Band 10 (GEJ)
Lehren und Taten
Jesu während Seiner drei Lehramts-Jahre.
Durch das Innere
Wort empfangen von Jakob Lorber.
Nach der 7
Auflage.
Lorber-Verlag –
Hindenburgstraße 5 – D-74321 Bietigheim-Bissingen.
Alle Rechte
vorbehalten.
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by Lorber-Verlag, D-74321 Bietigheim-Bissingen.
1. Kapitel – Der
Herr in der Gegend von Cäsarea Philippi, Fortsetzung. (Kap.1-24)
[GEJ.10_001,01]
Darauf begaben wir uns abermals ins Freie, und zwar an das Ufer, wo wir uns
schon am frühen Morgen befanden.
[GEJ.10_001,02]
Als wir allda eine Zeitlang ohne einen Wortwechsel zugebracht hatten, da trat
der Römer zu Mir hin und sagte: „Du einzig und allein wahrer Herr und Meister,
voll der reinsten Liebe und Weisheit und göttlichen Kraft, mir ist nun ein
seltener Gedanke gekommen. Für die Menschen kann es auf dieser Erde doch nichts
Beseligenderes, Glücklicheres und somit auch Wünschenswerteres geben, als daß
Deine Lehre mit ihrer lebendig wundervollsten Kraft in möglichst kurzer Zeit
unter ihnen ausgebreitet würde; und das ginge nach meiner Meinung ja eben nicht
allzu schwer.
[GEJ.10_001,03]
Siehe, Du bist allmächtig; ein Gedanke von Dir, erfüllt mit der Allmacht Deines
Willens, – und auf der ganzen Erde besteht kein Götzentempel und kein
Götzenbild mehr. Sind diese Hauptstützen des alten, finstern und bösen
Aberglaubens aus dem Wege geräumt, und das blitzschnell zu gleicher Zeit an
allen Orten der Erde, so werden die Menschen sicher darüber erschrecken und
darauf bald nachzudenken anfangen, wie und warum solches geschehen ist, und was
es zu bedeuten hat.
[GEJ.10_001,04]
Darauf sollen die vielen von Dir und Deinem Reiche gute und wahre Kunde
Habenden vor die zum Teil erschreckten und zum Teil staunenden und nach dem
Grunde solcher Erscheinung fragenden Menschen hintreten und sie zu lehren
anfangen in Deinem Namen, und so sie irgend Kranke finden, sie auch also
heilen, wie Deine schon ausgesandten Jünger in Joppe die hier gewesenen Kranken
geheilt haben, – und ich meine, daß auf diese außerordentliche Weise Deine Lehre
am ehesten und sichersten bei allen Menschen Eingang finden müßte. Die Menschen
können das nicht bewirken, weil sie dazu die Mittel nicht besitzen; Du aber
hast dazu die Mittel, durch die ein größtes Werk schnell zustande käme. Wäre
das denn nicht tunlich, oder stünde das im Widerspruch mit Deiner Weisheit und
Ordnung?“
[GEJ.10_001,05]
Sagte Ich: „Ja, Freund, wenn Ich nur so ein purer Mensch wäre und nach deiner
Art dächte und urteilte, da ginge solch eine Geschichte schon an; aber Ich sehe
und beurteile als ein ewiger Meister alles Seins und Lebens die Sache ganz
anders denn du, und so kann Ich in deinen Rat nicht eingehen.
[GEJ.10_001,06]
So Ich alle Götzen samt ihren von den Menschen erbauten Tempeln auf einmal
vernichtete, da müßte Ich vorerst ihre Priester vom Boden der Erde rein
hinwegfegen; die Priester sind aber auch Menschen, begabt mit freiem Willen und
bestimmt, sich selbst zu entfalten und in sich zu gründen das geistige Leben,
und es gibt unter den Götzenpriestern denn doch auch eine Menge, die bei sich
im geheimen schon lange nach der Wahrheit des jenseitigen Seelenlebens
forschen, und es wäre darum nicht fein, sie darob zu vernichten, weil sie
Götzenpriester sind.
[GEJ.10_001,07]
Würden aber all die Götzentempel samt den Götzen auf einmal vernichtet werden
und die Priester blieben, so würden sie solch eine Erscheinung dem Volke als
den Zorn der Götter verkünden und es nur zu bald zu unerschwingbaren und auch
grausamen Opfern mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln nötigen. An vielen
Orten tun das die Priester ohnehin, so das Volk opferlau wird, daß sie einen
oder den andern Tempel in der Nacht zerstören und dann dem Volk den Zorn und
die Rache eines beleidigten Gottes laut verkünden, worauf das Volk dann noch
finsterer, abergläubischer und unbekehrbarer wird.
[GEJ.10_001,08]
Zudem sind Wunder und allerlei Zeichen kein rechtes und wahres
Bekehrungsmittel, besonders für ein im Geiste noch viel zu wenig gewecktes
Volk. Sie nehmen den Menschen wohl schnell und leicht gefangen und bestimmen
ihn mit unwiderstehlicher Gewalt, das ungezweifelt zu glauben, was ihm zu
glauben vorgestellt wird; es gibt aber in dieser Zeit – wie es auch in den
Vorzeiten gegeben hat und auch in der Zukunft stets geben wird – besonders
unter den Priestern aller Art Magier, die allerlei falsche Wunder und Zeichen
wirken. Wo aber hat das Volk die Einsicht und jene helle Beurteilung, die
falschen Wunder und Zeichen von den echten und wahren zu unterscheiden?
[GEJ.10_001,09]
So Ich dir die Fähigkeit erteilte, unter den Heiden echte und wahre Zeichen zu
wirken, die Priester der Heiden aber wirkten gleich den früheren Essäern dir
gegenüber ganz ähnliche falsche Zeichen, wie wirst du da dem blinden Volke
beweisen, daß nur deine Zeichen die allein echten sind?“
[GEJ.10_001,10]
Sagte der Römer: „Ja, ja, Herr und Meister, Du hast in allem recht; die lichte
Wahrheit allein ist es, durch welche die Menschen mit der Zeit zur wahren
inneren Lebensfreiheit gelangen können!
[GEJ.10_001,11]
Von Dir aus vor uns blinden Heiden derartige Zeichen und Wunder zu wirken, die
– soviel wir im alten Fache der Magier eine Einsicht haben – von keinem
Menschen bewirkt werden können, ist zur vollen Beweisstellung Deiner
Göttlichkeit sicher notwendig, und Dir kommt es denn auch zu, neben Deiner
Lehre, die an und für sich selbst schon ein größtes Wunder ist, auch andere
Zeichen und Wunder zu wirken, auf daß wir desto klarer einsehen, daß Deine
Worte nicht Menschen-, sondern Gottesworte sind; aber so Deine heilige Lehre
einmal auch von Deinen Jüngern den andern Menschen also gepredigt und gelehrt
wird, wie Du sie Deine Jünger gelehrt hast, so wird sie auch als eine reinste
und lebensvollste Wahrheit aus den Himmeln angenommen, erkannt und handelnd
beachtet werden, und das größte Zeichen und Wunder wird sie selbst dadurch
bewirken, so die nach ihr treu handelnden Menschen in sich das erreichen
werden, was sie verheißt. Aber freilich wird es lange hergehen, bis diese
heilige Lehre unverfälscht zu allen Menschen der Erde gelangen wird. Allein, Du
bist der Herr und weißt es am besten, wo, wie und wann ein Volk für Deine Lehre
reif sein wird.“
[GEJ.10_001,12]
Sagte Ich: „Ja, Freund, also ist es, und du hast nun richtiger geurteilt denn
zuvor mit deiner sogleichen Vernichtung aller Götzen und ihrer Tempel!“
2. Kapitel
[GEJ.10_002,01]
(Der Herr:) „Wenn du einen Samen in die Erde legst, so bedarf es ja auch einer
Zeit, bevor er zu keimen beginnt und nach und nach zu einer vollreifen Frucht
wird. Es ist für den Ackersmann freilich wohl eine Sache der Geduld, so er von
der Zeit der Aussaat bis zur Zeit der Ernte doch beinahe ein halbes Jahr lang
warten muß; es wäre ihm auch sicher lieber, so er heute säte und morgen schon
ernten könnte! Und siehe, wie bei Gott alle Dinge möglich sind, so wäre bei
Gott auch das leicht möglich zu bewirken; aber dabei sähe es dann mit der
geistigen Bildung des Menschen um vieles schlimmer aus denn so! Da würde der
gewinnsüchtige Mensch in einem fort säen und ernten; der träge aber würde in
die stets größere Trägheit versinken, was sich von selbst leicht einsehen und
begreifen läßt. Darum ist die Ordnung, wie sie in allem auf dieser Erde von
Gott aus bestimmt ist, dem Menschen gegenüber schon ohnehin die beste und zum
Behufe seiner geistigen Entwicklung die zweckmäßigste.
[GEJ.10_002,02]
Was von Zeit zu Zeit schnell entstehen muß, das braucht von der ersten Periode
des Entstehungsgrundes bis zu jener des vollen und wirkenden Sachzustandes
wahrlich kein halbes Jahr Zeit, zum Beispiel der Wind, der Blitz, der Regen und
noch vielerlei derartige Erscheinungen, die, so sie notwendig sind, nach dem
Willen Gottes auch sogleich dasein müssen; aber andere Dinge, mit denen sich
die Menschen zu beschäftigen haben, haben gleich dem Menschen ihre Zeit, und so
auch die Ausbreitung Meiner Lehre, die ausschließlich allein nur für die
Menschen von Mir in diese Welt gebracht und gegeben wird in dieser Zeit und
ebenso auch in der Zukunft.“
[GEJ.10_002,03]
Sagte darauf der Römer: „O Herr und Meister, das sehe ich nun alles ganz klar
ein, daß es auf dieser Erde der Menschen wegen schon recht und richtig alles
also sein und bestehen muß, wie es ist und besteht; aber so ich bedenke, daß
man nur durch den Glauben an Dich und durch das Handeln nach Deiner Lehre das
wahre, ewige Leben seiner Seele gewinnen kann, und daß darum Milliarden von
Menschen, die von Dir und Deiner Lehre noch gar lange hin nichts vernehmen
werden, an ihren Seelen sicher Schaden erleiden werden, so wird mir deshalb
bange in meinem Gemüte, und ich habe nur in dieser alleinigen Hinsicht eine
möglichst beschleunigte Ausbreitung Deiner Lehre gewünscht!“
[GEJ.10_002,04]
Sagte Ich: „Solch ein Wunsch an und für sich macht deinem Herzen eine rechte
und wahre Ehre und Meinem Herzen eine rechte Freude! Es ist wohl ganz wahr, daß
nur Ich allein die Tür zum ewigen Leben der Seele eines jeden Menschen bin; wer
an Mich glaubt und nach Meiner Lehre lebt und handelt, der überkommt das ewige
Leben.
[GEJ.10_002,05]
Du hast aber gestern auf dem Berge ja die Seele deines Vaters und die Seelen
mehrerer deiner Bekannten geschaut und sogar gesprochen und sahst auch das lose
Treiben von gar vielen im Jenseits. Ich sage es dir, daß auch ihnen das
Evangelium von Meinen zahllos vielen Engeln verkündet wird. Die es anhören,
annehmen und sich danach richten, werden auch zur Seligkeit gelangen, doch so
leicht und so bald nicht wie auf dieser Erde, auf der der Mensch viele und oft
recht schwere Kämpfe mit der Welt, mit seinem Fleische und mit noch gar vielen
anderen Dingen – wenn auch kurz dauernd – in aller möglichen Geduld, Selbstverleugnung,
Sanftmut und Demut durchzukämpfen hat.
[GEJ.10_002,06]
Darum sei dir um niemand im großen Jenseits allzu bange; denn Gottes Liebe und
Weisheit und große Erbarmung waltet überall, auch im großen Jenseits. Die sie
ergreifen und sich nach ihr fügen und richten werden, die werden nicht
verlorengehen; die aber das hier, wie auch jenseits nicht tun werden, bei denen
gilt der Satz, wonach demjenigen kein Unrecht geschieht, der das Böse, ihm
Schadende selbst will. – Bist du, Freund, mit dieser Meiner ganz klaren
Erklärung zufrieden?“
[GEJ.10_002,07]
Sagte der Römer: „Ja, Herr und Meister, mit dieser Erklärung bin ich nun
vollkommenst zufrieden; denn sie entspricht allen Anforderungen des
vernünftigen Menschengemütes und ist voll rechten Trostes für unsere Seelen;
Dir darum alle unsere Liebe, Ehre und Anpreisung jetzt und in alle Ewigkeit!“
[GEJ.10_002,08]
Mit dem war unser Römer denn auch völlig zufrieden und stellte darauf wenig
Fragen in dieser Art mehr an Mich.
3. Kapitel
[GEJ.10_003,01] Es
kam aber darauf ein Diener des Markus zu uns hin, und zwar mit einem Auftrag an
den Römer von seiten mehrerer seiner Badefreunde, die sich nach ihm
angelegentlich in der großen Bade- und Heilanstalt zu erkundigen angefangen
hatten, da er ihnen als nach ihrer Meinung noch Ungeheilter zu lange außerhalb
der Badeanstalt geblieben war.
[GEJ.10_003,02]
Hierauf fragte Mich der Römer, was er nun tun solle; denn er wollte Mich in der
Anstalt bei den andern Gästen nicht ruchbar machen.
[GEJ.10_003,03]
Ich aber sagte zu ihm: „Was da betrifft deine Freunde und Bekannten, so kannst
du mit ihnen wohl im Vertrauen schon von Mir reden und wie du dem Leibe nach
gesund geworden bist.
[GEJ.10_003,04]
So sie glauben werden, soll es mit ihnen auch besser werden; so sie aber nicht
völlig glauben werden, da wird es mit ihnen auch nicht besser werden. So sie
aber werden Mich Selbst zu sehen und zu sprechen verlangen, da mache ihnen eine
rechte Gegenvorstellung, bei der dich des Markus Diener wohl unterstützen wird.
Verlangen sie aber trotz all dem noch nach Mir, so lasset sie herauskommen;
doch vor den Juden, Pharisäern und andern Priestern rede nichts von Mir!
[GEJ.10_003,05]
Und so kannst du nun mit dem Diener dich schon in die Anstalt begeben, auf daß
den Gästen deine längere Abwesenheit nicht zu auffällig werde.“
[GEJ.10_003,06]
Auf diese Meine Worte erhob sich der Römer und ging, vom Diener begleitet, in
die Anstalt.
[GEJ.10_003,07]
Als er dort angekommen war, da ersahen ihn alsbald seine Freunde und Bekannten,
eilten zu ihm hin und bestürmten ihn mit tausend Fragen.
[GEJ.10_003,08]
Er (der geheilte Römer) aber sagte: „So lasset mir doch Zeit, und betrachtet
mich zuvor ein wenig aufmerksamer, und saget mir dann, wie ihr mich findet!“
[GEJ.10_003,09]
Hierauf besahen ihn alle möglichst aufmerksam, und ein Römer, auch aus Tyrus,
sagte: „Aber beim Zeus, du scheinst ja ganz kerngesund zu sein! Wie bist du
denn draußen so völlig gesund geworden, während dein gestriger
Gesundheitszustand doch keineswegs irgendeine so baldige und vollkommene
Heilung erwarten ließ?
[GEJ.10_003,10]
Hast du im Hause des Markus etwa irgendeinen besseren Arzt gefunden, als da in
der Anstalt die drei Ärzte sind, oder noch irgendeine etwa geheim gehaltene
neue Heilquelle? Erzähle uns das umständlich, auf daß auch wir hinausgehen und
unser Heil finden mögen gleich dir!“
[GEJ.10_003,11]
Hierauf erzählte ihnen der Römer alles, was er gehört, gesehen und erfahren
hatte.
[GEJ.10_003,12]
Als aber seine Freunde solches alles vernommen hatten, da zuckten sie mit den
Achseln. Und der eine sagte: „Freund, das sind Dinge, die sich beinahe noch
schwerer glauben lassen als die Sachen unseres fabelhaften Göttertums!
[GEJ.10_003,13]
Ich habe von dem sonderbaren Wirken und Handeln deines neuen Gottes, der aber
doch uns allen gleich ein aus einem Weibe geborener Mensch mit Fleisch und Blut
ist und ebensogut wie wir alle sterben wird, auch schon gar manches aus treuer
Zeugen Munde vernommen; aber ich konnte mich nicht erwehren, meine alte
Überzeugung, die ich aus den Büchern über all die vielen großen und berühmten
Menschen gewonnen habe, auch an diesem deinem Gottmenschen von neuem wieder
bestätigt zu finden.
[GEJ.10_003,14]
Die Vergöttlichung der großen und in einem oder dem andern Fache berühmten
Menschen ist schon eine so uralte Sache, daß man ihren Ursprung gar nicht mehr
bestimmen kann, und es ist unter uns das schon seit alters her sprichwörtlich
geworden, daß ohne einen göttlichen Anhauch kein großberühmter Mann besteht.
Und so ist es nun sicher auch mit deinem neuen Gott, der ein Galiläer sein
soll, der ganz gleiche Fall.
[GEJ.10_003,15]
Er ist ein Mensch von entschieden seltenen Talenten und Befähigungen, die er in
irgendeiner altberühmten Schule ausgebildet hat, und leistet nun Fabelhaftes
und für uns Laien offen Wunderbares, wofür ihm auch alle Ehre gebührt; doch daß
er darum vor uns Menschen gleich den uralten Weisen sich auch als ein Gott
darstellt, das ist eine eitle Sache, die den recht natürlich vernünftig
gebildeten Menschen nie völlig gefallen wird. Ich möchte mich von ihm recht
gerne heilen lassen und ihn darum auch nach seinem Verlangen belohnen; aber daß
ich ihn für die Heilung gleich als den einen, allein wahren Gott annehmen und
verehren soll, das, Freund, geht mir nicht ein, trotz seiner im Ernste reinsten
Lehre.
[GEJ.10_003,16]
Wer das, was du von ihm hier uns erzählt hast, als eine ausgemachte Wahrheit
glauben kann, gut, der glaube es und lebe und sterbe in solch seinem Glauben so
glücklich als möglich; ich für mich aber werde solch ein Glück schwerlich je
mit ihm teilen!“
[GEJ.10_003,17]
Sagte der römische Richter: „Ihr seid doch alle gleich mir geweckte Männer von
vieler Erfahrung und könntet darum für die Wahrheit aller Wahrheiten schon
empfänglicher sein, als ihr eben seid!
[GEJ.10_003,18]
Überall glauben die Menschen an ein oder auch mehrere Gottwesen; aber kein
Mensch kann der vollsten Wahrheit nach sagen und behaupten, daß er ein solches
Gottwesen je wirkend unter den Menschen gesehen und darüber eine untrügliche
Selbsterfahrung sich verschafft habe, wie ich sie mir hier verschafft habe.
[GEJ.10_003,19]
So ihr aber das nun mir nicht glauben möget, daß ein Mensch, dem alle Kräfte
und Elemente gehorchen, und dem Genien aus den Himmeln wunderbar zu Diensten
stehen, ein Gott ist und unfehlbar sein muß, dann begreife ich es nun erst
recht, wie schwer bei den Menschen dieser Erde Seine rein göttliche Lehre
Eingang finden wird.
[GEJ.10_003,20]
Habt ihr denn schon je einen noch wahreren Gott gesehen, um nun beurteilen zu
können, ob Der, von dem ich euch alles haarklein erzählt habe, was Er Selbst
spricht und tut, ein wahrer Gott ist oder nicht? Kurz und gut, ihr könnet nun
glauben, was ihr wollt, – ich aber werde bei meinem Glauben verbleiben mein
Leben lang und werde dafür das ewige Leben meiner Seele sicher um so wahrer
überkommen, da ich es nun in mir lebendigst fühle und es in der Folge noch
heller in mir fühlen werde.
[GEJ.10_003,21]
Wer soll und kann denn eher ein wahrer Gott sein: ein erdichteter, wie wir
deren leider eine Unzahl haben, die alle tot sind, und von deren keinem noch je
eine wunderbare Wirkung an uns Menschen übergegangen ist, oder ein lebendigster
Mensch, vor dessen allmächtigstem Wort und Willen sich alle Kräfte der Himmel
und dieser Erde allergehorsamst beugen?
[GEJ.10_003,22]
Ich meine da, daß solch ein Mensch der Gott ist, von dem alle die jüdischen und
uns nicht unbekannten Weisen geweissagt haben, daß Er in dieser Zeit als der
Herr im Fleische und Blute zu den Menschen dieser Erde kommen werde und ihnen
das wiedergeben werde, was sie durch ihre Trägheit, Weltliebe und Herrschsucht
verloren haben.
[GEJ.10_003,23]
Und dieser Gottmensch ist nun da und lehrt und wirkt den alten Verheißungen
völlig gemäß. Wie sollte ich etwa euch zuliebe das zu meinem größten
Lebensheile nicht glauben, was ihr aus sehr seichten Gründen nicht glauben
könnet? Ich bedaure wahrlich einen jeden, dem nun seine Glaubensaugen nicht zu
öffnen sind.“
[GEJ.10_003,24]
Auf diese Worte des Richters wußten die andern nicht, was sie ihm dagegen
einwenden sollten; denn er war von Mir im Herzen erleuchtet und stellte ihnen
stets die triftigsten Gegenbeweise dar.
[GEJ.10_003,25]
Aber erst am dritten Tage gelang es ihm, sie gläubig zu machen, worauf er sie
denn auch nachmittags zu Mir herausbrachte und Ich sie auch geheilt habe. Sie
wurden darauf voll Glauben und lobten die Mühe des Richters, daß er auch sie
zum größten Lebensheile gebracht hatte. Sie verblieben samt dem Richter noch
den ganzen vierten Tag bei Mir und ließen sich in allem unterweisen, wobei
unser Raphael wieder recht viel zu tun hatte.
[GEJ.10_003,26]
Am fünften Tage morgens nach dem Morgenmahle reisten sie voll Dank und voll
Glauben nach Tyrus und einige nach Sidon ganz gesunden Leibes zu den Ihrigen
zurück.
4. Kapitel
[GEJ.10_004,01] Die
fünf Tage hindurch, die Ich zugleich mit den nun bekannten und vollends
bekehrten Römern bei Markus zubrachte, geschah nichts von irgendeiner
besonderen Erhebung (Bedeutung). Wir machten kleine Bereisungen in der
Umgegend, und Ich heilte hie und da einen Kranken, und am zweiten Tage hatte
Markus eine große Fischerei auf Mein Wort unternommen und einen überreichen
Fang gemacht.
[GEJ.10_004,02]
Am sechsten Tage näherte sich frühmorgens ein Schiff dem Bade. Wir waren vor
dem Morgenmahle, wie gewöhnlich, am Ufer des Meeres versammelt und betrachteten
die mannigfachen Morgenszenen und Erscheinungen, und Raphael erklärte sie den
Jüngern und dem noch anwesenden Kisjona und Philopold, worüber bis auf Judas
Ischariot alle eine übergroße Freude hatten.
[GEJ.10_004,03]
Das sich dem Ufer nahende Schiff hatte Perser und sogar etliche Indier an Bord
und hatte mit den ziemlich stark gehenden Wogen seine Not. Die Schiffer waren
Gadarener und kannten unser stark klippiges Ufer, darum sie denn auch ein paar
hundert Schritte vom Ufer entfernt herumlavierten, wo und wie sie sich dem Ufer
gefahrloser nahen könnten. Da aber der ziemlich heftige Morgenwind nicht
nachließ, so gaben die Schiffer Zeichen ans Ufer herüber, daß sie Not hätten,
und verlangten Hilfe.
[GEJ.10_004,04]
Hier fragte Mich Markus, was da zu tun sein werde, so Ich da aus irgendwelchem
Grunde kein Wunder wirken wollte.
[GEJ.10_004,05]
Sagte Ich: „Bis wir das Morgenmahl werden zu uns genommen haben, können sich
die Perser und Indier mit ihren Tieren und Zauberdingen schon von den Wogen ein
wenig ängstigen lassen; so wir dann wieder ans Ufer zurückkehren werden, dann
wird es sich schon zeigen, wie dem Schiff zu helfen sein wird.“
[GEJ.10_004,06]
Mit dem war Markus denn auch zufrieden, und wir begaben uns darauf denn auch
sogleich ins Haus zum wohlbereiteten Morgenmahle.
[GEJ.10_004,07]
Nach einer Stunde Zeit gingen wir alle wieder ans Ufer und fanden das
vorbezeichnete Schiff in der gleichen Not und Bedrängnis. Nun erst gab Ich dem
Raphael einen Wink, das Schiff ans Ufer zu befördern. Dieser bestieg nun, um
den Ankommenden nicht auffällig zu werden, ein Boot und ruderte rasch hinaus
zum großen Schiff.
[GEJ.10_004,08]
Als er dort ankam, da fragten ihn die Schiffer, ganz erstaunt über seinen Mut:
„Was willst denn du schwacher Junge hier? Bist du uns zu Hilfe gekommen? Da
wird uns wenig geholfen sein; denn du hast ja nicht einmal ein Seil, noch einen
Haken in deinem Boot! Womit wirst du da unser starkes und großes Schiff an
deinem leichten Boot befestigen und es uns dann über eine sichere Tiefe ans
Ufer bringen helfen?“
[GEJ.10_004,09]
Sagte Raphael mit lauter Stimme: „Das wird meine Sache sein! So ihr wollt und
euch mir anvertraut, da kann und werde ich euch wohl helfen; so ihr mich aber
dazu für zu schwach haltet, dann lasset euch bei diesem starken Wogengang von
wem andern helfen!“
[GEJ.10_004,10]
Sagte ein Schiffer: „So zeige uns denn deine Kunst und Stärke, und das
sogleich, so wir dich darum bitten; denn sonst müssen wir bald zugrunde gehen!“
[GEJ.10_004,11]
Hier ergriff Raphael einen vom großen Schiff hervorstehenden Balken und zog
dasselbe pfeilschnell ans Ufer; und da er dadurch, wie auch durch seinen Willen
eine große Masse Wasser gewisserart dem Ufer zuschob, so berührte des Schiffes
Boden auch die Seichten des Bodens nicht und erlitt sohin auch keinen Schaden.
[GEJ.10_004,12]
Die Schiffer und die Reisenden konnten nicht zur Genüge erstaunen über die
ihnen völlig unbegreifliche Kraft des Jünglings, der mit der Macht der Elemente
derart spielend verfuhr, als hätte er es, statt mit dem Meer und dem starken
Wind, mit einem an einem Grashalme hängenden Tautropfen und mit einem ganz
leisen Morgenhauch zu tun.
[GEJ.10_004,13]
Nachdem sich die Schiffer nun am ruhigen und sicheren Ufer befanden, so
belobten sie sehr den Mut, den guten Willen des Jünglings und ganz besonders
seine seltene Kraft und Geschicklichkeit in der Anwendung derselben, die für
sie alle ans rein Wunderbare reiche, und fragten ihn, wieviel Lohn sie ihm
dafür zu geben hätten.
[GEJ.10_004,14]
Raphael aber sagte: „Ich für meine Person bedarf eures Lohnes nicht. So ihr
aber irgendeinen noch ärmeren Menschen findet, als ihr selbst es zum größten
Teile seid, so erweiset ihm dafür Liebe und Barmherzigkeit!“
[GEJ.10_004,15]
Das machte alle stutzen, und selbst die Fremden sagten: „Wahrlich, das ist ein
seltener Jüngling!“
[GEJ.10_004,16]
Diese Begebenheit hatte ein großes Aufsehen gemacht, und alle Diener des Markus
kamen ans Ufer, um nachzusehen, was sich da wieder Großes und Unerhörtes
ereignet habe.
[GEJ.10_004,17]
Und als die Sache ihnen näher aufgeklärt wurde, sagten alle: „Ja, ja, so der
Himmel und die Erde sich durch den Herrn vereinen, dann werden die Wunder
beinahe schon zu ganz natürlichen Erscheinungen; wenn aber der Herr Sich einmal
wieder hinter alle Sterne zurückbegeben wird, dann wird es wieder einen großen
Mangel an derlei großartigen und seltensten Ereignissen auf der Erde unter den
Menschen haben!“
[GEJ.10_004,18]
Darauf fingen die Reisenden an, ihre Sachen ans Land zu setzen, und erkundigten
sich, wie sie zu Lande ihre Reise weiter bis an das große Meer fortsetzen
könnten. Das wurde ihnen denn auch angezeigt, und unser Raphael übernahm auf
Meinen Wink die Weiterbeförderung, ohne den Reisenden irgend im geringsten zu
verraten, daß er mehr als ein gewöhnlicher Erdenmensch sei. Wohl aber hat er
die Reisenden dann in Tyrus darauf aufmerksam gemacht, in wessen Nähe sie sich
dort befunden haben, wo er sie auf eine wunderbare Weise gerettet hatte.
[GEJ.10_004,19]
Als die Reisenden das vernommen hatten, da wollten sie wieder umkehren, um Mich
Selbst persönlich kennenzulernen, und boten dem Raphael große Summen darum. Da
aber verschwand Raphael urplötzlich vor ihren Augen und befand sich wieder bei
uns.
5. Kapitel
[GEJ.10_005,01]
Es war aber nun schon der achte Tag, den Ich mit Meinen Jüngern in der Ruhe bei
Markus zugebracht hatte; und es fragten Mich Markus und auch die Jünger, warum
Ich denn diese etlichen Tage nahezu in einer völligen Ruhe zugebracht habe, was
sie bei Mir noch nicht erlebt hätten.
[GEJ.10_005,02]
Sagte Ich: „Wir haben nun nahe an dritthalb Jahren Tag für Tag ohne Unterlaß
gearbeitet, und Meine Lehre ist schon weit und breit ausgebreitet; und es war
darum nun denn auch einmal an der Zeit, daß wir hier eine wahre Sabbatruhe
hielten, und ihr habt dabei Zeit gewonnen, vieles aufzuzeichnen.
[GEJ.10_005,03]
Aber von jetzt an wird es mit dem Ruhenehmen sein Ende haben. Wir werden nun in
die rechte Zeit der großen Stürme kommen, und in kaum einem halben Jahre wird
wohl der größte Sturm kommen, der den Hirten schlagen wird, und viele Schafe
Seiner Herde werden sich zerstreuen in der Welt und werden um Meines Namens
willen verfolgt werden von einem Weltende zum andern! Wenn das aber geschehen
wird, dann erst werdet ihr vollends einsehen und erkennen, warum Ich hier nun
etliche Tage geruht habe.“
[GEJ.10_005,04]
Diese Meine Rede hatte alle traurig gestimmt, und auch die Maria sagte: „Herr,
Dir ist ja alle Macht gegeben auch über den Satan; lasse die Stürme nicht über
Deine Stirne kommen!“
[GEJ.10_005,05]
Sagte Ich: „Das sind Dinge, die nur Ich verstehe; darum redet nichts Weiteres
mehr darüber! Denn es muß der Tod und das Gericht der Welt und ihrer Materie
für ewig überwunden werden!“
[GEJ.10_005,06]
Darauf sagte niemand mehr etwas. Und da Ich das nach dem Mittagsmahle am Tische
geredet hatte, so wollte Markus, um Mich heiterer zu machen, noch mehr Wein
auftragen lassen.
[GEJ.10_005,07]
Ich aber sagte: „Freund, laß das nun gut sein; wir haben alle zur Genüge!
[GEJ.10_005,08] Laß
aber ein gutes Schiff bereiten, denn in einer Stunde muß Ich nach Genezareth zu
Ebal! Wer Mich dahin geleiten will, dem steht es frei. Meine Jünger können mit
Kisjona Mich begleiten, der auch mit Maria und Philopold Mich nach Genezareth
geleiten soll.“
[GEJ.10_005,09]
Auf diese Worte machten sich alle auf die Füße, und wir fuhren in einer Stunde
schon nach Genezareth. Die Fahrt übers Meer Galiläas dauerte bei drei Stunden
Zeit, und wir gelangten in die bedeutende, schon bekannte Bucht von Genezareth,
die auch den Namen ,See Genezareth‘ führte.
[GEJ.10_005,10]
Also in dieser Bucht angelangt, fanden wir Fischer des Ebal, die gerade mit dem
Fischfange für unseren Ebal beschäftigt waren, aber seit frühmorgens wegen des
noch immer ziemlich stark wogenden Wassers nur sehr wenige Fische gefangen
hatten.
[GEJ.10_005,11]
Als unsere Schiffe in ihre Nähe kamen, da hielten wir ein wenig inne, und Ich
fragte die Fischer, ob sie wohl schon einen reichlichen Fang gemacht hätten.
[GEJ.10_005,12]
Diese aber sagten (die Fischer): „Freund, heute sieht es mit unserer Arbeit
sehr böse aus! Der See ist seit einigen Tagen sehr unruhig, und da sieht es mit
unserer Arbeit stets schlimm und mager aus. Unseres Herrn Fischbehälter sind
bereits leer, und er muß sich nun schon Fische von andern Orten herbringen
lassen, um die stets vielen Gäste nur einigermaßen befriedigen zu können. So
ihr auch nach Genezareth reiset, werdet ihr mit Fischen sehr spärlich bedient
werden.“
[GEJ.10_005,13]
Sagte Ich: „Werfet nun eure Netze noch einmal ins Wasser, und ihr sollet mit
dem Fange zufrieden sein!“
[GEJ.10_005,14]
Als Ich solches zu den Fischern gesagt hatte, da erkannten Mich mehrere von
ihnen und sagten: „Heil uns, und alles Lob und aller Preis Dir! Vergib uns, o
Herr und Meister, unsere Blindheit; denn wir hätten Dich wohl beim ersten
Anblick erkennen sollen, da Du doch vor einem Jahre ebenfalls unseren Ort mit
Deiner heiligen Gegenwart gesegnet hast! Ja, auf Dein uns bekannt allmächtiges
Wort werden wir sicher einen reichen Fang machen, und Ebal und sein ganzes Haus
werden alsbald erkennen, wer hier der große Fischmeister war!“
[GEJ.10_005,15]
Darauf warfen sie die Netze ins Meer und fingen so viele der besten Fische, daß
sie dieselben kaum in ihren Schiffen und Booten unterbringen konnten.
[GEJ.10_005,16]
Als sie mit dieser Arbeit fertig waren, da entstand unter ihnen ein großer,
Mich lobpreisender Jubel, und sie fuhren vor uns nach Genezareth, wo sie Ebal
mit seinen Leuten am Ufer erwartete, weil er einen reichen Fang sehr wünschte,
da er viele Gäste hatte; und er hoffte von diesem Morgen um so entschiedener
auf einen reichen Fang, da seine Tochter Jahra einen hellen Traum hatte, in dem
sie Mich mit Meinen Jüngern und Freunden hatte auf dem Wasser ankommen sehen,
und daß die Fischer darum auch einen gesegneten Fang machen würden.
[GEJ.10_005,17]
Als die Fischer nach einer halben Stunde Zeit am Ufer von Genezareth ankamen
und Ebal ersah, welch reichen Fang sie gemacht hatten, da sagte er sogleich mit
aufgehobenen Händen: „O meine Tochter, diese fromme Seele hat ein wahres
Gesicht gehabt! Das ist ein Segen meines Herrn, meines Gottes! Ihm sei darum
alles Lob und aller Preis!“
[GEJ.10_005,18]
Hierauf fragte er die Fischer, ob sie Mich nicht in ihrer Nähe entweder auf
einem Schiffe oder an irgendeinem Ufer gesehen hätten.
[GEJ.10_005,19]
Die Schiffer aber zeigten ihm sogleich die sich noch in einiger Ferne auf dem
See befindenden Schiffe und sagten: „Siehe, dort kommt Er mit Seinen Jüngern
und Freunden! Heil uns und dem ganzen Orte, daß Er uns wieder besucht!“
[GEJ.10_005,20]
Als Ebal das vernommen hatte, berief er sogleich sein Weib, seine Kinder und
seine alten und treuen Diener und trug ihnen auf, für den Tisch zu sorgen, und
daß der eine neue Speisesaal für Mich und für die mit Mir Kommenden wohl bereitet
werde, und daß in denselben nur die kommen dürften, die Ich erwählen werde.
[GEJ.10_005,21]
Auf diese Anordnung Ebals bewegte sich alles in größter Eile, um das in Vollzug
zu bringen, was er angeordnet hatte. Er selbst aber bestieg mit der Jahra ein
kleineres Schiff und fuhr Mir entgegen; und als er und die Jahra Mich von noch
einiger Ferne ersahen und an Meiner Seite die ihnen schon bekannte Mutter
Maria, den Raphael, Kisjona, Philopold, Johannes, Petrus, Jakobus und den alten
Markus, der Mich auch nach Genezareth geleitete, da hoben sie vor übergroßer
Freude die Hände empor und grüßten uns mit den üblichen Zeichen auf das
freundlichste. Als sie erst vollends in unsere Nähe kamen, da wollte es mit den
liebfreundlichsten Begrüßungen kein Ende nehmen. Beide, Ebal und Jahra, stiegen
in unser Schiff und überließen ihr Schiff ihrem Schiffer zur Rückfahrt.
[GEJ.10_005,22]
Es ward da um vieles gefragt, und Ich Selbst erzählte dem Ebal in gedrängtester
Kürze die Hauptmomente Meines Wirkens nach der Zeit, als Ich das erste Mal von
Markus weiterzog, worüber er und Jahra die größte Freude äußerten.
[GEJ.10_005,23]
Bei dieser Gelegenheit erreichten wir denn auch das Ufer von Genezareth und
fanden die Fischer noch in der vollsten Beschäftigung, ihre Fische in die Fischbehälter
zu schaffen.
[GEJ.10_005,24]
Hier erst sagte Ebal zu Mir: „O Herr, vergib es mir, daß ich ob meiner wahren
Freudetrunkenheit beinahe gänzlich vergessen habe, Dir für das große Geschenk
der Fische, an denen ich schon einen großen Mangel litt, alsogleich offen und
laut zu danken!“
[GEJ.10_005,25]
Sagte Ich: „Lasse du, Freund Ebal, das nur gut sein; denn du weißt es ja, auf
was Ich beim Menschen schaue und horche, und eines andern und weitern bedarf es
zwischen uns nicht! Darum sei du nur ganz heitern Mutes, und bleibe fortan so,
wie du bis jetzt warst, und du wirst dich auch fortan Meiner Liebe, Gnade und
Freundschaft zu erfreuen haben. Jetzt aber begeben wir uns in den neuen Saal,
allwo wir noch Weiteres miteinander besprechen werden!“
6. Kapitel
[GEJ.10_006,01]
Darauf verfügten wir uns in den Saal, und alle verwunderten sich über die
Größe, Schönheit, Reinlichkeit und Bequemlichkeit dieses Bauwerkes, das von
einem griechischen Baumeister ausgeführt ward. Wir nahmen darauf Platz am
großen Tische, um den sich ganz bequem bei hundert Gäste lagern konnten, und
Ebal ließ sogleich Brot und Wein in rechter Menge herbeischaffen, auf daß wir
ein kleines Vormahl halten konnten, bis das eigentliche Hauptmahl bereitet
wurde, das aber auch nicht lange auf sich warten ließ. Wir nahmen denn nach dem
Wunsche Ebals auch sogleich etwas Brot und Wein zu uns, und es ward bald
lebhaft im Saale.
[GEJ.10_006,02]
Unsere Jahra, die abermals kaum von Meiner Seite wegzubringen war, aber
besprach sich nun mit der Mutter Maria und mit Raphael. Letzteren fragte sie um
manches, was sie in ihren Träumen geschaut und auch vernommen hatte, und er
erklärte ihr das freundlichst. Und Maria konnte über die Weisheit Jahras nicht
genug staunen und koste sie herzlich. Ebal aber, an Meiner rechten Seite
sitzend, erkundigte sich nach den Namen einiger ihm fremden Jünger, die Ich ihm
denn auch ansagte.
[GEJ.10_006,03]
Als wir so in aller Freundlichkeit eine kleine Stunde Zeit zugebracht hatten,
da brachten die andern Kindern und Diener auch schon das bestbereitete Mahl,
und wir fingen denn auch alsbald an, dasselbe zu uns zu nehmen.
[GEJ.10_006,04]
Als die Kinder und Diener Ebals alle Speisen auf den Tisch gebracht hatten, da
kamen sie auch zu Mir hin und brachten Mir einen rechten Gruß und Dank darum,
daß Ich diesem Orte abermals die Liebe erwies, ihn persönlich zu besuchen. Und
Ich legte ihnen die Hände auf und stärkte sie, wofür sie Mir abermals dankten,
und wonach sie sich an ihr Geschäft begaben, – denn sie hatten diesmal viele
fremde Gäste zu bedienen, die auch hier nun ihrer Gesundheit wegen sich
aufhielten; denn seit Meinem ersten Hiersein war das ehedem sehr ungesunde
Genezareth umgewandelt worden in einen Heilort, und ganz besonders die von Mir
eigens gesegnete Wiese.
[GEJ.10_006,05]
Als wir in einer guten Stunde Zeit das gute Mittagsmahl verzehrt hatten, da
fragte Mich Ebal, was Ich am Nachmittag etwa unternehmen werde.
[GEJ.10_006,06]
Sagte Ich: „Mein Freund, es wird sich bald eine gar tüchtige Arbeit für uns
darbieten und wird uns bis in die sinkende Nacht hin vieles zu schaffen machen!
Du selbst wirst Mich der beendeten Arbeit wegen nicht genug loben können. Doch
für jetzt ruhen wir noch eine kleine Zeit hindurch in diesem Speisesaale; denn
wir brauchen diesmal die auf uns wartende Arbeit nicht aufzusuchen, – sie wird
uns nur zu bald von selbst finden!“
[GEJ.10_006,07]
Nach dem ruhten wir alle am Tische noch so eine halbe Stunde lang, und die
Jünger befragten sich untereinander, was es etwa wieder sein werde, das der
Herr Selbst eine tüchtige Arbeit bis in die sinkende Nacht hin nenne. Einige
meinten, es werde wahrscheinlich wieder eine ärgerliche Pharisäergeschichte zum
Vorschein kommen, oder es lauern etwa schon wieder irgend neu ausgesandte
Herodianer auf Ihn oder auf die Jünger des Johannes, die dem geilen Fuchs auch
ein Dorn im Auge sein sollen.
[GEJ.10_006,08]
Als die Jünger noch also fort untereinander berieten über das Wesen und Worin-
Bestehen der von Mir angekündigten tüchtigen Arbeit, da trat ein sehr verlegen
aussehender Diener eiligst in den Saal.
[GEJ.10_006,09]
Und Ebal, dem des ihm nur zu wohlbekannten Dieners verlegenes Gesicht gleich
auffiel, stand schnell auf, ging zum Diener hin und sagte: „Benjamin, mein alter
treuer Diener, was bringst du für üble Kunde mir? Denn aus deinen unsteten
Augen lese ich nichts Gutes!“
[GEJ.10_006,10]
Sagte der Diener: „Ebal, du mein Gebieter und Herr, es ist, was mich deucht,
zwar eben nicht etwas Arges im Anzuge; aber gerade angenehm wird die Sache
weder für dich noch für die anwesenden Gäste sein. Du kennst ja den neuen
römischen Hauptmann, der erst vor etlichen Wochen etwa aus der Gegend um
Bethlehem hierher versetzt worden ist. Er ist hier sonach ein neuer Besen und
will denn auch zur Vergrößerung seines Ansehens auch über alle die Maßen rein
kehren. Dieser hat durch seine allsehenden Kundschafter und feinschmeckenden
Wachen von der Ankunft dieser hohen Gesellschaft vernommen und ist der Ansicht,
es hätte ihm gleich bei der Ankunft dieser Gesellschaft gemeldet werden sollen,
wer alles da angekommen sei, woher, warum und wohin man sich dann weiter
bewegen werde, und ob sich darüber ein jeder für sich oder einer für alle
legitimieren könne.
[GEJ.10_006,11]
Nun, diese Meldung ist bei dieser Gelegenheit sicher ob der großen und
allgemeinen Freude über die Ankunft des Heilandes, die wir alle schon lange
sehnlichst gewünscht haben, unterblieben, und darum sind bei dem stolzen Römer
nun schon gleich alle seine Teufel losgeworden. Er wartet draußen auf dich und
will mit dir reden.“
[GEJ.10_006,12]
Als Ebal dieses aus dem Munde des alten Dieners Benjamin vernommen hatte, da
ward er ordentlich unwillig und sagte: „Nein, es ist aber in dieser Welt das
doch sonderbar, daß es selbst für den ehrlichsten und gottergebensten Menschen
nie einen ganz seligen Tag geben kann, an dem nicht so ein recht arger
Weltdämon einem sein ohnehin mit allerlei Sorgen behaftetes Leben vergällen
möchte!“
[GEJ.10_006,13]
Sagte Ich: „Mein Freund, laß darob fahren deinen Ärger! Wäre diese Welt nicht
von Gott zu einer Lebensprobestätte bestimmt, in welcher ein jeder Mensch sich
gleichfort bis zu seiner vollen geistigen Wiedergeburt in aller Geduld,
Sanftmut, Demut und Liebe zu üben hat auf dem Wege der äußersten Selbstverleugnung,
so wäre Ich Selbst nicht zu euch gekommen, um euch in allem mit dem besten und
lebenswahrsten Beispiel voranzugehen. Wollen die Menschen dieser Erde Kinder
Gottes derart werden für ewig, wie du dir hier an Raphael, den du wohl kennst,
ein Beispiel nehmen kannst, so müssen sie sich auch die Mittel, die von Gott
verordnet sind zur Erreichung des höchsten Lebenszweckes, in dieser nur kurz
dauernden Probelebenszeit in aller Geduld und Ergebung in den Willen des
allweisesten Vaters gefallen lassen.
[GEJ.10_006,14]
Gehe denn nur hinaus und verhandle mit dem römischen Hauptmanne, auf daß du der
erste bist, der sich von der tüchtigen Arbeit überzeugt, die uns heute bis in
die sinkende Nacht bevorsteht!“
[GEJ.10_006,15]
Sagte Ebal: „In Deinem Namen, o Herr und Meister; ich werde es ja gleich
erfahren, was da alles herauskommen wird!“
[GEJ.10_006,16]
Hierauf begab er sich eiligst hinaus zum Hauptmanne, der schon in der höchsten
römischen Ungeduld mit mehreren seiner Untergebenen auf ihn harrte.
7. Kapitel
[GEJ.10_007,01]
Als Ebal vor dem Hauptmanne stand, da herrschte dieser ihn gleich mit
zornglühenden Augen folgendermaßen an (der Hauptmann): „Ist das bei dir die Art
und Weise, wie meine Gebote hier beachtet werden, und weißt du noch nicht,
welche Folgen den Nichtbeachter der Gesetze Roms zu treffen haben?! Warum hast
du es diesmal unterlassen, mir von der Ankunft einer bedeutenden Anzahl Fremder
alsogleich Anzeige zu machen, auf daß ich durch diese meine Diener mich hätte
überzeugen können, ob die Angekommenen hier auf eine bestimmte Zeit Aufnahme
finden können und dürfen oder nicht?“
[GEJ.10_007,02]
Sagte hierauf Ebal: „Gestrenger Herr und Gebieter, seit du hier deine Gesetze
mit aller von uns Bewohnern dieser Stadt ungewohnten Strenge ausübst, habe ich
wegen einer Nichtbeachtung deines Willens von dir noch nie eine Rüge bekommen,
und ich habe auch diesmal nicht aus irgendeinem Widerwillen gegen deine stets
härter zu ertragenden Anordnungen die von dir verlangte alsogleiche Anzeige der
Ankunft nicht irgend von fremden Gästen, sondern von meinen altbekannten und
ehrlichst besten Freunden unterlassen, sondern nur infolge meiner höchsten
Freude über ihre Ankunft rein vergessen, meiner mir nun wohlbewußten Pflicht
nachzukommen, und ich glaube, an dich keine Fehlbitte zu richten, so ich für
dies alleinige Mal um eine gnädige Nachsicht dich anflehe.“
[GEJ.10_007,03]
Sagte der Hauptmann: „Das Gesetz kennt da keine Rück- und Nachsicht! Du hast
mein Gesetz, ob infolge einer Vergessenheit oder infolge eines Widerwillens
gegen dasselbe – was bei mir eins ist –, übertreten und bist sohin denn auch
unnachsichtlich strafbar. Die Strafe nur will ich pur in Berücksichtigung
dessen, weil du ein erster und angesehenster Bürger dieser Stadt bist, in keine
Körper- aber in eine bedeutende Geldstrafe umwandeln; und solltest du meinem
gerechten Verlangen nicht nachkommen, so lasse ich dir deine Kinder als Geiseln
gefangennehmen, und du wirst so lange nicht zu ihrem Besitze kommen, bis du mir
die verlangte Summe bis auf den letzten Stater wirst bezahlt haben! Die Strafe
aber beträgt tausend Pfunde Goldes und zehntausend Pfunde Silbers und ist
binnen dreier Stunden an mich zu bezahlen! Du weißt nun, was du für dich zu tun
hast, und ich bin mit dir zu Ende. Und jetzt geht meine Amtshandlung an deine
angekommenen Freunde über, und so führe mich nun alsogleich in deinen neuen
Saal!“
[GEJ.10_007,04]
Ebal ward über die rücksichtslose und allerungebührlichste Strafe in Geld,
dessen er bei weitem nicht in der geforderten Menge besaß, ganz kleinmütig,
vertraute aber dabei gleich lebendigst auf Mich, und daß Ich ihm auch sicher
helfen würde, und führte in solchem Vertrauen den Hauptmann und seine finsteren
Helfershelfer denn auch sogleich zu uns in den Saal, welchen eben der Hauptmann
auch von außen mit seinen Soldaten wohl besetzen ließ.
[GEJ.10_007,05]
Wir waren noch voll heitern Mutes am großen Tische, als der Römer mit einer
wahrhaft zornglühenden Herrschermiene in den Saal mit großer Barschheit und
Arroganz hereintrat und sogleich mit Heftigkeit die Frage an uns stellte: „Ist
ein jeder von euch für sich oder einer Herr für alle, wie das oft bei Reisenden
vorkommt?“
[GEJ.10_007,06]
Sagte Ich: „Ich bin für alle ein wahrer und alleiniger Herr! Was willst du von
uns noch ein Weiteres über deine ausgesprochene unmenschliche und in keinem
römischen Gesetz begründete Geldstrafe für unseren biedersten Freund Ebal?
Willst du etwa auch uns mit derlei Strafen belegen?“
[GEJ.10_007,07]
Sagte der Hauptmann: „Die, über die du Herr bist, sind straffrei; du aber, der
du vor mir wenig Achtung zu haben scheinst, weil du über meine Strafbemessung
ein böses Urteil aussprachst, wirst mir in drei Stunden dieselbe Summe erlegen,
die du für deinen Freund Ebal als für zu unmenschlich und in keinem römischen
Gesetz begründet gefunden hast! Ich werde euch Juden die Gesetze Roms schon als
wohlbegründet zeigen und sehr begreiflich machen! Ich habe geredet, und ihr
wisset, was ihr zu tun habt!“
[GEJ.10_007,08]
Sagte Ich: „Was aber dann, so wir deinem allerungerechtesten Verlangen erstens
nicht nachkommen können und zweitens auch nicht nachkommen werden? Denn wo
steht es geschrieben, daß ein römischer Hauptmann das unbedingte Recht habe, in
Freundesland also Erpressungen zu machen wie in den Ländern der Feinde?
[GEJ.10_007,09]
Zeige Mir deine Vollmacht als vom Kaiser selbst ausgehend oder von seinem
Oberstatthalter Cyrenius! Hast du solch eine Vollmacht nicht, dann wirst du es
mit Einem zu tun bekommen, der eine allerhöchste Vollmacht in Sich vor deinen
Augen birgt; und hätte Ich diese nicht, da würde Ich nicht also mit dir reden!
[GEJ.10_007,10]
Du bist zwar hier nun ein stolzer, harter und beinahe nicht mehr erträglicher
Gebieter; aber darum sind doch andere über dich, bei denen die von dir zu
unmenschlich Bedrückten sicher mehr Gerechtigkeit finden werden denn bei dir.
Darum weise Mir deine Instruktionen entweder vom Kaiser selbst oder vom
Oberstatthalter vor, sonst werde Ich dir Meine Vollmacht vorweisen!“
[GEJ.10_007,11]
Diese Meine ernsten Worte machten den Hauptmann stutzen, und er sagte nach
einer kleinen Weile Nachdenkens (der Hauptmann): „Eine geschriebene Vollmacht
habe ich nicht, weil sie in meiner Stellung kein römischer Hauptmann vonnöten
hat; ein jeder aber steht unter dem Eid der Treue für den Kaiser und für das ausschließliche
Wohl Roms. So ich diese zwei Punkte durch mein Handeln im Auge behalte, kann
mich niemand wegen meiner Strenge zu irgendeiner Verantwortung ziehen! Wo hast
denn hernach du deine allerhöchste Vollmacht?“
[GEJ.10_007,12]
Sagte Ich: „Verlange du sie nicht vor der Zeit kennenzulernen!“
[GEJ.10_007,13]
Sagte der Hauptmann: „Meinst du denn, ein Römer ist ein furchtsamer Hase, der
gleich vor einem schlauen jüdischen Fuchs die Flucht ergreift? O nein, ein
Römer ist wie ein Löwe, der auf alle Tiere ohne Scheu und Furcht seine Jagd
macht!“
[GEJ.10_007,14]
Hierauf gab er einem seiner Diener einen Wink, und dieser öffnete die Tür,
durch die alsbald bei dreißig bis an die Zähne bewaffnete Krieger eindrangen.
[GEJ.10_007,15]
Als diese unseren Tisch in einer gewissen Ordnung umringten, da sagte der
Hauptmann mit einer sehr herrischen Stimme: „Siehe, du höchst bevollmächtigter
Jude, das ist meine effektive Vollmacht, die euch so lange gefangenhalten wird,
bis ihr meiner Forderung Genüge leisten werdet! Kennst du diese Vollmacht?“
[GEJ.10_007,16]
Sagte Ich: „Ja, Mein stolzer und bis jetzt noch sehr blinder Römer samt deinen
Helfershelfern und Kriegern, diese deine Vollmacht kenne Ich schon seit gar
lange her; aber sie wird dir für diesmal nichts nützen! Denn weil du Mir nun
die volle Schärfe deiner Zähne gezeigt hast, so werde auch Ich dir – aber nur
so ein Sonnenstäubchen groß von Meiner Allvollmacht zeigen, und es wird dir
daraus vollends klar werden, daß nicht du Mein, sondern nur Ich für immerhin
dein Herr sein und bleiben werde!
[GEJ.10_007,17]
Siehe, dieses Saales Raum ist hoch und weit, sieben Manneslängen erreichen kaum
die Decke, bei zwanzig ist er lang und bei zwölf breit! Ich will aber nun, daß
ihr von Meiner inneren Allvollmacht samt euren scharfen Waffen über die halbe
Höhe des Saales frei in der Luft schweben sollet, und wir wollen dann sehen,
was euch eure scharfe und löwenartige Vollmacht nützen wird; und bis du von
deiner ungerechtesten Forderung an Ebal und Mich nicht völlig abstehen wirst,
wird dein Fuß keinen festen Boden berühren! Es geschehe, da nun Ich geredet
habe!“
8. Kapitel
[GEJ.10_008,01]
Als Ich solches ausgesprochen hatte, da schwebten schon alle in der
vorbestimmten Höhe in der Luft des Saales, und da allda jeder allen festen Stützpunkt
verlor und mit dem auch das Gleichgewicht, so hingen bald die meisten wegen
ihrer heftigen Sträubebewegung kopfüber in der Luft, und ein durch des Saales
hohe Fenster durchstreichender Wind in wirbelnder Art trieb sie von einer Wand
des Saales zur andern, und keiner konnte dem andern nur die geringste Hilfe
leisten. Etliche versuchten, ihre Waffen nach uns herabzuwerfen; aber auch
diese blieben in der Luft hängen.
[GEJ.10_008,02]
Als sich der Hauptmann beinahe eine halbe Stunde lang samt seinen Helfern in
dieser für ihn unerhörten Stellung befunden hatte, da fragte Ich ihn, sagend:
„Was hältst du nun von Meiner Allvollmacht? Findest du nicht, daß der Löwe
Judas mächtiger ist als deine scharfe römische Vollmacht, die du auch einen
Löwen nanntest, der auf alle Tiere Jagd mache und nicht einem Hasen gleich vor
einem schlauen Judenfuchs die Flucht ergreife?“
[GEJ.10_008,03]
Darauf schrie der Hauptmann auf Mich aus der Luft herab: „Ich bitte dich, du
Haupt aller Magier oder du als ein Halb- oder Ganzgott, befreie uns aus dieser
höchst unerträglichen Lage, und ich will von der ausgesprochenen Strafe ganz
abgehen; denn ich sehe nun nur zu klar ein, daß alle Macht selbst des größten
Reiches der Erde keinen Wettkampf mit dir eingehen kann! Befreie mich aus dieser
höchst jämmerlichen Lage, und ich werde mich nebst dem vollen Nachlasse meiner
euch diktierten Strafe um euch weiter auch nicht im geringsten mehr kümmern,
von dieser Sache schweigen wie eine ägyptische Pyramide, und ihr könnet in
dieser Stadt verweilen, solange ihr wollt, und ich werde niemanden von euch
nötigen, diesen Ort zu verlassen!“
[GEJ.10_008,04]
Sagte Ich: „Höre, Ich durchschaue dein Herz und sehe, daß es dir mit deinen
Versprechungen noch nicht vollkommen ernst ist; aber da Ich Meine Macht sicher
besser kenne als du die deinige, so will Ich denn auch deine Bitte erhören, und
es soll dir wieder der Boden der Erde zu einem festen Stützpunkte werden!“
[GEJ.10_008,05]
Als Ich solches ausgesprochen hatte, erhielten alle eine aufrechtstehende Stellung
in der Luft und sanken dann ganz gemächlich wieder auf den Boden der Erde, der
hier auch den Boden des Saales bildete, herab.
[GEJ.10_008,06]
Als sie wieder festen Fußes waren, da entließ der Hauptmann sogleich seine
Kriegsknechte und gab auch den den Saal von außen umgebenden Wachen den Befehl,
sich in ihre Wohnhütten und Schanzlagerstätten zu begeben, was denn auch
alsogleich geschah; er aber blieb mit zwei seiner ersten Unterführer bei uns im
Saale, setzte sich an einen kleinen Nebentisch und ließ sich Brot und Wein
geben, und sagte nun zu Ebal (der Hauptmann): „Das kannst du und jener
Allmächtige für den vollen Nachlaß uns schon gewähren! Hättest du mir draußen
von der Macht dieses sonderbarsten Menschen etwas gesagt, so hätte ich auch
sicher menschlichere Forderungen an dich gestellt! Wer hätte es aber auch nur
ahnen können, daß sich unter diesen deinen sein sollenden alten Freunden ein
den Göttern ähnlich allmächtiger Magier befindet?
[GEJ.10_008,07]
Bei uns Römern gilt das ja für etwas, das inmitten eines heftigsten Kampfes
sich als ein Wink der Götter darstellt, und wo der Kampf ein völliges Ende
nimmt.
[GEJ.10_008,08]
Ich habe in der Luft deines Saales viel Angst ausgestanden, weshalb ich
ordentlich schwach geworden bin, und so will ich mich denn nun auch hier wieder
stärken; zweitens aber möchte ich mit dem Wundermanne nun im guten und vollen
Ernste zu keines Menschen Schaden eine nähere Bekanntschaft machen, deren er
mich wohl etwa würdigen wird, da ich ihm nirgends mehr bedrohlich in den Weg treten
werde. Und darum lasse du mir und auch meinen beiden Dienern nun einen besten
Wein bringen und etwas Brot und Salz!“
[GEJ.10_008,09]
Ebal ließ das sogleich geschehen, und die drei wurden sogleich bestens versorgt
und aßen und tranken. Als sie sich aber von ihrer Angst und Furcht vor Mir beim
Weine ein wenig erholt hatten, da fingen sie denn auch lauter und mutiger an zu
reden, und der Hauptmann wollte sich schon mehrere Male von seinem Stuhl
erheben und zu Mir gehen, um sich mit Mir in ein Gespräch einzulassen; aber
seine beiden Diener widerrieten ihm das, indem es nicht rätlich wäre, sich mit
den Hauptmagiern eher in ein Gespräch einzulassen, als bis diese es irgend
selbst wünschten. Und so blieb der Hauptmann noch ruhig und ließ sich noch mehr
Wein bringen.
9. Kapitel
[GEJ.10_009,01]
Da es bei dieser Gelegenheit aber schon gegen die Neige des Tages zu gehen
anfing und wir schon lange Zeit unter allerlei nützlichen Besprechungen beim
Tische zugebracht hatten, so fragten Mich die Jünger, ob es nicht gut wäre, auf
eine Zeitlang ins Freie zu gehen.
[GEJ.10_009,02]
Sagte Ich: „Für heute ist die Arbeit, die noch in ihrem schwierigsten Teile
unser harrt, wichtiger als die Freie, die hier in Genezareth nicht viel
Anmutiges bietet. Wer von euch aber ins Freie gehen will, dem steht es frei;
Ich aber bleibe hier.“
[GEJ.10_009,03]
Als Ich Mich so geäußert hatte, da sagten die Jünger: „Herr, wo Du bleibst, da
bleiben auch wir! Denn nur bei Dir ist es allzeit gut; ohne Dich ist
allenthalben Gericht, Verderben und der starre Tod.“
[GEJ.10_009,04]
Sagte Ich: „Also bleibet denn, wo das Gottesreich und sein ewiges Geistleben
waltet; denn Ich Selbst bin die Wahrheit, das Gottesreich, die Auferstehung und
das ewige Leben. Wer an Mich glaubt, der wird das ewige Leben überkommen, da
Ich ihn auferwecken werde am jüngsten Tage. Wer in Mir bleibt im Glauben und in
der Liebe, in dem bleibe auch Ich; in wem aber Ich bleibe, der hat schon in
sich das ewige Leben und wird den Tod niemals sehen, fühlen und schmecken. Also
bleibet denn hier bei und durch eure Liebe in Mir!“
[GEJ.10_009,05]
Hier fragte Mich Ebal, sagend: „Herr und Meister, die Juden glauben zum größten
Teil an eine Auferstehung auch des Fleisches im Tale Josaphat. Diese Sache
kommt mir darum denn doch ein wenig sonderbar vor! Denn erstens wird wohl nur
der geringste Teil im Tale Josaphat beerdigt, und zweitens: Was wird denn dann
mit jener Menschen Leiber an dem geheimnisvollen Jüngsten Tage geschehen, die
von einem Tale Josaphat nie gehört haben und sonach weit woanders verstorben
und zum Teil verbrannt und zum Teil vielleicht auch uns Juden gleich in die
Erde verscharrt worden sind? Und endlich drittens: Was wird mit jenen am
Jüngsten Tage geschehen, die das Meer und andere Gewässer verschlungen haben
und oft mehrfach von den wilden Tieren aufgezehrt worden sind? Wann wird der
von den Pharisäern oft so überschrecklich beschriebene Jüngste Tag nach unserer
Zeitrechnung kommen?
[GEJ.10_009,06]
Herr und Meister, Du siehst, daß diese Dinge der noch so reinen
Menschenvernunft nicht eingehen können! Nur der finsterste und nie etwas
denkende und prüfende Aberglaube der allergemeinsten und -niedrigsten Juden und
auch der Heiden in ihrer Art kann auf solche Ungereimtheiten halten; dem Denker
aber schaden sie und benehmen ihm den Glauben an eine rein göttliche
Offenbarung, an die Unsterblichkeit der Seele nach dem Tode des Leibes und
ebenso an eine einstige Auferstehung des Fleisches an dem gewissen Jüngsten
Tage. – Was sollen wir nun davon halten?“
[GEJ.10_009,07]
Sagte Ich: „So, wie es euch die Pharisäer lehren, gar nichts! Denn der Leib,
der auf eine kurze Zeit der Seele zu einem nach außen hin handelnden Werkzeuge
dient, wird weder im Tale Josaphat noch irgendwo anders auf dieser Erde als
das, als was er der Seele hier auf eine kurze Zeit gedient hat, an einem
gewissen Jüngsten Tage auferweckt und mit der Seele wieder vereinigt werden.
[GEJ.10_009,08]
Was die Auferstehung des Fleisches der Wahrheit nach betrifft, so sind unter
dem Fleische zu verstehen die Werke, welche die Seele mit ihrem Leibe ausgeübt
hat.
[GEJ.10_009,09]
Das Tal Josaphat bezeichnet den Zustand der inneren Seelenruhe, so ihr Handeln
stets ein gerechtes war. In dieser Ruhe, die von keiner Weltliebe und Begierde
und deren Leidenschaft gestört wird, und die einem völlig ruhigen Wasserspiegel
zu vergleichen ist, in dem du die Abbilder der fernen und nahen Gegenden
ungetrübt erschauen kannst, besteht denn auch schon der Anbeginn des wahren
Jüngsten Tages der Seele, ihrer Auferweckung durch Meinen Geist in ihr und zugleich
auch ihrer Auferstehung zum ewigen Leben.
[GEJ.10_009,10]
In diesem Zustande ersieht dann die Seele schon die guten Früchte ihrer Werke
und fängt an, sich ihrer stets mehr und mehr zu freuen; in diesem Erschauen
besteht die wahre Auferstehung des Fleisches.
[GEJ.10_009,11]
Es heißt ja: Ein sterblicher und vergänglicher Leib wird in die Erde gesät, und
als ein unsterblicher und unvergänglicher wird er wieder auferstehen. Wenn du
das auf deinen materiellen Leib beziehst, da mußt du freilich wohl in eine große
Irre geraten; so du das aber auf die guten Werke der Seele, die ihr wahrer Leib
sind, beziehst, so gelangst du dadurch zur Wahrheit. Denn siehe, ein jedes gute
Werk, das eine Seele mit ihrem Leibe auf dieser Erde ihren Nächsten gegenüber
ausgeübt hat, geht auch, wie alles auf dieser Erde, vorüber und stirbt schon
nach der Tat; denn wenn du einen Hungrigen gesättigt, einen Durstigen getränkt,
einen Nackten bekleidet und einen Gefangenen erlöst hast, da dauert die edle
Tat nicht gleichfort, sondern dauert nur die kurze Zeit des Handelns hindurch!
Darauf wird sie von dir oftmals vergessen und so auch von dem, dem du sie
erwiesen hast, und ist somit zu Grabe getragen und als sterblich und
vergänglich in das Erdreich der Vergessenheit gesät; aber an dem dir gezeigten
wahren Jüngsten Tage der Seele wird sie als für ewig dauernd von Meinem Geiste
in der Seele auferweckt, aber nicht mehr in der Form der vergänglichen
irdischen Tat, sondern in der Form der ewig dauernden Frucht.
[GEJ.10_009,12]
Wie wird aber diese dann aussehen? Siehe, die wird jenseits zur herrlichsten,
mit allem best- und reichst versehenen Wohngegend für ewig der Seele werden, in
der sie höchst selig von einer Vollkommenheit zur andern sich emporschwingen
wird!
[GEJ.10_009,13]
Wie demnach die Werke einer Seele hier beschaffen sein werden, so werden sie
ihr dereinst als Wohngegenden dienen. Und siehe, darin besteht die wahre
Auferstehung des Fleisches! Das glaube und halte; denn also und nimmerdar
anders ist es!“
[GEJ.10_009,14]
Sagte Ebal: „Ja, das klingt freilich ganz himmelweit anders, als was die
blinden Pharisäer vor dem blinden Volke dahergeschwatzt haben, und damit ist
auch die reine Menschenvernunft vollkommem einverstanden, und es geht ihr ein
neues, großes Licht auf. Aber von dem Fleische, das der Seele hier gedient hat,
wird also auch nicht ein Sonnenstäubchen groß im Jenseits, mit der Seele
vereint, zu einem ewigen Leben auferstehen?“
[GEJ.10_009,15]
Sagte Ich: „Als ein Bestandteil der durch Meinen Geist ewig lebenden Seele
nicht, da sie selbst zu einem puren Geiste wird ihrem Innern nach! Aber was da
betrifft den Umriß ihrer äußeren Form und besonders aber ihre Bekleidung, da
werden auch die Seelenätherteile ihres diesirdischen Leibes in geistiger
Reinheit mit ihr wieder vereinigt werden, doch von dem groben Organleibe auch
nicht ein Atom groß; denn für diesen Leib ist das bestimmt, was für alle andere
Materie der Erde bestimmt ist, die auch stets und stets also in bessere
Naturgeister aufgelöst wird, so wie sie auch ursprünglich aus viel minder
reinen und auf einer sehr untersten Gerichtsstufe stehenden Naturgeistern
zusammengefügt wird.
[GEJ.10_009,16]
Die schon die grobe Materie verlassenden Naturgeister können mit der Zeit auch
zu Menschenseelen werden; doch ein Näheres in dieser Sphäre wirst du erst dann
einsehen, so sich deine Seele in dem gewissen Tale Josaphat befinden wird.
Darum nun nichts Weiteres mehr davon!
[GEJ.10_009,17]
Der Hauptmann und seine beiden Diener haben nun wohl deine Fragen und Meine dir
gemachten Erklärungen mit großer Aufmerksamkeit angehört, aber nichts von allem
verstanden; daher werden sie nun bald mit ihrer Griechenweisheit uns zur Last
werden, – und so wollen wir mit aller Geduld ihren Angriff auf uns ein wenig in
der Ruhe abwarten!“
10. Kapitel
[GEJ.10_010,01]
Als Ich solches dem Ebal gesagt hatte, erhob sich auch schon der Hauptmann von
seinem Stuhle und bewegte sich mit einem freundlichen Angesicht zu Mir hin. Als
er sich bei Mir befand, da sagte er: „Du großer und machtvollster Meister in der
geheimnisvollen Sphäre deiner Kunst und Wissenschaft, durch die du dir alle die
geheimen Kräfte der Natur vollkommen untertan gemacht hast, ich habe euren
Gesprächen mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört und daraus entnommen, daß ihr
alle dem jüdischen Gotteskulte angehört, der viel Gutes, aber daneben recht
viel Schlechtes enthält, aus dem sich die vielen Mißbräuche eurer Priester in
einem noch viel ärgeren Grade nach und nach entwickelt haben als bei uns
Heiden, wie wir von euch Rechtgläubigen genannt werden.
[GEJ.10_010,02]
Aber sei es nun, wie es da wolle, du machtvollster Meister scheinst in eurer
Gotteslehre viel tiefer eingeweiht zu sein als der sonst auch recht weise
Ebal?! Nur begreife ich nicht, was du damit hast sagen wollen, wo du also
sprachst, als seiest du allein das Grundprinzip alles Seins, Lebens und
Fortbestehens! Du seiest die Wahrheit und das ewige Leben; wer an dich glaube
und dich liebe, der werde keinen Tod jemals sehen, fühlen und schmecken. Also
seiest du auch derjenige, der die Seelen am Jüngsten Tage zum ewigen Leben
auferwecken werde, und dergleichen noch mehreres.
[GEJ.10_010,03]
Ist das nur so deine weise Redeweise, oder bist du selbst der Gewisse oder
dasjenige geheimnisvolle Ich, der sich uns Menschen als der Grund alles Seins,
Lebens und Bestehens darstellt? Ich bin in der alten Griechenweisheit kein
Laie, und du könntest mit mir schon auch reden in deiner Weisheit, die ich nun
näher kennenlernen möchte!“
[GEJ.10_010,04]
Sagte Ich: „Setze dich denn an diesen Tisch mit deinen beiden Unterdienern, und
wir wollen dann sehen, wie weit ihr zu bringen sein werdet!“
[GEJ.10_010,05]
Hierauf berief der Hauptmann sogleich die beiden Unterdiener an unseren Tisch.
[GEJ.10_010,06]
Und als diese sich bei uns befanden, da sagte Ich zum Hauptmann: „Nun rede
offen, was du von Mir erfahren willst! Doch von dem, was Ich ehedem mit dem
Freunde Ebal geredet habe, rede nicht; denn das faßt dein Verstand nicht!“
[GEJ.10_010,07]
Als der Hauptmann das vernommen hatte, geriet er in eine Verlegenheit und wußte
nicht, um was er Mich so ganz eigentlich hätte fragen sollen. Nach einer Weile
Überlegens sagte er: „Vollmächtigster Meister, in welcher mir sicher ganz
unbekannten Schule bist denn du gebildet worden?“
[GEJ.10_010,08]
Sagte Ich: „In Meiner höchsteigenen, und das schon von Ewigkeit her; denn ehe
noch ein Sein im endlosen Raume sich befand, war Ich Meinem innersten Geiste
nach da und erfüllte die ewige Unendlichkeit!“
[GEJ.10_010,09]
Als der Hauptmann das vernahm, sah er Mich groß an und sagte: „Ist dein
Innerstes denn größer als dein Äußerstes? Siehe, du redest verworren! Wie
sollen wir das verstehen? Was hast du damit sagen wollen?“
[GEJ.10_010,10]
Sagte Ich: „Die volle Wahrheit; aber da in dir bis jetzt noch keine Wahrheit
ist, so kannst du diese erste Wahrheit auch nicht verstehen. Höre aber, Ich
will dir ein Näheres eröffnen!
[GEJ.10_010,11]
Siehe, im Anfange alles Anfangs und vor dem Sein alles Seins war das Wort! Dies
Wort war bei Gott, denn Gott Selbst war das Wort, und alles, was da ist und den
endlosen Raum, von dem schon eure Weisen geredet haben, erfüllt, ist durch das
Wort geschaffen worden und nichts ohne dasselbe.
[GEJ.10_010,12]
Das ewige Wort hat nun Fleisch angenommen aus Sich und kam nun als ein Mensch
zu Seinen Menschen in diese Welt, und die Seinen erkennen es nicht! Und du bist
auch ein Mensch und erkennst das ewige Wort in Mir nicht, dieweil du blinden
Herzens bist. – Hast du denn der Juden Propheten nicht gelesen?“
[GEJ.10_010,13]
Sagte der Hauptmann: „Wohl habe ich sie, wie vieles andere, gelesen; aber wer
kann diese verstehen? Eure Priester verstehen sie nicht; wie sollte ich als ein
Römer sie verstehen? Sie schrieben ebenso unverständlich, wie du nun zu mir
über dich geredet hast!
[GEJ.10_010,14]
Ich sehe es schon, daß ich mit dir zu keiner Klarheit jemals gelangen werde,
und wir fangen, so es dir genehm ist, lieber über andere Dinge zu reden an!
Sage mir doch, du sonderbar vollmächtigster Meister, in welchem Lande bist du
denn geboren, und welchem Volke gehörst du dem Leibe nach an!?“
[GEJ.10_010,15]
Sagte Ich: „Siehe, – da, neben Mir sitzt Meines Leibes Gebärerin; darüber
besprich dich mit ihr!“
[GEJ.10_010,16]
Darauf wandte sich der Hauptmann an die Maria, und diese hat in einer sehr
gedehnten Rede ihm alles von ihrer Empfängnis bis zu Meinem zwölften Jahre
haarklein erzählt, was es mit Mir für eine stets wunderbare Bewandtnis hatte.
[GEJ.10_010,17]
Diese Erzählung machte die drei Römer sehr stutzig, und sie wußten nun nicht,
was sie so ganz eigentlich aus Mir machen sollten. Denn an ihre Götter hatten
sie schon lange keinen Glauben mehr, und noch weniger an den Gott der Juden;
sie lebten nach Epikur, und eine Gottheit war ihnen ein Unding. Nun aber
entdeckten sie in Mir göttliche Eigenschaften, wußten aber nicht, wie sich
diese mit einem nach ihrer Meinung nur auch zeitlich lebenden und bestehenden
Menschen einen können.
[GEJ.10_010,18]
Es fragte Mich darum der Hauptmann, sagend: „Großer Herr und Meister! Sage mir
nun, ob du dem Leibe nach auch sterben oder gleich ewig fortleben wirst?“
[GEJ.10_010,19]
Sagte Ich: „Nur noch eine kurze Zeit, – dann aber werde Ich, wie Ich nun da
bin, wieder dorthin zurückkehren, von wannen Ich gekommen bin, und die Meinen
werden für ewig bei Mir sein.“
[GEJ.10_010,20]
Sagte der Hauptmann: „Wer sind denn die, welche du die Deinen nennst, und wo
ist der Ort, dahin du schon in kurzer Zeit zurückkehren wirst?“
[GEJ.10_010,21]
Sagte Ich: „Die Meinen sind, die an Mich glauben, Mich lieben und Meine Gebote
halten; der Ort aber ist nicht einer, wie da sind die Orte auf dieser Erde,
sondern er ist das Reich Gottes, das nun von Mir gegründet wird unter den
Menschen und in der Menschen Herzen.
[GEJ.10_010,22]
In dieses Reich des wahren, ewigen Lebens aber gelangt man nicht auf den
breiten Heerstraßen dieser Welt, sondern auf einem ganz schmalen Pfade nur, und
dieser heißt Demut, Geduld, Selbstverleugnung in allen Reizungen, die von
dieser Welt ausgehen, und eine volle Ergebung in den Willen des einen, allein
wahren Gottes.“
[GEJ.10_010,23]
Sagte der Hauptmann: „Wo kann man denn erfahren, was Gott will, und wie lauten
denn deine Gebote, die die Deinen zu halten haben?“
[GEJ.10_010,24]
Sagte Ich: „Mein Wille ist Gottes Wille, und Meine Gebote sind Gottes Gebote.
Wer Meinen Willen tut und also Meine Gebote hält, der wandelt auf dem rechten
Wege ins Reich Gottes! Tue du desgleichen, so wirst auch du wandeln auf dem
rechten Wege ins Reich Gottes!“
[GEJ.10_010,25]
Hierauf erhob sich der Hauptmann vom Stuhl und ging zu einem Meiner Jünger und
fragte ihn, was er von Mir halte.
[GEJ.10_010,26]
Dieser aber sagte: „Wir alle halten das von Ihm, was Er dir Selbst sagte! Er
ist der Herr, und wir sind Seine Jünger. In Ihm wohnt die Fülle Gottes; außer
Ihm gibt es keinen Gott!“
[GEJ.10_010,27]
Bei diesen Worten verließ der Hauptmann den Jünger und begab sich wieder zu
Mir.
11. Kapitel
[GEJ.10_011,01]
Hier setzte sich der Hauptmann wieder auf seinen Stuhl und fragte in römischer
Zunge seine beiden Unterdiener, was denn sie nach allem dem, was sie vernommen hätten,
über Mich für einer Meinung wären.
[GEJ.10_011,02]
Sagte einer: „Da ist für uns schwer, ein Urteil zu fällen! Von der sonderbaren
Macht seines Willens haben wir da oben in der Luft die Erfahrung gemacht, und
wir bedürfen keines andern Beweises, daß in diesem Manne eine göttliche Kraft
wohnen muß, ansonst er uns sicher nicht ohne alle sichtbaren Mittel hätte in
die Luft erheben und dann in derselben halten können. Wir sind aber alle schon
zu sehr von dem Glauben an ein allmächtiges Gottwesen abgekommen, da es sich
mit unsern Göttern als eine nur zu handgreifliche Nullität vor jedes denkenden
Menschen Sinnen und Verstand erweist; und nun sind wir auf einmal an einen
reellen Gott in der Gestalt eines Menschen gestoßen und wissen nun nicht, was
wir von ihm halten sollen. Ich aber meine: Das läßt sich nicht so mit einem
Schlag begreifen.
[GEJ.10_011,03]
Wir aber haben von diesem Manne schon in Bethlehem und auch um Jerusalem vieles
vernommen und haben uns gedacht, daß er entweder selbst ein Gott sein könne
oder ein selten großer Magier, wie solche etwa aus der Schule der Essäer
hervorgehen. Aber das, was wir hier nun selbst erfahren haben, geht sehr weit
über unsere früheren Mutmaßungen. Da hört alle Magie auf, und eine ersichtlich
göttliche Kraft und Allmacht tritt da unaufhaltsam an ihre Stelle!
[GEJ.10_011,04]
Dazu kommt erstens die treue Erzählung seiner Mutter über seinen leiblichen
Eintritt in diese Welt und sein Leben, und daß er nie in irgendeiner Schule
etwas zu erlernen nötig hatte, da er schon mit der höchsten Weisheit
ausgerüstet in diese Welt gekommen sei, und zweitens, was er nun von sich
selbst aussagte, – und ich für mich kann nun wahrlich nicht umhin, ihn im
vollen Ernste für das zu halten, als was er sich selbst vor uns, wennschon in
einer für uns Römer nicht verständlichen Weise, darstellte, und was auch jener
Mann, mit dem du ehedem sprachst, von ihm aussagte. Das ist so meine Meinung,
und ich glaube, daß ich mich nicht werde geirrt haben.“
[GEJ.10_011,05]
Sagte der Hauptmann: „Ich will dir im ganzen nicht völlig unrecht geben; aber
einige gewichtige Bedenken habe ich dagegen doch im Hintergrunde; löst der Mann
mir diese, dann will ich auch deiner Meinung werden und bleiben.“
[GEJ.10_011,06]
Hierauf wandte sich der Hauptmann wieder an Mich und sagte: „Großer Herr und
Meister, ich bin nun beinahe daran, Dich für das anzunehmen, als was Dich alle
diese Deinen angenommen haben; aber es liegen dagegen dennoch einige bedeutende
Bedenken in mir. Sind diese gelöst, so bin auch ich gewonnen.
[GEJ.10_011,07]
Diese meine Bedenken aber bestehen darin: In Dir wohnt also im Ernste die Fülle
eines allein wahren Gottes!? Wenn also, – warum ließest Du denn die zahllos
vielen Menschen so lange auf Dich warten?
[GEJ.10_011,08]
Du sagst, daß nur die gewissen Deinen, die an Dich glauben, Dich lieben und
Deine Gebote halten, das ewige Leben in Deinem Gottesreiche überkommen werden.
Wenn also, und wenn durch die Macht Deines ewigen Wortes das alles, was da ist,
erschaffen wurde und sicher auch alle Menschen, die jemals leider lebten, ohne
Dich zu kennen – was nicht ihre Schuld sein konnte –, was wird dann mit jenen
Menschen sein, die Dich nie haben erkennen können? Wie wird es mit ihrem ewigen
Seelenleben in Deinem Gottesreiche aussehen? Denn sie konnten an Dich nicht
glauben, Dich nicht lieben und auch Deine Gebote nicht halten, weil sie von Dir
keine Kunde haben erhalten können.
[GEJ.10_011,09]
Siehe, das sind meine wohlbegründeten Bedenken! Wolle sie mir lösen, und ich
will dann auch fest an Dich glauben, Dich lieben mehr denn einer der Deinen und
Deine Gebote halten; denn ich bin ein echter Römer und kein Grieche, dessen
Treue keine Haltbarkeit hat! Aber ich bin auch ein Mensch, der nicht so leicht
etwas annimmt und glaubt, das nicht als eine diamantfeste Wahrheit mir durch
unumstößliche Beweise erwiesen wird. Löse mir sonach meine Zweifel!“
12. Kapitel
[GEJ.10_012,01]
Sagte Ich: „Freund, du hast wohl so manches durch das Lesen der griechischen
Weltweisen dir zu eigen gemacht, doch hinter die Bücher der alten Ägypter bist
du niemals gekommen, und von der Schrift der Juden von Moses an hast du ganz
flüchtig nur Bruchstücke gelesen und auch diese nie verstanden!
[GEJ.10_012,02]
Siehe, Der nun in Mir mit dir spricht, der sprach auch schon also mit dem
ersten Menschenpaare dieser Erde und gab ihm ganz dieselben Gebote, die Ich
euch des einen, wahren Gottes und Herrn ganz vergessen habenden Menschen nun
wieder gebe; aber die mit einem vollkommen freien Willen begabten Menschen
ließen sich nur zu leicht und zu bald von der Welt und ihrem verlockenden
Geiste blenden, flohen Gott und taten nach ihren Gelüsten. Dadurch
verfinsterten sie ihre Seelen und verstockten ihre Herzen.
[GEJ.10_012,03]
Ich sandte allzeit Boten aus den Himmeln, daß sie belehrten die verblendeten
Menschen; nur wenige achteten ihrer, die große Menge wollte nichts von ihnen
hören und wissen.
[GEJ.10_012,04]
Ich erweckte von Zeit zu Zeit mit Meinem Geiste Männer und Jünglinge, die das
Volk belehrten und sie zur alten Wahrheit zurückzuführen sich alle Mühe gaben.
Nur wenige hörten sie an, und noch wenigere kehrten sich danach; die große
Menge aber verfolgte sie, quälte sie und tötete sie sogar.
[GEJ.10_012,05]
Ich unterließ es auch nicht, ein zu entartetes Volk mit großen und kleinen
Züchtigungen und Gerichten heimzusuchen. Diese besserten aber auch nur wenige
auf eine Zeitlang; nur zu bald trat wieder der arge Weltgeist an Meine Stelle.
[GEJ.10_012,06]
Als zur Zeit Mosis dem israelitischen Volke auf Sinai in der Wüste von Mir
unter Blitz, Donner und Feuer wieder von neuem Gesetze gegeben wurden, da
horchte es anfangs wohl unter Furcht und Zittern auf Meine weithin
wohlvernehmbaren Worte, – als aber die Verkündigung eine längere Zeit hindurch
währte, da wurde das Volk zum Teil daran gewöhnt und machte sich nicht mehr
viel daraus. Zu einem andern Teile aber ward es des anhaltenden Belehrens
überdrüssig und bat Mich, daß Ich fürs ganze Volk nur Moses allein Meinen
Willen offenbaren solle, – es werde ihn dann schon von ihm vernehmen und
befolgen; das Volk aber wolle sich unterdessen von dem Berge Sinai, weil es
allda zu furchtbar zugehe, entfernen und in einem weit davon gelegenen Tale
seine Wohnhütten aufrichten.
[GEJ.10_012,07]
Es ward das dem Volke nach längerem Flehen gewährt; aber es währte gar nicht
lange, als das Volk Meiner und der großen Szenen am Berge Sinai völlig zu
vergessen begann, sich aus dem vielen, aus Ägypten mitgenommenen Golde ein Kalb
goß, dann um dasselbe tanzte und ihm göttliche Verehrung erwies.
[GEJ.10_012,08]
Ich zeigte solches Moses an, entsandte ihn zum Meiner gar nicht mehr
gedenkenden Volke und ließ es gewaltig züchtigen in der Art, wie das Moses
darauf genau beschrieben hat.
[GEJ.10_012,09]
Dann kehrte das Volk wohl wieder zu Mir zurück; aber es gab unter ihm stets
viele, die sich von allerlei argen Weltgelüsten verleiten ließen, ein und das
andere Meiner Gebote zu übertreten und also gegen Meine Anordnungen zu
sündigen.
[GEJ.10_012,10]
Es mußten von Moses zeitliche Strafen auf die Übertretung Meiner Gebote und
Anordnungen festgesetzt werden, um das Volk in der Ordnung zu erhalten.
[GEJ.10_012,11]
Als das Volk später aus der Wüste in das Gelobte Land geführt wurde und
dasselbe wie aus Meiner Hand in Besitz nahm, da ward es durch weise Richter,
die mit Mir in stetem Verbande und Verkehr standen, also nahe völlig von Mir
Selbst durch eine geraume Zeit hin regiert und ward unter Meiner persönlichen
Regierung groß und mächtig, und sein Wohlstand war größer denn der jedes andern
Volkes in der Welt.
[GEJ.10_012,12]
Da ward es übermütig und sah auf den Glanz der andern Völker, die von einem
Weltkönige tyrannisch beherrscht wurden. Der eitle Weltglanz verblendete es, –
es wollte auch glänzen, ward mit Meiner Regierung unzufrieden und verlangte
durch den mit Meinem Geiste erfüllten Richter Samuel einen Weltkönig, und es
beging so die größte und gröbste aller Sünden.
[GEJ.10_012,13]
Und so fiel es dann stets tiefer, obschon Ich es nie unterlassen habe, es stets
durch erweckte und von Meinem Geiste erfüllte Propheten zur Besserung und zur
Buße zu ermahnen und ihm die Folgen zu verkünden, die es durch seine
Verstocktheit zu gewärtigen haben werde; und also handelte Ich bis jetzt mit
diesem Volke und kam nun Selbst, mit Fleisch angetan.
[GEJ.10_012,14]
Sieh aber nun die übergroße Anzahl der Juden an, die, statt Mich anzunehmen und
an Mich zu glauben – da Ich doch überall Mich als Den, der Ich sicher bin,
durch nie erhörte Wundertaten und Zeichen über jeden Zweifel hinaus bemerkbar
mache –, Mich hassen, verfolgen, zu ergreifen und diesen Meinen Leib zu töten
trachten!
[GEJ.10_012,15]
Wenn aber für die geistige Bildung der Menschen stets ohne Unterlaß von Mir aus
zu allen Zeiten und überall also gesorgt wurde, wie Ich es dir nun in aller
Kürze gezeigt habe, – wie magst du als ein mit vieler Vernunft wohlversehener
Römer Mich fragen, warum Ich erst jetzt zu euch Menschen kam, um das Reich
Gottes, welches da ist ein Reich des ewigen Lebens, bei euch nur wenigen zu
gründen!?
[GEJ.10_012,16]
Wandere hin in alle Länder, die dir bekannt sind und deren Bewohner irgend
vermöge ihres Herzens nur einigermaßen fähig sind, Meine Lehre anzunehmen, und
erkundige dich, ob sie sogar in dieser Zeit ohne Kunde von Meinem Hiersein und
Wirken sind!
[GEJ.10_012,17]
In vielen dir noch unbekannten Ländern und Reichen aber haben die besseren
Menschen innere Gesichte von dem, was nun hier ist und geschieht. Nur irgend in
den verborgensten Winkeln der Erde ganz verwildert lebende, wahre Tiermenschen
können keine Kunde von Mir erhalten, weil sie für deren Aufnahme noch lange
nicht fähig sind; doch mit der Zeit soll auch für sie gesorgt werden.
[GEJ.10_012,18]
Und so siehst du aus dem, daß deine an Mich gestellte Frage eine ganz eitle
war. Willst du Mich aber noch weiter fragen, da frage Mich um bessere Dinge, die
dir mehr nützen werden denn das, um was du Mich nun gefragt hast!“
13. Kapitel
[GEJ.10_013,01]
Als der Hauptmann solches von Mir vernommen hatte, da ward er sehr nachdenklich
und desgleichen auch seine beiden Unterdiener, und es dauerte nun eine Weile,
bis jemand am ganzen Tische auch nur ein Wort mit seinem Nachbar zu verkehren
begann. Ich Selbst schwieg auch; doch aller Augen und Ohren waren auf Mich
gerichtet.
[GEJ.10_013,02]
Endlich unterbrach ein starker Windstoß das Schweigen, und der Hauptmann fragte
hastig den Ebal, was das gewesen sei; denn es sei ihm vorgekommen, als hätte es
gedonnert. Seine Gefährten wollten auch einen Donner vernommen haben.
[GEJ.10_013,03]
Sagte Ebal: „Hier am Meere und besonders in dieser Bucht gehören in dieser Zeit
derlei Erscheinungen zu den seltenen nicht; doch dieser plötzlich entstandene,
einem Donner ähnliche Windstoß dürfte infolge der allerhöchsten Anwesenheit des
Herrn über alle Dinge im Himmel und auf Erden etwas Höheres zu bedeuten haben!
Was aber, das wird eben Er wohl am allerbesten wissen; ich kann dir darüber
keinen weiteren Aufschluß geben.“
[GEJ.10_013,04]
Als Ebal solches zu dem Hauptmanne geredet hatte, da wandte sich der Hauptmann
gleich wieder, nun ganz voll echt römischen Soldatenmutes, an Mich und sagte:
„Höchster Herr und Meister, ich habe Deiner Rede entnommen, daß in Dir
wahrlichst der höchste Geist der einzig und allein wahren Gottheit wohnt! Ohne
Deinen Willen kann weder im Himmel noch auf dieser Erde etwas geschehen,
entstehen, wirken, bestehen und vergehen; und so da etwas geschieht, entsteht,
wirkt und besteht, so wird Dir auch in Deinem ewigen Geiste von Ewigkeit der
Grund und die Ursache wohlbekannt sein, nach der Du Deine weiseste Absicht
realisiert haben willst. Dir wird denn sicher auch dieser Windstoß nichts
Fremdes und Unbekanntes sein! Wie ist denn der entstanden, und zu welchem
Zweck?“
[GEJ.10_013,05]
Sagte Ich: „Ja, Mein Freund, da wird es noch eine geraume Zeit hergehen, bis du
einsehen wirst, von wannen der Wind kommt, wie er entsteht und zu welchem
Zweck; denn solange deine Vorstellungen von der Gestalt und von dem Wesen der
Erde grundirrig sind, wirst du wohl niemals verstehen können, wie der Wind
entsteht, von wannen er kommt, wohin er zieht und warum er entstanden ist.
[GEJ.10_013,06]
Du mußt sonach zuvor den Grund und Boden, der dich trägt, genau kennen; dann
erst kannst du auch fragen nach dem Grund der Erscheinungen auf dieser Erde.“
[GEJ.10_013,07]
Sagte der Hauptmann: „Herr und Meister! Wer sollte und könnte mir denn nun außer
Dir die wahre Gestalt der Erde enthüllen? Welche Begriffe wir von dieser
unserer Erde haben, weißt Du ohnehin; aber ich habe auch mit vielen eurer
Schriftgelehrten über das Wesen dieser unserer Erde gesprochen und bekam keine
bessere Kunde, im Gegenteil eine noch um vieles unklarere und verworrenere.
[GEJ.10_013,08]
Ich habe auch mit den alles wissenden und vermögenden Essäern über das Wesen
der Erde, des Mondes, der Sonne und der Sterne gesprochen, bekam aber eine um
kein Haar bessere Aufklärung über alles das, als die ich zuvor hatte.
[GEJ.10_013,09]
Du kannst mir sicher die beste Aufklärung über diese Erde, über den Mond, über
die Sonne und auch über die Sterne geben! Ich und meine beiden Gefährten bitten
Dich darum! Denn das habe ich schon lange eingesehen, daß unsere Ansicht und
unsere alten, uns eingeprägten Begriffe von der Erde, wie von den Gestirnen am
Himmel nicht die richtigen sein können, weil sich die mit ihnen im Zusammenhang
stehenden Erscheinungen durchaus nicht oder nur schlecht mit allerlei
abergläubischen Einschiebungen erklären lassen, durch die aber dem die Wahrheit
in allen Dingen suchenden und denkenden Menschen schlecht gedient ist. Wir
bitten Dich, Herr und Meister, nochmals darum!“
[GEJ.10_013,10]
Sagte Ich darauf: „Siehe, die Sonne ist bereits im Untergehen, und es wird die
Zeit zu kurz sein, um euch nach eurem Verlangen vollends befriedigen zu
können!“
[GEJ.10_013,11]
Sagte abermals der Hauptmann: „O Herr und Meister, wenn die Sache nur Dir nicht
unangenehm ist, – wir wollen Dich mit der größten Aufmerksamkeit und Ruhe die
ganze Nacht hindurch anhören!“
[GEJ.10_013,12]
Sagte Ich: „Nun gut denn also! Seht hier den scheinbaren Jüngling! Dieser ist
schon seit gar langem einer Meiner rechten Diener; er möge euch euren Wunsch
erfüllen! Aus seiner Tat und Rede werdet ihr Meine Macht in ihm erkennen.“
[GEJ.10_013,13]
Hierauf gab Ich dem Raphael einen Wink, und er erhob sich schnell, trat zu den
dreien hin und sagte (Raphael): „Für alle die andern, die hier beim Tische
sitzen, braucht diese Sache wohl nicht mehr erklärt zu werden, da sie schon in
alles vollends eingeweiht sind; doch für euch will ich das nach dem Willen des
Herrn tun. Auf daß wir aber die Sache desto schneller beenden mögen, so begeben
wir uns hinaus ins Freie!“
[GEJ.10_013,14]
Hierauf erhoben sich unser Hauptmann und seine beiden Unterdiener vom Tische
und gingen mit Raphael hinaus ins Freie mit der gespanntesten Neugierde.
14. Kapitel
[GEJ.10_014,01]
Im Freien führte sie Raphael auf einen großen, freien Platz am See, der den
Römern als Kriegsübungsstätte diente und in der Abendzeit von keinem Menschen
mehr betreten ward.
[GEJ.10_014,02]
Auf dieses Platzes Mitte angelangt, sagte Raphael zu den dreien: „Der Weg,
durch den jemand zu irgendeiner großen und wichtigen Erkenntnis gelangen will,
ist immer ein zweifacher: Der erste ist der lange, langweilige und schwere
durch die weitwendigen und nahezu nie enden wollenden und könnenden Erklärungen
und Besprechungen; der zweite, kurze und wirksame, ist der durch die Beispiele.
Und diesen will und kann ich nun bei euch in Anwendung bringen!“
[GEJ.10_014,03]
Sagte der Hauptmann: „Das wird hier wohl etwas schwer werden, uns von dem
Beispiele wirksamer Art zu geben, wovon uns jeder wahre Vorbegriff völlig
mangelt.“
[GEJ.10_014,04]
Sagte Raphael: „Das ist meine Sache, weil ich das in meiner vom Herrn mir
verliehenen Macht habe, – und so gebet denn wohl acht auf alles, was ihr nun
sehen werdet! Ich werde euch vorerst die ganze Erde, das heißt ihre Oberfläche,
ganz so, wie sie nun ist, in einer solchen Größe vor eure Augen stellen, daß
ihr sie leicht überschauen werdet können.“
[GEJ.10_014,05]
Als Raphael solches ausgesprochen hatte, da schwebte schon ein kleiner, doch
bei dritthalb Mannslängen im Durchmesser habender Erdball vor den Augen der
über alles erstaunten Römer und war von einem eigenen Lichte so gut erleuchtet,
daß man auf seiner Oberfläche trotz der vorgerückten Abenddämmerung alles wohl
ausnehmen und das Bekannte auch sogleich als das, was es darstellte, der Lage
nach erkennen konnte.
[GEJ.10_014,06]
Der Erdball drehte sich auch um seine Achse, aber wegen des schneller möglichen
Überschauens natürlich im Verhältnis bei weitem schneller als die wirkliche
Erde. Alle Festlande, nebst einer beinahe zahllosen, verschieden großen Menge
Inseln, das gesamte Meer, ebenso auch alle Seen und Ströme und Flüsse und Berge
und Täler waren getreu zu ersehen, und das davon den dreien Bekannte ward auch
sogleich von ihnen als das erkannt, was es darstellte.
[GEJ.10_014,07]
Als sich die Römer diesen Erdball bei einer Stunde lang alleraufmerksamst
angesehen hatten, wobei Raphael ihnen alles mit wenigen Worten verständlich
erklärte, und sie so von der Erde denn auch einen vollwahren Begriff bekommen
hatten, da sagten alle drei: „Oh, wie blind sind doch noch die Menschen, und
welch lächerlich dümmste Begriffe haben sie von der Erde, die sie trägt und
nährt!“
[GEJ.10_014,08]
Hierauf sagte Raphael: „Seht, wie ihr durch dieses Beispiel schneller zur
richtigen Erkenntnis der gesamten Erde gelangt seid, als so es euch ein
Wohlerdkundiger mit langen Reden noch so klar dargestellt hätte, und so werde
ich euch nun auch das Verhältnis der Erde zum Mond, zur Sonne und zu den andern
Planeten darstellen! Wir wollen nun den Erdball weiter von uns hinauf in die
Luft stellen, und in einer verhältnismäßigen Entfernung soll der Mond als ihr
Begleiter hier vor euren Augen dargestellt werden.“
[GEJ.10_014,09]
Als Raphael solches ausgesprochen hatte, war der Mond auch schon – aber als ein
verhältnismäßig kleiner Ball – vor den staunenden Augen der Römer ins wohl
sicht- und leicht erkennbare Dasein gerufen.
[GEJ.10_014,10]
Zuerst ward die der Erde stets zugekehrte Seite von oben bis unten genau in
Augenschein genommen und auch insoweit, als nötig war, erklärt, und dann erst
die Kehrseite, bei der es an der rechten Erklärung auch nicht mangelte.
[GEJ.10_014,11]
Da sagte der Hauptmann: „Das ist im Verhältnis zu unserer Erde wohl eine
traurige Welt! Die nach deiner Erklärung nur auf dieser Seite lebenden Menschen
können zu keiner großen Weisheit gelangen, da sie auf einer so kleinen höchst
magern Welt nur eine sehr beschränkte Anschauung von dem von Gott Geschaffenen
erhalten können, und weil sie durch der Erde völligst ungleiche und unähnliche
Tagesordnung auch beinahe keine Zeit gewinnen können, auch nur das Wenige auf
dieser kleinen Welt mit Aufmerksamkeit zu betrachten, zu studieren, Vergleiche
zu machen und daraus die nötigen Erfahrungen zu ziehen. Sie müssen mit unseren
Affen die meiste Ähnlichkeit haben?“
[GEJ.10_014,12]
Sagte Raphael: „Da irrst du dich gewaltig, wenn es für deinen Verstand auch
also den Anschein hat! Ich möchte dich nicht mit einem Mondbewohner verkehren
lassen; denn da würde deine innere Weisheit sehr den kürzeren zu ziehen
bekommen!
[GEJ.10_014,13]
Ihr Menschen dieser Erde habt wohl viele äußere Erfahrungen und also auch viele
äußere Erkenntnisse; aber die inneren Lebenserkenntnisse fehlen euch, die
unbeschreibbar wichtiger sind denn all der äußere, marktschreierische, eitle
Tand.
[GEJ.10_014,14]
Die Mondmenschen aber stehen dafür stark im inneren, beschaulichen Leben, in
dem sie auch euch Bewohner dieser Erde gar wohl kennen, aber nur selten ein
Wohlgefallen an euch haben, weil ihr durch euer äußeres Sinnen und Trachten
euch von der inneren Lebenswahrheit zu weit entfernt habt. Sie sagen von euch,
daß ihr tote Seelen seid. Wenn es aber mit den Mondbewohnern also steht, da
sind sie sicher auf einer höheren Lebensstufe denn deine Erdaffen.“
[GEJ.10_014,15]
Sagte der Hauptmann: „Wenn die Sache mit den Bewohnern des Mondes sich also
verhält, da nehme ich mein Urteil freilich sogleich zurück und bitte sie durch
dich viele Male um Vergebung.“
[GEJ.10_014,16]
Sagte Raphael: „Lassen wir das nun gut sein, und kehren wir zu unserer Sache
wieder zurück! Wir haben nun nach der Erde den Mond wohl kennengelernt. Wie
sieht es aber mit diesen beiden Weltkörpern im Verhältnis zur Sonne aus? Bevor
ich euch aber das völlig begreiflich machen kann, muß ich euch in Kürze auch
noch mit den euch wenigstens dem Namen nach bekannten Planeten bekannt und
vertraut machen.
[GEJ.10_014,17]
Es gibt zwar noch einige Planeten, die als Erdkörper auch zu dieser Sonne, die
der Erde Licht und Wärme spendet, gehören und von ihr, gleich dieser Erde,
Licht und Wärme erhalten. Aber ich werde mich nur auf die euch dem Namen nach
bekannten beschränken und sie euch in ihrer wahren Gestalt einmal
sonderheitlich vor Augen stellen. Da ist einmal der Merkur als der der Sonne
nächste Erdkörper!“
[GEJ.10_014,18]
Sogleich erblickten die drei Römer diesen Erdkörper und bewunderten seine
ziemliche Ähnlichkeit mit so manchem auf unserer Erde, und Raphael ließ es
dabei an Erklärungen nicht fehlen.
[GEJ.10_014,19]
Als die drei mit dem Merkur so bald im reinen waren, da kam die Venus an die
Reihe, nach ihr der Mars, den die drei anfangs mit einer Art Scheu
betrachteten. Da sie aber an ihm, statt ihres Kriegsgottes, auch nur einen der
Erde ziemlich ähnlichen Erdkörper ersahen, so wurden sie mit ihm denn auch bald
vertraut. Auf den Mars kam in entsprechender Größe der Jupiter mit seinen vier
Monden an die Reihe, über den sich die drei Römer nicht genug verwundern
konnten. Raphael erklärte ihnen in Kürze das Wichtigste davon, worüber sie
seine Weisheit und Macht nicht genug rühmen konnten. Darauf ließ er den Saturn
zum Vorschein kommen, der den Römern noch mehr Bewunderung entlockte denn alle
die früheren Planeten. Und Raphael hielt sich bei diesem seltenen Erdkörper mit
seinen Erklärungen auch länger auf als bei einem der früheren, mit Ausnahme
unserer Erde.
15. Kapitel
[GEJ.10_015,01]
Als Raphael alle die genannten Planeten den Römern auf die beschriebene Weise
gezeigt hatte, da sagte er weiter zu ihnen: „Es ist nicht genug, daß ihr nun
wißt, welch eine ganz andere Bewandtnis es mit diesen Gestirnen hat, als es
sich grundirrig bis jetzt in eurer Vorstellung gleichfort aufrechterhielt,
sondern ihr müßt auch ganz klar einsehen, in welchem Verhältnis alle die von
euch nun geschauten Planeten zur Sonne stehen, und so gebet nun acht!
[GEJ.10_015,02]
Ich werde euch die Sonne in einem ganz kleinen Maßstab vor eure Augen stellen.
Zuerst seht hier einen ziemlich großen Ball im Durchmesser von einer Mannslänge
mit einem starken weißen Schimmer umflossen; denn es darf dieser die Sonne
darstellende Ball nicht mit der vollen Lichtstärke der Sonne umflossen sein, da
ihr ihn dann nicht näher besehen könntet, – und so genüge euch zu wissen, daß
dieser Ball die Sonne darstellt.
[GEJ.10_015,03]
Seht, dieser diesen Ball umfließende Lichtschimmer ist dieses Weltkörpers
eigentümliche Atmosphäre, die ihn nach allen Richtungen hin umgibt! Bei der
wirklichen Sonne, die im ganzen bei tausendmal tausend Male größer ist als
diese Erde, ist dieser Lichtschimmer um sehr vieles stärker. Gebet aber nun
wohl acht, ich werde diese Lichthülle auf einige Augenblicke lang
auseinanderteilen, auf daß ihr ersehen möget, wie der eigentliche feste
Sonnenkörper aussieht, und auch merken, daß dieser Weltkörper noch für gar
viele andere Zwecke vom Herrn aus erschaffen wurde denn nur für den, die andern
Weltkörper zu erleuchten und zu erwärmen!“
[GEJ.10_015,04]
Hierauf traten die drei näher zum Ball an die Stelle hin, wo er enthüllt war,
betrachteten ihn mit großer Aufmerksamkeit, und Raphael ließ es an leicht
begreiflichen Erklärungen nicht fehlen.
[GEJ.10_015,05]
Als die drei in der kurzen Zeit von kaum einer Viertelstunde von der Sonne,
ihrer Einrichtung, ihrer Bewohnbarkeit und von ihrer Tätigkeit, Wirkung und
ihrem Verhältnis zu den andern Planeten, deren entsprechende Einrichtung sie in
gewissen Gürteln wiederfanden, eine ganz richtige Übersicht als wohlbegriffen
überkommen hatten, da sagte Raphael: „Nun gebet ganz besonders wohl acht; denn
nun kommt für euch Römer die eigentliche Hauptsache! So ihr diese einsehen
werdet, dann erst werdet ihr auch von dem Wahnglauben völlig befreit werden,
demnach ihr meinet, daß die Erde im Zentrum steht und alles, die Sonne, der
Mond und alle die Sterne sich um die Erde bewegen und alle Tage durch ihr Meer,
das nach eurer Meinung von einem Ende des Himmels bis zum andern reicht, die
Reise machen müssen.
[GEJ.10_015,06]
Da ist unser Sonnenball, und seht, ich werde nun alle euch nun bekannten
Planeten in den richtigen verhältnismäßigen Größen und Entfernungen in einer
geraden Linie zuerst außerhalb des Sonnenballs hinstellen!“
[GEJ.10_015,07]
Auf das erschauten die Römer zuerst in einer gewissen verhältnismäßigen
Entfernung und Größe den Merkur, dann die Venus, so die Erde, und nach und nach
die andern Planeten, und sie mußten natürlich eine hübsch weite Strecke längs
dem ebenen Seeufer hinwandern, bis sie an den Saturn kamen. Außerdem bemerkten
sie noch in einer viel weiteren Entfernung ein paar planetenartige Lichtpunkte,
und sie fragten Raphael, was diese zu bedeuten hätten.
[GEJ.10_015,08]
Und Raphael sagte: „Ich habe es euch ja schon gleich im Anfange gesagt, daß es
außer den euch namentlich bekannten Planeten noch welche gibt. Allein diese
gehen euch nun noch nichts an; in den späteren Zeiten werden sie von gewissen
weisen Menschen schon auch noch entdeckt und näher beschrieben werden.
[GEJ.10_015,09]
Ihr sehet ja zwischen dem Mars und Jupiter auch eine Menge Lichtpunkte
planetarischer Art. Auch diese gehen euch jetzt noch nichts an; mit der Zeit
werden auch diese und vieles andere von den gewissen weisen Menschen entdeckt
und näher beschrieben werden. So ihr späterhin auch darüber schon eine nähere
Kunde haben wollt, so besprechet euch mit den Jüngern des Herrn; denn diese
sind in alle Geheimnisse des sichtbaren Sternenhimmels eingeweiht. Auch zu Kis
beim großen Mautpächter Kisjona, der nun hier anwesend ist, werdet ihr einen
Griechen, namens Philopold, der nun auch hier ist, leicht finden, der nebst
einigen hochgestellten Römern sogar in Rom in alles das eingeweiht ist; von dem
könnet ihr vieles lernen.
[GEJ.10_015,10]
Aber nun lassen wir das und kehren zu unserem Sonnenball zurück, auf daß ich
euch noch die Bewegungen der verschiedenen Planeten um die Sonne zeige!“
[GEJ.10_015,11]
Hier kehrten die drei mit Raphael wieder zum Sonnenball zurück.
[GEJ.10_015,12]
Raphael stellte ihn so hoch in die Luft, daß alle Planeten um ihn bahnen
konnten; er war nebst allen Planeten noch wohl ersichtlich, und die Planeten
kreisten um ihn in entsprechenden Verhältnissen, wennschon in kurzer Zeit. Aber
Raphael teilte auch die kurze Zeit von einer Stunde so gut ein, daß zum
Beispiel der Saturn nur eben eine Stunde zu seiner vollen Umlaufszeit
benötigte, und alle die näheren Planeten bewegten sich in genau mathematisch
verhältnismäßig kürzeren Zeiträumen, und so auch die Monde um die sie mit sich
führenden größeren Planeten, was für die drei Römer ein über die Maßen
staunenerregendes Schauspiel abgab, und das um so mehr, weil Raphael ihnen alle
diese Bewegungen gründlich und sehr begreiflich erklärte.
[GEJ.10_015,13]
Als der Saturn nach einer Stunde Zeit wieder an die Stelle kam, an der er sich
zu bewegen angefangen hatte, da ließ Raphael alles wieder verschwinden und
sagte: „Nun bedürfen wir der Beispiele nicht mehr, da sie ihren guten Dienst an
euch beendet haben! So ihr diese Sache nun vom wahren Grunde aus wohl versteht
und es auch einsehet, daß es nur also und nicht anders sein kann, so wollen wir
nun wieder in das Haus des biederen Ebal zurückkehren!“
[GEJ.10_015,14]
Die Römer waren damit zufrieden und gingen nun voll Freuden mit Raphael ins
Haus des Ebal, allwo sie uns alle ganz frohen Mutes am Tische beim Nachtmahl
antrafen.
[GEJ.10_015,15]
Ihr erstes war, Mir für alles das, was sie nun in einer so kurzen Zeit durch
den wunderbaren Jüngling gelernt hatten, zu danken.
[GEJ.10_015,16]
Und Ich sagte zu ihnen: „Nun setzet euch denn auch zu uns, und esset und
trinket, und stärket euch, – dann erst wollen wir wieder miteinander reden!“
[GEJ.10_015,17]
Das taten die drei denn auch alsbald und stärkten sich nun mit Fischen, Brot
und Wein.
16. Kapitel
[GEJ.10_016,01]
Als wir alle uns leiblich gestärkt hatten, da erkundigte sich der Hauptmann
nach Kisjona und Philopold.
[GEJ.10_016,02]
Und Ich sagte zu ihm: „Siehe die Männer hier zu Meiner Rechten; der erste ist
Kisjona und der zweite ist Philopold! Du wirst noch oft Gelegenheit haben, mit
ihnen zu reden; da Ich aber gar wohl weiß, über was alles du nun mit Philopold
sprechen möchtest – wozu aber jetzt die rechte Gelegenheit und Zeit nicht
vorhanden ist –, so wolle du dein Vorhaben auf eine andere Zeit verlegen! Für
heute hast du gar vieles zur Vertilgung des alten heidnischen Aberglaubens
gesehen und gelernt; denke nun nur darüber nach, auf daß es bleibe in deinem
Gedächtnisse und in deinem Herzen und du es nicht wieder verlierst, so du in deine
Weltdinge und -geschäfte bald wieder zurückkehrst!
[GEJ.10_016,03]
Was du und deine Gefährten nun kennengelernt habt, das kannten auch die
Menschen in den alten Zeiten; aber als ihre Nachkommen sich stets mehr mit den
Dingen dieser Welt zu beschäftigen anfingen und stolz und herrschsüchtig
wurden, da vergaßen sie auch bald der alten Weisheit, achteten ihrer nicht und
meinten, daß derlei zu wissen zur Fristung des Lebens nicht nötig sei. Es
genüge, so nur gewisse Weise Kunde davon hätten; das Volk solle dafür nur auf
seine Herden und auf seine Äcker, Gärten und Wiesen und Tierjagden sehen und
sich nicht mit den Dingen am Himmel beschäftigen. Und siehe, dadurch ward das
Volk samt seinen Lenkern nicht nur in diesen, sondern auch in andern Dingen
dumm, blind und am Ende voll des finstersten Aberglaubens, wie es jetzt noch
ist und sich vor der Wahrheit scheut und vor ihrem Lichte flieht!
[GEJ.10_016,04]
Man kann bei aller Weisheit auch Sorge tragen um das, was der Mensch für seinen
Leib benötigt; aber um das, was die Seele betrifft und den Geist des Lebens in
ihr, soll ein jeder Mensch sich vor allem sorgen und kümmern; denn des Essens,
Trinkens und des Hochtuns wegen ist kein Mensch in diese Welt gesetzt worden,
sondern daß er lebe nach der in ihm von Gott treu geoffenbarten Ordnung nur für
den alleinigen Zweck, den ihm Gott gestellt hat.
[GEJ.10_016,05]
Wenn du denn nun hier wieder zur lange verlorenen Wahrheit in den Dingen des
Himmels gelangt bist, so verdaue in deiner Seele das Überkommene; bist du in
dem stark geworden, dann kannst du dich bei Philopold um etwas Weiteres
bekümmern!“
[GEJ.10_016,06]
Sagte der Hauptmann: „Ja, Herr und Meister, Du hast in allen Dingen recht; ich
sehe es nun schon ein, ein wie vieles und Großes ich durch Deine Gnade von dem
wundersamen Jünglinge in den Dingen des sichtbaren Himmels überkommen habe!
Habe ich alles das in mir erst völlig geordnet und mir das auch durch
Zeichnungen, die ich gut zu machen verstehe, für andere zum Unterricht
entworfen, dann erst werde ich mich um ein Weiteres bekümmern.“
[GEJ.10_016,07]
Sagte Ich: „Da hast du recht; doch das beste ist, vor allem das Reich Gottes
und dessen Gerechtigkeit durch das Leben und Handeln nach Meiner Lehre in sich
zu suchen. Wer das in sich gefunden hat, dem wird auch alles andere als eine
freie Zugabe treulich werden; denn der Geist im Menschen ist aus Gott, und ist
der im Menschen Herr geworden, so lehrt er die Seele in einer Stunde ein um gar
vieles mehr, als du auf dieser Erde von noch so weisen Lehrern in tausend
Jahren erlernen könntest.
[GEJ.10_016,08]
Mein Raphael, der ein ganz reiner Geist ist – was du Mir glauben und es dir
wohl merken kannst –, hat es euch dreien gezeigt, in einer wie kurzen Zeit er
euch über Dinge belehrt hat, welche die Menschen mit all ihrem Scharfsinn und
mit allem Eifer ihres Suchens, Forschens und Denkens in mehr denn tausend
Jahren in dieser Reinheit und Wahrheit nicht erkennen werden. Also kann eine Seele von einem Geiste in einem
Augenblick endlos mehr erlernen, als die Menschen unter sich mit ihrem
natürlichen Verstande. Dieses beachte auch, und handle danach!“
[GEJ.10_016,09] Sagte der Hauptmann: „Herr
und Meister, die Grundsätze Deiner Lehre sind mir wohlbekannt, daß man erstens
an Dich glaube und in Dir auch den einen, allein wahren Gott erkenne, daß man
dann auch den erkannten Gott als das beste und vollkommenste ewige Wesen über
alles liebe und seinen Nebenmenschen wie sich selbst, und daß man auch die
Gebote Mosis beachte und halte.
[GEJ.10_016,10] Nun, was Deine Anforderung
betrifft, so wäre ihr leicht nachzukommen; aber Moses hat eine Menge Gesetze,
Vorschriften und Verordnungen gegeben, die erstens schwer zu merken, zu
verstehen und so denn auch sicher schwer zu beachten und zu halten sind.
[GEJ.10_016,11] Muß ein jeder Mensch, der in
sich Deinen Geist zur vollen Herrschaft bringen will und also überkommen in
sich Dein Reich und dessen volle Gerechtigkeit, auch alle die Gesetze,
Vorschriften und Verordnungen halten und treu beachten?“
[GEJ.10_016,12] Sagte Ich: „So du in Mir den
einen, allein wahren Gott erkennst, an Ihn glaubst und Ihn in der Tat über
alles liebst und deinen Nebenmenschen wie dich selbst, so erfüllst du damit
auch alles, was Moses und alle Propheten gelehrt haben; denn sie sagen mit
ihren vielen Worten in bezug auf die Pflichten der Menschen gegen Gott und
unter sich nichts anderes, als was Ich dir in den wenigen Worten gesagt habe.
[GEJ.10_016,13] Aber da heißt es dann, als
ein römischer Hauptmann bei irgend unschuldigen Vergehen eines Ebal gegen deine
blindeifrigen Verordnungen nicht gleich eigenmächtig eine solche Strafsumme
Goldes und Silbers fordern, die mit Ausnahme Jerusalems und des Tempels beinahe
ganz Palästina, Samaria und Galiläa nicht aufzubringen imstande wären; denn in
solch einem Verlangen läge kein Fünklein von einer Nächstenliebe und einer
Gerechtigkeit des Reiches Gottes im Menschen, weil in solch einem Verlangen
nicht einmal ein Funke eures römischen Rechtes herausschaut und es dir das
Zeugnis gab, daß du in seinen Grundsätzen schlecht bewandert bist!
[GEJ.10_016,14] So du nach Meiner Lehre leben
und handeln willst, so mußt du deine eigenmächtig scharfen Verordnungen für die
Zukunft auch gewaltig ändern; denn bei solchen deinen Verordnungen wärest du
noch sehr weit entfernt von der wahren Nächstenliebe und somit vom Reiche
Gottes, in das dich die nunmalige Kenntnis der Erde, des Mondes, der Sonne und
der andern Planeten allein nicht erheben würde. Denn alles, was der große
sichtbare Raum deinen Fleischesaugen zur Beschauung darstellt, hat erst dann
auch fürs Reich Gottes im Menschen einen Wert, wenn es von ihm aus betrachtet
und geistig beleuchtet wird. An und für sich aber hat es als Materie keinen
Wert für den ganzen Menschen, sondern nur einen höchst flüchtigen und
vergänglichen für den Leib. – Das, Mein Freund, auch zu deiner Danachachtung!“
[GEJ.10_016,15] Sagte der Hauptmann: „Herr
und Meister, ich danke Dir auch für diesen überaus wahren und guten Rat, den
ich sicher auch befolgen werde, insoweit es mir nur immer möglich sein wird!
Ich werde dem Äußeren nach der Ordnung wegen strenge scheinen müssen, – doch in
meinem Herzen wird es anders aussehen, und das wird vor Dir, o Herr und
Meister, ja doch nicht gefehlt sein?“
[GEJ.10_016,16] Sagte Ich: „O mitnichten,
aber nur nach dem ordentlichen Gesetze Roms, das sehr viele Milderungen bei
gewissen kleinen Vergehen aufzuweisen hat! Ein sanfter Richter in dieser Welt
wird in der andern auch von Mir sanft gerichtet werden, und der Barmherzige
wird auch bei Mir Barmherzigkeit finden. Kurz, mit welchem Maße du ausmessen
wirst, mit demselben Maße wird es dir wieder eingemessen werden!“
[GEJ.10_016,17] Der Hauptmann merkte sich
das, und Ich sagte nun zu allen Anwesenden: „Mit dem ist nun ein schweres Stück
Arbeit, auf die Ich euch ehedem noch unter dem Mittagsmahle aufmerksam gemacht
habe, gut beendet, und wir zählen drei neue Jünger. Da es nun aber schon
ziemlich spät in die Nacht hinein gekommen ist, so wollen wir unseren Gliedern
auch wieder die nötige Ruhe gönnen!“
[GEJ.10_016,18] Hierauf erhob Ich Mich mit
etlichen Jüngern und begab Mich in ein anderes Gemach zur Ruhe, und so die
Maria mit der Jahra; die andern aber blieben noch und besprachen sich von Mir,
Meinen Lehren und Taten.
17. Kapitel
[GEJ.10_017,01] Die Gesellschaft, von der
sich auch unser Ebal, Kisjona und Philopold nicht getrennt hatten, blieb samt
dem auch unter ihr gegenwärtig gebliebenen Raphael nahe bis zum Morgen am
Tische, und Mein Jakobus der Größere machte den Hauptredner, da er Mich schon
von der Geburt an wohl kannte und am meisten stets um Mich war. Raphael aber
erklärte dann wieder, was den andern irgend rätselhaft vorkam.
[GEJ.10_017,02] Gegen Morgen hin fragte der
Hauptmann den Raphael, sagend: „Da wir nun schon so viel Herrliches und
Größtwunderbares aus deinem Munde vernommen haben, so wolle nur für uns drei
Römer gütigst noch ein wenig erklären, was du für ein eigentliches Wesen bist,
und was das für ein Stoff war, aus dem du für uns die Dinge des sichtbaren
Himmels so überherrlich mit all dem, was unzählbar auf ihnen sich befindet, formuliert
(gebildet) hast!
[GEJ.10_017,03] Sagte Raphael: „Fürs erste
bin ich allem nach ein Mensch wie du, nur mit dem freilich bedeutenden
Unterschied, daß ich nun diesen dir sichtbaren Leib in mein rein geistiges
Wesen umwandeln kann, und daß ich als ein Mensch mit Fleisch und Blut schon vor
nahe viertausend Jahren, noch vor der Noachischen Sündflut, treu Gott dem Herrn
ergeben auf dieser Erde viele Jahre hindurch gelebt und gehandelt habe.
[GEJ.10_017,04] Nun aber bin ich ein Bürger
der Himmel Gottes und Sein Diener und Knecht für ewig. Meine Macht ist Gottes
Macht; daher vermag ich denn auch alles, was der Geist in mir will. So du nun
das weißt, so wirst du auch wissen, aus welchem Stoffe ich die Dinge des
sichtbaren Himmels vor euch formuliert (geformt) habe.
[GEJ.10_017,05] Es gibt keinen andern Stoff
in der ganzen Unendlichkeit als den Willen Gottes. Alles, was du siehst,
vernimmst, fühlst und durch irgendeinen Sinn wahrnimmst, sind Gedanken Gottes,
und so Er will, so sind sie auch schon wesenhaft da.
[GEJ.10_017,06] Was aber Gott als dem
urewigen Geist als in Ihm und durch Ihn möglich ist, das ist dem Geiste Gottes
auch im Menschen möglich. Denn Gott Selbst in Sich ist die reinste Liebe, also
in Sich auch das reinste Lebensfeuer, dadurch auch das reinste und hellste
Licht und somit in Sich die höchste Weisheit und dadurch auch die höchste
allwirkende Macht und Kraft.
[GEJ.10_017,07] Dieser höchsten Macht und
Kraft weiseste Ordnung ist das ewige Gesetz, nach dem sich alle Dinge zu
richten haben. Dieses Gesetz herrscht auch über den Leib des Menschen; der
Seele aber ist ein freier Wille gegeben, und das Gesetz ist ihr geoffenbart,
auf daß sie es aufnehme in sich und ihren Willen danach richte, lebe und handle
und dadurch zur vollen Gottähnlichkeit gelange, wozu sie bestimmt ist.
[GEJ.10_017,08] Der Seele aber ist in dieser
Bildungswelt nur ein kleinster Teil aus dem göttlichen Ordnungsgesetz zur
Beachtung anvertraut; wird sie in diesem kleinen Teil treu sein, so wird sie
dann auch über Großes gesetzt werden, – aber eher nicht, als bis sie es in der
Beachtung des kleinen, ihr geoffenbarten Ordnungsgesetzteiles zu einer wie
völlig eigens angeborenen größten Fertigkeit gebracht hat. Denn ohne dem kann
sie in sich ja auch nicht zu dem inneren Bewußtsein ihrer freien
Selbständigkeit und sonach auch nicht zur lebendigen Wahrnehmung dessen
gelangen, was alles der göttliche Wille in ihr und durch sie vermag.
[GEJ.10_017,09] Was ich, als auch nur ein Mensch,
durch die volle Macht des göttlichen Willens vermag, davon brauche ich dir wohl
keine weiteren Beweise zu geben. Wirst du es in der Befolgung des göttlichen
Willens, den du hier vollkommen kennengelernt hast, und auch in allen dich
weltlich lustreizenden Dingen zu einer vollkommen selbstverleugnenden, großen
Fertigkeit bringen, so wirst du in dir selbst schon auch gewahr werden, zu
welch einer Macht deine Seele gelangt ist.
[GEJ.10_017,10] Die Übung in allem aber macht
erst den Meister; durch eine zu geringe Übung aber bleibt der Mensch ein ewiger
Stümper und kann zu nichts Großem und Außerordentlichem verwendet werden. Oder
kannst und wirst du als ein römischer, in der Kriegführungswissenschaft durch
und durch bewanderter Hauptmann einem Menschen eher ein wichtiges Amt
anvertrauen, als du dich von allen seinen zu dem Amte erforderlichen
Kenntnissen überzeugt hast?
[GEJ.10_017,11] Gott braucht Sich beim
Menschen nicht durch allerlei Proben und Prüfungen zu überzeugen, ob er eines
großen und wichtigen Amtes wohl auch schon fähig ist; denn Er weiß es allzeit
am klarsten, wie weit es eine Seele in der inneren Lebensvollendung gebracht
hat. Aber die Seele prüfe sich selbst, inwieweit sie in aller
Selbstverleugnung, was die Lustreizdinge dieser Welt betrifft, vorgedrungen
ist, und inwieweit sie vollends eins mit dem erwählten und tatsächlich
befolgten Willen Gottes geworden ist, ob in ihr noch etwas Stümperhaftes oder
wohl schon recht Meisterhaftes sich regt, – und Gott der Herr wird nicht
säumen, in ihr Seines Willens Macht offenkundig werden zu lassen.
[GEJ.10_017,12] Sieh an mehrere der Jünger
des Herrn! So sie aus dem in ihnen schon sehr mächtig gewordenen Willen des
Herrn etwas wirken wollten, da würde einer oder der andere auch etwas zu
bewirken imstande sein, was dir sicher nicht minder wunderbar vorkäme als das,
was ich vor euch gewirkt habe; aber ihre rechte Liebe zum Herrn und ihre wahre
Demut vor Ihm sagt ihnen: ,Oh, wie gar nichts sind wir als schwache Jünger noch
vor Dir!‘ Und daher warten sie noch, bis ihnen der Herr sagen wird: ,Nun gehet
hinaus in alle Welt, und lehret allen Menschen Meinen Willen, und wirket in
Meinem Namen!‘ Dann werden sie auch, wo es not tun wird, dieselben Zeichen
wirken, die nun der Herr Selbst wirkt und auch ich zeitweilig durch des Herrn
Willen in mir.
[GEJ.10_017,13] Die Macht des göttlichen
Willens aber wird dem Menschen nicht etwa wie einem Kinde die Milch
eingegossen, sondern er muß sie selbst durch seine eigene Willenskraft, die bei
jedem Menschen völlig frei ist, wie mit Gewalt an sich ziehen.
[GEJ.10_017,14] Daß die Sache sich aber also
und nicht anders verhält, ist ja leicht aus dem ersichtlich, daß der Herr, dem
doch alle Dinge möglich sind, Seine Jünger Selbst gleichfort lehrt und zieht
und ihnen zeigt, was sie zu tun haben, um sich Seines Willens als dann ihnen
für ewig zu eigen angehörig zu machen.
[GEJ.10_017,15] Was aber die eigens vom Herrn
erwählten Jünger zu tun haben, um in sich zur vollen Gottähnlichkeit zu
gelangen, das hat denn auch ein jeder andere Mensch zu tun, so er zu der Macht
des göttlichen Willens in seiner Seele gelangen will.
[GEJ.10_017,16] Ich habe dir nun ganz klar
gezeigt, aus welchem Stoff ich euch die Dinge des sichtbaren Himmels geformt
habe; ihr aber sehet nun, daß auch ihr mit der Zeit das werdet, was ich nun
bin. Das Wie habe ich euch auch gezeigt. – Und nun möget auch ihr euch noch zu
einer kurzdauernden Leibesruhe begeben; denn der Morgen wird nicht lange mehr
auf sich warten lassen!“
[GEJ.10_017,17] Nach diesen Worten Raphaels
erhoben sich die drei Römer, dankten dem Raphael für diese Belehrung und gingen
voll guter Vorsätze nach Hause, wo sie auch alles in der gewünschten Ordnung
antrafen; doch alle drei ruhten wenig, da sie im Geiste ihres natürlichen
Verstandes noch zu beschäftigt waren und nicht wußten, wie sie es anstellen
sollten, um ihr weltliches Amt mit dem zu vereinen, was sie von Mir und auch
von Raphael als Meinen Willen vernommen hatten.
[GEJ.10_017,18] Unter manchem Hin- und
Herreden brach der volle Morgen an, und der Hauptmann mußte den Kriegsknechten
für diesen Tag Befehle erteilen. Die Kriegsknechte aber verwunderten sich
heimlich, daß der sonst so überstrenge Hauptmann an diesem Tage nur ganz sanfte
und menschenfreundliche Befehle erteilte, und sie meinten, daß da etwas ganz
Besonderes vorgefallen sein müsse. Aber sie ließen weislich ja nicht merken,
als wäre ihnen des Hauptmanns Sanftmut aufgefallen; denn ihnen war ein leichter
Dienst ja auch lieber als ein schwerer.
18. Kapitel
[GEJ.10_018,01] Am vollen Morgen, noch etwas
vor dem Aufgange, war Ich mit einigen Jüngern schon im Freien, und auch Raphael
war bei uns. Bald darauf kamen auch alle andern nach; und auch die drei Römer
ließen nicht lange auf sich warten.
[GEJ.10_018,02] Wir befanden uns am Ufer des
Sees und sahen dem Spiel der Wogen zu, und die Jünger wuschen mit dem reinen
Wasser ihre Füße und Hände. Die drei Römer hätten schon gern um eines und das
andere gefragt und hatten sich darum auch gleich in Meine und des Raphaels Nähe
begeben.
[GEJ.10_018,03] Ich aber sagte zu ihnen: „Der
Tag hat nun noch seine vollen zehn Stunden, und in dieser Zeit wird sich noch
so manche Frage beantworten lassen; aber nun wollen wir in Ruhe den Morgen
genießen!“
[GEJ.10_018,04] Mit dem waren die drei
zufrieden und wuschen ihre Angesichter mit dem Wasser des Sees, damit sie ihre
Augen, denen der nächtliche Schlaf ein wenig abging, wieder auffrischten und
stärkten.
[GEJ.10_018,05] Wir verblieben so in voller
Ruhe bei einer Stunde lang knapp am Ufer des Sees und begaben uns dann auf eine
kleine Anhöhe, die sich gen Mittag hin über den Wasserspiegel erhob. Von dieser
Anhöhe aus hatte man eine schöne Aussicht gen Westen hin, und am Ufer, das hier
mit vielem Schilf und Röhricht eine ziemlich weite Strecke hin bewachsen war,
ersah man einige Wasservögel, die sich aus dem Wasser ihr Morgenmahl suchten
und dasselbe auch gierig verzehrten.
[GEJ.10_018,06] Hier konnte unser Hauptmann
nicht mehr schweigen, trat rasch zu Raphael hin und sagte: „Höre, du weiser und
mächtiger Bürger einer bessern Welt, als diese Erde es ist! Ich bin sonst mit
der oft sehr herrlichen Einrichtung eben dieser unserer Erde in bezug auf ihre
gestaltlichen und ihre pflanzlichen Ordnungsverhältnisse sehr zufrieden; allein
was da die Tiere betrifft in ihren wechselseitigen Lebens- und
Tätigkeitsverhältnissen – durchaus nicht.
[GEJ.10_018,07] Für alle Pflanzen und
Gewächse ist gesorgt, daß sie sich ihre Nahrung aus dem Erdreich, aus dem
Wasser, aus der Luft und aus der Wärme des Sonnenlichtes nehmen und so ganz
vortrefflich gedeihen; nur die Tiere und zum großen Teil auch wir Menschen sind
angewiesen, der Ernährung des Leibes wegen Tiere zu fangen, zu töten und ihr
Fleisch zu genießen.
[GEJ.10_018,08] Und siehe, das verwildert
offenbar stets des Menschen Herz und Gemüt, was ich nur zu oft in Rom bei den
oft sehr argen Stiergefechten und andern Kämpfen der wilden, reißenden Tiere in
den gewissen eigens dazu erbauten und eingerichteten Zwingern beobachtet habe;
denn man unterhält ja solche Tierkämpfe in Rom und auch in vielen andern Orten,
um besonders bei den Soldaten und bei den Bürgern den kriegs- und mutvollen
Kampfsinn stets von neuem anzufachen und zu erhalten.
[GEJ.10_018,09] Und von wem haben die
Menschen das wilde Wesen des Krieges, bei dem von der Liebe zu Gott und von der
Liebe zum Nächsten keine Spur anzutreffen ist, gelernt?
[GEJ.10_018,10] Da, hier sieh hinab ins
Wasser! Was haben die armen Fischlein denn verbrochen, daß sie von diesen
gefräßigen Wasservögeln oft zu vielen Tausenden aus dem Wasser gefangen und
verzehrt werden? Könnten denn all die zahllos verschiedenen Tiergattungen in
der Luft, auf der Erde und im Wasser sich nicht sämtlich gleich den zahmen
Haustieren von den ebenso zahllos verschiedenen Pflanzenarten ernähren? Müssen
denn allerart fleischfressende Raubtiere sich unter den Herden der sanften
Tiere ihre Nahrung suchen und dadurch die Menschen zum wilden Kampf auffordern
durch ihre von der Macht Gottes ihnen eingepflanzte Grausamkeit?!
[GEJ.10_018,11] Der Mensch mußte künstliche
Waffen erfinden, um gegen die reißenden Bestien kämpfen zu können. Er lernte
dabei wohl zu kämpfen, zu töten und zu siegen; hat er aber dabei für die von
Gott ihm anbefohlene Veredlung seines Herzens und seines Gemütes wohl etwas
gewonnen?
[GEJ.10_018,12] Und siehe, ich habe über
diesen Gegenstand sehr oft nachgedacht und habe noch von keinem weisen Menschen
eine nur so halbwegs befriedigende Lösung über dieses wahre Sphinxrätsel
erhalten können! Überall hieß es: ,Die weisesten Götter werden es schon wissen,
warum sie das alles also zugelassen haben!‘
[GEJ.10_018,13] Ja, das ist ganz sicher; aber
haben die Menschen dabei für ihr Herz und Gemüt wohl etwas gewonnen? Ja, zu
jagen, zu kämpfen und Krieg zu führen haben sie wohl gewonnen, dann Gesetze zu
geben, zu herrschen und gleich einer Hyäne oft grausam zu sein durch ihre
Gerichte gegen jene Menschen, die sich gegen ihre Gesetze versündigten; aber
sonst ist aus der Erlernung zu kämpfen, zuerst mit den wilden Tieren und bald
darauf auch unter sich, wahrlich nicht viel Gutes zum Vorschein gekommen.
[GEJ.10_018,14] Du bist weise und mächtig aus
dem Geiste Gottes in dir; gib mir denn auch eine rechte Belehrung in dieser
mich auch sehr wichtig dünkenden Richtung!“
19. Kapitel
[GEJ.10_019,01] Sagte Raphael: „Du hast mir
da wohl eine recht wichtige Frage gegeben, und ich könnte sie dir auch sicher
bestens beantworten; aber du bist in die Sphäre des rein Geistigen viel zuwenig
tief eingedrungen und würdest in dieser Richtung die volle Wahrheit nicht
fassen.
[GEJ.10_019,02] Ich gebe dir aber die
Versicherung, daß erstens auch in dieser Richtung die Jünger des Herrn schon
lange völlig aufgeklärt sind, wie nebst ihnen auch viele andere Menschen, als
Juden und Heiden, und daß zweitens auch du noch in dieser Richtung zu einer
hellen Anschauung geführt werden wirst. Es werden sich aber heute schon noch
Gelegenheiten ergeben, bei denen du auch in dieser Richtung die Liebe und
Weisheit des Herrn wirst loben und preisen können.
[GEJ.10_019,03] Glaube es mir, daß der Herr
eben darum Sich auf diese kleine Anhöhe begeben hat, auf daß du beim Anblick
der die kleinen Fischlein verzehrenden Wasservögel mit deinen alten Bedenken
über die Liebe, Güte und Weisheit eines wahren Gottwesens zum Vorschein kommen
solltest! Du bist damit zum Vorschein gekommen, wie auch ich das schon lange
zum voraus gewußt habe, und es wird dir denn auch schon zur rechten Zeit in
dieser Richtung ein rechtes Licht erteilt werden.
[GEJ.10_019,04] Freund, das Leben ist in sich
selbst ein Kampf! Wer kann aber als ein guter und frommer Mensch in das höchste
und freieste Geistleben übergehen, so er nicht zuvor um dasselbe mit allem
Ernste gekämpft hat? Von wem aber soll der Mensch sonst kämpfen lernen – als
von den ihn von allen Seiten umgebenden Gefahren? Und diese sind auf dieser
Erde vom Herrn eben darum gestellt und zugelassen, auf daß der Mensch sie
erkenne und gegen sie den Kampf führe, und das so lange, bis er sie besiege.
Doch nun genug von dem; nach dem Morgenmahle ein Weiteres davon!“
[GEJ.10_019,05] Als unser Raphael solches
ausgeredet hatte, da kam auch schon ein Bote und kündigte uns das bereitete
Morgenmahl an, worauf wir unsere kleine Anhöhe verließen und uns ins Haus Ebals
begaben und das Morgenmahl einnahmen.
[GEJ.10_019,06] Nach dem Morgenmahl begaben
wir uns gleich wieder ins Freie, doch auf eine andere, größere Anhöhe, von der
aus man nicht nur die Bucht von Genezareth, sondern auch einen großen Teil des
Galiläischen Meeres übersehen konnte. Auf dieser Anhöhe hatten die Römer eine
Art Feste, um von da aus alles übersehen zu können, was sich auf dem Meere und
in der nicht unbedeutenden Bucht von Genezareth bewegte und als etwas Fremdes
sehen ließ, aus welchem Grunde auf dieser Anhöhe auch immer römische Wachen
aufgestellt waren und nicht leichtlich jemanden diesen Punkt besuchen ließen,
außer es war der Hauptmann selbst oder ein anderer zu befehlen habender
Unterdiener bei der diese Anhöhe besuchen wollenden Gesellschaft als Führer
zugegen.
[GEJ.10_019,07] Da nun der Hauptmann selbst
nebst seinen zwei Unterbefehlsdienern bei uns war, so hatten wir denn auch
nicht den allergeringsten Anstand, von dieser schönen Anhöhe Gebrauch zu
machen.
[GEJ.10_019,08] Es waren da mehrere offene
Zelte, mit Bänken wohlversehen, angebracht, die uns der Hauptmann sogleich zur
Benutzung einräumte und auch noch ein paar neue Zelte für unseren Gebrauch
herrichten ließ.
[GEJ.10_019,09] Als wir uns in den Zelten
gelagert hatten, da herrschte eine Zeitlang Ruhe, und alle betrachteten die
Szenen am Meere und in der Bucht.
[GEJ.10_019,10] Auf einmal ersah der
Hauptmann mehrere große Adler vom höheren Gebirge herab den Niederungen der
Ufer des Meeres zufliegen und sagte: „Da kommen von der Höhe herab schon wieder
beinahe um dieselbe Zeit, wie sonst immer, etliche ungeladene Gäste, um sich an
den Gestaden des Meeres ein ihnen wohlschmeckendes Morgenmahl zu holen!
[GEJ.10_019,11] Die Wasservögel sind zwar
auch Raubtiere, die sich von Fischen und allerlei andern Wassertieren ernähren;
aber sie sind dabei für unser Gemüt doch sanfteren Aussehens, und ihr Rauben
und Morden der unschuldigen Wassertiere macht auf unser Herz und dessen Gefühl
keinen so störenden Eindruck, als wenn ein so mächtiger Adler auf einen der
vielen Wasservögel aus der Höhe gleich einem Pfeil niederschießt, ihn mit
seinen Krallen faßt und ihn dann in die Höhe auf irgendeinen Felsen trägt, dort
zerreißt und sein Fleisch verzehrt!“
[GEJ.10_019,12] Als der Hauptmann noch also
seine humanen Betrachtungen machte, da stürzte schon ein Adler in ein Röhricht
am Ufer des Meeres nieder und holte sich eine mit Fischen gesättigte große
Kropfgans, die natürlich in der Luft, von den scharfen Krallen des Adlers
festgehalten, viel Spektakel machte.
[GEJ.10_019,13] Und es dauerte gar nicht
lange, so folgten auch die andern Adler dem Beispiel des ersten nach, was den
Römer so in einen ordentlichen Zorn versetzte, daß er zu Mir hintrat und sagte:
„O Herr und Meister, hast Du es nicht gesehen oder nicht verhindern wollen, daß
die gefräßigen Raubvögel sich an den viel sanfteren Wasservögeln auf eine alles
bessere Menschengefühl empörendste Weise vergriffen? Sollen derlei täglich in
der Naturwelt zu öfteren Malen vorkommende grauenerregenden Szenen wohl dazu
beitragen, das Menschenherz zu sänften und es zur tätigen Nächstenliebe und Barmherzigkeit
anzueifern?
[GEJ.10_019,14] Nein, da bleibe ich bei
meinem alten Grundsatze, wie ich solchen aus dem Munde eines alten griechischen
Weisen vor etlichen Jahren in Alexandria vernommen habe: ,Die ganze Erde ist
ein Raubnest und ein Jammertal für den edlen Menschen; denn alles, was er
ansieht und was ihm immer vorkommen mag, ist mit dem ewigen Fluche der Götter
belastet. Nichts als ein fortwährendes Entstehen und In-
ein-elendes-flüchtiges-Dasein-Treten; ein grausamer Tod ist die stete Folge des
Werdens! Und doch soll der am meisten durch sein Dasein gequälte Mensch ein
völlig gutes, edles, humanes Leben führen und die stets fluchenden Götter
ehren? Wie kann er aber das, so er um sich nichts als ein grausamstes Wüten der
gesamten Natur erschaut?! Darum werde auch der Mensch gleich einem Löwen, einem
Tiger, einem Adler und räche sich an seinen Nebengeschöpfen – ob Menschen oder
Tiere ist gleich – für den auch über ihn ausgegossenen Fluch der Götter; er
suche ein König zu werden und genieße das ohnehin kurze Leben den Göttern zum
Trotze!‘
[GEJ.10_019,15] Herr und Meister, ich sage
nun ja nicht, daß der griechische Weise damit einen rechten und wahren
Grundsatz zum Wohle der Menschen ausgesprochen hat, indem ich bei Dir einen
ganz andern Lebensgrundsatz gefunden habe, demgemäß ich auch fortan leben und
handeln werde; aber sage Du nun Selbst, ob der ganz natürliche Mensch von einer
selbst besten Gemütsanlage – wie solche oft bei noch unmündigen Kindern leicht
zu entdecken ist, besonders in einem Lande, in dem es von allerlei Raubtieren
wimmelt-, mit einer gesunden Vernunft begabt, am Ende infolge seiner
Beobachtungen und Erfahrungen zu einem andern Grundsatze fürs Menschenleben auf
dieser Erde gelangen kann!
[GEJ.10_019,16] Sehen wir hin in die Länder,
in denen es von wilden Raubtieren aller Art und Gattung wimmelt und die
Menschen, um von ihnen nicht gefressen zu werden, auf sie in einem fort Jagd
machen müssen! Wie sind diese Menschen selbst? Wild wie die sie umgebenden
Tiere! Sie rauben und morden, und es ist unter ihnen keine Liebe und noch
weniger eine gerechte Barmherzigkeit anzutreffen und keine Lust und Neigung zu
einer wohlgeordneten, friedlichen Beschäftigung.
[GEJ.10_019,17] Sehen wir uns dagegen ein
Volk an, wie ich eines in Armenien angetroffen habe! In dieses Volkes Lande
hatte ein früherer, recht weiser König mit allem Fleiße alle wilden Tiere
soviel als möglich ausrotten lassen durch viele und geschickte Jäger – auch der
Adler und Geier ward nicht geschont; nur sanfte und nützliche Haustiere durften
gehalten werden, und der Ackerbau machte die Hauptbeschäftigung jenes Volkes
aus, – und ich sage Dir, o Herr und Meister, ich habe nicht leichtlich auf
einem Festlande ein sanfteres und friedlicheres Völklein jemals angetroffen!
[GEJ.10_019,18] Bei Tage und in der Nacht
kann man in jenem Lande alle Wege und Straßen bereisen ohne Furcht, von einem
wilden Tier und noch weniger von einem räuberischen Menschen angefallen zu
werden. In welches oft noch so einfache Haus man einkehrt, man wird
allerfreundlichst aufgenommen und mit allem, was es zur menschlichen Notdurft
besitzt, mit aller Liebe und Freundlichkeit bedient.
[GEJ.10_019,19] Und wem verdankt dieses
erwähnten Landes Volk solch eine ausgezeichnete, gute, liebe und sanfte
Gemütsbildung? Jenem weisen Könige, der sein Land von all den wilden Raubtieren
zu reinigen verstand.
[GEJ.10_019,20] Dir, o Herr und Meister, wäre
es um so leichter möglich, die ganze Erde von allen den wilden Raubtieren zu
reinigen, – und die Menschen, die mit keinen Löwen, mit keinen Panthern,
Tigern, Hyänen, Bären, Wölfen, Füchsen und noch andern wilden Bestien mehr zu
kämpfen hätten, würden bei einigem guten Unterricht bald den oberwähnten
Armeniern gleichen!“
20. Kapitel
[GEJ.10_020,01] Sagte Ich: „Mein Freund, in
der natürlichen Weltansicht hast du freilich wohl ganz recht, und es ließe sich
dir da wenig einwenden; aber in der rein seelischen und geistigen Beziehung,
die dir bis jetzt noch völlig fremd ist, würdest du von Mir etwas verlangen,
was ganz wider alle Ordnung auf dieser Erde ginge.
[GEJ.10_020,02] Siehe, auf einem Weltkörper,
auf dem die Menschen die Bestimmung haben, vollendete Gotteskinder zu werden
ihrer Seele und ihrem Geiste nach, muß alles also eingerichtet sein, wie es
eben auf dieser Erde eingerichtet ist!
[GEJ.10_020,03] Dein Auge sieht und dein
Verstand erkennt freilich nichts anderes als Gericht, Verfolgung, Raub, Mord,
Tod, Verwesung und die Vergänglichkeit; aber dem ist nicht also, sondern ganz
anders, als was du dir in dieser Sphäre einbildest.
[GEJ.10_020,04] Erstens ist die Trägheit als
ein unvermeidbares Gerichtsanhängsel der Leibesmaterie für die stets wacher und
tätiger werden sollende Seele, wodurch sie allein zur vollen Gleichwerdung des
Geistes Gottes in ihr und dadurch zur Gottähnlichkeit gelangen kann, ihr
größter Feind, und in je wärmeren Ländern die Menschen ihre Wohnungen
aufgerichtet haben, desto mehr sind sie von diesem ersten Seelenfeinde bedroht.
[GEJ.10_020,05] Wären in solchen Ländern
nicht allerlei dem Menschen lästige Tiere, und brauchte er nicht um die Nahrung
seines Leibes zu sorgen, so würde er sich auch nicht um die Ausbildung der
Seelenkräfte sorgen. Er würde bald einem Meerespolypen oder der Wurzel eines
Baumes gleichen, die sonst nichts zu tun haben, als durch ihre organomechanische
Einrichtung den ihnen entsprechenden Nährstoff aus dem Wasser, aus dem Erdreich
und aus der Luft an sich zu saugen.
[GEJ.10_020,06] Siehe, das ist der erste
Grund, warum dem Menschen auf dieser Welt allerlei Wecker zur
verschiedenartigen Tätigkeit, zuerst des Leibes und daraus dann auch der Seele
– was die Hauptsache ist – geschaffen worden sind!
[GEJ.10_020,07] Was aber den zweiten Grund
betrifft, so kann diesen ein jeder Denker leicht von selbst finden. Stelle dir
die Erde als eine ganz einförmige, große Weltkugel vor! Auf ihrem weitgedehnten
Boden kämen nur ganz gleiche Bäche, Seen und Meere vor, keine Berge, außer dem
Schafe kein anderes Tier, außer der Henne kein Vogel, und außer nur einer
überall ganz gleichen Fischgattung kein anderes Wassertier, imgleichen
entwachse dem Boden der Erde nur eine Grasart zur Nahrung des Schafes, ebenso
nur eine Fruchtgattung zur Nahrung des Menschen und der Henne, dann auch eine
Obstbaumart und eine Baumart zum Bau einer dürftigen Wohnhütte, und also
bestehe auch nur eine überall gleiche Steinart, und ebenso auch nur eine
Metallart, aus der sich die Menschen ein allernotdürftigstes Werkzeug für ihren
Haushalt anfertigen könnten.
[GEJ.10_020,08] Sage es dir selbst, wieweit
es auf solch einer Welt die Menschen mit der Erweiterung ihrer Begriffe, Ideen
und Phantasien bringen würden und könnten!
[GEJ.10_020,09] Wie höchst mager es dabei mit
der höheren und reiner werden sollenden Vernunft und dem Verstande aussehen würde,
das brauche ich dir nicht näher darzutun. Ich mache dich aber auf den sehr
geringen seelisch-geistigen Bildungsstand jener auf dieser Erde lebenden
Menschen aufmerksam, die solche Gegenden der Erde bewohnen, wo es weit und
breit keine Berge gibt, nur hie und da ein einförmiges Gras aus dem Boden
wächst nebst anderen mageren und verkümmerten Gesträuchen an den Ufern einiger
unansehnlichen Bäche und pfützenartigen Seen.
[GEJ.10_020,10] Dir sind derlei Gegenden
nicht unbekannt. Wie sieht es aber bei deren Bewohnern mit der Kultur des
Geistes aus? Siehe, sie sind zum größten Teile ganz verwildert! Warum denn?
Weil sie ob Mangels an der zur höheren Bildung der Seele nötigen, möglichst
großen Mannigfaltigkeit der sie umgebenden Nebendinge und Geschöpfe zu keiner
Erweiterung ihrer Begriffe, Ideen und für die Bildung der Vernunft und des
Verstandes fruchtbaren Phantasie gelangen können.
[GEJ.10_020,11] Sieh dir aber dagegen
Menschen an, deren Wohnland mit aller denkbaren Mannigfaltigkeit überreich
ausgestattet ist, und du wirst sie auch gebildet finden, wennschon nicht in der
Sphäre des innersten Seelen- und Geistlebens, so doch in der Sphäre des äußeren
Verstandes, der Vernunft und der Phantasie, was bei einem Menschen doch da sein
muß, so er zur höheren Bildung des inneren Seelen- und Geistlebens übergehen
will! Denn willst du der herrlichen Aussicht wegen einen Berg besteigen, so muß
fürs erste einmal ein Berg da sein, und ist er da, so mußt du beim Ersteigen
des Berges dich nicht mit der halben Höhe begnügen – obschon sie dir auch schon
eine sehr ausgedehnte Aussicht bietet –, sondern dir darüber hinaus die Mühe
nehmen, auch die höchste Spitze zu ersteigen, um von ihr aus auch die vollste
Aussicht zu genießen.
[GEJ.10_020,12] So sollen auch die Menschen,
deren Vernunft, Verstand und Phantasie einmal eine reichliche Bildung
innehaben, sich nicht mit dieser halben Lebenshöhe begnügen, sondern derselben
volle Höhe zu erreichen sich bemühen.
[GEJ.10_020,13] Was Ich dir damit sagen will,
wirst du wohl verstehen. Und da hast du den zweiten Grund, aus dem Gott diese
Erde mit einer derartig großen Mannigfaltigkeit an Dingen, Geschöpfen und
Erscheinungen ausgestattet hat, von der du bei aller deiner alexandrinischen
Bildung bis jetzt kaum die erste Linie des kleinen Alpha kennst.
21. Kapitel
[GEJ.10_021,01] (Der Herr:) „Was aber noch
einen dritten Grund, den alle Meine Jünger wohl auch schon kennen, anbelangt,
so wirst du ihn in der Folge auch noch genauer kennenlernen, als man ihn dir
jetzt für deinen inneren Verstand begreiflich darstellen könnte. Nur so viel
kann Ich dir jetzt sagen und andeuten, daß da alles und noch mehr, was diese
Erde enthält von ihrem Mittelpunkte an bis weit über ihre höchste Luftregion
hinaus, Seelensubstanz ist, doch bis zu einer gewissen Lösezeit in einem
mannigfach härter oder milder gerichteten Zustande, darum sie dem fleischlichen
Auge des Menschen auf dieser Welt, wie auch seinem Gefühle entweder als ganz
tote, härtere oder weichere Materie ersichtlich und fühlbar wird. Dahin gehören
einmal alle Steinarten, Mineralien, Erdarten, Wasser, Luft und alle noch
ungebundenen Stoffe in ihr.
[GEJ.10_021,02] Dann kommt alles
Pflanzenreich im Wasser und auf der Erde samt seinem Übergang ins Tierreich. In
diesem Reich erscheint das Gericht schon milder, und die Seelensubstanz
befindet sich schon in der Periode der vollkommeneren Löse, als sie es im
früheren harten Gerichtszustande war, und die Sonderung und Einzelbildung in
Hinsicht der Intelligenzwerdung eben der früher wie chaotisch gemengten Seelensubstanz
in diesem zweiten Reiche ist denn darum auch in einer großen Mannigfaltigkeit
sich befindend.
[GEJ.10_021,03] Aber die Seelensubstanz, so
sie wegen der besonderen Intelligenzbildung im zweiten Reich einer großen
Sonderung unterworfen sein mußte, muß im dritten Reich der Tiere, das noch um
sehr vieles mannigfaltiger ist, wegen der noch vollendeteren Gewinnung der
helleren und freieren Einzelintelligenzen zu einer stets größeren Einigung
gebracht werden. Und darum vereinen sich da denn auch zahllose Kleintierseelensubstanzteile
von verschiedener Art und Gattung in eine größere Tierseele, wie zum Beispiel
in die eines größeren Wurmes oder eines Insektes.
[GEJ.10_021,04] Zahllos viele solche
Insektenseelen von eben wieder verschiedener Art und Gattung, so sie ihrer sie
bindenden materiellen Hüllen ledig geworden sind, vereinen sich dann wieder in
eine Tierseele größerer und vollkommenerer Art, und das also fort bis zu den
großen und vollkommenen Tieren teils noch wilder und teils dann sanfter Art;
und aus der letzten Einung dieser Tierseelen gehen dann erst die mit allen
möglichen Intelligenzbefähigungen wohlversehenen Menschenseelen hervor.
[GEJ.10_021,05] So ein Mensch in diese Welt
geboren wird und wegen seiner vollen Freiwerdung noch einen Leib zu tragen
bekommt, so ist das höchst weise von Gott schon also eingerichtet, daß er als
eine vollständige Seele sich aller der notwendigen Vorzustände in ihren
übergänglichen, aber noch immer gesonderten Beständen ebensowenig erinnern kann
und mag, wie dein Auge die kleinen Einzeltropfen des Meeres, aus denen es
besteht, sehen und unterscheiden kann. Denn wäre einer Menschenseele das
gegeben, so würde sie diese Einung aus so endlos verschiedenen Seelensubstanz-
und Intelligenzteilen nicht ertragen, sondern sich selbst allerhastigst
aufzulösen trachten, gleichwie sich da auflöst ein Wassertropfen auf glühendem
Eisen.
[GEJ.10_021,06] Um die Seele des Menschen zu
erhalten, muß ihr eben durch die Einrichtung ihres sie einschließenden Leibes
jede Rückerinnerung völlig benommen werden bis zur Zeit ihrer vollen inneren
Einigung mit ihrem Geiste der Liebe aus Gott; denn dieser Geist ist gleichsam
der Kitt, durch den alle die endlos verschiedenen Seelenintelligenzteile zu
einem ewig unzerstörbaren Ganzwesen gefestet werden, sich in aller Klarheit
durchleuchten, erkennen, begreifen und als ein vollendetes, gottähnliches Wesen
Gottes Liebe, Weisheit und Macht loben und preisen.“
22. Kapitel
[GEJ.10_022,01] (Der Herr:) „Daß aber eine
Menschenseele und entsprechend sogar ihr anfangs höchst unbehilflicher Leib
also zusammengefügt sind, kann der tiefer denkende und fühlende Mensch aus gar
manchen Erscheinungen an sich wenigstens nicht in zu unklaren Linien zu ahnen
imstande sein.
[GEJ.10_022,02] Nimm die Unzahl der
verschiedenartigsten Begriffe und Ideen, die eine Seele von nur einiger Bildung
aus sich entwickeln und von denen allen sie sich auch eine Vorstellung – ob
mehr oder weniger richtig, ist vorderhand gleich – machen kann, was ihr, wenn
sie nicht aus einer Allumfassenheit gewisserart zusammengesetzt wäre,
ebensowenig möglich wäre wie einem Ochsen oder Esel, den Plan zum Bau einer
königlichen Burg zu zeichnen und sie nach demselben zu erbauen.
[GEJ.10_022,03] So du aber alle die
verschiedenen Tiere sowohl in der Luft – wie allerlei Insekten und Vögel –,
also auch die Tiere auf dem festen Erdboden und jene im Wasser betrachtest, so
wirst du bei den meisten eine Baufähigkeit entdecken. Siehe an die Bienen und
andere diesem Insekt mehr oder weniger ähnliche Lufttierchen; siehe und
betrachte die höchst verschieden erbauten Nester der Vögel; siehe an die
Ameisen und noch andere Erdinsekten, die Spinne und die Raupen, weiter die
Mäuse aller Art und Gattung, den Biber, der sich eine förmliche Hütte erbaut,
die Füchse, Wölfe, Bären und noch eine Menge anderer Tiere, wie sie sich ihre
Wohnungen für ihre Natur ganz zweckmäßig herstellen und einrichten; weiter
betrachte die verschiedenen Tiere im Meere, namentlich die Schaltiere, – und du
wirst bei ihnen eine oft selbst den besten Baumeister in großes Erstaunen
setzende Baufähigkeit antreffen!
[GEJ.10_022,04] Nun, ein jedes Tier, vom
kleinsten bis zum größten, hat freilich nur eine seiner einfachen
Tierseelenintelligenz eigentümliche Baufähigkeit, kennt dazu das Baumaterial
und benutzt es in seiner stets gleichförmigen Art und Weise; aber in der
Menschenseele sind alle die tierischen Bauintelligenzfähigkeiten in einer
Unzahl vorhanden, aus denen sie, wie durch ein stummes Bewußtwerden, auch eine
Unzahl Begriffe und Ideen zusammenstellen und so ganz neue und große Formen
schaffen kann.
[GEJ.10_022,05] Und so kann daher der Mensch
bei nur einiger Bildung denn auch allerlei Wohnhäuser von höchster
Verschiedenheit und zahllos viele andere Dinge aus sich erfinden und sie mit
seinem Willen, Verstande und Fleiß auch ins Werk setzen. Könnte er das, so in
seiner Seele nicht alle die verschiedenartigsten Fähigkeiten auf dem gezeigten
Wege vorhanden wären? Sicher nicht; denn selbst das nach dem Menschen
intelligenteste Tier hat keine Phantasie und somit auch keine allumfassende
Kompositionsgabe (Gestaltungsgabe).
[GEJ.10_022,06] Du sagst bei dir nun
freilich: ,Ja, warum mußte denn eine Menschenseele auf solch einem langen und
langwierigen Wege zu solchen Fähigkeiten gelangen?‘
[GEJ.10_022,07] Und Ich sage es dir: Der ewig
beste und weiseste Baumeister aller Dinge und Wesen weiß es am allerbesten,
warum Er auf dieser Erde eben diesen Weg zur Bildung einer vollkommenen
Menschenseele eingerichtet hat, und damit kannst du nach Meinem Worte zufrieden
sein. Wenn du selbst in dir vollendeter werden wirst, dann wirst du auch den
Grund deines langen und langwierigen Weges einsehen.
[GEJ.10_022,08] Ihr Römer, die Griechen und
die Phönizier, wie auch die Ägypter, glaubten an eine Seelenwanderung und
glauben an sie noch heutzutage so wie die Perser, Indier, die Sihiniten
jenseits der Hochberge im weiten, großen und fernen Osten und noch ein im noch
ferneren Osten auf großen Inseln, die vom größten Meere dieser Erde umflossen
sind, wohnendes großes Volk, und so noch viele andere Völkerschaften auf der
weiten Erde; aber allenthalben ist die den Urvätern der Erde wohlbekannte
Wahrheit durch ihre mit der Zeit aufgestandenen habsüchtigen, anfänglichen
Volkslehrer und späteren Priester voll Ehrgeiz und voll Herrschgier ganz verunstaltet
und völlig verkehrt worden, – denn die wahre Art der Seelenwanderung hätte
ihnen keine Opfer und Zinsen getragen, und so ließen sie die Menschenseelen in
die Tiere zurückwandern und in den Tieren leiden, von welchen Leiden sie nur
Priester um große Opfer befreien konnten.
23. Kapitel
[GEJ.10_023,01] (Der Herr:) „,Aber‘, sagst du
nun in dir, ,wie konnte das schon einmal in der Wahrheit stehende Volk sich so
unsinnig von den schlechten und lügenvollsten Priestern verdummen und
verblenden lassen?‘
[GEJ.10_023,02] Ich sage es dir: Nichts
leichter als das! Die alten wahren Weisen sind mit der Zeit von dieser Erde
abgegangen, und schon bei ihren noch diesirdischen Lebzeiten haben sich gewisse
Zauberer und Weissager aufgeworfen, die das, was sie lehrten, mit allerlei
durch einen bösen Geist ihnen gezeigten Wundertaten, welche die blinden und in
derlei Betrügereien völlig unkundigen Menschen als göttliche Beweise ansahen,
bekräftigten; und es war also auf diese Art ein leichtes bei den Menschen, die
allenthalben wundersüchtig sind, sie von der alten Wahrheit völlig abwendig zu
machen und dahin zu bringen, daß sie alles kernfest glaubten, was die falschen
Weisen sie nur immer zu ihrem eigenen Vorteile lehren wollten.
[GEJ.10_023,03] Viele solcher Magier, aus
denen nur zu bald Priester und falsche Propheten hervorgingen, verstanden – und
verstehen das noch – zum Beispiel ihrer Worte Stimme so zu stellen, daß sie wie
von einer Ferne oder aus einem Baume oder aus einem Tiere kommend von den
anwesenden Menschen vernommen ward.
[GEJ.10_023,04] Sie ahmten von ihnen
bekannten, aber schon verstorbenen Menschen den Ton derer Stimme, wie auch den
Sprachdialekt, wie aus einem Baume, Steine, Brunnen und so auch aus einem
beliebigen Tiere kommend, so täuschend nach, daß jeder Anwesende sagen mußte:
,Ja, das ist die Seele des uns wohlbekannten Verstorbenen, der sonst ein alter,
guter, wahrheitsvoller Mensch war! Was muß denn der gegen Gott verbrochen
haben, daß seine Seele nun in einem Kamele schmachten und sicher viel leiden
muß?‘
[GEJ.10_023,05] Wer war bei solch einer Frage
geschwinder fertig als solch ein seine Stimme verdrehen könnender
Magierpriester! Bald vernahmen die geängstigten Zuhörer aus dem Kamele einen Satz,
der also lautete: ,Ich wollte starr bei der Lehre der Altväter mit meinem
ganzen Hause verharren – und mißachtete darum die neuen von Gott erweckten
Weisen und Propheten! Ich habe dadurch gesündigt und bin auf zehn Jahre lang
zum unausstehlichen Leiden in dieses Kamel verbannt worden. Glaubet an die
neuen Propheten Gottes, und gebet ihnen zur Sühne meiner Sünde aus meinen
hinterlassenen Schätzen ein von ihnen verlangtes Opfer; sie werden dann bei
Gott für mich Gnade erbitten, und ich werde von meiner großen Qual erlöst und
ihr nach eurem Leibestode von ihr befreit sein!‘
[GEJ.10_023,06] Auf solch eine Antwort des
Kamels wird etwa wohl begreiflich sein, wie die blinden Menschen nur zu bald
die alte Wahrheit verließen und an die Lehren der falschen Propheten fest zu
glauben anfingen.
[GEJ.10_023,07] Und wie es war, so wird es
nach Mir wieder werden, so bei der Ausbreitung Meiner allein vollkommen wahren
Lehre nicht alle Vorsicht angewandt wird.
[GEJ.10_023,08] Und sieh, auf diese Art ist
die Vielgötterei und alles Heidentum und der ganz verkehrte Glaube an eure
Seelenwanderung und an viele tausend andere gräßliche Dummheiten entstanden!
[GEJ.10_023,09] Sind von Gott aus auch stets
wahre Lehrer unter das einmal geblendete Volk gesandt worden, so haben sie wenig
ausgerichtet, – denn der freie Wille muß der Menschenseele dieser Erde
unangetastet belassen werden, ohne den ein Mensch zu einem Tiere würde; und so
heißt es mit der Menschheit Geduld haben und von ihr wohl den größten Teil in
einer andern Welt zu einem besseren Lichte gelangen lassen.
[GEJ.10_023,10] Doch wehe dereinst allen
falschen Lehrern, Priestern und Propheten, welche die alte und reine Wahrheit
wohl für sich noch recht gut kennen, sie aber dem Volke ihrer Hab- und
Herrschgier wegen hartnäckig stets vorenthalten; sie werden dereinst Meinem
Zorngerichte nicht entgehen!
[GEJ.10_023,11] Auf dieser Erde haben auch
sie den freien Willen und können bis zu einer gewissen Zeit auch tun, was sie
wollen; aber wenn sie es einmal auch schon auf dieser Erde zu bunt zu treiben
anfangen werden, dann werde Ich Selbst wie ein hellster Blitz über die Menschen
der Erde Mein ewiges Wahrheitslicht ausgießen in allen Dingen, wie Ich es euch
nun Selbst gezeigt und gelehrt habe. Dann werden alle falschen Lehrer, Priester
und Propheten zu heulen anfangen und werden suchen, wo sie sich vor Meinen
erleuchteten Menschen und vor der Macht Meines Lichtes verbergen könnten. Aber
es wird solch ihre Mühe und große Anstrengung eine ganz vergebliche sein; denn
sie werden von einem Ende der Erde zum andern von den erleuchteten Völkern
gleich wilden und reißenden Tieren mit feurigen Geißeln gehetzt werden und
nirgends mehr eine sichere Herberge zu ihrer Aufnahme finden, und ihr Reich und
ihre finstere Herrschaft wird für immerdar ein volles Ende finden.
[GEJ.10_023,12] Da, Freund, hast du nun nebst
dem dritten dir gezeigten und für deinen Verstand möglichst klar erklärten
Grunde noch manches andere, das nicht nur du, sondern auch alle andern wohl zu
beherzigen haben!“
24. Kapitel
[GEJ.10_024,01] Hierauf dankte Mir über alle
Maßen der Hauptmann für solche Meine Geduld und Mühe und sagte: „O Herr und
Meister, wenn mir von all dem, was Du mir nun erklärt hast, auch noch nicht
alles, wie etwa einem Deiner Jünger, klar ist, – in den Geist der Wahrheit aber
bin ich doch also eingedrungen, daß ich nun diese Erde mit ganz andern Augen
ansehe denn jemals zuvor in meinem ganzen Leben!
[GEJ.10_024,02] Nur das einzige ist mir bei
Deiner Erklärung über den Ursprung dessen, wie die neuen Falschlehrer, Priester
und Propheten durch allerlei Trugmittel, von deren wahrer Beschaffenheit die
laie (unwissende) Menschheit natürlich keine Ahnung haben kann, eben solch ein
Volk von der alten und reinen Wahrheit der irdischen Vorteile wegen leicht und
bald abwendig machen, beigefallen und in den Sinn gekommen: Wenn solche
lumpigen Menschen aus purstem Eigennutze das Volk also zu bearbeiten anfangen,
so wäre ein außerordentliches Gegenzeichen aus den Himmeln ja doch ein sicher
wirksamstes Mittel, um den Falschlehrern für immer den Mund zu stopfen, – zum
Beispiel: So bei dem Falsches redenden Kamele der jenseits fortlebende
Geistmensch mit der ernstesten Miene allen wohlerkennbar erschiene und gegen
die Falschlehrer für jedermann wohlbegreiflich zeugte, da sollte es denn doch
mit allen Furien hergehen, wenn die falschen Propheten noch fürder etwas zu
wirken vermöchten bei einem von neuem aus dem Jenseits aufgehellten Volke! –
Was sagst Du dazu?“
[GEJ.10_024,03] Sagte Ich: „Dazu läßt sich
einesteils wohl so manches sagen, aber andernteils nur sehr weniges von einer
besonderen Bedeutung! Denn siehe, erstens ist auch dein nun Mir vorgeschlagenes
Mittel zu allen Zeiten und bei allen Völkern in die mehr oder minder günstige
Wirkung gesetzt worden!
[GEJ.10_024,04] Solange sich ein Volk noch
zum größten Teil treu in der alten Wahrheit befand, aber hie und da ein Teil
des Volkes von den aufgefundenen Schätzen dieser Erde sehr weltlich zu werden
anfing und sich selbst von der Wahrheit mehr und mehr zu entfernen begann, da
wirkten Deine Mittel oft recht gut auf zwei, oft auch auf drei Generationen
hin; bei der vierten Generation aber, die sich mit dem Haschen nach den
Weltschätzen noch mehr zu beschäftigen anfing und eigenwillig in die Weltliebe
überging, wurden derlei einmal angewandte Mittel zur Fabel, und nur wenige
glaubten noch so halbwegs daran.
[GEJ.10_024,05] Wurden nun wieder solche
Mittel angewandt, so machten sie fürs allgemeine schon wenig Wirkung mehr und
wurden von den Vornehmen nur belächelt und verhöhnt, und die Falschwundertäter,
die auch für die Säckel der trägen Großen und Vornehmen zu wirken verstanden,
hatten schon den Vorteil und Vorzug für sich. Und so ging es durch viele
Jahrhunderte durch eigenes Verschulden bei den verschiedenen Völkern stets mehr
und mehr abwärts.
[GEJ.10_024,06] Siehe, nun ist das
allerhöchste, von dir Mir vorgeschlagene Mittel zur Vertilgung alles Falschen
unter den Menschen in Mir Selbst aus den allerhöchsten Himmeln schon lange
wirkend vor den in der alten Wahrheit noch am meisten und reinst bewanderten
Juden gegenwärtig und hat mehrere Male zu Jerusalem und in vielen andern
Städten und Orten Zeichen gewirkt, die nur Gott allein möglich sind, und
gelehrt die allerlichteste Wahrheit aus den Himmeln! Gehe hin und forsche nach,
wie viele Menschen sich durch dieses allerhöchste Mittel noch wahrhaft von
ihren alten Irrtümern und Sünden bekehrt haben!
[GEJ.10_024,07] So aber das allerhöchste
Mittel bei der notwendigen Belassung des freien Willens der Menschen eine so
geringe Wirkung zustande bringt, wie vereinzelt und gering wäre dann erst die
Wirkung eines andern Geistes aus dem großen Jenseits!
[GEJ.10_024,08] Zudem ist das für einen jeden
im großen Jenseits schon überseligen Geist eine harte Aufgabe, wieder auf
dieser Welt sichtbar erscheinen zu sollen. Will er das frei, so wird es ihm von
Mir auch zugelassen; aber bemüßigt wird dazu kein Geist.
[GEJ.10_024,09] Es ist besonders für einen
minder vollendeten Geist nicht minder schwer, aus dem Jenseits in diese Welt –
besonders in die Mitte purer Weltmenschen – zurückzukehren, als so du in den
Leib deiner Mutter zurückkehren möchtest, der eines jeden Menschen erste und
engste Welt war, und wolltest darin etwas ordnen und zurechtbringen. Daraus
kannst du so ungefähr das Lebensverhältnis der Geister im großen Jenseits und
das der auf dieser engen Erde lebenden Pilgermenschen in einen Vergleich
bringen.
[GEJ.10_024,10] Ein kleiner Kreis hat im
großen leicht Raum; aber umgekehrt geht es schwer. Das verstehe auch wohl!“
[GEJ.10_024,11] Über das dachten alle lange
nach, und Ich ruhte.
[GEJ.10_024,12] Wir blieben auf der gewissen
Anhöhe wohl bei zwei Stunden lang über den Mittag. Es ward daselbst noch über
gar manches geredet und durch Raphael den Römern auch tatsächlich gezeigt, was
nachträglich von dem Hauptmanne und auch von seinen Unterdienern aufgezeichnet
worden ist. Wir begaben uns dann wieder ins Haus und nahmen ein Mahl zu uns.
[GEJ.10_024,13] Den Nachmittag brachte Ich in
der Ruhe zu; die Jünger aber hatten von dem Hauptmanne noch allerlei Fragen zur
Beantwortung bekommen. Johannes und Matthäus aber haben sich an ihr
Schreibgeschäft gemacht und haben von dem bisher Gesehenen und Vernommenen
kurze Aufzeichnungen gemacht; auch Mein Jakobus der Ältere hat für sich Notizen
gemacht, die er aber erst nach einem Verlaufe von etlichen Jahren in eine
Ordnung brachte. Der Hauptmann benutzte auch diese Gelegenheit und machte für
sich in griechischer Zunge Aufzeichnungen, die er auch erst späterhin in eine
größere Ordnung brachte.
[GEJ.10_024,14] Ich blieb mit den Jüngern
noch bei acht volle Tage in Genezareth, und es sind da noch viele Fremde aus
der Gegend von Damaskus und auch andern Städten hingekommen, haben Mich
kennengelernt und den Glauben an Mich angenommen.
[GEJ.10_024,15] Es braucht nicht mehr alles
von Wort zu Wort angeführt zu werden, was da sonst noch gelehrt und gewirkt
wurde, indem bis nun schon alles erschöpfend gezeigt worden ist, in was und wie
die Menschen von Mir und von Raphael, der auch mit Mir die angegebene Zeit lang
in Genezareth sichtbar und wirkend verweilte, unterwiesen worden sind. Denn
nicht allein in den Dingen des Reiches Gottes auf Erden, sondern auch in allen
natürlichen Dingen und ihren Erscheinungen wurden sie ganz hell und der vollen
Wahrheit gemäß unterwiesen und ließen dadurch ihren alten Aberglauben fahren,
da sie ihre alten Irrtümer wohl einsahen und begriffen.
[GEJ.10_024,16] Auf diese Weise hatte sich
denn auch bald eine ganz bedeutende Gemeinde zu Damaskus in Meinem Namen
gebildet, wie auch in andern Orten, und Mein Name ward weithin gepriesen.
25. Kapitel – Ein Notabene, gegeben am 11.
August 1862. (Kap.25-30)
[GEJ.10_025,01] Und – nota bene – nun für
diese Zeit etwas Aufklärendes!
[GEJ.10_025,02] Im Verlaufe der Mitteilungen alles
dessen, was Ich bei Meinen Leibeszeiten auf dieser Erde im ganzen Reiche der
Juden gewirkt und gelehrt habe, ist bis schon nach fünfhundert Jahren Meines
Erdenseins – besonders was die Erklärungen der Dinge und Erscheinungen der
Naturwelt anbelangt – das meiste teils in Vergessenheit geraten, größtenteils
aber mit dem alten Unsinne wieder so vermengt worden, daß da niemand mehr die
reine Wahrheit hat herausfinden können.
[GEJ.10_025,03] Es sind wohl viele ziemlich
gleichlautende Aufzeichnungen, die zumeist von den Griechen und Römern
bewerkstelligt worden sind, teils in den zehn Städten im langen und weiten
Jordantale (darunter aber wohl gut bei sechzig Städte, die alle zu Meiner Zeit
und auch vor Mir schon und nach Mir noch bis über die Zeit der Zerstörung
Jerusalems und seiner Umgebungen größtenteils von Griechen und Römern bewohnt
wurden, zu verstehen sind), teils in Essäa (von dem aber schon vor zwölfhundert
Jahren keine Spur mehr anzutreffen war, da dieser Orden von den heidnischen
Römerchristen zu sehr verfolgt wurde) und zum großen Teil aber in der großen
Bibliothek zu Alexandria aufbewahrt worden.
[GEJ.10_025,04] Aber betrachte alle die
verheerendsten Kriege und die großen Völkerwanderungen, von denen mehr denn
halb Asien, der Norden Afrikas und beinahe ganz Europa heimgesucht worden sind,
und zwar aus dem Grunde, weil nur zu bald nach Mir – wie solches schon der
Prophet Daniel und bald nach Mir Mein Jünger Johannes auf der Insel Patmos in
der von Mir ihm gegebenen Offenbarung gezeigt hat – die Menschen, und besonders
die Gemeindevorsteher, Meine Lehre, da sie ihnen als die reinste Wahrheit aus
den Himmeln zu kleine Zinsen trug, zu verdrehen und mit dem alten Unsinne zu
vermengen anfingen.
[GEJ.10_025,05] Und es hieß da von Mir aus:
Gut denn, weil euch der alte, finstere Weltunflat lieber ist als Mein reinstes
Gold aus den Himmeln und ihr stets mehr und mehr den Hunden darin gleicht, daß
sie zu dem zurückkehren, was sie gespien haben, und auch den Schweinen, die
auch wieder mit aller Hast zu der Pfütze zurückrennen, in der sie sich schon
oft über alle Maßen beschmutzt haben, so soll euch für lange hin das Gold der
Himmel genommen werden, und ihr sollet Mir schmachten in aller Trübsal,
Finsternis und Not, und der Tod soll euch wieder ein größter Schreck auf Erden
werden!
[GEJ.10_025,06] Und also ward es denn auch
bis zu dieser Zeit. Beinahe alle die Städte und Orte, in denen sich
Aufzeichnungen von Meinem vielen Wirken und Lehren häufig vorfanden, sind
zerstört und verwüstet worden; nur die Kleinevangelien des Johannes und
Matthäus sind noch, der Sittenlehre für die Menschen eines guten Willens wegen,
mehr oder weniger sprachrichtig bis jetzt als echte Dokumente über Mein Wirken
und Lehren erhalten worden, so auch die Schriften des Lukas und des Markus,
insoweit er das von Paulus Vernommene in aller Kürze für sich aufgezeichnet
hatte, und imgleichen auch mehrere Briefe der Apostel, von denen aber auch
viele verlorengegangen sind, und die Offenbarung Johannis, aber freilich auch
mit einigen Sprachunrichtigkeiten, was der Hauptsache für den, der von Mir
geführt wird, keinen Eintrag macht.
[GEJ.10_025,07] Von den andern Lehren, was
die Dinge und Erscheinungen und ihre Beschaffenheit betrifft, ist bis auf diese
Zeit hie und da ganz im Verborgenen nur weniges verblieben; und wo noch aus der
Zeit der Römer und Griechen etwas vorgefunden ward, wurde es von den Klöstern
aufgefangen, aber der im Finstern schmachtenden Menschheit auch nie ein Häkchen
groß davon verkündet.
[GEJ.10_025,08] Sonnen- und Mondfinsternisse,
Kometen und noch andere ganz natürliche Erscheinungen haben bei ihrer
Wahrheitsdarstellung den Priestern nichts eingetragen; man hat sie nur zu bald
wieder zu Vorboten und Verkündern der von Mir über die Menschen verhängten
Strafen gemacht, damit die dadurch geängstigten Menschen dann zu den Tempeln,
die bald wie die Pilze aus der Erde emporgewachsen sind, in großen Scharen
wallfahrteten und daselbst reiche und viele Opfer zu den Füßen der Priester
niederlegten.
[GEJ.10_025,09] In den Katakomben Roms und in
den Pfaffenburgen Spaniens und Italiens und hie und da auch des deutschen
Reiches finden sich noch gar manche sehr gewichtigen Aufzeichnungen aus Meiner
Zeit vor; aber die noch jetzt bellendste Hab-, Glanz- und Herrschsucht der Hure
Babels läßt davon ja nichts unter die Menschen kommen, und das aus der Furcht
und großen Sorge, nun sich gewaltig zu verraten und dann von aller Welt dahin
zur strengsten Rechenschaft gezogen zu werden, aus welchem Grunde sie den
Menschen so viele Jahrhunderte die Wahrheit vorenthalten habe. Da der schnöde
Grund wohl jedem Denker von selbst einleuchtend ist, so ist es hier denn auch
wahrlich nicht nötig, ihn noch näher zu beleuchten.
[GEJ.10_025,10] Wie lange ist es denn seit
der Zeit, als man dem Volke die vier Evangelien und die Apostelgeschichte des
Lukas, die Briefe der Apostel und die Offenbarung Johannis auf das strengste
vorenthalten hat und in mehreren Ländern ihm das noch immer vorenthält?
[GEJ.10_025,11] Wie sträubte man sich gegen
das Licht Meines hellen Wissenschaftsblitzes, der vom Aufgange bis zum
Niedergange alles, was auf Erden ist, von neuem hell zu erleuchten anfing, und
das schon vor dreihundert Jahren, und dessen Licht nun stets heller und heller
leuchtet, und das also, daß in dieser Zeit sogar die geheimsten und
verborgensten Gemächer der einst so großen und mächtigen Hure Babels wie am
hellsten Tage offen liegen!
[GEJ.10_025,12] Man fragt mit Recht und sagt:
Ja, wie lange wird diese Hure Babels ihr Wesen noch treiben?
[GEJ.10_025,13] Und Ich sage: Welch eine
kleinliche Frage! Siehe an das in aller Welt von Tag zu Tag stets heller und
mächtiger werdende Licht Meines Blitzes! Wie kann sich neben den tausend, jetzt
nur zu mathematisch erwiesenen und zum Gebrauch für alle Menschen frei und
offen stehenden Wahrheiten aus allen Fächern der Wissenschaften und Künste der
alte, babylonisch-heidnische, finstere Wunderquark, dessen Betrug bis in die
kleinsten Fugen und Falten erleuchtet ist, noch halten?
[GEJ.10_025,14] Solange noch einige alte und
aus der früheren Zeit irgend noch sehr verdummte, abergläubische Weiber und
einige gleisnerische, sogenannte Betbrüder noch leben und sich von den Pfaffen
einen blauen Dunst vormachen lassen, und solange jene Herrscher noch irgend
einige Mittel besitzen, den Thron der Hure Babels zu schirmen, – was aber nur
eine ganz kurze Zeit noch andauern kann und wird, da schon dafür gesorgt wird,
daß derlei Herrschern die Mittel benommen werden, wie sie schon vielen benommen
worden sind, und die nun ohne Land und Volk zusehen müssen, wie ihre alten
Arbeiten, Mühen und finsteren Werke in Rauch und Dampf aufgehen!
[GEJ.10_025,15] Sage: Kann irgend die Nacht
auf der Erde ihre Herrschaft ausüben, wo die Sonne bereits schon hoch über dem
Horizonte steht? Also ist es auch nun schon auf der Erde! Das Licht ist zu
mächtig geworden, und die ehedem aller Finsternis – ihrer Throne und ihres
unbeschreibbaren Wohllebens wegen – so sehr huldigenden Machthaber fangen an,
in der unbesiegbaren Macht dieses Lichtes ihre große Ohnmacht einzusehen, und
müssen nun, so sie bestehen wollen, dem ihnen ehemals so verhaßten Lichte ein
freundliches Gesicht zu machen beginnen; und wollen sie wieder so ganz
unvermerkt in die alte Finsternis einlenken, so erkennt es das Volk und versagt
ihnen den Gehorsam und treibt sie bald in große Verlegenheiten und – wie nun
schon viele Beispiele zeigen – auch von ihren Herrscherthronen.
[GEJ.10_025,16] Meinem Willen läßt sich kein
Trotz bieten! Ich lasse zwar den Menschen gleichfort ihren ganz freien Willen
im Besonderen; aber im Allgemeinen bin Ich der Herr und nehme keine Rücksicht
vor den Mächtigen dieser Erde! Die Zeit des Lichtes ist einmal da und kann
durch keine irdische Menschenmacht mehr aufgehalten werden.
26. Kapitel
[GEJ.10_026,01] Es ist nun auch die Zeit des
gewissen Ecksteines gekommen, den die Bauleute, die von Babel hauptsächlich,
verworfen haben. Wer nun an diesen Baustein stoßen wird, der wird sich
zerschellen, und über den der Baustein herfallen wird, der wird zermalmt
werden, wie es nun bald und sehr bald allen geschehen wird, die den Eckstein
hintansetzen und der Hure Babels huldigen wollen. Oh, wie sehr werden die in
Kürze heulen und wehklagen; aber der verworfene Eckstein wird ihnen keine Hilfe
bringen!
[GEJ.10_026,02] Ich habe lange mit der
größten Geduld dem Spiel der Schweine zugesehen, wie zu Meiner Erdenzeit die
Schweinehirten zu Gadara ihren Schweinen; da aber waren zwei Ärgstbesessene in
den alten Basaltgräbern, – denn Gadara war eine alte Gräberstadt.
[GEJ.10_026,03] Wem glichen die zwei mit
Ketten und Stricken in den großen, alten Gräbern festgehaltenen Besessenen, die
bei Meiner Ankunft die Ketten und Stricke zerrissen, zu Mir liefen und zu Mir
sagten: „Was haben wir mit Dir vor der Zeit zu tun?“ Siehe, diese zwei glichen
dem gemeinen, alten Welt-Gewinngeiste, in dem eine Legion anderer arger Geister
stecken!
[GEJ.10_026,04] Da aber diese Geister Meinen
ernstesten Willen wohl erkannten, so baten sie Mich, ihnen zu gestatten, in die
Säue zu fahren, und die zwei wurden frei und lobten Mich, obschon Mich die Gadarener
nachher baten, sie zu verlassen, weil sie vor Mir eine große Furcht hatten. Und
so werden in der Folge auch der rechte Weltgeist und sein Gewerbefleiß Mich
loben, da er durch die Macht Meines Lichtes von der Legion seiner argen
Selbstsuchtsgeister befreit worden ist, die wohl in ihre Schweine fuhren, aber
mit denselben im Meere auch ihren Untergang fanden.
[GEJ.10_026,05] Unter die Zahl der Schweine
aber gehören alle die ultramontanen Diener der Hure Babels durch ihre
schmutzigsten und habsüchtigsten und herrschgierigsten Bestrebungen, die sie
durch ihre Konkordate und Missionen, Breven und Bannflüche nur zu offen und
laut kundgaben. Und das war eben schon seit den Zeiten der Herrschaft der Hure
Babels über die Völker und ihre Könige der Zustand des Hineinfahrens der
Legionen arger Geister in diese obbezeichneten Schweine, die sich darauf in das
Meer zu stürzen anfingen, und in eben dieser Zeit am meisten, daher ihr voller
Untergang auch ein sicherer ist.
[GEJ.10_026,06] Das Meer aber ist ihr Starrsinn,
in der alten Finsternis zu verharren und das Licht, das Ich in allen Zweigen
des Wissens und der Künste nun allen Menschen aus den Himmeln zufließen lasse,
nach allen Seiten hin zu verfolgen und zu verfluchen.
[GEJ.10_026,07] Siehe, das ist das Meer, in
das die Schweine von den schon lange in sie gefahrenen argen Geistern getrieben
werden, und in dem sie ihren sicheren Untergang finden!
[GEJ.10_026,08] Sie haben Meinem Urlichte aus
den Himmeln eine Grube gegraben, um es darin vor den Augen der Menschen zu
verbergen und sie in der Finsternis zu ihrem Weltnutzen zu erhalten; aber Ich
machte das Licht frei, und nun stürzen sie in das von ihnen gegrabene Grab, in
dem Mein Urhimmelslicht hätte ersticken und verderben sollen.
[GEJ.10_026,09] So aber das nun vor aller
Welt Augen und laut gewordenen Wünschen geschieht, so ist die Frage eitel, wann
das geschehen werde.
[GEJ.10_026,10] Es ist leicht einzusehen, daß
so etwas nicht in einem Moment geschehen kann, sowenig die Nacht urplötzlich
dem vollen Tage weichen kann, sondern es muß in dieser Welt alles seine Zeit
haben, und es kann kein Mensch von noch so großen Talenten und Fähigkeiten in
einem Tage ein Gelehrter und ein Künstler werden, und keine Frucht eines Baumes
wird plötzlich reif und genießbar. Aber so die Bäume im nahenden Frühjahr
einmal saftig werden und die Knospen stark anzuschwellen beginnen, so ist das
ja doch ein sicheres Zeichen, daß das warme Frühjahr und der segensreiche
Sommer nahe herbeigekommen sind; einige dazwischen sich noch einschleichende
Kleinfröste geben da keinen bedenklichen Ausschlag mehr.
[GEJ.10_026,11] Was der Prophet Hesekiel im
14. Kapitel von der Bestrafung Israels und Jerusalems weissagt, das gilt jetzt
allem falschen Prophetentum: es soll, wird und muß ausgerottet werden.
[GEJ.10_026,12] Worin aber das falsche
Prophetentum besteht, und wer die Pharisäer der Jetztzeit sind, das braucht für
keinen nur etwas hell denkenden Menschen näher bezeichnet zu werden; denn alle
Welt kennt die alten Feinde des Lichtes, der Wahrheit und der Liebe aus Mir.
[GEJ.10_026,13] So Ich Selbst zu den Aposteln
also geredet habe, daß sie niemanden richten, verdammen und verfluchen sollen,
auf daß ihnen das nicht von Mir ausgehend widerfahre, – wer hat ihnen denn hernach
das Recht erteilt, über die, welche, von Meinem Geiste angetrieben, die reine
Wahrheit suchten und noch suchen, zu richten, sie zu verdammen und mit den
erschrecklich-fürchterlichsten Bannflüchen zu belegen?! Darum werden sie selbst
in jene Grube gestürzt werden, die sie für viele Millionen der unschuldigen
Menschen gegraben haben, und es werden darin ihre bösen Werke ebenso ohne alle
Rücksicht und Erbarmung gerichtet werden und ihren Lohn überkommen.
[GEJ.10_026,14] Sieh hin in alle Weltteile,
und du wirst finden, wie verhaßt das falsche Prophetentum der Hure Babels
beinahe allen nur etwas besseren Völkern der Erde geworden ist, und wie ihre
Sendlinge empfangen und geachtet werden! So sicher nicht, wie du das in den der
Hure Babels servilen (dienenden) Sudelblättern liesest, sondern ganz anders.
Nur bei ganz rohen und wilden Völkern können sie sich noch eine kurze Zeit
halten. Wenn sie daselbst aber oft nur zu bald ihre hab- und herrschsüchtigen
Tendenzen oder den Wolf unter ihren Schafspelzen merklich und leicht erkennbar
sehen lassen, so ist es mit der Wirkung ihrer Sendung auch schon zu Ende, und
sie können dann zusehen, wie sie mit heiler Haut davonkommen können.
[GEJ.10_026,15] Wie oft haben sie schon nach
China und Japan, wo es viel Gold, Silber und andere Schätze gibt, ihre kecksten
Sendlinge geschickt! Solange diese ihre Schafspelze nicht hintanlegten, waren
sie geduldet und hatten recht viele für die vorgebliche Himmelsfriedenslehre an
sich gezogen; aber wie sie einmal – wie man zu sagen pflegt – warm wurden und
ihnen ihre Schafspelze unleidlich wurden und sie zu meinen anfingen, daß sie
nun schon in ihrer wahren, inneren Gestalt könnten zu schalten und zu walten
anfangen, da wurden sie denn auch sogleich erkannt in allem, was sie eigentlich
möchten, und man ergriff sie und gab ihnen den wohlverdienten Lohn.
[GEJ.10_026,16] Man sprach sie, so man in
Babel die Nachricht von ihrem verdienten argen Lose Kunde erhielt, unter großem
Pompe heilig, obschon Ich Selbst sagte und lehrte, daß nur Gott allein heilig
ist. Aber Ich kann zu solchen Heiligen nur sagen: ,Ich kenne euch nicht und
habe euch nie erkannt; darum weichet von Mir, und suchet euer Heil und euern
Lohn nur bei denen, in deren Namen ihr gepredigt und gehandelt habt! Denn in
Meinem Namen habt ihr niemals gepredigt und noch weniger gehandelt; denn ihr
habt seit eurer Kindheit an niemand einen Akt jener wahren Nächstenliebe, die
Ich gelehrt habe, ausgeübt, weil ihr an Mich noch nie geglaubt habt, sondern
nur zu eurem Weltnutzen Meinen Namen mißbraucht, und so habt ihr von Mir aus
auch keinen Lohn und keine Gnade zu erwarten. Gehet also zu jenen nun, denen
ihr gedient habt, und verlanget von ihnen den Lohn!‘
27. Kapitel
[GEJ.10_027,01] Und also geschieht es nun
auch schon in dieser Welt. In der sogenannten heiligen Stadt wimmelt es schon
von allerlei heiligen Hungerleidern, und man weiß mit ihnen nicht mehr aus und
ein, und wo man ihnen auf dieser Erde noch so ein kleines Paradieschen
zuschanzen könnte, da man trotz aller Fluchandrohungen nicht viel über etliche
sehr wenige wüste Quadratmeilen hinaus mehr etwas gebieten kann. Denn weder die
Könige geweckterer Völker, und noch weniger die Völker selbst lassen sich von
der gewissen Seite her etwas gebieten.
