Franchezzo

 

Ein Wanderer

im Lande der Geister

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Deutsche Übersetzung von W. Werntgen

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Vorwort und Bearbeitung von M. Kahir

 

 

VORWORT

Diesem Werke, welches zuerst in englischer Sprache erschien, sind zwei Vorreden vorangesetzt.

A. Farnese, das Medium, dem das Buch von Franchezzo, einem verstorbenen Italiener, in die Feder diktiert wurde, schreibt:

"Diese Erzählung wurde mir von seinem geistigen Urheber so schnell diktiert, daß ich oft große Mühe hatte ihm zu folgen und das Diktat niederzuschreiben. Ich war aber eifrig darauf bedacht, das mir Eingegebene so sorgfältig und wahrheitsgemäß wie möglich wiederzugeben.

Dabei muß ich bemerken, daß manche seiner Beschreibungen von dem Leben im Jenseits sich mit meinen Vorstellungen vom Leben in der Geisterwelt nicht decken, zuweilen sogar entgegengesetzt sind.

Indem ich diese Erzählung der Öffentlichkeit übergebe, wie sie mir eingegeben wurde, muß ich die Verantwortung für alles darin Gesagte und Beschriebene dem geistigen Verfasser überlassen.

Ihn selbst habe ich oftmals materialisiert gesehen. Bei solchen Gelegenheiten ist er von Personen, die ihm im Leben nahe standen, erkannt worden."

Sodann sagt der Verfasser des Buches, Franchezzo, folgendes:

"Allen, welche sich noch in Zweifel und Ungewißheit befinden, was ihnen nach diesem Leben bevorsteht, widme ich diese »Wanderungen im Lande der Geister«. Ich tue das in der Hoffnung, daß mancher Leser, der wie ich viel gesündigt hat, durch meine Erfahrungen veranlaßt werden wird, in seinem sündhaften Leben einzuhalten.

Allen lieben Brüdern und Schwestern, die sich auf abwärts führenden Bahnen bewegen, sei eindringlichst gesagt: Wenn schon die Folgen eines selbstsüchtigen und ausschweifenden Lebens auf dieser Erde oft schreckliche sind, so sind sie doppelt schrecklich in der Welt der Geister. Dort, wo keine Hülle die Seele bedeckt, wo alle Fehler des Sünders offenbar werden und die durch ein solches Erdenleben verkrüppelte Seele als geistige Mißgestalt in ihrer ganzen Abscheulichkeit sich offenbart, — so lange, bis Buße und Sühne ihre Züge glättet und das Wasser reuevoller Tränen sie rein wäscht.

Ich möchte ferner darauf aufmerksam machen, daß die »Wanderer aus dem Geisterlande« gerne kommen, um die Erdbewohner zu belehren, ja daß ihnen oftmals die Mission übertragen wird, solche Personen auf Erden, welche die Gesetze Gottes und der Menschen übertreten, warnend auf das Schicksal hinzuweisen, das ihrer im Jenseits harrt.

Durch diese unsichtbaren Vorgänge wird den Menschen eine Tür geöffnet, durch welche nach und nach eine Flut von Licht in die Dunkelheit der Erdenwelt hereinbricht, indem damit den Bewohnern der Geisterwelt Gelegenheit gegeben wird, belehrend und warnend zu ihren Erdenbrüdern zu sprechen.

Als ein Streiter, der sich durch vieles Leid hindurchgearbeitet hat, suche ich nun den kämpfenden Menschenbrüdern den Weg zu zeigen, der sie zum Siege führen und ihnen Ruhe und Frieden geben soll."

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Diesen Worten lassen die Herausgeber der englischen Ausgabe des »Wanderers« noch nachstehende Bemerkungen folgen: —

»Der Wanderer im Lande der Geister« ist medianim geschrieben worden. Die Schilderungen sind also auf subjektivem Wege entstanden. Wir veröffentlichen das Buch deshalb, weil sich die vom »Wanderer« gemachten Erfahrungen vielfach mit den von den Meistern gemachten objektiven Beobachtungen decken.

Hier werden uns eine Anzahl Zustände aus dem Leben nach dem Tode beschrieben, die wohl Anspruch auf Glaubwürdigkeit haben. Jedoch darf man nicht vergessen, daß die Art und Weise der Mitteilungen auch manchen Irrtum und manche Ungenauigkeit bei der Übertragung zuläßt. Es sind ferner in dem Buche zumeist persönliche Erfahrungen beschrieben, die nicht ohne weiteres verallgemeinert werden dürfen.

Immerhin wird der Leser manche Lehre aus dem Buche ziehen und das Gesetz der Wiedervergeltung alles Guten und Bösen besser verstehen lernen. Insbesondere aber wird er gewarnt werden, nicht mit weltlichem Ehrgeiz, mit irdischen Lüsten und Begierden beladen — mit einer Seele voller Neid, Selbstsucht, Haß, Rachsucht und Bosheit — die Wanderung nach dem Geisterlande anzutreten, das unser aller harrt!

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EINLEITUNG

Mit der Neuherausgabe dieses lange vergriffenen Erlebnisberichtes eines irdisch Abgeschiedenen will der Verlag dem Wunsche zahlreicher Geistesfreunde Rechnung tragen, einen Blick zu tun auf jene Welt, die jeder Menschenseele dereinst zur neuen Heimat wird. Die große Frage nach dem Wohin ist neben dem Woher und Warum eine der Kardinalfragen, die von der Menschheit zu allen Zeiten gestellt wurde. Die Antworten hierauf reichen vom Ignorabimus (Wir werden es niemals wissen.) bis zu den grundlegenden Offenbarungen jenseitiger Entwicklungszustände, wie sie uns z.B. die hohe Sehergabe Emanuel Swedenborgs oder die inspirierte Mystik Jakob Lorbers überzeugend sinnvoll vermitteln.

Was alte Geistkulturen und Religionen über das Leben nach dem Tode aussagten ist in seiner fragmentenhaften Form der Allgemeinheit nur schwer zugänglich. Dies umso mehr, als solches Weistum wegen seiner verhüllenden Symbolsprache erst einer Aufschlüsselung bedürfte, um dem rationellen Denken unserer Zeit gerecht zu werden. Die christlichen Konfessionen aber lassen samt und sonders eine wirkliche Lehre vom nachtodlichen Wege des Menschen vermissen. Ihre Glaubenssätze vom Fegefeuer, von ewiger Verdammung und jüngstem Gericht, vermögen weder die Gemütskräfte des Menschen anzusprechen, noch sind sie mit den göttlichen Attributen höchster Liebe und Weisheit vereinbar. Und so sind es allein die jenseitigen Geistwesen selbst, die durch Schilderung ihrer eigenen Entwicklungsgänge den Erdenbewohnern eine vertiefte Kunde geben von den Zuständen, die ihrer nach Ablegen des stofflichen Leibes harren.

Abgesehen von den Werken der beiden eingangs erwähnten Mystiker gibt es nur ganz wenige offenbarende Schriften, die in breiterer Form ein halbwegs geschlossenes Bild vom Jenseits als der großen Weiterentwicklungsstätte des Menschengeistes entwerfen. Unter ihnen ragt Dantes Göttliche Komödie als eine Sphärenschilderung in poetischer Form hervor, deren geistige Schau große Wahrheiten in sich birgt. Auch das medial empfangene Werk von Adelma Vay »Geist, Kraft und Stoff« verbindet mit einer Art Schöpfungsgeschichte mancherlei Darstellungen der jenseitigen Welten.

Beträchtlich groß hingegen ist die Zahl jener Schriften, die durch mediale Übermittlung kleinere Teilausschnitte von den außerirdischen Lebensbereichen bieten. Hier wären insbesondere die Uranographie des Thomas Bromley und des Pfarrers J. Fr. Oberlin, sowie die Jenseits-Visionen der A. Katharina Emmerich, zu erwähnen, daneben auch Schilderungen der durch Justinus Kerner bekanntgewordenen »Seherin von Prevorst«. Was die schon in die Tausende zählenden kleineren, durch Medien aller Art empfangenen Botschaften betrifft, so vermögen diese immerhin den Unglauben des Materialismus zu erschüttern und den vagen Glauben an das Fortleben zu festigen. Sie sind jedoch zumeist nicht geeignet, die Kontinuität jener göttlichen Schöpfungsidee darzulegen, die da heißt: stete Entwicklung alles Geschöpflichen bis zu seiner Vollendung im Geiste! Auch tragen häufig Widersprüche in jenseitigen Durchsagen nicht dazu bei, in den Hörern oder Lesern das ungeteilte Vertrauen in die Wahrheit solcher Berichte zu festigen. Es wäre jedoch verfehlt, hier das Kind mit dem Bade auszuschütten: der Wissende begreift, daß auch drüben ein jeder Geist nicht über die Sphäre seiner jeweiligen Entwicklungsstufe hinauszublicken vermag und die Dinge daher nur so schildern kann, wie er sie sieht, oder bestenfalls im Lichte höherer Belehrung erkennt.

Was Franchezzos Bericht von seiner Wanderung im Lande der Geister auszeichnet, ist zunächst der Eindruck ungetrübter Ehrlichkeit. Er beschönigt keine Fehler seines sündenreichen Erdenlebens, das ihn nach kirchlicher Lehre hätte geradewegs in die ewige Verdammnis führen müssen — eine Lehre, die zur Liebe und Barmherzigkeit Gottes in stärkstem Widerspruch steht. Aber gerade Franchezzo singt das Hohelied der Liebe: nicht nur jener göttlichen Urliebe, die kein Geschöpf verloren gehen läßt, sondern auch von ihrem irdischen Abglanz — der reinen Liebe eines Mädchens, deren Strahlung sich wie ein schützender Mantel um ihn und seine Läuterungswege breitet.

Was den Geist Franchezzos veranlaßt, der Welt einen so genauen Bericht seiner sphärischen Ab- und Aufstiege zu vermitteln, entspringt gleichfalls einer Liebe, nämlich seinem Mitleid für die Unwissenheit der Erdenmenschheit um die geistigen Gesetze von Ursache und Wirkung, die er selbst an sich erfahren mußte. Ist es nicht ein wahrhaft edles Vorhaben, die Irdischen rechtzeitig damit vertraut zu machen, um ihnen ein warnender Helfer sein zu können? Zwar lebt dieses Gesetz in dem Sprichwort "Jeder ist seines Schicksals Schmied", aber wie wenige verstehen seinen tiefverborgenen Sinn! Franchezzos Erlebnisse — alles Symbole seiner Erdentaten — treten ihm nun als gestalthaft lebendige Umweltbilder entgegen. Bindungen, die er seelisch durch sein gutes oder böses Tun auf Erden geknüpft hatte, führen ihn wieder mit ihren Trägern zusammen; sie bringen Hilfe oder bilden unüberwindliche Schranken für einen höheren Aufstieg. So lange, bis sich der gute Wille durchringt, höhere Erkenntnis erwacht und die Seele durch tätige Reue und vergebende Liebe ein neues "Kleid" empfängt, das ihr den Zutritt in immer vergeistigtere Sphären gewährt.

Für jene Leser, die ahnen, welch tiefen Sinn die Symbolik einer jeden Bildszene aus der Seelenwelt in sich birgt, bilden die detailreichen Schilderungen des Wanderers eine ergiebige Fundgrube der Entsprechungslehre. Sie regen zum Nachsinnen an und weiten die Erkenntnis von Zusammenhängen, welche die sichtbare Materiewelt mit der verborgenen Geistwelt untrennbar verbinden. Kein Bild, dem nicht eine strenge Folgerichtigkeit innewohnt; keine Ursache hier, die nicht als Wirkung drüben offenbar wird. Sie lehren ferner, daß alle Passionswege einer unvollkommenen Seele nicht Strafe bedeuten. Denn es sind nur Läuterungswege, die sich in lichte Pfade zu immer höherer Glückseligkeit wandeln, sobald der ewige Geist Funke im Menschen erwacht und die Panzer sprengt, die sich um sein Herz gelegt haben.

Auch Franchezzo durfte erfahren, wie sich ihm in Gestalt höherer Geistführer stets helfende Hände entgegenstreckten die seinen guten Willen stärkten und die Finsternis seiner Unwissenheit erhellten. Darum bilden die Lehrgespräche des Buches für den Leser einen wertvollen Beitrag zum Verständnis unbekannter psychischer Erscheinungen wie auch aller elementarer Vorgänge der Äther- und Astralwelt — diesem unbekannten Etwas, das zwar verborgen aber stetig auch in unser Erdendasein hereinragt.

Ist somit das Buch als Ganzes durchaus positiv zu werten, sollen dennoch auch die Grenzen aufgezeigt werden, die auch diesem medialen Erlebnisberichte gesetzt sind. Sie sind zunächst dadurch bedingt, daß auch Franchezzo nur die seiner Seelenwelt eingeprägten Bilder, und das sind seine Wandersphären, zu erleben und zu schildern vermag. Zwar finden sich darin allgemeingültige Grundwahrheiten neben individuellen Teilerkenntnissen, doch wäre die Annahme verfehlt, es würden die nachtodlichen Wege aller Menschen den seinigen gleichen. Sie können nur ähnlich sein in dem Maße, als sich Ähnliches in jeder Seele vorfindet. Indem jedoch ein jeder Menschengeist eine einmalige Prägung besitzt, die ihn von jedem anderen unterscheidet, müssen auch die Jenseitsführungen die gleiche Vielfalt aufweisen, die das Signum aller Schöpfungsideen darstellt. Und damit sollen seine Wanderungen nur als ein Musterbeispiel gelten, das freilich allen Lebenden unendlich viel Beherzigenswertes zu bieten hat.

Eine zweite Begrenzung in diesem Berichte erblicken wir darin, daß er mit dem Erreichen einer Teilentwicklungsstufe des Wanderers endet, die mit dem Einzug in eine "Stadt der goldenen Pforten" gewiß erst einen neuen Anfang bedeutet. Franchezzo gibt offen zu, von hier aus weitere (geistige) Höhen zu erschauen, die seiner inneren Reife noch nicht zugänglich sind. Der Grund davon ist einleuchtend: Franchezzo erwählte sich bis dahin als geistigen Führer Ahrinziman, einen sehr vorgeschrittenen Geist aus der Weisheitssphäre Zarathustras, während dessen Lehramt auch er in Persien verkörpert war. Diese religionsphilosophische Schule aus frühen Menschheitstagen wußte noch nicht um das Christusereignis und kannte nicht die Liebelehre dessen, der in die Welt kam, um vom Vater zu zeugen. Darum konnte Ahrinziman trotz seiner geistigen Vervollkommnung auch im Jenseits nichts lehren von einem persönlichen Gotteserlebnis, das ihm selber noch fremd war. Für ihn ist Gott "das verborgene höchste Wesen, dem zu nahen keinem geschaffenen Geiste möglich ist". Christus aber sprach: "Siehe, Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt".

Vergleichen wir daher Franchezzos bisherigen Werdegang, z.B. mit den großen Jenseitsdarstellungen Lorbers, wie sie die Werke »Robert Blum«, »Bischof Martin«, »Die geistige Sonne« und andere bieten, so müssen wir feststellen: Die Entwicklung der Beteiligten in den niederen, noch ungeläuterten Seelensphären zeigt eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit den Erlebnissen Franchezzos. Dann aber erwacht in diesen Wanderern ein Suchen, das bereits eine andere Richtung aufweist: ein wenn auch erst halbbewußtes Hinstreben zur Gotteskindschaft. Zu einem Zustand der Vollendung in Gott, der jenen Wurzeln entspringt, die sich schon auf Erden durch die lichte Lebenslehre Christi in ihre Seelen gesenkt hat. Es ist geistig sonnenklar, daß damit auch ihr Höhenweg im Jenseits noch zu anderen Himmeln führt als zu den begrenzten Weisheitszonen Ahrinzimans.

Noch aber tritt der größte Teil aller Menschen seelisch ungeläutert durch das Tor des Todes in die Welt von drüben ein. Darum sollte das Schwergewicht bei Franchezzos Botschaft in seiner Mahnung gesehen werden, in der Schule des Erden-Lebens nicht zu versagen, damit die künftigen Wege der Menschen nicht in Sphären führen, deren Leid und Finsternis er selbst erleben und durchkämpfen mußte. Trotz aller Schilderungen von Nacht und Grauen ist seine Kundgabe eine Frohbotschaft. Denn sie gibt Zeugnis von der Allgüte des Schöpfers, dessen Führung jede Menschenseele zum Lichte leitet — immer und überall, soferne sie es selbst will und ersehnt.

Die Dinge der Geistwelt folgen anderen Raum- und Zeitgesetzen, als sie uns hier geläufig sind. Sie sind zudem nicht von der Starrheit der groben Materie und verändern sich nach dem Willen, der darauf gerichtet wird. Dies ist der Grund von dem kaleidoskopartigen Wechsel der seelischen Umwelt, wie solcher immer wieder berichtet wird. Wer aber vermeint, Franchezzos Erzählung von "geistigen" Städten, Landschaften und Objekten als Phantasie belächeln zu müssen, der vergißt, daß ein jeder Mensch schon zu Lebzeiten unablässig irdisch raum- und zeitlose Dinge vor sich erblickt. Im Traumleben ist er selber Schöpfer von Bildern und Handlungen, die — materiell unwirklich — dennoch für ihn während des Traumzustandes höchste Realität besitzen. Und vielleicht ist das ganze Erdenleben selbst nichts als ein großer Traum, der mit dem Erwachen zu einem höheren Bewußtseinszustand endet.

Dem blinden Materialisten, der den Geist und sein ewiges Leben leugnet, werden auch Franchezzos Erlebnisse nichts als Schall und Rauch bedeuten. An diese wendet sich das Buch nicht, denn ihnen fehlt noch die nötige Reife, um Geistiges zu fassen. Vielen Suchenden aber wird es Trost und Zuversicht geben und ihnen die Kraft verleihen, ihr Gemüt aus den Niederungen des Alltags zu lichteren Höhen zu erheben. Und wenn es nur einen Menschen zu Gott hinführte, hätte es schon seinen Zweck erfüllt.

M. Kahir

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DIE TAGE DER FINSTERNIS

 

 

Kapitel 1

Ich pilgerte durch ein fernes Land — durch Gegenden, welche bei euch auf Erden weder Namen noch Raum haben. Nun wünsche ich, die Ergebnisse meiner Wanderungen niederzuschreiben, damit die, deren Marschrichtung nach jener Grenze hinweist, wissen mögen, was ihrer harrt.

In meinem irdischen Dasein lebte ich wie alle, die nur darauf ausgehen, sich den höchsten Grad von weltlichen Genüssen zu verschaffen.

Wenn ich nicht unfreundlich war zu denen, die ich liebte, so geschah dies doch immer mit dem Gefühl, daß sie mir zu meiner Befriedigung dienlich sein sollten: daß ich mir von ihnen durch meine Gaben und Zuneigung Liebe und Huldigungen erkaufen konnte, — was mir Lebensbedürfnis war.

Ich war sowohl in körperlicher wie in geistiger Beziehung hochbegabt. Von einer selbstaufopfernden Liebe, welche sich vollständig in der Liebe für andere zu verlieren vermag, tauchte nie eine Ahnung in meiner Seele auf.

Unter all den Frauen, welche ich liebte — mit einer Liebe, welche von Erdenmenschen nur zu häufig fälschlich als Liebe bezeichnet wird, während es doch nur Leidenschaft ist — war nicht eine, die mich hätte das fühlen lassen, was wahre Liebe ist: das Ideal, nach dem ich insgeheim seufzte, in jeder weiblichen Person fand ich irgend etwas, das mich enttäuschte. Sie liebten mich, wie ich sie liebte. Die Leidenschaft, die ich ihnen entgegenbrachte gewann mir nur das entsprechende Gefühl auf ihrer Seite. So lebte ich dahin — unbefriedigt im Verlangen nach etwas, das ich selbst nicht kannte.

Ich machte viele Fehler und beging viele Irrtümer. Dennoch lag mir die Welt oft zu Füßen, um mich zu loben, mich gut, edel und begabt zu nennen. Ich war gefeiert, umschmeichelt, der verwöhnte Liebling aller Damen der Gesellschaft. Um zu gewinnen, hatte ich nur zu wünschen; sobald ich aber gewonnen hatte, verwandelte sich alles in Bitterkeit.

Dann kam eine Zeit, da beging ich den verhängnisvollsten Fehler und richtete zwei Leben zugrunde. Ich fühlte mich wie mit eisernen Ketten gefesselt, die mich drückten und verwundeten, bis ich sie endlich zerbrach und scheinbar als freier Mann davonging. Doch niemals wieder sollte ich wirklich frei sein. Niemals können unsere begangenen Fehler und Irrtümer auch nur für einen Augenblick — sei es während dieses Lebens oder danach — aufhören, unseren Spuren zu folgen und unsere Schwingen zu belasten, bis einer nach dem andern gesühnt und so aus unserer Vergangenheit gelöscht wird.

Als ich endlich glaubte, alles gelernt zu haben, was Liebe lehren kann, und alles zu kennen, was ein Weib zu geben hat, — da traf es sich, daß ich einer Frau begegnete. Ach, wie soll ich sie nennen? Sie war mehr als ein sterbliches Weib in meinen Augen und ich nannte sie "den guten Engel meines Lebens".

Schon in ersten Augenblick fiel ich ihr zu Füßen und gab ihr alle Liebe meiner Seele, meines höheren Selbst. Im Vergleich zu dem, was sie hätte sein sollen, war meine Liebe selbstsüchtig. Aber es war alles, was ich zu geben hatte, und ich gab es ohne Rückhalt. Zum ersten Mal in meinem Leben dachte ich an eine andere Person mehr als an mich selbst. Wenn ich auch nicht imstande war, mich zu solch reinen Gedanken und Vorstellungen, die ihre Seele erfüllten, zu erheben, so danke ich doch Gott, daß ich niemals der Versuchung nachgegeben habe, sie zu mir herabzuziehen.

So verging die Zeit. Ich sonnte mich in ihrer Gegenwart und erstarkte in einem heiligen Denken, von dem ich geglaubt, daß es mich für immer verlassen hätte. Ich träumte süße Träume, in denen ich befreit war von den Ketten meiner Vergangenheit, die mich so grausam hart gefesselt hielten. Gerade jetzt, da ich nach höheren Dingen suchte, fürchtete ich stets, daß ein anderer mir meine Liebste abgewinnen könnte. Leider mußte ich anerkennen, daß ich kein Recht hatte, sie auch nur mir einem Worte zurückzuhalten. Welche Bitterkeit und welches Leiden durchzog in jenen Tagen meine Seele. Ich fühlte, daß ich, der ich mich durch meinen Lebenswandel beschmutzt hatte, nicht würdig war, sie zu berühren. Wie konnte ich es wagen, dieses unschuldige, reine Leben an das meine zu ketten! Obgleich sie so lieb und zärtlich zu mir war, daß ich das unschuldige Geheimnis ihrer Liebe erraten konnte, fühlte ich doch, daß sie auf Erden niemals die meinige sein würde. Ihre Reinheit und Aufrichtigkeit errichteten ein Hindernis zwischen uns, das ich niemals beseitigen konnte.

Ich versuchte sie zu verlassen, doch vergebens! Wie ein Magnet zu seinem Pole, so wurde ich zu ihr zurückgezogen, bis ich schließlich nicht mehr gegen meine Neigung kämpfte. Ich strebte nur noch darnach, die Glückseligkeit, welche mir ihre Gegenwart gewährte, zu genießen. Dann, plötzlich, wie der Dieb in der Nacht kam für mich der schreckliche Tag, an dem ich ohne Warnung, mir zuvor noch über meinen Seelenzustand klar zu werden, unerwartet dem Leben entrissen wurde, und in jenen Tod des Körpers versank, der uns alle erwartet.

Ich wußte nicht, daß ich gestorben war. Ich verfiel nach einigen Stunden des Leidens und der Agonie in tiefen, traumlosen Schlaf — und als ich erwachte, befand ich mich allein in totaler Finsternis. Ich konnte mich erheben, mich bewegen; sicherlich, es ging mir besser. Aber, wo war ich? Warum diese Finsternis? Ich erhob mich und tastete umher wie jemand in einem finstern Raume, aber ich konnte kein Licht finden, keinen Ton hören. Nichts war da als die Stille, die Finsternis des Todes.

Dann wollte ich vorwärts schreiten, um die Tür zu finden. Ich konnte mich, wenn auch langsam und mit Mühe bewegen und tastete mich weiter. Wie lange ich so suchte, weiß ich nicht. Es schienen mir bei der immer größer werdenden Angst und Bangigkeit Stunden zu sein. Ich fühlte, ich mußte irgend jemanden, irgend einen Ausgang aus diesem Raume finden. Doch zu meiner Verzweiflung schien es, als ob ich niemals auf eine Tür, eine Wand, überhaupt auf etwas stoßen sollte. Alles schien Raum und Finsternis um mich her.

Zuletzt, von Furcht übermannt, schrie ich laut auf! Ich brüllte, aber keine Stimme antwortete mir. Wieder und wieder rief ich, aber immer nur Schweigen, kein Echo, nicht einmal das meiner eigenen Stimme kam zurück, um mich aufzumuntern. Ich besann mich auf sie, die ich liebte, aber etwas ließ mich davor zurückschrecken, ihren Namen hier auszusprechen. Dann dachte ich an alle die Freunde, welche ich gekannt hatte und rief nach ihnen. Keiner jedoch antwortete mir.

War ich im Gefängnis? Nein, ein Gefängnis hat Mauern und an diesem Orte gab es solche nicht. War ich verrückt, wahnsinnig, oder was? Ich konnte mich selbst, meinen Körper fühlen. Es war derselbe. Ganz gewiß derselbe? Nein. Irgend welche Veränderung war an mir vorgegangen. Ich konnte nicht sagen wie, aber es war mir, als ob ich zusammengeschrumpft und entstellt wäre. Meine Gesichtszüge schienen, wenn ich mit der Hand darüber hinwegfuhr, stärker, gröber und sicherlich entstellt.

Was hätte ich jetzt für ein Licht, für irgend etwas gegeben, das zu mir hätte sprechen mögen, wenn es auch das Schlimmste gewesen wäre! Wollte niemand kommen? Und sie, mein Licht-Engel, wo weilte sie? Bevor ich einschlief, war sie bei mir gewesen — wo befand sie sich jetzt? Mein Gehirn fieberte und meine Kehle schien mir springen zu wollen. Ungestüm rief ich sie beim Namen, daß sie zu mir kommen möchte, wenn auch nur noch für ein einziges Mal. Ich hatte das schreckliche Gefühl, als ob ich sie verloren hätte, und rief nach ihr wie toll. Da hatte meine Stimme zum erstenmal einen Klang und tönte zurück zu mir durch jene grauenhafte Finsternis.

Weit entfernt vor mir zeigte sich ein schwacher Schimmer von Licht, ähnlich einem Stern. Größer und größer wurde er und kam immer näher, bis er schließlich als ein großes Licht in sternförmiger Gestalt vor mir erschien. In dem Stern sah ich meine Geliebte. Ihre Augen waren wie im Schlafe geschlossen, aber ihre Arme waren nach mir ausgestreckt und ihre liebliche Stimme sprach zu mir in Tönen, die ich so gut kannte: "Ach mein Liebster, wo bist du jetzt? Ich kann dich nicht sehen, ich höre nur deine Stimme; ich höre dich nach mir rufen und meine Seele antwortet der deinen!"

Ich versuchte, mich an sie heranzudrängen, aber ich vermochte es nicht. Eine unsichtbare Macht hielt mich zurück. Sie schien sich innerhalb eines Kreises zu befinden, den ich nicht überschreiten konnte. In höchster Pein sank ich zu Boden, sie bittend, mich nicht mehr zu verlassen. Dann schien sie bewußtlos zu werden, ihr Haupt sank auf ihre Brust und sie entschwebte mir wie von starken Armen getragen. Ich versuchte mich zu erheben und ihr zu folgen, vermochte es aber nicht. Es war, als ob eine schwere Kette mich zurückhielt, und nach einigen vergeblichen Anstrengungen sank ich bewußtlos zu Boden.

Als ich wieder zu mir kam, war ich hocherfreut zu sehen, daß meine Geliebte zu mir zurückgekehrt war. Sie stand nahe bei mir, sah diesmal so aus, wie ich sie auf Erden gekannt hatte; nur war sie bleich und traurig und ganz in Schwarz gekleidet. Der Stern war verschwunden und alles rings umher finster. Doch war es keine äußerste Finsternis, denn um sie schwebte ein schwacher, fahler Lichtschimmer, bei dessen Schein ich bemerken konnte, daß sie weiße Blumen in den Händen trug. Sie beugte sich über einen niederen Hügel von frischer Erde.

Ich näherte mich ihr immer mehr und gewahrte, daß sie leise weinte, als sie die Blumen niederlegte. Sie murmelte leise: "Ach, mein Lieber, mein Lieber! wirst du niemals wieder zu mir zurückkehren? Ist es möglich, daß du wirklich tot und dahingegangen bist, wohin meine Liebe dir nicht folgen kann? Mein Liebling! Ach, mein teurer Liebling! Sie kniete nieder und ich näherte mich ihr ganz, wenn ich sie auch nicht berühren konnte. Als ich mich ebenfalls auf die Knie niedergelassen hatte, blickte ich nach jenem länglichen niederen Hügel. Ein Schrecken durchschauderte mich, denn ich wußte nun endlich, daß ich gestorben und dies mein eigenes Grab war.

 

Kapitel 2

"Tot! Tot!" schrie ich wild auf. Ach nein, es konnte nicht sein. Die Toten fühlen nichts mehr; sie werden zu Staub; sie vermodern, und alles ist aus, alles ist für sie verloren. Sie haben kein Bewußtsein mehr, — es sei denn, daß meine ganze Lebensphilosophie falsch gewesen ist und die Seele des Verstorbenen weiterlebt, wenn auch der Körper zerfällt.

Die Priester unserer Kirche hatten uns zwar so gelehrt, aber ich hatte sie als Narren, Blinde und Schelme verspottet, die nur ihres eigenen Vorteils willen behaupteten, daß der Mensch weiterlebe und die da sagten, daß wir in den Himmel nur durch eine Pforte gelangen könnten, zu der sie die Schlüssel allein in Händen hätten: Schlüssel, welche nur auf die Bitte derer in Bewegung gesetzt wurden, die zuvor gut bezahlt hatten. Nur für Geld verstanden sich die Priester dazu, für die abgeschiedenen Seelen Messen zu lesen. Jene Priester, welche aus eingeschüchterten Frauen und geistesschwachen Männern Narren machten, die dann eingeschüchtert durch grauenhafte Erzählungen von Hölle und Fegefeuer, alles dahingeben, um ein illusorisches Vorrecht in jener Welt zu erwerben.

Nach diesen verlangte mich nicht. Ich kannte diese Priester und das Privatleben vieler von ihnen zu genau, als daß ich ihren leeren Versprechungen von einer Vergebung, die sie nicht gewähren konnten, hätte Glauben schenken mögen. Ich hatte gesagt, ich wollte dem Tode wenn er käme, ins Antlitz schauen mit dem Mute derer, die zu wissen glauben, daß er vollständige Vernichtung bedeutet. Wenn diese Priester unglaubwürdig waren, wem sollte man dann glauben? Wer konnte uns dann sagen, ob es eine Zukunft nach dem Tode, ob es überhaupt einen Gott gäbe? Nicht die Lebendigen, denn sie glaubten und mutmaßten nur. Auch nicht die Toten, denn keiner von ihnen kam je zurück, um uns Berichte aus dem Jenseits zu bringen. Und nun stand ich neben meinem eigenen Grabe und sah, wie meine Geliebte Blumen darauf streute, und hörte, daß sie mich als tot beweinte.

Als ich auf jenen Erdhügel näher hinsah, wurde er vor meinen Augen durchsichtig, und ich erblickte unten einen Sarg mit meinem Namen und dem Datum meines Todes. Darin liegend, sah ich die weiße, stille Gestalt, die ich als meine erkannte. Zu meinem Schrecken bemerkte ich, daß dieser Körper bereits begonnen hatte, zu zerfallen, und für das Auge ein ekelhafter Anblick geworden war. Seine Schönheit war dahin, seine Gesichtszüge würde bald niemand mehr erkennen. Und ich stand da, bewußt herabschauend auf ihn und dann auf mich selbst! Ich fühlte jedes Glied, folgte mit den Händen jedem vertrauten Zuge meines Gesichts und wußte, daß ich gestorben war und dennoch lebte. Der Tote lebte — aber wo und in welchem Zustande? War diese Finsternis die Hölle? Für mich würden sie keinen anderen Ort gefunden haben. Ich war so verloren, stand so außerhalb des Schoßes der Kirche, daß sie für mich nicht einmal im Fegefeuer einen Platz gefunden hätten.

Ich hatte alle Bande zu ihrer Kirche gelöst. Ich hatte sie verachtet in der Annahme, daß eine Kirche, die das schändliche und ehrgeizige Treiben ihrer höchsten Würdenträger kannte und duldete, kein Anrecht darauf habe sich geistige Führerin zu nennen. Wohl gab es gute Menschen in der Kirche, aber es war auch eine Menge schändlich-schlechter vorhanden, deren Leben dem allgemeinen Gespötte diente. Doch die Kirche, die von sich behauptete, das Vorbild für alle Menschen zu sein und alle Wahrheit zu besitzen, stieß jene unsauberen Elemente nicht aus. Nein, sie beförderte diese sogar zu den höchsten Ehrenstellen.

Niemanden, der in meinem Geburtslande gelebt und den schrecklichen Mißbrauch der Kirchenmacht beobachtet hat, wird es Wunder nehmen, daß das Volk schließlich ein solches Joch abzuschütteln trachtete. So hatte auch ich die Kirche verachtet, und wenn ihre Flüche eine Seele zur Hölle senden konnten, so befand ich mich sicherlich darin.

Als ich so nachsann, blickte ich wieder auf meine Geliebte, und ich meinte, sie hätte wohl niemals in die Hölle kommen können, wenn auch nur zu dem Zwecke, um nach mir zu sehen. Sie erschien mir auch als Sterbliche, und wenn sie dort auf meinem Grabe kniete, mußte sie sicher noch auf der Erde weilen. Verlassen denn die Verstorbenen die Erde überhaupt nicht, sondern bleiben in der Nähe des Schauplatzes ihres irdischen Daseins? — Während solche und ähnliche Gedanken mir in den Sinn kamen, suchte ich ihr, die ich so sehr liebte, näher zu kommen; ich fand aber, daß es mir nicht möglich war. Eine unsichtbare Schranke schien sie zu umgeben und mich zurückzuhalten. Auf beiden Seiten von ihr konnte ich mich nach Belieben bewegen, nur sie zu berühren war ich nicht imstande. Alle meine Anstrengungen nach dieser Richtung hin waren vergebens. Dann redete ich und nannte sie bei ihrem Namen. Ich erzählte ihr, daß ich da sei, noch bei Bewußtsein und noch derselbe, obgleich ich gestorben wäre. Sie jedoch schien mich weder zu hören noch zu sehen. Sie weinte traurig und leise und berührte zärtlich die Blumen, indem sie vor sich hin sprach: daß ich Blumen so sehr geliebt hätte und ich sicherlich wissen würde, daß sie diese für mich niedergelegt habe. Wieder und immer wieder sprach ich zu ihr, so laut ich konnte, aber sie war für meine Stimme taub. Nur unruhig wurde sie und strich mit der Hand über die Stirn wie im Traume; dann ging sie langsam und traurig hinweg.

Mit aller Gewalt suchte ich ihr zu folgen. Vergebens! Ich konnte mich nur wenige Schritte von meinem Grabe und meinem Körper entfernen und bemerkte auch, weshalb. Eine Kette wie von schwarzem Seidenfaden, nicht dicker als ein Spinngewebe, hielt mich an meinem Körper fest. Es gelang mir nicht, diesen Faden zu zerreißen. Sobald ich mich bewegte, dehnte er sich wie Gummi, aber immer zog er mich wieder zurück. Was aber das Schlimmste war: ich begann jetzt zu fühlen, daß die Verwesung des zerfallenden Körpers meinen Geist angriff, — wie ein irdischer Körperteil, der vergiftet ist, den ganzen Körper in Mitleidenschaft zieht. Ein neuer Schrecken befiel damit meine Seele.

Da sprach die Stimme irgend eines erhabenen Wesens in der Finsternis zu mir: "Du liebst jenen Körper mehr als deine Seele. Gib nun acht, wie er in Staub zerfällt, und erkenne, für was du so sehr sorgtest und woran du so sehr hingst. Erkenne, wie vergänglich er war, wie wertlos er geworden ist; und dann blicke auf deinen geistigen Körper und siehe, wie sehr du ihn ausgehungert, gefesselt und vernachlässigt hast zugunsten der Genüsse des irdischen Leibes. Sieh, wie ärmlich, abstoßend und verunstaltet ist nun deine Seele, die doch unsterblich, göttlich und ewig dauernd ist, durch dein irdisches Leben geworden!

Ich betrachtete mich nun selbst. Wie in einem Spiegel, der mir vorgehalten wurde, sah ich mich. O Schrecken! Es war kein Zweifel, das war ich selbst. Aber wie schrecklich verändert erschien ich mir, so gemein, so voll von Niedrigkeit, so abstoßend in jedem Zuge. Selbst meine Gestalt war entstellt. Ich prallte vor meiner Erscheinung entsetzt zurück und wünschte, daß die Erde sich unter meinen Füßen öffnen und mich für immer vor aller Augen verbergen möchte. Niemals mehr wollte ich nach meiner Liebe rufen und wünschen, daß sie mich sehen solle. Weit besser, daß sie an mich dachte als an einen Toten, der für immer von ihr gegangen ist. Besser, daß sie mich nur so im Gedächtnis behielt, wie ich im irdischen Dasein gewesen war, als daß sie jemals meine schreckliche Verwandlung erführe, und was für ein scheußliches Ding mein wirkliches Selbst war.

Meine Verzweiflung, meine Qual waren unbeschreiblich. Ich schrie wild auf, schlug mich selbst und raufte mein Haar in ungestümem Entsetzen über mich selbst. Dann erschöpfte mich meine Leidenschaft und ich brach noch einmal gefühl- und bewußtlos zusammen.

Wieder erwachte ich, und wieder war es die Gegenwart meiner Liebe, die mich erweckte. Sie richtete leise, zärtliche Worte an mich, als sie Blumen auf mein Grab niederlegte. Aber jetzt suchte ich nicht, mich ihr sichtbar zu machen, sondern zog mich zurück, um mich zu verbergen. Mein Herz wurde hart, selbst ihr gegenüber. Ich sagte zu mir: "Lieber mag sie um den, der von ihr gegangen ist klagen, als wissen, daß er noch lebt. So ließ ich sie gehen. Kaum hatte sie sich jedoch entfernt, als ich ihr wie wahnsinnig nachrief, sie möchte zurückkommen. Sie möchte doch auf irgend eine Weise von meiner schrecklichen Lage Kenntnis nehmen und mich nicht an diesem Orte allein lassen. Sie hörte mich nicht, aber sie fühlte meinen Ruf, und ich sah, wie sie in einiger Entfernung Halt machte und sich wie zur Rückkehr halb umwandte. Dann ging sie wieder weiter und verließ mich.

Noch zwei- oder dreimal besuchte sie mich. Jedesmal, wenn sie kam, empfand ich bei ihrer Annäherung denselben Schauer und hatte bei ihrem Weggange dasselbe Gefühl der Verlassenheit. Ich suchte sie zurückzuholen und sie in meiner Nähe festzuhalten. Aber jetzt rief ich nicht mehr nach ihr. Ich wußte nun, daß die Toten vergebens rufen, denn die Lebenden hören sie nicht. Ich war für die ganze Welt tot und nur für mich und mein schreckliches Schicksal war ich am Leben. Ach, nun wußte ich es, der Tod ist kein endloser Schlaf, kein ruhiges Vergessen! Und in meiner Verzweiflung betete ich, daß mir vollständiges Vergessen gewährt werden möge. Doch ich wußte, daß es niemals so sein würde, denn der Mensch ist eine lebendige Seele und lebt, sei es zum Guten oder Bösen, zum Wohl oder Wehe ewig weiter. Seine irdische Form zerfällt und wird zu Staub, aber der Geist, welcher der wahre Mensch ist, kennt keinen Zerfall und kein Vergessen.

Tag für Tag — ich fühlte nämlich, daß Tage an mir vorübergingen — erwachte mein Geist mehr und mehr, und ich sah die Ereignisse meines Lebens immer klarer in langer Reihenfolge vor mir dahinziehen. Zuerst dumpf, dann allmählich immer deutlicher und heller. Und in angstvollem, hoffnungslosem Schrecken beugte ich mein Haupt. Denn ich empfand, daß es jetzt zu spät sein mußte, um auch nur eine Tat ungeschehen machen zu können.

 

Kapitel 3

Ich weiß nicht, wie lange dieser Zustand andauerte; es schien mir eine lange, lange Zeit zu sein. In Hoffnungslosigkeit versunken saß ich da, als ich die liebliche, sanfte Stimme meiner Geliebten hörte. Ich fühlte mich angetrieben, aufzustehen und der Stimme zu folgen, bis sie mich zu ihr geführt haben würde. Indem ich mich zum Gehen anschickte, schien der Faden, welcher mich so fest gehalten hatte, sich zu dehnen und zu strecken, bis ich seinen Widerstand kaum noch spürte, immer weiter wurde ich gezogen und schließlich befand ich mich in einem Zimmer, welches ich trotz der um mich herrschenden Dunkelheit sehen konnte. Es war das Heim meiner Geliebten, jener Raum, in welchem ich so manche friedevolle, glückliche Stunde verbracht hatte, als ich noch nicht durch diesen schrecklichen Abgrund von ihr getrennt war. Sie saß an einem kleinen Tisch mit einem Bogen Papier vor sich und einem Bleistift in der Hand. Meinen Namen wiederholt rufend, sagte sie:

"Liebster Freund, wenn die Toten je zurückehren, so komme zu mir und versuche, ob du mich nicht einige Worte schreiben lassen kannst, wenn auch nur »ja« oder »nein« als Antwort auf meine Frage"

Es war das erstemal, seit ich gestorben war, daß ich ein schwaches Lächeln auf ihren Lippen und einen Blick von Hoffnung in jenen Augen sah, die durch den Schmerz um mich so traurig geworden waren. Das liebe, kummervolle Gesicht schaute so bleich und wehmütig drein, und ich fühlte die Innigkeit der Liebe, die sie mir schenkte und auf die ich doch jetzt weniger denn je Anspruch erheben durfte.

Dann sah ich drei andere Gestalten neben ihr, die ich als Geister erkannte, jedoch ganz unähnlich mir selbst. Diese Geister erschienen glänzend, strahlend, so daß ich ihren Anblick nicht ertragen konnte. Meine Augen brannten wie Feuer. Der eine war ein Mann, groß, ruhig, von würdevollem Aussehen. Er beugte sich über sie, um sie zu schirmen, wie es wohl ihr Schutzengel getan haben würde. Neben ihr standen zwei hübsche junge Männer. In ihnen erkannte ich plötzlich ihre Brüder, von denen sie mir oft erzählt hatte und die schon gestorben waren, als die Jugend ihnen noch mit all ihren Freuden winkte. Im Herzen meines Lieblings lebten sie nun als Engel. Ich schrak zurück, denn ich fühlte, daß sie mich sahen, und ich suchte mein entstelltes Gesicht und meine Gestalt mit dem schwarzen Mantel, den ich trug, zu bedecken. Dann erwachte mein Stolz und ich sagte: "Hat nicht sie selbst mich gerufen? Ich bin gekommen, und nun soll sie Richterin über meine Zukunft sein! Steht es denn so fest, daß kein Leid, keine Reue, wenn auch noch so tief, keine Tat, wenn auch noch so groß, keine Arbeit, wenn auch noch so hart, meine Schuld sühnen kann? Gibt es jenseits des Grabes wirklich keine Hoffnung?"

Und eine Stimme — die Stimme, welche ich früher an meinem Grabe gehört hatte — antwortete mir: "Sohn des Leids, gibt es auf Erden keine Hoffnung für die, welche sündigen? Vergibt nicht sogar der Mensch dem Sünder, der ihm Unrecht getan hat, wenn dieser bereut und um Verzeihung bittet? Sollte da Gott weniger gnädig, weniger gerecht sein? Empfindest du jetzt wirkliche Reue? Suche in deinem Herzen, ob du um dich selbst, oder um jene in Sorge bist, die du gekränkt hast."

Als er sprach, wußte ich, daß ich nicht ernstlich bereute. Ich litt nur; ich liebte und begehrte nur. Dann sprach meine Geliebte wieder und bat mich: Wenn ich da sei und sie hören könne, so möchte ich doch versuchen, nur ein Wort durch ihre Hand zu schreiben, damit sie wisse, ob ich noch lebe und ihrer gedächte.

Das Herz schien mir in die Kehle zu steigen und mich zu würgen. Ich näherte mich ihr, um zu versuchen, ob ich nicht ihre Hand bewegen, oder sie wenigstens berühren könnte. Aber der große Geist trat zwischen uns, und ich war genötigt zurückzuweichen. Dann sprach er: "Gib mir an, was du sagen willst, und ich werde es durch ihre Hand niederschreiben lassen. Ich will dies in ihrem Interesse und um der Liebe willen tun, die sie für dich hegt."

Freudige Bewegung überkam mich bei diesen Worten des Geistes, und ich wollte seine Hand nehmen, um sie zu küssen. Ich vermochte es aber nicht zu tun, meine Hand schien sich an seinem Feuerglanze zu versengen. Ich beugte, mich nur vor ihm, denn ich glaubte, er müsse ein Engel sein.

Mein Liebling sprach nun noch einmal und fragte: "Bist du hier, mein lieber Freund?"

Ich antwortete "ja", und sah dann, wie der Geist seine Hand auf sie legte. Nachdem dies geschehen, schrieb ihre Hand das Wort »Ja«. Langsam und unsicher bewegte sie sich, wie wenn ein Kind schreiben lernt. Ach, wie glücklich lächelte sie!

Wieder stellte sie eine Frage an mich und wie zuvor schrieb ihre Hand meine Antwort. Sie fragte mich, ob sie irgend etwas für mich tun könne, ob ich einen Wunsch hätte, den sie zu erfüllen imstande sei.

"Nein", sagte ich, "nicht jetzt". Ich würde nun weggehen und sie nicht mehr mit meiner Gegenwart belästigen. Sie solle mich zu vergessen suchen.

Als ich sprach, war mein Herz verwundet und mit Bitterkeit angefüllt. Wie angenehm berührte es daher meine Seele, als sie sagte: "Sprich nicht so zu mir, denn ich möchte stets deine treueste, liebste Freundin sein wie in der Vergangenheit. Seit du starbst ist es mein einziges Bestreben gewesen, dich zu finden und wieder mit dir zu sprechen."

Ich rief: "Das war auch mein innigster Wunsch."

Hierauf fragte sie, ob ich wieder zu ihr kommen wolle, und ich sagte zu. Denn wohin wäre ich nicht für sie gegangen! Dann sagte der strahlende Geist, es sei nun genug für diesen Abend. Er ließ dies ebenfalls ihre Hand schreiben und forderte sie auf, zur Ruhe zu gehen.

Ich fühlte mich nun wieder zum Grabe und zu meinem irdischen Körper auf dem dunklen Friedhof hingezogen, jedoch nicht mit demselben elenden Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Es war nun ein Funke von Hoffnung in meinem Herzen, ich würde sie wiedersehen und wieder mit ihr sprechen.

Nun fand ich aber, daß ich nicht allein war. Jene beiden Geister, ihre Brüder, waren mir gefolgt und redeten jetzt. Ich werde nicht alles niederschreiben, was sie sagten. Es genüge zu wissen, daß sie mir klar machten, wie weit der Abstand zwischen ihrer Schwester und mir selbst sei, und daß sie mich fragten, ob ich ihr ganzes junges Leben durch meine dunkle Gegenwart überschatten wolle. Verließe ich sie jetzt, so würde sie mich mit der Zeit vergessen und sich meiner nur als eines lieben Freundes erinnern. Wenn ich sie wirklich liebte, würde ich sicherlich nicht wünschen, ihr ganzes junges Leben um meinetwillen einsam und trostlos zu machen.

Ich erwiderte, daß ich sie liebe und sie niemals verlassen könne und der Gedanke, daß ein anderer sie eben so sehr lieben könnte wie ich, mir unerträglich sei.

Da sprachen sie von meiner Vergangenheit und fragten, ob ich daran zu denken wagte, mich mit ihrem reinen Leben auch nur auf die mystische Weise verbinden zu können, wie ich es zu tun hoffte. Wie dürfte ich erwarten, ihr nach ihrem Tode anzugehören? Sie sei einer reinen Sphäre zugeteilt, zu welcher aufzusteigen es für mich lange Zeit keine Hoffnung gäbe. Wäre es nicht besser für sie und eine edlere Liebe von mir, wenn ich sie verließe, damit sie mich vergessen und die Glückseligkeit finden könne, die ihr in diesem Leben beschieden sei?

Zaghaft wandte ich ein, sie liebe mich doch. — "Ja", antworteten sie, "sie liebt dich so, wie sie dein Bild in ihrem Herzen trägt und es in ihrer Unschuld idealisiert hat. Glaubst du aber, daß sie dich noch lieben würde, wenn sie deine ganze Vergangenheit kennte? Müßte sie nicht entsetzt vor dir zurückweichen? Sage ihr die Wahrheit, lasse sie zwischen dir und ihrer Freiheit wählen, und du wirst eine treuere Liebe bewiesen haben, als wenn du sie täuschest und sie an dein Wesen zu fesseln suchst. Wenn du sie wirklich liebst, so denke an sie und ihr Glück, aber nicht an dich allein."

Da erstarb die Hoffnung in mir. In Scham und höchster Pein beugte ich mein Haupt zur Erde, denn ich erkannte, wie gemein und wenig reif ich für sie war. Wie in einem Spiegel sah ich nun, wie sich ihr Leben, befreit von dem meinigen, noch gestalten möchte. Sie konnte nur mit einem Würdigeren glücklich sein, als ich es war, da ich sie durch meine Liebe nur mit mir herab ins Elend gezogen hätte. Zum erstenmal in meinem Leben stellte ich das Glück eines anderen über mein eigenes. Da ich sie so sehr liebte und sie glücklich wissen wollte, sagte ich zu den beiden: "Mag es denn so sein. Sagt ihr die Wahrheit und lasset sie nur ein einziges liebes Wort als Lebewohl zu mir sprechen. Ich werde dann von ihr gehen und ihr Leben nicht mehr durch den Schatten des meinigen verdunkeln."

