
weiter: „Bevor ich euch werde abziehen lassen, werden wir miteinander noch viel
zu reden haben, und ihr werdet mir zuvor noch ein Paar Kontrakte und ein
Zeugnis mit eurer Handschrift im Beisein des Volkes unterfertigen; aber sowohl
die Kontrakte als wie das Zeugnis auf Leben und Tod! Wohl verstanden! Denn
sowie ich durch meine scharfhörigen Spione erführe, daß ihr nur einen Punkt der
Kontrakte nicht hieltet, so seid ihr noch am selben Tage des Todes, und möchtet
ihr euch auch hinter tausend Tempeln verbergen!“
[GEJ.02_125,09] Hier ließ sich der Hauptmann
von seinen Dienern sogleich ein Schreibzeug bringen und schrieb folgendes:
„Kontrakt Nr. 1: Wenn einer von euch es wagen sollte, über Jesus von Nazareth
auch nur ein schmählich Wort zu reden, entweder untereinander oder zu jemand
Fremdem, was augenblicklich aufkommen wird, der verfällt dem Gerichte und dem
Tode! – Kontrakt Nr. 2: Wer von euch von alledem, was sich hier zugetragen hat
und hier geredet ward, in Jerusalem und im Tempel nur eine Silbe fallen ließe
und Jesus dem Herrn ein böses Zeugnis gäbe, ob im Tempel oder in einem andern
Hause, der verfällt dem peinlichen Gerichte und darauf dem martervollsten Tode!
Und niemand tröste sich mit dem: ,Es wird doch wohl sicher nicht aufkommen!‘
Wie schon gesagt, im selben Momente, als wo ihr immer nur eine Silbe von dem
aussagen werdet, was in den zwei Kontrakten euch zu schweigen geboten ist,
werden es meine Spione erfahren, und mit euch wird es geschehen, was euch in
diesen Kontrakten verheißen ist!“
[GEJ.02_125,10] Darauf schrieb der Hauptmann
das Zeugnis, das also lautete: „Wir samt und sämtlich bekennen am Ende mit
unserer Handschrift zur Steuer der Wahrheit pro memoria aeterna (zur ewigen
Erinnerung), daß wir den bekannten Raub der kaiserlichen Steuern und Schätze
aus dem Pontus und aus Kleinasien begangen und solche durch eine
allerschmählichste List den Überbringern abgenommen haben, aber bei dem Transporte
nach Jerusalem in Kis durch den Jesus von Nazareth verraten worden sind,
wennschon nicht mündlich, so doch durch seinen Einfluß. Wir wären zwar vom
Richter Faustus samt und sämtlich zum Tode verdammt worden – aber Jesus von
Nazareth hat sich für uns verwendet, und wir kamen unverletzt davon! – Dies ist
eine Wahrheit, für die wir unser Leben einsetzen!“
[GEJ.02_125,11] Als der Hauptmann diese drei
Stücke fertiggeschrieben hatte, las er sie ganz ruhig den Pharisäern und
Schriftgelehrten vor. Bei jeder Zeile wurden ihre Gesichter länger und länger,
und als sie das Zeugnis verlesen hörten, da erst schlugen sie die Hände über
den Häuptern zusammen und schrien: „Was, das sollen wir unterschreiben?!“
[GEJ.02_125,12] Sagt der Hauptmann: „Ja, es
ist reine Wahrheit! Wollt ihr solche aber nicht, so stehen dort schon die
Büttel mit Ruten, Geißeln und scharfen Beilen versehen!“ – Hier sahen sich die
Pharisäer um und ersahen die Schreckensmänner. Da verlangten sie aber auch
gleich ohne Widerrede Schreibzeug. Der Hauptmann aber erinnerte sie noch, ihre
wahren Namen zu unterschreiben, da ein falscher Name jedem den Tod brächte. Da
unterschrieben sie ihre wahren Namen, und wer aus dem Volke schreiben konnte,
mußte sich als Zeuge unterschreiben.
[GEJ.02_125,13] Als die drei Dokumente also
in der Ordnung waren, sagte der Hauptmann: „Nun habe ich das, was ich von euch
schon lange gern gehabt hätte, und ihr wißt es, was ich habe. Was ihr zu
beachten habt, wißt ihr auch, und somit sind wir fertig. Nun möget ihr schon
ziehen, wohin ihr wollt! Bis an die Grenze wird euch sicheres Geleit gegeben!“
[GEJ.02_125,14] Hierauf packten diese
Pharisäer und Schriftgelehrten auch sogleich zusammen, und es dauerte keine
halbe Stunde, so hatten sie Genezareth auch schon hinter dem Rücken, ganz
stille, ohne Wort und Laut.
126. Kapitel
[GEJ.02_126,01] Als diese Prüfer und
Untersucher schon über Berg und Tal waren, da sagte der Hauptmann: „Herr, diese
werden hoffentlich schweigen; denn diese drei Schnüre dürften halten! Übrigens
ist es volle Wahrheit, daß ich's binnen längstens acht Tagen erfahre, was einer
von ihnen noch so geheim irgendwo möchte geredet haben; dazu ist ihr Glaube
noch stärker denn meine weit ausgebreiteten Kundschafter, und ihre große Furcht
ist ihr Zuchtmeister. Da stehe ich dafür, daß von ihnen keiner auch nur eine
Silbe von alledem zu jemandem reden wird, was er hier erlebt hat!“
[GEJ.02_126,02] Sage Ich: „Ja, sie werden
schweigen, aber desto größer wird ihr geheimer Zorn sein; denn das, was ihnen
hier in hinreichendstem Maße begegnet ist, wird keiner von ihnen je vergessen.
Sehet aber euch alle wohl vor; denn ihre geheime Bosheit ist groß und hat keine
Grenzen! In ihren Herzen hausen Teufel, und diesen ist kein Mittel zu schlecht,
sich an dem zu rächen, der sie beleidigt hat! Darum sehet euch vor! Diese
werden nun brüten und brüten! Das Zeugnis aber, das sie unterfertigen mußten,
ist noch das beste Bindemittel! Daher werden sie wohl stille sein; aber sie
werden euch mehr böswillige Kundschafter auf den Hals senden als ihr ihnen und
werden gegen euch falsche Zeugen dingen. Darum sehet euch vor, Ich habe es euch
deshalb zuvor gesagt!“
[GEJ.02_126,03] Sagt der Hauptmann: „Herr,
ich danke Dir aus dem vollsten Herzen für diese Warnung! Da ich aber nun das
weiß, so soll es jedem Fremden in der Folge ganz absonderlich zu Mute werden,
besonders aber einem Jerusalemer, der in dieses Gebiet kommen wird! Wahrlich,
dem sollen glühende Kohlen über dem Kopfe angeblasen werden! Nur einen einmal
ergreifen, und es soll einem zweiten für immer die Lust vergehen, einen
Kundschafter der Teufel zu machen!“
[GEJ.02_126,04] Sage Ich: „Ja, ja, darum seid
auf eurer Hut; denn diese Art ist dem Äußern nach geschmeidig wie eine Taube, dem
Innern nach aber ist sie giftiger denn eine ägyptische Ringelschlange! Sie
werden kommen in allerlei Gestalt und werden reden diese und jene Sprache, bald
als persische Kaufleute, bald als Griechen und bald als Ägypter, auch als
Römer, und werden schwer zu unterscheiden sein von wahren Angehörigen der
genannten Nationen. Aber so ihr sie streng untersuchen werdet, da werdet ihr
schon finden, wes Geistes Kinder sie sind!“
[GEJ.02_126,05] Sagt der Hauptmann: „Oh, noch
viel mehr Dank Dir, o Herr! Nun weiß ich's ganz genau, was ich in der Zukunft
werde zu tun haben; und sollte sich wo ein trüber Fall zeigen, da wirst Du
mir's ja wohl gestatten, daß ich Deinen mir über alles heiligen und mächtigen
Namen werde anrufen dürfen und sagen: ,O du großer allmächtiger Geist meines
Herrn und Meisters Jesu! Erleuchte mein Herz, auf daß es licht werde in ihm!‘,
und Du wirst solch mein Rufen sicher auch bis ans Ende der Welt vernehmen!“
[GEJ.02_126,06] Sage Ich: „O Freund und
Bruder, bleibe du also in Mir, und Mein Geist wird in dir sein, dir zur Hilfe
zu jeder Zeit bei Tag und bei Nacht!“
[GEJ.02_126,07] Sagt die neben Mir stehende
Jarah: „Aber Herr, Du redest ja, als wenn Du uns schon bald verlassen
möchtest!? O ich bitte Dich, bleibe doch noch einige Tage bei uns; denn Du bist
ja mein Leben! Wie könnte ich ohne Dich leben? Du mußt hier bleiben, ich lasse
Dich nicht von hier! Ohne Dich müßte ich ja sterben!“
[GEJ.02_126,08] Sage Ich ganz freundlich: „O
du Meine allergeliebteste Jarah, dich werde Ich ewig nicht verlassen! Und werde
Ich Mich der Person nach nach etwelchen Tagen von hier Meines Amtes wegen
entfernen auf einige Zeit, so werde Ich aber dennoch im Geiste gleichfort bei
dir sein, und du wirst mit Mir reden, und Ich werde dir eine wohl vernehmbare
Antwort geben auf jede deiner Fragen; dessen kannst du vollends versichert
sein! – Verstehst du das?“
[GEJ.02_126,09] Sagt die kleine Jarah: „Ja,
Du mein allerliebster Herr Jesus, das verstehe ich recht gut und weiß, daß Dir
nichts unmöglich ist; aber lieb ist es mir dennoch, so Du auch Deiner Person
nach noch längere Zeit bei uns verweilest. Denn siehe, nun, da Du bei uns bist,
sieht alles so verklärt und himmlisch aus; ich kann mir nun schon den Himmel
nicht schöner und herrlicher vorstellen. Daher mußt Du mir zulieb wohl noch
auch persönlich einige Tage hier verweilen!“
[GEJ.02_126,10] Sage Ich: „Nun ja, es ist ja
unmöglich, solch einer Liebe etwas ungewährt zu lassen, besonders wenn sie sich
den allerbesten Teil erwählt hat! Sei du nur frohen Mutes; deine Liebe wird
nimmer allein dastehen!“
[GEJ.02_126,11] Das macht die Jarah ganz
heiter, daß sie darob zu Ebahl springt und sagt: „Sieh, Vater Ebahl, der Herr
bleibt noch bei uns, und das immer!“
[GEJ.02_126,12] Sagt Ebahl: „Mein liebes
Kind, das ist eine große Gnade für uns, der wir alle zusammen nicht wert sind;
denn Er ist ein Herr Himmels und dieser Erde! Was Er tut und tun will, das
liegt in Seinem ewigen, unergründlichen Ratschlusse verborgen, demnach jedes
Haar auf unserem Haupte also gezählt ist wie der Sand des Meeres, und wir
Menschen können darin nichts ändern. Aber dieser Meinung bin ich auch, daß es
bei Ihm, vor dem tausend Jahre wie ein Tag sind, eben auf einen Tag nicht
ankommen wird, kürzer oder länger bei uns zu verweilen. Daher halte du Ihn nur
fest und laß Ihn nicht aus; denn dich hat Er unter uns am liebsten!“
[GEJ.02_126,13] Sagt die Jarah: „Oh, ich
werde Ihn schon recht festhalten und gar nimmer auslassen!“
127. Kapitel
[GEJ.02_127,01] Da komme Ich von rückwärts
still zur Jarah, hebe sie vom Boden auf und sage: „Aber du Mein allerliebstes
Kindchen, wie wirst du Mich wohl halten können? Siehe, Ich bin ja viel stärker
denn du!“
[GEJ.02_127,02] Sagt die Kleine, als Ich sie
wieder auf den Boden stelle: „Das weiß ich wohl, daß Du endlos stärker bist als
ich, kaum ein Mücklein vor Dir; denn Du trägst mit Deiner allmächtigen
Willenskraft Himmel und Erde und hältst das Meer in seiner Tiefe; wie sollte
ich mich in der Stärke mit Dir messen wollen?! Aber das meine ich, daß Du, weil
ich Dich gar so unbeschreiblich liebhabe, meiner Liebe zu Dir zulieb Dich wirst
ein wenig über die Zeit halten lassen!“
[GEJ.02_127,03] Sage Ich: „Ja, da hast du
wieder recht; denn mit der Liebe richtet man bei Mir alles aus! Die Liebe zu
euch Menschen zog Mich ja auf diese Erde! Wer aber Liebe hat wie du, der kann
mit Mir dann freilich schon machen, was er will! Denn solche Liebe ist ja eben
Mein Geist in dem Herzen des Menschen. Und was solche Liebe verlangt und will,
das geht aus aller Tiefe der göttlichen Ordnung, und du kannst Mich deshalb mit
deinem Herzen schon so hübsch festhalten, und Ich werde Mich von deinem Herzen
ewig nimmer trennen!
[GEJ.02_127,04] Jedoch an Meiner
erscheinlichen Person liegt nichts, sondern allein nur an Meinem Geiste! Was
Ich tue, siehe, das tut nicht Meine Person, sondern allein nur Mein Geist; aber
dir zuliebe werde Ich dennoch ein paar Tage hier verweilen, – denn morgen ist
Sabbat und übermorgen ein Nachsabbat! Diese beiden Tage werde Ich noch hier
verweilen, dann aber werde Ich weiterziehen, und zwar nach Sidon und Tyrus, –
werde aber dann schon wieder kommen und vielleicht den halben Winter bei euch
zubringen.“
[GEJ.02_127,05] Sagt ganz entzückt die
Kleine: „Oh, Gott dem heiligen Vater alles Lob darum! Nun bin ich schon
zufrieden!“
[GEJ.02_127,06] Alle bewunderten das zwölf
Jahre alte Mägdlein und staunten über ihren Verstand. Und ein Alter sagte: „Oh,
das ist eine besondere Gnade Gottes! In dieser zarten Haut steckt ein
Gottesengel! Gestalt und Geist zeugen dafür.“
[GEJ.02_127,07] Sagt ein anderer: „Jawohl!
Das Mägdlein zählt erst zwölf Jahre und etwa ein halbes darüber; aber sie sieht
aus wie eine Maid von sechzehn Jahren! Ihr Leib ist völlig ausgebildet, und
ihre Seele läßt nichts zu wünschen übrig. Die hat wahrlich Kopf und Herz am
rechten Flecke! Glücklich, wer einmal diese als Weib in sein Haus führen wird!“
[GEJ.02_127,08] Solches vernimmt die Jarah
und sagt: „Ein Herz, das Gott liebt, bedarf der Liebe eines selbstsüchtigen
Bräutigams nicht; denn es ist schon als Braut eingeführt in das Haus Gottes! Ich
weiß die Menschen zu lieben in ihrer Not und Gutes zu tun den Armen zu jeder
Stunde bei Tag und Nacht; aber die gewisse Liebe eines jungen Mannes kenne ich
nicht und werde sie auch nie kennenlernen, – außer sein Herz ist gleich dem
meinen erfüllt allein von der reinsten Liebe zu Gott!“
[GEJ.02_127,09] Sagt ein anderer alter Jude:
„Ei, ei, Mägdlein! Deine Rede klingt zwar wohl, als käme sie aus dem Munde
eines Engels; aber du bestehst dennoch auch aus Fleisch und Blut, und wenn
einmal deine Jahre kommen werden, dann wirst du es schon sehen, ob Fleisch und
Blut beim Menschen nichts zu reden haben!“
[GEJ.02_127,10] Sagt die Jarah: „Daß der
Mensch kein Gott ist, das weiß ich schon seit meinen frühesten Jahren; aber der
Mensch kann durch seine rechte Liebe zu Gott ein Meister seines Fleisches und
Blutes werden, der sicheren Hilfe Gottes zufolge. Wem aber Gott hilft, dem
hilft Er ganz und nicht zur Hälfte, was ihr heute früh selbst an eurem kranken
Fleisch und Blut erfahren habt! Denn das war nicht Menschenhilfe, sondern das
war Gottes Hilfe!“ – Nach diesen Worten Jarahs verstummen die Alten, und es
getraut sich keiner mehr, ihr ein Wort zu entgegnen.
[GEJ.02_127,11] Ich aber sage zur Jarah, sie
bei der Hand fassend: „Gut hast du es gemacht! Du sprichst ja schon wie ein
ausgemachter Prophet!“
[GEJ.02_127,12] Sagt lieblächelnd die Jarah
halblaut zu Mir: „Ist leicht prophetisch reden, wenn man bei Dir ist und Du
einem die Worte ins Herz und in den Mund legst! Hätte ich aus mir selbst
geredet, da wären gewiß recht viele Dummheiten herausgekommen!“
[GEJ.02_127,13] Sage Ich auch so halblaut:
„Könnte wohl sein, Meine allerliebste Jarah! Aber von nun an wirst du stets so
weise zu reden imstande sein, nur mußt du Mir nicht etwa einmal untreu werden,
wenn du älter wirst!“
[GEJ.02_127,14] Sagt die Jarah: „Herr, wenn
das möglich wäre, da laß mich lieber sterben!“
[GEJ.02_127,15] Sage Ich: „Nun, nun, es wird
etwa wohl unmöglich bleiben!?“
[GEJ.02_127,16] Sagt die Jarah, Mich fest um
die Mitte fassend und an ihre Brust drückend: „Ja, so etwas muß ewig unmöglich
bleiben! Denn man müßte nur wahnsinnig werden, so man gäbe ein Pfund reinsten
Goldes um ein Pfund stinkenden Moders!“
[GEJ.02_127,17] Sage Ich: „Also hältst du
doch auch etwas aufs Gold?“
[GEJ.02_127,18] Sagt die Jarah: „Ja, aufs
Gold der Seele alles! Das irdische Gold aber habe ich nur des Beispieles wegen
angeführt.“
[GEJ.02_127,19] Sage Ich: „Nun, nun, Ich habe
dich schon verstanden; aber weil Ich dich eben gar so liebhabe, so muß Ich dich
ja auch ein wenig necken!“
[GEJ.02_127,20] Sagt die Jarah: „O necke Du
mich nur, ich werde Dich darum doch nicht weniger lieben! Denn das weiß ich ja
schon seit lange her, daß Gott die Menschen, die Er besonders liebt, mit
allerlei Leiden heimsucht! So Du, o Herr, mich so recht, recht zu necken
anfangen wirst, dann wirst Du mich erst ganz liebhaben!“
[GEJ.02_127,21] Sage Ich: „O du Mein liebstes
Kindlein, solch reinste Herzen, wie das deine ist, neckt Gott nimmer, sondern
nur solche, die Gott zwar sehr lieben, aber dabei dennoch auch mit der Welt
dann und wann liebäugeln; solchen treibt dann Gott durch allerlei Neckereien
die Weltliebe aus dem Herzen, auf daß sie vollends reinen Herzens werden. –
Verstehest du solches?“
[GEJ.02_127,22] Sagt die Jarah: „O Herr, Du
Honigseim meines Herzens, das verstehe ich wohl recht gut!“
128. Kapitel
[GEJ.02_128,01] Sagt auf der Seite endlich
einmal wieder Petrus, so mehr für sich: „Begreife nicht, wie dies Mägdlein mit
dem Verstehen allzeit so geschwind fertig ist! Ich bin doch schon alt und habe
doch schon so manches erfahren, aber mit dem gar so schnellen Verstehen geht es
bei mir durchaus nicht. So verstehe ich jetzt noch nicht so ganz rein, was Er
mit dem Bilde gemeint hat: ,Was zum Munde hineingehet, verunreinigt den
Menschen nicht, sondern das vom Munde herauskommt!‘ So ein Mensch sich
erbrechen muß, oder so er hustet und dann ausspuckt, wie soll ihn das
verunreinigen? Hat doch Moses davon keine Erwähnung gemacht!?“
[GEJ.02_128,02] Sagen auch die anderen
Jünger: „Da geht es dir wie uns; denn das bringen auch wir nicht zusammen! Gehe
und frage Ihn in unser aller Namen, wie dies Gleichnis zu verstehen ist!“
[GEJ.02_128,03] Da erst trat Petrus zu Mir
hin und fragte Mich, sagend: „Herr, deute uns das Gleichnis vom ,zum Munde Ein-
und Ausgehen‘ (Matth.15,15); wir alle verstehen es nicht!“
[GEJ.02_128,04] Sage Ich: „Seid denn ihr auch
noch so unverständig? (Matth.15,16) Wie lange werde Ich euch denn noch also
ertragen müssen? Merket ihr noch nicht, daß alles, was zum Munde eingeht, in
den Bauch kommt und von da durch den natürlichen Gang ausgeworfen wird?
(Matth.15,17) Was aber zum Munde herausgeht, das kommt aus dem Herzen und
verunreinigt den Menschen! (Matth.15,18) Denn aus dem Herzen kommen arge
Gedanken: Mord, Ehebruch, Hurerei, Dieberei, falsche Zeugnisse und Lästerungen.
(Matth.15,19).
[GEJ.02_128,05] Das sind Stücke, die den
Menschen verunreinigen; aber mit ungewaschenen Händen Brot essen, das
verunreinigt den Menschen nicht! (Matth.15,20) – Verstehet ihr nun das?“
[GEJ.02_128,06] Sagen die Jünger: „Ja, Herr,
wir danken Dir für dies heilige Licht!“
[GEJ.02_128,07] Sage Ich zum Matthäus dem
Schreiber: „Also zeichne du auf die Speisung in der Wüste, darauf die
nächtliche Hierherfahrt, und was sich dabei Besonderes ereignete, und darauf
aber gleich, was sich heute zutrug, mit wenig Worten, aber bündig! Alles
andere, was sich hier zugetragen hat, laß einstweilen weg; in der Folge aber
kann noch manches nachgetragen werden, – das aber ist ein wesentliches Stück
des Evangeliums.“
[GEJ.02_128,08] Hierauf begeben sich die
Jünger wieder in ihr Zimmer, wo ihrer schon mit Ungeduld die etlichen bekehrten
Pharisäer und Schriftgelehrten samt den zwei Essäern harren. Natürlich werden
sie gleich klein durchgefragt, wie es mit den Pharisäern und Schriftgelehrten
von Jerusalem gegangen sei. Und die Jünger erzählen ihnen alles haarklein. Da
sagen die Pharisäer, Schriftgelehrten und die beiden Essäer: „Nein, da gehört
wahrlich viel Nacht und Verschlagenheit dazu, bei solchen Zeichen und Zeugnissen
noch in der bösartigsten Dummheit hartnäckig zu verharren! Und was nützt ihnen
alle ihre Verschlagenheit? Nun sind sie durch die drei ausgestellten Dokumente
auf eine solche Weise gebunden, daß sie sich nicht einmal untereinander ihre
Gedanken mitteilen dürfen! Sind das aber doch Ochsen und Böcke!“
[GEJ.02_128,09] Sagen die Essäer: „Die Sache
mit Jesus ist so sonnenhell wie nur etwas sonnenhell sein kann, und doch solch
eine unerhörte Verschlagenheit! Wir sind doch, was Weltverstand betrifft, so
gebildet, als man nur immer gebildet sein kann, wenn man alle Schulen Persiens
und Ägyptens durchgemacht hat und die Weisen Griechenlands und auch die der
alten Juden im kleinen Finger hat; aber wir abstrahieren hier alle die
unerhörten Wundertaten und sagen bloß: Was Seine Rede und die aus ihr
hervorgehende tiefste Weisheit betrifft, von der man sonst auf der Erde noch
nie eine Spur angetroffen hat, so ist uns diese mehr denn ein
allerhinreichendster Beweis, daß dieser Jesus ein allervollendetster Gott ist.
Nun kommen aber auch noch Seine Taten hinzu in einer Art, von der wohl nie
einem Menschen etwas geträumt hat; Taten, die nur einem Gott möglich sein
können, in dem sich alle Kräfte der Welt und aller Sterne, der Sonne und des
Mondes vereinen, oder aus dessen wunderbarst allmächtigem Willen sie auf eine
für uns freilich unerklärte Weise ihr Dasein erhielten!
[GEJ.02_128,10] Wir sahen es, wie bei Ihm
Wille, Wort und vollendete Tat gerade in eines zusammenfallen. Die Himmel
öffnen sich auf Seinen Wink, und zahllose Scharen der anmutigsten Ätherwesen
stehen zu Seinem Dienste bereit; Er gebietet es ihnen, und die leeren
Speisekammern strotzen vor Fülle der köstlichsten Speisen, und alle leeren
Schläuche und Krüge werden voll des köstlichsten Weines! Ja, ist das denn wohl
im Ernste nichts?
[GEJ.02_128,11] Er gebietet dem Meere, und es
festigt seine Fläche, ohne darum Eis zu sein, und die Menschen wandeln auf dem
sonst jedem Menschen todbringenden Boden wie auf einem Marmorboden! Und das ist
den Finsterlingen alles gezeigt und treu erzählt worden, dazu haben sie heute
morgen mit eigenen Augen die wunderbare Heilung von etlichen hundert Menschen
mit angegafft, und dennoch sind sie dabei verschlagener geblieben als ein Fels,
an dem seit Tausenden von Jahren wenigstens alle Jahre hunderttausend Blitze
ihre zerstörende Kraft versucht haben! Brüder, da hört denn doch alles
Menschliche im Menschen auf! Da ist er entweder ein böses Tier oder im
Vollernste ein Teufel! – Saget Brüder, haben wir recht oder nicht?“
[GEJ.02_128,12] Sagen die Pharisäer und
Schriftgelehrten: „Mehr noch als vollkommen wahr und recht! Denn wenn man bei
solchen Erscheinungen noch hart und unbeugsam bleiben kann, dann ist man
eventuell ein Teufel!“
[GEJ.02_128,13] Sagen die beiden Essäer:
„Nachdem wir nun glauben, daß es im vollsten Ernste also arge Geister gibt in
den Regionen dieser Welt, von denen nicht selten Menschen geplagt und zum
größten Teil ohne eine fühlbare Plage zu argen Taten verleitet werden, so sind
wir denn nun auch vollends eurer Meinung! Denn Menschen, die für ihre
Nebenmenschen jedes bessern Mitgefühles bar sind, die nur gleich den Tigern für
ihren Rachen und für ihren Bauch besorgt sind, sind nicht mehr Menschen,
sondern Teufel! Denn sie haben für nichts anderes mehr einen Sinn, als nur
dahin zu trachten, daß ihr Bauch auf das ansehnlichste befriedigt wird! Um
diesen einzigen Zweck zu erreichen, ist ihnen auch kein Mittel zu schlecht! Was
Gott, was Geist! Der Bauch muß versorgt sein! Alles andere gilt bei ihnen
nichts. Kunst und Wissenschaft wird von ihnen nur dann als etwas angesehen,
wenn durch sie für ihren Bauch die Einkünfte vergrößert werden können! – O
Herr, sind das Menschen! Ja, ja, das sind die allereigentlichsten und
allerechtesten Teufel!“
[GEJ.02_128,14] Sagt darauf endlich einmal
Judas Ischariot: „Wenn ich nicht zu sehr von Seiner wahrhaft göttlichen
Allmacht überzeugt wäre, wahrlich, mir finge an, um Ihn angst und bange zu
werden! Denn diese Leute würden, so es möglich wäre, Gott Selbst von Seinem
ewigen Throne herabreißen und sich dann darauf setzen; denn die Templer, denen
es nun nach der Vertreibung der Samariter, die ihnen oft stark und scharf auf
die Finger hieben, unendlich gut geht, würden eher das Äußerste wagen, bevor
sie sich in ihrem Wohlleben etwas schmälern ließen!“
[GEJ.02_128,15] Sagt Petrus: „Glaubst du, daß
unser Herr mit aller Seiner Wundermacht sicher ist vor der Arglist der Templer?
So Er vor diesen Vater- und Muttermördern nicht als ein Richter mit Feuer und
Blitz aus den Himmeln verheerend auftritt, so ist Er in kurzer Zeit trotz aller
Seiner Macht und Weisheit ein Opfer ihrer nie zu sättigenden Rache! Ja, ein
Jude ist zu großen Dingen berufen und kann ein Engel sein; aber über einen
schlechten und verdorbenen Juden gibt es auch keinen Teufel, der noch schlechter
sein könnte!
[GEJ.02_128,16] Daher solle Er Sich ja vor
Jerusalem hüten! Denn kommt Er als ein gefälliger Mensch dahin, so ist Er samt
dem Prediger Johannes verloren! Solange dieser in unserer Nähe am Kleinjordan
und in Klein-Bethabara (Wüste) lehrte und taufte, war er sicher; als er sich
aber erst vor etwa drei Monaten nach dem großen Jordan und in die große Wüste
Bethabara begab, da war er auch ehestens ein Opfer der Tempelmenschen, die sich
gar schlau hinter dem Herodes zu verstecken verstanden. Herodes aber ließ ja
auch schon fahnden nach Ihm, unserem Herrn und Meister; hätte er Seiner habhaft
werden können, wer weiß, was da schon alles geschehen wäre! Aber der Herr sieht
auch in der Ferne der Menschen Herzen und ihre Pläne und weiß ihnen auszuweichen!
Denn wer ist wohl klüger und weiser denn Er?“
[GEJ.02_128,17] Sagt ein Pharisäer: „Wenn Er
ihnen einmal auszuweichen beginnt, so ist das schon kein gar gutes Zeichen für
Seine volle Sicherheit! Er kann wohl alles Aufsehen vermeiden wollen, solange es
nur immer möglich ist, und das allein entschuldigt dann Sein Ausweichen; ist
aber nur eine allerleiseste Furcht vorhanden, dann gebe ich nicht viel für
Seine Sicherheit! Denn nur zu gut weiß ich's, wo überall und wie der Tempel
seine verderblichen Netze ausgespannt hält, daß es nahezu eine Unmöglichkeit
ist, demselben zu entkommen mit heiler Haut! Aber Er wird nur kein Aufsehen von
großer Bedeutung vorderhand erregen wollen, und darum wird Er solchen
Gelegenheiten auch solange als möglich ausweichen und wird dadurch einen
heftigsten, Himmel und Erde erschütternden Zusammenstoß vermeiden; Er wird der
großen Bosheit der Menschen erst dann begegnen, wenn das Übermaß ganz voll sein
wird! – Das glaube ich von Seinem Charakter zu verstehen!“
[GEJ.02_128,18] Sagen die Essäer: „Das ist
auch unsere Meinung! Denn bei solch einer rein göttlichen Weisheit und bei
solch einer Fülle von einer verborgenen göttlichen Kraft wird man der argen
Welt gegenüber doch etwa wohl wissen, was man zu tun hat! Wenn wir nur den hunderttausendsten
Teil von Seiner Macht und Weisheit hätten, so wären wir in drei Jahren Herren
der ganzen Welt! Darum ist uns um Ihn nicht bange! Er müßte Sich nur Selbst
freiwillig der argen Welt hingeben und sagen: ,Da bin Ich, nun erfüllet an Mir,
eurem Schöpfer Selbst, das Vollmaß eurer Bosheit, auf daß desto eher über euch
komme das Gericht von oben!‘ – Und da würde Er dennoch nichts verlieren! Er
könnte wohl zugeben, daß die argen Menschen, um ihr Maß voll zu machen, Seinem
Leibe Schaden zufügten, ja denselben sogar töteten; aber wer wird Seinem ewig
unverwüstlichen und allmächtigen Geiste etwas anhaben können? Wie gesagt, wir
zweifeln gar nicht, daß Er so etwas auch zu tun imstande wäre, aber das wird
Seinen Feinden wenig nützen; denn ehe man sich's versehen wird, wird Er als ein
unverwüstlicher Richter auferstehen und sie richten mit Feuer und Schwert aus
den Himmeln! Wehe dann allen Seinen Feinden und allen Teufeln! Diese werden
dann erst qualvollst erfahren, wer Der war, den sie auf allen Wegen und Stegen
verfolgt haben! – Was sagt ihr alle zu dieser unserer Meinung?“
[GEJ.02_128,19] Sagen die Jünger: „Ei, das
geschehe nur Ihm nicht, obschon wir unmaßgeblich eure Meinung nicht streitig
machen wollen; denn bei Gott ist ja vieles möglich, was sich ein Mensch gar nie
als möglich denken kann und mag!“
129. Kapitel
[GEJ.02_129,01] Während die Jünger, die
Pharisäer und die beiden Essäer solches miteinander reden und der Matthäus
seine Aufgabe aufzeichnet, wird vom Ebahl zu Tische gerufen, und die Jünger und
nun ihre Jünger werden ebenfalls zu Tische gerufen und kommen so ziemlich
heiteren Angesichts in den Speisesaal.
[GEJ.02_129,02] Da frage Ich sie, was sie in
ihrem Gemache so lebhaft miteinander besprochen hätten.
[GEJ.02_129,03] Antworten die beiden Essäer:
„Herr, Du hast gut fragen, denn was wir nun untereinander geredet haben, das
war Deinem Geiste schon von Ewigkeit her so klar wie die Sonne am hellsten
Mittage! Aber, daß wir sicher nichts Arges über Dich geredet haben, dessen
kannst Du vollends versichert sein!“
[GEJ.02_129,04] Sage Ich: „Ganz sicher und
wahr, und namentlich, was ihr geredet habt; denn das hat euch nicht euer
Fleisch und Blut, sondern der Geist Gottes eingegeben. Aber redet davon dennoch
nicht wieder zu jemandem etwas Weiteres; denn die Menschen sind blind, dumm und
arg! – Nun aber setzen wir uns zu Tische!“
[GEJ.02_129,05] Der Tisch war gut bestellt;
unsere acht Schiffsknechte hatten ihre Zeit mit Fischen zugebracht und dem
Ebahl eine Menge der schönsten und besten Fische ins Haus gebracht, wofür er
sie aber reichlichst mit Wein und Brot versehen hat. Diese Fische waren sehr
wohl zubereitet, und wir alle verzehrten sie mit viel freudiger Eßlust. Die
beiden Essäer, deren Gaumen eine bedeutende Bildung hatte, da diese Schüler des
Aristoteles und Epikurs auf die Küche große Stücke hielten, konnten sich über
den Wohlgeschmack dieses wahren Fischmahles nicht genug rühmlich aussprechen.
Auch der Hauptmann, samt seinen drei Unterleitern, konnte den Wohlgeschmack der
Fische nicht genug loben und aß nach Herzenslust ein paar recht große Stücke,
so daß er sich am Ende schon zu fürchten begann, ob ihm das nicht schaden
werde.
[GEJ.02_129,06] Ich aber sagte zu ihm:
„Fürchte dich nicht, Mein lieber Julius; denn in Gegenwart des Arztes schadet
dir nichts!“
[GEJ.02_129,07] Das machte den guten Julius
wieder heiter; und dieser Mein Spruch ist dann zum Sprichwort geworden und hat
sich bis auf diese Zeit, in der nun das geschrieben wird, unter den Ärzten
erhalten.
[GEJ.02_129,08] Als die Mahlzeit beendet war,
fragte der Hauptmann, sagend: „Herr, heute ist ein wunderherrlicher Tag! Wie
wäre es denn, so wir den Nachmittag über uns ein wenig ins Freie begäben?“
[GEJ.02_129,09] Sage Ich: „Das ist auch Mein
Sinn; aber diesmal wollen wir einen nächsten Berg besteigen!“
[GEJ.02_129,10] Sagt der Hauptmann: „Ja, der
uns zunächst liegende Berg, dem man den Namen ,Morgenkopf‘, glaube in dieser
Zunge ,Juitergli‘, gibt, ist aber auch zugleich einer der höchsten und von
allen Seiten ungeheuer steil, ein purer nahe ganz kahler Steinkoloß! So Du etwa
diesen besteigen möchtest, da erreichen wir die Spitze vor der einbrechenden
Nacht nicht; und vom Zurückkommen möchte wohl nicht die entfernteste Rede sein!
Auf der Höhe aber die Nacht zuzubringen, das dürfte wohl keinem von uns
behagen! Denn es soll auf der Höhe zwischen den Felsklüften zu allen Zeiten
Schnee und Eis anzutreffen sein; aber die Aussicht soll etwas unbeschreiblich
Lohnendes sein!“
[GEJ.02_129,11] Sage Ich: „Freund, das alles
soll uns nicht hindern, den Morgenkopf zu besteigen; wer den Steg weiß, der
kommt viel eher hinauf, als der ihn erst mühsam suchen muß. Machen wir uns
daher nur auf den Weg; ehe zwei kleine Stunden vergehen, sind wir alle oben,
das heißt, die da Lust haben, den Berg mit uns zu besteigen!“
[GEJ.02_129,12] Sagt der Hauptmann: „Herr,
auf Dein Wort gehe ich ja gerne bis ans Weltende, geschweige auf diesen Berg;
und wenn Du den Führer machst, da ist auch an keine Gefahr zu denken! Ich freue
mich nun recht darauf! Aber etwas Brot und Wein dürften wir wohl etwa
mitnehmen; denn das weiß ich schon, daß man beim Besteigen eines so bedeutenden
Berges ganz außergewöhnlich hungrig und durstig wird!“
[GEJ.02_129,13] Sage Ich: „O ja, das könnt
ihr schon tun! Aber was werden wir mit Meiner allerliebsten Jarah anfangen? Für
die wird der Berg denn doch etwa zu beschwerlich zu besteigen sein!“
[GEJ.02_129,14] Sagt die Jarah: „Mit Dir, o
Herr, kann mir nichts zu schwer sein; ohne Dich aber vermag man ja ohnehin
nichts, und ich schon am allerwenigsten! Wenn es nur Dir genehm ist, so gehe
ich nicht nur auf diesen Berg, sondern buchstäblich ins Feuer mit Dir, wie ich
mit Dir auch als die erste aufs Wasser gegangen bin!“
[GEJ.02_129,15] Sage Ich: „Du verstehst Mir
immer aus deinem Herzen eine rechte Antwort zu geben, die von Liebe und
Wahrheit glüht; darum mache dich nur mit uns auf die Reise, es wird dir dabei
nicht zu schwer geschehen!“ – Wer war eher reisefertig als unsere Jarah, und
sagte auch: „Herr, wenn es Dir also genehm ist, so bin ich schon zur Abreise
bereit!“
130. Kapitel
[GEJ.02_130,01] Das Mägdlein war gehüllt in
ein blaues Faltenkleid; die Füße mit leichten Schnürschuhen beschuht und das
Haupt mit einem aus Stroh recht kunstvoll geflochtenen Hute bedeckt, ergriff
sie Meine Hand und sagte, weil Ich ihr auf die erste Rede die Antwort nicht gar
zu geschwinde gegeben hatte: „Aber Herr, Du mein Leben, ich bitte Dich, sage
mir doch, ob ich Dir so genehm bin?“
[GEJ.02_130,02] Sage Ich: „Das siehst du ja,
Meine allerliebste Jarah! Du bist Mir ja über alles angenehm! O wären Mir alle
Menschen so angenehm wie du, dann wäre es schon gut und recht; aber es gibt in
der Welt gar viele Tausende und abermals so viele tausendmal Tausende, die Mir
nicht so angenehm sind wie du! Aber das sind die puren Weltmenschen, und du
bist ein Engel! Aber nun heißt es gehen; denn es ist bereits um des Tages
dritten Teil!“
[GEJ.02_130,03] Auf dieses Wort erhebt sich
bis auf die Dienerschaft des Hauses alles und macht sich mit Mir auf den Weg.
Es versteht sich von selbst, daß die kleine Jarah stets Mir zur Seite herging
und der Hauptmann und Ebahl ebenfalls.
[GEJ.02_130,04] Als wir an die Wände kamen,
zwischen deren Hohlritzen sich nur ganz enge und äußerst steile Gräben
hinaufzogen, da sagte der Hauptmann: „Herr, mit natürlichen Kräften ist da kein
Hinaufklettern möglich; denn die Gräben sind ungeheuer steil, naß und hie und
da mit allerlei Dorngestrüppe verwachsen! Wenn da keine andern Wege
hinaufführen, so kommen wir da mit unsern natürlichen Kräften in zehn Tagen
nicht hinauf!“
[GEJ.02_130,05] Sage Ich: „Bist denn du schon
so müde, und sieh, wir haben schon mehr als ein Drittel des Weges
zurückgelegt!? Sieh dich einmal um, und du wirst es wohl merken, wie hoch oben
wir schon sind!“ – Hier sah sich der Hauptmann um und erschrak, als er merkte,
daß wir uns schon beinahe auf der halben und steilsten Höhe des Berges zwischen
lauter Steinwänden von senkrechten Abhängen befanden.
[GEJ.02_130,06] Nach einigen etwas
furchtsamen Verwunderungen sagt der Hauptmann in einem etwas furchtfiebernden
Tone: „Nein, das begreife, wer es will und kann! Wie wir alle durch diese
Schlucht bis hierher gekommen sind, ist mir ein Rätsel! Wir sind wohl schon
recht steil gestiegen, aber ich fühlte keine besondere Beschwerde dabei! Nun
aber sind über uns hinan lauter senkrechte Wände! Frage: wie werden wir denn
über diese hinaufkommen?“
[GEJ.02_130,07] Sage Ich: „Merkst du denn
nicht, daß wir nicht stehenbleiben, sondern in einem fort weiterschreiten?!“
[GEJ.02_130,08] Sagt der Hauptmann: „Ja, das
merke ich wohl! Aber wenn ich einen Blick voraus hinauftue, so verschwindet
rein jede Möglichkeit zum Weitergehen!“
[GEJ.02_130,09] Sage Ich: „Sieh, da muß man
denn ein guter, erfahrener Führer sein, und man findet den geraden Weg durch
alle scheinbaren Hindernisse durch! Sieh, die Kluft vor uns ist schon die Türe
zur höchsten Bergkuppe.“
[GEJ.02_130,10] Sagt der Hauptmann: „Ja, wie
aber ist das möglich? Wie konnten denn wir über alle diese beinahe durchaus
senkrecht steilen Wände so bald heraufkommen? Wir sind noch lange keine Stunde
unterwegs und sind nun schon der höchsten Bergeskuppe so nahe, daß wir nur noch
einiger Schritte bedürfen, und wir sind total oben!“
[GEJ.02_130,11] Sagt die ganz heitere Jarah:
„Aber Julius, wie magst du da fragen, wo Gott der Herr unser Führer ist?! Er
hätte uns alle durch die ganz freie Luft ebensogut heraufheben können als über
diese Wände, über die noch nie ein Mensch seine Füße gleiten ließ! So wir
wissen, daß wir es hier mit dem Allmächtigen zu tun haben, so ist jede weitere
Frage eitel. Wir können nur vor Liebe und vor der Höchstachtung vor Ihm
zerfließen und Ihm für ewig aus der tiefsten Tiefe unseres Lebens danken, daß
Er uns solch einer nie erhörten Gnade gewürdigt hat. Aber Ihn fragen, wie Seine
Allmacht und Weisheit solches vermag, und wie ihr so etwas möglich sei, finde
ich eitel! Und möchte Er uns es auch kundtun, so fragt es sich, wieviel wir
davon verstünden, und ob wir dann auch allmächtig würden?! O ja, wenn und
insoweit Er es will, können wir aus uns Wunderbares zustande bringen; aber über
Seinen heiligen und allein allmächtigen Willen hinaus sicher ewig nie!“
[GEJ.02_130,12] Sage Ich: „O du kleine Weise
du! Wer würde in dir so viel des hellsten Lichtes suchen!? Ich sage dir, daß
deinesgleichen auf der Erde wohl wenige sind; aber nur eines muß Ich nun bei
aller Meiner übergroßen Liebe zu dir sagen, und das besteht darin, daß du in
Zukunft mit deiner reinen Weisheit viel sparsamer umgehen und nur dann deinen
Mund auftun mußt, wenn es im Ernste notwendig ist; hier aber ist es nicht
notwendig, da, wie du siehst, Ich Selbst zugegen bin und es auch verstehe,
jedermanns Frage ganz gehörig und gründlich zu beantworten!
[GEJ.02_130,13] „Sieh, wenn unser Freund
Julius nicht so ein recht weiser Mann wäre, so hättest du ihm nun in seinem
Herzen wehe getan; aber er ist ein weiser Mann, der es mit allen gut und
redlich meint, und hat darum eine Freude an deiner kindlich weisen Belehrung.
Aber in der Folge mußt du allzeit so bescheiden als nur immer möglich gegen jedermann
auftreten, und du wirst erst dadurch Meine vollwahre Braut sein! – Hast du
diese Meine Worte wohl recht klar in deinem Herzen begriffen?“
[GEJ.02_130,14] Sagt die Jarah, ein wenig betrübt:
„O ja, Herr, aber ich fürchte nun, daß Du mich nicht mehr so liebhaben wirst
wie früher, und das macht traurig mein Herz!“
[GEJ.02_130,15] Sage Ich: „Sorge du dich um
etwas anderes! Ich habe dich jetzt noch um sehr vieles lieber denn vorher!“
[GEJ.02_130,16] Sagt die Jarah: „Aber der
gute Hauptmann wird mir gram sein!?“
[GEJ.02_130,17] Sagt der Hauptmann: „O nein,
du meine wahrhaft himmlische Jarah! Ich bin dir nur sehr dankbar dafür, daß du
mir aus deinem himmlisch reinen Herzen auch eine himmlisch reine Wahrheit
gesagt hast! O Jarah, wir werden miteinander noch gar viel zu besprechen haben;
denn ich merke es nur zu gut, daß dein reines Herzchen von himmlischer Weisheit
voll ist, und wir bleiben darum schon die besten Freunde!“
[GEJ.02_130,18] Sage Ich: „Nun, Meine
geliebteste Jarah, bist du nun zufrieden mit solcher Bescheidung?“
[GEJ.02_130,19] Sagt die Jarah: „O ja, jetzt
wohl; aber ich werde mich von nun an wohl sehr zusammennehmen müssen! Denn das
Vorlautsein ist manchmal wohl so eine kleine schwache Seite von mir gewesen;
aber in der Folge soll es nicht mehr sein, – denn Deine Worte sind mir über
alles heilig!“
[GEJ.02_130,20] Sage Ich: „Nun wohl denn, so
tun wir noch die etlichen Schritte und betreten sonach des Berges höchste
Kuppe!“
131. Kapitel
[GEJ.02_131,01] In wenig Schritten darauf
befanden wir uns schon auf der höchsten Kuppe, die aber sehr zerrissen,
zerklüftet und zerbröckelt aussah und kaum für dreißig kopffeste
(schwindelfreie) Menschen einen Standraum bot.
[GEJ.02_131,02] Das gefiel unserm Hauptmann
nicht, und er sagte: „Die Fernsicht ist wohl unbeschreibbar großartig herrlich;
aber die schlechte, nach allen Seiten stark abhängige und auch sonst sehr
unebene Bergplatte verleidet mir sehr den herrlichen Genuß!“
[GEJ.02_131,03] Sage Ich: „Freund, setze
dich, so dich der Schwindel befällt, und ihr andern tut dasselbe! Ich aber
werde stehenbleiben.“
[GEJ.02_131,04] Sagt der Hauptmann: „Wäre gut
sich niedersetzen, aber wohin? Wahrlich, die Aussicht ist herrlich; man
übersieht ganz Galiläa und von Judäa einen großen Teil, – auch in das Land der
Samariter sieht man; aber die unwirtsame Höhe und die Furcht vor einem
möglichen Hinabstürzen verleidet mir ganz abscheulich den Hochgenuß! Ich weiß
es, daß mir nichts geschehen kann, und dennoch fürchte ich mich! Warum denn
das?“
[GEJ.02_131,05] Sage Ich: „Weil du das
gegenwärtig Unmögliche eines Hinabstürzens nicht begreifst, darin liegt der
Grund deiner Furcht. Da sieh Meine liebe Jarah an, die springt nun so munter
wie eine Gemse herum, während ihre Geschwister und selbst Mein Ebahl vor Furcht
bleich dastehen, und doch hat sie noch kein Abgrund verschlungen, weil sie voll
des festesten Glaubens ist, daß ihr in Meiner Gegenwart nichts geschehen kann.
Habt ihr alle den gleichen festen Glauben, und ihr werdet gleich ihr munter
sein!“
[GEJ.02_131,06] Sagt der Hauptmann, unter
dessen rechtem Fuße ein Stein, auf den er eben den rechten Fuß stützte, etwas
locker ward: „Da möchte der Adler wohl einen festen Glauben bekommen, den seine
Flügel vor dem Sturze sichern; aber ein Mensch wie ich, unter dessen Füßen alle
Augenblicke ein Felsstück um das andere locker wird, kann beim besten Willen zu
keiner Jarahischen Glaubensfestigkeit gelangen! Ich dürfte auf diesem, kaum
zwei Mannslängen breiten und höchstens bei fünfzig Mannslängen langen Hochriffe
des Berges nur einen Jarahischen Gemsensprung versuchen, so läge ich auch bald
irgendwo klein zerschmettert unten! Oh, wenn ich mich nur schon wieder unten
befände!“
[GEJ.02_131,07] Hier springt die Jarah auf
den Hauptmann zu und sagt: „Aber ich bitte dich, lieber Julius, sei doch nicht
gar so furchtsam! Es kann dir ja unmöglich etwas geschehen! Der Herr hat uns
über die steilsten Wände heraufgeführt, wir schwebten eigentlich nur neben den
Wänden in der Luft herauf; denn es hat solch einen Weg noch nie ein Mensch
gemacht, und wem von uns ist etwas geschehen bei der nie erhörten Besteigung
dieses nach allen Seiten hin nackten und senkrecht steilen Felsriesen? Sind wir
aber über die gefährlichsten Stellen so gut heraufgekommen, wie sollen wir uns
denn hier nun auf einmal zu fürchten anfangen, als ob es im Ernste möglich
wäre, irgendwo hinabstürzen zu können? Geh, du mein lieber Julius, und sei mir
zuliebe ein wenig heiterer! Sieh, ich kann kein so furchtsames und trauriges
Gesicht sehen!“
[GEJ.02_131,08] Hier will die Kleine den
Hauptmann bei der Hand nehmen und ihn ein wenig herumführen; aber der Hauptmann
schreit laut auf: „Zurück! Nur immer drei Schritte vom Leibe, du kleine Hexe!
Es hätte vorhin nicht viel gefehlt, daß du mit deinem mutwilligen Sprunge mich
über die Wände hinabgestoßen hättest! O ich kenne dich, du bist sonst wohl ein
selten gutes, liebes und sogar weises Mädchen; aber manchmal kommt dir so ein
faunischer Mutwille in den Sinn, und da sage ich: Nur drei Schritte vom Leibe!
Ich habe dich sonst sehr lieb; aber hier auf dieser Höhe von wenigstens
zweitausend Mannshöhen mußt du mir stets drei Schritte vom Leibe bleiben! Du
hast alles richtig und weise gesprochen; aber ich kann für meinen Schwindel auf
solchen Höhen nicht. Ich weiß und glaube, daß uns allen nichts geschehen wird;
aber alles dessenungeachtet kann ich mich dennoch des lästigen Schwindels nicht
erwehren, und du mußt darum mit mir keinen Scherz treiben!“
[GEJ.02_131,09] Sagt die Jarah: „Ah, was fällt
dir ein? Wie kannst du aber nur zu der leisesten Vermutung kommen, als könnte
ich mit dir einen Scherz treiben!? Sieh, ich bin meiner Sache zu gewiß, daß
weder mir noch dir hier etwas geschehen kann, und sprang bloß darum so mutig zu
dir Furchtsamstem her, um dich möglichst aufzurichten! Wie kannst du mir darum
völlig gram werden und mich eine Hexe schelten? Sieh, liebster Julius, das war
auch nicht fein von dir!“
[GEJ.02_131,10] Hier kommen der Kleinen
Tränen in die Augen. – Als der Hauptmann solches bemerkt, da gereut es ihn, daß
er die Jarah so hart angefahren hat, und sagt: „Nun, nun, sei nur wieder gut!
Unten werden wir beide schon wieder miteinander lustwandeln über schöne
Rasenplätze; aber hier ist dazu der Platz ein wenig zu enge, und ich kann, wie
gesagt, für meinen lästigen Schwindel nicht!“
[GEJ.02_131,11] Sagt die Jarah: „Der
Schwindel ist auch eine Krankheit! Der Heiland aller Heilande ist hier; Ihm,
dem es möglich war, so viele Hunderte von ihren Übeln zu heilen, wird es wohl
auch möglich sein, dich von deinem Schwindel frei zu machen! Bitte Ihn darum,
und Er wird dich heilen!“
[GEJ.02_131,12] Sagt der Hauptmann: „Schaue
du, meine liebe Jahra, das ist dir nun besser gelungen denn alles Frühere! Das
war ein besserer Sprung als dein früherer, wo du mich fast über die Wände
hinabgestoßen hättest! Und sieh, diesen deinen Rat werde ich auch sogleich
befolgen!“
[GEJ.02_131,13] Hier wandte sich der
Hauptmann bittend an Mich und sagte: „Herr, befreie mich von meiner Furcht und
meinem Kopfschwindel!“
[GEJ.02_131,14] Sage Ich zu Ebahl: „Gib einen
Becher Wein her!“
[GEJ.02_131,15] Ebahl reichte Mir sogleich
einen kleinen Schlauch voll und einen Becher.
[GEJ.02_131,16] Ich füllte den Becher und gab
ihn dem Hauptmann mit den Worten: „Da, nimm und trinke, und es wird besser mit
deinem Schwindel!“
[GEJ.02_131,17] Der Hauptmann nahm sogleich
den Becher und trank daraus. Als er den Becher geleert hatte, verließ ihn
sogleich alle Furcht und aller Schwindel, so daß er nun ganz heiter ward und
sich von der Jarah auf alle Seiten des Berges herumführen ließ und ganz
behaglich über die steilsten Wände hinabschauen konnte.
[GEJ.02_131,18] Als all die andern solches am
Hauptmann merkten, baten sie Mich auch um die Befreiung von ihrer lästigen
Furcht. Und Ich ließ allen Wein reichen, und auf einmal ward die Höhe also
belebt, als wäre sie ein Volksgarten.
[GEJ.02_131,19] Ein Teil betrachtete die
weitgedehnten Ländereien, ein zweiter Teil sang sogar Psalmen, ein dritter sah
über die Wände hinab und suchte eine Stelle, von der ein Rückweg möglich wäre.
Da man aber keine solche Stelle entdecken konnte und die Sonne sich schon sehr
dem Untergange zu nahen begann, so kamen besonders die Jünger und sagten:
„Herr, noch eine halbe Stunde, und die Sonne ist unter; was dann auf dieser Höhe?“
[GEJ.02_131,20] Sage Ich: „Darum habt ihr
euch nicht zu kümmern! Wer da glaubt, der soll heute nacht auf dieser Höhe
Gottes Herrlichkeit leuchten sehen. Wir bleiben hier!“
[GEJ.02_131,21] Als die Jünger solches vernahmen,
wurden sie still und suchten sich sichere Ruheplätze aus.
[GEJ.02_131,22] Aber der Hauptmann kam auch
und fragte Mich, ob wir etwa bald den Rückweg anträten, da die Sonne sich dem
Untergange nahe.
[GEJ.02_131,23] Ich aber sagte zu ihm
ebenfalls, was Ich zu den Jüngern gesagt hatte, und er ward damit auch
zufrieden und setzte sich auf einen festen und ziemlich ebenen Fels nieder.
[GEJ.02_131,24] Nur die Jarah sagte, als die
Sonne eben anfing den Horizont zu berühren: „Herr, Du meine Liebe, wir werden
ja etwa doch noch nicht heimkehren von dieser gar so anmutigen Höhe? Ich möchte
da gar so gerne den Aufgang der Sonne sehen!“
[GEJ.02_131,25] Sage Ich: „Wir bleiben hier
die Nacht hindurch und werden uns erst des Morgens am Sabbat heimbegeben; die
Nacht hindurch aber wirst du wie alle andern die Herrlichkeit Gottes leuchten
sehen!“
[GEJ.02_131,26] Darüber ward die Kleine so
voll Entzücken, daß sie zu Meinen Füßen niedersank und in eine Art Ohnmacht
verfiel, die sie jedoch bald verließ.
132. Kapitel
[GEJ.02_132,01] Es fing aber, als die Sonne
untergegangen war, von der Mitternachtgegend ein sehr kühler und heftiger Wind
zu wehen an, so daß alle sich von neuem zu fürchten begannen, und der Hauptmann
sagte: „Nun, wenn dieser Wind an der Stärke gleichweg also zunimmt, dann wird
er uns am Ende doch noch in die Abgründe hinabstoßen; auch ist seine bedeutende
Kühle eben nicht angenehm.“
[GEJ.02_132,02] Sage Ich: „Laß den Wind
wehen, denn nun ist seine Zeit! Denke aber dabei, daß er nicht Dessen Meister
ist, der ihn geschaffen hat durch Seinen Willen und ihn nun hält und wehen
läßt, wann Er will!“
[GEJ.02_132,03] Der Hauptmann war mit dieser
Erklärung zufrieden, legte sich aber dennoch so fest als möglich auf den Boden,
und die andern folgten seinem Beispiele.
[GEJ.02_132,04] Nur die Jarah blieb standhaft
an Meiner Seite stehen und sagte: „Aber Herr, woher kommt es denn, daß sich
diese Menschen so fürchten, da sie doch schon sicher durch gar viele Zeichen
werden belehrt worden sein, daß Du ein Herr auch aller Elemente bist!?
Besonders wundert mich das von Deinen eigenen Jüngern! Ah, so Du nicht da
wärest, dann wäre es etwas anderes; aber da Du nun hier bist, wundert mich das
sehr! – Herr, so Du willst, da sage mir den Grund von dieser Erscheinung!“
[GEJ.02_132,05] Sage Ich: „Sieh, das macht
die noch nicht ganz hinausgeschaffte alte Welt in ihren Eingeweiden! Wäre diese
wie bei dir schon ganz aus ihnen verbannt, so hätten sie gleich dir keine
Furcht und könnten auch keine haben, da der Geist stark genug ist, sich alle
Natur untertänig zu machen.
[GEJ.02_132,06] Sieh, wir stehen nun auf
eines Berges Spitze, die noch nie von einem Menschen betreten ward! Denn wie du
siehst, so sind die Felswände nach allen Seiten so steil, daß über dieselben
auf eine natürliche Weise weder herauf- und ebensowenig hinabzukommen ist; du
hast es gesehen, wie, nachdem wir mit der natürlichen Kraft den halben Berg
erstiegen hatten, sich jede Möglichkeit verlor, weiter über die senkrecht
steilen Wände hinaufzuklimmen. Der Hauptmann und alle andern fragten: ,Was
nun?‘ – Ich aber stieg mit dir über die Wände voran, und alle folgten uns, ohne
im geringsten müde zu werden. – Wie war denn solches möglich?
[GEJ.02_132,07] Sieh, das machte der Geist im
Menschen möglich! Ich habe auf diese Zeit die Geister im Menschen erweckt, und
diese trugen ihre Fleischhülle hierher auf diese Höhe. Da aber ihre Geister
solcher Tätigkeit noch ungewohnt sind, so begaben sie sich, wie Ich sie nur ein
wenig ausließ, wieder in ihren Leib zur Ruhe, und des Leibes Seele ward mit
Furcht erfüllt. Wäre aber ihr Geist in ihren Herzen vollwach geblieben, so
hätten sie keine Furcht; denn der Geist selbst hätte die Seele mit der
leuchtendsten Zuversicht erfüllt und ihnen die lebendigste Überzeugung ins Herz
gelegt, daß ihm alle Natur untertan sein muß! Da aber solches der alten Welt
wegen, von der ihre Seelen noch einen Teil in sich bergen, nicht für die Dauer
stattfinden konnte, so befällt ihre Seelen auch noch immer etwas von der
Weltfurcht, die du hier bei ihnen erfährst.
[GEJ.02_132,08] Die Seele des Menschen lebt
sich entweder durch eine falsche Richtung in ihr Fleisch hinein oder durch eine
rechte Richtung in ihren Geist, der allzeit eins ist mit Gott, wie das Licht
der Sonne eins ist mit ihr. Lebt sich nun eine Seele in ihr Fleisch hinein, das
in sich tot ist und nur für eine bestimmte Zeit, wenn dem Leibe kein Schaden
zugefügt wird, aus der Seele ein Leben empfängt, so wird die Seele in allem
eins mit ihrem Fleische.
[GEJ.02_132,09] Wenn die Seele sich aber
stets mehr und mehr in ihr Fleisch hineinlebt, so daß sie am Ende selbst völlig
zu Fleisch wird, dann befällt sie auch das Gefühl der Vernichtung, was eine
Eigenschaft des Fleisches ist; und dieses Gefühl ist dann die Furcht, die den
Menschen zu allen Dingen am Ende völlig unfähig und kraftlos macht!
[GEJ.02_132,10] Ganz anders aber verhält es
sich mit einem Menschen, dessen Seele durch eine rechte Richtung sich schon von
frühester Jugend an in ihren Geist hineingelebt hat! Da sieht die Seele ewig
keine mögliche Vernichtung vor sich! Ihr Gefühl ist gleich der Beschaffenheit
ihres ewig unvernichtbaren Geistes; sie kann keinen Tod mehr sehen und fühlen,
da sie eins ist mit ihrem ewig lebenden Geiste, der ein Herr ist über alle die
sichtbare Naturwelt. Und die leicht begreifliche Folge für den noch im Fleische
lebenden Menschen ist, daß ihm jede Furcht ferne ist; denn wo es keinen Tod
gibt, da gibt es keine Furcht!
[GEJ.02_132,11] Darum sollen die Menschen
auch stets so wenig als möglich um Dinge der Welt sich sorgen, sondern allein
darum, daß ihre Seele eins werde mit dem Geiste und nicht mit dem Fleische!
Denn was nützt es dem Menschen, so er für sein Fleisch auch die ganze Welt
gewönne, aber dafür den größten Schaden erlitte an seiner Seele? Denn auch
diese ganze Welt, die wir nun in einem ziemlich weiten Umkreise schauen mit
allen ihren den Wasserblasen gleich flüchtigen Herrlichkeiten, wird vergehen,
und dieser ganze Himmel mit seinen Sternen auch zu seiner Zeit; aber der Geist
wird bleiben ewig, so wie jegliches Meiner Worte.
[GEJ.02_132,12] Aber es ist den Menschen, die
sich einmal so recht fest in die Welt hineingelebt haben, unaussprechlich
schwer zu helfen; denn sie sehen und setzen ihr Leben in die eitlen Dinge der
Welt, leben in einer beständigen Furcht und sind auf dem geistigen Wege am Ende
gänzlich unzugänglich! Nähert man sich ihnen aber auf dem Natur- oder Weltwege,
so nützt man ihnen dadurch nicht nur nichts, sondern man fördert nur ihr
Gericht und dadurch den Tod ihrer Seele!
[GEJ.02_132,13] Wer aus den Weltmenschen dann
seine Seele retten will, der muß sich eine große Gewalt antun und muß sich in
allen Weltdingen auf das möglichste zu verleugnen anfangen. Tut er solches mit
großem Fleiß und Eifer, so wird er sich retten und zum Leben eingehen; tut er
es aber nicht, so kann ihm auch auf keinem andern Wege geholfen werden, außer
durch große Leiden von seiten der Welt her, auf daß er lerne verachten die Welt
und ihre Herrlichkeiten, sich zu Gott kehre und so anfange, Seinen Geist in
sich zu suchen und sich mehr und mehr zu einen mit Ihm. Ich sage es dir: Der
Welt Glückseligkeit ist der Seele Tod! – Sage Mir, du Meine allerliebste Jarah,
nun, ob du dieses alles wohl verstanden hast!“
133. Kapitel
[GEJ.02_133,01] Sagt die Jarah: „O Herr, Du
meine Liebe, Du mein Leben! Durch Deine Gnade in mir habe ich dieses alles wohl
verstanden; aber traurig ist es, daß die Menschen das nicht einsehen und
begreifen können oder wollen! Oh, da wird es dereinst leider viele tote Seelen
geben! O Herr, mache Du, daß doch die Menschen solch heilige Wahrheit vernehmen
möchten und sich dann danach kehren; denn mir wird es sonst bald sehr
langweilig werden, unter so vielen Toten zu leben in dieser Welt!“
[GEJ.02_133,02] Sage Ich: „Sei getrost; denn
darum bin Ich ja Selbst in diese Welt gekommen! Bisher hat es an wohlgebahnten
Wegen gemangelt, und die Himmel waren getrennt von der Erde; nun aber wird ein
gerechter und fester Weg gebahnt werden, und die Himmel werden mit der Erde
verbunden werden, daß es darum für jeden ein leichtes werden soll, auf dem
gebahnten Wege zu wandeln und auf diesem die nahen Himmel zu erreichen. Doch
soll kein Mensch in der Freiheit seines Willens nur im geringsten beirrt
werden!
[GEJ.02_133,03] Von nun an wird jeder, der es
nur fest wollen wird, die Himmel erreichen können, was bis jetzt nicht möglich
war, da zwischen der Erde und den Himmeln eine zu große Kluft gelegt war.
[GEJ.02_133,04] Aber wehe auch nun allen, die
davon gute Kunde erhalten und sich aber dennoch nicht daran kehren werden!
Diese werden von nun an schlimmer daran sein denn die Alten, die oft wollten,
aber nicht konnten! – Verstehst du das?“
[GEJ.02_133,05] Sagt die Jarah: „Herr, ich
habe alles verstanden! Die Möglichkeit ist gut, aber der freie Wille der
Menschen! Die Welt sehen und schmecken sie, aber die Himmel sehen und schmecken
sie dennoch nicht; und da wird es sein, daß viele den gebahnten Weg nicht
werden gehen wollen, und es wird dann schlimmer sein mit ihnen denn bisher! Ich
sage es Dir, o Herr, der gebahnte Weg zum Himmel wird von wenigen betreten
werden; denn das Schwerste für den Menschen ist die Selbstverleugnung!“
[GEJ.02_133,06] Sage Ich: „Sorge dich nicht,
die Anstalten zur Besserung werden von großer Ausdehnung von hier bis nach
jenseits ausgebreitet werden! – Unsere Gesellschaft aber ist während unseres
Gesprächs samt unserem Hauptmann eingeschlafen; was werden wir nun tun?“
[GEJ.02_133,07] „Herr“, sagt die Jarah, „das
wirst Du schon am allerbesten wissen!“
[GEJ.02_133,08] Sage Ich: „Jawohl, du hast recht!
Ich ließ sie darum auch einschlafen, und sie sollen das im Traume schauen, was
du in der Wirklichkeit sehen wirst. Sieh, bald wirst du die Himmel offen sehen,
und alle Engel werden uns dienen! Morgen soll dieser Berg gen Osten hin eine
leicht besteigbare Abdachung bekommen, und wir alle werden auf einem neuen
natürlichen Wege von hier hinab nach Genezareth ziehen können. Darum gib nun
wohl acht auf die Szene, die sich vor deinen Augen entfalten wird!“
[GEJ.02_133,09] Nach diesen Meinen Worten
erhob die Jarah ihre Augen nach aufwärts und sah eine Weile in den hell
gestirnten Himmel hinein. Als sich nach längerem Schauen noch nichts zeigen
wollte, so sagte sie zu Mir mit einer eigens lieblichen Stimme: „Herr, Du mein
Leben, Du meine Liebe, es will sich noch immer nichts sehen lassen! Wie wird es
denn aussehen, auf daß ich bei irgendeiner hie oder da vorkommenden Erscheinung
wissen könne, ob sie zu der von Dir vorhergesagten gehört oder nicht?“
[GEJ.02_133,10] Sage Ich: „Meine liebste
Jarah, du mußt viel mehr mit deinem Herzen hinaufblicken als mit den Augen
deines Kopfes, so werden sich dir bald Wunderdinge zu zeigen anfangen im
herrlichsten Lichte! Versuche es nur einmal, und du wirst dich gleich
überzeugen, daß Ich allzeit recht habe und die vollste Wahrheit rede!“
[GEJ.02_133,11] Auf diese Meine belehrenden
Worte erhebt nun die Jarah mehr ihr Gemüt denn ihre Augen aufwärts, und sieh,
sogleich öffnen sich alle Himmel, und zahllose Scharen der Engel Gottes
schweben im herrlichsten Glanze zur Erde hernieder und singen: „Tauet ihr
Himmel alle Gnade den Gerechten auf dieser Erde! Denn heilig ist Der, der sie
betrat zum Heile derer, die gefallen sind, bevor noch eine Sonne glühte im
Gnadenlichte Gottes in der tiefen Unendlichkeit!
[GEJ.02_133,12] Menschenkinder, die Satan
gezeugt hat, nimmt Er auf und macht sie zu Kindern Seiner Liebe!
[GEJ.02_133,13] Darum alle Ehre, allen Ruhm
und allen Preis Ihm allein; denn alles, was Er tut, ist wohlgetan, und Seine
Ordnung ist Liebe, mit der höchsten Weisheit gepaart. Darum ist Er allein
heilig, überheilig, und vor Seinem Namen müssen sich beugen alle Knie im
Himmel, auf Erden und unter der Erde. Amen.“
134. Kapitel
[GEJ.02_134,01] Als die Jarah solchen Gesang
vernimmt, sagt sie ganz entzückt: „Herr, hier ist wahrlich schwer zu
unterscheiden, was hier schöner und herrlicher ist, ob der Gesang, die Worte,
oder ob das herrlichste tausendfarbige Licht oder die wunderschönsten Gestalten
dieser zahllosen ätherischen Sänger! Ah, jetzt habe ich erst einen Begriff, was
so ganz eigentlich die Himmel Gottes sind! Oh, jetzt möchte ich gleich sterben,
und dann zu diesen schönsten Sängern übergehen! Aber sage mir doch, so es Dir,
o Herr, gefällig ist, wer und was denn diese herrlichen Sänger in sich etwa
doch sind! Sind sie wirklich das, was sie zu sein scheinen, oder sind das bloß
nur von Dir für diesen Augenblick neugeschaffene Wesen?“
[GEJ.02_134,02] Sage Ich: „Das sind Engel und
wurden endlos lange eher geschaffen, als irgendeine Spur von einer materiellen
Schöpfung vorhanden war. Berufe nur einen, und du wirst dich überzeugen, daß er
wie alle seinesgleichen höchst vollkommene wahre Wesen sind! Und Ich muß dir
hinzu noch die Bemerkung machen, daß, so leicht und ätherisch sie auch
aussehen, dennoch jedem von ihnen eine so große Stärke, Kraft und Macht
innewohnt, daß aus ihnen der Kleinste und Schwächste in einem Augenblick die
ganze Erde also zerstören könnte, daß von ihr aber auch nicht das kleinste
Stäubchen übrigbliebe! Da du nun das weißt, so berufe einen von ihnen und
stelle mit ihm einige Proben an!“
[GEJ.02_134,03] Sagt die Jarah: „Herr, das
getraue ich mir wohl nicht; denn so unbegreiflich schön sie auch sind, so habe
ich doch vor ihnen so eine kleine Furcht.“
[GEJ.02_134,04] Sage Ich: „Aber Kindchen,
habe Ich dir nicht ehedem erklärt, was eine Furcht ist? Sieh, darum darfst du
dich nun nicht fürchten, sonst müßte Ich meinen, daß in deinem Herzen auch noch
etwas Weltliches haust. Bist ja bei dem Herrn, vor dessen Namen alle diese
Wesen ihr Knie beugen; woher soll dann deine Furcht kommen?“
[GEJ.02_134,05] Sagt die Jarah: „Das ist
freilich nur zu wahr; aber der ungewohnte Anblick solch einer nie geahnten
Szene muß ein armes, schwaches Mädchenherz ja vom Grunde aus erschüttern! Aber
nun werde ich mich schon zusammennehmen, und Du wirst es sehen, daß Deine Jarah
auch ohne Furcht sein kann.“
[GEJ.02_134,06] Auf diese Worte winkte sie
gleich einem nächsten Engel, und dieser kam im Augenblick schwebend zu ihr und
fragte sie mit der sanftesten und zärtlichsten Stimme: „Jarah, du herrliche
Tochter meines Gottes, meines Herrn von Ewigkeit, was wünscht dein liebstes,
reines Herz von mir?“
[GEJ.02_134,07] Sagt die Jarah, ein wenig
verblüfft von dem Glanze und der Majestät des Himmelsboten: „Ja, ja, ja
richtig, der Herr, den du hier siehst, sagt mir, daß jeder von euch gar so
wundermächtig sei, und ich möchte mich davon durch eine Probe überzeugen; aber
was sollte ich dir für eine Probe angeben, da ich nichts weiß, als was ich erst
jetzt in den wenigen Tagen vom Herrn Jesus gehört habe?!“
[GEJ.02_134,08] Sagt der Engel: „Höre, du
schöne Blume der Himmel, da werde ich dir im Namen des Herrn gleich aus der
Verlegenheit helfen! Siehe da unten das sehr gedehnte und tiefe Meer Galiläas!
Wie wäre es denn, so ich es heraushöbe aus seinem weiten und tiefen Becken und
hinge es dann in der Gestalt eines großen Wasserballes vor deinen Gliedern und
Augen frei in die Luft, etwa auf eine ganze Stunde lang?“
[GEJ.02_134,09] Sagt die Jarah: „Das wäre
zwar ungeheuer wunderbar; aber wo kämen unter der Zeit die lieben Fische hin,
und endlich die vielen Schiffe, die teils an den Ufern ruhen und vielfach auch
auf dem Meere herumschwimmen?“
[GEJ.02_134,10] Sagt der Engel: „Das wird
meine Sorge sein, daß darob keinem Fische noch irgendeinem Schiffe ein Schaden
zugefügt werde! So du die vorgeschlagene Probe wünschest, wird im Augenblick
das beantragte Werk vor dir schweben!“
[GEJ.02_134,11] Sagt die Jarah: „Ja, so dabei
keinem Wesen ein Schaden zuteil werden kann, da magst du das wohl ausführen!“
[GEJ.02_134,12] Spricht der Engel: „Sieh dich
um! Der See ist leer, und all sein Wasser bis auf den letzten Tropfen schwebt
nun frei in der Luft, deinen Augen wohl beschaulich!“
[GEJ.02_134,13] Die Jarah wollte hinab in die
Tiefe sehen, kam aber mit der Stirne gleich an die kalte, nasse Wand des frei
und ganz knapp neben der Felswand schwebenden Wasserballs, dessen
Gesamtdurchmesser nahezu viertausend Klafter betrug. Als sie solches ersah, da
fragte sie ganz kleinlaut: „Aber wie, um des Herrn willen, war dir denn so
etwas in einem kaum denkbar kürzesten Augenblick möglich? Und ist der See nun
wohl wirklich ganz vom Wasser frei?“
[GEJ.02_134,14] Sagt der Engel: „Jarah, komme
mit mir und überzeuge dich!“
[GEJ.02_134,15] Sagt die Jarah: „Wie wird das
möglich sein?“
[GEJ.02_134,16] Sagt der Engel: „So es mir
möglich war, die schwere Masse Wasser in einem Augenblick heraufzuheben, so
wird es mir ja wohl auch möglich sein, dich in der schnellsten Schnelle hinab
bis auf den tiefsten Grund des Meeres zu bringen, und dann ebenso schnell wieder
zurück! Aber es muß dein Wille sein, sonst kann ich nichts tun; denn ein
Fünklein der Freiheit des menschlichen Willens respektieren wir alle mehr denn
alle unsere, von Gott uns verliehene Kraft und Macht! Darum mußt du zuvor
wollen, und ich werde danach handeln!“
[GEJ.02_134,17] Sagt die Jarah: „Nun gut denn
also, überzeuge mich!“
[GEJ.02_134,18] In diesem Augenblick befand
sie sich auf dem staubtrockenen tiefsten Grunde des Meeres, und der Engel hob
vom Boden eine schönste Perlmuschel auf und gab sie der Jarah zum Gedächtnis
und zur Belehrung an die andern, die dem Leibe nach zwar fest schliefen, aber
das alles im Traume zu schauen bekamen.
[GEJ.02_134,19] Als die Jarah die Muschel
noch kaum in dem geräumigen Sack ihrer Schürze untergebracht hatte, fragt sie
der Engel: „Glaubst du es nun, daß sich nun alles Wasser dieses Meeres im über
uns schwebenden großen Balle befindet, und daß sein weites Bett ganz trocken
ist?“
[GEJ.02_134,20] Sagt die Jarah: „Ja, ja, ich
hätte es dir auch sonst geglaubt! Aber nun bringe mich nur schnell wieder zum
Herrn hinauf; denn ohne Ihn sterbe ich im nächsten Augenblick!“
[GEJ.02_134,21] Kaum war das letzte Wort
ausgesprochen, und die liebe Jarah stand schon wieder an Meiner Seite auf der Höhe
des Berges; und Ich fragte sie, wie ihr das gefalle, und wie sie das so nach
ihrer Beurteilung finde.
[GEJ.02_134,22] Sagt die Jarah: „Herr, daß
Dir alle Dinge möglich sind, weiß ich nur zu gut; wie aber in Deinem Willen und
durch Deinen Willen auch im Willen des Engels solch eine Macht zu Hause sein
kann, das wird dem Engel selbst fremd sein, geschweige, daß ich Dir davon
irgendeinen Grund angeben könnte! Es ist im höchsten Grade wundervoll; aber
begreifen kann ich's nicht!“
[GEJ.02_134,23] Sage Ich: „Du hast da ganz
gut und richtig geantwortet; aber in deinem eigenen Herzen wirst du mit der
Zeit schon auch finden, wie Gott solche Dinge möglich sind. – Aber wie gefällt
dir denn der Engel?“
135. Kapitel
[GEJ.02_135,01] Sagt die Jarah: „Er ist wohl
ein unbeschreiblich schöner Mensch, da er gerade also aussieht wie ein Mensch;
aber neben Dir, o Herr, sind alle Engel und Himmel mit all ihrem Lichte und
ihrer gestaltlichen Schönheit soviel als nichts! Denn all ihre Schönheit bist
ja Du nur allein und Selbst! Ich könnte dennoch keinen lieben!“
[GEJ.02_135,02] Sage Ich: „Aber bin denn Ich,
wie du Mich hier siehst, wohl schöner noch als dieser Engel? Sieh, Meine
rauhen, ausgearbeiteten Hände, Meine von der Sonnenhitze ziemlich stark
gebräunte Haut und Mein Alter sind doch wahrlich nicht anziehend, wogegen
dieser Engel mit allem ausgerüstet ist, was nur die Himmel schön nennen mögen
und können!“
[GEJ.02_135,03] Sagt die Jarah: „Herr, das
Äußere ist für mich nichts, wenn das Innere nicht völlig Deinem Herzen gleicht;
denn Du allein bist der Herr!“
[GEJ.02_135,04] Sage Ich: „Aber aus den
Engeln strahlt überall unverhüllt Meine Liebe und Meine Weisheit, die Mir in
allem völlig gleicht; so du Mich aber nur Meiner Liebe wegen liebst und Ich
dennoch der Herr bin, so sehe Ich nicht ein, warum du diesen überschönen Engel
nicht also lieben kannst wie Mich, da er doch sicher pur von Meiner Liebe und
Weisheit zusammengesetzt ist!?“
[GEJ.02_135,05] Sagt die Jarah: „Herr, Du
meine Liebe, Du mein Leben; aus diesen zwei Lebenselementen sind ja auch alle
Menschen zusammengesetzt, und ich kann sie dennoch nicht also über alles lieben
wie Dich! Ja, ich liebe gewiß alle Menschen und die Dürftigen am allermeisten
und biete nach meinen geringen Kräften allzeit alles auf, um den Armen Hilfe zu
verschaffen; aber so lieben wie Dich kann ich sie dennoch nicht, und so liebe
ich auch diesen lieben Engel; aber mein Herz und mein Leben gehört dennoch nur
Dir! Nur wenn Du, o Herr, meine gewiß reine Liebe zu Dir hart von Dir wiesest,
dann würde ich wohl sehr traurig werden, aber ich würde mir denken: Er, der
Reinste, der Heiligste, hat deine etwa noch viel zu unreine Liebe Seiner nicht
für würdig halten können und hat sie darum von Sich gewiesen!“
[GEJ.02_135,06] Nach diesen Worten fängt die
Kleine an zu weinen und sagt, leise schluchzend: „Und es wird auch also sein!
Ich habe mich mit meiner Liebe zu weit gewagt und bedachte in meiner Einfalt
nicht, wer Derjenige ist, den mein Herz so heftig ergriffen hat; darum weist
Deine zu heilige Liebe meine noch viel zu unheilige Liebe ganz sanft von sich
und gibt mir einen Engel, der mein Herz zuvor reinigen und die Liebe heiliger
ziehen soll. Mich schmerzt es wohl mächtig; aber ich weiß es ja, daß Du allein
der Herr bist, und so will ich ja alles erdulden, was Du über mich verhängen
magst.“
[GEJ.02_135,07] Sage Ich: „O du Meine Liebe,
was machst du deiner Liebe für leere Vorwürfe! Wer Mich nicht also liebhat wie
du und irgend etwas in der Welt mehr liebt als Mich, der wohl ist Meiner Liebe
nicht wert; aber du, deren Herz alle Engel des Himmels Mir nimmer abwendig zu
machen vermögen, liebst Mich, deinen Gott und Herrn, ja ebenalso wie die Engel
der Himmel und bist darum schon lange selbst ein allerschönster Engel, in den
Ich Selbst über alle Maßen verliebt bin! Komm her an Mein Herz und hole dir
daraus den vollsten Ersatz für diese kleine Prüfung!“
[GEJ.02_135,08] Auf diese Worte ist die
Kleine wieder ganz geheilt und schmiegt sich so fest als möglich an Mich.
[GEJ.02_135,09] Da spricht der Engel: „O
Seligkeit aller Seligkeiten! Was sind alle Himmel gegen den Anblick solch einer
Liebe?! Wir vollkommenen Geister haben zwar der Seligkeiten schon so endlos
viele genossen, daß deren Zahl keine Zunge mehr auszusprechen vermöchte; aber
all die genossenen zahllosen Wonnen der Wonnen sind dennoch kein Tau gegen
diese, wo Du, o heiligster Vater, Dein Kindlein auf Deine Arme nimmst und es
mit sichtlicher höchster Liebe an Dein heiligstes Herz drückst! Oh, welch eine
unnennbare Wonne muß nun dies Dein Kindlein empfinden!?“
[GEJ.02_135,10] Sage Ich: „Ja, die Wonne ist
übergroß für das Kindlein, aber auch für Mich; doch ihr werdet sie auch
genießen, wenn es wird vollendet sein und ihr alle am Tische Meiner Kinder
werdet gespeiset haben! Nun aber laß das Wasser wieder in sein Becken! Danach
wird dir dies Mein Kindlein eine andere Arbeit ansagen.“
[GEJ.02_135,11] Mich mit dem Munde an das
wonnetrunkene Köpfchen der Jarah wendend: „Gelt, Meine Jarah, du wirst Mir wohl
helfen, Meinen Engeln noch so manche Arbeiten zu schaffen?!“
[GEJ.02_135,12] Sagt die Kleine mit einer
überaus liebewilligen und kindlich unschuldigen, zarten Stimme: „O ja, Dir
zuliebe tue ich ja alles über alle Maßen gerne! Du darfst ja nur sagen – und
ich stürze mich Dir zuliebe in jegliches Feuer, auch über die Wände dieses
Berges ins Meer hinab, so es schon wieder unten ist.“
[GEJ.02_135,13] Sage Ich: „Und es würde dich
dennoch kein Feuer der Erde mehr brennen und zerstören können, weil du schon
selbst voll des stärksten und mächtigsten Feuers geworden bist! Auch Steine und
Wasser würden dir nimmer schaden können; denn dein Charakter in Meiner Ordnung
ist fester denn ein Diamant, und dein Gemüt sanfter denn alle Gewässer der
Himmel! Kurz, du bist Mir schon einmal so ganz ins Herz hineingewachsen, und
Ich gebe dir darum die Freiheit, daß du den Engeln etwas zu vollziehen kundtun
kannst, und sie werden es also vollziehen, als ob Ich es ihnen Selbst geboten
hätte. Denke dir sonach nun eine Arbeit aus und sage es dem Engel, der schon
mit großer Sehnsucht harret, von deinem Herzen einen Auftrag zu empfangen, was
du willst, und es wird augenblicklich alles in Vollzug gebracht werden!“
[GEJ.02_135,14] Sagt die Jarah: „Mein lieber
Bote aus den Himmeln, wenn es ohne Schaden geschehen kann, so mache im Namen
des Herrn, daß dieser Berg, da er auf einem natürlichen Wege zu schwer zu
ersteigen ist, einen leicht und gefahrlos besteigbaren Weg habe zum Auf- und
Abgehen, auch gegen das Meer hin, wo er sonst nur für die Vögel besteigbar
ist!“
[GEJ.02_135,15] Der Engel macht bloß eine höchst
zierliche Verbeugung vor der kleinen Jarah und sagt: „O du herrliche Gebieterin
in des Herrn Namen! Sieh dich nun nur um nach allen Seiten des Berges, und du
wirst mit mir sicher zufrieden sein! Sieh, wir sind manchmal auch langsam in
unseren Handlungen; aber wenn es sein muß auch geschwinder als der Blitz!“
136. Kapitel
[GEJ.02_136,01] Darauf führt der Engel die
Jarah nach allen Seiten des Berges hin, und sie überzeugt sich, daß der Berg an
seiner Höhe zwar nichts verloren hat, aber nach allen Seiten hin dennoch ohne
alle Gefahr bestiegen werden kann, und besonders an der vom See abgewandten
Seite, wo er ganz sanft absteigt.
[GEJ.02_136,02] Als sich die Jarah von allem
dem überzeugt hatte, sagte sie: „Die Sache ist so wunderbar, daß ich anfange,
auf meine Sinne mißtrauisch zu werden, und mir gerade denken muß, daß ich auch
schlafe und träume! Sage mir doch ein bißchen etwas davon, wie dir solches
möglich war! Früher hast du das ganze Meer heraufgehoben und hast es frei in
der Luft wie einen schwebenden Tropfen erhalten, und nun hast du den steilen
Berg nach allen Seiten hin zugänglich gemacht, und das alles in einem
schnellsten Augenblick! Wie, wie ist dir solches möglich? Du hast deinen Platz
nie verlassen und dennoch ist dies alles verrichtet worden! – Ach, das ist doch
zu viel für mich armes Erdwürmchen!“
[GEJ.02_136,03] Sagt der Engel: „Du kannst
solches freilich nun wohl noch nicht fassen; aber es wird bald die Zeit kommen,
in der dir alles das sonnenklar werden wird. Soviel aber kann ich dir dennoch
vorderhand sagen, daß wir Engel nichts aus uns zu tun vermögen, sondern alles
durch den alleinigen, allmächtigen Willen des Herrn, den du gar so liebhast.
[GEJ.02_136,04] Siehe, die ganze Welt und
alle Himmel sind nichts als durch den allmächtigen, allerunerschütterlichst
festesten Willen festgehaltene Gedanken und Ideen Gottes; wenn Er nun Seine
Idee zurücknimmt und Seine Gedanken auflöst, so vergeht im selben Augenblick
das sichtbare Geschöpf; faßt der Herr aber einen neuen Gedanken und hält ihn mit
Seinem allmächtigen Willen fest, so ist das Geschöpf schon für jedermann
sichtbar da!“
[GEJ.02_136,05] Fragt die Jarah: „Ja, was
habt denn hernach ihr dabei noch zu tun?“
[GEJ.02_136,06] Sagt der Engel: „Wir sind
pure Aufnahmegefäße des göttlichen Willens und hernach die Austräger desselben!
Sieh, wir sind gewissermaßen die Flügel des göttlichen Willens und sind sonach
ganz eigentlich der göttliche Wille selbst, und es genügt ein noch so leiser
Gedanke von uns – so wir ihn verbinden mit der Kraft des göttlichen Willens –,
da ist dann ein Werk auch schon vollbracht, und daher solche Schnelligkeit in
unserem Handeln!
[GEJ.02_136,07] Siehst du jenen hellen Stern
dort im Aufgange stehend? Sieh, wenn von hier bis zu ihm hin ein gebahnter Weg
führte, wahrlich, die Erde hat nicht so viel des Sandes in den kleinsten
Staubkörnchen, als ein Vogel Jahre brauchen würde, um ihn zu erreichen,
geschweige ein Mensch in seiner schnell laufenden Bewegung; und sieh, mir aber
ist es möglich, in einem Augenblick dahin zu gelangen und wieder hierher
zurückzukommen! Du wirst meine Abwesenheit gar nicht merken, und ich werde
dennoch dort und wieder hier sein! – Glaubst du mir das?“
[GEJ.02_136,08] Sagt die Jarah: „Warum sollte
ich dir so etwas nicht glauben? Aber natürlich kann da von einer Überzeugung
von meiner Seite keine Rede sein; denn dahin kann und möchte ich auch mit dir
nicht also eine Reise machen, wie ehedem hinab in den Meeresgrund!“
[GEJ.02_136,09] Spricht der Engel: „Warum
denn nicht? Sind denn bei Gott nicht alle Dinge möglich? Wenn es dem Herrn
genehm ist, so ist mir das gleich! Daß dir nichts geschehen wird, dafür bürge
ich und all die zahllosen Engel, die du helleuchtend nach allen Seiten hin
erblickst!“
[GEJ.02_136,10] Sagt die Jarah zu Mir: „Herr,
ist das wohl möglich?“
[GEJ.02_136,11] Sage Ich: „In der Hand dieses
Engels, ja! So du willst, kannst du dich ihm übergeben, und in wenigen
Augenblicken wirst du wieder ganz wohlbehalten hier bei Mir sein; nimm dir aber
auch von dort ein Andenken mit!“
[GEJ.02_136,12] Nach diesen Worten übergab
sich Jarah dem Engel und sagte: „Siehe, ich habe Mut; so du es vermagst, so
trage mich dorthin!“
[GEJ.02_136,13] Da hob der Engel die Jarah
von der Erde Boden, drückte sie recht innig an seine Brust und verschwand. –
Nach zehn Sekunden war er wieder samt der Jarah hier, die in ihrer Schürze
einen Stein hatte, der im Freien so hell leuchtete, als da leuchtet der
Morgenstern in seinem schönsten Lichte.
[GEJ.02_136,14] Als die Jarah sich von ihrem
Erstaunen ein wenig erholt hatte, da fragte sie Mich: „O Herr, sind denn alle
diese unzähligen Sterne das, was jener Stern ist, den ich nun wahrhaftig mit
meinen leiblichen Augen selbst oder mit meinen Gemütsaugen beschaut habe? Denn
das ist ja eine ungeheure Welt! Diese Welt scheint mir nun gegen jene so klein
zu sein, wie ein Schneckenhaus gegen diesen Berg! Menschen, ganz vollkommene
Menschen, die in unaussprechlich großen und dabei in überaus wunderherrlich
erbauten Tempeln wohnen, gibt es auch in jener übergroßen herrlichen Welt; aber
diese Menschen sind so groß, daß sie den Berg wenigstens dreimal überragen
würden, so sie unten am See stünden. Und so ist in jener Wunderwelt alles um
viel tausendmal tausend Male größer, aber auch wirklich alles um so viele Male
größer denn hier!
[GEJ.02_136,15] Wir standen auf einem
überhohen Berge und sahen nach allen Seiten hin eine nimmer enden wollende
Fläche. Diese war durchzogen nach allen Seiten hin von den herrlichsten
Strömen, deren Wogen also spielten in den stets wechselnden, frischesten Farben
eines Regenbogens; das Erdreich aber war bebaut mit den herrlichsten Gärten und
Tempeln. Im nächsten Augenblick befanden wir uns schon unten bei den Tempeln
und sahen da die großen Menschen und ihre noch viel größeren Wohntempel. In
einiger Entfernung sind diese Menschen recht herrlich anzusehen; aber in der
Nähe sehen sie wandelnden Bergen gleich! Ja, ich hätte schon eine recht hohe
Leiter ansetzen müssen, wenn ich nur die kleine Zehe eines dortigen Menschen
hätte ersteigen wollen!
[GEJ.02_136,16] Kurz, ich könnte Dir mein
Leben lang in einem fort erzählen, was ich dort nur in den wenigen Augenblicken
gesehen habe; aber das hieße, die Zeit, die Du, o Herr, für etwas Besseres
bestimmt hast, mit unnützen Dingen verplaudern! Aber nur das möchte ich von Dir
erfahren, ob alle diese zahllos vielen Sterne eben auch solche Welten sind, wie
der von mir gesehene eine ist!“
[GEJ.02_136,17] Sage Ich: „Ja, Mein Kindchen,
und das noch viel größere und viel herrlichere! Aber glaubst du wohl fest, daß
du nun in diesen wenigen Augenblicken in jenem Sterne mit Leib und Seele
gewesen bist? Sage Mir das!“
[GEJ.02_136,18] Sagt die Jarah: „Herr, Du
meine Liebe, Du mein Leben, wir machten auf dem Hinfluge vier kurze Abschnitte.
Und da zeigte sich bis zum vierten Abschnitt der Stern, den ich jetzt noch gar
gut sehe, immer unverändert als Stern; aber beim vierten Abschnitt ward er so
groß wie unsere Sonne am Tage. Von da an dauerte es nur noch einen
allerkürzesten Augenblick, und wir waren schon in jener herrlichen Welt. Von
dem Berge, auf dessen Spitze wir zuerst uns befanden, löste ich auf Anraten des
Engels ein Steinchen vom Boden – es ist dies leuchtende Klümpchen – und nahm es
zum Beweise mit hierher, daß ich richtig auch dort war. Mehr kann ich Dir zum
Beweise meines wirklichen Dortseins nicht kundgeben.“
137. Kapitel
[GEJ.02_137,01] Sage Ich: „Das genügt
vollkommen! Aber Ich werde dir nun eine andere Art und Weise zeigen, wie ein in
seinem Herzen vollendeter Mensch die Sterne bereisen kann, ohne auch nur eine
Linie von dieser Erde entrückt zu werden; aber freilich ein leuchtend Steinchen
kann man da nicht so leicht zum Zeugnisse mit herübernehmen! – Nun, du hast dir
den Stern gemerkt, den du bereiset hast?“
[GEJ.02_137,02] Sagt die Jarah: „Ja, Herr!“
[GEJ.02_137,03] Sage Ich: „Nun, so stelle dir
ihn so recht lebendig in deinem Herzen vor, sieh mit deinen Augen einige Zeit
unverwandt nach ihm hin und sage Mir, wie er sich dir nach wenigen Augenblicken
zeigen wird!“
[GEJ.02_137,04] Die Jarah tut das sogleich,
und nach wenigen Augenblicken sagt sie: „Herr, Herr, Du mein Gott, Du meine
Liebe, nun sehe ich ihn, wie bei meinem Hinfluge im vierten Abschnitte. Er wird
nun immer größer, und sein Licht ist kaum erträglich! Ah, das ist ein erschrecklich
starkes Licht; aber zum Glück tut es den Augen kein Wehe! Oh, oh, nun ist das
ganze Firmament nur ein erschrecklich starkes, ungeheuer mächtig wogendes
Lichtmeer! O Gott, o Gott, wie groß und wundervoll sind Deine Werke, und Du
wandelst im Fleische als ein schlichter, alles Anspruchs loser Mensch unter den
Menschenwürmern dieser Erde!
[GEJ.02_137,05] Oh, oh, oh! Nun bin ich
wieder auf demselben Berge und sehe ringsum dieselbe Gegend voll Herrlichkeiten
der Herrlichkeiten! Ich sehe dieselben Tempel wieder, dieselben Menschen und
ihre schönen Gärten; auch sehr schöne Blumen sehe ich. Aber die kleinste von
ihnen ist größer denn ein Haus auf dieser Erde; die könnte ich mir wohl nicht
zum Andenken abpflücken! Ah, nun sehe ich aber auch allerlei Tiere, und die
wunderschönsten Vögel sehe ich auch; aber sie sind auch ganz entsetzlich groß!
Auf den ungeheuren Bäumen hängen Dir gar selten große Früchte, und dabei
bemerke ich auch, wie ein paar Menschen in einem Garten danach mit ihren Händen
greifen und sie richtig auch in den Mund stecken! Nun, nun, an solch einer
Birne, oder was sie sonst für eine Frucht ist, hätten auf dieser Erde wohl
tausend Menschen auf ein ganzes Jahr zur Übergenüge zu essen!“
[GEJ.02_137,06] Sage Ich: „Nun gib acht, du
wirst jetzt zu einer Art Stadt dieser Welt kommen; sage Mir, wie diese dir
gefällt!“
[GEJ.02_137,07] Die Jarah schlägt bald darauf
die Hände über dem Kopfe zusammen und schreit förmlich vor Entzückung auf,
sagend: „Aber um Deines allerheiligsten Namens Willen, das ist ja eine
Herrlichkeit, von der sich noch nie ein Menschenherz hat etwas träumen lassen
können! Oh, das ist unbeschreiblich! Welche Tempelreihen! Welche Säulengänge,
welche Kuppeln! Nein, diese Pracht, Größe und Herrlichkeit! Herr, ich bitte
Dich, führe mich zurück; denn diese zu unnennbar überschwengliche Herrlichkeit
würde mich töten!“
[GEJ.02_137,08] Sage Ich: „Nun, so mache
deine Augen zu und denke an Mich und an die Erde, dann wird es gleich wieder
gut sein!“ – Die Jarah tut das und schaut nun ihren Stern wieder als Stern vor
sich.
[GEJ.02_137,09] Als sie sich ein wenig wieder
gesammelt hat, fragt sie (Jarah) Mich gleich: „Herr, hat etwa der Engel auch
auf diese Weise, wie Du nun, mir jenen Stern gezeigt? Denn ich habe ihn nun um
vieles besser gesehen denn ehedem und war nur gewisserart bloß geistig dort.
Ich meine, der liebe, gute Engel hatte mich scheinhalber nur ein bißchen von
hier entrückt und mir dann auch den Stern also gezeigt!?“
[GEJ.02_137,10] Sage Ich: „Nein, der Engel
hat deinen Wunsch vollkommen ausgeführt! Und solches war aber auch nur mit dir
möglich, weil dein Herz von Liebe überfüllt ist; mit jedem andern Menschen aber
wäre so etwas rein unmöglich zu bewerkstelligen gewesen. Und würde ein Engel,
was er zwar wohl könnte, mit einem gewöhnlichen Weltmenschen das tun, so würde
schon die Annäherung eines solchen Engels den Weltmenschen augenblicklich
töten!
[GEJ.02_137,11] Aber du hast Mich ehedem
gefragt, ob alle die Sterne solche Welten seien; und Ich antwortete dir mit Ja.
Nun, so du, Meine allerliebste Jarah, es wünschest, so überzeuge dich auf
dieselbe Weise! Sieh, wenn ein weltlicher Jüngling um eine junge Braut freit
und sie zu seiner Erwählten macht, so eröffnet er vor ihr auch alle seine
Schätze, um sie, die sein Herz liebt, sich geneigter zu machen; denn, so sie
ihn schon nicht möchte seiner Person wegen, so wird sie ihn doch annehmen
seiner großen Schätze wegen. Und sieh, Ich tue nun vor dir desgleichen, auf daß
du dereinst zur Zeit der Versuchung der Welt nicht abfallest von Meinem Herzen.
Darum überzeuge dich nun von Meinen Schätzen, auf daß du einsehen kannst, daß
Ich nun nicht so arm dastehe, wie es Mein Äußeres den Menschen zu verkünden
scheint. Sieh, Ich bin nun einmal dein Geliebter und zeige dir darum auch ein
wenig etwas von Meinen großen Besitztümern!“
[GEJ.02_137,12] Sagt die Jarah: „Herr, Du
mein Leben, wenn ich darum noch einen Stern weiter ansehen wollte, um mich
dadurch vor einer Untreue in meiner Liebe zu Dir zu verwahren, so wäre es mir
leid, den einen Stern angeschaut zu haben; denn Du allein bist mir ja endlos
mehr denn alle die zahllosen Sterne mit allen ihren Herrlichkeiten! Wahrlich,
um Dich über alles zu lieben, brauche ich nichts, ewig nichts, als Dich allein;
aber nur Dir zuliebe, weil Du es wünschest, sehe ich auch recht gerne die
Wunder Deiner Macht und Weisheit an!“
[GEJ.02_137,13] Sage Ich: „Höre, du Meine
allerliebste Jarah, Ich sehe wohl in dein Herz und lese es darin, wie sehr du
Mich liebst, und kenne auch deine Treue; aber du bist nun noch mehr ein Kind
als ein erwachsenes Mädchen. Bis jetzt warst du gleichfort unter dem Schutze
Meiner Engel, und die bösen Geister der Welt konnten sich dir nicht nahen; wenn
aber deine Jahre reifer werden, dann wirst du aus deiner eigenen Kraft der
argen Welt und ihren Gelüsten widerstehen müssen, um dadurch nach Meiner für
alle Wesen gestellten unwandelbaren Ordnung aus dir selbst den festen Boden zu
gewinnen, auf dem du dich Mir erst wahrhaft im Geiste und in aller Wahrheit
wirst nahen können. Und sieh, da hat die Welt eine starke Macht über den
Menschen, weil die Welt von der Hölle aus zum größten Teile beherrscht wird,
und es kostet da der Seele manch harten Kampf, um nicht von ihrem eigenen
Fleisch und Blut und dadurch dann auch von der Welt verschlungen zu werden!
[GEJ.02_137,14] Deine Gestalt ist eine sehr
schöne. Bald werden die Weltjungen ihre Augen auf dich werfen und dir Herz und
Hand bieten, und es wird dir schwer werden, ihnen zu begegnen. Wenn aber solche
Zeit kommen wird, dann gedenke in deinem Herzen Meiner und alles dessen, was du
auf dieser Höhe alles gehört und gesehen hast, und der Sieg über die Welt wird
dir ein leichter werden!“
[GEJ.02_137,15] Sagt die Jarah etwas traurig:
„Aber das muß Dir ja doch schon von Ewigkeit her klar sein, ob ich Dir je
ungetreu werden könnte!? Und siehst Du in mir eine künftige Untreue, wie magst
Du mich lieben? Und kannst Du es einer künftigen Sünderin gestatten, daß sie
sich Dir naht?“
[GEJ.02_137,16] Sage Ich: „Das ist für dich,
Meine allerliebste Jarah, noch viel zu hoch! Aber Ich werde dir aus besonders
großer Liebe zu dir dennoch etwas sagen: Sieh, Ich kann zwar alles wissen schon
von Ewigkeit her, was mit einem Menschen wird, wenn Ich es wissen will; aber
auf daß der Mensch in der Reife seiner Jahre völlig frei und unbeirrt handeln
kann, so ziehe Ich auf eine bestimmte Zeit Meine Augen von ihm ab und nehme
keine Wissenschaft von seinem freien Handeln, außer er bittet Mich inständigst,
ihm zu helfen beim freien Kampfe mit der Welt. Da sehe Ich Mich nach ihm um,
helfe ihm auf den rechten Weg und verleihe ihm beim Kampfe mit der Welt die
nötige Kraft.
[GEJ.02_137,17] Und sieh, so will Ich für
dich auch keinen Blick in die Zukunft tun, auf daß du frei bleibst in deinem Handeln;
aber dafür belehre Ich dich nun, auf daß du zur Zeit der Versuchung dich alles
dessen werktätigst erinnern magst. Auch der Schutzengel wird dich in solcher
Zeit allein lassen; wenn du aber über die Welt vollends wirst aus deiner Kraft
gesiegt haben, dann wird er wieder zu dir treten und wird dir dienen in allen
Dingen. – Hast du, Meine allerliebste Jarah, das wohl so ein wenig verstanden?“
138. Kapitel
[GEJ.02_138,01] Sagt die Jarah: „Verstanden
hätte ich's wohl, – aber darum ist die Sache dennoch sehr traurig für mich und
für alle anderen Menschen; denn aus Tausenden wird kaum einer die volle Kraft
haben, aus sich selbst der Welt also zu begegnen, wie es Dir wohlgefällig
wäre!“
[GEJ.02_138,02] Sage Ich: „Darum bin Ich aber
ja in die Welt gekommen, um durch Meine Lehre und durch Meine Taten jedermann
das Mittel in die Hand zu geben, mit welchem er mit leichter Mühe die Welt
besiegen kann!“
[GEJ.02_138,03] Sagt die Jarah: „Wäre schon
alles recht, – aber es gibt auf der Erde noch eine große Menge Menschen, die
von Deinem Worte vielleicht kaum in tausend Jahren etwas vernehmen werden!
Womit werden sich dann unter der langen Zeit diese schirmen vor dem Andrange
der Welt? Sie sind doch ebensogut Menschen als wir Juden!“
[GEJ.02_138,04] Sage Ich: „Es steht mit den
Völkern der Erde also wie mit den einzelnen Kindern eines Vaters: einige, als
früher zur Welt geboren, werden vom Vater anders gehalten als jene, die erst
kaum vor zwei, drei, vier bis fünf Jahren das Licht der Welt erschauten. Der
älteste Sohn ist schon ein Mann voll Kraft geworden, und eine Tochter ist
mannbar; daneben aber gibt es noch ein paar Kinder in deinem Alter, und drei
liegen noch in den Windeln. Sage Mir, ob es von dem Vater wohl klug wäre, so er
die Kinder in der Wiege genau also behandeln würde wie den zum kräftigen Manne
herangereiften Sohn!?“
[GEJ.02_138,05] Sagt die Jarah: „Das wäre
freilich wohl sehr dumm von einem solchen Vater!“
[GEJ.02_138,06] Sage Ich: „Nun sieh, darin
liegt es auch, warum einige Völker erst später zu Meiner Lehre gelangen! Sie
sind jetzt noch nicht reif dazu; aber zur rechten Zeit werden sie schon reif
werden, und da wird auch Meine Lehre an sie gelangen. – Verstehst du das?“
[GEJ.02_138,07] Sagt die Jarah: „O ja, das
versteh' ich recht wohl; aber welches Los haben dann die auf dieser Erde bis
jetzt noch nicht reif gewordenen Völker im großen Jenseits zu erwarten?“
[GEJ.02_138,08] Sage Ich: „Das sollst du
sogleich zu sehen bekommen! Sieh hin, dort am mitternächtlichen Teile des
Himmels steht ein Stern von etwas rötlichem Lichte; fasse ihn also wie den
früheren ins Auge deines Gemütes und richte auch dein irdisch Auge darauf hin,
und du wirst in jenem Sterne die schönste Antwort auf deine Frage bekommen!“
[GEJ.02_138,09] Die Jarah tut das nun
sogleich und sagt schon nach wenigen Augenblicken: „O Herr, Du allmächtigster
Schöpfer Himmels und aller Welten, das ist ja noch eine viel größere Welt, denn
da war die frühere, und von welch einem herrlichen Lichte ist sie umflossen!
Aber das Licht ist von hellroter Farbe, ein wenig ins Goldgelbe übergehend,
während das Licht der ersten Welt ganz rein weiß war. Aber nun wird auch das
Licht dieser Welt unerträglich stark! Ah, nun habe ich schon den belebten Boden
dieser Welt! Oh, da ist es auch unbeschreiblich herrlich! Welch eine
Mannigfaltigkeit! Niedliche, sanft ansteigende Berge schließen die
herrlichsten, fruchtreichsten Täler ein. In den Tälern sieht man auch eine Art
von Hütten, die bloß aus einem Dache bestehen, das mit wie Rubin schimmernden
Säulen unterstützt ist in guter Ordnung; aber auf den Rücken der Berge laufen
ohne Unterbrechung solche Hütten fort in unabsehbaren Reihen, und so ungeheuer
weit nun mein Blick reicht, so sehe ich dennoch nichts anderes, und da ist eine
solche Hütte der andern so ähnlich wie beim Menschen ein Auge dem andern. Wie
ich merke, ruhen die länglich runden Dächer alle auf etwa sieben Mann hohen
Rubinsäulen; aber da ist auch eine Säule wie die andere! Von Menschen und
anderen lebenden Wesen ist bis jetzt noch nichts zu entdecken gewesen; aber sie
müssen hier dennoch auch vorhanden sein, – denn davon gibt schon die
außerordentliche Kultur dieser überweitgedehnten Länder Kunde!
[GEJ.02_138,10] Aber merkwürdig ist, daß hier
in dieser sonst überherrlichen Welt sich alles ähnlich ist! Ein Fruchtbaum
sieht dem andern auf ein Haar ähnlich, und eine Blume der andern; alles ist in
Reihen gesetzt, und man kann um alles in der Welt nichts außerhalb dieser
Ordnung finden.