[GEJ.10_027,02] Was bleibt solchen müßigen
und hungrigen Heiligen denn nun übrig, als ihrer Heiligkeit den Rücken zu
kehren und andere für sie ehedem unheilige Dienste zu suchen und zu nehmen, um
als Heilige nicht verhungern zu müssen?
[GEJ.10_027,03] Du meinst da, daß auf die
gegenwärtigen Verhältnisse sicher große Religionskriege folgen werden? Das
würde wohl der Fall sein, so der gewisse Mann in Babel noch die einstige Macht
über Könige und Völker besäße und der größte Teil der Menschen noch so dumm und
finster wäre, wie er noch vor dreihundert Jahren war; aber der gegenwärtige
Anhang des alten, einst so mächtigen Babels ist ein sehr kleiner geworden, und
die Menschen sind durch Meinen Blitz schon zu aufgeklärt, und es glaubt selbst
der einfachste Landmann mit seinem ganzen Hause nicht mehr, daß der Teufel die
Dampfmaschinen auf dem Meere und auf dem Lande wegen einer ihm verschriebenen
Seele in Bewegung setze, oder daß auf den Drähten der Telegraphen eben auch der
Teufel hin- und herspringe und -hüpfe und den Großen und auch Kleinen von
fernen Ländern und Orten die erwünschten Nachrichten bringe.
[GEJ.10_027,04] Wie viele gibt es wohl noch,
die ernstlich an die sogenannten Wunderbilder glauben? Wo ist noch ein Land, in
dem man noch die sogenannten Taschenkünstler als Zauberer verbrennt und die Leser
der Bibel und anderer geistreicher Bücher und Schriften vor ein unerbittliches
Inquisitionsgericht zieht und sie bis zum Tode quält? Welcher nur einigermaßen
heller gebildete Mensch hält noch etwas auf einen gewissen Sündenablaß, auf
alle die leeren und alles Geistes baren sogenannten gottesdienstlichen
Zeremonien, aufs Weihwasser, auf den Weihrauch, auf die geweihten Bilder, auf
die Glocken und Glöcklein, auf die Wachskerzen, Reliquien, Trauermessen und
teuer zu bezahlenden Leichenbegängnisse, auf die Fast- und Normatage und noch
auf vieles dergleichen?
[GEJ.10_027,05] Man macht die Sachen des
äußeren, aber auch schon sehr schwach gewordenen Gesetzes wegen wohl noch mit;
aber daran glauben tun unter tausend kaum zehn mehr, und diese nicht mehr der
Wahrheit nach, wie dies unter der vergangenen, finstersten Aberglaubenszeit
leider der lange andauernde Fall war.
[GEJ.10_027,06] Wenn die Sachen nun aber vor
jedermanns Augen also und nicht anders stehen, wie läßt sich da an einen irgend
großen und gar allgemeinen Religionskrieg nur von ferne hin denken?
[GEJ.10_027,07] Der wahren Finsterlinge gibt
es zu wenige, um sich wider die vielen Erleuchteten zu erheben, wenn sie das
auch gerne möchten; und die Erleuchteten, so sie angegriffen würden, haben
schon das sichere Bewußtsein in sich, daß sie stets und allzeit über die
wenigen und völlig machtlosen Finsterlinge den Sieg davontragen werden.
[GEJ.10_027,08] Aber es wird dessenungeachtet
zu allerlei Kämpfen und Kleinkriegen zur Demütigung aller jener Machthaber kommen,
die sich Meinem Lichte irgend in den Weg stellen werden wollen. Denn von nun an
werde Ich mit allen solchen Machthabern keine Geduld und Rücksicht mehr haben.
Das kannst du wohl glauben, da Ich Selbst dir solches verkünde.
[GEJ.10_027,09] Siehe an das Reich, in dem du
lebst! Es ist noch aus gewissen leicht zu erratenden Gründen, besonders von der
machthaberischen Seite her, stark babylonisch gesinnt. Es soll nun nur alle
seine Macht zusammenraffen und seinem ,Heiligen Vater‘ auf den alten Thron
helfen, wenn es kann und mag.
[GEJ.10_027,10] Ja, wenn es noch eine
Zeitlang wankt, seinen Völkern das zu gewähren, was von Mir aus Rechtens ist,
da doch nach Meinem Worte jeden Menschen die reine Wahrheit, an die er allein
zu halten hat, frei machen wird und nun muß, so wird es auch an dem Lose dessen
teilnehmen, von dem es bis jetzt sein Heil erwartete! Der zu einer kräftigeren
Hilfe allernötigsten Geldkräfte ist es bar; und vertraut es noch auf eine
vermeintliche Hilfe von seiten eines sieben Male geweihten Altars und seines
wundertätigen Bildes, so wird es auch jeder andern Kraft bald bar werden! Es
betrachte nur die Folgen seines finstern Konkordats, und es wird ihm alles
Ausland sagen: ,Hast du jenem, uns allen verhaßten Feinde des Lichtes und der
Nächstenliebe dich so treu verbunden, so ist mit dir kein Freundschaftsbund
mehr zu flechten! Den du so sehr, aller andern deiner alten Freunde vergessend,
begünstigt hast, daß du ihm mehr denn deine halbe Macht zum Genusse gabst zu
deinem größten Nachteile, der helfe dir nun in deiner Not und Verlassenheit!‘
[GEJ.10_027,11] Denke selbst nach, ob in
deinem Lande die sicher höchst herben Folgen von einer solchen unüberlegten Tat
nicht von allen Seiten laut also sprechen! Da heißt es, solch einen Fehler
eiligst wieder gutmachen, sonst kommt der böse, todbringende, allgemeine Brand
dazu.
[GEJ.10_027,12] Wo bei einem Hause alle
Mittel stark zu fehlen anfangen, um es aufrechtzuerhalten, und seine Freunde
und selbst besseren Hausgenossen ihm den Rücken zuwenden und von einer
Aufrechterhaltung eines solchen altverwahrlosten Hauses nichts mehr hören und
wissen wollen, – wie wird denn dann ein solches Haus noch fernerhin bestehen
oder gar in seiner alten Weise noch weiter als ein irgend kräftiges bestehen
können?
[GEJ.10_027,13] Ja, es kann sich kräftigen
und von neuem bestandhaft werden; aber dazu gehört erstens ein unbeugsam fester
Wille, alles Alte und Morsche hinwegzuschaffen, einen neuen, festen Grund zu
legen und mit vielen und guten Bauleuten das ganze Haus schnell mitsamt dem
festen Dache herzustellen, auf daß man dann allerorts sehe und sage: Siehe, nun
hat dieses ehedem völlig wertlos gewordene Haus wieder einen rechten Wert, und
man kann seinen Grundfesten, Gemächern und Dächern trauen!
[GEJ.10_027,14] Wenn die Sache also in
Angriff genommen würde, so würde es an allerlei guten Freunden von außen und
noch mehr von innen aus keinen Mangel haben; aber wer wird einem Hause je mehr
ein Vertrauen schenken, von dem man nicht mehr weiß, von wem alles der Hausherr
sich am Ende Gesetze vorschreiben lassen muß, um noch eine Weile als solcher zu
scheinen?
28. Kapitel
[GEJ.10_028,01] Was nützt es, einen neuen
Lappen Tuches auf einen alten, übermorschen Rock aufzuheften, auf daß er auf
der gestopften Stelle die nackte Haut bedecke und vor dem Winde eine Zeitlang
schütze; kommt dann aber ein kleiner Sturm nur, so reißt er mit aller
Leichtigkeit den neuen Lappen vom alten, morschen Rocke und mit demselben auch
noch einen Rockteil. Wer wird dann im Sturm die nackte Haut vor der Kälte schützen?
Darum schaffe dir sogleich einen völlig neuen und starken Rock, solange dir
noch dazu einige Mittel zu Gebote stehen, und verschwende sie nicht mit der
Anschaffung neuer Lappen zur Ausstopfung des alten und übermorschen Rockes, das
dir kein nütze ist, – und sollten dann auch irgendwelche Stürme kommen, so
werden sie deiner Haut keinen Schaden mehr zuzufügen imstande sein!
[GEJ.10_028,02] Welcher echte Weinwirt wird
denn einen neuen Wein in alte Schläuche tun wollen? Was wird mit diesen
Schläuchen geschehen, so der neue Wein in ihnen zu gären anfängt? Er wird sie
zerreißen, und der unkluge Weinwirt wird so um die Schläuche und um den Wein
kommen. Und ebenso hat ein unkluger Regent, der eine neue Verfassung in eine
alte hineinschieben will, dasselbe zu gewärtigen; die eine ist gegenseitig
notwendig der andern Untergang, und der Regent kommt dabei um alles: um die
Verfassung, ums Land und ums Volk, wie es nun in Europa schon mehrere solche
Exempel gibt und bald noch mehrere geben wird.
[GEJ.10_028,03] Ich sage es dir: Wer mit dem
gewissen Manne, der sich fromm nennt, beim steten Dichterwerden Meines Lichtes
aus den Himmeln noch fernerhin liebäugeln und schlangenzüngeln wird, der wird
bald ganz verlassen und allein dastehen. Denn Ich will einmal ein Ende der
lange angedauert habenden Buhlerei Babels. Von nun an soll alles neu und anders
werden, und Mein Wort, das Ich zu den Aposteln und gar vielen andern Menschen
geredet habe, muß nun in neuer Kraft und Macht erstehen und dann bis ans Ende
der Zeiten dieser Erde währen, und alle sollen sich sonnen und wärmen im Lichte
Meiner Lehre aus den Himmeln, und es sollen wieder, wie es in der Urzeit war,
Meine wahren Bekenner und Liebhaber in einer steten wohlfühlbaren Gemeinschaft
mit Meinen Engeln, und also auch mit Mir Selbst stehen von der Wiege an bis zum
Grabe.
[GEJ.10_028,04] Du fragst nun auch, wie es in
deinem Lande ergehen werde, so die alten Schläuche durch den neuen
hineingezwängten Wein zerrissen und der Wein verschüttet wird. Ich sage es dir:
Gleich um tausend Male besser denn nun, wo beinahe kein Mensch, aus Furcht
davor, was aus der langen und kostspieligen Zauderei noch all für Elend und Not
erwachsen werde, seinem noch so ehrlichen Bruder mehr traut und immer sagt:
„Man kann nicht wissen, wie sich die Dinge noch gestalten werden!“
[GEJ.10_028,05] Im Augenblick solch einer
möglichen Schlauchzerplatzerei hören die Großkonsumenten auf, und der Staat
wird dafür sorgen, daß denen nichts entzogen wird, die dem Staat und Volke
lange treu gedient haben durch ihren Geist und Verstand; aber die mehr denn im
ganzen bei einer Viertelmillion Pflastertreter und verdienstlosen Müßiggänger,
zumeist aus der Zahl der Pfaffen, werden ihre großen Gehälter und Pensionen
nicht mehr erhalten, im Gegenteil zur Zahlung der Staatsschuld strenge
verhalten (angehalten) werden, – denn diese wird unter allen Umständen
respektiert werden, auf daß kein Bruder wider den andern eine Klage erheben
soll.
[GEJ.10_028,06] Unter allen Umständen stehe
nun Ich wieder an der Spitze, und da kann keine Unordnung irgend mehr zum
Nachteil derer, die an Mich halten, statthaben. Dieses Jahr aber will Ich mit
dem Lande, unter dessen Gesetzen du lebst, noch eine kleine Geduld haben; aber
um gar vieles darüber nicht, und so darin auch viele Meiner alten Freunde noch
im Leibe und aller ihrer Liebe und Treue wohnten. Die Meinen und die
Neuerleuchteten sollen wohl erhalten, all die andern aber gezüchtigt werden.
[GEJ.10_028,07] Du sagst bei dir nun freilich
wieder: „Ja, Herr, es ist schon alles recht also; denn so eine Volksleitung
einmal faul und untüchtig geworden ist, da soll das Volk eine andere erhalten,
die den materiellen und besonders den geistigen Bedürfnissen desselben
entspricht. Doch solange dabei die alten Götzentempel, die man Gotteshäuser
oder Kirchen nennt, mit ihren Dienern fortbestehen, ihre Dienste verrichten,
den noch vielen blinden Menschen von der über alle Maßen vortrefflichen Wirkung
ihrer kirchlichen Gottesdienerei besonders in den Wallfahrtsorten und Klöstern
vorpredigen dürfen, da wird eine neue Volksleitung – bestehe sie in einer
neuen, günstig bearbeiteten Verfassung oder in einem neuen Regenten – immer in
der Gefahr stehen, so nach und nach wieder in die alte Finsternis zu verfallen,
und das um so eher dann, wenn die Diener der Tempel angewiesen sind, vom
Verdienste ihrer kirchlichen Verrichtungen zu leben. So sie schon als
Volkslehrer noch irgendeine Zeit fortzubestehen haben, da bezahle man sie wie
jeden andern Staatsdiener; aber für ihren Kirchendienst sollten sie von niemand
eine Bezahlung verlangen und annehmen dürfen, so würde dadurch den das Volk
aussaugenden, betrügerischen und verfinsternden Umtrieben der Templer sicher
eine sehr wirksame Schranke gezogen sein, und mit den Wallfahrten,
wundertätigen Bildern und Reliquien und noch vielen andern kirchlichen
Mißgeburten und Mißbräuchen hätte es dann sicher bald ein Ende!“
[GEJ.10_028,08] Darauf sage Ich dir, daß du
einesteils ganz richtig und recht geurteilt hast, und es wäre so auf eine Zeitlang
auch gut, weil der sogenannte Geistliche sich offenbar mehr mit dem
Volksunterricht, für den er bezahlt würde, als mit der ihm nichts mehr
tragenden Kirchenzeremonie abgäbe. Aber so er seine Kirchendienste dann ohne
Entgelt verrichtete, so würde das blindere Volk anfangen, ihnen einen noch
größeren gottesverdienstlichen Wert beizulegen und so von selbst in den alten
Aberglauben noch ärger und tiefer verfallen, als das ehedem der Fall war, und
der Geistliche würde das, was ihm beim blinden Volk ein großes und pomphaftes
Ansehen verschafft, sicher nicht als etwas bei Mir Wertloses, sondern nur als
etwas Mir überaus Wohlgefälliges darstellen und das Volk also in seinem alten
Aberglauben bestärken und so für die nun ihrem vollen Ende nahende Hochherrschaft
der Hure Babels einen neuen Thron schaffen.
[GEJ.10_028,09] Darum laß die Pfaffen nur
treiben das volksaussaugende Spiel; laß das noch blinde Volk nur wallfahrten
gehen, teure Messen zahlen; laß es beichten, kirchenlaufen, überteure Kondukte
(Geleite) für ihre Verstorbenen machen; laß die Pfaffen erbschleichen und teure
Dispensen und Ablässe verkaufen; kurz, laß die Babylonier es noch ärger
treiben, dann wird auch der Blindeste bald zur Besinnung kommen und sagen:
„Nein, an solch einer Religion muß wahrlich nichts als ein purer Betrug sein,
weil eben diejenigen, die am meisten von der reinen Wahrheit der Lehre Christi
überzeugt sein und danach handeln sollten, selbst durch ihre Taten zeigen, daß
sie selbst auf die ganze Lehre gar nichts halten, an keinen Gott glauben und
somit lauter falsche Propheten sind, die für nichts anderes denn nur für ihren
Bauch sorgen, die Menschen durch allerlei Trug und, wo der nicht mehr genügt,
auch durch eine Art vom Staate ihnen gewährten gesetzlichen Zwang oft um ihr ganzes
Hab und Gut bringen und von ihrem wahren Raube keiner durstigen Seele aus Liebe
auch nur einen Trunk Wasser darreichen! Darum fort mit allen solchen falschen
Propheten; fort mit den reißenden Wölfen in Schafspelzen, und fort mit all dem,
womit sie so lange das arme, blinde Volk gequält, betrogen und beraubt haben;
fort mit den Tempeln, Altären, Heiligenbildern, Reliquien, Glocken und allen
eitlen und keinen geistigen Lebenswert habenden kirchlichen Utensilien! Wir
wollen von nun an selbst die ganze Lehre Christi prüfen, sie uns von einem
wahren, von Gott erleuchteten Lehrer erklären lassen und dann nach ihr leben
und handeln, und der echte Lehrer soll an unserm Tische nicht verhungern und
verdursten und soll auch nicht nackt und barfuß einhergehen!“
29. Kapitel
[GEJ.10_029,01] Und sieh, so geht es nun in
dem vor kurzer Zeit noch finsteren Italien zu! Ebenso ist es vor schon vielen
Jahren im deutschen Reiche zugegangen, ebenso einst in England und in
Nordamerika, das sich eben in dieser Zeit noch mehr von allen Meiner Urlehre
widerstrebenden Tendenzen durch harte Kämpfe reinigt. Da sagt man auch häufig:
„Aber Herr, wie kannst Du den Sklaven halten wollenden Konföderierten gegen die
ganz menschlich gesinnten Unionisten bedeutende Siege erkämpfen lassen?!“
[GEJ.10_029,02] Ich aber sage: Bei den
Konföderierten ist nicht alles Laster, was ein solches zu sein scheint, und bei
den Unionisten nicht alles Tugend; und so ziehen nun beide Teile sich die
Splitter und Balken aus den Augen, und einer fegt vor der Tür des andern, was
nach Meiner Lehre nicht sein soll.
[GEJ.10_029,03] Wenn aber ein wie der andere
Teil seine eigenen Augen zuvor selbst von den Splittern und Balken befreien und
den Mist von seiner Hausflur hinwegschaffen wird, dann werden sich die beiden
Parteien bald und leicht verstehen und sich ausgleichen.
[GEJ.10_029,04] Dergleichen große und auch
kleine Zwiste – sowohl zwischen Völkern als auch zwischen einzelnen Menschen –
sind allzeit eine Folge der Nichtbeachtung Meiner Lehre, darin bestehend, daß
da niemand zu seinem Nachbar sagen soll: „Komme her, daß ich dir deinen
Splitter aus dem Auge ziehe!“, der Nachbar aber dann sagt: „Was kümmert dich
mein Splitter in meinem Auge, da ich in deinem doch einen ganzen Balken
entdecke? Reinige zuvor dein Auge, dann erst kannst du mir mein Auge reinigen
helfen!“
[GEJ.10_029,05] Solche Kämpfe hat es schon
gar viele gegeben und wird es noch mehrere geben, so irgend die Menschen nicht
völlig in Meine reinste Lehre tatsächlich eingehen werden.
[GEJ.10_029,06] Doch die Geschichte in
Amerika wird nicht gar zu lange mehr dauern. Aber in Südamerika, wo das Babylon
noch um gar vieles ärger vertreten ist als nun irgendwo auf der Erde, wird bald
ein großes Strafgericht losgelassen werden; denn das Babel muß überall in ein
neues Jerusalem umgestaltet werden, und die Schweine der heidnischen Gadarener
müssen in dem Grabe ihrer Nacht den Untergang finden.
[GEJ.10_029,07] Ich meine, nun dir als ein
großes NOTABENE für diese Zeit mehr denn zur Genüge gesagt zu haben, und ein
jeder, der nur ein wenig an den Fingern zu rechnen versteht, wird es leicht
erkennen, wie und warum die Sachen nun eben also stehen müssen, wie sie eben
stehen und in Kürze notwendig hervorgehen müssen.
[GEJ.10_029,08] Nach dem Jahr, Tag und der
Stunde aber sollst du Mich deshalb nicht fragen, weil das alles schon vor aller
Welt Augen da ist und ein jeder das sehr nahe Ende der Nacht dann doch sicher
und bestimmt voraussehen muß, so er am Horizont die von der Sonne
hellerleuchteten Wölkchen erschaut.
[GEJ.10_029,09] Die Menschen, die mit
irgendeiner Macht versehen sind, sollen nur versuchen, im Frühjahr dem Grase
und all den Kräutern, Sträuchern und Bäumen das Neuaufwachsen, das Treiben,
Grünen und Blühen verbieten und verhindern zu wollen, dem Winde gebieten und dem
freien Blitz den Weg vorschreiben, und sie werden sich bald überzeugen, wie
groß ihre Ohnmacht infolge ihrer Blödheit ist.
[GEJ.10_029,10] Was Ich einmal sage und will,
das geschieht so bestimmt und gewiß, als die Sonne an einem jeden Morgen
aufgehen und am Abend untergehen muß. Mehr brauche Ich dir wohl nicht zu sagen,
obwohl Ich noch eine Frage in bezug auf Frankreich in deinem Gemüte sehe, dahin
gerichtet, wie sich dieses nun sehr erdmächtige Reich im Verhältnis der
gegenwärtigen, allgemeinen Lichtströmung verhalten wird. Und Ich sage es dir:
Meinem Willen entgegen sicher schwer und unmöglich!
30. Kapitel
[GEJ.10_030,01] Daß es (Frankreich) aber nun
sich noch pro forma zu einem Schutze von Babylon hinstellt, im Grunde bei sich
doch ein Feind desselben ist, ist ja auch ganz recht; denn dadurch hält es
andere noch sehr babylonisch gesinnte Staaten und ihre Gebieter ab, mit ihrer
Gesamtmacht der alten Nacht wieder auf den hohen Thron zu helfen und dann ihre
Völker mehr noch denn je zuvor zu knechten. Denn von einem freien, guten Willen
gegen die Völker ist bei den alten Machthabern noch sehr verzweifelt wenig
vorhanden. Was sie nun zugunsten der Völker tun, dazu drängen die Umstände.
Könnten sie diese durch irgendein für sie günstiges Mittel sich vom Halse
schaffen, so würden sie ihren Völkern gleich andere, und das sehr traurige
Lieder vorzusingen anfangen, und die Menschen müßten von neuem nach den alten
spanischen Inquisitionspfeifen zu tanzen anfangen, was sich sicher niemand mehr
wünschen wird.
[GEJ.10_030,02] Alle die gegenwärtigen, noch
zwischen schlecht und gut schwebenden Verhältnisse aber mit einem Schlag
vernichten, hieße Länder und Völker verwüsten. Es muß darum auf dieser Welt
alles seine gewisse Zeit haben und durchmachen. Bis der neue Mostwein nicht
ganz gehörig ausgegoren und also durch seine eigene Tätigkeit alles Unreine von
sich geschafft hat, wird er kein reiner und geistiger Wein.
[GEJ.10_030,03] Wer sich eine neue und gute
Wohnung erbauen will, der darf die alte nicht eher auf einmal völlig zerstören,
als bis er die neue Wohnung sich erbaut hat; denn zerstört er alsogleich die
alte, wo wird er dann wohnen, und wer wird ihn schützen gegen allerlei Ungemach
während der Zeit des Baues einer neuen Wohnung? Es ist denn klüger, einen
alten, noch so zerlumpten und verflickten Rock so lange zu tragen zur Not, bis
ein neuer fertig ist, als nackt umherzugehen. Und so muß nach Meiner besten
Ordnung stets eines aus dem Früheren hervorgehen, so es eine Dauer und
Festigkeit haben soll.
[GEJ.10_030,04] In der Zeit, als Ich auf der
Erde Meine Lehre den Menschen gab, da war das Heidentum nach allen Seiten hin
weit über die ganze Erde ausgebreitet unter allerlei Formen und Gestaltungen,
und Meine Lehre war nur ein heller Morgenstern in der großen Heidennacht. Der
Morgenstern wurde bald und leicht von dem dichtesten Nachtgewölk der Heiden so
gänzlich verdeckt, daß die Menschen nur hie und da mit Mühe seinen wahren Stand
erraten konnten. Einige sagten: „Siehe da!“, und andere: „Siehe dort!“ Und es
geschah, daß sie andere Sterne für den Morgenstern ansahen und hoch verehrten.
Und so hatte das damals so großmächtige Heidentum ein leichtes zu tun, um den
Morgenstern mit sich zu verschmelzen und zu vereinen und sich so dem Volke, das
nach dem Morgensterne fragte, von dem es häufig reden gehört hatte, als der
allein rechte, alte Morgenstern darzustellen.
[GEJ.10_030,05] Der also umwölkte und
verunstaltete Morgenstern wirkt vor dem blinden Volke auch Wunderzeichen unter
dem nur veränderten Namen des Zeus in den Meinen, und das Volk war zufrieden,
und das alte Heidentum blieb mit sehr geringen Abänderungen. Aber Meine Lehre
blieb dennoch auch trotz aller Verfolgungen bei wenigen unversehrt und wohl
erhalten. Der edle Same, der auf ein gutes Erdreich fiel, schlug gute und feste
Wurzeln, trieb und trug gute Früchte, wennschon im Verborgenen, von den
Blindaugen der Hure Babels unbemerkt.
[GEJ.10_030,06] Aus dem Morgenstern ward eine
Sonne, die nun vollends aufgeht, und das Gewölk des Heidentums wird diese Sonne
nimmermehr derart zu verdecken vermögen, daß selbst ein Schwachsichtiger den
Tag für die Nacht halten könnte.
[GEJ.10_030,07] Das Licht Meines Blitzes ist
mächtig geworden und wird von der Heidennacht nimmerdar verdrängt werden. Wie,
das habe Ich in diesem Notabene klar gezeigt.
[GEJ.10_030,08] Und so will Ich denn dieses
Heft mit dem auch schließen, daß Ich jeden Meiner Freunde in aller Meiner Liebe
ermahne, dieses nicht nur zu lesen, sondern es wohl zu beherzigen und zu
glauben, daß Ich es bin, der Ich Meinen Freunden solches aus Meiner freien
Gnade eröffnet habe zum Troste des Herzens und zur Erleuchtung des
Seelenverstandes, und dafür nichts verlange als allein eure rechte Liebe und
also auch den lebendigen Glauben.
[GEJ.10_030,09] Wer Meinem irdisch stets
armen und nun schon alten Knechte dafür etwas Besonderes tun kann und will aus
Liebe zu Mir, dem werde Ich es in Kürze vielfach vergelten, Amen! Das sage Ich,
der Herr, das ewige Leben und die Wahrheit.
[GEJ.10_030,10] Und nun im nächsten Heft
wieder zur Sache des Evangeliums zurück! Einen halben Tag halten wir uns noch
in Genezareth auf, dann wollen wir die zehn Städte kurz durchwandern.
31. Kapitel – Der Herr in der Gegend von
Cäsarea Philippi, Fortsetzung. (Kap.31-32)
[GEJ.10_031,01] Wie im früheren Heft angezeigt,
blieb Ich noch einen halben Tag von frühmorgens bis über eine Stunde über den
Mittag in Genezareth.
[GEJ.10_031,02] In dieser Zeit segnete Ich
Meine besonders hier noch anwesenden Freunde, den alten Markus, den Kisjona, den
Philopold und also auch die Maria, die mit dem Kisjona und Philopold zuerst
nach Kis sich begab, dort eine Zeitlang verblieb und sich auch wieder nach
Nazareth begab, wo sie den etlichen Brüdern alles erzählte, was sie über Mein
Lehren und Wirken vernommen, selbst gesehen und erlebt hatte, worüber sich die
Brüder sehr wunderten, wie auch noch andere alte Bekannte und Freunde Josephs,
Mariens und der drei Brüder, die daheim Zimmerleute waren und das Haus
versorgten.
[GEJ.10_031,03] Aber bei allem Glauben an
Mich zuckten doch mehrere mit den Achseln und sagten: „Er tut wahrlich große
Dinge, und Seine Lehre ist vollkommenst wahr, rein und gut; aber so Er Sich mit
den Templern zu Jerusalem zu weit gegen sie zeugend einläßt und mit aller
Seiner göttlichen Kraft und Macht gegen sie auftritt, so geht Er unter; denn
ihre Gesinnungen gegen Ihn und Seinen sicher schon weit ausgebreiteten Anhang
sind allseits, wie wir vernahmen, von allerunversöhnlich bösester Art.
[GEJ.10_031,04] Unter den Heiden hat Er wohl
schon viele und vollgläubig beste Freunde und Anhänger, doch unter den Juden
nur sehr wenige, und selbst diese halten Ihn zumeist für einen großen Propheten
und wollen von einem Gottessohn eben nicht viel hören und wissen, obschon bei
und mit Ihm noch alles in Erfüllung ging, was die Propheten über Ihn geweissagt
haben.
[GEJ.10_031,05] Nun darf es einmal mit Ihm
dahin kommen, daß er das arge Los mit Johannes dem Täufer leicht möglich zu
teilen bekäme, da werden die bis jetzt wenigen an Ihn haltenden Juden gleich wieder
umkehren und sich aus großer Furcht vor dem Tempel wieder zu den Pharisäern
wenden und ihnen Seine bisherigen Anhänger verfolgen helfen.
[GEJ.10_031,06] Bis jetzt hat Er Sich wohl
noch allenthalben behauptet und hat allen, die Ihn verfolgten, auf das
kräftigste zu begegnen verstanden, und wir hoffen und glauben auch fest, daß Er
mittels Seiner göttlichen Natur und Wesenheit das begonnene Werk ganz gut nach
der Macht der göttlichen Weisheit, mit der Er erfüllt ist, und ohne eine
weitere Störung vollenden wird. Aber die Welt ist falsch und arg, und ihre
Kinder sind finster und sehr böse und haben bis jetzt noch immer verstanden und
verstehen das auch sicher jetzt, alles, was Gott durch die Propheten für die
Menschen noch so wahr, gut und weise geoffenbart hat, zu verkehren und in ihr
eigenes Böse derart zu verwandeln, daß dann selbst die von Natur aus besseren
und helleren Menschen das alte Reingöttlich- Wahre und – Gute aus dem vielen
Falschen und Schlechten nicht mehr haben herausfinden können und darum in dem
Falschen und Argen der Welt haben verharren müssen.
[GEJ.10_031,07] Nun, unser göttlicher Bruder
Jesus hat die schon altarge Finsternis und große Bosheit der Pharisäer und
ihrer treuen Anhänger wohl allerkräftigst zu beleuchten angefangen, also, daß
auch die Heiden schon zu vielen Hunderten sich an Seinem Lichte sonnen und
wärmen; aber darum ist die denkbare Möglichkeit noch immer in dieser Welt
vorhanden, die dem gerechten Eifer unseres Bruders ein trauriges Ende setzen
kann.“
[GEJ.10_031,08] Mit dieser Rede waren viele
einverstanden, – Maria und etliche ihrer Freunde und Freundinnen aber nicht.
[GEJ.10_031,09] Und einer sagte: „Höret, so
Er Selbst das wollen und zulassen wird, so kann das wohl geschehen, daß die
Argen sich an Seinem Leibe werden vergreifen können, aber sicher nicht zu ihrem
etwa vermeinten Vorteile, sondern zu ihrem Untergange, wie man derlei von dem
Messias in den alten und jüngeren Propheten ganz klar angedeutet findet! Darum
sorgen wir uns nun nicht eitel und vergeblich um Ihn; denn Er weiß es am besten
und hellsten, was Er zum wahren Wohle aller Menschen zu tun hat. Wir wollen und
werden allzeit und unter allen Umständen an Ihn glauben und Ihn als den Sohn
Gottes tiefst verehren.“
[GEJ.10_031,10] Damit waren alle zufrieden
und redeten nachher noch vieles von Meinen Lehren und Taten, wodurch dann in
Nazareth viele an Mich wahrer und fester zu glauben anfingen, als das zuvor der
Fall war, da ja selbst Meine daheimgebliebenen drei Brüder auf Mich nicht das
hielten, was sie wohl hätten halten können, darum Ich denn solchen Unglaubens
wegen Nazareth eben nicht so oft besuchte und seinen Bewohnern, als sie
fragten, woher Mir, dem ihnen wohlbekannten Sohne des Zimmermanns Joseph,
solche Weisheit und Macht käme, auch sagte: Ein Prophet gilt nirgends weniger
als in seinem Vaterlande! Darauf zog Ich mit Meinen Jüngern von dannen und kam
persönlich auch nicht wieder nach Nazareth.
[GEJ.10_031,11] Aber nach dieser Besprechung
mit der Maria über Mich wurde der Glaube an Mich fester, und es fingen viele
an, Mich als den verheißenen und in Meiner Person auch in diese Welt gekommenen
Messias und Sohn Davids zu loben und zu preisen.
32. Kapitel
[GEJ.10_032,01] In Genezareth aber, wie schon
bemerkt, blieb Ich, als Ich die anfangs wohl erwähnten Freunde gesegnet
entlassen hatte, nicht länger mehr, sondern erhob Mich mit Meinen Jüngern und
zog eine Strecke weit, von Ebal, der Jahra und den drei bekannten Römern
geleitet, auf der Heerstraße in die zehn oder eigentlich sechzig Städte, die
teils im Jordantale selbst und teils auf den dasselbe nahe und weiter
umgebenden Bergen und Hügeln zerstreut lagen.
[GEJ.10_032,02] Als Ich außerhalb Genezareth
mit allen, die mit Mir waren, eine erste, ziemlich bedeutende und freie Anhöhe
erreicht hatte, da wandte Ich Mich an die, welche Mich begleitet hatten, und
sagte zu ihnen: „Ihr habt Mich bisher begleitet aus großer Liebe, da ihr wohl
wisset und glaubet, wer in Mir bei euch war, und wem ihr das Geleit gegeben
habt. Bleibet fortan also in Meiner Liebe, und Ich werde in eben dieser Liebe
auch fortan in euch, bei euch und unter euch verbleiben, und um was ihr in
dieser Welt den Vater in Mir bitten werdet, das wird euch denn auch gegeben
werden. Nur bittet nicht um eitle Dinge dieser Welt, sondern um die ewigen
Schätze des Reiches Gottes; denn alles andere, was ihr zum Leben in dieser Welt
benötigt, wird euch schon ohnehin gegeben werden!“
[GEJ.10_032,03] Hierauf sagte der Hauptmann:
„Herr und Meister, wie sollen wir bitten, daß wir Dir wohlgefällig und somit
auch nicht vergeblich Dich um etwas Rechtes bitten könnten? Denn es kann ein
Mensch auf dieser Welt in gar mannigfache Bedrängnisse gelangen und kann sich
da mit einer rechten Bitte um Abhilfe nur an Dich wenden. Wie aber soll er da
bitten und beten?“
[GEJ.10_032,04] Sagte Ich: „In jeder Not und
Drangsal bittet mit natürlicher Sprache im Herzen zu Mir, und ihr werdet nicht
vergeblich bitten!
[GEJ.10_032,05] So ihr aber Mich um etwas
bittet, da machet nicht viele Worte und durchaus keine Zeremonie, sondern
bittet also ganz still im geheimen Liebeskämmerlein eures Herzens:
[GEJ.10_032,06] Unser lieber Vater, der Du im
Himmel wohnst, Dein Name werde allzeit und ewig geheiligt! Dein Reich des
Lebens, des Lichtes und der Wahrheit komme zu uns und bleibe bei uns! Dein
allein heiliger und gerechtester Wille geschehe auf dieser Erde unter uns
Menschen also, wie in Deinen Himmeln unter Deinen vollendeten Engeln! Auf
dieser Erde aber gib uns das tägliche Brot! Vergib uns unsere Sünden und
Schwächen, wie auch wir sie denen allzeit vergeben werden, die gegen uns
gesündigt haben! Lasse nicht Versuchungen über uns kommen, denen wir nicht
widerstehen könnten, und befreie uns also von allem Übel, in das ein Mensch
infolge einer zu mächtigen Versuchung dieser Welt und ihres argen Geistes
geraten kann; denn Dein, o Vater im Himmel, ist alle Macht, alle Kraft, alle
Stärke und alle Herrlichkeit, und alle Himmel sind voll derselben von Ewigkeit
zu Ewigkeit! –
[GEJ.10_032,07] Siehe, du Mein Freund, also
soll ein jeder bitten in seinem Herzen, und seine Bitte wird erhört werden, so
es ihm mit derselben völlig ernst ist, – doch nicht pur mit dem Munde, sondern
wahr und lebendig im Herzen! Denn Gott in Sich ist ein purster Geist und muß
denn auch im Geiste und dessen vollster und ernstester Wahrheit angebetet
werden.
[GEJ.10_032,08] Wenn du das nun einsiehst und
begreifst, da tue denn auch danach und du wirst leben, wie auch ein jeder, der
also tun wird!“
[GEJ.10_032,09] Auf diese Meine kurze Rede
dankten Mir alle, und Ich segnete sie nochmals, entließ den bisher noch immer
sichtbaren Raphael, der wie ein mächtiger Blitz in den ewigen Raum emporzuckte,
worüber die noch anwesenden Römer erschraken und lange emporschauten, ob sie
seiner Gestalt irgend ansichtig werden könnten, was aber nun nicht mehr möglich
war.
[GEJ.10_032,10] Darauf aber entließ Ich auch
die Mich auf diese Anhöhe begleitet Habenden und zog mit Meinen Jüngern auf der
Anhöhe, von der aus eine fruchtbare Hochebene ihren Anfang nahm, eben die
Hochebene entlang weiter, und wir erreichten auf derselben in ein paar Stunden
eine kleine, alte Stadt, deren Einwohner zumeist aus Griechen und Römern
bestanden; und etliche wenige ganz herabgekommene und verkümmerte Juden lebten
auch unter den Heiden und hatten für sich eine kleine Herberge, die ihnen zur
Not auch als Synagoge diente.
33. Kapitel – Der Herr in der Bergstadt
Pella. (Kap.33-54)
[GEJ.10_033,01] Bei dieser Herberge hielten
wir an, und es kam der Wirt uns mit der Entschuldigung entgegen, daß er uns
nicht aufnehmen könne; denn fürs erste würde seine Herberge uns gar nicht
fassen, und fürs zweite sei er nur mit sehr wenigen Mundvorräten versehen, die
für uns nicht genügen würden. Aber in der Mitte der Stadt befinde sich eine
griechische Herberge, die mit allem versehen sei, und daselbst wir eine gute
Aufnahme finden könnten.
[GEJ.10_033,02] Sagte Ich: „Darum habe ich
schon lange eher gewußt, als du noch geboren worden bist; Ich aber bin nun
nicht der Heiden, sondern nur der Juden wegen hierher gekommen, und so Mich
diese durchaus schon nicht aufnehmen wollen, dann werde Ich schon wissen, was
Mir zu tun übrigbleiben wird. Laß uns denn sehen den Raum deiner Herberge und
deiner Synagoge!“
[GEJ.10_033,03] Da sah Mich der Wirt groß an
und sagte: „Freund, mit wem habe ich denn in dir zu tun, daß du mit mir
ordentlich gebieterisch sprichst?“
[GEJ.10_033,04] Sagte Ich: „Wüßtest du, wer
Ich bin, da würdest du zu Mir sagen: ,Herr, ich habe einen gichtbrüchigen Sohn,
an dem schon viele Ärzte ihre Kunst versucht haben, und ich bin dabei arm
geworden, und der Sohn leidet täglich größere Schmerzen! Hilf Du meinem Sohn,
denn Dir ist alles möglich!‘ Du weißt aber das nicht, und darum habe Ich es dir
nun gesagt.“
[GEJ.10_033,05] Als der Wirt solches aus
Meinem Munde vernommen hatte, da dachte er bei sich: „Wie weiß dieser Fremde,
den unsere Bergstadt Pella noch nie gesehen hat, um meinen gichtbrüchigen Sohn,
und daß sein Leiden von Tag zu Tag ärger wird?“
[GEJ.10_033,06] Darauf erst wandte er sich zu
Mir und sagte (der Wirt): „Herr, daß du kein gewöhnlicher Mensch bist, das habe
ich nun gar wohl wahrgenommen; und ist es dir möglich, meinen Sohn zu heilen,
so werde auch ich trotz aller meiner Dürftigkeit alles aufbieten, um mich dir
und deinen Gefährten dankbar zu erweisen!“
[GEJ.10_033,07] Sagte Ich: „So führe Mich
hinein zu deinem Sohn, und es soll besser mit ihm werden!“
[GEJ.10_033,08] Da führte mich der Wirt in
das Gemach des kranken Sohnes, allwo sich um den Jammernden und Klagenden seine
Mutter und seine Geschwister trauernd befanden und Gott baten, daß Er den
Kranken doch endlich einmal von seinen Leiden befreien möchte.
[GEJ.10_033,09] Da sagte der Wirt zu den
Seinen: „Klaget nicht weiter, denn sehet, da ist ein fremder Arzt, der meinem
Sohne helfen kann und wird, und ich glaube fest, daß Ihm allein das wohl
möglich ist!“
[GEJ.10_033,10] Sagten die Traurigen: „Wenn
diesem Arzte das möglich ist, so hat Gott der Herr unsere Gebete erhört!“
[GEJ.10_033,11] Sagte Ich: „Ja, ja, Er hat
sie erhört, und Ich sage nun aus Meiner eigenen Macht, die Mir innewohnt: Du
Gichtbrüchiger, Ich will es, werde du gesund, und sündige in der Folge nicht
mehr; denn durch dein geheimes Sündigen bist du zu deinem Leiden gekommen!“
[GEJ.10_033,12] Auf diese Meine Worte ward der
Sohn im Augenblick vollkommen gesund, und Ich sagte, daß er das Lager verlassen
und daß ihm die Mutter ein Essen bereiten solle, doch frisch und rein. Das
geschah denn auch sogleich, und der Wirt und sein geheilter Sohn wußten nicht,
wie sie Mir fürs erste gebührend danken oder gar Mich anbeten sollten.
[GEJ.10_033,13] Ich aber sagte: „Zerbrecht
euch über die Art, wie ihr euch gegen Mich dankbar erweisen sollt, nicht den
Kopf und das Herz; denn Ich sehe nur aufs Herz allein und weiß nun, was in
ihnen vorgeht! Aber nun laß Mich sehen deine Herberge und die kleine Synagoge!“
[GEJ.10_033,14] Hier sträubte sich der Wirt
nicht mehr, Meinem Wunsche Gewährung zu leisten, und führte Mich in die
Gemächer der Herberge, die für uns am Ende doch Raum genug boten.
34. Kapitel
[GEJ.10_034,01] Darauf führte er uns in die
Synagoge, in der durch einen alten Rabbi etliche Judenkinder in der Schrift
einen matten Unterricht erhielten.
[GEJ.10_034,02] Und Ich sagte zum Rabbi:
„Freund, auf diese Art wirst du aus diesen Kleinen eher Heiden denn Juden
heranbilden! So du in der Schrift selbst schlecht bewandert bist, was sollen
dann die Kinder von dir lernen? Laß das Lehren stehen, und tue etwas anderes,
auf daß ein besserer Lehrer deine Stelle einnehme und bekleide!“
[GEJ.10_034,03] Sagte der Rabbi voll Ärger:
„Freund, ich bin hier von der Gemeinde zum Rabbi erwählt! Diese ist mit mir
zufrieden, und du als ein Fremder hast dich da nicht zu bekümmern, wie ich die
Jungen unterweise. Wir leben hier unter Heiden, und ich muß darum nebst unserer
Schrift meine Schüler auch der Römer und Griechen Sitten und Gebräuche kennen
lehren, an ihnen das Gute auch lobend anerkennen, auf daß sie mich nicht irgend
zur Verantwortung ziehen mögen. Wir sind einmal in diese Welt gestellt und
müssen nebst Gott, der uns kein Manna aus den Himmeln mehr regnen läßt, auch
der Welt dienen, so wir von ihr leben wollen.“
[GEJ.10_034,04] Sagte Ich: „Weil die Juden,
dir gleich, Gottes stets mehr und mehr vergessen haben und schon damals der
Welt zu dienen angefangen haben, als Er noch das Manna vom Himmel regnen ließ,
so ließ aber Gott auch sie in die harte Knechtschaft der Welt geraten und sich
im Schweiße ihres Angesichtes ein mageres Brot erwerben. Und weil nun eben die
Juden Gott gegenüber treuloser geworden sind als die Heiden, so wird ihnen auch
das wenige Licht, das sie noch haben, genommen und den Heiden gegeben werden.
[GEJ.10_034,05] Wie kannst du denn ein Gott
wohlgefälliger Rabbi sein, der du heute für die Judenkinder jüdisch und morgen
für die Heidenkinder in eben dieser Synagoge heidnisch lehrst und dich dafür
bezahlen läßt?“
[GEJ.10_034,06] Sagte der Rabbi, der Mich für
einen kleinen Propheten zu halten anfing, weil Ich ihm Dinge vorhielt, um die
Ich sonst als ein purer und fremder Mensch nach seiner Meinung denn etwa doch
nicht sollte wissen können: „Gott gebe mir also zu leben, ohne daß ich hier
nötig habe, auch den Heiden ums Brot zu kommen, und ich werde meinen
Heidendienst sogleich fahren lassen!“
[GEJ.10_034,07] Sagte Ich: „Freund, du warst
vor noch zehn Jahren zu Ephraim ein sehr wohlhabender Mann als Jude und hattest
zu essen und zu trinken in aller Fülle. Warum hast du es denn schon damals mit
den Heiden mehr denn mit den Juden gehalten?
[GEJ.10_034,08] Siehe, weil du das damals
ohne Not getan hast, darum hat dich Gott sinken und als einen Heidenrabbi in
diese Heidenstadt kommen lassen! Daß du nun danebst auch seit ein paar Jahren
ein Judenrabbi geworden bist, das haben eben deine dir freundlichen Heiden und
nicht die armen, hier lebenden Juden bewirkt und haben den früheren rein
jüdischen Rabbi aus dieser Stadt geschafft.
[GEJ.10_034,09] Ich aber sage es dir, daß es
in der Folge nicht mehr also gehen kann! Werde du ein ganzer Jude, wie du einst
einer warst, sonst wirst du in wenigen Tagen aus dieser Stadt geschafft werden,
und ein Würdigerer wird deine Stelle einnehmen; denn Ich bin gekommen, um diese
Stadt zu fegen, auf daß sie, wenn etwa schon in fünfzig Jahren das finstere
Jerusalem von den Römern bis auf den letzten Grundstein wird zerstört werden,
für alle, die Ich die Meinen nennen werde, ein sicherer Zufluchtsort werden
möge! Bedenke das nun wohl, was Ich dir jetzt gesagt habe; denn Ich habe die
Macht von oben dazu, dir solches zu sagen!“
[GEJ.10_034,10] Hierauf wollte der Rabbi noch
etwas erwidern; aber der Wirt zog ihn zur Seite und sagte ihm, was Ich an
seinem Sohne getan habe. Da sagte der Rabbi kein Wort mehr, ließ die Schüler
aus der Synagoge nach Hause gehen und entfernte sich aus der Synagoge, besuchte
schnell des Wirtes völlig geheilten Sohn, worüber er in großes Erstaunen
geriet, und eilte darauf in alle ihm bekannten Juden- und Heidenhäuser und
erzählte, was sich in der Judenherberge ereignet habe, worauf bald viele zu der
Herberge kamen, um sich selbst zu überzeugen, was sich da ereignet hatte.
35. Kapitel
[GEJ.10_035,01] Als nun viele den ihnen
wohlbekannten, ehemals so sehr kranken und nun völlig geheilten Wirtssohn
ersahen, da ergriff sogar die Heiden eine Furcht vor Mir also, daß sie sich
nicht getrauten, nach Mir zu forschen.
[GEJ.10_035,02] Und sogar ein römischer
Hauptmann sagte: „Hinter diesem Arzte und seinen Gefährten müssen höhere Wesen
stecken; denn uns Menschen ist so etwas ohne alle Arznei niemals möglich zu
bewerkstelligen gewesen!“
[GEJ.10_035,03] Ich befand Mich mit den
Jüngern schon in der Herberge, und es hatte Mich denn auch an diesem Tage, der
sich ohnehin schon sehr dem Abend zuzuneigen begann, keiner von den vielen zu
der Herberge Herbeigekommenen zu Gesichte bekommen.
[GEJ.10_035,04] Als sich die Menschen wieder
voll Verwunderung und auch teilweiser Furcht vor Mir in ihre Häuser begeben
hatten, da kam der Wirt zu uns und sagte zu Mir: „O du großer Herr und Meister,
es wäre nun schon alles herrlich, gut und recht, wenn ich nur für euch alle
einen genügenden Mundvorrat besäße! Wein habe ich gar keinen, aber ich werde in
die griechische Herberge um einen schicken! Etwas Weizen- und Gerstenbrot habe
ich wohl, und ebenso auch etwas geräuchertes Schaffleisch; so ihr damit für
heute euch begnügen wollt, so wird es mich hoch erfreuen. Für morgen soll schon
nach allen Meinen Kräften besser gesorgt sein.“
[GEJ.10_035,05] Sagte Ich: „Freund, des
Essens und Trinkens wegen sind wir nicht hierher gekommen; aber was du hast,
damit werden wir uns auch begnügen. Des Weines wegen aber mache du dir keine
Sorgen und unnötige Unkosten, sondern gehe in deinen Keller, und du sollst
deine leeren Schläuche mit Wein gefüllt finden. Denn Der deinen Sohn zu heilen
vermochte, der vermag auch deine leeren Schläuche mit Wein voll zu füllen. Gehe
denn nun mit deinen Kindern in deinen Keller, und bringe uns mehrere Krüge voll
Weines!“
[GEJ.10_035,06] Der Wirt, voll gläubigsten
Staunens, ergriff gleich mehrere Krüge, reinigte sie, berief dann alle seine
Kinder und auch sein Weib und sagte ihnen, was Ich zu ihm gesagt hatte. Da ging
es mit eiligsten Schritten in den Keller, und wie staunten alle, als sie die
ehemals leeren Schläuche voll des besten Weines antrafen.
[GEJ.10_035,07] Die Krüge wurden denn auch sogleich
gefüllt und zu uns gebracht, und der Wirt samt seinem Weibe und seinen Kindern
wußten abermals nicht, wie sie Mir dafür genügend danken könnten. Das Wunder
achteten sie nun darum an sich für geringer als Meinen Willen, daß Ich sie also
sehr habe beglücken wollen; denn sie zweifelten schon nach der Heilung des
Sohnes nicht im geringsten an dem, daß Mir alles möglich sei, was Ich nur
wollen möge.
[GEJ.10_035,08] Ich aber sagte zu ihnen, was
Ich ihnen nach der Heilung des Sohnes gesagt hatte, daß Ich nur auf die Herzen
achte; und sie gingen nun voll Freude hinaus.
[GEJ.10_035,09] Und das Weib sagte zum Manne:
„Du, das muß ein großer Prophet sein! Vielleicht ist das gar der Prophet Elias,
der einst wiederkommen soll? Darum müssen wir ihn denn auch mit der höchsten
Achtung und Ehrerbietigkeit bedienen!“
[GEJ.10_035,10] Sagte der Wirt: „Sorget nun
für den Tisch! Ob Elias oder gar noch etwas Höheres, – am Ende gar der
verheißene Messias Selbst, das ist nun vorderhand gleich; nun heißt es sehen,
diese wunderbaren Gäste zufriedenzustellen!“
[GEJ.10_035,11] Da griff alles zur Bereitung
der Speisen, und der Wirt brachte uns Brot und bat uns, dasselbe genießen zu
wollen, was wir denn auch taten. Bald darauf wurden die recht wohlbereiteten
Speisen auf den Tisch gebracht, und auch mehrere Lampen, durch die das
Speisezimmer ganz gut erleuchtet wurde.
[GEJ.10_035,12] Wir nahmen die Speisen zu
uns, und die Jünger besprachen sich über die Geschichte der Israeliten in der
ersten Zeit ihres Einzuges aus der Wüste in diese Länder und über die Kriege,
die sie mit den Moabitern und später mit den Philistern zu bestehen hatten, und
der Wirt erzählte auch so manches ihm Bekannte von der Entstehung der alten
Stadt Pella und von den Schicksalen, die sie schon zu bestehen gehabt hatte.
Ich aber ruhte und sprach wenig.
[GEJ.10_035,13] Also vergingen ein paar
Stunden, und Ich sagte dann zum Wirte, der Mir ein gutes Ruhebett antrug: „Laß
das, – wir bleiben hier am Tische und werden allda unsere Nachtruhe nehmen!“
[GEJ.10_035,14] Das war dem Wirte eben nicht
unlieb, indem er mit Ruhebetten nur ganz schwach versehen war. Er selbst aber
wollte uns nicht verlassen und blieb denn auch die ganze Nacht hindurch bei uns
am Tische. Die Nacht ging ganz ruhig vorüber, und es ward niemand in der Ruhe
gestört.
36. Kapitel
[GEJ.10_036,01] Am Morgen früh war der Wirt
der erste auf den Füßen und ordnete alles zur Bereitung eines guten
Morgenmahles an, worauf sein Weib und seine Kinder und seine andern Diener und
Mägde in volle Tätigkeit gesetzt wurden. Wir erhoben uns aber auch gleich
darauf von unseren Ruhestühlen und Bänken am Tische und begaben uns ein wenig
ins Freie; denn man genoß von dieser Stadt aus eine recht herrliche Aussicht
über einen großen Teil des schönen Jordantales und über die weite und breite
und noch sehr fruchtbare Hochebene.
[GEJ.10_036,02] Dieser Morgen verlief aber
doch nicht so ruhig wie die Nacht; denn als wir wieder ins Haus zum Morgenmahle
zurückkehrten, da fanden wir vor dem Hause schon viel Volkes, das zumeist aus
Heiden bestand. Der schon erwähnte Hauptmann mit noch einigen seiner
Untergebenen fehlte auch nicht und ebenso auch der alte Rabbi.
[GEJ.10_036,03] Alle diese erkundigten sich
emsig nach dem Wunder der Heilung des gichtbrüchigen Sohnes, welches die
Befragten also erzählten, wie es vor sich gegangen ist, worüber alle über alle
die Maßen erstaunten.
[GEJ.10_036,04] Und der Hauptmann sagte
darauf mit ganz ernster Miene: „Wisset ihr was?! Ein Mensch, der solche Dinge
ohne alle Beihilfe irgend äußerer Mittel zustande zu bringen vermag, ist ein
Gott und kein Mensch mehr! Ich habe auch schon zu mehreren Malen von gewissen
Zauberern Wunder wirken sehen, – aber da bin ich bald dahintergekommen, wie sie
solche Wunder wirkten; wer aber kommt da auf eine Spur, wie dieser Mensch den
Kranken geheilt hat?“
[GEJ.10_036,05] Einige meinten wohl, daß ich
mit andern Magiern das gemein hätte, daß auch Ich eine recht zahlreiche
Begleitung bei Mir habe und man denn doch am Ende nicht wissen könne zu welchem
eigentlichen Zweck.
[GEJ.10_036,06] Der Hauptmann aber blieb bei
seiner Behauptung, ließ sich nicht irremachen und sagte: „Seine Begleiter
werden wohl nie vermögen, Sein Wort und Seinen Willen zu stärken; denn bei der
Heilung eines solchen Kranken, wie der Sohn des Judenwirtes es war, kann durch
eine gewisse Verabredung oder durch ein geheimes Einverständnis niemals etwas
bewirkt werden. Wir könnten alle hier dahin einverstanden sein, unseren Willen
fest dahin zu richten, daß meine auch schon über drei volle Jahre an einer
unheilbaren Krankheit daniederliegende älteste Tochter gesund werde, und wir
werden damit nichts ausrichten; wird aber dieser Mann das ganz allein wollen,
so wird meine Tochter sicher alsbald ebenso gesund werden, wie da gesund
geworden ist dieses Wirtes Sohn!“
[GEJ.10_036,07] Also besprachen sich vor dem
Hause des Wirtes die Menschen über Mich, während Ich Mich mit den Jüngern schon
beim Morgenmahle befand; denn wir kehrten von der vom Volke nicht bemerkten
Rückseite ins Haus, und die Hausleute und Kinder des Wirtes aber hatten von ihm
den Auftrag, Meine Anwesenheit nicht zu verraten, außer es erhielte jemand von
Mir Selbst einen Auftrag dazu. Also durften sie auch von der wunderbaren
Weinkreirung nichts reden zum Volke.
[GEJ.10_036,08] Als wir mit dem Morgenmahle
zu Ende waren, da sagte Ich zum Wirte: „Nun laß du den Hauptmann mit seinen
Untergebenen, den alten Rabbi und den griechischen Herbergswirt zu uns
hereinkommen, und Ich werde mit ihnen reden!“
[GEJ.10_036,09] Darauf eilte der Wirt schnell
hinaus und hinterbrachte das den Genannten.
[GEJ.10_036,10] Diese folgten auch sogleich
dem Ruf, und als sie sich bei uns im Zimmer befanden, da fragte der Hauptmann
sogleich den Wirt nach Mir.
[GEJ.10_036,11] Und der Wirt führte ihn zu
Mir und sagte: „Vor Dem, der auf diesem einzelnen Stuhle sitzet, werde ich
allzeit meine Knie beugen!“
[GEJ.10_036,12] Sagte darauf der Hauptmann:
„Auch ich, mein Freund!“
[GEJ.10_036,13] Hierauf machte der Hauptmann
eine tiefe Verbeugung vor Mir und sagte darauf: „Großer Meister, ein nie
erhörtes Wunder hast Du allein in diesem Hause gewirkt und mir dadurch ein
Zeugnis gegeben, daß Du kein Mensch unseresgleichen, sondern vollwahr ein Gott
sein mußt! So Du aber das unfehlbar bist, da erweise uns die große Gnade und
sage uns, wie wir denn mit unseren verschiedenen Glaubenssachen daran sind!
[GEJ.10_036,14] Ich habe alles durchgeprüft:
unsere Vielgötterlehre, die Meinungen der altägyptischen, der griechischen und
unserer römischen Weltweisen. Dann habe ich auch der Juden Eingottlehre, alle
ihre Propheten und Weisen genau durchforscht, die wohl schwer zu verstehen sind
und großenteils aber auch gar nicht, weil sie eine zu phantastische, oft ganz
unzusammenhängende Sprache führen und Bilder aufstellen, die wohl sie mögen
verstanden und begriffen haben, aber außer ihnen wohl sicher sehr wenige.
Ebenso habe ich auch mit vielen aus den fernsten Morgenländern in Hinsicht der
übersinnlichen Dinge, über ihre Götterbegriffe und über das wie geartete
Fortleben der Menschenseele nach dem Tode gesprochen, wie auch mit den Menschen
im Süd- und Nordwesten Europas.
[GEJ.10_036,15] Was aber habe ich daraus
gefunden? Ich sage es offen: Alles andere, – aber nur das nicht, was ich
suchte, nämlich eine mich überzeugende und mir begreifliche Wahrheit.
[GEJ.10_036,16] Der Glaube an ein oder auch
mehrere unsichtbare Gottwesen ist wohl allenthalben vorhanden, – aber wie
verschieden! Es ist nicht nötig, hier den nahezu endlosen Wust aller der
transzendenten Phantasien der Menschen in bezug ihres Gott- und
Seelenfortlebens nach dem Leibestode anzuführen, sondern es handelt sich hier
nur um die wahre Lebensfrage: In welcher Lehre ist die Wahrheit? Haben alle die
verschiedenen Vielgötterglauber recht, oder die Eingottglauber?
[GEJ.10_036,17] Wenn wir unsere römischen
Rechtsgesetze betrachten, die sicher nahe durchaus gut und somit für den
Fortbestand der Menschen- und sogar Völkergesellschaften wohl die tauglichsten
sind, so scheint denn auch unsere freilich schon sehr verunstaltete
Vielgötterlehre, die am Ende doch den Grund zu unseren weisen und möglich
gerechtesten Staatsgesetzen bildete, noch immer am meisten zu beachten zu sein.
Aber die jüdische Eingottlehre, die mit der urägyptischen viel Ähnlichkeit
besitzt, scheint dennoch der großen Lebenswahrheit um vieles näher zu stehen, obschon
sie nun unter den Juden um vieles verunstalteter ist denn die unsrige; denn man
betrachte nur mit einigem Scharfblick das höchst gott- und gewissenlose Tun und
Treiben der Judenpriester in Jerusalem, und man wird es um gar vieles dümmer
und ärger finden und anerkennen müssen denn das unserer vielgestaltigen und
verschiedenartigen Priester.
[GEJ.10_036,18] Du göttlicher Wundertäter
wirst mir da sicher mit wenigen Worten das rechte Wahrheitslicht zu geben
imstande sein!“
[GEJ.10_036,19] Sagte Ich: „Mein Freund
Pellagius und Hauptmann von dieser und drei andern Städten, als von Abila,
Golan und Aphek! Ich kam hauptsächlich nur deinetwegen hierher, da Ich wohl
wußte, daß du schon seit beinahe dreißig Jahren die Wahrheit eifrig suchtest,
sie aber doch nicht zu finden imstande warst.
[GEJ.10_036,20] Weil du aber die Wahrheit
also suchtest wie gar wenige deines Volkes und Ranges, so bin Ich als die ewige
Urwahrheit Selbst zu dir gekommen, und du hast in Mir auch schon die vollste, hellste
und reinste Wahrheit gefunden, und Mein Licht wird dich also durch und durch
erleuchten, daß du selbst noch zur Leuchte für viele andere werden wirst.
[GEJ.10_036,21] Aber deine älteste Tochter
Veronika ist krank, und es kann ihr kein Arzt helfen; so du glaubest und
wünschest, da soll es besser mit ihr werden!“
[GEJ.10_036,22] Sagte der Hauptmann, ganz
zerknirscht vor Freude: „Ja, Herr und Meister voll göttlicher Kraft, ich glaube
das, wie vielleicht nur wenige im ganzen Judenreiche, und wünschte der Tochter
Heilung auch sicher, als ihr Vater, mehr denn aus allen meinen Lebenskräften;
aber ich bin ja gar nicht würdig, daß Du Heiligster unter meines Heidenhauses
Dach trätest und heiltest daselbst meine dem Tode schon ganz nahe stehende
Tochter.
[GEJ.10_036,23] Daß ich aber Deinen Worten
sicher den vollsten Glauben leihe, beweist schon das, daß ich mich gar nicht
verwundert habe, als du als ein Fremder, der diese Gegend noch nie besucht hat,
um Meinen Namen wußtest, den ich ehrenhalber von dieser Stadt erhielt, und um
mein Regiment über die drei noch von Dir genannten Städte und nun auch um den
Namen meiner kranken Tochter wußtest; denn mein Gemüt sagte es mir ja, daß Du
ein Gott bist und Dir alles möglich ist. Ich glaube denn auch, daß meine
Tochter sicher gesund wird, so Du über sie nur ein Wort sprichst!“
[GEJ.10_036,24] Sagte Ich: „Wahrlich, solch
einen Glauben habe Ich im Volke Israel nicht gefunden! Und so geschehe dir denn
auch nach deinem Glauben! Sende nun nach Hause, und laß deine nun schon gesunde
Tochter hierher bringen, auf daß sie sich stärke mit diesem Weine und Brote!“
37. Kapitel
[GEJ.10_037,01] Als der Hauptmann solches
vernommen hatte aus Meinem Munde, da ward er überheiter und froh und entsandte
sogleich einen seiner Unterdiener nach seinem Hause. Und dieser fand die
Tochter zwar wohl im Krankenbette, aber so vollkommen gesund, daß sie als ganz
frisch, munter und kerngesund aussehend und auch seiend das Bett verlassen
wollte; nur ihre Mutter hielt sie davon zurück, weil sie der Meinung war, daß
dieses plötzliche Gesundwerden ein gewisses letztes Auflodern der Lebenskräfte
sei, auf das dann eine ebenso plötzliche volle Abspannung sämtlicher
Lebenskräfte erfolge und mit ihr auch der sichere Tod.
[GEJ.10_037,02] Aber der Unterdiener erzählte
der Mutter von der ebenso plötzlichen Heilung des Judenwirtssohnes, und wie
dieser nun ganz kräftig und gesund sei, und daß derselbe wunderbar mächtige
Arzt, der des Wirtes Sohn ohne alle Arznei, sondern allein durch sein Wort
geheilt habe, auf die glaubensvolle Bitte des Hauptmanns vor wenigen
Augenblicken Zeit denn auch durch sein unbegreiflich allmächtiges Wort die
Tochter von allen ihren Leiden geheilt habe.
[GEJ.10_037,03] Die Mutter solle das glauben,
die völlig gesunde Tochter das Bett verlassen lassen und sie sogleich zu dem
Judenwirte bringen, allwo eben der wunderbare Arzt mit mehreren seiner
Gefährten und auch der Hauptmann weilen. Die Tochter solle dort zu ihrer noch
größeren Stärkung einen Wein und auch Speise nehmen.
[GEJ.10_037,04] Auf diese Besprechung ließ
die Mutter die Veronika das Bett verlassen.
[GEJ.10_037,05] Diese tat das pfeilschnell
und kleidete sich so zierlich wie möglich; denn sie wollte vor Mir so rein und
geschmückt erscheinen, als so sie zu einem Könige zu kommen hätte.
[GEJ.10_037,06] Als sie nun ganz gekleidet
und geschmückt war, nahm sie auch einen schönsten Goldbecher mit sich, um ihn
Mir zu verehren.
[GEJ.10_037,07] Also kam sie denn auch,
geleitet von der Mutter und von dem Unterdiener, zu uns, und ihre erste Frage
war (Veronika): „Wo ist mein Heiland, mein Gott und mein Herr?“
[GEJ.10_037,08] Sagte Ich: „Ich bin es!
Hierher komme und stärke dein Herz mit dem Weine und Brote, das Ich aus den
Himmeln auf diesen Tisch gesetzt habe!“
[GEJ.10_037,09] Als Veronika solches von Mir
vernommen hatte, da fiel sie vor Mir auf die Knie nieder und sagte: „O Du mein
guter, lieber und göttlicher Heiland, wie kann ich, eine arme, sündige Heidin,
Dir für Deine mir erwiesene übergroße und nieverdiente Gnade danken, daß mein
Dank Deinem göttlichen Herzen wohlgefällig werden möchte?“
[GEJ.10_037,10] Sagte Ich: „Erhebe dich nur
und setze dich zu Mir, und trink und iß – denn dadurch werden noch kräftiger
dein Herz und deine Seele –; dann wollen wir in aller Liebe und Zärtlichkeit
der Himmel über die Mir allein wohlgefällige Art des Dankes reden.“
[GEJ.10_037,11] Hierauf erhob sich die nun
überaus schöne Veronika, stellte vor Mich den Goldbecher und sagte voll Rührung
und dabei aber doch mit einem römischen Wahrheitsernst: „O Du Herrlichster aller
Herrlichen, Du Herr aller Herren, Du König aller Könige, Du Gott aller Götter,
verschmähe dieses mein Kleinod nicht! Ich weiß und fühle es in meiner Seele,
daß es Deiner zu unwürdig ist; aber gedenke, daß es Dir ein Dich liebendes und
nur von Dir geheiltes Herz reicht, und verschmähe es darum nicht!“
[GEJ.10_037,12] Sagte Ich: „Ja, was Mir von
solch einem Herzen dargereicht wird, das wird von Mir auch angenommen, und Ich
werde nun aus diesem Kelch den Wein trinken; und da hast du denn Meinen Becher,
aus dem Ich getrunken habe, und trinke den Wein daraus!“
[GEJ.10_037,13] Da nahm die Veronika Meinen
nur irdenen Becher, trank daraus und sagte darauf: „Oh, um wie viele
Königreiche ist dieser Becher mehr wert als der, den ich Dir zu weihen mich
unterfangen habe; denn ich fühle es nun, nachdem ich getrunken habe aus diesem
Becher, daß ich nicht nur den stärkendsten Wein für den Leib, sondern auch die
Kraft des ewigen Lebens meiner Seele mit getrunken habe!
[GEJ.10_037,14] O trinket doch alle mit mir
aus diesem Becher, die ihr noch zweifelt am ewigen Leben eurer Seele, und ihr
werdet zum ewigen Leben gestärkt werden!“
[GEJ.10_037,15] Hier schenkte sie den Becher
voll ein und reichte ihn ihrem Vater, der bisher noch nichts von unserem Weine
gekostet hatte, und er leerte ihn ganz, küßte darauf den Becher und stellte
ihn, Mir dankend, wieder vor die Tochter.
[GEJ.10_037,16] Der Hauptmann konnte sich
nicht genug verwundern über die außerordentliche Güte des Weines und sagte
auch, daß er nun wahrzunehmen anfange, daß er eine Seele habe, die in sich eine
ewige Lebensfortdauer fühle, und daß er darob im höchsten Grade froh sei.
Darauf tranken auch sein Weib, seine Unterdiener und am Ende der griechische
Heidenwirt.
[GEJ.10_037,17] Als dieser den Wein verkostet
hatte, da fragte er sogleich den Judenwirt, sagend (der Griechenwirt): „Woher
hast du diesen Wein bezogen? Denn solange ich lebe und nun selbst Wirt bin,
habe ich nie einen solchen Wein gekostet! Ich habe für besondere Gäste, so sie
es wünschen, doch auch ganz gute Weine in meinem Keller und habe dir schon zu
öfteren Malen damit ausgeholfen, und du kannst es sagen, daß ich dir niemals
mit etwas Schlechtem aufgewartet habe. Aber solchen Wein habe ich niemals
besessen! Woher hast du ihn bezogen? Sage es mir, damit auch ich mir einen
verschaffe!“
[GEJ.10_037,18] Sagte der Judenwirt: „Freund,
das wird dir schwer möglich werden; denn derlei Wein wächst auf der ganzen Erde
nicht! Hast du denn nicht vernommen, was der große Wunderheiland zu der Tochter
unseres gerechten Hauptmannes gesagt hat, woher dieser Wein gekommen ist?
Siehe, aus den Himmeln Gottes, aber nicht etwa eures Phantasiegottes Bacchus,
sondern aus den Himmeln unseres einen und allein wahren Gottes, dessen
Gesandter eben dieser erhabene Wunderheiland höchst sicher und gewiß ist! Also
ist es und nicht anders, und es wird dir schwer werden, um dein Geld von dieser
Gegend einen solchen Wein dir zu verschaffen!“
[GEJ.10_037,19] Sagte der Griechenwirt: „Wie
bist denn dann du dazu gekommen?“
[GEJ.10_037,20] Sagte der Judenwirt: „Da mußt
du nicht mich, sondern den großen Meister fragen, dem alle Dinge möglich zu
sein scheinen, und von dem ich nun auch das glaube, was der Hauptmann und seine
Tochter ausgesprochen haben. Mit dem Meister also rede; denn ich als ein
schwacher Mensch noch voll geistiger Blind- und Torheit weiß nichts und
verstehe nichts!“
[GEJ.10_037,21] Auf das schwieg der
Griechenwirt.
38. Kapitel
[GEJ.10_038,01] Aber der alte Rabbi, der es bis
jetzt noch nicht gewagt hatte, von dem Wein etwas zu kosten, trat zu Mir hin
und bat Mich um die Erlaubnis, von dem Wunderweine auch kosten zu dürfen.
[GEJ.10_038,02] Und Ich sagte: „Du bist zwar
mehr Heide als alle andern Heiden, ohne zu bedenken, daß niemand zweien Herren,
die sich gegenseitig Feinde sind, wohl dienen kann, da er im geheimen des einen
oder des andern Feind sein muß und dabei aber doch jedem das tun muß, was von
ihm verlangt wird. Oder kann jemand Gott und dem Mammon der Welt zugleich dienen?
Und doch hast du schon seit langem das getan! Darum ändere dein Herz, und
trinke von dem Wein der Wahrheit, auf daß es hell in deiner Seele werde!“
[GEJ.10_038,03] Hierauf nahm der Rabbi auch
einen Becher voll Weines und leerte ihn bis auf den Boden.
[GEJ.10_038,04] Als er den Wein in sich
hatte, da brach auch er in ein großes Loben des Weines und Meiner Macht aus und
sagte zum Schlusse seines Lobes, den noch einmal gefüllten Becher hoch
schwingend (der Rabbi): „Ja, Du bist schon Der, auf den alle Juden und auch die
Heiden so lange vergeblich harrten. Darum Heil Dir, dem Sohne Davids, und Heil
auch allen Menschen der Erde durch Dich! Ehre Gott in der Höhe und Dir, Seinem
Sohne!“
[GEJ.10_038,05] Sagte Ich: „Deine Rede war
nun gut; aber so du noch einmal auch Heil den hohen Göttern Roms schreien
wirst, so wird der Tod nicht ferne von dir sein! Aller Menschen, ob sie Juden
oder Heiden sind, der Wahrheit nach Freund sein, ist gut und recht, und es ist
also auch Mein Wille – denn auch Ich lasse Meine Sonne über Juden und Heiden im
gleichen Maße scheinen und leuchten –; aber Menschen, die in der alten
Blindheit schmachten, in ihrem Irrwahne noch bestärken, anstatt sie auf den Weg
des Urlichtes zu leiten, aus wahrer, reiner und uneigennütziger Nächstenliebe, ist
schlechter denn ein Dieb und Straßenräuber sein. Das merke dir, du alter
Doppellehrer, der du den Juden den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs oft mit
einem glühenden Eifer lehrtest, gleich darauf in die Schule der Heiden gingest
und vor ihnen den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs herunter- und lächerlich
machtest! Sei entweder ein vollkommener Jude, oder werde ein Heide, so du im
Heidentum für deine chamäleonartige Seele eine größere Beruhigung findest!“
[GEJ.10_038,06] Sagte der Rabbi: „Herr, sei
mir größtem Sünder vor Dir gnädig und barmherzig, und vergib mir meine vielen
und großen Sünden!“
[GEJ.10_038,07] Sagte Ich: „Von Mir aus sind
sie dir vergeben; aber siehe auch, daß sie dir auch von den Menschen vergeben
werden, denen du des Verdienstes wegen an ihren Seelen viel geschadet hast!“
[GEJ.10_038,08] Hierauf sagte der Hauptmann
zu Mir: „Herr, ich werde für ihn die Sache gutmachen, und er selbst wird nun
wohl begriffen haben, was er für die Folge zu tun haben wird! Ich aber meine
nun, daß wir für die Folge keinen Heidenpriester mehr vonnöten haben werden. Ob
aber unsere Kinder von heidnischen oder jüdischen Lehrern im Lesen, Schreiben
und Rechnen unterrichtet werden, so wird das wohl eines sein, und es kann daher
dieser Rabbi auch noch ferner unsere Kinder in diesen drei Stücken
unterrichten; was aber die Gotteslehre anlangt, so werde schon ich dafür
bestens sorgen, daß sich unser altes Vielgöttertum ehest in ein Eingottum
umgestalten wird. Aber nun bitte ich Dich, Du göttlicher Meister und Herr und
von nun an unser Gott, daß Du uns, bis jetzt noch Heiden, den rechten Weg
zeigen möchtest, den wir in der Folge zu wandeln haben sollen; denn bis jetzt
stecken wir noch in der alten Finsternis.“
[GEJ.10_038,09] Hierauf begann Ich vom Reiche
Gottes auf Erden zu predigen und belehrte diese Heiden in allem also, wie Ich
das andernorts getan habe.
[GEJ.10_038,10] Die Belehrung dauerte volle
sieben Stunden, also nahe an drei Stunden über den Mittag, und alle glaubten an
Mich, auch die, welche außerhalb des Hauses waren, da sie Meine Worte durch die
offenen Fenster vernahmen.
[GEJ.10_038,11] Als Ich die Predigt beendet
hatte, da ward erst das Mittagsmahl aufgetragen, an dem auch die teilnehmen
mußten, die außerhalb des Hauses gläubig geworden waren.
39. Kapitel
[GEJ.10_039,01] Nach dem Mahle aber, das über
eine Stunde gedauert hatte, ging Ich mit dem Hauptmann in der Stadt umher und
machte alle Kranken gesund, und es folgte Mir stets mehr Volkes nach. Meine
Jünger aber blieben in der Herberge und lehrten die Juden.
[GEJ.10_039,02] Bis gen Abend kehrte Ich mit
dem Hauptmanne wieder in die Herberge zurück, in der die Jünger noch vollauf
mit den Juden zu tun hatten, die Mich am Ende doch für den verheißenen Messias
zu halten anfingen, aber dabei doch nicht begreifen konnten, warum Ich in einer
solchen Unscheinbarkeit in diese Welt gekommen sei, da doch der große König
David also von Mir geredet habe: ,Machet die Tore weit und die Türen hoch,
damit der König der Ehren einziehe! Wer aber ist dieser König der Ehren? Es ist
der Herr Jehova Zebaoth!‘
[GEJ.10_039,03] Sie, die Juden von Pella,
aber wüßten nicht, daß bei Meiner Ankunft in diese Welt irgend in einer Stadt
ein Tor sei erweitert und eine Tür erhöht worden.
[GEJ.10_039,04] Meine Lehre und Meine
Zeichen, die Ich wirkte, stimmten wohl mit dem überein, was besonders der
Prophet Jesajas und der Prophet Hesekiel von dem verheißenen Messias geweissagt
haben; aber Mein Auftreten unter den Menschen in dieser Welt stimme nicht mit
dem völlig zusammen, was die Propheten von dem Messias geweissagt haben. Und so
hatten die Jünger ihre Not mit den Juden.
[GEJ.10_039,05] Als Ich mit dem Hauptmanne,
seinen Unterdienern, mit seinem Weibe und seiner geheilten Tochter, wie auch
mit dem geheilten Sohne des Wirtes in das Zimmer trat, da wurden die Juden
still und betrachteten Mich, ob sie in Meiner Person wohl etwas
Außerordentliches erblicken könnten.
[GEJ.10_039,06] Ich aber sagte zu ihnen: „Der
Friede sei mit euch! Das, was ihr an Mir suchet und finden möchtet, kommt nicht
und niemals mit einem äußeren Schaugepränge, sondern es befindet sich inwendig
im Menschen.
[GEJ.10_039,07] Ja, es hätten die Juden bei
Meiner Ankunft in diese Welt wohl sollen die Tore in ihre Herzen breit und die
Türen in ihre Seelen hoch machen; aber sie achteten der Aufforderung Davids
schon seit gar langem nicht mehr. Darum kamen sie denn auch in die babylonische
Gefangenschaft und sind zu Sklaven der Heiden geworden, aus welcher Sklaverei
sie nimmerdar erlöst werden, so sie in ihrem alten Starrsinn verharren.
[GEJ.10_039,08] Da stehen aber die Heiden;
diese haben wohl die Tore zu ihren Herzen bei Meinem Erscheinen sogleich sehr
erweitert und die Türen in ihre Seelen erhöht bis hoch über alle Sterne hinaus.
Darum wird denn auch den Juden das Licht genommen und den Heiden gegeben
werden!“
[GEJ.10_039,09] Als Ich solches zu den Juden
geredet hatte, da ärgerten sich einige darob; aber die Heiden erhoben ein
großes Lob über Mich.
[GEJ.10_039,10] Und der Hauptmann sagte
darauf ganz laut zu den Juden: „Was weilet und forschet ihr noch da, so ihr bei
all dem, was der Herr hier vor uns gewirkt hat, noch nicht glauben könnet?!
Ziehet euch zurück in eure finsteren Kammern, und bleibet in eurer alten Nacht
aller Zweifel, und verstellet uns den ohnehin ganz engen Zimmerraum nicht!“
[GEJ.10_039,11] Auf diese sehr gebieterisch
klingenden Worte des Hauptmanns zogen sich die mehr ungläubigen Juden hinaus
ins Freie; die mehr Gläubigen aber blieben und wollten sich noch über dies und
jenes mit den Jüngern besprechen.
[GEJ.10_039,12] Ich aber sagte zu ihnen: „Die
volle Wahrheit habt ihr vernommen aus dem Munde Meiner Jünger, und eine noch
andere und weitere Wahrheit gibt es nicht; glaubt und tut danach, so werdet
auch ihr schon noch breiter und höher erleuchtet werden in euren Herzen und in
euren Seelen!
[GEJ.10_039,13] Draußen bei den Heiden aber
forschet nach, wie viele von ihnen Ich heute nachmittag gesund gemacht habe und
wie viele befreit von allen ihren Leiden, auf daß ihr durch die Heiden
erleuchtet werdet, und nicht die Heiden durch euch! Es ging das Licht zwar wohl
von den Juden aus, – aber die Heiden ersahen und erkannten es eher denn die
Juden; und so wird ihnen das Licht auch bleiben, und die Juden werden es von
ihnen nehmen müssen, so sie es werden haben wollen. Gehet denn nun auch ihr
hinaus und lasset euch von den Heiden erleuchten!“
[GEJ.10_039,14] Als die mehr gläubigen Juden
das aus Meinem Munde vernommen hatten, da gingen sie sogleich ins Freie hinaus
zu den jubelnden Heiden und vernahmen, wie diese den Gott Abrahams, Isaaks und
Jakobs in Mir hoch lobten und priesen, und erstaunten nicht wenig, als sie das
aus dem Munde der Heiden und ihrer geheilten Kranken vernahmen. Da wurden auch
die meisten Juden gläubig, gingen nach Hause und besprachen sich über alles,
was sie zuvor schon von den Jüngern vernommen hatten, und was Ich zu ihnen
gesagt hatte, und die Lobworte der Heiden hatten ihre Herzen sehr erweitert und
die Gedanken ihrer Seelen erhöht, und sie fingen an zu begreifen, was David mit
seinem Psalm angedeutet hatte.
[GEJ.10_039,15] Wir aber nahmen das
wohlbereitete Abendmahl zu uns und besprachen uns auch über gar manches, was an
diesem Nachmittag alles geschehen war.
40. Kapitel
[GEJ.10_040,01] Nach dem Mahle dankten Mir der
Hauptmann, das Weib und die Tochter Veronika für alles, was sie durch Mich
erreicht hatten.
[GEJ.10_040,02] Ich aber sagte: „Euer Glaube
hat euch geholfen zu einem Teil, und zum andern Teil Ich durch euren Glauben
und durch eure schnell entbrannte Liebe zu Mir und dadurch auch zu Dem, der in
Mir wohnt und den ihr dann noch heller werdet kennenlernen, so Mein Geist der
ewigen Wahrheit und Weisheit in Kürze über euch wird ausgegossen werden. Doch
nun gehet auch ihr nach Hause und ruhet bis zum Morgen; dann aber kommet wieder
hierher, und wir werden noch so manches unter uns besprechen!“
[GEJ.10_040,03] Darauf erhoben sich der
Hauptmann und alle, die bei ihm waren, und begaben sich, Mir alle Ehre gebend,
in ihre Wohnungen und besprachen sich auch einige Stunden lang in die Nacht
hinein über alles, was am Tage vorgefallen war.
[GEJ.10_040,04] Der alte Rabbi und der
griechische Wirt aber blieben noch bis gen Mitternacht bei uns und besprachen
sich in einer Ecke des Zimmers über den Unglauben der etlichen Juden, die der
Wahrheit doch am allernächsten sein sollten.
[GEJ.10_040,05] Und es sagte zum Schlusse der
Rabbi: „Da bestätigt sich auch der Prophetenspruch: ,Den Weltweisen und
Verständigen bleibt es verborgen, und den unmündigen Kindern wird es
geoffenbart!‘ Die alten Kinder des Lichtes saßen immer bei vollen Schüsseln des
Lichtbrotes aus den Himmeln und durften nicht Hunger leiden; aber weil sie eben
nie Hunger und Durst leiden durften, so vergaßen sie den hohen Wert der Speisen
aus den Himmeln und kehrten sich zu den eklen Speisen der Welt, wie auch ich
selbst das leider getan habe.
[GEJ.10_040,06] Aber die lichthungrigen
Heiden merkten das, wie die erwählten Kinder des Lichtes ihrer Himmelskost den
Rücken stets mehr und mehr zuzukehren begannen, und kamen und bemächtigten sich
der vollen Schüsseln; sie lasen mit vielem Eifer unsere Bücher und sättigten
sich also schon zum voraus mit unserem Brote aus den Himmeln, und so sind sie
nun um vieles kräftiger als wir und erkannten den Herrn denn auch um vieles leichter
und bestimmter als wir. Aber Er wird auch von uns Juden erkannt werden.“
[GEJ.10_040,07] Der Juden- wie auch der
Griechenwirt gaben dem Rabbi recht und begaben sich darauf auch zur Ruhe.
[GEJ.10_040,08] Ich aber ruhte mit den
Jüngern auch diese Nacht am Speisetische bis zum Morgen.
[GEJ.10_040,09] Am Morgen erhob Ich Mich vom
Tische und ließ die Jünger ruhen. Ich begab Mich schnell ins Freie, und zwar
außerhalb des entgegengesetzten Endes dieser Stadt. Im Hause wußte niemand,
wohin Ich Mich begeben hatte.
[GEJ.10_040,10] Nur ein Diener des Hauptmanns
bemerkte Mich durch die Stadt wandeln und hinterbrachte das schnell dem schon
wachen Hauptmanne. Dieser kleidete sich schnellst an und eilte Mir nach in der
Richtung, die ihm der Diener angezeigt hatte.
[GEJ.10_040,11] Als er das vorangezeigte Ende
der Stadt erreichte, ersah er Mich auf einem Hügel. Schnell stieg er auf den
Hügel zu Mir hinan.
[GEJ.10_040,12] Als er bei Mir war, verbeugte
er sich tief vor Mir und fragte Mich, was Mich irgend bewogen haben mochte,
ohne einen Jünger auf dieses Ostende der Stadt Pella einen Morgengang zu
machen.
[GEJ.10_040,13] Sagte Ich: „Habe du nun nur
eine kleine Geduld, und du wirst es hernach schon erfahren! Lassen wir nun
zuvor die Sonne über den Horizont kommen, dann werde Ich es dir offenbaren,
warum Ich diesen Punkt für diesen Morgen erwählt habe!“
[GEJ.10_040,14] Auf das lagerten wir uns auf
einem glatten Basaltblock, von dem aus wir in aller Ruhe die Szenen des Morgens
beobachten konnten.
[GEJ.10_040,15] Goldumsäumte Wölkchen
schwebten über dem Horizont, der, von unserem Platze aus geschaut, sehr wenige
Berge von irgendeiner bemerkbaren Höhe aufzuweisen hatte, da sich das Land von
unserer Stadt teilweise gegen die fernen Euphrat-Wüsten abzuflachen begann;
aber es war da der Aufgang der Sonne eben um so schöner, weil sie wie aus einer
Tiefe in blutroter Farbe emporstieg und gen Westen hin die hohen Bergkuppen zu
färben begann, was auch der Hauptmann als ein herrliches Schauspiel der Natur
sehr lobte.
[GEJ.10_040,16] Nur fragte er Mich, wie denn
auch Ich, dem alle die endlos größeren Schönheiten der Himmel in jedem
Augenblick zu Gebote stünden, an diesen irdischen Naturschönheiten ein
Wohlgefallen haben könne.
[GEJ.10_040,17] Da sagte Ich zu ihm: „Freund,
so der Meister Selbst an Seinen Werken kein Wohlgefallen hätte, wer sollte es
dann haben? Oder meinst du, daß der Meister alle diese Werke geschaffen hätte,
so Er sicher schon gar lange vor ihrer Entstehung sie im Geiste klarst gesehen
habend, nicht an ihnen ein überaus großes Wohlgefallen gehabt hätte? So du aber
siehst, daß Ich ein Wohlgefallen an dieser Morgenszene habe, so wird dir nun
der Grund davon wohl einleuchtend sein?“
[GEJ.10_040,18] Sagte der Hauptmann: „Siehe,
o Herr und Meister, so ich nun Deine Antwort erwäge, die doch klarer als ein
reinster Wassertropfen ist, da nimmt es mich nun über meine eigene Dummheit
wunder, daß so etwas nicht von selbst mir in meinen sonst doch eben nicht zu
sehr verschlagenen Sinn hatte kommen können, da ich ja doch nicht nur fest glaube,
sondern auch überzeugend weiß, wen ich in Dir vor mir zu haben die unermeßbar
höchste Gnade habe!“
[GEJ.10_040,19] Sagte Ich: „Mache dir darum
nichts daraus; denn es ist von Mir aus das in dieser Welt schon also
eingerichtet, daß alles erst so nach und nach sich ganz entfalten und
entwickeln muß! Siehe die Entstehung des Tages, siehe die Entwicklung der
Pflanzen, der Tiere und endlich um so mehr des Menschen, und du wirst es auch
leicht begreifen, aus welchem Grunde dir beim ersten Eintritt in Mein Reich
noch nicht alles so klar sein kann, wie es dir einmal später werden wird, wenn
Mein Geist in dir sich mehr und mehr ausbreiten wird und du in einem Augenblick
mehr fassen und klarer begreifen wirst, als du das bis jetzt in einem
jahrelangen Denken vermochtest! Also darob magst du nun schon ganz ruhig sein,
da du dich schon auf dem besten Wege befindest! Und so betrachten wir nun noch
weiter die Szenen des schönen Morgens!“
41. Kapitel
[GEJ.10_041,01] Wir betrachteten darauf die
mannigfachen Erscheinungen des Morgens, und Ich erklärte sie dem Hauptmanne,
der darob nicht genug dankbar erstaunen konnte, weil in ihm denn doch noch so
manches alte Mythische des phantasiereichen Heidentums aus seiner frühesten
Jugend steckte, das er nicht in einem Augenblick völlig loswerden konnte.
[GEJ.10_041,02] Wie ging es aber unterdessen
an diesem Morgen in unserer Judenherberge zu?
[GEJ.10_041,03] Als Meine Jünger bei ihrem
Wachwerden Mich vermißten, und imgleichen auch der Wirt mit seiner Familie, da
wurde allen bange, und sie rieten hin und her, wohin und warum Ich diesen
Morgen möge ganz allein gegangen sein.
[GEJ.10_041,04] Petrus sagte: „Ihr wisset es
ja ohnehin, daß Er an einem jeden Morgen, solange wir bei Ihm sind, stets vor
dem Aufgange ins Freie zu gehen pflegt. Er wird zur rechten Zeit schon
wiederkehren; seien wir darum um Ihn nicht ängstlich besorgt!“
[GEJ.10_041,05] Sagte darauf Jakobus: „Da
hast du zwar wohl recht; aber das weiß ich auch besser denn ein jeder von euch,
da ich ja doch schon von Seiner Kindheit an stets um Ihn war und mich mit Ihm
abgab, daß Er Sich oft gerne Selbst vor denen, die Seine Lieblinge sind, auf
eine kurze Zeit verbirgt und dann das gern sieht, so sie Ihn recht emsig
suchen, Ihn dann auch irgend finden und eine große Freude darob äußern, so sie
Ihn wiedergefunden haben! Und so sollten wir Ihn denn auch diesmal suchen
gehen, und das mit einem lebendigen Eifer!“
[GEJ.10_041,06] Hier wollte auch Judas
Ischariot eine Bemerkung gegenteiligen Sinnes machen; aber da fiel ihm gleich
Johannes scharf in die Rede, sagend: „Du warst, bist und bleibst ein Jünger von
Ihm, der noch nicht einen Funken des Geistes der Wahrheit in sich aufgenommen
hat, bist zumeist ein eingebildeter Weiser und lügst dich dabei selbst und
viele andere an; darum tust du am besten, wenn du schweigst und die reden läßt,
die in Seinem Geiste reden wollen und durch Seine Gnade auch können!“
[GEJ.10_041,07] Darauf sagte der
zurechtgewiesene Jünger nichts mehr und ging für sich ins Freie, wo er einige Juden
antraf, die ihn fragten, ob Ich im Hause wäre, und was Ich täte.
[GEJ.10_041,08] Der Jünger aber sagte: „Gehet
hin und suchet Ihn selbst; denn mir ist kein Gebot gegeben, jemandem irgend
etwas über Ihn zu sagen!“
[GEJ.10_041,09] Mit dem ging der Jünger
weiter und besah sich die alte Stadt, deren Häuser zumeist aus schwarzen
Basaltstücken erbaut waren, da in dieser Gegend sich wenig Bauholz vorfand.
[GEJ.10_041,10] Die im Hause gebliebenen
Jünger aber berieten unter sich noch weiter, was sie tun sollten. Am Ende
stimmten alle mit Jakobus überein und wollten Mich suchen gehen.
[GEJ.10_041,11] Da aber kam ein Diener des
Hauptmanns, – doch nicht der, welcher Mich am frühen Morgen hatte vor dem Hause
des Hauptmanns vorübergehen sehen, sondern einer, der von der Tochter abgesandt
war, auf daß er sich nach Mir und nach dem Hauptmanne zu erkundigen habe, ob er
bei Mir wäre, da er sich so früh und so eilig aus dem Hause begeben hatte. Aber
dieser Diener konnte von den Jüngern auch nichts erfahren.
[GEJ.10_041,12] Da aber sagte Jakobus: „He,
mir fuhr es nun wie ein Blitz durch die Seele! Weil der Hauptmann sich so früh
aus dem Hause begeben, so hat er irgend den Herrn gehen sehen und ist Ihm
nachgefolgt! Irgendein Diener wird es schon wissen, in welcher Richtung er sich
von seinem Hause entfernt hat. Gehen wir dahin, und uns wird gute Kunde zuteil
werden!“
[GEJ.10_041,13] Auf diese Worte des Jakobus
erhoben sich alle und gingen zum Hause des Hauptmanns und trafen da bald den
wachehaltenden Diener, der ihnen die Auskunft erteilte, in welcher Richtung er
Mich und dann auch den Hauptmann hatte gehen sehen.
[GEJ.10_041,14] Als die Jünger, und mit ihnen
auch der Wirt, das erfahren hatten, da eilten sie in der gleichen Richtung
vorwärts und kamen denn auch bald an die Stelle außerhalb der Stadt, an der Ich
Mich mit dem Hauptmanne befand.
[GEJ.10_041,15] Aber da Ich und der Hauptmann
auf einem Basaltblock saßen, dessen hintere Wand uns verbarg, so entdeckten uns
die Suchenden nicht so bald.
[GEJ.10_041,16] Aber Jakobus sagte: „Gehen
wir nur auf diese steinige Anhöhe hinauf, von der man sicher weithin sehen
kann, und wir werden von da sicher den Herrn irgendwo wandeln sehen!“
[GEJ.10_041,17] Da gingen alle auf die Anhöhe
und ersahen Mich und den Hauptmann denn auch alsbald, als sie auf die volle
Anhöhe kamen.
[GEJ.10_041,18] Alle wurden überfroh, daß sie
Mich gefunden hatten; nur Simon Juda trat zu Mir hin und sagte mit freundlicher
Miene: „Aber Herr und Meister, siehe, wir waren voll Angst und Traurigkeit, da
wir nicht wußten, wohin Du diesen Morgen Dich gewendet hast! Wenn Du uns doch
nur davon einen Wink gegeben hättest, so wären wir ja gleich, wie allzeit, mit
Dir gegangen und hätten nicht nötig gehabt, uns um Dich zu ängstigen. Wir
bitten Dich darum, daß Du uns dies in dieser uns fremden Gegend nicht mehr
antun wollest; willst Du aber schon nach Deiner Weisheit allein irgendwohin
gehen, da sage es uns, daß wir allein zu bleiben haben, und wir werden Deinem
heiligen Willen sicher niemals widerstreben! Denn siehe, wir lieben Dich über
alles, und es wird uns darum bange, so wir nur einige Augenblicke lang nicht
wissen, wo Du bist, und was Du tust!“
[GEJ.10_041,19] Sagte Ich: „Nun, nun, Ich
hätte es euch schon gesagt, so Ich nicht vorausgewußt hätte, daß ihr Mich
suchen und auch sicher finden werdet! Zudem aber hat es keinem von euch
geschadet, daß Ich eure Liebe zu Mir von neuem wieder gestärkt habe. Ich aber
hatte mit diesem neuen Freund allein zu tun und bin darum denn auch allein
hierher gewandelt.
[GEJ.10_041,20] Diese Stadt und ihre Umgebung
wird zur Zeit der großen Demütigung Jerusalems denen, die an Mich glauben
werden, zu einem Zufluchtsort werden, wie Ich euch das schon angedeutet habe,
und es muß darum schon jetzt zu einer festen Gemeinde in Meinem Namen hier
durch eben diesen Freund, der über viele Heiden zu gebieten hat, ein rechter
Grund gelegt werden. Und mit dem wisset ihr nun auch, warum Ich mit dem
Hauptmanne ganz allein sein wollte.
[GEJ.10_041,21] So euch aber nun Meine
Abwesenheit von nur wenigen Augenblicken so ängstlich gemacht hat, was werdet
ihr dann machen, so Ich euch Meinem Leibe nach auf eine längere Zeit verlassen
werde?“
[GEJ.10_041,22] Sagte abermals Simon Juda:
„Herr und Meister, wir wissen es schon, was Du uns damit sagen willst! So es
also nach Deinem Ratschlusse sein muß, da werden wir in der Hoffnung, daß alles
andere, was Du uns davon geoffenbart hast, auch in die sichere Erfüllung gehen
wird, solche Deine für uns höchst traurige Abwesenheit wohl ertragen müssen.
Daß aber auch nicht einer von uns diese Zeit in Bälde wünscht, das liesest Du
Selbst in unseren Herzen! Doch immer geschehe nur Dein Wille!“
42. Kapitel
[GEJ.10_042,01] Hier sagte der Hauptmann, dem
Ich auch ehedem gesagt hatte, was Mir bald in Jerusalem begegnen werde, und daß
er sich, so er davon hören werde, daran nicht stoßen solle: „Freunde, auch ich
weiß um das, was eure Herzen traurig stimmt! Aber so dies das einzige Mittel
ist, die alte Halsstarrigkeit vieler Ungläubiger Jerusalems zu brechen und sie
sehend und gläubig zu machen, so kann ich nicht umhin, unsern Herrn und Meister
und Gott um so mehr zu loben, zu preisen und zu lieben; denn so etwas kann nur
die höchste und reinste Liebe Gottes sich von ihren Geschöpfen gefallen lassen,
– unserer menschlichen Liebe wäre das nie möglich.
[GEJ.10_042,02] Zudem wird der Herr nach drei
Tagen wieder unter uns sein und uns erfüllen mit Seinem Machtgeiste und also
bleiben bei den Seinen bis ans Ende dieser Erde; und so meine ich, daß wir uns
über alles zu freuen Ursache haben, was Er zum möglichen Heile aller Menschen
verordnet und über Sich kommen läßt. Denn die Narren, die voll Blindheit sind,
können sich in ihrer tollen Wut wohl am Leibe des Herrn vergreifen und ihn auch
töten, so Er das Selbst, durch Seine Liebe zu uns Menschen genötigt, zur
Besserung der Blinden zuläßt; aber wer wird denn die ewige, allmächtige
Gottheit in Seinem Leibe zu töten vermögen?! Diese wird ihren erhabensten Leib
wieder beleben, und am dritten Tage wird Er also wie jetzt wieder bei uns sein,
daß wir alle uns über alle die Maßen zu freuen haben.
[GEJ.10_042,03] Freunde, könnte ich darüber
nur den allergeringsten Zweifel in mir aufkommen lassen, so ständen auf meine
Veranlassung, da ich als ein Hauptmann ersten und obersten Ranges, mit aller
Vollmacht aus Rom wohlversehen dastehe, schon in ein paar Wochen hunderttausend
der tapfersten Krieger vor den Mauern Jerusalems, und in wenigen Wochen sollte
kein Stein über dem andern befestigt angetroffen werden. Aber weil der Herr
zuvor in der gottlosesten Stadt noch das größte Wunderzeichen wirken will, so
ist für die Zerstörung der bösen Stadt noch immer Zeit genug; denn so sich die
Menschen auf dies größte vom Herrn gewirkte Zeichen in ihrem argen, aber
dennoch freien Willen und ihrer Welt- und Selbstliebe zufolge dennoch nicht
bekehren sollten – was auch möglich ist –, so werden dann wir Römer kommen und
ihnen mit dem Schwert ein ganz anderes Evangelium vom Reiche des Teufels und
aller seiner Furien vorpredigen!
[GEJ.10_042,04] Da wird es nicht mehr heißen:
,Der Friede sei mit euch!‘, sondern: ,Der Tod komme über euch, weil ihr die
Zeit, in welcher Gott der Herr Selbst euch persönlich heimgesucht hat, nicht
habt erkennen wollen!‘
[GEJ.10_042,05] Wir aber seien darum nun
heiter und fröhlich; denn alles, was der Herr will, tut oder zuläßt, ist über
alle unsere Begriffe endlos weit hinaus gut! Und wir können nun ganz heitern
Mutes uns nach Hause begeben und ein sicher bestbereitetes Morgenmahl zu uns
nehmen, so es Dir, o Herr, genehm ist?“
[GEJ.10_042,06] Sagte Ich: „Allerdings, denn
unseres Wirtes Diener haben alles aufgeboten, um ein bestes Morgenmahl für uns
zu bereiten; auch dein Weib und deine Tochter haben sich bald nach dem Abzuge
der Jünger zu des Wirtes Weib begeben, um dort von Mir Kunde zu erhalten, und
haben sich an der Bereitung des Morgenmahles sehr eifrig beteiligt. Und so
können wir nun schon aufbrechen und uns gemach in die Herberge begeben; aber
wir wollen uns außerhalb der Stadt auf einem kleinen Umweg dahin begeben, auf
daß wir in der Stadt nicht zu viele Menschen auf uns aufmerksam machen und sie
uns dann massenhaft folgen!“
[GEJ.10_042,07] Das war dem Hauptmann ganz
recht, und wir betraten den vorgeschlagenen Weg.
[GEJ.10_042,08] Auf dem Wege erst
verwunderten sich die Jünger über die Weisheit des Hauptmanns, und Simon Juda
sagte: „Das hat ihm auch nicht sein Fleisch und Blut gegeben, sondern der Herr,
– aber auf einmal mehr als uns, seitdem wir um Ihn sind; der Herr aber wird es
schon wissen, warum!“
[GEJ.10_042,09] Sagte Ich: „Weil dieser Mir
auf einmal mit mehr entgegengekommen ist denn ihr, seitdem ihr um Mich seid!
Aber so nach Meiner Verklärung Mein Geist eure Herzen erfüllen wird, da werdet
schon auch ihr in alle Weisheit geleitet werden!“
[GEJ.10_042,10] Mit dem waren denn Meine
Jünger auch zufrieden und wurden alle heiteren Gemütes; denn die Rede des
Hauptmanns hatte auf sie einen guten Eindruck gemacht, der dann eine längere
Zeit bei ihnen anhielt, aber freilich nach und nach an seiner Stärke wieder
verlor.
[GEJ.10_042,11] Wir erreichten nun unsere Herberge,
vor der sich der Jünger Judas Ischariot mit einigen Juden unterhielt. Als er
unser ansichtig wurde, da begab er sich ins Haus und ließ die Juden stehen;
denn der Geruch der Speisen hatte ihn schon zu sehr angezogen.
[GEJ.10_042,12] Es wollten aber auch die
etlichen Juden ins Haus treten; da aber sagte der Wirt: „Freunde, den
beschränkten Raum meiner Herberge kennet ihr; darum bleibet vorderhand hier im
Vorhofe, und so ihr etwas haben wollt, so wird es euch schon zugemittelt
werden! Haben wir das Morgenmahl verzehrt, so wird es dann schon noch eine Zeit
geben, in der ihr euer Anliegen vorbringen könnt; doch während des Mahles laßt
uns in Ruhe!“
[GEJ.10_042,13] Auf das blieben die Juden im
Vorhofe und ließen sich gegen Bezahlung von sechs Pfennig etwas Brot und Wein
geben.
43. Kapitel
[GEJ.10_043,01] Wir aber gingen in das
Speisezimmer, in welchem Mir des Hauptmanns Tochter mit der größten
Freundlichkeit entgegenkam und Mir dankte für die Gnade, daß sie noch einmal
würdig sei, Mich zu sehen und Mir die von ihr bereiteten Speisen zum Genusse
vorzusetzen.
[GEJ.10_043,02] Ich belobte sie und setzte
Mich zum Tische, und die Tochter setzte Mir in einer goldenen Schüssel mehrere
bestbereitete Fische vor und ein weißestes Weizenbrot und den Goldbecher voll
Weines. Für die andern aber ward ein ganzes Kalb gebraten und in mehreren
Schüsseln vor die Jünger gesetzt.
[GEJ.10_043,03] Für den Hauptmann, für die
auch anwesenden Unterdiener und für das Weib und die Tochter aber ward nach der
Römer Sitte gekochtes Rindfleisch samt der sehr würzig duftenden Brühe
aufgetragen. Und allen schmeckte das Morgenmahl überaus gut, und mit dem Wein
und Brot wurde nicht gespart.
[GEJ.10_043,04] Mich fragte die Veronika, ob
Mir die von ihr bereiteten Fische wohl schmeckten.
[GEJ.10_043,05] Und Ich sagte: „Siehe her, ob
Ich etwas in der Schüssel gelassen habe! Eine jede Speise schmeckt Mir wohl,
die Mir die Liebe der Menschen bereitet; und du hast für Mich diese Fische
edelster Sorte aus dem Galiläischen Meere mit dem Feuer deiner Liebe bereitet,
und sie haben Mir darum denn auch überaus wohl geschmeckt!
[GEJ.10_043,06] Ich hätte zwar nicht nötig,
bei euch Menschen die Kost für Meinen Leib zu nehmen; aber Ich nehme sie
dennoch aus Liebe zu ihnen. Denn sie können Mir ja nichts geben, was Ich ihnen
nicht zuvor gegeben habe; aber so sie es Mir mit wahrer Liebe wiedergeben, was
Ich ihnen zuvor gegeben habe, so nehme Ich es auch also mit aller Liebe und
rechten Herzensfreude an, als hätten sie es Mir wie von ihrem Eigentume
dargebracht.
[GEJ.10_043,07] Das gilt aber auch, so du Mir
zuliebe einem armen Menschen etwas gibst; denn was jemand aus wahrer Liebe zu
Mir und daraus auch zum Nächsten eben einem Bedürftigen tut, das nehme Ich ganz
also, als hätte er es Mir Selbst getan, und Ich werde es ihm vergelten hier und
jenseits.
[GEJ.10_043,08] Diese Meine Worte merke dir
recht wohl und tue danach, so wirst du stets Meiner vollen Liebe gewärtig sein!
Aber du hast ja auch einmal derlei Fische sehr gerne gegessen; warum hast denn
du heute nicht auch für dich welche bereitet?“
[GEJ.10_043,09] Sagte die Veronika etwas
verlegen: „Ja, Herr und Meister, ich hätte das schon getan; aber es fanden sich
in unseren Fischbehältern keine mehr vor, und selbst diese Dir dargebrachten
vier müssen durch ein Wunder hineingekommen sein! Denn unser Speisediener sagte
mir das selbst, als ich ihn um Fische fragte, und er meinte, daß gar keine
darin sein würden; da er aber dennoch nachsehen ging und diese Fische darin
fand, da auch eben sagte er: ,Wahrlich, das ist ein Wunder; denn ein paar Monde
lang sind schon keine Fische mehr darin zu sehen oder wahrzunehmen gewesen!‘
Und ich glaube das dem Diener, da ich ihn noch nie bei einer Lüge ertappt habe;
und so sind diese Fische wahrlich auch ein Wunder, und ich habe Dir, o Herr,
demnach wahrlich auch nur das gegeben, was Du mir zuvor gegeben hast!“
[GEJ.10_043,10] Sagte Ich: „Meine liebe
Veronika, es mag sich mit deinen Fischen schon also verhalten zum Teil, wie du
nun glaubst; denn Meine Gabe sind sie in jedem Fall, wenn auch hier eben keine
gar so wunderbare, wie du das behauptet hast. Euer Fischbehälter ist schon sehr
alt und hat mehrere Winkel, in denen sich derlei Fische ganz wohl auf eine
längere Zeit verstecken können und dann zu einer gewissen Zeit wieder zum
Vorschein kommen, was denn auch mit deinen Fischen der Fall war; aber daß sie
sich eben bis auf diesen Tag verkrochen haben und sie niemand finden konnte,
das war so Mein Wille.
[GEJ.10_043,11] So du aber eine Liebhaberin
von derlei Fischen bist, da sende einen Diener zu eurem Fischbehälter, und es
werden sich sicher noch welche vorfinden! Und haben sich welche vorgefunden, so
bereite du sie zum Mittagsmahl für Mich, dich und auch für die andern! Wir
werden alle genug haben.“
44. Kapitel
[GEJ.10_044,01] Als die Veronika, der
Hauptmann und sein Weib und seine Unterdiener solches von Mir vernommen hatten,
da gingen sie, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, schnell zu dem sich in der
Nähe neben einer Brunnquelle – die auf dem Grunde des Wirtes sich befand –
befindlichen Fischbehälter, den der Hauptmann in Pacht hatte, da der Wirt
ohnehin nie mit Fischen versehen war, und fanden den ganzen Fischbehälter voll
der edelsten Fische.
[GEJ.10_044,02] Voll Staunens kamen alle bald
wieder zurück und sagten: „O Herr und Meister in Deinem Geiste schon von
Ewigkeit! Das ist wohl ein ganzes Wunder, und wir alle sehen es jetzt klar ein,
daß kein Mensch auf der ganzen Erde Dir etwas geben kann, das er zuvor nicht
von Dir erhalten hätte. Dir allen Dank für diese Gabe, wie auch für jede
andere; denn Du allein bist wunderbarst der ewige Geber aller Gaben, und wir
nur zu oft undankbarsten Menschen sind die Hauptempfänger! Darum Dir allein
alle Ehre, alles Lob, aller Preis und alle unsere Liebe!“
[GEJ.10_044,03] Sagte Ich: „Nun, nun, es ist
schon ganz gut und recht also; machet davon vor den Menschen aber dennoch
keinen Lärm!“
[GEJ.10_044,04] Sagte der Hauptmann: „Herr,
wir werden niemals gegen Deinen Willen etwas tun und unternehmen; doch das
erlaube mir, daß ich davon an viele meiner Freunde in Rom einen Geheimbrief
senden kann, – denn solche Dinge sollen vor den mir bekannten helleren Menschen
nicht verborgen bleiben!“
[GEJ.10_044,05] Sagte Ich: „Freund, für Rom
ist schon gesorgt, und dein Freund Agrikola, nebst mehreren seiner Gefährten,
kennt Mich noch um vieles besser denn du nun; aber für diese dir untergebene
Gemeinde magst du wohl in Meinem Namen sorgen, und Mein Lohn für dich wird
nicht unterm Wege verbleiben!
[GEJ.10_044,06] Redet aber auch da nicht zuviel
von Meinen besonders gewirkten Zeichen, aber dafür desto mehr von Meiner Lehre,
durch welche alle Menschen zum ewigen Leben in Meinem Reiche berufen sind! Denn
durch Meine Wundertaten allein wird niemand selig, sondern nur, so er an Mich
glaubt und nach Meiner Lehre lebt und tut.
[GEJ.10_044,07] Durch Meine Zeichen kann ein
Mensch wohl zum Glauben an Mich genötigt werden – was für seine Seele von
keinem großen Nutzen ist –, wer Mich aber aus Meinen Worten erkennt, an Mich
glaubt und nach Meiner Lehre lebt und handelt aus seinem ungezwungenen, völlig
freien Willen, der steht in Meinem Reiche um vieles höher als der, welcher
durch Meine Zeichen zum Glauben an Mich und Meine Lehre ist gezogen worden. Das
merket euch wohl und machet kein zu großes Aufheben von Meinen Zeichen!
[GEJ.10_044,08] In dem der Geist der Wahrheit
vorherrschend ist, der wird die Wahrheit Meiner Worte auch ohne irgendwelche
äußeren Zeichen erkennen und wird in dieser Wahrheit vollends frei werden und
alle Knechtung von sich weisen.
[GEJ.10_044,09] Meine Lehre wird bleiben und
ewig nimmerdar vergehen; aber alle Zeichen, die Ich gewirkt habe und noch
wirken werde, werden nur mit der Zeit gleich also wie eine andere
geschichtliche Erzählung sich zum größten Teil von Mund zu Mund mit manchen
Umgestaltungen und Verfälschungen hie und da erhalten und in der späteren Zeit
bei den aufgeklärteren Menschen wenig oder auch gar keinen Glauben finden. Doch
aus der reinsten Wahrheit Meiner Lehre werden die Menschen auch in den
spätesten Zeiten leicht innewerden, wer Der war, der sie den Menschen gegeben
hat. Darum machet auch nun schon nicht zu viel Aufhebens von Meinen Taten,
außer von jenen Meiner Liebe!“
[GEJ.10_044,10] Das machte eine gute Wirkung
bei den Römern, die sonst wohl auf die Zeichen und Wunder die größten Stücke
hielten, aber durch diese Meine Belehrung zu einer ganz anderen und besseren
Ansicht gekommen sind.
45. Kapitel
[GEJ.10_045,01] Ein Unterdiener, auch ein gelehrter
Römer, sagte dennoch nach einer Weile tieferen Nachdenkens: „Herr und Meister,
Ich sehe die Wahrheit Deines uns hier erteilten, weisesten Rates wohl ein, kann
aber doch nicht umhin, hier eine kleine Gegenbemerkung zu machen!
[GEJ.10_045,02] Wenn man bei der
Weiterverbreitung Deiner Lehre von Deinen Zeichen und Taten, die zu bewirken
nur einem Gott möglich sind, kein Aufheben machen soll, so erscheinst Du dem
gewöhnlich nur natürlich denkenden Menschen auch nur als ein wohl recht weiser
Volkslehrer, der aus den besten Vernunftgründen schöpfend den Nebenmenschen
auch die besten Lehren gibt, ohne darum ein Gott zu sein. Denn es hat ja unter
allen uns bekannten Völkern, besonders in den lange schon vergangenen Zeiten,
gar sehr weise Lehrer gegeben, welche die Menschen in allerlei nützlichen
Dingen unterrichtet und ihnen auch die Begriffe von einem Gott beigebracht
haben, die mit der Zeit freilich sehr verunstaltet worden sind.
[GEJ.10_045,03] Diese Lehrer sind sicher auch
von Deinem Geiste für ihr Amt unterwiesen worden, aber sie waren darum doch
nicht Du unmittelbar Selbst, und so war es denn auch leicht möglich, daß ihre
Lehren nicht als ein lebendiges Gotteswort betrachtet worden sind, sondern nur
für aus der Erfahrung und aufmerksamen Beobachtung der Natur und ihrer
wechselweisen Erscheinungen vieler Menschen durch viele Jahrhunderte als ein
weises Menschenwort angesehen und zum Nutzen der Menschen ins praktische Leben
so oder so aufgenommen wurden.
[GEJ.10_045,04] Der Bergmann lernte die
Metalle kennen und bearbeiten; der Landmann fing an, die Felder mit Getreide
anzubauen; der Gärtner veredelte die Obstbäume, die Reben und noch andere
Früchte und heilsame Kräuter; der Hirte fing auf eine geordnete Weise an, seine
Herden zu pflegen; man fing an, bessere Wohnhäuser und am Ende große Städte zu
erbauen, und fing auch an, den Leib stets zweckmäßiger zu bekleiden.
[GEJ.10_045,05] Und alle diese Lebensvorteile
und viel anderes hatten die Menschen einzelnen urweisen Lehrern zu verdanken,
und wir selbst sind ihnen sicher auch noch vielen Dank schuldig, indem wir ohne
sie noch jenen höchst rauhen und ganz überbarbarisch wilden Skythenhorden
glichen, die mit ihren wilden Tierherden in den Erdhöhlen und alten, hohlen
Bäumen wohnen, keine eigentliche Sprache haben, sondern den Tieren des Waldes
gleich heulen und von einer Gottheit keinerlei Begriff haben und ebenso nicht
von einer sonstigen Bildung.
[GEJ.10_045,06] Bei diesen Völkern ist sicher
noch nie ein weiser Lehrer aufgestanden, weshalb sie sich denn auch noch in
einem Zustande befinden, der sich von dem der wilden Tiere des Waldes wenig
unterscheidet. Wenn unter ihnen auch einmal ein oder mehrere weise Lehrer
aufstehen werden, so werden sie auch nach und nach zu einer höheren
Menschenbildungsstufe gelangen; aber wenn so ein Lehrer für sein Volk auch noch
so weise Lebensgrundsätze aufstellen und dadurch sein Volk erheben wird, – wird
er darum Dir gleich ein allein wahrer Gott sein, und wird er vermögen, bloß
durch seinen Willen und durch sein lebendiges Wort Kranke zu heilen, leere
Schläuche mit dem besten Weine und die Teiche mit Fischen zu füllen in einem
Augenblick?!
[GEJ.10_045,07] Es ist daher nun ein
himmelhoch großer Unterschied, ob die Menschen von einem erweckten
Menschenlehrer oder – wie es nun hier der augenscheinlichste und
handgreiflichste Fall ist – unmittelbar von Gott Selbst über alles belehrt
werden!
[GEJ.10_045,08] Darum sollten aber die
Menschen nach meiner menschlich vernünftigen Ansicht nicht nur allein Deine
allerweiseste und wahrheitsvollste Lehre überkommen, sondern auch erfahren, daß
diese Lehre nicht aus dem Munde eines weisen Menschen, wie in den Urzeiten,
sondern unmittelbar aus dem Munde Gottes kam, der nach Seinem ewigen
Ratschlusse die Menschennatur und -gestalt körperlich annahm, aber dabei durch
diese nur Gott allein möglichen Taten, für welche Tausende von Zeugen bürgen
können, mehr als handgreiflich klar bewies, daß er kein Mensch, sondern der
vollsten und unbezweifeltsten Wahrheit nach der allein eine Gott Selbst war!
[GEJ.10_045,09] Um den blinden Menschen, die
von der eigentlichen Lebenswahrheit noch lange nicht einen leisesten Begriff
haben, das begreiflich und anschaulich zu machen, kann und darf man Deine
Wundertaten nicht verschweigen, sondern muß sie auch treu und wahr, wie, wo und
bei welchen Gelegenheiten sie von Dir gewirkt worden sind, den Menschen mit der
Heilslehre verkünden.
[GEJ.10_045,10] Ich will gerade auch nicht
behaupten, daß man gar alles den Menschen überliefern soll, was Du gewirkt hast
an den vielen Orten, die Deine göttlichen Füße betreten und besucht haben; aber
der Haupttaten darf nicht vergessen werden!
[GEJ.10_045,11] Ob die gar späteren Menschen
sie auch vielleicht nur als pure fromme historische Mythen betrachten werden,
so macht das nach meiner Ansicht eben nicht viel der Wahrheit der Lehre
Nachteiliges aus. Denn wer in der Lehre die Göttlichkeit Deiner Person
herausfinden wird, dem werden Deine Taten auch als wahr und wohlbegreiflich
vorkommen; wer aber Deine Lehre Deiner vor uns gewirkten Taten wegen, weil sie
ihm etwa zu unglaublich vorkämen, nicht annehmen wird, der wird auch ohne die
Wissenschaft (Kenntnis) von Deinen Taten die Lebenswahrheit in Deiner Lehre
ebensowenig finden, wie sie bis jetzt die Templer zu Jerusalem und die
Pharisäer an andern Orten gefunden haben! – Herr und Meister, habe ich recht
oder nicht?“
46. Kapitel
[GEJ.10_046,01] Sagte Ich: „Du hättest hier
nicht so viele Worte zu machen brauchen, und Ich hätte den guten Willen und den
reinen Sinn deiner ganz klaren Vernunft auch verstanden. Aber weil du schon
einmal geredet hast, so ist es auch gut der andern wegen, weil du ganz gut
geredet hast!
[GEJ.10_046,02] Ich sagte ja auch nicht, daß
der, welcher Meine Lehre irgend andern Menschen verkünden wird, Meiner Taten
gar keine Erwähnung machen soll, aber nur solle davon nicht ein zu großes
Aufheben gemacht werden, und dann sollen nur jene Taten vorzugsweise erwähnt
werden, die Ich aus purer Liebe den Menschen erwiesen habe als ein Arzt und
Helfer in der größten Not eines oder auch mehrerer Menschen.
[GEJ.10_046,03] Von jenen Taten aber, die Ich
– zwar auch aus Liebe zu den Menschen – gewirkt habe, um sie schneller von der
Wahrheit Meiner Lehre zu überzeugen –, was nur in dieser Zeit besonders not
tut, nicht aber in den künftigen Zeiten, in denen Mein Wort schon für und aus
sich Zeichen wirken wird –, soll eben kein Aufheben gemacht werden. Denn das
würde die Menschen bald mehr nach allerlei Wundern sehnsüchtig und lüstern
machen, als nach der wahren Lebenswirkung Meiner Lehre im Menschen; und
wundersüchtige Menschen sind dann auch durch falsche Wunder, die von falschen
Lehrern und Propheten verübt werden, sicher um vieles eher und leichter von der
eigentlichen und inneren Lebenswahrheit abwendig zu machen denn jene, die alles
scharf prüfen und nur das Gute und Wahre für sich behalten.
[GEJ.10_046,04] Ich werde allen, die an der
Wahrheit Meiner Lehre ungezweifelt und tatsächlich festhalten, schon ohnehin
die Macht geben, in Meinem Namen allerlei Zeichen der reinen Liebe zu wirken,
und es wird demnach Mein Wort schon von selbst Wunder wirken, was zur
Ausbreitung Meiner Lehre sicher dienlicher sein wird, als so ihr alle die
vielen tausend von Mir gewirkten Zeichen den Menschen vorerzählen möchtet.
[GEJ.10_046,05] Aber so euch aus dem
lebendigen Geiste Meines Wortes die Gabe, Zeichen zu wirken, zuteil wird, so
sollet ihr es auch nicht zu offen und zu bunt damit treiben, denn dadurch
würdet ihr der guten Sache der Wahrheit Meiner Lehre bei weitem mehr schaden
als nützen. Denn alles Aufgedrungene und Aufgenötigte erweckt Meinen Geist in
der Seele nicht oder hie und da nur so teilweise.
[GEJ.10_046,06] Nur die freie, selbst
erwählte und unaufgezwungene Wahrheit, die das eigentliche Licht und Leben
Meines Liebegeistes in der Menschenseele ist, vermag das. Darum vor den
Menschen, die nach der Wahrheit dürsten, nur so wenig Wunder als möglich, wollt
ihr nicht halbtote Glaubenspuppen aus ihnen bilden!
[GEJ.10_046,07] Habt ihr aber schon vor den
mehr in allerlei Weltwissenschaften erfahrenen Menschen ein oder das andere
Zeichen gewirkt, so versäumet es niemals, ihnen auch den Grund des Gelingens zu
zeigen, auf daß dadurch auch ihr Glaube an Mich ein lebendiger werde! Der Grund
aber bin allzeit nur Ich, ohne den keiner etwas Wahres zu bewirken vermag.
[GEJ.10_046,08] Wie aber den Menschen von
einem schon helleren Geiste und kräftigeren Willen das zu erklären ist, darüber
braucht keiner von euch sich den Kopf zu zerbrechen; denn wenn jemand von euch
dessen benötigen wird, da wird es ihm schon auch von Wort zu Wort in den Mund
gelegt werden! Denn die Mich lieben und Meine Gebote halten werden, zu denen
werde Ich im Geiste aller Wahrheit Selbst kommen und Mich ihnen offenbaren. Die
werden es dann schon von Mir Selbst erfahren, was Ich alles in dieser Zeit
gelehrt und gewirkt habe.
[GEJ.10_046,09] Denn wolltet ihr nun das
alles in die Bücher schreiben mit allen Umständen und Seitenbegebnissen, so
würdet ihr dazu auf hundert Jahre lang mehr denn tausend Schreiber benötigen;
und so dann alles in beinahe zahllos viele und große Bücher aufgezeichnet wäre,
wer würde sie da alle durchlesen und dabei aber auch gleich nach Meiner Lehre
tun können, die er aus den vielen Büchern selbst in mehreren hundert Jahren
kaum flüchtig durchlesen könnte? Aus dem werdet ihr nun alle wohl einsehen,
warum ihr aus Meinen gewirkten vielen Zeichen kein großes Aufheben machen
sollet! Die Wahrheit wird schon für sich wirken.
[GEJ.10_046,10] Habt ihr dieses nun
verstanden, so lasset uns ins Freie gehen, und Ich werde euch stärken und dann
sagen, was heute noch alles zu geschehen hat!“
[GEJ.10_046,11] Hier lobten alle Meine
Weisheit, erhoben sich samt Mir vom Tische und gingen mit Mir ins Freie auf
einen Hügel in der Nähe der Stadt Pella.
47. Kapitel
[GEJ.10_047,01] Als wir uns allesamt auf dem schon
besagten Hügel befanden, von dem aus man einen Teil des Galiläischen Meeres
sowie auch die Städte Abila, Golan und Aphek übersehen konnte, da legte Ich
allen Anwesenden die Hände auf und erteilte ihnen die Macht, durch das Auflegen
der Hände in Meinem Namen allerlei Kranke zu heilen und aus den Besessenen die
bösen Geister auszutreiben.
[GEJ.10_047,02] Auf diese Handlung fragte
Mich der Hauptmann, sagend: „Herr und Meister, ich habe schon zu mehreren Malen
Menschen gesehen und beobachtet, die sich ganz absonderlich benahmen und
gebärdeten. Eine Zeitlang waren sie ganz ruhig, und befragte ich sie um dies
und jenes, so gaben sie ganz vernünftige Antworten, und man merkte nichts von
irgendeiner geistigen Verrücktheit. Aber auf einmal wurden sie von irgendeiner
unsichtbaren Macht ergriffen, verzerrten ihr ganzes Wesen, fingen an zu toben
und arteten aus in allerlei gräßliche Lästerungen gegen selbst die allbekannt
besten Menschen und gegen die Götter oder über den einen Gott der Juden und
gegen die Propheten, schlugen sich jämmerlich mit den Fäusten, und wollte man
sie mit Gewalt bändigen, so brachen sie in eine schaudererregende Lache aus,
und wer auf sie die Hand legte, der kam schlecht zu Teile.
[GEJ.10_047,03] In der von hier eben nicht
weit entfernten alten Gräberstadt Gadara kannte ich zwei, mit denen eine ganze
römische Legion wenig oder nichts auszurichten vermochte. Sie hielten sich in
den alten Gräbern auf und waren den Reisenden und auch den Einheimischen eine
große Plage. Fing man sie und band sie mit Ketten und Stricken, so half das
nichts; denn so sie von der geheimen Macht ergriffen wurden, da zerrissen sie
selbst die stärksten Ketten und Stricke in einem Moment, schlugen sich und auch
die andern, die sich ihnen zu nahen wagten, und so sie mit Soldaten umfangen
wurden, da wurden diese mit Steinen derart beworfen, daß sie nicht schnell
genug die Flucht ergreifen konnten, um nicht auf das furchtbarste verstümmelt
zu werden. Und schoß man mit scharfen Pfeilen aus der Ferne nach ihnen, so
lachten sie; denn selbst die besten und geübtesten Bogenschützen brachten
keinen Pfeil in ihre Nähe.
[GEJ.10_047,04] Das waren doch sicher von
sehr bösen Dämonen besessene Menschen? Wer und was sind diese Dämonen, und warum
wird es zugelassen, daß die an sich oft allerharmlosesten Menschen, ja mitunter
sogar unschuldige Kinder von ihnen gequält werden?“
[GEJ.10_047,05] Sagte Ich: „Von allem dem,
danach du fragst, sind Meine Jünger und auch schon mehrere deiner Freunde in
Rom und auch andernorts völlig unterwiesen, und du wirst darüber auch noch zur
rechten Zeit ins klare kommen. Es genüge dir vorderhand nun, daß von Mir auch
dir die Macht erteilt ist, derlei arge Geister aus den Menschen zu treiben
durch die Macht und Kraft, die in Meinem Namen waltet; das aber, darum du Mich
nun gefragt hast, wirst du von denen zunächst erfahren, die von dir geheilt
werden, und vieles kannst du von Meinen Jüngern, die Zeugen waren, als Ich die
Besessenen in Gadara geheilt habe, erfahren.“
[GEJ.10_047,06] Als der Hauptmann solches von
Mir erfahren hatte, da dankte er Mir für die Stärkung, gleichwie auch alle die
andern bis auf den Judas Ischariot, der nicht auf diesen Hügel mit uns gezogen
war, sondern sich unterdessen in der Stadt herumtrieb, um sich bei allen denen,
die Ich geheilt hatte, ein sogenanntes Trinkgeld zu erbetteln, – eine
Beschäftigung, die bei ihm nichts Neues oder Seltenes war; denn er war und
blieb ein ordentlicher Dieb und Mäkler. Es erkundigte sich auch weiter niemand um
ihn, und er ging auch niemandem ab.
48. Kapitel
[GEJ.10_048,01] Als Mir alle vielfach ihren
Dank für die ihnen erteilte Kraft und Macht abgestattet hatten, da kamen ein
paar Bürger aus der Stadt zu uns auf den Hügel. Der eine war der bekannte
griechische Wirt, und der andere, sein Nachbar, war ein Römer und seiner
Profession nach ein Schmied, der sich auch dann und wann mit der Heilung
kranker Tiere und zuweilen auch kranker Menschen, besonders der Halbnarren und
der mit der Epilepsie Behafteten, mitunter heilbringend abgab.
[GEJ.10_048,02] Gerade an diesem Morgen hatte
man aus der nahen Stadt Abila zwei nach des Schmiedes Meinung mit der
dreifachen Epilepsie behaftete, noch junge Menschen zwischen zwanzig und nahe
dreißig Jahren Alter in die Herberge des Griechen gebracht, um sie dort von dem
Schmied heilen zu lassen. Der Schmied versuchte auch sogleich seine Mittel;
aber sie fruchteten nichts, und die beiden fingen darauf erst recht zu toben an
und stießen gegen den Schmied und auch gegen den Wirt die schmählichsten
Lästerungen aus und drohten, ihnen zu schaden in allem ihrem Handeln und an
Leib und Leben.
[GEJ.10_048,03] Da sagte der ganz durch und
durch erschrockene Wirt zum Schmied: „Der große Herr und Meister, der mit aller
göttlichen Kraft und Macht erfüllt sein muß, ansonst Er gestern nachmittag
nicht so viele mit den sonst unheilbarsten Krankheiten behaftete Menschen
vollkommen geheilt hätte, wird sicher noch hier sein; gehen wir Ihn aufsuchen!
In der Judenherberge werden wir Ihn wohl erfragen.“
[GEJ.10_048,04] Darauf eilten sie zur
Judenherberge, fragten nach Mir, und es ward ihnen gesagt und gezeigt, wo Ich
Mich aufhalte. Von da kamen sie denn auch sehr eiligen Schrittes zu Mir und
erzählten Mir alles, was sich an diesem Morgen bei ihnen zugetragen hatte.
[GEJ.10_048,05] Und Ich sagte zu ihnen: „Das
sind keine von der Epilepsie Befallene, sondern das sind zwei gar arg besessene
Menschen; in dem einen befinden sich fünf arge Geister und in dem andern,
welcher der ältere ist, gar siebzehn. Bringet sie hierher, und es soll ihnen
hier geholfen werden!“
[GEJ.10_048,06] Sagte der Wirt: „O Herr und
Meister, das wird etwas schwer halten; denn die beiden sind ganz entsetzlich
unbändig und so stark, daß keinen von ihnen zwanzig starke Menschen festhalten
können und sie auch niemanden an sich herankommen lassen!“
[GEJ.10_048,07] Sagte Ich: „Wie sie von Abila
zu euch gebracht worden sind von ihren Leuten, ebenso werden sie von denselben
Leuten auch hierher gebracht werden können. Darum gehet und bringet sie hierher!“
[GEJ.10_048,08] Auf das gingen der Wirt und
der Schmied gleich wieder nach Hause und hinterbrachten das sogleich denen,
welche die beiden Besessenen von Abila nach Pella gebracht hatten; und diese
versuchten, die beiden Besessenen zu Mir zu bringen.
[GEJ.10_048,09] Aber diese wollten anfangs
nicht, und mehrere wohlunterscheidbare Stimmen ließen sich aus dem Munde der
beiden also vernehmen: „Was haben wir mit dem Sohn des allerhöchsten Gottes zu
tun? Sollen wir uns vor der Zeit von der Macht Seines Willens und Wortes quälen
lassen?“
[GEJ.10_048,10] Sagte aber nun der Wirt: „So
ihr durchaus nicht gehen wollt, so werdet ihr durch Seine Allmacht wohl dazu
genötigt werden, und euer Widerstreben wird euch kein nütze sein!“
[GEJ.10_048,11] Da schrien alle Argen aus den
zweien: „Das wissen wir wohl, daß wir der Macht Seines Willens nimmerdar
widerstreben können; aber Trotz bieten wollen wir demselben, so lange, als es
nur immer möglich sein wird!“
[GEJ.10_048,12] Sagte der Wirt nun: „Höret,
ihr argen Geister, die ihr euch erfrecht, dem allmächtigen Willen des Herrn zu
trotzen; jetzt will es der Herr und ihr erhebet euch und gehet!“
[GEJ.10_048,13] Als der Wirt diese Worte, mit
denen Ich ihm fühlbar als mit Meinem Willen den seinen unterstützt habe,
ausgesprochen hatte, da erhoben sich die beiden und ließen sich von ihren
Leuten, die dem Wirte und dem Schmied folgten, gleich ohne alles Sträuben zu
Mir hinführen.
49. Kapitel
[GEJ.10_049,01] Als sie bei Mir ankamen, da
sagte der Wirt: „Herr und Meister von Ewigkeit, hier sind die beiden! Es hatte
seine Not mit ihnen, sie hierher zu bringen; nur der Macht Deines Willens
konnten sie nicht widerstreben.“
[GEJ.10_049,02] Sagte Ich: „Es ist gut, daß
sie hier sind, auf daß ihr den Unterschied zwischen den sogenannten Narren, den
Epileptikern und den wirklich von argen Geistern Besessenen einmal ordentlich
kennenlernt.
[GEJ.10_049,03] Diese aber gehören zu den
schon sehr arg Besessenen und können von seiten der Menschen nur durch Beten
und vieles Fasten von den sie besitzenden wahren Philistergeistern befreit
werden; doch hier hat es weder des Betens noch des Fastens vonnöten.
[GEJ.10_049,04] Den Jüngeren, der nur mit
fünf Geistern behaftet ist, kann ein jeder von euch, die ihr von Mir gestärkt
worden seid, von seinen Geistern befreien; doch den Älteren, der mit siebzehn
Geistern besessen ist, würde von euch ohne Meinen besonderen Machtwillen
niemand von seiner argen Inwohnerschaft zu befreien vermögen, weil für diesen
Zweck euer aller Glaube noch zu wenig der wahr göttlich lebendigen Kraft
innehat. Diese wird euch erst dann werden, wenn ihr von Meinem Geiste völlig
durchdrungen sein werdet, – was bei euch nun noch nicht der Fall ist.
[GEJ.10_049,05] Ich aber bestimme nun dich,
Freund Pellagius, für den Jüngeren. Lege ihm in Meinem Namen deine Hände auf
und sage: Im Namen Jesu, des Herrn, gebiete ich euch, aus diesem Menschen uns
allen sichtbar zu fahren, und zwar in der Gestalt, die euch eigen ist aus eurer
alten hartnäckigen Bosheit!
[GEJ.10_049,06] So du, Freund, das tun wirst,
da werden die fünf Dämonen alsogleich aus dem Menschen, ihn für immer
verlassend, herausfahren. Gehe denn hin und tue das!“
[GEJ.10_049,07] Da ging der Hauptmann hin zu
dem Besessenen und tat das, was und wie Ich es ihm angeraten hatte; und es
fuhren die fünf argen Geister in der Gestalt von fünf dampfartigen und mit
Fledermausflügeln versehenen Schlangen aus dem Menschen und flogen eine
Zeitlang über unseren Häuptern umher.
[GEJ.10_049,08] Und es ward eine Stimme, von
den Geistern ausgehend, von uns allen, also lautend, ganz klar vernommen:
„Herr, Du Allmächtiger, wann wird denn für uns hart Gefangene eine Erlösung
tagen?“
[GEJ.10_049,09] Sagte Ich: „Wenn euer Wille
ein anderer wird! So auch ihr Geister die Wahrheit kennt und euch das Licht des
Lebens nicht fremd ist, – warum bleibt ihr denn schon seit tausend Jahren nach
dieser Erdzeit an der alten Lüge und ihren Werken starren Eigenwillens hängen?
Ändert euren Willen und flehet Den, der ein Herr über alles von Ewigkeit her
ist und auch fortan ewig sein wird, um Gnade und Erbarmen an, so wird auch für
euch die Erlösung tagen!“
[GEJ.10_049,10] Sagten die Geister: „Herr,
wir wollen das; aber gib Du uns einen andern und bessern Willen, und erweise uns
also Deine Gnade und Erbarmung! Erlöse uns von dem alten Übel der Lüge und
ihrer Werke; denn auch wir sind Nachkommen Abrahams, wenngleich von Esau
abstammend!“
[GEJ.10_049,11] Sagte Ich: „Wie ihr selbst
wollet, also geschehe euch! Nun begebet euch wieder dahin, wohin euch eure
Liebe und euer Wille treibt!“
[GEJ.10_049,12] Sagten die Geister: „Herr,
wir verspüren in uns nun weder eine Liebe noch irgendeinen Willen! Darum laß Du
mit uns geschehen nach Deinem Willen und nach Deiner Gnade; denn wir sind unseres
Willens und unserer Liebe satt und müde geworden!“
[GEJ.10_049,13] Sagte Ich: „So erhebet euch
in jene Region dieser Erde, in der euch reinere Brüder weiterführen werden!“
[GEJ.10_049,14] Als Ich dieses ausgesprochen
hatte, da bekamen die fünf Geister Menschengestalten, wie aus lichteren
Wasserdünsten geformt, ergriffen sich und entschwebten darauf in der Gestalt
eines stets durchsichtiger werdenden und dann bald ganz verschwindenden und
nicht mehr sichtbaren Lämmerwölkchens.
[GEJ.10_049,15] Der von seinen fünf
Plagegeistern Befreite aber kam zu Mir hin und sagte: „O Herr und Meister, vor
allem danke ich Dir, daß Du mich von meiner großen Qual befreit hast; dann aber
bekenne ich als ein Heide, daß ich von nun an an keinen unserer vielen Götter
glauben und ihn verehren werde, sondern Du allein bist der Gott aller Götter,
Menschen und aller Kreatur dieser Erde, und alle Dämonen müssen ihre Knie
beugen vor Deinem Namen! Darum Dir allein ewig alle Ehre, alle Liebe und alles
Lob!
[GEJ.10_049,16] Und was ich nun laut
ausgesprochen habe, das beschwöre ich auch vor allen Menschen und vor allen
Göttern, an denen noch zahllos viele Menschen festhalten und ihnen opfern, die
aber nichts sind und keine Macht und keine Gewalt besitzen.
[GEJ.10_049,17] Sollte es aber noch
irgendeinen höheren Gott geben, gegen den ich mich nun durch dies mein
offenstes Bekenntnis irgend versündigt habe, so schleudere er einen Blitz aus
den Himmeln nach mir und töte mich!“
[GEJ.10_049,18] Seine Leute, die noch Heiden
waren, erschraken über den Schwur des jungen Menschen und erwarteten, daß der
Zeus das sehr übel aufnehmen und den Befreiten sicher mit einem Blitz aus dem
Himmel verderben werde.
[GEJ.10_049,19] Aber da kein Blitz kommen
wollte, so sagte der junge Mensch zu seinen Leuten: „Warum erwartet ihr eine
Strafe von dorther, von woher keine zu erwarten ist, da es keinen Zeus und noch
weniger einen Blitz in seiner Macht und Hand gibt und nie gegeben hat?
[GEJ.10_049,20] Sehet, Der hier, vor dem ich
dankbar knie, ist der wahre und allmächtige Zeus! So Er sagen würde, daß nun
sogleich tausendmal tausend Blitze aus den Wolken oder aus dem reinsten Himmel
zur Erde niederfahren sollen, so werden sie auch niederfahren und verderben,
was Er zum Verderben bestimmt hat.“
[GEJ.10_049,21] Sagte Ich zum Befreiten:
„Stehe auf, Mein Sohn, und bleibe bei deinem neuen Glauben, und du wirst
nimmerdar zu einem Schaden kommen! Aber lasset uns auch deinen Bruder von
seinen siebzehn Plagegeistern befreien!“
50. Kapitel
[GEJ.10_050,01] Als Ich das sagte, befiel die
anwesenden Heiden eine Furcht und große Angst; denn sie hatten schon vor den
fünf Geistern einen großen Respekt bekommen.
[GEJ.10_050,02] Ich aber erhob Mich schnell
von Meinem Platze, trat zum Besessenen hin und sagte mit aufgehobener Hand:
„Ich will es, und so fahret, allen Anwesenden sichtbar, aus den Eingeweiden
dieses Menschen, den zu besitzen und zu plagen ihr kein Recht habt!“
[GEJ.10_050,03] Da rissen sie den Menschen
noch ein paar Male, daß er darob zu Boden fiel, sich aber alsbald wieder erhob,
als die Arggeister in der Gestalt von kleinen, schwarzen Krokodilen ausfuhren.
[GEJ.10_050,04] Diese sahen viel dichter aus,
konnten sich nicht in die Luft erheben, sondern krochen am Boden umher,
richteten endlich gegen Mich ihre Rachen und kreischten Mich also grimmig an
(die Geister): „Was haben wir mit Dir zu tun? Wir kennen Dich nicht, haben auf
der Erde nie wider Deine Gesetze, die nie da waren, handeln können! Nach
welchem Recht willst Du uns nun züchtigen? Warum hast Du uns mit Deiner Übermacht
aus dieser unserer Wohnung getrieben, die wir schwer erobert haben?“
[GEJ.10_050,05] Sagte Ich: „Waret ihr nicht
Zeugen, als Ich auf dem Berge Sinai die Gesetze gab? Wer trieb euch damals an,
Mir zu trotzen, Meiner zu spotten, euch aus Gold ein Kalb zu machen und es dann
an Meiner Statt anzubeten? Ihr waret eben die Haupträdelsführer und habt viel
Volkes beredet und es von Mir abwendig gemacht; wie saget ihr nun, daß Ich euch
völlig fremd und unbekannt sei und euch auch niemals Gesetze gegeben hätte, nach
denen Ich nun mit Recht euch zu gebieten hätte?!
[GEJ.10_050,06] Was euch damals widerfuhr,
als Moses zu euch hinab ins Tal kam und im gerechten Zorneifer die steinernen
Gesetzestafeln zerschlug, das widerfahre euch auch jetzt. Darum hebet euch von
hier; denn für euch wird noch lange keine Erlösung tagen!“
[GEJ.10_050,07] Darauf fingen sie an, von uns
über die Steilen des Hügels jählings hinabzukriechen in einen sumpfigen und mit
allerlei Unkraut dichtbewachsenen Graben und machten ein Geheul und wildes Gekrächze.
[GEJ.10_050,08] Da sagte der Hauptmann zu
Mir: „O Herr und Meister, dieser Graben wird allen Bewohnern dieses Ortes zu
einem Unheil werden, so Du ihn nicht von diesen siebzehn Argdämonen reinigen
wirst; denn vor diesen wahren Bestialgeistern habe selbst ich mich zu fürchten
angefangen! Darum wolle Du sie nicht in diesem Graben weilen lassen!“
[GEJ.10_050,09] Sagte Ich: „Wartet nur ein
wenig, bis Ich mit dem Geheilten fertig bin, dann werden wir schon sehen, wie
sich dieser Graben reinigen lassen wird!“
[GEJ.10_050,10] Hierauf fiel auch der zweite
Geheilte vor Mir auf seine Knie nieder, dankte Mir für die Heilung von seiner
mehrjährigen Plage und machte dann das gleiche Glaubensbekenntnis, das sein
Bruder zuvor gemacht hatte, und bat Mich darauf, daß Ich der Bitte des
Hauptmanns eingedenk bleiben möchte; denn auch er könne nun nicht ohne Grauen
in diesen schmutzigen Graben hinabschauen.
[GEJ.10_050,11] Sagte Ich: „Nur eine kleine
Weile der rechten Geduld noch; denn wir wollen zuvor noch sehen, ob da nicht
einer der siebzehn Geister in einer andern Gestalt zurückkehrt und mit Mir zu
rechten anfängt! Denn auch diese Geister haben einen noch völlig freien
Willen.“
[GEJ.10_050,12] Sagte der Hauptmann: „Herr
und Meister, woher kommt es denn, daß diese Geister in der Gestalt mir
bekannter, ganz abscheulicher Tiere uns ersichtlich wurden? Die ersten fünf
haben freilich wohl ihre Gestalt am Ende geändert; aber die siebzehn blieben,
wie sie uns ersichtlich wurden, in ihrer gar grauenhaft häßlichen Gestalt und entfernten
sich von hier auch in derselben Gestalt. Woher kommt es also, daß solche
Geister in solcher Gestalt den Menschen ersichtlich werden?“
51. Kapitel
[GEJ.10_051,01] Sagte Ich: „Weil diese
Gestalt ihrer inneren bösen Gierliebe entspricht! Die geflügelte Schlange
entspricht zwar einem gewissen Grade der weltlichen Klugheit und kann mit der
feinen Kriegslist eines Feldherrn verglichen werden; aber so du diese Klugheit
näher betrachtest, so wirst du in ihr sehr wenig Nächstenliebe, aber an ihrer
Statt ungeheuer viel Selbstsucht, Herrschgier und zügellosesten Hochmut
entdecken. Und sieh, diese innere Seelenbeschaffenheit erscheint in Meinem
allerhöchsten Wahrheitslichte eben in einer solchen Gestalt, die ihr vollkommen
entspricht!
[GEJ.10_051,02] Denke du dir eine geflügelte
Schlange, wie es deren in Mittel- und Südafrika noch hier und da welche in der
Natur gibt und es zur Zeit der Philister in sehr heißen Jahren auch hierzulande
gegeben hat! Es ist schon schwer, mit einer ungeflügelten Schlange – ihrer
geheimen List wegen – einen Kampf aufzunehmen, und es ist die Flucht vor ihr
für den gewöhnlichen Menschen noch immer das beste Mittel, ihrer List zu
begegnen.
[GEJ.10_051,03] Bei der geflügelten aber
hilft gar oft auch die Flucht nichts, sondern nur ein ehernes Gewand und ein
scharfes Schwert in der Hand eines wohlgeübten Kämpfers. Und dieses eherne
Gewand ist hier Meine Liebekraft in euch, und das scharfe Schwert ist hier Mein
Wort, und die alles zu besiegen vermögende Wahrheit Meines Wortes ist der
wohlgeübte Kämpfer und ein wahrer Held aller Helden.
[GEJ.10_051,04] Aus dem kannst du nun schon
entnehmen, warum die ersten fünf Geister hier vor Mir in der Gestalt
geflügelter Schlangen erscheinen mußten; denn sie waren zur Zeit der Kriege der
Juden mit ihnen gar sehr verschmitzte Feldherren und hatten nichts als ihren
eigenen Nutzen, Gewinn und Ruhm vor Augen; denn ein jeder trachtete, für sich
ein Königreich zu gründen.
[GEJ.10_051,05] Der Mensch, den sie nun
einige Jahre lang geplagt haben, ist ein Abkömmling ihres Geschlechtes; sie
fanden in ihm ein großes Feldherrntalent noch im tiefen Schlummer, beschlichen
darum seine Eingeweide, um dieses besagte Talent, durch das sie ihn mit der
Zeit gar auf den Thron Roms zu bringen wähnten, in ihm zu wecken, was ihnen
aber nicht gelingen konnte, weil sie durch ihr Gebaren mit seinem Leibe die in
der Seele schlummernden Fähigkeiten nur schwächten, aber nicht belebten.
[GEJ.10_051,06] Man ließ ihnen zu, ihren
Willen an dem Menschen zu versuchen, um sie selbst zu der Überzeugung zu
bringen, daß ihr Vorhaben ein eitel törichtes und nach ihrer finsteren List ein
unausführbares ist.
[GEJ.10_051,07] Da sie es darob in dieser
letzteren Zeit aber mit dem Menschen in ihrem Grimme zu arg haben zu treiben angefangen,
so war es denn auch an der Zeit, ihn von ihnen völlig zu befreien.
[GEJ.10_051,08] Und es war das alles wohl
vorgesehen und gut für diesen Menschen und auch für die fünf Geister; denn der
Mensch hat auf diesem Wege Mich und mit Mir das ewige Leben seiner Seele
gefunden, und die fünf Geister sind bei dieser Gelegenheit von der alten
Torheit ihrer nichtigen und nie zu realisierenden Gier geheilt worden und haben
den Weg in die Demutschulen der schon besseren Geister betreten. – Da hast du
nun in Kürze alles, was die fünf ersten Geister betrifft.“
52. Kapitel
[GEJ.10_052,01] (Der Herr:) „Was aber da
betrifft die Gestaltung der siebzehn Geister, so entspricht diese der nie zu
sättigenden Freßgier eben der Tiere, in deren Gestalt sie hier ersichtlich werden
mußten.
[GEJ.10_052,02] Als Ich auf dem Berge Sinai
dem Moses unter Blitz, Donner, Feuer und Rauch für das israelitische Volk
zunächst die Gesetze diktierte, da verlangte Moses auf Mein Geheiß von dem
gefräßigen Volk unter Hinweisung auf Meine Gegenwart eine gerechte
Nüchternheit, auf daß ihre Seelen aufnahmefähiger für die Wahrheiten wären, die
ihnen vom Berge herab verkündet würden.
[GEJ.10_052,03] Das Volk aber bat Moses und
durch ihn auch Mich, daß es wegen der großen Furcht und Angst ob des beständigen
Blitzens, Donnerns und ob des Feuers und Rauches sich vom Berge in ein fernes
Tal hin zurückziehen dürfe; es werde sich allda ganz nüchtern verhalten, und
Moses mit seinem Bruder Aaron möchten allein mit Mir die große Sache abmachen.
[GEJ.10_052,04] Auf ein längeres Bitten und
Drängen des einen großen Volksteiles ward die Gewährung dessen Verlangens
erteilt. Der große Teil des Volkes zog sich denn auch sogleich mit allen seinen
Habseligkeiten in ein vom Berge ziemlich weit entlegenes Tal. Einige Wochen
hielt er sich wohl so ziemlich dem Verlangen des Moses entsprechend. Da aber
Moses verzog, so fing das Volk an, seiner und Meiner zu vergessen, schlachtete
Kälber und Schafe und hielt Mahlzeiten über Mahlzeiten.
[GEJ.10_052,05] Da trat einer von diesen
siebzehn auf und verlockte das Volk; denn er goß mit Hilfe der andern ein
goldenes Kalb, lud das Volk zusammen, und sagte: ,Das ist unsere Hauptkost, und
ihr verdanken wir das Leben in dieser mageren Wüste, in der unsere Herden nur
mit Mühe kaum ihr hinreichendes Futter finden! Dieses kostbare Symbol lasset
uns hoch verehren und anbeten! Bestellet nun Mahlzeiten über Mahlzeiten, und
lasset uns um dieses Symbol fröhlich und heiter sein! Dann erwählet uns zu
euren Heerführern, und wir werden euch eher in ein fettes Land zu führen
imstande sein denn der unser ganz vergessen habende Moses mit seiner Lade! Wir
haben es in Ägypten von den schlauen Krokodilen erlernt, wie man zu verfahren
hat, um für sich eine gute Beute zu erjagen; darum folget uns, und es wird uns
an fetten Mahlzeiten nicht fehlen!‘
[GEJ.10_052,06] Und siehe, viele ließen sich
verleiten, daß sie taten, was diese Haupträdelsführer ihnen anrieten!
[GEJ.10_052,07] Ich aber ließ Moses zu ihnen
kommen, als eine Menge um das goldene Kalb tanzte. Er geriet, von Mir
angetrieben, in einen gerechten Zorneifer, zerbrach die steinernen
Gesetzestafeln, und es kamen gleich darauf geflügelte Schlangen also, als wären
sie glühend, welches dem gerechten Zorneifer Mosis entsprach, bissen die
Abtrünnigen, und wer da gebissen ward, der mußte sterben. Darunter befanden
sich denn auch vorzüglich unsere siebzehn Geister, die mit der Schlauheit und
Gefräßigkeit der Krokodile sich fette Länder und fette Braten erjagen wollten,
– aus welchem Grunde sie denn auch hier noch in dieser ihrem Charakter
entsprechenden Gestalt erscheinen mußten.
[GEJ.10_052,08] Dieser Mensch stammt zwar
nicht von einem der siebzehn ab; aber er war schon von seiner Kindheit an ans
viele Essen gewöhnt und ist dadurch später zu einem wahren Vielfraße geworden,
und diese seine arge Beschaffenheit hatte den siebzehn argen Geistern den
Eingang in seine Eingeweide verschafft.
[GEJ.10_052,09] Aber er hat dabei gewonnen.
Da sie seinen Leib anfangs zu noch mehr Fraß antrieben, so verlor sein Magen
bald die Verdauungskraft, und der Mensch konnte darauf beinahe nichts mehr
verzehren, so daß man sich zu wundern begann, wie er nahezu ohne alle Speise
leben könne. Dadurch aber verlor er denn auch seine Vielfraßgier, und seine
Seele ward dadurch geistiger und in sich kräftiger; und da nun sowohl sein Leib
und noch mehr seine Seele in eine rechte Ordnung kam, so war es auch an der
rechten Zeit, auch ihn von seinen Plagegeistern zu befreien.
[GEJ.10_052,10] Zugleich aber hatte dies
Doppelbesessensein noch einen andern großen Nutzen, und das namentlich für die
beinahe um allen Glauben gekommenen Abiläer; denn sie waren zumeist der Lehre
des Diogenes zugetan, also Stoiker in hohem Grade, und glaubten an kein
Fortleben der Menschenseele nach des Leibes Tode.
[GEJ.10_052,11] Nun, dies Doppelbesessensein
hat denn bei manchem schon den Glauben an das Fortleben der Seele nach dem
Leibestode wenn auch nicht ganz, aber doch so gut zur Hälfte wachgerufen, und
es wird nun durch die von beiden Besessenen und von ihren Leuten erlebte und
gesehene Erscheinung ein leichtes sein, die Bewohner Abilas von ihrem schon
stark verrosteten Stoizismus ganz zu befreien.
[GEJ.10_052,12] Und so geschieht in dieser
Welt als von Mir zugelassen nichts, das da nicht zum Heile der Menschen dienen
könnte, was du, Mein Freund, und auch die andern hier Anwesenden mit dir gar
wohl einsehen werden.
[GEJ.10_052,13] Da du jetzt auch weißt, wie
du mit den siebzehn Geistern daran bist, so wollen wir nun warten, ob einer von
ihnen zurückkehren wird.“
53. Kapitel
[GEJ.10_053,01] Als Ich diese ziemlich lange,
alles erklärende Rede in bezug auf das Besessensein beendet hatte, wofür Mir
alle inbrünstigst dankten, da erhob sich aus dem schon bekannten Graben auf
einmal ein schwarzer Nebel – dem ähnlich, der oft dem Kamin eines Töpfers
entsteigt – und zog sich zu uns herauf und kam bald völlig in unsere Nähe.
[GEJ.10_053,02] Als er sich uns auf zehn
Schritte genaht hatte, da sagte Ich sehr laut: „Bis daher und nicht weiter!
Entschleiere dich, und zeige dich in deiner Form!“
[GEJ.10_053,03] Da ward aus dem schwarzen
Nebel alsbald eine äußerst rauhe Mannsgestalt, sichtbar allen, die da waren.
Die Gestalt aber war auch ganz so braunschwarz wie die eines Mohren und hielt
auf dem Arm ein goldenes Kalb, als wollte sie damit anzeigen, daß das noch ihr
Gott und ihre Liebe sei.
[GEJ.10_053,04] Ich aber ließ einen
gewaltigen Blitz in der Gestalt einer geflügelten Schlange mit starkem Gekrache
aus dem Himmel herabfahren; der traf das goldene Kalb und vernichtete es in
einem Nu.
[GEJ.10_053,05] Da fing die Gestalt an, sich
zu regen und zu krümmen und brachte am Ende die Worte heraus: „Herr, warum läßt
Du uns nicht ungestört das genießen, was unsere Liebe will? Haben wir Dich doch
niemals ersucht, daß Du uns erschaffen und dann nach Deinem Wohlgefallen
Tausende von Jahren und ganze Ewigkeiten lang quälen sollst! Hast Du uns aber
ohne unser Wollen einmal erschaffen und uns auch eine Liebe und einen freien
Willen eingehaucht, – warum strafst Du uns denn, so wir nach unserer Liebe und
nach unserem Willen handeln?“
[GEJ.10_053,06] Sagte Ich abermals mit sehr
lauter Stimme: „Wer in der ganzen ewigen Unendlichkeit kann Mir, dem alleinigen
Herrn voll aller Macht und Kraft, denn vorschreiben, was Ich tun soll? Nur Meine
ewige Liebe schreibt es Mir vor, was da zu geschehen hat, und Meine ewige und
endloseste Weisheit ist der Handlanger und Ordner der Allmacht Meines Willens!
[GEJ.10_053,07] Ich habe euch durch Meinen
gerechten Knecht Moses aus der harten Knechtschaft Ägyptens erlöst, als ihr
eure Erstlinge habt töten müssen; Ich habe euch in der Wüste ernährt, und es
hat niemand Hunger und Durst gelitten – außer einigen von euch, die sich im
Lande der Greuel zu sehr der für die Menschenseelen höchst verderblichen Völlerei
ergeben haben. Diesen riet Ich Nüchternheit an zum Heile ihres Leibes, und
besonders zum Heile ihrer Seele.
[GEJ.10_053,08] Warum verlangtet ihr, die Ich
zu Meinen Kindern umgestalten wollte am Berge der Erkenntnis, euch von Mir zu
entfernen? Weil ihr euch unter Meinem Lichte nicht zu schwelgen getrautet! Ihr
habt euch dann entfernt, um zu schwelgen und an Meiner Vaterstatt ein totes,
von euren Händen verfertigtes goldenes Kalb anzubeten!
[GEJ.10_053,09] Wer hat euch denn diesen Sinn
in eure Liebe gehaucht? Ich wahrlich nicht, sondern ihr selbst durch euren
freien Willen, ohne den ihr Tiere wäret und euch nie zu Meinen Kindern
heranbilden könntet!
[GEJ.10_053,10] Seid ihr durch euren freien
Willen von Mir abgefallen, – warum erhebt ihr euch denn nicht wieder durch
euren immer noch freien Willen abermals zu Mir?
[GEJ.10_053,11] Ihr meint, daß Ich euch da
quäle? Oh, mitnichten! Ein jeder Teufel quält sich selbst durch seine Verkehrt-
und Verstocktheit, so er mit derselben Meiner weisesten Ordnung widerstrebt und
sie nach seiner bösen Liebe umzugestalten wähnt.
[GEJ.10_053,12] Ich bleibe ewig ein und
derselbe unveränderliche Herr über alle Sinnen- und Geisterwelt. Mit der reinen
Liebe zu Mir und aus der zum Nächsten kann ein jeder Mensch und Geist mit Mir
alles ausrichten und von Mir auch alles haben, aber mit einer Art Gewalt oder
Trotz ewig nichts; denn Ich bin der Gewaltigste aller Gewaltigen und der
Mächtigste aller Mächtigen.
[GEJ.10_053,13] Aber Ich bin auch der
Sanfteste aller Sanften, der Beste aller Guten und der Barmherzigste aller
Barmherzigen. Wer in der wahren, reuigen Liebe zu Mir kommt und Mich um
Erbarmung bittet, dem werde Ich sie nicht vorenthalten. Wer sich aber, so er
Mich erkannt hat, gegen Mich auflehnt, der wird ewig zu keiner Erlösung gelangen,
sondern sich selbst nur in ein stets größeres Elend stürzen.
[GEJ.10_053,14] Das bedenke ein jeder arge
Geist, ein jeder Teufel! Der Herr bin Ich, und außer Mir gibt es keinen mehr!
Und nun hebe dich von hinnen!“
[GEJ.10_053,15] Als Ich dieses ausgesprochen
hatte, da verschwand der Geist alsbald, und bald darauf ersah man aus dem
Graben eben siebzehn dunkle Nebelbündel sich erheben, die von einem Winde dem
Norden zugetrieben wurden.
[GEJ.10_053,16] Und Ich sagte zum Hauptmanne:
„Siehe, nun ist auch euer Wunsch erfüllt; denn die siebzehn dunklen Nebelbündel
waren die siebzehn argen Geister. Der aber hier war, hat den andern sechzehn
das gesagt, was er hier vernommen, und sie faßten den Entschluß, diese Regionen
für immer zu verlassen und in den Wüsten des Nordens sich zu beraten, was sie
tun werden. Denn in diesen Regionen würden sie durch ein gewisses
entsprechendes Einfließen zu sehr von den Dingen dieser Welt erregt und können
nicht in sich eingehen, sich beschauen und in ihrer sündhaftigsten Häßlichkeit
erschauen. Es wird also auch bei diesen siebzehn Geistern noch eine Besserung
eintreten; aber es wird unterdessen auf dieser Erde der Sommer noch gar oft den
Winter zu verdrängen bekommen!“
54. Kapitel
[GEJ.10_054,01] Sagte der Hauptmann: „O Herr und
Meister, sage es uns doch auch, wo sich derlei Geister auf dieser Erde zumeist
aufzuhalten pflegen, auf daß wir solche unheimlichen Orte und Gegenden leichter
meiden können! Denn wenn man in solche Gegenden kommt und hat irgend etwas
Verwandtes mit solch einem Arggeiste, so kann es leicht geschehen, daß man von
ihm beschlichen und am Ende gar in wahrlich nicht wünschenswerten Besitz
genommen und geschädigt wird!“
[GEJ.10_054,02] Sagte Ich: „Freund, davor hat
sich niemand zu fürchten, der an Mich lebendig glaubt und Mich liebt durch die
Werke eben Meiner Liebe in ihm! Aber solche Menschen, die noch tief in allerlei
heidnischem Aberglauben stehen, haben sich allerorts und in aller Zeit vor
derlei Geistern zu fürchten und sind auch stets mehr oder weniger von ihnen
entweder umgeben oder gar besessen; denn alle die unlauteren Leidenschaften der
Menschen werden von solchen Geistern erregt und beeinflußt, die einst selbst
von gleichen unlauteren Leidenschaften ihr ganzes Leben hindurch beherrscht
waren und ihnen mit Lust und Gier frönten.
[GEJ.10_054,03] Solche unlauteren Geister –
teils solche, die schon einmal im Fleische in dieser Welt gelebt haben,
größtenteils aber solche Naturgeister, die noch niemals in ein Menschenfleisch
eingezeugt worden sind – gibt es allenthalben: in der Luft, auf und in der
Erde, im Wasser und im Feuer, in den Steinen, Metallen, Pflanzen, Tieren und
auch im Blut und Fleisch der Menschen; darum sollen die Menschen auch nicht das
Fleisch erstickter und unreiner Tiere essen.
[GEJ.10_054,04] Im Notfall kann zwar auch das
Fleisch von unreinen Tieren gegessen werden; aber es muß zuvor wohl gereinigt,
mit Salz und guten Kräutern gebeizt, am Feuer getrocknet und darauf mit guten
Kräutern geräuchert werden, auf daß es von den unreinen Geistern befreit werde.
[GEJ.10_054,05] Das Fleisch der Raubtiere
aber ist für die Menschen auch bei aller der von Mir euch angeratenen Vorsicht
schädlich, weil aus demselben die unreinen Geister niemals völlig entfernt
werden können.
[GEJ.10_054,06] Ebenso sollen die Menschen
auch nicht das Wasser aus unreinen Quellen trinken und sollen ihre Brunnen rein
halten, wie das alles auch Moses aus Mir den Israeliten streng anbefohlen hat.
[GEJ.10_054,07] Wer nach der Weisung Mosis
dem Leibe nach leben wird, der wird sich vor der Besitzergreifung von seiten
der argen und unlauteren Geister allzeit und allenthalben verwahren, und das um
so sicherer, so er lebendig an Mich und Meine väterliche Fürsorge glaubt und
alles in Meinem Namen anfängt, tut und beendet. Ohne das aber ist er in jedem
Augenblick tausend Gefahren aller Art und Gattung leider durch seine eigene
Trägheit, Unwissenheit und Dummheit ausgesetzt.
[GEJ.10_054,08] So Ich nicht durch Meine
Engel die Menschen, die schon von Natur aus eines besseren Sinnes und Willens
sind, beschützen ließe, da würde es wohl wenig unbesessene Menschen auf dieser
Erde geben! Aber darauf sollen sich die Menschen nicht allzusehr verlassen,
weil Meine Engel dem Willen der Menschen keine Zügel anlegen. – Das demnach
auch zu eurer Beachtung!“
[GEJ.10_054,09] Als Ich das beendet hatte, da
dankten Mir alle und priesen Meine Weisheit und Macht, und die Abiläer baten
Mich, daß Ich auch ihre Stadt besuchen möchte; denn sie würden Mich daselbst
ankündigen.
[GEJ.10_054,10] Sagte Ich: „Das könnet ihr
immerhin tun – doch die Zeit und die Stunde bestimme Ich nicht, wann Ich zu
euch kommen werde; aber Ich werde dennoch auch zu euch kommen! Nun möget ihr
euch wieder auf den Heimweg begeben! Nehmet aber zuvor bei eurem Wirte etwas
Brot und Wein zu euch; das Fleisch der Schweine aber esset nicht, bevor ihr es
nicht nach Meinem Rate werdet zubereitet haben!“
[GEJ.10_054,11] Auf das dankten sie Mir noch
einmal und begaben sich darauf mit dem griechischen Wirte und dem Schmied in
die Stadt.
[GEJ.10_054,12] Wir aber verweilten noch eine
Zeitlang auf dem Hügel, und der Hauptmann und auch die andern Römer befragten
Mich noch um mancherlei, und Ich hellte sie über ihre Zweifel auf.
[GEJ.10_054,13] Es kam sogestaltig auch der
volle Mittag heran, und es kam ein Bote von unserem Wirt, der bei uns weilte,
auf den Hügel und lud uns zum Mittagsmahl. Und wir erhoben uns und folgten dem
Boten.
55. Kapitel – Der Herr in Abila. (Kap.55-69)
[GEJ.10_055,01] Als wir bei unserem Wirte
ankamen, da standen vor des Hauses Flur eine Menge Menschen, die Mich nochmals
sehen und sprechen wollten, indem sie von Meinen Taten wohl selbst Zeugen waren
und von Meinen Lehren auch schon so manches vernommen hatten.
[GEJ.10_055,02] Ich aber verwies sie an den Hauptmann
Pellagius und sagte ihnen, daß sie von ihm Meine Lehre vollständig erhalten
würden.
[GEJ.10_055,03] Und der Hauptmann gelobte
ihnen, daß er sie in allem unterweisen werde.
[GEJ.10_055,04] Die Menschen waren damit
zufrieden, zerstreuten sich nach und nach, und wir gingen ins Haus, wo das
Mittagsmahl schon auf dem Tische stand. Wir nahmen das Mahl zu uns und waren
dabei voll guter Dinge.
[GEJ.10_055,05] Als wir das Mahl bald beendet
hatten und Ich allen Anwesenden ankündigte, daß Ich in einer Stunde Zeit mit
Meinen Jüngern nach Abila ziehen würde, da bat Mich der Hauptmann, ihm zu
gestatten, Mich in diese Stadt und auch in die andern Orte und Städte, die
unter seinem Kommando stünden, mit seinen Unterdienern und mit der Veronika
geleiten zu dürfen.
[GEJ.10_055,06] Und Ich gestattete ihm das,
worüber er eine große Freude hatte und sogleich Anstalten zur Abreise machte.
[GEJ.10_055,07] Nach einer Stunde Zeit
verließen wir das Haus des Wirtes, der Mich mit seinem geheilten Sohne auch
noch eine weite Strecke aus der Stadt hinaus begleitete, sowie auch der
Griechenwirt und der bekannte Schmied und Tierarzt.
[GEJ.10_055,08] Als Ich außerhalb der Stadt
von den vieren Abschied nahm, da erteilte Ich auch dem Schmied die Macht, böse
Geister aus den Menschen zu schaffen, wofür er Mich nicht genug loben und
preisen konnte.
[GEJ.10_055,09] Darauf zogen wir ziemlich
raschen Schrittes auf einer guten Heerstraße nach Abila und erreichten diese
nicht unbedeutende Stadt eine Stunde vor dem Untergange der Sonne.
[GEJ.10_055,10] Auch diese Stadt war zumeist
von Heiden bewohnt. Nur zehn jüdische Familien hatten in dieser Stadt ein sehr
untergeordnetes Unterkommen und mußten den Heiden dienen und von ihnen leben.
Alle zehn Familien hatten nur ein uraltes und ruinenartiges Haus zu bewohnen;
sie hatten daher in dieser Stadt auch keine eigene Herberge und keine Synagoge.
[GEJ.10_055,11] Als wir uns der Stadt nahten,
da sagte Ich zum Hauptmann: „Gehe du mit den Deinen nun voraus in die Stadt,
und lasse die zehn Judenfamilien wissen, daß Ich zu ihnen kommen und bei ihnen
übernachten werde! Alles andere wird sich dann schon nachher von selbst geben.“
[GEJ.10_055,12] Als der Hauptmann das von Mir
vernommen hatte, da begab er sich mit den Seinen alsogleich eiligst voraus und
ging auch sogleich zu den Juden und sagte ihnen, was sie zu erwarten hätten.
[GEJ.10_055,13] Die bettelarmen Juden aber
sagten zum Hauptmann: „O hoher Gebieter im Namen des Kaisers! Es wäre das schon
wohl gut und recht; aber wo sollen die über vierzig in diesem zerfallenen Haus
ein genügendes Unterkommen finden? Alte, zerfallene Zimmer wären wohl noch zur
Genüge da; aber wer mag darin wohnen? Kröten, Nattern, Salamander und Skorpione
gibt es zur Übergenüge darin, und da kann man ja doch keinen Menschen
hineintun. Was aber unsere Zimmer betrifft, da haben ja wir kaum hinreichenden
Raum zur Wohnung, besonders zur Nachtzeit, und es wäre schwer, noch etliche
Menschen neben uns anständig zu beherbergen. Von einer Bewirtung aber könnte
schon gar keine Rede sein, da wir selbst mehr denn bettelarm sind.
[GEJ.10_055,14] Und so wolle du den großen
Herrn und Meister, von dessen wunderbaren Taten wir schon vernommen haben,
davon abwendig machen, bei uns ein Nachtlager suchen und nehmen zu wollen, da
es ja in dieser Stadt mehrere wohlbestellte Herbergen gibt.“
[GEJ.10_055,15] Da sagte der Hauptmann: „Ich
werde Ihm eure mir wohlbekannte Not schon schildern; aber ich weiß es auch
schon zum voraus, daß ich Ihn von Seinem Vorhaben nicht abwendig machen werde,
– denn was Er einmal beschließt und sagt, das geschieht! Er wird auch um euren
Notstand und um euer Elend schon lange wissen und kommt sicher nur eben deshalb
zu euch, um euch zu helfen und den wahren Trost zu bringen, aber nicht, um euch
zu plagen und in große Sorgen zu versetzen. Darum kommet Seinem Willen nur
freundlichst entgegen, und ihr werdet bei Ihm Gnade und eine große Liebe und
Erbarmung finden!“
[GEJ.10_055,16] Sagte der Älteste dieses
Hauses: „Ja, ja, er komme nur, wie es ihm beliebt! So er dasein wird, da wird
er sich wohl von allem selbst überzeugen, wie es mit uns steht. Wir sind sicher
alle darob höchst erfreut, daß er zu uns kommen will; aber wir sind darum
traurig, daß wir ihm für solch eine Gnade kein Gegenopfer darbringen können!“
[GEJ.10_055,17] Während der Hauptmann sich
noch mit dem Ältesten besprach, kam Ich mit den Jüngern auch schon vor das
Judenhaus, das wie eine zerklüftete alte Burg auf einer Anhöhe außerhalb der
Stadtmauer sich befand.
[GEJ.10_055,18] Der Hauptmann bemerkte Mich
sogleich, eilte Mir entgegen und wollte Mir zu erzählen anfangen, wie es mit
dem Judenhause und mit seinen Einwohnern stehe.
[GEJ.10_055,19] Ich aber sagte zu ihm:
„Freund, erspare dir die Rede, da Ich ja schon lange um gar alles weiß! Ich bin
aber ja – wie du es zuvor ganz richtig diesen Menschen bemerkt hast – eben
darum zu ihnen gekommen, weil Ich gar wohl weiß, wie es mit ihrem Hause und mit
ihnen selbst steht. Darum laß uns sogleich zu dem Ältesten gehen!“
56. Kapitel
[GEJ.10_056,01] Ich ging denn, vom Hauptmanne
geleitet, zu dem Ältesten des Hauses, um den sich noch einige besorgte
Familienväter befanden, die uns betrachteten, um zu sehen, was wir tun würden,
so wir diese alte Ruine näher kennenlernen.
[GEJ.10_056,02] Als Ich zum Ältesten kam,
sagte er (der Älteste): „Willkommen, Herr und Meister, bist du uns allen wohl;
aber das, was wir dir für solche deine uns erwiesene große Gnade tun können,
das wird dir sicher nicht willkommen sein! Siehe unser Wohnhaus an, und unsere
Kleider werden es dir sicher, ohne ein weiteres Wort darüber zu verlieren,
schon von selbst zeigen, wie es mit uns in allem steht!“
[GEJ.10_056,03] Sagte Ich: „Der Friede sei
mit euch! Wie es mit euch steht, das weiß Ich wohl, – aber ihr seid auch zum
großen Teil selbst schuld an eurem Elend; denn durch die Trägheit und durch
nahe gar kein Vertrauen auf Gott, den alleinigen Herrn und Geber aller guten
Gaben, kommt kein Mensch auf einen grünen Zweig auf dieser Erde.
[GEJ.10_056,04] Solange ihr noch Mittel und
Kräfte hattet, da tatet ihr nichts zur Ausbesserung eures alten Hauses, ließet
auch Jehova einen guten Herrn sein und machtet euch mit der blinden Lehre der
griechischen Weisen vertraut, durch die ihr dann erst ums Vielfache elender
geworden seid, als ihr je zuvor einmal waret.
[GEJ.10_056,05] Nun aber seid ihr gar zu
Sklaven der Heiden geworden und müsset euch von ihnen für schwere Arbeiten ein
karges Brot mehr erbetteln, als daß ihr zu ihnen sagen könntet: ,Wir haben es
uns ja im Schweiße unseres Angesichtes verdient!‘ Denn es ist schwer, denen zu
dienen, die an keinen Gott und kein Fortleben der Seele nach dem Tode des
Leibes und somit auch an keine Wiedervergeltung im großen Jenseits glauben und
somit auch keine Nächstenliebe haben und sogar Feinde des eigenen Lebens sind.
[GEJ.10_056,06] Nun, in eurer größten Not
habt ihr angefangen, des alten Jehova zu gedenken und bei Ihm Hilfe zu
erflehen, und das hat Mich denn auch bewogen, zu euch zu kommen und euch zu
helfen im Angesicht der vielen, gar zu stockblinden Heiden, die auch ihres
Diogenes wegen den Glauben an ihre Götter haben fahren lassen, auf daß auch sie
merken, daß der alte Gott noch lebt und denen hilft, die an Ihn glauben, Seine
Gebote halten und von Ihm die rechte Hilfe im wahren und ungezweifelten
Vertrauen erwarten.
[GEJ.10_056,07] Lasset Mich sehen euer altes,
mehr denn halbverfallenes Haus, und wir wollen sehen, ob sich im selben wird
übernachten lassen, und ob das Schadhafte auszubessern sein wird! Dann wollen
wir eure Speisekammern prüfen, wieviel Vorrat sich darin noch vorfindet!“
[GEJ.10_056,08] Sagte der Älteste: „O großer
Herr und Meister! Dieses Haus hat einmal wohl sicher sehr viele große und
kleinere Gemächer gehabt; aber auf uns sind nur kaum sieben gekommen, und
selbst diese sind schon sehr schadhaft. Alle andern sind voll Geschmeißes aller
Art und Gattung und für Menschen zum größten Teil gar nicht mehr begehbar.
Unsere Speisekammern sind fürs erste auch in dem elendsten Zustande. Nur eine
ist noch halb brauchbar; aber selbst diese eine ist leer bis auf etliche
verschimmelte Brotkrumen. Gehen wir aber nach deinem Willen dennoch nachsehen,
auf daß du, o großer Herr und Meister, es auch mit deinen Augen schaust, wie
wir Abkömmlinge des Gad und Ruben in ihrem Lande nun bestellt sind!“
[GEJ.10_056,09] Hierauf begingen wir alle
Gemächer des großen Hauses, und es sah alles so aus, wie es der Älteste
beschrieben hatte.
[GEJ.10_056,10] Als wir uns aber im äußersten
und letzten Gemach befanden, da sagte Ich: „Nun sollst du die Macht Gottes in Mir,
auch einem Menschensohne dem Fleische nach, kennenlernen! Siehe, über
Mauertrümmer, Säulenstücke, Dorngestrüpp und allerlei Geschmeiß sind wir bis zu
diesem Gemach vorgedrungen, und durch königlich gezierte, wohlgeschmückte und
mit allem versehene Gemächer werden wir unseren Rückzug machen, in denen sich
wohl übernachten lassen wird. Ich will es, und also sei es!“
[GEJ.10_056,11] Als Ich dieses also
ausgesprochen hatte, war das ganze Haus schon umgewandelt, und als wir darauf
alle Zimmer und Gemächer durchzogen, da war auch nicht ein schadhaftes irgend
mehr zu entdecken.
[GEJ.10_056,12] Und die Juden dieses Hauses
schlugen die Hände über dem Haupte zusammen und schrien vor freudigster
Verwunderung: „Das kann nur Dem möglich sein, der Himmel und Erde erschaffen
hat; darum Dir, o großer Gott, alles Lob, der Du dem Menschen eine solche Macht
gegeben hast!“
[GEJ.10_056,13] Darauf besuchten wir die
Speisekammern, die auch mit allem angefüllt waren, was die Menschen zur
Stillung ihres Hungers und Durstes vonnöten haben. Da war die Verwunderung noch
größer, und sie konnten lange vor lauter Staunen nicht reden.
57. Kapitel
[GEJ.10_057,01] Nach einer Weile sprach der
Älteste folgende Worte aus: „Nein, nein, nein, – das ist unerhört! Moses und
Elias, als die zwei größten Propheten, haben Großes geleistet, ja Größeres, als
ein Mensch vom reinsten Verstande je zu fassen und zu begreifen imstande ist
und selbst das gläubigste Gemüt kaum mehr glauben kann! Aber was sind alle jene
Wundertaten, die von den genannten zwei Propheten gewirkt wurden nach dem
Willen Jehovas, von dessen Machtgeiste sie erfüllt waren, gegen dieses
Wunderwerk?! Alle Propheten, die großen wie die kleinen, sagten: ,Der Herr will
es, und der Herr spricht also!‘, Du, o großer Herr, aber sagtest: ,Ich will es,
und es sei!‘ Und es ward im Augenblick, was Du wolltest! Daher bist Du mehr
denn Moses und Elias!
[GEJ.10_057,02] Dein Ich ist der Herr Selbst
in aller Fülle, und ich als ein Greis habe nun in Dir mein Heil gesehen und
möchte nun sagen: O Herr, Herr, lasse Deinen alten Diener im Frieden ins große
Jenseits übergehen! Denn Du bist der Verheißene aus Dir Selbst! Dein ewiger
Geist sprach aus dem Munde der Propheten und weissagte von Deiner
Darniederkunft, und Du als die ewige Wahrheit und Treue Selbst hast Dein Wort
gehalten und bist, mit Fleisch und Blut angetan, zu uns sündigen Menschen
gekommen, um uns von neuem wieder aufzurichten, die Juden sowohl als auch die
Heiden, die auch Kinder Noahs sind und einst mit den Vorabrahamiten ein Volk
unter dem großen Großkönige und Höchstpriester Melchisedek von Salem
ausmachten. Daher alle Ehre und alles Lob Dir allein, Du Herr, Herr, Herr!“
[GEJ.10_057,03] Sagte Ich: „Nun, nun, es ist
schon gut und wahr also! Daß euer gesunkener Glaube durch diese Meine Tat auf
einmal wieder aufgerichtet wurde, ist wohl sehr begreiflich, wie auch, daß ihr
Mich alsbald erkannt habt; aber ihr müsset in der Folge diesen euren Glauben
erst durch die Werke der wahren Nächstenliebe lebendig machen, ansonst er für
das Leben eurer Seele keinen Wert hätte vor Mir. Denn Ich bin nur durch Meine
übergroße Liebe zu euch Menschen gekommen, und so könnet ihr Menschen auch nur
wieder durch die Liebe zu Mir und zum Nächsten zu Mir und also zum ewigen Leben
eurer Seelen als Meine rechten Kinder gelangen, was ihr euch wohl zu merken
habt!
[GEJ.10_057,04] Der Glaube an Mich ist wohl
ein lebendiges Licht aus den Himmeln, aber erst durch die Werke der Liebe. Wie
aber ein Licht, das in der Nacht leuchtet, erlischt, so es nicht durch ein
stets erneuertes Hinzutun des Öles genährt wird, ebenso erlischt auch der
anfangs noch so ungezweifelte Glaube ohne die steten Werke der Liebe.
[GEJ.10_057,05] Ich habe durch dieses Mir
leicht mögliche Wunderwerk nicht nur euren völlig gefallenen Glauben in eurer
Seele aufgerichtet, sondern auch eure Liebe zu Mir angefacht; aus dem Lichte
dieser wahren und ewigen Lebensflamme habt ihr denn auch bald und leicht
erkannt, wer in Mir zu euch gekommen ist.
[GEJ.10_057,06] Weil ihr aber das alsbald und
ohne viele Mühe und Predigt erkannt habt, so tut nun auch danach, daß ihr und
eure Nachkommen durch die Werke der Liebe in Meinem Namen verbleibet im
lebendigen Glauben!“
[GEJ.10_057,07] Sagte der Älteste: „O Herr,
Herr, dieses Werk wird in dieser Gegend der sechzig Städte ein größtes Aufsehen
erregen, sowohl bei den wenigen Juden, wie auch bei den vielen Heiden sowohl
dieser Stadt, als mit der Zeit auch in den andern Städten. Wenn die Menschen
von allen Seiten hierher kommen und sehen werden, daß unser schon so lange
verfallenes Haus auf einmal in eine wahre königliche Burg umgewandelt worden
ist, und werden uns fragen, wie das vor sich gegangen ist, – was werden wir
ihnen dann zur Antwort geben können?“
[GEJ.10_057,08] Sagte Ich: „Darum sorget euch
nicht; denn so ihr vor den Menschen von dieser Tat und von Mir zu reden
genötigt seid, dann wird es euch schon in den Mund gelegt werden, was ihr zu
reden habt! Die gar zu Zudringlichen aber verweiset an den Hauptmann und an
seine Unterdiener, die alle das Werk mit angesehen haben, – da werden sie schon
die rechte Aufklärung erhalten; denn diese kennen Mich gar wohl schon und
wissen, wie Mir nichts unmöglich ist.“
58. Kapitel
[GEJ.10_058,01] (Der Herr:) „Auf daß aber
auch ihr wisset, warum Ich nun diese alte, verfallene Burg, in der einst Könige
wohnten, wieder aufgerichtet und wie ganz neu aufgebaut habe, so achtet nun auf
das, was Ich euch noch sagen werde:
[GEJ.10_058,02] Fürs erste entspricht diese
Neuherstellung dieser alten Königsburg der nun durch Mich allerorts neuen
Herrichtung des alten, ganz verfallenen Glaubens an den einen, allein wahren
Gott.
[GEJ.10_058,03] Es sind von der alten
Glaubensburg wohl auch noch einige verwitterte, zerklüftete und zerfallene
Wahrheitsüberreste vorhanden; aber sie taugen nicht mehr zu einer Lebenswohnung
Meiner Liebe und Erbarmung für die Seelen Meiner Kinder, wie sie waren zu den
Zeiten des Königs von Salem, sondern nur zur Wohnung solcher, die da in ihrem
Gemüte vollends gleichen dem Geschmeiß, das schon lange diese Burg vielfach und
vielgestaltig bewohnt hat.
[GEJ.10_058,04] Die Burg war sonach ein
treues Abbild von dem, wie es nun mit dem Glauben an Gott und mit der Haltung
Seiner Gesetze aussieht, und das namentlich in und um Jerusalem.
[GEJ.10_058,05] Ich aber werde diese Stadt
und alles, was zu ihr hält, so da keine Besserung und Umkehr zu Mir ins volle
Werk kommen wird, noch ärger heimsuchen, als Ich zu den Zeiten Lots Sodom und
Gomorra heimgesucht habe; und da mache Ich euch auf den zweiten Grund, aus dem
Ich diese Burg nun aufgerichtet und wie ganz neu aufgebaut und mit allem
versehen habe, ganz besonders aufmerksam!
[GEJ.10_058,06] So da Mein Gericht wird
kommen über die Gottlosen zu Jerusalem und seiner weiten Umgebung und Meine
wenigen Treuen die Flucht ergreifen werden, dann werden sie auch hierher
kommen. Da nehmet sie auf, und machet dadurch vollends lebendig den in euch nun
neu erweckten Glauben durch die Werke der Liebe in Meinem Namen!
[GEJ.10_058,07] Das Gericht, das über die
Stadt Jerusalem wird zugelassen werden, werdet ihr alten Leute dieses Ortes
wohl im Fleische nicht erleben, aber die Jüngeren von euch und deren Kinder
werden es erleben. Wenn aber dieses geschehen wird, da gedenket dessen, was Ich
euch jetzt gesagt habe!“
[GEJ.10_058,08] Hier sagte in tiefster
Ehrfurcht der Älteste zu Mir: „O Herr, Herr! Groß und überherrlich ist Dein
Name! Wir haben vor etlichen Monden in der Nacht eine höchst sonderbare
Lichterscheinung am Firmament geschaut, deren Bilder uns mit großer Furcht und
Angst erfüllt haben. Anfangs tauchten große Feuersäulen auf und reichten dem
Anscheine nach bis zu den Sternen. Die Säulen einten sich auf eine sonderbare
Weise, erhoben sich, und wir dachten, als wir von ihnen nichts mehr sahen, daß
das eine zwar seltene Feuererscheinung, dabei aber dennoch natürlicher Art sei.
Aber bald darauf ward glühend der ganze Himmel. Wir ersahen die Stadt Salomos
und große Kriegsheere, die diese Stadt belagerten und endlich völlig samt dem
Tempel verheerten.
[GEJ.10_058,09] Später, schon mehr gen
Morgen, war abermals eine Lichterscheinung stark gegen Westen hin ersichtlich.
Was diese darstellte, konnte niemand von uns entziffern. Aber die
Mittelerscheinung hatte eine starke Ähnlichkeit mit dem, was Du, o Herr, Herr,
uns nun über Jerusalem verkündet hast. Hatte sie nicht Bezug auf Deine
nunmalige Weissagung?“
[GEJ.10_058,10] Sagte Ich: „Jawohl, Mein
Freund, doch nun wollen wir nichts Weiteres davon reden! Dafür aber sorget nun
für ein Nachtmahl, für alles andere habe schon Ich gesorgt!“
[GEJ.10_058,11] Sagte der Älteste zu Mir: „Herr,
Herr! Unser irdischer Gebieter, der weise Hauptmann möchte uns jemanden, der
des Kochens kundig wäre, besorgen; denn wir haben schon seit vielen Jahren
nichts mehr gekocht, haben auch kein Feuer und in dieser Gegend auch kein
Brennholz für den Herd. Es ist darum für uns in dreifacher Hinsicht beinahe
unmöglich, für Dich und für die, welche mit Dir sind, ein gekochtes Nachtmahl
herzustellen, obschon alle die großen und kleinen Speisekammern von allerlei
Vorräten durch Deine Gnade überfüllt sind. Es wird durch Deine Gnade auch fürs
Brennholz und fürs Feuer wohl gesorgt worden sein; aber was nützt das, so wir
alle des Kochens und Speisebereitens völlig unkundig sind?“
[GEJ.10_058,12] Sagte Ich: „Alter Mann, deine
Ehrlichkeit gefällt Mir, denn du hast in der Hinsicht eurer Kochkunde die volle
Wahrheit geredet. Der Hauptmann aber hat schon seine Tochter und ein paar
seiner Unterdiener beordert, daß sie mit einigen deiner Leute in der großen
Küche, in der sich auch ein Fischbehälter befindet, der nun voller Fische ist,
für uns und euch alle ein gutes Nachtmahl bereiten.“
59. Kapitel
[GEJ.10_059,01] (Der Herr:) „In dieser Burg
aber befindet sich ja auch ein großer, aus Basaltsteinen gemauerter Keller!
Hast du diesen noch niemals entdeckt und gesehen?“
[GEJ.10_059,02] Sagte der Alte und ein paar
seiner nächstalten Vettern: „Ja, es soll wohl einmal ein Keller voll des besten
Weines bestanden haben, und es sollen in ihm auch andere Schätze irgend
verborgen sein, doch niemand von uns hat es je gewagt, sich in die
unterirdischen Höhlen zu begeben und in ihnen zwischen allerlei bösem
Tiergeschmeiß und andern bösen Mächten Nachsuchungen zu veranstalten, und so
weiß denn auch niemand den wahren und rechten Eingang in den besagten Keller.
Wo und wie kann man in denselben gelangen? Er wird durch Deine Macht nun auch,
wie alles andere, sich in der besten Zustandsordnung befinden?“
[GEJ.10_059,03] Sagte Ich: „So ihr es
glaubet, sicher; aber da von euch niemand den Eingang in denselben kennt, so
folget Mir, und Ich werde euch in den Keller führen!“
[GEJ.10_059,04] Darauf folgten Mir der Alte
und noch zehn seiner Leute mit einer angezündeten Wachsfackel, die wir in der
großen Küche, wo deren viele vorrätig waren, nahmen und sie daselbst auch
anzündeten. Von der besagten Großküche führte ein Säulengang zu einem großen
Tor, das aus einer Basaltplatte angefertigt war. Ich zeigte, wie dieses Tor
ganz leicht zu öffnen sei, und Ich Selbst öffnete das große und schwere Tor.
Als das Tor geöffnet war, da ward alsbald eine breite Treppe ersichtlich, über
die man ganz gut in den sehr weitläufig großen Keller gelangen konnte.
[GEJ.10_059,05] Als wir uns in diesem Keller
befanden, über den diese armen Juden abermals nicht zur Genüge erstaunen
konnten, da fanden wir denn auch eine große Menge von großen und kleinen
Steingefäßen und auch eine noch größere Menge von steinernen, tönernen,
silbernen und auch goldenen Trinkgeschirren, worüber die armen Juden nun
freilich große Augen machten und nicht wußten, ob auch diese Dinge von Mir wunderbar
erschaffen worden seien, oder ob sie ihrem Ansehen nach aus der Urzeit
herrührten.
[GEJ.10_059,06] Ich aber sagte zu ihnen:
„Dies alles, was wir da gefunden haben, rührt noch aus den Zeiten des großen
Königs und Hohenpriesters von Salem her. Dies war auf dieser Erde Seine Burg,
die, so wie die Berge mit ihren oft sehr wunderbaren Grotten und Höhlen, nicht
von Menschenhänden, sondern durch dieselbe Macht, durch die sie nun wieder wie
neu aufgebaut wurde, hergestellt ward. Denn Ich allein bin der wahre König von
Salem und Hohepriester Melchisedek in Ewigkeit!
[GEJ.10_059,07] Aber nun nehmt die Krüge in
eure Hände, und füllet sie mit Wein, von dem ihr in den großen Gefäßen einen
übergroßen Vorrat habt!“
[GEJ.10_059,08] Nun nahmen die armen Juden
wohl voll Freuden die Trinkgeschirre, aber sie wußten nicht, wie sie den Wein
aus den großen steinernen Gefäßen, die ganz hermetisch mit schweren und glatten
Steinplatten verdeckt waren, herausheben sollten.
[GEJ.10_059,09] Da zeigte Ich ihnen zuunterst
der Gefäße eine mit einem Zapfen zugestopfte, etwas hervorspringende Öffnung,
zog den Zapfen leicht aus der Öffnung, und es floß alsbald reichlich ein alter
und bester Wein heraus in die untergehaltenen Trinkgeschirre; denn sein höchst
würzhafter Geruch verkündete es gleich allen Anwesenden, unter denen sich auch
der Hauptmann mit einem seiner Unterdiener befand, daß man es hier mit einem
alten und besten Weine zu tun hatte.
[GEJ.10_059,10] Als die Trinkgeschirre alle
gefüllt und nach und nach in den großen Speisesaal auf die Tische gestellt
waren und die Weinaufträger wieder zu uns, die wir noch im Keller weilten,
kamen, da sagte Ich zum Alten: „Siehe, dieser Wein ist zwar auch von Trauben,
welche in diesem Lande gewachsen sind, gepreßt, – aber er ist beinahe ebenso alt
wie diese Burg! Es ist dies ein Zehntwein, den alle die Könige, über die der
König von Salem herrschte, Ihm zum Opfer brachten, und mußte bis jetzt erhalten
werden, auf daß Ich nun, als ganz derselbe König, vom selben alten Zehntweine
trinke mit allen denen, die an Mich glauben und Mir folgen.
[GEJ.10_059,11] Solange diese Burg in Meinem
Namen bestehen wird, wird auch der Wein nicht versiegen; aber dennoch wird in
dreihundert Jahren nach Meiner Auffahrt durch die Macht unserer Widersacher
diese Burg und ein großer Teil dieser Stadt derart zerstört werden, daß man
nicht mehr erkennen wird, wo sie nun steht. Es macht das aber nichts; denn Ich
erbaue Mir nun eine neue Burg in den Herzen, die da, wie sie einmal gegründet
ist, nimmerdar wird zerstört werden können.