So kehrten wir zu ihr zurück, und ich sah, wie sie schlief, erschöpft von der Sorge um mich. Ich bat, sie möchten mir erlauben, ihr einen Kuß zu geben, den ersten und letzten, den ich ihr jemals geben würde. Sie verweigerten es jedoch: es sei unmöglich, da durch meine Berührung der Faden, der sie noch am Leben hielte, für immer zerreißen würde.

Nachdem sie von ihnen geweckt worden war, ließen die Beiden sie ihre Mitteilungen wie zuvor niederschreiben. Ich stand dabei und hörte zu, wie sie durch ihre Worte, die sich wie Stacheln in meine Seele bohrten, meine letzte Hoffnung für immer vernichteten. Sie schrieb wie im Traume weiter, bis schließlich die ganze schmachvolle Geschichte meines Lebens berichtet war, und ich selbst nur noch zu erklären hatte, daß alles zwischen uns zu Ende und sie von meiner sündigen Gegenwart und meiner selbstsüchtigen Liebe befreit sei. Ich sagte ihr Lebewohl. Wie wenn Blutstropfen sich von meinem Herzen losrängen, so wirkten jene Worte auf mich, und wie Eis fielen sie auf ihre Seele. Dann wandte ich mich um und verließ sie — wie, weiß ich nicht. Doch als ich ging, fühlte ich, daß das Band, das mich an das Grab und meinen irdischen Körper fesselte, riß. Ich war frei, — frei, um in meiner Trostlosigkeit einsam zu wandern, wohin es mir beliebte.

Was geschah nun? Ach! Tränen der Dankbarkeit stehen wieder in meinen Augen. Indem ich versuche, das nun Folgende zu schildern, breche ich fast zusammen: denn von ihr, die wir für so schwach gehalten, daß wir für sie entscheiden zu müssen glaubten, wurde ich mit der Allgewalt einer Liebe zurückgerufen, der sich niemand zu widersetzen wagte. Sie könne, sagte sie, mich niemals aufgeben, so lange ich sie liebe. "Mag deine Vergangenheit sein, wie sie will; magst du jetzt sinken selbst bis in den tiefsten Abgrund der Hölle — ich werde nicht aufhören, dich zu lieben und zu versuchen, dir zu folgen. Ich werde das Recht der Liebe fordern, werde dir beistehen, dich trösten und ermuntern, bis Gott in seiner Gnade deine Vergangenheit verziehen und dich wieder erhöht haben wird."

Da brach ich zusammen und weinte, wie ein starker, stolzer Mann, dessen Herz gemartert und verhärtet war, nur weinen kann, bis die sanfte Berührung einer lieben Hand den Tränen Einhalt gebot. So kehrte ich zu meiner Liebe zurück und kniete ihr zur Seite nieder; sie zu berühren erlaubte man mir nicht. Aber jener ruhige, schöne Geist, der sie schützte, bedeutete ihr, daß ihr Gebet erhört sei und daß sie in der Tat mich zum Licht zurückführen sollte.

Ich verließ nun meinen Liebling. Als ich mich entfernte, sah ich die Gestalt eines lichten Engels über ihr schweben, um sie zu stärken und zu trösten — sie, die ihrerseits mein Lichtengel war. In Begleitung jener Geister ging ich hinweg und machte mich auf, um zu wandern, bis ihre Stimme mich wieder an ihre Seite zurückrufen würde.

Nach dem kurzen Schlaf, in den sie von jenen reinen Geistern versetzt worden war, erwachte mein Liebling am nächsten Morgen. Von Unruhe getrieben ging sie einen lieben, guten Menschen besuchen, den sie ausfindig gemacht hatte, im Bemühen, einen Weg zu entdecken, um mit mir selbst über das Grab hinaus in Verbindung treten zu können.

Wenn das, was ihr von den sogenannten Spiritualisten berichtet wurde, keine Täuschung war, so hoffte sie, durch deren Hilfe wieder mit mir verkehren zu können. Geleitet von denen, die über sie wachten, hatte sie diesen Mann gefunden; er war ein bekanntes Heilmedium. Durch ihn erfuhr sie, daß es ihr selbst möglich sein würde, Botschaften von dem angeblich Toten zu empfangen, wenn sie es fortgesetzt versuchen würde.

Dies erfuhr ich erst später. Damals fühlte ich mich durch sie nur aufgefordert zu kommen. Gehorsam ihrem Rufe, fand ich mich bald, wie ich nur undeutlich unterscheiden konnte, in einem kleinen Zimmer stehen. Für mich war da alles noch dunkel, mit Ausnahme der Stellen, wo das sternengleiche Licht um meine Liebste herum ihre Umgebung schwach beleuchtete. Ich befand mich bei jenem guten Menschen, zu dem sie gegangen war, und ihre Stimme war es, die mich angezogen hatte. Sie erzählte ihm, was in der letzten Nacht geschehen war; wie sehr sie mich liebe und wie gern sie ihr ganzes Leben hingeben wollte, wenn sie nur mir dadurch helfen könne. Jener Mann sprach nun so liebe Worte zu ihr, daß ich ihm von ganzem Herzen noch jetzt dafür danke, denn er machte mich so hoffnungsfroh. Meinen Liebling wies er darauf hin, daß die Bande des irdischen Körpers bei seinem Tode gebrochen werden; und daß ich frei sei, sie zu lieben, wie auch sie selbst dieses erwiedern dürfe, ihre Liebe verleihe mir mehr Trost und Hoffnung als alles andere, auch erleichtere sie mir den Weg zur Sühne. Meine Liebe zu ihr sei eine reine und echte Neigung gewesen, und die ihrige zu mir sei stärker als selbst der Tod, dessen Schranken sie überwunden habe.

Dieser Mann gab mir Gelegenheit, mit ihr zu sprechen und ihr viele Dinge zu erklären, die ich ihr in der Nacht vorher, als mein Herz noch wund und voller Stolz war, nicht hätte erklären können. Durch seine Vermittlung wurde es mir möglich, all das vorzubringen, was meine Vergangenheit zu entschuldigen geeignet war. Er ließ mich ihr sagen, daß ich trotz des Bösen, das ich begangen, sie mit einer Liebe geliebt habe, die ich für keine andere Person empfunden hätte. Er beruhigte und stärkte sie, und ich war ihm dankbar für seine Güte. Mit frohen Hoffnungen im Herzen verließen wir ihn schließlich und ich begleitete ihren Weg nach Hause.

Dort angelangt, bemerkte ich, daß eine neue Schränke errichtet worden war von jenen beiden Geisterbrüdern und anderen, die sie lieb hatten. Eine unsichtbare Mauer, die ich nicht durchdringen konnte, umgab sie. Wenn ich ihr auch zu folgen vermochte, so war ich doch nicht imstande, mich ihr ganz zu nähern. Da beschloß ich, zu dem lieben Manne zurückzugehen und zu sehen, ob er mir nicht helfen könne.

Mein Wunsch schien mich zurückzuführen, denn bald befand ich mich wieder bei ihm. Plötzlich wurde er sich meiner Gegenwart bewußt, und — wie seltsam — ich bemerkte, daß er viel von dem, was ich zu ihm sprach, verstehen konnte. Er begriff den Sinn dessen, was ich zu sagen wünschte und er zählte mir mancherlei, was mich allein betraf.

Er versicherte mir, daß sich alles zum Guten wenden werde, wenn ich nur Geduld haben wollte. Die geistige Schranke, welche ihre Verwandten um meine Liebe errichten, würde jederzeit von ihr durchbrochen werden, nichts könne mich von ihrer Liebe ausschließen, keine Mauer sei hierzu imstande. Ich sollte nun versuchen, die geistigen Dinge zu verstehen, und arbeiten, um mich vorwärts zu bringen, dann würde der Abstand zwischen meiner Liebe und mir immer kleiner werden und schließlich ganz verschwinden.

Getröstet verließ ich endlich meinen Freund und wanderte wieder weiter, — wohin, weiß ich nicht.

— — —

Ich begann mir nun dumpf bewußt zu werden, daß in meiner Nähe noch andere, mir ähnliche Wesen in der Dunkelheit herumwanderten, obgleich ich sie kaum wahrnehmen konnte. So einsam und verlassen fühlte ich mich, daß ich daran dachte, wieder zu meinem Grabe, dem mir bisher vertrautesten Orte, zurückzukehren. Dieser Gedanke schien mich hinwegzuführen, denn bald befand ich mich wieder an dieser Stelle. Die Blumen, welche meine Liebste gebracht hatte, waren jetzt verwelkt. Sie war zwei Tage nicht an meinem Grabe gewesen. Seit sie mit mir gesprochen hatte, schien sie den in der Erde ruhenden Körper vergessen zu haben. Das war gut für mich, aber auch gut für sie, den Leichnam zu vergessen und nur noch an den lebendigen Geist zu denken.

Aber auch diese welken Blüten sprachen von ihrer Liebe. Ich versuchte eine weiße Rose aufzuheben, um sie mit mir zu nehmen. Es gelang mir jedoch nicht, sie auch nur im mindesten zu bewegen. Meine Hand fuhr durch sie hindurch, als ob sie nur da Spiegelbild einer Rose wäre. Am Kopfende des Grabes, wo ein weißes Marmorkreuz stand, bemerkte ich die Namen der beiden Brüder meiner Geliebten. Da erkannte ich, was sie in ihrer Liebe für mich getan hatte: neben die, welche ihr von allen am teuersten waren, hatte sie meinen Körper zur Ruhe betten lassen! Mein Herz war gerührt und meine Tränen fielen wie Tau auf mein Herz und schmolzen seine Bitterkeit hinweg.

Ich fühlte mich so einsam, daß ich mich erhob und mich wieder unter die schwarzen, wandernden Schatten mischte. Nur wenige von denen wandten sich, um nach mir zu schauen. Vielleicht konnten sie gleich mir kaum sehen. Plötzlich jedoch gingen drei dunkle Gestalten, die zwei Frauen und ein Mann zu sein schienen, an mir vorüber, kehrten dann um und folgten mir. Der Mann berührte meinen Arm und sagte: "Weshalb bist du gebunden? Du bist sicherlich erst kürzlich auf diese Welt herübergekommen, sonst würdest du nicht so davoneilen. Hier hat es keine Eile, denn wir alle wissen, daß wir eine Ewigkeit vor uns haben, um darin zu wandern." Dann lachte er kalt und rauh auf in einem Tone, der mich schaudern ließ.

Die eine der Frauen nahm meinen linken, die andere meinen rechten Arm und sprachen; "Komm mit uns und wir wollen dir zeigen, wie du das Leben genießen kannst, obgleich du tot bist! Haben wir auch keine eigenen Körper mehr, um uns durch sie selbst zu erfreuen, so wollen wir uns solche für kurze Zeit von einigen Sterblichen borgen. Komm mit, und wir werden dir beweisen, daß noch nicht alle Freuden für uns zu Ende sind.

In meiner Verlassenheit war ich froh, jemanden gefunden zu haben, mit dem ich sprechen konnte. Obgleich alle drei, die Frauen meines Erachtens mehr noch als der Mann, äußerst abstoßend aussahen, war ich geneigt, ihre Begleitung anzunehmen und abzuwarten, was sich ereignen würde.

Ich hatte eben Kehrt gemacht, um mich ihnen anzuschließen. Da gewahrte ich in weiter Entfernung, gleich einem am schwarzen Himmel beleuchteten Bilde, die geistige Gestalt meiner reinen, süßen Liebsten im dunklen Raume. Ihre Augen waren wie bei meiner ersten Vision geschlossen und wie damals waren ihre Arme nach mir ausgestreckt. Nun klang ihre Stimme wie ein Ruf vom Himmel in meinen Ohren, als sie sprach: "Oh, gib acht, gib acht! Gehe nicht mit ihnen; sie sind nicht gut und ihr Weg kann nur zur Vernichtung führen!" Dann war die Vision verschwunden, und wie aus einem Traume erwachend schüttelte ich diese drei Personen von mir ab und eilte wieder davon in die Finsternis. Wie lange und wie weit ich wanderte, weiß ich nicht. Davonjagend suchte ich Erinnerungen, die mich belästigten, los zu werden. Und es schien, als ob mir zur Wanderung der ganze Weltenraum zur Verfügung stände.

Schließlich ließ ich mich auf den Boden nieder, um mich auszuruhen. Dieser schien nämlich fest genug zu sein, um darauf rasten zu können. Während ich so dasaß, sah ich durch die Finsternis ein Licht schimmern. Ich ging darauf zu und sah aus einem Zimmer, das ich unterscheiden konnte, eine große Flutwelle von Licht ausstrahlen. Davon wurden meine Augen geblendet und schmerzten mich so, als ob ich auf Erden in die Mittagssonne geschaut hätte.

Ich konnte das Licht nicht ertragen und wollte eben wegeilen, als eine Stimme sprach: "Halt, müder Wanderer! Hier sind liebevolle Herzen und helfende Hände für dich zugegen. Willst du dein Lieb sehen, so komme herein, denn sie ist hier und du kannst mit ihr sprechen." Dann fühlte ich — denn zu sehen war mir nicht möglich — wie eine Hand mir den Mantel über den Kopf zog, um den Glanz des Lichtes abzuschließen, und mich in das Zimmer geleitete, wo ich mich in einem großen Sessel niedersetzte. In diesem Zimmer herrschte ein solcher Friede, daß ich glaubte, ich hätte den Weg zum Himmel gefunden.

Nach einer Weile schaute ich auf und erblickte zwei edle, liebe Frauen, die mir wie Engel erschienen. Ich dachte bei mir selbst, ich sei gewiß dem Himmel nahe gekommen. Wieder schaute ich auf, und diesmal schienen meine Augen gestärkt zu sein: neben jenen schönen, guten Frauen sah ich zu meiner Freude meinen Liebling selbst, traurig, aber zärtlich nach jener Stelle hin lächelnd, wo ich saß. Ich wußte, daß sie mich nicht wirklich sehen konnte. Eine der Frauen jedoch beschrieb mich meiner Liebsten mit ruhiger Stimme. Sie schien davon befriedigt und erzählte diesen Frauen, welch merkwürdige Erfahrung sie gemacht habe und wie ihr diese als ein seltsamer Traum vorgekommen sei.

Ich versuchte nun zu rufen und ihr zu erklären, daß ich wirklich zugegen sei, daß ich noch lebe, sie noch liebe und auf ihre Gegenliebe vertraue. Aber ich konnte mich nicht bewegen; irgendein Bann lag auf mir. Irgendeine Macht, die ich dumpf fühlte, hielt mich zurück. Dann sprachen jene liebenswerten Frauen, und ich wußte nun, daß sie keine Engel waren. Denn beide befanden sich noch im irdischen Körper, und mein Lieb konnte sie sehen und mit ihnen reden. Sie sprachen viel von der Hoffnung, welche es für Sünder meinesgleichen gibt. Die Stimme, welche mich zum Eintreten aufgefordert hatte, fragte nun, ob ich wünsche, daß eine der Damen eine Botschaft für mich schreibe.

"Ja", rief ich aus, "tausendmal ja!"

Dann veranlaßte der Geist die Frau zu schreiben. Ich sagte meiner Geliebten, daß ich noch lebe und sie noch liebe. Ich bat sie, niemals aufzuhören, an mich zu denken, denn ich bedürfe ihrer ganzen Liebe und Hilfe, um mich aufrecht zu erhalten. Für sie sei ich immer derselbe, wenn ich auch jetzt schwach und hilflos sei und mich ihr nicht sichtbar machen könne. Darnach erwiderte sie meine Rede mit Worten, die ich nicht nieder schreiben kann; sie sind mir zu heilig und werden für immer in meinem Herzen ruhen.

— — —

Die Zeit nach dieser Unterredung war für mich die eines tiefen Schlafes. Als ich jenes Zimmer verlassen hatte und eine kurze Strecke gewandert war, war ich so erschöpft, daß ich in traumloser Bewußtlosigkeit zu Boden sank. Was lag mir daran, wo ich ruhte, da doch alles um mich herum finster war?

Wie lange mein Schlaf andauerte, weiß ich nicht. Damals hatte ich kein anderes Mittel, die Zeit zu berechnen, als die Summe des Leides und des Elendes, durch welches ich hindurch mußte. Aus dem tiefen Schlummer erwachte ich einigermaßen erfrischt und alle meine Sinne erschienen mir kräftiger als zu vor. Ich konnte mich rascher bewegen; meine Glieder kamen mir stärker und freier vor, und ich empfand jetzt ein Verlangen nach Nahrung, das mir bisher unbekannt gewesen war. Das Verlangen wurde nachgerade so groß, daß ich auf die Suche nach etwas Genießbarem ging. Ich entdeckte schließlich etwas, das wie hartes, trockenes Brot aussah. Es waren nur wenige Krusten, aber ich aß sie mit Appetit und fühlte mich hierauf befriedigt.

Hier möchte ich einschalten, daß die Geister den geistigen Teil eurer Nahrung genießen und daß sie einen ebenso heftigen Hunger und Durst empfinden wie ihr auf Erden, obgleich weder unsere Speise noch unser Getränk von euren physischen Augen gesehen werden können, ebensowenig wie unser geistiger Körper. Dennoch haben Speise und Trank für uns eine objektive Realität. Wenn ich mich jetzt auch anfangs mit Ekel von jenen trockenen Krusten abwandte, so sagte mir doch eine kurze Überlegung, daß ich jetzt kein Mittel hatte, mir etwas anderes zu verschaffen. Ich war einem Bettler zu vergleichen und hatte mich mit eines Bettlers Kost zu begnügen.

Meine Gedanken wandten sich nun wieder meiner Geliebten zu und führten meinen Geist mit sich, so daß ich noch einmal jenes Zimmer betrat, in dem ich sie und die beiden Frauen zuletzt gesehen hatte. Diesmal konnte ich sofort eintreten und wurde von zwei männlichen Geistern empfangen, die ich nur sehr schwach sehen konnte. Denn es schien ein Schleier zwischen uns zu hängen, durch welchen ich jene beiden Geister, die Frauen und meine Geliebte wahrnahm. Man forderte mich auf, ihr wieder eine Botschaft zukommen zu lassen. Ich war nun begierig, zu versuchen, ob ich meine Worte nicht durch meinen Liebling selbst schreiben könne, wie es ihr Schutzgeist getan hatte. Man gestattete mir diesen Versuch. Zu meiner Enttäuschung fand ich aber, daß es nicht ging; sie war für alles, was ich sagte, taub. So mußte ich den Gedanken aufgeben und wie vorher die Frau für mich schreiben lassen. Nachdem meine Botschaft gegeben war, ruhte ich kurze Zeit aus und beobachtete meines Lieblings süßes Gesicht wie in früheren glücklicheren Tagen.

Meine Betrachtungen wurden von einem der anwesenden männlichen Geister unterbrochen, — einem ernsten jungen Mann, soweit ich unterscheiden konnte. Er sprach in ruhiger, freundlicher Weise zu mir und sagte, daß, wenn ich meine Worte durch meinen Liebling selbst zu schreiben wünsche, es gut sei, mich zuvor einer Brüderschaft von Bußenden anzuschließen. In dieser verfolge man den Weg zum Guten, und bei ihr könne ich vieles lernen, wovon ich bisher noch keine Kenntnis habe. Durch die Belehrungen dieser Brüder würde ich nicht nur befähigt werden, den Geist meiner Liebe zu beeinflussen, sondern auch das von mir ersehnte Vorrecht erlangen, zuweilen während ihres irdischen Daseins bei ihr zu sein. Dieser Weg der Buße sei sehr hart, der Stufen bis zum Ziele gäbe es viele, die Mühen und Leiden seien groß. Aber der Weg führe schließlich nach einem schönen, glücklichen Lande, wo ich in einer Glückseligkeit ausruhen würde, wie ich sie jetzt nicht einmal erträumen könne.

Er versicherte mir, daß sich mein entstellter Körper, den ich noch so ängstlich vor den Augen meiner Geliebten verbarg, der Umwandlung meines Geistes entsprechend, verändern würde. Dann würde er wieder schön anzuschauen sein und sein Anblick sie nicht mehr betrüben. Verbliebe ich noch weiter wie jetzt auf dem Erdenplan, so würde ich wahrscheinlich an die früheren Orte meiner sogenannten Freuden zurück gezogen werden. In jener Atmosphäre geistiger Herabwürdigung würde ich bald die Kraft, in der Nähe meines Liebs zu verweilen, ganz verlieren. Die, welche über sie wachten, wären dann aus Rücksicht für sie gezwungen, mich aus ihrer Nähe auszuschließen. Würde ich mich andererseits jener Brüderschaft der Hoffnung und Arbeit anschließen, dann sollte ich so gestärkt und belehrt werden, daß ich nach entsprechender Zeit ohne Gefahr wieder zum Erdenplane zurückkehren könnte. Ich würde mir bis dahin genügende selbstschützende Kraft errungen haben, um seinen Versuchungen zu widerstehen.

Ich lauschte den Worten dieses freundlichen Geistes mit Verwunderung und wachsendem Verlangen, mehr von jener Brüderschaft zu erfahren und bat deshalb den Geist, er möchte mich zu ihr führen. Dieser versprach es zu tun, erklärte mir aber gleichzeitig, daß es nur meines eigenen Willens bedürfe, um mich dorthin zu versetzen. "Wenn du zu irgend einer Zeit wegzugehen wünschest,“" erklärte mir der Geist "so kannst du es sofort tun. In der Geisterwelt sind alle frei. Alle brauchen nur dahin zu gehen, wohin ihre eigenen Wünsche oder Begierden sie führen. Wenn du dich bemühst, reineren höheren Wünschen Raum zu geben, werden dir die Mittel an die Hand gegeben, sie zu verwirklichen. Du empfängst sodann so viel Unterstützung und Kraft, als du zu deinem Vorhaben bedarfst.

Du bist einer von denen, die niemals die Kraft des Gebetes kennen gelernt haben. Aber alle Dinge werden uns auf unser Gebet hin zuteil, gleichviel ob wir uns dessen bewußt sind oder nicht. Alle deine Wünsche nach Gutem oder Bösem sind gleich Gebeten und rufen gute oder böse Mächte zu dir, um sie zu erfüllen."

Da ich wieder müde und erschöpft war, riet mir der Geist, meinem Liebling für einige Zeit Lebewohl zu sagen. Er erklärte mir, daß ich an Kraft gewönne, wenn ich sie während der Zeit an dem besprochenen Orte verlassen würde, und daß sie ebenfalls dann Ruhe habe, neue Kraft zu sammeln. Es wäre auch gut, wenn sie drei Monate lang gar nicht versuchen würde zu schreiben, da ihre medialen Kräfte stark in Anspruch genommen seien und sie sehr geschwächt würde, wenn nicht eine Ruhepause eintrete. Andererseits hätte ich diese ganze Zeit nötig, um nur die einfachsten Dinge zu erlernen, die nötig seien, um einen Einfluß auf meine Liebe zu gewinnen.

Ach, wie schwer wurde es uns beiden, dieses Versprechen zu geben! Aber sie ging mit gutem Beispiel voran, und ich konnte nichts anderes tun, als ihr folgen. Ich wollte ebenso stark und geduldig sein wie sie und tat ein Gelübde: Wenn Gott, den ich so lange vergessen hatte, sich meiner erinnern und mir jetzt verzeihen würde, wolle ich mein ganzes Leben und alle meine Kräfte dahingeben, um mein begangenes Unrecht wieder gut zu machen.

So verließ ich denn für einige Zeit den trüben Erdenplan der geistigen Welt, von dem ich bis jetzt wenig gesehen hatte, in der ich aber noch viel erleben und erdulden sollte.

Als ich mit meinem neuen Führer das Zimmer verließ, wandte ich mich noch einmal meiner Liebsten zu und winkte ihr zum Abschiede mit der Hand, indem ich alle guten Engel und Gott — zu dem ich für mich selbst nicht zu beten wagte — bat, sie zu segnen und sie für immer in ihren Schutz zu nehmen. Das letzte, was ich sah, waren ihre süßen Augen, die mir mit dem Ausdruck der Liebe und Hoffnung folgten. Die Erinnerung an diesen Blick hat mich in so mancher schweren und schmerzensreichen Stunde aufrechterhalten.

 

Kapitel 4

In der geistigen Welt gibt es manch merkwürdigen Ort, manchen wundervollen Anblick, und viele Gesellschaften zur Unterstützung reuiger Seelen. Niemals aber habe ich etwas in seiner Art Seltsameres gesehen, als jenes durch die "Brüderschaft zur Hoffnung" geleitete Erholungsheim, zu dem ich nun geführt wurde. Bei der damaligen Schwäche aller meiner geistigen Fähigkeiten war es mir nicht möglich, die Dinge genau zu unterscheiden und zu sagen, womit der Ort Ähnlichkeit hätte. Ich glich einem Menschen, der fast taub, stumm und blind ist. Befand ich mich in Gesellschaft anderer, so konnte ich sie kaum hören und sehen, oder mich ihnen verständlich machen. Und wenn ich auch imstande war, ein wenig zu sehen, so war es mir doch nur so, als ob ich in einem dunklen Raume mit einem schwachen Schimmer von Licht wäre, gerade stark genug, um mir zu zeigen, wohin ich ging. Auf dem seelischen Erdenplan hatte ich das nicht so gefühlt, da ich dort, obwohl ebenfalls alles in Dunkel gehüllt war, genug sehen und hören konnte, um mich meiner Umgebung bewußt zu werden. Schon infolge des Aufstiegs zu dieser geringen Höhe, auf welcher der Platz über der Erde lag, entstand bei mir das Gefühl der Abwesenheit von allem. Es schienen nur die gröbsten Umhüllungen meines Geistes vorhanden zu sein.

Jene Periode der Finsternis war für mich, der das Sonnenlicht so sehr geliebt hatte, zu schrecklich, als daß ich sie nochmals ins Gedächtnis zurückrufen möchte. Ich stammte aus einem Lande, wo alles Sonnenschein und Pracht ist, die Farben reich und mannigfaltig, der Himmel klar, die Blumen und Landschaften so herrlich, — und ich liebte Licht und Wärme und Musik unaussprechlich. Hier jedoch, wie überall seit meinem Tode, hatte ich nur Finsternis und Kälte gefunden; eine schaudererregende Dunkelheit, die mich wie ein schwarzer Mantel umhüllte, von dem ich mich auf keine Weise befreien konnte. Dieses fürchterliche Dunkel bedrückte meinen Geist mehr als alles andere.

Auf Erden war ich stolz und hochmütig gewesen. Das Blut der stolzen Edlen meines Volkes rann in meinen Adern. Durch meine Mutter war ich mit den Großen der Erde verwandt, deren Ehrgeiz Königreiche nach Belieben lenkte. Und nun?! Der niedrigste, geringste und ärmste Bettler auf der Straße meiner Vaterstadt war größer und glücklicher als ich, denn er hatte wenigstens Sonnenschein und frische Luft, während ich einem herabgekommensten Gefangenen in der Kerkerzelle glich.

Hatte mich nicht der Gedanke an meinen Hoffnungsstern, meinen Lichtengel und seine Liebe aufrecht erhalten, ich hätte in tiefste Verzweiflung verfallen müssen. Wenn ich mir jedoch ihr zärtliches Lächeln und ihre guten Worte ins Gedächtnis zurückrief, da belebte sich mein Mut wieder und ich bestrebte mich, geduldig und stark zu sein. Ich hatte aber auch all dieses zu meinem Fortgang nötig, denn nun begann für mich eine Periode des Leidens und Ringens, die ich vergebens versuchen werde, jemandem völlig verständlich zu machen.

Den Ort, an dem ich mich nun befand, konnte ich jetzt dürftig in allen Einzelheiten betrachten. Er glich in seinen düsteren, dunklen Umrissen einem ungeheueren Gefängnis. Späterhin bemerkte ich, daß es ein großes Gebäude war von dunkelgrauem Stein, der meinem Auge so dicht wie irdisches Gestein erschien. Der Bau mit vielen langen Gängen bestand aus mehreren geräumigen Hallen oder Sälen, an die sich zahllose kleine Zellen mit spärlicher Beleuchtung und dürftigster Ausstattung anschlossen. Jeder Geist besaß hier nur das, was er durch sein irdisches Leben verdient hatte; einige hatten nichts als das kleine Lager, auf dem sie lagen und litten. Denn es litten hier alle! Es war ein Haus der Trübsal, in dem ich mich befand, doch auch ein Haus der Hoffnung. Denn alle seine Insassen strebten nach aufwärts, dem Lichte zu, für jeden hatte die Zeit des Hoffens begonnen. Jeder hatte den Fuß auf die unterste Stufe der Hoffnungsleiter gesetzt, auf der er mit der Zeit zum Paradies und zum Himmel emporklimmen sollte.

In meiner eigenen kleinen Zelle befand sich nur mein Bett, ein Tisch und ein Stuhl, sonst weiter nichts. Ich verbrachte die Zeit in meiner Zelle mit Ruhen und Nachdenken. Oder ich erging mich mit jenen, welche gleich mir bald kräftig genug waren, um den Vorlesungen beizuwohnen, welche für uns in der großen Halle gehalten wurden. Diese Lesungen waren sehr eindringlicher Natur. Sie wurden in die Form von Erzählungen eingekleidet, verrieten aber stets die Absicht, einem jeden von uns sein Unrecht zum Bewußtsein zu bringen.

Man gab sich große Mühe, uns vom Standpunkte eines unparteiischen Zuschauers aus die volle Tragweite aller unserer Handlungen verständlich zu machen und uns zu zeigen, wo wir zugunsten unserer eigenen Genußsucht gefehlt und eine andere Seele ins Verderben gestürzt hatten. Von manchem, das wir begangen, weil alle es taten, oder weil wir glaubten, als Menschen das Recht dazu zu haben, wurde uns nun, die Kehrseite der Sache zur Anschauung gebracht. Und zwar durch diejenigen, welche in gewissem Grade unsere Opfer gewesen waren; oder da, wo wir nicht direkt für ihren Fall verantwortlich waren, durch die Opfer eines sozialen Systems, das aufrecht erhalten wurde, um unsere selbstsüchtigen Leidenschaften befriedigen zu können.

Diejenigen unter euch, welche die Verdorbenheit der großen Städte auf Erden kennen, werden leicht imstande sein, diese Ausführungen zu ahnen. Vor diesen Schilderungen unserer eigenen schwachen Persönlichkeit fiel all der gesellschaftliche Schein des irdischen Lebens; beschämt und bekümmert im Herzen mußten wir in unsere Zellen zurückkehren, um über unsere Vergangenheit nachzudenken, sowie darüber, wie wir unsere Fehler in Zukunft sühnen könnten.

Eine große Erleichterung wurde uns dadurch zuteil, daß man uns mit den Fehlern und ihren Folgen stets zugleich den Weg wies, diese wieder gut zu machen und die böse Lust in uns zu bezwingen. Wir wurden belehrt, daß wir durch unsere künftigen Bemühungen, andere vor einem Übel zu beschützen, dem wir selbst zum Opfer gefallen waren, für unsere eigenen Sünden Buße zu leisten hätten. Mit diesem Unterricht beabsichtigte man, uns für unsere nächste Entwicklungsstufe vorzubereiten, in der wir zur Erde zurückgesandt werden sollten, um ungesehen und unerkannt den Sterblichen beizustehen, die mit irdischen Versuchungen kämpften.

Wenn wir den Vorträgen nicht beiwohnten, stand es uns frei zu gehen, wohin es uns beliebte, doch nur denen unter uns, die stark genug waren, sich frei zu bewegen. Einige, die teure Freunde auf der Erde zurückgelassen hatten, machten sich auf, um diese zu besuchen, damit sie, wenn auch selbst unbemerkt, doch ihre Lieben wenigstens sehen könnten. Wir wurden aber stets gewarnt, nicht bei den Versuchungen des Erdenplans zu verweilen, da es vielen von uns schwer fallen würde, ihnen zu widerstehen.

Die Stärksten von uns, die Fähigkeiten dazu besaßen und sie zu gebrauchen wünschten, wurden veranlaßt, die Schwächsten unter uns zu magnetisieren: solche, die durch übermäßige Verschwendung ihrer Lebenskräfte während ihres irdischen Daseins sich oftmals in einem schrecklichen Zustande der Erschöpfung und des Elends befanden, daß man nichts anderes mit ihnen tun konnte, als sie in ihren Zellen liegen zu lassen, während ihnen andere Geister durch Magnetisieren etwas Linderung verschafften.

Hier muß ich noch ein wunderbares Heilverfahren schildern, welches man in diesem Hause der Hoffnung anwandte. Einige vorgeschrittenere Geister, deren Wünsche und Anlagen sie zu natürlichen Ärzten und Heilern machten, behandelten in Gemeinschaft mit anderen Intelligenzen diese Kränksten unter uns Leidenden, indem sie durch Anwendung ihres Magnetismus und Mitbenutzung der Kräfte anderer die Pein dieser armen Geister zeitweilig aus ihrer Seele auslöschten. Wenn in letzteren nach einiger Zeit die alten Leiden auch wieder erwachten, so hatte ihr Geist inzwischen doch wieder Stärke gewonnen, um sie zu ertragen. Schließlich wurden ihre Schmerzen infolge fortschreitender Entwicklung ihres geistigen Körpers derart herabgemindert, daß sie nun selbst fähig wurden, andere zu magnetisieren und ihnen ihre Schmerzen zeitweilig zu nehmen. Es ist mir nicht möglich, eine genaue Beschreibung von diesem Orte und seinen Bewohnern zu geben. Obgleich er große Ähnlichkeit mit einem irdischen Hospital hatte, so wies er doch viele Nebensächlichkeiten auf, in denen er in nichts dem glich, was ihr bis jetzt auf der Erde gehabt. Es war hier alles so dunkel, weil die Unglücklichen, die hier hausten, nichts von dem Glanze an sich hatten, durch den glückliche Geister ihre Atmosphäre erleuchten. Denn der Zustand des Geistes selbst ist es, welcher Licht oder Dunkelheit in seine Umgebung bringt.

Das Gefühl der Dunkelheit, die fast vollständige Blindheit jener armen Geister war dadurch hervorgerufen, daß ihre geistigen Sinne während ihres Erdenlebens nicht entwickelt worden waren. Sie waren für ihre Umgebung gerade so unempfindlich, wie Erdgeborene im Zustande der Blindheit, Taubheit und des Stummseins sich der Dinge unbewußt bleiben, die anderen mit allen Sinnesorganen Ausgestatteten vollständig bemerkbar sind.

Kamen diese armen Geister in die Atmosphäre des Erdenplanes, die ihrer Entwicklungsstufe angemessener war, so befanden sie sich noch immer in einer gewissen Dunkelheit. Sie besaßen dann jedoch die Fähigkeit, Wesen ihresgleichen, mit denen sie in direkte Berührung kamen, zu sehen. Ebenso auch solche Sterbliche, die sich auf einer entsprechend niederen geistigen Entwicklungsstufe befanden. Geistig höher entwickelte Sterbliche und besonders entkörperte, vorgeschrittene Geister sind aber für sie kaum wahrnehmbar oder ganz unsichtbar.

Die "arbeitenden Brüder der Hoffnung", wie sie genannt wurden, waren mit einem winzigkleinen sternartigen Lichte versehen, dessen Strahlen die Dunkelheit der Zellen, in die sie eintraten, erleuchteten, und die das Licht der Hoffnung überall hinbrachten, wo sich die Brüder befanden. Ich selbst war anfänglich so leidend, daß ich fast immer abgespannt und teilnahmslos in meiner Zelle lag. Indem ich darauf wartete, daß dieser flimmernde Funke wieder den langen Gang bis zu meiner Türe herunterkommen sollte, dachte ich darüber nach, wie lange es wohl nach Erdenzeit dauern würde, bis er wieder erschiene. — Dieser Zustand äußerster Niedergeschlagenheit dauerte aber nicht allzu lange. Es ging mir besser als den armen Geistern, die außer ihren sonstigen Leidenschaften noch mit dem Laster des Trunkes behaftet waren.

Mein Geist war zu klar und mein Wunsch, mich zu vervollkommnen zu stark, als daß ich hätte lange untätig bleiben können. Sobald ich mich zu rühren imstande war, erbat ich mir die Erlaubnis, irgend etwas Nützliches, wenn auch noch so Unbedeutendes verrichten zu dürfen. Da ich starke magnetische Kräfte besaß, wurde ich nun angewiesen, einem unglücklichen jungen Mann Beistand zu leisten, der zu jeder Bewegung unfähig immerfort klagte und seufzte.

Armer Mensch! Er war erst 30 Jahre alt, als er den irdischen Körper verließ. Aber in seinem kurzen Leben hatte er es fertig gebracht, seine Kräfte derart zu vergeuden, daß er sich nun selbst vorzeitig getötet hatte. Sein Geist litt jetzt fürchterlich unter der Wirkung des Mißbrauchs, den er mit seinem Körper getrieben hatte, so daß ich den Anblick des Leidens oft kaum ertragen konnte. Meine Aufgabe bestand darin, beruhigende Striche über ihm zu machen und ihm dadurch etwas Erleichterung zu verschaffen, bis nach einer bestimmten Zeit ein vorgeschrittenerer Geist kam, um ihn in einen Zustand der Bewußtlosigkeit zu versetzen, der seine Leiden zeitweilig ganz aufhob.

Während dieser Zeit hatte ich selbst viel zu leiden, sowohl seelisch, wie auch geistig und körperlich, denn in den niederen Sphären empfindet der Geist auch körperliche Schmerzen. In dem Maße, wie er fortschreitet, wird sein Leiden mehr geistig- seelischer Natur. Die dünnere, ätherische Hülle höherer Geister machen diese für jede Art körperlichen Schmerzes fast ganz unempfindlich.

Mir der Zunahme meiner Kraft belebten sich aber auch meine Begierden wieder. Sie verursachten mir oft eine solche Qual, daß ich versucht war zu tun, was viele arme Geister taten — nämlich zur Erde zurückzugehen, um nach Mitteln zu suchen, sie durch die materiellen Körper der auf Erden Lebenden zu befriedigen. Meine körperlichen Leiden waren sehr groß. Denn die Kraft, auf die ich so stolz gewesen war und von der ich einen so schlechten Gebrauch gemacht hatte, brachte mir mehr Leiden als denen, die auf Erden schwach waren. Wie die Muskeln eines Athleten nach Überanstrengung sich zusammenzuziehen beginnen und ihm große Pein verursachen, fing nun auch die Kraft und die Stärke, die ich in meinem irdischen Leben mißbraucht hatte, an, mir durch ihre unvermeidliche Rückwirkung auf meinen geistigen Körper intensiven Schmerz zu bereiten.

Als ich immer mehr erstarkte und fähig wurde, zu genießen, was mir in meinem irdischen Dasein genießenswert erschienen war, nahm das Verlangen nach diesen Freuden immer mehr zu, sodaß ich mich kaum zurückzuhalten vermochte von der Rückkehr zum Erdenplan, um dort durch die Körper solcher Lebender, die infolge ihrer niederen Begierden sich mit den Geistern des Erdenplanes auf gleicher Stufe befanden, alle Sinnesfreuden zu genießen, die für uns noch eine so große Versuchung bildeten.

Viele von den Bewohnern des "Hauses der Hoffnung" unterlagen der Versuchung und gingen eine Zeitlang auf die Erde nieder — von wo sie dann über kurz oder lang, erschöpft und selbst unter ihre frühere Entwicklungsstufe heruntergesunken zurückkehrten. Allen stand es frei, nach Belieben zu gehen oder zu bleiben. Alle konnten zurückkehren, sobald sie es wünschten, denn die Tore von "Hoffnungsheim" waren keinem verschlossen, so undankbar und unwürdig er auch sein mochte. Oft habe ich die unendliche Geduld und Nachsicht bewundert, die uns angesichts unserer Schwächen und Sünden erwiesen wurde. Es war uns in der Tat nur möglich, diese armen Unglücklichen zu bemitleiden, welche sich so völlig zu Sklaven ihrer niederen Begierden gemacht hatten, daß sie ihnen nicht mehr widerstehen konnten. Immer und immer wieder wurden sie zur Erde hinabgezogen, bis sie schließlich, übersättigt und erschöpft gleich dem jungen Manne, den ich pflegte, nicht mehr imstande waren, sich zu bewegen.

Ich selbst wäre der Versuchung auch unterlegen, wenn nicht der Gedanke an mein reines Lieb und an die Hoffnungen, die sie mir gemacht, die besseren Regungen in mir wachgerufen hätte. Ich konnte deshalb diese armen irrenden Seelen, denen ein solcher Halt nicht gegeben war, nicht verurteilen. Oft ging ich zur Erde, aber dahin, wo meine Geliebte weilte; ihre Liebe zog mich stets von allen Versuchungen hinweg an ihre Seite, in die reine Atmosphäre ihres Wesens. Obgleich ich mich ihr infolge jenes oben beschriebenen unsichtbaren Walls niemals genügend nähern konnte, um sie zu berühren, stand ich doch außerhalb desselben und sah sie sitzen, arbeiten, lesen oder schlafen. Wenn ich da war, wurde sie sich meiner Gegenwart stets dumpf bewußt. Sie flüsterte meinen Namen, oder wandte sich nach mir mit jenem traurig-süßen Lächeln, dessen Erinnerung ich mit mir genommen und das mir in einsamen Stunden zum Trost gereichte. Sie sah sehr traurig aus, mein armes Lieb, und war so bleich und zart, daß es mir in der Seele wehe tat trotz des Trostes, den mir ihr Anblick gewährte.

Ich mußte mir sagen, daß trotz ihrer Tapferkeit und Hoffnungsfreudigkeit dieser Kampf doch zu schwer für sie war, und daß ihr Aussehen täglich zarter wurde. Sie hatte damals mancherlei Prüfungen zu bestehen: es gab viel Verdruß in der Familie, und Zweifel und Befürchtungen bedrückten sie wegen ihres Verkehrs mit der Geisterwelt. Zu Zeiten frug sie sich, ob nicht alles, was sie erlebte, eine große Täuschung wäre — ein Traum, aus dem sie eines Tages erwachen würde mit der Entdeckung, daß es überhaupt keine Verbindung zwischen den Toten und Lebenden gab, keine Mittel und Wege, durch die sie mich wieder erreichen konnte. Dann ergriff sie und auch mich eine dumpfe Verzweiflung. Unfähig, ihr meine Gegenwart bemerkbar zu machen, stand ich an ihrer Seite und bat, man möchte sie auf irgend eine Weise wissen lassen, daß ich zugegen war.

Eines Nachts, als sie nach längerem Weinen eingeschlafen war, wurde ich, der ich selbst vor Kummer hätte mitweinen mögen, an der Schulter berührt. Aufschauend gewahrte ich den Schutzgeist meines Lieblings, der mir zuerst zu einer Aussprache mit ihr verholfen hatte. Er fragte mich, ob ich mich beherrschen und ganz ruhig verhalten wolle, wenn er mir erlaube, mein Lieb im Schlafe zu küssen. Hocherfreut über diese Aussicht versprach ich es eifrig.

Ihr Schutzgeist nahm mich nun bei der Hand. So gingen wir zusammen durch den durchsichtigen eisigen Wall, der für mich so undurchdringlich gewesen war. Mein Führer beugte sich über sie und machte einige seltsame Bewegungen mit der Hand, nahm dann eine kurze Zeit eine meiner Hände in die seinige und bat mich, sie ganz leicht zu berühren. Sie lag in ruhigem Schlummer, die Tränen noch auf ihren Wimpern und die Lippen leicht geöffnet, wie wenn sie im Traume spräche.

Eine ihrer Hände ruhte an ihrer Wange und ich nahm sie in die meinige, ganz behutsam, um sie nicht zu erwecken. Ihre Hand umschloß nun halbbewußt die meine, und ein Anflug von solch lebhafter Freude trat in ihr Angesicht, daß ich fürchtete, sie würde erwachen. Aber nichts dergleichen. Der glänzende Geist lächelte uns beiden zu und sagte: "Küsse sie nun." Und ich beugte mich über sie, berührte sie schließlich und gab ihr den ersten Kuß, den ich ihr je gegeben. Nicht einmal, sondern wiederholt küßte ich sie so leidenschaftlich, daß sie erwachte und der glänzende Geist mich hastig hinweg zog. Sie schaute um sich und fragte sanft: "Träume ich, oder war dies wirklich mein Geliebter?" — "Ja", antwortete ich, und sie schien es zu hören, denn sie lächelte so süß und immer wieder sprach sie meinen Namen leise zu sich selbst.

Während langer Zeit nachher wollte man mir nicht erlauben, mein Lieb wieder zu berühren, aber oft war ich ihr nahe, und die Freude über jenes eine Zusammentreffen klang manche Stunde in unseren Herzen nach. Es entging mir nicht, von welch realer Natur mein Kuß für sie gewesen. Mir selbst war er ein Hoffnungsanker, daß es mir mit der Zeit möglich würde, ihr meine Berührungen auch fühlbar zu machen und Zwiesprache mit ihr zu halten.

 

Kapitel 5

Schließlich kam auch für mich die Zeit heran, wo ich das "Haus der Hoffnung" verlassen konnte, um — gefestigt durch die daselbst empfangenen Lehren — auf dem Erdenplan und in den unteren Sphären, wohin es mich in meinem irdischen Dasein hingezogen hatte, Sühne zu leisten.

Während der achten oder neun Monate seit meinem Tode hatte ich wieder Kraft und Stärke erlangt, so daß ich mich innerhalb der großen Sphäre des Erdenplanes frei und ungehindert zu bewegen vermochte. Mein Sehvermögen und meine anderen Sinne waren so weit entwickelt, daß ich deutlich sehen, hören und sprechen konnte. Ein mattes Zwielicht, dem des dämmernden Morgens ähnlich, umgab mich nun. Obgleich dieses trübe Licht meinen Augen anfänglich sehr willkommen war, begann ich mich doch nach einiger Zeit sehr nach hellem Tageslicht zu sehnen, und dieses trübe Zwielicht erschien mir bald äußerst einförmig und bedrückend.

Die Gebiete im dritten Kreise des Erdenplanes oder der ersten Sphäre werden die "Zwielicht-Lande" genannt. Hierher kommen alle Geister, die ein so selbstsüchtiges und sinnliches Leben geführt haben, daß ihre Seelen eine höhere Stufe der Entwicklung nicht erreichen konnten. Aber die Bewohner dieser Zwielichtlande stehen immer noch eine Stufe höher als die "Spukgeister" des Erdenplanes, die tatsächlich erdgebunden, d.h. an ihre früheren Wohnorte gebannt sind.

Meine Arbeit auf der Erde begann an jenen vielbesuchten Orten, welche die Welt Vergnügungslokale und Freudenhäuser nennt, obgleich kein Vergnügen so flüchtig ist und so sicher zur Entartung führt als gerade jenes, das sie den Menschen während ihres irdischen Daseins bereiten.

Jetzt hatte ich Gelegenheit, den Wert der Erfahrungen, die ich durch meinen Aufenthalt im "Hause der Hoffnung" gewonnen hatte, schätzen zu lernen. Was früher eine schwere Versuchung für mich war, übte jetzt keinen Reiz mehr auf mich aus. Ich kannte die "Befriedigungen", welche derartige Vergnügungen gewähren und auch den Preis, um den allein sie zu haben sind zu genau als daß ich bei der Überwachung eines Sterblichen wie sie mir öfter übertragen wurde — der Versuchung unterlegen wäre, den Körper des Überwachten für mich selbst zu gebrauchen.

Wenige Sterbliche nur können es heute begreifen, daß Geister — wie es häufig geschieht — zeitweilig so vollständig Besitz von dem Körper eines Mannes oder einer Frau zu nehmen vermögen, daß es den Anschein hat, als ob dieser Körper nicht dem verkörperten, sondern dem entkörperten Geiste angehöre. Viele Fälle von sogenanntem periodischem Wahnsinn sind dem Einflusse schlechter, niederer Geister von leichtfertiger Gesinnung zuzuschreiben, wobei diese, begünstigt in ihrem Vorhaben durch die Willensschwäche der betreffenden Personen, den verkörperten Geist vollständig in ihre Gewalt bekommen.

Den alten Völkern waren diese Dinge längst bekannt und wurden von diesen in Verbindung mit anderen Zweigen der okkulten Wissenschaft studiert, für die wir "Aufgeklärte" heute zu weise geworden sind. Fürwahr, diese Wahrheitskeime aller Zeitalter wären es wert, daß man sie eingehend erforschte und sie von dem Schutt befreite, mit dem die späteren Generationen sie umgeben haben.

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Die Beschäftigung, der ich nun oblag, wird dem Leser nicht weniger befremdlich erscheinen als anfänglich mir selbst. Die große "Brüderschaft zur Hoffnung" war nur eine von den zahllosen Vereinigungen verschiedenster Richtung, die in der geistigen Welt zur Unterstützung bedürftiger Seelen bestehen. Diese Bruderschaften treten in allen Sphären in Tätigkeit. Ihre Mitglieder sind sowohl in den allerniedersten und dunkelsten, wie auch in den allerhöchsten Sphären tätig, welche die Erde umgeben, selbst in den Sphären des Sonnensystems sind sie noch zu finden. Sie gleichen ungeheuren Ketten von Geistern, bei denen das niedrigste und geringste Glied immer unterstützt und beschützt wird von solchen, die über ihm stehen.

Wird der Brüderschaft mitgeteilt, daß man ihres Beistands zur Unterstützung eines ringenden Sterblichen oder unglücklichen Geistes bedarf, dann wird einer von den Brüdern, den man für den geeignetsten hält, zur Hilfe gesandt. In solchem Falle wird ein Bruder ausgewählt, der sich in seinem Erdenleben in ähnlicher Lage wie der Hilfsbedürftige befand und alle die bitteren Folgen seiner Sünde erduldet hat.

Oft geschah es, daß einem Manne oder einer Frau Beistand gewährt wurde, nachdem sie im Kampfe mit der Versuchung den innigen Wunsch nach Hilfe und Stärkung hinausgesandt hatten. Dies galt jedem von uns als ein Gebet. Solch ein Schrei eines Erdenkindes findet bei allen Geistern Echo, die einst selbst Erdenbürger gewesen sind. Auch kann es vorkommen, daß ein Geist, dem das Wohl eines kämpfenden Menschen am Herzen liegt, sich zu dessen Beistand um Hilfe an uns wendet. Unsere Pflicht ist es dann, dem Rufe Folge zu leisten und den Hilfsbedürftigen zu beschützen und zu beeinflussen, bis die Versuchung überwunden ist. In solchem Fall müssen wir uns mit dem Sterblichen so eng verbinden, daß wir zeitweilig tatsächlich sein ganzes Leben und Denken mit ihm teilen.