[GEJ.02_138,11] Es nimmt sich dies alles zwar
gar wunderherrlich aus und gewährt einen freundlichen Anblick; aber mit der
Zeit müßte dies ewige Einerlei einem Menschen unserer Art und Gattung denn doch
etwas langweilig werden! Aber nun bin ich vor einer solchen Hütte angelangt,
und sieh, da gibt es Menschen in ganz unserer Art darin! Einer steht auf einem
erhöhten Orte und predigt, und die mehreren hundert anderen hören diesen
Prediger mit der größten Andacht an!
[GEJ.02_138,12] Da in der nächst anstoßenden
Hütte sehe ich mehrere in faltenreiche Kleider gehüllte Menschen an einem
wohlbesetzten Tische speisen; aber um die Speisenden herum stehen ebensoviele,
die der Hunger zu plagen scheint, und diese bekommen nichts zu essen! Ah, da in
der dritten Hütte aber sehe ich nun einige wunderschönste Dirnen! Diese stehen
bar mutternackt und machen sich mit sehr wenig sagenden Männern recht lustig,
wandeln hin und her; im Hintergrunde aber stehen eine Menge sehr lüstern
scheinende Jünglinge und geben den schönen Dirnen Zeichen, auch zu ihnen zu
kommen und sich mit ihnen auch ein wenig lustig zu machen. Aber die Jünglinge
bekommen kein Gehör und scheinen sich darüber gerade nicht zu sehr zu freuen.
[GEJ.02_138,13] Ah, das sind doch merkwürdige
Hauseinrichtungen! So sehr auch äußerlich eine Hütte der andern auf ein Haar
gleichsieht, so verschiedenartig scheinen darinnen doch die Beschäftigungen der
Menschen zu sein, und das ist doch sicher auch sehr merkwürdig!? Aber wenn es
auf dieser ungeheuer großen Welt allenthalben also aussieht wie in dieser von
mir nun geschauten Gegend, dann ist mir unsere kleine Erde lieber – bis auf die
bösen Menschen!“
[GEJ.02_138,14] Sage Ich: „Alles das, was du
nun siehst, ist nur ein kleines Schul- und Einübungshaus in der
Selbstverleugnung und in der Sichselbstüberwindung. Wandle nun mit deinen
Gemütsaugen weiter, und es wird sich dir gleich etwas anderes zeigen!“
[GEJ.02_138,15] Jarah tut das und schreit
bald so auf, daß die Festschlafenden beinahe aufgeweckt worden wären, so sie
nicht Mein Wille wieder in den Schlaf versenkt hätte.
[GEJ.02_138,16] Ich fragte auf den Schrei die
Jarah, was es denn gäbe, darum sie gar aufgeschrien habe.
[GEJ.02_138,17] Sagt Jarah: „O Herr, die
Pracht, diese Majestät überbietet wieder alles, was je eines Menschen Sinn
fassen kann! Da steht Dir ein Palast so groß und hoch wie auf der Erde der höchste
und größte Berg! Die Mauern sind aus lauter köstlichsten Edelsteinen
aufgeführt. Tausend und abermals tausend goldene Treppen und Galerien zieren
von außen diesen ungeheuren Palast, der in seiner höchsten Höhe in eine
förmliche Spitze ausläuft. Rings um diesen Palast prangen die herrlichsten
Gärten, in denen aber die größte Mannigfaltigkeit das Auge zu stets neuer
Bewunderung auffordert; in den Gärten aber gibt es auch sehr schöne Seen, auf
denen für das Vergnügen wahrscheinlich eine große Menge wunderbarer Kunstwerke
herumschwimmen, aber von niemandem geleitet und noch weniger beachtet werden.
[GEJ.02_138,18] Herr, was bedeutet denn das
alles? Wer sind die Bewohner dieses ungeheuren Palastes, und wozu dienen diese
auf den schönen Seen frei herumschwimmenden Kunstwerke aller Art?“
139. Kapitel
[GEJ.02_139,01] Sage Ich: „Sieh, dieser
Palast ist die Wohnung eines Oberlehrers in dieser Gegend, die du bereits
gesehen hast. Alle jene Schulhütten stehen unter seiner Aufsicht, und die auf
den Seen herumschwimmenden Gegenstände werden zu gewissen Zeiten zum ferneren
Unterricht in der hohen Weisheit benutzt. Wie aber diese Wohnung hier ist, so
stehen noch viele hunderttausende bloß im Mittelgürtel dieser Lichtwelt, nebst
noch einer Menge von Städten größter Art. Neben diesem Gürtel, von dem du einen
kleinsten nun siehst, gibt es aber in dieser Welt noch sechsundsiebzig
Nebengürtel, von denen ein jeder eine ganz eigene Einrichtung hat. Diese Welt,
sowie die frühere sind eigentlich zwei Sonnen gleich der unseren, die bei Tage
der Erde Licht gibt, aber mit dem Unterschiede, daß die von dir zuerst
geschaute bei tausend Male größer ist als die Sonne unserer Erde und die, die
du gerade jetzt noch schaust, bei viertausend Male größer ist denn die unsrige;
aber unsere Sonne selbst ist bei tausendmal tausend Male größer denn diese
ganze Erde.
[GEJ.02_139,02] Die Menschen dieser Erde aber
haben einen noch ganz irrigen Begriff von dieser Erde und von der Sonne, vom
Monde und von all den Sternen; wenn sie aber später einmal besser zu rechnen
verstehen werden, dann werden sie auch zu richtigeren Vorstellungen über die
Weltkörper im endlosen Schöpfungsraume gelangen.
[GEJ.02_139,03] Das aber kannst du wissen,
daß um jede solche Sonne in verschiedenen Entfernungen eine rechte Menge
solcher Erden, wie diese ist, auf der wir stehen, kreisen, und daß mehrere
dieser Erden noch Nebenerden haben, die um sie als stete Begleiter kreisen,
gleichwie der Mond um unsere Erde! So viele eigentliche Erden aber von einer
Sonne versorgt werden, so viele eigene, jeder solch eine Sonne umkreisenden
Erden entsprechende Gürtel hat dann eben eine jegliche Sonne, mit Ausnahme der
Mittelsonnen, die zum Halten und Führen der Erdsonnen bestimmt sind und um
tausendmal tausend Male größer sind denn zehnmal tausendmal tausend solcher
Sonnen, von denen du nun zwei gesehen hast.
[GEJ.02_139,04] Solch eine Mittelsonne ist
nicht mehr in Gürtel, sondern in ebenso viele Gebiete auf ihrer Oberfläche
eingeteilt, als wie viele einzelne Erdsonnen sie zu versorgen hat; und da ist
dann jedes einer Erdsonne entsprechende Gebiet dem Flächenraume nach um tausend
bis zehntausend Male größer als die Oberfläche jeder einzelnen Erdsonne samt
allen sie umkreisenden Erden. Um eine Mittelsonne aber bahnen zum wenigsten
tausendmal tausend Erdsonnen.
[GEJ.02_139,05] Aber dann gibt es noch
Mittelsonnen, um die sich abermals tausendmal tausend eben erwähnter
Mittelsonnen mit all ihren Erdsonnen bewegen, und abermals Mittelsonnen, um die
sich die Mittelsonnen der zweiten Gattung bewegen, und endlich einen
gemeinsamen Mittelweltkörper, der in unermeßlicher Tiefe eines
Mittelsonnengebietes weilt und keine andere Bewegung als die um seine eigene
Achse hat. Dieser Mittelkörper ist auch eine Sonne; aber sie ist so groß, daß
alle die zahllosen Erdsonnen, die Mittelsonnen erster, zweiter und dritter
Ordnung und alle die Erden und Monde, die um die zahllos vielen Erdsonnen
kreisen, nebst den vielen Tausenden von allerlei größeren und kleineren
Schweifsternen, die als werdende Erden in unsteten Kreisen um die Erdsonnen
bahnen, nicht den hunderttausendsten Teil von ihrem Körperinhalte ausmacheten,
so diese besprochene Hauptmittelsonne eine hohle Kugel wäre und die obbenannten
zahllos vielen Weltkörper sich in ihr befänden. – Jarah, kannst du dir von dem
Gesagten nun einen Begriff machen?“
[GEJ.02_139,06] Sagt die Jarah: „Herr, wer
vermag solch eine Größe zu fassen?! Einen Begriff kann ich mir nun freilich
machen; aber mir wird dabei ganz schwindelig zumute! Ich habe mich nun auch an
dieser Sonne satt gesehen, weiß nun aber dennoch nicht, wie ich mir darauf die
Frage über das Sein der auf der Erde unreifen Völker im großen Jenseits
beantworten soll.“
[GEJ.02_139,07] Sage Ich: „Nun, so ziehe vorerst
deine Augen ab von der geschauten Sonne und höre Mich dann!“
[GEJ.02_139,08] Sagt die Jarah: „Herr, es ist
schon geschehen!“
140. Kapitel
[GEJ.02_140,01] Sage Ich: „So vernimm Mich! –
Sieh, alle solche unreifen Menschen kommen zumeist in jene von dir nun
geschaute Sonne und werden in den weitgedehnten Schulen in allen Dingen, die
das Leben betreffen, unterwiesen. Also werden die frühverstorbenen Kindlein im
Mittelgürtel unserer Sonne unterwiesen und großgezogen, – aber mehr im
geistigen Teile der Sonne.
[GEJ.02_140,02] Die unreifen Seelen erhalten
in der von dir geschauten Sonne wieder einen Leib, jedoch ohne Geburt, und
dieser wird dann mit der Seele selbst geistig und kann ins rein Geistige
übergehen. Wie aber solche Seelen von hier nach dort überbracht werden und von
wem, das hast du bei der Bereisung der ersten Sonne an dir selbst erfahren.
Dieser Engel aber, der hier noch neben uns steht, ist der Leiter und
Beherrscher von all den Welten und Sonnen, von denen Ich zu dir ehedem geredet
habe. Du siehst daraus, welch eine Macht ihm verliehen ist und welch eine
Weisheit.
[GEJ.02_140,03] Aber alle die zahllos vielen
Engel, die du nun in weiten Reihen um dich her erschaust, haben ein gleiches
Geschäft; denn in den ewigen Tiefen gibt es für die menschlichen Begriffe noch
zahllos viele solcher Sonnenweltengebiete mit je einer gleichen, früher
beschriebenen Hauptmittelsonne, und jedes solches Sonnengebiet wird von einem
dieser Engel beherrscht. Du siehst nun zwar der Engel viele, – aber das ist
nicht der zehnmal hunderttausendste Teil bloß von den großen Herrscherengeln,
geschweige von den kleineren Engeln, denen zur besonderen Aufsicht und Leitung
einzelne Sonnen und Erden und kleinere Weltengebiete anvertraut sind! Und sieh,
Ich muß dennoch für alle jeden Augenblick in Meinem ewigen Geiste sorgen; und
ließe Ich all das dir nun Gezeigte einen Augenblick aus Meiner unwandelbaren
Sorge, so würde alles in demselben Augenblick vergehen, das Größte wie das
Kleinste! – Brächtest du das mit deinem Geiste wohl zuwege?“
[GEJ.02_140,04] Sagt die Jarah: „O Herr, wie
magst Du mir denn solch eine Frage geben!? Ich, ein Stäubchen dieser Erde, –
und Du, in Deinem Geiste der alleinige, ewige, allmächtige Gott! Oh, wenn die
blinden Pharisäer von Jerusalem doch das sehen könnten, da müßten sie doch
anderen Sinnes werden! Aber, sie können es nicht sehen und werden es nicht
sehen; darum werden sie auch in ihrer Verstocktheit und Bosheit zugrunde gehen!
Ihre Seelen werden jenseits etwa wohl auch in jene Sonnenschule kommen?“
[GEJ.02_140,05] Sage Ich: „Das etwa wohl
nicht, Meine allerliebste Jarah; denn sie gehören nicht zu einem unreifen,
sondern zu einem vollreifen Volke! Und die Seelen von einem reifen Volke, wenn
sie einmal in alle Bosheit übergegangen sind, kommen in die Tiefen der Erde,
durch sich selbst genötigt; denn da sie pur Materie geworden sind, so ist diese
ihr Element, und sie wollen und können sich von ihr nicht trennen. Es wird zwar
alles, ja das Äußerste, aufgeboten. Alle Qualen und Schmerzen werden über sie
zugelassen, um sie von der Materie loszumachen. Und wird einer von der Materie
los, so kommt er dann in die Schulen, die da bestehen auf dem geistigen Teile
dieser Erde; von da erst wird er in den Mond überbracht. Hat er dort jeden Grad
der Selbstverleugnung durchgemacht und ist darin stark geworden, so wird er
dann in einen vollkommeneren Planeten erhoben und dort in der rechten Weisheit
unterwiesen.
[GEJ.02_140,06] Wenn dann eine solche Seele
in ein rechtes Licht eingegangen ist, so wird erst durch solches Licht, so es
stärker und stärker wird, die Wärme des geistigen Lebens erzeugt, und die Seele
fängt an, sich mit ihrem Geiste zu einen, so, daß nach und nach ihr ganzes
Leben zur Liebe wird. Ist die Liebe dann zur nötigen Kraft und Stärke gediehen
und in die wahre, innere Lebensflamme übergegangen, so wird's dann in der Seele
von innen aus licht und hell, und da erst befindet sich solch eine Seele in dem
Zustande, in die eigentlich freie Welt der seligen Geister aufgenommen zu
werden, wo sie dann wie von Kindheit an weitergeführt wird.
[GEJ.02_140,07] Aber bis eine auf der Erde
materiell gewordene Seele im günstigen Falle dahin gelangt, können immer
mehrere Hunderte von Erdjahren vergehen. – Ich lese aber nun in deinem Herzen,
daß du Mich wieder um etwas fragen möchtest, und Ich sage es dir: frage; denn
deine Fragen haben einen guten Grund! Aber diesmal richte die Frage an den bei
uns stehenden Engel, der wird dir auch eine rechte Antwort geben!“
141. Kapitel
[GEJ.02_141,01] Hier wendet sich die Jarah an
den Engel und fragt ihn, sagend: „Dein Herr und mein Herr hat mich gnädigst an
dich, du lieber, holdester Jüngling, gewiesen und hat zu mir gesagt, daß ich
dich um etwas Bestimmtes fragen solle, und du werdest mir dann eine rechte
Antwort geben. Und so sage mir, warum diese meine irdischen Verwandten, wie
auch die Jünger des Herrn, schlafen müssen, während ich wache, und warum muß
ich das mit meines Leibes Augen schauen, oder warum kann ich das, was sie nach
der Kündung des Herrn nur im Traume sehen und hören können oder dürfen?“
[GEJ.02_141,02] Sagt der Engel mit der
liebfreundlichsten Stimme: „Du holdseligste Tochter des Herrn bist mit deiner
Seele ganz in den Geist übergegangen und hast mit der Materie der Welt nahezu
gar keine Gemeinschaft mehr; dein irdisch Auge ist zum Auge deiner Seele
geworden, und dein Seelenauge zum Auge deines ewig unsterblichen Geistes. Und
du bist darum ganz vollkommen in deiner Lebenssphäre so gestellt, wie
eigentlich ein jeder Mensch gestellt sein sollte.
[GEJ.02_141,03] Jedes Menschen Geist aber ist
also beschaffen, daß er gleich dem Geiste Gottes die ganze Unendlichkeit in
sich faßt. Wenn du nun einen noch so fernen Stern oder etwas anderes in dein
reinstes Gemüt aufnimmst, das da ist ein Auge des Geistes, und daneben dein
Seelenauge durch das fleischliche Auge dem mit den Augen des Geistes
betrachteten Gegenstande zuwendest, so entsteht da ein Konflikt des innern, in
deinem Geiste ruhenden Bildes mit der äußeren entsprechenden Form desselben
Bildes. Aus diesem Konflikte wird es dann in deiner Seele vollends licht über
den beschauten Gegenstand, und dieser stellt sich dir dann so vor, wie er in
seiner Art wirklich ist.
[GEJ.02_141,04] Und ich sage es dir treu und
wahr, daß dies alle Menschen vermöchten, wenn sie in ihrem Gemüte also reif und
ebenso beschaffen wären wie du; aber gar wenige gibt es nur, die dir glichen!
Diese Schlafenden hier aber gleichen eben deiner Seele und deinem Gemüte nicht!
Durch ihr irdisch Auge schaut noch lange ihre Seele nicht, und das Auge ihres
Geistes ist noch fest geschlossen; darum muß ihre Seele für sich allein erst
dadurch befähigt werden, daß ihr durch den Schlaf des äußern Auges alle
Weltanschauung benommen wird und sie dadurch mit ihren feineren Sinnen zur
Wahrnehmung und Anschauung des Übersinnlichen, ins Geistige Übergehenden
gelangen kann.
[GEJ.02_141,05] Es ist aber der Schlaf dieser
hier Ruhenden darum auch ein Schlaf eigener Art, zu dem ein Mensch auf einem
ganz natürlichen Wege nur selten gelangen kann.
[GEJ.02_141,06] Gewisse seelen- und geistesstarke
Menschen können bei den schwächeren Brüdern solchen Schlaf durch öftere
Händeauflegung bewirken, aber die schwachen Menschen vermögen solches an ihren
gleich schwachen Brüdern und Schwestern nimmer. Daß aber der Herr bloß durch
Seinen Willen alles vermag, daran wirst du wohl ewighin keinen Zweifel mehr in
dir aufkommen lassen können?!“
[GEJ.02_141,07] Sagt die Jarah: „Der Herr
segne dich für die mir gegebene Aufklärung, die ich recht wohl begriffen habe!
– Aber nun noch eine andere Frage! Sage mir, du lieber, holdseligster Jüngling,
wie soll ich mir denn deine unbegreifliche Schnelligkeit erklären?“
[GEJ.02_141,08] Spricht der Engel:
„Allerliebste Tochter Gottes! Das ist etwas, das nur ein reiner Geist fassen
kann, da er mit der Zeit und mit dem Raume nichts zu tun hat. Wir sind an uns
selbst nichts, sondern das du an uns erschaust mit den Augen deines Geistes,
ist Gottes Gedanke, Gottes Idee, Gottes Wort. Wir sind daher ganz reine
Geister; keine Materie kann uns irgendein Hindernis sein.
[GEJ.02_141,09] So einen lebendigsten Geist
gar nichts hindern kann, so ist sein Hier und Dort ja notwendig ein und
dasselbe. Keine Materie kann daher eine uns Geistern gleich schnelle Bewegung
annehmen, weil sie selbst im allerfeinsten Äther dennoch immer ein Hindernis
findet, durch das ihre Bewegung gehemmt wird.
[GEJ.02_141,10] Es gibt im endlos weiten
Schöpfungsraume besonders die Mittelsonnen der dritten Ordnung, nach denen
gleich die Hauptmittelsonne kommt. Diese Sonnen bewegen sich in verschieden
großen Kreisen um die Hauptmittelsonne in einer für deine Begriffe undenklichen
Schnelligkeit, damit sie dadurch von der Hauptmittelsonne in der
vorgezeichneten Entfernung bleiben. Ihre Bahnen sind vermöge ihrer großen
Entfernung von der Hauptmittelsonne für deine Begriffe überweit gedehnt.
[GEJ.02_141,11] Denke dir zum Beispiel diese
Erde als eine in der Wahrheit viele hunderttausend Male größere Kugel, als
wieviel du nun von ihr überschaust. Diese große Kugel aber bestände aus lauter
Sandkörnchen, wie du sie schon oft am Meeresufer wirst gesehen haben. Nun denke
dir die Zahl aller der kleinsten Sandkörnchen, wie viele deren nötig wären, um
eine solche ganze Erde auszumachen! Für jedes dieser Körnchen denke dir nun
eine Entfernung wie von hier bis zu jenem Sterne, den wir zuerst besucht haben,
und du wirst dadurch nahezu den Durchmesser einer solchen Bahn erreichen! Eine
solche Bahn durchfliegt eine obenerwähnte Mittelsonne dritter Ordnung freilich
erst kürzestens in zehnmal hunderttausend Jahren; aber weil die Bahn eine gar
so ungeheuer weitgedehnte ist, so muß solch eine Sonne in einem Augenblick
schon eine tausendmal so weite Strecke hinter sich haben wie von hier bis zu
jenem Sterne, den wir zuerst besucht haben!
[GEJ.02_141,12] Du wirst nun meinen und
sagen: ,Ja, wenn das, da bewegt sich solch eine Sonne ja dennoch um tausend
Male schneller denn du als ein reiner Geist! Denn wären wir mit der
Geschwindigkeit jener Sonne von hier nach jenem Sterne geflogen, so müßten wir
ja notwendig um tausend Male früher dort gewesen sein als mit deiner geistigen
Schnelle!?‘
[GEJ.02_141,13] Da sage ich dir, daß die
große Schnelligkeit jener Sonne gegen meine geistige dennoch eine pure
Schneckenbotschaft ist! Denn sieh, bei all der für deine Begriffe ungeheuren
Schnelligkeit braucht jene Sonne denn doch noch zehnmal hunderttausend Jahre
zum Durchfliegen ihrer weitesten Bahn um die Hauptmittelsonne, während ich oder
ein anderer Geist meiner Art dieselbe Strecke in einem so schnellen Augenblick
durchfliegen kann, daß du zwischen meiner Abreise und meiner Wiederankunft
nicht den allerkleinst fühlbaren Zeitraum merken würdest; ja ich könnte in der
gleich kurzen Zeit auch einen viele tausendmal hunderttausend Male größeren
Kreis durchfliegen!
[GEJ.02_141,14] Es ist daher zwischen der
Schnelligkeit eines Geistes und zwischen der Schnelligkeit einer noch so
schnell dahinfliegenden Materie – und möge diese gesteigert werden, wie sie
will – ein unendlicher Unterschied; denn wenn eine noch so schnell bewegte
Materie auch in einem Augenblick eine Strecke wie von hier bis zu jenem Sterne
durchmacht, so braucht sie zu einer noch einmal so langen Strecke schon zwei
Augenblicke, und macht die Materie in einem Augenblick hunderttausend solche
Entfernungen durch, so wird sie für zehn solche Entfernungen auch zehn
Augenblicke brauchen, während ich jede denkbare Entfernung in einem und
demselben Augenblick durchmachen kann.
[GEJ.02_141,15] Und sieh, das kann ich und
jeder Geist meiner Art, weil für uns in der ganzen ewigen Unendlichkeit kein
noch so allerleisestes Hindernis vorhanden ist; die Materie aber findet
allerlei Hindernisse selbst im freiesten Ätherraume und kann daher eines
Geistes Schnelle nie erreichen! – Sage mir nun, du holdseligste Tochter Gottes,
ob du das wohl so ein wenig begriffen hast!“
142. Kapitel
[GEJ.02_142,01] Sagt die Jarah: „Begriffen
hätte ich's mit der Hilfe dieses meines Herrn wohl; aber es hat mich dabei
schon wieder stark zu schwindeln angefangen! Denn ich habe dabei die vollste
Überzeugung gewonnen, daß ein geschaffener Geist eine Ewigkeit zu tun haben
muß, nur eine jener nahe schon endlos großen Hauptmittelsonnen durch und durch
kennenzulernen, von denen du gesagt hast, daß ihre Anzahl für Menschenbegriffe
im endlosen, ewigen Raume eine unendliche sei, von denen jede die Trägerin oder
vielmehr Regentin von um sie in endlos weiten Kreisen bahnenden Mittelsonnen
von drei Ordnungen und Erdsonnen ist, deren Anzahl kein sterblicher Geist
fassen könnte! Wenn aber schon eine solche ungeheuer große Hauptmittelsonne
jedem geschaffenen Geiste eine Ewigkeit zu ihrer Besichtigung bietet, wie lange
wird er dann mit all den andern zahllosen zu tun haben!?
[GEJ.02_142,02] Oh, da wäre ich gar nicht
gescheit, wenn ich mir so etwas wünschete! Ich bleibe fein bei meiner Liebe zu
Hause und denke mir dabei: ,Solch eine Sonne ist wohl etwas ungeheuer Großes
und ein gewaltigster Zeuge von des Herrn endloser Weisheit und ewiger Macht;
aber sie kann den Herrn, ihren Gott und Schöpfer, dennoch nicht so wie ich
sehen, begreifen und über alles lieben!‘ – Und siehe, das ist nach meiner
Meinung bei weitem mehr, als eine so endlos große Sonne sein in irgendeiner für
Menschen nie ermeßbaren Tiefe des endlosen Schöpfungsraumes! Und wer weiß, ob
der Herr mich denn vielleicht nicht ebenso liebhat wie eine so große Sonne!?
[GEJ.02_142,03] Und sieh, du holdester Junge,
diese unsere Erde könnte auf jener übergroßen Sonne vielleicht kaum als ein
bemerkbares Stäubchen angesehen werden, und doch betritt nun Der ihren Boden,
von dessen leisestem Hauche das Dasein aller der zahllosen Hauptmittelsonnen
abhängt! Und so meine ich, daß nicht immer gerade das das Größte in den Augen
des Herrn ist, was im endlosen Schöpfungsraume einen kaum meßbaren Teil
desselben einnimmt, sondern was innerlich groß ist!
[GEJ.02_142,04] Was bin ich als Kind
bezüglich der Körpergröße nur gegen unsere kleine Erde, und doch fühle ich in
meiner Brust einen Raum, in dem alle deine Hauptmittelsonnen mit all ihren
zahllosen Nebensonnen und Erden zur Übergenüge Platz haben! Mein kleines Auge
übersieht mit einem Blick tausendmal tausend Sterne; es fragt sich, ob solch
eine Fähigkeit all den großen Sonnen innewohnt!? – Habe ich recht oder nicht?“
[GEJ.02_142,05] Sage nun wieder Ich: „Ganz
vollkommen recht hast du, und es ist also, und du allein wiegst tausend
Sonnenalle auf, die den endlosen Schöpfungsraum erfüllen; aber es ist immer gut
für den Menschen, daß er Meine Werke kennt zur Vermehrung der Liebe zu Mir,
seinem Vater!
[GEJ.02_142,06] Nun aber fängt es an zu
dämmern, und wir werden unsere Freunde zu wecken beginnen! Aber nur nach und
nach müssen sie geweckt werden; du aber mußt von all dem Gesehenen niemandem
früher etwas melden, als bis dir Mein und nun auch dein Engel, den Ich dir
sichtbar bis zu deiner Reife belassen will, aber in anderer Tracht, einen Wink
geben wird. Die andern Engel aber sollen nun wieder unsichtbar werden; es sei!“
[GEJ.02_142,07] Im Augenblick verschwinden
die Engel bis auf den einen, der Raphael hieß; und dieser ward bekleidet nach
der Art, wie man in Genezareth bekleidet zu sein in der Gewohnheit hatte.
[GEJ.02_142,08] Als die Jarah nun den Raphael
also bekleidet ersieht, sagt sie: „So schon, – so gefällst du mir besser als
früher in deiner himmlischen Glorie; denn also siehst du nun vollkommen einem
Menschen gleich, und ich will dich recht liebhaben, – nur fragt es sich, wer
unterdessen deine großen Weltenleitungsgeschäfte übernehmen wird!“
[GEJ.02_142,09] Sagt der Engel: „Sorge dich,
du holdeste Tochter Gottes, nicht darum; denn ich kann immer hier und dort
überall sein, ohne daß du von meiner Abwesenheit etwas merken wirst, außer dann
und wann einige Augenblicke. Das bleibt sich alles gleich. Übrigens werde ich
mich zu dir zurück allzeit sehr beeilen, denn du bist mir nun schon auch lieber
denn alle meine zahllosen Sonnen, von denen wir bei guter Gelegenheit noch
mehrere miteinander besuchen werden. – Aber nun will der Herr die Brüder vom
Schlafe wecken; darum müssen wir nun hübsch stille sein!“
[GEJ.02_142,10] Sagt die Jarah: „Ja, ja, ich
folge ja gerne und bin schon ganz mäuschenstille!“
143. Kapitel
[GEJ.02_143,01] Sage Ich zu Raphael: „Gehe
und wecke Mir zuerst Meinen Simon Juda (Petrus)!“
[GEJ.02_143,02] Raphael erweckt Petrus, und
dieser sieht sich voll Staunens um und um und sagt nach einer Weile: „Habe ich
denn im Ernste geschlafen? War mir's doch, als ob ich die ganze Nacht hindurch
hellwach gewesen wäre! Aber nun sehe ich denn doch, daß ich sehr gut geschlafen
habe; aber im Schlafe habe ich so wunderbare Träume gehabt, daß ich mich
ähnlicher gar nicht entsinnen kann, sie je gehabt zu haben! Wahrlich, Herr,
diese Träume können nicht leere Schäume gewesen sein!“
[GEJ.02_143,03] Sage Ich: „Sieh dich ein
wenig um, – vielleicht entdeckst du mit dem Berge irgendeine Veränderung, von
der es dir sicher auch geträumt hat!“
[GEJ.02_143,04] Petrus sieht sich gleich nach
allen Seiten um und sagt: „O Herr, wahrlich, wahrlich, das habe ich im Traume
gesehen, und – sieh da – nach allen Seiten hin ist der helle Traum vollkommen
verwirklicht!“
[GEJ.02_143,05] Petrus wollte noch weiterreden,
aber Ich sagte zu ihm: „Wecke zuvor die andern Jünger, ehe du weiterredest!“ –
Und Petrus tat das.
[GEJ.02_143,06] Die Jünger erhoben sich vom
Boden und verwunderten sich auch über und über, daß sie nun erst gewahr wurden,
daß sie geschlafen hatten, während es ihnen in ihrer Seele vorkam, als wären
sie die ganze Nacht hindurch vollkommen wach gewesen und hätten unerhörte
Wunderdinge geschaut.
[GEJ.02_143,07] Judas aber sagte: „Ich glaube
noch immer nicht, daß ich geschlafen habe! Habe ich doch mit dir, Simon Juda,
das und jenes geredet, und du wolltest mir nichts gelten lassen und sagtest
auch zu mir: ,Alle diese Wunder werden dich nicht schützen, an uns allen um
wenige Silberstücke einen Verräter zu machen!‘, worüber ich ganz toll vor Zorn
wurde und dich über eine Felswand hinab ins Meer stoßen wollte; aber da packte
mich mein Thomas und riß mich auf den Boden zurück! – Sage mir, Bruder Simon,
weißt du davon im Ernste nichts?!“
[GEJ.02_143,08] Sagt Petrus: „Keine Silbe!
Ich weiß gar nicht, ob mir von dir etwas geträumt hat!“
[GEJ.02_143,09] Sage Ich: „Seht euch ein
wenig um, ob nicht so manches in der Wirklichkeit sich gestaltet hat, was ihr
im Traume gesehen habt!“
[GEJ.02_143,10] Die Jünger begeben sich nun
nach allen Seiten des Berges hin, und es erfolgt ein Staunen über Staunen, und
Andreas sagt: „Wir haben nun bisher in der kurzen Zeit von einem halben Jahre
des Wunderbaren so viel gesehen und vernommen, daß man nun kaum annehmen
sollte, als könnte da noch irgend etwas möglich sein, sich noch als ein
größeres Wunder darzustellen; und dennoch bleiben uns allen von neuem wieder
alle Sinne starr, steif und stumm! Unsere Traumgesichte werden zur
Wirklichkeit!
[GEJ.02_143,11] Ich sah den von der Jarah
erwählten Engel, der zuerst alles Wasser des Meeres in die Höhe hob und es in
der freien Luft zu einem ungeheuer großen Tropfen machte; und ich sah mit
meinen Augen den staubtrockenen Meeresgrund und die schöne Perlenmuschel, die
die Jarah zum Gedächtnisse vom Boden hob und sie dann in ihrer Schürze verbarg,
dann aber, wie der Engel, auf ein Verlangen der holdesten Gottestochter, diesen
Berg nach allen Seiten hin leicht besteigbar formte, und das alles in einem
schnellsten Augenblick! – Und seht, das alles ist nun auch wirklich da!
[GEJ.02_143,12] Mit welchen Worten und reinen
Taten sollen wir denn nun unsern Herrn und Meister zu preisen beginnen? Wo ist
denn der Engel, der in unsere Herzen glühende Gedanken legte, die auszusprechen
wir Seiner würdig fänden? Oh, zu wie gar nichts werden wir nun vor Ihm, dem allmächtigen,
ewigen Gott!
[GEJ.02_143,13] Unsere Väter bebten unter dem
Sinai, als Er unter Blitz und Donner dem Moses auf dem flammenden Berge die
heiligen Gesetze der Liebe gab! Und als Moses vom Berge kam, da leuchtete sein
Angesicht vor der göttlichen Majestät stärker denn des Mittags Sonne; und er
mußte sich eine dreifache Decke vor sein Angesicht hängen, damit das Volk sich
ihm nahen konnte. Die geheiligten Seher des Herrn weissagten noch lange
nachher, so sie nach vorangegangener Vorbereitung auf eine kurze Zeit mit der
Decke Mosis nur am Haupte bedeckt wurden, und wir staunen noch heutzutage über
ihre hohe Weisheit! Und hier ist Der Selbst, der auf Sinai donnerte! Sinai ward
zur Glut unter dem Tritte Seiner Füße, – und wir können in Seiner allmächtigsten
Gegenwart kalt bleiben wie eine schlechte Winternacht?! Darum auf und
eilendsten Schrittes zu Ihm hin; denn Er ist allein heilig über heilig! Ihm
allein gehört alle Ehre, aller Ruhm, alle Liebe und alle Anbetung!“
[GEJ.02_143,14] Auf die Anrede des Andreas
wurden alle Jünger bis auf Judas, der den Andreas einen überspannten Schwärmer
nannte, voll liebeglühenden Eifers, traten zu Mir hin und brachten Mir ein
glühendes „Hosianna“ zum Morgengruße.
144. Kapitel
[GEJ.02_144,01] Auf dieses laute Singen erwachten
auch alle die andern noch Schlafenden und stimmten gleich beim Erwachen mit den
Jüngern ein; und Ich ließ allen Luft machen für ihre Herzen, und die Jarah
umklammerte Meine Füße und weinte vor übergroßer Freude und Seligkeit! Als sie
bei einer halben Stunde zu Meinen Füßen vor Seligkeit geweint und die Jünger
ihren Morgengruß beendet hatten, da richtete sich die Kleine auf und sagte mit
einer bedeutungsvollen Stimme: „O Erde, wann, wann wirst du wieder so glücklich
sein, von diesen Füßen betreten zu werden? Fühlst du, stumme Mutter der Laster,
wohl, wer Der ist, der dich nun betritt? Nein, nein, du fühlst es nicht, du
kannst es nicht fühlen; denn du bist zu tot und zu klein! Wie solltest du das
fassen, was für den unendlichen Raum und für alle die zahllosen Myriaden Wesen
in ihm zu undenkbar groß und heilig ist!? Wo soll ich anfangen und wo enden, um
Seine Herrlichkeit nur in einem Tautropfen zu besingen? Denn Er, Gott der
Ewige, ist es ja, der den Tautropfen so gut wie jene endlos großen Lichtwelten
schuf! O Herr, o mein Gott, vernichte mich doch; denn nimmer erträgt mein Herz
die zu glühende Liebe zu Dir!
[GEJ.02_144,02] Als ich Deine Herrlichkeit
noch nicht kannte, da liebte ich Dich wie einen vollkommensten Menschen. Ich
ahnte in Dir wohl den reingöttlichen Geist, und mein Herz liebte diesen
heiligsten Geist in Dir unaussprechlich; aber dennoch dachte ich mir Dich als
einen Sohn des Allerhöchsten! Aber nun hat alles eine andere Gestaltung
angenommen! Du bist der Allerhöchste Selbst! Außer Dir gibt es keinen mehr!
Vergib daher mir kleinstem Würmchen des Staubes, das da in seiner angestammten
Blindheit gewagt hatte, Dich zu lieben wie einen Menschen!“
[GEJ.02_144,03] Sage Ich: „Mein Kindchen, da
gibt es nichts zu vergeben; bleibe du bei dieser Liebe! Denn Ich sage es nun
euch allen: Wer Mich nicht liebt, wie du, Meine allerliebste Jarah, Mich
geliebt hast und noch liebst, dessen Liebe wird von Mir als gar keine
angesehen!
[GEJ.02_144,04] Wer Gott nicht liebt als den
vollkommensten Menschen, der kann um desto weniger seinen Nächsten lieben, der
ein noch höchst unvollkommener Mensch ist! So es aber geschrieben steht, daß
Gott den Menschen nach Seinem Ebenmaße geschaffen hat, was sollte dann Gott
anderes sein – so der Mensch Sein Ebenmaß ist – als eben auch ein, aber ganz
natürlich vollkommenster Mensch!? Oder sehe Ich nun anders aus denn ein Mensch,
weil du, Mein Kindchen, von Meiner Herrlichkeit ein paar kleinste Tröpfchen
gesehen hast?“
[GEJ.02_144,05] Sagt die Jarah: „O nein, Du
siehst noch immer gleich aus, und in meinem Herzen ist es auch nicht anders
geworden! Ja, ich möchte Dich schon lieber ganz im Herzen haben vor lauter
Liebesdrang! Ich möchte Dich so kräftig umarmen, daß mir die Adern zerreißen
könnten, und Dich dann nimmer auslassen; ja, ich möchte Dein Angesicht mit
zahllosen Küssen bedecken und gar nimmer aufhören, Dich zu küssen! Kurz, ich
weiß gar nicht auszusprechen, was ich aus purer Liebe zu Dir alles tun möchte!
Aber Du bist nun das allerheiligste, allerhöchste Gottwesen, und ich denke mir
denn also in meinem Herzen, daß ich viel zu unwürdig bin, Dich also zu lieben,
als wärest Du ein Mensch; aber ich kann mir nun schon denken, was ich kann und
mag, so nimmt mein Herz darauf dennoch keine Rücksicht und liebt Dich nur noch
heftiger denn zuvor!“
[GEJ.02_144,06] Sage Ich: „Das ist schon
recht also! Es folge deine Seele nur allzeit dem lautern Zuge des Herzens und
fache darin eine rechte helle Flamme an, so wird es in der ganzen Seele bald
helle werden und der Geist Gottes wird in ihr aufgehen wie eine Sonne, und in
seinem Lichte und in seiner Lebenswärme wird erst die Saat Gottes aufgehen und
die Seele versehen mit den Früchten des Lebens für die Ewigkeit!
[GEJ.02_144,07] Aber es kann der Geist Gottes
im Menschen nicht geweckt werden anders denn durch die Liebe zu Gott, und aus
solcher Liebe heraus in der Liebe zum Nächsten.
[GEJ.02_144,08] Darum bleibe du nur
gleichfort in deiner Liebe; denn diese ist mehr wert für Mich und dich als alle
Herrlichkeiten, die du mit deinen Augen geschaut hast!
[GEJ.02_144,09] Aber nun wollen wir die
andern auch vernehmen und uns erzählen lassen, was diese Nacht auf sie für
einen Eindruck gemacht hat.“
145. Kapitel
[GEJ.02_145,01] Der Hauptmann fängt an, sich
ganz behutsam vom Boden aufzurichten und sagt: „Herr und Meister! Dir vor allem
allen Dank, daß ich noch lebe auf dieser Höhe! Wie leicht hätte ich bei einem
dreimaligen Umdrehen hinab in die Tiefe stürzen können, und mit meinem
armseligen Leben hätte es für die Welt ein ewiges Ende genommen! Aber ich lebe
noch und zwar auf derselben Stelle, an der ich gestern die Ruhe nahm, und das
habe ich nur Dir allein zu danken und danke Dir darum auch aus aller Tiefe
meines Herzens! Ich bitte Dich aber auch zugleich inbrünstigst, daß Du mich und
alle andern von dieser schauderhaften Höhe wohlerhalten möchtest hinab nach
Genezareth kommen lassen, und das sobald als möglich; denn solange ich mich
noch mit dem Hinabsteigen in meinem Gemüte beschäftigen muß, kann bei mir von
einem guten Mute keine Rede sein!“
[GEJ.02_145,02] Sage Ich: „Hast du, lieber
Freund, denn in dieser Nacht gar nichts geträumt?“
[GEJ.02_145,03] Sagt der Hauptmann: „Ja, ja,
richtig, ja, – hätte vor lauter Angst beinahe den herrlichen Traum vergessen!
Ja, wenn dieser Berg so wäre, wie ich ihn gestern im Traume gesehen habe, so
wäre es freilich eine Freude, ihn noch tausend Male zu besteigen; aber ein
Traum bleibt ein Traum!“
[GEJ.02_145,04] Sagt der neben ihm stehende
Ebahl: „Mitnichten, Freund! Ich sage es dir, daß diesmal unser gleicher Traum
die vollwahrste Realität angenommen hat. Stehe auf und gehe an der Spitze
Ränder, und du wirst dich überzeugen, daß unser Berg sogar gegen die
Meeresseite hin nun ganz sanft abfällt und allenthalben ohne die geringste
Gefahr zu besteigen ist, hinab wie herauf! Ich habe mich schon von allem
überzeugt und sage dir die vollste Wahrheit. Komm und überzeuge dich selbst!“
[GEJ.02_145,05] Sagt der Hauptmann: „Eine
Gesichtstäuschung wird es etwa doch nicht sein?“
[GEJ.02_145,06] Antwortet Ebahl: „So ich und
meine Weiber und Kinder schon auf dieser Gesichtstäuschung nach allen
Richtungen hin herumgegangen sind, da wird deine Gesichtstäuschung doch etwa
irgendeinen festen Grund haben!? Gehe, erhebe dich vom Boden und überzeuge dich
von allem selbst!“
[GEJ.02_145,07] Auf diese Worte erhebt sich
der Hauptmann endlich, sieht sich nach allen Seiten um, findet zuerst die
Platte des Berges sehr erweitert und sagt: „Ja, ja, ich sehe im Ernste, daß da
in der Nacht große Veränderungen allerwunderbarst vor sich gegangen sind; aber
gehe du doch zuerst auf den neuen Boden, damit ich mich überzeuge, daß er
wirklich fest ist!“
[GEJ.02_145,08] Sagt Ebahl: „Freund, ein so
schätzbarer Mann du sonst auch bist, so wirst du mir aber infolge deiner
beständigen Zweifelsucht schon zuwider! Gilt mein Wort bei dir denn gar nichts
mehr? Wann doch habe ich zu dir je ein unwahres Wort geredet, daß du mir nichts
aufs Wort glauben willst? Komm her und prüfe selbst, und zweifle dann fürder
nicht mehr!“
[GEJ.02_145,09] Sagt der Hauptmann: „Ja
Freund, ja, du hast recht! Ich werde mich selbst von allem überzeugen.“
[GEJ.02_145,10] Hier bewegt sich der
Hauptmann ganz ruhigen Schrittes an den Rand gegen Genezareth, und als er der
sanften Abdachung des Berges gewahr wird, so sagt er, sich dabei hoch wundernd:
„Ja, da ist ja der ganze Berg auch übersetzt worden! Als ich gestern von diesem
Rande nach Genezareth hinabschaute, da kam es mir so nahe vor, daß ich es mit
einem Steinwurfe hätte erreichen müssen; und nun liegt es gut hundert Feldwege
von hier, und wir werden bei sechs Stunden zu gehen haben, bis wir unser liebes
Städtchen erreichen werden!
[GEJ.02_145,11] Nein, wer da noch einen
Zweifel hat darüber, daß unser Jesus Gott und Mensch zugleich ist, dem kann
auch kein Gott mehr helfen! Ja, du Bruder Ebahl, du hattest vorhin ganz recht,
als du mich einen dir widrigen Zweifler nanntest; denn ich war es wirklich!
Aber nun ist alles Zweifelns bei mir ein Ende, und ich glaube und bekenne nun
vor euch allen mit einem Eide, daß unser Meister und Heiland Jesus vollkommen
ein Gott ist, und außer Ihm es ewig keinen zweiten und dritten geben kann; denn
weil das mir Geträumte wahr ist, so wird auch alles andere vollends wahr sein!
Und da ist Er der alleinige Gott und Herr über die ganze Unendlichkeit!
[GEJ.02_145,12] Aber nun gehen wir zur Jarah
hin, – die muß uns ihre zwei Gedächtniszeichen vorzeigen! Denn ich habe sie im
Grunde des Meeres, als ein Himmelsgeist das Wasser bis auf den letzten Tropfen
heraushob, eine herrliche Perlenmuschel auflesen und in ihre Schürze stecken
sehen, und ich sah auch den leuchtenden Stein, den sie aus einer Sonnenwelt
mitnahm, in die sie der Himmelsgeist gebracht hatte. Sind die zwei erwähnten
Stücke auch also leibhaftig vorhanden wie dieser erneuerte Berg, dann haben wir
der Beweise mehr, als wir deren vonnöten haben!“
146. Kapitel
[GEJ.02_146,01] Nach diesen Worten begeben
sich der Hauptmann und der Ebahl hin zur Jarah und ersuchen sie, daß sie ihnen
die zwei bewußten Gedächtniszeichen vorweisen möchte.
[GEJ.02_146,02] Und die allerliebste Jarah greift
sogleich in den großen Sack ihrer Schürze, geht den beiden entgegen und sagt:
„Da sieh her, du mein lieber Julius, hier sind die beiden Gedächtniszeichen
leibhaftig! Glaubst du's nun, und wirst du einmal aus deiner ewigen Furcht
heraustreten?“
[GEJ.02_146,03] Sagt der Hauptmann: „Ja, du
meine allerliebste und allerzarteste Jarah, mein Glaube steht nun fester denn
dieser Berg, und meine lästige Furcht ist mit Hilfe des allmächtigen Herrn auch
für immer dahin, – des kannst du nun vollends versichert sein! Aber deine
Gedächtniszeichen sind auch von einem unschätzbaren irdischen Werte. Die
Muschel samt ihrem Inhalte wiegt den Wert von ganz Jerusalem auf; denn sie
enthält vierundzwanzig Perlen von der Größe eines kleinen Hühnereies, von denen
eine hunderttausend Pfunde Goldes wert ist! Welchen Wert aber dieser höchst
harte, durchsichtige und schöner denn der Morgenstern leuchtende Stein hat,
dafür hat die Erde keinen Maßstab! Kurz, du bist nun nicht nur geistig, sondern
auch irdisch das reichste Mädchen in der Welt! Wahrlich, du bist nun reicher
denn alle Könige und Kaiser der ganzen Welt zusammen! Wie kommt dir das nun
vor?“
[GEJ.02_146,04] Sagt die Jarah ganz
bescheiden: „Das kommt mir gerade so vor, als hätte ich nichts; und diese zwei
Gedenkzeichen haben für mich keinen andern Wert als allein den, für den ich sie
genommen habe, nämlich als Erinnerung an die unbeschreiblichen Wundertaten
Gottes an uns armen, schwachen und sündigen Bewohnern der Stadt und Gegend
Genezareth.
[GEJ.02_146,05] Der Herr wird nicht immer
leiblich in unserer Mitte verbleiben, wie Er es mir schon gestern recht klar
gesagt hat; aber diese Zeichen werden uns allzeit lebendigst an Ihn in unseren
Herzen erinnern und unsere Liebe zu Ihm von neuem anfachen! – Das ist meine
Meinung.
[GEJ.02_146,06] Aber der Herr hat mir noch
ein Zeichen hinterlassen aus dieser Wundernacht, die für mich eigentlich der
allerhellste Tag war! Dieses Zeichen bleibt auch bei mir sichtbar und späterhin
unsichtbar, bis es nach einer gewissen Zeit, so ich mich dessen wert erhalten
werde, mir wieder sichtbar werden wird.“
[GEJ.02_146,07] Fragt der Vater Ebahl: „Nun,
und wo hast du dieses Zeichen? Magst es uns nicht sehen lassen?“
[GEJ.02_146,08] Sagt die Jarah, neben der
sich der Engel Raphael befindet: „Da, bei mir da, steht es, wenn du nichts
dagegen hast!“
[GEJ.02_146,09] Sagt Ebahl, der den Engel vom
Kopfe bis zum Fuße mit seinen Augen betrachtet: „Das ist freilich ein noch
köstlicheres Angedenken! Aber ich fürchte, daß du in diesen gar zu schönen
Jüngling viel zu früh bis über die Augen und Ohren verliebt wirst; und so er
dir dann unsichtbar wird, da wirst du dann auch vor lauter Traurigkeit blind
und taub werden!“
[GEJ.02_146,10] Sagt die Jarah: „O sorge du
dich um etwas anderes! Wer einmal Gott den Herrn also liebt wie ich, für den
sind auch alle Schönheiten der Himmel so gut, als wären sie gar nicht
vorhanden! Ich aber habe den Jüngling auch sehr lieb; denn er ist sehr weise
und überaus stark, mächtig und geschwinde!“
[GEJ.02_146,11] Fragt der Hauptmann, sagend:
„Wo ist er denn hergekommen? Ich weiß mich nicht zu erinnern, ihn je in
Genezareth gesehen zu haben, und doch ist er ganz nach der Weise dieses Ortes
bekleidet! Ich bewundere seine überaus reinen, zarten und dabei überaus weichen
Züge! In seinem Wesen liegt ein wahrer Zauber voll der höchsten Anmut! Wie
zart, weich, rein und überaus wohlgestaltet nur seine Füße sind!
[GEJ.02_146,12] Das reine Beinkleid, bis zu
den Knien reichend, das blendend weiße Hemd und das über seine Schultern
nachlässig hängende, faltenreiche Mäntelchen aus einem blauen Stoffe steht ihm
aber auch so ausgezeichnet gut, daß man sich wahrlich nichts Geschmackvolleres
denken kann, und das runde Hütchen auf seinem Haupte ziert seinen
wunderschönsten Kopf schon auf eine Weise, die sich gar nicht beschreiben läßt!
Wahrlich, diesem allerholdesten Jünglinge könnte ich keine Bitte verweigern!
Der könnte mir ein Kaisertum ungestraft nehmen, wenn er mich dafür nur liebte!
[GEJ.02_146,13] Nein, je länger ich diesen Menschen
betrachte, desto schöner und anziehender kommt er mir vor! Seine Eltern sind
wahrlich glücklich zu preisen, solch einen Sohn zu besitzen, und du, meine
allerliebste Jarah, kannst dich für solch ein Geschenk wohl für überselig
preisen! Wäre noch ein solcher Junge irgend in der Welt zu haben, wahrlich, ich
gäbe alle meine Schätze und großen Güter darum!
[GEJ.02_146,14] Aber was wirst du mit diesem
schönsten Jünglinge nun machen? Du bist zwar auch ein gar wunderschönes, liebes
Mädchen; aber der Jüngling übertrifft dich an Schönheit dennoch um vieles. Du
gehst nun erst ins dreizehnte Jahr, und der Jüngling wird sechzehn haben. So er
dein Gemahl wird, nun, so lasse ich mir's wohl gefallen; bleibt er aber nur als
ein Gespiele von dir, dann wird dein leicht zündbares Herzchen sicher bald in
große Verlegenheiten kommen! Aber sage du uns dennoch, wozu du ihn verwenden
wirst!“
[GEJ.02_146,15] Sagt die Jarah: „Ihr redet
nach eurem Sinne, weil ihr den Geist nicht kennet! Dieser Jüngling wird bis in
mein sechzehntes Jahr mein Beschützer und Führer sein und wird mich unterweisen
in der Weisheit der Himmel Gottes – und euch auch, so ihr ihn werdet hören
wollen!“
[GEJ.02_146,16] Sagt der Hauptmann: „Nach
deinem sechzehnten Jahre aber wird er dann wohl dein Gemahl werden?“
[GEJ.02_146,17] Sagt die Jarah: „O du mein
lieber Julius, das war einmal wieder eine Frage von dir, für die ich dir keine
Verbeugung machen kann! Habe ich dir denn nicht schon gleich anfangs gesagt,
daß dieser Jüngling nach meinem sechzehnten Jahre mich verlassen wird auf eine
Zeitlang, wie es der Herr bestimmt hat, was mir auch nichts machen wird; denn
mein Herz gehört vollkommen dem Herrn, der mir bleibet ewiglich! Ist aber mein
Herz ein Eigentum Gottes, so kann es nicht auch dabei das Eigentum eines andern
werden!“
[GEJ.02_146,18] Sagt Ebahl: „Ja, ja, meine
allerliebste Tochter, du hast wohl nun ganz recht! Aber deine Jahre sind noch
nicht da; wenn sie aber kommen werden, dann wirst du mit deinem Fleische in
starke Kämpfe geraten! Wohl dir, so du ihrer Meisterin wirst!“
[GEJ.02_146,19] Sagt dazu auch der Hauptmann:
„Ja, ja, der Vater hat recht! Du bist nun noch nur ein Kind, und es brennt
schon in deinem Herzchen wie in einem Kalkofen! Jetzt hat es nach seinem
Verlangen freilich das Höchste und kann sich nach nichts Geringerem mehr
sehnen; aber wenn dieses Höchste sich, um dich auf eine nötige Selbstprobe zu
stellen, von deinem Herzen zurückziehen wird, dann wird dein Herz liebehungrig
werden! Und wird es lange der höchsten Speise entbehren, dann wird es bald nach
anderen Gegenständen seine langen Arme auszustrecken beginnen, um sich zu
sättigen! Denn wie da auch schmerzlich ist der Hunger des Magens, so ist aber
der Liebehunger dennoch um tausendmal schmerzlicher.
[GEJ.02_146,20] Nehmen wir nur einen Feldherrn,
der ein liebloser Tyrann seiner Untergebenen ist! Alle werden sich in einem
verzweifelten Zustande befinden, und wo sie für ihn in den Kampf gehen sollen,
da werden sie sich dem Feinde ergeben, um sich dadurch ihres lieblosen Herrn zu
entledigen. Zeigt aber ein weiser Feldherr, daß er seine Untergebenen liebt wie
ein Vater seine Kinder, dann mag ein Feind kommen, und sie werden sich mit
allem Mute und mit der größten Selbstverleugnung für ihren geliebten Feldherrn
bis auf den letzten Blutstropfen schlagen und werden den Feind vernichten!
[GEJ.02_146,21] Ja, du meine allerliebste
Jarah, die Liebe ist ein gar mächtig Ding, und das bedarf stets einer weisen
Leitung, so es sich am Ende nicht selbst aufzehren soll!“
[GEJ.02_146,22] Sagt nach einer Weile die
Jarah, nachdenkend: „Ja, ja, du magst da nicht ganz unrecht haben; aber das muß
man aber ja beim Herrn doch annehmen, daß Er kein tyrannischer Feldherr über
ein Ihn über alles liebendes Herz sein wird!?“
[GEJ.02_146,23] Sagt Julius: „Das eben nicht!
Aber – wie ich mich erinnere, was Er geredet hat die heutige Nacht mit dir – Er
ist und bleibt Gott, dem sich der menschliche Geist erst dann vollkommen nähern
kann, wenn er sich den ihm verliehenen Kräften zufolge selbst gestaltet,
gebildet und gefestet hat, während welcher Selbstbildungsperiode er von Ihm
ganz unbeachtet gelassen wird! Wenn aber also, dann ist Gott in solch einer
Periode ein notwendiger Tyrann mit verbundenen Augen und fest verstopften
Ohren! Und wird bei dir solche dir von Ihm Selbst angekündigte Periode kommen,
dann, meine allerliebste Jarah, werden wir darüber weiterreden!“
[GEJ.02_146,24] Sagt die Jarah: „Ich vertraue
und glaube fest, daß Er mich auch dann nicht völlig verlassen wird!“
[GEJ.02_146,25] Sagt der Hauptmann: „Das wird
Er wohl kaum, weil du schon viel vor uns allen voraus hast; aber du wirst bei
deiner großen Liebe zu Ihm auch eine kleine und kurz dauernde Verlassung
weltengroß und schwer fühlen! – Aber nun gehen wir hin zu Ihm; denn Er scheint
etwas vorzuhaben!“
147. Kapitel
[GEJ.02_147,01] Die drei begeben sich nun zu
Mir, und der Hauptmann fragt Mich: „Herr, was soll nun geschehen? Wie es mir
vorkommt, so hast Du etwas vor!?“
[GEJ.02_147,02] Sage Ich: „Siehst du denn
nicht die herrliche Morgenröte!? – Habet nun alle acht, denn da werdet ihr den
schönsten Aufgang der Sonne sehen! Es ist zwar nur der Aufgang der Natursonne;
aber er hat dennoch eine tiefe geistige Bedeutung, die euch klar werden soll!
Denn da begegnet ein Aufgang dem andern!“
[GEJ.02_147,03] Fragt Petrus: „Herr, wie
sollen wir das deuten?“
[GEJ.02_147,04] Sage Ich: „Oh, wie lange
werde Ich euch noch zu ertragen haben! Wir sind nun schon eine geraume Zeit
beisammen, und du merkst es noch nicht, daß durch Mich eurer Seele eine Sonne
aus den Himmeln aufgegangen ist und noch immer von Tag zu Tag weiter
aufgehet?!“
[GEJ.02_147,05] Sagt Petrus: „Herr, sei darum
nicht ungehalten; Du weißt es ja, daß wir ganz einfache Menschen sind, die es
übers nötigste Lesen und ein wenig Schreiben hinaus nie gebracht haben! Hätten
wir Dich verstanden, so wäre eine Frage wohl als ein Mutwille zu schelten; aber
wir verstanden Deinen Spruch nicht und haben Dich darum gefragt.“
[GEJ.02_147,06] Sage Ich: „Das ist ganz gut
und recht, so man es nicht weiß, daß man mit Mir sich auch im Herzen still
besprechen kann; weiß man aber das, so ist nicht die Frage selbst, sondern die
unkluge Art zu fragen ein Fehler, und nur den will Ich an euch gerügt haben.
Sehet dort die beiden Essäer und die etlichen Pharisäer, wie sie nun über euch
große Augen machen, daß ihr Mich um etwas laut habet fragen mögen, indem ihr
als ihre Meister doch wissen solltet, daß Ich jedem Fragenden auch im Herzen
still die vollste Antwort zu geben vermag!
[GEJ.02_147,07] Es ist bei euch zwar wohl auch
nicht Unkunde oder Eigensinn schuld daran, sondern eure alte Gewohnheit; aber
nehmet euch dennoch für die Folge mehr zusammen, auf daß die Menschen erkennen
mögen, daß ihr wahrhaft Meine Jünger seid, und ihr vor der Welt nicht die
Achtung verlieret, die euch für euer neues Amt vor allem not tut.
[GEJ.02_147,08] Gehet aber nun hin zu euren
Jüngern und belehret sie darob, sonst werden sie euch zu fragen anfangen, um
was und warum ihr Mich laut gefragt habt!“
[GEJ.02_147,09] Sagt Petrus: „Herr, so dürfen
wir nimmer ein lautes Wort mit Dir wechseln?“
[GEJ.02_147,10] Sage Ich: „O ja, aber nur
alles zur rechten Zeit und wann Ich es euch anzeige! – Aber nun geht und tut,
was Ich euch geboten habe!“
[GEJ.02_147,11] Darauf gehen die Jünger hin
zu den zwei Essäern und den etlichen Pharisäern und sagen zu ihnen: „Es wundere
euch nicht, daß auch wir noch manchmal laut den Herrn ums eine oder andere
fragen; denn auch wir sind noch Menschen und hängen dann und wann an alten
Gewohnheiten!“
[GEJ.02_147,12] Und die beiden Essäer sagen:
„Wir haben es uns auch also gedacht; denn wir haben nach eurer Lehre in unsern
Herzen den Herrn über das gleiche befragt, und es ward uns im Augenblick die
hellste Antwort ins Herz gelegt. Es kam uns darum eben etwas seltsam vor, daß
ihr laut gefragt habt. Aber wie gesagt, wir haben es uns gleich gedacht, daß
bei euch so etwas öfter noch aus purer alter Gewohnheit geschehen kann, und
stellten uns aber auch gleich völlig zufrieden; denn wir haben in dieser Nacht
doch so merkwürdige Traumgesichte gehabt, wie wir uns ähnlicher nie entsinnen
können, sie je gehabt zu haben. Und was dabei das Wunderbarste ist: ein jeder
von uns hat auf ein Haar dasselbe geträumt, und alles, was wir in dem
merkwürdigsten Traume sahen, verwirklicht sich nun am schon hellen Tage! Nein,
so etwas ist noch nie dagewesen!
[GEJ.02_147,13] Nun glauben es auch wir fest,
daß dieser Nazaräer mehr denn allein ein vollkommenster Mensch ist. Er ist dem
Leibe nach wohl ein Mensch wie unsereiner, aber in Seinen Eingeweiden und in Seinem
Herzen wohnt alle Fülle der göttlichen Kraft und Macht, der die ganze
Unendlichkeit gehorcht! – Aber nun richten wir nach Seinem Worte unsere Augen
nach dem Aufgange, um Wunder zu schauen!“
[GEJ.02_147,14] Sagt Petrus: „Ob gerade da
ein besonderes Wunder zu ersehen sein wird, wissen wir kaum; aber wie uns schon
jetzt die mit rotem Lichte umsäumten Wölkchen am fernen Horizonte verkünden,
werden wir von dieser Höhe das schönste Schauspiel der Schöpfung Gottes erleben
und werden daraus die Lehre nehmen können, wie ein gleicher Aufgang unserer
Seele zuteil geworden ist und bleiben wird ewig!“
[GEJ.02_147,15] Sagt einer der Essäer:
„Jawohl, ein Aufgang nicht nur uns, sondern der ganzen Erde, ja der ganzen
Unendlichkeit! Denn es scheint uns, daß diese Menschwerdung des allerhöchsten
Gottgeistes nicht bloß dieser Erde und ihrer Kreatur, sondern der ganzen
Unendlichkeit gilt!
[GEJ.02_147,16] Daß der göttliche Geist sich
besonders diese Erde erwählt hat, ist freilich ein etwas unergründliches Ding
für unsern Geist, da Er – wie wir nun wissen – zahllose Myriaden der
großherrlichsten Lichtwelten hat, auf denen Er mit Sich Selbst die eigene
Menschwerdung hätte vornehmen können; aber Er wird es am besten wissen, warum
Er gerade die Erde gewählt hat!
[GEJ.02_147,17] Früher, als wir noch der
Meinung waren, daß diese Erde die einzige Welt im ganzen Universum sei, da wäre
die Sache recht gut begreiflich gewesen; denn da wäre nach dem Naturgange der
Dinge nichts anderes übriggeblieben. Diese Erde war die einzige, nach unsern
Begriffen endlos große Welt, deren Wässer an die des Firmamentes reicheten, und
wir glaubten, daß die Sonne, der Mond und die Sterne bloß darum da wären, um
mit ihrem Lichte diese Welt zu erleuchten! Aber nun hat auf einmal alles ein
ganz anderes Gesicht bekommen; wir wissen nun, was all die Sterne, der Mond und
die Sonne sind, und wir wissen, wie klein unsere Erde gegen eine Sonnenerde
ist.
[GEJ.02_147,18] Nun läßt sich's denn wohl
fragen und sagen: ,Wie kam dieses Sandkörnchen, Erde genannt, zu dieser Gnade?‘
Wahrlich, diese Frage wird dereinst noch eine sehr gewichtige werden und wird
vielen zu einem gewaltigen Anstoße werden! Darum wäre es wohl nach unserer
Meinung nicht ganz überflüssig, auch über diesen Punkt eine genügende
Aufhellung zu bekommen! – Was meint ihr, dürften wir Ihn darüber befragen?“
[GEJ.02_147,19] Sagt Petrus: „Versuchet es in
eurem Herzen! Kommt eine Antwort, so wird es wohl und gut sein, und kommt
darauf keine weitere Antwort zum Vorscheine, dann ist es ein Zeichen, daß wir
für solch eine Belehrung noch nicht reif genug sind! – Aber nun sehet hin, die
Sonne ist dem Aufgange schon sehr nahe; denn die Wölkchen des Morgens leuchten
schon so stark, daß man sie kaum mehr anblicken kann!“
[GEJ.02_147,20] Sagt der Essäer: „Ja
wahrlich! Oh, das ist ein unbeschreiblich herrlicher Anblick! Aber merket ihr
es nicht, wie dort über den Wolken sich etwas bewegt? Es sieht beinahe so aus,
als ob eben über den Wölkchen sich Sterne von besonderem Glanze hin und her
bewegten! Was mag das doch sein?“
[GEJ.02_147,21] Sagt Petrus: „Was es
eigentlich ist, das wird wohl nur der Herr allein wissen; aber wir Fischer
nennen solche eben nicht selten vorkommenden Erscheinungen ,Morgenfischlein‘.
Wenn diese zu sehen sind, dann läßt sich gut fischen im Wasser, und es kommt
gen Abend hin sicher ein Wetter oder zum wenigsten ein starker Sturmwind.
Obschon ich im Ernste gestehen muß, daß ich selbst dergleichen Fischlein in
solcher Frische und Lebhaftigkeit noch nicht gesehen habe, so ist mir aber
dennoch diese Erscheinung nicht fremd; nur läßt sich hier vielleicht, von
dieser Höhe aus, diese Erscheinung besser ausnehmen als unten von der Tiefe!“
[GEJ.02_147,22] Sagt der Essäer: „Wißt ihr
was, – gehen wir näher zum Herrn hin! Ich sehe, daß Er mit Ebahl und dessen
Kindern spricht. Dort wird wieder vieles enthüllt werden; das müssen wir
hören!“
148. Kapitel
[GEJ.02_148,01] Auf diesen Antrag des Essäers
kommen alle mehr in Meine Nähe, und Ich berufe die beiden Essäer und sage, daß
sie nun auf alles wohl acht haben sollen, was da beim Aufgange zu sehen sein
werde; denn es werde daraus viel zu lernen sein!
[GEJ.02_148,02] Die beiden Essäer treten nun
näher zu Mir und sagen: „Herr, Herr, daß daraus endlos viel zu lernen wäre, das
dürfte wohl eine ewige Wahrheit sein; aber wo ist unsere Seele einer so hohen
Lehre fähig?! Wir sehen wohl mit lüsternen Augen in die lichtvollen Tiefen
Deiner Wunderschöpfungen und erstaunen über die Maßen in unserem Gemüte; aber
wir sind viel zu blind, nur die Wunder eines Tautröpfchens zu würdigen und zu
begreifen, geschweige dann erst die, die in unmeßbaren Größen und Fernen
leuchtend vor uns am Firmamente auf- und niedergehen! Auch über die über den
Wölkchen hin- und herschwebenden Lichtpunkte haben wir schon mit dem Jünger
Petrus geredet; aber er konnte uns darüber keinen genügenden Bescheid geben. –
Wenn es Dir, o Herr, genehm wäre, so könntest Du uns darüber wohl ein paar
Wörtlein kundtun!“
[GEJ.02_148,03] Sage Ich: „Das hat sehr wenig
zu bedeuten und ist eine ganz natürliche Erscheinung, gleich der eines mäßig
wogenden Meeres. So das Meer wogt und du dich auf irgendeinem rechten Punkte
befindest, nach dem die gebrochenen Sonnenstrahlen hinfallen, so wirst du dort
ein ähnliches Lichtspiel sehen.
[GEJ.02_148,04] Die Luft, die zum Einatmen
für Menschen und Tiere tauglich ist, reicht nicht etwa bis zu den Sternen hin,
sondern im äußersten Hochstande nur so weit über die Erde, als da ausmachete
die vierfache Höhe dieses Berges, vom Meere an gerechnet; nach solcher Höhe ist
dann die Erdluft scharf begrenzt, so wie das Wasser von der Luft, und hat
gleich dem Wasser eine höchst glänzende, glatte Oberfläche, die gleich dem
Meere sich in einem beständigen Wogen befindet.
[GEJ.02_148,05] Wenn nun das Licht der Sonne
auf diese erwähnten Luftwogen fällt, so strahlt es wie aus einem Wasserspiegel
zurück; gehen die Luftwogen stark, so werfen sie das aufgenommene Licht dann
und wann auch zur Erde herab, und am leichtesten, wenn scheinbar die Sonne sich
noch unter dem Horizonte befindet, wo ihre Strahlen gewisserart von unten her
auf die Fläche des Luftmeeres fallen. Und so sind diese munter hin und her
schwebenden Lichter nichts als Widerscheine der Sonne, und ihre Beweglichkeit
rührt von der Beweglichkeit der Wogen der Luft her.
[GEJ.02_148,06] Daß sie aber jetzt, wo die
Sonne kaum noch eine scheinbare Spanne unter dem Horizonte steht, besonders
über den sehr lichten Wölkchen zu sehen sind, hat darin seinen Grund, daß die
Luftwogen nun mehr das Licht von den von der Sonne schon stark beleuchteten
Wölkchen aufnehmen und mit demselben gewisserart ein tändelndes Spiel treiben.
– Seht, das ist die ganz natürliche Erklärung dieser Erscheinung!
[GEJ.02_148,07] Aber über all das hat diese
Erscheinung auch eine geistige Bedeutung, und diese ist für euren Verstand
begreiflich folgende:
[GEJ.02_148,08] Denkt und stellet euch also
die geistige Sonne vor! Das von ihr ausgehende Licht wird von der stets
wogenden Fläche des geschaffenen Lebensmeeres aufgenommen, und dieses spielt
mit solchem Lichte, und es entstehen daraus allerlei Zerrbilder, die wohl noch
den matten Glanz von sich strahlen lassen, aber dabei jede Spur der göttlichen
Urform zerstören; also ist das ganze Heidentum und nun auch das Judentum ein
solches Verzerren alles rein Göttlichen.
[GEJ.02_148,09] Wenn ihr aber sehet einen
ganz ruhigen Wasserspiegel, und es scheint die Sonne darein, so wird sie aus
dem Wasserspiegel in derselben Majestät und Wahrheit widerstrahlen, als wie ihr
sie sehet am Himmel. Und ebenso gehört ein ruhiges, leidenschaftsfreies Gemüt,
das nur durch eine gänzliche Selbstverleugnung, Demut, Geduld und reinste Liebe
erreicht werden kann, dazu, damit das Ebenmaß Gottes im Geiste des Menschen
ebenso rein und wahr widerstrahle wie die Erdsonne aus einem ruhigsten
Wasserspiegel.
[GEJ.02_148,10] Ist das bei einem Menschen
der Fall, so ist in ihm alles zur Wahrheit gediehen, und seine Seele ist dann
fähig, ihren Blick in die Tiefen der Schöpfungen Gottes zu richten und alles
schauen zu können in aller Fülle der reinsten Wahrheit. Aber sowie es in ihr zu
wogen anfängt, so werden die Urbilder zerstört, und die Seele befindet sich
dann schon notwendig auf dem Felde des Truges und der Täuschungen aller Art und
Gattung und kann nicht zur reinen Anschauung gelangen, bis nicht in ihr die
völlige Ruhe in Gott eingetreten ist.
[GEJ.02_148,11] Und das ist die wahre
Sabbatruhe in Gott, und die Feier des Sabbats ist darum von Gott verordnet
worden. Der Mensch soll sich da von jeder schweren, anstrengenden Arbeit
enthalten, weil jede schwere Arbeit die Seele nötigt, dem Fleische ihre Kräfte
zu leihen, und dabei mit demselben erregt wird, was den Spiegel ihres
Lebenswassers in eine starke Bewegung versetzt, daß sie darum die rein
göttliche Wahrheit in sich nimmer klar erkennen kann.
[GEJ.02_148,12] Die wahre Sabbatruhe besteht
demnach in einer vernünftigen Feier von aller schweren Arbeit; ohne Not soll
man nicht die Hand an sie legen, aber in der Not ist jeder Mensch verpflichtet,
seinem Bruder zu helfen.
[GEJ.02_148,13] Mehr aber noch, als sich von
aller schweren Arbeit enthalten, soll eine jede Seele jede Leidenschaft zur
Seite schaffen! Denn die Leidenschaften sind Stürme der Seele; sie wühlen ihr
Lebenswasser auf, und Gottes Ebenmaß wird dann in der Seele also zerrissen, wie
das Ebenmaß der Sonne auf den Wogen des Meeres zerrissen wird. Es blitzt wohl
das Bild der Sonne aus den Wogen, aber in welcher Verzerrtheit! Und so der
Sturm lange währt, so entsteigen dem bewegten Meere bald schwere Dünste und
füllen die Himmelsluft der Seele mit schweren Wolken; diese hindern dann das
Licht der Geistessonne völlig, an das Lebensgewässer der Seele zu gelangen, –
und die Seele wird finster, kann nicht mehr unterscheiden Wahres vom Falschen
und hält das Blendwerk der Hölle für ein Himmelslicht.
[GEJ.02_148,14] Eine solche Seele ist dann
aber auch schon soviel wie verloren! Es müßten denn starke Winde kommen, das
heißt starke Prüfungen von oben, daß durch sie zerrissen würde das arge Gewölke
der Seele, diese sich dann sogleich begäbe in die wahre Sabbatruhe und dadurch
zur Ruhe brächte ihr Lebensmeer, – ansonst ist für sie keine Rettung!
[GEJ.02_148,15] Seht, das ist der für
jedermann brauchbare Sinn geistig, den uns dieser schöne Sonnenaufgang in
seinen sonst ganz natürlichen Erscheinungen zeigt! Wer ihn an sich beachten
wird, der wird in der Wahrheit und in allem Lichte verbleiben, und das ewige
Leben wird sein Anteil sein; wer aber diese Lehre in den Wind schlagen und sie
nicht beachten wird, der wird sterben für ewig!“
149. Kapitel
[GEJ.02_149,01] (Der Herr:) „Nun aber gebet
weiter acht! Die Sonne streckt gerade ihre Scheibe, besser ihre westlichste
Kugelfläche, über den Horizont; was bemerket ihr nun?“
[GEJ.02_149,02] Sagen die Essäer: „Sonst wohl
nichts als die lichte Fläche, die bedeutend schnell aus der lichten Tiefe
heraussteigt; das Lichtfischleinspiel hat sich nun plötzlich verloren, und die
Wölkchen werden dünner und verlieren sich ebenfalls eins nach dem andern. Und
nun steht schon die ganze Scheibe oder Kugel über dem Horizonte, und nun kommt
auch ein ziemlich kühles Lüftchen vom Morgen her zu uns. Das ist aber auch
alles, was wir entdecken.“
[GEJ.02_149,03] Sage Ich: „Wendet eure Augen
auch in die Ebenen und Täler der Erde hinab und saget, was ihr da sehet!“
[GEJ.02_149,04] Die beiden Essäer beschauen
die Tiefen der Erde und sagen darauf: „Wir sehen die Täler angefüllt mit
graulichten Nebeln, auch des Meeres Fläche ist mit einem graulichten Dunste
überzogen; aus den Tälern aber hebt sich der Nebel und bedeckt hie und da schon
die niederen Hügel. – Soll etwa das alles auch irgendeine geistige Bedeutung
haben?“
[GEJ.02_149,05] Sage Ich: „Ganz sicher,
umsonst und ohne geistige Anregung geschieht nichts auf der Erde! Wir aber
wollen nun sehen, welch eine Bedeutung das hat!
[GEJ.02_149,06] Die Sonne entspricht völlig
dem Wesen Gottes; die Erde mit ihren Tälern, Flächen, Hügeln, Bergen, Flüssen,
Strömen, Seen und Meeresflächen aber entspricht völlig dem Außenmenschen.
[GEJ.02_149,07] Die Nebel, die sich zwischen
die Sonne und die Erde stellen, entsprechen den mannigfachen leeren und
kleinlichen Sorgen der Menschen, durch die das Licht der Sonne nur hie und da
spärlich durchbrechen kann, und die Nebel steigen aufwärts und bedecken sogar
die Berge; die Hügel und Berge aber entsprechen der besseren Einsicht der
Menschen auf dieser Erde. Diese bessere Einsicht wird ebenfalls getrübt durch
die kleinlichen und nichtigen Sorgen der halbblinden Menschen.
[GEJ.02_149,08] Darum kommen aber nun
Morgenwinde und treiben die Nebel von den Bergen und Feldern, auf daß sie
zunichte werden und die Berge und Felder von der Sonne frei beleuchtet und
erwärmt werden können, auf daß ihre Früchte des Lebens zur Reife gelangen
mögen. – Ich meine, diese Entsprechung werdet ihr wohl verstehen!?“
[GEJ.02_149,09] Sagen die beiden Essäer: „Ja
Herr, die ist klar wie die Sonne dort! Oh, welch eine Herrlichkeit in dieser
großen heiligsten Lehre! Oh, was alles wissen doch die Menschen nicht, das sie
doch so wissen sollten, als sie wissen, daß sie leben! Herr, die uns nun
gegebene Lehre von der wahren Sabbatruhe in Dir soll unsere Sache sein, sie
einzuführen bei den Menschen. Diese übertrifft alles bisher Gesagte und von Dir
Gelehrte; denn wir sehen in allen vorhergehenden Lehren nur eine Vorbereitung
zur leichteren Beachtung dieser heiligsten Lehre! Wahrlich, dazu mußten sich
auch alle Himmel auftun, auf daß den Menschen wiedergegeben werde diese
heiligste Lehre der Lehren! – Aber nun kommt eine ganz andere Frage, und das an
uns!
[GEJ.02_149,10] Wie sollen wir Dir, o Herr,
aber denn würdig danken für diese rein überhimmlische Lehre? Wir fühlen in der
tiefsten Tiefe unseres Herzens, daß wir ihrer eigentlich gar nicht wert sind;
Deine alleinige Gnade und Liebe nur konnte sie uns geben! O Herr, gib uns doch
ein Gebot, wie wir Dich darum loben und preisen sollen!“
[GEJ.02_149,11] Sage Ich, beiden Essäern
Meine Hände auf die Achseln legend: „Meine lieben Freunde, tut danach, und ihr
werdet Mir dadurch eine nicht mindere Freude machen, als Ich sie euch nun
gemacht habe! Und euer Lohn wird kein geringer sein, so ihr auch die andern
Menschen dazu bewegen werdet.“
150. Kapitel
[GEJ.02_150,01] (Der Herr:) „Errichtet danach
eine Schule und lehret die Jünger die Feier des Sabbats halten, und haltet sie
selbst an jedem Tage ein paar Stunden hindurch, und ihr werdet alsbald die
große Segnung dafür in euch wahrzunehmen beginnen!
[GEJ.02_150,02] So ihr aber eine Schule
errichtet und erbauet dafür ein großes Haus, so sollen dessen Mauern frei sein
von jeglicher Sperre und von jeglichem Schlosse! Werdet wahre Freimaurer eurer
Schulhäuser, und der Propheten Schulen wird euer neues Werk sein; aber es sei
eure Hauptsorge dahin gerichtet, daß ihr alle Meine Lehre, die schon gegeben
ward und noch gegeben wird, treu bewahret und nicht, gleich den Pharisäern und
Ältesten, darunter menget eure Satzungen! Eure gegenwärtigen Satzungen müssen
vom Grunde ausgereutet werden, und Mein Wort muß vollauf an deren Stelle
kommen, und das in der freien Tat, ansonst Mein Geist nicht wirken könnte nach
der Verheißung, die den Menschen gegeben ward durch den Mund der Propheten!“
[GEJ.02_150,03] Die Essäer danken nun für
diese Belehrung und versprechen es Mir mit allem Ernste, daß sie das alles
buchstäblich beachten werden; nur möchte Ich ihnen dafür stets den gerechten
Schutz und die hinreichende Kraft verleihen, alles dieses rein göttliche nicht
nur für sich, sondern für viele andere Menschen, die es danach dürsten wird,
ins ersprießliche, für alle Zeiten heilsame Werk zu setzen!
[GEJ.02_150,04] Sage Ich: „An Mir wird es nie
fehlen; aber sehet nur ihr darauf, daß unter euch in der Folge keine
Rangstreitigkeiten entstehen! Der Erfahrenste von euch sei wohl der Leiter und
Führer eurer Sache; aber er bilde sich darum nie ein, mehr zu sein, als da ist
einer der Geringsten unter euch! Aber damit sei gar nicht gesagt und gemeint,
daß die Schwächeren ihm darum die gebührende Achtung versagen sollen. Er werde
geliebt und geachtet, und sein Rat werde von allen befolgt also, als wäre er
ein Gesetz; wehe dem, der sich vergriffe an ihm! Wahrlich, der soll von Mir mit
zornigen Augen angesehen werden!
[GEJ.02_150,05] So ihr aber erwählet einen
Vorsteher und Leiter eurer Sache, so betet und prüfet, daß nicht einem
Unwürdigen das Amt verliehen werde; denn ein schlechter, unkluger Leiter ist
einer Gesellschaft das, was ein schlechter Hirte ist seiner Herde. So er sieht
den Wolf kommen, da ergreift er zuerst die Flucht, und die Schafe überläßt er
dem Wolfe, oder er wird am Ende selbst zu einem Wolfe und also zum Würger
seiner Lämmer geistig, wie es nun die Pharisäer und ihre Hohenpriester sind.
Sie gehen in Schafskleidern einher, aber inwendig sind sie reißende Wölfe! Sie
geben kaum den Mücken eine Nahrung; aber was sie für eine Mücke gaben, dafür
verlangen sie ein ganzes Kamel!
[GEJ.02_150,06] Darum werdet nicht denen
gleich! Sie wohnen in Gemächern von Steinen gemauert, die stets also wohl
verwahrt und versperrt sind, daß ja niemand zu ihnen kommen kann und auch nicht
kommen darf, auf daß ja niemand käme hinter ihre Betrügereien; und würde auch
ein Mutiger es wagen, in ein solches Templergemach einzudringen, so würde er
als ein Schänder des Heiligtums erklärt und gleich darauf gesteinigt!
[GEJ.02_150,07] Darum sagte Ich zu euch, daß
ihr eure Schulhäuser frei und offen erbauen sollet, auf daß jedermann aus- und
eingehen kann, so er will! Jedes Geheimnis schwinde aus eurer Schule! Wer da
will, den weihet ein, insoweit er es fassen kann; denn Ich verkaufe euch in
Meiner Lehre keine Katze im Sacke, – Ich sage euch alles offen und klar und tue
mit nichts geheim, außer, wo es die Klugheit fordert zum Wohle jedes Menschen.
Darum seid auch ihr offen gegen jedermann, bei dem ihr einen guten Willen sehen
werdet! Aber dennoch seid dabei auch klug; denn so weit braucht die Offenheit
nicht zu gehen, daß man den Schweinen zum Fraße vorwürfe die edlen und
kostbaren Perlen!
[GEJ.02_150,08] Ich Selbst hätte euch allen
noch gar vieles zu sagen; allein ihr würdet es jetzt noch nicht fassen und
ertragen. Aber wenn der Geist der vollen Wahrheit in euch wach werden wird, so
wird er euch selbst in alle Weisheit leiten; und dieser Geist ist das göttliche
Ebenmaß in euren Herzen, und ihr selbst werdet ihn in euch erwecken durch die
rechte Sabbatfeier. – Saget, ob ihr das alles nun begriffen habt?!“
[GEJ.02_150,09] Sagen die Essäer, ganz
zerknirschten Herzens: „Ja, Herr! Wer sollte Deine heiligen Worte nicht
verstehen? Das sind ja nicht Worte gleich denen eines Menschen! Deine Worte
sind ja alle wesenhaft, sie sind durchaus Licht, Wärme und Leben! So Du, o
Herr, sprichst, so fühlen wir in uns ein wesenhaftes Werden, so, daß es uns
vorkommt: mit jedem Worte aus Deinem Munde entsteht irgendeine unermeßlich
große, neue Schöpfung, – und wir fühlen in uns ein unendliches neues Werden!
[GEJ.02_150,10] Wir verstehen aber dennoch
den für uns nötigen Sinn Deiner heiligsten Worte, obschon zu deren endlicher
Wirkung wir ewig nie gelangen werden; denn wir fühlen es und empfinden es
lebendig in uns, daß Deine hier ausgesprochenen Worte nicht nur uns, sondern
der ganzen ewigen Unendlichkeit gelten! – O, so jauchze denn, du Erde, die du
aus den zahllosen Welten erkoren warst, daß der Herr der Ewigkeit mit Seinen
Füßen deinen Boden betritt und Seine heiligste Stimme in deiner Luft ertönt! –
O Herr, wie viele Wesen werden doch aus jedem Deiner Worte und aus jedem Hauche
Deines Mundes!? Oh, laß Dich von uns loben, lieben, preisen und anbeten; denn
Dir allein gebührt alles das!“
151. Kapitel
[GEJ.02_151,01] Sage Ich: „Gut, gut, Meine lieben
Freunde und Brüder! Wir wollen nun nach diesem Seelenmorgenmahle auch um eines
für den Leib uns umsehen! – Ebahl, hast du noch etwas Vorrat?“
[GEJ.02_151,02] Sagt Ebahl: „Herr, es ist
wohl noch etwas da, aber nicht mehr viel, denn es ist gestern abend fast alles
aufgezehrt worden; etwas Brot und Wein ist aber dennoch vorrätig!“
[GEJ.02_151,03] Sage Ich: „Bringe alles her,
auf daß Ich es segne, und wir werden alle in Genüge zu essen haben und eben
also zu trinken!“ – Ebahl ließ nun sogleich einen halben Laib Brot und etwa
noch für drei Becher Wein, der im Schlauche zurückgeblieben war, zu Mir
hinbringen, und Ich segnete das Brot und den Wein und sagte: „Teile es nun aus,
und so etwas übrigbleibt, da werden wir auch hier das Morgenmahl halten!“
[GEJ.02_151,04] Ebahl teilt nun das Brot aus
und bricht, um auszukommen, nur kleine Stücke von dem halben Laibe; aber es
will der halbe Laib nicht kleiner werden. Da er aber sieht, daß der halbe Laib
nicht kleiner wird, obschon er allen Berggästen für mehrere Mundvoll
hintangegeben hatte, so fängt er an, größere Stücke hintanzugeben; aber auch da
wird der halbe Laib nicht kleiner. Als er nun sieht, daß die Berggäste bei
Appetit sind, so beginnt er die Austeilung noch einmal von vorne und bricht nun
noch größere Brocken vom Laibe; und als er herumkommt bei den etlichen dreißig
Menschen, die da mit uns den Berg bestiegen haben, so hat er noch ein tüchtiges
Bröckchen in der Hand und sagt zu Mir: „Herr, das habe ich noch erübrigt. Wird
es wohl genügen für Dich, für den Raphael, für die Jarah und für mich?“
[GEJ.02_151,05] Sage Ich: „Gib es nur der
Jarah, daß sie es austeile, dann wird es wohl genügen!“ – Ebahl tut das, und
die Jarah gibt davon zuerst Mir ein Stück, dann ihrem Raphael, dann dem Ebahl
und dann erst sich das Übriggebliebene, und wir hatten auch alle genug.
[GEJ.02_151,06] Aber der Hauptmann bemerkte
und sagte: „Warum hast du, Freund Ebahl, denn mich nicht auch zu dieser letzten
Teilung genommen? Hast du mich denn dieser für zu wenig wert gehalten?“
[GEJ.02_151,07] Sage Ich: „Freund, wolle
darob nicht ärgerlich werden! Denn sieh, Ebahl rechnete auf Nichtsübrigbleiben,
darum er mit der Austeilung anfangs auch so spärlich als möglich begann; er
wollte dich nicht auch unter die Zahl derer bringen, auf die am Ende nichts
gekommen wäre! Da aber nach Meinem Willen dennoch etwas übrigblieb, so ist
damit erst die zweite Teilung unternommen worden. Liegt dir aber an der zweiten
Austeilung viel, die durchaus um nichts besser ist denn die erste, so sage es,
und Ich trete dir gerne Meinen Anteil ab.“
[GEJ.02_151,08] Sagt der Hauptmann: „Nun,
nun, es ist schon alles wieder gut; mir ist nun nur eine altrömische
Rangesdummheit durchs Gehirn gefahren, – bin aber schon wieder ganz in der
Ordnung! Aber was mich hier am meisten wundert, ist, daß der himmlische Raphael
das Brot mit solcher Lust verzehrt, als wäre er der Hungrigste unter uns allen!
Das ist wahrhaft sehr merkwürdig! Er ist denn doch mehr Geist denn ein
Fleischmensch und ißt so, als wäre er jemals auf der Erde geboren worden! Das
gefällt mir ungemein! – Aber ich fühle, daß das pure, zwar äußerst
wohlschmeckende Brot dürsten macht, und so möchte ich bald etwas zum Trinken
bekommen.“
[GEJ.02_151,09] Sage Ich zu Ebahl: „Teile nun
den Wein aus, und fange bei unserem Freunde Julius an!“
[GEJ.02_151,10] Sagt der Hauptmann: „Herr,
ich bitte Dich, trinke doch Du zuerst; denn irgendeine Rangordnung muß ja doch
auch bei Tische sein!“
[GEJ.02_151,11] Sage Ich: „O ja, Ich bin
Selbst dafür; aber da wir hier keinen Tisch haben und auch nicht zu Gaste
geladen sind, so nehmen wir den Wein nach dem natürlichen Bedürfnisse zu uns!
Der am meisten durstig ist, der trinke zuerst, und die weniger Durstigen folgen
ihm – jeder nach seinem Bedürfnisse!“
[GEJ.02_151,12] Mit diesem Bescheide war der
Hauptmann denn auch zufrieden, trank den ihm dargereichten Becher bis auf den
letzten Tropfen aus und sagte: „Herr, ich danke Dir! Das war eine wahrhaft
himmlische Stärkung, und noch nie hat mir der Wein an einem Morgen so gemundet
wie jetzt hier; das ist aber auch ein Wein, wie es auf der Erde keinen zweiten
gibt.“
[GEJ.02_151,13] Sage Ich: „Uns alle freut es,
daß es dir nun so wohl behagt auf dieser Höhe!“
[GEJ.02_151,14] Sagt der Hauptmann: „Herr,
vergib es mir, wenn ich vielleicht in meiner guten Laune etwas Ungeschicktes
sage! Aber mir kommt es nun vor, daß hier sogar der Satan voll des besten Mutes
werden sollte!“
[GEJ.02_151,15] Sage Ich: „So du ihn sehen
und sprechen willst, kann er hierher berufen werden, und du kannst dich dann
gleich überzeugen, ob es ihm hier behaglich vorkommen wird!“
[GEJ.02_151,16] Sagt der Hauptmann: „Wenn es
im Ernste einen persönlichen Satan gibt, so mag er hier ja erscheinen!“
152. Kapitel
[GEJ.02_152,01] Als der Hauptmann solches
ausspricht, so geschieht ein mächtiger Blitz, begleitet vom stärksten Donner,
und der Satan steht in großer Riesengestalt ganz feurig vor dem Hauptmanne,
stampft mit einem Fuße so heftig auf den Boden, daß der ganze Berg um und um
erbebt, und spricht zum Hauptmann: „Was willst du, elendester Mutterschänder,
von mir!? Warum beriefst du mich auf diese Höhe, die mir tausend Male
peinlicher ist als alles Höllenfeuer!?“
[GEJ.02_152,02] Sagt der Hauptmann, etwas
sehr stark aufgeregt über den Anruf ,Mutterschänder‘: „He, Feind aller Menschen
und Gottes Selbst, mäßige dich; denn dir steht es nicht zu, zu richten im
Angesichte Gottes, deines Herrn! Habe ich gesündigt im Schlafe in großer
Betäubung meiner Sinne, so habe ich nur mir, nie aber dir in etwas geschadet.
Ich glaube aber, daß Gott mehr ist denn du, und Er hat mich noch nie also
begrüßt wie du elender Lügner! Es ist wohl wahr, daß es einmal geschah, daß ich
meine Mutter beschlafen habe in meinem vierzehnten Jahre; aber ich ward dazu
verleitet durch meine Mutter. Denn sie verkleidete sich in eine üppigste
Griechin und trug über ihr ohnehin noch äußerst schönes Gesicht eine feine
griechische Larve, kam in der Nacht zu mir, entdeckte mir alle ihre mächtigen
Reize und verlangte mich. Denn meine Mutter war damals kaum achtundzwanzig
Jahre alt; als sie mich als Erstling gebar, zählte sie dreizehneinhalb Jahre.
Ich war in Rom bekannt als einer der schönsten und reizendsten Jünglinge; was
Wunder, daß meine eigene Mutter für mich entbrannte und sich maskierte, um mich
zu genießen! Elender! So ich als ein feuriger Römer sonach in einer vermeinten
üppigsten und reizendsten Griechin meine Mutter beschlief, bin ich darum ein
Mutterschänder? Kannst du, blinder Höllenesel, den je einen Mörder oder
Totschläger schelten, der vom Dache fiel und am Boden in seinem Falle einen
Menschen traf und dadurch tötete?! – Rede nun, du alter Höllenesel!“
[GEJ.02_152,03] Spricht der Satan, ganz
ergrimmt über die Beschimpfung von seiten des Hauptmanns: „Ich sehe nur auf die
Tat, und nicht, in welcher Art sie begangen ward; bei mir gibt es keine
mildernden Umstände, und du bist von mir aus als gerichtet anzusehen, gehörst
der Hölle an und wirst meiner Macht nicht entrinnen!“
[GEJ.02_152,04] Sagt der Hauptmann: „Da sieh
hin, du alter, blinder Höllenesel! Wer ist Der, der mir hier zur Rechten steht,
kennst du Ihn, ist dir der Jesus von Nazareth nicht bekannt?“
[GEJ.02_152,05] Als der Hauptmann Meinen
Namen ausspricht, reißt es den Satan mit aller Gewalt zu Boden nieder, und er
bedroht den Hauptmann, daß er diesen ihm allerwidrigsten Namen nimmer
aussprechen möchte. Er kenne den Nazaräer und fluche demselben, weil er der
Gottheit die Macht entreißen wolle und es gar nicht viel mehr fehle, daß er ein
Herr Himmels und aller Welt werde!
[GEJ.02_152,06] Sagt der Hauptmann: „Blinder
Höllenesel! Was Er von Ewigkeit war, das ist Er noch und wird es ewig bleiben;
und Er allein wird mich und dich richten, und ewig nicht du alter, böser,
blinder und allerdümmster Höllenesel! Wenn du schon ein gar so mächtiges Wesen
bist, warum reißt dich denn gar so leicht der pure Name des heiligen Nazaräers
also zusammen, als wärest du nie gestanden? Sieh, wie schön und löblich es hier
ist, und wie gut es wir alle haben! Wärst du kein so erzdümmstes Höllenvieh,
wie leicht könntest du es ebenso gut haben wie wir! Kehre um und erkenne in
deinem Herzen, wenn du noch eines hast, daß Jesus der Herr Himmels und der Erde
ist, und du wirst uns sicher gleichgestellt werden!“
[GEJ.02_152,07] Da grinst der Satan: „Hast du
schon wieder den mir allerwidrigsten Namen aussprechen müssen?! Wenn du schon
von nichts Besserem zu reden weißt, so umschreibe doch wenigstens den Namen;
denn er peinigt mich mehr denn zehntausend Höllen in ihrer höchsten Feuerwut!
Zudem bin ich ein Geist und muß das bleiben ewig eures Heiles willen und kann mich
daher nie bekehren zu eurem Gott und eurem Herrn! Ich bin einmal und für alle
Male für ewig verdammt, und für mich gibt es kein Heil mehr!“
[GEJ.02_152,08] Sagt der Hauptmann: „Wenn mir
das jemand anders als du gesagt hätte, würde ich's glauben; aber dir glaube ich
nichts, außer, daß du wirklich der alte, dumme Höllenesel bist! So du dich
bekehren wolltest, da weiß ich nur zu gut, daß du mit deinem ganzen Anhang vom
Herrn angenommen würdest; aber bei dir ist es nur eine hartnäckigste Bosheit,
aus der heraus du selbst dich ewig nie bekehren willst, weil es dir eine Art
höllischer Freude macht, Gott dem Herrn trotzen zu können infolge deines freien
Willens. Aber ich sage es dir, daß der Herr vor dir noch lange Sein Herz nicht
völlig verschlossen hat, und hat dich noch lange nicht gerichtet! Kehre dich
daher zu Ihm, und Er wird dich aufnehmen und dir vergeben alle deine Milliarden
mal Milliarden Frevel und Sünden!
[GEJ.02_152,09] Ich bin ein Heide und habe in
meiner Jugend angebetet die Natur und die Schnitzwerke, gemacht von
Menschenhänden und hervorgegangen aus ihrer Phantasie; aber ich, als ein
schwacher, blinder Fleischmensch, habe es dennoch bald eingesehen, daß ich mich
auf Irrwegen befunden habe, auf denen kein Ziel zu erreichen ist.
[GEJ.02_152,10] Du aber bist seit deinem
Urbeginne als ein reiner Geist geschaffen worden von Dem, der nun im Herzen
dieses heiligen Nazaräers wohnt, und dem sichtbar Himmel und Erde vollkommenst
untertan sind. Dir ist das reine Erkennen der ewigen Wahrheit ein leichtes,
während ich lange in Nacht und Nebel herumtappen mußte; du darfst sonach nur
wollen, und du sitzest wieder im alten Urlichte. Wende dich daher an den Herrn,
der hier wunderbarstermaßen körperlich unter uns weilt, und ich stehe dir mit
allem, was mir samt meinem Leben eigen und heilig ist, dafür, daß du angenommen
wirst!“
[GEJ.02_152,11] Sagt Satan: „Ich kann das
nicht!“
[GEJ.02_152,12] Sagt der Hauptmann: „Und
warum nicht?“
[GEJ.02_152,13] Schreit der Satan: „Weil ich
es nicht will!“
[GEJ.02_152,14] Sagt nun denn auch der
Hauptmann mit einer sehr erregten Stimme: „So hebe dich im Namen Jesu von
hinnen; denn nun fängt es mich an bis zum Erbrechen zu ekeln vor dir! Du bist
sonach höchst eigenwillig eine unverbesserliche Höllenbestie, und in mir ist
jedes Mitleid wegen deiner ewigen Pein und Qual für ewig entschwunden. Der Herr
richte dich, du alter Höllenesel!“
[GEJ.02_152,15] Auf diese Worte des
Hauptmanns stürzte der Satan wie vom Blitze getroffen auf den Boden und brüllte
also gewaltig wie ein hungriger Löwe; aber Ich winkte dem Engel Raphael, daß er
ihn aufs Korn nehme.
[GEJ.02_152,16] Da trat der Engel schnell hin
zwischen den Hauptmann und Satan und sagte: „Satan! Ich, ein allergeringster
Diener des Herrn Jesus Jehova Zebaoth, gebiete aufs unwandelbarste Muß, daß du
dich augenblicklich hebest von diesem Orte und dieser Gegend, die du lange mit
deinem bösen Hauche für Tiere und Menschen heillos gemacht hast!“
[GEJ.02_152,17] Sagt der Satan, ganz vom
Grimme entbrannt: „Wohin soll ich ziehen?“
[GEJ.02_152,18] Sagt der Engel: „Wo deine
Diener deiner harren und dich verfluchen! Gehe und weiche! Amen!“
[GEJ.02_152,19] Mit diesen Worten des Engels
erhob sich der Satan gleich einem nach allen Seiten hin flammenden Balle und
floh unter großem Knallgetöse in Blitzesschnelle gen Mitternacht.
[GEJ.02_152,20] Der Engel aber riß auf den
Boden an der Stelle, da der Satan stand und lag (es war ein Steinblock von
mehreren fünfzig Zentnern), und schleuderte ihn mit solcher Gewalt über den
ganzen Berg weit ins Meer hinein, daß der Stein schon in der Luft durch ihren
Widerstand in den nichtigsten Staub aufgelöst ward.
[GEJ.02_152,21] Und alle verwunderten sich
allerhöchlichst über solch eine Gewalt des Engels, und der Hauptmann sagt: „Ha,
das wäre ein Steinschleuderer! Der gäbe allein mehr aus als zehn römische
Legionen! Übrigens danke ich Dir, o Herr, auch für diese Offenbarung; denn nun
habe ich denn auch den ewigen Feind aller Liebe, alles Lichtes und alles Guten
und Wahren sozusagen persönlich kennengelernt und habe mich schnell überzeugt,
was es mit ihm für eine Bewandtnis hat. Den bessert keine Ewigkeit und kein
Feuer mehr!
[GEJ.02_152,22] Es sind bei Gott wohl alle
Dinge möglich; aber hier glaube ich, daß es auch der göttlichen Allmacht schwer
gelingen wird, diesen Geist zur Reue und Buße zurückzubewegen. Denn wird ihm
der freie Wille belassen, so ändert er sich ewig nimmer; wird er ihm aber nicht
belassen, so hat er aufgehört, Er zu sein, und es gibt dann keinen Satan in der
ganzen Unendlichkeit mehr. Ihn aber mit möglichst größten Qualen und Schmerzen
zur Besserung bewegen wollen, hieße mit einem Siebe Wasser in ein
durchlöchertes Gefäß schöpfen! Das Weiseste wäre nach meiner Ansicht noch, ihn
für alle Zeiten der Zeiten in irgendein Gefängnis gefangenzunehmen und zwar
schmerzlos; so würde er zum wenigsten auf die lebenden Menschen keinen Einfluß
nehmen können!“
[GEJ.02_152,23] Sage Ich: „Freund, das sind
Dinge, die du jetzt nimmer fassen kannst; einst aber werden sie dir klar
werden! Die irdische Zeit hat dafür freilich kein Maß, – wohl aber eine ganze
Urgrundmittelsonne! Wann diese einmal zu Ende kommt, dann auch wird die noch
immer mögliche Umkehr des Satans nicht mehr ferne sein; aber wo wird dann schon
sein diese Erde und diese Sonne?! Denn ein Körper, wie da ist die
Urgrundmittelsonne, braucht einen für dich undenklich langen Zeitraum, bis all
das in ihr gerichtete Leben, das nun eine scheinbar tote Materie ist, bis aufs
letzte Stäubchen sich auflöst ins freie, geistige Leben!
[GEJ.02_152,24] Aber, wie gesagt, solches
kannst du nun noch lange nicht fassen! Solches fassen jetzt auch die Engel
nicht; aber es wird bald eine Zeit kommen, in der du im nun dir Gesagten keinen
Zweifel finden und Dinge glauben wirst, von denen du jetzt noch keine Spur
hast! Doch nun nichts Weiteres mehr davon! Machet euch aber nun auf, und wir
werden uns ganz gemach auf die Rückreise begeben!“
153. Kapitel
[GEJ.02_153,01] Spricht die Jarah, die
während der sichtbaren Anwesenheit des Satans ihr Angesicht mit einem Tuche
bedeckte: „Herr, nun gehe ich gerne zurück in die Stadt; denn die Gegenwart des
Einen hat mir für alle Zeiten diese Höhe verleidet, obschon sie mir anderseits
unbeschreibbar denkwürdig verbleiben wird. Meine Füße werden sie nie wieder
betreten!“
[GEJ.02_153,02] Sage Ich: „Nun, nun, der ist
von da nun ausgetrieben worden, und dein Raphael hat den Platz gleich wieder
lauter gemacht; übrigens wird es dir weder zum Schaden noch zu irgendeinem
besonderen Nutzen gereichen, ob du je wieder diese Höhe besteigst oder nicht. Die
beste Höhe zu besteigen aber ist das eigene Herz; wer in dessen Innerstes
gedrungen, hat der Lebensaussicht höchste Höhe errungen! – Aber nun gehen wir,
denn es ist bereits die dritte Stunde des heutigen Sabbattages verronnen. Gehet
aber nun nur alle Mir nach, und wir werden auf dem nächsten und besten Pfade
nach Genezareth gelangen!“
[GEJ.02_153,03] Sagte der Hauptmann: „Herr,
es ist ehedem, so ich mich nicht täusche, die Rede gewesen, als wollten wir
etwa noch den ganzen heutigen Tag hier zubringen!?“
[GEJ.02_153,04] Sage Ich: „Du hast denn
diesmal Mich ein wenig falsch verstanden; darunter ward ja nur die Höhe der
Sabbatfeier im Herzen verstanden! Aber nun macht das nichts, gehen wir nur;
denn unten harren mehrere Leidende unser! Denen muß geholfen werden, auf daß
dann nach Meinem Abgange in dieser ganzen Gegend kein Kranker sich soll
vorfinden lassen.“
[GEJ.02_153,05] Auf diese Meine Worte machte
sich denn nun alles auf den Weg, und Ich, die kleine Jarah und der Raphael
machten uns auf den Weg und machten sogestaltig die Wegweiser, und es ging
schnell und leicht von dem Berge ins Tal nach Genezareth hinab. Nach etwa zwei
und einer halben Stunde Zeit waren wir auch schon ganz in der Nähe des
Städtchens Genezareth.
[GEJ.02_153,06] Da rief Ich alle Berggäste
zusammen und sagte: „Höret ihr alle Mich nun an! Wie Ich es euch schon auf der
Höhe angedeutet habe, so sage Ich es euch allen nun noch einmal: Alles das auf
der Höhe Erlebte und Gesehene behaltet einstweilen bei euch! Wenn ihr es aber
durch ein Großzeichen aus den Himmeln innewerdet, dann prediget solches von den
Dächern den Menschen, die eines guten Willens sind; aber der argen Welt soll
solches fortwährend also verborgen bleiben, gleichwie da verborgen ist die
innerste Mitte der Erde! Denn solches wird ein äußerer Weltsinn nie fassen und
würde euch als unsinnige Leute verdammen! Das aber wäre denn dann auch der
ewige Tod seiner Seelen.
[GEJ.02_153,07] Überhaupt merket euch das:
Meine Worte und Lehren und Taten sind köstlicher denn die beispiellos großen Perlen
der Jarah; und solche Perlen sind nicht, daß man sie vorwerfe den Schweinen!
Darum seid allzeit auf eurer Hut; denn alles, was von oben kommt, ist auch nur
für diejenigen, die auch von oben her sind! Für Hunde und Schweine aber gehört
nur der Unflat der Welt; denn ein Hund kehrt zu dem wieder zurück, was er
gespien, und das Schwein wälzt sich in derselben Lache wieder, in der es sich
einige Augenblicke früher gewälzt, besudelt und gänzlich verunreinigt hatte.
Lasset euch darum Meinen Rat von Herzen angelegen sein!“
[GEJ.02_153,08] Sagt der Hauptmann: „Herr, so
wir aber von den Neugierigen befragt werden, was sich auf der Höhe alles
zugetragen hat, was sollen wir dann solchen Fragern für eine Antwort geben?“
[GEJ.02_153,09] Sage Ich: „Redet die Wahrheit
und saget es, daß Ich es euch allen untersagt habe, solches der Welt kundzutun;
und die Frager werden dann nicht mehr weiter in euch dringen, sondern sich
damit zufriedenstellen.“
[GEJ.02_153,10] Mit diesem Bescheide war denn
unser Hauptmann auch ganz vollkommen zufrieden, und wir begaben uns nun in die
Stadt und in das Haus Ebahls.
154. Kapitel
[GEJ.02_154,01] Als wir im Hause Ebahls
ankamen, da kamen sogleich die Knechte und Diener des Hauses und sagten, daß in
der Herberge etwa bei hundert Kranke angelangt seien und gefragt haben nach dem
Herrn und Heilande Jesus von Nazareth.
[GEJ.02_154,02] Sage Ich zu den Knechten:
„Gehet hin und saget es ihnen, daß sie sich nun ohne Rücksicht auf den Sabbat
nur ganz ruhig und wohlgemut nach Hause begeben sollen; denn ihr Glaube an die
Kraft Meines Wortes hat ihnen geholfen!“
[GEJ.02_154,03] Mit dem entfernten sich die
Knechte, gingen zu den Kranken in der Herberge und staunten nicht wenig, als
sie keinen Kranken mehr fanden; denn alle, die da krank waren, wurden in ein
und demselben Augenblick gesund, ohne Rücksicht, ob sie Juden oder Heiden
waren. Als die Knechte zu ihnen traten, hörten sie nichts als nur einen
Lobgesang für die wiedererlangte Gesundheit ihres Leibes, und die Geheilten
verlangten Mich zu sehen!
[GEJ.02_154,04] Die Knechte aber sagten: „Es
steht uns nicht zu, euch solches zu gestatten; aber wir wollen einen Boten
hinsenden. So Er es gestattet, da möget ihr hinziehen und Ihn sehen und
sprechen; gestattet Er es aber nicht, so möget ihr euch nach Seinem Worte ganz
ruhig und wohlgemut von hier entfernen, – denn Er ist nicht immer in der
Verfassung, Besuche anzunehmen und noch weniger mit Sich reden zu lassen.“ –
Mit dem kommt ein Knecht zu Mir und fragt Mich darum.