[GEJ.10_059,12] Diese alten Denkmale aber
sind dann auch gut weg, auf daß die Menschen mit ihnen keine Abgötterei treiben
können. Aber nahe an dreihundert Jahre nach Meiner Auffahrt wird die Burg noch
halten und dieser Wein nicht versiegen und werden den aus Jerusalem hierher
Geflüchteten zur Unterkunft und Stärkung dienen.“
60. Kapitel
[GEJ.10_060,01] Hier fragte voll der höchsten
Ehrfurcht der Alte: „Herr, Herr, wie man liest, so war der geheimnisvolle König
von Salem ja bald nach dem schon da, als Noah aus der Arche stieg und das
Erdreich zu bebauen anfing. Seine Kinder konnten sich in einer kurzen Zeit ja
doch nicht so gewaltig vermehrt haben, daß es zur Zeit des Königs von Salem auf
der Erde schon eine so große Menge von andern Kleinkönigen sollte gegeben
haben, die Ihm den Zehnt zum Opfer brachten? Diese Sache lautet, wie vieles in
unseren Büchern, sehr mystisch und kann mit unserem Verstande wohl nicht
begriffen werden.
[GEJ.10_060,02] Dann sprachst Du von Deiner
Auffahrt! Was ist das? Wohin wirst Du fahren, und wann? Herr, Herr, erkläre uns
das ein wenig näher, auf daß wir es endlich auch unseren Nachkommen erklären
können in Deinem Geiste der Wahrheit, der Liebe und des Lebens und sie es uns
glauben, daß Du, o Herr, Herr, Selbst es warst, der uns solche seltsamen Dinge
geoffenbart hat!“
[GEJ.10_060,03] Sagte Ich: „Was die Zeit des
Königs von Salem betrifft, so war Er schon ewig vor aller Kreatur da und somit
auch eher als Noah. Was aber die Erdzeit, in der Er Selbst in der Gestalt und
Persönlichkeit eines Engels aus den Himmeln die Menschen von Sich Selbst und
über ihre Bestimmung unterwies, anbelangt, so war Er zwar schon während der
Lebzeit des Noah von Zeit zu Zeit da und redete mit ihm, doch ein eigentliches
König- und Hohepriestertum ward erst ein paar Hunderte von Erdjahren nach Noahs
Aussteigung aus der Arche errichtet, welche Zeit noch Noah selbst und seine
drei Söhne erlebten. Und in dieser Zeit war die Erde schon wieder stark
bevölkert, und die vielen Stammväter von kleinen Völkern führten den Namen
König, brachten alljährlich ihre Opfer nach Salem und wurden von dem König
unterwiesen.
[GEJ.10_060,04] Aber als sich dann die Völker
mehr auf der weiten Erde ausgebreitet hatten, vergaßen sie des Königs der
Könige und fingen an, sich von Ihm zu trennen; auch die, die in Seiner Nähe
wohnten, zogen nicht mehr nach Salem. Da verließ der König auch die Burg und
besuchte nur selten noch wenige Ihm treu gebliebene Patriarchen, wie zum
Beispiel Abraham, Isaak und Jakob, und später alle die großen und kleinen
Propheten und nun im Fleische und Blute auch euch.
[GEJ.10_060,05] Was aber Meine Auffahrt
betrifft, so hat diese eine doppelte Bedeutung. Die erste wird von nun an kein
Jahr auf sich warten lassen; die zweite aber wird in jedem Menschen, der an Mich
lebendig glaubt, dadurch bewerkstelligt werden, daß der Geist Meiner Liebe in
seinem Herzen auferstehen und des Menschen Verstand in alle Weisheit der Himmel
leiten wird.
[GEJ.10_060,06] Meine persönliche Auffahrt
aber wird bald nach dem geschehen, wenn dieser Mein Leib drei Tage nach der
Tötung durch die Hände der Feinde Gottes wieder wird aus dem Grabe auferstehen
und also in Mein Gottwesen übergehen.
[GEJ.10_060,07] Wie ihr aber gehört habt, daß
dereinst Elias sichtbar wie in einem feurigen Wagen sich gen Himmel erhoben
hat, also werde auch Ich Mich sichtbar vielen Meiner Freunde vom materiellen
Boden dieser Erde zum sichtbaren Himmel empor erheben und werde fortan nicht so
wie jetzt persönlich sichtbar unter allen Menschen – guten und bösen – umherwandeln
und sie lehren, sondern nur unter denen im Geiste wohl vernehmbar und zu
öfteren Malen auch sichtbar wandeln und sie lehren und führen, die an Mich
glauben, Mich über alles und den Nächsten wie sich selbst lieben werden. Denn
in solcher Menschen Herzen werde Ich Mir die besagte neue Burg erbauen und
werde in derselben Meine Wohnung nehmen.“
61. Kapitel
[GEJ.10_061,01] (Der Herr:) „Bei denen Ich
aber wohnen werde, die werden Mich denn auch wohl wahrnehmen, und Ich werde sie
Selbst lehren und führen, und so werden Meine rechten Liebhaber allzeit von Mir
belehrt und geführt werden und werden in sich haben das ewige Leben. Aber die
sich von Mir entfernen werden, wie in der Altzeit sich die Könige aus purer
Weltliebe von dem König von Salem entfernt haben und Ihm nicht mehr
darbrachten, was sie Ihm hätten darbringen sollen, deren Herzensburgen werden
auch von Mir verlassen werden. Und wie dann zu den Zeiten des Königs von Salem,
als Er diese Burg mit allen Engeln, die Ihm dienten, verließ und unter den Völkern
und ihren Königen nur zu bald allerlei Zwietracht, Neid, Mißgunst und dadurch
auch Kriege entstanden, also wird es in der Folge auch unter jenen sein, deren
Herzensburgen Ich verlassen werde. Da wird sich erheben ein Volk wider das
andere und es zu unterjochen trachten.
[GEJ.10_061,02] Darum, wer in Meiner Lehre
und Liebe verbleiben wird, in dem werde auch Ich verbleiben, und wahrlich, aus
seinen Lenden werden Ströme des lebendigen Wassers fließen, und wer von solchem
Wasser trinken wird, den wird es nimmerdar dürsten in Ewigkeit!
[GEJ.10_061,03] Meine Lehre und die göttliche
Weisheit in ihr aber ist das wahre, lebendige Wasser. Wer davon trinken wird,
dessen Seele wird bald mit aller Weisheit erfüllt und für ewig gesättigt
werden, und es wird sie dann nimmerdar dürsten und hungern nach einer höheren
Wahrheit und Weisheit.
[GEJ.10_061,04] Und so habe Ich nun dir, du
Mein alter Jude, das erklärt, was dir ehedem dunkel und unerklärbar schien!
Aber glaube nun ja nicht, als seist du jetzt schon in alle Wahrheit und
Weisheit eingeführt worden; das wird dir erst dann zuteil werden, wenn Ich im
Geiste aller Wahrheit und Weisheit auch in deinem Herzen werde auferstanden und
dann in deiner Seele Lebenshimmel werde aufgefahren sein.
[GEJ.10_061,05] Und nun wollen wir aus diesem
Keller uns entfernen und uns in den Speisesaal begeben; denn das Abendmahl ist
schon bereitet, und wir wollen es zu uns nehmen und damit stärken unsere
Glieder.“
[GEJ.10_061,06] Auf diese Meine Worte begaben
wir uns aus dem Keller und kamen bald in den großen Speisesaal, der mit hundert
Lampen bestens erleuchtet und vor kurzem noch eine derartige Ruine war, daß es
wohl niemand merken konnte, daß da jemals ein großer Speisesaal bestanden
hatte.
[GEJ.10_061,07] Zwei große steinerne Tische,
auf festen Säulen ruhend, waren im Saale in der besten Ordnung aufgestellt und
mit feinstem Byssus zierlich überdeckt, und um jeden der beiden Tische waren
eine rechte Anzahl ganz bequemer Stühle gestellt, und beide Tische waren mit
den bestbereiteten Fischen, mit Brot und Wein bestbestellt.
[GEJ.10_061,08] Wir setzten uns denn auch an
den Tisch, der für uns gedeckt war, und die Inhaber und Bewohner dieser Burg
setzten sich an den zweiten Tisch, der für sie bestellt war, und wir alle aßen
und tranken mit rechtem Maß und Ziel.
[GEJ.10_061,09] Während des Essens ward über
so manches gesprochen, und der Hauptmann fragte Mich, wie er es am nächsten
Tage mit den Römern und Griechen anfangen solle, so sie dieses Wunders sicher
nur zu bald würden gewahr werden. Denn es werde da ein Fragen werden, wie man
ein ähnliches noch kaum jemals erlebt habe.
[GEJ.10_061,10] Sagte Ich: „Wer da kommen
wird, dem saget die Wahrheit; aber das saget ihm auch, daß er alles bei sich
behalten und nicht in die nächsten Städte und Orte laufen und Mich vor der Zeit
ruchbar machen soll!
[GEJ.10_061,11] Auf daß aber dieses Wunder
nicht so bald als ein solches auch von außen her erkannt werde, so sieht diese
Burg dem Außen nach wenig verändert aus, sondern nur im Innern; und so machet
denn auch ihr vor der Zeit nicht viel Aufhebens von dieser Meiner Tat! Ich aber
werde morgen schon Selbst noch einige der besseren Heiden besuchen und werde
Mich eine Stunde der Zeit nach dem Mittag von hier etwa nach Golan mit den Jüngern
begeben, dahin Mich auch du begleiten kannst.
[GEJ.10_061,12] In einer Zeit aber, wenn du
wieder hierher kommen wirst, kannst du Mein Wort diesen Heiden bekanntgeben,
und dann diene dir zu einem Zeugnisse dies Mein gewirktes Wunderzeichen, auf
daß sie erkennen mögen Den, der es gewirkt hat, und dann leben und handeln nach
Seinem Willen!“
[GEJ.10_061,13] Als der Hauptmann solches von
Mir vernommen hatte, gelobte er, daß er sich in allem streng nach Meinem Willen
verhalten werde.
62. Kapitel
[GEJ.10_062,01] Als wir alle noch am Tische
saßen, da entstand draußen auf der Straße ein Lärm. Mehrere Arbeiter kehrten
von ihrem Tagewerk nach Hause, sahen – was sonst bei diesen armen Juden nahe
wohl niemals der Fall war – eben ihr Haus wohl erleuchtet und wollten
nachsehen, was es in dieser Ruine gäbe, und riefen darum die ihnen bekannten
Juden, daß sie zu ihnen herauskommen sollten und ihnen sagen, was da
vorgefallen sei, darum die schlechten Gemächer gar so hell und festlich
erleuchtet seien.
[GEJ.10_062,02] Ich aber sagte zum Hauptmann:
„Gehe du nun hinaus zu diesen Lärmmachern! Sie werden dich alsbald erkennen und
werden daraus auch sogleich innewerden, warum dies Haus nun also erleuchtet
ist; und sie werden sich darauf auch gleich ganz ruhig verhalten, sich nach
Hause begeben und nicht mehr fragen, warum dies Judenhaus nun so beleuchtet
ist.“
[GEJ.10_062,03] Der Hauptmann tat das in
Begleitung eines seiner Unterdiener.
[GEJ.10_062,04] Als er zu den Lärmern kam,
sagte er ganz laut und voll Ernstes zu ihnen (der Hauptmann): „Was wollt ihr
von den armen Juden, so ich mit ihnen zu tun habe und noch ein viel größerer
Machthaber? Soll ich mir euretwegen in dieser Nachtzeit das Innere dieses
Hauses etwa nicht erleuchten lassen?!“
[GEJ.10_062,05] Als die Arbeiter, die den
Hauptmann sogleich erkannt hatten, solches vernommen hatten, da entschuldigten
sie sich, daß sie das nicht gewußt hätten, baten ihn um Vergebung und gingen
darauf ganz ruhig nach Hause. Doch ihren Leuten erzählten sie sogleich, was sie
gesehen und erfahren hatten, und es entstand darauf viel Denkens und
gegenseitigen Fragens und Vermutens, was etwa doch das zu bedeuten habe, daß
der Hauptmann mit noch einem höheren Machthaber in dem elendsten Hause der
Juden eingekehrt sei. Aber es getraute sich doch niemand aus der Stadt zum
Hause der Juden hinzukommen, um nachzusehen, was es darin gäbe, und wir hatten
Ruhe die ganze Nacht hindurch.
[GEJ.10_062,06] Als der Hauptmann mit seinem
Unterdiener wieder zu uns kam, da erzählte er, wie er es gemacht hatte, und daß
das gut gewirkt habe; nur fürchte er, schon am frühen Morgen von den sehr
klagesüchtigen Griechen überlaufen zu werden, und wünsche, daß auch dies soviel
als möglich verhütet werden möchte.
[GEJ.10_062,07] Sagte Ich: „Des sei du
unbesorgt! Es wird sich auch morgen ein Mittel finden lassen, um die
Neugierigen von diesem Hause fernhalten zu können. Da es nun aber schon
ziemlich spät in der Nacht geworden ist, so wollen wir uns zur Ruhe begeben!
Ich aber bleibe hier am Tische ruhen; wer aber ein Bett wünscht, der gehe in
die vielen Ruhegemächer, und er wird dort der Ruhebetten in einer großen Anzahl
antreffen!“
[GEJ.10_062,08] Alle aber, die an Meinem
Tische sich befanden, zogen es vor, Mir gleich am Tische zu verbleiben bis zum
Morgen; nur die Juden blieben nicht an ihrem Tische, sondern begaben sich in
ihre alten Zimmer, die aber nun auch ganz umgestaltet waren. Wir ließen die
Lampen die ganze Nacht fort brennen und die Gemächer beleuchten, auf daß sich
irgendwelche Neugierige zu fürchten anfingen, die es doch ganz leise gewagt
hatten, sich in der Nacht dem Hause der Juden zu nähern, um etwa so nur aus
einer gewissen Ferne zu erlauschen, was in dem Hause vor sich gehen möge. Aber
als sie der Lichter gewahr wurden, da getrauten sie sich nicht dem Hause zu nahen,
aus Furcht, entweder vom Hauptmann selbst oder von einem seiner Diener entdeckt
und darauf bestraft zu werden.
63. Kapitel
[GEJ.10_063,01] Wir alle ruhten sonach
ungestört bis zum Morgen eines Sabbats, der aber bei diesen Juden von keinem
besonderen Belange war, da sie beinahe schon mehr heidnisch denn jüdisch
gesinnt waren. Es kam aber dennoch schon am frühen Morgen der Älteste zu Mir
und fragte Mich, ob Ich und Meine Jünger streng auf den Sabbat hielten, da er
von Moses aus als streng zu heiligender Tag des Herrn bestimmt ward.
[GEJ.10_063,02] Sagte Ich: „Den Sabbat
heiligen nach der Einsetzung Mosis ist für einen jeden Juden recht und gut;
aber von nun an ist ein jeder Tag ein Tag des Herrn, und wer an jedem Tage nach
Meiner Lehre seinem Nächsten Gutes tut, der heiligt wahrhaft den Sabbat. Und so
brauchet ihr heute, als an einem Sabbat, euch nicht anders zu verhalten als an
einem jeden andern Tage!
[GEJ.10_063,03] Der Mensch hat am Sabbat für
seinen Leib dieselben Bedürfnisse wie an jedem andern Tage und soll sie nach
Möglichkeit auch ebenso befriedigen. Nur von einer schweren, knechtlichen
Gewinnsarbeit soll er sich enthalten. So er aber dadurch einem oder mehreren
seiner Nächsten einen Nutzen erweisen kann, so wird dadurch der Sabbat nicht
entheiligt, so er seine Hände auch einer noch so schweren Knechtsarbeit leiht,
und Ich werde ihn dafür segnen; aber so da keine solche Gelegenheit sich
ergibt, so ist es gut, sich an einem Sabbat auszuruhen und sich in seinem
Gemüte mit den Dingen des Geistes zu beschäftigen. Denn bei der schweren
Werktagsarbeit ist die Seele nicht sehr geeignet, über Tiefgeistiges in sich
Betrachtungen zu machen und sich zu Gott zu erheben; und Moses hat also den
Sabbat dazu verordnet.
[GEJ.10_063,04] Aber daß man an einem Sabbat nach
dem Aufgange der Sonne und ebenso auch vor dem Untergange derselben nichts
essen und trinken und auch niemandem eine leibliche Wohltat erweisen sollte,
wie das die Pharisäer in Jerusalem und auch in den andern Orten in den
Synagogen lehren, das ist ein Unsinn, der den Lehrern das Zeugnis gibt, daß sie
die Lehre Mosis niemals verstanden und für sich beachtet und dadurch die
höchste und größte Verkehrtheit des Geistes der Lehre Mosis und der Propheten
unter den Juden an den Tag gefördert haben. Darum tuet ihr heute also, wie ihr
getan habt, und ihr werdet den Sabbat vor Mir nicht entheiligen!
[GEJ.10_063,05] Nur den Heiden braucht ihr
weder heute noch an einem andern Tage um den schnödesten Sold einen gemeinsten
Dienst zu erweisen; so sie aber auch Meine Lehre annehmen und auch euch als
ihre Nächsten ansehen und behandeln werden, so möget ihr ihnen auch in aller
Liebe und brüderlichen Freundschaft allerlei gute Dienste erweisen, auf daß
Friede und Einigkeit unter euch herrsche. In dem habt ihr nun alles, was da
anbelangt die wahre Heiligung des Sabbats.
[GEJ.10_063,06] Es sagen aber ja sogar die
weiseren Heiden, daß es vorzüglicher sei – so Umstände es verlangen –, einem
Nebenmenschen zu dienen, als in einen Tempel zu gehen und darin einem Gott zu
dienen, der des Menschendienstes nicht bedarf. Und so bedarf der allein wahre
Gott des Dienstes der Menschen für sich wohl niemals; aber dessen bedarf Er,
daß die Menschen aus Liebe zu Ihm und aus der gleichen Liebe untereinander sich
gute Dienste erweisen.
[GEJ.10_063,07] Denn die Liebe ist der wahre
Lebensdünger für die Seele zum ewigen Leben, und Gott hat ja darum die Menschen
erschaffen, daß sie in das ewige Leben übergehen sollen. Und so ist der wahre,
Mir allein wohlgefällige Gottesdienst eben hauptsächlich darin bestehend, daß
die Menschen sich untereinander in Meiner Liebe dienen; und so das der Mir
wohlgefälligste Gottesdienst ist, so wird durch ihn der Sabbat sicher niemals
entheiligt.
[GEJ.10_063,08] Steht es ja doch durch einen
Propheten geschrieben in der Zeit, als die Juden zu sehr angefangen haben,
alles – so wie nun die Pharisäer – auf die äußere Zeremonie zu halten: ,Siehe,
dieses Volk ehrt Mich mit den Lippen, aber sein Herz ist ferne von Mir!‘
[GEJ.10_063,09] Dienet Mir also von nun an
nur im Herzen, und lasset ab von der toten Zeremonie, und ihr werdet so an
jedem Tage Mir wohlgefälligst den Sabbat heiligen! – Hast du das nun wohl
verstanden?“
[GEJ.10_063,10] Sagte der Jude: „Ja, o Herr, Herr,
und darum werden wir den Sabbat denn auch nach Deinem Sinne heiligen!“
[GEJ.10_063,11] Hierauf begab sich der Alte
sogleich zu den Seinigen, erklärte ihnen, wie Ich den Sabbat will geheiligt
haben, womit alle vollkommen einverstanden waren und sich dann auch bald an die
Bereitung des Morgenmahles machten, wobei ihnen wieder die Veronika gute
Dienste leistete.
64. Kapitel
[GEJ.10_064,01] Wir aber begaben uns ins
Freie auf einen noch höheren Hügel außerhalb dieser Burg, als der da war, auf
dem die Burg stand, und hatten da eine sehr herrliche Aussicht nach allen
Seiten hin. Man übersah von da auch einen großen Teil des Jordantales – und
anderseits gen Osten in den fernen Ebenen des Euphrat –, eine große Menge
Gebirge und umliegende Orte. Von hier aus konnte man bis gen Jerusalem sehen;
aber diesmal war diese Gegend ganz in dicke Morgennebel gehüllt, und so konnte
man von den Orten Judäas nichts ausnehmen.
[GEJ.10_064,02] Und der Hauptmann bemerkte:
„Herr und Meister, der dicke Nebel über den Orten und Gefilden Judäas scheint
mir sehr jenes Volk zu charakterisieren, dessen Herz und Verstand von einem
noch dichteren Nebel umlagert ist als der, der nun ihre Gefilde vor unseren
Blicken verbirgt?“
[GEJ.10_064,03] Sagte Ich: „Ja, Freund, also
ist es auch; darum werden auch viele in dem dichtesten Nebel ihrer Irrtümer und
daraus hervorgehenden Sünden aller Art und Gattung den Tod finden. Doch lassen
wir nun derlei Betrachtungen beiseite und wenden unsere Augen dem Aufgange der
Sonne zu; denn es wird heute wieder ein herrlicher Aufgang zu sehen sein! Darum
wollen wir alle nun ein wenig ruhen und den Aufgang der Sonne genießen!“
[GEJ.10_064,04] Darauf wurden alle ruhig und
weideten sich an den schönen, stets wechselnden Szenen des Morgens; denn in
dieser Gegend ist der Morgen stets ein um vieles herrlicherer, ob der großen
Ferne gen Osten hin, in der besonders viele Meteore seltener Art vor dem
Aufgange der Sonne sich zu entwickeln pflegen, wovon der Grund in dem
weitgehenden vulkanischen Boden in der natürlichen Hinsicht zu suchen ist. Die
abergläubischen Heiden und Völker jener Gegenden hielten derlei Erscheinungen
für die halbgöttischen Begleiter der Göttin Aurora, die dem Apoll stets den Weg
bahne.
[GEJ.10_064,05] Es war denn nun auch an der
Zeit, den Heiden solchen Wahnglauben zu benehmen und ihnen den wahren Grund von
derlei Erscheinungen zu zeigen und verständlich zu erklären, was Ich hier dem
Hauptmanne und seinen Unterdienern denn auch tat, und sie auch den Grund
einzusehen anfingen, warum Ich sie eigentlich auf diesen Hügel frühmorgens
geführt habe.
[GEJ.10_064,06] Als sie in allem dem
unterrichtet waren und sie Mir dafür auch sehr dankten, bemerkte ein erster
Unterdiener des Hauptmanns: „Es dürfte am Ende doch schwerhalten, besonders das
gemeine Volk, das nach der Heidenpriesterlehre in jeder Wolke, in jedem
Dunstgebilde, beim Aufsteigen des Küchenrauches, beim Verbrennen und Mehr- oder
Minderknistern des Holzes nichts als Geister und Gnomen aller Art und Gattung
sieht und von ihrem Verhalten und Bewegen Glück oder Unglück erwartet, von
seinem Aberglauben abwendig zu machen!
[GEJ.10_064,07] Denn am Ende liegt all den
vielen Erscheinungen, die oft ganz seltener Art sind, etwas Geistiges zugrunde,
weil ohne einen innersten und somit ersten Entstehungsgrund von was immer für
einer Erscheinung nichts in ein äußeres ersichtliches Dasein treten kann. Und
diesen ersten Grund haben die alten Weisen, um ihn dem Volke begreiflich und
anschaulich zu machen, entsprechend personifiziert, welche Entsprechung nun
freilich nur sehr wenige mehr verstehen und dafür die Erscheinung selbst für
den innersten und ersten Geistgrund halten. Und es ist also schwer, derlei
Menschen dahin überzeugend zu belehren, daß das, was sie sehen, nicht das ist,
was sie sehen und für was sie es halten, sondern – so und so – eine notwendige
Außenerscheinung von einer innersten, ersten und einem fleischlichen Auge
niemals sichtbaren Ursache.
[GEJ.10_064,08] Nun ergibt sich aber noch
eine andere Frage, und diese besteht darin, ob es am Ende nicht besser ist,
derlei Menschen nicht auf einmal von ihrem Aberglauben abwendig zu machen, weil
sie dadurch das Gehabte zwar verlieren, aber das dafür zu Erhaltende nicht so
bald in voller überzeugender Klarheit erreichen können und dadurch, wie es
schon bei vielen Griechen und Römern der Fall war, nur zu leicht in den
allerdicksten und höchst schwer ausrottbaren Materialismus übergehen, an dem
die Bewohner eben dieser Stadt ohnehin wahrlich keinen Mangel haben. – Herr und
Meister, was sagst denn Du dazu?“
65. Kapitel
[GEJ.10_065,01] Sagte Ich: „Ich kann dir
nichts anderes sagen, als was Ich euch und Meinen Jüngern gesagt habe: Lehret
sie vor allem den einen, allein wahren Gott erkennen und Sein Reich der ewigen
Liebe und Wahrheit, und lehret sie durch euer Beispiel handeln nach der Lehre,
die ihr von Mir empfangen habt! Sie werden dann schon durch Meinen Geist in
ihnen in alle Wahrheit und Weisheit erhoben werden.
[GEJ.10_065,02] Daß es bei allen
Erscheinungen sowohl auf der ganzen Erde und also auch beim Menschen einen
innersten und geistig- lebendigen Grund gibt, das habe Ich euch in Pella
hinreichend klar gezeigt. Aber es ist darum nicht nötig, mit dem gleich anfangs
die Menschen bekannt und vertraut zu machen, sondern nur mit der Hauptsache,
die ihr wohl kennt; hat diese Wurzeln geschlagen, so wird sich alles andere
ganz leicht wie von selbst bewerkstelligen lassen.
[GEJ.10_065,03] Überhaupt sollt ihr euch
besonders im Anfange nicht mit den Erklärungen der Erscheinungen in der
Naturwelt abgeben – erstens, weil ihr selbst darin noch nicht völlig im klaren
seid, und zweitens, weil von der Erkenntnis derselben das eigentlich wahre
Lebensheil einer Menschenseele nicht abhängt –, sondern lehret die Menschen nur
lebendig an Mich glauben und leben und handeln nach Meinem euch bekannten
Willen; alles andere und Weitere werde dann schon Ich Selbst besorgen! Denn wer
Meine Gebote hält und Mich wahrhaft in der Tat über alles liebt, zu dem werde
Ich Selbst kommen und Mich ihm in allem offenbaren nach dem Maße seiner
Aufnahmefähigkeit.
[GEJ.10_065,04] Denn die Talente sind von Mir
aus an die Menschen darum verschieden verteilt, auf daß ein jeder seinem
Nächsten nach dem ihm eigenen Talent in der von Mir gebotenen Nächstenliebe
dienen kann. Darum habt ihr vorderhand für die Entwicklung der Sondertalente
bei den Menschen weniger zu sorgen, sondern nur für die Hauptlehre, die ihr von
Mir empfangen habt; alles andere – wie schon gesagt – werde schon Ich
besorgen.“
[GEJ.10_065,05] Als der Unterdiener solches
von Mir vernommen hatte, dankte er Mir und fragte Mich über derlei um nichts
Weiteres mehr.
[GEJ.10_065,06] Bei dieser belehrenden
Gelegenheit aber war die Sonne auch schon vollends über den Horizont gestiegen,
und es kam ein Bote aus dem Hause, uns anzuzeigen, daß das Morgenmahl bereitet
sei. Da erhoben wir uns und begaben uns hinab in das Haus.
[GEJ.10_065,07] Als wir beim Hause anlangten,
da war es von mehreren Bürgern dieser Stadt ordentlich belagert; denn sie
hatten vernommen, daß der Hauptmann die Nacht hindurch in dem Hause der Juden
zu tun gehabt habe, und hätten von einem Einwohner dieses Hauses gegen einen
Lohn gern erfahren, was es da denn eigentlich gegeben habe. Als sie aber den
Hauptmann und seine Diener schon von einiger Ferne ersahen und erkannten, da
hoben sie ihre förmliche Hausbelagerung sogleich auf, zogen sich etwas zurück,
und wir konnten unbeirrt in das Haus gehen.
[GEJ.10_065,08] Im Hause nahmen wir bald das
wohlbereitete Morgenmahl zu uns, und es kümmerte sich niemand besonders um die
das Haus beobachtenden Bürger dieser Stadt.
[GEJ.10_065,09] Es kam aber bald darauf der
Bürgeroberste dieser Stadt, um dem Hauptmanne seine Aufwartung zu machen.
[GEJ.10_065,10] Als er sich durch einen
seiner mitgenommenen Diener melden ließ, da fragte Mich der Hauptmann, ob er
ihn vorlassen solle oder nicht.
[GEJ.10_065,11] Und Ich sagte: „Diesen lasse
du nur zu uns kommen; denn auch er soll Mir zu einem Rüstzeuge werden!“
66. Kapitel
[GEJ.10_066,01] Nach dem ließ der Hauptmann
den Bürgerobersten vor und fragte ihn gleich beim Eintritt in unseren großen
und prachtvoll ausgestatteten Speisesaal, was er wünsche.
[GEJ.10_066,02] Der Bürgeroberste aber, ein
Mann von vielem Verstand und vielfacher Erfahrung, dem zuvor dieses Judenhaus
nur zu gut bekannt war von außen wie von innen, sagte voll Staunens: „Hoher
Gebieter im Namen des großmächtigsten Kaisers zu Rom, der größten und
mächtigsten Stadt der ganzen Welt! Da ich vernahm, daß du dich hier sicher sehr
dringender Amtsgeschäfte halber befindest, so ist es doch nichts mehr und nichts
minder als meine beschworene heilige Pflicht, dir meine Aufwartung zu machen
und dich in aller Ergebung zu fragen, ob du nicht irgend meines Dienstes
benötigst. Und so bin ich denn nun auch voll Staunens hier vor dir und meine
nun schon zum voraus, daß du meines Dienstes kaum benötigen wirst; denn du
vermochtest im geheimen den armen Juden ihr völlig zerklüftetes Haus in einen
wahren Palast umzugestalten, ohne mich davon nur einmal in Kenntnis gesetzt zu
haben und meine Hilfe anzusprechen, – und so werde ich auch diesmal dir ganz
überflüssig sein. Kannst du mich aber doch zu etwas brauchen, so stehe ich dir
selbst mit meinem Leben zu Diensten!“
[GEJ.10_066,03] Sagte der Hauptmann: „Bleibe du
nun nur hier; denn diesmal wirst du mir noch in gar manchem zu dienen haben!
Aber setze dich vorerst, und trinke einen Becher des ältesten und besten
Weines, der, von uralter Zeit herstammend, in einem ganz verschüttet gewesenen
Keller in ganz reinen steinernen Gefäßen wohlerhalten vorgefunden worden ist!“
[GEJ.10_066,04] Der Bürgeroberste setzte sich
sogleich zum Hauptmanne hin, ergriff den Becher und kostete zuerst den Wein;
als er aber von dessen Güte vollends überzeugt wurde, da trank er den Wein aus
dem Becher in kräftigeren Zügen und sagte: „Ich habe doch auch schon so manchen
Tropfen der besten mir bekannten Weine gekostet; aber über diesen ist noch nie
einer über meine Lippen geflossen! O Hauptmann, du anerkannt großer Mann in
allem und auch ein Held ohnegleichen, den viele seiner Taten wegen loben und
rühmen, aber hier vergib es mir, eine kleine Bemerkung zu machen: So das pur
dein Werk ist, so bist du auch schon mehr ein Gott denn ein Mensch! Denn diese
alte, äußerst weitläufige Burg sicher in einer kurzen Zeit ohne mein Wissen so
königlich herzustellen, kann nur Göttern, aber nie den noch so tätigen und
einsichtsvollen Menschen möglich sein; denn selbst die besten und kundigsten
Bauleute hätten mit der Herstellung solch einer Ruine sicher über zehn Jahre
vollauf zu tun gehabt!“
[GEJ.10_066,05] Sagte der Hauptmann: „Deine
Bemerkung ist ganz richtig, – nur findet sie auf mich keine Anwendung! Auf wen
aber, das wirst du bald vernehmen und mir darauf dann erst zu Diensten stehen;
aber nun trinke!“
[GEJ.10_066,06] Hierauf ließ sich der
Bürgeroberste noch einmal seinen Becher füllen und trank ihn zur Ehre des
wunderbaren, mit wahrer Götterkraft begabten Wiederherstellers dieser alten
Burg bis auf den letzten Tropfen aus. Darauf sagte er: „Nun aber, hoher
Gebieter, möchte ich – so es dir genehm wäre – mich von der ganzen Burg, die
einst, nach der sehr weitläufigen Ruine zu schließen, sehr viele Gemächer haben
mußte, überzeugen, ob sich alles in dem gleich guten Bauzustande befindet wie
dieser große Speisesaal, der ehedem von aller Art Tiergeschmeiß bewohnt war!“
[GEJ.10_066,07] Sagte der Hauptmann: „Das
können wir allerdings tun, wenn es dem Einen unter uns, den du bis jetzt noch
nicht kennst, genehm ist!“
[GEJ.10_066,08] Sagte Ich: „Dem ist es schon
ganz genehm also; denn die Heiden und besonders so starre Stoiker, wie dieser
Bürgeroberste einer ist, können nur durch große Zeichen zum Glauben an den
einen, allein wahren Gott und Herrn Himmels und der Erde von Ewigkeit, dem alle
Dinge möglich sind, und der allein aus Sich durch Sein Wort alles erschaffen
und gestaltet hat, wieder bekehrt werden.“
67. Kapitel
[GEJ.10_067,01] Als Ich dieses ausgesprochen
hatte, da erhoben wir uns alle vom Tische, durchzogen alle die großen und
kleinen Gemächer, auch den übergroßen Keller, und der Bürgeroberste ward dabei
so voll Staunens und Verwunderns, daß er sich vor lauter Ehrfurcht kaum zu
reden getraute.
[GEJ.10_067,02] Als wir nach ein paar Stunden
Zeit abermals in den großen Speisesaal zurückgekehrt waren und uns um den Tisch
gelagert hatten, da erst sagte er (der Bürgeroberste): „Nun erst glaube ich,
daß es einen Gott von Ewigkeit her gibt, und zwar nur Den, an den die Juden –
aber auch nur ganz schwach – noch glauben und Ihn von Zeit zu Zeit anbeten und
Ihm zur Ehre einen Tag in der Woche feiern. Denn derlei zu bewirken kann nur
Dem allein möglich sein, der den weiten Himmel und diese Erde, deren Ende auch
kein Mensch ergründet hat, aus Sich durch Sein ewiges Machtwort erbaut und mit
zahllos vielen und mannigfachen Pflanzen, Tieren und Menschen bebaut, geziert,
belebt und bevölkert hat. O Hauptmann, lehre du mich diesen Gott näher kennen!“
[GEJ.10_067,03] Sagte der Hauptmann: „Da sieh
den Mann, der zu meiner Rechten sitzt und mit meiner Tochter, die Er in Pella
wunderbar von einer bösesten Krankheit geheilt hat, Sich bespricht! Mehr
brauche ich dir vorderhand nicht zu sagen; nachderhand aber wirst du schon ein
Näheres und Umständlicheres erfahren!“
[GEJ.10_067,04] Hierauf fing der
Bürgeroberste Mich scharf zu betrachten an und sagte dann mit leiser Stimme zum
Hauptmann: „Er ist dem Ansehen nach auch ein Mensch und der Tracht nach ein
Jude aus Galiläa; aber er muß ein äußerst frommer und dem großen Gott der Juden
völlig ergebener Mann sein, daß ihn der große Gott zu solch einer nie erhörten
Macht erhoben hat, wie das in der früheren Zeit auch andere sehr fromme Juden
sollen erfahren haben!“
[GEJ.10_067,05] Sagte der Hauptmann: „Du hast
zum Teil wohl recht, aber ganz noch lange nicht. Aber mit der Zeit wird dir
noch alles klar werden!“
[GEJ.10_067,06] Hierauf kehrte Ich mich zum
Hauptmann und sagte: „Nun kannst du ihn schon näher unterweisen; denn er wird
es fassen.“
[GEJ.10_067,07] Da fing der Hauptmann zum
Staunen sogar Meiner Jünger den Bürgerobersten über Mich zu belehren an, und
dieser begriff und faßte alles, und es blieb kein Zweifel mehr in seiner Seele.
[GEJ.10_067,08] Als der Bürgeroberste nun
wohl einsah, mit wem er es in Mir zu tun hatte, da stand er auf, ging voll
Ehrfurcht zu Mir hin und sagte voll ergebenen Mutes: „Herr, Herr, Du allein
bist es, an den ich von nun an ungezweifelt und lebendig mit meinem ganzen
Hause glauben werde! Aber sage es auch Du mir, was ich tun soll, auf daß mein
Glaube auch in die Herzen der andern Menschen übergehen möchte in kürzester Zeit!
Denn es ist mein Gemüt schon einmal also beschaffen, daß ich mit dem, was mich
überglücklich und seligst zufrieden macht, auch gleich alle andern Menschen
ebenso glücklich und zufrieden machen möchte, was aber mit unseren schwachen
Menschenkräften freilich nur zu oft nicht so schnell geht, wie wir es wünschen
und haben möchten. Dir, o Herr, Herr, sind ja alle Mittel und Wege schon von
Ewigkeit her klarst bekannt, und so kannst auch nur Du sie mir anzeigen!“
68. Kapitel
[GEJ.10_068,01] Sagte Ich: „Liebe und Geduld
sind die zwei größten Dinge zu allem in dieser Welt, wie auch in der ewigen
Unendlichkeit. An der Liebe fehlt es dir wahrlich nicht, darum Ich Mich auch
von dir habe finden und bald erkennen lassen; aber an der rechten, mit der
Liebe im vollen Einklang stehen sollenden Geduld fehlt es dir noch.
[GEJ.10_068,02] Siehe, tue denn heute in
Meinem Namen nur soviel, als dir möglich ist, und es wird dir dann der nächste
Tag schon sagen, was du zur Erreichung eines edlen Zweckes ferner zu tun haben
wirst! Denn siehe, in dieser Meiner übergroßen, für euch Menschen bestimmten
Welt läßt sich nichts übers Knie also brechen wie ein altes, morsches Stück
Holz! Denn ginge das also, da hätte Ich wohl niemals Fleisch und Blut
angenommen, wäre nie als Mensch zu euch Menschen gekommen und würde euch nicht
in den Dingen Meines Reiches gewisserart mit aller Mühe und übergroßer Geduld
Selbst unterweisen.
[GEJ.10_068,03] Ein jeder Mensch hat seinen
vollkommen freien Willen, und dieser muß vor allem geachtet und berücksichtigt
werden. Es wäre daher nicht am besten, besonders die Menschen, die sich mit der
Lehre der Stoiker noch nicht absonderlich befaßt haben, gleich auf dieses von
Mir gewirkte große Wundertatszeichen hinzuweisen, sondern sie sollen über Mein
Dasein, das im Geiste keinen Anfang und kein Ende hat, das heißt über den
einen, allein wahren Gott belehrt werden; dann werde ihnen Sein Wille
bekanntgemacht, und der Mensch, der ihn erfüllt, hat das rechte Ziel erreicht.
[GEJ.10_068,04] Und nehmen die Menschen das ohne
einen äußeren Zwang – ob er ein physischer oder moralischer sei – an und fangen
an, nach solcher Lehre ernstlich zu handeln, dann möget ihr mit ihnen auch von
Meinen besonderen Zeichen und von Meiner Allgegenwart mit ihnen zu reden
anfangen, und das wird sie stärken im Glauben und im Tun nach demselben.
[GEJ.10_068,05] Doch die starren Stoiker
könnet ihr schon mit den von Mir gewirkten Zeichen zu bekehren anfangen; denn
die Verächter des Lebens und Wünscher des Todes und des Nichtseins halten schon
einen heftigeren Stoß aus, ohne dadurch in der Freiheit ihres Willens einen
Schaden zu erleiden.
[GEJ.10_068,06] Machet jedoch nicht gleich
ein großes Gerede von diesem Zeichen; denn es wohnen ohnehin in dieser Stadt
zwei Menschen, die Ich in Pella geheilt habe, wovon der Hauptmann und seine
Unterdiener das Nähere gar wohl kennen, und diese beiden Geheilten werden Mir
schon ein rechtes Zeugnis geben! Dann erst könnet ihr auch von dem zu reden
anfangen, was hier geschehen ist.
[GEJ.10_068,07] Also tuet das, was Ich nun
gesagt habe, mit aller Liebe und Geduld, und ihr werdet so in Meinem Namen zu
einer reichen Menschenernte für Mein Lebensreich gelangen!
[GEJ.10_068,08] Denn sehet, der Herr eines
Weinberges hatte zwei Arbeiter in seinen Weinberg bestellt und versprach einem
jeden den ganz gleichen, sehr ansehnlichen Lohn. Da teilten die beiden
gedungenen Arbeiter den Weinberg unter sich ab zu gleichen Teilen.
[GEJ.10_068,09] Der eine der Arbeiter wollte
sich vor dem Herrn sehr eifrig und tätig erweisen, um von ihm etwa einen guten
Nachlohn zu erhalten, und arbeitete ohne Rast und Ruhe. Er war mit seiner
Arbeit denn auch bald zu Ende; aber diese fiel ob der großen und geduldlosen
Hast denn auch zum größten Teile sehr schluderig aus, und der Weinberg gab dem
Herrn eine magere Ernte.
[GEJ.10_068,10] Der zweite Arbeiter aber ließ
sich Zeit, überlegte bei jeder Rebe wohl, wie sie zu behandeln sei, auf daß sie
dem Herrn eine reiche Frucht brächte. Er hatte mit seinem Teil denn auch länger
zu tun als sein Mitarbeiter; aber als es zur Ernte kam, da war sein Teil
übervoll mit den schönsten Trauben.
[GEJ.10_068,11] Als der Herr des Weinberges
dann die Lese hielt, da belobte er den zweiten Arbeiter sehr und gab ihm den
Nachlohn; dem ersten Arbeiter, der mit zu großer Hast arbeitete, gab er keinen
Nachlohn, da derselbe in dem Weinberg eher einen Schaden denn irgendeinen
Nutzen bewirkte.
[GEJ.10_068,12] Das bedenket auch, so ihr in
Meinem Menschenlebensweinberg einen wahren Nutzen bewerkstelligen wollt!
[GEJ.10_068,13] Die Menschen sind die Reben
und sind nach ihrer verschiedenen Art und Natur denn auch verschieden zu
behandeln; tut denn also, wie Ich es euch nun gezeigt habe, und ihr werdet gute
Früchte ernten und einen besten Lohn überkommen in Meinem Reiche!
[GEJ.10_068,14] Lehret die Menschen vor allem
nur die Wahrheit, und ihr werdet sie frei machen in allem, das ihre Seelen
gefangen hält, und ihr selbst werdet dabei die Wonne der größten Freiheit in
euren Herzen empfinden und genießen!“
69. Kapitel
[GEJ.10_069,01] Für diese Belehrung dankten
Mir alle, und der Bürgeroberste erhob sich darauf vom Tische und wollte
hinausgehen, da er sah, daß der Älteste seinen Leuten befahl, die
Mittagsspeisen bald auf den Tisch zu bringen. Ich aber behieß ihn zu bleiben
und mit uns zu halten das Mittagsmahl; und er blieb und hielt mit uns das Mahl.
[GEJ.10_069,02] Und als er die edlen Fische
ersah, da fragte er den Hauptmann, ob und wann er diese Fische etwa aus
Genezareth oder Gadara diesen Juden verschaffte.
[GEJ.10_069,03] Der Hauptmann aber sagte:
„Freund, nicht ich, sondern auch nur ganz allein der Herr, dem – wie du dich
heute schon zur Genüge überzeugt hast – alles zu bewirken möglich ist, – und so
sind diese Fische auch ein Zeichen Seiner göttlichen Macht und Herrlichkeit! Iß
sie, und stärke dich damit am Leibe und im Herzen der Seele!“
[GEJ.10_069,04] Hierauf nahm der
Bürgeroberste einen Fisch und verzehrte ihn bald, da er ihm gar überaus wohl
mundete; doch einen zweiten nahm er nicht mehr, da er sich schon mit dem einen
Fisch vollkommen gestärkt fühlte.
[GEJ.10_069,05] Es ward aber während des
Mahles noch gar manches über die Erscheinungen und Dinge in der Naturwelt
besprochen, und der Bürgeroberste hatte darüber eine große Freude.
[GEJ.10_069,06] Es kam auch die Rede auf die
Träume, und Ich Selbst erklärte ihnen die innere Welt der Träume und zeigte
ihnen dabei die in der Seele noch unentfaltete gottähnliche schöpferische
Kraft, die durch das treue Handeln nach Meiner Lehre ihre höchste Ausbildung
und Vollendung erreichen kann.
[GEJ.10_069,07] Auch darüber hatte der
Grieche, wie auch der Hauptmann, eine große Freude und sagte: „Oh, wie gar
nichts wissen doch die Menschen allesamt, und wie gar nichts sind sie gegen
Dich, o Herr, Herr!“
[GEJ.10_069,08] Sagte Ich: „Darum bin Ich zu
euch in diese Welt gekommen, um euch den Weg zu zeigen, auf dem fortwandelnd
ihr eben jene Vollendung in allem erreichen sollet, die Ich von Ewigkeit her
besitze unveränderlich und unwandelbar. Ich bin Alles in Allem, und alles ist
in Mir und aus Mir! Und also sollet auch ihr als Meine Kinder mit Mir sein!
[GEJ.10_069,09] Ich sage es euch: Kein Auge
hat es je gesehen, kein Ohr vernommen, in keines Menschen Sinn ist es je
gekommen, welche Seligkeiten für die bereitet sind, die Mich lieben und Meine
Gebote treulichst halten! Seid darum nüchtern und in allem Guten und Wahren
eifrig und in aller Liebe und Geduld tätig, auf daß Mein Geist in euch erwache
und erstehe und euch zeige im klarsten Licht die innere Gotteswelt in eurer
Seele Herzen; denn in dem ist eine für den Außenmenschen unentdeckte
seligkeitsvollste Unendlichkeit verborgen, und niemand außer Mir kennt den Weg
dahin! Ich aber zeigte euch diesen Weg; darum wandelt auf ihm, auf daß ihr in
die Gotteswelt in euch selbst gelangen möget!“
[GEJ.10_069,10] Nach diesen Meinen Worten
sagte der Grieche: „Das ist wohl eine innere tiefste Weisheit; aber ich habe
sie nicht völlig begreifen können, da ich sicher noch in allem ein ganz äußerer
Mensch bin. Ich werde daher trachten, diesen äußeren Menschen nach und nach
ganz auszuziehen, um dadurch den inneren stets klarer begreifen zu können. O
Herr, Herr, Du aber sei und bleibe mir behilflich in dieser schweren Arbeit!
Denn nur mit Deiner Hilfe kann der für sich arme und schwache Mensch alles
erreichen, ohne sie aber ewig nichts als den Tod, den ein jeder Mensch einmal
zu erleiden haben wird, – ein Los, das wahrlich nicht geeignet ist, den tiefer
denkenden Menschen heiter und fröhlich zu stimmen, darum uns Diogenianer auch
niemals jemand mit einer heiteren Miene hat einhergehen sehen.
[GEJ.10_069,11] Aber von nun an, da ich den
Schöpfer und Herrn des Lebens und aller Dinge Selbst gesehen und gesprochen und
aus Seinem Munde überzeugend vernommen habe, daß es für den Menschen ewig
keinen Tod gibt, so bin ich nun denn auch ganz heiter geworden in meinem
Herzen. O Herr, Herr, erhalte mich in dieser Heiterkeit; denn ein trauriger
Mensch kann keine Lust zu einer guten Arbeit haben!“
[GEJ.10_069,12] Sagte Ich: „So ihr das Eurige
tun werdet, da werde Ich schon auch das Meinige tun! Doch wünschet euch nicht
zu viel Lebensheiterkeit, solange ihr noch im Fleische wandelt; denn durch sie
verirrt sich die Seele leicht ins Weltliche und Materielle und findet dann den
rechten Weg zum Leben sehr schwer mehr in der rechten Vollkommenheit.
[GEJ.10_069,13] Ertraget denn Freud und Leid
mit der rechten Geduld und vollen Ergebung in Meinen Willen, so werdet ihr
dereinst in Meinem Reiche mit der Krone des Lebens geschmückt werden!
[GEJ.10_069,14] Nun aber ist für diesen Ort
Meine Zeit auch herbeigekommen, und Ich werde euch nun verlassen und Mich in
einen anderen Ort begeben, in dem es auch viele Tote gibt, die Ich zum Leben
erwecken will. Dir, Hauptmann, aber steht es nun frei, Mich nach Golan zu
begleiten.“
[GEJ.10_069,15] Sagte der Hauptmann: „O Herr
und Meister, ich möchte Dich, so es Dir genehm wäre, wohl noch weiter begleiten
– denn ich hätte nun in dieser Herbstzeit auch Muße dazu; doch in die Orte, die
unter meiner Macht stehen, begleite ich Dich in jedem Falle, da ich sie ja
ohnehin in Augenschein zu nehmen habe. Also gehen auch meine Unterdiener mit,
wie auch meine Tochter, und wir können uns denn schon auf den Weg machen!“
[GEJ.10_069,16] Hier kamen auch die Juden
dieses Hauses und dankten Mir mit dem gerührtesten Gemüte für die Wundergnaden,
die Ich ihnen erwiesen hatte, und baten Mich, daß Ich sie auch fernerhin mit
Meiner Hilfe in irgendeiner Not nicht verlassen möchte.
[GEJ.10_069,17] Ich versprach ihnen denn
auch, im Geiste bei ihnen zu verbleiben, so sie in Meiner Lehre verbleiben
würden, und der Hauptmann versprach ihnen auch, daß er sie schützen werde, und
ebenso auch der Bürgeroberste.
70. Kapitel – Der Herr in Golan. (Kap.70-90)
[GEJ.10_070,01] Als das alles also abgemacht
war, erhoben wir uns vom Tische und begaben uns auf den Weg nach Golan. Wir
machten aber einen kleinen Umweg außerhalb der Stadt, um in der Stadt nicht ein
unnötiges Aufsehen zu erregen, auf welchem Wege uns denn auch der Bürgeroberste
begleitete; denn auch er wollte den vielen, auf ihn wartenden Fragern
vorderhand ausweichen. Am andern Ende der Stadt, auf dem Wege nach Golan, hatte
der Oberste einen alten Freund; diesen besuchte er, trennte sich also von uns,
und wir zogen ruhig unseren Weg weiter.
[GEJ.10_070,02] Der Weg von Abila nach Golan
ist ziemlich beschwerlich, und wir kamen erst gegen Abend in den benannten Ort.
Als wir da vor das Tor der Stadt kamen, da begegneten uns mehrere Juden, die
zwar wohl in der Stadt wohnten, aber da sie des Sabbats wegen noch keinen
Ausgang gemacht hatten, weil sie nach strenger Satzung erst nach dem Untergange
solches tun durften, so benutzten sie diese Zeit dazu.
[GEJ.10_070,03] Als sie uns ankommen sahen
und uns als Juden erkannten, da ging sogleich ein Ältester auf uns zu und
fragte uns, woher wir gekommen seien, und ob wir nicht wüßten, daß ein wahrer
Jude den Sabbat nicht entheiligen solle, auch nicht durch einen nötig zu
machenden Weg im Freien, solange die Sonne am Himmel steht und leuchtet.
[GEJ.10_070,04] Hier trat der Hauptmann dem
Ältesten entgegen und sagte mit ernster Stimme: „Es sind hier nicht nur Juden,
sondern es sind auch wir machthabenden Römer bei und unter ihnen; uns aber
gehen eure Gesetze nichts an, und so wir es wollen und für notwendig erachten,
da müssen auch die blöden Juden an einem Sabbat das tun, was wir wollen, und
ihr habt kein Recht, einen eurer Glaubensgenossen in unserer Gesellschaft
anzuhalten und zu fragen, warum er dies oder jenes an einem eurer Sabbate tue
oder nicht tue. Denn hier und noch weithin bin ich der Gebieter im Namen des
Kaisers und habe das scharfe Schwert der Gerechtigkeit in meiner Hand! Wer
wider dasselbe zu handeln sich unterfängt – ob Jude, Grieche oder Römer, ob an
einem Sabbat oder an einem andern Tage, das ist eins –, der wird dessen Schärfe
zu verkosten bekommen!“
[GEJ.10_070,05] Als die Juden, den Hauptmann
wohlerkennend, solch eine Anrede aus seinem Munde vernahmen, da erschraken sie
sehr und baten ihn mit der Entschuldigung um Vergebung, daß sie ihn unter den
ankommenden Juden und etwelchen Griechen nicht gesehen und so denn auch nicht
erkannt hätten; denn hätten sie ihn gesehen und erkannt, so hätten sie die
Juden, weil sie am Sabbat eine Reise gemacht haben, sicher nicht angehalten und
befragt; denn auch sie seien stets treue Untertanen der Römer und hätten eine
hohe Achtung vor ihren weisen Gesetzen.
[GEJ.10_070,06] Sagte nun der Hauptmann:
„Diesmal ist es euch vergeben; aber künftighin fraget mir ja auch an einem
Sabbat zugereiste Juden nicht mehr, warum sie solchen Tag nicht auf eine gebührende
Art und Weise feiern! Denn werdet ihr das noch einmal aus eurem blinden Eifer
tun, so werde ich euch darum zu züchtigen verstehen; und nun ziehet weiter,
oder kehret wieder in eure schmutzvollen Wohnhäuser zurück!“
[GEJ.10_070,07] Auf das machten die Juden
eine tiefe Verbeugung vor dem Hauptmanne und zogen sich ganz behende in die
Stadt zurück; denn sie meinten bei sich, daß in kurzer Zeit dem Hauptmanne bei
hundert Soldaten folgen dürften, denen sie nicht begegnen wollten, und so
fanden sie es für ratsamer, sich wieder in ihre Wohnhäuser zurückzubegeben.
[GEJ.10_070,08] Als diese Juden sich in ihre
Wohnhäuser verkrochen, da fragte Mich der Hauptmann, wo Ich in dieser Stadt die
Nachtherberge nehmen werde.
[GEJ.10_070,09] Sagte Ich: „Freund, am andern
Ende dieser Stadt befindet sich eine Judenherberge; dahin werden wir uns
begeben und die Nacht über denn auch verbleiben. Der morgige Tag wird uns schon
bringen, was da Weiteres zu tun sein wird. Und so denn begeben wir uns zu der
genannten Judenherberge!“
[GEJ.10_070,10] Wir zogen bei schon
ziemlicher Dämmerung durch die ganz bedeutende Stadt und erreichten denn auch
bald die angezeigte Herberge.
[GEJ.10_070,11] Als wir vor dieser Herberge,
die freilich eben nicht sehr ansehnlich war, anlangten und stehenblieben, da
kam alsbald der Wirt an die Hausflur und fragte uns, was wir da wünschten.
[GEJ.10_070,12] Da sagte Ich: „So da Reisende
vor einer Herberge abends anlangen, so wollen sie für die Nacht eine Unterkunft
haben; und das wünschen denn hier auch wir.“
[GEJ.10_070,13] Sagte der Wirt: „Freund, ihr
seid euer sicher bei vierzig an der Zahl, und für so viele wird sich in meinem
Hause wohl schwer ein nur halbwegs genügender Raum finden lassen! Da weiter
oben ist eine große Griechenherberge; in der könnet ihr eine ganz gute und
bequeme Aufnahme finden. Zudem habe ich leider auch ein krankes Weib, das mit
der Küche umzugehen versteht, was meine beiden Töchter, die heute auch etwas
unwohl sind, auch im ganz gesunden Zustande noch lange nicht vermögen, weil ihnen
dazu die nötige Kraft und Kenntnis mangelt. Ich kann euch daher nur eine sehr
magere Unterkunft bieten, während ihr in der oberen Herberge alles haben könnt,
dessen ihr bedürfet.“
[GEJ.10_070,14] Sagte Ich: „Das weiß Ich
auch, und das schon seit lange her; Ich will aber eben darum in deiner Herberge
übernachten, auf daß du von uns erhalten und haben sollst, dessen du bedarfst.
Laß uns bei dir Herberge nehmen!“
[GEJ.10_070,15] Als der Wirt das vernahm, da
sagte er: „Ja, so ihr euch mit meiner in jeder Hinsicht höchst mager bestellten
Herberge begnügen wollt, da könnet ihr immerhin eintreten und euch die innere
Bestellung dieser meiner Herberge ansehen; gefällt sie euch, so möget ihr denn
auch bleiben! Etwas Wein und Brot kann ich euch schon noch bieten, und etliche
Tische, mit zum größten Teil Steinbänken umstellt; aber mit Ruhestätten wird es
sehr mager aussehen.“
[GEJ.10_070,16] Auf das traten wir sogleich
in das Herbergshaus, allwo wir ein ziemlich geräumiges Speisezimmer antrafen
und ebenso auch viele Tische, Stühle und Bänke, daß wir alle so ziemlich bequem
Platz hatten.
[GEJ.10_070,17] Der Wirt ließ alsbald Lichter
in den Speisesaal bringen und erstaunte nicht wenig, als er unter uns auch den
ihm sehr wohlbekannten Hauptmann Pellagius ersah. Er fing nun an, sich noch
mehr mit seiner Armut zu entschuldigen, womit er solchen Gästen nur sehr
schlecht würde dienen können, und zugleich sei heute auch der Sabbat zu halten
gewesen, an dem es den Juden nicht gestattet sei, sich für den Abend nach
Gebühr vorzubereiten.
[GEJ.10_070,18] Der Hauptmann aber beruhigte
ihn und sagte: „So ich hier so gut und bequem als möglich eine Herberge hätte
haben wollen, so hätte ich die mir stets zur Verfügung stehende Burg benutzen
können; aber da mir an dieser Gesellschaft endlos mehr gelegen ist als an all
dem eitlen und vergänglichen Weltprunk, so bleibe auch ich mit dieser meiner
Tochter und diesen meinen ersten Unterdienern bei dir. Und ich bleibe auch
darum bei dir, weil der eine wahre Herr und Meister, der mir alles in allem
ist, schon vor der Stadt den Wunsch laut ausgesprochen hat, heute eben in
dieser deiner Herberge zu übernachten.
[GEJ.10_070,19] Wer aber solcher Herr und
Meister so ganz eigentlich ist, das wirst du schon noch näher erfahren und
dadurch auch dein Heil finden und bewahren für dich und für dein ganzes Haus.
Aber nun laß uns etwas Brot und Wein auf die Tische bringen!“
[GEJ.10_070,20] Hier berief der Wirt sogleich
seine eben nicht zahlreiche Dienerschaft und gebot ihr, Brot, Salz und Wein auf
die Tische zu setzen, was denn auch alsogleich bewerkstelligt wurde.
[GEJ.10_070,21] Wir nahmen denn auch gleich
etwas Brot und Wein zu uns, und der Wirt selbst, der ein ganz ehrwürdiges
Aussehen hatte und auch sonst ein rechtlicher Mann war, beteiligte sich an dem
dargereichten Abendmahl.
71. Kapitel
[GEJ.10_071,01] Nachdem wir uns so mit Brot
und Wein ganz zur Genüge erquickt hatten und unser Wirt redemutiger geworden
war, da wandte er sich an Mich und sagte: „Du scheinst mir allem untrüglichen
Anscheine nach ebenderselbe Herr und Meister zu sein, bei dem nach den Worten
unseres Hauptmannes und Gebieters ich und mein ganzes Haus ein Heil finden und
dann auch für immer behalten und bewahren werden. Wie soll das zugehen? Du
scheinst deiner Tracht nach ein Galiläer zu sein; wie und worin bist du denn
ein Herr und ein Meister?“
[GEJ.10_071,02] Sagte Ich: „Lasse du nun dein
krankes Weib hierher bringen und ebenso auch deine beiden kränklichen Töchter,
und Ich werde sie heilen also, wie Ich des Hauptmanns Tochter, die du hier an
seiner Seite sitzen siehst, geheilt habe. Und so Ich dein Weib und deine
Töchter nicht heile, da heilt sie kein Arzt in der ganzen Welt! Darum tue nun
nach Meinem Worte, und du wirst die Kraft und Herrlichkeit Gottes im Menschen,
der Ich es bin, erschauen!“
[GEJ.10_071,03] Sagte der Wirt: „Ich bin zwar
ein fester Jude und halte das Gesetz; aber – aufrichtig gesagt – im
eigentlichen Glauben bin ich schon etwas schwach geworden, und das aus zwei
Gründen: Erstens haben unsere Propheten zum Vorteil der Juden allerlei Dinge
geweissagt, und also auch von einem Messias, der da kommen werde mit großer
Macht und Herrlichkeit und aufrichten unser zerfallenes und verwüstetes Reich
für alle Zeiten der Zeiten! Aber es ist bis jetzt von all den Weissagungen noch
ganz blutwenig eingetroffen, – und so schon etwas eingetroffen ist, da ist
sicher nur das Schlimme eingetroffen, und das Gute wird wohl bis ans Ende der
Zeiten auf sich warten lassen! Und bei solchen auf der Erfahrung beruhenden
mißlichen Umständen ist es wohl schwer, im Glauben fest zu verbleiben.
[GEJ.10_071,04] Und zweitens müssen wir Juden
unter den Heiden leben und mit ihnen verkehren, und die haben zumeist gar
keinen Glauben und verlachen uns, so wir mit ihnen über unseren allein wahren
einen Gott zu reden anfangen; denn diese Heiden sind zum größten Teil
Weltweise, glauben an ihre Götter nicht, wie auch nicht an die Unsterblichkeit
der Seelen, und beweisen von all den alten Glaubensdingen mit geschickter Rede
die volle Nichtigkeit. Bei ihnen gibt es also keinen Gott, sondern nur allerlei
Kräfte in der Natur. Diese schaffen nach gewissen, ihnen zugrunde liegenden
Gesetzen in einem fort und zerstören wieder über kurz oder lang, was sie
geschaffen haben.
[GEJ.10_071,05] Und so siehst du, lieber Herr
und Meister, daß es mit unserem alten Glauben sehr am Rande ist; aber diesmal
will ich dennoch fest glauben, daß du mein Weib und meine beiden Töchter sicher
heilen wirst, und es soll alsogleich das kranke Weib samt den Töchtern
hierhergebracht werden!“
[GEJ.10_071,06] Hierauf brachten bald die
Diener des Wirtes das Weib im Bette vor Mich in den Speisesaal, und die beiden
Töchter kamen von selbst, geleitet vom Wirte, der sie in Meine Nähe stellte und
dann zu den dreien sagte (der Wirt): „Seht, das ist der Herr und Meister, der
euch heilen wird sicher auf eine wundersame und uns unbegreifliche Weise;
glaubet, und bittet ihn darum!“
[GEJ.10_071,07] Das Weib und die beiden
Töchter taten das auf eine sehr rührende Art, und Ich sagte darauf: „Euer
Glaube helfe euch, und Ich will es! Stehet denn auf und wandelt!“
[GEJ.10_071,08] In dem Augenblick empfand das
Weib, wie auch die beiden Töchter, daß sie vollkommen gesund und gestärkt
waren, und das Weib verließ das Bett, versuchte zu gehen und fühlte in keinem
Gliede irgendeinen Schmerz und ebensowenig irgendeine Schwäche, was auch die
beiden Töchter taten und dasselbe wie ihre Mutter empfanden.
[GEJ.10_071,09] Alle drei kamen denn auch
sogleich zu Mir, dankten Mir auf das innigste für die Heilung, was auch der
Wirt tat, der sich über diese wundervolle Heilart nicht genug verwundern
konnte.
72. Kapitel
[GEJ.10_072,01] Nach einer Weile aber sagte
er zum Weibe und zu den beiden Töchtern (der Wirt): „Da ihr nun von diesem Wunderherrn
und Meister geheilt worden seid, so zeiget eure schuldigste Dankbarkeit denn
auch auf eine werktätige Art! Gehet in die Küche und bereitet für alle ein
besseres Mahl, als das ich ihnen bieten konnte! Das Beste in der Speisekammer
nehmt und bereitet es wohl!“
[GEJ.10_072,02] Die drei gingen mit den
andern Dienern freudigst ans anbefohlene Werk.
[GEJ.10_072,03] Ich aber sagte zum Wirte:
„Freund, diese Mühe hättest du den Geheilten schon ersparen können, denn uns
genügt ja das ganz gute Brot und der auch recht gute Wein; aber weil sich die
drei mit aller Freude ans Werk des Kochens und Bratens gemacht haben, so sollen
sie es auch vollbringen!“
[GEJ.10_072,04] Als Ich das noch kaum
ausgesprochen hatte, da kam das Weib voll Freude wieder in den Speisesaal und
sagte zum Wirte: „Aber was ist denn während meiner halbjährigen harten
Krankheit alles ohne mein Wissen geschehen? Die große und die kleine
Speisekammer strotzen von Speisen aller guten Art! Da gibt es in großer Masse
Linsen, Bohnen, Mehl, Öl, Früchte der Bäume, große Trauben, des Honigs mehrere
der größten Töpfe, getrocknete und geräucherte Fische und die Brotkörbe sind
voll der schönsten Brotlaibe; und ebenso strotzt die kleinere Speisekammer von
Milch, Butter, Käse und völlig frischen Eiern, wie noch von andern Dingen, von
Salz, guten Kräutern und Wurzeln. Wann ist denn das alles in die Speisekammern
gekommen? Ich fragte die Kinder und die Diener, und sie konnten mir keinen
Aufschluß geben, meinten aber, daß du allein das schon wissen werdest. Wie, wie
ist denn das zugegangen?“
[GEJ.10_072,05] Der Wirt geriet darob selbst
wieder ins größte Staunen und sagte: „Wenn es in den Speisekammern also
bestellt aussieht, so fange ich an, die alten Wunder von neuem wieder zu
glauben, und der Mannaregen und der Wachtelfall ist keine Dichtung, sondern
Wahrheit! Ich meine, dieser Herr und Meister, der dich geheilt hat, wird wohl
am ehesten wissen, wer unsere Speisekammern gefüllt hat; denn der Meister, dem
es möglich ist, Kranke bloß durch sein Wort zu heilen, dem dürften wohl auch
andere Dinge zu bewirken möglich sein!“
[GEJ.10_072,06] Darauf ging auch der Wirt
nachsehen, wie es in seinen Speisekammern aussähe, und fand alles also, wie das
ihm zuvor sein Weib berichtet hatte, und sagte: „Dieser Mensch muß von einer
seltenen Abkunft sein! Er ist entweder ein großer Prophet, oder er ist
irgendein mit den geheimen Naturkräften innigst vertrauter Magier, der entweder
in Ägypten oder irgendwo anders seine Wissenschaft sich zu eigen gemacht hat.“
[GEJ.10_072,07] Sagte das Weib: „Als er mich
heilte, da sah ich aus seinem Haupte ein hellstes Licht ausgehen, und sein
ganzes Wesen war mit einem Lichtschimmer umgeben, – und das wird bei einem
Magier schwerlich je der Fall sein! Hinter diesem Menschen und vielleicht auch
hinter denen, die mit ihm sind, wird etwas außerordentlich Großes und Erhabenes
verborgen sein; am Ende ist er – wer kann es wissen – gar der dem Messias
vorangehende Prophet Elias, – oder er ist etwa gar schon der Messias Selbst!“
[GEJ.10_072,08] Sagte der Wirt: „Da magst du
eben nicht ganz unrecht haben; denn wer das bloß durch die Macht seines Willens
bewirken kann, der muß mit dem ewigen Geiste Gottes stark erfüllt sein. Daß das
alles auf eine übernatürlich- wunderbare Weise da hereingekommen ist, das ist klar
vor unseren Augen, und wir können dem großen Meister nur auf das innigste
danken. Doch sehet zu, daß bald ein gutes und reichliches Mahl bereitet werde!“
[GEJ.10_072,09] Darauf ward in der Küche
alles tätig, und der Wirt kam voll tiefen Nachdenkens wieder zu uns in den
Speisesaal.
73. Kapitel
[GEJ.10_073,01] Als er wieder bei uns war, da
betrachtete er Mich eine Weile vom Kopfe bis zu den Füßen und sagte dann (der
Wirt): „Mein Weib wird wohl recht haben; denn Du, o Herr und Meister, bist
entweder der dem verheißenen Messias vorangehen sollende Prophet Elias, wie das
in der Schrift geschrieben steht, oder Du bist am Ende schon der große Messias
Selbst! Denn so Er kommt, da wird Er auch keine größeren Zeichen zu wirken
imstande sein! Wem das zu bewirken möglich ist, was nur Gott allein möglich
ist, in dem muß alle Fülle des Geistes Gottes wohnen. Dein Leib, o Herr und
Meister, ist zwar eben auch gleich dem eines Menschen, aber Deine Seele ist
voll der göttlichen Kraft und Macht; darum sei diese Kraft und Macht in Deiner
Seele über alles hoch gelobt und gepriesen!“
[GEJ.10_073,02] Sagte darauf Ich: „Wohl dir
und deinem Hause, daß ihr solches an Mir erkannt habt; doch selig werden nur
jene werden, die den Willen des Vaters im Himmel, der Mich in diese Welt gesandt
hat, tun und erfüllen.
[GEJ.10_073,03] Ich und der Vater aber sind
Eins. Wer Mich sieht und hört, der sieht und hört auch den Vater; ohne Mich
aber kann niemand den Vater sehen und hören. Wer denn an Mich glaubt und nach
Meiner Lehre lebt und handelt, der wird von Mir das ewige Leben überkommen!“
[GEJ.10_073,04] Sagte der Wirt, voll der
höchsten Achtung und Ehrfurcht vor Mir: „Wie lautet denn Deine Lehre? Was muß
man tun, um von Dir das ewige Leben zu überkommen?“
[GEJ.10_073,05] Sagte Ich: „Wer nun an Mich
glaubt und an Mir kein Ärgernis nimmt und dazu die Gebote hält, die Moses
gegeben hat, der hat schon das ewige Leben in sich; denn Ich gebe euch kein
anderes Gesetz, als es Moses eben auch nur von Mir empfangen und den Menschen
gegeben hat.
[GEJ.10_073,06] Erkenne und liebe Gott über
alles und deinen Nächsten wie dich selbst, so erfüllst du das ganze Gesetz und
dadurch den Willen Dessen, der nun mit dir spricht! Die Folge davon wird sich
in deiner Seele zeigen. – Verstehst du das?“
[GEJ.10_073,07] Sagte der Wirt: „Ja, o Herr
und Meister, und ich habe bei aller Schwäche Meines Glaubens das Gesetz Mosis
dennoch stets treu beachtet und werde es von nun an noch treuer beachten; aber
da es auch geschrieben steht, daß der Messias ein wahres Gottesreich auf dieser
Erde gründen werde, das fürder kein Ende nehmen wird, so fragt es sich: Wie, wo
und wann? Wird Dein Thron zu Jerusalem oder irgend anderswo aufgestellt werden,
und wann wird das geschehen?“
[GEJ.10_073,08] Sagte Ich: „Mein Reich, das
Ich nun gründe unter den Menschen auf dieser Erde, ist kein Weltreich, sondern
ein Gottesreich ohne alles Weltgepränge, hat nichts Äußeres, sondern ist
inwendig im Menschen, und Meine Stadt, Meine feste Stadt und Meine Wohnburg in
ihr ist ein reines, Mich über alles liebendes Herz. Siehe, also verhält es sich
mit der Gründung Meines Reiches auf dieser Erde!
[GEJ.10_073,09] Alle aber, die auf die
Neugründung eines Reiches Gottes auf Erden mit einem äußeren Schaugepränge
harren werden, werden sich in ihrer blinden Hoffnung sehr irren und täuschen;
denn ein solches wird auf der Erde niemals gegründet in der lebendigen Wahrheit
aus und in Mir.
[GEJ.10_073,10] Falsche Propheten werden das
wohl tun unter Führung Meines Namens; doch Ich werde in solch einem Reiche
niemals wohnen und thronen. Siehe, also steht es der vollsten Wahrheit nach mit
der Gründung Meines Reiches auf dieser Erde! – Hast du das verstanden?“
[GEJ.10_073,11] Sagte der Wirt: „Ja, o Herr
und Meister, nun habe ich auch das verstanden! Aber das werden gar viele, die
an der Welt hängen, nicht verstehen und werden warten auf ein äußeres großes
Weltreich; aber da ein solches nach Deinem nun ausgesprochenen Worte niemals
der Wahrheit nach auf der Erde statthaben wird, so werden auch viele in der
alten gericht- und todvollen Blindheit verbleiben.
[GEJ.10_073,12] Du, o Herr, aber wolle auch
den Blinden gnädig und barmherzig sein, und uns aber, die wir die Wahrheit
erkannt haben, verlasse nicht, sondern erhalte uns in der lebendigen Wahrheit
Deines Reiches auf dieser Erde, auf daß wir stets nach Deinem Willen leben und
handeln können!“
[GEJ.10_073,13] Sagte Ich: „Das war eine
rechte Bitte, und sie wird nicht unerhört und ungewährt bleiben. – Nun aber
kommt das schon bereitete Nachtmahl, und wir wollen es zu uns nehmen!“
74. Kapitel
[GEJ.10_074,01] Hier öffneten die Diener die
Tür und brachten die wohlbereiteten Speisen auf die Tische, und dazu auch noch
mehr Brot und Wein, und wir nahmen denn auch das Mahl zu uns; auch der Wirt
erquickte sich an unserem Tische, und sein Weib und seine Kinder, die an einem
andern Tische saßen, aßen und tranken auch mit einer großen Freude und wendeten
ihre Augen nicht von Mir ab.
[GEJ.10_074,02] Nach dem eingenommenen Mahle
aber kamen das Weib und die Kinder zu Mir und dankten Mir für die Gnade, die
Ich ihnen erwiesen habe.
[GEJ.10_074,03] Einige Jünger aber wurden bei
sich ob des langen Dankens von seiten des Weibes und der Kinder ein wenig
unwillig und bedeuteten ihnen, daß sie nun schon zur Genüge gedankt hätten.
[GEJ.10_074,04] Ich aber merkte das wohl und
sagte zu den ungeduldigen Jüngern: „Wie oft habe Ich vor euch Zeichen gewirkt,
und wie oft habt ihr an Meinem Tische euch gesättigt; aber Ich habe von euch
noch wenig offenen Dank bekommen. Also lasset denn diesen Kindern ihre Freude!
Wahrlich, Mir ist das dankbare Lallen eines Kindes um gar vieles lieber, als
viele weise Worte aus dem Munde eines Gelehrten, an denen sich wohl der
Verstand ergötzt, aber das Herz dabei wenig gewinnt. Wahrlich sage Ich euch:
Wer Mich nicht bekennt vor der Welt, den werde Ich auch nicht bekennen vor dem
Vater im Himmel! Darum lasset diesen Kindern ihre Freude!“
[GEJ.10_074,05] Als die Jünger solche Rüge
von Mir vernommen hatten, da ermahnten sie sich und ließen den Kindern ihre
Freude, und Ich belobte die Kinder, legte ihnen Meine Hände auf und entließ sie
dann. Da ging das Weib mit den Kindern wieder in die Küche, wo sie für den
kommenden Tag so manches vorzubereiten hatten.
[GEJ.10_074,06] Ich aber habe den Wirt noch
bis in die Mitte der Nacht über verschiedene Dinge unterrichtet, die auch der
Hauptmann und seine Unterdiener samt der Veronika mit der größten
Aufmerksamkeit anhörten.
[GEJ.10_074,07] Und der Hauptmann sagte:
„Herr, ich habe Dich vernommen in Pella und in Abila und behielt alles wohl,
was ich von Dir vernommen und gesehen habe; doch muß ich hier offen gestehen,
daß Du nun mit dem Wirte höchst klar über Dinge gesprochen hast, die mir ganz
fremd und neu sind, und ich kann Dir, o Du lieber Herr und Meister, darum nicht
zur Genüge danken; denn nun sehe ich um gar vieles tiefer in die Geheimnisse
Deiner endlos großen Schöpfung vom Kleinsten bis zum unergründbar Großen, als
ich ehedem gesehen habe.“
[GEJ.10_074,08] Sagte Ich: „Ja, du Mein
lieber Freund, Ich hätte dir und allen diesen Meinen Jüngern noch gar vieles zu
sagen und zu eröffnen, aber ihr würdet das nun noch nicht ertragen und fassen;
aber so Ich euch den ewigen Geist der Wahrheit senden werde und er durchdringen
wird eure Seelen, so werdet ihr dadurch in alle Weisheit erhoben werden.
[GEJ.10_074,09] Daß Ich nun aber mit unserem
Wirte über so manches habe reden können, das dir fremd und neu vorkommen mußte,
davon liegt der Grund darin, weil eben dieser Wirt in der Schrift zwar ganz
wohlbewandert ist, aber nicht ebenso im reinen Verständnisse derselben. Dir ist
aus der Schrift der Juden zwar auch vieles, doch nicht also wie diesem Wirte,
bekannt; und so denn habe Ich mit ihm auch über Dinge reden können, die dir
fremd und neu sein mußten. So du die gesamte Schrift, bis nahe an diese Tage
reichend, wirst mit der rechten Aufmerksamkeit durchgelesen haben, da wirst du
noch gar vieles finden, das dir sehr neu und fremd vorkommen wird. Da wirst du
forschen mit dem Verstande, aber den Sinn der inneren verborgenen Wahrheit nicht
finden und erkennen. Aber mit dem Geiste, den Ich auch dir senden werde, wirst
du den inneren Sinn wohl erkennen.
[GEJ.10_074,10] So du aber über die Dinge in
der Naturwelt noch einen tieferen Aufschluß haben willst, da besuche deinen
Amtsgefährten in Genezareth, so wirst du vieles von ihm vernehmen, das dir bis
jetzt auch noch fremd ist; denn Ich unterweise die Menschen stets nach ihrer
Aufnahmefähigkeit und nach dem, worüber sie schon ehedem selbst oft nachgedacht
haben, aber trotz aller ihrer Mühe zu keiner Wahrheit gelangen konnten. Und so
denn kommt es, daß Ich allenthalben mit etwas wie Neuem und Fremdem zum
Vorschein komme; aber es ist darum dennoch kein eigentlich völlig Fremdes und
Neues, sondern ein schon Daseiendes, aber von den Menschen noch nicht Erkanntes
und Begriffenes.“
[GEJ.10_074,11] Dieses begriff nun der
Hauptmann und auch alle andern, die mit dem Hauptmanne nebst Meinen Jüngern
hier anwesend waren. Die Jünger selbst aber verstanden es auch erst jetzt
tiefer, warum Ich an den verschiedenen Orten nebst der freilich immer gleichen
Hauptlehre auch über verschiedene Dinge die Menschen also belehrt habe, wie sie
das haben fassen können, und für was sie ein Bedürfnis mehr oder weniger
hatten.
75. Kapitel
[GEJ.10_075,01] Als Ich auch mit dem Hauptmanne
diese alles wohl erklärende Rede beendet hatte, da sagte der Wirt zu Mir: „Herr
und Meister, die halbe Nacht haben wir nun für mein Haus überaus segensvoll
durchgewacht; aber so da nun jemand von all den Anwesenden sich zur Ruhe
begeben möchte, so bitte ich Dich, o Herr, es mir nur anzudeuten, und ich werde
sogleich das Möglichste aufbieten, um Deinem Wunsche nachzukommen.“
[GEJ.10_075,02] Sagte Ich: „Freund, laß du
das nun nur gut sein; wir bleiben wie gewöhnlich am Tische die Nacht hindurch
ruhen. Willst du dich zu einer bequemeren Ruhe begeben, so steht dir das
offenbar frei; wir aber bleiben hier.
[GEJ.10_075,03] Es wird aber hier geraten
sein, diese Nacht sich nicht zu sehr dem Schlafe zu weihen, sondern sich mehr
wach zu halten; denn es wird in einer kleinen Stunde Zeit unser Wachsein sich
als notwendig und klug erweisen. Diese Gegend ist in dieser Zeit zumeist
bedeutenden Stürmen und Erderbebungen ausgesetzt, und es wird derlei eben bald
herbeikommen, und da ist es rätlich, wach zu verbleiben und zu beobachten,
welche Richtung der Sturm nehmen wird!“
[GEJ.10_075,04] Sagte der Wirt: „Aber Herr
und Meister voll der göttlichen Weisheit und Macht! Du bist ja auch ein Herr
über alle die böse Macht, die stets von den argen Teufeln der Hölle ausgeht oder
zum wenigsten von ihnen sehr und gar oft sichtbar unterstützt wird. Dich kostet
es ja nur ein allmächtiges Wort, und es kann kein Sturm kommen!“
[GEJ.10_075,05] Sagte Ich: „Da hast du in
einer Hinsicht recht geredet, aber das nur insoweit, als wieweit da reicht
deine Kenntnis in den Dingen der Naturwelt.
[GEJ.10_075,06] Es ist schon wahr, daß derlei
Stürme mitunter auch von den Teufeln unterstützt werden; aber das kann die
göttliche Liebe und Weisheit nicht behindern, den Natursturm losbrechen zu
lassen. Denn in der Erde ruhen noch zahllos viele Naturgeister, die mit der
Zeit alle zur Erlösung zu gelangen haben, und da diese Gegend ganz besonders
reich an derlei rohen Naturgeistern aller Art und Gattung ist, so ist es auch
ganz in der Ordnung, die zur Löse reif gewordenen Naturgeister zur Erstehung in
ein etwas freieres Sein losbrechen zu lassen; und es ist offenbar besser,
derlei Geister in kleineren Abteilungen zum Ausbruch kommen zu lassen, als sie
eine längere Zeit zurückzuhalten, wo dann auf einmal viele Abteilungen zum
Durchbruch kommen und übergroße Verheerungen anrichten müssen, wie das auf
dieser Erde schon hie und da der Fall war, wo derlei Geister nach längerem
Zurückhalten bei ihrem endlichen Durchbruch ganze Länder derart verwüsteten,
daß sie noch jetzt als Wüsten da sind, in denen nichts wächst und noch lange
nichts wachsen wird.
[GEJ.10_075,07] Aus dem kannst du nun schon
entnehmen, warum Ich den ehedem angezeigten Sturm losbrechen lassen muß. Es hat
sich hier wohl niemand vor ihm zu fürchten, doch ist es besser, wach zu
verbleiben während eines Sturmes, als in einem Bette zu schlafen.“
[GEJ.10_075,08] Der Wirt stellte sich mit
dieser Erklärung zufrieden.
[GEJ.10_075,09] Aber der Jünger Simon Juda
sagte zu Mir: „Herr und Meister, Du sagtest hier, daß es besser sei, während
eines Sturmes zu wachen denn zu schlafen in einem Bett, und Du schliefst
einmal, als wir uns während eines großen Sturmes auf dem Galiläischen Meere
befanden, im sehr gewaltig schwankenden Schiffe, so daß wir Dich zu wecken genötigt
waren, auf daß wir nicht zugrunde gingen. Du wurdest denn auch sogleich wach,
bedrohtest des Sturmes Ungetüm, und es schwieg alsbald der Orkan, und auf des
Meeres Fläche bewegte sich keine Woge, und die Schiffer und etliche andere
Menschen, die mit uns im Schiffe waren, verwunderten sich und sagten unter
sich, ihre Augen auf Dich gerichtet habend: ,Siehe, wer mag dieser sein, daß
ihm Wind und Meer gehorchen?‘
[GEJ.10_075,10] Ich sehe es wohl ein, daß es
um vieles geratener ist, während eines Sturmes zu wachen; aber das sehe ich bis
jetzt noch nicht völlig ein, warum Du damals gerade während des ärgst wütenden
Sturmes geschlafen hast!“
[GEJ.10_075,11] Sagte Ich: „Ich schlief
damals, um für euch selbst euren noch etwas schwachen Glauben auf eine kleine
Probe zu stellen und ihn dadurch zu stärken. Dazu sagte Ich nun zum Wirte auch
nicht, daß es nun eben auch für Mich geratener wäre, während des Sturmes, der
nun bald losgehen wird, zu wachen als einzuschlafen; denn Ich bin es nicht, dem
Mein Rat zur Richtschnur seines Lebens und Seins gelten soll, sondern nur für
euch Menschen gebe Ich allerlei Rat und Lehre, auf daß ihr euch danach richten
und in allem vollkommen werden möget. Ich könnte daher auch nun, so Ich's
wollte, beim Beginn des Sturmes und bis zum Ende desselben Mich dem Schlafe
ergeben, da Ich für Mich den Rat nicht gegeben habe; aber um eurer
Kleinmütigkeit wegen werde auch Ich mit euch wachen.“
[GEJ.10_075,12] Als Simon Juda solches aus
Meinem Munde vernommen hatte, da fragte er Mich um nichts Weiteres mehr; denn
er und auch alle die andern verstanden es nun wohl, was Ich zu ihnen gesagt
hatte, und alle harrten nun mit großer Gespanntheit auf den Ausbruch des
Sturmes.
[GEJ.10_075,13] Der Wirt, der in sich trotz
Meiner Gegenwart denn doch immer ängstlicher wurde, sagte zu Mir: „O Herr und
Meister, sollte ich etwa nicht auch die in meinem Hause wecken, die nun sicher
schon schlafen werden?“
[GEJ.10_075,14] Sagte Ich: „Laß das; denn es
genügt hier, daß wir wach sind! Es wird aber der Sturm schon an und für sich
die Bewohner dieser Stadt wachrufen und sie aus ihren Häusern ins Freie
treiben, und wir werden bei dieser Gelegenheit noch so manches zu tun
bekommen.“
76. Kapitel
[GEJ.10_076,01] Als Ich diese Worte noch kaum
ausgesprochen hatte, da kam auch schon ein erster mächtiger Windstoß, worauf
sich auch gleich ein leichtes Beben des Erdbodens verspüren ließ.
[GEJ.10_076,02] Darauf erhob sich ein großes
Sausen und Brausen, wie aus einer Entfernung von einer halben Stunde Weges
vernehmbar, das von Augenblick zu Augenblick an Heftigkeit zunahm. Nur zu bald
kam es in die volle Nähe der Stadt und weckte durch sein gewaltiges Geheule,
Gerassel, Gepolter und Gekrache gar viele Bewohner dieser Stadt, die sich aus
ihren Wohnhäusern auf die Straßen und Plätze der Stadt begaben aus großer
Furcht, in ihren Häusern, die zusammenzustürzen drohten, begraben zu werden.
[GEJ.10_076,03] Viele eilten trotz des
tobenden Orkans, heulend vor großer Angst und Furcht, auf das offene Feld. Als
aber der Wind stets heftiger ward, da kamen mehrere wieder in die Stadt und
sagten es ihren Nachbarn, daß auf dem offenen Felde noch um vieles schlechter
zu bestehen sei denn in der Stadt irgend hinter festen Mauern.
[GEJ.10_076,04] Viele, die an unserer Herberge
vorübereilten, verwunderten sich über unseren Mut und unsere Standhaftigkeit,
und ein paar Nachbarn der Herberge kamen zu uns in den Speisesaal und riefen
dem Wirte zu, sich auch ins Freie zu begeben, die Erde bebe von Zeit zu Zeit
ganz gewaltig, daß es zu befürchten sei, daß bald ein Haus um das andere
einstürzen werde. Denn es müßten alle jüdischen Teufel und heidnischen Furien
losgeworden sein, ansonst es nicht zu begreifen wäre, wie nach einem so ruhigen
Tage eine solche Sturmnacht sich hätte einstellen können.
[GEJ.10_076,05] Sagte der Wirt: „Liebe
Nachbarn, mein Haus ist schon sehr alt und hat schon viele solcher Proben
durchgemacht, und so wird es auch hoffentlich noch diese ohne Schaden bestehen!
Ich vertraue auf meinen Gott und Herrn, der allmächtig und voll Liebe ist, und
der wird meinem Hause durch eure losgewordenen Teufel und Furien kein Leid
zufügen lassen.“
[GEJ.10_076,06] Sagten die beiden Nachbarn:
„Ah, höre mir auf mit allen Göttern, ob's nun jüdische oder heidnische sind!
Was haben sie denn davon, so sie für nichts und wieder nichts die arme,
schwache Menschheit in der Nacht so quälen? Wir Römer haben alle Götter
angerufen, und etliche Priester machen ein großes Geplärr, ebenso schreien auch
die Juden dieser Stadt in ihrer Synagoge zu ihrem Jehova um Hilfe, Hilfe,
Hilfe; aber der Sturm und das starke Beben des Erdbodens hören nicht auf,
sondern werden von einem Moment zum andern nur noch stets ärger. Da heißt es:
Mensch, hilf dir selbst, so gut, so viel und so weit du das vermagst; denn die
Götter hören nicht auf dein Flehen und schauen nicht auf deine Angst und Not!“
[GEJ.10_076,07] Sagte der Wirt: „Freunde, bei
solch einer Schwäche eures Glaubens und Vertrauens auf einen Gott bleibt euch
freilich wohl nichts übrig, als euch selbst zu helfen, so gut es nur immer
gehen mag; mir aber hat mein allein wahrer Gott und Herr treust angezeigt, daß
dieser Sturm in dieser Nacht aus wohlweisen Gründen über diese Gegend kommen
werde, und daß ich vor ihm keine Angst haben solle, – und seht, wie es mir
angezeigt worden ist, also ist es auch gekommen, und ich habe darum denn auch
keine Angst!
[GEJ.10_076,08] Ihr führt doch stets euren
stolzen Mutspruch: SI TOTUS ILLABATUR ORBIS, IMPAVIDUM FERIENT RUINAE! im
Munde! Wo zeigt sich nun in euch die Wahrheit desselben?
[GEJ.10_076,09] Ich aber als ein gläubiger
und auf meinen allein wahren und lebendigen Gott vertrauender und bauender Jude
habe mich mit solch einem Mute noch niemals gebrüstet, sondern lebe dafür stets
nur in der gerechten Gottesfurcht, – und seht, diese gibt mir nun mehr Mut und
rechte Fassung als euer hochtrabender Mutspruch. Tätet ihr wie ich, so hättet
auch ihr ganz ruhig in euren Häusern verbleiben können!“
[GEJ.10_076,10] Sagten die beiden: „Freund,
du hast im Grunde recht, – doch wir können nichts dafür, daß wir nicht deines
Glaubens sind; doch was deinen Glauben betrifft, davon wollen wir morgen ein
näheres Wort miteinander reden, so wir's Leben erhalten!“
[GEJ.10_076,11] Es merkten die beiden beim
schon schwach gewordenen Lampenlicht in unserem Saale auch die andern Gäste und
wollten den Wirt fragen, wer die Gäste wären; aber ihre Weiber und Kinder
riefen vor der Hausflur nach ihnen ob ihrer Furcht und Angst, und die beiden
gingen wieder hinaus auf die Straße und besahen ihre Häuser, ob sie noch keinen
Schaden gelitten hätten. Es war derlei beim schwachen Mondlicht zwar nicht zu
entdecken, aber sie getrauten sich dennoch nicht in die Häuser, da der Erdboden
von Zeit zu Zeit noch immer sehr fühlbar erbebte.
[GEJ.10_076,12] Der Wirt aber fragte Mich,
wie lange der Sturm noch andauern werde.
[GEJ.10_076,13] Und Ich sagte zu ihm: „Noch
eine Stunde, und es wird durch ihn diesmal niemandem ein Schaden angerichtet
werden! Du aber hast zu deinen Nachbarn ein rechtes Wort geredet, und sie
werden morgen auch zu uns aufgenommen werden. Nun aber dürfen wir schon bis zum
Morgen ruhen, und der Morgen wird uns schon eine rechte Arbeit geben.“
[GEJ.10_076,14] Darauf schliefen bald alle
ein und ruhten bis zum Morgen, der diesmal trübe war.
77. Kapitel
[GEJ.10_077,01] Als wir am Morgen vollkommen
gestärkt erwachten und die Jünger sahen, daß wir einmal an einem ganz trüben
Morgen erwacht waren, da fragten sie Mich, ob Ich auch diesen Morgen im Freien
zubringen werde.
[GEJ.10_077,02] Ich aber sagte: „Wir haben
doch schon zu öfteren Malen ebenso trübe Morgen und trübe Tage durchgemacht,
und Ich bin dennoch ins Freie gegangen mit euch; also können wir auch diesen
Morgen auf eine Stunde im Freien zubringen. Ich will für die allen Glaubens
baren Heiden eben durch diesen Trübmorgen ein Zeichen wirken, auf daß sie
dadurch leichter zum Glauben an einen, allein wahren Gott bekehrt werden mögen,
und so werden wir uns nun denn wohl auch an diesem Morgen ins Freie begeben.
Wer von euch aber im Hause verbleiben will, der bleibe!“
[GEJ.10_077,03] Da sagten alle: „Herr, wir
lassen nicht ab von Dir; wir gehen, dahin Du gehst, und wollen stets um Dich
sein!“
[GEJ.10_077,04] Sagte Ich: „So erhebet euch
denn, und wir gehen ins Freie!“
[GEJ.10_077,05] Auf diesen Meinen Ruf erhoben
sich alle, auch der Wirt, und wir machten uns bereit, ins Freie zu gehen, und
als der Wirt das Morgenmahl angeordnet hatte, traten wir ins Freie auf die
breite Straße, die an der Herberge vorüberführte.
[GEJ.10_077,06] Als wir uns im Freien auf der
Straße befanden, da sahen wir eine Menge Volkes auf der breiten Straße
gelagert; denn es hatten sich die Menschen nicht getraut, die Nacht in den
Häusern zuzubringen.
[GEJ.10_077,07] Es hatte der das ziemlich
starke Erdbeben begleitende Sturm wohl zu wüten völlig aufgehört; aber alle
befürchteten eine Wiederholung desselben und getrauten sich nicht in ihre
Wohnhäuser zurückzukehren und brachten darum die Nacht im Freien zu.
[GEJ.10_077,08] Als wir denn auf der Straße
uns befanden, da trafen wir auch die beiden Nachbarn des Wirtes, die uns in
ihrer großen Angst in der Nacht, als der Sturm am ärgsten wütete, besuchten,
aber infolge der ziemlichen Dunkelheit im Speisesaale nicht erkennen konnten.
[GEJ.10_077,09] Als sie den Wirt und an
seiner Seite aber auch den ihnen wohlbekannten Hauptmann ersahen, gingen sie
auf den Wirt und den Hauptmann zu, grüßten vor allem den Hauptmann und seine
Unterdiener und beglückwünschten ihn, daß er diese Nacht, ohne einen Schaden
erlitten zu haben, durchgemacht hätte.
[GEJ.10_077,10] Der Hauptmann erwiderte den
Morgengruß und fragte die beiden, ob auch sie, gleich den andern Bewohnern
dieses Ortes, die Nacht im Freien zugebracht hätten.
[GEJ.10_077,11] Die beiden aber antworteten
und sagten: „Hoher Gebieter! Dazu hatten wir anfangs den Mut nicht! Bis zum
Ausbruch des Sturmes waren wir freilich wohl in unsern Häusern; aber als der
Erdboden zu beben begann, da verließen wir, so wie beinahe alle andern Bürger
dieser Stadt, unsere Häuser und suchten im Freien Schutz für unser und unserer
Angehörigen Leben.
[GEJ.10_077,12] Wären unsere alten Häuser aus
Holz erbaut, so wie die meisten Häuser Galiläas, Judäas und noch anderer
Holzreichtumsländer, da hätte uns der Sturm mitsamt dem Erdbeben nicht ins
Freie getrieben; aber da unsere Häuser von den hiesigen, leicht zerbrechbaren
Steinen erbaut sind und bei einem starken Erdbeben leicht zusammenstürzen
können, so ist es selbstverständlich sehr rätlich, bei solchen Erzkalamitäten
so schnell als möglich die Häuser zu verlassen und sich ins Freie zu begeben.“
[GEJ.10_077,13] Sagte der Hauptmann: „Was ist
denn hernach mit dem Schutze der Götter, auf die doch die meisten aus der Zahl
der Griechen und Römer so Großes halten?
[GEJ.10_077,14] Seht, ich habe mich unter dem
Schutze eines Gottes, im vollsten Glauben und Vertrauen auf Ihn, in dieser
Judenherberge ganz wohl ohne alle Furcht und Angst befunden! Hättet ihr einen
solchen Glauben und ein solches Vertrauen, so wäret auch ihr sicher ohne alle
Furcht und Angst, als könnte euch ein Ungemach begegnen, in euren Häusern
geblieben, von denen ihr obendrauf noch wisset, daß sie schon gar vielen und
vielleicht noch größeren Stürmen getrotzt haben. Gegen solch eine Angst und
Furcht schützen nur ein fester Glaube und ein lebendiges Vertrauen auf den
einen wahren, allmächtigen, überweisen, überguten, allwissenden und allsehenden
Gott. Wer einen solchen Glauben und ein solches Vertrauen nicht hat, der ist
bei allen stürmischen Erscheinungen, die auf dem Erdboden stets vorkommen,
aller Qual und Pein ausgesetzt und der größten dann, wenn seine letzte Stunde
unvermeidbar vor der Tür ist! – Begreifet ihr das?“
78. Kapitel
[GEJ.10_078,01] Sagte der eine der beiden:
„Hoher Gebieter, wir sehen, daß du wahrlich mehr als vollkommen recht hast, und
glücklich und selig ist ein jeder Mensch zu preisen, der deines festen Glaubens
und deines lebendigen Vertrauens fähig ist; denn der erträgt alles Ungemach,
das ihm auf dieser Erde irgend begegnen kann, sicher ganz leicht und ist stets
voll Trostes in seinem Gemüte!
[GEJ.10_078,02] Aber woher sollen wir solch
einen Glauben und solch ein Vertrauen nehmen? Siehe, da oben auf dem breitesten
Teil unserer Hauptstraße lagern unsere ersten Zeus- und Apollopriester, und
unweit von ihnen ein paar Rabbis der Juden! Unsere Priester zeigen uns durch
ihr Benehmen, wie wenig sie zu ihrem eigenen Heil auf die Götter halten, und
ebenso zeigen auch die Judenpriester ihres einen und allein wahren Gottes, daß
ihr Glaube und ihr Vertrauen auf Ihn nicht um ein Haar besser ist als das
unserer Priester.
[GEJ.10_078,03] Oh, sobald alle Gefahr vor
einem allfälligen Nachsturm vorüber sein wird, da werden sie gleich auftreten
und von den deshalb erzürnten Göttern scharf zu predigen anfangen, weil wir zu
schwachen Glaubens an sie sind und ihnen viel zuwenig opfern; und so wir in
unserem Unglauben und in der Vorenthaltung reicher Opfer in die Tempel der
Götter verharren würden, so würden die Götter noch zorniger werden und dieses
ganze Land zur Wüste machen!
[GEJ.10_078,04] Also werden sie vielleicht
heute noch in ihren Tempeln zu heulen anfangen und hätten schon angefangen, so
ihnen ein heiterer Morgen angedeutet hätte, daß da keine Wiederkehr des Sturmes
zu besorgen sei; aber der sehr trübe und noch sehr unheimlich aussehende Morgen
hält sie noch davon ab.
[GEJ.10_078,05] Und desgleichen verhalten
sich auch die etlichen Judengottespriester. Sie würden auch schon in ihrer
Synagoge laut buß- und opferpredigen, wenn der sehr trübe und unheilvolle
Morgen sie nicht davon abhielte, in ihre Synagoge zu treten und sicher nur zu
ihrem Besten zu heulen anzufangen.
[GEJ.10_078,06] Siehe, hoher Gebieter, wir
sehen die schon sehr alt gewordenen Betrügereien unserer, wie der Judenpriester
nur zu klar ein und erfahren es auch bei jeder nur ein wenig gefährlichen
Gelegenheit, wie eben die Priester die ersten beim Fluchtergreifen sind und
dadurch auch an den Tag legen, wie wenig Glauben und Vertrauen sie zu den von
ihnen so hoch gepriesenen Göttern besitzen! So aber bei einem Kriegsheere
einmal die Heerführer die Flucht vor dem Feinde ergreifen, – woher sollen dann
ihre Krieger den Mut nehmen? So aber die Götter, beim Lichte des Verstandes
betrachtet, für die Priester so gut wie gar nichts sind, – was sollen und was
können sie dann für uns sein?
[GEJ.10_078,07] Und so, hoher Gebieter, ist
es für uns wohl sehr schwer, ja geradezu unmöglich, zu einem festen Glauben und
Vertrauen an unsere Götter und ebensowenig an den einen Gott der Juden zu
gelangen, und es ist uns daher unser alter Wahlspruch nicht zu verargen, laut
dem sich ein jeder Mensch selbst helfen soll; und kann er das nicht, so lassen
ihn die Götter und ebenso auch seine Nebenmenschen im Stich.
[GEJ.10_078,08] Aber du, hoher Gebieter, hast
ein gutes und wahres Wort zu uns geredet, und es muß am Ende denn doch einen
solchen Gott geben, wie du Ihn uns bezeichnet hast! Aber wo ist Der? Wie kann
man der Wahrheit gemäß den Weg zu Ihm finden?“
[GEJ.10_078,09] Sagte der Hauptmann: „Das ist
für einen Weltmenschen freilich nicht so leicht, wie sich das so mancher
Weltkluge denken mag und sagt: ,So es einen oder irgend mehrere Götter gibt, so
müssen sie sich von uns Menschen auf eine leichte Art finden lassen, so sie von
uns erkannt und verehrt werden wollen, wie das alle Priester den Menschen
allenthalben zur strengsten Pflicht machen; und lassen sich die Götter von den
Menschen nicht bald und leicht finden, so wollen sie entweder gar nicht erkannt
und verehrt sein, oder sie bestehen gar nicht, und da ist alles Suchen eine
vergebliche Mühe!‘
[GEJ.10_078,10] Ich aber sage es euch, daß
dem nicht also ist! Denn erstens gibt es von Ewigkeit her nur einen, allein
wahren Gott, und dieser Gott will von uns Menschen gesucht, gefunden, erkannt
und durch die strenge Haltung Seiner Gebote, die Er zu unserem Heile gab, verehrt
werden; und zweitens, weil es eben einen Gott gibt, den ein nur etwas tiefer
forschender Mensch aus Seinen Werken schon ganz wohl wahrnehmen kann, so soll
der Mensch voll wahrer Liebgier diesen Gott denn auch eifrigst suchen, aber
nicht von heute bis morgen den leichtsinnigen Kindern gleich, sondern von Tag
zu Tag mit stets zunehmendem Eifer und Fleiß und mit einer in der Liebe zu Ihm
wachsenden Sehnsucht, und Gott wird sich von solch einem Sucher schon ebenso
finden lassen, wie Er Sich von mir und schon von gar vielen hat finden lassen.
[GEJ.10_078,11] Und hat Er Sich von einem
oder auch mehreren Menschen, die Ihn auf eine rechte Art suchten, finden
lassen, dann wird Er solchen treuen Suchern schon kundtun, was sie nach Seinem
allerweisesten Willen fürder zu tun und wie sie zu leben haben, um in Seiner
Liebe und Gnade zu verbleiben und von Ihm zum ewigen Leben der Seele erweckt zu
werden.
[GEJ.10_078,12] Ein solcher Mensch wird dann
auch in seinem wahrhaft lebendigen Glauben und Vertrauen bei allen noch so
gefahrdrohenden Vorkommnissen auf dieser materiellen Lebensprüfungswelt nicht
schwach und wankend werden, sondern er wird alles in aller Geduld und in voller
Ergebung in den ihm bekannten göttlichen Willen ohne viel Furcht und Angst
ertragen und am Ende Gott für alles danken, weil er einsehen wird, daß Gott
alle die Vorkommnisse in dieser Welt nur zum wahren Besten der Menschen
verordnet hat. Wer denn Gott also gefunden hat, der hat wohl sicher seines
Lebens höchsten und allerwertvollsten Schatz gefunden!
[GEJ.10_078,13] Und weil das wohl der
allerhöchste und wertvollste Menschenlebensschatz ist – was ihr nun wohl
einsehen werdet –, so lohnt es sich wohl sicher der Mühe, solch einen Schatz
auch mit dem höchsten Eifer und Ernst so lange zu suchen, bis man ihn gefunden
hat.
[GEJ.10_078,14] Wie mühen sich die Menschen
ab im Jagen und Suchen nach irdischen, vergänglichen Schätzen und Gütern! Einer
bohrt in die Berge, um Gold, Silber und Edelsteine zu finden; der andere taucht
in die Tiefe des Meeres, um etwelche Perlen zu finden; ein dritter befährt auf
einem gebrechlichen Schiffe das weite stürmische Meer, um in einem fremden
Lande seine heimatliche Ware um einige wenige Pfennige teurer an den Mann zu
bringen, – und so treibt der eine dies und der andere jenes, und es ist dabei
keinem die Mühe zu sauer, wenn er durch sie nur irgendeinen vergänglichen
Lebensvorteil erhaschen kann. Warum will man sich denn nicht auch im Aufsuchen
des allerhöchsten Lebensschatzes diese Mühe nehmen, da man doch weiß, daß ihn
zu allen Zeiten die Menschen, die ihn mit einem wahren Eifer suchten, auch treu
und wahrhaft gefunden haben?“
79. Kapitel
[GEJ.10_079,01] Sagte abermals der eine der
beiden Nachbarn: „Ja, hoher Gebieter, du hast ganz vollkommen recht in deiner
ganzen, liebevollen Rede, die ein wahrer Leitfaden zum Aufsuchen des
allerhöchsten Lebensschatzes ist, und wir werden diesen auch danach zu suchen
anfangen, indem sich schon jetzt eine gewisse Zuversicht in uns dahin kundgibt,
daß wir nicht vergeblich suchen werden.
[GEJ.10_079,02] Aber bis jetzt war das noch
nie möglich; denn auf der einen Seite saßen uns unsere Priester im Genick, und
auf der andern hatten wir die Gelegenheit, das Judentum zu beobachten und
fanden mit höchst wenig Theosophie einen noch größeren Wust des Aberglaubens
aller Art und Gattung denn bei uns. Wir haben daher den Mittelweg
eingeschlagen, beobachteten die Natur, fanden in ihr Gesetze und lebten für uns
nach ihnen, obschon wir das Äußere unseres Götterkults der Staatsgesetze wegen,
freilich stets nur mit einem Widerwillen, mitmachten.
[GEJ.10_079,03] Also war es denn für uns, wie
für viele andere, die ganz unseres Sinnes sind, wie gesagt, bis jetzt völlig
unmöglich, den allerhöchsten und wertvollsten Lebensschatz irgend zu suchen
anzufangen. Was man nicht zu suchen anfangen kann, weil einem alle dazu
erforderlichen Mittel fehlen, das kann man auch niemals finden.
[GEJ.10_079,04] Jetzt aber haben wir durch
deine große Güte und wahre Gnade ein Mittel, das sicher ganz untrüglich ist,
erhalten und werden nach desselben Weisung auch den höchsten Lebensschatz zu
suchen anfangen und nicht eher rasten, bis wir ihn werden gefunden haben; denn
da lohnt es sich der Mühe, solch einen Schatz zu suchen, von dessen Besitz das
ewige Fortleben der Seele abhängt.“
[GEJ.10_079,05] Sagte nun Ich: „Wisset: Ein
vollkommen ernstlicher Wille zu einer Arbeit, durch die ein höchster und
wahrhaft allerbester Lebenszweck erzielt werden kann, ist an und für sich schon
so gut wie das Werk selbst; denn das vollendete Werk in seiner vollsten
Ausdehnung folgt auf den einmal gefaßten Willen um so rascher, je ernster der
Wille dessen ist, der ein Werk zu realisieren beginnt. Euer Hauptmann hat euch
schon den rechten Weg gezeigt und die rechten Mittel an die Hand gegeben.“
[GEJ.10_079,06] Sagte der frühere Redner:
„Freund, du scheinst auch schon den allerhöchsten Lebensschatz gefunden zu
haben, da du ganz im Sinne unseres hohen Gebieters sprichst! Du bist deiner
Kleidung nach ein Galiläer; auch die andern sind mehr Galiläer denn Judäer, und
von den Galiläern wissen wir, daß sie keine besonderen Glaubenshelden sind.
Allein, es macht das nichts; denn es kann ja auch unter den Galiläern Menschen
geben, die den Weg zum Aufsuchen des allerhöchsten Lebensschatzes entdeckt, ihn
zu suchen angefangen und auch gefunden haben. Wir haben denn eine große Freude
an euch; denn da ihr alle in dieser wahren Schreckensnacht habt mögen in einem
leicht zerstörbaren Hause übernachten, so dient uns das als ein Beweis, daß
auch ihr, gleich unserm hohen Gebieter, den einen, allein wahren Gott gefunden
habt, der euch wohl in allen Gefahren bestens beschützen kann.“
[GEJ.10_079,07] Sagte Ich: „Da hast du nun
richtig geurteilt; aber hier auf diesem Platze können wir nicht viel Weiteres
davon reden, da sich das Volk um uns stets mehr und mehr anzusammeln beginnt, –
denn es hat den Hauptmann bemerkt und ist darum voll Neugier, was er hier am
frühen Morgen etwa anordnen werde. Darum begeben wir uns außerhalb der Stadt
auf einen freien Platz, von dem aus man eine bedeutende Fernsicht hat! Daselbst
wird sich über unseren Gegenstand ein mehreres sprechen lassen.“
[GEJ.10_079,08] Das war den beiden Nachbarn
recht, und sie gingen samt ihren Angehörigen mit uns aus der Stadt hinaus,
allwo ein ziemlicher Hügel sich befand, auf dem eine alte Ruine lag, die einst
den Philistern als eine Feste diente.
80. Kapitel
[GEJ.10_080,01] Als wir auf dem besagten
Hügel uns befanden, da sahen wir gen Osten, in der Ferne von etlichen Stunden
Weges, an mehreren Stellen Rauch dem Erdboden entsteigen, und hie und da schlug
auch eine Flamme empor, aber nur auf Momente, und hielt nicht an also wie der
Rauch.
[GEJ.10_080,02] Wir betrachteten diese
Naturszene eine Zeitlang.
[GEJ.10_080,03] Als wir uns daran gewisserart
satt geschaut hatten, da trat der Hauptmann zu Mir und sagte: „O Herr und
Meister, siehe, die gewissen Naturgeister haben noch keine Ruhe, und nach
meiner schon zu öfteren Malen gemachten Erfahrung dauern die Rauch- und
Feuerszenen nach einem solchen Sturm, wie wir ihn in dieser Nacht erlebt haben,
oft noch mehrere Tage und öfter gar etliche Wochen, und man merkt dabei auch
von Zeit zu Zeit recht wohl wahrnehmbare Erdschwebungen, die durchaus nicht
geeignet sind, irgendein schwaches Menschengemüt heiter zu stimmen. Warum
müssen denn die gewissen Nachwehen eines Hauptsturmes so lange fortdauern?“
[GEJ.10_080,04] Sagte Ich: „Freund, du hast
in Pella, wo du eigentlich residierst, einen ziemlich bedeutenden Fischteich,
den du mit vielen Kosten hast anlegen lassen! So du in diesem Teiche gute und gesunde
Fische ziehen willst, so mußt du ihn von Zeit zu Zeit von seinem Schlamme
reinigen lassen. Zu dem Behufe aber mußt du ihn zuvor völlig entwässern lassen.
Wenn der Hauptschlauch (Hauptrinne) des Teiches geöffnet wird, so stürzt
anfangs auch das Wasser gar gewaltig aus dem Teiche durch den geöffneten
Abzugsschlauch; nach und nach aber fließt es gemächlicher, und gegen das Ende
siehst du das Wasser nur mehr tropfenweise aus dem Schlauche rinnen, und du
kannst dann schon mit der Reinigung deines Teiches anfangen. Ja, warum hast
denn du bei deinem Teiche nicht einen derartigen Entwässerungsschlauch
angebracht, bei dessen Öffnung des Teiches Gesamtwasser in einem Moment
entweichen könnte?
[GEJ.10_080,05] Siehe, Freund, es geschieht
denn alles in der Welt in einer gewissen weiligen (zeitlichen) Ordnung, und
nichts kann ohne diese geschehen; und geschieht schon hie und da etwas nicht
völlig in der guten weiligen Ordnung, so hat das stets eine verhältnismäßige
Zerstörung zur Folge.
[GEJ.10_080,06] Beachtet aber schon ihr
kurzsichtigen Menschen eine gewisse Ordnung bei euren Handlungen und Arbeiten
zur sicheren Erreichung derjenigen Zwecke, die ihr euch vorgesteckt habt, und
saget, daß eine schnelle und schluderige Arbeit zu nichts tauge, – sollte Gott
als der ewige Werkmeister Seiner großen Werke etwa minder weise und klug sein
denn ihr Menschen? Laß daher nur alles also geschehen, wie es eben geschieht,
und es ist schon recht also!“
[GEJ.10_080,07] Mit dem begnügte sich der
Hauptmann und dankte Mir für diese Belehrung.
[GEJ.10_080,08] Es hatten aber diese Meine
Worte auch die beiden Nachbarn unseres Wirtes mit großer Aufmerksamkeit
angehört und sagten zum Wirte: „Du, dieser Galiläer scheint noch um vieles
weiser zu sein denn unser Hauptmann! Wir verstanden zwar nicht, um was es sich
da eigentlich gehandelt hat, aber so viel ist uns da klar geworden, daß dem
Hauptmanne, der den einen, allein wahren Gott sicher gar wohl kennt, diese
lästige Naturszene etwas zu lange dauert; doch dieser Galiläer hat ihm durch
ein gar köstliches Beispiel die Ordnung gezeigt, die Gott bei all Seinem
Handeln stets beachtet und warum. Und siehe, der Hauptmann dankte dem weisen
Galiläer sehr für diese Belehrung!
[GEJ.10_080,09] Was aber muß dieser Galiläer
etwa doch Weiteres noch sein? Denn unser Hauptmann, obschon sonst ein überaus
guter und rechtlicher Mann, sagt nicht leichtlich zu jemandem und schon am
allerwenigsten zu einem Juden ,Herr und Meister‘! Wie gibt er denn diesem solch
eine Ehre?“
[GEJ.10_080,10] sagte der Wirt: „Das sehet ihr
nun freilich noch gar nicht ein; aber es wird wahrscheinlich nun ehestens ein
Moment kommen, in dem ihr das einsehen werdet.“
[GEJ.10_080,11] Diese Worte machten die
beiden Nachbarn des Wirtes noch um vieles neugieriger, wer und was Ich denn
eigentlich wäre. Aber sie getrauten sich weder den Hauptmann und noch weniger
Mich darum zu fragen.
[GEJ.10_080,12] Es begann aber ein ziemlich
heftiger Wind von Osten her zu wehen, und es währte nicht lange, so bekamen wir
den stark nach Schwefel und Erdpech riechenden Rauch zu verkosten, und der
Hauptmann, seine Tochter und seine Unterdiener, wie auch einige Meiner Jünger,
denen der Rauch widrig war, baten Mich, daß Ich solchem Winde gebieten möchte,
den bösen Schwefel- und Erdpechdampf auf eine andere Seite zu tragen, wo es
keine Menschen gäbe, oder wir möchten uns in die Herberge zurückziehen, um hier
nicht zu ersticken.
[GEJ.10_080,13] Sagte Ich: „Da sehet nur
gegen die Stadt zurück, wie sich eine Masse von Neugierigen herausdrängt, um da
zu schauen und zu lauschen, was wir hier täten! Und voran haben sich die
Heidenpriester und auch die beiden Rabbis und mit ihnen einige Juden, die uns
bei unserer Ankunft anhielten, gestellt; diese sind mir widriger denn dieser
von Osten hergetriebene Schwefel- und Erdpechdampf.
[GEJ.10_080,14] Darum eben habe Ich den Wind
kommen lassen, auf daß er die lästigen Horcher und Lauscher uns vom Halse
schaffe. Sehet, wie sie sich schon umzukehren und wieder in die Stadt
zurückzuziehen anfangen, da sie befürchten, daß die Sache noch ärger werden
könnte! Sie werden sich auch zum größten Teil in der Stadt in ihre Häuser
begeben, und wir haben dann einen freieren Spielraum für unser Tun.“
[GEJ.10_080,15] Es umstanden aber den Hügel
auch einige Bewohner der Stadt, die gleich mit uns herausgezogen waren, und der
Hauptmann wollte ihnen durch einen Unterdiener scharf andeuten lassen, daß auch
sie sich in die Stadt zurückziehen sollten.
[GEJ.10_080,16] Ich aber sagte zum
Hauptmanne: „Das sind bessere Seelen; die sollen als Zeugen für die andern nur
hier verbleiben!“
[GEJ.10_080,17] Das war denn auch dem
Hauptmann ganz recht, und die den Hügel unten Umlagernden blieben.
[GEJ.10_080,18] Aber die beiden Nachbarn
unseres Wirtes wurden nun immer stutziger und sagten zu ihm: „Höre du, Freund,
das ist ja doch ein höchst sonderbarer Mann! Dem Winde hat er gewisserart
geboten, den bösriechenden Dampf von Osten hierher zu treiben, auf daß er die
lästigen, ordentlich haufenweise zu uns herausströmenden Gäste zurücktreibe;
und als nun der Hauptmann auch die um diesen Hügel lagernden uns wohlbekannt
zwar armen, aber wirklich ehrlichen Seelen abschaffen wollte, so ließ das
dieser Mann nicht angehen, und der sonst niemals nachgiebige Hauptmann
gehorchte ihm aufs Wort!
[GEJ.10_080,19] Zugleich kennt er schon von
weitem den Charakter der Menschen und behält die Guten und treibt wunderbar von
sich die uns auch nur zu gut bekannten argen Menschen, die außer sich selbst
noch niemandem je eine Wohltat erwiesen haben.
[GEJ.10_080,20] Wahrlich, ein sonderbarer
Mann, dieser Galiläer! Der muß Gott freilich wohl noch um vieles besser und
näher kennen denn unser sonst überaus weiser Hauptmann. Na, wir sind doch
höchst neugierig, was da noch herauskommen wird!“
[GEJ.10_080,21] Sagte der Wirt: „Denket an
das, was euch dieser Mann in der Stadt außerhalb der Herberge gesagt hat, und
ihr werdet den Punkt, auf dem ihr euch nun befindet, bald näher und heller
kennenlernen!“
81. Kapitel
[GEJ.10_081,01] Bei dieser Gelegenheit hatten
sich auch alle, welche eine böse Neugierde aus der Stadt zu uns heraustrieb,
wieder in die Stadt begeben.
[GEJ.10_081,02] Als so die Gegend gereinigt
war, da gebot Ich mit lauter Stimme, so daß es die den Hügel Umgebenden wohl
verstehen konnten, dem Winde, daß er die Schwefel- und Erdpechdünste nicht mehr
zu uns herüber, sondern von uns hinweg nach den Wüsteneien des Euphrat tragen
solle.
[GEJ.10_081,03] Und alsbald schlug der Wind
um, und wir waren in wenigen Augenblicken von den Dünsten befreit.
[GEJ.10_081,04] Als die beiden Nachbarn des
Wirtes das merkten, da sagten sie zum Wirte: „Nun ist es ja doch klar, daß
dieser Mann mit einem wahren Gott in einem intimsten Verbande stehen muß und
sich Dessen allerhöchster Macht bedienen kann, wann er will. Das ist nun über
auch nur den kleinsten Zweifel hinaus vollkommen wahr; aber wie, wo und wodurch
kann ein Mensch zu einem solchen Verbande gelangen?
[GEJ.10_081,05] Ihr Juden habt denn am Ende
doch recht, daß ihr nur an einen Gott glaubet; denn dieser eine Gott wird schon
der allein wahre sein, der durch die Macht Seines allweisesten Willens alles
erschaffen hat, was wir mit unseren Augen sehen und mit den andern Sinnen
wahrnehmen können.
[GEJ.10_081,06] Aber wie kommt es denn, daß
ihr Juden selbst euch so wenig bestrebt, diesen euren allein wahren Gott näher
zu erkennen und eure Handlungen nach Seinem euch bekannt sein sollenden Willen
also einzurichten, daß auch ihr mit Ihm in einen solchen Verband kämet, wie
dieser höchst zu verehrende Galiläer, als auch ein Jude, gekommen ist?
[GEJ.10_081,07] So ihr die Wege zur Erreichung
dieses unschätzbaren Zieles, eines Schatzes aller Schätze, wohl kennet und euch
doch nicht bestrebt, ihn euch zu eigen zu machen, sondern oft noch mehr nach
den vergänglichen, toten Schätzen dieser Erde jaget denn wir blinden Heiden, da
seid ihr sehr zu bedauernde Toren.
[GEJ.10_081,08] Wir wollen dich nicht zu der
Reihe der Juden zählen, wie wir sie in unserer Stadt haben und nur zu gut
kennen, – aber das wissen wir auch von dir, daß du in dem, was euren allein
wahren Eingott betrifft, eben auch nicht ohne alle Zweifel dastandest; das
beste an dir war, daß du keinen Gleisner machtest gleich den andern deines
Stammes.
[GEJ.10_081,09] Aber sonderbar ist es von den
andern Juden, und ganz besonders von ihren Priestern, die da tun und predigen,
als hinge es schon pur von ihnen ab, was Gott tun dürfe, – und dennoch vermögen
sie ebensowenig wie unsere Priester irgend etwas zu bewirken, was da einer rein
göttlichen Macht gleichsähe.
[GEJ.10_081,10] Das, freundlicher Nachbar, ist
uns nun um so mehr ein Rätsel, da wir an diesem Galiläer selbst uns überzeugt
haben, daß er mit dem einen, allein wahren Gott in einem engsten und innigsten
Machtverbande sich befindet, ansonst ihm nicht der Wind also gehorchte wie ein
Krieger seinem Feldherrn!“
[GEJ.10_081,11] Sagte nun der Wirt: „Freunde,
ihr habt vollkommen recht, in eurem Staunen über die Macht Gottes in einem fort
also zu reden und zu fragen über unsere jüdische Tor- und Blindheit; aber so
wir nun miteinander reden, da schweigen die andern, die von der wahren Sache
mehr zu reden verstehen denn wir, und das ist auch nicht weise gehandelt! Darum
wollen wir über alles das ein anderes Mal reden und nun den andern reden und
handeln lassen.“
[GEJ.10_081,12] Mit dieser Bemerkung des
Wirtes waren die beiden Nachbarn auch vollkommen einverstanden und fragten um
nichts Weiteres mehr, sondern warteten, bis Ich irgend etwas reden und tun
würde.
[GEJ.10_081,13] Es sagte aber der Hauptmann
zu Mir: „Herr und Meister, siehe, die Menschen da unten um den Hügel wissen
nicht, was sie nun anfangen und was sie von Dir halten sollen! Wäre es nicht an
der Zeit, so ich einen meiner Leute hinabsendete und er sie ein wenig
aufklärte?“
[GEJ.10_081,14] Sagte Ich: „Laß du das nun
nur noch gut sein! Ich werde zuvor noch ein Zeichen wirken, und wir werden uns
dann wieder in die Herberge begeben. Diese Menschen werden dann auch zu den
Ihrigen in die Stadt zurückkehren und ihnen mit einem großen Eifer erzählen,
was sie gehört und gesehen haben, und es wird dadurch unter ihnen ein großes
Hin- und -Herdenken, -forschen und -raten entstehen, und dann wird es auch an
der Zeit sein, ihnen nach und nach stets mehr und mehr zu zeigen, wer Derjenige
war, dem die Elemente gehorchten.
[GEJ.10_081,15] Nun aber will Ich den sehr trüben
Morgen völlig heiter machen und die hie und da noch tätigen Naturgeister zur
Ruhe weisen; denn bis jetzt sind deren zur rechten Genüge zur Löse gekommen.“
[GEJ.10_081,16] Hierauf gebot Ich den Dünsten
auf der Erde und den dichten Wolken in der Luft, zu weichen und die Sonne
scheinen und leuchten zu lassen.
[GEJ.10_081,17] Und alsbald geschah, wie Ich
es geboten hatte. Es ward sogleich der schönste und heiterste Morgen, und man
genoß weithin eine ungetrübte Fernsicht.
[GEJ.10_081,18] Aber aus den in der Nacht
entstandenen Spalten und Ritzen des Erdbodens schossen hie und da – freilich in
einer ziemlichen Entfernung von uns – noch immer Flammen empor, die trotz des
plötzlich heiter gewordenen Morgens den unten um den Hügel weilenden und
staunenden Heiden eben nicht am besten gefielen.
[GEJ.10_081,19] In einer kleinen halben
Stunde Zeit aber gebot Ich auch diesen Feuergeistern, sich vollends zur Ruhe zu
begeben; und sie erloschen, und es war, wohin die Menschen auch ihre Augen
wendeten, keine Flamme, aus dem Boden der Erde aufschießend, weder in der Nähe
noch in der Ferne mehr zu entdecken. Auch der Wind legte sich, und der Erdboden
war, so weit das Auge reichte, wie allerreinst ausgefegt.
82. Kapitel
[GEJ.10_082,01] Jetzt ging das Verwundern
erst vollends an, und die Heiden unten um den Hügel fingen an, sich zu
befragen, wer und was Ich wäre, woher Ich gekommen sei, und was der Hauptmann
zu Mir wäre, da Ich doch kein Römergewand trüge!
[GEJ.10_082,02] Einige, die mit der
Gotteslehre der Juden vertrauter waren denn ihre Nachbarn, hielten Mich für
einen Propheten; denn diese Art von Halbgottmenschen hätten auch derlei
gewirkt. Andere hielten Mich für einen in jüdischer Tracht verkleideten größten
Magier. Wieder andere bestritten das, da sie an Mir keine Magierzeichen und in
Meinen Händen keinen Zauberstab entdeckten. Noch andere hielten Mich für einen
Halbgott in Menschengestalt, der sich dem allzeit streng gerechten Hauptmanne
offenbarte und nun zur Beglaubigung dessen diese keinem Menschen möglichen
Zeichen wirkte.
[GEJ.10_082,03] Und so gab es unter diesen
Menschen noch eine Menge Meinungen über Mich; aber keiner von ihnen getraute
sich, auf den Hügel zu uns zu kommen und allda jemanden zu fragen, wer Ich
wäre. Wir aber fingen an, uns von unseren etwas unförmigen Steinsitzen zu
erheben und uns zum Rückzuge in die Herberge anzuschicken.
[GEJ.10_082,04] Als die um den Hügel noch
weilenden und allerlei ratenden Heiden das merkten, da überfiel sie eine Furcht
vor Mir, und sie zogen eiligen Schrittes vor uns in die Stadt und begaben sich
denn auch alsogleich in ihre Wohnungen, in denen ihre Angehörigen schon auf sie
warteten. Daß es darin des Fragens und Erzählens nahe kein Ende nehmen wollte,
das läßt sich leicht von selbst denken.
[GEJ.10_082,05] Als die besagten Heiden sich
in der Stadt befanden, da verließen auch wir den Hügel und begaben uns
gemächlichen Schrittes in unsere Herberge, in der schon das wohlbereitete
Morgenmahl unser harrte.
[GEJ.10_082,06] Als wir in die Stadt kamen,
da fanden wir die Heidenpriester schon in der vollsten Tätigkeit, den Menschen
zu sagen, wie sie es nur ihnen zu verdanken hätten, daß diese Stadt vor dem
Untergang bewahrt wurde und der des frühen Morgens noch so schrecklich und
gefahrdrohend aussehende werdende Tag auf einmal durch die durch ihre
priesterlichen geheimen Bitten und Gelöbnisse besänftigten Götter in einen
herrlichen und jedes Menschen Gemüt erfreuenden urplötzlich verwandelt worden
sei, – wogegen sich die Bewohner dieser und auch der andern Städte aber auch
ohne Säumens mit allem Eifer bemühen sollten, die Tempel mit den reichlichsten
Opfern wohl auszustatten.
[GEJ.10_082,07] Nicht minder bemühten sich
auch die beiden Judenpriester, in ihrer Synagoge die Juden zu bearbeiten. Aber
weder die Heiden noch die Juden zeigten eine große Willfährigkeit, das zu tun,
was die Priester von ihnen verlangten.
[GEJ.10_082,08] Wir harrten noch eine kleine
Weile vor der Herberge und sahen dem Treiben der Priester und des Volkes zu,
und die beiden Nachbarn unseres Wirtes sagten: „Hatten wir unrecht, so wir
schon ehedem zum voraus sagten, was die Priester, die selbst gar keinen Glauben
haben, tun werden, wenn der Tag sich derart aufheitern würde, daß man keinen
Nachsturm mehr zu befürchten hätte? Der Tag hat sich durch die Wundermacht des mit
offenbar göttlicher Macht begabten Galiläers auf ja und nein völlig
aufgeheitert, und wir sind kaum in die Stadt hereingekommen und trafen die
während des Sturmes in der Nacht so überaus furchtsamen und allen Glaubens und
Vertrauens auf eine göttliche Hilfe baren Priester schon in der größten
selbstsüchtigen Tätigkeit!
[GEJ.10_082,09] So aber eben die, welche auf
dieser Erde die Vertreter der Götter – ob mehrerer oder bloß des einen, allein
wahren, was vorderhand eins ist – sein wollen, bei einer Gefahr, in der sie
sich am meisten glaubensstark zeigen sollten, die ersten beim Durchgehen und
Davonlaufen sind, – wie soll da ein nur ein wenig heller denkender Mensch ihren
Worten bei schönem und ruhigem Wetter irgendeinen Glauben schenken?
[GEJ.10_082,10] Wir sehen es nur zu klar ein,
daß da niemand anders als eben nur die Priester durch ihre übermäßige Herrsch-
und Habsucht das Volk notwendig um allen wahren Glauben und um jedes lebendige
Vertrauen auf ein allwaltendes und allmächtiges Gottwesen gebracht haben.
[GEJ.10_082,11] Steht aber das arme Volk
einmal völlig glaubens- und vertrauenslos da, – wer soll es dann wieder in den
wahren Glauben und in das alte Vertrauen auf eine übersinnliche göttliche Hilfe
zu heben vermögen?
[GEJ.10_082,12] Menschen ist das nicht leicht
oder schon gar nicht möglich, sondern da müssen die – ob einer oder viele –
Götter die Hände ans Werk legen; denn nur durch große Zeichen können ganz
blinde Menschen wieder in den Glauben und ins Vertrauen auf eine Hilfe von
einer Gottheit gesetzt werden.
[GEJ.10_082,13] Daß ihr euch in dieser Nacht
von keiner Angst und keiner Furcht vor einer Gefahr in der Herberge habt aus
dem Hause treiben lassen, das begreifen wir auch erst jetzt klar; denn wer
solch einen Menschen in seinem Hause beherbergt, dem alle Elemente auf einen
Wink gehorchen, weil er voll göttlicher Kraft und Macht ist, da ist es leicht,
zu glauben und zu vertrauen. Aber auf wen hätten denn wir glauben und vertrauen
sollen? Etwa auf unsere etlichen halbzerbrochenen steinernen Götterstatuen, auf
unsere Hauslaren oder auf die aus der höchsten Großangst und Furcht zuerst aus
ihren Wohnhäusern und Tempeln entlaufenen Priester, die dann ihren Schutz auf
dem Platze suchten und um gar keinen Preis mehr in einen Tempel hineinzubringen
gewesen wären?
[GEJ.10_082,14] Wir suchten denn auch im
Freien Schutz, weil ihn unsere Göttervorsteller auch lieber da suchten, wo ihn
die Natur dem Menschen noch am ehesten gewährt und finden läßt.
[GEJ.10_082,15] Aber es sollte dieser
Großmeister in der wahren Gottesmacht und -weisheit diesen großschreienden
Priestern auch den Meister zeigen, dann ginge es bei uns bald ganz anders mit
dem wahren Glauben und Vertrauen auf den einen, allein wahren, lebendigen Gott;
auch die beiden Judenpriester würden sich bald eines andern besinnen und
vielleicht wieder zum alten Glauben der ersten Väter zurückkehren.“
[GEJ.10_082,16] Sagte Ich nun zu den beiden
Nachbarn: „Gehet nun mit eurer Familie in unsere Herberge und haltet mit uns
das Morgenmahl! Diese Priester aber lasset nur ihr Geheul forttreiben; denn von
den Reichen werden sie wenig der gewünschten Opfer erhalten, und die Armen, die
bei uns um den Hügel waren, werden es ihnen schon zu erzählen wissen, wie Der
ausgesehen hat, dem die ganze Natur der Erde gehorchte, und es wird sich dann
schon noch der Zeit zur Genüge ergeben, in der ihnen ihr Handwerk gelegt wird!“
[GEJ.10_082,17] Damit waren die beiden
Nachbarn sehr zufrieden, beriefen ihre Familien, begaben sich mit uns in die
Herberge und nahmen auch ganz voll guten und heiteren Mutes mit uns das
reichlich und wohlbereitete Morgenmahl ein.
83. Kapitel
[GEJ.10_083,01] Als der gute Wein erst ihre
Zungen mehr und mehr gelöst hatte, da waren sie auch um so aufgelegter zu reden
und brachten Dinge zum Vorschein, über die sich selbst Meine ersten Jünger hoch
zu verwundern anfingen.
[GEJ.10_083,02] Während aber die beiden recht
viele gute Dinge besprachen, da kam auch einer der beiden Rabbis zu uns in den
Speisesaal und machte unseren Wirt darauf eindringlich aufmerksam, daß auch er,
als ein Jude, dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ein Opfer darbringen solle,
weil Er Sich durch das fromme Gebet seiner beiden Diener in dieser alten Stadt
Golan habe bewegen lassen, sein Hab und Gut vor der Zerstörung zu bewahren.
[GEJ.10_083,03] Dieser Vortrag des Rabbis
machte einen der beiden Nachbarn ordentlich zum Aufspringen ärgerlich, und er
erhob sich denn auch schnell von seinem Sitze, ging auf den kecken Rabbi los
und sagte (ein Nachbar des Wirtes): „Freund, hat denn keiner von euren alten
Weisen und Propheten bei irgendeiner Gelegenheit einmal geweissagt, wann die
Zeit kommen wird, in der kein lügenhafter und zur Arbeit träger Priester mehr
geduldet werden wird?
[GEJ.10_083,04] Schämst du, als ein Priester,
dich denn im Ernste nicht, hier uns der Wahrheit beflissenen Menschen mit einer
allerdicksten Lüge ins Gesicht zu kommen?
[GEJ.10_083,05] Wann und wo hast du zu eurem
Gott gebetet um die Erhaltung der Habe und des Gutes dieses meines ehrenwertesten
Nachbars und Freundes?
[GEJ.10_083,06] Siehe, wir haben dich und
deinen dir ganz gleichen Kollegen in der Nacht voll Furcht und Angst auf dem
großen Platze heulend und zähneklappernd gesehen, und ihr beide hattet euch
einen Punkt ausgesucht, der euch am sichersten zu sein dünkte!
[GEJ.10_083,07] Warum seid ihr denn nicht in
eurer Synagoge geblieben, wo ihr doch selbst saget, daß euer Gott alldort euer
Gebet erhöre? Habt ihr an der starken Mauer am freien Platze für das Wohl eures
Volkes gebetet?
[GEJ.10_083,08] Oh, wir kennen euch ebenso
klar und gut wie unsere eigenen Götterdiener und sagen: Nichts da mehr für
euch! Sieh, daß du weiterkommst, sonst dürfte dich ein gar Gewaltiger unter uns
weiterkommen lassen!“
[GEJ.10_083,09] Hier wurde der Rabbi des
Hauptmanns ansichtig, sagte kein Wort mehr und verließ schnell unsere Herberge.
[GEJ.10_083,10] Und der Nachbar sagte darauf:
„Dem einen, allein wahren Gott der wahren Juden alles Lob, – einen der
allerschmutzigsten Gottesleugner sind wir losgeworden!“
[GEJ.10_083,11] Sagte der Hauptmann: „Ja, ja,
der hat sich wie ein Dieb davongemacht, und sein Kollege wird es bleiben
lassen, uns zu besuchen; aber unsere Heidenpriester, die es schon schier werden
erfahren haben, daß ich mich hier befinde, werden mich schwerlich unbesucht
lassen. So diese kommen, – wie werde ich, als ein römischer Hauptmann, mich zu
benehmen haben? Denn ich sollte im Namen des Kaisers der Beschützer der
Priester sein; wie aber soll ich das nun, wo ich den einen, wahren, lebendigen
Gott habe kennengelernt, Ihn über alles liebe und unser irrwähniges und alles
schändlichen Betruges übervolles Vielgötter- und deren Priestertum über alles
verachte und hasse?“
[GEJ.10_083,12] Sagte Ich: „Nicht also, Mein
Freund! Siehe, auch die Priester eurer Götter, die freilich nie irgend in der
Wirklichkeit ein Dasein hatten, sondern pur der Phantasie der Menschen, die
über ihre Nebenmenschen herrschen wollten, entsprungen sind, sind in dieser
Zeit um vieles minder an dem Dasein des finsteren Heidentumes schuldig
anzunehmen als die, welche im Anfange, als die Menschen noch an den einen,
wahren Gott vollauf glaubten, das Heidentum zu predigen und die Menschen durch
falsche Zeichen stets ausgiebiger und zahlreicher zu diesem zu bekehren
anfingen!
[GEJ.10_083,13] Sie glauben an ihre Götter
selbst nicht, erhalten aber das Volk darum dennoch im alten Aberglauben,
erstens, auf daß sie bei ihm ihren Broterwerb finden, zweitens, weil sie die
Wahrheit nicht haben, und drittens, weil sie auch durch die Staatsgesetze dazu verhalten
(verpflichtet) sind und durch ihren einem Oberpriester geleisteten Eid auf den
Namen Pantheon, in dem alle eure Götter begriffen sind.
[GEJ.10_083,14] So aber eure Priester also
bestellt sind, da wirst du sicher wohl einsehen, daß sie nicht so sehr zu
hassen als zu bedauern sind. Daher versuche du, auch sie auf den Weg der
Wahrheit zu bringen, und haben sie diesen betreten, so sorge für sie, daß sie
eine andere Beschäftigung erhalten! Dem Kaiser ist Jude oder Heide eines, so er
ihm nur gibt, was sein ist, – und so hast du vom Kaiser aus nichts zu besorgen
(befürchten), als würde er dich je zu einer Verantwortung ziehen wegen einiger
zum wahren und in Gott lebendigen Judentum übergetretenen Priester des Zeus und
des Apollo.
[GEJ.10_083,15] Zudem sind die ersten
Machthaber in diesem Weltteile in ihrem Herzen schon seit vielen Jahren durch
Mich zum lebendigen Judentum übergegangen, so der Oberstatthalter Cyrenius,
sein jüngster Bruder Kornelius, in Rom der Staatsmann Agrikola und mehrere an
seiner Seite, freilich erst seit einem halben Jahre und etwas darüber.
[GEJ.10_083,16] Da diese dir nun genannten
Männer nebst noch gar vielen andern vom Kaiser aus noch keine Unbill zu
erdulden bekamen, so wirst auch du um so mehr von solcher nichts zu befürchten
haben, da Ich dich, so du Mir treu bleibst, Meines besonderen Schutzes
versichere und dir auch die Fähigkeit erteilt habe, in Meinem Namen die Kranken
zu heilen und die Besessenen von ihren Plagegeistern zu befreien. Und eines
mehreren bedarfst du vorderhand nicht.“
[GEJ.10_083,17] Als der Hauptmann solches von
Mir vernommen hatte, ward er überselig vor großer Freude in seinem Herzen und
sagte zu Mir: „Herr meines Seins und Lebens! Dir allein alles Lob, alle Ehre
und allen Dank für die so große, von mir niemals verdiente Gnade, Dein Wille
werde von uns allen also wie von Deinen Engeln im Himmel vollzogen, und Dein
heiligster Name werde allzeit hochgelobt und gepriesen!“
84. Kapitel
[GEJ.10_084,01] Diese Worte des Hauptmanns
setzten die beiden Nachbarn ins höchste Staunen, und sie sagten zum Hauptmann:
„Hoher Gebieter an der Stelle des großen Kaisers, auch wir danken nun dir und
auch unserem biedern Nachbar, daß ihr in uns das bestätigt habt, was wir uns
schon am Hügel draußen heimlich gedacht haben, aber nicht laut auszusprechen
getrauten! Dieser Mann, den wir seiner Kleidung wegen einen Galiläer nannten,
ist der eine, allein wahre Gott nicht nur der Juden, sondern aller Menschen und
aller Kreatur! Ihm allein sind untertan alle Mächte und Kräfte der Erde, und der
Mond, die Sonne und alle die Sterne loben und preisen Seine ewige Weisheit und
Macht. Er ist in Sich der ewige Urgeist, und Gott hat den blinden Menschen auf
dieser Erde zuliebe Sich als ein vollkommenster Mensch gezeigt, um uns zu
zeigen, daß nur Er allein der Herr von Ewigkeit ist über alles, was die Erde
und alle Himmel fassen, die ebenso wie diese Erde Sein Werk sind.
[GEJ.10_084,02] Oh, wie endlos glücklich sind
wir nun, daß wir Ihn nun in unserer Gestalt sehen und erkennen können! Nun
sollen unsere Priester nur kommen, und wir werden ihnen den Zeus zeigen!“
[GEJ.10_084,03] Hierauf fielen die beiden
Nachbarn vor Mir auf die Knie nieder und wollten Mich anbeten; Ich aber hieß
sie aufstehen und hören auf Meine Rede. Sie taten das, und Ich lehrte sie bis
zum Mittage Meinen Willen und erklärte ihnen viele andere Dinge. Und sie wurden
zu Meinen Dienern.
[GEJ.10_084,04] Als Ich die beiden Nachbarn
unseres Wirtes in allem wohl belehrt hatte, was vorderhand zu ihrem Seelenheile
notwendig war und sie das auch wohl verstanden hatten, da dankten sie Mir aus
dem innersten Grunde ihres Herzens, und der eine, der am besten zu reden
verstand, sagte: „Wahrlich, bei solch einer Belehrung über Gott, dessen Fülle
in Dir, o Herr und Meister, wohnt, und über die Bestimmung der Menschen auf
dieser Erde, deren wahre Form und Beschaffenheit Du uns überklar beschrieben
hast, hätte es für uns keiner so großen Zeichen, die Du hier gewirkt hast,
bedurft, und wir hätten Dich aus dem puren Worte erkannt; denn wir nahmen es in
uns nur zu bald wahr, daß jegliches Deiner Worte lebendig ist und in uns wie
ein Feuer aus den Himmeln alles, was tot war, durchströmte und belebte, und das
wirkte auf uns bei weitem mehr und heller überzeugend denn die Zeichen, die,
wenn auch noch so außerordentlich und selten, am Ende denn doch eine
Ähnlichkeit mit jenen haben, welche von so manchen Magiern und Priestern durch
sicher ganz natürliche, aber uns unbekannte Mittel und Kräfte gewirkt wurden
und dem freien Willen und dem Verstande der Menschen allzeit um vieles mehr
geschadet denn je irgendwo und -wann genützt haben.
[GEJ.10_084,05] Aber dennoch danken wir Dir,
o Herr und Meister, auch für die hier gewirkten großen Zeichen und auch für den
schönen, heiteren Tag, der uns durch Deine göttliche Macht zuteil geworden ist;
denn die von Dir hier gewirkten Zeichen werden auf unsere stockblinden entweder
Abergläuber oder stoischen Allen-Glauben-Verwerfer erst in der Folge, wenn sie
von uns werden bearbeitet werden, eine nachhaltig beste Wirkung machen.
[GEJ.10_084,06] Wir sind nun der Zeugen zur
Genüge hier, haben auch Mut, nun mit allen Mächten der Nacht und Finsternis
unter den Menschen in den Kampf zu treten und auch zu siegen in Deinem Namen,
und Du, o Herr und Meister, dem alle Mächte und Kräfte aller Himmel und dieser
Erde untertan sind, wirst uns im Kampfe für die lebendige Wahrheit, die wir aus
Deinem heiligen Munde vernommen haben, sicher nicht verlassen!“
[GEJ.10_084,07] Sagte Ich: „Dessen könnet
ihr, als nun Meine lieben Freunde, völlig versichert sein, und Ich erteile nun
auch euch die Macht, die Kranken durch das Auflegen eurer Hände in Meinem Namen
zu heilen, mit welch einer Krankheit sie auch behaftet sein möchten, und die
bösen Geister aus den von ihnen Besessenen zu treiben. Und also von Mir ausgerüstet,
könnet ihr euch schon – doch stets behutsam und klug – mit der Macht der Lüge
und des schwarzen Truges in den Kampf begeben, und die Palme des Sieges wird
nicht unterm Wege verbleiben.
[GEJ.10_084,08] Doch alles, was ihr tut und
tun werdet in Meinem Namen, das tut aus Liebe, um die Liebe im Herzen derer zu
wecken und zu beleben, die ihr für Mein Reich gewonnen habt.
[GEJ.10_084,09] Ist deren Liebe in ihren
Herzen kräftig und voll Lebens geworden, und werden sie euch irgend Gegenliebe erweisen
wollen, so lasset das mit freudigem Herzen auch angehen; denn nur die mächtige
Liebe und Gegenliebe beleben sich und erzeugen ein vollkommenes, neues Leben!
[GEJ.10_084,10] Doch im Anfang müsset ihr,
als die zuerst mit der rechten Liebe aus Mir Erfüllten, auch nur mit dieser
Liebe zu wirken beginnen! Denn so da jemand, der sich ein rechtes Weib nehmen
möchte, sich um die Hand einer Jungfrau bewirbt, zu den Eltern hingeht und
seinen Wunsch ausspricht, aber dabei die Jungfrau wie auch ihre Eltern nichts
von einer Liebe merken läßt, sondern nur gleich sich um die Größe und um den
Wert ihrer Schätze erkundigt, – wird der wohl die Liebe der Jungfrau und ihrer
Eltern je für sich gewinnen? Ich meine, daß er dabei schlecht zum erwünschten
Ziele gelangen wird. Denn wer die Liebe nicht hat, der wird auch schwer eine
Gegenliebe finden. Wer aber mit aller Liebe die Gegenliebe sucht, der wird sie
auch finden; und hat er sie gefunden, so wende er sich von ihr nicht ab, so sie
ihm mit aller Freude werktätig entgegenkommt.
[GEJ.10_084,11] Seht und nehmt euch alle an
Mir ein rechtes Exempel! Ich kam ungerufen aus purer Liebe zu euch hierher und
erwies euch sofort auch alle Liebe, ohne irgend von jemand ein Entgelt zu
verlangen; da ihr Mich aber erkannt habt und Mir nun mit aller Liebe
entgegenkommt, so nehme Ich solche eure Liebe auch mit freudigem Herzen auf und
verschmähe es nicht, an eurem Tische mit Meinen Jüngern zu essen und zu
trinken. Und würde Ich das nicht tun, möchte das freudig stimmen eure Herzen?
Sicher nicht, und so denn erweiset den Menschen zuerst Liebe ohne Entgelt; so
euch dann die Menschen mit aller Liebe wieder entgegenkommen, da nehmet – aber
allzeit mit Ziel und Maß – von ihnen, was sie euch bieten!
[GEJ.10_084,12] Werdet ihr also handeln, so
werdet ihr auch bald Mein Reich auf dieser Erde unter den Menschen in Hülle und
Fülle ausgebreitet und keine Not zu erleiden haben.
[GEJ.10_084,13] Wie aber Hochmut, Zorn, Neid,
Geiz, Habsucht und dergleichen Laster mehr auch dasselbe bei den andern
Menschen hervorrufen, so auch ruft die wahre, uneigennützige Liebe sich selbst
bei den andern Menschen hervor; darum tuet alles aus Liebe, und ihr werdet
dadurch den Samen der Liebe in die Herzen der andern Menschen säen, der für sie
und für euch bald zu einer segensreichsten Ernte wird schon hier, und um so
mehr dann erst jenseits im andern und ewigen Leben der Seele durch Meinen
Liebegeist in ihr!“
[GEJ.10_084,14] Diese Meine Rede begriffen
alle wohl und gelobten sie auch im Geiste der vollen Wahrheit zu erfüllen.
85. Kapitel
[GEJ.10_085,01] Als sie sich voll Freude über
diese Meine Lehrrede unter sich besprachen, da kamen ein paar der ersten
Heidenpriester in unsere Herberge, um den Hauptmann zu begrüßen, dessen
Gegenwart sie von jenen Ärmeren erfahren hatten, die am Morgen unseren Hügel
umlagert hatten; hauptsächlich aber kamen sie eigentlich darum in unsere
Herberge, um den Mann in galiläischer Tracht selbst näher kennenzulernen, von
dem sie durch den Mund der bekannten Ärmeren erfahren hatten, daß am trüben Morgen
die mächtigen Elemente seinem Worte und Willen gehorcht hatten.
[GEJ.10_085,02] Als sie in den Speisesaal
traten, da machten sie sogleich eine tiefe Verbeugung vor dem Hauptmann und
sagten (die Priester): „Vergib uns, du hoher Gebieter im Namen des großen und
mächtigen Kaisers durch die Allmacht der Götter und ihrer vornehmsten Diener
aus der Zahl der Menschen, die sie dazu durch ihren unsichtbar wirkenden Willen
erwählt und gemacht haben! Hast du auch für uns irgendein neues Gebot aus der
großen Kaiser- und Götterstadt Rom, so wolle es uns gnädigst bekanntmachen, wie
und wann es dir am geeignetsten dünkt, auf daß wir uns danach richten können!“
[GEJ.10_085,03] Sagte der Hauptmann: „Diesmal
habe ich kein neues Gebot, weder für euch noch irgend fürs Volk; denn unsere
Gesetze sind fest gestellt, und es ist bis jetzt kein neues hinzugekommen. Aber
es ist mir etwas von euch zu Ohren gekommen, was meinem Gemüte keine Freude
macht.
[GEJ.10_085,04] Warum betrügt und belügt ihr
denn das Volk und wollet dadurch zu eurem Leibesbesten von ihm Opfer erpressen,
weil ihr vorgebt, daß es nur euch zu verdanken habe, daß die erzürnten Götter
in dieser Nacht die Stadt und die ganze Umgegend nicht zu einer Wüste gemacht
hätten, und daß sich der trübe und noch unheilschwangere Morgen plötzlich in
einen heiteren Tag umgewandelt habe? Solches prediget ihr ganz keck vor dem
Volke, das euch doch selbst während des Sturmes und Erdbebens zuerst aus euren
Tempeln und Wohnungen hat fliehen und im Freien Schutz suchen sehen! Heißt das den
Glauben beim Volk aufrichten – oder denselben vernichten?
[GEJ.10_085,05] Wenn das Volk bei solchen
Gelegenheiten eben bei den mutigst und gläubigst sein sollenden Priestern, die
sich doch stets als treue Diener und Freunde der Götter loben und rühmen lassen,
nichts als die höchste Angst, Furcht und eine vollste Vertrauens- und
Glaubenslosigkeit entdeckt, – wie soll es dann, wenn die Gefahr vorüber ist,
den Worten solcher Priester – wie ihr euch schon etwa zu öfteren Malen erwiesen
haben sollet – noch etwas glauben, von denen es nur zu gut aus der Erfahrung
weiß, daß sie selbst nicht einen Funken irgendeines Glaubens und Vertrauens an
eine höhere Göttermacht besitzen? Und wie können solche Priester dann vors Volk
treten und es auf eine derbste und frechste Art zu belügen anfangen?“
[GEJ.10_085,06] Sagte darauf einer der beiden
Heidenpriester: „Vergib mir, du hoher Gebieter; in dieser unserer Sphäre hast
du nicht völlig richtig geurteilt! Es ist schon wahr, daß ein Priester bei so
manchen gefahrvollen Gelegenheiten stets den größten Mut und ein überaus festes
Vertrauen auf die mögliche %Hilfe der hohen Götter vor dem zaghaften Volke an
den Tag zu legen hat, um ihm Mut einzuflößen und in seinem Gemüte den Glauben
und ein festes Vertrauen zu wecken; aber bei außerordentlich gefahrvollen
Gelegenheiten soll auch der Priester vor dem Volke zeigen, daß auch er die
Götter fürchtet, so sie durch das gewaltige Toben der Elemente den Menschen
ihren Zorn offenbaren.
[GEJ.10_085,07] Ein Priester ist wohl ein
Vermittler zwischen den Göttern und den Menschen, doch ein Herr gleich den
unsterblichen Göttern ist er nicht und wird es niemals sein; denn sterben muß
auch der Priester, gleich wie ein jeder Mensch, und so hat auch er die Götter
zu fürchten.
[GEJ.10_085,08] Solange die Götter nur durch
Blitz, Donner, starke Winde, gewaltige Regen, Hagel, Schnee und große Kälte zur
ungewöhnlichen Zeit, in der sie den Früchten der Erde schadet, den Menschen
anzeigen, daß sie da und allmächtig sind, da kann der Priester schon noch mit einem
größeren Mute vor dem geängsteten Volke auftreten, es trösten und stärken und
den Glauben und das Vertrauen beleben und erhalten; aber so die Götter manchmal
in die Grundfesten der Erde, dieselben erschütternd, mit ihrer Macht eingreifen
und das Unterste nach oben zu kehren drohen, da hat auch der Glaube des
Priesters samt dem Boden der Erde zu wanken das Recht.
[GEJ.10_085,09] Er kann bei sich immerhin
durch Gebete und durch allerlei taugliche Gelübde die Götter zu besänftigen
trachten, aber dabei auch an den Tag legen, daß auch er nur ein schwacher
Mensch ist und die Götter allzeit zu fürchten hat.
[GEJ.10_085,10] Siehe, du hoher Gebieter,
weil sich die Sache also verhält, so taten wir in dieser wahren Schreckensnacht
denn wohl nicht unrecht, daß auch wir in der Tat unsere gerechte Furcht vor der
Allmacht der Götter dem Volke zeigten! Da aber die erzürnten Götter sich von
uns Priestern wieder haben besänftigen lassen wegen der ihnen gemachten
Gelübde, so ist es nun aber an der Zeit, das Volk davon in Kenntnis zu setzen,
was es samt uns zu tun hat, um den von uns Priestern den Göttern gemachten
treuen Gelöbnissen ohne Rückhalt und irgendwelche strafbare Säumnis vollends
nachzukommen, ansonst bei einer künftigen Gelegenheit, in der die Götter noch
erzürnter sich zu zeigen anfangen könnten, eine Besänftigung derselben sehr
schwer mehr zu erhoffen wäre. Denn nur sieben Male haben die Götter eine Geduld
mit den Hauptschwächen der Menschen; doch ein achtes Mal findet man schwerlich
mehr eine Nachsicht und Geduld bei ihnen.
[GEJ.10_085,11] Und da wir solches nun dem
Volke eindringlich bekanntmachen, so handeln wir sicher ganz gut und gerecht
vor den Göttern und vor den Menschen, die noch irgendwelchen Glauben und einen
guten Willen besitzen, und es kann nicht gesagt werden, daß wir dadurch das
Volk in dem Glauben und Vertrauen an die Götter schwächen.
[GEJ.10_085,12] Und ich meine, daß ich unser
Handeln mit dieser meiner kurzen Darstellung vor dir, hoher Gebieter, mehr denn
zur vollen Genüge gerechtfertigt habe. Ich habe geredet!“
86. Kapitel
[GEJ.10_086,01] Sagte darauf der Hauptmann:
„Geredet hast du nun wohl ganz gut, und es hatte deine Rede einen ganz
vernünftigen Sinn; aber sie hat vor mir dennoch nur einen höchst geringen Wert,
weil ihr Sinn und die Wahrheit in dir sehr weit voneinander entfernt sind. Denn
siehe, fürs erste hast du selbst nicht einen Funken Glauben und Vertrauen an
die Götter, was ich dir sowie allen deinen Kollegen auf das handgreiflichste
aus meinen vielen Erfahrungen wohl beweisen könnte, – und weil du selbst keinen
Glauben an irgendeinen Gott hast, so ist fürs zweite deine Rede vor mir nichts
als ein eitel leeres Wortgepränge und hat keinen Wert vor mir.
[GEJ.10_086,02] Ich sage dir aber nun das
nicht deshalb, um dich und deine Kollegen eures Benehmens wegen irgend strafen
zu wollen; aber das sage und bedeute ich dir damit, daß ihr mit allem eurem
weise scheinenden Geschrei vor dem Volke, dessen besserer Teil euch schon lange
haarklein durchschaut hat, eine schlechte Wirkung erzielen werdet, besonders in
dieser Zeit, in der sich unter den Juden die hellste Wahrheit über das Dasein
nur eines allein wahren Gottes und über die Art, wie man Ihn verehren soll, und
über die Bestimmung des Menschen zur höchsten Evidenz auszubreiten anfängt und
bereits gar viele der besseren Heiden sich zu dem neuen Glauben der Juden
wenden und in ihm einen wahren Trost und eine best- und festest gegründete
Beruhigung finden.
[GEJ.10_086,03] So ihr davon sicher auch
schon Kunde erhalten habt, – warum habt ihr euch davon noch keine Überzeugung
zu verschaffen gesucht, und warum verharret ihr hartnäckig vor dem Volke bei
dem, was ihr selbst noch nie geglaubt habt, es aber dennoch das Volk glauben
machen wollt durch euer leeres Geschrei?
[GEJ.10_086,04] So ihr in euch von der
Nichtigkeit unseres Göttertums überzeugt seid und an sie keinen Glauben habt,
so suchet zuerst für euch selbst die Wahrheit; und habt ihr sie irgend
gefunden, so enthaltet sie dem nur nach der vollen Wahrheit dürstenden Volke
nicht vor, und ihr werdet euch dadurch dem Volke und dem Staat sicher
nützlicher erweisen denn durch euer leeres Geschrei!
[GEJ.10_086,05] Machet aus den Götzentempeln
Unterkunftswohnungen für eure Armen und Kranken, und kehret auch den Fremden
nicht den Rücken, und ihr werdet dadurch die wahre und lebensvolle Gnade bei
dem einen, allein wahren Gott finden, die euch sicher mehr nützen wird denn
alle die toten Erdschätze, die ihr durch euer unsinniges Geschrei bei allen
solchen Gelegenheiten, wie die diesnächtliche war, vom Volke erpreßt habt!“
[GEJ.10_086,06] Sagte hierauf der
Heidenpriester: „Hoher Gebieter, du hast nun vollkommen die Wahrheit
gesprochen, und es steht mit uns denn auch gerade also; aber wohin sollen wir
uns wenden, um jene lebendige Wahrheit zu finden, die uns und auch dem Volke
mehr nützen würde als der Besitz aller Schätze der ganzen Erde? Und was sollen
wir, so wir diese Wahrheit gefunden und danach auch das Volk belehrt und
bekehrt haben würden, unseren Oberpriestern dann erwidern, so sie uns zur
Verantwortung zögen darob, daß wir das Volk von dem, was sie lehren und haben
wollen, abwendig machen und es zum reinen Judentum bekehren?“
[GEJ.10_086,07] Sagte der Hauptmann: „Wohin
ihr euch zu wenden habt, um die reine und lebendige Wahrheit und den einen,
allein wahren Gott kennenzulernen und also auch Seinen Willen, da kann ich euch
den allerkürzesten Weg zeigen.
[GEJ.10_086,08] Seht, hier mir zur Rechten
sitzend ist der Mann, der euch die reinste Wahrheit in aller Fülle zeigen kann,
und Er ist auch in Sich eben Derjenige Selbst, dem alle Kräfte und Mächte der
Himmel und dieser Erde gehorchen! Werdet ihr das erkennen und wohl einsehen, da
wird es euch schon von selbst klar werden, was ihr denen zu sagen habt, die
euch danach fragen würden, warum ihr, samt dem euch anvertrauten Volke, zum
wahren Judentum übergetreten seid.
[GEJ.10_086,09] Übrigens sind wir Römer in
bezug der verschiedenen Götterlehren ja ohnehin sehr duldsam und verwehren
niemand seine Art und Weise, in der er sich irgendeine Gottheit vorstellt und
an sie glaubt und auf sie vertraut, was ihr ebensogut wisset wie ich; denn
haben die Römer auch viele Völker in Asien, Afrika und Europa besiegt und zu
Untertanen Roms gemacht, so haben sie ihnen doch ihre Götterkunde stets unangetastet
gelassen und haben den fremden Göttern auch in Rom Tempel errichtet. Es ist
also Rom in dieser Hinsicht duldsam, und ihr habt daher nichts zu befürchten,
und hier in Asien um so weniger, indem da ja ohnehin das Judentum als
Gotteslehre herrschend ist.
[GEJ.10_086,10] Ich habe euch nun den Weg zur
reinen und lebendigen Wahrheit gezeigt, und ihr könnet nun tun, wie es euch
beliebt.“
87. Kapitel
[GEJ.10_087,01] Auf diese Rede des Hauptmanns
besahen Mich die beiden Priester vom Haupte bis zu den Füßen, und der eine
fragte Mich, sagend: „Wer bist du denn, da dir unser Gebieter vor uns ein
Zeugnis geben mochte, das man wahrlich nur einem Gott geben kann? Rede du
selbst von dir, und wir wollen dir glauben, was du auch reden wirst!
[GEJ.10_087,02] Bist du etwa eben derjenige,
von dem uns draußen unsere Armen erzählten, daß er den Winden, den Wolken und
dem Feuer gebot vom Hügel Talba, und sie gehorchten ihm?“
[GEJ.10_087,03] Sagte Ich: „Ja, ebenderselbe
bin Ich! Das Zeugnis des Hauptmanns ist wahr, haltet euch an dasselbe, – alles
andere, was euch und eurem Volke not tut, werdet ihr von diesem Wirte und
seinen beiden Nachbarn erfahren.
[GEJ.10_087,04] Werdet ihr vollgläubig danach
handeln, so werdet ihr in euch das ewige Leben erwecken und es dann auch für
ewig behalten. Denn Ich Selbst – obwohl vor euren Augen seiend ein Menschensohn
– bin der Weg, die Wahrheit und das ewige Leben. Wer an Mich glaubt und nach
Meiner Lehre vollkommen tut, der wird leben der Seele nach ewig, so er auch
stürbe dem Leibe nach viele Male.
[GEJ.10_087,05] Wie aber Meine Lehre lautet –
ganz kurz und für jedermann leicht faßlich –, das werdet ihr schon von denen
erfahren, die Ich euch angezeigt habe. Und so denn möget ihr nun schon wieder
zu euren Kollegen hinausgehen und ihnen sagen, was ihr vernommen habt! Sie
sollen vom Volke zur Versöhnung der nichtigen Götter keine Opfer mehr
erpressen; denn so sie das forttun, dann werde Ich den Mächten der Erde noch
einmal den freien Lauf lassen, und sie mögen dann zusehen, wie es ihnen ergehen
wird!“
[GEJ.10_087,06] Als die beiden Heidenpriester
das von Mir vernommen hatten, sagten sie kein Wort mehr, sondern verneigten
sich tief vor Mir und auch vor dem Hauptmann und begaben sich schnell hinaus
auf die breite Straße zu ihren Kollegen, die dem Volke noch allerlei
Wundermärchen über die Götter erzählten und so manchen Pfennig bekamen.
[GEJ.10_087,07] Als die beiden hinauskamen,
ersahen sie ihre Gefährten, gingen auf sie zu und fragten sie voll Neugier, was
sie beim Hauptmann ausgerichtet hätten, und was es mit Mir für eine Bewandtnis
habe.
[GEJ.10_087,08] Die beiden aber sagten: „Ihr,
unsere lieben Freunde, hört! Die Sache ist von höchster Wichtigkeit, und wir
werden später in unserer Wohnung ausführlich davon reden; doch hier auf der
offenen Straße ist kein Ort, über derlei Dinge zu reden.
[GEJ.10_087,09] Der Mann jedoch, von dem uns
die Armen erzählten, daß Ihm alle Mächte, Kräfte und Elemente der Erde
gehorchen, scheint mehr denn ein purer Mensch zu sein! Und Dieser hat ganz
entschieden zu uns gesagt, daß wir von unserem Sühnopfersammeln für die Götter,
die nichts seien, sogleich abstehen sollen, ansonst wir von Ihm noch etwas
Ärgeres würden zu erleiden bekommen, als was wir in dieser Nacht zu erleiden
hatten. Daher stehen wir von unserer Sammlerei denn auch alsogleich ab und
begeben uns in unsere Burg; dort werden wir beraten, was da fürder zu tun sein
wird! Denn es muß an der Sache des höchst sonderbaren Menschen im vollsten
Ernste vieles gelegen sein, ansonst unser Hauptmann, der alles wohl zu prüfen
versteht, eben diesem Manne nicht so sehr huldigen und Ihm ein Zeugnis vor uns
geben würde, das man nur einem klar und wohl erkannten Gott geben kann. Doch
hier nichts Weiteres mehr von dieser Sache!“
[GEJ.10_087,10] Auf diese Worte der beiden
Priester wurden alle in hohem Grade betroffen, ließen das Sammeln und begaben
sich in ihre Burg, und einige der ersten Bürger dieser Stadt begleiteten sie in
großer Spannung.
[GEJ.10_087,11] Als sie in der Burg
anlangten, die mit allerlei Götzenstatuen geziert war, da bestieg der eine der
beiden, die bei Mir in der Herberge waren, die Rednerbühne und sagte: „Wollet
mich denn nun vernehmen! Ich werde euch in der möglichen Kürze das mitteilen,
was ich in der Judenherberge von unserem weisen Hauptmanne und dann aber
hauptsächlich von dem sonderbaren Mann vernommen habe, das wir uns alle im
hohen Grade zu Gemüte zu nehmen haben; denn ein Mensch, dem alle Mächte und
Kräfte der Himmel und der Erde gehorchen, ist sicher mehr, größer und
beachtenswerter denn alle unsere Götter, von denen niemand von uns mit
irgendeiner überzeugenden Bestimmtheit sagen kann, daß sie jemals waren oder
jetzt in der Wirklichkeit irgend sind außer in den Tempeln, gemacht von
Menschenhänden.
[GEJ.10_087,12] Niemand hat irgend erlebt,
daß einer unserer vielen Götter ein wahres Wunder gewirkt hätte. Was da vor dem
blinden Volke als ein Wunder gewirkt ward unter der Anrufung eines oder des
andern Gottes, das hat nicht der angerufene Gott, sondern – wie wir es wohl
wissen – nur der in der Magierkunst wohlbewanderte Priester durch die ihm zu
Gebote stehenden Mittel bewirkt; ohne solche Mittel aber hat noch niemals, zum
wenigsten unseres guten Wissens, selbst der Pontifex maximus in Rom ein Wunder
gewirkt.
[GEJ.10_087,13] So aber dieser Mensch, von dem
ich rede, ohne alle irgend begreifbaren Mittel, sondern nur durch Sein Wort und
durch Seinen Willen allen Mächten der Himmel und der Erde gebietet und sie Ihm
gehorchen, so ist solch ein Mensch ganz allein ein wahrer Gott, und alles, das
wir mit dem Worte Gott bezeichnen, ist nichts als eine Ausgeburt der
menschlichen Phantasie und ist fürderhin von keinem denkenden und die Wahrheit
suchenden Menschen als ein wirklich irgend seiendes Etwas anzunehmen.
[GEJ.10_087,14] Das ist eine notwendige
Einleitung zu dem, was ich euch zu sagen und zu erzählen versprochen habe.
Bevor ich euch aber das mitteile, was ich vom Hauptmanne und dann von dem
Gottmanne vernommen habe, wollet ihr euch äußern, was ihr von eben diesem
Gottmanne haltet!“
[GEJ.10_087,15] Sagten alle: „Rede du nur
weiter und erzähle uns, was du vom Hauptmann und ganz besonders aber von dem
Gottmanne vernommen hast; denn von all dem, wovon du überzeugt bist, daß es
eine volle Wahrheit ist, sind auch wir überzeugt, daß es eine volle und
vollkommene Wahrheit ist! Daher gehe du nur gleich zu der Hauptsache über; wir
werden dich mit der größten Aufmerksamkeit anhören!“
88. Kapitel
[GEJ.10_088,01] Hierauf fing der Redner das
Versprochene ganz ausführlich zu erzählen an, was er vom Hauptmanne und von Mir
vernommen hatte, und alle wurden voll des höchsten Staunens schon während des
Erzählens; und als der Redner alles genau wiedergegeben hatte, was er in der
Herberge vernommen und was er auch selbst mit dem Hauptmanne und auch mit Mir
geredet hatte, da sagten alle: „Wenn also, dann bleibt uns wohl freilich nichts
anderes übrig, als völlig zu glauben, daß der Gottmann wahrlich ein lebendiger
Gott ist, neben dem kein anderes Wesen als ein Gott anzunehmen und zu verehren
ist; und so wir Seine Lehre und durch sie auch Seinen Willen aus dem Munde des
Hauptmanns oder aus dem Munde eines andern Kundigen vernehmen werden, so werden
wir das zu unserem Lebensgesetze machen und werden danach dann strenge handeln.
[GEJ.10_088,02] Doch unsere Götterlehren und
Mythen samt den Statuen und Bildern werden wir für immer hinwegschaffen und
auch unsere Kinder in der neuen Lehre unterweisen; ihr Priester aber werdet vor
allem dafür sorgen, daß diese neue Lehre von jedermann vernommen, wohl
verstanden und in ihrem gesetzlichen Teil strenge beachtet wird.
[GEJ.10_088,03] Aber nun wird es an der Zeit
sein, daß wir alle hingehen und dem Gottmanne unsere erste, Ihm allein
gebührende, möglich höchste Verehrung darbringen und mit ihr auch den Dank für
die von uns nie verdiente Gnade, die Er uns dadurch erwiesen hat, daß Er zu uns
kam und Sich uns sichtbar wohl zu erkennen gab.“
[GEJ.10_088,04] Mit diesem Antrag waren alle
vollkommen einverstanden, verließen die Priesterburg, begaben sich zu unserer
Herberge und wollten auch gleich in dieselbe eintreten.
[GEJ.10_088,05] Da aber der Hauptmann das von
Mir erfuhr – wie auch alle, die in der Herberge sich befanden –, was in der
Priesterburg verhandelt worden war, so fragte er Mich, ob die Kommenden wohl in
die Herberge, wo der Raum ein beschränkter sei, eingelassen werden sollten,
oder ob man ihnen bedeuten solle, daß sie draußen warten sollen, bis es Mir
genehm wäre, zu ihnen hinauszukommen.
[GEJ.10_088,06] Ich aber sagte: „Lasset sie
alle zu Mir kommen, die da mühselig und mit allerlei Nacht belastet sind, und
Ich will sie alle erquicken! Die zu Mir wollen, denen soll die Tür aufgetan
werden, und sie werden in Mir Den finden, den sie lange vergeblich suchten und
mit aller ihrer Weltweisheit nicht finden konnten. Wo Ich bin, da gibt es auch
Raum für jeden, der Mich liebt und sucht.“
[GEJ.10_088,07] Als der Hauptmann solches von
Mir vernahm, da ging er selbst zur Tür und öffnete sie, als die Angekommenen
schon vor der Türe harrten und unter sich berieten, wer von ihnen zuerst in die
Herberge treten solle; denn als die bewußten Angekommenen zu der Herberge kamen
mit dem Vorsatz, alsogleich in die Herberge einzutreten, befiel sie eine kleine
Angst, und es getraute sich keiner, zuerst die Tür zu öffnen.
[GEJ.10_088,08] Als aber der Hauptmann selbst
die Tür geöffnet hatte, da verneigten sich die Angekommenen vor ihm, und die
beiden Priester fragten ihn, ob sie in die Herberge gehen dürften, um Mir zu
geben die Ehre und den Dank für die Gnade, daß Ich auch zu ihnen in diese alte
und sehr abgelegene Stadt gekommen sei und Mich von den blinden Menschen habe
als der eine, allein wahre Gott erkennen lassen.
[GEJ.10_088,09] Sagte der Hauptmann: „Der
Herr hat ein Wohlgefallen an euch, da Er um euer aller Beschluß, den ihr in der
Halle gefaßt habt, gar wohl weiß, und so möget ihr nun wohl in die Herberge
eintreten!“
[GEJ.10_088,10] Auf diese Antwort des
Hauptmanns traten alle mit der höchsten Ehrfurcht in den Speisesaal, verneigten
sich tiefst vor Mir, und die beiden Priester hielten eine wohlgeordnete Anrede
an Mich und beendeten sie mit dem Dank, den sie alle Mir, schuldigst sich
dünkend, darbringen wollten.
[GEJ.10_088,11] Als sie ihre Rede beendet
hatten, da erhob Ich Mich, segnete sie und sagte: „Wohl jedem, der zu Mir kommt
und Mich erkennt wie ihr nun! Denn wer Mich erkennt, der hat schon ein Licht
dazu überkommen von Mir, daß er Mich erkennen und dann an Mich lebendig glauben
kann.
[GEJ.10_088,12] Aber es ist dies Licht nun
bei euch nur ein kleines Flämmchen in eurer Seele; so ihr aber erst Meine Lehre
und mit ihr auch Meinen Willen werdet überkommen haben und werdet danach
handeln und leben, so wird euer nunmaliges kleines Licht zu einer Sonne werden,
und ihr werdet dann erst in die volle Wahrheit alles Lebens und Seins gelangen
und in euch selbst erwecken das ewige Leben.
[GEJ.10_088,13] Der Wirt hier aber wird euch
geben die Lehre, die er von Mir erhalten hat, und seine beiden Nachbarn und
seine Leute werden für euch rechte Zeugen sein und euch vieles sagen, das ihr
nun noch nicht wisset; so ihr aber solches wissen werdet, dann erst werdet ihr
über Mich vollends ins klare kommen.
[GEJ.10_088,14] Nun aber setzet euch an einen
Tisch und nehmet zu euch etwas Brot und Wein, und stärket eure Glieder; darauf
wollen wir noch einiges miteinander besprechen und anordnen.“
[GEJ.10_088,15] Darauf setzten sich die
Heidenpriester mit etwelchen ersten Bürgern dieser Stadt an einen noch
unbesetzten Tisch, und es ward ihnen alsbald Brot und Wein dargereicht, und sie
aßen und tranken ganz wohlgemut; denn sie hatten schon Hunger und Durst.
89. Kapitel
[GEJ.10_089,01] Als der Wein ihnen die Zungen
regsamer gemacht hatte, da fingen sie untereinander an, über allerlei ihnen
bekannte Weise aus der Vorzeit zu reden und zu urteilen, und waren bald dieser
und bald wieder einer andern Meinung. Am Ende kamen sie denn auch auf die
jüdischen Weisen und Propheten, und der erste Priester wußte vieles von Moses
und Jesajas, die er für die zwei größten Weisen der Juden hielt; nur gefiel ihm
die oft zu verhüllte Sprache nicht, und er meinte, daß das überhaupt ein Fehler
der meisten alten Weisen wäre, daß sie selten ganz klar und offen vor dem Volke
geredet und geschrieben hätten, und daß gar viele Irrtümer eben dadurch ins
Volk übergegangen seien, was bei einer klaren und unverhüllten Redeweise
niemals hätte stattfinden können.
[GEJ.10_089,02] Als sie noch also
untereinander redeten, gab Ich dem Jakobus M. einen Wink, daß er den irrig
Urteilenden eine rechte Aufhellung geben solle; denn dieser Jünger war in dem
Fache schon ganz wohl bewandert und verstand die Entsprechungen zwischen den
geistigen und natürlichen Dingen wohl.
[GEJ.10_089,03] Er ging darum zu den
Priestern der Heiden hin, grüßte sie und fing an, ihnen die Gründe kundzugeben,
warum Moses und also auch die andern Weisen und Propheten nur so wie sie gerade
geredet und geschrieben haben und nicht anders haben reden und schreiben
können.
[GEJ.10_089,04] Die Priester und auch die
Bürger hatten das bald aufgefaßt und recht wohl begriffen und lobten daher sehr
den Jünger und gaben Mir die Ehre und einen rechten Dank, daß Ich auch einem
Menschen eine so tiefe Einsicht in die rein göttlichen Dinge gegeben habe.
[GEJ.10_089,05] Darauf ging der Jünger wieder
an seinen Platz, und die Heidenpriester und die bei ihnen seienden Bürger
urteilten nun ganz anders über die Rede- und Schreibweise der alten Weisen und
brachten viele gute Dinge zum Vorschein, über die sich auch unser Hauptmann
recht sehr verwunderte, sich auch zu ihnen begab und mit ihnen zu reden begann
und ihnen auch so manches, was er von Mir wußte, ganz offen kundgab, worüber
die Heidenpriester und anwesenden Bürger eine größte Freude an den Tag legten.
[GEJ.10_089,06] Es ward ihnen vom Hauptmanne
auch die wahre Gestalt der Erde, die Art ihrer Bewegung und ihre Größe, sowie
auch der Mond, die Sonne, die Planeten und die andern Gestirne in Kürze so
faßlich als möglich dargestellt, und die Unterrichteten hatten darüber eine
große Freude.
[GEJ.10_089,07] Und einer sagte: „Wenn sicher
also und nicht anders, in wie vielen Irrtümern sind da eine Unzahl von Menschen
noch tiefst begraben, und wann wird es bei ihnen auch darin licht und helle
werden?“
[GEJ.10_089,08] Und der Hauptmann sagte:
„Freunde, das überlassen wir allein dem Herrn; denn Er allein weiß es am
allerbesten, in welcher Zeit Er einem Volke in allen Dingen ein größeres Licht
zu geben hat! Von nun an aber wird das rechte und hellste Licht nach Seinem
Willen schon in der Eile unter die Menschen, die eines guten Willens sind,
verbreitet werden, und wir selbst werden bei diesem Geschäft unsere Hände nicht
in den Schoß der Trägheit legen!“
[GEJ.10_089,09] Sagten alle: „Wahrlich, das
werden wir nimmer; denn nun wissen wir es in aller Wahrheit, was wir zu tun
haben, und für wen und warum!
[GEJ.10_089,10] O der langen Geistesnacht,
die schon unsere Urväter und nun auch uns mit ehernen Banden gefangenhielt! Dem
Herrn und allein wahren Gott ohne Anfang und Ende, in dem alle Mächte und
Kräfte vereint sind, alle Ehre, alles Lob und allen Dank, daß Er Sich so tief
herabgewürdigt hat, Selbst Fleisch und Blut anzuziehen, um uns aus der alten
Nacht des Todes zu erlösen! Denn ein Mensch, der in allen Dingen und
Erscheinungen, die ihn umgeben, in der größten Irre und vollsten
Geistesblindheit sich befindet, ist am Ende, beim rechten Lichte betrachtet, ja
um vieles ärger daran als jedes Tier und ist so gut wie tot anzusehen.
[GEJ.10_089,11] Aber wenn er im Geiste
erweckt wird, dann erst wird er lebendig und steht mit seiner reinen
Gotteserkenntnis und -liebe hoch erhaben über aller andern materiellen Kreatur.
[GEJ.10_089,12] Bis jetzt war unser Leben nur
ein eitler Traum, in dem der Träumende wohl auch ein verworrenes Dasein fühlt,
sich aber von nichts eine wahre Rechenschaft geben kann, daher auch nichts
einsieht und der Wahrheit nach begreift.
[GEJ.10_089,13] Aber unser Traumzustand hat
nun durch die Gnade des Herrn ein Ende genommen, wir sind wach geworden und
leben nun in der Wirklichkeit. Und welch eine Seligkeit ist da das Leben, in
dem man zum vollen Bewußtsein gelangt, daß man wirklich und wahrhaft lebt und
das Leben auch nicht mehr verlieren kann, so man in Dem verbleibt in der
rechten Liebe, der ewig das Urleben alles Lebens Selbst ist ohne Anfang und
Ende. Oh, wie glücklich fühlen wir uns schon jetzt in der vollen Gegenwart
Gottes, des ewigen Herrn über alle Dinge, obschon uns noch des Leibes Schwere
und Gericht drückt; wie endlos glücklich aber werden wir uns erst dann fühlen,
so uns der Herr bald auch von dieser Bürde erlösen wird!
[GEJ.10_089,14] Doch zuvor sollen noch
möglichst viele unserer armen Mitbrüder durch uns auch zum Leben des Geistes
aus ihrem Todesschlaf und eitlen Traum erweckt werden; denn was uns nun gar so
selig gemacht hat, das soll in der Folge gar viele tausendmal Tausende von
Menschen durch unsere Mühe ebenso selig machen!“
[GEJ.10_089,15] Auf diese gute Rede wurde der
Redner selbst ganz gerührt und konnte vor Tränen nicht mehr weiterreden.
90. Kapitel
[GEJ.10_090,01] Hier erhob denn auch Ich Mich
von Meinem Stuhl, trat mit freundlicher Miene hin zu den Heidenpriestern und
etlichen Bürgern dieser Stadt und sagte: „Höret, so ihr in Meinem Namen Mein
Licht und Reich mit der rechten und uneigennützigen Nächstenliebe unter euren
noch in tiefer Finsternis schmachtenden Brüdern und Schwestern ausbreiten
werdet, desto erleuchteter und lebensvollkommener werdet ihr selbst werden, und
es werden euch dann erst Dinge eröffnet werden, von denen ihr jetzt noch keine
Ahnung habt und auch nicht haben könnt!
[GEJ.10_090,02] Bleibet aber fortan diesem
eurem Vorsatz getreu, und lasset ihn nicht verdrängen von den Anreizungen
dieser Welt, so werdet ihr bleiben in Mir und Ich in euch!
[GEJ.10_090,03] Suchet die Welt zuerst in
euch zu besiegen, und es wird dann für euch auch ein leichtes sein, sie auch in
euren Brüdern zu besiegen! Es kann niemand seinem Nächsten etwas geben, das er
zuvor nicht selbst besitzt. Wer in seinem Bruder die Liebe erwecken will, der
muß mit der Liebe ihm entgegenkommen, und wer in seinem Nebenmenschen die Demut
erzeugen will, der muß mit der Demut zu ihm kommen. So erzeugt die Sanftmut
wieder Sanftmut, die Geduld die Geduld, die Güte die Güte, die Barmherzigkeit
die Barmherzigkeit.
[GEJ.10_090,04] Nehmet euch alle an Mir ein
Beispiel! Ich bin der Herr über alles im Himmel und auf Erden, in Mir ist alle
Macht, Gewalt und Kraft, und dennoch bin Ich von ganzem Herzen voll Liebe,
Demut, Sanftmut, Geduld, Güte und Barmherzigkeit. Seid ihr alle desgleichen,
und man wird daraus wohl erkennen, daß ihr wahrhaft Meine Jünger seid!
[GEJ.10_090,05] Liebet euch untereinander als
Brüder, und erweiset euch Gutes! Keiner erhebe sich über den andern und wolle
ein Erster sein; denn Ich allein bin der Herr, – ihr alle aber seid pur Brüder.
In Meinem Reiche wird nur der ein Erster sein, der ein Geringster und stets
bereit ist, in allem Guten und Wahren seinen Brüdern zu dienen.
[GEJ.10_090,06] In der Hölle dies- und
jenseits, als im Reiche der Teufel und aller bösen Geister, ist der
hochmütigste, stolzeste, selbst- und herrschsüchtigste Geist der Erste zur Qual
der Niedereren und Kleineren, und zwar aus dem Grunde, damit die andern mehr
oder weniger in einer Art Demut, im Gehorsam und in der Untertänigkeit erhalten
werden; aber in Meinem Reiche ist es nicht also, sondern wie Ich es euch nun
gesagt habe.
[GEJ.10_090,07] Seht hin auf die Großen
dieser Welt, die auf den Thronen sitzen und über die Völker herrschen! Wer darf
sich ihnen anders als nur mit der tiefsten Untertänigkeit nahen? Würde es
jemand wagen, sich einem Herrscher gebieterisch zu nahen, – was würde wohl sein
Los sein?
[GEJ.10_090,08] Seht, ebenso ist die Ordnung
auch in der Hölle bestellt; aber unter euch, Meinen Jüngern, soll es nicht also
sein, sondern so nur, wie Ich es euch gezeigt habe!
[GEJ.10_090,09] Die Großen der Welt lassen
sich lange bitten, bis sie jemand irgendeine Wohltat im Wege der
außerordentlichen Gnade erweisen; aber ihr sollet euch zur Erweisung einer
Wohltat von einem eurer Nächsten nicht zuvor bitten lassen. Denn nur Gott, den
wahren Herrn und Vater von Ewigkeit, möget ihr um all die guten Dinge bitten,
und sie werden euch zukommen; aber Brüder sollen sich untereinander nicht
bitten lassen.
[GEJ.10_090,10] So aber ein demütiger, armer
Bruder seinen reicheren um etwas bittet, da soll der Reichere es ihm ja nicht
vorenthalten, ihm das zu tun, um was der Ärmere ihn gebeten hat; denn eine
Herzenshärte erzeugt die andere, und Mein Reich ist nicht in ihr.
[GEJ.10_090,11] Was nützte es dem Menschen,
in sich zu sagen und zu bekennen: ,Herr, Herr, Gott Himmels und der Erde, ich
glaube ungezweifelt, daß Du der einzige und ewig allein wahre, allweiseste und
allmächtige Schöpfer aller Sinnen- und Geisterwelten bist, und daß alles, was
da lebt, denkt und will, nur aus Dir lebt, denkt und will!‘?
[GEJ.10_090,12] Ich sage es euch, daß das niemandem
zum wahren Heile seiner Seele etwas nützen würde, sondern nur dem wird ein
solcher Glaube wahrhaft zum Heile seiner Seele nützen, der das mit aller Freude
tut, was Ich zu tun ihm anbefohlen habe; denn ein freundlicher und fertiger
Täter Meines Willens tut mit dem wenigen, was er tun kann, zehnfach mehr als
derjenige, der sich lange bitten läßt und dann mit der Liebestat an seinem
Nächsten sich rühmt und brüstet.
[GEJ.10_090,13] Wie ihr es nun aus Meinem
Munde vernommen habt, also tuet es auch, und ihr werdet dadurch erst in euch
lebendigst innewerden, daß Meine Worte wahrhaft Gottes Worte sind, und ihr
werdet dadurch Meinen Geist in euch erwecken, und der wird euch in alle
Weisheit der Himmel leiten, euch zum ewigen Leben reinigen und euch zu wahren
Gotteskindern machen.
[GEJ.10_090,14] Und nun wisset ihr zur
Erreichung des ewigen Lebens eurer Seele vorderhand zur Genüge; ein noch
Weiteres werdet ihr – wie es euch schon gesagt worden ist – von diesem Wirte
und dessen beiden Nachbarn erfahren, und das Vollkommenste aber dann erst durch
Meinen Liebegeist in euch. – Habt ihr alle das wohl auch verstanden?“
91. Kapitel – Der Herr in Aphek. (Kap.91-118)
[GEJ.10_091,01] Sagte der Redner: „O Du Herr
und Meister von Ewigkeit! Verstanden haben wir das sicher alle wohl und gut,
denn Du hast ja in reiner, uns wohlverständlicher Sprache zu uns geredet; aber
das sehen wir auch ein, daß wir noch sehr weit vom rechten Lebensziel entfernt
sind, und daß wir noch manchen Kampf mit uns selbst und mit den andern Menschen
dieser Welt werden zu bestehen bekommen!“
[GEJ.10_091,02] Sagte Ich: „Da hast du ganz
richtig und recht geredet; denn um Meines Namens willen werdet ihr von der Welt
viele Verfolgungen und Verlästerungen zu erdulden bekommen. Aber da verliert
die Geduld und den Mut nicht, und kämpft mit aller Liebe und Sanftmut gegen die
Feinde der Wahrheit und des Lichtes aus den Himmeln, und ihr werdet euch die
Krone des Sieges erringen!
[GEJ.10_091,03] Stehet nur von der rechten
Liebe in eurem Herzen niemals ab; denn sie erduldet alles und siegt am Ende
über alles! So ihr in der Liebe mit Mir handeln und wandeln werdet, so werdet
ihr auf Schlangen und Salamandern und Skorpionen einhergehen können, und ihre
Giftbisse werden euch keinen Schaden verursachen können; und so man euch Gift
zu trinken bieten wird, da wird es nicht krank machen eure Eingeweide. Und Ich,
der Herr, sage dazu: Amen, also sei es und bleibe es für jeden, der wahrhaft in
Meiner Liebe verbleiben wird!
[GEJ.10_091,04] Aber wer neben Meiner Liebe
auch mit der Welt von Zeit zu Zeit mecheln (liebäugeln) wird, der auch wird vor
all dem Schaden der Weltgifte nicht gesichert sein.
[GEJ.10_091,05] Wer Mich aber wahrhaft lieben
und Meine leichten Gebote halten wird, zu dem werde Ich, wenn er es im Herzen
nur immer ganz lebendig wünschen und verlangen wird, kommen und werde Mich ihm
offenbaren und ihm geben allerlei Kraft und Macht, zu kämpfen wider alle die
argen Geister der Welt und der Hölle, und sie werden ihm nicht zu schaden
vermögen. Und nun wisset ihr noch näher, wie ihr mit Mir daran seid!
[GEJ.10_091,06] Wer Mich nicht verlassen
wird, den werde auch Ich nicht verlassen; und wer mit Mir wider die Welt und
die Hölle kämpfen wird, der wird auch des Sieges sicher sein.“
[GEJ.10_091,07] Als Ich dieses zu den Heidenpriestern
geredet hatte, da dankten sie Mir alle voll Inbrunst in ihren Herzen für solch
eine Belehrung und mit ihr engst verbundene Verheißung, erhoben sich von ihren
Sitzen und wollten in ihre Burg gehen, um da alles zu veranstalten anzufangen,
um Meine Lehre und Mich unter den Heiden würdevoll zu verkünden.
[GEJ.10_091,08] Ich aber sagte zu ihnen:
„Freunde, was ihr nun schon tun wollt, dazu hat es morgen der Zeit zur
Übergenüge; für jetzt aber bleibet noch hier und haltet mit uns das
Mittagsmahl, und stärket euch damit!
[GEJ.10_091,09] Nach dem Mahle aber werde Ich
Selbst mit Meinen Jüngern und mit eurem Hauptmann von hier weiterziehen, und
ihr könnet euch dann mit dem Wirte und mit seinen beiden Nachbarn über Mich
weiter besprechen und Vorkehrungen treffen, wie ihr etwa morgen schon über Mich
mit den Bewohnern dieser Stadt und ihrer Umgebung werdet zu verkehren haben.“
[GEJ.10_091,10] Als die Heidenpriester und
die etlichen ersten Bürger solches von Mir vernommen hatten, da dankten sie
abermals für diesen Antrag, setzten sich wieder an ihren Tisch, auf den gleich
darauf wohlbereitete Speisen und Brot und Wein in rechter Menge aufgesetzt
wurden, sowie auch zugleich auf die andern Tische. Und Ich setzte Mich denn
auch an unseren Tisch, und wir alle nahmen frohen Gemütes das Mahl zu uns.
[GEJ.10_091,11] Nach dem Mahle aber erhob Ich
Mich mit den Jüngern sogleich, und ebenso auch der Hauptmann mit seiner
Tochter, die sich während der Zeit, als wir mit den Heidenpriestern zu tun
hatten, in der Küche befand und sich an der Bereitung des Mittagsmahles sehr
tätig beteiligte.
[GEJ.10_091,12] Der Wirt führte Mir noch
einmal sein Weib, seine Kinder und auch seine Dienerschaft vor und bat Mich um
Meinen Segen, und Ich segnete alle, die im Hause sich befanden, auch die
Heidenpriester und die etlichen Bürger und selbstverständlich auch die beiden
Nachbarn mit ihrer gesamten Familie, wofür Mir alle mit dem gerührtesten Gemüte
dankten.
[GEJ.10_091,13] Darauf sagte Ich zum
Hauptmanne: „Wir ziehen nun nach Aphek, aber nicht nach der Heeresstraße,
sondern einem Fußsteige entlang, auf daß wir kein Aufsehen bei den Bewohnern
machen, die sich an der Straße angesiedelt haben.“
[GEJ.10_091,14] Das war dem Hauptmanne recht,
und wir verließen sogestaltig Golan und erreichten gegen Abend die Bergstadt
Aphek.
92. Kapitel
[GEJ.10_092,01] Der Weg von Golan nach Aphek
war ein ziemlich beschwerlicher, weil wir da einen tiefen Graben, der ins
Jordantal einmündete, zu übersteigen hatten, was uns eine Zeit von nahe ein paar
Stunden kostete.
[GEJ.10_092,02] Als wir uns aber gegen Abend
der Bergstadt Aphek nahten, da fragte Mich der Hauptmann, sagend: „Herr und
Meister! Wo werden wir denn in dieser Stadt die Nachtruhe nehmen? Denn in
dieser Stadt gibt es meines guten Wissens gar keine Judenherberge und ebenso
auch keine sonstigen Judenbürger; einige jüdische Dienstboten dürften zerstreut
darin anzutreffen sein, – aber, wie gesagt, keine ansässigen Juden. Ich habe
auch in dieser Stadt eine wohleingerichtete Wohnburg; so es Dir wohlgefiele,
möchtest Du da nicht in der besagten Burg die Nachtruhe nehmen?“
[GEJ.10_092,03] Sagte Ich: „Eine Burg hast du
wohl, und sie ist versehen mit allerlei Ruhebetten, Tischen, Bänken und
Stühlen, – aber deine Speisekammern sind leer; also hast du auch keinen Wein
und kein Brot und Salz. Wir aber sind müde geworden – und namentlich die schon
ziemlich alten Jünger bis auf einige wenige, die in Meinen Jahren stehen – und
alle sollten mit etwas Speise und Trank gestärkt werden. Wird das in deiner Wohnburg
wohl möglich sein?
[GEJ.10_092,04] Ich weiß aber, daß du dir nun
denkst und in dir sagst: „,Herr, Dir ist alles möglich!‘“ Da hast du wohl
recht; aber wir ziehen nicht in diese Stadt, um nur auszuruhen und mit
wundersamer Speise unsere müden Glieder zu stärken, sondern um Mein Lebensreich
auch auch hier unter den Heiden auszubereiten.
[GEJ.10_092,05] Wir werden daher deine
Wohnburg nicht beziehen, sondern in der Mitte der Stadt in einer Römerherberge
Unterkunft suchen und auch nehmen. Dort werden sich alsbald seltsame
Gelegenheiten bieten, Mein Reich unter den Heiden auszubreiten.“
[GEJ.10_092,06] Als der Hauptmann solches von
Mir vernommen hatte, da war er sogleich mit Mir völlig einverstanden; nur
machte er die Bemerkung, daß der bezeichnete Herbergswirt ein stockfester Heide
sei, und daß es in seinem sonst wohl sehr geräumigen Hause von allen möglichen
Götzenbildern derart wimmele, daß man es eher ein förmliches Pantheon denn eine
Herberge nennen könnte. Auch seien in dieser Herberge stets mehrere Heidenpriester
zugegen und machten sich darin breit.