Während diesen Doppellebens — wo wir neben unseren Sorgen um solch einen Menschen, dessen Gedanken uns alle bewußt werden, auch noch dessen Angstzustände als eigene empfinden — haben wir häufig sehr zu leiden. Indem wir auf diese Weise einen Abschnitt unserer eigenen Vergangenheit nochmals durchleben, empfinden wir auch alle Sorge, Reue und Bitterkeit der früheren Zeit nochmals. Der unter unserem Einfluß Stehende seinerseits fühlt — wenn auch nicht in so hohem Grade — den sorgenvollen Zustand unseres Gemütes. und da, wo der Einfluß vollständiger und der Sterbliche sehr sensitiv ist, bildet er sich oft ein, daß er Dinge, die von uns begangen worden waren, selbst getan haben müsse — sei es in einer früheren, vergessenen Existenz oder in irgendeinem lebhaften Traum, dessen er sich nicht mehr genau entsinnen kann.

Dieses Überschatten eines Sterblichen durch einen Geist wird auf verschiedene Weise ausgeführt. Die, welche sich törichterweise selbst einem solchen Einflusse aussetzen — sei es durch einen schlechten Lebenswandel oder ein neugieriges oder frevelhaftes Forschen nach Geheimnissen, die zu tief sind, als daß ihr schwacher Geist sie erfassen könnte — werden oft zu ihrem Schaden eines gewahrt, daß die niederen Geister des Erdenplanes und der weit unterhalb gelegenen Sphären häufig so große Macht über einen Menschen erlangen, daß er schließlich nur noch eine Puppe in ihren Händen ist, deren Körper sie nach Belieben zu gebrauchen vermögen.

Manche willensschwache Männer oder Frauen, die in einer gesunden Umgebung ein gutes und reines Leben führen würden, werden in einer ungünstigen in allerlei Sünden verstrickt, für die sie nur teilweise verantwortlich sind. Für solche Sünden werden sowohl die sterblichen Sünder als auch die Geister, welche sie mißbrauchen, zur Rechenschaft gezogen. Eine schreckliche Strafe harret jener bösen Geister, welche einen Menschen in Versuchung geführt und sich seines Körpers bedient haben, denn sie haben sich doppelt schuldig gemacht. Indem sie selbst sündigen und eine andere Seele mir sich herabziehen, sinken sie bis zu einer Tiefe, aus der sie oft Jahrzehnte, ja manchmal Jahrhunderte lang andauerndes Leiden nicht befreien kann.

Oftmals war es meine Aufgabe, Sterbliche zu überwachen und zu beeinflussen. Entweder hatte ich ihnen nur das Gefühl der schrecklichen Folgen des beabsichtigten Fehltritts einzuprägen, oder ich mußte sie da, wo eine Beeinflussung nicht möglich war, vor dem Einflusse herumschweifender geistiger Versucher des Erdenplanes beschützen. Gegen diese hatte ich dann meine stärkere Willenskraft zu gebrauchen, um sie dadurch so weit zurückzudrängen, daß sie mit meinen Schützlingen nicht in Fühlung kommen und sie nicht beeinflussen konnten. Wenn diese indessen den niederen Geistern einen Einfluß auf sich bereits eingeräumt hatten, dann waren letztere nach meinem Eingreifen zwar noch imstande, ihre Gedanken und Suggestionen auf sie zu übertragen, konnten dies jedoch nur noch unter Schwierigkeiten tun.

Damals glaubte ich, daß die Verantwortung für die Sicherheit jener, zu deren Schutz ich berufen war, auf mir allein laste. Ich wußte nicht, daß ich nur das letzte Glied einer langen Reihe von Geistern bildete, die alle zur gleichen Zeit Hilfe leisteten. In dieser Reihe stand immer ein Geist eine Stufe höher als der andere. Jeder mußte den unter ihm Befindlichen stärken und ihm helfen, wenn er schwach werden, oder seiner Aufgabe nicht gewachsen sein sollte.

Was ich tat, sollte mir auch selbst zur Lehre dienen, mir Gelegenheit geben, mich in der Verzichtleistung auf eigene Bequemlichkeiten in der Selbstverleugnung zu üben. Mein Zustand als Erdengeist machte es mir möglich, den geistigen Versuchern eine materiellere Willenskraft entgegenzusetzen als es höheren ätherischen Geistern möglich gewesen wäre. Selbst erdgebunden, konnte ich mit den Sterblichen in innigeren Kontakt gelangen als ein fortgeschrittener Geist. Es war meine Aufgabe, dem Menschen, den ich beaufsichtigte, durch Traumvorstellungen im Schlafe, oder durch beständig wiederholte Gedanken während des Wachens, meine eigenen Erfahrungen einzuprägen; ihm all die schrecklichen Leiden der Reue und Furcht, all den Ekel fühlen zu lassen, den ich vor mir selbst empfunden hatte und nun in bitterer Seelenpein nochmals im Geiste durchlebte. Diese Gefühle wurden von mir so lange auf sein Bewußtsein und in sein Gemüt übertragen, bis er offensichtlich durch diese Vorstellungen von den möglichen schrecklichen Folgen seiner Gedankensünden beunruhigt war. —

Bei diesem besonderen Teile meiner Erlebnisse will ich nicht länger mehr verweilen, da er hier im Jenseits als allgemein bekannt gilt. Erwähnen möchte ich nur, daß ich von meiner Mission mit dem Bewußtsein zurückkehrte, viele Sterbliche vor den Fallstricken, in die ich selbst einst geraten war, bewahrt zu haben; und daß ich dadurch einen Teil meiner eigenen Sünden abgebüßt hatte. So wurde ich mehrmals mit solchen Sendungen betraut und jedesmal kam ich erfolgreich zurück.

Wenn ich nach dem Urteil derer, die meinen Zustand beim Eintritt in die geistige Welt gekannt, erstaunlich rasche Fortschritte gemacht hatte und den Versuchungen immer widerstehen konnte, so war dieser Erfolg nicht so sehr mir selbst zuzuschreiben. Weit mehr der wunderbaren Unterstützung, die mir durch die treue und unwandelbare Liebe meines guten Engels zuzuschreiben war, dessen Bild mir stets in meinen Nöten vor Augen schwebte. — Wenn alle anderen Vorstellungen ohne Eindruck auf mich blieben, — der Stimme meines Lieblings verschloß ich mich nie, sondern folgte ihr stets.

Hatte ich nicht irgend einem Sterblichen Beistand zu leisten, wurde ich ausgesandt, um auf dem Erdenplan unter den unglücklichen Geistern zu wirken, die wie einst ich selbst noch in Finsternis wandelten. Zu diesen kam ich in meiner Eigenschaft als Mitglied der großen Brüderschaft zur Hoffnung, versehen mit dem kleinen sternähnlichen Lichte, das geistige Abzeichen jenes Ordens. Vor seinen Strahlen wich die Finsternis um mich her. Ich konnte dann die unglücklichen Geister sehen, wie sie zu zweien oder dreien auf dem Boden umherkrochen, oder in hilflosem Zustande in irgend einer Ecke hockten; zu hoffnungslos, zu unglücklich, um für ihre Umgebung noch Interesse zu haben.

Diese Unglücklichen hatte ich darauf aufmerksam zu machen, wie sie zu einem Hoffnungsheime ähnlich dem meinigen gelangen konnten. Oder ich hatte ihnen zu zeigen, auf welche Weise sie sich selbst zu helfen vermöchten: indem sie anderen in ihrer Nähe Beistand leisteten und sich so die Dankbarkeit jener verdienten, die noch hoffnungsloser waren als sie selbst. Jeder armen, leidenden Seele mußte ein anderes Heilmittel gereicht werden, denn eine jede hatte andere Erfahrungen gemacht, und die Sünden einer jeden waren durch andere Umstände hervorgerufen worden.

 

Kapitel 6

War meine Arbeit an einem Platze beendet, pflegte ich zum Zwielichtlande zurückzukehren, um in einem anderen großen Gebäude Wohnung zu nehmen, das unserer Brüderschaft gehörte. Dieses hatte einige Ähnlichkeit mit dem meines früheren Aufenthalts, doch war es nicht ganz so dunkel, trübselig und eintönig wie jenes. In dem kleinen Zimmer, wie es jedem von uns zugewiesen wurde, befanden sich mancherlei Gegenstände, mit denen man uns aus Dankbarkeit für unsere Dienste beschenkt hatte. So bewahrte ich zum Beispiel in meinem Zimmer, welches noch etwas kahl aussah, einen großen Schatz — das Bild meines Lieblings! Es glich mehr ihrem Spiegelbilde als einem Gemälde. Wenn ich es genau betrachtete, schien es mir zuzulächeln, als ob ihr Geist sich meines Blickes bewußt wäre. Wollte ich dann lebhaft wissen, womit sie zur Zeit beschäftigt war, veränderte sich das Bild und zeigte mir ihre jeweilige Tätigkeit.

Ein solches Bild besitzen zu dürfen, wurde von allen meinen Gefährten als ein großes Vorrecht betrachtet. Man sagte mir, daß diese Vergünstigung ebenso sehr die Folge ihrer Liebe und ihres treuen Gedenkens an mich sei, als auch meiner eigenen Anstrengungen, mich zu veredeln. Später erst wurde mir erklärt, wie dieses lebende Bild vom Lichte des Astralplanes aus in mein Zimmer und seinen Rahmen geworfen wurde, doch kann ich diesen Vorgang hier nicht ausführlicher beschreiben. Ein anderes Geschenk meines Lieblings besaß ich in Gestalt einer weißen Rosenknospe, die in einer kleinen Vase niemals welk wurde, oder ihre Blätter fallen ließ, sondern als stetes Sinnbild der treuen Liebe ihrer Spenderin stets frisch und duftend blieb.

Da ich auf Erden Blumen sehr geliebt und keine mehr zu Gesicht bekommen hatte, seit mein Liebling mein Grab damit geschmückt, war das Verlangen danach bei mir sehr lebhaft gewesen. — An meinem jetzigen Aufenthaltsort gab es keine Blüten, nicht einmal Gras oder Kräuter, geschweige denn Sträucher oder Bäume. Der trockene, dürre Boden unserer Selbstsucht ließ hier nichts Grünendes oder Blühendes aufkommen.

Nachdem es mir gelungen war, kurze Botschaften durch meines Lieblings Hand zu übermitteln, erzählte ich ihr gelegentlich eines Besuches, daß mit Ausnahme ihres Bildes nichts in meinem Besitze sei, an dem mein Auge sich erfreuen könne. Da bat sie, daß man mir eine ihrer Blumen geben möchte. Ihrer Bitte war nun Erfüllung geworden, indem ein Geisterfreund die besagte weiße Rose in mein Zimmer gebracht hatte. Ach, die ihr Blumen achtlos verblühen lasset, ihr könnt euch nicht vorstellen, welche große Freude mir diese Rosenknospe bereitete, und auch das Bild und einige Worte meines Liebs, die sie mir einst geschrieben. Bei meinem Aufstieg von Sphäre zu Sphäre habe ich sie stets mit mir genommen und gedenke sie auch in Zukunft nie wieder von mir zu geben.

— — —

Von Zwielichtlande aus unternahm ich viele Reisen. So verschiedenartig und merkwürdig jedoch die Gegenden waren, die ich sah, — alle trugen sie den Stempel der Kälte und Trostlosigkeit.

Einer dieser Orte bildete ein großes Tal. Graue Felsen, düstere, kalte Hügel umschlossen es auf allen Seiten und dämmerndes Zwielicht lag über ihm. Auch hier war kein Blatt, kein Grashalm, kein verkümmerter Strauch oder irgend welche Schattierung in Farbe und Licht zu erblicken. Dem Auge boten sich nichts als trostlose, graue Felsen dar. Die Geister dieses Tals hatten nur sich selbst gelebt und sich selbst geliebt, und ihre Herzen waren der Wärme selbstloser Liebe stets verschlossen gewesen. Sie hatten ihr Dasein nur zur Befriedigung ihrer Begierden benutzt und sahen nun nichts um sich als die graue Trostlosigkeit ihres harten, selbstsüchtigen Lebens. Hier gab es eine Menge Unglücklicher, die rastlos umherwanderten, aber so in sich selbst versunken waren, daß sie die Fähigkeit, andere zu sehen, ganz verloren hatten.

Solche Geister bleiben sich gegenseitig so lange unsichtbar, bis der Gedanke und der Wunsch in ihnen auftauchen, irgend etwas Gutes für einen anderen zu tun. Dann erst werden sie sich ihrer Umgebung bewußt. Und durch ihre Bemühungen das Los ihrer Gefährten zu erleichtern, fördern sie sich selbst, bis schließlich ihre verkümmerten Gefühle an Kraft gewinnen und das nebelige Tal der Selbstsucht sie nicht mehr gefangen hält.

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Jenseits dieses Tales gelangte ich zu einem weiten, trockenen und sandigen Landstrich, welcher ab und zu mit spärlichem Grün bewachsen war. Dessen Bewohner hatten schwache Versuche zur Anlage von Gärten um ihre Behausungen herum gemacht. An manchen Stellen waren diese Behausungen so dicht zusammengerückt, daß sie kleinere oder größere Städte bildeten. Alle aber hatten jenes trostlose, häßliche Aussehen, dessen Ursache die geistige Armut ihrer Bewohner war. Auch dies war ein Land der Selbstsucht und der Begierde, jedoch für das Auge des Beobachters nicht von so vollständiger Gleichförmigkeit wie die vorher geschilderte Gegend. Seine Bewohner suchten bis zu einem gewissen Grade Umgang mit ihren Nachbarn. Viele von ihnen waren von dem grauen Tale her gekommen, die meisten jedoch direkt aus dem Erdenleben. Sie waren nun arme Seelen, die kämpften und rangen, um sich etwas höher zu bringen. Wo immer dies Streben zutage tritt und eine Anstrengung zur Überwindung der Selbstsucht gemacht wird, beginnt der trockene Boden um die Häuser herum zarte Grashalme und kleine, kümmerliche Schößlinge von allerlei Gesträuch zu treiben.

Wie armselig waren doch die Hütten in diesem Lande, wie zerlumpt, herabgekommen und elend seine Bewohner, gleich Landstreichern oder Bettlern! Und doch hatten viele von ihnen zu den Reichsten der Erde gezählt und hatten als hervorragende Persönlichkeiten allen Luxus genossen, den es nur geben kann. Da sie aber ihren Reichtum nur zur Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse verwendet hatten und anderen nur die armseligen Brocken von ihrem reichen Tische zukommen ließen, waren sie nun hier im Zwielichtlande gleich Bettlern — arm in Bezug auf die geistigen Güter der Seele. Letztere müssen schon im irdischen Dasein sowohl vom reichsten Könige wie vom ärmsten Bettler erworben werden. Diejenigen, welche ohne sie ins Geisterreich herüberkommen — mögen sie zu den größten oder Niedrigsten der Erde gezählt haben — müssen an diesem Orte Wohnung nehmen, wo alle gleich arm an geistigen Dingen sind.

In Rücksicht auf die Stellungen, die sie während ihres irdischen Lebens innehatten, zanken und beklagen sich hier viele der Geister darüber, daß man schlecht mit ihnen umgegangen sei und sie an einen solchen Ort gebracht hätte. Sie tadeln die anderen, als ob diese an ihrem Hiersein die Schuld trügen und nicht sie selbst. Sie bringen tausend Entschuldigungen und Ausflüchte bei jedem vor, der geneigt ist, ihre Leidensgeschichte anzuhören. Andere wieder möchten ihre irdischen Pläne noch zur Ausführung bringen. Oder sie suchen ihre Zuhörer glauben zu machen, daß sie Mittel und Wege gefunden hätten, wie man (auf Kosten irgend eines anderen natürlich) die Trostlosigkeit dieses langweiligen Lebens enden könne. Sie ersinnen und erwägen Anschläge, die sie auszuführen suchen, während sie die von anderen, welche ihren Plänen entgegenstehen, zu vereiteln trachten. Auf solche Weise nimmt das öde Dasein in diesem "Lande der Unruhe" seinen Verlauf. —

Indem ich allen, die mich anzuhören gewillt waren, Mut und Hoffnung zusprach und ihnen nützliche Ratschläge gab, damit sie den rechten Weg aus diesem Lande heraus finden möchten, ging ich weiter und kam in das Land der "Geizigen". —

Dieses Land ist sich gänzlich selbst überlassen. Denn mit Ausnahme derer, die selbst an der alles verschlingenden Gier nach Anhäufung von Reichtümern kranken, hegen nur wenige Menschen Sympathie für wirkliche Geizhälse.

Die dunklen Geister hier waren bucklig und hatten klauen ähnliche Finger. Sie beschäftigten sich damit, in dem schwarzen Boden gleich Raubvögeln nach zerstreuten Goldkörnern zu suchen, und hier und da wurde ihre Mühe belohnt. Nachdem sie ein Stückchen Gold gefunden hatten, steckten sie es in kleine Taschen und bargen sie an ihrem Busen, damit das, was ihnen als höchstes Gut erschien, ihrem Herzen am nächsten ruhe. In der Regel waren es einsame, menschenscheue Wesen, die einander instinktiv aus dem Wege gingen aus Furcht, daß sie ihrer teuren Schätze beraubt werden könnten.

In diesem Lande fand ich nichts zu tun. Ein einziger Mann lauschte für einen kurzen Augenblick auf meine Worte, bevor er sich wieder auf die Suche nach Gold im Erdboden begab. Aber als ich ging, verfolgte er mich mißtrauisch mit seinen Blicken. Jedenfalls hatte er Furcht, ich möchte in Erfahrung bringen wollen, wieviel Gold er bereits zusammengescharrt hatte. Die anderen Geister waren alle derart in das Goldsuchen vertieft, daß ich ihnen nicht einmal meine Gegenwart bemerklich machen konnte. So verließ ich denn bald dies kalte Land.

— — —

Mich abwärts wendend, gelangte ich in eine fast ganz dunkle Sphäre. Diese machte den Eindruck, als ob sie sich unter der Erde befände, da der Charakter ihrer Bewohner schlechter war als jener der Menschen in gewissen Gegenden der Erde.

Hier war vieles ähnlich den Verhältnissen im "Lande der Unruhe", nur daß die Geister, welche daselbst wohnten, noch schlechter und verkommener aussahen. Hier war auch nicht die Spur einer Bodenkultur zu bemerken, und der Himmel zu Häupten war beinahe schwarz wie die Nacht. Das vorhandene Licht gab den Bewohnern nur die Möglichkeit sich selbst und die Gegenstände in ihrer nächsten Umgebung zu erkennen.

Während man im "Lande der Unruhe" nur Zank, Unzufriedenheit und Eifersucht fand, gab es hier hitzige Schlägereien und erbitterte Kämpfe. Es war dies der Aufenthaltsort für Spieler und Trunkenbolde, für wettende Männer, Falschspieler und Schwindler aus der Handelswelt, für Diebe und Gesindel jeder Art. — Man fand hier sowohl den gemeinen Dieb der Spelunken, wie sein gebildetes Gegenstück, das sich in den höheren Sphären des irdischen Lebens bewegt hatte. An diesem Orte befanden sich alle, deren verbrecherische und liederliche Neigungen zur Selbstsucht und Entartung ihrer Gefühle geführt hatten. Auch sah ich viele, die sich in einem höheren Zustande geistigen Lebens hätten befinden können, wäre nicht ihr beständiger Umgang mit der oberwähnten Sorte von Menschen im irdischen Dasein für sie verhängnisvoll geworden, so daß sie nach ihrem Tode — angezogen durch ihre früheren gesellschaftlichen Verbindungen — bis zu dieser dunkeln Sphäre herabsanken.

Zu dieser letzteren Klasse von Geistern wurde ich jetzt gesandt, denn es war Hoffnung vorhanden, daß noch etwas Gefühl für das Gute und Erhabene bei ihnen zu finden sein würde. Die Stimme des Rufenden in der Wüste sollte von ihnen vernommen werden und sie hinwegführen in ein besseres Land.

Die Behausungen und Wohnstätten dieses dunklen "Landes des Elends" lagen über weite Flächen zerstreut. Alle aber boten einen schrecklichen Anblick von Unreinlichkeit, Schmutz und Verfall. Sie glichen den Gebäuden in einigen Diebesvierteln unserer Großstädte, wo einstmals prächtige, mit Reichtum und Luxus ausgestattete Paläste nun zu Zufluchtsorten des schlimmsten Lasters und Verbrechens geworden sind. Hier und da stieß ich auf weite, verlassene Länderstriche, die nur wenige zerstreute Häuser, besser gesagt elende Hütten aufwiesen. In anderen Gegenden gab es Häuserkomplexe ähnlich den Großstädten der Erde, in denen die Einwohner dicht zusammengedrängt hausten und einen düsteren, unerfreulichen Anblick darboten. Überall konnte man Schmutz, Unrat und Elend bemerken: ein wahrhaft trostloser Zustand, der durch die geistigen Ausströmungen der lasterhaften Bewohner dieser Gegend verursacht wurde. Nicht eine Spur von etwas Reinem, Schönem oder Anmutigem war hier zu entdecken, auf dem das Auge gerne hätte verweilen mögen.

Unter diesen Unglücklichen wanderte ich mit meinem kleinen Sternenlicht umher. Es war so winzig, daß es einem leuchten den Pünktchen glich, das in der Dunkelheit aufblitzte und sich bewegte. Doch um mich her verbreitete es eine sanfte, milde Helle und bildete einen Hoffnungsstern für alle, die nicht infolge ihrer Selbstsucht und ihrer Leidenschaften zu verblendet waren, um es wahrzunehmen.

Ab und zu fand ich solche Unglücklichen an irgend eine Wand gelehnt oder in der Ecke eines armseligen Zimmers kauernd. Besaßen sie genügend Kraft, sich aufzurichten und auf meine Worte zu hören, dann begannen sie den Weg zum Guten zu suchen und auf diesem Wege zu den höheren Sphären, aus denen sie durch ihre Sünden gefallen waren, zurückzukehren. Einige konnte ich dazu bewegen, mir bei meinen Bemühungen, anderen zu helfen, beizustehen. In der Regel jedoch waren diese Ärmsten nur imstande, an ihr eigenes Elend zu denken und sich nach etwas Höherem als ihrem gegenwärtigen Zustande zu sehnen. So gering dies auf den ersten Blick erscheinen mag, war es dennoch der erste Schritt nach vorwärts, dem dann der zweite — nämlich der Gedanke, wie man anderen helfen könne — ebenso sicher folgte.

Eines Tages kam ich bei meinen Wanderungen durch dieses Land in das Gebiet einer großen Stadt inmitten einer weiten, trostlosen Ebene. Der Boden war schwarz und trocken. Er war an besten mit den Ablagerungen von Asche, Schutt und Schlacken zu vergleichen, die man in der Nähe großer Eisenwerke findet. Ich befand mich gerade zwischen den Trümmern einiger verfallener Hütten, die den Übergang von der unglücklichen Stadt zu jener trostlosen Ebene bildeten, als ich einen großen Lärm und Streit vernahm, der aus einer Hütte zu mir drang. Neugierde trieb mich an, nachzusehen, worum es sich handle und ob nicht etwa ein Schutzbedürftiger hier anzutreffen sei.

Das Gebäude, in welches ich eintrat glich eher einem Stall als einem Hause. In einem Raume stand ein großer, rohgezimmerter Tisch, um ihn herum saßen ungefähr ein Dutzend Männer auf kleinen hölzernen Stühlen. Welche Männer! Sie waren fast eine Beleidigung für das menschliche Geschlecht und eher mit Orang-Utans zu vergleichen. Ihre groben, aufgedunsenen, entstellten Gesichtszüge erinnerten in ihrem Ausdruck an die Physiognomie von Schweinen, Wölfen und Raubvögeln.

Es ist mir unmöglich, diese Gesichter, diese mißgestalteten Körper und verdrehten Glieder zu beschreiben. In ihren zerschlissenen Gewändern, ihrer Kleidung im irdischen Leben ganz ähnlich, boten sie einen grotesken Anblick. Manche gingen in der Tracht früherer Jahrhunderte einher, andere waren nach neuester Mode gekleidet. Insgesamt aber sahen sie zerlumpt, gemein und schmutzig aus. Ihr Haar war ungekämmt und hing ihnen wirr um den Kopf; ihre Augen erglühten bald im Feuer heftiger Leidenschaft, bald starrten sie in finsterer Verzweiflung oder boshafter Türke vor sich hin.

Damals glaubte ich mich im tiefsten Abgrunde der Hölle zu befinden. Seitdem bin ich jedoch in eine Region gekommen, welche noch viel dunkler war und weit schrecklicher aussah als diese. Sie wird von Wesen bewohnt, denen gegenüber die hier Beschriebenen harmlos menschlich genannt werden müssen. Später, wenn ich auf jenen Teil meiner Wanderungen zu sprechen komme, wo ich die untersten Reiche der Hölle besuchte, werde ich diese niedersten Wesen genauer beschreiben.

Die Geister, welche ich in dem erwähnten Gebäude antraf, waren über einen Beutel voll Geld, der auf dem Tische lag, in Streit geraten. Einer von ihnen hatte das Geld gefunden und es als Einsatz gegeben, damit die ganze Gesellschaft darum spiele. Der Zank schien dadurch entstanden zu sein, daß jeder den Beutel einfach an sich nehmen wollte, ohne irgendwie die Rechte des anderen zu beachten. Die Rechtsfrage war zur Machtfrage geworden, und man bedrohte sich bereits in heftiger Weise. Der Finder des Geldes — oder besser des geistigen Gegenstücks unseres irdischen Geldes — war ein junger Mann von verhältnismäßig gutem Aussehen. Wären nicht die Spuren der Leidenschaften so tief in sein Antlitz eingegraben gewesen, so hätte er in diese verkommene Gesellschaft nicht hineingepaßt. Er behauptete, das Geld sei sein Eigentum und wenn er es auch gesetzt habe, damit ehrlich darum gespielt werde, so dulde er doch nicht, daß man es ihm mit Gewalt abnehme.

Meinem Gefühl nach gab es hier nichts für mich zu tun. Nachdem ich diesen wüsten Ort verlassen hatte, hörte ich hinter mir ein lautes Gebrüll von Entrüstungsrufen und Verwahrungen. Kaum war ich ein kurzes Stück Weg gegangen und befand mich gerade bei einem anderen verlassenen Hause, als die ganze wilde Bande streitend und kämpfend aus der Hütte kam, um an den jungen Mann mit der Geldbörse heranzukommen. Sie drängten einander weg, während der Vorderste von ihnen den Ärmsten schlug, mit Füßen trat und ihm den Beutel zu entreißen suchte.

Als dies gelungen war, stürzten sich alle auf ihn, so daß der junge Mensch Fersengeld gab und auf mich zuzulaufen begann. In diesem Augenblick entstand ein gellendes Geschrei. Man schickte sich an, den Fliehenden wieder einzufangen und ihn wegen Betrugs zu züchtigen, da der Beutel statt des Geldes nur Steine enthielt. Es war gleich dem Feengold im Märchen verwandelt worden, jedoch nicht in weike Blätter, sondern in harte Steine.

Der unglückliche junge Mensch hatte sich eben an mich geklammert und mich laut gebeten, ihn vor diesen Teufeln zu schürzen, als die ganze Bande in Verfolgung ihres Opfers auf uns losstürmte. Den armen Menschen mit mir reißend, sprang ich mit Blitzesschnelle in das leere Gebäude und zog die Türe hinter mir zu. Um unsere Verfolger auszusperren, stemmte ich den Rücken gegen die Tür. Großer Gott! Wie schrieen, stampften und tobten sie bei ihren Versuchen, durch die Türe einzudringen, und wie spannte ich meinerseits alle Kräfte des Geistes und Körpers an, sie abzuhalten! Damals wußte ich noch nicht, daß unsichtbare Mächte mir beistanden und die Türe zuhielten, bis endlich die Angreifer bemerkten, daß sie dieselbe nicht zu bewegen vermochten. Schließlich zogen die Ruhestörer enttäuscht und ärgerlich ab, um anderswo einen Anlaß zu neuem Streit zu suchen.

 

Kapitel 7

Hierauf sah ich nach meinem Begleiter, welcher gleich einem Häuflein Elend in einer Ecke der Hütte saß, und half ihm auf. Ich erklärte ihm, daß es ratsam wäre, diesen Ort zu verlassen, sobald er sich bewegen und ein wenig gehen könne. Es könnte den Männern recht wohl einfallen, zurückzukommen und uns Ungelegenheiten zu bereiten. Mit vieler Mühe und Anstrengung hob ich ihn auf und brachte ihn an einen sicheren Ort draußen auf der dunklen Ebene, wo wir allerdings ohne Obdach waren, aber doch nicht Gefahr liefen, eingeschlossen zu werden. Dann tat ich mein Bestes, seine Leiden durch Anwendungen zu mildern, die ich während meines Aufenthaltes im Hause der Hoffnung gelernt hatte.

Nach einiger Zeit war der arme Bursche fähig zu sprechen und zu erzählen, wie er in dieses dunkle Land gekommen sei. Er war anscheinend erst vor kurzem aus dem Erdenleben geschieden, nachdem er von einem eifersüchtigen Ehemanne, dessen Weib er unerlaubte Aufmerksamkeiten erwiesen hatte, erschossen worden war. Das einzige versöhnende Moment in der Geschichte dieses armen Geistes war, daß er keinen Haß- oder Rachegedanken, sondern lediglich Reue und Scham dem Manne gegenüber empfand, der ihn seines Lebens beraubt hatte. Was am meisten dazu beigetragen hatte, ihm die Augen über seine Verkommenheit zu öffnen, war die Entdeckung, daß die Frau, um deren Liebe Willen alles dies geschah, eine Unwürdige war. Sie war hart, selbstsüchtig und so weit entfernt von einem wirklichen Liebesempfinden, daß ihr ganzes Sinnen und Trachten nur darauf hinausging, sich zu vergnügen und eine Rolle in der Gesellschaft zu spielen. Unmut und Lange weile waren die Hauptgefühle, die sie ihrem unglücklichen Gatten und dem Opfer seiner Eifersucht entgegengebracht hatte.

Der junge Mann, den ich "Raoul" nennen will, erzählte mir: "Als ich wußte, daß ich wirklich gestorben war und dennoch die Macht besaß, wieder auf die Erde zurückzukehren, war mein erster Gedanke, zu ihr zu gehen und sie nach Möglichkeit zu trösten. Oder sie wenigstens empfinden zu lassen, daß der tote Geliebte noch lebe und ihrer auch nach dem Tode gedenke. Aber in welcher Verfassung fand ich sie! Nicht etwa in Trauer um mich oder in Sorge um ihn. Nicht im mindesten! Nur an sich selbst denkend, wünschte sie, daß keiner von uns ihr je begegnet wäre. Am liebsten hätte sie uns aus ihrem Gedächtnis gestrichen, um mit einem anderen, gesellschaftlich Höherstehenden ein neues Leben zu beginnen.

Da fiel es wie Schuppen von meinen Augen und ich sah, daß ich ihre Liebe niemals besessen hatte. Mein Reichtum und mein Adel hatten es ihr angetan. Damit hoffte sie eine einflußreichere Stellung in der Gesellschaft zu gewinnen, oder eine Rivalin aus dem Felde zu schlagen. Nur aus kalter Berechnung hatte sie Ehebruch begangen und ich war nichts als ein armer blinder Narr, der seine Torheit mit dem Leben bezahlen mußte. Für sie war ich nichts als eine unerfreuliche Erinnerung an den Skandal, dem sie ausgesetzt war. In meiner Bitterkeit floh ich damals die Erde. Ich konnte an keine Treue irgendwelcher Art mehr glauben und meine wilden Gedanken und Wünsche zogen mich zu diesem dunklen Orte und seinen Bewohnern herab. Unter ihnen fand ich meine irdischen Freunde wieder, die mich umschmeichelt hatten, unter denen ich meine Kräfte vergeudet und meine Seele verloren hatte."

"Und nun, mein unglücklicher Freund", erwiderte ich, "willst du jetzt nicht den Weg der Sühne betreten, der dich zu besseren Ländern zurückführt, auf dem du dein verlorenes Menschentum und dein höheres Selbst wiederfinden wirst?"

"Leider ist es hierzu zu spät", sprach Raoul, "In der Hölle — und sicher ist dies die Hölle — gibt es keine Hoffnung mehr."

"Keine Hoffnung? für niemanden?" antwortete ich. "Sprich nicht so, mein Freund. Ich kann dir versichern, daß selbst für Geister in der verzweifeltsten Lage noch Hoffnung vorhanden ist. Auch ich habe Kummer und Bitterkeit erfahren. Trotzdem habe ich die Hoffnung nie verloren, denn sie, die ich liebte, war rein wie ein Engel. Sie war stets bereit, mir Liebe und Hoffnung einzuflößen. Um ihretwillen arbeite ich und erwecke in anderen die Hoffnung, die mir selbst zuteil wurde. Komm, laß mich dich führen und ich werde dich zu einem besseren Lande geleiten."

"Und wer bist du, mein Freund, mit den schönen Worten und noch schöneren Taten, die mich dem Leben wiedergeben sollen? Mir wurde gesagt, daß es hier unmöglich sei, zu sterben. Man könne leiden bis zum Punkte des Todes, ja man könne alle seine Martern durchkosten; aber der Tod selbst treffe keinen von uns, denn wir befänden uns jenseits desselben. Haben wir da nicht eine Ewigkeit des Leidens vor uns? — Sage mir, wer du bist, wie du hierher kommst, und wie du deine Worte der Hoffnung mit solchem Vertrauen an mich richten kannst. Ich könnte glauben, du seiest ein Engel, der mir zur Hilfe gesandt wurde — aber dazu gleichst du mir selbst zu sehr."

Da erzählte ich ihm meine Lebensgeschichte, schilderte ihm, wie ich mich heraufgearbeitet hatte und wie er das nun ebenfalls tun müsse. Auch sagte ich, daß ich zuversichtlich hoffe, einst mit meiner Liebsten in einem Lande leben zu können, wo wir nicht mehr getrennt würden.

"Und du glaubst", sagte er, "daß sie ihr ganzes Leben auf Erden einsam verbringen wird, damit sie einst im Himmel mit dir verbunden werde, nachdem du selbst dahin gekommen bist? Mein Freund, du belügst dich selbst! Keine Frau, sie wäre denn alt und häßlich, wird sich dazu verstehen, um deinetwillen allein zu leben. Sie wird es vielleicht eine Zeitlang tun, wenn kein anderer kommt, um sie zu werben. Aber glaube mir, wenn sie nicht ein vollkommener Engel ist, wird sie sich nach und nach trösten. Wenn deine Hoffnungen nicht besser gegründet sind, so kann ich dich nur bedauern."

Ich muß gestehen, daß mich diese Worte ärgerten; sie waren das Echo der Zweifel, welche mich oftmals quälten, und wirkten wie eine kalte Dusche auf den Enthusiasmus, mit dem ich mich aufrecht erhalten hatte. Sowohl zur Besänftigung meiner eigenen Zweifel als auch der seinigen sagte ich nun mit einigem Eifer:

"Wenn ich dich nun mit zur Erde nehme und wir finden mein Lieb in Trauer um mich, in Gedanken nur mit mir beschäftigt: willst du dann glauben, daß ich mich keiner Täuschung hingebe? Willst du dann zugestehen, daß du in deiner Lebenserfahrung bezüglich der Frauenwelt, wie auch in anderer Hinsicht noch lernen kannst?"

"Mein guter Freund, ich bitte dich herzlich um Entschuldigung, wenn mein Zweifel dir Pein verursacht hat. Ich bewundere dein großes Vertrauen und wünschte nur, selbst ein wenig davon zu besitzen. Doch laß uns unter allen Umständen gehen und sie besuchen."

Hierauf nahm ich ihn bei der Hand. Mittels meines energischen Wollens, daß wir uns bald bei meinem Lieb befinden möchten erhoben wir uns und durchquerten fast mit der Schnelligkeit eines Gedankens den Raum. In wenigen Augenblicken befanden wir uns in dem Zimmer, in dem meine Geliebte weilte. Sie selbst und ihr Schutzgeist, der sie bewachte, waren meinem Auge wohl sichtbar. Die Umrisse der Räumlichkeit und die Ausstattung konnte ich undeutlich erkennen, während mein Freund Raoul außer der in ihrem Sessel ruhenden Gestalt meiner Geliebten überhaupt nichts wahrnahm. Im strahlenden Glanze ihres geistigen Körpers, vom matten, sanften Lichte ihrer Aura umflossen, glich sie einer Heiligen. Dieses geistige Licht ist für euch Erdenmenschen nicht wahrnehmbar; für uns Geister jedoch erscheinen alle, deren Leben rein und gut ist, in einem solchen Lichte, während die Bösen von einer dunklen Wolke umhüllt sind.

"Mein Gott," rief Raoul aus und sank vor ihr auf das Knie. "Sie ist ein Engel! Du hast mich zu einer Heiligen gebracht, nicht zu einer Frau. Sie ist kein irdisches Weib."

Ich nannte sie beim Namen und sie hörte den Laut meiner Stimme. Da schwand die Traurigkeit aus ihrem Antlitz; sie strahlte vor Freude und sagte leise: "Bist du wirklich da, mein Liebster? Ich sehnte mich so sehr darnach, daß du wiederkommen möchtest. Mein ganzes Sinnen und Trachten geht nach dir. Kannst du mich berühren?" Sie streckte ihre Hand aus, und einen Augenblick ruhte die meinige in der ihren. Aber selbst diese kurze Berührung ließ sie erschauern, als ob ein eisiger Wind sie gestreift hätte.

"Sieh, mein Liebling, ich habe einen unglücklichen Freund mitgebracht, den nach deiner Fürbitte verlangt. Ich möchte ihn wissen lassen, daß es auf Erden die Liebe treuer Frauen gibt, die unser Segen werden könnten, wenn wir uns ihrer nur würdig machen wollten."

Sie hatte nicht alles, was ich sagte, genau verstanden, aber ihr Geist hatte den Sinn erfaßt. Und mit einem Lächeln sprach sie: O ja! Ich bin dir stets treu, mein Geliebter, wie du es auch mir bist, und eines Tages werden wir sehr glücklich sein."

Da erhob Raoul, welcher bis dahin vor ihr gekniet hatte, seine Hände und versuchte, die ihrigen zu berühren. Aber der unsichtbare Schutzwall hielt auch ihn, wie dies bei mir bisher der Fall war, davon ab. Mein Freund mußte von seinem Vorhaben abstehen und sagte zu ihr: "Wenn dein Herz so voller Liebe und Mitleid ist, so spende auch mir etwas davon, der ich wirklich unglücklich und deiner Fürbitte bedürftig bin. Ich weiß, daß deine Gebete erhört werden, die meinen aber ungehört verhallen. Darum bete, daß auch mir geholfen werde. Ich kann mich dann der Hoffnung hingeben, daß selbst für mich noch ein besseres Leben möglich ist."

Meine Geliebte vernahm die Worte des Unglücklichen und, indem sie neben ihren Stuhle niederkniete, sprach sie ein kurzes, einfaches Gebet um Hilfe und Trost für uns alle. Raoul war hierdurch so weich gestimmt, daß er vollständig zusammenbrach. Ich mußte ihn bei der Hand nehmen und ihn zum Geisterlande zurückbringen, doch nicht wieder in jene Sphäre, welche aller Hoffnung bar ist.

Von da ab arbeiteten Raoul und ich eine kurze Zeit zusammen in der dunklen Gegend, in der er früher gewohnt hatte, und von Tag zu Tag wurde er hoffnungsvoller. Von Natur aus lebhaft und heiter, war er ein echtes Kind seines Landes (er war Franzose), voll lustigen, anmutigen Leichtsinns, den selbst der schreckliche Aufenthalt an diesem düstern Orte nicht völlig hatte unterdrücken können. Wir wurden gute Freunde, und unsere Arbeit wurde dadurch angenehmer, daß wir uns darin teilten. Diese gemeinsame Tätigkeit war damals nicht von langer Dauer. Seitdem sind wir uns aber öfters begegnet und haben miteinander gearbeitet — wie Kameraden verschiedener Regimenter, die durch die Zufälle des Krieges einmal zusammengeführt und dann wieder getrennt werden.

 

Kapitel 8

Wieder einmal aufgefordert, meine Wanderungen in den geistigen Sphären zu unterbrechen, um auf der Erde eine Mission zu erfüllen, geschah es, daß die größte und schrecklichste Versuchung meines Lebens an mich herantrat. Im Verlaufe meines Rettungswerkes begegnete ich einem Erdenmenschen, dessen Einfluß auf mein irdisches Leben mehr als alles andere dazu beigetragen hatte, dieses zu zerstören. Obgleich ich keineswegs schuldlos war, überkam mich doch stets eine große Bitterkeit und ein heftiges Rachegefühl, so oft ich an diese Persönlichkeit und alle die Kränkungen, welche ich durch sie erlitten, dachte — Kränkungen, die mir so nahegingen, daß ich manchmal glaubte, leidenschaftlichen Ausbrüchen des Zornes Ausdruck geben zu müssen.

Bei meinen Wanderungen auf dem Erdenplan, hatte ich viele Mittel und Wege kennengelernt, durch welche ein Geist denen, die er haßt, Schaden zufügen kann; auch wenn sie sich noch im Fleische befinden. Es ist uns weit mehr Macht zu eigen als ihr glaubt! Aber ich halte es für weiser, den Schleier nicht zu lüften, der über allen Möglichkeiten liegt, die sich rachsüchtigen Personen selbst nach dem Tode noch zur Erreichung ihrer bösen Absichten bieten.

Ich könnte schreckliche Fälle aufzählen, von denen ich weiß, daß sie wirklich stattgefunden haben: geheimnisvolle Morde, merkwürdige Verbrechen, welche auf der Erde — scheinbar ohne Grund und Ursache — von Menschen begangen wurden, deren Bewußtsein so betäubt war, daß sie für ihre Handlungen nicht verantwortlich gemacht werden konnten. Sie waren nur Werkzeuge in den Händen von Geistern, die Besitz von ihnen genommen hatten. Von diesen und ähnlichen Vorkommnissen haben wir hier in den geistigen Sphären Kenntnis. Diese Dinge haben hier oftmals ein recht verschiedenes Ansehen von dem, was sich euch auf Erden darbietet. Der alte Glaube an die Besessenheit durch Dämonen ist demnach nicht unbegründet, nur waren die in Betracht kommenden Dämonen und Teufel einstmals selbst Bewohner der Erde.

Nach langen Jahren der Trennung begegnete ich also jener verhaßten Persönlichkeit noch einmal. Alle die früheren Gefühle des Schmerzes und der Kränkung erwachten aufs neue in mir mit einer Heftigkeit, die meinen früheren Zorn im irdischen Leben um das Zehnfache überstieg. Denn ein Geist besitzt die Eigenschaft, weit mehr entbehren oder genießen zu können, weit mehr sich zu freuen oder zu leiden, zu lieben oder zu hassen als jemand, dessen Sinne noch stumpf und durch die irdische Hülle verschleiert sind. Die Empfindungsfähigkeit aller Sinnesorgane ist bei uns Geistern um das Vielfache erhöht.

Beim Anblick dieser Person erwachte also mein lange unterdrücktes Rachegefühl von neuem, und mit ihm drängte sich mir ein teuflischer Plan zu dessen Befriedigung auf. Meine Rache gelüste zogen aus den Winkeln des tiefsten Abgrunds Geister von solcher Schwärze, von solch schrecklicher Art an mich heran, wie ich sie nie zuvor gesehen oder auch nur erträumt hatte: Geschöpfe, deren Existenz ich ohne weiteres geleugnet und in das Reich der Fabel verwiesen hätte. — Diese Wesen können weder auf der Erde noch in den niedrigeren Sphären, welche erstere umgeben, ihr Dasein fristen. Es sei denn, daß ein Mensch durch seine falsche Geistesrichtung eine gewisse Affinität zu ihnen entwickelt und hierdurch eine starke magnetische Anziehung entsteht, durch die sie für einige Zeit auf der Erde festgehalten werden. Werden sie auch oft durch heftige böse Wünsche seitens eines Sterblichen oder erdgebundenen Geistes angezogen, so können sie doch nicht lange in der Erdsphäre verweilen. In dem Augenblick, wo die anziehende Kraft schwächer wird, verlieren sie gleich einem zerreißenden Seil ihren Halt und sinken in ihre dunklen Wohnplätze zurück.

In Zeiten großer allgemeiner Unzufriedenheit und Empörung — wie im Falle einer Revolution, wo die Leidenschaften im unterdrückten Volke die Oberhand gewinnen — wird durch den Haß und Rachedurst der Unterdrückten eine ganze Wolke solcher dunkler Wesen angezogen. Schreckenszustände, wie man sie während großer Revolutionen und bei anderen Erhebungen geknechteter Völker beobachtet hat, müssen entstehen, da die wütende Masse von diesen wahrhaften teuflischen Geistern zeitweise völlig beherrscht wird.

In meinem Falle drängten sich diese schrecklichen Wesen mit freundlicher Miene an mich heran, zischelten mir in die Ohren und wiesen mir einen Weg zur Befriedigung meiner Rache. So einfach und doch so furchtbar, so entsetzlich in seiner Verruchtheit, daß ich es nicht wage, ihn niederzuschreiben. Denn der Gedanke könnte im Kopfe irgend eines Verzweifelten festen Fuß fassen und gleich dem Samen, der auf fruchtbaren Boden fällt, seine verderblichen Blüten treiben.

Zu jeder anderen Zeit hätte ich mich mit Abscheu von diesen Wesen und ihren schrecklichen Versuchungen abgewandt. Doch jetzt, in meiner wahnsinnigen Leidenschaft, waren sie mir willkommen. Gerade wollte ich ihre Hilfe zur Ausführung meiner Rache anrufen, als gleich dem Klang einer Silberglocke die Stimme meines Lieblings an mein Ohr schlug. Jene Stimme, für deren Mahnungen ich niemals taub war und deren Laute mich wie nichts anderes rührten. Bei allem, was uns heilig war, bei all den Gelübden, welche wir ausgetauscht, beschwor mich mein Lieb, zu ihr zu kommen. Zwar konnte ich den Gedanken an meine Rache nicht sofort aufgeben, doch wurde ich bald wie an einem Seile von dem einen, den ich haßte, weg- und zu der andern, die ich liebte, hingezogen. Die ganze wilde Bande von schwarzen Teufeln hing sich an mich und versuchte, mich zurückzuhalten. Ihre Kraft wurde jedoch immer schwächer, je mehr die Stimme der Liebe, Reinheit und Wahrheit mein Herz durchdrang.

Ich fand meine Geliebte in ihrem Zimmer, die Arme erhoben, um mich zu sich heranzuziehen und ihr zur Seite bemerkte ich zwei mächtige, strahlende Schutzgeister. Um sie herum war ein Kreis von flammendem Silberlichte gezogen, so daß es aussah, als ob sie von einem blitzenden Schutzwall umgeben wäre. Auf ihre Aufforderung durchschritt ich den Wall und befand mich an ihrer Seite.

Die schwarze Schar versuchte mir zu folgen, wurde aber durch den Flammenring zurückgehalten. Nur einer der Verwegensten drängte sich an mich heran im Augenblick, als ich den Schutzwall erreicht hatte, und wollte mich fassen. Da wurden seine Hand und sein Arm von der leuchtenden Flamme ergriffen und schrumpften zusammen, als ob sie in einen Schmelzofen gesteckt worden wären. Einen Schmerzensschrei ausstoßend ging der schwarze Geselle unter dem wilden Geheul und Hohngelächter der übrigen wütend davon.

Mit der ganzen Kraft ihrer Liebe ermahnte mich nun mein Liebling, jenen schrecklichen Plan aufzugeben und nie wieder solch niedrigen Gedanken Raum zu geben. Sie fragte mich, ob mir an der Befriedigung meiner Rache denn mehr gelegen sei als an ihr, und ob ich die schreckliche Schuld eines vorsätzlichen Verbrechens als unüberwindliche Schranke zwischen uns errichten wolle. Ihre Liebe habe nach allem, was geschehen, doch wohl etwas mehr Rücksicht verdient.

Anfangs wollte ich nicht nachgeben. Aber: schließlich begann sie zu weinen, und ihre heißen Tränen, die mir wie Feuer in der Seele brannten, schmolzen die eisige Kälte meines harten Sinnes hinweg und erwärmten mein Gemüt. In Seelenqual darüber, daß ich die Ursache ihrer Tränen war, sank ich ihr zu Füßen und betete, daß mir meine gottlose Gesinnung vergeben werden möchte. Und daß mir ihre Liebe zu meinem Trost und Beistand erhalten bleibe und es mir gestattet sei, bei ihr, meiner einzigen Hoffnung, meinem Alles auch fernerhin zu verweilen. Und siehe, während meines Gebets zerstob die Schar von schwarzen Geistern, die mich mit List und Gewalt zu sich herauszuziehen versucht hatte, wie eine dunkle Nebelwolke, wenn der Wind sie hinwegfegt. Die Geister kehrten in ihr eigenes Reich zurück, während ich selbst erschöpft vor den Füßen meines Lieblings zusammenbrach.

Später bemerkte ich noch öfters, wie diese schwarzen Gesellen sich an mich heranzudrängen suchten, doch konnten sie mir niemals wieder so nahe kommen, da ich durch meine Liebe gegen ihre Angriffe geschützt war.

 

Kapitel 9

Ich erhielt jetzt den Auftrag, ein Land zu besuchen, dessen Existenz in der geistigen Welt seltsam erscheinen mag. Es war das Eis- und Schneeland das "Frost-Land", in dem alle die lebten, welche auf Erden kalt und selbstsüchtig berechnend waren. Sie hatten in sich und anderen gegenüber alle jene warmen Regungen und zarten Gefühle, die das Leben von Herz und Seele ausmachen, ersterben, erstarren und erkalten lassen. Das Liebegefühl war bei ihnen so ertötet, daß die lebenspendende Wärme der Sonne in ihrer Gegenwart nicht wirken konnte und alles Leben erloschen schien.

Große Staatsmänner sah ich unter den Bewohnern dieses Landes, welche ihr Volk nicht geliebt hatten, noch auf dessen Wohl bedacht gewesen waren. Nur die Befriedigung ihres Ehrgeizes und ihre eigene Verherrlichung hatten sie gesucht. Nun schienen sie in großen Eispalästen auf den stolzen kalten Höhen ihrer eigenen Bestrebungen zu wohnen. Auch andere, die auf weniger hohen Pfaden des Lebens gewandelt waren, bemerkte ich. Aber auch sie waren in gleicher Weise erstarrt und erfroren in der schrecklichen Kälte und Unfruchtbarkeit eines Lebens, aus dem alle Wärme, alles Gefühl gewichen war. Hatte ich früher die Übel kennen gelernt, welche infolge eines Übermaßes von Erregung und Gefühl entstanden waren, so bemerkte ich jetzt die bösen Folgen eines gänzlichen Mangels dieser Eigenschaften. Dieses Land hatte gottlob weit weniger Bewohner als das andere. Denn so schrecklich die Wirkungen einer mißlichen Leidenschaft auch sein mögen, sind sie doch nicht so schwer zu überwinden als jene, die sich infolge Fehlens aller zarteren Triebe des Menschenherzens eingestellt haben.