[GEJ.02_154,05] Ich aber sage: „Ich habe es
euch ja gesagt, daß sie alle ruhig und wohlgemut nach Hause ziehen sollen, und
so bleibe es dabei! Was sie suchten, haben sie erreicht, und für etwas Höheres
haben sie weder Sinn noch einen zureichenden Verstand, und so lasset sie denn
nach Hause ziehen!“
[GEJ.02_154,06] Mit diesem Bescheide kehrt
der Bote wieder zurück und sagt den Genesenen das. Diese aber sagen: „Dem man
eine Ehre und Lob darbringen will, da ist es ungeschickt, voraus zu fragen! Man
ziehe hin und bringe ihm aller Wahrheit und Schicklichkeit gemäß das ihm
gebührende Lob und den gebührenden Dank, und man wird gut entlassen werden!
Gehen wir darum nur ganz mutig hin, und er wird uns, da wir in der besten
Absicht der Welt zu ihm kommen, den Zutritt nicht verwehren!“
[GEJ.02_154,07] Mit diesen Worten begeben
sich nun alle zu Mir ins Haus. Sie pochen an die Tür unseres großen
Speisezimmers, aber niemand sagt: „Kommet herein!“ Aber sie pochen zu
wiederholten Malen, und Ich sage zum Ebahl: „Laß sie herein ihres zudringlichen
Glaubens wegen!“ – Und Ebahl ging und tat ihnen die Tür auf, und sie traten ins
Zimmer, soviel ihrer Platz hatten, und fingen an, Mich allda laut zu preisen,
und sprachen ihren Dank aus.
[GEJ.02_154,08] Ich aber hieß sie schweigen
und sagte zu ihnen: „Ein Lob des Mundes und ein Dank der Lippen hat keinen Wert
bei Gott, also auch bei Mir nicht! Der sich Mir nahen will, der nahe sich Mir
mit seinem Herzen, so werde Ich ihn ansehen; aber ein leeres Geplärr des
Mundes, bei dem das Herz weder etwas denkt und noch weniger etwas fühlt, ist
vor Meinen Augen das, was da ist ein faules Aas vor den Nüstern der Nase. Was
ihr suchtet, das ward euch zuteil; etwas anderes kennet ihr nicht, und euer
leeres Lob behagt Mir nicht! Darum begebet euch nach Hause, und machet diesem
Hause keine Ungelegenheiten! Hütet euch aber vor der Unzucht, Hurerei, vor Fraß
und Völlerei, – sonst fallet ihr ehest wieder in noch ärgere Krankheiten, als
von welchen ihr bis jetzt behaftet und geplagt waret!“
[GEJ.02_154,09] Diese Worte gingen den
Genesenen zu Herzen, und sie fragten sich untereinander, wie Ich das habe
wissen können, daß sie ihre Krankheit zumeist ihrer Geilheit zu verdanken
hätten. Es überfiel sie eine Furcht vor Mir, da sie sich zu denken begannen:
,Er kann noch mehr von unseren eben nicht sehr löblichen Handlungen ans
Tageslicht bringen! Wir gehen darum!‘ – Darauf verließen sie das Zimmer und
begaben sich dahin, von wannen sie gekommen waren.
[GEJ.02_154,10] Dies fiel dem Hauptmann auf,
und er fragte Mich und sagte: „Wie ist das, daß diese nun sich so plötzlich
verloren haben? Du hattest kaum ihrer Sünden gedacht, und es trieb sie solches
wie mit einer großen Gewalt zur Tür hinaus!“
[GEJ.02_154,11] Sage Ich: „Das sind so rechte
Hurenhelden! Sie treiben Unzucht aller Art, und ein Ehebruch ist bei ihnen eine
schon ganz gewöhnliche Sache geworden; bei ihnen sind die Weiber kommun
(Gemeingut), und eine Jungfrau zu notzüchtigen, ist bei ihnen ein purer
Lebensscherz! Aber unter ihnen gibt es auch Knabenschänder und solche, die mit
Mägden auf eine unnatürliche, stumme sodomitische Art sich belustigen, weil sie
sich dadurch vor bösen Ansteckungen verwahren wollen, aber deshalb in andere,
noch schlimmere Krankheiten verfallen. Darum denn habe Ich diese Menschen so
hart empfangen und entlassen; denn diese kann nur ein hartes Wort noch zu
irgendeiner Besserung bringen.“
[GEJ.02_154,12] Sagt der Hauptmann: „Von
welcher Gegend sind sie denn her?“
[GEJ.02_154,13] Sage Ich: „Aus der Gegend der
Gadarener. Mehr gen Abend hin sind ein paar Flecken und vier Dörfer. Die
Bewohner sind ein Gemisch von Juden, Ägyptern, Griechen und Römern. Sie haben
wenig – und eigentlich gar keine Religion, und ihr Gewerbe besteht zumeist im
Züchten der Schweine und dem Handel damit nach Griechenland und Europa, wo
dieser Tiere Fleisch gegessen und ihr Fett als eine Würze der Speisen genossen
wird. Es sind daher dies schon dem Gewerbe nach pur unlautere Menschen; aber
ihre äußere Unlauterkeit wäre eben keine Sünde, so sie nicht in ihrem Tun und
Lassen selbst um vieles ärger denn ihre Schweine wären. Ihr Tun und Lassen
stellt sie tief unter die Schweine, und es wird mit ihnen schwer etwas
auszurichten sein!“
[GEJ.02_154,14] Sagt der Hauptmann: „Nun, es
ist sehr gut, daß ich das weiß. Jene Gemeinden stehen noch unter mir, und ich
werde es sicher nicht ermangeln lassen, diesen Menschen einen Sittenwächter
hinzustellen, der sie selbst bei der geringsten Ungebührlichkeit ganz gehörig
auf die Finger zu klopfen verstehen wird, nach der gegebenen Instruktion. Na,
wartet, euer geiles Leben soll euch schon morgen auf eine Art verleidet werden,
daß es euch nimmer gelüsten soll, unreinste Begierden in dem Herzen aufkommen
zu lassen und darauf denselben gewissenlos zu frönen!
[GEJ.02_154,15] Herr, ich bin zwar nur ein Mensch,
habe es aber durch mein stets in Sachen der Regierung geschäftiges Leben dahin
gebracht und habe es nur zu vielfach erfahren, um nun klar einzusehen, daß es
für den gemeinen Menschen am allerbesten ist, so er mit einem ehernen Zepter
regiert und dann und wann mit Ruten zum Guten gepeitscht wird. Wo das in einem
großen Menschenvereine nicht der Fall ist, da geht ehestens alles aus den
Fugen!“
[GEJ.02_154,16] Sage Ich: „Ja, ja, hier hast
du recht, – aber nur in der dir angezeigten Gemeinde; wirst du aber
allenthalben das von dir Vorgestellte anwenden, so wirst du mehr Schaden als
Nutzen anrichten! Die Arznei muß sich stets nach der Krankheit richten, und
nicht umgekehrt. Aber, wie gesagt, bei der angezeigten Gemeinde wird sie, das
ist deine Arznei, wenigstens das Gute bezwecken, daß diesen Menschen ihre
Geilheit sehr verleidet wird. Aber die Zuchtrute muß nicht in der Hand des
Zornes, sondern in der Hand der wahren Liebe geführt werden!“
155. Kapitel
[GEJ.02_155,01] Sagt der Hauptmann: „Herr,
das sehe ich nun recht gut ein, aber dennoch weiß ich aus meinem Leben um einen
besonderen Fall, wo alle Liebe nichts auszurichten vermochte; und der Fall war
folgender: Es diente unter den vielen Soldaten, die unter mir stehen, ein
junger, riesenhaft kräftiger Illyrier. Sein Schwert wog fünfzig Pfunde, und er
dirigierte es dennoch mit einer Leichtigkeit, als hätte er eine Feder in der
Hand. Dieser bezahlte Krieger, einen Panzer und einen Schild tragend, leistete
in einer Schlacht mehr denn hundert andere Krieger. Im Kriege war er demnach
gut zu gebrauchen, – aber nicht also im Frieden; da war er ränkesüchtig, und es
verging keine Woche, in der er nicht irgendeinen neuen ärgerlichen Spektakel
zum Vorschein gebracht hätte. Ich behandelte ihn stets liebevoll, stellte ihm
das Böse und Schändliche seiner begangenen Spektakel so anschaulich als möglich
vor und verwies ihm solche seine mutwillige Spektakelmacherei. Da gelobte er
mir allzeit völlige Besserung und hielt sich darauf auch einige Tage ganz
nüchtern und bescheiden; aber es währte so etwas nie über zehn Tage, so kamen
schon wieder Klagen von allen Seiten, und wir mußten darauf natürlich
Schadenersätze leisten. Fragte man ihn, warum er denn doch um aller Welt willen
so etwas tue, so gab er allzeit dieselbe Antwort und sprach: ,Ich übe mich in
der Kriegskunst, und da verschone ich außer den Menschen nichts, und mein
Schwert muß an verschiedenen Gegenständen versucht werden!‘
[GEJ.02_155,02] Solche seine Kriegsübungen
aber bestimmten ihn nicht selten, irgendeiner Herde Ochsen, Stiere, Kühe und
Kälber einen Besuch zu machen und ihnen die Köpfe auf einen Hieb abzuhauen.
Einmal hatte er einer Herde von komplett einhundert Ochsen die Köpfe
abgeschlagen und brüstete sich hernach mit solcher seiner Heldentat, die uns
eintausend schwere Silbergroschen Schadenersatz kostete! Da wurde ich denn auf
den Menschen doch so voll Zorn, daß ich ihn gleich selbst vor Wut hätte in
Stücke zerreißen mögen.
[GEJ.02_155,03] Ich aber ließ ihn mit
schweren Ketten an einen Baum knebeln, seine Hände und Füße noch extra mit
starken Stricken binden und ihn dann stäupen eine ganze Stunde hindurch, daß er
darob in eine große Schwäche verfiel. Da ließ ich ihn dann in eine Pflege
bringen, in der er in zwanzig Tagen wieder völlig hergestellt ward. Und sieh,
das hat diesen Menschen, mit dem früher alle Liebe nichts ausrichtete, total
umgeändert; er ward darauf der gelassenste und bescheidenste Mensch, den ich
nach einem Jahre zum Unterführer machte, und er dankt mir nun für jene
exemplarische Züchtigung noch heute, ohne die er nie ein Unterführer geworden
wäre. Aber zu solcher Züchtigung hätte mich nimmer die Liebe zu bewegen
vermocht, sondern allein der gerechte Zorn über den Menschen; und so meine ich,
daß ein gerechter Zorn oft den Menschen gegenüber heilsamer ist denn zu viel
noch so reiner Liebe!“
[GEJ.02_155,04] Sage Ich: „O ja, aber das ist
dann nicht Zorn im eigentlichsten Sinne, sondern nur ein besonderer Eifer der
Liebe im Herzen, der eine heilsame Kraft innehat. Mit dem wirke auch Ich, wenn
es irgend not tut. Hätte die Liebe solchen Eifer nicht, so wäre die
Unendlichkeit noch bis jetzt völlig wesenleer; nur dem großen Eifer der Liebe
Gottes verdankt alle Kreatur ihr Dasein.
[GEJ.02_155,05] Und so war das, was dein Herz
zur gerechten Züchtigung jenes mutwilligen Söldlings bestimmte, nicht Zorn und
aus ihm hervorgehender Rachedurst, sondern ein besonderer Eifer deiner Liebe zu
jenem Söldling, der dir ob seiner Tauglichkeit sehr am Herzen lag. Denn hättest
du einen rechten Zorn über jenen Menschen bekommen, so hättest du ihn töten
lassen; aber der Liebe Eifer zählte die nötigen Rutenhiebe, und du ließest ihn
nur so lange stäupen, als du es berechnen mochtest, daß er solche Stäupung
ertragen werde.
[GEJ.02_155,06] Also magst du mit jenen
Gemeinden nötigenfalls wohl auch vorgehen; aber der erste Versuch geschehe
dennoch durch die reine Liebe und durch eine rechte Belehrung. Denn so die
Menschen die Einsicht überkommen, daß man ihnen nur ihres Heiles willen scharfe
Gesetze gibt und ein unerbittliches Richteramt dazustellt, so werden sie sich
solches alles gefallen lassen; erscheinen aber die scharfen Gesetze nur als
eine tyrannische Willkür des Machthabers, so bessern sie niemanden und machen
am Ende noch die Engel der Gemeinde zu Teufeln, die nichts suchen werden, als
wie sie sich rächen könnten an dem, der sie allzeit für nichts und wieder
nichts plagt ohne Ende und ohne irgendeinen ersichtlichen Grund. – Verstehest
du solches?“
[GEJ.02_155,07] Sagt der Hauptmann: „Ja,
Herr, das ist mir nun schon wieder sonnenhelle, und ich werde noch heute einen
Boten mit einer Order an den dortigen Unterführer abgehen lassen, und morgen
haben es jene Gemeinden schon zur Darnachachtung vorgelegt. Ich werde mich
darum denn nun auch auf einige Augenblicke zu meinen Leuten begeben und werde
solches sogleich ausfertigen lassen.“
156. Kapitel
[GEJ.02_156,01] Nach diesen Worten begibt
sich der Hauptmann nach Hause; aber der Ebahl bittet ihn, nicht lange
auszubleiben, da das Mittagsmahl bald bereitet sein werde. Und der Hauptmann
spricht im Gehen: „Ich werde, wenn nichts besonders Wichtiges vorgefallen ist,
sogleich wieder hier sein; und ist etwas Wichtiges vorgefallen, so werde ich
einen Boten hierhersenden.“
[GEJ.02_156,02] Darauf eilt der Hauptmann
flugs von dannen und verwundert sich nicht wenig, als er nach Hause kommt und
sich von seinen Unterführern alles erzählen läßt, was unter der Zeit
vorgefallen ist, wie er seine Order für die obbesagten Gemeinden auf Pergament
und mit der Schrift seiner Hand geschrieben auf seinem Arbeitstische liegend
findet. Er durchliest sie schnell und findet alles genau also, wie er sich's
gedacht hatte. Er sendet nun gleich um einen schnellfüßigen Boten, und sieh, es
kommt in römischer Soldatenkleidung eben unser Engel Raphael und bietet dem Hauptmanne
seine Dienste an.
[GEJ.02_156,03] Der Hauptmann erkennt anfangs
den Engel nicht und meint, er sei ein junger Krieger, der etwa von Kapernaum
her ihm von Kornelius zugeteilt worden sei. Er fragt ihn daher, ob er sich's wohl
getraue, diese ziemlich entlegene Sendung an den Unterkommandanten von
Gadarenum zu übernehmen.
[GEJ.02_156,04] Sagt der Engel: „Herr deiner
Macht, gib sie mir nur, und ich werde sie mit der Schnelligkeit eines
abgeschossenen Pfeiles an Ort und Stelle bringen, und in wenigen Augenblicken
sollst du die Antwort zurück in deinen Händen haben!“
[GEJ.02_156,05] Da erst besah sich der
Hauptmann seinen Mann, erkannte in ihm den Engel Raphael und sagte darauf: „Ja,
ja, dir ist so etwas wohl möglich; denn nun erst habe ich dich erkannt!“
[GEJ.02_156,06] Darauf übergab der Hauptmann
dem Raphael die Order, und dieser war in einer kleinen Viertelstunde schon auch
mit der Antwort zurück, in der der Kommandant von Gadarenum bestätigte, die
Order von einem artigen jungen Krieger richtig erhalten zu haben, und er werde
sie auch nach ihrem Geiste sogleich in Vollzug setzen.
[GEJ.02_156,07] Der Hauptmann wunderte sich
nun über die Schnelligkeit Raphaels nicht mehr, sondern darüber nur, wie
Raphael nun dennoch eine Viertelstunde zu dieser Botschaft hatte verwenden
können.
[GEJ.02_156,08] Sagt Raphael: „Das war die
Schreibzeit deines Unterkommandanten in Gadarenum. Es nehme dich darum nicht
wunder; denn ich bedurfte keiner Zeit. – Aber nun gehen wir miteinander zu
Ebahl; denn das Mittagsmahl ist bereitet, und die Gäste haben Hunger auf die
tüchtige Reise vom Berge herab.“
[GEJ.02_156,09] Der Hauptmann geht nun
sogleich mit dem Engel, der aber vor dem Hause Ebahls wieder in seiner
angenommenen Genezarether Kleidung erscheint; und der Hauptmann fragt ihn,
wohin er nun so schnell die Kleidung des Soldaten gebracht habe.
[GEJ.02_156,10] Der Engel aber lächelte und
sagte: „Siehe, wir haben es leichter als ihr; denn wir tragen unsern überaus
reichlichst bestellten Kleiderschrank in unserem Willen; was wir antun wollen,
mit dem sind wir denn auch vollauf bekleidet. Würdest du mich aber sehen in
meinem Lichtgewande, da würdest du erblinden, und dein Fleisch würde sich
auflösen vor mir; denn gegen das Leuchten meines Kleides ist das Leuchten der
irdischen Sonne die barste Finsternis.“
[GEJ.02_156,11] Sagt der Hauptmann: „Freund
der Menschen dieser Erde! Die erstere Eigenschaft, sich ohne Stoff, bloß aus
seinem Willen heraus, bekleiden zu können, wie man will, gefällt mir sehr, und
die armen Menschen könnten sie besonders in der Winterszeit sehr gut
gebrauchen; aber das ebenso mögliche überstarke Leuchten deines Lichtgewandes,
vor dem keines Menschen Leben bestehen könnte, gefällt mir nicht, wenigstens
jetzt auf dieser Welt nicht. Darum wollen wir darüber auch keine weiteren
Forschungen anstellen. Aber eines möchte ich von dir noch erfahren; weil wir
gerade nun so allein beisammen sind und uns vor niemandem zu genieren brauchen,
so könntest du mir solches wohl enthüllen, und dieses eine besteht darin: Gibt
es unter euch auch einen geschlechtlichen Unterschied?“
[GEJ.02_156,12] Sagt der Engel: „Das ist zwar
eine etwas ungeschickte Frage; aber weil sie bei dir rein dem Wissenstriebe
entstammt, so will ich dir darauf auch mit Nein antworten! Was wir
urgeschaffene Geister sind, so ist bei uns zahllosen allein nur das
männlich-positive Wesen als völlig ausnahmslos waltend; aber es ist dennoch in
jedem von uns auch das weiblich-negative Prinzip vollkommen gegenwärtig, und so
stellt ein jeder Engel in sich die vollkommenste Ehe der Himmel Gottes dar. Es
hängt ganz von uns ab, ob wir uns in der männlichen oder in der weiblichen Form
zeigen wollen, und das alles in einer und derselben geistigen Haut.
[GEJ.02_156,13] Darin aber, daß wir in uns
selbst ein Zweiwesen sind, liegt auch der Grund, daß wir nie altern können,
weil sich in uns die beiden Pole ewig gleichfort unterstützen; aber bei euch
Menschen sind die Pole getrennt in eine geschlechtlich getrennte Persönlichkeit
und haben darob, als jeder für sich seiend, keine Unterstützung in sich.
[GEJ.02_156,14] So aber die getrennten
persönlichen Pole sich äußerlich berühren, da verlieren sie und gleichen einem
Weinschlauche, der stets runzliger wird, je mehr man ihn seines geistigen
Inhaltes beraubt hat. Könntest du dir aber einen Weinschlauch denken, der in
sich gleichfort das erzeugen könnte, was man aus ihm nimmt, so würdest du an
seiner Oberfläche nimmer dessen Form alt aussehen machende Falten und Runzeln
entdecken. – Verstehst du solches wohl?“
[GEJ.02_156,15] Sagt der Hauptmann: „Ganz
klar ist mir die Sache noch nicht; aber so ein wenig einen Dunst habe ich nun
wohl. Wir werden darüber schon noch mehreres miteinander bei günstiger
Gelegenheit reden. Nun aber wollen wir ins Haus gehen; denn man wird uns schon
erwarten!“
[GEJ.02_156,16] Sagt der Engel: „Ja, ja, das
wohl, und ich fühle auch schon in mir das, was ihr Hunger nennet.“
[GEJ.02_156,17] Sagt der Hauptmann: „Oho, du
bist doch ein reinster Geist!? Wie wirst du materielle Kost genießen können?“
[GEJ.02_156,18] Sagt Raphael lächelnd:
„Besser denn du! Bei mir wird alles, was ich in mich hineinnehme, völlig
verzehrt und ins beschauliche Leben umgestaltet, – bei dir nur das, was deiner
isolierten Lebenspolarität entspricht, das Unentsprechende aber wird dann durch
den natürlichen Gang von dir hinausgeschafft; und so bin ich ja viel besser
daran denn du in Hinsicht des Essens und Trinkens!“
[GEJ.02_156,19] Sagt der Hauptmann: „Wird
denn auch im Himmel gegessen und getrunken?“
[GEJ.02_156,20] Spricht der Engel: „O ja,
aber nicht auf die Weise, wie auf der Erde, sondern geistig! Wir haben das Wort
Gottes von Ewigkeit auch in uns, wie aus eben dem Worte Himmel und alle
Schöpfung bestehen und mit demselben überall erfüllet sind; und dieses Wort ist
vorerst unser wesenhaftes Sein und für solches Sein auch das einzige,
wahrhaftigste Lebensbrot und der wahrhaftige Lebenswein. In unsern Adern rollt
er wie in euren das Blut, und unsere Eingeweide sind voll des Brotes Gottes.“
[GEJ.02_156,21] Sagt der Hauptmann: „Oh, das
ist ungeheuer weise gesprochen; das fasse ich wohl nicht, das muß mir der Herr
Selbst näher enthüllen! – Aber nun haben wir etwa wohl die höchste Zeit, ins
Haus zu treten und wollen uns darum in keine weiteren Besprechungen mehr
einlassen.“
157. Kapitel
[GEJ.02_157,01] Während der Hauptmann solches
noch spricht, kommt ihm unsere fromme Jarah entgegen und sagt: „Aber ihr
bleibet lange aus! Du mein lieber Raphael scheinst dich auch schon nach der
faulen Weltzeit richten zu wollen! Wahrlich, das ging nicht so schnell wie
unsere Reise nach jener entfernten Sonne! Kommet jetzt nur schnell herein; denn
die Speisen sind schon auf dem Tische!“ – Beide gehen nun schnell hinein und
begrüßen Mich auf das freundlichste.
[GEJ.02_157,02] Der Hauptmann wollte Mir seinen
Dank für Meine Fürsorge darbringen, aber Ich sagte zu ihm: „Freund, Mir genügt
dein Herz! Die Speisen haben schon auf euch gewartet, darum heißt es jetzt vor
allem dem Leibe die nötige Stärkung geben und darauf erst sich wieder an das
Geistige wenden.“
[GEJ.02_157,03] Alle danken nun und fangen
an, ganz wacker zu essen und zu trinken, und der Hauptmann betrachtet immer den
Engel, wie dieser so recht wacker in die Schüsseln greift und seinem Weinbecher
auch recht fleißig zuspricht.
[GEJ.02_157,04] Der Hauptmann kann sich am
Ende nicht mehr halten und sagt so halb scherzweise: „Nun, nun, die reinen
Geister haben wahrlich einen gesunden Appetit! Mein guter Raphael ißt hier für
drei; nein, so etwas hat wohl die Erde noch nicht erlebt!“
[GEJ.02_157,05] Sagt Ebahl: „Es wundert mich
nun auch über die Maßen; aber ich sehe noch etwas, das mich mehr noch
wundernimmt denn sein ziemlich starkes Essen. Sieh, in seiner Schüssel wird
daran nichts weniger! Hier gilt wahrlich der Weisheit Spruch: ,Was der Himmel
nimmt, das gibt er im nächsten Augenblick wieder!‘ Dieser Tisch soll von mir
als ein bleibendes Heiligtum für alle Zeiten bei meinen Nachkommen in allen
Ehren aufbewahrt werden, und alljährlich soll ein Fest dahin gestellt sein, daß
an diesem Tische alle Armen des Ortes sollen gespeist und getränkt werden!“
[GEJ.02_157,06] Sage Ich: „Laß du den Tisch
Tisch sein und bleibe du, wie du warst! Und wenn ein Armer zu dir kommt und du
etwas hast, so unterstütze ihn an jeglichem Tage; aber ein jährliches Festessen
nützt weder dem Armen noch dir etwas, und Ich habe daran keine Freude. Der
Meiner gedenkt, der tue das alle Stunden des Tages; ein jährliches Gedenken
aber kann Ich nicht brauchen!
[GEJ.02_157,07] Wenn du solch ein Fest
bestimmtest, da glichest du ja den Templern zu Jerusalem, die auch dreimal im
Jahre Gedächtnisfeste feiern und an denselben, wegen des Gebrauchs, den Armen
Brot austeilen lassen, als könnte dann der Arme von solch einem Stückchen Brot
von einem Feste bis zum andern ohne weitere Nahrung leben! O des Unsinns
solcher lächerlichen Feste! Die Pharisäer wohl nehmen an solchen Festtagen so
viel an reichen Opfern ein, daß sie von dem Ertrage nur eines Festes hundert
weitere Jahre ganz gut leben könnten; aber der Arme soll sich begnügen, so er
im Jahre dreimal ein kaum ein achtel Pfund schweres Stück Brot bekommt. O der
großen Narrheit, Dummheit, Blindheit und selbstsüchtigen Bosheit! – Darum laß
du diesen Tisch das sein, was er ist, und du wirst darauf das Mir angenehmste
Fest feiern, so du täglich nach deinen Kräften einen oder den andern Armen an
diesem oder auch an einem andern Tische sättigst!
[GEJ.02_157,08] Und käme ein und derselbe
Arme an jeglichem Tage zu dir, so frage ihn ja nicht, ob er anderswo nichts
bekomme; denn solches würde dem Armen ein banges Herz machen, daß er sich dann
lange nicht wieder getraute, zu dir zu kommen, und dein gutes Werk verlöre
dadurch allen Wert vor Mir!
[GEJ.02_157,09] Ich will es aber auch nicht, daß
du den noch kräftigen Müßiggängern, die Arbeiten zu leisten fähig sind, das
Brot der Armen teilen sollst; denen, so sie kommen, gib eine ihren Kräften
angemessene Arbeit! Werden sie dir eine oder die andere Arbeit verrichten, da
gib ihnen auch zu essen und zu trinken; werden sie aber die Arbeit nicht
annehmen, so gib ihnen auch nichts zu essen! Denn wer da Kräfte hat, aber nicht
arbeiten will, der soll auch nicht essen!
[GEJ.02_157,10] Siehe, wenn du danach deine
Handlungen einrichten wirst, so wirst Mir du allzeit ein angenehmstes
Gedenkfest bereiten; aber mit deinem beabsichtigten Jahresfeste bleibe du Mir
allzeit vom Halse! Denn ein solches Jahresfest ist der größte Unsinn, den ein
Mensch begehen kann, weil damit niemandem in irgend etwas gedient ist, – außer
dem Festveranstalter, der an einem solchen Jahresfeste irgendeinen Opfernutzen
sich verschaffen kann!
[GEJ.02_157,11] Um was ist denn die Zeit
eines Jahres besser denn die eines Tages? Wer zum Beispiel den Geburtstag
seines Vaters ehrt einmal im Jahre, der sollte ja auch an jedem Tage die
Geburtsstunde ehren, was sicher besser wäre denn der jährliche Geburtstag!
[GEJ.02_157,12] Ich sage es dir, alle
dergleichen Gedächtnisfeste der Menschen haben vor Mir keinen Wert, außer sie
werden täglich, ja stündlich im Herzen lebendig begangen. So sind die Neumonde,
die Jubeljahre, das Fest der Befreiung Jerusalems aus der Gewalt Babylons, das
Fest der Wiedererbauung der Stadt und des Tempels, das Fest Mosis, Aarons,
Samuels, Davids und Salomons leere Dinge, an denen der Wahrheit nach kaum
soviel liegt als an dem Regen, der vor tausend Jahren ins Meer fiel.
[GEJ.02_157,13] Anfangs werden diese Feste
wohl in einer Art religiösen Aufschwungs begangen, und die Festanten erinnern
sich dabei der Person oder irgendeiner bedeutenden Handlung, die sie selbst
erlebt haben, noch sehr lebhaft. In der zweiten, dritten, vierten oder gar
zehnten Generation wird es zu einer leeren Zeremonie, bei der Tausende kaum
mehr wissen, warum sie begangen wird, – und späterhin geht die ganze Sache ins
eitle Heidentum über.
[GEJ.02_157,14] Übrigens will Ich damit
wahrhafte Gedächtnisfeste nicht aufgehoben haben; aber sie müssen nebst der
Alljährlichkeit auch die Täglichkeit im Herzen führen, ansonst sie als tot und
somit wirkungslos anzusehen sind. Aber hier mit dem Tische bleibe es, wie Ich
es dir gesagt und gezeigt habe!“
[GEJ.02_157,15] Sagt Ebahl: „Soll alles
genauest beachtet werden, was Du, o Herr, nun allergütigst und allerwahrst
gezeigt hast; aber dafür wollen wir die Tagesfeste in unseren Herzen desto
emsiger begehen und wollen uns dabei nach allen unsern Kräften in der
Nächstenliebe üben und durch sie die herrlichsten Gedächtnisfeste begehen!“
[GEJ.02_157,16] Sage Ich: „So ihr in dem
verbleiben werdet, da werde auch Ich verbleiben in euch, und man wird daraus
erkennen, daß ihr wahrhaft Meine Jünger seid!
[GEJ.02_157,17] Nun aber haben wir gegessen
und getrunken zur Genüge; erheben wir uns darum vom Tische und begeben uns
hinaus zu unsern Schiffern, und sie werden euch so manches Seltene zu erzählen
wissen! Hier hätten wir wenig Ruhe, da in einer Stunde wieder eine Karawane aus
Bethlehem hier anlangen wird, darunter einige junge Erzpharisäer, mit denen Ich
durchaus in keine Berührung kommen will; sehet, daß sie heute noch bis nach Sibarah
fortgeschafft werden!“
[GEJ.02_157,18] Sagt der Hauptmann: „Dafür
wird gesorgt sein! Denn nun ist mir auf der Erde kein Mensch widerwärtiger denn
ein Erzpharisäer!“ – Auf diese Worte erheben wir uns alle und eilen hinaus zu
unseren Schiffern ans Meer.
158. Kapitel
[GEJ.02_158,01] Wir treffen die acht
Schiffsleute gerade beim Lesen der Psalmen Davids. Als sie uns erschauen, da
erheben sie sich vom Boden, begrüßen uns, und ihr Meister geht auf Mich zu und
sagt: „Herr, Du allein könntest uns aus einer Verlegenheit retten! Gestern gen
Abend hin kamen etliche Pharisäer und Schriftgelehrte zu uns und verlangten
eine Überfahrt gen Zebulon und Chorazin, und wir verweigerten ihnen solche mit
dem, daß wir nicht Herren, sondern nur Knechte des Schiffes seien und nun am
Vorsabbat mit der Lesung der Psalmen zu tun hätten. Da verlangte ein junger
Schriftgelehrter die Psalterrolle und schlug auf den 47. Psalm und las:
[GEJ.02_158,02] ,Frohlocket mit Händen, alle
Völker, und jauchzet Gott mit fröhlichem Schalle; denn der Herr, der
Allerhöchste, ist erschrecklich, ein großer König auf dem ganzen Erdboden. Er
wird alle Völker unter uns zwingen und die Leute unter unsere Füße! Er erwählt
uns zum Erbteil, die Herrlichkeit Jakobs, den Er liebt. Gott fährt auf mit
Jauchzen, und der Herr mit heller Posaune. Lobsinget, lobsinget Gott,
lobsinget, lobsinget unserem Könige! Denn Gott ist der König auf dem ganzen
Erdboden; darum lobsinget Ihm klüglich! Gott ist auch der König über alle
Heiden; Gott sitzt auf Seinem heiligen Stuhle. Die Fürsten unter den Völkern
sind versammelt zu einem Volk vor dem Gott Abrahams; denn Gott ist sehr erhöht
bei den Schilden auf Erden!‘
[GEJ.02_158,03] Als er solchen Psalm schon
gelesen hatte, fragte er ganz voll Ernstes: ,Verstehet ihr diesen Psalm?‘ Und
wir mußten seine Frage leider mit Nein beantworten. Heute aber haben wir uns
seit früh unsere Köpfe zerbrochen, wissen aber dennoch nicht mehr denn gestern.
Tausend Male haben wir an Dich gedacht; wenn Du, o Herr, es wolltest, so
könntest Du uns darüber wohl ein kleines Lichtlein geben!“
[GEJ.02_158,04] Sage Ich: „Sehet an dies
Mägdlein, das Ich an der Hand führe! Fraget sie darum, die wird euch darüber
schon ein rechtes Licht geben!“
[GEJ.02_158,05] Sagt der
Schiffsknechtmeister: „Dies Mägdlein kann kaum vierzehn Sommer haben! Woher
käme ihr die Weisheit des Salomon?“
[GEJ.02_158,06] Sage Ich: „Ja, ja! Nicht nur
die Weisheit des Salomon, sondern die Weisheit der Weisen der Erde und sehr
vieles darüber wohnt in ihrem reinsten Herzen! Bis jetzt ist es noch keinem
Menschen gelungen, hinter die Sterne zu schauen; fraget sie, und sie wird es
euch verkünden! Den berühmten ,Stein der Weisen‘ trägt sie in ihrer Schürze;
darum wird sie euch den kurzen, aber dennoch inhaltsreichen Psalm wohl zu
enthüllen imstande sein. Versucht es nur, und ihr werdet euch überzeugen!“
[GEJ.02_158,07] Sagt der Schiffsknechtmeister
zu seinem Gefährten: „Sie sieht aber im Ernste schon ganz entsetzlich gescheit
aus! Nur ist sie dabei von einer wahrhaft engelschönen Gestalt, was eben nicht
zu Gunsten ihrer Weisheit spricht! Denn bis jetzt habe ich es noch immer
erfahren, daß die schönsten Mädchen auch immer die dümmsten waren, was etwas
ganz Natürliches ist. Die schönsten Kinder werden zu sehr verzärtelt und
einbilderisch gemacht und lernen darum wenig oder nichts; mit einem minder
schönen Kinde aber macht man gewöhnlich nicht viel Aufhebens. Man straft es
leicht bei jeder Ungezogenheit, das Kind wird dadurch demütig und bescheiden,
es gehorcht, duldet und lernt dabei recht viel. Aber wir wollen sehen, was dies
im vollsten Ernste himmlisch schöne Mädchen uns über unsern Psalm zu geben
imstande sein wird.“
[GEJ.02_158,08] Hierauf wendet sich der
Schiffsknechtmeister an die Jarah und befragt sie darum, und diese sagt mit der
liebfreundlichsten Miene von der Welt: „Liebe Freunde, nicht, als hätte ich
solches irgend erlernt und wüßte nun darum wie ein Schriftgelehrter, sondern
ich fühle es lebendigst in mir, daß das, was Davids prophetischer Geist vor
mehreren hundert Jahren geweissagt hat, nun vor unsern Augen in die
vollendetste Erfüllung gekommen ist. Solches solltet ihr ja auch auf den ersten
Wurf in euch wahrgenommen haben!
[GEJ.02_158,09] Habt ihr nicht gesehen, wie
Er, von dem David spricht, und der nun hier unter uns weilet körperlich, auf
dem Meere gewandelt ist, als wäre es ein trockenes Land, und sahet ihr nicht,
wie Er nun in wenigen Tagen bloß durch Sein Wort Tausende von allerlei Kranken
geheilt hat? Die Blinden bekamen ihr Gesicht, die Tauben ihr Gehör, die
Aussätzigen wurden rein, die Lahmen und Krummen gerade! Und da sehet diesen vor
uns stehenden Berg; wie sehr machte eine Nacht ihn verändert! Wer kann die
Berge versetzen und das Meer heben aus dem Grunde? Wer ist Der, dem alle Engel
und alle die Elemente gehorchen?! Seht, da vor uns stehet Er körperlich; Diesen
meinte David!
[GEJ.02_158,10] Dem sollen wir mit Händen
frohlocken durch Werke wahrer, echter Nächstenliebe, und Ihm sollen wir
entgegenjauchzen mit der reinen Stimme der Wahrheit ohne Trug, ohne Falsch und
ohne Hinterlist! Denn wehe jedem, der Ihm mit dem unreinen Schalle der Lüge
entgegenjubeln möchte! Denn wie lieblich und sanft Er auch ist den Gerechten,
ebenso erschrecklich ist Er denen, die Lüge, Falschheit und Trug in ihrem
Herzen bergen, wie es auch geschrieben steht: ,Erschrecklich ist es, zu fallen
in die Hände Gottes; denn Gott ist ein allmächtiger König über den ganzen
Erdboden, vor Ihm kann sich niemand irgendwo verbergen!‘
[GEJ.02_158,11] Er ist nun da, durch die
Macht Seiner Lehre alle Völker zu nötigen, unter uns zu treten, um unseres
Heiles teilhaftig zu werden, und die Leute, darunter zu verstehen sind die
Kinder der Welt, zum Gericht unter unsere Füße zu legen! Denn nur uns hat Er zu
Erben des ewigen Lebens gemacht; ja wir sind Sein Erbteil! Er ist es, von dem
Jakob sagte: ,O Herr, Du allein bist meine Herrlichkeit!‘ Und dieweil Jakob
solches im Herzen bekannte, so ward er ein Liebling Gottes, ein Liebling
Dessen, der hier unter uns weilet!
[GEJ.02_158,12] Aber Er wird nicht immer also
unter uns verweilen, sondern bald wieder auffahren in Seine ewigen Himmel, und
zwar mit der fröhlichen Stimme der ewigen Wahrheit, durch die Er eine neue Erde
und einen neuen Himmel geschaffen hat, für alle Ewigkeiten der Ewigkeiten; und
Er ist und wird sein der Herr, und der helle Klang Seiner Posaune, die da ist
das zu uns geredete Wort, wird solches verkünden aller Kreatur auf und in der
Erde und auf und über allen Sternen, geistig und materiell.
[GEJ.02_158,13] Diesem also sollen wir nach
der Aufforderung Davids lobsingen; denn Dieser ist unser Gott und unser
alleiniger König ewiglich!
[GEJ.02_158,14] Da wir aber wissen, was Er
ist, so sollen wir mit reinem und weisem Herzen Ihn ehren und lobpreisen, und
nicht nach Art der heuchlerischen Pharisäer, die sich einem falschen Jehova mit
ihren Lippen nahen, aber dabei ihr Herz vor diesem wahren und lebendigen Jehova
verschließen und sich von Ihm entfernen.
[GEJ.02_158,15] Er ist aber nicht nur unser
Gott und König, sondern auch der der Heiden auf dem ganzen Erdboden; denn Er
allein sitzet über allen Menschen und über die ganze endlose Schöpfung auf dem
ewigen Stuhle Seiner unbegrenzten Macht und Herrlichkeit. Vor Ihm müssen sich
alle Fürsten der Erde versammeln, wie ihre Völker vor ihnen; denn Er ist der
alleinige Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Er allein ist erhöhet durch Sich
über alles, auch über alle Schilde der Mächtigen dieser unserer weiten Erde!
[GEJ.02_158,16] Daß Er zu uns kam, das ist
eine selbst den Engeln unbegreifliche Gnade! Aber als Er kam, kam Er nicht
unangekündigt; denn es haben davon alle Propheten geweissaget. Aber viele der
Weissagungen konnten von den Menschen wegen der stets wachsenden Härte ihrer
Herzen nicht verstanden werden. Nun aber ist Der Selbst gekommen, von dem die
Propheten geweissagt haben, und Er Selbst offenbaret Sich allen Menschen, die
da eines guten Willens sind.
[GEJ.02_158,17] Denen aber, die ein böses und
hochmutsvolles Herz haben, kann Er nicht anders denn erschrecklich sein! Denn
die Bosheit hat gleichfort die allmächtige ewige Gerechtigkeit zum
unerbittlichsten und unbestechlichsten Richter über sich! Gleichwie eine gute,
fühlbare Waage schon einen merklichen Ausschlag gibt, so man nur ein Haar auf
der einen Seite hinzulegt, ebenso kann vor Ihm, der hier ist, keine noch so
geringe Falschheit, Verkehrtheit, Bosheit, Ungerechtigkeit und jede andere
Ungeschlachtheit des Herzens bestehen! Darum muß Er erschrecklich sein
jeglichem Sünder, in dessen Brust ein hartes, verstocktes und böses Herz
hänget. – Verstehet ihr nun den 47. Psalm Davids?“
159. Kapitel
[GEJ.02_159,01] Sagt der
Schiffsknechtmeister: „Herrlichstes Mädchen! Wer gab dir solch eine Weisheit?
Wahrlich, du bist weiser denn Abraham, Isaak und Jakob!“
[GEJ.02_159,02] Sagt die Jarah: „Habe ich
euch doch soeben gezeigt, wer Der ist, der nun unter uns ist; wenn aber
unbestreitbar also, wie möget ihr noch fragen und sagen, woher mir solche
Weisheit ward, oder wer sie mir gegeben hat? Da vor uns allen steht der große,
heilige Geber aller guten Gaben! Er allein ist weise, und Er allein ist vollkommen
gut! Wer Ihn liebt und glaubt in seinem Herzen, daß Er aus Sich heraus ist der
Herr Jehova Zebaoth von Ewigkeit, in dessen Herz wird Er Sein unerschaffenes
ewiges Licht geben, und es wird dann helle werden im ganzen Menschen; und ein
solcher Mensch wird dann sein voll der wahren göttlichen Weisheit durch und
durch. – So ihr irgendein Verständnis habt, da muß es euch nun klar sein, wie
es nun um uns alle steht!“
[GEJ.02_159,03] Sagt der
Schiffsknechtmeister: „Ja, ja, du allerliebstes Engelchen! Wir verstehen es nun
wohl, und es wird wohl also sein, wie du es uns nun erklärt hast; aber die
gestern abend von uns verlangten, nach Zebulon und Chorazin überbracht zu
werden, die werden das nicht annehmen und daher noch weniger fassen. Wir sind
ganz einfache Menschen, und bei uns braucht es kaum eines Wunders, daß wir es
glauben; aber bei jenen wird ein Wunder noch schlechtere Früchte erzeugen denn
kein Wunder.“
[GEJ.02_159,04] Sagt die Jarah: „Deshalb wird
Er ihnen aber auch erschrecklich werden; denn die Winde werden Sein Wort über
alle Erde hinaustragen! Wehe dem, der es hören, fassen und am Ende dennoch
verwerfen wird!“
[GEJ.02_159,05] Sage Ich zu den Knechten:
„Nun, wie gefällt euch der Verstand dieser Meiner Tochter?“
[GEJ.02_159,06] Sagen die Knechte: „Herr und
Meister! Wenn Du im Ernste Der bist, der Du nach der weisesten Rede dieses
allerliebsten Engels von einem Mädchen sein sollst, so ist es ja kein Wunder
mehr, daß dies Mägdlein also weise ist; denn Der zu Bileams Zeiten vermochte
dem Esel zu lösen die Zunge also, daß sie dem Bileam weissagen konnte, Dem muß
es ja ein noch leichteres sein, eine sprachgewandte Zunge eines
vierzehnjährigen Mädchens für die Weissagung geschickt zu machen!
[GEJ.02_159,07] Wir glauben es nun alle, daß
Du das bist, als was Dich uns dies Mägdlein laut vor unsern Augen und Ohren
bezeichnet hat, und es bedarf dazu keines neuen Wunders mehr! Aber, da Du, o
Herr, das bist, so sieh an unsere große Schwachheit und wandle sie um in eine
gerechte Stärke, daß wir dadurch uns schützen können vor den allzeitigen
Feinden des Lichtes und der Wahrheit! Denn es ist wahrlich traurig, daß wir
Juden nun bei den Heiden Licht und Wahrheit suchen müssen. Jerusalem ist,
anstatt allen Menschen eine hellste Leuchte zu sein, ein Pfuhl der gröbsten
Nacht und Finsternis und eine Mördergrube des alten reinen Geistes der Juden
geworden; und so wir nun Licht und Wahrheit wollen, müssen wir in Sidon und
Tyrus es suchen gehen bei den Griechen und Römern! Darum, Herr und Meister, da
Dir alle Dinge möglich sind, so gib uns Licht und Kraft, daß wir die Wahrheit
erschauen und sie dann beschützen können vor den Feinden!“
[GEJ.02_159,08] Sage Ich: „Der Friede sei mit
euch und unter euch! Keiner dünke sich zu sein über den andern! Ihr alle seid
gleich Brüder; aber der sich am geringsten zu sein dünkt und will aller andern
Knecht und Diener sein, der ist unter allen dennoch der Meiste und der Höchste!
So Ich euch aber zu Knechten begehre, da seid ihr in aller Wahrheit auch Meine
Macht. Und so ist jeglicher Knecht seines Herrn Stärke, – aber der Herr ist
darob des Knechtes Gerechtigkeit! Liebet euch untereinander, tut Gutes euren
Feinden, segnet jene, die euch fluchen, und bittet für jene, die euch
verwünschen! Vergeltet Böses mit Gutem, und leihet euer Geld nicht denen, die
es euch hoch verzinsen können, so werdet ihr des Segens und der Gnade Gottes in
Fülle in euch haben! Daraus wird euch dann das Licht, die Wahrheit und alle
Macht und Kraft in aller Kürze zuteil werden; denn wie ihr ausmesset, also wird
es euch wieder rückgemessen werden!“
[GEJ.02_159,09] Sagt ein unterer Knecht:
„Herr, wir sehen und fühlen es, daß Deine Lehre wahr und echt ist; aber wir
fühlen es auch, daß sie schwer zu halten sein wird! Es ist sicher sehr löblich
und himmlisch schön, denen Gutes zu tun, die da bemüht sind, uns gleichfort
einen Schaden zuzufügen; aber wer kann der oft nur zu schmählichen Bosheit der
Menschen mit einer stets gleichen Geduld entgegentreten? Und es fragt sich
sehr, ob man dadurch dem bösen Willen der Menschen nicht noch mehr Vorschub
leistete, als so man sie für ihre böse Tat züchtigt. So man Diebe und Mörder
für ihre Untaten noch belohnete, da würden bald wenig Menschen mehr der Erde
Boden betreten! Darum muß man dem Feinde allzeit eine feste Stirne bieten und
muß um sein Haus ein dorniges Bollwerk ziehen, auf daß dem Feinde für immer die
Lust vergehe, einem zu schaden. So wird das des Feindes Sinn sicher eher zur
Freundlichkeit stimmen, als so man ihm noch obendrauf für die einem erwiesene
Untat eine Wohltat entgegen erweise!“
[GEJ.02_159,10] Sage Ich: „Ja, ja, das ist
wohl recht gut menschlich gedacht, aber von Göttlichem ist dennoch keine Spur
dabei. Durch die Strafe wirst du den Menschen, der dir Übles tat, wohl
abschrecken, daß er es nicht so leicht wieder versuchen wird, dir einen Schaden
zuzufügen, – aber freund wird er dir darum nimmer! Hast du ihm aber für etwas
Arges, das er an dir begangen hat, zur rechten Zeit, da er in eine Not kam,
eine Wohltat erwiesen, so wird er seine Sünde, die er an dir beging, einsehen,
wird sie tief bereuen und wird von der Stunde an dein glühendster Freund
werden!
[GEJ.02_159,11] Und so wird die für seine
arge Tat ihm erwiesene Wohltat ihn bessern für immer; aber die dafür erlittene
Strafe wird ihn für dich zu einem noch sechzigfach größeren Feind umgestalten!
[GEJ.02_159,12] Entstand die erste an dir
begangene Sünde etwa nur mehr durch eine Art Mutwillen und Schadenfreude, so
wird die zweite Sünde dir aus Zorn und Rache zugedacht werden; darum sage Ich
es euch noch einmal: Tut das, was Ich euch vorhin gesagt habe, so werdet ihr
der Gnade Gottes und Seines Segens in aller Fülle teilhaftig werden!
[GEJ.02_159,13] Denn wer von Mir tatsächlich
gesegnet sein will, der muß Mein Wort, darin alle Gnade, alles Licht, alle
Wahrheit und alle Macht wohnt, auch tatsächlich annehmen, ansonst es unmöglich
wäre, ihm irgendeine Gnade zu erteilen.
[GEJ.02_159,14] Nehmet euch aber alle ein
Beispiel an Mir; denn Ich bin von ganzem Herzen sanftmütig und demütig und habe
mit jedermann die größte Geduld! Scheint die Sonne nicht im gleichen Maße über
Gute und Böse, über Gerechte und Ungerechte, und fällt der fruchtbare Regen
nicht auf das Feld des Sünders so gut wie auf das Feld des Gerechten? Seid
demnach in allem vollkommen, wie da vollkommen ist der Vater im Himmel, und ihr
werdet der Gnade und alles Segens aus den Himmeln in Überfülle haben! –
Verstehet ihr wohl solches?“
[GEJ.02_159,15] Sagen nun alle: „Ja Herr, wir
verstehen es nun alle recht wohl! Es ist schon also alles wahr, gut und somit
in der vollsten Ordnung, und wir werden uns auch alle die möglich größte Mühe
geben, das alles buchstäblich zu beachten; aber bei allem dem wird uns
wenigstens der Anfang eine große Mühe kosten!“
[GEJ.02_159,16] Sage Ich: „Ja, Meine lieben
Freunde, in dieser Zeit braucht das Himmelreich Gewalt! Die es nicht mit Gewalt
an sich reißen, werden es nicht einnehmen! Ein jeder aber, der sich einen Kampf
antut des Himmelreichs wegen, ist ein Weiser und ein kluger Baumeister. Ein
weiser und kluger Baumann aber baut sein Haus nicht auf den losen Sand, sondern
auf einen festen Felsengrund; und so dann kommen Stürme und Wasserfluten, da
können sie dem Hause nichts anhaben, denn es steht auf einem Felsen.
[GEJ.02_159,17] Also ist es auch bei dem
Kampfe in sich um das Himmelreich. Wer es einmal in sich erkämpft hat, der hat
es unverwüstbar für ewig auf sich gezogen. Da mögen was immer für Weltstürme
über ihn kommen, und sie werden ihm nichts anzuhaben imstande sein. Aber wer es
da in sich nicht erkämpft hat mit allem Aufwande seiner Kraft und seines Mutes,
der wird in den Stürmen der Welt mitgerissen werden und wird verlieren auch
noch, was er schon hatte! – Dieses alles merket euch wohl; denn es werden
Zeiten kommen, in denen ihr dieses alles gar sehr benötigen werdet!“
[GEJ.02_159,18] Sagen nun die Schiffsknechte:
„Wir können Dir, o Herr, für alles das nichts als nur einen schlichten Dank
darbringen und sehen es nun nur zu klar ein, daß der Mensch aus sich Gott dem
Herrn nichts geben kann, was er nicht zuvor von Ihm empfangen hätte; aber nimm
Du, o Herr, diesen unsern Dank dennoch also, als wäre er vor Dir etwas, und
gebiete, was wir Dir zur Ehre und zur Liebe tun sollen!“
[GEJ.02_159,19] Sage Ich: „Ich habe es euch
schon gesagt; tut das, – es bedarf da nichts Weiteres mehr! – Erzählet uns aber
nun, was ihr in dieser Nacht alles gesehen und allenfalls auch gehört habt;
denn Schiffsleute sehen in der Nacht oftmals recht seltene Dinge. Aber fasset
euch in der Erzählung kurz und setzet nichts hinzu, noch lasset geflissentlich
etwas weg, um das ihr wißt!“
160. Kapitel
[GEJ.02_160,01] Wir alle setzen uns nun um
die Schiffer auf den schönen Rasen. Nur Raphael bleibt stehen, und ein
Schiffsknecht sagt zu ihm: „Bursche, setze dich auch, der Rasen ist ein
Gemeindegut, und da braucht fürs Daraufsitzen kein Mensch etwas zahlen!“
[GEJ.02_160,02] Der Engel aber sagte:
„Erzählet ihr nur fort; ich werde mich schon setzen, wenn ich des Stehens müde
werde! Zudem könnte es denn doch geschehen, daß von euch einer oder der andere
das Gleichgewicht verlöre, und ich kann da schneller bei der Hand sein,
jemandem wieder auf die Beine zu helfen.“
[GEJ.02_160,03] Sagt der eine Schiffer: „Du
wohl du, du fünfzehnjähriger Milchbursche! Dir hängen noch die Windeln an den
Beinen, und du traust dir die Kraft zu, unsereinen aufzuheben, so er fiele? Das
heißt, mein Lieber, sich ein bißchen zuviel zutrauen!“
[GEJ.02_160,04] Sagt der Engel: „Fanget
einmal zu erzählen an nach dem Wunsche des Herrn; das andere wird sich dann
schon zeigen, wenn es allenfalls nötig werden sollte!“
[GEJ.02_160,05] Darüber stellt sich der etwas
rohe Schiffsknecht zufrieden, und der Schiffsknechtmeister beginnt folgende
Erzählung: „Es war so um die erste Nachtwache, da ward es auf einmal
sonderbarerweise helle wie am Tage; aber wir sahen nirgends etwas Leuchtendes
und dachten uns, es müsse allenfalls etwa hinter den Bergen ein indisches Feuer
brennen in großem Maße, und es werde von selbem die Luft also helle gemacht.
Nur war die Helle offenbar zu stark, als daß wir sie als von einem indischen
Feuer abstammend hätten erkennen sollen; aber sei ihm nun wie ihm wolle, die
Helle war einmal beinahe die ganze Nacht vorhanden und ward manchmal so stark,
daß wir uns im hellsten Tage zu befinden wähnten. Daß es uns dabei dennoch ein
wenig unheimlich zumute war, läßt sich leicht denken. Es kamen auch mehrere aus
der Stadt zu uns und meinten, das Meer leuchte so stark.
[GEJ.02_160,06] Aber wir alle wurden nur zu
bald einer andern Erscheinung gewahr, und diese war noch um vieles
merkwürdiger! Wir wollten nun alle das Meer in einen größern Augenschein
nehmen. Und sieh – aber ich bitte, uns da nicht auszulachen! –, es war kein
Tropfen Wasser darin, und unser Schiff ruhte auf trockenem Boden; wir aber
hatten da Gelegenheit, die ganze Tiefe des Meeres zu schauen. Es war
schauderhaft! Unser Schiff lehnte auf einem vorspringenden Felsen; aber auf
allen Seiten des Felsens war auch ein Abgrund von mehreren hundert Mannshöhen.
Da in die Bucht gen Genezareth hinein aber ist durchgängig nur ein seichter
Grund, und wir wandelten darin herum und klaubten eine Menge recht schöner und
seltener Muscheln und Schnecken zusammen.
[GEJ.02_160,07] Als wir aber ganz harmlos mit
unserm Sammeln beschäftigt waren, seht, da geschah auf einmal ein heftigster Blitz,
dem ein überaus starker Donner folgte. Wir flohen jählings ans Ufer, vergaßen
darob unsere gesammelten schönen Muscheln und getrauten uns dann aber auch
nicht mehr, dieselben holen zu gehen, und sie blieben darum bis auf ein paar,
die ich in den Sack gesteckt hatte, dort, wo wir sie fanden. Aber erst nachdem
etwa in der dritten Nachtwache das Meer wieder so wie zuvor die Ufer füllte und
bespülte, fiel es uns stets mehr und mehr auf, was dies mit dem doch schön
großen Meere für eine Bewandtnis hatte haben müssen, daß es auf einmal so
gänzlich bis auf den letzten Tropfen sich irgendwohin hat verlaufen können!
[GEJ.02_160,08] Aber da sagte zu uns ein
alter Mann, der auch hier zu Hause sei, solches täten dann und wann die
erzürnten Berg- und Luftgeister und strafeten dadurch die Wassergeister! Wir
lachten zwar, aber in der Not ist schon eine schlechte Erklärung besser denn
gar keine. Etwa in der vierten und letzten Nachtwache ward es dann erst etwas
dunkler, und wir gingen in unser Schiff und legten uns ein wenig zur Ruhe. Als
wir aber wach wurden, stand die liebe Sonne schon ziemlich hoch, und wir sahen
uns um ein Morgenmahl um. – Das ist in Kürze alles, was wir in dieser Nacht
erlebt und beobachtet haben.“
161. Kapitel
[GEJ.02_161,01] Als der Schiffsknechtmeister
diese seine Erzählung beendet hatte, da glitt der früher rauhe Schiffsknecht
bei einem etwas ungeschickten Tritte aus beim Gehen ins Schiff, aus dem er
seine Muscheln holen wollte, deren auch er einige in der Eile mitgenommen hatte
– d.h. in der Nacht aus dem trockenen Meeresgrunde –, und fiel seiner ganzen
Länge nach hin, als ob er nie gestanden wäre. Da fingen die andern Knechte an,
ihn auszulachen und sagten: „Das ist doch gleichfort der alte ungeschickte
Mensch!“ – Da ärgerte sich der noch am Boden Liegende.
[GEJ.02_161,02] Aber Raphael sprang hinzu,
half ihm schnell wieder auf die Füße und sprach: „Siehst du nun, was das ist,
daß ich stehengeblieben bin? Denn mir ist es schon so im Geiste vorgegangen,
daß du heute fallen wirst; und nun bist du richtig gefallen, und ich, als dein
schwacher Milchbursche, konnte dich, hoffentlich doch schnell genug, vom Boden
heben und dir dadurch wieder den ungehinderten Gebrauch deiner etwas
ungeschickten Füße verschaffen!“
[GEJ.02_161,03] Brummt der Schiffsknecht in
seinen dicken Bart hinein: „Nun ja, das ist wohl gut; aber solche Burschen sind
auch oft voll heimlichen Bummelwitzes und machen, daß unsereinem etwas
begegnet! Oh, ich kenne schon solche Schliffel! Du scheinst sonst ein ganz
ehrlicher Bursche zu sein, – aber ein Bursche bist du einmal, und das ist
genug! Ein jeder Bursche aber hat immer etwas Schliffelhaftes im Leibe. Daher
bleibe mir nur immer wenigstens drei Schritte vom Leibe!“
[GEJ.02_161,04] Sagt Raphael: „Freund, du
irrst dich an mir himmelgroß! Aber ich vergebe es dir; denn du weißt es ja
nicht, wen du in mir vor dir hast.“
[GEJ.02_161,05] Sagt der Schiffsknecht: „Nun,
nun, was wird man in seinem fünfzehnten Jahre etwa auch schon sein? Höchstens
so ein Prinz aus Rom oder von woanders her! Oder bist du etwa gar ein so ein
bißchen allmächtiges Anhängsel von unserm lieben Herrgott?“
[GEJ.02_161,06] Sagt Raphael: „Ja, ja, so
etwas dergleichen! – Aber nun hole nur deine Muscheln aus dem Schiffe!“
[GEJ.02_161,07] Der mürrische Schiffsknecht
begibt sich darauf ins Schiff und kommt nach einigen Augenblicken mit ein paar
Muscheln und einer Nautilusschnecke wieder zu uns zurück und zeigt sie uns.
[GEJ.02_161,08] Die drei Stücke waren recht
schön, aber natürlich von keinem absonderlichen Werte, und Raphael sagt zu ihm:
„Als Angedenken sind sie gut genug, aber Wert ist keiner darin! Was wirst du
nun damit machen?“
[GEJ.02_161,09] Sagt der Schiffsknecht: „O
Milchbube! Auf diese Weise kann man wohl Sperlinge, aber keine ergrauten
Schiffer fangen! Du möchtest mir diese Stücke abtreiben, so ganz umsonst; aber
der alte Dismas ist nicht so dumm, wie er vielleicht aussieht! Diese drei
Stücke kosten drei Silbergroschen und werden um keinen Pfennig billiger
hergegeben; wenn du die drei Groschen hast, so gib sie her, und ich gebe dir
diese drei schönen Stücke darum!“
[GEJ.02_161,10] Sagt Raphael: „Wegen der drei
Groschen, das wäre mir wohl das wenigste; aber daß du eine Sache verkaufen
willst, die streng genommen nicht einmal dein volles Eigentum ist, das ist mir
nicht recht! Sieh, in dieser Bucht hat von alters her kein Mensch das
Fischerrecht denn allein die Bürger von Genezareth, oder der, dem sie es
verpachten. Du hast diese drei Muscheln sonach auf dem Grunde Ebahls, der dies
Wasser im Pachte hat, aufgelesen, und sie sind somit streng genommen dessen
Eigentum; wenn er dir sie erst ganz schenkt, dann sind sie dein, und du kannst
sie dann auch als dein Eigentum behandeln.“
[GEJ.02_161,11] Sagt Dismas: „Da sehe man
einmal diesen Milchbuben an! Der spricht ja wie ein Richter aus Rom! Du wärest
mir ein sauberer Rechtspatron! Du disputiertest mir noch meinen schlechten Rock
vom Leibe! – Das Meer ist allenthalben des Schiffers Grund und Boden; was ihm
das Wasser gibt, ob in einer Bucht oder draußen auf der offenen See, das gehört
niemandem denn ihm allein, und damit sind alle deine einstudierten
Rechtsgrundsätze zu Boden geschlagen! Denn ein bißchen kennt sich auch
unsereiner beim Recht aus! Darum drei Silbergroschen, – und die drei Stücke
gehören Dir!“
[GEJ.02_161,12] Sagt Raphael: „Wird nichts
daraus! Solange sie unser Ebahl nicht als dein Eigentum erklärt, kann ich sie
dir nicht abkaufen!“
[GEJ.02_161,13] Hier wendet sich Dismas
dennoch an Ebahl und fragt ihn, was er zu der Behauptung des Buben sage.
[GEJ.02_161,14] Sagt Ebahl: „Unser Raphael
hat, streng genommen, recht, und ich könnte allerdings diese drei Stücke als
mir gehörig in Besitz nehmen; aber der von solch einem Rechte nie Gebrauch
macht und machen wird, das bin ich, und somit gehören die drei Stücke nun
leiblich dir, – geistig aber gehört ohnehin die ganze Erde Gott dem Herrn, und
somit auch diese drei Muscheln!“
[GEJ.02_161,15] Mit diesem Bescheide ist
unser Dismas auch vollkommen zufrieden und fragt nun den Raphael, sagend: „Nun,
wie sieht es denn nun aus mit den drei Silbergroschen?“
[GEJ.02_161,16] Sagt Raphael: „Da sind sie;
gib aber die drei Stücke dem Ebahl, der sie aufbewahren wird zu einem
Gedächtnisse an diese Zeit!“
[GEJ.02_161,17] Dismas nimmt die drei
Groschen und legt die drei Stücke vor Ebahl hin; dieser aber gibt sie der Jarah
und sagt: „Da, bewahre sie auf neben deinen andern Gedenksachen; sie sollen für
uns einen großen Wert haben!“
[GEJ.02_161,18] Jarah übernimmt die drei
Stücke mit vieler Freude und sagt: „Oh, das sind wundervoll schöne Dinge! Welch
ein herrlicher Farbenglanz aus ihnen spielt! Wahrlich, da kann und muß man ja
mit Hiob ausrufen: ,Wie herrlich sind, o Gott, Deine Werke! Wer ihrer achtet,
hat keine eitle Lust daran!‘ Wer lehrte die Schnecke sich so ein schönes Haus
zu erbauen?! Ohne Balken und Ziegel steht es herrlicher da, als Salomon war in
seiner strahlendsten Königspracht!“
[GEJ.02_161,19] Hierauf wendet sie sich an
Raphael und dankt ihm für dieses schöne Geschenk, fragt ihn aber zugleich, da
sowohl die Schnecke als die beiden Muscheln ihres lebenden Inhaltes bar waren,
wohin die einst in diesen schönen Gehäusen lebenden Tiere gekommen seien.
[GEJ.02_161,20] Und Raphael sagt: „Meine
liebste Jarah, die Tiere sind schon vor mehreren tausend Jahren gestorben und
somit auch schon lange verwest; aber die Gehäuse können noch mehrere Tausende
von Jahren bestehen und werden dadurch weder an ihrer Form noch an ihrer
Schönheit etwas Besonderes verlieren. Ihre Materie ist reinster Kalkstoff, und
dieser verwest im freien Zustande, besonders unter dem Wasser, nimmer! Soviel
darfst du vorderhand wohl wissen; was darüber hinausgeht, das wirst du dereinst
erst jenseits in aller Tiefe kennenlernen!“ – Da erstaunt die Jarah sehr, als
sie von solch einem Alter hört.
162. Kapitel
[GEJ.02_162,01] Aber in dem Augenblick kommt
die Nachricht aus der Stadt, daß die etlichen angesagten neugebackenen
Pharisäer und Schriftgelehrten aus Bethlehem angekommen seien, und zwar mit der
geschriebenen und vom Tempel signierten Order, daß die Bürger von Genezareth
sie sogleich ohne Säumnis bei strengster Ahndung unentgeltlich nach Nazareth zu
Wasser oder zu Lande zu befördern haben!
[GEJ.02_162,02] Sagt Ebahl, ganz entrüstet
über solche Forderungen von seiten des Tempels: „Herr, das geht jahraus und
jahrein so; Du bist nun erst kaum fünf Tage hier und hast bereits den vierten
Zug dieser Müßiggänger erlebt, die da im Lande in einem fort hin- und herziehen
und jeden Ort, den sie auf ihrem Zuge überfallen, oft ärger zurichten als ein
Heuschreckenheer! Wenn es im Jahre etwa zehn Male vorkäme, nun, so ließe ich
mir die Sache noch gefallen; aber in jeder Woche zwei, drei bis vier solche
Züge auszuhalten und ihnen noch dazu jeden möglichen Vorschub zu leisten, da
muß sogar ein Engel ungeduldig werden und bettelarm auch noch obendrauf! Was
soll ich nun tun? Wahrlich, ich tue allen Armen gerne nach meinen Kräften Tag
für Tag alles mögliche Gute; aber diesen Lumpen, diesen wahren Martermeistern
der armen Menschheit, möchte ich allen Tod und alle Teufel auf den Hals
wünschen!“
[GEJ.02_162,03] Sage Ich: „Freund, laß das
gut sein; mit der Geduld wirst du dennoch stets am weitesten kommen! Übrigens
überlaß du das nur unserem Freunde Julius; der wird sie sicher schnell
weiterbefördern, und sie werden sich dann solche Vorschubleistungen wohl merken
und sich nach und nach viel seltener nach dem Orte Genezareth begeben!“
[GEJ.02_162,04] Sagt der Hauptmann zu seinem
Unterführer: „Gehe eiligst hin, nimm zwanzig Mann und begib dich schnell in die
Stadt! Erkläre den unverschämten Wichten, daß dieser Ort sich wegen der starken
Militärbesatzung gleichfort im Belagerungszustande befindet, den niemand ohne
eine ausdrückliche Order von seiten irgendeines römischen Oberkommandanten
ungeahndet betreten darf! Und hat er ihn betreten, so werden ihm nach der
empfangenen Züchtigung die Augen verbunden und die Ohren mit weichem Lehm
verstopft; alsdann werden ihm Hände und Füße gebunden! Also zubereitet wird er
in eine Barke gebracht, alldort auf Stroh gelegt und sodann an den angesagten
Ort befördert, allwo er wieder von allen den Hand-, Fuß-, Aug- und Ohrfesseln
frei zu machen und nach gegebener schärfster Strafandrohung beim Wiederbetreten
eines solchen Militärortes ohne rechtsgültige Erlaubnis von seiten irgendeines
römischen Militäroberkommandanten ans Land mit einem Handstoße zu setzen ist.
Haben die Bethlehemiten keine solche Ausweisung, so behandelt sie ohne Ausnahme
also! Haben sie Geld, so können sie sich mit zweihundert Pfunden Silbers von
der Züchtigung loslösen, aber von den vierfachen Fesseln nicht! Haben sie aber
kein Geld, oder wollen sie keines fahren lassen, so soll ein jeder vor der
Vinkulierung (Fesselung) fünfzehn Rutenhiebe auf den bis an die Lenden
entblößten Rücken erhalten! Dixi, fiat!“ (Ich habe gesprochen, es geschehe!)
[GEJ.02_162,05] Auf diese Worte des
Hauptmanns eilte der Unterführer zur Stadt mit zwanzig Mann, fand daselbst im
Hause Ebahls vierzehn Mann Pharisäer und Schriftgelehrte, die des Hauses
Dienerschaft mit allen Flüchen belegten, weil sie ihnen nicht völlig nach ihrem
frechsten Sinne dienen wollte.
[GEJ.02_162,06] Als der Unterführer sie nach
der Erlaubniskarte fragte, da sagten die Frechen: „Wir sind Gottes Priester;
hier ist des Tempels Zeichen, und mehr bedürfen wir in der ganzen Welt nicht!“
[GEJ.02_162,07] Sagt der Unterführer: „Dieser
Ort befindet sich einstweilen im beständigen Belagerungszustande; da besteht
ein strengstes kaiserliches Gesetz, demzufolge ohne alle Ausnahme niemand
Fremdes einen solchen Ort ohne die gewisse gesetzlich dokumentierte Karte
betreten darf! Unwissenheit des Gesetzes entschuldigt da niemanden! Da ihr, wie
ich sehe, die bewußte Karte nicht habet, so zahlet ihr entweder zweihundert
Pfunde Silbers Strafe oder, so es euch lieber ist, ihr bekommet ein jeglicher
fünfzehn Rutenhiebe auf den entblößten Rücken! Darauf werdet ihr mit den euch
bekannten vierfachen römischen Fesseln belegt und an den von euch zu
bestimmenden Ort gebracht. Solches hat nun alles ohne die geringste Widerrede
zu geschehen; denn jede Zögerung und jedes trotzige Widerwort zieht eine
doppelte Verschärfung nach sich!“
[GEJ.02_162,08] Als die Pharisäer und
Schriftgelehrten solche Anrede vernehmen, rufen sie Ebahls Hausmeister und
fordern ihn auf, ihnen sogleich die zweihundert Pfunde Silbers zu borgen.
Dieser aber sagt: „Hat euch mein Herr doch nie rufen lassen; wie soll er nun
für euch zahlen? Denn euch etwas borgen, hieße sein Geld ins Meer werfen! Ihr
habt draußen doch vierzehn belastete Esel! Machet nur dieser Tiere Last um
zweihundert Pfunde leichter, und ihr werdet dadurch eure Rücken vor den
scharfen Rutenhieben sicherstellen! Ich gebe euch keinen Stater!“
[GEJ.02_162,09] Als die Pharisäer und
Schriftgelehrten solche Äußerung von dem guten und getreuen Hausmeister Ebahls
vernehmen, machen sie ein sehr saures Gesicht, begeben sich unter der ihnen
sehr unliebsamen Begleitung des Unterführers hinaus zu ihren Lasttieren und
entledigen diese mit leichter Mühe ihrer um zweihundert Pfunde Silbers zu
schweren Last.
[GEJ.02_162,10] Als der Unterführer das Geld
versorgt hat, legt er ihnen sogleich die bekannten Fesseln an und läßt sie samt
ihren Lasttieren auf eine geräumige Barke bringen, allwo sie wie die Kälber
aufs Stroh gelegt und danach mit der ganzen scharfen Begleitung zu Wasser dahin
befördert werden, wohin zu kommen sie angaben. Die jungen Leute von Pharisäern
und Schriftgelehrten jammern freilich ganz entsetzlich; aber es nützt ihnen
solches nun einmal nichts. – Der Unterführer aber kommt nach einer Stunde
wieder zu uns heraus und erzählt uns, wie er alles genauest befolgt habe, was
ihm der Hauptmann anbefohlen hatte.
[GEJ.02_162,11] Und der Hauptmann belobt ihn
und fragt ihn darauf, wohin er das abgenommene Geld gelegt habe.
[GEJ.02_162,12] Und der Unterführer sagt:
„Herr, ich habe es unterdessen dem biedern Hausmeister Ebahls zur Aufbewahrung
gegeben; du aber kannst nachher mit den zweihundert baren Pfunden Silbers
machen, was du willst.“
[GEJ.02_162,13] Sagt der Hauptmann: „Alles
ganz gut, und diese Kerle werden an unser Genezareth denken! Werden sie hier
durchlaufen, oder nehmen sie die Richtung durch den oberen kleinen Arm, oder
werden sie etwa gar durch die Bahn gehen, die zuoberst des kleinen Arms, resp.
vom selben nur durch eine ganz schmale Erdzunge getrennt, ins Meer gehet, aber
dennoch tief und breit genug ist, eine Barke von etlichen dreißig Menschen
Ladung zu tragen, ohne des Bodens Schlamm zu berühren?“
[GEJ.02_162,14] Sagt der Unterführer: „Um
jedes lästige Aufsehen hintanzuhalten, des heutigen Sabbats der Juden wegen, habe
ich sie auf die Bahn verwiesen.“
[GEJ.02_162,15] Sagt der Hauptmann: „Wieder
ganz gut und weise! Du sollst bald befördert werden, das sagt der Hauptmann
Julius dir! – Die werden sich das Genezareth merken und so bald nicht wieder
hierherkommen!“
163. Kapitel
[GEJ.02_163,01] (Der Hauptmann:) „Ich sage es
euch: Mit diesen Menschen muß man geradewegs schonungslos verfahren, sonst ist
mit ihnen nicht mehr auszukommen. Ich war der Mensch sicher nie, daß mich je
darob eine Art Lust hätte anwandeln können, so ich, durch Umstände gedrungen,
irgendeinen böswillig verstockten Sünder habe züchtigen lassen müssen; allzeit
erwog ich genau alle Umstände, die den Menschen zu einem Verbrechen mochten
verleitet haben. Aber diesen jüdischen Tempeldienern könnte ich sogar höchst
eigenhändig mit Lust die Köpfe vom Rumpfe schlagen, und das darum, weil sie im
Ernste die größten und hartnäckigsten Verbrecher an der armen Menschheit sind.
Wahrlich, es geht ihre eigentliche, mit einer höchst miserablen Farbe von einer
religiösen Moralität übertünchte Tendenz, wenn man sie so recht ins Auge faßt,
ja mehr als ins Teuflisch-Scheußliche über!
[GEJ.02_163,02] Ich selbst habe mich mit
meinen Augen und Ohren überzeugt, als ich in Jerusalem stationiert war, wie sie
einem Menschen, der noch ein paar Groschen in seiner Tasche hatte, auf Leben
und Tod zusprachen, sein Geld in den Gotteskasten zu legen! Der gute, aber
natürlich schwache Mensch legte wirklich einen Groschen in den Kasten und
entschuldigte sich damit, den zweiten Groschen deshalb nicht in den Kasten
legen zu können, weil er weit nach Hause habe und ohne diesen einen Groschen am
Wege verschmachten müßte! Aber das half nichts! Die Pharisäer machten ihm die
Sache begreiflich, daß es für seine Seele im höchsten Grade heilsam sei, Gott
und Seinem Tempel zuliebe und zur Ehre am Heimwege zu verhungern! Behalte er
aber den Groschen, den Gott durch ihren Mund von ihm verlangt, so könne seine
Seele ewig nie zur überaus angepriesenen Anschauung Gottes gelangen, und ihr
Los werde sein, ewig zu brennen in den Flammen des Zornes Gottes! Der Mensch
ward darauf blaß, fing an zu zittern, griff mit bebender Hand nach seinem
letzten Groschen und legte selben auch in den Gotteskasten. Darauf murmelten
die Kerle etwas wie ein Gebet über den armen Teufel und hießen ihn dann gehen.
[GEJ.02_163,03] Ich aber ging dem traurigen
Menschen nach, und als wir uns ganz außerhalb des Tempels befanden, trat ich zu
ihm und sagte zu ihm in einem freundlich-ernsten Tone: ,Guter Freund, wie könnt
ihr denn gar so schwach sein, euch von diesen Räubern eure letzte Habe
herausschwätzen zu lassen!? Was die im Tempel zu euch geredet haben, daran
haben sie selbst noch nie geglaubt; aber sie wissen, daß schwache Menschen sie
in ihrer Blindheit für allwissende Halbgötter halten, schrecken ihnen darum
alle ihre Habe heraus und verprassen sie dann in großem Wohlleben, während der
Arme am Wege des Hungers stirbt. – Da habt ihr zwei andere Groschen wieder und
begebet euch nach Hause! Kommet aber ja nicht wieder hierher! Denn ich sage es
euch: Dies sein sollende Gotteshaus ist eine Räuberhöhle und Mördergrube, an
der ein wahrer Gott nimmer ein Wohlgefallen haben kann!‘
[GEJ.02_163,04] Der Mensch sah mich eine
Weile ganz verblüfft an, nahm das Geld aus meiner Hand und sagte endlich: ,Großer
Herr! Du mußt mehr wissen denn ich; du wirst schier recht haben!‘ – Darauf
verließ er mich und begab sich in seine Heimat.
[GEJ.02_163,05] Ähnliche Begebnisse habe ich
im Tempel tausendmal gesehen und gehört; ja ich war zugegen, als ein solcher
Pfaffe eine Tochter bearbeitete, deren Mutter reich war, aber als eine
vernünftige und heller denkende Frau den Gotteskasten im Tempel noch nie mit
einem Groschen bereichert hatte. Der Pfaffe zeigte es der Tochter wie
sonnenklar, daß sie ewig verloren sein werde, so sie sich nicht alle Mühe gäbe,
die Mutter heimlich total zu bestehlen und das Geld in den Gotteskasten zu
legen. Glücklicherweise war die Tochter, so wie ihre Mutter, stark
samaritanischer Gesinnung, und es gelang dem Heuchler und Betrüger nicht, die
Tochter zum Diebstahl zu verleiten, worüber ich eine große Freude hatte.
[GEJ.02_163,06] Ich habe mir bei solchen
Gelegenheiten mehr denn einmal gedacht: So ich Landpfleger in Jerusalem wäre,
wäre der Tempel schon lange von all dem Geschmeiße gereinigt worden! Aber als
ein einem römischen Landpfleger höchst untergeordneter Mensch kann ich nichts
machen und tun, denn seine Befehle in Vollzug zu bringen.
[GEJ.02_163,07] Mit dem Pontius Pilatus aber
ist und bleibt nichts anzufangen; er ist ein Naturforscher, ein Busenfreund der
Gelehrten von Pompeji und Herkulanum, und kümmert sich ums Regierungsgeschäft
wenig, läßt Herodes und die Templer nach ihrer Willkür schalten und walten,
wenn sie nur ihren Tribut nach Rom pünktlich und richtig bezahlen.
Glücklicherweise stehe ich hier nicht unter dem Stabe des Pontius Pilatus,
sondern unter dem des Kornelius, und dieser unter dem des weisen und höchst
gerechten alten Vaters Cyrenius, der gleich mir ein abgesagter Feind Jerusalems
ist, und so kann ich in solcher meiner freien und von Jerusalem gänzlich
unabhängigen Stellung die Pharisäer und Gottesleugner von Schriftgelehrten ganz
gehörig bedienen, so sie mir in den Wurf kommen; und Du nun, mein wahrer Gott
und Herr, wirst mir das doch sicher zu keiner Sünde anrechnen!?“
164. Kapitel
[GEJ.02_164,01] Sage Ich: „Von Mir aus bist
du rein; nur das beachte du stets bei deinen die Menschen leitenden Handlungen,
daß du dabei nie vergissest, daß da auch der Sünder dein Bruder ist!
[GEJ.02_164,02] Fühlst du Zorn in deinem
Herzen über den die gerechte Strafe verdient habenden Sünder, dann lege die
Zuchtrute aus der Hand; denn durch deinen Zorn wird sie nicht zum heilsamen
Wegweiser, sondern zur Schlange, die in die Wunde, die sie dem Wanderer durch
ihren Biß verursachte, keinen heilsamen Balsam, sondern ein tödliches Gift
haucht, das dem Verwundeten den Tod bringt.
[GEJ.02_164,03] Glaube auch nicht, daß du dir
dadurch einen Feind vom Halse geschafft habest, so du ihm den Tod geben
ließest! Denn war er dir im Erdenleben nur ein einfacher Feind, so wird er nach
dem Leibestode als ein freier Geist dir ein hundertfacher werden und dich
quälen mit hunderterlei Übeln dein Leben lang, und du wirst kein Mittel finden
können, das dich befreite von deinem unsichtbaren Feinde.
[GEJ.02_164,04] Darum, wenn du jemanden
züchtigest, da züchtige ihn mit Liebe und nie mit dem Zorne! Treibe es darum in
der Folge auch mit den Pharisäern nicht zu bunt! Denke dir: ,Siehe, das sind
blinde Leiter der Blinden!‘ Die Welt aber ist es, die sie blind macht; diese
aber ist des Satans, den du hast kennengelernt.
[GEJ.02_164,05] Sieh, in Mir ist alle Macht
und Gewalt über Himmel und Erden. Ich könnte sie alle mit einem Gedanken
vernichten, und dennoch ertrage Ich sie mit aller Geduld bis zur rechten Zeit,
da ihr Maß voll geworden.
[GEJ.02_164,06] Auch Mich erzürnen die
Menschen und machen durch ihre Unverbesserlichkeit Mein Herz traurig; aber Ich
ertrage sie dennoch und züchtige sie stets mit der Liebe, auf daß sie sich
bessern und eingehen möchten ins Reich des ewigen Lebens, dafür allein sie
erschaffen worden sind. Willst du demnach ein rechter Richter sein, so mußt du
in allem Mir nachfolgen!
[GEJ.02_164,07] Es ist wohl leichter, ein
Urteil über jemanden auszusprechen, als ein Urteil über sich ergehen lassen; wer
aber das Urteil eines Menschen, der verurteilt ward, auf sich nimmt und dann
für das rechte Emporkommen des Verurteilten sorgt, der wird dereinst groß
heißen in Gottes Reich. – Dies nun Gesagte merket ihr alle euch wohl! Denn so
Ich es also anordne und also haben will, so könnet ihr es doch nicht anders
haben und machen wollen!? Ich bin der Herr über Leben und Tod! Ich allein weiß
es, was das Leben ist, und was dazu erforderlich ist, um es für ewig zu
erhalten und dasselbe zu genießen in aller Glückseligkeit!
[GEJ.02_164,08] Werdet ihr leben nach Meiner
Lehre, so werdet ihr das Leben erhalten in aller Glückseligkeit; werdet ihr
aber dawiderhandeln, so werdet ihr es verlieren und eingehen in den Tod,
welcher ist alles Lebens unglückseligster Zustand, ein Feuer, das nie erlischt,
und ein Wurm, der nie stirbt!“
[GEJ.02_164,09] Sagt der Hauptmann: „Herr,
ich sehe die Notwendigkeit alles dessen nur zu wohl ein, aber auch zugleich die
ungeheure Schwierigkeit, streng danach zu leben. Kleine Hügelchen zu planieren,
ist wohl keine große Kunst; aber wo sich uns ganze Berge von Schwierigkeiten
und Hindernissen entgegenstellen, da ist es dann schon rein unmöglich, einen
geraden Weg weiter fort zu machen. Da, Herr, mußt Du uns helfen!“
[GEJ.02_164,10] Sage Ich: „Eben darum bin Ich
aber ja auch in diese Welt gekommen, um euch allen da Hilfe zu geben, wo ihr
aus euch selbst ewig keinen Ausweg mehr gefunden hättet! Darum vertrauet und
bauet allzeit auf Meinen Namen, und es wird euch dadurch das unmöglich
Scheinende möglich werden! – Nun aber wollen wir uns wieder ins Haus begeben;
denn die Sonne ist dem Untergange nahe gekommen.“
[GEJ.02_164,11] Es fragt aber der
Oberschiffsknecht, bis wann sie das Schiff zu einer allfälligen Abreise in der
Bereitschaft halten sollen.
[GEJ.02_164,12] Sage Ich: „In jeder Stunde
müsset ihr zur Abfahrt bereit sein, auf daß, so da kommt der Herr des Schiffes
vor der Zeit, er euch nicht faul und untätig finde, euch dann entziehe den Lohn
und euch tue aus dem Dienste! Doch – Gott dienen ist leicht, aber den Menschen
dienen ist schwer!“
[GEJ.02_164,13] Fragt weiter der
Oberschiffsknecht: „Herr, wenn etwa morgen die Pharisäer, die gestern
wahrscheinlich als Missionare und Bekehrer nach Jesaira gezogen sind, um die
dortigen, zumeist zum Griechentum übergegangenen Juden wieder für den Tempel zu
gewinnen, wieder hierherkämen und wollten sich mit uns über den 47. Psalm in
eine Disputation einlassen, wie sie uns solches versprochen haben, was sollen
wir zu ihnen sagen?“
[GEJ.02_164,14] Sage Ich: „Da verheißet ihr
ihnen sieben gute Groschen, so sie den Psalm euch gut erklären; erklären sie
ihn euch schlecht, so sollen sie nichts bekommen, und können sie ihn euch gar
nicht erklären, dann sei an euch das Recht, von ihnen sieben gute Groschen zu
verlangen und sie dann unter Androhung von militärischer Hilfe, so sie die
Zahlung verweigern würden, zu nehmen!“
[GEJ.02_164,15] Sagt der Hauptmann: „Kommt
dann nur zu mir, und sie sollen siebenmal sieben Groschen zahlen ohne alle
Gnade und Schonung!“
[GEJ.02_164,16] Damit geben sich die
Schiffsknechte völlig zufrieden, und wir begeben uns in die Stadt und allda ins
Haus Ebahls, allwo die Dienstleute, da die Sonne schon untergegangen ist,
vollauf beschäftigt sind, uns ein gutes Abendmahl zu bereiten. Der Hauptmann
aber übernimmt die zweihundert Pfunde Silbers und übergibt sie dem Ebahl mit
den Worten: „Nimm sie in deinen Besitz als eine kleine Entschädigung für die
vielen hundert und abermals hundert Armen und Kranken, die du verpflegt hast,
und von denen du nie auch nur einen Stater verlangt hast! Du bist aber auch
wahrlich der einzige Mensch in dieser Stadt, der es verdient, ein Mensch zu
sein! Alles andere Volk von dieser Stadt verdient den ehrenhaften Namen nicht;
denn es ist total tot, kümmert sich um nichts und macht und bricht auch nichts!
Meinet ihr, die Wunder alle, die hier in diesen etlichen Tagen ausgeübt worden
sind, haben auf dies Volk etwa irgendeinen Eindruck gemacht? Mitnichten! Diese
Memmen schlendern umeinander, als ob nichts da wäre! Ja, sie haben sich wohl
heilen lassen, die da krank waren, bedankten sich aber kaum dafür und denken
heute auch kaum mehr daran, daß sie krank waren, und daß sie von ihrer
Krankheit vollkommen wunderbarst geheilt worden sind! Darum ist mein Ebahl auch
der einzige Mensch in dieser Stadt; alles andere ist wahrlich mehr Tier als
Mensch!“
[GEJ.02_164,17] Ebahl übernimmt das Geld mit
dem Bemerken, daß er es nur für die besten und den Menschen dienlichsten Zwecke
verwenden werde.
165. Kapitel
[GEJ.02_165,01] Auf diese Verhandlung bringen
die Diener auch schon Wein und Brot und eine Menge bestens zubereiteter Fische,
und alles begibt sich an den wohlbesetzten Tisch. Unsern Raphael zieht die
Jarah an den Tisch und setzt ihm einen großen Fisch vor, daß er ihn äße. Aber
Raphael sagt: „Liebste Schwester, das wäre wohl zuviel für ein Nachtmahl; darum
lege mir einen kleineren Fisch vor!“
[GEJ.02_165,02] Sagt die Jarah: „Oh, sah ich
dich doch heute mittag mehrere solche Fische verzehren, und so wirst du für den
Abend wohl auch mit dem zu Ende kommen! Iß nur! Siehe, mein Herr Jesus ist wohl
ein endlos größerer und erhabenerer Geist denn du, und dennoch ißt Er nun schon
den zweiten Fisch mit sichtbarer Lust, trinkt dazu Wein und ißt stets auch ein
Stück Brot darunter; tue du desgleichen! Jetzt bist du einmal Mensch mit uns
und mußt unser Menschliches darum nicht geringschätzen, weil du sonst ein
erster Engel Gottes bist!“
[GEJ.02_165,03] Sagt Raphael: „Nun, wenn du
es schon durchaus also willst, so muß ich mich deinem Willen ja wohl fügen;
denn du bist einmal schon ein zu liebenswürdiges Kind, und man kann dir aus
Liebe zu dir nichts abbieten (abschlagen).“ – Darauf nahm Raphael den ganzen,
wenigstens gut fünf Pfunde wiegenden Fisch in die Hand, führte ihn zum Munde
und verzehrte ihn in einem kaum glaublich schnellsten Augenblick.
[GEJ.02_165,04] Als solches die Jarah
bemerkte, sagte sie ganz verblüfft: „Aber um des Herrn willen! Wo hast denn du
den großen Fisch nun so schnell hingebracht? Freund, bei solch einer
Eßfähigkeit könntest du wohl auch ein gebratenes Meerungeheuer mit großer
Leichtigkeit verzehren! Der große Fisch, in dessen Bauche Jonas drei Tage
schmachtete, wäre am Ende für dich nur ein Spaß, ihn mit einem Bissen in den
Magen zu schieben!?“
[GEJ.02_165,05] Sagt Raphael: „Auch viele Tausende
von solchen Fischen wären mir sozusagen nur ein Scherz, sie unters Dach zu
bringen. Aber hier genügt der mir von dir dargereichte; er hat mir wahrlich
recht wohl geschmeckt. Ich hätte ihn auch langsam, dir gleich, verzehren
können; aber da würdest du auf den Gedanken gekommen sein, daß ich schon völlig
ein irdischer Mensch sei, – und das wäre nicht gut für dich, weil du
sogestaltig in meine Person, resp. Form verliebt werden könntest! Nun ich dir
aber bei Gelegenheit zeige, daß ich noch kein vollendeter Erdenmensch bin, so
schreckt dich das zurück, und du bleibst dabei leicht in deinem und ich in
meinem Geleise. Du wirst schon noch mehrere solcher mutwilligen Stückchen von
mir erleben! So ich will, kann ich auch recht schlimm werden; aber da hat mein
Schlimmsein stets einen weisen Grund.“
[GEJ.02_165,06] Sagt die Jarah: „Das gefällt
mir aber nicht von dir, wenn du etwa nur durch eine schlimme Handlung
irgendeinen guten Zweck erreichen willst! Siehe hier den Herrn, der allein
meine Liebe ist; der erreicht auch ohne eine schlimme Handlung lauter gute
Zwecke! Warum du nicht? Ich bin der Meinung – und die laß ich mir nicht nehmen
–, daß das Schlimme allzeit wieder Schlimmes hervorbringt, und nur das Gute
wieder das Gute. Wer bei mir etwas Gutes durch etwas Schlimmes erreichen will,
der irrt sich gewaltig, – und wäre er ein tausendfacher Engel! Das sage ich
dir, daß du mir ja mit nichts Schlimmem kommst, sonst kannst du mir vom Halse
bleiben! Ich bin nur ein schwaches Mädchen, ja ein Würmchen vor dir; aber dennoch
wohnt in meinem Herzen Gottes Liebe, und diese verträgt nichts auch nur
scheinbar Schlimmes. – Verstehst du, mein lieber Raphael, das?“
[GEJ.02_165,07] Sagt Raphael: „O ja, das ist
schon noch zu verstehen, und ich verstehe es darum auch wohl; aber daß du mich
mit meiner zeitweiligen Schlimmheit nicht verstanden hast, geht klar aus dem
hervor, weil du mich darob reprimandiert (zurechtgewiesen) hast; wenn du mich
erst wirst verstanden haben, dann wirst du gegen mich nicht ärgerlich werden!
Damit du aber siehst, daß das himmlische Schlimmsein auch eine glänzende Tugend
ist, so will ich dir solches durch ein kurzes Beispiel recht handgreiflich
klarmachen.
[GEJ.02_165,08] Sieh, wir Himmelsgeister
haben eine weite Sehe; dein Gedanke reicht nicht so weit, als wir mit einem
Blicke in größter Klarheit durchschauen! Da fügt es sich denn wohl sehr oft,
daß hie und da, besonders auf dieser Erde, die Menschen so recht mutwillig böse
werden. Wir ziehen ihn, den Menschen, hundert Male von einer großen Gefahr
zurück, aber es juckt und treibt ihn gleich wieder, sich von neuem in dieselbe
Gefahr zu begeben. Wenn alles das dennoch nichts hilft, dann lassen wir endlich
zu, daß der Mensch sich endlich wieder aus Mutwillen in die Gefahr begibt, und
wir lassen ihn dann so recht fest anrennen, daß ihm darob nicht selten auf
längere Zeit das Hören und Sehen vergeht. Und er, dadurch gewitzigt, wird dann
aus der Erfahrung klug, läßt seinen Mutwillen und oft bösen Aberwitz fahren und
wird dann ein wie aus sich gebesserter Mensch.
[GEJ.02_165,09] So können oft die Eltern ihre
Kinder nicht oft genug und hinreichend wirksam vor diesen und jenen
Spielereien, die oft sehr gefährlich werden können, warnen; da kommen wir mit
unserer himmlischen Schlimmheit und machen, daß sich solche Kinder bei ihren
verbotenen Spielen recht empfindsam beschädigen, ja manchmal lassen wir es
sogar darauf ankommen, daß dabei ein oder das andere Kind den Ungehorsam sogar
mit dem Tode bezahlen muß, zum abschreckenden Beispiele für die andern. Die
Kinder werden dadurch abgeschreckt, bekommen endlich eine große Furcht vor den
verbotenen gefährlichen Spielen und kehren nicht mehr zu denselben zurück. Es
tritt dann bei ihnen der Spruch als wirkend ein: ,Ein gebranntes Kind fürchtet
das Feuer!‘
[GEJ.02_165,10] Auch bei dir habe ich schon
ein paar Male vor etlichen Erdjährchen eine ähnliche himmlische Schlimmheit
ausgeführt, und sie hat dir sehr gute Dienste geleistet, darum du hernach bald
ein wahrhaft frommes Kind geworden bist. – Nun, was sagst du jetzt zu meinem Schlimmsein?“
166. Kapitel
[GEJ.02_166,01] Sagt die Jarah so halblaut,
ein wenig betroffen: „Nun ja, wenn also, dann muß es wohl freilich recht sein;
hättest du mir das früher gesagt, so hätte ich dir sicher nichts eingewendet!
So man bei der bekannten Unantastbarkeit der Freiheit des menschlichen Willens
durch alle möglichen sanften Mittel nichts auszurichten imstande ist, dann
bleibt wohl freilich nichts mehr übrig, als ein schlimmes Mittel in Anwendung
zu bringen. Nun, nun, wir werden uns schon noch verstehen, nur mußt du nicht
gleich so heftig werden! In sanfter Redeweise gefällst du mir sehr; aber wenn
du, mit deinen Worten dich förmlich überstürzend, heftig wirst, dann ist aus
deinem Munde selbst die reinste Wahrheit nicht gut anzuhören.
[GEJ.02_166,02] Ich meine denn also, daß in
der Folge wenigstens auch alle noch so vollkommenen Geister der Himmel sich
also zu reden bemühen sollten, wie da redet der Herr und Schöpfer aller
Geister, Sonnen, Welten und Menschen! Des Herrn Rede in noch so ernsten Dingen
klingt gleichfort so sanft, als wie sanft da ist die Wolle eines Lammes, und
Seine Worte fließen wie Milch und Honigseim. Also aber sollte sich dann auch
ein jeder Lehrer und Führer nach Ihm richten; denn in einem sanften Redeton
liegt nach meiner Beurteilung dennoch stets die größte Kraft! Wer da schreit
und heftig spricht, der beleidigt oft, wo er eigentlich heilen wollte. Sieh an
das gleich freundliche Angesicht des Herrn gegen Freund und Feind; und wen kann
es wundernehmen, wenn Kranke gesund werden, wenn Er sie nur ansieht?! Also,
mein liebster Raphael, mußt auch du sein in Rede und Tat gegen mich und gegen
jedermann, dann wird jeder deiner Tritte über diese Erde hin von Segen
triefen!“
[GEJ.02_166,03] Darauf ziehe Ich die Jarah an
Meine Brust und sage zu allen, die hier gegenwärtig sind: „Das ist bis jetzt
Meine vollendetste Jüngerin, zu der Ich wahrlich Meine Engel in die Schule
senden kann; denn diese hat Mich am tiefsten ergriffen und lebendigst
aufgefaßt. Aber sie besitzt darum Meine Liebe auch im vollsten Maße.
[GEJ.02_166,04] Wahrlich, so ihr hinausgehen
werdet und werdet lehren die Völker in Meinem Namen, da gedenket der Worte, die
dies überliebe und zarte Mägdlein nun zu Meinem Engel geredet hat, und eure
Schritte und Tritte werden von allem Segen begleitet sein! Seid geduldig und in
allem voll Sanftmut, so werdet ihr den vollsten Segen streuen in die Herzen der
Menschen! – Aber Mein Engel Raphael mußte also reden, damit er diese Meine
allerliebste Jarah zu der gegebenen Lehre verlockte; im übrigen aber ist er
ebenfalls so sanft wie eine sanftkühlende Abendluft und so weich wie die
zarteste Wolle eines Lammes.“
[GEJ.02_166,05] Diese Worte merkten sich alle
wohl und waren vollkommen damit einverstanden. Nur der Hauptmann bemerkte und sagte:
„Dies ist alles göttlich, rein und wahr; aber so ich eine zu sanfte Sprache
redete mit meinen Soldaten, so würde ich damit wohl eine schlechte Figur
machen, und die Soldaten würden mir kaum gehorchen! So ich aber so recht zu
blitzen und zu donnern anfange, da geht dann alles gut und sicher!“
[GEJ.02_166,06] Sage Ich: „Es ist hier aber
auch nicht so sehr von einer äußeren als vielmehr von einer inneren, wahren
Sanftmut die Rede. Wo es absolut nötig ist, von der himmlischen Schlimmheit
einen weisen Gebrauch zu machen, da tue man das; denn die eigentliche Regel
aller Weisheit ist: ,Klug sein gleich den Schlangen und dabei dennoch sanft
gleich den Tauben!‘“
[GEJ.02_166,07] Sagt der Hauptmann
überfreundlichen Angesichtes: „Herr, nun habe ich alles; also ist durch alle
Himmel hindurch gerechtfertigt die Handlung eines Gerechten! Aber man muß dabei
sich auch aufs Rechnen verstehen, auf daß man sich in der vermeinten Klugheit
nicht verrechne, und da meine ich nach der Kunst des Euklid, daß man zu einer
bestimmten Größe von Klugheit eine gleiche Größe von Liebe, Geduld und Sanftmut
hinzuaddiert, und man wird dadurch ein fehlerfreies Resultat herausbekommen!“
[GEJ.02_166,08] Sage Ich: „Ja, ja, also wird
die Rechnung am besten gestellt und des gesegnetsten Resultates vollkommen
sicher sein, und alle Gerechtigkeit und jegliches Gericht wird darin seine
volle Rechtfertigung haben! Das ist ein Grund, auf dem sich bauen läßt; wo aber
kein Grund ist, da läßt sich auch kein Gebäude aufführen. Leget sonach
allenthalben solchen Grund, bevor ihr bauen wollt, und eure Mühe wird keine
vergebliche sein!
[GEJ.02_166,09] Ihr seid aus Gott und sollet
daher auch in allem Gott gleich sein; Gott aber läßt Sich Zeit im Schaffen.
Zuerst wird der Same, daraus der Keim. Aus dem Keime erst erwächst der Baum;
dieser aber treibt zuerst Knospen, dann Blätter, dann Blüten und endlich erst
die wohlschmeckende Frucht, in die abermals der Ursame gelegt ist und zur
weiteren Fortpflanzung in der Frucht ausgereift wird.
[GEJ.02_166,10] Wie es aber zugeht mit einer
Pflanze im kleinen, also geht es auch zu mit einer ganzen Welt. Die Sonne
steigt nicht unangekündigt über den Horizont, und einem Sturme gehen allzeit
warnende Boten voran, die allzeit wohl zu erkennen sind.
[GEJ.02_166,11] Wenn denn Gott Selbst in
allen Dingen solch eine Ordnung des Nacheinanderwerdens allerstrengst und mit
der größten Geduld und Ausharrung beachtet, so werdet wohl auch ihr, als Meine
wahrhaftigen Jünger, Mir in allem dem Nachfolge tun, was Ich euch gezeigt und
wozu Ich euch den Weg gebahnt habe, auf daß ihr nicht irre werdet am
selbstgemachten Wege! – Habt ihr alle das wohl verstanden?“
[GEJ.02_166,12] Sagt der Hauptmann: „Herr,
ich für meinen Teil habe alles wohl verstanden und glaube, daß sich unter uns
wohl niemand mehr befindet, der diese übersonnenhellen Wahrheiten aus den
Himmeln nicht verstanden hätte. Dir allein allen Dank und alle Ehre darum!“
[GEJ.02_166,13] Sage Ich: „Du meinst es wohl,
daß diese meine Worte alle hier Anwesenden verstanden haben?! Ja, sie haben das
auch verstanden, auch der eine hat es verstanden – mit seinem Gehirne, aber
nicht mit seinem Herzen!“
[GEJ.02_166,14] Auf dies Wort wurden alle
verlegen, und die Jünger fragten Mich, wer es sei, den Ich gemeint habe.
[GEJ.02_166,15] Ich aber sagte: „Noch ist es
nicht an der Zeit, solches vom Dache herab kundzutun; wenn aber die Zeit kommen
wird, da werdet ihr euch dieser Meiner Worte wohl erinnern. Wer von euch aber
nun irgendeine Vermutung hegt, der behalte sie in seinem Herzen; denn vor der
Zeit soll kein Baum gefällt werden!“
[GEJ.02_166,16] Nach solchen Meinen Worten
begriffen die Jünger wohl, daß Ich den Judas Ischariot gemeint hatte; aber sie
schwiegen und gaben durch kein Zeichen ihre begründeten Mutmaßungen kund.
[GEJ.02_166,17] Es fragten Mich aber Matthäus
und Johannes, ob sie solche herrlichste Lehre wohl aufzeichnen dürften zum
Besten der Menschen.
[GEJ.02_166,18] Sage Ich: „Ihr möget die
Lehre der Liebe, Sanftmut und Geduld wohl auf ein eigenes Blatt vorderhand
anmerken, – aber nicht zu dem im Hauptbuche bereits Geschriebenen; denn Ich
werde davon noch mehrmals reden und werde es euch schon anzeigen, wann ihr es
aufzuzeichnen habt. – Nun aber wollen wir ruhen und uns abermals in der inneren
Selbstbeschauung üben, welche da ist eine wahre Sabbatfeier in Gott!“
[GEJ.02_166,19] Auf diese Worte aus Meinem
Munde ward alles stille im Hause, und wir saßen also bei drei Stunden.
[GEJ.02_166,20] Nach dieser Zeit aber sagte
Ich: „Nun ist der Sabbat vollbracht, und wir können nun auch unsern Gliedern
eine nötige Ruhe spenden!“ – Darauf begab sich alles zur Ruhe des Fleisches,
und es ward schon ziemlich spät am Morgen, als wir die Lager verließen.
167. Kapitel
[GEJ.02_167,01] Nach eingenommenem
Morgenmahle beschäftigten wir uns mit allerlei, und Ich gab dem Ebahl so manche
Landwirtschaftsregel, wie er seine Felder bebauen und seine Obst- und
Weingärten behandeln solle, auf daß sie ihm stets eine reiche Ernte gäben, die
er sicher allzeit am besten verwenden werde. Ich zeigte dem Ebahl, wie er das
Obst veredeln und vermehren könne, und lehrte ihn mehrere nützliche Kräuter
kennen, die seither in die Küche aufgenommen worden sind. Also zeigte Ich ihm
auch mehrere Wurzelfrüchte, die ebenfalls als gute Nährmittel allzeit verwendet
werden können und zeigte ihm auch die Zubereitung alles dessen, sowohl der
Kräuter wie der Wurzeln. Kurz, in den zwei noch darauffolgenden Tagen, die Ich
noch in Genezareth zubrachte, lehrte Ich den Ebahl noch so manches in der
Landwirtschaft kennen, was zuvor noch kein Jude kannte. Im gleichen lehrte Ich
ihn auch, daß er auch das Fleisch der Hasen, Kaninchen, der Rehe und Hirsche,
so und so zubereitet, allzeit als einen reinen und wohlschmeckenden Braten
genießen könne, ohne dadurch unrein zu werden, zeigte ihm aber auch zugleich
die Zeit an, in der solche Tiere zu fangen und zu töten sind. Und also zeigte
Ich ihm noch so manches und manches, worüber der biedere Ebahl sehr erfreut
war.
[GEJ.02_167,02] Zugleich legte Ich mit Meinen
Jüngern für die Jarah einen kleinen Küchengarten an, bepflanzte ihn mit
allerlei nützlichen Pflanzen, Kräutern und Wurzelgewächsen und empfahl ihr,
diesen Garten recht sorgsam zu pflegen. Sie versprach Mir das auch unter vielen
Freudentränen, und wenn Ich jüngst wiederkäme, so solle Ich den Garten schon in
dem blühendsten Zustande antreffen. Und so war nun im Hause Ebahls alles in der
besten Ordnung.
[GEJ.02_167,03] Also war unter allerlei
nützlichen Beschäftigungen der Sonntag, der Montag und der Dienstag vergangen,
und Ich machte Anstalten zur Weiterreise. Aber der Hauptmann, der Ebahl samt
seinen Weibern und Kindern, und darunter besonders die Jarah, baten Mich
allerinständigst, die Nacht hindurch noch in ihrem Hause zu verweilen; und Ich
verweilte denn auch bis an den Mittwoch morgen.
[GEJ.02_167,04] Am Morgen aber kamen einige
von den Schiffsknechten und sagten, wie die Pharisäer von Jesaira wohl am
vorhergehenden Tage zu ihnen gekommen wären, aber des 47. Psalms auch nicht mit
einer Silbe mehr erwähnt, sich aber dafür desto emsiger nach Mir erkundigt
hätten, um Mich zur Verantwortung zu ziehen, darum Ich ganz Jesaira von
Jerusalem abwendig gemacht hätte. Aber sie (die Schiffsknechte) hätten ihnen
auf derlei Fragen gar keine Rede und Antwort gegeben, wohl aber von ihnen die
etlichen Silbergroschen genommen, die die Pharisäer mit viel Unwillen und
Schimpfen an sie bezahlt hätten, – worauf sie dann wieder ihr Schiff bestiegen
und ihre Reise, nach der Aussage der Schiffer, nach Kapernaum genommen hätten,
wahrscheinlich um Mich dort näher auszukundschaften, für was sie eigentlich vom
Tempel wie von Herodes bedungen wären.
[GEJ.02_167,05] Als Ich solches von den
Schiffsknechten treu erzählt vernahm, da gebot Ich den Schiffern, binnen einer
Stunde das Schiff zur vollen Abfahrt in Bereitschaft zu halten, und die
Schiffer gingen hin und richteten das Schiff wohl zu.
[GEJ.02_167,06] Als aber die Jarah, die des
Morgens in ihr Gärtchen gegangen war, ins Zimmer kam und auch sogleich vernahm,
daß Ich alsogleich ausziehen werde, da fing sie an bitterlich zu weinen und bat
Mich, ob Ich denn nicht noch eine Stunde länger verweilen könnte. Es drücke ihr
förmlich das Herz ab, so sie sich vorstellen müsse, daß sie Mich nun, Gott weiß
wie lange, nicht wiedersehen werde.
[GEJ.02_167,07] Ich aber gab ihr Trost und
die volle Versicherung, daß sie Mich sogar leiblich gar bald wieder sehen
werde; geistig aber solle sie mit Mir reden, wann sie nur immer wolle, und Ich
werde ihr die vollkommenste Antwort klar und deutlich in ihrem Herzen
aussprechen. Zudem werde ihr an Meiner Stelle der Engel Raphael sichtbar
belassen, der sie führen werde den rechten Weg. – Damit war die Weinende
beruhigt.