[GEJ.10_092,07] Sagte Ich: „Sieh, eben darum
habe Ich diese Herberge erwählt für unsere Unterkunft, und es wird sich darin
vieles bewirken und bewerkstelligen lassen! Darum gehen wir nun nur raschen
Schrittes dahin, auf daß wir in derselben Aufnahme finden mögen!“
[GEJ.10_092,08] Darauf gingen wir raschen
Schrittes der Stadt zu und erreichten sie noch vor der Torsperre.
[GEJ.10_092,09] Als wir ans Tor kamen, stand
da eine römische Wache und hielt uns an.
[GEJ.10_092,10] Da aber trat der Hauptmann
vor und verlangte den, der über die Wachen zu befehlen hatte; als dieser kam,
da erkannte er alsbald den Hauptmann und befahl der Wache, uns ungehindert in
die Stadt einziehen zu lassen, da solches der Hauptmann von ihm verlangt hatte.
[GEJ.10_092,11] Wir kamen bei schon
ziemlicher Dunkelheit vor die schon bezeichnete Herberge, und der Hauptmann
sandte sogleich einen Unterdiener in die Herberge, der dem Wirte zu sagen
hatte, sich alsbald zu uns heraus zu begeben, was denn auch sogleich geschah.
[GEJ.10_092,12] Als der Wirt zu uns kam, da
fragte ihn der Hauptmann, ob wir bei ihm eine gute Unterkunft haben könnten.
[GEJ.10_092,13] Sagte der Wirt: „So gut ich's
habe, will ich sie euch geben; doch mit der nötigen Bedienung für die Gäste,
die mit dir, hoher Gebieter, kommen, wird es für diesmal freilich ganz schwach
aussehen, denn mehr denn zwei Dritteile liegen krank danieder. Die große Angst,
die sie in der vorigen Nacht während des heftigen Sturmes und Erdbebens zu bestehen
hatten, und die Furcht vor einer Wiederkehr von solch einer Kalamität hat
besonders meine weibliche Dienerschaft völlig dienstuntauglich gemacht.
[GEJ.10_092,14] Es haben sich wohl unsere
Priester alle Mühe gegeben, meine Leute teils durch Reden und teils auch durch
andere Mittel zu heilen, aber bis jetzt war alles vergeblich. Die Zeit wird
sicher noch der beste Arzt meiner kranken Diener und Dienerinnen werden.
[GEJ.10_092,15] Wir alle haben erst vor einer
Stunde es gewagt, ins Haus zu treten; denn die ganze halbe Nacht befanden wir
uns im Freien, aus begreiflicher Furcht vor dem sehr leicht möglichen Einsturz
unserer Häuser. Denn wenn die aufeinandergelegten Steine einmal ganz gewaltig
zu klaffen und zu klappern anfangen, dann ist es auch schon die höchste Zeit,
sich aus den Häusern ins Freie zu begeben.
[GEJ.10_092,16] Ich sage es in aller
Untertänigkeit dir, du hoher Gebieter, daß jetzt noch mehr als drei Vierteile
der Bewohner dieser Stadt sich im Freien befinden, und so auch mehrere meiner
bravsten Diener und Dienerinnen; nur wenige haben den Mut gehabt, sich mit mir
und meiner Familie erst vor einer Stunde ins Haus zu begeben. Und so sieht es
mit schon bereiteten Speisen bei mir für heute sehr schlimm aus; aber mit Brot,
Salz und Wein kann ich euch schon aufwarten.
[GEJ.10_092,17] Ja, hoher Gebieter, diese
Nacht hat mir einen großen Schaden zugefügt! Aber was vermag der schwache und
sterbliche Mensch gegen die Allmacht der unsterblichen Götter und ihrer
Elemente!
[GEJ.10_092,18] Die Priester – ich sollte es
zwar freilich nicht sagen – haben durch ihre Buß- und Opferreden vor dem
ohnehin schon überaus verzagten Volke zu der großen Wirrnis dieses Tages wohl
sehr vieles beigetragen. Jetzt, gegen Ende des Tages, haben sie ihre Lyren
freilich wohl mit besseren Saiten zu beziehen angefangen; aber es fruchtet das
wenig, weil das Volk noch immer die Götter als viel zuwenig versöhnt wähnt und
somit eine Wiederkehr der schrecklichen Kalamität befürchtet.
[GEJ.10_092,19] Und daran schulden auch
wieder unsere äußerst habgierigen Priester, die dem Volke laut vorpredigten,
daß die Götter, so sie einmal derart über die losen Menschen erzürnt sind, daß
darob die Grundfesten der Erde sich zu erschüttern anfangen, nicht mit geringen
Opfern zu besänftigen seien. Sie gäben auf die Bitten der Priester wohl auf
eine kurze Zeit nach; wenn aber das Volk dann auf die Mahnworte der von den
Göttern inspirierten Diener irgend zu wenig achtet und nicht alsbald beinahe
mit seiner ganzen Habe herbeieilt und sie vor die Füße der Stellvertreter aller
Götter niederlegt, und ganz besonders möglichst viel Gold und Silber, so werden
die Götter noch zorniger denn ehedem und lassen dem Volke dann ums Hundertfache
ärger ihren Zorn fühlen.
[GEJ.10_092,20] Nun, unsere Bergstadt ist zum
größten Teil arm, und die Menschen konnten den Anforderungen der Priester bei
weitem nicht nachkommen, befürchten darum eine Wiederkehr der großen Kalamität
und sind um keinen Preis der Welt in die Stadt hereinzubringen.
[GEJ.10_092,21] Also stehen bei uns die Sachen,
und du, hoher Gebieter, wirst es einsehen, aus welchem Grunde ich dich und
deine sicher auch hohe Gesellschaft in dieser Nacht nur sehr karg und mager
werde zu bewirten imstande sein.
[GEJ.10_092,22] Tretet denn wohlgefällig in
dies mein großes Haus, und wir werden schon sehen, was sich im selben noch
alles wird tun lassen!“
93. Kapitel
[GEJ.10_093,01] Auf diese ganz triftige
Entschuldigungsrede des Wirtes gingen wir ins Haus und wurden sogleich in den
größten und am zierlichsten eingerichteten Saal geführt, der bis jetzt nur ganz
spärlich mit einer Lampe erleuchtet war, aber alsogleich besser und mit
mehreren Lampen genügend erleuchtet wurde.
[GEJ.10_093,02] Nun bemerkte der Wirt, daß
wir in der Gesellschaft des Hauptmanns bis auf sein Gefolge alle Juden waren.
Er fragte darum den Hauptmann, wie es käme, daß er, als sonst bekannt nicht ein
besonderer Freund der Juden, nun in ihrer Gesellschaft eine Bereisung, und zu
Fuß auch noch dazu, mache. Und wie werde er, als ein Römerwirt, der den Juden
ein Greuel ist, nun diese zufriedenzustellen imstande sein?
[GEJ.10_093,03] Sagte der Hauptmann: „Kümmere
du dich jetzt um nichts anderes, als daß du uns bringest Brot, Salz und Wein in
rechter Menge; dann wird sich dir alles andere schon wie von selbst zu enthüllen
anfangen.“
[GEJ.10_093,04] Da ward sogleich Brot, Salz
und Wein in rechter und genügender Menge herbeigeschafft. Wir setzten uns an
einen großen Tisch, der ganz aus Stein angefertigt war, und nahmen etwas Brot
mit Salz zu uns und tranken darauf den Wein.
[GEJ.10_093,05] Es fiel aber dem Wirte auf,
daß des Hauptmanns Tochter Mir, als Ich zu trinken begehrte, sogleich den Mir
in Pella kredenzten goldenen Becher, mit Wein gefüllt, vorsetzte und Ich denselben
auch an Meinen Mund führte und daraus trank, während alle andern Anwesenden den
Wein aus tönernen Krügen tranken.
[GEJ.10_093,06] Der Wirt und auch ein paar
seiner Diener betrachteten Mich aus einer kleinen Ferne vom Kopfe bis zu den
Füßen und wußten nicht, was sie aus Mir machen sollten.
[GEJ.10_093,07] Der Wirt sagte bei sich: „Der
muß etwas Hohes sein, ansonst ihm unser Hauptmann nicht also huldigen würde!“
[GEJ.10_093,08] Als wir uns alle mit Brot und
Wein hinreichend gestärkt hatten, da sagte Ich zum Wirte: „Siehe, du Wirt,
deinem Hause ist ein großes Heil widerfahren! Ihr meisten Römer und Griechen
seid nicht unbewandert in den Schriften der Juden, und daß ihnen und durch sie
auch euch Heiden ein Messias von dem einen, allein wahren Gott, dem Schöpfer
Himmels und der Erde und alles dessen, was auf ihr, in ihr und über ihr war,
ist und sein wird, schon vom Anbeginn der Menschen durch den Mund der Propheten
ist verheißen worden! Und siehe, dieser verheißene Messias bin Ich und bin denn
nun auch zu euch Heiden gekommen, um auch unter euch das Reich Gottes zu
gründen und auszubreiten!
[GEJ.10_093,09] Ich bin aus den Himmeln von
Gott dem Vater gesandt, und der Vater, der Mich gesandt hat, ist die ewige
Liebe, und Mein Herz ist ihr Thron; sie ist in Mir und Ich in ihr. In Mir wohnt
demnach denn auch alle Macht, Kraft und Gewalt über alles im Himmel und auf
Erden; Ich bin das Leben, das Licht, der Weg und die ewige Wahrheit Selbst.
[GEJ.10_093,10] Wer an Mich glaubt, Mich mehr
denn alles in der Welt liebt und nach Meiner Lehre lebt und handelt und seinen
Nebenmenschen liebt wie sich selbst, der wird von Mir das ewige Leben
überkommen, und Ich werde ihn erwecken am Jüngsten Tage.
[GEJ.10_093,11] Du hast Mich ehedem
betrachtet vom Kopfe bis zu den Füßen und sagtest bei dir selbst: ,Hinter
diesem Menschen muß etwas Hohes verborgen sein, ansonst ihm unser Hauptmann
nicht also huldigen würde!‘ Und siehe, du hattest recht geurteilt!
[GEJ.10_093,12] Auf daß du dich aber auch
überzeugen magst, daß es sich mit Mir auch also verhält, wie Ich es dir gesagt
habe, so lasse nun alle Kranken in deinem Hause zu Mir hierher bringen, und Ich
werde sie gesund machen! – Glaubst du das wohl?“
[GEJ.10_093,13] Sagte der Wirt: „Herr, Herr,
Deine Worte drangen tief in meine Seele und riefen in ihr ein früher nie
gefühltes Leben wach, und es muß demnach alles wahr sein, was Du zu mir gesagt
hast! Ich glaube denn auch ungezweifelt, daß Du alle meine Kranken sicher
heilen wirst.“
[GEJ.10_093,14] Hierauf wurden die vielen
Kranken in unseren großen Speisesaal gebracht. Darunter waren etliche von bösen
Fiebern geplagt, einige von der Fallsucht, andere von der Gicht, und einer war
ein Blinder, und zwei hatten durch die Angst während des Erdbebens Stimme und
Sprache verloren.
94. Kapitel
[GEJ.10_094,01] Als in der Zeit von einer
halben Stunde alle Kranken, bei dreißig an der Zahl, in den Saal geschafft
worden waren, da sagte der Wirt: „Siehe, o Herr, Herr, da sind nun die Kranken
meines Hauses! So Du sie heilen willst, so tue Du das, und mein ganzes Haus
wird an Dich glauben und Dich über alle die Maßen ehren und lieben!“
[GEJ.10_094,02] Sagte Ich: „So geschehe ihnen
denn nach deinem Glauben!“
[GEJ.10_094,03] Als Ich dieses ausgesprochen
hatte, da wurden plötzlich alle so vollkommen gesund, als hätte ihnen niemals
irgend etwas gefehlt.
[GEJ.10_094,04] Es wollte aber darauf das
Loben und Preisen Meines Wesens kein Ende nehmen, und die Geheilten hielten
Mich für einen Gott nach ihrer Heidenlehre und baten Mich, auf den Knien
liegend, es ihnen gnädigst kundtun zu wollen, ob Ich etwa gar der Jupiter
selbst oder ein anderer Gott wäre, auf daß sie dann solch einem Gott stets die
größte Ehre und Dankbarkeit bezeigen könnten.
[GEJ.10_094,05] Ich aber sagte: „Ich bin
weder der Jupiter noch irgendein anderer aus der Reihe eurer Götter, die nie
waren, nicht sind und auch nie sein werden!
[GEJ.10_094,06] Gehet aber nun alle in eure
Gemächer, und nehmet Speise und etwas Wein zu euch und stärket eure Glieder!
Alles Weitere, was ihr von Mir zu glauben und zu halten haben werdet, wird euch
schon morgen verkündet werden!“
[GEJ.10_094,07] Darauf begaben sich die
Geheilten sogleich in ihre Gemächer, und etliche gingen auch zu etwelchen
Priestern, die in einem andern Saale dieser Herberge beisammen waren und noch
immer untereinander berieten, wie sie vom Volke noch größere Opfer erpressen
könnten, und sagten es ihnen, wie sie von einem Manne, welcher der Tracht nach
ein Jude sei, aber durch sein Wort und Willen so gewirkt habe, wie ein wahrer
lebendiger Gott, wunderbar geheilt worden seien.
[GEJ.10_094,08] Als die Priester solches über
Mich vernommen hatten und sahen, daß die ihnen wohlbekannten Kranken nun völlig
geheilt vor ihnen sich befanden, da wußten sie nicht, was da zu tun sein werde.
[GEJ.10_094,09] Einer aus der Zahl der
Priester sagte: „Gehen wir selbst hin zu dem sonderbaren Menschen, und es wird
sich wohl zeigen, was sich hinter ihm verbirgt; denn das dumme Volk kann über
derlei Dinge nicht urteilen! Doch nur einer von uns gehe zuerst hin und fühle
dem Wundermanne auf den Zahn und sage es uns dann, was es mit ihm für eine
Bewandtnis hat! Am Ende ist er einer aus der Zahl der Essäer, die in aller
Zauberei bestbewandert sind!“
[GEJ.10_094,10] Darauf begab sich einer, und
zwar ein in vielen Künsten und Wissenschaften wohlbewanderter Römer, zu uns in
den großen Speisesaal, grüßte den Hauptmann und fragte darauf gleich nach Mir.
[GEJ.10_094,11] Da sagte zu ihm der Hauptmann
so ganz barsch: „Hier an meiner rechten Seite sitzt Derjenige, dessen Namen wir
nicht würdig sind auszusprechen!“
[GEJ.10_094,12] Als der Priester solches
vernommen hatte, ward er weniger keck, wandte sich an Mich und sagte: „Vergib
es mir, daß ich mir die Freiheit nehme, dich in aller Ehrfurcht und
Bescheidenheit zu fragen, wie es dir möglich war, ohne alle Mittel die Kranken
zu heilen! Ich verstehe auch so manches und besitze viele Erfahrung und weiß es
denn auch zu beurteilen, was einem Menschen, der mit den geheimen Kräften der
Natur wohlvertraut ist, zu bewirken möglich sein kann. Ohne gewisse geheime
Mittel hat meines Wissens noch kein Magier und kein Priester irgendein Wunder,
das nur den Göttern möglich wäre – so sie irgend in der Wahrheit und
Wirklichkeit bestünden –, je gewirkt; bei dir scheint es aber dennoch der Fall
zu sein, daß du bloß durch dein Wort und deinen Willen Taten zu vollführen
vermagst, und benötigst dazu keines Mediums?
[GEJ.10_094,13] Wie aber gelangtest du zu
solch einer Willenskraft, und wie könnte auch ein anderer Mensch dazu gelangen?
Denn daß es bei den Menschen in Hinsicht der Willensmacht große Unterschiede
gibt, ist gewiß, und es ist solches daraus zu schließen, daß ein Mensch, der
schon von Natur aus einen starken Willen besitzt, es bei einer rechten Bildung
seines Willens am Ende zu einer erstaunlichen Kraft bringen müßte, besonders,
so er auch mit all den geheimen Kräften, Mächten und Gewalten der großen Natur
in voller Vertrautheit stünde.
[GEJ.10_094,14] Aber wo und wie kann man zu
solch einer Ausbildung seines Willens gelangen? Wo und wie bist du zu solch
einer nahe noch nie dagewesenen Willensmacht gelangt?“
95. Kapitel
[GEJ.10_095,01] Sagte Ich: „Du hast ja auch
der Juden Schriften durchstudiert, und das einmal schon in Rom und um fünf
Jahre später, als du nach Oberägypten als Priester des Zeus, des Mars, der
Minerva und des Merkur unter Kaiser Augustus bist beordert worden, zu Theben,
wo du dich auch in die alten Mysterien hast einweihen lassen.
[GEJ.10_095,02] Von Moses an hast du besonders
den vier großen Propheten deine Aufmerksamkeit gewidmet; da sie dir aber trotz
deines Lesens und Grübelns unverständlich geblieben sind, so hast du dich
abermals um fünf Jahre später, als du als Volks- und Militärpriester hierher
bist übersetzt worden, geheim an einen jüdischen Schriftgelehrten gewandt und
verlangtest von ihm die Aufhellung dessen, was dir dunkel war. Da aber der
Schriftgelehrte sie dir nicht zu geben vermochte, so schobst du der Juden
Schrift ebenso zur Seite, wie du eure Schriften schon lange vorher zur Seite
geschoben hattest.
[GEJ.10_095,03] Aber da du der Juden Schrift
dennoch stets im Gedächtnis behalten hast, so müssen dir ja doch die Taten des
Moses, Aaron, des Josua, des Elias und der andern Propheten gezeigt haben, daß
diese Menschen nur durch die Hilfe des einen, allein wahren Gottes der Juden
solche Dinge und Taten zu bewirken imstande waren, die auf der ganzen Erde bei
keinem Volke je gewirkt worden sind.
[GEJ.10_095,04] Wenn du Mich nun auch also
wirken siehst, so werde Ich sicher auch durch und mit Gott wirken. Saget ihr
Römer denn nicht selbst, daß es ohne einen göttlichen Anhauch keinen großen
Weisen gäbe? Und so werde auch Ich von dem einen, allein wahren Gott der Juden
schier sehr angehaucht sein!“
[GEJ.10_095,05] Sagte der Priester: „Ja, ja,
du magst da schon ganz recht haben, und du bist in die Mysterien eurer
Schriften sicher tiefer eingeweiht denn jener weise tuende Schriftgelehrte, von
dem ich ein rechtes Licht zu erhalten suchte und den ich am Ende noch als der
Weisere verließ.
[GEJ.10_095,06] Aber da du mich früher
ebensowenig irgend hast sehen und kennenlernen können, als ich dich je zuvor
irgend gesehen und gekannt habe, – wie ist dir mein geheimes Streben durch eine
ziemlich große Reihe von Jahren also bekannt, als hätte ich selbst dir das erst
vor kurzem irgend eröffnet? Denn du müßtest es nur von mir erfahren haben, was
ich im geheimen tat und nach was ich strebte, da ich als ein Priester wohl
niemals jemandem das verriet, was ich für meine höchsteigene Beruhigung tat und
unternahm!
[GEJ.10_095,07] Wie also weißt du, als für
mich ein totaler Fremdling, das, was ich in Rom, dann Theben und endlich hier
in Asien tat?“
[GEJ.10_095,08] Sagte Ich: „Siehe, auch
solches vermag Ich durch die Hilfe des einen, allein wahren Gottes der Juden,
der allmächtig und auch allwissend ist von Ewigkeit, ohne Anfang und ohne
Ende!“
[GEJ.10_095,09] Sagte der Priester: „Ich will
dir das nicht in Abrede stellen, und du wirst nun wie ehedem schon ganz recht
haben; aber sonderbar ist es von eurem einen und nach deiner Aussage allein
wahren Gott dennoch, daß Er Sich nur höchst selten von einem Juden also finden
und sogar gebrauchen läßt, wie nun von dir!
[GEJ.10_095,10] Ich gestehe es aufrichtig,
daß ich für mich an die eine wie die andere Gottheit sehr wenig glaube und
vertraue; denn je mehr man sie mit dem möglichsten Eifer sucht, desto mehr
entfernt man sich auch von ihr, und es ist dem Menschen wahrlich nützlicher und
dienlicher, den Schleier der Isis niemals zu lüften zu versuchen, als durch
solch ein eitles Mühen sich in den finstersten Abgrund aller erdenklichen
Zweifel zu stürzen. Besser ist es, gleich den Affen blind und dumm zu bleiben,
als nach einer oder nach der andern Gottheit zu forschen, die wahrscheinlich
sonst nirgends als in der Phantasie solcher Menschen bestand und noch besteht,
die über die andern herrschen wollten.
[GEJ.10_095,11] Du magst aber deine Gottheit
wohl irgend gefunden haben; doch wie und wo, das wirst du ebensogut für dich
behalten, wie es die Alten für sich behalten haben und haben dann ihre Lehre
über einen oder auch mehrere Götter in ein solches Dunkel gehüllt, das von
keiner Sonne je mehr erhellt werden kann.
[GEJ.10_095,12] Warum hat denn mir, der ich
doch auch ein Mensch bin und mich schon von meiner Jugend an gesehnt habe, nur
einmal einer Gottheit näherzukommen, sich bis jetzt, wo ich schon an die
siebzig von Jahren stehe, noch immer keine Gottheit genaht und mich mit
irgendeiner besonderen Fähigkeit angehaucht, und warum außer dir, du wundersamer
Freund, auch allen mir bekannten Juden nicht? Darum, Freund, halte ich auf alle
Götter für mich wenig; das andere kannst du dir wohl selbst denken!“
96. Kapitel
[GEJ.10_096,01] Sagte darauf Ich zum
Heidenpriester: „Du hast in deiner Rede an Mich eben nicht völlig unrichtig
bemerkt, daß gewisse Gottheiten pur aus der Phantasie solcher Menschen
entstanden sind, die über ihre Mitmenschen herrschen wollten, welche für sie
arbeiten und streiten sollen, damit die herrschenden Menschen überaus wohl
leben und sich vergnügen könnten.
[GEJ.10_096,02] Aber siehe, im Anfange der
Zeit der Menschen auf dieser Erde war es nicht also! Da kannte den einen,
allein wahren Gott jeder Mensch, und es sind viele tausendmal Tausende von Ihm
belehrt, geführt und beschützt worden. Es ward jedermann urgründlich gezeigt,
daß er sich von all den Reizungen freiwillig nicht solle gefangennehmen lassen,
weil sie die Seele in das Gericht der Materie und in ihren Tod hinabziehen und
für alles Göttliche und Reingeistige taub, blind und fühllos machen.
[GEJ.10_096,03] Allein, weil Gott jedem
Menschen die vollste Freiheit des Willens gab, Seinen Rat zu befolgen oder dem
Zuge der Welt zu folgen, so ließen sich nur zu bald viele Menschen von der Welt
betören und blenden und verloren dadurch Gott aus dem Gesichte, weil durch die
böse Liebe der Welt ihre innere Sehe völlig geblendet worden war.
[GEJ.10_096,04] Und siehe, als ein großer
Teil der Menschen von der Welt geblendet worden war und dadurch den allein
wahren Gott völlig aus dem Gesichte verlor, da erst fingen die blinden Menschen
an, sich allerlei Götter zu machen, die eben diesen blinden Weltmenschen – die
Gott, um sie von der Welt rückwendig zu machen, mit allerlei Plagen heimsuchte
– gegen Entrichtung von allerei Opfern und durch die Bitten der Priester – aus
denen nur zu bald stolze Herrscher entstanden – helfen möchten in ihrer großen
Not.
[GEJ.10_096,05] Aber es ward ihnen nicht
geholfen; denn der eine, allein wahre Gott konnte und durfte ihnen darum nicht
helfen, auf daß sie nicht noch bestärkt in ihrer Verblendung und in ihrer
Gottlosigkeit werden sollten. Denn hätte ihnen Gott nach der Anrufung ihrer
falschen und völlig nichtigen Götter die gewünschte Hilfe gegeben, so wäre
diese erst ein rechter Triumph für die habgierigen und über alles
herrschsüchtigen Priester gewesen, und der, dem geholfen worden wäre, hätte an
der Darbringung der Opfer sich erschöpft, auf daß die Priester und die Götter
ihm ja nimmerdar feind werden möchten.
[GEJ.10_096,06] Und siehe, weil die Juden,
als das erwählte Volk Gottes – weil seine Väter am längsten sich aus Liebe zu
Ihm von der Welt nicht haben betören und blenden lassen wollen –, mit der Zeit
sich auch von dem allein wahren Gott abgewandt und sich gleich den Heiden zur
Welt gewendet haben, so sind sie auch taub und blind geworden, und das nun
ärger denn die Heiden; denn diese haben das Verlorene doch wieder zu suchen
angefangen, und viele von ihnen haben es auch schon völlig wiedergefunden.
[GEJ.10_096,07] Aber den allermeisten
Hauptjuden ist es noch nicht eingefallen, das Verlorene, die ewige Wahrheit, zu
suchen; sie befinden sich in ihrer Lebensnacht ganz behaglich. Obgleich sie bei
sich wohl fühlen, daß sie gottlos sind, so wollen sie aber der reichen Opfer
wegen davon das Volk nichts merken lassen und sind die bittersten Feinde gegen
den, der dem Volke ein rechtes Licht gäbe, ihm den rechten Weg zu Gott zeigte
und Ihn wirkungsvoll suchen und auch sicher finden hülfe.
[GEJ.10_096,08] Es wird aber darum solchen
Juden denn auch noch das bißchen Licht, das sie irgend, ganz verkümmert, noch
haben, genommen und den Heiden, die sich nach demselben lebendig sehnen,
gegeben werden.“
97. Kapitel
[GEJ.10_097,01] (Der Herr:) „Du sagtest auch,
daß du bei dir selbst auf gar keine Gottheit irgend mehr achtest, dieweil du
irgendeine wahre Gottheit schon so lange gesucht hast und sich dir aber trotz
deines eifrigsten Suchens doch noch keine irgend von ferne nur genaht habe.
[GEJ.10_097,02] Du hast freilich für dich
wohl schon lange eifrigst eine rechte Gottheit gesucht, und es ist dir noch
keine zu Gesicht gekommen; aber du mußt auch bedenken, daß du die wahre
Gottheit nur ganz einseitig und egoistisch gesucht hast. Du wolltest nur für
dich, als ein großer Lebensfreund, gesichert sein, daß es eine wahre Gottheit
gibt und des Menschen Seele nach dem Leibestode für ewig fortlebe; aber das
Volk solle in der alten Dummheit und vollen Blindheit schmachten und euch
Priestern opfern wie zuvor!
[GEJ.10_097,03] Bei dem einen, allein wahren
Gott aber hat der Priester nicht den allergeringsten Vorzug vor einem noch so
nichtig scheinenden Menschen aus dem Volke. Bei Gott gibt es keine Ranggrade
für die Menschen; vor Ihm stehen Kaiser und Bettler auf ein und derselben
Stufe. Nur der hat bei Gott einen Vorzug, der Ihn der vollen Wahrheit nach
erkennt, dann über alles liebt, seinen Nebenmenschen wie sich selbst, und die
Gebote Gottes, wie sie dem Moses gegeben worden sind, beachtet, in allem
demütig ist und von niemandem etwas Ungerechtes wider die Ordnung und wider den
Willen Gottes verlangt, weder mit Gewalt noch mit List; denn alle solche Tat
ist vor Gott ein Greuel.
[GEJ.10_097,04] Ihr Priester aber habt
allzeit das Volk derbst belogen und betrogen, und so wirst du es nun wohl
einsehen, warum Sich die eine und allein wahre Gottheit von euch, trotz alles
eures Suchens, nicht hat wollen finden lassen; denn Sie sah es nur zu klar, daß
ihr das Volk aus lauter Weltrücksichten dennoch hättet in der alten Finsternis
belassen, wie das auch bei vielen Priestern Ägyptens der Fall war.
[GEJ.10_097,05] Diese wußten es wohl, wie sie
mit dem einen, allein wahren Gott daran waren, aber das gemeine Volk mußte
glauben, was sie ihm zum Glauben vorstellten; und da die Priester also
handelten, so hat Gott sie auch mit Blindheit geschlagen, – und in dieser Blindheit
befindet ihr euch noch und werdet euch noch lange hin befinden, so ihr nicht
von der Welt ablasset und nach dem rechten und nach allen Richtungen hin
vollwahren Grunde Gott, Sein Geistreich und dessen reinste Gerechtigkeit
suchet.
[GEJ.10_097,06] Wer Gott nicht in aller
Liebe, Sanftmut, Demut, Geduld und vollster Selbstverleugnung sucht, der findet
Ihn, als das höchste Lebensgut, nicht; und wer Gott nicht also sucht und
findet, der hat von Ihm auch eine außerordentliche Hilfe nicht zu erwarten.
[GEJ.10_097,07] Gott sorgt in Seiner
unermeßlichen Liebe zwar für alle Menschen also, wie Er auch sorgt für alle
Kreatur im endlos großen Allgemeinen nach Seiner ewigen, unwandelbaren Ordnung;
aber besonders und außerordentlich sorgt Er Sich nur um jene, die Ihn wahrhaft
erkannt haben, Seinen ihnen geoffenbarten Willen tun und Ihn also wahrhaft in
aller Tat über alles lieben.
[GEJ.10_097,08] Du hast wahrlich den einen,
allein wahren Gott lange mit vielem Eifer gesucht; aber frage dich nun selbst,
ob du jemals Gott also gesucht hast, wie Ich es dir nun gezeigt habe.
[GEJ.10_097,09] Ich sage es dir: Nicht der,
der da spricht: ,Herr, Herr, wo bist Du? So ich als Dein Geschöpf Dich suche
und zu Dir rufe aus der finstern Tiefe meiner Lebensnacht, warum lässest Du
Dich nicht finden, und warum antwortest Du mir nicht und sagst: ,Hier bin
Ich!‘?‘, wird Gott den Herrn finden und zu Ihm kommen, sondern nur der, der
Gott also sucht, wie Ich es dir nun gezeigt habe.
[GEJ.10_097,10] Siehe, du hast Moses und die
Propheten gelesen und hast den Willen Gottes an die Menschen in den dir
wohlbekannten zehn Geboten klar ausgesprochen gefunden, und diese Gebote
gefielen dir also wohl, daß du bei dir gar oftmals sagtest: ,Wahrlich, weisere
und für das wahre Glück und Wohl aller Menschen tauglichere und besorgtere
Gesetze gibt es in aller Welt nicht, und man kann es füglich annehmen, daß sie
im Ernste von einem Gottwesen herstammen!‘
[GEJ.10_097,11] Da du aber bei dir also reden
konntest, – warum fiel es dir dabei nicht auch einmal in den Sinn, diese
Gesetze bei dir selbst in die Tat übergehen zu lassen? Hättest du das getan, so
hättest du Gott auch schon gefunden; aber da fandst du allerlei Weltgründe,
solche Gesetze zwar wohl zu bewundern, aber nicht in die Tat übergehen zu
lassen.
[GEJ.10_097,12] Laß aber von nun an diese
Gesetze bei dir zur Tat werden, und vergüte jedem nach Möglichkeit das, was du
an ihm Übles begangen hast, und fasse dazu vorderhand einen festen Willen, und
du wirst Den, welchen du so lange vergeblich gesucht hast, bald und leicht
finden!“
98. Kapitel
[GEJ.10_098,01] Sagte auf diese Meine Rede
der Priester: „Du wahrhaft großweiser und gottbegeisterter Meister, ich besitze
ein großes Vermögen, – genügt es, so ich drei Vierteile davon zu Wohltaten an
die verwende, die nach den Gesetzen Mosis, die ich von nun an alle befolgen
will und werde, durch mich zu irgendeinem Schaden gekommen sind, und mit dem
einen Vierteile aber andere Werke der Nächstenliebe bis zu meinem Lebensende
ausübe?“
[GEJ.10_098,02] Sagte Ich: „Freund, das
genügt mehr denn vollkommen; denn siehe, Gott in Sich ist die ewig reinste und
purste Liebe!
[GEJ.10_098,03] So es aber einen Menschen
gibt, der da sich nehmen möchte ein Weib, da er eines Weibes benötigt, aber er
hat keine Liebe und sucht das Weib auch nicht mit der Liebe, sondern mit dem
trocknen Weltverstande nur, – meinst du wohl, daß so ein Mensch jemals ein
rechtes Weib voll Liebe zu ihm finden wird? Eine Törin, ja, die nicht den
Menschen, sondern nur sein Gold ehelicht, um es dann mit andern zu vergeuden,
wird er finden, aber ein Weib voll Liebe zu ihm nicht! Wer sonach aber ein Weib
voll Liebe finden will, der muß es auch mit Liebe suchen.
[GEJ.10_098,04] Wer demnach aber Gott, als
die reinste Liebe, suchen und finden will, der muß Ihn auch in der reinsten
Liebe im eigenen Herzen, an der keine noch so geringfügig scheinende schmutzige
Weltliebe klebt, suchen; und sucht er Ihn also, so wird er Ihn auch
allersicherst finden.
[GEJ.10_098,05] Als du noch ein junger Mann
warst, da hattest du das Glück, einer sehr schönen und sehr reichen Tochter
eines Patriziers zu gefallen, und du hattest auch eine mächtige Liebe zu ihr
und hättest sie auch zum Weibe erhalten, so deine wohl recht mächtige Liebe zu
ihr ganz rein gewesen wäre; weil aber die benannte Tochter, die man damals eine
Perle Roms nannte, dich eben sehr liebte, ohne daß du davon mehr, als nötig
war, merken konntest, so war es ihr auch darum zu tun, sich auf geheimen, dir
unbekannten Wegen von deiner Liebe zu ihr genaue Kunde zu verschaffen, und sie
fand bald, daß du auch noch andere Maiden hattest, denen du auch dein Herz
offen hieltest.
[GEJ.10_098,06] Als die Perle Roms des inne
ward, da wandte sie sich bald von dir ab und gab dir kein Zeichen mehr, daß sie
dich liebte, und wandte so denn auch ihr Angesicht von dir ab.
[GEJ.10_098,07] Da wurdest du freilich sehr
traurig und machtest noch manche eitlen Versuche, sie dir wieder geneigt zu
machen, und es hätte dir das auch gelingen können; aber du konntest deiner
Leidenschaft der Liebe zu den andern nicht völlig, dich selbst verleugnend,
ledig werden und verlorst dadurch die Perle ganz.
[GEJ.10_098,08] Und siehe, so ungefähr steht
es auch bei Gott als der ewig reinsten Liebe! Nur mit der reinsten und
makellosesten Liebe kannst und wirst du Ihn finden, sehen und preisen und von
Ihm überkommen das ewige Leben.
[GEJ.10_098,09] Es ist für den, dessen Herz
voll von allerlei weltlichen Dingen ist, freilich wohl schwer, sich von ihnen
zu reinigen; aber ein fester Wille ist ein tüchtiger Arbeiter und macht das,
was dir heute noch unmöglich dünkt, für morgen leicht und für noch weiterhin
immer leichter und leichter ausführbar.
[GEJ.10_098,10] Frage dich nun aber selbst in
deinem Gemüte, ob du das auch gehörig verstanden hast, was Ich dir nun erklärt
habe!“
99. Kapitel
[GEJ.10_099,01] Sagte der Priester: „Du
wahrlich übermenschlich weiser Meister, ich habe dich wohl verstanden und sehe
nun noch mehr ein denn zuvor, daß dir ein wahrhaft daseiender, lebendiger Gott
sehr stark helfen muß, da es dir sonst allerunmöglichst sein müßte, von meinen
Jünglingsverhältnissen eine so genaueste Kunde zu haben, wie sie in ganz Rom
aber auch gar kein Mensch je besessen hat und noch um vieles weniger jetzt
irgend besitzt!
[GEJ.10_099,02] Du hast in allem, was du zu
mir sagtest, vollkommen recht, und ich könnte sagen: Nicht du als ein Mensch
mir gleich, sondern ein Gott hat aus dir nun geredet.
[GEJ.10_099,03] Aber bedenke du alle unsere
menschlichen und daneben die uns mit ehernen Mußketten fesselnden
Staatsverhältnisse, die wir nun lebenden Priester sicher nicht geschaffen
haben!
[GEJ.10_099,04] Ein jeder Mensch, der ohne
sein Wissen und Wollen in diese Welt gekommen ist und schon gleich nach der
Geburt genährt werden muß, um das höchst fatale Leben zu erhalten und nach den starren
Gesetzen der Natur ein kräftiger Mensch zu werden, ist, nach der Vernunft
beurteilt, ein ärmstes Wesen.
[GEJ.10_099,05] Ist man einmal so weit im
Wachstum gediehen, daß man den Tag von der Nacht und das Rot vom Grün
unterscheiden kann, so wird von seiten der Eltern mit der Erziehung, die sich
kein Kind bestimmen kann, emsigst begonnen.
[GEJ.10_099,06] Ist man durchs viele Lernen
endlich ein gebildeter Mann geworden, so heißt es dann, sich einen Stand
wählen, in welchem man sich für sein ganzes Leben seinen Unterhalt verschaffen
kann. Man möchte aber in der Welt nicht schlecht, sondern so gut als möglich
leben, weil man schon überhaupt einmal leben muß, und so wählt man sich denn
auch nach seinen Fähigkeiten vernünftigermaßen einen Stand, in dem man unter
den Fesseln der Staatsgewalt noch am freiesten und auch am besten leben kann.
Und das war für mich der Priesterstand; ich ward Priester, gleichviel, ob das,
dem ich vorstand, auf den Grund der Lüge und des Volksbetruges oder auf den
irgendeiner Wahrheit gestellt war, – kurz, ich mußte laut den Staatsgesetzen
sein, was ich nun noch bin.
[GEJ.10_099,07] Die Welt und die eigene
möglichst beste Versorgung war denn doch schon von der Kindheit an das
Allernächste, um das man sich vor allem zu kümmern hatte. Dazu erwachten in mir
natürlich bald noch andere Bedürfnisse aller Art und Gattung, und da man die
Mittel dazu besaß, um auch diese Bedürfnisse – freilich stets nur auf dem
staatsgesetzlichen Wege – zu befriedigen, so befriedigte man sie denn auch nach
Möglichkeit, und es erschien da keine Gottheit irgend aus dem Himmel oder aus
der Erde, die da gesagt hätte: ,Höre, du Priester, du lebst und handelst da
gänzlich wider Meinen Willen und wider Meine Ordnung! Lebe in der Folge so und
so, ansonst Ich dich auf das gewaltigste züchtigen werde!‘
[GEJ.10_099,08] Daß man unter solchen
Lebensverhältnissen im Herzen und Gemüt nur mit der materiellen, unreinen und
ungeistigen Liebe erfüllt worden ist, da man dagegen von nichts rein Geistigem
und Göttlichem ist angeregt worden, so blieb man dem Außen nach zum mindesten
denn auch, wie man bleiben konnte und am Ende laut den Staatsgesetzen auch
bleiben mußte, obschon man nach und nach sich innerlich stets mehr und mehr,
besonders im vorgerückteren Alter, zu fragen anfing: Ja, ist aber da auch nur
ein Fünklein Wahrheit darin, dem du vorstehst, und das du pflegst? Alles, was
ich lehre und tue, ist offenbar selbstverständlich Lüge und Trug. Gibt es denn
keine Urwahrheit mehr auf der ganzen Erde?
[GEJ.10_099,09] Ich forschte, suchte und
forschte und suchte gleichfort nahe bis jetzt – und fand nichts! Wie hätte ich
einer wahren Gottheit je mit der reinsten Liebe entgegenkommen können, die sich
mir niemals hatte auf irgendeine Weise offenbaren wollen? Was nicht da ist, das
kann man auch nicht lieben, ob nun ein Gott oder irgendein anderer durch die
Einbildung der Menschen höchst werter Gegenstand.
[GEJ.10_099,10] Und siehe nun, du höchst
weiser Meister, kann ich nun dafür, daß ich am Ende denn doch das lieben mußte,
was für mich als mein Lebensvergnügen erreichbar da war; denn die Bilder seiner
eigenen Phantasie lieben, heißt nach der natürlich reinen Vernunft: ein Narr
sein!
[GEJ.10_099,11] So ich denn den einen, allein
wahren und lebendigen Gott schon seit langem über alles hätte lieben sollen und
die vor jedermanns Sinnen daseienden Annehmlichkeiten der Welt verachten und
fliehen, so hätte sich mir entweder ein solcher Gott offenbaren sollen, oder
meine Phantasie hätte mir in aller Lebensglut einen schaffen sollen; es geschah
aber weder das eine noch das andere, und so war es denn auch
selbstverständlich, daß man die Welt und ihre die Menschheit nährenden und
ergötzenden Schätze und Güter, für deren Genuß man geboren und erzogen worden
ist, nicht einem Wesen, das für mich gar nicht und nirgends da war, nachsetzen
konnte.
[GEJ.10_099,12] Aber sei es nun, wie es
wolle, – ich bin wahrlich noch voll Welt in meinem Herzen; heute, in diesem
Augenblick, offenbare sich mir eine allein wahre Gottheit und verlange, was ich
tun soll, und alle meine alte Welt ist auf einmal aus mir verbannt!
[GEJ.10_099,13] Hätte mir die gewisse Perle
von Rom nur einmal eine gewisse Zusicherung gegeben, daß sie mein werde, so ich
dies oder jenes tue oder unterlasse, – und ich wäre schon der Mann gewesen, dem
kein Opfer zu schwer geworden wäre! Aber da so etwas nicht stattgefunden hat,
so blieb ich denn auch bei dem, was für mich leichter erreichbar war.
[GEJ.10_099,14] Ich sehe und weiß es gar
wohl, daß alle Menschen, die ich kennengelernt habe, schon seit
Menschengedenken in einer großen Trübsal und Wirrnis leben und endlich auch oft
verzweiflungsvoll sterben; aber was nützt dieses Sehen und Wissen, so da
niemand kommt, der ihnen die volle Wahrheit zeigt?
[GEJ.10_099,15] Siehe, du weisester Meister,
du hast wahrlich in allem, was du mir gesagt hast, vollkommen recht; aber auch
ich habe nach der menschlichen Vernunft nicht unrecht! Können denn die armen
Menschen darum, daß sie in aller Blindheit in diese Welt geboren worden sind
und sich in aller Lüge und allem Trug haben erziehen lassen müssen? – Habe ich
recht oder nicht?“
100. Kapitel
[GEJ.10_100,01] Sagte Ich: „Du hast wohl in
mancher Hinsicht recht, aber im ganzen dennoch völlig unrecht; denn du
beschuldigst die Gottheit der Fahrlässigkeit und vollen Gleichgültigkeit gegen
die Menschen, – und das, Freund, ist nicht wahr, wenn es deiner Vernunft auch
also vorkommt!
[GEJ.10_100,02] Gott hat Sich den Menschen
allzeit geoffenbart, und so auch dir schon in Rom, und noch deutlicher in
Theben, und du hast einmal, als du am Ufer des Nils dich befandest, eine laute
Stimme also vernommen: ,Lies Moses, und lebe nach den Gesetzen, die darin
geschrieben sind, und du wirst finden, was du suchst!‘
[GEJ.10_100,03] Darauf fingst du wieder an,
Moses und auch die andern Propheten zu lesen; aber nach den Gesetzen zu leben
und zu handeln, hast du aus allerlei Gründen dennoch unterlassen.
[GEJ.10_100,04] Ein Jahr darauf kamst du
abermals an dieselbe Stelle des Stroms, vernahmst abermals die gleiche Stimme
und dachtest lange darüber nach. Aber zum Handeln kamst du dennoch nicht; denn
fürs erste warst du ja ein römischer Priester und wolltest deiner Idee nach
nicht den Gesetzen Roms zuwiderhandeln, weil dir daraus ein weltlicher Nachteil
hätte erwachsen können, obschon du wohl wußtest, daß es eben nicht verboten
war, daß ein Priester auch an den Gott der Juden halten (glauben) dürfe, und
fürs zweite kam dir das Handeln nach den Gesetzen Mosis zu unbequem vor, und
die von dir klar vernommene Stimme hieltest du am Ende doch nur für einen
leicht möglichen Sinnentrug und dachtest dir, so an dieser Stimme etwas Wahres
sei, da werde sie sich wohl zu öfteren Malen vernehmen lassen.
[GEJ.10_100,05] Und so hattest du darauf wohl
noch fortgeforscht und gesucht, aber zum Handeln kamst du nicht und glichest
einem Baumeister, der einen Bauplan um den andern macht; aber so es zum
Ins-Werk-Setzen des Bauplanes kommen soll, da läßt er sich von der Mühe und den
Unkosten abschrecken und es kommt zu keinem Bau.
[GEJ.10_100,06] Freund, das Denken, Sinnen,
Urteilen, Forschen und Suchen ist keine Tat, sondern pur nur eine Vornahme zur
Tat, – da aber das Leben selbst keine Vornahme zum Tatleben, sondern das Tat-
und Wirkungsleben selbst ist, so muß die Lebensvornahme auch zur Lebenstat
werden, so man durch sie das Gesuchte erreichen will.
[GEJ.10_100,07] Du hast zwar dann und wann
wohl etwas getan, aber das war zu wenig, um deiner inneren Gesinnung eine
andere Richtung zu geben, und so bliebst du stets auf einem und demselben Fleck
stehen; nun erst hast du zum ersten Male einen völlig festen Willen gefaßt, ein
völlig anderer Mensch zu werden, und zwar nach dem dir von Mir bekanntgegebenen
Willen des einen, allein wahren Gottes der Juden, und so wirst du auch das
finden in der Fülle der Wahrheit, was du so lange vergeblich gesucht hast.
[GEJ.10_100,08] Du hast es aber eigentlich
schon gefunden; nur bist du jetzt noch einem Menschen zu vergleichen, der
mitten in einem dichten Walde eben den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht.“
[GEJ.10_100,09] Sagte der Priester: „Höre, du
wahrlich weisester Meister, wie soll ich das verstehen und nehmen?“
[GEJ.10_100,10] Sagte Ich: „Siehe her! Da
steht ein leerer Becher, Ich aber will es, daß er voll Weines werde, und du
sollst von diesem Weine trinken! Da nimm ihn hin und trinke, und beurteile
dann, ob das auch einem Magier zu bewirken möglich ist!“
[GEJ.10_100,11] Als der Priester das sah und
den Wein, der den allerwürzhaftesten Geschmack hatte, kostete, da sah er Mich
groß an und sagte: „Du wahrlich gottähnlichst weisester Meister, das ist von
einem Menschen noch nie bewirkt worden! Du mußt mit dem allein wahren Gott der
Juden in einem gar mächtigen Verbande stehen; denn dein Wille und der Wille
deines Gottes scheinen schon völlig geeint zu sein.
[GEJ.10_100,12] Der Becher war doch
vollkommen leer, und du hast ihn bloß durch deinen Willen, und das mit einem so
auserlesenen besten Weine voll angefüllt, wie ich einen ähnlichen, der den
Namen VINUM OLYMPICUM hatte, nur ein einziges Mal in Rom beim obersten Priester
gekostet habe.
[GEJ.10_100,13] Weil dir das möglich war, so
wird dir noch gar vieles andere möglich sein! Wer es mit der Freundschaft der
Gottheit so weit wie du gebracht hat, dem ist es am Ende freilich auch möglich,
sich völlig unsterblich zu machen.
[GEJ.10_100,14] Ja, wäre ich auch als ein
Jude in diese Welt gekommen, so hätte ich es vielleicht auch auf eine hohe
Stufe in der Einung mit Gott bringen können – denn am Willen und am Fleiß hätte
es bei mir keinen Mangel gehabt –; aber als ein Heide, in aller Nacht in diese
Welt kommend, konnte ich den rechten Weg niemals finden, und so blieb ich denn
auch in der stets gleichen Nacht haften und konnte bis jetzt zu keinem
Wahrheitslichte gelangen. Doch von nun an soll es anders werden!
[GEJ.10_100,15] Nun aber erlaube mir, daß ich
zu meinen Kollegen gehe und es auch ihnen mitteile, was ich hier erfahren habe;
denn auch sie fühlen gleich mir, was ihnen abgeht.“
[GEJ.10_100,16] Sagte Ich: „So gehe denn hin,
und rede die Wahrheit!“
101. Kapitel
[GEJ.10_101,01] Darauf ging der Priester hin
zu seinen Kollegen, die schon mit brennender Sehnsucht auf seine Rückkehr
harrten. Als er zu seinen Kollegen kam, da erzählte er ihnen alles, was er
gesehen und erfahren hatte, und diese wurden voll Staunens.
[GEJ.10_101,02] Und einer von ihnen, ein
alter Grieche, sagte: „Was braucht es da noch ein Weiteres? Der Mensch ist ein
Gott, und wir wollen das tun, was Er angeordnet hat, und wir werden leben.“
[GEJ.10_101,03] Und so wurden an diesem Abend
die Heidenpriester zu Meinen Jüngern in der Stadt Aphek und gaben Mir am
nächsten Tage ihr Bekenntnis und ihre Gelübde ab.
[GEJ.10_101,04] Wir aber begaben uns zur Ruhe
nach dem Abgange des Priesters und ruhten wohl bis zum Morgen.
[GEJ.10_101,05] Wie allzeit so auch diesmal befand
Ich Mich mit Meinen Jüngern und mit dem Hauptmanne schon eine volle Stunde vor
dem Aufgange im Freien; und da es ein ganz heiterer Morgen war, so genossen wir
von einer Anhöhe außerhalb der Bergstadt eine überaus schöne Fernsicht und so
manche überraschend schöne Morgennaturszene.
[GEJ.10_101,06] Als der Hauptmann und auch
unser Wirt an Meiner Seite die schöne Natur ganz entzückt bewunderten, da sagte
nach einer Weile des seligen Bewunderns der Hauptmann zu Mir: „Herr und
Meister, es ist den Menschen kaum zu verargen, daß sie nach und nach weltliebig
und am Ende gar abgöttisch (gottlos) geworden sind; denn was der Mensch mit all
seinen Sinnen wahrnimmt in seinem offenbar anfänglichen Naturzustande, das
nimmt ihn auch mit einer oft unwiderstehlichen Macht gefangen, und alle noch so
geistigen Lehren und Reden können ihn von den Fesseln, die ihm die zahllosen
Reize der Welt angelegt haben, nicht von heute bis morgen ablösen. Wie heute
der Morgen mit zahllosen Reizen geschmückt ist, so war es sicher auch schon
zahllose Male. Und daß beim Anblick solcher Schönheiten die Menschen in
allerlei seltene (seltsame) Phantasien geraten sind, ist mir nun ganz leicht
begreiflich; und daß sie sich in dieselben stets mehr und mehr vertieft und in
ihnen begründet haben, das bewirkte ebenfalls die zu schöne und stets
wechselvollste Szenerie der Natur.
[GEJ.10_101,07] Bis ein Mensch sich ganz von
allen Anreizungen der Welt abziehen kann, dazu gehört schon ein höchster Grad
der heldenmütigsten Selbstverleugnung.
[GEJ.10_101,08] Ich denke es mir nun, daß
Menschen, die nicht in gar zu reizend schönen Gegenden der Erde wohnen und
leben, für rein geistige und somit übersinnliche Wahrheiten empfänglicher sein
dürften als Menschen, die da Bewohner eines zu schönen Landes sind.
[GEJ.10_101,09] Ich betrachte da nur das
alte, höchst traurig aussehende Ägypten. Solange es die Menschen durch ihren
Fleiß noch nicht kultiviert hatten, da gab es darin geistig geweckte Menschen
in großer Menge; sowie aber der Fleiß der Menschen die sterile Natur dieses
großen Landes sehr zu verschönern angefangen hatte, da verlor sich ihr
geistiger Sinn auch stets mehr und mehr, und der naturmäßige gewann nur zu bald
die Oberhand, und es entstanden allerlei Bilder und aus ihnen allerlei Götter,
und der Geist des Menschen, als sein größtes Lebensgut, verlor sich ganz, und
Moses selbst mußte das zu versinnlichte Volk Israel bei vierzig Jahre lang in
der unwirtlichsten und naturunschönsten Wüste festhalten, um es fürs innere
Gottgeistige empfänglich zu machen.
[GEJ.10_101,10] Und so bin ich denn der
Meinung, daß diese Erde zum großen Teil für die geistige Bildung der Menschen
denn doch viel zu reizend und schön ist.
[GEJ.10_101,11] Mir gefällt dieser Morgen
freilich wohl unbeschreiblich gut; aber ich fühle es auch, welchen bezaubernd
mächtigen Eindruck er auf ein gesundes, junges Gemüt ausüben muß.“
[GEJ.10_101,12] Sagte Ich: „Du hast schon
recht zu einem Teil, aber zum andern nicht! Denn so Ich die Menschen dieser
Erde nicht also gestellt hätte, daß sie sich selbst infolge ihres freien
Willens, ihrer Vernunft und ihres Verstandes zu bilden hätten und zu suchen
Meinen Geist in sich, so hätte Ich sie ja als Polypen irgend im finstersten
Abgrunde des Meeres können ruhen lassen. Aber so kann das nicht sein, da der Mensch
ein völlig freies Wesen ist und sich selbst zu bilden hat.
[GEJ.10_101,13] Siehe, diese ganze, große und
schöne Weltnatur ist demnach für die Selbstbildung des Menschen höchst
notwendig; denn ohne sie würde es mit seinem Denken, Fühlen und Empfinden ganz
mager aussehen, und er würde sich nicht viel über das Reich der Tiere erheben!
Da aber die Erde so überaus mannigfach mit allen Kreaturen ausgestattet ist, so
muß der Mensch sie einmal mit verwunderndem Wohlgefallen zu betrachten
anfangen, und aus solchem Betrachten und Vergleichen der verschiedenen Dinge
durch alle Reiche der Natur dieser Erde und so auch des steten Wechsels der
Tages- und Jahreszeiten und auch der Gestirne am Himmel, geht der Mensch
notgedrungen in ein stets tieferes Denken über und fängt dabei denn auch an,
den Urgrund des Daseins so zahllos vieler Dinge zu suchen und zu erforschen.
Und ist der Mensch durch die Eigentätigkeit einmal so weit gekommen, so komme
auch Ich ihm entgegen und offenbare Mich ihm stets mehr und mehr und klarer und
klarer.
[GEJ.10_101,14] Darum, Mein Freund, ist es
schon ganz recht also, daß diese Erde, auf der die Menschen berufen sind,
Gottes Kinder zu werden, eben in allem so schön und höchst mannigfaltig
ausgestattet ist!
[GEJ.10_101,15] Aber freilich soll der Mensch
nicht mit zu viel Liebe diese schöne Welt erfassen und mit all seinen Sinnen an
ihr hängen; denn dadurch wird er materiell in seiner Seele und entfernt sich
von dem, was er anstreben soll, stets mehr und mehr und wird blind, finster und
böse in diesem kurzen Willensfreiheitsprobeleben.
[GEJ.10_101,16] Wie schwer aber dann solche
Menschen auf die rechte Bahn des Lebens zu bringen sind, das lehrt die
Erfahrung aller Zeiten, und du selbst hast darin schon gar viele Erfahrungen
gemacht und wirst noch viele machen.
[GEJ.10_101,17] Nun aber kommen etwelche
Priester mit dem einen, der gestern von Mir belehrt worden ist, zu uns heraus
und wollen sehen und erfahren, was denn so ganz eigentlich an Mir ist, denn der
von Mir schon Belehrte hat ihnen ein Lichtlein angezündet und sie zu einem
tiefen Nachdenken genötigt. Lassen wir denn die Sucher zu uns kommen und auch
finden, was sie suchen, nämlich die Wahrheit des Lebens!“
102. Kapitel
[GEJ.10_102,01] Als Ich solches mit dem
Hauptmann geredet hatte, da kamen auch schon die Priester vollends zu uns und
grüßten uns auf das freundlichste.
[GEJ.10_102,02] Darauf sagte der von Mir
schon Belehrte zu seinen Gefährten: „Sehet, hier steht der große und erhabenste
Wundermann, nach dessen Willen sich alles gehorsamst fügen muß, und in dessen
Rede die tiefste Wahrheit und Weisheit waltet! Darum sei ihm von uns denn auch
alle Ehre, aller Preis und alles Lob dargebracht!“
[GEJ.10_102,03] Sagte Ich: „Freunde, Ich bin
nicht in diese Welt gekommen, um Mich von den Menschen ehren, preisen und loben
zu lassen, sondern darum, daß alle Menschen durch Mich und in Mir Den
wiederfinden und erkennen sollen, den sie durch ihre eigene Schuld verloren und
gänzlich verkannt haben, und daß sie erkennen sollen Seinen Willen und handeln
und leben nach demselben. Wer Mich denn wahrhaft ehren, preisen und loben will,
der nehme Meine Lehre an und handle und lebe nach ihr!
[GEJ.10_102,04] Aber solange ihr eure
ehernen, steinernen und hölzernen Götzen verehret, werdet ihr zum wahren
Lebenslicht aus Gott nicht gelangen, Ihn in Mir nicht erkennen und sonach auch
keinen Teil an Seinem Reiche haben, das in Mir aus den Himmeln nun auf diese
Erde gekommen ist.“
[GEJ.10_102,05] Hierauf sagte einer, der noch
sehr an der Vielgötterei hing: „Es wäre alles recht nach deinem Worte, und wir
würden für uns mit unsern Göttern auch bald fertig werden; aber was wird dann
das Volk tun und was sagen zu uns, die wir es waren, die mit aller Redekraft
und auch mit allerlei Zeichen eben dem Volke die Götter als daseiend und wirkend
anpriesen und es zur Verehrung derselben antrieben? Das Volk hängt noch sehr an
dem, was es von Kindheit an sich zu eigen gemacht hat, und es wird wohl schwer
werden, ihm das Gehabte völlig zu nehmen und dann dafür etwas anderes und
Besseres zu geben.“
[GEJ.10_102,06] Sagte Ich: „Das hängt alles
von eurem Willen ab! Die Wahrheit begreift sogar ein Kind eher denn etwas, das
falsch und somit eine Lüge ist; also wird ein erwachsener Mensch die Wahrheit
sicher wohl noch um so eher begreifen und sie sich mit Liebe aneignen. Es kommt
daher jetzt nur auf euren Willen an, und dann wird euch schon Mein Wille
helfen, ein rechtes Werk in Meinem Namen zustande zu bringen.
[GEJ.10_102,07] Doch einen Zwang von Mir aus
erwartet nicht; denn von Mir aus hat ein jeder Mensch einen vollkommen freien
Willen und kann tun, wie es ihm beliebt. Doch wehe dereinst dem, der die
Wahrheit wohl erkannte, sie aber dennoch der Weltvorteile wegen von sich
verbannte, nicht nach ihren Grundsätzen gehandelt, sondern sie am Ende noch verfolgt
hat mit Feuer und Schwert. Wahrlich, für den wäre es besser, so ihm ein
Mühlstein an den Hals gehängt und er dort in ein Meer versenkt würde, da es am
tiefsten ist!
[GEJ.10_102,08] Daß an euren Göttern samt
ihren durch Menschenhände erzeugten Abbildern nichts ist, und in der Weise, wie
ihr sie betrachtet, tausend Male nichts, das ist klar; denn was da noch auf dem
Wege der alten Entsprechungen irgendeinen inneren, geistig lebendigen Sinn
hatte, das ist schon seit gar lange her in den dicksten und finstersten Unsinn
und so denn auch in eine barste Lüge verwandelt worden.
[GEJ.10_102,09] So Ich euch nun die volle
Wahrheit über das Dasein des einen, allein wahren Gottes wiederbringe und euch
Seinen Willen bekanntgebe, so lasset denn auch ab von euren völlig nichtigen
Götzen und schaffet hinweg ihre Abbilder, – nehmet die Wahrheit an!
[GEJ.10_102,10] Und habt ihr sie angenommen,
dann gebet sie auch denen, die schon lange nach ihr sehr hungern und dürsten,
und sie werden euch darum nicht zu Feinden werden, sondern zu wahren Freunden
nur; denn da sie euch nicht verfolgt haben, wo ihr ihnen lauter Arges erwiesen
habt, so werden sie euch sicher um so weniger verfolgen, wenn ihr ihnen Gutes
für ihr diesirdisches, und noch mehr für ihr jenseitiges Leben erweisen werdet
in Meinem Namen.
[GEJ.10_102,11] Wie Ich aber heiße, und wer
Ich so ganz eigentlich bin, das werdet ihr alle leicht und bald erfahren.“
[GEJ.10_102,12] Hierauf sagte einer der
Heidenpriester: „Höre, du wundersamer Meister in der Kraft deines Willens und
Wortes! Du hast gestern bald nach deiner Ankunft in unserer Herberge dem Wirte
alle seine Kranken geheilt, von welcher Tat wir bald volle Kunde erhielten, und
wir nun auch des Glaubens sind, daß so etwas zu bewirken nur mit der sichern
Hilfe eines wahren Gottwesens möglich ist. Daß du aber solch einer Mithilfe
auch stets gewärtig sein wirst, das läßt sich von selbst denken und am Ende
auch begreifen; weil aber das sicher der Fall bei dir ist, so möchten wir nun
auch hier von dir ein Zeichen von der Macht deines Wortes und Willens gewirkt
sehen! So auch wir darin einen Beweis haben, da wollen wir noch heute alle
unsere Götter zerstören und im Tempel des Zeus dem einen, allein wahren Gott
der Juden nach der Weise Mosis und Aarons ein Opfer darbringen.“
[GEJ.10_102,13] Sagte Ich: „Eines solchen
Opfers bedarf nun der eine, allein wahre Gott nicht nur der Juden, sondern
aller Menschen, aller Kreaturen und Dinge wahrlich nimmer. In allen jenen
Opfern war in der inneren, rein geistigen Entsprechung nur Ich Selbst
vorgebildet und das Gottesreich, das Ich nun nicht fürs Fleisch und Blut,
sondern für die Seelen und für den Geist der Menschen auf dieser Erde gründe.
[GEJ.10_102,14] So Ich nun aber Selbst vor jedermanns
Augen hier unter euch Menschen umherwandle, so ist die Schrift denn auch
erfüllt, und es bedarf da keines Weitern mehr, das Mich in Mir entsprechender
Weise vorbilden sollte.
[GEJ.10_102,15] Das neue, Mir wohlgefällige
Opfer aber bestehe einzig und allein nur darin für alle Zukunft, daß ihr
Menschen an Mich glaubt, Gott über alles in Mir liebt und eure Nebenmenschen
wie euch selbst durch Haltung Meiner Gebote.
[GEJ.10_102,16] Ihr sollet Mir keine Tempel
von Holz, Steinen und von Gold und Silber erbauen und Mich darin ehren durch
allerlei eitle, nichtige Zeremonie, an der Ich nie ein Wohlgefallen hatte und
nie haben werde; der rechte Tempel, darin ihr Mich ehren sollt, sei euer Mich
liebendes Herz! Wer Mir im Herzen durch die Werke der Liebe zu Mir und zu
seinem Nächsten opfern wird, dessen Opferung wird bei Mir allein einen Wert
haben, und Ich werde ihn belohnen mit dem ewigen und seligsten Leben in Meinen
Himmeln.
[GEJ.10_102,17] Also sollet ihr auch Mir zu
Ehren keinen Festtag und tatlosen Feiertag einsetzen; denn ein jeder Tag ist
Mein, und ihr sollet an jedem Tage Meiner gedenken und in Meinem Namen Gutes
tun.
[GEJ.10_102,18] So ihr aber Mich um etwas
bittet, so sperret euch in ein Kämmerlein und bittet im Verborgenen, und Ich
werde erhören eure Bitte, – also spricht der Herr Gott Zebaoth zu euch
Menschen.
[GEJ.10_102,19] Also hinweg mit all den
Tempeln, Götzen, mit all den Festtagen und mit all der nichtigen und
wertlosesten Zeremonie; aber dafür errichtet wahre, Mir wohlgefällige Tempel in
euren Herzen, und bringet Mir Opfer der reinen uneigennützigen Liebe! Machet
gut den Schaden, der durch euch den armen, blinden und zumeist eben nur durch
euch belogenen und betrogenen Menschen ist zugefügt worden, und ihr werdet der
Gnade Gottes gewärtig werden!“
103. Kapitel
[GEJ.10_103,01] (Der Herr:) „Ihr habt Mich um
die Wirkung eines Zeichens gebeten, und Ich will euch denn auch eines vor euren
Augen wirken; aber des Zeichens wegen werdet ihr nicht selig werden, sondern
nur eures Glaubens an Mich und des Lebens nach Meiner Lehre wegen!
[GEJ.10_103,02] Sehet, hier auf diesem Hügel,
der ganz kahl und öde ist, steht noch ein alter, aber schon seit mehr denn
dreißig Jahren dürrer Feigenbaum! In jener Zeit entlud sich hier ein mächtiges
Gewitter, der Regen fiel in Strömen von den Wolken zur Erde nieder und riß das
ohnehin spärliche Erdreich vom steinigen Boden hinweg, und so verdorrten denn
auch bald Gras und Bäume, weil sie nicht mehr genährt werden konnten.
[GEJ.10_103,03] Seht, es steht mit diesem
Hügel sowie mit der ziemlich gedehnten Umgegend und so auch mit diesem Baume,
wie es mit eurer Erkenntnis des einen, allein wahren Gottes steht! Wie aber für
den Menschen ohne die wahre, innere Erkenntnis des einen, allein wahren,
lebendigen Gottes alles tot, wüste und öde ist und sein muß und er, da er keine
Nahrung für Seele und Geist finden kann, verdorrt und verkümmert, weil der
Weltsinnssturm von ihm das ihn nährende und belebende Erdreich, welches da ist
das lebendige Gotteswort, hinweggeschwemmt hatte, so verdorrte dieser Baum und
um ihn alles Gras und kann nicht zum Leben kommen aus sich, weil da kein
Erdreich sich vorfindet, sondern nur durch Gottes Macht, die da schaffen kann
ein neues Erdreich, erfüllt mit dem, was zum Pflanzenleben nötig ist. Und so
denn will Ich, daß diese ganze Gegend, so wie dieser Hügel vorerst, mit
fruchtbarer Erde bei zwei volle Ellen hoch überdeckt werde! – Es geschehe!“
[GEJ.10_103,04] Als Ich dieses ausgesprochen
hatte, da war die ganze Gegend und ebenso auch der Hügel mit dem sichtlich
fruchtbarsten Erdreich überdeckt, worüber sich die Heidenpriester also tief
verwundernd entsetzten, daß sie zu beben anfingen und der eine, schon am Abend
vorher Unterwiesene laut ausrief: „Ja, Den ich so lange vergeblich gesucht
habe, ist hier gefunden! Du, o Herr, groß, heilig und über alles mächtig, bist
wahrlich Selbst eben Derjenige, von dem Du sprachst, daß ich Ihn noch finden
werde! Denn nur ein Gott kann ein wüstes Land durch Sein Wort in einem Moment
mit dem fruchtbarsten Erdreich bedecken; für die Menschen ist das unmöglich!
[GEJ.10_103,05] Heil uns, daß wir Dich
endlich einmal ganz so gefunden haben, wie wir Dich schon lange zu finden
gewünscht haben! Nun ist der verhängnisvolle Isisschleier vor unsern Augen mit
einem Schlag gelüftet. Oh, alle Ehre und alle Liebe Dir allein, Du ewig großer,
allein wahrer Gott und Herr!
[GEJ.10_103,06] Oh, vergib uns unsere vielen
Sünden, die wir in unserer zu großen Blindheit gegen Dich und so denn auch
gegen unsere Nebenmenschen begangen haben! Wir wollen und werden von nun an
aber nach Möglichkeit mit Deiner über alles mächtigen Hilfe alles wieder
gutmachen, was wir jemals Übles angerichtet haben; sei Du uns gnädig und
barmherzig, und verstoße uns Sünder nicht zu weit von Dir, Du unser Gott und
unser Herr!“
[GEJ.10_103,07] Sagte Ich: „Du hast nun
wohlgeredet, doch dein Fleisch und dein Blut hat dir das nicht eingegeben,
sondern der Geist Meines von dir aufgenommenen Wortes in dein Gemüt. Auch du
bist nun mit geistig fruchtbarer Erde also überdeckt worden wie dieser Hügel
und diese sehr gedehnte Umgegend, und was in dir wüst und öde war und keine
Frucht zum Leben hervorbringen konnte, wird allenthalben zu grünen beginnen und
eine reichliche Frucht in aller Mannigfaltigkeit zur wahren Nahrung und vollen
Sättigung der Seele für ihr ewiges Leben hervorbringen.
[GEJ.10_103,08] Darum bleibe du tätig nach
deinem Vorsatze, und du wirst zum Leben für viele ehest ebenso erblühen, wie
nun dieser Hügel und die ganze Umgegend durch Mein Wort ergrünen und erblühen
werden, und wirst als ein im Geiste der Lebenswahrheit bis jetzt tot gewesener
Mensch eben also auch nur durch Mein Wort, das du als ein lebendiges Gotteswort
in dir an- und aufgenommen hast, zur wahren Lebensfruchtbringung vollends
belebt werden, wie nun vor euer aller Augen dieser durch volle dreißig Jahre
dürre und tote Feigenbaum, von dem nur noch der Stamm nebst einigen stärkeren
Wurzeln und Ästen hier ersichtlich ist.
[GEJ.10_103,09] Ich will denn nun, daß dieser
Hügel mit der ganzen Umgegend ergrüne und zur reichlichen Fruchtbringung
erblühe und dieser alte und morsche Feigenbaum wieder lebendig werde und
Früchte erzeuge zum Genusse für Menschen und Vöglein des Himmels! Es sei!“
[GEJ.10_103,10] Auf diese Meine Worte
ergrünte und erblühte der Hügel und die ganze Umgegend, und der Feigenbaum ward
voll Blätter und Blüten und auch mit vielen neuen Ästen und Wurzeln versehen.
104. Kapitel
[GEJ.10_104,01] Das machte unsere
Heidenpriester vor lauter Verwunderung über Verwunderung ganz stumm; denn sie
merkten es jetzt erst ganz klar, wen sie in Mir vor sich hatten.
[GEJ.10_104,02] Auch unser Wirt, der auch bei
uns war, wurde, obschon er am Abend das große Heilungszeichen von Mir gewirkt
sah und höchst bewunderte, auf dies Morgenzeichen erst ganz dahin überzeugt,
daß Ich nicht wie irgendein großer Prophet erfüllt mit dem Geiste aus Gott,
sondern ganz selbständig aus eigener Macht und Kraft handle und wirke und sagte
darum denn auch zum Hauptmanne, der mit den Seinen selbst voll des höchsten
Staunens dastand: „Hoher Gebieter, dieser Mann ist kein Mensch, der mit der
Hilfe des einen, allein wahren Gottes der Juden solche nie erhörten Zeichen
wirkt, sondern in Ihm wohnt die ganze, ewig endlose Fülle der Gottheit sichtbar
vor uns körperlich! Denn Er sagte: ,Ich will es!‘ und nicht: ,Gott hat also zu
Mir geredet, und dies und jenes, daß es geschehe und werde‘!“
[GEJ.10_104,03] Sagte der Hauptmann zum
Wirte: „Freund, das weiß ich schon von Pella aus, dahin Er kam und auch also
lehrte und große Zeichen wirkte wie hier; doch ein solches Zeichen wie dieses
habe ich selbst noch nicht gesehen, obschon diesem ähnliche mehrere, die mir
nur zu klar und zu laut sagten: ,Siehe, das ist wundersamstermaßen der Herr
Selbst!‘
[GEJ.10_104,04] Er sagt freilich wohl: ,Ich
bin vom Vater in diese Welt gesandt!‘, doch Er ist eben Derjenige, der Sich
Selbst durch Seine Liebe zu uns Menschen in diese Welt gesandt hat, um uns
fürderhin kein unsichtbarer und unbegreiflicher Gott und Vater, sondern ein
wohl sichtbarer und begreiflicher zu sein, und daß wir in der Folge lebendig
glauben können, daß eben Er ein allein wahrer Gott ist und es außer Ihm keinen
andern Gott und Herrn gibt und geben kann.
[GEJ.10_104,05] In Ihm wohnt das Ursein alles
Seins, die Urkraft aller Kräfte, die Urmacht aller Mächte, das klarste Seiner-
Selbst-Bewußtsein alles Bewußtseins aller Kreaturen in der ganzen ewigen
Unendlichkeit, die erfüllt ist von Seinen Werken, und also wohnt in Ihm denn
auch die höchste und nie erforschbare Weisheit. Und siehe, dieses alles glaube
ich nicht nur, wie ein Mensch gewöhnlich irgendeine vernommene Wahrheit zu
glauben pflegt, aber neben solchem Glauben mit seinem Verstande doch noch
nachforscht und grübelt, ob die vernommene große Wahrheit wohl auch in allen
ihren teilweisen Beziehungen völlig wahr sei, und wie man sich davon vollkommen
überzeugen könne, sondern ich bin von all dem vollkommenst und lebendigst
überzeugt und bin bereit, für solch meine vollste und lebendigste Überzeugung
mein Leben hinzugeben!“
[GEJ.10_104,06] Sagte der Wirt: „Hoher Gebieter,
so tief wie du kann ich in dies hochheiligste Geheimnis noch nicht eingeweiht
sein; aber ich glaube nun alles ungezweifelt, was du nun ausgesprochen hast,
und hoffe, daß auch mir und meinem ganzen Hause von all dem die lebendigste
Überzeugung werden wird! Darum alle Ehre und Liebe nun dem einen, sichtbaren
Gott vor uns!“
[GEJ.10_104,07] Ebenso wie der Hauptmann und
der Wirt besprachen sich auch die Priester und auch die Jünger untereinander.
[GEJ.10_104,08] Und ein Priester ging zu
einem Jünger hin und befragte ihn, ob Ich solche Zeichen schon zu öfteren Malen
gewirkt hätte.
[GEJ.10_104,09] Sagte der Jünger: „Ziehe hin
in alle Orte von ganz Galiläa, von Judäa, von Samaria und noch andern Ländern
im Süden und Norden und von Osten nach Westen, und forsche, und man wird dir
sagen und zeigen, was der Herr gewirkt hat!
[GEJ.10_104,10] Zeichen, wie dieses hier,
sind viele gewirkt worden, und es sind alle Länder, die wir mit Ihm
durchwandert haben, voll von Seinen Taten und voll von Seiner Ehre; denn Er ist
es, der Seinesgleichen nicht hat weder im Himmel noch auf Erden. Aber Er will
es nicht, daß wir viel reden von den großen Zeichen, die Er zur Bekräftigung
der Wahrheit Seiner euch nun schon in den Hauptteilen bekannten Lehre gewirkt
hat. Denn die Zeichen werden veralten und mit der Zeit also vergehen, wie auf
dieser Welt alles vergänglich und wandelbar ist, und so man nach vielen Jahren
davon reden wird, so werden die Menschen es nicht glauben und nicht fassen;
aber Seine Worte werden nicht vergehen, sondern ewig als die Wahrheit aller
Wahrheit bleiben in allen Himmeln und auf der ganzen Erde und in der großen
Welt der Geister!
[GEJ.10_104,11] Er will demnach nur, daß
dieses von Ihm aus den Himmeln in diese Welt gebrachte Lebenswort allen
Menschen gepredigt werde und sie an Ihn den lebendigen Glauben überkommen durch
das Handeln nach dem Worte.
[GEJ.10_104,12] Werden die Menschen das, so
werden sie durch Ihn schon also geweckt und gestärkt werden, daß sie in Seinem
Namen selbst Zeichen wirken werden, wie auch wir schon in Seinem Namen gar
manche Zeichen gewirkt haben, indem wir allerlei Kranken die Hände auflegten
und sie darauf vollkommen gesund geworden sind. Euch selbst wird dieses Zeichen
erst dann zum Nutzen werden, so ihr nach Seiner Lehre leben und handeln werdet.
[GEJ.10_104,13] Es ist aber ein solches
Zeichen wohl als ein übergroßes Wunder anzusehen, so die Menschen, die davon
persönlich Zeugen waren, über die Wesenheit des Zeichenwirkers noch nicht
hinlänglich im klaren waren; haben aber die Menschen den Zeichenwirker einmal
in Seiner Wesenheit erkannt, dann ist das gewirkte Zeichen an und für sich kein
Wunder mehr, denn sie sehen es ja ein, daß Gott, dem ewig Allmächtigen, kein
Ding unmöglich ist.
[GEJ.10_104,14] Was ist diese Erde denn
anders als des Herrn Wort und Wille aus Seiner Liebe und Weisheit? Was sind der
Mond, die Sonne und alle die zahllosen Sterne mit all dem, was sie tragen und
fassen, indem sie – wie wir es genauest wissen – auch Weltkörper sind, und die
meisten, die wir mit unseren Augen erschauen können, ums unvergleichbare größer
denn diese Erde, die uns trägt und nährt?
[GEJ.10_104,15] So es Gott dem Herrn von
Ewigkeit aber sicher möglich ist, solche großen Werke auch nur durch Seinen
Willen entweder augenblicklich oder nach Seiner Liebe und Weisheit in gewissen
Zeitperioden ins Dasein zu rufen, so ist es Ihm ja auch ebenso leicht möglich,
durch Sein Wort und Seinen Willen einen kleinen Fleck der kahlen Erde mit
fettem Erdreich zu überdecken und dasselbe nach seiner Art also zu befruchten,
wie es die Beschaffenheit des Landes erfordert nach der von Ihm festgestellten
Ordnung.
[GEJ.10_104,16] Wenn ihr sonst sehr
verständigen und mit vielen Erfahrungen wohlversehenen Römer das ganz leicht
einsehen und begreifen könnt, so werdet ihr es auch einsehen und begreifen, daß
die nun vom Herrn gewirkten Zeichen nicht die Hauptsache für uns Menschen sind,
sondern Sein Wort und Seine Lehre, die uns den Weg zum ewigen Leben zeigt. Das
Wort aus dem Munde Gottes ist demnach für uns alles in allem, und wir werden
sein und leben durch dasselbe ewig und dort sein, wo Er ist, und wirken durch
Sein Wort und durch Seinen Willen in uns.“
[GEJ.10_104,17] Als der Priester solches von
dem Jünger vernommen hatte, da sagte er: „Freund, du bist in der rechten
Weisheit aus Gott schon weit vorgedrungen, und mich nimmt es nun nicht wunder,
daß ihr alten Jünger des Herrn euch nach dem gewirkten, unerhört großen
Wunderzeichen um vieles gleichgültiger benommen habt als wir Heiden! Aber was
du mir nun gesagt hast, werde ich eben also behalten, als hätte es mir der Herr
Selbst gesagt, und ich danke dir für deine Freundschaft und Geduld.“
[GEJ.10_104,18] Darauf ging der Priester
wieder zu seinen Kollegen und besprach sich mit ihnen über das, was er von dem
Jünger, der Andreas hieß, vernommen hatte.
105. Kapitel
[GEJ.10_105,01] Es kam aber nun ein Bote aus
der Stadt, um uns anzuzeigen, daß das Morgenmahl bereitet sei; er konnte aber
vor lauter Staunen über die ganz verwandelte Gegend kaum zum Reden kommen. Ich
aber sagte dem Wirte, warum dieser Mensch, ein auch von Mir geheilter Diener
des Hauses, zu uns gekommen sei, und wir begaben uns darauf sogleich in die
Stadt. Die Priester folgten uns auf dem Fuße nach in die Stadt, da sie die in
ihnen zu Mir erwachte Liebe mit aller Gewalt an Mich zog.
[GEJ.10_105,02] Als wir alle in das Haus des
Wirtes kamen und uns auch sogleich zu Tische setzten, da sagte der eine
Hauptpriester, als er Mich das Morgenmahl zu Mir nehmen sah, zu Mir: „O Herr,
Du Allmächtiger und Höchstweiser! Das ist auch ein Wunder, daß Du eine irdische
Kost zu Dir nehmen magst, da doch alles, was auf dieser Erde Nährstoff heißt,
auch ein Werk Deines Wortes und Willens ist! Du könntest auch hier sagen: ,Es
werde der Tisch mit Speise und Trank aus den Himmeln in aller Reinheit
besetzt!‘, und es würde geschehen, was Du wolltest! Denn siehe, unsere
heidnische Kost ist vor den Augen eines streng mosaischen Juden unrein, und
dennoch genießest Du samt Deinen Jüngern sie mit aller Lust!“
[GEJ.10_105,03] Sagte Ich: „Siehe, für den
Reinen ist alles rein, und so denn sicher auch für Mich! Wo Ich Menschen
treffe, die voll guten Willens und dadurch auch schon zum größten Teil eines
reinen Herzens sind, da ist auch ihre Kost rein; denn Ich Selbst reinige sie
für alle, und es wird durch sie niemand verunreinigt.
[GEJ.10_105,04] Weil du aber schon glaubst,
daß Ich durch Mein Wort und Meinen Willen einen Tisch mit reiner Speise und
reinem Trank aus den Himmeln decken und bestellen könnte, so setzet euch an den
nächsten Tisch, und es soll geschehen nach deinem Glauben!
[GEJ.10_105,05] So aber der Tisch mit Speise
und Trank angefüllt sein wird, da esset und trinket ohne Furcht und Scheu; denn
solche Speise und solch ein Trank wird euch stärken und sehr mutig machen im
Kampf gegen den Fürsten der Nacht und der Lüge und des Truges vor Heiden und
Juden!“
[GEJ.10_105,06] Hierauf setzten sich alle die
Priester an den bezeichneten Tisch, der im Augenblick mit dem feinsten Byssus
bedeckt und mit dem erforderlichen Eßzeuge wohlversehen war. Aber die Schüsseln
standen noch leer vor den erstaunten Gästen, und in den Kristallbechern blinkte
noch kein Wein, und Ich sagte zu den Priestern: „Sehet, euer Tisch wäre nun
schon bestellt mit der reinsten Speise und mit dem reinsten Wein aus den
Himmeln, was ihr zwar mit euren Augen noch nicht sehet und auch nicht mit der
Zunge schmecket; aber es ist alles dennoch schon da!
[GEJ.10_105,07] Ich will aber nun, daß sich
das Geistige umkleide mit der Materie, und ihr sehet nun schon allerlei Speise
und den besten Wein, und so möget ihr nun davon essen und den Wein trinken!“
[GEJ.10_105,08] Nun war es bei den Priestern
völlig aus, und sie erschöpften sich vor lauter Lobpreisung und Ehrung Meines
Namens.
[GEJ.10_105,09] Darauf fingen sie an zu essen
und konnten den Wohlgeschmack der Speisen, die alle nach römischer Art bereitet
waren, nicht genug loben und fanden auch den Wein so überaus vortrefflich, daß
sie alle bezeugten, einen solchen Wein noch niemals gekostet zu haben.
[GEJ.10_105,10] Unser Wirt ward denn auch
sehr begierig, von der wunderbaren Kost auf dem Tische der Priester etwas zu
verkosten.
[GEJ.10_105,11] Ich aber sagte zu ihm:
„Freund, sei danach nicht lüstern; denn was du an unserem Tische genießest, hat
einen und denselben Ursprung, den gleichen Geschmack und dieselbe Wirkung, –
denn auch diese Speisen sind Mein Wort und Mein Wille.“
[GEJ.10_105,12] Als der Wirt solches von Mir
vernommen hatte, da stand er von seiner Neugier ab und war also ganz zufrieden.
106. Kapitel
[GEJ.10_106,01] Als wir und also auch die
römischen Priester uns mit dem Morgenmahle zur Genüge gestärkt hatten, da
dankten Mir die Priester laut für dies wunderbare Mahl und sagten darauf: „O Du
allmächtiger Herr und allein wahrer Gott, wir alle glauben nun ungezweifelt an
Dich und haben auch den allerfestesten Willen gefaßt, die andern Heiden zu
solchem Glauben zu bekehren; aber wir sehen es auch ein, daß das keine leichte
Arbeit sein wird, weil besonders das gemeine Volk noch sehr an den heidnischen
Göttern hängt und ihre Bildnisse anbetet und verehrt.
[GEJ.10_106,02] Es wird hier in dieser Stadt
wohl nicht leichtlich ein Haus sich vorfinden, das da nicht voll gefüllt wäre
mit den Hauslaren und tausend andern Ganz- und Halbgöttern, zu denen teilweise
auch die Hauslaren gehören, so sie als Namenspatrone einer oder der andern
Familie angehören und als solche denn auch verehrt werden.
[GEJ.10_106,03] Nun, alle diese Bilder des
finsteren Heidentums auf einmal durch unsere Reden und Lehren über Dich
hinwegzuschaffen, wird uns wohl sauer werden; Dir, o Herr, Herr, aber wäre das
ein leichtestes, denn Du darfst ja nur wollen und in der ganzen Stadt sind alle
die nichtigen Götterbilder, aus welchem Stoffe sie auch angefertigt bestehen,
mit einem Mal nicht mehr vorhanden, und wir hätten also eine leichtere Arbeit,
das Volk auf den rechten Licht- und Lebensweg zu bringen.“
[GEJ.10_106,04] Sagte Ich: „Das könnte Ich
wohl allerdings tun, aber dadurch würde eure Arbeit für Mich und Mein Reich auf
dieser Erde nicht erleichtert, sondern nur sehr erschwert werden; denn ein ganz
verstocktes und über alle Maßen verfinstertes Gemüt und der freie Wille der
Menschen läßt sich durch neue Zeichen und Wunderwerke nicht so leicht brechen,
wie ihr es meinet. Denn so Meine Zeichen, die Ich zu Jerusalem gewirkt habe,
das vermöchten, da wären alle Pharisäer und Schriftgelehrten samt dem
Hohenpriester schon bei Mir und wären Meine Jünger; aber sie sind zu
verfinstert und verstockt und hassen und verfolgen Mich allwegs als einen
Volksaufwiegler und – verführer.
[GEJ.10_106,05] Ich könnte auch den Tempel
und ihr Trugzeug in einem Augenblick zunichte machen; doch das würde die
Finstern und Verstockten nicht im geringsten bessern, sondern sie noch
hartnäckiger in ihrer großen Bosheit machen. Und so denn lasse Ich den Tempel
noch eine Zeitlang stehen und dahin kommen den Stolz und die Herrschsucht
seiner Einwohner und seiner Verehrer, daß sie sich setzen werden wider Rom, und
das wird das Ende Jerusalems, seines Tempels und seiner Einwohner sein.
[GEJ.10_106,06] Also lasset auch ihr bei den
sonst gutmütigen Bewohnern dieser Stadt und ihrer Umgegend das Alte so lange
bestehen, bis sie selbst durch euer Licht aus Mir dahin erleuchtet werden, das
Nichtige ihrer Götzenbilder einzusehen, und die Erleuchteten werden dann schon
selbst zu der Vernichtung all der alten Trugwerke euch ihre Hände leihen. Denn
es genügt vorderhand, daß das Götzentum in den Gemütern der Menschen zerstört
und vernichtet wird; ist das bewerkstelligt, so ergibt sich alles andere schon
von selbst.
[GEJ.10_106,07] Doch vorher mit der
Vernichtung der alten Glaubensmonumente beginnen und dann erst mit dem neuen
Lichte die höchst betroffenen und erschütterten Gemüter und Herzen aufhellen zu
wollen, wäre dem gleich, der sein altes Haus völlig abreißen und zerstören
ließe, ehe er für sich einen Plan machte, wie das neue Haus aussehen solle.
[GEJ.10_106,08] Wo wird er unterdessen
wohnen, bis das neue Haus fertig ist? Hat er aber das neue Haus erbaut, so wird
er dann ein leichtes haben, das alte niederzureißen und es aus dem Dasein zu
schaffen.
[GEJ.10_106,09] So Ich nun in einem Moment
durch die Macht Meines Wortes und Willens alle eure Götzenbilder zerstörte, so
würde das noch an diesem Tage einen Volksaufstand unvermeidbar hervorrufen, den
ihr schwer dämpfen würdet, wenn ihr auch noch so laut und so scharf vom großen
Zorn der beleidigten Götter in allen Gassen und Straßen zu predigen anfinget;
denn das Volk würde endlich ganz erbost zu fragen anfangen, wodurch es sich bei
seiner immerwährend gleichen Opferwilligkeit und Tugend bei den Göttern also
versündigt habe, daß diese sogar ihre Abbilder, die es stets in hohen Ehren
hielt, von ihm genommen haben.
[GEJ.10_106,10] Am Ende würde das Volk euch
eurer ihm wohlbekannten Habsucht bezichtigen, und die Menschen würden sagen:
,Höret, ihr Priester, das haben nicht die Götter, sondern das habt ihr getan!
Schaffet uns die Götter her, oder ihr werdet zur Beute unseres gerechten
Zorns!‘
[GEJ.10_106,11] Und sehet, unter solchen
Verhältnissen würdet ihr Meine Lehre und den Glauben an Mich unter den Heiden
schwer ausbreiten können!
[GEJ.10_106,12] Darum bauet zuvor ein neues
Haus für sie, und sie werden euch dann selbst helfen, das alte völlig zu
zerstören; was aber die Götzen in euren Wohnungen betrifft, die zumeist aus
edlen Metallen, wie Gold und Silber, angefertigt sind, die schmelzet zusammen,
verkaufet das Metall, und verteilet das Geld unter die Armen, die euch dann
sicher nicht verachten werden.
[GEJ.10_106,13] Mein Reich, das Ich nun auf
dieser Erde gründe, ist ein Reich des Friedens und nicht ein Reich der
Zwietracht, der Verfolgung und des Krieges; und so sollet ihr es auch im
Frieden unter den Menschen ausbreiten und euch dabei keines Schwertes bedienen!
[GEJ.10_106,14] Wenn aber diese Meine Lehre
einmal durchs Schwert unter die Völker ausgebreitet zu werden begonnen wird,
dann wird es bald sehr elend auf dieser Erde aussehen. Das Blut wird in Strömen
fließen, und alle Meere werden eine traurige Färbung annehmen. Darum seid ihr
alle nun friedsame Arbeiter in Meinem Namen, und vermeidet allen Zank und
Hader! Wirket allein durch Meine Liebe in euren Herzen; denn in der Liebe liegt
die größte Kraft und Macht verborgen!
[GEJ.10_106,15] Denket, daß euer Heidentum
zwar wohl ein alter, morscher und lebloser Baum ist, – aber er hat dennoch so
viele noch feste Holzteile und nahezu versteinerte Wurzeln, daß er sich mit
einem Axthieb nicht sogleich fällen läßt; doch mit der Zeit, rechten Klugheit,
Geduld und Ausharrung wird er den vielen Axthieben dennoch weichen müssen. Die
scharfe Axt, die Ich euch nun gebe, aber heißt Wahrheit; dieser wird am Ende
dennoch jeder noch so finstere und harte Widerstand weichen müssen.
[GEJ.10_106,16] Also ist da Mein Wille;
diesem nach handelt, und ihr werdet für Mein Reich goldene Früchte ernten durch
Meine Liebe in euch!“
107. Kapitel
[GEJ.10_107,01] Als die Priester eine solche
Weisung von Mir erhielten, wurden sie ganz frohen Mutes, dankten Mir dafür,
erhoben sich von ihrem Tische bis auf den einen, der eine Art Oberpriester war,
und gingen in ihr Gemach, das, wie schon bekanntgegeben, sich dermalen auch im
Hause des Wirts, das da groß und überaus fest gebaut war, befand, und hielten
untereinander Rat, wie sie diese Sache anfangen würden, damit sie möglichst
ruhig und gut vonstatten gehe.
[GEJ.10_107,02] Der eine bei uns verbliebene
Priester aber besprach sich mit dem Hauptmanne wegen des Verkaufs der goldenen
und silbernen Gottheiten, weil sie hier keine Gelegenheit hätten, derlei erst
zu schmelzen und dann als Metall zu verkaufen; auch befände sich in der ganzen
weiten Umgegend kein Goldschmied, der solche Metalle ankaufen und dann nach
seinem Belieben verwenden könnte.
[GEJ.10_107,03] Und der Hauptmann sagte: „Ich
werde euch alles tun, was dem Herrn und Meister über alles recht sein wird, –
aber Er wolle Sich gnädigst zuvor darüber aussprechen, was da vollends recht
wäre; denn unser Wollen soll von nun an nur Sein Wollen in uns sein!“
[GEJ.10_107,04] Hierauf sagte Ich: „Da tuet
ihr selbst nach eurem Gutdünken; die Hauptsache ist, daß der Erlös den Armen
zugute kommt auf eine zweckdienliche Art und Weise, was ihr wohl durch Meinen
Geist in euch zu beurteilen imstande sein werdet.
[GEJ.10_107,05] Machet womöglich alles gut,
was ihr – wie Ich das schon einmal bemerkt habe – irgend Übles angerichtet habt,
und ihr werdet dadurch Meiner Gnade in eurer Seele gewärtig werden! Wo ihr aber
irgend an einem Menschen ein begangenes Unrecht nicht wiedergutmachen könnt, da
habt doch den guten Willen dazu, und wendet euch vollgläubig im Herzen an Mich,
und Ich werde eure rechte Bitte nicht unerhört lassen!
[GEJ.10_107,06] Aber das sei auch euch allen
gesagt, daß der nicht in Mein Reich eingehen wird, der nicht den auch noch so
geringen Schaden, den er jemandem zugefügt hat, wiedergutgemacht hat! Denn was
ihr nicht wollt, daß man euch tue, das tut auch eurem Nächsten nicht!
[GEJ.10_107,07] Wenn aber euch jemand einen
Schaden zufügt und also an euch sich versündigt, den ermahnet mit aller
Sanftmut, und vergebet es ihm! Bessert er sich, so wird das euch zugute kommen;
bessert er sich aber nicht, so verdammt ihn darob nicht, sondern wendet euch da
wieder an Mich in eurem Herzen, und Ich werde eure gerechte Bitte auch da
wahrlich nicht unerhört lassen!
[GEJ.10_107,08] Tut alles, was ihr tut, in
aller Liebe in Meinem Namen, und ihr werdet dadurch zu Kindern Gottes und zu
Erben des Himmelreiches werden, und eure Seligkeit wird nimmerdar ein Ende
haben, sondern ewig fortdauern!
[GEJ.10_107,09] So ihr alle das wohl
verstanden habt, da tuet vor allem selbst danach, und lehret auch eure
Nebenmenschen danach handeln; denn dadurch werdet ihr am meisten Mein Reich,
das nicht von dieser Welt ist, unter den Menschen ausbreiten, wofür euch einst
ein großer Lohn in Meinem Reiche zuteil werden wird, – denn was Ich euch
verheiße, ist und bleibt ewige Wahrheit!“
[GEJ.10_107,10] Hierauf sagte der Hauptmann:
„Herr und Meister! Ich sehe die ewig große Wahrheit aller Deiner Worte und
Lehren sicher ein und fühle es auch lebendig in mir, daß es unter den Menschen
also sein sollte, wie Du es uns gezeigt hast; aber es gibt unter den Menschen
dennoch gar viele Bösewichte, wie Diebe, Räuber, Mörder, Ehebrecher, Knaben-
und Mädchenschänder, sowohl unter den Juden wie unter den Heiden, und wir haben
da gar strenge Gesetze, derlei Verbrecher unnachsichtlich mit aller Strenge zum
abschreckenden Beispiel für die andere Menschheit zu bestrafen.
[GEJ.10_107,11] Nun, solch ein Verbrecher ist
doch auch unser Nebenmensch und könnte sich vielleicht mit der Zeit auch noch
bessern, so man ihm das Leben ließe und ihn belehrte über das, was da allein
gut, wahr und recht ist und so man auch die geringeren Verbrecher, statt sie in
lange andauernde Kerkerhaft zu werfen, in eine gute Schule gäbe und sie die
Wahrheit lehrte.
[GEJ.10_107,12] Doch solange wir unsere
unerbittlichen Gesetze haben, kann dieser mein Wunsch auch nur ein frommer
Wunsch bleiben; denn so ich selbst irgendeines Verbrechens könnte schuldig
gemacht werden, da wäre es mir ja doch auch lieber, so man nach meinem frommen
Wunsche mit mir verfahren möchte, als daß man mich verdamme ohne alle Liebe und
Schonung.
[GEJ.10_107,13] Aber bei den Richtern heißt
es niemals: ,Was ihr nicht wollt, daß man es euch tue, das tut auch euren
Nächsten – also unsern Nebenmenschen – nicht!‘, sondern da heißt es: ,Ich
verurteile dich nach dem Gesetz!‘, und es ist dabei von einer Liebe und
Erbarmung aber auch nicht eine allergeringste Spur.
[GEJ.10_107,14] Nun aber bin ich selbst ein
oberster Richter in diesem Bereich, das Du, o Herr und Meister, wohl kennst,
und habe gar manchen Verbrecher in die Kerker legen müssen! Soll ich nun auch
diesen statt der Strenge des Gesetzes die Liebe erweisen?“
[GEJ.10_107,15] Sagte Ich: „Daran wirst du,
wo es tunlich ist, sicher sehr wohl tun! Wer da die Gefangenen leiblich und
geistig befreit von den Fesseln des Teufels, der soll auch befreit werden von
den Banden des ewigen Todes!
[GEJ.10_107,16] Wer ein Richter ist und ein
sanftes und gerechtes Gericht führt über verblendete Menschen, der wird dereinst
auch von Mir also gerichtet werden. Mit welchem Maß ihr ausmesset, mit
demselben Maß wird euch wieder zurückgemessen werden!
[GEJ.10_107,17] Wer da barmherzig ist, der
wird auch bei Mir Barmherzigkeit finden; wer aber da ist ein strenger Richter, der
wird auch an Mir einen sehr strengen Richter finden, – denn gerade jene
Strenge, mit der er seine Nebenmenschen gerichtet hat, wird dereinst sein
eigener Richter sein!
[GEJ.10_107,18] Ein jeder Mensch trägt also
seinen dereinstigen Richter schon in sich. Das zu deiner Richtschnur, Mein
Freund Pellagius!“
[GEJ.10_107,19] Mit dem war er denn auch
vollkommen zufrieden, und wir begaben uns darauf wieder ins Freie, doch auf
eine andere Seite der Stadt Aphek.
108. Kapitel
[GEJ.10_108,01] Der Hügel, auf dem wir uns am
Morgen befanden, lag gen Osten von der Stadt aus; der Teil außerhalb der Stadt,
nach dem wir uns nun nach dem Morgenmahle begaben, lag aber gen Westen und war
ein noch höherer Hügel. Dieser Hügel war ehedem auch völlig kahl; doch am
Morgen wurde auch er mit fettem Erdreich bedeckt und mit allerlei Gras und
andern wohlriechenden Kräutern reichlichst ausgestattet.
[GEJ.10_108,02] Als wir zu diesem Hügel
kamen, da verwunderten sich alle, und der Wirt und der römische Priester
sagten: „Da betrachte ein Mensch, wie weit doch reicht in aller Fülle die
göttliche Kraft und Macht! Daß der Osten von der Stadt aus durch Dein
Machtwort, o Herr, ergrünte, das sahen wir morgens; aber daß Du, o Herr, auch
unseres noch rauheren und kahleren Westens mit Deiner Macht gedachtest, dafür
sei Dir nun abermals unser Dank dargebracht!
[GEJ.10_108,03] Dieser Teil außerhalb dieser
unserer Stadt, von dem aus man auch eine schöne und weite Aussicht gen Westen
und Süden hin genießt, ward von uns Bürgern dieser Stadt wegen seiner zu
unerquicklichen Kahlheit nur sehr selten besucht, und in der hier sehr heißen
Sommerzeit schon gar niemals; denn sein schwarzes Gestein ward von den
Sonnenstrahlen stets so sehr erhitzt, daß man es gar nicht betreten konnte.
[GEJ.10_108,04] Nun ist denn durch Deine
übergroße Güte und Gnade, o Herr, auch dieser ödeste und wüsteste Teil
außerhalb unserer sonst ganz bedeutenden Stadt in ein fruchtbares Land
umgewandelt worden, und unsere nun sehr schwachen Herden, die wir nur in den
tieferen Tälern erhalten konnten, werden hier in diesen höher gelegenen
Gegenden ein reichlichstes Futter finden und sich auch bald sehr vermehren
können, und wir werden dadurch den Armen und auch den Fremden mehr Wohltaten,
als das bis jetzt möglich war, zu erweisen vermögen.
[GEJ.10_108,05] O Herr und Meister von
Ewigkeit ohne Anfang und Ende! Es ist nun die ganze weite Umgegend dieser Stadt
durch Deine Gnade in ein wahres Elysium umgestaltet worden, und es gewährt ihr
Beschauen uns eine große Freude; doch um eines wollen wir Dich noch für diese
Gegend bitten.
[GEJ.10_108,06] Siehe, diese ganze weite
Gegend ist sehr wasserarm und hat nur sehr wenige gute Wasserquellen! Dir aber
ist ja alles möglich! Wie wäre es denn, so Du sie auch mit mehreren guten und
reinen Quellen versehen möchtest?“
[GEJ.10_108,07] Sagte Ich: „Auch das soll und
wird euch werden zur rechten Zeit; doch für jetzt will Ich nur auf diesem Hügel
für dich, du unser Wirt, da dieser Hügel sich in deinem Besitze befindet, eben
auf diesem Hügel eine ganz reichliche Wasserquelle entstehen lassen, die diese
ganze Stadt genügend mit Wasser wird versehen können. Was aber diese ganze
weite Umgegend betrifft, so werden sich im Winter, der nicht lange auf sich
warten lassen wird, schon von selbst Quellen bilden und diese Gegend bewässern.
[GEJ.10_108,08] Sehet aber zu, daß ihr im
Glauben an Mich und in der Liebe zu Mir und zu euren Nächsten nicht versieget
und trocken werdet in euren Herzen; denn so das bei euch oder bei euren
Nachkommen einträte, dann würden auch diese Quellen versiegen, und die ganze
weite Umgegend würde öder werden, als sie bisher war.
[GEJ.10_108,09] Es war aber diese Gegend, als
sie in den Zeiten Josuas und der Richter den Israeliten gegeben wurde, ebenso
fruchtbar bestellt, wie sie nun ist, und blieb auch unter den ersten Königen
Israels eben also; als aber später Neid, Mißgunst, Verfolgung und Kriege unter
den Stämmen Israels sich einstellten und die Juden von Mir abfielen und Meiner
stets mehr und mehr zu vergessen anfingen, da ließ Ich auch durch große
Gewitter und Stürme diese Gegenden weithin verwüsten, und aller Fleiß der
Menschen, die sich hier ansiedelten, vermochte dieses Gefilde nicht mehr zu
befruchten.
[GEJ.10_108,10] Nun habe Ich diese Gegend zu
einer fruchtbaren umgestaltet, und da zuoberst dieses Hügels ersehet ihr auch
schon eine reichliche Quelle hervorspringen, deren Wasser euer Fleiß zu sammeln
und an die rechten Stellen zu leiten verstehen wird; aber bleibet in eurer Mir
angelobten Liebe, und fallet nicht ab im Glauben an Mich, so werde auch Ich mit
Meinen Segnungen bei euch verbleiben!
[GEJ.10_108,11] Um was ihr den Vater in
Meinem Namen bitten werdet, das wird euch denn auch gegeben werden, und wo auch
nur zwei oder drei von euch in Meinem Namen vollgläubig sich versammeln werden,
da werde Ich im Geiste Meiner Liebe, Macht und Kraft mitten unter euch sein. Um
was ihr dann volltrauig bitten werdet, werde Ich euch denn auch geben, so das,
um was ihr bittet, fürs Heil eurer Seelen gedeihlich ist.
[GEJ.10_108,12] Würdet ihr aber um eitle Dinge
dieser Welt bitten, so werden sie euch nicht gegeben werden, gleichwie auch ihr
einem Kinde, so es euch noch so bitten würde, kein scharfes Messer zum Spielen
in die Hände geben werdet, aus dem Grunde, da ihr es wohl wisset, daß sich eure
Kinder mit dem scharfen Messer nur zu bald und zu sicher beschädigen würden.
[GEJ.10_108,13] Ihr seid aber nun in den
geistigen Dingen auch noch mehr oder weniger unerfahren, und Ich allein weiß es
am allerbesten, was euch not tut zur Erreichung des ewigen Lebens. Darum suchet
nur vor allem Mein Reich und seine Gerechtigkeit, alles andere wird euch schon
hinzugegeben werden; denn Ich weiß es allzeit und ewig, wessen ihr bedürfet.
[GEJ.10_108,14] So ihr Mich in der Folge aber
schon um eines oder anderes bitten werdet, da bittet Mich um etwas Gerechtes,
Gutes und Wahres!“
109. Kapitel
[GEJ.10_109,01] Sagte der Wirt: „O Herr, es
war das, da ich und der Priester Dich um die Bewässerung dieser Gegend gebeten
haben, doch wohl nichts Ungerechtes, Ungutes und Unwahres?“
[GEJ.10_109,02] Sagte Ich: „Nun, durchaus
nicht; aber so ihr Mich fürder um pur diesirdische Dinge bitten würdet, so wäre
das dann nach Meiner Ordnung eben nicht zu sehr gerecht, gut und wahr, weil zu
große irdische Vorteile stets Nachteile für die Seele sind.
[GEJ.10_109,03] Ich aber bin nicht gekommen
zum Nutzen des Leibes, sondern zum Nutzen der Seele des Menschen nur bin Ich in
diese Welt gekommen; darum sollt ihr Mich auch vor allem nur um das bitten, was
eurer Seele zum wahren, ewig währenden Nutzen gereicht. Denn was nützte es dem
Menschen, so er gewinnen möchte alle die toten Schätze dieser Welt, an seiner
Seele aber dadurch sicher den größten Schaden erlitte? Wie wird er diese wohl
retten können vom Tode und Gerichte der Weltmaterie?
[GEJ.10_109,04] Ihr saget in euch nun wohl:
,Herr, bei Dir sind alle Dinge gar wohl möglich, und auch die Materie dieser
Erde ist Dein Werk!‘ Da habt ihr wohl recht, – aber dennoch sage Ich es euch,
daß Mir eben beim Menschen nicht alles möglich ist und möglich sein darf; denn
wäre Mir beim Menschen alles möglich, so hätte Ich es niemals nötig gehabt, zu
euch in diese Welt als Selbst ein vollkommenster Mensch zu kommen und euch zu
belehren mit Meinem höchsteigenen Munde.
[GEJ.10_109,05] Denn darum habe Ich dem
Menschen den freien Willen gegeben und seinem Verstande gezeigt Wahres und
Gutes und daneben Falsches und Böses, auf daß er sich selbst prüfe, richte und
bilde, und daß er eben infolgedessen erst ein Mensch und kein von Meiner Macht
gehaltenes und gerichtetes Tier ist, das nach Meinem Mußgesetze also tun muß,
wie es in dasselbe gelegt ist, und somit in sich keine Freiheit,
Selbstbestimmung und keine ihm anheimgestellte Selbständigkeit hat.
[GEJ.10_109,06] Der Mensch aber hat außer
seinem Leibe kein Mußgesetz von Mir, sondern ein ganz freies Gesetz in seinem
Willen und einen völlig unbeschränkten Verstand, mit dem er alles erforschen,
prüfen, begreifen und behalten und dann zu seiner Handlungsrichtschnur nehmen
kann, was er als wahr und gut erkannt hat.
[GEJ.10_109,07] Darum prüfet auch ihr alles,
und das, was ihr als wahr und gut erfunden habt, behaltet und handelt und lebt
danach, und ihr werdet dadurch euch zu wahren, Mir allzeit und ewig lieben
Kindern bilden und gleich Mir frei und selbständig werden!
[GEJ.10_109,08] Wenn ihr dadurch Meinen euch
nun bekannten Willen werdet völlig zu dem eigenen gemacht haben und also auch
stark im lebendigen Glauben an Mich werdet geworden sein, dann wird auch euch
alle Kreatur, gleichwie Mir Selbst, untertänig sein, und ihr werdet euch gegen
Meine ewige Ordnung, welche der Grund alles Werdens, Seins und Bestehens ist,
nimmerdar verstoßen und versündigen können. Darin aber wird dann auch bestehen
das wahre und allerseligste ewige Leben eurer Seele, und wo Ich sein werde, da
werdet auch ihr als Meine lieben Kinder bei Mir sein und wirken gleich Mir.
[GEJ.10_109,09] Auf daß der Mensch aber zu
solch einer höchsten Seligkeit gelangen kann, muß er zufolge seines vollkommen
freien Willens und unbeschränkten Verstandes und seiner Vernunft sich nach
Meinem ihm bekanntgegebenen Willen selbst richten, bestimmen und bilden, und
Ich kann und darf mit Meiner Allmacht nicht ergreifen seinen freien Willen und
ihn zum Handeln wie eine andere, noch gerichtete Kreatur zwingen, was ihr alle nun
vom wahrsten Grunde aus wohl einsehen werdet.
[GEJ.10_109,10] Und so ist in der Art, wie
ihr es euch irrig vorgestellt habt, Mir bei dem Menschen nicht alles möglich,
weil Ich mit Meiner Allmacht in die volle Freiheit des Menschenwillens nicht
eingreifen kann, so der Mensch als ein Mensch nach Meiner ewigen und
unwandelbaren Ordnung werden und bleiben soll für ewig.
[GEJ.10_109,11] So ihr das nun wohl begriffen
haben werdet, da wird es euch auch leicht und bald vollends klar und sehr
einleuchtend werden, um was ihr Mich vor allem zu bitten haben werdet, und so
ihr Mich um etwas Rechtes volltrauig werdet gebeten haben, da wird es euch auch
gegeben werden im rechten Maße. Bittet sonach vor allem stets um das, was zum
wahren Wohle eurer Seele dienlich ist, und sehr selten und wenig um das, was
eurem Leibe dienlich ist!
[GEJ.10_109,12] Mit dem aber will Ich gar
nicht gesagt haben, als dürftet ihr in euren Leibesnöten nicht zu Mir um Hilfe
flehen. Ja, Ich sage es euch noch hinzu, daß ihr, so ihr euren Nächsten aus
Liebe zu Mir und in Meinem Namen leibliche Wohltaten erweisen werdet, dafür mit
geistigen Gütern zum Wohle für eure Seelen reichlichst werdet belohnt werden,
und daß euch, so ihr durch die Werke der Liebe im lebendigen Glauben an Mich
verbleiben werdet, von Mir die Kraft erteilt wird, die Kranken durch die
Auflegung eurer Hände zu heilen und die von argen Geistern Besessenen, deren es
besonders in dieser Zeit viele gibt, von solcher Quälerei zu befreien.
[GEJ.10_109,13] Doch solches werdet ihr nur
im vollsten und lebendigst festen Glauben an Mich zu bewirken imstande sein.
Kurz, mit Mir werdet ihr alles vermögen, ohne Mich aber nichts! Darum bleibet
gleichfort durch die Liebe und durch den Glauben in Mir, und Ich werde also
bleiben mit Meiner Liebe, Wahrheit, Macht und Kraft in euch!“
110. Kapitel
[GEJ.10_110,01] Nach dieser längeren Rede
dankten Mir alle, daß Ich sie mit so vieler Geduld über so großwichtige Dinge
belehrt habe, und versprachen es Mir auf das festeste, solche Lehre alsogleich
ins Leben treten zu lassen, und sollte es dabei auch so manchen Kampf kosten.
[GEJ.10_110,02] „Denn jede gute und große
Sache fürs Leben der Menschen“, sagten sie, „kann nicht ohne Mühe und manchen
Kampf erreicht werden; hier aber handelt es sich um die Erreichung des höchsten
Lebensgutes der Menschen, und so heißt es da auch: um so weniger Mühen,
Arbeiten und Kämpfe scheuen.
[GEJ.10_110,03] Wir Römer aber sind keine
kampfscheuen Menschen und haben keine Furcht vor einem Feinde, und so werden
wir auch in kurzer Zeit so manchen Sieg zuerst über unsere eigenen Schwächen,
die unsere nächsten und oft die hartnäckigsten Feinde sind, und sodann auch und
leicht über die andern Feinde außer uns erringen, so Du, o Herr, uns mit Deiner
Gnade auch dann nicht verlassen wirst, so wir als noch diesirdische Menschen
irgendwann leicht noch in einem oder dem andern Lebenspunkte fehlen und fallen
würden.
[GEJ.10_110,04] Lasse Du aber nur nicht zu
große Versuchungen über uns kommen, darum wir Dich hier bitten in der
freudigsten Hoffnung, daß Du solche Bitte nicht unerhört lassen wirst!“
[GEJ.10_110,05] Sagte Ich: „Sehet, diese Erde
und der ganze sichtbare Himmel mit allem, was er faßt, werden vergehen, aber
Meine Worte und Meine Verheißungen werden ewig nicht vergehen! Ich werde eure
gerechten Bitten auch niemals unerhört lassen; doch in dieser Zeit braucht das
Reich Gottes Gewalt, und nur die werden es besitzen in der Fülle, die es mit
Gewalt an sich reißen werden. Daher wird dessen volle Erreichung auch sicher
noch gar manchen inneren und äußeren Kampf kosten.
[GEJ.10_110,06] Doch fürchtet euch nicht vor
jenen Feinden, die wohl den Leib des Menschen töten, aber der Seele keinen
Schaden zufügen können; so ihr aber jemanden fürchtet, da fürchtet Gott, der
die arge Seele in die Hölle verstoßen kann!“
[GEJ.10_110,07] Hier trat der Hauptmann vor
und sagte: „O Herr und Meister, da Du nun von der Hölle, von der die Juden
glauben, daß darin die bösen Seelen von den ärgsten Teufeln ewig gemartert
werden, und auch die Heiden solch einen Schreckensort unter dem Namen Orkus,
auch Tartarus, bekennen, – Erwähnung machtest, so sage es uns nun auch für
unser Verständnis mit genügender Helle, was es denn mit der Hölle für eine
Bewandtnis hat, wo sie ist, und wer nach dem Leibestode in diesen Schreckensort
kommt!
[GEJ.10_110,08] Denn so wir nun in höchst
klarer Weise aus Deinem Munde vernommen haben, was für Seligkeiten jene
Menschen zu gewärtigen haben, die nach Deiner Lehre leben und handeln werden,
so meine ich, daß es nicht minder nötig sein dürfte, auch mit dem Schreckenslos
derjenigen etwas näher bekannt zu werden; die auf dieser Welt entschieden und
unverbesserlich Deine Widersacher und Feinde sind, auf daß wir ihnen auch sagen
und zeigen können, wie, wo und was sie dafür jenseits zu erwarten haben, um sie
dadurch möglicherweise leichter von ihrer bösen Verkehrtheit abzuwenden und für
Dein Reich zu gewinnen.“
[GEJ.10_110,09] Sagte Ich: „Mein Freund, du
hast wohl recht, Mich also zu fragen; aber es ist jetzt noch schwer, davon
etwas dir ganz Verständliches zu sagen, weil dein innerster Liebelebensgeist
noch nicht völlig in deine Seele übergegangen ist. Doch so viel, als es dir und
auch den übrigen verständlich sein kann, will Ich dir schon sagen, und so höre
denn, und merke es wohl!
[GEJ.10_110,10] Siehe, wie der Himmel
allenthalben ist, wo es gute und Mir liebe und wohlgefällige Menschen gibt, so
ist auch die Hölle überall, wo es Gottesverächter, Feinde alles Guten und
Wahren, Lügner, Betrüger, arge Diebe, Räuber, Mörder, Geizige, weltehrsüchtige
Herrschgier und arge, lieblose Hurer und Ehebrecher gibt.
[GEJ.10_110,11] Willst du wissen, wie es in
einer solchen Hölle aussieht, so betrachte nur das Gemüt, die arge Liebe und
den bösesten Willen eines solchen Menschen, in dem die Hölle waltet, und du
wirst daraus leicht innewerden, wie es in der Hölle, die eben ein Werk von
derlei Menschen ist, aussieht!
[GEJ.10_110,12] In der Hölle will ein jeder
der Erste, der höchste und unumschränkteste Herrscher und Gebieter sein, die
höchste Gewalt und Macht haben, alles besitzen, und alle sollen ihm gehorchen
und für ihn arbeiten um den schlechtesten Lohn.
[GEJ.10_110,13] Von einer solch einen
bösesten Unsinn und solch eine ärgste Blind- und Torheit erleuchtenden Wahrheit
kann da selbstverständlich noch weniger eine Rede sein denn auf dieser Welt, wo
irgendein herrschsüchtigster Tyrann sich auch nimmerdar durch eine
allerlichteste Wahrheit über sein Unrecht, das er auf die grausamste Weise den
Menschen zugefügt hatte, also wird bekehren lassen, daß er seinen goldnen Thron
verließe und dann hinginge und eine rechte Buße übte, sein Unrecht einsähe und
sein an so vielen Menschen verübtes Unrecht nach Möglichkeit wieder gutzumachen
trachtete.
[GEJ.10_110,14] Versuche du, einen solchen
Wüterich zu bekehren, und du wirst dich nur zu bald überzeugen, wie er dir
begegnen wird!“
111. Kapitel
[GEJ.10_111,01] (Der Herr:) „Wo man aber
selbst mit dem hellsten Lichte der Wahrheit nichts auszurichten vermag, mit was
anderem sollte man derlei Menschen bekehren können, ohne daß man ihren freien
Willen mit der Allmacht gefangennähme, was aber nicht anders geschehen kann,
als daß man solch einem Menschen seine ganz verkehrte böse Eigenliebe völlig
wegnähme. Einem Menschen solche seine Liebe hinwegnehmen aber hieße soviel, als
den ganzen Menschen vollends töten und vernichten, was aber nach der ewigen und
unwandelbaren Ordnung darum nicht angehen kann, weil alles, vom Kleinsten bis
zum Größten – ob nach eurem Menschenverstande gut oder böse – sowenig
vernichtbar ist wie Gott als die urewige Kraft und Macht und Seine Liebe und
Weisheit Selbst, aus der alles sein Dasein hat.
[GEJ.10_111,02] Übergänge vom Unvollkommenen
zum Vollkommenen sind gar wohl möglich, weil Gott dadurch Seinen großen
Gedanken und Ideen – um nach Menschenweise zu reden – eine freie
Selbständigkeit verschaffen will; aber die Übergänge sind keine Vernichtungen,
sondern nur erscheinliche Zerstörungen im Gebiete des äußersten Naturmäßigen.
Nur die materiellen Formen, in denen das geistige Lebenskraftwesen eine
Zeitlang von der allgemeinsten göttlichen Geistwesenheit als gewisserart
abgetrennt und abgeschieden rastend verborgen ist, sind zerstörbar, aber ihr
inneres Wesen nimmerdar.
[GEJ.10_111,03] Und diese äußeren Formen
müssen darum der Erscheinlichkeit nach zerstörbar sein, weil ohne sie eine
geistige Vervollkommnung in Hinsicht auf die freie, individuelle
Selbständigwerdung eines Wesens völlig unmöglich wäre. Denn was anderes wohl
ist für euch als nun auch noch in einer letzten materiellen Form steckende
Menschen die sicht- und wahrnehmbare Kreatur, als Meine durch Meinen Willen für
eine gewisse Zeit dauernd festgehaltenen Gedanken und Ideen, die Ich, so es
nötig ist, ändern kann, wie und wann Ich es nach Meiner Liebe und Weisheit
will?
[GEJ.10_111,04] Ich tue das aber ja nicht etwa
aus einer Art Laune, um Mir dadurch ein gewisses Herrschervergnügen nach
menschlicher Weise zu verschaffen, sondern Ich tue das aus ewiger Notwendigkeit
nach Meiner ewig weisesten Liebeordnung, um Meinen Gedanken und Ideen eine
vollste und freieste und individuell wesenhafte Selbständigkeit zu verschaffen.
Wäre das auf einem andern Wege – den es nicht gibt, noch geben kann, was ihr
nun freilich noch nicht völlig einsehen und begreifen könnt – möglich, so würde
Ich ihn dem, den ihr als langweilig und gewisserart mühsam betrachtet, sicher
vorgezogen haben; aber es ist und bleibt der euch bekannte Weg nur der allein
mögliche und somit auch der allein wahrste und beste, weil durch ihn allein nur
Meine Absichten vollkommen erreicht werden können.
[GEJ.10_111,05] Wenn nun die Menschen auf
dieser Erde sich solche Meine Ordnung nicht wollen gefallen lassen und nach
ihrem Verstand und freien Willen sich eine andere und vermeintlich bessere und
vernünftigere Ordnung schaffen wollen – was gar überhäufig hier- und jenseits
der Fall ist –, so müssen sie es sich selbst zuschreiben, wenn sie dadurch in
einen, statt bessern, nur immer schlimmeren Lebens- und Seinszustand gelangen
und sich am Ende so weit verrennen und verarbeiten, daß ihnen nur auf – leider
– keine andere Weise mehr beizukommen ist als durch die Empfindung aller
erdenklichen Qualzustände, die sie sich selbst bereitet haben; und derartige
Empfindungen dauern dann so lange fort, bis eine Seele in sich zu gehen anfängt
und stets mehr und mehr einsieht, daß sie durch das Sichsträuben gegen Meine
Ordnung sich ihren Zustand ewig nie verbessern, sondern nur verschlimmern muß.
[GEJ.10_111,06] Siehe, du Mein Freund
Pellagius, ein solch freiwillig fortgesetztes Streben wider Meine Ordnung ist denn
auch die eigentliche Hölle mit all ihrem Finstern, Bösen, Argen und sicher
unbeschreibbar Qualvollen!“
112. Kapitel
[GEJ.10_112,01] (Der Herr:) „Betrachte du
abermals einen Menschen auf dieser Welt, der eine ganz kernfeste
Leibesgesundheit besitzt! Weil der Mensch aber eben gar so gesund ist, so
mißbraucht er diese durch allerlei seine Sinne ergötzende unmäßige Genüsse und
unnötige Kraftanstrengungen.
[GEJ.10_112,02] Es kommen wohl recht
erfahrene Menschen zu ihm und sagen: ,Freund, Freund, mißbrauche nicht so sehr
deine Gesundheit, – denn die ist durch eine solche unnatürliche und
unvernünftige Lebensweise bald und leicht dahin; und ist sie einmal dahin, so
bringt sie dir kein Arzt und keine Arznei völlig wieder, und du bleibst dann
ein siecher und sehr leidender Mensch dein Leben lang!‘ – Der gesunde Mensch
aber kehrt sich nicht danach, sondern tut nach wie zuvor.
[GEJ.10_112,03] Nach etlichen Jahren aber
verfällt er in eine recht arge Leibeskrankheit und wird anfangs ganz toll über
diese ihm über alles lästige Krankheit. Er läßt Ärzte kommen, und diesen
gelingt es, ihn wieder zu heilen, wenn auch nicht vollkommen, so doch ganz
erträglich. Die Ärzte sagen ihm aber nach der Heilung ganz ernstlich: ,Freund,
sei nun vernünftig, und verfalle nicht in deine alte Lebensweise, ansonst
verfällst du abermals in eine noch um vieles ärgere Krankheit, denn diese jetzt
war, aus der wir dich mit genauester Not gerettet haben, und es wird dir dann
schwerer zu helfen sein denn diesmal!‘
[GEJ.10_112,04] Der Geheilte beachtet diesen
Rat wohl eine Zeitlang; aber dann wandelt ihn wieder von neuem die Begierde an.
Er fängt wieder an, unordentlich zu leben; und ob er auch schon ganz bedeutende
Mahnungen zum abermaligen starken Krankwerden verspürt, so kehrt er sich
dennoch nicht daran und sündigt fort gegen seine schon ohnehin sehr geschwächte
Natur.
[GEJ.10_112,05] Er verfällt denn auch
notwendig in eine noch ärgere Krankheit und bekommt unsägliche Schmerzen. Die
Ärzte kommen abermals und versuchen ihn zu heilen. Aber diesmal will es ihnen
nicht so bald gelingen, und sie ermahnen ihn zur Geduld; denn da er ihren Rat
nicht befolgt hatte, so muß er es sich nun selbst zuschreiben, daß er durch
seinen alten Leichtsinn in ein viel ärgeres und länger währendes Übel verfallen
ist.
[GEJ.10_112,06] Dieser Mensch muß nun über
ein Jahr hindurch leiden und wird ganz schwach und voll Zagens; aber nach einem
Jahre wird es wiederum etwas besser mit ihm, und er schwört nun bei allem, was
ihm heilig ist, den Rat der Ärzte und auch anderer kluger und erfahrener
Menschen niemals mehr in den Wind zu schlagen.
[GEJ.10_112,07] Ja, diese zweite, sehr
bittere Erfahrung hat den Menschen schon um ein bedeutendes klüger und
behutsamer gemacht, und er kommt wieder zu Kräften. Wie er aber wieder sich
ganz wohl fühlt, so denkt er bei sich: ,Ei, wenn ich ein einziges Mal nur mir
eine alte Freude gönne, so wird mir das doch sicher nichts machen!‘ Er tut das
wohl nur einmal und kommt dabei wohl noch mit heiler Haut davon. Aber weil er
diesmal mit heiler Haut davongekommen ist, so denkt er sich abermals: ,Nun,
weil mir das nichts gemacht hat, so wird es mir ein zweites und drittes Mal
auch sicher nichts machen!‘ Und er sündigt ein zweites, drittes und auch
viertes Mal.
[GEJ.10_112,08] Und siehe, die alte Krankheit
wirft ihn abermals auf etliche Jahre derart ins Bett, daß ihm kein Arzt mehr so
wie das erste und zweite Mal zu helfen vermag.
[GEJ.10_112,09] Nach vier langen Jahren
bittersten Leidens wird es ihm mehr durch die Angewöhnung ans Leiden denn durch
die Arzneien leichter, und er sieht es erst jetzt ein, daß all sein großes
Leiden eine Gnade Gottes war, durch die er von all seinem Leichtsinn ist
insoweit geheilt worden, daß er dadurch doch seine Seele reiner und Gott
wohlgefälliger hat zeihen (heranbilden) können; denn durch die Leiden des
Leibes wird die Seele des Menschen demütiger, geduldiger und ernster und
gewinnt an der Kraft, um der Sinne des Fleisches Meister zu werden.“
113. Kapitel
[GEJ.10_113,01] (Der Herr:) „Und siehe, wie
dieses dir nun gezeigten Menschen Seele durch große Leiden und Schmerzen, die
er durch sein unordentliches Leben sich selbst bereitet hatte, nüchtern,
geduldig, bescheiden, reiner und zum Wirken für ihr inneres Leben kräftiger,
ernster und tiefer in sich eingehender geworden ist, also werden auch die
Seelen im großen Jenseits durch allerlei Leiden, Widerwärtigkeiten und auch
Schmerzen, die sie sich aber nur selbst bereiten, mit der Weile geläutert, und
zwar dadurch, daß sie selbst einen rechten Widerwillen gegen ihr unordentliches
Handeln und Treiben bekommen, es in sich stets tiefer und tiefer zu
verabscheuen beginnen, also ihre Liebe, ihren Willen und also denn auch ihr
Denken und Trachten völlig ändern, in sich als in ihren wahren Lebensgeist
eingehen und so nach und nach wie von Stufe zu Stufe in ein helleres und
glücklicheres Sein übergehen.
[GEJ.10_113,02] Doch im großen Jenseits geht
das schwerer und mühsamer als auf dieser Welt, und es wird bei gar vielen zu
tief wider Meine Ordnung gesunkenen Seelen wohl einer für dich undenkbar langen
Zeitenfolge benötigen, bis sie in sich den Weg in Meine ewige und unwandelbare
Ordnung werden gefunden haben.
[GEJ.10_113,03] Auf dieser Erde hat ein jeder
Mensch einen festen Boden, hat vor sich eine Menge guter und schlechter Wege
und hat um sich allerlei Ratgeber, Führer und Lehrer; er kann sich da bei nur
einigem Prüfen leicht für alles Gute entscheiden und so denn auch seine Liebe
und seinen Willen ändern und also denn in allem seinem Handeln nach Meiner ihm
stets klarer werdenden Ordnung vollkommener und vollkommener werden; aber im
andern Leben hat des Menschen Seele nichts als nur sich selbst und ist die
Schöpferin ihrer Welt, ähnlich wie in einem Traume.
[GEJ.10_113,04] In solch einer Welt kann es
denn auch keine andern Wege geben, als die sich eine Seele aus ihrer Liebe, aus
ihrem Willen und aus ihrer Phantasie gebahnt hat.
[GEJ.10_113,05] Ist ihre Liebe und ihr Wille
nach Meiner Ordnung gut und gerecht, wenn auch nur zum größeren Teil, dann wird
solch eine Seele auch bald nach einigen bitteren Erfahrungen, die sie auf einem
oder dem andern unordentlichen Wege wird gemacht haben, freilich eher und
leichter sich für die ordentlichen Wege entscheiden, auf ihnen
vorwärtsschreiten und also denn auch von ihrem Phantasie- und Traumsein in ein
wahres und reelles Sein übergehen, in welchem ihr alles im stets helleren
Lichte verständlich und begreiflich wird, was ihr früher niemals in den Sinn
hatte kommen können.
[GEJ.10_113,06] Und solch eine schon aus
ihrem eigenen Besseren lauterer gewordene Seele kommt dann freilich bald und
leicht vorwärts. Aber dagegen eine Seele, auf deren aus ihrer unordentlichen
Liebe und aus ihrem ebenso unordentlichen Eigenwillen entsprungenen Traum- und
Argphantasiewelt es oft kaum einen halben Ordnungsweg gibt und geben kann, wird
es dann sicher höchst schwer haben, sich in sich zu entschließen, auf dem kaum
merkbaren halbordentlichen Wege nach langen Zeiten auf nur einen ganz
ordentlichen Weg, der zum wahren Lichte des Lebens führt, sich zu begeben und
auf demselben, mit noch gar manchen Hindernissen kämpfend, in Meine volle
Ordnung emporzukommen.
[GEJ.10_113,07] Wie wird es dann erst einer
Seele in der andern Welt ergehen, die auch nicht einen halben oder viertel Weg
aus Meiner Ordnung hat und so denn auch keinen wird finden können? Siehe, das
ist dann schon die eigentliche Hölle!
[GEJ.10_113,08] Eine solche Seele wird alle
ihre oft zahllos vielen bösen Wege auf ihrer finsteren Traum- und Phantasiewelt
betreten und zur Herrschaft auch über Mich sich emporschwingen wollen.
[GEJ.10_113,09] Da sie dadurch aber nicht nur
nichts erreichen, sondern nur immer mehr und mehr verlieren wird, so wird sie
denn auch stets zorniger, grimmiger und in immer größerer Wut rachgieriger,
aber dabei auch stets finsterer und ohnmächtiger.
[GEJ.10_113,10] Nun denke dir die zahllos
vielen unordentlichsten Argwege in der tollen Phantasiewelt einer solchen
Seele! Wann wird sie diese alle durchgemacht haben, bis sie in sich dahin
gelangen wird, daß sie nur so halbwegs wird zu ahnen anfangen, daß all ihr
Trachten, Streben und Mühen eine eitle Torheit war, und dann in ihr ein
gewisses Sehnen dahin wach und rege wird, in der Folge lieber zu gehorchen, als
über alles selbst zu herrschen?!“
114. Kapitel
[GEJ.10_114,01] (Der Herr:) „Gehe hin zu dem
dir ehedem gezeigten herrschsüchtigsten Tyrannen, in dessen Sinnen, Trachten
und Streben nichts anderes liegt, als die ganze Welt zu erobern, alle andern
Regenten zu seinen niedrigsten Sklaven zu machen und sich von allen Völkern der
Erde als ein über alles gebietender Gott ehren und anbeten zu lassen, sammle
dir ein mächtiges Kriegsheer, überfalle seine Länder, nimm ihm alle seine
Städte und Burgen weg, nimm ihn endlich selbst gefangen, und sage dann zu ihm:
,Siehe, du stolzester und höchst übermütiger Tor von einem Könige, der du die
ganze Welt erobern wolltest und zu Sklaven machen all die andern Herrscher der
Völker, – nun bist du in meiner Gewalt und mußt dich fügen nach meinem Willen!
Ich will aber nicht hart sein gegen dich, sondern ich will dir Gnade für Recht
angedeihen lassen, so du dich in deinem Gemüte selbst demütigst und ein solcher
Mensch wirst, der allen seinen Nebenmenschen wohl will und das an ihnen so
unerhört oft begangene Unrecht gutmachen will. Ich werde dich zwar in mein
Gewahrsam nehmen und dich beobachten nach allen Richtungen deines Sinnens und
Trachtens. Werde ich dich als völlig geändert finden, so wird es in Meiner
Macht und gutem Willen stehen, dich wieder in dein Reich zu führen und dich auf
den wahren Regententhron zu setzen zum Wohle, aber nimmer zum Wehe der Völker,
die unter deiner Tyrannei geschmachtet haben!‘
[GEJ.10_114,02] Und siehe, du Mein Freund
Pellagius, nun weiter! Dein Gefangener wird dir darauf verheißen, alles zu tun,
was du ihm nur immer vorschreiben wirst, weil du ihm dafür sein Reich und
seinen Thron wieder zurückzugeben versprachst. Aber meinst du, daß er sich in
seinem Gemüte deshalb völlig ändern wird? Zum Scheine ja, aber in der Wahrheit
sicher nicht; denn setze du ihn wieder auf den Thron, und all sein Trachten
wird im geheimen dahin gerichtet sein, sich an dir zu rächen. Denn einen
hochmütigsten und stolzesten König also zu demütigen, daß er vom höchsten
Thronglanze tief unter den Bettelstab kommt, heißt aus ihm erst einen ganz
vollendeten Teufel machen, dem dann im Reiche der ewigen Finsternis nahe nimmer
zu helfen ist.
[GEJ.10_114,03] Ein solcher Mensch, ob er nun
ein König oder ein Sklave und ganz vom höchsten Zorn und von der
unversöhnlichsten Rachgier erfüllt ist, ist nicht zu bekehren und zu bessern.
Am besten ist es, derlei Menschen entweder mit aller Geduld zu ertragen und bei
Gelegenheit sie zu ermahnen, gleichwie Ich Selbst das getan habe durch den Mund
Meiner vielen Propheten.
[GEJ.10_114,04] Kehren sie sich – wie gewöhnlich
– nicht daran, so lasse man einige sehr empfindliche Züchtigungen über sie
kommen, bei denen ihnen zum wenigsten halb einleuchtend wird, daß sie daran
selbst die Schuld tragen; ändern sie sich aber dennoch nicht, dann fege man sie
völlig von der Erde hinweg, was aber freilich nur allzeit Mir zukommt, weil nur
Ich es allzeit am klarsten einsehe, wann eines solchen Menschen Greuelmaß voll
ist.
[GEJ.10_114,05] So du über dies von Mir über
das Wesen der Hölle Gesagte und Gezeigte recht in dir nachdenkst, so wird es
dir schon klar werden, was die eigentliche Hölle ist, wie beschaffen und wo sie
ist.
[GEJ.10_114,06] Wie der gute und nach dem
Willen Gottes tugendhafte und fromme Mensch den Himmel als das Reich Gottes in
sich trägt unverwüstbar, also trägt auch der entschiedene Gegner der Ordnung
Gottes die Hölle unverwüstbar in sich; denn sie ist ja seine Liebe und sein
unbeugsamer Wille und somit auch sein Leben. – Hast du das nun wohl
verstanden?“
115. Kapitel
[GEJ.10_115,01] Sagte nun Pellagius: „Ja, o
Herr und Meister, wir alle danken dir für dieses Licht, das freilich nicht
geeignet ist, ein besseres Menschenherz heiter zu stimmen. Aber es ist dennoch
auch gut also, daß sich der Böse selbst richtet, verdammt und vom Guten
vollends für immerdar absondert.
[GEJ.10_115,02] Doch so man hier zu solchen
Menschen sichtbar gar mächtige Engelsgeister aus den Himmeln sendete, die ihnen
ihr Unrecht so recht klar zeigten und ihre Sendung auch durch große Zeichen
bestätigten, da sollte es sich ja doch um alles in der Welt handeln, daß sie
nicht in sich gingen und sich bekehrten!“
[GEJ.10_115,03] Sagte Ich: „Ja, du Mein
Freund, es macht deinem Herzen eine große Ehre, daß du also denkst; doch der
Wunsch, den du nun ausgesprochen hast, ist von Mir auf dieser Welt, wie
zuweilen in der andern, schon gar oft ins Werk gesetzt worden und war für die
noch immer Rettbaren auch stets von der besten und oft sehr nachhaltigen
Wirkung, doch für die schon ganz verstockt Argen von gar keiner.
[GEJ.10_115,04] Siehe die Geschichte von
Sodom und Gomorra! Da kamen wahrlich Engel aus den Himmeln zu Lot, – und was
richteten sie aus? Lies, und du wirst es finden! Lies, was zu Noahs Zeiten
geschah! Wer, außer Noah mit den Seinen, kehrte sich daran? Was tat Moses vor
dem Tyrannen Pharao, – und dieser ward nur immer erboster und böser und ließ
nicht nach, Moses und die Israeliten auf das ärgste so lange zu verfolgen, bis
das Meer ihn samt seinem Heere verschlang! Sieh an die Geschichte von Jericho!
Da geschahen unter Josua große Zeichen, und außer einer Hure kehrte sich
niemand daran! Lies dann die Geschichte aller großen und kleinen Propheten und
du wirst es finden, wie wenig sie bei den eigentlichen verstockten Sündern
wider die Ordnung Gottes bewirkt haben!
[GEJ.10_115,05] Lassen wir aber alles das,
was auf dieser Erde die Zeit verschlungen hat, sondern betrachten wir die große
und nie dagewesene Jetztzeit!
[GEJ.10_115,06] Siehe an Meine Jünger! Wer
sind sie? Arme Fischer zumeist! Es sind von Jerusalem wohl auch einige hier,
die Mir nun schon eine geraume Zeit nachfolgen. Wo aber sind die eigentlichen
Großgebieter dieser Stadt, die doch auch Meine Worte vernommen haben, und wo
Ich als der Herr Selbst im Geleite eines der größten Engel aus den Himmeln vor
ihren Augen die größten Zeichen gewirkt habe und der Engel selbst an Meiner
Seite?
[GEJ.10_115,07] Was aber hatte das alles
gewirkt? Siehe, daß sie Mich nun über Hals und Kopf mit der größten Hast
verfolgen und Mich zu töten suchen!
[GEJ.10_115,08] Ich werde am Ende auch noch
das – wie Ich dir das schon angezeigt habe – an Mir, das heißt an diesem Meinem
Leibe geschehen lassen und werde am dritten Tage wieder auferstehen und zu
allen Meinen Freunden kommen und sie trösten und stärken, – und die Verstockten
werden sich dennoch nicht daran kehren, sondern mit gleicher Hast verfolgen
auch Meine Freunde, und das so lange, bis das Maß ihrer Greuel voll wird und
Ich sie von der Erde hinwegfegen werde.
[GEJ.10_115,09] Ich werde aber fürderhin bis
ans Ende der Welt Meine Boten senden aus den Himmeln, auf daß von den argen
Kindern dieser Welt Mein Wort nicht vertilgt und zu sehr verunglimpft werde;
aber auch diese werden um Meines Namens willen verfolgt werden, mehr oder
weniger, bis zur Zeit, da Ich wiederkommen werde wie ein Blitz, der vom
Aufgange bis zum Untergange alles hellst erleuchten wird, was auf Erden ist und
gut oder böse wirkt.
[GEJ.10_115,10] In jener Zeit werde Ich eine
größte Sichtung über den ganzen Erdboden ergehen lassen, und nur die Guten und
Reinen werden erhalten werden.
[GEJ.10_115,11] Aus dem kannst du nun wohl
entnehmen, daß Ich deinem ausgesprochenen Wunsche seit dem Urbeginn der
Menschen stets getreuest nachgekommen bin, jetzt sicher außerordentlich
nachkomme, und also auch bis ans Ende der Zeiten dieser Welt nachkommen werde;
aber der Wille des Menschen wird dennoch stets frei bleiben, und ein jeder
Mensch wird in jeder Zeit die Fleischlebensprobe durchzumachen haben und wird
sich in all den Begierden und Gelüsten des Fleisches möglichst selbst
verleugnen und in allem demütig und geduldig sein müssen, um so Mein Reich in
sich wahrhaft zu pflegen und zu vollenden. Denn ein jeder, der zu Mir wird
kommen wollen, der wird auch so vollkommen sein müssen, wie da Ich Selbst
vollkommen bin; damit er aber das auch werden kann, darum bin Ich Selbst
leibhaftig in diese Welt zu euch gekommen und zeige euch allen den Weg dazu.
[GEJ.10_115,12] Lasset euch denn nicht
betören und verblenden von der Welt, ihrer Materie und von den Gelüsten eures
Fleisches, auf daß in euch nicht wach werde das Gericht der Welt, ihrer Materie
und eures Fleisches und dadurch denn auch die eigentliche Hölle, die der wahre,
zweite Tod der Seele ist.“
116. Kapitel
[GEJ.10_116,01] Diese Meine Worte machten
einen tiefen Eindruck in die Seele der anwesenden Römer, und alle sagten bei
sich: „Ja, ja, Er hat in allen Dingen recht, und wir Menschen sind Sein
vollster Ernst und kein Scherz und Spielzeug Seiner göttlichen Macht!“
[GEJ.10_116,02] Darauf sagte der Hauptmann
wieder zu Mir: „Herr und Meister über alles! Du hast im Verlaufe Deiner
göttlich inhaltschweren Rede auch davon gesprochen, daß mit Dir auch eine
längere Zeit hindurch einer der vollkommensten Engel der Himmel für alle
Menschen sichtbar umhergewandelt sei und habe von Dir treust und wahrst
bezeugt, daß in Dir eben Der in diese Welt zu den Menschen gekommen ist, der
durch den Mund der Propheten schon seit gar langem verheißen war, wie auch wir
Heiden davon seit lange her Kunde hatten. Wäre es denn nun nicht mehr tunlich,
daß Du, o Herr und Meister, auch uns einen Engel aus Deinen Himmeln hierher
beriefest, er uns erscheine und wir ihn sähen?“
[GEJ.10_116,03] Sagte Ich: „O allerdings, –
obwohl die Erscheinung eines Engels euren Glauben an Mich nicht noch fester
machen wird, als er ohnehin schon ist!
[GEJ.10_116,04] Ich brauche solch einen Engel
aber nicht aus irgendeinem fernen Himmel nach deinem Denken hierher zu berufen;
denn wo Ich bin, da ist auch schon der allerhöchste Himmel mit den zahllosen
Engelscharen, die Mich umgeben immerdar.
[GEJ.10_116,05] Ich will denn eure Augen
einige Augenblicke lang auftun, und ihr sollet sehen Meine Umgebung! Und so
denn geschehe Mein Wille!“
[GEJ.10_116,06] Als Ich solches ausgesprochen
hatte, da ersahen alle, wie in weiten Kreisen, wie auf lichten Wolken stehend,
sitzend und kniend, unzählig viele Engel sich befanden, die alle ihre Blicke
nach Mir richteten und Mich lobten und priesen.
[GEJ.10_116,07] Diese Erscheinung betäubte
die Römer, und sie baten Mich, daß Ich vor ihren noch zu unwürdigen Augen die
Himmel wieder verschließen möchte. Und Ich verschloß denn auch sogleich ihre
innere Sehe, und sie sahen denn auch keine Engel auf den lichten Wolken mehr;
aber den Raphael ersahen sie an Meiner Seite in der schon bekannten
Jünglingsgestalt, wie mit Fleisch und Blut angetan.
[GEJ.10_116,08] Und der Hauptmann fragte Mich
voll Staunens über die große Anmut dieses Jünglings, wer er wäre, und woher er
nun so plötzlich gekommen sei.
[GEJ.10_116,09] Sagte Ich: „Das ist
ebenderselbe Engel, der nach Meinem Willen längere Zeit, so es zur höheren
Weckung des Glaubens nötig war, stets um Mich also sichtbar, wie nun, war und
die Menschen belehrte und auch große Zeichen wirkte. So ihr wollt, da könnet
ihr selbst mit ihm wie mit Mir reden.“
[GEJ.10_116,10] Da trat der Hauptmann zu
Raphael hin und fragte ihn, ob er wohl immer um Mich sei, um Mir zu dienen.
[GEJ.10_116,11] Sagte Raphael: „Der Herr
bedarf unseres Dienens nicht; aber dennoch dienen wir Ihm in aller Liebe darin,
daß wir euch Menschen dienen nach Seinem Willen und euch beschützen vor zu argen
Nachstellungen der Hölle.
[GEJ.10_116,12] Je mehr wir im Namen des
Herrn zu tun bekommen, sowohl auf dieser Erde als auch noch auf zahllos vielen
andern Erden im endlosesten Schöpfungsraume, desto glücklicher und seliger sind
wir. Tuet auch ihr desgleichen, und ihr werdet das werden und vermögen, was ich
bin und vermag!“
[GEJ.10_116,13] Darauf sagte der Hauptmann:
„Was du bist, das weiß ich bereits; doch was du vermagst, das weiß ich noch
nicht.“
[GEJ.10_116,14] Sagte der Engel: „Was der
Herr Selbst vermag, das vermag auch ich. Aus mir selbst vermag ich wohl auch
ebensowenig wie du; aber aus dem Willen des Herrn, der mein ganzes Wesen
erfüllt und ausmacht, vermag auch ich alles. Mache auch du des Herrn Willen
völlig zu dem deinen, so wirst auch du das vermögen, was ich vermag!“
[GEJ.10_116,15] Hierauf verschwand Raphael
plötzlich, und der Hauptmann beherzigte tief seine wenigen Worte.
[GEJ.10_116,16] Darauf aber kam ein Bote von
der Herberge und lud uns zum Mittagsmahle, und wir begaben uns denn auch sogleich
in dieselbe, in der das bereitete Mahl unser harrte.
117. Kapitel
[GEJ.10_117,01] Als wir in der Herberge das
ganz wohlbereitete Mittagsmahl zu uns genommen hatten, an dem auch die in der
Herberge zurückgebliebenen andern Heidenpriester teilnahmen, da kamen denn auch
mehrere andere erste Bürger dieser Stadt in die Herberge, die von Mir noch
nichts wußten.
[GEJ.10_117,02] Und einer von ihnen sagte
voll Staunens zum Wirte (ein Bürger): „Weißt du noch nicht, daß die ganze weite
Gegend um unsere Stadt grünend und blühend geworden ist? Sollte das eine
Wirkung des Erdbebens sein, oder haben sich die Götter über diese Gegend
erbarmt infolge der Bitten unserer Priester und unserer ihnen willig
dargebrachten Opfer? Das ist im Ernste kein Scherz, sondern ein vollkommenster
Ernst!“
[GEJ.10_117,03] Sagte der Wirt: „Da bringt
ihr uns keine neue Kunde; denn auch wir wissen sehr darum und sind darob über
alle Maßen froh! Wir wissen aber noch um ein mehreres, denn ihr da wisset.
Gehet hinaus auf meinen Hügel, der gegen Abend außerhalb der Mauer unserer
Stadt liegt, und ihr werdet dort eine neue, überreichliche Wasserquelle finden,
aus der unsere ganze große Stadt mehr als genügend wird mit dem besten Wasser
versehen werden können! Wir werden denn auch so bald, als es tunlich sein wird,
alles aufbieten und das Wasser in die Stadt leiten und damit unsere bereits
schon völlig trocken gewordenen Zisternen füllen und werden an keiner Wassernot
zu leiden haben und werden auch nicht mehr Not haben, unsere Herden in den tiefen
Schluchten und Tälern ihr mageres Futter suchen zu lassen. Gehet nun nur hinaus
und überzeuget euch selbst!“
[GEJ.10_117,04] Als die Bürger das von
unserem Wirte vernommen hatten, da verneigten sie sich vor dem Hauptmanne, den
sie wohl kannten, und begaben sich alle sogleich an die besagte Stelle.
[GEJ.10_117,05] Und als sie die reiche Quelle
alsbald antrafen, da konnten sie sich nicht genug verwundern, und einer, der
noch ziemlich stark auf die heidnischen Götter hielt, sagte: „Höret, da müssen
wir uns vor allem mit den Priestern beraten, und zwar dahin, daß in möglich
kürzester Zeit auf diesem Hügel dem Gott Neptun ein Tempel erbaut werde aus
Dank für seine uns nun erwiesene so große Gnade und Wohltat, und daß zur
größeren Ehre dieses Gottes auch ein eigener Neptunpriester von uns unterhalten
werde, dem wir in der Nähe dieser Quelle denn auch eine stattliche Wohnung
erbauen wollen und werden!“
[GEJ.10_117,06] Sagte ein anderer: „Wir
werden alles tun, was unsere Priester anordnen werden; denn nur sie allein
wissen es, was da zu machen sein wird. Wir wissen das nicht; darum werden wir
nach unsern Kräften das tun, was sie im Namen der Götter anordnen werden.“
[GEJ.10_117,07] Mit dem waren alle
einverstanden, gingen in die Stadt und zeigten das auch vielen andern Bürgern
an. Denn es wußte noch kein Mensch in der ganzen Stadt um dies Wunder, erstens,
weil es ohnehin erst kaum einige Stunden lang bestand, und zweitens, weil der
Punkt der Stadt wegen seiner schon bekanntgegebenen Sterilität durchaus kein
besuchter war.
[GEJ.10_117,08] Als so denn auch die andern
Bürger von dieser Quelle Kunde erhielten, da lief alles, jung und alt, an den
Ort des Wunders und betrachtete es beinahe bis gen Abend hin, und wir blieben
dadurch von den Zudringlichen verschont und konnten dadurch denn auch unbeirrt
leicht und bald nach dem Mittagsmahle Anstalten zur Weiterreise treffen.
[GEJ.10_117,09] Bevor Ich mit Meinen Jüngern
diesen Ort verließ, sagte Ich dem Hauptmanne und auch den Priestern, was die
Bürger an der Quelle miteinander geredet hatten, und daß die Priester nun wohl
wissen würden, was sie zu tun haben werden, auf daß das Heidentum nicht noch
tiefere Wurzeln schlage, als es bei diesen Heiden nun bei dieser Gelegenheit
geschlagen hatte.
[GEJ.10_117,10] Da sagte der Hauptmann: „Das,
o Herr und Meister, werden wir mit Deiner sicher steten Mithilfe wohl zu
verhüten verstehen! In weltlicher Hinsicht bin ich hier allein der Gebieter und
unterstehe allein dem Obersten Kornelius, der gegenwärtig in Kapernaum
residiert, und dem Oberstatthalter Cyrenius, der gewöhnlich zu Tyrus und
zeitweilig auch in Sidon daheim ist.
[GEJ.10_117,11] Da diese meine Vorgesetzten
Dich, o Herr und Meister, auch gar wohl kennen und für Deine heiligste
Lebenssache für uns Menschen im höchsten Grade eingenommen sind und uns daher
im Verbreiten Deiner Lehre nicht hinderlich sein werden, so werden wir denn
auch bei unserer Arbeit zum höchsten Wohle der Menschen auf sehr wenig
Widerstände zu stoßen zu befürchten haben.“
[GEJ.10_117,12] Sagte Ich: „Ohne diese wird
die Arbeit für Mein Reich zwar nicht vor sich gehen; aber so ihr an allerlei
kleine und dann und wann auch größere Übelstände stoßen werdet, da verlieret
den Mut, das Vertrauen auf Mich und den Glauben an Mich nicht, und ihr werdet
nicht vergeblich gearbeitet haben. Denn – wie Ich es euch schon gesagt habe –
in dieser Zeit, in der die Macht der Hölle auf dieser Erde unter den Menschen
übergroß geworden ist, braucht Mein Reich Gewalt und große Mühe, und nur die
werden es zu eigen besitzen, die es mit Gewalt an sich reißen werden.
[GEJ.10_117,13] Es werden demnach auch über
euch noch allerlei Prüfungen und Versuchungen kommen; wenn sie aber kommen
werden, dann denket, daß Ich euch das zum voraus verkündet habe.
[GEJ.10_117,14] Seid dann mutig und kämpfet
weise und stets mit aller Liebe gegen das Heranstürmen der Welt in euch und
auch außer euch, und ihr werdet mit Meiner steten Hilfe für eure Arbeit des
Himmels goldene Früchte im reichlichsten Maße ernten, und eure Freude darob
wird eine große und unvergängliche sein.
[GEJ.10_117,15] Ein jeder tüchtige Arbeiter
ist auch seines Lohnes wert, und je schwerer und mühevoller die Arbeit ist,
eines desto größeren und ausgezeichneteren Lohnes ist auch der Arbeiter wert, –
was ihr wohl einsehet. Doch wer nicht mehr arbeiten will, weil ihm die Mühe zu
groß dünkt, der hat auch keinen Lohn zu gewärtigen und soll denn auch nicht
essen, sondern Hunger leiden.
[GEJ.10_117,16] So aber schon der leibliche
Hunger schmerzt, um so schmerzhafter wird dann erst der geistige Hunger sein
für jeden, der schon einmal vom Brote aus den Himmeln gegessen hat, sich aber
dann keine weitere Mühe gab, daß ihm ein großer Vorrat von diesem Brot zuteil
werde und seine Seele dann von dem Vorrate lebe für ewig.
[GEJ.10_117,17] Das wahre Brot und der wahre
Trank aus den Himmeln aber bin Ich in der ewigen Wahrheit alles dessen, was Ich
euch gelehrt habe.
[GEJ.10_117,18] Ihr habt zwar von diesem Brot
und Wein einen großen Vorrat überkommen; sehet aber nun selbst wohl zu, daß er
bei euch keine Verminderung erleide! Um dem kräftig vorzubeugen, seid denn
gleichfort tätig in Meinem Namen! Meine Liebe stärke und Meine Weisheit führe
euch!“
[GEJ.10_117,19] Nach dieser Meiner Rede
erhoben wir uns alle, und alle dankten Mir unter vielen Tränen für die
Belehrungen und für all die andern ihnen erwiesenen Wohltaten.
118. Kapitel
[GEJ.10_118,01] Nach diesen vielen
Dankesbezeigungen fragte Mich der Hauptmann, ob er Mich noch weiterhin in einen
nächsten Ort geleiten dürfe.
[GEJ.10_118,02] Sagte Ich: „Freund Pellagius,
du hast bisher zur Genüge getan, und so auch alle, die mit dir waren; nun wirke
du nur wieder in deinem Bezirk und in deinem Amte, und also auch in dem, in
welchem Ich dich nun bestellt habe!
[GEJ.10_118,03] So du nach Pella zurückkommen
wirst, wirst du auch viel Arbeit finden. Ich aber werde nun mit Meinen Jüngern
allein Meine Reise fortsetzen, und wir werden uns andernorts wohl sicher
zurechtfinden; und so verbleibe du noch ein paar Tage hier und unterstütze diese
Priester bei ihrer anfänglich schweren Arbeit für Mein Reich, – dann aber begib
dich nach Pella!
[GEJ.10_118,04] So aber da bald Fremde und
auch Juden zu euch kommen, da machet nicht zu viel Aufhebens von Meinen Taten,
und machet Mich nicht vor der Zeit unnötigerweise ruchbar!“
[GEJ.10_118,05] Als Ich diese Worte an den
Hauptmann ausgesprochen hatte, da gab Ich den Jüngern einen Wink, die Herberge
zu verlassen und gen Aufgang fortzuziehen und Mich außerhalb der Stadt zu
erwarten.
[GEJ.10_118,06] Darauf nahmen die Jünger, was
sie mit sich hatten, und gingen voraus – bis auf den Johannes, der bei Mir
blieb und dann mit Mir auch den andern Jüngern nachzog.
[GEJ.10_118,07] Ich aber blieb der Veronika
wegen noch eine kurze Zeit von etwa einer Viertelstunde zurück und tröstete
sie, weil sie bei Meiner Abreise voll Traurigkeit geworden war.
[GEJ.10_118,08] Als die Veronika bald
heiteren Mutes geworden war, da verließ denn auch Ich die Herberge und begab
Mich, nur vom Hauptmann und Meinem Jünger Johannes begleitet, den
vorangegangenen Jüngern nach.
[GEJ.10_118,09] An dem Hügel, den wir am
Morgen besuchten, erwarteten sie Mich, und als Ich da ankam, nahm der Hauptmann
von Mir Abschied und begab sich zu den Seinen in die Stadt; wir aber zogen auch
ganz behende vorwärts, und zwar in der Richtung gen Osten in eine andere Stadt,
an deren Namen nicht viel gelegen ist.
[GEJ.10_118,10] Es wird hier mancher fragen,
was Meine Lehre bei den Heiden in Aphek mit der Zeit für eine Wirkung gemacht
habe, und wie und wie lange es herging, bis diese Heiden völlig zum Glauben an
Mich übergingen. Da sei es in möglichster Kürze gesagt, daß schon im Verlaufe
von kaum einem Jahre es in dieser ganzen Stadt und auch in deren ziemlich
weiter Umgebung keinen daselbst hausenden Heiden mehr gab.
[GEJ.10_118,11] Anfangs gab es freilich wohl
bedeutende Gegenbestrebungen; aber weil das Volk von den Priestern und
zeitweilig auch vom Hauptmanne selbst ganz wohl belehrt wurde, so sah es auch
bald und leicht die alten Irrtümer ein und fand sich höchst beglückt in der
Erkenntnis der reinen Wahrheit, und Ich ermangelte sicher nicht, jedem treuen
Bekenner Meiner Lehre durch Wort und Tat Meine Kraft zu erteilen.
[GEJ.10_118,12] Nach Meiner Auferstehung
besuchte Ich auch besonders diese Orte und gab ihnen den vollsten Trost und
eine rechte Kraft, in Meinem Namen zu wirken.
[GEJ.10_118,13] Zur Zeit der großen
Bedrängnis in Jerusalem und in ganz Judäa diente auch die Stadt Aphek den
flüchtigen Juden, die völlig in Meiner Lehre standen, zu einer Zufluchtsstätte,
und alle, die dahin kamen, fanden eine gute Aufnahme.
[GEJ.10_118,14] Der Hauptmann aber stiftete
mit der Zeit selbst eine Gemeinde so ganz ohne ein Weltaufsehen, die später,
als er von Mir heimberufen wurde, auch seinen Namen führte.
[GEJ.10_118,15] Er selbst aber lebte nach
Meiner Auffahrt noch bei dreißig Jahre und ward zum Obersten über alle die zehn
großen Städte ernannt, zwischen denen sich noch eine Menge kleinerer Städte
befanden, die alle zu den zehn Städten gerechnet wurden.
[GEJ.10_118,16] Das ist sonach in aller Kürze
eine Übersicht, und zwar also zu nehmen, wie es sich mit der Zeit mit Meiner
Lehre in diesen Städten und Orten verhielt.
119. Kapitel – Der Herr auf dem Weg nach
Bethsaida. (Kap.119-141)
[GEJ.10_119,01] Und nun wollen wir wieder zu
uns selbst zurückkehren und sehen – aber auch in möglichster Kürze –, wie es
uns über Aphek hinaus erging.
[GEJ.10_119,02] Als wir uns etwa bei zwei
Stunden Weges von der vorbenannten Stadt weit weg befanden, da begegnete uns
eine ganz große Handelskarawane, die aus Damaskus nach den Küstenstädten zog,
um daselbst ihre Waren an den Mann zu bringen.
[GEJ.10_119,03] Als diese Karawane aber
anstatt in der ihr nur zu wohlbekannten wüsten Gegend sich nun in einer ganz
blühend gesegneten befand, da kannte sie sich nicht aus und war der Meinung,
den Weg verfehlt zu haben.
[GEJ.10_119,04] Als wir mit der Karawane
zusammenkamen, da trat der Karawanenführer zu Mir, weil Ich voranging und die
Jünger Mir nachfolgten, und fragte Mich, sagend: „Guter Freund, siehe, wir sind
Handelsleute aus Damaskus und ziehen alljährlich zweimal den Küstenstädten zu,
weil wir daselbst unsere Waren leicht und gut verkaufen können! Wir haben
allzeit unsern Weg über Aphek, Golan, Abila, Pella und Genezareth genommen und
kennen sonach den Weg sicher gar wohl. Bis hierher können wir den Weg unmöglich
verfehlt haben und müßten uns nun schon also in der Nähe der Stadt Aphek
befinden, daß wir sie in ein paar Stunden erreichen müßten. Wir kennen aber die
Wüste, in der sich die alte Stadt befindet; diese hatte hier, wo die Straße
ganz holpericht wird und zwischen diesen schwarzen Basaltfelsen sich
durchzuwinden beginnt, ihren Anfang genommen, und wir wußten dann, daß wir uns
in der Nähe unserer Bleibestation über die Nacht befinden.
[GEJ.10_119,05] Aber da sieh, – hier ist von
einer Wüste keine Spur mehr! Alles ist grün, und am Wege stehen Gruppen von
Fruchtbäumen aller Art, – und vor kaum einem halben Jahre, als wir auch dieses
Weges zogen, sah man kaum hie und da ganz verkümmert irgendein Dorngesträuch!
Wir müssen also unsern schon altbekannten Weg denn doch einmal verfehlt haben
und wissen nun nicht, wo wir uns befinden und wohin wir uns wenden sollen, um
wieder auf den rechten Weg zu gelangen. Ihr aber werdet da sicher ortskundig
sein und die Güte und Freundschaft haben, uns das Rechte zu sagen.“
[GEJ.10_119,06] Sagte Ich: „So ihr diesen Weg
schon gar oft gemacht habt und er bis zu dieser Stelle kein verfehlter war, so
wird er auch von hier weiter noch der rechte sein, indem wir selbst nun auf
diesem Wege gerade von Aphek herkommen!“
[GEJ.10_119,07] Sagte der Karawanenführer:
„Jawohl, jawohl, du guter Freund kannst schon ganz recht haben; denn die Lage
der ganzen Gegend scheint denn doch die uns sehr wohlbekannte zu sein! Aber es
gibt dennoch Gegenden, die sich der Gestaltung nach wie Zwillinge ähneln, aber
dabei doch ganz andere sind, wie man längs des Euphrat derlei Gegenden häufig
antrifft.
[GEJ.10_119,08] Aber ich glaube deiner
Aussage, daß wir uns hier schon auf dem ganz rechten Weg nach Aphek hin
befinden. Was aber haben die Bürger der Stadt getan, daß sie in so kurzer Zeit
die ganz bedeutend große Wüste, in deren Mitte sich die Stadt mit nur wenigen
und kleinen Fruchtgärten befand, in ein so üppiges und blühendes Land
umgestaltet haben? Woher haben sie das sicher sehr fette Erdreich genommen, um
das weithin ganz kahle Gestein zu überkleiden, und mit welchen Mitteln haben
sie es herbeigeschafft?“
[GEJ.10_119,09] Wir kennen die Apheker wohl
und wissen es, daß sie zu solch einer Arbeit bei weitem nicht die
erforderlichen Mittel und ebenso auch nicht die genügenden Arbeitskräfte
besitzen; und so das die Gegend um Aphek ist – daran ich nun nicht mehr
zweifeln will –, so muß es da wahrlich nicht mit natürlichen Dingen zugegangen
sein.
[GEJ.10_119,10] Wären die Apheker irgend
altfromme Juden, wie es deren etwelche noch in Damaskus gibt, so könnte man
sich denken, daß da irgendein großer Prophet, etwa gleich dem Moses oder Elias,
aufgestanden sei, und diese Wüste wunderbar mit Erdreich und darauf mit aller
Art Pflanzen und Fruchtbäumen versehen habe. Aber so sind eben die Apheker ganz
stockfeste Heiden und bekannte Feinde der Juden, und denen hätte ein Moses oder
ein Elias im Namen und in der Kraft Jehovas eine solche Wohltat sicher nicht
erwiesen, sondern hätte ihnen schier nur das getan, was Moses dem verstockten
Pharao angetan hat und Elias den gewissen Götzenpriestern.
[GEJ.10_119,11] Und so ist die Umwandlung
dieser bedeutend großen Gegend ein wahres Rätsel, und wir müssen uns stets mehr
und mehr darüber verwundern. Unser Verstand ist da wahrlich zu kurz und zu
blöde, um das zu bestimmen, was da vor sich gegangen sein muß. Vergib uns, daß
wir euch als auch Reisende über die Gebühr lange an dieser Stelle aufgehalten
haben!
[GEJ.10_119,12] Nur eines erlaube, du lieber
und sehr gefälliger Freund, mir noch, nämlich dir noch mit einer Frage lästig
zu fallen, und diese besteht darin: Habt ihr diese Gegend zuvor niemals
besucht, als sie noch eine vollkommene Wüste war? Denn mir kommt es sonderbar vor,
daß euch nun das ganz und gar nicht zu befremden scheint, daß sie nun ein
fruchtbarstes Land ist.“
120. Kapitel
[GEJ.10_120,01] Sagte Ich: „So ihr bald nach
Aphek kommen werdet, alldort werdet ihr schon das Nähere über die Umwandlung
dieser ehemaligen Wüste in ein fruchtbares Land erfahren. Wir alle wissen wohl
auch sehr klar, wie das vor sich gegangen ist, und kennen den mächtigen Grund
dieser Umgestaltung. Aber der Tag neigt sich für uns und für euch, und es ist
keine Zeit mehr, hier euch das zu enthüllen.
[GEJ.10_120,02] Doch das lasset euch gesagt
sein: Hätte sich Pharao auf die Mahnungen Mosis also von seinem Götzentum
bekehrt, wie sich die Apheker zum reinsten und wahrsten Judentum bekehrt haben,
so hätte er die bekannten Plagen nicht auferlegt bekommen, und alle Wüsten
Ägyptens hätten zu grünen angefangen.
[GEJ.10_120,03] Die Apheker aber haben sich
zu dem einen und allein wahren Gott bekehrt, wovon ihr euch in der großen
Herberge bald überzeugen werdet, und sind sonach als ein alter, verdorrter
Zweig vom Stamme Abrahams wieder vollkommen lebensgrün geworden. Der Gott
Abrahams, Isaaks und Jakobs aber ist noch ganz Derselbe, wie Er war von
Ewigkeit her – und Ihm sind alle Dinge möglich!
[GEJ.10_120,04] Dem es möglich war, die ganze
Erde und alle Kreatur durch Seinen Willen ins Dasein zu rufen, dem wird es wohl
auch möglich sein, eine so kleine Wüste mit fettem Erdreich wohl zu versehen
und mit Pflanzen und allerlei Fruchtbäumen. Da auch ihr Juden seid, so werdet
ihr den Sinn dieser Meiner Worte wohl auch begreifen können?
[GEJ.10_120,05] Freilich ist euer Judentum
auch schon zum meisten Teil ein Welttum geworden, und die Altbegebenheiten, von
denen ihr aus der Schrift noch eine halbe Kunde habt, sind für euch auch in das
Reich der frommen Fabeln verbannt worden; aber dem ist dennoch nicht also, wie
es euch euer Weltverstand eingibt, sondern ganz außerordentlich bedeutend
anders!
[GEJ.10_120,06] In euren pur weltlichen
Dingen, mit denen der innere Geist in keinem Verbande steht, mag auch euer
Weltverstand richten und entscheiden; aber in den göttlichen Dingen richtet und
entscheidet nur ein lebendiger Glaube an Gott und die reine Liebe zu Ihm und
aus der zum Nächsten.“
[GEJ.10_120,07] Sagte der Führer: „Wahrlich,
Freund, du bist auch noch ein echter Altjude, wie es auch bei uns noch einige
wenige gibt; aber trotz ihres festen Glaubens sieht es um unsere große Stadt
dennoch zumeist sehr unfruchtbar aus, und der gute Jehova scheint sich um uns
Damasker nicht besonders zu kümmern!“
[GEJ.10_120,08] Sagte Ich: „Er kümmert sich
um euch gerade also, wie ihr euch um Ihn kümmert!“
[GEJ.10_120,09] Sagte der Führer: „Wir senden
doch alljährlich unsere vorgeschriebenen Opfer nach Jerusalem in den Tempel,
und dieser ist mit uns zufrieden!“
[GEJ.10_120,10] Sagte Ich: „Das tut ihr zwar
wohl und ehret Gott mit euren Lippen und Rindern, aber eure Herzen sind ferne
von Ihm!
[GEJ.10_120,11] Es grünt in euch die wahre,
durch Moses und durch die Propheten verkündete Liebe zu Ihm nicht, und es ist
in euch ebenso wie im Tempel zu Jerusalem sehr wüste und dürre geworden, und so
ist es auch um eure Stadt wüste und dürre, und ihr werdet mit all eurer Hände
Mühe die Wüsten um Damaskus nimmer in völlig fruchtbare Ländereien umgestalten.
Ihr braucht das auch nicht, da ihr mit aller Welt Handel treibt und eure Stadt
mit Brot und allerlei Weltschätzen wohl versehet, euch dadurch aber auch von
Gott stets mehr entfernt, anstatt daß ihr, als wahre Juden, euch Ihm stets mehr
und mehr nähern solltet in eurem Gemüte.
[GEJ.10_120,12] So ihr selbst aber schon so
klug, weise und mächtig geworden seid, für euren Unterhalt bestens zu sorgen,
da hat dann Gott der Herr denn auch wahrlich nicht nötig, Sich um euch irgend
besonders zu kümmern.
[GEJ.10_120,13] Ziehet aber nun nur nach
Aphek; dort werdet vielleicht auch ihr in eurem Gemüte etwas grüner zu werden
anfangen, als ihr es bis jetzt waret, und es wird euch dann eine blühend
gewordene Wüste nicht mehr glauben machen, als hättet ihr den rechten Weg
verloren!
[GEJ.10_120,14] Wer in sich nicht auf dem
rechten Wege ist, der ist auch in dieser Welt nirgends auf dem rechten Wege.“
[GEJ.10_120,15] Als der Führer diese Worte
aus Meinem Munde vernommen hatte, da sagte er: „Vergib es mir, daß ich euch so
lange aufgehalten habe! Aber ich und die ganze große Karawane haben dabei sehr
vieles gewonnen. Du bist ein großer und seltener Schriftgelehrter von echtem
altem Schrot und Korn; wenn du zu uns nach Damaskus kämest, da würde es in und
um die Stadt bald zu grünen und zu blühen anfangen. Aber bei uns sieht es mit
der Schriftgelehrtheit sehr schlecht aus, und darum ist denn auch der Glaube
lau; denn wo es keine rechten Lehrer gibt, da kann es auch keine rechten Jünger
geben. Ich danke dir aber nun im Namen der ganzen Karawane für deine mir
geschenkte Geduld und Mühe; komme einmal zu uns nach Damaskus, und du sollst
von uns bestens aufgenommen werden!“
[GEJ.10_120,16] Sagte Ich: „Ich Selbst in
dieser Person, die nun mit dir redet, werde nach Damaskus schwerlich also, wie
Ich nun da bin, kommen; aber daß von Mir ein rechter Jünger dahin in Kürze
entsendet werden wird, des könnet ihr versichert sein!“
[GEJ.10_120,17] Als Ich dieses zu dem Führer
gesagt hatte, da dankte er nochmals für Meine ihm erwiesene Gefälligkeit. Die
ganze Karawane bewegte sich dann weiter, und Ich zog mit Meinen Jüngern denn
auch schnell weiter.
121. Kapitel
[GEJ.10_121,01] Wir gelangten noch vor dem
Untergange in einen Ort unweit von Bethsaida, in und in der Nähe dieser Stadt
Ich schon früher einmal lehrte und Zeichen wirkte.
[GEJ.10_121,02] Die Bewohner dieses Ortes
waren zumeist Hirten und Fischer; denn alle die nun benannten Orte, die Ich von
Genezareth aus durchzog, befanden sich wie in einem großen Halbkreis mehr oder
weniger in der Nähe des Galiläischen Meeres und längs dem Ausfluß des Jordans
aus demselben.
[GEJ.10_121,03] Allein an der Lage dieser
Städte und auch ihren Namen liegt wenig, sondern alles nur zuallermeist an dem,
was Ich gelehrt, und dann auch an dem, was Ich getan habe, welch letzteres aber
– nota bene – bis zu dieser Zeit freilich zum größten Teil völlig in
Vergessenheit geriet, während so manches, noch von Mund zu Mund sich
fortpflanzend, so entstellt wurde, daß an ihm aber auch nicht ein wahres Jota
mehr kleben blieb, daran aber denn auch wenig oder gar nichts gelegen ist,
denn, wie gesagt, die Haupt- und Lebenssache liegt nur an der treu erhaltenen
Lehre als der Wahrheit aller Wahrheit. –
[GEJ.10_121,04] In dem kleinen Ort, den wir,
wie schon gesagt, noch vor dem Untergange der Sonne erreicht hatten, fanden wir
bei den zumeist ganz armen Bewohnern eine recht freundliche Aufnahme.
[GEJ.10_121,05] Es war allda wohl auch eine
kleine Herberge, in der es aber höchst ärmlich an allem, was eine Herberge
haben sollte, aussah.
[GEJ.10_121,06] Von Brot und Wein war da gar
keine Rede; getrocknete Fische, gewisse Wurzeln, getrocknete Feigen, Kürbisse,
Haselnüsse und Schafskäse war alles, was man da haben konnte.
[GEJ.10_121,07] Der Wirt, ein Grieche, aber
ein ganz guter und geduldiger Mensch, hatte eine ziemlich zahlreiche Familie, darunter
auch drei Söhne, von denen ein jeder über zwanzig Jahre zählte. Diese drei
zogen allwöchentlich zum von diesem Orte schon bei einer kleinen Tagereise
entlegenen Meere Galiläas, fingen da Fische und brachten sie treulich nach
Hause.
[GEJ.10_121,08] Diesmal waren sie denn auch,
um Fische zu bekommen, schon vor zwei Tagen vom Hause abgegangen, aber noch
nicht, wie sonst gewöhnlich, gegen Abend des dritten Tages nach ihrer Abreise
zurückgekehrt, und es waren darum der Wirt, sein Weib und auch die andern
Kinder dieses Wirtes voll Angst und Sorge, daß etwa den dreien etwas Übles
begegnet sei.
[GEJ.10_121,09] Der Wirt klagte Mir auch
gleich seine Not und entschuldigte sich auch in der Hinsicht, daß er uns für
diesen Abend außer mit etwas Käse und Schafs- und Ziegenmilch nichts zu bieten
haben würde, so die drei Söhne nicht mit einer Ladung Fische bald nach Hause
kämen.
122. Kapitel
[GEJ.10_122,01] Da vertröstete Ich den Wirt
und sagte: „Sei darob nicht ängstlich! Deine drei Söhne werden über Bethsaida
in einer kleinen Stunde hier mit einer reichen Ladung eintreffen; denn sie
haben diesmal so viele Fische gefangen, daß sie samt ihren drei Lasttieren
dieselben mit der knappsten Not und Mühe weiterzubefördern imstande sind.
Allein in Bethsaida haben sie bei einem Bekannten zwei Lasttiere entliehen, und
so geht die Weiterbeförderung der vielen und guten Fische nun schon schneller
vorwärts.“
[GEJ.10_122,02] Sagte der Wirt, der am
Judentume hing: „Wollte es der Gott der Juden, daß du die Wahrheit geredet
hättest!“
[GEJ.10_122,03] Sagte Ich: „Freund, wüßte Ich
darum nicht für ganz bestimmt, daß es also ist, so hätte Ich dir das auch nicht
gesagt; denn bei Mir geht die Wahrheit über alles, und von jeglicher Lüge bin
Ich der größte Feind!“
[GEJ.10_122,04] Sagte der Wirt, der sich über
Meine Bestimmtheit zu wundern begann: „Freund, bist du denn ein jüdischer
Seher, daß du um Dinge so ganz bestimmt zu wissen scheinst, von denen du auf
dem natürlichen Wege kaum eine Kunde haben dürftest? Denn ihr kommet über Aphek
hierher, welche Stadt schon ziemlich weit über der Ausmündung des Jordans aus
dem Meere auf den das große Jordantal begrenzenden Bergen liegt; Bethsaida aber
liegt noch an den Bergen, deren gedehnte Ausläufer die Ufer des Meeres selbst
bilden, – und so kannst du selbstverständlich auf dem natürlichen Wege durchaus
nicht wissen, wie es meinen heimkehrenden Söhnen ergeht.
[GEJ.10_122,05] Da du mich aber über ihr
Befinden mit aller Bestimmtheit in Kenntnis setztest, so mußt du ein Seher
sein; weil du aber das bist, so sage mir zu meiner noch größeren Beruhigung,
wie viele Schafe und Ziegen ich besitze!“
[GEJ.10_122,06] Sagte Ich: „Freund, so du
Mich kenntest, da würde Ich zu dir sagen: Es ist nicht fein, daß du Mich zu
versuchen dich getraust! Aber da du Mich bis jetzt noch nicht kennst, so will
Ich dir deine Frage wohl beantworten.
[GEJ.10_122,07] Siehe denn, du besitzest
dreißig Schafe, darunter zwei Männlein und somit achtundzwanzig Weiblein, von
denen dir aber nur vierzehn Milch geben, die andern vierzehn aber nicht; die
Ursache davon ist dir als einem Hauswirt wohl bekannt. Und siehe, gerade also
verhält es sich mit deinen Ziegen! Bist du nun wohl überzeugter, daß Ich es
auch wohl wissen kann, wie sich deine drei Söhne befinden?“
[GEJ.10_122,08] Sagte der Wirt: „Ja, Freund,
nun glaube ich deinen Worten ungezweifelt, und was du mir immer sagen wirst,
das werde ich glauben; denn nun bin ich vollkommenst überzeugt, daß du wahrhaft
ein Seher und somit auch ein Weiser der Juden bist!
[GEJ.10_122,09] Siehe, ich und auch meine
wenigen Nachbarn sind erst vor etwa dreißig Jahren hierher gekommen und haben
uns mit Bewilligung des römischen Gerichts hier angesiedelt, weil dieser alte
Ort gänzlich menschenleer war und somit auch keine Besitzer hatte weit und
breit herum.
[GEJ.10_122,10] Vor etwa fünfzig bis sechzig
Jahren sollen hier noch etliche sehr verarmte Juden gehaust haben; da sie aber
dem harten Boden bis auf einiges Wurzelwerk nichts abgewinnen konnten, so
verließen sie diesen Ort ganz und sollen sich irgendwo am Meere Galiläas
angesiedelt haben. Was da weiter mit ihnen geschah, das wird der Gott der Juden
schier am allerbesten wissen.
[GEJ.10_122,11] Wir aber waren und sind noch
Griechen und kamen von Tyrus, wo wir Fischerei trieben und uns dabei ein
kleines Vermögen erwarben. Wir hätten uns auch gern in einer besseren Gegend
angesiedelt; aber dazu hatten wir zu wenig des dazu erforderlichen Vermögens.
Mit unserem Fleiß haben wir diesen Boden teilweise doch also hergerichtet, daß
er uns nun, wenn auch nur karg, ernährt.
[GEJ.10_122,12] Wir machten in Bethsaida aber
bald Bekanntschaft mit einem alten, sehr weisen Juden, der dabei aber auch ein
sehr wohlhabender Mann war und uns so manche Wohltat erwies.
[GEJ.10_122,13] Dieser Jude erzählte uns, wie
dieses nun so verödete Land einst zu den gesegnetsten gehörte. Aber als die
Juden von ihrem alten und allein wahren Gott nach und nach und stets mehr und
mehr abfielen und Seiner zu vergessen anfingen, da zog Er auch Seine Segnungen
von diesem Boden zurück, ließ große Gewitterstürme kommen, durch welche das
fette Erdreich von diesen Berggegenden hinweggeschwemmt wurde, und was noch
irgend von den Stürmen verschont blieb, das wurde durch oftmalige und
langwierige Kriege verwüstet. Und so ward diese dereinst so übergesegnete Gegend
zu einer förmlichen Wüste und würde als solche auch verbleiben, solange die
Menschen sich nicht vollkommen zu Gott wieder bekehren würden.
[GEJ.10_122,14] Für die Heiden sei da wenig
Gutes zu erwarten; denn ihre Götter, die pure Phantasiebilder der Menschen und
sonst nichts seien, könnten ihnen nicht helfen, und den einen, allein wahren
und allmächtigen Gott der Juden erkennten sie nicht und könnten auch nicht an
Ihn glauben, Seine überweisen Gebote halten und Ihn also volltrauig, wie gute
Kinder ihren Vater, um Seine Hilfe und Gnade bitten. Weil solches bei den
Heiden aber nicht statthaben könne, so könnten sie sich wohl selbst denken, daß
bei ihnen von den außerordentlichen Segnungen keine Rede sein kann.“
123. Kapitel
[GEJ.10_123,01] (Der Wirt): „Als uns der Alte
solche Eröffnungen machte, da fragte ich ihn einmal, also sagend: ,Freund, wir
Griechen, die wir bei euch Juden als gottlose Heiden verschrien sind, halten
nicht so besonders große Dinge auf unsere Götter und haben uns schon in Tyrus
in die Gotteslehre der Juden einweihen lassen und beachten auch nach
Möglichkeit das mosaische Gesetz, mit der alleinigen Ausnahme der etwas
lästigen Beschneidung, in der wir wahrlich wenig wahren Heiles für die Menschen
ersahen!‘
[GEJ.10_123,02] Der Alte sagte darauf denn
auch, daß an der Beschneidung eben nur dann für die geborenen Juden etwas
gelegen sei, wenn sie die Gebote Gottes genau hielten. Für die Heiden aber
genüge vor Gott, wenn sie von ihrem Götzentum abstehen, an den allein wahren
Gott ungezweifelt glauben, Seine zehn Gebote halten, Ihn über alles lieben und
die Nebenmenschen wie sich selbst; Gott verlange von den Heiden keine andern
Opfer als die der wahren Liebe im Herzen.
[GEJ.10_123,03] Als ich und noch einige
meiner Nachbarn solche wahrhaft sehr weise Lehre von dem Alten vernommen
hatten, da beschlossen wir, im Glauben und in der Tat vollkommen Juden zu sein,
aber für die Welt Griechen zu verbleiben, um nicht Untertanen der höchst
eigennützigen, herrschsüchtigen und unbarmherzigen Oberpriester zu werden, die
sich wohl darauf unendlich viel einbilden, daß sie das sind, was zu sein sie
den Juden vorpredigen, – aber so man sie beim rechten Lichte betrachtet, da
stellt es sich nur zu klar heraus, daß sie eben diejenigen sind, welche die
Gebote Gottes durch ihr Tun ordentlich mit Füßen treten.
[GEJ.10_123,04] Und so wirst du, als selbst
ein weiser Jude, uns Griechen sicher nicht unrecht geben, daß wir also sind,
wie ich es dir nun dargestellt habe; ihr brauchet euch vor uns nun freilich
armen Griechen nicht zu scheuen, – denn wir sind auch Juden!“
[GEJ.10_123,05] Sagte Ich: „Daß ihr dem
Glauben und der Tat nach Juden seid, das wußte Ich und bin darum auch zu euch
gekommen, um euch den rechten Trost zu bringen und euren Glauben noch mehr zu
kräftigen.
[GEJ.10_123,06] Aber da ihr schon seit einer
ziemlich geraumen Zeit an den einen, allein wahren Gott der Juden glaubet, Ihn
lobet, ehret und preiset und auch nach Seinen Geboten lebt und handelt, so wird
Gott euch in eurem Haushalte ja auch schon zu öfteren Malen so recht sichtlich
gesegnet haben und hat dadurch euren Glauben sicher belohnt?“
[GEJ.10_123,07] Sagte der Wirt: „Höre, du
lieber und weiser Freund, von irgendwelchen schon von weitem ersichtlichen
Segnungen war bei uns freilich trotz unseres festesten Glaubens noch keine
besondere Rede; aber es tut das auch nichts zur Sache, und unser Glaube an Ihn
ist darum nicht schwächer geworden. Doch sind wir auch nicht ohne Segnung
geblieben; denn wir hatten, wenn auch noch so knapp bemessen, dennoch immer das
Nötige und brauchten nie besonders fühlbar Hunger und Durst zu leiden, nicht
nackt umherzugehen und ohne Wohnung zu sein.
[GEJ.10_123,08] Unsere kleinen Herden blieben
gesund und versahen uns hinreichend mit Milch und Käse, und unsere kleinen
Gärten, die wir freilich wohl recht emsig pflegten, brachten für unsere kleinen
Bedürfnisse mehr denn genügend der Segnungen Gottes zum Vorschein, und es hat
uns noch kein Mißjahr getroffen.
[GEJ.10_123,09] Daß dann und wann vorüberziehende
Stürme uns auch nicht völlig verschont haben, das läßt sich leicht von selbst
denken; doch haben wir dabei nicht gemurrt, denn wir dachten dabei: ,Gott hat
von neuem wieder unsern Glauben, unsere Liebe und Treue und unsere Geduld einer
kleinen Prüfung unterzogen und wird uns den durch einen Sturm verursachten
Schaden durch einen andern Segen ersetzen‘, – was denn auch immer der Fall war,
und auch unsere Gärten erblühten, freilich durch unsern Fleiß, von neuem wieder
und brachten das, was wir benötigten.
[GEJ.10_123,10] Auch muß ich noch das
hinzufügen, daß diese Gegend von besonders starken Gewittern nur höchst selten
heimgesucht wird; und so sie schon dann und wann mehr auf den Höhen losbrechen,
so verspüren wir in diesem unserem Orte davon weniger denn auf den Vollhöhen,
weil eben dieser Ort sich, wie ihr sehet, in einer Vertiefung unseres
Hochlandes befindet.
[GEJ.10_123,11] Und so sind wir mit den
Segnungen unseres lieben Herrn und Gottes denn auch stets zufrieden, und solche
unsere Zufriedenheit ist denn ja auch eine wahre Segnung Gottes. Denn was würde
es uns wohl nützen, alles einem Könige gleich zu besitzen, und Gott würde uns
aber mit einer nagenden Unzufriedenheit, die nur zu bald die Brücke zu allerlei
großen Lastern werden kann, strafen? Würde das unser Glück vermehren?
[GEJ.10_123,12] Und so siehe, du lieber
Freund, wenn es bei uns auch äußerlich noch so armselig und verlassen aussieht
und man meinen könnte, Gott stehe uns mit Seinen Segnungen ferne, so ist dem
aber dennoch nicht also; denn bei uns gelten die inneren und äußerlich selten
sichtbaren Segnungen um gar vieles mehr, als wenn unsere Gegend ein wahres Eden
wäre und uns die gebratenen Wachteln von selbst in den Mund flögen.
[GEJ.10_123,13] Freund, wem Gott die goldne
Zufriedenheit und eine rechte Geduld verleiht, dem hat Er mehr gegeben, als so
Er ihm seines Glaubens und seiner Treue und Tugend wegen ein ganzes Königreich
mit unermeßlichen Schätzen geschenkt hätte!
[GEJ.10_123,14] Wenn du, lieber und sicher
auch sehr weiser Freund, das so recht lebendig betrachtest, so wirst du es auch
einsehen, daß wir nicht ohne Segnungen Gottes dastehen! – Habe ich recht oder
nicht?“
124. Kapitel
[GEJ.10_124,01] Sagte Ich, dem Wirte Meine
Hand darreichend: „Freund, solch einen Glauben und solch einen reinen Sinn habe
Ich in ganz Israel nicht angetroffen; darum aber wird es auch kommen, daß das
Licht den Juden genommen und den Heiden gegeben werden wird.
[GEJ.10_124,02] Du und auch deine Nachbarn
seid schon vollkommen auf dem ganz rechten Wege, und Ich bin darum zu euch
gekommen, um bei und in euch die Segnungen Gottes zu vermehren und euch auch zu
zeigen, daß euer Glaube und eure Treue vor Gott vollkommen gut, wahr und
gerecht war. Doch lassen wir nun das, denn wir werden davon heute und morgen
schon noch weiter sprechen!
[GEJ.10_124,03] Hast du, Mein lieber Freund,
aber von dem noch nicht besonders viel vernommen, daß die Juden den ihnen
verheißenen Messias erwarten, und wann dieser kommen soll?“
[GEJ.10_124,04] Sagte der Wirt: „Mir hat davon
der Alte in Bethsaida vieles aus den Propheten vorgelesen und zur Not auch
erklärt; aber ich meine, daß der verheißene Messias, der nichts weniger als
Gott der Herr Selbst sein werde, zu den Juden, wie sie nun besonders in
Jerusalem und auch in vielen andern Orten daheim sind, deren Herz nicht mehr an
Gott, sondern nur an den Schätzen und Gütern dieser Welt hängt, schwerlich
kommen wird. Und so Er auch käme, da werden sie Ihn doch nicht erkennen; denn
Er wird sicher nicht in weltlicher Pracht kommen, sondern so, wie Er will, daß
alle Menschen auf dieser Welt in aller Demut, Liebe und Geduld einhergehen
sollen, und da werden Ihn die überhochmütigen Juden, und ganz besonders die
hohen Priester, die von Gold und Edelsteinen strotzen, sicher nicht als den rechten
Messias annehmen.
[GEJ.10_124,05] Wir aber haben unsern wahren
Messias schon in unseren Herzen, und die Ihn da nicht haben, die werden wohl
schier vergeblich auf Ihn in ihren mit Gold verbrämten Gewändern warten.“
[GEJ.10_124,06] Sagte Ich: „Da hast du auch
wieder ganz richtig und wahr geurteilt, und es ist das tatsächlich nun also;
doch siehe, dort kommen nun deine drei Söhne mit Fischen schwer belastet! Sende
ihnen ein paar Nachbarn entgegen, daß sie ihnen die Bürde ein wenig
erleichtern!“
[GEJ.10_124,07] Das vernahmen sogleich ein
paar anwesende Nachbarn und eilten den Ankommenden entgegen, und in wenigen
Augenblicken waren sie zur großen Freude des ganzen Ortes da, und alle konnten
sich nicht zur Genüge verwundern über die Menge der Fische und lobten und
priesen Gott den Herrn darum.
[GEJ.10_124,08] Und der Wirt sagte: „Sehet,
wie sichtbar uns nun Gott gesegnet hat; darum Ihm allein alle Ehre!“
[GEJ.10_124,09] Auf diese ganz ergreifende
Szene wurden sogleich die Fische versorgt.
[GEJ.10_124,10] Im ganzen Ort hatte nur der
Wirt einen Quellbrunnen und einen kleinen, aus Stein einst mühsam gehauenen
Teich, der von dem Brunnen sein Wasser erhielt und den kleinen Herden dieses
Ortes zur Tränke diente.
[GEJ.10_124,11] Wenn die Fischer vom
Galiläischen Meere dann und wann noch lebende Fische nach Hause brachten, so
wurden sie in diesen Teich eingesetzt; war aber das besonders in der Sommerzeit
nicht der Fall, so wurden die Fische sogleich aufgemacht, gereinigt, gut
eingesalzen, dann sogleich über einen eigenen Herd zum Trocknen aufgehängt,
indem man auf dem Herd ein mäßiges Feuer anmachte und die ganze Nacht
unterhielt. Denn das Beste bei diesem Orte war, daß sich in seiner Nähe ein
ziemlich wohlerhaltener kleiner Zypressen- und Myrtenwald befand, der dem Ort das
nötige Brennholz lieferte, und so konnten die Bewohner denn auch ihre Fische
und auch anderes Fleisch nach ihrer ganz guten Art trocknen und für eine
längere Zeit zu ihrem Gebrauch aufbewahren.
[GEJ.10_124,12] Doch diesmal war diese Arbeit
nicht nötig, da auch nicht ein Fisch trotz der den ganzen Tag andauernden Reise
tot war, obschon die Fische nicht in den Lägeln, sondern in Säcken nach Hause
geschafft werden mußten.
[GEJ.10_124,13] Darüber fingen denn auch alle
sich hoch zu verwundern an und brachten die Fische in den kleinen Teich, in
welchem sie alsbald ganz munter umherzuschwimmen begannen. Einen kleinen Teil
behielt der Wirt im Hause, um für uns ein Nachtmahl zu bereiten.
[GEJ.10_124,14] Da es abends schon ziemlich
kühl geworden, so begaben wir uns ins Haus des Wirtes, das ein Zimmer hatte, in
dem für uns alle hinreichend Raum war.
125. Kapitel
[GEJ.10_125,01] Als wir uns im Hause, und
zwar in dessen geräumigstem Zimmer, an einem Tische, der von Steinen ganz
zweckmäßig zusammengefügt war, gelagert hatten und der Wirt und einige seiner
Nachbarn neben uns Platz nahmen, da sagte der Wirt zu Mir: „Höre, du wahrlich
um alles ganz wunderbar wissender Freund, deine Weisheit ist von keiner
gewöhnlichen Art, denn dir scheint nichts unbekannt zu sein!
[GEJ.10_125,02] Du bist ein Jude aus Galiläa,
und da wir alle, wie ich schon früher vor dir dargetan habe, in den Schriften
und Lehren der Juden nicht unbewandert sind, so ist irgendwo einmal gesagt, daß
aus Galiläa kein Prophet komme, und dennoch bist du ein gar großer Prophet!
Denn wärest du es nicht, wie wohl hättest du wissen können, daß meine drei
ältesten Söhne, um Fische zu fangen, nach dem überfischreichen Meere Galiläas
ausgezogen sind, und daß sie gen Abend, als heute, mit einem reichen Fange
heimkehren werden?
[GEJ.10_125,03] Und das war alles richtig und
wahr also, wie du es zum voraus angegeben hast; um aber so etwas aller Wahrheit
gemäß angeben zu können, muß man ein großer Seher und Prophet sein, – und du
bist doch ein Galiläer, aus dem Lande, aus dem niemals ein Prophet erstehen
soll! Wie ist demnach dieses zu nehmen und zu verstehen?“
[GEJ.10_125,04] Sagte Ich: „Freund, Ich lebte
wohl die meiste Zeit in Galiläa, doch bin Ich aus Galiläa nicht geboren,
sondern aus Bethlehem und bin am achten Tage nach Meiner Geburt im Tempel zu
Jerusalem beschnitten worden nach der Vorschrift. Aus diesem Grunde könnte Ich
dann wohl ein Prophet sein!
[GEJ.10_125,05] Aber Ich bin dennoch kein
Prophet, sondern eben Derjenige, von dem die Propheten geweissagt haben, daß Er
kommen werde, um zu erlösen alle, die an Ihn glauben werden, von den Banden des
alten Truges, von der Nacht der Sünde, des Gerichtes, der Hölle und ihres
ewigen Todes.
[GEJ.10_125,06] Ich bin also der Herr und Meister
Selbst und kein Diener, bin aber nun doch in dieser Welt, um allen Menschen,
die eines guten Sinnes und Willens sind, mit Meiner Liebe, Weisheit und Macht
zu dienen und ihnen zu geben das ewige Leben; denn wahrlich sage Ich euch:
Alle, die an Mich glauben und völlig nach Meiner Lehre leben und handeln
werden, die werden den Tod nicht sehen, fühlen und schmecken, sondern nach dem
Abfalle ihres Leibes werden sie in einem Augenblick verwandelt werden und bei
Mir im Paradiese sein, und ihrer Seligkeit wird fürder kein Ende sein.