Hier befanden sich auch einzelne Männer, die auf Erden hervorragende Vertreter der religiösen Bekenntnisse verschiedener Nationen waren. Römisch-katholische Kardinäle und Priester von strenger und frommer, aber kalter und selbstsüchtiger Lebensführung; puritanische Prediger, methodistische und presbyterianische Geistliche; Bischöfe und Kleriker der englischen Kirche; Missionare, Brahminen, Parsen, Ägypter, Mohammedaner — kurz alle religiösen Richtungen waren im "kalten Lande" zu finden. Kaum einer seiner Bewohner hatte genügend Gefühlswärme in sich, um das Eis um sich herum auch nur in geringerem Maße zu schmelzen. Sobald jedoch ein kleiner warmer Tropfen, eine Träne des Kummers floß, begann das Eis zu tauen und die betreffende arme Seele hatte dann Hoffnung, einmal aus diesem kalten Lande herauszukommen.

Hier traf ich einen Mann an, der in einem Eiskäfig eingeschlossen zu sein schien. Die Stäbe des Käfigs waren zwar auch von Eis, aber von solcher Härte, als ob sie aus poliertem Stahl beständen. Dieser Mann verwaltete einst das Amt des Großinquisitors beim Ketzergericht in Venedig. Er war einer von denen, deren Namen allein schon genügten, um den Unglücklichen, die in ihre Hände fielen, Schrecken einzujagen. Eine berühmte geschichtliche Persönlichkeit, aber in seinen Lebensbeschreibungen finden wir nicht die geringste Andeutung, daß je bei Ausübung seines Amtes, oder im privaten Leben, ein Schatten von Mitleid für seine Opfer das Herz dieses Mannes gerührt hätte. Nichts konnte ihn in seinem Entschluß, die Unglücklichen, welche in die Gewalt der Inquisition gerieten, zu martern und zu töten, auch nur einen Augenblick wankend machen.

Er war ein Mensch, der durch sein ernstes und strenges Leben bekannt war und keinerlei Nachsicht hatte, weder mit sich selbst noch mit anderen. Kalt und mitleidlos, war ihm jedes Mitgefühl für die Leiden anderer fremd. Sein Antlitz hatte das charakteristische Aussehen kalter unbeweglicher Grausamkeit: lange, schmale und hohe Nase, vorstehendes, spitzes Kinn, hohe und breite Backenknochen, dünne und schmale Lippen gleich einer geraden Linie quer über das Gesicht. Der Schädel etwas flach und breit über den Ohren, während die tiefliegenden, durchdringenden Augen mit dem kalten stählernen Glanze eines Raubtiers unter den vorstehenden Brauen hervorfunkelten.

Ich sah die Phantome von vielen Opfern dieses Mannes wie in einer Prozession hinter ihm einhergleiten. Zerschunden und verstümmelt, zerfleischt und blutig infolge der ausgestandenen Martern — bleiche Gespenster, wandernde Astralbilder, aus denen die Seelen für immer geschieden waren. Schatten, welche aber diesem Manne noch anhingen und sich so lange nicht in ihre Elemente auflösen konnten, als sein Magnetismus sie wie an einer Kette nach sich zog. Die Seele und ihre höheren Elemente hatte diese Gebilde — wirkliche Astralhüllen — für immer verlassen. Dennoch besaßen sie noch einen gewissen Grad von Vitalität, die aber nicht von den befreiten Geistern stammte, die sie einst bewohnt hatten, sondern allein diesem Manne entzogen wurde. Es waren Gespenster, wie man sie an Orten spuken sehen kann, wo jemand, der zu gut und unschuldig war, um an die Erde gebunden zu bleiben, ermordet wurde. Ihre Mörder und andere halten sie für lebend und glauben, daß sie von ihnen heimgesucht würden. Doch ist das Leben solcher Astralschatten (oder Gespenster) nur ein reflektiertes und erstirbt, sobald genügend Reue und Sühne vorhanden sind, um das Band zu trennen, das sie an ihre Mörder kettet.

Auch bemerkte ich, daß andere Geister den hilflosen Mann umschwärmten und ihn wegen ihrer früheren Leiden quälten. Diese waren jedoch von ganz anderer Art. Ihre Erscheinung war stofflicher, und sie besaßen eine Kraft, Stärke und Intelligenz, wie sie bei jenen anderen nebligen Schatten nicht vorhanden waren. Es waren Geister, deren astrale Hüllen die unsterbliche Seele noch gefesselt hielten, da sie so gemartert worden waren, daß nur der grimme Wunsch nach Rache in ihnen weiterlebte.

Diese Geister bemühten sich unablässig, an ihren einstigen Bedrücker heranzukommen, so daß nur der Eiskäfig, in dem sich der Mann befand, ihm als eine Schutzwehr gegen seine Feinde, aber auch zum Gefängnis für ihn selber diente. Einer, der geschickter war als die übrigen, hatte sich eine lange, scharfgespitzte Stange gemacht, die er zwischen den Stäben des Käfigs hindurchstieß, um den Mann darin zu stacheln. Letzterer entwickelte eine staunenerregende Behendigkeit, um der scharfen Spitze zu entgehen. Andere hatten kurze, spitze Wurfspieße, die sie durch die Stäbe nach ihm warfen. Wieder andere bespritzten ihn mit schmutzigem Schlammwasser, und manchmal vereinigte sich der ganze Haufen zu einem gemeinsamen Angriff, um die schützenden Stäbe zu durchbrechen. Das gelang ihnen aber nicht. Der Gefangene den lange Erfahrung die Unverletzlichkeit seines Käfigs gelehrt hatte, verspottete sie in kühler, überlegener Ruhe wegen ihrer fruchtlosen Bemühungen.

Auf meine geistig gestellte Frage, ob dieser Mann wohl jemals wieder frei würde, empfing ich von jenem erhabenen Geiste Antwort, dessen Stimme nur selten zu mir gesprochen hatte, seit ich sie zum erstenmal an meinem Grabe vernahm. Wie bei verschiedenen Anlässen, wo ich um Hilfe oder Rat gebeten hatte, rief er mich auch jetzt aus der Ferne an. Seine Stimme erschallte so laut wie bei den Propheten des Alten Testaments, wenn sie glaubten, der Herr spreche im Donner zu ihnen. In vollen, tiefen Tönen traf diese Stimme mein Ohr, doch weder der gefangene Geist, noch die, welche ihn umschwärmten, vermochten sie zu vernehmen. Ihre Ohren waren zu taub, um hören, und ihre Augen zu blind, um sehen zu können.

Die Stimme sprach zu mir: "Mein Sohn, behalte die Gedanken dieses Mannes einen kurzen Augenblick im Auge und siehe, welchen Gebrauch er von der Freiheit machen würde, so er frei wäre."

Da erkannte ich die Gesinnung dieses Mannes, indem mir seine Gedanken wie in einem Spiegel vor Augen traten. Zuerst kam ihm die Idee, daß er frei werden könne und sich dann die Rückkehr zum Erdenplane erzwingen wolle. Daselbst hoffte er, einige gleichgesinnte Sterbliche zu finden, mit deren Hilfe es ihm möglich wäre, der Menschheit ein noch schwereres Joch aufzuerlegen: eine noch grausamere Schreckensherrschaft, eine noch erbarmungslosere Inquisition, die seinen unterdrückten Opfern den letzten Rest von Freiheit rauben sollte. Er wußte, daß er jetzt eine weit größere Macht als einst auf Erden zu entfalten vermochte mit einem Körper, der von allen irdischen Fesseln frei war. Seine Absicht war, verwandte Geister als Mitarbeiter um sich zu versammeln, deren Seelen eben so kalt und grausam waren wie die seinige.

Er schien in diese neuen Unternehmungen sehr vertieft zu sein. Der Gedanke, daß er gegen das Wehgeschrei, das Stöhnen und Bitten der Opfer, die er zu Tode martern ließ, stets unbeweglich geblieben war, erfüllte ihn mit Genugtuung. Zur Befriedigung seiner Herrschsucht hatte er gewirkt, und die Vergrößerung seines Ordens mußte ihm als Vorwand zu seinen grausamen Handlungen dienen. Niemals war in seinem harten Gemüt ein Funke von Mitleid oder Reue aufgetaucht.

Einen solchen Mann zu befreien und ihn zur Erde zurückkehren zu lassen, wäre eine Quelle weit größerer Gefahr, als wenn man das wildeste Raubtier losließe, da er in der Betätigung seiner Kräfte weit weniger beschränkt wäre. Er wußte nicht, daß seine gepriesene Inquisition deren todbringende Gewaltherrschaft er noch zu vermehren trachtete, bereits der Vergangenheit angehörte. Und daß sie durch eine Macht, die stärker war als die ihrige, von Gottes Erdboden hinweggefegt worden war. Mit dem schrecklichen Zeitalter, in dem sie sich wie ein giftiges Gewächs entfaltet hatte, war sie verschwunden, um nie wiederzukehren, nie wieder die Menschheit durch Verbrechen zu schänden, die im Namen dessen verübt wurden, der auf die Erde kam, um Liebe und Friede zu predigen. Aber die Wunden, welche die Inquisition geschlagen, sind noch nicht ganz vernarbt. Ihre Folgen lasten noch immer auf den Menschenseelen, die weder an Gott noch an Unsterblichkeit zu glauben vermögen. Und viele Jahre werden noch vergehen, bis das Gute, Reine und Wahre wieder zur Macht kommen wird und die Menschen zum Glauben an einen Gott der Liebe zurückgeführt werden.

Erkältet und betrübt schied ich von diesem "Frostigen Lande". Ich hatte keine Lust, weitere Geheimnisse darin zu erforschen, obwohl es nicht ausgeschlossen ist, daß ich es später noch einmal besuche. In diesem Lande gab es nichts für mich zu tun und niemanden, den ich verstand. Seine Bewohner machten mich nur erschaudern und beunruhigten mich, während ihnen mein Tun von keinerlei Nutzen sein konnte.

— — —

Auf meinem Rückweg vom "Frostigen Land" nach dem "Zwielichtland" bekam ich eine Anzahl ungeheurer Höhlen zu Gesicht, welche die "Schlummerhöhlen" genannt werden. In diesen lag eine große Menge Geister im Zustande völliger Betäubung, vollständig unbewußt dessen, was um sie herum vorging. Ich erfuhr, daß diese Geister ihr irdisches Leben durch Genuß und Rauchen von Opium selbst verkürzt und sich aller Entwicklungsmöglichkeit auf diese Weise beraubt hatten. Anstatt in ihrer Entwicklung vorwärts zu schreiten, konnte man das Gegenteil bei ihnen beobachten. Gleich einem Gliede, welches bei Nichtgebrauch verkümmert, waren sie schwach geworden und zurückgeblieben. Sie waren hilfloser als ein ungeborenes Kind und gleich diesem unfähig zu einem selbständigen und selbstbewußten Leben.

In manchem Falle dauert der Schlaf dieser Geister Jahrhundertelang. In anderen, wo das Verlangen nach dem Gifte in geringerem Maße befriedigt worden war, mag er zwanzig, fünfzig oder hundert Jahre währen. Diese Geister lebten — das war alles. Ihre Sinne waren nicht viel mehr entwickelt, als die eines Schwammgewächses, das ohne einen Funken von Intelligenz vegetiert. Doch in ihnen allen lag noch der unsterbliche Seelenkeim, der gleich dem in die Umhüllung einer ägyptischen Mumie eingeschlossenen Saatkorn lebensfähig bleibt und aufgeht, sobald er in günstige Keimverhältnisse gebracht wird.

Diese Höhlen, in welche gütige Geisterhände die Ärmsten niedergelegt hatten, waren von lebenspendendem Magnetismus erfüllt. Eine Anzahl anwesender Geister, die im irdischen Leben selbst einen ähnlichen Zustand von Opiumvergiftung durchgemacht hatten, waren damit beschäftigt, Lebenskräfte auf diese betäubten geistigen Körper zu übertragen, die wie tot in Reihen auf dem Boden lagen.

Ganz allmählich und im Verhältnis, wie die betreffenden Geister von dem Gifte, das sie im Erdenleben genommen hatten, angegriffen waren, erwachen diese unglücklichen Wesen zum Bewußtsein und zu all den Leiden, die der Morphiumsüchtige erduldet, wenn er das tödliche Gift entbehren muß. In langen Zwischenpausen erwacht bei diesen armen Geschöpfen ein Sinn nach dem anderen, bis sie endlich so weit sind, daß sie wie schwache, kranke Kinder Unterricht empfangen können. Man bringt sie dann in Anstalten, die mit den Asylen für Schwachsinnige auf Erden Ähnlichkeit haben. Dort wird ihr erwachendes Bewußtsein erzogen und in seiner Entwicklung gefördert, bis die Fähigkeiten wieder erlangt sind, die ihnen im Laufe des irdischen Lebens abhanden gekommen waren.

Solche armen Seelen schreiten nur sehr langsam vorwärts, da sie nun ohne Unterstützung irdischen Lebens die Aufgaben nachholen müssen, das sie letzteres hätte lehren sollen. Anstatt zu lernen, hatten sie gleich den Trunkenbolden (nur in viel höherem Grade) ihr Gehirn und ihre Sinnesorgane geschwächt und waren den Verpflichtungen aus dem Wege gegangen, die das irdische Leben für die Entwicklung des Geistes jedem Erdenbürger auferlegt.

Die Besichtigung der "Schlummerhöhlen" betrübte mich unaussprechlich. Besonders trug hierzu der Gedanke bei, daß diese unglücklichen Schläfer sich so gar nicht des Wertes der langen Zeit bewußt waren, die sie durch ihren traum- und hoffnungslosen Todesschlaf verloren. Es erging diesen armen Seelen wie dem Hasen in der Fabel. Während sie schliefen, wurden sie von anderen, die weniger befähigt waren als sie, überholt und mußten sich nun während langer Zeit vergebens bemühen, den Verlust wieder einzubringen.

Wenn diese Schläfer endlich wieder erwachen, was für ein Los harret da ihrer! Welch langen Weg müssen sie da zurücklegen, um jene Höhe wieder zu erreichen, von der sie im irdischen Leben gefallen waren! Muß nicht Entsetzen unsere Seele ergreifen, daß es auf der Erde Menschen gibt, welche vom Verkauf des Opiums leben und Reichtümer damit erwerben? Aus dem Handel mit einem Gift, welches viel mehr noch die Seele als den Körper zu zerstören scheint, — und zwar in so hohem Grade, daß man sich verzweifelt fragen muß, ob für seine Opfer denn überhaupt noch Hoffnung vorhanden ist.

Diese furchtbaren Höhlen, diese Entsetzen einflößenden, bewußtlosen Geister! Können Worte ein Schicksal ausmalen, das grauenhafter wäre als das ihrige? Ein schließliches Erwachen mit dem Intellekt eines Idioten, ein jahrhundertelanges allmähliche Wachstum, um endlich wieder in den Besitz von den geistigen Kräften eines Kindes zu gelangen. Und es bedarf der Zeit von vielen Generationen, um das zu lernen, was sie der Zeitraum eines Erdenlebens hätte lehren können. Ich habe sagen hören, daß viele von diesen unglücklichen Wesen, sobald sie die Entwicklungsstufe eines Kindes erreicht haben, auf die Erde zurückgesandt werden, um dort nochmals in einem irdischen Körper die Vorteile genießen zu können, von denen sie früher einen so schlechten Gebrauch gemacht hatten. Jedoch habe ich hiervon nur durch Hörensagen Kenntnis und bin deshalb nicht in der Lage, es als eine Wahrheit zu behaupten. Ich würde mich sehr freuen, wenn es für diese Unglücklichen eine solche Möglichkeit gäbe, durch die sie ihren Entwicklungsprozeß abkürzen und das wiedergewinnen könnten, was sie früher auf Erden verloren hatten.

 

Kapitel 10

Wieder zum Zwielichtlande zurückgekehrt, nahm ich für einige Zeit Aufenthalt in meinem Heim. Mit großem Eifer war ich jetzt bemüht, mich selbst und die Kräfte, die in mir waren, immer besser verstehen zu lernen und die Erfahrungen auf meinen Wanderungen zu verwerten.

Der Lehrer, welcher mich nun unterrichtete, glich in mancher Hinsicht mir selbst. Er hatte auf Erden ein Leben ähnlich dem meinigen geführt und war durch die niederen Sphären aufgestiegen, so wie ich es gegenwärtig tat. Sein Wohnsitz befand sich in einem herrlichen Lande voll Sonnenschein. Von dort kam er, um die Mitglieder unserer Brüderschaft, die gleich mir seine Schüler waren, zu unterrichten und ihnen zu weiterem Fortschritt behilflich zu sein.

Außerdem hatte ich noch einen anderen Lehrer oder Führer. Ich bekam ihn nur hier und da zu Gesicht, der aber einen weit größeren Einfluß auf mich ausübte und mich mit vielen merkwürdigen Dingen bekannt machte. Da er jedoch einer viel höheren Sphäre angehörte als der andere, war ich nur selten imstande, seine Gestalt wahrzunehmen. Seine Mitteilungen empfing ich meistens auf dem Wege der Gedankenübertragung, oder in Form von inspirierten Unterredungen, indem meine geistig gestellten Fragen in derselben Weise beantwortet wurden. Da ich von diesem Geiste zur Zeit meines Aufenthaltes im Zwielichtlande nur eine ganz vage Vorstellung hatte, sehe ich davon ab, ihn jetzt schon näher zu beschreiben. Nachdem ich mich zu einer reineren Sphäre aufgeschwungen hatte, war er meinem Auge deutlich sichtbar.

Obgleich mir sein Anblick damals fast ganz entzogen war, wurde ich mir seiner Gegenwart und Hilfe doch häufig bewußt. Als ich später erfuhr, daß er während meines Erdenlebens mein Schutzgeist gewesen war, konnte ich manche Einfälle, sowie einen Teil meines höheren Strebens, leicht auf seinen Einfluß zurückführen. Es war auch seine Stimme gewesen, die oft zu mir gesprochen, um mich zu warnen oder zu ermutigen, als ich beim Eintritt in die geistige Welt in meinem damaligen schrecklichen Zustande fast zusammenbrach. In den Tagen der Finsternis bemerkte ich ihn kaum, wenn er in meiner kleinen Zelle ein- und ausging und meine schrecklichen Leiden durch seinen Magnetismus und seine wunderbare Heilkraft linderte.

So oft ich von meinem Besuche der dunkleren Sphären zum Zwielichtlande zurückkehrte, hatte ich das Gefühl, als ob ich heimkäme. Denn so kahl und ärmlich mein Zimmer war, enthielt es doch alle meine Schätze: den Gemäldespiegel in welchem ich meine Geliebte sehen konnte, die Rose und den Brief, den sie mir einst gesandt. Außerdem hatte ich daselbst Freunde, meine Leidensgefährten. Und wenn wir auch in der Regel allein waren und über unsere früheren Fehler und ihre Folgen nachdachten, so war es ein um so größeres Vergnügen für uns, wenn bei uns ein Freund zu Besuch erschien. Denn wir alle, die wir durch unser Verhalten im irdischen Leben Unehre auf uns gehäuft hatten und nun den rechten Weg suchten, befanden uns in ähnlicher Lage. Dies allein war schon ein Grund zu gegenseitiger Sympathie.

Könnte ich euch unser Leben richtig schildern, würde es euch sehr seltsam erscheinen. Es war einem irdischen Leben ähnlich und doch auch wieder unähnlich. So oft wir uns z.B. hungrig fühlten, nahmen wir eine einfache Mahlzeit ein, die man für uns — ich möchte sagen auf magische Weise — bereitete. Oft aber dachten wir eine Woche lang an keine Nahrung, es sei denn, daß der eine oder andere von uns, der auf Erden Freund eines guten Tisches gewesen war, daran gemahnte. In diesem Falle trat der Wunsch nach Befriedigung des Hungers häufiger und lästiger auf. Was mich anbelangt, so waren meine Gelüste in dieser Beziehung stets mäßig gewesen, und weder Essen noch Trinken an sich hatten eine besondere Anziehung auf mich ausgeübt.

Stets waren wir von einem Zwielicht umflossen; nie wechselten dunkle Nacht und heller Tag miteinander ab. Diese Einförmigkeit war ganz besonders für mich, der Licht und Sonne wie ein lebenspendendes Bad empfand, sehr ermüdend, denn auf Erden lebte ich in einem Lande voll Sonnenschein und Blütenpracht.

Geradeso wie ihr verließen auch wir häufig das Haus und ergingen uns in der Umgebung. Zwar konnten wir, wenn wir wollten, auch ein wenig fliegen, aber nicht so gut wie die weiter vorgeschrittenen Geister. Hatten wir aber die Absicht, rasch irgendwohin zu gelangen, so schien unser Wille uns fast mit Gedankenschnelle dahin zu bringen.

Was den Schlaf betrifft, so konnten wir eine lange Zeit zubringen, ohne dessen Bedürfnis zu fühlen. Dann wieder lagen wir und schliefen wochenlang ununterbrochen, zuweilen halbbewußt dessen, was um uns vor sich ging, dann wieder in voller Bewußtlosigkeit.

Eine merkwürdige Sache war es mit unserer Kleidung, welche sich gar nicht abzunutzen schien und sich auf eine geheimnisvolle Weise selbst erneuerte. Während meiner ganzen Wanderungen und meines Aufenthaltes in diesem Hause, war sie von sehr dunkler blauer Farbe, mit einem gelben Gürtel um die Hüften und einem in den linken Ärmel eingewirkten gelben Anker, unter dem die Worte "Hoffnung währet ewiglich" standen. Die eng anschließenden Unterkleider waren von derselben dunklen Farbe. Die Oberröcke waren lang, wie man sie bei büßenden Bruderschaften oder Mönchen auf Erden sehen kann. Von den Schultern herab hingen Kapuzen, derer wir uns bedienen konnten, wenn wir Kopf und Gesicht vor dem Anblick anderer schützen wollten. Oft kam es vor, daß wir dies zu tun wünschten, denn Leiden und Gewissensbisse hatten häufig eine solche Veränderung an uns hervorgebracht, daß wir froh waren, unser Antlitz vor denen verhüllen zu können, die wir liebten. Die hohlen Augen, die eingefallenen Wangen, die verwüsteten und gebeugten Körperformen, die tiefen Leidenslinien, welche jedes Antlitz durchfurchten, sprachen nur allzu deutlich. Leicht verständlich, daß wir vor lieben Freunden auf Erden und im Geisterlande, die sich noch um unseren Verlust grämten, unsere entstellten Körperformen und Gesichter manchmal zu verbergen suchten.

Unser Leben hatte bei der Regelmäßigkeit, mit welcher Studium und Unterricht wie ein Uhrwerk abliefen, etwas Monotones an sich. Den Fortschritt eines jeden Geistes rechnete man nicht nach der Zeit, nach Tagen oder Wochen, sondern nach gewissen Entwicklungsstufen, die er je nach seiner geistigen Begabung in längerer oder kürzerer Frist erreichte. Hatte er eine Aufgabe erfüllt, so war er für eine höhere Klasse in der besonderen Richtung seines Studiums reif geworden.

Bei vielen dauert es eine sehr lange Zeit, bis sie die Bedeutung der ihnen zugewiesenen Aufgabe erfassen können, in solchem Falle wird der Geist keineswegs zur Eile gedrängt, wie bei der Erziehungsmethode auf Erden, wo die Zeit zum Lernen allzu kurz erscheint. Als Geist hat ein Mensch die ganze Ewigkeit vor sich und kann stehen bleiben oder weitergehen, wie es ihm beliebt. Er kann Halt machen, wo er sich gerade befindet und so lange stehen bleiben, bis ihm durch Nachdenken klar geworden, was er tun muß. Dann erst wird er reif für die nächste Stufe. Niemand ist da, der einen Geist weiter treiben würde, als er selbst gehen will. Niemand tritt ihm entgegen, wenn er in unentwickeltem Zustande weiterzuleben wünscht, solange er die Freiheit anderer achtet und sich mit dem einfachen Gesetz im Einklang befindet, das jene große Bruderschaft regiert: dem Gesetz der Freiheit und Liebe für alle.

Keiner von uns wurde zum Lernen gedrängt, keiner davon zurückgehalten. Alles geschah aus freiem Willen; und wenn, wie es oft geschah, jemand diesen Ort zu verlassen wünschte, so konnte er gehen wohin er wollte und zurückkehren, wann es ihm beliebte. Die Tore waren niemandem verschlossen, weder dem Gehenden noch dem Kommenden. Und keiner tadelte den anderen wegen seiner Fehler oder Mängel, denn jeder fühlte seine eigene große Schuld.

Wie ich erfuhr, sind einige jahrelang hier geblieben, da die ihnen gestellten Aufgaben schwer erschienen und nur langsam von ihnen bewältigt werden konnten. Andere wieder hatten sich hinwegbegeben und waren so oft zur Lebensweise des Erdenplanes zurückgekehrt, daß sie schließlich in die niederste geistige Sphäre herabsanken und sich im "Hause der Hoffnung", in welchem ich selbst gewesen war, einer Reinigungskur unterziehen mußten. Zwar waren diese Geister zurückgekommen, aber das war in Wirklichkeit kein Rückschritt, sondern nur eine ihnen notwendige Erfahrung. Denn sie wurden auf diese Weise von dem Wunsche geheilt, die Vergnügungen des Erdenplanes nochmals zu durchkosten.

Nur wenige, welche gleich mir einen starken und mächtigen Drang nach vorwärts in sich verspürten, machten rasche Fortschritte und stiegen schneller von Stufe zu Stufe empor. Leider aber gab es nur zu viele, welche aller nur denkbaren Hilfe bedurften, um in ihren Prüfungen aufrecht erhalten und getröstet zu werden.

Ich selbst war gesegnet durch einen Strom von Liebe und Sympathie, welcher mir fortwährend von meiner Geliebten auf Erden zufloß und mich mit seinen Verheißungen kommenden Glücks und endlichen Friedens zu neuen Anstrengungen ermunterte. Es war mein schönes Los, weniger Glücklichen aus dem reichen Schatze meiner eigenen Hoffnungsfreudigkeit mitteilen zu dürfen.

— — —

Als es mir möglich wurde, eine längere Zeit auf Erden bei meinem Liebling zuzubringen, während der sie sich meiner Gegenwart vollkommen bewußt wurde, da eröffnete sich mir eine Quelle neuer Freude. Bei allen meinen Wanderungen hatte ich noch so viel Zeit, um zur Erde zu gehen und nach ihr zu sehen. Obwohl ich für sie noch fast gänzlich unsichtbar war, war sie jetzt doch imstande, meine Anwesenheit zu bemerken und den Druck meiner Hand zu empfinden. Wir saßen dann wieder Seite an Seite nebeneinander wie einst in den vergangenen Erdenragen. Sie sprach zu mir und vermochte meine Antwort ziemlich gut zu verstehen. Sogar meine Gestalt konnte sie — wenn auch undeutlich — zuweilen erkennen. Was war es doch für eine merkwürdige Sache: dieser feierliche Ernst und diese traute Lieblichkeit, die über dem Verkehr zwischen der Lebenden und dem Toten walteten!

Wenn ich zu ihr kam, das Herz voll Qual und bitterer Reue über das Vergangene, da war es die Gewißheit, daß sie mich trotz allem liebte, die mein Gemüt besänftigte und mir neuen Mut gab weiterzukämpfen. Aus der Trostlosigkeit unseres Lebens erwuchs uns in jenen seltsamen Zusammenkünften Glaube und ein Vertrauen auf die Zukunft, wie es keine Worte zu schildern vermögen. Ich beobachtete, wie sie ihre Fähigkeiten entwickelte, die wahrhaft wunderbaren Gaben, die sie besaß und die so lange brach gelegen hatten, zu gebrauchen, — während sie selbst hocherfreut war zu sehen, wie der Schleier, der mich von ihr trennte, immer mehr gelüftet wurde.

In der geistigen Welt gibt es viele einsame Seelen, die auf die Erde zurückkehren und kundtun möchten, daß sie noch leben, noch an ihre Hinterbliebenen denken. Die noch an deren Kämpfen Anteil nehmen und fähig sind wie früher — vielleicht sogar noch besser — zu raten und zu helfen, wenn sie nicht durch die Schranken des Fleisches davon abgehalten würden. Ich habe überaus viele Geister gesehen, die noch am Erdenplane hingen, obgleich sie sich in einer reineren Sphäre hätten aufhalten können. Wegen ihrer Lieben, die sie in den Versuchungen der Erde und in tiefster Trauer um ihren Tod zurückgelassen hatten, verzichteten sie aber hierauf — immer in der Erwartung einer Gelegenheit, die es ihnen ermöglichen würde, den geliebten Sterblichen von ihrem Dasein und ihrer treuen Liebe Kunde zu geben. Könnten solche Geister mit ihren Angehörigen in Verbindung treten — wie es auf Erden Freunde tun, wenn einer von ihnen nach einem entfernten Lande gehen und den anderen zurücklassen muß — fürwahr, es gäbe keine so hoffnungslose Trauer, wie ich sie so häufig beobachtet habe. Wenn auch die Zeit und liebreiche Engel den Gram der meisten Sterblichen lindern: wäre es nicht ein glücklicherer Zustand für beide Teile, für die Menschen wie für die Geister, könnten sie noch wie ehemals bewußten Verkehr miteinander pflegen?

Ich traf Geister in Sorge und Verzweiflung darüber, daß es ihnen nicht gelang, von ihren Geliebten einen Blick oder Gedanken aufzufangen, der ihnen gezeigt hätte, daß ihre Gegenwart gefühlt und sie verstanden wurden. Sie warfen sich in ihrer Hoffnungslosigkeit vor den Sterblichen nieder und suchten ihre Hände, ihre Kleidung, irgend etwas zu erfassen. Die Geisterhand jedoch war unfähig, die sterbliche zu ergreifen, das irdische Ohr taub für die Stimme des Geistes. Nur ein Gefühl der Trauer und ein starkes Verlangen, den Verstorbenen wiederzusehen, wurde günstigen Falles geweckt, nicht aber auch die bestimmte Empfindung, daß der sogenannte Tote wirklich zugegen war.

Es gibt auf Erden kein solches Gefühl der Verzweiflung, das der Verzweiflung eines Geistes gleichkommt, wenn ihm zum erstenmal mit voller Wucht die Bedeutung der Schranke zum Bewußtsein kommt, die der Tod zwischen ihm und der Welt der Sterblichen errichtet hat. Ist es da zu verwundern, wenn auf der geistigen Seite des Lebens von denen, welche die trauernden Seelen aufzurichten suchen, alle Mittel ergriffen werden um diese Schranken zu beseitigen? Um die Tore weit zu öffnen, damit Menschen und Engel auf Erden miteinander verkehren können wie in den Tagen der grauen Vorzeit, als die Welt noch sehend war.

Gewiß ist in spiritistischen Kundgebungen so manches Triviale enthalten. Gewiß ist vieles albern, unsinnig, manches gemein und vieles sonderbar; ebensowenig wird bestritten, daß es innerhalb der Bewegung betrügerische Medien, leichtgläubige Narren und eingebildete Egoisten gibt. Aber ist das nicht immer der Fall gewesen, wenn neuentdeckte Wahrheiten allgemeine Anerkennung suchten? So plump und unsinnig vieles scheinen mag — sollte man es nicht lieber entschuldigen mit Rücksicht auf die Tatsache, daß es Versuche sind, die Tore der Geisteswelt zu öffnen und der sorgenbeladenen Erde das Licht aus ihrer Sphäre zu erschließen? Man kann die falschen und verkehrten Anstrengungen tadeln, aber man suche nach Erfahrung, um sie verbessern zu können. Man unterstütze diejenigen, welche nach höheren Dingen streben, anstatt sie zu verspotten und zu unterdrücken. Und man erkenne ihre Anstrengungen an als das, was sie in Wirklichkeit sind — die Versuche einer unsichtbaren Welt, den Schleier zu lüften, der die geliebten "Toten" unseren Blicken verhüllt.

 

Kapitel 11

Zu diesen Zusammenkünften ging ich stets in Begleitung jenes erhabenen Geistes, von dem ich bereits gesprochen habe und dessen Name mir nun bekannt geworden war. Es war Ahrinziman, ein "Führer aus dem Osten". Da ich ihn jetzt deutlicher sehen konnte, will ich ihn hier beschreiben:

Ein stattlicher Mann von majestätischem Äußeren, angetan mit weißen, von Gelb umsäumten wallenden Gewändern und einem gelben Gürtel um die Hüften. Seine Haut hatte jene bräunliche Färbung, wie sie für die Orientalen charakteristisch ist. Die Gesichtszüge trugen den Stempel der Offenheit und waren ähnlich denen, welche man bei den Statuen des Apollo findet, wenn auch ihr eigenartiger östlicher Ausdruck sie etwas verschieden vom griechischen Typus erscheinen ließ. Seine Augen waren groß, dunkel, sanft und weich, wie die einer Frau. Doch in ihren Tiefen brannte ein verborgenes Feuer und eine Glut, die zwar von seinem starken Willen beherrscht wurde, seinem Blick und Mienenspiel aber dennoch eine große Wärme und Kraft verlieh. Dieser Gesichtsausdruck verriet mir, wie sehr er in seinem irdischen Leben alle Süßigkeiten einer großen Liebe und alle Leiden eines starken Hasses gekostet haben mochte. Jetzt waren seine Leidenschaften gereinigt von allen irdischen Schlacken und dienten nur noch als Verbindungsglieder zwischen ihm und jenen, die gleich mir mit ihrer niederen Natur noch im Kampfe lagen. Ein kurzer schwarzer Bart bedeckte Wangen und Kinn, und sein schwarzgewelltes langes Haar hing ihm über die Schultern herab. Seine Gestalt, obwohl groß und stark, besaß doch die ganze Geschmeidigkeit und biegsame Grazie der östlichen Rasse. Denn so ausgesprochen ist die Eigenart eines jeden Volkes, daß selbst der Geist noch die Spuren seiner irdischen Nationalität an sich trägt. Obgleich Jahrhunderte vergangen waren, seit Ahrinziman seinen irdischen Körper verlassen hatte, waren doch die Merkmale, welche die östlichen Völker von den westlichen unterscheiden, bei ihm noch nicht verschwunden.

Dieser Geist glich einem irdisch-sterblichen Menschen, und war einem solchen durch den blendenden Glanz seines Körpers und Gesichtes dennoch so unähnlich, daß keine Worte jemals die seltsame Feinheit eines solchen Körpers schildern könnten. Nur wer einen Bewohner der höheren Sphären mit eigenen Augen gesehen hat, kann sich eine richtige Vorstellung davon machen. Schon während seines irdischen Lebens war Ahrinziman tief in die Geisteswissenschaften eingedrungen. Nach seinem Eintritt in die geistige Welt hatte er dieses Wissen bis zu einem solchen Grade vermehrt, daß es mir schien, als ob seiner Macht keine Grenzen gesetzt wären. Gleich mir von heißem, leidenschaftlichem Temperament, hatte er während der langen Jahre seines geistigen Lebens gelernt, alle seine Leidenschaften zu meistern. Nun stand er auf seiner machtvollen Höhe, von der er immer wieder niederstieg, um ringenden Geistern, die bereit waren, ihre Schwäche zu bekämpfen, Hilfe zu bringen. Ein anderer, der nicht selbst gefallen gewesen war, hätte wohl vergebens zu uns gesprochen. Bei aller Güte und Hilfsbereitschaft besaß er jedoch eine Willenskraft, gegen die man umsonst anzukämpfen suchte, wenn er sie zu gebrauchen für nötig fand.

Ich selbst habe bei mehr als einer Gelegenheit beobachtet, wie er einige der wilden, leidenschaftlichen Wesen, unter denen er wirkte, zur Ruhe brachte, wenn sie im Begriffe standen, sich oder anderen Schaden zuzufügen. Sie wurden von ihm festgebannt und unfähig gemacht, ihre Glieder zu bewegen, obgleich er sie niemals berührte. Nur durch seinen mächtigen Willen, um vieles stärker als der ihrige, wurden sie zeitweise gelähmt und damit unfähig zu jedem Widerstand. Dann erörterte er mit ihnen in gütiger, offener Weise den Gegenstand des Streites und zeigte ihnen mit Hilfe seines wunderbaren Erkennens die volle Tragweite dessen, was ihr Tun für sie selbst und andere zur Folge haben mußte. Danach löste er den Bann und stellte ihnen jetzt, wo sie unterrichtet waren, frei, die beabsichtigte Sünde zu begehen oder nicht. Selten sah ich einen, der nach einer solch ernsten Warnung darauf bestand, seinen eigenen Weg zu gehen. Ich selbst wurde stets für einen sehr willensstarken Menschen gehalten der nicht leicht von einem gefaßten Entschluß abstand. Aber diesem Geiste gegenüber fühlte ich mich schwach wie ein Kind, und mehr als einmal habe ich mich vor seiner Macht gebeugt.

Hier möchte ich nochmals betonen, daß der Mensch in der geistigen Welt frei ist. Er darf seinen eigenen Neigungen und Begierden folgen, wenn er will und es nicht vorzieht, den guten Rat anzunehmen, den man ihm gibt. Das Maß aber, in dem ein Geist die Rechte anderer verletzen kann, ist bedingt durch den Grad von Gesetz und Ordnung, die in der Sphäre herrschen, zu der er gehört.

In der allerniedrigsten Sphäre, wo kein anderes Gesetz regiert als das Gesetz des Stärksten, kann jeder tun, was ihm beliebt. Man kann jemanden beleidigen oder knechten bis zur äußersten Grenze des Erträglichen, aber ein Stärkerer wird mit diesem ebenso verfahren. Der unfreieste Sklave auf Erden ist weniger unglücklich als jene, die ich in der allerniedersten Sphäre gesehen habe. Dort herrscht kein Gesetz und dort leben nur solche Geister, die jedes Gottes- und Menschengesetz mißachtet haben und nur sich selbst Gesetz waren, indem sie ihre Mitmenschen in schrankenlosester Weise bedrückten und ihnen Übles zufügten.

Ich will diese Sphären kurz beschreiben. Es scheint, daß hier — so stark, grausam und hart ein Geist auch sein mag — sich stets ein anderer findet, der noch stärker, noch grausamer, noch böser und tyrannischer ist, um ihn zu bedrücken. Bis man schließlich bei jenen anlangt, von denen es heißt, daß sie in der Hölle regieren — bei den Königen des Bösen. So geht es weiter, bis zuletzt das Böse in höchster Potenz sich selbst kuriert. Der Bösartigste und Herrschsüchtigste wird sich schließlich nach anderen Zuständen sehnen. Er wird wünschen, die Wirksamkeit irgend eines Gesetzes aufzuhalten, oder sonst eine Kraft unter seine Herrschaft zu bringen, die er als höhere ahnt.

Dieses Gefühl ist das erste Verlangen nach einem besseren Leben. Für die Brüder der Hoffnung, die als Helfer in diese dunkeln Sphären ausgesandt werden, bildet es den ersten Angriffspunkt, um einem solchen Geiste den Gedanken einer noch möglichen Besserung einzuprägen. In dem Verhältnis, wie er dann nach aufwärts fortschreitet, findet er auf jeder Stufe der Entwicklungsleiter einen höheren Grad von Gesetz und Ordnung, in die er sich schicken muß, — wie er auch von anderen erwarten darf, daß auch sie sich fügen, wo die Gesetze es erheischen. — Eine vollkommene Beobachtung der höchsten Moralgesetze findet sich nur in den reinsten Sphären. Aber es gibt viele Abstufungen bis dahin, und wer die Rechte anderer achtet, wird die Erfahrung machen, daß auch seine Rechte geachtet werden. Derjenige, welcher die Rechte seines Nachbars mit Füßen tritt, muß sich von einem Stärkeren als er treten lassen.

In der geistigen Welt ist der Mensch in jeder Hinsicht frei. Er kann fleißig oder träge sein, Gutes oder Böses tun, Segen oder Fluch auf sich herabziehen. So wie er ist, wird sich seine Umgebung gestalten. Die Sphäre, für die er reif ist, wird stets die höchste für ihn sein, bis er durch eigene Anstrengungen würdig geworden ist, Bewohner einer höheren zu werden.

So bedarf das Gute keines Schutzes gegen das Böse in der geistigen Welt. Die Verschiedenheit der Veranlagung selbst errichtet eine unübersteigliche Schranke zwischen ihnen. Die Oberen können zwar, wenn sie es wünschen, stets herabsteigen, um die Tieferstehenden zu besuchen oder ihnen beizustehen. Zwischen ihnen und den niederen Geistern aber ist eine breite Kluft, die letztere nicht zu überschreiten vermögen. Nur auf der Erde und auf anderen Planeten mit materiellem Leben kann eine Vermischung von guten und bösen Einflüssen bei fast gleicher Stärke bestehen. Ich sage, mit fast gleicher Stärke, denn sogar auf der Erde besitzt das Gute die größere Macht — es sei denn, daß der Mensch durch die Hingabe an seine niedere Natur sich dieser Macht selbst entäußere.

In den Tagen des Altertums, als der Mensch in seinem Gemüte noch einfältig war, gleich einem Kinde, stand er, ohne es zu wissen, in innigster Verbindung mit der geistigen Welt. Jetzt aber haben sich die Menschen dieser Welt entfremdet und gleichen nun den Matrosen auf einem schwanken Boote, welche diese Verbindung durch Nacht und Nebel wieder suchen. Freundliche Lotsen aus dem Geisterreiche sind bereit, ihnen hierbei Hilfe zu leisten und sie zu jenem strahlenden Lande zu geleiten, von wo sie einen Schatz von Licht und Hoffnung den müden Kämpfern auf der Erde zurückbringen sollen.

 

Kapitel 12

Nach ungefähr drei Monaten wurde ich von Ahrinziman aufgefordert, mich auf eine große Veränderung vorzubereiten, die in meinen Verhältnissen vor sich gehen würde. Es handle sich um meinen Übertritt in eine höhere Sphäre.

Ich habe von mehreren Geistlehrern gehört, daß die Sphären in verschiedene Abteilungen zerfallen, doch ist es nicht von allzu großer Bedeutung zu wissen, ob sie alle nach demselben Plane eingeteilt sind oder nicht. Ihre Unterabteilungen gleichen gewissermaßen Ländern, deren Grenzgebiete unmerklich ineinander übergehen. Die Veränderungen bei Land und Leuten drängen sich dem Beobachter auf der Durchreise von selbst auf. Einige werden daher berichten, daß es sieben Sphären gibt, und daß die letzte davon den Himmel bedeutet, von welchem in der Bibel die Rede ist. Andere werden behaupten, daß es zwölf Sphären seien, und wieder andere werden noch größere Zahlen nennen. Jede Sphäre ist indessen gewöhnlich in zwölf Kreise eingeteilt, obwohl auch hier wieder einige Geister anders rechnen, wie ja auf Erden die Normalmaße ebenfalls verschieden sind, während der gemessene Gegenstand stets derselbe bleibt. Ich für meine Person bin gewöhnt, mit sieben Sphären oberhalb der Erde und sieben Sphären innerhalb derselben zu rechnen, indem ich die Ausdrücke "oberhalb" und "innerhalb" zur Bezeichnung der jeweiligen Nähe oder Entfernung von der großen Zentralsonne unseres Sonnensystems gebrauche.

Der der Sonne zunächst befindliche Anziehungspunkt — gleichwohl noch innerhalb der Erdsphären — ist als die höchste Grenze des für uns Erreichbaren gedacht, während der am weitesten von ihr entfernte Punkt unsere niederste oder verkommenste Sphäre bezeichnet. Jede Sphäre ist dann wieder in zwölf Kreise eingeteilt, die so innig untereinander verbunden sind, daß man fast unmerklich von einem in den anderen gelangt. Ich hatte seither auf dem sogenannten Erdenplan gelebt, der gleich einem großen, breiten Gürtel die Erde umgibt und ihre Atmosphäre durchdringt. Dieser Erdenplan umfaßt von den sieben Sphären oberhalb und innerhalb der Erde je die erste. Der Ausdruck "Erdenplan" wird gewöhnlich bei der Beschreibung der Wohnorte von Geistern gebraucht, welche noch in höherem oder geringerem Maße "erdgebunden" sind, weil es ihnen nicht möglich ist, tiefer zu sinken, als es die irdischen Anziehungen gestatten, noch sich von diesen Einflüssen ganz zu befreien.

Man sagte mir, daß ich meine physischen Begierden überwunden und mich von den Anziehungen der Erde so weit befreit habe, um in die zweite Sphäre übergehen zu können. Der Übergang aus dem Kreise einer niederen Sphäre in den einer höheren vollzieht sich meistens, doch nicht immer während eines tiefen Schlafes, der genau dem Todesschlaf eines Menschen gleicht, wenn er den irdischen Körper verläßt. Im gleichen Verhältnis, wie ein Geist vorwärts schreitet und ätherischer wird, ist diese Umwandlung von einem entsprechend höheren Grade von Bewußtsein begleitet, bis schließlich das Aufsteigen von einer hohen Sphäre zu einer noch höheren nur noch dem Vertauschen eines Gewandes mit einem etwas feineren gleicht, indem eine geistige Hülle abgelegt wird und eine andere, ätherischere zum Vorschein kommt. Auf solche Weise steigt die Seele aufwärts, indem ihre Hülle immer weniger irdisch, immer weniger materiell wird, bis sie über die Grenzen der Erdsphären hinaus in den Bereich der Sonnensphären gelangt.

— — —

Bei der Rückkehr von einem meiner Besuche auf der Erde geschah es, daß mich ein seltsames, ungewohntes Schlafgefühl überkam, welches mehr einer Gehirnlähmung als gewöhnlichem Schlafe ähnlich war. Ich zog mich in mein kleines Zimmer im Zwielichtlande zurück, und als ich mich daselbst auf mein Ruhebett geworfen hatte, sank ich sofort in einen traumlosen, todesähnlichen Schlummer.

In diesem bewußtlosen Zustande lag ich ungefähr zwei Wochen nach irdischer Zeitrechnung. Während seiner Dauer verließ meine Seele den entstellten Astralkörper, um gleich einem neugeborenen Kinde in einer schöneren und reineren geistigen Hülle zum Vorschein zu kommen, die sich infolge meiner Bemühungen, das Böse zu überwinden, gebildet hatte. Jedoch wurde ich nicht als Kind, sondern als ausgewachsener Mann geboren, wie ja auch meine Erfahrungen und mein Wissen die eines reifen Geistes gewesen waren. Es gibt Sterbliche, deren Lebenserfahrungen so beschränkt sind, deren Geistesfähigkeiten so wenig gepflegt wurden und deren Naturen so einfach und kindlich sind, daß sie nur als Kinder in die geistige Welt geboren werden können; einerlei, wieviele Jahre irdischen Lebens sie gezählt haben mögen. Dies war jedoch bei mir nicht der Fall.

Als ich mich in meinem neuen Zustand betrachtete, fand ich, daß auch mein geistiger Körper auf die Altersstufe schließen ließ, die ich im irdischen Dasein erreicht hatte. Unter dem Beistand geistiger Freunde ging meine wiedergeborene Seele in völlig bewußtlosem Zustande in die zweite Sphäre über, wo ich in traumlosem Schlummer liegen blieb, bis die Zeit des Erwachens herannahte.

Die Astralschale, welche ich verlassen hatte, wurde durch die Kraft dienstbereiter Geister in die Elemente der Materie des Erdenplanes aufgelöst: Genau so, wie mein irdischer Leib, den ich bei meinem ersten Tode verließ zu Erde wurde, von der er genommen war. Staub wird wieder zu Staub, während die unsterbliche Seele in einen höheren Zustand hineingeboren wird.

So ging ich durch meinen zweiten Tod und erwachte zur Auferstehung meines höheren Selbst.

*   *   *

 

TAGES-ANBRUCH

 

 

Kapitel 13

Als ich nach todähnlichem Schlafe in der geistigen Welt zum zweiten Male zum Bewußtsein kam, befand ich mich in einer anderen, viel angenehmeren Umgebung. Hier herrschte wenigstens Tageslicht. Wenn dieses Licht auch nur ein trübes war, so erschien mir dieser Wechsel doch als eine beglückende Veränderung gegenüber dem schrecklichen Zwielicht und der dunklen Nacht, in der ich seither gelebt hatte.

Ich lag in einem netten, einem irdischen ganz ähnlichen Zimmerchen, auf einem kleinen Bett von weichem, weißem Flaum. Ein großes Fenster, welches sich dem Lager gegenüber befand, gestattete einen Blick in eine beträchtliche Ferne, auf Berge und hügeliges Land. Zwar waren weder Bäume noch Sträucher zu sehen, auch — mit Ausnahme von etwas hier und dort zerstreut blühendem Unkraut — keine Blumen. Doch selbst diese ärmliche Vegetation wirkte belebend auf das Auge. Anstatt des harten, kahlen Bodens des Zwielichtlandes, hatten wir hier einen grünen Teppich von Farn und Gras der die Erde bedeckte.

Diese Gegend wurde das "Land der Dämmerung" genannt. Die Beleuchtung glich tatsächlich der Dämmerung vor Tagesanbruch, wenn die Sonne an Horizont emporsteigt, um die Erde mit ihren Strahlen zu erwärmen. Ein schwaches Blaugrau färbte den Himmel und weiße Wölkchen, die in der Ferne als stillstehende, mächtige Luftgebilde erschienen, jagten hier in der Nähe unter dem Himmel dahin. Hier gab es Abwechslung: Wolken und Sonnenschein.

Obgleich die Ausstattung des Zimmers, in dem ich mich befand, keineswegs luxuriös zu nennen war, machte sie doch einen recht behaglichen Eindruck; sie erinnerte mich an das Innere eines Landhauses auf der Erde. Wenn auch nichts auffallend Schönes darin vorhanden war, so enthielt es doch alles, was zur Gemütlichkeit beitragen konnte und machte nicht jenen kahlen, gefängnisähnlichen Eindruck meiner früheren Wohnungen. Einige Bilder, Szenen aus meinem irdischen Leben darstellend, deren Anblick angenehme Erinnerungen in mir wachriefen, bereiteten mir großes Vergnügen. Und, welche Freude da, bemerkte ich auch meinen Gemäldespiegel, meine Rose und den Brief — alle meine Schätze!

Ich richtete meine Aufmerksamkeit auf den Spiegel, um zu sehen, was wohl mein Liebling jetzt mache. Sie schlief, und auf ihrem Gesichte stand ein glückliches Lächeln, als ob ihr in Träumen mitgeteilt würde, daß mir etwas Gutes widerfahren sei. Dann trat ich zum Fenster und schaute hinaus auf die langen Hügelreihen, die baumlos und nur mit Gras und Farn bewachsen vor mir lagen. Lange betrachtete ich diese Landschaft; sie war einer irdischen ähnlich und doch wieder unähnlich: so eigenartig, kahl und doch so friedevoll. Meine Augen, durch den Aufenthalt in den niederen Sphären dieses Anblicks längst entwöhnt, erfaßten mit Freude dieses Bild. Der Gedanke, daß ich nun zu einem neuen Leben erwacht war, erfüllte mich mit inniger, unaussprechlicher Dankbarkeit.