[GEJ.02_167,08] Darauf segnete Ich das ganze
Haus Ebahls und zog dann hinaus ans Meer, allwo das Schiff unser harrte. Daß
Mich das ganze Haus Ebahls, der Hauptmann und noch eine große Menge andern
Volkes hinausbegleitete, versteht sich von selbst.
[GEJ.02_167,09] Die beiden Essäer und die
bekehrten etlichen Pharisäer und Schriftgelehrten aber baten Mich, Mich dahin
begleiten zu dürfen, wohin Ich zöge.
[GEJ.02_167,10] Ich aber sagte: „Bleibet ihr,
auf daß es der Welt nicht vor der Zeit zu bunt wird! Denn die Vögel haben ihre
Nester und die Füchse ihre Löcher; aber des Menschen Sohn hat auch nicht einen
Stein also, daß Er ihn als volles Eigentum lege unter Sein Haupt. Da Ich aber
keinen irdischen Besitz habe und dennoch eine große Schar von Menschen mit Mir
nehme, so würde man zu sagen anfangen: ,Woher ernährt er sie? Hat er doch keine
Äcker, keine Wiesen und keine Herden! Er ist entweder ein Dieb oder sonst ein Betrüger!‘
Um solches zu vermeiden, bleibet ihr hier, und ihr Essäer gehet zu euren
Brüdern und erzählet ihnen alles, was ihr gesehen und gehört habt; sie alle
werden sich umändern und werden eines bessern Sinnes werden!
[GEJ.02_167,11] So ihr Pharisäer und Schriftgelehrten
aber etwa vom Tempel zurückberufen werdet, um über Mich Aufschlüsse zu geben
denen, die Mir nach dem Leben streben, so redet nichts von all den Werken, aber
desto mehr und offener von Meiner Lehre! Fürchtet euch nicht ihrer, die im
äußersten Falle wohl euren Leib töten, aber der ewig fortlebenden Seele keinen
weitern Schaden zufügen können! Sie werden euch jedoch nicht angreifen.
Verstoßen sie euch aber, so ziehet zu den Essäern; diese werden euch mit
offenen Armen aufnehmen!“
[GEJ.02_167,12] Sagt der Hauptmann: „Oh, ihr
möget auch bei mir verbleiben; ich mache euch zu Römern, gebe euch römische
Kleidung und ein Schwert, und ihr werdet dann sicher volle Ruhe haben vor dem
Tempel und dessen sehr argen Dienern.“
[GEJ.02_167,13] Sage Ich hierzu: „Ja, ja,
auch das könnet ihr tun! Seid stets klug gleich den Schlangen und sanft gleich
den Tauben, so werdet ihr mit der Welt am besten auskommen!“
[GEJ.02_167,14] Nach diesen Worten stieg Ich
mit Meinen etlichen, in allem zwanzig Jüngern ins Schiff, und, da ein guter
Wind kam, fuhr es mit großer Schnelligkeit ans jenseitige Meeresufer in der
Richtung gen Sidon und Tyrus (Matth.15,21), welche Städte aber freilich noch
hübsch ferne vom Galiläischen Meere am Mittlandsmeere (Mittelländisches Meer)
lagen.
168. Kapitel – Genezareth – Zu Schiff über
die Bucht und dann zu Fuß nordwärts in Richtung Tyrus – Rückkehr zum
Galiläischen Meer – Berg am Ufer (Zweite Volksspeisung) – Zu Schiff nach der
Herberge bei Magdala – Zurück zum Berg am Ufer – Zu Fuß nach der Hütte des
Markus bei Cäsarea Philippi. (Kap.168-244)
[GEJ.02_168,01] Als wir das Schiff am
jenseitigen Ufer verließen, hatten wir auf griechischem Gebiete noch einen
starken Marsch zu Fuß zu machen, um nur in das Gebiet von den beiden Städten zu
gelangen. Als wir bis an die Grenze des Gebietes von Tyrus kamen und dasselbe
schon stark gen Abend überschritten, lief ein Weib, das aus Kana in Galiläa
gebürtig war, aber in diese Gegend hin einen Griechen schon vor fünfzehn Jahren
geheiratet hatte und Mich am Wege erkannte, uns nach und schrie: „Herr, Du Sohn
Davids, erbarme Dich meiner! Meine Tochter wird vom Teufel übel geplagt!“
(Matth.15,22) – Ich aber ließ sie schreien, sagte zu ihr kein Wort und zog den
Weg vorwärts.
[GEJ.02_168,02] Da aber das Weib zu gewaltig
schrie, daß es den Jüngern schon lästig ward, traten diese zu Mir, hielten Mich
auf und sagten: „Laß sie doch von Dir! Denn nun schreit sie uns schon bei einer
halben Stunde die Ohren allerlästigsterweise voll! (Matth.15,23) Willst oder kannst
Du ihr nicht helfen, so schaffe doch, daß sie uns verlasse, sonst werden die
andern Menschen, die auch auf diesem Wege wandeln, noch auf den Glauben kommen,
wir hätten dem Weibe etwas angetan, und werden uns aufhalten und mit allerlei
Fragen belästigen!“
[GEJ.02_168,03] Sage Ich darauf zu den
Jüngern: „Ich bin nicht gesandt, denn nur zu den verlorenen Schafen vom Hause
Israel.“ (Matth.15,24)
[GEJ.02_168,04] Die Jünger sahen auf diesen
Meinen Bescheid einander groß an und wußten nicht, was sie daraus hätten machen
sollen; und Judas Ischariot beschuldigte Mich einer Inkonsequenz im höchsten
Grade, indem er zu Thomas sagte: „Man möchte aber manchmal schon aus der Haut
fahren vor Ärger über so manche faustdicke Widersprüche in seinem Reden und
Handeln! Bei diesem Weibe, das bei ihm Hilfe sucht, ist er ganz allein zu den
Schafen vom Hause Israel gesandt; aber wo er den Römern, die doch noch mehr
Heiden sind denn dieses arme, halb griechische und halb jüdische Weib, alle
mögliche Hilfe hat angedeihen lassen, da dachte er nicht daran, daß er nur zu
den Schafen vom Hause Israel gesandt ist!“
[GEJ.02_168,05] Sagt zu ihm Thomas: „Ich kann
dir diesmal freilich nicht ganz unrecht geben; aber dennoch bleibe ich bei dem,
daß Er hier einen besonderen Grund haben wird, demzufolge Er diesem Weibe gar
nicht helfen will!“
[GEJ.02_168,06] Während aber die Jünger also
untereinander ihre Meinungen tauschen, kommt das Weib Mir nahe, fällt vor Mir
auf ihre Knie und spricht: „Herr, hilf mir!“ (Matth.15,25)
[GEJ.02_168,07] Ich aber sah das Weib an und
sagte: „Es ist nicht fein, daß man den Kindern das Brot nehme und werfe es vor
die Hunde!“ (Matth.15,26)
[GEJ.02_168,08] Darauf sagte das Weib: „Ja,
Herr, – aber doch essen die Hündlein die Brosamen, die von ihrer Herren Tische
fallen!“ (Matth.15,27)
[GEJ.02_168,09] Diese Antwort setzte alle
Jünger in Erstaunen, und Petrus bemerkte insgeheim: „Nein, das ist stark!
Soviel Weisheit habe ich nur selten bei einer Jüdin gefunden; und das Weib ist
von Geburt auf eine Griechin, obgleich zu Kana in Galiläa geboren! Ich kenne
sie und habe ihr schon manchen Fisch verkauft, aber freilich schon vor fünfzehn
bis sechzehn Jahren.“
[GEJ.02_168,10] Ich aber sah an das Weib und
sagte zu ihr: „O Weib, dein Glaube ist groß; dir geschehe, wie du es willst!“
[GEJ.02_168,11] Da erhob sich das Weib,
dankte und eilte von dannen nach ihrer Behausung und fand ihre Tochter gesund.
(Matth.15,28) – Die Leute aber, die daheim bei dem Mägdlein waren, erzählten
der Heimgekommenen, wie der Teufel sichtbar, unter gewaltigem Toben und
Fluchen, vor einer halben Stunde ausgefahren sei. Da erkannte das Weib, daß
dies um dieselbe Zeit geschah, als Ich an der Grenze des Gebietes von Tyrus zu
ihr sagte: „O Weib, dein Glaube ist groß; dir geschehe, wie du es willst!“
[GEJ.02_168,12] Es war aber Abend geworden,
und die Jünger fragten Mich, ob Ich wohl ganz nach Tyrus ziehen werde, oder ob
sie sich hier an der Grenze des Gebietes nach einer Herberge umsehen sollten,
da die Stadt Tyrus von da noch bei drei Stunden Weges entlegen wäre.
[GEJ.02_168,13] Ich aber sagte zu den
Jüngern: „Wißt ihr was? Wenden wir uns von da statt gen Abend, allwo Tyrus
liegt, gen Mittagmorgen (Südost)! Allda kommen wir abermals ans Galiläische
Meer. Gleich vom Ufer aus erhebt sich ein schöner Berg, dessen ganz freie Kuppe
wir von hier aus in zwei Stunden leicht erreichen; dort wollen wir
übernachten.“
[GEJ.02_168,14] Auf diese Meine Worte gingen
wir von da fürbaß, kamen nach einer Stunde ans Galiläische Meer und zugleich an
den Fuß des Berges, dessen Kuppe wir auch recht gemächlich in einer Stunde
erreichten.
[GEJ.02_168,15] Auf der Höhe angelangt,
setzten wir uns aufs weiche Alpengras und ruhten daselbst, ohne gerade gleich
einzuschlafen. (Matth.15,29)
169. Kapitel
[GEJ.02_169,01] Nach einer Weile der genossenen
Ruhe sagte Petrus: „Herr, ich begreife nun schon so manches, aber das
Besessensein – besonders unschuldiger Kinder – vom Teufel, und daß sie von
solch einem argen Bewohner ihres Leibes oft auf die erbärmlichste Weise geplagt
werden, das begreife ich nicht! Wie solch einen Unfug Deine Weisheit und Deine
Ordnung zulassen kann! Das Töchterchen des Weibes, das uns heute nachlief,
dürfte kaum 13-14 Jahre alt sein, und nach der Aussage der Mutter ist es
bereits sieben volle Jahre hindurch von einem Teufelsgeiste auf eine kaum
glaublich böse und schmerzlichste Weise täglich bei sieben Stunden lang
gepeinigt worden. Warum mußte denn so etwas zugelassen werden?“
[GEJ.02_169,02] Sage Ich: „Das sind Dinge,
die euer Verstand jetzt noch nicht vom Grunde aus fassen kann! Aber da wir hier
ganz ungestört beisammen sind, so will Ich euch gleichwohl einige Winke davon
geben; und so vernehmet Mich!
[GEJ.02_169,03] Die Erde ist die Trägerin von
zweierlei Arten von Menschen. Die eine und bessere Art stammt von oben,
ursprünglich schon, darunter zu begreifen sind die Kinder Gottes. Die andere
und eigentlich schlimme Art aber stammt pur von dieser Erde ab; ihre Seele ist
gewisserart eine Zusammensetzung von einzelnen Lebensteilchen, die, vom Satan
genommen, in der Masse des Erdkörpers als Materie gefangengehalten werden, von
dieser dann durch die Pflanzenwelt in die Tierwelt übergehen, sich durch die
vielen Stufen der Tierwelt endlich dann als eine Potenz, bestehend aus
zahllosen Urseelenteilchen, zu einer Weltmenschenseele ausbilden und bei den
besonders ungesegneten Zeugungen in den Leibern der Weiber Fleisch annehmen und
weiter, gleich wie die Kinder des Lichtes aus der geistigen Sphäre der Himmel,
in diese Welt geboren werden.
[GEJ.02_169,04] Nun, solche Kinder, da ihr
ganzes Wesen aus dem Satan genommen ist, sind dann auch stets mehr oder weniger
der Gefahr ausgesetzt, von irgendeinem bösen Geiste, das heißt von der
schwarzen Seele eines einst auf dieser Erde schon im Fleische gelebt habenden
Teufels von einem Menschen, besessen zu werden, was aber besonders da am
ehesten geschehen kann, wo eine solch junge, aus dem Satansteile der Erde
genommene Seele eine gute und himmlische Richtung zu nehmen beginnt. Weil
dadurch ein Lebensteil sich aus der Sphäre der Hölle entreißt, so verursacht
solches der gesamten Hölle einen unerträglichen Schmerz, darum sie dann auch
alles aufbietet, um solch eine Verwundung zu verhüten.
[GEJ.02_169,05] Du fragst nun freilich, wie
solches der Hölle denn doch einen Schmerz verursachen könne; denn eine solche
Seele müsse der Hölle gegenüber ja doch noch ums Unnennbare kleiner und
geringfügiger sein, als da ist ein Härchen am Menschen dem ganzen Menschen
gegenüber. Und Ich sage dir, daß dies allerdings richtig geurteilt ist; aber
ergreife du an deinem Leibe das kleinste Härchen und raufe es aus, und du wirst
dabei gewahr werden, daß du beim Akte des Haarausraufens nicht bloß an der
Stelle des Härchens, sondern wohl im ganzen Leibe einen unausstehlichen
Stechschmerz verspüren wirst, der dich zur Verzweiflung brächte, so er nur eine
Stunde gleichfort währte.
[GEJ.02_169,06] Aus dieser dir nun gegebenen
Erklärung kannst du nun schon ein wenig tiefer einsehen, warum auf der Erde das
Besessensein vorkommt und bis ans Ende dieser Erde vorkommen wird.
[GEJ.02_169,07] Dieses Besessensein aber hat
für den Besessenen auch sein entschieden Gutes; denn eine solche Seele, deren
Leib von irgendeinem Teufel in Besitz genommen wird, wird durch die Qualen
ihres Fleisches offenbarst geläutert und vor dem bösen Eingehen in ihren Leib
bewahrt. Zur rechten Zeit aber kommt dann schon die Hilfe von oben, und eine
Weltseele ist dann total gewonnen für den Himmel. – Sage, ob du die Sache nun
etwas begriffen hast!“
[GEJ.02_169,08] Sagt Petrus: „Ja Herr, das ist
mir nun ganz klar geworden; aber dann wäre es ja beinahe besser, einem noch so
schwer Besessenen gar nicht zu helfen!?“
[GEJ.02_169,09] Sage Ich: „Wenn jemand kommt
und dich um Hilfe angeht, so sollst du sie ihm nicht vorenthalten; denn da
sorgt schon Meine Vorsicht dafür, daß irgendein Beteiligter nicht eher in
diesen Fällen zum Hilfesuchen gelangt, bis es beim Besessenen gerade an der
Zeit ist, daß ihm eine rechte Hilfe werde. Darum ist sie denn auch keinem
Suchenden vorzuenthalten! – Verstehest du denn nun auch diese gleich
vollwichtige Erklärung?“
[GEJ.02_169,10] Sagt Petrus: „Ja Herr, Dir
allein allen Dank, alle Liebe und alle Ehre darum! So gibt es in der Welt denn
doch nichts, woraus für den in göttlichen Dingen Verständigen nicht gleichweg
die höchste Liebe und Weisheit Gottes vollauf ersichtlich wäre!“
[GEJ.02_169,11] Sage Ich: „Ja, also ist es,
darum sollt ihr denn auch bei allen noch so widerwärtigen Erscheinungen auf
dieser Erde nicht verzagen; denn der Vater im Himmel weiß darum und weiß es am
besten, aus welchem Grunde Er sie zuläßt!
[GEJ.02_169,12] Also sind die meisten
Krankheiten, die die Menschen zu durchleiden haben, nichts als Verhütungen, daß
die Seele nicht eins werde mit dem Fleische, das sogar bei den Kindern des
Lichtes aus dem gebannten Satan genommen ist; nur ist bei den Kindern des
Lichtes ein Unterschied darin, daß ihre Leiden, wenn die Seele fleischlich
werden will, vom Himmel aus verfügt werden. Aber auch die Schmerzen der Kinder
der Welt werden dahin aus den Himmeln verordnet und zugelassen, sind aber im
Grunde doch Schmerzen der Hölle, die der Leib des Weltkindes als ein voller
Teil der Hölle gleichsam mitfühlt, wenn die Hölle dadurch in einen großen
Stechschmerz versetzt wird, so ihr durch den gewaltigen Einfluß der Himmel ein
Teil ihres Gesamtlebens vom Grunde aus abgerissen wird! – Verstehst du nun auch
solche Meine Erklärung?“
[GEJ.02_169,13] Sagt Petrus: „Ja Herr, auch
diese Erklärung verstehe ich; Dir wie allzeit alle meine Liebe für ewig!“
170. Kapitel
[GEJ.02_170,01] Sage Ich: „Habt ihr es wohl
gemerkt, daß uns niemand sah besteigen diesen Berg, und daß wir uns hier
gelagert haben?“
[GEJ.02_170,02] Sagen die Jünger: „Herr, wir
haben auf dem ganzen, gut zwei Stunden langen Wege keinen Menschen gesehen,
wollen darum aber ja nicht behaupten, daß uns niemand gesehen habe!“
[GEJ.02_170,03] Sage Ich: „Das Weib hat uns
dennoch gesehen und entdeckt, daß wir hier Lager genommen haben, und das
genügt, daß morgen dieser Hügel von Tausenden betreten werden wird!“
[GEJ.02_170,04] Sagen die Jünger: „Herr, wir
sind so müde nicht; verlassen wir darum etwa nach Mitternacht diesen Berg und
begeben uns woandershin, allwo uns das allzeit lästige Volk nicht finden wird,
und wir können also dann etliche Tage ausruhen!“
[GEJ.02_170,05] Sage Ich: „Wir werden aber
dennoch hier bleiben! Denn es ist also des Vaters Wille, daß Ich hier heile
allerlei bresthafte Menschen von ihren leiblichen Übeln. Darum werde Ich Mich
drei volle Tage auf diesem Berge aufhalten. Am Morgen könnt ihr irgendwohin gehen
und für uns auf die drei anberaumten Tage mäßig viel Brot herschaffen!“
[GEJ.02_170,06] Sagt Judas Ischariot: „Da
werden wir weit zu gehen haben; denn das ist eine offenbare Wüste, und unter
drei bis vier Stunden Weges finden wir nirgends einen Ort, wo wir Bäcker
antreffen!“
[GEJ.02_170,07] Sagt Petrus: „Dafür werde
schon ich Sorge tragen; denn an dieses Meeres Ufern ist mir kein Ort fremd, und
ich weiß es, wohin man zu gehen hat, um Brot zu bekommen. Zwei Stunden Weges
höchstens hin und ebensoviel hierher zurück!“
[GEJ.02_170,08] Sage Ich: „Nun gut, so sorge
du, Simon Juda, darum! Den du berufst, der soll dein Begleiter sein!“
[GEJ.02_170,09] Sagt Petrus: „Herr, wir sind
unser etliche zwanzig; so aber zehn mit mir gehen, so bringen wir des Brotes
und auch der schon gebratenen Fische für drei Tage zur Übergenüge.“
[GEJ.02_170,10] Sage Ich: „Also ist es gut;
nun aber lasset uns ruhen!“
[GEJ.02_170,11] Darauf suchte sich jeder ein
Plätzchen aus, das ihm zur Ruhe die meiste Bequemlichkeit bot, und so ward es
bald stille auf dem Berge. Alle Jünger schliefen bald ein; nur Ich allein blieb
wach und schlief erst gegen Morgen ein wenig ein. Als Ich mit dem
Sonnenaufgange erwachte, war Petrus auch schon mit einer Menge Brotes an Ort
und Stelle; denn er verließ schon bei drei Stunden vor dem Aufgange den Berg
und fand unten am Ufer des Meeres ein mit Brot beladenes Schiff, das von
Magdala herkam und damit nach Jesaira steuern wollte. Petrus aber nahm dem
Schiffe nahezu die Viertelladung ab, und Matthäus, der junge Zöllner, bezahlte
die ganze Abnahme. Zugleich führte dies Schiff auch gute, frisch gebackene
Fische, von denen der gute Petrus auch eine ganze Kiste voll nahm, die
ebenfalls der Matthäus bezahlte. Mit allem dem war nun dieses Berges Höhe
versehen; aber eines mangelte, und das war eine gute Quelle. Wasser war auf dem
ganzen, ziemlich gedehnten Berge aber auch nicht einmal tropfenweise
anzutreffen, und der geringe Weinvorrat reichte kaum für einen halben Tag.
[GEJ.02_170,12] Da traten zu Mir Petrus und
Mein Johannes, und beide sprachen: „Herr, Du bist mehr denn Moses! So Du
sprächest zu diesem schönen weißen Felsblock, daß er Wasser gäbe, so würde
sicher sogleich das reinste Wasser hervorquellen!“
[GEJ.02_170,13] Sage Ich: „So ihr beide
hinreichend Glauben habt, so leget eure Hände auf den Stein und gebietet ihm in
Meinem Namen, daß er Wasser gäbe, und es soll an der Stelle, die ihr mit euren
Händen angerührt habt, sogleich eine Menge des besten, reinsten und
wohlschmeckendsten Wassers geben!“
[GEJ.02_170,14] Als die beiden solches
vernahmen, da suchten sie sich gleich eine passende Stelle aus auf dem Steine
und legten ihre Hände darauf. Aber der Stein wollte dennoch kein Wasser geben!
Als sie bei einer Stunde lang ihre Hände auf dem Steine gehalten hatten, da
fing derselbe an sich zu rühren und schob sich bald über zehn Schritte von der
früheren Stelle; denn dieser Steinblock war vor mehreren tausend Jahren einmal
da von der Höhe herab als ein Meteor aufgestürzt und hatte dadurch die einzige
Wasserquelle dieses Berges derart verstopft, daß der Quelle aber auch nicht ein
Tropfen Wasser mehr entrinnen konnte. Da aber nun der Stein auf diese Weise von
der alten Stelle abgehoben ward, so war denn auch sogleich die beste und sehr
reichliche Quelle am Tage, und zwar gleich einem bei fünf Schuh tiefen Bassin,
das – wie schon gezeigt – der Stein vor mehreren tausend Jahren durch seinen
Aufsturz verursacht hatte.
[GEJ.02_170,15] Und so war denn nun dieser
Berg auch mit dem besten Wasser für immer versehen (und ist es noch bis zur
Stunde). Aber weder Petrus noch Johannes begriff, wie der Stein durch die pure
Auflegung ihrer Hände zum gleichwie freien Fortbewegen gekommen ist. Es
versuchten hernach auch alle andern Jünger, ihre Hände an den Stein zu legen,
um zu erfahren, ob er noch weiterginge. Aber diese richteten mit dem Steine
nichts aus.
[GEJ.02_170,16] Als aber Petrus und Johannes
ihre Hände wieder auf den Stein legten, so fing er sogleich wieder an, sich
weiterzubewegen. Da fragten Mich die andern Jünger: „Herr, warum können denn
wir das nicht zustande bringen?“
[GEJ.02_170,17] Sage Ich: „Weil euer Glaube
hie und da noch ein wenig wurmstichig ist und der gerechten Kraft ermangelt.
Aber Ich sage es euch: So ihr einen rechten Glauben hättet und möchtet nicht
zweifeln an dem, was ihr bewirken wollt, wahrlich, ihr könntet auf einen ganzen
Berg eure Hände legen und ihm gebieten, und er würde seine Stelle gleich diesem
ziemlich schweren Steine verlassen und sich woandershin bewegen. Aber dazu ist
euer Glaube noch viel zu schwach! Ja, Ich sage euch noch mehr! So ihr einen
wahren, festen Glauben besäßet, so könntet ihr zu jenem hohen Berge, den wir
bei Genezareth bestiegen haben, von hier aus sagen: ,Hebe dich und falle ins
Meer!‘, und der Berg würde sich heben und fallen ins Meer nach eurem Worte und
Willen! Doch, was ihr nun noch nicht vermöget, das werdet ihr dennoch dereinst
vermögen! – Nun aber lasset uns das Morgenbrot nehmen; denn es wird dann gar
nicht lange mehr hergehen, und wir werden von Menschenmassen nahezu erdrückt
werden! Den Vorrat des Brotes und der Fische aber leget auf jenen Stein, der
durch euch von hier weitergerückt worden ist!“
[GEJ.02_170,18] Wir nahmen darauf das
Morgenbrot zu uns, und nachdem wir es mit etwas Fischen verzehrt hatten, legten
die Jünger den noch bedeutenden Vorrat auf den großen, weißen Stein, und wir
besahen uns die schöne Gegend, die weit ausgebreitet vor uns nach allen Seiten
hin lag. Man konnte von diesem Berge ganz gut bei einem heiteren Wetter hie und
da das Ufer des großen Mittelmeeres erschauen und die Türme von Sidon und Tyrus
und noch eine große Menge anderer Ortschaften; kurz, die Fernsicht von diesem
Berge war überaus reizend und wetteiferte mit mehreren viel höheren Bergen, zu
deren Besteigung man oft einen vollen Tag vonnöten hatte. Die ganze Höhe maß
über die Meeresfläche nach den Maßbestimmungen dieser Zeit etwas über
viertausend Fuß. Das Plateau war so weit und geräumig, daß man darauf eine
recht große Stadt hätte setzen können; nur die Zugänge waren von allen Seiten
ziemlich steil, und man mußte sich bei manchen Stellen eine ziemliche Mühe
gefallen lassen, um sie zu überwinden. An mehreren Stellen war dieser Berg
sogar unersteiglich; aber von der Seite, von der wir ihn bestiegen hatten, war
er ziemlich gut zu besteigen. Und von dieser Seite her vernahmen wir denn auch
nach einer etwa stündigen Betrachtung der schönen Fernsicht eine Menge
Menschenstimmen, darunter viele Schmerzenslaute von jung und alt und von
männlich und weiblich.
171. Kapitel
[GEJ.02_171,01] Als Judas Ischariot solches
vernahm, schlug er die Hände über dem Kopfe zusammen und sprach: „Nein, da wird
es mir denn doch endlich einmal zuviel! Da kommen ja gleich wieder nicht etwa
Hunderte, sondern Tausende von Menschen, und das sicher mehr Kranke als
Gesunde! Lebe wohl, du stiller Friede dieser Höhe! Das wird wieder ein Getummel
und Getümmel werden, und von einer Ruhe wird keine Rede mehr sein können!“
[GEJ.02_171,02] Sage Ich: „Was kümmert denn
dich das? Zu dir kommt sicher keine Seele, und die Kranken wirst du nicht gesund
zu machen brauchen; geht es dir bei Mir zu unruhig und zu bunt zu, so ziehe
nach deiner Heimat und besuche mit deinen Töpfen wieder die Märkte! Solange du
bei Mir sein willst, mußt du dich fügen in Meine Anordnungen, weil auf Meinen
Wegen und Stegen Ich allein der Herr bin! Werde Ich aber jemals zu dir kommen
und mit dir ziehen auf deinen Wegen und Stegen, dann werde Ich Mich in deine
Anordnungen fügen und dich als Herrn deiner Sache anerkennen! Hier aber, meine
Ich, ist es etwa doch wohl der umgekehrte Fall?!“
[GEJ.02_171,03] Sagt Judas Ischariot, in sich
hineinbrummend: „Nun ja, nun ja, – ich darf nur den Mund auftun, so ist schon
alles gefehlt! Kann ja für alle Zukunft auch so stumm bleiben wie ein Stein!“
[GEJ.02_171,04] Sagt endlich auch einmal wieder
der weise Nathanael: „Das wäre von dir einmal ein weiser Zug, den ich bei dir
aber noch immer vermißt habe. Ja, reden zu rechter Zeit, ist eine schöne Sache
für den, der etwas zu reden hat und zu reden versteht; aber für einen Dummen
ist das volle Schweigen noch um vieles schöner!“
[GEJ.02_171,05] Während Nathanael also noch
einige Weisheitssprüche Salomons dem Judas Ischariot ins Gedächtnis rief, kamen
schon an verschiedenen Seiten des großen Bergplateaus eine übergroße Menge
Menschen von allen Gegenden zum Vorschein und brachten mit sich Lahme, Blinde,
Stumme, Krüppel aller Art und noch viele andere mit allerlei Krankheiten
Behaftete und legten alle die vielen Leidenden, derer bei fünfhundert an der
Zahl waren, in einem weiten Kreis um Mich herum, als wie zu Meinen Füßen, und
baten Mich, daß Ich sie heilete. Und siehe, Ich heilte sie mit einem einzigen
Wort und sagte dann zu den Geheilten: „Stehet nun auf und wandelt!“
(Matth.15,30)
[GEJ.02_171,06] Da merkten es zuerst die
Blinden, daß sie sahen so gut und rein, als wären sie frisch geboren worden.
Gleich darauf merkten es auch die Stummen und gaben Antwort und Rede auf
jegliche Frage. Darauf erst versuchten es die Lahmen und die Krüppel, ob ihre
kontrakten (gelähmten) und zum Teil ganz verdorrten Glieder in der Ordnung
seien. Es war aber darunter auch nicht einer, der da hätte sagen können: ,Mir
ist dennoch nicht vollkommen geholfen worden!‘ In gleichem Maße wurden auch
alle andern Kranken völlig gesund.
[GEJ.02_171,07] Als das Volk ersah, daß die
Stummen redeten, die Blinden sahen, die Lahmen wohlgemut gerade gingen und
allerartige Krüppel und andere Kranke vollauf gesund waren, da verwunderte es
sich über alle Maßen gewaltig und fing an, laut zu preisen den Gott Israels.
(Matth.15,31) Und sie blieben darauf bis an den dritten Tag bei Mir auf dem
Berge, obwohl sie schon am zweiten Tage ihren mitgenommenen Mundvorrat bis auf
den letzten Brosamen aufgezehrt hatten.
[GEJ.02_171,08] Man kann hier füglich fragen,
was denn diese Volksmasse die zwei andern Tage hindurch auf dem Berge gemacht
hat. – Darauf kann in Kürze geantwortet werden, daß sich alle die etlichen
tausend Menschen beiderlei Geschlechts in Meiner Lehre von Mir und von den
Jüngern haben unterweisen lassen. Merkwürdig aber war es, daß da unter den
etlichen Tausenden auch nicht einer war, der da ergriffen hätte die Partei der
Pharisäer und Schriftgelehrten. Im Gegenteile wußten sie dazu noch eine Menge
löblicher Stücklein zu erzählen, die sie bei verschiedenen Gelegenheiten mit
den Templern erlebt, dabei aber auch nur zu oft die bittersten Erfahrungen
gemacht und darauf bitter beklagt hatten, mit diesen blinden Zeloten je in
Berührung gekommen zu sein.
172. Kapitel
[GEJ.02_172,01] Es waren darunter auch eine
Menge Griechen, die im höchsten Grade über die Lehre erstaunten, und einer von
ihnen sagte: „Ja, das ist eine Lehre aus dem Fundamente der Natur! Da ist
nichts Positiveres, nichts Willkürliches, das da sich ausgedacht hätte ein
Mensch, damit er als Gesetzgeber aus Millionen von Menschen, die seine Gesetze
zu beachten haben, sich am besten befände, so seine Gesetze beachtet werden,
sondern diese Lehre enthält Gesetze, die vorerst das Leben des Menschen
urgrundsächlich bedingen und somit auch höchst geeignet sind, dasselbe unter
den besten, reinsten und wohltuendsten Verhältnissen für ewig zu erhalten. Da
sieht nirgends ein Eigennutz und noch weniger irgendeine Herrschsucht heraus,
sondern da ist gesorgt wie für jeden einzelnen an und für sich, also auch für
eine zahllose Allgemeinheit! Wahrlich, durch diese Lehre, so sie erkannt und
dann allgemein beachtet würde, müßte die Erde selbst ja schon zu einem Himmel
werden!
[GEJ.02_172,02] Aber, und das ist ein großes
Aber, dazu wird eine total neue Generation vonnöten sein! Der unverbesserliche
Mist von Menschen muß von der Erde vertilgt werden, sonst wird es ewig nimmer
anders auf dieser Erde! Der Luxus und der Bequemlichkeitssinn hat eine zu hohe
Stufe erreicht, der Mächtigere weiß sich die arme, schwache und ohnmächtige
Menschheit zunutze zu machen; und darum leben nur wenige Menschen im Glücke,
und die ungeheure Menge von Menschen muß darben! Und so kommt es dann, daß der
arme Teufel am Ende an einer Vorsehung Gottes verzweifelt, der Reiche und
Mächtige aber vor lauter Glück und Wohlergehen Gott vergißt, und die Folge ist,
daß am Ende beide des Teufels werden müssen!
[GEJ.02_172,03] Ja, Herr und Meister, Deine
Lehre hat in sich die reinste göttliche Wahrheit, ja ich möchte sagen: Sie ist
schon an und für sich pur Leben. Aber leider wird sie von der nichts glaubenden
hohen Welt sicher nicht adoptiert werden, weil diese sich schon einmal auf der
Erde eine solche Stellung gegeben hat auf dem Wege des Heidentums, daß sie
dabei irdisch sehr gut bestehen kann. Adam wäre denn trotz seines gepriesenen
Edens ein armer Schlucker gegen einen Cäsar Augustus oder gegen einen Lukullus
und mehrere Hunderte dergleichen. ,Das kann man sich durch den Zeus, Apollo,
Merkur usw. verschaffen; man kann an der Seite dieser Phantasiegötter endlos
gut leben! Wozu dann Wahrheit, wozu Liebe, Sanftmut, Geduld und Weisheit?‘ Also
werden die Großen und Mächtigen der Erde philosophieren und Deine wahrhaft
heilige Freundschaftslehre gegen jedermann verfolgen, wie da verfolgt wird ein
Lamm von den hungrigen Wölfen.
[GEJ.02_172,04] Wie wird der sich je in Deine
göttliche Freundschaftslehre finden, dem die Sklaverei seiner Nebenmenschen das
höchste Bedürfnis zu seinem Wohlleben ist? Ja, Herr und Meister und allein
wahrer Heiland der armen leidenden Menschheit, gehe hin, tue Wunder, predige die
ewige Sklaverei und zeige es dem schmachtenden Volke, daß ein Cäsar allein das
Recht hat, auf der Erde zu leben, alles Volk aber nur insoweit, als es dem
Cäsar beliebt! Zeuge weiter laut, daß der Cäsar das unbestreitbare Recht habe,
über jedermanns Leben und Tod zu verfügen nach seiner Willkür und einzuziehen
alle Schätze und Güter der Erde, so werden Dir bald königliche Kleider angetan
werden, und Du wirst einhergehen in großer Pracht und Majestät!
[GEJ.02_172,05] Aber da Deine Lehre die
allgemeine Brüderschaft predigt und in einem jeden Menschen ein Gotteskind
darstellt, so wirst Du, lieber, für mich wahrhaft heiliger Meister, samt Deiner
Lehre verfolgt werden über alle denkbaren Maßen.“
[GEJ.02_172,06] Sage Ich: „Freund! Was du
hier geredet hast, ist leider wahr; es wird bei den großen und mächtigen Heiden
manchen harten Kampf kosten, bis bei ihnen Meine Lehre vollen Eingang finden
wird! Aber wird sie bei ihnen einmal dennoch Eingang finden, so werden eben die
Cäsaren und die Könige Meine wirkendsten und eifrigsten Apostel sein! Sie
selbst werden die Götzentempel niederreißen und an deren Stellen erbauen
Gotteshäuser, in denen sich die Brüder alle einfinden und allda geben werden
dem einen, allein wahren Gott die Ehre, und ihre Kinder werden in den Gotteshäusern
unterwiesen werden in der Lehre, die Ich nun gebe zum zeitlichen und ewigen
Heile den Menschen.
[GEJ.02_172,07] Aber das wird freilich nicht
von heut auf morgen geschehen, sondern nach der rechten Zeit und den rechten
Umständen; denn zuerst muß der Same ausgestreut werden, dann keimt er und
bringt am Ende viele Frucht.
[GEJ.02_172,08] Daß aber diese Meine Lehre
nebenher von der eigentlichen Welt, die nicht sterben wird, allzeit
Anfechtungen erleben wird, das weiß Ich um eine Ewigkeit schon zum voraus.
[GEJ.02_172,09] Ja, diese Meine
allersanfteste Lehre wird mit der Zeit sogar die blutigsten Kriege anfachen,
aber es kann solches auch nicht vermieden werden; denn das Leben ging hervor
aus einem gewaltigen Kampfe in Gott, ist und bleibt darum ein fortwährender
Kampf und kann nur durch den geeigneten Kampf erhalten werden! – Verstehest du
solches?“
[GEJ.02_172,10] Sagt der Grieche: „Herr und
Meister, das ist für unsereinen zu tief! Das magst Du und Deine Schüler wohl
fassen; aber für mich ist das etwas zu Unbegreifliches und unergründlich
Tiefes!“
[GEJ.02_172,11] Sage Ich: „Ja, ja, das meine
Ich auch; aber dennoch ist und bleibt es ewig also, wie Ich es dir nun
geoffenbart habe!“
[GEJ.02_172,12] Auch alles andere Volk ward
voll Staunen über solche Meine Rede, und mehrere machten unter sich die
Bemerkung und sagten: „Unser Altvater, der weise Grieche, aus Pathmos gebürtig,
hat wahrlich recht klug gesprochen; aber man merkte es dennoch klar, daß aus
dem Menschen nur ein Mensch sprach. Wenn aber dieser noch recht junge Mann und
Meister spricht, so ist es, als ob nicht er, sondern Gott Selbst aus ihm
spräche; und jedes Wort aus seinem Munde dringt also zum Herzen wie ein alter
guter Wein und macht dasselbe fröhlich durch und durch.“ – Dergleichen
Bemerkungen sind noch vielfach gemacht worden, besonders am dritten Tage, wo
dies Volk schon mehr und mehr in Meine Lehre eingeweiht war.
173. Kapitel
[GEJ.02_173,01] Noch ist hier zu bemerken,
daß das Volk vor lauter Freude und Verwundern über Meine Freundlichkeit und
über Meine Lehre darauf vergaß, daß es nichts mehr zu essen und zu trinken
hatte. Gegen Abend hin aber meldete sich dennoch der Hunger, und sie fingen an,
sich gegenseitig zu fragen, ob unter ihnen niemand einen Mundvorrat hätte. Aber
das Fragen war eine vergebliche Mühe; denn sie hatten schon an dem
vorhergehenden Tage allen ihren mitgenommenen Vorrat bis auf den letzten
Brosamen aufgezehrt.
[GEJ.02_173,02] Als Ich solches nur zu gut
merkte, rief Ich die Jünger zu Mir und sagte zu ihnen: „Höret! Es jammert Mich
des Volkes; denn es verharrete nun schon drei Tage bei Mir und hat nun nichts
mehr zu essen. Ich aber will es nicht hungrig von Mir entlassen, auf daß es
nicht verschmachte auf dem Heimwege (Matth.15,32); denn einige aus diesem Volke
sind von weit her gereist. Gebet ihr ihnen zu essen!“
[GEJ.02_173,03] Sagen die Jünger: „Herr, Du
weißt ja um unsern auch ziemlich zusammengeschmolzenen Vorrat! Hier ist eine
Wüste, woher werden wir so viel Brot nehmen, um dieses Volk zu sättigen?“
(Matth.15,33)
[GEJ.02_173,04] Darauf fragte Ich die Jünger,
sagend: „Wie viele Laibe Brot habt ihr noch in eurem Vorrate?“
[GEJ.02_173,05] Und die Jünger antworteten:
„Sieben Laibe noch und etliche Fischlein, die noch gut sind.“ (Matth.15,34)
[GEJ.02_173,06] Da sagte Ich zu den Jüngern:
„Bringet die Brote und die Fische her!“
[GEJ.02_173,07] Und die Jünger gingen und
brachten die Brote und die Fische. Ich aber segnete beides, Brot und Fische.
Darauf behieß Ich, daß sich das Volk lagere am Boden. (Matth.15,35) Als sich das
Volk gelagert hatte, nahm Ich das Brot und die Fische, dankte dem Vater, der in
Meinem Herzen wohnte in aller Fülle, für den Segen, brach darauf beides in
Stücke und gab diese den Jüngern, und diese gaben sie dem Volke. (Matth.15,36)
Und sieh, alle aßen nach Herzenslust und nach dem Bedürfnisse ihres Magens und
wurden satt. Sie konnten aber über die volle Sättigung hinaus nicht mehr essen,
und es blieben so viele Brocken übrig, daß man mit denselben sieben große Körbe
voll klaubte. (Matth.15,37) Derer aber, die da gesättigt wurden, waren
viertausend Mann und noch einmal soviel Weiber und Kinder, die nicht in die
Rechnung zu nehmen sind. (Matth.15,38)
[GEJ.02_173,08] Als aber das Volk also
gesättigt worden war, da behieß Ich es nun wieder nach Hause zu ziehen. Und das
Volk erhob sich bald, da es mit dem Tage schon ziemlich nahe dem Untergange
stand; es dankte Mir groß und klein und jung und alt und begab sich dann auf
den Heimweg.
[GEJ.02_173,09] Als sich nach einer halben
Stunde das Volk schon sehr verlaufen hatte und außer Mir und den Jüngern sich
niemand mehr auf des Berges Höhe befand, da begab auch Ich Mich mit den Jüngern
vom Berge hinab ans Meeresufer, an dem gerade ein Schiff feierte und auf eine
Fracht wartete. Wir kamen diesem Schiffe darum sehr willkommen. Als aber die
Schiffsleute Mich erkannten, da verbeugten sie sich tief vor Mir; denn sie
kannten Mich von Kana in Galiläa aus. Sie forderten darum auch keinen
Schiffslohn von Mir, sondern baten Mich um den Segen für ihr neu unternommenes
Geschäft.
[GEJ.02_173,10] Und Ich sagte zu den
Schiffern: „So es euch nicht zu sehr aus dem Wege ist, so lenket das Schiff an
die Grenze von Magdala, allwo Ich etwas zu tun habe!“ – Und die Schiffer lösten
das Schiff von den Uferklötzen, und es kam bald ein günstiger Wind und trieb
das Schiff in kurzer Zeit bis an die Grenze des Gebietes von Magdala.
(Matth.15,39)
174. Kapitel
[GEJ.02_174,01] An der Grenze aber war eine
große Herberge, allwo sich stets eine Menge von Menschen aller Art und Gattung
– als Juden, Griechen, Römer, Ägypter, Samariter, Sadduzäer, Essäer, auch
mehrere Pharisäer und Schriftgelehrte – befanden, und als Ich mit Meinen
Jüngern allda ankam, so erkundigten sich natürlich vor allem die Pharisäer und
Schriftgelehrten, wer Ich sei und wer Meine Jünger. Aber an diesem Abende
erfuhr niemand etwas, wer wir seien.
[GEJ.02_174,02] Aber in dieser Herberge war
eine Magd, die auch auf dem Berge mit vielen aus dieser Gegend zugegen war und
von ihrem bösen Aussatze gereinigt ward. Diese Magd erkannte Mich, fiel vor Mir
auf ihre Knie nieder und dankte Mir abermals für die ihr erteilte Heilung. Das
sahen etliche Pharisäer und fingen an zu vermuten, daß Ich der für sie
berüchtigte Jesus aus Nazareth sei.
[GEJ.02_174,03] Am Abend Meiner Ankunft
ließen sie Mich und Meine Jünger in aller Ruhe; aber unter sich beratschlagten
sie sich mit den Sadduzäern die ganze Nacht hindurch, wie sie Mich etwa fangen
könnten mit Wort und Tat am kommenden Tage, der gerade ein Nachsabbat war.
[GEJ.02_174,04] Als Ich am Morgen mit Meinen
Jüngern im Freien das Morgenbrot verzehrte und zugleich denselben kundgab, daß
hier an diesem Orte nicht viel zu machen sein werde, da gingen die Pharisäer
und Sadduzäer aus dem Hause, traten gleich ganz herrscherisch keck zu Mir und
fingen an, Mich mit allerlei Fragen unter sehr freundlicher Larve zu versuchen,
und lobten sogar viele Meiner Taten, die voll Ruhmes wären, um Mich dadurch
etwa so recht geschwätzig zu machen, – worin sie sich aber ganz gewaltig
irrten. Ein Sadduzäer sagte sogar: „Meister, siehe wir wären geneigt, dir zu
folgen und deine Jünger zu werden, wenn du als ein Gotteskind und Gottessohn,
wie dich nun schon viele Menschen also benamsen, uns darum ein Zeichen gäbest
aus den Himmeln! (Matth.16,1) Wirke vor unsern Augen ein Wunder, und du kannst
uns dein nennen!“
[GEJ.02_174,05] Als Ich aber ihre Herzen
durchschaute, da fand Ich nichts denn eitel Böses; jegliches Wort, das sie
redeten, war eine allerabgefeimteste Lüge, und Ich sagte darum zu den
verschmitzten Fragern und Forderern: „Des Abends saget ihr: ,Oh, es wird morgen
schön werden; denn der Himmel ist rot!‘ (Matth.16,2) Und des Morgens saget ihr:
,Oh, es wird heute ein bös Wetter werden; denn der Himmel ist rot und trübe!‘ O
ihr argen Heuchler! Des Himmels Gestaltung könnet ihr beurteilen; warum denn
nicht auch die großen Zeichen dieser Zeit in der Sphäre des geistigen Lebens
der Menschen? (Matth.16,3) So ihr von andern nach eurem Geständnisse so
außerordentliche Dinge vernommen habt und sagt, daß ihr die Schrift verstehet,
muß es euch nicht auffallen, daß durch Mich alles das gewirkt wird, wovon die
Propheten geweissagt haben?! Eure Miene wohl wißt ihr also süß zu machen wie
Milch und Honigseim, aber euer Herz ist voll Galle, voll Haß, voll Hurerei und
voll Ehebruch!“
[GEJ.02_174,06] Auf diesen Bescheid traten
die Versucher als im höchsten Grade getroffen und verletzt ab und getrauten
sich kein Wort mehr an Mich zu richten; denn alles Volk, das sich um Mich
versammelt hatte, richtete sehr fragende Blicke auf sie, und sie fanden es für
geraten, sich mit Mir in keine weitere Besprechung mehr einzulassen.
[GEJ.02_174,07] Als aber diese Versucher sich
weidlichst aus dem Staube gemacht hatten, belobte Mich das Volk, daß Ich diesen
Zeloten so recht handfest die nackteste Wahrheit unter ihre Nüstern gerieben
habe.
[GEJ.02_174,08] Ich aber kehrte Mich nicht
zum Volke, das im Grunde auch nicht zu dem besten zu zählen war, sondern sagte
so wie im Vorbeigehen zu den Jüngern: „Diese böse und ehebrecherische Art sucht
ein Zeichen von Mir; aber es soll ihr kein anderes gegeben werden denn das des
Propheten Jonas!“ (Matth.16,4) Darauf ließ Ich das Volk und noch mehr die
Versucher stehen und ging mit Meinen Jüngern eiligst davon, bestieg das noch
harrende Schiff und behieß das Schiff wieder dahin zu lenken, von wo es am
Abende ausgelaufen war.
[GEJ.02_174,09] Als wir aber also am
heitersten Tage hinübergefahren waren unter mancherlei Besprechungen über die
Orte und über die Menschen, wo wir gut aufgenommen waren, und wieder am Fuße
jenes Berges uns befanden, auf dessen Kuppe tags vorher mit sieben Broten und
etlichen Fischlein so viele tausend Menschen gesättigt worden waren, da erst
erinnerten sich die Jünger, daß sie an der Grenze von Magdala vergessen hatten,
Brot zu kaufen und mitzunehmen (Matth.16,5); denn es war schon ziemlich spät am
Nachmittage, und der Hunger hatte sie daran am meisten gemahnt. Sonach
beschlossen einige aus ihnen, irgend in dieser Umgegend sich Brot zu
verschaffen oder gar nach Magdala eine Rückfahrt zu machen, weil man von hier
bei gutem Winde leicht in einer Stunde nach dem Orte Magdala gelangen konnte.
[GEJ.02_174,10] Als Mich aber darum die
Jünger um den nötigen Rat fragten, da sagte Ich zu ihnen: „Tut, was ihr wollt!
Sehet aber wohl zu und hütet euch vor dem Sauerteige der Pharisäer und
Sadduzäer!“ (Matth.16,6) – Als die Jünger solches von Mir vernahmen, da dachten
sie bei sich im geheimen: „Aha, da haben wir's! Das ist ein leichter Verweis,
darum wir kein Brot mit uns genommen haben!“ (Matth.16,7)
[GEJ.02_174,11] Da Ich aber solch ihre
ängstlichen Gedanken nur zu bald merkte, so sagte Ich zu ihnen: „O ihr noch
immer Kleingläubigen! Was bekümmert ihr euch doch, daß ihr nicht habt Brot mit
euch genommen?! (Matth.16,8) Vernehmet (soviel als: verstehet) ihr denn noch
nicht? Gedenket ihr nicht mehr an die fünf Brote unter die fünftausend vor der
Genezareth-Fahrt, und wieviel Körbe davon übrigblieben?! (Matth.16,9) Auch etwa
nicht mehr an die gestrigen sieben Brote unter die viertausend ungezählt der
Weiber und Kinder, und wie viele Körbe ihr da aufhobet?! (Matth.16,10) Wie
möget ihr das doch nicht verstehen, daß Ich nicht das Brot, das ihr nicht
mitgenommen habt, meine, so Ich zu euch sage: ,Hütet euch vor dem Sauerteige
der Pharisäer und Sadduzäer!‘ (Matth.16,11), – worunter zu verstehen ist die
falsche Lehre, die diese Menschen mit allerlei süßen, fromm scheinenden und
freundlichen Gebärden, treuen Versicherungen und Verheißungen unters Volk
streuen und sich dabei heimlich den Rücken voll lachen, so sie einen tüchtigen
Fischfang von armen, dummen Seelen gemacht haben.
[GEJ.02_174,12] Wer predigt schärfer als eben
die Sadduzäer von der Unsterblichkeit der menschlichen Seele, wer so wie sie
von einem ewigen Eden und von einer ewigen Feuerqual in der Hölle, – und sie
selbst für ihre Person glauben von all dem kein Jota und sind dabei die größten
Gottesleugner! Verstehet ihr nun einmal, was Ich unter dem Sauerteige gemeint
habe?“ – Darauf erst verstanden die Jünger, daß Ich nicht gesagt hatte, daß sie
sich hüten sollten vor dem Brotsauerteige, sondern vor der argen Lehre der
Pharisäer und Sadduzäer. (Matth.16,12) – Wir aber verblieben diese Nacht im
Schiffe, das uns zur Not mit Brot und etwas Fischen versehen hatte.
[GEJ.02_174,13] Am nächsten Tage aber sandte
Ich etliche Jünger voraus gen Cäsarea Philippi, auch eine kleine, etwas
befestigte Stadt im griechisch-galiläischen Gebietsteile, etwas landeinwärts
vom Galiläischen Meere gelegen. Sie sollten sich nach Meiner Beheißung zum
voraus in dieser Gegend herum erkundigen, was da die Menschen von Mir hielten,
und ob sie von Mir schon überhaupt irgend etwas vernommen hätten.
[GEJ.02_174,14] Und mehrere Jünger, die in
dieser Gegend wohlbewandert waren, eilten nach eingenommenem Morgenbrote
sogleich in die obbezeichnete Gegend und erkundigten sich fleißig über das, was
die dortigen Menschen von Mir hielten, und ob und wieviel sie irgend von Mir
vernommen hätten. Die vorausgesandten Jünger aber erstaunten nicht wenig, als
sie gewahrten, daß die ganze von Mir früher noch nie betretene Gegend von Meinem
Namen klein angefüllt war und jeder Mensch von Mir eine Menge zu erzählen
wußte. Denn die Jünger taten, als ob sie von Mir auch nur durch Hörensagen
etwas wüßten, und so hatten die Befragten einen desto größeren Spielraum, von
allerlei Dingen zu erzählen.
[GEJ.02_174,15] Daß darunter manche
allerkolossalste Übertreibungen stattfanden, läßt sich leicht denken; so war
darunter eine, deren Weitererzählung die Jünger dem Erzähler ganz
allerernstlichst untersagt haben. Diese Erzählung bestand in nichts Geringerem,
als daß Ich Mich bald zu einer riesenhaftesten Größe ausdehnen und dabei aber
gleich wieder zu einem kaum fingergroßen Zwerge zusammenschrumpfen könnte; auch
wäre Ich bald sehr alt, bald wieder ganz blutjung. So hätte man Mich auch schon
als ein vollkommenes Weib gesehen. Ja einige darunter wußten noch mehr; denn
sie hätten gehört, daß Ich auch ganz beliebig die Gestalt eines oder des
anderen Tieres annehmen könnte. –
[GEJ.02_174,16] Daß die Jünger solche Sagen
den Erzählern verwiesen, wird ein jeder Mensch wohl gründlich von selbst
einzusehen imstande sein; aber wie es möglich war, daß solche Absurditäten und
andere von ähnlichem Kaliber sogar in den Orten, wo Ich gelehrt und geheilt
hatte, haben zum Vorschein kommen können, das ist ein Etwas, das noch in dieser
Stunde so manchem Engel des Himmels förmlich ein Rätsel ist. Daher datiert sich
aber auch der Wust von etlichen fünfzig Evangelien, die bei der ersten großen
morgenländischen Kirchenversammlung als apokryphisch verbrannt worden sind, was
sehr gut war; denn im Grunde sind denn doch nur die beiden Evangelien Johannis
und Matthäi völlig authentisch (echt), und die Apostelgeschichte, die Briefe
und die Offenbarung Johannis. Die beiden Evangelien des Markus und Lukas aber
haben auch ihren entschiedenen und heiligen Wert, obschon sie in manchen
kleinen Begebenheiten von dem des Matthäus abweichen. – Da wir nun solches
ebenfalls wissen, so wollen wir in der evangelischen Wanderung wieder
weiterziehen.
175. Kapitel
[GEJ.02_175,01] Während die etlichen
vorangesandten Jünger sich mit der Auskundschaftung der Gegend und der Menschen
um Cäsarea Philippi beschäftigten, blieb Ich noch bis nahe gen Abend in der
Bucht am Berge; aber etwa ein paar Stunden vor dem Untergange verließ Ich mit
den übrigen Jüngern die Bucht, kam auch gen Abend hin in die Gegend von Cäsarea
Philippi (Matth.16,13) und fand die vorangesandten Jünger bei einer ärmlichen
Hütte, deren höchst schlichte Einwohner gerade damit beschäftigt waren, den
schon müde und hungrig gewordenen Jüngern ein Abendmahl zu bereiten.
[GEJ.02_175,02] Die Hausleute aber fragten
sogleich die schon dort seienden Jünger, wer wir wären, und diese entdeckten es
ihnen auch ohne Anstand, daß Ich eben derselbe Jesus sei, von dem sie früher so
manches gesprochen hätten.
[GEJ.02_175,03] Als der Hausherr solches
vernahm, da ließ er förmlich alles von sich fallen und fiel vor Mir nieder und
sprach: „Was habe ich armer, sündiger Mensch denn je Gutes getan, darum du mir
nun solch eine unschätzbarste Gnade erweisest? O du heilig großer Mann aus den
Himmeln, zu uns armen Sündern auf diese Erde gesandt! Wie soll ich als ein
armer und höchst einfacher Mensch dich darum würdigst ehren und preisen? Was
soll ich dir tun, daß es dir wohlgefiele?“
[GEJ.02_175,04] Sage Ich: „Lieber Freund,
stehe auf und siehe, daß auch wir ein Abendmahl bekommen, bestehend aus Brot,
Fischen und etwas Wein; dann sorge für ein leidliches Lager, und du hast alles
getan, was Ich von dir wünsche!“
[GEJ.02_175,05] Hier erhebt sich sogleich der
arme Hausherr und sagt mit einer etwas traurigen Miene: „Guter Meister, was ich
habe, gebe ich her, da meiner Hütte eine solch große Ehre und Gnade widerfahren
ist; denn ich weiß es, daß du ein Sohn Davids und dazu noch ein großer Prophet
bist. Brot und Fische habe ich wohl noch im Vorrate für heute und morgen, aber
mit dem Weine sieht es etwas schlecht aus, nicht nur bei mir, sondern in dieser
ganzen Gegend; auch in der nicht weit von hier liegenden Stadt Cäsarea Philippi
sieht es mit dem Weine sehr erbärmlich aus. Etwas Himbeeren- und Brombeerensaft
besitze ich wohl, aber er ist schon etwas alt und darum sauer; wir trinken ihn
nur mit Wasser und etwas Honig gegen den Durst.
[GEJ.02_175,06] Aber einige Töpfe voll gestockter
Ziegenmilch habe ich; wenn dir vielleicht davon etwas genehm wäre, so brächte
ich gleich einige hierher. Mit Brot ist das wahrlich eine gute Speise!“
[GEJ.02_175,07] Sage Ich: „Nun, so bringe,
was du hast! Aber Ich sehe, daß du mehrere Weinschläuche in deinem Hause
birgst; so du keinen Wein je erntest, wozu sind dann die Schläuche?“
[GEJ.02_175,08] Sagt der arme Hüttenbesitzer:
„Ja, ja, Schläuche habe ich wohl, weil ich ein Schlauchmacher bin; aber es war
noch in keinem je ein Tropfen Wein da drin! Ich habe deren nun bei fünfzig für
den kommenden Markt in der Stadt fertig und verkaufe das Stück um einen guten
Groschen.“
[GEJ.02_175,09] Sage Ich: „So geh und nimm
die Schläuche und mache sie alle voll mit Wasser!“
[GEJ.02_175,10] Fragt der arme Hüttenmann:
„Guter Meister, wofür wird denn das hernach gut sein?“
[GEJ.02_175,11] Sage Ich: „Freund, frage
nicht, sondern was Ich dir sage, das tue, dann wirst du glücklich sein zeitlich
und ewig!“
[GEJ.02_175,12] Auf diese Worte berief der
arme Hüttenmann sogleich sein Weib und seine schon erwachsenen acht Kinder,
darunter sechs Töchter und zwei Söhne, und ging und machte am Brunnen die
fünfzig Schläuche bald voll. Als die Schläuche alle vollgefüllt waren, da
fragte er Mich, was er damit nun anfangen solle.
[GEJ.02_175,13] Da sagte Ich zu ihm: „Bringe
sie alle in die kühle Steingrotte, an deren Eingang der Hinterteil deiner Hütte
angebaut ist!“
[GEJ.02_175,14] Der arme Hüttenmann, der in
dieser Grotte sein Stroh hatte, breitete dasselbe am Boden aus und legte die
mit Wasser gefüllten Schläuche in guter Ordnung nacheinander auf das Stroh, und
als er mit der Arbeit fertig war, kam er wieder hervor und sagte: „Herr und
Meister, es ist alles geschehen, wie du es anbefohlen hattest! Ist damit
vielleicht noch etwas Weiteres zu besorgen?“
[GEJ.02_175,15] Sage Ich: „Nun ist schon
alles in der besten Ordnung. Gehe und nimm aber nun etliche deiner besseren
Steinkrüge und fülle sie von einem der fünfzig Schläuche, von welchem du
willst, verkoste aber auch von den gefüllten Krügen, wie sie dir schmecken;
bringe sie dann hierher und sage es uns, wie dir das Wasser, also zubereitet,
schmeckt!“
[GEJ.02_175,16] Der Arme geht sogleich, nimmt
zwölf Krüge und läßt sie voll an. Schon beim Anlassen kommt ihm ein
ausgezeichneter Weingeruch in die Nüstern, und als er erst den flüssigen Inhalt
verkostet, da weiß er sich vor lauter Verwunderung ordentlich gar nicht mehr zu
helfen und sagt zu seinen ihm helfenden Kindern: „Höret, das faßt keines
Menschen Verstand! Das Wasser, mit dem wir die Schläuche gefüllt haben, und von
dem ich nun die Krüge vollgelassen habe, ist zum alleredelsten, besten Weine
geworden! Kostet es und überzeuget euch selbst!“
[GEJ.02_175,17] Die Kinder kosteten und
konnten sich auch nicht genug verwundern über dieses Wunder; und der älteste
Sohn sagte: „Vater, du weißt es, daß ich in der Schrift gut bewandert bin. Ich
kenne alle die Propheten und ihre Taten; aber eine solche Tat hat von ihnen
keiner verübt! Dieser sonderbare Mensch muß offenbar mehr denn ein Prophet sein!“
[GEJ.02_175,18] Sagen auch die Töchter: „Ja,
ja, Vater, es kommt uns auch also vor! Das ist am Ende gar der Elias, der noch
einmal auf die Erde kommen soll, um die Menschen auf die Ankunft des großen
Messias vorzubereiten! Oder am Ende ist das etwa gar schon der große Messias
Selbst?“
[GEJ.02_175,19] Sagt der Vater: „Da ist eins
wie das andere möglich! Hm, hm, wie aber das doch so plötzlich und unerwartet
gekommen ist!“
[GEJ.02_175,20] Während der arme Hüttenmann
noch so simulierend spricht, kommt sein Weib herbeigeeilt und sagt, fast ganz
außer Atem vor Entzückung: „Kommet, kommet und sehet, was da geschehen ist in
unserer Hütte! Unsere Speisekammer ist von allerlei guten Speisen und des
besten Brotes ganz voll geworden! Das kann niemand anders getan haben als
derselbe Meister, der vor einer Stunde zu unserer Hütte kam und von uns eine
Unterkunft und ein Nachtmahl verlangte!“
[GEJ.02_175,21] Sagt der Mann: „Das liegt
wohl außer allem Zweifel! Aber wie? Wer gibt uns darüber einen Aufschluß? Was
ist er? Wer ist er? Sagen wir: ,Er ist ein Prophet!‘, so sagen wir offenbar zu
wenig. Sagen wir: ,Er ist ein Engel!‘, so haben wir damit nicht viel mehr
gesagt. Sagen wir aber: ,Er ist ein Gott!‘, da dürften wir denn doch zuviel
sagen; denn ein Gott ist ja nur ein Geist; der aber hat Fleisch, Blut und
Knochen, und es ließe sich da erst fragen, ob er am Ende denn doch nicht so
etwa ein griechischer Zeus oder Apollo sei. Aber nun heißt es, in aller Demut,
Liebe und Dankbarkeit den Wein hinaustragen und Brot und Fische, und was wir
nur immer Eßbares haben; denn diese Wohltat ist unbezahlbar groß!“
[GEJ.02_175,22] Nun kam der arme Mann mit den
gefüllten Krügen und sein Weib und seine Kinder mit Brot, Fischen und noch
andern eßbaren Dingen. Und der Mann, sich tiefst vor Mir verbeugend, sagte mit
einer höchst demütig klingenden Stimme: „O Herr und Meister! Wer bist du denn,
daß du solche Dinge allein durch den Willen vermagst? Ich bebe vor höchster
Ehrfurcht vor dir! Ein Mensch wie unsereiner kannst du nicht sein; wer und was
aber bist du hernach denn, auf daß wir dich würdig ehren könnten?“
[GEJ.02_175,23] Sage Ich: „Sieh, Mein Freund,
Ich will dir etwas sagen, und daraus kannst du dir dann selbst ein Urteil
schaffen! Wenn du am frühen Morgen merkst, daß es heller wird im Aufgange und
sich nach und nach der Himmel zu röten beginnt, so sagst du: ,Die Sonne wird
bald aufgehen!‘ Es wird aber auch heller am Aufgange, wenn der Mond sich dem
Aufgange nahet; aber der matten Helle folgt keine Morgenröte, und so der volle
Mond endlich aufgeht und die Erde matt beleuchtet mit seinem halben Lichte, so
öffnet dennoch kein Blümchen den zarten Kelch, um einzusaugen den kalten,
matten und nicht belebenden Strahl!
[GEJ.02_175,24] Die schon mit starkem Lichte
umflossenen Boten, der Sonne nahen Aufgang verkündenden lichten Wölkchen sind
wohl schon um sehr vieles heller denn der Mond in seinem Vollichte; aber würde
diesen Boten keine Sonne folgen, so sähe es bald auf der ganzen Erde also aus
wie in der eigentlichen starren Mitternachtgegend dieser Erde, dahin neun volle
Monde hindurch kein Sonnenstrahl gelangt. Und so, sieh, geht es entsprechend
auch in der ewigen Welt des Geistes zu, durch die allein diese materielle
entstand und nun fortbesteht.
[GEJ.02_175,25] Es tauchen allerlei Lehrer
und Propheten auf und lehren die Menschen so und so; es ist hie und da auch
etwas Wahres daran, aber neben einem Funken Wahrheit wandeln stets Tausende von
Lügen einher und geben sich neben dem einen Wahrheitsfunken das Ansehen, als
wären sie selbst Wahrheit. Und sieh, alle solche Lehrer, Propheten und ihre
Lehren gleichen dem Scheine des Mondes, der sein Licht stets wechselt, und oft
dann, wenn zur Nachtzeit sein Licht am nötigsten wäre, gar nicht scheint.
[GEJ.02_175,26] Aber es gibt neben den
falschen Lehrern und Propheten auch echte und wahre, aus deren Augen, Herzen
und Mund Gottes Licht strahlt. Diese gleichen den lichtumflossenen Wölkchen,
die der Sonne nahen Aufgang verkünden; bliebe es aber nur bei den, wenn auch
noch so strahlenden Wölkchen, den echten und wahren Propheten nämlich, so würde
es in den Herzen der Menschen mit der Zeit dennoch also auszusehen anfangen,
als es aussieht auf der eigentlichen Mitternachtgegend der Erde, nämlich
eisstarr, kalt und tot. Aber den echten Lichtwölkchen, die der Sonne vorangehen,
folgt die Sonne selbst, und bei ihrem ersten Lichtstrahle, den sie über die
noch grauen Gebirge auf die Fluren der Erde fallen läßt, wird alles wach, voll
Freude und voll Lebens: Die Vöglein singen der aufgehenden Mutter des Lichtes
und der Wärme ihre reinen Psalmen entgegen, die Mücken und Käferchen erheben
sich in die lichtdurchdrungene Luft und summen der herrlichen Tagesmutter ihre
Begeisterung zu, und die Blumen der Felder heben ihre königlich geschmückten
Häupter empor und öffnen ihren balsamreichen Mund, um der großen Welterwärmerin
den herrlichsten Duft entgegenzuhauchen.
[GEJ.02_175,27] Aus dieser höchst wahren
Darstellung aber kannst du nun schon so viel herausfinden, um in dir zur
Klarheit zu gelangen, auf daß du Mich auf den Standpunkt in deinem Herzen
setzest, der Mir gebührt! Weder das Licht der Sterne, noch das des Mondes und
für sich ebensowenig der goldne Glanz der Morgenwölkchen ist imstande, dem in
der Materie dieser Erde gefangenen Leben die Fesseln zu lösen und es dann hervorzulocken
in die selbständig tätige Freiheit; solches vermag allein das Licht der Sonne.
[GEJ.02_175,28] Wer aber kann dann unter den
Menschen Der sein, dessen Stimme und Willen alle die in der Materie gefangenen
Geister gehorchen und sich fügen in alles, was Er will, – und wer Der sein, von
dessen Ankunft alle echten Propheten geweissagt haben?“
[GEJ.02_175,29] Hier stutzt der arme Mann
gewaltig und geht sehr nachdenkend mit den Seinen in die Hütte, um uns ja nicht
beim Abendessen zu genieren.
176. Kapitel
[GEJ.02_176,01] Wir verzehren nun das
Abendbrot und des Hüttenmannes Familie errichtet für uns ein möglichst gutes
Lager. Aber im Hause sagt er zu seinem Weibe und zu seinen Kindern: „Höret! Das
wird ohne weiteres der verheißene Messias sein! Also Jehova Selbst
allerleibhaftigst, die ewige Ursonne der Geisterwelt, der alle die vom
Gotteslichte erfüllten Propheten als lichte Morgenwölkchen vorangegangen sind!
Ja, ja, nun weiß ich wohl, woran ich bin; aber was nun tun?! Ich getraue mich
beinahe kein Wörtchen mehr zu reden mit Ihm, dem ewig Allerheiligsten, dem nun
für uns unsichtbar sicher zahllose Scharen der Engel dienen, die von Ihm in
jedem Augenblicke neue Befehle erhalten und sie mit Gedankenschnelle
hinübertragen zu den Sternen und an alle Enden der Welt! Und Dieser bleibt
heute in unserer armen Hütte, dem alle ewigen Himmel und deren Eden zu Gebote
stehen!
[GEJ.02_176,02] O frohlocket, und bebet dabei
aber auch vor Freude; denn Er bleibet bei uns in dieser Nacht! Dieser höchsten
Gnade ist die ganze Erde nicht wert, geschweige diese unsere allerärmlichste
Hütte, und dazu wir, die wir voll von allen Sünden sind!“
[GEJ.02_176,03] Als sich aber der Hüttenmann
mit seiner Familie während des Lagermachens über Mich also besprach, fragte Ich
denn auch Meine Jünger, namentlich jene, die heute der Auskundschaftung halber
vorangeschickt worden waren, sagend: „Wer, sagen denn so die Leute in der
Umgegend, daß Ich sei?“ (Matth.16,13)
[GEJ.02_176,04] Antworten darauf die gefragten
Jünger: „Etliche sagen ganz im Ernste, Du seiest der wieder vom Tode erstandene
Johannes der Täufer. Wieder andere meinen und sagen, Du seiest Elias, von dem
es geschrieben stehe, daß er noch einmal zur Erde kommen werde vor dem großen
Messias und werde rufen alle Menschen zur Buße und wahren Umkehr zu Gott. Noch
andere meinen, Du seiest der Prophet Jeremias, von dem auch noch eine Sage im
Volke bestehe, daß er vor dem Messias kommen werde aus den Himmeln. Auch, sagen
sie, könntest Du von den andern Propheten einer oder der andere sein
(Matth.16,14); denn bevor etwa der große Messias käme, werden Ihm alle
Propheten vorangehen! – Das sind so die annehmbaren Hauptsagen von Dir; es gibt
aber auch noch eine Menge anderer über Dich, die wir aber nach der Anhörung
derselben den Menschen verwiesen und sie dafür auf eine bessere Meinung über
Dich brachten. Aber viele meinen noch, Du seiest ein verkappter Zeus der
Griechen.“
[GEJ.02_176,05] Sage Ich: „Nun gut, ihr habt
Mir nun kundgetan, was ihr vernommen habt; aber Ich möchte jetzt auch noch aus
eurem Munde vernehmen, für wen so ganz eigentlich denn ihr Mich haltet. Ich
frage euch nicht etwa eitel, sondern ganz ernstlich; denn Ich merke nach so
manchen Gelegenheiten, die für eure Sinne Mein Tun und Lassen dann und wann
scheinbar ans Irdische streifen lassen, daß ihr sodann über Mich auch gleich
anders urteilet in euren Herzen und Mich nicht völlig für das ansehet, als für
was ihr Mich ansehet, so von Mir irgendeine große Wundertat ausgeübt wird!
Darum saget Mir endlich einmal ganz offen, für wen ihr Mich so nach einer
völlig reifen und nüchternen Überlegung eures Verstandes so ganz im wahrsten
Ernste haltet!“ (Matth.16,15)
[GEJ.02_176,06] Da stutzten alle Jünger und
wußten bis auf Simon Juda nicht, was sie Mir auf diese Frage antworten sollten.
– Judas Ischariot sagte zu Thomas: „Jetzt rede! Du bist ja immer so klug und
weise! Das sollte dir ja ein reiner Scherz sein, auf die sonderbare Frage des
Meisters eine gültige Antwort zu finden!“
[GEJ.02_176,07] Sagt Thomas: „Rede du, wenn
du so weise bist! Ich halte ihn für das, für das er sich selbst schon lange
ausgegeben hat! Er sagt von sich nie anders als: ,Ich bin ein Sohn des
Menschen, und Gott ist Mein wie euer aller Vater!‘ Wenn er sich selbst ein
solches Zeugnis gibt, welch anderes Zeugnis können denn dann wir ihm im
eigentlichsten Wahrheitssinne geben aus uns selbst heraus? Er verrichtet
freilich Taten, die seit Moses und den andern Propheten noch nie ein Mensch
verrichtet hat. Allein wenn wir die Sache so recht beim Lichte betrachten, so
werden wir finden, daß es dennoch der Geist Gottes ist, der durch einen
erwählten reinen Menschen solches alles verrichtet! Dem Geiste Gottes aber wird
es einerlei sein, ob er durch einen erwählten Menschen Berge versetzt oder
vernichtet, oder ob er irgendein kleineres Wunder durchs Wort des Propheten
gelingen läßt!“
[GEJ.02_176,08] Sagt Judas Ischariot: „Du
hältst ihn sonach nur für einen Propheten?“
[GEJ.02_176,09] Spricht Thomas: „Allerdings,
und für den größten, den je die Erde getragen, – was zwar nicht sein, sondern
Gottes Verdienst ist! Denn Gott allein kann den Menschen erwecken zu einem
Propheten, wie Er solches mit Samuel getan hat, da dieser noch ein Kind war,
und wie Er, Gott allein nämlich, sogar den Esel des falschen Propheten Bileam
zu einem wahren Propheten machte und durch den Esel dann auch Bileam selbst. So
wir dieses recht auffassen und das Zeugnis, das Jesus sich selbst gibt,
nämlich, daß er nur ein Menschensohn sei, obgleich er auch die wundertätige
Gotteskraft, die in einer besonderen Fülle in ihm vorhanden ist, dann und wann
als das göttliche Ich ausspricht, da können wir ihm meiner unmaßgeblichen
Meinung nach doch unmöglich ein anderes Zeugnis geben, als das er sich allzeit
selbst gibt! Er ist sonach ein vorzüglichster Gottessohn, wie auch wir es sind,
wennschon nicht in dem höchst ausgezeichnetsten Grade wie er.“
[GEJ.02_176,10] Sagt Judas Ischariot: „Wie
ist es denn aber dann mit dem, daß ihn denn doch viele für den verheißenen
Messias halten und die besseren Römer und Griechen sogar für den allein wahren
allmächtigen Gott?!“
[GEJ.02_176,11] Sagt Thomas: „Die haben auch
recht; denn die Kraft Gottes, die in ihm ist, ist auch der allein wahre
Messias, und ohne weiteres auch Jehova Selbst.“
[GEJ.02_176,12] Darauf gibt sich Judas
Ischariot zufrieden, und Ich, obschon Ich solches vernahm, schwieg dazu.
[GEJ.02_176,13] Petrus aber merkte Mein
Schweigen, erhob sich und sagte: „Herr, ich merke sogar unter den Brüdern
verschiedene Meinungen über Dich! Erlaube es mir darum, daß ich der Brüder
wegen auch mein Zeugnis über Dich laut und vernehmlich ausspreche!“
[GEJ.02_176,14] Sage Ich: „Tue das! Wie
lauten demnach deine Worte?“
[GEJ.02_176,15] Sagt Petrus, resp. Simon
Juda: „Aus dem tiefsten Lebensgrunde meines Herzens sage und bekenne ich's nun
vor aller Welt laut: Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!“
(Matth.16,16)
[GEJ.02_176,16] Und Ich sagte zu Petrus:
„Selig bist du, Simon, des Jona Sohn; dein Fleisch und Blut hat dir das nicht
geoffenbart, sondern Mein Vater, der im Himmel ist! (Matth.16,17)
[GEJ.02_176,17] Ich sage dir nun aber auch
unter einem: Du bist Petrus, ein Fels; auf diesen Felsen will Ich bauen Meine
Gemeinde, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen!
(Matth.16,18) Und Ich will dir des Himmelreiches Schlüssel geben! Alles, was du
auf Erden binden wirst, das soll auch im Himmel gebunden sein, und was du auf
Erden lösen wirst, das soll auch im Himmel gelöset sein!“ (Matth.16,19)
[GEJ.02_176,18] Da sagte Petrus: „Herr, ich
danke Dir für diese hohe Gnade, deren ich mich für den völlig Unwürdigsten
halte, weil ich stets ein grober Sünder war und leider noch bin; aber was da
betrifft das Binden und Lösen, so gestehe ich es auch offen, daß ich's nicht
verstehe und nicht weiß, was ich daraus machen soll. Du könntest mir die Sache
wohl ein wenig klarer machen, so Du solches wolltest!“
[GEJ.02_176,19] Sage Ich: „Es wird dir
solches alles zur rechten Zeit völlig klar werden; vorderhand aber verbiete Ich
euch allen solches strenge, daß ihr nun vor der Zeit ja niemand davon etwas
meldet, daß Ich Jesus der wahre Christus sei!“ (Matth.16,20)
[GEJ.02_176,20] Nach dieser wichtigen
Besprechung fragt Matthäus der Schreiber, ob er solches alles aufzeichnen
solle.
[GEJ.02_176,21] Sage Ich: „Das hiesige Wunder
nicht, und des Gespräches zwischen Thomas und Judas Ischariot brauchst du nicht
zu erwähnen; aber wohl dessen in der Hauptsache, was Ich mit Petrus abmachte.
Schreibe du nur allzeit also, wie Ich dir die Worte ins Herz legen werde, und
es wird dann alles recht und richtig sein!“ – Mit dem war denn auch der
Schreiber zufriedengestellt und begab sich darauf bald zur Ruhe; wir aber
blieben bei dem Tische sitzen bis gen Mitternacht, und des Hauses Leute kamen
dann auch und leisteten uns eine recht angenehme Gesellschaft.
177. Kapitel
[GEJ.02_177,01] Der Hüttenmann, der Markus
hieß, wußte uns eine Menge zu erzählen von den Pharisäern und sein wollenden
Schriftgelehrten. Unter anderem erzählte er viel von den geheimen Grausamkeiten
der Templer, und wie sie alsogleich jedermanns unversöhnliche Todfeinde sind,
so sie bei diesem oder jenem irgendeine geistige und somit prophetische Ader
nur ahnen! Es würden viele solcher geistigen Menschen ganz geheim ums Leben
gebracht! Man lade sie ganz freundlichst ein, mache ihnen eine Ehrenbezeigung
um die andere und drücke ihnen vor lauter Freundschaft die Hände. Seien sie
aber einmal in des Tempels hintere Gemächer, die von den Hauptpharisäern
bewohnt werden, gelangt, dann sei es um sie für diese Welt geschehen; denn da komme
keiner mehr ans Tageslicht! Es sei, sagte weiter Markus, unbegreiflich, wie
Gott solchen Greueln so lange zusehen könne. In Sodom und Gomorra sei es wohl
schlecht zugegangen, aber gegen das, wie es nun in Jerusalem zuginge, wäre
Sodom und Gomorra kaum das, was da ist ein Regentropfen gegen das Meer; und
doch habe Gott damals trotz der vielfachen Vorbitte Abrahams diese Städte und
alle andern zu ihnen gehörigen Ortschaften mit Feuer vom Himmel herab
untergehen lassen! Nun aber bei dieser Masse von Greueln jeder erdenklichen
Art, die in Jerusalem Tag für Tag begangen würden, tue Gott der Herr, als wüßte
Er nicht darum und kümmerte Sich auch um die ganze Menschheit nicht mehr! Worin
denn etwa doch solches einen Grund haben könne?!
[GEJ.02_177,02] Auf solch seine ganz gute
Frage sagte Ich zu ihm: „Freund, Gott weiß um alles, was da geschieht! Er kennt
alle die zahl- und namenlosen Greuel der Pharisäer und Schriftgelehrten; darum
aber kam Ich denn ja in die Welt, damit diese Schlangenbrut und dies Natterngezüchte
an Mir Selbst ihr Greuelmaß vollmache; und wird dies vollgefüllt sein, dann
erst wehe dieser argen Brut!“
[GEJ.02_177,03] Sagt Markus: „Ja Herr,
Meister und freundlichster Wohltäter der Menschen! Wenn Dir nicht auch die
Macht eigen ist, mit einem Hauche Tausende von Menschen in die andere Welt
hinüberzublasen, dann bist Du sehr zu bedauern, so es Dir je in den Sinn käme,
Dich in Jerusalem sehen zu lassen und dort wundertätig zu zeigen! Ich bin Dir
hier zwar ein höchst schlichter Mann, verstehe aber dennoch so manches, wovon
sich freilich kein Pharisäer noch je etwas hatte träumen lassen; aber ich bin
dabei so pfiffig und spiele im Angesichte der Pharisäer, mit denen ich sehr oft
zusammenkomme, einen so blitzdummen Teufel, daß ihnen dabei jede Spur von einer
Mutmaßung, als besäße ich irgend geheime Kenntnisse, benommen wird.
[GEJ.02_177,04] Weil sie mich denn schon seit
einer geraumen Zeit als einen unmäßig dummen Trottel kennen und der Meinung
sind, man könne mir einen Steiß und ein Antlitz zeigen, und ich möchte beides
kaum voneinander unterscheiden, so lassen sie mich denn auch oft ganz
ungehalten hinter ihre schwärzesten Geheimnisse blicken! Und da bin ich Dir
schon auf Dinge gekommen, von denen ich Dir offen gestehen muß, daß ich dabei
schon einige Male total an Gottes Dasein zu zweifeln anfing! Denn ich dachte so
bei mir: Wenn es einen allmächtigen, höchst weisen, gerechten und guten Gott
gibt und Ihm an der Menschheit, wie uns die Schrift lehrt, etwas gelegen ist,
so ist es Ihm ja unmöglich, solchen Greueln zuzusehen! Es gibt keinen Gott! Der
Mensch ist nach Plato ein Abkömmling des Affen dem Leibe nach, und der Seele
nach ein Abkömmling der reißenden Bestien. Darum muß an der Spitze einer
starken Gemeinde ein starker und weiser Simson stehen, der dem
zusammengesetzten Tiere, das sich Mensch nennt, mit der schärfsten Zuchtrute
das Doppeltierische herunterfegt und ihn nach Jahren insoweit zahm macht, daß
er nur wenigstens ein halber Mensch wird!
[GEJ.02_177,05] Mit solchen und oft noch
ärgeren Gedanken beschäftigte sich mein Gemüt, wenn ich mit oft denn doch zu
entsetzlich greuelhaften Geheimtaten der von Dir ganz richtig bezeichneten
Schlangenbrut zusammenkam! Darum, wie gesagt, Herr und Meister, liegt es Dir
daran, bald aus dieser Welt auf die grausamste und schmerzvollste Art befördert
zu werden, da ziehe Du immerhin nach Jerusalem, und Du wirst es erfahren, daß
ich Dir die vollste Wahrheit gesagt habe, ohne irgendein besonderer Prophet zu
sein!
[GEJ.02_177,06] Um Dir nur so einen kleinen
Geheimzug, der aber die Heiligkeit des Tempelmistes schon ums wenigstens
Tausendfache übertrifft, kundzutun, erzähle ich Dir nur so ganz kurz, was ich
erst vor kurzem selbst erlebt habe. Wer aber diese Schwarzbrut auf solchen
übersatanischen Gedanken gebracht hat, ist mir nicht bekannt. Der Satan sicher
nicht, – denn so weit kann sein Argsinn nicht reichen!“
178. Kapitel
[GEJ.02_178,01] (Markus:) „Es ist in der
Hintergegend vom sogenannten Kleinasien eine von Menschen bewohnte Gegend, in
der die Weiber zumeist unfruchtbar sind. Was daran die Schuld ist, weiß ich Dir
nicht darzutun. Übrigens ist es eine ausgemachte Tatsache, daß, so jene Weiber
von Juden oder Samariten beschlafen werden, sie ebensogut fruchtbar werden als
die unsrigen. Nun, die Pharisäer, die ihre bösen Apostel in alle Welt
aussenden, haben jene unfruchtbaren Weiber schon seit lange her kennengelernt
und sind oft karawanenweise dahin gezogen, um die unfruchtbaren Weiber
fruchtbar zu machen! Das war so gewisserart ein stets gutbezahlter
Freundschaftsdienst. Aber es blieb nicht bei diesem Dienste, weil nach und nach
die kleinasiatischen Männer jener bezeichneten Gemeinden einsehen gelernt
haben, daß sie die sehr Betrogenen sind; denn ihre Weiber sind dennoch nicht so
ganz eigentlich schwanger geworden in der Fruchtbarkeitsanstalt, welche die
Missionare Jerusalems an der Grenze jener Gemeinden errichtet haben schon vor
vielen Jahren, sondern die Missionare kauften hierzulande und auch in Judäa
neugeborene Kinder zusammen, ließen solche in die besagte Anstalt bringen, in
der die sonst zwar sehr schönen und üppigen, wenn schon unfruchtbaren Weiber
zehn Monate verbleiben mußten. Nach Ablauf der zehn Monate aber, in welcher
Zeit so ein Weib von den geilen Aposteln des Tempels nahezu zu Tode beschlafen
ward, wurde dann solch einem Weibe ein solches angekauftes Kind unterbreitet,
und zwar auf eine so pfiffige Art, daß sogar das Weib glaubte, daß das Kind von
ihr sei! Aber wie gesagt, mit der Zeit kamen die Männer der schönen und üppigen
Weiber denn doch hinter den Betrug, und zwar durch einen ehrlichen Samariten,
der den Kleinasiaten zeigte, wie es die vermeinten frommen Apostel Jerusalems,
der Stadt Gottes, trieben.
[GEJ.02_178,02] Da kamen die betrogenen Männer
der Gemeinde zu den ,Aposteln‘ in die Befruchtungsanstalt und hielten ihnen
ganz ernstlich vor, was sie von einem Bürger Sichars vernommen hätten, und die
befruchteten Weiber hätten ihnen auch dasselbe eingestanden!
[GEJ.02_178,03] Die ,Apostel‘ aber, mit allen
Betrugssalben gesalbt, fanden bald einen ganz gesunden Ausweg, beschrieben den
sich beschwerenden Männern die Samariten von einer solchen Seite, daß die
Beschwerdeführer im vollsten Ernste einzusehen anfingen, daß eben die
Samariten, die von Gott schon seit vielen Jahren verfluchten Abtrünnlinge der
Juden, die alleinige Schuld an der Unfruchtbarkeit ihrer Weiber trügen.
[GEJ.02_178,04] Dadurch aber verfielen die
guten Samariten in einen zwiefachen Racheschwur, und zwar zuerst in den der
Pharisäer wegen der Denunziation (Anzeige) und Verdächtigung bei den
Hinterkleinasiaten, und dann fürs zweite bei den Besitzern der unfruchtbaren
Weiber selbst, die nach der Erklärung der Pharisäer fest zu glauben anfingen,
daß die Samariten lauter arge Zauberer seien und solches schon vor vielen
Jahren den Hinterkleinasiaten angetan hätten, weil einmal ein Samarite dort
wegen Beschlafung eines Weibes erschlagen worden ist. Aber sie, die Pharisäer
nämlich, wüßten ein Gegenmittel, das sie den mit unfruchtbaren Weibern
vermählten Männern gegen eine gute Bezahlung anraten und noch leichter selbst
verschaffen könnten! – Jetzt, lieber guter Meister, kommt erst das Wahre, resp.
echt Übersatanische, zum Vorscheine!“
[GEJ.02_178,05] Sage Ich: „Erzähle nur also
fort! Wäre es auch nicht nötig für Mich, so ist es aber dennoch um so nötiger
für diese Meine Jünger, daß sie solches erfahren.“
[GEJ.02_178,06] Fährt Markus mit seiner
Erzählung fort, sagend: „Worin besteht denn eigentlich das von den Aposteln
Jerusalems um vieles Geld angeratene Mittel zur Fruchtbarmachung der
Hinterkleinasiatinnen? Es besteht nach dem weisen Rate der ,Apostel‘ in nichts
Geringerem als: Die Hinterkleinasiaten sollen sich das Blut von den Kindern der
Samariten verschaffen und solches entweder in frischem Zustande oder aber auch
getrocknet und als Pulver einnehmen, wenn sie mannbar geworden sind, und
alsdann die Weiber, bevor sie sich beschlafen lassen; solches würde die
Zauberkraft der Samariten zerstören und die Weiber wieder vollends fruchtbar
machen! – Aber wie das Blut der samaritischen Kinder bekommen? – Dafür werden
schon gegen guten Lohn und gegen gute Worte die Apostel des Tempels Sorge
tragen!
[GEJ.02_178,07] Der Vertrag ward gemacht und
von den betreffenden Hinterkleinasiaten angenommen. Was aber geschah darauf und
geschieht in einem sehr ausgebreiteten Maße noch heute? Die Pharisäer machten
darauf eine förmliche Jagd, wie und wo sie nur konnten, auf die Kinder der
Samariten und tun dasselbe noch heutzutage.
[GEJ.02_178,08] Solche Kinder von ein bis
zwölf Jahren werden in die bewußte Befruchtungsanstalt geschafft, dort eine
Zeitlang gut genährt, besonders mit Nährstoffen, die zur Vermehrung des Blutes
taugen. Zeigt es sich, daß so ein Kind voll Blutes ist, so wird es der Kleider
entblößt, in die Schlachtkammer geführt und dort den eigens bedungenen und
bediensteten Schlächtern übergeben. Diese unterbinden den unglücklichen
Kinderchen mit starken Bändern knapp am Leibe Hände und Füße, dann knebeln sie
die also unterbundenen Kinderchen an einen Pfahl, der in der Mitte einer Wanne
angebracht ist, verbinden dazu den Armen die Augen und schneiden dann den also
himmelschreiend Zubereiteten an Händen und Füßen die Adern auf. Während die
Armen also verbluten und natürlich nach dem Verlaufe von wenigen Augenblicken
zu Leichen werden, lassen es sich die ,Apostel Gottes‘ aus Jerusalem, der Stadt
Gottes, so ganz mir und dir nichts wohl geschehen. Die entseelten Leichname der
also gemordeten Kinder werden dann in einem eigens dazu erbauten großen Ofen
verbrannt und ihr also gewonnenes Blut entweder frisch oder aber auch im
beschriebenen getrockneten Zustande für den bewußten Zweck verkauft. Die Hölle
muß dieses überhöllische Mittel gesegnet haben; denn die Weiber, die solches
Blut genießen, sollen im Ernste nun fruchtbar sein!
[GEJ.02_178,09] Für so etwas sollte denn der
liebe Gott, so Er keine alte jüdische Fabel ist, denn doch ein Gegenmittel
finden; aber es rührte sich von oben her bis zur Stunde noch nichts! Gott kann
noch immer ganz geduldig und gemächlich solch namenlose Greuel ansehen, so wie
Er vor etwa dreißig Jahren in Bethlehem hatte zusehen können, wie durch ein
allertyrannischestes Machtgebot Kinder männlichen Geschlechts von ein bis zwölf
Jahren bei fünftausend an der Zahl an einem Tage sind hingerichtet worden, und
das auf die grausamste Art von der Welt!
[GEJ.02_178,10] Gott ist höchst gut, weise
und voll Barmherzigkeit, wie ich es gelernt habe aus der Schrift; aber so ich,
als in alle die Greuel eingeweiht, die Sache so recht beim hellen Lichte betrachte,
da kann ich mich des Gedankens wohl kaum erwehren, daß es entweder gar keinen
Gott gibt, oder, gibt es einen, so kümmert Er Sich lange um die Menschen dieser
Welt nicht! Kann mir aber das jemand verargen? Sicher kein reeller und gleich
mir menschenfreundlicher Mensch, auch ein Gott nicht! Denn in meiner Brust
schlägt noch ein Herz, das der armen Menschheit mit aller Liebe zugetan ist!
[GEJ.02_178,11] So aber in Dir, Herr und
Meister, irgend etwas Göttliches steckt, so wirke Du denn doch auch in dieser
Sphäre ein Wunder und zerstöre und vernichte solche höllischen Scheusale! Ich
zweifle nicht im geringsten, daß Dir solches gelingen sollte; denn was ich
heute an Dir erlebte, ist mir mehr als eine allerhinreichendste Bürgschaft, daß
Dir, so Du es nur willst, nichts unmöglich sein kann! Denn Du bist offenbar
mehr denn alle Propheten zusammen!“
179. Kapitel
[GEJ.02_179,01] Sage Ich: „Freund! Das, was
du Mir nun erzähltest, ist kaum ein Schattenriß von dem, was Ich sehe und weiß;
aber dir fehlt es an der tieferen Kenntnis der göttlichen Ordnung, und so
beschuldigst du sogar mit einigem Recht die dir scheinbare Saumseligkeit
Gottes. Aber weil du ein beispiellos ehrlich und rechtlich gutes Herz
besitzest, so will Ich volle sechs Tage hindurch bei dir und den Deinen
verharren und will dir in solcher Zeit eine genügende Aufhellung über alles
geben, wo es bei dir nun noch finster ist. – Da es aber nun gegen Mitternacht
geworden ist, so laß uns auf die für uns bereiteten Lager kommen!“
[GEJ.02_179,02] Sagen die Jünger: „Herr,
heute ist's uns schon einerlei, ob wir auf den Lagern wachen oder hier im
angenehmen Freien; denn die Erzählung des Freundes Markus hat uns so total den
Schlaf benommen, daß wir nun um alles in der Welt nicht mehr einzuschlafen
imstande wären! Wahrlich, jeder Tropfen Blutes in unsern Adern siedet nun vor
Grimm und Wut gegen die allerreißendsten Bestien von den bewußten Menschen, die
aus dem Tempel hervorgehen! Wahrlich, bei so bewandten Umständen wäre es ja
doch um viele tausend Male besser, so man nie geboren worden wäre! Herr, so laß
denn nun gleich Feuer vom Himmel über diese Bestien regnen! Denn das, was wir
nun gehört haben, übertrifft ja bei weitem alles, was Schlechtestes wir auch
immer von dieser bestialischen Menschheit vernommen haben!“
[GEJ.02_179,03] Sage Ich: „Eben deswegen
müsset ihr den doppelten Rausch ein wenig ausschlafen! Morgen, wenn ihr
nüchterner sein werdet und ruhigeren Blutes, werden wir leichter darüber zu
urteilen imstande sein!“ – Auf diese Meine Worte begaben sich denn alle ohne
weitere Einsprache zur nötigen Ruhe.
[GEJ.02_179,04] Der Morgen des nächsten Tages
kam schnell, und Ich und die Jünger erhoben uns bald von unseren, nach Kräften
gut bereiteten Lagern.
[GEJ.02_179,05] Als wir ins Freie kamen, da
sagte Simon Juda: „Herr, ich habe zwar eine recht gute Weile geschlafen; aber
die Erzählung unseres Gastwirtes Markus geht mir nicht aus meinem Gemüte. Nein,
das ist unerhört! So etwas ist noch nie dagewesen! Wahrlich, manchmal kann ich
selbst Deine Geduld und Langmut nicht fassen! Wenn ich bedenke, wie Du so
manchmal mit uns, die wir doch an Dir hängen wie die Haare an unserem Leibe, so
ganz kurz gebunden bist, und ehe man sich's versehen hat, strafst Du unsereinen
entweder mit einem Worte oder mit einem Blick, daß man es nachher nicht leicht
wieder wagt, Dich um etwas laut zu fragen; aber solchen Greueln kannst Du ganz
gemütlich etliche Jahrhunderte zusehen, und sie genieren Dich nicht! Wo
unsereins rein aus der Haut springen könnte, da kannst Du ganz geduldig zusehen;
wo aber unser Auge und Gemüt wenig oder nichts sieht oder findet, da bist Du
wieder vollends da und tust, als ob das Heil der ganzen Schöpfung davon
abhinge!
[GEJ.02_179,06] Siehe, Herr, das sind denn
doch Dinge, die wir unmöglich zu fassen imstande sind; und der Markus hat eben
nicht ganz unrecht, wenn er also denkt von Gott, wie er sich gestern ganz
treuherzig gut ausgedrückt hat. Es ist wohl sicher und wahr, daß Du, o Herr,
alle solche Märtyrer in der Ewigkeit für die minutenlangen Leiden, die ihnen auf
dieser Erde zuteil wurden, mehr als hinreichend entschädigen kannst und auch
wirst – aber bei all dem ist es dennoch eine ganz verzweifelt schrecklich
bittere Sache, von den mutwillig argen Menschen dieser Erde oft übernatürlich
schmerzlich gemartert zu werden! Und, Herr, einige qualvollste Augenblicke
werden dem Gequälten auch zu einer kleinen Ewigkeit!“
[GEJ.02_179,07] Sage Ich: „Ich habe es euch
schon gestern – dir, sowie dem Markus – gesagt, daß Ich solches in der Zeit
Meines Hierverweilens schon näher erörtern werde; wartet demnach, bis es an der
Zeit sein wird, und es soll euch dann schon hinreichend helle werden! Gehet nun
aber lieber hin und helfet dem Markus seinen Fischfang ans Ufer bringen; denn
er ging heute schon frühe an die Arbeit, und Ich habe sie ihm gesegnet. Darum
gehet hin und helfet ihm die vielen und guten Fische ans Land schaffen und in
seine Fischbehälter setzen!“
180. Kapitel
[GEJ.02_180,01] Auf diese Worte eilten alle
Jünger hin und halfen nach Kräften dem Markus und seinen Kindern. Die zwei
Söhne waren zwar junge und kräftige Leute, aber die vier älteren Töchter waren
zusammen nicht so stark wie einer der zwei Söhne.
[GEJ.02_180,02] Als mit der kräftigen Hilfe
der Jünger die Fische alle untergebracht waren, kam Markus zu Mir, der Ich auf
einer recht niedlichen und bequemen Rasenbank saß, und sagte, noch ganz vom
Schweiße triefend: „Herr und Meister! Du magst nun sagen, was Du nur immer
willst, so behaupte ich dennoch fest, daß Du von meinem heutigen, nie erlebt
herrlichen und reichsten Fischfange ebensogut die Ursache bist, als Du gestern
abend meine fünfzig Schläuche mit dem köstlichsten Weine angefüllt hast, wofür
ich Dir denn auch vor allem meinen innigsten Dank abzustatten alsogleich
hierhergeeilt bin. Und somit danke ich Dir, o Herr und Meister, mit dem
gerührtesten und dankerfülltesten Herzen für alle die übergroßen und
wunderbarsten Wohltaten, die Du mir und den Meinen in so überschwenglich
reichlichstem Maße hast angedeihen lassen!
[GEJ.02_180,03] Ich hatte heute das große Zugnetz
ausgesetzt, das da eine Länge hat von einhundertfünfzig Ellen und eine rechte
Tiefe von sieben Ellen, und siehe, alle Räume des Netzes waren voll von den
herrlichsten und köstlichsten Fischen! Und nun strotzen meine ziemlich großen
zehn Behälter von den Fischen, die wir heute mit dem einzigen und ersten Zuge
ans Land gebracht haben! Wenn es Dir genehm ist, so lasse ich sogleich einige
Stücke als Morgenmahl zubereiten; mein Weib versteht solches aus der Kunst!“
[GEJ.02_180,04] Sage Ich: „Tue das; denn Mich
gelüstet es danach! Hernach kannst du aber auch mehrere Lägel voll in die Stadt
Cäsarea Philippi durch deine Kinder tragen lassen, und sie werden einen guten
Erlös machen!“
[GEJ.02_180,05] Markus machte eine tiefe
Verbeugung, eilte darauf in die Küche zu seinem Weibe und ordnete das
Morgenmahl an, dessen Bereitung das Weib und die sechs Töchter sogleich und
alleremsigst vornahmen. Die zwei Söhne aber füllten zwei große Lägel voll der
schönsten Fische und, da sie ihr Morgenbrot schon verzehrt hatten mit etwas
Wein, fuhren sie damit in die kaum eine Stunde von da entlegene Stadt.
[GEJ.02_180,06] Als sie ihr Fuhrwerk, das aus
einem Karren, vor den zwei Esel gespannt waren, bestand, auf dem Marktplatze
aufgestellt hatten, so waren auch schon eine Menge Käufer bei der Hand und
kauften ihnen in wenigen Augenblicken alle die Fische ab um einen guten Preis;
denn solch ausgezeichnete Fische kosteten schon damals pro Stück einen guten
Groschen. Da die beiden bei zweihundert Stück mitgenommen hatten, so lösten sie
auch bei zweihundert Groschen, was für jene Zeit mehr war denn jetzt (zur Zeit
Lorbers) zweihundert Taler. Nach ein paar Stunden kamen die beiden, reich mit
Geld beladen, wieder mit den leeren Lägeln und dem Karren nach Hause und
übergaben dem Vater Markus das Geld, der darüber eine große Freude hatte und
die beiden Söhne sehr belobte.
[GEJ.02_180,07] Die Söhne aber fragten den
Vater, ob sie noch einmal in die Stadt fahren sollten, da viele, die noch
kaufen wollten, nichts mehr bekamen. Der Vater gestattete ihnen solches, und
sie füllten abermals die Lägel und fuhren damit in die Stadt und verkauften die
zweite Fuhre besser und schneller denn die erste.
[GEJ.02_180,08] Markus aber wußte sich vor
lauter Dank nicht zu helfen; denn ihm war nun auf einmal aus seiner
vieljährigen Not geholfen.
[GEJ.02_180,09] Während aber die beiden Söhne
die erste Fuhre in die Stadt schafften, hatten wir bei zwanzig bestbereitete
Fische zum Morgenmahle verzehrt, und am Brote und Weine hatte es dabei nicht gemangelt.
Wir hatten uns dabei noch über manches besprochen, besonders aber blieben als
Hauptgegenstand immer die Diener des Tempels, und des Markus älteste Tochter,
ein Mädchen von neunzehn Jahren, zeigte uns einen alten Topf, der mit dem
Tempelmiste zur Hälfte angefüllt war, und fragte, ob dieser Mist wohl, nach den
Worten der zudringlichen Verkäufer, die Felder und Gärten auf die beschriebene,
unerhörte Weise befruchte.
[GEJ.02_180,10] Da erhob sich ein Gelächter
unter den Jüngern, denen diese Tempelprellerei nicht unbekannt war, und Thomas
sagte: „O der Schändlichkeit! Das treiben die Gottesdiener schon bei fünfzig
Jahren. Es haben sich wohl schon würdige Hohepriester dagegen aufgelehnt,
richteten aber wenig aus; denn dieser Mist trägt nun dem Tempel jährlich
wenigstens zweitausend gute Groschen. Die Menschen aber sind blind genug und
glauben am Ende sogar, daß durch solchen Unrat ihre Felder, Äcker und Gärten
gesegnet werden!“
[GEJ.02_180,11] Sagte darauf die älteste
Tochter: „O lieber Freund, das ist nicht also! Die meisten Menschen glauben
kaum mehr denn ich an diesen Betrug; aber was kann man da tun? Kauft man den
Verkäufern diesen Mist nicht ab, so kann man es darauf bald mit der ganzen
Hölle zu tun bekommen. Zugleich sind die Verkäufer dieses Unflates so
zudringlich und grob und roh, daß man ihnen am Ende ganz gerne von ihrem
Unflate etwas abkauft, um ihrer dadurch nur loszuwerden. Schüttet man dann den
Mist vor ihren Augen ins Wasser, so machen sie sich daraus gar nichts mehr und
gehen ihren Weg weiter; denn sie wissen es ja, daß man ihnen nach einem Jahre
den Tempelmist dennoch wird wieder abzukaufen genötigt werden.“
[GEJ.02_180,12] Sagt Petrus: „Ja, ja, Betrug,
Lug und Trug allerart sind die Tugenden der Tempeldiener, die sich Gottesdiener
nennen! Menschliche Gesichter tragen sie wohl, aber ihr Inneres ist aus der
Hölle! Warum, o Herr, Du so etwas zulässest und duldest, das weißt wohl nur Du
allein und sonst niemand in der ganzen Welt!“
[GEJ.02_180,13] Ich aber sage zu allen:
„Lassen wir nun das, es ist nahezu Mittag! Der Tag ist schön und eben nicht zu
warm; darum wollen wir ein wenig in der freien Gegend uns umsehen, ob es da
nirgends ein Plätzchen gäbe, von dem aus man eine gute Aussicht in die Ferne
haben könnte. Ein solches Plätzchen wollen wir uns dann zurichten, um die Tage
unseres Hierverweilens mit allerlei Besprechungen zuzubringen.“
[GEJ.02_180,14] Darauf sagt Markus: „Herr,
gerade ein paar hundert Schritte über meiner Wohnhütte, und eigentlich über der
Grotte, an die meine Hütte angelehnt ist, befindet sich noch in meinem
spärlichen Besitze ein solches Plätzchen, wie Du eines wünschest; die Kuppe des
Hügels ist mit einem alten schattigen Kastanienbaume geziert, um den ich eine
geräumige Rasenbank gemacht habe. Von dieser Bank aus genießt man die schönste
Aussicht über diese ganze, weitgedehnte Gegend. Man sieht Cäsarea Philippi ganz
und übers Meer, soweit das Auge reicht. Bei sehr heiteren Tagen sieht man
leicht bis gen Genezareth und weiter bis Kis, und sogar Sibarah wollen einige
schon gesehen haben; aber dazu sind meine Augen zu schwach, und ich kann diesen
Ort nicht ausnehmen, – aber aufwärts bis nach Gadarena sehe ich leicht und
andere Ortschaften in die schwere Menge.“
[GEJ.02_180,15] Sage Ich: „Nun denn, so
wollen wir uns diesen Punkt wählen und unsere Zeit alldort so nützlich als
tunlich zubringen. Führe uns denn hinauf!“
[GEJ.02_180,16] Markus, der Hüttenmann,
führte uns auf einem zwar sehr schmalen, aber sonst eben nicht unbequemen Pfade
auf das Plätzchen, das im Ernste nichts zu wünschen übrigließ; man sah gen
Cäsarea Philippi, ebenso übersah man das ganze Galiläische Meer und eine Menge
Ortschaften.
181. Kapitel
[GEJ.02_181,01] Zugleich aber bemerkten wir
auch, wie etliche Pharisäer aus der Stadt Cäsarea Philippi gerade auf dem Wege
zu der ärmlichen Wohnhütte des Markus sich recht emsig bewegten. Sagte
Matthäus, der junge Mautner (Zolleinnehmer) aus Sibarah, der schon einmal bei
Kapernaum, als ein Kranker geheilt ward, den man durch das angerissene Hausdach
und durch die Zimmerdecke der Volksmenge wegen vor Mir herabließ, die Pharisäer
mit seinem Munde sehr bedient hatte: „Diese Brut muß Kunde von Deinem Hiersein
erhalten haben! Aber durch wen? Es müßten nur des Markus Söhne, die zweimal mit
den Fischen zur Stadt gefahren sind, uns verraten haben!“
[GEJ.02_181,02] Sagt der alte Markus: „Das
ist schon möglich; denn so brav sonst meine Söhne sind, so haben sie aber doch
das Übel, daß sie gerne plaudern, wodurch sie schon so manches Unheil
angezettelt haben. Ich werde aber gleich hinabgehen und werde sie fragen.“
[GEJ.02_181,03] Sage Ich: „Bleibe du deshalb
nur ganz ruhig hier! Denn weder deine Söhne noch irgend jemand anders aus der
Gegend hat Mich verraten, sondern sie kamen zu dir rein der Fische wegen
hierher; sie wollen ein Geschenk von etwa hundert Fischen, von denen sie welche
in der Stadt gesehen, aber nicht gekauft haben. Du weißt es ja, daß sie überall
den Zehnt zu nehmen berechtigt sind, wo es irgendeine Ernte gibt; nun ist aber
solch ein reicher Fischfang auch eine recht reiche Ernte, und sie meinen denn
auch ein Recht zu haben, davon den Zehnt zu verlangen. Gehe darum hinab und gib
hundert Fische, und sie werden dich beloben und werden die Fische nehmen und
mit ihnen ganz ruhig alsogleich wieder nach Hause ziehen!“
[GEJ.02_181,04] Sagt Markus: „Aber wie werden
sie hundert Fische weiterschaffen?“
[GEJ.02_181,05] Sage Ich: „Darum kümmere dich
nicht, das wird schon ihre Sorge sein! Sieh nur hin, da sie uns schon ziemlich
nahegerückt sind, und du wirst in ihrer Mitte ein Lasttier einhertraben sehen;
dessen Rücken ist schon mit allem zum Weiterbringen der Fische Nötigen
versehen.“
[GEJ.02_181,06] Markus sieht schärfer auf die
kleine, sich seiner Behausung nahende Karawane und entdeckt nun gar leicht das,
worauf Ich ihn aufmerksam gemacht habe, und sagt: „Herr, es ist schon also, wie
Du gesagt hast! Aber nun eile ich schnell hinab, und es sollen die hundert
Fische in der großen Wanne schon für sie bereitet dasein, was sie sicher ein
wenig stutzig machen wird!“
[GEJ.02_181,07] Sage Ich: „Gehe und tue das!