[GEJ.10_125,07] Und so weißt du, Mein Freund,
es nun ganz offen aus Meinem Munde, wen du in Mir in deinem Hause beherbergest!
[GEJ.10_125,08] Die aber mit Mir kamen, sind
Meine Jünger – bis auf einen, der nach der Welt seine Augen richtet, obschon er
wohl weiß und auch fest glaubt, wer Ich bin und was Ich schon alles gelehrt und
getan habe. – Was sagst du nun dazu?“
[GEJ.10_125,09] Sagte der Wirt: „Herr und
Meister, was soll, was könnte ich als ein armer, sündiger Mensch dazu sagen? Du
bist der Herr aller Dinge und unseres Lebens, sei uns armen Sündern denn auch
gnädig und barmherzig!
[GEJ.10_125,10] Da Du uns unbeschnittenen
Juden schon einmal die Gnade erwiesen hast, uns in unserer Einschicht
(Einsamkeit) zu besuchen, so hoffen wir, daß Du mit Deiner Gnade auch bei uns
verbleiben und segnen wirst uns und unsere Kinder!“
[GEJ.10_125,11] Sagte Ich: „Daran sollet ihr
keinen Mangel jemals haben; so ihr bleibet im Glauben an Mich und in der Liebe
zu Mir, so werde Ich auch bleiben mit aller Meiner Gnade bei euch.
[GEJ.10_125,12] Und nun, Meine Freunde, von
etwas anderem, und zwar von eurem Mir nur zu wohlbekannten Dürftigkeitszustand!
[GEJ.10_125,13] Ihr habt weder Brot noch Wein
und bedienet euch anstatt des Brotes eurer Schaf- und Ziegenkäse und eurer
getrockneten Fische.
[GEJ.10_125,14] Ich werde aber euer zumeist
ödes und wüstes Ländlein in ein fruchtbares umwandeln, und ihr werdet in der
Zukunft Gerste, Korn und den schönsten Weizen ernten und euch daraus ein gutes
Brot bereiten können; vorderhand aber sollen eure Speicher mit den
ausgesprochenen drei Getreidearten und eure Speisekammern mehr denn zur Genüge
mit gutem Brot versehen sein.
[GEJ.10_125,15] Also möget ihr an geeigneten
Stellen in der Folge auch Weinreben anpflanzen, und sie werden euch Wein zur
Genüge bringen.
[GEJ.10_125,16] Für jetzt aber füllet ihr
eure leeren Gefäße und Schläuche mit reinem Wasser! Es soll nach Meinem Willen
dasselbe zu Wein werden, und ihr werdet daraus alsogleich erkennen, daß Ich ob
eures Glaubens und eurer rechten Liebe zu Mir mit Meiner Gnade, Liebe und mit
Meinem Segen bei euch bin und auch bei euch verbleiben werde. Denn Ich habe bei
euch einen Glauben angetroffen wie nirgends unter den Juden, wie Ich davon
schon Erwähnung machte, bevor ihr noch wußtet, mit wem ihr es in Mir zu tun
habt. Und nun gehet und tut, was Ich zu euch gesagt habe!“
126. Kapitel
[GEJ.10_126,01] Hierauf erhoben sich der Wirt
und alle die anwesenden Nachbarn, gingen und taten, was Ich ihnen angeraten
hatte. Da sie selbst und alle ihre Angehörigen sogleich die Hände an die Arbeit
legten, so dauerte es auch nicht lange, bis alle ihre leeren Gefäße und
Schläuche mit reinem Wasser vollgefüllt waren. Und als dies der Fall war, da
kosteten sie alsbald das Wasser und wurden darob voll Staunens, als sie
sogleich den besten Wein in den Mund bekamen; und alle priesen Gottes Macht in
Mir.
[GEJ.10_126,02] Es ward also der ganze arme
Ort mit Brot, Getreide, Mehl und Wein bestens versehen.
[GEJ.10_126,03] Nachdem alle den Wein
gekostet hatten, gingen sie in ihre Speicher und in ihre Speisekammern und
fanden eine gerechte Menge Getreide, Mehl und Brot, und der Wirt fand in seinen
Speisekammern auch noch eine gerechte Menge von Hülsenfrüchten, von denen er
selbst ein besonderer Freund war.
[GEJ.10_126,04] Nach einer kleinen Stunde
Zeit kamen alle wieder zu Mir und wollten Mir über Hals und Kopf für alles zu
danken anfangen.
[GEJ.10_126,05] Ich aber sagte ganz
freundlichen Angesichtes: „Lasset das Mir gar nicht angenehme Danken mit dem
Munde; denn euer Herzensdank ist Mir lieber als das Hohelied Salomonis,
gesungen von ganz Israel mit stummem Herzen! Gehet aber nun, und bringet auf
den Tisch Brot und Wein in gerechter Menge, und wir wollen uns stärken!“
[GEJ.10_126,06] Da ging der Wirt mit seinen
drei schon bekannten Söhnen und brachte sogleich eine hinreichende Menge Brot
und Wein, und wir alle aßen und tranken und stärkten unsere von der ziemlich
weiten Reise müde gewordenen Glieder. Auch die drei Söhne, die von der Reise
auch sehr müde und auch hungrig und durstig geworden waren, griffen wacker nach
dem ihnen über alles wohlschmeckenden Brote und ließen sich den Wein auch
wohlschmecken.
[GEJ.10_126,07] Als wir uns aber mit dem Brot
und Wein gestärkt hatten, da kamen auch das Weib und ein paar Töchter des
Wirtes, und das Weib sagte, daß sie bereits eine gerechte Menge Fische nach der
griechischen Art zubereitet habe, und fragte, ob sie dieselben auf den Tisch
bringen dürfe.
[GEJ.10_126,08] Sagte Ich: „Habe keine Scheu
vor uns Juden! Wir haben schon zu mehreren Malen Griechen- und Römerkost zu uns
genommen und sind darob nicht unrein geworden; denn was nach Bedarf und mit
rechtem Ziel und als eine für den Menschen seit alters her anerkannte und
möglichst rein bereitete Speise zum Munde in den Magen hineinkommt, das
verunreinigt den Menschen nicht, doch was zum Munde aus dem Herzen herauskommt,
wie Lästerung, Ehrabschneidung, arger Leumund und allerlei Lüge, unflätige
Reden und allerlei Schelterei, das verunreinigt wohl den ganzen Menschen. Darum
bringe du, Weib, deine nach griechischer Art bereiteten Fische nur ohne Scheu
auf den Tisch, und wir werden sie schon verzehren!“
[GEJ.10_126,09] Darauf begab sich die Wirtin
sogleich in die Küche und brachte mehrere Schüsseln voll Fische auf den Tisch,
und die andern Kinder brachten das nötige Eßgerät, natürlich von ganz einfacher
Art, wie es die armen Bewohner dieses kleinen Ortes haben konnten.
[GEJ.10_126,10] Ich nahm denn auch alsogleich
einen Fisch auf einen tönernen Teller vor Mich hin, zerteilte ihn und verzehrte
ihn. Dasselbe taten auch Meine Altjünger.
[GEJ.10_126,11] Aber die bekannten
Judgriechen aus Jerusalem und die etlichen Johannesjünger, die mit Mir waren,
getrauten sich doch nicht, die Griechenfische zu essen; und es fragte Mich der
Wirt, ob diese denn wohl gar so strenge Mosaisten seien. Sie würden ja doch
schon gar wohl wissen, wer Ich sei!
[GEJ.10_126,12] Sagte Ich: „Das wissen sie
wohl und sind auch gar so strenge Mosaisten nicht; aber es steckt noch so
manche altverrostete Gewohnheit in ihnen, und so essen sie die Fische, so sie
völlig nach griechischer Art bereitet sind, nicht. Doch lassen wir sie nur
recht hungrig werden, und sie werden auch derlei Fische mit großer Gier
verzehren.
[GEJ.10_126,13] Ich bin nun ein wahrer
Bräutigam, und diese sind Meine Bräute und Meine Hochzeitsleute. Solange Ich
bei ihnen bin, haben sie noch nie gefastet und irgend Hunger und Durst
gelitten; wenn aber Ich als der Bräutigam von ihnen werde genommen werden, dann
werden sie auch gar oft fasten müssen und Hunger und Durst zu erleiden
bekommen. Und wenn sie dann zu euch kommen werden, dann werden ihnen eure
Fische gar wohl schmecken.“
127. Kapitel
[GEJ.10_127,01] Als die Johannesjünger und
auch die Jerusalemer solches von Mir vernommen hatten, da griffen sie dennoch
nach den Fischen und aßen sie und fanden, daß sie ganz gut waren; und als sie
die Fische bald völlig verzehrt hatten, da dankten sie Mir für Meine Worte und
sagten auch, daß in ihnen trotz des überschwenglichen Lichtes, das sie von Mir
empfangen hätten, noch so mancher altpharisäische Kot stecke, dessen sie noch
nicht völlig loswerden könnten.
[GEJ.10_127,02] Sagte Ich: „Ihr werdet all
des alten Kotes in euch schon loswerden, wenn Ich bald nicht mehr leiblich unter
euch sein werde. Ihr habt euch an Meine Person schon zu sehr gewöhnt und kennet
Mich, und Ich bin für euch keine so außerordentliche Erscheinung mehr; aber so
Ich nicht mehr in dieser Meiner sicht- und wohlfühlbaren Person unter euch sein
werde, dann werdet ihr voll Traurigkeit werden und auch erst vollkommener
einzusehen anfangen, wer Ich war, bin, und ewig sein werde.
[GEJ.10_127,03] Ich werde in Meiner Person,
doch nur geistig, wohl auch bei euch sein, doch nicht mehr sichtbar euren
Fleischesaugen, sondern nur eurem Herzen durch die rechte und wahre Liebe zu
Mir.“
[GEJ.10_127,04] Diese Meine Worte machten
Meine Jünger tiefsinnig und nachdenkend; aber es getraute sich keiner von
ihnen, Mich um etwas Weiteres mehr zu fragen.
[GEJ.10_127,05] Der Wirt aber, nun schon ganz
begeistert von dem guten Weine, sagte zu Mir: „O Herr und Meister, ich weiß es
gar wohl, daß Du mit dieser Deiner übergeheiligten Person nicht bis ans Ende
unserer diesirdischen Zeit bei uns verbleiben wirst, so wie Du nun auch nicht mit
Deiner Person unsere Speicher mit Getreide, unsere Speisekammern mit Brot, Mehl
und andern Früchten reichlichst angefüllt und also auch das Wasser nicht in
Wein verwandelt hast, sondern allein durch Deine göttliche Willensmacht! Und so
denn fühleten wir uns in unserer noch starken Sündhaftigkeit auch viel zu
unwürdig, Deine Person stets in unserer Mitte zu haben; aber nur mit Deiner
Gnade, mit Deiner Liebe und mit Deinen Segnungen verlaß uns nicht, o Herr und
Meister!
[GEJ.10_127,06] Wir waren Heiden und fingen
an, Dich, den einen und allein wahren Gott, in den Büchern und Schriften der
Juden zu suchen, und fanden bald, daß nur der Gott der Juden der allein
lebendig wahre sein kann.
[GEJ.10_127,07] Wir faßten Vertrauen zu Ihm,
hielten Seine Gebote so gut, als es uns nur immer möglich war, und seht, wir
wurden bald inne, daß der Gott der Juden unser gar fühlbar zu gedenken anfing!
Er gab uns den Sinn, unser Fischergeschäft zu verlassen und uns hier in dieser
Einsamkeit anzusiedeln.
[GEJ.10_127,08] Wir fanden hier sicher keine
Weltreichtümer und kein buntes Menschengetümmel, wie das in den Städten der
Fall ist, in denen nichts als Handel über Handel, Betrug, Lüge und Heuchelei
getrieben wird und die Habsucht alle Menschen von Gott dem alleinigen Herrn
abwendet und man sich Tag und Nacht durcheinander treibt, reibt, betrügt und
verfolgt; aber wir fanden dennoch das, was wir zur Fristung unseres Lebens
bedurften, vor allem aber fanden wir Ruhe des Gemüts und auch eine gute
Gelegenheit, uns mit dem einen, allein wahren Gott der Juden stets vertrauter
zu machen, Seine Gebote gewissenhafter zu halten und unsere Kinder in Seiner
geoffenbarten Ordnung zu erziehen.
[GEJ.10_127,09] Da wir solches taten, so hat
uns Gott denn nun auch persönlich in Dir, o Herr und Meister, heimgesucht und
uns den Lohn für unser besseres Streben überbracht und hat uns alle mehr denn
handgreiflich überzeugt, daß unser Streben kein vergebliches war.
[GEJ.10_127,10] Da Du, o Herr und Meister,
uns aber schon insoweit gnädig warst, daß Du unsere stets größere Sehnsucht
nach Dir befriedigt hast und persönlich zu uns gekommen bist zu einer Zeit, da
wir es wohl nicht erwarten konnten, so hoffen wir alle nun nach Deinem heiligen
Worte mit aller Zuversicht, daß Du uns mit Deiner Gnade, Liebe und Segnung auch
nimmerdar verlassen wirst, da wir Deinen uns wohlbekannten Willen von nun an
sicher noch um gar vieles getreuer beachten werden, als das bisher der Fall war
und sein konnte.
[GEJ.10_127,11] Wir werden freilich auch
trauern, so Du uns sicher in Kürze mit Deiner heiligen Persönlichkeit verlassen
wirst; aber noch mehr müßten wir trauern, so Du uns auch mit Deiner Gnade
verlassen würdest, was Du sicher nicht tun wirst, so wir durch unser Tun und
Handeln und durch unsere Liebe zu Dir und auch zu unseren Nebenmenschen
unverwandt bei Dir verbleiben werden.
[GEJ.10_127,12] Lasse, o Herr, aber nicht zu
große Prüfungen über uns kommen, in denen einer oder der andere von uns schwach
werden könnte im Glauben an Dich und in der Liebe zu Dir! Dein heiliger Wille
bleibe bei uns und wirke in uns allzeit bis an das Ende unserer Tage, und dann
jenseits ewig!“
[GEJ.10_127,13] Sagte Ich: „Oh, wer also, wie
du nun, zu Mir beten wird, nicht nur mit dem Munde, sondern auch im Herzen,
dessen Gebet wird bei Mir auch allzeit die vollste Erhörung finden! – Doch nun
wieder von etwas anderem!“
128. Kapitel
[GEJ.10_128,01] (Der Herr:) „Siehe, du Wirt,
und auch ihr andern Bewohner dieses Ortes, ihr seid nun zwar vollends fest in
Meiner Lehre unterwiesen, da ihr das in euch lebendig einsehet, daß alle
Gesetze und auch alle Propheten in dem enthalten sind, daß der Mensch den
einmal wohlerkannten Gott über alles und seinen Nächsten wie sich selbst lieben
soll! Wer das tut, der erfüllt Meinen allzeit den Menschen geoffenbarten Willen
vollkommen, und es wird dadurch auch Mein Geist in ihm seine Seele erwecken und
in alle Weisheit leiten, wie ihr alle das bald in euch erfahren werdet.
[GEJ.10_128,02] Aber es handelt sich hier
noch um etwas, und das besteht in dem, daß auch alle andern Menschen in dieser
Lehre also unterrichtet werden sollten, um nach ihrem Geiste denken, wollen,
handeln und leben zu können; denn so ein Mensch von einer Lehre nichts kennt,
so kann er sie auch nicht zur Richtschnur seines Denkens, Wollens, Handelns und
Lebens machen.
[GEJ.10_128,03] Es ist aber das eben keine
leichte Sache, Menschen, die sich in allerlei Irrtümern begründet haben, und
jene, die aus den Irrtümern irdische Vorteile zu gewinnen verstehen, zu der
reinsten Wahrheitslehre aus den Himmeln zu bekehren, indem ein jeder Mensch
einen vollkommen freien Willen hat und sonach denn auch allzeit denken,
glauben, wollen, handeln und leben kann, wie er will, und sich dann sicher am
allerschwersten von seinen großen Irrtümern abwendig machen läßt, so ihm diese,
wie schon bemerkt, große irdische Vorteile bieten.
[GEJ.10_128,04] Bedenket aber nun, wie viele
Menschen auf der ganzen Erde nun noch in den größten Irrtümern leben und in der
tiefsten Geistesfinsternis wandeln! Wäre es da denn nicht für jene Menschen,
die nun von Mir aus ins höchste Lebenswahrheitslicht gesetzt worden sind, sehr
zu wünschen, daß so bald als möglich auch alle die in den alten, kaum denkbar
vielen Irrtümern sich befindenden Menschen sich in dem Lichte befinden möchten,
in dem ihr alle euch nun schon befindet?
[GEJ.10_128,05] Ich sehe es in euren Herzen,
daß ihr solchen Wunsch in euch ganz lebendig heget; aber wie das anfangen, um
diesen von Mir vor euch ausgesprochenen und von euch lebendig gefühlten Wunsch
ins Werk zu setzen? Etwa sogleich sich auf den Weg machen und allenthalben
Meine Lehre predigen und also den Menschen Mein Licht aus den Himmeln
überbringen?
[GEJ.10_128,06] Ja, Meine lieben Freunde, das
wäre schon alles recht, wenn sich solch einer Unternehmung, besonders in dieser
Zeit, in der sich die ganze Hölle mit ihrer Macht und ihrem argen Einfluß über
die ganze Erde gelagert hat, nicht zu große Hindernisse in den Weg stellten;
denn fürs erste ist die Erde zu groß, und ein Mensch hätte schon bei tausend
Jahre zu tun, um nur das ganze Asien, Europa und nur einen Teil von Afrika
derart zu durchwandern, daß er an allen Punkten und Orten, wo Menschen leben,
Meine Lehre hinbrächte und die Menschen für sie gewönne.
[GEJ.10_128,07] Doch saget ihr nun in euch:
,Ja, für einen Menschen wäre das sicher völlig unmöglich, so er auch mit keinem
andern Hindernis zu kämpfen hätte als mit der Größe und Weite der Erde; aber
was einem Menschen nicht möglich ist, das kann bei nur diesem einen Hindernis
doch vielen erleuchteten Menschen möglich sein! Man sende sie nach allen
Richtungen aus, und es werden so nicht tausend Jahre erforderlich sein, bis das
Lebenslicht zu allen Menschen gebracht würde!‘
[GEJ.10_128,08] Ich sage es euch, daß ihr
ganz richtig gerechnet habt, so man auf der Erde nur mit diesem Hindernis zu
kämpfen hätte, das an und für sich ein rein natürliches und durchaus kein
höllisches ist.
[GEJ.10_128,09] Aber wie den Hindernissen der
Hölle begegnen, wie die beinahe zahllos vielen Priester, die bei ihren Völkern
und Königen in größtem und gefürchtetstem, nahezu übergöttlichen Ansehen stehen
und durch ihre Zauberkünste und durch ihre Irrlehren sich schon seit gar langer
Zeit unermeßliche Weltreichtümer und dadurch auch eine übergroße Weltmacht
erworben haben, zum Lichte der ewigen Wahrheit aus den Himmeln bekehren?
[GEJ.10_128,10] Seht, das wäre auf dem von
Mir nun des wahren Heiles der Menschen wegen gezeigten, ganz natürlichen Wege
Mir Selbst ebenso unmöglich, wie das jedem von euch selbst bei dem allerbesten
und ernstesten Willen unmöglich wäre!
[GEJ.10_128,11] Mit Meiner Allmacht wirken,
aber hieße alle diese Menschen so gut wie völlig zunichte machen und aus ihnen
Tiere zeihen. Denn die Tiere brauchen für ihr gerichtetes Naturleben keinen
Unterricht, sondern sie handeln alle nach dem Trieb, den Meine Weisheit und
Macht in ihnen nach ihrer Art und Gattung erweckt und aufrechterhält, und sind
darum keiner wahren, aus ihnen hervorgehenden Lebensvervollkommnung fähig; nur
gewisse Haustiere können durch den Verstand und festen Willen des Menschen dahin
über ihren Naturstand gezogen werden, daß sie ihm dann die bekannten, ganz
groben und untergeordnetsten Dienste erweisen können.
[GEJ.10_128,12] So Ich nun alle die in den
tausendmal tausend Irrtümern stehenden Menschen auch also behandeln würde, –
was Unterschieds wäre da hernach wohl zwischen ihnen und den Tieren?
[GEJ.10_128,13] Was sonach tun, um allen
Menschen die Lehre, die Ich nun Selbst von neuem aus Meinen Himmeln zu euch
besseren Menschen brachte, zu verkünden, und das mit der besten Wirkung?
[GEJ.10_128,14] Da heißt es, Zeit und Geduld
niemals außer acht lassen und dabei aber auch stets den festen Willen haben,
bei jeder schicklichen Gelegenheit vor den Menschen, welches Glaubens sie auch
immer sein mögen, Meinen Namen zu bekennen und ihnen Meinen Willen
bekanntzugeben. Denn wer Mich ohne Scheu und Furcht bekennen wird vor den
Menschen, in der Absicht, sie zu erleuchten für ihr ewiges Heil, den werde auch
Ich bekennen im Himmel vor dem Throne des Vaters, welcher da ist die ewige und
reinste Liebe in Mir.
[GEJ.10_128,15] Seht, auf diesem Wege, der
aus dem weiten Morgenland nach den vielen Abendländern führt, ziehen das Jahr
hindurch gar viele Menschen hin und her! Sie haben bei euch wohl nur selten –
außer Wasser – etwas genommen und sind von hier nach Aphek gezogen; so aber nun
auch euer Ländlein durch Meine Segnung euch weit über euren Hausbedarf allerlei
Früchte tragen wird und auch eure Herden zahlreicher werden, dann werdet auch
ihr gar manchen Wanderer ganz wohl beherbergen können! Und so er euch sicher
fragen wird, wie denn diese ihm wohlbekannt so wüste Gegend in eine so blühende
und reiche umgestaltet worden ist, da benutzet die Gelegenheit und zeiget dem
noch blinden Wanderer das Licht der Wahrheit aus den Himmeln, und nennet vor
ihm Meinen Namen!
[GEJ.10_128,16] Und so er euer Licht annehmen
und eures Glaubens werden wird, dann segnet ihn in Meinem Namen, und er wird
dessen alsbald gewärtig werden und wird dann in seinem Lande bald viele seiner Freunde,
Bekannten und Verwandten zu seinem Glauben bekehren und dadurch einen guten
Vorläufer für jene Verkünder Meiner Lehre machen, die Ich zur rechten Zeit
dahin entsenden werde!
[GEJ.10_128,17] Werden Leute aus Bethsaida
und auch andern Orten zu euch kommen und euch fragen, wann und auf welche Art
euer Ländlein so blühend geworden ist, da tuet dasselbe, das Ich euch riet mit
den Fremden zu tun; die da leicht voll Glaubens werden, die segnet denn auch in
Meinem Namen, und sie sollen des Segens innewerden!
[GEJ.10_128,18] Der Segen aber bestehe darin,
daß ihr den gläubig Gewordenen die Hände aufleget und in eurem festen Vertrauen
auf Mich und im lebendigen Glauben an Mich ihnen saget: ,Gott der Herr, der im
Menschensohne Jesus zu uns gekommen ist und durch die Macht Seines Wortes und
Willens bezeugte, daß Er der verheißene Messias ist, sei mit euch und durch Ihn
der Friede den Menschen auf Erden, die an Ihn glauben, Seine Gebote halten und
eines guten Willens sind!‘
[GEJ.10_128,19] So ihr das über die Bekehrten
werdet ausgesprochen haben, so werden sie des Segens von Mir alsbald innewerden
und auch sicher eure wahren Freunde werden, – doch denen, die nur so
halbgläubig geworden sind, tut das erst, so sie mit der Zeit auch voll Glaubens
wurden; denn ein halber Glaube taugt für den Empfang Meines Segens nicht!
[GEJ.10_128,20] Und nun abermals von noch
etwas anderem!“
129. Kapitel
[GEJ.10_129,01] (Der Herr:) „Seht, ein
kleiner Irrtum auch in den Dingen dieser Welt, das heißt dieser Erde, sowie
auch der verschiedenen Gestirne des Himmels, zieht notwendig auch nur zu bald
eine Menge anderer Irrtümer und Falschheiten nach sich!
[GEJ.10_129,02] Wollt ihr selbst nicht wieder
in die alten Irrtümer und in allerlei finsteren Aberglauben der Zeichendeuterei
auf dieser Erde und jener Falschseher verfallen, die der Menschen Geschick aus
den Sternen lesen, so müsset ihr auch der vollen Wahrheit nach wissen, wie die
Erde gestaltlich beschaffen und wie groß sie ist, und wie da entsteht Tag und
Nacht.
[GEJ.10_129,03] Ebenso müsset ihr denn auch
wissen, was der Mond, was die Sonne und was die zahllos vielen andern Sterne
sind! Denn eure Vorstellung von der Erde, von dem, wie da wird Tag und Nacht,
vom Monde, von der Sonne, von den Planeten und von den Fixsternen und ihren Bewegungen,
von den Finsternissen, von den Kometen und noch andern Erscheinungen am Himmel
und in der Luft wie im Wasser ist bisher grundfalsch und ist nicht ein wahres
Jota daran.
[GEJ.10_129,04] Ich will euch denn auch in
diesen natürlichen Dingen ein wahres Licht geben. Aber es geht das ohne gewisse
anschauliche Behelfe freilich nicht gut vonstatten, und so werde Ich für euch
solche Behelfe aus Meiner alles vermögenden Macht nun schon herbeischaffen und
euch dann zeigen die Gestalt der Erde, ihre Bewegung, ebenso den Mond, die
Sonne, die Wandelsterne, ebenso auch die Fixsterne, und wieder also auch die
andern Erscheinungen am Himmel, in der Luft, im Wasser und auf und in der Erde.
Gebet denn nun alle wohl acht auf das, was ihr sehen werdet, und wie euch all die
Dinge erklärt werden!“
[GEJ.10_129,05] Hierauf rief Ich, wie
andernorts schon zu öfteren Malen, einen ganz natürlichen Erdglobus in einer
solchen Größe ins Dasein, daß auf seiner Oberfläche im natürlich wohl nur
kleinsten Maßstabe alles vorkam, was sich als größeres Objekt auf derselben
befindet, und Ich erklärte ihnen alles auf eine ganz kurze und möglichst
leichtfaßliche Weise.
[GEJ.10_129,06] Wie Ich das mit der Erde tat,
also tat Ich es auch mit all den andern Weltkörpern, zeigte das Wesen der
Fixsterne, der Zentralsonnen, nebstbei auch das Wesen der Hülsengloben, und so
denn auch die Kometen und all die andern vorerwähnten Erscheinungen.
[GEJ.10_129,07] Die Erklärung dauerte aber
wohl gut ein paar Stunden über die Mitte der Nacht hinaus, und weil Ich es also
veranstaltete, daß ihr Geist in ihre Seele, soviel es nötig war, übertrat, so
begriffen alle das Erklärte wohl und konnten nicht genug erstaunen über die
endloseste Größe Meiner Weisheit und Meiner Macht.
[GEJ.10_129,08] Und der Wirt sagte nach einer
Weile seines Staunens: „Ja, Du großer Herr und Meister in Deinem Gottgeiste von
Ewigkeit, dieses alles kann nur Der kennen und es uns schwachen Kindern dieser
Erde auch zeigen und erklären, der von all dem der ewige Werkmeister ist und
auch als solcher fortan ewig verbleiben wird! Alles, was wir Dir für diese
Deine uns so wunderbar erwiesene Gnade zum Dank darbringen könnten, wäre ja
noch weniger als vollkommen nichts!
[GEJ.10_129,09] Ja, wenn ich nun meine
vorigen Begriffe von der Erde und von all den Gestirnen am Himmel mit dem nun
Vernommenen vergleiche, so kann ich mich im Grunde auch nur sehr verwundern,
wie es den Menschen möglich war, von all dem sich so grundirrige Begriffe zu
machen! Moses und auch die andern großen Weisen der Juden, die sich Gottes Volk
nannten, mußten nebst vieler andern Weisheit, in der sie von Gott aus stets
wohl unterwiesen waren, ja auch in dem, was Du, o Herr und Meister, uns nun
gezeigt hast, irgendwelche besseren und wahreren Begriffe und Kenntnisse gehabt
haben, und doch findet sich darin eben unter den Juden eine wahrlich nahezu
noch größere Unkunde vor als unter den Römern und Griechen, die in dieser
Sphäre ihre Kenntnisse von den alten Ägyptern nahmen, die darin denn doch so
manches verstanden, obschon sie auch die Sonne für einen Planeten hielten, der
sich um die Erde bewegt.“
130. Kapitel
[GEJ.10_130,01] Sagte Ich: „Freund, die alten
Ägypter wußten um das alles zum größten Teil, und so wußten es auch Moses und
viele andere Weise, und Moses hatte darüber ein großes Buch geschrieben, das
sich bis in die Zeiten der Könige erhielt. Aber dem Priestertum, das nach den
irdischen Gütern jagte, trug solche Kenntnis viel zuwenig ein; daher griff es
nach der ägyptischen Astrologie und prophezeite den blinden Menschen daraus allerlei
Gutes und Schlechtes und ließ sich dafür so gut, als es nur möglich war,
bezahlen.
[GEJ.10_130,02] Daß das, was sie den Menschen
aus den Sternen weissagten, zumeist in Erfüllung ging, dafür wußten sie durch
ihre geheimen Umtriebe schon zu sorgen. Wem sie etwas Gutes prophezeiten, der
zahlte ohnehin gerne mehr, als sie von ihm verlangten, – und wem sie etwas
Schlechtes prophezeiten, der mußte sich dann an die Priester wenden, daß sie
sich für ihn zu Gott wendeten und für ihn Besseres erbäten. Dafür mußte er aber
dann auch die verlangten Opfer bringen, und es waren also die Priester nie im
Nachteil, ob sie jemandem Gutes oder Schlechtes weissagten; das Schlechte aber
kam viel häufiger zum Vorschein als das Gute, weil es ihnen mehr Gewinn abwarf
als das Gute.
[GEJ.10_130,03] Aus dem könnet ihr nun ganz
leicht ersehen, aus welchem Grunde mit der Zeit eben die Priester zumeist die
Naturwahrheiten in Falschheiten und Lügen verwandelten. Denn da dachten sie,
daß daran wenig liege, ob ein Mensch dies oder jenes von den Gestirnen glaube,
denn hinkommen und sich selbst überzeugen, ob die Sachen so oder anders sich
verhalten, wäre ja doch nicht möglich.
[GEJ.10_130,04] Wenn er nur an einen Gott
glaube und Seine Gebote halte, so tue er zur Genüge; was die Gestalt der Erde
betreffe und die Gestirne des Himmels, da sei es ihm besser, so er davon keine
gegründete Wahrheitskunde besitze.
[GEJ.10_130,05] Aber sie bedachten nicht in
ihrer Weltblindheit, wie ein kleiner Irrtum den Menschen nur zu bald und zu
leicht zu einem größeren und aus dem dann auch zu einer großen Menge von
allerlei Irrtümern und Falschheiten verleitet.
[GEJ.10_130,06] Und daß dies nun bei allen
Völkern der Fall ist, das lehrt euch nun eure gute Kunde, die ihr von allen
Seiten her über den blinden Zustand der Menschen besitzet.
[GEJ.10_130,07] So die Menschen einmal über
alle ihnen sichtbaren Dinge dieser Welt eine wahrheitsvolle Kunde haben werden,
dann werden ihnen die gold- und schätzegierigen Priester nicht mehr ihre alten
Dummheiten als glaubbare Wahrheiten darstellen können, und mit der alten und
bösen Priesternacht wird es sein Ende nehmen.“
[GEJ.10_130,08] Sagte der Wirt: „O Herr und
Meister, das sehe ich nun wohl ganz klar ein; aber ich sehe auch die große
Schwierigkeit nicht minder klar ein, die sich von selbst darstellen wird, so
wir einen und den andern in diesen alten Irrtümern begründeten Menschen in
diesen natürlichen Dingen der vollen Wahrheit nach werden zu unterrichten
anfangen. Denn fürs erste werden wir ihm das ohne die geeigneten Mittel, die Du
aus Deiner Gottmacht leicht herbeischaffen konntest, nur sehr schwer und
unvollkommen versinnlichen können, und fürs zweite wird ein jeder Laie uns
fragen, woher wir solche Kunde hätten.
[GEJ.10_130,09] Wir werden da freilich nicht
ermangeln, uns auf Dich zu berufen; aber es wird auch so manches vorausgehen
müssen, bis er das begreifen wird, wer Du bist!
[GEJ.10_130,10] Mit der Zeit werden sich
freilich in Deinem allerheiligsten Namen gar große Dinge bewerkstelligen
lassen; aber in gar zu kurzer Zeit wird sich nicht besonders vieles machen
lassen.
[GEJ.10_130,11] Wohl werden wir alles
mögliche aufbieten und den Menschen die getreueste Kunde geben, was sich hier
alles zugetragen hat, und was wir gesehen und vernommen haben, und wir sind
auch schon zum voraus überzeugt, daß unsere Mühe keine vergebliche sein wird;
doch wird es darunter auch sicher so manche geben, die uns nicht glauben
werden.
[GEJ.10_130,12] Allein, das alles soll uns dennoch
nicht im geringsten beirren, Dich den andern Menschen, woher sie auch zu uns
kommen sollen, als den alleinig wahren Gott, Herrn und Schöpfer Himmels und der
Erde zu verkünden.
[GEJ.10_130,13] Aber nur noch eines, Herr und
Meister! Wolltest Du uns denn nicht so welche bleibenden Behelfe aus Deiner
Macht herbeischaffen, mittels deren wir den andern Menschen das leichter
versinnlichen könnten, wie sich alle die großen Weltdinge der Wahrheit nach
verhalten, über die wir von Dir eine so überhelle Aufklärung erhalten haben?“
[GEJ.10_130,14] Sagte Ich: „O ja, nichts
leichter als das, – doch in der Art nicht, wie Ich sie für euch hergestellt
habe, aber wie aus Ton zum Aufbewahren, und das im freilich noch kleineren
Maßstabe, als Ich es für euch in einer ganz natürlichen Weise dargestellt habe;
das andere muß dann euer Verstand und eure Weisheit hinzufügen.“
131. Kapitel
[GEJ.10_131,01] (Der Herr:) „Gebet aber
allzeit acht, daß nicht irgendwelche Feinde der Wahrheit zu euch kommen als
reißende Wölfe in Schafspelzen und euch unter allerlei Gelöbnissen derlei
Behelfe entleihen und sie euch dann nicht wieder zurückstellen, auf daß eben
das, was ihr die Menschen lehret, nicht zu weit unter die Menschen komme und
den Priestern ihre Wahrsagerei dann nichts mehr eintrüge!
[GEJ.10_131,02] Denn so ihr lehren werdet,
daß Ich der rechte Messias sei, so wird das besonders den Juden in Jerusalem
und auch euren Priestern nicht gar zu besonders viel machen; denn sie werden
sagen: ,Die Heiden mögen glauben, was sie wollen, wir zu Jerusalem aber
bleiben, wie wir sind, und lassen uns von den Heiden nichts vorpredigen!‘
[GEJ.10_131,03] Und eure Priester werden
sagen: ,Das sind noch ganz brauchbare Menschen für uns, die noch ganz lebhaft
an einen oder den andern Gott glauben; denn es ist uns schon ohnehin ein ganzes
Heer von nichts mehr glaubenden Weltweisen über alle unsere Köpfe gewachsen,
und so müssen wir froh sein, noch irgend an eine Gottheit glaubende Menschen
anzutreffen, weil wir sie um gar vieles besser brauchen können als alle die
hochtrabenden Weltweisen, die uns keine Opfer mehr verabfolgen wollen.‘
[GEJ.10_131,04] Aber so ihr die wahre Gestalt
der Erde nebst allen Erscheinungen – die in ihrer Nähe, die auf ihr und auch
weit außer ihr –, ebenso den Mond, die Sonne, die Planeten und die andern
Sterne auf eine sehr begreifliche Weise den Menschen werdet zu erklären
anfangen und die verschiedenen Priester, die nun zumeist von der Wahrsagerei
leben, davon Kunde erhalten werden, so werdet ihr mit ihnen eure Not haben.
[GEJ.10_131,05] Darum seid da vorsichtig, und
unterrichtet in solchen Dingen nur solche Menschen, die voraus schon überfest
im Glauben an Mich und in der Liebe zu Mir geworden sind, und saget ihnen dann
dasselbe, was Ich euch jetzt gesagt habe; und die es beachten werden, die
werden bequemen Weges wandeln.
[GEJ.10_131,06] Ich sage es euch: Bis das,
was Ich nun von den natürlichen Dingen dieser Welt kundgemacht habe, in die
große Menschenmasse übergehen wird, werden mehr denn tausend Erdjahre
verstreichen.
[GEJ.10_131,07] Es hängt zwar von all dem des
Menschen ewiges Leben nicht ab, denn das wird ihm durch seinen Glauben an den
einen allein wahren Gott und durch die treue Erfüllung Seines Willens zuteil, –
doch ist es für den Menschen von großem Nutzen, und das für Seele und Geist, so
er nebstbei auch von all dem alten Aberglauben gereinigt wird und Gott dadurch
immer heller und klarer erkennt und Ihn dadurch auch sicher stets mehr und mehr
lieben wird.“
[GEJ.10_131,08] Auf diese Meine Rede sagten
alle: „Wir können noch so gut und uns völlig richtig dünkend eine Sache
darstellen, – allein Du, o Herr und Meister, hast am Ende doch ganz allein nur
vollkommen recht in allem! Wir sehen es nun schon ganz vollkommen ein, daß es
mit der Verbreitung dieser Naturlehre, weil sie zu sehr in die irdischen
Vorteile der Priester eingreift, seine sehr fraglichen Wege haben wird, und wir
werden uns auch nicht irgend über die Maßen beeilen, sie jedem nächstbesten
Menschen aufzudrängen; aber dennoch bitten wir Dich, uns zu dem Behufe mit den
nötigen Behelfen zu versehen, auf daß wir bei einer guten Gelegenheit auch in
diesem Fache Deinen Namen höchst verherrlichen können.“
[GEJ.10_131,09] Darauf sagte Ich zum Wirte:
„Siehe, du hast in diesem deinem Hause nun wohl nur sehr wenig geeigneten
Raumes, in welchem man derlei Dinge ganz zweckdienlich unterbringen könnte. Es
bleibt Mir demnach auf eure gute Bitte nichts übrig, als deinem Hause eine
solche Räumlichkeit anzufügen, in der die früher besprochenen Erklärungsbehelfe
ordentlich und zweckdienlich untergebracht und zur rechten Zeit von euch in
Meinem Namen gebraucht werden können.
[GEJ.10_131,10] Ich habe denn das nun auch
bereits schon ins Werk gesetzt, und so gehen wir denn nun durch das anstoßende
kleine Gemach, und aus demselben werden wir durch eine offene Tür in das
besagte neue Gemach gelangen, in dem sich schon alles vorfinden wird, was ihr
zu den gewissen Erklärungen benötigen werdet!“
[GEJ.10_131,11] Darauf erhoben sich, bis auf
einige Meiner alten Jünger, die schon voll Schlafes waren, alle, jung und alt,
und gingen mit Mir, anzustaunen das neue Wunder.
[GEJ.10_131,12] Als wir in das gewisserart
astronomische und geologische Gemach kamen, das wohl an vier Male so groß war
als unser Speisezimmer, da war es völlig aus bei den Bewohnern dieses Ortes.
Ich aber zeigte und erklärte dem Wirte die Behelfe, und er begriff alles
sogleich und fand alles im höchsten Grade zweckdienlich.
[GEJ.10_131,13] Unter vielen Lobpreisungen
Meiner Macht, Liebe und Weisheit kehrten wir wieder in unser Gemach zurück, und
der Wirt fragte Mich, ob er Mir irgendein gutes Lager für die paar Stunden der
noch andauernden Nacht bereiten solle.
[GEJ.10_131,14] Sagte Ich: „Lasse du das;
denn Ich bleibe hier am Tische, so wie auch Meine Jünger alle hier am Tische
ruhen! Es fängt der Morgen ohnehin schon zu grauen an, und wir werden keiner
langen Nachtruhe benötigen.“
[GEJ.10_131,15] Damit war der Wirt zufrieden
und setzte sich auch an den Tisch; seine Nachbarn aber begaben sich in ihre
Wohnungen und versuchten einzuschlafen; aber ihre Seelen waren noch zu erregt,
und so sah es bei ihnen mit dem Schlafe schlecht aus.
132. Kapitel
[GEJ.10_132,01] Am Morgen, noch mehr denn
eine Stunde vor dem Aufgange, kamen einige schon vor die Tür unseres Wirtes,
der auch nicht einschlafen konnte – obschon er zu dem Behufe noch einige
Schlucke Weines zu sich genommen hatte –, und als der Wirt seine Nachbarn gar
leicht an ihren Stimmen erkannte, erhob er sich denn auch ganz sachte vom
Tische und ging hinaus, um zu erfahren, was denn seine Nachbarn schon so früh
am Morgen vor seines Hauses Tür machten.
[GEJ.10_132,02] Als er hinauskam, da schlug
er die Hände über dem Kopfe zusammen und sagte (der Wirt): „Aber hört, wo sind
wir denn nun? Mein Haus ist wohl noch das alte; aber die Gegend ist ganz fremd!
Da gibt es kein kahles Gestein mehr, alles ist grün und blühend! Und da oben
auf dem Steinhügel, auf dem noch nie eine noch so elende Distelstaude zum
Vorschein kam, steht ein ganzer Wald voll der üppigsten Fruchtbäume, die in
dieser vorgerückten Herbstzeit dazu noch voll reifer Früchte sind! Ich ginge
nun wahrlich gern hinauf, um mich davon völlig zu überzeugen; aber es ist das
alles ein heiliges Wunderwerk des Herrn, und wir werden erst dann Gebrauch
davon machen, wenn Er an unserer Seite uns von all dem den Gebrauch einräumen
wird.“
[GEJ.10_132,03] Damit waren auch alle seine
Nachbarn unter großer Rührung ihres Gemütes einverstanden.
[GEJ.10_132,04] Sie gingen aber ums Haus
herum, um alle Punkte ihres Ländleins zu besichtigen, und als sie nach den
verschiedenen Richtungen ihres Ländleins ein wahres Eden entdeckten, da konnten
sie vor lauter Lobpreisungen Meines Namens gar nicht zu Ende kommen.
[GEJ.10_132,05] Endlich kam Ich Selbst noch
vor dem vollen Aufgange zu ihnen hinaus, und sie fielen alle auf die Knie und
dankten Mir für solch eine Segnung.
[GEJ.10_132,06] Ich aber beruhigte sie alle
bald und riet ihnen, mit Mir auf den ehemaligen Steinhügel zu gehen und den
Aufgang der Sonne zu betrachten und da sich auch in der großen Natur zu
überzeugen, daß Meine nächtliche Erklärung vollste Wahrheit sei.
[GEJ.10_132,07] Wir bestiegen den Hügel, der,
vom Hause aus gemessen, bei dreihundert Handspannen höher war als der Punkt,
auf dem das Haus stand.
[GEJ.10_132,08] Von diesem ganz freien Hügel genoß
man eine weite Fernsicht besonders gen Osten und konnte auch die Mauern von
Bethsaida noch recht gut ausnehmen. Auch in die Gegend von Aphek konnte man
sehen, doch wegen der ziemlichen Entfernung von etlichen Stunden Weges nicht
viel ausnehmen.
[GEJ.10_132,09] Der Wirt aber betrachtete
zuerst die vielen und pur edlen Fruchtbäume seines Hügels, auf dem wir uns
befanden.
[GEJ.10_132,10] Und als er mit diesem für ihn
seligen Betrachten zu Ende war und die Sonne sich schon sehr dem Aufgange
nahte, da kehrte auch er seine Augen voll Aufmerksamkeit dem Aufgange der Sonne
zu und sagte, als die Sonne über den niederen Horizont emporzusteigen begann:
„Nun sehe ich es klar, daß die große Sonne wahrlich steht und nur die sich von
Westen nach Osten drehende Erde ihre Länder und Orte unter die stillstehende
Sonne hinschiebt!“
[GEJ.10_132,11] Und was der Wirt gewahrte,
das gewahrten auch seine Nachbarn, und alle waren höchst erfreut darob, daß sie
solches auch nun selbst an der großen Natur wahrgenommen hatten.
[GEJ.10_132,12] Als wir so bei einer Stunde
lang die Morgenszene betrachteten, da kamen schon einige Wanderer von Morgen
her auf der Heerstraße, die nach Damaskus und noch weiter bis nach Persien
führte. Diese Wanderer, kleine Kaufleute, die allerlei hölzernes und auch
tönernes Küchengerät auf ihrem Rücken zum Verkaufe herumtrugen, waren aus der
Gegend von Damaskus.
[GEJ.10_132,13] Als sie an unseren kleinen
Ort kamen, den sie wohl kannten, weil sie auch alljährlich zwei bis drei Male
diesen Weg begingen und in den zehn, eigentlich bei sechzig Städten für ihre
Ware, die sie sehr billig zum Verkaufe anboten, sichere Abnehmer fanden, da
blieben sie stehen, und einer fragte den andern, ob dies wohl der Ort wäre, in
dem sie dann und wann auch ein kleines Geschäft gemacht hätten.
[GEJ.10_132,14] Da sie vor kaum einem halben
Jahre sich auch in dieser Gegend befanden, allwann sie noch ganz kahl war, so
begriffen sie nicht, wie diese unbemittelten Einwohner dies ihr zum größten
Teil kahles Ländlein in einer so kurzen Zeit derart zu kultivieren vermochten,
was selbst die reichsten Menschen kaum in zehn Jahren beim größten Fleiß zu
bewirken imstande wären.
[GEJ.10_132,15] Einer von ihnen, der ein Jude
nach altem Schlage war, sagte zu seinen Gefährten: „So diese Gegend dieselbe
ist, als die wir sie kennen, so muß da ein offenbarstes Wunder geschehen sein!
Es steht in einem Propheten, daß dieses Land noch einmal grünen werde, und zwar
zur Zeit der Ankunft des verheißenen Messias. Man hört, daß in Galiläa ein Mann
aus dem Stamme Davids solle erstanden sein und treibe wunderbare Dinge.
[GEJ.10_132,16] Allein, es ist in dieser Zeit
auf derlei Wunderdinge nicht viel zu halten, da wir von allen Seiten von
Wundertätern in großen Massen ordentlich belagert sind. Denn solange nur Juden diese
Länder bis weit über Damaskus hinaus innehatten, da hatten bei ihnen die
fremden Magier keinen Zutritt; aber seit das alles den Römern gehört, da dürfen
sie von allen Seiten hereindringen und ihre Zaubereien ausüben, und mitunter –
wie wir uns schon mehrere Male selbst überzeugt haben – bewirken sie im Ernste
erstaunliche Dinge.
[GEJ.10_132,17] Am Ende sind etwa vor kurzem
auch hier solche Magier durchgezogen und haben diesen armen Menschen eine
außerordentliche Wohltat erwiesen. In Damaskus hatten ja auch vor ein paar
Jahren etliche Magier einem Reichen ein Stück ganz kahlen Feldes in wenigen
Tagen in eine grüne Wiese verwandelt.“
[GEJ.10_132,18] Sagten die andern: „Nun ja,
es mag auch hier etwas Ähnliches vorgefallen sein! So wir wiederkehren werden,
werden wir wohl etwas Näheres erfahren!“
[GEJ.10_132,19] Auf das zogen sie weiter gen
Aphek hin.
[GEJ.10_132,20] Ich aber sagte das dem Wirte,
was diese Leute unter sich geredet hatten, und sagte weiter hinzu: „Wenn diese
in die Nähe von Aphek kommen werden, da werden sie sich noch weniger auskennen
denn hier, wo sie sind; denn um Aphek ist in stundenweitem Umkreise das
geschehen, was hier in eurem Ländlein geschah. Wenn diese Leute wiederkehren
werden, dann werdet ihr leicht mit ihnen zu reden haben; denn sie werden in der
benannten Stadt über ihren Mann aus Galiläa schon diejenigen Aufklärungen
bekommen, daß sie ihn nicht mehr mit den heidnischen Zauberern verwechseln
werden.“
[GEJ.10_132,21] Nachdem kosteten wir mehrere
Früchte auf dem Hügel, die allen vortrefflich schmeckten, und begaben uns
darauf wieder in die Herberge, allwo schon ein wohlbereitetes Morgenmahl auf
uns wartete.
133. Kapitel
[GEJ.10_133,01] Als wir in die Herberge
kamen, da waren alle Jünger auch schon auf den Beinen und baten Mich um
Vergebung, daß sie diesen Morgen verschlafen hatten.
[GEJ.10_133,02] Ich aber sagte: „Seid ruhig,
denn Ich habe es ja also gewollt!“
[GEJ.10_133,03] Darauf wurden alle ruhig,
setzten sich zum Tische und nahmen mit Mir das wohlbereitete Morgenmahl zu
sich. Diesmal schmeckten allen der Griechen Fische.
[GEJ.10_133,04] Nach dem Morgenmahle aber
sagte Ich zu den Jüngern: „Nur einmal im Anfange Meines Lehramtes habe Ich euch
ausgesandt vor Mir hin, daß ihr ausginget, um in manchen Orten und Städten den
Menschen von Mir und Meinem Reiche Kunde zu bringen, und erteilte euch die
Macht, durchs Händeauflegen in Meinem Namen die Kranken zu heilen und die
Teufel und bösen Geister, von denen so manche Menschen besessen sind,
auszutreiben; und ihr ginget auf eine kurze Zeit, und ihr wisset, wo und wann
Ich euch wieder zu Mir brachte. Und sehet, jene Voraussendung war von
nachhaltig guter Wirkung.
[GEJ.10_133,05] Wir befinden uns nun in der
großen Landschaft Hauran, die beinahe vom Ursprung des Jordans bis zu dessen
Mündung ins Tote Meer das sehr gebirgige östliche Ufer bildet. In dieser einst
über alle Maßen gesegneten Landschaft liegen die zehn großen Städte, von denen
wir nun in einer kurzen Zeit einige mit der besten Wirkung durchgemacht
(bearbeitet) haben.
[GEJ.10_133,06] Aber es gibt noch viele, die
wir zu durchwandern haben; denn von den zehn Großstädten haben wir erst drei –
als Pella, Abila und Golan – besucht (denn Aphek gehört zu den Kleinstädten),
und es bleiben uns demnach noch sieben Großstädte und eine große Menge
Kleinstädte und andere Orte übrig, und Meine Zeit geht ihrem Ende zu.
[GEJ.10_133,07] Ich habe aber nun bei gut
zweieinhalb Jahre nahe ganz allein ohne Ruhe und Rast gearbeitet und will nun
hier in diesem Meinem Lieblingsorte eine Rast von sieben Tagen nehmen.
[GEJ.10_133,08] Johannes, Jakobus der Größere
und Matthäus, unser Schreiber, sollen bei Mir verbleiben; ihr andern aber teilt
euch in zwei Gruppen! Die eine ziehe nach Hippos, einer Kleinstadt – nicht
ferner von Aphek gelegen denn dieser kleine Ort –, und die zweite begebe sich
nach Edrei, auch mehr eine Klein- denn Großstadt, die von hier zwischen Morgen
und Mittag liegt und in etlichen Stunden leicht erreicht werden kann!
[GEJ.10_133,09] In diesen beiden Städten
werdet ihr zuallermeist nur Griechen und auch Römer antreffen. In jeder dieser
Städte gibt es mehrere Herbergen; in welcher man euch aufnehmen wird, in der
bleibet auch, und was man euch aufsetzen wird auf den Tisch, das esset und
trinket!
[GEJ.10_133,10] So ihr recht in Meinem Namen
handeln werdet, so werdet ihr allenthalben wohl aufgenommen sein. Wo ihr aber
in einer Herberge einkehret, da saget: ,Der Friede sei mit euch! Wir sind
gekommen, euch das große Lebenslicht aus den Himmeln des einen, allein wahren
Gottes zu verkünden und Ihn Selbst euch kennen zu lehren. Die ihr an Ihn
glauben werdet, sollet Seine göttliche Kraft an uns von Ihm Ausgesendeten
erfahren.‘
[GEJ.10_133,11] Wo man euch nach solch einer
Anrede aufnehmen wird, da bleibet und verkündet dem Hause Meinen Namen und
Meine Lehre.
[GEJ.10_133,12] Ihr werdet in den beiden
Städten und auch in etlichen kleinen Nebenorten aber eine Menge Kranker finden;
die heilet, und ihr werdet in Meinem Namen eine reiche Ernte machen! Lasset
euch aber ja von niemand für eure Mühe mit Geld bezahlen; denn solange Ich auf
dieser Erde im Leibe bin, werdet ihr für euer Leben des Geldes nicht bedürfen.
So euch aber jemand aus purer Liebe etwas darreichen würde, das möget ihr wohl
annehmen, so es auch Geld wäre; denn es gibt allenthalben Arme, denen ihr es
wiedergeben könnt!
[GEJ.10_133,13] Nach sieben Tagen aber sollet
ihr wieder hier eintreffen, allwann wir dann weiterziehen werden! Ihr wisset
nun, was ihr zu tun habt, und somit könnet ihr euch schon auf den Weg machen!“
134. Kapitel
[GEJ.10_134,01] Als die Jünger solches
vernommen hatten, da sagte zu Mir Simon Juda: „Herr und Meister, da wir uns nun
in zwei Gruppen teilen, soll denn nicht eine jede Gruppe einen Vorsteher
haben?“
[GEJ.10_134,02] Sagte Ich: „Wann hat denn die
reinste Liebe und die vollste und klarste Wahrheit aus den Himmeln eines
Vorstehers benötigt?
[GEJ.10_134,03] Die Liebe, wie die Wahrheit
in ihrer höchsten Reinheit und Vollendung ist ja eben in sich auch alsosehr das
Allerhöchste in sich selbst, daß sich darüber nichts noch Höheres denken und
begreifen läßt!
[GEJ.10_134,04] Ist aber solch eine Liebe und
Wahrheit aus Mir in jedem von euch, die Ich nun in Meinem Namen aussende, – wer
von euch will oder möchte dann seinem Bruder einen Vorsteher abgeben? Wie
willst du dir da eine Vorstehung anmaßen, so du sagst und lebendig glaubst, daß
nur Ich der Herr bin, – alle die andern aber sagen und glauben ganz dasselbe?
Wer von euch will bei solch einer Annahme und bei solch einem Glauben ein
Erster sein?
[GEJ.10_134,05] Wenn ein guter Rechner sagt
und beweist, daß drei ganz gleiche Dinge und wieder ebenso drei ganz gleiche
Dinge sechs solche ganz gleichen Dinge ausmachen, und ein zweiter und dritter,
vierter, hundertster ebenso guter Rechner sagen und beweisen ganz dasselbe, – Frage:
Wer von ihnen soll da wohl der Vorzüglichere sein, und wen von ihnen sollten
die hundert gleich guten Rechner zu einem eitlen Vorsteher über sich erwählen,
und warum?
[GEJ.10_134,06] Siehe, Ich ganz allein bin
der Herr! Ihr alle untereinander aber seid ganz gleiche Brüder, und es soll
keiner mehr noch minder sein; denn eine jede noch so geringe Vorsteherei
erweckt im Gemüte des Vorstehers die satanische Herrschgier und wird denn auch
nur zu bald zum Verderber der reinen Liebe und der lebensvollen Wahrheit aus
ihr, wie es sich gleich im Anfange des Königtums nur zu klar erwiesen hat und
sich nun im Tempel zu Jerusalem mehr und noch klarer erweist.
[GEJ.10_134,07] Wer von euch denn aber schon
durchaus ein Erster Meiner Jünger sein will, der sei ein Letzter und Geringster
von ihnen und sei ihrer aller Knecht und Diener! Denn also besteht die Ordnung
in Meinen Himmeln unter Meinen Engeln!
[GEJ.10_134,08] Wahrlich, Ich sage es euch:
Alle, die sich auf dieser Erde in einem andern Sinne werden zu Vorstehern berufen
lassen, werden jenseits einen schweren Stand überkommen! Denn die schwerste
Lebensaufgabe für einen Hochmütigen – was am Ende nahe ein jeder Vorsteher wird
– ist die Demütigung seines Gemütes.
[GEJ.10_134,09] Darum bleibet alle völlig
gleiche Brüder, und keiner wolle vor dem andern einen noch so geringen Vorzug
haben; und alle Menschen werden daraus, daß ihr euch untereinander als wahre,
vollkommen gleichberechtigte Brüder liebt und achtet, ersehen und erkennen, daß
ihr wahrhaft Meine Jünger seid.
[GEJ.10_134,10] So ihr das nun der vollsten
Wahrheit nach begriffen und aufgefaßt habt, so ziehet nun hin und tut nach
Meinem Willen!“
[GEJ.10_134,11] Als die Jünger solchen
Bescheid von Mir vernommen hatten, da dankten sie Mir dafür und begaben sich
sogleich auf den Weg und haben in den sieben Tagen in den benannten Orten viele
Heiden samt ihren Priestern zu Mir bekehrt.
[GEJ.10_134,12] Nur mit dem Judas Ischariot
hatten die nach Edrei Gezogenen einige Anstände wegen seiner unverbesserlichen
Schmutzerei (Geldgier); aber da sich bei der nach Edrei gezogenen Gruppe auch
unser Thomas befand, so ist ihm sein schmutziges Bestreben bald gelegt worden;
und die ganze Aussendung hat gute Früchte getragen.
[GEJ.10_134,13] Was aber habe denn Ich mit
den drei bei Mir gebliebenen Jüngern und mit den Bewohnern dieses kleinen Ortes
die sieben Tage hindurch getan?
[GEJ.10_134,14] Im ganzen nahm Ich hier – wie
schon zum voraus bemerkt – eine Rast für Meines Leibes Glieder, die auch aus
Fleisch und Blut bestanden; aber dennoch vergingen diese sieben Tage nicht gar
so in einer vollen Untätigkeit, wie sich das etwa jemand vorstellen möchte.
135. Kapitel
[GEJ.10_135,01] An diesem Tage, gleich nach
dem Abgang der ausgesandten Jünger, beging Ich mit den drei Jüngern und mit den
Bewohnern dieses Ortes ihr Ländlein, das sie als ihr von den Römern aus
bestimmtes Eigentum ansehen durften und für das sie dem Herodes, der auch hier
ein Pachtkönig über die Juden war, keinen Tribut zu entrichten hatten.
[GEJ.10_135,02] Als wir in ein paar Stunden
Zeit das Ländlein ganz leicht und sehr gemächlich durchwanderten, da sagte zu
Mir der Wirt: „Herr und Meister, siehe, das über die Grenzen dieses unseres
Besitztums weitgedehnte Land, das ganz wüste ist und unseres guten Wissens gar
keine Besitzer Stunden weithin hat, bringt keinem Menschen einen nur
allergeringsten Nutzen! So wir es mit unserem Fleiß mit der Zeit über unsere
Grenzen hinaus kultivierten und benutzten, würden wir dadurch fehlen?“
[GEJ.10_135,03] Sagte Ich: „Nicht im
geringsten! Was ihr durch euren Fleiß kultiviert, das könnet ihr auch benutzen,
und es wird euch deshalb kein Mensch zur Rede stellen. Aber es wird euch das
viel Arbeit und Mühe kosten, und ihr werdet von den kahlen Steinen eine magere
Ernte haben.
[GEJ.10_135,04] Ich werde aber schon noch
etwas tun für euch auch in dieser Hinsicht; doch vorderhand begnüget euch nur
mit dem, was ich für euch gesegnet habe!
[GEJ.10_135,05] Es werden schon in einer
jüngsten Zeit eine Menge Reisende bei euch einkehren und werden euch ganz wohlhabend
machen, und ihr werdet dann dies euer Ländlein recht weit über seine nunmaligen
Grenzen fruchtbar machen können, und eure Nachkommen werden darauf die nötige
Nahrung finden; doch vorderhand denket noch nicht allzusehr daran!“
[GEJ.10_135,06] Mit diesem Bescheid waren
alle zufrieden, und wir begaben uns zu dem schon bekannten kleinen Fischteich,
in dem es von Fischen wimmelte, woran die Bewohner alle eine große Freude
hatten, obschon der Teich nur dem Wirte gehörte; denn obwohl alle Einwohner
dieses Ortes eine Art Kommune bildeten und ein gemeinschaftliches Leben
führten, so waren aber dennoch ihre Gründe nach den Gesetzen Roms abgemarkt,
und ein jeder hatte seinen wohl ausgemessenen Anteil.
[GEJ.10_135,07] Der Fischteich, wie auch der
Brunnen waren im Besitze des Wirtes. Das Wasser war wohl zum Gebrauch für den
ganzen Ort bestimmt, doch der kleine Teich nicht, und so denn auch die Fische
nicht, die er faßte. Freilich hatte sich dieser Teich wohl nur selten eines
Vorrates erfreut, aber diesmal hatte er einen großen Vorrat.
[GEJ.10_135,08] Und Ich sagte darum am
Teiche: „Weil nur durch Meine Macht und Meinen Willen erstens die große Menge
der edlen Fische im Meere Galiläas gefangen, zweitens vollkommen frisch und
gesund in den Säcken hierher gebracht worden sind, und drittens, da sich diese
Fische in diesem Teiche auch gleichfort reichlichst vermehren und gleichfort
erhalten werden und den ganzen Ort reichlich versehen sollen, so soll von nun
an denn auch ein jedes Haus aus diesem Teiche Fische zu nehmen berechtigt sein,
so viele es nach rechtem Ausmaße bedarf. Auf daß aber die Fische mit der Zeit,
so sie sich sehr vermehren werden, auch den gehörigen Raum finden sollen, so
wollen wir diesen Teich im gerechten und entsprechenden Maße vergrößern!“
[GEJ.10_135,09] Als Ich diese Worte noch kaum
ausgesprochen hatte, da hatte der ehemals ganz kleine Teich auch schon die
geziemende Ausdehnung, und alle Einwohner priesen Mich und lobten Gottes Macht
in Mir.
[GEJ.10_135,10] Von dem Teiche kehrten wir
wieder in die Herberge zurück, da es schon über die Mittagszeit geworden war,
und besprachen uns da über gar manche Dinge und Verhältnisse im Leben der
Menschen auf dieser Erde, nahmen bei dieser Gelegenheit auch ein kleines
Mittagsmahl zu uns und begaben uns nach demselben wieder ins Freie, wo es sich
besonders auf dem bekannten Hügel ganz wohl ruhen ließ.
[GEJ.10_135,11] Auf diesem Hügel ruhten wir
bei drei Stunden lang.
[GEJ.10_135,12] Als sich die Sonne dem Untergange
zu nahen begann, da entdeckte der Wirt, daß sich auf dem Wege von Bethsaida her
einige Menschen dem kleinen Orte nahten, alle Augenblicke stehenblieben, die
Gegend betrachteten und sicher nicht wußten, wie sie daran waren. Aber sie
gingen dennoch dem Orte zu und erkannten ihn an den ihnen wohlbekannten
ärmlichen Wohnhäusern. Sie gelangten nun denn vor die Herberge und erkundigten
sich nach dem Wirt.
[GEJ.10_135,13] Als der Wirt das von Mir
vernahm, da fragte er Mich, was er nun tun solle; denn er werde da mit tausend
Fragen belästigt werden, und er wisse nicht, was er ihnen für Antworten geben
solle.
[GEJ.10_135,14] Sagte Ich: „Gehe du nun nur
hinab zu ihnen, und da sie dir wohlbekannte Juden sind, so magst du ihnen schon
sagen, was nun für eine Zeit ist und was nun alles in der Welt geschieht; und
Ich werde dann mit diesen Meinen drei Jüngern ins Haus hinabkommen und mit den
dreien reden!“
136. Kapitel
[GEJ.10_136,01] Als der Wirt dieses von Mir
vernommen hatte, da eilte er mit seinen Nachbarn in sein Haus hinab und
bewillkommte die drei Angekommenen.
[GEJ.10_136,02] Diese überfielen ihn sogleich
mit einer Menge Fragen über den Grund der so erstaunlichen Veränderung dieses
Ortes, und wie er in einer so kurzen Zeit in einen so blühenden Kulturstand
erhoben worden sei.
[GEJ.10_136,03] Und der Wirt sagte: „So ich
euch das allein sagen würde, daß dieser Ort durch ein wahres Gotteswunder in
einen solchen Kulturstand erhoben worden ist, so würdet ihr mir das wohl
schwerlich glauben; aber da stehen alle meine Nachbarn und da meine Kinder und
mein Weib, und alle mögen dafür als Zeugen einstehen! Derlei dürfte sich auf
dieser Erde unter den Menschen wohl überaus selten und in dieser Weise wohl
noch kaum je ereignet haben; aber es war auf dieser Erde auch noch nie eine
solche Zeit, wie diese nun ist, in der der verheißene Messias wahrhaft zu uns
Menschen als Selbst Mensch mit Fleisch und Blut gekommen ist.
[GEJ.10_136,04] Die große Verheißung ist zwar
nur den Juden, aber daneben auch allen Menschen auf der ganzen Erde gegeben
worden, und somit auch uns Heiden, die wir uns nun dennoch im Glauben von euch
Juden schon eine geraume Zeit befinden.
[GEJ.10_136,05] Und seht und hört: Dieser nun
in diese Welt aus den höchsten Himmeln herniedergekommene Messias, der wahrhaft
Gott und Mensch zugleich ist, ist auch zu uns gekommen und hat Sich über unsere
geistige und daneben auch über unsere leibliche Armut erbarmt und hat unsere
Wüste gesegnet und sie in ein fruchtbares Ländlein umgewandelt durch Seinen
allmächtigen Willen.
[GEJ.10_136,06] Also hat Er uns auch mit
allem reichlichst versehen, was der Mensch zur Ernährung und Stärkung seines
Leibes benötigt; dazu hat er uns auch mit dem Wesen unserer Erde, mit den
Erscheinungen in ihr, auf ihrer Oberfläche und in der sie umgebenden Luft und
mit dem gesamten gestirnten Himmel auf das anschaulichste und für den Verstand
begreiflichste vertraut gemacht, und hat uns auf diese Art von all dem alten,
finsteren Aberglauben der Heiden und Juden erlöst.
[GEJ.10_136,07] Doch darüber können wir mit
euch nicht ein Näheres jetzt schon sprechen, weil auch in euch Juden noch eine
zu große Menge des alten Aberglaubens steckt; doch bei einer nächsten
Gelegenheit werden wir mit euch schon auch noch darauf zu sprechen kommen.
[GEJ.10_136,08] Mit dem habe ich euch nun
ganz vollkommenst der Wahrheit getreu kundgetan, auf welche Art diese unsere
kleine Gegend auf einmal so blühend reich geworden ist, und es stehen vor euch
die Zeugen in hinreichender Anzahl; so ihr sie befragen wollt, werden sie euch
dasselbe sagen!“
[GEJ.10_136,09] Sagte einer der Juden, der
ein Ältester und Schriftgelehrter in Bethsaida war und mit dem unser Wirt schon
zu öfteren Malen gesprochen hatte: „Ja, wir müssen euch glauben, daß es sich
mit der Kultivierung eures Ortes und Ländleins also verhält, wie du es uns
soeben kundgemacht hast, weil das auf eine natürliche Weise bei der Sterilität
dieses Bodens wohl nicht denkbar wäre. Denn woher hättet ihr das fruchtbare
Erdreich genommen, um dieses zum größten Teil kahle Steinländlein zu
überdecken, das im ganzen – was euren Anteil betrifft – doch über tausend
Morgen ausmachen wird, und woher hättet ihr die große Menge von allerlei
Fruchtbäumen genommen und sie hier so angepflanzt, daß sie nun also groß und
voller Früchte dastehen, als wären sie schon vor dreißig Jahren hier
angepflanzt worden?
[GEJ.10_136,10] Das ist demnach ein
vollkommenes Gotteswunder, worüber sich kein Zweifel erheben kann, und wir
wollen denn auch glauben, daß der Mensch, der dieses unerhörte Wunder hier für
euch gewirkt hat, ganz sicher entweder der verheißene Messias Selbst oder zum
mindesten ein großer Prophet ist; aber wann war er denn bei euch, und eine wie
lange Zeit brauchte er dazu, um dies euer Ländlein also zu segnen, und wohin
ist er von euch gegangen?“
[GEJ.10_136,11] Sagte der Wirt: „Freunde,
gestern gen Abend hin ist Er mit Seinen Jüngern hier angekommen! Die meisten
Seiner Jünger hat Er vorausgesandt zur Verkündung Seiner Lehre; Er Selbst mit
drei Seiner Jünger aber weilet noch hier und wird noch bei sieben Tage lang
hier verweilen. Mit dem habe ich euch sicher noch mehr kundgegeben, als ihr von
mir habt erfahren wollen.
[GEJ.10_136,12] Er wird sogleich Selbst
erscheinen, und ihr könnet dann mit Ihm Selbst alles Weitere besprechen und
verhandeln!“
137. Kapitel
[GEJ.10_137,01] Als die drei Juden solches
vom Wirte vernommen hatten, da wurden sie ganz verlegen und wußten nicht, was
sie nun darauf sagen und tun sollten, ob bleiben oder weitergehen.
[GEJ.10_137,02] Nach einer kleinen Weile erst
fragte der Älteste den Wirt, der eben beschäftigt war, den dreien Brot und Wein
zu geben: „Wie sieht er denn aus, auf daß wir ihn alsbald, so er kommt,
begrüßen können?“
[GEJ.10_137,03] Sagte der Wirt: „Da nehmet
nun Brot und Wein zu euch, und so Er hier eintreten wird, werdet ihr es nicht
schwer haben, Ihn bald zu erkennen! Haben wir Heiden Ihn gar bald erkannt, so
werdet ihr echte und alte Juden Ihn wohl noch eher zu erkennen vermögen!“
[GEJ.10_137,04] Hierauf nahmen die drei
sogleich Brot und Wein zu sich und fanden beides rein und gar vortrefflich, und
sie fragten den Wirt, woher er Brot und Wein erhalten habe, da sie wohl wüßten,
daß er ihnen zuvor noch nie mit dergleichen habe aufwarten können.
[GEJ.10_137,05] Sagte der Wirt: „Ich habe es
euch ja schon zuvor gesagt, daß uns eben der Messias mit allem auch für den
Leib reichlichst versehen hat. Dem es möglich ist, eine Wüste mit Seinem Willen
erblühen zu lassen, dem wird es wohl auch möglich sein, uns als jene Armen, die
wir uns schon lange nach Ihm sehnten, mit Brot und Wein zu versehen! Ihr
genießet nun ein wahres Brot aus den Himmeln und also auch den Wein, der auch
keine Frucht dieser Erde ist!“
[GEJ.10_137,06] Als die drei Juden auch das
vernommen hatten, da sagte der Älteste: „Moses hat in der Wüste auch von Gott
das Manna für die Israeliten erhalten, und der Fels, an den er mit seinem
Hirtenstabe schlug, gab alsbald ein süßes und reinstes Trinkwasser; doch solch
ein Brot und solch einen Wein bekam Moses nicht aus der Hand Jehovas, und die
Wüste wollte auch nicht grünen in den ganzen vierzig Jahren für Israel und
seine mageren Herden. Da ist demnach offenbar mehr als Moses, Aaron, Josua,
Elias und all die andern Propheten!“
[GEJ.10_137,07] Als der Älteste solches von
sich gab, da trat Ich mit den drei Jüngern denn auch in die Herberge und sagte
zu den dreien: „Der Friede sei mit euch! Lasset euch nicht beirren durch uns,
sondern esset und trinket und stärket euch mit dem Weine; denn solch ein Brot
und solch einen Wein habt ihr in Bethsaida und in Gadara nicht!“
[GEJ.10_137,08] Als Ich solche Worte an die
drei ausgesprochen hatte, da erhoben sie sich sogleich von ihren Sitzen,
verneigten sich tiefst vor Mir und sagten: „Herr! Du bist es, dem alles möglich
ist, und Du bist auch der verheißene große Messias, der neue große König der
Juden, der ein Reich gründen wird, das kein Feind uns bis ans Ende der Welt je
mehr zu entreißen imstande sein wird! Darum Heil Dir, dem großen Sohne Davids!“
[GEJ.10_137,09] Sagte Ich: „Ein endlos großes
Reich gründe Ich wohl, aber kein diesirdisches, sondern ein wahres Gottesreich
für Seele und Geist des Menschen, das ewig bestehen wird; in ihm werden alle
das ewige Leben haben, die an Mich glauben und nach Meiner Lehre leben werden.
[GEJ.10_137,10] Ihr verstehet die Schrift
wohl dem Buchstaben nach, aber dem innersten Geiste der Wahrheit nach habt ihr
sie noch nie verstanden, so ihr da meinet, daß Ich als der verheißene und nun
in diese Welt gekommene Messias als der ewige Sohn des ewigen Vaters auf dieser
Erde für die Juden ein unvergängliches Reich gründen werde, wo doch alles samt
dieser Erde zeitlich und vergänglich ist. Denn nicht nur diese ganze Erde,
sondern auch der ganze euch sichtbare Himmel wird vergehen; wie sollte dann auf
dieser Erde für die Juden ein ewig dauerndes Reich gegründet werden können?
Darum stärket euch nun, auf daß ihr den inneren Geist der Schrift fassen und
begreifen möget!“
[GEJ.10_137,11] Nach diesen Meinen Worten
sahen die drei einander groß an, und der Älteste sagte: „Höret, das klingt ganz
anders als im Tempel zu Jerusalem! An was sollen wir uns halten? Im Tempel
sitzen und lehren auf den Stühlen Mosis und Aarons die Pharisäer,
Schriftgelehrten um den Hohenpriester und lesen und erklären vor dem Volke die
Schrift ganz nach dem Buchstaben; aber auf ihr Wort und nach ihrem Willen
ergrünet keine Wüste, und kein kahles Gestein wird mit fruchtbarem Erdreich
überdeckt.
[GEJ.10_137,12] Dieser Meister lehrt ganz
anders und zeigt, daß wir die Schrift dem Geiste nach noch nie verstanden
haben, und Sein Ausspruch ist dem des Tempels schnurstracks entgegen, – aber
auf Sein Wort und Seinen Willen erblüht die Wüste, und ihr Gestein ist mit
fetter Erde überdeckt in rechtem Maße; also muß denn auch nur in Ihm die volle
Wahrheit zu suchen sein!
[GEJ.10_137,13] Wir wollen darum denn auch
bei diesem Meister bleiben und dem Tempel für alle Zeiten den Rücken zuwenden,
und so trinken wir auf das Wohl aller, die das schon getan haben, was wir nun
erst tun!“
[GEJ.10_137,14] Hierauf erhoben die drei ihre
Becher und leerten sie bis auf den letzten Tropfen.
138. Kapitel
[GEJ.10_138,01] Als sie nun ganz voll
heiteren Sinnes geworden waren, da wandte sich der Älteste wieder an Mich und
sagte: „Herr und Meister aus des Himmels höchsten Höhen! Du wirst doch auch
schon Jerusalem besucht haben? Haben Dich die im Tempel auch also erkannt wie
wir hier? Was sagten sie über Dein Erscheinen in dieser Welt?“
[GEJ.10_138,02] Sagte Ich: „Die große und
überselbstsüchtige Blindheit der Juden in Jerusalem wird das Gotteslicht nicht
erkennen und auch keinen Anteil an ihm haben; denn es wird den Juden das Licht
genommen und den Heiden gegeben werden.
[GEJ.10_138,03] Ich habe schon mehrere Male
im Tempel gelehrt und Wunder gewirkt, und von all denen, die sich groß dünken
und von jedermann hochpreisen lassen, glaubte niemand an Mich; und so geschieht
es denn nun auch zum Zeugnisse über sie, daß Mein Licht ihnen genommen und den
Heiden in großem Maße gegeben wird, wie solches denn auch über sie geschrieben
steht.
[GEJ.10_138,04] Sehet diese Heiden an, und
redet auch mit den vielen Heiden anderer Orte und Städte, und fraget sie, was
sie von Mir halten. Wahrlich, es soll euch unter ihnen viel Lichtes werden!
[GEJ.10_138,05] Gehet aber nach Jerusalem und
in viele andere Judenstädte und -orte, und ihr werdet euch über die schnödesten
Urteile über Mich nicht genug verwundern können! Und doch habe Ich allenthalben
die gleiche reinste Lebenswahrheit gelehrt und große Zeichen gewirkt. Was soll
Ich nun mit dieser Unart von Juden tun?“
[GEJ.10_138,06] Sagte der Älteste: „Herr und
Meister, tue mit ihnen das, was Du mit den Sodomitern getan hast!“
[GEJ.10_138,07] Sagte Ich: „Jetzt noch nicht;
denn es gibt noch etwelche Gerechte in solchen Städten und Orten; aber es wird
das nicht lange mehr währen, weil diese wenigen Gerechten um Meines Namens und
Meiner Lehre willen von den blinden und übermütigst stolzen Weltlingen derart
werden verfolgt werden, daß sich am Ende auch nicht ein Gerechter in Meinem
Lichte in solch einer Stadt wird aufhalten können, und dann wird ihr Maß voll
sein, und es wird ihr noch um vieles ärger ergehen, als es dereinst Sodom und
Gomorra ergangen ist. Doch lassen wir nun das und reden wir von etwas anderem!
[GEJ.10_138,08] Saget es Mir, ob euch von Mir
und Meinem Wirken noch nichts zu Ohren gekommen ist! Denn vor ein paar Jahren
war Ich auch in der Nähe von Gadara und habe daselbst die beiden Argbesessenen
von ihren vielen bösen Geistern befreit, die sich dann einer Herde Schweine
bemächtigten und sich mit ihnen in das Meer stürzten. Und habt ihr nicht
vernommen, wie Ich einmal in der Nähe von Bethsaida in einer Wüste mehrere
Tausende von Menschen mit nur wenigen Broten und Fischen derart gespeist habe,
daß nach der Speisung mehrere Körbe von dem, was sie nicht verzehren konnten,
erübrigt worden sind?“
[GEJ.10_138,09] Sagte der Älteste: „Ja, Herr
und Meister, davon haben wir alle wohl gar vieles reden hören und hielten den
Wundertäter, der ein Nazaräer und zwar des Zimmermannes Joseph – den ich
persönlich recht wohl gekannt habe – Sohn gewesen sei, für einen Magier, der
seine Wunder etwa bei den berüchtigten Essäern erlernt habe und Jesus heiße.
[GEJ.10_138,10] Damals hatte das blinde Volk
also geurteilt, und wir konnten uns denn auch nicht leichtlich etwas anderes
denken; denn was konnten wir uns wohl von dem Sohne eines Zimmermanns aus
Nazareth anderes denken, als daß er ein recht gewandter Magier sein werde, die
Lehre der Altjuden kenne und sich vor dem leicht täuschbaren Volke als ein
Prophet produziere, um es für seine nur ihm bewußten Zwecke an sich zu ziehen?
[GEJ.10_138,11] Wären wir von jenen Deinen
Taten selbst Zeugen gewesen, so hätten wir über Dich – und so Du auch zehnmal
der Sohn Josephs gewesen wärest – auch sicher ganz anders geurteilt!
[GEJ.10_138,12] Doch nun sind wir selbst Zeugen
von Deiner Tat, die keinem Essäer, sondern nur einem Gott zu bewirken möglich
ist, und Du kannst nun als Mensch der Sohn Josephs, des Zimmermannes aus
Nazareth sein – wie Du es auch sein wirst –, so beirrt das unsern Glauben an
Dich nicht im geringsten und Du bist und bleibst für uns der verheißene
Messias!
[GEJ.10_138,13] Nimm uns dies unser
Bekenntnis nicht für ungnädig auf, und enthalte uns Deinen Segen nicht vor!“
139. Kapitel
[GEJ.10_139,01] Sagte Ich: „Dafür wird euch
euer lebendiger Glaube an Mich beschützen; und so ihr euren Glauben an Mich
durch die Werke der wahren Nächstenliebe erweisen werdet, dann auch werdet ihr
es in euch selbst vollends innewerden, daß Ich wahrhaft der verheißene Messias
bin, und ihr werdet dann in den Propheten nachlesen und durch Mich alles
erfüllt und an Mir alles bestätigt finden, was in der Schrift von Mir
geschrieben steht.“
[GEJ.10_139,02] Sagte der Älteste: „Herr und
Meister, die Nächstenliebe den Menschen erweisen, wäre schon ganz recht, wenn
man so recht klar wüßte, wer so ganz wahrhaft unser Nächster ist!“
[GEJ.10_139,03] Sagte Ich: „Euer Nächster ist
ein jeder Mensch, ob Freund oder Feind, so er eurer Hilfe in was immer für
einer guten, den Geboten Gottes gemäßen Art bedarf; es versteht sich aber von
selbst, daß ihr dem, der Handlungen wider Gottes Gebote begeht, dazu nicht
behilflich sein, sondern ihn davon abhalten sollet. So ihr das tut, dann übet
ihr auch die Nächstenliebe aus, und euer Lohn im Himmel wird groß sein.
[GEJ.10_139,04] So Arme zu euch kommen und
euch ihre Not klagen, so helfet ihnen nach eurer Kraft und nach eurem Vermögen;
denn was ihr den Armen tut, das werde Ich also ansehen, als hättet ihr es Mir
getan, und Ich werde es euch vergelten schon hier und noch mehr dereinst in
Meinem Reiche für ewig dauernd.
[GEJ.10_139,05] So ein oder der andere
wahrhafte Jünger und Prophet in Meinem Namen zu euch kommen wird, den nehmet
auf, höret ihn und erweiset ihm Liebe; denn dadurch habt ihr Mich aufgenommen
und werdet darob auch eines Propheten Lohnes gewürdigt werden.
[GEJ.10_139,06] Doch es werden in Meinem
Namen gar bald auch eine Menge falscher Propheten aufstehen, das Volk lehren
für ihren Sack und werden es berücken durch falsche Zeichen, die sie werden von
den Magiern erlernt haben. Derlei falsche Lehrer und Propheten, so sie auch
laut schreien werden: ,Seht, hier oder dort ist der Messias, der Gesalbte
Gottes!‘, nehmet nicht auf, sondern zeiget es ihnen mit Liebe und Ernst, daß
sie wider Mich sind und handeln. Werden sie euch hören und von ihrer Falschheit
abstehen, dann möget ihr sie denn auch als Freunde ansehen und behandeln;
werden sie euch aber nicht anhören und sich nicht bekehren, dann treibet sie
aus der Gemeinde!
[GEJ.10_139,07] Einen falschen Lehrer und
Propheten werdet ihr leicht aus seinen selbstsüchtigen und eigenliebigen Werken
und Taten erkennen; denn von den Disteln erntet man keine Feigen und von den
Dornen keine Trauben.
[GEJ.10_139,08] Seid denn stets voll Liebe,
Sanftmut, Demut, Erbarmung und Gerechtigkeit und Wahrheit gegen jedermann, und
Ich werde desgleichen sein gegen euch! Werdet nicht harthörig und hartherzig
gegen die Stimme der Armut, sowohl dem Geiste als auch dem Leibe nach, und Ich
werde imgleichen es auch nicht sein gegen euch, so ihr in irgendeiner Not eure
Stimme zu Mir erheben werdet. Mit dem Maße ihr ausmessen werdet, mit demselben
Maße wird es euch wieder zurückgemessen werden.
[GEJ.10_139,09] So ihr aber Meines besten
Wissens schon ein großes Erdenvermögen besitzet und es nur denen um gute Zinsen
darleihet, die es euch in einer bestimmten Zeit wieder zurückerstatten können,
so habt ihr dadurch wohl auch eine Art Nächstenliebe ausgeübt, – doch bei Mir
kommt derlei Nächstenliebe, die euch mit den guten Zinsen selbst belohnt, in
keine Vergeltsrechnung. Aber so ihr euer Vermögen auch ohne Zinsen den Armen
leihet, von denen ihr es wissen könnet, daß sie es euch nicht leichtlich wieder
zurückerstatten werden können, da werde Ich der Zinsenbezahler und
Rückerstatter eures Vermögens sein, und niemand wird bei Mir zu kurz kommen!
[GEJ.10_139,10] Da sehet nun diese arm
gewesenen Bewohner dieses Ortes an! Sie selbst hatten allzeit nur ganz
kümmerlich zu leben; so aber irgend Arme und Notleidende zu ihnen kamen, so
wurden solche aufgenommen und nach Möglichkeit ohne alles Entgelt verpflegt.
Ich aber wußte wohl darum und kam, als der beste Vergelter, nun zur rechten
Zeit zu ihnen, und keiner von ihnen wird sagen, daß Ich entweder zu früh oder
zu spät gekommen bin. Tut also desgleichen, und Ich werde auch euer Vergelter
sein zur rechten Zeit!“
140. Kapitel
[GEJ.10_140,01] (Der Herr:) „Die Pharisäer,
diese Wucherer, die ihr vieles Gold und Silber stets für hohe Zinsen an andere
große Makler und Wucherer sicher darzuleihen verstehen und ihre hohen Zinsen
dann mit Huren und meineidigen Ehebrecherinnen vergeuden und arg verprassen, so
aber Arme und Notleidende zu ihnen kommen, zu ihnen sagen: ,Wendet euch zu
Gott, der wird euch schon helfen; denn wir sind selbst arm und müssen
betteln!‘, – werden vor Mir dereinst schlecht bestehen!
[GEJ.10_140,02] Solche falschen Gottesdiener,
die dem Volke wohl auch von der Gottes- und Nächstenliebe predigen, aber sie
selbst noch niemals ausgeübt haben, stehen vor Mir als die ärgsten Sünder und
Verbrecher da und werden dafür jenseits auch ihren Lohn bei dem Fürsten der
Hölle finden, dem sie gedient haben. Denn derlei Hurer, Ehebrecher, Wucherer,
Prasser und hierdurch die wahrsten Gotteslästerer werden in Mein Reich nicht
eingehen; darum richtet euch nicht nach ihrem Beispiel!
[GEJ.10_140,03] Wer von euch kann da zu
seinem Nächsten sagen: ,Wende du dich in deiner Not an Gott, den du über alles
zu lieben hast, Er wird dir helfen!‘, – so er doch selbst an Gott nicht glaubt
und Ihn um so weniger über alles liebt!
[GEJ.10_140,04] Wer da schon seinen
notleidenden Nächsten nicht liebt, den er doch sieht, wie wird er dann Gott
über alles lieben, den er nicht sieht? Gottesliebe von seiten des Menschen ist
bedingt durch die Liebe zum Nächsten. Wer da sagt, daß es zur Seligkeit genüge,
nur Gott allein über alles zu lieben, dabei aber vor seinem armen Nächsten Herz
und Tür verschließt, der ist in größter Irre! Denn die Liebe zu Gott ist ohne
die Liebe zum Nächsten ewig nicht denkbar und auch nicht möglich. Darum liebet
eure Nächsten, weil sie, gleich wie ihr, Gottes Kinder sind, und ihr werdet
dadurch auch Gott über alles lieben!
[GEJ.10_140,05] Seht, es war ein gar reicher
Gutsmann, der eine Menge Güter hatte, und ein jeder, der bei ihm bedienstet
war, hatte ein gutes Leben. Dieser Gutsmann hatte aber auch viele Kinder, die
er liebte und sie, damit sie wohlerfahrene Menschen würden, in die Weltschulen
hinausgab.
[GEJ.10_140,06] Er gab ihnen aber nur das
Nötigste mit in die Weltschulen, auf daß sie sich nicht übernähmen, träge
würden und dann zur Verwaltung seiner Güter untauglich werden könnten.
[GEJ.10_140,07] Diesen Kindern ging es denn
in den Weltschulen nicht am besten, und sie mußten sich oft recht kümmerlich
durchbringen und nicht selten um ein Almosen die fremden Menschen angehen.
[GEJ.10_140,08] Einige der angegangenen
Fremden sagten: ,Ei, ihr habt ja einen überreichen Vater! Gehet nur den an, er
wird euch schon helfen!‘ und gaben den Kindern nichts.
[GEJ.10_140,09] Einige wenige andere aber
dachten sich in ihren milderen Herzen: ,Wir wissen es wohl, daß dieser Kinder
Vater sehr reich ist und seinen hier studierenden Kindern wohl helfen könnte,
so er etwa dagegen nicht gar weise Gründe hätte, – aber die Kinder leiden unter
uns einmal sichtlich Not, und wir wollen ihnen helfen, so gut wir es vermögen.‘
Also gedacht, und also auch getan!
[GEJ.10_140,10] Nach einiger Zeit aber kam
der überreiche Gutsmann selbst in jene fremde Weltstadt, in der seine Kinder
die verschiedenen Kenntnisse und Erfahrungen sich zu eigen zu machen hatten,
und erkundigte sich um alles, wer da seinen Kindern Liebe erwiesen hatte.
[GEJ.10_140,11] Und seht, die Kinder führten
den Vater allenthalben hin, wo ihnen Liebe erwiesen worden war, und der Vater
belohnte die Wohltäter seiner Kinder hundertfältig und nahm die ersten Wohltäter
auf seine Güter und hielt sie seinen Kindern gleich.
[GEJ.10_140,12] Seht, hier vor euch stehet in
Mir der Gutsmann! Die Armen in dieser Welt sind wahrhaft Meine Kinder
allenthalben; die Reichen aber sind zumeist Kinder dieser Welt.
[GEJ.10_140,13] Ich lasse Meine Kinder, auf
daß sie sich nicht übernehmen sollen, in dieser harten, aber für sie dennoch
überaus heilsamen Lebensschule denn auch Not leiden und in ihrer Not vor die
Reichen der Welt kommen; was diese Meinen Kindern tun, das werde Ich auch ihnen
tun und werde sie belohnen vielfach schon hier und endlosfach in Meinem Reiche.
[GEJ.10_140,14] Wer demnach der Kinder Liebe
hat durch seine Liebe zu den Kindern, der hat auch des Vaters Liebe sicher sich
erworben und den ewigen Lohn mit ihr. – Verstehet ihr nun, was ,Gott über alles
lieben‘ heißt?“
141. Kapitel
[GEJ.10_141,01] Sagte der Älteste: „O Herr
und Meister und wahrster Vater der Menschen, ja, nun verstehe ich es zum ersten
Male, was ,Gott über alles lieben‘ heißt.
[GEJ.10_141,02] Wer Seine Kinder wahrhaft
liebt und erkennet des Vaters Weisheit, der liebt Gott als den allein wahren
Vater aller Menschen über alles; und so ist denn die wahre Nächstenliebe die
höchste Lebenstugend in dieser Welt, und wir werden uns bestreben, sie
allenthalben nach allen unsern Kräften zu üben.“
[GEJ.10_141,03] Nach diesen Worten des
Ältesten kam das Weib des Wirtes mit der Anzeige, daß das Abendmahl bereitet
sei. Der Wirt aber fragte Mich, ob er auf den Tisch, der noch nicht gedeckt
war, die gebratenen Fische bringen lassen solle.
[GEJ.10_141,04] Sagte Ich: „Als Ich in der
Wüste einige Tausende mit wenig Brot und Fischen sättigte, fand sich kein
gedeckter Tisch vor; so man Brot und Wein auf einem ungedeckten Tische
verzehren kann, warum denn nicht auch etwelche gebratene Fische? Darum laß du
die Fische nun nur auf diesen ungedeckten Tisch setzen, und wir werden sie
verzehren!“
[GEJ.10_141,05] Ich aber hatte das der drei
Juden wegen also angeordnet, weil diese noch sehr viel auf einen mit ganz
reinem Tuche gedeckten Tisch hielten; denn nach ihrem Gesetz könne ein Jude,
der eine warme Speise von einem nicht mit reinem Tuche gedeckten Tische zu sich
nehme, verunreinigt werden.
[GEJ.10_141,06] Es sahen Mich die drei denn
auch also bei sich ganz geheim fragend an: „Wie, hältst Du nicht mehr an alle
die Vorschriften Mosis?“
[GEJ.10_141,07] Ich aber sagte: „Was denket
ihr euch denn? Hatten die Israeliten in der Wüste, als sie Manna aßen, auch mit
reinen Tüchern gedeckte Tische?“
[GEJ.10_141,08] Sagte der Älteste: „Herr und
Meister, das hatten sie sicher nicht!“
[GEJ.10_141,09] Sagte Ich: „Nun, so können
auch wir auf den ungedeckten Tisch gesetzte Fische verzehren! Was für Mich rein
ist, das sei auch für euch rein! Es heißt ja auch, daß man das Brot nicht mit
ungewaschenen Händen essen solle, und dennoch habt ihr zuvor vor Mir das Brot
mit ungewaschenen Händen in euren Mund geführt und seid darum eben vor Mir
dennoch rein geblieben! Seid ihr aber vor Mir rein, wer sollte euch dann der
Unreinheit zeihen? Etwa ein blinder Pharisäer im Tempel zu Jerusalem? Lasse du,
Wirt, die Fische nur hereinbringen, und wir werden sie verzehren und dabei rein
verbleiben!“
[GEJ.10_141,10] Mit diesem Meinem Bescheid
waren die drei Juden denn auch vollkommen zufrieden und aßen mit uns die Fische
ohne alles weitere Bedenken.
[GEJ.10_141,11] Diese drei Juden blieben
hernach noch drei volle Tage bei Mir, und Ich und auch die drei bei Mir
gebliebenen Jünger haben ihnen gar vieles aus der Schrift, und namentlich, was
die Schöpfung, die Propheten Jesajas und Hesekiel betrifft, wohl erklärt und
sie auch in den natürlichen Dingen dieser Erde ins rechte Licht gesetzt.
[GEJ.10_141,12] Am vierten Tage aber zogen
sie nach Meinem Rat nach Aphek, um sich auch dort selbst zu überzeugen, was Ich
dort für die gläubig gewordenen Heiden getan habe. Bevor sie aber noch von Mir
Abschied nahmen, fragte Mich der Älteste, ob sie nicht auch nach Jerusalem
ziehen sollten, um daselbst den blinden Templern die Augen über Mich zu öffnen.
[GEJ.10_141,13] Sagte Ich: „Das lasset bleiben;
denn so sie Mich Selbst nicht hören und Mir nicht glauben trotz der vielen
Zeichen, die Ich vor ihren Augen gewirkt habe, so werden sie euch noch weniger
hören und euren Worten glauben, – wohl aber würden sie euch ins Gefängnis
werfen und euch züchtigen lassen! Darum lasset das, und bleibet, wo ihr seid,
und prediget Mein Evangelium bei schicklicher Gelegenheit den Heiden, und gebet
ihnen das Licht der Wahrheit, das Ich euch gegeben habe; doch setzet nichts
hinzu und nehmet auch nichts hinweg!
[GEJ.10_141,14] Umsonst habe Ich es euch
gegeben, und also gebet es wieder jedem, den es danach hungert und dürstet;
doch den puren Weltschweinen von Menschen sollet ihr diese Perlen nicht
vorwerfen!
[GEJ.10_141,15] Ich werde aber gegen Ostern
Selbst noch einmal nach Jerusalem gehen, und es wird da mit Mir geschehen, was
Ich euch aus den Propheten umständlich erklärt habe; und so ihr davon hören
werdet, da ärgert euch nicht, und denket, daß Ich euch das zum voraus verkündet
habe, und daß dadurch auch das letzte Häkchen der Schrift erfüllt wird.
[GEJ.10_141,16] So Ich aber am dritten Tage
wieder auferstehen werde vom Tode des Leibes, dann werde Ich auch zu euch, so
wie Ich nun da vor euch stehe, wiederkommen und werde euch stärken mit Meinem
Geiste.
[GEJ.10_141,17] Wir werden uns also nur eine
kurze Zeit nicht sehen und dann wiedersehen zu eurem Troste!“
[GEJ.10_141,18] Darauf segnete Ich die drei
Altjuden, und sie zogen gen Aphek, wie Ich das schon zuvor angezeigt habe.
[GEJ.10_141,19] Es versteht sich von selbst,
daß diese drei, als sie in die Nähe der Stadt kamen, sich stets mehr und mehr
über das große Zeichen zu verwundern anfingen, und als sie erst vollends in die
Stadt und in dieselbe Herberge kamen und von dem Wirte auch mit der größten
Freundlichkeit aufgenommen wurden, da wollte es sowohl von seiten der drei, wie
von seiten des Wirtes und aller, die bei ihm waren und sich einfanden, des
Lobens und Preisens Meines Namens kein Ende nehmen.
[GEJ.10_141,20] Was machte denn Ich die noch
etlichen Tage in unserem lieben kleinen Orte?
[GEJ.10_141,21] Es kamen an jedem Tage
Reisende und kehrten beim Wirte ein und erkundigten sich emsig, wie diese
Gegend so sehr blühend hatte gemacht werden können. Etwelchen ward es wohl
angedeutet, doch den meisten nicht; denn diese Reisenden waren zumeist
Handelsleute, die für derlei geistige Dinge keinen Sinn hatten, und so nahm
sich von uns denn auch niemand die Mühe, derlei pure Weltmenschen in die
Wahrheiten des Lebens einzuweihen, und die Bewohner dieses Ortes sahen es auch
ein, daß man den Weltschweinen die Perlen nicht zum gemeinen Fraße vorwerfen
solle.
[GEJ.10_141,22] Es kam der siebente Tag, und
Meine ausgesandten Jünger kamen gen Abend alle wieder voll guter Dinge in
diesen Ort zu Mir und konnten nicht genug erzählen, wie sie in Meinem Namen zum
größten Teil gute Geschäfte gemacht hatten.
[GEJ.10_141,23] Und Ich sagte: „Daß Mir euer
Wirken bekannt ist, das wisset ihr, und ihr seid denn auch eures Lohnes, Meine
Jünger zu sein, wert; doch nun sollet ihr ruhen und euch stärken mit Speise und
Trank!“
[GEJ.10_141,24] Es ward denn auch sogleich
Wein und Brot gebracht und dann auch Fische.
[GEJ.10_141,25] Nach dem Abendmahle aber
begaben sich die zurückgekehrten Jünger alsbald zur Ruhe; Ich aber blieb mit
dem Wirte und den drei bei Mir gebliebenen Jüngern bis zum Morgen wach.
142. Kapitel – Der Herr in zwei weiteren
Städten. (Kap.142-162)
[GEJ.10_142,01] Am Morgen aber machten wir
uns auf die Weiterreise, nachdem Ich zuvor den ganzen Ort gesegnet hatte.
[GEJ.10_142,02] Der Wirt und mehrere Bewohner
geleiteten uns dankbarst eine recht weite Strecke und kehrten dann wieder nach
Hause, und wir zogen in eine von diesem Orte bei einer Tagereise entfernte
Stadt, die wir erst am Abend erreichten, und wurden in einer alten Herberge
ganz wohl aufgenommen.
[GEJ.10_142,03] In der vorangezeigten Stadt,
die auch zumeist von Heiden bewohnt war, blieb Ich mit den Jüngern auch etliche
Tage lang und belehrte die Menschen über das Reich Gottes auf dieser Erde wie
in den vorigen Städten und Orten und bekräftigte Meine Lehre durch taugliche
und den Menschen nützende Zeichen.
[GEJ.10_142,04] Auch hier wurden die meisten
Heidenpriester zum Judentum bekehrt, und mit ihnen viele andere Menschen; nur
mit einigen in dieser Stadt wohnenden Juden, die im Glauben der Sadduzäer
standen, ging es nicht so gut vonstatten wie mit vielen Heiden, die in dieser
ganz bedeutenden Stadt lebten und Handel trieben.
[GEJ.10_142,05] Nach einigen Tagen verließen
wir unter Meinen Segnungen an einem Morgen auch wieder diese Stadt und zogen
nach einer andern, mehr gen Mittag hin, und erreichten sie auch bis gen Abend.
[GEJ.10_142,06] Auf halbem Wege wurden einige
Jünger hungrig und durstig, denn es gab auf diesem verlassenen Wege auch nur
alte, verlassene Zisternen und ein paar ebenso verlassene Herbergen, die von
einigen ganz armen Hirten bewohnt waren, die uns außer etwas Käse und Milch
nichts zu bieten hatten.
[GEJ.10_142,07] Da baten Mich die Jünger auf
halbem Wege, daß Ich nun auch für sie ein Zeichen zu ihrer Leibesstärkung wirken
solle.
[GEJ.10_142,08] Ich aber sagte: „Das könnte
Ich wohl tun, so es ganz streng nötig wäre; kann aber Ich nun ein wenig fasten,
warum denn ihr nicht? Wir werden in dem Orte, den wir in einigen Stunden
erreichen werden, viel zu tun bekommen, und es ist gut, daß wir nüchterner als
sonstwo dahin gelangen. Im Orte wird sich schon für euren Leib eine mäßige
Stärkung vorfinden lassen!“
[GEJ.10_142,09] Mit dem gaben sich die Jünger
zufrieden.
143. Kapitel
[GEJ.10_143,01] Wir zogen dann ganz ruhig unseren
Weg weiter, erreichten die Stadt noch eine Stunde vor dem Untergange und wurden
allda von einem Altjuden, der hier eine Herberge besaß, ganz gut aufgenommen
und bekamen auch alsbald Brot und etwas Wein, den die Bewohner dieser Stadt
selbst aus wildwachsenden Weintrauben sich zu bereiten verstanden, und der zum
Löschen des Durstes auch ganz taugte.
[GEJ.10_143,02] Der Wirt merkte es einigen
Jüngern wohl an, daß ihnen der Wein eben nicht besonders munde, und sagte darum
denn auch: „Meine lieben Freunde, ich merke es wohl, daß euch unser Wein nicht
am besten mundet; aber ich kann euch dennoch keinen andern bieten, als wie
diese unsere magere Gegend ihn hergibt. Bessere Weine hierherbringen zu lassen,
dazu fehlen uns die Mittel, und so danken wir dem Herrn, daß Er uns mit einem
solchen Wein versehen hat, mit dem wir unsern Durst in den heißen Tagen des
Sommers besser löschen können als jene in den großen Städten, die da den besten
Wein nur trinken, um ihrem verzärtelten Gaumen eine große Lust zu machen. Wir
in dieser unserer von Jerusalem schon sehr fern gelegenen Stadt leben nicht
nach Art der wollüstigen Prasser, sondern nach der Art armer Hirten und sind
dabei gesünder und zufriedener denn die Reichen in den großen Weltstädten, die
den ganzen Tag nachsinnen, wie sie am üppigsten schwelgen könnten, aber an Gott
zu denken und Ihm allein die Ehre zu geben keine Zeit haben. Trinket daher nur
diesen unsern Wein; er wird euch wahrlich nicht schaden!“
[GEJ.10_143,03] Als die Jünger das von
unserem Wirte vernahmen, da belobten sie seine alte Gottestreue, aßen darauf
mit Lust das Gerstenbrot und tranken mit vieler Freude den Wein, der freilich
etwas sauer war.
[GEJ.10_143,04] Als wir uns also bald
gestärkt hatten, da fragte uns der Wirt, ob wir etwa auch von irgendwoher
kommende Handelsleute wären, und mit was wir Handel trieben, und wie lange wir
etwelcher Geschäfte wegen hier zu verweilen willens wären.
[GEJ.10_143,05] Sagte Ich: „Freund, wir sind
fürwahr eine Art Handelsleute, handeln aber mit einer Ware, die du zwar jetzt
mit deinen Augen nicht sehen kannst, daher du auch meinen kannst, daß Ich Mir
einen Scherz mit dir erlaube; doch dem ist nicht so, sondern wahrlich ganz
also, wie Ich es dir gesagt habe!
[GEJ.10_143,06] Meine Ware ist im Ernste
unsichtbar und hat doch den höchsten Wert für jeden Menschen, der sie von Mir
mit einem gläubig reinen Herzen und Willen annehmen will.
[GEJ.10_143,07] Auf daß du aber merken magst,
worin allenfalls Meine unsichtbare Ware besteht, so laß nun jenen deiner Söhne,
der blind und lahm ist, zu Mir hereinbringen, und Ich werde ihn sehend und
gerade machen in einem Augenblick!“
[GEJ.10_143,08] Als der Wirt solches von Mir
vernommen hatte, da sagte er: „Also bist du ein Heiland, und Kranke gesund
machen ist deine unsichtbare Ware? Ja, so das mit dir und deinen Gefährten der
Fall ist, da wirst du bei uns freilich wohl die besten Geschäfte machen; denn
an allerlei Kranken, denen unsere Ärzte nicht helfen können, hat es bei uns
keinen Mangel. Sogleich will ich selbst meinen blinden und lahmen Sohn hierher
bringen!“
[GEJ.10_143,09] Darauf ging der Wirt und
brachte den verlangten Sohn und stellte ihn vor Mich hin.
[GEJ.10_143,10] Als dieser auf einem Bett
sich vor Mir befand, da fragte Ich ihn, ob er sehend und unlahm sein möchte.
[GEJ.10_143,11] Sagte der Sohn: „Meister, so
dir das möglich sein sollte – woran ich nicht zweifle –, so erweise mir solche
deine Gnade!“
[GEJ.10_143,12] Sagte Ich: „So will Ich denn,
daß du in diesem Augenblick sehend und gerade werdest!“
[GEJ.10_143,13] Als Ich solches ausgesprochen
hatte, da war der Sohn auch schon sehend und am ganzen Leibe völlig gerade.
[GEJ.10_143,14] Und der Wirt, seine Hände
über seine Brust schlagend, sagte: „Nein, das ist keine gewöhnliche Heilart! Du
mußt das durch den Geist Jehovas bewirkt haben und mußt demnach ein großer
Prophet sein.“
[GEJ.10_143,15] Bemerkte darauf der geheilte
Sohn, der in der Schrift und besonders in den Propheten wohlbewandert war,
sagend: „Vater, soviel mir aus den Propheten bekannt ist, die auch von Zeit zu
Zeit Wunder gewirkt haben, so haben diese niemals gesagt: ,Ich will es, daß
dieses oder jenes geschehe!‘, sondern allzeit: ,Der Herr sagt es, und Sein
Wille ist es, daß dies und jenes geschehe und folgen werde, so das Volk Israel
von seinen Sünden nicht abstehen wird!‘ Dieser Heiland aber hat gesagt: ,Ich
will es, daß du sehend und gerade werdest!‘, und sieh, ich ward im Augenblick
sehend und gerade an allen meinen Gliedern, deren gänzliche Lahmheit mich schon
mehrere Jahre und teilweise schon von Kindheit an geplagt hat!
[GEJ.10_143,16] So dieser Heiland aber alles
das durch die Macht seines Wortes und Willens zu bewirken imstande ist, da muß
er offenbar mehr als ein Prophet sein.
[GEJ.10_143,17] Seine nunmalige Wundertat
erinnert mich sehr an die bedeutungsvollen Worte eines Propheten, der aus dem
Geiste Jehovas also geredet hat: ,So der große Held, der Löwe aus Juda, der
König der Könige, der Herr aller Heerscharen in diese Welt kommen wird, so
werden die Blinden sehend werden, die Tauben hörend, die Krummen gerade, und
der Lahme wird einherspringen wie ein Hirsch, und solches alles wird Er tun aus
Seiner Macht und wird gründen ein Reich, das kein Ende nehmen wird.‘
[GEJ.10_143,18] Nun, das stimmt ganz mit der
Handlungs- und Redeweise dieses Wunderheilandes zusammen, und ich werde mich
nicht irren, so ich behaupte, daß hinter Ihm der so oft verheißene und von
allen wahren Juden mit der größten Sehnsucht erwartete Erlöser daheim ist.
[GEJ.10_143,19] Mich hat schon Seine erste
Ansprache, als ich noch blind und lahm im Bette mich befand, also erweckt, daß
ich nicht mehr zweifeln konnte, daß Er mich heilen werde, und so zweifle ich
auch jetzt nicht mehr, daß Er der Verheißene ist; und da Er zu uns gekommen
ist, so ist unserem Hause und also auch dem ganzen Ort ein größtes Heil
widerfahren. Die Folge aber wird es zeigen, ob ich mich geirrt habe.“
[GEJ.10_143,20] Sagte der Wirt, als der Vater
des Geheilten: „Mein Sohn, du könntest da wohl sehr recht haben; denn auch ich
bin geheim in mir auf diesen Gedanken gekommen! Doch wir wollen da dennoch
nicht zu vorschnell urteilen; denn dieser gute Wunderheiland wird es uns sicher
nicht vorenthalten, über Sich Selbst einen näheren und vollwahren Aufschluß zu
geben!“
[GEJ.10_143,21] Sagte Ich: „Das werde Ich
auch tun, und ihr werdet euch dessen hoch erfreuen, doch nun siehe du, Wirt, in
deiner Speisekammer nach, ob du nicht etwelche Fische vorrätig hast! Diese
sollst du nach eurer Art zurichten lassen und sie uns auf den Tisch setzen; und
du und dein Sohn sollet euch auch damit sättigen!“
[GEJ.10_143,22] Als der Wirt solchen Meinen
Wunsch vernommen hatte, ward er ordentlich traurig und sagte: „O Du
wundersamster Heiland! Derlei haben wir schon seit gar langem entbehren müssen;
denn bis zum Meere Galiläas ist es von hier zu weit, und also auch bis zum
Strome Jordan, und bis zum Euphrat hin nicht minder. Unsere zwei kleinen Bäche,
deren spärliches Wasser wir für unsere Haustiere in einem Teiche ansammeln
lassen, sind zur Haltung für Fische nicht tauglich, und so haben wir in dieser
Stadt, aufrichtig gesagt, auch nicht einen Fisch.
[GEJ.10_143,23] In den früheren Zeiten sollen
sich auch in der Nähe dieser Stadt ein paar recht große Teiche mit süßem Wasser
befunden haben und sehr reich an Fischen gewesen sein. Allein infolge der
oftmaligen Erderschütterungen, von welchen diese Gegend alljährlich heimgesucht
wird, sind die erwähnten Teiche um ihr Wasser gekommen und somit auch um ihre
Fische, und wir haben darum nun weit und breit von hier keine Fische, und ich
werde demnach nun Deinem Wunsche nicht nachkommen können.“
[GEJ.10_143,24] Sagte Ich: „Aber du hast im
großen Hofraum deines Hauses doch einen Brunnen, der Süßwasser enthält, und
daneben einen ganz bedeutenden förmlichen Teich, der in den Stein des Bodens
gehauen ist und das Wasser wohl hält. Warum züchtest du darin keine Fische?“
[GEJ.10_143,25] Sagte der Wirt: „Daß Dir in
meiner Haushaltung schon gleich alles bestbekannt ist, das habe ich schon aus
dem entnommen, daß Du gleich bei Deinem Eintritt in dies mein Haus um die
Krankheit meines Sohnes wußtest; und ebenso verhält es sich auch mit dem
Brunnen und steinernen Teich, der allerdings eine Menge Fische fassen könnte.
Aber woher die Fische nehmen und sie in den Teich setzen? Nach allen Seiten ist
es zu weit, um lebendige und völlig gesunde und frische Fische hierher zu
bringen und sie zur Fortzucht in den Teich zu legen. Da das offenbar eine
vergebliche Mühe wäre, so blieb mein Teich denn auch gleichfort ohne Fische –
und somit denn auch aus leicht begreiflichen Gründen meine Speisekammer!“
[GEJ.10_143,26] Sagte Ich: „So du glauben
kannst, da gehe dennoch in deine Speisekammer nachsehen, und es werden sich
sicher so viele Fische schon geschlachtet und gereinigt vorfinden, daß sie für
diesen Abend genügen werden; und für die Folge wird dein Teich stets eine
rechte Menge von edlen Fischen besitzen!“
[GEJ.10_143,27] Hierauf machte der Wirt ganz
verwundert große Augen und ging nachzusehen, wie es mit den Fischen stünde.
144. Kapitel
[GEJ.10_144,01] Als er mit seinem Weibe und mit
etlichen seiner andern Kinder in die Speisekammer trat, da fand er zu seinem
größten Erstaunen einen ganzen Korb voll schon ganz gereinigter Fische von der
besten und edelsten Art und befahl denn auch seinem Weibe und seinen in der
Küche bewanderten Kindern, diese Fische bestens zuzubereiten.
[GEJ.10_144,02] Sein Weib wußte freilich
nicht, was sie zu diesem Wunder sagen sollte.
[GEJ.10_144,03] Der Wirt aber sagte: „Denket
nun darüber nicht viel nach; denn dem Manne Gottes, dem es möglich war, meinen
Sohn, den alle Heilkundigen schon lange für unheilbar erklärt haben, bloß durch
Sein Wort und Seinen Willen vollkommen gesund zu machen, dem ist es sicher auch
möglich, uns diese Fische auf eine wunderbare Art in unsere Speisekammer
gestellt zu haben. Machet euch nun an die Arbeit, und seht, daß ihr bald fertig
werdet; alles andere wird euch schon später bekanntgemacht werden!“
[GEJ.10_144,04] Darauf machten sich das Weib
und die Kinder an die Bereitung der Fische, und der Wirt kam voll Dankbarkeit
wieder zu uns.
[GEJ.10_144,05] Und Ich sagte zu ihm: „Nun,
wie sieht es mit den Fischen aus?“
[GEJ.10_144,06] Sagte der Wirt:
„Wundersamster Meister, es ist schon alles in der vollsten Ordnung; aber diese
Fische sind doch sicher aus keinem Wasser dieser Erde, sondern sie sind von Dir
neu erschaffen! Ich sehe nun, daß mein von Dir geheilter Sohn ehedem völlig
recht hatte, so er Dich für den großen Verheißenen erklärte; und so bist Du
Deinem inneren Geiste nach wahrlich kein Diener irgendeines Höheren über Dich,
sondern mit dem Allerhöchsten gleich Selbst ein Herr, der Seinesgleichen nicht
hat, weder auf dieser Erde noch in den Himmeln.
[GEJ.10_144,07] Du bist demnach mit Gott ein
und dasselbe Wesen Deinem Geiste nach; daß Du aber nun als ein Mensch unter uns
wandelst, das ist also sicher auch nur Dein Wille, – denn Dir kann nichts
unmöglich sein!
[GEJ.10_144,08] Es heißt freilich wohl im
Moses, daß Gott niemand sehen und dabei leben kann; aber es wird dieser Spruch
sicher auch einen andern Sinn haben. Denn es hatte der Vater Abraham Gott
gesehen und gesprochen und verlor dabei das Leben nicht, ebenso der Vater Jakob
und noch viele andere, die uns aus der Schrift bekannt sind und lebten; selbst
Moses sah den Rücken Jehovas und behielt das Leben, und wir sehen nun Dich und behalten
auch das Leben.
[GEJ.10_144,09] Ich bin der Meinung, daß der
Mensch Gott nur in Seinem unendlichen und ewigen Ursein nicht und niemals wird
schauen können und behalten das Leben; denn das, was endlich ist, kann das
Unendliche niemals mit einem Sinne begreifen, noch die Ewigkeit ermessen. –
Habe ich als ein Altjude da recht oder nicht?“
[GEJ.10_144,10] Sagte Ich: „Du hast nun schon
ganz recht und wahr geurteilt, obschon auch einem jeden Menschen, der nach den
Geboten Gottes handelt und lebt, das ewige Leben treu und wahr verheißen ist.
[GEJ.10_144,11] Siehe, solange der Mensch auf
dieser Erde in Zeit und Raum lebt, kann er das Ewige und Unendliche des Geistes
freilich wohl niemals weder mit seinem Verstande und noch weniger mit einem
äußeren Leibessinne erfassen und begreifen; aber so der Geist Gottes, der pur
Liebe ist, des Menschen geläuterte Seele völlig durchdringt und also der
eigentliche Mensch, welcher die Seele ist, ganz durchleuchtet und mit dem
ewigen Leben belebt wird, so wird er mit Gott eins und dringt dann auch in die
endlosen und ewigen Tiefen Gottes und kann sie begreifen, und das ist das
Verständnis dessen, wo es heißt, daß ein vollkommener Mensch in seinem Geiste
Gott schauen wird von Angesicht zu Angesicht.
[GEJ.10_144,12] Doch nun lassen wir das; denn
es kommen bereits die schon bereiteten Fische, mit denen wir unseren Leib
stärken wollen und werden!“
[GEJ.10_144,13] Als Ich das noch kaum
ausgesprochen hatte, da brachte des Wirtes Weib und seine andern Kinder schon
auf mehreren Schüsseln die recht wohlbereiteten Fische herein; dann legten die
Kinder behende vor jeden Gast eine kleine irdene Schüssel, hölzerne Gabeln und
beinerne Messer nach der Sitte dieses Ortes, und ein jeder von uns nahm sich
einen Fisch, auch der Wirt und sein geheilter Sohn, und es wurden diese Fische
denn auch bald verzehrt, und ein jeder wurde vollkommen mit warmer Speise
gesättigt.
[GEJ.10_144,14] Als die Fische verzehrt
waren, von jedem so viele, als er deren nur verzehren konnte, so blieben aber
auf den großen Schüsseln dennoch mehrere übrig, und der Wirt fragte Mich, ob er
diese Fische für den Morgen aufbewahren solle.
[GEJ.10_144,15] Ich aber sagte: „Die diese
Fische bereitet haben, sollen sie völlig verzehren – denn ein jeder Arbeiter
ist auch seines Lohnes wert –, und so berufe dein Weib und deine andern Kinder,
und laß den Tisch abräumen, und sage ihnen, daß sie dann in der Küche das, was
da übriggeblieben ist, verzehren sollen!“
[GEJ.10_144,16] Dies tat der Wirt, und der
Tisch ward abgeräumt.
145. Kapitel
[GEJ.10_145,01] Als das Weib und die andern
Kinder das getan und auch vernommen hatten, daß sie die übriggebliebenen Fische
in der Küche verzehren sollten, da wurden sie sehr froh, da sie alle ganz
bedeutend hungrig waren.
[GEJ.10_145,02] Als sie die Fische aber zu
essen anfingen, kamen auch etliche Diener und Mägde in die Küche, um darin ihr
Abendbrot zu erhalten und es zu verzehren. Diese fingen denn auch sogleich an,
sich hoch zu verwundern, und fragten die Wirtin, woher sie denn in dieser
Gegend die Fische bekommen habe.
[GEJ.10_145,03] Die Wirtin aber sagte: „Es
sind Fremde angekommen und haben diese Fische selbst herbeigeschafft; mehr kann
ich euch nicht sagen. Da nehmet aber euer Abendbrot, und da der Fische noch zur
Genüge vorhanden sind, so will ich eurer erprobten Haustreue wegen einem jeden
von euch etwas von diesen Fischen hinzugeben.“
[GEJ.10_145,04] Das tat die Wirtin, und es
bekam ein jeder von den zwanzig Hausdienern, bestehend aus Knechten und Mägden,
so viel, daß sie es kaum aufzehren konnten.
[GEJ.10_145,05] Sie konnten sich darob denn
auch nicht genug verwundern und sagten (die Hausdiener): „Es muß ein besonderer
Segen Jehovas dabei obwalten; denn nur kleine Stücke von den Fischen hast du,
Wirtin, uns zum Brote hinzugegeben, und wir konnten das Stück vom Fisch, das
sich stets zu vergrößern schien, kaum verzehren, so gut es uns auch schmeckte!“
[GEJ.10_145,06] Sagte die Wirtin: „Also
bleibet denn auch stets treu dem Hause in aller Zucht und Gottesfurcht, und
Jehovas Segen wird in allem stets bei uns verbleiben!“
[GEJ.10_145,07] Auf diese ganz gute Bemerkung
der Wirtin verließen die Hausdiener und Dienerinnen die Küche und begaben sich
zur Ruhe; denn alle hatten an diesem Tage viel gearbeitet und waren müde
geworden.
[GEJ.10_145,08] Darauf kam die Wirtin in
unser Zimmer und erzählte uns von der wunderbaren Vermehrung der Fischstücke,
die sie unter die Hausdienerschaft ihres Fleißes wegen verteilt hatte.
[GEJ.10_145,09] Der Wirt aber sagte: „Höre,
du mein stets frommes und gottergebenes Weib: Dem, der allmächtig ist, ist
nichts unmöglich, uns Menschen aber bleibt nichts übrig, als den Allmächtigen
stets zu bewundern, zu loben, zu lieben und zu preisen und Seine Gebote zu
halten! Gott vermag alles aus Sich, der Mensch und auch der Engel aber nichts
ohne Gott.
[GEJ.10_145,10] Siehe, weil unser Haus stets
an Gott hielt und nach Möglichkeit unter den vielen Heiden die alte Treue
bewahrte im Herzen und in der Tat, so hat Er unser denn auch gedacht und ist
wundersam in diesem Heilande sichtbar zu uns gekommen und hat gar mächtig
erquickt unsere Seelen! So bleiben wir denn, wie wir waren, und handeln stets
gerecht nach den uns wohlbekannten Geboten Gottes, und Er wird auch fürder mit
Seiner Gnade, Liebe, Milde und Erbarmung bei uns verbleiben!“
[GEJ.10_145,11] Sagte darauf Ich: „Du bist
noch ein echter Jude aus der alten Zeit Samuels und bist darum denn auch
erleuchtet, wie es ein Jude sein soll; aber du hast dennoch einen kleinen
Fehler, und der besteht darin, daß du gegen Fremde, die da nicht Juden sind,
sehr verschlossen und nicht freundlich bist und heimlich ein Feind der Heiden,
also, daß du sie alle vertilgen möchtest, so dir das irgend möglich wäre.
[GEJ.10_145,12] Ich weiß es wohl, daß du also
bist in deinem wahren Eifer für eine Wahrheit aus Gott, und weil derlei bei den
alten, wahren Juden auch stets vorkam, wo sie aufgefordert wurden, wider die
Feinde des Volkes Gottes das Schwert zu ziehen. Aber das soll nun nicht mehr
also sein, und es soll auch allen Heiden Mein Evangelium – darin die Gründung
des Reiches Gottes auf dieser Erde zur Beseligung aller Menschen besteht –
gepredigt werden. Denn es werden Zeiten kommen und sind schon da, in denen gar
viele Heiden Gott näher stehen werden denn gar viele Juden, die Gott mit ihren
Lippen loben und preisen, ihre Herzen aber von Ihm sehr ferne sind.
[GEJ.10_145,13] Siehe, nun suchen gar viele
Heiden die Wahrheit, die einst die wahren Kinder Gottes besaßen von Adam an bis
in diese Zeit, und so sie diese Wahrheit finden, so erkennen sie solche
alsbald, nehmen sie mit dem willigsten Herzen an und werden voll lebendigsten
Glaubens! Und das ist ja auch Mein Wille, spricht der Herr, daß auch die
Heiden, die so lange ohne ihre Schuld in der dicksten Finsternis des dümmsten
Aberglaubens schmachteten unter den Tyrannen und deren herrsch- und
wohllebenssüchtigen Priestern, durch den Glauben an den einen, allein wahren
Gott sollen selig werden.“
146. Kapitel
[GEJ.10_146,01] (Der Herr:) „Siehe, als Ich
vor nahe dreiunddreißig Jahren zu Bethlehem in einem Schafstalle von einer
reinsten und frömmsten Jungfrau namens Maria, einer einzigen Tochter des
Joachim und der alten Anna, die stets im Tempel zu des frommen Simeon Zeiten zu
tun hatten, bin in diese Welt geboren worden, da waren es eben die Heiden, die
es zuerst schon von weiter Ferne erkannt hatten, daß in Mir etwas
Außerordentliches in diese Welt gekommen ist, brachten Mir allerlei Opfer –
Gold, Weihrauch und Myrrhen –, und die mächtigsten Gewaltträger Roms in Judäa
und über alle römischen Länder in Asien und auch in Afrika erwiesen Mir alle
Liebe und leisteten Mir allen Vorschub, besonders bei der traurigen
Gelegenheit, als der alte Herodes, dem es zu Ohren gekommen war, daß in Mir den
Juden ein mächtigster König geboren worden sei, alle männlichen Kinder von der
Geburt an bis ins zwölfte Lebensjahr hatte ermorden lassen wollen; denn Meine
irdische Mutter und Mein Nährvater Joseph mit seinen fünf Söhnen, die ihm aus
einer früheren Ehe zuteil geworden waren, mußten sich mit Mir nach Ägypten
flüchten, und der römische Hauptmann Kornelius und sein Bruder Cyrenius haben
Mir bei dieser Flucht viel Liebe erwiesen und sorgten für eine gute Unterkunft
in einem fremden Lande.
[GEJ.10_146,02] Und siehe, das taten Mir die
von den Juden so sehr gehaßten Heiden, während die Juden, das heißt die
mächtigen, Mich aus dieser Welt schaffen wollten, aus Furcht, daß sie ihres von
Rom aus gepachteten Thrones durch Mich in der Zeit Meiner Großjährigkeit
könnten verlustig werden.
[GEJ.10_146,03] Wenn denn also, da ist es ja
doch sicher auch in der vollsten Ordnung, daß nun von Mir, wie auch von einem
jeden wahren Juden aus, den Heiden dieselbe Liebe bezeigt werde, die sie Mir
schon von Meiner Kindheit an bezeigt haben; und Ich habe nun im Verlaufe von
über zwei und einem halben Jahre bei den Heiden weit und breit bei Meinen
Lehrreisen stets mehr Glauben und Liebe gefunden als bei den Juden, die Mich
für einen falschen Propheten, Betrüger, Volksaufwiegler und für einen mit dem
Satan im Bunde stehenden Zauberer halten und vor dem Volke Mich als so etwas
seiend erklären und Mir gleichfort, je mehr die gemeinen Juden an Mich glauben,
nach dem Leben streben.
[GEJ.10_146,04] Ich sage dir es aber auch,
daß eben darum den Juden das Licht der ewigen Wahrheit genommen und den Heiden
gegeben werden wird. Die Juden aber werden zerstreut werden in alle Welt und
werden nimmerdar ein eigenes Land besitzen, sondern als verhaßte Sklaven unter
den Königen heidnischer Völker alle Schmach und Verfolgung zu ertragen haben
zum bleibenden Zeugnis ihres Unglaubens und ihrer gänzlichen Lieblosigkeit. Sie
werden den verheißenen Messias wohl immer erwarten, aber vergebens; denn Der
bin Ich und sonst keiner mehr in Ewigkeit.
[GEJ.10_146,05] Und siehe, darum mußt auch du
gegen die Heiden deine alte Gesinnung völlig ändern, und sie werden dadurch
deine Freunde werden und leicht in deinen wahren Glauben eingehen; denn die
meisten glauben an ihre Götter ohnehin nicht mehr, sondern halten sich an die
Lehren ihrer Weltweisen und sind dadurch gar sehr scharfsinnige Denker und
Redner, und du wirst durch sie gar manches überkommen, das du bei ihnen
schwerlich je gesucht haben würdest.
[GEJ.10_146,06] Menschen aber, die in den
Weltdingen klug und scharfsinnig sind, die werden es auch bald und leicht in
den Dingen des Geistes und seiner Weisheits- und Lebenstiefen; es kommt nur
darauf an, wie man sie behandelt.
[GEJ.10_146,07] Wer da bei ihnen gleich mit
dem Schwert und mit den Knitteln des alten Hasses dreinzuhauen anfängt, der
wird bei ihnen auch sicher schlechte Geschäfte machen; wer aber zu ihnen kommt
mit aller Sanftmut und Liebe, den werden sie bald auf ihren Händen tragen und
ihm auch alle Gegenliebe erweisen.
[GEJ.10_146,08] Siehe, das ist demnach dein
Fehler bis jetzt gewesen, den du in der Folge abzulegen hast, so du Mir gleich
ein vollkommener Jude und vollendeter Mensch werden willst!
[GEJ.10_146,09] Läßt denn Gott Seine Sonne
nicht über die Heiden so gut wie über die Juden leuchten, was du doch alle Tage
gar wohl bemerkt haben wirst? Macht aber da Gott, der Herr über alle Dinge in
der Welt und in den Himmeln keinen Unterschied, so soll auch ein wahrer Jude
darin Gott, der sein ewiger Vater ist, völlig ähnlich zu werden trachten.
[GEJ.10_146,10] Du brauchst ihnen darum aber
nicht bei einem etwaigen Bau eines Götzentempels behilflich zu sein – denn das
wäre keine wahre Nächstenliebe und hätte vor Mir auch keinen Wert –; aber die
Heiden mit aller Freundlichkeit von allen ihren alten Irrtümern befreien und
ihnen geben das alte Wahrheitslicht, das hat vor Mir einen übergroßen Wert.
[GEJ.10_146,11] Imgleichen auch, so da kommt
ein armer Heide vor deine Tür und fleht dich an um ein Almosen und du enthältst
es ihm darum vor, weil er ein Heide ist, so hast du dadurch vor Mir nichts Verdienstliches
fürs ewige Leben getan; so du dich aber auch des armen, hungrigen und durstigen
Heiden erbarmst und gibst ihm, dessen er bedarf, so hast du vor Mir ein Mir
sehr wohlgefälliges Werk der wahren Nächstenliebe getan, und Ich werde es dir
vergelten hier schon hundertfach und dereinst jenseits unendlichfältig. Denn
die wahre Nächstenliebe im Herzen eines Menschen – ob Jude oder Heide ist
gleich – ist das einzige, wahrhaft geistige Lebenselement, durch das alle
Sinnenwelt und auch alle Himmel in der Bestandsordnung erhalten werden. So ein
Mensch die wahre Nächstenliebe hat und übt, so lebt er dadurch auch in der
rechten Ordnung Gottes und gründet in sich das ewige Leben seiner Seele.
[GEJ.10_146,12] Habe du von nun an denn auch
die wahre Nächstenliebe gegen Heiden so gut wie gegen Juden, und du wirst
erweckt werden durch Meines Geistes Kraft zum ewigen Leben und wirst eindringen
in Meine Gottheitstiefen und wirst dadurch denn in Mir auch wahrhaft lieben
deinen Gott über alles, – und das ist alles, was Ich von den Menschen zur
Gewinnung des ewigen Lebens verlange. Wer da solche Liebe hat, der hat vor Mir
keine Sünde und braucht nicht der Juden lange und leere und vor Mir wertloseste
Gebete, keine Fasten und keine Bußwerke in Sack und Asche zu wirken. – Hast du
das wohl verstanden?“
147. Kapitel
[GEJ.10_147,01] Sagte der Wirt: „O Herr und
Meister, ich habe Dich völlig verstanden und bin nun vollends im klaren, mit
wem ich es nun in Dir zu tun habe! Mein durch Deine Gnade und Macht geheilter
Sohn hat Dich gleich nach der wunderbaren Heilung vollkommenst wahr beurteilt
und Dich als Den erkannt, der Du über jeden Zweifel hinaus auch bist.
[GEJ.10_147,02] Meinen alten Fehler werde ich
denn von nun an auch gänzlich ablegen und mein Verhalten gegen Juden und Heiden
genau nach Deinem heiligst wahren Rate einrichten.
[GEJ.10_147,03] Es ist für unsereinen nur das
einzige schwer zu begreifen, warum denn auf dieser Erde das ganz Gute und Wahre
stets von dem Bösen und Falschen oft völlig unterdrückt und unterjocht werden
muß und erst dann, aber stets spärlich, wieder zum Vorschein kommt, wenn das
Böse und Falsche sich notgedrungen selbst das spitze Schwert aus Verzweiflung
an die Brust zu setzen beginnt.
[GEJ.10_147,04] Wievielmal tausendmal
Tausende von Menschen schmachten in der größten Not, Finsternis und mehrfacher
Verzweiflung, können sich nicht helfen und jammern ihr ganzes Leben hindurch!
Wir wenigen in der Urwahrheit noch stehenden Menschen können sie nur tiefst
bemitleiden, aber ihnen auch selbst bei dem besten Willen nicht helfen. Ja,
einen Hungrigen können wir mit unserem kleinen Überfluß wohl sättigen, einen
Durstigen tränken und einen Nackten bekleiden, ebenso im Notfall einem
Trauernden einen magern Trost geben, – da ist es mit aller unserer Hilfe auch
schon zu Ende!
[GEJ.10_147,05] Du, o Herr und Meister, dem
sicher aller Menschen Not auf dieser Erde nur zu klar bekannt ist, könntest
allein aller geistigen und auch leiblichen Not aller Menschen ebenso schnell
abhelfen, wie Du meinem Sohne von all seinem Leiden abgeholfen hast; aber das
eben geschieht von Dir aus – wie uns die Schrift selbst lehrt – nur höchst
selten.
[GEJ.10_147,06] O Herr und Meister, warum muß
denn das also sein auf dieser Erde? Sind denn im Ernste die meisten Menschen
von Dir bestimmt zum Falle und nur ganz wenige zur Auferstehung?“
[GEJ.10_147,07] Sagte Ich: „Das sei ferne, –
auch nicht ein Mensch ist von Mir aus bestimmt zum Falle; aber da ein jeder
Mensch erst durch seinen von Mir ihm gegebenen völlig freien Willen ein wahrer
Mensch ist und sich selbst in dem ihm von Mir aus allzeit treu geoffenbarten
Guten und Wahren zu üben, zu prüfen und zu bestimmen hat, so geschieht es, daß
die Menschen sich von den Anreizungen der Welt, in der das Reich des Satans
verborgen waltet, nur zu bald gefangennehmen lassen, Mich nach und nach trotz
aller Meiner fortwährenden Mahnungen vergessen, Meine Gebote in den Wind
schlagen und sie am Ende mit Füßen treten, von der Nächstenliebe in alle
Selbstsucht übergehen, in aller guten Tätigkeit träge werden und in solcher
Trägheit nur danach zu sinnen anfangen, wie sie es anstellen sollen, daß alle
andern Menschen für sie arbeiten und ihnen blindlings gehorchen.
[GEJ.10_147,08] In solchem Sinnen verfallen
sie bald auf allerlei Trugkünste, üben solche vor ihren neugierigen Mitmenschen
aus und offerieren sich ihnen nur zu bald durch allerlei falsche Zauberwunder
und durch mystische Worte als von der Gottheit begeisterte Propheten.
[GEJ.10_147,09] Die andern Menschen fangen
dann an, solchen Müßiggängern zu glauben, sie für eine Art höherer Wesen zu
halten, und fühlen sich glücklich, sich ihnen öfter nahen zu können und ihnen
allerlei Opfer darzubringen, und bitten die Betrüger am Ende sogar, daß diese
sie in ihren Schutz nehmen möchten.
[GEJ.10_147,10] Und siehe, unter solchen
Umständen haben die Betrüger ihren Zweck auch schon erreicht; sie werden durch
ihr Nichtstun und durch ihre Trugkünste mächtiger und mächtiger, verkehren
Meine Offenbarungen zu ihrem Vorteil, werden Herren ihrer geblendeten
Mitmenschen und geben ihnen Gesetze, nach denen die Mitmenschen am Ende nur für
sie zu arbeiten und im Notfall auch all ihr Gut, Blut und Leben für ihre
Tyrannen einzusetzen und auch dahinzugeben haben.
[GEJ.10_147,11] Bei solchen Anfängen aber
wird das Volk von Mir stets durch wahrhaft von Mir im Geiste geweckte Propheten
gemahnt und gewarnt, wie das zu den Zeiten Samuels geschah, als das Judenvolk
auch einen König haben wollte, also, wie ihn die es umgebenden heidnischen
Völker hatten.“
148. Kapitel
[GEJ.10_148,01] (Der Herr:) „Lies den Samuel
und das Buch der Richter, und du wirst es finden, wie sehr Ich das Judenvolk
auf das augenscheinlichste und eindringlichste vor einem Könige gewarnt habe!
Was haben aber am Ende alle Meine vielen Warnungen gefruchtet? Ich sage es dir:
Gar nichts! Das Volk wollte einmal einen König, und es ward ihm denn auch einer
gegeben als eine gerechte Strafe für seinen unverbesserlichen Starrsinn.
[GEJ.10_148,02] Könntest du Mir da auch den
Vorwurf machen, als hätte Ich dem Volke nicht helfen wollen und habe es lieber
zum Falle kommen lassen? Das wirst du nun wohl einsehen, daß das von Mir aus
niemals der Fall war und sein konnte. Dem selbst Wollenden geschieht kein
Unrecht, und wer auf Meine vielen Mahnungen nicht achtet und nur den Gelüsten
der Welt und seines Fleisches frönt, da kann Ich wahrlich nicht dafür, so er
sich und auch seine Nebenmenschen ins Verderben stürzt, so diese seinem
Beispiel folgen.
[GEJ.10_148,03] Bin Ich nun nicht Selbst
persönlich in dieser Welt, lehre die blinden Menschen und wirke Zeichen, die
außer Mir niemandem möglich sind? Gehe aber hin nach Jerusalem und in viele
andere Städte, sowohl in Judäa als auch in Galiläa, und frage die Großjuden,
was sie von Mir halten!
[GEJ.10_148,04] Siehe, fangen und töten
wollen sie Mich, weil Ich ihnen ihre vielen und allergröbsten und größten
Sünden vorhalte! Sie wollen ihren Weltsinn nicht fahren lassen und ihre
Weltehre und unbegrenztes Wohlleben.
[GEJ.10_148,05] Sage, bin Ich da schuld, daß
diese Großjuden unverbesserlich sind? Du meinst freilich, daß Ich sie alle in
einem Augenblick verderben und vernichten könnte. Das könnte Ich wohl; aber
auch die Abtrünnigen sind Meine Kinder, und Meine Liebe hat Geduld mit ihnen
und wartet gleichfort, ob sich von ihnen am Ende doch noch einer und der andere
zu Mir zurückwende.
[GEJ.10_148,06] So wirst du nun wohl
einsehen, daß Ich, als die höchste Liebe und Geduld, solches nicht tue, auf daß
sich am Ende, wenn das große Strafgericht über ihn kommen wird, niemand damit
entschuldigen kann, als hätte Ich ihm zu wenig Liebe und Geduld erwiesen.
[GEJ.10_148,07] Ich sage es dir: So Jerusalem
gleichfort in seinem Argen verharrt und darin, statt abzunehmen, nur zunimmt,
so werden von nun an keine vollen fünfzig Jahre vergehen, und es wird ihm und
dem ganzen Lande noch um vieles ärger ergehen, als es einst Sodom und Gomorra
ergangen ist.“
[GEJ.10_148,08] Sagte der Wirt: „O Herr und
Meister, nun sehe ich es ganz klar ein, daß Du allein höchst weise bist und in
allem recht hast; die Menschen sind allzeit selbst schuld an allen Übeln, von
denen sie körperlich und seelisch heimgesucht werden.
[GEJ.10_148,09] Doch wer war denn daran
schuld, daß dieser mein Sohn, der stets von der frühesten Jugend an mein
allergeratenster und frömmster war, blind und lahm geworden ist?“
[GEJ.10_148,10] Sagte Ich: „Siehe, Freund, da
wirkten drei Hauptumstände zusammen! Der erste Umstand war deine zu große
Vorliebe für ihn. So er nur ein wenig von irgendeinem kleinen Kopfübel bedroht
war, so mußten gleich alle die bekannten Ärzte zu ihm kommen, um ihn zu heilen.
Diese haben ihm durch ihre stärksten Mittel einen ziemlich heftigen Kopfkatarrh
in die Augen getrieben, und der Sohn ward blind.
[GEJ.10_148,11] Zweiter Umstand: Als der Sohn
blind geworden war, da wollten die Ärzte ihn wieder sehend machen, gebrauchten
innerlich und äußerlich starke, aber ganz verkehrte Mittel, und dein Sohn ward
dadurch denn auch bald am ganzen Leibe lahm.
[GEJ.10_148,12] Dritter Umstand: Ich wußte
wohl auch darum und ließ es zu, daß dir solches begegne, und zwar aus dem
folgenden Grunde: Zum ersten hast du dann auch deinen andern Kindern eine
größere Liebe bezeigt und hast sie alle besser zu erziehen angefangen. Zum
zweiten hast du angefangen einzusehen, daß ein rechter Jude auch bei den leiblichen
Übeln stets mehr auf Gott denn auf die zumeist blinden und unwissenden
Weltärzte sein Vertrauen setzen solle; denn wo kein Arzt mehr helfen kann, da
kann noch Gott allein gar wohl helfen. Und zum dritten ließ Ich das auch darum
zu, weil Ich wohl wußte, daß Ich zu dir kommen werde, um dir in der Heilung
deines Sohnes ein Zeichen zu geben, daß Ich der Herr bin und Mir nichts
unmöglich ist.
[GEJ.10_148,13] Aus dem wirst du nun wohl
einsehen, was da alles schuld war, daß dein Sohn auf eine Zeitlang blind und
lahm geworden ist.
[GEJ.10_148,14] Es gibt zwar wohl noch einen
dir für jetzt noch völlig unbegreiflichen, geheimen, innern, geistigen Grund,
der dir aber erst im andern Leben klar werden wird. Das magst du aber nun aus
Meinem Munde für dich und deinen Sohn vernehmen, daß weder du selbst, noch
dieser dein Sohn der Seele nach von dieser Erde, sondern von oben her, das
heißt von einer andern im endlos weiten Himmelsraume, abstammt. Denn alles, was
sich dir am weiten und tiefen Himmel als ein bleibendes Gestirn zeigt, ist
Weltkörper über Weltkörper, und keiner ist ohne euch ähnliche vernünftige
Menschenwesen; doch Meine Kinder trägt nur diese Erde.
[GEJ.10_148,15] Doch frage Mich darüber um
nichts Weiteres mehr. So du im Geiste vollendet sein wirst, wird sich deine
innere Sehe auch in diesem zu einer größeren Klarheit erheben.“
149. Kapitel
[GEJ.10_149,01] Als Ich solches zum stets
mehr staunenden Wirte gesagt hatte, da wollte er noch etwas reden; aber es
kamen soeben zwei Fremde an die Tür der Herberge, pochten an dieselbe und
verlangten Einlaß.
[GEJ.10_149,02] Der Wirt fragte Mich
alsogleich, was er da tun solle.
[GEJ.10_149,03] Sagte Ich: „Frage dein Herz
nach dem Grundsatze der wahren Nächstenliebe, und es wird dir alsbald sagen,
was du zu tun hast!“
[GEJ.10_149,04] Der Wirt aber gedachte gleich
dessen, was Ich ihm in einer längeren Rede gesagt hatte, und was sein alter
Fehler war, stand sogleich vom Tische auf und ließ die beiden Fremden in die
Herberge.
[GEJ.10_149,05] Als die beiden zu uns ins Zimmer
traten, da befragte sie der Wirt, woher sie gekommen seien, und was sie
wünschten.
[GEJ.10_149,06] Der eine der beiden, der zur
Not etwas Hebräisch reden konnte, sagte: „O Freund, wir kommen von gar weit
her! So es dir bekannt ist, wo dereinst das übergroße und mächtige Ninive
stand, und noch zwei gute Tagereisen hinter der benannten Stadt sind wir elend
über elend zu Hause.
[GEJ.10_149,07] Wir waren unserem Tyrannen
von einem Könige einige Silberstücke an der uns frechstermaßen aufgebürdeten
Steuer schuldig, und in der uns gewährten Frist von nur sieben Tagen konnten
wir diese Summe nirgends aufbringen. Wir baten um Gnade und Geduld; aber alles
vergebens. Man gab uns zur Antwort: Wird nur einem eine Gnade erteilt, so wird
zur Steuerzahlungszeit bald alles Volk, um Gnade flehend, vor den Thron des
Königs kommen. Daher keine Gnade! Und man griff gleich nach allem, was wir
besaßen, und schonte unsere Weiber und Kinder nicht, sondern ergriff sie und
führte sie in die Gefangenschaft. Auf unser vieles Flehen gab man uns endlich
eine Bettelfrist von drei Monden, in welcher Zeit wir uns die verlangten
Silberstücke zu erwerben und sie an die Kasse des Königs zu überbringen hätten;
könnten wir das nicht, so würden unsere Weiber und Kinder an indische
Sklavenhändler verkauft, und wir blieben des Landes verwiesen.
[GEJ.10_149,08] Siehe, du glücklicher
Untertan der weisen Herrscher Roms, so geht es uns nun unter unserem Tyrannen,
der außer sich und seinen vielen Hofleuten niemand für einen Menschen
betrachtet; und wir haben darum diese weite Wanderung unternommen, um bei euch
sicher besseren Mitmenschen uns unsere Silberstücke zu erbitten, damit in unser
Land getrost wieder heimzukehren und unsere Weiber und Kinder aus der harten
Gefangenschaft zu befreien. Mit dem weißt du, glücklicher Wirt, nun aber auch
schon alles, woher wir sind, und was wir wünschen und suchen.“
[GEJ.10_149,09] Sagte der Wirt: „Wenn ihr
sonst kein Anliegen habt, so kann euch da bald aus eurer Not geholfen werden!
Aber nun fragt es sich noch weiter, und das besteht darin, ob ihr hungrig und
durstig seid!“
[GEJ.10_149,10] Sagte der eine: „Beides
zugleich; denn wir kommen heute schon aus der Gegend des Euphrat her und haben
auf dem Wege weder etwas zu essen, noch etwas zu trinken bekommen. Unsere Wasserflaschen,
die wir am frühesten Morgen mit Euphratwasser gefüllt haben, haben wir bis gen
Mittag hin geleert und bisher kein Wasser mehr irgend erspähen können.“
[GEJ.10_149,11] Der Wirt bedauerte die beiden
Fremden sehr, erhob sich schnell und brachte ihnen Salz, Brot und Wein, hieß
die Fremden sich sogleich an einen Tisch setzen und sich stärken mit Brot und
Wein.
[GEJ.10_149,12] Mit den dankbarsten Blicken
nach oben gerichtet, griffen die beiden sogleich nach dem Brote und also auch
nach dem Weine und labten und stärkten sich.
[GEJ.10_149,13] Der Wirt aber fragte Mich, zu
was für einer Gotteslehre sich etwa die beiden bekennten.
[GEJ.10_149,14] Und Ich sagte zu ihm:
„Freund, für diese beiden ist für diesen Moment die Zeit noch nicht da, daß Ich
mit ihnen zu verhandeln anfinge! Daher verhandle nun nur noch du allein; Ich
werde dann schon auch hinzukommen!“
150. Kapitel
[GEJ.10_150,01] Darauf fragte der Wirt die
beiden, als diese sich schon gesättigt hatten, was für Gottheiten in ihrem
Lande verehrt und angebetet würden.
[GEJ.10_150,02] Sagte der eine: „O lieber
Freund, bei uns gibt es gar keine irgend bestimmte Gottheit; denn unsere
Priester sind untereinander in steter Fehde stehend, und es hat beinahe schon
ein jeder für sich seinen eigenen Gott, läßt ihn Wunder wirken und schreit nur
von seines Gottes Macht und Herrlichkeit. Der König aber kümmert sich wenig
darum; denn er hält nur Gold, Silber und Edelsteine für seine Götter, – alle
andern Götter gehen ihn nichts an!
[GEJ.10_150,03] Wir beide aber gehören noch
dem Judenstamme an, der seit der gewissen Gefangenschaft unter dem Könige
Nebukadnezar sich hie und da in unserem Lande angesiedelt hat, und so sind wir
geheim noch Mosaiten, aber freilich ohne Schrift, ohne Bundeslade und ohne
Tempel. Der Himmel mit seinen Sternen ist uns alles.
[GEJ.10_150,04] Wir glauben an den Gott, den
Moses unseren Vätern zeigte, und halten noch den Sabbat und die sonstigen
Gebote; aber der alte Jehova scheint unser nicht gar zu besonders mehr zu
gedenken.“
[GEJ.10_150,05] Sagte der Wirt: „Auch ich bin
ein Jude und kann euch versichern, daß der alte Jehova sehr euer gedachte, da
Er euch in eurer Großnot eben hierher geführt hat. Morgen wird euch diese Sache
schier vollends klar werden; für heute aber möget ihr euch ausruhen und euch
noch stärken mit Brot und Wein!“
[GEJ.10_150,06] (Anmerkung) Als der Wirt die
zwei Fremden beruhigt hatte, indem er ihnen die Versicherung gab – nebst noch
mehr Brot und Wein zu ihrer Stärkung –, daß sie am kommenden Morgen in allem
zufriedengestellt würden, kam er wieder an unseren Tisch zurück und konnte
seine Verwunderung über das, was er von den beiden Fremden über die Priester
und den König ihres Landes vernommen hatte, nicht genug ausdrücken.
[GEJ.10_150,07] Ich aber sagte zu ihm: „Laß
das gut sein, – denn auch unter den Griechen, Römern und Juden geht es in
dieser Zeit nicht besser; auch ihnen dienen ihre Götter zu nichts anderem, als
durch sie mit Hilfe von allerlei Zaubereien soviel als möglich zu blenden und
das Volk nach allen seinen Kräften opferwillig zu machen. Sie haben zwar kein
IUS GLADII und kein IUS POTIORIS ET FORTIORIS, aber die gegenwärtigen
Beherrscher der Völker sehen es gern, so die Priester das Volk recht blind und
abergläubisch machen, damit sie, die Könige nämlich, das Volk leichter zum
Gehorsam zwingen können und nicht dazu eine große Anzahl der kostspieligen
Krieger benötigen.
[GEJ.10_150,08] Um die eigentliche Wesenheit
Gottes kümmert sich ein Völkerbeherrscher äußerst wenig oder gar nicht. Er
macht dann und wann äußerlich die vorgeschriebenen Zeremonien wohl mit, um das
Volk glauben zu machen, wie hoch er selbst dessen Götter verehre; bei sich
selbst aber ist und bleibt er – was das Weltleben betrifft – ein Epikureer und
– was seinen Glauben betrifft – entweder ein Kyniker oder Sadduzäer, die an ein
Fortleben der Seele nach dem Tode nicht glauben. Und wie der Beherrscher für
sich denkt, so denken auch besonders die hohen Priester.
[GEJ.10_150,09] Will er mit irgendeinem
seiner Nachbarn einen Krieg anfangen, so wissen die hohen Priester schon, wie
sie zum voraus seine Völker zu bearbeiten haben, damit diese durch die
Unterpriester bearbeitet werden, daß der bevorstehende Krieg von dem Willen der
Götter ausgeht und der König, als der Repräsentant seiner Völker vor den
Göttern, nicht umhin kann, ihrem durch die hohen Priester kundgegebenen Willen
auf das eifrigste nachzukommen.
[GEJ.10_150,10] Dadurch werden die Völker
nach der Elle breitgeschlagen, werden willig und eifrig, die von dem König
benötigte Kriegsbeisteuer zu bezahlen, und machen sich selbst eine übergroße
Ehre daraus, so sie noch bei guten Kräften sind, mit den Waffen in der Hand den
Krieg mitzumachen.
[GEJ.10_150,11] Siehe du, Mein lieber Wirt,
so geht es nun nicht nur in dem Lande, von welchem unsere beiden Fremden in
ihrer großen Not gekommen sind, sondern auf der ganzen Erde zu, und es wird
noch eine sehr lange Zeit erforderlich sein, bis die Völker zu der Einsicht
gelangen werden, daß sie seit den Zeiten Mosis und der auf ihn folgenden
Richter Menschenlasttiere der Großen und Mächtigen waren, sind und noch lange
sein werden.“
151. Kapitel
[GEJ.10_151,01] (Der Herr:) „Du denkst dir
nun freilich – wie es sich schon einige in Meiner Gegenwart gedacht haben –,
Ich hätte ja die Macht, solch einem Weltunfug einen für alle Zeiten wirksamsten
Strich durch seine Rechnungen zu machen! Da hast du freilich wohl recht; aber
da müßte fürs erste dem Menschen, der ohne Unterschied seiner Geburt und seines
Standes zur Kindschaft Gottes berufen ist, der freie Wille gänzlich benommen
werden, und anstatt der freien Vernunft und des Verstandes müßte die
Menschenseele gleich der Seele der Tiere mit einem Instinkt versehen werden,
wonach dann ein jeder Mensch nichts anderes mehr zu tun imstande wäre, als wozu
ihn sein Instinkt antriebe, – und fürs zweite müßte Ich auch die ganze Erde
überaus bedeutend umändern und auf ihr bloß das Futter für derlei
Instinktmenschen, wie für die andern Tiere, wachsen lassen. Dazu müßte Ich noch
fürs dritte darum gar viele Pflanzen und Tiergattungen völlig eingehen lassen;
denn wozu wären sie, so sie eben darum notwendig dasein müssen, damit sich aus
ihrer nahezu endlos langen Stufenreihe die völlig freie Menschenseele zu
entwickeln hätte?
[GEJ.10_151,02] Du siehst daraus, indem du
noch ein tüchtiger Mosaist bist, daß es auf dieser Erde nun nicht anders
zugehen kann; und ginge es besser zu, als es eben jetzt geht, so hätte Ich noch
lange nicht nötig gehabt, Selbst als ein Mensch auf diese Erde zu kommen, um wenigstens
bei denjenigen Menschen, bei denen noch ein besserer Sinn aus der früheren Zeit
der Propheten übriggeblieben ist, den alten Glauben lebendig zu machen und auch
die andern Menschen durch sie zu überweisen (überzeugen), daß die Weissagungen
der Propheten nicht also wie die falschen Götzenlehrer ihre Schriften und
Weissagungen aus der Luft gegriffen haben.
[GEJ.10_151,03] Das ganze Menschengeschlecht
auf dieser Erde aber wird noch mehr denn ein paar tausend Jahre vonnöten haben,
um in ein reineres Licht überzugehen.
[GEJ.10_151,04] Du weißt, daß nach der
noachischen Flut die wenigen übriggebliebenen Menschen auf ziemlich lange hin
einen besseren Weg des Lichtes gewandelt sind; aber die Welt und ihre Materie,
in welcher der eigentliche Satan steckt, hat sie bald wieder an sich gezogen,
und schon unter Abrahams Zeiten hat die Gottlosigkeit der Menschen einen ganz
bedeutenden Fortschritt gemacht. Zähle alle die Gerichte auf, durch welche Ich
derlei Völker auf das empfindlichste und schärfste heimgesucht habe!
[GEJ.10_151,05] Wie lange dauerte aber die
Wirkung eines solchen Gerichts? Im allgemeinen höchstens drei bis vier
Menschenleben hindurch, und es ging darauf gleich wieder zu wie früher und noch
um vieles ärger! Ein Sodom und Gomorra, ein Babylon und ein Ninive wären jetzt
nahezu als ein Paradies gegen Jerusalem, gegen viele andere Städte des
einstigen Gelobten Landes und auch gegen viele Städte der Heiden anzusehen.
[GEJ.10_151,06] Es wird auch über alle diese
Städte in jüngster Zeit ein Gericht ums andere kommen; aber die Wirkung
desselben wird den vorangegangenen Gerichten ganz gleichkommen. Auf eine
Zeitlang werden sich viele Menschen bessern und bekehren und Buße tun; sowie
sie sich aber dadurch werden in einen diesirdisch besten Zustand versetzt fühlen,
so wird sich bald wieder bei ihnen der Müßiggang einstellen, und die
Pfiffigeren werden sich von den weniger Pfiffigen wieder um allerlei Scheinlohn
bedienen zu lassen anfangen.
[GEJ.10_151,07] Und sind die Menschen einmal
auf diesem Punkte angelangt, so fängt unter ihnen auch die Verfinsterung in
ihren Gemütern wieder an; die Sonne des Lebens geht unter, und die volle Nacht
geht auf der entgegengesetzten Seite siegreich auf und einher, und es dauert
dann lange wieder, bis ein neuer Tag zu werden anfängt.
[GEJ.10_151,08] Und so magst du, Mein lieber
Wirt und Freund, für dich und dein ganzes Haus dich mit dem begnügen, was Ich
dir jetzt über den gegenwärtigen Stand der Menschen gesagt habe.
[GEJ.10_151,09] Bei guter Gelegenheit kannst
du das auch deinen bewährten Freunden mitteilen und sie ermahnen zur Geduld und
zur Ausharrung in Meinem Namen, und sie auch versichern Meiner Liebe und Gnade,
und daß es bald lichter und besser aussehen wird, sowohl unter vielen Juden als
auch unter den Heiden.“
152. Kapitel
[GEJ.10_152,01] Mit dieser Meiner Erklärung
war der Wirt vollkommen zufrieden und einverstanden.
[GEJ.10_152,02] Doch einige Meiner Jünger,
besonders die bei Mir anwesenden etlichen Jünger des Johannes, sagten: „Herr,
wenn das immer so zugehen wird, wie es seit Noahs Zeiten bis auf uns zugegangen
ist, dann ist diese Erde ja vielmehr eine Pflanzschule für die Hölle als für
den Himmel! Denn was wird es da nützen, den Völkern das Evangelium zu predigen,
um sie zur wahren Buße oder Umkehr von ihrer alten Finsternis in Dein
Lebenslicht zu bekehren, so der Satan gleich darauf wieder sein altes Spiel
fortsetzen wird, woran nicht zu zweifeln ist?
[GEJ.10_152,03] Denn neben uns als Deinen
wahren Jüngern werden sich nur zu bald eine große Menge falscher Lehrer und
Propheten erheben und aus Dir machen, was sie wollen, und die Menschen werden
sich, wie zu allen Zeiten, von ihnen durch allerlei Trugkünste und Zauberwunder
derart überlisten lassen, daß neben und unter ihnen wir, Deine wahren Jünger,
nicht des Lebens sicher sein werden.
[GEJ.10_152,04] Was wird Deine gegenwärtige
Darniederkunft im allgemeinen den Menschen nützen? Wenige werden wohl unter
Furcht und Zittern auf Deinen Namen halten und im Verborgenen nach Deiner Lehre
auch leben und handeln, – aber wehe ihnen in dieser Welt, wenn sie als solche
von den andern werden erkannt werden! Da wird die Verfolgung nahe so lange kein
Ende nehmen, als bis die kleine Zahl Deiner rechten Bekenner von dem Boden
dieser Erde hinweggefegt sein wird!
[GEJ.10_152,05] Haben die Israeliten sich in
Deiner Gegenwart ein goldenes Kalb machen mögen und haben es verehrt und
gepriesen, – um wieviel mehr die gegenwärtig ganz verstockten Menschen und
Sünder jeder Art und Gattung! Herr, haben wir recht oder nicht?“
[GEJ.10_152,06] Sagte Ich: „Einesteils ja, –
aber andernteils nicht; denn von nun an werde Ich Meine wahren Bekenner bis ans
Ende der Zeiten schon derart zu beschützen und zu erhalten verstehen, daß ihnen
die Macht des Satans wenig oder nichts wird anhaben können.
[GEJ.10_152,07] Sehet aber ihr zu, daß ihr
nach Mir untereinander nicht uneins werdet, da Ich auch euch den freien Willen
und die freie Erkenntnis belassen muß! Werdet ihr aber uneins, und wird der
eine dies und der andere jenes als vorzüglich anpreisen, so werdet ihr selbst
den ersten Grundstein zum falschen Prophetentum legen und mannigfache
Spaltungen in Meiner euch gepredigten Lehre verursachen.“
[GEJ.10_152,08] Sagten wieder die Jünger:
„Herr, das wird von uns aus nimmer geschehen, indem wir Zeugen von Deiner Lehre
und Deinen Taten sind!“
[GEJ.10_152,09] Sagte Ich: „Das seid ihr zwar
wohl, aber es wird dennoch von nun an kein Jahr vergehen, und ihr werdet euch
über Mich ärgern, Mich verleugnen und verraten! Wahrlich sage Ich euch weiter:
So Ich als euer Hirte in Kürze geschlagen werde, da werdet ihr als Meine Schafe
euch zerstreuen. Ich werde euch nach Meiner Auferstehung wohl wieder sammeln
und euch, mit allem versehen, in die Welt hinaussenden, um allen Menschen Mein
Evangelium von der Ankunft des Reiches Gottes auf dieser Erde zu predigen, und
ihr werdet viele Anhänger bekommen, – aber aus diesen Anhängern werden sich
bald Nachfolger erheben und in eure Fußstapfen begeben und werden lehren, wie
ihr auch, in Meinem Namen.
[GEJ.10_152,10] Die Berufenen werden nichts
verderben, aber desto mehr viele Unberufene neben den Berufenen, und da wird
sich bald Zank und Hader unter ihnen erheben, und ein jeder wird vorgeben, daß
er die volle und reine Wahrheit lehre, und Meine Lehre wird bald gleichen einem
Aase, das die Adler schon von ferne riechen, zum selben hinfliegen und es zur
Sättigung ihres Leibes bis auf die Knochen aufzehren.
[GEJ.10_152,11] Das Gerippe wird dann
freilich noch bleiben, aber nur wenige, durch Meinen Geist Weise, werden in
sich erkennen, wie das Fleisch, mit dem einst die Knochen bekleidet waren, der
Wahrheit nach ausgesehen hat. Der größte Teil aber wird an dem Gerippe noch so
lange nagen, bis er dabei verhungern wird.
[GEJ.10_152,12] Da wird es dann freilich auf
dem Erdboden viel Zankens und Zähneknirschens geben, und die Menschen, die so
lange in der Finsternis waren, werden den schmutzigen Irrlichtern in ihrer
Nacht nachrennen, in der Meinung, ein rechtes Licht zu überkommen; allein das
vielfache Erlöschen solcher Irrlichter wird sie nach und nach in sich selbst zu
der Überzeugung führen, daß sie die Betrogenen sind.
[GEJ.10_152,13] Und sehet, dann werde Ich
wiederkommen wie ein hellster Blitz, der vom Aufgange bis zum Niedergange
leuchtet und alles erhellt, was in, auf und über der Erde ist; und dann wird
die Zeit kommen, in der die falschen Lehrer und Propheten mit den von dem
Blitze erleuchteten Menschen nichts mehr ausrichten werden!“
153. Kapitel
[GEJ.10_153,01] Sagte darauf Simon Juda, auch
Petrus genannt: „Herr! Du hast zu uns zu öfteren Malen gesagt, daß nur jener
Mensch, der an Dich lebendig glaubt und nach Deiner Lehre lebt und handelt, das
ewige Leben überkommen wird, und Du ihn auferwecken wirst am Jüngsten Tage!
Siehe, Herr, das sind aus Deinem Munde zwei Verheißungen, über die ich selbst
trotz Deiner mannigfachen Erklärungen noch nicht völlig klar werden kann.
[GEJ.10_153,02] Was wird es denn mit den
zahllos vielen Menschen für ein Ende nehmen, die von Dir noch lange nichts
hören und vernehmen werden? Sind diese nun bloß darum auf der Erde, damit sie
durch ihre Leiber den weiten Boden ebendieser Erde für ein allfällig noch
besseres Menschengeschlecht düngen?
[GEJ.10_153,03] Denn bei diesen Menschen kann
selbstverständlich keine Auferweckung durch Dich an irgendeinem Jüngsten Tage
statthaben, indem sie – ohne ihre Schuld – an Dich unmöglich glauben und nach
Deiner Lehre leben können; und dann ist ein Jüngster Tag, an dem Du alle
Lebendigen und Toten erwecken willst, immer etwas sehr Hartes und Rätselhaftes
in Deiner Lehre, trotz der so manchen Erläuterungen, die Du schon teilweise
darüber gegeben hast. Denn bald hat er das Gesicht eines irgendwann einmal
kommenden allgemeinen Tages, bald wieder das Gesicht eines speziellen für jeden
ins große Jenseits übertretenden Menschen.
[GEJ.10_153,04] Sei ihm aber, wie ihm wolle,
so begreife ich doch nicht, wozu noch eine abermalige Auferweckung für die
ohnehin Lebendigen in Deinem Namen notwendig ist.
[GEJ.10_153,05] Für die eigentlichen Toten
dünkte mir eine Auferweckung als notwendig; aber wann und wofür sollen sie nach
der Auferweckung noch mehr tot werden, als sie vor derselben waren? Oder soll
ihnen erst nach solch einer Auferweckung Dein Evangelium gepredigt werden?
[GEJ.10_153,06] Siehe, o Herr, darüber gib Du
uns endlich eine vollgültige Erklärung, auf daß wir nicht immer heimlich der
Meinung sein müssen, Du habest unter tausend Menschen nur einen fürs ewige
Leben und die Neunhundertneunundneunzig für den ewigen Tod erschaffen!“
[GEJ.10_153,07] Und Ich sagte darauf: „Höre,
du Mein Simon Juda! Ich meine, daß du in diesem Punkte deines fortwährenden
Zweifelns selbst im Vollbesitze Meines Geistes nie klar werden wirst! Habe Ich
euch doch schon einige Male gesagt, daß Ich euch noch gar manches und gar
vieles zu sagen hätte, – aber ihr könntet es jetzt noch nicht ertragen, das
heißt mit eurem Verstande begreifen und verstehen; darum werde Ich euch Meinen
Geist senden und über euch ausgießen, der wird euch erst in alle Wahrheit und
Weisheit leiten!
[GEJ.10_153,08] Ich darf jetzt vor euch nur
ein bißchen mit Meiner Lehre nach oben ausgreifen, und ihr saget: ,Nun hast Du
schon wieder Deinen Mund in Gleichnissen und Bildern aufgetan!‘, daß ihr sie
nicht zu verstehen vermöget, und nennet darum Meine Lehre hart. ,Wer kann sie
fassen und begreifen?‘
[GEJ.10_153,09] Wißt ihr denn nicht, daß ihr
nun in Beziehung auf Meine Lehre gleich den kleinen, unmündigen Kindern seid,
die man mit Milch speist, weil sie noch keine harte und kräftige Speise zu sich
zu nehmen und zu verdauen imstande sind?
[GEJ.10_153,10] So ihr nach Mir ausgehen
werdet, zu verbreiten unter den Menschen Mein Evangelium, so werdet ihr
dasselbe tun, was Ich nun tue mit euch und mit andern Menschen, mit denen wir
zusammenkommen.
[GEJ.10_153,11] Oder wie gefiele es euch
denn, so in einer Knabenschule irgendein hochweiser Schriftgelehrter aufträte
und anfinge, Vorträge über die verborgensten Stellen der Propheten vor seiner
jungen und schwachen Zuhörerschaft zu halten, – was natürlich keiner seiner
Zuhörer verstehen könnte? Müßte der hochweise Schriftgelehrte es sich am Ende
nicht gefallen lassen, daß ihm seine Zuhörer zurufen würden und sagen:
,Hochgelehrter und weiser Freund, lehre uns doch zum voraus lieber lesen, zur
Not schreiben und rechnen; dann erst siehe du, ob wir von deiner hohen Weisheit
etwas begreifen können oder nicht!‘?
[GEJ.10_153,12] Und sehet, eine solche
Zurechtweisung müßte Ich Mir von euch selbst gefallen lassen, so Ich im rein
himmlischen Lichte euch Mein Evangelium vortrüge! Denn verstehet ihr schon
Dinge dieser Welt nicht, die ihr im Notfalle doch mit den Händen greifen
könnet, wie würdet ihr erst dann etwas begreifen, so Ich über vollkommen
jenseitige und himmlische Dinge mit euch sprechen würde?“
154. Kapitel
[GEJ.10_154,01] (Der Herr:) „Das aber, worüber
du, Mein Simon Juda, Mich soeben gefragt hast, ist eben zuallermeist vom
Jenseits herübergenommen, und du magst es trotz Meiner mannigfachen
Erläuterungen nicht völlig auf den Grund verstehen und beschuldigst Mich
heimlich dadurch einer Art Ungerechtigkeit und tyrannenmäßiger Grausamkeit, was
eben nicht gar fein von dir ist, und das darum um so weniger, weil du nun wohl
schon weißt, wer Ich bin, und daß Ich sicher nur aus Liebe zu euch Menschen und
nicht aus Zorn und Rache euer irdisches Fleisch angenommen habe, um Mich euch
Selbst persönlich in aller Meiner Tiefe und Größe offenbaren zu können, ohne
Mich des Mundes eines oder des andern Propheten bedienen zu müssen, um Meinen
Willen euch Menschen kundzutun.
[GEJ.10_154,02] Meinst du denn nicht, daß Ich
noch um vieles besser die Anzahl jener Menschen auf Erden kenne, die von Mir
noch nie etwas haben erfahren können, jetzt nicht erfahren und noch lange
nichts erfahren werden? Wie könnte Ich denn sie darum richten und verdammen, so
sie ohne ihre Schuld an Mich nicht glauben können, da Ich doch, selbst unter
den vielen Juden, die Mich gehört und wirken gesehen haben, noch niemanden
gerichtet und verdammt habe, – außer einige wenige dem Fleische nach, die mit
frechster Hast und Gier uns ergreifen und töten wollten? Wie sollte Ich dann
die Unwissenden und Unschuldigen richten und verdammen?!
[GEJ.10_154,03] Es besteht aber kein Volk auf
der ganzen Erde, als von Adam abstammend, das nicht aus der Urzeit her noch
eine Art Überrest von der den Urvätern geoffenbarten Lehre über den einen und
wahren Gott besäße. Daß diesen einen und wahren Gott späterhin die Priester und
die Weltherrscher sehr verdeckt haben aus lauter weltlichem Eigennutz und an
Seine Stelle dann allerlei Götzen gesetzt haben, an die das Volk glaubte und
ihnen auch opferte, ist bekannt.
[GEJ.10_154,04] Und siehe: Wenn das Volk
gewissenhaft nach diesen allerlei Lehren lebt und handelt, so hat es keine oder
wenig Sünde vor Mir! Es lebt wohl in der Finsternis von allerlei Irrtümern,
aber so ihre Seelen nach jenseits gelangen werden und alles alldort von Mir
erleuchtet finden, so wird es ihnen ebenso ergehen wie einem allhier, der in
der Nacht einen Weg zu gehen hatte und auf dem Wege auf allerlei Gegenstände
geriet, die er bald für Menschen, für Tiere und bald wieder für etwas anderes
hielt, nur für das nicht, was sie eigentlich waren und noch sind.
[GEJ.10_154,05] Lassen wir aber diesen
nächtlichen Wanderer am hellen Tage denselben Weg machen, und er wird seine in
der Nacht wunderlichen Erscheinungen sicher nur als das ansehen, was sie
wirklich sind, und unmöglich für etwas anderes und wird sich am Ende selbst
auslachen, wie er so dumm hat sein können, irgendeinen Baumstrunk für einen
allfälligen Straßenräuber und einen auf dem Wege liegenden Stein für eine Hyäne
zu halten!
[GEJ.10_154,06] Aus dem wirst du aber leicht
entnehmen, daß dergleichen Seelen im großen Jenseits sich in Meinem Lichte des
Lebens um gar vieles eher und leichter zurechtfinden werden als diejenigen
Seelen, die von Mir treue Kunde haben und leicht sehen und begreifen können,
daß Ich das Licht, das Leben und die Wahrheit bin, – aber ihr Weltsinn und ihr
böser Wille läßt ihnen das nicht zu.
[GEJ.10_154,07] Lassen wir diese nach
jenseits kommen, und sie werden dort das ihnen schon hier so verächtliche Licht
des Lebens und der Wahrheit noch mehr fliehen und verachten denn hier!
[GEJ.10_154,08] Habe Ich dann unrecht, so Ich
sage: ,Ich werde auch diese geistig Toten, so sie aus dem Fleische dieser Welt
treten werden, auferwecken und sie richten und sie ihren Lohn für ihre Taten
finden lassen!‘?
[GEJ.10_154,09] Ich werde sie sicher nicht
persönlich richten; aber die ewige Wahrheit, die auch in ihnen ist, die sie
aber über die Maßen anfeinden, wird sie richten und vor Meinem Angesichte in
die Flucht treiben. Wird dafür Mir eine Schuld beizumessen sein?
[GEJ.10_154,10] Sagen nicht schon die
weiseren Gesetze der Römer: ,VOLENTI NON FIT INIURIA!‘? Oder sollte Ich etwa
aus einer Art Liebe zu solchen Meinen Widersachern Mein ewiges Lebens- und
Wahrheitslicht von Mir tun und das Kleid der Lüge und des Betruges anziehen?
Das wird hoffentlich von euch doch etwa niemand wünschen? Aber selbst für
derlei durch sich selbst verworfene Seelen habe Ich euch zwei tröstende Dinge
gesagt, einmal in dem Gleichnis vom verlorenen Sohn und dann in dem, als Ich
bei einer ähnlichen fraglichen Gelegenheit zu euch gesagt habe, daß es in
Meines Vaters Hause sehr viele Wohnungen, – um Mich aber hier deutlicher
auszudrücken – sehr viele Lehr- und Korrektionsanstalten gibt, in denen selbst
die auf dieser Welt verworfensten Menschenteufel bekehrt und gebessert werden
können.
[GEJ.10_154,11] Ich meine, aus dem wirst du,
Simon Juda, wohl so ziemlich klar sehen können, wie das zu verstehen ist,
worüber Ich mit euch schon so oft gesprochen habe.“
155. Kapitel
[GEJ.10_155,01] (Der Herr:) „Daß Ich aber mit
euch noch nie von einem allgemeinen Erweckungs- und Gerichtstage gesprochen
habe, dessen werdet ihr euch alle wohl zu erinnern wissen, – wohl aber von
einem speziellen jüngsten Tage für einen jeden Menschen, und das in dem
Augenblick, in dem seine Seele die fleischlich-irdische Probehülle verlassen
wird. Aber freilich wird diese Erweckung nicht jedem zum sofortigen ewigen
Leben verhelfen, sondern auch umgekehrt zum ewigen Tode, wobei aber wohl zu
bemerken ist, daß ihr das Wort ,ewig‘ nicht als eine endlos fortdauernde Zeit
betrachtet, so wie auch die Unendlichkeit Meines Schöpfungsraumes sich nicht
ausschließlich auf diesen Raum bezieht, der freilich wohl nirgends einen Anfang
und ein Ende hat gleichwie Gott Selbst, von dem dieser Raum ausgeht und
allenthalben erfüllt ist mit den Werken Seiner Liebe, Weisheit und der Macht
Seines Willens nach allen Richtungen hin.
[GEJ.10_155,02] Die Ewigkeit entspricht wohl
der Zeitendauer in den materiellen Welten; aber jenseits im Geiste ist sie das,
was hier die Zeit ist. Aber es ist damit durchaus nicht gesagt, daß in ihr
keine Veränderung statthaben sollte, sondern nur das ist damit angezeigt, daß
die Wahrheit und das Leben ewig und unveränderlich gleich ist, und das Falsche
und Unwahre bleibt denn als Gegensatz zu dem ewigen Wahrheitslichte und Leben
demnach auch ewig, ohne daß ein Wesen dadurch auch gezwungen wäre, ewig in
diesem Widersatze zu verbleiben. Denn ihr wißt, daß Gott als die ewige Liebe,
Weisheit, Macht und Kraft auch ewig nie müßig sein kann und sein wird, sondern
daß Er aus Sich ewig fort Schöpfungen hervorrufen und somit Seine Gedanken
verkörpern und sie aus Seiner Liebe und Weisheit zur einstigen Selbständigkeit
leiten wird, wozu in der Ewigkeit Zeit genug und im endlosen Raum Platz genug
vorhanden ist.
[GEJ.10_155,03] Und solange irgendeine
Schöpfung bestehen wird, wird zur göttlich reinsten Geistheit sich auch ein
materieller schöpferischer Gegenstand vorfinden, der gewisserart der reinen
Gottheit gegenüber den finsteren Lebensprobe- Gegenstand bildet, womit aber
nicht gesagt ist, daß dieser finstere Gegenstand für die ganze Ewigkeit hin
finster und böse verbleiben solle, so wenig, als diese ganze Erde und der für
euch sichtbare Himmel mit seinen Sternen ewig also verbleiben werden, wie ihr
das alles jetzt seht, sondern er wird vergehen und mit den Zeiten der Zeiten
gänzlich aufgelöst werden, und an seine Stelle wird eine neue Schöpfung treten.
Darum sage Ich zu euch schon jetzt: Sehet, Ich mache alles neu, und ihr alle
werdet noch Meine neuen Schöpfungsgehilfen sein!
[GEJ.10_155,04] Ihr seid zwar hier nun sowohl
zeitlich als räumlich begrenzt; aber dennoch fasset ihr Ewiges und Unendliches
in euch, was ihr freilich jetzt noch nicht ganz begreift, aber einmal vollends
begreifen werdet, wie dergleichen auch ein noch so kleines Sandkörnchen in sich
faßt. Denn versuche einer von euch, der des Rechnens kundig ist, ein
Sandkörnchen zu teilen, und er sage Mir dann, wann er mit der Teilung fertig
wird! Ich meine, daß einem jeden noch so Rechnungskundigen solch eine Arbeit
etwas zu langweilig werden dürfte, weil er mit ihr ewig nie zu Ende käme. Wie
aber selbst in dem kleinsten Ding die Unendlichkeit vorhanden ist, so auch die
Ewigkeit.
[GEJ.10_155,05] So Ich denn von der Ewigkeit
und Unendlichkeit rede, so müßt ihr das auch in dem rechten Sinne verstehen, –
nicht aber, wie es euch euer kurzsichtiger Weltverstand eingibt.
[GEJ.10_155,06] Sehet, hiermit habe Ich euch
nun eine männliche und festere Kost gegeben, weil Ich wohl sehe, daß einige von
euch schon mehr oder weniger die Fähigkeit besitzen, solch eine Kost zu
verdauen!
[GEJ.10_155,07] Wenn ihr aber in Meinem Namen
in die Welt hinausgehen und den Völkern Mein Evangelium predigen werdet, so
werdet ihr es auch in einer Milchspeise den Kindern vorzusetzen haben. Denn so
ihr mit solchen Lehren den Anfang machen würdet, da würden euch die Menschen
als Irrsinnige ansehen und euch gar nicht anhören, was ihr lehren und sprechen
würdet, darum ihr euch aber auch gar nicht zu kümmern habt; denn es wird euch
allzeit in den Mund gelegt werden, wie und was ihr zu reden habt. Alles andere
wird dann schon Mein Geist bei allen tun, die durch euch Meinen Geist
überkommen und in ihm wiedergeboren werden. Und darin wird denn auch das
Wahrzeichen bestehen, daß Meine Worte nicht aus dem Munde eines Menschen,
sondern aus dem Munde Gottes zu euch gekommen sind. Und nun, Mein Simon Juda,
bist du jetzt erleuchteter denn zuvor?“
156. Kapitel
[GEJ.10_156,01] Sagte Simon Juda: „Herr und
Meister, diesmal habe ich alles das, was Du nun erklärt hast, mit größter
Klarheit begriffen, besser als je irgendwann zuvor; aber das muß ich auch
hinzugestehen, daß mich Deine zu große Weisheit beinahe erdrückt hätte. Dir ist
es wohl ein leichtes, über derlei unendlich große Dinge noch leichter zu reden
als ein Hausherr über sein Hausgerät, aber unser irdischer Verstand, der
empfindet dabei die ganze Last Deiner endlosen Allwissenheit und seiner
allernichtigsten Unwissenheit.
[GEJ.10_156,02] O Herr! Du wirst eine große
Masse Deines ewigen Lichtgeistes über uns ausgießen müssen, bis wir nur das
verstehen werden, was Du bis jetzt uns alles geoffenbart hast! Ich danke Dir
für Deine so große Gnade, die Du uns nun erweisest; aber das sehe ich doch ein,
daß wir nicht imstande sein werden, alle die großen Geheimnisse, die Du uns
schon aus der Naturwelt, und daneben jene noch größeren aus dem Geisterreiche,
geoffenbart hast, auch unseren Jüngern wiederzugeben.“
[GEJ.10_156,03] Sagte Ich: „Ist vorderhand
auch gar nicht notwendig, sondern das wird schon Mein Geist bei vielen tun, die
Ich dazu berufen werde. Für die Kinder der Jetztzeit aber ist es genug, daß die
Menschen an Mich glauben, daß Ich diesem Meinem Fleische nach von Gott, dem
Vater, ausgegangen bin, und daß ein jeder Mensch durch solch einen Glauben zur
wahren Erkenntnis Gottes, zur wahren Liebe zu Ihm und zum Nächsten und dadurch
auch zum ewigen Leben übergehen wird.
[GEJ.10_156,04] Und so werdet ihr in dem die
Posaune sein, welche alle hören werden, auch die, die in den Gräbern sind, und
die das Meer ihrer endlos vielen Torheiten und Sünden wegen gefangenhält, und
sie werden aus den Gräbern hervorgehen, und auch die, die das Meer
gefangengehalten, werden frei werden und angetan werden mit dem Kleide des
Lebens.
[GEJ.10_156,05] Denn wer da erweckt wird
durch die Posaune, der wird nicht erweckt zum Tode, sondern zum Leben; wer aber
den Schall der Posaune nicht wird hören wollen, der wird auch nicht erweckt
werden, sondern verbleiben in der Nacht seines Grabes und in der Gefangenschaft
des Meeres bis zur Zeit, in der diese ganze Erde aufgelöst wird durchs Feuer.
Denn wie zu der Zeit Noahs werden sie freien und sich freien lassen und sich
gar nicht kümmern um die Stimme Meiner Erweckten; diese werde Ich aber dann
gleich in einem Augenblick von dieser Erde entrücken und jene mit allen ihren
Lieblingen dem alles zerstörenden Feuer preisgeben, zu dessen Entstehung die
dermaligen unbußfertigen Weltmenschen selbst das allermeiste beitragen werden.
[GEJ.10_156,06] Und sehet, das wird ein
letztes Gericht auf dieser Erde sein, zu dem kleine Anfänge bald nach euch
werden gemacht werden! Zudem aber müsset ihr freilich nicht denken, daß solch
ein Feuer alsogleich an allen Orten und Punkten der Erde zugleich hervorbrechen
wird, sondern gleich nur so nach und nach, auf daß den Menschen noch immer zur
Besserung Zeit und Raum gegeben wird.
[GEJ.10_156,07] Es entsteht in euch freilich
geheim wieder die Frage, was es darauf mit solchen unbändigen Seelen für eine Bewandtnis
haben werde. Da denket aber nur daran, was Ich euch soeben gesagt habe, daß es
in Meines Vaters Hause viele Wohnungen und Korrektionsanstalten gibt, und ihr
werdet daraus leicht innewerden, was da fürderhin mit solchen Seelen geschehen
wird!
[GEJ.10_156,08] Jedoch, was Ich euch nun
gesagt habe, das behaltet bei euch; denn die Menschen, wie sie jetzt sind,
können solches nicht fassen und begreifen! Darum haben die Juden, als sie zu
den Zeiten der Könige stets finsterer und halsstarriger geworden sind, die
letzten drei euch schon bekanntgegebenen Bücher nimmer verstehen mögen und
haben sie als apokryph (unecht) beseitigt.
[GEJ.10_156,09] Die euch bekannten Essäer
haben sich derselben aber noch zur rechten Zeit zu bemächtigen gewußt und sich
daraus auch viele irdische Vorteile bereitet, was freilich in Meinem Willen
ebensowenig gelegen war, als es je in Meinem Willen hat gelegen sein können,
daß die Menschen mit Hilfe aller der Fähigkeiten, die Ich ihnen gegeben habe,
sich in alle Wucht der Sünden begeben und Meiner gänzlich vergessen sollten.
Aber dessenungeachtet haben sich die Menschen mit allerlei guten und schlechten
Erfahrungen bereichert und sind dann zu verschiedenen Zeiten dennoch wieder zu
Mir zurückgekehrt und haben sich dadurch Wege zur Besserung und zum Lichte
bereitet. Und so wird auch durch die Essäer noch ein rechtes Licht unter viele
Menschen kommen.“
157. Kapitel
[GEJ.10_157,01] Sagte darauf Mein Johannes:
„Soll ich mir von dem, worüber Du uns heute also gnädig belehrt hast, in meine
Pergamentblätter etwas notieren oder nicht? Es könnte solches wenigstens für
die Nachwelt von Nutzen sein!“
[GEJ.10_157,02] Sagte Ich: „Lasse das gut
sein; denn in jener Zeit, so es notwendig sein wird, werde Ich solche Dinge
schon durch den Mund neuerweckter Knechte, Seher und Propheten den Menschen,
die eines guten Willens sind, offenbaren lassen, in dieser Zeit aber werden die
von Mir Erweckten und in Meinem Geiste Wiedergeborenen schon ohnehin in alle
ihnen notwendige Wahrheit und Weisheit geleitet werden.
[GEJ.10_157,03] Du wirst aber über das
Wichtigste Meines Lehramtes auf dieser Erde in dem von dir geschriebenen und
bleibenden Evangelium noch hinzu über die außerordentlichen Lehren und Taten
anführen, daß du von ihnen nichts anderes sagst, als daß Ich noch gar vieles
gelehrt und getan habe, was nicht in diesem Buche geschrieben steht; und würde
man solches auch in Büchern aufschreiben, so würde sie die Welt, das heißt die
Menschen, nicht fassen (Joh.20,30; 21,25). Und das ist genug.
[GEJ.10_157,04] Daß Ich Mich aber übrigens
demjenigen, der an Mich glaubt, Mich liebt und Meine Gebote eben der Liebe
hält, Selbst offenbaren werde – was du schon vor längerer Zeit
niedergeschrieben hast –, das genüge einem jeden, der in Meinem Namen getauft
und gestärkt wird durch Meinen Geist aus den Himmeln!“
[GEJ.10_157,05] Als Ich solchen Bescheid dem
Johannes gegeben hatte, war er damit vollkommen zufrieden; aber der auch
anwesende Evangelist und Schreiber Matthäus sagte: „Herr, ich habe ja auch mit
allem Fleiß über Deine Lehren und Taten eine Menge Notate gesammelt, und Du
sagst nicht, daß sie auch bleiben werden!“
[GEJ.10_157,06] Sagte Ich: „Auch deine Notate
werden bleiben! Jedoch die, die du mit deiner eigenen Hand gezeichnet hast,
werden zwar irgendwo als Schrift auch verbleiben, aber den Menschen, wo sie
verbleiben, werden sie wenig nützen; ein anderer aber, der in deinem Namen
schreiben wird, wird dich ersetzen, und seine Schrift wird bleiben. Und somit
kannst auch du zufrieden und beruhigt sein.
[GEJ.10_157,07] Weil es nun aber schon spät
in der Nacht geworden ist, so wollen wir uns einiger Ruhe überlassen, und der
morgige Tag wird das Seinige schon wieder mit sich bringen!“
[GEJ.10_157,08] Der Wirt erhob sich voll der
tiefsten Achtung vor Mir und wollte uns alle in ein Schlafgemach führen.
[GEJ.10_157,09] Ich aber sagte: „Das tue du
den zwei Pilgern; wir aber bleiben die Nacht hindurch wie jetzt an diesem
Tische.“
[GEJ.10_157,10] Der Wirt stellte sich damit
zufrieden und brachte die beiden Fremden, die sich über Meine von ihnen
unverstandenen Reden dennoch nicht genug verwundern konnten, in ihr
Schlafgemach, und sie freuten sich schon auf den kommenden Tag, Mich und Meine
Gesellschaft näher kennenzulernen, und dankten in ihrem Schlafgemach dem Wirte
für seine Gastfreundschaft.
[GEJ.10_157,11] Wir ruhten darauf wie
gewöhnlich bis zum Aufgange der Sonne, zu welcher Zeit wir uns dann sämtlich
vom Tische erhoben und ins Freie gingen.
[GEJ.10_157,12] Einige hundert Schritte
außerhalb der Stadt befand sich eine ziemliche Anhöhe, etwa bei hundert Fuß
hoch über das ohnehin hohe Landesniveau, und von dieser Höhe hatte man einen
gar herrlichen und weitgedehnten Blick über die großen Ebenen des Euphrat, und
gegen Westen hin übersah man einen bedeutenden Teil des Jordantales bis zum
Toten Meere hin, einen Teil von Jerusalem, Bethlehem und noch eine Menge
Ortschaften bis an den Libanon hin.
[GEJ.10_157,13] Der Wirt fehlte nicht, uns
auf diese Anhöhe zu begleiten, und fing uns da zu erklären an, was man gegen
Osten alles sieht, gegen Mittag, gegen Westen und gegen Norden; denn er war in
der Hinsicht recht sehr ortskundig, und Meine Jünger unterhielten sich mit ihm.
158. Kapitel
[GEJ.10_158,01] Als er aber am Ende auch
behaupten wollte, daß die Anhöhe, auf der wir uns befanden, eben der Berg Nebo
sei, auf dem Moses verwandelt wurde, da sagte Ich zu ihm: „Da, Mein lieber
Freund, gehst du mit deiner Ortskenntnis etwas zu weit; denn die Gegend des
Berges Nebo, von welchem aus man auch die duftige Gegend von Jericho ganz
übersehen kann, liegt noch eine kleine Tagereise gegen Süden zu entfernt. Da du
aber schon so ortskundig bist, so sage Mir auch, wer der Erbauer dieser von dir
bewohnten schwarzen Basaltstadt ist! Kennst du seinen Namen?“
[GEJ.10_158,02] Sagte der Wirt: „Herr und
Meister, in der Chronik bin ich schlecht bewandert; aber so ich mich nicht
irre, so dürften diese Stadt wohl die Gaditer erbaut haben! Denn von da an
weiter nördlich hin soll das Land dem Stamme Gad zugehört haben, und weiter
südlich mit einem Teil des glücklichen Arabien bis an den Strom Euphrat hinauf
soll alles dem Stamme Ruben gehört haben. Die Grenzmarken dieser beiden Länder
jedoch sollen in der bösen Zeit der Könige sehr verrückt worden sein, und man
weiß jetzt nicht mehr genau, wie weit der Stamm Ruben das Land innehatte und
wie weit der Stamm Gad. Wir halten diese unsere Stadt noch für ein Werk dieses
Stammes.“
[GEJ.10_158,03] Sagte Ich: „Mein lieber
Freund, da hast du dich nahezu um tausend Jahre geirrt, denn der Erbauer dieser
und noch mehrerer anderer Städte war Edon, der noch vor der Zeit Abrahams lebte
und diese Ländereien samt einem bedeutenden Teil des glücklichen Arabien bis an
den Euphrat hinab und bis weit über Damaskus mit einem großen Teil des heutigen
Syrien innehatte, und somit ist diese Stadt, samt mehreren andern Städten von
Edon und seinen Nachkommen erbaut und ist eben um nicht gar zu viele Jahre
jünger als Babylon.
[GEJ.10_158,04] Siehe, Mein Lieber, wir
stehen nun auf dem Hügel, auf dem Abraham und Edon standen und Gott im Glauben
ihres Herzens ein Opfer darbrachten und die Grenzen ihrer Ländereien abmachten.
Alles nach Westen hin gehörte, soweit das Auge reicht, dem Abraham und das Land
nach Osten hin bis an den Euphrat gehörte Edon und seinen Nachkommen, die sich
später mit den Nachkommen Abrahams zum größten Teil vereinigt haben. Und siehe,
so weißt du nun, wer der Erbauer dieser schwarzen Städte war, die so fest
erbaut sind, daß man ihnen von jetzt an in mehr denn tausend Jahren den alles
zerstörenden Zahn der Zeiten eben nicht besonders stark ankennen (ansehen)
wird.
[GEJ.10_158,05] Aber ihre Bevölkerung wird
mit der Zeit sehr vermindert werden und sehr verarmt sein; denn jetzt ist
dieses Land noch fruchtbar, aber dann wird es zu einer Wüste werden, und
ärmliche Hirtenvölker werden nur in der nassen Winterszeit für ihre mageren
Herden ein spärliches Futter antreffen und nicht heiklig (wählerisch) sein,
bald die eine, bald die andere dieser vielen Städte eine Zeitlang zu bewohnen.
[GEJ.10_158,06] Und doch soll diese jetzt
schon sehr wüste Gegend bis an den Euphrat hinab wieder grünen und den
Menschen, die eines guten Willens sein werden in Meinem Namen, eine gesegnete
Wohnstätte abgeben!“
[GEJ.10_158,07] Sagte darauf der Wirt: „Ja,
Herr und Meister! Eine gleiche Weissagung habe ich auch im Propheten Jesajas
gelesen! Aber wann wird diese Zeit kommen? Davon steht im Propheten nichts!
Weißt Du, o Herr und Meister, mir eine bestimmtere Zeit anzugeben?“
[GEJ.10_158,08] Sagte Ich: „Jahr, Tag und
Stunde wohl nicht – denn das hängt von dem Wandel der Menschen ab, wann sie
sich wieder von ihren Weltkönigen lostrennen werden und sich unter Meine
Herrschaft wie zu den Zeiten Mosis und der Richter begeben –; das sage Ich dir
aber dennoch als etwas Bestimmtes, daß bis dahin nicht viel über zweitausend Erdjahre
vergehen werden.
[GEJ.10_158,09] Doch in dem jetzt noch sehr
wüsten Erdteil, den ihr Europa nennt, und dessen Völker nun über euch
herrschen, wird der glückliche Zustand eher erfolgen; denn in diesem alten
Weltteil gibt es noch eine große Menge – wohlverstanden – sehr harter Steine,
die sich nicht so bald und so leicht in ein fruchtbares Land werden umgestalten
lassen. Die harten Steine aber entsprechen den ebenso harten Herzen der
Menschen, die auch schwer zu fruchtbaren Äckern zur Aufnahme Meines Wortes
werden umgewandelt werden können.
[GEJ.10_158,10] Ich sage dir: Eher, als ein
Zehntel der Menschen dieses alten großen Erdteils sich im Vollsegen Meiner
Lehre befinden wird, wird der schlechteste Teil von Europa in Meiner Lehre gesegneter
sein, als in diesem alten Erdteil der kleinste und beste; denn da wird es noch
viel Feuers benötigen, bis die übervielen Menschen dieses Erdteils sich wirksam
in den Strahlen Meiner Lebenssonne befinden und zum ewigen Leben erwärmen
werden.“
[GEJ.10_158,11] Sagte der Wirt: „O Herr, da
sieht es für uns noch sehr traurig aus! Darum hat der große Prophet über die
Zeit der Wiederkehr des glücklichen Zustandes gleichwohl nichts Bestimmtes
angeben können?“
[GEJ.10_158,12] Sagte Ich: „Ja, ja, Mein
lieber Freund, siehe, dort im sehr fernen Osten geht die Sonne viel früher auf
denn in dem weit entlegenen Westen; aber darum wird gerade dort, wo die Sonne
um vieles früher aufgeht, auch um vieles früher Nacht, und die bleibt dann so
lange, bis die Sonne wieder aufgeht. Es ist dies ein für dich begreifliches
naturmäßiges Bild nur, – hinter dem aber steckt auch das geistige.