Schließlich wandte ich mich vom Fenster ab. Indem ich in meiner Nähe so etwas wie einen Spiegel bemerkte, schaute ich hinein, um zu sehen, was für eine Veränderung wohl mit mir vorgegangen sein mochte. Mit einem Ausruf der Überraschung und Freude prallte ich zurück. War es möglich? War das mein Antlitz, das ich hier erblickte? Ich schaute und schaute wieder. War ich es wirklich? Ei, ich war ja wieder jung geworden! Ich sah aus wie ein Mann von höchstens 35 Jahren, so wie in meinem besten Alter auf Erden. In jenem Zwielichtlande erschien mein Äußeres so alt, hager und elend, daß ich es vermied, mich zu betrachten. Ich hatte damals weit schlechter ausgesehen, als es jemals auf der Erde der Fall hätte sein können, auch wenn ich hundert Jahre alt geworden wäre. Nun aber war ich jung!

Ich hob meine Hand — sie war fest und frisch wie mein Gesicht. Eine genauere Besichtigung meines Selbst befriedigte mich noch mehr, denn ich war in jeder Hinsicht wieder ein junger Mann in der Blüte seiner Kraft, doch nicht so wie ich einst gewesen. Nein! Es lag ein Ernst in meinem Gesichte, ein gewisser Ausdruck, der die Leiden andeutete, die ich hatte ausstehen müssen. Ich wußte, daß ich niemals wieder die sorglose, überschäumende Freude der Jugend zu empfinden vermochte, denn ich konnte nicht wieder zurückgehen und das werden, was ich früher gewesen war. Die Bitterkeit meines vergangenen Lebens stieg wieder vor mir auf und tat meinen heiteren Gedanken Einhalt. Die Reue über meine früheren Sünden machte sich auch jetzt wieder bemerkbar und warf ihre Schatten selbst auf die Freude dieses Erwachens. Niemals können wir das vergangene Erdenleben so auslöschen, daß keine Spur mehr von ihm dem Geiste anhaftet. Ich habe gehört, daß sogar Geister, welche viel weiter vorgeschritten sind, als ich es zu dieser Zeit war, noch die Wundmale ihrer früheren Sünden und Sorgen an sich tragen. Male, welche nur sehr langsam in den großen Zeitläufen der Ewigkeit verschwinden werden. Mir war große Freude und eine wunderbare Erfüllung meiner Hoffnungen zuteil geworden. Dennoch drang der Schatten der Vergangenheit zu mir, und sein schwarzer Mantel lastete schwer auf der Seligkeit selbst dieser Stunde.

Während ich so über die Verwandlung nachdachte, die ich durchgemacht hatte, öffnete sich die Türe und ein Geist glitt herein. Er war wie auch ich jetzt mit einem langen Gewand von dunkelblauer Farbe mit gelber Einfassung bekleidet und trug auf dem Ärmel das Zeichen unseres Ordens. Der Zweck seines Erscheinens war, mich zu einem Feste einzuladen, das mir und anderen zu Ehren, die in letzter Zeit aus der niederen Sphäre angekommen waren, veranstaltet werden sollte.

"Alles ist einfach hier", sagte er, "auch unsere Feste. Doch das Salz der Freundschaft wird das Fest würzen und der Wein der Liebe wird euch alle erfrischen. Heute seid ihr unsere Gäste und wir alle erwarten euch, um euch willkommen zu heißen als solche, die einen schweren Kampf gekämpft und einen würdigen Sieg davongetragen haben."

Hierauf nahm er mich bei der Hand und führte mich in eine geräumige Halle mit vielen Fenstern, die einen weiten Ausblick auf die Berge und einen großen, still und friedlich daliegenden See gewährten. Lange Tafeln waren daselbst zu einem Festmahl aufgestellt und um sie herum standen Stühle für uns alle. Es waren kürzlich mehrere hundert Brüder mit mir angekommen und etwa tausend andere befanden sich bereits seit einiger Zeit hier. Diese gingen von einem zum anderen, indem sie die Neuangekommenen herzlich begrüßten. Hie und da erkannte einer einen alten Freund oder Kameraden, oder jemanden, dem er in den niederen Sphären Beistand geleistet, oder von dem er solchen empfangen hatte. Alle erwarteten die Ankunft des Vorstandes der Brüderschaft in dieser Sphäre, welcher der Großmeister genannt wurde.

Plötzlich sah man, wie sich die breiten Türen an dem einen Ende der Halle von selbst öffneten und eine Prozession ihren Einzug hielt. Voraus schritt ein sehr stattlicher, erhabener Geist in reichen Gewändern von jenem Blau, welches man bei den Gemälden der Jungfrau Maria beobachten kann. Diese Gewänder waren weiß gefüttert und mit Gelb eingefaßt, während eine weißgefütterte gelbe Kapuze ihm von der Schulter herabhing. Auf dem Ärmel bemerkte man das eingestickte Symbol der "Brüderschaft zur Hoffnung". Hinter diesen Mann kamen etwa hundert Jünglinge, die alle in weiß und blau gekleidet waren und Lorbeerzweige in ihren Händen trugen. Am oberen Ende des Saales befand sich ein prächtiger Lehnsitz mit weiß-blau-gelbem Baldachin, wo der Großmeister Platz nahm, nachdem er uns alle begrüßt hatte. Die Jünglinge ließen sich in einem Halbkreise hinter ihm nieder.

Nach einem Dankgebet zu Gott dem Allmächtigen für uns alle, wandte sich der Meister mit folgenden Worten an uns:

"Meine Brüder! Ihr, die ihr hier versammelt seid, um diese Pilger, welche in unserem Hause zur Hoffnung für einige Zeit Ruhe und Frieden, Freundschaft und Liebe finden sollen, willkommen zu heißen, — und auch ihr, unsere wandernden Brüder, die wir als Sieger im großen Kampfe gegen Selbstsucht und Sünde ehren wollen — euch allen entbieten wir unseren herzlichsten Gruß und bitten euch: Empfanget als Mitglieder unserer großen Brüderschaft die äußeren Zeichen unserer Ehrung, die wir euch darbringen, weil ihr sie redlich verdient habt. Das hohe Glücksgefühl, das eure Seele jetzt durchzieht, möge euch veranlassen, in brüderlicher Liebe die Hände zu reichen allen Sorgenden und Ringenden, die ihr in der Dunkelheit des Erdenlebens und in den Sphären des Erdenplanes zurückgelassen habt.

Wie ihr selbst hinfort immer edlere Siege feiern werdet, so suchet auch anderen immer mehr und mehr zu geben von der vollkommenen Liebe unseres großen Ordens, dessen glorreichste Meister in den Himmeln wohnen und dessen niederste Mitglieder noch als kämpfende Sünder auf dem finsteren Erdenplan leben. In ununterbrochener Kette soll unsere Brüderschaft sich vom Himmel bis zur Erde erstrecken, so lange dieser Planet physisches Leben unterhält. Und ihr sollt dessen stets eingedenk sein, daß ihr Glieder dieser großen Kette seid, Mitarbeiter von Engeln und Brüder derer, welche unterdrückt sind, ich fordere euch nun auf, der Reihe nach diese unverwelklichen Lorbeerzweige, welche die Stirne der Sieger zieren sollen, in Empfang zu nehmen und sie als Ehrenzeichen zu bewahren. Im Namen des höchsten Lenkers des Universums und aller seiner Engel, im Namen unserer Brüderschaft kröne ich nun jeden von euch mit dem Lorbeer und weihe ich euch alle der Sache des Lichtes, der Hoffnung und der Wahrheit."

Viele von uns waren von diesen liebevollen Worten und dieser Ehrung fast überwältigt. Dann traten wir — die Neu- angekommenen — auf ein Zeichen näher und knieten vor dem Großmeister nieder, um unsere Häupter schmücken zu lassen. Die Jünglinge überreichten ihre Zweige dem Meister und dieser krönte uns eigenhändig damit. Als der letzte von uns seine Krone empfangen hatte, erhob sich unter den versammelten Brüdern ein Sturm der Freude und des Beifalls. Man sang ein herrliches Loblied, dessen Melodie und Worte so lieblich waren, daß ich wünschte, ich könnte sie euch ganz wiedergeben. Als dies vorüber war, wurde jeder von einem dienenden Bruder zu seinem Platze geführt und das Festmahl begann.

Man wird sich erstaunt fragen, wie wohl ein "Festmahl" in der geistigen Welt stattfinden kann. Aber selbst auf der Erde besteht euer ganzes Vergnügen bei einer solchen Veranstaltung nicht nur in der Nahrung, die ihr zu euch nehmt, und in dem Wein, den ihr trinkt, denn jedes Fest bietet euch auch Genüsse geistiger Art. So könnt ihr glauben, daß auch ein Geist ein Bedürfnis nach Nahrung irgendwelcher Art empfindet. Wir bedürfen dieser und wir essen, obgleich unsere Speisen nicht von solch grobem Stoffe sind, wie die eurigen. Tierische Nahrung, oder etwas Ähnliches gibt es bei uns nicht. Ausgenommen in den niedersten Sphären, wo die erdgebundenen Geister sich durch andere, die noch im Fleische sind, die Befriedigung ihrer tierischen Begierden verschaffen.

Dagegen gibt es in dieser zweiten Sphäre die köstlichsten Früchte, die für das Auge fast durchsichtig sind und im Munde zergehen, wenn man sie genießt. Auch Wein gleich funkelndem Nektar ist zu haben, er verursacht jedoch keine Vergiftung, noch erzeugt er ein Verlangen nach mehr. Es ist hier nichts von alledem vorhanden, was die gröbere Eßlust befriedigen könnte, sondern nur schmackhaftes Konfekt und eine Art leichten Brotes. Aus dieser Speise und solchem Trunk bestand das Mahl, und ich für meine Person genoß nichts anderes als die lieblichen Früchte, die ich hier zum ersten Male in der geistigen Welt sah. Man belehrte uns, daß selbe tatsächlich die Früchte unserer eigenen Arbeit seien, die infolge unserer Bemühungen im Dienste anderer auf der geistigen Seite des Lebens gewachsen seien.

Nachdem das Festmahl beendet war, unterhielten wir uns noch einige Zeit, und ein großer Dankeschor, in den wir alle einstimmten, beschloß die Feier.

Dann zerstreuten wir uns, und viele gingen, um ihre Freunde auf Erden zu besuchen und ihnen womöglich Kunde von dem glücklichen Ereignis zu geben, das uns begegnet war. Viele von uns wurden noch als "verlorene Seelen" bedauert, die in Sünden gestorben waren. Es war sehr schmerzlich für uns, wenn wir diesen Erdenfreunden nicht begreiflich machen konnten, daß wir jetzt in froher Hoffnung lebten. Andere Brüder gingen zusammen mit wiedergefundenen Geisterfreunden, um Zwiesprache mit ihnen zu pflegen, während ich selbst schnurstracks zur Erde eilte, um meinem Liebling die frohe Botschaft von meiner Erhöhung zu bringen. Sie hörte mein Lispeln, lächelte und gab zur Antwort, daß sie das sichere Gefühl gehabt habe, daß es so sein müsse. In diesem Augenblick war meine Freude vollkommen und hatte das Glück meines Ehrentages seinen Höhepunkt erreicht.

 

Kapitel 14

Es war eine glückselige Zeit, die jetzt für mich anbrach — eine Pause des Ausruhens und der Erholung, die ich zumeist in der Nähe meiner Geliebten verbrachte. Sie verstand zwar noch nicht alles, aber doch vieles von dem, was ich zu ihr sprach, und meine Besuche bei ihr nahmen so viel Zeit in Anspruch, daß mir kaum noch Muße verblieb, um die Wunder des Landes der Dämmerung zu erforschen, dessen Bewohner ich geworden war.

Bald wurde mir eine neue Überraschung zuteil. Auf allen meinen Wanderungen seit meinem Tode war ich niemals einem Verwandten oder Freunde, die vor mir in die geistige Welt eingegangen waren, begegnet. Als ich jedoch eines Tages wieder bei meiner Geliebten zum Besuche erschien, tat sie wegen einer Botschaft, die sie empfangen hatte und mir selbst übermitteln wollte, sehr geheimnisvoll. Nach einer Weile erzählte sie mir, daß die betreffende Mitteilung von einem Geiste stamme, der sie besucht und behauptet habe, daß er mein Vater sei. Er habe gewünscht, daß sie seine Botschaft an mich weitergebe. Bei diesen Worten überkam mich eine solche Bewegung, daß ich kaum sprechen konnte.

Ich hatte meinen Vater auf Erden sehr geliebt, denn meine Mutter starb so früh, daß ich mich nur ganz schwach an sie erinnerte. Mein Vater aber war mein Alles. Mit Stolz und Freude nahm er Anteil an den Erfolgen seines Sohnes und setzte die größten Hoffnungen auf dessen Zukunft. Als ich dann im Leben Schiffbruch litt, erkannte ich, daß mein Unglück ihm das Herz gebrochen hatte. Er überlebte den völligen Zusammenbruch seiner Hoffnungen nicht lange. Seit seinem Tode konnte ich nur mit Schmerzen und tiefster Scham an ihn denken.

Als ich daher hörte, daß mein Vater seinen Aufenthaltsort im Jenseits verlassen hatte, um mit meinem Liebling zu sprechen, da fürchtete ich, daß seine Worte nichts anderes als Klagen über seinen mißratenen Sohn enthalten würden. So verlangte mich darnach, zu wissen, ob in seiner Botschaft nicht ein Wort der Verzeihung für seinen Sohn, der so sehr gesündigt hatte, enthalten sei.

Ich vermag weder seine Worte wiederzugeben, noch den Eindruck zu schildern, den sie auf meine Seele machten, als ich sie vernahm. Diese Worte fielen auf mein Herz wie Tau auf die schmachtende Erde. Sicherlich hat der Vater im Gleichnis für seinen verlorenen Sohn ähnliche Worte der Liebe und des Willkommens gehabt. Wie schluchzte ich auf, als mir mein Lieb jene Worte wiederholte, und wie sehr verlangte mich darnach, diesen Vater wiederzusehen und noch einmal an seinem Herzen zu ruhen!

Ehe ich es gedacht, sollte diesem Wunsche Erfüllung werden. Denn als ich mich zufällig umwandte, gewahrte ich, daß mein Vater uns zur Seite stand. Er sah genau so aus, wie in der letzten Zeit seines irdischen Lebens. Über seinem Haupte aber erstrahlte ein Glorienschein, wie ihn kein sterbliches Auge je erblickt. Wir hatten keine anderen Worte als "Mein Vater!" und "Mein Sohn!", um einander zu begrüßen, aber wir umarmten uns mit einer Freude, die keiner Worte bedurfte.

Als sich unsere Gefühle etwas beruhigt hatten, sprachen wir von ihr, deren Liebe mich auf dem Pfade nach aufwärts geleitet hatte. Jetzt erfuhr ich auch, daß es mein geliebter Vater war, der uns geholfen, über uns gewacht und uns beide beschützt hatte. Er war mir auf meinen Wanderungen in der Geisterwelt gefolgt und hatte mich in allen meinen Kämpfen beschirmt und getröstet. Meinem Blicke zwar entrückt, war er mir doch nahe gewesen und hatte mir unermüdlich in hilfreicher Liebe zur Seite gestanden. Während ich vor dem Gedanken an eine Begegnung mit ihm zurückschreckte, war er bei mir und wartete nur auf eine Gelegenheit, um sich kundzugeben. Endlich war es ihm gelungen, durch sie, mit der ich durch meine Liebe in so engem seelischem Kontakt stand, eine Verbindung herzustellen und uns alle drei durch die Freude dieses Wiedersehens in ein noch innigeres Verhältnis zu bringen.

 

Kapitel 15

Als ich von jenem denkwürdigen Besuche zum Geisterlande zurückkehrte, ging mein Vater mit mir, und wir blieben eine lange Zeit beisammen. Dabei erzählte er mir, daß man im Begriff stehe, von hier aus eine Rettungsexpedition in die allerniedrigste Sphäre zu unternehmen — in eine Sphäre, die sich unterhalb aller bis jetzt von mir besuchten Reiche befinde und in Wirklichkeit die von der Kirche gepredigte Hölle sei. Wie lange wir abwesend sein wurden, war uns nicht bekannt; wir wußten nur, daß wir eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen hatten und gleich einer Invasionsarmee ausharren mußten, bis unser Ziel erreicht sein würde.

Mein Führer aus dem Osten riet mir, mich dieser Gesellschaft anzuschließen. Auch mein Vater wünschte jetzt, daß ich zum Kampfe für Wahrheit, Licht und Hoffnung mit diesem Heere von Streitern ausziehen solle. Um jene bösen Mächte erfolgreich zu bekämpfen, muß man den Versuchungen des Erdenplanes und der noch tieferen Sphären entwachsen sein. Andererseits darf man, um den Unglücklichen sichtbaren Beistand leisten zu können, nicht den höheren Sphären angehören. Denn Geister, die weiter fortgeschritten sind als die Brüder zur Hoffnung in diesem ersten Kreise der zweiten Sphäre, wurden von den Hilfsbedürftigen weder gesehen noch gehört werden. Auch mußten wir, um sichtbar zu werden, beim Betreten dieser niedersten Sphären etwas von ihren materiellen Elementen an uns heranziehen, wozu ein höherer Geist nicht imstande gewesen wäre. Die Helfer aus den reineren Sphären, welche die Expedition begleiteten, um uns zu schützen, waren sowohl uns wie auch denjenigen, zu deren Hilfe wir gekommen waren, unsichtbar.

Die Teilnehmer der Expedition standen ihrer Befähigung nach auf derselben Stufe wie ich selbst. Wir alle fühlten, daß wir sehr viel aus der persönlichen Beobachtung der niederen Zustände, in die uns unsere Leidenschaften bei dauernder Befriedigung selbst gebracht hätten, lernen würden. Gleichzeitig konnten wir auch viele arme, reuige Seelen aus diesen dunklen Sphären retten und sie dahin bringen, wo ich selbst nach meinem ersten Übergange aus dem Erdenleben geweilt hatte und wo zahlreiche Orte speziell zur Aufnahme dieser Geister vorhanden waren. Diese wurden von solchen Persönlichkeiten geleitet, welche selbst aus den Reichen der Hölle gerettet worden waren und sich deshalb am besten dazu eigneten, jenen armen Geistern Beistand zu leisten. Nicht nur von den Brüdern zur Hoffnung, sondern auch von anderen Bruderschaften wurden von dem Lande der Dämmerung aus ähnliche Expeditionen in die dunklen Sphären entsendet. Alle diese Unternehmungen bilden einen Teil jenes großen Rettungswerkes, welches in Namen des ewigen Vaters immerfort zugunsten der Sünder im Gange ist; denn Gott verdammt keines seiner Kinder zu ewiger Qual!

Die Expedition sollte von einem Führer befehligt werden, der selbst aus den dunklen Sphären gerettet worden war und ihre besonderen Gefahren kannte. Da die Absicht bestand, durch den Erdenplan und die niederen Sphären einen Weg zu nehmen, den wir noch nicht kannten, versprach mein östlicher Führer, mir einen seiner Schüler zu senden. Er sollte mich bis zur niedersten Sphäre begleiten, um mir einige Geheimnisse der Astralebene, die wir auf unserer Reise betreten mußten, zu erklären und mich mit ihnen bekannt zu machen.

Hassein (so hieß der Schüler) erforschte jene Geheimnisse der Natur, die in den Bereich der sogenannten Magie fallen und für böse gehalten werden, während im Grunde doch nur der Mißbrauch dieser Kräfte es ist, den man als schlecht bezeichnen muß. Ein besseres okkultes Wissen würde dazu dienen, manchen bestehenden Übeln vorzubeugen und einigen jener bösen Mächte erfolgreich entgegenzuwirken, die dem Menschen bei seiner beklagenswerten Unwissenheit oft sehr schädlich sind. Jener Schülergeist war, wie auch Ahrinziman selbst, in seinem irdischen Leben seiner Nationalität nach Perser. Beide gehörten noch jener philosophischen Schule an, deren großer Gründer Zoroaster war.

"In der geistigen Welt", sagte Ahrinziman, "gibt es eine große Anzahl von Schulen verschiedener Richtung, in denen allen die ewigen Grundwahrheiten der Natur gelehrt werden. In manchen nebensächlichen Punkten unterscheiden sie sich jedoch voneinander, was hauptsächlich darin zum Ausdruck kommt, daß sie bezüglich der Art der Anwendung dieser großen Wahrheiten auf die Entwicklung der Seele geteilter Meinung sind. Ebenso unterscheiden sie sich darin, wie sie ihre Schlüsse ziehen, wenn sie ihr bestimmtes Wissen auf Dinge ausdehnen wollen, von denen sie noch keine sichere Kenntnis haben. Es ist ein Fehler zu glauben, daß es in der geistigen Welt unseres Planeten ein absolutes Wissen gibt, welches alle die großen Geheimnisse der Schöpfung — wie das Warum unseres Daseins, die Existenz von Bösem in Verbindung mir dem Guten, oder die der Seele und ihre Herkunft von Gott — zu klären vermag.

Die Fluten ewiger Wahrheit entströmen beständig den großen Geisteszentren des Universums und werden der Erde durch Ketten geistiger Intelligenzen übermittelt. Es kann jedoch ein Geist nur in dem Grade Bruchteile der Wahrheit weitergeben, als seine Entwicklungsstufe ihn befähigt, sie zu verstehen. Und ein Sterblicher vermag nur so viel Wissen zu empfangen, als seine intellektuellen Fähigkeiten ihm aufzunehmen und zu begreifen ermöglichen.

Weder Geister noch Sterbliche sind allwissend, und erstere können nur das übermitteln, was ihre jeweiligen Schulen und deren vorgeschrittene Vertreter als ihre Lehre bezeichnen. Weiter können sie nickt gehen, denn darüber hinaus wissen sie selbst nicht. Diejenigen, die behaupten, daß sie die wahre und einzige Erklärung für die großen Mysterien besitzen, können nur das wiedergeben, was ihnen selbst von weiter vorgeschrittenen Geistern gelehrt wurde. Letztere aber sind nicht mehr berechtigt, in absolutem Sinne zu sprechen, als die vorgeschrittensten Lehrer irgend einer anderen Schule. Auf Grund der Autorität eines anderen, der in der geistigen Welt als ein Führer der vorgeschrittensten Intelligenz anerkannt ist, behaupte ich, daß es ganz unmöglich ist, für die letzten Fragen eine endgültige Antwort zu geben. Oder Dinge erklären zu wollen, die weit über die Kräfte der höchsten Geister hinausgehen und daher das Fassungsvermögen unserer Erdsphären unendlich übersteigen müssen. Die Beantwortung und Erklärung dieser Dinge würde eine Kenntnis des Universums, welches keine Grenzen hat, voraussetzen. Und noch mehr, ein Vertrautsein mit der Natur jenes höchsten Wesens, von dem keinem Geiste etwas anderes bewußt werden kann, als die große Wahrheit, daß er als unendlicher Geist unbeschränkt in jeder Hinsicht, unerforschlich und unbekannt ist.

Was auch immer Menschen und Geister beweisen und erklären möchten, sie können stets nur im Rahmen ihres jeweiligen Wissens lehren. Jenseits dieses aber gibt es wieder Grenzen, die keiner zu erreichen vermag. Wie kann jemand behaupten, das letzte Ende von dem zeigen zu wollen, was kein Ende hat? Oder wie ist es jemandem möglich, die ungeheuren Tiefen des unendlichen Geistes zu sondieren, der unergründlich ist? Geist ist so ewig und unerforschlich wie das Leben, er ist unendlich und alles durchdringend. Gott ist in allem, über allem, doch niemand kennt seine Natur, noch welcher Art sein Wesen ist. Wir wissen nur, daß er in allem und, überall gegenwärtig ist. Der Verstand des Menschen muß, von Ehrfurcht erfüllt, im Gefühle seiner Kleinheit gerade an der Schwelle, wo er eindringen möchte, stehen bleiben. Das einzige, was er tun kann, ist sich zu bescheiden und zu untersuchen, ob die nächste Stufe, welche er betreten will, auch sicher ist. Auch die erhabensten und kühnsten Geister vermögen nicht alles auf einmal zu umfassen. Kann da der Erdenmensch mit seinem beschränkten Gesichtskreise hoffen, daß ihm alles erklärt werden kann, wo selbst die vorgeschrittensten Intelligenzen der geistigen Welt sich bei ihrem Suchen nach Wahrheit durch ihre Ohnmacht stets gehemmt fühlen?"

 

Kapitel 16

Der Freund, welchen Ahrinziman zu meiner Begleitung und Belehrung sandte, hatte nach irdischen Gesichtspunkten das Aussehen eines junges Mannes von 25-30 Jahren; er sagte mir jedoch, daß er auf Erden über 80 Jahre gelebt habe. Sein gegenwärtiges Äußere stellte die Stufe seiner geistigen Entwicklung dar, welch letztere allein für die Beurteilung des Alters eines Geistes maßgebend ist. Je höher ein Jenseitiger seine geistigen Fähigkeiten entfaltet, desto mehr trägt seine Erscheinung den Stempel der Reife, bis sie schließlich die eines Weisen wird, ohne jedoch die Runzeln und Mängel des irdischen Alten zu zeigen. Nur die Würde, Macht und Erfahrung der erlangten Reife kommen zum Ausdruck. Wenn daher ein Geist die höchstmögliche Entwicklungsstufe der Erdsphären, oder die anderer Planeten erreicht hat, hat er das Aussehen eines ihrer Patriarchen und geht dann in die höheren und ausgedehnteren Sphären des Sonnensystems über, zu dem der betreffende Planet gehört. Hier beginnt er seinen Lebenslauf wieder als Jüngling, da seine Entwicklungsstufe im Vergleich zu derjenigen weiter vorgeschrittener Geister jener höheren Sphären nur die eines Jünglings ist.

Hassein erzählte mir, daß er gegenwärtig die verschiedenen Kräfte und Formen der Natur in jenen Reichen studiere, die unterhalb des Seelenlebens liegen. Und daß er imstande sei, mir viele merkwürdige Dinge zu erklären, die wir auf unserer Reise zu Gesicht bekommen würden.

"Viele Geister", sagte er, "durchziehen die Sphäre des Astralplanes, ohne sich der gespenstigen Bewohner desselben bewußt zu werden. Dies deshalb, weil ihre Sinne nicht genügend entwickelt sind, um die Umgebung in allen ihren Einzelheiten wahrnehmen zu können.

Auf der Erde ist es ebenso. Hier gibt es viele Personen, die ganz unfähig sind, die Geister in ihrer Nähe zu sehen, während letztere für einige feiner organisierte Menschen vollkommen sichtbar sind. Ferner gibt es auf Erden Leute, welche nicht nur die Geister von menschlichen Wesen, sondern auch Astral- und Elementwesen wahrnehmen können, die eigentlich keine "Geister" sind. Als Geister sollte man nur solche bezeichnen, die einen Seelenkeim in sich tragen. Viele Wesenheiten, die wir sehen werden, besaßen niemals eine Seele und andere wieder sind nur leere Schalen, aus denen der Seelenfunke bereits entwichen ist.

Um zwischen einem Seelen-Geist und einem seelenlosen Astralwesen unterscheiden zu können, muß man die Gabe des zweiten Gesichtes besitzen. Solche, die nur einen unvollkommenen Grad dieses Hellsehens haben, sind wohl imstande, Elementar- und Astralwesen wahrzunehmen, sind aber nicht fähig, letztere von beseelten geistigen Formen deutlich zu unterscheiden. Hiedurch herrscht große Unklarheit unter diesen unvollkommenen Hellsehern über die Natur und die Eigenschaften dieser Wesensarten.

Bei den Menschen auf Erden beobachtet man mehrere Grade des Hellsehens, die alle auf der nächsten Stufe des Daseins eine Steigerung erfahren, nachdem der geistige Körper oder das Seelenwesen von den groben Elementen der physischen Materie befreit ist. So geht es fortschreitend im dem Verhältnis weiter, wie die Seele eine materielle Hülle um die andere abwirft: zuerst die grobe oder irdische Materie, sodann die aufeinanderfolgenden Abstufungen der feinstofflichen Materie. An eine völlige Trennung von Materie und Seele können wir nicht glauben, wenigstens so lange nicht, als sie sich ihrer Existenz in einem unserer Sonnensysteme bewußt ist. Über diese Grenzen hinaus haben wir keine bestimmte Kenntnis, daher kann alles nur Gegenstand der Spekulation sein.

Die Entwicklungsstufe der Seele steht im genauen Verhältnis zu dem Grade der Dichtigkeit, der Qualität der sie umhüllenden Materie. Aus der mehr oder weniger verfeinerten und ätherisierten Materie des Körpers läßt sich auf einen entsprechend hohen oder niederen Entwicklungszustand der ihn bewohnenden Seele schließen.

In meinen Ausführungen über das Hellsehen will ich zunächst nur über die erste Stufe bewußten Seelenlebens sprechen. Ich lasse bis zu gelegener Zeit die Theorien und Meinungen außer Acht, die mit dem Studium dessen im Zusammenhang stehen, was vor dem gegenwärtigen Bewußtseinszustande des Menschen geschah und was sein wird, wenn er die Grenzen unseres derzeitigen Wissens überschreitet.

Wir finden auf der irdischen Stufe des Lebens Personen — meistens Frauen oder jüngere Knaben, — die mit mehreren Graden des Hellsehens ausgestattet sind. Die ersten drei Grade finden sich sehr häufig vor, der vierte und fünfte seltener. Dem sechsten und siebenten begegnet man fast niemals, ausgenommen bei Personen, die hierzu eine besonders geeignete Organisation besitzen. Diese Besonderheit ist auf die Einflüsse der Gestirne unter welchen sie geboren sind. Hauptsächlich auf Einflüsse, die in dem Moment herrschen, wo das Kind das Licht der Welt erblickt. So selten sind diese sechsten und siebenten Grade, daß sie nur sehr wenigen zu eigen sind.

Hin und wieder findet man einige mit unvollkommenem sechsten Grad, die vom siebenten Grade aber nichts besitzen. In solchem Falle können die Betreffenden nie zu einem vollkommenen Hellsehen gelangen. Die Folge dieses Mangels ist ähnlich wie bei ungeeigneten Brillengläsern nur ein unvollkommenes Sehen der übersinnlichen Dinge. Wenn solche Personen auch bis zu einem gewissen Grade einen Einblick in die sechste Sphäre haben, so vermindert ihr mangelhaftes Sehen doch sehr den Wert dessen, was sie berichten.

Jene jedoch, die den sechsten Grad des geistigen Schauens vollkommen besitzen, können im Geiste sogar bis in die siebente Sphäre erhoben werden, welche als die höchste den "Himmel" der Erdsphäre bedeutet. Gleich Johannes im Neuen Testament werden sie dann unaussprechliche Dinge sehen. Hierzu ist es erforderlich, daß die Seele von allen Fesseln des physischen Körpers befreit ist, bis auf den dünnen Faden, der als Bindeglied zwischen Körper und Seele dient, und dessen Zerstörung eine Trennung beider Elemente für immer herbeiführet. Man kann daher sagen, daß sich die Hellseher zu solchen Zeiten außerhalb ihres Körpers befinden.

Es ist jedoch schwierig und gefährlich, eine Seele in die siebente Sphäre zu versetzen. Selbst da, wo die Kräfte dazu vorhanden sind, kann dies nur bei außergewöhnlich veranlagten Personen und unter ganz besonderen Umständen geschehen. Dasselbe muß von den Hellsehenden der niederen Grade gesagt werden, jedoch mit dem Unterschiede, daß hier die Fähigkeiten um so leichter und sicherer gebraucht werden können, je weniger erhaben sie sind.

Jeder Hellseher vermag nur in jene Sphäre zu schauen, die dem Grade seiner Fähigkeit entspricht. Es ist jedoch eine merkwürdige Tatsache, daß viele Hellseher einen oder mehrere Grade des geistigen Schauens vollkommen besitzen und daneben noch einen weiteren, nicht voll entwickelten höheren Grad. Wo dies der Fall ist, beobachtet man, daß das Medium dadurch, daß es die Gesichte durcheinanderbringt, nicht zuverlässig ist.

Denn, wenn der mangelhafte Grad in Tätigkeit tritt, so ist die Folge davon dieselbe, wie wenn man einen Gegenstand gleichzeitig mit einem guten und einem schlechten Auge betrachtet: das Wahrgenommene verliert durch die Unvollkommenheit des einen Auges an Deutlichkeit. Es ist daher weit besser, von einem Grade gar nichts zu besitzen als nur einen Bruchteil. Der unvollkommene Grad allein ist es, der Verwirrung bei Anwendung der vollkommenen Grade hervorruft. Man muß es mit diesen Fähigkeiten machen wie mit dem schlechten Auge: man muß sie verschließen, damit das Schauen, wenn auch beschränkt, doch wenigstens richtig ist.

Wenn die Alten bei ihren Schülern das höchstmögliche, vollkommene Hellsehen in einem oder mehreren Graden entdeckten, hemmten sie deren weitere Entwicklung so lange, als das unvollkommene Sehen des höheren Grades den Wert der anderen, die sie besaßen, beeinträchtigen konnte. Auf diese Weise waren sie imstande, manche zuverlässige Hellseher mit mäßigen Fähigkeiten zu erziehen, die bei weiteren eigensinnigen Anstrengungen, sich zu entwickeln, weit mehr verloren hätten als sie gewinnen konnten.

In alten Zeiten wurden die Seher in verschiedene Klassen eingeteilt, wie dies auch jetzt noch in gewissen Prophetenschulen des Ostens der Fall ist. Jedoch ist diese Kunst bis jetzt nicht in solch vollkommener Weise bekannt wie damals, als die östlichen Völker auf Erden auf der Höhe ihrer Macht standen.

Jede Klasse bedurfte einer besonderen Erziehung, die dem jeweiligen Grade der Fähigkeit und der Art der Begabung angepaßt war. Damals bestand in solchen Dingen nicht dieses merkwürdige Mißverhältnis von hoher Begabung und größter Unwissenheit, wie es heute der Fall ist. Nur die Unfähigkeit, diese Gaben richtig und weise zu gebrauchen ist es, was in so vielen Fällen Ungenauigkeiten zeitigt. Und auch manche Unannehmlichkeit sowohl für das Medium wie für die, welche es um geistiger Erkenntnis willen besuchen.

Ebensogut könnte der Ausbilder von jungen Turnern der Meinung sein, daß er die zu entwickelnden Muskeln seiner Zöglinge in ihrer Leistungsfähigkeit überanstrengen könne, ohne ihnen Schaden zuzufügen. Geradeso ist es bei denen, die sich mit der Entwicklung ihrer medialen Kräfte beschäftigen, um dann einen übermäßigen, unvernünftigen Gebrauch davon zu machen.

Wenn auf Erden die geistige Erkenntnis weiter verbreitet sein wird, werden gewisse Sensitive, die mit den nötigen Kräften begabt sind, Anweisungen erhalten, die sie unter Führung befähigen werden, zwischen den niederen und den höheren Geistern zu unterscheiden. Auf diese Weise wird ein großer Teil der Verwirrung und Gefahr allmählich beseitigt werden.

Auf der geistigen Seite des Lebens gibt es viele Lehrer, die sich jahrhundertelang mit dem Studium aller Daseinsformen, die auf Erden verkörpert sind, beschäftigt haben. Gerade jetzt suchen sie überall nach offenen Türen, um durch sie das Wissen zu übermitteln, das den Menschen von wahrem Nutzen ist. Vieles konnte noch nicht mitgeteilt werden. Bei manchen Dingen aber wäre dies möglich, und in dem Maße, wie das Wissen über diesen Stoff gegeben wird, werden die Seelen auf Erden sich erweitern und entwickeln." —

Ich dankte meinem neuen Freunde für seine Belehrung und die in Aussicht gestellte Hilfe. Dann begab ich mich kurz vor Abgang der Expedition auf die Erde, um meiner Geliebten Lebewohl zu sagen. Wir beide empfanden tief, wie sehr wir nun unseren beständigen Verkehr vermissen werden; denn so beschränkt er auch durch die Kluft war, die zwischen uns lag, bereitete er uns beiden doch große Freude.

Bei meiner Rückkehr wurde ich aufgefordert, mich von meinem Vater und meinen Freunden zu verabschieden und mich mit meinen Reisegefährten in dem großen Saale zu treffen, um den Segen unseres Großmeisters zu empfangen. Nachdem dies geschehen, machte sich unsere Expedition unter den guten Wünschen der ganzen versammelten Brüderschaft auf den Weg.

 

Kapitel 17

Man kann sich kaum eine bessere Vorstellung von dem Weg machen, den unsere Reise nahm, als indem man sich eine ungeheure Spirale denkt, deren Linie sich in kreisrunden Ringen aufwärts und abwärts windet. Ein kleiner Punkt, nicht größer als etwa ein Stecknadelkopf, als Achse in einem großen Rade gedacht, stellt die Erde als Zentrum in diesem kreisförmigen Ring dar. Eine gleiche Anzahl von Ringen befindet sich oberhalb und unterhalb der Erde. Die Ringe sind in gleicher Reihenfolge angeordnet und winden sich, bei der Achse als der niedersten Sphäre beginnend, um diese herum. Sie steigen auf diese Weise in immer höhere Sphären, bis zuletzt das Ende der Spirale bei unserer Zentralsonne angelangt ist, womit der höchstmögliche Grad irdischer Entwicklung bezeichnet wird. Diese Darstellung wird dem Leser einen schwachen Begriff von der Erde und ihren zugehörigen Sphären geben und ihm verständlich machen, wie wir aus der zweiten Sphäre in die unterste herabstiegen und auf unserer Reise den Erdenplan durchwandern mußten.

Als wir letzteren betraten, nahm ich viele Geister von Sterblichen wahr, welche hierhin und dahin eilten, wie ich dies zu sehen gewohnt war. Aber nun beobachtete ich zum erstenmal, daß sich bei ihnen auch viele schwebende, gespensterhafte Gestalten befanden, ähnlich jenen Schatten, die ich im "Frostlande" in der Umgebung des Geistes im Eiskäfige gesehen hatte.

Einige erschienen sehr scharf und lebenskräftig, bis eine genauere Untersuchung mich belehrte, daß das Licht der Intelligenz in ihren Augen und Mienen fehlte. Bei ihrem hilflosen, verfallenen Aussehen machten sie den Eindruck von Wachspuppen, deren Füllung entfernt ist. In der Tat fällt mir nichts ein, das eine bessere Vorstellung von ihrer Erscheinung geben könnte.

Bei meinen früheren Wanderungen auf dem Erdenplane hatte ich alle diese Wesen nicht wahrgenommen. Als ich Hassein nach dem Grunde fragte, antwortete er: "Das hat seinen Grund erstens darin, daß du zu sehr in deine Arbeit vertieft warst, und zweitens, daß deine Sehkraft nicht genügend entwickelt war. Da schaue hin, fügte er hinzu, indem er mich auf eine seltsame kleine Gruppe aufmerksam machte, die sich uns, Hand in Hand wie Kinder tanzend, näherte. Betrachte sie, es sind die geistig-körperlichen Emanationen kindlicher Seelen und Körper. Sie verdichten sich zu diesen drolligen, harmlosen kleinen Gebilden, wenn sie mit einer der großen Lebensströmungen in Berührung gebracht werden, welche um die Erde kreisen und auf ihren Fluten die lebendigen Ausstrahlungen von Männern, Frauen und Kindern mit sich führen. Diese seltsamen kleinen Wesen haben kein persönliches, selbstbewußtes Leben, wie es die Seele verleiht, und sie sind so flüchtig und ätherisch, daß sie ihre Gestalten verändern wie die Wolken am Himmel. Sieh, wie sie sich auflösen und wieder aufs neue bilden.

Ich war über diese natürliche, lebensvolle Erscheinung und ihr plötzliches Verschwinden so erstaunt, daß Hassein, indem er meinen verblüfften Seelenzustand bemerkte, zu mir sagte:

"Was du soeben wahrgenommen hast, ist nur eine ätherische Form von elementarem Leben, die nicht materiell genug ist, für längere Zeit auf dem Erdenplan existieren zu können. Es ist ein Leben ähnlich einem Wassergischt, der durch die Wellenbewegung eines reinen irdischen Lebens und Denkens aufschäumt und Leben bekommt. Beobachte nun, um wieviel dauerhafter auf dem Astralplan die Dichtigkeit von dem ist, was der Unreinheit seine Entstehung verdankt."

Ich bemerkte jetzt, wie eine große Anzahl luftförmiger Gebilde an uns herankam — dunkel, mißgestaltet, menschlich und doch wieder unmenschlich in ihrer Erscheinung. "Dieses," sagte Hassein, sind die Wesen, die sich bei den Delirien des Säufers einstellen. Angezogen von seinem verdorbenen Magnetismus häufen sie sich immer mehr bei ihm an und können nun von ihm, der die zu seinem Selbstschutze nötige Willenskraft verloren hat, nicht mehr zurückgestoßen werden. Solche Kreaturen mit einer Art von menschenfresserischer Veranlagung hängen sich ihm an, wie giftige Fliegen und entziehen ihm gleich Blutegeln oder Schmarotzerpflanzen seine physische Lebenskraft. Für solch einen Trunkenbold gibt es keine bessere Hilfe, als wenn er auf der irdischen Seite des Lebens jemanden findet, der einen starken Willen und magnetische Kräfte besitzt.

Nimmt dieser den Unglücklichen in seinen Schutz und unterwirft ihn seinem Willen und dem Einflusse seiner starken magnetischen Kraft, so wird bald das letzte dieser Phantome nicht mehr fähig sein, sich unter dem Strome von heilkräftigem Magnetismus, der sich über den Kranken und seine Parasiten ergießt, noch länger zu halten. Der Heilmagnetismus wirkt wie Gift auf diese Geschöpfe und tötet sie. Sie fallen von dem Säufer ab; ihre Körper verlieren den Zusammenhalt und lösen sich endlich in Dunst auf. Wenn diese Wesen jedoch eine zu ihrer Vernichtung nicht genügend starke Dosis von Heilmagnetismus empfangen, dann ziehen sie weiter und schweben oft jahrelang umher, indem sie einem Menschen nach dem anderen die physische Lebenskraft entziehen und mit der Zeit einen gewissen Grad von unabhängigem tierischem Eigenleben erlangen.

In diesem Zustand können sie von höherintelligenten Wesen zur Verrichtung solcher Arbeiten benutzt werden, für die sich ihre jeweiligen Organisationen eignen. Dieser Geschöpfe, die zwar leben und sich nähren, jedoch keine Seele besitzen, bedient sich eine gewisse Klasse von sogenannten schwarzen Magiern bei ihren Experimenten und gebrauchen sie hauptsächlich im Kampfe gegen ihre Widersacher. Gleich Polypen auf dem dunklen Grunde der See ziehen solche Astralwesen diejenigen, welche unbeschützt von höheren Mächten es wagen, sich mir ihnen abzugeben, zu sich herab und zerfleischen sie mit ihren gefühllosen Klauen."

"Erzähle mir nun, Freund Hassein, ob diese Astralwesen, wenn sie sich an einem Trinker festgesetzt haben, ihn zwingen können, mehr zu trinken? So wie dies wohl der Fall ist, wenn der erdgebundene Geist eines abgeschiedenen Trunkenboldes einen anderen beeinflußt, der sich noch im Fleische befindet."

"Nein! Diese Wesen haben keinen andern Genuß von dem Getränke, das ein Mensch zu sich nimmt, als daß es ihnen in folge der dadurch hervorgerufenen Verderbnis seines Magnetismus leichter wird, sich von ihm zu nähren. Es ist seine tierische oder physische Lebenskraft, welche sie begehren. Letztere ist Lebensfrage für sie, wie das Wasser für eine Pflanze. Aber dadurch, daß sie ihr Opfer seiner Vitalität berauben, erzeugen sie in ihm das Gefühl der Erschöpfung, das nun den Trinker veranlaßt, zu Stärkungsmitteln seine Zuflucht zu nehmen. Darüber hinaus aber haben sie keinen Einfluß auf das fortgesetzte Trinken eines Säufers. Diese Elementarwesen sind nur Parasiten, und ihre Eigenintelligenz ist von solch rudimentärer Art, daß man sie kaum mit diesem Namen bezeichnen kann.

Um Gedanken zu erzeugen und auf andere übertragen zu können, ist der Besitz eines intelligenten Seelenkeims oder eines Funkens göttlicher Essenz erforderlich. Wenn einem Wesen ein solcher einmal gegeben worden ist, so besitzt es eine unabhängige Identität, derer es niemals wieder verlustig gehen kann. Es mag Hülle um Hülle abwerfen oder in immer gröbere Formen der Materie herabsinken — einmal mit Seelenleben begabt, kann es nie aufhören zu sein. Und mit seinem Dasein bleibt ihm die Individualität wie auch die persönliche Verantwortlichkeit für sein Handeln für immer erhalten. Dies gilt in gleicher Weise für die menschliche Seele wie für das intelligente Seelenprinzip, wie es sich in den Tieren und niederen Formen seelischen Lebens kundgibt. Wo immer man die Fähigkeit beobachtet, aufgrund von Überlegung zu handeln — wie beim Menschen als dem höheren, oder beim Tier als dem niederen Typus — darf man überzeugt sein, daß eine Seele vorhanden ist, und nur der höhere oder geringere Grad von Reinheit der Seelenessenz kann in Frage kommen.

Wir beobachten im Menschen wie im Tiere eine Fähigkeit von Intelligenz, die sich nur dem Grade nach unterscheidet. Aus diesem Umstande zieht die philosophische Schule, der ich angehöre, den Schluß, daß beide gleicherweise bewußte, intelligente Unsterblichkeit besitzen, jedoch der Art und dem Grade der Seelenessenz nach verschieden, indem Tiere wie Menschen eine ewige Zukunft für ihre Entwicklung vor sich haben. Welches die Grenzen der Wirksamkeit dieses Gesetzes sind, können wir nicht sagen. Wir ziehen nur unsere Schlüsse aus dem Vorhandensein von Tieren und Menschen in der geistigen Welt, welche früher auf Erden gelebt haben. Ebenso aus dem Umstand, daß sich alle beide in einem vorgeschritteneren Stadium der Entwicklung befinden, als dies in ihrem irdischen Dasein der Fall war.

Es ist für einen seelenlosen Schmarotzer unmöglich, das Bewußtsein eines Sterblichen zu beeinflussen. Solche Einflüsse rühren von auf Erden verkörpert gewesenen Seelen her, die in ihrem damaligen Zustande ihre niederen Begierden so sehr befriedigten, daß sie sich nun von den Fesseln ihrer Astralhüllen nicht mehr befreien können. Diese besuchen die Erde und reizen die Menschen zum Trinken und zur Ausübung ähnlicher Laster. Sie sind damit imstande, den Menschen entweder teilweise oder vollständig zu beherrschen. Am häufigsten geschieht dies, indem der Geist jenen Menschen, den er beeinflussen will, teilweise mit seinem geistigen Körper umkleidet, bis eine Verbindung zwischen ihnen hergestellt ist — ungefähr wie man sich Zwillingskinder miteinander verwachsen denkt, die zwar verschiedene Körper besitzen, aber seelisch so innig miteinander verbunden sind, daß das, was das eine fühlt, auch von dem anderen mitempfunden wird. Auf diese Weise wird alles, was der Mensch zu sich nimmt, von dem Geiste, welcher den Unglücklichen möglichst viel zu trinken veranlaßt, mitgenossen.

Wenn das Medium trinkunfähig geworden ist, befreit sich der Geist von ihm und begibt sich auf die Suche nach einem anderen männlichen oder weiblichen Opfer mit schwachem Willen und verdorbenem Geschmack. Nicht immer jedoch gelingt es dem Geiste oder dem Sterblichen, sich selbst von der merkwürdigen Verbindung zu befreien, die infolge Befriedigung ihrer gemeinsamen Begierden entstanden ist. Nach lang andauernden Beziehungen solcher Art wird es für beide Teile sehr schwer, sich zu trennen. Geist und Mensch mögen jahrelang einander überdrüssig sein, ohne daß sie imstande sind, das Band zu zerreißen, wenn ihnen nicht höhere Mächte auf ihre Anrufung hin Beistand leisten.

Fährt ein Geist fort, Menschen zum Zwecke seiner Befriedigung zu beeinflussen, so sinkt er tiefer und tiefer und zieht seine Opfer mit sich hinab in den Abgrund der Hölle. Es ist dann für beide Teile eine bittere und schwere Aufgabe, wieder emporzuklimmen, nachdem das Verlangen nach besseren Zuständen erwacht ist.

Die Seele allein besitzt die Fähigkeit zu denken und zu wollen. Seelenlose Geschöpfe gehorchen nur dem Gesetz der Anziehung und Abstoßung, das von allen physischen Atomen, aus denen das Universum zusammengefügt ist, empfunden wird. Selbst wenn diese astralen Parasiten durch ihr gewohnheitsmäßiges Schmarotzen an der Lebenskraft von Männern und Frauen einen gewissen Grad unabhängigen Lebens erlangt haben, besitzen sie nicht die Intelligenz, ihre eigenen Bewegungen oder die von anderen zu lenken. Sie fliegen umher wie Fieberkeime, welche in einer sumpfigen Atmosphäre entstanden sind, und werden von einer Person mehr, von einer anderen weniger angezogen. Man darf von ihnen wie von jenen Fieberkeimen behaupten, daß sie nur eine sehr niedere Form von Leben darstellen.

Eine andere Klasse von elementaren Astralwesen sind die der Erde, der Luft, des Feuers und des Wassers, deren Körper aus den materiellen Lebenskeimen eines jeden Elementes gebildet sind. Einige gleichen in ihrer Erscheinung den Gnomen und Elfen, die in unterirdischen Minen und Bergeshöhlen wohnen sollen. Auch die Feen welche Menschen an einsamen Orten unter den Naturvölkern gesehen haben, sind solche Wesen. Ferner — jeweils ihrer Natur entsprechend — die Wassergeister und Meerjungfrauen, die Feuer und Luftgeister der alten Fabeln.