Aber wenn sie dich fragen, wie du solches wissen konntest, da sei auf eine
kluge Antwort bedacht; doch mit einer Lüge darfst du sie nicht abfertigen!“
[GEJ.02_181,08] Markus geht, läßt sogleich
hundert Fische aus den Behältern herausheben und sie in die große Wanne tun.
Als er kaum mit der Arbeit fertig war, da kamen auch schon die etlichen jungen
Pharisäer und fragten nach dem Fischer Markus. Markus meldete sich bald und
sagte, da er sich noch bei der Fischwanne befand: „Hier bin ich, und hier in
der Wanne befindet sich, um das ihr wahrscheinlich gekommen seid! Es ist der
für euch gewissenhaft bemessene Fischzehnt, bestehend aus hundert Stück der
auserlesensten Fische, die in unserem Meere je gefangen wurden!“
[GEJ.02_181,09] Die Pharisäer sind ganz
verblüfft über solch eine Anrede, und einer von ihnen sagt: „Alter, bist du
denn ein Prophet, daß du schon zum voraus weißt, warum wir aus der Stadt
hierhergekommen sind?“
[GEJ.02_181,10] Sagt Markus: „Dazu braucht
man wahrlich kein Prophet zu sein, sondern man braucht bloß fünf gute Sinne zu
haben und ein bißchen Verstand dazu, und man bringt es leicht auf ein Haar
heraus, warum ihr herausgekommen seid! Da, da nehmet die Fische und ziehet in
Frieden wieder weiter! Ich habe heute noch viel zu tun, und der Mittag ist
nicht ferne; wir haben heute viel gearbeitet und müssen uns ein Mittagsmahl
bereiten gehen!“
[GEJ.02_181,11] Sagt einer der Pharisäer: „Du
solltest aber uns zu den hundert Stücken noch dreißig hinzutun als Strafe; denn
es war nicht fein, daß du uns, als den Dienern Gottes, die beständig für dein
Heil zu Gott dem Allmächtigen flehen, nicht gleich nach dem Fange die Erstlinge
durch deine Kinder in die Stadt gesandt hast!“
[GEJ.02_181,12] Sagt Markus: „Da, da sind
nicht dreißig, sondern vierzig Stück noch hinzu! Und nun bitte ich um eure
Zufriedenheit, und – daß ihr mich bald wieder verlasset!“
[GEJ.02_181,13] Sagen die Pharisäer: „Wir
haben von Gott das Recht, zu kommen, wann wir wollen, und also auch zu gehen!
Lade die Fische in unsere mitgebrachten Lägel, und wir wollen dann gleichwohl
sogleich weiterziehen!“
[GEJ.02_181,14] Markus befiehlt sogleich
seinen Kindern, den Willen der Pharisäer zu erfüllen, und sie legen denn auch
sogleich Hand ans Werk und füllen die Lägel der Pharisäer mit den nun
einhundertvierzig Fischen.
[GEJ.02_181,15] Als die Arbeit beendet ist,
sagt Markus: „Nun ist alles erfüllt, was ihr verlangt habt. Seid ihr
zufrieden?“
[GEJ.02_181,16] Sagt ein sehr keck
aussehender junger Pharisäer: „Nein, und noch hundert Male nein! Denn du redest
mit uns als wie mit dir lästigen Weltleuten und vergissest, daß wir Diener des
allmächtigen Gottes sind, die dich mit einem Hauche für ewig verderben können!
Dein trotziges Benehmen gegen uns soll daher nicht nur mit einhundertvierzig Fischen,
sondern mit der Wegnahme aller deiner Habe geahndet werden!“
[GEJ.02_181,17] Hier wird es dem Markus zu
bunt. Er läuft in die Hütte und kommt sogleich mit einer Pergamentrolle heraus
zu den Pharisäern, auf der es mit großen Buchstaben geschrieben stand, daß er
durch und durch ein Römer sei und als solcher von allen Rechten eines freien
Bürgers Roms den vollen Gebrauch machen könne, so er nur wolle.
[GEJ.02_181,18] Fragt der kecke Pharisäer,
nun etwas verblüfft, und sagt: „Nun, wie lange ist man denn schon ein Heide?
Denn man war unseres guten Wissens noch vor kurzem ein Jude!“
[GEJ.02_181,19] Sagt Markus: „Markus war nie
ein Jude, sondern ein geborener Römer, der bei dreißig Jahren dem Mars gedient
hat mit Schwert, Helm und Schild. Aber dieser Markus ward auf eine Probezeit
von drei Jahren ein unbeschnittener Jude; da er aber, abgesehen von der
erhabeneren Gotteslehre der Juden, sich nur zu bald überzeugt hatte, was die
Priester dieser erhabeneren Gotteslehre für ehrlose, heimlich ihren Gott und ihre
Lehre mit Füßen tretende und die arme Menschheit bei jeder Gelegenheit hinters
Licht führende, ärgste und gewissenloseste Heuchler sind, die ihrem Gott wohl
aufs Gesicht vor dem blinden Volke dienen, ihre Herzen aber in aller Tiefe der
Hölle begraben halten und darum auch auf das gewissenloseste mit dem Blute der
unschuldigsten Kinder der Samaritaner einen allerschändlichsten Handel treiben,
so bin ich wieder ein voller Römer geworden und werde als solcher auch sterben!
Nehmt nun euren Raub und ziehet damit heim! Ich gebe ihn euch nur, weil ich vor
kurzem ein unbeschnittener Jude war drei Jahre hindurch!“
[GEJ.02_181,20] Sagen die Pharisäer: „Aber
Markus, wie ist das möglich, daß du nun auf einmal ein gar so gescheiter Mensch
geworden bist? Wir kennen dich ja schon lange als einen Menschen von großer
Geistesbeschränktheit! Du wußtest vor uns oft ja kaum, ob du ein Mann oder ein
Weib seiest; wie bist du denn nun auf einmal mit solchen Geistesfähigkeiten
versehen worden?“
[GEJ.02_181,21] Sagt Markus: „Das war eine
sehr römisch pfiffige Maske, um als ein allerdümmster Kerl so ganz leicht
hinter alle eure bösen Schliche, Streiche und Schändlichkeiten zu kommen! Ich
stehe aber dennoch dafür, daß ich Moses und alle die Propheten besser denn ihr
verstehe, – obschon ich in der Tat ein Römer, aber im Herzen schon lange ein
echter Jude bin!“
[GEJ.02_181,22] Sagen die Pharisäer: „Ohne
die Beschneidung kann niemand ein Jude sein und sich Gott nahen!“
[GEJ.02_181,23] Sagt Markus: „Eure Art, sich
Gott zu nahen, habe ich auch nie angestrebt, sondern allein im Herzen nach der
Lehre des Propheten Jesaja, und das genügt mir. Sollte ich aber darum von Gott
verdammt werden, weil ich mich nicht habe beschneiden lassen, so wird euch das
wenig kümmern. Ich aber denke: Gott ist weiser denn alle Menschen, und endlos
weiser und besser und gerechter denn ihr, und sieht nur auf ein reines,
beschnittenes Herz und nicht auf die Beschneidung der Vorhaut, die bloß einen
irdischen Zweck haben mag, geistig aber im Grunde des Grundes eine Dummheit
ist. Als Jude im Herzen gebe ich euch aber dennoch den Zehnt; aber ich gebe ihn
freiwillig, und ihr habt keinen Funken Rechtes, einen von mir, als römischem
Bürger, zu fordern. Gehet aber nun, sonst nehme ich die Fische zurück und lasse
euch leer heimziehen! – Habt ihr mich wohl verstanden?“
[GEJ.02_181,24] Auf diese energische Rede
unseres Markus sagen die Pharisäer kein Wort mehr und ziehen mit den Fischen
heim.
182. Kapitel
[GEJ.02_182,01] Markus aber ordnet schnell
ein Mittagsmahl an, begibt sich auf das bewußte Plätzchen zu uns hinauf und
erzählt uns alles haarklein, wie er mit den Pharisäern verfahren sei.
[GEJ.02_182,02] Ich belobe ihn darum und
sage: „Markus, Ich sage dir, diesem Volke ward es gegeben von Anbeginn her, und
die große Verheißung, die ihm gegeben ward, hat nun ihre vollste Erfüllung
erreicht. Da aber dieses Volk also verstockt ist und nicht erkennen will die
große Zeit seiner Heimsuchung, sondern sein Heil sucht im Pfuhle dieser Welt,
die vergehen wird gleich einem Traumbilde, so wird es zugelassen werden, daß es
voll mache das Maß seiner Greuel, daß es töte seinen Gott und Herrn!
[GEJ.02_182,03] Alsdann wird ihm genommen
werden alle Gnade und alles Licht und alles Recht und wird euch Heiden gegeben
werden; denn ihr habt einen guten Willen und habt als Blinde das erkannt, was
die sehenden Juden verworfen haben.
[GEJ.02_182,04] Darum kommt nun das Licht zu
euch von oben und macht, daß ihr werdet sehenden Herzens; aber des Lichtes
Kinder werden hinausgestoßen werden in die äußerste Finsternis. Unter fremden
Völkern sollen sie die Brosamen suchen, und der Name ,Volk‘ wird ihnen genommen
werden, und sie werden fürder kein Volk mehr sein!“
[GEJ.02_182,05] Sagt Markus: „Also könnte es
denn doch dahin kommen, daß sie in ihrer großen Wut Dich irgend ergriffen und
Dich töteten dem Leibe nach, gleichwie sie solches nahe allen ihren Propheten
getan haben?“
[GEJ.02_182,06] Sage Ich: „O ja, das werden
sie wohl an Mir tun! Aber da wird ihre Rechnung zum Ende gelangen!“
[GEJ.02_182,07] Sagt Markus: „Ja, ja, wie ich
es gestern nacht gesagt habe: Diese Brut ist jedes erdenklichen Verbrechens
fähig! Darum hüte Du Dich solange als tunlich vor der sogenannten Stadt Gottes,
denn diese wird Dich töten, außer Du wendest alle Deine Vorsicht und göttliche
Allmacht dagegen an; denn die Diener des Tempels kenne ich aus- und inwendig!
Wer es wagt, ihre Lehre, die schon lange eine Lehre des bösen Geistes ist,
anzutasten, der bekommt einen Kampf mit der gesamten Hölle. Ihre Freundschaft ist
Fluch, und ihr Fluch ist der Tod. Das Leben eines Menschen ist ihnen gleich dem
Leben einer Mücke, deren kein Mensch achtet ihrer zu großen Geringfügigkeit
wegen.“
[GEJ.02_182,08] Sagen die Jünger: „Wie wir
unsern Herrn und Meister kennen, so wird dennoch alle ihre noch so abgefeimte
Bosheit an Seiner Weisheit zerschellen; denn Er, der dem Tode gebieten kann,
Er, der die Toten wieder zum Leben erwecken kann, wird schwer zu töten sein!“
[GEJ.02_182,09] Sage Ich: „Ja, Er wird wohl
gar nicht zu töten sein in Ewigkeit, und doch wird Er getötet werden zu einem
Zeugnisse wider sie, auf daß ihr ihnen gegebenes Maß voll werde! Haben sie sich
an den Heiligen Gottes vergriffen, so werden sie sich auch an Mir vergreifen
und werden dadurch zu Schöpfern ihres höchst eigenen Gerichtes werden! Wer aber
selbst etwas also will, dem geschieht kein Unrecht, so er verworfen wird! Haben
sie aber den vielen Boten das getan, was da war ein unaussprechlicher Greuel,
so werden sie auch Dessen nicht schonen, der die Boten vor Sich herkommen ließ.
[GEJ.02_182,10] Aber der für sie höchst
fatale Umstand wird darin bestehen, daß der Getötete nach kaum drei Tagen als
ein mächtigster Überwinder des Todes und aller Seiner Feinde zum ewigen Troste
Seiner Freunde und Brüder unversehrt, vollkräftig und durch und durch vom Leben
durchglüht aus dem Grabe hervorgehen wird! Dann werden sie unter großer Furcht
und verzweiflungsvollem Zagen Rat halten, wie sie den vom Tode Erstandenen
wieder töten könnten; aber sie werden dazu keinen Rat mehr zu fassen imstande
sein, und ihr Fall wird bald darauf erfolgen.
[GEJ.02_182,11] Also wird es geschehen, und
die Weissagung von Mir wird darin ihre vollste Erfüllung finden.
[GEJ.02_182,12] Zwar werdet ihr traurig sein
und große Angst empfinden um Meinetwegen; aber eure Traurigkeit, Furcht und
Angst wird bald in große Freude verwandelt werden, so ihr den Getöteten wieder
mit aller Macht über alles Leben und über allen Tod unter euch wie jetzt
erschauen werdet!“
[GEJ.02_182,13] Sagt Markus: „Wenn also, dann
ist es wahrlich nicht zu schwer, sich gewisserart nur pro forma töten zu
lassen! Unter solchen Umständen kannst Du dann schon nach Jerusalem wandeln,
wenn Du willst; denn Dir kann nichts geschehen! So Du ein Herr über Leben und
Tod bist, wer kann Dich dann töten? Und tötet er Dich, oder ist er des Wahnes,
Dich getötet zu haben, und Du gehst nach der Tötung lebendiger zum Kampfe mit
den Feinden hervor, als Du vor der Tötung warst, da möchte ich nicht stecken in
der Haut Deiner Feinde; die wird dann verzehren das Feuer aller Angst und
Furcht. Und all ihr Raten, Sinnen und Trachten wird zuschanden werden für
zeitlich und ewig! Denn dadurch erst werden alle ihre allerschändlichsten
Greueltaten ans hellste Tageslicht vor aller Menschen Augen treten, und ihr
effektives Dasein hat sein von der besseren Menschheit lange ersehntes Ende
erreicht für ewig. O Herr und Meister! Führe das nur recht bald und ganz sicher
und gewiß aus! Ich bin zwar schon alt geworden und werde die Erde nicht so
lange mehr mit meinen Fußtritten belästigen, als ich sie schon belästiget habe;
aber das möchte ich denn doch noch erleben, und mein Tod soll dann ein leichter
sein!“
[GEJ.02_182,14] Sage Ich: „Die Sache ist zwar
noch nicht völlig bestimmt, daß es also geschehen müsse; aber eher ja denn nein!
– Aber nun ist es schon stark über des Tages Mitte hinaus mit der Zeit, und
unsere Leiber begehren auch irgendeine Stärkung; darum wollen wir uns wieder
hinabbegeben und wollen eine Leibesstärkung zu uns nehmen!“
[GEJ.02_182,15] Sagt Markus: „Ja, da hast Du
wieder ganz vollkommen recht; das Mittagsmahl wird bereitet sein, und so gehen
wir hinab! Nach dem Mahle können wir dann ja, so es Dir, o Herr, eine Freude
macht, wieder auf dieses Plätzchen uns begeben.“
[GEJ.02_182,16] Sage Ich: „Für den Nachmittag
werden wir etwas anderes unternehmen. Morgen wieder soll dies Plätzchen uns
willkommen sein. Jetzt gehen wir aber!“
183. Kapitel
[GEJ.02_183,01] Als wir nach wenigen
Augenblicken unten ankamen, so war auch das Mittagsmahl bereitet, und wir
setzten uns an den großen Tisch im Freien, der unter dem dichten Schatten einer
Kastanie errichtet war. Wohlzubereitete Fische, Brot, Wein und gute, frische
Feigen wurden im rechten Maße aufgetragen, so daß wir, in allem bei dreißig an
der Zahl, zur Übergenüge zu zehren hatten. Sehr gemütlich ward das Mahl
eingenommen, und Markus, der gesprächige, alte, biedere Kriegsmann, erzählte
uns so manches aus den Erlebnissen, und das mit einer ihm angeborenen
Redesalbung. Meine Jünger aber hatten dabei die Gelegenheit, die Welt so recht
enthüllt vor sich zu sehen und sich davon so manches zum Besten der Menschheit
herauszunehmen, die später ihrer Leitung anvertraut ward.
[GEJ.02_183,02] Nach der über zwei Stunden
andauernden Tischsitzung kam aus der Stadt ein Bote zu Markus und hinterbrachte
ihm die Nachricht, daß der alte Oberstatthalter Cyrenius um die Mitte des Tages
in Cäsarea Philippi angekommen sei; er möge sonach als ein dem Oberstatthalter
wohlbekannter Krieger hinkommen und ihm seinen bekannt ärmlichen Zustand
vortragen, und der Oberstatthalter werde für ihn nach Möglichkeit etwas tun.
[GEJ.02_183,03] Sagt Markus zum Boten: „Sage
du zu meinem alten Kriegsgefährten, daß ich mich ihm zu Füßen legen und ihm
viele Male danken lasse für seine gnädigste Erinnerung an meinen stark ärmlichen
Zustand! Ich werde aber diesmal von seiner Gnade keinen Gebrauch machen können,
so ich darum in die Stadt gehen soll, weil ich Gäste habe, deren Oberster, Herr
und Meister mich wunderbarst aus aller meiner früheren Ärmlichkeit riß. Dieser
Herr und Meister versprach mir, sechs volle Tage hindurch bei mir zu verweilen,
und so würde ich es für eine große Sünde halten, Ihn auch nur einen Augenblick
zu verlassen. Sollte mein alter Kriegsgefährte es aber nicht zu tief unter
seiner hohen, kaiserlichen Würde halten, zu mir heraus einen Lustgang zu tun,
so solle hier alles aufgeboten werden, ihn seiner so würdig als möglich zu
empfangen!“
[GEJ.02_183,04] Sagt der Bote: „Ganz gut, ich
werde dem hohen Gebieter wortgetreu alles so wiedergeben, wie du es mir gesagt
hast!“ – Mit dem empfiehlt sich der Bote, besteigt sein Maultier und entfernt
sich eiligst.
[GEJ.02_183,05] Als der Bote aber über Stock
und Stein war, sagte Markus: „Ich glaube es nicht, daß der hohe Statthalter mir
solche meine Antwort übel deuten wird!“
[GEJ.02_183,06] Sage Ich: „Sorge dich um
etwas anderes! Ich sage es dir: Wie er es vernehmen wird, daß offenbar Ich hier
Mich befinde, da wird er auch nicht zehn Augenblicke lang säumen, sich zu
entschließen, hierherzukommen, und du wirst da erst die Gelegenheit bekommen,
von der Herrlichkeit Gottes dir einen Begriff zu machen! Denn sei versichert,
daß Mich Cyrenius kennt Mein Leben lang!“
[GEJ.02_183,07] Sagt Markus: „Das wird schon
alles so sein; aber er ist ein zu hochgestellter Mann in der Welt und muß darum
so manches vermeiden der dummen Menschen wegen, was er sonst sicher tun würde,
und so zweifle ich denn doch so hübsch stark, daß er mir die hohe Gnade des
Besuchs erweisen können wird.“
[GEJ.02_183,08] Sage Ich: „Ehe du dreimal
aufs bekannte Plätzchen hinauf- und wieder zurückkommst, wird er dasein: Der
Bote wird ihm kaum die Nachricht hinterbringen, und Cyrenius, der sein Mahl
noch nicht eingenommen haben wird, wird ohne alles Säumen alles liegen- und
stehenlassen und wird mit seiner ganzen Begleitung hierhereilen, um Mich zu
sehen und zu sprechen.
[GEJ.02_183,09] Sage es aber deinem Weibe und
deinen Töchtern, daß sie sogleich noch ein Mahl für ihn und seine Leute richten
sollen; denn da er in der Stadt kein Mahl nehmen wird samt seinen Leuten, so
wird ihm auch ein solches Mahl sehr erwünscht und willkommen sein!“
[GEJ.02_183,10] Markus ruft sogleich sein
Weib und seine sechs Töchter aus der Hütte und sagt, daß sie für den
ankommenden Oberstatthalter Cyrenius ein Mahl bereiten sollen, und zwar in
Menge für ungefähr noch einmal dreißig Personen!
[GEJ.02_183,11] Das Weib sieht den Markus
ganz verblüfft an und weiß nicht, ob so etwas Ernst oder Scherz sei. Aber
Markus schafft (weist) sie dennoch gleich in die Küche, und das Weib macht sich
an die gebotene Arbeit.
[GEJ.02_183,12] Zugleich aber gebot Markus
seinen beiden Söhnen, daß sie über den Hügel hinausschauen sollten, und so sie
irgendeine glänzende Schar aus der Stadt kommen sähen, so sollten sie ihn
sogleich benachrichtigen. Die beiden Söhne eilten alsbald über den Bug
(Wegbiegung) hinaus bis zur Stelle, von der man recht gut bis Cäsarea Philippi
sehen konnte, und entdeckten die glänzende Schar schon am Ende der breiten
Straße ihre Schritte in den schmalen Fußsteig einlenken, auf dem man in einer
kleinen Viertelstunde ganz leicht die Behausung unseres Markus erreicht.
[GEJ.02_183,13] Als die beiden Söhne solches
ersahen, eilten sie nahe atemlos zurück und erzählten, was sie gesehen.
[GEJ.02_183,14] Da fragte Mich Markus,
sagend: „Herr und Meister, da werden wir ihm denn doch entgegengehen müssen in
aller echt römischen Gebeugtheit!?“
[GEJ.02_183,15] Sage Ich: „O mitnichten! Den
sein Heil zu Mir drängt, der kommt schon, ob wir ihm auch nicht entgegengehen!
Cyrenius aber ist ein Starker im Geiste und bedarf nicht, daß man ihm
entgegengeht; nur wo ein Schwacher an Seele und Leib den Weg zu uns
eingeschlagen hat, dem müssen wir wohl entgegengehen, auf daß er nicht ermüde
am halben Wege, da liegenbleibe und verderbe!“
184. Kapitel
[GEJ.02_184,01] Als wir solche Worte kaum zu
Ende geredet hatten, so vernahmen wir schon vom Buge herab eine Menge
Menschenstimmen. Es war Cyrenius mit seinem ganzen Gefolge; und der von Mir in
Nazareth in des Jairus neuer Gruft vom vollsten Tode erweckte Knabe Josoe ritt
neben dem Cyrenius auf einem kleinen Saumrosse, mit schönen römischen Kleidern
angetan.
[GEJ.02_184,02] Als Cyrenius auf den ziemlich
geräumigen Platz vor der Hütte kam, fragte er die beiden Söhne, ob dies die
Behausung des alten Kriegers Markus wäre.
[GEJ.02_184,03] Und die Söhne sagten in
tiefster Verbeugung: „Ja, mächtiger Herr und Gebieter!“
[GEJ.02_184,04] Bei dieser Gelegenheit tritt
auch schon Markus in der echt römischen Gebeugtheit vor den Cyrenius hin und
sagt: „Hoher Herr und Gebieter, nichts in der Welt hätte mich abhalten können,
deinem allergnädigsten Rufe auf der Stelle des Augenblicks Folge zu leisten!
Aber ich beherberge einen Gast nebst mehreren Seiner Jünger und Begleiter, der
unfehlbar ein Gott sein muß, weil Er Dinge bloß durch Seinen Willen bewirkt,
die noch nie ein Sterblicher auf dieser Erde gewirkt hat. Und siehe, diesen
Gast aus den Himmeln konnte ich unmöglich verlassen, zumal Er mich mit
Wohltaten überhäuft hat und meine Hütte nun keine ärmliche, sondern eine sehr
reiche ist; denn ich besitze nun bei fünfzig Schläuche des allerbesten Weines
und meine fünf großen Fischbehälter voll von den alleredelsten und besten
Fischen! Ebenso strotzt meine Speisekammer von allerlei der besten Speisen, und
Salz und Holz habe ich auch für mein Leben lang zur Übergenüge! Was sollte ich
alter Mann nun noch mehreres suchen und verlangen wollen? Aber nicht nur ich,
sondern auch meine acht Kinder sind bestens versorgt; denn ich habe heute schon
bei vierhundert Groschen eingenommen, was bei mir schon sehr viel Geld haben
heißt, und ich werde dabei sicher noch mehrere Hunderte von guten Groschen aus
derselben Quelle lösen, wie ich die vierhundert heute ganz ehrlich und redlich
gelöst habe.“
[GEJ.02_184,05] Sagt Cyrenius: „Das ist schon
alles ganz gut, und es freut mich sicher mehr denn dich, daß ich dich, als
einen meiner ältesten Kriegsgefährten, so ganz glücklich treffe; aber nun führe
mich zu deinem Wundergaste hin! Dessentwegen bin ich vorzüglich zu dir aus der
Stadt gekommen; denn nach des Boten Aussage vermute ich, daß dein Wundergast
der göttliche Jesus aus Nazareth ist, dem ich ewig nie genug werde zu danken
imstande sein für die endlos großen Wohltaten, die Er mir geistig und leiblich
erwiesen hat. Führe mich darum nur gleich zu Ihm hin!“
[GEJ.02_184,06] Cyrenius hatte Mich darum
nicht gleich entdeckt, weil Ich mit den Jüngern noch beim Tische saß, der unter
der dichten Beschattung eines großen Kastanienbaumes stand, dessen dicht und
dick belaubte Äste stellenweise bis zur Erde hinabhingen. Markus führte den
Cyrenius samt dem Knaben Josoe sogleich unter den Kastanienbaum zu Mir.
[GEJ.02_184,07] Als Cyrenius Meiner ansichtig
ward, kamen ihm gleich die Tränen in die Augen vor Freude, Mich wiederzusehen,
und er sprach: „Ja, ja, Du bist es, wie ich mir's gedacht habe! Oh, wie endlos
glücklich und selig bin ich nun abermals, daß mir die unbeschreibliche Gnade
der Himmel zuteil ward, Dich, der Du allein mein alles bist, nach vielen
verstrichenen Tagen wieder einmal zu sehen, zu sprechen und durch den Hauch
Deines Mundes neu gesegnet und für ewig belebt zu werden! O Herr, Du mein über
alles treu und wahrhaft geliebtester Jesus, Du ewiger Herr der ganzen Welt und
aller Himmel! Ein wie großer Schuldner bin ich Dir doch, und zwar fürs erste
für jede Lebensminute und fürs zweite für die übergroße Wohltat, die durch
Deine nie ergründbare Weisheit in Kis mir zuteil ward, daß ich zu den geraubten
Steuergeldern wieder gelangt bin! O Herr, wie oft an einem jeglichen Tage denke
ich doch daran, aus welch einer schrecklichen Verlegenheit Du mich durch Deine
Weisheit in Kis errettet hast! Und wenn ich so bei mir daran denke, da kommen
mir stets des Dankgefühls Tränen in die Augen, und ich muß Dich dann weinend
anbeten!“
[GEJ.02_184,08] Sage Ich: „Freund und Bruder,
komm und setze dich an Meine Rechte, und dein Gefolge soll sich auch setzen zum
andern Tische dort unter dem Feigenbaume! Es wird sogleich das Mittagsmahl
aufgetragen werden, das Ich für dich und dein Gefolge schon zum voraus bestellt
habe; denn Ich weiß es, daß ihr heute noch wenig zu eurer Stärkung zu euch
genommen habt. – Was macht aber Mein Josoe, und wie verträgt er sich mit seinem
zeitweilig zu ihm kommenden Engel?“
185. Kapitel
[GEJ.02_185,01] Hier tritt der schon viel
stärker aussehende Knabe Josoe zu Mir hin und spricht: „Herr und Leben alles
Lebens, ich bin völlig gesund, und mir schmeckt das Essen und Trinken noch
gleichweg sehr wohl; aber mit dem Engel, der aus Sichar mich alle drei Tage auf
einige Augenblicke lang besucht, bin ich eben nicht sehr zufrieden, weil er bei
allem, was ich ihm sage, stets etwas einzuwenden hat! Ich lasse mich gewiß
recht gerne belehren über alles, was nur immer gut, wahr und nützlich ist; aber
so mir jemand heute sagt: ,Eine Birne und dann noch eine Birne hinzu, macht
zwei Birnen!‘, und läßt mir es dann bei der nächsten Gelegenheit nicht gelten,
so ich ihn mit seinen Worten schlagen will, wenn er das nächste Mal Mir
aufbinden will, daß eine Birne und noch eine Birne auch drei, vier, fünf, ja am
Ende gar eine unendliche Anzahl Birnen wären und überhaupt eins und eins nicht
nur zwei, sondern geistig jede denkbare Zahl darstellen könnten, – dann werde
ich stets etwas ärgerlich und zerhadere mich nahe allzeit mit meinem geistigen
Lehrer und Erzieher! Denn bei ihm gilt beim nächsten Besuche das nie mehr als
eine allein dastehende festeste Wahrheit, was er mir beim vorhergehenden als
eine feste Wahrheit dargestellt hatte. Kurz, er kommt manchmal mit Dingen,
gegen deren Annahme sich gleich jedes Haar sträubt! Daher möchte ich Dich, o
Herr über alle Himmel und Welten, wohl bitten, dem Geistlehrer aus Sichar zu
sagen, daß er mit mir vernünftiger verfahren solle – oder aber mich in der
Zukunft verschone mit seinen Besuchen!“
[GEJ.02_185,02] Sage Ich: „Ah, Mein lieber
Josoe, ertrage du ihn nur! Er führt dich in die rechte Weisheit der Himmel ein;
denn die Rechnungen der Geister sehen ganz anders aus als die dieser Welt!
Wollte Ich nach der Weise der Himmel mit dir reden, so würdest du wohl nichts
verstehen; aber Ich rede, als nun Selbst Mensch mit Fleisch und Blut, nur
menschlich nach der Weise dieser Erde mit den Menschen von den Dingen des
Geistes, und siehe, die Menschen ärgern sich über Mich, weil sie Mich nicht
verstehen – und viele auch nicht verstehen wollen! Dein dann- und wanniger
Geistlehrer lehrt dich schon recht; aber du wirst seine Lehre auf dieser Erde
erst in deinem Alter heller zu fassen anfangen; ganz fassen aber wirst du das
erst dereinst drüben, wo sich keine Trübungen aus dem Fleische und Blute in
deine reine Seele mengen werden: – Hast du Mich verstanden?“
[GEJ.02_185,03] Sagt Josoe: „O ja, Herr der
Unendlichkeit, Dich verstehe ich leichter als meinen Geistlehrer! Aber wenn der
mir sagt, daß im Grunde des Grundes der Zorn und die Liebe eines seien, dann
kehrt sich bei mir wohl das Oberste zum Untersten und das Unterste zum
Obersten; also auch, wenn er sagt, daß ebenso im Grunde des Grundes Himmel und
Hölle eines seien! Das begreife, wer es will; für meinen Verstand ist das ein
allergrößter Widerspruch!“
[GEJ.02_185,04] Sage Ich: „Auch da hat der
Engel wieder recht, und es ist also! Ich werde dir dafür ein kleines Beispiel
geben, und du wirst die Sache sicher ein wenig heller sehen. Und so höre Mich!
[GEJ.02_185,05] Siehe an die Sonne! Wenn sie
zur Winterszeit an manchen Tagen so recht angenehm und mild warm scheint, wie
sehr erquickt dich ihr Lichtstrahl; aber wenn in den Sandwüsten Afrikas ihr
glühendheißer Strahl sogar den weißen Sand zu schmelzen beginnt, und du würdest
unter solchem Lichtstrahle der Sonne zu wandeln haben, da würde dir solcher
Strahl zur Hölle! – Verstehst du das?“
[GEJ.02_185,06] Sagt Josoe: „O ja!“
[GEJ.02_185,07] Rede Ich weiter: „Gut, höre
aber weiter! Die Nacht ist auf einen heißen Tag gewiß eine große Freundin und Wohltäterin
der müden Menschheit; lassen wir aber die Wohltäterin etwa nur dreißig Tage
lang währen, und alle Menschen werden sie zu verwünschen und zu verfluchen
anfangen! Denn es würde eine so lange andauernde Nacht die Erde in eine solche
alles erstarren machende Kälte versetzen, daß am Ende in ihr kein organisches
Leben mehr bestehen könnte! Siehe, da würde die große Wohltäterin der Menschen
ja schon wieder zur barsten Hölle!
[GEJ.02_185,08] So du an einem heißen Tage
eine Wanderung machst, und der Durst fängt an, dich zu quälen, und du kommst
dann zu einer reinen und reichen Wasserquelle, wie himmlisch erquickt dich ein
Labetrunk aus der reinen Quelle! Aber tiefer unten im Tale sammelt sich
dasselbe Wasser in einem weiten und tiefen Becken zu einem See. Wenn du dort
hineinfällst, so findest du darin den unvermeidlichen Tod! Da siehe wiederum:
Dasselbe Wasser, das dich auf der hochliegenden Bergstraße so himmlisch
erquickt hatte, wird dich unten im tiefen See töten und dir somit zur
zeitweiligen Hölle werden:
[GEJ.02_185,09] Also trinkst du auch gerne
einen kleinen Becher guten Weines; trinke aber auf einmal einen ganzen vollen
Schlauch aus, und der Wein wird dich töten und wird dir alsonach abermals zur
Hölle werden:
[GEJ.02_185,10] Du gehst gern auf einen hohen
Berg, und die Aussicht in die weiten Fernen erquickt dein Herz. Aber laß einen
Berg auf dich fallen, so wird er dich töten und wird dir also wieder zur Hölle
werden!
[GEJ.02_185,11] Der Wind, so er an einem
heißen Tage sanft kühlend über deine Stirne streicht, wie sehr erquickt er dein
ganzes Gemüt! Lassen wir ihn aber zu einem Sturme werden, der die Bäume zu
entwurzeln beginnt, wird er dich dann auch noch erquicken? Sicher nicht! Denn
da wirst du die Flucht ergreifen und wirst suchen eine Stelle, in die der Sturm
nicht dringen kann. Und so wird derselbe Wind, der dich vorher erquickte, in
seiner vollen Kraft dir abermals zur Hölle!
[GEJ.02_185,12] Darum ist einem jeden
Menschen in allen Dingen ein gewisses Maß gegeben, nach seiner Kraft, Wesenheit
und Beschaffenheit. Wenn er darin verbleibt, so ist er in der rechten Ordnung,
in die ihn Gott gesetzt hat, und alles, was ihn umgibt, ist für ihn ,Himmel‘;
wenn er aber in was immer diese Ordnung überschreitet und eine Welt auf seine
schwachen Schultern legt, so wird diese ihn zermalmen und ihm zur ,Hölle‘
werden!
[GEJ.02_185,13] Und so ist ein rechtes Maß in
allen Dingen den Menschen wie den Geistern ein ,Himmel‘; das Übermaß in
denselben Dingen aber ist demnach den Menschen wie den Geistern eine barste ,Hölle‘!
– Verstehst du solches nun?“
[GEJ.02_185,14] Sagt Josoe: „Ja, jetzt
verstehe ich's freilich wohl und habe darob eine große Freude! – Warum aber
erläutert mir der Geistlehrer seine Lehrsätze nicht also, daß ich sie verstünde
wie nun?!“
[GEJ.02_185,15] Sage Ich: „Auch das hat
wieder seinen weisen Grund! Würde dir dein Geistlehrer alles so sonnenklar
machen, so würdest du nie zum Selbstdenken und endlich zum Selbstbestimmen
kommen; so aber nötigt er dich zum Denken und Selbstbestimmen, und siehe, das ist
dann schon die rechte himmlische Art und Weise, zu lehren! Wenn es nötig sein
wird und du zur rechten Reife gelangt sein wirst, dann wird dir der Geistlehrer
schon auch für jede Lehre die sonnenhellsten Bilder hinzufügen; aber vorerst
mußt du selbst recht tätigen Geistes werden, sonst könntest du unmöglich
tiefere Wahrheiten der Weisheit der Himmel fassen! – Bist du nun vollends im
klaren?“
[GEJ.02_185,16] Spricht Josoe: „Ja Herr,
jetzt erst begreife ich ganz, wie ich mit meinem Geistlehrer aus Sichar daran
bin; und mir kommt nun auch eine große Liebe zu ihm!“
[GEJ.02_185,17] Sage Ich: „Und diese Liebe
wird dir die Beispiele schaffen! – Jetzt aber kommt etwas für den Leib; das
Weib, die Söhne und die Töchter des Markus kommen schon mit einer vollen Ladung
von Speisen und Getränken! Esset nun nach Bedarf, und stärket euch, auf daß es
euch weder hungere noch dürste; denn in Meiner Nähe soll nie jemand hungern und
dürsten, sondern ein jeder vollends gesättigt werden, leiblich und geistig!“
[GEJ.02_185,18] Cyrenius und der Knabe Josoe
sind beide schon recht hungrig und durstig und greifen darum recht wacker zu;
auch die Gefolgsleute lassen sich nicht bitten, sondern folgen ganz wacker dem
Beispiele des Cyrenius.
186. Kapitel
[GEJ.02_186,01] Als das Mahl nahe ganz
aufgezehrt ist, ruft Cyrenius den Markus und dessen Weib, dankt ersterem für
das gute Mahl und dessen sich noch immer gleichgebliebene Gastfreundschaft, das
Weib aber belobt er seiner besten Kochkunde halber; denn so wohlschmeckend
zubereitete Speisen habe er noch nie gegessen, namentlich aber die Fische,
deren üppiger Wohlgeschmack alles andere bei weitem übertraf.
[GEJ.02_186,02] Nach dieser Lobeserteilung
aber sagt Cyrenius zum Markus: „Du, mein alter Kriegsgefährte, aber gehe hin
dort zum weißen Maultiere! Auf seinem Rücken trägt es etwas für dich und deine
Familie. Du hast entbehrt lange genug und hattest zu kämpfen gegen allerlei Not
und Drangsal; solchem deinem eben nicht zu beneidenden Zustande soll denn nun
auf einmal abgeholfen werden! Du wirst in den beiden Säcken so viel Gold und
Silber finden, daß du dir gar leicht ein besseres Wohnhaus erbauen und zu dem
neuen bessern Hause einen Acker und Wiesengrund kaufen können wirst, auf daß du
so vom Ackerbaue ganz gut wirst leben können samt deiner Familie! Was die Säcke
noch darüber enthalten dürften, das behalte als einen guten Notpfennig; denn
solange wir auf dieser Erde nach dem Willen des Herrn zu leben haben, dürfen
uns auch die Mittel nicht völlig mangeln, um leben zu können!
[GEJ.02_186,03] Solange wir keine Götter
sind, müssen wir arbeiten und im Schweiße des Angesichts uns unser Brot
verdienen, – der eine auf diese und der andere auf eine andere Art; ein jeder
aber hat zu tun genug und darf die Hände nicht in den Schoß legen. Aber wer wie
du schon einmal gearbeitet hat zur Genüge, der kann sich's dann in seinen alten
Tagen schon ein wenig bequemer geschehen lassen. Gehe demnach hin und nimm die
kleine Gabe in Empfang, und der Herr segne sie dir!“
[GEJ.02_186,04] Unter Tränen dankte Markus
dem Cyrenius – und neben Cyrenius aber auch gewisserart hauptsächlich Mir; denn
er sagte: obschon die Gabe vom Cyrenius komme, so sei er aber dennoch mehr denn
völlig überzeugt, daß Ich der Grund von allem sei; darum danke er Mir vor
allem!
[GEJ.02_186,05] Ich aber sagte: „Nimm zwar,
was man dir gibt, und gebrauche es; aber lege ja keinen Wert darauf! Denn wie
gemessen da auch jede irdische Gabe ist, so ungemessen ist jedoch das irdische
Leben der Menschen! Heute bist du noch der Herr deiner Schätze, und morgen fordert
man deine Seele von dir! Was kannst du dann geben, um zu retten deine Seele vor
dem ewigen Tode?
[GEJ.02_186,06] Darum suche ein jeder vor
allem das Gottesreich, und alles andere wird ihm nach Bedarf hinzugegeben
werden!
[GEJ.02_186,07] Was er aber empfängt, das
empfängt er nicht, daß er es zusammenhäufe, sondern daß er es klug und weise
benütze zum eigenen und der anderen Besten. Du wirst finden der wahrhaft Armen
die Menge; deren Not solle erquicken dein Herz, weil dir nun die Mittel geistig
und leiblich gegeben sind, solche Not zu lindern und fröhlich zu machen das
traurige Herz des armen Bruders!
[GEJ.02_186,08] Siehe, jedes fröhliche Herz,
das du erquickt hast in Meinem Namen, wird dir dereinst zu einem neuen Himmel
voll Seligkeiten ohne Maß und Zahl werden und wird dir schon auf dieser Erde
eine Labung bereiten, die dir kein anderes Erdenglück geben kann, und wird in
dir gebären den wahren Frieden, – einen Frieden, den die Welt nicht kennt! Und
so denn gehe hin und nimm alles in Empfang!“
[GEJ.02_186,09] Und der Alte ging mit seinen
zwei Söhnen, nahm die großen und stark gefüllten Säcke in Empfang und brachte
sie in gute Verwahrung. Nachdem er wieder zum Vorschein kam, dankte er noch
einmal für alles und fragte Mich, was etwa für den Nachmittag geschehen solle.
[GEJ.02_186,10] Sage Ich: „Richte deine
Schiffe her, und wir werden ein wenig auf dem See herumfahren, da der heutige
Tag so schön und windstill ist! Du kannst heute auch noch einmal das große Netz
ins Meer werfen und sollst einen zweiten gesegneten Zug und Fang machen!“
[GEJ.02_186,11] Markus befiehlt darauf
sogleich seinen Söhnen und den vier älteren Töchtern, daß sie die Fahrzeuge in
gute Ordnung bringen sollen, sowie auch das große Netz, und auch nachsehen
sollen, ob der eingezäunte große Fischbehälter noch gut erhalten ist; und habe
er irgendein Loch, da solle es sogleich nach Möglichkeit gut verstopft werden
mit Gestrüpp und Steinen.
[GEJ.02_186,12] Sagen die Söhne: „Vater,
solches haben wir vor vier Tagen schon getan, und es dürfte darum wohl noch
alles in der besten Ordnung sein, da seit der Zeit kein Sturm getobt hat; aber
wir wollen dennoch nachsehen, damit wir auch für diesen Augenblick in der
vollsten Gewißheit sein können.“ – Darauf entfernten sich die Söhne, besahen
alles und kamen bald mit der Nachricht zurück, daß da noch alles im besten und
brauchbarsten Zustande sich befinde.
[GEJ.02_186,13] Sage Ich: „So gehen wir
hinaus und besteigen die kleinen Schiffe, von denen jegliches dennoch ganz gut
zwölf Personen gefahrlos tragen kann!“ – Darauf erhob sich alles und folgte Mir
nach.
187. Kapitel
[GEJ.02_187,01] Als wir ans Ufer kamen,
schoben die Söhne sogleich das größte und beste Schiff vor uns hin, das wir
denn auch sogleich bestiegen und uns auf die dazu bereiteten Bänke niederließen.
Die beiden Söhne aber ergriffen die Ruder und machten also unser Fahrzeug sich
ziemlich schnell entfernen vom Ufer. In Meinem Schiffe aber befanden sich nebst
Mir Cyrenius, der Knabe Josoe, der alte Markus und Petrus, Johannes und
Jakobus. Alle andern Jünger fuhren auf den andern Schiffen uns nach, sowie das
Hofgefolge des Cyrenius. In unserem Schiffe aber war auch das große Fischernetz
in guter Fischerordnung zusammengelegt.
[GEJ.02_187,02] Als wir etwa bei fünf
Feldweges weit vom Ufer uns entfernt befanden, fragte Markus, sagend: „Herr,
sage es uns, wo wir das Netz auswerfen sollen!“
[GEJ.02_187,03] Sage Ich: „Dies werde Ich
schon tun zur rechten Zeit; aber jetzt und hier noch nicht! Wir sind noch keine
halbe Stunde auf dem Wasser und wollen darum nicht sogleich dessen Ruhe stören
und dessen Geister wecken, die uns am Ende sehr necken könnten, aber mehr gen
Abend hin und näher dem sichern Ufer werden wir dann schon das Netz auswerfen.
Jetzt aber wollen wir nichts anderes tun, als ruhen mit der Ruhe des Meeres.
Will aber von euch jemand etwas wissen, so steht es ihm frei, Mich zu fragen.“
[GEJ.02_187,04] Sagt Cyrenius: „Was mir im
Hause des Markus besonders auffällt, ist, daß dessen vier ältere Töchter ebenso
kräftig beim Rudern sind, als dessen zwei, man kann sagen gigantisch starke
Söhne! – Du, Markus, warst einst wohl auch ein wenig ein Athlet; aber deine
Söhne haben dich jedoch bei weitem überholt!“
[GEJ.02_187,05] Sagt Markus: „Jawohl, aber
heute kommt mir ihre Kraft selbst etwas außergewöhnlich vor; denn ihre Ruder
spielen so kräftig und emsig, daß darob das Schiff wie vom Winde genötigt über
die Meeresfläche dahingleitet. Wahrlich, bei dieser Bewegung könnte man in
einem halben Tage bis nach Kis oder gar bis gen Sibarah kommen, wo man doch sonst
gut bei zwei Tage zu tun hätte! Bis nach Genezareth aber käme man also in ein
paar Stunden und nach Jesaira in vier.
[GEJ.02_187,06] Wenn mich meine alten Augen
nicht trügen, so entdecke ich auch nun schon den hohen Berg, der von hier aus
zur Linken die Stadt Genezareth deckt! Sieht zwar wohl sehr blau und somit
ferne aus, – aber das tut nichts; der Geschwindigkeit dieser Bewegung weichet
bald jede noch so blau aussehende Ferne! Aber nur die ausdauernde Kraft meiner
beiden Söhne kann ich nicht genug bewundern! Da bist Du, o Herr, auch schon
sicher mit Deinem allmächtigen heiligen Willen mit im Spiele!?“
[GEJ.02_187,07] Sage Ich: „Ja, lieber Freund
Markus, Ich muß mit Meinem Wollen und Willen wohl gar endlos vielfach mit im
Spiele sein überall, wo es nur immer irgendein Werden, Sein und Bestehen gibt,
vom Größten bis zum Kleinsten, ansonst der endlose Raum nur zu bald wesenleer
wäre; und so mag denn ja nun auch Mein Wille mit deinen Söhnen gar wohl tätig
sein.“
[GEJ.02_187,08] Sagen darauf die auf diesem
Schiffe anwesenden drei Jünger unter sich: „Es ist mit unserem Herrn und
Meister oft doch sonderbar! Dann und wann spricht Er ganz als der alleinige
Herr Himmels und der Erde und handelt dann auch danach; dann und wann ist Er
aber wieder ganz Mensch und läßt von Seiner Göttlichkeit nichts merken! Es ist
zwar alles unbegreiflich weise, was Er spricht und tut; aber daß Er Sich in
jüngster Zeit sollte von Pharisäern zu Jerusalem bis zum Tode mißhandeln
lassen, bei all Seiner göttlichen Macht und Weisheit, das wäre denn doch etwas,
das man durchaus nicht weise nennen könnte! Denn was gewinnt am Ende die
Menschheit von solch einer Mißhandlung? Sie wird am Ende irre und wird sagen:
Da seht das Los des Gewaltigen, daß Er am Ende dennoch ein Opfer des noch
Gewaltigeren wird! Er, der die Toten erweckt und Berge versetzt, sollte doch
auch imstande sein, mit einem Worte das Tempelgesindel zunichte zu machen!?
[GEJ.02_187,09] Zu Noahs Zeit mußte alle
Menschheit untergehen bis auf Noah und dessen kleine Familie, und doch waren
damals die Menschen bei weitem nicht so schlecht, wie sie im allgemeinen jetzt
sind; und weil nun aber die Menschen im allgemeinen schon derart böse und arg
sind, wie sie sicher nicht leicht noch böser und ärger sein könnten, so will Er
Sich darum von ihnen nun Selbst dazu noch mißhandeln lassen, anstatt daß Er sie
züchtige ärger denn zu Sodoms und Noahs Zeiten! Kurz, manche Handlung von
Seiner Gottseite ist noch um vieles unbegreiflicher als etwas, das noch nie ein
Dasein hatte!“
188. Kapitel
[GEJ.02_188,01] Sagt Johannes, der den
redenden Simon Juda bloß ganz aufmerksam angehört hatte: „Mit bloß weltlichen
Sinnen die Sache betrachtet, kann ich dir keinen Widerspruch tun; aber für die
Sehe des Herzens hat all das denn doch ein ganz anderes Gesicht! Denn die
göttliche Weisheit richtet sich ja nie und nimmer nach der selbst eines noch so
weisen Menschen!
[GEJ.02_188,02] Weißt du denn, warum auf dem
Erdboden gar so zahllos viele Gattungen von Pflanzen und Gesträuchen vorkommen,
die gar keine Früchte tragen? Und so sie schon welche tragen, da sind diese für
unsern Verstand dennoch zwecklos, und niemand weiß es, wofür sie etwa gut sind!
Eben eine gleiche Mannigfaltigkeit entdeckt man unter den Tieren. Von der
kleinsten Blattmilbe bis zum die Meere beherrschenden Leviathan, sage, wozu
sind sie alle bis auf unsere wenigen Haustiere? Welchen Zweck können wohl die
wilden, reißenden Bestien haben? Was nützen der Menschheit die Bären, Löwen,
Tiger, Hyänen und noch eine Menge der uns noch unbekannten reißenden Bestien?
Wer, guter Freund, kann dir den Grund von so höchst verschiedenen Gestaltungen
der Tiere geben? Wozu die vielen Sterne am Himmel? Warum leuchtet der Mond
nicht stets zur Nachtzeit? Wozu sein Lichtwechsel? Wozu ist er so ganz
eigentlich da? Sieh, das alles und noch viel tausendfältiges anderes begreifen
wir nicht, und es kommt unserem Verstande wie eine Torheit vor, wenn wir so
recht kritisch darüber nachdenken! Aber bei Gott dem Herrn hat alles das sicher
einen höchst weisen Grund, und so darf es uns denn nun, da uns die
außerordentliche Gelegenheit gegeben ist, den Herrn persönlich vor uns wirken
zu sehen, gar nicht wundernehmen, so wir nicht alles fassen können, was Er tut
und noch ferner tun wird; denn für alles wird Er offenbar in und für Sich den
allerweisesten Grund haben! – Bist du da nicht meiner Ansicht?“
[GEJ.02_188,03] Sagt Simon Juda: „Jawohl,
jawohl, du hast ganz recht, und man kann dir füglichstermaßen wohl nichts
dagegen einwenden! Aber das bleibt denn doch auch ewig wahr, daß dem denkenden
Menschen so manche Anordnung Gottes gerade so vorkommt, als ob jemand im
vollsten Ernste behaupten möchte, daß zwei Fische und abermals zwei Fische
zusammen sieben Fische seien!“
[GEJ.02_188,04] Sage Ich: „Ja, ja Simon, also
sieht es wohl aus; aber was dem Menschenverstande als unmöglich erscheint, kann
bei Gott noch gar wohl möglich sein! Nimm das kleine Netzlein, das zu deinen
Füßen liegt und wirf es hinaus ins Meer! (Simon tut dies.) – Nun hebe es wieder
zurück und sage, wie viele Fische sich darin befinden!“
[GEJ.02_188,05] Sagt Simon: „Herr, genau vier
Stück!“
[GEJ.02_188,06] Sage Ich: „Siehe nach und
zähle; denn es sind deren sieben!“
[GEJ.02_188,07] Simon sieht nach und zählt
und findet nun genau sieben Fische im Netze. Darüber verwundert er sich hoch
und sagt: „Ja, ja, bei Gott sind alle Dinge möglich!“
[GEJ.02_188,08] Und Ich sage zu ihm: „Darum
schwätze künftighin nicht ein unnützes Zeug; denn es ist besser zu schweigen,
denn leeres und unnützes Zeug zu schwätzen! Verstehe solches, – sonst bist du
um nichts besser denn ein blinder Pharisäer!“
[GEJ.02_188,09] Sagt Simon Juda: „Herr, Du
weißt es doch, wie sehr ich Dich liebe, und doch verweisest Du mir nun, so ich
etwas sage aus mir, das Gesagte stets auf eine ziemlich bittere Weise, daß ich
darob nun kaum mehr irgend noch einen Mut habe, Dich je wieder laut um irgend
etwas zu fragen! Ich nehme zwar von Dir alles mit der größten Liebe und Geduld
an; aber einer inneren kleinen geheimen Trauer kann ich mich nicht erwehren,
weil gerade ich das leidige Ziel Deiner Schärfe bin!“ – Hierauf wendet er sich
gegen das Meer und beschaut dasselbe mit einem etwas wehmütigen Blick.
[GEJ.02_188,10] Johannes aber geht zu ihm hin
und sagt: „Sieh, Bruder, dir geschieht es jetzt nun etwas schwer ob der sanften
Zurechtweisung von seiten des Herrn; aber sieh, des Herrn Liebe und Weisheit
weiß es wohl überaus gut, warum sie solches an dir getan hat, und so du einen
recht tiefen Blick in dein Herz tätest, da würdest du den Grund bald und leicht
selbst finden!“
[GEJ.02_188,11] Sagt Simon: „Nun, was soll es
denn sein? – Sage du es mir!“
[GEJ.02_188,12] Spricht Johannes: „Sieh,
Bruder, was das Erkennen und den lebendigen, unerschütterlichsten Glauben
betrifft, so bist du unter uns offenbar der Stärkste und nach dem Zeugnisse des
Herrn ein wahrer Fels; aber dabei hast du dennoch Stunden, in denen dich so
eine leise Art von Selbstgefühl übermannt, und siehe, ein solches Selbstgefühl
ist so ein wenig mit dem, was man Hochmut nennt, ziemlich nahe verwandt! Und
das wird es sein, was der Herr durch so manche dir zukommende Demütigung aus
dir herausschaffen will! Ich habe das schon bei manchen anderen Gelegenheiten
wahrgenommen und hätte es dir schon lange gern gesagt aus wahrster und
aufrichtigster Bruderliebe; aber es hat sich dazu nie eine so recht schickliche
Gelegenheit geboten. Da sich nun eben eine solche Gelegenheit ergeben hat, so
dachte ich daran und habe es dir gesagt, wie ich es schon lange lebendigst in
mir gefühlt habe. Du wirst es sicher in dem guten Liebesinne aufnehmen, in und
aus welchem ich es dir gesagt habe, und wirst mir darob nicht gram sein!?“
[GEJ.02_188,13] Sagt Simon Juda: „Ja, ja, du
wirst auch darin ganz vollends recht haben; aber nur begreife ich es nicht,
warum Er unsereinen auf so etwas nicht wenigstens einmal aufmerksam macht,
indem Er doch sonst nicht wortkarg ist! Man würde sich dann ja um vieles
leichter danach richten, was da nach Seinem rein göttlichen Sinne vollkommen
Rechtem ist!“
[GEJ.02_188,14] Sagt Johannes: „Das könnte Er
zwar tun; aber Er tut es dennoch nicht, und siehe, das muß schon auch wieder
seinen guten Grund haben!
[GEJ.02_188,15] Mir kommt es also vor, als ob
Er es haben wollte, daß ein jeder Mensch sich zuerst vollkommen selbst finden
müßte, bevor der Herr am Ende Seine alles Leben vollendende Hand an ihn legt
und mit Seinem Lichte Wohnung nimmt in des Menschen Herzen.
[GEJ.02_188,16] Aus diesem mir als vollwahr
dünkenden Grunde sagt der Herr denn auch niemandem direkt die Fehler des Lebens
vor, sondern bloß indirekt durch gewisse Rüttler, durch die Er dann die Seele
zwingt, sich selbst näher zu beschauen, ihre Fehler an Seinem Lichte zu
erkennen, sie von sich zu bannen und sogestaltig dann völlig in die Ordnung des
Herrn einzugehen. Das, Bruder, ist so meine unmaßgebliche Meinung, und ich bin
nahe dafür, daß es also sein werde. – Was bedünket es dich darüber?“
[GEJ.02_188,17] Sagt Simon, etwas
nachdenkend: „Ja, du dürftest auch darin vollends recht haben; denn unter uns
allen erkennst du wahrlich am tiefsten und am schärfsten des Herrn Sinn! Dein
Wort soll in der Folge für mich sehr maßgebend werden!“
[GEJ.02_188,18] Bei dieser Gelegenheit wendet
sich Simon wieder nach Mir hin und macht eine dankbare Miene darob, daß Ich
durch den Bruder Johannes solches habe offenbaren lassen seinem Herzen; Ich
aber bedeute Simon, daß er nun, da die Söhne des Markus anfangen, das große
Netz ins Meer zu breiten, diesen nach seiner guten Kenntnis in diesem Fache
behilflich sei.
[GEJ.02_188,19] Und Simon tut nun solches mit
der größten Freude von der Welt; denn ein Liebeblick von Mir ist dem Simon mehr
denn alle Schätze der Welt, und es sollte auch bei allen Menschen so sein, die
wahrhaft Mir nachfolgen und dadurch das wahre ewige Leben erreichen wollen.
189. Kapitel
[GEJ.02_189,01] Während aber des Markus Söhne
– ihnen Hilfe leistend Simon und noch etwelche in unserem Schiffe anwesenden
Jünger – mit dem Auswerfen des großen Netzes beschäftigt waren, ruderte von der
Gegend Genezareths ein großes Fahrzeug gerade auf uns zu. Es kam näher und
näher; und als es kaum mehr einige Faden von uns entfernt war, so entdeckte ein
Sohn des Markus, daß dies ein römisches Militärschiff sei, auf dem sich mehrere
Soldaten befänden.
[GEJ.02_189,02] Sagt Cyrenius: „Wäre meiner
Weltstellung wegen doch ein wenig unangenehm, so mich meine Soldaten hier in
diesem vor der Welt für einen Oberstatthalter doch etwas zu unansehnlichen
Schiffe träfen! Wenn man ihnen doch ein wenig ausweichen könnte!“
[GEJ.02_189,03] Sage Ich: „Fürchte du, was zu
fürchten ist; aber vor dem brauchst du dich wahrlich nimmer zu fürchten! Denn
siehe, wenn die Sonne hoch am Himmel steht, so erscheint sie um vieles kleiner,
als wenn sie nahe an dem Horizonte schwebt, – auch mag auf ihrer Höhe niemand
nach ihr sehen, weil sie allda jedes Auge beleidigt; wenn sie aber fein nieder
steht, da blickt alles freudigsten Gemütes nach der entweder kommenden oder
scheidenden Mutter des Tages.
[GEJ.02_189,04] Möchte dies Schifflein noch
so herrlich geziert sein, so wird es dadurch zur Erhöhung deiner Würde nichts
beitragen, – denn was du bist, das bist du, ob du auf der Spitze des Ararat
stehst oder auf einem Maulwurfshügel; aber die wahre Achtung, gepaart mit
Liebe, wirst du nur dort am meisten zu genießen bekommen, wo die Menschen am
leichtesten zu dir kommen können! Und Ich sage es dir noch obendrauf, daß dir
eben diese Zusammenkunft von großem Nutzen sein wird, wovon du dich bald
überzeugen wirst.“
[GEJ.02_189,05] Cyrenius ist nun voll der
gespanntesten Aufmerksamkeit über diese Meine Worte, was da etwa das römische
Soldatenschiff bringen werde. Da es aber eines widrigen Windes wegen etwas
aufgehalten ist, völlig zu uns zu stoßen, so meint Cyrenius, ob es nicht
rätlich wäre, dem römischen Schiffe nachzusteuern.
[GEJ.02_189,06] Ich aber sage: „Mitnichten;
denn wir werden mit selbem noch früh zur Genüge zusammenkommen, und es wird dir
da an Gelegenheit nimmer mangeln, alles mögliche, was dich angeht, zu erfahren
nach allen Umständen. Für jetzt aber sehen wir nur ganz ruhig dem Fischfange
zu!“
[GEJ.02_189,07] Als Cyrenius solches vernahm,
begnügte er sich und sah nun ganz gemütlich zu, wie die Fischer das große Netz
im Meere auszuspannen begannen, das sich gar bald mit großen Fischen derart zu
füllen begann, daß man genötigt war, ans Ufer zu steuern. Als wir etwa nach
einer halben Stunde das Ufer erreichten, und zwar an der Stelle, allwo sich der
im Meere eingefriedete große Fischteich befand, da ward von allen Seiten das
große Netz an des Teiches Friedung gezogen, und es war eine solche Menge der
größten und kostbarsten Fische im Netze, daß darauf alle Meine Jünger, Markus
samt allen seinen Kindern und sogar die Dienerschaft des Cyrenius bei
anderthalb Stunden zu tun hatten, um alle die gefangenen Fische aus dem Netze
in den eingefriedeten Seeteich zu schaffen.
[GEJ.02_189,08] Und als die Fische sich
bereits im Teiche befanden, da wimmelte es darin vor der großen Menge der
Fische; denn es waren deren über siebentausend an der Zahl, und der Teich war
voll, daß er keine tausend Stück mehr hätte fassen können. Darob war der alte
Markus aber auch fröhlich, daß er sich vor lauter Fröhlichkeit kaum zu helfen
wußte. In einem fort ging sein Mund vor lauter Danksagung über Danksagung über.
[GEJ.02_189,09] Ich aber sagte zu ihm:
„Freund, du bist nun sehr dankbar für diese von Mir dir erwiesene Wohltat; aber
du wirst heute noch eine andere Gabe erhalten bei der Gelegenheit, wenn das
Römerschiff hier landen wird! Die Gabe aber wird nicht bestehen weder in
Fischen noch in Gold und Silber, sondern pur in Meinen Worten, die dir den Weg
zum ewigen Leben bahnen werden. Darauf achte du dann mit deinem ganzen Hause,
und es wird in deiner Seele licht und helle werden für diese Zeit und für die
Ewigkeit! – Hast du Mich wohl verstanden?“
[GEJ.02_189,10] Spricht Markus: „Ja Herr!
Mein Herz sagt es mir: Markus, alter, verrosteter Krieger, heute soll dein
Leben vom alten Roste befreit werden! Eine Stimme der Himmel Jehovas wird dein
Ohr vernehmen, und deine Seele wird fühlen die große Nähe deines Heiles für
ewig! – Und so hoffe ich denn auch, heute noch Wunderbarstes zu erleben.“
190. Kapitel
[GEJ.02_190,01] Die Söhne des Markus hatten
noch kaum das Netz zum Trocknen an die zu dem Zwecke am Ufer befestigten Pfähle
gehängt, so war das große Römerschiff auch schon so nahe am Ufer, daß man mit
den Schiffsleuten reden konnte; und diese forderten die Söhne des Markus auf,
mit etwelchen Nachen an das große Schiff zu kommen und die Reisenden ans Ufer
zu bringen, weil dieses vermöge seines Tiefganges sich nimmer völlig dem Ufer
nahen könne. Die Söhne taten das sogleich, und Meine Jünger staunten nicht
wenig, als sie unter den vielen römischen Soldaten und anderen Bürgerpersonen
auch den Hauptmann Julius und am Ende gar den Ebahl mit der Jarah entdeckten.
[GEJ.02_190,02] Aber zugleich trug das Schiff
auch fünf eingefangene arge Straßenräuber, die an den Pässen zwischen Judäa und
Samaria ihr Unwesen trieben und schon so manchen Mord verübt hatten. Diese
waren als Rabbis gekleidet und sahen sonst recht freundlich aus; aber dennoch
wohnte in eines jeglichen Herzen eine volle Legion der ärgsten Teufel, die
diese fünf Räuber nötigten, auf die unbarmherzigste Weise von der Welt die
Wanderer auszurauben und sie dann, um nicht verraten zu werden, ohne alle
Schonung zu ermorden. Derlei Räuber wurden aber heimlich von den Pharisäern
gebilligt, weil dadurch die Zusammenkünfte zwischen den ketzerischen Samariten
und den Juden auf gar vielen Stellen nahe gänzlich unmöglich gemacht wurden.
Davon wußten aber auch die Römer und waren darum solchen Räubern um so
feindlicher. Und es ging solchen Verbrechern dann schon allzeit erschrecklich
schlecht; denn auf sie wurden stets die peinlichsten Todesstrafen angewendet.
[GEJ.02_190,03] Neben den erwähnten fünf
Haupträubern aber befanden sich noch etliche politische Verbrecher, die
heimlich, auch vom Tempel ausgehend, allenthalben Propaganda gegen die Römer
anzettelten; der ganze Transport aber war nach Sidon bestimmt.
[GEJ.02_190,04] Ich aber verbarg Mich ein
wenig, auf daß Mich Ebahl, die Jarah und der Julius nicht sogleich fanden, und
gebot es auch den Hausleuten und dem Cyrenius, Mich nicht sobald zu verraten;
denn es befanden sich auf dem Schiffe auch etwelche Pharisäer, die Meinetwegen
von Jerusalem geheim abgesandt waren, obschon sie laut vor der Welt einen andern
Grund im Munde führten.
[GEJ.02_190,05] Cyrenius empfing den Julius
mit der größten Freundlichkeit, was den Hauptmann Julius höchst angenehm
wundernahm; denn fürs erste hatte er das höchste asiatische Staatsoberhaupt
hier nicht vermutet, und fürs zweite war des Cyrenius Art gegen seine
untergeordneten Diener stets eine sehr ernste, obschon im Vollmaße gerechte.
[GEJ.02_190,06] Cyrenius besprach sich
sogleich mit Julius wegen der Verbrecher, und ob Julius über sie schon
irgendein Urteil gefällt habe. Denn mit einem schon gefällten Urteile sah es
bei den Römern unerbittlich schlimm aus; es konnte dasselbe nur allein vom
Kaiser noch widerrufen werden. Aber Julius hatte eben noch kein Urteil gefällt
und wollte solches erst in Sidon vom Oberstatthalter Cyrenius selbst fällen
lassen; er bat darum den Cyrenius auch, nach der Kundgabe der bösen Taten von
den fünf Raubmördern und von den etwelchen politischen Verbrechern, daß er die
Verbrecher nach Recht sogleich verurteilen möchte.
[GEJ.02_190,07] Spricht Cyrenius zu Julius:
„Du hast sehr wohl und weise gehandelt, daß du diese Bösen noch nicht
verurteilt hast! Ich werde sie aber auch nicht sogleich verurteilen; denn es
befindet sich nun noch ein Größerer und Mächtigerer in unserer Nähe, und diesen
werden wir hier in dieser Causa (Sache) urteilen lassen. Laß die Verbrecher
darum gut bewachen, bis dieser Mächtigste und Weiseste kommt!“
[GEJ.02_190,08] Spricht Julius: „Höchster
Gebieter über Asien! Befindet sich etwa gar der Kaiser auf asiatischem Boden?“
[GEJ.02_190,09] Sagt Cyrenius: „Nein,
liebster Julius, aber Einer, der vollwahr über alle Reiche der Welt gebietet,
und darum auch über den gekrönten Sohn des Augustus, meines Bruders! Es ist
Zeus mit aller Seiner göttlichen Macht unter uns Sterbliche von den Himmeln
gekommen; Seine Worte sind Werke, und Sein Wille ist eine vollbrachte Tat!“
[GEJ.02_190,10] Cyrenius aber redete zu
Julius darum also römisch von Mir, da er daran dachte, Mich nicht zu verraten,
und auch nicht wußte, daß Julius Mich auch schon kannte.
[GEJ.02_190,11] Und Julius sagte darum:
„Höchster Gebieter, wir leben nun in einer Zeit der Wunder über Wunder, und die
Götter müssen ein großes Wohlgefallen an den Sterblichen haben; denn auch ich
hatte erst vor wenigen Tagen die sonderbarste Gelegenheit von der Welt, einen
Menschen kennengelernt zu haben, dem vom Zeus nichts abging als etliche tausend
Blitze in seiner Hand! Ein Jahr wäre viel zu kurz, um dir das alles zu
erzählen, was dieser offenbarste Zeus bei mir in Genezareth und zumeist im
Hause des biederen Wirtes Ebahl gewirkt hat!“
[GEJ.02_190,12] Cyrenius machte dabei ganz
große Augen und war etwas verlegen, was er darüber nun dem Julius sagen, oder
worüber er ihn weiter fragen sollte. Denn er gewahrte es augenblicklich aus der
Erzählung, daß Ich es war; aber er wollte den Julius nicht stören in seinem
Glauben. Dasselbe war aber auch bei Julius der Fall; denn auch er hatte sich
das sogleich gedacht, als Cyrenius den allmächtigen Zeus ihm beschrieb.
[GEJ.02_190,13] Keiner hielt den andern für
einen umgestalteten Römer, und so geschah es, daß sich die beiden so lange
foppten, bis Ich Selbst am Ende zum Vorschein kam und dadurch die gegenseitigen
Zweifel löste, – was Ich jedoch bei einer guten Stunde lang verschob.
191. Kapitel
[GEJ.02_191,01] Auch Ebahl und Jarah
bekräftigten die Aussage des Julius und machten nun eben dieses seltensten
Wundermenschen wegen eine Reise nach Sidon, um möglicherweise etwa doch noch
einmal dort mit ihm zusammenzukommen, dieweil die Tochter eine zu große
Sehnsucht nach ihm hätte. Cyrenius verwunderte sich zum Scheine sehr darüber,
wie das junge, vielleicht noch kaum dreizehn bis vierzehn Frühlinge zählende
Mägdlein schon so verliebt wäre, indem er (Cyrenius) zugleich bemerkte, daß da
ohnehin ein gar überaus wunderlieber und schöner Junge stets an ihrer Seite
wandle. Es sei das dann um so sonderbarer, wie das zartschönste Mägdlein neben
einem gar so schönsten Jünglinge in einen doch schon ältlichen Mann, wie eben
der gewisse Mensch- Zeus einer sei, auch noch so sterbensverliebt werden
könnte.
[GEJ.02_191,02] Wer die Jarah aus den
früheren Begebnissen in Genezareth kennt, dem dürfte es noch sehr bekannt sein,
daß eben die Jarah nicht leichtlich jemand eine gute Antwort schuldig blieb,
und so sagte sie denn auch zu Cyrenius: „Hoher Herr und Gebieter! Wie magst du
Den nun vor uns verleugnen und Ihn zählen unter die toten Götter Roms eines
nichtigen politischen Grundes wegen, – und doch guckt Sein Gotteslicht und
Seine Gnade allenthalben vielfach aus allen deinen Teilen mit einer großen
Strahlenmasse hervor!?
[GEJ.02_191,03] Sieh, ich fühle Seine Nähe,
und du fühlst sie so gut wie ich, – und doch magst du Ihn gewisserart
verleugnen; sieh, das ist nicht ganz löblich von dir, so wie es auch von Julius
nicht sehr löblich ist, daß auch er den Allerheiligsten und Allergerechtesten
in einer gewissen Hinsicht vor dir, o hoher Herr, verleugnet!
[GEJ.02_191,04] Übrigens ist es aber auch
mehr noch durchaus nicht löblich von dir, daß du mich des gewisserart gemeinen
Verliebtseins beschuldigst; denn ich liebe Ihn ja nur, wie das wohl ein jeder
Mensch tun sollte, als meinen Schöpfer, als meinen Gott und Herrn, und bete Ihn
an in meinem Herzen so rein, wie es einem sterblichen Mädchen nur immer möglich
ist. So aber das, – wie bin ich denn hernach gemein verliebt in Ihn? Da frage
diesen meinen Begleiter und Lehrer, der wird es dir besser denn ich zu
zergliedern imstande sein; denn er besitzt mehr Kraft in allen Dingen als alle
Weisen der Welt und alle Helden aller Reiche der Erde, mit der alleinigen
Ausnahme Dessen, den ich hier suche. Darum frage du nur diesen Jungen, und du
wirst von ihm schon die völlig rechte Antwort erhalten!“
[GEJ.02_191,05] Cyrenius wollte nun den
Jüngling fragen, aber der Knabe Josoe hinderte ihn daran; denn er sagte zu
Cyrenius heimlich: „Laß dich mit dem Jüngling ja nicht ein; denn das ist auch
einer, wie es der ist, der dann und wann mich besucht! Denn diese Art Wesen
können nichts Unreines vertragen, somit auch keine unziemende Frage; ihr Leben
und ihr Sein ist ja nichts als Gottes Flammenlicht.“
[GEJ.02_191,06] Spricht Cyrenius zu Ebahl:
„Ist das deine Tochter doch, und du bist ein Jude; darum ist es zum Erstaunen,
daß in ihr so viel von der tiefsten Weisheit steckt! Das kann sie doch nicht
binnen etlichen Tagen von dem Meister der Meister und noch weniger von dem
gewissen Jünglinge gelernt haben!? Denn diese Art Lehrer, obschon höchst selten
auf dieser Erde, machen mit dem Unterrichte an uns sterblichen Menschen eben
auch nicht zu übergroße Fortschritte! Solches weiß ich aus der Erfahrung bei
meinem Sohne Josoe, den zwar ich nicht gezeugt, aber dennoch für alle Zeiten
als Sohn angenommen habe. Zu ihm kommt auch zuweilen so ein Rabbi. So sie aber
eine Zeit miteinander verkehren, da weiß man am Ende wahrhaftig nicht, wer da
eigentlich recht hat; denn da haben bei oft sehr verschiedener Meinung am Ende
nur zu oft beide recht. Der ganze Unterricht ist eigentlich nichts als ein
Weisheitskampf, aus welchem am Ende beide Parteien als Sieger hervorgehen.
[GEJ.02_191,07] Mein Josoe ist oft so hitzig
gegen seinen mystischen Meister, daß er ihn geraden Weges fortschafft; aber der
Meister läßt sich dadurch nicht im geringsten irremachen, behauptet seinen oft
mit Händen zu greifenden Unsinn und läßt erst gegen Ende etwas Licht
durchschimmern. Und so bin ich der Meinung, daß solches auch der schöne Rabbi
bei deiner Tochter tun wird!“
[GEJ.02_191,08] Sagt Ebahl: „Ja, ja, hoher
Gebieter, es ist völlig also. Ich für mich wenigstens kann daraus nie so recht
ganz klug werden, wer da am Ende vollends recht hat. Die Sache bleibt zumeist
unentschieden. Von irgendeinem positiven Lehren ist da nie eine Rede. Der junge
Geist sucht nur irgendeine Verwirrung in die Begriffe des Zöglings zu bringen,
und dieser muß sie dann aus sich selbst ordnen, so gut es geht. Von irgendeinem
Dareinhelfen ist da schon gar keine Rede, und es bleibt darum am Ende immer
etwas Unentschiedenes. Will der Zögling seines Rabbi Einwürfe vollends zunichte
machen, so muß der Zögling ihm aber schon mit so nagelfesten Gegeneinwürfen
entgegenkommen, daß sich der Rabbi weder nach links noch nach rechts mehr
wenden kann. Das ist dann ein Beweis, daß der Zögling vollends recht hat; aber
ohne die erwähnten nagelfesten Gegenbeweise hat der Zögling stets unrecht – und
stellte er auch die gerechteste Behauptung auf! Oh, meine Jarah hat ihren Rabbi
schon ganz entsetzlich in der Schlinge gehabt; er hätte sich am Ende kaum mehr
selbst zurechtgefunden, so ihn nicht das Mädchen wieder zurechtgebracht hätte,
was er selbst eingestand.
[GEJ.02_191,09] Wahrlich, die eigentlich
himmlische Unterrichtsweise ist oft wirklich höchst sonderbar! Da unterrichtet
gewöhnlich der Schüler den Lehrer, und der Lehrer begnügt sich immer sehr, so
er von seinem Jünger irgend etwas gelernt hat. Aber die Sache geschieht dennoch
stets auf eine wahrhaft himmlisch freundliche Weise, und ich wohne solcher
Unterrichtsweise sehr gerne bei; denn man lernt daraus dennoch in einer Stunde
mehr als von den Weltrabbis in einem Jahre.
[GEJ.02_191,10] Bei den Weltrabbis ist und
bleibt der Zögling leiblich und geistig stets ein Sklave seines Rabbi; denn er
kann nur das lernen, was sein oft leiblich und noch ärger geistig verkrüppelter
Rabbi selbst kann und weiß. Ob's nun falsch oder wahr ist, um das darf sich der
Zögling bei schwerer Strafe nicht erkundigen! Was kümmert es so einen
pausbackigen Weltrabbi, welche inneren geistigen Anlagen und Fähigkeiten sein
Zögling besitzt?! Da heißt es allzeit: Vöglein, friß oder stirb! Kurz, die
Unterrichtsweise dieser Zeit gleicht völlig einem Helme, der auf alle Köpfe
paßt, und einem Bette, in dem alle Menschen eine bequeme Ruhe genießen sollen!
Der Riese Goliath würde sicher ein merkwürdiges Gesicht dazu machen, so man ihm
eine Wiege der Kinder zur Ruhestätte anwiese!
[GEJ.02_191,11] Ich habe nicht selten Kinder
gesehen, die schon in ihrer zartesten Jugend einen wahren Riesengeist
bekundeten. Was hätte aus ihnen werden können, wenn sie ihrer Fähigkeit gemäß
wären erzogen und unterrichtet worden! Man lehrte sie aber gleich den Schwächlingen
nur Körbe flechten und ließ ihren Geist sogestaltig verkümmern! Und das halte
ich für ein größtes Unrecht! Denn was hätte so ein in seiner Art ausgebildeter
Geist der Menschheit alles für Dienste leisten können! Und – was nützt er in
seiner Verkümmertheit? Er flicht Körbe und fängt am Ende Fische und Muscheln!
[GEJ.02_191,12] Aber eben darin merke ich den
ungeheuren Unterschied zwischen dem Unterrichte der eitlen und zumeist dummen
Weltrabbis und der nun wunderbarst unter uns seienden Himmelsrabbis. Diese
erziehen den Geist frei und helfen ihm gewisserart auf die Beine dadurch, daß
sie ihn durch allerlei Fragen wecken in der Art, von welcher eben ein
Menschengeist ist; die Weltrabbis aber suchen den Geist nur zu unterdrücken und
zu töten – und erziehen dafür den Kot für und um den Kot! – Sage, hoher
Gebieter über ganz Asien, habe ich recht oder nicht?!“
[GEJ.02_191,13] Sagt Cyrenius: „Vollkommen,
mein sehr schätzbarer Wirt Ebahl! Das war schon lange auch meine Ansicht; aber
was hat sich da bis jetzt dagegen tun lassen? Ich sage es offen: Nichts, gar
nichts! Denn uns selbst fehlte der rechte Grund, und woher sollten den hernach
die Weltrabbis erhalten haben? Diese armen Teufel müssen am Ende denn doch nur
alle Kinder das lehren, was sie gewissermaßen zuvor selbst von uns gelernt
haben, – und so sind sie notwendig blinde Leiter der Blinden!
[GEJ.02_191,14] Wir haben nun zwar von dem
Einen kennengelernt die große, heilige Wahrheit und können nun gar wohl das
Licht von der Finsternis unterscheiden; aber bis unser Licht allen Menschen
dieser Erde zuteil wird, da wird noch so mancher Korb von irgendeinem
Riesengeiste geflochten werden! Sage mir doch, was am Ende aus deinem gar so
wunderlieben Töchterchen wird!? Sie ist wahrlich ein Riesengeist und wird nun dazu
noch von einem Himmelsrabbi unterwiesen. Sage, wozu wird es sich am Ende
bequemen!? Zu einer Hausfrau sicher kaum!“
[GEJ.02_191,15] Sagt Ebahl: „Hoher Gebieter!
Sehen wir unsere Mädchenschulen an! Wie sind sie vertreten? Wahrlich, hoher
Gebieter, auf eine Art, daß es für die Menschheit eine barste Schande ist! Und
ich meine darum: Eine gute Mädchenschule wäre ja auch nur überaus zu wünschen;
denn eine Mutter, ein Etwas, das nur aus einem Mädchen werden kann, ist doch
stets der Kinder erste und vorzüglichste Lehrerin. Hat sie Geist, Herz und Kopf
am rechten Flecke, wie man zu sagen pflegt, da werden auch ihre Kinder gewiß
ihre Gebäude nicht auf dem Sande des Meeres erbauen und kaum irgend weiterhin
in einen Irrtum geleitet werden können. Wenn aber die Mütter, wie es bisher nur
leider zu häufig der Fall war, dümmer oft denn ein Regenwurm sind, ja da ist
auch von dem Mutterunterrichte wahrlich sehr wenig oder gar nichts zu erwarten!
– Sage, hoher Gebieter, ob ich auch da recht habe oder nicht!“
192. Kapitel
[GEJ.02_192,01] Sagt Cyrenius: „Auch da hast
du vollkommen recht, und ich erkenne nun in dir einen höchst weisen Biedermann
und muß dich zu irgendeinem Vorsteher mit vielen Vollmachten ernennen!“
[GEJ.02_192,02] Sagt Ebahl: „Wird schwer
halten, da ich noch stets ein Jude bin, dem es vom Tempel aus auf das strengste
verboten ist, irgend Ämter und Würden von Rom aus anzunehmen!“
[GEJ.02_192,03] Sagt Cyrenius: „Nun, was wird
es wohl sein, so ich dich zu einem Bürger Roms mache? Und bist du das, so
kannst du jede erdenkliche römische Amtswürde annehmen, und wir würden den
Tempel ganz absonderlich zu züchtigen verstehen, so er sich dagegen stemmte! So
du demnach willst, mache ich dich zu einem Bürger Roms!“
[GEJ.02_192,04] Sagt Ebahl: „Hoher Gebieter,
wahrlich nicht des Ansehens und der hohen Würde eines römischen Bürgers willen,
sondern der puren Freiheit wegen, die jedem biederen Bürger Roms verliehen ist,
nehme ich deinen Antrag an! Ich werde im Herzen wohl für ewig ein echter Jude
verbleiben, – denn man kann ja der lebendigsten Überzeugung, daß das echte,
alte und wahre Judentum vollwahr aus den Himmeln zu den Menschen kam, und daß
darin allein das Heil zu suchen und zu finden ist, in sich nicht entgegen sein;
aber der Außenwelt gegenüber will ich also ein Römer sein wie einer, der
inmitten Roms von einer tadellosen Römerin geboren worden ist.“
[GEJ.02_192,05] Sagt Cyrenius: „Gut, sogleich
sollst du aus meinen Händen auf Pergament den zu allen Zeiten gültigen und mit
allen Rechten eines Bürgers der Stadt Rom belehnten Brief erhalten! Wenn du
dann solchen Brief den Templern vorweisen wirst, so werden sie dich ganz sicher
in der vollsten Ruhe lassen, und du wirst dann der Menschheit mehr zu nützen
imstande sein, als es bisher geschehen konnte; und darum: ich will es, und so
geschehe es!“
[GEJ.02_192,06] Hierauf winkte Cyrenius
seinem Geheimschreiber, und dieser brachte alsbald den Brief. Cyrenius schrieb
seinen Namen darunter und überreichte den Brief sogleich dem Ebahl.
[GEJ.02_192,07] Ebahl, ganz gerührt von der
Güte des Oberstatthalters, dankte dem Cyrenius aus vollstem Herzen und sprach
am Ende seiner Dankrede: „Wahrlich, so eine Ehre habe ich hier in der Nähe der
Stadt Cäsarea nie erhofft! Dieser Brief soll meinerseits aber auch von den
besten Wirkungen für die Menschheit begleitet werden, und das um so mehr, als
mir auch im Briefe das Recht und die kaiserliche Vollmacht zukommt, aus jedem
biederen Juden einen römischen Bürger zu machen, dem dann so wie mir selbst
alle Rechte und Vorteile eines römischen Bürgers zukommen. Wahrlich, unsere
Gegend soll bald eine Menge römischer Bürger zählen, und die Abschiede der
Pharisäer aus diesen Gauen sollen sich mehren wie das Gras im Frühjahre! Oh,
das wird herrlich sein!“
[GEJ.02_192,08] Sagt der nebenstehende alte
Markus: „Bruder, du hast zwar recht, daß du dich darüber sehr freust; denn es
ist eine große Sache, ein Bürger Roms zu sein! Ich bin es von Geburt aus; aber
nichtsdestoweniger muß ich den Tempelpfaffen dennoch gleich den Juden jährlich
einen gewissen Tribut bezahlen. Von den Juden nehmen sie nur den Zehnt, von uns
Römern aber nach einem gewissen, beim römischen Hofe erschlichenen Rechte den
Tribut, – und man muß sich mit ihnen abzufinden verstehen, wenn man aus dem
harten Tribute in den alten Zehnt gelangen will. Nur diese Tributpflichtigkeit
römischer Bürger an den Tempel sollte von Rom aus den Templern wieder ohne
alles Bedenken genommen werden; fürs erste ist die Tributsteuer zu hart, und
fürs zweite macht sie den Tempel zu mächtig, – und beides ist schlecht.
[GEJ.02_192,09] Bei dem gegenwärtigen
Verbrechertransporte nach Sidon befinden sich eben wieder etliche Aufwiegler,
die ganz sicher vom Tempel aus für ihr Werk besoldet worden sind. Es ist zwar
wahr, daß die Tributpflichtigkeit nur in einigen Fürstentümern Kanaans als eine
außerordentliche Last besteht und der Tempel nur dort sein Recht zu vertreten
hat, wo es noch als von Rom aufrechterhalten erscheint; aber die Templer
begnügen sich damit nicht, machen Übergriffe mittels falscher Urkunden, die sie
als neue von Rom ausgehend vorweisen, und zwingen die römischen Bürger, sich
zum wenigsten mit ihnen auf den Zehnt abzufinden. Ich habe noch heute morgen
ihnen den Fischzehnt entrichten müssen, ansonst sie mir sicher alle
erdenklichen Anstände gemacht hätten.
[GEJ.02_192,10] Meine Meinung wäre demnach
diese: Man sollte dem Tempel so bald als möglich alle Zugeständnisse Roms ohne
irgendeine Ausnahme nehmen; denn sonst läuft Rom Gefahr, in Asien bald
Aufstände über Aufstände zu bekommen, und bevor vierzig Sommer um sind, wird
Rom die sehr verdrießliche Ehre bekommen, Kanaan und das andere Asien zum
zweiten Male vom Alpha bis Omega erobern zu müssen! – Das ist meine Meinung,
auf die ich nun viel halte, weil ich die Verhältnisse des Tempels sehr genau
kenne und sie aber auch tiefst verabscheue.“
[GEJ.02_192,11] Sagt Cyrenius: „Auch für
dieses verkrüppelte Beil wird sich ein Stiel finden lassen! Aber wenn die
Templer sich unterfangen, auch in dieser Gegend den Tribut zu begehren und
daraus ihren alten Zehnt zu kreieren, so werden wir wohl unversäumt ein
wohlgenährtes Donnerwetter nach dem Tempel abgehen lassen; denn das ist wieder
eine Eigenmächtigkeit von seiten der Templer, die mit der Zeit für Rom wahrlich
die übelsten Folgen haben könnte.
[GEJ.02_192,12] (Sich zum Hauptmann Julius
wendend:) „Du, Julius, wirst noch heute einige Stücke weiße, von mir
unterfertigte Rollen bekommen, auf denen du nach deinem guten Sinn für den
Tempel einige kurze Sätze verfassen wirst! – Du verstehst mich!?“
[GEJ.02_192,13] Sagt Julius: „Wäre alles wohl
und recht, wenn das Vierfürstentum Judäa nur nicht dem gefräßigen Herodes
verpachtet worden wäre, nahe mit allen Herrscherrechten! Dazu sitzt in
Jerusalem noch ein saumseliger Landpfleger, Pontius Pilatus nämlich, der sehr
froh ist, wenn ihm die Menschen Frieden und Ruhe gönnen; mit dem ist sonach
nicht viel zu machen! Aber es kommt da noch ein fataler Umstand dazu, der sehr
wohl zu erwägen ist: Gib du dem Tempel tausend noch so schwere Gesetze, und er
wird durch alle gleich einem Proteus sich durchdrängen, – und ich frage, was
sich da dann noch Weiteres unternehmen läßt.
[GEJ.02_192,14] Mit irgendeiner zu sichtbaren
äußeren Gewalt gegen den Tempel ziehen, wäre eine sehr gewagte Sache; denn das
Volk hängt daran und hält namentlich in Judäa die Priester für Halbgötter und
als Vermittler zwischen ihrem Gott und den Menschen. Täte man sonach dem Tempel
irgendeine ersichtliche Gewalt an, so hätte man aber auch sogleich den
brennendsten Aufstand in ganz Judäa am Halse; darum ist da sehr viel Vorsicht
vonnöten, bevor man mit dem Tempel im vollen Ernste etwas unternehmen will!
[GEJ.02_192,15] Ah, dahier in Galiläa und
namentlich in Genezareth, das sich im ewigen Ausnahmezustande befindet, und wo
das Volk schon sehr aufgeklärt ist, läßt es sich recht wirkungsreich gegen die
Schwarzen zu Felde ziehen; aber in Judäa läßt sich das durchaus nicht tun!
Daher heißt es: Wenn gegen den Tempel etwas zu unternehmen ist, so muß vorher
Rat gehalten werden!
[GEJ.02_192,16] Der Tempel wußte sich auf
allerlei Schleichwegen von Rom aus allerlei Privilegien zu verschaffen, die wir
respektieren müssen, solange wir das Glück und die Ehre haben, Römer zu sein.
Wenn die Sache sich aber also verhält, so werden mir die Chartae albae (weiße,
d.h. unbeschriebene Urkunden) wenig oder gar nichts nützen! In meiner Gegend
aber bin ich selbst ohnehin Charta alba zur Genüge! – Übrigens kann ich immer
welche gebrauchen.
[GEJ.02_192,17] Für Genezareth und dessen
ziemlich weite Umgegend habe ich den Templern das Tribut- und Zehnterpressen
derart vertrieben, daß sie sich wohl für alle Zeiten ihre Habgier sicher haben
vergehen lassen, und wenn ich recht unterrichtet bin, so hat auch schon unser
biederer Oberste Kornelius in Kapernaum schon lange dasselbe getan, – und so
ist Galiläa bis auf einige herodianische Bedrückungen so ziemlich frei von den
Tempelplackereien; aber im mächtigen Judäa wird das zu erzwecken noch lange
nicht möglich sein. Das ist so meine Meinung. – Du, hoher Gebieter, aber kannst
dennoch anordnen, was du willst, und ich werde stets dein bereitwilligster
Diener und Knecht sein!“
193. Kapitel
[GEJ.02_193,01] Cyrenius belobte hier den
Julius, sagte aber auch ganz gut und weise: „Liebster Julius, du weißt, daß ich
große Stücke auf dich halte, und daß mir dein klarer Verstand allzeit wohl
gefiel; aber das, was du jetzt gesprochen hast, scheint denn doch nicht so ganz
auf deinem Grunde und Boden gewachsen zu sein. Das hast du auch von dem
gewissen Einen in dein Gemüt aufgenommen!“
[GEJ.02_193,02] Sagt Julius: „O sicher; denn
die Wahrheit liegt nicht im Feuer, sondern in dessen sanftem Lichte nur; und
somit bin ich seit Seiner Bekanntschaft auch viel sanfter und nachgiebiger
geworden. Oh, könnte ich doch nur einmal noch in meinem Leben mit Ihm irgendwo zusammenkommen!“
[GEJ.02_193,03] Sagt auch die nebenstehende
und auf alles achthabende Jarah: „Oh, das ist auch mein alleiniger und
einzigster Wunsch!“
[GEJ.02_193,04] Während dieses Gesprächs kam
Ich unbemerkt hinter Julius daher. Nur Cyrenius bemerkte Mich und sagte auf
Meinen Wink zu Julius: „Du, siehe dich ein wenig um! Hinter dir steht jemand,
als wollte er mit dir reden!“
[GEJ.02_193,05] Julius sieht sich schnell um
und fällt nahezu in eine Ohnmacht vor Freude, Mich hier zu sehen, und Jarah
macht einen Schrei der höchsten Entzückung und fällt Mir wie eine Tote an die
Brust; und Ich mußte sie bei einer halben Stunde also ruhen lassen, bis sie aus
ihrer seligen Betäubung wieder zu sich kam.
[GEJ.02_193,06] Da es aber schon stark gegen
den Abend zu gehen begann, so sagte Ich zum alten Markus: „Du wirst nun wieder
dafür sorgen, daß wir ein reichliches Abendmahl bekommen; laß an Fischen, Brot
und Wein keinen Mangel haben!“
[GEJ.02_193,07] Sagt Markus: „Herr, was
werden wir aber mit den Verbrechern machen, die dort am Meere an Pfählen
angebunden, von Soldaten bewacht, wahrscheinlich ihr Urteil unter der größten
Bangigkeit erwarten?“
[GEJ.02_193,08] Sage Ich: „Die lassen wir
heute siebenfach schmachten, der vielen argen Geister wegen, von denen sie
besessen sind, und niemand darf ihnen weder etwas zu essen noch etwas zu
trinken reichen, ansonst sie nicht zu heilen wären! Du, Mein Bruder Julius,
aber stelle ihnen noch heute ein Urteil vor, demnach sie morgen den
peinlichsten Tod durch langsames Verbrennen den ganzen Tag über erleiden
sollen! Morgen erst sollen sie dann begnadigt werden, und Ich werde sehen, ob
sie freizugeben sind. Die übergroße Angst wird ihre argen Einwohner mürbe
machen, und sie werden sich nach und nach zu empfehlen beginnen. Bindet sie
aber wohl fest an die Pfähle, sonst werden sie euch viel zu schaffen machen!
[GEJ.02_193,09] Die sieben politischen
Aufwiegler, weil sie sich in nichts Bedeutendem versündigt haben, lasset etwas
leichter; denen verkündiget eine scharfe Züchtigung mit Ruten und lasset ihnen
darauf etwas Brot und Wasser reichen! Am Morgen wird es sich zeigen, ob ihnen
die Strafe nachzulassen sein wird oder nicht!“
[GEJ.02_193,10] Auf diese Worte sagte
Cyrenius zu Julius: „Also gehe denn hin, zerbrich den Stab und verkündige
ihnen, was sie morgen zu erwarten haben sollen!“
[GEJ.02_193,11] Julius erhebt sich sogleich,
wandelt mit einigen Unterleitern hinüber an das Gestade, das von der Wohnung
des Markus bei fünfhundert Schritte entfernt lag. Dort bei den an die
Uferpfähle fest angebundenen Verbrechern angelangt, befiehlt er den Soldaten,
die Verbrecher noch fester an die Pfähle zu knebeln. Als die Soldaten solches
mit Stricken und Ketten bewerkstelligt haben, da erst verkündigt Julius den
fünf Raubmördern, was sie am nächsten Tage, vom Morgen angefangen, werden zu
gewärtigen haben! Ebenso verkündet er den sieben politischen Verbrechern die
scharfe Züchtigung.
[GEJ.02_193,12] Als die fünf Raubmörder solch
ein Urteil vernehmen, da fangen sie zu heulen, zu zagen und zu verzweifeln an
und schreien, man möge sie alsbald töten; denn solch einen peinlichsten Zustand
könnten sie unmöglich ertragen! Ebenso schreien die sieben um Gnade und
Erbarmung. Aber Julius entfernt sich alsogleich und hört weder das gräßliche
Geschrei der fünf Raubmörder noch der sieben anderen Verbrecher an.
[GEJ.02_193,13] Als er bei uns wieder
ankommt, sagt er (Julius): „Das ist wahrlich keine Kleinigkeit! Dieses Geheul,
die verzweifelten Gesichter, Gebärden, vor denen sich ein jedes Tier entsetzen
müßte! Nun, ich bin froh, aus ihrer Nähe mich nun wieder zu befinden! Es ist
kaum zu glauben, – aber das Haupt der Medusa dürfte kaum ein menschlicheres
Aussehen haben! Bin nun im Ernste sehr begierig, was die Kerle morgen für
Physiognomien (Gesichtsausdrücke) haben werden!“
[GEJ.02_193,14] „Siehst du“, sage Ich zu
Julius, „das ist die Wirkung der argen Geister in ihnen! Die werden die große
Angst kaum bis zum Morgen ertragen und werden sich, wie Ich's gesagt habe, zum
größten Teile empfehlen, und wir werden morgen eine leichte Arbeit haben, die
Menschen ganz zu erlösen.“
[GEJ.02_193,15] Fragt Cyrenius: „Was wird
aber dann mit ihnen zu geschehen haben? Werden wir sie wohl ganz freigeben
können, oder werden wir sie dennoch eine Zeit in Gewahrsam zu behalten haben?“
[GEJ.02_193,16] Sage Ich: „Allerdings; denn
ohne den hinreichendsten Unterricht können sie auf gar keinen Fall völlig
freigelassen werden! Auch die sieben nicht; denn kein Mensch wird die Sünde so
schnell los, als wie schnell er in irgendeine Sünde gefallen ist! Als Zeit für
die fünfe wird kaum ein volles Jahr genügend sein, und für die sieben ein
halbes Jahr. – Und so denn wollen wir nun in Ruhe das Nachtmahl froh erwarten!“
194. Kapitel
[GEJ.02_194,01] Sagt darauf der alte Markus:
„Herr und Meister aller Meister der Welt! Du hattest früher zu mir gesagt, daß
ich heute noch gar vieles und Seltenstes über des Menschen Bestimmung vernehmen
werde und werde auch kennenlernen das Reich Gottes. Ja wahrlich und überaus
wunderbar! Ich habe nun den Tag über schon so vieles gehört, gesehen und
erlebt, wie sonst früher mein ganzes Leben hindurch nie; und so finde ich nun
Deine Weissagung als völlig bestätigt an mir, und ich werde darum nun alles
tun, damit auch unsere müden Glieder nicht unbefriedigt sich zur Ruhe begeben
sollen.“
[GEJ.02_194,02] Sage Ich: „Ja, ja, siehe du
nach, ob die Köchinnen mit ihrer Kunst schon bald zu Ende sind! Nach dem Mahle
wird noch so manches vorkommen, was dich in das Gottesreich abermals näher
einweihen wird.“
[GEJ.02_194,03] Sagt Markus: „Aber Herr, was
ist das denn mit diesem lieben Mädchen, das Dich noch immer festhält und Deine
Brust mit Tränen benetzt; wird es Dich, wie es scheint, etwa wohl gar nicht
mehr auslassen?!“
[GEJ.02_194,04] Sage Ich: „Frage du darob das
Mädchen, es wird dir keine Antwort schuldig bleiben!“
[GEJ.02_194,05] Markus fragt nun die
himmlisch schmachtende Jarah.
[GEJ.02_194,06] Jarah aber richtet sich
sogleich auf und sagt: „Höre, du lieber, alter Freund! Wer Den hier einmal
ergriffen hat, der darf Ihn nimmer auslassen; denn läßt er Ihn aus, so hat er
dadurch auch sein ewiges Leben ausgelassen und somit verloren für immerdar.
Das, was ich körperlich tue, das sollet ihr alle im Herzen tun, wie auch ich es
vor allem im Herzen tue!
[GEJ.02_194,07] Wer sein Leben liebt, den
Herrn des Lebens aber oft leichtsinnig genug der Welt wegen fahren läßt, der
wird sein Leben auch verlieren, weil er den Herrn des Lebens verloren hat. Wer
aber sein Leben nicht achtet und nur das ,Leben‘ heißt in seinem Herzen, dem
Herrn alles Lebens allein zu leben, der wird das Leben erhalten für ewig, und
stürbe er auch tausendmal dem Leibe nach!
[GEJ.02_194,08] Siehe, ich habe den Herrn,
als Er zu uns kam, zuerst erkannt in meinem Herzen und liebe Ihn allein über
alles; ja, wenn Er es jetzt von mir verlangte, daß ich sterben solle für Ihn,
so wäre der Tod mir ein Labsal! Denn ich weiß und fühle es ja lebendigst, daß
die Liebe zu Ihm ewig nimmer sterben kann, weil es ihr unmöglich ist, eine
Sünde zu begehen, die da allein ist ein wahrer Tod der Seele. Ist aber des
Menschen Seele tot, dann ist auch der ganze Mensch tot. Das merke dir wohl, du
alter Mann; denn ich bin aus der Schule des Himmels, welcher ist die Liebe und
die Wahrheit und das Leben. Was ich dir nun gesagt habe, ist Lehre aus den
Himmeln, und du magst sie darum wohl beachten!“
[GEJ.02_194,09] Als der alte Markus solches
von der Jarah vernommen hatte, sprach er, ganz von einem höheren Enthusiasmus
durchdrungen: „O du Kind aus den Himmeln, viel zu gut und zu rein für diese
schmutzige Erde! Wahrlich, wenn der Herr dies mein Haus leiblich wieder
verlassen sollte, dann werde ich zu dir kommen, himmlische Weisheit zu
erlernen! Oh, welch ein Unterschied zwischen dir und meinen Töchtern! Du bist
schon eine Sonne, und meine Töchter sind kaum ein Abglanz der großen
Himmelsleuchte in einem kleinsten Tautröpfchen! O Ebahl, wie glücklich bist du
doch, ein Vater solch eines Engels zu sein!“
[GEJ.02_194,10] Hier fielen dem alten Markus
Tränen aus den wonnetrunkenen Augen, und er ging schnell in die Küche, nach dem
Abendmahle zu sehen, und erzählte es seinen Töchtern, welche Lehre er von dem
Mägdlein aus Genezareth erhalten habe, und die Töchter staunten und baten ihn,
daß er nach dem Mahle ihnen Gelegenheit verschaffen möge, daß sie sich mit
solch einem himmlischen Kinde ein wenig besprechen dürften.
[GEJ.02_194,11] Markus war darüber sehr
erfreut und versprach ihnen solches zu bewirken, nur sollten sie sich
befleißen, mit dem Abendmahl bald fertig zu werden. Und die Töchter sprachen:
„Vater, in einer kleinen Viertelstunde wird alles in der besten Bereitschaft
sein!“
[GEJ.02_194,12] Mit dem ging Markus wieder
aus der Küche und beauftragte die Söhne, schnell Wein und Brot zum voraus auf
die Tische vor dem Hause zu stellen und auch dafür zu sorgen, daß es am Lichte
nicht mangeln werde; auf den Tischen sollen mehrere wohlgefüllte Lampen
brennen, und der andere Hofraum solle mit den Fischerfackeln über und über die
ganze Nacht hindurch erleuchtet werden! – Alles das ward schnell ins Werk gesetzt,
und als es etwas dunkel geworden war, brannten schon auf allen Tischen eine
Menge Lampen, und den ziemlich weiten Hofraum erhellten die bewußten
Fischerfackeln. Bald darauf wurden gar köstlich bereitete Speisen auf die
Tische gebracht, als wohlbereitete Fische, Brot, Wein und allerlei Obst.
[GEJ.02_194,13] Vor dem Essen sprach die
Jarah einen Psalm Davids vor und bat Mich darauf um die Segnung der Speisen und
der Getränke; und Ich tat dies, und wir alle setzten uns darauf an die Tische,
verzehrten ganz wohlgemut die vorgesetzten Speisen und wurden heiter beim
mäßigen Genusse des Weines. Ich saß zwischen dem Cyrenius und der lieblichsten
Jarah; Cyrenius saß Mir zur Linken und Jarah zur Rechten; neben der Jarah saß
ihr Raphael und dem gegenüber der alte Markus. Diesem aber fiel es auf, wie der
Raphael die Speisen verzehrte; denn so Raphael entweder einen Fisch oder ein
Stück Brot, ein Obststück oder einen Becher Wein an den Mund brachte, so
verschwand alles vor dem Munde, und Markus sah den Jüngling weder kauen, noch
irgendeine Speise verschlingen.
[GEJ.02_194,14] Josoe, der Ziehsohn des
Cyrenius, der gleich neben Cyrenius saß, bemerkte die stille Verwunderung des
alten Markus und sagte: „Alter Krieger Markus! Was gefällt dir an dem Rabbi
Raphael so gut, daß du deine Augen gar nicht von ihm abwenden kannst?“
[GEJ.02_194,15] Spricht der Alte: „Ja, du
mein hoher Sohn meines Herrn und meines Gebieters, das ist eine ganz sonderbare
Erscheinung! Dieser Junge führt Speise und Trank zum Munde, öffnet den Mund
nie, kaut nicht und verschlingt nichts; aber die Speisen verschwinden vor
seinem Munde! Wie das? Wie geht das zu? Das ist ja schon wieder ein Wunder! Was
soll ich daraus lernen?“
195. Kapitel
[GEJ.02_195,01] Sagt Josoe: „Du sollst daraus
lernen, daß in den Himmel nichts Materielles eingehen kann, also, wie dieser
Engel jede materielle Speise vordem ins Geistige auflöst und von ihr dann nur
das Reingeistige aufnimmt. Der Jüngling ist ein reinster Geistmensch aus den
Himmeln und stellt sonach auch den Himmel in kleinster Gestaltung vor; die
Speisen aber stellen uns Weltmenschen dar, die wir jetzt noch begraben sind in
unserer Materie. Diese ist zwar nun auch wie diese Speisen schon recht gut
zubereitet worden am Feuerherde dieses großen Meisters, der uns solches gelehrt
hat und Sich nun noch leiblich unter uns befindet, – aber dennoch können wir
mit diesen unseren Leibern nicht in das Himmelreich eingehen.
[GEJ.02_195,02] Wenn wir aber von Gott aus
berufen werden, diese Welt zu verlassen, dann wird zuvor ein Engel Gottes mit
uns ebenfalls machen, wie dieser nun tut mit der Speise, das heißt, er wird in
einem Augenblick alles dem Geiste Angehörige aus der Materie frei machen, die
Materie der vollen Auflösung übergeben, die Seele aber und ihren Lebensgeist,
sowie alles, was in der Materie der Seele angehört, in vollkommenster
Menschengestalt vereinigend in die reine Welt der Geister hinüberführen nach
dem ewigen, unwandelbarsten Willen Gottes! – Siehe, das ist es, was du aus dem
dir sonderbar vorkommenden Essen des mächtigen Himmelsjünglings lernen kannst
und sollst!“
[GEJ.02_195,03] Sagt Markus, ganz erstaunt
über die Weisheit des Josoe: „Ich habe schon früher einmal bemerkt, daß du ein
bei weitem über dein Alter hinaus weiser Junge bist; aber für so weise hätte
ich dich nicht gehalten! Du hast mir eine überaus wichtige Lehre gegeben, für
die ich dir allzeit überaus dankbar verbleiben werde; aber weißt du, des
Menschen Wissensdurst wird immer stärker, je mehr er weiß, und so juckt es mich
nun, auch noch über deine Lehre hinaus zu erfahren, wie denn solch eine
Auflösung der Materie bewirkt wird!“
[GEJ.02_195,04] Sagt Josoe: „Freund, es ist
zwar nicht gut, wenn der Mensch gar zuviel weiß; aber das kannst du dir ja wohl
merken! Sieh, die Materie ist eigentlich nichts anderes als durch den
allmächtigen Willen Gottes fixiertes Geistiges. Ein solcher Engel aber ist nun
nichts anderes als der personifizierte Ausdruck des allmächtigen Willens
Gottes; er kann durchaus nichts wollen als allein das nur, was Gott will.
[GEJ.02_195,05] Will also Gott irgend die
Materie auflösen, so wird diese von solch einem allmächtigen Gotteswillen in
der Gestalt eines Menschen ergriffen, das Fixum oder Bindegericht wird
aufgehoben, und alle Materie verschwindet augenblicklich aus dem Dasein, geht in
ihr urgeistiges Element über und bleibt dann entsprechend das, was sie
ursprünglich war, nur veredelt und vervollkommnet.
[GEJ.02_195,06] Zahllose früher vereinzelt
gewesene Kräfte werden vereinigt zu einem großen, vollkommenen Individuum, und
das wird sein ein vollendeter Menschgeist nach dem Willen Gottes ewig! – Hast
du solches verstanden?“
[GEJ.02_195,07] Sagt Markus: „Jawohl,
verstanden habe ich es wohl, aber nun frage ich dich um nichts mehr; denn deine
Weisheit ist zu schwindelnd hoch über meinem Naturverstande! Aber was ich hören
möchte, das wäre: dich reden hören mit dem dir gleich weisen Mädchen Jarah; das
müßte ein wahrer geistiger Hochgenuß sein, wie man in den Himmeln kaum einen
bessern je wird haben können!“
[GEJ.02_195,08] Sagt Josoe: „Siehe, das ist
nun schon etwas eitel von dir! – Da siehst du zwei volle Becher Wein! Wäre es
wohl klug, so man den einen vollen in den andern vollen überschütten möchte?