[GEJ.10_158,13] In Mir ist die geistige Sonne
für euch auch zuerst und am frühesten aufgegangen; aber dafür wird sie auch für
euch am frühesten untergehen. Wenn sie aber wieder aufgehen wird, so wird sie
zu euch nicht etwa vom Westen her aufgehen, sondern abermals von einem von hier
aus sehr tief gelegenen Osten; denn bei Mir geschieht alles in einer gewissen
Ordnung, und wider diese Ordnung geschieht nichts, weder materiell noch
geistig.
[GEJ.10_158,14] Jetzt verstehst du die Sache
noch nicht, aber es wird bald die Zeit kommen, in der du sie verstehen wirst.“
159. Kapitel
[GEJ.10_159,01] Sagte der Wirt: „O Herr und
Meister, ich meine, ganz in das volle Verständnis dessen, was Dein Mund
ausspricht, wird selbst ein weisester Engel-Seraph in Ewigkeit nicht gelangen!
Aber um etwas Besonderes muß ich Dich bei dieser Gelegenheit doch fragen, weil
die Sonne heute gar so rein und herrlich aufgeht, wie man sie sonst in dieser
Gegend gegen Osten hin wegen der vielen Dünste, die sich in dieser unabsehbaren
Ebene in einem fort entwickeln, nur sehr selten aufgehen sieht: Ist die Sonne
ein Feuer für sich, dessen Flammen die Erde erleuchten, und zwar in einem so
starken Grade, daß man auf der Erde niemals solch ein mächtiges Licht bereiten
und irgend schauen kann?
[GEJ.10_159,02] Ihre außerordentliche Wärme,
die sie uns auch mit dem Lichte zusendet, läßt uns vermuten, daß sie ein
äußerst heftiges Feuer sein muß; aber da sie im Winter ebenso leuchtet wie
jetzt und wir von der Hitze ihres sein sollenden Feuers nur sehr wenig
wahrnehmen, so sind einige der Meinung, daß sie im Grunde doch kein
eigentliches Feuer sein dürfte. Wir bilden aber hier eine Gemeinschaft,
bestehend zumeist aus Römern, Juden, Griechen, Arabern und Ägyptern, und da
gibt es verschiedene Meinungen, und doch kann man aus keiner nur im geringsten
klug werden.“
[GEJ.10_159,03] Sagte Ich: „Da würdet ihr
auch noch lange nicht klug werden, weil ihr alle seit alters her mit der
dicksten Nacht des Aberglaubens umlagert seid! Wer das begreifen will, der
wisse, daß der Auf- und Untergang der Sonne nur ein scheinbarer ist; denn was
euch Tag und Nacht verschafft, rührt von der Umdrehung der Erde her, die kein
Kreis – wie ihr es meint –, sondern eine ganz respektable große Kugel ist, und
so ist der Tag und die Nacht nichts als eine Folge solch einer Umdrehung der
Erdkugel, zu welcher Umdrehung die Erde eine Zeit von ungefähr 24 eurer Stunden
benötigt.
[GEJ.10_159,04] Wie aber die Erde nicht ein
Kreis, sondern eine Kugel ist, so ist es auch die Sonne, nur um tausendmal
tausend Male größer als diese Erde. Daß sie euch so klein, wie ihr sie sehet,
erscheint, ist die Ursache ihrer sehr großen Entfernung von dieser Erde. Wenn
Ich dir auch die Zahl der Stunden angäbe, die sie von der Erde entfernt ist, so
würdest du dir doch keinen rechten Begriff von der Entfernung machen können,
weil du in dem Zahlengebäude nach der altarabischen Weise zu wenig bewandert
bist. Denke dir aber eine Entfernung von nahezu 44 Millionen Stunden – welche
Zahlgröße dir schon ein paar hier lebende Araber verdolmetschen werden –, und
du wirst dir dann schon einen kleinen Begriff machen können, in welcher
Entfernung die Sonne von der Erde absteht und nicht um die Erde geht, um Tag
und Nacht zu bewirken, oder sich nach der Römer und Griechen Aberglauben
täglich in das große Meer versenkt, um sich darin gewisserart zu baden und
abzuwaschen, damit sie dann wieder in voller Lichtkraft den Erdkreis erleuchten
kann.
[GEJ.10_159,05] Die Erde aber geht wohl um
die Sonne in ungefähr 365 Tagen, und diese zweite Bewegung der Erde verschafft
euch ein Jahr mit seinem Frühling, Sommer, Herbst und Winter.
[GEJ.10_159,06] Die Sonne ist aber an und für
sich kein Feuer, sondern das, was ihr als Licht erseht, ist das Strahlen ihrer
atmosphärischen Oberfläche, das durch den Umschwung der Sonne selbst wieder um
ihre eigene Achse, und mehr noch durch ihre außerordentlich schnelle Bewegung
um eine von ihr noch viel weiter entfernte Mittelsonne bewirkt wird. Durch
solche Bewegungen der Sonne im weiten Ätherraum wird auf ihrer atmosphärischen
Oberfläche eine außerordentlich große elektrische Wirkung bewerkstelligt, und
ihr Lichtglanz ist daher in einem sehr erhöhten Grade dasselbe, was das
Leuchten eures Blitzes ist, nur mit dem Unterschied, daß auf der Luftoberfläche
der Sonne die außerordentliche Entwicklung des Blitzes eine ununterbrochene
ist, während auf dieser Erde sich der Blitz nur hie und da durch größere Reibung
der Luftteile in einem sehr geringen Grade entwickelt und daher allzeit nur
höchst kurze Zeit leuchtet.
[GEJ.10_159,07] Es gibt aber auch schon
Gegenden auf dieser Erde und gewisse Punkte, über denen sich der Blitzstoff in
einem viel mächtigeren Grade entwickelt und dadurch diese Punkte auch mit
seinem Lichte stundenlang ganz gewaltig erhellt.
[GEJ.10_159,08] Wer sich davon überzeugen
will, der reise in jene Mittelgegenden Afrikas, wo dieses Erdteils höchste und
sehr weitgedehnte Gebirge sich erheben, und er wird alldort von dergleichen
elektrischen Erscheinungen hinreichend viele zu sehen bekommen. Aber es wird
ihm beim Betrachten dieser Erscheinungen noch übler zumute werden, als so über
diese Gegenden sich oft größere elektrische Stürme erheben und die Menschen
dann vor der Unzahl der Blitze und ihrem Gekrache sich lieber in die tiefsten
und finstersten Keller verschließen, als der gefährlichen, oft zahllos vielen
Blitze Leuchten im Freien zu bewundern.
[GEJ.10_159,09] Ja, Freund, nicht alle
Naturerscheinungen auf dieser selbst kleinen Erde sind geeignet, dem Menschen
ein solches Vertrauen zu entlocken, daß er sie guten Mutes ohne Furcht und
Zagen ertragen und beobachten könnte!
[GEJ.10_159,10] Geht es aber schon dann und
wann auf dieser kleinen Erde in ihren Naturerscheinlichkeiten für euch Menschen
ein wenig exzentrisch (merkwürdig) vor sich, um wieviel mehr auf einem so
großen Weltkörper, wie es die Sonne ist.
[GEJ.10_159,11] Im Geiste werdet ihr das
einmal alles mit der größten Freude und mit dem größten Behagen betrachten
können; aber für euer Fleisch tut sich das nicht.
[GEJ.10_159,12] Damit habe ich dir nun
gesagt, was es mit dem Leuchten der Sonne für eine Bewandtnis hat, und habe dir
dadurch ein kleines Fünklein Lichtes gegeben; doch was du jetzt in der
Vollkommenheit noch lange nicht begreifen wirst, das werden in tausend und
etlichen hundert Jahren Meine Kinder in Europa und noch viel weiterhin an den
Fingern auszurechnen imstande sein, und es wird das sehr viel zur Minderung und
am Ende gar Vernichtung des alten, bärenpelzmäßigen Aberglaubens beitragen. Für
euch aber genügt jetzt, daß ihr an Mich glaubt und nach Meiner Lehre lebt und
handelt; alles andere wird euch zur rechten Zeit schon hinzugegeben werden.“
[GEJ.10_159,13] Hierauf dankte Mir der Wirt
sehr für diese Meine ihn im höchsten Grade überraschende Erklärung und sagte zu
Mir, daß sie sehr mit einem von ihm einmal gehabten Traumgesichte
übereinstimme, in welchem Traume er durch den Geist des Propheten Elias, von
dessen nächsten Verwandten auch er abstamme, ein Bild gesehen habe, das mit dem
übereinstimme, was Ich, der Herr, ihm soeben jetzt gesagt habe.
[GEJ.10_159,14] „In diesem Traum“, sagte der
Wirt weiter, „kam es mir vor, daß ich mich hoch entrückt über der Erde befand
und diese nicht als einen Kreis, sondern als eine große Kugel unter meinen
Füßen erblickte. Und ich fragte darauf den Geist des Elias, was dieses zu
bedeuten habe.
[GEJ.10_159,15] Und er sagte: Das wirst du
von Dem erfahren, der vor mir war und ewig sein wird!
[GEJ.10_159,16] Darauf ward ich wieder wach
und befand mich in Joppe, wo ich geboren ward; denn hier in dieser Stadt
befinde ich mich erst seit zwanzig Jahren.“
[GEJ.10_159,17] Als der Wirt noch solches
erzählte, kam ein Bote und lud uns zum Morgenmahle, und wir verließen unseren
Berg und begaben uns in das Haus unseres überaus freundlichen Wirtes.
160. Kapitel
[GEJ.10_160,01] Als wir uns am Tische
befanden, da kamen auch die beiden Fremden zum Vorschein und setzten sich ganz
schüchtern zu ihrem einsamen kleinen Tische. Ich aber berief sie, daß sie sich
nun nur an unseren Tisch setzen sollten und mit uns halten das Morgenmahl, was
die beiden denn auch alsobald taten, obschon mit jener Schüchternheit, die der
Armut wider ihren Willen eigen ist.
[GEJ.10_160,02] Doch Ich flößte ihnen bald
Mut und Trost ein, worauf sie zutraulicher und gesprächiger wurden und uns viel
erzählten von ihrem König und von ihren Priestern.
[GEJ.10_160,03] Ich aber sagte: „Für eure
Priester wird bald die letzte Stunde schlagen; euer gegenwärtiger König aber
wird für euch noch ein guter Mann werden, so er nach wenigen Jahren von Mir
Kunde erhalten wird. So ihr aber von hier wieder in euer Land kommen und eurem
König den Tribut entrichten werdet, nicht nur einfach, sondern zehnfach, so er
es annehmen will, da wird er freundlich werden zu euch und wird euch fragen,
wie ihr zu so viel Goldes und Silbers gekommen seid. Da erzählet ihm in aller
Bescheidenheit, wie weit ihr über den Euphrat herübergekommen seid, was ihr
gesehen und gehört habt, und wie ihr zu eurem Gelde gekommen seid!
[GEJ.10_160,04] Er wird euch dann zu sich
nehmen und sich mit euch gerne besprechen über Abraham, über Moses und die
andern Propheten, und besonders über Mich, indem Ich eben Derjenige bin – wennschon
im Fleische und Blute –, von dem alle Propheten geweissagt haben, und Ich werde
in kurzer Zeit Boten zu ihm entsenden, die ihm alles im klarsten Lichte zeigen
werden, was sie von Mir gesehen und gehört haben. Und so die Boten kommen
werden in jene Stadt, in der euer König residiert, werden sie zuerst zu euch
kommen, und ihr werdet sie zu eurem Könige hinführen.“
[GEJ.10_160,05] Darauf ward das Morgenmahl
bald eingenommen, und Ich sagte zu ihnen: „Nun möget ihr euch getrost erheben
und auf die Heimreise machen; draußen vor dem Hause werdet ihr alles antreffen,
dessen ihr zu eurer Heimreise bedürfet!“
[GEJ.10_160,06] Da dankten die beiden,
erhoben sich vom Tische, machten bald einen Blick durch die Tür auf die Gasse,
was es für sie zur Heimreise etwa allda Neues gäbe; denn da ihnen im Zimmer
niemand eine Gabe in die Hand gedrückt hatte, so waren sie etwas kleingläubig,
und waren daher neugierig, was sie auf der Gasse antreffen würden.
[GEJ.10_160,07] Als sie aber auf die Gasse
kamen, fanden sie sechs Kamele, darunter waren vier mit Gold und Silber schwer
beladen, und zwei waren für sie bereitet, um sie in ihre Heimat zu bringen, und
auch mit so viel Gold versehen, daß sich die beiden bis in ihre Heimat ganz gut
ernähren konnten.
[GEJ.10_160,08] Obschon aber der Weg in ihre
Heimat ziemlich weit entlegen und hie und da von räuberischen Beduinen unsicher
war, so kamen die beiden dennoch ohne allen Anstand ganz wohlbehalten in ihre
Heimat und taten daselbst auch alsbald das, was Ich ihnen angeraten hatte, worauf
der König sehr freundlich mit ihnen wurde, sie zu seinen Sachwaltern machte und
ihnen ihre Weiber und Kinder, mit prächtigen Kleidern angetan, wohlbehalten
zurückgab.
161. Kapitel
[GEJ.10_161,01] Bei diesem Könige ist einige
Jahre darauf der Apostel Matthäus mit seinem Begleiter bei seiner Reise nach
Indien sehr gut aufgenommen worden und hielt sich ein ganzes Jahr bei ihm auf.
[GEJ.10_161,02] Als dieser aber weiter nach
Indien reisen wollte mit seinem Begleiter, da gab ihm der König ein sicheres Geleit
bis an die Grenzen seines Reiches, und so war dieser Apostel einer der ersten
Zeugen von Mir bei diesem Könige und wollte in der Stadt, die damals noch
Babylon hieß – obschon das alte Babylon ziemlich weit weg von dieser Stadt
einen großen Schutthaufen bildete –, Bekehrungen machen unter den Heiden, die
zumeist Balamsdiener waren.
[GEJ.10_161,03] Der König aber widerriet ihm
solches und sagte: „Es ist genug, daß ich und mein Hofstaat wissen und
einsehen, was wir zu glauben haben, und wie wir mit diesem Glauben daran sind;
für das Weitere werden schon ich und mein Sohn sorgen, – denn ich möchte euch
nicht der grenzenlosen Wut meiner Priester preisgeben. Wenn diese aber nach und
nach werden ausgestorben sein und ich dafür sorgen werde, daß nach ihnen keine
Stellvertreter mehr kommen, da wird sich mit dem Volke leichter verhandeln
lassen.“
[GEJ.10_161,04] Mit dieser Äußerung des
Königs waren die beiden Apostel zufrieden und kümmerten sich nicht mehr darum,
Meine Lehre unter den Völkern dieses Königs auszubreiten.
[GEJ.10_161,05] Sieben Jahre später aber kam
ohnehin Petrus mit seinem Sohne Markus zu diesem König, ward ebenfalls überaus
gut aufgenommen und machte auch dem Könige Vorstellungen, wenigstens die Stadt
mit Meiner Lehre nach und nach bekannt zu machen.
[GEJ.10_161,06] Der König, der den Petrus wie
auch den Markus sehr lieb hatte, widerriet solches dem Petrus, indem er wohl
wußte, von welchem Geiste seine Baalspriester beseelt waren, und sagte eigens
zu Petrus: „Siehe, wir leben hier in einem Lande, das besonders weiter gegen
Osten hin, bis an den großen Strom Ganges, von allerlei wilden und reißenden
Bestien strotzt und nicht minder von allerlei giftigem Unkraut! Wo aber Gott
der Herr solche Tiere und Giftpflanzen in großer Menge werden läßt, da ist sicher
sowohl der Erdboden, als auch besonders die Luft, überfüllt von bösen Geistern
und Teufeln, und diese rennen umher wie hungrige und brüllende Löwen, Tiger,
Panther und Hyänen und suchen, ob sie wen aus der Klasse der Menschen fänden,
um ihn zu verschlingen.
[GEJ.10_161,07] Die vorbenannten Bestien sind
grimmig und sehr böse, und man kann nur mit großer Gefahr auf sie Jagd machen;
aber noch tausend Male böser sind meine Baalspriester, denn von denen hat ein
jeder wenigstens tausend Teufel in sich, und es kann ihnen nicht leichtlich
jemand anders wirksam opponieren als nur ich mit meiner äußersten Strenge und
meinen Soldaten, die aber zum größten Teil Juden, Griechen und Römer sind,
indem ich als König selbst nur ein Vasall Roms bin, was euch beiden bekannt
sein wird, da das römische Reich bis an den Ganges reicht, nach welchem erst
das große indische Reich anfängt, dessen Grenzen von uns aus aber noch niemand
kennt.“
[GEJ.10_161,08] Dieser Rat des Königs gefiel
zwar Petrus wohl, aber er fühlte doch heimlich einen Drang, mit einigen und
andern Bürgern dieser Stadt von Meiner Lehre und Meinem Reiche Unterredungen zu
halten, wovon natürlich auch bald die Priester Kunde erhielten und dem Petrus
auch durch ihre Boten den Antrag machten, auch sie mit solch einer beseligenden
Lehre bekannt zu machen.
[GEJ.10_161,09] Petrus ließ sich zwar längere
Zeit dazu nicht verleiten, besonders da ihn sein Sohn und Gehilfe Markus
ernstlich davor warnte und auch immer sagte: „Laß du hier dem Könige für unsere
Sache die Waltung, und wir werden nicht wider den Willen des Herrn walten, so
wir hier den Rat des Königs befolgen!“
[GEJ.10_161,10] Petrus aber ging nach ein
paar Jahren dennoch einmal hinaus außer die Stadt, gleichsam lustwandeln, und
fand alldort mehrere Bettler und Kranke. Die Armen beteilte er und die Kranken
heilte er durch die ihm innewohnende Kraft Meines Geistes.
[GEJ.10_161,11] Bei diesem Wunderwerke kamen
auch mehrere Baalspriester hinzu, erkannten Petrus und baten ihn sehr
inbrünstig, sich mit ihnen ein wenig fürbaß und landeinwärts zu begeben.
[GEJ.10_161,12] Und er gab ihren vielen
Bitten und treuen Versicherungen dadurch und darum Gehör, weil sie ihm angaben,
daß in einem sehr nahe gelegenen Orte sich eine Menge Kranker befänden, die
kein Arzt zu heilen imstande sei, und so er auch diese heilen werde, so würden
auch sie und alle andern Priester seine Lehre annehmen und ihre Tempel mit
eigener Hand zerstören.
[GEJ.10_161,13] Auf diese Rede ging Petrus
mit diesen Priestern und gelangte mit ihnen nach einer Stunde Weges richtig an
einen Ort, in dem es eine Menge Fieberkranke und Besessene gab, die er alle
heilte und auch sogar einen Toten zum Leben erweckte.
[GEJ.10_161,14] Die Geheilten aber fingen an,
Petrus zu loben, und sagten: „Dieser muß von dem wahrhaften Gott gesandt sein,
ansonst es ihm nicht möglich wäre, solches an uns bloß durch sein Wort zu
bewirken, was alle unsere so vielen Götter noch niemals zu bewirken imstande
waren.“
[GEJ.10_161,15] Das machte aber die den
Petrus begleitenden Priester über alle Maßen grimmig. Sie zwangen ihn
freundlich, aber nur dem Außen nach, mit ihnen noch einen kleinen Ort zu
besuchen, zu dem hin man durch einen Myrten- und Rosenwald gelangen konnte. In
diesem Walde ergriffen sie Petrus, zogen ihm seine Kleider aus, erschlugen ihn
und hängten ihn dann bei den Füßen an einen dürren Myrtenbaum, an den sie
zuunterst einen Querbaum befestigten und an diesen seine Hände mit Stricken
banden, ließen ihn daselbst also hängen und zogen sich dann auf einem andern
Wege in die Stadt zurück.
[GEJ.10_161,16] Da aber Petrus dem Könige zu
lange ausblieb, so ließ er ihn allenthalben suchen, sowohl in als auch
außerhalb der Stadt, und es gelang ihm erst am zweiten Tage, den Petrus in dem
Myrtenwalde, tot und sehr übel zugerichtet, zu finden.
[GEJ.10_161,17] Dabei wurde er aber auch von
den Geheilten benachrichtigt, daß die Priester der Stadt ihn in aller
Freundlichkeit zu ihnen gebracht und er sie wunderbar gesund gemacht hätte und
dazu auch einen Toten wieder zum Leben erweckt. Dazu käme aber noch, daß er
dann mit den Priestern weiter fürbaß und landeinwärts gezogen sei.
[GEJ.10_161,18] Der König war darüber sehr
traurig, ließ Petrus mit königlichen Ehren in der königlichen Gruft beerdigen
und ließ auch den Myrtenbaum in seine Gruft bringen.
[GEJ.10_161,19] Aber den über zweitausend
Priestern in dieser Stadt ging es darauf schlecht. Der König verschonte nicht
einen einzigen und ließ sie durch seine Soldaten alle töten und dann in mehr
denn vierhundert Wagen weit hinaus in eine Wüste führen, wo er sie aus den
Wagen werfen ließ und sie dann daselbst den vielen wilden Bestien zum Fraße
dienten.
[GEJ.10_161,20] Der Jünger Markus aber begann
dann mit Hilfe des Königs und unserer bekannten beiden Sachwalter die Menschen
beinahe der ganzen Stadt zu Meiner Lehre zu bekehren, und es dauerte lange
nicht ein Jahr, da war die ganze Stadt segensvollst zu Meiner Lehre bekehrt und
durch sie bald darauf nahe auch das ganze Land.
[GEJ.10_161,21] (Ich gebe euch hiermit, euch
Meinen jüngsten Jüngern, bei dieser Gelegenheit die Wissenschaft von dem, wo
und wie der erste Apostel für diese Welt geendet hat; also nicht in Rom, noch
weniger in Jerusalem, sondern in der neuen Stadt Babylon, die späterhin den
sarazenischen Namen Bagdad erhielt.)
[GEJ.10_161,22] Solches erzählte Ich aber bei
unserem Wirte in der euch bekannten Stadt nicht etwa den Jüngern, sondern
allein nur euch in dieser Zeit, und wir können nun wieder unsere frühere
Stellung, noch am Tische des Wirtes sitzend, einnehmen.
162. Kapitel
[GEJ.10_162,01] Der Wirt bat Mich, ob Ich
nicht noch etliche Tage bei ihm verweilen möchte.
[GEJ.10_162,02] Ich aber sagte zu ihm: „Ich
werde im Geiste, so du an Mich glaubst, Mich gleichfort liebst und nach Meiner
Lehre lebst und handelst, stets bei dir bleiben, aber mit Meinem Fleische werde
Ich nicht lange mehr auf dieser Erde verweilen; denn Meine Zeit naht sich ihrem
Ende, und Ich habe noch vieles zu tun in andern Städten und Ortschaften, und
somit werde Ich Mich mit diesen Meinen Jüngern denn auch sogleich gegen Süden
hin auf die Weiterreise begeben.“
[GEJ.10_162,03] Darauf brachte der Wirt noch
frischen Wein und Brot; wir nahmen davon etwas zu uns, erhoben uns dann vom
Tische und schickten uns zur Weiterreise an.
[GEJ.10_162,04] Als Ich den Wirt und sein
ganzes Haus gesegnet hatte, dankten Mir der Wirt und das ganze Haus, und der
Wirt selbst begleitete uns noch bei zwei Stunden weit fürbaß, bei welcher
Gelegenheit Ich ihm noch so manches Lebensgeheimnis enthüllte, wodurch er
höchst getröstet war.
[GEJ.10_162,05] Er kehrte dann wieder nach
Hause, und wir zogen noch eine gute halbe Tagereise weiter gegen Süden, und
zwar über einen sehr wüsten und öden Boden, auf dem wir nur wenige Hirten mit
ihren mageren Herden antrafen, die uns zuliefen, um von uns entweder ein
Almosen zu erbitten oder im schlimmeren Fall auch zu ertrotzen.
[GEJ.10_162,06] Meine Jünger aber, die
zusammen eine ganz bedeutende Menschenzahl ausmachten, bedrohten sie und hießen
sie zurückweichen, ansonst ihnen etwas Übles begegnen werde, vor welcher
Drohung aber die zusammengelaufenen Hirten, bei dreißig an der Zahl, eben auch
nicht die zufriedenste Miene machten und anfingen, zu schimpfen und über sie
loszuziehen, was einige der arabischen Zunge kundige Jünger verstanden, und sie
– selbst Mein Johannes und der Apostel Petrus – sagten zu Mir (die Jünger):
„Herr, hast Du für dieses elende Gesindel keine Blitze und kein Feuer mehr? Laß
doch so wie über die Sodomiten Blitze und Feuer regnen über dieses böse
Raubgesindel!“
[GEJ.10_162,07] Und Ich sagte zu den Jüngern:
„Altoran, das heißt o ihr Kinder des Donners und des Zornes! Sollte Ich diese
Armen noch mehr strafen, als sie ohnehin schon gestraft sind? Tut ihnen lieber
Gutes, statt daß ihr sie arg bedrohet, und sie werden euch gleich ein besseres
Zeugnis und eine bessere Rede geben!“
[GEJ.10_162,08] Darauf ließ Ich die Hirten zu
Mir kommen und sagte zu ihnen: „Sehet, ihr armen Benutzer dieser wüsten Gegend,
Gold und Silber tragen wir nicht bei uns, und Ich als der Herr am
allerwenigsten; und so wir euch auch mit Silber und Gold beschenkten, so würde
euch das in dieser weitgedehnten Wüste wenig nützen! Ich kann euch aber etwas
anderes tun, das euch nützen wird. Sehet, ihr habt samt euren Herden wenig
Nährfutter und nahezu auch kein Wasser! Ich aber habe die Macht, diese eure
Gegend zu segnen, und ihr werdet alsbald mitsamt euren Herden keinen Mangel zu
leiden haben. So euch das recht ist, so will Ich's auch tun.“
[GEJ.10_162,09] Sagten alle die Hirten: „Herr
und Meister, so Dir das möglich ist, daran wir nicht zweifeln, darum Du es
gesagt hast, so wird uns das ums unaussprechliche lieber sein, als so Du alle
diese Steinklumpen in Gold und Silber verwandeln würdest, wir aber mitten unter
solchen Schätzen samt unseren Herden dem Hungertode preisgegeben wären.“
[GEJ.10_162,10] Auf diese Worte der Hirten
hob Ich die Hände auf, dankte und segnete die Gegend, und alsbald hatte weithin
die ganze Gegend des Grases und auch der Quellen in einer gerechten Menge, und
die Hütten der Hirten wurden mit Brot und Salz versehen.
[GEJ.10_162,11] Als die Hirten das ersahen,
fielen sie vor Mir nieder, priesen Mich über die Maßen und sagten, daß Ich kein
Mensch, sondern ein Gott sei; denn solches zu bewirken sei weder Moses, dessen
Namen sie kannten, noch seinen Nachfolgern möglich gewesen.
[GEJ.10_162,12] Sie brachten uns darauf Milch
und Brot, und wir alle nahmen etwas davon, setzten unseren Weg unter vielen
Lobpreisungen von seiten dieser Hirten wieder weiter fort und vernahmen noch
weithin das laute Frohlocken dieser beglückten Hirten.
[GEJ.10_162,13] Und Ich sagte auf dem Wege zu
Meinen Jüngern: „Urteilet nun selbst, was da besser ist: Gutes tun denen, die
einem Übles tun wollen, oder Böses mit Bösem vergelten? Darum sollt ihr in der
Zukunft eure Feinde lieben und sie segnen, und denen Gutes tun, die euch Übles
tun wollen, so werdet ihr glühende Kohlen über ihren Häuptern sammeln und euch
dadurch viele Freunde machen!
[GEJ.10_162,14] Tuet in allem, wie Ich es
tue, und ihr werdet auf euren Wegen in Meinem Namen mit wenigen Steinen des
Anstoßes zu tun haben! Aber wehe, wenn ihr denen, die drohend gegen euch
auftreten, auch drohend begegnet und sie gleich mit Strafen belegen wollt! Da
werdet ihr viel Ungemach auf der Erde zu erleiden haben! Liebe erzeugt allzeit
wieder Liebe, – Zorn und Strafe aber wieder Zorn und Rache!“
[GEJ.10_162,15] Dieses schrieben sich die
Jünger ins Herz und gelobten Mir, solches auch bis an ihr Lebensende zu
beachten.
[GEJ.10_162,16] Und Ich sagte zu ihnen: „Die
meisten von euch werden das wohl tun, aber Ich sehe auch einige unter euch, die
trotz dieses Meines Rates bei widrigen Gelegenheiten dennoch der Drohung und
Bestrafung sich bedienen werden; sie werden aber dadurch niemals eine gute
Frucht zu einer vollkommenen Reife bringen.“
163. Kapitel – Der Herr in der Stadt am Nebo.
(Kap.163-228)
[GEJ.10_163,01] Während solcher Meiner
Belehrung kamen wir denn wieder einer alten, zumeist von Römern, aber auch von
Griechen und Juden bewohnten Stadt in die Nähe, und da wollte – wie man zu
sagen pflegt – das Glück oder Unglück, wie man es nennen will, daß wir zuerst
mit mehreren Juden und darunter mit einigen Pharisäern zusammentrafen.
[GEJ.10_163,02] Und die Pharisäer erkannten
Mich und sagten zu den Juden: „Sehet, da kommt sicher mit seinen Jüngern eben
derjenige Nazaräer, der beim letzten Fest mehrere sogenannte Wunder wirkte, die
er wahrscheinlich in der Schule der Essäer erlernt hat, dann im Tempel das Volk
lehrte und sich für älter ausgab als Abraham und noch manches andere mehr!
[GEJ.10_163,03] Es ging ihm damals sehr
knapp, daß er nicht völlig gesteinigt worden ist; denn wir wurden dadurch sehr
aufgeregt, da wir es einsahen, daß er sich vorgenommen hatte, uns vor dem Volke
als Blödsinnige hinzustellen.
[GEJ.10_163,04] Zugleich behauptete er
überall, daß er Gottes Sohn sei, und seine Jünger und auch viel Volkes glauben
ihm das. Er hält aber dabei nichts auf den Sabbat, ist ein Fresser und
Vollsäufer und geht mit Zöllnern und Sündern um; uns aber, die wir an den
Satzungen Mosis halten, schmäht er allenthalben und vertröstet uns bei jeder
Gelegenheit mit der ewigen Verdammnis.
[GEJ.10_163,05] Daß wir einem solchen
Menschen nicht freund sein können, ist begreiflich, zudem wir nur zu gut
wissen, wo er her ist, wer seine Eltern und seine Brüder und Schwestern sind.
[GEJ.10_163,06] Er ist dabei aber durchaus
kein Narr; denn er versteht sich sehr wohl darauf, durch seine Reden und
Wunderwerke die Heiden – als Römer und Griechen – für sich zu gewinnen, um dann
mit ihrer Hilfe uns zu stürzen. Aber dies sein Vorhaben wird ihm nicht
gelingen! Gar zu oft darf er nicht nach Jerusalem kommen, sonst werden wir ihm
seine Gottessohnschaft auf eine Weise austreiben, die ihm wahrlich nicht
gefallen wird.
[GEJ.10_163,07] Er treibt sein Unwesen nun
hier in diesen Heidenstädten sicher auch nur in dieser Absicht, um ihre
Einwohner soviel als möglich gegen uns zu hetzen. Er wird aber damit schlechte
Geschäfte machen, denn Jerusalem wird Jerusalem bleiben, wenn auch tausend
derartige Gottessöhne, wie er einer ist, dagegen wären.“
[GEJ.10_163,08] Diese letzten Reden und Worte
konnten auch schon Meine Jünger völlig vernehmen, da wir in der Zeit der
Gesellschaft schon sehr nahe gekommen waren, und hielten sich auf über Mich,
wie Ich solches doch dulden und vertragen könne.
[GEJ.10_163,09] Ich aber sagte zu den
Jüngern: „So es euch denn schon gar so ärgert, daß diese Mir ein gar so arges
Zeugnis geben, da gehet hin und verbindet einem jeden den Mund, auf daß er
nicht weiterreden kann! Ich meine, das würde euch eine sonderbar schwere Arbeit
werden; leichter für uns ist es aber in jedem Falle, an ihnen ganz stumm
vorüberzugehen.
[GEJ.10_163,10] Lassen wir die Hunde bellen;
denn solange sie bellen, beißen sie nicht! Werden sie uns aber anfallen beim Vorübergehen
und beißen wollen, da werden wir ihnen dann wohl auch zeigen, daß unser Mund
nicht ohne Zähne ist und unsere Hände nicht ohne Nägel!“
[GEJ.10_163,11] Solche Meine Worte beruhigten
Meine Jünger zum größten Teil, aber in ihrem Innern kochte es dennoch, so daß
einige nahe Lust bekamen, diesen Juden und etlichen Pharisäern auch etwas zu
sagen, das ihnen eben nicht gar zu lieb gewesen wäre; sie ermannten sich aber
dennoch und folgten Meinem Beispiel.
[GEJ.10_163,12] Wir kamen bald ganz zu ihnen
und sahen gar nicht hin nach dem Platze, wo sie standen, und gingen an ihnen
ganz still vorüber.
[GEJ.10_163,13] Diese Juden und Pharisäer
aber trieb die Neugierde, zu sehen und zu beobachten, was wir etwa in dieser
Stadt machen würden. Bevor wir aber das Stadttor erreichten, kamen uns zwei
Pharisäer beschleunigten Schrittes, gerade am Tor in die Stadt uns den Weg
vertreten wollend, entgegen.
[GEJ.10_163,14] Und einer, der Dismas hieß,
fragte Mich ganz barsch, was Ich hier in dieser Stadt zu tun hätte, ob Ich in
ihr verbleiben oder bloß durchreisen werde.
[GEJ.10_163,15] Und Ich sagte zu ihm: „Bist
du denn ein Stadtrichter hier, dem allein es zukommt, die Reisenden zu
erforschen, was sie in diese Stadt geführt hat, und sich ihre Reisebriefe
vorweisen zu lassen?“
[GEJ.10_163,16] Da sprach dieser Pharisäer:
„Ich bin kein Stadtrichter, aber ich bin nun ein Oberster der Judengemeinde
hier und habe als solcher auch das Recht, die Reisenden zu befragen, zu welchem
Zwecke sie in diese Stadt gekommen sind, – und dich und deine Gesellschaft
schon ganz besonders, weil ich dich von Jerusalem aus kenne und nur zu wohl
weiß, daß du unser Freund nicht bist und auf unsere alten Satzungen nichts
hältst, weil wir das nicht annehmen können und wollen, was zu sein du vor uns
und dem Volke nur schon zu oft laut vorgebracht hast.
[GEJ.10_163,17] Wir wissen wohl, daß du viel
verstehst und weise reden kannst und imstande bist, Zeichen zu wirken, die alle
Menschen ins höchste Erstaunen setzen; aber du bist dabei unser Feind und
suchst uns zu verderben, die wir am alten Gesetze halten. Siehe aber zu, ob dir
am Ende deine Absicht gelingen wird; denn deine von den Essäern erlernten
Wunderzeichen werden bald durchschaut werden, und es wird sich dann schon
zeigen, was du weiter vermögen wirst!
[GEJ.10_163,18] Die Heiden magst du wohl
damit betören, aber uns alte Nachkommen Abrahams nicht. So du aber schon
wirklich etwas Göttliches vermagst, so wirke nun vor uns ein Zeichen, und wir
wollen glauben, daß du mehr vermagst denn alle Essäer und andere Zauberer der
Erde, und daß du wirklich erfüllt bist mit dem Geiste Gottes!“
[GEJ.10_163,19] Sagte Ich: „Ich habe vor euch
der großartigsten Zeichen schon in großer Menge gewirkt, die nie ein Mensch auf
dieser Erde gewirkt hat, und ihr sagtet, daß Mir dazu Beelzebub als der Teufel
Oberster behilflich sei. So ihr solch eines Glaubens seid und mit solch einem
Glauben auch eure Vorfahren die alten Propheten beinahe alle gesteinigt und
getötet haben, weil sie auch von ihnen behaupteten, daß sie den Teufel hätten
und mit seiner Hilfe weissagten und Zeichen täten, – wie sollte da in euch ein
Licht sein, um die Wahrheit Meiner Lehre und Meiner Taten zu erkennen?
[GEJ.10_163,20] Ihr habt den Beelzebub zu
eurem Vater und lehret und handelt nach seiner Eingebung, was Ich nur zu wohl
erkenne. Ich kam aber darum zu öfteren Malen zu euch, um euch aus seinen
Fesseln zu befreien; aber euch gefällt es besser, Diener des Teufels zu
verbleiben, als Diener des einen und allein wahren Gottes zu werden, den ihr
nicht kennt und noch nie erkannt habt. Und so bleibet denn bei eurem Dienste;
Ich aber werde verbleiben bei dem Meinen und werde in aller Bälde offenbar
machen vor aller Welt Augen, wer ihr seid, und wer Ich bin. Und nun laßt uns
gehen, und gehabt euch wohl im Namen dessen, dem ihr dienet!“
[GEJ.10_163,21] Diese Meine Worte beleidigten
diese Pharisäer in einem so außerordentlich hohen Grade, daß sie Mich samt
Meinen Jüngern alsogleich auf das Stadtrichteramt führen wollten.
[GEJ.10_163,22] Ich aber sagte zu ihnen: „Der
Herr bin Ich und werde tun, was Ich will; sehet aber zu, daß ihr nicht eher
denn Ich mit dem Stadtrichteramte dieser Stadt zu tun bekommen werdet!
[GEJ.10_163,23] Ich kam mit Meinen Jüngern
ganz still zu euch und wollte niemandem von euch auch nur mit einem einzigen
Worte oder einer Miene zur Last fallen, obschon Ich schon aus einer ziemlichen
Ferne vernahm, welch lose Reden ihr über Mich untereinander geführt habt, und
hätte somit das Recht gehabt, euch zur Rede zu stellen, wer euch hier in der
Fremde berechtigt hat, über Mich Bemerkungen zu machen, die Mir und keinem
Meiner Jünger gefallen konnten. Und so sage Ich euch nun noch einmal, daß Ich
der Herr bin und die Macht habe, diese Stadt zu betreten und Mich daran von
euch nicht hindern zu lassen; sollte euch das nicht genügen, und wollt ihr bei
eurem Vorhaben verbleiben, so werde Ich demselben wirksam entgegenzutreten
imstande sein!“
[GEJ.10_163,24] Auf diese Meine Worte sagte
Dismas, dem die Sache doch etwas zu Herzen ging, zu seinem überaus hartnäckigen
Gefährten: „Lassen wir diese in Gottes Namen ziehen! Wir aber kehren einfach zu
unserer Gesellschaft wieder zurück; denn ich will mit derlei Menschen, die im
Besitze geheimer Kräfte sind, weiter nichts zu tun haben! Handeln sie wider den
Willen Gottes, so wird Gott sie schon zur rechten Zeit zu ihrer Züchtigung zu
vernichten verstehen; sollten sie aber dennoch etwa irgend nach dem Willen des
Allmächtigen handeln, so werden wir gegen sie nichts auszurichten imstande
sein.“
[GEJ.10_163,25] Der Gefährte des Dismas aber
wollte sich nicht daran kehren, sondern berief die andern langsam hinterdrein
Gehenden, daß sie ihm zu Hilfe kommen und mit ihm Mich und Meine Jünger auf das
Stadtrichteramt bringen sollten.
[GEJ.10_163,26] Und Ich sagte: „Bis hierher
und nicht weiter mit eurem Beelzebubsgrimme gegen Mich und Meine Jünger! Ich
werde euch bis zum morgigen Tage Wächter stellen, die euch bei keinem Tore in
diese Stadt hineinlassen werden; und in diesen Wächtern soll auch das Zeichen,
das ihr von Mir verlangtet, bestehen, und ihr werdet daraus hoffentlich
erkennen, daß Ich vollkommen der Wahrheit nach ein Herr über alle Kreatur auf
dieser Erde bin und auch noch ein Herr unendlich weiter hinaus, als ihr je zu
denken vermöget. Ich will, und so geschehe es!“
[GEJ.10_163,27] In diesem Augenblick standen
schon vierzehn große und grimmige Löwen vor den uns nachfolgenden Juden, und
einer von ihnen packte den hartnäckigen Gefährten des Dismas und trug ihn zu
seinen Gefährten zurück.
[GEJ.10_163,28] Dismas aber fiel vor Mir
nieder und bat Mich, seiner zu verschonen, indem er für sich über Mich einer
ganz andern Meinung sei, und daß er schon zu öfteren Malen, soviel als es
möglich war, zu Meinen Gunsten habe Worte fallen lassen im Hohen Rate; aber es
hieß das Öl ins Feuer gießen und am Ende notgedrungen mit den Hunden zu bellen.
Jetzt sollten diese seine halsstarrigen Gefährten den Löwen etwas vorbellen,
und diese würden sich schwerlich fürchten vor ihrem Gebell.
[GEJ.10_163,29] Und Ich sagte zu ihm: „Ziehe
vor uns in die Stadt, und führe uns in eine rechtschaffene Herberge; dann magst
du dich zum Stadtrichter Titus begeben und ihm sagen, daß Ich in jener Herberge
auf ihn warte.“
[GEJ.10_163,30] Dismas dankte Mir, stand auf
und führte uns alsogleich in eine naheliegende Herberge in dieser Stadt.
164. Kapitel
[GEJ.10_164,01] Als wir daselbst eintraten,
kam uns alsbald der Herbergsbesitzer, ein Römer dem ganzen Wesen nach, sehr
höflich entgegen, hieß uns Platz nehmen und fragte uns, was wir wünschten.
[GEJ.10_164,02] Ich sagte zu ihm: „Es ist
zwar schon der Tag in die Nähe des Untergangs der Sonne gerückt, und wir haben
außer etwas Brot seit heute morgen nichts zu uns genommen, – dennoch ist es
aber für ein Abendmahl noch etwas zu früh; daher magst du uns wohl vorderhand
etwas Brot und Wein auf den Tisch setzen!“
[GEJ.10_164,03] Sagte der Wirt: „Meine lieben
Freunde, Brot besitze ich wohl, so auch geräuchertes Schweine- und
Schaffleisch, auch Milch habe ich noch im Vorrat, – aber Geflügel, Fische und
Wein sind in dieser Stadt nur selten anzutreffen und sind sehr kostspielige
Dinge auf dem Tische der Reisenden; denn von hier aus bis in das tiefe
Jordantal hinab ist es erstens sehr weit, und die wenigen Fußsteige von hier
bis dahin sind äußerst beschwerlich, und so sind wir außerstande, uns von den
gesegneten Westländern etwas Billiges und Genußbares zu verschaffen. Unser
Boden aber ist, wie ihr es auf eurem Wege selbst werdet bemerkt haben, nur sehr
wenig fruchtbar aus Mangel an Erdreich und aus Mangel an Wasser. Unsere noch
wasserhaltigen Stadtbrunnen sind Zisternen, und ein Quellwasser ist von hier
weit entfernt. Bis man nicht in das Gebiet der Arnonquellen kommt, sieht man
nicht leichtlich irgendwo ein Quellwasser, und diese sind von hier noch weit
entfernt. Ich werde euch darum Brot und Milch vorsetzen.“
[GEJ.10_164,04] Sagte Ich zum Wirte: „Anstatt
der Milch gib uns lieber Wasser aus deiner Zisterne!“
[GEJ.10_164,05] Und der Wirt tat das nach
Meinem Wunsche und brachte einen großen steinernen Krug voll frischen Wassers
aus der Zisterne und setzte uns ein paar Laibe Gerstenbrot zum Genusse auf den
Tisch, indem er sagte: „Diese einzige Getreidegattung gerät hier noch ziemlich
reichlich, aber der Weizen gerät hier sehr schwer. Denn sät man ihn noch so
frühzeitig in der Winterzeit, so verdorrt er im bald darauf kommenden
Frühjahre, schon ehe er reif wird. Darum müssen wir den Weizen für unseren
besonderen Gebrauch aus Damaskus beziehen, welche Stadt von hier sehr entlegen
ist, oder wir müssen uns den Weizen gar aus Babylonien verschaffen, das von
hier aber noch entfernter ist als Damaskus. Aber Gerste haben wir selbst zur
Genüge, und sie ist nebst der Milch und dem Fleische unser Hauptnahrungszweig.
Daher müßt ihr euch schon mit dem begnügen, was ich euch aufzuwarten imstande
bin!“
[GEJ.10_164,06] Sagte Ich: „Alles ist gut,
was von Gott gesegnet ist!“
[GEJ.10_164,07] Sagte der Wirt: „Ich habe es
wohl gleich gemerkt, daß ihr Juden seid, weil ihr nach dem bei uns guten
Schweinefleisch mir ein Verlangen nicht zu erkennen gabt, – ich meine aber, so es
irgendeinen rechten Gott gibt, so hat er auch das Schweinefleisch gesegnet und
nicht bloß das Hühner-, Schaf-, Ziegen- und Rindfleisch! Ich aber bin ein
ehrlicher Römer und halte die Gesetze Roms, die ich für ganz gut finde, obschon
sie nur Menschen und keine Götter zu ihrem Verfasser haben.
[GEJ.10_164,08] Was nützen denn einem
Menschen auch gewisse Göttergesetze, die stets in einer dunklen und
unverständlichen Sprache geschrieben sind und von den Priestern nach ihrer
Willkür und nach ihrem Eigennutz ausgelegt werden? Daher mögen die Götter für
sich Gesetze geben, soviel sie wollen; wir durch die Erfahrung klug gewordenen
Menschen werden und haben uns schon Gesetze gegeben, die wir verstehen und auch
befolgen können. Unsere Hauptgötter aber sind gute und fruchtbare Jahre und
jene Elementarkräfte, die sie bewirkt haben; und jetzt wünsche ich, daß euch
unser Brot und unser Wasser wohl schmecke und behage!“
[GEJ.10_164,09] Sagte Ich: „Lieber Wirt,
setze du jedem einzelnen von uns auch einen Trinkbecher vor, woran du keinen
Mangel haben wirst!“
[GEJ.10_164,10] Darauf setzte uns der Wirt so
viele irdene Trinkbecher vor, als wir unser am Tische saßen.
[GEJ.10_164,11] Ich aber sagte zum Wirte
noch: „Nimm auch für dich noch einen Becher, und trinke mit uns!“
[GEJ.10_164,12] Und der Wirt tat das in der
Meinung, er müsse sein Wasser zuerst trinken, auf daß er uns Mut mache, damit
auch wir uns dasselbe zu trinken getrauten. Er schenkte sich seinen Becher
darum auch zuerst voll ein und fing an zu trinken; aber nach dem ersten Schluck
setzte er sogleich freudig ab und sagte voll Staunens: „Was ist denn aber das,
meine lieben Herren Gäste? Ich habe euch ja nur Wasser gebracht, und jetzt, als
ich es kostete, ist es unstreitig der beste Wein, wie ich einen solchen nur einmal
auf der Insel Cypern getrunken habe.“
[GEJ.10_164,13] Sagte Ich zum Wirte, nachdem
Ich Mir auch Meinen Becher vollschenkte: „Trinke du nur zu, gleich uns allen;
denn wo du den Wein hergenommen hast, da wirst du wohl noch einen weiteren
Vorrat haben!“
[GEJ.10_164,14] Sagte der Wirt: „O ja, meine
lieben Herren Gäste, meine Zisterne ist noch über die Hälfte voll Wassers, und
so die lauter solchen Wein statt Wasser enthält, so haben wir über ein Jahr des
Weines zur Genüge! Aber da ist ein Wunder geschehen, und ich glaube nun zum
ersten Male an Wunderdinge, obschon ich sonst von meiner Kindheit an an derlei
nie geglaubt habe, trotzdem ich in meinen Jugendjahren oft genug von gewissen
Priestern und Zauberern allerlei Wunder habe wirken sehen; denn mein Vater war
selbst in solchen Künsten bewandert und hat mir über alles eine rechte
Aufklärung gegeben, und ich faßte dadurch als ein ehrlicher, wohlerzogener
Römer einen gerechten Unglauben und Widerwillen gegen alle Wundertäterei und
Zauberei. Aber mit dem Wasser meiner Zisterne ist ein Wunder geschehen! Wie
aber und durch wen, das kümmert mich nun nicht; mit der Zeit wird man etwa wohl
daraufkommen, weil es ein gutes und kein böses Wunder ist.“
165. Kapitel
[GEJ.10_165,01] Während der Wirt noch so
seine höchst römisch gescheiten Bemerkungen machte, kam auch schon unser Dismas
mit dem Oberstadtrichter daher, führte ihn zu Mir hin und sagte zu ihm: „Dies
ist der nämliche Herr, der dich zu sehen und zu sprechen wünscht!“
[GEJ.10_165,02] Und Ich sagte zum Wirte:
„Setze noch zwei Stühle und zwei Trinkbecher hierher; denn darum bin Ich
eigentlich in diese Stadt gekommen, um vor allem diesen beiden einen
vollgültigen Beweis Meiner Herrlichkeit zu liefern!“
[GEJ.10_165,03] Der Wirt tat das alsogleich,
und Ich füllte aus dem steinernen Kruge beider Becher voll und hieß sie
trinken.
[GEJ.10_165,04] Beide setzten die Becher an
und sagten: „O Wirt, wo hast denn du diesen Wein her? Das ist ja eine
außerordentliche Erscheinung, daß man bei dir einmal einen Wein bekommt, und
den besten Kaiserwein von der Insel Cypern auch noch dazu! Sage uns, woher hast
du ihn denn bezogen?“
[GEJ.10_165,05] Sagte der Wirt, etwas
verlegen: „Meine Herren, glaubet es oder glaubet es nicht, – aber ich rede
offen die Wahrheit und sage: Aus meiner Hauszisterne! Diese Herren Gäste
verlangten statt Milch Wasser, und ich holte dasselbe aus meiner Zisterne und
stellte es mit eigenen Händen auf den Tisch, und niemand rührte zuvor den Krug
an, als bis ich mir meinen Becher aus diesem Kruge vollgefüllt hatte; wie ich
aber den Becher an meinen Mund brachte, so war dessen Inhalt kein Wasser,
sondern wie ihr ihn selbst gekostet habt, der allerbeste und kostspieligste
Cypernwein. Ihr wißt aber, daß ich kein Wundergläubiger bin, – aber das halte
ich für ein vollkommenes Wunder!“
[GEJ.10_165,06] Sagte darauf der
Oberstadtrichter: „Laß mich mit dir mit dem Kruge zur Zisterne gehen und gleich
draußen das Wasser kosten, und es wird sich gleich zeigen, ob du eine so
wunderbare Zisterne besitzest!“
[GEJ.10_165,07] Darauf nahm der Wirt den
ohnedies schon leer gewordenen Wasserkrug und eilte mit dem Oberstadtrichter
hinaus zu der Zisterne, die sich im Hofe der Herberge befand.
[GEJ.10_165,08] Der Oberstadtrichter schöpfte
mit höchsteigener Hand das Wasser und kostete es sogleich bei der Zisterne und
fand, daß es wieder der gleiche Wein war.
[GEJ.10_165,09] Mit Freuden brachte er den
Krug mit eigener Hand in unser geräumiges Gastzimmer, setzte ihn auf den Tisch
und sagte laut: „Das ist wahrlich ein offenbares Wunder, wie ein ähnliches noch
nie unter den Menschen dieser Erde ist erlebt worden! Ein solches Wunder kann
wohl einem Gott zu bewirken möglich sein, aber einem Menschen niemals.“
[GEJ.10_165,10] Dismas, der von dem Weine nun
bereits einen zweiten Becher geleert hatte und dabei ganz frohen und heiteren
Mutes wurde, teilte auch die Meinung des Wirtes und des Oberstadtrichters und
sagte: „Was haben die andern starrsinnigen Tempelnarren nun davon, daß sie
diesem wirklichen Herrn der Herrlichkeit Gottes mit ihrer finstersten, rohen
Grobheit begegnet sind? Dort, vor dem Tore draußen, werden sie, von vierzehn
Löwen bewacht, vor Angst und Schrecken ordentlich Blut zu schwitzen anfangen
müssen, während wir hier frohen und heiteren Mutes den besten Cypernwein aus
des Kaisers Weinbergen trinken, von dem ich sonst in meinem Leben nur ein
einziges Mal etwas Weniges zum Verkosten bekam, hier ihn aber nun gleich
becherweise trinken kann.
[GEJ.10_165,11] Daher sage und bekenne auch
ich, daß Derjenige, der mit Seiner Willenskraft jene vierzehn Löwen vor dem
Stadttore draußen in Blitzesschnelle herbeirufen konnte und nun das
Zisternenwasser ebenso schnell in den besten cyprischen Kaiserwein zu
verwandeln imstande war, kein gewöhnlicher Mensch ist, sondern es wohnt
wahrlich die Fülle des göttlichen Geistes in Ihm! Und dieses Zeugnis, das ich
jetzt ausgesprochen habe, wird mit mir denn auch zu Grabe gehen; und ich
begreife nun auch alle Deine andern Wunderwerke, die Du, o Herr, in Jerusalem
und auch in andern Orten gewirkt hast!
[GEJ.10_165,12] Aber diese da draußen vor dem
Tore werden das schwerlich je begreifen; vielleicht werden ihnen die vierzehn
Löwen die Nacht hindurch ihre sie beherrschenden Teufel austreiben, und sie
werden dann für die göttliche Wahrheit zugänglicher sein denn heute. Du aber
bist der Herr und kannst tun, was Du willst!“
166. Kapitel
[GEJ.10_166,01] Auf diese Rede ward der
Oberstadtrichter erst auf die Wache außerhalb des Stadttores neugierig, und er
bat Mich, Ich möchte ihn hinausbegleiten, da er sich vor den Löwen sehr fürchte.
[GEJ.10_166,02] Ich aber sagte zu ihm: „Gehe
du mit Dismas ganz getrost bis zum Stadttore hin, und es wird keines dieser
Tiere dir etwas zuleide tun!“
[GEJ.10_166,03] Auf das faßte der
Oberstadtrichter samt dem Dismas das vollste Vertrauen und ging mit ihm ganz
mutvoll bis an das Stadttor!
[GEJ.10_166,04] Da baten ihn die von den
vierzehn Löwen Bewachten, er möchte sie von dieser entsetzlichen Plage
befreien.
[GEJ.10_166,05] Und der Oberstadtrichter
sagte: „Wendet euch an den Herrn, den ihr zuvor so greulich verlästert habt;
denn nur allein bei Ihm steht es, euch von dieser Plage zu befreien!“
[GEJ.10_166,06] Und die Juden samt den
etlichen Pharisäern schrien: „So bittet ihr für uns, daß Er Sich unser erbarme,
und wir wollen an Ihn glauben!“
[GEJ.10_166,07] Da kamen die beiden alsbald
zurück und hinterbrachten Mir das.
[GEJ.10_166,08] Und Ich sagte: „Also
vergeltet denn auch ihr niemals Böses mit Bösem, und die vor dem Stadttore
sollen von ihrer Plage befreit sein!“
[GEJ.10_166,09] In dem Augenblick wichen die
grimmigen Wächter, und die Bewachten kamen voll Glaubens zu uns und wurden auch
bald mit dem Zisternenwasser gestärkt.
[GEJ.10_166,10] Als sich die Juden und
etlichen Pharisäer an einem andern Tische, nicht ferne von uns sitzend, mit dem
Zisternenwasser gestärkt hatten, da stand eben derjenige grimmigste Pharisäer
auf, der zuvor mit Dismas Mir den Weg in die Stadt verwehren wollte, und sagte:
„Herr und Meister! Jetzt glaube auch ich, daß Du wirklich Derjenige bist, auf
den alle Juden und auch Heiden so lange vergeblich gewartet haben!
[GEJ.10_166,11] Wärest Du in der Art
erschienen, wie Dich die meisten Propheten, von Moses angefangen, verkündet
haben, so hätten wir auch nie einen Anstand genommen, Dir mit vollem Glauben
entgegenzukommen; aber Du kamst in einer Weise in diese Welt, von der man am
wenigsten vermuten konnte, Du seist der verheißene Messias der Juden und durch
sie auch aller Menschen auf Erden.
[GEJ.10_166,12] Denn es kannte Deine
Abstammung nahezu ein jeder Mensch von Jerusalem, indem er Deinen Vater und
Deine Mutter, wie auch Deine Brüder, nur zu gut gekannt hatte; denn wie oft
ergab es sich, daß Dein Vater als ein allgemein bekannter geschickter
Zimmermann und Schreiner zugleich bei uns in Jerusalem zu tun hatte und Du Selbst
nicht selten mit ihm und Deinen Brüdern als Zimmermann mitarbeitetest. Auf
einmal bist Du, als der gleiche Zimmermann, in der Mitte mehrerer Jünger als
Volkslehrer aufgetreten und hast in Jerusalem gelehrt und ein scharfes Zeugnis
wider uns gegeben, – daher es Dir auch begreiflich sein wird, daß unser Haß in
dem Maße gegen Dich steigen mußte, als Du bei Deinem jedesmaligen Erscheinen in
Jerusalem uns bei dem Volke bloßstelltest und wider uns das Zeugnis gabst, daß
wir nicht Diener Gottes, den wir nicht kenneten, sondern nur reißende Wölfe in
Schafspelzen und somit Diener des Beelzebub seien und das Volk nicht zum Lichte
und somit auch nicht in den Himmel lassen, und wir selbst auch nicht hinein
wollten, und dergleichen uns verkleinernde Zeugnisse noch eine Menge, die wir
entweder mit eigenen Ohren gehört haben oder uns von andern treulich berichtet
wurden.
[GEJ.10_166,13] Aus dem muß ein jeder
denkende Mensch es einsehen, daß wir Dir nie haben freundlich begegnen können
und unser Haß gegen Dich sich um so mehr steigern mußte, weil Dein Schmähen
über uns sich stets steigerte.
[GEJ.10_166,14] Du hast zudem noch
außerordentliche Wunder gewirkt und dadurch das Volk von uns leicht vollends
abwendig gemacht und unsere Einnahmen in den dritthalb (zweieinhalb) Jahren im
ganzen mehr denn um zweitausend Pfunde Goldes verringert, und machtest das Volk
glauben, daß Du der Sohn des einen lebendigen Gottes bist, wodurch Du dem alten
Gesetze Mosis zu unserem größten Ärgernis den allergewaltigsten Stoß versetzt
hast, wo es heißt: ,Ich allein bin euer Gott und euer Herr, an den ihr zu
glauben, auf Ihn zu bauen und Ihm zu vertrauen habt. Außer Mir gibt es keinen
Gott; darum sollt ihr auch keine andern Götter neben Mir haben!‘
[GEJ.10_166,15] Nun hast Du aber gesagt, daß
Du Gottes Sohn seist, und daß der allein wahre Gott im Himmel Dein Vater sei,
den Du allein gesehen hast und ihn kennest, sonst aber kein Mensch, – wir
Diener des Tempels schon am allerwenigsten.
[GEJ.10_166,16] Dabei hat aber David von der
Ankunft des Messias bei weitem anders gesprochen, als wie Deine Ankunft
geschehen ist, indem er sagte: ,Machet die Türen breit und die Tore hoch, auf
daß der König der Ehren bei euch einziehe! Wer ist aber dieser König? Es ist
Jehova Zebaoth!‘
[GEJ.10_166,17] Nun wirst Du daraus mit
natürlichem Menschenverstande wohl einsehen und begreifen, daß Du in Deiner
Zimmermannsstellung in Galiläa nicht als der König der Ehren, trotz aller
Deiner Schriftweisheit, angesehen werden konntest, ja nicht einmal als ein
Prophet, da es doch ausdrücklich geschrieben steht, daß aus Galiläa nie ein
Prophet aufsteht!
[GEJ.10_166,18] Herr, vergib es mir, daß ich
Dir nun ganz freimütig und offenherzig den Grund dargestellt habe, warum Du bei
den allermeisten und vielen Pharisäern, Hohenpriestern, Leviten und auch andern
Juden, die mit dem Tempel halten, also verhaßt bist, und warum Du auch selbst
durch Deine außerordentlichsten Wundertaten nicht nur keinen guten Eindruck
gemacht, sondern sie dadurch nur stets mehr und mehr gegen Dich aufgereizt
hast, zu denen auch ich ehedem gehörte und gleich meinen Amtsgefährten der
Meinung war, daß Du Deine Wundertäterei bei den uns über alles verhaßten
Essäern erlernt hast und mit ihrer Hilfe uns zugrunde richten und den Essäern
ein weites Wirkungsfeld einräumen willst, – und das aus dem Grunde, weil die
Römer, als unsere Herren und stets Feinde, es mit dieser Sekte halten, ihnen
alle erdenklichen Privilegien und Vorteile zukommen lassen, weil sie eben diese
Essäer zu allen ihren beherrschenden Zwecken bestens und wirksamst gebrauchen
können.
[GEJ.10_166,19] Wir aber wissen, wie die
Essäer ihre Wunder wirken, und haben ihnen selbst so manches heimlich abgelernt
und konnten darum Deinen Wunderwerken nie hold und freundlich werden, weil wir
Ähnliches auch bei ihnen wirken gesehen haben. Denn in unserer – sozusagen –
blinden Wut haben wir uns gar nie die Zeit nehmen wollen, um zwischen Deinen
und der Essäer Taten eine kritische Parallele zu ziehen, und ich gestehe es
offen, daß mir hier zum ersten Male in dieser alten Heidenstadt ein rechtes
Licht über Dich aufgegangen ist.
[GEJ.10_166,20] Die zwei Zeichen, die Du hier
gewirkt hast, stellen Deine vor diesen gewirkten erst in ein rechtes Licht,
drücken alle andern Wunderzeichen in ein völliges Nichts zurück und stellen
Dich vor unsern Augen im vollen Ernste als Den dar, als welchen zu uns zu
kommen Dich David angekündigt hat. Denn fürs erste – es gibt in dieser ganzen
Gegend keine Löwen, da diese Tiere zumeist nur in Afrika zu Hause sind und sich
höchst selten eine solche Bestie nach Arabien herüber verläuft und bald wieder
zurückkehrt, so sie in der weitgedehnten Wüste keinen Fraß findet; auf Deinen
Wink aber standen gleich vierzehn solcher Bestien vor uns! Dieses würde auch
ganz schwerlich geschehen, wenn solche Bestien auch hierlands haufenweise zu
Hause wären. Du mußt sie also, als ein Herr aller Kreatur, wirklich nur
erschaffen haben!
[GEJ.10_166,21] Und ist Dir das möglich, so
ist Dir auch leicht möglich gewesen, fürs zweite dieses Wirtes Zisternenwasser
in den besten Cyperer Kaiserwein zu verwandeln, von dem ich nur einmal – bei
einer Tafel unseres Königs Herodes – einen kleinen Becher voll zu kosten bekam.
[GEJ.10_166,22] Ob Du meinen Namen weißt,
kennst oder nicht, das ist mir gleich; sicher wirst Du ihn aber auch kennen.
Aber ich gebe Dir hier die Versicherung, daß ich samt allen diesen meinen
Gefährten wider Dich nimmerdar irgend in einem Hohen Rate unsere Stimme erheben
werde. Wir werden zwar den andern vielen nicht den Mund stopfen können, da wir
uns dazu viel zu ohnmächtig fühlen; aber – wie gesagt – wir werden im Herzen
stets an Dich glauben, und geschehe, was da wolle! Aber wie gesagt, gegen Dich
soll nie mehr eine Stimme, von unserem Munde ausgehend, laut werden!“
167. Kapitel
[GEJ.10_167,01] Nach dieser ziemlich langen
Entschuldigungsrede des Pharisäers, der Barnabas hieß, sagte Ich: „Deine
Entschuldigung und dein gegenwärtiges Bekenntnis nehme Ich für gültig an und
vergebe dir alle deine Sünden; wem Ich aber die Sünden vergebe, dem sind sie
wahrhaft vergeben im Himmel wie auf Erden.
[GEJ.10_167,02] Du wirst Mir noch einmal ein
guter Arbeiter in Meinem Weinberge werden und wirst um Meines Namens willen
viel auszustehen bekommen. Wenn aber dieses über dich kommen wird, das Ich dir
jetzt zum voraus verkündigt habe, da wirst du dessen wohl gedenken; aber bleibe
ohne Furcht, denn Ich werde dich nicht allein lassen!
[GEJ.10_167,03] In diesen Tagen aber leidet
das Himmelreich große Gewalt; die es nicht mit Gewalt an sich reißen, werden es
auch nicht einnehmen.
[GEJ.10_167,04] Die Zeit ist nur noch eine
kurze, in der Ich unter den Menschen in dieser Welt Mich also wie jetzt
befinden und wirken werde; dann werde Ich auf eine für diese Welt höchst
unangenehme und traurige Weise verklärt werden und werde dann erst für alle, die
an Mich glauben, ein ewiges Lebensreich gründen, darin Ich wohnen werde, und
alle die Meinen werden sein, da Ich bin.
[GEJ.10_167,05] Glaube Mir, daß wer an Mich
glaubt, nach Meiner Lehre lebt und handelt und Mich liebt über alles und seinen
Nebenmenschen wie sich selbst, schon diesseits das ewige Leben überkommen und
nimmerdar sterben wird, auch dann nicht, so es möglich wäre, daß er dem Leibe
nach stürbe hundertmal; denn seine Seele wird mit Meinem Geiste in ihr – wie
auch Ich aus eigener Macht und Kraft gleichfort leben werde, so auch dieser
irdische Leib von Mir genommen wird – gleichfort leben und überselig sein und
herrschen mit Mir in Ewigkeit!“
[GEJ.10_167,06] Mit dieser Meiner Verheißung
waren alle zufrieden und glaubten darauf.
[GEJ.10_167,07] Da es aber schon Abend
geworden war, so fragte Mich der Wirt, ob es nicht schon Zeit wäre, ein
ordentliches Abendmahl zu bereiten.
[GEJ.10_167,08] Sagte Ich: „Das liebste
Abendmahl ist Mir dieses, daß Ich alle diese aus Meinem Stamme, die verloren
waren, wiedergefunden und gewonnen habe; frage aber die andern, was sie essen
mögen!“
[GEJ.10_167,09] Barnabas aber erhob sich und
sagte: „O Herr und Meister, auch für uns besteht das beste Abendmahl in dem,
daß Du zu uns gekommen bist und wir Dich als Den erkannt haben, der Du bist!
Übrigens haben wir des Brotes und des Weines zur Genüge. Was bedarf es da noch
einer andern Leibesspeise?“
[GEJ.10_167,10] Ich aber sagte dennoch zum
Wirte: „So gehe denn hinaus in deine Speisekammer und sieh nach, was du für uns
Juden genießbar findest! Laß es wohl zubereiten, und setze es dann für uns auf
den Tisch!“
[GEJ.10_167,11] Und der Wirt ging hinaus und
fand auf einem für Speisen hingerichteten großen Tische eine gerechte Menge schon
aufgemachter und wohlgereinigter Fische, worüber er, sein Weib und seine Kinder
vor lauter Staunen die Hände über dem Kopfe zusammenschlugen.
[GEJ.10_167,12] Der Wirt kam voll Freuden
alsbald wieder zu uns zurück und sagte: „Meine lieben Herren Gäste, ein drittes
Wunder! Ihr wißt, wie schwer in unserer Gegend Fische zu haben sind, und sehet,
mein großer Speisenzubereitungstisch in der Speisekammer ist derart voll von
ganz frischen, aber schon gereinigten edelsten Fischen, daß wir alle damit über
drei Tage zur Übergenüge haben; sie dürfen nur zubereitet werden – was ich
bereits schon angeordnet habe –, und wir werden mit einer allerseltensten
Speise gesättigt werden.“
[GEJ.10_167,13] Da sagte Barnabas und auch
Dismas: „Bei Gott sind alle Dinge möglich, und uns nimmt es nun dessen gar
nicht mehr wunder, indem wir Den unter uns haben, dem kein Ding unmöglich ist.
Denn Dem es möglich war, alle die Meere, Seen und Flüsse mit allerlei Fischen
und anderem Getier zu bevölkern, dem ist es auch möglich, aus Sich allenthalben
so viele Fische hervorzurufen, als Er nur immer will; und wir bekennen nun, daß
in diesem Menschen Jesus aus Nazareth in Galiläa die Fülle der Gottheit
körperlich wohnt! Und wer da anders glaubt, der ist noch ferne von der
Wahrheit.“
[GEJ.10_167,14] Sagte Ich: „Bleibet bei dem
Glauben, und lasset euch in eurem Innern von niemand betören; denn durch solch
einen Glauben an Mich werdet ihr vor Mir gerechtfertigt stehen, und Ich werde
euch geben das ewige Leben und euch erwecken am Jüngsten Tage!“
[GEJ.10_167,15] Mit diesen Meinen Worten
waren sie zufrieden.
168. Kapitel
[GEJ.10_168,01] Aber nun erhob sich der
Oberstadtrichter, der an unserem Tische neben Mir saß, und sagte: „Herr und
Meister, Du weißt, daß ich ein Römer bin, und das ein in aller Wissenschaft
wohlbewanderter, ansonst man mich nicht zum Oberstadtrichter einer der größten
Gemeinden gesetzt hätte, die sich auf dem Berge Auran befindet. Weil ich mich
aber eben schon von Kindheit an auf allerlei Kenntnisse und Wissenschaften habe
verlegen müssen, damit ich nach strengen abgelegten Prüfungen das habe werden
können, was ich nun bin, und noch immer mehr werden kann, so ist es gewisserart
von selbst begreiflich, daß ich schon in meiner frühesten Jugend das völlig
Leere und Nichtige unseres Göttertums zur Genüge habe kennen und verachten
gelernt, und ein weiser Mann, ob Grieche oder Römer, war mir um viele tausend
Male lieber als alle unsere ägyptischen, griechischen und römischen Halb- und
Ganzgötter.
[GEJ.10_168,02] Schon der große Kaiser Augustus
hat dazu sehr viel beigetragen, dieses alte Götzentum nach Möglichkeit
auszurotten, und hat dafür die rechten Wissenschaften selbst hochgeehrt und
wohl verstanden, sich mit wissenschaftlichen Männern aus allen Ländern an
seinem Hofe in Rom zu umgeben und den bekannten Dichter Ovid, der zur selben
Zeit eine Art Götterlehre unter dem Namen ,Metamorphosen‘ geschrieben hat – zu
welcher Arbeit ihn heimlich gegen gute Bezahlung die Priester veranlaßt
hatten-, lebenslänglich von Rom verbannt.
[GEJ.10_168,03] Und wie Augustus gesinnt war,
so war auch sein Nachkomme gesinnt, unter dem ich geboren und erzogen wurde,
und ich habe auch eben wegen meiner dem Kaiser wohlgefälligen antigöttischen
Gesinnung in meiner Jugend schon eine solche namhafte Stellung, in der ich mich
befinde, überkommen und zähle jetzt noch nicht einmal dreißig Jahre.
[GEJ.10_168,04] Aber mit dem Hinwegwerfen
aller unserer Götzen habe ich auch den Glauben der Unsterblichkeit der
menschlichen Seele nach dem Tode – und ich meinte mit vollem Rechte –
hinweggeworfen.
[GEJ.10_168,05] Ich wurde darum zwar kein
Epikureer dem Leben nach, aber desto mehr dem Glauben nach, der sich bei mir
nicht nur durch das Lesen der Bücher vieler Weltweiser, sondern durch meine
vielfache Erfahrung bis zur völligen Klarheit herausgebildet hatte.
[GEJ.10_168,06] Ja, ich habe auch die Werke
eines Sokrates und Plato mit vieler Aufmerksamkeit gelesen; aber ihre Beweise
für das Fortleben der menschlichen Seele sind mit ihnen selbst verstummt, indem
sie in der ganzen bekannten Natur keinen Widerhall fanden. Wäre es anders, so
müßten diese immerhin hochschätzbaren Autoren ihrer Ideen, als in einer andern
Welt fortlebend, ein sicheres Kennzeichen gegeben haben, daß sie eben nicht
gestorben und vergangen sind, welches Zeichen für uns suchende und denkende
Menschen sicher von großer Wichtigkeit gewesen wäre; denn ich meine, eine nach
dem Tode fortlebende Seele sollte sich doch auch wenigstens um das bekümmern,
daß ihre in ihrem Leibe hervorgebrachten geistigen Werke bei uns noch diesseits
lebenden Menschen eine wünschenswerte Wirkung hervorbrächten.
[GEJ.10_168,07] Allein diese großen, von
aller Welt hochgeachteten Männer sind nach dem Gesetze der Weltnatur gestorben,
und nach ihrem Leibestode haben sie nie auch nur ein leisestes Zeichen gegeben,
daß das wahr sei, was sie gelehrt und behauptet haben! Aber desto mehr und
sprechendere Beweise stellen sich jedem Menschen zu jeder Stunde des Tages dar
für das Nichtfortbestehen des Lebens der Seele nach dem Tode des Leibes; denn
was wir ansehen, besteht nur eine gewisse Zeit hindurch, ob etwas länger oder
kürzer, das ist im Grunde eins.
[GEJ.10_168,08] Was einmal gestorben und
vergangen ist, das ist gestorben und vergangen und kommt als ganz dasselbe
niemals wieder zum Vorschein. Eine Pflanze, die gestorben, verdorrt und verwest
ist, düngt wohl den Erdboden; aber sie selbst kommt als ganz dieselbe niemals
wieder zum Vorschein, und der da sagte, daß die Toten stumm sind und kein
Lebenszeichen mehr von sich geben, hatte recht, und auch der hatte recht, der
da sagte, daß alles Verstorbene noch aus den Gräbern der Verwesung die
bedeutungsvollen Worte zuruft: ,Wir waren, wir sind vergangen und werden fürder
nimmer sein – außer ein diese Erde auf eine kurze Zeit düngendes und
vermehrendes Atom.‘
[GEJ.10_168,09] Ich habe mich mit dieser der
Wahrheit nach mit Händen zu greifenden Anschauung derart vertraut gemacht, daß
ich nun nicht mehr die allerleiseste Furcht vor dem Tode besitze, sondern mich
nur mehr nach ihm sehne; denn mein gegenwärtiges Bewußtsein sagt mir, daß
hinter diesem meinem Dasein Ewigkeiten um Ewigkeiten vergangen sind, und ich
habe nie ein Leid und eine Traurigkeit darum in mir empfunden, daß ich nicht
ein fortwährender Augenzeuge der endlos langen Zeitläufe war.
[GEJ.10_168,10] Das Schicksal und die Kräfte
der Natur haben mich aber dennoch in ein mir selbst bewußtes Dasein gerufen,
davon ich nie die Ursache und den Zweck erfahren konnte. Wahrscheinlich haben
sie sich mit mir, so wie mit andern Geschöpfen, einen momentanen Bewunderer
ihres Seins und Wirkens darstellen (schaffen) wollen. Aber was habe am Ende ich
und was haben sie davon? Ist der Bewunderer nicht mehr, so ist mit ihm auch
alles andere nicht mehr; denn ob eine Welt oder zahllose Welten mit ihren
Wundern bestehen, für den bestehen sie nicht mehr und haben auch so gut wie
niemals bestanden, der entweder selbst nie da war oder fürder nimmer dasein
wird.
[GEJ.10_168,11] Aus dem Grunde verachte ich
das, was ich auf der Welt gefunden habe, zwar ganz und gar nicht; aber ich achte
es auch so gut wie etwas ganz Nichtiges und Wertloses. Meinen größten Wert aber
setze ich in das wirkliche, reelle, vollkommene Nichtsein; denn bin ich nicht,
so denke ich auch nicht, will nichts und schaffe nichts, habe kein Bewußtsein,
weder ein gutes noch ein schlechtes, und bleibe dadurch in Ewigkeit niemandes
Schuldner, habe keine Gesetze zu beachten und keine Strafgerichte weder von
seiten der Menschen, noch weniger von der Seite der nichtigen Götter zu
befürchten.
[GEJ.10_168,12] Siehe, Du außerordentlicher
Herr und Meister, das war schon, von frühen Jahren angefangen, mein, wie auch
meiner Eltern vollwahres Glaubensbekenntnis, zu dem wir aus der überall
gleichsprechenden Natur die unwidersprechbaren Gründe und Beweise überkommen
haben! Wer diese Grundsätze in seinem kurzen Wirkungsleben vollkommen beachtet,
der wird auch ein ehrlicher Mensch bis zu seiner letzten Stunde verbleiben;
denn er weiß, daß er ein vollkommenes Nichts ist, und weiß dann auch, daß alles
ihn Umgebende mit ihm das gleiche Los teilt.
[GEJ.10_168,13] Als ich mit solch meinen
Glaubensgrundsätzen zu den Juden herüberkam, sie beten und Buße wirken sah, da
mußte ich sie wahrlich bedauern, daß sie so kurzsichtig sind und allerlei ihre
Gemüter entweder schwach beglückender, aber wohl dafür meist überstark
verstörender Aberglaube bei ihnen wie unter den Heiden zu Hause sein müsse,
dessen Schöpferin sicher, so wie bei allen Völkern der Erde, die Priesterschaft
sein werde, die sich von den Menschen für ihren erfundenen Betrug wohl bedienen
und ernähren läßt und sich dabei um ein anderwärtiges Heil der Menschen nicht
im geringsten kümmert und sich dabei denkt: ,Hat euch einmal der Tod gefressen,
dann habt ihr samt uns für ewig von allem zur Genüge!‘
[GEJ.10_168,14] Ich wollte mich mit dem aber
dennoch nicht begnügen und verschaffte mir der Juden Bücher, las sie mit vieler
Aufmerksamkeit durch und muß offen gestehen, daß sie mir zu mystisch und
unverständlich vorkamen. Das Beste an ihnen war, daß in ihnen nur von einem
Gott die Rede ist, der sehr gut und gerecht sei; aber an verschiedenen
Androhungen der jenseits zu erwartenden ewigen Strafen hat es ebensowenig einen
Mangel wie in der uralten Mythenlehre der Ägypter, Griechen und Römer. Und ich
legte die Bücher zur Seite und sagte auch: Ihr seid ebenso ein Werk der
schwachen Menschen dieser Erde wie unsere Götzen, Götter und die vielen Bücher
über sie, an denen die große Bibliothek zu Alexandria einen übergroßen Reichtum
aufzuweisen hat.
[GEJ.10_168,15] Großer Herr und Meister, das
war bis zur Stunde mein Glaube; doch soeben jetzt in Deiner Gegenwart fühle ich
zum ersten Male in mir – und zwar durch Deine Taten und wenigen Worte angeregt
–, daß ich mich dennoch in einem Irrglauben befinde, und bitte Dich darum, Du
wollest mir ein rechtes Licht geben, besonders über den Punkt, was Du mit
Deiner Auferweckung zum ewigen Leben an einem gewissen Jüngsten Tage der
vollsten Wahrheit nach gemeint hast!“
169. Kapitel
[GEJ.10_169,01] Sagte Ich: „Derlei Gläubige,
wie du einer bist, habe Ich schon viele bekehrt, denn sie sind Mir um vieles
lieber als die Irr- und Abergläubigen, – und so werde Ich auch mit dir leicht
und bald zurechtkommen. Doch jetzt kommen die Fische! Nach dem Abendmahl werde
Ich mit dir darüber ein Weiteres sprechen.“
[GEJ.10_169,02] Als Ich solches zu dem
Oberstadtrichter gesprochen hatte, da wurden auch schon die Fische, bestens
bereitet, in mehreren größeren Steinschüsseln in das Gastzimmer gebracht, nebst
allem Tischgerät, das zum leichteren Verzehren solch eines Abendmahles nötig
ist. Wir nahmen alsbald jeder einen Fisch auf den Teller und verzehrten ihn
auch bald, da er ganz nach Judenart bereitet war und man beim Essen mit dem
Auslesen der Gräten nichts zu tun hatte.
[GEJ.10_169,03] Dem Oberstadtrichter
schmeckte der Fisch so gut, daß er sich noch einen auf den Teller legte. Und
als er auch diesen verzehrte, sagte er (der Oberstadtrichter): „Großer Herr und
Meister, das Leben hat doch auch etwas Angenehmes, was der Tod
selbstverständlich nicht haben kann, und das Angenehme besteht darin, daß man
dann und wann das Glück hat, unter guten und weisen Freunden sich zu befinden
und zweitens bei appetitvollem Magen mit einer wohlschmeckenden Speise und
darauf mit einem Becher wohlschmeckendsten Weines sich zu stärken.
[GEJ.10_169,04] Ja, unter solchen Umständen
möchte der Mensch freilich lieber ewig fortleben, als sich nach einem kurzen
Dasein von einem allzeit elenden und schmerzhaften Tode erwürgen zu lassen, in
welcher Hinsicht ich mit der gesamten Natur und ihren stets gleich wirkenden
Kräften noch niemals einverstanden war und sein konnte.
[GEJ.10_169,05] Weil der Mensch schon einmal
sterben muß, so könnte er ja auch auf eine angenehme und sein ganzes Wesen süß
entzückende Weise sterben; aber nein, er muß für das bißchen zumeist sehr
kummervolle Dasein am Ende noch auf das unbarmherzigste und schmählichste
gemartert werden, bis er endlich von seiten irgendeines allwaltenden Schicksals
der hohen Gnade gewürdigt wird, für alle ewigen Zeiten zu sein aufzuhören.
[GEJ.10_169,06] Diese Einrichtung in der
sonst so wundervollen Natur ist wahrlich ein Etwas, das jedem biederdenkenden
Menschen als im höchsten Grade widerwärtig, verächtlich und verwerflich
erscheinen muß, sogar dem, der irgendwie noch nach einem wohlverwahrten
Aberglauben in seinem Fleische an eine ewige Lebensfortdauer seiner armen Seele
glaubt; es wäre ihm gewiß auch lieber, einen angenehmeren Abschied von dieser
jammervollen Welt zu nehmen, als einen solchen, wie er gewöhnlich besteht!“
[GEJ.10_169,07] Sagte Ich: „So bist du ein
scharfer Schöpfungskritiker und mit der Einrichtung aller bestehenden
Lebensverhältnisse auf dieser Erde gar nicht zufrieden? Was ist dir denn nebst
dem, was du schon bekrittelt hast, noch nicht recht?“
[GEJ.10_169,08] Sagte der Oberstadtrichter:
„Aber, großer Herr und Meister, wenn ich da alles bekritteln wollte, was mir
mit dem besten Rechtsgrunde in der Einrichtung dieser Welt nie möglich als
recht und billig erscheinen kann, da hätte ich ein ganzes Jahr lang zu reden!
Aber ich will mich als Rechtsfreund ganz kurz fassen und nur einige Hauptsachen
berühren; alles andere läßt sich dann ohnehin von selbst denken.
[GEJ.10_169,09] Siehe einmal die elende
Geburt des Menschen, der gewisserart als Krone der schöpferischen Eigenschaften
der Naturkräfte besteht! Warum ist denn seine Geburt und sein Auftreten in der
Welt nicht wenigstens ein derartiges wie das der Tiere und namentlich der Vögel
in der Luft, die wenige Tage nach ihrem Auftreten in dieser Naturwelt schon zum
vollen Gebrauch ihrer Lebenskräfte gelangen und sich derselben nahezu bis an
ihr Ende zu erfreuen haben?
[GEJ.10_169,10] Aber nein, der Mensch muß
elender als jegliches Tier in diese Welt gelangen, nackt, ohne Kräfte,
unbehilflich wie irgendein auf dem Wege liegender Stein!
[GEJ.10_169,11] So seine Eltern nicht durch
eine Art instinktmäßige Liebe gezwungen wären, den neuen Weltbürger so lange zu
pflegen, bis er nur das Glück hat, so eine Art Halbmensch zu werden, so wäre es
um das Dasein und Fortbestehen eines jeden in diese Welt geborenen Menschen
derart geschehen, daß er nach der Geburt nicht zwei Tage lang das Leben fristen
könnte.
[GEJ.10_169,12] Ich will aber da noch die
Pflege eines neugeborenen Kindes von seiten seiner Eltern ein, zwei bis drei
Jahre lang mir gefallen lassen; aber oft über zwölf, ja manchmal über zwanzig
Jahre hinaus, bis das Kind durch alle Sorgfalt seiner Eltern dahin gebracht
wird, sich endlich in der Welt selbst fortbringen zu können, ist wahrlich zu
viel und auch zu dumm und macht der schöpferischen Eigenschaft der wirkenden
Naturkräfte unmöglich eine Ehre, sondern in allem das Gegenteil.
[GEJ.10_169,13] Hat sie den Menschen keine
bessere Entstehung zu verleihen vermocht, so hätte sie mit der Hervorbringung
derselben wohl für ewige Zeiten daheimbleiben können; denn dadurch hat sie sich
wenig Lob bei der gebildeten Menschheit auf der Welt erworben. Ich will aber
diesen großen Unfug der schöpferischen Natur nun nicht gar zu großartig
beanstanden.
[GEJ.10_169,14] Hat diese Natur schon einmal
um jeden Preis auf dieser Erde in der Gestalt des Menschen ein denkendes und
seiner selbst bewußtes Wesen haben wollen, aus dem Grunde, damit dieses Wesen
seinen Schöpfer erkenne, Ihn lobe und Ihm die Ehre gäbe, so hätte sie oder
dieser Schöpfer für den Menschen einen solchen Bestandspunkt festsetzen sollen,
in welchem der Mensch es in seinem Denken wenigstens so weit wie ich gebracht
hätte; dann hätte er in eine unzerstörbare Festigkeit eintreten sollen und in
dieser also weise, stark und gesund fortbestehen, gleichwie auch die Erde in
allen ihren Hauptteilen wenig verändert fortbesteht, und so der Mond, die Sonne
und die andern Sterne.
[GEJ.10_169,15] Aber nein, der Mensch
erreicht zwar etwa nach dreißig oder längstens vierzig Jahren wohl einen
ähnlichen Standpunkt – wenn überhaupt seine ursprünglichen Lebenskräfte danach
eingerichtet sind, was aber zu einer Seltenheit gehört, da beinahe die meisten
Menschen glücklicherweise schon als Kinder wieder dahin zurückkehren, woher sie
gekommen sind. Der in allem stark gewordene Mensch fängt aber bald nach seinem
obersten Lebensstandpunkte mehr oder weniger zu siechen an, und hat er das
Glück, etwa gar siebzig, achtzig oder neunzig Jahre alt zu werden, so ist er
darum nicht zu beneiden; denn solch ein Alter ist kein Leben mehr, sondern nur
eine stets kompliziertere Krankheit, die ihn nach und nach, so wie jeden andern
Menschen, zum Tode und zum Nichtsein befördert.
[GEJ.10_169,16] Wozu das? Wie kann einer
irgend schöpferischen, weisen Kraft das als gut, gerecht und zweckdienlich
vorkommen, was doch jede nur einigermaßen geweckte menschliche Vernunft als
unweise und unzweckmäßig verwerfen und als etwas Böses, Arges und
Rechtswidriges verdammen muß?
[GEJ.10_169,17] Mein lieber großer Herr und
Meister, das ist mein Hauptgrund, auf dem bauend ich auch jeden andern
Schöpfungs- und Hervorbringungsgrund der schöpferischen Natur im gleichen Maße
als verwerflich und als völlig unweise erklären muß, und ich muß noch am Ende
diejenigen Menschen loben, die sich in einen allerfinstersten Aberglauben haben
hineinlullen lassen; denn sie finden in demselben einen seligen
Vergeltungsgrund für alle ihre auf dieser Welt ausgestandenen bitteren Leiden.
[GEJ.10_169,18] Aber selbst diese nach dem
Leibestode zu erwartende Seligkeit ist unter derartige Zwang- und Trugschrauben
gestellt, daß einem ehrlichen Menschen über die Bedingungen, wie man zu einer
solchen Seligkeit gelangen kann, das Hören und Sehen vergeht, weil dabei die
Möglichkeit des Nichterlangens eine überaus breite Straße bildet, die Möglichkeit
des Erlangens aber auf einen so steilen, schmalen und dornigen Pfad gestellt
ist, daß man am Ende schon lieber gar nicht selig werden wollte, als sich das
lebenslange Emporklimmen unter allen Torturen und Foltern des Lebens gefallen
zu lassen.
[GEJ.10_169,19] Und jetzt, Herr und Meister,
habe ich ausgeredet in meiner echt römischen und stadtrichterlichen Weise, und
nun wolle Du die Güte haben, mir etwas Besseres zu sagen, als ich Dir zu sagen
imstande war!“
170. Kapitel
[GEJ.10_170,01] Sagte Ich: „Ja, Mein lieber
Oberstadtrichter! Du hast als Weltrichter ganz wohl gesprochen, und die Sache
kann einem bloß weltklugen Menschen, wie du einer bist, auch nicht anders
erscheinen und vorkommen als dir! Aber dessenungeachtet bist du in der
Hinsicht, was das Leben der Menschen und aller andern Kreatur betrifft, in
einer ungeheuer dicken Irre.
[GEJ.10_170,02] Nach dem Schein zu urteilen,
der aber allzeit trügt, hättest du freilich wohl recht, aber nach der inneren
Lebenswahrheit durchaus nicht; denn alles, was du auf der Welt schon als lebend
erblickst, ist in der Sphäre seines Lebens tausendmal unzerstörbarer als alles,
was du dir als unzerstörbar denken kannst.
[GEJ.10_170,03] Dein Hauptgrundsatz geht auf
das hinaus, daß du der Seele eines Menschen nach dem Abfalle ihres Leibes kein
Fortbestehen mehr einräumst.
[GEJ.10_170,04] In diesem Punkte könnte Ich
dich mit einer einzigen Erscheinung aus dem Gebiet des Jenseits in einen ganz
entgegengesetzten Glauben versetzen; allein dazu haben wir noch Zeit, – Ich will
dich vorerst auf einem andern Wege zu einer ganz andern Überzeugung bringen!
[GEJ.10_170,05] Ich werde dir nur ganz kurze
Fragen stellen, die du leicht beantworten wirst, und eben solche deine
Antworten werden dich bald zu einer andern Ansicht über die Weisheit des
Schöpfers bringen, und du wirst dann selbst über deine gegenwärtigen Urteile zu
lachen anfangen müssen.
[GEJ.10_170,06] Sage Mir, Mein lieber Freund,
hast du je in deinem Leben schon einmal gesehen und erlebt, daß so ein rechter
Haupttrottel von einem Menschen, der kaum reden kann und noch viel weniger
schreiben, rechnen und zeichnen – daß ein solcher Mensch wohl imstande ist,
einen Plan zu entwerfen, nach dem eine alle Welt ins Erstaunen setzende
kaiserliche Burg unter seiner persönlichen Leitung erbaut werden könnte?
[GEJ.10_170,07] Du sagst in dir: ,Nein, der
Baumeister muß mit allen Kenntnissen dazu wohl ausgerüstet sein, ohne welche er
unmöglich eine großartige kaiserliche Burg herzustellen imstande ist!‘
[GEJ.10_170,08] Siehe, Freund, hieraus mußt
du zu dem Schlusse kommen, daß derjenige Mensch oder Gott unmöglich dümmer sein
kann wie ein solcher Trottel, dessen Ich Erwähnung machte, ob er eine
kaiserliche Burg zu erbauen imstande sei!
[GEJ.10_170,09] Eine großartige kaiserliche
Burg ist zwar auch ein staunenswürdiges Werk und macht seinem Meister sicher
Ehre; meinst du aber nicht, daß die Erbauung einer ganzen Welt, wie es die Erde
ist, noch sehr bedeutend mehr Weisheit und Kraft erfordert als die einer noch
so majestätisch kunstvollen kaiserlichen Burg?
[GEJ.10_170,10] Du sprichst abermals in dir:
,Allerdings!‘ Heiße die Kraft, wie sie wolle, die eine ganze Welt wie die Erde
ins Dasein gesetzt hat mit allem, was auf ihr, über ihr und in ihr ist, so muß
sie im vollen Bewußtsein ihrer schöpferischen Kraft und durchgreifenden
Erkenntnis bestanden haben und noch immer fortbestehen, indem ohne ihr
Fortbestehen ihr Werk, so wie das eines Menschen, nur zu bald zu einer
vollkommenen Ruine werden müßte.
[GEJ.10_170,11] Hat aber diese schöpferische
Kraft im vollsten Großbesitz ihrer Weisheit ein so großartiges Werk
hervorbringen können, so wird sie wohl nicht minder weise gewesen sein bei der
Hervorbringung der scheinbar kleinen Werke auf einem solchen Weltkörper. Oder
hast du schon einmal gesehen, daß das, was in sich vollkommen tot und nicht
ist, ein Leben außer sich ins Dasein rufen kann?
[GEJ.10_170,12] Du sprichst: ,Nein, so etwas
ist undenkbar und sogar logisch unmöglich!‘
[GEJ.10_170,13] Gut, sage Ich dir; meinst du
wohl, daß dazu weniger erforderlich ist, um den kleinsten Wurm ins Dasein und
Leben zu rufen, als eine ganze Erde, den Mond und die Sonne?
[GEJ.10_170,14] Ich sage es dir: So du das
einfachste Würmchen ins Lebensdasein zu rufen imstande bist, da bist du auch ebensogut
imstande, eine ganze Erde, den Mond und die Sonne, sowie die andern Gestirne
ins Dasein zu rufen! Denn die sichtbare, körperliche Lebensmaschine eines noch
so unbedeutenden Würmchens ist in ihrem organischen Bau so kunstvoll, daß du
dir darüber nicht den allerleisesten Begriff machen kannst; und wäre diese
äußere Lebensmaschine nicht so kunstvoll und weise eingerichtet, wie könnte man
in dieselbe ein substantielles Seelchen setzen und dieses sich dann der
Lebensmaschine zu seiner weiteren Entwicklung bedienen?
[GEJ.10_170,15] Und wenn derjenige, der das
Würmchen ins Dasein ruft, nicht selbst ein vollkommenster Herr aller Kräfte und
alles Lebens wäre, – wie könnte er eine solche Maschine beleben? Und so er
selbst nicht nur ein Herr aller Kräfte und alles Lebens, sondern unbedingt das
ewige Leben selbst wäre, – wie könnte er das Würmchen selbst beleben?“
171. Kapitel
[GEJ.10_171,01] (Der Herr): „Hast du schon in
deinem Leben je einmal eine wirkende Kraft gesehen?
[GEJ.10_171,02] Du sagst: ,Mitnichten! Die
Kräfte sieht und fühlt man zwar immer wirken, – aber sie selbst zu sehen, ist
noch niemandem geglückt. Wir sehen wohl, daß große Stürme und Orkane eine große
Gewalt ausüben, – worin aber diese Kraft und Gewalt besteht, das wissen wir
nicht. Es muß uns Menschen auch eine gewisse Kraft an den Boden der Erde
fesseln, ansonst könnten wir uns ja auch, wo wir nur wollten, ohne Anstand frei
in die Luft erheben, – was aber nicht der Fall ist, wie uns die tägliche
Erfahrung lehrt. Diese Kraft wirkt in einem fort; aber noch keines Menschen
Auge hat je gesehen, wie sie aussieht, und wie sie wirkt.‘
[GEJ.10_171,03] Gut; nun weiter frage Ich
dich, ob du schon je einen Träger gesehen hast, der das Licht von der Sonne bis
zu dieser Erde herabbringt! Oder hast du schon das Band gesehen, mit welchem
die Weltkörper derart miteinander verbunden sind, daß sie sich gleichfort in
den gleichen Distanzen um ihre größeren Weltkörper bewegen müssen? Oder hast du
schon einmal jene Kräfte gesehen, welche in den Pflanzen wie in den Tieren
wirken und allerlei produzieren?
[GEJ.10_171,04] Siehe, das sind dir alles
weltfremde Dinge, lauter Fragen, die du dir an der Seite deiner
Rechtsphilosophie schon lange hättest geben können, und auf die du vielleicht
auch schon irgendeine viel gescheitere Antwort bekommen hättest, denn auf deine
philosophisch kritischen Rechtswitzeleien!
[GEJ.10_171,05] Siehe, keine noch so
kunstvoll konstruierte Lebensmaschine kann aus mehrfachen Gründen für eine
ewige Dauer geschaffen werden; denn solche dauerhaften materiellen
Lebensmaschinen erschaffen, hieße für den Schöpfer, Sich Selbst in unendlich
viele Teile zerteilen, nach und nach schwächer und schwächer werden und sich
des weiteren Schöpfens unfähig machen!
[GEJ.10_171,06] So Er aber eine
Lebensmaschine nur zu dem Behufe schafft, auf daß sich ein Funke Seines
Urlebens für die eigene gottähnliche Freiheit und Selbständigkeit stärke und
festige, dann die Lebensmaschine ablege und sich durch die Liebe und Weisheit
in ihm vollkommen einige, so geht dadurch von dem urschöpferischen Grundleben
nicht nur nichts verloren, sondern der Schöpfer und das Geschöpf gewinnen
dadurch Unendliches, für dich jetzt freilich Unbegreifbares.
[GEJ.10_171,07] Wenn du aber in deiner Seele
in dem wahren Geiste Gottes wiedergeboren wirst, so wird dir das klarwerden,
wie die Liebe Gottes durch die Liebe Ihrer Kinder zu Ihr in Sich stets
mächtiger wird, und ebenso auch die Liebe Gottes in den Kindern.
[GEJ.10_171,08] Gott aber war von Ewigkeit
ein reinster und vollkommenster Geist und kann daher nichts anderes wollen, als
daß mit der Zeit alle Seine Geschöpfe auf den vom Schöpfer vorgesehenen Wegen
wieder das werden, was Er Selbst ist, – nur mit dem Unterschied, daß sie vor
ihrer gewisserart materiellen Ins-Dasein- Rufung nichts anderes waren als pure
große Gedanken und Ideen des Schöpfers, die Er dann mit den Zeiten der Zeiten
mit der Macht Seines Willens gewisserart wie außer Sich als für sich bestehend
hinausstellte und ihnen eine Umhülsung gab, innerhalb welcher sie sich nach und
nach selbst mehr und mehr beschauen und erkennen mußten und den Sinn für die
Selbständigkeit und für die Freiheit in sich durch Meine sie dennoch noch immer
durchdringende Kraft erkeimen lassen mußten.
[GEJ.10_171,09] Freund, wenn solch ein Keim
nicht auch in dir bestünde – von dem du als äußerer Sinnenmensch freilich wohl
nichts weißt –, so würdest du dem Schöpfer deine Vorwürfe nicht gemacht haben;
denn nur der unzerstörbare Lebenssinn in dir hat dich, dir unbewußt, dazu
aufgefordert, und Ich bin darum auch hauptsächlich deinetwegen in diese Gegend
gekommen, um dir mit Wort und Tat zu zeigen, wie weit und tief du dich noch
hinter dem Lebens- und Lichtpfeiler befindest! Und nun haben wir vorderhand
gegenseitig an den Worten zur Genüge und wollen deinetwegen auch zu einigen
Tatsachen übergehen.“
172. Kapitel
[GEJ.10_172,01] (Der Herr): „Du hast
behauptet, daß man mit den Menschen, die einmal verstorben sind, keine
Rücksprache mehr führen könne; allein da bist du sehr irrig daran.
[GEJ.10_172,02] Menschen deiner Art ist das
wohl nicht leicht möglich; denn sie sind von Anbeginn zu diesweltlich gebildet,
haben mit allem möglichen wohl ihre natürliche Seh- und Begriffskraft
geschärft, aber dadurch auch in den Hintergrund gestellt ihre innere geistige
Sehe. Denn es geht ihnen mit dieser inneren geistigen Sehe ungefähr ebenso wie
einem Menschen, der an seinem Hause gläserne Fensterscheiben angebracht hat. Er
befindet sich aber außerhalb des Hauses und vernimmt auf einmal ein tüchtiges
Geräusch im Hause. Er eilt demnach zu einem Fenster hin und will in das Innere
des Hauses sehen; aber trotz aller seiner Anstrengung kann er nahezu gar nichts
entdecken, denn des Tages Widerschein aus den Fensterscheiben hindert ihn
daran. Wenn er denn weiter die Ursache des inneren Geräusches erfahren will, so
bleibt ihm nichts anderes übrig, als das Haustor und alle Nebentüren
aufzumachen und hineinzugehen, um nachzusehen, was die Ursache des Geräusches
war; oder er muß eine Fensterscheibe durchstoßen, und tut es sich mit einer
nicht, auch mehrere, um dann ins Haus wirkungsvoller hineinsehen zu können, was
etwa das Geräusch verursacht habe.
[GEJ.10_172,03] Hätte sich der betreffende
Hausherr im Moment des vernommenen Geräusches statt außerhalb des Hauses im
Hause selbst befunden, so wäre er auch eher und leichter auf den Grund des
vernommenen Geräusches gekommen; da er sich aber außerhalb befand, so konnte er
in dem Augenblick nicht gegenwärtig sein, als das Geräusch geschah, sondern
erst später, und das in jeder Beziehung unvollkommener, weil die Ursache samt
der Wirkung sich schon verloren hatte. Er mußte dann lange alle Winkel im
Innern des Hauses mühsam durchsuchen und am Ende ein zerbrochenes Geschirr
finden, von dem er dann mutmaßen mußte, daß es durch irgendeine Bewegung von
der Höhe hinab auf den Boden gestürzt sei, dabei zerbrach und den Lärm
verursachte. Aber dennoch hat er selbst über diese Annahme keine volle
Gewißheit, weil das zerbrochen gefundene Geschirr wohl auch schon früher hatte
zerbrochen werden können, – daher seine Annahme dessenungeachtet keine
Gewißheit, sondern nur eine Vermutung ist, und das alles bloß darum, weil er im
Moment des vernommenen Geräusches sich nicht innerhalb, sondern außerhalb
seines Hauses befand.
[GEJ.10_172,04] Und siehe, durch dieses Bild
will Ich dich darauf aufmerksam machen, wie ein Mensch, der bloß äußerlich
verstandesmäßig gebildet ist, von dem, was in ihm geistig vor sich geht,
entweder gar nichts oder nur sehr weniges und Unbestimmtes vernehmen und
begreifen kann!
[GEJ.10_172,05] Der Leib ist der Seele Haus
und der Geist in ihr dazu von Gott aus gegeben, daß er die Seele in allem
unterweise und erwecke, was da geistig ist, und sie mit demselben auch in
Verkehr setze.
[GEJ.10_172,06] Wie kann aber der Geist das,
wenn die Seele im Vollbesitze ihres freien Willens sich zuallermeist nur
außerhalb des Hauses befindet und sich erquickt und erlabt am Weltlichte? Durch
dieses aber wird sie derart geblendet und betäubt, daß sie dann nichts mehr
sieht und wahrnimmt, was in ihrem Hause vor sich geht.
[GEJ.10_172,07] Mit der Zeit, so sie etwas
gemahnt, will sie sich freilich in ihrem Hause umsehen und wird sehr bekümmert
um dasselbe; sie findet es schon hie und da schadhaft, will es ausbessern und
haltbar machen und vereinigt sich dann endlich selbst mit der Materie ihres
inneren und äußeren Wohnhauses.
[GEJ.10_172,08] Sie sucht dann freilich den
Geist in ihrem Hause, der sie durch einen dann und wann veranstalteten Lärm im
Wohnhause zu sich ins Haus rufen wollte; aber oft überhörte sie solchen Lärm
vor lauter Weltgetümmel. Dann und wann machte sie wohl einen flüchtigen Blick
in das Innere ihres Hauses, fand aber nur weniges und Unzuverläßliches und
kehrte sich dann bald wieder nach einer kleinen Untersuchung nach außen, wo es
ihr besser gefiel als in den dunklen Gemächern ihres Hauses, in denen sie darum
nichts Entschiedenes mehr auffinden konnte, weil ihre Sehe vom Außenlicht zu
geblendet und ihr inneres Vernehmvermögen von dem lauten Weltgetümmel zu
übertäubt war.
[GEJ.10_172,09] Da gibt es aber hie und da,
den Kindern ähnlich, furchtsame Seelen, die sich vor dem Weltlicht und dem
Weltgetümmel fürchten. Diese bleiben dann lieber im Hause und unterhalten sich
mit dem, was sich im Hause befindet. Geschieht nun ein Lärm, so können sie gar
wohl von innen nach außen durch die durch ein äußeres Licht ungeblendeten
Fensterscheiben schauen und bald und leicht dahinterkommen, was den Lärm
verursacht hat, und können von mancherlei, was auch im Hause geschieht, sicher
richtiger und eher innewerden als diejenigen, die sich außerhalb des Hauses
befinden.
[GEJ.10_172,10] Also ist das geistige Seh-
und Hörvermögen stets innerhalb des Menschen und nie außerhalb in seinen
weltlichen Sinnen. Wenn du demnach mit einer oder der andern Seele dich
besprechen und sie sehen möchtest, so kann das nur in dir, nie aber außer dir
bewerkstelligt werden.
[GEJ.10_172,11] Wärest du mehr in dir zu
Hause geblieben, so hättest du schon lange dieselben Lebenserfahrungen gemacht
wie gar viele andere, die dir davon wohl erzählten, deren Erzählung du aber
stets für eine leichtgläubige Selbsttäuschung erklärtest, und du hast dich
dadurch auch stets mehr und mehr nur außer deinem Hause aufgehalten und nur
sehr selten einen flüchtigen Blick in dasselbe geworfen, wo es dich denn
allzeit mehr und mehr geärgert hat, weil du infolge der Überblendung deiner
inneren Sehe durch das äußere Weltverstandeslicht immer weniger und schlechter
ausnehmen konntest, was sich in deinem Lebenshause vorfand, und du hast dich
dadurch selbst gestraft, indem du mit deinem äußeren Weltlicht den ewigen Tod
und das ewige Nichtsein als die größte Wohltat für ein einmal in ein
selbstbewußtes Dasein gerufenes Wesen ansahst und noch ansiehst.
[GEJ.10_172,12] Siehe aber, Ich habe als ein
wahrer Herr des Lebens die Gabe, dich in dein Inneres zurückzuführen und auf
einige Momente deine innere Sehe zu stärken, und du wirst dich dann alsogleich
überzeugen, was es mit dem Fortbestehen der Seele nach ihres Leibes Tod für
eine Bewandtnis hat!
[GEJ.10_172,13] Sage Mir, wen aus deiner
früheren Zeit du nun sehen und sprechen willst, und er wird im Augenblick
kommen und dir Rede und Antwort geben, und du wirst ihn auch als den erkennen,
als den du ihn bei seinen Lebzeiten gekannt hast!“
173. Kapitel
[GEJ.10_173,01] Und der Oberstadtrichter sagte:
„So lasse mich meinen Vater sehen und sprechen, der schon vor zwölf Jahren
verstorben ist und ich um ihn auch sehr viel getrauert habe, weil er mir ein
überaus lieber und biederer Vater war!“
[GEJ.10_173,02] Sagte Ich zum
Oberstadtrichter: „Dir geschehe nach deinem Wunsche!“
[GEJ.10_173,03] Und siehe da, in demselben
Augenblick stand der Vater des Oberstadtrichters, allen Anwesenden sichtbar, im
Gastzimmer.
[GEJ.10_173,04] Und der Sohn erkannte ihn
auch alsogleich und sagte zu ihm: „Also lebst du wirklich nach dem Tode deines
Leibes fort?“
[GEJ.10_173,05] Sagte der Vater: „Du glaubst
wohl nun, weil ich dir also zu erscheinen durch die Macht Dessen, der bei dir
ist, genötigt worden bin, und du siehst mich nun, weil dir Dieser deine innere
Sehe eröffnet hat; warum glaubtest denn du deiner noch lebenden Mutter und
deinen drei Geschwistern nicht, die mich bald nach meinem Hintritt gesehen und
gesprochen haben und ich ihnen mit kurzen Worten eröffnete, daß es mit dem
Leben der Seele nach dem Tode des Leibes ganz anders aussieht, als die Menschen
in diesem kurzen Erdenleben davon, so oder so, urteilen?
[GEJ.10_173,06] Am übelsten für diese kurze
Lebenszeit sind diejenigen daran, die an ein Fortleben der Seele nach dem
Abfalle des Leibes gar nicht glauben; denn sie behalten den Glauben, den sie
von hier mitgenommen haben, jenseits noch lange fort und erwarten noch immer
die ewige Vernichtung, die aber nimmer erfolgen kann und will.
[GEJ.10_173,07] Und infolge solch ihres
Irrglaubens sind sie auch faul und träge, für ihr jenseitiges Weiterkommen
etwas zu unternehmen, und so leben sie jenseits noch – wie ich solches schon
erfahren habe – oft ein paar tausend Jahre hindurch und lassen sich von ihrem
unsinnigen Glauben selbst durch die lichtesten Geister nicht abwendig machen.
Siehe daher du, mein Sohn, zu, daß du nicht in einem solchen Irrglauben aus der
Welt scheidest!“
[GEJ.10_173,08] Hierauf sagte der
Oberstadtrichter: „Wahrlich, Vater, du bist es! Denn du hast nun dieselben
Worte zu mir gesprochen, welche du zu der Mutter und meinen Geschwistern
gesprochen hast, die ich mir denn auch aufgezeichnet habe und noch als ein
Heiligtum bei mir aufbewahre, obschon ich an sie bis jetzt nur einen kleinen
Glauben hatte. Ich wollte dich auch selbst sehen und sprechen; aber mir wollte
dieses Glück nicht zuteil werden.“
[GEJ.10_173,09] Darauf sagte zu ihm der
Vater: „Wie hätte denn dieses auch geschehen können? Denn wie oft ich auch zu
dir kam, warst du nie zu Hause und hattest immer zu tun in der Außenwelt und
ihrem Lichte, und da ist es für uns unmöglich, jemandem zu erscheinen und ihn
zu belehren; denn wir sind nun in unserem Sein nicht mehr die Erscheinung,
bewirkt durch eine andere Kraft, und sind demnach die Kraft selbst, die
innerlich in allen Elementen wirkt, die der sinnliche Mensch wohl erschauen
kann, – aber die wirkende Kraft, als das eigentliche, wahre Sein in sich
selbst, kann ein äußerer, dir gleicher Weltmensch ebensowenig erschauen wie
jede andere in der materiellen Welt wirkende Kraft, – er müßte denn nur in sein
wahres Sein in sich zurückkehren, dadurch seine innere Sehe erschließen, und er
würde dann auch des wahren Seins der wirkenden Kräfte gewahr werden, sie in
ihrem wahren Sein beschauen und sich mit ihnen auch in Verkehr setzen können!“
174. Kapitel
[GEJ.10_174,01] Hierauf fragte der
Oberstadtrichter den Vater: „Wo ist denn der Ort, wo du dich aufhältst, und wie
sieht er aus?“
[GEJ.10_174,02] Sagte der Vater: „In unserem
Reiche gibt es gar keinen Ort, von dem man sagen könnte: ,Siehe hier, oder dort
ist er, und so sieht er aus, und so ist er beschaffen!‘; denn bei uns ist ein
jeder der Ort, den er bewohnt, für sich selbst, und das Aussehen und die
Beschaffenheit des Ortes entspricht in allem und jedem der inneren
Beschaffenheit des Menschen.
[GEJ.10_174,03] Ich bin nun nach irdischer
Rechnung doch schon eine solche Zeit drüben, in der man doch etwas Besonderes
sehen und erfahren kann; aber ich habe bis jetzt noch nichts gesehen, was dem
irgend gleichkäme, was man in dieser Welt vom Jenseits geglaubt, gemeint und
gefabelt hat. Ich suchte den Fluß Styx und seinen Schiffer Charon und fand
keines von beiden. Ich hatte schon eine Weile Tartarusangst vor einer Furie
oder vor den drei unerbittlichen Richtern Minos, Äakus und Rhadamantus –
allein, nichts von allem dem! Ich wollte das Elysium aufsuchen, ging weit und
breit wie in einer großen Sandsteppe umher, und siehe, es wollte sich auch kein
Elysium finden lassen, – kurz, ich sah und fand außer mir nichts und niemanden
außer mich selbst und den sehr lockeren Boden, auf dem ich mich befand.
[GEJ.10_174,04] Etwa nach ein paar Jahren
meines Suchens – nach diesirdischer Zeitrechnung –, in welcher Zeit ich noch
immer diese endlose Sandsteppe nach allen Richtungen hin durchzog, entdeckte
ich in einer ziemlich bedeutenden Ferne endlich doch jemanden, der sich ganz in
demselben Zustande zu befinden schien, in dem ich mich befand. Ich ging
schnellen Schrittes auf diesen Jemand zu und war bald vollends bei ihm.
[GEJ.10_174,05] Als ich zu ihm kam, fragte
ich ihn sogleich, sagend: ,Du scheinst dich eben auch in einem mir ähnlichen
Zustande zu befinden! Unter den Füßen nichts als eine unendlich fortzudauern
scheinende Fläche Sandes, über dem Haupte ein mehr dunkel- als lichtgraues
Genebel, und man sieht sonst nichts als sich selbst und seine in den Sand
eingedrückten Tritte. Es geht auch kein Wind, und von einem Wasser oder einem
andern Objekte ist gar keine Rede. Bei zwei Jahre irdischer Rechnung irre ich
in dieser Sandwüste umher und finde auch nichts, davon man sich sättigen und
einen allfälligen Durst stillen könnte. Ich weiß, daß ich das Zeitliche
verlassen habe und als eine wahrlich arme Seele in dieser Wüste umherwandere,
was mir schon wirklich im höchsten Grade unangenehm ist. Ich habe mir die
größte Mühe gegeben, hier in dieser sein sollenden Geister- oder Seelenwelt
alles das aufzusuchen und aufzufinden, an das ich in der Welt so halbwegs
geglaubt habe, aber nichts von allem - - -.
[GEJ.10_174,06] Du bist nun nach zwei Jahren
die erste mir ähnliche Erscheinung. Weißt du mir vielleicht zu sagen, was man
hier tun und anfangen soll, um denn doch endlich einmal einen Ort zu finden, in
welchem so halbwegs zu bestehen wäre? Denn ich bin des Suchens in dieser weiten
Sandsteppe schon müde geworden und habe wahrlich keine Lust mehr, weitere
Schritte vor- und rückwärts zu machen!‘
[GEJ.10_174,07] Darauf sagte der mir ähnlich
Scheinende und sich in gleichen Zuständen Befindende: ,Ja, mein Freund, wie
dir, so geht es gar zahllos vielen in diesem Reiche, die das, was du suchst,
schon viele Jahrhunderte lang suchen! Wenn du hier etwas finden willst, so mußt
du es nicht so anstellen, wie auf der materiellen Welt, in der man alles nur
außer sich sucht. Wer hier das tut, der findet ewig nichts! Denn hier gibt es
außer ihm keinen Ort und keine Gegend mehr, und würde er diese auch auf allen
Punkten des unendlichen Raumes irgend finden wollen.
[GEJ.10_174,08] Du mußt also mit deinen
Sinnen, mit deinem Trachten und Wollen in dich selbst zurückgehen und in dir
selbst zu suchen, zu denken und zu formen anfangen, dann erst wirst du einen
Ort finden, der deinem Denken, Formen, Wollen und deiner Liebe entsprechen
wird! Daher tue, als sähest du diese Sandsteppe nicht, wie auch nicht das
Graugenebel über dir, sondern begib dich in die Phantasie deines inneren
Gemütes, so wird sich vor dir bald alles anders gestalten! Ich habe mich darum
von dir finden lassen, um dir solches zu verkünden.‘
[GEJ.10_174,09] Auf diese Worte verließ mich
der Jemand plötzlich wieder und ließ mich auf meiner Sandsteppe stehen. Ich
beherzigte seine Worte und fing an, in mich zu gehen und so recht lebhaft zu
denken, und zeichnete mir in meiner Phantasie so gut es ging eine Gegend und
einen Ort, – und siehe da, es währte gar nicht lange und ich ersah bald meine
Phantasie vor mir tatsächlich ausgebreitet.
[GEJ.10_174,10] Sie bestand in einem Tal, das
von einem Bache durchfurcht war. Links und rechts befanden sich Wiesen und auch
Bäume und Sträucher, und in einiger Entfernung entdeckte ich auch einen Ort,
bestehend aus niedrigen Bauernhütten, worauf es mir vorkam, daß ich diesem Orte
näherkommen sollte.
[GEJ.10_174,11] Ich dachte mir aber: ,So ich
wieder werde zu gehen anfangen, da werde ich am Ende alles wieder verlieren,
was ich mir mühsam geschaffen habe! Ich werde dafür versuchen, mir in meiner
nächsten Nähe nur eine solche Hütte zu formen, – diese will ich dann recht gern
für immer bewohnen und behalten!‘
[GEJ.10_174,12] Ich dachte mir so etwas, und
die Hütte stand auch bald da, umgeben mit einem Garten voller Obstbäume, womit
ich vollkommen zufrieden war.
[GEJ.10_174,13] Ich ging denn in die Hütte,
um gewisserart in mir selbst zu erfahren, was sich da weiterhin ergeben werde.
Als ich in die Hütte kam, fand ich sie vollkommen leer und fing wieder an, noch
tiefer in mich zu gehen und zu denken, worauf bald aller Art Gerätschaften in
dieser Hütte sich mir darzustellen anfingen: Stühle, Bänke, Tische und auch ein
Ruhebett, ganz so, wie ich es mir gedacht hatte.
[GEJ.10_174,14] Und ich dachte weiter: ,Der
Tisch wäre nun da; aber es gibt auf ihm noch kein Brot und keinen Wein und
sonstige Speisen!‘
[GEJ.10_174,15] Wie ich daran lebhaft zu
denken anfing, da befand sich auch bald des Brotes und Weines zur Genüge auf
dem Tisch, und ich machte bei diesem Anblick nicht viel Säumens, griff bald nach
dem Brote und so auch nach dem Weine, denn ich war schon sehr hungrig und
durstig, – und siehe, ich fand mich bald darauf sehr gestärkt, und mit meinem
Denken und Phantasieren fing es an, viel lebhafter und kräftiger zu gehen!“
175. Kapitel
[GEJ.10_175,01] (Der Vater): „Ich trat darauf
wieder aus meiner Hütte und fand alles noch so wie früher. Da dachte ich mir
aber: ,Es wäre alles recht also; aber ich bin und bleibe dennoch allein! Wenn
ich nur jenen früheren Freund mir jetzt herbeiwünschen könnte, damit ich ihm
meinen Dank abstatten könnte für seinen mir gegebenen guten Rat!‘ – und sah bei
diesem Wunsche nach jenem schon vorher erwähnten entfernten Orte hin, und sah,
wie sich bald darauf von jenem Ort mehrere Menschen in der Richtung zu mir zu
bewegen anfingen.
[GEJ.10_175,02] Sie kamen bald in meine Nähe,
und unter ihnen erkannte ich auch bald jenen Freund, der mir in der früheren
Sandwüste den guten Rat erteilt hatte, und er sagte zu mir: ,Nun erwecke du in
dir recht lebendig das Gefühl der Liebe, des Mitleids, der Erbarmung und des
Wohltuns, und es werden bald mehrere zu dir kommen, denen es jetzt noch so
geht, wie es dir ergangen ist! Teile dann mit ihnen dein Lebensbrot und deinen
Lebenswein, und sie werden bald darauf deine glücklicheren Nachbarn werden! Die
aber von dir nichts annehmen werden wollen, die lasse du nach ihrem Willen
wieder weiterziehen und einen Ort und ein Unterkommen suchen, und es wird ihnen
fürder geradeso ergehen, wie es dir ergangen ist bei deinem Suchen! Du aber bleibe
von nun an fortwährend wachsend in der Liebe, in der Erbarmung und in der
lebendigen Sehnsucht, den armen Blinden nach Möglichkeit Gutes zu erweisen;
dadurch wirst du selbst fort und fort reicher und dadurch auch glücklicher
werden!‘
[GEJ.10_175,03] Darauf kehrten die mich in
meiner Einsamkeit Besuchenden wieder zurück, und ich befolgte abermals meines
noch unbekannten Freundes weiteren Rat. Und siehe, es kam bald darauf eine
recht große Menge dürftiger Seelen zu mir, und ich fragte sie, ob sie etwas sähen
und wahrnähmen.
[GEJ.10_175,04] Und sie antworteten: ,Bis
jetzt noch nichts als unter unseren Füßen eine endlose Sandsteppe und über uns
ein graues Genebel!‘
[GEJ.10_175,05] Ich aber ging in meine Hütte
und brachte ihnen Brot und Wein.
[GEJ.10_175,06] Einige von ihnen ersahen
alsbald das Brot und den Wein, als ich zu ihnen sagte: ,Da habt ihr Brot und
Wein, und stärket euch!‘
[GEJ.10_175,07] Viele andere aber merkten es
nicht, da sie in sich der Meinung waren, ich treibe mit ihnen etwa einen
mutwilligen Scherz, und zogen wieder weiter.
[GEJ.10_175,08] Die aber Brot und Wein
nahmen, ersahen auch alsbald meine Hütte und die ganze schöne Landschaft und
blieben bei mir, und ich unterwies sie in der Weise, wie ich selbst unterwiesen
worden war, und bald ward meine früher einsame Hütte mit einer Menge anderer
wohleingerichteter Hütten umgeben, und ich fand und kam dadurch zu meinem
ersten Orte und zu meiner ersten Gesellschaft und blieb so lange daselbst, bis
ich mein Inneres durch die Liebe zu meinem Nächsten stets mehr und mehr
erweitert hatte.
[GEJ.10_175,09] Nach solcher Erweiterung
erweiterte sich auch bald die Gegend, wurde lebhafter und schöner und ich in
ihr stets glücklicher und erleuchteter; und je mehr sich das innere Licht in
mir ausbreitete und mir etwas vorstellte, so war es auch schon bald da.
[GEJ.10_175,10] In solchem Zustande fing ich
auch an, meiner in der Welt zurückgelassenen Angehörigen zu gedenken und mich
ihnen mitzuteilen, daß es nach dem Abfalle des Leibes ein unverwüstbares
Fortleben der Seele gibt.
[GEJ.10_175,11] Und siehe, bald darauf kamen
deine Mutter und etliche Geschwister zu mir, und ich konnte mich ihnen ebenso
mitteilen, wie nun dir! Sie glaubten meinen Worten, teilten dir solches auch
mit, was aber bei dir bis jetzt keinen Glauben fand, indem du zu sehr mit allem
deinem Denken, Lieben und Wollen dich in die starre und tote Außenwelt begeben
hast.
[GEJ.10_175,12] Schließlich mache ich dir
noch diese Bemerkung, daß eben derjenige gute Freund, der mir in der Wüste
zuerst den guten Rat erteilte, diesem Herrn, an dessen Seite du sitzest, in der
Physiognomie sehr ähnlich sieht, und ich in mir bei Seinem ersten Anblick eine
lichte Idee entstehen sah, daß Er der Herr von dieser und auch von unserer Welt
sei. Ich rede zwar nun mit dir, – aber nicht als in einem andern Ort, sondern
nur in dem, den ich bewohne, und du kannst daraus für dich den Schluß machen,
daß ich es nicht notwendig habe, um mit jemandem in dieser Welt zu verkehren,
meinen Ort zu verlassen, – sondern wo ich bin und rede, da ist auch der Ort mit
mir.
[GEJ.10_175,13] Übrigens mache ich dich nun
noch darauf aufmerksam, daß du auf der Außenwelt, deiner Seele nach, nun auch
auf lauter Sand einherwandelst und über dir, das heißt in deinem Verstande,
nichts hast als dunkelgraues Genebel.
[GEJ.10_175,14] Diese Erde aber, und was du
auf ihr und über ihr siehst, ist auch nur ein von einem allerhöchsten Geiste
aus geschaffener Ort, geradeso, wie im kleinen Maßstabe mein kleiner Ort von
mir aus geschaffen ist.
[GEJ.10_175,15] Die Liebe des großen Geistes,
Seine überaus hellen Lichtgedanken, Sein allmächtiges Wollen und Seine große
Barmherzigkeit sind die Urelemente, aus denen Er solche wunderbaren Orte
herstellt und sie auch erhält, solange Er will. Du siehst demnach in dieser
Welt nichts anderes als einen solchen Ort, der aus dem großen Geiste in einer
gewissen Ordnung ins Dasein gesetzt wurde; für deine Seele aber bleibt er nur
so lange ersichtlich und ein Etwas, solange deine Seele noch mit einer Materie
umhülst ist.
[GEJ.10_175,16] Wird dir diese Umhülsung
genommen, dann bist du ohne Ort, ohne irgendeinen festen Boden und ohne ein
bestimmtes Licht über dir, – außer du hast schon in dieser Welt den Weg in dein
Inneres gefunden. Dann geht es jenseits freilich anders; denn da kommt alles,
der Ort und was dir nötig ist, schon mit dir herüber, und du brauchst da nicht
erst jenseits durch einen Freund zu erfahren, wie man jenseits bei uns zu einem
Wohnorte und zu einer Gesellschaft gelangt. – Das merke dir, du mein Sohn!“
[GEJ.10_175,17] Hier wollte der Sohn noch
weiter mit seinem Vater sprechen.
[GEJ.10_175,18] Dieser aber sagte noch im
Scheiden (der Vater): „Um alles andere, um was du noch weiter wissen willst,
wende dich im Herzen an Den, der neben dir sitzt; denn Ihm sind alle Dinge bekannt,
auf dieser Welt und in der unsrigen!“
[GEJ.10_175,19] Auf diese Worte verschwand
der Geist.
176. Kapitel
[GEJ.10_176,01] Und Ich wandte Mich nun an
den Oberstadtrichter und sagte: „War das der Geist deines Vaters oder nicht?“
[GEJ.10_176,02] Sagte der Oberstadtrichter:
„Großer Herr und Meister, er war es so gewiß und sicher, als ich gewiß und
sicher sein irdischer Sohn bin, und er kann kein Phantom meiner eigenen
Phantasie gewesen sein; denn ein solches Phantom hätte nicht also weise mit mir
reden können, und das über Dinge, die mir bis jetzt so fremd waren wie das, was
sich unterhalb unserer Erde befindet. Und ich glaube von nun an vollkommen an
ein unverwüstbares Fortbestehen der Seele nach dem Abfalle des Leibes!
[GEJ.10_176,03] Nur eines kam mir etwas
sonderbar vor, und das bestand in dem, daß mein Vater, solange er sich drüben
befindet, weder mit den bösen Geistern der Heiden und noch weniger mit
irgendeinem Teufel der Juden zusammengekommen ist. Es ist doch überall die
Rede, daß die Argen jenseits auch fortbestehen und in einem fort nur Böses zu
bewirken beabsichtigen in ihrem unauslöschbaren Grimm. Wie sieht es denn dann
mit den Orten dieser bösen Geister aus? Und warum konnte mein Vater jenseits
noch keinen zu Gesicht bekommen?“
[GEJ.10_176,04] Sagte Ich: „Kümmere du dich
um das wenig oder gar nicht! Die bösen Geister, die man Teufel nennt, kehren am
Ende auch in sich, aber sie finden nichts als lauter Erzböses, was eigentlich
ihre Liebe ist. Aus dieser erschaffen sie sich auch Orte, die mit ihrem inneren
Charakter die vollkommenste Ähnlichkeit haben, sondern sich nach und nach –
nach dem Grade ihrer Bosheit – in gewisse Vereine ab und suchen jedermann zu
schaden. Wenn sie gerade auf dieser Erde ähnliche Charaktere unter den Menschen
verspüren, so finden sie auch bald Wege, sich denselben beinahe auf dieselbe
Weise zu nähern, wie sich dir dein Vater genaht hat, nehmen dann das Fleisch
zuerst in Besitz und erfüllen es mit allem, was man nur arg und böse nennen
kann.
[GEJ.10_176,05] Am Anfang treten sie sachte
auf und suchen die Seele in das Fleisch zu ziehen. Ist das geschehen, so ist
die Seele für alles Rechte, Reine, Gute und Wahre auch schon so gut wie
verloren. Und Ich bin eben darum in diese Welt Selbst im Fleische gekommen, um
diesem alten Unfug für alle jene ein wirksamstes Ende zu setzen, die an Mich
glauben und nach Meiner Lehre leben und handeln werden, – denn siehe, Ich ganz
allein bin der Herr über alles in der Welt und über alles im Reiche der
Geister! Glaube das, und du wirst leben!“
[GEJ.10_176,06] Darauf dankte der
Oberstadtrichter für diese Meine Belehrung, setzte aber als ein feiner
Verstandeskritiker diese Frage am Schlusse hinzu: „Aber, Herr und Meister, wie
hast Du denn solch einem Unfug zusehen können, ohne ihm schon überlange her ein
wirksamstes Ende zu machen?“
[GEJ.10_176,07] Sagte Ich: „Das, was du
wünschest, ist von Mir aus auch immer geschehen, und es ging noch nie ein nur
einigermaßen guter Mensch verloren; für das aber, was jetzt geschieht, war auf
dieser Erde die Menschheit noch zu jung und ist gegenwärtig noch lange nicht in
der rechten Reife.
[GEJ.10_176,08] Doch Ich habe Mich der
wenigen Guten wegen dieser Welt erbarmt und will für sie Selbst jenseits ein
Reich gründen, in welchem sie ewig bei Mir sein und mit Mir herrschen sollen.
[GEJ.10_176,09] So wie dein Vater befinden
sich im großen Jenseits schon zahllos viele der besseren Juden- und
Heidengeister; wenn Ich aber in Kürze in Mein ewiges Ursein zurückkehren werde,
dann wird auch all diesen besseren Juden und Heiden im Jenseits der rechte Weg
zum vollkommenen, ewigen Leben gezeigt werden. Allen Bösen aber wird es auch
ewig freistehen, sich entweder zu bessern und die Wege des Lichtes zu betreten
oder in ihrem Bösen zu verbleiben und sich von ihm quälen zu lassen für ewig
hin; denn was sie selbst wollen, darin widerfährt ihnen kein Unrecht.
[GEJ.10_176,10] Und so wird jenseits des
Guten Lohn Gutes sein, des Bösen aber Böses, und ein jeder wird nach der
Ablegung seines Leibes sich befinden in seinem Jüngsten Tage, und Ich werde
einen jeden auferwecken und ihm den Lohn geben aus ihm selbst, wie er war, gut
oder böse.
[GEJ.10_176,11] Und damit hast du aber auch
schon alle deine an Mich gestellten Fragen mehr als zur Genüge beantwortet, und
wollte Ich dir auch noch tiefere Antworten geben, so würdest du sie dennoch
nicht verstehen; denn ihr seid allzumal noch Kinder in eurer Seele und könnet
eine feste, männliche Kost noch nicht vertragen. Daher müsset ihr vorerst auch
mit der Milch gespeist werden; wenn ihr aber einmal durch diese Speise
hinreichend gekräftigt sein werdet, dann werdet ihr auch eine kräftigere Speise
aus dem Himmel zu vertragen wohl imstande sein.“
177. Kapitel
[GEJ.10_177,01] Auf diese Meine Worte fingen
alle – sogar auch Meine Apostel – an, Mich sehr zu loben, und sagten: „Nun, o
Herr, hast Du über verborgene Dinge wieder einmal ganz klar und vernehmlich
gesprochen, und wir erfuhren ein rechtes Licht über das Fortleben der Seele
nach des Leibes Tode, und wie dasselbe beschaffen ist, und alles, was in dieser
Art ist und besteht, kann nur durch dich, o Herr, allein ins klare Licht
gestellt werden, und dafür sei Dir unser aller innerster Herzensdank laut und
lebendig ausgesprochen!“
[GEJ.10_177,02] Und Ich sagte darauf: „Und
nun denn esset und trinket noch, was da auf dem Tische ist; dann wollen wir uns
zur Ruhe begeben und sehen, was der morgige Tag uns zuführen wird!“
[GEJ.10_177,03] Darauf aßen und tranken alle
und besprachen sich über Mich viel untereinander. Ich aber aß und trank nichts
mehr und ruhte gleichsam von der Tagesmühe. Gegen Mitternacht hin fingen auch
die andern an schläfrig zu werden, und der Oberstadtrichter, die Pharisäer und
die Juden begaben sich in ihre Wohnungen nach Hause. Ich aber blieb wie
gewöhnlich mit Meinen Jüngern die Nacht hindurch am Tische sitzen.
[GEJ.10_177,04] Und der Oberstadtrichter
sagte beim Fortgehen dem Wirte, daß er sich ja nicht von weitem unterstehen
sollte, uns irgendeine Zeche abzuverlangen; denn er selbst werde dem Wirte die
Zeche bezahlen für alle.
[GEJ.10_177,05] Der Wirt aber sagte: „Herr
Oberstadtrichter! In diesem Punkte hast du mir ganz leicht zu gebieten, – denn
bei dieser Zeche bin nur ich der Schuldner, und alle die Gäste sind meine
Gläubiger; denn so sie mir das anrechnen wollten, was sie mir getan haben, so
würde ich eine schöne Summe Geldes an sie zu bezahlen haben. Daher sei du
unbesorgt, denn bei dieser Gelegenheit bin ich kein Wirt, sondern ein Mensch
und, dir gleich, ein lebendigster Freund alles Guten und Wahren und
Außerordentlichen. Morgen sehen wir uns wieder!“
[GEJ.10_177,06] Darauf trennten sie sich, und
unser Wirt begab sich auch zur Ruhe, obschon er, bevor ihm der Schlaf kam, noch
vieles über die Erscheinung des vergangenen Abends mit seinem Weibe und seinen
Kindern gesprochen hatte.
[GEJ.10_177,07] Sein Weib aber sowie die
Kinder waren noch ganz Heiden von echtem Schrot und Korn, und ihr Schlafgemach
war, wo es nur ein Plätzchen gab, ganz voll von römischen und griechischen
Statuettchen, teils aus Holz, teils aus Stein, teils aus Erz geformt.
[GEJ.10_177,08] Und der Wirt sagte zu ihr:
„Höre du, mein sonst braves und treues Weib! Nachdem wir das Glück hatten, den
wirklichen, einen und allein wahren Gott leibhaftig und persönlich
kennengelernt zu haben, so werden wir morgen Hand an diese Götzen legen und sie
samt und sämtlich vertilgen; denn sie haben uns nie etwas genützt und werden
uns künftighin noch weniger je etwas nützen.“
[GEJ.10_177,09] Als der Wirt solches zu
seinem Weibe gesprochen hatte, wollte sie anfangs nicht einwilligen; aber sein
ältester Sohn, der ein Freigeist war, sagte ganz laut: „Vater, das hätte ich
mit dir schon lange getan, – allein, der Weiber Glaube ist gar hartnäckig wie
ein Stein und läßt kein vernünftiges Wort mit sich reden, obschon sie einsehen
sollten, daß alle diese Götzen fürs erste nichts als tote Materie sind, und daß
sie fürs zweite noch so schlecht und elend geformt sind, daß sie dem
menschlichen Kunstgeiste eine barste Schande machen; denn solch eine Diana von Ephesus
sieht ja doch nicht anders aus als wie ein ausgetrockneter Frosch, und aus dem
Jupiter kann man machen, was man will!
[GEJ.10_177,10] Ich laß mir diese Figuren
noch gefallen, so sie Werke wirklicher Künstler sind; aber diese Figuren, die
der Mutter Schlafgemach zieren, sind zumeist Werke von griechischen Hirten, die
neben ihren Viehherden dergleichen Figuren entweder aus Holz, Lehm, weichen
Steinen oder aus Blei formen, sie dann von den Priestern weihen lassen und
endlich große Kisten damit vollpacken und sie den gewissen Bilderkrämern um
einen wahren Schandpreis zum Weiterverkauf übergeben. Diese kommen dann in
unsere Gegenden, und unsere Weiber haben in ihrer dummen Pietät Geldes genug,
um den Krämern so einen elenden Quark abzukaufen. Dafür muß dann aber wieder
die Küche leiden, und es wird alles magerer und schlechter auf den Tisch
gesetzt, und die fremden Gäste haben dann wahrlich keinen Grund, sich für eine
gute und fette Bewirtung zu bedanken. Daher lieber etwas mehr Fett und Öl für
die Gäste am Tisch, als zuviel solcher närrischer und lächerlicher Götter ins
Schlafgemach!
[GEJ.10_177,11] Auf den Apollo, der in halber
Lebensgröße sich in einem Winkel des Gastzimmers befindet und schon derart
schwarz und verschmiert ist, daß es einem ehrlichen Menschen ekeln muß, solch
eine Figur anzusehen, habe ich es schon lange scharf abgesehen gehabt, und
morgen werde ich dieser elenden Figur einen Garaus machen!“
[GEJ.10_177,12] Sagte die Mutter, halb
erschrocken über den Vorsatz ihres Sohnes: „Ja, ja, gib aber Obacht, daß dich
hier nicht der Priester des Apollo ersieht und dich dann als SACRILEGUS
bestraft!“
[GEJ.10_177,13] Sagte der Sohn: „Ich habe gar
keine Furcht mehr vor ihm! Denn Der uns wunderbarermaßen mit Wein und Fischen
versah und auch imstande war, denjenigen Juden und ihren Priestern, die Ihm den
Weg in die Stadt herein verwehren wollten, augenblicklich vierzehn grimmige
Löwen entgegenzustellen, die ich mit eigenen Augen gesehen habe, der wird wohl
auch imstande sein, mich vor dem überdummen Apollopriester in Schutz zu nehmen,
und das um so sicherer, weil unser Oberstadtrichter kein Freund von unseren
Göttern und deren Priestern ist.
[GEJ.10_177,14] Dieser unser Apollopriester
ist aber auch in seinem Verstandeswesen so dumm als möglich und weiß sonst
nichts zu erzählen als alte, schon über tausend Male abgedroschene
Götterfabeln, frißt dabei wie ein Wolf und säuft wie ein Ochs, besonders wenn
er sich von irgendwoher einen Wein verschaffen kann. In diesem besteht seine
apollinische Weisheit; und vor solch einem Menschen sollte ich eine Furcht und
einen Respekt haben? Wahrlich, da müßte ich mich dann schämen, selbst ein
Mensch und dazu auch noch ein Römer zu sein!“
[GEJ.10_177,15] Sagte der Wirt, ganz
zufrieden mit seinem Sohn: „Sei jetzt nur ruhig; morgen wird sich schon zeigen,
was sich alles wird machen lassen! Lassen wir nun alles Dem über, der heute in
unserem Hause ruht! Er wird schon alles recht machen.“
[GEJ.10_177,16] Darauf ward es denn auch
ruhig in des Wirtes Schlafgemach bis zum Morgen, an dem der Wirt einer der
ersten war, der da aufwachte und sich sogleich zu uns ins Gastzimmer begab.
178. Kapitel
[GEJ.10_178,01] Und da er Mich auch schon
wach fand, so fragte er (der Wirt) Mich auch gleich mit aller Liebe und
Achtung, was Ich für den Morgen alles benötigen werde, und ob Ich eines
wohlriechenden Wassers zum Waschen benötige.
[GEJ.10_178,02] Sagte Ich: „Erspare dir diese
Mühe, denn so Ich Mich waschen will, kann Ich allenthalben des frischesten
Wassers zur Genüge haben! Es ist aber in der Nähe dieser Stadt ein aus den
Zeiten des Propheten Moses berühmter und bekannter Berg, den Ich noch vor dem
Aufgange der Sonne besteigen will. In der althebräischen Sprache heißt er
,Nebo‘, ihr aber heißet ihn ,mons Mosis‘. Daher bestelle du das Morgenmahl nicht
zu frühe, denn Ich will Mich daselbst bei drei Stunden aufhalten!“
[GEJ.10_178,03] Sagte der Wirt: „O Herr und
Meister, es wird pünktlich alles nach Deinem Willen geschehen; aber gestatte es
auch mir und meinem ältesten Sohn, daß wir mit Dir diesen besonders für die
Juden denkwürdigen Berg besuchen dürfen, denn er ist von hier aus gar nicht
weit gelegen; in einer kleinen halben Stunde Zeit erreichen wir seine volle
Höhe mit Leichtigkeit.“
[GEJ.10_178,04] Ich gestattete dem Wirte das,
und er ging und verordnete, wie sein Weib und die andern Kinder die Küche zu
besorgen haben.
[GEJ.10_178,05] Als er zurückkam, waren auch
die Jünger schon wach, und der Oberstadtrichter und die beiden Pharisäer Dismas
und Barnabas standen auch schon vor der Tür der Herberge und wollten eintreten;
aber Ich war auch schon bei der Tür, um mit den Meinen, dem Wirte und seinem
Sohne den Berg Mosis zu besteigen.
[GEJ.10_178,06] Der Oberstadtrichter und die
beiden benannten Pharisäer erbaten sich, Mich allerfreundlichst auf diesen zu
begleiten, und wir traten denn auch alsogleich unsere Reise an und befanden uns
in einer kleinen halben Stunde Zeit schon auf der Vollhöhe dieses Berges, den
der Oberstadtrichter zu seinem Vergnügen mit Bänken zum Sitzen recht wohl
versehen hatte. Die Bänke bestanden freilich zumeist aus Basaltblöcken; aber
sie waren zu dem ganz tauglich, zu dem sie verwendet wurden. Zugleich hatte er
das Plateau dieses Berges, das ziemlich geräumig war, mit Rosensträuchern und
andern würzhaften Bäumchen besetzt, und es war somit sehr anmutig, sich auf
dieser von unserer Stadtseite aus leicht besteigbaren Anhöhe vor dem
Sonnenaufgange zu befinden und solchen dort zu erwarten.
[GEJ.10_178,07] Von dieser Stadtseite aus erhob
sich der Berg kaum etwas über hundert Ellen, hatte aber dafür gegen das
Jordantal einen sehr steilen Abfall von etwas mehr denn zweitausend Ellen und
sah daher vom Jordantale aus einem ganz ansehnlichen Berge ähnlich; allein von
Osten her war er nur ein Hügel, wie es dergleichen Hügel längs des
Aurangebietes mehrere gibt.
[GEJ.10_178,08] Wir befanden uns nun auf dem
Hügel oder Mosisberge und sahen über die unübersehbare Euphratebene und Wüste,
welche, so weit das Auge reichte, vollkommen rein war.
[GEJ.10_178,09] So war auch der Süden rein,
und man sah die aus der Bibel euch bekannten Berge, wie den Hor, auf dem Moses,
von Aaron und dessen Sohn Eleazer unterstützt, für den Sieg der Israeliten
gegen die feindlichen Amalekiter bitten mußte. Wenn er die Hände sinken ließ,
so siegten die Amalekiter; hob er die Hände wieder in die Höhe, so siegten die
Israeliten. Dann sah man auf den Berg Hur, auf welchem Aaron starb, und im
tiefen Hintergrunde ersah man auch die Spitze des hohen Sinai und seines
nächsten Nachbarn Horeb.
[GEJ.10_178,10] Gegen Westen aber war es sehr
neblig; nur hie und da ragten die hohen Spitzen des Libanon über die Nebel
empor, und von den nördlichen Bergen sah man auch nur die Spitze des Hermon, an
dem der Jordan entspringt.
[GEJ.10_178,11] Allein in der Ebene des
Jordantales war vor lauter Nebeln nichts zu entdecken, was der Oberstadtrichter
sehr bedauerlich fand, worauf Ich ihm aber die Bemerkung machte, daß er sich
nur ein paar Stunden gedulden solle. Die Sonne werde diesen Nebeln schon den
Weg weiter bahnen und diese Jordangegend auch von den argen Dünsten freimachen.
„Wir wollen aber jetzt nicht diese Gegend, sondern jene des Aufgangs
betrachten.“
[GEJ.10_178,12] Hier sagte der Pharisäer
Dismas zu Mir: „O Herr und Meister, ist dieser Berg, auf dem wir uns nun
befinden, wohl derselbe, von dem aus der große Prophet Moses vor den Augen
derer, die ihn begleitet haben, mit Zurücklassung seines Leibes wie eine
Lichtflamme gegen die Himmel auffahrend, verschwand, worauf dann, wie die
Schrift sagt, von der einen Seite der Erzengel Michael, von der andern Seite
aber Satan als der Oberste der Teufel erschien und drei Tage lang um den Leib
Mosis mit dem Erzengel focht und stritt und zum größten Überfluß auch noch über
den Erzengel siegte und mit dem Leichname Mosis verschwand?
[GEJ.10_178,13] Wozu eigentlich dieses gut
war, darüber schwieg und schweigt bis jetzt noch alle unsere jüdische Weisheit,
und selbst die vielen und großen Propheten haben uns darüber keinen Aufschluß
gegeben. Unsere Kabbalisten haben daher auch die ganze Sache für apokryph
erklärt und halten sie für eine Fabel; aber manche alten Araberstämme erklären
sie für wahr. – Was sagst denn Du, o Herr, dazu?“
[GEJ.10_178,14] Hier sagte statt Meiner der
Oberstadtrichter: „Was liegt denn eigentlich daran, so der Geist Mosis dennoch
unter euch lebt und gerettet ist? Der Leib ist ohnedies nur eine Hülse des
menschlichen Geistes, und es liegt dann wenig daran, ob sie der Satan oder ein
anderer Geist an sich gezogen hat. Ich hätte an der Stelle des Erzengels dem
Satan schon früher die Freude gelassen, wenn es ihn nach dem Leichname Mosis
schon gar so gehungert hatte!“
[GEJ.10_178,15] Sagte Ich darauf zu den
Pharisäern: „Der Oberstadtrichter hat euch eine ganz gute Antwort gegeben; denn
Ich, der Herr alles Lebens, habe dem Moses für sein sündiges Fleisch schon
lange ein anderes verschafft, und Satan hätte keine Gewalt über des Moses Leib
gehabt, so Moses in seiner früheren Zeit in seinem Fleische nie eine Sünde
begangen hätte. Da er aber auch gesündigt hatte dem Fleische nach, obgleich
seine Seele und sein Geist rein aus den Himmeln herstammten, so wollte Satan
von dem Seinen an Moses auch Besitz ergreifen, wobei er aber nicht nur nichts
gewann, sondern für seine Macht nahezu alles verlor und von jenem Zeitpunkte an
keinem sterblichen Menschen auf der ganzen Erde mehr erscheinen durfte, was
seinem Wirken einen überaus großen Schaden brachte; denn von jener Zeit an
fielen gar viele Heiden zu der Lehre Mosis, und das große Orakel zu Dodona, als
ein Hauptverführungswerk des Satans an die Menschen dieser Erde, ward zerstört
und durfte dann nimmer wieder errichtet werden. Auch das viel jüngere Orakel zu
Delphi fiel bald nach dem Falle einer Stadt Troja und ward darauf nimmer völlig
wiederaufgerichtet. – Aber nun wollen wir uns mit derlei Dingen nicht weiter
mehr befassen; denn sie haben für das Innere des Menschen keinen Wert!
[GEJ.10_178,16] Das Beste ist, Gott, den
einen und allein wahren, erkennen und über alles lieben und seinen Nächsten wie
sich selbst.
[GEJ.10_178,17] Jetzt wird die Sonne sogleich
aufgehen, und ihr werdet da so manches ersehen, was euch befremden wird!“
179. Kapitel
[GEJ.10_179,01] Im selben Augenblick ersah
man schon eine Sonne, aber ziemlich hoch über dem Horizonte stehen, die ganz
der eigentlichen Sonne glich.
[GEJ.10_179,02] Und der Oberstadtrichter
fragte Mich, sagend: „Herr und Meister, wie hat denn die Sonne diesmal so
schnell den Horizont übersteigen können, daß wir davon nichts merkten, bis sie
uns schon in einer ziemlichen Sehhöhe erschien? Und doch sehen wir kein Gewölk,
das die Sonne hätte hindern können, uns gleich beim Aufgange ersichtlich zu
werden!“
[GEJ.10_179,03] Sagte Ich: „Das ist aber auch
keine wirkliche Sonne, sondern ein Abbild von der noch unter dem Horizonte stehenden
Sonne im Spiegel einer völlig ruhig gewordenen Luftschicht; diese Sonne wird
aber bald vergehen, wenn die wirkliche aufgeht.
[GEJ.10_179,04] Siehe, dieses Sonnenbild
gleicht dem naturmäßigen Verstandeslicht der Menschen, welches auch bald
vergehen wird, so in Mir auch bald für sie die wahre Sonne des Lebens aufgehen
wird und zu einem kleinen Teil schon aufgegangen ist!“
[GEJ.10_179,05] Sagte darauf der Pharisäer
Dismas: „Ich bin der Meinung, daß unsere jetzt leuchtende Sonne noch
trügerischer ist denn dieses Scheinsonnenlicht im Osten, und ich will keinen
schlechten Propheten machen, aber dennoch sage ich: für uns wird auch die
Scheinsonne bald vergehen, und die rechte Sonne des Geistes und des Lebens wird
für die Heiden aufgehen!“
[GEJ.10_179,06] Sagte Ich: „Ja, da magst du
wohl recht haben, – wie es denn auch geschrieben steht, daß Ich Mein Licht von
den Juden nehmen werde und werde es geben den Heiden.
[GEJ.10_179,07] Darum sage Ich dir, daß Ich
denn auch aufheben werde den alten Bund und das alte Testament und gründen
werde ein neues sowohl für die Juden, wie auch für alle Völker der Erde nach
der Ordnung Melchisedeks, der ein König war aller Könige und ein Oberpriester
aller Oberpriester, daher ihm auch alle Könige und Patriarchen der Erde den Zehnt
geben mußten, selbst Abraham nicht ausgenommen.
[GEJ.10_179,08] Und dieser Melchisedek, von
der Zeit Noahs angefangen bis über Abraham hinaus, mit dem der Bund gemacht
wurde durch die ihm gemachte große Verheißung, war Ich, und nun bin Ich wieder
da als Derselbe, aber nicht, um den alten Bund zu befestigen und
aufrechtzuerhalten, sondern einen neuen Bund zu machen mit allen Menschen, und
Ich werde dann auch bleiben für ewig ein König und Herr und ein Oberpriester in
der vollsten Ordnung Melchisedeks.
[GEJ.10_179,09] Die alten Oberpriester mußten
opfern der Tiere Blut zur Tilgung ihrer Sünden; es war aber dies nur ein
Vorbild dessen, was nun bald in einer andern Weise geschehen wird. Denn die
alten Oberpriester mußten auch für ihre Sünden opfern, und dann für die Sünden
des Volkes, und blieben dabei aber doch in ihren Sünden, ansonst Ich Mein Volk
nicht volle vierzig Jahre unter allen Drangsalen in der Wüste gelassen hätte.
[GEJ.10_179,10] Aaron und Moses opferten wohl
alle Jahre nach der Vorschrift, aber es half das weder ihnen noch dem Volke,
welches in seinen Sünden verharrte; Ich aber werde nur einmal für alle Menschen
Mich Selbst opfern, und die an Mich glauben werden, die werden auch gerecht und
rein werden vor Mir, und es soll an ihnen keine Sünde mehr befunden werden. Und
nun wisset ihr, wie ihr mit Mir stehet!
[GEJ.10_179,11] Moses mußte auf diesem Berge
den Tod noch sehen, fühlen und schmecken und rief denn auch in seinen letzten
Zeiten auf dem Punkte, wo Ich jetzt sitze, aus: ,Herr, Du hast einen Bund mit
uns gemacht wider den Tod und wider die Sünde, und siehe, ich muß hier sterben,
ohne das Gelobte Land des Lebens mit meinen Füßen betreten zu dürfen!‘
[GEJ.10_179,12] Und eine Stimme erscholl über
ihm: ,Du wirst leben, aber nicht aus dem Gesetze des alten, sondern aus der
Gnade Meines neuen Bundes, den Ich mit den Völkern der Erde schließen werde!‘
[GEJ.10_179,13] Da ward Moses aufgelöst und
ward aufgenommen, nicht durch sein Verdienst, sondern durch Meine Gnade.
[GEJ.10_179,14] Und auf eben diesem Punkte
nun sage Ich zu euch, Juden und Heiden, daß Ich mit euch einen neuen Bund schon
jetzt schließe und noch mehr schließen werde, was ihr alle in jüngster Zeit
erleben werdet. Die aufgehende Sonne aber soll Mir nun vor euch das Zeugnis
geben, daß Ich nun nicht Eitles aus Mir zu euch geredet habe!“
[GEJ.10_179,15] Im Augenblick ging die Sonne
auf, und über ihr stand eine Lichtschrift: ,Ehre und Preis dem einen, allein
wahren Gott in der Höhe der Höhen und in der Tiefe der Tiefen!‘, und unter der
Sonne: ,Melchisedek, der wahre König der Könige und Oberpriester aller
Oberpriester und der allein wahre Vater Seiner Kinder im Himmel und auf dieser
Erde!‘
180. Kapitel
[GEJ.10_180,01] Als alle die Anwesenden diese
höchst bedeutungsvolle Inschrift gelesen hatten, da waren sie über die Maßen
überrascht und erstaunt, besonders aber die drei Römer und die etlichen
Pharisäer.
[GEJ.10_180,02] Denn es kamen noch einige dem
Dismas und Barnabas nach und sagten selbst: „Ja, ja, wunderbar anzusehen und
wahr, was da geschrieben steht! Der alte Bund mit Abraham ist zu Ende und hat
keine Geltung und keine Wirkung mehr; denn wir wissen es ja alle, daß die
Wirkung der Lade des Bundes schon nahe vor dreißig Jahren so gut wie gänzlich
aufgehört hat, – nur dem Simon und Zacharias war sie noch in ihrer gewöhnlichen
Kraft bekannt. Der Stab Aarons grünte nicht mehr, und die sieben Schaubrote
wurden von den Motten zu Staub zernagt. Nur die beiden steinernen Tafeln
blieben noch; aber ihre Schrift wurde von Jahr zu Jahr unleserlicher, und es
war daher notwendig, die ganze alte Bundeslade mit Ausnahme ihres Goldes und
der beiden großen Cherubim schon vor zwanzig Jahren zu kassieren und dafür eine
neue von gleichem Holze von einem der ersten und besten Schreiner anfertigen zu
lassen, sie nach der Form der alten mit dem Golde zu beschlagen, die beiden
Cherube auf sie wieder hinaufzustellen; und in der Mitte der Lade, aus der die
Rauchsäule aufstieg oder zu Zeiten auch eine Feuersäule, mußte sie also
eingerichtet werden, daß man entweder frisch angefachte Kohlen hineinlegen und
dann Weihrauch und anderes wohlriechendes Harz daraufgeben kann, damit eine
Rauchsäule gebildet wird, welche aber das Allerheiligste derart nach allen
Seiten anfüllt, daß man darin kaum bestehen kann, und die Feuersäule muß mit
dem angezündeten Naphtha bewerkstelligt werden.
[GEJ.10_180,03] Der damalige Hohepriester war
freilich der Meinung, es werde mit der neu aufgerichteten Bundeslade ebenso
gehen, wie es mit dem neu aufgebauten Tempel nach der babylonischen
Gefangenschaft gegangen ist; aber er hatte sich sehr geirrt. Denn mit der neuen
Bundeslade ging es gar nicht mehr, – daher sich die späteren Hohenpriester auch
gar nichts mehr daraus machten, von den Römern und Griechen gegen ein erlegtes
Opfer das Allerheiligste ebenso besichtigen zu lassen wie irgend etwas anderes;
denn es geschah niemandem in der Nähe der neuen Bundeslade irgendein Leid.
[GEJ.10_180,04] Wir Pharisäer und
Schriftgelehrten sind darüber denn auch lange schon im klaren, daß es mit dem
alten Bunde vollends zu Ende ist; allein das Volk muß man denn doch, solange es
geht, im alten Glauben erhalten, und besonders darum, weil man ihm dafür keinen
besseren Glauben geben kann, und zweitens, damit dem Tempel mit seinen Dienern
die Einnahmen bleiben, ohne welche weder der Tempel noch seine Diener weiter
fortbestehen könnten.
[GEJ.10_180,05] Und darin liegt auch der
Hauptgrund, aus welchem eben dieser Herr und Meister, der vor uns als der
allein wahre Stifter eines ewigen, neuen Bundes nun erkannt worden ist, von den
Templern gar so sehr gehaßt wird; denn die Templer sehen wohl ein, daß Seine
Lehre voll göttlicher Kraft ist, aber sie wissen es auch nur zu gut, daß es mit
ihnen völlig aus ist, sobald sie selbst an dieser neuen Lehre halten und ihr
vollen Eingang beim Volke verschaffen.
[GEJ.10_180,06] Es wird ihnen aber das – was
sie recht gut einsehen – für die Folge sehr wenig nützen, da es bereits viele
im Volke wissen, daß die alte Bundeslade ihre Kraft verloren hat und die neue
keine andere Kraft besitzt, als die ihr die Menschen durch ihre plumpe Kunst
verleihen.
[GEJ.10_180,07] Wir aber selbst noch mit dem
Tempel in Verbindung Stehenden können weder pro noch contra etwas tun, sondern
wir wollen in beseligender Hoffnung abwarten, was dieser allein wahre Herr
Himmels und der Erde tun wird, und wollen für die Zukunft im vollsten Glauben
an Ihn und in aller Liebe zu Ihm verharren. Daß Er das Beste und Zweckmäßigste
verordnen wird, dessen sind wir alle lebendigst überzeugt.“
[GEJ.10_180,08] Nach diesen Worten sagte der
Oberstadtrichter: „Ich gehöre auch zu denen, die die neue Bundeslade im Tempel
gesehen haben und dabei die Überzeugung gewannen, daß an dem Gottglauben der
Juden ebensowenig gelegen ist wie an dem Götterglauben der Heiden. Diese sind
wenigstens geschickter in allerlei Zauberei und können dem blinden Volke noch
lange hin einen wirksamen blauen Dunst vormachen; aber mit der Rauch- und
Feuersäule im Allerheiligsten im Tempel zu Jerusalem hat es seine größte Not,
und die Priester des Tempels tun gut für sich, so sie dem blinden Volke noch
weiszumachen trachten, daß die alte mosaische Bundeslade noch in ihrer vollen
Wirksamkeit ist. Wird aber das Volk einmal erfahren, daß das schon lange nicht
mehr der Fall ist, dann können die Priester zu Jerusalem eiligst das Weite
suchen, sonst werden sie beim Volke nicht die besten Tage erleben.“
[GEJ.10_180,09] Hierauf wandte er sich an
Mich und sagte: „Herr und Meister, der Du uns nun mehr denn zur Genüge
handgreifliche Beweise von Deiner Göttlichkeit gegeben hast, sage mir, ob ich
nun recht geredet habe oder nicht?“
[GEJ.10_180,10] Sagte Ich: „Vollkommen; denn
kein Betrug kann sich für lange hin halten, gleichwie auch die Nacht nicht, so
die Sonne einmal aufgegangen ist.
[GEJ.10_180,11] Daß der Tempel samt seinen
Dienern und samt der ganzen Stadt Jerusalem schon in jüngster Zeit völlig für
alle Zeiten der Zeiten zugrunde gehen wird, dessen kannst du vollkommen
versichert sein; nicht ein Stein wird auf dem andern bleiben! Nur um das
einzige können die Juden von Jerusalem bitten, daß ihre große Flucht nicht im
vollsten Winter oder an einem Sabbat geschehe; denn da würde es ihnen noch viel
jämmerlicher ergehen denn zu einer besseren Jahreszeit oder an einem Werktage.“
[GEJ.10_180,12] Als Ich dieses ausgesprochen
hatte, verging die Schrift über und unter der Sonne, und die Nebel im
Jordantale fingen an, sich zu verflüchtigen, weil die Sonne mit ihren Strahlen
die Gegenden des Gelobten Landes zu bescheinen anfing.
[GEJ.10_180,13] Der Oberstadtrichter machte
die Bemerkung: „Es ist schade, daß die Jerusalemer die Sonne mit der Ober- und
Unterschrift nicht zu erschauen vermochten; denn das hätte sie doch ganz
außerordentlich nachdenkend über eine solche Erscheinung machen müssen!“
[GEJ.10_180,14] Ich aber sagte: „Eben darum,
daß sie solches nicht sehen sollten, ließ Ich es zu, daß alle diese Gegenden
des Jordans ein dichter Nebel zuhüllen mußte; denn die an der Finsternis Freude
haben, sollen von ihr auch ihren Lohn ernten!“
[GEJ.10_180,15] Bei dieser Gelegenheit ersah
man eine flüchtige Gazelle, wie sie von einem Schakal verfolgt wurde. In kurzer
Zeit hatte der Schakal die Gazelle eingeholt und sich an ihr sein Morgenmahl
bereitet, und hatte, etwa fünfhundert Schritte von uns entfernt, eben nicht
lange zu tun, mit seinem erjagten Morgenmahle fertig zu werden. Darauf begab er
sich ganz langsam weiter gegen Süden hin, um sich irgendwo vielleicht noch ein
Mittagsmahl zu erjagen.
[GEJ.10_180,16] Aber da flog ziemlich hoch in
der Luft ein arabischer Riesenaar, der ersah aus seiner Höhe bald den
schleichenden Schakal, stieß aus seiner Höhe pfeilschnell auf ihn nieder und
trug ihn trotz allen Sträubens hoch in die Luft empor. Dann ließ er ihn eben
auf eine Stelle fallen, die weithin sehr steinig war. Begreiflicherweise gab
das dem Schakal den Tod, und der Adler sank bald herab und überzeugte sich, daß
der Schakal wirklich tot war, nahm ihn abermals in seine Krallen und flog mit
ihm südwärts zu einem günstigen Punkt, an dem dann der Schakal samt seiner
aufgezehrten Gazelle dem Riesenaar zum Frühstück dienen mußte.
[GEJ.10_180,17] Nach dieser kurzen Szene
sagte der Oberstadtrichter: „Herr und Meister, diese Art gegenseitiger
Verzehrungsszenen unter den Tieren und die schweren Krankheiten vor dem Tode eines
Menschen waren mir immer – bei der weise sein sollenden Einrichtung irgend
eines oder auch mehrerer Götter – ein stets unweiser und grausamer Anblick. Du
wirst zwar schon wissen, warum alles das so ist und sein muß; aber unsereiner
kann sich selbst beim besten Willen doch keine klare Vorstellung davon machen!“
[GEJ.10_180,18] Sagte Ich: „Darüber wird dir
schon noch die Klarheit kommen! Nach dem Morgenmahle wird sich schon eine
Gelegenheit finden, davon zu reden; jetzt aber wollen wir auf einen Augenblick
noch Moses sehen und auch den Engel, der um seinen Leichnam stritt.“
[GEJ.10_180,19] Als Ich dieses gesagt hatte,
standen Moses und der Erzengel Michael vor Mir, verneigten sich vor Mir und
lobten und priesen Meinen Namen. Darauf verschwanden sie, und wir erhoben uns
und begaben uns in die Stadt, allwo schon das Morgenmahl auf uns wartete.
181. Kapitel
[GEJ.10_181,01] Als wir in das Haus unseres
Wirtes, und zwar in das Gastzimmer kamen, setzten wir uns an den Tisch und die
Pharisäer und etlichen Juden an ihren Nebentisch, und sogleich wurden die
Fische wohlzubereitet in gerechter Menge auf den Tisch gesetzt, und es kam Brot
und Wein dazu. Wir nahmen die Fische und alles übrige und verzehrten es.
[GEJ.10_181,02] Nach dem Morgenmahle blieben
wir aber gleichfort am Tische sitzen; denn Ich Selbst wollte nicht, daß wir
untertags uns unnötigerweise zuviel im Freien sehen lassen, weil es in dieser
Stadt noch recht viele Erzheiden gab, die große Stücke auf ihre Tempel und
Götzen hielten.
[GEJ.10_181,03] Hier trat der Sohn des Wirtes
zu Mir und erzählte Mir, daß seine Mutter ihr ganzes Schlafgemach mit lauter
Götzenbildern angestopft habe, und daß sich auch in diesem Speisezimmer ein
überaus schlecht geformter Apollo befinde, dessen Gestalt gegen das, was sie vorstellen
sollte, für jedermann nur das Gegenteil bewirken müsse, und er möchte darum
diesen Apollo und auch die Götzen seiner Mutter hinweggeschafft haben.
[GEJ.10_181,04] (Der Sohn): „Denn nachdem wir
Dich, o Herr, haben kennengelernt, taugen diese Götzen nicht mehr für dieses
Haus.“
[GEJ.10_181,05] Sagte Ich: „Du hast einen
guten Sinn, Mein lieber Sohn, – aber so du da selbst Hand anlegst, kannst du
damit Anstände bekommen und viele Feindschaft bei euren noch blinden Nachbarn;
Ich will dich aber unterstützen, und dieser Apollo und die andern Götzen werden
gleich zunichte sein. Gehe hin in den Winkel, ob du noch einen Apollo findest,
und dann magst du dich ins Gemach deiner Mutter begeben, und du wirst auch
keinen Götzen mehr finden!“
[GEJ.10_181,06] Hier stand der Junge gleich
auf und ging in den Winkel hin, in dem bisher der Apollo stand, und er fand von
ihm keine Spur mehr. Darauf begab er sich in das Schlafgemach seiner Mutter,
und alle die vielen hundert Götzen waren auch nicht mehr da, was er voll Freuden
seiner Mutter, die in der Küche zu tun hatte, alsogleich erzählte, worüber
diese etwas erschrak und zum Sohne sagte:
[GEJ.10_181,07] (Die Mutter): „Mein lieber
Sohn, es ist schon alles ganz recht; aber bedenke du unsere Nachbarn! Was
werden diese zu uns sagen, so sie bei einem Besuch in unserem ganzen Hause kein
Götterbild mehr finden?“
[GEJ.10_181,08] Sagte der Sohn: „Da laß nur
mich mit ihnen reden, und ich werde es ihnen sagen, daß Derjenige Herr und Meister,
der in unserem Hause so große Zeichen gewirkt hat, alle deine Götzen mit einem
Gedanken vernichtet hat, und dann werden sie nichts mehr sagen können. Zugleich
haben wir auch unsern gestrengen und gerechten Oberstadtrichter für uns, und da
werden sich die Nachbarn wohlweislich hüten, gegen diesen ihre Mißfallensstimme
zu erheben.“
[GEJ.10_181,09] Mit dieser Belehrung war
seine Mutter denn auch zufrieden und kam darauf samt dem Sohne zu Mir ins
Gastzimmer und dankte Mir dafür, daß Ich sie auf eine so wunderbare Weise von
etwas erlöst habe, an das sie bei sich selbst ohnehin nie gar besonders viel
gehalten (geglaubt) habe.
[GEJ.10_181,10] Ich aber sagte zu ihr: „Gehe
du in dein Schlafgemach, und an der Stelle deiner früheren vielen Götzen wirst
du etwas anderes finden, das dir lieber sein wird!“
[GEJ.10_181,11] Darauf ging sie abermals in
ihr Schlafgemach und besichtigte es, und sie fand an der Stelle, wo sie ihre
meisten Götter aufgestellt hatte, eine Kiste aus schwarzem Ebenholz angefertigt
und mit Schloß und Riegel versehen. Sie machte die Kiste auf und fand sie voll
römischer Silbermünzen, die einen bedeutenden Wert hatten.
[GEJ.10_181,12] Sie kam aber bald wieder
zurück und erzählte das vor allen, besonders ihrem Mann und ihrem Sohne.
[GEJ.10_181,13] Und der Wirt sagte: „Das ist
zu unserem wirtschaftlichen Gebrauch freilich um vieles mehr wert als alle
deine früheren Götzenbilder; den größten Wert aber hat jedoch nur immer das
Wort, das wir von diesem Herrn und Meister überkommen haben und vielleicht, so
wir würdig sind, noch mehreres überkommen werden. Daher lassen wir jetzt deine
Silbermünzen ruhen und bitten diesen Herrn und Meister, daß Er unser Herz und
unser Gemüt mit solchen geistigen Gold- und Silbermünzen wohl versehen möchte,
die wir bald im andern Leben gebrauchen werden!“
[GEJ.10_181,14] Darauf dankte das Weib und
begab sich wieder in ihre Küche und zu ihren Wirtschaftsleuten, ordnete da an,
was für den ganzen Tag hin zu beachten sei und zu geschehen habe.
[GEJ.10_181,15] Darauf aber sagte gleich der
Oberstadtrichter zu Mir: „O Du übergroßer Herr und Meister von Ewigkeit! Da Du
mir heute morgen auf dem Berge Nebo versprochen hast, noch zwei Fragen
beantworten zu wollen, die ich Dir schon gestellt habe – und zwar die eine
schon gestern abend und die zweite heute morgen auf dem Berge Nebo bei der
Gelegenheit, als ein Schakal eine arme Gazelle erjagte, sie zerriß und auffraß
und bald darauf selbst durch einen Riesenaar dasselbe Schicksal zu erleiden
hatte –, so wolle Du die Gnade haben, mir ein näheres Licht zu geben!“
182. Kapitel
[GEJ.10_182,01] Sagte Ich: „Was deine
gestrige Frage betrifft, nämlich das oft langwierige und schwere Kranksein vor
dem Leibestode, wie auch den zumeist sehr frühen Tod der Kinder, so ist solches
von Mir aus nur eine Zulassung zur Besserung der Menschen, aber darum keine
irgend aus Meiner Willensallmacht hervorgehende Bestimmung.
[GEJ.10_182,02] Siehe, die Urmenschen, die in
der gleichen, ihnen durch Meinen Geist gezeigten Ordnung und Einfachheit
geblieben sind, wußten von keiner dem Leibestode vorangehenden Krankheit etwas;
sie erreichten zumeist ein sehr hohes Alter, wurden nie krank und schliefen am
Ende ganz ruhig ein, und ihre Seele empfand dabei keine Schmerzen und keine
Todesangst.
[GEJ.10_182,03] Ihre Nahrung war aber auch
immer eine gleiche, und nicht heute so und morgen anders. Zumeist lebten sie
von Milch, Brot und guten und reifen Baumfrüchten; ein solches Gericht war ihr
ganzes Leben hindurch ihre Leibesnahrung, und zur Stillung ihres Durstes diente
das frische Quellwasser.
[GEJ.10_182,04] Aus diesem Grunde waren ihre
Leibesnerven stets von denselben guten und unschädlichen Seelensubstanzen
ernährt, und es konnte sich keine böse, unreine und somit schädliche
Seelensubstanz in den Leib hineinschmuggeln; daher blieben diese Menschen stets
gleich kräftig und gesund, sowohl geistig als auch leiblich.
[GEJ.10_182,05] Aber besehet jetzt in dieser
Zeit und auch schon in den viel früheren Zeiten die vielen tausend allerartigen
Leckerbissen, mit denen die Menschen ihre Mägen und Bäuche füllen, und es wird
dir gleich klarwerden, welch eine Unzahl von allerlei ungegorenen, somit
unreinen, bösen und schädlichen Substanzen bei solcher Gelegenheit oft den
ganzen menschlichen Leib in Besitz nehmen und ihn nach und nach stets mehr zu
martern und zu quälen anfangen! Denn solche verschiedenartigen Substanzen
geraten dann in einem Menschenleibe in einen beständigen Kampf, den er nur
dadurch auf eine Zeitlang zu beschwichtigen vermag, daß er zu allerlei aus der
Erfahrung bekannten Kräutern und Wurzeln seine Zuflucht nimmt und mit ihrer
Hilfe die Neigung der inneren Seelensubstanz zur Revolution stillt.
[GEJ.10_182,06] Aber solch eine Gesundheit
ist nie von einer Dauer, besonders bei dem alten Menschen, – er müßte denn auf
längere Zeit hin zur ganz einfachen Leibesernährung seine Zuflucht nehmen, was
aber gewöhnlich nicht geschieht. Denn die meisten Menschen, so sie dem Leibe
nach wieder durch eine glücklich gewählte Medizin nur erträglich gesünder
werden, bekommen bald wieder Lust zu ihren alten Leckereien, werden darauf
kränker, als sie ehedem waren, fangen an zu siechen und nehmen gewöhnlich ein
sehr schmerzliches Ende.
[GEJ.10_182,07] Siehe, darum hat auch Moses
den aus der harten Knechtschaft Ägyptens erlösten Israeliten den Speisezettel
vorgeschrieben! Die streng nach demselben lebten, blieben gesund bis in ihr
hohes Alter; aber gar viele sehnten sich nur zu bald nach ihren ägyptischen
Fleischtöpfen, und die Folge war, daß sie darauf bald krank, schwach und
mühselig wurden und unter allerlei Leibeskrankheiten ihr diesirdisches Leben
beschließen mußten.
[GEJ.10_182,08] Und eine noch größere
Betrübnis in dieser Hinsicht stellt sich bei den Kindern heraus.
[GEJ.10_182,09] Erstens haben schon die
Eltern früher nach links und rechts hin gesündigt und ihren Leib dadurch mit
einer großen Anzahl von bösen und schädlichen Seelensubstanzen angefüllt, und
das Kind war somit von einem sündigen Vater in den Leib einer noch sündigeren
Mutter hinein gezeugt. Frage: Wie soll aus einem solchen Leibe ein gesundes
Kind hervorgehen?
[GEJ.10_182,10] Und zweitens ist die Mutter
in ihrer Schwangerschaft am meisten lüstern nach allerlei Leckereien, und ihre
Angehörigen wissen ihr keinen besseren Dienst zu erweisen, als nach Möglichkeit
dem Verlangen des schwangeren Weibes nachzukommen.
[GEJ.10_182,11] Bei dieser Gelegenheit
bekommt das Kind den zweiten Stoß in seiner Gesundheit. Es ist nicht genug, daß
es schon völlig krank aus dem Mutterleibe kam, sondern es muß darauf gleich mit
einer noch schlechteren Muttermilch genährt werden. In dem besteht dann der
zweite, noch gewaltigere Stoß in die Grundfeste der Gesundheit eines Kindes.
[GEJ.10_182,12] Ist ein Kind aus diesen zwei
Gesundheitsstößen noch so glücklich als möglich mit allerlei Arzneimitteln
sozusagen mit heiler Haut davongekommen, dann kommt noch ein dritter
Gesundheitsstoß. Das Kind wird natürlich größer, neckischer und für seine
Umgebung liebenswürdiger. Da wird es dann bald über alle Maßen verzärtelt und
mit allerlei Naschereien versehen; denn solche dummen Eltern können ihrem
Zärtling nichts versagen. Was aber ist die Folge davon? Daß das Kind sich
dadurch schon frühzeitig den Magen und die nötigen Verdauungswerkzeuge derart
verdirbt und schwächt, daß es dann bald in allerlei Leibeskrankheiten verfällt
und auch bald stirbt.
[GEJ.10_182,13] Manche Kinder sterben schon
im Mutterleibe, eine bei weitem größere Anzahl bald nach der Geburt in zwei bis
drei Jahren, die meisten aber von vier bis zwölf. Die aber dann noch in ein
reiferes Alter gelangen, müssen erstens gescheite und vernünftige Eltern haben
und ein keusches und diätes Leben führen, sich nicht erzürnen und ärgern. So
können sie zu einer noch ganz guten und erträglichen Gesundheit gelangen und
auch sechzig – siebzig – achtzig Jahre und darüber alt werden; aber dann ist
ihr Alter selbst schon so gut wie eine Krankheit, die immerwährend noch als
eine Folge vom Mutterleibe und zumeist aber auch von den Jugendsünden herrührt.
[GEJ.10_182,14] Aus dieser kurzen Darstellung
ersiehst du, daß Ich durchaus nicht und nie der Urheber der menschlichen
Leibeskrankheiten war, sondern die Menschen selbst, und zwar von dem Zeitpunkte
an, als sie leichtsinnig und mutwillig genug Meine ihnen allzeit gegebenen
Gebote und Regeln stets mehr und mehr zu verlassen anfingen und ihrem Verstande
und ihrem Willen folgten, der durch die bösen Geister, die sich in der Luft,
der Erde und im Wasser aufhalten, stets mehr und mehr verfinstert und verwirrt
wurde.
[GEJ.10_182,15] Die Alten wußten recht gut,
daß die Nacht im Freien nicht der Menschen Freund ist; aber dennoch führten sie
ihre großen Spekulationen in der Nacht aus. Jede solcher übermäßigen
Spekulationen ist aber gleich einer Dieberei und Mörderei, die – wie dir
wohlbekannt – zumeist in der Nacht ausgeübt wird.
[GEJ.10_182,16] Die Erde ist groß genug, um
noch tausendmal so viele Menschen zu ernähren, als jetzt Menschen auf der Erde
leben; aber die Habsucht, der Geiz und die Spekulationssucht hat die Ländereien
abgegrenzt und abgemarkt, und die am meisten Reichen, Geizigen und Mächtigen
haben oft die größten und besten Ländereien zu ihrem Eigentum gemacht und jeden
verfolgt, der sich da widersetzen wollte. Und so kam es, daß mancher Mensch um
hunderttausendmal der besten Ländereien mehr besitzt, als er zum Unterhalt
seiner selbst und seines Hauses vonnöten hätte.
[GEJ.10_182,17] Dafür mußten dann wieder
viele Hunderttausende sich an die Meeresküsten begeben und sich ihre schlechte
und ungesunde Nahrung aus dem Meere verschaffen. Dadurch ward die Schiffahrt
erfunden, und die Menschen umschifften nach weit und breit die Ufer des Meeres
und jagten keck den Schätzen und Reichtümern nach, welche das Meer in sich
barg; und so leben heutzutage ganze große Völker am Meere und aus dem Meere,
was alles bei den ersten Menschen der Erde nicht der Fall war.
[GEJ.10_182,18] Wenn aber also – wie die
Erfahrung lehrt –, wie kann ein nur einigermaßen vernünftiger und verständiger
Mensch noch von ferne hin denken, daß die in dieser Zeit über alle die Maßen
aus der früheren Ordnung getretenen Völker ebenso gesund sein und bleiben
sollten wie diejenigen ersten Menschen der Erde, die schon vom Mutterleibe an
niemals aus dieser Ordnung getreten sind?
[GEJ.10_182,19] Die gegenwärtige Krankheit
vor dem Leibestode der Menschen ist demnach nichts anderes als die Folge der
nahe gänzlichen Verlassung der alten Ordnung, ist aber auch zugleich ein Hüter
der in manchen Menschen noch gesunden Seele, auf daß diese sich dann nach und
nach aus ihrem schlechten Fleische zurückzieht, sich dadurch den Fesseln der bösen
Seelesubstanzen ihres Leibes entwindet und, wenn diese ihr zu arg zu
wirtschaften anfangen, sich mit Hilfe ihres besseren jenseitigen Geistes noch
rechtzeitig aus ihrem Leibe für immer entfernt und darauf ewig nimmer nur den
allerentferntesten Wunsch hat, sich je wieder in einen Leib zu begeben, –
außer, sie ist schon als völlig böse aus dem Leibe getreten und sucht dann, um
sich am Fleische recht bitter rächen zu können, in das Fleisch eines auf der
Erde noch lebenden Menschen zu dringen und dasselbe auf die grausamste und
unbarmherzigste Weise zu quälen, was ihr schon häufig gesehen und erlebt habt
an den von bösen Geistern besessenen Menschen.
[GEJ.10_182,20] Und mit dem, Mein Freund, habe
Ich dir deine gestrige Frage sicher zur Übergenüge klar beantwortet. Wir wollen
sonach die heutige Gazellenjagd und dergleichen mehr ein wenig näher in
Augenschein nehmen!“
183. Kapitel
[GEJ.10_183,01] (Der Herr:) „Du kannst auf
der ganzen Erde hin und her gehen und du wirst der äußeren Erscheinung nach
nichts als lauter Erzfeindschaft unter den Kreaturen finden.
[GEJ.10_183,02] Betrachte nur einmal die
Sonne, die doch sicher die größte Wohltäterin für die Erde und alle Kreaturen
ist; denn durch ihr Licht und ihre Wärme fängt alles an, sich neu zu beleben
und wächst und wird stark. Das Pflanzenreich entsprießt wie neu dem Boden der
Erde, bringt Frucht in der Ordnung seiner Art, und die Bäume werden saftig,
treiben Knospen, Blätter, Blüten, und ihnen folgt die nach und nach reifende
Frucht.
[GEJ.10_183,03] Eine zahllose Menge der
mannigfachsten Art von geflügelten Insekten haben Eier gelegt, der Sonne Licht
und ihre Wärme brüten sie aus und erfüllen die Luft mit zahllosen kleinen und
größeren Kreaturen.
[GEJ.10_183,04] So geht es mit den Vögeln,
mit den Fischen im Wasser und zahllos anderem Getier in diesem Element, und
selbst die andern Tiere und die Menschen haben die größte Freude an der Sonne,
und sie ist somit, was Ich gesagt habe, wohl sicher die größte Wohltäterin der
Erde und ihrer Kreaturen, – aber auch zugleich die größte Feindin der Erde und
ihrer Kreaturen.
[GEJ.10_183,05] Denn siehe, es geht (dauert)
gar nicht lange und die Sonne hat alles auf dem Erdboden ins Leben gerufen; sie
nimmt dann zu an Licht und Wärme, und das in einem solchen Grade, daß sie im
Sommer alles wieder tötet, was sie im Winter und Frühjahr geschaffen hat.
[GEJ.10_183,06] Eure Gegend hier ist selbst
ein Beispiel davon. In der zweiten Hälfte des Winters bis zur ersten Hälfte des
Frühjahres grünt alles, und eure Gegend sieht wie ein Paradies aus. Was ist sie
jetzt? Kaum im halben Herbst eine Steppe, in der man nur höchst selten irgend
etwas Grünes noch findet. Alles ist verdorrt und ausgestorben.
[GEJ.10_183,07] Begib dich aber erst nach
Afrika hinein, oder in die südlichsten Teile Arabiens, und du wirst viele
Tagereisen weit zu machen haben, ohne irgend etwas Lebendes anzutreffen; denn
die Hitze der Sonne tötet alles, was sie allenfalls in einem Winter noch zum
Vorschein gebracht hatte.
[GEJ.10_183,08] In den sogenannten gemäßigten
Erdgürteln geht es noch am löblichsten zu; aber dafür dauern dort die
Winterzeiten um vieles länger denn hier, und Pflanzen und Tiere gedeihen nicht
mehr in solch üppiger Fülle wie in diesen warmen Erdstrichen. Und so wirst du
allenthalben auf der Erde finden, daß die Sonne einesteils die größte
Wohltäterin der Erde, andernteils aber wieder ihre größte Feindin ist.
[GEJ.10_183,09] Selbst das Meer, das unter
den hauptheißen Gürteln liegt, ist, wenn die Sonne ihre größte Kraft
entwickelt, sehr wenig von Fischen und andern Meerestieren belebt; diese
flüchten sich dann entweder mehr gegen Norden oder mehr gegen Süden, je nachdem
die Sonne entweder mehr auf der einen oder auf der andern Hälfte ihre größte Hitzkraft
entfaltet.
[GEJ.10_183,10] Und siehe, in welchem
Verhältnis die Sonne zur Erde steht, in demselben Verhältnis befinden sich alle
die Kreaturen auf Erden gegenseitig mehr oder weniger!
[GEJ.10_183,11] So ist dies zum Beispiel
schon unter den Elementen der Fall. Ist das Wasser nach der Sonne nicht einer
der größten Wohltäter auf der Erde? Wünscht sich nicht ein jeder Landmann,
dessen Äcker, Wiesen und Gärten trocken werden, einen segenvollen Regen? Und so
dieser kommt, jauchzt gewisserart alle Kreatur voll Freuden auf!
[GEJ.10_183,12] Lassen wir aber statt eines
segensvollen Regens heftige Wolkenbrüche auf Wolkenbrüche kommen, und niemand
auf der ganzen Erde wird deren Nützlichkeit loben; denn sie zerstören durch
ihre mächtigen Fluten alles, was ihnen unterkommt, und hinterlassen dann weit
gedehnt einen wüsten Boden, welchem der Menschenfleiß oft nach Jahrhunderten
bei aller Anstrengung keine Nutzbarkeit mehr abgewinnen kann.
[GEJ.10_183,13] Ebenso sind die verschiedenen
Winde überaus große Wohltäter für den Boden der Erde und für die physische
Gesundheit aller Kreaturen. Arten sie aber in große Stürme und Orkane aus, da
stiften sie wenig Nutzen, sondern nur Schaden, das heißt vom Gesichtspunkt
eurer menschlichen Vernunft aus betrachtet, weil diese die vehementen
Erscheinungen in ihrem Wirken zu einem großartigen nützlichen Zwecke hin nicht
zu beurteilen imstande ist.
[GEJ.10_183,14] Also geht es auch unter den
Pflanzen, unter denen es viele edle gibt, aber noch mehr unedle, die ihr mit
dem Worte ,Unkraut‘ bezeichnet. So jemand einen reinen Acker hat zur Aussaat
des Weizens und der Gerste, so werden diese zwei edlen Getreidegattungen auch
rein und wohl gut gedeihen; so aber ein Feind käme und säte ihm zur Nachtzeit
eine Menge Unkrautsamen auf seinen Weizen- und Gerstenacker, und das Unkraut
ginge dann zwischen dem edlen Getreide auf, so wird es dasselbe bald erdrücken
und ersticken.
[GEJ.10_183,15] Es gibt überhaupt
Pflanzengattungen, die keine andere Pflanze emporkommen lassen, wenn sie sich
irgendeines größeren oder kleineren Landstriches ordentlich bemächtigt haben.
[GEJ.10_183,16] Und ebenso hast du jetzt
dasselbe auch im Reiche der Tiere vor dir. Eines dient dem andern dem Fleische
nach zum Fraße und zur Nahrung, und der Mensch, als seinem Fleische nach selbst
tierischer Art, ist und bleibt das größte Raubtier. Denn eine Gazelle, ein
Schaf flüchten, so sie einen Wolf, Bären, Löwen, Tiger und dergleichen reißende
Tiere mehr in ihre Nähe kommen sehen; der Mensch aber, so er mit allerlei durch
seinen Verstand erfundenen Waffen versehen ist, ergreift die Flucht vor solchen
bösen Tieren nicht, sondern macht nur gierig Jagd auf sie, um sich ihres
Pelzwerks zu bemächtigen und mitunter auch ihr Fleisch in einen
wohlschmeckenden Braten am Feuer umzuwandeln.“
184. Kapitel
[GEJ.10_184,01] (Der Herr:) „Deine Frage
besteht aber eigentlich darin: warum Ich solche Feindseligkeiten auf einem
Weltkörper, wie diese Erde einer ist, zulasse. Und Ich sage dir darauf, daß es
außer dieser Erde eine zahllose Menge von viel größeren Erdkörpern gibt, und du
wirst auf ihnen entweder gar keine oder nur höchst wenige der diesirdischen
Feindseligkeiten unter den Kreaturen antreffen.
[GEJ.10_184,02] Ja, warum denn das gerade auf
dieser Erde? Und Ich sage dir: Weil eben die Menschen dieser Erde ihrer Seele
und ihrem Geiste nach also gestellt sind, daß sie Kinder Gottes werden können,
wodurch sie dann eben dasselbe vermögen, was Ich Selbst vermag, darum es denn
auch schon zu den Alten ist gesagt worden durch den Mund der Propheten: ,Ihr
seid Meine Kinder und somit Götter, wie Ich, als euer Vater, Gott bin!‘
[GEJ.10_184,03] Um aber eine Seele so zu
stellen, so muß sie, wie man zu sagen pflegt, nach einer langen Reihe von
Jahren aus einer Unzahl von Seelenpartikeln aus dem Reiche aller Kreaturen auf
dieser Erde gewisserart zusammengefügt werden, und es ist dieses Zusammenfügen
der oft endlos vielen Kreaturseelen eben das, was die alten Weisen, die davon
wohl Kenntnis hatten, die ,Wanderung der Seelen‘ nannten.
[GEJ.10_184,04] Die äußeren materiellen
Formen der Kreaturen verzehren sich wohl gegenseitig, dadurch aber werden viele
in den Kreaturen wohnende Seelen frei, und es vereinigen sich die gleichartigen
und werden in eine nächste, höhere Stufe wieder in eine materielle Form
eingezeugt, und so fort bis zum Menschen.
[GEJ.10_184,05] Und wie es mit der Seele
geht, so geht es auch mit ihrem jenseitigen Geiste, der der eigentliche
Erwecker, Fortführer, Bildner und Erhalter der Seelen ist bis zur
Menschenseele, die dann erst in ihre volle Freiheitssphäre tritt und sich
selbst in der moralischen Hinsicht weiter fortzubilden imstande ist.
[GEJ.10_184,06] Wenn die Seele sich bis zu
einem gewissen Grade der geistigen Vollkommenheit durch sich selbst erhoben
hat, dann erst vereinigt sich ihr jenseitiger Licht- und Liebegeist mit ihr,
und der ganze Mensch beginnt von da an, Gott in allem ähnlicher und ähnlicher
zu werden; und wird dann der Leib von der Seele genommen, so ist sie dann schon
ein vollkommen gottähnliches Wesen und kann aus sich heraus alles ins Dasein
rufen und auch weise erhalten.
[GEJ.10_184,07] Das, was Ich dir jetzt gesagt
habe, findet aber nur auf dieser Erde statt und auf keinem andern Weltkörper
sonst in solch überschwenglicher Fülle wie eben auf dieser Erde, und wer
Verstand hat, der verstehe es aus dem Grunde: Weil diese Erde eben Meinem
Herzen entspricht, Ich Selbst aber auch nur ein Herz und nicht mehrere Herzen
besitze, so kann es auch nur einen Weltkörper geben, von Mir aus gestellt, der
Meinem Herzen und zwar dessen innerstem Lebenspunkte völlig entspricht.
[GEJ.10_184,08] Das wirst du nun freilich
nicht ganz klar einsehen, und wollte Ich das deinem Verstande möglichst
klarmachen, so hätten wir über tausend Jahre lang zu tun, bis du Meine innere
Weisheit nur ein wenig heller zu verstehen anfingst.
[GEJ.10_184,09] Wenn aber du eins wirst mit
Meinem Geiste in deiner Seele, so wirst du auch in einem Augenblick mehr
einsehen und begreifen, als du jetzt selbst auf dem Wege des mühsamsten Forschens
in tausend Jahren begreifen und einsehen würdest.
[GEJ.10_184,10] Und jetzt, weil Ich gerade da
bin und Mir alle Dinge möglich sind, will Ich dir zeigen, was aus der heutigen,
von dir gesehenen und beobachteten Jagd in seelischer Hinsicht geworden ist.“
185. Kapitel
[GEJ.10_185,01] (Der Herr:) „Du hast noch
gesehen, wie der Riesenaar sich am Ende des schon mit der Gazelle gesättigten
Schakals bemächtigt hat, mit ihm in die Höhe flog und ihn dann auf einen
steinigen Boden herabfallen ließ, bei welcher Gelegenheit dieses Raubtier auch
seinen sicheren Tod fand, darauf aber von dem Aar wieder ergriffen und weit
nach Süden hin getragen wurde, wo der Aar zwischen den Steinfelsen sein Nest
und Domizil hatte. Dort mit seiner Beute angekommen, ließ er sie abermals, da
sie ihm schon etwas zu schwer wurde, von einer ziemlichen Höhe hinabfallen.
[GEJ.10_185,02] Die Beute aber prallte gegen
eine Felsenwand und fiel in eine ziemlich tiefe Talschlucht hinab. In dieser
Talschlucht weideten arabische Hirten ihre spärlichen Herden und ersahen bald,
wie sich der Riesenaar, als ein diesen Hirten bekannter Feind ihrer Herden,
stets mehr und mehr in die Tiefe herabsenkte, um seine ihm zu tief ins Tal
hinabgefallene Beute zu holen.
[GEJ.10_185,03] Als die Hirten solches merkten,
spannten sie sogleich ihre Bogen und zielten nach dem sich stets tiefer
herabsenkenden Aar, und als er nach ihrer Berechnung tief genug herunter kam,
schossen sie ihre Bogen mit den scharfen Pfeilen los, – und siehe, der Aar ward
von drei Hirten wohl getroffen, fiel tot in die Talschlucht und ward als eine
ordentliche Siegestrophäe von den Hirten in Empfang genommen. Der arme Schakal
mit seiner Gazelle aber liegt noch zwischen den niederen Felsen, in die er
hinabgefallen ist, und wird erst nach einiger Zeit von andern Raubvögeln
verzehrt werden.
[GEJ.10_185,04] Und nun sieh her! Da vor der
Tür steht schon eine Menschengestalt, wie die eines Kindes, und wartet, bei
einer nächsten Zeugung in den Leib einer Mutter aufgenommen zu werden. Und
hinter dieser Seelenerscheinung siehst du eine Lichtgestalt; das ist schon
dieser Seele jenseitiger Geist, der dafür Sorge tragen wird, daß diese –
gegenwärtig noch – Naturseele bei der allernächsten Gelegenheit in einem
Mutterleibe versorgt wird.
[GEJ.10_185,05] Und nun hast du auch das
gesehen, wie aus den letzten drei, schon vollkommenen Tierstufen – freilich mit
vielen tausend Vorangängen – eine Menschenseele zum Vorschein gekommen ist.
[GEJ.10_185,06] Es wird davon ein männliches
Kind zur Welt geboren werden, aus dem, so es wohl erzogen wird, ein großer Mann
werden kann. Das Gemütliche (Gemütvolle) der Gazelle wird sein Herz regieren,
das Schlaue des Schakals seine Vernunft und das Kräftige des Riesenaars seinen
Verstand, seinen Mut und seinen Willen. Sein Hauptcharakter wird ein
kriegerischer sein, den er aber durch sein Gemüt und durch seine Klugheit
mäßigen und also ein sehr brauchbarer Mensch in was immer für einem Stande
werden kann. Wird er aber ein Krieger, so wird er zwar auch durch seinen Mut
Glück haben, aber ebenfalls eine Beute der andern kriegerischen Waffen werden.
[GEJ.10_185,07] Damit du das Kind aber gleich
von der Geburt an beobachten kannst, so wird dein irdischer Nachbar schon im
nächsten Jahre als sein Vater auftreten können.
[GEJ.10_185,08] Und nun weißt du alles, und
Ich habe dir nun etwas gesagt und gezeigt, was Ich bis jetzt noch keinem
Menschen in der Art gesagt und gezeigt habe. – Aber nun nehmen wir wieder etwas
Brot und Wein und stärken uns nach dieser ziemlich lang anhaltenden Erklärung!“
186. Kapitel
[GEJ.10_186,01] Dieser Mein Rat wurde auch
sogleich befolgt. Wir nahmen alle wieder Brot und Wein zu uns, und die
anwesenden Pharisäer sagten: „Nun glauben wir erst ganz, daß Du der Herr und
der wahrhaftige Christus bist! Denn derlei Geheimnisse in der großen Natur
können nur Dir allein und sonst keinem Menschen auf der ganzen Erde bekannt
sein.“
[GEJ.10_186,02] Und darauf sagten Meine
Jünger: „Herr und Meister! Ähnliches hast Du uns hie und da auch schon vor den
Menschen gezeigt, aber uns selbst hast Du eigentlich noch nie auf solche
Naturgeheimnisse tiefer aufmerksam gemacht und sie uns auch nicht also erklärt;
merkwürdig bleibt es von Dir aus immer, daß Du unter den Heiden viel offener
sprichst als unter uns Juden!“
[GEJ.10_186,03] Sagte Ich: „Seid ihr denn
noch so kurzsichtig und begreifet den Grund davon nicht? Wann seid ihr von
eurer Geburt an naturkundige Menschen geworden? Ihr forschtet nie über eine
oder die andere Erscheinung nach, ließet sie gehen, wie sie gekommen ist, und
es war euch ganz gleichgültig, ob am Ende ein Wolf ein Schaf zerreißt und
auffrißt oder am Ende gar ein mutiger Widder einen Wolf niederstößt und ihm
entweder den Garaus macht oder ihn jählings in die Flucht treibt.