Alle diese Wesen haben Leben, aber noch keine Seelen, denn ihre Vitalität wird dem Leben von Erdenmännern und -Frauen entzogen und durch diese unterhalten; sie sind nur Begleiterscheinungen der Menschen, unter denen sie wohnen. Viele von ihnen gehören einer sehr niederen Daseinsordnung an und stehen auf etwa derselben Stufe wie die höheren Pflanzen, nur daß sie die Fähigkeit unabhängiger Bewegung besitzen. Andere sind sehr lebhaft, voll wunderlicher, unschuldiger Eigenheiten und können sich rasch von Ort zu Ort bewegen: Einige von ihnen sind ganz harmlos, während andere wieder ihrer Natur nach bösartiger sind, da die menschlichen Wesen, denen sie ihr Dasein verdanken, einer wilderen Rasse angehören.

Diese merkwürdigen Erdelementaren können nicht lange unter Völkern existieren, die eine höhere geistige Entwicklungsstufe erreicht haben, weil dann die von den Menschen abgestoßenen Lebenskeime zu wenig von dem niederen tierischen Leben enthalten, um ihnen genügend Nahrung zu geben. Sie sterben daher ab und ihre Körper verflüchtigen sich. So wie die Völker vorwärts schreiten und geistiger werden, verschwinden diese niedrigeren Lebensformen vom Astralplan jener Erdsphäre. Die nachfolgenden Generationen fangen dann an, die Existenz dieser Formen zuerst zu bezweifeln und später ganz zu leugnen. Nur bei den Religionen des Ostens, welche eine fortlaufende Chronik enthalten, findet man Berichte über diese abhängigen Zwischenarten von Wesen nebst den Ursachen ihres Daseins.

Diese Seelenlosen Elementarwesen von Erde, Luft, Feuer und Wasser gehören zu einer ganz anderen Klasse als jene, welche ich als Emanationen einer entarteten Intelligenz der menschlichen Seele und der bösen Handlungen ihres Körpers bezeichnet habe. Sieh nun, o Mann des Westens, was für eine Wissenschaft eure Gelehrten in Acht und Bann getan und als Fabeln in das Reich der Phantasie verwiesen haben! Solange bis der Mensch, eingeschlossen in die engen Grenzen seiner physischen Sinne daran zu zweifeln anfing, daß ihm überhaupt eine Seele oder ein höheres, reineres Selbst zu eigen ist als das, welches er im gemeinen Erdenleben kennt. Betrachte die mannigfaltigen Wesen, die den Menschen überall umgeben, und frage dich selbst, ob es für ihn nicht gut wäre, wenn er im Besitze eines Wissens stünde, durch das er sich vor den vielen Fallgruben schützen könnte, über die er in blinder Unwissenheit, ohne Kenntnis ihrer Gefahr dahinschreitet!

In den frühesten Zeitaltern der Erde begnügte sich der Mensch damit, zu seinem himmlischen Vater emporzuschauen, um von ihm Hilfe und Beistand zu erflehen; und Gott sandte seine Engel und dienenden Geister zum Schutze seiner Menschenkinder. In neuerer Zeit sucht der Mensch, gleich einem erstarkten aber unreifen Jüngling, in seinem Eigendünkel Hilfe nicht mehr im Höheren, sondern nur noch bei sich selbst. Er stürzt sich damit geblendet durch seinen Hochmut und seine Unwissenheit, mit offenen Augen in Gefahr. Er spottet über Dinge, die sein beschränkter Verstand nicht begreifen kann, und wendet sich von denen ab, die ihn belehren möchten. Da er seine Seele nicht zu sehen, zu wägen und zu analysieren vermag, behauptet er wahrlich, der Mensch hat keine Seele und tut am besten, wenn er dieses irdische Leben nach Möglichkeit genießt. Denn eines Tages wird er sterben um, nach dem Bewußtsein und Individualität ausgelöscht ist, wieder zu Erde zu werden.

Oder aber — der Mensch nimmt in seiner jämmerlichen Angst vor dem unbekannten Schicksal, das seiner harret, Zuflucht zu vagem Aberglauben: zu den dunklen Glaubensdogmen jener, die sich als Führer auf dem Wege nach dem unbekannten Lande aufspielen, obgleich sie darüber kaum mehr bestimmtes Wissen besitzen als der ungebildetste Mensch.

Daher hat Gott in seinem Erbarmen für die irrenden Menschenkinder in letzter Zeit die Tore, die diese beiden Welten verbinden, weiter als je zuvor geöffnet. Wieder sendet er seine Boten aus, um die Menschen zu warnen; seine Gesandten, um sie auf den Weg zur wahren Glückseligkeit eines höheren Lebens zu weisen; und um ihnen jene Macht und jenes Wissen zu zeigen, das sie von rechtswegen besitzen sollten.

Wie die Propheten des Altertums einst sprachen, so sprechen diese Boten jetzt. Und wenn sie es deutlicher, in einer weniger verhüllten Weise tun als zuvor, so geschieht es, weil der Mensch dem kindlichen Alter entwachsen ist und ihm nun auf vernünftige, wissenschaftliche Weise gezeigt werden muß, worauf er seine Hoffnungen und seinen Glauben zu gründen hat."

"Höret daher auf die Stimme", rief Hassein — indem er sich wandte und seine Hände gegen eine kleine, dunkle Kugel erhob, die weit entfernt am Horizont zu schweben schien und die wir als den sorgenschweren Planeten Erde erkannten — "höret auf die Stimme, die da sagt: Kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Und höret auch auf uns, die wir zu euch sprechen, und wendet euer taubes Ohr nicht ab! Erkennet, ehe es zu spät ist, daß Gott nicht ein Gott des Todes, sondern des Lebens ist, denn alles lebt für ewig!

Leben herrscht überall und in allem; selbst die starre Erde und ihre harten Felsen sind aus Lebenskeimen gebildet, von denen jeder seinen eigenen Grad von Leben enthält. Sogar die Luft, die wir atmen und der freie Äther des universalen Raumes sind voll von Leben. Und es gibt keinen Gedanken, den wir denken, ohne daß er lebt zum Guten oder Bösen; keine Handlung, deren Bild nicht erhalten bliebe — der Seele zur Qual oder zum Troste in den Tagen der Befreiung von ihrer Verkörperung in einer irdischen Form. Leben ist in allen Dingen, und Gott ist das Zentralleben von allem."

Hassein schwieg und fuhr dann in ruhigerem Tone fort: "Schaue dort! Was glaubst du, daß dies sei?"

Er wies auf ein Etwas, das mir zuerst eine Masse von geistigen Gestalten zu sein schien, die auf uns zuschwebten, als ob sie von einem starken Winde getrieben würden. Als sie näher kamen, bemerkte ich, daß es seelenlose Astralschalen waren, aber ganz unähnlich jenen Phantomen, welche ich den Mann im Eiskasten belustigen sah. Sie hatten eine feste Form und meinem geistigen Auge erschienen sie wie lebend und voll tierischer Energie; doch glichen sie mehr Automaten und schienen keinerlei Intelligenz zu besitzen. Sie trieben einher und tanzten auf und ab wie Bojen in der See, an denen die Schiffe sich verankern. Als sie dicht an uns herangekommen waren, strengte mein Freund seinen Willen an und hielt eine solche Form fest, die dann mitten in der Luft schweben blieb.

"Nun siehe", sagte er, "dies ist etwas, das einer großen lebenden Puppe ähnlich sieht und aus zahllosen kleinen Lebenskeimen zusammengesetzt ist. Der Mensch gibt von seinem physischen Körper fortwährend solche Keime ab, und letztere sind ausschließlich Emanationen von seinem tierischen oder niederen Leben. Doch sind sie materiell genug, um sich, wenn sie mit den magnetischen Kräften des Astralplanes in Berührung kommen, zu diesen Imitationen irdischer Männer und Frauen umzugestalten. Andererseits sind sie nicht stofflich genug, um dem rein physischen Auge des Menschen sichtbar zu sein, wenn auch nur ein geringer Grad hellseherischer Fähigkeit dazu gehören würde, um sie sehen zu können. Würdest du einen höheren Grad des Hellsehens besitzen, so würdest du sehen, daß dies in Wirklichkeit kein geistiger Körper ist, da das Seelenprinzip fehlt. Ein noch höherer Grad geistigen Schauens würde dich erkennen lassen, daß niemals eine Seele in dieser Form gewohnt hat und daß ihr nie die bewußte Existenz einer Seelen-Astralhülle eigen war.

Die gewöhnlichen Hellseher haben in das Wesen dieser astralen Erscheinungen keinen genügenden Einblick, um an ihnen die verschiedenen Grade des Hellsehens erproben zu können. Daher gibt es auf Erden nur wenige Hellseher, die sagen könnten, ob dies eine Astralform mit Seele ist oder eine, von der die Seele sich getrennt hat. Oder aber, ob es eine solche ist, in welcher eine Seele überhaupt nie vorhanden war. Ich werde dir sogleich ein Experiment mit dieser Astralform zeigen:

Betrachte dieses Wesen zunächst, wie es jetzt ist; es scheint frisch und voll irdisch-tierischen Lebens zu sein und macht nicht den verfallenen Eindruck der vorhin gesehenen Formen, die einst eine Seele bargen und im Zustande rascher Auflösung begriffen waren. Präge dir folgendes fest ein: Dieses frisch aussehende Astralwesen wird viel rascher verfallen als die anderen! Denn es hat nichts von jenem höheren Lebensprinzip an sich, das bei einem Astralwesen vorhanden ist, das einst eine Seele enthielt — und welches eine solche Form oft lange Zeit hindurch belebt und vor gänzlicher Zerstörung bewahrt. Astralformen müssen ihr Leben von einer höheren Quelle (Von wirklichen Seelenkeimen) beziehen, sonst hören sie bald auf zu existieren und lösen sich auf."

"Aber", fragte ich, "wie nehmen sie die Gestalten von Männern und Frauen an?"

"Durch die Wirksamkeit der vergeistigten magnetischen Strömungen, die beständig durch den ganzen Ätherraum fluten, wie die Strömungen des Ozeans. Diese magnetischen Lebensströme sind von ätherischerer Art als die, welche der Wissenschaft auf Erden bekannt sind. Sie stellen tatsächlich die geistige Seite jener Strömungen dar und wirken als solche auf diese Wolkenmassen menschlicher Atome, und zwar in der selben Weise, wie die Elektrizität die gefrierende Feuchtigkeit einer Fensterscheibe beeinflußt. So kommen hier Männern und Frauen ähnliche Formen zustande, während durch Elektrizität die gefrierende Feuchtigkeit in Gebilde verwandelt wird, welche Bäumen, Pflanzen usw. gleichen.

Es ist eine anerkannte Tatsache, daß im vegetabilischen Leben die Elektrizität bei der Bildung von Blattformen, Bäumen usw. eine tätige Rolle spielt. Nur wenige aber wissen, daß dieser verfeinerte Magnetismus einen ähnlichen Anteil bei der Entstehung menschlicher Gestalten und tierischen Lebens hat. Ich bezeichne als tierisches Leben alle jene Formen, welche unter dem Menschen stehen."

"Gibt es denn auch Astralformen von Tieren?"

"Gewiß. Ihre Kombinationen sind manchmal recht wunderlich und seltsam. Ich kann sie dir jetzt nicht zeigen, weil deine Sehkraft nicht genügend entwickelt ist und wir zu rasch reisen, um sie dir gut erklären zu können. Eines Tages sollst du sie sehen und noch viele andere merkwürdige Dinge, die mit dem Astralplan in Beziehung stehen. So viel aber kann ich dir sagen, daß jene Atome in verschiedene Hauptklassen eingeteilt werden und jede Unterabteilung eine besondere Anziehung zu einer anderen ihrer Art besitzt. So ziehen sich vegetabilische Atome gegenseitig an, um zusammen astrale Bäume und Pflanzen zu bilden, während tierische Atome sich zu Formen gestalten, welche Tieren, Vögeln usw. gleichen, menschliche Atome dagegen Männer- und Frauenkörper bilden.

In manchen Fällen, wo die menschlichen Wesen, von denen die Atome stammen, auf einer sehr niederen Entwicklungsstufe stehen und den Tieren nahe verwandt sind, vermischen sich ihre Atome mit jenen der niederen Lebensformen. Sie erzeugen dann merkwürdige, schreckliche Geschöpfe, welche gleichzeitig Tieren und Menschen ähnlich sind und, wenn sie von Hellsehern im Zustande der Halb-Trance gesehen werden, als Visionen von Unholden geschildert werden.

In den Erdsphären wird ständig eine ungeheure Anzahl dieser lebenden Atome von der niederen oder tierischen Natur des Menschen abgestoßen, und diese unterhalten und erneuern die Astralformen. Würden wir eine dieser Schalen auf einen Planeten verbringen, der schon über die Stufe des materiellen Lebens hinaus vergeistigt ist, oder wären wir frei von all diesen niederen Keimen, so könnten jene Astralwesen nicht existieren; sie würden sich in schädlichen Dunst auflösen und fortgeweht werden.

— — —

Wie ich bereits sagte, sind diese Astralwesen aus wolkenartigen Massen menschlicher Atome, die nie als Hülle für eine Seele gedient haben, ihrer Natur nach kaum dauerhafter als die Eisblumen an einer Fensterscheibe; ausgenommen, wenn die Kraft einer höheren Intelligenz auf sie wirkt, um ihre Vitalität zu verstärken und dadurch ihr Dasein zu verlängern. Sie sind ihrer Erscheinung nach ausdruckslos gleich Wachspuppen und lassen sich leicht irgend eine Individualität aufprägen. Hieraus erklärt es sich, warum sie in alten Zeiten von Magiern und anderen Wissenden verwendet wurden. Astralatome, ob von Bäumen, Pflanzen, Tieren oder menschlichen Wesen stammend, dürfen nicht mit geistigen oder seelenbekleidenden Atomen verwechselt werden, aus welchen die wirkliche geistige Welt und ihre Bewohner besteht. Astralwesen jeder Art sind eine Zwischenstufe von Stofflichkeit zwischen der groben Materie der Erde und der verfeinerten Materie der geistigen Welt.

Wenn wir von einer in ihre Astralhülle gekleideten Seele sprechen, so meinen wir damit jenen erdgebundenen Zustand, in dem sie zu verfeinert oder immateriell für die Erdenexistenz ist und zu grob geartet, um in die höheren Sphären der geistigen Welt aufzusteigen oder in die niedrigeren hinabsteigen zu können."

"So glaubst du", fragte ich weiter, "daß ein beseelter Geist, was seinen Körper anbelangt, selbst in der niedersten Sphäre verfeinerter ist als ein erdgebundener Geist?"

"Ja, gewiß. Der Astralplan zieht sich wie ein Gürtel um jeden Planeten und besteht aus Materie, die zu fein ist, um von dem Planeten wieder aufgesogen zu werden, jedoch zu grob, um der Anziehung der Planetenmasse widerstehen und in die Sphären der geistigen Welt übergehen zu können, wo sie das Zersetzen oder Verwandeln von Formen bewirken würde. Es ist überhaupt nur die in ihr enthaltene, belebende Kraft des Seelen-magnetismus, die sie befähigt, sich an irgend eine Form festzuheften.

Bei den menschlichen Astralformen, die als Seelenhüllen individuelles Leben besaßen, haben die Astralatome eine größere oder geringere Menge von Seelenmagnetismus oder wirklicher Lebensessenz in sich aufgenommen. Und jenachdem das irdische Dasein der Seele gut oder böse, erhaben oder verkommen war, belebt dieser Seelenmagnetismus die Hülle für längere oder kürzere Zeit und bildet ein Bindeglied zwischen ihr und der Seele, welche ihr das Leben verlieh. — Bei einer Seele, deren Wünsche nur auf höhere Dinge gerichtet waren, wird die Verbindung bald gelöst und die Astralhülle zerfällt rasch. Im umgekehrten Falle kann das Band jahrhundertelang bestehen, indem die Seele dadurch an die Erde gekettet wird und so tatsächlich "erdgebunden" ist. — Die astrale Materie bezieht von der Seele soviel Lebensfähigkeit, daß die leere Schale noch über der Erde schwebt gleich dem verblassenden Bilde ihrer abgeschiedenen Bewohnerin, nachdem eine böse Seele selbst in die allerniederste Sphäre herabgesunken ist. Solche Schalen werden manchmal von Hellsehern über den Orten, wo sie einst gelebt haben, schwebend wahrgenommen; sie sind in Wirklichkeit "Gespenster". Sie haben keine eigene Intelligenz, da die Seele entflohen ist, und können weder Medien beeinflussen noch Tische bewegen. Auch sonst tun sie nichts, es sei denn als mechanische Hilfen irgend einer höheren Intelligenz — gleichviel ob diese gut oder böse ist.

Das Astralwesen vor uns hat keinen Seelenmagnetismus in sich, hat nie welchen besessen. Daher wird es bald zerfallen und seine Atome werden von anderen aufgesogen werden. Doch sieh, wozu dasselbe zu gebrauchen ist, wenn ich meine Willenskraft darauf wirken lasse und es für diese Zeit durch meine Individualität beseele!"

Während er sprach, betrachtete ich die Astralpuppe und sah, wie sie plötzlich Leben und Intelligenz zeigte. Dann glitt sie zu einem Mitgliede der Brüderschaft, welchen Hassein ausgewählt hatte, klopfte ihm auf die Schulter und schien zu sagen: Freund, mein Gebieter Hassein läßt dich grüßen!" In dem sie sich hierauf vor dem erstaunten Bruder verbeugte, glitt sie zu uns zurück, als ob Hassein sie wie einen dressierten Affen an einer Schnur gehalten hätte.

"Nun hast du gesehen", sagte er, "wie ich dieses Astralwesen nach Belieben als Boten verwenden kann, wenn ich ein Werk in der Ferne zu verrichten wünsche. Gleichzeitig kennst du jetzt eines der Mittel, deren sich die alten Magier bedienten, um in weiter Ferne eine Tat zu vollbringen, ohne selbst persönlich dabei zu sein.

Diese Astralwesen sind jedoch nur auf dem Astralplan zu gebrauchen. Sie können keinerlei materielle Gegenstände in Bewegung setzen, obgleich sie dem physischen Auge sichtbar werden, wenn der Sterbliche es will, der sich ihrer bedient. Es gibt andere Astralwesen von gröberer Stofflichkeit, die man selbst in die Erde eindringen lassen könnte, um verborgene Schätze, wie kostbare Metalle und Edelsteine aus der Tiefe ans Tageslicht zu befördern. Ich halte es jedoch weder für ratsam noch für recht, dir die Kraft zu erklären, durch welche dies auszuführen möglich wäre. Magier, welche solche Kräfte entdeckten und anwendeten, sind solchen Mächten früher oder später zum Opfer gefallen, da sie diese selten dauernd überwachen und beherrschen konnten."

"Würde dieses Astrawesen, wenn es von einer bösen Intelligenz belebt würde, eine wirkliche Gefahr für den Menschen bedeuten?" fragte ich.

"Ja, ohne Zweifel. Wenn ich auch selbst ohne Sorge mich in diese Astralform kleiden könnte, so ist dies nicht in gleicher Weise der Fall bei einem Geiste, der unwissender ist als ich. Wohl wäre es ihm leicht, dies zu tun und sich auf Erden in einer dichteren Gestalt fühlbar und sichtbar zu machen. Aber er würde Gefahr laufen, dadurch eine Verbindung zwischen sich und der Astralhülle herzustellen, die nicht leicht wieder gelöst werden kann und ihn für lange Zeit an die Astralebene fesseln würde. Du ersiehst hieraus, wie die Menschen auf Erden die ihre abgeschiedenen Freunde gern sehen wollten, darauf gekommen sind, Geister in irdische Verhältnisse zurückzuziehen, welche ihnen oftmals schaden.

Mancher unwissende Geist, der an sich rein und gut war, hat den Fehler begangen, sich in eine dieser frischen, gefährlichen Astralformen zu kleiden, während er unter anderen Umständen sich sehr gehütet haben würde, sich auch nur einer weniger gefährlichen, von einem anderen Geist verlassenen Astralhülle zu bedienen. Zu seinem Schaden mußte er zu spät erfahren, daß er sich dadurch selbst zum Gefangenen des Erdenplanes gemacht hatte — bis eine höhere Intelligenz zu seinem Beistande erschien und ihn befreite.

Auf ähnliche Weise können auch Geister einer niederen Sphäre sich in leere Astralhüllen kleiden. In diesem Falle bewahrt sie aber die mit der niederen Entwicklungsstufe einer Seele verbundene Dichtigkeit ihres geistigen Körpers vor einer länger andauernden Besitznahme. Denn der einem niederen Geist entströmende Magnetismus wirkt auf die Astralform wie ein giftiges Gas auf eine Hülle und zersprengt sie in tausend Stücke. Einem Geiste über dem Astralplan erscheint ein Astralkörper fast so fest wie Eisen, aber für einen Geist unter ihm sind diese zerbrechlichen Schalen wie Wolken oder Dampf. Je weniger eine Schale entwickelt ist, desto dichter ist ihre Hülle und desto fester ist sie an letztere gebunden, indem die Hülle die psychischen Kräfte beschränkt und die Seele dadurch verhindert, sich in eine höhere Sphäre zu erheben.

"Du glaubst also, daß Geister diese Astralschalen manchmal in derselben Weise wie irdische Medien für ihre Zwecke gebrauchen und sie entweder nur durch ihren Willen lenken oder sich tatsächlich in ihre Form einhüllen?"

"Ja, gewiß. Ein Geist über dem Erdenplane, der sich einem Hellseher des niedersten Grades gern zeigen möchte, wird sich zuweilen mit solchen Schalen umkleiden, denen er dann seine Identität aufprägt. Auf diese Weise kann ihn der Hellseher wirklich wahrnehmen und ihn beschreiben. Eine Gefahr liegt aber in dem Umstand, daß der gute, aber unwissende Geist die Astralschale oftmals nicht wieder zu verlassen vermag, so gern er es auch tun möchte. Er hat sie belebt, und ihre starke Lebenskraft hält ihn nun gefangen. Manchmal ist es sehr schwer, ihn zu befreien. Auch hat man gefunden, daß eine zu starke oder zu lange fortgesetzte Beeinflussung eines irdischen Mediums durch einen Geist eine Verbindung zwischen beiden herstellt, welche schließlich zur Fessel wird.

Für einen Geist der niedersten Sphären ist eine Astralschale nur ein bequemer, sich anschmiegender Mantel, mit dem er seinen verkommenen geistigen Körper verdeckt und es dem Hellseher unmöglich macht, den gemeinen Geist in ihm zu sehen. Für einen guten und reinen Geist dagegen ist eine Astralschale gleich einem Panzer von Eisen, der ihn einzukerkern vermag."

"Bedient sich bei Sitzungen auf Erden ein Geist zur Nachahmung eines anderen ebenfalls solcher Astralschalen?"

"Das geschieht sehr oft in dem Fall, wo der Spukgeist von zu niederer Art ist, um in direkte Berührung mit dem Medium kommen zu können. Man darf nicht vergessen, auf welch wunderbare Weise sich die Gedanken sterblicher Männer und Frauen in der Atmosphäre des Astralplanes als Bilder spiegeln und so von Geistern gelesen und beantwortet werden. Nicht alle Geister vermögen dies zu tun, so wenig, als alle Männer und Frauen auf Erden Zeitungen oder Briefe lesen können. Dies erfordert hier wie dort Intelligenz und Übung. Die Menschen haben die armen unwissenden und halbentwickelten Geister des Erdenplanes und der niederen Sphären kaum zu fürchten, da sie oft gerne die ihnen dargereichte Hand ergreifen, um einen Halt zu gewinnen.

Wohl aber haben sie Grund, die bösen Intelligenzen zu fürchten, welche, stark an Körper und Geist, ihre Kräfte nur zu schlechten Zwecken gebrauchen. Letztere bringen den Menschen wirklich Gefahr, und man muß sich sehr vor ihnen hüten. Dies kann aber nur mit Erfolg geschehen, wenn die im Fleische verkörperten Medien besser unterrichtet sind; denn dann werden Sterbliche und Geister zusammenwirken, um die spiritualistische Bewegung vor Betrug und vor den Fehlern wohlmeinender, aber schlecht unterrichtetet Geister und Menschen zu schützen. Indem letztere die Aufmerksamkeit der Massen auf diesen Gegenstand lenken, verursachen sie häufig sich selbst und anderen Schaden. Sie sind gleich unwissenden Chemikern, die auf der Suche nach Wissen durch ihre Experimente Tod und Verderben auf andere wie auf sich selbst herabbeschwören."

"Du glaubst also nicht, daß die Reinheit ihrer Motive genügt, um sie zu schützen?"

"Würde die Reinheit des Motivs ein Kind vor dem Verbrennen bewahren, wenn es seine Hand in das Feuer hält? Nein! Das einzige Mittel ist hier, das Kind so weit als möglich vom Feuer entfernt zu halten. Dies werden gute und weise Schutzgeister in ausgiebigem Maße tun. Aber wenn die Kinder sich beständig an die Gefahr herandrängen, ist es eben nicht zu vermeiden, daß sich hin und wieder eines von ihnen verbrennt."

"Du würdest daher die Pflege der medialen Fähigkeiten bei allen Sterblichen ohne Unterschied nicht befürworten?"

"Sicherlich nicht! Ich wünschte, daß alle Menschen sich nur der medialen Kräfte solcher bedienten, die unter sorgfältiger, weiser Führung herangebildet worden sind, um anderen Gutes zu erweisen. Berücksichtigst du jedoch, wie verschieden und wie selbstsüchtig die Motive der mit medialen Anlagen Begabten sein können, wirst du einsehen, wie außerordentlich schwierig es ist, sie zu beschützen. Ich gestehe, daß ich die Ausübung der Mediumschaft auf diejenigen beschränkt wissen möchte, die bereit sind, größere persönliche Opfer dafür zu bringen. Am liebsten wären mir Medien, welche keinerlei Anteil an den ehrgeizigen Bestrebungen der Menschheit hätten. Doch genug hiervon. Ich lasse nun diese Astralhülle ziehen und möchte deine Aufmerksamkeit auf eine andere Art derselben Klasse lenken."

Während er sprach, machte er mit seinen Händen eine rasche Aufwärtsbewegung über die Astralschale hin und stieß einige Worte in einer fremden Sprache aus, worauf die Schale in ihren Bewegungen innehielt, dann einige Sekunden hin- und herschwankte und schließlich von einem herankommenden magnetischen Strom wie ein Stück Treibholz davongetragen wurde. Ich sah ihr eine Zeitlang nach. Als ich den Blick abwandte, bemerkte ich einen kleinen Schwarm von dunkel gespenstischen, schrecklich aussehenden Gestalten, die sich uns näherten. Dies waren Astralschalen, welche niemals seelisches Leben gekannt hatten. Sie waren im Gegensatz zu dem spaßhaften, wachsartigen Astral, von dem wir uns soeben getrennt hatten, in jeder Hinsicht abstoßend.

"Dies, sagte Hassein, „sind Emanationen von Männern und Frauen einer niederen Gattung mit schlechtem, sinnlichem Lebenswandel. Sie stammen aus dem Sumpf des Erdendaseins — nicht nur dem sozialen Abschaum der Gesellschaft, sondern auch aus höheren Kreisen, unter denen es ebenfalls moralisch verkommene Individuen gibt. Wesen wie diese können zu den allerschlechtesten Zwecken benutzt werden, wenn sie von einer bösen Intelligenz beseelt werden. Da sie sehr materiell sind, kann man mit ihnen sogar auf den physischen Stoff der Erde einwirken. Sie finden daher manchmal Verwendung bei der Ausübung dessen, was man in der Regel unter dem Namen "schwarze Magie" oder "Hexerei" versteht. Auch werden sie zuweilen von höheren Intelligenzen benutzt, um in Séancen physikalische Phänomene hervorzubringen.

Wenn weise und gute Intelligenzen sie benutzen, wird kein Schaden angerichtet. Unter der Leitung von bösen oder unwissenden Geistern jedoch sind sie eine Gefahr, deren Größe aller Beschreibung spottet. Dieser und einer ähnlichen Klasse von Astralschalen, in denen der Seelenkeim noch wie in einem Kerker schmachtet, sind jene rohen und gefährlichen Kundgebungen zuzuschreiben, die manchmal in den Sitzungen spiritistischer Zirkel beobachtet werden. Insbesondere ist hierzu die Möglichkeit gegeben, wenn die Zirkelteilnehmer einen lasterhaften Lebenswandel führen oder unerfahren sind, wie sie sich schützen können. Oder auch, wenn die Sitzungen aus bloßer Neugier und nur der Unterhaltung wegen abgehalten werden."

"In welche Klasse von Geistern reihst du aber die Dämonen und Vampire ein, an die man in vielen Gegenden der Erde so fest glaubt?"

"Vampire sind solche Geister, die ein irdisches Dasein gehabt und dieses so mißbraucht haben, daß ihre Seelen noch in den Astralhüllen eingekerkert sind. Sie entziehen Männern und Frauen das physische Lebenselement, um sich hierdurch am Leben zu erhalten und vor dem Versinken in weit tiefere Sphären zu retten. Diese Wesen hängen mit aller Kraft an ihrer Astralhülle und suchen deren Leben zu verlängern; gerade so wie Menschen mit schlechtem Gewissen oft nicht sterben wollen, weil sie fürchten, daß sie nach der Trennung von ihrem physischen Körper in unbekannte Tiefen der Finsternis und des Schreckens sinken werden. Die beständige Erneuerung des tierischen und astralen Lebens ermöglicht es diesen Vampiren, oft jahrhundertelang ihr Wesen auf Erden zu treiben."

"Ist es einem Vampir ohne weiteres möglich, eine Zeitlang im Besitze eines genügenden Grades von Materialität (Körperlichkeit) zu bleiben, um in physischer Gestalt erscheinen und mir den Menschen verkehren zu können, — wie es in den Erzählungen geschildert wird, die von solchen Kreaturen handeln?"

"Wenn du mit deiner Frage meinst, ob der Vampir imstande ist, sich selbst einen materiellen Körper zu gestalten, so antworte ich nein. Aber es geschieht manchmal, daß er vollst Besitz von dem Körper eines Sterblichen ergreift, wie es auch andere Geister tun, und dann den angeeigneten Körper nach seinem Willen handeln läßt. Damit ist es dem mit dem sterblichen Leibe eines anderen umkleideten Vampir sehr gut möglich, das Aussehen seiner Hülle so zu verändern, daß es einige Ähnlichkeit mit des Vampirs eigener irdischer Erscheinung hat.

Durch die Macht, die er (oder sie, denn es gibt Vampire beiderlei Geschlechts) mit dem Besitz eines physischen Körpers erlangt hat, vermag er tatsächlich jenes merkwürdige Doppelleben zu führen, das ihm in den "Gespenstergeschichten" zugeschrieben wird. Nur wenige Vampire sind jedoch in dieser Weise im Besitze eines irdischen Körpers. Die anderen treiben ihr Wesen auf Erden in der eigenen Astralhülle, indem sie besonders medialen Personen die Lebenskraft entziehen, ohne daß die Beraubten selbst irgendwelche Kenntnis vom Vorhandensein dieser Astralwesen haben. Solche arme Sterbliche leiden an einem fortwährenden Gefühl von Schwäche und Erschöpfung, ohne zu ahnen, welchem Umstande sie dies zu verdanken haben."

"Aber können Schutzgeister nicht die Sterblichen vor diesen Wesen schützen?"

"Nicht immer. Wohl schützen sie die Menschen weitgehend, jedoch nur in der Weise, wie man jemanden vor einem ansteckenden Fieber bewahrt. Sie zeigen den Menschen die Gefahren und warnen sie, Orte aufzusuchen, wohin die Vampire infolge Beziehungen zu ihrem irdischen Leben besonders stark angezogen werden. Dies bewerkstelligt ein Schutzgeist dadurch, daß er dem Bewußtsein des Sterblichen eine instinktive Scheu vor Plätzen einflößt, wo Verbrechen begangen wurden, oder Personen einen schlechten Lebenswandel geführt haben. Da der Mensch aber in jeder Beziehung in seinem Willen frei bleiben muß, ist es nicht möglich, mehr zu tun. Er darf nicht in allen Dingen wie eine Puppe geleitet werden und muß meistens seine eigenen Erfahrungen machen, wie bitter sich auch zeitweilig ihre Früchte erweisen mögen. Belehrung, Schutz und Hilfe werden stets gegeben, jedoch so, daß sie dem freien Handeln des Menschen nicht entgegen sind. Und nur in dem Maße wird ihm Belehrung zuteil, als er selbst sie begehrt, nichts wird ihm jemals von der geistigen Welt aufgezwungen.

 

Kapitel 18

Ich hätte Hassein gerne noch eine Menge weiterer Fragen betreffs des Astralplanes und seiner mannigfaltigen, merkwürdigen Lebensformen vorgelegt. Aber wir ließen diese Ebene jetzt rasch hinter uns, und unser Weg führte nach abwärts durch jene tieferen Sphären, die ich früher schon teilweise erforscht hatte. Mit wunderbarer Geschwindigkeit rasten wir durch den Raum, mit einer Eile, die über den Begriff des menschlichen Verstandes hinausgeht. Immer weiter flogen wir dahin, indem wir uns mehr und mehr von den glänzenden Sphären entfernten. Während des Herabsinkens beschlich unsere Seelen ein Gefühl von banger Erwartung, das unser Gespräch stocken ließ. Es schien, als ob wir im voraus die Schrecken dieses furchtbaren Landes und die Leiden seiner Bewohner empfinden würden.

In weiter Ferne gewahrte ich nun große Massen tintenschwarzen Rauches, die gleich einem düsteren Mantel über dem Lande hingen, dem wir uns näherten. Als wir näher kamen, schienen die ungeheuren schwarzen Wolken wie mit fahlen, schwefelähnlichen Flammen aus Myriaden von gigantischen Vulkanen durchtränkt zu sein. Die Luft war so drückend, daß wir kaum atmen konnten, während ein Gefühl der Erschöpfung, wie ich es nie zuvor erfahren, jedes Glied meines Körpers zu lähmen schien. Schließlich gab unser Führer den Befehl, Halt zu machen und wir ließen uns auf dem Gipfel eines großen schwarzen Berges nieder. Dieser schien in einen See von Tinte auszulaufen und von ihm aus sahen wir am Horizont das schreckliche, düstere Land vor uns liegen.

Hier rasteten wir einige Zeit, und hier war es auch, wo wir uns von den Freunden trennen mußten, die uns so weit begleitet hatten. Nach einer einfachen Mahlzeit aus mitgebrachten nahrhaften geistigen Früchten sprach unser Führer im Namen der ganzen Gesellschaft ein kurzes Gebet um Schutz und Stärke, worauf wir uns alle auf dem Gipfel dieses schwarzen Berges zur Ruhe niederlegten.

Als ich nach einem höchst angenehmen Zustand von Bewußtlosigkeit zu mir kam, waren alle anderen ebenfalls munter. Wir wurden in Abteilungen von zwei oder drei Personen eingeteilt, damit wir das Feindesland betreten könnten, ohne Verdacht zu erregen. Als Missionare, die all denen Rettung und Hilfe bringen sollten, die willig waren, unseren Beistand anzunehmen, mußten wir uns über das finstere Land zerstreuen.

Zu meiner Überraschung fand ich, daß während meiner Ruhe eine Veränderung mit mir vorgegangen war, die in einer weitgehenden Anpassung an die Atmosphäre und die Umgebung bestand, in der ich mich jetzt befand. Es schien, als ob ich von der besonders dichten Materie dieser Sphäre Stoff angezogen, oder mich mit solchem bekleidet hätte. Mein Körper war dichter geworden. Wenn ich versuchte, mich zu erheben und wie früher zu schweben, so war ich nur unter großer Anstrengung hierzu imstande. Die Atmosphäre verursachte mir nicht mehr eine so starke Beengung, und das Lähmungsgefühl, das vorher meine Glieder befallen hatte war gewichen.

Jeder von uns empfing nun einen der Dauer unseres Aufenthaltes in dieser Sphäre angemessenen Vorrat stärkender Essenzen, und unser Führer gab uns die letzten Verhaltensmaßregeln und Warnungen.

Hassein kam sodann zu mir, um Abschied zu nehmen und mir die letzten Anweisungen mitzuteilen, die Ahrinziman mir gesandt hatte. "Ich komme", sagte er, "von Zeit zu Zeit, um dir Nachrichten von deiner Geliebten und den anderen Freunden zu bringen. Du kannst bei solchen Gelegenheiten eine Botschaft durch mich an sie zurücksenden. Sei stets eingedenk, daß du hier von allen denkbaren Arten von Betrug und Falschheit umgeben bist! Glaube keinem, der als Bote von uns zu dir kommt, es sei denn, daß er das Zeichen deines Ordens zu geben vermag. Die Bewohner dieser Sphäre können deine Gedanken zwar erraten; aber sie werden nicht imstande sein, sie deutlich zu lesen, da du in der geistigen Entwicklungsstufe zu ihnen stehst. Zwar wird der Umstand, daß du beim Eintritt in ihre Sphäre bis zu einem gewissen Grade ihre eigenen Lebensbedingungen angenommen hast, sie befähigen, einen Teil deiner Gedanken wahrzunehmen. Aber dies wird doch in sehr unvollkommener Weise geschehen und nur in solchen Dingen, wo deine eigenen niederen Leidenschaften noch eine gewisse Verbindung zwischen dir und ihnen bilden. Unter Aufbietung aller Geisteskräfte werden sie mit großer Geschicklichkeit Pläne und Ränke schmieden, um dich zu versuchen und zu fangen.

In diesen Regionen gibt es Männer, die zur höchsten Intelligenz ihrer Zeit gehörten, deren gotteslästerliche Laufbahn sie jedoch in diese niederen Sphären sinken ließ, wo sie ihre ganze Umgebung beherrschen. Sie sind jetzt schlechtere Geister und despotischere Tyrannen als einst auf Erden. Sei daher auf der Hut und beherzige alle Warnungen, die du von uns empfangen hast. Von Zeit zu Zeit wirst du Hilfe und Ermutigung von deinen treuen Freunden erhalten, bis deine Mission beendet ist und du, wie wir hoffen, als Sieger in einer guten Sache zurückkehrst. Lebe wohl, lieber Freund, möge der Segen Allvaters mit dir sein!"

Ich trennte mich von Hassein mit großem Bedauern und setzte mit meinen Genossen die Reise fort. Das Letzte, was wir bei unserem Abstieg sahen, waren die weißgekleideten Gestalten unserer Freunde, die sich gegen den dunklen Himmel abhoben und uns zum Abschied winkten.

*   *   *

 

DAS REICH DER HÖLLE

 

 

Kapitel 19

Der Geist, der mir auf unserer Expedition als Begleiter zugeteilt worden war, hatte sich früher in dieser Sphäre aufgehalten und war daher zum Führer in diesem Schreckensreich sehr geeignet. Er sagte mir, daß wir uns in kurzer Zeit trennen müßten und jeder seinen eigenen Weg zu gehen habe — daß aber im Notfall einer den anderen zu beliebiger Zeit zu seinem Beistand herbeirufen könne.

Als wir uns der großen, von Rauch und Feuer erfüllten Niederung näherten, machte ich meinen Begleiter auf die erstaunliche Dichtigkeit des Rauches aufmerksam. Ich kannte aus Erfahrung die Materialität alles dessen, was uns im Geisterlande umgibt und was die Sterblichen, da es dem gewöhnlichen Auge unsichtbar bleibt, für ätherisch oder immateriell halten müssen. Aber diese dichten Rauchwolken, diese emporlodernden Flammenzungen entsprachen in keiner Weise dem, wie ich mir die Hölle ausgemalt hatte. Dunkle, öde Gegenden und unglückliche Geister waren mir auf meinen Wanderungen schon zu Gesicht gekommen. Flammen oder Feuer irgend welcher Art hatte ich jedoch nicht gesehen, noch hatte ich Flammen in greifbarer Gestalt überhaupt für möglich gehalten. Das "Höllenfeuer" war für mich stets nur ein sprachliches Bild zur Bezeichnung eines geistigen Zustandes gewesen. Viele haben behauptet, daß dem so sei und die Qualen der Hölle nur in der geistigen Vorstellung, nicht aber in Wirklichkeit bestünden. Ich sprach diese Gedanken meinem Begleiter gegenüber aus und er erwiderte mir:

"Beide Auslegungen sind in gewissem Sinne richtig. Dieser Rauch und diese Flammen werden durch die geistigen Emanationen der unglücklichen Wesen verursacht, die innerhalb dieses feurigen Walles wohnen. Doch, so materiell sie deinem geistig geöffneten Auge erscheinen, so unsichtbar würden sie für einen Sterblichen sein, könnte er durch irgendein Wunder diesen Ort im fleischlichen Körper besuchen. Die Flammen bergen keinerlei irdische Stoffe in sich; nichtsdestoweniger sind sie materiell in dem Sinne, als alle irdischen oder geistigen Dinge in Materie irgendwelcher Art gehüllt sind. Die Verschiedenheit der Grade materieller Dichtigkeit ist unbegrenzt. Und wie auch geistige Gebäude und Körper ohne eine gewisse Bedeckung mit ätherischer Materie nicht sichtbar sein würden, so haben diese Flammen — als die gröberen Ausstrahlungen jener verkommenen Geister — für deine Augen den Anschein von größerer Dichtigkeit und Festigkeit als für die Bewohner selbst."

Der Geistername meines Begleiters war "Treufreund". Dieser Name war ihm wegen seiner Treue einem Freunde gegenüber, der seine Freundschaft mißbraucht und ihn verraten harte, verliehen worden. Er hatte dem Verräter verziehen und hatte ihm in der Stunde, wo Schmach und Schande den Treulosen ereilten, helfend zur Seite gestanden. Dieser edle Geist war in seinem irdischen Leben keineswegs ein Mann von vollkommen moralischem Charakter gewesen und war bei seinem Tode in die niedrigeren Sphären in der Nähe des Erdenplanes übergegangen. Aber er war aus den Reichen der Hölle rasch emporgestiegen. Zu der Zeit, da ich ihn traf, gehörte er der Brüderschaft der zweiten Sphäre an, zu der ich erst kürzlich zugelassen worden war.

Wir näherten uns jetzt den kraterähnlichen Erscheinungen eines ungeheuren Vulkans — zehntausend Vesuvs zu einem einzigen verschmolzen. Der Himmel über uns war schwarz wie die Nacht, und ohne den fahlen Schein der Flammen würden wir uns in völliger Finsternis befunden haben. Jetzt, da wir an die Feuermasse herankamen, bemerkte ich, daß es eine Art feuriger Wall war, der das Land umschloß, und durch welchen alle, die es betreten oder verlassen wollten, hindurch mußten.

"Siehe doch, Franchezzo", bemerkte Treufreund, "wir durchschreiten jetzt diesen Feuerwall. Beunruhige dich aber deshalb nicht! Denn so lange Mut und Wille vorhanden sind und du deine Willenskraft gebrauchst, um diese Feuerpartikelchen abzuhalten, können sie nicht in Berührung mit deinem Körper kommen. Wie seiner Zeit die Wogen des Roten Meeres vor den Israeliten, so werden sie sich teilen und uns hindurchlassen, ohne uns zu verletzen.

Wollte jemand mit schwachem Willen und furchtsamer Seele dies versuchen, so würde es ihm nicht gelingen; er würde durch die Gewalt der Flammen zurückgetrieben werden. Diese Flammen werden von den grimmigen und mächtigen Wesen, welche hier herrschen, mittelst eines starken Stromes von Willenskraft nach außen getrieben. Sie glauben, sich auf solche Weise vor dem Eindringen von Geistern der höheren Sphären schützen zu können. Für uns jedoch, mit unseren mehr vergeistigten Körpern sind jene Flammen, wie auch die Mauern und Steinmassen dieses Landes nicht undurchdringlicher als das feste Material, aus dem die irdischen Türen und Mauern gefertigt sind: wie wir imstande sind, durch diese nach Belieben hindurchzugehen, so können wir dies auch bei jenen. Die hiesigen sind aber dicht genug, um die Geister gefangen zu halten, die dieses Land bewohnen

Je edler ein Geist, desto weniger ist er durch die Materie gebunden. Umso geringer ist aber auch sein Vermögen, auf diese unmittelbar einzuwirken, d.h. ohne den Stoff, der durch die Aura gewisser Medien geliefert wird. Hier, wie auf der Erde, würden wir, um Gegenstände bewegen zu können, die Aura von medialen Geistern dieser Sphäre benötigen. Gleichzeitig werden wir die Beobachtung machen, daß unsere höheren geistigen Kräfte sozusagen verdeckt worden sind, da wir, um diese Sphäre betreten und uns ihren Bewohnern sichtbar machen zu können, uns ihren Verhältnissen anpassen müssen. Daher sind wir auch ihren Versuchungen in höherem Grade zugängig. Man wird auf jede Art und Weise unsere niedere Natur zu beeinflussen suchen. Wir müssen darum unser Augenmerk darauf richten, daß sie nicht wieder die Oberhand gewinnt."

Mein Freund nahm mich nun fest bei der Hand und wir gingen unter Anwendung aller unserer Willenskraft unverletzt durch den feurigen Wall hindurch. Ich gestehe, daß mich im ersten Augenblicke, als wir in das Feuer eindrangen, ein Gefühl von Furcht überkam. Aber wir waren schnell mitten darinnen. Und während ich alle meine Kräfte und meinen Willen konzentrierte, bemerkte ich, daß wir durch den Wall hindurchflogen. Die Flammen um uns her bildeten einen feurigen Bogen, unter dem wir wie durch einen Tunnel hindurcheilten. Nach meiner jetzigen Schätzung betrug die Dicke des Walles etwa eine halbe Meile. Im Augenblick, wo wir den Wall durchbrachen, war alle meine Energie darauf gerichtet, die Feuerpartikelchen von mir abzuhalten.

Als wir aus dem Flammenmeere hervortauchten, war es Nacht um uns her. Ein Gefühl, als ob wir uns im bodenlosen Abgrunde der Verzweiflung befanden, hätte sich unser bemächtigen müssen, hätten wir nicht auf festem Boden gestanden. Über uns dehnte sich der Himmel voll schwarzen Rauches. Wie weit sich dieses Land erstreckte, war unmöglich zu bestimmen, da die schwere Atmosphäre gleich einem dunkeln Nebel die Aussicht nach jeder Richtung hin verschloß. Man berichtete mir aber, daß es sich durch diese ganze ungeheure, schreckensvolle Sphäre hinzog.

In einigen Teilen des Landes gab es große, steilzackige Gebirge von schwarzem Gestein, in anderen weite, traurige Wüstenflächen ohne Leben, während noch andere Teile mit mächtigen Sümpfen bedeckt waren, die schwarzschlammiges Gewässer enthielten. Diese Sümpfe waren von schädlichem Gewürm, von Schlammtieren und großen Fledermäusen bewohnt. Auch gab es dichte schwarze Wälder, deren gigantische Bäume einen häßlichen Anblick darboten und die, fast mit menschlichen Eigenschaften ausgestattet, alle umklammerten und fest hielten, die ihnen nahe kamen. In dieser schrecklichen Sphäre habe ich viele furchtbare Gegenden besucht. Aber weder ich noch sonst jemand wird jemals imstande sein, sie in ihrer ganzen Ekelhaftigkeit und Häßlichkeit zu beschreiben.

Als wir jetzt Halt machten und uns in dem Lande zu orientieren suchten, gewöhnte sich mein Auge allmählich an die Finsternis; ich vermochte nun die Gegenstände in meiner Umgebung undeutlich wahrzunehmen. Vor uns bemerkte ich einen Weg, der nach den vielen Fußspuren zu schließen, von den Geistern oft begangen wurde. Die schwarze Fläche, auf der wir standen, war mit Staub und Asche bedeckt — ein Sinnbild für die Vergänglichkeit schlecht angewandten irdischen Lebens, dessen zerstörte Hoffnungen und unerfüllte Wünsche als Staub und Asche umhergestreut lagen.

— — —

Wir folgten diesem Weg und gelangten bald zu einem großen Torgang, der aus schwarzem, im mächtigen Blöcken roh aufeinander geschichtetem Gestein gebildet war. Ein großer Vorhang von einem Stoff, den ich anfangs für Gaze hielt, hing vor dem Eingang. Als ich jedoch nähertrat, bemerkte ich mit Entsetzen, daß er aus den Haaren von Geistern gewoben war und daß man ihn nach Art von Perlenschnüren Augen aufgereiht hatte. Was aber das Schrecklichste war: die Augen zeigten Leben und schienen uns flehentlich zu betrachten und jeder unserer Bewegungen zu folgen, als ob sie den Zweck unseres Hierherkommens erraten wollten.

"Haben diese Augen wirkliches Leben?" fragte ich.

"Wenn du Seelenleben meinst — nein. Jedoch besitzen sie astrales Leben und werden dieses so lange haben, als die Seelen in den geistigen Körpern wohnen, welchen diese Augen entrissen wurden. Dies ist eines der Höllentore. Der Wächter hat die Manie, es auf solche Weise mit den Augen seiner Opfer zu schmücken. An diesem Orte ist niemand, der sich nicht selbst in seinem irdischen Dasein der größten Grausamkeiten und absoluter Mißachtung aller Gesetze der Barmherzigkeit und Gerechtigkeit schuldig gemacht hätte. Wer hierher kommt, geht nur darauf aus, neue Mittel zur Befriedigung seiner Grausamkeitsgelüste zu entdecken. Er setzt sich aber damit der Gefahr aus, seinerseits das Opfer von Wesen zu werden, die zwar nicht grausamer als er selbst, ihm aber an Willenskraft und Intelligenz Überlegen sind."

"Dies ist die "Stadt der Grausamkeit". Hier herrscht, wer diesem Laster am besten zu fröhnen vermag. Die unglücklichen Geister, welchen diese Augen angehören, sind mit ihren verkommenen und verkrüppelten Seelenkeimen noch in ihren geschändeten Körpern eingekerkert und wandern zur Zeit durch dieses trostlose Land. Oder sie arbeiten nach Verlust des geringen Sehvermögens, das andere an diesem Unglücksort wenigstens noch haben, als hilflose Sklaven für ihre geistigen Bedrücker. Unterdessen besteht zwischen den Augen und ihren Eigentümern eine magnetische Verbindung, durch welche die ersteren lebendig und durch reflektiertes Leben beseelt erhalten werden — bis zu dem Augenblick, wo der Seelenkeim seine gegenwärtige Hülle abstreift und zu einem höheren Daseinszustande emporsteigt."

Während wir dieses schreckliche Tor betrachteten, wurde der Vorhang mit seinen lebenden Augen zur Seite gezogen und zwei seltsame dunkle Wesen, halb Mensch, halb Tier kamen heraus. Wir benutzten die Gelegenheit, um unbemerkt vom Torhüter einzutreten. Dieser war eine riesenhafte, abscheuliche Kreatur mit mißgestaltigen, verdrehten Gliedern. Der schlimmste Werwolf der Fabel wäre kaum imstande, dem Menschen auch nur einen annähernden Begriff von seinem Aussehen zu geben. Er sprang mit schrecklichem Gelächter und unter entsetzlichem Schimpfen auf die beiden armen zitternden Geister los, die in jämmerlicher Furcht das Tor schnell passierten und die Flucht ergriffen. Weder der Torhüter noch die beiden Geister schienen uns zu bemerken.