Würde bei solch einer Arbeit nicht der edle Wein für nichts und wieder nichts
auf den Boden verschüttet werden? Wozu wäre so etwas dann gut? Was ich weiß,
das weiß sicher auch das Mägdlein, und es könnte somit weder ich von ihr, noch
sie von mir irgend etwas lernen! Daher werden wir uns solche Mühe wohl
ersparen. Rede lieber du mit dem herrlichen Kinde Gottes! Du und deine Töchter,
dein Weib und deine Söhne werden recht vieles von ihr zu erlernen imstande
sein; denn bis jetzt hat auf dieser Erde noch nie irgendeine Maid, von Gott aus
bestimmt, solche Erfahrungen gemacht, wie eben dieses Mädchen. Es weiß
unaussprechlich vieles, was außer dem Herrn kein Mensch auf der ganzen, großen
Erde weiß und irgend kennt. – Verstehst du solches?“
196. Kapitel
[GEJ.02_196,01] Sage Ich zu Josoe: „Aber Mein
lieber Josoe, woher weißt du es denn, daß die Liebe Meiner Jarah sich in einer
so großen Weisheit befindet und in Dingen Kenntnisse besitzt, die außer Mir
niemandem bekannt sind?“
[GEJ.02_196,02] Sagt Josoe: „Herr, wie sollte
ich das denn nicht wissen, und wie fragst Du mich darum, wo doch Du es bist,
der mir solches in mein Herz und aus diesem auf meine Zunge gelegt hat, was ich
erkennen solle und was reden?!“
[GEJ.02_196,03] Sage Ich: „Ganz gut, Mein
lieber Josoe; weil du das weißt, so gib uns denn auch darüber einen genügenden
Aufschluß, warum eigentlich – da Mir ja ohnehin die Gedanken deines Herzens
selbst in ihrer tiefsten Tiefe schon lange eher bekannt sind und sein müssen,
als du sie gedacht hast – Ich dich gefragt habe!“
[GEJ.02_196,04] Hier stutzt Josoe und sucht
in sich eine rechte Antwort; aber es will sich keine finden lassen. Nach einer
Weile sagt er etwas kleinlaut: „Herr, dafür läßt sich in der noch übergroßen
Beschränktheit meines Erkennens durchaus keine vernünftige Antwort finden,
wenigstens von mir nicht; Du müßtest mich nur also pro forma (zum Schein)
gefragt haben, als wie da fragt ein Rabbi seinen Jünger um etwas, was er als
Rabbi sicher schon lange eher gewußt hat denn sein Jünger. Aber dabei ist
dennoch ein endlos großer Unterschied zwischen Dir und einem seinen Jünger
prüfenden Rabbi! Dieser weiß wohl, was er selbst weiß, aber das weiß er ohne
Prüfung dennoch nicht, ob auch sein Jünger das weiß. Du weißt aber nur zu klar
und hell nicht nur alles, was zunächst ich weiß, sondern Du weißt auch um die
geheimsten Gedanken aller Menschen und Engel – und fragst mich!? Sieh, eben
darin liegt der für mich unentwirrbare Knoten Gordius'! Da ich aber noch lange
kein Alexander bin, so vermag ich ihn nicht zu lösen!“
[GEJ.02_196,05] Sage Ich: „Sage Mir, warum
fragt denn dich der dann und wann aus Sichar zu dir kommende Jüngling um etwas
also, als wüßte er durchaus nicht darum, da er doch sicher darum nur zu gut
weiß!? Ja, er läßt sich sogar von dir belehren und tut, als wäre er dein
Jünger!“
[GEJ.02_196,06] Sagt Josoe: „Herr, das ist ja
eben meine stete Klage über ihn, daß er bei seiner sicher ungeheuren Weisheit
stets nur von mir lernen will; und frage ich ihn um etwas, so sagt er stets:
,Ja sieh, darum habe ich dich eben fragen wollen!‘ Ich aber frage eben und habe
Dich schon heute am Morgen gefragt, was das für eine Unterrichtsweise ist. Es
hatte wohl früher der Vater der Jarah eine recht weise Ansicht von solch einer
Unterrichtsmethode entwickelt, die ich wohl auch bei Deiner an mich gestellten
Frage in Anwendung bringen könnte; aber ich bin mit seiner Ansicht dennoch
nicht völlig einverstanden und kann sie darum zur erläuternden Antwort auf
Deine ganz gordisch geformte Frage nicht in die vollgültige Anwendung bringen.
[GEJ.02_196,07] Bei schon in allerlei
Kenntnissen wohlbewanderten Jüngern ist solche Lehrweise wohl die beste von der
Welt, weil dadurch der noch immerhin beschränkte Jünger überaus tätig zum
Selbstdenken, -fühlen und -finden geleitet wird; aber wenden wir solch eine
Lehrweise bei einem Jünger an, der noch aller Elemente zur Wissenschaft total
bar ist, so möchte ich da doch sehen, wann und wie bei solch einer
Unterrichtsweise der Jünger das Alphabet und endlich das Lesen einer Schrift
sich zu eigen machen wird auf einem natürlichen Wege ohne Wundertat!
[GEJ.02_196,08] Dafür taugt also die sonst
gute Ansicht des Ebahl nicht, und so kann ich sie hier auch nicht benützen. Ich
sage es Dir, o Herr, darum ganz glatt heraus, daß ich Dir auf Deine gordische
Frage keine Antwort zu geben imstande bin. Du wirst darum schon uns allen die
Gnade erweisen wollen, Deine Frage Selbst zu beantworten!“
[GEJ.02_196,09] Sage Ich: „Wie wäre es denn,
wenn uns solch eine Frage unsere liebste Jarah erläutern möchte?“
[GEJ.02_196,10] Sagt Josoe etwas betroffen:
„Das kann sie immerhin, wenn sie's vermag! Freilich, wenn Du, o Herr, ihr die
Antwort ins Herz geben wirst, dann wird sie wohl leicht zu antworten haben!“
[GEJ.02_196,11] Sage Ich: „Das werde Ich eben
diesmal nicht tun, und sie wird die Antwort selbst bringen müssen!“
[GEJ.02_196,12] Sagt Josoe: „Nun, da möchte
es ihr vielleicht eben nicht um sehr vieles besser ergehen als mir!“
[GEJ.02_196,13] Sage Ich mit freundlichster
Miene: „Nun, wir wollen sehen! Sage uns demnach, du liebste Jarah, warum
sogestaltig Ich den lieben Josoe um etwas gefragt habe, um das Ich sicher schon
lange vorher gewußt habe!“
[GEJ.02_196,14] Sagt die Jarah, ein wenig
verlegen: „Herr, so ich reden darf und gewisserart muß, so scheinst Du dem
lieben Josoe diese gordische Frage, wie er sie benannt hat, bloß aus einer,
seine stark aufsprühende Seele ein wenig demütigenden Ursache gegeben zu haben.
Denn er meinte zuvor, daß er mit mir darum nichts zu reden brauche, weil er
alles das wisse, um was ich weiß, und wir beide könnten sonach miteinander
nichts reden; ein solches Besprechen hieße einen vollen Becher in einen zweiten
vollen Becher überschütten. Aber der liebe Josoe vergaß dabei, daß Du die Gaben
des Geistes sogar unter Deine Engel verschieden ausgeteilt hast, und daß
dadurch selbst ein vollkommenster Geist von einem andern vollkommensten Geiste
noch gar vieles lernen kann!
[GEJ.02_196,15] Ich aber meine: Wenn Du, o
Herr, also fragst, so fragst Du aus keinem andern Grunde, als um irgendeinen
ein wenig Aufbrausenden zu einer demütigenden Selbsterkenntnis zu führen! Und
soviel ich mit meiner beschränkten Erkenntnis in meinem Herzen erschaue, so
hast Du dem lieben Josoe aus eben diesem Grunde solch gordische Frage gegeben.
[GEJ.02_196,16] Er hatte zwar ehedem, sich
etwas widersprechend, dem Markus gegenüber wohl die Bemerkung gemacht, daß ich
durch Deine Gnade Erfahrungen gemacht habe wie bisher kein Mensch auf der
ganzen weiten Erde; und doch hält er sich für einen ebenso voll gefüllten
Becher! Wenn er mir aber solch außerordentliche Erfahrungen zugesteht, so
begreife ich im Ernste nicht, warum er mit mir sich in kein Gespräch einlassen
wollte. Ich meinesteils aber bin dennoch der Meinung, daß ich trotz meiner
sicher unerhörten Erfahrungen von ihm dennoch etwas lernen kann und halte
meinen Becher für durchaus noch nicht so voll, daß in ihm von seinem vollen
Becher nichts mehr Raum fände.
[GEJ.02_196,17] Und, wie ich's nun bemerkt
habe (hier schmunzelte die Jarah ein wenig), so scheint denn sein Becher auch
noch nicht gar so enorm voll zu sein, daß dann von meinem Weine in seinem übervoll
sein sollenden Becher kein Tropfen mehr Raum fände!
[GEJ.02_196,18] Ich will aber übrigens damit
durchaus keine irgend nur im geringsten gehässige Bemerkung über Josoes ein
wenig zu hoch sprudelndes Selbstgefühl gemacht haben, sondern weil ich aufgefordert
ward, so redete ich, wie es mir ums Herz war; ich glaube darum eben keine gar
zu große Sünde begangen zu haben! Beging ich sie aber, so will ich sie auch
nach Kräften wieder gutmachen!“
[GEJ.02_196,19] Sage Ich: „Nein, nein,
durchaus nein! Dein treuestes Herz liegt ja zu offen vor Mir, und du hast
Meinem lieben Josoe sogar einen großen Dienst erwiesen; denn er war in dem von
dir ganz kindlich weise berührten Punkte auch wirklich etwas schwach, und diese
Schwäche hätte ihn mit der Zeit wirklich auf irgend kleine Abwege zu bringen
vermocht. Jetzt aber ist er geheilt auch in dieser Sphäre, und er wird nun wohl
sich mit dir sehr gerne in ein erheiterndes Gespräch einlassen; denn er hat
eine gute Art sich auszudrücken.“
197. Kapitel
[GEJ.02_197,01] (Ich, Mich zu Josoe wendend:)
„Was sagst du nun zu der treffenden und gelungensten Antwort der lieblichsten
Jarah?“
[GEJ.02_197,02] Sagt Josoe: „O Herr alles
Lebens, dies holdeste Mägdlein ist sicher schon lange kein irdisch Mädchen
mehr; sie, die herrlichste Jarah, ist ein personifiziertes Himmelslicht erster
Größe, dagegen ich kaum ein kleinstes Sternlein bin! Wohl habe auch ich durch
Deine Gnade Erfahrungen gemacht wie bisher wenig Sterbliche, – denn es ist kein
Scherz, nahezu zwei Jahre meinem Gefühle nach in der Welt der Geister und mit
dem verwesten Leibe in der Gruft zugebracht zu haben und endlich mit vollstem
Bewußtsein durch Deine Gnade und durch Dein wunderbarstes Erbarmen auf diese
Erde zurückgekehrt zu sein; aber dennoch gestehe ich nun laut, daß ich mich
kaum für würdig fühle, diesem Mädchen ein schwacher und talentloser Schüler zu
sein. Wenn sie mir die Liebe erweisen will, mich in so manchem etwas wenig nur
zu belehren, so werde ich solches alles mit dem größten Danke von der Welt
allerbereitwilligst annehmen.“
[GEJ.02_197,03] Sagt die Jarah: „Ja, mein
liebster Josoe, du bist ein Königssohn und ich die Tochter eines Juden, der nur
ein Gastwirt in Genezareth ist – also irgend irdisch genommen, wäre es wohl
sehr anmaßend und keck, mich dir zu nahen; willst du dich aber von deiner Höhe
zu mir Armen herablassen, so sollst du ein Paar ausgebreitete Arme und ein
offenes Tor in meiner bescheidenen, ärmlichen Hütte finden!“ – Auf diese
vielsagende Anrede macht Josoe große Augen und weiß kaum, was er dem Mädchen
erwidern soll.
[GEJ.02_197,04] Cyrenius aber sagt zu Josoe:
„Siehe, mein Josoe, das will soviel gesagt haben als: du sollst dich zur Jarah
hinübersetzen und mit ihr reden. Gehe und tue das; denn ich wäre selbst sehr
begierig zu hören, was ihr alles miteinander verhandeln werdet!“
[GEJ.02_197,05] Sagt Josoe: „Ah, von dem, daß
ich mich zu ihr setzen soll, hat die gute und liebste Jarah in ihrer Sprache
nichts merken lassen, wohl aber von dem, daß ich mit ihr reden soll, so ich
mich so tief herablassen könnte als ein Königssohn! Freilich scheint es die
Jarah mir denn doch nicht völlig anzukennen, daß ich fürs erste durchaus kein
Königssohn bin, und fürs zweite, daß der gewisse Geburtshochmut meiner Natur
noch bei weitem ferner steht als der Himmel von dieser Erde. Ich bin allein für
die Wahrheit! Was unter ihr ist, verachte ich tiefst; was aber über ihr steht
als Geheimnisse Gottes in sich, das bete ich an und verlange nicht nach der
Klarheit dessen, was sich nicht ziemt für die Würmer und für den Staub dieser
Erde!
[GEJ.02_197,06] In Gott ist die Fülle der
unendlichsten Weisheit; in uns aber wohnt davon kaum ein Sonnenstäubchen groß!
Alles, was wir wissen, ist ein loses Stückwerk, und wir finden den Weg vom
Alpha bis Beta nimmer, geschweige bis zum Omega. Am Himmel leuchten Myriaden
von Lichtern; wer kennt sie? Wir kennen die zwei großen nicht, geschweige die
zahllos vielen kleinen; Gottes Weisheit aber ist da allenthalben also zu Hause
wie das Augenlicht im Auge!
[GEJ.02_197,07] Was Gott uns offenbaren will,
das wissen und kennen wir; darüber hinaus aber waltet für des Menschen Seele
eine zwar heilige, doch immerhin unendliche Nacht. Und der Mensch soll es nie
wagen, dieser endlosen Nacht heiliges Dunkel lichten zu wollen; denn diese
Nacht würde ihn verschlingen wie das Meer ein Steinchen, das irgendein
mutwilliger Junge in dasselbe schleuderte.
[GEJ.02_197,08] Wir Menschen sind Gefäße,
denen vorderhand nur ein bestimmtes Maß gegeben ist. Ist dieses voll, so kann
man dasselbe nicht noch voller machen; wird dem Menschen aber dereinst ein
größeres Maß gegeben, da wird er noch gar vieles in dasselbe hineintun können,
und es wird dennoch nicht übergehen so leicht, wie es nun der Fall ist.
[GEJ.02_197,09] Es haben zwar wohl die
Menschen auf dieser Erde schon ein verschieden großes Maß; das meine gehört
aber offenbar zu den kleinsten. Die lieblichste Jarah ist offenbar reichlicher
damit versehen worden als ich, und ich kann darum mit ihr nicht als ebenmäßig
auftreten; wenn sie mir aber von ihrem großen Überflusse will etwas zukommen
lassen, so werde ich solches allzeit dankbarst annehmen. Aber hinab zu ihr kann
ich mich dennoch nicht setzen; denn einmal ist sie weiser denn ich, und fürs
andere Mal würde es sich für mich wohl gar nicht schicken!?“
198. Kapitel
[GEJ.02_198,01] Sage endlich einmal Ich
wieder zum Josoe: „Höre du, Mein lieber Josoe! Du hast nun recht weise
gesprochen, und es ist darin viel Gutes und Wahres; aber Ich muß dich dabei
dennoch auf so manches aufmerksam machen! Darum gib du nun sehr wohl acht; denn
sieh, mit einem Weisen, wie du einer bist, kann schon auch Ich etwas tiefer
Mich fassen!
[GEJ.02_198,02] Du sagtest: ,Ich bin allein
für die Wahrheit; was unter ihr steht, verachte ich, was aber über ihr steht
als Geheimnisse Gottes in sich, das bete ich an und verlange nicht nach der
Klarheit dessen, was sich nicht ziemt für die Würmer und für den Staub dieser
Erde! In Gott ist die Fülle aller Weisheit, in uns Menschen aber wohnt davon
kaum ein Sonnenstäubchen groß!‘
[GEJ.02_198,03] Ja, es ist ganz gut, rein,
recht und billig, nur für die Wahrheit zu sein; aber diesem Grundsatze wirft
sich eine mächtige Frage schnurgerade in die Quere und bildet sogestaltig mit
deinem in sich ganz löblichsten Grundsatze ein vollkommenes Kreuz! Kannst du
oder irgendein anderer für dich diese Frage, die Ich dir geben werde, lösen,
dann ist Meine Schulter des Kreuzes ledig geworden.
[GEJ.02_198,04] Sage du Mir daher: Was ist
die Wahrheit, für die du allein bist? Ist es eine Wahrheit, was du siehst?
Sieh, es ist alles ein Dunstgebilde von heute bis morgen, und es kann das, was
für heute noch eine volle Wahrheit ist, für morgen schon lange keine Wahrheit
mehr sein! Siehe hin, dort im letzten Dämmerlichte der lange untergegangenen
Sonne schwebt ein Wölklein in Gestalt eines Fischleins! Sage Mir, für wie lange
wird dieses Wölkleins gegenwärtige Gestalt eine Wahrheit bleiben? Siehe, der
nächste Augenblick wird dieses Wölkchens gegenwärtige Gestaltung schon einer
Lüge zeihen!
[GEJ.02_198,05] Wenn Ich dir drei Birnen
vorlege, so sagst du, das sei eine Wahrheit, daß da vor dir drei Birnen liegen;
Ich aber sage es dir, daß eine jede der drei Birnen mehrere Samenkörner in sich
hat, aus jeglich welchem in der Folge eine zahllose Menge von Bäumen entstehen
können, die am Ende die ganz gleichen Birnen in höchster Zahllosigkeit zum
Vorschein bringen werden! Sind demnach vor dir wirklich nur drei Birnen, die in
sich schon eine abgeschlossene unveränderbare Größe bilden, oder sind sie bloß
nur drei Scheingrößen, hinter denen, gleich den Kriegern im Bauche des
hölzernen Trojaner Pferdes, sich noch eine Unzahl gleicher und auch noch ganz
anderer Größen verborgen halten?
[GEJ.02_198,06] Wo fängt die Wahrheit an, und
wo hört sie auf? Ist der Mensch eine Wahrheit, also wie er ist? Sieh an ein
Kind, und siehe endlich an einen Greis! Siehe an eine von Menschenhänden
erbaute Stadt! Ist sie eine volle Wahrheit? Sieh, heute steht sie noch, und
morgen kann sie schon zerstört werden!
[GEJ.02_198,07] Siehe, für den allein, der in
sich durch und durch selbst Wahrheit ist, ist auch alles Wahrheit; für den
aber, der in sich das nicht ist, ist ja auch notwendig alles andere nur das,
was er selbst vorderhand ist.
[GEJ.02_198,08] Eine Wahrheit aber, die nur
zeitlich wahr ist, ist schon darum keine volle Wahrheit, weil in ihr keine
Beständigkeit zu Hause ist; die volle Wahrheit aber muß unwandelbar für ewig
das sein im Vollmaße, was sie für jeden einzelnen Augenblick ist. – Was ist
demnach die eigentliche, volle Wahrheit?“
199. Kapitel
[GEJ.02_199,01] Josoe macht hier große Augen,
denkt hin und her und weiß nicht, was er Mir darauf für eine Antwort geben
soll.
[GEJ.02_199,02] Cyrenius aber sagt: „Herr,
das ist aber auch eine Frage, an der sich alle Weisen und Philosophen die Zähne
bis auf die letzte Wurzel ausgebissen hätten! Erlaube, Du mein göttlichster
Freund, – nach Deinen für mich allzeit heiligsten Worten ist dann ja alles, was
wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, keine volle Wahrheit, sondern gut zur Hälfte
hin eine Lüge!? Wer kann da hernach ganz auf ein gegebenes Wort irgendein
volles Vertrauen fassen? Diese Deine Frage hat mich selbst wahrlich ein wenig
trübe gemacht. Du wirst diesmal wahrlich schon so gut sein müssen und Deine
Frage Selbst beantworten; denn auf der ganzen Erde löst Dir kein Weiser aus
sich dieses Rätsel!“
[GEJ.02_199,03] Sage Ich: „Sei du darob ganz
unbesorgt! Hier an diesem Tische sitzen etwelche, die dir darüber sicher ohne
Mein besonderes Hinzutun eine ganz genügende Antwort als Löse (Lösung) Meiner
Frage an Josoe zu geben imstande wären; denn sie wissen schon beiläufig, von
wannen der Wind kommt. Aber Ich will, daß in der lösenden Beantwortung Meiner
allerdings etwas höher gestellten Frage Meine Jarah dem Josoe zu Hilfe kommen
soll! Und so (Mich zur Jarah wendend) versuche du, Meine liebste Jarah, ob du
in deinem Herzen eine rechte Antwort auf Meine Frage findest!“
[GEJ.02_199,04] Spricht das Mägdlein, ein
wenig lächelnd: „Wahrlich, mich befremdet es recht sehr, daß der sonst so weise
Josoe auf diese gar leichte Frage nicht sogleich in sich eine taugliche und
vollösende Antwort gefunden hat! – Was kann sonst die volle, ewige Wahrheit
sein als Gott Selbst, der, von Ewigkeit alle Vollendung in Sich fassend, im
Geiste stets ein und derselbe ist, also für ewig in und für Sich unwandelbar,
weil in Ihm als der endlosesten Vollendung in Sich Selbst keine weitere
Wandelbarkeit denkbar ist. Gott ist der alleinige und ewige Urgrund alles
Seins. Alles, was da ist, ist nichts anderes als nur Seine fixierten Ideen; ihr
Sein ist sonach auch ein Gottessein, und ihr Leben ist Gottes Leben.
[GEJ.02_199,05] In Gott ist darum alles
vollste, ewige Wahrheit, weil außer Gott nichts irgendwo etwas sein kann, – in
uns Menschen aber nur insoweit, als wir eins mit Seinem heiligsten Geiste sind
durch die reine Liebe zu Ihm. Die reine Liebe zu Gott verbindet uns mit Gott
und macht, daß wir eins mit Ihm werden; sind wir aber das, da wird alles
reinstes Licht, wohin wir uns auch wenden mögen. Und dieses Urlicht in der
höchsten Reinheit des Geistes ist dann eben die ewige, unwandelbare Wahrheit. –
Dies, scheint mir, ist die allein richtig lösende Antwort auf die Frage des
Herrn an den lieben Josoe.“
[GEJ.02_199,06] Sage Ich zu Cyrenius: „Nun,
was sagst du zu dieser Beantwortung Meiner dem Josoe gegebenen Frage? Glaube
aber ja nicht, Ich hätte ihr solche wunderbar in ihr Herz gelegt; sondern sie
hat solche gefunden auf ihrem ganz eigenen Grund und Boden. Und Ich sage es dir
und auch allen, die ihr bei Mir sitzet an diesem Tische: da ist auch nicht ein
Wort zuviel oder zuwenig, und ist für ewig vollwahr.
[GEJ.02_199,07] Aber wie kommt sie dazu und
Josoe nicht, der sich vorgenommen hatte, allein für die Wahrheit zu sein? Seht,
das macht ihre unbegrenzte, reinste Liebe zu Mir; solche ihre Liebe verbindet
ihr Herz mit dem Meinen, und sogestaltig kann sie sich stets auf dem kürzesten
Wege alles Licht und somit auch alle Weisheit holen aus der von ihr selbst
bezeichneten Urquelle alles Lichtes, alles Seins und aller Wahrheit, die für
ewig unwandelbar ein und dieselbe ist in Mir.
[GEJ.02_199,08] Und du, Mein lieber Josoe,
der du allein für die Wahrheit bist, was sagst du nun zur Jarah, die
gewisserart rein nur für die Liebe ist?“
[GEJ.02_199,09] Sagt Josoe, ein wenig
verlegen: „O Herr, ich sehe nun wohl den finstern Fleck in mir; aber ich finde
es nicht, wie ich ihn aus mir brächte! Ich habe der Jarah sehr unrecht getan,
und das muß gutgemacht werden, und so Du, o Herr, nichts dawider hast, so werde
ich mich dennoch nun sogleich zu ihr hinaufsetzen!“
[GEJ.02_199,10] Sage Ich: „O nicht im
geringsten; denn sieh, die ganze Gesellschaft freut sich auf eure gegenseitige
Unterredung! Ich sage es dir: An ihrer Seite wirst du erst das finden, für das
du allein sein willst!“ – Auf diese Meine Worte erst erhebt sich Josoe schnell
und setzt sich zwischen die Jarah und ihren Engel Raphael.
200. Kapitel
[GEJ.02_200,01] Als Josoe sich bei ihr
befindet, reicht er ihr die Hand und sagt: „Sei mir nicht gram, du liebste
Jarah! Denn sieh, ich konnte es ja doch unmöglich wissen, daß du als ein Kind
von etwa kaum fünfzehn Jahren eine größere Weisheit besitzest als alle Weisen
der Erde, die vor uns gelebt haben; aber zugleich bitte ich dich denn nun auch,
daß du mir recht vieles von deiner verborgenen Weisheit enthüllen möchtest!“
[GEJ.02_200,02] Sagt die Jarah: „Und du mir
von der deinigen; denn du weißt auch vieles, was mir noch sehr fremd sein
dürfte!“
[GEJ.02_200,03] Sagt Josoe: „Das wird sehr
mager sein; denn mein Weisheitsgefäß scheint fürs erste sehr klein und fürs
zweite obendrauf noch, gleich einem Siebe, total durchlöchert zu sein! Kurz,
viel wird bei mir nicht herauskommen, weil eben nicht viel darin ist; somit
fange nur du an! Ich bin auch wahrlich derart verlegen, daß ich nun im Ernste
nicht wüßte, irgendwo etwas zu ergreifen, das sich schickete, hier darüber
etwas zu sagen. Im Angesicht der höchsten, göttlichen Weisheit hat der Mensch
schwer zu reden, – aber dafür desto leichter zu hören und zu schweigen. Aber
du, holdeste Jarah, hast eine gute Brücke zur göttlichen Weisheit; von der
kannst du dir holen, wann und was du willst! Darum mache du nur den Anfang, und
ich werde, wie gesagt, dich hören!“
[GEJ.02_200,04] Sagt die Jarah: „Aber siehe,
hoher Josoe, das würde sich ja gar nicht schicken! Denn ein Mädchen darf doch
nicht vorlaut sein!? Fragen kannst du mich wohl, und ich werde dir antworten;
und so ich dich frage, dann wirst auch du mir antworten!“
[GEJ.02_200,05] Sagt Josoe: „Ja, ja, fragen
wäre leicht, wenn man nur gleich wüßte, um was! Solange man noch ein ungebildetes
Kind war, da freilich war das Herz voll von allerlei Fragen; aber seit man
selbst beinahe alle die Fragen in sich mehrfach beantwortet hat, ist eine neue
Frage um vieles schwerer denn eine Antwort auf was immer für eine Frage. Darum
möchte ich dich wohl bitten, daß du eine Frage an mich tätest; denn du bist in
vieles eingeweiht und kannst mich darum auch um vieles fragen.“
[GEJ.02_200,06] Sagt die Jarah: „Nun, im
Namen meines Herrn denn, weil du es durchaus nicht anders willst, so will ich
dir gleich wohl eine Frage geben, und du sage es mir, warum Gott der Herr als
die höchste Liebe und Weisheit es zuläßt, daß besonders in dieser unserer Zeit
namentlich die sogenannten Diener Gottes und die privilegierten Ausspender des
Wortes Gottes eben die gewissenlosest bösesten, hoffärtigsten und
herrschsüchtigsten Menschen sind und ohne alles Gewissen die schändlichsten
Taten, gewöhnlich im geheimen, ungestraft ausüben. Warum haben sie keine Furcht
vor Gott, dessen Macht und Herrlichkeit sie doch vor allen Menschen unter dem
glänzendsten Zeremonienpompe mit überlauter Stimme verkünden? – Siehe, das ist
eine gar gewichtige Frage für diese unsere Zeit!“
[GEJ.02_200,07] Sagt Josoe: „Ja, wichtig ist
diese Frage sicher; aber auf meinem Grunde ist darauf wahrlich keine Antwort zu
finden, und du wirst das darum wohl selbst beantworten müssen!“
[GEJ.02_200,08] Sagt Cyrenius: „Aber mein
allerliebster Sohn Josoe, etwas wirst du ja doch wohl zu sagen wissen!?
Wahrlich, dein immerwährendes Entschuldigen wird mir nun schon etwas
langweilig! Wohl weiß ich es und habe es nun erfahren, daß die lieblichste
Jarah dir an Weisheit stark überlegen ist; aber gar so leer bist du meines
Wissens ja dennoch auch nicht, daß du auf so eine Frage gar keine Antwort in
dir finden solltest. Sage darum doch etwas! Fehlest du, – nun, so gibt es hier
ja doch Weise zur Genüge um den Tisch, die dich auf den rechten Weg leiten
können!“
[GEJ.02_200,09] Sagt Josoe: „Lieber hoher
Vater und Gebieter! Gebieten ist leicht; aber das Gehorchen hat endlos viel Bitteres
in sich, – besonders wenn man, wie ich nun, gar nicht von ferne hin imstande
ist, sich gehorsam erweisen zu können!
[GEJ.02_200,10] Denke dir die höchste Güte,
Liebe und unbegrenzte Weisheit Gottes einerseits, und denke dir anderseits die Greueltaten
alle, die ungestraft zumeist von den sogenannten Gottesdienern sicher zu jeder
Stunde des Tages und der Nacht ausgeübt werden an der armen Menschheit! Halte
dir diese kontroversen Verhältnisse so recht nahe ans Gesicht der Seele, und du
wirst es sicher samt mir nur zu klar empfinden, daß auf solch eine Frage eine
gediegenste Antwort viel schwieriger ist, als zu bestimmen, was drei und
abermals drei zusammen für eine Summe geben! Versuche es nur jemand anders, und
er wird es hoffentlich nur zu bald innewerden, daß die von der Jarah gestellte
Frage ganz sicher keine Kleinigkeit ist!“
[GEJ.02_200,11] Sagt Cyrenius: „Nun, nun, ich
sehe es wohl ein, daß man einen hohen Grad von Weisheit besitzen muß, um die
Frage der Jarah nur zu einiger Genüge beantworten zu können; aber sehr lieb
wäre es mir auf jeden Fall, darüber ein genügendes Licht zu bekommen. Denn über
diesen Punkt habe ich eben schon am meisten nachgedacht, – aber auch noch nie
irgendeinen nur halbwegs vernünftigen Grund gefunden. Ich glaube, wenn denn
außer unserem allerliebsten Herrn und Meister und der holdesten Jarah im Ernste
die gegebene Frage niemand sollte beantworten können, so werden wir denn alle
uns an Dich, o Herr und Meister, wenden; Du wirst uns da sicher den rechten
Grund aufdecken, wie Du – so mich mein Gedächtnis nicht täuscht – solches auch
verheißen hattest.“
[GEJ.02_200,12] Sage Ich: „Allerdings, so
sich damit die Jarah nicht zurechtfinden sollte; aber Ich meine, sie wird, wenn
sie so recht aufmerksam ist, den Nagel so ziemlich mit dem ersten Streich auf
den Kopf treffen! Versuche es, liebste Jarah, und zeige, daß Ich dir in
Genezareth nicht umsonst ein Gärtchen angelegt habe!“
201. Kapitel
[GEJ.02_201,01] Als Jarah solches vernimmt,
richtet sie sich ganz ordentlich wie ein Redner empor und sagt: „Gut denn! Das
Gärtchen ist voller Segen von oben, und ich will ja gerne meinen kindlichen
Fleiß, den ich freilich nur erst wenige Tage an demselben verwendet habe, hier
allen zum besten geben! Materiellen Gewinn hat mir das Gärtchen zwar noch wenig
abgeworfen – was aber für die sehr kurze Zeit seines Bestehens auch gar nicht
zu verlangen wäre –; aber dessenungeachtet hat das Gärtchen mir schon einen
desto größeren geistigen Gewinn abgeworfen!
[GEJ.02_201,02] Ja, das Gärtchen ist für mich
ein rechtes Buch der tiefsten Weisheit, und ich habe daraus in wenigen Tagen
schon bei weitem mehr gelernt, als was mir Salomo in aller seiner Weisheit
hätte eröffnen können; und so ist denn auch die Antwort auf meine ehedem dem
Josoe gegebene Frage in eben dem Gärtchen schon vor ein paar Tagen glänzend zum
Vorschein gekommen und ist nun mein volles, vom Herrn Selbst mir eingeräumtes
Eigentum! Denn wäre die volle Antwort nicht in mir, – wahrlich, nie hätte ich
solch eine Frage gegeben auf ein blindes Glück hin, daß sie vielleicht jemand
anders beantworte auch für mein Verständnis!
[GEJ.02_201,03] Oh, ich habe die sicher volle
Antwort in mir, und diese gilt nicht nur für jetzt, sondern sie wird gelten für
alle Zeiten, solange es irgend Gottes Wort und mit demselben sich am meisten
beschäftigende Priesterschaften auf dieser lieben Mutter Erde geben wird! Das
aber ist die volle Antwort auf die von mir dem lieben Josoe gegebene Frage:
[GEJ.02_201,04] Ich legte zu Hause
verschiedene edle und gute Fruchtsamen ins fette Erdreich meines Gärtchens.
Einige davon keimten schon am nächsten Tage, und am zweiten Tage waren die
Triebe schon bei vier Finger hoch über dem Erdboden.
[GEJ.02_201,05] Ein Mädchen, und ganz
besonders ich, ist immer sehr neugierig, und so trieb mich meine unersättliche
Neugierde, bei wenigstens einigen stark aufkeimenden Samen zu sehen, was denn
so ganz eigentlich am Ende aus den Samenkörnern wird, wenn aus denselben schon
so recht starke Triebe über dem Erdboden zum Vorscheine kommen. Ich grub darum
einige aus und besah mir die Sache so recht genau und aufmerksam. Und seht –
wie man auf römisch zu sagen pflegt: Sapienti pauca sufficiunt! (Dem Weisen
genügt wenig!) –, ich fand das Samenkorn verwest und das es umgebende Erdreich
mit einem Moderschimmel gemengt! Aus diesem Grabe sproßte das zarte Pflänzchen,
und vom Samenkorne war, wie gesagt, nichts mehr übrig als etwa ein bißchen von
der äußeren, das Samenkorn von außen umgebenden und schützenden harten und
somit schwerer unverweslichen Schote.
[GEJ.02_201,06] Neben dieser sehr
denkwürdigen Erscheinung aber fand ich auch, wie leider mehrere Samenkörner
ohne Keim ganz von dem Moderschimmel aufgezehrt waren, und es fand sich da
durchaus nichts vor, woraus irgendein Fruchtkeim hätte hervorwachsen sollen
oder können; wohl aber entging es meinen scharfen Augen nicht, wie sich eben
über solchen ganz verwesten Samenkörnern ganz kleine und zarte Pflänzchen aus
dem Boden keimend zeigten, die mit den guten und edlen Keimen nicht die
leiseste Ähnlichkeit hatten. Aha, dachte ich mir, da hast du es! Diese falschen
Keime sind sicher auch ein Produkt aus den guten, ins fette Erdreich gelegten
Samenkörnern; aber das hungrige Erdreich hat sich bloß damit gesättigt und ließ
nicht zu, daß da emporkeimte der rechte, gute Keim. Aber was hilft es ihm an
Ende? An der Stelle des einen edlen Keimes schießen dreißig unedle empor und
entziehen dem Boden vielleicht am Ende bei hundertmal mehr des fetten
Nährstoffes, als dies das eine gute Pflänzchen getan hätte; denn alles, was gut
und edel ist, das ist auch vollgenügsam in jeder Hinsicht, sei es, was es
wolle.
[GEJ.02_201,07] Das Gold braucht nicht wie
das Blei ewig geputzt zu werden, um zu glänzen; man putzt es einmal ordentlich,
und es glänzt dann Jahrhunderte hindurch. Eine Rebe wächst fruchtbringend auf
dem schlechtesten Boden; aber die Disteln und Dornen suchen gewöhnlich das
beste Erdreich aus. Die guten und edlen Haustiere sind selten gefräßig, während
ein Wolf, eine Hyäne und dergleichen Bestien mehr gleich Tag und Nacht in einem
fort fressen möchten. Also ist auch der wahrhaft edle und gute Mensch genügsam,
während der arge, finstere Weltmensch an nichts ein Genüge hat. Man gebe ihm
hunderttausend Pfunde Goldes, und er wird darauf sicher sein sehnlichstes
Verlangen haben, sobald als möglich noch einmal soviel zu bekommen, und es wird
ihm sehr einerlei sein, ob die andern Menschen auch alle verhungern aus Armut!
Es erzeugt aber stets ein Geiz den andern!
[GEJ.02_201,08] Seht, das Erdreich meines
Gärtchens war also teilweise unedel und geizig und wollte sich mästen mit
meinen edlen Samenkörnern, die ich in dasselbe gelegt habe! Was aber ist die
bittere Folge? Seht, es muß darauf statt des einen edlen, genügsamen
Pflänzchens hundert gefräßige, unedle ernähren!
[GEJ.02_201,09] Und seht, wie es dem dummen,
geizigen und selbstsüchtigen Erdreiche ergeht, so ergeht es auch den Menschen
auf der Erde, die sich hier schon einen Himmel voll der seligsten Genüsse haben
schaffen wollen! Sie müssen am Ende allen ihren mühevoll gesammelten Vorrat
dennoch fahrenlassen, und hundert andere vergeuden ihn dann auf eine oft sehr
liederliche Weise. – Das ist nun ein Vorbild zu meiner kommenden vollen Antwort
auf meine Frage. Fasset dieses Bild so recht tief in euer Gemüt, und ihr werdet
die Antwort beinahe von selbst finden!“ – Hier denken alle darüber nach und
können nicht genug staunen über des Mädchens große Weisheit.
202. Kapitel
[GEJ.02_202,01] Das Mädchen aber wendet sich
unterdessen an Josoe und fragt ihn überaus liebfreundlich, sagend: „Und dir,
mein liebevoller, hoher Nachbar, fällt auch noch kein rechtes Licht in dein
Herz?“
[GEJ.02_202,02] Sagt Josoe: „Holdeste und
wunderbar weiseste Jarah! Mir ist es wohl, als sähe ich etwas wie durch ein
vors Gesicht gehaltenes Tuch; aber von irgendeiner Klarheit ist da noch lange
keine Rede. Darum fahre du nur fort, die Sache aufzuhellen; denn an mir hast du
sicher deinen alleraufmerksamsten Zuhörer! Die Sache ist zu wichtig, als daß
man da auch nur ein Wort unbeachtet lassen könnte; und das scheinen auch alle
am Tische und alle unsern Tisch Umstehenden tiefst zu fühlen, darum sie
sichtlich nach der Fortsetzung ängstlich gieren. Fange du darum nur wieder an,
deine Antwort bis ans Ende fortzusetzen!“
[GEJ.02_202,03] Nach diesen Worten fängt die
Jarah abermals an, ihre Antwortrede weiterzuführen und sagt: „So ihr das
vorangeschickte Naturbild, das ich als erste geistige Ernte meines Gärtchens
vor euch hingestellt habe, ein wenig nur überdacht habt, so dürfte euch das nun
Nachfolgende gar leicht und ganz helle einleuchtend werden. Habet darum recht
wohl acht, und höret und sehet!
[GEJ.02_202,04] Die Menschen dieser Erde
sind, geistig genommen, gleich dem Erdreich meines Gärtchens, und das Wort
Gottes, das zuerst durch die Urväter, von Adam angefangen, und später durch die
Patriarchen und durch die von Gott Selbst geweckten Propheten unter die
Menschen aus den Himmeln kam, ist wieder gleich den edlen und guten
Samenkörnern, die ich ins Erdreich meines Gärtchens legte. Wie aber kein
Samenkorn alsogleich, wie es ins Erdreich gelegt wird, schon zur neuen,
vervielfältigten, reifen Frucht wird, ebenalso ist dies auch mit dem Worte
Gottes der Fall.
[GEJ.02_202,05] So das Wort Gottes durch die
Anhörung desselben in das Gemüt des Menschen kommt, so muß es durch die Taten,
welche gleich sind der belebenden Nährkraft des Erdbodens, – und zwar, wie im
Gottesworte angeordnet, gegen unsere Brüder und Schwestern hin – belebt und
dadurch zum rechten Erkeimen, zum Zwecke der wahren und vollkräftigen Frucht
des geistigen Lebens in Gott, zur segensreichen und dadurch vollreifen Frucht
werden! Wenn aber Menschen – darunter zunächst diejenigen zu verstehen sind,
die das Wort zuerst aufnehmen, als Propheten und Priester, um, so es in ihnen
zur Reife käme, dasselbe dann in der vollsten Echtheit weiter auszusäen auf dem
großen Acker aller Menschen dieser Erde für alle Zeiten der Zeiten – gleich dem
Erdreiche, das das edle Samenkorn selbst verzehrt, um sich daran zu mästen,
selbes nur für sich als ein Mittel verwenden, durch das sie allein fett zu
werden hoffen, so ist es dann ja gar nicht etwas zu unnatürlich Wunderbares,
wenn auf dem Acker der sogestaltig offenbar falschen Propheten und Priester für
den großen Acker der Laienmenschheit am Ende nichts als böses Unkraut, Dornen
und Disteln erkeimen und zur argen Reife gelangen!
[GEJ.02_202,06] Obschon es aber also
geschieht, so ist das im Allgemeinen wie im Sonderheitlichen dennoch nicht
wider die göttliche Ordnung und wider die göttliche Weisheit; denn sehet, wenn
die edle Frucht reif wird, so wird alles Stroh und alle Frucht gesammelt und in
die Scheunen gebracht, das Unkraut aber bleibt auf dem Felde und düngt
unwillkürlich das Erdreich, das dadurch für eine nächste Aussaat kräftig wird
und voll Gier, bald eine neue edle Fruchtsaat in sich aufzunehmen und sie zu
beleben.
[GEJ.02_202,07] Also ist es denn auch in der
Tat mit uns Menschen. Wären wir schon von jeher gesättigt mit der reinsten
Wahrheit, wie sie kommt aus dem Munde Gottes, wahrlich, so würde uns wenig
gelüsten nach einer ferneren, neuen Wahrheit!
[GEJ.02_202,08] Gott der Herr aber sieht
solches zum voraus und läßt es darum zu, daß die stumpfgewordene Menschheit
eine Zeitlang mit Schweinefutter bedient wird, und daß ihr Erdreich durchs
Unkraut recht nährkräftig wird; darauf erst schmeckt dann der in der Nacht nach
Licht schmachtenden Menschheit die reine und edle Frucht des reinen Wortes
Gottes, wie das nun soeben bei und unter uns der handgreifliche und der
allerseligste Fall ist.“
203. Kapitel
[GEJ.02_203,01] (Jarah:) „Wahrlich, es
geschehen unerhörte Greuel auf sicher allzeitige Veranlassung der sogenannten
Diener Gottes! Aber die Menschen, die davon sichere Kunde erhalten und doch
selbst auch in der Gottesschrift nicht unkundig sind, fragen dann nach und nach
untereinander sich denn doch, und das von Tag zu Tag mehr: ,Was soll das? Was
ist Gottes Wort? Kann das Gottes Wille aus dem Sinne Seines Wortes sein, daß
die Verkünder des Gotteswortes, Seines Liebewillens, Seiner Gnade, Seiner
Sanftmut und Seines Friedens zu lauter allerhabgierigsten, herrschsüchtigsten,
selbstsüchtigsten, lieblosesten und frechsten Teufeln an ihren Nebenmenschen
werden?‘
[GEJ.02_203,02] Und sehet, solche Fragen sind
gut; denn sie sind die ersten Triebfedern, durch die die Menschheit zur wahren
Selbsttätigkeit gelangt, ohne die sie je weder aus einer guten und noch weniger
aus einer argen, gewisserart höllischen Nötigung in die wahre geistige Freiheit
übergehen kann, ohne die es für die Seele und ihren Geist kein ewiges Leben
gibt.
[GEJ.02_203,03] Es ist wahr, man wird bei der
Betrachtung über das Treiben der Priesterschaften oft von gerechtem Ärger
zerrissen und nahezu ganz aufgelöst, und man möchte oft aus vollem Halse
schreien: ,Herr! Hast Du denn keine Blitze, keinen Hagel, keinen Schwefel und
kein Pech mehr, um diese Menschentiger zu züchtigen mit der äußersten Schärfe
Deines göttlichen Zornes?‘ Aber da spricht eine sanfte Stimme aus dem Innersten
des Herzens und sagt: ,Sei klug und weise, und siehe, wohin du trittst? Siehst
du am Wege eine Natter lauern, so weiche ihr aus; denn der ganze Erdboden ist
noch lange nicht mit lauter Nattern bedeckt!‘
[GEJ.02_203,04] Es muß ja auch die Nacht
sein, so gut wie der Tag, damit der Mensch den Wert des Lichts erkenne. Am Tage
hat wohl kein Mensch irgendein Bedürfnis nach einem Lampenlichte; kommt aber
die Nacht, dann fühlt ein jeder Mensch ganz schmerzlich den Mangel des Lichtes
und zündet, so gut er es haben kann, sich irgendein Licht an, und ein schwacher
Schimmer schon macht ihm freundlicher seine Kammer als der oft gänzliche
Lichtmangel.
[GEJ.02_203,05] Sehet, wenn der Herr die
Menschen dieser Erde so recht mit allerlei irdischen Gütern versieht, da werden
sie bald übermütig und fangen an, zu sehr für ihren Leib zu sorgen, und ihre
Seele, in der der göttliche Geist wohnt, wird dann bald, gleich wie das edle
Samenkorn von dem dasselbe umgebenden zu sättigungsgierigen Erdreich,
aufgezehrt, statt daß sie zur Erkeimung des göttlichen Geistes in ihr zum
ewigen Leben aus dem Leibe die Stärkung bekäme in gerechtem Maße, wie solche
von Gott verordnet ist, und zu welchem Endzwecke Gott der Seele denn auch so
ganz eigentlich den Leib gegeben hat. Wo aber die Seele dann von ihrem Leibe
aufgezehrt ist, dort kommen dann aber natürlich statt der edlen Früchte auch
nur Dornen, Disteln und allerlei anderes böses Unkraut zum Vorscheine, von
denen man dann wahrlich keine Trauben und keine Feigen ernten kann!
[GEJ.02_203,06] Ein solcher Mensch ist aber
dann geistig auch so gut wie tot! Er weiß nichts mehr von dem, was irgend des
Geistes ist. Er leugnet alles Geistige und vermaterialisiert alles. Außer der
groben Materie gibt es für solch einen Menschen nichts mehr; sein Bauch und
seine sinnlichste Haut sind seine zwei alleinigen Gottheiten, denen er Tag und
Nacht bereit ist, jegliches Opfer zu bringen. Für solche Menschen gibt es dann
keinen Gott mehr, und wenn endlich solche Menschen, wie es nun leider nur zu
sehr der Fall ist, gar noch Priester und Gottesdiener werden, da wird man doch
hoffentlich nicht lange zu fragen brauchen und sagen: ,Warum sind denn diese
puren Knechte des Fleisches, für die im Grunde des Grundes Seele, Geist, Gott
und Seine Himmel nichts als veraltete, poetisch phantastische Redebilder sind,
Priester und Gottesdiener geworden?‘ Man sehe nur ihre überdicken Bäuche an,
und man hat auch die vollste Antwort lebendig vor sich!
[GEJ.02_203,07] Solchen Ausspendern des
Wortes Gottes ist es dann wohl freilich einerlei, ob sie ihre ihnen
anvertrauten Gemeinden mit Brot aus den Himmeln oder mit Unflat aus den
ekelerregendsten Pfützen sättigen; wenn sie dafür nur ganz majestätisch gut
bezahlt werden! Es darf uns aber eben darum auch gar nicht zu sehr
wundernehmen, wenn wir von seiten des Tempels nicht selten Dinge vernehmen, vor
denen wir nicht selten vor Entsetzen beinahe ganz starr und steif werden.
[GEJ.02_203,08] Hat der pure Leibmensch es
einmal dahin gebracht, daß er von der Würde, ein Mensch zu sein, kaum mehr
fühlt als ein Pilz des Waldes, der irgendeinem Erdmoder entwuchs, – was edler
Menschliches soll man da dann von solch einem Modermenschen erwarten? Man lasse
ihn wie eine eklige Natter am Wege kauern und züngeln und suche sich irgendeine
natterlose Stelle auf der weiten Mutter Erde. Denn der Herr ist mit jedem, der
Ihn wahrhaft sucht, und verläßt den nimmer, der sich in seinem Elend an Ihn
wendet!
[GEJ.02_203,09] Wir alle, die wir an den
Ufern unseres Binnenmeeres wohnen, waren schon lange ein Spielzeug des Tempels.
Man verschonte Judäa soviel als möglich; aber dafür mußten wir Galiläer den
Templern schon seit langem als barste Sündenböcke einerseits und anderseits als
Melkkühe dienen, – aber dafür haben, wir das Gute, daß uns viel früher das
herrlichste Licht in allem und über alles aufgegangen ist, während sich Judäa
noch in der tiefsten Nacht befindet.
[GEJ.02_203,10] Wir verspürten zuerst die
überaus selbstsüchtige Gefräßigkeit der Tempelerde, worunter ich natürlich die
Priesterschaft verstehe, und machten uns soviel als möglich frei von ihnen. Und
wir, als auch ein edles Gotteskorn, vergeudeten unsere innere Lebenskeimkraft
nicht zur Füllung des großen Tempelbauches, sondern wir kehrten uns nach der in
uns selbst stets mehr erkannten Gottesordnung und stehen darum nun schon als
vielfach gesegnete Frucht frei auf dem großen, schönen Acker Gottes. Die
Judäer, Mesopotamier und die gen Mittag Wohnenden aber werden noch lange nicht
dahin gebracht werden, daß sie einsehen, wie sie vom Tempel aus nun die festweg
betrogensten Narren sind!
[GEJ.02_203,11] In dieser meiner so ziemlich
gedehnten Antwort auf meine Frage wird hoffentlich sicher ein jeder von den
hier anwesenden Gästen erkennen, daß das Mädchen aus Genezareth schon recht gut
weiß, was sie aus den Fügungen und Zulassungen Gottes zu machen hat! Du, o
Herr, aber vergib es mir gnädigst, daß ich vor Dir und dazu an Deiner
heiligsten Seite gar so lange und gar viel, mitunter vielleicht auch unnützes
Zeug, geplaudert habe! Ich wollte aber dadurch ja durchaus nicht die Stärke
meiner Erkenntnis zeigen, sondern, weil sich denn die Gelegenheit also ergab,
alles nur so herauszusagen, wie es mir ganz getreu und wahr ums Herz war!“
204. Kapitel
[GEJ.02_204,01] Sage Ich: „Liebste Tochter
Meines Herzens, Ich sage es dir: Nicht ein Wort zuviel oder zuwenig hast du
gesprochen! Darum aber sage Ich es auch euch allen und rate es euch, alles, was
dies Mädchen nun geredet hat, zu behalten, es wohl zu beachten und danach zu
handeln. Will aber jemand irgendeine Gegenbemerkung machen, so erhebe er sich
und rede!“
[GEJ.02_204,02] Auf diese Meine Aufforderung
kam unser Judas Ischariot zum Vorschein und sagte: „Mit gar allem bin ich nicht
einverstanden, obschon ich sonst dieses Mädchens Weisheit tiefst bewundere;
denn es spricht ja wie ein bestens geschriebenes Buch.“ – Darauf schwieg er.
[GEJ.02_204,03] Der Knabe Josoe aber fuhr ihn
förmlich an und sagte: „O du fürchterlich unsinniger und über alle Maßen dummer
Mensch! Hast du denn nicht vernommen, welches Zeugnis der Herr Selbst der
holdesten Jarah gegeben hat, und du willst nicht mit allen Punkten ihrer
Antwortrede einverstanden sein? Oh, so fahre denn heraus mit deiner
unbefriedigten, übergroßen Dummheit, und wir werden es sehen, von welchem
Unflate sie erfüllt ist! Da öffne deine dümmsten Augen, du alter Ochse, und
sieh, hier neben mir sitzt ein Gottesengel aus der Himmel höchstem; sein Wesen
ist pur Licht. Hier ersiehst du die junge, weise Rednerin aus dem Herzen Gottes
und neben ihr hoffentlich den Herrn Selbst, dessen Geist Himmel und Erde und
alles, was da ist, erschuf, und du willst dennoch über das Zeugnis Gottes
hinaus mit etwas in der Rede der holdesten Jarah nicht ganz einverstanden
sein?! Sage mir, wer du bist, daß du nun gar so unverschämt mit Gott rechten
willst!“
[GEJ.02_204,04] Diese sehr energischen Worte
des Josoe machten den Judas sehr schüchtern, und er zog sich sogleich wieder
zurück und setzte sich ganz ruhig auf seine Bank; denn es hatte ihn eine große
Furcht vor dem gewisserart nun Sohne des hohen Cyrenius ergriffen, und er
rührte sich nicht auf seinem Sitze.
[GEJ.02_204,05] Josoe aber redete weiter und
sprach: „Ist das nicht einer der Hauptjünger? Mir kommt sein Gesicht bekannt
vor, ich habe ihn in Nazareth gesehen! Ja, ja, er ist es, und zwar derselbe,
der schon in Nazareth immer gehadert hat, so ich mich nicht irre, mit einem gewissen
Jünger Thomas!“
[GEJ.02_204,06] Sagt Jarah: „Laß das, hoher
Josoe! Siehe, hätte jener Jünger eine so leichte Auffassungsfähigkeit wie du
und, dem Herrn allein alles Lob, auch ich, so würde er, gleich den andern
seiner Brüder und Gefährten, schweigen und in seinem Herzen darüber sehr
nachdenken; dieweil er aber sicher ein sehr hartes Herz besitzt, so faßt er
jegliche höher und tiefer liegende Wahrheit schwer! Und nimmt er auch etwas an,
so kann er es nicht durchgängig unterbringen, weil in seinem zusammengeschrumpften
Herzen etwas göttlich Großes und Erhabenes nimmer völlig Platz haben kann!
Darum laß du den Menschen und kümmere dich seiner nimmer!“
[GEJ.02_204,07] Sagt Josoe: „Hast abermals
wieder vollkommen recht! Aber weißt du, so eine kleine Zurechtweisung schadet
ihm übrigens sicher nicht im geringsten; denn ich weiß es, daß dieser Mensch im
hohen Grade vorlaut ist. Er möchte stets so ein Erster unter seinen Gefährten
sein, und es sollen sich alle bei ihm Rat holen. Das geschieht natürlich nie,
weil die andern bei weitem weiser und vollverständiger sind denn er, und das
ärgert ihn heimlich, und er ist darum so nebenher stets etwas kleinweg
rachsüchtig, was ihm aber nichts nützt; denn er wird, wie nun besonders von dem
Jünger Thomas, der ein recht weiser Mann ist, auf eine eben nicht zu sanfte
Weise zurechtgewiesen!“
[GEJ.02_204,08] Sagt die Jarah: „Ja, ja, du
denkst ganz richtig und gerecht; denn ich erinnere mich nun auch so einer
kleinen Haderei in Genezareth! Der Herr weiß es sicher besser denn wir beide,
warum Er diesen Jünger in Seiner Gesellschaft duldet; ich hätte ihm schon lange
den Weg gewiesen! Der Mensch hat für mich etwas ganz besonders Abstoßendes, und
ich möchte nicht viel darum setzen, ob durch ihn nicht einmal die ganze
Gesellschaft in sehr große Ungelegenheiten gelangen wird; denn ich traue
solchen Menschen nie, die jemandem, der mit ihnen spricht, nicht ins Auge zu
schauen vermögen! Sie scheinen sich stets zu fürchten, als könnte ihr unstetes
Auge einen Verräter ihres bösen Herzens machen. Und diese üble, mir durchaus
nicht gefallen könnende Eigenschaft besitzt eben jener Jünger! Nun, aber der
Herr duldet ihn dennoch und muß dafür sicher irgendeinen weisesten Grund
haben!“
[GEJ.02_204,09] Sage Ich zu Jarah: „Meine
Tochter! Siehe, du selbst hast ja eben vorher in deiner Rede den Grund recht
überaus herrlich dargestellt, aus dem für jedermann überklar hervorgeht, warum
von Mir aus neben dem Weizen auch das Unkraut geduldet wird. Und siehe, der ist
auch so ein Stück Unkraut auf Meinem guten Acker; wenn aber der gute Weizen
gesammelt wird in Meine Scheuern, da wird er als Unkraut auf dem Felde
stehenbleiben und verbrannt werden zur Düngung des schweren Bodens und zur
Leichtermachung desselben!
[GEJ.02_204,10] Es muß zwar der Boden locker
sein, wenn im selben die edle Frucht gut gedeihen soll, – aber, weißt du, zu
locker darf er wohl auch nicht sein; denn in einem zu lockeren Boden können die
Wurzeln keinen irgend festen Grund erreichen. Kommen dann Hitze und darauf wie
gewöhnlich große Stürme, da verdorren dann gerne die Wurzeln samt dem
Fruchtstengel. Und kommt darauf ein Sturm, so werden solche Fruchtstengel
leicht entwurzelt, verdorren dann auf dem Felde und bringen keine Frucht! Darum
braucht die Zucht des Gotteskindes stets einen mehr schweren denn lockeren
Grund und Boden; und dieweil also, muß man sich's denn schon gefallen lassen,
so sich irgend neben dem Weizen aus dem schweren Boden auch ein Unkraut zeigt!
Denn es wird nicht gesammelt für eine Ernte, sondern es bleibt zur Düngung des Bodens,
auf daß eine nächste Aussaat zu einer noch reichlicheren Ernte gereift werde,
als das bis jetzt der Fall war. – Hast du Mich verstanden?“
205. Kapitel
[GEJ.02_205,01] Sagt die Jarah: „O ja, Herr,
Du meine alleinige Liebe, wahre Kinder bedürfen einer festeren Erziehung denn
die Kinder der Sklaven; denn die Kinder des Hauses werden nach ihren Eltern,
oder auch mit ihnen für das gesamte Hauswesen zu sorgen habend, erzogen,
während die Kinder der Sklaven nur so viel zu wissen brauchen, als ihr stets gleicher
und höchst einförmiger Dienst erfordert! Freilich wäre da noch sehr zu fragen,
warum Gott der Herr es zuläßt, daß auf dieser Erde ein Mensch dem andern als
ein allzeit elender Sklave dienen muß und der Herr des Sklaven sogar vom Kaiser
aus die Macht über sein Leben und über seinen Tod hat.“
[GEJ.02_205,02] Sage Ich: „Ja, meine liebste
Tochter, um das zu erörtern in der Fülle, würde uns alle viel zu weit führen;
aber ein paar Gleichnisse will Ich dir und dadurch auch all den andern darüber
geben. Wer sie fassen wird, dem wird nebst dem noch so manches klar werden; und
darum merket und horchet wohl auf Mich:
[GEJ.02_205,03] Man hat verschiedene
Getreidearten, als den glatten und bärtigen Weizen, die zweizeilige und
vierzeilige Gerste, das hohe Korn, den Hafer, den großen Maisweizen; dann hat
man die Linsen, die Wicken und verschiedene Gattungen von Bohnen; und sehet,
diese verschiedenen Gattungen brauchen auch stets einen verschiedenen Boden,
ohne den sie gar nicht gedeihen würden. Eine Getreideart braucht einen festen
Lehmboden, die andere auch einen Lehmboden, der aber stets gut gedüngt sein
muß, ansonst aus dem Getreide nichts wird. Wieder braucht eine andere
Getreideart einen lockeren und steinigen, und eine andere einen sandigen Boden.
Manche Getreideart benötigt einen feuchten und wieder eine andere einen
trockenen Boden. Das alles lehrt die Menschen die Erfahrung.
[GEJ.02_205,04] Gleichermaßen brauchen
verschiedene Menschen auch eine verschiedene Erziehung, je nachdem ihre Herzen
und Seelen vorderhand beschaffen sind. Wie es sich aber mit einzelnen Menschen
als Kinder oft ein und desselben Vaters verhält, also verhält es sich auch mit
ganzen Gemeinden und mit ganzen, großen Volksstämmen. Da ist ein Volksstamm,
der braucht eine weiche, also mehr lockere Behandlung, und er gedeiht zum
großen Segen der anderen Völker der Erde. Ein anderer Volksstamm braucht wieder
eine harte Behandlung, ansonst er bald ausarten und verkümmern würde zum Fluche
der Nachbarvölker. Wieder hat ein Volksstamm eine entschiedene Neigung zum
Tyrannisieren und zum Herrschen über seine Nebenmenschen. Für die Seelen
solcher Menschen ist dann nichts besser, als daß sie auf viele Jahre in eine
rechte Sklaverei verfallen, da sie so recht durch und durch gedemütigt werden.
Haben sie sich in der Demütigung wohl zurechtgefunden, und ertragen sie ihr Los
endlich mit aller Geduld und ohne Murren, dann werden sie wieder zu freien
Bürgern der Erde und werden nun als eine veredelte Frucht auf dem besten und
fettesten Boden sicher bald überaus üppig fortkommen.
[GEJ.02_205,05] Sehet, das ist nun ein Bild,
das eben für euch alle ganz leicht zu begreifen sein sollte, indem ihr doch
schon so manches begriffen habt!
[GEJ.02_205,06] Um aber diese recht sehr
wichtige Sache noch anschaulicher zu machen, so stelle Ich euch die Teile des
menschlichen Leibes dar, von denen auch ein jedes Glied einer anderen Form,
darum einer anderen Behandlung und, so es krank ist, natürlich auch eines
anderen Heilmittels bedarf, damit es genese. So jemand einen Schmerz im Auge
fühlt, muß er dagegen sicher ein ganz anderes Mittel gebrauchen als gegen den
Schmerz in einem oder dem andern Fuße. Wer da ein Leiden im Bauche hat, muß es
anders behandeln, als hätte er eines in einer oder der andern Hand, und so muß
bei den Krankheiten des Leibes auch darauf gesehen werden, ob sie junge, oder
alte und hartnäckige Übel sind. Ein junges Übel läßt sich oft mit einem
leichten Mittel beheben, während ein altes einer starken Medizin nahezu auf
Leben und Tod benötigt, um aus dem Leibe geschafft zu werden. Die Menschen aber
entsprechen mit ihren Seelen immer auch den einzelnen Gliedern ihres Leibes. Je
nachdem dann irgendeine Seele mehr einem edleren oder unedleren Gliede ihres
Leibes entspricht, desto mehr muß sie auch entsprechend also behandelt werden
wie das einzelne Glied, dem sie entspricht.
[GEJ.02_205,07] Aus diesem Bilde sind dann
auch wieder die verschiedenen Verhältnisse der Menschen bezüglich ihrer
seelisch-sittlichen Sphäre ebenso verschieden zu behandeln wie ihre einzelnen
Glieder, denen sie in ihrer seelisch- sittlichen Sphäre entsprechen. Ein gar
schlechter Zahn im Munde muß am Ende, wenn alle anderen Mittel nichts helfen,
ausgerissen und vertilgt werden, damit er die gesunden Zähne nicht anstecke;
ebenso ein unverbesserlicher böser Mensch aus einer Gemeinde, auf daß nicht die
ganze Gemeinde durch ihn verdorben werde. Ebenso muß oft ein ganzes Volk, wenn
schon nicht physisch, so doch moralisch vertilgt werden, auf daß am Ende nicht
alle Völker der Erde durch dasselbe verdorben werden.
[GEJ.02_205,08] Sehet nach in der Chronika,
und ihr werdet es finden, welch ein großes Volk einst die Babylonier, die
Niniviten, die Meder, die Perser, die Ägypter, die alten Griechen und vor ihnen
die Phönizier und die Trojaner waren! Wo sind alle diese Völker nun? Wo sind
die Gomorriten und die Sodomiten und wo die Völker der zehn Städte? Ja,
physisch bestehen sie wohl noch in ihren verwahrlosten Nachkommen, die aber
nirgends mehr einen Namen haben und auch nie wieder unter dem alten Namen zu
irgendeinem Volke dieser Erde werden; denn es ist kaum etwas noch irgend
Schlechteres denn ein alter Name, an dem viel eitler, nichtssagender Ruhm
klebt. Solcherart Menschen oder Völker halten sich am Ende eines solchen
uraltberühmten Namens wegen für vieles besser und ehrwürdiger als irgendeine
junge Völkerschaft, die durch Sanftmut, Demut und Liebe gegen ihre Brüder sich
im vor Gott gerechtesten und somit seelisch gesündesten Zustande befindet.
[GEJ.02_205,09] Wenn ihr das nun so nur mit
einiger Aufmerksamkeit betrachtet, so werdet ihr es bald finden, wie gut und
gerecht der Vater im Himmel ist! Denn diese Erde hat einmal die feste
Bestimmung, daß auf ihr für die ganze Unendlichkeit Kinder des Geistes Gottes erzogen
werden, und es ist darum nötig, daß der Boden stets mehr hart und mager als zu
locker und zu fett gehalten wird.
[GEJ.02_205,10] Das mit dem edlen Getreide
aufschießende Unkraut hindert darum, weil es mit wächst und reift, das
gesegnete Gedeihen der edlen Frucht nicht, dieweil es nachderhand dennoch
wieder zum Düngen des hie und da zu hart und mager gewordenen Erdreichs gar
sehr dienlich ist. Kurz und gut: Was Gott zuläßt, ist gut, und am Ende ist dem
vollends reinen Menschen dennoch alles rein, was die Erde in und auf sich und
über sich trägt. – Saget, ob ihr alle dies nun von Mir Gesagte ganz verstanden
habt!“
[GEJ.02_205,11] Sagt Cyrenius: „Herr, wer
aber sollte Dich da auch nicht verstanden haben? Das ist ja alles sonnenhelle!“
[GEJ.02_205,12] Sage Ich: „Gut denn, und so
soll uns Josoe darüber eine sichere Ansicht geben!“
206. Kapitel
[GEJ.02_206,01] Sagt Josoe: „O Herr, meine
Ansicht darüber wird wahrlich sehr unsicher ausfallen! Ich verstehe es wohl so
im ganzen, was damit gesagt werden will, und ich kann von mir nicht geradehin
behaupten, als hätte ich solches nicht klar genug verstanden; aber darüber eine
gewisse sonnenhelle Reflexion zu machen, dazu fühle ich mich viel zu schwach.
Daher wäre es schon wieder gut, so mich auch noch hier meine allerholdeste
Jarah vertreten möchte. Denn so ich auch, mir vorkommend, noch so weise rede,
da ist aber dennoch irgend etwas am Ende da, dem sehr widersprochen werden
kann! Und so ist es mir denn wohl um vieles lieber, zuzuhören, als selbst zu
reden. Ah, so jemand etwas vorbrächte, das da nur im geringsten falsch und
unrichtig wäre, dann werde ich schon lebendigerer Zunge werden; aber zur
Entwicklung der über meinen Erkenntnishorizont zu hoch liegenden Wahrheiten
fühle ich mich noch langehin zu schwach, – und so bleibe ich schön fein und
ganz bescheiden stille, laß gerne die Weiseren für mich reden und horche als
ein stiller Bewunderer zu, wie einem weisen Gemüte hohe Worte ebenso leuchtend
entströmen wie der Morgensonne ihre Lichtstrahlen. Zudem finde ich es,
wenigstens für mich, ganz überflüssig, über etwas ohnehin schon Sonnenhelles
noch weitere Reflexionen zu machen. Wer wohl wird am hellsten Mittage noch
irgendeine Lampe anzünden, um das Licht der Sonne dadurch zu unterstützen? Wer
aber an den hellsten Lichtworten, die nun aus Deinem heiligen Munde geflossen
sind, noch irgendeinen Zweifel haben kann, nun, der melde sich, und man wird
ihn anstandslos auf die richtige Fährte führen!
[GEJ.02_206,02] Wohl weiß ich es, daß man
Dir, o Herr, sozusagen blindlings gehorchen soll, so Du von jemandem etwas
willst; aber hier muß ich mich, und zwar infolge der rechten Demut meines
Herzens, als ungehorsam erweisen! Denn gar leicht könnte Dein Verlangen, o
Herr, für mich auch eine Art Prüfung sein, ob ich mich von meinem angeborenen,
mich selbst oft überschätzenden Selbstgefühle werde so weit hinreißen lassen
und gleich mit meiner noch obendrauf sehr schlecht bestellten Nachtlampe
herausfahren werde, um die Sonne damit etwa doch noch heller zu machen, als sie
ist! Aber da sagt mir glücklicherweise mein ruhiges Herz: ,Eitler Knabe, nimm
dich in acht, der Herr prüft dich! Siehe, daß du in der Gnade bestehst vor
Ihm!‘ Vernehme ich aber so etwas, oh, da kenne ich mich dann aber auch sogleich
aus und bleibe auf meinem bescheidenen Platze! – Habe ich recht oder nicht,
mich also durchgängig zu verhalten?“
[GEJ.02_206,03] Sage Ich: „Mein lieber Josoe,
recht und dennoch nicht ganz recht; denn, wenn Ich von dir etwas verlange, so
weiß Ich es sicher warum! Und willst du dein Heil vollends in allem gefördert
wissen, so mußt du Mir Folge leisten in allen Dingen, sei es, was es wolle. Und
verlangete Ich selbst deines Leibes Leben, so müßtest du es lassen mit Freuden;
denn Ich werde niemandes Leibesleben verlangen zum Unheile dessen, der es für
Mich lassen würde!
[GEJ.02_206,04] Aber Ich weiß, was dir nun so
ganz eigentlich die Zunge ein wenig gelähmt hat. Siehe, du warst ehedem ein
wenig vorlaut darin, daß du von dir behauptetest, daß du nur für die Wahrheit
allein seiest! Ich zeigte es dir aber, daß du noch lange nicht wußtest, was die
Wahrheit ist; und weil die Jarah, als ein harmloses Mädchen aus Genezareth,
dich hernach offenbar ein wenig beschämte, da sie Meine Frage an dich auf eine
überaus glänzende Weise beantwortete, so hast du darauf so ein wenig den Mut
verloren. Aber siehe, diese deine kleine Mutlosigkeit ist im Grunde keine so
ganz rechte Demut, sondern vielmehr eine heimlich gekränkte Eitelkeit deines
Gemütes! Und sieh, das ist nun denn auch so ein kleiner Mitgrund, warum du dich
nun so schwer zum Reden entschließest! Ich will aber, daß du solchen Mitgrund
in dir nun völlig besiegen sollst; denn es ist einem etwas eitlen Gemüte
besser, ein wenig ausgelacht zu werden, als auf dem Wege der triumphierenden
Gelungenheiten sich von allen Seiten her bewundert und geschmeichelt zu fühlen!
Darum rede du nur zu, so Ich von dir etwas zu reden verlange! – Und so gib du
uns über Meine Belehrung vom Sklaventume nun nur immerhin irgendeine sichere
Ansicht!“
207. Kapitel
[GEJ.02_207,01] Sagt Josoe: „In Deinem Namen
will ich's in aller möglichen Kürze wohl versuchen; ob aber meine Ansicht eine
ganz sichere sein wird, das dürfte freilich wohl eine ganz andere Frage sein.
[GEJ.02_207,02] Die Füße des Menschen stehen
offenbar im Lebensrange tiefer denn die Hände; aber trügen die Füße den
Menschen nicht zum Wasser, so könnten sie von den Händen dann nicht von ihrem
Staube und Schmutze gereinigt werden. Darum, meine ich, ist der Sklavendienst
im allgemeinen ebenso notwendig wie der Herrendienst. Wenn die Füße gleiten,
fällt der ganze Mensch, und es ist darum sicher gut und nützlich, auf die Füße,
welche mit allem Rechte die Sklaven des Leibes genannt werden können, oft mehr
achtzuhaben denn auf alle anderen Leibesglieder. Stumpf und willenlos müssen die
Füße den schweren, dabei ganz müßigen Leib Tagreisen weit tragen und bekommen
als Lohn am Ende nichts als höchstens eine reinigende Erfrischung bei
irgendeiner Quelle, während nach einer zurückgelegten Reise der ganze, bei der
ganzen Reise müßig gewesene Leib sich stärkt mit Speise und Trank. Aber was
können, was wollen die Füße dazu sagen? – Nichts, – denn sie sind dazu
geschaffen!
[GEJ.02_207,03] Und so meine Ich denn, daß
das Sklaventum eine Notwendigkeit ist, die nie abgestellt werden kann, wenn die
Menschheit in der ihr gegebenen Ordnung verbleiben soll; es müßte nur sein, daß
mit der Zeit die Menschen irgendein anderes Bewegungsmittel erfänden, – da
freilich könnte der Sklavendienst der Füße entbehrlich gemacht werden. – Und so
glaube ich, könnte es denn mit der Zeit mit dem Sklaventume vor sich gehen!
[GEJ.02_207,04] Besser wäre es allerdings, so
man das die Menschheit entwürdigende Sklaventum gänzlich entbehren könnte; aber
das dürfte noch lange währen, bis solch eine glückliche Zeit die Erde küssen wird.
[GEJ.02_207,05] Der Sklave ist wahrlich von
der freien Menschheit als Unkraut unter den Menschen angesehen. Aber es wird
durch dieses seltene Unkraut der freie Mensch gar sehr gedüngt und wird dabei
träge und vollends selbstuntätig, – und das halte ich für sehr schlecht. In
dieser Hinsicht wäre es wieder besser, so es kein Sklaventum gäbe. Aber wenn
anderseits das Sklaventum wiederum eine Schule der Demut ist, da ist es
freilich auch wieder eine unerläßliche Notwendigkeit für die zu hoch gestiegene
Menschheit; denn nach der babylonischen Gefangenschaft waren die Israeliten
wieder ein ganz gutes Volk geworden, – nur schade, daß die Gefangenschaft nicht
wenigstens ein volles Säkulum gedauert hat! Denn bei der Befreiung waren meines
Erachtens noch zu viele darunter, denen der frühere Glanz des Judenreiches noch
zu sehr vor den Augen schwebte, weshalb sie dann auch nichts Emsigeres zu tun
hatten, als den alten Glanz wieder herzustellen. Und als da wieder erbauet
waren die Mauern und der Tempel, so war der alte Hochmut auch wieder bei der
Hand, und es ging darauf bald wieder und eigentlich noch schlechter zu in
Jerusalem denn früher vor der babylonischen Gefangenschaft. Vierzig Jahre waren
sonach offenbar zuwenig; aber so in hundert Jahren wäre allen unseren Vätern
der Sinn für Glanz, Pracht und Hochmut sicher gänzlich vergangen für
Jahrhunderte hindurch!
[GEJ.02_207,06] Zwar ist das alles nur so
meine sicher noch sehr unreife Mutmaßung und wird ohne Zweifel ihre sehr
tüchtigen und wohlgegründeten Gegensätze haben; aber ich rede nur also, wie
ich's fühle. Denn so jemand für eine schlechte Tat eine Maulschelle bekam, so
wird er das Übeltun eben nicht um vieles länger meiden, als der Schmerz
angedauert hat; so er aber von Gott aus für eine schlechte Tat mit einem lang
andauernden und sehr schmerzlichen Leiden heimgesucht wurde, so wird er die
Sünde, durch die er sich ein so schweres und schmerzliches Leiden zugezogen
hat, sicher kaum je mehr wieder begehen!
[GEJ.02_207,07] Darum kann ich mir ein recht
lang anhaltendes Sklaventum nicht anders als nur vollkommen zweckdienlich
denken, und sehe nun auch die eiserne Notwendigkeit dieses Standes ein und
denke mir: So ein recht guter und williger Sklave ist im Grunde viel mehr ein
vollkommener Mensch als der Freie; denn der Freie ist geistig ein Sklave seiner
Sinne, während der materielle Sklave geistig ein ganz freier Mensch sein kann.
[GEJ.02_207,08] Denn es ist ein großer
Unterschied zwischen einem Menschen, der ein Herr seines Willens ist – was bei
einem rechten Sklaven vollends der Fall sein muß –, und zwischen einem
Menschen, dessen Wille keinen Gehorsam kennt, und bei dem alles geschehen muß,
was er will.
[GEJ.02_207,09] Und somit lobe ich mir nun
erst ganz das Sklaventum und wünsche, daß es im ganzen nie ein Ende nehmen
soll! Denn ich meine: Sobald diese Hauptschule für die wahre Demut ein Ende
nehmen wird, so wird die Menschen der Erde ein großes Elend heimsuchen!
[GEJ.02_207,10] Freilich wohl wäre es zu
wünschen, daß die Menschen alle lebten nach Deiner Lehre, so wäre das
Sklaventum ein tollstes Unding und ein Verbrechen an den Rechten der
Menschheit; aber solange irgend das nicht der Fall ist und vielleicht noch
lange nicht sein wird, ist und bleibt das Sklaventum der hochmütigen Menschheit
ein wahres Evangelium aus den Himmeln, auf die Erde zur Besserung der
Menschheit verordnet. –
[GEJ.02_207,11] Das wäre nun so meine
schwache Reflexion über Dein Wort bezüglich des Sklaventums; ich bitte Dich, o
Herr, aber nun auch, daß Du darin die Fehler, die ich allenfalls gemacht habe,
mir gnädigst anzuzeigen geneigt wärest, auf daß ich auch in dieser Sphäre in
die volle Wahrheit einzudringen vermöchte!“
[GEJ.02_207,12] Sage Ich: „Lieber Josoe, da
hast du in allem ganz recht, und es läßt sich da wenig oder gar nichts
vollrechtlich einwenden; bloß was die Dauer der babylonischen Gefangenschaft
betrifft, hast du dich ein wenig in deinem Eifer verstiegen. Denn sieh, jede
Gefangenschaft und auch jedes Sklaventum ist im Grunde dennoch nichts als ein
von Gott zugelassenes Strafgericht! Ein Gericht aber ist und bleibt leider
stets nur eine äußerste Nötigung zur Besserung und hat darum gewöhnlich für die
Seelen der Menschen mehr eine schlechte denn eine gute Wirkung; denn wer das
Schlechte nur der schlechten Folgen wegen meidet und das Gute tut der guten
Folgen wegen, der ist noch sehr ferne dem Reiche Gottes. Nur der, welcher das
Gute eben darum tut, weil es gut ist, und das Schlechte meidet des Schlechten
selbst wegen, ist ein vollkommener Mensch. Denn solange sich der Mensch nicht
aus sich selbst ans wahre Licht befördert, bleibt er ein Sklave im Geiste und
somit tot für das Reich Gottes. – Der äußere Zwang bringt die Menschen noch auf
andere Abwege des sittlichen Liebelebens, davon wir sogleich einige vernehmen
werden.“
208. Kapitel
[GEJ.02_208,01] (Der Herr:) „Sieh, es ging in
der Nacht eine Maid daher geringen Standes. Sie war irgendwo in Geschäften
ihrer Herrschaft, verspätete sich aber so sehr, daß sie auf dem Rückwege von
der Nacht eingeholt wurde. Am halben Wege aber trifft sie ein Haus, in dem ein
frommer Einsiedler wohnt, wie es ähnliche in allen Gegenden Judäas gibt, die
des Reiches Gottes wegen, wie sie es vorgeben und auch wirklich in ihrem
Lebensplane haben, ein sogenanntes strenges Leben führen. Die in schon tiefer
stürmischer Nacht heimkehrende Maid pocht an des Klausners Tür und bittet um
Einlaß und Herberge für die Nacht.
[GEJ.02_208,02] Der Klausner geht nun hinaus
und ersieht, daß die Flehende eine Maid ist, durch deren Eintritt seine Hütte
ja doch offenbarst verunreinigt werden könnte. Darum spricht er, von heiligem
Eifer ergriffen: ,Betritt, du unreines Wesen, meine gottgeweihte, reine Hütte
ja nicht; denn sie würde unrein durch dich und ich endlich unrein durch sie!
Ziehe darum weiter und gehe hin, von wannen du gekommen bist!‘ Mit diesen
Worten schließt er die Tür und überläßt ganz leichten Gemütes und froh, dieser
ihn verunreinigenden Gefahr losgeworden zu sein, die weinende Maid ihrem herben
Lose. Er kehrt darauf frohen Mutes ins Innere seiner Hütte und preist Gott, daß
Er ihn vor solch einer Gefahr für seine Seele so gnädigst beschützt hat, und
kümmert sich der armen Maid nimmer; ob diese in finsterer Nacht irgend
verunglückt oder nicht, das ist ihm gleich.
[GEJ.02_208,03] Nach einer Stunde aber kommt dieselbe
Maid, vom Sturme übel zugerichtet, zum Hause eines verrufenen Zöllners, der vor
den Augen der reinen Juden ein großer Sünder ist. Dieser hört die arme Maid
schon von weitem jammern, da er an seiner Schranke Wache hält und auch sonst
kein Freund vom frühen Sichschlafenlegen ist, daher man ihm auch von der reinen
Judenseite den Beinamen ,Ordnungsloser Lump‘ gegeben hat.
[GEJ.02_208,04] Dieser sündige Lump aber
zündet schnell eine Fackel an und eilt der jammernden Maid entgegen; und als er
sie daherhinkend und weinend findet, tröstet er sie, nimmt sie auf seinen
kräftigen Arm, trägt sie in sein Haus, reicht ihr Speise und Trank und bereitet
ihr ein gutes und weiches Lager. Am Morgen aber beschenkt er sie noch, sattelt
darauf zwei Lasttiere und läßt sie, sie begleitend, also ihre noch ziemlich
ferne Heimat ganz gestärkt und wohlgemut erreichen. –
[GEJ.02_208,05] Siehe, der Klausner ist ein
strenger Büßer und lebt gleichfort in einem sich selbst auferlegten Strafzwange
und vermeidet alles sorgfältigst, was irgend seine als rein geglaubte Seele nur
im geringsten verunreinigen könnte, und meint, daß Gott an ihm schon ein
bedeutend großes Wohlgefallen haben müsse; zugleich aber liegt es ihm auch sehr
daran, daß die Welt ihn für einen makellosen Heiligen Gottes halte, und das um
so mehr, weil es von ihm allgemein bekannt ist, daß sein Gemach noch nie von
einem weiblichen Fuße betreten ward. Natürlich trägt ihm solch eine sittliche
Reinheit auch so manche Prozente in seine Hütte, die sicher in eine Abnahme kämen,
so irgend am Ende dennoch verraten werden könnte, daß seine Hütte doch einmal
verunreinigt ward durch den Fuß einer Maid, von der man denn doch nicht wissen
könne, wann sie allenfalls ihre unreine Zeit habe.
[GEJ.02_208,06] Dem Zöllner aber ist das
einerlei, ob die Welt schwarz oder weiß von ihm spricht, sein Haus hält man
stets für das unreinste und zwar so, daß ein echter Jude es ja nicht betreten
wird, weil er sich darin auf wenigstens zehn Tage lang verunreinigen könnte.
Daher ist dem Zöllner denn auch einerlei, was die Leute von ihm und seinem
Hause reden, und er handelt darum frei nach dem Drange seines Herzens und denkt
sich dabei: ,Bin ich schon ein großer Sünder und voll Unlauterkeit, so will ich
aber dennoch Barmherzigkeit üben, auf daß ich dereinst auch Barmherzigkeit vor
Gott finden möge!‘
[GEJ.02_208,07] Sage du Mir, Mein lieber
Josoe: Welche von den beiden würdest du am Ende den Vorzug geben?“
[GEJ.02_208,08] Sagt Josoe lächelnd: „Oh,
ohne alle Umstände dem Zöllner; denn wenn es auf der Welt lauter solche
Klausner gäbe, da sähe es mit dem Leben der Menschen bald ein Ende habend und
somit übel aus! Der dumme Klausner könnte mir mit seiner sittlichen Reinheit
alle Stunde zehnmal gestohlen werden! Wahrlich, hätte ich den Himmel zu
verleihen nach dem Tode, so wäre der Klausner sicher der letzte, dem ich im
untersten Himmel den letzten Platz anwiese, und er käme mir nicht weiter, als
bis er würde wie der Zöllner! – Habe ich recht oder nicht?“
209. Kapitel
[GEJ.02_209,01] Sage Ich: „Vollkommen; denn
also ist es auch! Und Ich sage es, wer da nicht wird wie der Zöllner, wird in
Mein Reich wahrlich nicht eingehen; denn auch Mir kann alle die lieblose
Sittenreinheit für ewig gestohlen werden!
[GEJ.02_209,02] Ja, eine freie, wahre, innere
Sittenreinheit mit der wahren, alles opfernden Nächstenliebe ist bei Mir über
alles; aber eine solche, wie wir sie beim Klausner gesehen haben, gilt bei Mir
nicht einen Stater. Wer rein ist, der soll bloß rein sein im Herzen vor Gott,
aber die Welt soll nicht viel wissen davon; denn wenn die ihn darum lobt, so
wird er von Mir wenig Lob zu erwarten haben.
[GEJ.02_209,03] Am besten aber ist es, wenn
der Mensch stets sagt: ,O Herr, sei mir, dem Sünder, gnädig!‘, und urteilt über
niemand Arges, betet für seine Feinde und tut sogar noch jenen zu aller Zeit
Gutes, die Übles von ihm reden und wo möglich ihm auch Übles zufügen.
[GEJ.02_209,04] Wahrlich, wer das ist und
tut, der ist nicht nur rein vor Mir – und hätte er auch noch so manche Sünde
auf sich, die ihn sein Fleisch dann und wann zu begehen nötigte –, sondern er
ist dabei vollauf Mein Bruder und mit Mir ein König der Himmel und aller ihrer
Herrlichkeiten! Denn wird eines Menschen Fleisch oft auch von argen Dämonen
gereizt, so wandelt aber dennoch seine Seele gleichfort in Meinem Geiste.
[GEJ.02_209,05] Es müssen ja auch oft die
Engel in die Hölle, in den Pfuhl aller Laster, steigen, und wenn sie
zurückkehren, sind sie wieder so rein wie zuvor in dem höchsten aller Himmel.
Und also ist es nicht selten mit Meinen Brüdern auf dieser Erde: steigen sie
auch schon ihrem Äußersten nach manchmal in die Hölle, um auch dort die
göttliche Ordnung und Willensmacht aufrechtzuerhalten, so bleibt dennoch ihre
Seele rein im Zusammenhange mit Meinem Geiste in ihr.
[GEJ.02_209,06] Kurz, den die Sünde fein
demütig macht wie unsern Zöllner, der ist durch die Sünde als ein Engel nur auf
einen Augenblick zur Hölle gestiegen, um daselbst Ruhe und Ordnung zu schaffen;
sowie er aber zurückgekehrt ist, so ekelt es ihn davor, und seine Seele ist
rein wie zuvor. Den als Sünder aber seine Sünden nur zum Hochmute treiben, und
so der Sünder im Hochmute verbleibt, der ist schon ein Teufel, ob er äußerlich
noch so rein schiene vor den Menschen.
[GEJ.02_209,07] Ich sage aber zu euch allen:
Was immer für Sünder und Sünderinnen in euer Haus hilfesuchend kommen, so
sollet ihr ihnen nimmer die Türe weisen, sondern ihnen helfen, als hätten sie
nie gesündiget; und habt ihr ihnen erst geholfen, so sollet ihr dabei auch
alles aufbieten, um die Sünder für die Zukunft zu bessern auf dem Wege der
Liebe und der Weisheit, aber jener wahren Weisheit, die stets nur aus der Liebe
hervorgeht!
[GEJ.02_209,08] Eine Ehebrecherin ist bei den
Juden nach Moses wirklich eine Sünderin, die sofort gesteinigt werden soll, und
zwar auf dem kürzesten Wege von jedermann, der ihr nach der Tat zuerst
begegnet. Ich aber sage euch: Wer die Flüchtige aufnimmt in sein Haus und sucht
sie zu retten doppelt – geistig und leiblich –, der wird dereinst von Mir mit
freundlichen Augen angesehen werden, und seine Schuld wird in den flüchtigen
Sand eingegraben werden, dessen Furchen der Wind verwehen soll! Wer aber einen
Stein nach ihr wirft und ist selbst nicht frei von jeglicher Sünde, der wird
dereinst ein schweres Gericht von Mir aus zu bestehen haben! Denn wer Mir
wiederbringt, was da verloren war, der soll im Himmelreiche dereinst eines
großen Lohnes wert befunden werden; wer aber da richtet, wenn auch gerecht nach
dem Gesetze, der wird dereinst auch gerecht und streng nach Meinem Gesetze
gerichtet werden!“
[GEJ.02_209,09] Fragt hier Cyrenius: „Herr,
was Du nun geredet, ist klar und wahr bis auf einen Punkt, der mir noch etwas
unklar ist, und ich möchte darum wohl um eine noch etwas nähere Erörterung
bitten. Der unklare Punkt aber ist – –“
[GEJ.02_209,10] Sage Ich: „Der unklare Punkt
ist: wie ein sonst reiner Mensch durch eine an seinem Leibe begangene Sünde in
die Hölle steigen, dort Ordnung und Ruhe schaffen und endlich wieder ganz rein
aus derselben zurückkehren kann.
[GEJ.02_209,11] Sieh, das ist ganz leicht zu
verstehen, wenn man nur weiß, was eigentlich die Sünde und die Hölle sowohl im
engsten und desgleichen auch im weitesten Sinne ist! – Ich werde somit diese
beiden Begriffe eurem Verständnisse näherzubringen versuchen, und so habet denn
dabei recht acht mit eurer ganzen Seele!“
210. Kapitel
[GEJ.02_210,01] (Der Herr:) „Sehet, der Leib
ist Materie und besteht aus den gröbsten urseelischen Substanzen, die durch die
Macht und Weisheit des göttlichen und ewigen Geistes in jene organische Form
gezwängt werden, die der einen solchen Formleib bewohnenden freieren Seele in
allem Nötigen wohl entspricht.
[GEJ.02_210,02] Die in einem Leibe wohnende
Seele aber ist natürlich anfangs um nicht viel reiner als ihr Leib, weil sie
auch der unreinen Urseele des gefallenen Satans entstammt. Der Leib ist für die
noch unlautere Seele eigentlich nichts als eine höchst weise und übergut und
zweckmäßig eingerichtete Läuterungsmaschine.
[GEJ.02_210,03] In der Seele aber wohnt schon
der reine Funke des Geistes Gottes, aus dem sie ein rechtes Bewußtsein ihrer
selbst und der göttlichen Ordnung in der Stimme des Gewissens überkommt.
[GEJ.02_210,04] Daneben ist der Leib für
außen hin mit allerlei Sinnen versehen und kann hören, sehen, fühlen, riechen
und schmecken; dadurch bekommt die Seele allerlei Kunde von der Außenwelt, gute
und wahre, schlechte und falsche.
[GEJ.02_210,05] Aus dem Urteile des in ihr
wohnenden Geistes fühlt sie in sich bald, was da gut und was schlecht ist;
anderseits macht sie auch durch die äußeren Sinne ihres Leibes Erfahrungen von
guten und schlechten, wohltuenden und schmerzlichen und anderen Eindrücken, und
überdies wird der Seele von Gott, auf dem Wege der außerordentlichen
Offenbarung von innen und von außen her, durchs Wort, der Weg der Ordnung Gottes
gezeigt.
[GEJ.02_210,06] Also ausgerüstet, kann dann
die Seele allerdings ganz nach der leicht zu erkennenden göttlichen Ordnung
sich frei selbst zu bestimmen imstande sein, was natürlich nicht anders sein
kann, weil die Seele sonst unmöglich zu irgendeiner für ewig andauernden, in
sich abgeschlossenen, aber doch freien Existenz gelangen könnte.
[GEJ.02_210,07] Denn jede Seele, die
fortbestehen will, muß sich durch die ihr gegebenen Mittel selbst als
fortbestandsfähig gestalten und gewisserart ausbauen, ansonst sie am Ende
entweder das Los des Leibes teilen kann, oder sie tritt als noch zu dreiviertel
unausgebildet aus dem Leibe, der als völlig verdorben zur weiteren und
gänzlichen Ausbildung der Seele gar nicht mehr taugt, und dann wird sie
genötigt sein, in einer viel unbequemeren Maschine auf eine gewöhnlich sehr
traurige und schmerzliche Weise ihre weitere Vollendung fortzusetzen.
[GEJ.02_210,08] Der Leib aber ist, weil aus
lauter in tiefem Gerichte noch seienden Teilen bestehend und darum des Todes
fähig, bei und für jeden Menschen die Hölle im engsten Sinne; die Materie aller
Welten aber ist die Hölle im weitesten Sinne, in die der Mensch durch seinen
Leib gegeben ist.
[GEJ.02_210,09] Wer nun viel für seinen Leib sorgt,
der sorgt offenbar auch für seine höchst eigene Hölle und nährt und mästet sein
Gericht und seinen Tod zu seinem höchst eigenen Untergange.
[GEJ.02_210,10] Der Leib muß zwar eine
gewisse Nahrung bekommen, damit er stets fähig ist, der Seele für die hohen
Lebenszwecke die entsprechenden Dienste zu leisten; aber wer da zu ängstlich
sorgt für den Leib und nahezu Tag und Nacht hadert und arbeitet und handelt,
der sorgt offenbar für seine Hölle und für seinen Tod.
[GEJ.02_210,11] Wenn der Leib die Seele reizt,
sich für seine sinnliche Befriedigung in alle Tätigkeit zu werfen, so rührt das
stets von den vielen unlauteren Natur- oder gerichteten Materiegeistern her,
die so ganz eigentlich das Wesen des Leibes ausmachen. Gibt die Seele den
Anforderungen des Leibes zuviel Gehör und tut danach, so tritt sie mit ihnen in
Verbindung und steigt auf diese Weise in ihre höchst eigene Hölle und in ihren
höchst eigenen Tod. Und tut die Seele solches, so begeht sie eine Sünde wider
die Ordnung Gottes in ihr.
[GEJ.02_210,12] Verharrt die Seele darin mit
Liebe und köstlichem Behagen, so ist sie ebenso unrein wie ihres Leibes
unreinste und gerichtete Geister, bleibt dadurch in der Sünde, somit in der
Hölle und im Tode. Wenn sie auf der Welt auch gleich ihrem Leibe nach fortlebt,
so ist sie aber dennoch so gut wie tot, fühlt auch den Tod in sich und hat eine
große Furcht vor ihm. Denn die Seele kann in solcher ihrer Sünde und Hölle tun,
was sie nur immer will, so kann sie dennoch kein Leben finden, obschon sie
dasselbe liebt über alle Maßen.
[GEJ.02_210,13] Sehet, darin liegt auch der
Grund, aus dem heraus nun viele tausendmal Tausende von Menschen von einem
Leben der Seele nach dem Tode ihres Leibes ebensoviel wissen wie ein Stein, der
am Wege liegt; und so man ihnen irgend etwas davon sagt, so lachen sie
höchstens oder werden gar erbost, treiben den Weisen zur Tür hinaus und weisen
ihn, solche Dummheiten, die nichts als eine Lüge seien, den Wildschweinen
vorzutragen!
[GEJ.02_210,14] Und doch soll ein jeder
Mensch längstens bis in sein dreißigstes Jahr in sich so weit mit der Bildung
seines Ichs fertig sein, daß ihm das folgende freieste, seligste Leben nach dem
Tode des Leibes so vollbewußt und sicher wäre wie einem Aar der Flug in der
hohen freien Luft!
[GEJ.02_210,15] Aber wie weit sind Menschen,
die danach erst zu fragen anfangen, noch entfernt davon! Und wie weit aber erst
hernach jene, die davon gar nichts hören wollen und einen solchen Glauben sogar
für eine Dummheit halten, die kaum irgendeiner erheiternden Lache wert sei! –
Solche Menschen befinden sich demnach ihr ganzes Erdenleben hindurch in der
vollsten Hölle und im schon vollsten Tode.
[GEJ.02_210,16] Nun aber kann sich eine Seele
schon ganz gereinigt haben, und es wird ihr oft dennoch eine geraume Zeit
gegeben nun zur Mitreinigung zunächst ihres in und an und für sich noch immer
unlauteren Leibes und seiner Geister, wodurch der ganz edlere Leibesteil sich
endlich auch aus der Seele die Unsterblichkeit anzieht und jüngst nach dem Tode
des gröbsten Teiles seiner Wesenheit mit der Seele zu ihrer Vollkräftigung mit
erweckt wird.
[GEJ.02_210,17] Bei solchen schon reinen
Seelen geschieht es denn auch, daß sie dennoch dann und wann, so ihre Hölle,
das heißt der Leib, nicht selten noch sehr begehrend auftritt, auf eine kurze
Zeit in solche ihre eigene Hölle treten, mit andern Worten gesagt, in das
Begehren des Leibes und seiner Geister eingehen. Solche Seelen aber können dann
nicht mehr völlig unrein gemacht werden, sondern sind nur für so lange unrein,
als sie sich im Pfuhle ihrer Leibesgeister aufhalten; sie aber können es
darinnen nimmer lange aushalten und kehren sonach gar bald in ihren ganz reinen
Zustand zurück, in dem sie dann wieder ebenso rein sind, als wären sie nie
unrein gewesen. Dabei aber haben sie in ihrer Hölle auf eine Zeitlang Ruhe und
Ordnung hergestellt und können sich hernach wieder desto ungestörter im Lichte
ihres Geistes bewegen und stärken.
[GEJ.02_210,18] Wer von euch da ein rechtes
Verständnis hat, der wird dies Gesagte ganz verstehen; und du, Freund Cyrenius,
sage es Mir nun ganz unverhohlen, ob du Mich nun vollends verstanden hast!“
211. Kapitel
[GEJ.02_211,01] Sagt Cyrenius: „Ja, Herr und
Meister! Aber es ist dies für mich fürwahr eine total neue Lehre, von der vor
Dir wohl niemand etwas geträumt hat! Das ist aber nun klar, daß Du und sonst
niemand vom Alpha bis zum Omega den Menschen und alle Welten mußt erschaffen
haben; denn ohne selbst Schöpfer des Menschen zu sein, kann man das nie wissen,
außer auf die Art, wie wir nun von Dir.
[GEJ.02_211,02] Erfahrungen aller Zeiten
zeigen, daß es also ist und nie anders sein kann, als wie Du es uns nun erklärt
hast; jedoch kein Weiser, wenn er auch das Übel der Menschheit nur oft zu sehr
wahrnahm, wußte von der Wurzel desselben irgend etwas zu sagen. Woher hätte er
aber das auch nehmen sollen? Denn dazu wird eine totalste Kenntnis der
Menschennatur von ihrer urgeistigsten bis zu ihrer materiellsten Sphäre hin
erfordert.
[GEJ.02_211,03] Wer aber kann sich irgend
diese Kenntnis verschaffen? Wer kennt des Menschen Leib von Fiber zu Fiber, von
Faser zu Faser usw.? Wer hat je irgendeine Seele frei umherwandeln gesehen? Man
weiß es kaum, ob sie eine, und welche Form sie hat, ob sie groß oder klein ist;
kurz, man ist da in der vollsten Unkunde. Wenn aber das, woher soll man dann
die Kenntnis nehmen über die sonderbare Natur des Menschen?
[GEJ.02_211,04] Und doch muß es Mittel und
Wege geben, durch die der Mensch sich selbst näher kennenlernen muß; denn wenn
der Mensch sich selbst nicht erforschen kann, um zu sehen, was er ist, wozu,
und was er seiner Natur und Bestimmung nach zu tun hat, um den Zweck zu
erreichen, für den er vom Schöpfer aus bestimmt ist, so nützen ihm alle Lehren
und alle Gesetze nichts! Seine Seele, wie man es an zahllos vielen Menschen nur
zu klar ersieht, wird sich stets mehr und mehr in ihre Hülle versenken zufolge
des leider schmerzlich fühlbaren vielfachen Bedürfnisses des Leibes; denn der
Hunger schmerzt, der Durst brennt, die Kälte schmerzt auch, wogegen ein gutes
leibliches Versorgtsein dem viel begehrenden Leibe nicht nur das Notwendige,
sondern eine wahre luxuriöse Seligkeit bietet!
[GEJ.02_211,05] Der tierische Teil des
Menschen stellt seine Forderungen auch stets so entschieden und schreiend auf,
daß dagegen die stillen Forderungen der Seele überhört werden müssen. Wenn aber
das, wen kann es da noch wundernehmen, so hunderttausendmal Hunderttausende von
dem Wesen ihrer Seele kaum irgendeine Ahnung haben? Denn da hatte sich schon
von der Kindheit an ihre Seele so sehr mit ihrem Leibe verbunden, daß sie mit
ihm vollends eins ist und daher in sich auch kein anderes Bedürfnis erkennt als
das leidige des Leibes nur.
[GEJ.02_211,06] Ja, man muß sogar sagen, daß
eben bei Menschen, die leiblich zu elend und schlecht versorgt sind, sich auch
stets nicht die geringste Spur von irgendeinem geistigen Bedürfnisse verspüren
läßt. Wir haben im mitternächtlichen Teile von Europa Völkerschaften, bei denen
aber auch nicht die leiseste Spur von einer geistigen Bildung zu entdecken ist.
[GEJ.02_211,07] Aber was ist der Grund davon?
Die totalste leibliche Unversorgtheit! So ein Mensch geht, mit Keulen
bewaffnet, oft Tag und Nacht in den dichten Wäldern herum und sucht sich
irgendein Wild zu erlegen. Hat er es erlegt, da verzehrt er es auch
heißhungrig, wie man zu sagen pflegt, beinahe mit Haut und Haaren; Frage: Wo
sollte, wo könnte bei solch einem Volke von irgendeinem geistigen Bedürfnisse
nur eine leiseste Rede sein? – während man denn doch zum Beispiel in Rom, wo
die Menschheit zum größten Teile leiblich übergut versorgt ist, von einer Seele
des Menschen und ihrer Unsterblichkeit schon lange gelehrt und darum auch auf
ein moralisches Leben, das hauptsächlich die Bildung des geistigen Menschen im
Auge hat, die meiste Aufmerksamkeit verwendet hat und noch gleichfort
verwendet.
[GEJ.02_211,08] Freilich geschieht es auch
leider nur zu häufig, daß die Reichen sich am Ende zu sehr in die Seligkeit
ihres Leibes versenken und dabei auf die Ausbildung ihrer Seele wenig oder
nichts halten und am Ende jede Lehre für die Erfindung irgendeines hungrigen
Weisen ansehen; aber sie haben doch eine Sprache, durch die man sich ihnen
mitteilen kann über so manches, worüber sie am Ende bei all ihrer Sinnlichkeit
denn doch so ein wenig zu stutzen anfangen, – was für ihre Seele schon immer
ein Gewinn ist.
[GEJ.02_211,09] Bei Menschen aber, von denen
man es noch nicht genau weiß, ob sie eine Sprache haben oder nicht, ist es auch
nicht möglich, ein solches Stutzen zustande zu bringen. Wenn aber schon das
nicht, auf welche Art erst wäre es dann wohl möglich, sie zu wecken für ein
tieferes geistiges Bedürfnis der Seele?
[GEJ.02_211,10] Darum wäre meine Meinung, daß
man zuerst die Menschheit für den Leib wenigstens gut versorgen sollte, und es
dürfte dann doch leichter sein, die Seelen der Menschen stets mehr und mehr für
ihre wahren geistigen Lebensbedürfnisse zu wecken. Wenigstens sollten die
Menschen mit dem Nötigsten versorgt sein! Denn, wie schon gesagt, ein physisch
zu armer Mensch kann nach einer geistigen Bildung auch nicht ein leisestes
Bedürfnis haben! Einem hungrigen Magen ist schwer predigen, ehe er nicht Speise
und Trank zu sich genommen hat. Das ist so meine unmaßgebliche Ansicht. Du, o
Herr und Meister, hast wohl ganz recht; denn Du allein kennst Deine Werke ja
vollkommen! Aber auch ich glaube nicht ganz unrecht zu haben; denn auch für
meine Annahme spricht die Erfahrung aller Zeiten und Völker.“
212. Kapitel
[GEJ.02_212,01] Sage Ich: „Wahr und gut, und
Ich kann dir durchaus nicht sagen, daß du hier auch nur ein unwahres Wort geredet
hast; aber stelle du die Sache auf einem Weltkörper also her, daß alle Menschen
ohne ihre besondere Arbeit und sonstige Tätigkeit so recht leidlich für den
Leib versorgt dastehen und erkennen würden, daß sie sogestaltig ganz ohne
Sorgen leben können, – und du hast in kurzer Zeit deine europäischen Nordvölker
allenthalben vor dir!
[GEJ.02_212,02] Deine europäischen Nordvölker
aber waren einst in Asien, als der Wiege des Menschengeschlechtes, ebenso und
noch besser mit allem versorgt als nun deine Römer und hatten eine unmittelbare
Erziehung aus den Himmeln genossen; und es gab Weise unter ihnen, wie sie bis
auf Mich die Erde nicht trug; aber was war die Folge davon? Sie aßen und
tranken ganz gemütlich, wurden von Tag zu Tag träger und verfielen von Geschlecht
zu Geschlecht in den gegenwärtigen Stand; nun aber in solchem ihrem
armseligsten Zustande müssen sie sich im Schweiße ihres Angesichtes den
magersten Unterhalt für ihren Leib verschaffen und sind aber dabei dennoch
nicht ganz ohne Weise und Lehrer.
[GEJ.02_212,03] Und siehe, ebensolche ihre
Not wird sie nach und nach auf eine Bildungsstufe setzen, die die gegenwärtige
Roms bei weitem übertreffen wird in jeder Hinsicht!
[GEJ.02_212,04] Es wäre darum nicht gut, den
Menschen also zu stellen, daß er so ganz versorgt wäre dem Leibe nach; denn
dann würde er am Ende so träge werden, daß er sich aber dann auch um nichts
mehr kümmern würde. Und dieses Bestreben nach der trägen, sorgenlosen Ruhe ist
wieder eine Eigenschaft des an und für sich toten Körpers; die Seele, die zum
größten Teile ihre formelle Konsistenz sich erst bei gerechter Tätigkeit aus
dem Leibe zu schaffen hat, würde in der sorglosen Ruhe des Leibes auch
mitruhen, da auch in ihr ursprünglich der Hang zur Untätigkeit überwiegend
vorhanden ist.
[GEJ.02_212,05] Durch die schmerzlichen
Bedürfnisse des Leibes aber wird die Seele zuerst aus ihrer Lethargie geweckt;
denn sie fühlt es, daß eine gänzliche Unversorgtheit des Leibes ihr am Ende mit
dem Leibe den Tod brächte. Sie setzt daher in der Not des Leibes alle Hebel in
Bewegung und versorgt, so gut es geht, zuerst den Leib. Da sie aber nun eine
große Scheu vor dem Tode hat, so fängt sie dann gar bald an, neben der
Tätigkeit für den Leib auch sich mit der Forschung des eigentlichen Lebens
abzugeben und findet aus ihrer wachgewordenen Liebe zum Leben bald, daß sie als
Seele etwa noch fortlebe, wenn auch der Leib in den Tod gelegt wird.
[GEJ.02_212,06] Daraus entwickelt sich dann endlich
eine Art Glauben an die Unsterblichkeit der menschlichen Seele. Dieser Glaube
wird dann mehr und mehr lebendig und zu einem Bedürfnisse des Menschen.
[GEJ.02_212,07] Aber denkendere Menschen,
deren es allenthalben gibt, sind dann bald nicht mehr zufrieden mit dem
alleinigen Glauben und forschen demselben tiefer nach, erproben seine Kraft und
suchen, wo dessen Kraft nicht mehr auslangt, ihn mit stärkeren und gewisserart
handgreiflicheren Mitteln als vollends wahr zu erweisen.
[GEJ.02_212,08] Das Volk hält solche Forscher
dann gewöhnlich für von einem Hochgeiste befruchtete und geleitete Seher und
Hörer, die auf dem Wege der Unterredungen mit Geistern tiefere Kunde vom Leben
der Seelen nach dem Tode erhalten.
[GEJ.02_212,09] Solche Forscher werden dann
vom Volke gewöhnlich zu Priestern erhoben; und diese, wohl einsehend, daß sie
dem Volke ein unerläßliches Bedürfnis sind, mißbrauchen am Ende häufig solch
ein zumeist unbedingtes Vertrauen ihres Volkes, suchen selbst ihren irdischen
Nutzen dabei und sind am Ende nichts als pur blinde Leiter der Blinden. Aber es
ist dabei noch immer etwas Gutes, nämlich daß dabei das Volk stets in einem
wenn noch so schwachen Verbande mit den Himmeln verbleibt.