[GEJ.10_186,04] Ihr seid wohl allzeit recht
eifrige Befolger des Gesetzes Mosis gewesen, aber um die Gesetze in der Natur
habt ihr euch selten oder nahezu gar nie gekümmert, und Ich wußte darum wohl,
in was Ich euch zuerst zu unterweisen und ins rechte Licht zu führen habe;
alles andere, was euch not tut, werdet ihr bei Gelegenheit bei Mir schon nach
und nach in Erfahrung bringen.
[GEJ.10_186,05] Es ging manchem von euch
anfangs schwer und bedenklich, Mich für mehr als einen Propheten zu halten. Da
es euch aber nun klargeworden ist – obschon nicht allen von euch im gleichen
Maße –, daß Ich der wahrhaftige Messias bin, so ist es auch für euch an die
Zeit gekommen, daß ihr so manches andere aus dem Gebiete der Natur der Erde
auch näher erklärt und enthüllt bekommt; aber gründlich verstehen und einsehen
werdet ihr alles das auch erst dann, so ihr von Meinem Geiste erfüllt sein
werdet.
[GEJ.10_186,06] Aber dann werdet ihr es auch
einsehen, daß man mit derlei Erklärungen in dieser noch stockfinsteren Zeit
nicht auftreten kann, namentlich unter den Juden, die bis jetzt – besonders von
dem Sinne des ersten Buches Mosis – noch keinen Dunst von einem Verständnisse
haben und die Decke Mosis noch immer ihre innere Sehe verhüllt.
[GEJ.10_186,07] Daher werdet ihr auch genug
getan haben, so ihr eure Brüder zum Glauben an Mich erwecket; alles andere,
insoweit es not ist, wird dann schon Mein Geist in ihnen bewirken.
[GEJ.10_186,08] Die Römer aber sind
naturkundige Menschen, haben viele Erfahrungen und Beobachtungen gemacht; ihnen
sind daher auch derlei Erscheinungen und andere mehr aus dem Gebiete der Natur
zu erklären, und sie begreifen es auch und haben mehr Licht denn ihr, und Ich
sage euch noch hinzu, daß bald das Hauptlicht den starrsinnigen Juden genommen
und in Überfülle den Heiden gegeben werden wird.“
[GEJ.10_186,09] Sagte darauf ein Jünger des
Johannes: „Herr und Meister! Das ist eine Rede aus Deinem heiligen Munde, die
uns Juden nicht fröhlich, sondern nur traurig stimmen kann; denn wir sind nach
der Schrift denn doch das erwählte Volk Gottes, und Du bist Selbst aus uns
hervorgegangen. Nun sollen uns die Heiden vorgezogen und wir gewisserart
zerstreut werden unter alle Völker der Erde und kein Land und kein Haus mehr
besitzen, und mit dem Nachfolger des Königs David wird es da wohl seine
geweisten Wege haben!“
187. Kapitel
[GEJ.10_187,01] Sagte Ich: „Mein Freund, da
redest und urteilst du wohl noch wie ein Blinder! Die Juden waren ja das
erwählte Volk Gottes, – haben sie sich aber auch danach benommen, um das zu
sein und zu verbleiben, wozu sie seit Abrahams Zeiten her berufen waren? Sie
hielten wohl dem Äußern nach ganz trocken das Gesetz und priesen Gott mit ihren
Lippen, aber ihre Herzen blieben verstockt und ferne von Gott.
[GEJ.10_187,02] Sie sind durch den Mund
vieler Propheten und anderer weiser Lehrer zahllose Male ermahnt worden, wie
sie sich gegen Gott verhalten sollen; haben sie aber diese Mahnungen nur im
geringsten erfüllt?
[GEJ.10_187,03] Sie waren unter sich in einem
beständigen Streit und führten Krieg um den Besitz irdischer Güter. Einmal
bestrafte Ich sie hierfür mit der babylonischen Gefangenschaft, und zwar durch
das Schwert des allerheidnischsten Königs Nebukadnezar, und beließ sie
daselbst, damit sie sich bessern sollten, durch vierzig volle Jahre in aller
Schmach und Not, ließ sie aber dennoch nicht ohne Propheten und Lehrer.
[GEJ.10_187,04] Als sie sich wieder zu
bessern anfingen, da ließ Ich es wieder geschehen, daß sie in ihr Land
zurückziehen durften und wieder aufbauen die Stadt Jerusalem und den Tempel,
und sie wurden wieder ein angesehenes Volk.
[GEJ.10_187,05] Allein, wie es ihnen wieder
gutzugehen angefangen hatte, vergaßen sie nach und nach wieder Meiner, hörten
auf die Propheten und Lehrer nicht, sondern verfolgten sie und steinigten
mehrere von ihnen.
[GEJ.10_187,06] Als Ich sah, daß das
Judenvolk wieder Meiner Mahnungen nicht mehr zu achten begann, da erweckte Ich
die Römer; und sie kamen mit einem mächtigen Kriegsheer und eroberten nicht nur
das Gelobte Land, sondern noch weit mehr von Asien dazu und stellten harte
Pachtkönige über die Juden und auch andere Völker, beließen ihnen aber dennoch
ihre Schriften und ihren Gottesdienst.
[GEJ.10_187,07] Nun kam Ich endlich Selbst,
kam zu öfteren Malen nach Jerusalem, lehrte im Tempel und wollte das Volk als Vater,
gleich wie eine Henne ihre Küchlein, unter die Flügel Meiner Liebe, Macht und
Weisheit in Schutz nehmen. Allein, was haben Mein Erscheinen, Meine Lehre und
Meine Taten bewirkt bis jetzt? Nichts anderes, als daß man Mich von Tag zu Tag
mehr haßt, nach allen Richtungen hin verfolgt und Mich vollen Ernstes dem Leibe
nach zu töten sucht, – was denn auch den Juden in kurzer Zeit gelingen soll,
damit das durch die Schrift ihnen angedrohte Gericht an ihnen in Erfüllung
gehe.
[GEJ.10_187,08] Der alte Bund wird zu sein
aufhören, wie das auch schon der Prophet Daniel geweissagt hat, und es wird ein
neuer Bund errichtet werden, unter dem auch alle Heiden zu Erben und Besitzern
des Reiches Gottes werden. Denn die Römer haben schon einmal das Gelobte Land
erobert, aber darin nichts zerstört; kurze Zeit nach Mir werden es wieder die
Römer erobern und aber auch derart zerstören, daß von den vielen Städten –
Jerusalem nicht ausgenommen – nicht ein Stein auf dem andern verbleiben wird,
und man wird kurze Zeit darauf nicht einmal mehr zu bestimmen imstande sein,
auf welchem Punkte die eine oder die andere Stadt gestanden ist.
[GEJ.10_187,09] Wenn Ich denn nun hier gesagt
habe, daß das Licht den Juden genommen und den Heiden gegeben wird, – tat Ich
da unrecht? Oder gehe du hin und bekehre Mir alle Juden, daß sie an Mich
glauben, und Ich will mit dem letzten Gerichte für sie innehalten, den alten
Bund erneuern und ihn auch fürderhin bis ans Ende der Zeiten erhalten.
[GEJ.10_187,10] Siehe aber zu, wie es dir bei
solch einem Unternehmen ergehen wird! Ich sage dir: noch um vieles ärger, als
es ergangen ist deinem Lehrer Johannes, der in der Wüste die Werke der Buße
predigte zur Vergebung der Sünden, aber bald darauf von Herodes ins Gefängnis
geworfen wurde, der ihn hernach auf Verlangen des ehebrecherischen Weibes
Herodias enthaupten ließ.
[GEJ.10_187,11] Meinst du wohl, daß es dir
besser ergehen möchte, so du nun in Meinem Namen die hohen und stolzen Juden
von ihren Sünden zu bekehren und ihnen ihre zahllos vielen Laster vorzuhalten
anfingst?
[GEJ.10_187,12] Wenn du dieses mit nur
einigen Funken Lichtes in deinem Verstande betrachtest, so wirst du doch
einsehen, daß dieses Volkes Sündenmaß voll geworden ist, gleichwie das
Sündenmaß der Hanochiten zu den Zeiten Noahs voll geworden ist, worauf dann die
Flut kam und alle Feinde Gottes verschlang.
[GEJ.10_187,13] Oder sind die Juden zu
Jerusalem nun etwa Freunde Gottes, so sie keinen andern Sinn haben, als eben in
Mir Gott, ihren Herrn und Vater, zu fangen und zu töten? Sollte man solch ein
Volk noch weiter bestehen lassen?
[GEJ.10_187,14] Siehe, das geht nicht der
vielen andern Auserwählten willen, darum Ich denn auch die Zeit bis zum
Untergange Jerusalems und seines Volkes sehr abkürzen will und kommen lassen
das Gericht!“
188. Kapitel
[GEJ.10_188,01] (Der Herr:) „Ja, es werden
viele Juden auch an Mich glauben, und es glauben schon viele; aber es wird gar
nicht lange dauern, so werden sich unter ihnen eine Menge erheben, und ein
jeder wird von Mir ein anderes Evangelium schreiben und predigen, wie das schon
gar jetzt an vielen Orten der Fall ist, wodurch dann viele falsche Christusse
entstehen werden. Denn diese falschen Ausbreiter Meiner Lehre werden zu ihren
Jüngern sagen: ,Sehet, das ist der wahre Christus, – was ich wohl wissen muß,
da ich Sein Augenzeuge war!‘ Und ein anderer wird von seinem Christus dasselbe
behaupten.
[GEJ.10_188,02] Und so werden diese falschen
Propheten bald auch unter den Heiden eine große Verwirrung anrichten, weil sie
fürs erste als Juden leichter Glauben finden werden als irgend von Mir erweckte
Heiden, und werden unter dem Titel ,in Meinem Namen‘ auch falsche Wunder und
Zeichen tun und dadurch denn auch viele Menschen verführen und sie für ihre
falschen Christusse eingenommen machen.
[GEJ.10_188,03] Ich sage euch das darum nun,
daß ihr es dann wissen könnet, so ihr selbst noch auf solche falschen Propheten
stoßen werdet, und ihnen dann nicht glaubet, was sie lehren, sondern in Meinem
Namen wider sie zeuget und das Volk vor ihnen warnet, die falschen Propheten
selbst aber strafet und sie von der Ausbreitung Meiner Lehre abhaltet.
[GEJ.10_188,04] So ihr in diesem Geschäfte
lau sein werdet, da werdet ihr gleichen einem Salze, das faul und unnütz
geworden ist. Ist aber das Salz faul und unnütz geworden, womit soll man dann
die Speisen würzen? Darum lehret die Völker vor allem, daß sie sich vor den
falschen Propheten hüten sollen und nicht glauben ihren Worten noch ihren
Zeichen!
[GEJ.10_188,05] Ihr selbst aber werdet nicht
uneins, weder im Wort noch in der Tat, – sondern gebet alles also den Menschen
wieder in voller, sich in nichts widersprechender Wahrheit, – wie ihr es von
Mir überkommen und bei Mir gesehen habt! Denn so ihr untereinander uneins
werdet und der eine dieses und ein anderer etwas anderes reden wird, so werdet
ihr dadurch selbst den unheilvollen Samen der Zwietracht in Meine Lehre legen
und euch dafür bei Mir wenig Lobes und Lohnes zu erfreuen haben. Am meisten
aber wird man euch als Meine echten Jünger dadurch erkennen, daß ihr euch
untereinander liebet, wie auch Ich euch stets geliebt habe, und niemals in
einen Zank und Hader verfallet, wie das bei den falschen Propheten nur zu bald
der Fall sein wird, bei denen ein von ihnen gepredigter Christus den andern
unter allerlei Fluch und Verdammnis verfolgen wird, wodurch Meine euch gegebene
Lehre ebenso wird zerbrochen werden müssen wie in kurzer Zeit Jerusalem und
andere Städte, da kein Stein auf dem andern ganz gelassen wird.
[GEJ.10_188,06] Ich werde aber Meine Lehre
schon auch ganz rein bis an das Ende der Zeiten zu erhalten verstehen. Aber
wehe mit der Zeit allen Widerchristen! Sie sollen nicht viel länger ihr Unwesen
treiben, als die Juden seit Mosis Zeiten bis auf Mich herab ihr Unwesen mit Mir
getrieben haben, und Ich werde sie mit einem Weltgericht heimsuchen, das noch
ärger sein wird denn das zur Zeit Noahs, Sodoms und Gomorras und vieler anderer
Städte und Völker mehr bis auf diese Zeit.
[GEJ.10_188,07] Bei den Meinigen aber werde
Ich gleichfort verbleiben bis ans Ende der Zeiten und werde unterschiedlich zu
ihnen kommen, bald hier und bald dort; und werde Selbst ihr Lehrer sein in
allen Dingen, – denn Ich werde dann auch kommen wie ein Blitz, der vom Aufgange
bis zum Untergange leuchtet und alles erhellt, was auf der Erde finster und
dunkel war.
[GEJ.10_188,08] Und siehe, das große Licht
dieses Blitzes wird sie, die Widersacher nämlich, also zerstören, wie das Licht
des Blitzes die Krebse tötet, so es sie irgend überscheint! Es besteht darin
eine Entsprechung mit solchen Menschen, die den Fortschritt in Meinem Lichte
scheuen und sich gleichfort gleich den Israeliten nach den vollen Fleischtöpfen
des finstern Ägyptens zurücksehnen. Und so hat der Krebs, der vorzüglich in
Ägypten daheim ist, denn auch diese Eigenschaft, daß er gewöhnlich im finstern
Schlamme seine Nahrung sucht; und so er noch von Zeit zu Zeit ans Licht
hervorkriecht, da macht er alsbald wieder eine rückgängige Bewegung und sucht
wieder seinen finstern Schlamm auf.
[GEJ.10_188,09] Und sage Mir: Gleichen die
heutigen Juden im Gelobten Lande nicht noch vollkommen jenen durch Moses aus
Ägypten befreiten Israeliten, die sich in der Wüste, statt sich
vorwärtszubewegen, um ins Gelobte Land zu gelangen, nur nach den ägyptischen
Fleischtöpfen zurücksehnten und darum Moses schmähten, daß er sie aus Ägypten
geführt hatte, wo es ihnen so gut ergangen sei? Sind derlei Menschen nicht zu
vergleichen den häßlichen Schlammtieren, die das Licht des Blitzes nicht
ertragen können und sich ihres Fraßes wegen stets nach rückwärts statt nach
vorwärts bewegen?
[GEJ.10_188,10] Und Ich habe daher auch zu
ihrem endlichen Gerichte das vorgesehen und bestimmt, daß sie am Ende alle
umkommen sollen durch das Feuer und Licht Meines Blitzes.
[GEJ.10_188,11] Und so wird das in Erfüllung
gehen, was Ich euch schon einmal bei einer Gelegenheit gesagt habe, daß Ich am
Ende die Erde von ihrem Unrate durchs Feuer werde reinigen lassen.
[GEJ.10_188,12] Damit meine Ich dir mehr als
zur Übergenüge den Grund gezeigt zu haben, warum das Licht den Juden genommen
und den Heiden gegeben wird.
[GEJ.10_188,13] Es werden zwar die Juden für
sich unter den Heiden noch fortbestehen unter allen Völkern der Erde und werden
noch auf einen Messias hoffen, der aber nicht mehr kommen wird, und sie werden
darum fortwährend gleichen den Tieren, wie da sind die Hunde und die Schweine;
denn ein Hund kehrt immer zu dem zurück, was er gespien hat, und ein Schwein zu
der Sumpflake, in der es sich gebadet und beschmutzt hat.
[GEJ.10_188,14] Und die dreifache Decke vor
dem Antlitze Mosis wird vor ihren Augen hängenbleiben, indem sie das helle
Licht der Himmel nicht ertragen und darum den inneren Sinn der Schriften Mosis
und der Propheten nie erfassen und begreifen werden.
[GEJ.10_188,15] Bist du mit dieser Meiner
wohlgegründeten Erklärung nun wohl zufrieden?“
[GEJ.10_188,16] Sagte der Jünger des
Johannes: „O Herr und Meister, ich muß wohl damit zufrieden sein, da ich es
jetzt wohl nur zu klar einsehe, daß es gerade also ist und auch in der Folge
sein wird, wie Du das hier nun in aller Klarheit uns allen geoffenbart hast.
[GEJ.10_188,17] Oh, wer kann dafür, daß die
Menschen ihren freien Willen so sehr mißbrauchen und sich lieber am Gängelband
der Teufel herumführen und verführen lassen, als zu folgen Deinem Rate, der sie
in alle Freiheit erheben möchte und ihnen geben das ewige Leben in Deinem
Reiche!
[GEJ.10_188,18] Allein ich hoffe, daß Dir, o
Herr und Meister, noch gar viele Mittel übrigbleiben werden, um mit den Zeiten
der Zeiten auch aus den Krebsen Menschen hervorzurufen, die Dich erkennen werden;
denn darum hast Du sie denn doch nicht auf diese Welt kommen lassen, auf daß
sie für ewig hin auch ihren Seelen nach also Krebse verbleiben sollen?“
[GEJ.10_188,19] Sagte Ich: „Was für die
langen Zeiten der Zukunft vorbehalten ist, das liegt im Rate Meiner Liebe und
Weisheit verborgen; die Zeiten aber werden noch lange dauern, bis die letzte
der Sonnen verglühen wird. Die Menschen werden sehen viele Sterne am Himmel
verlöschen und wieder andere an ihre Stelle treten, – aber die eigentlichen
Krebse werden noch nicht viel von ihrer häßlichen Gestalt dabei verloren haben.
Doch bei Mir sind tausend Erdenjahre wie ein Augenblick; was die eine lange
dauernde Zeit nicht zu bewirken vermag, das vermag vielleicht eine nächste oder
tausendste Zeitperiode.
[GEJ.10_188,20] Wer da will, daß ihm geholfen
werde, dem soll auch in Kürze geholfen werden; wer aber in seinem Starrsinne
beharren will, der verharre, solange es ihm beliebt, – und will er darin ewig
verharren, so steht es ihm auch frei! Denn auch das innere Materielle der Erde,
wie auch das der endlos vielen andern Weltkörper, braucht seine
Erhaltungsnahrung, und es wird gar entsetzlich lange hergehen (dauern), bis ein
inneres Erdatom wieder bis auf die Oberfläche der Erde heraufgelangen wird.
[GEJ.10_188,21] Dieses wirst du zwar nicht
verstehen, was Ich damit sagen will: Der verlorene Sohn ist wohl schon auf der
Umkehr, aber es wird noch nahe endlos lange Zeiten vonnöten haben, bis er
vollends in das alte Vaterhaus zurückgelangen wird.
[GEJ.10_188,22] Im kleinen Maßstabe gleicht
freilich jeder Sünder einem verlorenen Sohn, über dessen wahre Rückkehr größere
Freude sein wird als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.
[GEJ.10_188,23] Aber das Wort, das Ich zu
euch rede, gilt nicht allein nur für diese Erde, sondern entsprechenderweise
für die ganze Unendlichkeit; denn Meine Worte sind nicht Menschenworte, sondern
Gottesworte, werden auch von den zahllosen Myriaden von Engeln vernommen und
von einem Ende Meiner endlos vielen Schöpfungen zum andern als wirksam
getragen.
[GEJ.10_188,24] Dieses verstehest du auch
nicht; wenn du aber im Geiste wiedergeboren sein wirst, so wirst du auch in die
endlose Tiefe Meiner Erbarmungen schauen können. Vorderhand aber begnüge dich
mit dem, was du vernommen hast; denn Ähnliches, wie Ich jetzt zu euch geredet
habe, werde Ich in dieser Welt nicht vieles mehr reden! Darum behaltet das bei
und in euch bis zur Zeit eurer inneren Erleuchtung, nach der auch ihr mit den
Verständigen und Erleuchteten werdet reden können von allem, was ihr von Mir
vernommen habt; aber vor den Unverständigen haltet das inne, und werfet den
Schweinen Meine Perlen nicht zum Fraße vor!“
[GEJ.10_188,25] Dieses behielten die Jünger
bei sich, hielten sich bei der Ausbreitung Meiner Lehre auch daran und haben
auch besonders den Juden wenig anderes von Mir geoffenbart als besonders Mein
Leiden und Sterben und Meine Auferstehung, und daß Ich demnach wahrhaftig der
Messias war. Aber selbst über diese letzten Begebenheiten waren sie nicht
völlig einig miteinander, – was schon aus dem hervorgeht, daß auf die Nachricht
der Weiber über Meine Auferstehung – besonders die der Magdalena – einige der
Jünger glaubten, andere wieder nicht und hielten die Aussage der Weiber für ein
Märchen, bis Ich ihnen Selbst persönlich erschien und noch da Meine Not hatte,
sie völlig zu überzeugen, daß Ich auferstanden sei. Ich habe zwar den Jüngern
eben bei dieser Gelegenheit gesagt, daß sie sich vor allem vor dem Uneinswerden
hüten sollen; aber es ging bei ihnen und unter ihnen ebenso zu wie auch bei
andern Menschen: Ihr Geist war willig, aber ihr Fleisch schwach.
189. Kapitel
[GEJ.10_189,01] Als wir so noch am Tische
beisammensaßen und Brot und Wein zu uns nahmen, da sagte Barnabas, der ein
Pharisäer war, wie ihr wißt: „Herr und Meister, so Du auch mich für würdig
halten würdest, Deine Lehre unter den Menschen auszubreiten, so würde ich nicht
ein Wort von Deiner Lehre hinwegnehmen und auch nicht eines dazusetzen!“
[GEJ.10_189,02] Sagte Ich: „Du bist zwar ein
Jude und hast es durch dein bedeutendes Vermögen dahin gebracht, daß du ein
Pharisäer geworden bist, indem du nachweisen konntest, daß du aus dem Stamme
Levi bist; du bist aber unter den Griechen erzogen worden und hast dir dadurch
auch viel griechischen Starrsinn angeeignet und wirst dich auf die Länge der
Zeit mit einem andern Meiner Jünger eben nicht am besten vertragen mögen. Ich
werde euch allen aber etwas sagen, und so höret Mich denn an!
[GEJ.10_189,03] Ein wahrer Weiterverbreiter
Meiner Lehre muß sein wie ein äußerst erfahrener, gefügiger und überaus
geschickter Arzt.
[GEJ.10_189,04] Ein Arzt aber kommt zum
Beispiel in einen Ort, dahin er gerufen wird zu vielen Kranken, die da behaftet
sind mit Gicht und allerlei Fiebern. Nun denkt sich der Arzt: ,Derlei Kranke
habe ich schon viele behandelt und ihnen mit diesen oder jenen Arzneien
geholfen, und diese Kranken hier leiden an denselben Krankheiten; ich werde
ihnen daher dieselben Arzneien geben, und sie werden gesund werden!‘ Und der
Arzt tut das – und sehet, die Kranken werden, statt besser, immer schlimmer auf
seine Arzneien, verlieren das Vertrauen zu ihm und suchen sich einen andern
Arzt! Der Arzt wird darüber ärgerlich und sagt bei sich: ,Diese meine Arzneien
haben schon so vielen geholfen; warum denn gerade diesen nicht?‘ und zieht
ärgerlich nach Hause.
[GEJ.10_189,05] Und es kam bald der
zweitgerufene Arzt. Er war aber klüger als der erste, erkundigte sich zuvor,
wie der Kranke gelebt hatte, was für Speisen er zu sich genommen, und von
welchen Krankheiten er schon von Jugend auf geplagt ward. Und so erkundigte er
sich noch um Verschiedenes, um das sich ein weiser Arzt zu erkundigen hat, und
richtete demnach auch seine Arzneien ein: für einen Kranken das, für einen
andern wieder ganz etwas anderes. Und sehet, der Arzt, der sich diese Mühe
nahm, heilte bald im ganzen Orte die Kranken, da er es verstand, seine Arzneien
nach den verschiedenen Naturen und Eigenschaften seiner Kranken einzurichten
(zu wählen).
[GEJ.10_189,06] Und wie ein Arzt nur auf
diese Weise – so es nicht gar zu spät an der Zeit ist – glückliche Heilungen an
den Kranken bewerkstelligen kann, ebenalso auch ein wahrer Seelenarzt bei den
vielen seelenkranken Menschen auf dieser Welt, von denen eine Seele
leichtgläubig, eine andere hartgläubig, eine andere hochmütig, eine andere
geizig, selbstsüchtig und dergleichen noch vieles mehr ist. Kommt nun der
Seelenarzt zu solchen Seelen und fängt alsogleich an, ganz steinstarr seine von
Mir überkommene Lehre solchen verschiedenartigen Seelen vorzupredigen, so wird er
damit wenig Nutzen stiften.
[GEJ.10_189,07] Wer da nicht versteht, mit
den Weinenden zu weinen, mit den Lachenden zu lachen, mit den Heiteren selbst
heiter und mit den Ernsten selbst ernst zu sein, der ist noch nicht geschickt
zur Ausbreitung Meines Reiches auf Erden und gleicht in dieser Hinsicht einem
Landmanne, der beim Aufackern eines Feldes wohl seine Hände an den Pflug legt,
aber seine Blicke immer hinter sich richtet, um zu sehen, wie sich die Furchen
legen; dabei vergißt er aber den Pflug, der seitwärts ging wegen Mangels
rechter Aufmerksamkeit des Pflügers, und diesem bleibt dann nichts übrig, als
den Pflug zurückzuziehen bis an die Stelle, wo er noch geradeaus ging, um
daselbst wieder von neuem anzufangen zu pflügen.
[GEJ.10_189,08] Und so ist es mit den
Lehrern, die alle Menschen – welchen Charakters und von welchen
Natureigenschaften sie auch immer sein mögen – auf ganz eine und dieselbe Art
in was immer unterrichten wollen. Einige von diesen Menschen werden etwas von
diesem Unterrichte fassen, weil der Unterricht gerade für ihre Fähigkeiten
getaugt hatte; die andern aber werden, unwissend und ungeschickter als sie
vorher waren, den Lehrer verlassen.
[GEJ.10_189,09] Und so ist denn auch hier bei
der Ausbreitung Meiner Lehre wohl darauf zu sehen, von welcher Beschaffenheit
diejenigen sind, denen ihr Meine Lehre vorprediget, ansonst ihr wenig Nutzen
stiften werdet.
[GEJ.10_189,10] Der Leichtgläubige wird bald
alles glauben, – besonders, wenn ihr die Lehre noch mit irgendeinem
Wunderzeichen bekräftigt; aber dabei denket euch das: Wer gar zu leicht etwas
Neues annimmt, der läßt es auch ebenso leicht wieder fahren, als wie leicht er
es angenommen hat, besonders so ihn eine Versuchung dazu nötigt. Mit einem
Hartgläubigen werdet ihr zwar viel mehr Arbeit haben, – aber habt ihr ihn
einmal gewonnen, so wird er auch bei dem verbleiben, was er angenommen hat.
Darum müßt ihr euch bei ihm auch mehr Mühe nehmen als bei den Leichtgläubigen.
Diesen aber trauet nicht, weil sie so gern und ohne viel Mühe eure Lehre angenommen
haben. Denn so ihr wieder zu ihnen kommen werdet, werden sich vielleicht kaum
die Hälfte noch bei eurer Lehre halten (befinden), die andere Hälfte aber zu
ihrem alten, faulen Glauben zurückkehren oder irgendeinem andern falschen
Propheten anhangen.
[GEJ.10_189,11] Darum seid zwar vollkommen
einig in dem, was Meine Lehre betrifft, – aber was den Vortrag betrifft, so
sehet euch die Menschen zuvor an, welches Geistes Kinder sie sind, und fanget
danach erst an, ihnen Mein Evangelium zu predigen, und ihr werdet da
allenthalben gute Wirkungen hervorbringen!
[GEJ.10_189,12] Gedenket dabei auch des alten
römischen Sprichwortes, nach welchem aus einem höchst plumpen und faulen
Holzklotze keine Gottheit geformt werden kann, und daß die sanfte und
furchtsame Taube noch niemals einen Aar aus ihren Eiern gehecket hat! Daher
seid denn auch – was Ich euch schon öfter gesagt habe – klug wie die Schlangen,
dabei aber dennoch voll Sanftmut gleich den Tauben!
[GEJ.10_189,13] Das Lehramt ist eines der
schwersten Ämter; aber wohl dem, der ein solches Amt tüchtig zu verwalten
versteht!“
[GEJ.10_189,14] Hierauf sagte Barnabas: „O
Herr und Meister, Du hast nun nur zu offen die reinste Wahrheit gesprochen;
denn auch ich war zuvor ein Lehrer und habe es erfahren, wie schwer mit den
verschiedenartigen Menschen umzugehen ist. Daher werde ich auch diesen Deinen
Rat über alles wohl beherzigen und ihn zur Tat werden lassen.“
[GEJ.10_189,15] Sagte Ich: „Das wirst du
wohl; aber du wirst auch einer der ersten sein, der bei einer Gelegenheit mit
einem eben von Mir erwählten Jünger hart übereinanderkommen wird, und ihr
werdet euch trennen auf eine längere Zeit hin. Ich sage dir nicht, wann, bei
welcher Gelegenheit und mit welchem Jünger; wenn es aber geschehen wird, so
wirst du dich dessen erinnern, was Ich dir soeben gesagt habe.“
[GEJ.10_189,16] Sagte darauf Barnabas: „Herr
und Meister, da Du solches schon zum voraus weißt, so sollte es Dir ja auch
möglich sein, solch einem unliebsamen Vorkommnis schon im voraus die rechten
Hindernisse in den Weg zu stellen!“
[GEJ.10_189,17] Sagte Ich: „Die
allerfreiesten Menschen auf der ganzen Erde seid ihr, Meine Jünger, nun, und
eben euch will Ich durchaus auch nicht die leiseste Fessel, von seiten Meiner
Allmacht ausgehend, anlegen; denn so Ich euch in die Welt sende, daß ihr die
andern Menschen von den Fesseln der harten Knechtschaft unter dem Gesetze
befreien sollet in Meinem Namen, – wie sollte Ich euch dann als gefesselte
Knechte hinaussenden? So Ich das täte, da würde es mit der Freimachung und
Erlösung bei den Menschen sehr schlimm aussehen; denn in dem Falle würde ihnen
ein neues, schwereres Joch auferlegt werden, denn da war das alte, und Meine
Herniederkunft wäre kein nütze.
[GEJ.10_189,18] Ich erwecke euch aber zu
Aposteln und Propheten des neuen und nicht mehr alten Bundes und mache euch
dadurch zu den ersten Erlösten auf dieser Erde, auf daß durch euch diese Meine
Erlösung auf alle Menschen übergehe in rechter Art und Weise und in der
vollkommensten Ordnung Meiner ewigen Liebe, Weisheit und Macht. – Hast du,
Barnabas, solches verstanden?“
[GEJ.10_189,19] Barnabas sagte, daß er dieses
wohl verstanden habe, und alle sagten das gleiche.
[GEJ.10_189,20] Und Ich sagte zu ihnen: „So bleibet
denn in Mir, so werde Ich bei euch verbleiben bis ans Ende der Zeiten und werde
einen jeden von euch erwecken an seinem jüngsten Tage in Meinem Reiche!“
190. Kapitel
[GEJ.10_190,01] Als Ich dieses ausgesprochen
hatte, ließ sich der Apollopriester mit noch zwei andern heidnischen Priestern
durch einen Boten beim Wirte anmelden, daß er kommen werde, um zu sehen, wie
der unter seinem Dache sich befinden sollende Gott der Juden aussähe.
[GEJ.10_190,02] Wir sagten dem Boten, daß
hier eine öffentliche Herberge sei und es einem jeden freistehe, einzutreten.
[GEJ.10_190,03] Es war aber die Nachricht zu
diesem Apollopriester und seinen noch zwei ihm untergebenen Priestern durch das
Gesinde des Wirtes gekommen, daß ein Gott der Juden sich bei dem Wirte befinde
und viele nie dagewesene und unerhörte Wunder wirke.
[GEJ.10_190,04] Der Bote ging eilig hinaus
und benachrichtigte die drei Heidenpriester mit dem, daß sie frei eintreten
könnten, so sie wollten.
[GEJ.10_190,05] Die Priester machten darauf
nicht viel Säumens und traten bald zu uns in das Gastzimmer.
[GEJ.10_190,06] Und der Apollopriester wandte
sich sogleich an den Oberstadtrichter und sagte: „Durch meinen Gott Apollo
erleuchteter Oberstadtrichter, sage mir an, welcher unter diesen vielen Juden,
die am Tische sitzen, der wunderwirkende Gott der Juden ist, auf daß auch ich
mich vor ihm verbeuge und ihm die Ehre bezeige; denn wir Priester der Götter
Ägyptens, Griechenlands und Roms verstehen auch die Götter anderer Völker zu
ehren, in dem Maße, als sie es verdienen!“
[GEJ.10_190,07] Der Oberstadtrichter sah Mich
gewisserart fragend an, ob er diesem eingebildeten Oberpriester des Apollo eine
Antwort geben solle oder nicht.
[GEJ.10_190,08] Ich aber winkte ihm, daß er
ihm zuvor einen vollen Becher Weines kredenzen solle und sagen, es sei das
Wasser aus der Zisterne des Wirtes.
[GEJ.10_190,09] Und der Oberstadtrichter
verstand diesen Meinen Wink und sagte zu dem eigentümlich blöde aussehenden
Apollopriester: „Da, neben uns befindet sich noch ein kleiner, leerer Tisch;
setzet euch nieder! Und da sind zugleich drei Becher, gefüllt mit dem
Zisternenwasser des Wirtes, und löschet euch zuvor den Durst mit diesem besten
Wasser in unserer ganzen Stadt!“
[GEJ.10_190,10] Sogleich wurden den dreien
drei volle Becher vorgesetzt, und der Apollopriester, der zwar kein besonderer
Freund des Wassers war, verkostete es dennoch und fand, daß es nicht Wasser,
sondern der beste Cypernwein wäre, der nur an den Tafeln der Kaiser getrunken
wird. Er trank seinen Becher auch bald bis auf den letzten Tropfen aus, und
seinem Beispiel folgten auch seine zwei Unterpriester.
[GEJ.10_190,11] Als der Apollopriester den
Becher geleert hatte, sagte er voll Staunens: „Was, das soll des Wirtes
Zisternenwasser sein? Das ist ja einer der besten Weine von der Insel Cypern!
Wo hat noch je eine Zisterne solch ein Wasser gehabt? Das ist nicht möglich,
ihr haltet mich zum besten!“
[GEJ.10_190,12] Sagte der Oberstadtrichter:
„So laß dich vom Wirte selbst zu der Zisterne hinausgeleiten, und schöpfe
selbst und trinke; dann komme wieder und sage, ob man dich zum besten gehalten
hat! Für so unsinnig und blöde aber wirst du den Wirt ja doch nicht halten, daß
er sich aus Cypern um ein übergroßes Geld mehrere hundert Schläuche des besten
Weines habe bringen lassen und ihn dann aus den Schläuchen in die Zisterne
gegossen habe!“
[GEJ.10_190,13] Hierauf erhob sich der
Apollopriester alsogleich, und der Wirt geleitete ihn mit seinen zwei
Unterpriestern hinaus an die Zisterne, gab dem Oberpriester den Schöpfeimer in
die Hand und sagte: „Schöpfe dir nun selbst das Wasser, und verkoste es dann!“
[GEJ.10_190,14] Der Apollopriester tat das
sogleich und fand, daß es nicht Wasser, sondern der beste Wein war. Desgleichen
taten auch seine zwei Unterpriester und fanden dasselbe und rieten dem Wirte,
daß er solch ein köstliches Wasser nicht also in der Zisterne belassen, sondern
damit viele Schläuche füllen und es aufbewahren solle für vornehme Gäste, die
es ihm gern teuer bezahlen würden.
[GEJ.10_190,15] Sagte der Wirt: „Dazu habe ich
von Dem, der das Wasser in meiner Zisterne in den köstlichsten Wein
verwandelte, kein Gebot und keine Befugnis überkommen, und so soll es auch also
bleiben, wie es ist!“
[GEJ.10_190,16] Darauf konnten ihm die
Priester nichts einwenden und begaben sich mit dem Wirte wieder zu uns ins
Gastzimmer.
[GEJ.10_190,17] Als sie wieder ihre früheren
Plätze einnahmen, da sagte der Apollopriester mit einem gewissen Pathos zum
Oberstadtrichter: „Herr, so etwas ist von allen unsern Göttern, von Jupiter
angefangen bis auf die geringste Quellennymphe herab, noch nie erhört worden,
und wir haben mit vielen Hunderten der ersten Magier schon zu tun gehabt, und
sie vermochten manches Wunderbare zu bewirken, – aber Wasser in Wein zu
verwandeln, ist noch keinem in den Sinn gekommen! Ich bitte dich darum, mir nun
anzuzeigen, welchem in dieser ziemlich zahlreichen Gesellschaft ich meine
tiefste Hochachtung und Ehrfurcht zu bezeigen habe!“
[GEJ.10_190,18] Hierauf sagte der
Oberstadtrichter mit Meiner Erlaubnis: „Der an meiner rechten Hand sitzet, ist
der Herr aller Herrlichkeit, der Meister aller Meister und der Gott aller
Götter!“
[GEJ.10_190,19] Als der Apollopriester
solches vernommen hatte, da sagte er: „Da wäre er ja das sogar allen Göttern
unerforschliche Fatum, von dem sie selbst, so wie die Sonne, der Mond und alle
Sterne und der ganze Erdkreis mit allem, was er faßt und trägt, abhängen, und
es steht, glaube ich, auch in einem alten ägyptischen Buche geschrieben, daß
diese unerforschliche Gottheit – das Fatum nämlich – sich einst den Göttern und
auch den Menschen dieser Erde näher offenbaren werde.
[GEJ.10_190,20] Ich habe heute beim Aufgange
der Sonne, wie gewöhnlich, dem Gott Apollo meine Morgenbegrüßung für alle
Menschen dargebracht, war aber dabei im höchsten Grade überrascht, als ich zwei
Sonnen hintereinander aufgehen sah. Aber noch mehr überrascht war ich, als ich
über und unter der zweiten Sonne ganz deutlich geschriebene Worte entdeckte,
die ich aber dennoch nicht lesen konnte, weil sie mit hebräischen Buchstaben
geschrieben waren, und somit noch weniger verstehen ihren Sinn.
[GEJ.10_190,21] Aber das dachte ich mir wohl,
daß so etwas eine ganz außerordentliche Bedeutung haben müsse. Und als ich mich
später hin und her erkundigte, ob außer mir noch jemand diesen sonderbaren
Sonnenaufgang beobachtet hätte, da kam ich dabei auch zu den Leuten dieser
Herberge, und diese wußten es mir zu sagen, daß gestern gen Abend hin
wahrhaftig der Gott der Juden im Geleite mehrerer Diener hier eingekehrt sei
und noch hier verweile. So Du, o Herr, Meister und Gott, eben der nämliche
bist, so vergib es mir, daß auch ich – obschon ein Heidenpriester – Dir hier
meine vollste Hochachtung und Ehrerbietung bezeige, und ich bitte Dich um Deine
göttliche Erlaubnis, Dir in unserer Stadt auf dem erhabensten Punkte einen
Tempel errichten zu dürfen, um Dich darin zu allen Zeiten allerhöchst zu
verehren!“
191. Kapitel
[GEJ.10_191,01] Sagte Ich: „Das lasse du
bleiben; denn Mein Tempel ist allwegs (überall), besonders aber im Herzen der
Menschen, die an Mich glauben, Mich über alles lieben und Meine Gebote halten!
[GEJ.10_191,02] Beschaue dir die ganze Erde
mit allem, was sie trägt und faßt, und also auch das Firmament! Siehe, das ist
auch alles Mein Tempel, den Ich Selbst erbaut habe; darum benötige Ich keines
Tempels, verfertigt von Menschenhänden. Wenn du aber an Mich glaubst, daß Ich
der Herr bin, so wende dich ab von deinen Götzen und deinen Tempeln, die von
Menschenhänden gemacht sind! So aber schon jene Menschen, die die Götter mit
ihren Händen verfertigt und ihnen dann Tempel erbaut haben, in denen sie Opfer
darbrachten und den Menschen, die auch Opfer darbrachten, allerlei Vorteile
versprachen, nicht so viel Macht besaßen, auch nur ein allerschlechtestes
Moospflänzchen aus der Erde erwachsen zu lassen, – was sollen denn dann ihre
Götter und Tempel, die sie verfertigt haben, für eine Macht besitzen?
[GEJ.10_191,03] Die Priester wohl besitzen
eine schlechte Macht, nämlich die des Betruges und jene zur Erzeugung des
finstersten Aberglaubens in den Gemütern der Menschen, welche Macht herrührt
vom Obersten der Teufel, der auf seinen geheimen Wegen die Herzen aller
Menschen zu verfinstern versteht, um mit ihnen dann zu bereichern und zu
vergrößern sein Reich.
[GEJ.10_191,04] Aber wehe denen, die es wohl wissen,
daß an dem, was sie die Menschen lehren, nichts ist, aber die Menschen doch in
die Finsternis leiten, damit diese im Schweiße ihres Angesichts für sie
arbeiten und ihnen durch die abverlangten Opfer ein überaus gutes
diesweltliches, mühe- und sorgenloses Leben verschaffen!
[GEJ.10_191,05] Ich sage euch aber, daß Ich
Mich der armen, verführten Menschen wohl erbarmen werde, aber der Verführer
nimmerdar; denn sie wissen, was sie tun, – die andern aber wissen es nicht.
[GEJ.10_191,06] Du selbst hast noch nie im
Ernste an einen deiner Götter geglaubt, hast aber dennoch die andern Menschen
gezwungen, an das zu glauben, was du schon seit langem für eine pure Fabel der
Alten gehalten hast.
[GEJ.10_191,07] Wenn du dich vor dem
Untergange retten willst, so kehre du allen deinen Göttern den Rücken, belehre
deine von dir betrogenen Menschen über den einen, wahren Gott der Juden, so
kannst auch du dereinst teilhaben an Meinem Reiche, das nicht von dieser Welt
ist, sondern von der jenseitigen geistigen, von der du in dir keine Kunde
besitzest!“
[GEJ.10_191,08] Sagte hierauf der
Apollopriester: „O Herr, Meister und Gott, das wird für uns eine schwere Arbeit
werden! Denn die Menschen sind noch zu sehr von dem alten Wahn durchdrungen,
daß es mit unsern Göttern eine volle Realität habe; und werden wir
dagegenzulehren anfangen, so werden wir uns in die Gefahr begeben, von dem
Volke verfolgt und mißhandelt zu werden.“
[GEJ.10_191,09] Sagte Ich: „So ihr selbst an
Mich glaubet, so wird euch dieser Glaube die Kraft erteilen, daß ihr auch das
Unmögliche leicht werdet möglich machen können!“
[GEJ.10_191,10] Sagte der Apollopriester:
„Wir haben jetzt gesehen, daß Deinem Willen nichts unmöglich ist; so du willst,
kannst du unsere Göttertempel in einem Augenblick zunichte machen. Wir sind
dann beim Volke außer Verantwortung und können dann um so leichter von Dir zum
Volke zu reden anfangen. Denn an Zeugen über das, was Du bist, fehlt es hier
nicht; unser Oberstadtrichter ist einmal schon ein vollgültigster Zeuge, dann
der Wirt und sein Hausgesinde und auch jene Juden dort.“
[GEJ.10_191,11] Sagte Ich: „Das ginge zwar
wohl, – aber es ist besser, daß ihr das Volk vorher bei guten Gelegenheiten von
Mir belehret und das Volk dann selbst Hände an die Tempel und ihre sie
umgebenden Haine legt, die an und für sich schon mehr ein dürres Gestrüpp denn
ansehnliche Haine sind.“
[GEJ.10_191,12] Sagte darauf der
Apollopriester: „Meister, Herr und Gott!“
[GEJ.10_191,13] Nach diesem Ausrufe sagte Ich
zu ihm: „So du mit Mir sprichst, so nenne Mich bloß Herr und Meister; Gott aber
nenne Mich erst dann, so du in dir selbst innewirst, was die Gottheit ist. Und
nun kannst du weiterreden!“
[GEJ.10_191,14] Und der Apollopriester
redete, sagend: „Wie sind aber alle diese Götter entstanden? Ich will von den
kleinen, Neben- und Halbgöttern nichts reden, wie auch von den weiblichen
Gottheiten nichts; aber hinter den männlichen Hauptgottheiten, die schon die
unseres Gedenkens ältesten Ägypter verehrt haben, muß denn doch etwas gelegen
sein, – denn gar so aus nichts können diese Götter nicht in das Verständnis der
Menschen gekommen sein! Dir, o Herr und Meister, wird das gewiß vom tiefsten
Grunde aus bekannt sein!“
192. Kapitel
[GEJ.10_192,01] Sagte Ich: „Die Ureinwohner
Ägyptens, als Nachkömmlinge Noahs, haben auch die Erkenntnis des einen, allein
wahren Gottes in dieses Land gebracht und haben den allein wahren Gott über
siebenhundert Jahre lang verehrt, und es besteht noch ein aus einem großen
Granitfelsen gemeißelter Tempel, den vier aufeinanderfolgende Haupthirten zur
Verehrung des allein wahren Gottes errichtet haben.
[GEJ.10_192,02] Im tiefsten Hintergrunde
dieses Tempels hat man eine bedeutungsvolle Inschrift in die Steinwand
gemeißelt, und zwar mit den wenigen Worten Ja bu sim bil, – was soviel heißt
als: Ich war, bin, und werde sein!
[GEJ.10_192,03] Und so nach diesem Begriffe
von der Gottheit verehrten die Ureinwohner, gleichwie Abraham in diesem Lande,
den einen und nur ganz allein wahren Gott, und der Geist Gottes war mit ihnen
und lehrte sie große Dinge.
[GEJ.10_192,04] Aber später fingen diese vom
Gottesgeiste belehrten Ureinwohner an, über das Wesen der Gottheit tiefer
nachzudenken, und das um so tiefer, je mehr sie mit den Kräften der Natur sich
vertraut machten.
[GEJ.10_192,05] Eine jede solche von ihnen
erkannte Kraft wurde als eine eigentümliche Eigenschaft der einen Urkraft in
der Gottheit dargestellt. Um das Volk über das leichter zu belehren, fing man
an, diese aus der einen Gottheit ausfließenden Kräfte mittels entsprechender
Bilder dem Volke anschaulicher zu machen, und sagte zum Volke darum auch, daß
eine jede solche Kraft, als von dem einen und allein wahren Gott ausgehend,
ebenfalls heilig und der göttlichen Verehrung würdig sei.
[GEJ.10_192,06] Man stellte Lehrer auf und
errichtete auch Schulen, und es ward dann in den Schulen anfänglich zwar wohl
von der Haupturgottheit gelehrt, aber hauptsächlich ging dann die Lehre auf die
göttlichen Sonderkraftausflüsse über, und es wurden dann bald darauf für jede
Kraft wieder eigene Lehrer und Schulen errichtet, die ein jeder Schüler vorerst
durchzustudieren hatte, bis er erst nach abgelegten Prüfungen in die
Hauptschule aufgenommen wurde.
[GEJ.10_192,07] Mit der Zeit wurden diese
Lehrer Priester der einzelnen göttlichen Kräfte oder Eigenschaften, und ein
jeder solcher Priester wußte dem am besten vorzustehen, was er zu lehren hatte.
[GEJ.10_192,08] Als aber das Volk mit der
Zeit sehr anwuchs, da wurden die anfangs nur wenigen Schulen zu wenig. Man
erbaute dann mehrere Schulen und Tempel und versah die Tempel mit den
entsprechenden Gotteskraftbildern und entdeckte auch fort und fort mehrere
einzelne Kraftausflüsse aus der einen Gottheit, errichtete ebenfalls wieder
kleinere Schulen und versah die Tempel mit neuen, entsprechenden Gottheiten als
entsprechenden Bildern aus der einen, allein wahren Gottheit und stellte am
Ende für die Lehrer und Priester bequeme Lehren auf, danach es genüge, nur eine
solche Kraft, die irgend in einem Tempel vorgestellt war, als göttlich
anzuerkennen und zu verehren; denn dadurch erkenne und verehre man auch die
Urhauptgottheit nach allen ihren Einzelkraft- und – wirkungsausflüssen.
[GEJ.10_192,09] Dadurch aber blieb die
eigentliche Haupterkenntnis der einen und allein wahren Gottheit nur noch unter
den stets träger und herrschsüchtiger werdenden Priestern. Das Volk aber wurde
je nach seiner Arbeit nur zur Anerkennung und Verehrung der vielen
Einzelkraftausflüsse der einen Gottheit angehalten, und nur wenigen wurde es
mehr gestattet, sich in den hohen Schulen in die tieferen Geheimnisse einweihen
zu lassen.
[GEJ.10_192,10] Es kamen denn auch Fremde von
allen Seiten nach Ägypten und begehrten, in die Weisheit der Ägypter eingeweiht
zu werden. Allein die Ägypter, das heißt die Priester, führten sie wohl von
Tempel zu Tempel und von Schule zu Schule, belehrten sie aber nur über die mit
der einen Hauptgottheit in Entsprechung stehenden Bilder in den Tempeln. Die
Fremden nahmen mit einiger Lehre auch die vielen Bilder, die sie um Geld haben
konnten, in ihre Heimatländer und erbauten ihnen auch Tempel und Schulen, die
sie mit Lehrern und Priestern versahen.
[GEJ.10_192,11] Und siehe, so entstand dann
das Götzentum und die Bilderverehrung, und die Menschen wurden in den Glauben
geführt, alles getan zu haben, wenn sie nur ein oder auch mehrere solche
Bilder, die ihnen in ihren Tempeln vorgestellt wurden, wahrhaft verehrten und
ihnen nach ihren Kräften fleißig Opfer darbrächten!
[GEJ.10_192,12] Die eine und allein wahre
Gottheit hat man unter einer gewissen Furcht und Scheu als das unerbittliche
Schicksal verehrt, und die Griechen haben diesem Fatum sogar einen Tempel
errichtet, und zwar unter der Benennung: ,Dem allein allen Menschen gänzlich
unbekannten Gott geweiht‘. In diesem Tempel war denn auch gar kein Bild
aufgerichtet, sondern nur ein Kreis, der mit dem ,Schleier der Isis‘ bedeckt
war, hinter den niemand blicken konnte und durfte.
[GEJ.10_192,13] Und da hast du nun in diesen
Meinen wenigen Worten eine vollkommene Erklärung, was hinter den vielen
heidnischen Götzenbildern steckt.“
193. Kapitel
[GEJ.10_193,01] (Der Herr:) „Du nennst dich
Apollopriester und weißt nicht einmal, welch eine Einzelkraft bei den
Urägyptern, als von Gott ausfließend, durch Apollo dargestellt wurde.
[GEJ.10_193,02] Siehe, schon bei den ersten Bewohnern
dieses Landes ward das Bedürfnis nach einer bestimmteren Zeiteinteilung stets
fühlbarer; denn sie sahen wohl, daß die Zeit Tag und Nacht gleich fortfließe
und sich selbst durch die Dauer des Tages und der Nacht abteile!
[GEJ.10_193,03] Der Tag für sich teilte sich
zwar auch ab, dadurch, daß die Sonne im halben Tage ihre größte Höhe erreicht;
aber mit der Nacht ging es ihnen schwerer. Gewisse Gestirne dienten ihnen wohl
zu einem Anhaltspunkte; aber sie merkten nur zu bald, daß die Sterne nicht gleich
auf- und untergehen. Und so war es mit der Zeiteinteilung in der Nacht schwerer
als mit der am Tage.
[GEJ.10_193,04] Zuerst errichtete man hohe
Säulen auf ziemlich großen Ebenen und beobachtete den Gang ihres Schattens,
bezeichnete mit Steinen den Aufgang und den Untergang, und von diesen zwei
Punkten machte man dann auf der Linie des Schattens kleinere Abteilungen, und
zwar nach der Zeitdauer, die ein Mensch mit gemäßigten Schritten zur Begehung
einer gewissen Strecke benötigte.
[GEJ.10_193,05] Eine solche Strecke wurde
dann ein ,Feldweg‘ genannt und machte so ziemlich den vierten Teil einer
gegenwärtigen Stunde aus. Die Zeit der Feldwege bezeichnete man mit kleinen
Steinen, die Zeit von vier Feldwegen mit größeren Steinen; die Hauptsäule in
der Mitte bildete den Mittag, von der aus natürlich nach dem Stande der Sonne
leichtbegreiflichermaßen auch mehrere Reihen von solchen Steinen wegen der
Zeitmessung gelegt wurden.
[GEJ.10_193,06] Man nannte diese Zeitmesser
auf den Feldern ,Sa-pollo‘, das heißt, fürs Feld, und man wählte diesen
Ausdruck deswegen, um für die Hirten und andern Feldarbeiter die Zeit zu
bestimmen.
[GEJ.10_193,07] Man zierte aber solch eine
Säule bald auch mit einem Bilde, das in einer Hand die Sonne, aus glühendem Erz
verfertigt, hielt, welche von seiten des Feldzeitmaßhüters mit einem Hammer auf
einem langen Stabe angeschlagen werden mußte, und zwar mit so viel Schlägen,
als der Schatten vom Aufgange her Stunden abgegangen war.
[GEJ.10_193,08] Daraus erkannten die Hirten
und die Feldarbeiter, um welche Zeit es war, und was sie in derselben zu tun
hatten.
[GEJ.10_193,09] Daß man später das Feldbild
in noch mannigfacherer Gestalt auf die Säule setzte, um dadurch für die
Menschen den Flug der Zeit noch mehr zu versinnlichen, versteht sich von selbst.
[GEJ.10_193,10] Mit der Zeit war man mit
diesem Feldzeitmaßinstrument, mit dem man aber doch in der Nacht keine Zeit
messen konnte, nicht mehr zufrieden, widmete den Gestirnen eine stets
intensivere Aufmerksamkeit und erfand die euch bekannten zwölf Sternbilder und
gab ihnen Namen nach den in Ägypten von Monat zu Monat eintretenden, ganz
natürlichen Erscheinungen – worunter auch vier menschliche Namen vorkamen: der
Wassermann, die Zwillinge, der Schütze und die Jungfrau – und nannte die
Sternbilder zusammen den Tierkreis.
[GEJ.10_193,11] Je mehr man diesen Gestirnen
Aufmerksamkeit schenkte, desto genauer fing man auch an, die Zeit der Nacht
einzuteilen, und errichtete in der Stadt Diadeira (Diathira) einen großartigen,
aus künstlich behauenen Steinen zusammengefügten Tierkreis, der noch heutzutage
besteht und von allen Sternkundigen als ein großes Kunstwerk bewundert wird.
[GEJ.10_193,12] Aus dieser Meiner kurzen
Erklärung wirst du nun ganz leicht einsehen und erkennen, wie dein Gott Apollo
ursprünglich entstanden ist, und warum ihn später die Menschen zum Gott der
Sonne und auch zum Gott mehrerer anderer Künste und Wissenschaften machten, und
so wirst du auch einsehen, daß es in der Wirklichkeit nie einen Gott Apollo
gegeben hat; aber weil die Zeit von den Alten auch als ein Hauptausfluß einer
göttlichen Kraft anerkannt wurde, so ward auch das Bild unter die zwölf
Hauptgötter verlegt, welche zwölf Hauptgötter an und für sich nichts anderes
waren als die von den Menschen erkannten zwölf Hauptausflüsse der einen
urgöttlichen Kraft.
[GEJ.10_193,13] Aus dem kannst du nun schon
schließen, wie hernach die vielen andern Götter und Götzen entstanden sind, und
du wirst nun auch wissen, wie du deine blinden Heiden zu belehren hast, daß sie
zu Mir, dem einen und allein wahren Urgottwesen und Sein alles Seins und Leben
alles Lebens wieder zurückkehren mögen.“
194. Kapitel
[GEJ.10_194,01] Hierauf sagte der
Apollopriester: „O Herr und Meister, wie unbeschreibbar blind und töricht wir
Heiden bis jetzt noch waren! Es liegt die Sache nun so klar vor mir, als so ich
selbst in der Urzeit der Ägypter gelebt und mit gehandelt und gewirkt hätte;
aber es ist mir die Sache auch klar, daß es einer großen Mühe und Arbeit
benötigen wird, um die vielen Heiden in die Sphäre des Lichtes der Wahrheit zu
erheben.
[GEJ.10_194,02] In meinem kleinen Kreis werde
ich mir wohl alle mögliche Mühe nehmen und hoffe, mein Völklein bald in Ordnung
zu haben; aber der Heiden Länder und Völker sind weit auf der Erde verstreut;
da wird es denn auch einer viel längeren Zeit und gar vieler mutiger Lehrer
vonnöten haben, bis sie mit dem Niederreißen der vielen Götzentempel fertig
werden.
[GEJ.10_194,03] Aber auf Deine Mithilfe
vertrauend, wird sich nach längeren Zeitläufen die Sache etwa wohl geben; denn
das Beste bei unserer heidnischen Götterlehre ist, daß sie von seiten der
Regierung den Menschen nicht mit Zwang auferlegt ist, und es steht einem jeden
echten Römer frei, zu glauben, was er will, oder auch nicht zu glauben, sondern
nach der Lehre der Weltweisen, deren die Griechen und Römer viele aufzuweisen
haben, zu leben und zu handeln.
[GEJ.10_194,04] Es genügt der Regierung, daß
man ein treuer Staatsbürger ist und sich ihre klugen Staatsgesetze wohl
gefallen läßt; aber um den Glauben an diesen oder einen andern Gott kümmert
sich die Regierung wenig oder gar nicht und läßt einem jeden den freien Willen.
[GEJ.10_194,05] Ob ich ein Kyniker, ein
Pythagoreer, ein Platoniker, ein Aristotelianer oder ein Epikureer bin und so
handle, so steht mir das alles frei, wie auch die Lehre des Moses bei uns
Römern noch nie zu den vom Staate aus verpönten Lehren gehört hat; und so meine
ich, daß Deine Lehre, o Herr und Meister, bei den vielen besseren Heiden eher
Eingang finden wird, als bei so manchen Juden, die ihre eigene Lehre selbst
nicht verstehen, von den wirkenden Kräften der Natur auch keine Kenntnis
besitzen und das, was sie darin besitzen, von den Heiden entlehnt haben.
[GEJ.10_194,06] Und so meine ich, daß den
Naturkundigen Dein Evangelium zu predigen um vieles fruchtbarer sein wird als
jenen Menschen, die bis jetzt noch nicht wissen, warum das Wasser von der Höhe
stets der tiefsten Gegend am Meere zufließt, und warum ein Stein von der Höhe
in die Tiefe hinabfällt und nicht umgekehrt. Das wissen aber wir Römer,
wennschon nicht urgründlich, aber in der Hauptsache doch! Ich danke Dir, o Herr
und Meister, für Deine so weise Belehrung!“
[GEJ.10_194,07] Sagte hierauf der
Oberstadtrichter: „O Herr und Meister, ich habe bei dieser Gelegenheit auch
ungeheuer viel gewonnen und werde für die rechte Bekehrung der Heiden auch
wissen, was ich zu tun habe!“
[GEJ.10_194,08] Und Ich sagte zu ihm: „Was
ihr aber tut in Meinem Namen, das tuet in aller Liebe und Geduld; denn mit dem
Schwerte in der Hand sollet ihr den Menschen Mein Evangelium nicht predigen!
Ich meine aber, daß es gar vielen Menschen überaus willkommen sein wird, von
ihrer langen, tiefen Finsternis in das hellste Licht des Lebens versetzt zu
werden.
[GEJ.10_194,09] Nehmet euch an Mir ein
Beispiel, daß auch Ich hier unter euch voll Liebe und Geduld bin und niemandem
auch nur ein hartes Wort gegeben habe und niemanden zum Glauben an Mich zwang,
außer durch die wenigen Liebewunderzeichen, die Ich vor euch gewirkt habe.
Derlei Zeichen aber werdet ihr auch selbst in Meinem Namen tun können; aber so
ihr das werdet tun können, da seid so sparsam als möglich damit!
[GEJ.10_194,10] Die alten griechischen,
ägyptischen und römischen Weisen haben gar keine Zeichen gewirkt und haben
dennoch eine Menge Anhänger bekommen; und so ist es besser für jedermann, so er
Meine Lehre annimmt nach der Kraft der Wahrheit, die in ihr überschwenglich
reich vorhanden ist, als so er die Lehre erst dann annimmt, so er zuvor durch
mehrere Wunderzeichen genötigt worden ist. Denn Ich sage es euch: Der Buchstabe,
wie auch jedes andere Zeichen, belebt den Geist des Menschen nicht, sondern nur
der Geist der Wahrheit im Worte macht alles lebendig!
[GEJ.10_194,11] Ich könnte vor euren Augen
noch eine Menge der seltensten Zeichen wirken; aber es ist besser für euch, so
ihr beim Worte bleibet, das Ich zu euch geredet habe.
[GEJ.10_194,12] Meine ganze Lehre aber
besteht ganz kurz in dem: Erkennet und liebet in Mir den Geist des einen und
allein wahren Gottes über alles, – ihr als Brüder untereinander aber liebet
euch also in Meinem Namen, wie da jeder liebt sich selbst! Eines weiteren
bedürfet ihr nicht; denn aus dem werdet ihr durch Meinen Geist ohnehin in alle
Wahrheit und Weisheit aus Mir erhoben werden.
[GEJ.10_194,13] Ich werde zwar diesem Meinem
Leibe nach bald diese Welt verlassen, aber in der Kraft Meines Geistes dennoch
bei euch verbleiben bis ans Ende der Zeiten der Welt; und um was ihr den Vater,
das ist die ewige Liebe in Mir, in Meinem Namen bitten werdet, das wird euch
auch gegeben werden.
[GEJ.10_194,14] Doch um diesirdische Dinge
sollt ihr euch nicht viel Kummer und Sorge machen; denn Ich weiß, wessen ihr
eurem Leibe nach bedürfet.
[GEJ.10_194,15] Suchet daher vor allem Mein
Reich in der Liebe zu Mir und zu euch selbst untereinander; alles andere wird
euch frei hinzugegeben werden!“
195. Kapitel
[GEJ.10_195,01] Hier dankten Mir alle voll
Inbrunst für diese Belehrung.
[GEJ.10_195,02] Und der Oberstadtrichter
sagte: „Jetzt erst erkenne ich ganz und vollkommen, daß Du wahrhaft der Herr und
Schöpfer aller materiellen und geistigen Welt bist! Ich hätte Dich wohl noch
fragen mögen, wie es Dir möglich ist, auch in der Ferne durch die Macht Deines
Willens zu wirken, während Du persönlich nun doch nur unter uns gegenwärtig
bist.“
[GEJ.10_195,03] Sagte Ich: „Dieser Mein Leib,
der so wie der eurige aus Fleisch und Blut besteht und eigentlich dasjenige an
Mir ist, was man den Sohn Gottes nennt, ist freilich bei euch nun hier und zu
gleicher Zeit nirgend anderswo; aber die von Mir ausgehende Kraft des
Gottesgeistes erfüllt die ganze Unendlichkeit und wirkt nach dem Grundwillen in
Mir, und zwar in dem Augenblick, wo von Mir das ,Werde‘ ausgesprochen wird, was
Ich freilich nicht laut auszusprechen vonnöten habe, sondern nur in Meinem
Innersten. Und so ist alles, was du siehst, im Grunde des Grundes nichts
anderes als Mein fester und unwandelbarer Wille.
[GEJ.10_195,04] Diese Eigenschaft, von der
dir schon der Geist deines Vaters eine ganz ordentliche (verläßliche) Kunde
gegeben hat, haben auch alle reineren Geister – und ganz besonders Meine Engel,
die Mir stets zu dienen in der vollsten Bereitschaft stehen – in einem
vollkommeneren Grade als die minderen und noch unvollkommeneren Geister.
[GEJ.10_195,05] Dieses kannst du nun freilich
noch nicht vollkommen verstehen und einsehen, weil die Welt deine Seele noch
gefangenhält; wenn aber deine Seele frei wird durch Meinen Geist in ihr, so
wird diese dir nun sichtbare Welt für dich vergehen, das heißt, du wirst sie
allzeit noch schauen können, so du das wollen wirst, aber ihre für dich jetzt
allenthalben harte Materie und die in ihr wohnenden Kräfte werden dir nach
keiner Seite hin irgend den geringsten Widerstand mehr bieten können. Du aber
wirst dir aus deinem Innern selbst eine Welt erschaffen können, die für dich,
solange dein Wille sie wird halten wollen, eine ebenso vollkommene
Wohnunterlage bilden wird, wie da nun diese Meine Erde für deinen Leib eine
Wohn- und Tätigkeitsunterlage bildet.
[GEJ.10_195,06] Ein kleines Bild kann ich dir
zeigen, wenn du dessen nach rechter Weise achtest, so wird dir das
begreiflicher, was ich dir soeben gesagt habe. Du hast zum Beispiel in der
Nacht einen so recht lebhaften Traum. Du bist in diesem Traume bei vollkommenem
Bewußtsein und wirst dabei stets vollkommen inne, daß nur du es bist, der da
träumt, und kein anderer an deiner Statt. Du hattest aber noch nie einen Traum,
in welchem du keine Gegend, in der du dich befunden hast, gesehen hättest, wie
auch Menschen, mit denen du oft Zwiesprache führtest, und das stets nach deiner
Erkenntnis und Denkungsweise.
[GEJ.10_195,07] Wo ist denn diese Gegend, in
der du dich im Traume befunden hast, und wo und wer waren denn die Menschen,
mit denen du gesprochen hast oder sonst etwas zu tun hattest? Siehe, nirgends
anders – als in dir selbst!
[GEJ.10_195,08] Wenn sich deine Seele im
Leibesschlafe auf eine kurze Zeit zum größten Teil von den Leibesbanden frei
fühlt, so kann sie nicht umhin, das in ihr Zugrundeliegende in der Form, wie es
in ihr liegt, auch wie außer sich zu erblicken; und sei es dann, was es wolle,
so sieht es die Seele in der vollen Wirklichkeit vor sich und ist dann ebenso
in ihrer Gegend zu Hause wie im wachen Zustande auf dieser Erde.
[GEJ.10_195,09] Daß sie aber auch mit
Menschen im Traume zusammenkommen kann, und zwar teilweise mit noch lebenden
und teilweise mit solchen, die schon verstorben sind, hat darin seinen Grund,
weil eines jeden Menschen Seele gewisserart im kleinsten Maßstabe alle
Menschen, die je auf der Erde gelebt haben, jetzt leben und noch leben werden,
und so auch die ganze Geisterwelt abbildlich in sich faßt, gleich also wie ein
Spiegel die äußeren Bilder in sich aufnimmt, ohne daß diese Bilder irgend
Wirklichkeiten sind. Freilich ist der Spiegel nur ein sehr matter Vergleich,
weil er an und für sich tot ist und daher nur die toten Formen der ihm
gegenüberstehenden Dinge repräsentieren kann.
[GEJ.10_195,10] Die Seele ist aber ein
lebendiger Spiegel; daher kann sie die in ihr haftenden Bilder beleben und mit
ihnen also umgehen und handeln, als wären sie reelle Wirklichkeit, und hat
dabei den unberechenbaren Vorteil, daß sie sich durch diese in ihr belebten
Bilder auch mit der leichtesten Mühe mit den wirklichen Bildern in Verkehr
setzen kann.
[GEJ.10_195,11] Solange die Seele zwar in
dieser Welt noch lebt, bleibt in ihr dieses Vermögen noch unvollkommen, und sie
weiß am Ende selbst nicht, was sie damit machen soll; wenn sie aber einmal von
dieser Welt gänzlich befreit ist, so wird sie dessen schon in einem immer
höheren Grade innewerden, was sie mit diesem Vermögen zu tun hat.
[GEJ.10_195,12] Sie gleicht nun in der
Hinsicht einem jungen Erben, der von seinem Vater viele Güter übernommen hat
und im Anfange auch nicht weiß, erstens, wie die Güter aussehen, und zweitens,
wozu er sie verwenden soll. Aber mit der Zeit wird er alle seine Güter
kennenlernen und auch zur Erkenntnis gelangen, wozu sie zu verwenden sind, und
was er zu tun hat, um sie alle sich zunutze zu machen.
[GEJ.10_195,13] Und eben also wird es einer
jeden nur einigermaßen vollkommeneren Seele ergehen, daß sie nach und nach
stets mehr und mehr innewird, was in ihr zugrunde liegt, und wie sie das in ihr
zugrunde Liegende zu verwenden hat.
[GEJ.10_195,14] Du siehst aber mit deinen
fleischlichen Augen die Gegenden und die Menschen dieser Erde, sowie auch alle
andern toten und lebendigen Objekte, als wären sie wirklich außer dir; allein
Ich sage es dir, daß alles das, was du siehst, du nur in dir selbst siehst.
Deine Seele hat nur mit den Abbildern der äußeren Wirklichkeiten, die außer ihr
sind, zu tun und nicht mit den Wirklichkeiten selbst. Erst dein Tastsinn hat
mit den Wirklichkeiten zu tun.
[GEJ.10_195,15] Du siehst in der Entfernung
ein Gebirge; du siehst aber nicht das Gebirge selbst, sondern nur desselben
Abbild durch dein fleischliches Auge, welches also eingerichtet ist, daß es die
großen Wirklichkeitsbilder – oder Dinge, so du es lieber willst – in einem sehr
verjüngten (verkleinerten) Maßstabe in sich aufnehmen und sie durch eine
außerordentlich kunstvolle Leibeseinrichtung sogleich der Seele zur Beschauung
vorstellen kann.
[GEJ.10_195,16] Der Leib selbst sieht nichts,
und würde der Leib etwas für sich sehen können, so benötigte sein Auge nicht
einer so kunstvollen Einrichtung. Diese ist also nur der Seele wegen und nicht
des Leibes selbst wegen da. Denn würdest du die Wirklichkeiten, wie sie aus Mir
Selbst herausgestellt sind, in ihrer wahren Größe beschauen können, so würdest
du mit einem kaum faustgroßen Steine in tausend Jahren nicht fertig werden;
denn du würdest auf seiner Oberfläche allein schon so außerordentliche
Wunderseltenheiten erschauen, von denen du dich in vielen Jahren nicht trennen
könntest.
[GEJ.10_195,17] In der Folge der Zeiten
werden die Menschen eine Art Augenwaffen entdecken, durch die sie selbst die
kleinsten Dinge in einem sehr vergrößerten Maße erblicken werden und sich darob
über Meine Macht und Weisheit nicht genug werden verwundern können; sie werden
es aber dennoch nie dahin bringen, einen noch so kleinen Gegenstand in jener
wirklichen Größe zu erschauen, in der er von Mir ins Dasein gesetzt ist.
[GEJ.10_195,18] Die kleinsten Tierchen, die
dein Auge kaum erblickt, werden sie zwar durch derlei Waffen in einer solchen
riesigen Größe erschauen können, wie du mit deinem Auge nun ein an und für sich
wirklich großes Tier erschauen kannst; aber würden sie auch selbst das kleinste
Tierchen in der riesigen Größe eines Elefanten erblicken, so wäre solch eine
Vergrößerung doch noch nahezu ein völliges Nichts gegen die wirkliche und wahre
Größe eines solchen Tierchens, in der es von Mir in die Welt hinausgestellt
worden ist.
[GEJ.10_195,19] Ich habe dir dieses darum
gesagt, auf daß du leichter einsiehst, daß die Seele nichts außer sich, sondern
alles nur in sich zur Beschauung bekommt, und zwar in dem Maße, wie sie es am
leichtesten überschauen kann.
[GEJ.10_195,20] So die Seele einmal mit ihrem
Geiste vereinigt sein wird, so wird sie alles, so es sie freuen wird, in der
wahren Größe beschauen können; doch sage Ich dir auch, daß selbst die
vollkommensten Engel im Himmel davor eine ordentliche Scheu haben, die von Mir
geschaffenen Dinge in ihrer wahren Größe zu beschauen und zu erkennen dabei
Meine ewige und unendliche Überwiegenheit (Überlegenheit) in allem, was sie
schauen, fühlen, denken und begreifen können. – Hast du, Mein lieber Freund,
von dem dir Gesagten etwas verstanden?“
196. Kapitel
[GEJ.10_196,01] Sagte der Oberstadtrichter:
„Herr und Meister, mir kommt es vor, als hätte sich in mir alles auszudehnen
angefangen, und ich erschaue die große Wahrheit solcher Deiner Belehrungen wie
die Gegenstände dieser Erde wie in einem Morgendämmerlichte; aber da liegt noch
viel Nebel in den tieferen Regionen, und ich werde denn wohl warten müssen, bis
des Geistes Sonne in mir aufgehen wird. Daß in Dir eine unendliche Größe selbst
in dem Kleinsten Deiner Kreaturen vorhanden sein muß, das beweist mehr als
hinreichend Deine Belehrung; denn keines Menschen Phantasie und
Einbildungskraft könnte sich je so hoch und so tief schwingen, um uns Menschen
solche Bilder vorzustellen, die nur aus der endlosen Weisheit und Machtfülle
des einen und allein wahren Schöpfers aller Dinge ihren Ursprung nehmen
können.“
[GEJ.10_196,02] Hierauf sagten alle
Anwesenden: „Herr und Meister, wir fühlen uns wie ganz vernichtet vor Deiner
Größe, die Du uns durch Deine Worte nur so ein wenig und für Dich wohl mit der
größten Leichtigkeit gezeigt hast! Was wird aus uns erst werden, so wir Dich in
der Folge stets vollkommener werden kennenlernen?!“
[GEJ.10_196,03] Sagte Ich: „Es wird aus euch
das, was aus einem Senfkörnlein wird, das ein ganz kleiner Same ist, so es ins
befruchtende und belebende Erdreich gelegt wird. Es wird bald darauf erwachsen
zur Größe eines förmlichen Baumes, unter dessen Zweigen sogar die Vögel des
Himmels ihre Wohnung nehmen werden. Und dieses Senfkörnlein wird sich dann in
seiner Frucht nach und nach auch bis ins Unendliche zu vermehren imstande sein,
eine Eigenschaft, die nicht nur dem Senfkörnlein, sondern auch allen andern
Samenkörnern innewohnt.
[GEJ.10_196,04] Ihr seid zwar jetzt auch noch
ganz einfache Samenkörner. Meine an euch gerichtete Lehre ist das wohlgedüngte
Erdreich, in das Ich euch Selbst säe, und so ihr die Lebenskraft aus dieser
Lehre begierig in euch aufnehmet, so werdet ihr auch in Meinem Reiche eine
endlos reichhaltige Frucht bringen; denn kein Auge hat es je gesehen, kein Ohr
gehört und kein Sinn empfunden, was die in Meinem Reiche zu erwarten haben, die
an Mich glauben, Mich lieben und Meine leichten Gebote halten.
[GEJ.10_196,05] Doch nun ist es auch schon um
die Mitte des Tages geworden, und unsere Leiber bedürfen auch einer Stärkung.
Daher siehe du, Mein lieber Wirt, daß wir des Weines und Brotes und auch der
Fische in rechter Menge zum Genusse bekommen; denn nach dem Mittagsmahle werde
Ich mit Meinen Jüngern euch wieder verlassen und Mich weiterhin begeben!“
[GEJ.10_196,06] Auf diese Meine Worte war
alles, was Ich verlangte, bald da, und wir hielten wohlgemut unser gutes
Mittagsmahl.
[GEJ.10_196,07] Nach dem Mittagsmahle, das etwa
eine Stunde andauerte, baten Mich der Wirt und der Oberstadtrichter, sowie auch
die drei Apollopriester, die zwei Pharisäer und andern etlichen Juden, die hier
anwesend waren, daß Ich noch bis zum nächsten Morgen unter ihnen verweilen
möchte.
[GEJ.10_196,08] Ich aber fragte Meine Jünger
und sagte: „So ihr wollet, da können wir schon bis zum Morgen hier verweilen!“
[GEJ.10_196,09] Sagten die Jünger: „O Herr,
Du weißt es ja ohnehin, daß uns alles recht ist, was Dir recht ist, und so
bleiben wir nach dem Wunsche dieser Deiner neuen lieben Freunde hier; denn es
ist schon ohnehin mehr denn eine Stunde nach dem Mittage, und wir dürften etwa
kaum von da weiter gegen Süden einen Ort mehr erreichen.“
[GEJ.10_196,10] Sagte darauf der
Oberstadtrichter: „O Herr und Meister, in dieser Hinsicht haben Deine Jünger
wahr gesprochen; denn von hier bis zur nächsten Stadt, die von hier stark
südöstlich liegt an den Quellen des Arnonbaches, ist mehr denn eine gute
Tagereise, und zwischen hier und dort bestehen hie und da nur einzelne, äußerst
dürftige Hirtenhütten.“
[GEJ.10_196,11] Sagte Ich: „Was die
Entfernung betrifft, so wäre es Mir wohl möglich, samt Meinen Jüngern jene
Stadt zu erreichen; aber da ihr in euren Herzen wünschet, Mich noch bis zum
Morgen unter euch zu haben, so will Ich denn auch eurem Wunsche und Willen
nachkommen, und Ich bleibe denn bis zum Morgen bei euch.
[GEJ.10_196,12] Es ist aber der Nachmittag
ganz schön und rein; daher lasset uns diese Tageszeit im Freien zubringen, und
zwar abermals auf dem Berge Nebo! Und so wollen wir uns denn auch alsbald dahin
begeben!“
197. Kapitel
[GEJ.10_197,01] Auf diese Meine Worte leerte
noch ein jeder seinen Becher Wein, worauf wir uns alle wohlgemut erhoben und
uns auf den vorbenannten Berg begaben, auf welchem – wie euch schon bekannt –
Moses, Mein erster großer Prophet, gestorben ist.
[GEJ.10_197,02] In einer kleinen halben
Stunde befanden wir uns schon auf dem Berge, auf dem es jetzt viel lieblicher
aussah als am Morgen; denn es war nun auch der ganze Westen rein und von allem
Genebel frei, und man übersah das ganze Jordantal samt einem bedeutenden Teil
des Toten Meeres und die ganze Strecke des Libanongebirges nebst natürlich
einer ungemein großen Menge von Städten, Flecken und Dörfern, sowie auch die
alte Davidstadt Bethlehem und weiter oberhalb Jerusalem.
[GEJ.10_197,03] Es ward bei einer Stunde lang
viel über die Geschichte des Gelobten Landes gesprochen, und wie es sicher
eines der gesegnetsten Länder der ganzen Erdoberfläche sein dürfte.
[GEJ.10_197,04] Am Ende sagte Ich: „Ja, ihr
habt recht, aber es wird in kurzer Zeit in diesem Lande ganz anders aussehen!
Einige von euch und eure Kinder werden es dem Leibe nach erleben, daß dieses
irdische Paradies der Juden zu einer Wüste gemacht werden wird; denn weil dieses
Volk die Zeit seiner großen Heimsuchung nicht erkannt hat und auch nicht hat
erkennen wollen, so wird auf die große Zeit der Gnade bald eine andere Zeit des
Gerichtes kommen, und viele Juden werden vertrieben werden, hinaus in die ganze
Welt, und viele werden auch in diese sechzig alten Städte zu euch herauf
flüchten.
[GEJ.10_197,05] Die ihr finden werdet, daß
sie eines guten Willens sind, die behaltet und gebet ihnen Unterkunft; die
Starrsinnigen aber lasset weiterziehen! Ich werde dafür diese eure Gegend in
weitem Umkreise segnen und zu einer fruchtbaren umgestalten, daß ihr große
Herden werdet halten können und viel Gerste und auch Weizen bauen; auch Reben
werdet ihr züchten können und daraus eine gerechte Menge guten Weines ernten.“
[GEJ.10_197,06] Sagte darauf der Pharisäer
Barnabas: „Nach Deinem Worte, o Herr und Meister, wird der alte Prophet wohl
recht haben, der da sagte: ,Die Gegend Auran wird zwar von den Heiden zertreten
werden; aber wenn der Herr der Herrlichkeit sie mit Seinen Füßen betreten wird,
da wird sie wieder ergrünen und zu einem fruchtbaren Lande werden.‘“
[GEJ.10_197,07] Sagte Ich: „Ja, ja, das soll
sie, aber allgemein dennoch nicht, – denn bis dieses weite Aurangebiet gänzlich
wieder zum fruchtbaren Lande wird, wird es wohl noch einer sehr langen Zeit
bedürfen; doch auf einige hundert Jahre hin soll dieses Hochland an jenen
Punkten in weiten Umkreisen fruchtbar sein, die Ich besucht, und wo Ich auch
fruchtbare Menschenherzen angetroffen habe. Wenn aber die Herzen der Menschen
werden wieder hart und trocken werden, dann wird auch diese Gegend bald
dasselbe Aussehen bekommen wie die Menschenherzen.“
[GEJ.10_197,08] Hierauf sagte der Pharisäer
Dismas: „O Herr und Meister, ich habe auch in der Schrift gelesen, daß da Du
auf Erden sein werdest, so werden die Himmel offen stehen und Deine Engel
werden auf und nieder schweben und Dir dienen. Wie sollen wir das verstehen?“
[GEJ.10_197,09] Sagte Ich: „Ich meine, daß
das für euch nun um so weniger unverständlich sein dürfte, indem ihr heute
morgen eben auf dieser Stelle Moses und einen Engel an seiner Seite selbst
gesehen habt. Übrigens hat diese Stelle des Propheten auch einen anderen Sinn,
und der eigentlich der allein vollkommen wahre ist.
[GEJ.10_197,10] Sehet, das Himmelreich,
welches das eigentliche Reich Gottes ist, besteht für den Menschen nicht irgend
in einem äußeren Schaugepränge, sondern es ist inwendig im Menschen, und die
Menschen, die eben dieses Reich Gottes in sich aufgenommen haben – das Ich
Selbst zu ihnen gebracht habe –, sind in ihren von Liebe zu Mir und zum
Nächsten erfüllten Herzen erstens der Himmel selbst, der nun offen stehet, und
zweitens die Engel selbst, die zwischen Mir und ihnen auf und nieder steigen
und Mir in ihrer Liebe dienen!
[GEJ.10_197,11] Denn das, was ihr Himmel
nennet, das ist an und für sich kein Himmel, sondern durch und durch Welt, und
ist geschaffen von Mir aus für die Zeit des Freiheitsprüfungsbestandes der
Menschen; wenn ihr aber eure eigene Welt samt dem Fleische werdet abgelegt
haben, so wird diese äußere, euch jetzt sichtbare Welt für euch so gut wie gar
nicht mehr da sein, und ihr werdet Bewohner einer ganz anderen Welt werden, die
Ich für euch nicht von Mir aus oder von euch selbst aus erschaffen habe,
sondern die für euch aus euch selbst erschaffen sein wird, und zwar für jeden
nach der Art seiner Liebe zu Mir und zum Nächsten, wie du, Mein lieber Freund
und Stadtoberrichter, gestern am Abend hier aus dem Munde deines schon vor zehn
Jahren verstorbenen Vaters, den Ich dir habe erscheinen lassen, vernommen
hast.“
198. Kapitel
[GEJ.10_198,01] (Der Herr:) „Auf daß ihr aber
doch sehet, daß Ich Mich auch von Meinen Engeln, die in Meinem Himmel wohnen –
welcher Himmel die ganze Unendlichkeit durchdringt –, kann bedienen lassen,
wann Ich will, so will Ich denn euch davon eine Probe geben. Sehet, Ich will,
daß nun mehrere erste Engel hier erscheinen sollen, und Ich werde aus ihrer
Zahl einen berufen, daß er auf eine kurze Zeit hin Mir zu eurem Besten dienen
soll, – denn Ich für Mich Selbst bedarf weder eines Engels noch eines Menschen
Dienst. Und so will Ich denn, daß alsogleich eine gerechte Menge Engel uns
umstehen sollen!“
[GEJ.10_198,02] Als Ich solches kaum
ausgesprochen hatte, da waren wir schon von allen Seiten von einer ganzen
Legion Engel, teils mit weißen, teils mit blauen, teils mit roten Gewändern
angetan, umgeben.
[GEJ.10_198,03] Als besonders die etlichen
vormaligen Heiden und auch die etwelchen Juden und Pharisäer der vielen Engel
ansichtig wurden, da legten sie ihre Hände auf ihre Brust und getrauten sich
vor lauter Ehrfurcht vor Mir und den vielen Engeln nichts zu reden.
[GEJ.10_198,04] Einige Engel aber traten zu
ihnen und sagten: „Liebe Freunde und Brüder, warum fürchtet ihr euch denn vor
uns? Sehen wir denn gar so erschrecklich aus?“
[GEJ.10_198,05] Sagte der Oberstadtrichter:
„O liebe Freunde aus den Himmeln Gottes, das eben wohl nicht, sondern gerade
das Gegenteil, so daß ich bekennen muß, noch nie von solch herrlichen
Menschengestalten je geträumt zu haben! Der Herr, der unter uns weilt, ist
offenbar auch euer Herr, ansonst ihr Seinem Willen nicht so plötzlich gehorcht
hättet; denn ich hätte mit meinem Willen euch wohl zeit meines Lebens rufen
können, und es wäre höchstwahrscheinlich auch nicht einer von euch mir
erschienen. Aber eben darum ist und bleibt der Herr der Herr und ist dadurch
auch Alles in Allem, und Seinem Willen sind Himmel und Erde untertan; nur die
große Blindheit der Menschen kann es nicht und will es auch nicht erkennen,
welch eine große Gnade der Herr ihr in dieser Zeit erwiesen hat.“
[GEJ.10_198,06] Hier trat ein Engel näher zum
Oberstadtrichter – es war der euch schon bekannte Erzengel Raphael – und sagte
zum Oberstadtrichter: „Du hast recht und wahr gesprochen, – aber was jetzt noch
nicht ist, das wird mit der Zeit stets mehr und mehr werden; denn glaube es
mir, daß wir – wie du uns hier siehst – und noch zahllos viele unseresgleichen
mehr niemals müßig waren, und in dieser Zeit um so weniger!
[GEJ.10_198,07] Wir bereisen die ganze Erde
und prüfen der Menschen Herzen, ob sie irgend fähig sind, des Herrn lebendig
machende Gnade in sich aufzunehmen, und finden wir derlei Herzen, so stärken
wir sie, und so des Herrn Wort zu ihnen gelangt, da wird es auch bald mit
vieler Freude vollgläubig aufgenommen.
[GEJ.10_198,08] So war ich denn auch schon
zuvor bei euch und habe euch nach des Herrn Willen gestärkt, und als der Herr
nun Selbst zu euch kam, so habt ihr Ihn denn auch bald und leicht erkannt.
[GEJ.10_198,09] Wir brauchen uns bei dieser
Arbeit dem Menschen nicht zu zeigen, indem wir die Macht und Kraft vom Herrn
besitzen, dem Menschen so zu nützen, daß dabei des Menschen freier Wille keinen
Zwang und Schaden erleidet. Nun aber habt ihr den Herrn erkannt und in eure
Herzen aufgenommen, und so übt unser euch sichtbares Erscheinen auf euer ganzes
Gemüt auch keinen Zwang mehr aus, und ihr könnet mit uns reden, so wie mit euch
selbst untereinander.“
[GEJ.10_198,10] Sagte der Oberstadtrichter:
„Liebster und erhabenster Freund aus den Himmeln Gottes, so ich etwa in der
Folge zu irgend etwas Wichtigem im Namen des Herrn deine sichtbare Gegenwart
benötigen würde, und ich riefe dich, mir zu erscheinen, würdest du da mir wohl
auch erscheinen?“
[GEJ.10_198,11] Sagte Raphael: „So es nötig
wäre im Namen des Herrn – allzeit, wenn du mich rufen würdest; aber ich würde
nur dir erscheinen, und deinen Nebenmenschen erst dann, so ihnen mein
Erscheinen keinen Glaubenszwang mehr verursachen möchte. Und was ich dir nun
gesagt habe, auf das kannst du dich wohl verlassen, – und daß ich dir in gar
mannigfachen Dingen dienen kann, davon sollst du mich noch heute und in der
folgenden Nacht durch die Zulassung des Herrn so manche Probe zeigen sehen.“
[GEJ.10_198,12] Hierauf trat Raphael wieder
zurück, und Ich fragte Selbst den Oberstadtrichter und die andern, ob sie sich
nun an der Gegenwart der vielen Engel zur Genüge gesättigt hätten.
[GEJ.10_198,13] Und sie sagten alle: „Herr,
Dein Wille geschehe; denn wir haben uns alle nun überzeugt, daß die Propheten
nicht ein Häkchen groß über Dich vergeblich geweissagt haben! Jedes Wort über
Dich ist bis jetzt noch sogar buchstäblich wahr in Erfüllung gegangen!“
[GEJ.10_198,14] Hierauf sagte Ich zuerst zum
Erzengel Raphael: „Du bleibst sichtbar so lange bei uns, bis Ich dir den Wink
geben werde, dich nach Meinem Willen irgendwo andershin zu begeben.“
[GEJ.10_198,15] Und Raphael dankte Mir für
diesen Beruf (Berufung).
[GEJ.10_198,16] Und Ich sagte darauf zu den
andern vielen Engeln: „Ihr aber begebet euch wieder dahin, wo Mein Wille und
Meine Weisheit für euch eine Arbeit bestimmt hat!“
[GEJ.10_198,17] Darauf verschwanden plötzlich
alle die andern Engel.
199. Kapitel
[GEJ.10_199,01] Raphael aber blieb und
bekleidete sich plötzlich mit einem dunkelgrauen Rock, und seine Füße waren
versehen mit Schuhen. Sein Haupt wurde bedeckt mit einem jüdischen Hute, der
wie gewöhnlich aus Seide oder Kamelhaaren in einer beliebigen, gewöhnlich aber
lichteren Farbe verfertigt war. Und so konnte seine Gestalt niemandem mehr
auffallen.
[GEJ.10_199,02] Und Ich sagte zum
Oberstadtrichter: „Gehe hin, reiche ihm die Hand, grüße ihn als Freund und
Bruder, und überzeuge dich, daß nun auch er Fleisch, Haut und Knochen hat!“
[GEJ.10_199,03] Der Oberstadtrichter tat
sogleich, was Ich ihm geraten hatte, und konnte sich nicht genug verwundern,
daß nun dieser Engelsgeist sich in der Wirklichkeit ganz als ein vollkommener
Erdenmensch unter ihnen befinde. Er bat Raphael denn auch, sich ganz in seine
Nähe zu begeben, was Raphael auch sogleich tat, indem er neben ihm auf einer
Rasenbank Platz nahm.
[GEJ.10_199,04] Hier kam auch der
Apollopriester zu Raphael hin, grüßte ihn und sagte: „Du wirst an mir zwar
keine große Freude haben, da ich seit langem schon ein Götzenpriester war, –
nun habe auch ich den einen und allein wahren Gott und Herrn wohl erkannt und
werde in der Folge dahin arbeiten, daß das ganze Götzentum, soweit es sich in
meinem Bereiche befindet, so bald als möglich zunichte wird.“
[GEJ.10_199,05] Sagte zu ihm Raphael: „Und
ich werde dir helfen und dich mit meiner Kraft unterstützen, so es dir irgend
an derselben gebrechen sollte, dessen du ganz versichert sein kannst; denn auch
bei dir war ich schon zuvor, ehe du den Herrn noch erkanntest, und habe dein
Herz gefügig gemacht, und ich werde später wieder mit dir sein und für dich
unter deinen Heiden einen Vorarbeiter machen. Denn glaube es mir, daß wir da
nicht müßig sind, wo der Herr Selbst Seine Hände ans Werk legt, und wir
vollkommenen Engelsgeister sind da gewisserart gleichwie die Finger an der Hand
des Herrn, – die Finger aber sind sicher jederzeit bei jedermann tätig, solange
er mit seinen Händen eine Arbeit unternimmt. Verlaß dich denn auf des Herrn
Verheißung, und ich werde dich nicht im Stiche lassen! Glaubst du das?“
[GEJ.10_199,06] Hierauf sagte der
Oberstadtrichter: „Vermagst du auch alles – das versteht sich von selbst: mit
der Zulassung des Herrn! –, was der Herr Selbst vermag?“
[GEJ.10_199,07] Sagte Raphael: „Mein lieber
Freund und Bruder, das war wohl noch eine sehr menschliche Frage aus deinem
Munde! Wir alle, Engel des Himmels, vermögen aus uns ebensowenig wie ihr
Menschen auf Erden etwas zu bewirken; aber ich habe dir ja schon gesagt, daß
wir gewisserart die Finger an Seiner Hand sind und die Auswirker Seines
Willens, und wir sind eben dadurch als durch nichts beschränkte freie Wesen
selbst Ausflüsse der göttlichen Kraft und vermögen daher denn auch alles zu
bewerkstelligen, was diese Kraft uns offenbart und in uns will, und es ist dann
das, was wir bewerkstelligen, nicht unser, sondern allein nur des Herrn Werk.
[GEJ.10_199,08] Wir sind zwar vollkommen
selbständig und in allem ebenso vollkommen frei; da aber die größte
Vollständigkeit einzig und allein nur in der Weisheit und im Willen des Herrn
besteht, so versteht sich das schon von selbst, daß sowohl der Mensch als auch
ganz besonders ein Engelsgeist, der im Grunde auch nur ein Mensch ist, sich
eben dadurch in der stets größeren Selbständigkeit und Freiheit befindet, je
mehr er sich von der Weisheit und von dem Willen des Herrn zu eigen gemacht
hat. Ich kann dir damit sogar mit einem irdischen Beispiele dienen, – und so
siehe:
[GEJ.10_199,09] Du bist hier ein hoch
angesehener Oberstadtrichter und hast nicht nur über diese eine Stadt, sondern
über noch vierzehn Städte deine dir vom Kaiser verliehene Gewalt, sogar über
Leben und Tod der Menschen, ganz frei und ohne alle Verantwortung auszuüben;
ja, wie bist du denn zu dieser bedeutenden irdischen Gewalt gekommen?
[GEJ.10_199,10] Siehe, ich werde es dir
erklären! Du hast durch deine Rechtsstudien bei den strengen Prüfungen in Rom
vollends an den Tag gelegt, daß du dir des Kaisers Willen, den du durch die
Gesetze genau hast kennengelernt, derart zu eigen gemacht hast, daß du deinen
eigenen Willen dem Willen des Kaisers vollkommen untergeordnet hast, wodurch du
denn auch ein ganz neuer Mensch geworden bist, der du zu Anfang deiner Studien
nicht warst. Und weil du dir hernach des Kaisers Gesetz, und also auch seinen
Willen, lebendig eingeprägt hast, daß dein alter, scheinbar freier Wille durch
den neuen Kaiserwillen in dir völlig in unauflösbare Fesseln und Ketten gelegt
wurde, so hast du dabei nicht nur nichts verloren, sondern nur außerordentlich
vieles gewonnen; denn mit deinem eigenen, alten Willen wärest du für immerhin
ein Sklave des kaiserlichen Willens geblieben. Da du aber des Kaisers Willen zu
dem deinigen gemacht hast, so bist du dadurch selbst vollkommen frei geworden
und kannst nun tun, was du willst, und du unterliegst keiner Verantwortung; und
sollte sich jemand deinem Willen nicht fügen wollen, so hast du vom Kaiser aus
das IUS GLADII in deiner Hand und kannst die Widerspenstigen zum Gehorsam
treiben durch des Kaisers Macht und Gewalt.
[GEJ.10_199,11] Und siehe, je mehr du dich
bestreben wirst, des Kaisers Willen auf das allergenaueste zu erfüllen – wovon
der Kaiser in kurzer Zeit in Kenntnis gesetzt werden kann –, ein desto höheres
und im Wirkungskreise viel ausgedehnteres Amt wird dir vom Kaiser verliehen
werden, in welchem Amte du noch um vieles freier wirst handeln können als
jetzt; und so kannst du dich noch gleichfort höher und höher derart
hinaufschwingen, daß du am Ende selbst an den Hof des Kaisers gezogen wirst und
von dort aus gebietest und handelst also, als wärest du schon nahezu der Kaiser
selbst. Frage dich aber nun selbst, wie du zu einer solchen Machthöhe gelangt
bist, – und die Antwort wird in dir selbst unmöglich eine andere sein als die
also lautende: ,Ich habe meinen alten Menschenwillen derart gänzlich
verleugnet, daß von ihm nichts übriggeblieben ist als das einzige, daß ich eben
durch den alten Willen mich auf das fleißigste bestrebt habe, mir des Kaisers
Willen vollkommen zu eigen zu machen.‘
[GEJ.10_199,12] Und siehe nun, geradeso geht
es uns vollkommensten Engelsgeistern! Wir haben auch unseren eigenen,
allerfreiesten Willen; aber der ist dessenungeachtet unendlich beschränkter als
der allerfreieste Wille des Herrn Selbst.
[GEJ.10_199,13] Und je mehr wir uns dann des
Herrn Willen also vollkommen aneignen, als wäre er unser eigenster Wille
selbst, desto mehr freie Macht, Kraft und Gewalt wird uns dadurch vollkommen zu
eigen, und wir können denn auch alles das bewirken und hervorbringen, was der
Herr Selbst bewirkt und hervorbringen kann.
[GEJ.10_199,14] Aber du wirst es nun auch
selbst einsehen, daß nicht wir es sind, die das vermögen, sondern nur der Herr
in uns und durch uns.
[GEJ.10_199,15] So jemand in deinem Bezirk
jemanden beraubt und ermordet hat und wird dann gefangen und vor dich gebracht,
so wirst du ihn richten und auch töten lassen, und du hast dabei recht
gehandelt, weil du nach dem Willen des Kaisers gehandelt hast, und bist dabei
so gut wie der Kaiser selbst EX LEGE; der Räuber und Mörder aber hat nach
seinem eigenen Willen gehandelt und ist dadurch zugrunde gegangen.
[GEJ.10_199,16] Verstehst du nun, wie auch
wir Engelsgeister die Macht und Gewalt besitzen, alles das frei und ohne alle
Verantwortung zu tun, was der Herr Selbst tut?“
200. Kapitel
[GEJ.10_200,01] Sagte hierauf der
Oberstadtrichter: „Höre, du mein himmlisch überweiser Freund, du hast mir nun durch
deine Erklärung die Sache so klar gemacht, daß mir darüber wohl mein ganzes
Leben hindurch keine weitere Frage übrigbleiben kann und wird, und aus deiner
Weisheit, die der Weisheit des Herrn völlig ähnlich ist, erkenne ich auch, daß
dir alles möglich ist, was dem Herrn Selbst möglich ist! Daher wird mir deine
Hilfe mit Zulassung des Herrn bei jeder meiner Arbeit in Seinem Namen überaus
wohl zustatten kommen.“
[GEJ.10_200,02] Sagte hierauf Ich zum
Oberstadtrichter: „Nun, du Mein lieber Freund, wie gefällt dir Mein himmlischer
Diener?“
[GEJ.10_200,03] Sagte der Oberstadtrichter:
„Herr und Meister, er spricht ganz so, als wenn Du Selbst aus ihm heraus reden
möchtest, und daraus erkenne ich denn überklar, daß er ein hoher Diener Deiner
endlosen göttlichen Herrlichkeit und Majestät sein muß, und ich glaube denn
auch ungezweifelt, daß er alles zu bewerkstelligen imstande ist durch Deine
Weisheit und Deinen Willen in ihm, was Du Selbst zu bewirken und zu
bewerkstelligen imstande bist – das heißt nach meiner menschlichen Weise
beurteilt –; daß aber Deine Weisheit und Dein Wille sicher noch endlos tiefer
und weiter um sich greifen werden, als da selbst der lichteste Verstand aller
Deiner Engelsgeister erschauen und begreifen kann, dessen bin ich in mir auch
vollkommen überzeugt!“
[GEJ.10_200,04] Sagte Ich: „Mein lieber
Freund, das hat dir dein Fleisch nicht eingegeben, sondern dein jenseitiger
Geist aus Mir; daher bestrebe du dich, dir auch Meinen Willen also zu eigen zu
machen, wie du dir des Kaisers Willen zu eigen gemacht hast, und du wirst dann
auch bald und leicht stets vollkommener eins werden mit deinem jenseitigen
Geiste aus Mir, welcher da ist Meine Liebe, Weisheit und Macht, und du wirst
dann auch also wirken können, wie dieser Engelsgeist – der ,Raphael‘ heißt – zu
wirken imstande ist! Was er aber alles imstande ist zu vollbringen, davon hast
du jetzt freilich noch keine noch so matt schimmernde Idee; aber einige Proben
werden dich darüber schon belehren.
[GEJ.10_200,05] Verlange du nun von ihm
selbst – aber vernünftigermaßen –, was für ein Zeichen er vor euer aller Augen
wirken soll, um euch allen einen Begriff zu verschaffen, was Meine Macht und
Mein Wille durch ihn vermag, und er wird nicht sparen (zögern), dir und euch
allen damit zu dienen!“
[GEJ.10_200,06] Sagte darauf der
Oberstadtrichter: „O Herr und Meister, ich komme mir jetzt auf einmal in eurer
Mitte so blöde und dumm vor, daß ich nun wahrlich nicht weiß, was für ein
vernünftiges Zeichen ich mir von ihm erbitten solle! Da wäre es wohl besser, Du,
o Herr und Meister, würdest ihm Selbst allergnädigst anzeigen, was er zur
Erhellung unserer Begriffe über seine Macht bewirken möchte!“
[GEJ.10_200,07] Sagte Ich darauf: „O nein,
mein Freund, das geht nicht an; denn dieser Mein Raphael ist ohnehin mit allem
erfüllt, was Ich will und mag! Aber Ich ziehe darum Meinen besonderen Willen
und Meine Macht zurück, auf daß er allein aus seinem ihm zu eigen gemachten
Reichtum aus Mir wollen und wirken kann, wie er will und mag, auf daß du
dadurch erst recht erkennest, was Mein Reich in allen Engeln und auch in den
Menschen ganz frei wie aus sich selbständig zu bewirken imstande ist, ohne daß
Ich dabei notwendig habe, alle Meine zahllosen Engelsgeister und auch die
Menschen auf dieser Erde am Gängelbande Meines allmächtigen Willens zu führen;
und so denn erwähle dir frei etwas, das dir gut dünkt, und sage es ihm, und er
wird auch alsogleich ins Werk setzen, was du willst!“
[GEJ.10_200,08] Hier schwieg der
Oberstadtrichter eine kleine Weile, rieb sich mit einer Hand seine Stirn und
mit der andern kratzte er sich ein wenig hinter den Ohren, da er in sich noch
nicht völlig einig werden konnte, mit was für einer so recht vernünftigen
Petition er vor Mir und dem Raphael zum Vorschein kommen sollte. Endlich fiel
ihm ein, daß Ich ihm versprochen hatte – noch im Hause des Wirtes –, daß diese
an allem arme Steppengegend ergrünen und hervorbringen werde viel Gras,
Getreide, Fruchtbäume und sogar den Weinstock, und er zeigte solches wörtlich
dem Raphael an.
[GEJ.10_200,09] Und Raphael klopfte ihm
freundlich auf die Achsel und sagte: „Mein lieber Freund und Bruder, damit hast
du an mich ein wahrhaft allervernünftigstes Verlangen gestellt, und es soll
deinem Verlangen auch alsbald Genüge geleistet werden!“
[GEJ.10_200,10] Sagte darauf der
Oberstadtrichter, der sein Auge vom Angesichte Raphaels nicht abwenden konnte:
„Nein, nein, mein lieber himmlischer Freund, es muß das ja nicht alsogleich
geschehen; ich bin schon damit zufrieden, wenn es nur so nach und nach
geschieht unter Mitwirkung unseres armseligen menschlichen Fleißes.“
[GEJ.10_200,11] Sagte darauf Raphael: „Hast
du das, lieber Freund und Bruder, nie gehört, daß derjenige, der um etwas
gebeten wird, doppelt und mehrfach gibt, wenn er alsogleich gibt, als so er
dem, der ihn um etwas gebeten hat, das erst nach und nach nach seiner Muße und
Gelegenheit zukommen läßt?“
[GEJ.10_200,12] Sagte der Oberstadtrichter:
„Das ist freilich wohl wahr, und wir Römer haben in unserem bürgerlichen Gesetz
auch einen ganz ähnlichen Ausspruch, aber er wird freilich nicht immer also ins
Werk gesetzt.“
[GEJ.10_200,13] Sagte darauf Raphael: „Lieber
Freund und Bruder, das ist wohl bei den Bürgern dieser Welt also gang und gäbe,
weil euer Wille selbst und die Kraft, denselben in Vollzug zu bringen, noch mit
vielen Schwächen behaftet ist; für uns Bürger der Himmel des Herrn aber ist das
nicht mehr der Fall, sondern was wir wünschen und wollen, das ist auch schon im
Augenblick in seiner möglichst höchsten Vollendung da. Und nun erhebe dich, und
beschaue dir diese Gegend ein wenig, und sie wird dich von der Wahrheit dessen
vollkommenst überzeugen, was ich nun zu dir gesagt habe!“
201. Kapitel
[GEJ.10_201,01] Hierauf erhob sich der
Oberstadtrichter und richtete seine Blicke nach der Gegend, nach weit und breit
hin und erkannte sie nicht mehr; denn er ersah eine große Menge der üppigsten,
vollreifen Getreidefelder, daneben nahezu unabsehbar weit hinausreichende, mit
dichtem Gras bewachsene Wiesen und um die Stadt herum große Gärten, die da von
den edelsten Obstbäumen strotzten. Auch der Berg Nebo, auf dem wir uns
befanden, war ganz grün geworden und ringsum bewachsen mit den herrlichsten
Feigenbäumen und Weinreben. Ebenso ersah er auch etwas unterhalb der Stadt
einen bedeutend großen Teich, von dem aus sich mehrere Bächlein in
verschiedenen Richtungen hin ergossen.
[GEJ.10_201,02] Als der Oberstadtrichter samt
den andern alles dessen ansichtig wurde, schlug er samt dem Wirte, den drei
Apollopriestern und auch den etlichen Pharisäern und Juden die Hände über dem Kopfe
zusammen und sagte: „O Herr, das ist nahe wie unendlich zuviel, und es
übersteigt wahrlich alle meine Begriffe! Was werden die Menschen, die in dieser
Stadt und in deren ziemlich weit ausgedehntem Bezirke wohnen, zu dieser
Erscheinung sagen? Sie können sich unmöglich etwas anderes denken, als daß
alles das irgendein barmherzig gewordener Gott bewirkt habe durch die Bitte
irgendeines seiner Priester; aber ich werde alles dieses Volk davon schon in
der kürzesten Zeit in Kenntnis setzen, wie und wodurch dieses alles so geworden
ist.
[GEJ.10_201,03] Aber nun bitte ich Dich, o
Herr, weder für mich noch für diese ganze Gegend irgend ein zweites Zeichen
mehr zu wirken; denn es hat mich dieses schon neben meinem höchsten Erstaunen
zugleich auch in eine außerordentliche Verlegenheit gesetzt, und es wird sich
darüber schon wahrscheinlich noch heute und morgen ein Fragen von allen Seiten
erheben, daß man darüber nicht genug taugliche Antworten wird zu geben imstande
sein!“
[GEJ.10_201,04] Sagte Ich: „Es wird das freilich
wohl der Fall sein; aber Ich werde auch dafür sorgen, daß es euch an den
rechten Antworten nicht fehlen wird, und alles Volk dieser weitgedehnten Gegend
wird froh und dankbar nach Hause ziehen und einzusammeln anfangen, was auf
eines jedem Grunde erwachsen ist. Aber dessen magst du mit Hilfe deiner vielen
Unterdiener wohl auch dir zu einem Gesetze machen, dem Volke ernst ans Herz zu
legen, daß es davon kein Geschrei und keinen Lärm mache, weil es sich dadurch
aus der weit entfernteren Gegend viele habsüchtige Neider an den Hals ziehen
würde und am Ende zu den Waffen greifen müßte, um die neidischen Feinde von den
gesegneten Grenzen dieses Landstriches fernzuhalten.
[GEJ.10_201,05] Also sollet auch ihr, Meine
Jünger und ihr Juden, dort unter den Juden im Gelobten Lande kein Aufhebens
davon machen; denn viele würden es euch nicht glauben, sondern euch nur
verlachen und verfolgen. Und viele der andern schwachen Juden würden es euch
wohl glauben, und durch euch auch an Mich; aber solch ein Glaube hätte für sie
keinen festen Halt, da sie ihn erstens durch ihre eigenen Zusätze nur zu bald
nach der Art alles Aberglaubens vergrößern würden, und fürs zweite würde solch
eine Weiterverbreitung, weil sie zu sehr nach dem alten Aberglauben den Geruch
hätte, nur einen sehr zweifelhaften Glauben bewirken, indem man mit der Zeit
sagen würde, so man später in diese Gegend käme, um sich von dem Wunder zu
überzeugen, – daß das auch ein rechter Fleiß und Eifer der Menschen habe
bewirken können.
[GEJ.10_201,06] Doch späterhin möget ihr
davon jenen Menschen wohl eine kluge Erwähnung machen, die schon vollkommen
Meine Lehre angenommen haben und durch sie in Mein Reich eingegangen sind.
Diese werden es euch glauben, aber dabei auch sagen: ,Ja, was sollte dem
Allmächtigen denn unmöglich sein? Haben wir Ihn, so haben wir durch Ihn auch
alles!‘
[GEJ.10_201,07] Darum bleibet zum voraus
(zunächst) nur bei der Lehre, und nachher möget ihr erst auf Meine Zeichen
übergehen, die mit der Folge der Zeiten, so wahr sie auch sind, doch immerhin
wenig Glauben finden werden; denn der Verstand der Menschen wird so lange
solche Dinge bekritteln, als wie lange er in ihren Urentstehungsgrund nicht
eingeweiht werden kann, welche Einweihung bei gar vielen nicht diesseits,
sondern erst jenseits wird vor sich gehen können.
[GEJ.10_201,08] Diesen Meinen Rat befolget,
und ihr werdet dadurch guten und ebenen Weges vorwärtskommen, ansonst ihr mit
vielen Steinen des Anstoßes zu tun bekommen dürftet! Gut ist demnach gut, aber
besser ist auch ewig besser, und am besten ist das, was Ich euch sage.“
[GEJ.10_201,09] Hierauf gaben Mir alle das
Wort, diesen Rat auf das treueste zu befolgen, und der Oberstadtrichter fragte
Mich, ob er darüber auch den Kaiser benachrichtigen solle.
[GEJ.10_201,10] Und Ich sagte zu ihm: „Den
Kaiser laß einstweilen beiseite, aber nach einem Jahre kannst du davon Meinen
Freund Agrikola in Rom benachrichtigen, und er wird es zu deinem Vorteile zur
rechten Zeit schon auch an den Kaiser überbringen! Für jetzt aber genügt es,
deinen Bezirk allein zu unterweisen; und sollte ein Nachbar aus den nördlich
von hier gelegenen Städten zu dir kommen, so wird er dir das selbst sagen, wer
das bewirkt hat. Den Hauptmann Pellagius magst du davon benachrichtigen; denn
er ist auch in militärischer Beziehung über diese Stadt gestellt und kennt
Mich!“
202. Kapitel
[GEJ.10_202,01] Hierauf fragte Ich den
Oberstadtrichter, ob er daheim bei seiner Mutter nicht irgend etwas besäße, das
er gerne hier hätte.
[GEJ.10_202,02] Sagte der Oberstadtrichter: „Ja
– wohl, Herr und Meister –, aber das ist schon zur Zeit, als ich noch in Rom
war, derart verlegt worden, daß wir es trotz unseres fleißigsten Suchens nicht
wieder haben auffinden können! Es ist nämlich unser alter Patrizierbrief, noch
aus der Zeit des Julius Cäsar, in einer goldenen Kapsel. An diesem läge mir
sehr viel, nicht so sehr meinet-, als vielmehr meiner jüngeren Geschwister
wegen.“
[GEJ.10_202,03] Und Raphael sagte, neben ihm
sitzend: „Da siehe her, hier ist dein alter Patrizierbrief! Besieh ihn wohl, ob
er der rechte ist!“
[GEJ.10_202,04] Der Oberstadtrichter, über
alle Maßen erstaunt, öffnete die Kapsel und fand in derselben zusammengerollt
seinen ihm nur zu gut bekannten Patrizierbrief und fragte den Raphael: „Ja, wie
war dir das möglich?“
[GEJ.10_202,05] Und Raphael sagte: „Siehe,
unsere Eigenschaft besteht unter anderm auch darin, daß wir uns in einem
Augenblick von einem Ort zum andern und von da wieder zurück bewegen können,
und so war ich denn in diesem Augenblick auch in Rom und bin nun wieder da.“
[GEJ.10_202,06] Fragte der Oberstadtrichter
abermals den Raphael: „Wenn ich die Kapsel und auch den darin liegenden
Patrizierbrief nicht so wohl kennte, so würde ich glauben, daß du ihn durch
deine Macht ebenso erschaffen hast, wie du diese Gegend in einem Augenblick in
den blühendsten Zustand versetztest; aber so muß ich diesen Glauben ob der
Echtheit dieser Kapsel und dieses Briefes völlig aufgeben.
[GEJ.10_202,07] Du hast mir freilich gesagt,
daß ihr vollkommenen Engelsgeister auch diese Eigenschaft besitzt, euch in
einem Augenblick von einem Ort bis zu einem andern und von dort wieder
zurückzubewegen. Das glaube ich nun auch; aber du warst nicht einen Augenblick
abwesend von hier, und so bin ich der Meinung, du hast irgendeinen andern in deiner
Nähe seienden dienstbaren Engelsgeist nach Rom entsendet, der dir auch schnell
genug diese Kapsel überbringen konnte.“
[GEJ.10_202,08] Sagte Raphael: „O nein, mein
lieber Freund, ich war es wirklich selbst; denn siehe, die Zeit kann auch so
wie alles andere, was den Raum betrifft, in höchst kurze Abschnitte eingeteilt
werden, und zwar also, daß der Zeitraum, den du einen Augenblick nennst, in
eine endlose Reihe von noch kürzeren Zeiträumen eingeteilt werden kann! Für
dich und dein Auffassungsvermögen ist solch ein Zeiträumchen freilich soviel
wie gar nichts, aber nicht also auch für uns vollkommene Engelsgeister; denn
ich vermag mich in einem solch kürzesten Zeiträumchen zahllose Male von hier
aus in die größte Entfernung hin- und zurückzubewegen, und du wirst es nie
merken, daß ich in der Zeit auch nur einen Augenblick abwesend war, und die auf
dem entferntesten Punkte, dahin ich mich bewegte, werden meine Gegenwart so
wenig vermissen wie du! Kennst du die Schnelligkeit des Gedankens?“
[GEJ.10_202,09] Sagte der Oberstadtrichter:
„Ja, mein lieber himmlischer Freund, einen kleinen Begriff habe ich davon, und
zwar vorzüglich aus der Lehre des weisen Plato!“
[GEJ.10_202,10] Sagte darauf wieder Raphael:
„Wie heißt der entfernteste Ort, den du gewisserart persönlich kennst?“
[GEJ.10_202,11] Sagte der Oberstadtrichter:
„Britannien! Denn bis dahin habe ich einmal eine Reise mit meinem damals noch
lebenden Vater gemacht, und zwar zu Wasser, welche Reise hin und wieder zurück
nach Rom über zwei volle Jahre gedauert hat.“
[GEJ.10_202,12] Sagte Raphael: „In welcher
Zeit aber kannst du dich mit deinen Gedanken dahin begeben?“
[GEJ.10_202,13] Sagte der Oberstadtrichter:
„Ja, lieber Freund, in einem Augenblick bin ich dort und hier auch zugleich,
und ich meine, wenn ich mich noch tausendmal so weit bewegen müßte in Gedanken,
so würde ich dazu auch nicht einer längeren Zeit bedürfen.“
[GEJ.10_202,14] Sagte darauf Raphael: „Siehe,
mein lieber Freund und Bruder, die Eigenschaft, die du in deinen Gedanken
besitzest, dieselbe Eigenschaft besitzen wir vollkommenen Geister in einem
freilich viel vollkommeneren Grade im Reiche Gottes in der Wirklichkeit, und du
wirst dieselbe Eigenschaft als ein reiner und freier Geist im Reiche Gottes
ebenfalls, gleich mir, besitzen.
[GEJ.10_202,15] Ja, mein lieber Freund, das
Reich Gottes ist nach allen Seiten hin von einer endlosen Ausdehnung! Könnten
wir vollkommenen Geister uns nicht schneller bewegen, als ihr Menschen euch
bewegt auf dieser Erde, da sähe es mit der Ausrichtung des Willens des Herrn in
den entferntesten Punkten Seiner Schöpfungen sehr mißlich aus, – aber da die
Zeit und der Raum uns vollkommenen Geistern gar kein Hindernis bieten können,
so kann auch die Ordnung des Herrn in der ganzen Unendlichkeit niemals die
allergeringste Störung erleiden. – Verstehst du dieses, mein lieber Freund und
Bruder?“
[GEJ.10_202,16] Sagte der Oberstadtrichter:
„Ein wenig besser wohl denn früher; jedoch in die volle Tiefe dieses
Bewegungsgeheimnisses werde ich mich wohl noch lange nicht zu versetzen imstande
sein!“
203. Kapitel
[GEJ.10_203,01] Sagte darauf Raphael: „Siehe,
du mein lieber Freund und Bruder, nach der Sonne hin, die jetzt schon stark im
Westen steht! Wie weit meinst du wohl, daß dies Gestirn von hier entfernt ist?
Ich weiß aber, daß du dieses nicht weißt, und so ich dir die Entfernung nach
eurem irdischen Feldwegmaßstabe ansagte, so würdest du die Zahl nicht
verstehen, weil dir das arabische Zahlengebäude nicht bekannt ist und mit euren
römischen Zahlen sich eine so große Zahl nicht ausdrücken läßt. Aber das weißt
du wohl, wie schnell ein abgeschossener Pfeil den Weg von 50-100 Schritten
zurücklegt; er wird dazu nicht viel über vier Augenblicke benötigen, und es ist
somit der Flug eines Pfeiles die dir bekannte schnellste Bewegung auf der Erde.
Und siehe, ein von der Erde nach der Sonne abgeschossener Pfeil, so er so weit
fortfliegen könnte und die Anziehungskraft der Erde ihn daran nicht hinderte,
würde zu solch einer Reise, von hier bis zur Sonne nämlich, einer Zeit von
nahezu fünfzig Jahren benötigen, bis er eben in der Sonne ankäme!
[GEJ.10_203,02] Daß ein Mensch mit seinen
Füßen wohl mehrere Hunderte von Jahren vonnöten hätte, versteht sich von
selbst. Und was meinst du denn, eine wie lange Zeit ich dazu benötigen würde,
um von hier in die Sonne und wieder zurückzugelangen?“
[GEJ.10_203,03] Sagte der Oberstadtrichter:
„Ja, mein lieber himmlischer Freund, wie ich es jetzt einsehe, so wirst du zu
dieser Reise auch nicht längerer Zeit bedürfen, denn von hier nach Rom und
zurück.“
[GEJ.10_203,04] Sagte Raphael: „Da hast du
recht geantwortet, – und siehe, während ich eben nun mit dir rede, war ich auch
schon in der Sonne und wieder zurück! Zum Beweise dessen brachte ich dir auch
ein kleines Angedenken aus der Sonne mit.“
[GEJ.10_203,05] Hierauf fuhr Raphael mit
seiner Hand in seines Rockes Tasche, zog einen nahezu der Sonne gleich
leuchtenden Stein hervor und zeigte ihn dem Oberstadtrichter mit den Worten:
„Siehe, derlei Steine gibt es auf der Erde nicht; aber auf dem großen
Sonnenweltkörper, besonders in dessen Mittelgürtel, den du dereinst auch näher
kennenlernen wirst, gibt es solche Steine in verschiedener Größe in übergroßer
Menge!
[GEJ.10_203,06] Die Bewohner dieses großen
Weltkörpers benutzen derlei Steine zur Beleuchtung ihrer inneren dunklen
Gemächer; denn der eigentliche Sonnenkörper ist eigentlich auch nur dunkel. Das
Licht der Sonne, das du siehst, entwickelt sich auf ihrer atmosphärischen
Oberfläche und wirkt in seiner Vollkraft nur nach außen hin und nach dem
eigentlichen festen Sonnenkörper kaum etwas stärker, als wie stark beleuchtet
du die Oberfläche dieser Erde ersiehst.
[GEJ.10_203,07] Daher nimm du auch diesen
Stein, und du wirst dir mit ihm durch zehn Jahre noch zur Nachtzeit deine
Gemächer wohl erleuchten können; aber nach zehn Jahren wird sich sein Licht
mehr und mehr verlieren. Willst du ihn aber zum Beleuchtungsdienste länger
gebrauchen, so setze ihn am Tage immer den Sonnenstrahlen aus; er wird sich mit
ihnen sättigen und dir die Nacht hindurch statt einer noch so guten Lampe den
Beleuchtungsdienst leisten. Aber nach hundert Jahren, so dieser Stein von der
Säure der Erdluft zu sehr durchdrungen sein wird, dann wird er zum
Beleuchtungsdienste auch völlig untauglich werden.“
[GEJ.10_203,08] Darauf nahm der
Oberstadtrichter den Stein mit vieler Ehrfurcht und Danksagung an, wickelte ihn
in ein reines Tuch und steckte ihn in seines Rockes Tasche.
[GEJ.10_203,09] Es sahen aber das natürlich
auch Meine Jünger und beneideten heimlich die Römer, sagten bei sich: „Wir sind
doch schon so lange bei Ihm, – aber für uns hat Er solche Wunder nie gewirkt.
Sooft Er nur irgend unter die Römer kam, da wirkte Er stets Seine größten
Wundertaten, und wir konnten sie erst unter den Heiden sehen, denen Er sie auch
Selbst oder durch den Engel Raphael erklären konnte! Als Ihn aber einst in der
Nähe von Jerusalem der uns allen bekannte fromme Nikodemus nach dem Aussehen
des Reiches Gottes fragte, da gab Er ihm zur Antwort: ,Bis du nicht im Geiste
wiedergeboren wirst, kannst du die Dinge des Himmels nicht begreifen; denn du
begreifst die Dinge dieser Erde nicht, die du doch siehst, wie wirst du
himmlische Dinge begreifen, die du nicht siehst?‘ Warum sagte Er das nicht auch
den Heiden, und warum gerade den Juden?“
[GEJ.10_203,10] Und so murrten die Jünger
heimlich untereinander, und Ich erhob Mich da zu den Jüngern hin und sagte:
„Was murret ihr da heimlich untereinander? Lasse Ich euch nicht Zeugen sein
alles dessen, was Ich unter den Heiden tue, und habe Ich euch nicht erst vor
ein paar Tagen den Grund gesagt, warum Ich den Heiden mehr zeigen und erklären
kann denn euch?
[GEJ.10_203,11] Ihr seid, was die
Wissenschaft in den Naturdingen anbetrifft, nicht im geringsten bewandert; die
Römer aber haben darin eine Menge sehr tüchtiger Kenntnisse und können die
Verhältnisse der Dinge in der Natur gar wohl unterscheiden. Das alles fehlt
euch Juden, und das schon seit der Zeit der ersten Richter, die die
Verhältnisse in der Natur auch kannten, und zwar aus den zwei Büchern Mosis,
die ihr verworfen habt und habt euch dafür eine Kabbala geschaffen, deren
Inhalt schlechter ist als der Inhalt eines jeden heidnischen Philosophen. Euch
aber wehre Ich nicht, derlei höhere Erklärungen mit anzuhören und derlei Taten
mit anzusehen. Wie lange werde Ich denn euch noch ertragen müssen, bis ihr
verständiger werdet?“
[GEJ.10_203,12] Sagte Simon Juda: „O Herr und
Meister, habe nur Geduld mit uns; wir sehen es schon wieder ein, daß wir vor
Dir wieder einmal gesündigt haben!“
[GEJ.10_203,13] Sagte Ich: „Es ist schon wieder
gut; aber in der Zukunft lasset derlei Gemurre unter euch!“
[GEJ.10_203,14] Dies schrieben sich die
Jünger ins Herz und wurden darauf viel bescheidener und gelassener bei jeder
Gelegenheit, und Ich kehrte von ihnen wieder zum Oberstadtrichter und Raphael
zurück.
204. Kapitel
[GEJ.10_204,01] Es war darauf über mehr
natürliche Dinge die Rede und im Verlaufe solcher Unterredung bemerkte unser
Wirt, daß jetzt diese Gegend in weitem Umkreis wohl den herrlichsten Graswuchs
wie nicht leicht auf einem andern Punkte der Erde aufzuweisen habe, – aber die
Herden der Bewohner dieser Stadt und der Umgegend seien sehr klein, und man
könnte jetzt die Herden wohl ums Hundertfache vermehren, so würden sie des
Futters noch in Überfülle finden.
[GEJ.10_204,02] Sagte darauf Ich: „Es könnten
zwar wohl eure Herden ebenso wunderbar vermehrt werden wie alles andere, aber
es würde das für die Menschen noch auffallender sein als alles andere; denn es
würde ein jeder, der jetzt zehn Schafe auf der Weide hat, überaus große Augen
machen, wenn sein Hirte statt zehn Schafe gleich tausend nach Hause brächte,
die der Besitzer der Schafe auch nicht einmal unterbringen könnte, indem sein
Schafstall höchstens für zwanzig Schafe Raum hat. Darum suchet euch Schafe und
andere Tiere in gerechter Anzahl anzukaufen; in zwei Jahren, von jetzt an
gerechnet, werden sie sich schon in einer rechten Weise vermehren! Das
Getreide, wenn ihr es eingeerntet haben werdet, werdet ihr leicht aufbewahren
können – denn dazu habt ihr des Raumes genug –; aber mit dem Haustierstande
ginge es euch schlecht, – und so lassen wir es bei dem, was nun da ist,
bewendet sein!
[GEJ.10_204,03] Den einen bedeutend großen
Teich sehet ihr von hier aus; aber es sind in der ganzen Umgegend noch sechs,
durch welche die ganze Gegend zur Genüge bewässert werden kann. In ihren Tiefen
werdet ihr auch eine rechte Menge Fische finden, welche die Bewohner dieser
Stadt und der Umgegend zu ihrer Notdurft nutzen können; die Fische des Teiches
aber, den wir von hier aus sehen, sollen ein Eigentum des Oberstadtrichters,
des Wirtes, der Apollopriester und der einigen Juden sein, und so hat jeder von
euch von Mir Benannten das Recht, den vierten Teil des Teiches zu fischen, aber
keiner im Übermaß, sondern nach seinem Bedarf, damit niemand durch die größere
Habsucht des andern benachteiligt werde. Die Fische in dem Teiche aber sind
eine ganz edle Gattung, durch die das Wasser des Teiches nie verunreinigt
wird.“
[GEJ.10_204,04] Die vier Parteien dankten Mir
darauf für dieses Geschenk und beteuerten auch, daß sie dies Gebot in der
Hinsicht auf das genaueste halten würden, und der Oberstadtrichter werde auch
für die gleiche Ordnung bei den andern Teichen sorgen und sie auch
aufrechterhalten.
[GEJ.10_204,05] Als sich mehrere noch
untereinander über dieses Wunder besprachen, wie es denn möglich gewesen sei,
die Teiche gleich mit den Fischen zu bevölkern, da stand Raphael auf und sagte
zum Oberstadtrichter und zum Wirte: „Das ist ebenso leicht möglich dem
allmächtigen Willen des Herrn in uns, wie eine Wüste im Augenblick grünen zu
machen; denn es ist einerlei, Tiere was immer für einer Gattung augenblicklich
ins fertige Dasein zu rufen oder zahllose Gräser, Pflanzen, Getreidesorten und
Fruchtbäume.
[GEJ.10_204,06] Denn was ein Geist aus dem
Willen des Herrn in sich denkt und will, daß es da sei, das ist auch schon da;
aber freilich ist das Denken eines reinen Engelsgeistes ein bei weitem anderes
als das Denken eines Menschen.
[GEJ.10_204,07] Der Mensch kann sich nur die
äußeren Formen denken und vorstellen und darüber allerlei Phantasien machen;
aber was die Formen inwendig vom Kleinsten bis zum Größten enthalten, und wie
sie gebaut sein müssen, um lebensfähig zu werden, das kann sich kein Mensch
denken und darauf seinen Willen dahin richten, daß durch seines Willens Geist
die Formen belebt und tätig werden. Das kann aber ein vollkommener Engelsgeist,
und in einem geringeren Grade auch ein eben noch nicht so vollkommener.
[GEJ.10_204,08] Es ist darunter – um mit dir
irdisch zu reden, mein lieber Oberstadtrichter – nahezu derselbe Unterschied
wie zwischen einem nach allen Regeln der Kunst ausgebildeten Bildner und einem
andern Menschen, der zur Not wohl auch aus einem Stück Holz ein höchst
ungeschicktes Bild zu schnitzen imstande ist; aber welch ein Unterschied
zwischen solch einem Bilde und dem aus der Hand eines vollendeten Künstlers!
[GEJ.10_204,09] Gibt es aber schon auf dieser
Erde gar mannigfache Grade in der Bildung der Menschen, um wieviel mehr ist das
erst im Reiche der Geister der Fall!
[GEJ.10_204,10] Siehe, ein Elefant ist
gegenwärtig wohl das größte, aber zugleich auch das intelligenteste Tier auf
der Erde und kann bei rechter Bildung von seiten der Menschen zu allerlei
knechtlichen Arbeiten brauchbar werden, und es gab eine Zeit, in welcher diese Tiergattung
auch diese Gegend bewohnte.
[GEJ.10_204,11] Da aber mit der Zeit diese
Gegenden ob des vielen Unfuges der Menschen stets unfruchtbarer geworden sind,
so zog sich dieses Tier weiter gegen Süden in jene Gegenden, wo es für sich den
rechten Futterreichtum fand; aber diese Gegenden haben infolge der Auswanderung
dieses Tieres gar viele bedeutende irdische Vorteile eingebüßt.
[GEJ.10_204,12] So du, mein lieber Freund und
Bruder und Oberstadtrichter, es aber wünschest, so kann ich dir im Augenblick
mit einem Männchen und Weibchen dienen, und für diese wirst du schon des
Futters genug finden, – und siehe nun hinab in die Gegend des Teiches, und du
wirst alldort schon ein Männchen und ein Weibchen erblicken!
[GEJ.10_204,13] Entsende später deine Knechte
mit etlichen Brotlaiben dahin, und sie werden den Knechten folgen in den Stall,
der dein eigen ist und für diese Tiere hinreichenden Raum hat! Mähe dann das
Gras auf deinem großen Wiesenanteile ab, und laß es trocken werden und darauf
in Büschen zusammenbinden; dann sollen die Knechte mit den beiden Tieren
hinausgehen, und die Tiere selbst werden das Heu in deine Scheuer bringen, und
so wirst du sie nach und nach noch zu verschiedenen andern Arbeiten abrichten
können.“
[GEJ.10_204,14] Der Oberstadtrichter dankte
dem Raphael für dieses wunderbare Geschenk und sagte: „Mit dem Abrichten dieser
Tiere verstehen sich ein paar Knechte von mir sehr wohl, denn sie haben derlei
Tiere aus Indien sogar nach Rom gebracht, und der Kaiser behielt sie eine
Zeitlang für die Pflege dieser Tiere; dann kamen sie zu meinem Vater in Dienst
und sind auch hier meine treuesten Diener.“
205. Kapitel
[GEJ.10_205,01] Nach diesem Gespräch ging die
Sonne unter, und wir erhoben uns und begaben uns wieder in die Stadt zu unserem
Wirte.
[GEJ.10_205,02] Wir kamen denn bald wieder in
unsere Gaststube, und auch Raphael mit uns, und als wir uns zum Tische setzten,
fragte Mich der Wirt, ob er für den seltenen Gast Raphael auch ein Gedeck solle
richten lassen.
[GEJ.10_205,03] Und Ich sagte: „Allerdings;
denn nun ist auch er für diese Zeit mit einem Leibe umhüllt, der aus der Luft
dieser Erde entnommen ist, und bedarf ebensogut auch einer irdischen Stärkung
wie Ich der Herr Selbst. Die zu sich genommene Speise wird in ihm freilich auf
eine ganz andere Weise verwandelt als bei einem natürlichen Menschen; aber das
tut nichts zur Sache. Er wird sonach mit uns ebensogut Speise und Trank zu sich
nehmen wie wir selbst, nur um ein ziemlich bedeutendes mehr als wir, worauf du
dich im voraus gefaßt zu machen hast. Nun laß aber sogleich Brot und Wein auf
den Tisch setzen, und später erst die Fische und ein wohlzubereitetes
gebratenes Lamm!“
[GEJ.10_205,04] Sagte der Wirt: „O Herr und
Meister, mit einem Lamm wird es mir etwas schlecht gehen, da ich keines mehr besitze!
Wohl aber habe ich bei dreißig Schafe; von denen kann ich, so sie der Hirte
schon nach Hause getrieben hat, das jüngste sogleich schlachten lassen.“
[GEJ.10_205,05] Sagte darauf Ich: „Mache dir
darob keine unnötige Sorge! In der Küche wirst du ein schon geschlachtetes und
zum Braten ganz wohl hergerichtetes Lamm finden, und es soll darob von deinen
dreißig Schafen keines geschlachtet werden; denn sie sind bis auf das Männlein
alle trächtig und werden in ein paar Wochen deine Schafherde ums doppelte
vergrößern.“
[GEJ.10_205,06] Hierauf besorgte der Wirt
sogleich das Brot und den Wein und ging darauf in die Küche, um sich das zum
Braten bereitete Lamm zu besehen. Er verwunderte sich zwar darob nicht gar so
groß mehr, da er schon die andern Wunderwerke gesehen hatte und ihm daher auch
dieses ganz begreiflich vorkam; aber desto mehr verwunderte sich seine
Küchendienerschaft samt seinem Weibe, das sich, während wir uns auf dem Berge
aufhielten, in dem an das Gasthaus stoßenden, mäßigen Küchengarten aufhielt, um
für die am Abend zu bereitenden Fische wohlriechende Kräuter zu sammeln, und
darob ordentlich erschrak, als vor ihren Augen der sonst mager aussehende
Küchengarten plötzlich von neuem ergrünte und an allem fürs Haus Nötigen einen
Überfluß darbot.
[GEJ.10_205,07] Das Weib konnte dem Wirte
nicht genug erzählen, wie es ihr bei dieser Begebenheit ganz sonderbar zumute
geworden sei; mit der Zeit aber habe sie daran gedacht, daß dies niemand anders
bewirkt habe als der anwesende wunderbare Gast, den auch sie nun samt ihrem
ganzen Hausgesinde für einen wahren Gott ansehen und verehren werde, und das um
so mehr, weil auch die drei Apollopriester sich diesem Gott unterworfen hätten.
Darauf ging es gleich an die Bereitung der Fische und das Braten des Lammes.
[GEJ.10_205,08] Während wir uns in unserem
Speisezimmer stärkten, kamen die beiden schon oben auf dem Berge benannten
treuen Diener des Oberstadtrichters zu uns, fast außer Atem, und fingen an zu
erzählen, was sie alles gesehen und erlebt hatten. Am meisten wunderten sie
sich über den plötzlich entstandenen großen Teich an der Stelle, auf der sich
früher nur eine kleine, periodische Quelle befand.
[GEJ.10_205,09] Und der eine der Diener sagte
zum Oberstadtrichter: „Und, o gestrengster Herr, Herr, – welch ein großes
Wunder noch: In der Nähe des Teiches grasen zwei vollkommen ausgewachsene
Elefanten! Diese beiden Tiere mußten wohl ob Mangels an Futter einer persischen
oder gar indischen Karawane durchgegangen sein, um sich allhier zu sättigen, wo
durch ein Gotteswunder die Gegend in den üppigsten Wuchs aller Pflanzen-, Gras-
und Baumgattungen übergegangen ist. Die Tiere weiden gerade auf dem Wiesenteil,
welcher dir gehört, und du hättest demnach ein Recht, diese zwei seltenen und
kostspieligen Tiere für dich in Besitz zu nehmen. Wir beide aber verstehen uns
– wie es dir bekannt ist – gar wohl darauf, uns solcher Tiere zu bemächtigen.
So du willst, werden wir hingehen und sie bald mit leichter Mühe in deinem
großen Stalle unterbringen; und sind sie daselbst einmal untergebracht, so wird
es da schon unsere Sorge sein, daß sie uns nimmer durchgehen werden.“
[GEJ.10_205,10] Sagte darauf der
Oberstadtrichter: „Tut das, und ich werde euch dafür schon zu belohnen
verstehen!“
[GEJ.10_205,11] Darauf versahen sich die beiden
Diener gleich im Gasthause mit mehreren Laiben Gerstenbrotes und gingen eilig
voll Freude hinaus, wo die beiden Tiere grasten. Als sie in die Nähe der Tiere
kamen, redeten sie dieselben nach ihrer Weise an. Die Tiere wurden aufmerksam,
der Geruch des Brotes zog sie in die Nähe der Diener, und diese reichten den
beiden Tieren sogleich Stücke von den Brotlaiben und zogen darauf in die Stadt,
während sie auf dem Wege, der eben nicht ein langer war, von Zeit zu Zeit den
beiden Tieren ein Stück Brot reichten. Und bald ersahen wir aus unserem
Gastzimmer durch die offenen Fenster, wie die zwei riesigen Elefanten den zwei
Dienern des Oberstadtrichters gleich zahmen Lämmern auf dem Fuße folgten, und
die beiden Diener brachten sie auch so in den großen Stall unter der
Verwunderung ihrer vielen Mitdiener und Knechte und so manchen Stadtbürgers. Im
Stalle versahen sie die Tiere sogleich mit einer rechten Menge Futter und
Wasser.
[GEJ.10_205,12] Und diese beiden Tiere
blieben alsogleich im Stalle und ließen sich von den beiden Dienern bedienen;
aber die andern Diener durften sich noch nicht in die Nähe der beiden Tiere
wagen, was aber späterhin auch ermöglicht worden ist.
[GEJ.10_205,13] Fünf Jahre darauf machte
unser Oberstadtrichter, als er vom Kaiser durch die Verwendung des Hauptmanns
Pellagius und des Oberstatthalters Cyrenius eine viel höhere Stellung in der
großen Stadt Damaskus erhielt, allwo er die Christen sehr in Schutz nahm und
ihnen, soviel es möglich war, bedeutende Vorteile zukommen ließ, dem Kaiser mit
diesen zwei Tieren, samt den zwei Dienern, ein Geschenk, worüber der Kaiser
eine große Freude hatte und aus Dankbarkeit ihn auch mit der Oberherrlichkeit
dieser Stadt, in der er so viel Gutes gewirkt habe, für ihn sowohl als für
seine Nachkommen völlig zu eigen belehnte.
[GEJ.10_205,14] Das habe Ich nun nur so
nebenbei erzählt.
206. Kapitel
[GEJ.10_206,01] Wir machten uns dann über
unser Abendmahl her, das alsbald bereitet werden konnte, und waren dabei voll
guter und heiterer Dinge, und Meine Jünger wußten viel zu erzählen von all den
Orten und Städten, von Meinen Lehren und Taten. Auch Raphael bekam aus dem
Munde Meiner Jünger ein gutes Zeugnis; denn es ward auch von seinem Tun und
Wirken an Meiner Seite gar vieles gesprochen.
[GEJ.10_206,02] Und der Römer und
Oberstadtrichter, wie auch der Wirt und dessen Sohn, die zwei Pharisäer und
etlichen Juden, unterhielten sich dabei so gut, daß der Oberstadtrichter sagte:
„O Herr und Meister! Wenn ich es wenigstens für meinen Teil auf dieser Erde
gleichfort so haben könnte wie jetzt in Deiner Gesellschaft und in der
Gesellschaft Deines himmlischen Dieners, so leistete ich gleich auf die sicher
bei weitem noch größeren Seligkeiten Deiner Himmel Verzicht; denn ich halte nun
das für den höchsten Himmel, in Deiner allernächsten Nähe mich zu befinden und
mit Dir Zwiesprache führen zu können.
[GEJ.10_206,03] Wenn man Dich Selbst hat, da
braucht man die Dinge der Natur gar nicht weiter näher kennenzulernen; denn man
weiß es ja ohnehin, daß sie alle vom Kleinsten bis zum Größten, vom Ersten bis
zum Letzten und vom Alpha bis zum Omega nur Deine festgehaltenen Gedanken und
Ideen sind, belebt durch Deinen Willen und durch Deinen Geist.“
[GEJ.10_206,04] Sagte Ich: „Du hast ganz
recht und wahr gesprochen, und es ist das auch im Himmel aller vollkommensten
Geister höchste Seligkeit, so sie bei Mir sich aufhalten, mit Mir reden und
Umgang pflegen können.
[GEJ.10_206,05] Aber diese übergroße
Seligkeit rührt denn eigentlich doch nicht von Meiner ganz einfachen und
schlichten Persönlichkeit her, der Ich ebensogut ein Mensch bin wie Du und als
Geist ebenso ein Geist wie dieser Urerzengel Raphael, sondern die
Hauptseligkeit der vollkommenen Geister liegt darin, daß sie Meine endlosen
Vollkommenheiten aus Meinen endlos vielen Werken ohne Zahl und Maß stets
vollkommener, lichter und tiefer erkennen.
[GEJ.10_206,06] Siehe, Freund, es geht das
ungefähr also, wie es schon zuweilen auf dieser Erde bei Menschen zugeht, die
für höhere Künste und Wissenschaften einen rechten Sinn haben und dafür eingenommen
sind! Du hättest zum Beispiel von einem großen Baukünstler und Bildner gehört,
daß seine Werke bei allen Menschen die größte Bewunderung erhalten. Als du
solches hörtest, da hatte dich auch die Lust angewandelt, den großen Künstler
selbst persönlich kennenzulernen, und weil dir die Mittel zur Reise nicht
ermangelten, so machtest du dich auch bald auf und begabst dich in jenes ferne
Land hin, in welchem sich der Künstler aufhielt und seine Werke in großartigem
Maßstabe auf- und ausführte.
[GEJ.10_206,07] Du erlangst nach einer Zeit
deiner Reise den Ort, wo sich der Künstler aufhält, und kommst alldort auch mit
leichter Mühe bald mit dem Künstler zusammen, von dem du dir während deiner
Reise allerlei großartige Vorstellungen machtest, darunter auch die, daß er als
Mensch unter den anderen Menschen auch durch eine besonders erhabene Gestalt
sich erkenntlich mache. Wie du aber an seinem Orte mit ihm zusammenkommst, da
findest du den Künstler als einen ganz schlichten und einfachen Menschen,
dessen Persönlichkeit nicht im geringsten merken läßt, was er in seinem Innern
birgt. Du unterhältst dich dann mit ihm sehr freundlich, denkst dir aber dabei
dennoch heimlich: ,Es ist kaum möglich, daß in dieser höchst einfachen und
schlichten Persönlichkeit eine solche schöpferische Größe vorhanden sein soll,
von der du so ungeheuer Großartiges dir sogar von den allerverständigsten
Menschen hast erzählen lassen!‘ Aber du bist dennoch ganz glücklich, dieweil du
in dir die Überzeugung hast, daß du mit dem größten Baukünstler und Bildner in
Gesellschaft dich befindest und dich mit ihm über allerlei besprechen kannst,
was er geschaffen hat.
[GEJ.10_206,08] Endlich aber sagt der
Künstler zu dir: ,Weil du dir schon die Mühe genommen hast, mich aufzusuchen
und mich persönlich kennenzulernen, so will ich dich denn auch von diesem
meinem Wohnorte, der nur weniges von mir aufzuweisen hat, in eine von hier
nicht ferne, sehr große Stadt führen, in der du Gelegenheit in Übergenüge
finden wirst, dich an meinen Werken zu ergötzen!‘
[GEJ.10_206,09] Du gehst darauf voll der
brennendsten Neugierde an der Seite deines dir sehr freundlich gewordenen
Künstlers hin, der dir auf der ganzen Reise noch immer als ein ganz einfacher
und schlichter Mensch vorkommt. Wie du aber immer mehr näher und näher mit dem
großen Künstler dich der großen Stadt näherst und schon in einer noch
ziemlichen Ferne die großartigsten Gebäude, Tempel, Paläste und Burgen zu
erschauen anfängst, da fängt sich auch deine Phantasie über den dich
begleitenden Künstler ebenso zu vergrößern an, wie sich seine Werke in jener
Stadt stets mehr und mehr zu vergrößern anfangen, je mehr du dich der Stadt
näherst. Seine persönliche Schlichtheit fängt an zu schwinden in dem Grade, als
dir seine innere, geistige Größe durch seine Werke immer klarer vor die Augen
gestellt wird.
[GEJ.10_206,10] Nun kommst du erst ganz in
die Stadt, und ein Bauwunder nach dem andern, stets größer, kunstvoller und
kühner, macht dich vor Verwunderung ordentlich sprachlos, und deine Bewunderung
über den dich begleitenden Künstler wird auch dadurch noch hinzu
außerordentlich erhöht, so du ersiehst, wie in dieser großen Stadt alle
Menschen, groß und klein, ihn auf das allerfreundlichste und ehrfurchtsvollste
begrüßen.
[GEJ.10_206,11] Sag du, mein lieber Freund, Mir
nun, ob deine früheren Begriffe bei der Betrachtung seiner großen Werke eben
über den Künstler selbst nicht ganz anderer und für dein Gemüt viel
beseligenderer Art geworden sind!“
207. Kapitel
[GEJ.10_207,01] Sagte der Oberstadtrichter:
„Ja, Herr und Meister, Du hast ein gar überaus treffendes Bild gewählt, das ich
– freilich nicht in dem großartigen Maßstabe – selbst in meiner Jugend erlebt
habe; denn ich habe mit meinem damals noch lebenden Vater die nördlicheren
Teile des eigentlichen Römerreichsgebietes bereist und kam in die Gegend von
Venetien. Da sah ich ein großartiges Palastgebäude, nach allen Regeln der Kunst
seiner Vollendung nahe, und mich wandelte auch sehr die Begierde an, den kühnen
Baumeister persönlich kennenzulernen.
[GEJ.10_207,02] Ich gelangte darauf mit
meinem Vater bald in seine Wohnung und in seine bildnerische Werkstätte und kam
mit dem Baumeister selbst in Begleitung meines Vaters bald zusammen. Er war
aber auch ein ganz schlichter und einfacher Mann, ein geborener Grieche von der
kleinen Insel Rhodos, dem man es von weitem gar nicht angesehen hätte, daß er
die Fähigkeit besäße, die Finger an seiner Hand in der Ordnung abzuzählen; aber
so man mit ihm zu reden anfing, da merkte man es wohl sogleich, daß er neben
der alten Rechenkunst des Euklid noch mehrere andere Künste und Wissenschaften
in sich unter ein Dach gebracht hatte, und ich bekam dann vor diesem großen
Baumeister und Bildner wahrlich eine großartigste Hochachtung.
[GEJ.10_207,03] Aber nur weiß ich jetzt noch
nicht, o Herr und Meister, was Du mit diesem vortrefflich gewählten Bilde in
bezug auf Dich so ganz eigentlich hast sagen wollen!“
[GEJ.10_207,04] Sagte Ich: „Mein lieber
Freund und Bruder, nichts anderes als das, daß nun deine vermeinte große
Seligkeit in Meiner und des Erzengels Raphael Gesellschaft noch nicht den
höchsten Grad erlangt hat und diesen erst dann erlangen wird, wenn du alle
Meine Bauten und Schöpfungen stets näher und tiefer wirst kennenlernen! Du
weißt zwar nun wohl, daß in Mir die großartigste schöpferische Eigenschaft zu
Hause ist, und du machst dir von derselben einen dir möglich größten Begriff,
seit du die etlichen Zeichen von Mir hast wirken sehen; du wirst dir sicher
aber einen ganz anderen Begriff machen, wenn dein innerer Gesichtskreis über Mich
durch die tiefere Betrachtung Meiner Werke um ein überaus Großes erweitert und
erhöht werden wird. Denn dann wird dir erst das wahrhaft Göttliche in Mir in
einem stets höheren Licht erscheinen, obschon im allerhöchsten Finallichte, das
Ich Selbst in Meinem Innern bin, ewig niemals, und das darum, weil das jedem
aus Mir geschaffenen Geiste selbst in seiner höchst möglichen Vollendung
unmöglich ist.
[GEJ.10_207,05] Du denkst dir jetzt freilich
und sagst in dir: ,Wieso denn? Da bleibt ja der höchste und vollendete Geist
dennoch ein ewiges Nichts vor Dir!‘
[GEJ.10_207,06] Ja, Ich sage dir, da hast du
recht: Mir ist wohl alles möglich, aber ein zweites, Mir gleich vollkommenes
Ich kann Ich nicht erschaffen, so wie auch keinen zweiten unendlichen Raum und
keine zweite ewig dauernde Zeit, und so kann denn auch der vollkommenste
Engelsgeist ebensowenig je die endliche Vollstärke des Lichtes in Mir, noch die
Grenzen des unendlichen Raumes je erreichen und die Stunden der unendlichen
Zeitdauer zählen. Er kann sich über diese drei Dinge wohl immer weiter hinaus
gedehnte Begriffe machen, aber an ein Ende derselben dennoch ewig niemals
gelangen.
[GEJ.10_207,07] Du siehst die Lichtstärke der
Sonne und hältst ihr Licht schon für das stärkste, was dein Begriff fassen
kann, – wie wäre es denn, so Ich dir statt der einen Sonne gleich tausend
Sonnen von gleicher Größe und Lichtstärke ans Firmament stellte? Würde da das
Licht nicht auch ums tausendfache verstärkt auf diese Erde fallen?“
[GEJ.10_207,08] Sagte der Oberstadtrichter:
„O Herr und Meister, tue du nur das nicht; denn wir haben besonders im Sommer
an dem Licht der einen Sonne zur Übergenüge! Wenn erst tausend Sonnen am
Firmamente leuchteten, so würden alle Geschöpfe auf dieser Erde in kürzester
Zeit verbrennen und nach ihnen auch die ganze große Erde selbst. Denn ich habe
schon einmal gesehen, und zwar zu Alexandrien, was durch einen arkadischen
Hohlspiegel das Licht der Sonne zu bewirken vermag, – und es wird mittels
dieses einen Spiegels nur die eine Sonne etwa ums 10-20fache vergrößert und
bewirkt im Brennpunkte schon eine derartig verheerende Wirkung, daß sie alles
in Brand setzt; jetzt denke man sich erst die Wirkung von tausend Sonnen!“
[GEJ.10_207,09] Sagte Ich: „Nun ja, da hast
du recht, und die Erde hat an der einen Sonne zur Übergenüge genug; Ich wollte
dich aber dadurch nur darauf aufmerksam machen, daß sogar das Naturlicht bis
ins Unendliche potenziert werden kann, – um wieviel mehr erst das geistige
Licht! Darum heißt es auch im Moses, daß kein geschaffenes Wesen Gott in Seiner
inneren Wirklichkeit schauen und dabei das Leben erhalten kann.“
[GEJ.10_207,10] Sagte der Oberstadtrichter:
„O Herr und Meister! Nun wird es mir ordentlich bange in Deiner Gegenwart, denn
ich fühle stets mehr und mehr meine vollste Nichtigkeit und Dein vollstes Alles
in Allem, und Plato hatte recht, als er sagte: ,Ich habe im Gesichte den Saum
des Kleides Gottes gesehen, es war alles in Licht verwandelt, und ich fand mich
darin wie völlig in nichts aufgelöst; nur die Liebe zur Gottheit behielt mir
noch das Bewußtsein!‘“
[GEJ.10_207,11] Sagte Ich: „Da hatte dieser
Weltweise recht, – aber für seine Zeit; von nun an aber wird es mit dieser
Sache anders stehen! Denn darum habe Ich Mich Selbst mit einem Leibe umgeben,
damit Ich euch künftighin nicht mehr als ein unbegreiflicher und unschaubarer
Gott erscheine, sondern als ein Mensch, mit dem ihr ebenso wie mit euch selbst
reden und verkehren könnet, und habe euch dadurch nicht nur zu Meinen vollkommen
ebenbildlichen Kindern, sondern auch zu Meinen wahren Freunden und Brüdern
gemacht.
[GEJ.10_207,12] Mit dieser Bescherung von
Meiner Seite aus werdet ihr wohl alle zufrieden sein, und es wird euch nicht
genieren, so ihr es einsehet, daß Ich in Meinen ewigen, göttlichen
Eigenschaften niemals erreichbar bin.
[GEJ.10_207,13] Aber jetzt kommt das
gebratene Lamm, und wir wollen uns mit dem beschäftigen und alles andere
unterdessen beiseite setzen!“
208. Kapitel
[GEJ.10_208,01] Das Lamm wurde in ebenso viele
Teile geteilt, als der Gäste beim Tische saßen, und es fielen die Teile
selbstverständlich etwas knapp aus.
[GEJ.10_208,02] Und der Wirt selbst bemerkte
die Sache und fragte Mich, sagend: „Herr und Meister, dies eine Lamm ist
offenbar zu wenig für die bedeutende Anzahl von Gästen! Wie wäre es denn, wenn
ich in der Schnelligkeit noch zwei oder drei Lämmer herrichten ließe? Denn wie
ich es bemerkt habe, so ist das eine Lamm für den wunderbaren Gast Raphael
allein kaum genügend!“
[GEJ.10_208,03] Sagte Ich: „Lasse du das gut
sein; denn Ich habe schon, wie es Meine Jünger wohl wissen, mit sehr wenigen
Broten und noch wenigeren Fischen mehrere Tausende von Menschen derart
gesättigt, daß sie alle zur Übergenüge satt wurden und nach dem Mahle immer
noch mehrere Körbe voll von den übriggebliebenen Stücken Brotes aufgesammelt
wurden, – und so werden wir an diesem einen Lamme mehr als genug haben!“
[GEJ.10_208,04] Sagte der Wirt: „Was Dir, o
Herr und Meister, recht ist, das ist sicher auch mir recht; allzeit geschehe
nur Dein Wille!“
[GEJ.10_208,05] Darauf setzte sich auch der
Wirt – wie immer – zu uns an den Tisch, getraute sich aber dennoch nichts für
sich von dem Lamme zu nehmen, weil er fürchtete, es könne für die andern doch
etwas zu wenig ausfallen.
[GEJ.10_208,06] Da nahm Ich ein Stück aus der
großen Schüssel und legte es auf seinen Teller und sagte dabei zu ihm: „Freund,
glaube, was Ich dir gesagt habe! Wir werden das Lamm noch nicht derart
aufgezehrt haben, daß wir bis zur Übergenüge dabei satt werden, und es wird am
Ende noch für dein ganzes Hausgesinde zur Übergenüge übrigbleiben.“
[GEJ.10_208,07] Darauf wurden alle Gäste mit
dem geteilten Lamm versehen und aßen davon nach den Bedürfnissen ihres Magens,
und je mehr sie aßen, desto mehr erblickten sie auf ihrem Speiseteller vorrätig
liegen; am Ende blieb bei allen so viel übrig, daß die übriggebliebenen Stücke
in der großen Schüssel, in der das Lamm auf den Tisch gesetzt wurde, nicht mehr
Platz fanden, und es mußte noch eine zweite, ebenso große Schüssel hereingebracht
werden, damit in derselben noch die andern Stücke Platz fanden und vom Tische
in die Küche überbracht werden konnten. Darauf wurden die beiden Schüsseln
zurückgetragen, und des Wirtes Weib mit ihren etlichen Töchtern und andern
Küchendienerinnen konnten sich abermals nicht genug verwundern, wie das eine
gebratene Lamm so viele Überbleibsel hatte abgeben können; sie dankten alle
auch Mir und aßen darauf von den übriggebliebenen Stücken, und es blieben von
diesen auch für den nächsten Tag eine ganze Schüssel voll übrig.
[GEJ.10_208,08] Als wir nach dem genossenen
Lamm noch bei unseren vollen Bechern Weines an den Tischen saßen, da fragte
Mich der Oberstadtrichter und sagte: „O Herr und Meister, ich begreife nun
schon so ziemlich, wie es Dir möglich ist, und auch dem Raphael durch Dich,
eine ganz wüste Gegend in eine an allen Früchten und Gewächsen reiche zu
verwandeln und für mich zwei Elefanten und – wie es gestern am Abend der Fall
war – für die etlichen Juden und Pharisäer vierzehn grimmigste Löwen als
Wächter hinzustellen, so wie es mir eben nicht so unklar ist, wie es Dir
möglich ist, das Zisternenwasser alsogleich in den besten Cypernwein zu
verwandeln; denn das alles sind Dinge, die Deiner Allmacht leicht möglich sind.
[GEJ.10_208,09] Denn ich dachte dabei also:
Du darfst es Dir nur denken und darauf mit Deinem Willen sagen: ,Es sei!‘, und
es ist schon da, was Du durch Deinen Willen als schon vollendet ins Dasein
gerufen hast; denn das alles mußtest Du ja damals auch tun, als Du die ganze
Erde aus Dir ins Dasein gerufen hast und mit ihr nach und nach auch alles, was
in ihr, auf ihr und über ihr da ist. Und als alles, was Du auf der Erde haben
wolltest, schon fertig und vollendet da war, so war es Dir ein ebenso Leichtes,
in alle Pflanzen, Tiere und Menschen die Fortzeugungs- und Vermehrungsfähigkeit
jeder Art Deiner belebten Geschöpfe zu legen.
[GEJ.10_208,10] Aber mit diesem Lamm verhält
es sich ganz anders. Es war nur ein Lamm und schon wohlzubereitet und gebraten
auf den Tisch gebracht, und bei der Teilung zeigte es sich klar, daß die Stücke
aller Gäste offenbar ganz klein ausfallen mußten. Als man aber das kleine Stück
an den Mund brachte, da konnte man mit demselben nicht mehr fertig werden; denn
es wuchs sichtbar in der Hand des Essenden.
[GEJ.10_208,11] Wie konnte denn das schon an
und für sich – tote und durch Braten in seinem Organismus ganz zerstörte Lamm
in einem gleichfort gut genießbaren Zustande sich derart vergrößern, wie sich
da vergrößert eine junge Zeder von Jahr zu Jahr, bis sie zu einem riesigen
Baume wird?
[GEJ.10_208,12] Bei der Zeder ist das nicht
zu verwundern – denn sie hat ihr Pflanzennaturleben, und ihr innerer Organismus
ist also eingerichtet –; aber der Organismus eines gebratenen Lammes kann nach
meiner Meinung doch nahezu unmöglich mehr die Eigenschaft besitzen, von innen
aus zu wachsen und sich zu vergrößern. Da aber dieses Lamm, von dem wir
genossen haben, sich doch alsosehr vergrößert hat, daß wir es unmöglich ganz
hätten aufzuzehren vermocht, so muß ich offenbar gestehen, daß ich diese Deine
Wundertat durchaus nicht verstehe.“
[GEJ.10_208,13] Sagte Ich: „Siehe, lieber
Freund, diese Meine Jünger sind schon so lange bei Mir und haben derlei
außerordentliche Speisenvermehrungen schon zu öfteren Malen gesehen; aber sie
sind Juden, und es ist keinem von ihnen auch nur ein einziges Mal eingefallen,
Mich darüber besonders zu befragen! Und sie befragten Mich darum nicht, weil
sie in ihrer noch mannigfachen echt jüdischen Blindheit keinen Unterschied
zwischen dem einen oder dem andern Wunder, das Ich gewirkt habe, zu finden
imstande waren; aber ihr scharfsinnigen Römer findet in Meinen Wundertaten
einen richtigen Unterschied, der für die Schärfe eures Verstandes würdig ist,
weiter besprochen zu werden.“
[GEJ.10_208,14] Sagte einer Meiner Jünger,
namens Philippus, der sonst nicht leicht seinen Mund auftat: „O Herr und
Meister, wir hätten Dich schon so manches Mal bei Gelegenheiten über dies oder
jenes näher befragt und haben das auch manchmal getan, aber wir kamen bei Dir
noch nie ohne einen Verweis davon, und so ließen wir in der Folge lieber die
andern fragen, und wir hörten dann zu, was Du darüber sagen wirst, und so kamen
wir in gar vielen Stücken auch hinters große Licht von Dir und hatten dabei
keinen Verweis von Dir zu erwarten!“
[GEJ.10_208,15] Sagte Ich: „So ihr Mich um
derlei Dinge gefragt hättet, so wäret ihr auch bei Mir ohne Verweis gleich
allen andern Menschen durchgekommen; aber so fragtet ihr Mich immer um etwas,
was Ich euch ohnehin schon mehrere Male erklärt hatte, und habt Mir dadurch die
für euch etwas unliebsame Gegenfrage abgenötigt: ,Wie lange werde Ich euch noch
ertragen müssen, bis ihr verständig werdet?‘
[GEJ.10_208,16] Aber hier sehet, diesen
Römern habe Ich nicht notwendig, eine solche Gegenfrage zu stellen, denn ihr
Scharfsinn findet alles auf, worin irgendein Unterschied zwischen einer und der
andern Tat von Mir bewirkt liegt! Habe Ich doch damals auch eine
Speisenvermehrung im großartigsten Maßstabe bewerkstelligt, als Ich mehrere
Tausende Menschen mit wenigen Broten und Fischen zur Übergenüge gesättigt habe
und habe vor euren Augen auch eine Menge solcher Taten geleistet, die dieser
unser Römer unter die mehr natürlichen und begreiflichen zählen würde. Und doch
habt ihr damals nicht gesagt: ,Herr und Meister, uns kommt es begreiflich vor,
daß Du unsere Netze schon mehrere Male mit Fischen gefüllt hast, ganze wüste
Gegenden in fruchtbare verwandelt, und bei der Hochzeit zu Kana in Galiläa und
auch an vielen andern Orten das Wasser in Wein verwandeltest; aber wie konntest
Du die an und für sich toten Brote und Fische alsosehr verwandeln, daß sich
viele Tausende davon zur Genüge sättigen konnten?‘
[GEJ.10_208,17] Siehe, du Mein lieber Freund
Philippus, hättet ihr Mich damals darum gefragt, so wäret ihr auch ganz sicher
ohne Verweis von Mir durchgekommen; aber ihr habt Mich um nichts gefragt! Denn
ihr macht keinen Unterschied zwischen Meinen Taten und werfet sie alle in einen
Sack; aber unser Freund hier, ein echter Römer von reinstem Wasser, hat mit
seines Verstandes Scharfsinn einen richtigen Unterschied gefunden, und Ich
werde ihm diesen auch erklären, ohne ihm wegen seiner Frage einen euch lästig
scheinenden Verweis zu geben!“
209. Kapitel
[GEJ.10_209,01] (Der Herr:) „Mein lieber
Freund und Oberstadtrichter, Ich will dir auf deine Frage, die aus Deinem Munde
ganz scharfsinnig gegeben wurde, auch eine helle und scharfsinnige Antwort
erteilen.
[GEJ.10_209,02] Siehe, dem Anscheine nach hat
es zwischen den von Mir ausgeübten Wundertaten wohl einen recht fühlbaren
Unterschied, aber im Grunde des Grundes gar nicht. Siehe, alles, was du
genießest und zur Stärkung und Belebung deines Leibes in deinen Magen
aufnimmst, ist nicht gar so tot, wie Du es glaubst! Es hat drei Teile: erstens
den materiellen, den du siehst und fühlst, und von dem du, so die Speise
wohlbereitet ist, in deinem Munde einen Wohlgeschmack verspürst und zuvor schon
auch mit deiner Nase den Wohlgeruch der Speise in dich einhauchst. Siehe, diese
Stücke gehören zur Belebung deines Leibes!
[GEJ.10_209,03] Wenn zweitens die Speisen in
den Magen gelangen, so werden sie dort gewisserart zum zweiten Male gekocht,
und es entwickeln sich dabei zwei Hauptbestandteile, von denen der eine als der
gröbere zur Ernährung des Leibes, seiner Glieder und Muskeln dient, der andere
durch das Blut, das von diesen beiden Bestandteilen herrührt, überall
hingeleitet wird, wo der Leib einer Nahrung und Stärkung bedarf.
[GEJ.10_209,04] Sind diese beiden
Bestandteile in dem oberen Magen von dem, was du gegessen hast, gehörig ausgeschieden
und in den Leib hinausgeleitet, so bekommst du Durst, und du nimmst Trank zu
dir. Dadurch kommt die Speise in den unteren, kleineren Magen, der in zwölf
Fächer abgeteilt ist. In diesem wird auf dem Wege eines eigenen
Gärungsprozesses der ätherische Stoff aus den kleinen Zellen der zu dir
genommenen Speisen abgesondert und dient zur Belebung der Nerven, daher du ihn
auch den Nervengeist nennen kannst.
[GEJ.10_209,05] Das ganz außerordentlich fein
Ätherische, das wir Substanz nennen wollen, wird durch die Milz auf einem ganz
geheimen Wege ins Herz geleitet und geht vom Herzen aus als völlig geläutert in
die Seele des Menschen über, und so zieht die Seele von jeder in dich
aufgenommenen Nahrung auch das ihr Verwandte an sich und wird dadurch in allen
ihren dem Leibe ganz ähnlichen Einzelbestandteilen genährt und gestärkt.
[GEJ.10_209,06] Das kannst du daraus recht
leicht entnehmen, daß deine Reden und Urteile, wenn du hungrig und durstig
bist, ein holperichtes und unzusammenhängendes Gedanken- und Ideengewebe sind;
hast du aber zuvor eine reine und gute Kost und auch einen reinen und guten
Wein genossen, so werden deine Reden und Urteile auch in kürzester Zeit einen
ganz andern Charakter annehmen, und das bewirkt die Mitsättigung und -stärkung
der Seele. Würdest du aber lange Zeit keine Speise und keinen Trank zu dir
nehmen, so würde es dir mit deinem Denken, Reden und Urteilen bald sehr
kümmerlich ergehen.
[GEJ.10_209,07] Haben die Speisen einmal das
Wichtige an den Leib, an dessen Nerven und an dessen Seele abgegeben, so wird
dann das eigentlich Unlautere der zu sich genommenen Belebungsmaterie durch die
zwei natürlichen Gänge aus dem Leibe hinausgeschafft. Ist aber ein Mensch in
jeder Hinsicht ein Schwelger geworden und hat sich seinen Bauch zu seinem
Abgott gemacht, so kann die zu sich genommene Speise, wie auch der zu viele in
den Magen hineingegossene Wein, in den beiden dir bekanntgegebenen Magen nicht
völlig mehr abgesondert werden, und es gehen dadurch noch viele
unausgeschiedene Leibes-, Nerven- und Seelenbelebungsteile in den großen Bauch,
in die Gedärme und andernteils durch die Leber und Milz in den Urinsack über,
bewirken daselbst abermals Gärungen, aus denen sich mit der Zeit für den Leib allerlei
Krankheiten entwickeln und die Seele träge, stumpf und gefühllos machen.
[GEJ.10_209,08] Aus diesen bösen Stoffen geht
aber dann oft noch ein anderes Übel hervor. Wenn nämlich die argen, noch
ungegorenen Naturgeister aus dem Dunstkreise eines solchen Menschen gar wohl
merken, daß sich in seinem Bauche und auch in seinem Unterleib schon eine Menge
ihnen verwandter Naturgeister angesammelt haben, so dringen diese bald in den
Leib solch eines Menschen und vereinigen sich mit ihnen gattungsähnlichen Geistern
im Leibe.
[GEJ.10_209,09] Ist dieser Akt vor sich
gegangen, so sieht es mit solch einem Menschen schon sehr übel aus. Es
bemächtigen sich bald nicht nur seines Leibes eine Menge schwer- und
unheilbarer Krankheiten, sondern auch seiner Seele, die dadurch, als in sich
sehr geschwächt und träge gemacht, sich nimmer wehren kann, stets mehr und mehr
in ihr sinnliches und leidendes Fleisch überzugehen.
[GEJ.10_209,10] Um das gänzliche
Materiellwerden der Seele zu verhindern, ist und gibt es da kein anderes Mittel
als die großen Krankheiten des Leibes selbst. Solch ein Mensch verliert dann
alle Eßlust und sucht durch Arzneien den alten Unrat aus dem Leibe zu schaffen.
Es gelingt hie und da wohl eine Art Heilung, aber niemals vollständig, und ein
solcher Mensch darf sich nur ein wenig vergessen, so hat er schon wieder seine
früheren Plagegeister belebt, und sein zweiter leidender Zustand ist dann
gewöhnlich ärger als sein erster.
[GEJ.10_209,11] Aber es ist alles das nicht
der einzige schlimme Zustand, welchen sich der Mensch durch seine Freß- und
Saufgier zugezogen hat; es kommt noch ein dritter, viel ärgerer dazu, und der
besteht in dem sogenannten Besessensein von einem oder mehreren wirklich bösen
Geistern, die kürzer oder länger vorher in der Wirklichkeit im Leibe eines oder
des andern Menschen ihre Lebensfreiheitsprobe durchgemacht haben.
[GEJ.10_209,12] Von diesem dritten Übel kann
kein irdischer Arzt den Menschen mehr befreien, sondern allein Ich und der
auch, der von Mir aus die Kraft und Macht überkommen hat.“
210. Kapitel
[GEJ.10_210,01] (Der Herr:) „Will daher ein
Mensch dem Leibe und der Seele nach vollkommen gesund bleiben, so soll er von
Kindheit an mäßig mit einer reinen Speise ernährt werden.
[GEJ.10_210,02] Sehet Mich an! Ich bin dem
Leibe nach auch ein Mensch, esse und trinke aber nur stets ein und dieselbe
Speise und stille Meinen Durst mit ebenfalls einem reinen, guten und gesunden
Wein, – aber allzeit mit dem gerechten Maß und Ziel; und was Ich jetzt genieße
vor deinen Augen, das genoß Ich schon in Meinen Kinderjahren, desgleichen auch
die meisten dieser Meiner Jünger, die nahe sämtlich Fischer waren und von den
Fischen lebten.
[GEJ.10_210,03] Für den Überfluß der
gefangenen Fische bekamen sie Geld und kauften sich dafür die nötige Kleidung,
Brot, Salz und auch Wein, den sie mäßig mit Wasser genossen; und frage sie, ob
je einer von ihnen irgendwann von einer Krankheit geplagt worden ist bis auf
den einen, den Ich dir nicht näher bezeichnen will.
[GEJ.10_210,04] Ich sage es dir: Wenn die
Menschen bei der ihnen durch den Propheten Moses angezeigten Kost verblieben
wären, so hätten bei ihnen die Ärzte mit ihren Arzneien nie etwas zu tun
bekommen; aber so haben sie angefangen, gleich den Heiden nach der Weise der
Epikureer ihren Leib mit hunderterlei sogenannten Leckerspeisen vollzustopfen
und sind dadurch in kurzer Zeit in allerlei Krankheiten verfallen.
[GEJ.10_210,05] Fische von guter Art, die
sich in reinen Gewässern aufhalten, sind in der Art Zubereitung, in welcher wir
sie genossen haben, die allergesündeste Kost für den menschlichen Leib.
[GEJ.10_210,06] Wo aber derlei Fische nicht
zu haben sind, da ist das Weizen- und Gerstenbrot an und für sich die
gesündeste Nahrung des Menschen, so wie auch die Milch von gesunden Kühen,
Ziegen und Schafen. Unter den Hülsenfrüchten nehmen die Linsen den ersten Rang
ein, wie auch zur Bereitung des Muses (Brei) der große persische Maisweizen.
Fleisch ist nur von einigen Hühnern und Tauben, dann vom gesunden und reinen
Rind, so wie auch von Ziegen und Schafen im vollkommen blutlosen Zustande,
entweder gebraten oder gekocht, als Speise zu genießen; das gebratene aber ist
dem gekochten vorzuziehen.
[GEJ.10_210,07] Das Blut der Tiere aber soll
von niemandem genossen werden.
[GEJ.10_210,08] Das jetzt von Mir dir Vorgesagte
(Aufgezählte) ist und bleibt für den Menschen die einfachste, reinste und
gesündeste Kost; alles andere – besonders im Übermaß genossen – ist für den
Menschen schädlich, besonders wenn es zuvor nicht jene Zurichtung bekommt,
durch die das Bösnaturgeistartige völlig ausgeschieden wird.“
[GEJ.10_210,09] Hier fragte Mich der
Oberstadtrichter: „O Herr und Meister, was ist es denn mit den vielen überaus
wohlschmeckenden Obst- und Wurzelgattungen für ein Fall?“
[GEJ.10_210,10] Sagte Ich: „Das genießbare Obst
muß erstens vollkommen reif sein. In solchem Zustand kann man es dann auch
mäßig genießen; es ist aber dennoch im gekochten, gebratenen oder gedörrten
Zustande gesünder als in seinem rohen, weil durch das Sieden, Braten und Dörren
die schlechten und noch ungegorenen Naturlebensgeister hinausgeschafft werden.
Und dasselbe ist auch mit den Wurzeln der Fall.
[GEJ.10_210,11] Du kennst das Obst und die
Wurzeln, die für den Menschen zum Genuß geeignet sind; die hungrigen und
freßgierigen Menschen aber begnügen sich nicht mit dem, sondern erfinden in
einem fort noch eine große Menge Nährmittel, sowohl aus dem Pflanzen- als auch
aus dem Tierreich, und die Folge davon sind die stets mehr und mehr
zunehmenden, verschiedenartigsten Leibeskrankheiten.
[GEJ.10_210,12] Aus dem aber, was Ich dir nun
gesagt habe, kannst du mit leichter Mühe selbst urteilen, daß es Mir im Grunde
des Grundes eines und dasselbe ist, durch Meinen Willen entweder ein Ackerfeld
mit einer oder der andern Getreidegattung zu versehen oder deine Getreidekästen
mit schon reifem Getreide zu füllen oder vor dich hin, wie vor jeden andern,
ein fertiges Brot zu stellen und es auch zu vermehren, so es not täte. Und
ebenso ist es mit allerlei Fleisch der Fall; denn so Ich lebendige Tiere
erschaffen kann, da wird es Mir wohl auch nicht unmöglich sein, ihr Fleisch zu
erschaffen, es auch zuzubereiten und auch im zubereiteten Zustand es nach
Bedarf zu vermehren.“
211. Kapitel
[GEJ.10_211,01] (Der Herr:) „Denn siehe, in
der Urzeit der Zeiten erschuf Ich nur eine, für deine Begriffe unermeßlich
große Sonne, – und sieh nur zur Nachtzeit an das Firmament, und du wirst es mit
lauter Sternen übersät erblicken! Und siehe, alle diese Sterne, mit Ausnahme
der dir bekannten wenigen Wandelsterne, sind auch Sonnen, um die sich
Erdkörper, wie diese Erde da ist, bewegen!
[GEJ.10_211,02] Zu diesen Sternen aber, die
du in der Nacht am Firmamente siehst, mußt du dir in einem übergroßen
Raumgebiet noch mehr als tausendmal tausendmal so viele hinzudenken, und siehe,
alle diese für dich unzählbar vielen Sonnen und andern Erdkörper sind mit den
Zeiten der Zeiten aus der einen urgeschaffenen großen Sonne hervorgegangen, –
freilich nicht schon als vollkommen reif und fertig, sondern gleich wie
Samenkörner aus der Ähre eines Halmes im Besitze der Weiterpflanzungsfähigkeit!
[GEJ.10_211,03] Jetzt frage Ich dich aber:
Wer hat denn für die weitere Ausbildung und Herstellung der großen Weltkörper
den Vermehrungsstoff hergegeben?“
[GEJ.10_211,04] Sagte der Oberstadtrichter:
„Wer sonst wohl als Du, o Herr und Meister?“
[GEJ.10_211,05] Sagte Ich zu ihm: „So dir,
Mein lieber Freund, das begreiflich ist, so wirst du wohl auch einsehen, daß es
Mir ebenso möglich sein muß, einen etwas zu klein ausgefallenen Lammbraten auf
unserem Tische eben auf dieselbe Art zu vermehren und zu vergrößern, wie es Mir
möglich war, mit den Zeiten der Zeiten aus der einen, übergroßen Ursonne die
zahllos vielen andern Sonnen und Erdkörper ins sichtbare Dasein hinauszustellen
und sie in ihrer Art kräftig und tätig auf ihren Punkten aufzustellen.
[GEJ.10_211,06] Siehe, ein Stein ist für dich
ein völlig totes Ding; und so du einen Stein hier hättest, so könnte Ich ihn
dir entweder bis ins Ungeheure alsogleich vergrößern oder aber auch den größten
Stein alsogleich derart auflösen, daß von ihm für deine irdischen Sinne nichts
dabliebe, oder Ich könnte ihn auch augenblicklich verwandeln in ein fruchtbares
Erdreich.
[GEJ.10_211,07] Und es ist demnach einerlei,
ob Ich auf irgendeinem Weltkörper erst so nach einer gewissen Ordnung alles
nach und nach herstelle oder in einem Augenblick urplötzlich, so es irgend
nötig ist.
[GEJ.10_211,08] Daß aber auf den Weltkörpern
alles so nach und nach und wie eines aus dem andern ins Dasein tritt, davon
liegt der Grund vorzüglich in Meiner Liebe, Geduld und Sanftmut zu den
Menschen, erstens vorzüglich auf dieser Erde, dann aber auch zu jenen, die auf
andern Weltkörpern wohnen und ihre Lebensfreiheitsprobe durchmachen. Denn
siehe, der ganze ewig-unendliche Raum ist Mein eigentliches Wohnhaus, und in
diesem Wohnhause gibt es denn auch gar unendlich viele Wohnungen, die du einmal
in Meinem Reiche erst näher kennenlernen wirst.
[GEJ.10_211,09] Ist dir, Mein lieber Freund,
nun begreiflich, wie es Mir möglich war, den Lammbraten zu vergrößern und zu
vermehren?“
[GEJ.10_211,10] Sagte der Oberstadtrichter,
völlig zerknirscht in seinem Gemüte: „O Herr und Meister, begreiflicher ist mir
das alles freilich wohl denn zuvor, aber ich fühle mich vor Deiner zu
unendlichen Größe und Erhabenheit wie nahe gänzlich vernichtet. Ich empfinde es
wohl, daß ich noch bin, aber ich empfinde daneben auch, daß ich gegen Dich so
gut wie nichts bin!“
[GEJ.10_211,11] Sagte Ich: „Und doch bist du,
so wie jeder andere Mensch, aus Mir und durch Mich eben auch unendlich und
ewig! Willst du noch mehr sein? Wie aber das, dessen wirst du erst durch Meinen
in dir wach gewordenen Geist innewerden!“
212. Kapitel
[GEJ.10_212,01] Als Ich diese Belehrung
vollendet hatte, da erhob sich Simon Juda, genannt Petrus, und sagte: „Herr,
auch wir alle danken Dir für diese großartige Belehrung; denn jetzt fühle ich
erst in der vollen Tiefe meines Gemütes, daß Du Deinem Leibe nach der Sohn
Gottes bist und bist denn auch wahrhaft Christus, von dem die Propheten, von
Moses angefangen, vielfach geweissagt haben, aber auch schon vor Moses, von
Abraham angefangen, die erleuchteten Urerzgroßväter der Menschen. Ich wüßte nun
wahrhaftig nicht mehr, mit welch einer noch weiteren Frage ich Dir zur Last
fallen könnte; denn es scheint mir nun alles klar, wie in einem großartigsten
Bilde vor den Augen zu schweben.“
[GEJ.10_212,02] Sagte Ich darauf: „Simon
Juda, du hast recht gesprochen, weil es also ist; aber dennoch wirst du samt
den andern Schafen die Flucht ergreifen, wenn der Hirte geschlagen wird; denn
der Mensch muß zuvor gar manche Probe seines Glaubens an den Tag legen, bevor
er als ein Vollendeter seinem Meister ähnlich wird. Daher gedenke dieser Meiner
Worte, daß auch für dich noch der Fall eintreten wird, wo du Mich aus Furcht vor
der Welt völlig verleugnen wirst! Du wirst dann wohl wieder umkehren und deinen
schwachen Glauben stärken, – aber aus dir selber nicht, sondern aus Meinem
Geiste in dir, der dich ordentlich bei den Haaren dazu ziehen wird!“
[GEJ.10_212,03] Sagte darauf Simon Juda:
„Herr und Meister, es ist aber doch sonderbar von Dir, daß Du uns, die wir doch
schon von Anfang bei Dir waren und alles Dir zuliebe verlassen haben – als
unsere Äcker, Häuser, Weiber und Kinder –, nie etwas so recht Gutes voraussagen
kannst!“
[GEJ.10_212,04] Sagte Ich: „So Ich euch nur
für diese Welt geschaffen und berufen hätte, so könnte Ich euch auch nur
weltlich Gutes vorhersagen; da Ich euch aber nur für Mich und für Mein Reich
jenseits berufen habe, – was kümmert es dich denn, so Ich dir, als für diese
Welt geltend, nichts Gutes und Angenehmes vorhersagen kann? Denn du weißt es
ja, daß die eigentliche arge und finstere Welt nur das liebt und beglückt, was
so ist, wie sie selbst ist; was aber nicht also ist, das verfolgt und verdammt
sie.
[GEJ.10_212,05] Ihr seid aber ebenso wie Ich
nicht von dieser Welt, sondern von oben her, – somit verfolgt und haßt uns die
Welt denn auch; und weil es so und nicht anders ist, so kann Ich dir, Mein
lieber Simon Juda, von seiten dieser Welt auch nichts anderes weissagen als das
nur, was Ich euch allzeit gleich geweissagt habe! Verstehst du dieses wohl?“
[GEJ.10_212,06] Sagte darauf Simon Juda: „O
Herr und Meister, ich verstehe es wohl, aber es geht mir dabei nicht viel
anders als dem Freunde Oberstadtrichter, – man wird von Deiner unendlichen
Vollkommenheit und persönlichen Gegenwart ganz vernichtet!
[GEJ.10_212,07] Aber weil ich schon einmal im
Reden bin, so möchte ich Dich um eine nähere Aufklärung über ein von Dir uns
einmal in der Nähe von Besetha erzähltes Gleichnis vom Reiche Gottes bitten. Du
hast uns damals zwar eine Erklärung gegeben, die ganz gut (verständlich) war, –
aber mit dem Bilde selbst konnte ich mich, selbst mit meinem besten Willen, nie
so ganz recht einverstehen (zurechtfinden).
[GEJ.10_212,08] Das Bild oder Gleichnis aber
lautete, daß nämlich das Reich Gottes, welches auch gleich ist das Himmelreich,
einem Sämanne gleicht, der ausging, um Weizen auf seinen Acker zu säen. Als er
aber säte, da fiel ein Teil auf Wege und Straßen, der wurde zum Teil bald
zertreten und zum Teil von den Vögeln aufgezehrt, ging demnach denn auch nicht
auf und brachte keine Frucht. Ein Teil aber fiel auf Felsen und Steine, der
ging wohl auf, solange er eine Feuchtigkeit hatte, aber diese verlor sich bald,
und somit hatte der Same keine weitere Nahrung, verdorrte und brachte auch
keine Frucht. Ein Teil des Weizensamens aber fiel unter Dornen und Gestrüpp,
ging zwar auf, ward aber von den Dornen und dem Gestrüppwerk bald überwachsen,
erstickte und brachte somit auch keine Frucht. Nur ein Teil fiel auf gutes
Erdreich und brachte hundertfältige Frucht.
[GEJ.10_212,09] Das, o Herr und Meister, war
das Bild, nach dessen Erzählung – als wir dich fragten: ,Wo und wieso denn?‘ –
Du uns sagtest: Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu
verstehen, – den andern aber nicht, wie es denn auch in der Schrift geschrieben
steht: ,Sie werden sehen und doch nichts sehen, hören und nichts vernehmen und
verstehen!‘
[GEJ.10_212,10] Darauf erklärtest Du uns das
Bild, und wir alle waren mit der Erklärung überaus zufrieden, aber nur mit dem
Bilde selbst noch bis jetzt nicht vollkommen.
[GEJ.10_212,11] Wenn Du, o Herr und Meister,
uns hast darunter verstanden haben wollen, die wir von Dir aus dazu bestimmt
sind, Deine Lehre, welche ist das eigentliche Reich Gottes auf Erden, unter den
Menschen auszubreiten, und eben uns als den Sämann darstelltest, so hätte Dein
Bild seine volle Richtigkeit; aber wenn Du Dich Selbst als den Sämann
darstelltest, so kommt mir das Bild immerwährend etwas sonderbar vor, weil ich
mir keinen recht klugen Sämann vorstellen kann, der drei Teile seines edlen
Weizens dorthin aussät, wo ihn doch die Erfahrung schon seit überlangen Zeiten
her lehren mußte, daß Wege und Straßen, Felsen und Steine, Dornen und Gestrüpp
durchaus nicht geeignet sind, daß man sie mit dem edlen Weizen besäete, weil er
auf solchen Plätzen nie eine Frucht bringen kann, – und so klug wird der Sämann
auch sein, daß er sich zur Aussaat seines reinen Weizens zuvor auch einen
tauglichen Acker herrichten wird, auf den er seinen Weizen aussät, auf daß er
ihm dann hundertfältige Frucht abwerfe.
[GEJ.10_212,12] Du, o Herr und Meister, aber
bist als Sämann unendlich weiser, als wir alle je werden werden, und so kommt
es mir immer vor, daß ich eine bedeutende Sünde begehe, so ich Dich für einen
so unklugen Sämann hielte; hast Du aber uns, Deine Jünger, als den unklugen
Sämann dargestellt, dann, wie gesagt, ist Dein Bild vollkommen gut, – denn in
uns steckt noch viel Unklugheit und Unwissenheit.
[GEJ.10_212,13] Zudem hast Du uns schon zu
öfteren Malen gewarnt, daß wir Deine Perlen, die auch sind gleich dem reinsten
Weizen und somit auch gleich dem Reiche Gottes, nicht den Schweinen vorwerfen
sollen, und ich meine, daß Du mit jenem Bilde auch hast sagen wollen, daß wir
Deinen Weizen auf Wegen und Straßen, auf Felsen und Steinen und unter Dornen
und Gestrüpp nicht aussäen sollen, weil er da keine Früchte tragen wird. Herr
und Meister, habe ich auf diese Weise mir Dein Gleichnis richtig aufgehellt?“
213. Kapitel
[GEJ.10_213,01] Sagte Ich: „Nun endlich fängt
doch Mein Geist in euch an rege zu werden! Denn so ihr ein stärkeres Gedächtnis
hättet, als ihr es habt, da würdet ihr euch auch dessen erinnern, daß Ich
Selbst euch dieses Bild nachher bei einer guten Gelegenheit dahin erklärt habe,
daß ihr bei der Verbreitung Meiner Lehre nicht gleich sein sollet jenem
unklugen Sämann, der den Weizen auch auf Straßen, Steine und Gestrüpp aussäte,
sondern gleich dem klugen Sämann, der den Weizen über ein gutes Erdreich
aussäte. Siehe, Ich sagte zu euch einmal schon, daß ihr in alle Welt
hinausgehen und Mein Evangelium aller Kreatur predigen sollet! Sage Mir, du
Simon Juda, wie hast du denn dieses verstanden?“
[GEJ.10_213,02] Sagte Simon Juda: „O Herr und
Meister, Du hast mir mit dieser Deiner heiligen Frage einen gewaltigen Stein
von meiner Brust gewälzt. Denn diese Deine Berufung an uns hat in mir
wenigstens den lächerlichen Gedanken zuwege gebracht, daß Du damit etwa
ernstlich wolltest, daß wir späterhin nicht nur den tauglichen Menschen, die
eigentlich ein gutes Ackerfeld darstellen, sondern auch den Bergen, Wäldern,
Seen und Flüssen, allen Vögeln und allen die Luft belebenden Tieren, allen
Tieren auf der Erde und sogar allen Fischen im Wasser Dein Evangelium vorpredigen
sollen; denn Kreatur ist einmal alles, was von Dir geschaffen ist, und so wir
Dein Evangelium in der ganzen Welt aller Kreatur vorpredigen sollen, so hat
mein Verstand dabei doch unmöglich etwas anderes denken können, als das
buchstäblich ins Werk zu setzen, was Du uns aufgetragen hast.
[GEJ.10_213,03] Ob wir bei dieser Arbeit,
besonders mit den reißenden Bestien der Wüste, mit heiler Haut davongekommen
wären, ist nicht als sicher anzunehmen. Dein Wille ist freilich der Herr über
alles, und so wir das nach Deinem Willen auch buchstäblich tun würden, da
hätten wir von der Grimmigkeit und Wut solcher Tiere vielleicht weniger zu
befürchten als von dem Hochmut und Eigennutz der Weltmenschen; aber mit der
Sprache, die auch solchen Kreaturen verständlich wäre, würde es uns offenbar
sehr schlecht gehen!
[GEJ.10_213,04] Es soll zwar im großen Indien
im Ernste Menschen geben, die mit den Tieren reden können; aber mir ist darüber
noch nichts Näheres zu Gesichte gekommen, und somit kann man solch eine Sage
glauben oder nicht. Das letztere ist meiner Meinung nach auch das Klügste!“
[GEJ.10_213,05] Sagte Ich: „Nun siehe, du
Simon Juda, jetzt wird dir das Bild von dem Sämann, auf dich und euch alle
bezogen, in Hinsicht seiner Unklugheit etwa doch noch klarer sein als früher;
denn wenn du Meine bildliche Aufforderung, Mein Evangelium aller Meiner Kreatur
zu predigen, also verstanden hast, wie du es soeben ausgesprochen, so hast du
dir damit schon selbst das Zeugnis gegeben, daß es mit der Klugheit deiner
Sämannschaft eben noch nicht gar zu weit her ist.
[GEJ.10_213,06] Und doch habe Ich damit an
euch eine ganz richtige und wahre Aufforderung gemacht. Denn siehe, so ihr Mein
Evangelium den rechten Menschen prediget, so werden diese dadurch in allen
Dingen weise und mächtig werden durch Meinen Geist in ihnen, und sie werden mit
solcher Meiner Kraft dann auch die minder geeigneten Menschen für Meine Lehre
eingenommen machen!
[GEJ.10_213,07] Ich habe aber den Menschen auf
diese Erde gestellt, daß er ein Herrscher und Herr sei über alle Kreatur, – was
er aber schon seit gar lange nicht mehr ist und muß sich umgekehrt von der
Kreatur der Erde beherrschen lassen; wird er aber durch Meinen Geist wieder
das, was er sein sollte, so wird er wieder ein Herr und Beherrscher aller
Kreatur werden und sich dieselbe dienst- und nutzbar zu machen imstande sein.
[GEJ.10_213,08] Wenn aber der Mensch das wird
bewirken können, wird dann das nicht soviel heißen als: Mein Evangelium ist aller
Kreatur gepredigt worden? Denn so du mit Meiner Macht in dir einem Löwen, einem
Tiger oder einem Bären gebieten kannst, daß er sich dahin begebe, wo sein Ort
ist – wie du schon von Mir aus zu öfteren Malen gesehen hast –, so wird es dir
dabei doch auch klar sein, daß Mein Wort und Wille aller Kreatur verständlich
ist.
[GEJ.10_213,09] Habe Ich euch nicht schon zu
öfteren Malen gesagt, daß ihr, so ihr einen rechten und ungezweifelten Glauben
hättet, sogar zu einem Berge sagen könntet: ,Hebe dich und stürze dich ins
Meer!‘, und es würde geschehen, was ihr ausgesprochen habt? So aber schon den
Bergen Mein Wort in euch verständlich ist, so wird es auch sicher aller andern
Kreatur verständlich sein; aber dazu gehört freilich zum voraus eine wahre
Sämannsklugheit!
[GEJ.10_213,10] Und so wirst du, Mein lieber
Simon Juda, nun das Bild des Sämanns wohl klarer begreifen, als es bis jetzt
der Fall war! Hast du etwa noch etwas, das du ebenfalls auch also verstehst,
wie du Meine Aufforderung, Mein Evangelium aller Kreatur vorzupredigen,
verstanden hast, so komme damit zum Vorschein!“
214. Kapitel
[GEJ.10_214,01] Sagte Simon Juda: „Herr und
Meister, es gäbe wohl noch so etwas, und zwar aus der Zeit Deiner berühmten
Bergpredigt; aber ich schäme mich – aufrichtig gesagt – das hervorzubringen,
weil dadurch meine Dummheit einen Grad stärker beleuchtet werden wird!“
[GEJ.10_214,02] Sagte Ich: „Nun, was habe Ich
denn in der Bergpredigt gesagt, das du noch immer nicht gehörig in deinem
Gemüte verdaut hast?“
[GEJ.10_214,03] Sagte darauf Simon Juda, so
etwas kleinlaut: „Ach, es ist dort die Rede gewesen von der Augenausreißerei
und Händeabhackerei, so einen das eine oder das andere ärgern sollte; denn es
wäre besser, einäugig und einhändig in den Himmel aufgenommen zu werden, als zweiäugig
und zweihändig in die Hölle hinabzufahren.
[GEJ.10_214,04] Ich weiß, o Herr und Meister,
es wohl, daß Du das nur geistig gemeint hast, – aber wir haben trotz Deiner an
uns gerichteten Beleuchtung das Geistige noch nie so recht in der Tiefe erfassen
können und blieben dabei denn doch gut zu dreiviertelteile am immerhin etwas
sonderbar klingenden Buchstabensinn hängen und begriffen aber dabei dennoch
wirklich nicht, wie man es bei einem das Auge ärgerlichen Falle anfangen solle,
das Auge gerade herauszureißen; mit dem Blenden des Auges wäre es in jeder
Hinsicht bequemer. Mit dem Abhauen einer Hand ginge es in den meisten Fällen
vielleicht noch mißlicher vor sich; denn fürs erste hätte man nicht immer eine
scharfe Hacke bei sich, und fürs zweite ginge es besonders mir beim Abhacken
der Hand schlecht, wenn ich etwa meine rechte Hand abhacken sollte, da ich mit
meiner linken Hand zu diesem Geschäfte wahrlich sehr ungeschickt bin.