"Sind diese Geschöpfe seelenlos?" fragte ich, indem ich auf die beiden erschrockenen Geister wies. "Lebten sie einst auf der Erde?"

"Ja, ganz bestimmt", antwortete Treufreund, "aber sie waren Angehörige eines sehr niederen, wilden Stammes, der kaum über den wilden Tieren steht und ebenso grausam ist wie diese. Dies ist der Grund ihres Hierseins. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird das Mittel zu ihrem Fortschritt die Wiederverkörperung in einer etwas höheren irdischen Lebensform sein. Ihre Erfahrungen hier, die von kurzer Dauer sein dürften, werden ihnen die Empfindung geben, daß irgendwo eine vergeltende Gerechtigkeit waltet. Sie werden deshalb fähig sein, sich aus den nebelhaften Rückerinnerungen an die mächtigen Wesen, die an diesem Orte herrschen, ihre Begriffe von einem Gott zu bilden."

"Du glaubst also an die Lehre von der Wiederverkörperung?"

Nicht als an ein unabänderliches Gesetz, unter dem alle Geister stehen. Ich bin der Meinung, daß bei vielen Geistern die Wiederverkörperung eine Notwendigkeit für ihren Fortschritt ist. Alle Geister oder Seelen, die in planetarisches Leben hineingeboren werden, haben geistige Führer, welche von den himmlischen Sphären aus deren Wohlfahrt überwachen und die Seelen mit jenen Mitteln erziehen, die ihnen in ihrer Weisheit als die besten erscheinen. Diese Schutzgeister oder -Engel, wie sie von vielen genannt werden, bringen je nach ihren Lebensanschauungen verschiedene Erziehungsmethoden in Anwendung. Denn nirgends herrscht, wie man mich lehrte, völlige Übereinstimmung, noch ist etwa ein einziger, unabänderlicher Pfad vorgeschrieben, auf dem alle gleicherweise wandeln müssen.

Jede geistige Schule, die auf Erden ihre Entsprechung in Gestalt getrübter, oft mißverstandener Lehren hat, verfügt über ein vollkommenes System in den himmlischen Sphären, wo sich auch ihre höchsten Lehrer befinden. Von hier aus gelangen ihre Lehren durch die Geister der Zwischensphären zur Erde. Das Ziel aller Schulen ist dasselbe, aber jedes System zeichnet einen anderen Weg vor. Was der Seele auch bestimmt sein mag die Schutzgeister wachen über sie von ihrer Kindheit und Jugend an, wo sie individuelles Bewußtsein erlangt, bis sie nach vielfachen Entwicklungen dieselbe intellektuelle und moralische Stufe erreicht hat wie ihre geistigen Führer und dann selbst zum Schutzgeist einer neugeborenen Seele werden kann.

Es wurde mir auch gesagt, daß der Seelenkeim im Anfang nur ein Same sei, einem gewöhnlichen irdischen Samen in Bezug auf die Geringfügigkeit seiner Größe und Kräfte ganz ähnlich. In Wirklichkeit ist er jedoch ein Funke göttlicher Essenz, der alles in sich birgt, was die vollkommene Menschenseele in der Zukunft sein wird. Seinem Wesen nach ist er unsterblich, da er ein Teil des Unsterblichen und Unzerstörbaren ist. Aber wie ein Samenkorn in den Boden der Erde gelegt werden muß, wenn es wachsen soll, so muß auch der Seelenfunke mit der Materie in Verbindung gebracht werden — zuerst mit ihren niederen dann mit ihren höheren Formen. Jedes Tier ist eine Art Seelensame, die Menschengattung ist jedoch die höchste aller Seelenarten. Jede Gattung aber muß sich durch Erfahrungen in aufeinanderfolgenden Sphären zu ihrer höchstmöglichen Stufe entwickeln.

Einige Schulen glauben, daß die Seele rascher vorwärts schreitet, wenn sie immer wieder dem materiellen Leben zurückgegeben wird, um stets in einer neuen Form wieder geboren zu werden. Dies, um so die Erfahrungen, in denen sie sich schwach erwiesen, nochmals zu durchleben, oder Gelegenheit zu haben, das in einer früheren Inkarnation begangene Unrecht in einem neuen sterblichen Körper zu sühnen. Die Anhänger dieser Schule werden auch tatsächlich dem Erdenleben wieder zugeführt und müssen alle an sie herantretenden Aufgaben in wiederholten irdischen Daseinsformen lösen.

Hieraus folgt jedoch nicht, daß alle Geister diesen Versuchen unterworfen werden. Es gibt andere Schulen, die behaupten, daß es auch in den geistigen Sphären Mittel zur Erziehung der Seelen gibt, die ebenso nützlich und erfolgreich sind.

Mit den Zöglingen, die der Obhut dieser anderen Richtung anvertraut sind, verfährt man in ganz anderer Weise, indem man sie zur Bereicherung ihrer Erfahrungen anstatt auf die Erde, lieber in die niederen geistigen Sphären sendet. Man läßt sie in der Erinnerung noch einmal ihr vergangenes Erdendasein durchleben und dann in der geistigen Welt die auf Erden begangenen Fehler sühnen. Wie sich alle Seelen dem Charakter und der Individualität nach voneinander unterscheiden, so muß auch jede einzelne Seele nach der für sie passenden Methode erzogen werden. Denn sonst würde eine solche monotone Gleichartigkeit unter den Wesen entstehen, daß die Mannigfaltigkeit der Formen und Beziehungen unmöglich wäre, die dem irdischen Leben, und auch dem Dasein in den himmlischen Sphären ihren Reiz verleihen.

Man hat mich daher stets angewiesen, alle Versuche zur Aufstellung einer allgemeinen Regel aufzugeben, die auf jede Gruppe von Geistern, mit denen ich in Berührung kommen sollte, anwendbar wäre.

Bei unserem jetzigen Besuche werden wir zwar nur einen verschwindenden Bruchteil dieser weit ausgedehnten Sphäre von bösen Geistern in Augenschein nehmen können. Aber wir werden trotzdem einen viel größeren Raum durchqueren, als wenn wir eine Reise um den kleinen Planeten Erde gemacht hätten, von dem wir gekommen sind. In der geistigen Welt gesellt sich nach einem universalen Gesetz Gleiches zu Gleichem. Geister von gänzlich verschiedener Art fühlen sich so sehr von einander abgestoßen, daß sie niemals miteinander verkehren, oder auch nur den Kreis betreten, den die anderen bewohnen. So werden wir auf unseren Wanderungen nur solche besuchen, mit denen wir selbst auf Grund der Nationalität, oder des Temperaments, irgend einen — wenn auch schwachen — Berührungspunkt gemeinsam haben.

 

Kapitel 20

Wir schritten nun eine breite Straße von schwarzem Marmor entlang, auf deren einer Seite sich tiefe, finstere Schlünde befanden. Infolge der großen, schweren Dunstwolken über den selben war es unmöglich, in die Tiefe hinabzuschauen. Auf unserem Wege begegnete uns eine große Anzahl dunkler Geister. Einige trugen große, schwere Lasten auf dem Rücken, andere krochen fast wie Tiere auf allen Vieren dahin. Auch große Haufen von Sklaven, die eiserne Joche auf dem Nacken trugen und mit Ketten aneinander gefesselt waren, sahen wir. Sie kamen von einem zweiten, inneren Tore her. Dieses bildete offenbar den Eingang zu einer großen, befestigten Stadt, deren finstere Gebäude in den dunklen Massen dichten Nebels vor uns auftauchten.

Die Straße, der Baustil und die äußere Erscheinung vieler Geister machten den Eindruck, als ob wir eine alte befestigte Stadt des römischen Kaiserreiches betreten würden. Jedoch hier hatte man das Gefühl, als ob alles schmutzig und abscheulich wäre trotz der schönen Architektur und der prächtigen Gebäude, deren Umrisse wir nur undeutlich wahrnehmen konnten. Der zweite Torweg war hübscher als der erste und da die Torflügel offen waren, traten wir mit dem Strome von Geistern, der sich durch ihn ergoß, wie früher unbemerkt ein.

"Du wirst sehen", sagte Treufreund, "daß das Leben hier sich in nichts von dem Treiben unterscheidet, das in der irdischen Stadt, deren geistiges Abbild diese ist, zu der Zeit herrschte, als sie sich auf dem Gipfel ihrer Macht befand. Die Atome, aus denen sie und die Gebäulichkeiten bestehen, entstammen ihrem damaligen physischen Dasein und wurden durch die Anziehungskraft herabgezogen, um hier geeignete Wohnungen für ihre geistigen Insassen zu bilden. An dem moderneren Äußern vieler Bauten und Bewohner kannst du beobachten, wie die Stadt durch eben diesen Prozeß, der beständig wirksam ist, mit der Zeit sich vergrößert hat. Es wird dir ferner auffallen, daß die meisten Geister hier in dem Wahn befangen sind, sich noch in ihrer irdischen Umgebung zu befinden, und sich nur wundern, weshalb alle so dunkel, unrein und schmutzig ausschauen.

In ähnlicher Weise hat diese Stadt auch in den höheren Sphären ein geistiges Abbild, wohin alles, was während ihres Bestehens gut, schön und edel war, angezogen wurde. Dort haben jene Geister, die gut und ehrlich waren, Wohnung genommen. Denn im Leben der Stadt wie der Menschen, gehen die geistigen Ausströmungen nach oben oder unten, je nach dem Guten oder Bösen, das in ihnen enthalten ist. Und wie die bösen Taten, die in dieser Stadt vollbracht wurden, die guten bei weitem überwogen, so ist auch die Stadt in dieser Sphäre hier viel größer und dichter bevölkert als jene in den oberen Sphären. In künftigen Zeiten, wenn die Geister, welche jetzt hier weilen, vorgeschritten sein werden, wird das himmlische Gegenstück dieser Stadt vollendet und reich bevölkert sein; der Ort, den wir jetzt in Augenschein nehmen, wird in Staub zerfallen und aus dieser Sphäre verschwinden."

Wir befanden uns jetzt in einer engen Gasse, die ein getreues Gegenstück ihres einstigen irdischen Vorbildes gewesen sein mußte. Von hier aus gelangten wir nach einer kurzen Strecke Weges auf einem großen Platz, der von prächtigen Palästen umgeben war. Unmittelbar vor uns erhob sich ein besonders imposanter Bau dieser Art, der alle andern in der Ausführung übertraf. Eine große, breite Marmortreppe führte zu einem massiven Portal, und aus der dunklen, nebligen Atmosphäre hervor konnten wir ihn in seinen einzelnen Teilen studieren. Das Ganze war in wahrhaft prächtigem Stil gehalten, doch kam es mir vor, als ob alles mit blut bespritzt und mit schleimigem, schwammigem Gewächs bedeckt wäre. Letzteres hing schlangenartig in großen häßlichen Gewinden von allen Säulen und Kapitälen des Baues herab und verunstaltete ihn.

Schwarz-schlammiger Kot drang durch die Ritzen des Marmorpflasters, als ob die Stadt auf einem schmutzigen Moraste ruhte. Giftige Gase stiegen vom Boden auf und umwogten uns in phantastischen, schrecklichen Rauchgebilden, gleich ungeheuren Bildern begangener Verbrechen. Überall krochen dunkle Geister auf dem Platze umher, oder wurden von stärkeren Geistern mit Peitschen und Spießen zu den Türen des Palastes heraus- oder hineingetrieben. Welch furchtbare Eide wurden da geschworen und was für Verwünschungen und Flüche wurden hier ausgestoßen! Es war in der Tat das Pandämonium verlorener Seelen in den Reichen der Hölle. Über allen aber hingen jene schwarzen, mächtigen Wolken der Sorgen, des Leidens und des Verbrechens.

Meine Gedanken schweiften weit hinweg zur Erde, zurück zu den Tagen des römischen Kaiserreiches. Ich sah wie in einem Spiegel diese Stadt im Glanze ihrer Macht, mit allen Härten ihrer Tyrannei und Verbrechen. Ich sah, wie hier unten durch Schicksalsfügung dieser Ort der Vergeltung für alle die Männer und Frauen entstand, die ihre Schönheit durch Sünden und Laster schändeten. So baute sich diese Höllenstadt vor meinen Augen allmählich zu einem großen Gefängnis auf, für alle die bösen Geister jener gottlosen Zeit.

Wir gingen die Stufen der breiten Marmortreppe hinauf und gelangten durch den hohen Torweg in den äußeren Hof des Kaiserpalastes. Niemand sprach uns an oder schien unsere Anwesenheit zu bemerken. Wir schritten weiter durch verschiedene kleinere Hallen, bis wir vor die Türe zum Audienzzimmer kamen. Hier machte mein Begleiter halt und sagte:

"Ich kann nicht mit dir eintreten, mein Freund, da ich den dunklen Geist, der hier herrscht, bereits besucht habe. Meine Gegenwart würde daher sofort seinen Verdacht erregen und den Zweck deines Besuches vereiteln. Du sollst einen unglücklichen Geist befreien, dessen reuevolle Gebete die höheren Sphären erreicht haben und durch deine Sendung und Hilfe Erhörung finden werden. Du wirst die Persönlichkeit ohne Schwierigkeit finden, denn sein Verlangen nach Hilfe hat uns bereits nahe zu dem Geiste hingezogen und wird dich ihm noch näher bringen. Ich muß mich jetzt auf einige Zeit von dir trennen, da ich meine eigene Arbeit zu verrichten habe, aber wir werden uns bald wieder treffen. Wenn du nur ein mutiges Herz und einen starken Willen bekundest und die Verhaltungsmaßregeln beachtest, die dir gegeben wurden, so kann dir kein Unfall begegnen. Lebe wohl, mein Freund, und wisse, daß auch ich aller meiner Kraft bedarf."

So trennte ich mich denn von Treufreund und betrat das Audienzzimmer allein. Es war gedrängt voll von Geistern — Männern sowohl wie Frauen und barg den rohen Glanz der Kaisertage in sich. Doch für meine Augen trug alles den Stempel jenes schmutzigen Ekels, der mir schon von außen an dem Palaste aufgefallen war. Die Männer und Frauen — ohne Zweifel einst stolze Patrizier in ihrem Erdenleben — schienen an einer dem Aussatz ähnlichen Krankheit dahinzusiechen und waren geradezu schrecklich anzusehen. Die Böden waren mit dunklen Pfützen von Blut bedeckt, und an den Wänden hingen anstatt des Schmucks häßliche Gedankenformen. Die einst prächtigen, jetzt schadhaften Kleider dieser stolzen Geister waren verdorben und von den Krankheitskeimen ihrer zerrütteten Körper durchtränkt.

Auf hohem Throne saß der Kaiser — das widerwärtigste und abschreckendste Beispiel verkommener Intelligenz und Menschlichkeit unter der ihn umgebenden Menge gesunkener Geister. In seinem Gesicht waren Grausamkeit und Laster so sehr ausgeprägt, daß im Vergleich zu diesen Zügen die anderen zur Bedeutungslosigkeit herabsanken. Obwohl es mich empörte, mußte ich doch den mächtigen Einfluß bewundern, der von dieses Mannes Intelligenz und Willen ausging. Das Gefühl königlicher Gewalt, selbst über ein so zusammengewürfeltes Volk wie dieses, sowie das Bewußtsein, daß er auch in der Hölle wie von Rechtswegen regiere, schienen seinem Hochmut und seine Herrschsucht selbst inmitten jener grauenvollen Umgebung noch zu nähren.

Trotz der vielen Jahrhunderte seit dem Tode des Kaisers war dieser sich seiner wirklichen Lage und seines wahren Selbst noch nicht bewußt geworden. Während ich ihn betrachtete, hatte ich für einen Augenblick eine Vision, in der seine Persönlichkeit so dargestellt war, wie sie seinem eigenen Auge noch erschien — nicht so, wie er in Wirklichkeit war oder von den widerlichen Kreaturen seiner Umgebung wahrgenommen wurde. Ich sah einen stattlichen Mann mit scharfgeschnittenen grausamen Zügen und mit Augen, die denen eines wilden Geiers glichen. Bei alledem besaß er einen schönen Körper und hatte die Fähigkeit, zu bezaubern. Alles, was abstoßend und gemein war, verbarg die irdische Hülle; es war nicht wie jetzt in der ganzen Nacktheit des Geistes offenbar.

Ich sah seinen Hof und seine Genossen, wie sie in ihrem irdischen Dasein waren und erkannte, daß sich jeder in seinen eigenen Augen als genau derselbe erschien wie früher. Alle waren sich gleicherweise der schrecklichen Veränderung an der eigenen Person nicht bewußt, während jeder bei den anderen die Umwandlung beobachtet hatte.

In diesem Bewußtseinszustand befanden sich alle mit Ausnahme eines einzigen Mannes. Dieser kauerte in einer Ecke und hatte sein entstelltes Angesicht mit dem Mantel bedeckt. Ihm war, wie ich bemerkte, sein eigener moralischer Tiefstand sowie auch der seiner Umgebung voll zum Bewußtsein gekommen. In seiner Seele war der Wunsch nach Besserung aufgestiegen. Und so aussichtslos ihm auch dessen Erfüllung dünkte, so innig sehnte er sich doch danach, daß sich ihm ein Weg — einerlei wie hart und dornig er sei — eröffnen möge, der ihn aus dieser Höllenmacht hinwegführe und ihm noch in letzter Stunde Hoffnung auf ein Leben abseits der Schrecken dieses Ortes gäbe. Als ich den Mann erblickte, erkannte ich, daß er es war, den meine Sendung betraf. Auf welche Weise ich ihm jedoch Beistand leisten sollte, wußte ich nicht, noch konnte ich es erraten. Ich fühlte nur, daß die Macht, welche mich bis hierher geführt hatte, mir auch fernerhin den Weg zeigen würde.

Während ich so dastand und die dunklen Geister betrachtete, wurden sie meiner Anwesenheit gewahr. Ein Ausdruck von Zorn und Wut trat in das Antlitz des Herrschers, und mit rauher Stimme fuhr er mich barsch an: wer ich sei und wie ich es wagen könne, mich ihm zu nahen.

Ich antwortete: "Ich bin ein Fremder, erst jüngst in diese dunkle Sphäre gekommen und ganz überrascht, in der geistigen Welt einen solchen Ort zu finden."

Der Geist brach in ein wildes Gelächter aus und schrie, sie würden mir bald über viele Dinge in der geistigen Welt Aufklärung verschaffen. "Da du aber," fuhr er fort, "ein Fremdling bist und wir Fremde hier stets auf königliche Weise begrüßen, bist du gebeten, dich niederzulassen und an unserem Mahle teilzunehmen."

Er wies auf einen freien Platz an der langen Tafel vor ihm, an der viele Geister saßen. Den Dingen nach zu schließen, welche die Tafel bedeckten, konnte man glauben, daß es sich um eines jener Gelage handle, wie sie einst in den Tagen seiner irdischen Herrlichkeit üblich waren, denn alles trug den Stempel der Wirklichkeit. Jedoch ich war darauf aufmerksam gemacht worden, daß es mehr oder weniger illusorisch sei: daß die Speisen niemals den schrecklichen Hunger befriedigten, den diese ehemaligen Schlemmer fühlten, und daß der Wein wie ein feuriges Getränk die Kehle austrocknete und den Durst der Trunkenbolde tausendfach erhöhte. Man hatte mich angewiesen, weder etwas zu essen oder zu trinken, das mir in diesem Reiche angeboten würde, noch auch einer etwaigen Aufforderung, mich zu setzen, Folge zu leisten. Ein solches Gebahren wäre gleichbedeutend mit der nochmaligen Unterwerfung meiner höheren Kräfte unter die Herrschaft der Sinne gewesen und würde mich auf eine Stufe mit diesen dunklen Wesen und in deren Macht bringen. Meine Antwort lautete daher: "Ich weiß zwar die Gründe zu schätzen, die dich zu deiner Einladung veranlassen, aber ich muß dennoch ablehnen, da ich weder zu essen noch zu trinken wünsche."

Bei dieser Zurückweisung schossen seine Augen Blitze lebendigen Feuers nach mir und ein tiefer Schatten des Unmutes glitt über seine Stirn. Doch machte er gute Miene zum bösen Spiel und gab mir ein Zeichen, mich ihm zu nähern. Inzwischen war der Mann, zu dessen Hilfe ich gesandt war, bei meiner Ankunft und der Anrede des Kaisers aus seinem peinvollen Nachsinnen aufgeschreckt und hatte sich verwundert über meine Kühnheit in Sorge um meine Sicherheit herangedrängt. Denn er wußte ja nicht mehr von mir, als daß ich anscheinend ein neuer, unglücklicher Ankömmling war, der die Gefahren dieses Ortes noch nicht kennengelernt hatte. Seine Angst um mich und ein gewisses Mitgefühl schufen unbewußt ein Bindeglied zwischen uns, wodurch ich befähigt wurde, ihn mit mir zu ziehen.

Als ich einige Schritte gegen des Kaisers Thron hin machte, folgte mir dieser reuige Geist. Dicht an mich herankommend, sprach er leise:

"Laß dich nicht von ihm hintergehen. Kehre um und fliehe diesen Ort, so lange es noch Zeit ist. Ich werde ihre Aufmerksamkeit für kurze Zeit von dir ablenken."

Ich dankte dem Geiste und sagte: "Ich fliehe vor keinem Menschen, mag er sein, wer er will, und werde mich hüten, in irgendeine Falle zu gehen."

Unser kurzes Zwiegespräch blieb vom Kaiser nicht unbemerkt. Er wurde sehr ungeduldig, und sein Schwert auf den Boden stoßend schrie er mich an:

"Tritt näher, Fremdling! Hast du keine Manieren, da du einen Kaiser warten läßt? Betrachte dir meinen Staatssitz, meinen Thron; besteige ihn für kurze Zeit und siehe, wie man sich an eines Kaisers Stelle fühlt."

Seiner Weisung gemäß blickte ich nach dem Throne und sah, daß er einem Stuhl mit einem Traghimmel darüber glich. Zwei große beschwingte Figuren aus Bronze standen hinter dem Sitz. Eine jede hatte sechs lange Arme, die sie ausstreckten, um dadurch die Lehne und die Seiten zu bilden, während der Traghimmel auf den Köpfen der Figuren wie auf Säulen ruhte. Ich hatte keine Lust, auf einem solchen Platze zu sitzen. Sein früherer Inhaber war mir zu sehr zuwider, als daß ich gewünscht hätte, mich ihm zu nähern. Aber hätte je meine Neugier den Wunsch aufkommen lassen, den Sessel einer genaueren Untersuchung zu unterziehen, so hätte die Vision, die ich jetzt bekam, mich sicherlich davon abgehalten. Der Sessel schien plötzlich lebendig zu werden. Vor meinem Auge erschien ein unglücklicher Geist, der von jenen Armen ergriffen und unter dieser schrecklichen Umarmung zu einer unförmlichen Masse zerdrückt wurde. Ich wußte nun, daß dies das Schicksal aller war, die der Kaiser einlud, die Bequemlichkeit seines Stuhles zu probieren.

Die Vision dauerte nur einen Augenblick, worauf ich mich zum Kaiser wandte und unter einer Verbeugung sagte:

"Ich habe keine Lust, euren Rang einzunehmen und muß nochmals die mir zugedachte Ehrung zurückweisen."

Da brach das Zornesgewitter los, und er befahl seiner Wache, mich zu ergreifen, in den Stuhl zu pressen und mir Speise und Trank die Kehle hinabzuschütten, bis ich daran ersticke.

Sogleich stürzte man auf mich los. Der Mann, den ich zu retten gekommen war, warf sich aber dazwischen, um mich zu schützen. Im Moment waren wir von einer Menge Wut schnaubender Geister umgeben. Und in diesem Augenblick — ich gestehe es ein — erbebte mein Herz und der Mut begann mir zu sinken. Sie blickten so schrecklich boshaft drein, wie eine Rotte losgelassener wilder Tiere, die alle auf einmal über mich herfielen. Jedoch nur einen Augenblick zagte ich, denn der Kampf erweckte alle meine kriegerischen Fähigkeiten, von denen ich noch einen guten Teil besaß. Ich gebrauchte meine ganze Willenskraft, um die Geister zurückzutreiben und rief alle guten Mächte zu meinem Beistande an, während ich gleichzeitig den armen Geist, der mir hatte helfen wollen, mit festem Griff erfaßte.

So zog ich mich Schritt für Schritt nach der Türe zurück. Der ganze Haufe dunkler Geister folgte uns unter wildem Geschrei und drohenden Gebärden, doch waren sie nicht imstande, uns zu berühren, so lange ich meinen Willen darauf richtete, sie abzuhalten. Endlich erreichten wir die Tür und durchschritten sie, worauf sie sich fest schloß und uns von unseren Verfolgern trennte. Sodann wurden wir beide von starken Armen emporgehoben und an einen sicheren Ort der dunkeln Ebene hinweggetragen.

Mein befreiter Genosse befand sich zu dieser Zeit in bewußtlosem Zustande. Wie ich neben ihm stand, sah ich, daß vier erhabene Geister aus den höheren Sphären über seine hingestreckte Gestalt magnetische Striche machten. Da hatte ich die wunderbarste Vision, die ich je erlebte. Von dem dunkel entstellten Körper, der in einem todähnlichen Schlummer lag, stieg ein nebelartiger Dunst auf, der immer dichter und dichter wurde, bis er die Gestalt des Geistes selbst annahm — es war die gereinigte Seele jenes armen Geistes, von ihrer dunklen Hülle befreit. Ich sah, wie die vier himmlischen Geister die noch unbewußte Seele in der Art, wie man ein Kind tragen würde, auf ihre Arme nahmen und dann alle aufwärts davonschwebten, bis sie meinem Gesichtskreise entschwanden. Zu meiner Seite aber stand ein anderer strahlender Engel, der zu mir sprach: "Sei guten Mutes, o Sohn vom Lande der Hoffnung, denn vielen sollst du in diesem dunklen Reiche helfen, und groß ist die Freude der Engel im Himmel über die Sünder, die bereut haben." Dann verschwand er, und ich war wieder allein auf den öden Ebenen der Hölle.

 

Kapitel 21

Vor mir zog sich ein schmaler Pfad hin, dem folgte ich, denn ich war sicher, daß er mich dahin geleitete, wo man meiner Hilfe bedurfte. Nach kurzer Wanderung gelangte ich zum Fuße einer schwarzen Bergkette, wo sich der Eingang zu einer ungeheuren Höhle befand. Schreckliche Reptile ringelten sich an den Wänden und krochen zu meinen Füßen. Große Schwämme und scheußliche Hängepflanzen von einer schlammig-schleimigen Art hingen in Gewinden wie zerrissene Taue von der Decke herab und ein dunkler Pfuhl von stehendem Wasser bedeckte fast überall den Boden. Ich wollte diesem Ort den Rücken kehren, aber eine Stimme schien mich zu bitten, nicht weiter zu gehen. So trat ich denn ein und befand mich, als ich den schwarzen Pfuhl umschritten hatte, am Ende eines Ganges, der in das Innere führte. Nach einer kurzen Wanderung sah ich ein rotes Licht vor mir, das von einem Feuer auszugehen schien, während dunkle Gestalten wie Gespenster sich hin- und herbewegten. Noch einen Augenblick, und ich stand am anderen Ende des Ganges.

Vor mir dehnte sich ein kerkerartiges Gewölbe aus, dessen Felsendecke von dichten Rauchwolken und hellen Flammen, die von einem großen Feuer inmitten der Höhle aufstiegen, bald verhüllt, bald beleuchtet wurde. Um das Feuer tanzte eine Gruppe dämonischer Wesen, die sehr wohl als Vorbilder zur Darstellung von Teufeln der Hölle hätten dienen können. Unter gellendem Gelächter stachen sie mit langen Spießen nach dem Feuer und stichelten sich während ihres wilden Tanzes auch selbst. In einer Ecke kauerte etwa ein Dutzend armer, dunkler Geister. Gegen diese unternahmen sie von Zeit zu Zeit wütende Angriffe, wobei sie Miene machten, die Erschreckten zu ergreifen und in das Feuer zu werfen. Jedoch zogen sie sich immer wieder unter Geschrei und zornigem Geheul zurück.

Ich bemerkte bald, daß ich für diese Wesen unsichtbar war, und dieser Umstand ermutigte mich, näherzutreten. Zu meinem Schrecken sah ich, daß das Feuer aus Körpern lebender Männer und Frauen bestand. Diese krümmten sich in den Flammen und wurden durch die Spieße jener schrecklichen Dämonen umher gestoßen. Ich war bei dieser Entdeckung so erschrocken, daß ich einen Schrei ausstieß und mich fragte, ob dies Wirklichkeit oder nur ein schrecklicher Spuk an diesem fruchtbaren Orte sei. Und dieselbe geheimnisvolle Stimme, die so oft auf meinen Wanderungen zu mir gesprochen hatte, antwortete mir jetzt:

Mein Sohn! Es sind lebendige Seelen, die in ihrem irdischen Dasein Hunderte ihrer Mitmenschen zu diesem schrecklichen Tode verurteilten und dabei kein Mitleid, keine Reue empfanden. Ihre eigenen Grausamkeiten haben diese heißen Flammen der Leidenschaft und des Hasses in der Brust ihrer zahlreichen Opfer entzündet. In der geistigen Welt sind diese feurigen Keime aufgegangen und haben sich zur heißen Flamme entwickelt, die die Bedrücker nun verzehren soll. Diese Feuer werden nur von den unerhörten Greueln jener, die sie verzehren, unterhalten. Es gibt hier keine Art von Qual oder Pein, die nicht hundertfach von den vielen hilflosen Opfern dieser Geister erduldet worden wäre. Wenn jene Geister aus diesem Feuer hervorgehen, werden die selbst ausgestandenen Leiden in ihnen erstmalig Mitleid für jene erweckt haben, denen sie in der Vergangenheit Unrecht getan. Alsdann wird man ihnen die Hand zur Hilfe reichen und ihnen die Mittel zum Fortschritt gewähren, indem sie in demselben Verhältnis, als ihre Handlungen in der Vergangenheit unbarmherzig und grausam waren, Gelegenheit zu Taten der Barmherzigkeit erhalten.

Erschrick nicht darüber, daß eine Vergeltung wie diese statthaft ist. Die Herzen dieser Geister waren so hart und grausam, daß nur selbsterduldete Schmerzen sie zum Mitleid für andere bewegen konnten. Selbst dann, als sie ihr irdisches Dasein beschlossen hatten, ging ihr Streben einzig darauf hinaus, Hilflosere leiden zu lassen so lange, bis der bittere Haß, den sie erregten, endlich zum Strome anschwoll, der sie in den Abgrund stürzte.

Wisse ferner, daß diese Flammen in Wirklichkeit nicht materiell sind, obgleich sie deinen Augen und den ihrigen so erscheinen. Denn in der geistigen Welt ist Gedankliches ebenfalls objektiv, und grimmiger Haß, oder sengende Leidenschaft, scheint in der Tat lebendiges Feuer zu sein. Du wirst nun einem dieser Geister folgen und selbst sehen, daß das, was dir als grausame Gerechtigkeit erscheint, nichts anderes ist als verkappte Barmherzigkeit. Siehe, diese Leidenschaften verzehren sich selbst, und die Seelen sind im Begriff, in die Dunkelheit der nächst höheren Ebene überzugehen."

Als die Stimme verklungen war, erstarben die Flammen, und bis auf ein mattbläuliches, phosphorähnliches Licht, das die Höhle erfüllte, war alles dunkel. Bei seinem Scheine sah ich, wie sich die Gestalten der Geister aus der Asche des Feuers erhoben und die Höhle verließen. Als ich ihnen folgte, trennte sich einer der Geister von den anderen und an mir vorüber schreitend ging er in die Straßen einer Stadt, die sich in der Nähe befand. Sie machte den Eindruck einer alten spanischen Stadt in Westindien oder Südamerika. Indianer, sowie Spanier und Männer verschiedener anderer Nationen bewegten sich auf ihren Straßen.

Ich folgte dem Geiste durch mehrere Gassen, bis wir zu einem großen Gebäude kamen, welches ein Kloster des Jesuitenordens zu sein schien — des Ordens, der das Land kolonisieren half und den unglücklichen Eingeborenen die römisch- katholische Religion aufzwang zu einer Zeit, als religiöse Verfolgung bei den meisten Bekenntnissen als ein Beweis religiösen Eifers galt. Während ich stehen blieb, um diesen Geist zu beobachten, sah ich seinen Lebenslauf an mir vorüberziehen.

Er erschien mir zunächst als Leiter seines Ordens, der als Richter fungierte. Es wurden viele arme Indianer und Ketzer vor ihn gebracht, und ich sah, daß er sie zu Hunderten zur Marter und zum Tode durch das Feuer verurteilte, weil sie sich nicht zu seiner Lehre bekennen wollten. Er unterdrückte alle, die nicht mächtig genug waren, ihm Widerstand zu leisten, und erpreßte Gold und Juwelen in großen Mengen als Tribut für sich und seinen Orden. Wenn jemand sich seinen Forderungen zu widersetzen suchte, ließ er ihn verhaften und meist ohne ein gerichtliches Verfahren ins Gefängnis werfen, martern und verbrennen. Ich las in seinem Herzen einen nicht zu befriedigenden Durst nach Reichtum und Macht, und eine große Vorliebe sich an den Leiden seiner Opfer zu weiden. Ein Blick in seine innerste Seele sagte mir, daß seine Religion nur ein bequemer Vorwand war, unter dem er erpressen und seine Herrschsucht befriedigen konnte.

Dann sah ich den Marktplatz dieser Stadt unter Hunderten von Feuern aufleuchten, bis er einem Schmelzofen glich. Eine Menge hilfloser und furchtsamer Eingeborener wurde, an Händen und Füßen gebunden, in die Flammen geworfen. Ihre angstvollen Schmerzensschreie stiegen zum Himmel auf, während der grausame Mann und seine gemeinen Mitschuldigen ihre falschen Gebete herunterleierten und das heilige Kreuz emporhielten, das durch ihre befleckten Hände, ihre Greuel und Laster und Gier nach Gold entweiht war. Ich sah, daß diese Schandtaten im Namen der christlichen Kirche verübt wurden — im Namen dessen, der Liebe und Güte gelehrt und gekommen war, um zu verkünden, daß Gott vollkommene Liebe sei! Dieser Mann nannte sich Diener Christi und hatte doch keinen Funken von Mitleid mit einem einzigen seiner unglücklichen Opfer; er dachte nur daran, wie sehr dieses Schauspiel die Gemüter der übrigen indianischen Stämme mit Schrecken erfüllen und sie veranlassen werde, ihm immer mehr Gold zur Befriedigung seiner Habgier zu bringen.

Nun zeigte mir meine Vision den Mann nach der Rückkehr in sein Heimatland Spanien, wie er als mächtiger weltlicher Kirchenfürst in seinem schlechterworbenen Reichtum schwelgte. Er wurde von der unwissenden Bevölkerung als ein Heiliger verehrt, der über das Meer nach der westlichen Welt gefahren war, um das Banner seiner Kirche aufzupflanzen und das segensreiche Evangelium der Liebe und des Friedens zu predigen, während in Wirklichkeit sein Weg durch Feuer und Blut gezeichnet war. Da war meine Sympathie für ihn geschwunden. — Dann erblickte ich diesen Mann auf seinem Totenbett und sah, wie Mönche und Priester Messen lasen, auf daß seine Seele in den Himmel eingehe. Statt dessen wurde er jedoch durch die Ketten, die er sich während seines gottlosen Lebens geschmiedet hatte, immer tiefer zur Hölle hinabgezogen. Da selbst erwarteten ihn viele seiner früheren Opfer, welche der Durst nach Rache und der Hunger nach Vergeltung für die ausgestandenen Qualen dahin geführt hatte.

Ich sah diesen Mann in der Hölle, umgeben von denjenigen, welchen er Unrecht getan, und heimgesucht von den leeren Schalen derer, die zu gut und rein waren, um an diesem Schreckensort noch Rache an ihrem Mörder zu verlangen. Es war genau so, wie im Frostlande bei dem Manne im Eiskäfig. Auch in der Hölle war das einzige Gefühl des Mannes nur Zorn und Wut darüber, daß seine Macht auf Erden zu Ende war — sein einziger Gedanke, wie er sich mit anderen Höllengeistern, die ebenso grausam waren wie er selbst, vereinigen könne, um auf diese Weise seiner Lust, zu bedrücken und zu martern, auch fernerhin zu fröhnen. Wäre es ihm möglich gewesen, seine Opfer zum zweitenmal zum Tode zu verurteilen, so hätte er es getan.

In seinem Herzen war weder Mitleid noch Reue zu finden, nur Zorn darüber, daß er so machtlos geworden war. Hätte er nur einen einzigen liebevollen Gedanken für einen anderen gehabt, wäre dadurch ein Schutzwall zwischen ihm und diesen rachsüchtigen Geistern errichtet worden und er hätte Hilfe gefunden. Seine Leiden, so groß sie auch gewesen wären, hätten sich niemals bis zu jenem bildlichen Ausdruck gesteigert, unter dem ich sie wahrnahm. Seine Grausamkeit war ihm jedoch so sehr zur Leidenschaft geworden, daß sie die geistigen Flammen immer wieder zu neuem Leben anfachte, bis sie sich endlich durch ihre eigene Heftigkeit erschöpft hatten und erlöschten. Jene Dämonen, die ich gesehen hatte, waren seine letzten und grimmigsten Opfer, bei denen der Wunsch nach Rache selbst damals noch nicht völlig befriedigt war. Die anderen Geister, welche in der Ecke kauerten, waren zwar nicht länger mehr darauf erpicht, ihn selbst zu quälen, konnten es sich jedoch nicht versagen, sich an seinen Leiden und denen seiner Mitschuldigen zu weiden.

Nun bemerkte ich, daß bei diesem Geiste die Reue zu erwachen begann. Er kehrte zu der Stadt zurück, um andere von seinen Jesuitenbrüdern zu warnen und zu versuchen, sie von dem falschen Pfade abzubringen. Die Länge der Zeit, die seit seinem irdischen Tode verstrichen war, war ihm noch nicht zum Bewußtsein gekommen. Auch bemerkte er nicht, daß die Stadt nur das geistige Abbild des Ortes war, in dem er auf Erden gelebt hatte. Man sagte mir, daß er mit der Zeit auf die Erde zurückgesandt werde, um daselbst als dienender Geist zu wirken und den Sterblichen Mitleid und Barmherzigkeit zu lehren — jene Tugenden, die er in seinem eigenen Leben nicht geübt hatte. Zunächst jedoch mußte er hier an diesem dunklen Orte bleiben, um die Seelen derer zu befreien, die er durch seine Verbrechen mit sich herabgezogen hatte. So verließ ich denn diesen Mann an der Tür des Gebäudes, dem geistigen Gegenstück seines irdischen Hauses, und wandert allein durch die Stadt.

Wie die römische Stadt, so war auch diese verunstaltet, und ihre Schönheiten durch die Verbrechen, deren stille Zeugin sie gewesen war, verdunkelt. Die Luft war von dunklen Phantomen erfüllt, die klagend und weinend schwere Ketten nach sich schleppten. Der Ort schien auf lebenden Gräbern aufgebaut zu sein und war mit einem roten Dunst wie von Blut und Tränen bedeckt. Er glich einem ungeheuren Gefängnis, dessen Mauern durch Taten der Gewalt, des Raubes und der Bedrückung aufgeführt worden waren.

Als ich so dahinschritt, hatte ich einen Wachtraum. In diesem sah ich die Stadt, wie sie einst auf Erden gewesen war, bevor der weiße Mann den Fuß auf ihren Boden gesetzt hatte. Es zeigte sich mir ein friedliches, einfaches Naturvolk, das sich von Früchten und Korn nährte und sein Dasein in kindlicher Unschuld verbrachte. Den Allerhöchsten verehrte es unter seinem eigenen Namen, jedoch im Geiste und in der Wahrheit. Sein primitiver Glaube und seine Duldsamkeit entsprangen der Inspiration, die der große Geist, der universal und nicht Eigentum eines besonderen Bekenntnisses oder einer Kirche ist, ihm zuteil werden ließ. Dann sah ich weiße Männer kommen, die nach Gold dürsteten und begierig waren, die Güter anderer an sich zu reißen. Das arglose Volk hieß sie wie Brüder willkommen und zeigte ihnen in seiner Unschuld ihre Schätze — Gold, Silber und Edelsteine. Verräterei kennzeichnete den Weg der Weißen. Sie töteten und plünderten die Eingeborenen, marterten sie und zwangen sie als Sklaven in den Minen zu arbeiten, wo sie zu Tausenden starben. Treue und Versprechen wurden vom weißen Manne nicht gehalten, und in dem einst friedlichen und glücklichen Lande flossen Ströme von Tränen und Blut.

Dann sah ich in weiter Ferne, in Spanien, einige redliche, liebe Menschen, deren Seele rein war. Sie meinten, daß nur sie den wahren Glauben besäßen, durch den allein der Mensch sich erlösen und ewig leben könne. Sie glaubten wirklich, daß Gott dieses Licht nur einem kleinen Teile der Erde gespendet und den übrigen in Finsternis belassen und damit ungezählten Menschen dem Untergang geweiht habe. Diese guten Menschen waren um das Wohl derer, welche sich ihrer Meinung nach im Irrtum einer falschen Religion befanden, so sehr besorgt, daß sie sich aufmachten und den unbekannten Ozean nach dem weit entfernten Lande durchschifften. Sie wollten jenem armen, einfachen Volke, das bei seinem eigenen Glaubensbekenntnis so gut, edel und geistig gerichtet war, ihr Religionssystem übermitteln.

Ich sah diese guten, aber unwissenden Priester an dem fremden Ufer landen und überall unter den Eingebornen arbeiten. Sie verbreiteten ihren Glauben und rotteten den ursprünglichen Glauben aus, indem sie alle seine Spuren vernichteten. Diese Priester waren liebe Menschen, die nicht nur das geistige Wohl, sondern auch das irdische Los der armen Eingeborenen zu heben suchten. So entstanden überall Missionen, Kirchen und Schulen.

Dann gewahrte ich eine große Menge von Männern — Priester sowohl wie andere — die von Spanien herüberkamen: nicht um für die Verbreitung der Wahrheiten ihrer Religion zu wirken, sondern nur aus Gier nach dem Golde dieses neuen Landes und nach allem, was ihrem Eigennutz dienlich sein konnte. Männer, deren Leben im Heimatlande voller Schandtaten gewesen, daß sie schließlich zu fliehen gezwungen waren, um den Folgen ihrer Verbrechen zu entgehen. In Horden kamen diese Männer an und vermischten sich mit denen, deren Motive rein waren, bis sie die Guten an Zahl übertrafen und überall beseitigten. Im Namen der heiligen Kirche Christi machten sie sich zu Gewalthabern über die unglücklichen Eingeborenen.

Hierauf sah ich, wie als letztes Glied in der Kette der Sklaverei und Bedrückung die Inqisition in dem Lande Einzug hielt und das unglückliche Volk in vollständige Abhängigkeit geriet, bis es fast gänzlich vom Erdboden verschwand. Überall bemerkte ich den wilden Durst nach Gold, der alle wie ein Höllenfeuer verzehrte. Die meisten waren blind für die Schönheiten des Landes und taub für jeden anderen Gedanken als den, wie sie sich mit seinen Schätzen bereichern könnten. In folge dieser wahnsinnigen Sucht nach Reichtum war zu jener Zeit in der Hölle ein geistiges Abbild dieser irdischen Stadt entstanden. Atom um Atom, Stein um Stein hatte sie sich aufgebaut und zwischen der Stadt auf Erden und sich selbst magnetische Verbindungen hergestellt, die nacheinander jeden ihrer gottlosen Bewohner herabziehen sollten. Tatsächlich bestimmen alle Menschen ihren Aufenthaltsort in der geistigen Welt durch ihr Leben hier auf Erden. So hatten sich alle diese Mönche und Priester, feinen Damen, Soldaten und Kaufleute, ja selbst die unglücklichen Eingeborenen infolge ihrer Handlungsweise während ihres irdischen Daseins — durch Leidenschaften und Haß, durch die Gier nach Gold, durch das bittere Gefühl unvergoltenen Unrechts und den Durst nach Rache — in der Hölle zusammengefunden.

— — —

An der Tür eines umfangreichen Gebäudes, das mit seinen eng vergitterten Fenstern wie ein Gefängnis erschien, blieb ich stehen, festgehalten durch ein Gejohle, das mir daraus entgegenschallte. Durch die geheimnisvolle Stimme meines unsichtbaren Führers geleitet, trat ich ein und gelangte bald zu einer Kerkerzelle. Hier fand ich eine große Anzahl von Geistern vor, welche einen Mann umgaben, der mit einem eisernen Ring um den Leib an die Mauer geschmiedet war. Seine wild funkelnden Augen, das zerzauste Haar und die zerlumpten Kleider bewiesen, daß er schon viele Jahre hier sein mußte. Die hohl eingesunkenen Wangen und die den Knochen aufsitzende Haut erweckten den Anschein, als ob er des Hungertodes sterbe. Doch ich wußte, daß es keinen Tod, keine derartige Befreiung vom Leiden gab. Neben ihm stand ein anderer Mann mit gekreuzten Armen und gebeugtem Haupte, dessen verwüstetes Gesicht und zum Gerippe abgemagerter Körper von Wunden starrten. Er machte einen noch viel bemitleidenswerteren Eindruck als sein Leidensgefährte, obgleich er frei war und keine Fesseln trug.

Um diese beiden herum tanzten und heulten andere Geister — eine rohe, wilde, herabgekommene Gesellschaft. Die meisten waren Indianer, einige wenige waren Spanier und einer oder zwei mögen Engländer gewesen sein. Alle waren damit beschäftigt, nach dem gefesselten Mann scharfe Messer zu werfen, die ihn aber niemals zu treffen schienen. Unter Schmähungen und Verwünschungen schlugen sie mit ihren Fäusten nach seinem Gesicht, merkwürdigerweise ohne imstande zu sein, ihn wirklich zu berühren. Während dieser ganzen Zeit war der Mann an die Mauer gefesselt, unfähig sich zu bewegen oder zu entkommen. Der andere Mann stand schweigend dabei und beobachtete ihn.

Als ich stehen blieb, um diese Szene zu betrachten, wurde ich mir der Vergangenheit jener zwei Männer bewußt. Ich sah den einen, der an die Mauer gefesselt war, in einem schönen, palastähnlichen Gebäude, und erkannte in ihm einen der Richter, die von Spanien ausgesandt worden waren. Er hatte den Vorsitz bei den sogenannten Gerichtsverhandlungen zu führen, die sich aber nur als weitere Mittel erwiesen, um von den Eingeborenen Gold zu erpressen und alle zu unterdrücken, die den Mächtigen entgegenzutreten suchten. Der andere war ein Kaufmann, der mit seinem schönen Weib und seinem kleinen Kind in einer prächtigen Villa wohnte. Seine Frau hatte die Aufmerksamkeit des Richters, den eine unheilige Leidenschaft für sie ergriffen hatte, auf sich gezogen.

Da sie den Bewerbungen des Richters dauernden Widerstand entgegensetzte, ließ dieser den Ehemann unter einem Vorwand durch die Inquisition verhaften und ins Gefängnis werfen. Sodann entführte er das arme Weib und behandelte sie so schimpflich, daß sie starb. Das arme kleine Kind wurde auf Befehl des grausamen Richters erwürgt.

Inzwischen lag der unglückliche Ehemann im Gefängnis. Er hatte weder Kenntnis vom Schicksal seines Weibes und Kindes, noch von der Beschuldigung, auf die hin er verhaftet worden war. Bei der kargen Nahrung und den Schrecken des Gefängnisses erschöpften sich seine Kräfte immer mehr und seine Verzweiflung wuchs zusehends. Schließlich wurde er vor den Rat der Inquisition gebracht. Man beschuldigte ihn ketzerischer Umtriebe, sowie der Verschwörung gegen die Krone. Als er leugnete, marterte man ihn, um ihn zum Geständnis zu bringen und ihn zu zwingen, die Namen gewisser Freunde zu nennen, die unter der Anklage der Mitschuld standen. Weil der arme Mann entrüstet seine Unschuld beteuerte, wurde er in sein Gefängnis zurückgebracht, um dort einen langsamen Tod zu erleiden.

So starb denn dieser unglückliche Mensch, ohne aber nach dem Tode mit seinen Weibe vereint zu werden. Denn jene arme, beschimpfte Seele war mit ihrem kleinen Kinde sofort in die höheren Sphären übergegangen. Sie war so gut, rein und edel, daß sie sogar ihrem Mörder vergab; dies war der Richter, wenn er sie auch nicht zu töten beabsichtigt hatte. Zwischen ihr und ihrem Gemahl, den sie zärtlich liebte, hatte sich infolge seiner rachsüchtigen Gefühle dem Manne gegenüber, der sie beide vernichtet hatte, eine Schranke gebildet.

Als der gekränkte Ehemann starb, konnte seine Seele die Erde nicht verlassen. Sie war durch den Haß gegen ihren Feind an diese gebunden. Das selbst erduldete Unrecht hätte der Unglückliche wohl vergeben können, aber das Schicksal seines Weibes und Kindes war zu schrecklich. Es ging über sein Vermögen, dieses zu vergeben. Dieser Haß war sogar stärker als die Liebe zu seinem Weibe. Tag und Nacht heftete sich sein Geist an den Richter, eine Gelegenheit zur Rache erspähend, bis sich diese endlich fand. Teufel der Hölle — solche, welche einst auch mich versuchten — drängten sich an den gekränkten Geist heran. Sie lehrten ihn, wie er durch die Hand eines Sterblichen den mörderischen Dolch nach dem Herzen des Richters zücken könne und nach dem Tode dessen Geist mit sich zur Hölle ziehen könne.

Durch das jahrelange Warten in der Einsamkeit des Gefängnisses und der geistigen Welt war dieses Verlangen nach Rache so furchtbar geworden, daß es der armen Frau trotz vielfach wiederholter Versuche unmöglich war, sich ihrem Gatten zu nähern und sein Herz durch bessere Gedanken zu besänftigen. Ihre edle Seele wurde durch das Böse, das den unglücklichen Mann wie ein Wall umgab, abgehalten. Er selbst hatte keine Hoffnung mehr, sie jemals wiederzusehen. Er glaubte, daß sie in den Himmel eingegangen und ihm für ewig verloren sei. Als Anhänger der römisch-katholischen Kirche mit all ihren beschränkten Ansichten behaftet, hielt er den Umstand, daß er sich im Kirchenbann befand und ihm bei seinem Tode die kirchlichen Hilfsleistungen verweigert worden waren, für den Grund, weshalb er ein ewig Verlorener sei. Andererseits glaubte er, daß sein Weib und sein Kind bei den Engeln des Himmels weilen müßten.