[GEJ.02_212,10] Mit der Zeit, wenn der blinde
Glaube auch an die Priester ein schwacher und immer schwächerer wird, erstehen
im Volke wieder neue Forscher, die das Alte prüfen und nie ganz verwerfen, das
Gute davon mit ihren neuen Forschungsresultaten verbinden und am Ende eine ganz
neue Lehre ans Tageslicht fördern, die sich nicht mehr mit dem blinden Glauben
begnügt, sondern nur mit der vollen Überzeugung, gegründet auf Tatsachen, die
nötigerweise vor jedermanns Augen zur beurteilungswürdigen Schau gestellt
werden können.
[GEJ.02_212,11] Und sieh, auf diese Weise findet
endlich, wenn schon auf mühsamen Arten und Wegen, die jüngste
Menschengeneration die Wahrheit und in dieser aus den vielen Erfahrungen auch
die Gesetze, nach denen das Leben der Menschen zu leiten ist, auf daß sich die
schwer aufgefundene Wahrheit unter den Menschen für immerdar rein erhalte.
[GEJ.02_212,12] Wenn dann zu solchem Funde,
der allein aus der stets zunehmenden Tätigkeit der Menschheit von selbst
hervorgegangen ist, endlich noch eine außerordentliche Kunde aus den Himmeln zu
den Menschen kommt als ein mächtiges, wunderbares Licht, dann ist so ein Volk
wie ein Mensch für sich gerettet und im Geiste wie neu- und wiedergeboren; und
sieh, alles das geht dir nie aus der leiblichen, sorglosen Versorgtheit heraus,
sondern aus der Not und Sorge der Menschen!
[GEJ.02_212,13] Ich sage es dir: In der Not
wird sogar das Tier erfinderisch, geschweige der Mensch.
[GEJ.02_212,14] Wenn der Mensch durch die Not
so recht zum Denken genötigt wird, dann fängt bald die Erde unter seinen Füßen
zu grünen an; ist er aber versorgt, so legt er sich gleich dem Tiere auf die
faule Haut und denkt und tut nichts.
[GEJ.02_212,15] Siehe, Ich dürfte der Erde
nur hundert nacheinanderfolgende sehr gesegnete Fruchtjahre geben, und alle
Menschheit würde vor Faulheit wie die Pest zu stinken anfangen; aber da Ich
stets gute und schlechte Fruchtjahre auf der Erde miteinander abwechseln lasse,
so muß die Menschheit gleichfort tätig sein, muß in dem guten Fruchtjahre für
ein möglich nächstkommendes schlechtes fürsorgen, um da nicht Hungers zu
sterben. Und so bleibt die Menschheit wenigstens einerseits gleichfort in einer
Tätigkeit; wogegen sonst die Menschheit nur zu bald in die vollste Lethargie
übergehen würde. – Verstehst du auch solches?“
213. Kapitel
[GEJ.02_213,01] Sagt Cyrenius: „Herr, Du bist
wahrhaft der Meister der Menschheit und bist nun eine lebendigste Schule des
wahren Lebens, und ich weiß nun vollkommenst, woran ich bin, und woran alle
Menschheit ist. Nur das einzige geht mir noch nicht recht ein, warum ein Volk,
das irgend doch ein wenig übers Sklaventum hinaus leiblich versorgt wäre, am
Ende in eine völlige Lethargie übergehen müßte! Darüber möchte ich noch gerne
ein erläuterndes Wörtchen aus Deinem Munde, o Herr und Meister, vernehmen!“
[GEJ.02_213,02] Sage Ich: „O Freund, frage
die Geschichte der Völker der Erde; siehe an das alte, wohlversorgte Ägypten,
siehe an Babel und Ninive, siehe an Sodoma und Gomorra! Ja, siehe an das
israelitische Volk in der Wüste, das Ich vierzig Jahre hindurch aus den Himmeln
mit Manna versorgt habe! Und so siehe du noch eine Menge fertig gewordener
Völker an, und du wirst es nur zu bald finden, wohin die leibliche
Wohlversorgtheit alle diese Völker gebracht hat!
[GEJ.02_213,03] Siehe, zum Beispiel wird ein
versorgtes Frauenzimmer am Ende nichts mehr tun, als sich putzen und schmücken
den ganzen Tag über; am Ende wird sie sogar dazu zu faul und läßt sich von
anderen waschen, putzen und schmücken. Aber das dauert auch nicht immer zu
lange; am Ende wird solch ein verweichlichtes Frauenzimmer sogar zum
Sich-bedienen-Lassen zu träge und wird auf diese Weise ein förmliches Schwein,
wo nicht gar ein vollkommenes Faultier, wie es deren gibt in Indien und
Mittelafrika. Frage: Was ist hernach mit einem solchen Weibe etwa noch
anzufangen? Welcher geistigen Bildung ist es noch fähig? Ich sage es dir: Nicht
einmal zu einer Hure taugt es mehr! Das war ja auch in Sodoma und Gomorra der
Fall, darum eigentlich das Volk anfing, sich mit der Unnatur zu befriedigen! –
Verstehst du das?“
[GEJ.02_213,04] „Wahrlich“, sagt Cyrenius,
„so freigebig mit der glänzendsten Weisheit warst Du meines Wissens noch kaum
je! Ich muß es offen gestehen, da Du diesmal mir mehr gesagt hast als alle
andern Male, in denen ich das Glück hatte, Dich zu hören. Es ist nun alles klar
und sonnenhelle, was Du uns hier wahrlich aus der Wurzel der Entstehung und des
Seins der Menschheit in allen ihren Verhältnissen mitgeteilt hast, – nur etwas
geht mir dennoch ab; weiß ich das auch noch, dann bin ich wahrlich versorgt für
die Ewigkeit! Soll ich die Frage stellen, oder liest Du sie mir schon wieder
also aus meinem Herzen?“
[GEJ.02_213,05] Sage Ich: „Frage diesmal nur,
der andern wegen, damit sie gleich anfangs auch vollends innewerden, um was es
sich da handelt!“
[GEJ.02_213,06] Spricht Cyrenius: „Nun denn,
wolle mich denn gnädigst vernehmen!“
214. Kapitel
[GEJ.02_214,01] (Cyrenius:) „Ich habe in
meinem nun schon ziemlich lange andauernden Erdenleben oft und allezeit
vergeblich nachgedacht, wie denn so ganz eigentlich und, sage, natürlich wahr
die erste Menschheit dieser Erde zur Erkenntnis eines höchsten Geistwesens und
zur Erkenntnis ihres eigenen seelisch-geistigen Teiles gelangt ist. Ich habe
darüber die Bücher Ägyptens, die Schriften der Griechen und die Bücher eures
Moses gelesen, auch ist mir einmal ein indisches Werk in die Hände geraten, das
ich von einem Manne in Rom, der ein Indier war, mir habe vorlesen und
verdolmetschen lassen; aber ich fand überall eine gewisse mystische
Bildersprache, aus der kein kluger Mensch irgend noch klüger werden konnte, und
somit auch ich um so weniger, weil ich mir in meiner Jugend schon immer
eingebildet habe, daß alle anderen Menschen um vieles klüger denn ich selbst
seien. Überall kommen logische Ungereimtheiten vor, die, wörtlich genommen, ein
Unsinn sind.
[GEJ.02_214,02] So zum Beispiel heißt es in
eurem Moses: ,Am Anfange schuf Gott Himmel und Erde, und die Erde war wüste und
leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem
Wasser. Da sprach Gott: ,Es werde Licht!‘ Und es ward Licht. Und Gott sah, daß
das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das
Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward denn aus Abend und Morgen der erste
Tag.‘
[GEJ.02_214,03] Darauf wird in sehr kurzen
Thesen die Scheidung des Wassers, das Trockenmachen des Erdreiches und das
Erschaffen des Grases, der Gesträuche und Bäume berührt. Mit diesem Erschaffen
vergehen drei Tage und somit auch Nächte. Weil Tage und Nächte aber schon von
der Erschaffung des ersten Lichtes auf der finsteren Tiefe der Erde herrühren,
so sehe ich nachher wahrlich nicht ein, warum Gott am vierten Tage abermals
nötig hatte, noch zwei große Lichter zu erschaffen und sie an den Himmel zu
setzen, von denen das größere Licht regiere den Tag und das andere, kleinere
die Nacht.
[GEJ.02_214,04] Halten wir das nun mit der
Natur der Erde zusammen und bedenken wir, was nach Deiner Erklärung die Sonne,
der Mond und all die Sterne sind, so ist ja die ganze Schöpfungsgeschichte
Mosis ein so kompletter Unsinn, wie es auf der lieben Erde sicher nirgends
einen größeren gibt und geben kann! Wer kann daraus je klug werden? Wir wenigen
wissen es, daß die Erde kein unendlicher Kreis, sondern nur eine sehr große
Kugel ist, wie Du Selbst sie schon als ein zartes Kind in Ägypten mir, wie nun
später uns vielen, sehr anschaulich und wahr gezeigt hast. Auf der Erde wird es
eigentlich nie Nacht, weil ein Teil der Erde immer von der Sonne erleuchtet
wird. Anderseits ist der Mond ein sehr unbeständiger Patron und kümmert sich
ganz blutwenig um die Regierung der Nacht, höchstens einige Tage im Monat.
[GEJ.02_214,05] Also ist auch das ein
Wahnsinn, zu sagen, daß aus Abend und Morgen ein Tag gemacht wird, während es
doch jedermann aus der Erfahrung seines ganzen Lebens weiß, daß der Tag stets
nur zwischen dem Morgen und dem Abende, nie aber zwischen dem Abende und dem
Morgen zu stehen kommt; denn dem Abende folgt doch allzeit sicher die Nacht bis
zum Morgen hin, und dem Morgen folgt der Tag bis zum Abende hin, und sonach
liegt doch logisch richtig zwischen dem Morgen und Abend der Tag, und zwischen
dem Abend und Morgen offenbar die Nacht.
[GEJ.02_214,06] Obschon das aber an und für
sich zum Wahnsinn gerechnet werden muß, so ist aber doch noch die Diktion, daß
Gott erst dann, als Er das Licht erschuf, eingesehen hatte, daß es gut war,
eine Tollheit ohnegleichen! Denn Gottes höchste Weisheit muß doch schon von
Ewigkeit her als selbst Licht alles Lichtes gesehen und gemerkt haben, daß das
Licht gut war!?
[GEJ.02_214,07] In dem Buche der Indier steht
vor der materiellen Schöpfung eine Schöpfung der reinen Geister, deren irgend
später auch Moses erwähnt. Diese waren pur Licht, und namentlich habe der
Erstgeschaffene Lichtträger geheißen.
[GEJ.02_214,08] Wenn denn Gott schon bei der
Schöpfung der puren Lichtgeister doch offenbar den Wert des Lichtes hat
erproben können, so Er etwa vorher von Ewigkeit in der tiefsten Finsternis
geruht hatte – was Ihm übrigens gar nicht gleichsieht –, so ist es ja dennoch
zum Tollwerden lächerlich, daß Gott nach der Schöpfung des Lichtes auf dieser
Erde gewisserart von neuem erst wieder eingesehen habe, daß das Licht gut war!
[GEJ.02_214,09] Du siehst es Selbst, daß die
ganze Schöpfungsgeschichte, wie sie von Moses gegeben wird, ein barster, ja
sogar zum Tollwerden ärgerlicher Unsinn ist, so man die Sache nur einigermaßen
natürlich nimmt; und es ist darum nicht sehr zu verwundern, daß eben die
jüdischen Schriftgelehrten selbst solcher Lehre, die ein Unsinn ist, bei sich
selbst keinen Funken Glauben schenken, sie aber dennoch des Volkes wegen
aufrechterhalten und sich dafür recht gut bezahlen lassen. Das erkennen auch
alle Großen Roms und belassen die Sache trotz des groben Unsinns, weil das
blinde Volk dennoch darauf große Stücke hält und dabei im Lande sich so hübsch
ruhig verhält.
[GEJ.02_214,10] Daß alle die Prinzipien, die
von den Urlehrern an uns herübergekommen sind, nichts als leere Märchen und
Fabeln – vom Naturstandpunkte aus betrachtet – sind, ist doch offenbar sonnenklar;
denn daran kann naturgemäß auch keine halbe Silbe Wahrheit sein. Wenn aber
unleugbar also, dann ergibt sich die große und gewichtigste Frage von selbst,
und diese lautet, wie ich schon anfangs dieser meiner fraglichen Vorstellung
berührt habe: Wie ist der Mensch auf dieser Erde geworden? Wie kam er zur
Erkenntnis eines Gottes, und wie zur Erkenntnis seiner selbst, und wer lehrte
ihn zuerst unterscheiden, was gut und was da böse ist? – Darüber, o Herr, gib
uns noch ein Lichtlein, und wir sind geborgen!“
215. Kapitel
[GEJ.02_215,01] Sage Ich: „Liebster Freund,
hierüber habe Ich dir eigentlich schon einen so ganz tüchtigen Wink gegeben
damit, daß Ich dir die Wirkungen der Not der Menschen und Völker darstellte;
daß aber übrigens die Schöpfungsgeschichte Mosis, wörtlich auf die Schöpfung
der Naturwelt angewendet, ein alleroffenbarster Unsinn wäre, den ein nur
einigermaßen mit dem Gange der Weltnatur vertrauter Mensch auf den ersten Blick
als den barsten Unsinn erklären muß und dessentwegen den guten Moses als einen
Dummkopf ersten Ranges darzustellen genötigt wäre, ist durchaus nicht in Abrede
zu stellen.
[GEJ.02_215,02] Aber wer den weiteren Verlauf
der Mosaischen Bücher nur einigermaßen schärfer ins Auge faßt als irgendeine
Fabel des griechischen Dichters Äsop, der muß es ja doch bald merken, daß sich
Moses in seiner Bildersprache bloß nur mit dem beschäftigt, was da die
Urbildung der ersten Menschen der Erde betrifft, und somit keineswegs etwa nur
die Schöpfungsgeschichte der Erde und des Himmels und all der Geschöpfe auf der
Erde und in der Erde behandelt, sondern sich vor allem lediglich und nahezu
allein nur mit der ersten Herzens- und Verstandesbildung der Menschen abgibt;
darum er auch gleich das Menschlich- Historische daran bindet.
[GEJ.02_215,03] Die Geschichte aber konnte ja
nur ein Produkt der intelligenten Bildung der Menschen und nie der stummen
geschaffenen Natur sein, die sich völlig gleichgeblieben ist bis auf diese Zeit
und auch also verbleiben wird bis ans Ende aller Zeiten.
[GEJ.02_215,04] Ebenso ist es auch mit den
indischen Büchern der Fall, in denen von der Erschaffung der reinen Geister
zuerst, dann von dem Falle eines Teiles derselben unter dem Titel ,Jehovas
Kriege‘ und endlich erst von der Erschaffung der Sinnenwelt und der Tiere und
am Ende von der des Menschen die Rede ist.
[GEJ.02_215,05] Alles das ist nur geistig zu
nehmen und vor allem dahin zu erklären, was da betrifft die sittliche Bildung
des Menschen.
[GEJ.02_215,06] Wer da aber dann, vom Geiste
heraus geleitet, die Entsprechungen zwischen der Sinnen- und Geisterwelt wohl
innehat, dem kann es dann freilich wohl auch möglich sein, daraus zu ersehen,
wie so ganz eigentlich aus der Geisterwelt die Sinnenwelt hervorgegangen, wie
und von woher die Sonnen und am Ende die Planeten und Nebenplaneten und auf all
denselben allerlei Geschöpfe entstanden sind.
[GEJ.02_215,07] Aber das geht nicht gar so
leicht; denn da heißt es: zuvor im Geiste völlig erweckt sein. Denn nur der
urälteste Zeuge alles Werdens und Seins kann dir jene Labyrinthe vollends
erhellen, hinter die noch bis jetzt kein sterbliches Auge gedrungen ist.
[GEJ.02_215,08] Daß aber über all das hinaus
das Alter des Menschengeschlechtes in der Vollendung, wie es jetzt dasteht,
dennoch mit den Rechnungen Mosis, auch der Materie und der Zeit nach,
übereinstimmt, dessen kannst du völlig versichert sein.
[GEJ.02_215,09] Es gab zwar auf der Erde
lange vor Adam auch eine Art mächtiger Tiere, die zwar nicht in der Gestalt,
aber desto mehr in einer, wenngleich instinktmäßigen, aber dabei dennoch sehr
scharfen Intelligenz dem Verstande des darauffolgenden Menschengeschlechtes
glichen. Der heutige Elefant ist noch so eine, wennschon psychisch viel
unvollkommenere Abart davon.
[GEJ.02_215,10] Diese großen Tiere haben auch
schon die Erde bebaut und waren somit die Vorläufer der Menschen. Die Erde war
vor dem Menschen von ihnen viele tausendmal tausend Jahre bevölkert.
[GEJ.02_215,11] Durch diese großen Tiere
mußte erst der noch sehr harte Steinboden der Erde erweicht und für das Gedeihen
edler Früchte und Tiere tauglich gemacht werden, bevor er endlich fähig war,
die zarteste Natur des Menschen leiblich hervorzubringen nach dem Plane der
ewigen göttlichen Ordnung, wie solcher in eine jede, damals zwar noch
materiefreie, aber dennoch schon in der Luft der Erde lebende Naturseele gelegt
war.
[GEJ.02_215,12] Als der Boden der Erde völlig
reif war, da erst ward eine kräftigste Seele aus ihrer freien Luftnatur
berufen, sich aus dem fettesten Lehmhumus einen Leib nach der Ordnung der in
der Seele seienden Urform Gottes zu nehmen. Und die erste reifste und
kräftigste Seele tat dies, wie sie von innen aus durch die göttliche Kraft
getrieben ward, und es trat sogestaltig die erste Seele in einen von ihr aus
wohlorganisierten frischen und kräftigen Leib und konnte nun völlig schauen
alle Sinnenwelt und viele Geschöpfe, die schon alle vor ihr waren.
[GEJ.02_215,13] Aber das große Tiergeschlecht
samt seiner Vorschöpfung verschwand zum größten Teile schon lange vorher von
der Erde, als der erste Mensch mit seiner gottähnlichen Majestät die weite Erde
begrüßte. Aber dessenungeachtet werden sich noch zu allen Zeiten Überreste von
dieser Vorbewohnerschaft auf und in der Erde vorfinden; aber die Menschen
werden nicht wissen, was sie daraus machen sollen.
[GEJ.02_215,14] Die Weisen aber werden nach
und nach dennoch dadurch auf die Spur geführt werden, daß die Erde älter ist
als die kurze Zeit der mosaischen Rechnung nur, und Moses wird dadurch auf eine
Zeitlang sehr in Mißkredit gelangen. Aber da werden von Mir aus wieder andere
Weise erweckt werden, durch die Moses erst in sein vollstes Licht gesetzt
werden wird; und von da an wird es nimmer lange währen, daß das volle Reich
Gottes auf der Erde Platz greifen und der Tod von der erneuten Erde für
immerdar verschwinden wird. Aber es wird zuvor noch viel Ungemach über den
Boden der Erde kommen.
[GEJ.02_215,15] Ja, der Boden der Erde wird
zuvor noch vielfach durch das Blut und Fleisch der Menschen durchgedüngt werden
müssen, und aus solch einem neuen geistigen Humus erst wird dann die auch
leiblich unsterbliche Epoche für diese Erde beginnen, so wie zu Adams Zeiten
die Epoche begonnen hatte, in der aus dem fetten Lehmhumus die Seele sich einen
vollkommenen Leib in ihrer Gottform bilden konnte.
[GEJ.02_215,16] Aber die Menschen, die hier
im Geiste schon völlig wiedergeboren worden sind in ihrem sterblichen
Leibesleben, werden dann für immer über diese neue Epoche als reine Geister und
Engel herrschen, und sie wird ganz ihrer Führung anvertraut werden. Hingegen
Menschen dieser Zeit, die da keine geistige Vollendung erreicht haben, werden
in dieser neuesten Epoche der Erde zwar wohl mit unsterblichen Leibern auf die
Erde gesetzt werden, aber in großer Armseligkeit, und werden sich sehr auf das
oft sehr harte Dienen verlegen müssen, was ihnen sehr bitter munden wird, weil
sie sich ihres früheren sehr glücklichen Zustandes in ihren sterblichen Leibern
nur zu klar erinnern werden. Diese Epoche wird dann sehr lange währen, bis
endlich alles in ein rein geistiges Sein übergehen wird nach dem ewigen Plane
Gottes. Und siehe, das ist der Gang der Ordnung Gottes, aller Dinge, alles
Werdens, Bestehens und Seins!“
216. Kapitel
[GEJ.02_216,01] (Der Herr:) „Siehe an das
Weizenkorn! Wenn es in das Erdreich gelegt wird, muß es verfaulen, und aus dem
Moder der Verwesung erst erhebt sich der zarte Keim. Was besagt aber das
gegenüber der Natur des Menschen?
[GEJ.02_216,02] Siehe, das Hineinlegen des
gesunden, schönen Samens bedeutet entsprechend das erste Werden des Menschen!
Es ist gleich dem Eingefleischtwerden der an und für sich schon ganz
ausgebildeten Seele, deren vorleiblicher Aufenthalt die Luft, besonders in der
Mittelregion der Berge, ist, wo gewöhnlich die Baumregion aufhört, bis zur
Schnee- und Eisregion hinauf.
[GEJ.02_216,03] Wenn eine einmal ganz
beisammenseiende Seele die gehörige planmäßige Konsistenz in der Luft erreicht
hat, so steigt sie tiefer und tiefer bis zu den Wohnungen der Menschen herab,
bekommt dann aus dem Außenlebensätherkreise, den ein jeder Mensch um sich hat,
eine gewisse Nahrung und bleibt, wo sie angezogen wird durch die Homogenität
(Gleichartigkeit) ihres Wesens.
[GEJ.02_216,04] Wenn dann irgend Gatten sich
durch den Naturtrieb genötigt fühlen, eine Begattung zu begehen, so erhält eine
solche vollreife und dem Gattenpaare zunächststehende freie Naturseele aus dem
Außenlebensäther eine momentane Kunde, oder sie wird durch die vermehrte Kraft
des Außenlebenskreises der Gatten als homogen angezogen, tritt mit einem
gewissen Zwange während der Begattungshandlung in den Strom des Mannes und wird
durch diesen in ein kleines Ei gelegt, was man die Befruchtung nennt. Und
siehe, von da an gleicht die Lebensseele dann schon dem Samenkorne, das irgend
ins Erdreich gelegt ward, und macht im Mutterleibe alle die Stadien
entsprechend durch bis zur Ausgeburt in die Welt, die das Samenkorn in der Erde
durchgemacht hat, bis es den Keim treibt über den Erdboden!
[GEJ.02_216,05] Von da an beginnen dann die
verschiedenen Stadien der zuerst äußeren und hernach der inneren Bildung.
[GEJ.02_216,06] Bei der Pflanze bleiben die
Wurzeln in der Erde, dem alten Modergrabe des Samenkornes, und saugen von da
die materielle Kost. Diese Kost aber würde der Pflanze bald den Tod geben, wenn
sie nicht geläutert würde durch den Einfluß des Lichtes der Sonne.
[GEJ.02_216,07] Des Halmes erster Ansatz hat
noch sehr materielle Säfte. Ist dieser als Grund ausgebildet, so wird der Halm
durch einen Ring gewisserart abgebunden. Durch diesen Ring gehen schon viel
feinere Röhrchen, durch die nur ganz dünne und feine Säfte gehen können.
[GEJ.02_216,08] Aus diesen entsteht dann ein
zweiter Stock des Halmes. Da aber auch die Säfte des zweiten Stockes noch
grober materieller Art sind und mit der Zeit noch gröber werden, so wird
abermals ein Ring gesetzt und dieser zweite Ring mit noch dünneren Röhrchen
versehen, durch den nur ganz feine Säfte dringen können zur Ernährung des über
ihnen schwebenden Lebensgeistes, ähnlich der Diktion Mosis: ,Und der Geist
Gottes schwebte über den Gewässern.‘
[GEJ.02_216,09] Mit der Zeit aber werden auch
diese Säfte oder Wässer für das über ihnen schwebende Leben der Pflanze wieder
zu grob und könnten das Leben ersticken; und es wird darum ein dritter Ring,
mit gar sehr dünnen Röhrchen versehen, von dem über den Gewässern schwebenden
Geiste gezogen. Durch solchen dritten Ring können nunmehr nur äußerst ätherisch
zarte und mit dem stets noch über ihnen schwebenden Lebensgeiste schon sehr
verwandte Säfte mit Mühe dringen. Der Lebensgeist merkt es aber wohl, ob die
Säfte über dem dritten Ringe ihm zur ferneren Ausbildung ganz taugen oder
nicht. Findet er sie mit der Zeit noch zu grob und noch zu sehr Spuren des
Gerichtes und des Todes enthaltend, so wird noch ein vierter, fünfter,
sechster, auch siebenter Ring gezogen, bis endlich die Säfte also ätherisch
rein sind, daß in ihnen vorderhand keine Spur des Todes mehr zu entdecken ist.
[GEJ.02_216,10] Hier erst wird zu einem neuen
Stadium geschritten. Der durch die allerfeinsten Röhrchen gehende Saft wird nun
zur Knospe und zur Blüte geformt, die da mit Organen versehen werden, die alle
Fähigkeit besitzen, sich das höhere Leben aus den Himmeln einzeugen zu lassen.
[GEJ.02_216,11] Hat die Blüte diesen Dienst
geleistet, dann wird sie abgeschieden als ein eitler Weisheitsprunk, durch
dessen Schönheit und Reiz eigentlich der Liebelebensäther angezogen wird, der
aber selbst in sich alles ist und keines weiteren Außenprunkes bedarf. Denn
sieh, jede Blume ist eine wohlgeschmückte Braut, die dadurch ihren Bräutigam in
ihr Garn zu ziehen trachtet, daß sie sich zuvor recht schmückt! Hat der
Bräutigam aber die Braut einmal als sein eigen ergriffen, da wird der
flitterige Brautschmuck ehest abgelegt, und der demütige Lebensernst nimmt
seinen Anfang.
[GEJ.02_216,12] Von da beginnt dann erst die
wahre Lebensfrucht sich zu ergreifen und zu formen. Und ist dann alle Tätigkeit
nur auf die Vollreifwerdung der Frucht verwendet, so verwahrt sich das in der
Frucht allen früheren Gefahren entronnene Leben, wie durch feste Burgen vor
irgendeinem noch immer möglichen äußeren Feinde.
[GEJ.02_216,13] Wo das Leben sich zu schnell
auszubilden und auszureifen beginnt, da wird es denn auch nur wenig fest. Und
siehe, wenn da irgendein äußerer Feind in die Nähe solch eines zu frühreifen
Lebens kommt, so zieht ihn dieses zu sehr an; er setzt sich damit in eine
Verbindung, legt seine Frucht in das zu frühreife Leben der Pflanzenfrucht!
Dieses Afterleben zieht dann das zarte Leben der Pflanzenfrucht an sich,
verdirbt es und richtet es zugrunde. Die wurmstichigen Früchte sind dafür mehr
als ein handgreiflicher Beweis.“
217. Kapitel
[GEJ.02_217,01] (Der Herr:) „Wie aber mit den
Pflanzen, so auch mit den Tieren und besonders mit den Menschen.
[GEJ.02_217,02] Nehmen wir an eine zarte,
frühreife Maid, bloß nur physisch. Sie zählt noch kaum etwa zwölf Jahre, ist
aber schon in allen ihren Leibesteilen derart ausgebildet, daß sie das Aussehen
eines mannbaren Mädchens hat. Solch eine Maid reizt dann jeden Mann, der nur
ein wenig sinnlicher Natur ist, mächtiger denn hundert auch noch so schöne,
aber an Jahren reife Dirnen. Eine solche frühreife Maid ist dann ihrem Leibe
nach hundert Gefahren ausgesetzt, und es gehört von seiten ihrer Eltern die
größte Sorgsamkeit dazu, solch eine zu früh reif gewordene Tochter vor allen den
ihren großen Reizen nachstellenden Feinden zu bewahren. Wird sie zu früh einem
lüsternen Manne gegeben, so wird sie leicht verdorben in ihrer Fruchtbarkeit;
wird sie zu sehr eingesperrt und von aller schlimmen Luft abgehalten, so wird
ihr Fleisch, wie man zu sagen pflegt, mockig. Sie wird bleich, zehrt ab und
erreicht selten ein nennenswertes Alter. Bekommt sie wenig Kost, und das nur
eine Magerkost, so wird sie traurig und zehrt am Ende auch früh ab; wird sie
gut genährt, so wird sie noch fetter und unbehilflicher und dadurch träge, so
daß ihr Blut bald absteht und sie bald das Aussehen einer Leiche überkommt, was
dann ihrem Leibe offenbar einen frühen Tod bringen muß.
[GEJ.02_217,03] Das gleiche ist mit einer zu
frühzeitigen übertriebenen seelischen Bildung der Fall. Wenn daher Kinder von
oft nur wenig Talenten zur Weisewerdung mit einer Strenge angehalten werden,
als gälte es die Erhaltung einer Welt, so werden solche Seelen dann matt, weil
sie zuvor nicht Zeit hatten, ihren Leib als für alle Fälle brauchbar
auszubilden!
[GEJ.02_217,04] Daher braucht alles nach der
Ordnung Gottes seine Zeit, und es läßt sich da nirgends ein sogenannter
Prachtsprung tun.
[GEJ.02_217,05] Bei der Ausgeburt des Leibes
aus dem Mutterleibe wird der ewige Lebenskeim als ein Fünklein des reinsten
Gottesgeistes in das Herz der Seele gelegt, gleichwie bei der Frucht einer
Pflanze, wenn sie die Blüte abgeworfen hat und sich für sich zu wappnen und zu
konsolidieren (festigen, sichern) anfängt. Ist der Leib einmal ausgebildet, so
beginnt die Ausbildung des Geistes im Herzen der Seele. Hier muß dann die Seele
alles mögliche aufbieten, daß der Geist in ihr zu keimen beginne, und muß ihm
förderlich an die Hand gehen.
[GEJ.02_217,06] Die Seele ist hier die Wurzel
und der Halm, und der Leib das Erdreich; sie muß dem Geiste kein grobes Wasser
zur Nahrung geben.
[GEJ.02_217,07] Die Ringe, die der Geist
zieht, sind die Demütigungen der Seele. Ist der letzte einmal gezogen, dann
entwickelt sich der Geist endlich von selbst und nimmt alles ihm Verwandte aus
der Seele in sich auf, konsolidiert sich und nimmt am Ende die ganze Seele, und
was im Leibe mit der Seele verwandt war, in sich auf und ist dann für ewig
völlig unzerstörbar, so wie wir solchen Gang wieder nahezu bei jeder Pflanze
mehr oder weniger klar bemerken können.
[GEJ.02_217,08] Wenn die Frucht auf dem
ordentlichen Wege die nahe Vollreife erlangt hat, werden in die in ihr ruhenden
Körner Lebenskeimfünklein in zarte, schon vorbereitete Hülschen gelegt; darauf
sperrt sich der Kern von der andern Frucht auf eine Zeitlang ganz ab und
konsolidiert sich wie für sich, aber dennoch immer zur Hälfte aus dem
Lebensäther der ihn umgebenden Frucht.
[GEJ.02_217,09] Mit der Zeit fängt die äußere
Frucht an einzuschrumpfen und zu vertrocknen. Warum denn? Weil ihre Seele ganz
übergeht in das Leben des Keimgeistes im Kerne. Und ist die Lebenskraft der
Frucht endlich ganz in den Lebenskeimgeist übergegangen, so wird der früher
durchgängig lebendige Halm in allen seinen Stadien trocken und tot; aber dafür hat
sich dann alles Leben der Pflanze mit dem Keimleben zu einem gleichen Leben
vereinigt und kann als solches nimmer vernichtet werden, ob es an die Materie
des Kernes gebunden ist oder nicht.
[GEJ.02_217,10] Und so siehst du ein und
dieselbe Ordnung überall und in allen Dingen und dieselben Stadien.“
218. Kapitel
[GEJ.02_218,01] Sagt Cyrenius: „Herr, vergib,
hier muß ich eine Zwischenfrage tun! Was geschieht denn mit dem Keimchen des
Weizenkornes, so es zermalmt, zu Mehl gemacht, endlich als Brot gebacken und
gegessen wird? Lebt auch in diesen Stadien der Lebenskeim noch immer fort?“
[GEJ.02_218,02] Sage Ich: „Allerdings; denn
wenn du das Brot issest, so wird das materielle Mehl bald wieder durch den
natürlichen Gang aus dem Leibe geschafft, das Keimleben aber geht dann als
Geistiges sofort in das Leben der Seele über und wird nach entsprechender
Beschaffenheit eins mit ihr. Das mehr Materielle des Lebenskeimes aber, das ihm
immer, wie das mosaische Wasser dem Geiste Gottes, zur soliden Unterlage
diente, wird Nahrung des Leibes, geht endlich als gehörig geläutert auch in die
Seele über und dient ihr zur Bildung und Ernährung der seelischen Organe als
ihrer Glieder, ihrer Haare usw. und überhaupt zur Bildung und Ernährung alles
dessen, was du vom Alpha bis zum Omega an einem menschlichen Leibe findest.
[GEJ.02_218,03] Daß aber eine Seele aus allen
den gleichen Teilen wie der Leib besteht, davon kannst du dich an dem Engel
Raphael, der an unserem Tische sitzt und sich nun mit dem Josoe unterhält, mehr
als handgreiflich überzeugen. (Mich zum Engel wendend:) Raphael, komm hierher,
und laß dich befühlen von Cyrenius!“
[GEJ.02_218,04] Der Engel kommt, und Cyrenius
betastet ihn und sagt: „Ja, ja, das ist alles Natur und sozusagen im Ernste
Materie! Er hat wahrlich ebenso wie wir alle Glieder und dieselbe Form wie
unsereins, nur ist alles edler, weicher und um sehr vieles schöner; denn die
Anmut seines Gesichtes ist, man kann es sagen, unübertrefflich strahlend schön!
Es ist zwar durchaus kein Mädchengesicht, sondern ein männliches, mit allem
Ernste gegeben, aber dabei dennoch schöner als das schönste Mädchengesicht! Ich
habe mich früher wahrlich viel zuwenig bekümmert um diesen Gesellschafter. Er
wird ordentlich immer schöner, je länger ich ihn betrachte. Mein Himmel, das
ist wahrlich sonderbar! (Zum Engel sagend:) Höre, du herrlich schönster Engel,
fühlst du auch Liebe in deiner schönsten Brust?“
[GEJ.02_218,05] Spricht der Engel: „O sicher;
denn mein geistiger Leib ist gleich der göttlichen Weisheit, und mein Leben ist
die ewige Liebe Gottes des Herrn. Und weil mein Leben pur Liebe ist, so muß ich
ja doch auch die Liebe fühlen, da mein Leben selbst nichts als die purste Liebe
ist.
[GEJ.02_218,06] Wie konntest du als ein sonst
so weiser Mann mich doch um so etwas fragen? Sieh, was Gott der Herr von
Ewigkeit in Sich Selbst war, ist und bleiben wird ewig, das müssen ja auch wir
sein, weil wir vollkommen aus Ihm und somit auch völlig in allem Sein Wesen
sind, gleichwie der Strahl der Sonne auch vollends das ist und wirket, als was
die Sonne selbst ist! Wenn aber also, wie dann solch eine Frage?!“
[GEJ.02_218,07] Sagt Cyrenius: „Ja, ja, das
ist schon ganz wahr und richtig, und ich hätte das auch ohne deine Erklärung
gewußt; aber ich mußte dich ja doch um etwas fragen, auf daß ich den Ton deiner
Rede zu hören bekam. Nun aber sind wir auch schon fertig miteinander, und du
kannst dich wieder auf deinen Platz begeben!“
[GEJ.02_218,08] Sagt der Engel: „Das hast
nicht du, sondern allein der Herr mir zu gebieten!“
[GEJ.02_218,09] Sagt Cyrenius: „Freund, wie
es mir vorkommt, so bist du bei deiner Schönheit, Weisheit und Liebe aber
dennoch so hübsch fest im trotzigen Eigensinne!?“
[GEJ.02_218,10] Sagt der Engel: „O
mitnichten! Aber von den Sterblichen kann und darf mir keine Vorschrift gegeben
werden; denn bei mir selbst bin ich ein Herr und lasse mir von niemand etwas
vorschreiben, weil mein Ich nun, abgesehen, daß ich völlig in allem aus Gott
bin, ein vollkommen selbständiges Ich ist! Zudem brauche ich mich nicht wie die
Menschen dieser Welt vor etwas zu fürchten; denn dazu habe ich eine Macht und
Kraft, von der dir noch nie etwas geträumt hat. Willst du aber diese näher
kennenlernen, so frage du den Hauptmann Julius und meine Jüngerin Jarah und
auch die Jünger des Herrn; diese werden dir davon schon etwas zu erzählen
verstehen!“
[GEJ.02_218,11] Sagt Cyrenius: „Herr, sage Du
ihm, daß er sich wieder auf seinen Platz begeben möchte, sonst fange ich an,
mich im Ernste ganz entsetzlich vor ihm zu fürchten; denn mit dem möchte ich wahrlich
keine Kirschen verzehren! Er wird stets gröber und hitziger, und es ist mit ihm
bei all seiner Schönheit nichts zu machen.“
[GEJ.02_218,12] Sage Ich zum Engel: „Nun, so
begib dich denn wieder auf deinen Platz!“ – Und der Engel folgt augenblicklich
Meinem Wink und begibt sich wieder an seinen alten Platz. Und Cyrenius ist sehr
froh darüber; denn er hat vor dem Engel schon in allem Ernste sich sehr zu
fürchten angefangen.
[GEJ.02_218,13] Gleich darauf aber fragen
Mich Johannes und Matthäus, ob sie das alles aufzeichnen sollen.
[GEJ.02_218,14] Sage Ich: „Das könnt ihr tun
für euch, aber fürs Volk braucht ihr das nicht aufzuzeichnen; denn das ist noch
um zweitausend Jahre zu jung, um das zu fassen. Den Schweinen aber soll man die
Perlen nimmer vorwerfen, weil sie solche Kost von der schlechtesten
Schweinekost gar nie zu unterscheiden vermögen. Aber für euch und für wenige
andere könnet ihr das ja immerhin aufzeichnen.“
[GEJ.02_218,15] Und die beiden Jünger tun das
auch mit entsprechenden Bildzeichen zum Unterschiede dessen, was sie auf Mein
Geheiß mit den ordentlichen hebräischen Buchstaben niedergeschrieben haben.
219. Kapitel
[GEJ.02_219,01] Cyrenius bittet Mich aber um
die Fortsetzung der Erläuterung der Mosaischen Schöpfungsgeschichte in der
entsprechenden Weise.
[GEJ.02_219,02] Und Ich sage: „Freund, was
Ich begonnen, werde Ich auch vollenden; nur steht es vorderhand und vor der
Zeit noch dahin, ob ihr es wohl fassen werdet. Denn um die Mosaische
Schöpfungsgeschichte ordentlich zu fassen, muß man sehr in der Kenntnis über
das ganze Wesen des Menschen sein, zu der es aber ebensoschwer zu gelangen ist,
wie zur richtigen und vollen Erkenntnis Gottes.
[GEJ.02_219,03] Und so müßte Ich euch erst
den ganzen materiellen, seelischen und geistigen Bau des Menschen von Faser zu
Faser und von Fiber zu Fiber zergliedern und endlich zeigen, wie das Seelische
sich zuerst aus dem Geistigen und das Materielle aus Seelischem entwickelt und
geformt hat, und unter welchen zahllos vielen Entsprechungen, die wie die endlos
vielen Lichtgrade mit den ebenso vielen Lichtmangelgraden korrespondieren.
[GEJ.02_219,04] Ihr sehet aus dem, daß dies
so leicht und so geschwind, wie ihr es meint, der Fall nicht sein kann; aber
Ich werde euch dennoch soviel darüber sagen, als ihr vorderhand ertragen
könnet, und wofür mit einiger Überzeugung zu fassen ihr schon in eurer Seele
mit Erfahrungen und nötigen Vorkenntnissen versehen seid. – Und so horchet
denn!
[GEJ.02_219,05] So da Moses spricht: ,Im
Anfange schuf Gott Himmel und Erde‘, so will Moses damit durchaus nicht den
sichtbaren Himmel und die sichtbare, materielle Erde verstanden haben, weil er
als ein echter Weiser daran wohl nie gedacht hatte, indem er stets nur die
vollste innerste Wahrheit in seinem erleuchteten Sinne hatte. Aber diese seine
tiefe Weisheit verhüllte er in entsprechende Bilder, also, wie er zum Zeugnisse
dessen sein zu strahlendes Angesicht mit einer dreifachen Verhüllung vor dem
Volke verdecken mußte.
[GEJ.02_219,06] Unter ,Himmel‘ aber, was
Moses zuerst als erschaffen anführt, ist zu verstehen, daß Gott die
Intelligenzfähigkeit einstens, wie schon in der Zeit außer Seinem ewigsten und
geistreinsten Zentrum, wie gewisserart außer Sich hinausgestellt hat – aber,
wie gesagt, nur die Intelligenzfähigkeit. Diese ist gleich einem Spiegel, der
in der finstersten Nacht wohl auch die Fähigkeit besitzt, äußere Gegenstände
abbildlich in sich, oder vielmehr auf seiner glattesten Fläche, vollkommen treu
und wahr aufzunehmen und wiederzugeben. Aber in der vollsten Nacht, und daselbst
in der ebenso vollen Objektlosigkeit, ist der Spiegel doch offenbarst eine
Sache für nichts und wieder nichts!
[GEJ.02_219,07] Moses aber berichtet darum
sogleich neben der Hinstellung eines Himmels, oder der Intelligenzfähigkeit
außer dem Lebenszentrum Gottes, von einer sozusagen gleichzeitigen Kreierung
(Erschaffung) der Erde. Wer und was aber ist wohl diese mosaische Erde? Ihr
meinet wohl: ,Nun, diese, die uns trägt!‘ – Oh, weit gefehlt, Meine Lieben!
[GEJ.02_219,08] Sehet, unter der ,Erde‘
verstand Moses bloß die Assimilations- und Attraktionsfähigkeit (Angleichungs-
und Anziehungsfähigkeit) der untereinander verwandten, hinausgestellten
Intelligenzen, die fast ein Gleiches ist mit dem, was einige Weltweise der
Ägypter und Griechen Ideenassoziation (Gedankenverbindung) nannten, wo aus
verwandten Begriffen und Ideen endlich ein ganzer mit Wahrheit erfüllter Satz
zum Vorschein kommen muß.
[GEJ.02_219,09] Wenn aber in den von Gott
hinausgestellten Intelligenzfähigkeiten zufolge ihrer Verwandtschaft die wechselseitige
Anziehung schon wie von selbst mitbedungen war, so ergibt sich auch die dritte
Folgerung wie von selbst, nämlich daß sich die unter sich verwandten
Intelligenzfähigkeiten auch wirklich wechselseitig angezogen und ergriffen
haben, – für welchen damals noch tief geistigen Akt Moses offenbar doch kein
tauglicheres und allgemeineres Bild aufstellen konnte, als eben das Bild der
materiellen Erde, die an und für sich nichts als eben ein Konglomerat
(Zusammengeballtes) von lauter attraktionsfähigen und unter sich, wie in sich
verwandten Substantialpartikeln ist.
[GEJ.02_219,10] Aber ,Es war noch finster auf
der Tiefe‘ spricht Moses weiter. Wollte etwa Moses dadurch im Ernste die
Lichtlosigkeit auf der neugeschaffenen Erde andeuten? Ich sage es euch, davon
hatte dem weisen Moses selbst auch im Anfange seines dümmsten Seins nie etwas
geträumt! Denn Moses war ein tiefer Kenner der Weltnatur und war in ägyptische
tiefste Weisheit und Wissenschaft zu eingeweiht, als daß er nicht gewußt hätte,
daß die Erde – als ein Kind der Sonne wenigstens um eine milliardmal Milliarden
von Erdjahren jünger als die Mutter Sonne – bei ihrer Entstehung nicht finster
sein konnte; sondern Moses hat damit nur abermals bildlich angedeutet, daß die
Intelligenzfähigkeit und die attraktionsfähige Verwandtschaft der Intelligenzen
noch kein wie immer geartetes Erkennen, Verständnis und Selbstbewußtsein – was
alles identisch ist mit dem einen Begriffe ,Licht‘ –, sondern das Gegenteil so
lange bedingen muß, bis sie sich ergreifen, sich danach zu drücken, zu reiben
und also gewisserart miteinander zu kämpfen anfangen.
[GEJ.02_219,11] Habt ihr aber noch nie
bemerkt, was da zum Vorschein kommt, wenn man Steine oder Hölzer stark
miteinander zu reiben anfängt? Sehet, da kommt dann Feuer und Licht zum
Vorschein! Und sehet, das ist das Licht, das Moses entstehen läßt im Anfange!“
220. Kapitel
[GEJ.02_220,01] (Der Herr:) „Was sonach das
Licht zu bedeuten hat, wissen wir; aber es heißt zuvor noch, daß die Erde wüst
und leer war! Das ist ganz sicher; denn mit der Fähigkeit allein, etwas in sich
aufnehmen zu können, wie auch mit dem schon gefühlten Bedürfnisse dazu, ist
noch kein Gefäß vollgemacht worden. Solange aber im Gefäße nichts ist, so lange
auch ist das Gefäß wüst und leer.
[GEJ.02_220,02] So auch ist es bei der
Urschöpfung der Fall gewesen. Es waren aus Gott wohl eine zahlloseste Menge von
Gedanken und Begriffen durch die allmächtige Willenskraft Seiner Liebe und
Weisheit in alle Räume der Unendlichkeit hinausgestellt worden, welche Gedanken
und Begriffe wir vorher die einzelnen spiegelartigen Intelligenzfähigkeiten
genannt haben, und zwar darum, weil jeder einzelne Gedanke gewisserart eine
Reflexion (Widerstrahlung) im Haupte von dem ist, was das stets tätige Herz in
sich produziert.
[GEJ.02_220,03] Wie aber ein Gedanke oder ein
Begriff für sich noch gleich einem leeren Gefäße oder auch gleich einem Spiegel
im finstersten Keller ist, also ist auch die gesamte gegenseitige
(Ideen-)Verwandtschaft noch wüst und leer; und da noch keine Tätigkeit der
Intelligenzfähigkeiten untereinander, sondern pure Fähigkeiten zum Sein und zur
Tätigkeit vorhanden sind, so ist also auch noch, wie schon ehedem bemerkt,
alles kalt, feuer- und lichtlos.
[GEJ.02_220,04] Alle diese noch tat- und
regungslosen Gedanken und Ideen der göttlichen Weisheit werden auch höchst
treffend verglichen mit dem ,Wasser‘, in dem auch zahllose Spezifikalelemente
wie zu einem einfachen zusammengemengt sind, aus dem aber endlich dennoch alle
Körperwelt ihr höchst verschiedenartiges Dasein nimmt.
[GEJ.02_220,05] Aber all die großen Gedanken
und daraus entwickelten Ideen in der Weisheit Gottes, und mochten sie noch so
wahr gewesen sein, hätten aber dennoch nie irgendeine Realität erhalten können,
sowenig als die Gedanken und Ideen irgendeines Weisen der Erde, so ihm zur
Realisierung derselben die Mittel fehlen. Ist je irgendeine Wirklichkeit
denkbar, die dem Gedanken und den Ideen folgen soll, so müssen zuerst die
entsprechenden Mittel und durch diese die wahre Tätigkeit der Gedanken und Ideen
von innen wie von außen her auf diese einwirkend und von einer hohen Kraft und
Macht ausgehend herbeigeschafft werden.
[GEJ.02_220,06] Wenn irgendein Mensch sonach
Gedanken zu Ideen verband und sie bewerkstelligt haben möchte, so muß er,
abgesehen, daß er dazu die nötigen materiellen Mittel hat, zu seinen Gedanken
und Ideen eine recht übermächtig große Liebe fassen. Von solcher Liebe werden
dann seine Gedanken und Ideen also gehegt, wie da hegt eine Henne ihre
Küchlein. Dadurch werden die Gedanken und die daraus entstandenen Begriffe als
schon mehr konkrete Ideen stets lebendiger und ausgebildeter. Und sehet, solch
eine Liebe ist eben der Geist Gottes in Gott Selbst, der da, nach Moses, auf
dem Wasser schwebte, das an und für sich nichts anderes besagt, als die noch
form- und wesenlose unendliche Masse der Gedanken und Ideen Gottes!
[GEJ.02_220,07] Durch diesen Geist belebt,
fingen die Gedanken Gottes an, sich zu großen Ideen zu verbinden, und es
drängte ein Gedanke den andern und eine Idee die andere. Und seht, da geschieht
dann in der göttlichen Ordnung ja wie von selbst das ,Es werde Licht!‘ und ,Es
ward Licht!‘ Und sonach erklärt sich nach Moses denn auch sogar der natürliche
große Schöpfungsakt von Uranbeginn von selbst – mit dem gleichgehend aber endlich
auch, und zwar hauptsächlich, der seelische und geistige Bildungsprozeß vom
neugeborenen Kinde an bis zum Greise und vom ersten Menschen der Erde bis auf
unsere Zeiten und so fort bis ans einstige Ende dieser Welt – in allem!
[GEJ.02_220,08] Nun kommt im Moses freilich
ein Satz, demnach es das Ansehen hat, als ob Gott erst nach dem sich aus dem
Feuer der Liebetätigkeit des Geistes entwickelten Lichte einzusehen anfinge,
daß das Licht gut sei; allein es ist dem bei weitem nicht also, sondern es ist
dies nur ein Zeugnis der ewigen und endlosen Weisheit Gottes, laut dem dies
Licht ein wahrhaft freies, sich von selbst aus der Tätigkeit der Gedanken und
Ideen Gottes nach der Ordnung der Weisheit entwickeltes Geistlebenslicht ist,
durch das die auf diese Weise von Gott hinausgestellten Gedanken und Ideen
Gottes sich als selbständige Wesen nach eigener Intelligenz weiterhin,
natürlich unter dem unvermeidbar beständigen Einflusse Gottes, wie von sich
selbst heraus ausbilden können. Dieses wird sonach durch den Beisatz Mosis
verstanden, aber nicht, als ob Gott erst dadurch zur subjektiven Einsicht
gelangt wäre, daß das Licht etwas Gutes sei!“
221. Kapitel
[GEJ.02_221,01] (Der Herr:) „Aber nun kommt
etwas, das im Grunde des Grundes schwieriger zu fassen ist als das Vorhergehende.
Denn es heißt ferner: ,Da schied Gott das Licht von der Finsternis und hieß das
Licht Tag und die Finsternis Nacht.‘ Diese Sache wird aber leichter
verständlich, so ihr statt der beiden von Moses aufgestellten allgemeinsten
Begriffe die entsprechenden mehr sonderheitlichen nehmt, als für den Tag das
schon selbständige Leben und für die Nacht den Tod, oder für den Tag die
Freiheit und für die Nacht das Gericht, oder für den Tag die Selbständigkeit
und für die Nacht die Gebundenheit, oder für den Tag das sich selbst schon
erkennende Liebeleben des göttlichen Geistes in der neuen Kreatur und für die
Nacht die noch unbelebten Gedanken und Ideen aus Gott.
[GEJ.02_221,02] Diese Ordnung aber findet ihr
ebenfalls auch wieder schon in einer jeden Pflanze, bei der ihr bis zum Ansatze
der Frucht noch nichts denn die Nacht findet oder den gierenden Tod, wo der
Geist Gottes noch der Vorbildung der Leben tragenden Materie wegen auf dem
Wasser der finsteren Tiefe schwebt. Ist die Unterlage aber einmal insoweit
solid, daß am Weizenhalme der Schöpfung der letzte Reif unter der Ähre gezogen
werden kann und das eigentliche wahre Geistleben sich als ein selbständiges zu
ergreifen, zu fühlen und im hellen Selbstbewußtsein sich zu begreifen, zu
erkennen und zu verstehen beginnt, so geschieht da doch eine offenbare Teilung
oder vielmehr Scheidung des Lichtes von der Finsternis, des freien Lebens von
dem Gerichtsleben, oder eigentlich des unverwüstbaren Lebens von dem
zerstörbaren Gerichtsleben, das da gleich ist dem Tode unter dem allgemeinsten,
alles umfassenden Begriffe Nacht.
[GEJ.02_221,03] Und ferner heißt es: ,Da ward
aus Abend und Morgen der erste Tag.‘ Was ist der ,Abend‘, und was ist hier der
,Morgen‘? – Der Abend ist hier derjenige Zustand, in dem sich die Vorbedingungen
zur endlichen Aufnahme des Liebelebens aus Gott durch den Einfluß des
allmächtigen Gotteswillens zu konstatieren (bekunden) und zu ergreifen
anfangen, gleich den einzelnen Gedanken und Begriffen zu einer Idee. Sind diese
einmal konstatiert (gediehen) bis zum letzten Ringe unter der Fruchtähre, so
hat da die Verrichtung des Abends ein Ende, und es beginnt dann die freie und
selbständige Tätigkeit zur eigenen Sichselbstbildung in der Frucht. Wie die
Menschen aber den Übergang der Nacht in den Tag den Morgen nennen, so auch ward
entsprechend der Übergang des vorhergehenden gerichteten, unfreien Zustandes
der Kreatur in den freien, selbständigen der Morgen genannt. Und sehet, da hat
Moses durchaus keinen logischen Fehler begangen, so er aus dem Abende und aus
dem Morgen den ersten und alle darauffolgenden Tage entstehen läßt!
[GEJ.02_221,04] Daß Moses sechs solche Tage
aus dem Abende und Morgen entstehen läßt, hat zum Grunde, weil nach sorglicher
Beobachtung und Forschung ein jedes Ding von seinem Urbeginne bis zu seiner
Vollendung als das, was es ist, genau im Wege ein und derselben göttlichen
Ordnung die sechs Perioden durchzumachen hat, bis es als das, was es vorderhand
sein soll, vollendet dasteht, gleich einer vollreifen Weizenähre am abgestorbenen
Halme.
[GEJ.02_221,05] Die Samenlegung ins Erdreich
bis zum Erkeimen: erster Tag; von da die Bildung des Halmes und der Saug- und
Schutzblätter: zweiter Tag; von da die Bildung des letzten Ringes knapp unter
dem sogleichen Ansatze der ersten Anlagen zur Bildung der Ähre: dritter Tag;
von da die Bildung und Einrichtung der hülsenartigen Gefäße gleich den
Brautgemächern zur Einzeugung des freien, selbständigen Lebens, wozu auch der
Blütenstand zu nehmen ist: vierter Tag; von da der Abfall der Blüte, die Entstehung
der eigentlichen, schon ein freies Leben tragenden Frucht und deren freie
Tätigkeit – obschon noch im Verbande mit den früheren, unfreien Zuständen, aus
denen noch ein Teil der Nahrung zur Bildung der Häute genommen wird, obschon
von da die Hauptnahrung aus den Himmeln des Lichtes und der wahren Lebenswärme
genommen wird – bis zur vollen Ausbildung der Frucht: fünfter Tag; endlich die
gänzliche Ablösung der in der Hülse reif gewordenen Frucht, wo der Kern dann
schon ganz allein zu seiner vollsten Konsolidierung (Festigung) und eben so
allein und nun schon vollkommen selbständig die reine Kost der Himmel verlangt,
sie annimmt und sich damit frei sättigt fürs freieste, ewig unzerstörbare
Leben: sechster und letzter Tag zur Bildung und vollen Freiwerdung des Lebens.
[GEJ.02_221,06] Am siebenten Tag tritt dann
die Ruhe ein, und das ist der Zustand des nun fertigen, vollreifsten und für
die Ewigkeit bestandfähig aus den früheren Zuständen konsolidierten
(gefestigten) Lebens, ausgerüstet mit der vollen Gottähnlichkeit.“
222. Kapitel
[GEJ.02_222,01] (Der Herr:) „Wenn ihr dies
nun von Mir zu euch Gesagte nur so ein wenig tiefer und reifer als die
gewöhnlichen Menschen dieser Zeit überdenken wollet, so werdet ihr, wenn schon
gerade nicht in aller Tiefe der Tiefen, leicht finden und einsehen, daß Moses
mit seiner Schöpfungsgeschichte wohl nur die einzig wahre und mit aller Ordnung
der ewigen Weisheit vollkommen übereinstimmende Entstehung und Fortbildung
aller Dinge von ihrem Urbeginne bis zu ihrer höchsten Vollendung unter seinen
trefflichen Bildern verstanden hat.
[GEJ.02_222,02] Wer Moses aber nicht also
versteht, der soll ihn auch gar nicht lesen; denn liest er ihn und versteht ihn
aber also verkehrt, so muß er endlich bei nur einigem Nachdenken ganz irre werden,
und er kommt in einen rechten Ärger über die unlogische Dummheit Mosis und über
die am Ende sogar böswillige Dummheit aller derer, die eine so unlogische
dümmste Lehre, als sogar vom Geiste Gottes eingegeben, den Menschen unter Feuer
und Schwert aufdringen ohne alle Rücksicht darauf, ob sie auch ihnen selbst als
eine allergröbste Dummheit vorkommt.
[GEJ.02_222,03] Wer aber mit dem nun
gezeigten rechten Verständnisse den Moses liest, der wird in ihm nicht nur den
umfassendst weisen, sondern auch den vom Geiste Gottes allerdichtest
durchdrungenen, wahrsten Propheten erkennen, der die ausgedehnteste Fähigkeit
und danebst den festesten Willen hatte, all den Menschen alle Tiefe der Tiefen
über Gott und über alle geschaffenen Dinge die vollwahrste Kunde also zu geben,
wie er sie in seinem Riesengeiste vom Geiste Gottes Selbst empfangen hatte!
[GEJ.02_222,04] Also entstanden die Sonnen
alle für sich, die Erden für sich, und jedes einzelne auf den Sonnen und Erden
für sich, und also auch in ihrem allgemeinen Zusammenhange. Und so entstand der
Mensch im engsten Sinne für sich, und eben also im allgemeinsten, weil die
ganze Schöpfung in aller ihrer Allgemeinheit einem Menschen völlig gleicht und
entspricht, und weil jedes einzelne, vom Größten bis zum Kleinsten, der ganzen
geistigen und materiellen Schöpfung ebenfalls dem Menschen entspricht und
entsprechen muß, weil der Mensch der eigentliche Grund und das Endziel der
gesamten Schöpfung ist. Er ist das endlich zu gewinnende Produkt all der
Vormühen Gottes.
[GEJ.02_222,05] Und weil eben der Mensch das
ist, was Gott durch alle die Vorschöpfungen erreichen wollte und auch erreicht
hat, wovon ihr als unwidersprechbare Beweise dastehet, so entspricht auch alles
in den Himmeln und auf all den Weltkörpern in allem dem Menschen, wie es Moses
auch in seiner Schöpfungsgeschichte dargestellt hat, und wie es auch andere
Volkslehrer, wenn schon verhüllter, dargestellt haben. Prüfet aber nun alles,
und ihr werdet es finden, daß es sich nur also und unmöglich anders verhält und
verhalten kann! – Du, Cyrenius, aber sage es Mir, wie du nun mit Moses
zufrieden bist!“
223. Kapitel
[GEJ.02_223,01] Sagt Cyrenius: „Herr und
Meister, wahrlich, Deine Weisheit geht über alles, was je die Erde als
Weisestes segnete, unendlich hoch und weit darüber hinaus! Denn ist es schon
viel, ein großer Weiser für sich zu sein, so ist es aber dennoch endlos mehr,
die tiefste und verborgenste Weisheit Gottes mit verständiger Rede also
darzustellen, daß sie Menschen, ohne irgendeine besondere Weisheitsbildung zu
besitzen, wie wir da sind, leicht und klar fassen können. Das kann nach meiner
Ansicht nur Gott allein möglich sein; denn ein noch so weiser Mensch kann am
Ende gleich dem Moses seine vom Gottesgeiste empfangene Weisheit nur in
entsprechende Bilder einfassen, oder diese werden ihm schon wie Samenkörner
gegeben, die er dann gleich einem Sämann ins Erdreich der Menschenherzen legt.
Von solchen Körnern gehen dann wohl so manche entsprechende Früchte hervor;
aber die Menschen erkennen die Früchte oft ebensowenig, als sie die in ihre
Herzen gestreuten Samenkörner erkannten, und es ist da mit einer solchen
Aussaat am Ende wenig geholfen. Ernten die Menschen deren reif gewordene
Früchte ein, so wissen sie aber dann am allermeisten dennoch kaum, was sie daraus
machen sollen, und wozu sie eigentlich zu verwenden seien.
[GEJ.02_223,02] Gewöhnlich wird schon von den
ersten Ausstreuern der Weisheitssamenkörner eine nie ganz richtige Anwendung
gemacht, und um so weniger erst hernach von ihren späteren Nachfolgern; denn
würden die allerersten Aussäer der Weisheitskörner von deren Früchten einen
vollkommen richtigen und wahren Gebrauch gemacht haben, so müßten alle ihre
Nachfolger auch unmöglich einen andern als nur einen rechten und wahren
Gebrauch davon machen. Weil aber sicher aus einem unrechten Verständnisse schon
die Propheten Fehler wider ihre schwachverstandene Lehre gemacht haben, so
waren derlei kleine Fehler ganz sicher der Grund von den hernach großen in den
späteren Nachfolgern.
[GEJ.02_223,03] Moses und Aaron mögen wohl
sehr rein nach der ihnen vom Geiste Gottes geoffenbarten Lehre gelebt haben; ob
sie aber ihre Lehre aus Gott kommend ebenso verstanden haben, wie Du sie uns
nun enthüllt hast, ist eine große Frage und ist sehr zu bezweifeln. Denn man
kann eine fremde Sprache und deren Schrift wohl recht gut und ganz richtig auf
ein Blatt übertragen, ohne davon irgend etwas aus dem Grunde zu verstehen.
[GEJ.02_223,04] Aber also, wie Du, o Herr,
uns nun die Genesis Mosis erläutert hast, kann kein weiterer Zweifel im Herzen
des Menschen übrigbleiben, und die Befolgung solch einer Lehre sowohl im
rechten Verständnisse und in rechter Tat danach kann dann ja offenbar keine
andere als auch nur eine richtige sein.
[GEJ.02_223,05] Aber da Du, o Herr, nun schon
so freigebig geworden bist mit der Enthüllung der tiefsten und verborgensten
Wahrheiten, so gib uns allen noch so einen kleinen Aufschluß über den
sogenannten ,Fall der Engel‘, als der ersten geschaffenen Wesen, dann vom
,Falle Adams‘ und endlich von der sogenannten ,Erbsünde‘, die als ein
schlechtes Erbteil an alle späteren Menschen übergegangen ist. Wenn es nicht zu
spät ist und wir solches nur einigermaßen zu fassen imstande sind, so tue noch
einmal Deinen wahrhaft heiligsten Mund auf und gib uns davon nur so einige
feste Winke, auf daß wir auch darin nur so ein wenig über die alltägliche
Gewöhnlichkeit zu Hause sein möchten!“
[GEJ.02_223,06] Sage Ich: „Ja, Mein liebster
Freund, das ist wohl eine noch härtere Nuß als die Mosaische
Schöpfungsgeschichte selbst, obschon sie eigentlich in dieser völlig enthalten
ist und für den emsigen Forscher nun schon wie ein Gold am freien Tage liegt.
Wenn du aber nur nach einem bloßen festen Winke dürstest und nicht nach einer
durchgeführten Lehre, so kann Ich dir solch einen Gefallen ja recht gerne
erweisen; denn zur Aufstellung einer durchgeführten Lehre darüber hätten wir
wohl alle zu wenig Zeit, da es nun schon um die dritte Nachtwache geworden ist.
– Wer da Ohren hat, der höre!“
224. Kapitel
[GEJ.02_224,01] (Der Herr:) „Der Fall der
erstgeschaffenen Geister oder der freien und belebten Ideen Gottes im endlosen
Raume ist die große Scheidung, von der Moses sagt: ,Da schied Gott das Licht
von der Finsternis!‘ Wie aber solches zu verstehen ist im wahren Sinne der
rechten und vollrichtigen Entsprechung, habe Ich euch allen bereits zur Genüge
gezeigt; der Erfolg davon – die notwendige materielle Welt, deren große und
kleine Teile als Sonnen, Erden und Monde und alles, was in und auf denselben –
ist durch den endlosen Raum ausgestreut.
[GEJ.02_224,02] Was aber da betrifft den
,Fall Adams‘, so hat solcher schon freilich mehr Objektivität als der
sogenannte ,Fall der Engel‘, ist aber dabei in der Entsprechung dennoch homogen
dem Falle der Engel; nur kommt bei ihm schon wirklich ein positives Gesetz zum
Vorscheine, während es sich bei dem Falle der Engel noch lange um kein solches
Gesetz handeln konnte, weil damals erst mit der großen Entwicklung der frei zu
machenden Wesen der Anfang gemacht ward und sonach außer Gott noch keine solche
Intelligenz dastand, der man irgendein positives Gesetz hätte geben können.
[GEJ.02_224,03] Darum geschah unter dem
sogenannten ,Falle der Geister‘ auch eine notwendige und genötigte Scheidung,
während die adamitische, als schon von ihm selbst ausgehend, eine freie war und
sonach keine Nötigung, sondern ein freier Akt des schon in allen seelischen
Sphären freien ersten Fleischmenschen. Im ganzen ist sie aber dennoch auch ein
vorhergesehener Aktus aus der geheimen Ordnung Gottes, die zwar nie als eine
absolute Nötigung, aber dennoch als eine Zulassung unter ,du sollst‘ und ,du
sollst nicht‘ dem freien Willen des Menschen wegen seiner aus der eigenen
Tätigkeit zu gewinnenden Konsolidierung gegeben wird.
[GEJ.02_224,04] Es ist da ein Unterschied wie
zwischen einem Kindmenschen, der seine eigenen Füße noch nicht gebrauchen kann
und daher von einem Orte zum andern hingetragen werden muß, und einem gesunden
Manne, der schon lange oft nur schon zu gut und zu fest gehen kann.
[GEJ.02_224,05] Wer aber einmal selbst gehen
kann, den braucht man ja doch nicht mehr gleich einem neugeborenen Kinde an
einen Ort hinzutragen, den man mit dem Kinde und für das Kind erreichen will,
sondern man zeige ihm den geradesten und untrüglichen Weg bis zum Orte der
Bestimmung. Will der gesund- und starkfüßige Mensch darauf hingehen, so wird er
das Ziel auch sicher und gefahrlos erreichen; macht er aber freiwillig
Umschweife und Umwege, nun, so muß er sich's dann aber auch selbst zuschreiben,
so er das vorgesteckte Ziel oft um vieles später, schwerer und mühevoller
erreicht.
[GEJ.02_224,06] Und das sehen wir denn auch
bei Adam. Hätte er das positive Gebot beachtet, so wäre die Menschheit, resp.
die vollkommene Seele des Menschen, nicht zu dem sehr harten, schweren und gebrechlichen
Fleischleibe gekommen, der nun mit gar vielen Gebrechen und Mängeln behaftet
ist.
[GEJ.02_224,07] Aber der Ungehorsam gegen das
positive Gesetz hat den ersten Menschen notwendig auf einen weiten Umweg
gebracht, auf dem er nun das Ziel um vieles schwerer und um vieles später
erreicht.
[GEJ.02_224,08] Du meinst freilich und sagst
bei dir: ,Ei, was kann denn ein kleines, bloß moralisches Gesetz, ob es
beachtet oder nicht beachtet wird, auf die gesamte Natur des Menschen für einen
gar so wesentlichen Einfluß nehmen? Adam wäre ohne den dummen Genuß sicher
ebenso der fleischliche Adam geblieben, als er es durch den Genuß des Apfels
geblieben ist, und er hätte dereinst dem Fleische nach sicher ebensogut sterben
müssen wie nun noch alle Menschen!‘
[GEJ.02_224,09] Du hast einesteils wohl
recht; aber andernteils auch unrecht. Es ist der Genuß eines Apfels, der eine
gesunde und süße Frucht ist, sicher nicht todbringend; denn sonst müßten nun
alle Menschen, die Äpfel essen, bald darauf sterben. Also am Apfel selbst liegt
wenig oder auch nichts. Aber so er zum Genusse auf eine unbestimmte Zeit
verboten wird, und das bloß nur der größeren Konsolidierung der Seele wegen,
die Seele aber, ihres freien Willens bewußt, das Gesetz mißachtet und
übertritt, so macht sie gewisserart einen Durchbruch in ihrem Wesen, und dieser
gleicht dann einer offenen Wunde, die schwer je völlig zu heilen ist, weil,
wenn die Wunde auch vernarbt, durch die Vernarbung eine Anzahl von Gefäßen so
beengt werden, daß durch sie fürder die Lebenssäfte der Seele nicht gut
zirkulieren können und darum an der Stelle der Narbe stets einen unbehaglich
schmerzlichen Druck ausüben.
[GEJ.02_224,10] Dadurch aber wird dann die
Seele abgezogen, hauptsächlich nur fürs freie Gedeihen des Geistes in ihr zu sorgen,
und sie verwendet nun zum größten Teil ihre Tätigkeit darauf, daß die Narbe
wieder vergehe. – Und sehet, diese Narbe heißt ,Welt‘!
[GEJ.02_224,11] Die Seele will zwar diese
Narbe gleichfort loswerden; denn sie schmerzt die Seele im Gefühle der Sorge
resp. Weltsorge. Aber je mehr die Seele sich da abmüht, desto derber wird die
Narbe, und je derber sie wird, desto mehr Sorge erzeugt sie; und die Seele hat
am Ende nichts zu tun, als sich allein mit der Heilung dieser alten Narbe zu
beschäftigen, das heißt, sich sorglos zu machen, geht am Ende selbst nahezu
ganz in diese Narbe über und kümmert sich wenig mehr um ihren Geist. – Und
sehet, das ist die sogenannte ,Erbsünde‘!“
225. Kapitel
[GEJ.02_225,01] (Der Herr:) „,Wie aber kann
sich so etwas wohl vererben?‘ – wird man fragen. Oh, sehr leicht, besonders in
der organischen Seelengestaltung. Was aber diese einmal angenommen hat, das
kann ihr Tausende von Jahren bleiben, wenn solches nicht durch den Geist in ihr
wieder in die volle Ordnung gebracht wird. Sehet den Typus eines Volkes an!
Stelle Ich euch heute die Gestalt seines Urstammvaters vor, so werdet ihr es
alle bald erkennen, daß eine bedeutende Ähnlichkeit auf alle seine Nachkommen
übergegangen ist. War der Stammvater ein guter und sanfter Mann und also auch
dessen Weib, so wird am Ende mit wenig Ausnahmen das ganze Volk ein mehr gutes
und sanftes sein als ein Volk, das da einen zornmütigen, stolzen und
herrschsüchtigen Stammvater hatte.
[GEJ.02_225,02] Wenn ein leichter,
verwischbarer Zug eines Urstammvaters physisch und moralisch noch nach ein paar
Jahrtausenden in allen seinen Nachkommen gar wohl zu erkennen ist, um wieviel
mehr ein Zug des ersten Menschen der Erde in allen seinen Nachkommen, indem
seine Seele im Anfange viel empfänglicher und somit notwendig um vieles
reizbarer war als die späteren Seelen, denen das Merkmal des Vaters gleich bei
der Zeugung im Strome des Lebenssamens eingeprägt ward und hernach auf
natürlichem Wege nicht mehr verwischt und gar getilgt werden konnte. Leider
verunstaltet solche Narbe die Seele sehr, und Gott hat allzeit alles angewandt,
auf daß es irgendeiner Seele aus sich möglich werden könnte, solch eine böse
Narbe für alle Zeiten vergehen zu machen; aber es wollte die Sache bis auf
jetzt herab eben nicht besonders gut gelingen, und Ich kam nun Selbst darum auf
diese Erde, um solch eine alte, häßliche Narbe auszutilgen.
[GEJ.02_225,03] Und Ich werde sie auch
tilgen; aber das wird geschehen durch die vielen Wunden, die in Mein Fleisch
geschlagen werden. Solches aber könnet ihr nun nicht fassen; wenn es aber
kommen wird, dann werdet ihr es auch fassen, und der heilige Geist aller
Wahrheit wird euch dann darüber in alle Weisheit leiten.
[GEJ.02_225,04] Ihr aber habet es ja auch
gelesen im Moses, wie er da spricht vom Fluche Jehovas über die Erde, und wie
es da heißt: ,Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dir fürder dein Brot
bereiten!‘ Und dann heißt es auch gleich nach dem Fluche über die Erde: ,Dornen
und Disteln wirst du tragen.‘
[GEJ.02_225,05] Seht, so ihr das materiell
verstehen möchtet dem äußeren Wortlaute nach, so hättet ihr auch, das heißt, so
die Sache sich ernstlich also materiell verhielte, ein vollstes Recht, Gott
einer vollen Unweisheit zu beschuldigen! Aber indem solch eine Diktion
(Ausspruch) bloß nur seelisch und eigentlich geistig zu nehmen und zu fassen
ist, so fällt so eine Beschuldigung von selbst weg, und der Mensch muß es sich
immer selbst zuschreiben, wenn an seinem Wesen etwas verschlimmert wird, so wie
er es sich auch selbst zuzuschreiben hat, so in irgendeinem Lande die Ernte
manchmal schlechter wird, als sie in der Regel sein müßte; denn bei der
Witterung hängt nicht alles von dem Willen Gottes, sondern auch von dem der
Menschen ab.
[GEJ.02_225,06] Wenn eine Seele einmal ihrer
selbst vollkommen bewußt ist und zum Gebrauche ihrer Vernunft kommt insoweit,
daß sie in sich gar wohl die Ordnung Gottes erschauen und erkennen kann, so muß
sie dann für fernerhin wegen ihrer Konsolidierung selbsttätig werden, natürlich
nach der in ihr bestehenden und erkannten Gottesordnung. Tut sie aber in
irgendeinem Punkte das nicht, sondern unterläßt das, oder tut dafür gar etwas
Entgegengesetztes, so muß sie sich ja offenbar in dem betreffenden Punkte
selbst einen nicht leicht vertilgbaren Schaden zufügen, von dem sie sich dann
nimmer frei machen kann von sich selbst heraus, weil alle ihre Tätigkeit
dadurch schon mehr oder weniger eine unordentliche wird, aus der offenbar mit
der Zeit stets mehr und mehr seelische Beschränktheiten erwachsen müssen als:
allerlei Blindheit, Dummheit, Unverstand, schwache Fassungskraft, Furcht,
Mutlosigkeit, Traurigkeit, Angst, Verdruß, Zorn, Wut und am Ende gar die
Verzweiflung selbst.
[GEJ.02_225,07] Und seht, das eben sind die
,Dornen‘ und ,Disteln‘, die das ,Erdreich‘, das heißt die verkümmerten
Intelligenzfähigkeiten der Seele in ihr selbst hervorwachsen lassen werden,
gleich den Schmarotzerpflanzen auf den sonst gesunden Ästen der Bäume!
[GEJ.02_225,08] Der ,Fluch Gottes‘ aber ist
nichts denn die der sich selbst verdorben habenden Seele kundgegebene,
erleuchtende Einsicht, daß sie sich wirklich wider die Ordnung selbst verdorben
hat, und daß sie darum aus höchst eigenem Verschulden fürder ihr Brot im
Schweiße ihres Angesichtes wird suchen müssen.
[GEJ.02_225,09] Und der ,Schweiß des Angesichtes‘
ist eben die schon bekanntgegebene Sorgennarbe der Seele, die sie sich selbst
durch Genuß jenes mosaischen Apfels beigebracht hat, was sie auch ganz gut
hätte vermeiden können.
226. Kapitel
[GEJ.02_226,01] (Der Herr:) „Und Ich sage es
nun euch allen darum, daß ihr alle unnötige Sorge von euch verbannen sollet;
denn jede Sorge der Welt wegen ist eben ein materielles Band, durch das sich
eine Seele aus der alten adamitischen Narbe mit der Materie verbindet! Je mehr
sich aber die Seele mit der Materie ihres Fleisches verbindet, desto mehr muß
die Ausbildung des eigentlichen Geistes Gottes in ihr verkümmern; und je mehr
sich dann die Seele durch ihre Sorge verbindet mit dem Leibe, der in sich nur
ein Gericht, eine leidige Notwendigkeit und somit der Tod selbst ist, desto
mehr verliert sie dann auch das Bewußtsein und die Erkenntnis des ewigen,
unverwüstbaren Lebens in ihr. Je mehr sie sich aber ablöst von diesem Bande,
desto freier wird sie wieder in allem, und je mehr sie sich dann verbindet mit
dem göttlichen Geiste in ihr, desto lebendiger und stets heller wird darauf das
Bewußtsein und die Erkenntnis des ewigen Lebens in der Seele werden.
[GEJ.02_226,02] Wer daher noch irgendeine
große Furcht vor dem Tode des Leibes hat, dessen Seele steht noch in einem
starken Verbande mit dem Fleische und in einem äußerst schwachen mit dem
Geiste; denn eine große Liebe zum Leben auf dieser Welt ist ein sicheres
Kennzeichen, daß die Seele sich noch sehr wenig bekümmert hat um das ewige
Leben ihres Geistes in ihr, und daran schuldet die alte Narbe, die Adam sich
selbst und dadurch allen in sein Fleisch eingezeugten Seelen geschlagen hat.
[GEJ.02_226,03] Aber dennoch kann sich jede
Seele, so sie es recht will, auch völlig heilen von solch einer bösen Narbe.
Denn dafür hat Gott schon gleich in der Gegenwart Adams die sicheren
Vorkehrungen getroffen, und Adam selbst ist in seiner letzten Zeit nahezu ganz
wieder heil gemacht worden. Henoch aber ist davon vollends heil gemacht worden;
daher er auch in seinem Fleische umgewandelt worden ist, so wie noch einige der
Urväter der Erde. Aber da sich deren Nachkommen dennoch gemischt haben mit den
Kindern nicht geheilter Väter, so blieb das alte adamitische Übel dennoch, mehr
oder weniger mächtig auftretend, unter den Menschen gleichfort zu ihrer Qual.
[GEJ.02_226,04] Daher stammen auch die
schmerzlichen Geburten der Weiber, und daher die meistens sehr schmerzlichen
Todesarten bei den Menschen. Denn eine schon durch des Mannes Samenstrom
verwundete Naturseele verbindet sich gleich recht hartnäckig zuerst mit dem
Fleische der Mutter und muß hernach bei der Ausgeburt stets gewaltsam unter
allerlei Bandzerreißungen in die Welt hinausgeboren werden. Kinder aber, wie
ein Isaak und dergleichen noch eine Menge in der Welt, sind bei voller
Schmerzlosigkeit der Mutter aus ihr in die Welt hinausgeboren worden.
[GEJ.02_226,05] Also ist es auch mit dem
Sterben der Fall. Menschen, die sehr am irdischen Leben hängen, und bei denen
alle ihre Sorge auf dasselbe gerichtet ist, haben schon während ihres kurzen
Erdlebens sehr viel zu leiden, werden oft seelisch und bald darauf sicher auch
fleischlich krank und sehr elend, und vor dem Scheiden aus dem Leibe haben sie
stets mit oft unerträglichen Schmerzen zu kämpfen und scheiden in einem
höchsten, alles betäubenden Schmerze aus dem Leibe, der gar oft nach der Löse
vom Leibe einen langwährenden Nachhall findet, besonders bei jenen Seelen,
denen es auf der Welt in ihren Leibern so recht wohl und behaglich erging.
Dagegen jene Seelen, die auf der Welt zu der heilsamen Überzeugung gelangt
sind, daß alle Schätze der Erde der Seele nichts nützen, weil sie in den Tod
sinken müssen wie der Leib, und sich darum von der alten Narbe Adams so frei
als möglich gemacht, aber dafür ihren Geist, das Atma Gottes, in sich gefunden
und mit aller der wahren Sorgfalt gepflegt haben –, haben fürs erste wenig mehr
eine irgend wie immer geartete Krankheit des Leibes zu bestehen.
[GEJ.02_226,06] Ist das Leben der Seele
einmal mit ihrem Geiste verbunden, so wird denn auch nach und nach ihr Leib
eine geistigere Richtung annehmen und darum gefühlloser werden für die
Eindrücke von seiten der äußeren Materiewelt; denn eine jede Krankheit des
Leibes entsteht gewöhnlich aus dem Zerreißen irgendeines Bandes mit der Welt.
Kurz, der Leib wird durch die lebenshungrige Seele mit tausend der
verschiedenartigsten Bedürfnisse angestopft. Kann er zufolge klimatischer und
tausend anderer Verhältnisse wegen nicht zufriedengestellt werden, so muß darum
ein und das andere Band abgerissen werden, und der Leib wird darauf bald krank
und sehr leidend, und mit ihm auch die Seele, welche am Ende mit ihrem Leibe
die gleiche und eigentlich die vorzügliche Schmerzträgerin ist.
[GEJ.02_226,07] So aber die Seele ihren Leib
und dadurch sich selbst an möglichst viele Entbehrungen aus dem Todesbereiche
der Welt gewöhnt hat, so werden am Ende eben nimmer viele Bande zwischen den
toten Gütern der Erde und dem Leibe vorhanden sein, und es wird da denn auch
wenig mehr zum schmerzlichen Zerreißen sich vorfinden. Ist aber dadurch
möglichst aller Grund zu den Krankheiten des Leibes behoben, so möchte Ich dann
nachher doch Selbst wissen, woher diese noch in den Leib und in die empfindsame
Seele kommen sollten.
[GEJ.02_226,08] Ja, bei solchen Menschen
fühlt der Leib selbst dann von irgendeinem Schmerze nicht leichtlich mehr
etwas, wenn er auch durch äußere arge Mittel gemartert und gepeinigt wird.
[GEJ.02_226,09] Sehet die bekannten Jünglinge
in dem Feuerofen an! Sie sangen in aller Lebenslust und priesen Gott. Und wenn
schon ihre Leiber mit der Zeit von der äußeren bösen Gewalt verzehrt wurden, so
empfanden sie aber dennoch keinen Schmerz dabei; denn sie waren schon lange
vorher aller Bande mit der Welt ledig und waren eins mit ihrem göttlichen
Geiste. Und so fühlt denn fürs zweite eine solche vollends mit ihrem Geiste
vereinte Seele beim Lostrennen vom Leibe, mit dem sie schon lange in keinem
festen materiellen, sondern nur in einem überzarten, geistigen Bande verbunden
stand, auch durchaus keinen Schmerz, sondern nur eine all ihr Wesen
durchzuckende selige Wollust und verliert beim Trennen unmöglich weder das
Bewußtsein, noch das Licht der seelisch geistigen Sehe, und ebensowenig das
Gehör, den Geruch, den Geschmack und den edelsten und allerfeinsten Tastsinn,
wie solchen nun unser Engel Raphael besitzt.
[GEJ.02_226,10] Aber, wie gesagt, um das zu
erreichen, muß der Mensch sich zuvor die alte adamitische Sünde vom Leibe
schaffen, und das geht auf keine andere Weise, als auf die nur, die Ich euch
soeben gezeigt habe: die Weltsorgen müssen von der Seele freitätig über Bord
geworfen werden, ansonst gibt es kein Mittel! Werden aber diese
hinweggeschafft, dann tritt beim Menschen wieder alles in die alte göttliche
Ordnung zurück, und der Mensch ist dann wieder ganz Mensch nach der Ordnung
Gottes. Und sieh, das ist es, was man mit Recht die ,Erbsünde‘ nennt! An und
für sich ist es offenbar das Fleisch, das man mit Fug und Recht die Erbsünde
nennt; entsprechend geistig genommen aber ist eben die vielfache Sorge um das
Fleisch die schwer vertilgbare Sünde Adams bei allen seinen Nachkommen.
[GEJ.02_226,11] Diese Narbe der Seele aber
kann durch kein anderes Mittel völlig getilgt werden, als allein durch das von
Mir angegebene und durch noch ein Mittel, das aber den Menschen erst nach der Beendigung
Meiner Sendung in diese Welt wird gezeigt und gegeben werden zum Heile ihrer
Seelen. Johannes der Täufer in der Wüste hat für dieses Mittel bereits einen
Vorläufer gemacht.“
227. Kapitel
[GEJ.02_227,01] (Der Herr:) „Wie es aber beim
Menschen im kleinsten Maßstabe herging, daß er fiel in die Sünde und sich darum
verdarb in seiner Natur, nahezu ebenso ging es dereinst auch bei der
Erschaffung der reinen Geister aus Gott her.
[GEJ.02_227,02] Haben die Gedanken und daraus
entstandenen großen Ideen Gottes sich einmal soweit gefunden und zu einem mit
endloser Intelligenz begabten Wesen nach der Urform Gottes verbunden und sich
ihrer freien Selbständigkeit bewußt zu werden angefangen, so war denn auch
sicher das erste, um sie vollends frei zu machen, daß ihnen die Gelegenheit zur
freien Tätigkeit gegeben und gezeigt ward, wie und auf welche Weise sie
freitätig werden und sein können.
[GEJ.02_227,03] Wie soll aber das geschehen?
Soll man ihnen bloß gewisserart sagen: Ihr seid nun lebendig, wie aus euch selbst
heraus, und könnet tun, was ihr wollet!? – Da fragt es sich, ob solche Wesen,
deren Leben noch keine Erfahrungen hat, sich zu irgendeiner freien Tätigkeit
werden anschicken können. Ja, sie werden vielmehr, einem Freßpolypen gleich,
sich nur aufs bloße Sättigen ihres Wesens mit einer entsprechenden Kost werfen
und sonst sicher nichts weiteres tun, wie ihr solches bei geistig noch sehr
ungeweckten Völkern ganz naturmäßig sehen und erfahren könnet; denn alle ihre
Sorge ist auf den Bauch gerichtet, und alle ihre Tätigkeit geht auf die
bestmöglichste Befriedigung dieses Leibteiles hinaus.
[GEJ.02_227,04] Ein anderer meint: Man sage
ihnen nach ihrer Intelligenzfähigkeit, was sie zu tun haben, und so werden sie
wohl danach tätig werden! – Gut, sage Ich, so aber in den noch sehr zur alten
Ruhe geneigten Wesen, weil sie aus solcher herausgegangen sind, gar kein
Tätigkeitssinn geweckt ist und vorderhand auch nicht geweckt sein kann, die
Liebe zur vollen Untätigkeit vorzuwalten beginnt und die Wesen sonach dennoch
nicht selbsttätig werden, was dann? Nicht wahr, man zwinge sie durch die dem
Schöpfer offenbarst innewohnende Allmacht!
[GEJ.02_227,05] Wäre alles recht; aber wo
bliebe dann die absolute Selbsttätigkeit, durch die allein ein geschaffenes
Wesen zur vollen unabhängigen freien Selbständigkeit gelangen kann? Siehe, ohne
diese ausgesprochene volle unabhängige Selbständigkeit aber bliebe ja jedes
geschaffene Wesen eine pure Maschine, die nur nach dem Willen und nach der
freien Intelligenz des Maschinenmeisters tätig wird!
[GEJ.02_227,06] Ihr seht aus dem nun schon
ganz leicht, daß es sich da mit irgendeinem Muß durchaus nicht tut und tun
kann; denn unter ,Muß‘ wirken nur Maschinen, deren es leider auf dieser Erde
mit der Erde selbst nur eine noch zu große und grobe Menge gibt. Auch der
endlose Raum ist mit solchen Mußmaschinen allenthalben erfüllt. Denn alle
zahllosen Sonnen und Erden und Monde sind pure Maschinen, und alle Körperwesen
auf und in ihnen sind es auch, sowie auch der Leib eines jeden Menschen an und für
sich nichts als eine kunstvollste Maschine ist, die durch den freien Willen der
Seele in eine mannigfachste Bewegung gesetzt werden kann.
[GEJ.02_227,07] Wenn aber also, und unmöglich
je anders, wie hernach sollten denn die erstgeschaffenen reinen Geistwesen zur
bedingten freien Selbsttätigkeit gelangen und daraus allein möglich zur vollen
Selbständigkeit? Offenbar nicht und auf gar keine mögliche Weise anders, als
durch ein ,Du sollst‘-Gebot, wennschon nicht also positiv wie bei Adam.
[GEJ.02_227,08] Aber das Gebot allein würde
auch umsonst gegeben sein, so mit dem Gebote nicht auch zugleich der Trieb oder
Reiz zur Übertretung desselben dem neugeschaffenen Wesen mit eingegeben wäre.
Ist aber der Übertretungsreiz dem Wesen eingegeben, so muß auch irgendeine
daraus wie von selbst hervorgehende schlimme Folge als gewisserart eine Strafe
eingegeben sein, und es müssen dem Wesen die Folgen gezeigt werden, daß sie
wirklich sind, und wie und warum sie einer dem gegebenen Gebote
zuwiderlaufenden Handlung allzeit folgen werden und müssen.
[GEJ.02_227,09] Ja, man muß dem Wesen sogar
zeigen, daß sich möglicherweise für das Wesen, das das Gebot übertretende Wesen
nämlich, wohl anfangs irgendein kurz währender Vorteil erreichen läßt, aus dem
es aber späterhin stets einen lange währenden Nachteil herausziehen wird, dem
zu begegnen es dann viel harte Mühe und schmerzliche Anstrengungen kosten wird.
Mit allem dem versehen, kann erst das neugeschaffene Wesen einen wahren
Gebrauch von seiner freien Intelligenz und der daraus hervorgehenden
Tatfähigkeit zu machen beginnen, gehe es dann wie es wolle, krumm oder gerade,
recht oder unrecht. Kurz und gut, das neugeschaffene Wesen wird nun einmal aus
sich heraus selbsttätig und beginnt dadurch den Hauptakt zur vollen und wahren Selbständigkeit,
und das ist es, um was es sich am Ende bei allen geschaffenen Intelligenzwesen
handelt; denn die Selbständigkeit wird dadurch erreicht, so oder so, entweder
auf einem kürzeren oder längeren Wege, und der vollen Vernichtung eines einmal
geschaffenen intelligenten Wesens ist dadurch vorgebeugt.
[GEJ.02_227,10] Ob aber das Selbständigsein
vorderhand ein seliges oder unseliges ist, das ist dann ein und dasselbe,
natürlich dem Schöpfer gegenüber; denn es ist einem jeden Wesen das Tor offen
gelassen, auf den vorgezeichneten Wegen zur Seligkeit einzugehen. Will es –
wohl und gut fürs Wesen; will es aber nicht – auch gut! Denn daran trägt dann
niemand die Schuld als das Wesen selbst. Es behält seine Selbständigkeit ewig.
Ob selig oder nicht, das ist dann ganz ein Ding; denn im Grunde des Grundes muß
es als Geschöpf dennoch der Totalordnung des Schöpfers entsprechen.
[GEJ.02_227,11] Wissen wir aber nun das, nun,
so wird es dann wohl etwa nimmer gar zu schwer sein, sich von selbst den Fall
der ersten geschaffenen reinen Geister herauszuformulieren; denn auch ihnen
mußte ein Gebot gestellt werden und mit demselben der notwendige Reiz zur
Übertretung, verbunden mit momentanen Vorteilen, und anderseits aber, wenn auch
nicht mit dem überwiegenden Reize für die Handlung nach dem Gebote, so aber
doch mit der klar gestellten Ansicht der ewigen Vorteile, die, wennschon etwas
später, aber doch stets sicher der Handlung nach dem gesetzten Gebote folgen
werden und folgen müssen!
[GEJ.02_227,12] Daß nun darauf ein Teil der
Wesen das Gebot beachtete und ein Teil aber nicht, das geht klar aus der
sichtbaren materiellen Schöpfung hervor, welche als ein Gericht oder als die
angedrohte Strafe auf die Nichthaltung des gegebenen Gebotes folgen mußte, und
an und für sich, geistig genommen, nichts ist als der längere Weg zur
seligsten, vollfreien Existenz der geschaffenen Geister.
[GEJ.02_227,13] Anderseits aber ist auch
wieder unser Engel, als nun hier unter uns weilend, ein ebenso klarer Beweis,
demzufolge dennoch zahllose Heere von damals frei geschaffenen Geistern das
gegebene, wenn auch nicht wie bei Adam fest positive Gebot beachtet haben, und
nun ist alle materielle Schöpfung ihrer Macht, Kraft und Weisheit in allem
untergeordnet.
[GEJ.02_227,14] Dieser Engel aber wird für
die späteren Menschen freilich wohl wenig Beweis geben können von dem, daß ein
übergroßer Teil der erstgeschaffenen reinen Geister durch das gegebene Gebot
nicht gefallen ist; aber das ist zur Seligkeit eines jeglichen Menschen auch
durchaus nicht nötig; besonders solange irgendein Mensch noch nicht zur
Vollkenntnis seiner selbst durch seinen Geist gelangt ist.
[GEJ.02_227,15] Gelangt aber irgendein Mensch
dahin, so stehen ihm dann ohnehin, wie man zu sagen pflegt, in jedem Augenblick
alle sieben Himmel offen, und er kann sich daraus Beweise holen, soviel er
derselben nur immer haben will. Und so ist hiermit schon für alles gesorgt.
[GEJ.02_227,16] Sage du, Mein lieber
Cyrenius, ob du nun von dem Sündenfalle der erstgeschaffenen Geister so einen
erklecklichen Begriff dir zu machen imstande bist!“
228. Kapitel
[GEJ.02_228,01] Sagt der nun ganz glückliche
Cyrenius: „Herr, Du siehst es ja klarst in meinem Herzen und durchschauest
ebenso klar meinen Gehirnkasten, auf daß Du daraus sicher am besten ersehen
kannst, ob ich die Sache ganz oder nur halb begriffen habe! Ich meine es
wenigstens, so wie ich es fühle, daß mir nun die Sache klar ist wie die Sonne
am hellen Tage. Aber es können dahinter noch immer Tiefen der Tiefen stecken,
von denen bis jetzt vielleicht noch nie selbst dem vollkommensten Engelsgeiste
etwas in den Sinn gekommen ist. Allein, ich bin mit dem, was ich nun weiß,
vollkommen zufrieden und werde an dem zeit meines Lebens in Vollgenüge zu kauen
haben; denn das alles geht über den höchsten Horizont des menschlichen Wissens
und Erkennens ja schon ohnehin endlos weit hinaus!
[GEJ.02_228,02] Nur ein Wesen wird als sicher
bestehend mir noch zu einem Rätsel, und das ist der Satan und sein
Teufelskollegium. Nur darüber, Herr, noch ein erläuternd Wörtlein, und meine
Seele ist dann gesättigt bis zum Tode meines Leibes! Denn damit bin ich noch
sehr im unklaren. Was und wer ist der Satan, und was und wer sind dessen
Helfershelfer, die man ,Teufel‘ nennt?“
[GEJ.02_228,03] Sage Ich: „Auch das ist für
deine Begriffsfähigkeit etwas zu früh, um diese Sache im Grunde des Grundes
einzusehen. Um dir und euch allen aber auch in diesem Punkte ein mäßig
Lichtlein zu verschaffen, will Ich euch gleichwohl auch davon eine kleine Kunde
zum besten eures Verstandes geben. Und so höret Mich denn!
[GEJ.02_228,04] Sehet, alles, was da ist,
besteht und irgendein Dasein hat, kann nicht anders bestehen, sein und
irgendein Dasein haben, als durch einen gewissen beständigen Kampf.
[GEJ.02_228,05] Ein jedes Dasein, das
göttliche nicht ausgenommen, hat in sich lauter Gegensätze, als verneinende und
bejahende, die sich einander stets also entgegenstehen wie Kälte und Wärme,
Finsternis und Licht, hart und sanft, bitter und süß, schwer und leicht, eng
und weit, breit und schmal, hoch und nieder, Haß und Liebe, böse und gut,
falsch und wahr, und Lüge und Wahrheit.
[GEJ.02_228,06] Keine Kraft kann irgend etwas
wirken, wenn sich ihr nicht eine Gegenkraft entgegenstellt.
[GEJ.02_228,07] Stellet euch einen
tausendfach goliathstarken Menschen vor, dessen Kraft es sicher mit einem
ganzen Heere von Kriegern aufnähme! Wozu aber würde ihm alle seine Kraft und
Stärke dienen, so man ihn stellete gleich den Wolken in den freien Luftraum?
Sehet, ein leisestes Lüftlein, das auf dem Boden hier kaum ein Blättchen in
Bewegung setzt, würde ihn trotz aller seiner Kraft und Stärke dennoch
unaufhaltsam fortschieben nach der Richtung, in der das Lüftchen den Zug hat!
[GEJ.02_228,08] Damit aber der Riese von
seiner Kraft einen wirksamen Gebrauch machen kann, muß er fürs erste einen
festen Boden haben, der ihn trägt und ihm zu einer festen Stütze dient. Der
Boden ist also schon ein Gegensatz zu unserem Riesen; denn dem Riesen ist zur
Ausübung seiner Kraft die freie Bewegung nötig, daneben auch ein fester
Stillstand der Unterlage, wo er sich mit der festen Ruhe der Unterlage oder des
Bodens in Verbindung setzt und dann mit der mit ihm vereinten Ruhkraft des
Bodens, auf dem er steht, jeder ihn anstürmenden Bewegung Trotz bietet. So kann
der Riese von seiner Kraft erst den rechten Gebrauch machen. Ist der Boden ein
Fels, so wird keine stürmische Bewegung gegen solch eine feste Ruhe etwas
ausrichten, außer sie wäre in eben dem oder einem höhern Grade heftig, als wie
konzentriert an und für sich in einem Felsen die Ruhe selbst es ist. Ist der
Boden aber weich und somit weniger im Gegensatze mit der sturmähnlichen
Bewegungsfähigkeit des Riesen, so wird fürs zweite die Kraft des Riesen in dem
ihm entgegenstehenden Boden zu wenig Widerstand finden, und er wird dann einer
viel kleineren ihn bedrängenden Kraft kaum trotzen können.
[GEJ.02_228,09] Stellet euch zum Überflusse
des Verständnisses noch vor, daß dieser Riese zum Beispiel die hinreichende
Kraft hat, um auf einem festen Boden ein Gewicht von tausend Menschen in die Höhe
zu heben! Setzen wir ihn aber auf einen Sumpfboden, der kaum so viel Festigkeit
hat, um das Gewicht des Riesen mit der genauesten Not zu tragen! Lassen wir auf
solch einem Boden den Riesen ein Gewicht von nur hundert oder gar nur zehn
Menschen heben, und er wird es sicher nicht vom Boden bringen; denn im Momente,
als er das Gewicht zu bewältigen anfangen wird, wird er in den weichen Boden
einzusinken anfangen, und alle seine Kraft wird eine vergebliche sein, weil er
unter sich keine entsprechende Gegenkraft hat.
[GEJ.02_228,10] Es kann daher keine Kraft für
sich etwas wirken, wenn sie sich zuvor nicht mit einer entsprechenden
Gegenkraft in eine gewisserart kämpfende Verbindung setzt. Bei unserem Riesen
kämpft offenbar die feste Ruhe des Bodens gegen sein Gewicht und gegen seine
Bewegung und besiegt diese auch bis zu einem gewissen Grade; und ebendieser
Ruhesieg des Bodens wird endlich zur Stütze der bewegenden Kraft und der
Maßstab ihrer Stärke.“
229. Kapitel
[GEJ.02_229,01] (Der Herr:) „Wir hätten nun
aus diesem hoffentlich so ziemlich handgreiflichen Beispiele wohl sicher recht
deutlich wahrgenommen, warum ein Sein ohne ein Gegensein so gut wie gar kein
Sein wäre, wie denn auch die Kraft unseres Riesen im freien Luftraume so gut
wie gar keine in Hinsicht auf eine entsprechende Wirkung wäre; es muß darum
jedes Sein irgendein Gegensein haben, damit es selbst wirkend sei.
[GEJ.02_229,02] Dieses Verhältnis muß darum
in allem, was da ist, im rechten Maße vorhanden sein, ansonst es so gut wie gar
nicht da wäre.
[GEJ.02_229,03] Und so muß denn auch das
vollkommenste Dasein Gottes in sich selbst in jeder Hinsicht auch die
ausgebildetsten Gegensätze fassen, ohne die es eben auch so gut wie gar kein
Wesen wäre. Diese Gegensätze sind in einem ununterbrochenen Kampfe begriffen,
aber stets also, daß der stetige Sieg der einen Kraft auch stets zur Stütze der
gewisserart besiegten Kraft dient, wie wir solches gesehen haben beim steten
Siege des festen Bodens über die bewegende Schwerkraft unseres Riesen.
[GEJ.02_229,04] Wollte nun Gott einmal aus
Sich heraus Ihm ähnliche freie Wesen erschaffen, so mußte Er sie ja auch mit
eben den streitenden Gegensätzen versehen, die Er in Sich Selbst von aller
Ewigkeit her in den natürlich besten und reinst abgewogensten Verhältnissen
besaß und besitzen mußte, ansonst Er sicher nie wirkend dagewesen wäre.
[GEJ.02_229,05] Nun, die Wesen wurden also
völlig nach Seinem Ebenmaße gestaltet, und es ward ihnen am Ende darum auch die
Fähigkeit notwendig eigen, sich selbst zu konsolidieren aus dem Kampfe der in
ihnen aus Gott niedergelegten kämpfenden Gegensätze.
[GEJ.02_229,06] Jedem Wesen ward Ruhe und
Bewegung, Trägheit und Tätigkeitssinn, Finsternis und Licht, Liebe und Zorn,
Heftigkeit und Sanftmut und tausenderleiartiges als vollends zu eigen gegeben;
nur war zwischen dem Maße darin ein Unterschied.
[GEJ.02_229,07] In Gott waren all die
Gegensätze schon von Ewigkeit her in der höchst besten Ordnung. Bei den
geschaffenen Wesen aber mußten sie erst durch den freien Kampf in die rechte
Ordnung wie von sich selbst heraus also durch die bekannte Selbsttätigkeit
gelangen.
[GEJ.02_229,08] Nun, da entstanden dann
verschiedene Siege. In dem einen Teile ward die harte Ruhe zum überwiegenden
Sieger, und die Bewegung ward dadurch zu sehr untergeordnet, daher sie sich
denn auch stets gleichfort die größte und feurigste Mühe gibt, den Stein zu
erweichen und ihn ihr ähnlicher und entsprechender zu machen; anderseits siegte
wieder die Bewegung in allen ihren Teilen zu sehr und wird darum von der in ihr
schwächern Ruhe stets bekämpft, um mit ihr in ein entsprechendes Verhältnis zu
treten.
[GEJ.02_229,09] Bei vielen Wesen aber haben
die Gegensätze ein rechtes Maß nach der Ordnung Gottes erreicht, und ihr Sein
ist dadurch ein vollkommenes, weil sie sich durch ihre gleichartigen und
gegenseitigen Intelligenzfähigkeiten fortwährend allerbestens unterstützen.
[GEJ.02_229,10] Nun seht, wo sonach
irgendeine Kraft in einem sich frei konsolidierenden Wesen durch ihr
überwiegend hartnäckiges Bestreben alle andern Gegenkräfte zum untätigen
Schweigen in ihrer Sphäre bringen will und auch zum größten Teile bringt, da
tötet sich gewisserart so eine Kraft selbst, dadurch, daß sie sich alle
Gelegenheiten aus dem Wege räumt, bei denen sie ihre Kraft hätte äußern können.
Eine Kraft aber ohne eine entsprechende Gegenkraft ist, wie schon gesagt, so
gut wie gar keine Kraft, und wie wir solches eben schon aus dem früher
angeführten Beispiele unseres Riesen sicher klar haben sehen können.
[GEJ.02_229,11] Solch eine sich selbst in
allem gefangengenommene Kraft muß dann ja aber auch immer das Bestreben haben,
noch mehr Kräfte in sich gefangenzunehmen, um sich selbst in ihrem
schmerzlichen Gefangensein lediger zu machen. Und seht nun, das ist eben das,
was man ,Satan‘ und ,Teufel‘ nennt!
[GEJ.02_229,12] Satan ist eine große
Persönlichkeit und entspricht der zu starren Ruhe und Trägheit; denn diese
geschaffene erste große Persönlichkeit wollte alle anderen Kräfte in ihre
Wesenheit vereinen und ist aber darum tot und tatunfähig geworden in sich
selbst. Aber die in ihr besiegten anderen Kräfte ruhen dennoch nicht völlig,
sondern stehen in einer fortwährenden Tätigkeit und personifizieren sich
dadurch wie selbständig. Durch solche Tätigkeit beleben sie aber das Grundwesen
wie mit einem Scheinleben, und dies Leben ist dann offenbar nur ein Trugleben
einem wahren freien Leben gegenüber.
[GEJ.02_229,13] Solche besiegten und doch den
Sieg nicht annehmen wollenden Kräfte sind dann das, was man dem Satan gegenüber
,Teufel‘ oder ,böse Geister‘ nennt. – Und so siehst du, Mein liebster Cyrenius,
daß Ich dir nun auch so einen kleinen Wink vom Satan und Teufel gegeben habe,
wie du denn auch nur so einen kleinen Wink verlangt hast! Willst du aber mehr,
so rede, und Ich will dir Ausführlicheres geben!“
230. Kapitel
[GEJ.02_230,01] Sagt Cyrenius: „Ich habe nun
wohl so einen Dunst bekommen, und es kommt mir vor, als verstünde ich so etwas
davon, aber von einer gewissen Klarheit ist da noch lange keine Rede. Die Sache
scheint in eine solche geistige Subtilität übergehen zu wollen, mit deren
Klarheit es ein ganz anderes Einsehen hat, als wie man ungefähr einsehen kann,
daß zwei Birnen und abermals zwei Birnen zusammen vier Birnen ausmachen. Es ist
bei mir in dieser Hinsicht von einer klaren Einsicht noch lange keine Rede;
denn die Abwägung der Kräfte untereinander ist also gestaltig subtil, daß sie
in einem Wesen wie ich schwer in ein geordnetes gutes Verhältnis treten können
und untereinander in ein und demselben Wesen sich also verhalten, daß daraus
ein vollkommen gottähnliches Wesen wird in allem Tun und Lassen.
[GEJ.02_230,02] Das, bin ich der Meinung,
kann denn doch ein neugeschaffenes Wesen, wie wir alle ein ähnliches sind, in
sich und aus sich selbst unmöglich je vollkommen zustande bringen, und es kann
sonach ja auch nicht gewisserart ganz allein die Schuld tragen, ob es sich ganz
in der guten Ordnung oder teilweise, wo nicht ganz, wider die gute Ordnung
ausgebildet hat; denn wer könnte einem Menschen die volle Schuld seiner Roheit
beimessen, so er von der Geburt an nie die volle Gelegenheit hatte, sich in den
feinen Sitten, wie sie unter wohlgebildeten Menschen gang und gäbe sind,
auszubilden?
[GEJ.02_230,03] Wie aber läßt es sich denken,
daß die primitiven Geistwesen, die sich erst als Urgedanken und Urideen Gottes
zu einem Sein ergriffen haben, auch schon jene Einsicht hätten haben können,
mit deren Hilfe sie sich nach der Ordnung des Schöpfers alsbald hätten
ausbilden können? Das gewisserart persönliche Urwesen Satans konnte unmöglich
die Einsicht eines Michael haben, sonst müßte es sich ja gleich dem Michael
ausgebildet haben. Kurz, Herr, da bin ich noch sehr in einem Schwanken zwischen
Licht und Finsternis und weiß es nicht, wie ich da so ganz eigentlich das Licht
recht fassen soll! Wo ich mich demselben zu sehr nahe, da kommt es mir vor, als
finge es wie eine Flamme mich zu brennen an; und entferne ich mich vom selben,
nun, so wird's dann wieder finster, und ich stehe wieder an dem Flecke, von dem
ich ausgegangen bin.