[GEJ.10_214,05] Ich weiß zwar wohl, o Herr
und Meister, daß ich hiermit etwas sehr Dummes und des Auslachens Würdiges zum
Vorschein gebracht habe, – aber was nützt das, daß Du solches in Deiner
Bergpredigt ausgesprochen hast und ich es im wahren geistigen Sinne nicht habe
verstehen können, wie Deine Predigt zu Kapernaum, in der Du auch ausdrücklich
befohlen hast, Dein Fleisch zu essen und Dein Blut zu trinken, ohnedem man
nicht das ewige Leben überkommen und in Dein Reich eingehen könne?
[GEJ.10_214,06] Dieses Gleichnis aber hat uns
der scharfsinnige Wirt aufgeklärt, welche Aufklärung Du Selbst für gut und wahr
bestätigt hast, und wir alle waren damit vollkommen zufrieden; aber mit der
besprochenen Leibesverstümmelung will es uns noch nicht so gut gehen, und so
wir jene Bergpredigt weiter unters Volk verbreiten, so könnte es wahrlich hie
und da so schwache Menschen geben, die solch eine Belehrung buchstäblich ins
Werk zu setzen vermöchten, und der weisere Teil der Menschen würde dann solch
eine Lehre für grausam und unweise erklären, und wir würden damit nicht viele
gute Früchte zustande bringen.
[GEJ.10_214,07] Es könnte sich am Ende
treffen, daß dadurch eine ganze schwache Gemeinde einäugig und einhändig würde
und gar zu blind fromme Eltern etwa eine solche Verstümmelung aus Vorsicht an
ihren Kindern vornähmen, damit sie später von dem einen Auge oder der einen
Hand nicht geärgert werden möchten!“
[GEJ.10_214,08] Sagte Ich darauf zu Simon
Juda: „In dieser Hinsicht wende du dich an Meinen lieben Johannes, der das Bild
schon gleich nach der Bergpredigt in seiner geistigen Wahrheit zu erklären
vermochte, und du wirst dann schon auch klar einsehen, daß Ich damit keine
leibliche Verstümmelung anbefohlen habe, sondern nur die strenge Überwachung
des stets freien Willens des Menschen und seines Verstandes! Verstehst du das?“
[GEJ.10_214,09] Sagte nun Simon Juda: „O Herr
und Meister, Du hast mir mit Deinen zwei letzten Worten die Sache völlig
erklärt, und ich kann darum den Bruder Johannes ruhen lassen; denn daß der
Verstand des Menschen der Seele Auge ist und der Wille die handelnde Hand, liegt
mir nun ganz klar vor den Augen.
[GEJ.10_214,10] Nun hat aber der Mensch zwei
Augen und zwei Hände und hat somit entsprechend auch zwei Verstande und zwei
Willen, nämlich einen guten und schlechten Verstand und somit auch einen guten
und schlechten Willen.
[GEJ.10_214,11] Wenn der schlechte Verstand
den guten ärgert, so erkenne man das und verabschiede den schlechten für immer,
und desgleichen tue man auch mit dem Willen, und dann ist es freilich besser,
mit dem guten Verstande und Willen sicher ins Himmelreich einzugehen, als mit
beiden Verstanden und Willen versehen in die Hölle zu fahren. Denn ich halte
nun dafür, daß ein Mensch, der sich je nach den Umständen der Liebe zur Welt
bald von seinem schlechten Verstande und von seinem schlechten Willen und bald
wieder von seinem guten Verstande und guten Willen zu allerlei Handlungen
verleiten läßt, schon auf dieser Welt ein Erzteufel ist. Denn ein anderer
Mensch, der infolge seiner ursprünglichen Erziehung nur einen schlechten
Verstand und einen schlechten Willen hat und sonach auch nicht anders als
schlecht handeln kann, ist im Grunde des Grundes kein eigentlich böser, sondern
vielmehr ein dummer Teufel, für den man noch zu Dir die Bitte emporrichten
kann: ,Herr, vergib ihm und mache ihn besser; denn bis jetzt hat er noch nie
gewußt, was er getan hat!‘ O Herr und Meister, sage es mir gnädigst, ob ich nun
gut und recht geurteilt habe!“
[GEJ.10_214,12] Sagte Ich zu Simon Juda: „Du
hast nun vollkommen gut und recht geurteilt; aber das wirst du auch dabei bemerkt
haben, daß dir solch ein Urteil dein Fleisch nicht gegeben hat, sondern nur
Mein Geist in dir! Darum suche auch du deines Weltverstandes und Weltwillens
vollkommen loszuwerden, so wird des Geistes himmlisches Verständnis und die
Kraft des himmlischen Wollens vollkommen dir zu eigen werden!
[GEJ.10_214,13] Hast du nun noch etwas aus
dem Bereiche Meiner an die Menschheit ergangenen Belehrungen, so laß es hören;
denn heute bin Ich in der Stimmung, für euch alles euch krumm Scheinende gerade
zu machen!“
215. Kapitel
[GEJ.10_215,01] Sagte darauf Simon Juda: „Ja,
Herr und Meister: Es gäbe wohl noch so manches, das sich in meinem
Verständnisse nicht so ganz geradlinig gestalten will; aber ich denke mir: weil
das mir bis jetzt am meisten ungerade Scheinende mit solch einer Leichtigkeit
gerade geworden ist, so werden sich mit der Zeit die weniger krummen Linien
meines Verstandes von selbst in völlig gerade umgestalten.“
[GEJ.10_215,02] Sagte Ich: „So fahre nur
hervor mit dem, was dir irgend noch etwas ungerade vorkommt!“
[GEJ.10_215,03] Sagte Simon Juda: „Herr, ich
will das schon tun, aber eben nicht gar zu gern, weil ich mich dadurch vor den
andern Jüngern enthülle, daß ich in manchen Stücken vielleicht blöder bin als
sie; aber weil Du es schon wünschest, so will ich denn auch reden und mich
selbst demütigen vor allen meinen Gefährten!
[GEJ.10_215,04] Siehe, bei der Gelegenheit,
als Du uns und das Volk von der Liebe zu Gott und von der Liebe zum Nächsten
belehrtest, da gabst Du auch an, daß man sogar die Erzfeinde lieben solle, und
daß man segnen solle diejenigen, die einem fluchen, und Gutes tun denjenigen,
die einem Böses tun, und daß man dem, der einem eine Ohrfeige gibt, noch die
andere Backe hinhalten sollte, statt ihm eine Ohrfeige zurückzugeben.
[GEJ.10_215,05] Ich sehe es wohl ein, daß in
diesem Verhalten die von Dir gelehrte und zur Ausübung anbefohlene
Nächstenliebe die wahre, himmlische Form einnimmt, – denn so wir den Menschen
alles das tun sollen, das wir wünschen und wollen, daß sie in ähnlichen Fällen
auch uns täten, so ist dadurch das freilich wohl auch völlig gerechtfertigt,
daß man sogar seine Feinde lieben soll, für die beten, die einem fluchen, und
denen Gutes tun, die einem Böses tun; aber da kommt mir doch so manches noch
ungerade vor, und das darum, weil in diesen Fällen die Notwehr ganz beiseite
gesetzt ist. Man kann wohl dieses beachten gegen Menschen, die es in ihrer
Bosheit gegen einen andern Menschen nicht zu weit treiben, aber gegen Menschen,
die gegen ihre Nebenmenschen beharrlich zu wahren Erzteufeln geworden sind,
sollte da solche Deine göttliche Lehre irgendeine kleine Ausnahmeabänderung
finden.
[GEJ.10_215,06] Ich will von der Ohrfeige
nicht reden, und es würde mir gerade nichts machen, dem, der mir bei
irgendeiner Gelegenheit eine mäßige Ohrfeige versetzt hat, am Ende, so er Lust
hätte, mir noch eine zu geben, auch die andere Backe hinzuhalten, damit dann
Friede und Einigkeit zwischen uns würde; aber was dann, so mein Gegner mich mit
seiner ersten Ohrfeige schon beinahe halbtot geschlagen hat? Soll ich in dem
Fall nicht lieber zu einer Gegenwehr schreiten, so mir diese in einer Art
irgend möglich wäre, als mich von solch einem zornigen Riesen Simson ganz
totschlagen lassen?
[GEJ.10_215,07] Ich meine, o Herr und
Meister, daß in dieser von Dir aufgestellten Lehre über die Nächstenliebe –
freilich nur nach dem Urteil meines Weltverstandes – auch noch so manch
Krummliniges vorhanden ist, das sich von unserem geradlinigen Gemütsmagen nicht
gar zu leicht verdauen läßt. Ich weiß zwar nicht, ob ich klug oder unklug
geredet habe; aber weil ich denn doch glaube, daß mein diesweltlicher Verstand
besserer Natur sein muß, ohne die ich Dich schwerlich als den Herrn und Meister
je erkannt hätte, so bin ich denn auch der Meinung, daß eben diese bessere Natur
meines Verstandes auch derlei kleine Krummheiten erkennt.“
[GEJ.10_215,08] Sagte Ich: „Du hast eine ganz
gute und richtige Frage gestellt; aber Ich muß dir auch immer dagegen die
Bemerkung machen, daß du zwar wohl einen recht scharfen Verstand hast, aber
dafür – woran dein vorgerückteres Alter schuldet – ein schwächeres Gedächtnis,
und so erinnerst du dich an so manches nicht mehr, das Ich bei so verschiedenen
Gelegenheiten zur Erklärung der wahren Nächstenliebe den Menschen hinzugetan
habe.
[GEJ.10_215,09] Das ist an und für sich schon
ganz klar, daß man einem erzbösen Menschen durch eine zu große
Gegenfreundschaft nicht noch mehr Gelegenheit verschaffen soll, daß er dadurch
in seiner Bosheit wachse und noch immer ärger werde, als er vorher war.
[GEJ.10_215,10] In diesem Fall wäre eine
fortgesetzte Nachsicht nichts anderes als eine wahre Hilfeleistung für des
Feindes überwachsende (zunehmende) Bosheit; dafür aber habe Ich in dieser Welt
zu allen Zeiten strenge Richter aufgestellt und ihnen das Recht erteilt, die zu
schlecht und böse gewordenen Menschen, nachdem sie es verdient haben, zu
züchtigen und zu strafen, und habe euch darum auch dieses Gebot gegeben, daß
ihr der weltlichen Obrigkeit untertan sein sollt, ob sie sanft oder strenge
ist.
[GEJ.10_215,11] Wer demnach einen so argen
Feind besitzt, der gehe zum Weltrichter hin und zeige ihm solches an, und
dieser wird dem schon erzböse Gewordenen seine Bosheit austreiben.
[GEJ.10_215,12] Geht das mit puren
körperlichen Züchtigungen nicht, so geht es am Ende wirksam durch das Schwert.
Und so ist es auch der Fall mit der Ohrfeige. Erhältst du sie von einem minder
bösen Menschen, den eine plötzliche Aufwallung seines Gemütes dazu verleitet
hatte, so wehre dich nicht, auf daß er dadurch, daß du ihm mit keiner Ohrfeige
entgegenkommst, besänftigt wird, und ihr werdet darauf leicht ohne Weltrichter
wieder zu guten Freunden werden.
[GEJ.10_215,13] Aber so dir jemand mit einer
mörderischen Ohrfeige in voller Wut entgegenkommt, so hast du auch ein volles
Recht, dich zur Gegenwehr zu stellen; und siehe, wenn die Sache nicht also
wäre, so hätte Ich zu euch nicht gesagt, daß ihr auch den Staub von euren Füßen
über jene Menschen in einem Orte schütteln sollet, die euch nicht nur nicht
aufnehmen, sondern euch dazu noch verhöhnen und mit allerlei Verfolgung
bedrohen.
[GEJ.10_215,14] Oh, sei du dessen sicher, daß
Ich mit Meiner Predigt von der Nächstenliebe die Macht und Gewalt des Schwertes
nicht im geringsten aufgehoben habe, wohl aber auf so lange hin gemildert, als
die Feindseligkeit unter den Menschen nicht jenen Grad erreicht hat, den man
mit vollem Recht den höllischen nennen kann!
[GEJ.10_215,15] Bei den Alten nach dem
Gesetze Mosis und der meisten alten Richter hieß es wohl: ,Leben um Leben, Auge
um Auge, Zahn um Zahn!‘, aber da soll es bei euch nicht also sein, daß man
derlei Gesetze zu buchstäblich nimmt, und daß man seinem Feinde nicht öfter
denn siebenmal vergeben solle, wovon Ich euch zu öfteren Malen auch eine
Erklärung gegeben habe, und die ihr auch wohl begriffen habt!
[GEJ.10_215,16] Aber, wie gesagt, dadurch
habe Ich das Gesetz Mosis, der Richter und Propheten nicht aufgehoben, sondern
nur gemildert; denn diese nahmen das Gesetz zu buchstäblich und straften auch
den mit gleicher Strenge, der oft sehr viel mehr zufällig als infolge seines
bösen Willens seinen Nebenmenschen irgend eine oder die andere Beschädigung
zugefügt hatte.
[GEJ.10_215,17] Die Folge davon, daß sich die
Richter zu strenge nach dem Gesetze hielten, war denn auch, daß das Volk zur Zeit
Samuels, des letzten Richters in Israel, von Mir einen König verlangte, weil es
unter ihm eine mildere Handhabung der Gesetze erhoffte als unter den Richtern.
Es täuschte sich das Volk zwar, besonders mit dem König Saul, der es noch viel
ärger züchtigte als die früheren Richter; aber unter David und auch Salomo ging
es wohl menschlicher her als unter den Richtern.
[GEJ.10_215,18] Aber unter den späteren
Königen, besonders als das Reich unter mehrere Könige verteilt wurde, ging es
dann um noch vieles ärger zu als unter den Richtern. Und als es am Ende gar zu
schlecht zu gehen anfing, da blieb denn auch nichts anderes übrig, als alle
Juden und auch viele andere ihrer nachbarlichen Völkerschaften, mit denen die
Juden in beständiger Fehde standen, der vereinten Macht Roms zu übergeben, weil
Rom in weltlicher Hinsicht die besten, weisesten und zweckmäßigsten Gesetze
hatte. Und siehe, dann ging es unter den Juden, wie auch unter den andern
Nachbarvölkern sogleich in voller Ruhe und Ordnung her!
[GEJ.10_215,19] So aber nun die Juden sich
nach und nach immer mehr werden zu erheben anfangen und die Priester der Juden
der Römer Gesetze werden als gotteslästerlich immer mehr und mehr zu bezeichnen
anfangen und jene besseren Juden darum verdammen, weil sie der Römer Freunde
sind, so werden die Römer sich wieder erheben und mit großer Macht in dieses
Reich eindringen und es also zerstören, daß da kein Stein auf dem andern
ungebrochen bleiben wird. Und die Juden selbst werden darauf in alle Teile der
Welt hinausgetrieben werden, und dann wird es auch geschehen, was Ich euch
schon vorausgesagt habe, daß die Juden bitten sollen, daß diese ihre Fluchtzeit
nicht im Winter und auch nicht an einem Sabbat sich ergebe; denn da würde es
ihnen noch schlechter ergehen denn zu einer andern Jahreszeit und an
irgendeinem Werktage. Besonders schwer wird diese Flucht den schwangeren
Weibern werden.
[GEJ.10_215,20] In der Zeit werden auch zwei
Juden in einem Bette schlafen; der eine, als ein bekannter Römerfreund, wird
behalten und der hartnäckige Jude verworfen werden. Und so werden auch zwei
andere in einer Mühle mahlen; da wird auch aus dem gleichen Grunde der eine
behalten, der andere verworfen sein. Wer da auf einem Felde arbeiten wird, der
kehre um seines Rockes willen ja nicht wieder in sein Haus zurück, und wer auf
seinem Hause ein Dach ausbessern wird, der steige auch nicht wieder ins Haus
vom Dache, um aus seinem Hause etwas zu holen, sondern springe lieber vom Dach
zur Erde und suche durch die Flucht zu retten sein Leben! Denn so er ins Haus
hinabsteigt, so wird er sein Leben sicher verlieren; springt er aber vom Dache,
so kann er im günstigen Falle sein Leben noch erhalten und sich retten durch
die Flucht.
[GEJ.10_215,21] Siehe, du Mein lieber Simon
Juda, solches habe Ich euch alles schon zu öfteren Malen vorhergesagt, wie auch
vielen andern Juden und Pharisäern, und Ich meine, daß du in allem dem keine
krummen Linien finden wirst!“
216. Kapitel
[GEJ.10_216,01] Sagte Simon Juda: „O Herr und
Meister, in diesem Stücke durchaus nicht mehr, aber es gäbe noch so ein paar
andere Stücklein, mit denen ich noch nicht so ganz ins reine kommen kann; ich
hoffe aber von Deiner Liebe und Gnade, daß sich auch diese beiden kleinen
Stücklein so gewisserart von selbst ausgleichen werden!“
[GEJ.10_216,02] Sagte Ich: „So nenne Mir
wenigstens die beiden Stücklein!“
[GEJ.10_216,03] Sagte Simon Juda: „Ach, o
Herr und Meister, es zahlt sich fast gar nicht aus, aber weil Du es schon also
haben willst, so bestehen sie in Deinem Lobe des ungetreuen Haushalters und in
dem Verwerfen des Mahlzeitgastes, darum, daß er kein Festkleid anhatte! Denn da
kommen zwei unbegreifliche Dinge vor: erstens, wie und wo diejenigen Gäste,
welche von den Dienern des Gastgebers an den Zäunen und Gassen stehend
aufgefangen und zum Gastmahl hineingeschoben wurden, mit den erforderlichen
Festkleidern versehen worden sind, und fürs zweite, wieso der eine arme Teufel,
der auch von den Dienern des Gastgebers zum Gastmahle getrieben ward,
hinausgeworfen werden mußte, weil er kein Festkleid anhatte. Siehe, o Herr und
Meister, dieser Hinausgeworfene und Dein Lob über den ungerechten Haushalter
sind für mich noch so ein paar krumme Linien, die ich noch nicht gerade zu
machen imstande war!“
[GEJ.10_216,04] Sagte Ich: „Habe Ich damals
nicht zu euch gesagt: ,Tut auch ihr desgleichen wie der ungerechte Haushalter,
und sammelt euch Freunde durch den ungerechten Mammon, so werden sie euch
dereinst, so ihr noch wohnungslos sein solltet, in ihre himmlischen Wohnungen
aufnehmen!‘?
[GEJ.10_216,05] Damit du, Simon Juda, dieses
aber richtig verstehst, so höre Mich an, aber mit beiden Ohren zugleich, damit
das nicht bei dem andern Ohr wieder hinausgeht, was das eine aufgenommen hat,
und dadurch in deinem Herzen haften bleibt! Siehe, ein jeder irdisch reiche
Mensch, der viel mehr Güter und Geldes besitzt, als solche notwendig wären zu
seinem irdischen Lebensunterhalt, ist Mir gegenüber, der Ich der alleinige
wahre Gutsherr bin, stets mehr oder weniger ein ungerechter Haushalter, und die
Güter, die er sein nennt, sind zusammengenommen ein ungerechter Mammon.
[GEJ.10_216,06] So er aber wenigstens dann
mit seinen ungerechten Reichtümern reichlich der Armen gedenkt, so ihm die
Natur seiner Krankheiten, die Meine Amtsboten sind, klar und deutlich sagt:
,Der Herr dieser Güter hat vieles wider dich in bezug auf dein ungerechtes
Gebaren, und du wirst fürder nicht mehr Haushalter sein!‘, dann wird er sich
durch die vielen beteilten Armen Freunde machen, und so er dann bald darauf
nackt und verlassen zu ihnen in Mein Reich hinüberkommen wird, so werden sie
sich seiner erbarmen und ihm sein gutes Werk an ihnen reichlich vergelten.
[GEJ.10_216,07] Denn siehe, als Ich die Welt
erschaffen habe, da habe Ich keine Grenzsteine gesetzt, die Erde nicht mit dem
Faden abgemessen und somit auch nicht gesagt: ,Siehe, dieser Teil gehört dem,
ein anderer dem andern!‘, sondern Ich habe die ganze Erde zu einem Gemeingut
für alle Menschen gemacht. Erst mit der Zeit hat der Geiz, die Habgier und
Herrschlust der Menschen angefangen, die Erde abzumessen und mit Gewalt zu
bestimmen: ,Dieser große Teil des Landes gehört mir, und wer mir dienen und
arbeiten will, der soll auch ein kleines Stück Land gewisserart in Pacht
bekommen; dessenungeachtet aber bleibe ich der Herr des ganzen großen Stück Landes!‘
[GEJ.10_216,08] Und siehe, das war die erste
sogenannte patriarchalische Verfassung unter den Menschen, – und so ungerecht
sie auch an und für sich war, so war sie dabei aber dennoch die beste und
gerechteste; denn war wie gewöhnlich der Patriarch ein guter und
gottesfürchtiger Mann, so hatten es an seiner Seite seine Untertanen oder
Kleinpachtbesitzer ebenfalls auch gut, denn er sorgte für das gemeinsame Wohl
des großen Stück Landes.
[GEJ.10_216,09] Er besaß freilich für seine
Person und sein Haus viele tausend Male mehr, als er benötigte, und war somit
auch ein ungerechter Haushalter, – aber er verwendete seinen ungerechten Mammon
zu lauter guten und Mir wohlgefälligen Zwecken und machte sich dadurch aus
seinen Untertanen eine große Menge Freunde nach Meinem Willen und Wohlgefallen,
und Ich mußte ihm ebenfalls Mein Wohlgefallen und Mein Lob zukommen lassen.“
217. Kapitel
[GEJ.10_217,01] (Der Herr:) „Also war der
Patriarch Abraham, der ein Besitzer des ganzen Gelobten Landes war, ebenfalls
ein ungerechter Haushalter; aber ihr werdet gehört haben, daß er in dem von ihm
bewohnten Orte zu Salem stets einen großen Tisch aufgerichtet hatte, an dem
tagtäglich mehrere Tausende von Armen und dürftigen Menschen gesättigt wurden,
und es ward dann zum Sprichwort, daß diejenigen zu den Glückseligen gehören,
die das Glück haben, am Tische Abrahams zu speisen.
[GEJ.10_217,02] Und sehet, darum war Abraham
Mein Liebling, und Ich habe ihn und sein ganzes Haus vielfach gesegnet, – was
ihr aus dem entnehmen könnt, daß Abraham als ein erster und größter Freund des
Königs der Könige und des Priesters der Priester, der ohne Anfang und Ende war
und Melchisedek hieß, demselben selbst den Zehnt gab und unter den vielen
damaligen Königen allein das Glück und das Recht hatte, sich dem Wohnsitze des
Melchisedek zu nähern, und Dieser aber einmal Selbst zu ihm kam in Begleitung
zweier Engel und ihm voraussagte, daß sein betagtes Weib Sara ihm einen Sohn
zur Welt bringen werde, was Abraham denn auch allerfestest glaubte!
[GEJ.10_217,03] Aber zugleich offenbarte
Melchisedek, daß die Städte Sodom und Gomorra untergehen würden, und weiter
weissagte Er ihm, daß aus seinem Stamme endlich Er Selbst als Mensch, mit Leib
und Blut angetan, zur wahren Beglückseligung aller Menschen hervorgehen werde.
[GEJ.10_217,04] Lassen wir aber nun den
Abraham und den Melchisedek, denn der Letztere sitzet in Meiner Person nun
unter euch, und der alte Patriarch Abraham ist im Geiste nicht ferne von Ihm! Wenden
wir uns zu einem andern ungerechten Haushalter, der nun in der Nähe von
Jerusalem lebt, und in dessen Hause wir uns in Bälde befinden werden! Sehet, es
ist unser Lazarus, ein Sohn Simons, des Aussätzigen, den Ich aber, ihm
unbewußt, schon in Meinem zwölften Jahre, bevor Ich noch Jerusalem besuchte,
mit Meinem Willen geheilt habe, und das darum, weil er in aller
Rechtschaffenheit mit seinem großen, ungerechten Mammon vielen Tausenden, woher
sie auch immer kommen mochten, große Wohltaten erwies, so wie nun auch sein
Sohn Lazarus!
[GEJ.10_217,05] Ihr wißt, was er alles getan
hat, als wir zu mehreren Malen in seiner Stadt in seinem Hause beherbergt
wurden, und sehet, wer den ungerechten Mammon auf diese Weise verwendet, der
macht sich doch sicher gar viele und allerbeste Freunde in Meinem Reiche, – ist
auch Mir wohlgefällig, und so er sterben wird, werde Ich ihn alsbald wieder
auferwecken ins Leben, daß er fürder ewig nimmer sterben wird, und sein
Übergang von dieser in die andere Welt wird sein, wie dereinst der Meines
lieben Henoch war, der nun hier als ein wahrer Erzengel an Meiner Seite sitzet.
[GEJ.10_217,06] Mit dem, Mein lieber Juda,
meine Ich dir nun übersonnenklar gezeigt zu haben, wohin Mein Lob an den
ungerechten Haushalter abzielt, und Ich habe dadurch in dir die eine krumme
Linie zu einer geraden gemacht.
[GEJ.10_217,07] Jetzt kommt es noch auf den
von Meinem Gastmahle wegen des unfestlichen Kleides Hinausgeworfenen, von dir
benannten ,armen Teufel‘ an.
[GEJ.10_217,08] Siehe, daß die Geladenen nicht
erschienen sind und sich wegen ihrer Weltgeschäfte haben entschuldigen lassen –
siehe, das sind lauter solche sehr ungerechte Haushalter, die aber von Mir aus
kein Lob verdienen; die anderen, später Geladenen auf den Gassen, Straßen und
an den Zäunen sind aber solche, die, wenn irdisch auch arm, innerlich durch ihr
gerechtes Leben nach Meinem Gesetze dennoch festlich gekleidet sind.
[GEJ.10_217,09] Der eine, der aber auch zu
Meinem Gastmahle kam, stellte durch seine Persönlichkeit das starre Pharisäertum
dar und nahm denn auch Platz an Meinem Gasttische. Als Ich aber Selber kam, wie
es nun vor euch allen der Fall ist, da erkannte Ich, Mein lieber Simon Juda,
daß dieser dein ,armer Teufel‘ kein festliches Gewand anhatte, und Ich habe
darum Meinen Dienern befohlen, ihn zu ergreifen und in die äußerste Finsternis
hinauszuwerfen.
[GEJ.10_217,10] Und siehe, dieses Gastmahl
gebe Ich soeben jetzt, – seit der Zeit, als Ich als Führer und Lehrer der
Menschen in dieser Welt aufgetreten bin, und du wirst es auch schon zu öfteren
Malen bemerkt haben, daß sich bei gar verschiedenen Gelegenheiten derlei Gäste
zu Meiner Tafel drängten, die Ich durch Mein Wort auch allzeit zur Tür
hinauswerfen ließ, – und warum denn? Weil sie eben kein festliches Kleid
anhatten! Verstehst du, Simon Juda, nun, was Ich mit dem unfestlich gekleideten
Gaste an Meinem Gastmahlstische habe anzeigen wollen?“
[GEJ.10_217,11] Sagte Simon Juda: „Ja, Herr
und Meister, ich verstehe das nun mehr als sonnenklar und sage aber auch hinzu,
daß sich am Tische Deines Gastmahles sicher noch zu sehr öfteren Malen solche
Gäste einfinden werden, die kein festliches Gewand anhaben, und ich meine, es
wäre an der Zeit, solche Gäste alsbald von dem Mahlzeitstische zu entfernen.“
[GEJ.10_217,12] Sagte Ich: „Allerdings, doch
auf dieser Welt wird sich das wohl nicht immer ausführen lassen! Ich will euch
dafür ein anderes Sämannsbild aufstellen, nach dem ihr euch in der Folge zu
richten habt, und so höret!“
218. Kapitel
[GEJ.10_218,01] (Der Herr:) „Es war ein
Hausherr, der hatte viele Weinberge, Wiesen, Gärten und Äcker. Er bekam aber
einen überaus edlen und reinen Weizen von seinem Vater und sagte darauf zu
seinen Knechten: ,Gehet hin und reiniget mir einen großen Acker auf das
sorgfältigste, auf daß, so ich den reinsten und edelsten Weizen auf den Acker
säe, mir kein Unkraut dazwischen aufgehe!‘
[GEJ.10_218,02] Die Knechte taten das, und
der Weizen wurde auf den gereinigten Acker reichlich gesät; und er ging bald
auf, und der Herr des Ackers hatte eine rechte Freude, daß er zwischen dem
aufgegangenen Weizen kein Unkraut bemerkte.
[GEJ.10_218,03] Doch nach einer Zeit, als der
Weizen schon hoch emporgewachsen war, daß er in die Ähren zu schlagen anfangen
konnte, siehe, da kamen auf einmal die Knechte zum Hausherrn und sagten: ,Herr,
wir haben den Acker gereinigt und nach deinem Willen den reinsten Weizen in
denselben gesät, und er ging auch rein auf, worüber du selbst eine große Freude
hattest; aber siehe, nun, da der Weizen schon bald in die Ähren schlagen
sollte, schießt auf einmal eine Menge Unkraut zwischen dem Weizen hervor! So du
willst, wollen wir hingehen und das Unkraut ausjäten!‘
[GEJ.10_218,04] Sagte darauf der Herr des
Ackers: ,Lasset das nun gut sein, auf daß ihr durch eure Arbeit nicht auch dem
bereits hoch aufgegangenen edlen Weizen schadet; denn ich weiß es schon, daß
mir solches ein Feind getan hat! Lasset daher alles bis zur Reife kommen, den
Weizen samt dem Unkraut! Mit der Zeit der Reife des Weizens werde ich durch
euch, meine Diener, den Weizen sammeln lassen und bringen in meine Scheune, –
darauf aber dann erst auch das viele Unkraut zusammenbinden lassen in Bündel,
bis es dürre wird; dann wollen wir es zur weiteren Reinigung des Ackers
anzünden und verbrennen!‘
[GEJ.10_218,05] Sehet, das ist das Bild, aus
dem ihr lernen sollt, was ihr in bezug auf das Unkraut auf Meinem Lebensacker
zu tun habt!
[GEJ.10_218,06] Der edle Weizen stellt jene
Menschen dar, die bei Meiner Gastmahlstafel ein rechtes Festkleid anhaben, das
Unkraut aber stellt insgesamt jenen Gast dar, der kein hochzeitliches
Festgewand anhatte. Er bediente sich zwar auch so lange der auf den Tisch
gesetzten Speisen, bis der scharfsichtige Gastgeber selbst ins Gastzimmer kam,
– was das Reifwerden des edlen Weizens und des Unkrautes bezeichnet.
[GEJ.10_218,07] Die festlich geschmückten
Gäste werden behalten, und der unfestlich gekleidete wird in das Zornfeuer des
Gastgebers hinausgeworfen werden, und er wird dann dazu dienen müssen, daß
durch sein Verbrennen er den verunreinigten Acker am Ende selbst reinigen wird.
[GEJ.10_218,08] Ihr werdet darum auf dieser
Welt noch auf gar viele unfestlich gekleidete Gäste kommen (treffen) und gar
viel Unkraut unter dem reinen Weizen aufwuchern sehen; aber ereifert euch darum
nicht allzusehr, und lasset alles zur Reife kommen, – und wartet ab, bis der
große Gastgeber Selbst kommen wird! Dann wird mit Ihm auch die gehörige
Ausscheidezeit kommen, und es wird einem jeden das zum Lohne werden, nach dem
seine gute oder böse Liebe gestrebt hat. Denn in Meinem Hause gibt es zwar sehr
viele beseligende Wohnungen, aber daneben auch sehr viele Kerker, und die Meine
vielen Kerker den beseligenden Wohnungen vorziehen und sie zu bewohnen
trachten, die sollen denn auch das haben, was sie wünschen, und wir werden sie
nicht und niemals durch was immer für eine Gewalt aus denselben herausziehen
und durch sie dann unsere reinsten Himmelswohnungen verunreinigen. Würden sie
sich aber selbst eines Besseren bedenken, so sollen ihnen darin auch keine
Schranken gesetzt werden. – Verstehet ihr nun alles das?“
219. Kapitel
[GEJ.10_219,01] Sagte Simon Juda: „O Herr und
Meister, ich verstehe das nun alles so hell und klar, daß es mir vorkommt, als
wäre es unmöglich, die Sache noch klarer zu verstehen! Doch muß ich das auch
offen hinzubekennen, daß uns, Deinen ersten Jüngern, ein solches Verständnis
wohl leichter ist, weil wir durch deine Gnade und Liebe bei den vielen
Gelegenheiten große und ähnliche Erklärungen vernommen haben; aber es wird das
so manche Schwierigkeiten haben, derlei Wahrheiten auch vielen andern, noch in
der Finsternis wandelnden Menschen ebenso klarzumachen, als wie klar wir sie
nun selbst einsehen, und es wird, o Herr und Meister, mit so mancher Deiner
ganz einfach ausgesprochenen Lehren nicht viel besser gehen als mit den gar
vielen Lehren aus dem Munde der Propheten, besonders der Propheten Daniel und
Hesekiel, und den Lehren, die der Weisheit Salomos entstammen. Denn je öfter
man sie liest, oder je öfter man sich dieselben vorlesen läßt, desto weniger
versteht man sie!
[GEJ.10_219,02] Und so einen ähnlichen
Charakter hat auch Deine Lehre, besonders dort, wo Du in Gleichnissen und
Bildern sprichst. Wir verstehen jetzt Deine Gleichnisse und Bilder wohl; aber
viele Tausende und abermals Tausende, die nach uns kommen, werden Deine Lehre
auch annehmen, werden aber die Gleichnisse und Bilder nicht verstehen und ihnen
höchstwahrscheinlich nur zu oft einen falschen Sinn beilegen, und so wird denn
Deine so reine und wahre Lehre vielfach zerklüftet werden. Was sollen wir aber
tun, um diesem Übel zu begegnen?“
[GEJ.10_219,03] Sagte Ich: „Sagte Ich euch
nicht, daß es euch, als den von Mir erwählten Jüngern und Mir nachfolgenden
Volkslehrern, gegeben ist, die Geheimnisse Meines Reiches zu verstehen? Denn
ein jeder Lehrer und Meister muß offenbar mehr kennen und verstehen als sein
Jünger, sonst könnte er kein Lehrer und Meister sein!
[GEJ.10_219,04] Es würde, so der Meister
nicht klüger wäre denn der Jünger, also gehen und stehen, wie wenn ein Blinder
den andern führte, so lange, bis eine Grube da wäre, in die dann beide zugleich
hineinfallen würden; darum sind nur wenige auserwählt, wennschon viele berufen.
[GEJ.10_219,05] Sie sollen anfangs nur mit
der ganz einfachen Milch Meiner Lehre genährt werden; werden sie dann männlich
und kräftig, da kann man ihnen denn schon auch eine männlichere und
kraftvollere Kost verabfolgen. Daher habt auch vor allem darauf acht, daß sich
nicht irgend nur bloß Berufene erheben und zum Volke sagen: ,Auch wir gehören
zu den Auserwählten!‘, um dasselbe dann zu belehren um irdischer Vorteile
willen; denn da würde auch ein Blinder den andern führen!
[GEJ.10_219,06] Wer aber unter den Menschen
ein Erwählter ist, das werdet ihr daraus erkennen, daß er von Meinem Geiste
gleich wie auch ihr erfüllt ist und eine wahre Liebe zu Gott und zum Nächsten
predigen wird.
[GEJ.10_219,07] Predigt er aber, gleichwie da
im Tempel predigen die Pharisäer, so ist er auch ein von den Pharisäern
Erwählter und ist gleich ihnen von dieser Welt und gleich ihnen ein Teufel;
denn wer da nicht durch die wahre Liebe und Weisheit aus Mir sammelt, der
zerstreut und ist ein Falschlehrer und stürzt die Menschen in den Aberglauben,
aus dem sie dann auch, besonders so die Menschen älter geworden sind und sich
in die Finsternis des Aberglaubens so recht fest hineingewachsen haben, alle
Engel des Himmels nicht mehr in die Sphäre der reinen Wahrheit bringen können,
durch die sie dann frei würden in allen Dingen. Und Ich sage es euch, daß da
alle Übel leichter von einem Menschen zu entfernen sind als ein Aberglaube,
denn bei jedem andern Übel ist die Seele des Menschen nur teilweise gefangen,
aber durch den finsteren Aberglauben ganz!
[GEJ.10_219,08] Darum, wie Ich euch schon
einmal gesagt habe, daß sogar noch zu eurer Lebenszeit eine Menge falscher
Lehrer und Propheten und mit ihnen auch eine Menge falscher Christusse
aufstehen, das Volk belehren und sagen werden: ,Siehe, hier ist Christus!‘ oder
,Dort ist Er!‘ oder ,Er wohnt in den Tempeln!‘ oder ,in den Kammern!‘, so saget
es solchem Volke, daß es mit solcher Lehre betrogen sei!
[GEJ.10_219,09] Und welches Volk sich nach
euch kehren wird, dem leget eure Hände auf, und taufet es in Meinem Namen! Ich
werde über sie Meinen Geist ausgießen, und sie werden die Wahrheit erkennen und
dann die falschen Propheten und die falschen Christusse selbst aus der Gemeinde
schaffen.
[GEJ.10_219,10] Werden aber irgend die
verführten Menschen euch nicht hören wollen und euch noch verfolgen ihrem
falschen Lehrer und Propheten zuliebe, dann wendet euch von ihnen ab und ziehet
weiter, wohin euch Mein Geist ziehen wird! Alles andere aber überlasset Mir;
denn Ich werde zur rechten Zeit solche falschen Lehrer und Propheten schon mit
Meinen Gerichten heimzusuchen verstehen, und jenseits soll es solchen falschen
Lehrern und Propheten also ergehen wie dem Gaste bei Meinem Festmahle, der kein
hochzeitliches Kleid anhatte, und die von ihnen finster gemachten Seelen werden
ihre bittersten Verfolger sein!
[GEJ.10_219,11] Es ist genug, so Meine Lehre
nur unter wenigen rein erhalten wird, und dafür wird zu allen Zeiten gesorgt
sein. Aber der Janhagel (Pöbel) der Weltmenschen soll sich bis ans Ende
fortwälzen und baden in seinem alten Kote und Morast, und da gilt wieder Mein
Gebot an euch, demzufolge ihr Meine Perlen nicht den Schweinen vorwerfen sollt.
220. Kapitel
[GEJ.10_220,01] (Der Herr:) „Es solle wohl
Mein Evangelium über die ganze Erde ausgebreitet werden, aber dabei lege Ich
keinem wahren Lehrer und Propheten die Pflicht auf, daß durch sie alle Menschen
zum Vollichte der Wahrheit aus Mir gebracht werden sollen, – es genügt, daß die
reine Lehre dem besseren und vollkommeneren Menschen erteilt wird und das
Recht, diese, soviel als möglich ist, auch unter die andern Menschen zu
verbreiten. Wohl denen, die sie annehmen werden! Aber das wird kein noch so
vollkommener Lehrer und Prophet zuwege bringen, daß auf den Dornen die Trauben
und auf den Disteln die Feigen wachsen werden.
[GEJ.10_220,02] Ich bin doch der Herr Selbst,
und ihr wißt, daß Mir nichts unmöglich ist, – aber die Menschen dieser Erde,
solange Ich ihnen den vollkommen freien Willen belassen muß, kann selbst Ich
nicht bei aller Meiner Liebe und Meinem besten Willen in die Sphäre Meines
ewigen Wahrheitslichtes erheben. Was Ich aber Selbst nicht kann und vermag, das
werdet ihr um so weniger können und vermögen.
[GEJ.10_220,03] Es dünket euch freilich, es
sollte Mir auch so etwas durch ein großartigst gewirktes Wunder möglich sein,
und Ich sage euch, daß ihr teilweise wohl recht habt, – aber im ganzen gar nicht!
Denn ein Wunder wirkt wohl örtlich, und das besonders zur Zeit, wenn es gewirkt
worden ist, – an andern Orten muß davon schon erzählt werden, und es werden
dann wohl einige daran glauben, die andern aber werden sagen: ,Wenn dort das
Wunder zur Erweckung des Glaubens gewirkt worden ist, – warum denn bei uns
nicht?‘ Und für die Folge der Zeiten wird ein noch so großartig gewirktes
Wunder wie eine andere geschehene Sache um so weniger geglaubt, je mehr
Aufhebens davon gemacht wird, geht somit in den Bereich der geschichtlichen
Märchen und Fabeln über und dient bei der überwiegenden Leichtgläubigkeit der
Menschen mehr zur Bekräftigung ihres andersartigen Aberglaubens und dient daher
nicht zur Erweckung des wahren Lichtes im Herzen des Menschen.
[GEJ.10_220,04] Die Menschen unterscheiden da
gar nicht ein wirklich wahres Wunder von einem falschen, betrachten beide für
etwas Außerordentliches und lassen sich dadurch zum Glauben zwingen.
[GEJ.10_220,05] Darum sollet auch ihr so
wenig als möglich irgendein Wunder wirken, außer kranke Menschen heilen durch
die Auflegung eurer Hände und die Menschen, die vollgläubig geworden sind,
taufen, damit sie den Geist der Wahrheit in sich aufnehmen.
[GEJ.10_220,06] Darum haltet ihr euch vor
allem nur an die reine Wahrheit; denn diese allein macht den Menschen
vollkommen frei; alles andere hinterläßt in seinem Gemüte einen stets mehr oder
weniger haftenden Zwang, dessen er nicht leicht los wird. Ein Zwangsglaube aber
ist zumeist um vieles schlechter als gar kein Glaube.
[GEJ.10_220,07] Die Stoiker, größtenteils aus
der Lehre des Griechen Diogenes hervorgehend, glauben an gar nichts, und Ich
sage euch, daß sie Mir als Menschen um vieles lieber sind als jene dummen,
blindgläubigen Juden, die da noch heutzutage des Glaubens sind, daß der
Tempelmist ihre Äcker, Gärten, Wiesen und Weinberge belebe und sie fruchtbar
mache, und daß derjenige Gott einen viel wohlgefälligeren Dienst erweise, der
sein Geld als Opfer in den Gotteskasten im Tempel zu Jerusalem lege, als so er
dasselbe Geld einem andern armen Menschen darreichte, dem damit auf längere
Zeit geholfen wäre. Daher prediget nur die Wahrheit vor allem und seid seltsam
im Wunderwirken!“
[GEJ.10_220,08] Sagte hierauf endlich einmal
Mein Johannes: „Herr und Meister, was mich betrifft, so werde ich mit der
Wundertätigkeit mich sehr wenig abgeben; denn ich habe es jetzt klar
eingesehen, daß das Zeichenwirken dem Menschen eben nicht so viel nützt wie das
Wort allein.
[GEJ.10_220,09] Wen das wahre Wort nicht frei
macht, den wird das Zeichen noch weniger frei machen. Es haben zwar die Zeichen
schon auch ihr entschieden Gutes, wenn sie von Dir aus gewirkt werden, indem Du
allein am besten zu berechnen imstande bist, wo ein Zeichen zu wirken nötig
ist, und wie es beschaffen sein muß; aber wir, Deine Jünger, werden das nie
vollkommen verstehen, solange unsere Seelen mit diesem Fleische umhüllt sind,
und somit bin ich der Meinung, daß es besser ist, beim alleinigen Worte zu
bleiben, das sich dann durch seinen Wahrheitsinhalt von selbst kräftigen wird
und keiner Nebenbekräftigung bedarf, wie denn das auch bei unserer Rechenkunst
mit Händen zu greifen verständlich gemacht werden kann.
[GEJ.10_220,10] Soll ich vor dem, dem ich
beigebracht habe, daß zwei und noch einmal zwei genau vier ausmachen, etwa auch
noch ein Zeichen wirken, das ihm diese Rechenwahrheit bekräftigen soll? Ich
meine, daß das unnötig wäre; und so ist denn auch Deine höchst einfache Lehre
in sich selbst gleich wie eine rechenkünstlerische Wahrheit, die ein jeder
Mensch, so er nur einen Funken guten Willens besitzt, auf ein einzigmaliges
Hören einsehen, verstehen und begreifen muß.
[GEJ.10_220,11] Denn es liegt dazu schon in
jedem Menschen ein innerer Drang, erstens Den zu suchen, der die Welt und
alles, was auf ihr ist, erschaffen hat, indem ein solcher Mensch wohl einsieht,
daß der Schöpfer aller dieser großen Dinge höchst weise, höchst mächtig und
auch höchst gut sein muß, und daß der Mensch, der Ihn also nur erkennt, Ihn
schon über alles achten und lieben muß, und daß er darauf auch seine
Nebenmenschen als ein ihm gleiches wunderbarstes Gotteswerk ebenso achten und
lieben muß wie sich selbst. Das sind zwei mathematische Wahrheiten, wider die
niemand einen Zweifel erheben kann. Und dann kommt zweitens, daß der Mensch,
der solches klar begreift, daß Gottes Macht und Weisheit alle diese Dinge
erschaffen hat, darauf auch einsehen muß, daß Gott derlei Wunderdinge nicht
darum ins Dasein gerufen hat, daß sie von heute bis morgen gewisserart zum
Zeitvertreib des Schöpfers da seien, sondern daß selbst das kleinste Seiner
Werke für ewig hin eine stets höhere Bestimmung in sich trägt.
[GEJ.10_220,12] Ich meine, diese Wahrheit
wird einem jeden Menschen auch ohne eine Zeichenwirkerei begreiflich sein; es
kommt nur darauf an, wie man es ihm vorträgt.
[GEJ.10_220,13] Ja, zum Beispiel, irgend
Kranke zu heilen, auch einen oder den andern Besessenen von seinen
Plagegeistern zu befreien, also dadurch seinen Nebenmenschen Gutes erweisen,
sind auch Werke der Liebe, aber sie sollen nicht deswegen gewirkt werden, damit
die Wahrheit durch sie bekräftigt werde, sondern aus Liebe!
[GEJ.10_220,14] Herr und Meister, habe ich
mit diesen meinen schlichten Worten recht oder vielleicht auch nicht völlig
recht gesprochen?“
221. Kapitel
[GEJ.10_221,01] Sagte Ich: „Mein lieber
Johannes, du hast vollkommen wahr und richtig gesprochen, und es soll also auch
Meine Lehre den andern Menschen überbracht werden, so wird sie auch bleibend
gute Frucht tragen, – wird sie aber den Menschen mit zu vielen Wunderzeichen
aufgedrungen werden, so wird sie gleichen einer notreifen Frucht, die selten
einen wahren, inneren Gehalt hat und sich für die Folge schlecht aufbewahren
läßt.
[GEJ.10_221,02] Denn alles Notreife hat wenig
inneren Geist und geht bald und leicht in Fäulnis und in Verwesung über, – denn
was bald und leicht bewirkt werden kann, gleicht auch demjenigen Bauherrn, der
sein Haus im Tale mit geringen Unkosten auf Sand gebaut hat, das, als Stürme
und Wolkenbrüche kamen, denselben keinen Widerstand leisten konnte, sondern
ward niedergerissen. Und ebenso geht es mit der Lehre vom Reiche Gottes, welche
mit Hilfe der vielen Zeichen und Wunder den Menschen gepredigt und aufgedrungen
wurde.
[GEJ.10_221,03] Ja, die Menschen nehmen die
Lehre auch leicht und bald an; wenn aber mit der Zeit Versuchungen und
Prüfungen über sie kommen, so wissen sie dann den Versuchungen nichts
entgegenzustellen – das heißt jenen Menschen, die sie mit einer andern und
falschen Lehre versuchen – als eben nur die erlebten Wunderzeichen. Wirken nun
die Versucher als falsche Lehrer und Propheten ihre falschen Wunder vor den
Augen solcher notreifen Christen, so haben diese notreifen Christen gar nichts,
wodurch sie die innere Wahrheit Meiner Lehre bekräftigen könnten, fallen dann
ab und gehen zu den falschen Lehrern und Propheten über.
[GEJ.10_221,04] Denn derlei Menschen, weil
sie in sich noch nicht die Wahrheit begreifen, sind gleich einem Schilfrohr,
das sich vom Winde nach allen Seiten hin beugen läßt.
[GEJ.10_221,05] Mit den Eichen und Zedern
aber können die Winde kein solches Spiel treiben. Den Eichen und Zedern aber
gleichen nur jene Menschen, die durch die pure Wahrheit Meiner Lehre zu Mir
bekehrt worden sind. Vor denen mögen die falschen Lehrer und Propheten ihr
tausendfaches Windspiel treiben, und sie werden sich nicht beugen, denn die
Kraft der inneren Wahrheit ist mächtiger denn alle andern Kräfte auf der ganzen
Erde.
[GEJ.10_221,06] Wer von euch bei der
Verbreitung Meiner Lehre sich das zum Grundsatze machen wird, der wird wahrlich
demjenigen Sämanne gleichen, der den Weizen nur in einen guten Acker säte und
bald darauf eine hundertfache Ernte hatte; wer aber diesen Lehrgrundsatz nicht
oder weniger beachten wird, der wird seinen Weizen auch auf Wege und Straßen,
auf Steine und Felsen und zwischen die Dornen und Disteln aussäen und wird von
seiner Arbeit und Mühe eine schlechte Ernte haben.
[GEJ.10_221,07] Also sollet ihr auch von den
Wundertaten, die Ich gewirkt habe, nicht viel Aufhebens machen, aber dafür
lieber den Menschen recht klar vor Augen stellen die Wunder und Zeichen, die
Ich vor jedermanns Augen tagtäglich wirke, und ihr werdet dadurch um vieles
bessere und reichlichere Früchte ernten, als so ihr den Menschen in aller Länge
und Breite Meine Wundertaten vorerzählt. Denn werden die Menschen einsehen, daß
Ich der Herr und der Meister von Ewigkeit in allen Dingen bin, so werden sie
etwa wohl auch einsehen, daß Mir während Meines leiblichen Daseins eben auch
nichts unmöglich zu bewirken war.
[GEJ.10_221,08] Wer dieses versteht, der
handle auch danach, und er wird gute Früchte Mir verschaffen! Doch sage Ich
euch nun auch, daß es noch einige unter Meinen Jüngern gibt, die das nicht also
verstehen wie Mein Jünger Johannes. Darum wird auch sein Wort sich halten bis
ans Ende der Zeiten, aber nicht also auch jedes anderen Jüngers Wort, besonders
dessen nicht, der seinen Mund zu sehr im Weitererzählen über Meine Wundertaten
auftun wird.“
[GEJ.10_221,09] Diese Meine Rede, so wie die
frühere des Johannes mundeten zwar einigen andern hier anwesenden Jüngern nicht
besonders, aber es getraute sich dennoch keiner etwas dagegen einzuwenden.
222. Kapitel
[GEJ.10_222,01] Es erhob sich aber hierauf
der Oberstadtrichter und sagte: „O Herr und Meister, ich, der Wirt und sein
ganzes Hausgesinde, wie auch diese drei Apollopriester und jene zwei Pharisäer
und Juden sind vorderhand wohl zuerst durch Deine hier gewirkten Zeichen zum
Glauben an Dich bekehrt worden, obschon ich in mir nun selbst überzeugt bin,
daß mir Deine vielfachen Belehrungen um vieles mehr genutzt haben als Deine
Zeichen; aber kurz und gut, wir sind zuerst dennoch nur durch Deine Zeichen auf
Dich aufmerksam gemacht worden, und es war dann auch mit uns bald und leicht zu
reden, weil wir einsahen, daß derlei Zeichen kein Mensch auf der ganzen Erde zu
bewirken imstande ist.
[GEJ.10_222,02] Sollen wir aber nun deshalb,
weil wir zuerst durch Deine Zeichen zum Glauben an Dich erhoben wurden, auch in
die Klasse der notreifen Früchte gehören, und sollte es wohl möglich sein, daß
darum auch uns ein von irgendwoher kommender anderer, falscher Lehrer und
Prophet durch seine allfälligen, ebenfalls falschen Wunder und Zeichen von
unserem Glauben an Dich abwendig machen könnte?
[GEJ.10_222,03] Von mir kann ich das
behaupten, daß es solch einem falschen Lehrer und Propheten nimmer gelingen
würde, indem ich alle die falschen Wunderzeichen ihrer Natur nach nur zu wohl
kenne; denn ich habe derlei Magier, deren Geschäft es war, sich mit allerlei
Wundern abzugeben, nur zu häufig gesehen und bin in ihre
Wundertätigkeitsgeheimnisse eingedrungen, was für mich im Grunde sehr gut war,
weil ich dadurch alles Aberglaubens ledig geworden bin und mich dadurch dann
mit einer desto größeren Vorliebe zu den Werken der alten Weltweisen gewendet
habe.
[GEJ.10_222,04] Da Du aber hier Zeichen gewirkt
hast – sowie auch Dein Diener Raphael –, die auf jedem natürlichen Wege
unmöglich sind, so habe ich in Dir denn auch den einen und allein wahren Gott
in aller Seiner Allmachtsfülle gefunden und glaube nun an Dich fester, als wie
fest da ist ein Diamant, und bin aber nun noch mehr von der Kraft der Wahrheit
in Deinem Worte in meinem Innern im Glauben an Dich gestärkt denn durch die
zwingende Macht Deiner Zeichen, indem Du mir und allen die Gnade erwiesen hast,
die Art und Weise, wie Du Deine Zeichen bewirken kannst, überaus hell zu
erklären; aber es fragt sich nun dessenungeachtet, ob ich und auch die andern
von hier zu den notreifen Früchten gehören.
[GEJ.10_222,05] Sagte Ich: „Mitnichten, Mein
lieber Freund, denn ein gewirktes Zeichen ist nur für den gewisserart eine
Notreifwerdung, der auf das gewirkte Zeichen alsogleich gläubig geworden ist
und sich darauf um nichts Weiteres mehr bekümmert hat. Siehe, das war aber bei
dir durchaus nicht der Fall, denn du bist Mir auch nach Meinem gewirkten
Zeichen mit ganz kuriosen Einwürfen gekommen, und Ich habe dann mit Meinem
Worte sogar eine rechte Not gehabt, dich auf den rechten Weg zu setzen, was
wahrlich keine leichte Aufgabe war; denn du hast sogar dann noch, als du in dir
schon an Mich glaubtest, eine scharfe Kritik über Mein Verhalten zu allen
Geschöpfen, und so auch besonders zu den Menschen auf dieser Erde, Mir an den
Hals geworfen, und hätte Ich mit der Wahrheit Meiner Rede nicht auf das
kräftigste zu begegnen verstanden, so hätten dich alle Meine gewirkten Zeichen
nicht dahin gebracht, daß du an Mich völlig geglaubt hättest. Du bist daher
vielmehr durch die Kraft der Wahrheit in Meiner Rede zum wahren Glauben an Mich
erhoben worden, und Meine vor- und nachher gewirkten Zeichen hast du da nicht
mehr als eine Kräftigung deines Glaubens an Mich angenommen, sondern nur als
eine dir und dieser Stadt erwiesene Wohltat, deren Bewirkungsmöglichkeit du nun
selbst so gut einsiehst wie Ich und Raphael – und in der kurzen Folge noch
besser einsehen wirst.
[GEJ.10_222,06] Was aber ein Mensch in seinem
Herzen und Geiste, gewisserart von Faser zu Faser analysiert, einsieht und
begreift, das dient für ihn nicht mehr zu einer Glaubensnötigung, sondern nur
zur Vollkräftigung seines Geistes in ihm, und er gehört darum nicht mehr in die
Klasse der notreif gewordenen Früchte, sondern schon in die Klasse der vollreif
gewordenen. Denn Ich sage es dir: Ein jeder Mensch, der in seinem Leben irgend
eine Wahrheit vernimmt, aber ihre inneren Grundelemente noch nicht näher kennt,
an die vernommene Wahrheit aber doch glaubt, ohne sich weiter um die inneren
Elemente zu kümmern, der gehört noch sehr zu einer unreifen Frucht; wer aber
über die vernommene Wahrheit so lange allerlei Zweifel in sich aufkommen läßt,
bis er hinter alle ihre Grundelemente gekommen ist, der gehört wahrlich zu
keiner notreifen, sondern zu einer vollreifen Frucht.
[GEJ.10_222,07] Denn Mir gegenüber muß ein
Mensch entweder ganz kalt sein oder schon ganz heiß in seinem Herzen, so er von
Mir angenommen werden will, – denn die Lauen sollen von Mir so lange ferne
gehalten werden, bis sie entweder kalt oder heiß werden. Ein entschiedener
Charakter ist Mir tausend Male lieber als tausend Unentschiedene; denn diese
Unentschiedenen gleichen den rohen Töpfen auf der Drehscheibe eines Töpfers,
die so lange zu nichts zu gebrauchen und zu verwenden sind, bis sie im Feuer
gehärtet worden sind. Und so müssen auch diese lauen Menschen zuvor durch
allerlei Prüfungs- und Versuchungsfeuer gehen, bis sie für Mich und Mein Reich
geschickt und tauglich werden.
[GEJ.10_222,08] Ich meine, dir nun damit
alles gesagt zu haben, was zu deiner und euer aller Beruhigung vollkommen
dienen kann. Ich könnte dir zwar noch so manches darüber sagen, aber wozu? Wer
die Wahrheit einer kurzen Rede vollkommen einsieht, für den ist eine längere
Belehrungsrede überflüssig; wer aber die Wahrheit einer kurzen Belehrungsrede
nicht einsieht, der wird dieselbe noch weniger einsehen in einer langen
Belehrungsrede. – Bist du mit dieser Meiner Belehrung einverstanden und zufrieden?“
[GEJ.10_222,09] Sagte der Oberstadtrichter:
„O Herr und Meister, – überaus, und ich möchte sagen, tausend Male mehr als
vollkommen, und es bleibt mir und uns allen nichts anderes übrig, als Dir aus
dem tiefsten Grunde unserer Herzen bis an unser diesirdisches Lebensende zu
danken. Du, o Herr und Meister, – Du hast durch diese Deine uns erwiesene Gnade
Dir in unseren Herzen einen Tempel erbaut, den alle Macht der Welt nimmer zu
zerstören imstande sein wird; bewahre aber auch diesen Deinen Tempel vor zu
großen Versuchungsstürmen!“
[GEJ.10_222,10] Sagte Ich: „Um was ihr bitten
werdet, das wird euch auch gegeben werden!
[GEJ.10_222,11] Nun ist es aber schon gegen
die Mitte der Nacht geworden, und so wollen wir denn auch unserem Leibe eine
kurze Ruhe gönnen; am Morgen früh werden wir uns noch vor Meiner Abreise sehen
und sprechen.“
[GEJ.10_222,12] Darauf begaben wir uns alle
zur Ruhe.
223. Kapitel
[GEJ.10_223,01] Früh am Morgen befand sich
alles schon auf den Füßen, und Ich ebenfalls mit Meinen Jüngern, und der Wirt
hatte sein Weib und seine Küchendienerschaft auch schon frühzeitig in Bewegung
gesetzt, um für uns ein Morgenmahl zu bereiten.
[GEJ.10_223,02] Ich begab Mich aber sogleich
mit Johannes, Petrus und Jakobus ins Freie, und zwar wieder auf den schon
bekannten Berg Nebo. Die andern Jünger hatten noch mit ihren Anzügen und mit
dem Waschen zu tun; auch waren ihre Haare in Unordnung, und sie mußten sie
zurechtbringen.
[GEJ.10_223,03] Der Wirt selbst und sein Sohn
aber kamen Mir bald nach, – so auch der Oberstadtrichter, diesmal mit seinem
Weibe und Kindern, die eben noch nicht sehr groß und sehr alt waren. Auch die
drei Apollopriester ließen nicht lange auf sich warten. Kurze Zeit darauf kamen
auch die andern Jünger, mit Ausnahme des Judas Ischariot; denn dieser hatte
sich lieber in der Stadt herumgetrieben und den Bürgern die Wohltat Meiner
Wunderwerke so recht angepriesen, die ihn dann mit mehr oder weniger Geld
beschenkten, das er in seinen Beutel schob, worauf er dann in die Herberge ging
und sich sogleich noch eine volle Stunde vor dem Morgenmahle Brot und Wein
vorsetzen ließ.
[GEJ.10_223,04] Der Wirt fragte Mich zwar auf
dem Berge, was es mit dem einen Jünger für eine Bewandtnis habe, daß er diesmal
nicht anwesend sei.
[GEJ.10_223,05] Und Ich sagte zum Wirte: „Laß
ihn abwesend sein; denn Mir ist sein Abwesendsein lieber als sein Anwesendsein,
und mehr brauche Ich dir nicht zu sagen!“
[GEJ.10_223,06] Nun fragte Mich der
Oberstadtrichter, sagend: „O Herr und Meister, wie ist jener Mensch in die Zahl
Deiner Jünger aufgenommen worden? Denn siehe, ich frage Dich nicht umsonst;
dieser Mensch ist mir bei meinem richterlichen Scharfblick sogleich
aufgefallen, weil er niemandem gerade ins Gesicht schauen konnte und auch bei
Deinen überaus göttlichen Reden und Vorträgen ganz teilnahmslos finster vor
sich hinblickte und mit keiner Miene irgendein Erstaunen oder irgendeinen
Beifall zu erkennen gab! Auch gab er kein Wort von sich, damit man doch
wenigstens hätte wissen können, welches Redeorgan er besitzt, während doch alle
Deine andern Jünger hin und wieder redeten, teils mit Dir Selbst, zum Teil auch
untereinander. Kurz, ich muß Dir sagen, daß mir dieser Dein Jünger durchaus
nicht gefällt. Wenn ich einen solchen unter meinen vielen Dienern hätte, so
hätte ich ihm schon lange den Laufzettel gegeben. Von welcher Stadt ist er denn
gebürtig?“
[GEJ.10_223,07] Sagte Ich: „Er ist ein
Galiläer und seiner Profession nach ein Töpfer. Er ist unter allen Meinen
Jüngern der schriftkundigste und als irgend ein Lehrer voll Redeschwunges; aber
er ist dabei auch voll Geldgeizes, und das ist der eigentliche Teufel in ihm,
dessen er nicht loswerden wird, – denn jede Gattung von Teufeln und bösen
Geistern, so sie eines Menschen Herz einmal gefangengenommen haben, sind
leichter aus dem Menschen zu schaffen als der Geizteufel.
[GEJ.10_223,08] Denn in einem jeden andern
argen Geiste sind noch Fünklein von einer Nächstenliebe anzutreffen, aber bei
einem Geizteufel nicht; darum ist er auch der hartnäckigste und durchdringt den
ganzen Menschen so, bis dieser ihm ganz ähnlich wird, und er kann ihn dann zu
den allerschändlichsten Taten am besten gebrauchen. Darum hüte sich ein jeder
vor allem vor dem Geiz; denn ein jeder Sünder wird leichter und eher in das
Reich Gottes eingehen denn ein Geizhals!“
[GEJ.10_223,09] Sagte der Oberstadtrichter:
„Wenn Dein Jünger von dieser Art ist und Du doch allmächtig bist, schaffe ihn
von Dir! Denn was hat ein solcher Mensch in Deiner Gesellschaft zu tun?“
[GEJ.10_223,10] Sagte Ich: „Eben darum, weil
Ich der Herr und allmächtig bin, muß Ich – besonders auf dieser Erde, welche
eine Pflanzschule für Meine Kinder ist – auch die Teufel ebensogut dulden wie
die Engel; denn niemand kann ohne den vollkommensten freien Willen Mein Kind
werden, und dem Teufel selbst ist der Weg zur Umkehr nicht völlig abgesperrt.
Und somit wirst du auch einsehen, daß Ich einen Jünger, an dem Ich sonst gar
kein Wohlgefallen habe, so lange in Meiner Nähe dulde, als er selbst in
derselben verbleiben will; will er sich aber heute von Mir entfernen, so wird
ihm von niemandem aus Meiner Gesellschaft der Weg vertreten werden.
[GEJ.10_223,11] Übrigens, so er sich nicht
ändert, wird er in Kürze schon seinen Lohn finden. Doch lassen wir jetzt den
abwesenden Jünger; denn es gibt ja noch andere Dinge, die wir zu besprechen
haben!
[GEJ.10_223,12] Nach dem Morgenmahle werde
Ich ohnehin alsogleich fortreisen und Mich in die Gegend hin begeben, wo der
altbekannte Bach Arnon seinen Ursprung nimmt. Denn von hier sind die Wege ins
Jordantal hinab sehr böse und beschwerlich; aber durch das Arnontal führt ein
noch ziemlich guter Weg, der aber späterhin auch zu einem sehr beschwerlichen
werden wird.
[GEJ.10_223,13] Ich aber habe noch manches zu
tun im Jordantal, und es wird sich noch eine kurze Zeit verziehen, bis Ich
hinauf nach Jerusalem komme!“
224. Kapitel
[GEJ.10_224,01] Sagte der Oberstadtrichter:
„Herr und Meister! Dir sind offenbar alle Wege und Stege auf der Erde bekannter
denn mir, doch weiß ich, daß man auch von dieser Stadt aus – aber mehr in
nördlicher Richtung – hinab ins Jordantal gelangen kann auf einem noch so
ziemlich passierbaren Fußsteige!“
[GEJ.10_224,02] Sagte Ich: „Mein Freund, das
weiß Ich wohl, aber Ich weiß noch viel anderes, was du nicht weißt, – und unter
dem vielen anderen Meines Wissens befindet sich auch das, daß Ich weiß, welchen
Weg Ich zu nehmen habe, welchen Ort zu besuchen, und in welcher Zeit Ich in dem
zu besuchenden Orte einzutreffen habe; denn bei Mir geht es nicht wie hie und
da bei den Menschen, die da bei einer bevorstehenden Arbeit sagen: ,Siehe da,
die Arbeit muß ja nicht gerade am heutigen Tage vorgenommen werden; es wird
sich wohl morgen oder auch übermorgen noch eine Zeit dazu finden!‘
[GEJ.10_224,03] Ich aber sage: Was ihr heute
wohl tun könnet, das sollet ihr nicht auf den andern Tag verschieben. Denn so
ein Hungriger und Durstiger zu euch käme und möchte euch bitten um etwas Speise
und Trank, ihr aber würdet sagen: ,So komme du morgen, denn heute haben wir
keine Zeit dazu, dich zu bedienen!‘, meinst du wohl, daß dem Armen damit
gedient sein wird? Und gehört eine solche Verlegung einer Wohltuenszeit auch in
die Sphäre Meiner euch gepredigten Nächstenliebe?
[GEJ.10_224,04] Gehört aber dieses nicht zur
Nächstenliebe, so gehört auch überhaupt das Verlegen einer Arbeit auf den
nächsten Tag, die man gar wohl um den einen Tag früher hätte verrichten können,
nicht zur Nächstenliebe, sondern es gehört ein solches Verlegen der Arbeit in
die Klasse der Trägheit der Menschen, – und die Trägheit ist allzeit der Anfang
zu allerlei Sünden und Lastern. Denn ein allzeit gleich tätiger Mensch in
rechten und guten Dingen wird wenig Muße finden, eine oder die andere Sünde zu
begehen; aber der träge Mensch wird stets mehr und mehr in seiner Trägheit
nachzudenken anfangen, womit er sich seine Langeweile, die aus seiner
Untätigkeit entsprungen ist, vertreiben könnte. Und da ein jeder Mensch
fortwährend sowohl von guten als auch von bösen Geistern umgeben ist, so
versteht sich das von selbst, daß sich die bösen Geister eher einen Zugang zu
einem trägen Menschen verschaffen können denn zu einem tätigen; und haben sich
diese bösen Geister einmal den Zugang zu einem Menschen verschafft, so
verstricken sie sein Gemüt auch bald mit allerlei unnützer Phantasie und ziehen
ihn stets mehr und mehr in ihre schmutzigen und finsteren Sphären hinab.
[GEJ.10_224,05] Da ihr das nun wisset, so
verschiebet eine Arbeit nicht auf den nächsten Tag, die ihr gar wohl heute
ausüben könnt!“
[GEJ.10_224,06] Sagte darauf der
Oberstadtrichter: „Aber, Herr und Meister, ich danke Dir auch für diese
Belehrung, denn ich habe daraus entnommen, daß ich auch als Heide nicht unrecht
hatte, solche Deine Belehrung schon seit geraumer Zeit zu einem ersten meiner Lebensgrundsätze
zu machen, und auch ein jeder Diener bei mir hat diesen Lebensgrundsatz auf das
strengste zu befolgen, und so haben wir in unserer Amtssphäre auch niemals
etwelche lästigen Arbeitsrückstände!“
[GEJ.10_224,07] Sagte Ich: „Ja, ja, Ich kenne
eure römischen Gesetze; die sind gut, und wer sie beachtet, fährt in der Welt
nicht schlecht! – Aber nun naht sich die Sonne ihrem Aufgange, und wir wollen
ihr unsere Aufmerksamkeit widmen!“
[GEJ.10_224,08] Darauf fing alles an, die
lichten Wölkchen im Osten zu betrachten, die ein ganz rosenrotes Aussehen
hatten und stets glänzender und glänzender wurden, was allen, besonders den
drei Apollopriestern, so wohl gefiel, daß sie bald in die Lobsprüche des Gottes
Apollo übergegangen wären; aber sie ermahnten sich bald und fingen an, Mich zu
preisen, und sagten, daß Ich der eigentliche, wahre, ewige Apollo sei, der die
Sonne auf- und untergehen lasse, so wie auch den Mond und alle die andern
Sterne.
[GEJ.10_224,09] Ich aber sagte zu ihnen:
„Meine lieben Freunde, Ich heiße nur ,Herr und Meister‘, und so verschonet Mich
mit dem Namen ,Apollo‘; denn was dieser zu bedeuten hat, habe Ich euch schon
gestern ganz gründlich erklärt!“
[GEJ.10_224,10] Damit waren die drei
Apollopriester zufrieden und dankten Mir für diese Zurechtweisung.
225. Kapitel
[GEJ.10_225,01] Es fragte Mich aber hierauf
der Wirt: „Herr und Meister, wie sieht es denn mit der gepriesenen Tugend der
Sparsamkeit aus, die auch zu den Hauptlebensgrundsätzen der Römer gehört? Denn
es heißt: ,Wer in der Jugend spart, der braucht im Alter nicht zu darben!‘, und
dieser Lebensgrundsatz ist auch bei den Juden beinahe häufiger als unter den
Römern anzutreffen.“
[GEJ.10_225,02] Sagte Ich darauf: „Bei den
Römern aber gibt es auch noch einen anderen Lebensgrundsatz, und der lautet:
,In medio beati!‘ oder: ,Golden ist die Mittelstraße!‘ Ich sage dir, daß eine
rechte Sparsamkeit so lange eine Tugend ist, als sie sich nicht zu einem sehr
hohen Grade versteigt, und solange nicht einer oder der andere Nebenmensch an
der Seite eines zu Sparsamen mehr oder weniger benachteiligt wird; denn wenn
bei der Sparsamkeit der letztere Fall eintritt, so hört sie auf, eine Tugend zu
sein, geht leicht in den Geiz über und wird somit ein Laster.
[GEJ.10_225,03] Daher ist mir so mancher,
freilich nicht übertrieben mit seinen Gütern verschwenderische Mensch lieber
als ein zu sparsamer; denn der verschwenderische Mensch läßt auch seinen
Nebenmenschen etwas zukommen, und das Schlimme an ihm ist nur die oft zu
unkluge Verschwendung seiner Erdengüter; denn dadurch stiftet er nichts Gutes,
sondern mehr Schlimmes.
[GEJ.10_225,04] Der sehr sparsame Mensch aber
läßt am Ende schon gar niemandem mehr etwas Gutes zukommen, scharrt alles für
sich zusammen unter dem Titel, daß man für sein Haus und seine Familie sorgen
müsse. Ich aber sage dir: Das Feuer deiner Liebe zu deiner Familie sei gleich
einem Lichte, das man in der Nacht anzündet; aber deine Liebe zu den Kindern
anderer, armer Eltern sei gleich wie ein großer Feuerbrand, durch den weithin
eine große Gegend erleuchtet wird!
[GEJ.10_225,05] Wer das von Mir nun
Ausgesprochene bei seiner haushälterischen Sparsamkeit beachtet, der wird von
Mir aus in allem Glück und Segen in der Fülle haben, und solch ein Glück und
solch ein Segen werden auch fortan bei seinem Hause und bei seiner Familie
verbleiben, – wer aber diesen Meinen ausgesprochenen Lebensgrundsatz nicht
beachten wird, der wird es erleben, daß seine Kinder und Angehörigen das von
ihm mühsam Ersparte nur zu bald und zumeist auf die liederlichste Weise
vergeuden werden und darauf bald mit allerlei Not und Elend zu kämpfen
bekommen. Daher tue du alles nach Meiner Lehre klug und weise, und bedenke bei
allem wohl die Folgen und das Ende deiner Handlung!“
[GEJ.10_225,06] Sagte darauf der Wirt: „O
Herr und Meister, ich danke Dir aus dem tiefsten Grunde meines Herzens für
diese höchst weise Belehrung, und ich habe über sie um so mehr Freude, weil sie
auch schon aus meiner Jugendzeit teilweise zu meinen Lebensgrundsätzen gehörte
und für die Folge noch immer mehr und mehr gehören wird.“
[GEJ.10_225,07] Sagte hierauf auch der
Oberstadtrichter: „Herr und Meister, das werde auch ich mir tief ins Herz
einprägen und werde das auch befolgen, daß meine Liebe zu diesem meinem Weibe
und meinen Kindern zu einem wahren Lichte werden soll; aber mit meiner Liebe zu
den Kindern anderer, armer Eltern will ich eine ganze Stadt in Flammen setzen,
und das Licht des Brandes soll alles weit und breit hin erhellen! – Ist es also
recht, Herr und Meister?“
[GEJ.10_225,08] Sagte Ich: „Das wirst du aus
deinem Handeln nach Meinem Worte gar wohl erkennen; darum handle und lebe!“
226. Kapitel
[GEJ.10_226,01] Als Ich dieses ausgeredet
hatte, da flog ein großer Zug Kraniche in der Luft von Westen her in der
Richtung gegen Osten, und zwar in die Sumpfgegenden des Stromes Euphrat.
[GEJ.10_226,02] Als der ganze Zug aber gerade
über uns ziemlich hoch in der Luft schwebte, da machte er gewisserart halt und
fing in mannigfachen Kreisen an, sich unserem Standpunkte zu nähern.
[GEJ.10_226,03] Da sagte der
Oberstadtrichter: „Herr und Meister, das bedeutet, daß wir bald eine andere
Witterung bekommen werden! Was sagst Du, o Herr und Meister, zu dieser
Annahme?“
[GEJ.10_226,04] Sagte Ich: „Also hat es der
Glaube des Volkes aus der Erfahrung wohl herausgebracht; aber ob Kraniche oder
keine Kraniche, so versteht es sich schon von selbst, daß in der Zeit des
Spätherbstes, auf den unaufhaltsam der Winter folgt, sich die Witterung auch
über etwas kürzer oder länger ändern wird. Allein für dieses Jahr soll die Witterung
noch etwas längerhin also verbleiben, wie sie jetzt ist.
[GEJ.10_226,05] Die Kraniche, die da über uns
kreisen, sind diesmal keine Witterungsveränderungspropheten, sondern ihre Seelen
gewahren es auch, in wessen Nähe sie sich befinden, und sie bezeigen nun Dem
eine Art Ehre und bringen Ihm gewisserart einen Morgengruß, weil sie in sich
gewahr werden, daß Er auch ihr Schöpfer ist.
[GEJ.10_226,06] Sehet, ein Hund, der seinen
Herrn wohl kennt und ihm sehr zugetan ist, gewahrt auch die Nähe seines Herrn,
läuft ihm zu und bezeigt ihm durch allerlei Sprünge, Mienen und Schmeicheleien,
daß er seinen Herrn liebhat und ihn wohl erkennt; einem Fremden aber läuft er
nicht zu, und nähert sich einer seinem Herrn, so wird er vom Hunde ganz grimmig
angefallen, und er folgt da niemandes Stimme als nur der seines Herrn. Wer sagt
aber das dem Hunde, daß der eine Mensch sein Herr ist, und ein anderer nicht?
[GEJ.10_226,07] Siehe, Mein lieber Freund Oberstadtrichter,
das erkennt nicht das Fleisch des Hundes, sondern die schon auf einer etwas
höheren Stufe der Intelligenz stehende Seele des Hundes! Wie aber?
[GEJ.10_226,08] Sehet, der Mensch sowohl als
auch die Tiere besitzen nach außen hin eine sie umgebende, zum Leben notwendige
und mit ihrer Seele sehr verwandte Sphäre. Manche Menschen, die ganz einfach
leben, nehmen oft auf Stunden lange hin wahr, daß sich ein ihnen bekannt
gewesener, lange abwesender Freund ihnen nähert, und können sogar die Zeit bestimmen,
in welcher dieser Freund bei ihnen eintreffen wird.
[GEJ.10_226,09] Die Tiere besitzen oft in
einem noch schärferen Grade das Vermögen, irgend etwas ihnen Feindliches oder
Freundliches aus einer noch bedeutenden Entfernung zu wittern und wahrzunehmen.
Hunde und Katzen haben dieses Vermögen in einem besonders hohen Grade. Daher
magst du einen deiner Haushunde einige Tagereisen weit von dir entfernen
lassen, allwo er dann freigelassen werden soll, und er wird in kurzer Zeit ohne
alle Erd- und Wegkunde zu dir zurückkehren. Wer zeigt ihm denn den Weg, und
nach was richtet er sich, daß er wieder zu dir kommt?
[GEJ.10_226,10] Fürs erste zeigt ihm das
deine weithin reichende Außenlebenssphäre, die er durch sein starkes
Witterungsvermögen gar wohl als die deinige erkennt, obschon sie von zahllos
vielen anderen durchkreuzt wird. Und zweitens: Was treibt ihn hernach zu dir?
Nichts anderes als seine instinktmäßige Liebe und Treue zu dir. Daß er aber den
Weg nicht verfehlt und gar wohl erkennt, ob er sich dir stets mehr und mehr
nähert, das erkennt er aus dem stets minder oder mehr Dichterwerden der von dir
gewisserart ausstrahlenden Außenlebenssphäre.
[GEJ.10_226,11] Denn es verhält sich mit
dieser, freilich in mehr seelischer Beziehung nur, wie mit dem Ausstrahlen
eines Lichtes. Wo das Licht selbst sich befindet, da ist die Lichtausstrahlung
auch am dichtesten, und je weiter und weiter vom Lichte entfernt, wird auch die
Lichtausstrahlung immer dünner und schwächer, und in einer großen Entfernung
wird man von einem angezündeten Lichte wohl kaum mehr etwas merken; besonders
ein Mensch, der nicht ein sehr scharfes Auge hat, wird von der Ausstrahlung
nichts mehr merken, wohl aber der, welcher ein scharfes Auge besitzt.
[GEJ.10_226,12] Und so merken auch Menschen
und Tiere in weite Entfernung hin die Ausstrahlungen sowohl ihnen befreundeter
Menschen als auch von Tieren um so mehr, ein je schärferes Witterungsvermögen
sie besitzen.
[GEJ.10_226,13] Und siehe, Ich bin aber der
Herr aller Kreatur in der ganzen Unendlichkeit und somit sicher auch der dieser
Erde, – und siehe, so bezeigen Mir diese Kraniche, wie Ich dir schon gesagt
habe, einen Morgengruß! Und damit du es bestätigt siehst, werden sich die
Kraniche ganz in unserer nächsten Nähe befinden, und auf Meinen Wink werden sie
sich dann in den Teich begeben, den Ich gestern für dich durch Meinen Raphael
geschaffen habe, und werden dort auch ein Morgenmahl nehmen und sich mit einem
Wasservorrat versehen, der zu ihrem Weiterfluge notwendig ist.“
[GEJ.10_226,14] Als Ich dieses kaum
ausgesprochen hatte, siehe, da ließen sich bei dreihundertvierzig Kraniche zur
Erde nieder und bildeten um uns gewisserart ein Spalier und sahen nach Mir hin.
Bald darauf winkte Ich diesen Tieren mit der Hand gegen den Teich hin, und sie
erhoben sich und befanden sich alsbald im Teiche und zeigten durch ihr
Geflüster, daß sie eine große Freude hatten über die für sie im Teiche
vorhandene Kost und auch über das reine Wasser, mit dem sie sich ihre inneren
Wasserbeutel füllten.
[GEJ.10_226,15] Alle betrachteten dieses
Naturspiel mit großem Wohlgefallen und priesen Meine Liebe, Weisheit und Macht.
227. Kapitel
[GEJ.10_227,01] Darauf fragte Mich der
Oberstadtrichter: „O Herr und Meister, der Du in allen Dingen allerhöchst
kundig bist, wie brauchen denn diese Vögel das Wasser zu ihrem Weiterfluge?
Denn meines Wissens habe ich wohl allzeit bemerkt, daß die Vögel im Verhältnis
zu ihrer Größe zehnmal mehr Wasser zu sich nehmen als ein anderes Tier, und
doch lassen sie keinen Urin von sich; ich wenigstens habe es noch nie bemerkt,
daß irgendein Vogel gepißt hätte, und Du hast nun gesagt, daß diese Vögel des
Wassers zum Weiterfluge sehr benötigen, während ich der Meinung war, daß das
Wasser sie samt der zu sich genommenen Nahrung nur mehr beschweren und somit
ihren Weiterflug beschwerlicher machen werde!“
[GEJ.10_227,02] Sagte Ich: „Ja siehe, du Mein
Freund, der Meister Seiner Werke muß auch am allerbesten wissen, was sie zu
ihrer zeitweiligen Erhaltung benötigen, und wie ihre Körper eingerichtet sein
müssen, damit sie das verrichten können, wozu sie bestimmt sind. Über das aber,
wie ein Vogel des Wassers zum Fliegen benötigt, wende dich an Meinen, wie du
siehst, noch anwesenden Raphael!“
[GEJ.10_227,03] Auf diese Worte wandte sich
der Oberstadtrichter an den Raphael und bat ihn, daß er ihm darüber eine kleine
Erklärung geben möchte.
[GEJ.10_227,04] Und Raphael sagte: „Das will
ich dir recht gern und in möglichster Kürze tun. Siehe, so ihr ein Lamm oder
eine Ziege, ein Kalb oder auch einen Ochsen schlachtet, so nehmet ihr seine
Eingeweide heraus – das heißt seinen Magen, seine Gedärme und seine Urinblase
–, reinigt alle Teile in eurer Weise und blaset sie dann auf, damit sie aus-
und inwendig trocken werden! Die größeren dieser Hohlorgane gebraucht ihr zu
kleineren Schläuchen und Säcken, und die kleineren gebraucht ihr auch zur
Aufbewahrung von allerlei Samenkörnern und noch andern kleinen Dingen.
[GEJ.10_227,05] So du nun eine solche
ausgetrocknete Urinblase oder auch einen andern Schlauch hier besäßest, so
würde ich dir um so leichter zeigen, wie die Vögel zum Fliegen sich des Wassers
bedienen müssen; aber ich werde schon dafür sorgen, daß zu meiner Erklärung die
nötigen Hilfsmittel zu Gebote stehen werden! Und siehe, da haben wir schon
einen ziemlich großen, mit Wasser gefüllten Schlauch, und in diesen Schlauch
wollen wir nun einige Ingredienzien hineintun, welche die Eigenschaft in sich
haben, den Kohlen- und Sauerstoff im Wasser in sich zu saugen, den reinen
Wasserstoff aber frei zu machen. Und da sind auch schon die Ingredienzien, die
dir sicher bekannt sind; es ist etwas Eisen, Schwefel, Kalk, Salz und Kohle.
[GEJ.10_227,06] Nun gebe ich diese in das
Wasser, – sie befinden sich nun schon im Wasser, und du vernimmst auch sogleich
ein eigentümliches Sausen und Brausen im Schlauche. Nun nehmen wir eine
trockene Blase her; wir werden sie mit dem leicht aufsteigenden Wasserstoff
füllen, – und siehe, die eine Blase ist schon gefüllt! Nimm sie in deine Hand
unten bei der Mündung, und du wirst es sogleich verspüren, wie sie nach oben
zieht; und jetzt laß du sie los, und beobachte, was sie machen wird!“
[GEJ.10_227,07] Der Oberstadtrichter tat das,
und die Blase stieg alsbald überaus rasch zu einer solchen Höhe in die Luft
empor, daß sie von niemandem mehr erschaut werden konnte; imgleichen ward
darauf eine andere, größere Blase gefüllt und mit einem Baumzweige an der
Mündung behängt, ward darauf losgelassen und flog sogleich mit gleicher
Raschheit in die Höhe.
[GEJ.10_227,08] Darauf wurden bei zwölf
Blasen mit dem noch vorrätigen Wasserstoff gefüllt und an einen etwas größeren
und schwereren Baumzweig gehängt, mit dem sie ebenfalls in aller Raschheit in
die Höhe flogen.
[GEJ.10_227,09] Als das Experiment beendet
war, sagte Raphael zum Oberstadtrichter: „Hast du nun schon so einen kleinen
Begriff, warum die Vögel sich des Wassers hauptsächlich zum Fliegen bedienen?“
[GEJ.10_227,10] Sagte der Oberstadtrichter:
„Es geht mir nun schon so ein kleines Lichtlein auf; aber das Wie, – wie sich
die Vögel des Wassers zum Fliegen bedienen, ist mir natürlich noch unklar.“
[GEJ.10_227,11] Sagte Raphael: „Siehe, jeder
Vogel ist inwendig so eingerichtet, daß er von dem zu sich genommenen
Wasservorrat ebensoviel des reinsten Wasserstoffes, der an und für sich eine
äußerst leichte und feine Luftart ist, erzeugt, als er zum Fliegen notwendig
hat, – was er aus dem Gefühle seines Instinkts auf ein Haar zu berechnen
vermag. Mit diesem feinen Wasserstoff füllt er in einem Augenblick alle seine
größeren und kleineren Federkiele und Knochenröhren und wird darauf so leicht
wie ein Menschenhaar, welches kleine Gewicht er dann mit seinem Flügelpaare
immer leicht besiegt und sich dann in die Höhe erheben kann nach seinem
Belieben.
[GEJ.10_227,12] Wenn du dieses nun so recht
beachtest, so wirst du auch leicht einsehen, auf welche Art das Fliegen bei
allen jenen Tiergattungen ermöglicht wird, die sich von der Erde nach ihrem
Belieben in die Luft erheben können.
228. Kapitel
[GEJ.10_228,01] Sagte darauf der
Oberstadtrichter: „Das verstehe ich nun ganz gut, aber woher nehmen diese Tiere
die zur Scheidung des Wasserstoffes – wie du sagtest – von seinem Sauerstoffe
nötigen Ingredienzien her? Denn das Eisen, der Kalk, der Schwefel, das Salz und
die Kohle sind doch nicht überall schon vorrätig vorhanden?“
[GEJ.10_228,02] Sagte darauf Raphael: „Mein
lieber Freund, auf der ganzen Erdoberfläche zerstreut um viele tausendmal
tausend Male mehr, als alle Vögel auf der Erde in vielen tausend Jahren zu
ihrem Fliegen benötigen! Die Vögel sind für sich ganz gute Mineralogen,
gleichwie die Wurzeln und Äste der Bäume und Pflanzen überaus scharfsinnige und
intelligente Lebensstoffkundige sind; wären sie das nicht, so würden nicht so
viele Arten von Bäumen und Pflanzen auf dem Erdboden wachsen, und die Vögel
würden auch nicht fliegen können. Du siehst daraus, daß ein jedes Tier, wie
auch eine jede Pflanze das ihr Dienliche überaus scharf erkennt und es dann
auch zu benutzen versteht.
[GEJ.10_228,03] Betrachte einmal ein Ei! Seine
Schale ist Kalk und sein innerer Gehalt, was den materiellen Teil anbelangt,
besteht auch noch aus etwas Kalk, Salz, Kohle, Eisen und Schwefel. Das Wieviel
von jedem kennt ein jeder Vogel genau für sich, wie auch, wo er es zu bekommen
hat; denn dazu hat auch der Vogel, so wie ein jedes andere Tier und der Mensch
selbst die fünf Sinneswerkzeuge, und die Pflanze hat ihre Fühlfäden sowohl an
der Wurzel als auch an den Ästen. Und ich bin nun der Meinung, dir diese für
Menschen schwer begreifliche Sache in aller Kürze möglichst klar gezeigt zu
haben.“
[GEJ.10_228,04] Sagte darauf der
Oberstadtrichter: „Höre, du mein himmlischer Freund, so die Menschen um die
Verhältnisse, das ist, um das eigentliche Wieviel von jedem der fünf
Ingredienzien wüßten, so könnten sie am Ende große Schläuche mit dem
Wasserstoff füllen und dann mittels so mancher mechanischer Behilfsbeigaben
sich auch in die Luft erheben und gleich den Vögeln umherfliegen!“
[GEJ.10_228,05] Sagte darauf Raphael: „Was
nun nicht ist, kann dereinst noch werden! Vorderhand ist es aber um vieles
besser für den Menschen, daß er leiblich nicht fliegen kann; denn könnte er
auch das, so würde er bald zum größten Raubtiere auf der Erdoberfläche werden,
und er würde der Kultur des Erdbodens nimmer gedenken.
[GEJ.10_228,06] Besser ist es daher für den
Menschen, so seine Seele geistig recht flügge wird, der Mensch aber seinem
Leibe nach schön fein auf dem Boden der Erde verbleibt, für den er auch die
leibliche Einrichtung hat. Der Mensch kommt mit seinen Füßen noch weit genug
und gar oft nur zu weit; und kommt er mit seinen Füßen nicht schnell genug
fort, so hat er dazu der tauglichen Tiere in Genüge, die schnellfüßiger sind
als er und ihn nach einiger Abrichtung in sehr abgekürzter Zeit von einem Orte
zum andern bringen können, und er kann sich auch Schiffe bauen, mittels denen
er über das Meer wie auf trockenem Lande fahren kann. In der späteren
Zeitenfolge aber werden die Menschen noch eine Menge Transportmittel erfinden,
die mit großer Schnelligkeit von einem Ort zum andern dahinbrausen werden.
[GEJ.10_228,07] Und jetzt weißt du, lieber
Freund, von allem mehr, als du brauchst. Ich habe dir darum nun alles dieses
gezeigt, auf daß du leichter erkennst, daß der Herr wahrhaft der
allervollkommenste und unerreichbarste Meister in allen Seinen geschaffenen
Dingen ist, und das hat dir vor allem not getan!“
[GEJ.10_228,08] Hierauf dankte der
Oberstadtrichter Mir und dem Raphael mit aller Inbrunst seines Herzens und
sagte darauf: „Wahrlich, von Dir, o Herr, kann man in einer Stunde mehr lernen
als sonst selbst von dem allergescheitesten Menschen durch sein ganzes Leben
mit allem Fleiß; denn bei den Menschen heißt es immer: ,Bis daher, und dann
aber auch um kein Haar mehr weiter!‘, bei Dir aber heißt es: ,Bis daher, und nachher
noch immer bis ins Unendliche vorwärts!‘, denn Deine Weisheit, o Herr und
Meister, hat keine Grenzen.
[GEJ.10_228,09] Wir alle sind Dir für alle
die uns erwiesenen rein göttlichen Gnaden auch über alle die Maßen dankbar und
werden Dir auch bis ans Ende unseres diesirdischen Lebens nimmer zu danken
aufhören. Herr und Meister, vergib Du uns nur unsere Schwachheit und unsere
Sünden!“
[GEJ.10_228,10] Sagte Ich: „Euch sind sie
auch vergeben; doch in der Folge müßt ihr euch selbst hüten vor der Sünde!
[GEJ.10_228,11] Nun aber wollen wir uns von
hier aufmachen, in der Kürze das Morgenmahl zu uns nehmen und dann uns zur
Weiterreise anschicken!“
[GEJ.10_228,12] Darauf begaben wir uns
sogleich in die Herberge, nahmen das Morgenmahl ein, und während desselben
wurden noch so manche Besprechungen geführt, welche wiederzugeben Ich hier für
nicht notwendig finde, weil über derlei schon ohnehin zu öfteren Malen
Besprechungen vorgekommen sind.
[GEJ.10_228,13] Nach dem kurz dauernden
Morgenmahle erhob Ich Mich mit Meinen Jüngern schnell, segnete des Wirtes Haus,
den Oberstadtrichter und alle, die da waren, und wir traten dann sogleich
unsere Reise an.
[GEJ.10_228,14] Der Wirt, dessen Sohn und der
Oberstadtrichter begleiteten uns bei zwei Stunden Weges und verwunderten sich über
die Maßen, daß sie noch immerfort ihr Land in einem guten Kulturzustande
fanden.
[GEJ.10_228,15] Am Ende der Begleitung
dankten Mir alle noch einmal und kehrten dann zurück. Bei dieser Gelegenheit
verschwand auch Raphael wieder, da Ich seiner nicht mehr vonnöten hatte.
229. Kapitel – Der Herr im Jordantal.
(Kap.229-244)
[GEJ.10_229,01] Ich aber ging mit Meinen
Jüngern schnell vorwärts und gelangte gegen Mittag in einen kleinen Ort, der
von lauter arabischen, armen Hirten bewohnt war.
[GEJ.10_229,02] Es war zwar in diesem Orte
keine Herberge, doch war da ein gewisser Oberhirte, dessen Hütte etwas besser
bestellt war als die der andern, kleineren Unterhirten.
[GEJ.10_229,03] Dieser Oberhirte fragte uns
in seiner Sprache, wohin wir gingen, indem er sagte, daß von hier aus sich eine
ziemlich lange Strecke kein Ort mehr befinde, und so wir uns stärken wollten,
so möchten wir das bei ihm tun, da wir vor der Nacht nicht leichtlich wohin an
einen Ort kommen könnten, in welchem wir etwas zu essen und trinken bekommen
könnten.
[GEJ.10_229,04] Sagte Ich zu ihm: „Du hast
wohlgetan, daß du also in deinem Herzen für uns dachtest, und Ich nehme deinen
guten Willen fürs Werk an; wir müssen aber heute noch ins Jordantal gelangen,
und somit können wir uns hier gar nicht länger aufhalten.
[GEJ.10_229,05] Sagte darauf der Oberhirte:
„Wenn ihr in das Jordantal hinabkommen wollt, so führt gerade von dieser meiner
Hütte ein am meisten bequemer Steig ins Tal hinab! Denn hier befindet sich die
erste Quelle des Arnonbaches, und sie fällt nicht stark ab; der Weg ist daher
ganz gut zu begehen, während die andern Quellen, die zusammen den Arnon
ausmachen, äußerst steil abfallen und die äußerst schmalen Stege für den
Wanderer sehr beschwerlich sind.“
[GEJ.10_229,06] Sagte Ich: „Auch für diesen
Rat sollst du belohnt werden, – doch weder mit Gold, Silber und Edelsteinen,
sondern mit etwas anderm, was dir nützlicher sein wird als das tote, glänzende
Zeug, nach dem die Menschen so sehr gieren. Siehe, dieses Landstück, das du und
deine Nachbarn bewohnen, soll fruchtbar werden, und deine Herden sollen sich
vermehren, auf daß du daraus erkennen wirst, daß Ich, der Ich dir das sage,
mehr bin als ein gewöhnlicher Mensch!
[GEJ.10_229,07] Reise du bei Gelegenheit in
die Stadt am Nebo, und die Einwohner werden es dir sagen, wer Ich war, jetzt
bin und für immer sein werde!“
[GEJ.10_229,08] Darauf sah Mich der Oberhirte
groß an und bat Mich um die Erlaubnis, Mich ins Jordantal hinabbegleiten zu
dürfen, da er sehr wegkundig sei.
[GEJ.10_229,09] Sagte Ich: „Darum hast du
nicht notwendig, uns zu begleiten, indem Ich Selbst aller Wege auf dem ganzen
Erdboden allerbestens kundig bin; aber deiner Freundlichkeit wegen magst du
Mich schon einige Zeitlang begleiten!“
[GEJ.10_229,10] Darauf setzten wir unsere Reise
fort, und der Oberhirte dieses Ortes ging voran und führte uns einen recht
guten Weg nahe ganz ins Jordantal hinab, allwo wir uns dann trennten und Ich
mit Meinen Jüngern Mich im Jordantal ganz eiligen Schrittes nordwärts begab.
[GEJ.10_229,11] Wir erreichten erst bei drei
Stunden nach dem Untergange einen kleinen Ort, in welchem sich auch eine
Herberge befand; und als wir zu der Herberge kamen, pochten wir an die
Eingangstür derselben.
[GEJ.10_229,12] Der Wirt kam darauf an ein
offenes Fenster und fragte etwas mürrisch, was wir so spät in der Nacht
wollten.
[GEJ.10_229,13] Und Ich sagte: „Ein Meister
der Herberge ist gesetzlich bemüßigt, zu jeder Stunde, auch in der Nacht,
Reisende aufzunehmen und zu beherbergen!“
[GEJ.10_229,14] Als der Wirt solches von Mir
vernahm, ward er der Meinung, daß Ich etwa so ein römischer Richter sei, schloß
die Tür auf, machte Licht, und wir gingen in die Herberge.
[GEJ.10_229,15] Als wir in der ziemlich geräumigen
Herberge unsere Plätze nahmen, da fragte uns der Wirt, ob wir auch etwas essen
und trinken wollten.
[GEJ.10_229,16] Sagte Ich: „Wir haben seit
dem Morgen weder etwas gegessen noch getrunken; somit wirst du auch einsehen,
daß wir bedürftig sind, irgendeine Nahrung zu uns zu nehmen! Du hast Brot und
Wein, und das genügt.“
[GEJ.10_229,17] Sagte der Wirt: „Ich habe
auch Fleisch und Fische, wollt ihr davon etwas genießen, so kann ich es
bereiten lassen; denn meine die Küche besorgenden Mägde haben sich noch nicht
schlafen gelegt.“
[GEJ.10_229,18] Sagte Ich zum Wirte: „Dein
Fleisch, indem du ein Grieche bist, taugt für uns Juden nicht; denn der
Schweine und der Esel Fleisch genießen wir nicht, und deine Fische aus dem
Jordan sind schon bei fünf Tage alt und tot, und derlei Fische genießen wir
auch nicht. Daher bringe uns nur einen ordentlichen Wein und Brot!“
[GEJ.10_229,19] Darauf nahm der Wirt seinen
Krug, ging, um den Wein zu holen, und sein Weib brachte uns Brot. Ich nahm den
eben nicht gar zu großen Laib Brotes, brach ihn in Stücke und teilte diese
unter die Jünger aus und behielt auch ein Stück für Mich.
[GEJ.10_229,20] Nun kam auch der Wirt mit dem
Weine, setzte vor jeglichen von uns einen Trinkbecher und füllte ihn mit Wein,
der aber eben nicht von der besten Qualität war.
[GEJ.10_229,21] Und Ich sagte zu ihm: „Du
hast noch einen besseren Wein; warum hast du uns deinen schlechtesten
aufgesetzt?“
[GEJ.10_229,22] Sagte der Wirt: „Den besseren
behalte ich für Römer und Griechen; für euch Juden aber ist der hinreichend gut
genug! Denn alle Juden sind schlechte Zahler; darum muß man als Wirt sehen, wie
man mit ihnen noch am besten darauskommt.“
[GEJ.10_229,23] Sagte Ich darauf zum Wirte:
„So nimm denn einen andern Krug und fülle ihn mit Wasser, und setze uns das
Wasser vor!“
[GEJ.10_229,24] Sagte der Wirt: „Das kann ich
schon tun.“
[GEJ.10_229,25] Der Wirt ging, brachte uns
einen großen Krug voll Wassers und setzte auch noch eine für uns genügende
Anzahl Trinkbecher auf den Tisch und sagte etwas mürrisch: „So euch mein Wein
nicht schmeckt, so trinket in Neptuns Namen Wasser!“
[GEJ.10_229,26] Ich aber segnete das Wasser
und machte es zum Weine, wie Ich schon öfter getan hatte. Dann wurden damit
unsere zweiten Becher gefüllt, und wir tranken und stärkten uns.
[GEJ.10_229,27] Der Wirt bemerkte aber, daß
uns das Wasser ganz gut schmeckte, und sagte: „Sonderbar, daß euch mein
schlechtes Wasser besser zu schmecken scheint als mein Wein; denn unser Wasser
ist darum nicht gut, weil wir eigentlich kein Quellwasser besitzen, sondern uns
mit dem Jordanwasser begnügen müssen, das hier in der Nähe des Toten Meeres
kein gutes Wasser mehr den Durstigen bietet!“
230. Kapitel
[GEJ.10_230,01] Ich reichte dem Wirte darauf
einen Becher voll des Wassers, und er verwunderte sich über alle Maßen, daß er
statt des Wassers einen außerordentlich wohlschmeckenden Wein in den Mund
bekam, und sagte darauf: „Soviel ich merke, seid ihr Magier und Hexenmeister;
mit solchen Menschen ist nicht gut umgehen!“
[GEJ.10_230,02] Sagte Ich zu ihm: „Mit
Magiern unserer Art magst du wohl auskommen, aber mit Magiern, die dir bekannt
sind, nicht so leicht; denn diese haben böse Absichten und sind voll Betruges.
Ich aber bin die Wahrheit Selbst, und jede Art des Betruges ist endlos ferne
von Mir. In der Folge wirst du das noch klarer einsehen als jetzt; aber nun
bringe uns mehr Brot!“
[GEJ.10_230,03] Sagte der Wirt: „Ich besitze
nur einen Laib noch, und den brauche ich morgen für meine Leute, und meine
Nachbarn schlafen alle, daß ich hinginge und bei ihnen einen Laib Brotes
entleihete!“
[GEJ.10_230,04] Hierauf segnete Ich die noch
etlichen Stücke Brot auf unserem Tische, und wir hatten alsbald Brot in
Übergenüge, und es blieb davon noch so viel übrig, daß der Wirt von den
übriggebliebenen Stücken einen ganzen großen Korb anfüllen konnte.
[GEJ.10_230,05] Dieses Wunderwerk machte ihn
stutzen, und er sagte, das Wasser in den Wein verkehren, sei nicht etwas gar so
Unbekanntes, denn er wisse, daß etwas Ähnliches auch die Bacchuspriester
zustande gebracht hätten; aber die Vermehrung des Brotes stehe bei ihm höher.
Denn wo etwas sei, könne ein Mensch, der die Geheimnisse kennt, schon etwas
machen, – aber wo nichts sei, etwas schaffen, das scheine ihm göttlicher Art zu
sein; denn das vermöchten nur die Götter, aber die Menschen nie und niemals!
[GEJ.10_230,06] Sagte Ich zum Wirte: „Du bist
zwar ein Grieche und hast auch mehrere Städte Griechenlands bereist; aber um
die Wahrheiten, die hie und da doch noch unter den Menschen waltend zerstreut
sind, hast du dich eben nicht gar zu sehr bekümmert, und als Wirt gehörst du zu
den gefälligsten nicht! Du bist zwar sehr habsüchtig, aber dessenungeachtet
hast du dir noch wenig Vermögen erworben. Wenn es heute nicht so spät an der
Zeit gewesen wäre, hätte Ich es wohl vermieden, in deinem Hause zuzusprechen
(einzukehren).“
[GEJ.10_230,07] Sagte darauf der Wirt: „Höre,
du mein sonderbarer Freund und Gast! Ich wäre dir schon auch artiger
entgegengekommen, aber es war dein Benehmen gegen mich auch ein wenig von einer
abstoßenden Art. Denn ich habe euch Fleisch und Fische angetragen; du aber hast
darüber eine Bemerkung gemacht, die mich nicht freuen konnte. Ich konnte zwar
nicht erraten, woher du wußtest, daß meine Fische nicht frisch sind, und daß
ich euch auch nur Schweinefleisch aufzuwarten hätte. Deine Bemerkung war zwar
richtig, aber ich mußte mich darob doch ärgern; denn das wirst du einsehen, daß
sich kein Mensch – sei es ein Jude, Grieche oder Römer – gern beschimpfen läßt.
Ich erkenne es jetzt wohl, daß du etwas Außerordentliches sein mußt – dein
ganzes Wesen scheint von einem höheren Geiste beseelt zu sein –, aber
dessenungeachtet kann ich dir in der späten Nachtzeit nur das bieten, was ich
besitze. Mein einziger Fehler, den ich dir gegenüber begangen habe, wird wohl
der sein, daß ich euch nicht den besten Wein aus meinem Keller vorgesetzt habe;
aber diesen Fehler kann ich ja gutmachen und will dir sogleich einen Krug von
meinem allerbesten Wein auf den Tisch bringen.“
[GEJ.10_230,08] Sagte Ich: „Alles dessen ist
nicht vonnöten; denn so Ich es wollte, müßten der ganze Jordan und das Tote
Meer sich im Augenblick in den besten Wein verwandeln! Aber wir haben nun des
Brotes und Weines zur Genüge, und somit kannst du mit uns halten und brauchst
deinem Keller keinen Nachteil zu bringen!“
[GEJ.10_230,09] Darauf setzte sich der Wirt
zu uns, nahm Brot und Meinen Wein, aß und trank und ward darauf recht guten
Mutes und bat Mich dabei mehrere Male um Vergebung, daß er Mir nicht mit der
gehörigen Artigkeit entgegengekommen sei, indem er meine, daß Ich ein weiser
Mann sei und als solcher wohl wissen werde, daß man die Unwissenheit keinem
Menschen zu einem außerordentlichen Fehler anrechnen kann.
[GEJ.10_230,10] Sagte darauf Ich: „Nun, nun,
es ist schon alles wieder gut! Iß und trink, und sei heiteren Mutes; denn am
morgigen Tage wirst du Mich viel unlieber weiterziehen lassen, als du Mich
heute mit diesen Meinen Begleitern aufgenommen hast!“
[GEJ.10_230,11] Darauf nahm auch Ich ein
Stück Brot, bestreute es mit Salz, aß es und trank auch den Wein dazu. Meine
Jünger taten das gleiche, wie auch der Wirt.
231. Kapitel
[GEJ.10_231,01] Es kamen aber auch das Weib
und zwei seiner Töchter zu uns ins Gastzimmer, und das Weib fragte den Wirt,
sagend: „Werden diese Gäste denn keine warmen Speisen nehmen, keine Fische und
kein Fleisch?“
[GEJ.10_231,02] Sagte der Wirt: „So sie das
gewünscht hätten, hätte ich es dir schon gesagt; diese Gäste begnügen sich mit
Brot und Wein, und somit kannst du mit deinen Kindern dich schon zur Ruhe
begeben!“
[GEJ.10_231,03] Sagte die Wirtin: „Wir werden
in dieser Nacht nicht eben gar zu viel ruhen dürfen; denn wir haben nur noch
zwei Laibe Brotes, und es sind, wie ich sehe, viele Gäste hier, und die werden
morgen mit den zwei Laiben Brotes nicht auskommen.“
[GEJ.10_231,04] Sagte der Wirt: „Da macht
euch denn an eure Arbeit, und sehet, daß wir morgen ein gutes Brot haben!“
[GEJ.10_231,05] Darauf aber sagte Ich:
„Lasset unsertwegen das Brotbacken stehen; denn solange wir hier verweilen,
werden wir am Brote keinen Mangel haben! Nimm aber etliche Stücke Brot vom
Tische und gib sie deinem Weibe und deinen zwei Töchtern, und fülle auch drei
Becher mit Meinem Wein und gib ihnen zu trinken!“
[GEJ.10_231,06] Das geschah denn auch, und
das Weib und die beiden Töchter konnten sich über die Güte des Weines nicht
genug verwundern und fragten den Wirt, woher er denn den Wein genommen habe;
denn sie wüßten nichts von einem gar so guten Wein in des Wirtes Keller.
[GEJ.10_231,07] Der Wirt aber sagte: „Davon
wollen wir morgen reden, – die Gäste haben den Wein mitgebracht; gehet aber
hinaus und saget es meinen Knechten, daß sie für den morgigen Tag frische
Fische herbeischaffen sollen!“
[GEJ.10_231,08] Als das Weib und die Töchter
das vernahmen, dankten sie für den Wein, wie auch für das Brot, nur konnte das
Weib nicht recht begreifen, wo wir so viel Brot hergenommen hatten, indem der
ganze große Tisch noch voll Brotes war, und das Weib meinte, ob der Wirt etwa
das Brot von einem Nachbar entliehen habe.
[GEJ.10_231,09] Der Wirt aber sagte: „Das
geht dich gar nichts an, – morgen wirst du es schon erfahren; für heute aber
tue das, was ich dir gesagt habe!“
[GEJ.10_231,10] Darauf verließ uns das Weib
mit ihren beiden Töchtern, und wir hatten Ruhe vor einem weiteren
Weibergefrage.
[GEJ.10_231,11] Als der Wirt durch den Wein
so recht gemütlich geworden war, da fragte er Mich, woher Ich mit Meinen
Gefährten gekommen sei, und wohin Ich etwa weiterreisen werde.
[GEJ.10_231,12] Und Ich sagte zu ihm: „Auch
davon sollst du morgen mehreres erfahren; soviel aber magst du wissen, daß Ich
von oben her gekommen bin und nun nach dem Jordantale bis in die Nähe von
Jerusalem hinaufziehen werde.“
[GEJ.10_231,13] Der Wirt war mit diesem
Bescheid zufrieden und fragte Mich, ob Ich Mich mit Meinen Gefährten bald zur
Ruhe begeben werde.
[GEJ.10_231,14] Sagte Ich: „Deine Stühle um
den Tisch herum sind äußerst bequem, und wir bleiben sonach alle bei diesem
Tische sitzen und werden so auch unsere Nachtruhe nehmen!“
[GEJ.10_231,15] Sagte der Wirt: „Wie ihr es
wünschet, sollt ihr es auch haben! Ich besitze aber auch ganz gute Ruhebetten;
ziehet ihr aber diese Stühle vor, so ist mir auch das recht.“
[GEJ.10_231,16] Sagte Ich zu ihm: „Ich weiß
wohl, daß du auch Ruhebetten besitzest, und das in rechter Menge; aber du wirst
diese Ruhebetten heute noch brauchen, – denn in einer Stunde wird eine kleine
Karawane über Jericho herüberkommen und wird ebenfalls Herberge bei dir nehmen.
Du magst dich daher vorsehen; denn Ich sage dir keine Unwahrheit.“
[GEJ.10_231,17] Als der Wirt solches von Mir
vernommen hatte, da begab er sich schnell in die Küche und hinterbrachte das
seinem Weibe, und das Weib geriet darüber in eine ordentliche Verzweiflung
wegen des Brotmangels.
[GEJ.10_231,18] Der Wirt aber kam bald zurück
und sagte Mir, daß sein Weib in eine große Verlegenheit gekommen sei, da sie
nur noch zwei Laibe Brotes im Vorrate habe.
[GEJ.10_231,19] Ich aber sagte zum Wirte: „So
gehe denn hinaus in deine Brotkammer und sieh nach, ob du nicht mehr als zwei
Laibe Brotes im Vorrat hast!“
[GEJ.10_231,20] Da ging der Wirt schleunigst
hinaus, denn er ahnte, daß Ich etwa seine zwei Laibe ebenso vermehrt habe wie
das Brot auf dem Tische. Und als er in die Brotkammer kam, fand er dieselbe
voll angefüllt mit dem besten Brote.
[GEJ.10_231,21] Solches zeigte er sogleich
seinem Weibe an, das vor lauter Erstaunen die Hände über dem Kopfe
zusammenschlug und den Wirt fragte, was Ich denn für ein Mensch wäre, daß Ich
aus nichts so viele Laibe Brotes in einem Augenblick herschaffen könne, und ob
es wohl geheuer sein werde, solch ein hergezaubertes Brot zu essen.
[GEJ.10_231,22] Sagte der Wirt: „Hast du doch
schon zuvor im Zimmer vom gleichen Brote gegessen samt den zwei Töchtern, und
es hat euch das Brot nicht geschadet, sowenig wie mir und den sonderbaren
Gästen, die alle das wundersame Brot aßen und noch essen; daher sei du ganz
unbesorgt! Gehet aber in das anstoßende zweite große Gastzimmer und richtet
daselbst alles in die Ordnung für die bald ankommenden Gäste; zündet Lichter
an, auf daß die Ankommenden sogleich in ein wohlerleuchtetes Gastzimmer treten
können! Wenn sie sich werden an die Tische gesetzt haben, dann bedienet sie
ordentlich; denn ich werde mich nicht mit den Neuankommenden viel abgeben
können, da ich bei den ersten Gästen verbleibe und sie nötigenfalls auch
bediene!“
232. Kapitel
[GEJ.10_232,01] Hierauf kam der Wirt wieder
zu uns, fiel vor Mir auf die Knie nieder und sagte: „O du edler Menschenfreund,
du weilst noch kaum eine Stunde hier und hast mich schon zu deinem Schuldner
gemacht! Du mußt ein großer Prophet unter den Juden sein, die dich aber sicher
nicht erkennen; denn nach meiner Beurteilung sind die Juden, besonders in ihren
Städten, das schlechteste Volk, und soviel ich weiß, so verfolgen besonders
ihre über alle Maßen stolzen Priester alle die großen Männer, die unter ihnen
aufgestanden sind, und halten einen jeden gemeinen Juden, der sich mit einem
Römer oder Griechen abgibt, für einen Sünder, – aber der Griechen und Römer
Gold verachten sie nicht, was mir nur zu wohl bekannt ist!“
[GEJ.10_232,02] Sagte Ich: „Darum habe Ich
dir gesagt, als du Mich fragtest, von wo Ich hergekommen sei: von oben. Du
verstehst zwar dieses noch nicht, wirst es aber schon noch verstehen; aber
dieses verbrämte Priestergeschlecht in den meisten Städten und Märkten dieses
einst so gelobten Landes ist eine Schlangenbrut und ein Natterngezücht und ist
nicht von oben her, sondern Ich sage es dir: von unten! Verstehst du, was das
heißt: von unten!?“
[GEJ.10_232,03] Sagte der Wirt: „Liebster
Freund und vielleicht der allermerkwürdigste Mann, der mit seinen Füßen je den
schmutzigen Boden dieser Erde betreten hat, mir geht jetzt so ein kleines
Lichtlein auf: du bist einer der größten Propheten aus deinem Volke! Aber als
Freund rate ich dir, ja nicht nach Jerusalem hinaufzugehen; denn du wirst es
wohl selbst am besten wissen: ein schlechteres Menschenpack gibt es auf der
ganzen Erdoberfläche nicht, als eben diese Jerusalemer sind samt ihren
Priestern und ihrem Pachtkönige Herodes, von dem wir Griechen nicht begreifen
können, wie die sonst so weisen Römer an solch einen Menschen haben ein Reich,
wie dieses Judäa ist, verpachten können.
[GEJ.10_232,04] Siehe, ich bin ein Makedonier
und habe Gelegenheit gehabt, mich in der großen Bücherkammer von Alexandria
umzusehen! Ich wählte darauf den Militärstand und kam in den verschiedenen
kleinen und größeren Feldzügen sogar bis nach Indien, darauf nach Afrika bis an
die Herkulessäulen, und in Europa kam ich so weit, daß ich vor lauter Eis
beinahe erstarrt wäre, und Britannien habe ich ebenfalls betreten, und zwar von
Gallien aus, – aber, lieber Freund, ich versichere dir, daß ich nirgends so ein
Hundevolk angetroffen habe wie in Jerusalem.
[GEJ.10_232,05] Siehe, von hier aus kann ein
mäßiger Fußgänger in drei Stunden bis ans Ufer des Toten Meeres gelangen! Von
diesem Meere sagt man, daß es einst durch die Macht des großen Gottes der Juden
mittels eines Feuerregens aus den Himmeln und infolge eines ungeheuer großen
Erdbebens zehn Städte verschlungen habe samt Menschen und Tieren; aber ich
möchte alles darauf wetten, daß jene unglücklichen, im Toten Meere begrabenen
Menschen doch unmöglich schlechter haben sein können als das über alle Maßen
stolze und hochtrabende Volk von Jerusalem.
[GEJ.10_232,06] Laß du die Götter
heruntersteigen vom Olymp oder den großen Gott der Juden aus seinen Himmeln,
und ich stehe dir dafür, daß die Jerusalemer ihn anpissen und am Ende gar
steinigen werden!
[GEJ.10_232,07] Ich bin ein grauer Kriegsmann,
aber ich bin allzeit ein Freund von großen und außerordentlichen Männern
gewesen, obschon ich eigentlich nie ein besonderer Götterverehrer war; aber
jeder große Mann war für mich gewisserart ein Gott.
[GEJ.10_232,08] Aber mit wem soll ich diese
Jerusalemer vergleichen? Als Soldaten sind sie die schlechtesten, – als
Menschen sind sie aber noch um tausendmal schlechter! Daher wirst du mir auch
gehörig vergeben können, daß ich mich gleich nach deiner Ankunft hier über die
Juden sicher nicht am besten habe äußern können. Denn ich kannte dich vorher
nicht näher, hielt dich auch so halbwegs für einen Jerusalemer; allein du hast
mir durch deine Worte und deine Taten bewiesen, daß du ein ganz anderer bist.
[GEJ.10_232,09] Siehe, dieser Ort besteht aus
ungefähr siebzig Insassen, lauter Griechen! Ein einziger Jude hat einmal auch
einen Anteil besessen, dem wir aber seinen Anteil um einen ziemlich hohen Preis
darum abgekauft haben, damit wir in unserem kleinen Orte völlig judenfrei
wurden, und wir leben jetzt in größter Eintracht untereinander; solange aber
der Jude unter uns war, verstand er alles durcheinanderzubringen.
[GEJ.10_232,10] Wir treiben Schaf-, Rinder-
und Schweinezucht. Die letztere gedeiht hier besonders gut in der Nähe des
Jordans und gewährt uns einen ganz bedeutenden Ertrag. Um die Schweine aber vor
den Raubtieren zu schützen, benötigen wir auch eine bedeutende Anzahl von
sogenannten Schweinehunden. Ich selbst besitze deren vierzehn an der Zahl, –
aber ich versichere dir, mein edelster, wunderbarer Freund: der schlechteste
meiner Schweinehunde ist um vieles besser als die Jerusalemer! Ich will gerade
nicht alle Jerusalemer damit meinen – denn es mag ja auch irgendeinen bessern
und edlern darunter geben –, aber mir ward das Glück nicht zuteil, je mit einem
solchen zusammenzukommen, und somit warne ich dich als ein welterfahrener
Mensch vor Jerusalem und seinen Bewohnern.“
[GEJ.10_232,11] Sagte Ich: „Morgen wollen wir
mehreres darüber sprechen, und Ich sage dir, daß du nicht unrecht hast; aber jetzt
wird die von Mir angesagte Karawane sogleich ankommen, und du siehe, daß du sie
beherbergen wirst!“
233. Kapitel
[GEJ.10_233,01] Der Wirt ging vors Haus, um
zu sehen, ob die Karawane ankomme, und richtig brauchte er nicht lange zu
warten, so kam auch die Karawane, auf Kamelen und Eseln reitend, an, und es
waren auch des Wirtes Knechte bei der Hand, um die Kamele und Esel zu versorgen
samt dem Packwerk, mit dem sie beladen waren.
[GEJ.10_233,02] Die Menschen aber traten ins
Haus, und der Wirt führte sie sogleich ins zweite Zimmer und sagte zu ihnen:
„Hier sind schon die Diener; was ihr wünschet, mit dem werdet ihr auch bedient
werden!“
[GEJ.10_233,03] Dann begab sich der Wirt
sogleich wieder zu uns heraus und sagte zu Mir: „O du mein wundersamer, liebster
Freund! Mit diesen jetzt angekommenen Gästen werde ich mich nicht soviel
abgeben; denn ich habe sie gleich erkannt, da sie Kaufleute aus Jerusalem sind,
in deren Gesellschaft sich auch drei Leviten befinden, die auch Handel treiben.
[GEJ.10_233,04] Sagte Ich: „Ich hätte dir das
schon im voraus sagen können; aber es wäre dir das nicht angenehm gewesen. Da
du aber jetzt weißt, mit wem du es zu tun hast, so wirst du auch wissen, wie du
mit diesen Menschen umzugehen hast, um mit ihnen möglichst gut auszukommen.“
[GEJ.10_233,05] Sagte der Wirt: „Die können
auch meine noch vorrätigen Fische verzehren, die gerade nicht schlecht sind,
weil sie gleich nach dem Fange gebraten und gut gesalzen worden sind; dann
haben sie Brot und Wein, und damit werden sie sich schon begnügen müssen. Ich
besitze wohl auch geräuchertes Schaf- und Ziegenfleisch; wenn sie es haben
wollen, kann auch davon für sie etwas zubereitet werden, obschon die Juden das
geräucherte Fleisch nicht genießen, besonders wenn sie unter sich sind, – wenn sie
aber zu uns Heiden kommen und so recht hungrig sind, da essen sie alles, gleich
was wir ihnen vorsetzen mögen.“
[GEJ.10_233,06] Sagte Ich: „Das werden sie
auch jetzt tun, und du hast wohl daran getan, daß du sie in ein anderes Zimmer
gesteckt hast!“
[GEJ.10_233,07] Der Wirt ging nun in die
Küche und sagte es seinem Weibe, was sie den neu angekommenen Gästen zu geben
habe.
[GEJ.10_233,08] Das Weib aber hatte schon
ihre Fische auf einem Rost über die Kohlen gelegt und war mit der Herrichtung
beschäftigt.
[GEJ.10_233,09] Es kam aber einer dieser
Gäste in unser Zimmer, um mit dem Wirte zu reden, ob er keinen besseren Wein
habe.
[GEJ.10_233,10] Sagte der Wirt: „Hier in der
Nähe des Toten Meeres wächst kein besserer, und so müßt ihr euch schon mit dem
begnügen.“
[GEJ.10_233,11] Der Gast aber bemerkte, daß
Jericho auch in der Nähe des Toten Meeres liege, und doch hätten sie dort einen
vortrefflichen Wein zu trinken bekommen.
[GEJ.10_233,12] Sagte der Wirt: „Dieser Ort
hier ist kein Jericho, und wir haben auch nicht das Vermögen dazu, unsere
Keller mit dem vortrefflichen Cypernweine zu versehen! Daher müssen wir uns
schon mit dem begnügen, was unser kleines Landstückchen uns als Ernte
bescheidet (beschert)!“
[GEJ.10_233,13] Als der Gast einsah, daß er
mit dem Wirte nichts ausrichten konnte, da begab er sich wieder zu seinen
Gefährten in sein Gastzimmer.
[GEJ.10_233,14] Nachdem dieser sich wieder
bei seinen Gefährten befand, da sagte der Wirt zu Mir: „Ich habe schon besseren
Wein, und es tut mir nun leid, daß ich ihn dir und deinen Gefährten aus
demselben Grunde vorenthalten habe, aus dem ich ihn nun diesen zweiten
angekommenen Gästen vorenthalte. Aber dies versteht sich leicht von selbst, –
denn ich hielt auch euch für Juden; daß ich aber mit den Juden durchaus kein
Freund sein kann, davon habe ich euch den Grund dargetan. Aber ich habe von
eurer Seite nur zu bald erkannt, daß ihr wohl dem Äußern nach dem
Judengeschlechte angehöret; aber euer Inneres scheint weit erhaben zu sein über
das gegenwärtige Judentum.
[GEJ.10_233,15] Ah, die alten Juden noch
unter der Zeit ihrer Richter waren ganz andere Menschen, als diese nun sind!
Ich bin auch ein wenig bewandert im Altertume der Juden; aber die gegenwärtigen
Juden sind schlechter als schlecht! Sie geizen nur nach irdischen Schätzen und
irdischem Ansehen und lassen dabei ihren Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs samt
den alten Propheten – wie man zu sagen pflegt – ganz gute Wesen sein; aber ich
bin der Meinung, daß auch nicht einer von den besonders hohen Jerusalemern mehr
an einen Gott oder an einen Propheten glaubt. Ich gehöre zwar auch nicht zu
jenen Menschen, die irgend zu besonders an eine oder die andere Gottheit
glauben, aber ich habe immer vor der Wahrheit jener Weisen Ägyptens und
Griechenlands die gerechte Hochachtung, weil ich durch solche Wahrheit erst zu
einem Menschen geworden bin.
[GEJ.10_233,16] Ich habe mich zwar auch schon
dann und wann mit euren Propheten abgegeben, aber sie dann wieder auf die Seite
gelegt, weil sie mir zu unverständlich waren; denn der althebräischen Sprache,
und noch weniger ihrer Schrift, bin ich weniger mächtig als der griechischen
Sprache, in der ich geboren bin. In diese meine Muttersprache aber sind diese
hebräischen Werke noch nicht übersetzt, sondern nur bruchstückweise in die
römische, und somit ist es begreiflich, daß ich in der altjüdischen Weisheit
überaus schwach bewandert bin.
[GEJ.10_233,17] Nur eines ist mir – soviel
ich verstanden habe – aufgefallen, und das besteht darin, daß die Juden auf
irgendeinen neuen König hoffen, der mit großer Macht und Kraft kommen und für
die Juden ein großes, mächtiges und unbesiegbares Reich gründen wird. Aber ich
bin der Meinung, daß dieser von den Juden erhoffte König noch sehr lange wird
auf sich warten lassen, und sie werden sich die römische Oberherrschaft auch
noch so hübsch lange hin gefallen lassen müssen.
[GEJ.10_233,18] Es wäre auch ewig schade, so
sich irgend aus dem tiefen Asien heraus ein weiser und mächtiger Held erheben
möchte, um das Judengesindel von der römischen Oberherrschaft zu befreien. Ich
weiß zwar nicht, ob ich recht habe oder nicht, – aber meine Vernunft, die ich
den griechischen Weisen zu verdanken habe, wie auch mein so ziemlich
aufgehellter Verstand sagen es mir, daß ich über dieses Volk ein rechtes Urteil
fälle!
[GEJ.10_233,19] du, lieber Freund, bist
offenbar weiser als ich und wirst mir hoffentlich nicht völlig unrecht geben;
denn wie ich schon ehedem bemerkt habe, so ist dieses Volk ganz dazu geeignet,
jedes dasselbe beherrschende Oberhaupt am Ende vom Throne zu stürzen und es zu
steinigen! Und ich habe dich daher auch aufmerksam gemacht, ja nicht nach
Jerusalem zu gehen und dich mit deiner wunderbaren Weise erkenntlich zu machen;
denn dieses Volk zu Jerusalem kann niemanden brauchen, der irgend ersichtlich
weiser wäre als dieses hochmütige Volk selbst.
234. Kapitel
[GEJ.10_234,01] Sagte Ich zum Wirte: „Du hast
wohl ganz recht in deinem Urteil, aber du mußt auch bedenken, daß du im andern
Gastzimmer Jerusalemer zu Gästen hast, und ob dich nicht einer geheim behorcht
und dir dann allerlei Anstände und Verdrießlichkeiten macht!“
[GEJ.10_234,02] Sagte der Wirt: „Dessen sei
du, lieber, wundersamer Freund, völlig unbesorgt, denn die meisten Jerusalemer von
Stand und Ansehen kennen mich schon und wissen recht gut, daß ein römischer
Krieger vor ihnen keine Furcht hat! Ich habe ihnen schon ganz andere Wahrheiten
ins Gesicht geschleudert, und sie mußten sie einstecken, da sie wohl wußten,
mit wem sie es in mir zu tun hatten. Und somit werde ich vor diesen etlichen
zwanzig Juden auch keine Furcht an den Tag legen, denn ich besitze noch mein
Schwert, mit welchem ich mich getraue, hundert von diesen Jerusalemischen
Feiglingen jählings in die Flucht zu schlagen!“
[GEJ.10_234,03] Sagte Ich: „Ich kenne wohl
die Biederkeit, Gerechtigkeit und den Mut der Römer, wie auch die beinahe schon
bis an das Unbegrenzte reichende Falschheit der Juden, namentlich der Templer
zu Jerusalem, – aber dennoch bleiben die letzteren das erwählte Volk des allein
wahren Gottes, an den ihr Römer auch glaubet, da ihr diesem allein wahren Gott
einen Tempel erbaut habt und habt ihm den Namen gegeben: der Tempel des
unbekannten Gottes. Dennoch aber bleibt, wie gesagt, das jüdische Volk das von diesem
allein wahren Gott schon von Uranbeginn der Menschheit dieser Erde erwählte
Volk Gottes.
[GEJ.10_234,04] Aber das sage Ich dir auch,
daß dieser Titel diesem Volke bald genommen werden wird und wird gegeben werden
euch Heiden. Dieses jetzt so groß und hochmütig tuende Volk wird in alle Welt
zerstreut werden, und es wird kein Land und keinen König aus seinem Stamme
besitzen bis ans Ende der Zeiten.
[GEJ.10_234,05] Ich weiß, daß Mich dieses
Volk über alles haßt und verfolgt, und dennoch werde Ich nach Jerusalem
hinaufziehen müssen und werde Mich ihrem großen Haß und Zorn gegen Mich nimmer
entziehen können und wollen, und das Opfer, das durch Mich dargebracht wird,
wird für alle Menschen der Erde das Tor in das Reich Gottes auftun.
[GEJ.10_234,06] Bis jetzt herrschte noch
immer der alte Tod und die Sünde, durch die der Tod in die Welt gekommen ist,
durch das Gesetz, das zu allen Zeiten dem Menschen gegeben wurde; nach Meinem
Opfer aber wird herrschen das Leben durch die Lehre Dessen, der geopfert wird,
durch die vollste Freiheit des Glaubens.
[GEJ.10_234,07] Jedermann, der da die
Wahrheit suchen wird, wird da dieselbe leicht und sicher finden und wird
dadurch in sich haben das freieste, ewige Leben.
[GEJ.10_234,08] Ich bin einer der Ersten, der
diese Lehre in die Welt gebracht hat. Ich kam zu den Meinigen, aber diese haben
Mich nicht erkannt und haben Mich nicht aufgenommen, sondern sie verfolgen Mich
noch allenthalben auf allen Wegen und Stegen, – daher werde Ich aber auch Mein
Angesicht von ihnen abwenden und euch Heiden zuwenden.
[GEJ.10_234,09] Du bist ein Heide, und Ich
bin ein Jude, – dennoch bin Ich bei dir eingekehrt mit Meiner ganzen
Jüngerschar, und wie du weißt, habe Ich dir nur Gutes getan, und was Ich dir
getan habe, das habe Ich schon vielen deines Stammes getan und werde es fortan
tun bis ans Ende der Zeiten!“
[GEJ.10_234,10] Sagte darauf der Wirt: „Aus
diesen deinen Worten, wundersamer Meister, weht ein sonderbarer Geist, und es
kommt mir so vor, daß du bei weitem mehr bist als irgendein Prophet des
jüdischen Volkes, von denen ich auch schon viel Großes gelesen habe! Auch diese
Propheten wirkten mehr oder weniger Wunderzeichen; doch von der Art, wie du sie
gewirkt hast, habe ich nie etwas gehört. Auch fehlte ihnen dein Wort, denn so
wie du redest, sprach auch nicht einer von ihnen. Die zwei größten der
altjüdischen Propheten waren offenbar Moses und Elias. Sie brachten eine große
Lehre aus dem Geiste Gottes in ihnen unter die Menschen in diese Welt und
wirkten auch Zeichen, die groß waren; allein gegen dich erscheinen sie doch nur
als ganz kleine Menschen, die ihren Nebenmenschen das gegeben haben, was sie
selbst empfangen haben.
[GEJ.10_234,11] Bei dir scheint es aber ganz
anders zu sein; denn du sprichst wie aus dir selbst und handelst wie aus ganz
eigener, in dir wohnender Kraft und Macht. Die andern Propheten mußten bitten
ums Wort und um die Machtgabe zur Tat, – du brauchst nicht zu bitten, sondern
handelst wie ein Herr, der niemanden zu bitten braucht, daß ihm ein höheres
Gottwesen das Wort einhauche und ihn stärke zur Tat.
[GEJ.10_234,12] Siehe, du wundersamer
Meister, ich als ein viel erfahrener, alter römischer Krieger habe diese
Bemerkung (Beobachtung) an dir gemacht, und ich glaube, daß ich mich in meinem
Urteil über dich nicht im geringsten getäuscht habe; ich möchte darum von dir
selbst aus deinem Munde vernehmen, was du über dich selbst aussagst!“
[GEJ.10_234,13] Sagte Ich: „Mein lieber
Freund, dazu ist der morgige Tag bestimmt; du wirst Mich dann näher
kennenlernen, sowie auch deine Nachbarn! Ich will aber heute in dieser Hinsicht
nichts reden wegen der Pharisäer und andern Juden, die in dem Nebengastzimmer
gegenwärtig sich noch mit Brot, Wein und andern Speisen ihre Bäuche voll
anstopfen, die so ganz eigentlich ihre Götter sind; denn keiner von ihnen
glaubt mehr an den allein wahren Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, und weil sie
an Den nicht glauben, so glauben sie auch Moses und den Propheten nicht, und an
Mich nun um so weniger! Daher tun wir nun am besten, daß wir noch Wein nehmen,
Brot und etwas Fleisch, jeder nach seinem Bedürfnis, und so wir schon
dazwischen etwas reden, so reden wir mehr über so manche anderen Dinge und
lassen das, was Mich betrifft, für heute beiseite!“
[GEJ.10_234,14] Mit dem war der Wirt
einverstanden und füllte unsere Becher mit Wein, und wir nahmen darauf wieder
etwas Brot und etwas Fleisch und tranken dazu den Wein.
235. Kapitel
[GEJ.10_235,01] Während solcher unserer
leibstärkenden Beschäftigung fragte Mich dennoch wieder der Wirt, ob Ich ihm
nichts Näheres über die sonderbare Natur des Toten Meeres sagen könnte, und ob
es wohl wahr sei, daß an seiner Stelle in der alten Zeit mehrere Städte
bestanden hätten, die dann durch eine sonderbare Fügung in die Tiefe der Erde
eingesunken seien und an deren Stelle sich dann dieses Tote Meer gebildet habe.
[GEJ.10_235,02] Sagte Ich: „Du hast ein
richtiges Thema gewählt, und es hat dieser bedeutend große See seit jener Zeit
den Namen ,Totes Meer‘ erhalten, weil in seinem Grunde zwei große Städte, Sodom
und Gomorra, und noch sieben andere, kleinere Städte samt allen ihren Bewohnern
und Tieren begraben liegen.
[GEJ.10_235,03] Zu jener Zeit hatte der
Jordan eine ganz andere Richtung und ergoß sich in das wirkliche Meer, und zwar
in den Arabischen Meerbusen, der auch das ,Rote Meer‘ genannt wird. Aber in der
Zeit Abrahams und Lots geschah diese Katastrophe durch den Willen des einen,
allein wahren und allmächtigen Gottes, und das Stromgebiet des Jordans selbst
hat eine tiefere Einsenkung bekommen, als sie zuvor war; und so ergießt sich
der Strom Jordan nicht mehr in den Arabischen Meerbusen, sondern in das Tote
Meer.
[GEJ.10_235,04] Wenn du oder jemand anders
mit einem gehörigen (geeigneten) Schiff die Ufer dieses Meeres befahren würdest
zu einer Zeit, in welcher der See keine Dämpfe von sich gibt, so würdest du
noch etwelche Überreste der kleineren Städte unter dem Spiegel des Wassers
erblicken; aber wie gesagt, die Ufer dieses Sees dürfen nur dann befahren
werden, wenn sich auf der Oberfläche des Wassers kein Dunst zeigt.“
[GEJ.10_235,05] Sagte der Wirt: „Also ist
doch wahr, was der Prophet Moses über die Entstehung dieses Meeres in seinen
Büchern spricht! Es haben mir wohl schon mehrere Reisende, die dieses Meer auf
verschiedenen Punkten bereist haben, erzählt, daß sie von den hohen und steilen
Ufern, welche diesen See umgeben, ein gewisses Mauerwerk wollen gesehen haben;
ich selbst aber habe bis jetzt noch nie mit den Umgebungen des Toten Meeres
irgend etwas zu tun gehabt. Was sollte man da auch zu tun bekommen? Denn so weit
das Auge reicht, erblickt man nichts als hohe Felsenklippen, die gegen den See
hin sehr steil abfallen und so tot – das heißt, ohne irgendeine Bewachsung –
sind wie der See selbst, in welchem man nicht einmal beim Einfalle des Jordans
einen Fisch mehr zu entdecken imstande ist.
[GEJ.10_235,06] Es sollen nur sehr wenige
Stellen sein, wo man mit vieler Mühe hinab bis zum Wasserspiegel gelangen kann,
der gleichfort einen starken Schwefelgeruch von sich lassen soll, und somit
habe ich denn auch nie eine besondere Lust gehabt, die Natur dieses toten
Meeres näher zu besichtigen. Jäger bin ich keiner, und sonst wüßte ich nicht,
warum ich als ein alter Mann mich der Gefahr aussetzen sollte, die steilen
Klippenufer dieses Sees zu besteigen, die mitunter eine ziemliche Höhe haben;
die Flachufer aber, an denen man sich dem See leichter nähern kann, liegen ein
paar Tagereisen weit von hier und gehören schon zum steinigen Arabien. Und
somit glaube ich lieber deiner Aussage in der Ruhe, denn ich bin kein Freund
des Todes, und somit auch nicht des Toten Meeres. Ich hatte Gelegenheit, das
wirkliche, große Meer zu befahren und zu genießen, das mir Anstände genug
gemacht hat, und somit wird dieses Tote Meer von mir schon verschont bleiben!
[GEJ.10_235,07] Was war aber eigentlich die
Ursache, aus der der allein wahre, große Gott diese Städte hat in die Tiefe der
Erde versinken lassen?“
[GEJ.10_235,08] Sagte Ich: „Nichts anderes
als der Ungehorsam gegen den allein wahren, großen Gott, der dieses Volk zu
öfteren Malen sehr ernstlich gemahnt hatte, von seiner großen Sündhaftigkeit
abzulassen und seine sündige Wohnstätte zu verlassen, weil das Ganze auf einem
tief in der Erde lagernden Schwefellager gelegen war und die Gottheit wohl
wußte, wann es sich entzünden wird.
[GEJ.10_235,09] Allein das Volk blieb in
seiner großen Sündhaftigkeit, bei Hurerei und Schwelgerei aller Gattung, und
achtete der göttlichen Mahnung nicht, bis auf den Lot und seine kleine Familie.
Und siehe, es kam in dem ganzen, weiten Umkreis des Toten Meeres zu den gewaltigsten
Feuerausbrüchen, so wie du sie schon in der Gegend Italiens und Siziliens
gesehen hast, und das ganze Firmament war voll Feuers, so daß dasselbe über
alle die Städte in einem dichtesten Regen herabzustürzen anfing, bestehend in
brennenden Schwefel- und Erdpechklumpen.
[GEJ.10_235,10] Diese Feuerszene dauerte über
vierzehn Tage lang. Dadurch wurde unter der leichten Erddecke dieses
Landstückes ein hohler Raum gebildet, und das Land stürzte mit allem, was es
trug, in die feurige Tiefe hinab, die erst nach und nach mit dem Wasser des
Jordans und einiger kleiner Bäche ausgefüllt wurde. Wäre das nicht geschehen,
so wäre auch das ganze Jordantal in den inneren Brand geraten und eingesunken;
denn auch dieses ganze Tal ruht auf Schwefel und Erdpech. Und somit habe Ich
dir jetzt in der Kürze alles natürlich enthüllt, was du im Moses in weiterer
Umfassung gelesen hast!“
236. Kapitel
[GEJ.10_236,01] (Der Herr:) „So du dich nach
dem Jordantale aufwärts begeben würdest und gingest sogar über das Gebirge von
Kleinasien, da würdest du an einen sehr großen See kommen, den ihr Römer MARE
CASPIUM nennt. Dieser überaus große See ist zu den Zeiten Noahs oder, wenn du
es leichter begreifen kannst, zu den Zeiten Deukalions auf eine gleiche Art
entstanden wie das Tote Meer, nur mit dem Unterschied, daß im Toten Meere
eigentlich nur neun Städte begraben liegen, im MARE CASPIUM aber bei
fünfhundert samt der damaligen überaus großen Stadt Hanoch.
[GEJ.10_236,02] Siehe, Mein lieber Freund, du
wirst zwar sagen: ,Warum hat denn dieses Gott zugelassen, daß vertilgt ward
beinahe das ganze Volk der Erde?‘!
[GEJ.10_236,03] Ich sage dir aber dagegen:
Gott hat die Menschen, besonders damals die Hanochiten, bei fünfhundert Jahre lang
durch geweckte Propheten und sogar durch Engel aus den Himmeln belehren und
ermahnen lassen, daß sie dies und jenes nicht tun und namentlich die Berge der
Erde in Ruhe lassen sollten; allein ihr starrer Sinn und ihr übergroßer Hochmut
hat der Ermahnungen nicht geachtet.
[GEJ.10_236,04] Die Hanochiten hatten eine
Art Sprengkörner erfunden, machten in die Berge tiefe Löcher, füllten diese mit
den Sprengkörnern und zündeten sie mittels fortlaufender Brandfäden an. Die
Sprengkörner explodierten und zerrissen die Berge. Die Hanochiten wußten aber
nicht, daß unter den Bergen sich oft überaus große und tiefe Wasserbehälter
befinden. Die zerstörten Berge, da sie keinen Halt hatten, stürzten dann bald
in diese großen und tiefen Bassins hinab und trieben dafür große Massen Wasser
auf die Oberfläche der Erde. Andernteils wurden bei dieser Feuertätigkeit auch
die in den Bergen vorhandenen Schwefel-, Kohlen- und Pechlager brennend,
machten dann auch in der Ebene großartige Feuerausbrüche, wodurch dann das
Erdreich samt allem, was auf ihm stand, versank und an seiner Stelle dann ein
Meer entstand.
[GEJ.10_236,05] Es ist leicht begreiflich,
daß bei dieser Gelegenheit eine übergroße Masse Wasser aus dem Innern der Erde
hervortreten mußte, und mit dem Wasser auch eine große Dunst- und Wolkenmasse,
die sich in eine gewisse Höhe erhob und als wolkenbruchartiger Regen, über
zwölf Monate lang andauernd, herabstürzte, was im höchsten Grade notwendig war,
weil sonst im Verlauf von mehreren Jahren die ganze Oberfläche der Erde in
Brand geraten wäre; denn bei zweitausend Klaftern Tiefe, und manchmal viel
weniger, gibt es Brennmaterialien zur Übergenüge, so Schwefel, Erdpech und
Erdkohle, wie auch hie und da ganz überaus große Naphthabassins.
[GEJ.10_236,06] Daher wirst du, mein lieber
Freund, auch einsehen, daß in jener Zeit eine der allergrößten Überschwemmungen
der Erde, das heißt des größten Teils von Asien, im höchsten Grade notwendig
war; denn sonst würde nun der größte Teil der Erde eine Wüste sein, wie auch
das nun der Fall ist von dem Mare Caspium aus bis nahe ans östliche Ende von
Asien durch eine Strecke von zweitausend Stunden in der Länge und bei
fünfhundert Stunden im Durchschnitt in der Breite.
[GEJ.10_236,07] Gott der Herr aber sorgte
dafür, daß die Erde nicht zerstört werden solle, damit die Menschen nicht um
ihr Schulhaus kommen, in welchem sie für das ewige Leben durchgeschult werden,
– denn wer nicht die Schule des Lebens im Fleische auf dieser Erde durchgemacht
hat, der kann nicht zur Kindschaft Gottes gelangen, sondern bleibt ewig auf der
geschöpflichen Stufe der Tiere.
[GEJ.10_236,08] Daher ist, wie selbst
begreiflich, die Erhaltung dieser Erde als des Schulhauses zur Erwerbung der
Kindschaft Gottes allerhöchst notwendig. Dies wirst du zwar jetzt noch nicht
ganz verstehen, jedoch wir werden morgen wieder auf dieses Thema kommen, und
dann wirst du es verstehen!“
[GEJ.10_236,09] Sagte der Wirt: „Mein lieber,
freundlichster, wundersamer Meister! Es geht in mir jetzt etwas vor wie in
einem, der frühmorgens ausgeht und dem die ersten Strahlen der Morgendämmerung
den Weg zu erleuchten anfangen. Wir haben unter den Römern ein uraltes
Sprichwort, welches also lautet: ,Es besteht und bestand auf der ganzen Erde
kein großer und weiser Mann ohne einen göttlichen Anhauch!‘; du aber scheinst
sogar von der Gottheit der Allerangehauchteste zu sein, was soviel sagen will
als: In dir wohnt die ganze Fülle der wahren Gottheit körperlich!“
[GEJ.10_236,10] Sagte Ich: „Dieses hat dir
dein Fleisch nicht gegeben, sondern dein Geist! – Jedoch heute wollen wir auch
über dieses Thema nichts Weiteres reden; denn diese Pharisäer fangen an, einer
um den andern ihre Ohren zu spitzen, weil sie uns reden hören. Daher rede du
wieder von etwas anderem, was gleichgültiger Natur ist!
237. Kapitel
[GEJ.10_237,01] Hier dachte der Wirt eine
Zeitlang nach und sagte endlich: „Mein lieber, wundersamer Freund, der Du
erfüllt bist mit aller Kraft und Macht aus der allein wahren Gottheit! Weil Du
durch Deinen Willen alles schaffen kannst, was Du willst, gib mir doch einen
kleinen Aufschluß, warum es der Gott der Juden, den ihr für den einen und
allein wahren haltet, zugelassen hat, daß Städte wie Babylon und Ninive derart
zerstört wurden, daß man jetzt nicht einmal mehr bestimmen kann, wo sie
gestanden sind!
[GEJ.10_237,02] Warum hat denn da die
Gottheit zugelassen, daß solche Werke des menschlichen Fleißes vernichtet
wurden. Es ist wohl wahr, daß auch diese Menschen als Bewohner dieser Städte
nicht viel weniger werden gesündigt haben als die Sodomiter, – aber was ist
denn eigentlich die Sünde?
[GEJ.10_237,03] Sie ist nichts anderes als
eine Handlungsweise gegen irgend bestehende Gesetze, von denen ein jeder Mensch
in einem Lande entweder gar keine oder nur eine schwache Kenntnis besitzt, und
es ist auch ganz in der Ordnung, daß ein Volk der notwendigen bürgerlichen
Ordnung wegen Gesetze haben muß.
[GEJ.10_237,04] Zu den Gesetzen gehört aber
auch die entsprechende Erziehung, – aber in welchen Händen steht oft die
Erziehung! Wer ist der erste Erzieher der Kinder? Es sind das die Eltern, die
zum größten Teil, mit Ausnahme der Sprache und einigen Erfahrungen, ebenso dumm
sind wie ihre neugeborenen Kinder; die Kinder aber wachsen auf ohne alle
Kenntnis, Wissenschaft und Erfahrung.
[GEJ.10_237,05] Im Staate bestehen zwar
Gesetze, von denen aber so aufgewachsene Kinder nichts wissen, und das ist der
Fall in den Städten wie auf dem Lande, und in den Städten oft noch mehr als auf
dem Lande.
[GEJ.10_237,06] Nun aber sind dergleichen
Menschen mit sehr vielen Leidenschaften, wenig Vernunft und wenig Verstand
behaftet; jene Leidenschaften üben daher die größte Kraft über sie aus, und
derlei Menschen frönen dann ihren Leidenschaften und sündigen wider die
bestehenden Gesetze, von denen sie keine Kenntnis haben.
[GEJ.10_237,07] Je länger solch ein Volk
besteht, desto dümmer wird es, und desto mehr wird gesündigt, und die
Machthaber eines solchen Volkes, so wie die Priester, leben dann stets
zufriedener, je dümmer das Volk wird, und niemand kümmert sich um die Erziehung
der Menschheit, auch die allmächtige Gottheit nicht; wenn aber solche
Menschheit sich einmal so recht zu Tode gesündigt hat, so läßt dann die
Gottheit Gerichte von unten und von oben kommen.
[GEJ.10_237,08] Wäre es denn nicht noch
weiser, wenn die Gottheit schon beim Entstehen eines solchen Volkes die gleiche
mächtige Sorge für eine zweckmäßige Erziehung des Menschen tragen würde,
derzufolge die Menschen wüßten, woran sie sind, und woran sie dann auch zu
bleiben hätten?
[GEJ.10_237,09] So aber sieht man nichts als
das ewige Strafen auf der Erde, und die vom Gottesgeiste begabten Lehrer kommen
erst dann, wenn die Menschen schon so arg geworden, daß sie nicht mehr zu
bessern sind.
[GEJ.10_237,10] Daß derlei Menschen dann
ausarten, auf dem Lande wie in den Städten, ist selbstverständlich und bedarf
keiner weiteren Erläuterung, und der von Gott begeisterte Prophet und Lehrer
kann mit einem so verdummten Volke keine Wunder mehr wirken. Höchst wenige
bessere Menschen werden ihn anhören und seine Lehre annehmen; der allergrößte Teil
der Menschen aber wird ihn ergreifen und töten.
[GEJ.10_237,11] Siehe, Du mein lieber,
wundersamer Freund, da kann ich denken, wie ich will, und ich finde eine solche
Vernachlässigung in der Erziehung der Menschen, die von einer höchst weisen und
mächtigen Gottheit zugelassen wird, nicht völlig in der Ordnung! Ihre Gesetze
mögen immerhin höchst weise sein; was nützt aber das, so die Menschheit im
allgemeinen nie zu ihrer intensiven Kenntnis gelangt?
[GEJ.10_237,12] Warum ist denn im römischen
Staat mehr Ordnung als überall? Weil die römische Regierung dafür sorgt, daß
ihre sehr weisen Gesetze jedem Römer bekanntgemacht werden, und das so lange,
bis er eine Prüfung ablegen muß, in der er bezeugt, daß er die nötige Kenntnis
der Staatsgesetze hat. Denn man bekommt erst dann das römische Bürgerrecht, so
man sich bei den Prüfungen ausweist – in den Städten sowohl als auf dem Lande
–, daß man die nötigen Gesetzeskenntnisse innehat.
[GEJ.10_237,13] Das sollte nach meiner
Ansicht auch bei allen andern Völkern eingeführt sein; aber so läßt man sowohl
von der göttlichen als auch staatlichen Seite zu, daß die Völker oft unter das
Tierreich verwildern, darauf nicht anders als nach ihren Leidenschaften handeln
können und statt besser immer schlechter und noch finsterer werden und dann
Sünden und Verbrechen ohne Zahl und Maß begehen. Und wenn sie in solcher
Lebensweise den höchsten Kulminationspunkt erreicht haben, so kommen dann die
Strafen von oben und von unten, und es werden dann Städte und Völker aus dem
Dasein vertilgt. Mit dieser Erziehungsweise der Menschen bin ich durchaus nicht
einverstanden!
[GEJ.10_237,14] Daher fragte ich, warum es
die Gottheit zugelassen hat, daß Städte, wie Babylon und Ninive, so ganz aus
dem Dasein verschwunden sind. Die Menschen müssen zwar ohnedies sterben, ohne
zu wissen, was ihnen der Tod beschert hat; aber die Wohnorte und der durch die
Menschen kultivierte Erdboden haben doch nichts verschuldet, daß sie samt der
sündigen Menschheit aus dem Dasein haben verschwinden müssen!
[GEJ.10_237,15] Wenn nun wieder ein Volk auf
die Welt kommt, so muß es von vorne wieder anfangen, sich Wohnungen zu erbauen
und den Landboden zu kultivieren, und bei dieser Arbeit hat solch ein Volk auch
wieder keine Ruhe, sondern es wird in einem fort mit allerlei Feinden von oben
und von unten bedroht, auf daß es sich ja in der wahren, reinen Sittlichkeit
und Tugend nie völlig entfalten kann.
[GEJ.10_237,16] Wir Römer hier in diesem
Flecken, zumeist aus lauter alten Kriegern bestehend, haben uns soweit, als es
dem Menschen überhaupt möglich ist, entfaltet und haben auch unseren Kindern
eine solche Erziehung gegeben, daß sie in unserer Weise lange fortleben können,
vielleicht Jahrhunderte hindurch, so uns wer dafür gutsteht, daß dies unser
kleines Landfleckchen nicht von was immer für Feinden bedroht und zerstört
wird, – was die allmächtige Gottheit wohl verhindern könnte, so sie es wollte,
aber sicher nicht verhindern wird!
[GEJ.10_237,17] Und so wirst Du, lieber,
wundersamer Freund, mit Deiner viel tieferen Weisheit, als die meinige ist,
wohl einsehen, daß es auf dieser mageren Erde wohl recht verzweifelt schwer
ist, ein rechter Mensch zu sein. Es wäre dies zwar eben nicht zu schwer, so von
der allmächtigen Seite eines wahren Gottes dafür gesorgt würde, daß alle Menschen
rechte Menschen wären! Aber so läßt die Gottheit zu, daß die Menschen sich
schon lange zuvor bis auf den Grund verderben; dann erst erweckt sie unter
solch einem Volke mehrere weise Lehrer und Propheten, und diese sollen das Volk
zur alten Sittenreinheit und Tugend zurückführen, wie solches auch aus der
Urgeschichte des jüdischen Volkes zu ersehen ist.
[GEJ.10_237,18] Als das israelitische Volk
unter der Herrschaft der Pharaonen schon recht entsittlicht war, da erst
erweckte die Gottheit einen Moses, der es von allen seinen Sünden und Unarten
befreien sollte. Ich aber frage: Warum hat denn die Gottheit nicht früher einen
weisen Moses im israelitischen Volke erweckt, als dasselbe noch besser und
gefügiger war?
[GEJ.10_237,19] Siehe, Du mein lieber, wundersamer
Freund, ich und auch meine Nachbarn haben darüber oft nachgedacht und
miteinander gesprochen; aber keiner von uns konnte auf diese Frage eine
nagelfeste und wahre Antwort geben. Darum habe ich diese Frage mit allen
Bedenken nun Dir vorgetragen und bin der zuversichtlichen Meinung, daß Du mir
darauf eine rechte Belehrung wirst geben können.
238. Kapitel
[GEJ.10_238,01] Sagte Ich: „Mein lieber
Freund, du hast hier eine ganz gute und richtige Frage gestellt; aber eines hast
du dabei vergessen, und das besteht darin, daß Gott auf dieser Erde weder die
Erde selbst, noch alles, was sie enthält, für eine ewige Dauer erschaffen hat
und auch nicht hat erschaffen wollen und können!
[GEJ.10_238,02] Auf dieser Erde ist alles
veränderlich und vergänglich, und sie ist nur der Übergangspunkt aus dem
Urgerichte und Tode zum wahren, ewigen beständigen Leben.
[GEJ.10_238,03] Die Gottheit könnte freilich
mit ihrer Allmacht dahin wirken, daß der Mensch gleich den Pflanzen und den
Tieren in einer gewissen Ordnung bestehen müßte, – allein dann wäre der Mensch
nicht mehr Mensch; denn er hätte von selbst weder eine Vernunft noch einen
Verstand, noch einen freien Willen. Da aber die Gottheit dieses nicht wollte
aus den höchst weisesten Gründen, so gab sie dem Menschen Vernunft, Verstand
und freien Willen, dadurch auch die Fähigkeit der Gottähnlichkeit darin, sich
geistig selbst zu bilden und zu vollenden.
[GEJ.10_238,04] Daß die Menschheit in der
Erziehung vernachlässigt worden ist, für die aber die Gottheit schon
uranfänglich allerbestens gesorgt hat, daran schuldet die Trägheit der
Menschen. Wenn es noch jetzt unter den Menschen gleich dir und deinen Nachbarn
biedere und rechtliche Menschen gibt, – warum sind denn nicht alle so wie ihr?
Weil sie träge sind! Darum hat die Gottheit auch solche großen Städte vertilgen
lassen, weil in ihnen die Trägheit und durch sie die Entsittlichung aller Art
überhandzunehmen angefangen hatte.
[GEJ.10_238,05] Wären die Städte und ihre
Bewohner wie ihr geblieben, so hätte die Gottheit keine Feinde wider sie
gesandt, sondern sie erhalten. Daß sie aber vertilgt worden sind, hatte den
Grund, damit durch ihre Trägheitspest am Ende nicht alles Volk der Erde
verpestet und verdorben würde.
[GEJ.10_238,06] An weisen Lehrern unter
diesen Völkern hat es aber die Gottheit zu keiner Zeit ermangeln lassen, und
durch sie sind auch noch viele in diesen Städten lebende bessere Menschen
gerettet worden; aber die zu trägen mußten am Ende samt ihren Wohnungen
hinweggeräumt werden.
[GEJ.10_238,07] Eine weise Regierung, die auf
eine gute Ordnung durch ihre Gesetze etwas hält, wird den mutwilligen
Übertreter des Gesetzes sicher auch zur Rechenschaft und Züchtigung ziehen, –
soll denn die Gottheit, wenn sie auch noch so gut und langmütig ist, irgendein
zu sehr entartetes Volk nicht auch züchtigen und es mit der gerechten Rute
aufwecken aus der zu großen Trägheit und es hinlenken zur Tätigkeit?
[GEJ.10_238,08] Du wirst dieses wohl
einsehen, daß es notwendig ist; beherzige vor allem des Menschen vollkommen
freien Willen, gegen den die Gottheit nicht hemmend auftreten kann, so wirst du
alles in deiner ziemlich gedehnten Frage verstehen und einsehen! Denn siehe,
auf einer Erde, auf welcher ein Mensch nicht in alle größten Laster versinken
kann durch seinen freien Willen, durch seine Vernunft und durch seinen
Verstand, kann sich der Mensch auch nicht bis zur höchsten und gottähnlichen
Tugend erheben!
[GEJ.10_238,09] Wenn du dieses in dir ein
wenig überdenkst, so wirst du über alle deine Fragepunkte heller werden –, denn
siehe: Tiere, Bäume und Pflanzen zu erschaffen und zu erziehen, ist für die
Gottheit ein leichtes, aber nicht ein so leichtes ist die Erziehung der
Menschen; die kann sie nur belehren, aber ihnen keinen inneren Zwang antun!
Verstehest du dieses?“
[GEJ.10_238,10] Sagte der Wirt: „In der
Hauptsache bin ich jetzt schon im reinen; aber es gibt freilich noch eine
ziemliche Menge kleiner Nebendinge, über die man nicht sogleich ins klare
kommen kann.“
[GEJ.10_238,11] Sagte darauf Ich ganz kurz:
„Mein Freund, wer einmal in der Hauptsache ins klare kommen kann, der wird es
auch in den Nebendingen werden! Morgen werden wir aber davon noch weiter
sprechen, Mein lieber Freund, denn es ist jetzt nicht die Zeit, davon weiter zu
reden, weil die Pharisäer ihre Ohren wieder an die Wand legen und sie in Mir
und in dir ein paar Weise vermuten. So werden wir noch morgen unsere Not mit
ihnen haben; darum sollst du nun über etwas ganz Gleichgültiges deinen Mund
auftun, und wir wollen darüber eine Zwiesprache führen!“
[GEJ.10_238,12] Sagte der Wirt: „Mein lieber,
wundersamer Freund, es ist wahrlich recht schwer, gerade dann, wenn man es
möchte, etwas so recht Gleichgültiges zum Vorschein zu bringen. Wir Römer sind
überhaupt mehr nachdenkender, ernster und forschender Natur, und es kostet uns
wahrlich mehr Mühe, etwas ganz Gleichgültiges ans Tageslicht zu fördern als
etwas Ernstes, mit der wahren Würde eines Römers zu Vereinbarendes. Weil Du es
aber einmal so haben willst, so will ich versuchen, ob ich nicht etwas aus mir
hervorbringe, daran wahrlich nicht viel gelegen ist, ob so oder so.
239. Kapitel
[GEJ.10_239,01] (Der Wirt:) „Warum essen denn
die Juden kein Schweinefleisch, das doch offenbar besser ist als das
Hammelfleisch? Warum hat ihnen solches Moses untersagt? Wir Römer verstehen es,
uns das Fleisch der Schweine wohl zuzubereiten, essen es, und wir werden älter
als die Juden.
[GEJ.10_239,02] Ich meine, mit diesem Verbot
hat sich der gute Moses mit diesem Volke einen Witz gemacht. Er, ein in alle
ägyptischen Geheimnisse eingeweihter Mann, hat es wohl eingesehen, daß seine
Stammesgenossen in Ägypten lauter Schweine geworden sind, und wir Römer machen
uns darüber lustig und sagen: Moses hat eingesehen, daß dieses Volk bis in die
größte Tiefe der Tiefen der Unflätigkeit herabgesunken ist, und damit es nicht
noch unflätiger würde, solle es das Schweinefleisch nicht essen, weil es
ohnehin schon unflätiger war als das unflätigste Schwein selbst. Und ich meine,
daß da Moses ganz recht hatte; denn dieses Volk in Ägypten hatte keinen andern
Sinn als den, in einem fort zu fressen. Es war am Ende schon gar kein Tier mehr
vor seiner Freßgier sicher.
[GEJ.10_239,03] Moses aber hatte doch als
selbst Jude Erbarmen mit diesem Volk und hatte alles angeordnet, um dieses Volk
zur früheren Gesundheit und Nüchternheit zurückzuführen; denn er, als ein in
allen ägyptischen Wissenschaften und Geheimnissen eingeweihter Mann, verstand
sich wohl darauf, was er zu tun hatte, um sein in jeder Hinsicht ganz
herabgekommenes Volk in jeder Beziehung zu retten, machte demnach auch eine
Vorschrift, was es essen und nicht essen dürfe.
[GEJ.10_239,04] In Ägypten war, wie schon
früher bemerkt, kein Tier vor ihrer Freßgier sicher, alle Vögelgattungen der
Luft, alle Tiergattungen auf der Erde und alle Tiergattungen des Meeres waren
nicht sicher, während die alten Israeliten und auch die alten Ägypter nichts zu
sich nahmen als nur das Fleisch der Kühe, Kälber, Ochsen und Stiere, der
Hühner, der Lämmer und Ziegen, einige Gattungen der besten Fische, Brot und
Wein, und sie blieben vollkommen gesund dabei. Würden die alten Ägypter und
auch die alten Hebräer so wie wir Römer es gewußt haben, wie man das
Schweinefleisch herzurichten hat, damit es der leiblichen Gesundheit nicht
schadet – und so auch das Fleisch verschiedener anderer Vögel und auch Tiere,
wie da sind Hirsche, Rehe, Gazellen und Hasen –, so würden sie auch gesund
dabei geblieben sein, so wie wir.
[GEJ.10_239,05] Allein Moses war der
Erziehung nach ein Ägypter und hatte denn auch bei seinem Volke, nachdem er es
aus den Krallen des Pharao gerettet hatte, den Speisezettel eingeführt, der
beim Hofe des Pharao, an dem er gelebt hatte und erzogen wurde, gang und gäbe
war. Er hatte zwar diesem Speisezettel – unter uns gesagt, mein lieber,
wundersamer Freund – einen divinativen (göttlichen) Anstrich gegeben, weil er
selbst mit der Gottheit in einer innigsten Verbindung gestanden habe, und sagte
sogar, daß ein Mensch sich verunreinige auch in seiner Seele, der eine andere
Speise zu sich nähme, als die er vorgeschrieben habe. Das hat er wohl deswegen
getan, um sein Volk desto beharrlicher in der Nüchternheit zu erhalten; er
hatte aber dennoch danach in der arabischen Wüste über vierzig Jahre zu tun,
bis er es dahin durchgeschult hatte, daß es nur bei diesen ihm vorgeschriebenen
Speisen stehenblieb.
[GEJ.10_239,06] Aber er hatte damit wahrlich
nicht viel gewonnen, wie wir Römer es beurteilen; denn er hatte es zu sehr und
zu strenge an die Haltung der äußeren Normen gewöhnt und in den Glauben
versenkt, daß man vor einer höchst reinen, lieben und allmächtigen Gottheit
schon völlig genug getan habe, wenn man nur die äußeren Gesetze beachtet, – und
ich muß Dir offenbar sagen, mein lieber, wundersamer Freund, daß er seinem
Volke dadurch keine ganze, sondern nur eine halbe Wohltat erwiesen hat.
[GEJ.10_239,07] Das Beste waren die Gesetze,
die er gegeben hat, durch die er das Volk wieder mit seinem Gott Abrahams,
Isaaks und Jakobs bekannt gemacht hat.
[GEJ.10_239,08] Was aber den sogenannten
Speisezettel sowie die uralte, wieder aufgefrischte Beschneidung betrifft, so
hat er nach meiner Ansicht damit eben nicht das Beste gewirkt; allein er hatte
im ganzen einen guten Willen und hat sich bei diesem Volke als sein Befreier
sicher ein ewiges Denkmal gegründet. Hätte er aber sein Volk mit der Weisheit
der alten Ägypter mehr bekannt gemacht, als er es getan hat, so hätte er
dadurch einen besseren Zweck bei seinem Volke erreicht als mit dem Verbot, das
wohlzubereitete Schweinefleisch zu genießen.
[GEJ.10_239,09] Und das scheint, wie es mir
vorkommt, auch die Ursache gewesen zu sein, daß dieses israelitische Volk, wie
in dieser gegenwärtigen Zeit, gar so tief herabgesunken ist. Was würdest denn
Du, wundersamer Meister, hinsichtlich dessen, was ein Mensch genießen oder nicht
genießen darf, den Menschen für einen Rat erteilen?“
240. Kapitel
[GEJ.10_240,01] Sagte Ich: „Gerade den, den
du nun ausgesprochen hast! Was zum Munde hineingeht, so es frisch und gut
zubereitet ist, verunreinigt den Menschen nicht und schadet bei mäßigem Genuß
auch seiner Gesundheit niemals; nur von dem Fleische der erstickten Tiere, wie
es bei manchen Heiden gebräuchlich ist, soll der Mensch nichts genießen, weil
im Blute der Tiere gewisse ungegorene Naturgeister walten, die für die
menschliche Natur so gut wie Gift sind und daher auch das Blut beim Menschen
verunreinigen, ihn nur zu bald krank und zu seinen Geschäften unfähig machen.
[GEJ.10_240,02] Siehe, der Wein, so er
ausgegoren ist und sich von aller Unreinigkeit gereinigt hat, ist für jedermann
zu seiner leiblichen Stärkung innerlich wie äußerlich bestens zu empfehlen! So
aber jemand den neuen Most trinkt, aus dem die unlauteren Naturgeister noch
nicht entwichen sind durch den Akt der Gärung, so ist dies Getränk für den
Menschen schädlich; daher soll man nur einen alten und reinen Wein trinken und
den Most so lange stehen lassen, bis er sich gehörig gereinigt hat und zum
wenigsten zwei bis drei Jahre alt geworden ist.
[GEJ.10_240,03] Daß Moses bei seinem Volke gewisse
Fehler begangen hat, so wie auch sein Bruder Aaron, das weiß Ich sehr wohl;
daher kamen auch beide nicht ins Gelobte Land. Aaron kam bis an den Berg Hor,
durfte das Gelobte Land sehen, dann sich auf den Berg niederlegen und sterben.
Moses kam auf den Berg Nebo, sah auch das Gelobte Land und mußte darauf
sterben. Du, Mein lieber Freund, kennst beide Berge, weil sie in deiner Nähe
sind!
[GEJ.10_240,04] Moses hatte, wie gesagt, mit
vieler Weisheit besonders den Stamm Levi, der beständig um ihn war, bereichert;
die andern Stämme aber ließ er mehr in der Roheit und beherrschte das Volk
mitunter sogar tyrannisch, ohne daß ihm dazu die Gottheit gerade Gebote gegeben
hätte, und dafür hat er denn auch von der Gottheit eben nicht gar zu selten
Zurechtweisungen bekommen.
[GEJ.10_240,05] Es war aber dasselbe auch mit
allen andern Propheten der Fall; denn nicht einer von ihnen hatte eine so
rechte Freude an seinem Berufe, und die Gottheit mußte stets mit allerlei
Mitteln als Korrektor hinter ihnen stehen und sie zur Tat förmlich zwingen.
Aber siehe, es ist das in dieser Welt schon so gang und gäbe, aus dem Grunde,
weil die Gottheit selbst dem weisesten Propheten den freiesten Willen, seine
Liebe, seine Vernunft und seinen Verstand nicht wegnehmen kann und darf; denn
sonst würde er zu einem toten Werkzeuge herabgestimmt werden.
[GEJ.10_240,06] Die Gottheit zwingt den
Propheten zwar mit ihrem allmächtigen Geiste in jenen Momenten seiner
Tätigkeit, die Gott von ihm fordert, streng nach dem Willen der göttlichen
Weisheit zu reden, zu schreiben und zu handeln, – aber darauf läßt sie ihn
wieder ganz frei, und er kann dann tun und handeln, wie er will, und bei dieser
Gelegenheit kann dann der Prophet auch Fehler begehen gleich wie ein jeder
andere Mensch. – Hast du dieses verstanden, Mein lieber Freund?“
241. Kapitel
[GEJ.10_241,01] Sagte der Wirt: „Ja, Du
wundersamer Meister, diese Deine kurze Antwort auf meine ziemlich gedehnte
Frage war mir verständlicher denn die frühere; aber ich muß mich auch dabei
eines Spruches der alten Weisen erinnern, demnach unter der Sonne nichts
Vollkommenes existiert, alles menschliche Erfahren, Wissen und Erkennen ein
Stückwerk ist, und daß eben derjenige, der es durch seinen Fleiß dahin gebracht
hat, vieles zu wissen, am Ende einsehen wird, daß der Mensch, so er auch alles
gelernt, gesehen und erfahren hat, erst dann am weisesten wird, so er zu der
Einsicht gekommen ist, daß er eigentlich gar nichts weiß, – denn alles weiß nur
ein göttlicher Geist, der Mensch aber nur so viel, als ihm dieser Geist,
gewisserart ihn anhauchend, mitteilen will.
[GEJ.10_241,02] Es ist aber auch zu einer
tieferen Ausbildung des Menschen sein Leben viel zuviel veränderbar und zu
kurz. Ist der Mensch noch jung und kräftig, so ist er mit allerlei
Leidenschaften behaftet, mit guten und schlechten, denen er frönt und sich
daher sehr schwer zu einem reineren Lichte aus dem Geiste Gottes erheben kann;
unter tausend vielleicht kaum einer, der davon eine Ausnahme macht. Endlich
wird der Mensch älter und kommt zu einer etwas geläuterten Ansicht; allein da
wird er schon oft kränklich, müde und träge, hält sich bloß an die äußeren
Gesetze und Formen und läßt dabei den göttlichen Geist ein gutes Wesen sein. Er
erreicht, wenn es gut geht, sechzig, siebzig, auch achtzig Jahre; aber in
diesen alten Tagen denkt er schon immer an den Tod, wird mutlos und kraftlos,
und ein intensives Sich- Beschäftigen mit dem Geiste Gottes ist ihm oft gar
nicht mehr möglich.
[GEJ.10_241,03] Und so steht es mit der
wahren Weisheit unter den Menschen immer schlecht, und das aus den früher
angeführten drei Gründen. Ja, wenn ein Mensch in der wahren Manneskraft zum
wenigsten dreihundert Jahre alt werden könnte, so stünde es mit der wahren
Weisheit unter den Menschen auch sicher besser als jetzt; aber so kann er
infolge seiner kurzen Lebenszeit hie und da etwas erhaschen, aber das Erhaschte
nie in einen vollkommenen Zusammenhang bringen, weil ihm dazu die nötige
Lebenszeit mangelt.
[GEJ.10_241,04] Zu Alexandrien besteht eine
der größten Büchersammlungen, in denen eine große Menge in allen Fächern des
menschlichen Erfahrens und Wissens aufgezeichnet ist. Wo befindet sich aber ein
Mensch, der so lange lebte, daß er diese Bücher nur einmal in seinem Leben
durchlesen möchte? Und so müssen wir besseren Menschen uns denn stets mit
unserem alten Spruche: SAPIENTI PAUCA SUFFICIT begnügen und vertrösten, und ich
bin der Meinung, daß sich mit diesem Grundsatze auch alle noch so großen Weisen
dieser Erde haben begnügen und vertrösten müssen.
[GEJ.10_241,05] Ich habe als Krieger doch gar
viele Länder der Erde durchwandert, bin aber nirgends an irgendein Ende
gekommen und habe auch nichts von allem verstanden, was ich gesehen habe. Ich
habe mir wohl Erfahrungen und Bilder in meinem Gedächtnisse gesammelt, aber was
nützen sie mir, wenn ich nicht verstehe, was sie sind, wie sie entstanden sind
und zu welchem Zweck?
[GEJ.10_241,06] Daß gewisse gute Früchte zum
Essen sind, daß in manchen Kräutern eine heilsame Kraft waltet, und daß das
Gras zur Nahrung für jene Tiere dient, die wir die grasfressenden nennen, daß
das Holz zur Feuerung, wie auch zum Bau der Häuser und Hütten dienlich ist, das
wissen die Menschen aus der Erfahrung; aber viel weiter darüber hinaus wissen
die Menschen im allgemeinen sicher nicht! Und somit erscheinen mir die Menschen
auch stets als die beklagenswertesten Geschöpfe einer allmächtigen Gottheit, ob
sie nun in der tiefsten Nacht ihres Aberglaubens leben oder als höchst
gefeierte Weise auf dem Erdboden umherwandeln, indem sie alle zusammen nicht
wissen, warum sie eigentlich auf diese Erde ohne ihr Wissen und Wollen gesetzt
worden sind, – und ich meine, Du Selbst als ein überaus weiser und wundersamer
Meister wirst mir da nicht unrecht geben!
[GEJ.10_241,07] Daß es nach dem Abfalle des
Leibes mit der Seele des Menschen irgendein Fortkommen und Fortbestehen haben
müsse, darin sind alle Weisen der Erde, die ich kennengelernt habe, einig; aber
wie geartet dieses sei, darüber besteht bis jetzt noch keine Einigung.
[GEJ.10_241,08] Du wirst sicher in diesem
Punkte auch vielleicht eine der weisesten Ansichten innehaben; aber wenn man
damit die Ansichten aller andern Weisen vergleichen wird, so wird sie sich mit
den Ansichten der andern Weisen nicht vereinigen lassen. – Habe ich recht oder
nicht?“
242. Kapitel
[GEJ.10_242,01] Sagte Ich: „Mein lieber
Freund, in der weltlichen Anschauungsweise der Menschen hast du vollkommen
recht, aber in der geistigen durchaus nicht; denn für den Geist gibt es nur
eine alleinige Wahrheit, und diese besteht darin: den einen, wahren Gott
erkennen, Ihn über alles lieben und seinen Nächsten wie sich selbst. Dies ist
besser als alle diese Wissenschaft der Erde, und dazu ist das Menschenleben
immer lang und gut genug.
[GEJ.10_242,02] Wer in diese eine Wahrheit
eingeweiht wird durch den Geist der Liebe in seinem Herzen aus Gott, der wird
auch in kürzester Zeit mehr Weisheit und Wissenschaft in sich besitzen als alle
Büchersammlungen auf der ganzen Erde, wofür Ich dir bürgen kann. Aber heute ist
nicht die Zeit dazu, um dich in dieser Sphäre weiterzuführen; morgen aber
sollst du in allem, besonders aber in dieser Sphäre, näher eingeweiht werden, –
und wirst du in dieser Sphäre vollends eingeweiht sein, so wirst du um wenig
andere Dinge mehr zu fragen haben!“
[GEJ.10_242,03] Während Ich und der römische
Wirt solches miteinander besprachen, machte ein Pharisäer die Tür auf und trat
ins Zimmer, trat sogleich an unseren Tisch und sagte: „Meine Freunde, es fehlen
noch eine und eine halbe Stunde nach unserer Sanduhr bis zur Mitternacht, und
da wir euer Gespräch vernommen haben über Moses und die Propheten und über noch
allerlei andere Dinge, und wir Pharisäer auch wissen, daß die Römer nicht
selten sehr gescheite und erfahrene Menschen sind und unsere jüdischen
Geschichten nicht selten besser verstehen als wir selber, so habe ich mir die
Freiheit genommen, zu euch hereinzugehen, um hier mit euch auch hie und da ein
Wörtchen zu reden. Ihr könntet mich zwar einer besonderen Keckheit
beschuldigen; aber ich weiß, daß die Römer artige Menschen sind und auch einen
Pharisäer reden lassen werden, wenigstens fragend, wenn auch nicht belehrend!“
[GEJ.10_242,04] Das war dieses Pharisäers
Rede.
[GEJ.10_242,05] Sagte der Wirt: „Wir Römer
hören alles an, was jemand hervorbringt – vorausgesetzt wir merken, daß in
seiner Rede Geist und Verstand vorhanden ist –, und sind auch eines jeden
Menschen Freunde, der es überhaupt mit uns sowie auch mit allen andern Menschen
redlich meint, und er hat in unserer Gesellschaft auch das Recht zu reden, ob
er ein Grieche, Jude, Araber, Perser oder Indier ist.
[GEJ.10_242,06] Aber eure Begriffe zu
Jerusalem über den wahren Wert und über die wahre Würde der Menschen sind von
den unsrigen oft himmelhoch verschieden; denn ihr haltet alle Menschen, die
nicht euch gleich Erzjuden sind, für von eurem Gott verachtete Sünder. Wir
Römer sind von solch einem Grundsatze überaus weit entfernt; denn bei uns heißt
es: ,Lebe ehrbar, gib jedem das Seinige, und beschädige niemanden!‘ – In dieser
Denkungs- und Handlungsweise ist uns demnach jeder Mensch gleich, aus welcher
Gegend der Erde, ob nah oder fern, er auch her sei. Wir halten niemanden für
einen Sünder, außer Diebe, Räuber und Mörder und den auch, der mutwillig wider
das Gesetz handelt.
[GEJ.10_242,07] Was übrigens aber den Glauben
an irgendeinen Gott betrifft, so lassen wir jeden Menschen bei seinem Glauben,
ob im selben Wahrheit oder Lüge daheim ist, – denn jeder Mensch soll seines
Glaubens leben, sterben und selig sein; alles andere überlassen wir denjenigen
Mächten, die die Erde, die Sonne, den Mond und alle andern Gestirne geschaffen
haben, und wider solche unsere Grundsätze hat noch nie ein weiser Mann eine
Stimme gegen uns erhoben.
[GEJ.10_242,08] Wir sind wohl allgemein
bekannt als ein kriegerisches und äußerst tapferes Volk, und das römische Zepter
gebietet jetzt mehr denn über halb Europa, halb Afrika und halb Asien; aber wir
sind niemals mit unseren Waffen wider ein Volk ausgezogen, das uns in Ruhe
gelassen hat. Aber so ein Volk uns zu bedrohen sich unterfangen hatte und
Störungen bei uns in unserer Ruhe und Ordnung anzurichten begann, – über solch
ein Volk fielen wir her mit einem wahren Löwenmut, besiegten es und machten es
uns untertänig und zinsbar, so wie euch Juden und andere asiatische
Völkerschaften bis an die Grenzen des großen Indien; aber was ihre
Gottesverehrungen anbelangt, so haben wir sie alle, wie auch euch Juden, bei
ihren Lehren belassen, und haben sogar in Rom, wie auch in Athen, Tempel für
ihre Götter erbaut, was ihr Juden nicht getan habt.
[GEJ.10_242,09] Wir können mit unserer großen
Toleranz auch gefehlt haben; aber mir kommt es immer vor, daß auch unsere
Toleranz in dieser Hinsicht in das Gebiet unseres Grundsatzes gehört,
demzufolge man jedem das Seinige leisten und lassen soll. Alles, was darüber
hinausgeht, soll einer höheren, göttlichen Weisheit anheimgestellt sein und
verbleiben.
[GEJ.10_242,10] Bist du, Jerusalemer, mit
dieser meiner Ansicht einverstanden, so kannst du in unserer Gesellschaft
reden, wie es dir gefällt; denn wir Römer sind für jede echte Wahrheit und Weisheit
zugänglicher als jedes andere Volk der Erde, und bei uns wird ein wahrhaft
weiser und verständiger Mensch gleich geachtet, ohne Unterschied des Glaubens
in den transzendental-psychischen Sphären.“
[GEJ.10_242,11] Sagte darauf der Pharisäer:
„Mein lieber, freundlicher Wirt, ich habe schon mit so manchem Römer auch
gesprochen, – aber ein freierer und vernünftigerer als du ist mir noch nicht
untergekommen! Aber was möchtest du über unsere, in dieser Zeit sehr bedrohte
Glaubenssache sagen?
[GEJ.10_242,12] Es ist nämlich in Galiläa ein
Mann aufgestanden, der sich bereits nahe an drei Jahre herumtreibt und überaus
schmählich über uns drauflospredigt, dabei auch gewisse Zeichen nach Art der
Essäer wirkt und alles Volk zu seiner Lehre bekehrt, indem er sich für einen
Sohn Gottes ausgibt und etwa sogar aus der Schrift klar beweist, daß er der
verheißene Messias sei. Und wir wissen nun nicht, was wir anfangen sollen.“
243. Kapitel
[GEJ.10_243,01] Sagte darauf der Wirt: „Ich habe
von diesem Manne auch schon reden hören, und er würde mir die höchste Freude
machen, so er zu mir käme; denn ist er weiser und in allen Dingen kundiger als
unsereiner, so kann ich von ihm gar vieles lernen; ist er das nicht, so höre
ich ihn an und lasse ihn dann gehen, so wie er gekommen ist, und werde ihm
höchstens sagen: Freund, wenn du nicht weiser bist, so kannst du mit deiner
Lehre fein zu Hause bleiben und mit der Arbeit deiner Hände dich ehrlich
ernähren! Aber wie ich gehört habe, so soll dein Galiläer, obschon ein Jude,
überaus weise und wundermächtig sein, und er würde mich sehr beglücken, so er
zu mir käme.
[GEJ.10_243,02] Es sind bei mir schon gar
viele Weise eingekehrt und haben nebst ihrer Weisheit auch so manche
staunenswerte Wundermächtigkeit besessen, und siehe, da sitzt neben mir gleich
ein erst heute aus dem Morgenlande angekommener Weiser mit Seiner hier am
Tische sitzenden Gesellschaft! Ich habe Ihn freundlichst aufgenommen und will
Ihn so lange beherbergen, als Er bei mir bleiben will. Tut ihr mit eurem
Galiläer desgleichen, und er wird euch sicher dann nimmer schädlich sein! So
ihr ihn aber verfolget und haßt, so wird er auch euch verfolgen, was ich auch
ganz vollkommen recht finde. Ich bin aber im voraus überzeugt, daß er uns Römer
nicht verfolgen wird, weil wir derlei erweckte Menschen hochachten und lieben.
Hast du dieses verstanden, mein lieber Freund? Tue danach, so wirst du keine
Feinde haben!“
[GEJ.10_243,03] Sagte darauf der Pharisäer:
„Auch wir Jerusalemer sind keine Feinde von hochgelehrten und gebildeten
Männern, aber solche Gelehrte und Weise können wir durchaus nicht brauchen, die
uns um unser Brot und Einkommen bringen wollen; denn es ist sogar auch ein
römischer Grundsatz, daß man selbst leben, aber auch andere leben lassen solle.
[GEJ.10_243,04] Wenn uns aber ein Weiser
entgegentritt und verdächtigt uns beim ganzen Volke, so können wir solch eine
Handlungsweise eines solchen Weisen nicht mit gleichgültigen Augen ansehen, und
das schon besonders nicht, weil sich dieser Weise, soviel ich gehört habe, für
einen Gottessohn ausgibt, dabei allerlei Kranke heilt und mit seinen
Wundertaten das ganze Volk an sich zieht.
[GEJ.10_243,05] Er soll zu öfteren Malen in
Jerusalem gewesen sein und im Tempel gelehrt haben, und viele Tausende sind
durch seine Reden und Taten von uns abgefallen und haben sich nach seiner Lehre
gerichtet.
[GEJ.10_243,06] Nun, derlei Sachen können wir
Jerusalemer doch nicht mit gleichgültigen Augen ansehen! So er aber sagt, daß
er ein Gottessohn sei, so widerspricht er offenbar unserer mosaischen
Einheitgotteslehre; denn in unserem Gesetz heißt es: ,Du sollst nur an den
allein wahren Gott glauben und neben Mir keine fremden Götter haben!‘ So aber
er ein Gottessohn ist, da haben wir offenbar zwei Götter. Was sollen wir dann
mit einer solchen Lehre machen, die unserer alten mosaischen Lehre
widerspricht?
[GEJ.10_243,07] Ihr Römer habt uns doch bei
unserem alten Glauben gelassen, – der will ihn uns aber nehmen, und so haben
wir einen Grund, ihn zu verfolgen.
[GEJ.10_243,08] Es ist übrigens möglich, daß
er wirklich ein neu aufgestandener großer Prophet ist, was unter den Juden zu
öfteren Malen der Fall war, daß die Gottheit Männer im Geiste erweckt hat, die
dem Volke voraussagten, was ihm bevorstehe, so es die Gesetze Gottes
vernachlässige. Also sind dem Volke Verheißungen gemacht worden, so es zu dem
alten Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs zurückkehre, daß Gott besonders dem
jüdischen Volke einmal einen Messias senden werde und es befreien von allerlei
Knechtschaft und harter Bedrängnis.
[GEJ.10_243,09] Das benutzt aber dieser Weise
aus Galiläa auch und gibt sich für den verheißenen Messias aus, ist aber dabei
aus Nazareth in Galiläa geboren, eines Zimmermanns Sohn, und wir wissen, daß er
mit seinem bereits verstorbenen Vater und seinen Brüdern in dieser Sphäre etwa
bei fünfzehn Jahre lang gearbeitet hat. Woher er übrigens seine Weisheit
genommen hat und die Kraft, Wunder zu wirken, darüber können wir nichts
Entschiedenes in Erfahrung bringen.
[GEJ.10_243,10] Siehe, du mein lieber,
freundlicher Wirt, darin liegen so die Hauptgründe, aus denen wir den Galiläer
verfolgen! Denn wer uns zugrunde richten will, den wollen auch wir zugrunde
richten, da wir am Ende doch stärker sind als er mit seinem ganzen Anhange.“
244. Kapitel
[GEJ.10_244,01] Sagte darauf der Wirt: „Du
hast zwar nicht übel geredet, aber ich muß dir hingegen doch die Bemerkung
machen, daß wir reinen Römer als von euch bezeichnete Heiden von euch
Jerusalemischen Priestern nie etwas besonders Gutes gehört haben! Denn ihr seid
voll Hochmutes, voll Selbst- und Herrschsucht und verfolget jeden Menschen, der
es wagt, euch mit der reinen Wahrheit unter das Gesicht zu treten, und ich bin
sehr der Meinung, daß eure Propheten, die ihr selbst gesteinigt habt, weil sie
euch die Wahrheit sagten, nicht unrecht hatten, euch ob eurer nicht sehr
löblichen Eigenschaften den Untergang zu prophezeien.
[GEJ.10_244,02] Denn vieles, was sie über
euch zum voraus gesagt haben, ist meines Wissens eingetroffen, und ihr habt
noch so manches zu erwarten, und das wird auch eintreffen. Denn euer Gotteskult
besteht bloß darin, daß ihr einen Tempel habt, wohl ausgestattet mit allerlei
Köstlichkeiten, einen Opferaltar und ein sogenanntes Allerheiligstes, versehen
mit der sogenannten Bundeslade, die noch von Moses und Aaron herrühren soll,
während ihr aber die alte hinwegschafftet und eine neue dahin gebracht habt,
die ohne Kraft und Wirkung sein soll, was gar viele Römer wissen. Da frage ich
als ein wahrheitsliebender Römer: Warum bleibet ihr denn nicht bei der Wahrheit
und betrügt und belügt dafür das Volk, treibt es mit Gewalt in die Finsternis
eines baren Aberglaubens, während ihr doch selbst nicht ein Jota davon glaubt,
was ihr das Volk lehret?
[GEJ.10_244,03] Wäre es denn nicht
vernünftiger von eurer Seite, daß ihr, so ihr wahrgenommen habt, daß die alte
Bundeslade die Kraft verloren hat, dem Volke gesagt hättet: ,Unser Gott hat
Seine Gnade von uns unserer vielen Sünden wegen genommen; daher tun wir alle
eine rechte Buße und bitten Gott so lange, bis Er Sich in Seiner Gnade wieder
unser erbarmt!‘? Aber siehe, das habt ihr nicht getan; des weltlichen
Wohllebens und der Weltehre wegen habt ihr lieber das Volk betrogen, als daß
ihr euch samt dem Volke lieber wieder zu eurem Gott zurückgewendet hättet!
[GEJ.10_244,04] Siehe, das ist bei uns Römern
nicht der Fall! Es gibt zwar auch bei uns eine große Menge allerlei
Aberglauben; aber ein wahrer Römer hält sich an die Wahrheit, und so er
irgendeinen Menschen gefunden hat, der in allerlei Wahrheit tief bewandert und
eingeweiht ist, so nimmt er ihn freundlich auf und bereichert sich selbst mit
den geistigen Schätzen des wahrheits- und weisheitsvollen Mannes.
[GEJ.10_244,05] Die geistigen Schätze sind ja
doch ums unvergleichbare mehr wert als die materiellen; denn alle materiellen
Schätze sind vergänglich und verwesbar, doch die geistigen dauern fort und fort
und schaffen Gutes unter den Menschen, und das Gute und Wahre soll sich daher
unter den Menschen stets in steigender Progression (Zunahme) erhalten, solange
diese Erde von Menschen bewohnt bleiben wird.
[GEJ.10_244,06] So aber sich irgend
menschliche Gesellschaften bilden, die sich aus Hochmut, Herrschsucht,
Selbstsucht sowie auch aus Trägheit dem Guten und dem Wahren mit allen ihnen zu
Gebote stehenden Mitteln entgegenstellen, so ist es leicht begreiflich, wie
solche Menschen und das ihnen anhängende Volk von Tag zu Tag tiefer in die
Finsternis herabsinken und jene von einer Gottheit erweckten Männer verfolgen,
die es wagen, ihnen mit der Wahrheit entgegenzutreten, – und wie es mir
vorkommt, so ist das bei euch Juden nicht jetzt erst, sondern seit gar lange
her der wirklich sehr bedauerliche Fall gewesen, daß ihr alle jene Männer
verfolgt habt, die bei euch die alten göttlichen Wahrheiten wieder haben einführen
wollen.
[GEJ.10_244,07] Wären wir Römer nicht so
mächtig, wie wir sind, so hätte uns euer Hochmut und eure Herrschsucht schon
lange aus dem Lande getrieben! Aber wir sind gegenwärtig ein großes und
tapferes Volk, halten auch euren Moses und eure Propheten in Ehren; aber vor
euch haben wir keine Furcht und verachten das an euch, was schon lange zu
verachten war. Und ich will euch sagen, daß wir euch und eurem betrügerischen
Spiel nicht mehr lange zusehen werden, und so wir wiederkommen werden, mit den
Waffen in der Hand, da wird es euch nimmer so glimpflich ergehen, wie es euch
damals ergangen ist, als wir zum ersten Mal in euer Land gedrungen sind und
euch uns unterworfen haben.
[GEJ.10_244,08] Denn so wir wiederkommen
werden, so werden wir eurer Städte und Synagogen nicht also schonen, wie wir
derselben früher geschont haben; daher erteile ich dir den Rat, weise und
wahrheitsvolle Männer nicht zu verfolgen, sondern sie liebreich aufzunehmen,
sie zu hören und sich dann danach zu richten, und wir werden dann leicht eines
gleichen Sinnes werden.
[GEJ.10_244,09] Ich wäre auf diesen Galiläer
äußerst begierig und gäbe mein halbes Vermögen darum, so er mir die Ehre gäbe,
diese meine Herberge zu besuchen! Und so bin ich denn der Meinung, daß ihr
Jerusalemer desgleichen tun solltet, und es wäre für euch sicher besser, so ihr
meines Sinnes und meines Wunsches wäret, den weisen Galiläer freundlichst
aufnähmet, ihn anhören möchtet, dann aber auch tun, was er euch Gutes und
Wahres gesagt hätte. Und ich sage dir, mein lieber Freund: Alles Gute und Wahre
belohnt sich am Ende von selbst; das Gegenteil aber straft sich auch von
selbst!
[GEJ.10_244,10] Siehe, das sind so meine
Ansichten, die ich mir durch meine vielen Reisen in unserem römischen
Kaiserreich gesammelt habe! Bleibe du denn auch bei dieser meiner Ansicht und
Bestrebung, so wirst du besser fahren, als so du bei deiner starren
Verfolgungssucht verharrest und darin gegen jedermann, der mit deiner Ansicht
darum unmöglich einverstanden sein kann, weil sie an und für sich grundfalsch
ist, verbleibst und die weisen Männer, wo sie auch immer her seien, verfolgst,
so wie sie auch beinahe alle deine Gefährten und Kollegen verfolgen! – Bist du
mit mir einverstanden oder nicht?“
[GEJ.10_244,11] Sagte der Pharisäer darauf ganz
verlegen: „Mein lieber Wirt, du magst von deinem Standpunkte aus ganz recht
haben: Die Wahrheit und das Gute soll man vor allem suchen, – aber wo ist es
daheim? Am Ende ist und bleibt der Mensch doch immer auf irgendeinen Glauben
beschränkt, und euren Isisschleier hat noch niemand gelüftet! Und so sind wir
der Meinung, daß es besser sei, ein Volk bei einem systematisierten Glauben zu
belassen – ob er in seinen Sätzen viel oder wenig Wahres enthält –, als es zu
sehr mit neuen Wahrheiten bekannt machen zu lassen, die es am Ende doch nicht
völlig fassen kann, dabei aber doch den alten Glauben verläßt und dann die
alten Vorsteher des Glaubens zu hassen und zu verfolgen anfängt.“
[GEJ.10_244,12] Sagte der Wirt: „Da bist du
grundirrig daran! Wenn kein Mensch mehr die Wahrheit suchen wird, so geht alles
Bestehende auf dieser Erde in eine Art Fäulnis und Verwesung über - - -.“
(Mit diesen bedeutsamen Worten bricht das
Diktat des Herrn, soweit es durch Lorber gegeben wurde, am 19. Juli 1864 ab.
Jakob Lorber, der schon seit längerer Zeit kränkelte, wurde am 23. August 1864
vom Herrn aus seiner irdischen Wirksamkeit abberufen. D.Hsg.)