[GEJ.02_230,04] Daher wird es wenigstens für
mich wohl noch nötig sein, in der behandelten Sache so noch ein wenig mehr Öl
in die Lampe meines Verstandes zu geben, auf daß mir diese Sache, wenn auch nur
ein wenig, heller wird. Denn jetzt komme ich mir vor wie ein Halbschlafender am
Morgen. Einerseits drückt die Augen noch der lichtlose Schlaf, anderseits aber
bearbeitet daneben des Tages Helle die noch schlaflüsternen Augen also, daß sie
sich nimmer vollends dem Schlafe ergeben können. Darum wecke Du, o Herr, nun
schon lieber ganz meine Augen, sonst kann es mir leicht noch geschehen, daß ich
bei all dieser Morgenhelle ganz gut noch einmal einschlafe in der vollen
Erkenntnis der göttlichen Ordnung in aller Weisheit und Liebe!“
[GEJ.02_230,05] Sage Ich: „Ja, liebster
Freund, Ich habe es dir aber ja eben zum voraus gesagt, daß sich diese Dinge
schwer werden in der Fülle fassen lassen! Aber weil denn dir schon gar so darum
zu tun ist, etwas tiefer in dieser Sache eine rechte Einsicht zu besitzen, so
will Ich gleichwohl es versuchen, durch Bilder und Gleichnisse dir ein etwas
helleres Licht zu verschaffen.
[GEJ.02_230,06] Nur damit bist du aber
vollkommen auf einem Sandwege, wenn du meinst, Gott habe den geschaffenen Wesen
eher die eigene Selbstbildung überlassen, als bevor sie die Fähigkeit besaßen,
die göttliche Ordnung in sich vollends zu erkennen und in aller Tiefe zu
erfassen. Da ging viel Unterricht voran, und es vergingen lange Zeiträume
zwischen dem ersten Werden der erstgeschaffenen Ordnung in den ersten Wesen und
der Periode, in der dann solche Geister ihrer selbsttätigen Bildung
anheimgestellt wurden.
[GEJ.02_230,07] Denke dir den Zeitraum
zwischen Adam und dir, und siehe, diese ganze, schon ziemlich lange währende
Zeit ist bis zur Stunde noch mit lauter Unterricht von allen Seiten her ausgefüllt
worden!
[GEJ.02_230,08] Und nun nach so langer
Vorbereitung bin erst endlich Ich Selbst da und zeige den Menschen klar die
Wege, die sie zu gehen haben aus ihrer höchst eigenen inneren Kraft, die bisher
die möglichste Bildung für das Pro und Kontra (das Für und Wider) erhalten
hatte. Mit diesem Meinem Hiersein wird dem Menschen erst die vollste
Freitätigkeit zu seiner Lebensvollendung gegeben und mit ihr ein neues Gesetz
der Liebe, das im rechten göttlichen Vollmaße alle andern Gesetze und alle
Weisheit aus Gott in sich faßt.
[GEJ.02_230,09] Wird ein Mensch von nun an
nach diesem neuen Gesetze leben, so wird er sein Leben auch unfehlbar völlig
nach der göttlichen Ordnung ausbilden und darauf alsogleich in die Fülle des
wahren und freiesten ewigen Lebens eingehen können. Wird er aber solch ein
neues Lebensgesetz nicht annehmen und sein Tun danach nicht wie aus sich selbst
herausgehend einrichten, so wird er auch sicher den Zweck der wahren
Lebensvollendung nicht erreichen.
[GEJ.02_230,10] Niemand aber wird dann sagen
können: ,Ich habe es nicht gewußt, was ich hätte tun sollen!‘ Und würde ein
Mensch, auch noch so weit von hier entfernt, dennoch sagen: ,Bis zu meinen
Ohren ist der Gottesruf nicht gedrungen!‘, so wird ihm erwidert werden: ,Von
dieser Stunde an gibt es keinen Menschen auf der ganzen Erde, der es nicht in
sein Herz überkommen hätte, was da ist unter den Menschen vollends des
Rechten.‘
[GEJ.02_230,11] Einem jeden wird eine warnende
Stimme in sein Herz gelegt werden, die ihm zeigen wird, was da gut und allein
wahr ist. Wer diese Stimme hören und sich danach halten wird, der wird zum
größeren Lichte gelangen, und dieses wird ihm alle Pfade der göttlichen Ordnung
erleuchten.“
231. Kapitel
[GEJ.02_231,01] (Der Herr:) „Was Kurzes aber
ist der Zeitraum von Adam bis auf uns gegen die beinahe für Menschenbegriffe
endlose Dauer von der Periode des ersten Grundwerdens der urgeschaffenen
Geister bis zu dem Standpunkte, wo sie in den Vollgebrauch ihres freien Willens
gestellt wurden; und wieder, welch ein unmeßbarer Zeitraum seit ihrem Falle bis
auf Adam und bis auf uns!
[GEJ.02_231,02] Siehe, es gibt im endlosesten
Schöpfungsraume gewisse Ur- und somit Hauptmittelsonnen, die wegen ihrer zu
großen Entfernung von hier, obschon sie unaussprechlich viele Male größer sind
als diese Erde, kaum als kleine glitzernde Pünktlein gesehen werden – und das
nur von Menschen, die sehr scharfe Augen haben! Diese Ursonnen haben ungefähr
das Alter, wie die Periode vom Falle der Urgeister bis auf diese Zeiten herab.
Und sieh, wollte man das Alter solcher Sonnen nach dem Maße der Erdjahre
bestimmen, so wäre man nicht einmal imstande, über die ganze Erde eine Zahl
aufzuzeichnen, in der die endlose Vielheit der Erdjahre genügend enthalten
wäre! Und nähmest du für je tausendmal tausend Jahre dieser Erde ein kleinstes
Sandstäubchen, aus deren zahllosen Menge die ganze Erde bestehen kann ihrer
Größe, Breite und Dicke nach, das Maß des Meeres nicht ausgenommen, so wäre
solch eine also berechnete Zeitendauer für eine besprochene Sonne noch viel zu
kurz.
[GEJ.02_231,03] Eine solche Periode dauert
dann etwa doch schon so hübsch lange, und doch ist sie kaum ein Etwas zu nennen
gegen die Dauer jener Urperiode, in der Gott aus Seinen Gedanken und Ideen die
ersten Geister zu bilden und selbständig zu machen begann. Was geschah in solch
endlos langer Periode alles zur Vollbildung des freien Willens der Urgeister!
[GEJ.02_231,04] Und doch gab es am Ende jener
endlos langen Bildungsperiode der Urgeister eine noch übergroße Menge solcher
Art, die, obschon sie die rechten Bildungswege Gottes wohl begriffen, aber am
Ende von einem sich freien Verhalten auf diesen Wegen dennoch nichts wissen
wollten, sondern des schneller folgenden, wennschon nur kurz dauernden
Vorteiles wegen von dem gebotenen und wohlgezeigten Ordnungswege Gottes
abwichen und den Weg ihres höchst eigenen Verderbens betraten.
[GEJ.02_231,05] Denn der Hauptgeist des
Lichtes, dem zahllose andere Lichtgeister innewohnten, jeder davon mit zahllos
vielen Intelligenzen reichst versehen, sprach bei sich: ,Was bedarf es da noch
weiteres? In mir liegen alle Eigenschaften wie in Gott, und Gott hat alle Seine
Kraft in mich gelegt. Nun bin ich stark und mächtig über alles. Er hat alles,
was Er hatte, aus Sich heraus hergegeben, und ich habe alles genommen. Nun hat
Gott nichts mehr, ich aber habe alles; und wir wollen nun sehen, ob der auf die
Übertretung des gegebenen Gebotes folgen sollende Vorteil wirklich nur von
einer kurzen Dauer sein wird. Wir meinen: Mit unserer nunmaligen Allkraft und
Macht werden wir uns die Dauer des kurz währen sollenden Vorteiles wohl so
hübsch auf Ewigkeiten hinaus zu verlängern imstande sein. Wer wird sie uns zu
verhindern imstande sein? Außer uns trägt der endlose Raum, der nun von uns
erfüllt ist, keine höhere Macht und Intelligenz mehr, als da ist die unsrige;
wer sollte uns dann den Vorteil streitig zu machen imstande sein?‘
[GEJ.02_231,06] Sehet, so dachte und sprach
der Lichtgeist zu sich selbst und dadurch zu seiner ihm unterstehenden
Sondergeisterschar. Gesagt und getan, und die Folge war die
Sich-selbst-gefangen-Nehmung in seiner Trägheit, darin er sich stets mehr und
mehr verdichtete, und wieder die Folge davon war die Schöpfung der Materie,
ebenfalls ganz auf dem Wege der göttlichen Ordnung; denn der sichere Erfolg des
Nichtbeachtens des göttlichen Gebotes war ebenso bestimmt vorgesehen, wie der
freieste Zustand jener Geister, die das Gottesgebot an und in sich erfüllt
haben.
[GEJ.02_231,07] Und so denn hatte sich durch
solchen Fall fürs erste der Hauptgeist und mit ihm alle seine verwandten
Untergeister selbst auf das hartnäckigste und bitterste gefangengenommen. Wie
lange es ihm aber gefallen wird, in solcher Gefangenschaft zu verharren, das
weiß außer Gott niemand in der ganzen Unendlichkeit, auch die Engel nicht.
[GEJ.02_231,08] Aber das ist gewiß, daß nun
aus diesem verlorenen Sohne des Lichtes die Sondergeister durch die Macht
Gottes wieder erweckt und ins Fleisch als Kinder der Welt gesetzt werden, und
es ist ihnen, gleich wie den Kindern von oben, die Gelegenheit gegeben, sich
zur höchsten Vollendung der Kinder Gottes emporzuheben.
[GEJ.02_231,09] Alle Materie ist darum
Sondergeist, der als Seele in jedem einzelnen Menschen in ihrem Geiste zum
ewigen Leben wiedergeboren werden kann. Wenn aber aus der Materie einer Welt
alle Sondergeister herausgehoben sein werden, dann ist auch das volle Ende
einer solchen Welt ins Dasein getreten.
[GEJ.02_231,10] Das aber geht bei einer Welt,
wie diese Erde eine ist, freilich wohl so hübsch lange her, aber einmal kommt
dann dennoch das Ende herbei.“
232. Kapitel
[GEJ.02_232,01] (Der Herr:) „Es ist aber
dennoch einiges in der Materie, das sich nie völlig in einer Seele finden wird,
und dieses besteht in dem bekannten Hülsstoffe, in dem stets irgendeine
seelische Sonderpotenz eingeschlossen wird bis zu einer gewissen
Selbständigkeitsreife. Ist die seelische Sonderpotenz einmal zu einer gewissen
Reife gelangt, so zerreißt sie das Hülschen und vereinigt sich dann
augenblicklich mit andern schon frei gewordenen ähnlichen oder wenigstens wohl
entsprechenden freien Sonderpotenzen und schafft sich dann aus den
entsprechenden Elementen der Luft, des Wassers und des Erdreichs alsogleich
wieder irgendeine Umhülsung, wie ihr solches bei den Körnern der Pflanzen,
Bäume und Gesträuche, sowie für jedermann handgreiflich bei den Eiern der
Insekten, Vögel und endlich bei den Wassertieren usw. sehen könnt.
[GEJ.02_232,02] Das Hülstum ist stets nur
eine von der Gottesordnung ausgehende Willensfixierung und hat somit nichts in
und für sich seelisch Intelligentes, sondern ist bloß nur ein notwendiges
Mittel, durch das eine Seelenintelligenz sich wie aus sich selbst heraus in
solch ihrem Isoliertsein mit der Zeit zu einem wirklich völlig selbständigen
und freien Wesen ausbilden kann und auch wirklich ausbildet.
[GEJ.02_232,03] Die Materiewelt ist darum gut
zu zwei Dritteilen Seele, und ein Dritteil ist seelenlose Hülse als Träger des
zuerst sonderlichen und für weiterhin stets gesammelteren und endlich schon
ganz konkreten und reifen Seelenlebens. Die Hülsenmaterie oder der gefestete
Gotteswille ist darum auch eine Erlösungsanstalt, durch welche die durch den
Fall Satans mitgefallenen Sondergeister nach der bestehenden Ordnung wieder
jene vollkommen selbständige Freiheit erreichen können, – wenn schon natürlich
auf einem längeren Wege, als es die der ersten Periode gewesen wäre.
[GEJ.02_232,04] Aber da die Zeit Gott nicht
beirrt und sie Ihm auch niemals lästig wird, weil Er die vollste Erreichung in
der Realisierung Seiner großen Ideen stets wie gegenwärtig vor Seinen
allessehenden Augen hat – gleichviel, ob die Zeit kurz oder lange währt –, so
sind vor Gott tausend Jahre wie ein Tag oder wie ein Augenblick; und eine Erde
kann dann mehr Jahre bis zur vollen Entbindung aller ihrer in ihrer
Hülsenmaterie eingeschlossenen Geister vonnöten haben, als da wäre einer
unaussprechlich großen Zahl nach des feinsten Sandes in ihrem ganzen Wesen, so
ist solch eine Zeitendauer Gott gegenüber doch am Ende eben auch nichts mehr
als nur ein kurzer Augenblick.
[GEJ.02_232,05] Ja, Ich sage es euch, es gibt
im endlosen Schöpfungsraume schon etwelche Welten, die ihren Dienst vollaus
geleistet haben. Sie bestehen aber als Weltkörper dennoch fort und werden auch
fortbestehen als Träger der neuen freien Wesen, nur sind sie nun um vieles
reiner und gediegener und sind auch in ihrem Gefüge unwandelbar, gleichwie der
feste Gotteswille, der Seiner Weisheit und ewig gleichen Ordnung entspricht,
ebenfalls für ewig unwandelbar ist und sein muß, weil ohne solch eine
Festigkeit kein Wesen irgendeine Dauer haben könnte.
[GEJ.02_232,06] Denn wenn auch die Wesen nach
ihrer geistigen Vollendung ein vollkommen freies Sein haben, das vom Gottessein
ganz wie unabhängig dasteht, so würde solch eine wie selbständige
Unabhängigkeit aber dennoch keine Dauer nehmen und haben können, so diese nicht
schon von Ewigkeit her von Gott aus Seiner Ordnung heraus, und mit derselben
eins seiend, zum voraus festgestellt wäre. Diese Feststellung von Ewigkeit her
aber ist so ganz eigentlich für alle geschaffenen Wesen schon das, wodurch
jedem geschaffenen Wesen die ewige Dauer fortwährend verschafft und erhalten
wird.
[GEJ.02_232,07] Aus dem geht aber denn auch
nun wie von selbst hervor, daß da gar kein Ding, das irgend von Gott einmal ins
wie immer geartete Dasein gerufen worden ist, unmöglich je vergehen und
zunichte werden kann. Es kann wohl die Form verändern und aus einer minder
edlen in eine stets edlere übergehen, auch umgekehrt, wie wir solches beim
Falle der erstgeschaffenen Geister gesehen haben; aber vernichtet kann da
nichts mehr werden, was Gott einmal in irgendein Dasein gerufen hat. – Sage Mir
nun, Cyrenius, ist dir die Sache nun etwas klarer?“
233. Kapitel
[GEJ.02_233,01] Sagt Cyrenius: „Ja, Herr und
Meister, nun ist mir die Sache so klar, wie sie einem noch blöden Geiste in
seinem irdischen Sein nur immer klar sein kann. Daß ich dabei wohl um so
manches und wohl um gar vieles noch fragen könnte, das ist gewiß; aber ich sehe
es nun ein, daß das gar zu viele Wissen dem Menschen nicht einmal gut ist, denn
er wird dadurch wohl ein weiser Mensch, aber dafür kein absonderlicher
Tatmensch werden.
[GEJ.02_233,02] Mir kommt ein Mensch, der
zuviel Weisheit besitzt, vor, wie ein in allem wohlversorgter, reichster Mann
der Erde. Wozu sollte der noch die Erde bearbeiten, wozu die Ochsen spannen vor
den Pflug? Seine Schreine und Scheuern sind bis zum Giebel gefüllt, seine
Keller sind voll der besten Weine, und seine Gemächer strotzen von Gold,
Silber, großen Perlen und von den kostbarsten Edelgesteinen. Er sieht, daß da
eine weitere Mühe zur Bebauung der Erde eine Tollheit und Narrheit wäre; er
legt sich daher zur Ruhe und genießt sorglos seine großen Reichtümer.
[GEJ.02_233,03] Und wie gesagt, ein gleiches
Gesicht kann und muß am Ende ein Überweiser machen. Der noch in so manchem
Unkundige sucht und prüft und hat eine große Freude, wenn er irgendeine neue
Wahrheit aufgefunden hat; der Überweise aber kann nicht viel mehr auffinden und
ist darum offenbar notwendig träge geworden, während der Jünger in irgendeinem
Weisheitszweige emsig ist und beinahe Tag und Nacht forscht, um über eine etwas
mehr denn gewöhnlich verborgene Sache ins möglich klarste Licht zu kommen. Ich
weiß daher für jetzt in dieser Sphäre zur Genüge. Was mir aber noch mangelt,
das wird mich denn auch in der steten Tätigkeit erhalten. – Habe ich recht oder
nicht?“
[GEJ.02_233,04] Sage Ich: „Zuviel und zuwenig
taugt nicht viel, aber immerhin noch besser, etwas zuviel als irgend etwas
zuwenig; denn der einen Überfluß hat, der kann von solchem dann gar leicht
denen mitteilen, die irgendeinen Mangel haben, was solchen stets gut zustatten
kommen wird. Wer aber zuwenig hat, bei dem wird es dann mit dem Mitteilen wohl
sicher seine sehr geweisten Wege haben. Darum in der wahren Weisheit etwas
zuviel stets besser ist denn etwas zuwenig. Aber das sage auch Ich: Es wäre
sogar keinem Engel gut, so er gleich Gott allwissend wäre!
[GEJ.02_233,05] Doch dafür ist von Gott aus
auch schon gesorgt; denn sowenig ein Geist je die ganze Unendlichkeit Gott
gleich erfüllen wird, ebensowenig auch wird je eines noch so vollendeten
Geistes Weisheit alle die Tiefen der göttlichen Weisheit zu erforschen und zu
erfassen imstande sein. – Verstehest du auch das?“
[GEJ.02_233,06] Sagt Cyrenius: „O ja, das
verstehe ich, und es war dies schon von alters her ein Weisheitsspruch unter
uns Römern und war auch schon gang und gäbe bei den Griechen und Ägyptern, und
der Spruch lautete ganz kurz: Quod licet Jovi, non licet bovi, und ich meine,
daß dieser Spruch, obschon ein Eigentum der Heiden, wie sie von den Israeliten
benamset werden, auch ganz gut hierher taugt.
[GEJ.02_233,07] Gott gegenüber werden Mensch
und Engel wohl für ewig die lieben boves bleiben, und es ist das auch gut; denn
ich wenigstens wäre für eine zu große Weisheit durchaus nicht zu gebrauchen. Es
liegt ja in der Natur der Sache, daß jedes geschaffene Wesen am Ende allen
Lebensreiz verlieren müßte, so es in der totalsten Unendlichkeit nichts mehr
gäbe, was dem Menschengeiste nicht ebenso klar und bekannt wäre, wie einem
Hausherrn die Gemächer seines Wohnhauses.
[GEJ.02_233,08] Darum ist das wohl höchst gut
und überweise von Jehova eingerichtet, daß auch ein zwar allervollkommenster,
aber dennoch geschaffener Geist in aller seiner Weisheit der Weisheit Gottes
nie um ein Haarbreit näher kommen wird und näher kommen kann; denn was
unendlich ist, kann von der Endlichkeit ewig nimmer erreicht werden!
[GEJ.02_233,09] Aber lassen wir nun das; denn
darüber noch mehr Worte verlieren, wäre wahrlich sehr unnütz, da es noch eine
Menge anderer Dinge gibt, deren Enthüllung uns mehr not tut als die
Ausfertigung eines Maßstabes, mit dem der schwache Menschengeist die göttliche
Weisheit bemessen könnte. Die Liebe steht offenbar höher denn alle noch so hohe
Weisheit der Menschen und Geister.
[GEJ.02_233,10] Du sagtest ehedem, daß man
die alte Seelennarbe durch das neue Gesetz der Nächstenliebe völlig heilen und
sich dadurch von dem alten Erbübel ganz frei machen könnte, und es würde dann
das vollste Bewußtsein des wahren, ewigen Lebens mit aller Kraft und Klarheit
im Menschen wieder einkehren. Das wäre für den Menschen auf dieser Erde wohl
der größte Gewinn; denn erst dadurch würde der Mensch ganz Mensch sein und
würde auf der Erde schon im irdischen Leben entschieden Großes und Herrliches
zu leisten imstande sein.
[GEJ.02_233,11] Mit dem die arme Menschheit
stets quälenden Gefühle des sicheren Sterbens und Verschwindens vom Schauplatze
des Lebens muß der Mensch am Ende allen Mut für eine höhere Tat verlieren, oder
er muß sich am Ende in alle die tollen Weltergötzlichkeiten stürzen, um dadurch
den Gedanken an den einstigen sicheren Tod zu verscheuchen und so das
vergängliche Leben genießen, als wäre es ein ewiges. Es ist demnach von
höchster Wichtigkeit, daß dem Menschen ein solches Gebot gegeben werde, durch
dessen Beachtung er das einstige durch Adam verlorene Paradies in sich wieder
finden und für ewig bewahren kann. Das Gebot der echten und wahren
Nächstenliebe soll uns das Verlorene wiederbringen.
[GEJ.02_233,12] Aber da fragt es sich sehr,
wie man solch ein allerwichtigstes Gebot der Ordnung Gottes gemäß zu beachten
hat, um dadurch den großen von Dir verheißenen Zweck – sage – sicher und nicht
halb, sondern ganz zu erreichen.“
[GEJ.02_233,13] Sage Ich: „Das ist von dir
aus wahrlich eine gute und wahre Bemerkung, und Ich werde dir darüber eine
richtige Antwort geben; aber vorerst wollen wir unsern alten Hausmann Markus
auch einmal anhören, was er für Begriffe vom Nächsten hat, dem man alle Liebe
zuwenden soll. Darauf erst werde Ich dann euch die volle und wahre Antwort mit
der rechten Erläuterung darüber geben. Und so sage uns, du lieber Markus, wen
nach deiner Ansicht man so ganz wahrhaft für seinen Nächsten halten solle und
soll ihm erweisen alle Liebe in der Tat!“
234. Kapitel
[GEJ.02_234,01] Sagt der alte Markus: „Herr,
ich bin von allem dem, was ich nun mit meinem Hause vernommen habe, so durch
und durch ergriffen, daß ich nun beim besten Willen aber auch nicht ein
vernünftiges Wörtlein hervorzubringen imstande wäre, geschweige zu bestimmen,
wer mir gegenüber ein rechter Nächster ist.
[GEJ.02_234,02] Natürlich wäre allerdings der
mein Nächster, der meinem Leibe am nächsten stände, und so er einer Hilfe
bedürftig wäre, müßte ich sie ihm geben. Wieder wären meine Nachbarn die
Nächsten; wenn sie mich angingen um eine Hilfe, müßte ich sie ihnen nicht
vorenthalten. Also sind auch mein Weib und meine Kinder meine Nächsten, und ich
muß sorgen für ihr leibliches und geistiges Wohl und Fortkommen.
[GEJ.02_234,03] Als ich noch ein Krieger war,
da waren auch meine Kameraden meine Nächsten, und es war meine Pflicht, ihnen
im Falle der Not eine Hilfe zu leisten. Anderseits ist auch wieder jeder
Mensch, welcher Religion er auch angehöre, im Falle der Not mein Nächster, und
ich soll an ihm nicht vorübergehen, so er meiner Hilfe bedarf oder mich sich
zur Hilfe begehrt.
[GEJ.02_234,04] Ja, ich meine, daß man sogar
einem Haustiere die Hilfe nicht versagen soll, wenn demselben etwas fehlt. Kurz
und gut, wie ich in meinem beschränkten Hausverstande mir's vorstelle, der
Mensch soll so schön fein Gottes Regierung nachahmen und in seinem Tun und
Lassen denn doch auch seine Sonne über alle Kreatur leuchten lassen, so wie
auch Gott Seine Sonne über alle Kreatur leuchten läßt.
[GEJ.02_234,05] Freilich kann der Mensch als
ein höchst beschränktes Wesen Gott seinen Schöpfer nur eben auch höchst
beschränkt nachahmen; aber weil er schon die Ähnlichkeit Gottes in sich trägt
oder eigentlich nach dem Ebenmaße Gottes erschaffen ist, so soll er auch das in
sich vollends ausbilden, wozu ihm alle die Fähigkeiten verliehen worden sind. –
Das ist so meine Ansicht, und Du, o Herr, aber wirst uns allen eine richtige
Erklärung geben; denn ich höre Dein Wort tausend Male lieber, als ich selbst
rede. Darum rede Du, o Herr, weiter – vorausgesetzt, daß Du in dieser Nacht
noch etwas reden willst!“
[GEJ.02_234,06] Sage Ich: „Ja, Ich werde
reden, obschon die Mitte der Nacht herbeigekommen ist; aber nun machen wir
einen kleinen Ruhepunkt und horchen, ob sich vom Meere her kein Hilferuf
vernehmen läßt!“
[GEJ.02_234,07] Bald auf diese Meine
Bemerkung vernahm man vom Meere herüber einen Lärm, aus dem eine Menge von
Menschenstimmen sehr wohl vernehmbar waren. Markus und seine Söhne fragten Mich
eiligst, ob sie da hinaussollten zur Hilfe allfälliger Unglücklicher, die
vielleicht mittels eines schlechten Fahrzeuges den Mitternachtswind zu bestehen
haben würden, oder einen Wirbel, der sich vor der großen Bucht gerne ergibt.
[GEJ.02_234,08] Sage Ich: „Es ist ein
schlechtes Fahrzeug voll junger Leviten und Pharisäer. Sie kommen von der
Gegend Kapernaums und Nazareths und sind auf dem Wege nach Jerusalem. Sie haben
den Weg zu Wasser dem trockenen Wege vorgezogen, weil er fürs erste näher und fürs
zweite nicht so beschwerlich ist; aber sie bekamen in Sibarah nur ein schon
ziemlich leckes Fischerboot, und es geht ihnen, da sich ein ziemlich starker
Mitternachtswind erhoben hat, nun schlecht, – und so ihnen nicht zu Hilfe
geeilet wird, da dürften sie wohl untergehen!“
[GEJ.02_234,09] Sagt Markus: „Herr, wahrlich,
um die ist kein Schade, so sie den lieben Fischen zur Speise werden! Da möchte
ich mir mit dem Zuhilfekommen fast ein wenig Zeit lassen. Aber wenn Du es
willst, so soll ihnen dennoch Hilfe gebracht werden.“
[GEJ.02_234,10] Sage Ich: „Sagtest du doch
selbst sehr richtig, der nach dem Ebenmaße Gottes geschaffene Mensch soll
zufolge der ihm dazu verliehenen Fähigkeiten Gott in allem ähnlich zu werden
trachten und soll auch seine kleine Sonne, die er im Herzen trägt, über alle
Kreatur leuchten lassen und den als seinen Nächsten – ob er Feind oder Freund
ist – ansehen, der sich in einer großen Not befindet und einer Hilfe bedarf!
[GEJ.02_234,11] Siehe, deine Worte sind recht
und wahr, darum du auch danach handeln sollst, ansonst die Wahrheit noch lange
nicht lebendig in dir zu Hause wäre! Denn die pure Wahrheit nützt dem Menschen
fürs ewige Leben wenig oder nichts, solange er sie in sich nicht durch die Tat
lebendig gemacht hat. Hat er aber das getan, so kommt dann das Licht des ewigen
Lebens in Strömen und erleuchtet alle Wirrwinkel der Menschenseele, wie am
hellen Mittage die Sonne in alle noch so tiefen Täler und Gräben ihr Licht
spendet, sie erwärmt und dadurch mit ihrem Leben erfüllt. – Tue darum nun, was
du willst!“
[GEJ.02_234,12] Sagt Markus: „Also nur
schnell zur Hilfe, und trüge das morsche Schiff lauter Bären, Tiger, Löwen und
Hyänen!“
[GEJ.02_234,13] Sogleich lief der alte Markus
mit seinen Söhnen ans Ufer und bestieg auch sogleich ein gutes und ziemlich
großes Fischerboot und ruderte hinaus an die Stelle, von wo der Ruf nach Hilfe
immer gellender ward.
235. Kapitel
[GEJ.02_235,01] Als Markus in wenigen
Augenblicken an das dem Untersinken schon sehr nahe gekommene Boot kam, hieß er
die Unglücksbedrohten schnell in sein Boot übersteigen, nahm das morsche
Sibaraher Boot ins Schlepptau und erreichte sogestaltig bald das Ufer. Der
Geretteten aber waren bei dreißig an der Zahl.
[GEJ.02_235,02] Als sie gerettet im Trockenen
waren, so fragten die Leviten denn auch gleich, welchen Lohn der Lotse für
seine Mühe verlange, da sie erkannten, daß er ein alter Römer sei. Einen Juden
hätten sie sicher nicht gefragt; denn der hätte sich es noch für eine große
Gnade halten müssen, daß ihn Jehova dadurch würdigte, daß Er durch ihn Seine
Diener von einer Gefahr habe erretten lassen. Denn Jehova würde solches dann
und wann bloß nur der Menschen willen zulassen, damit sie dadurch eine
Gelegenheit bekämen, ihre Festigkeit im Glauben und ihre unerschütterliche Anhänglichkeit
an den Tempel zu zeigen, der da sei eine alleinige rechte Gotteswohnung auf
Erden, wie sonst keine in Ewigkeit.
[GEJ.02_235,03] Aber Markus sagte: „Wenn ich
auch ein alter Römer bin, so kenne ich dennoch den wahren Gott besser, denn ihr
alle Ihn kennt; denn“, sagte er weiter zu den Geretteten, „kennet ihr Gott,
fürwahr, ihr wäret weder Leviten noch Pharisäer, sondern ihr wäret Menschen!
Aber weil ihr eben Den nicht im geringsten kennet, dessen Diener ihr euch zu
sein dünket, so sage ich es euch: Verflucht sei der, der seinem Bruder in der
Not half und darum einen Lohn verlangt! Denn Gott läßt nie eine gute Tat, die
wir in Seinem Namen ausgeübt haben, unbelohnt. Belohnt uns aber Gott, der
allein jeden Menschen wahrhaft belohnen kann, wie und weshalb sollten wir da
dann noch von uns gegenseitig einen Lohn verlangen? Ihr aber seid darum
allesamt schlechte Diener Gottes; denn ihr saget es, daß ihr Gott dienet,
nehmet aber dafür von den armen Menschen einen oft unerschwingbaren Lohn.
[GEJ.02_235,04] Darum lernet es nun von mir,
einem ergrauten Krieger des mächtigen Roms, wie man dem wahren und ewig
lebendigen und allmächtigen Gott zu dienen hat, so man von Ihm angesehen und
belohnt werden will!
[GEJ.02_235,05] Darum nehme ich auch nie einen
Lohn von einem Menschen, dem ich in einer Bedrängnis Hilfe geleistet habe. Habe
ich aber für mich und mein Haus gearbeitet, so nehme ich auch den geziemenden
Lohn für meine Mühe und lasse mir meine Fische, die ich zu Markte bringe, nach
Recht und Billigkeit bezahlen. Wollet ihr aber hier etwas zum Essen und Trinken
haben, so werde ich mir solches von euch wohl nach Recht und Billigkeit
bezahlen lassen.“
[GEJ.02_235,06] Sagen die Geretteten:
„Wahrlich, aus deiner Rede gehet hervor, daß du ein Jude und kein Heide bist;
denn so wahrheitstüchtig haben wir noch nie irgendeinen Heiden reden hören. Oh,
wir werden dir darum ewig keinen Gram bezeigen. Wir sind auch nicht gar so
stockfest mit all dem einverstanden, was du mit Recht an uns tadelst und
verwirfst; aber wir sind denn nun einmal schon in dem Strome und müssen
wenigstens im Angesichte des Tempels mit demselben schwimmen. Hätten wir irgend
andere Aussichten, so kehrete kein Mensch dem Tempel eher den Rücken als wir;
denn wir glauben, daß Gott nirgends weniger ist als in unserem Tempel. Aber was
wollen wir und was können wir dagegen tun? Oh, wir sehen es so gut wie du, nur
zu gut ein, daß der Tempel zu Jerusalem nunmehr nichts anderes ist als eine
großartige Betrugsanstalt, hinter der kaum mehr eine wahre Silbe, geschweige
irgendein wahres Wort mehr besteht; aber diese Anstalt ist nun von der großen
Macht Roms sanktioniert, und da läßt sich dann nichts mehr dagegen tun.
[GEJ.02_235,07] Gibt es noch irgendeinen
wahren und allmächtigen Gott, so wird Er solch einem Unfuge wohl ohnehin bald
ein glorreiches Ende machen; gibt es aber keinen wahren Gott, und ist alles,
was wir kennen und wissen, nichts weiter als eine pure alte Dichtung und Fabel,
nun, so dichten und fabeln wir denn auch mit, und die Welt, die ohnehin den
Betrug lieber hat als die Wahrheit, ist damit vollkommen zufrieden, und wir
können da weder von uns noch von der blinden Welt unmöglich mehr verlangen.“
[GEJ.02_235,08] Sagt Markus: „Ihr seid wohl
schöne Helden und schöne Menschen! Epikur ist euer Lehrer, wenn auch nicht in
der Person, weil er schon hübsch lange das Zeitliche mit dem Ewigen vertauscht
hat; aber desto mehr faktisch nach seiner Freßphilosophie. Saget darum, ob ihr
etwas essen und trinken wollt, und es soll eurem Wunsche gewillfahrt werden!“
[GEJ.02_235,09] Fragt einer: „Was hast du
denn dort neben deiner Behausung noch für wache Gäste? Denn es dürfte nun wohl
schon um die Mitternachtsstunde sein – und noch so viele Gäste vor deinem
Hause? Sind das vielleicht auch Gerettete? Denn das Meer geht heute sehr hoch
ohne irgendeinen besonderen Wind.“
[GEJ.02_235,10] Sagt Markus: „Jene Gäste
gehen euch wenig an und sind zu hohe römische Herrlichkeiten, als daß ihr euch
zu ihnen hinwagen dürftet. Kurz, euer Charakter steht zu tief unter dem jener
Gäste. Unter anderen ist auch der Hauptmann Julius von Genezareth dort
anwesend, so ihr etwa mit ihm etwas zu reden habt, so kann ich ihn zu euch
hierher bescheiden.“
[GEJ.02_235,11] Als die jungen Leviten und
Pharisäer den Namen hörten, erschraken sie gewaltigst und baten den Markus, daß
er sie nur mit diesem verschonen möchte; denn der sei kein Mensch, sondern ein
unerbittlichster Teufel. Denn es waren hier etliche darunter, denen der Julius
erst vor etlichen Tagen in Genezareth mit Lehm Augen und Ohren hatte verstopfen
und sie dann unter militärischer Begleitung gen Kapernaum hatte befördern
lassen. Sie überkam darum auch ein so gewaltiger Schreck, weil sie dachten,
Julius werde ihnen solches wieder antun.
[GEJ.02_235,12] Aber Markus sagte zu ihnen:
„Hier habt ihr nichts zu befürchten außer eine Revision der Wanderscheine, auf
die bekanntermaßen die Römer überhaupt sehr strenge sind.“
[GEJ.02_235,13] Sagte einer aus der Zahl der
Leviten: „Da ist eigentlich für uns der Stein des Anstoßes. Der Tempel will sich
dieser römischen Anordnung noch immer nicht fügen, und wir unteren Diener des
Tempels kommen darum in tausenderlei Verlegenheiten, die uns dann kein Mensch
mehr vergütet, der Tempel nicht und jemand anders auch nicht, und doch müssen
wir, vom Tempel aus bemüßigt, allerlei Bereisungen machen von einem Weltende
zum andern; und leiden wir irgend Schaden, so wird er uns von keiner Seite her
vergütet.
[GEJ.02_235,14] Wohl sind wir Kinder reicher
Eltern, ansonst uns der Tempel sicher nicht in seine Dienste gelockt hätte. Nun
aber sind wir schon einmal verdammt in die Gesetze der Mauern und können uns
daraus nicht mehr losmachen. Die Folge davon ist, daß wir nun die eigentlichen
Sündenböcke für die ganze Welt abgeben müssen. Wir sind nun einmal im Joche der
wahren Weltverdammnis. Mache uns davon los, wenn du solches vermagst! Auf der
einen Seite unsere zelotischen (glaubenseifrigen) Eltern und Verwandten, auf
der andern Seite das eiserne Muß des Tempels. Da bewege sich einer frei, der da
mag und will, wir aber können es nicht!“
[GEJ.02_235,15] Sagt Markus: „Wißt ihr was?
Nach euren Worten taugt ihr doch nahehin für die Gesellschaft dort vor meinem
Hause. Kommet nun mit mir, und ich werde ein gut Wörtlein für euch einlegen!
Vielleicht rette ich euch doch aus dem Rachen des Tempels, der nach eurer
Aussage gar so ,menschenfreundlich‘ um euch, seine Diener, besorgt ist.“
[GEJ.02_235,16] Sagen die Geretteten: „Wäre
alles wohl schön und recht, wenn der Julius nicht anwesend wäre; denn wir haben
keine Wanderscheine.“
[GEJ.02_235,17] Sagt Markus: „Nun, so wird er
euch welche verschaffen.“
[GEJ.02_235,18] Sagen die Geretteten: „Das
sicher; aber was für welche!“
[GEJ.02_235,19] Sagt Markus: „Kommt und
folget mir! Die Wanderscheine werden besser ausfallen, als ihr meint; denn der
Julius ist, wie ich, ein Freund von offenen Gemütern.“
[GEJ.02_235,20] Auf dieses Zureden von seiten
des alten Markus und seiner beiden Söhne lassen sich endlich die Geretteten
doch bewegen mitzugehen, und Markus führt sie etwas weilenden Schrittes recht
frohen Mutes zu uns.
236. Kapitel
[GEJ.02_236,01] Als die ganze Gesellschaft
bei uns anlangt, wird ihr alsbald Platz gemacht, so daß sie an einem an den
unsrigen anstoßenden Tische recht wohl Platz hat.
[GEJ.02_236,02] Markus kommt darauf zu Mir
und fragt Mich, ob er den Geretteten Salz, Brot und Wein vorsetzen solle.
[GEJ.02_236,03] Sage Ich: „Frage sie und dein
Herz, ob sie etwas verlangen, und ob dein Herz völlig zu geben bereit ist!
Verlangen sie, und dein Herz will geben, so gib! Denn siehe, auch das ist eine
Hauptregel der wahren Nächstenliebe! Der Nächste muß verlangen, entweder durchs
vernehmbare Wort, durch Hilferuf, oder im schlimmsten Falle durch leicht
ersichtliche stumme Not, und dein Herz muß alsogleich aus Liebe fest wollen,
danach tätig zu sein; dann ist die Nächstenliebe wahrhaft in der göttlichen
Ordnung ausgeübt worden, und die Wirkung davon für die Seele und für den Geist
des Gebers wird da nicht unterm Wege verbleiben. – Verstehst du solches?“
[GEJ.02_236,04] Sagt Markus: „Ja, Herr, ich
verstehe es nun vollkommen und werde nun alsogleich solcher Deiner Belehrung
nachkommen.“
[GEJ.02_236,05] Sage Ich: „Gehe, aber mache
Mich nicht ruchbar bei ihnen! Man darf ihnen noch nicht zuviel trauen; denn in
ihrem Herzen wohnt noch tiefe Nacht, und ihre Seele fasset noch lange keine
Wahrheitstiefe.“
[GEJ.02_236,06] Darauf begibt sich Markus
schnell zu den Geretteten hin und fragt sie, ob und was sie nun zur Stärkung
ihres Leibes benötigen werden.
[GEJ.02_236,07] Sagt einer: „Freund, wir sind
zwar hungrig und durstig; aber unser ganzes Vermögen besteht nunmehr nur in
neun roten Groschen. Dafür wird sich wahrlich hier in dieser bekannt brotarmen
Gegend sicher nicht viel herrichten lassen. Kannst du uns aber dafür doch etwas
Erkleckliches geben, so gib es uns, und wir wollen dir die neun Groschen
darreichen!“
[GEJ.02_236,08] Sagt Markus: „Wenn es um euch
also steht, so bedarf es auch der neun Groschen nicht, und ihr werdet dennoch
zur Genüge zu essen und zu trinken bekommen.“
[GEJ.02_236,09] Hierauf ruft Markus sogleich
sein Weib und seine Kinder und schafft ihnen, diese neuangekommene Gesellschaft
mit Brot und Salz und Wein bestens zu versorgen; denn sonst wäre nun in der
Mitternachtszeit wohl nicht leichtlich etwas zu haben. Am Morgen werden sie dann
schon besser versorgt werden. Sogleich wird das Geschaffene herbeigebracht, und
die Geretteten greifen wacker zu und loben das Brot und den Wein über die
Maßen.
[GEJ.02_236,10] Einige sagen: „Das ist ein
ägyptischer Königswein.“ Andere halten ihn persischer Abkunft. Einer aber
meint, daß dies ein echter Römerwein sei.
[GEJ.02_236,11] Markus aber sagt: „Keines von
allem, sondern der Wein ist hier gewachsen.“ – Darüber verwundern sich alle
sehr; denn es war bekannt im ganzen Judenlande, daß in Galiläa der schlechteste
Wein zu Hause war.
[GEJ.02_236,12] Nach ziemlichem Genusse des
Weines aber ward die neu angekommene Gesellschaft so ziemlich lebendig und fing
an – wie man zu sagen pflegt –, mit der Wahrheit auszupacken, ohne sich zu genieren
vor uns, die wir in ihrer nächsten Nachbarschaft uns befanden.
[GEJ.02_236,13] Julius, der nun ganz knapp an
ihrem Tische saß, fragt einen jungen Pharisäer, so mehr scherzweise als irgend
ernstlich, ob er – der Pharisäer nämlich – nicht auch in Genezareth etwas zu
tun habe.
[GEJ.02_236,14] Sagt der Befragte: „Herr, wer
du auch sein magst, ob ein Cäsaräer oder ein Genezarether, das ist mir nun
gleich; aber dieses Loch von einer Stadt ist sogar für den Teufel zu schlecht,
geschweige für einen ehrlichen Menschen von meiner Art! Mich sieht dies Nest in
meinem ganzen Leben sicher zum zweiten Male nimmer. Dort haust ein gewisser
römischer Hauptmann Julius. Das ist genug; denn mit diesem Namen ist schon
alles, was nur immer des Satans sein kann, gesagt. Wer aus der Zahl der
Sterblichen sich je dem genaht hat, der hat auch den Satan persönlich
kennengelernt. Seine Person habe ich zwar noch nie irgendwo zu Gesichte
bekommen; aber seine Befehle habe ich verkostet und schließe daraus, daß seine
Persönlichkeit auch seinen unmenschlichsten Befehlen auf ein Haar ähnlich sein
wird.
[GEJ.02_236,15] Jener Julius scheint ein
abgesagter Feind der Bewohner von Jerusalem zu sein, ansonst es denn doch nicht
möglich sein sollte, gar so barbarisch und echt satanisch unbarmherzig mit
Menschen unserer Art zu verfahren!
[GEJ.02_236,16] Es ist wohl wahr, daß man
besonders den Templern eben nicht sehr gewogen sein kann, so man hinter ihre
Tücken, Schliche und allerlei Betrügereien gekommen ist; aber man muß doch auch
überall eine Ausnahme machen und erst dann irgendein Urteil richten, so man
zuvor alle Verhältnisse genau abgewogen hat, unter denen irgendein Mensch einem
Kollegium angehört. Hat der Mensch dasselbe frei gewählt, nun da kann man dann
wohl mit Recht sagen: Volenti non fit iniuria. Aber wie viele gibt es oft als
Mitglieder eines wenn an und für sich auch noch so lumpig schlechten
Kollegiums, die dazu wider ihren Willen gezwungen worden sind.
[GEJ.02_236,17] Ist man ein ehrlicher
Richter, der Herz und Kopf am rechten Flecke hat, so untersuche man zuvor, ob
unsereins freiwillig oder gezwungen zum traurigen Mitgliede eines solchen
Kollegiums ward! Ist man ein Freiwilliger, dann kann man für jede ausgeübte
schlechte Vorschrift von seiten eines solchen ärgerlichen Kollegiums sicher mit
allem Rechte gezüchtigt werden. Ist man aber, wie es bei unsereinem der Fall
ist, ein sozusagen mit glühendem Eisen dazu Gezwungener und muß durch den
gleichen Zwang die argen Vornahmen des Kollegiums in Vollzug bringen, so sollte
man denn doch anders behandelt werden als ein freiwilliger schlechter Lump.
[GEJ.02_236,18] Es wird zum Beispiel ein
überaus ehrlicher, junger und kräftiger Mensch von Räubern und Mördern
überfallen und in die Höhle der Räuber gebracht. Dort werden ihm die
martervollsten Todesarten vorgehalten, so er als ein kräftiger Mensch nicht ein
Miträuber und Mörder werden wolle. Jeder noch so leise anscheinende Versuch zum
Entfliehen wird schon mit einem martervollsten Tode bestraft.
[GEJ.02_236,19] Es geschieht aber, daß solch
eine Räuber- und Mördergesellschaft vom strafenden Arme der Gerechtigkeit
erreicht und zur Strafe gezogen wird. Ist es da recht, wenn der junge Mensch
nun das Los derer teilen muß, die ihn mit glühenden Eisen zu einem Miträuber
gemacht haben? Solch einen Unglücklichen sollte man nur nach aller Möglichkeit
und nach allen Seiten hin zu retten suchen, nicht aber am Ende ohne alles
Erbarmen ihn, gleich den wirklichen Missetätern, ans Kreuz hängen und ihm die
Beine zerschlagen. Gerichtet und verdammt ist bald und leicht, besonders für
den, der das Schwert und die Macht in seinen Händen hat; aber wie, – das ist
eine ganz andere Frage!
[GEJ.02_236,20] Nach meinem Gefühle wäre es
noch immer besser, so man zehn wirkliche Lumpen, deren Schuld man aber nicht
völlig hat erweisen können, laufen ließe, als daß man einen solchen verurteilt,
wie ich ihn in meinem Beispiele angeführt habe; denn solch ein Urteil scheint
die allerhimmelschreiendste Versündigung an den heiligsten Rechten der
Menschheit zu sein! Wenn es schon strafbar ist, so man einen glücklichen
Menschen so ein wenig nur unglücklich macht, wie ungeheuer strafbar muß es dann
erst dort sein, wo man einen ohnehin schon ohne sein Verschulden
allerunglücklichsten Menschen noch unglücklicher macht, anstatt daß man als Mensch
doch alles aufbieten sollte, ihn aus seinem ersten, höchst unverschuldeten
Unglücke nach Möglichkeit zu erretten!
[GEJ.02_236,21] Und siehe, Freund, beinahe um
kein Haar besser geht es mit uns jungen Templern. Auch wir sind als Söhne
wohlhabender Eltern mit Gewalt dem Tempeldienste geweiht worden, ohne
eigentlich dem Stamme Levi der Geburt nach anzugehören; denn solch eine Geburt
kann man jetzt ums Geld haben, wie oft man sie will.
[GEJ.02_236,22] Wir sind nun einmal Leviten
und können uns von diesem lieben Stande beim allerbesten Willen von der Welt
nimmer losmachen. Ja, wir könnten zwar für uns wohl entfliehen und könnten als
kräftige junge Männer dem Soldatenstande Roms uns anschließen; aber dann hätten
wir damit auch den Stab alles Verderbens über unsere Eltern und Geschwister
gebrochen, und sie rettet kein Gott vor dem herrlichen Genusse des verfluchten
Wassers. Wer aber dieses scheußliche Giftwasser hat zu trinken bekommen, ist
noch allzeit gestorben, und das auf die schmählichste und schmerzlichste Art
von der Welt.
[GEJ.02_236,23] Man erzählt uns wohl, daß vor
ungefähr dreißig Jahren ein Menschenpaar aus Galiläa nach dem Genusse des
Satanswassers nicht gestorben sei. Möglich, – aber wir waren nicht zugegen!
[GEJ.02_236,24] Wer nun unsere Lage von solch
einem Standpunkte aus betrachtet und uns dann gleich andern gemeinsten
Menschenbestien behandeln kann, der hat ganz verdammt wenig Anspruch auf die
Ehre, ein Mensch zu sein, zu machen! Da scheint das hochtrabende römische ,Fiat
iustitia, pereat mundus!‘ eben nicht gar weit her zu sein.
[GEJ.02_236,25] Ich und noch einige von
unserer diesmaligen armseligen Gesellschaft aber sind eben in Genezareth ohne
all unser Verschulden von dem gewissen Hauptmann Julius auf eine Weise
behandelt worden, wie man kein reißend Vieh ärger behandeln kann, und es wird
daher begreiflich sein, warum wir für alle Zukunft diesen Ort, den der Julius
beherrscht, wie die ärgste Pest meiden werden!“
237. Kapitel
[GEJ.02_237,01] Sagt inzwischen Julius: „Hm,
sonderbar von dem Manne, der sonst doch allgemein den verdienten Ruf eines
vollkommen streng ehrlichen und vollrechtlichen Mannes besitzt!? Aber kannst du
mir denn so mutmaßlicherweise zum wenigsten sagen, was da Julius für einen
Grund haben mochte, daß er sich gegen euch so strenge erwies? Denn eine
ungerechte Sache muß sich denn doch noch immer irgend wieder gutmachen lassen,
ansonst es mit allen gesellschaftlichen Verbänden auf dieser Erde für immer ein
volles Ende hätte!“
[GEJ.02_237,02] Sagt der junge Pharisäer:
„Oh, Gründe kann er mehrere gehabt haben; aber sie reduzieren sich am Ende alle
darauf hin, daß man vor der Welt durch argen Zwang gar leicht ein Verbrecher
oder zum wenigsten ein irgendeines Verbrechens verdächtiger Mensch sein kann,
ohne es aus sich freiwillig zu sein! Sagt ihr doch in eurem Gesetze, daß zu
irgendeiner schlechten und darum strafbaren Tat ein entschieden freier böser
Wille erforderlich sei, was erwiesen werden muß; ansonst müßte man am Ende auch
den ans Kreuz heften, der durch einen Zufall vom Dache fiel und durch diesen
Fall ein unter dem Dache ruhendes Kind erschlug und tötete!
[GEJ.02_237,03] Wir jungen Pharisäer und
Leviten werden nun allzeit vom Tempel aus sicher aller ehrlichen Welt gegenüber
kaum je in einer respektablen Absicht abgesandt; ja wir tragen oft geheim so
elende Tempelabsichten hinaus zu den harmlosen Menschen in die Welt, daß wir
sie selbst offenbarst im tiefsten Grunde unseres Herzens verachten müssen! Aber
was nützt alles das?
[GEJ.02_237,04] Wir gleichen da den Kriegern,
die von ihren Feldherren genötigt, in ein Land als Feinde eines in sich ganz
ruhigen Volkes einfallen und alles verheeren, bloß irgendeines geheimen
feldherrlichen Zweckes wegen, von dem der gemeine Krieger vielleicht die Zeit
seines ganzen Lebens hindurch keine Kenntnis bekommt; er muß als eine Maschine
handeln, die höchstens, wenn sie zum Weiterhandeln untüchtig geworden ist, in
irgendeinen stummen Ruhestand gesetzt wird.
[GEJ.02_237,05] Ich aber meine, wenn der
Tempel mit seinen ruchlosen, geheimen Absichten eine den Römern sicher schon zu
wohl bekannte Anstalt ist, von der aus Verbrechen über Verbrechen begangen
werden, dem Staate so gut wie aller Menschheit gegenüber, so sollten
dergleichen gerechte Juliusse das Übel gleich lieber von der Wurzel ausrotten
und sich nicht stets an den Zweiglein vergreifen, die bei Gott nicht dafür
können, daß sie von einem so schlechten Stamme ins Dasein getrieben worden
sind! – Das ist so meine und unser aller, wie wir hier sind, Ansicht. Mache du
daraus nun, was du willst; aber ich habe recht vor Gott und allen recht und
billig denkenden Menschen!“
[GEJ.02_237,06] Fragt abermals Julius,
sagend: „Das ist alles gut und wahr, und es ist euch in Genezareth offenbar
Unrecht geschehen, das euch vergütet werden wird. Es wäre euch aber auch nicht
so hart begegnet worden, wenn ihr in das Haus des dortigen Gastwirtes Ebahl
nicht gar so diktatorisch gedrungen wäret! Aber lassen wir nun das; denn auch
zu solch einem Benehmen könnet ihr vom Tempel aus die gemessensten Weisungen
haben. Aber ich möchte von dir nun denn doch so als Freund jeder guten Sache in
Erfahrung bringen, in welcher Absicht ihr denn so ganz eigentlich vom Tempel
aus nach Nazareth und Kapernaum beordert worden seid.“
[GEJ.02_237,07] Sagt der Befragte: „Indem du
nun durch mein sicher rückhaltlosestes Bekenntnis wirst gesehen haben, daß wir
in unseren Herzen nicht im geringsten das sind, als was wir, besonders von den
Römern, angesehen werden, so kann ich dir, der du ein Freund alles Guten und
Wahren zu sein scheinst, ja auch den geheimen Grund näher bezeichnen. Sieh, es
ist in Jerusalem und ganz besonders im Tempel überaus ruchbar, daß sich in
Galiläa ein Mann herumtreibt, der eine neue, antijüdische, eigentlich
antitemplische Lehre verbreitet, viele und große Zeichen zur Bekräftigung
seiner Lehre verübt, so daß bereits bekanntermaßen sogar alte und sonst
nagelfeste Pharisäer sich zu seiner Lehre bekennen!
[GEJ.02_237,08] Daß solch ein Mann vom Tempel
aus wohlweisen Gründen nicht mit freundlichen Augen angesehen wird, kannst du dir
wohl denken. Nun sind wir bloß zu dem Behufe unter Eid genommen und dann
abgesandt worden, um zu eruieren, ob und was es denn so ganz eigentlich mit dem
fraglichen Manne für eine Bewandtnis habe. Fänden wir ihn, so sollten wir ihn
entweder für den Tempel zu gewinnen suchen oder ihn im Widerstrebungsfalle so
klamm (heimlich) von dieser Welt in die andere befördern. – Nun, das war so
ganz kurz gefaßt die hohe Absicht des Tempels, deren harmlose und total
unschuldige Träger wir waren.
[GEJ.02_237,09] Es versteht sich aber
übrigens von selbst, daß der bewußte, sicher höchst ehrliche, gute Mann von uns
nie etwas zu befürchten gehabt hätte; denn hätten wir ihn auch gefunden, so
wäre ihm von uns aus kein Haar gekrümmt worden.
[GEJ.02_237,10] Wie wir vielseitig erfahren
haben, soll er im Ernste ein außerordentlicher Mensch sein, voll Wahrheit,
Ehrlichkeit, Güte und Biederkeit, – Eigenschaften, die wir an jedermann noch
stets über alles zu schätzen und zu achten verstehen. Kurz, hätten wir ihn auch
irgendwo getroffen und gefunden, so hätte davon von uns aus der Tempel sicher
nicht eine Sterbenssilbe erfahren; denn aufs sogenannte Maulhalten verstehen
wir uns. Auch für den Tempel hätten wir ihn nie zu gewinnen gesucht; denn den
Tempel und seine Niederträchtigkeiten kennen wir wie nicht leichtlich jemand
anders. Wären wir aber in unseren Herzen auch des eigentlichen
Tempelgelichters, so würden wir hier trotz des ein bißchen genossenen Weines
nicht so offen mit dir reden.
[GEJ.02_237,11] Wir aber haben eine geheime
Absicht, abgesehen von allem, was darum unsere Weltverwandten alles um
unsertwillen werden zu gewärtigen haben, nun dem Tempel zu entwischen; denn es
ist im selben durchaus nicht mehr zu bestehen. Wir sind darum auch
hauptsächlich nächtlicherweile übers Wasser in diese Gegend gekommen, um von da
irgend nach Tyrus oder Sidon zu gelangen und uns dort dem Cyrenius vorzustellen
und ihm, der einer der weisesten Männer sein soll, unsere Not vorzutragen. Es
ist aber die Meinung des größten Teiles von uns, daß wir zuvor dennoch nach
Jerusalem auf einem möglichst kürzesten und von Ungemach freiem Wege gelangen
und alldort sehen sollten, von unseren Verwandten wegen einer vorgeschützten
frommen Geschäftsreise, im Interesse des Tempels natürlich, ein Geld zu
bekommen, mit dem wir dann leicht eine Reise nach Tyrus und Sidon, oder am Ende
gar nach Rom selbst, unternehmen könnten zur Erreichung unseres Zweckes.
Zugleich aber müssen wir zu dem Behufe uns auch ordentliche Wanderscheine
verschaffen, ohne welche man in dieser Zeit schwer anstandslos weiterkommt.
Solche Scheine aber kosten Geld.
[GEJ.02_237,12] Es wäre einesteils darum wohl
gut und nötig, uns von Hause aus ein genügend Geld zu verschaffen; aber ich und
ein Teil denken da wieder anders und sagen: So wir dem Tempel entweichen, so
werden darum unsere Alten, das heißt unsere Eltern und Geschwister, ohnehin vom
Tempel aus alles mögliche Ungemach, vielleicht gar das verfluchte Wasser zu
bestehen bekommen. Es wäre darum zu himmelschreiend ungerecht, so wir sie zuvor
noch gewisserart um ihr Geld bringen wollten, wodurch sie dann am Ende kaum
imstande wären, sich im äußersten Falle vom Genusse des gewissen Wassers
loszulösen, was im Tempel oft geschieht, daß den Gravierten (Belasteten) die
Wahl zwischen – natürlich – viel Geld und dem verfluchten Wasser freigestellt
und nun auch fast durchgängig mit Geld als Sühne vertauscht wird.
[GEJ.02_237,13] Nun, da ist schwer zu
entscheiden, was man da tun soll. Ich für mein Teil bin einmal fürs
Nichtnachhausegehen, und das aus den bereits bekanntgegebenen Gründen und aus
noch einem Grunde, den ich für einen Hauptgrund halte. Denn holen wir uns nun
in Jerusalem vorher noch ein Geld unter einem erdichtet templisch frommen
Vorwande, und kommt dann die Geschichte denn doch sicher auf, so trifft uns
alle auch unvermeidlich der Tempelfluch im großartigsten Maße und mit dem der
Fluch unserer Alten, und unser Glück in der Welt ist gemacht, daß es Gott
erbarme! Gehen wir nun aber heimlich, so werden der Tempel und unsere Alten
denken, daß wir etwa irgendwo verunglückt seien. Unter solchen Rücksichten
werden dann der Tempel und unsere Alten um uns trauern, und beide werden für
uns beten und uns segnen für die ganze, lange Ewigkeit. – Was meinst du, der du
ein Freund des Rechtes und der Wahrheit zu sein scheinst, was ist da das
Bessere und was ist da völlig Rechtens?“
238. Kapitel
[GEJ.02_238,01] Sagt Julius: „Mir gefällt
wohl euer Entschluß; aber die Mittel zu dessen endzwecklicher Ausführung können
mir nicht gefallen, weil ihnen keine Wahrheit zugrunde liegt. Freilich ist hier
der Fall, daß ihr mit der Verfolgung der vollen Wahrheit im Mittel sowohl als
im zu erreichenden Zwecke eigentlich gar nicht zu dem euch vorgesteckten Ziele
gelangen könnet. Ein Mittelweg aber läßt sich da auch nicht so leicht ausfindig
machen. Lasset mich da ein wenig nachdenken, vielleicht finde ich so einen Weg,
auf dem ihr am Ende vor Gott und vor der Welt als gerechtfertigt erscheinet!
[GEJ.02_238,02] Euer Tempeleid ist da freilich
meines Erachtens das stärkste Hindernis. Wie ist der zu umgehen? Wenn ich
diesen um eures dennoch vollwahren Gottes willen nicht respektierte, dann
kostete es mich nur eines Wortes, und ihr wäret vor Gott und vor aller Welt
schuldlos frei vom Joche eures Tempels. Aber euer feierlichst dem Tempel
geleisteter Eid hindert mich da ganz ungeheuer daran, und ich muß mich darüber
beraten mit den vielen Weisen, die an meinem Tische ruhen; und wir wollen dann
sehen, wie wir uns aus dieser wahren Scylla und Charybdis herauszuziehen werden
imstande sein.“
[GEJ.02_238,03] Sagt der junge Pharisäer:
„Tue du das, und du tust wahrlich ein gutes Werk an uns! Sage mir aber doch
noch gütigst zuvor, wer so ganz eigentlich die Gäste an deinem Tische sind, auf
daß wir ihnen den gebührenden Respekt zollen können! Der alte Herr muß entweder
ein gar vornehmer Römer oder mindestens ein sehr reicher Grieche sein!?“
[GEJ.02_238,04] Sagt Julius: „Lassen wir
heute das; denn für derlei Aufklärungen wird sich noch morgen eine mehr als
hinreichende Zeit finden lassen! Nun will ich zu eurem Besten mich lieber mit
der Hauptsache beschäftigen.“ Damit war der junge Mann denn auch zufrieden, und
Julius wandte sich darauf ganz unverhohlen an Mich in römischer Zunge, deren
Ich sicher auch mächtig war, und sagte: „Herr, was wird da wohl Rechtens sein?
Gewalt von meiner Seite würde alle Eide und alle Tempelgesetze über den Haufen
werfen; aber da träte ich dann als ein Zerstörer des feierlichsten Gelübdes
auf, und die Schuld des Eidbruches fiele dann auf mich. Ich halte freilich –
unter uns gesagt – auf Eide, die zur Haltung böser Pflichten abgefordert und
leider nur zu oft abgelegt werden, nicht nur nichts, sondern verachte sie
tiefst, weil dabei Gott zur Steuer der Falschheit und Schlechtigkeit als Zeuge
und Helfer angerufen wird. Aber der Tempel zu Jerusalem ist so eine fragliche
Sache!
[GEJ.02_238,05] Auf der einen Seite ist er
dennoch, wie von alters her, ein für alle Juden geheiligtes Bet-, Opfer- und
Reinigungshaus und wird bis zur Stunde von mehreren tausendmal Tausenden in der
Hinsicht frommgläubig geheiligt; auf der andern Seite aber werden nun nur zu
bekanntermaßen alle Greuel der Greuel darin auf eine allergewissenloseste Weise
begangen, wie sonst auf der lieben Erde nicht leichtlich noch irgendwo. Nur von
da aus möchte ich wohl gleich jedes Gelübde vom Grunde aus zerreißen und
zerstören.
[GEJ.02_238,06] Sage Du mir darum, was da
vollends Rechtens vor Gott und den Menschen ist?! Denn wahrlich, wenn sich da
alles so verhält, wie es mir diese Menschen nun ganz harmlos kundgaben, so
dauern mich diese Jungen sehr, und ich möchte ihnen helfen.“
[GEJ.02_238,07] Sage Ich: „Es ist ja doch
ehedem ausgemacht worden, wie man die rechte Nächstenliebe ausüben soll.
Verlangen sie es, und dein Herz will es auch, da hast du ja schon den ganzen
Rat beisammen. Zudem hast du doch selbst nie einen Eid dafür abgelegt, daß du
des Tempels arge Gelübde ehren sollest. Wenn aber du durch keinen Eid irgend
für den Tempel gebunden bist, was sollte dich hernach hindern zu tun, was dir
gut und zweckdienlich dünkt?
[GEJ.02_238,08] Hast du doch schon oft Gewalt
geübt gegen Menschengesellschaften, die an ihre alten Sitten und Gebräuche auch
eidlich gebunden waren, und es war solches sogar ganz gut von dir; denn es
staken in solchen alten Sitten und Gebräuchen nur zu häufig große geheime
Grausamkeiten. Desgleichen kannst du auch hier ganz nach deinem rechtlichen
Sinne tun.
[GEJ.02_238,09] Gewalt von der römischen
Seite hebt jede eidliche Verpflichtung, auch vor Gott gültig, für ewig auf, das
heißt, wenn derjenige, der im Eide gestanden ist, selbst vollends frei
einsieht, daß erstens sein Eid ein wider seinen Willen gezwungener war, und daß
zweitens der Eid einen durchgängig und wohl erkenntlich schlechten Zweck hatte,
und daß der Eid mehr durch weltliche denn irgend göttliche Gesetze in der Art,
wie er ist, sanktioniert ist.
[GEJ.02_238,10] Einen sogestaltig durch einen
bösen Eid gefangenen Menschen aus solch einer argen Gefangenschaft des Satans
erlösen, ist selbst dann ein groß-gutes Werk der wahren Nächstenliebe, wenn ein
Mensch in der Schwäche seiner Erkenntnis von seinem geleisteten Eide in seinem
Glaubensgemüte noch gefangengehalten würde, – geschweige hier, wo das vollste
Einsehen des schlechtesten Eides von der Welt von den betreffenden jungen
Männern klarst eingesehen wird. Tue du demnach hier nur ganz nach deinem
Gutdünken, und Mein Freund Cyrenius wird dir dabei sicher seine Oberhilfe nicht
versagen!“
[GEJ.02_238,11] Sagt sogleich Cyrenius:
„Nicht nur nicht versagen, sondern, damit mein Julius noch gewissensfreier
fürder atmen kann, werde ich an den dreißig Menschen die rechtliche Gewalt
ausüben, und der Tempel soll dann von mir Rechenschaft verlangen!“
[GEJ.02_238,12] Über solch Mein und des
Cyrenius Wort ward Julius über alle Maßen froh, und alle frohlockten über solch
eine gute Maßnahme.
239. Kapitel
[GEJ.02_239,01] Darauf wandte sich Julius
abermals zu seinem jungen Pharisäer und sagte: „Nun, Freund, haben wir schon
ein rechtes Mittel aufgefunden, durch das ihr samt euren Alten vor dem Tempel
und allen seinen Forderungen als vollkommen gerechtfertigt erscheinen müsset
und eure Alten am Ende sogar eine gerechte Klage wider den Tempel beim
römischen Pflegeramte erheben können, worauf der Tempel sicher zum Ersatze an
eure Alten für euren Verlust verurteilt wird, weil ihr zufolge der vom Tempel
genötigten Nichtbeachtung der Gesetze Roms in Hinsicht der ordentlichen
Wanderscheine, von denen der Tempel noch bis zur Stunde ganz hartnäckig keine
Notiz nehmen will, von uns Römern gefangengenommen und sogleich unter das
Militär der Fremdenlegion gesteckt worden seid! Ihr seid sonach nun schon
gefangengenommen zu eurem Besten. Ist es euch angenehm?“
[GEJ.02_239,02] Sagen alle: „O Herr, wer du
auch sein magst, diesen göttlichen Rat hat dir nur ein Gott geben können!
Wahrlich, so erreichen wir den guten Zweck für uns und nicht minder für unsere
Alten. O Wonne, wie süß schmeckest du, und um wieviel weiser ist das große Rom
nun als unser allerschmutzigstes Jerusalem! Alter Wirt und Vater dieses Hauses,
gehe und bringe uns auf diese für uns überfrohe Kunde noch einen Wein; denn nun
muß alles leben, was sich hier befindet! Wir sind ja aus der Hölle in alle
Himmel auf einmal erhoben worden. Die blinden Juden warten noch immer auf einen
verheißenen Messias, der sie vom Joche der Römer befreien soll. Und sieh, wir
haben aber nun eben bei und in euch, ihr lieben Römer, den echten und allein
wahrhaftigen Messias aller Menschen gefunden! Die reine Wahrheit ist der wahre
Messias aller Menschen. Diese aber ist nun in eurer Mitte, und so seid ihr mit
der vollsten und reinsten Wahrheit unter euch und in euch der einzige und wahre
Messias aller rein und bieder denkenden Juden, wie auch aller Menschen, deren
Gemüter mit allerlei alten, nichtigen und durch und durch verdorbenen Lehren
und daraus abgeleiteten noch schlechtesten Gesetzen gefangengehalten sind.
Alter Wirt, geh, geh, und laß uns noch einen Wein aufsetzen auf das Wohl
unserer Erlöser und Messiasse!“
[GEJ.02_239,03] Markus läßt sogleich noch
mehr Brot und mehrere Krüge voll Wein auf den Tisch der Fremden bringen; und
der junge Redner fragt noch einmal den Julius, wer sich denn doch alles bei der
Gesellschaft befinde, und wer er eigentlich selber sei.
[GEJ.02_239,04] Sagt Julius: „Ich habe es dir
ja zuvor gesagt, wem der von dir so sehr verrufene Julius von Genezareth
irgendein Unrecht, freilich wider seinen Willen, zugefügt hat, dem wird er es
auch zur rechten Zeit wieder gutzumachen sich sicher alle mögliche Mühe geben.
Und der von euch so gefürchtete Julius bin ich selbst, und da, mir gegenüber,
sitzt der erhabene Oberstatthalter von ganz Asien und Ägypten – Cyrenius, zu
dem ihr nach Sidon ziehen wolltet. Und nun, sage mir, wie du mit uns harten,
unerbittlichen Römern zufrieden bist!“
[GEJ.02_239,05] Als der junge Pharisäer
solches vernimmt, erschrickt er anfangs sehr samt allen seinen Gefährten; aber
er faßt sich bald wieder und sagt: „Hoher Gebieter, bist du uns gram wegen
meiner früheren Rede, die dir doch offenbar nicht sehr schmeichelhaft hat
vorkommen können? Aber ich kann da ja unmöglich dafür, wie auch du hast
offenbar nicht dafür können, daß du uns mit durch Lehm verpichten Augen und
Ohren nach Kapernaum hast transferieren lassen. Hättest du uns damals gekannt
wie jetzt, so hättest du uns solches nicht angetan. Du hieltest uns aber für
gewöhnliche Pharisäer schlechtesten Gelichters, und das entschuldigt nun
vollkommen deine damalige harte Handlung mit uns. Vergib aber nun nur uns und
besonders mir; denn du weißt es schon, was, wie und weshalb!“
[GEJ.02_239,06] Sagt Julius: „Mit freimütigen
Menschen rede ich gerne, und nie wird mich die freie Rede beleidigen von
Männern, die die Wahrheit ohne alle Furcht und Scheu frei heraus von sich geben
ohne irgendeinen Hinterhalt; aber wehe auch denen, die anders denken und fühlen
und ganz anders reden! Nichts ist vor mir häßlicher als die Lüge, und ich
verdamme sogar eine Notlüge; denn es ist vor Gott und vor allen ehrlichen
Menschen besser zu sterben – als sich zu retten durch eine Unwahrheit! Aber wie
gesagt, bei euch gefällt mir eure offene Sprache. Und da mir eure Verhältnisse
so ziemlich bekannt sind von Jerusalem und Bethlehem aus, so weiß ich es auch,
daß ihr hier so ziemlich ohne Vorhalt euer Anliegen vorgebracht habt. Es steckt
zwar noch etwas im Hintergrunde bei euch; das jedoch ist eine Kleinigkeit, und
ihr werdet es auch erreichen, so ihr uns Römern eine wahre und stets offene
Treue und brüderliche Ergebenheit erweisen werdet!“
[GEJ.02_239,07] Sagt der junge Redner: „Hoher
Herr, sei auch du ganz offen und sage es gerade heraus, was das ist, das wir
noch im Hinterhalte hätten, was zu diesem unserem Anliegen gehört! Denn
freilich, wohl gibt es noch so manches in uns, das wir hier nicht haben kundtun
können, da fürs erste die Zeit zu kurz war und man fürs zweite in einer so
großherrlichen Gesellschaft denn doch über so manches nicht mit der ganzen Tür
ins Haus fallen kann, besonders wenn ein höchster Herr als der Oberstatthalter
von ganz römisch Asien zugegen ist, dessen Höhe und Majestät wir uns nicht
einmal ganz offen anzusehen getrauen, seit wir wissen, daß er es ist. Zudem
befindet sich auch ein Mägdlein an eurem Tische und ein Jüngling, und da heißt
es denn doch: Halte deine Zunge ein wenig im Zaume! Wenn wir aber allein
beisammen sein werden, dann werden wir gewiß vor dir, hoher Herr, nichts mehr
irgend geheimhalten! Aber da du mit uns armen Sündern schon einmal so gnädig
und barmherzig bist, so sage es uns in der Stille, was dir an uns noch als
unbehaglich erscheint, und ob das etwa auch irgendein hoher Römer ist, mit dem
du zuvor unsertwegen römisch geredet hast!“
[GEJ.02_239,08] Sagt Julius: „Nun, das, was
ihr mir von euch des Dekorums wegen (des Anstandes wegen) verschwiegen habt,
ist ohnehin von keiner Bedeutung mehr, weder für mich noch für euch. Aber wohl
könnte für euch von höchster Bedeutung die Bekanntschaft mit jenem euch
auffallenden Manne sein! Aber auch dazu ist heute durchaus keine Zeit mehr;
darum morgen das Weitere!“ – Damit begnügten sich ganz ehrerbietigst die
Geretteten und griffen wieder zu Brot und Wein und ließen alles leben in aller
Heiterkeit ihrer nun frohen Gemüter.
240. Kapitel
[GEJ.02_240,01] Am Ende brachte noch einer,
der noch etwas Wein im Kruge hatte, einen Gesundheitstrank dem weisen Nazaräer
in folgender Weise dar: „Auch der, den wir suchten, aber leider nirgends finden
konnten, soll leben von uns aus für immerdar, so er noch irgendwo lebt und in
guter Sicherheit ist. Wir werden seinem Leben, das ein Heil den Menschen ist,
ewig nimmer feind werden. – Oh, hätte er sich nur von uns finden lassen, wir
hätten ihm den Tempel, so er noch irgend etwas darauf halten sollte, auf eine
Art beleuchtet, daß er sicher sich nimmer gleich uns nach ihm sehnen würde! Da
wir ihn aber nicht finden konnten, so sei ihm, dem guten Leib- und Seelenarzte
aus Nazareth, dieser Segenstrank dargebracht!“
[GEJ.02_240,02] Bei dieser Gelegenheit kamen
dem Julius Tränen in die Augen, sowie dem ganz gerührten Cyrenius. Auch die
Jarah bekam Tränen in ihre Augen und die meisten Meiner Jünger. Und die Jarah
sagte ganz still zu Mir: „O Herr, dürfte ich jetzt reden, was könnte und was
wollte ich diesen dreißig Geretteten doch alles erzählen von Dir!“
[GEJ.02_240,03] Sage Ich: „Ja, wenn du Mich
nicht verrätst, so kannst du schon etwas von dir geben; denn diese Geretteten
werden dich mit der allergespanntesten Aufmerksamkeit anhören!“
[GEJ.02_240,04] Sagt die Jarah voll Freuden:
„Oh, wenn also, dann werde ich gleich die Gesellschaft um Aufmerksamkeit
angehen!“
[GEJ.02_240,05] Sage Ich: „Nun, so tue das,
aber du mußt dich fest halten, daß du Mir nicht zu weinen anfängst!“
[GEJ.02_240,06] Sagt die Jarah: „O Herr, das
werde ich schon möglichst zu vermeiden trachten!“ – Nach solcher Versicherung
erhob sich die Jarah und sagte mit sehr klarer und wohlvernehmlicher Stimme:
„Höret, meine lieben Freunde, die ihr soeben einen Segenstrunk auf den von euch
gesuchten und dennoch nicht gefundenen Heiland aus Nazareth dargebracht habt!
Diesen Trunk teilte ich in meinem Herzen aus der tiefsten Tiefe meines Lebens
mit euch; denn ich habe das unschätzbarste Glück gehabt, Seine Bekanntschaft,
und zwar in Genezareth selbst, gemacht zu haben. Ich bin darum auch in der
beseligendsten Lage, euch von Ihm, was da Seinen Charakter und Seine unerhörten
Fähigkeiten betrifft, einen zwar kurzen, aber getreuest wahren Entwurf zu
geben, so ihr übrigens einen solchen zu vernehmen wünschet.“
[GEJ.02_240,07] Sagen alle laut: „Ja, ja,
holdestes Kind aus Genezareth! Fasse dich aber lieber etwas länger als
leichtlich etwas zu kurz, das heißt, wenn es deine zarte Brust nur nicht etwa
zu sehr anstrengt!?“
[GEJ.02_240,08] Sagt die Jarah: „Oh, sorget
euch um etwas anderes! Meine Brust ist stark und kann schon etwas ertragen.
Sehet und höret denn! So wie ihr, habe auch ich schon so manches von dem neu
aufgestandenen Wunderheilande aus Nazareth gehört. Unsere Gegend aber war
gleichfort eine der ungesundesten von ganz Galiläa; denn ein jeder Fremde, der
dahin kam und sich dort nur ein paar Tage aufhielt, ward sicher so krank, daß
er gar nicht mehr weiterzureisen vermochte. Es gab welche, die oft über ein
Jahr lang dort bleiben mußten; den Einheimischen machte es weniger. So ganz
kerngesunde Menschen wohl gab es nur sehr wenige; aber doch gab es unter den
Einheimischen auch wenige, von denen man hätte sagen können, daß sie krank
seien. Alle Reisenden vermieden darum sorgfältigst diesen Ort, und wen nicht
unerläßlich dringende Geschäfte hintrieben, der kam sicher nicht nach
Genezareth.
[GEJ.02_240,09] Als ich von dem bewußten
Heilande aus Nazareth zuerst Kunde erhielt, da fing ich an, zum Gott Abrahams,
Isaaks und Jakobs gar inbrünstig, zu beten, daß Er den Heiland auch nach dem
höchst ungesunden Genezareth möchte kommen lassen. Und sehet, ich ward bald
erhört, denn der Heiland aus Nazareth kam bald darauf zu uns nach Genezareth.
Und man sah einen Heiland ohne Arzneien und fragte sich geheim: ,Wie wird denn
der die vielen Kranken heilen?‘ Aber Er überzeugte uns nur zu bald, daß Er
nichts als nur zu sagen brauchte: ,Ich will, sei oder seid gesund!‘ Und sehet,
in einem Augenblick wurden alle, von was für verschiedenen heilbaren oder
bekannt unheilbaren Krankheiten sie auch behaftet waren, mit Blitzesschnelle
derart geheilt, daß bei ihnen aber auch keine Spur davon irgendmehr zu
entdecken war, als wären sie je krank gewesen! Lahme, Blinde, Taube, Krüppel,
Besessene, Gichtbrüchige, Aussätzige und noch viele mit hunderterlei andern
Übeln Behaftete, das war dem Heilande eins; Sein Wort und Wille heilte sie
alle. Julius, ein Römer, ist nebst Hunderten Zeuge davon gewesen.
[GEJ.02_240,10] Er heilte aber nicht nur die
Leiber der Menschen, sondern auch die Seelen und deren Verständnis, fegte den
blinden Aberglauben aus den Herzen der dummen und verirrten Menschen und
belehrte die Unwissenden auf eine so klare und leichtfaßliche Weise, daß sich
alle darob oft noch mehr verwunderten, als über Seine Heilungen durchs Wort.
[GEJ.02_240,11] Endlich aber zeigte Er Sich
auch als ein vollendetster Herr und Meister der Natur; denn Ihm gehorcht
Wasser, Luft, Feuer und Erde, und ich möchte es sogar behaupten und das für
ganz gewiß, daß sich Sonne, Mond und all die Sterne Seinem Worte nicht
ungehorsam bezeigen möchten; denn die Engel der Himmel fügen sich Seinem
Willen.
[GEJ.02_240,12] Mich hatte Er sehr lieb, wie
auch ich Ihn über alles, obschon Er äußerlich eben nicht ein schöner Mann ist;
denn Er ist mehr klein von Statur, und Seine Hände sind rauh und arbeitnarbig,
aber Sein Kopf ist würdevoll und Sein Auge wohl das schönste, das mir je zu Gesichte
kam. Auch um den Mund hat Er einen überaus freundlichen, wenn danebst auch
würdevoll ernsten Zug. Die Stimme Seines Mundes aber kann man eine wahrhaft
männlich hinreißende nennen; denn sie klang wenigstens für mein Ohr angenehmer
als der schönste und reinste Gesang.
[GEJ.02_240,13] Da habt ihr nun so einen
möglichst kurzen Entwurf von dem allerberühmtesten Heilande aus Nazareth
vollkommen der Wahrheit getreu, wofür, wie schon gesagt, hundert der
allerbewährtesten Zeugen stehen können. – Wie gefällt euch nun der Heiland, den
ihr gesucht und nicht gefunden habt?“
241. Kapitel
[GEJ.02_241,01] Sagen die Pharisäer, große
Augen über die Beschreibung Jarahs machend: „Neues hast du uns zwar nichts
Besonderes erzählt; denn solches und noch mehreres ist uns von ihm schon zu
Ohren gekommen, als wir noch in Jerusalem waren; und weil ebenso
außerordentliche Gerüchte von ihm, man könnte es sagen, schon durch ganz Israel
wie beinahe das tägliche Brot gang und gäbe sind, so sind schon mehrere vom
Tempel aus abgesandt worden, diesen Mann irgend ausfindig zu machen und ihn in
den Tempel zu bringen, wo ihm dann vom Tempel aus zuerst sicher Anträge gemacht
würden, seine wunderbaren Kenntnisse und Eigenschaften allein den Vorteilen des
Tempels zu weihen. Und würde er solche Anträge von sich weisen, was sich von
ihm mit der vollsten Sicherheit erwarten ließe, da er zugleich ein sehr guter,
liebevoller und überaus weiser Mann sein soll, nun, da würde er auf jeden Fall
den kürzeren ziehen müssen und einem tiefsten und festesten Kerker schwerlich
je entgehen; er müßte denn nur im Ernste allmächtig sein. Denn der Tempel ist
nun so arg geworden, daß jetzt anstatt der Menschen gleichwohl der Satan in
aller Schlechtigkeit ganz gut noch zehn volle Jahre in die Schule gehen könnte,
um in alle die Schändlichkeiten des Tempels vollends einzugehen und sie
praktisch einzuüben.
[GEJ.02_241,02] Darum sagen wir, daß sich der
Heiland aus Nazareth wohl nie zu den vielen Schändlichkeiten einlassen würde;
gegenfalls er aber in jedem Falle ein Opfer des Tempels werden würde.
[GEJ.02_241,03] Es seien zwar durch die Macht
seiner Worte und Werke schon gar viele Pharisäer bekehrt worden; aber was hat
ihnen alles das genützt? Sie hatten am Ende ihre wahre Teufelsnot mit dem
Tempelkollegium und haben auch, um im Kollegium wieder mit einiger
Behaglichkeit leben und bestehen zu können, dazu noch müssen zu lügen anfangen,
daß es davor nur gleichweg gestaubt hat. Denn das alte Tempelkollegium ist und
bleibt schon einmal rein des Teufels, und es läßt sich mit demselben nichts
anfangen.
[GEJ.02_241,04] Wenn der oberste Priester
einmal sagt: ,Heute wird die Sonne den ganzen Tag der Erde nicht scheinen!‘, so
darf kein unterer Templer nur von fernehin eine Bemerkung sich erlauben am
selben hellichten Sonnentage, etwa nur so leise hin, bei der man zu verstehen
gäbe, daß die Sonne dennoch scheine. Aus wäre es da für ein ganzes Jahr! Kurz,
da darf niemand anders glauben als: die Sonne scheine an dem Tage durchaus
nicht, – und müßte er sich vor den oft zu warmen Strahlen der Sonne in den
dichtesten Schatten flüchten! Sagt der Oberpriester: ,Heute wird sieben Stunden
lang nichts denn Blut fließen im Bache Kidron!‘ – wehe dem, der auf solchen
Spruch etwa doch kein Blut fließen sähe! Kommt ein Kranker zum Oberpriester, und
dieser sagt: ,Mein Sohn, du bist geheilt, gehe nun, opfere deine Gabe, und
kehre dann getrost nach Hause!‘; nun, der Geheilte aber ist darauf ebenso krank
und elend, wie er ehedem war. Sagt er aber: ,Mein Freund, ich bin noch so krank
wie zuvor und kann daher kein Opfer geben!‘, o Gott, o Gott, da ginge es ihm
dann schlecht! Kurz, das Wort des Oberpriesters muß helfen, und fürs Helfen muß
gezahlt werden, wenn von einer wirklichen Hilfe auch nirgends eine Spur zu
entdecken ist. Und wehe dem, der solch eine Nullhilfe nur im geringsten irgend
verdächtigen möchte; nun, in dessen Haut wäre wahrlich nicht gut stecken!
[GEJ.02_241,05] Daß bei solchen Heilungen
gegen ungeheuer dicke Opfer dein Heiland fürs Tempelkollegium sehr zu
gebrauchen wäre, wirst du, liebstes Kind, nun wohl begreifen, wie auch, warum
der Tempel stets Jagd auf den guten Heiland aus Nazareth macht.
[GEJ.02_241,06] Übrigens danken wir dir, daß
du ihn uns näher beschrieben hast. Vielleicht wird auch uns irgend einmal das
Glück zuteil werden, mit ihm irgendwo einmal zusammenzukommen. Dem allmächtig
guten Jehova alles Lob, daß Er uns aus den Klauen des Tempels befreit hat!
Kommen wir aber etwa einmal als Krieger nach Jerusalem, da freue dich, du
heiliges Tempelkollegium! Wir werden dir deine Heiligkeit schon so hübsch
auszutreiben verstehen!
[GEJ.02_241,07] Wenn du, liebstes und
holdestes Mägdlein, aber von deinem höchst merkwürdigen Heilande noch etwas
Besonderes zu erzählen weißt, so erzähle! Wir wollen dir bis zum Sonnenaufgange
mit der größten Aufmerksamkeit von der Welt zuhören; denn der Mann interessiert
uns bis aufs äußerste.“
242. Kapitel
[GEJ.02_242,01] Sagt die Jarah: „Ja, meine
liebwerten Freunde, von dem Heilande aus Nazareth könnte ich euch tausend Jahre
hindurch in einem fort die seltensten Dinge erzählen, wenn es durchgängig schon
an der Zeit wäre, alles erzählen zu dürfen, was man alles gesehen und erlebt
hat; aber Er hat es mir aus höchst weisen Gründen verboten, und darum darf ich
nicht alles von Ihm erzählen, was ich weiß, sondern nur etwas Weniges, dazu Er
Selbst mir die billige Erlaubnis erteilt hat.
[GEJ.02_242,02] Aber ich hatte zuvor zu euch
unter anderem auch gesagt, daß Ihm, dem guten Heilande aus Nazareth, auch
Sonne, Mond und all die Sterne gehorchen müßten, dieweil Ihm sogar die Engel
der Himmel gehorchen. Und ich bemerkte, daß darob unter euch einige lächelnd
den Kopf schüttelten und dadurch gewisserart sagen wollten: ,Liebes Kind, da
gehst du in deiner kindlichen Einbildungskraft etwas zu weit; denn die reinen
Engel der Himmel gehorchen nur Gott allein und sonst niemandem in der ganzen
Unendlichkeit!‘ Aber ich sage es euch, daß sich hier die Sache dennoch also
verhält, wie ich sie euch ganz harmlos kundgetan habe.
[GEJ.02_242,03] Ich hätte euch schon eher
dafür den handgreiflichen Beweis geliefert, so ihr nicht gelächelt und mit dem
Kopfe sehr zweifelgebend geschüttelt hättet; aber nun will ich darin euren
Zweifel aufs Haupt schlagen, und ihr werdet mich darauf nicht gar so leicht
wieder für eine junge verliebte Hascherin (Närrin) ansehen, die in bezug auf
den Gegenstand ihres Herzens auf die gewöhnliche Weise, wie sie in der Welt
gang und gäbe ist, aus einer Mücke nur gar zu gerne einen Elefanten macht. Oh,
das mag wohl bei gar vielen Weltmädchen der großen Welt ungezweifelt der Fall
sein; aber bei mir ist davon wahrlich auch nicht eine allerleiseste Spur
anzutreffen, – wovon ich euch sogleich den lebendigsten und sicher
handgreiflichsten Beweis liefern werde.
[GEJ.02_242,04] Da sehet hin, den Jüngling,
der als zweiter zu meiner Rechten sitzt und sich soeben mit dem fest an meiner
Rechten sitzenden Sohne des hohen Cyrenius bespricht, – für wen haltet ihr
diesen Jüngling?“
[GEJ.02_242,05] Sagen die Befragten: „Nun,
für einen Menschen von Fleisch und Blut – gleich uns allen!“
[GEJ.02_242,06] Sagt die Jarah, dabei nun ein
wenig lächelnd und den Kopf schüttelnd: „Weit, ja himmelweit gefehlt, meine
liebwerten Freunde! Sehet, das ist ein reinster Erzengel Gottes, den mir eben
der berühmte Heiland aus Nazareth aus der nahezu von allen gesehenen Unzahl von
Engeln auf meine höchst eigene Wahl zu meiner Leitung, Belehrung und Führung
auf eine längere Zeit gegeben hat! So ihr aber solches nicht glauben könnet auf
mein Wort, so kommet nur her und überzeuget euch davon mit allen euren Sinnen;
denn er wird euch zu Diensten stehen auf einige Augenblicke!“
[GEJ.02_242,07] Sagt der frühere Redeführer:
„Ja, davon muß ich mich denn doch wohl mit Händen und Füßen zugleich
überzeugen; denn sonst geht mir die Aussage des sonderbar weise redenden Mägdleins
schon rein ins mehr als allertiefst Himmelblaue über!“
[GEJ.02_242,08] Nach diesen Worten erhebt
sich der junge Pharisäer und geht ganz ehrerbietigst zu Jarah hin und sagt:
„Nun, wie wirst du mich von der Wahrheit deiner Aussage überzeugen?“
[GEJ.02_242,09] Sagt die Jarah: „Gehe hin zu
dem Jünglinge, der den Namen Raphael führt, der wird dich davon selbst
überzeugen!“
[GEJ.02_242,10] Der junge Pharisäer tritt
darauf gleich zum Raphael hin, und Raphael erhebt sich, sieht dem jungen
Pharisäer fest ins Auge und sagt: „Warum zweifelst du an dem, was dir meine
Jüngerin von mir kundgegeben hat? Da, ergreife meine Hand, und sage es mir, was
du dabei fühlst!“
[GEJ.02_242,11] Der Pharisäer tut das
sogleich und sagt ganz verwundert: „Hm, merkwürdig, ich fühle eigentlich gar
nichts, außer meine höchst eigene, ganz fest geschlossene Hand, in der nun
nicht einmal eine Mücke, geschweige deine volle Hand Platz hätte! Kurz, ich
greife dich durch und durch und ersehe daraus, daß du wahrlich nicht wie
unsereins aus Fleisch und Blut bestehst.“
[GEJ.02_242,12] Spricht Raphael: „Hebe einen
Stein, der zu deinen Füßen liegt, auf und reiche mir ihn dann!“
[GEJ.02_242,13] Der Junge hebt einen Stein
auf, der ganz gut seine dreißig Pfund wog, sagte aber dabei bemerkend: „Geistig
Wesen, wenn meine Hand die deinige durch und durch greift, so wird dieser
schwere Stein am Ende wohl auch durch deine Hände fallen, wie durch die
nichtige Luft; denn der Stein wiegt wenigstens dreißig Pfund, und wenn er mir
am Ende durch deine Hände auf meine Füße fällt, so zerquetscht er mir
dieselben!“
[GEJ.02_242,14] Sagt Raphael: „Wenn dies
geschieht, so heile ich sie dir im schnellsten Augenblick darauf. Darum gib du
den Stein nur ganz sorglos in meine Hände!“
[GEJ.02_242,15] Darauf gibt der junge
Pharisäer den Stein in die Hände des Raphael.
[GEJ.02_242,16] Als Raphael den schweren
Stein zum Erstaunen des Pharisäers in seinen Händen so spielend leicht hält,
als hätte er das Gewicht von einem Federflaume, und denselben auch von einer
Hand in die andere mit einer so erstaunenswerten Leichtigkeit herumwirft, als
wäre er ein leichtester Flaumenball, da sagte der junge Pharisäer: „Höre, du
lieblichster Geist oder sonsten was, mit dir sich in einen Kampf einzulassen,
wäre nicht gut; da würde man sicher ganz entsetzlich den kürzeren ziehen! – Wo
aber nimmst du diese ungeheure Kraft her?“
[GEJ.02_242,17] Sagt Raphael: „Siehe, das ist
aber ja alles noch nichts; ich werde nun vor deinen Augen diesen sehr harten
Kiesstein auch zum feinsten Staube zerquetschen!“ – Hier zerdrückt Raphael im
Augenblick den Stein zu sichtlichem Staube, so daß sich auf dem Tische vor dem
Raphael nun ein ganzer Haufe weißen, feinsten Staubes befand.
[GEJ.02_242,18] Als der junge Pharisäer dies
zweite Manöver sah, bog er sich vor Erstaunen, und es eilten auch seine
Kollegen hinzu, um dies Wunder mehr in der Nähe ansehen zu können.
[GEJ.02_242,19] Darauf sagt der Engel: „Es
ist für einen, dem die Kraft eigen ist, eben nicht so schwer, einen solchen
Stein zu Staub zu zermalmen, als den Staub dann wieder zu seiner früheren
Festigkeit und in seine frühere Form zusammenzudrücken. Denn zermalmen kann
jeder Mensch so einen Stein, wenn schon gerade nicht mit den Händen, gleich
mir, so aber doch mittels sehr harter, eherner Schlägel. Aber das nachherige
Zusammenpressen des Steinstaubes wird wohl kaum einem Menschen möglich sein, –
besonders in die frühere Form. Auf daß du aber siehst, daß mir auch das möglich
ist, so gib nun acht und siehe, ob du es mir nachmachen wirst!“
[GEJ.02_242,20] Hier schob Raphael den
Steinstaub auf dem Tische zusammen, und in einem Augenblick ward der Stein
wieder in seiner früheren Form und Schwere auf dem Tische vor dem Engel.
[GEJ.02_242,21] Bei diesem Manöver gehen dem
jungen Pharisäer samt allen seinen Kollegen vor lauter Staunen die Augen über,
so daß er nun nicht imstande ist, ein gesundes Wort über seine Lippen zu
bringen.
[GEJ.02_242,22] Aber der Engel sagt zu ihm:
„Sieh, das ist aber alles noch nichts! Gib nun acht, ich werde diesen Stein
sogar bloß durch meinen Willen im Augenblick völlig zunichte machen!“ – Darauf
spricht der Engel zum Steine: „Löse dich in den entsprechenden Äther auf und
werde flüchtig, gleich dem feinsten Äther!“ – Auf diese herrschenden Worte war
im Augenblick der Stein völlig unsichtbar geworden, und kein Mensch sah
irgendwo mehr etwas vom Steine. – Da fragte der Engel den jungen Pharisäer:
„Nun, wie gefällt dir das, mein Freund? Könntest du mir das wohl nachmachen?“
[GEJ.02_242,23] Sagt der junge Pharisäer:
„Höre, du lieber Engelsgeist oder was du noch irgend bist, das ist etwas
Unerhörtes! Nun glaube ich für meinen Teil vollkommen, daß du ein Engel Gottes
bist. Nur begreife ich das eine nicht, wie du nämlich einem Menschen dieser
Erde bei deiner, man kann es sagen, allmächtigen Kraft untertan sein kannst!
Denn solches sagte auch dies Mädchen aus von dem bewußten Heilande aus
Nazareth, und ich muß es ihr nun glauben, will ich's oder will ich's nicht.
[GEJ.02_242,24] Gibt es denn im Ernste ein
Mittel auf dieser Erde, durch das man sich euch untertan machen kann? Wie ist
jener Mensch dazu gekommen? Wir wissen aus der Schrift wohl auch Beispiele, wo
Engel den Menschen auf Gottes Geheiß gedient haben; aber daß und wie du dich
nun unter den sterblichen Menschen befindest, davon hat die Schrift wahrlich
kein Beispiel aufzuweisen! Nein, nein, Freunde, da geht es auf keinen Fall so
ganz geheuer zu! Du kannst zwar wohl ein Engel Gottes sein, aber auch
ebensoleicht jemand ganz anders, wo man sagt: ,Jehova, steh uns bei!‘ – Es ist
nun Nacht, ja gar Mitternacht auch noch dazu, und da gesellen sich gerne die
,Jehova-steh-uns-bei‘ zu den Menschen. Du scheinst mir zwar für einen gewissen
,Jehova-steh-uns-bei‘ viel zu schön, sanft, gut und weise zu sein; aber es sei
auf das nicht immer viel zu geben!? Solltest du aber doch so etwas vom
,Jehova-steh-uns-bei‘ zu sein die verfl- Ehre haben, dann schaffen (halten) wir
von der Bekanntschaft mit dem merkwürdigen ,Heilande‘ aus Nazareth eben nicht
gar viel; denn das Pröbchen mit dem Steine hat mich nun auf ganz sonderbare
Gedanken gebracht, – Jehova steh uns bei! Man sagt nicht umsonst, daß der Satan
auch die Lichtgestalt der Himmel annehmen kann, wann er will! Und wärest du so
etwas von einem ,Jehova-steh-uns-bei‘, dann möchten wir wohl lieber fliegen als
gehen von hier; denn es möchte hier für uns fürderhin eben nicht geheuer sein!“
[GEJ.02_242,25] Auf diese Worte des jungen
Pharisäers wollen nun alle die Flucht ergreifen; aber Cyrenius hindert sie
daran und bescheidet sie wieder an ihre alten Plätze. Sie nehmen nun wohl
wieder Platz, sitzen aber nun auf ihren Bänken, wie wenn diese mit lauter
Nadeln besteckt wären.
243. Kapitel
[GEJ.02_243,01] Julius aber sagt zum sonst
sehr offenen jungen Pharisäer: „Wahrlich, ich habe dich anfangs für weiser und
vernünftiger gehalten, als du dich jetzt anlässest, – den sichtbar reinsten
Engel auch für einen möglichen Satan zu halten! Ah, das geht ja über alles!
Kannst du denn unseren Reden und Handlungen als ein nur einigermaßen
vernünftiger Mensch nicht entnehmen, daß wir doch sicher nicht des Teufels
sind? Will denn nach eurer Lehre der Teufel nicht gleichfort nichts denn eitel
Böses nur? Und wir verabscheuen und bestrafen das Böse allzeit; wie sind wir
dann des Teufels? Hat sich wohl der Satan je mildtätig und barmherzig gegen jemand
erwiesen? Wir aber sind gegen jedermann gerecht, barmherzig und nach
Möglichkeit mildtätig. Wie können wir einen Satan unter uns dulden? O ihr noch
sehr blinden Narren! Habt ihr noch nie einen von einem Teufel besessenen
Menschen gesehen? Ich habe deren mehrere gesehen, aber darunter keinen, der von
seinem Einwohner gut behandelt worden wäre! Wenn ihr uns aber schon in eurer
groben Dummheit für des Teufels haltet, für wen haltet ihr hernach die Templer
und euch selbst, wo der Tempel – wie es nun doch schon aller besseren Welt
bekannt ist – aus lauter Lug und Trug, aus der allerverschmitztesten Bosheit
zusammengesetzt ist und ihr eben dieses Tempels Diener seid? Ihr selbst gesteht
es ein, daß der Tempel nun ganz gut dem Satan zu einer Schule dienen könnte!
Und uns, die wir Gutes über Gutes jedermann aus unseren treuen, guten Herzen
erweisen, wollt ihr nun auch für des Teufels halten, weil ein Geist aus den
Himmeln euch ein kleines Pröbchen von seiner ungeheuren Macht und Kraft gegeben
hat? Ich möchte von euch denn nun doch erfahren, wie hernach das aussehen muß,
was bei euch nicht des Teufels ist!“
[GEJ.02_243,02] Sagt der Pharisäer, nun schon
ein wenig mehr gefaßt: „Nun, nun, freundlichster, hoher Julius, mußt uns diese
Geschichte nicht gar zu sehr als eine Sünde anrechnen! Denn sieh, womit ein
Mensch gefüttert wird, davon erhält sein Leib die Nahrung! Ist das Futter gut,
so wird die Ernährung auch gut sein; ist aber das Futter schlecht, so wird auch
die Ernährung schlecht sein. Ein verwahrloster Mensch, der am Ende mit den
Schweinen frißt, der wird auch keinen andern Unflat von sich lassen als die
Schweine selbst! Und so geht es uns nun auch geistig. Jahrelang ist der Magen
unserer Seele mit der Schweinskost dotiert (bedient) worden, und es geht das schlechte
Überbleibsel nicht so leicht und so geschwind, als man es meint, aus dem Magen
der Seele heraus!
[GEJ.02_243,03] Wir haben unsere besseren
Ansichten und Erkenntnisse, die freilich wohl mit noch sehr viel Unflat gemengt
sind, einzig dem oft wiederkehrenden Umgange mit Römern und Griechen zu
verdanken. Aber sind wir dann wieder nach Jerusalem, und zwar in den Tempel,
zurückgekehrt, so genügten vierzehn Tage, um uns durch allerlei mystisch weise
klingende Phrasen wieder so dumm wie möglich zu machen. Was Wunder, wenn bei so
einer außerordentlichen Gelegenheit sich aus solchen Phrasen in unserer Seele
von selbst einige derselben gleich finsteren Wolken am Himmel über unsere
ohnehin schwachscheinende junge Erkenntnissonne hermachen und sie auf Momente
derart verfinstern, daß wir darob bei Erscheinungen außerordentlichster Art am
Ende uns in ein gleiches Verhältnis mit einem Wanderer in einer finstersten
Mitternacht gestellt sehen, dem wohl auf einen Augenblick ein aus den Wolken
fallender Blitz den sehr klippenreichen Pfad erhellt; aber das nützt dem
Wanderer wenig, da auf eine solche nur momentane Beleuchtung gleich eine noch
dickere Finsternis folgt!
[GEJ.02_243,04] Darum habe du mit uns nur
Geduld, wir werden uns mit der Weile schon machen! Aber wie gesagt, plötzlich
geht das nicht, und ich und wir alle sind nun recht froh, daß wir einzusehen
anfangen, warum es eigentlich also geht und auch nicht anders gehen kann; denn
aus einem harten und rohen Klotze wird nicht nach wenigen Meißelhieben des
Bildners schon eine vollendete Menschengestalt fertig.
[GEJ.02_243,05] Wir haben von Engeln der
Himmel wohl schon gar manches gehört und gelesen. Die drei Fremden, die Abraham
besuchten, waren Engel; bei Lot waren Engel; Jakobs Leiter voll Engel ist
bekannt; Bileams Lasttier verkündete dem es mißhandelnden Propheten die
Gegenwart eines Engels; des jungen Tobias Begleiter und Führer war ein Engel;
die Israeliten sahen den Würgengel Gottes von Haus zu Haus der Ägypter gehen;
bei den drei Jungen im Feuerofen sah man Engel, – und es ist in der Schrift
noch vielfach die Rede davon, daß die Engel Gottes wie leiblich sichtbar mit
den Menschen dieser Erde verkehrt haben. Warum sollte das hier nicht möglich
sein?
[GEJ.02_243,06] Aber hier ist die sichere
Anwesenheit eines Engels eine so außergewöhnliche, daß man sie freilich wohl
nicht so schnell fassen kann der vollen Wahrheit nach, als wie schnell man sie
glaubt von lange vergangenen Zeiten her. Glauben ist leicht, weil man sich
stets die vergangene Zeit für besser vorstellt, als da ist eine gegenwärtige,
die man aus einer gewissen Pietät stets für derlei göttliche Erscheinungen zu
unwürdig hält, ohne zu bedenken, daß es in Sodoma und Gomorra eben auch nicht
sehr Gott wohlgefällig mag hergegangen sein, ansonst Er nicht Feuer vom Himmel
über solche Orte hätte regnen lassen.
[GEJ.02_243,07] Kurz und gut, du mußt es
selbst einsehen, daß diese Sache eine ganz außerordentliche ist, die
ihresgleichen unseres Wissens auf dieser Erde noch nicht erlebt hat! Daß wir
demnach bei den merkwürdigen Pröbchen, durch die der Engel uns von seiner
himmlischen Wesenheit einen Beweis verschaffte, ein wenig aus der Fassung
gekommen sind, wird ja auch wohl begreiflich sein, so man alle unsere früheren
Lebensverhältnisse wohl erwägt. Daher wolle du, hoher Julius, unser momentan
dummes Benehmen uns ja nicht für irgendeine böswillige Sünde anrechnen!“
244. Kapitel
[GEJ.02_244,01] Sagt Julius: „Nun, ich habe
es euch ja ohnehin gesagt, daß es von eurer Seite eine große Dummheit war, die
euch von eurer ersten Erziehung noch in eurer Seele steckengeblieben ist. Was
noch nicht ganz draußen ist, das wird schon noch mit der Zeit ganz aus euch
hinausgebracht werden. Auf einmal geht das freilich wohl nicht; denn eine alte
eingewurzelte Dummheit geht oft schwerer aus dem Menschen, als wie schwer man
heilt ein altes Gebrechen des Leibes. Aber ein rechtes Mittel kann am Ende
beides heilen.
[GEJ.02_244,02] Wir verargen niemandem seine
angeborene und eingefleischte Dummheit, weil kein Dummer dafür kann, daß seine Erziehung
keine bessere war. Aber wenn ihm hernach die Gelegenheit kommt, großartige
Erfahrungen zu machen und sich mit Menschen zu besprechen, die mächtig sind in
der wahren Weisheit und eine rechte Erkenntnis haben in allen Dingen, die auf
dieser lieben Erde nur immer vorkommen können, so muß er seine alte Dummheit
verlassen und das als allein wahr und gut annehmen, was er gesehen hat, und wie
es ihm von unselbstsüchtigen, die Wahrheit und alles Gute aus ihr suchenden und
innehabenden Männern erklärt wurde. Wenn er sich dawider hartnäckig sträubt, so
ist er der Zuchtrute wert; und sollte diese auch nichts fruchten, dann ist ein
solcher Mensch aus der Gesellschaft besserer Menschen zu entfernen und in eine
Anstalt der Irrsinnigen zu bringen, weil sich an seiner zu hartnäckigen und zu
tief eingewurzelten Dummheit die Menschen zu sehr ärgern würden – was da nicht
gut wäre.
[GEJ.02_244,03] Aber bei euch ist das sicher
nicht der Fall, weil eure Intelligenz schon zu sehr geweckt ward durch das ofte
Zusammenkommen mit uns Römern und Griechen, die wir jetzt auf der lieben Erde
wohl das erfahrenste und gebildetste Volk sein dürften, trotz all den
Vorwürfen, daß wir nicht an den von euch gepredigten allein wahren Gott
Abrahams, Isaaks und Jakobs glauben. So wir aber an euch die Frage stelleten,
ob ihr daran gar so pichfest glaubet, als es nach euren Worten und Zeremonien
zu erwarten wäre, so werden eure verkehrten und bösen Handlungen, wennschon
nicht euer Mund, der noch allzeit ein Leumund war, die Antwort laut aussprechen
und sagen: ,Wir glauben gar nichts, sondern heucheln vor dem dummen Volke nur
einen Glauben und lassen uns aber für solche Heuchelei, die wir aus der Kunst
verstehen, so dick wie möglich bezahlen!‘ Wenn ich dann unsern Glauben an euren
Gott mit dem eurigen vergleiche, so glauben wir um tausendmal mehr denn ihr!
[GEJ.02_244,04] Ja, wir erkennen, daß euer
Gott der allein wahre Gott ist, von dem unsere Götter eigentlich nichts als
einzelne, erhabene, Seiner würdige Eigenschaften sind, die die menschliche
Phantasie in allerlei Persönlichkeiten umgestaltet hat; aber ihr erkennet weder
euren allein wahren Gott und darum noch weniger Seine erhabensten
Eigenschaften, die wir in allegorischen Bildern darstellen und verehren. Darum
müsset ihr nun noch so manches lernen, wohl prüfen und endlich einsehen, wie
sich alle die Dinge in der Welt verhalten, und was etwa Wahres hinter ihnen
steckt.
[GEJ.02_244,05] Habt ihr aber die Wahrheit
gefunden, so nehmet sie an und bleibet bei ihr, und denket und handelt danach,
so werdet ihr in der Tat Gottes Kinder sein, während ihr saget wie alle Juden
nun sagen, daß sie Gottes Kinder seien, im Herzen aber nicht einmal glauben,
daß es einen Gott gibt!“