Ist es daher ein Wunder, daß dieser arme Geist alle seine Gedanken in dem Wunsche nach Rache vereinigte und darüber nachsann, wie er seinem Feinde dieselben Leiden zufügen könne, die er selbst erduldet hatte? So geschah es denn, daß er einen Menschen auf Erden inspirierte, den Richter zu töten; seine Hand war es, welche die des Sterblichen mit tödlicher Sicherheit führte, so daß der Richter, in das falsche, grausame Herz getroffen zusammenbrach. Sein irdischer Körper starb, aber seine unsterbliche Seele lebte, und als sie erwachte, befand sie sich in der Hölle. An eine Kerkermauer geschmiedet, wie es einst seinem Opfer geschehen war, befand sich der Richter schließlich Angesicht zu Angesicht mit letzterem.

Auch anderen hatte der Richter Unrecht zugefügt und sie zu einem martervollen Tode verurteilt, um seinen Zorn zu befriedigen, oder sich auf ihre Kosten zu bereichern. Alle diese versammelten sich um ihn und machten sein Erwachen wirklich zur Hölle. Doch so unbezwinglich stark war der Wille dieses Mannes, daß keiner der nach ihm gezielten Schläge ihn berührte, keines der Wurfgeschosse ihn traf. So standen sich die beiden Todfeinde alle die Jahre her gegenüber und ließen ihren Haß und ihre Verachtung aneinander aus. Jene anderen Geister aber kamen und gingen und ersannen stets neue Mittel, um den gefesselten Mann zu quälen, dessen starker Wille sie im Zaume hielt.

In weiter Ferne höherer Sphären trauerte die arme Frau und hoffte, daß die Zeit kommen werde, wo ihre Liebe und ihr unablässiges Gebet die Seele ihres Gatten erreichen und sie besänftigen werde, damit er seine böse Absicht aufgäbe und von der Rache abstehe. Es war ihr Gebet, das mich zu diesem Kerker gezogen hatte. Es war ihre Seele, die mich bat, ihrem unglücklichen Gatten Kunde zu bringen, daß sie in Gedanken an ihn nur in der Hoffnung lebe, er möge durch ihre Liebe nach den höheren Sphären gezogen werden, um endlich in Frieden und Glückseligkeit mit ihr vereint zu sein. Unter dem starken Eindruck dieser Vision trat ich zu dem finsteren Manne, welcher des Verlangens nach Rache müde war und dessen Herz sich nach seinem geliebten Weibe sehnte.

Ich berührte seine Schulter und sagte: "Mein Freund, ich weiß, warum du hier bist und kenne die grauenvolle Geschichte deiner Leiden. Sie, die du liebst, hat mich gesandt, um dir zu sagen, daß sie oben in dem herrlichen Lande auf dich wartet. Sie sei betrübt über dein Ausbleiben und wundere sich, daß dir deine Rache süßer erscheine als ihre Liebe. Sie hat mich gebeten, dich aufmerksam zu machen, daß du selbst es bist, der sich an diesen Ort des Grauens bindet."

Der Geist fuhr bei meiner Anrede auf, ergriff meinen Arm und blickte mir lange und ernst in das Gesicht, als ob er darin lesen wolle, ob ich wahr oder falsch rede. Hierauf trat er seufzend zurück und sagte: "Wer bist du und warum kommst du hierher? Du bist keiner von denen, die an diesen fürchterlichen Ort gehören, und deine Worte sind Worte der Hoffnung. Doch kann es solche für eine Seele in der Hölle geben?"

"Es gibt Hoffnung selbst hier; denn die Hoffnung ist ewig, und Gott in seiner Gnade schließt niemanden davon aus. Ich bin gesandt, dir und anderen, die der Vergangenheit wegen in Sorgen sind, Hoffnung zu bringen. Wenn du nur mit mir kommen willst, kann ich dir zeigen, wie du ein besseres Land erreichen kannst."

Ich sah, daß er zögerte und ein heftiger Kampf in seinem Herzen tobte. Denn er wußte, daß nur seine Anwesenheit seinen Feind zum Gefangenen machte. Sobald er ging, war der andere frei und konnte durch dieses dunkle Land wandern. Selbst jetzt war es ihm fast nicht möglich, ihn ziehen zu lassen. Da sprach ich wieder von seinem Weib und Kind, und ob er nicht lieber zu diesen ginge? Der leidenschaftliche Mann brach zusammen, als er an seine Lieben dachte und indem er sein Gesicht in den Händen barg, weinte er bittere Tränen. Ich schob meinen Arm unter den seinigen und führte den Widerstands aus dem Gefängnis und der Stadt hinaus. Hier trafen wir liebe Geisterfreunde, die den armen Mann erwarteten. Diesen überließ ich ihn, damit sie ihn nach einem schöneren Lande brächten, wo er sein Weib von Zeit zu Zeit sehen konnte, — bis er sich zu ihrer Sphäre emporgearbeitet haben würde, um dann für immer in einer vollkommenen Glückseligkeit mit ihr vereint zu sein.

Da ich fühlte, daß mein Werk in der Stadt getan war, kehrte ich nicht dahin zurück, sondern wanderte auf der Suche nach neuer Tätigkeit weiter. Inmitten einer dunklen Ebene stieß ich auf eine einsame Hütte, in der ich einen Mann auf Bündeln schmutzigen Strohes liegend fand. Er war unfähig, sich zu bewegen und rang allem Anscheine nach mit dem Tode.

Dieser Mann erzählte mir, daß er in seinem Erdenleben einen kranken Kameraden im Stiche gelassen und dem Tode preisgegeben habe, nachdem er ihn des Goldes beraubt habe, für das sie beide ihr Leben eingesetzt hatten. Nun, da er ebenfalls gestorben sei, befinde er sich in derselben hilflosen Lage.

Ich fragte ihn, ob er nicht aufstehen und fortgehen wolle, um irgend etwas zur Hilfe anderer beizutragen und so für den Mord seines Freundes Sühne zu leisten. In diesem Falle hoffte ich ihm helfen zu können. Er meinte, seine schlechte Wohnung habe ihn krank gemacht. Er sei schwach — aber er sehe auch nicht ein, weshalb er sich für andere Leute plagen solle. Er wolle lieber nach dem Gelde, das er vergraben habe, schauen und dieses spenden. Hierbei funkelten seine schlauen Augen heimlich nach mir, um zu erspähen, ob ich etwa gleichfalls versuchen würde, sein Geld zu finden.

Ich erklärte ihm, daß er lieber versuchen solle, den ermordeten Freund aufzufinden und Friede mit ihm zu schließen. Doch hiervon wollte er nichts hören und sagte ärgerlich: er sei nicht bekümmert, weil er seinen Freund getötet habe, sondern darüber, daß er sich hier befinde. Mein Versuch, den Mann zur Einsicht zu bringen, wie er seine Lage verbessern und sein begangenes Unrecht tilgen könne, blieb ohne Erfolg. Sein einziger Gedanke war, daß er einmal wieder hingehen könne, um irgend jemanden zu berauben oder zu töten. So ließ ich ihn schließlich liegen; als ich herausging, hob seine schwache Hand einen Stein auf und schleuderte ihn nach mir.

— — —

"Was wird aus diesem Manne werden?", fragte ich geistig. Die Antwort lautete: "Er kam erst kürzlich nach einem gewaltsamen Tode von der Erde und sein Geist ist schwach, aber bald wird er erstarken. Dann wird er sich mit anderen Räubern seines Schlages in Banden vereinigen und ein weiterer Schrecken an diesem Orte sein. Nach Verlauf von vielen Jahren — es können sogar Jahrhunderte sein — wird der Wunsch nach Besserung in ihm erwachen und er wird anfangen fortzuschreiten. Aber nur sehr langsam, denn eine Seele, welche so ärmlich entwickelt und so verkommen ist, wie bei diesem Manne, bedarf oft großer Zeiträume, um ihre schlummernden Fähigkeiten zu entwickeln."

Als ich eine Zeitlang über diese öde, trostlose Ebene gewandert war, fühlte ich mich ermüdet. Das Herz war mir so schwer, daß ich mich niedersetzte und anfing, über meine Erlebnisse in dieser schrecklichen Sphäre nachzusinnen. Die Wahrnehmung von so viel Bösem, von so vielem Leid hatte mich niedergebeugt. Die fürchterliche Finsternis und die schweren Wolken bedrückten meine Seele, die Sonnenschein und Licht stets so heiß geliebt hatte. Dann langweilte ich mich. Ach, wie sehnte ich mich nach Nachrichten von ihr, die ich auf der Erde zurückgelassen hatte! Kein Wort war mir bis jetzt von meinen Freunden zugekommen — kein Lebenszeichen von meiner Geliebten. Ich wußte nicht, wie lange ich mich schon an diesem Orte befand, wo mir ewige Nacht schweigend über allem brütete. So betete ich innig, daß es meinem Liebling auf Erden wohlergehe und uns ein Wiedersehen erfreue, wenn die Zeit der Prüfung an diesem Orte vorüber sein werde.

Da bemerkte ich, daß sich ein sanfter Lichtschein um mich her ergoß, der von einem funkelnden Sterne auszugehen schien. Das Leuchten verstärkte sich zusehends und ein prächtiges Bild entwickelte sich aus ihm, in dessen Mitte ich meine Liebe er blickte. Ihre Augen schauten in die meinen, ihr Mund lächelte mir zu, und es öffneten sich ihre Lippen, als ob sie meinen Namen nennen wollten. Dann hob sie die Fingerspitzen an ihre Lippen und warf mir einen Kuß zu. Dies geschah auf solch schüchterne und reizende Art, daß ich entzückt aufsprang, um sie näher zu betrachten; doch die Vision verschwand und ich befand mich wieder allein auf der dunklen Flur. Aber das herrliche Gesicht hatte mich heiter gestimmt und mir den Mut gegeben, weiter zu gehen und anderen Hoffnung zu bringen.

Ich erhob mich und setzte meine Wanderung fort. Nach kurzer Zeit wurde ich von einer Anzahl dunkler Geister von abstoßendem Äußeren eingeholt. Sie trugen zerlumpte schwarze Mäntel und hatten ihre Gesichter wie gespenstige Straßenräuber mit schwarzen Masken bedeckt. Ich hatte gefunden, daß die Bewohner dieser Sphäre in bezug auf Intelligenz und geistiges Schauen gewöhnlich zu tief standen, um jemanden aus den oberen Sphären sehen zu können; es sei denn, daß er in direkte Berührung mit ihnen kam. So sahen mich auch jene nicht. Neugierig trat ich zur Seite und folgte ihnen in kurzer Entfernung. Plötzlich näherte sich uns ein anderer Haufe dunkler Geister, die Säcke mit Schätzen bei sich führten. Sofort wurden sie von den zuerst Angekommenen angefallen. Die Geister hatten keine Waffen, sondern kämpften nach Art von wilden Tieren mit Zähnen und Klauen. Ihre Fingernägel glichen wirklich den Klauen eines Raubtieres oder Geiers. Sie sprangen einander an die Kehle und zerfleischten sich. Wie Tiger oder Wölfe kratzten und bissen sie, bis die eine Hälfte schließlich hilflos am Boden lag, während die übrigen mit dem Schatz davongingen, der aus nichts anderem als Stücken harten Steines bestand.

Nachdem sich alle, die sich noch zu bewegen fähig waren, entfernt hatten, näherte ich mich den armen Geistern, die wehklagend am Boden lagen. Hilfe schien jedoch keinen Zweck zu haben, denn die Verwundeten versuchten nur, mich zu überwältigen und in Stücke zu zerreißen. Sie glichen eher wilden Tieren als Menschen, selbst ihre Körper waren gebeugt; die Arme lang wie die von Affen, Hände und Finger hart und Nägel klauenförmig. Halb gingen sie, halb krochen sie auf allen Vieren. Ihre Gesichter konnte man kaum als menschlich bezeichnen; die Züge der Daliegenden, welche knurrten und die Zähne fletschten wie Wölfe, waren geradezu bestialisch zu nennen. — Es kamen mir seltsame Geschichten von Menschen in Erinnerung, die sich in Tiere verwandelt haben sollen, und es schien mir fast, als ob diese Geister solche Kreaturen wären. Ihre schrecklich funkelnden Augen zeigten einen Ausdruck von Schlauheit, der sicherlich menschlich war, auch die Bewegungen ihrer Hände glichen nicht denen von Tieren. Außerdem hatten sie eine Sprache und stießen unter Geheul und Wehklagen Verwünschungen und gemeine Redensarten aus, welche Tieren unbekannt sind.

"Sind ihre Seelen auch hier?", fragte ich, und wiederum bekam ich Antwort: "Ja, sie sind auch hier, aber so herabgekommen und unterdrückt, daß fast keine Spur mehr davon zu entdecken ist. Doch selbst hier sind noch Seelenkeime vorhanden. Diese Männer waren spanische Seeräuber, Strauchdiebe, Freibeuter, Sklavenhändler und Seelenverkäufer. Sie sind so verwildert, daß fast jede Spur des Menschlichen bei ihnen im Tiere untergegangen ist. Ihre Instinkte waren die von wilden Tieren; nun leben sie wie solche und kämpfen wie sie."

"Ist auch für diese noch Hoffnung vorhanden, und kann ich irgend einem helfen?" fragte ich.

"Auch für diese gibt es noch Hoffnung, wenn sie auch vielen von ihnen erst nach Verlauf von Zeitaltern von Nutzen sein wird. Doch sind hier und da einige, denen schon jetzt geholfen werden kann."

Ich wandte mich um. Zu meinen Füßen sah ich einen Mann liegen, der sich mit großer Anstrengung zu mir hergeschleppt hatte und nun vollständig erschöpft war. Sein Aussehen war weniger schrecklich als das seiner Gefährten, und in seinem entstellten Antlitz waren Spuren von Besserung zu finden. Ich beugte mich über ihn, und leise kam es über seine Lippen:

"Wasser! Wasser um jeden Preis! Gib mir Wasser, denn mich verzehrt ein lebendiges Feuer."

Ich hatte kein Wasser und wußte nicht, wo solches in diesem Lande zu bekommen war. Ich gab ihm daher einige Tropfen von der Essenz, die ich aus dem Lande der Dämmerung mit gebracht hatte. Die Wirkung war wunderbar; es war Lebenselixier für ihn. Er richtete sich auf und sagte: "Du mußt ein Magier sein. Der Trank hat mich erquickt und das Feuer gelöscht, das seit Jahren in mir brannte. Ich war von einem brennenden Durst geplagt, seitdem ich in diese Hölle kam."

Ich nahm ihn nun abseits und begann, Striche über seinen Körper hinweg zu ziehen. Dadurch wichen seine Schmerzen und er wurde ruhig. Als ich so bei ihm stand und überlegte, was noch zu tun sei, ergriff er meine Hand und küßte sie leidenschaftlich.

"O mein Freund, wie soll ich dir danken? Wie soll ich dich nennen, der du gekommen bist, mir nach all diesen Leidensjahren Trost zu bringen?"

"Da du mir gegenüber so dankbar bist, würdest du dir nicht selbst gerne die Dankbarkeit anderer erringen, indem du ihnen hilfst? Soll ich dir zeigen, wie du dies kannst?"

"Ja! o ja! Sehr gerne, wenn du mich nur mit dir nehmen willst, guter Freund."

"Wohlan denn", sagte ich, "laß mich dir aufhelfen. Und wenn du kannst, wollen wir diesen Ort so bald als möglich verlassen und sehen, was zu tun ist". So gingen wir zusammen Weiter.

Mein Begleiter erzählte mir, daß er Seeräuber und Sklavenhändler gewesen sei. Er sei als Steuermann auf einem Schiffe in einem Gefecht getötet worden. Als er erwacht sei, befanden er und andere von dem Schiffsvolke sich an diesem dunklen Orte. Wie lange sein Aufenthalt daselbst gewesen, wußte er nicht, es dünkte ihn aber eine Ewigkeit. Er und andere Geister zogen stets kämpfend in Banden unter. Wenn sie keine andere Partei fanden, um sie angreifen zu können, so fochten sie unter sich selbst. Kampf war die einzige Anregung, welche sie sich an diesem schrecklichen Orte verschaffen konnten. Hier war kein Trank zu finden, um den furchtbar brennenden Durst zu stillen, der sie alle verzehrte. Was sie tranken, schien den Durst tausendmal zu verschlimmern und lief wie lebendiges Feuer ihre Kehle hinab. — Dann sprach ich zu ihm: "Du kannst niemals sterben. Was du littest, war nur der Fluch der bösen Taten, die du vor deinem Übergang in die geistige Welt begangen hast. Deine Versuche, dich zu töten oder von anderen töten zu lassen, hatten keinen Zweck. Es ist unmöglich, auf solche Weise dem Leiden zu entgehen."

"Wir gleichen", sagte er, "einem Haufen hungriger Wölfe. Wenn niemand da war, den wir angreifen konnten, fielen wir über uns selbst her und kämpften bis zur Erschöpfung. Dann lagen wir da, klagten und litten, bis wir uns erholt hatten und standen wieder auf, um den Kampf von neuem zu beginnen. Mich verlangte nach dem Mittel, um diesem Zustande entrinnen zu können, und ich habe schließlich fast fortwährend darum gebetet. Ich fühlte, daß ich irgend eine Tat vollbringen würde, wenn nur Gott mir vergeben und mir neue Möglichkeiten eröffnen wollte. Als ich dich in meiner Nähe stehen sah, glaubte ich, du seist vielleicht ein Engel, der zu mir herabgesandt worden war, doch hast du keine Flügel. Wenn aber die Bilder keine richtige Vorstellung von diesem Orte geben und in dem einen Punkte irren, warum sollten sie da nicht auch in anderer Hinsicht falsch sein?"

Sogar an diesem Schreckensorte mußte ich lachen, denn mein Herz fühlte sich so froh darüber, daß ich hier von so großem Nutzen sein konnte. Dann erzählte ich ihm, wer ich war und was mich hierher geführt. Da antwortete er, wenn ich anderen zu helfen wünschte, so wäre Gelegenheit dazu vorhanden. In der Nähe befänden sich grausige Sümpfe, wo eine große Anzahl unglücklicher Geister festgebannt sei. Er könne mich zu ihnen bringen und mir ein wenig behilflich sein. Offenbar schien er besorgt, mich nicht aus dem Gesicht zu verlieren, damit ich nicht etwa verschwinde und ihn wieder allein lasse. Da sich der Mann so dankbar zeigte, fühlte ich mich zu ihm hingezogen und war ebenfalls froh seiner Gesellschaft wegen; denn die Mehrzahl der Bewohner bestand hier aus abstoßenden Wesen, und ich fühlte mich einsam und niedergeschlagen in diesem abgelegenen, traurigen Lande.

Bei der Finsternis und dem dichten Nebel war es fast unmöglich, nach irgendeiner Richtung hin weit zu sehen. Ehe wir es gewahrten, hatten wir das Land der Sümpfe erreicht. Nur die Empfindung einer kaltfeuchten, ungesunden Luft, die uns in das Gesicht wehte, hatte dessen Nähe angekündigt. Ein großer See von wässerigem, schwarzem und stinkendem Schlamm, der mit einer dicken, schleimigen Schicht von schwarzem Öl bedeckt war, dehnte sich vor uns aus. Riesige Reptile mit gewaltig aufgetriebenen Leibern und vorstehenden Augen wälzten sich darin. Große Fledermäuse mit menschenähnlichen Gesichtern flatterten gleich Vampiren über ihm, während schwarze und graue Rauchsäulen schädlichen Dunstes von seiner fauligen Oberfläche aufstiegen und in wunderlich gespenstigen Wolkengebilden über ihm schwebten, die sich fortwährend änderten und in neue häßliche Formen verwandelten. Bald erhoben sich diese Rauchwolken in Gestalt von wilddrohenden Armen und zitternden, wackelnden und schwatzenden Köpfen, als ob sie Gefühl und Sprache besäßen, bald lösten sie sich wieder in Nebel auf, um neue, häßliche und schreckenerregende Formen einzugehen.

Am Ufer dieses großen, schmutzigen Sees befanden sich zahllose kriechende, schleimige Geschöpfe von scheußlicher Gestalt und riesiger Größe, welche zappelnd auf dem Rücken lagen, oder sich in den ekelhaften See stürzten. Ich schauderte, als ich dieses Gewässer erblickte, und war eben im Begriffe zu fragen, ob sich in einem solch schmutzigen Schleim wirklich verlorene Seelen aufhalten könnten, als ein Chor von Wehklagen und Hilferufen, aus denen Trauer und Hoffnungslosigkeit herausklangen, aus der Finsternis zu meinem Ohre drang. Meine Augen, die sich nunmehr an die Dunkelheit gewöhnt hatten, unterschieden hier und da sich abmühende menschliche Gestalten, die bis zu den Schultern im Schlamm steckten. Ich rief sie an, zu versuchen, ob sie nicht auf mich zugehen könnten, ich stände am Ufer. Aber sie schienen mich weder zu hören noch zu sehen, denn sie schenkten mir keine Beachtung. Mein Gefährte war der Meinung, daß sie für alles außer ihrer unmittelbaren Umgebung taub und blind seien. Er hatte sich selbst einige Zeit in dem schlammigen See befunden, hatte sich aber selbst herausgearbeitet.

Hierbei machte er die Beobachtung, daß wohl die meisten unfähig sein dürften, dies ohne den Beistand eines andern zu tun; viele tappten jahrelang in dem See herum. Wieder hörten wir die mitleiderregenden Rufe. Ein solcher ertönte uns so nahe, daß ich daran dachte, mich hineinzustürzen und den Versuch zu machen, den unglücklichen Geist herauszuziehen; aber der See war zu ekelhaft, und ich bebte vor dem Gedanken entsetzt zurück. Dann erreichte jener verzweiflungsvolle Schrei wiederum mein Ohr, und ich fühlte, daß ich es wagen mußte. So ging ich denn hinein, indem ich meinen Ekel nach Kräften zu unterdrücken suchte, und hatte den Mann bald erreicht. Die großen Nebelgebilde über seinem Haupte gerieten bei meiner Annäherung in Bewegung und entschwanden. Er stand bis zum Halse im Schlamm und schien immer tiefer einzusinken. Da ich es für unmöglich hielt, ihn allein herauszuziehen, rief ich dem Seeräubergeist zu, daß er kommen und mir helfen solle. Er war aber nirgends zu sehen.

In der Meinung, daß er mich nur in eine Falle gelockt und mich verlassen habe, wollte ich mich wieder herausarbeiten. Aber der unglückliche Geist bat mich so inständig, ihn nicht im Stich zu lassen, daß ich unter Aufbietung aller Kräfte noch einen zweiten Versuch unternahm. Es gelang mir, ihn einige Meter weit zu schleppen und seine Füße aus der Umschlingung des am Boden befindlichen Unkrautes zu befreien. Indem ich ihn nun bald zog, bald trug, erreichten wir das Ufer, wo der unglückliche Geist bewußtlos niedersank. Auch ich war sehr erschöpft und setzte mich ihm zur Seite, um zu rasten.

Unterdessen hielt ich nach meinem Seeräuberfreund Ausschau und bemerkte ihn in einiger Entfernung draußen im See, wo er sich offenbar mit jemandem zu schaffen machte. Er machte solch übertriebene Anstrengungen, den unglücklichen Geist herauszuschleppen, und ging so lärmend vor, daß er jeden Furchtsamen hätte beunruhigen müssen. Es nahm mich daher nicht Wunder, daß der arme Geist ihn fast anflehte, doch nicht so energisch zu sein und ihm Zeit zu lassen, damit er folgen könne. Ich ging beiden entgegen, und als der Gerettete in die Nähe des Ufer kam, half ich ihm heraus und legte ihn an der Seite des anderen nieder.

Der Seeräubergeist war über seine erfolgreichen Bemühungen hocherfreut und sehr stolz. Da er zur Fortsetzung des Rettungswerkes gerne bereit war, sandte ich ihn nach einem anderen, den ich rufen hörte, während ich die beiden Geretteten pflegen wollte. Da hörte ich wieder nicht weit von mir ein jammervolles Wehklagen, doch konnte ich anfangs niemanden sehen. Dann leuchtete in der Dunkelheit über dem abscheulichen Sumpfe ein winziger Lichtfunke gleich einem Irrlicht auf, und bei seinem Schein sah ich, daß sich dort jemand bewegte und um Hilfe rief. So stieg ich denn — ich muß gestehen, nicht sehr gern — noch einmal in den Sumpf. Als ich den Mann erreichte, bemerkte ich, daß er eine Frau bei sich hatte, die er zu ermutigen suchte. Mit großer Mühe brachte ich beide an das Ufer heraus, wo auch der Seeräubergeist mit seinem Geretteten angelangt war.

Wir müssen damals an dem Ufer jenes schleimigen Sees ein seltsames Bild abgegeben haben! Später erfuhr ich, daß der See eine geistige Schöpfung der schlechten Gedanken und unreinen Wünsche war, welche die Menschen in ihrem irdischen Dasein hegten, und nach hier gezogen in diesem ekelhaften Sumpfe gesammelt wurden. Die Geister darin hatten während ihres irdischen Lebens in niederen Lastern geschwelgt und auch nach dem Tode fortgefahren, durch die Mediumschaft von sterblichen Männern und Frauen solche Freuden zu genießen, bis schließlich infolge ihrer außerordentlichen Gemeinheit selbst der Erdenplan für sie zu gut geworden war. Durch die Wirkung der Anziehungskraft gelangten sie dann in diesen Abschaum von Fäulnis, bis der Ekel vor sich selbst ihre Heilung vollzog.

Ein Mann, den ich gerettet hatte, war einer der gefeiertesten Geister am Hofe Karls II. gewesen. Nach seinem Tode hatte er sich lange auf dem Erdenplane herumgetrieben. Er sank jedoch tiefer und tiefer, bis er schließlich in diesen See geriet, wo das Unkraut seines Hochmuts die Ketten bildete, in die sich seine Füße so verstrickten, daß er sich nicht mehr fortbewegen konnte. Der andere Mann war ein berühmter Dramatiker zur Zeit der Regierung Georgs I., während jener Mann und die Frau zum Hofe Ludwigs XV. gehörten und zusammen an diesen Ort herabgezogen wurden. Die von dem Seeräuber Geretteten hatten ungefähr dieselben Lebensschicksale.

Ich wußte zuerst nicht, wie ich mich von dem Schmutze jenes schrecklichen Sees befreien sollte. Da sah ich plötzlich, daß wie durch ein Wunder in unserer Nähe ein heller Strahl reinen Wassers aufsprang, in dessen frischem Naß wir bald alle Spuren des Kotes hinweggewaschen hatten.

Hierauf lehrte ich die Geretteten, wie sie nun, als Gegenleistung für die empfangene Hilfe, in diesem Lande der Finsternis anderen beistehen könnten. Nachdem ich ihnen nach Möglichkeit Rat und Hilfe gegeben, machte ich mich von neuem auf den Weg. Der Seeräuber aber zeigte wenig Lust, sich von mir zu trennen, und so reisten wir zusammen weiter.

Wollte ich alles erwähnen, was uns auf unseren Wanderungen begegnete, so würde meine Erzählung Bände in Anspruch nehmen. So will ich denn über einen nach irdischen Begriffen mehrwöchentlichen Zeitraum in möglichster Kürze hinweggehen und unsere Ankunft bei einer großen Bergkette schildern, deren frostige Gipfel zu dem nächtlichen Himmel emporragten. Wir waren beide über die Ergebnisse unserer Anstrengungen, den Bewohnern dieser Sphäre nützlich zu sein, etwas enttäuscht. Hier und da fanden wir wohl einige, die geneigt waren, uns zu hören und sich helfen zu lassen. Im allgemeinen aber begegnete man unseren Versuchen mit Spott und Hohn, ja, manche griffen uns sogar an, und wir hatten oft Mühe, uns selbst vor Schaden zu bewahren.

Unseren letzten Versuch hatten wir bei einem Manne und einer Frau unternommen, welche unter der Tür einer elenden Hütte miteinander stritten. Sie waren von höchst abstoßendem Äußeren. Der Mann schlug so schrecklich auf die Frau ein, daß ich dazwischentreten mußte, um ihm Einhalt zu tun. Hierauf wandten sich beide zugleich gegen mich. Der weibliche Geist bemühte sich eifrig, mir die Augen auszukratzen, und ich war froh, als der Seeräuber zu meinem Beistande herbeieilte. Denn bei dem Vereinten Angriff war mir die Galle gestiegen, wodurch ich mich für den Augenblick auf ihre Stufe herunterbegeben hatte und des Schutzes entbehren mußte, der mir bei meiner höheren geistigen Entwicklung sonst gewährt wurde.

Diese beiden hatten sich eines höchst grausamen und rohen Mordes schuldig gemacht, den sie an einem alten Manne (dem Gatten der Frau) um seines Geldes willen begangen hatten. Sie waren dieses Verbrechens wegen gehängt worden. Ihre beiderseitige Schuld bildete ein so starkes Band zwischen ihnen, daß sie zusammen herabgezogen wurden und trotz des bitteren Hasses, den sie nun füreinander fühlten, unfähig waren, sich zu trennen. Jeder glaubte im anderen den Grund zu seinem Aufenthalte an diesem Orte suchen zu müssen. Der Eifer, mit dem sie sich gegenseitig beschuldigt hatten, hatte dazu beigetragen, daß sie beide gehängt wurden. Nun schienen sie nur noch zu leben, um einander zu befehden. Ich kann mir keine schrecklichere Strafe denken als die, mit einer gehaßten Person zusammengekettet zu sein. Bei dem derzeitigen Geisteszustande der beiden war es nicht möglich, ihnen auf irgendwelche Weise behilflich zu sein.

Kurz nachdem wir dieses Paar verlassen hatten, befanden wir uns am Fuße der großen, dunkeln Berge. Beim fahlen Scheine einer merkwürdig phosphoreszierenden Glut konnten wir die Anhöhen ein wenig erforschen. Es gab keine regelrechten Fußwege, und die Berge waren sehr steil. So stiegen wir auf, so gut es eben ging. Hier machte ich die Erfahrung, daß mir mit der teilweisen Annahme der Lebensbedingungen dieser niederen Sphäre die Fähigkeit, mich mittels meiner Willenskraft zu erheben und zu schweben — ein Vorrecht derer, welche das Land der Dämmerung erreicht hatten — verloren gegangen war. Nach einem mühsamen Aufstieg auf einen der weniger hohen Berge gingen wir den Kamm entlang, der von der seltsamen Glut des phosphoreszierenden Lichtes schwach beleuchtet war. Zur Seite bemerkten wir ungeheuer tiefe Felsspalten, finstere Abgründe und schreckliche, schwarze Gruben. Aus einigen drangen Wehgeschrei, Klagen und gelegentlich auch Gebete um Hilfe an unser Ohr. Mich schauderte bei dem Gedanken, daß sich in solchen Tiefen des Elends Geister aufhalten konnten, und ich empfand es schmerzlich, hier nicht helfen zu können. Mein Gefährte, der alle meine Rettungsversuche mit Eifer unterstützt hatte, schlug vor, aus dem zahlreich vorhandenen Unkraut und Gras, das in den schmalen Spalten der sonst kahlen Felsen wuchs, ein Seil zu machen. Daran sollte ich ihn herunterlassen, da er im Klettern geübter sei als ich. So könnten wir vielleicht einige dieser Geister aus ihrer schrecklichen Lage befreien.

Wir machten uns sofort ans Werk und bald hatten wir ein Tau gefertigt, das stark genug war, uni das Gewicht meines Freundes zu tragen. Gewicht ist im Geistigen wie im Physischen nur ein vergleichsweiser Begriff, und die Dichtigkeit jener niederen Sphären verleiht ihnen viel größere Festigkeit und Schwere, als sie einer vorgeschritteneren geistigen Sphäre eigen sind. Während die Sinne eures physischen Körpers meinen Seeräuberfreund weder nach Gestalt noch nach Gewicht hätten wahrnehmen können, würde eine nur geringe Entwicklung eurer geistigen Fähigkeiten euch gestattet haben, ihn zu sehen und auch zu fühlen. Ein Geist der nächsthöheren Stufe würde euch aber unsichtbar sein. Ich begehe also keinen Irrtum, wenn ich von dem Gewicht meines Freundes spreche. Dieser war für ein aus geistigem Gras und Unkraut gefertigtes Seil genauso eine Belastung, wie es bei einem irdischen Manne mit physischem Material der Fall ist.

Nachdem ich das eine Ende des Seiles an einem Felsen fest gemacht hatte, stieg der Geist mit der Sicherheit, die er sich in seinem Berufe als Matrose erworben hatte, hinab. Unten angekommen, schlang er das Seil um den Körper des hilflosen Unglücklichen, den er wehklagend am Boden liegend fand. Dann zog ich das Seil mit dem Geiste an, und als dieser sich in Sicherheit befand, holte ich auch meinen Freund auf die selbe Weise herauf. Wir sorgten für den Geretteten nach Kräften und gingen weiter, um noch einigen anderen ebenso zu helfen. Nachdem wir alle, die wir finden konnten, heraus gezogen hatten, ereignete sich etwas sehr Merkwürdiges. Das phosphoreszierende Licht erlosch und ließ uns in äußerster Finsternis, während eine geheimnisvolle Stimme, die aus der Luft zu kommen schien, sprach:

"Gehet nun weiter, eure Arbeit ist hier getan. Die ihr gerettet habt, hatten sich in ihren eigenen Schlingen verfangen und waren selbst in die Grube gefallen, die sie anderen gegraben hatten. Sie verblieben darin bis ihre Reue und ihr Verlangen, Sühne zu leisten, Retter herbeizogen, um sie aus ihren selbstgebauten Gefängnissen zu befreien. In diesen Bergen sitzen viele Geister gefangen, welchen noch nicht geholfen werden darf; denn sie würden, frei geworden, nur eine Gefahr für andere sein. Das Übel und das Böse, das sie ausstreuen würden, macht ihre längere Gefangenschaft zur Notwendigkeit. Die Gefängnisse sind ihre eigene Schöpfung. Denn diese großen Berge des Elends sind das Produkt ihres menschlichen Daseins auf Erden, und diese Abgründe die geistigen Ebenbilder jener Abgründe der Verzweiflung, in die sie im irdischen Leben ihre unglücklichen Opfer getrieben hatten. Nicht eher, bis ihre Herzen weich geworden und sie nach Freiheit verlangen, um Gutes anstatt Böses zu tun, werden sich ihre Gefängnisse öffnen. Erst dann werden sie aus dem lebendigen Tode erwachen, in den sie sich durch ihre eigenen schrecklichen Grausamkeiten anderen gegenüber gebracht haben."

Die Stimme verstummte, und allein suchten wir in der Finsternis unseren Weg an der Bergseite hinab, bis wir den ebenen Boden wieder erreichten. Jene schrecklichen, geheimnisvollen Täler ewiger Nacht, jene ragenden Berge der Selbstsucht und Unterdrückung hatten mein Herz so erkältet, daß ich jetzt wirklich froh war, wenn kein weiterer Pflichtruf mich zwang, noch länger hier zu verweilen.

— — —

Auf unserer Wanderung gelangten wir nun zu einem ungeheuren Wald, dessen phantastische Bäume den Gebilden glichen, die man oft während eines schrecklichen Alpdrückens wahrnimmt. Die blattlosen Zweige schienen sich wie lebende Arme auszustrecken, um den unglücklichen Wanderer zu erfassen und festzuhalten. Gewundene, schlangenartige Wurzeln am Boden drohten ihn zu Fall zu bringen. Die Stämme waren kahl und geschwärzt, als ob sie durch den vernichtenden Hauch des Feuers versengt worden wären. Von der Rinde rann ein dicker Schleim und gleich einem Klebemittel hielt er jede Hand fest, die mit ihm in Berührung kam. Langwehende Bärte irgend einer seltsamen Moosart, welche die Äste wie mit einem Mantel bedeckten, drohten jeden, der diesen gespensterhaften Wald zu durchdringen suchte, einzuhüllen und irrezuführen. Gedämpfte Hilferufe, wie von erschöpften oder halberstickten Menschen, drangen aus dem furchtbaren Walde. Hie und da konnten wir sehen, wie die gefangenen Seelen, die in der Umarmung dieser absonderlichen Erscheinungen festgehalten wurden, sich abmühten, um freizukommen. Sie waren jedoch unfähig, auch nur einen einzigen Schritt zu machen.

Ich fragte mich verwundert, wie wir diesen Geistern helfen sollten. Einige waren am Fuße gefesselt, indem eine herumgeschlungene Wurzel sie wie in einem Schraubstocke festklemmte. Einem anderen war die Hand an den Stamm eines Baumes festgeleimt. Wieder ein anderer hatte sich in den Bärten des schwarzen Mooses verfangen, oder wurde durch einige Zweige an Kopf und Schultern festgehalten. Wilde Tiere strichen um sie herum und große Geier schlugen mit ihren Flügeln über den Häuptern der Gefangenen, doch vermochten sie letztere nicht zu berühren, obwohl sie sich ganz nahe bei ihnen befanden.

"Wer sind diese Männer und Frauen?" fragte ich.

"Es sind solche", war die Antwort, welche sich an den Leiden anderer ergötzten. Solche, die ihre Mitmenschen wilden Tieren vorwarfen, um sie in Stücke reißen zu lassen und sich an den Schmerzen ihrer Opfer zu weiden. Es sind Menschen, die lediglich aus Freude am Grausamen alle auf die gräßlichste Weise marterten und töteten, die hilfloser und schwächer waren als sie selbst. Für diese Geister wird der Tag der Befreiung erst kommen, wenn sie die Lehre von der Gnade und Barmherzigkeit andern gegenüber erfaßt und den Wunsch haben werden, andere vor Leiden zu bewahren, selbst auf Kosten eigenen Leides. Dann werden ihnen die Bande und Fesseln gelöst und sie werden hinweggehen können, um durch ihre Arbeit Sühne zu leisten. Bis dahin kann niemand ihnen helfen, oder sie befreien. Ihre Erlösung muß durch sie selbst, durch edlere Wünsche und Bestrebungen bewirkt werden.

Wenn du dir die Geschichte eurer Erde vergegenwärtigst und bedenkst, wie Menschen zu allen Zeiten und in allen Ländern ihre Mitmenschen tyrannisiert, unterdrückt und gequält haben, so wird es dich nicht Wunder nehmen, daß dieser ungeheure Wald so sehr bevölkert ist. Man hat es für gut befunden, dich zur eigenen Belehrung diesen schreckenvollen Ort besichtigen zu lassen. Da sich aber bei keinem von allen Wesen, die du siehst und bedauerst, die innerliche Wandlung so weit vollzogen hat, daß du ihnen nützen könntest, wirst du jetzt in eine andere Gegend gesandt, wo du mehr Gelegenheit haben wirst, Gutes zu tun."

Wir verließen den "Wald der Trostlosigkeit" und waren noch nicht weit gegangen, als ich zu meiner großen Freude Freund Hassein kommen sah. Jedoch eingedenk der Warnung Ahrinzimans gab ich das vereinbarte Zeichen und erhielt als Antwort das Gegenzeichen. Er war mit Nachrichten von meinem Vater und meiner Geliebten gekommen, welche mir herzliche Worte der Liebe und Ermutigung übermittelten. Hassein erzählte mir, daß ich jetzt unter die große Zahl jener Geister gesandt würde, deren böse Neigungen nur noch durch ihre Intelligenz und ihren Scharfsinn bei Begehung von Übeltaten übertroffen würden.

"Es sind jene, die einst Führer der Menschheit und Geistesfürsten auf allen Gebieten waren, jedoch ihre Gaben und Kräfte falsch anwandten und mißbrauchten, bis sie der Menschheit zum Fluch statt zum Segen gereichten. Bei den meisten von ihnen mußt du in jeder Hinsicht auf der Hut sein: allen Anschlägen gegenüber, durch die sie dich in Versuchung führen wollen, und allen ihren Verrätereien gegenüber, die sie an dir üben werden. Unter ihnen befinden sich jedoch einige Geister, denen du zur Hilfe gesandt bist. Dein eigenes Empfinden, oder die Umstände, werden dir die bezeichnen, welchen deine Hilfe wertvoll ist. Sei stets eingedenk, daß du jedem mit Mißtrauen begegnen mußt, der zu dir kommt und das vereinbarte Zeichen und Symbol nicht zu geben vermag. Du bist jetzt im Begriff, feindliches Gebiet zu betreten. Du wirst bemerken, daß dein Auftrag seinen Bewohnern bekannt ist und geahndet werden soll, was sie dir auch vorspiegeln mögen. Hüte dich daher vor falschen Versprechungen; wenn sie am freundlichsten scheinen, mißtraue ihnen am meisten!"

Ich versprach Hassein, seine Warnung zu beherzigen. Er fügte noch hinzu, daß ich mich von meinem treuen Begleiter, dem Seeräuber, trennen müßte, da seine Sicherheit an jenen neuen Plätzen gefährdet sei. Er versprach, ihn der Fürsorge eines Geistes zu übergeben, damit er diese dunkle Sphäre bald verlassen könne. Nachdem ich Hassein an meine Geliebte und meinen Vater hoffnungsfreudige Botschaften übergeben hatte, trennten wir uns und ich setzte getröstet meine Reise in der bezeichneten Richtung fort.

 

Kapitel 22

Nach einer kurzen Strecke Weges sah ich Treufreund, der sich etwas abseits niedergelassen hatte und offenbar auf mich wartete. Ich war sehr erfreut, ihn wiederzusehen und mich seiner Führung anvertrauen zu können. Wir begrüßten uns mit großer Herzlichkeit. Er war, wie er mir sagte, angewiesen, mich ein Stück auf meiner jetzigen Reise zu begleiten und erzählte mir viele merkwürdige Erlebnisse, die ihm begegnet waren.

Treufreund führte mich auf einen hohen Turm, von dessen Spitze aus wir die ganze Stadt überblicken konnten, die wir zu besuchen beabsichtigten. Er meinte, diese vorherige Besichtigung sei ebenso nützlich als interessant für mich. Stets umgab uns ein mitternächtliches Dunkel, und die Atmosphäre war schwer und schwarz wie Rauch. Hier und da wurde die Finsternis durch jenes merkwürdig phosphoreszierende Licht aufgehellt, das ich schon beschrieben habe, an anderen Stellen durch die fahlen Flammen, welche sich an den grimmigen Leidenschaften der geistigen Bewohner entzündeten.

Als wir die Spitze des Turmes, der aus einem schwarzen Gestein erbaut zu sein schien, erklommen hatten, sahen wir ein weit ausgedehntes dunkles Land unter uns liegen. Schwere Wolken hingen am Horizont. Vor uns lag die große Stadt — eine merkwürdige Mischung von Pracht und Verfall, die alle die Städte charakterisierte. Eine baumlose, schwärzliche Einöde umgab sie, und große Massen von blutiggefärbtem Dunst hingen brütend über dieser großen Stadt der Sorge und des Verbrechens. Die mächtigen Schlösser, stolzen Paläste, stattlichen Gebäude — alle trugen sie den Stempel des Ruins und Verfalls; alle waren sie verdunkelt durch die Schandflecken des sündhaften Lebens, das in ihnen sein Wesen trieb. Es waren Gebäude, in Auflösung begriffen, jedoch durch den Magnetismus ihrer geistigen Bewohner noch zusammengehalten. Gebäude, welche so lange bestehen bleiben, als Verbindungen, die durch das irdische Leben ihrer geistigen Bewohner entstanden sind, sie an diesem Orte aufrecht erhalten. Und die in Staub zerfallen werden, sobald die Reue jener Seelen diese Verbindungen löst und die Geister selbst in Freiheit setzt. Diese Gebäude zerfallen jedoch nur, um durch eine andere sündige Seele, deren irdisches genußsüchtiges Leben ihnen Gestalt und Form verleiht, wieder aufgebaut zu werden. Hier stand ein Palast, dort, neben ihm, eine Hütte. Genau so, wie das Leben und die Bestrebungen der darinnen wohnenden Geister auf Erden verkettet und vermischt waren, entstanden auch hier ihre Wohnungen eine an der anderen.

Habt ihr, die ihr jetzt auf der Erde wohnt, jemals daran gedacht, daß die Genossen eures irdischen Lebens auch im geistigen mit euch verbunden sein werden? Daß auf Erden hergestellte magnetische Verbindungen im Geisterlande euch und euer Schicksal so miteinander verketten, daß ihr sie nur mit Mühe und vielen Schmerzen wieder lösen könnt? So sah ich z.B. vor mir eines stolzen Patriziers Palast, der — aufgebaut und verunstaltet durch seine Verbrechen — mit den niederen Behausungen seiner einstigen Sklaven, Parasiten und Kuppler auf Erden verbunden war.

Diese Behausungen waren auf dieselbe Weise, d.h. durch die Wünsche ihrer Bewohner entstanden. Zwischen ihnen und dem Palaste des Patriziers waren im Geistigen dieselben magnetischen Verbindungen vorhanden, wie im Irdischen zwischen ihm und jenen, die Genossen und Werkzeuge seiner niederen Leidenschaften gewesen waren. Er kann sich nun so wenig von ihren Zudringlichkeiten befreien, als sie selbst imstande sind, seiner Tyrannei zu entgehen. So lange, bis nicht ein reinerer Wunsch in der einen oder anderen Seele erwacht und sie über ihre gegenwärtige Stufe hinaushebt. So geschah es, daß sie ihr irdisches Dasein immer wieder wie in einem schrecklichen Traum durchlebten, ausgelöst durch die Erinnerung, die ihnen immer wieder gleich einem beweglichen Panorama ihre früheren Handlungen vor Augen führte. So können sie selbst bei den wildesten Ausschreitungen in diesem dunkeln Lande nicht der nagenden Tätigkeit des Gewissens entgehen, bis der letzte Funke von Sündenlust und Gottlosigkeit in ihrer Seele erloschen ist.

Die Dunkelheit über dieser großen, aus dem Erdendasein geborenen geistigen Stadt war stellenweise von einem geheimnisvollen, matten Lichtschein erhellt, der schwachleuchtendem Rauch von stahlgrauer Farbe glich. Man belehrte mich, daß dieses Licht von der gewaltigen Geisteskraft jener Einwohner herrühre, deren Seelen verkommen, aber nicht unentwickelt waren und deren hohe Intelligenz sich niederen Dingen zugewandt hatte. Daher verloren sie das wahre Seelenlicht, und allein dieser merkwürdige Abglanz ihrer intellektuellen Fähigkeiten blieb zurück. In anderen Teilen der Stadt schien die Atmosphäre selbst feurig zu sein. Flammen hingen in der Luft und flackerten von einer Stelle zur anderen wie gespenstige Feuer, deren Nahrung zu Asche verwandelt worden war. Während die schwebenden Flammengebilde durch die Luftströmungen bald hierhin, bald dorthin getragen wurden, sah ich Gruppen von dunklen Geistern die Straßen auf und ab gehen. Sie schienen diesen Erscheinungen keine Beachtung zu schenken, oder sich gar nicht bewußt zu sein, daß sie selbst durch ihre heftigen Leidenschaften diese geistigen Flammen erzeugten.

Als ich auf diese seltsame Stadt von verlorenen Seelen herabblickte, beschlich mich ein merkwürdiges Gefühl. Denn in ihren zerfallenen Mauern und Gebäuden konnte ich eine gewisse Ähnlichkeit mit einer Stadt entdecken, die meinem Herzen teuer war, denn ich war einer ihrer Söhne. Überrascht rief ich aus, was das für eine Vision sei, die ich vor mir wahrnahm. Ob sie die Vergangenheit, die Zukunft, oder die Gegenwart meiner geliebten Vaterstadt betreffe?

Mein Begleiter antwortete: "Sie bedeutet alles zusammen. Was du jetzt vor dir siehst, sind die Gebäude und Geister ihrer Vergangenheit, so weit dieselben böse waren. Und was du dazwischen bemerkst, sind die halbvollendeten Häuser, welche ihre jetzigen Bewohner für sich selber bauen. Wie die Wohnungen der Vergangenheit jetzt sind, so werden diese halbfertigen Gebäude in der Zukunft sein, wenn jeder, der jetzt daran baut, sein Lebenswerk der Sünde und Bedrückung errichtet haben wird. Betrachte sie genau und präge sie dir tief ein. Dann kehre als warnender Bote zur Erde zurück und rufe deinen Landsleuten zu, was für ein Schicksal so viele von ihnen erwartet. Wenn deine Stimme nur in einem einzigen Herzen Widerhall findet und den Weiterbau nur eines dieser unvollendeten Häuser aufhält, wirst du ein gutes Werk getan haben, und dein hiesiger Besuch wird alles wert sein, was er dir gekostet hat. Doch ist dies nicht der einzige Zweck deines Hierseins. Es sind Seelen hier, die wir aus ihrem dunklen Dasein erlösen können und die sodann zur Erde zurückgehen werden, um den Menschen die Schrecken der Wiedervergeltung zu verkünden, die sie selbst erfuhren und vor denen sie andere bewahren möchten.

Bedenke, wieviele Zeitalter seit der Erschaffung der Welt dahingegangen sind und welche Veredlung das Leben und Denken der Menschen seitdem erfahren hat! Müssen wir da nicht zugeben, daß diese Entwicklung ganz sicher auch dem Einfluß derer zuzuschreiben ist, die zur Erde zurückgekehrt sind, um andere vor dem Abgrunde des Stolzes und Hochmuts, der Wollust und Sünde zu warnen? Bedeutet die Lehre: daß Gott seine Kinder als dienende Geister auf die Erde zurücksendet, um anderen im Kampfe beizustehen und sie zu stärken, nicht ein höheres Ideal als der Glaube, daß er jemanden zur hoffnungslosen Pein ewiger Strafe verdammen könne? Auch wir sind beide Sünder gewesen, doch wir haben Gnade gefunden vor unserem Gott sogar noch in der letzten Stunde. Soll da nicht für diese auch noch Hoffnung sein? Wenn sie tiefer sanken als wir, dürfen wir deshalb bei unserem kurzen Menschenverstand den Höhen Grenzen setzen, die sie trotzdem künftig erklimmen mögen? Nein! Es ist nicht daran zu denken, daß solche Schrecken, wie wir sie in diesen Höllenreichen wahrgenommen haben, ewig dauern können. Gott ist gut, und seine Gnade geht über alles menschliche Begreifen!"

Wir stiegen nun vom Turme herab und betraten die Stadt, in einem der großen Viertel, dessen irdisches Gegenstück mir wohlbekannt war, fanden wir einen großen Haufen dunkler Geister versammelt, die hier irgend einer Bekanntmachung lauschten. Offenbar betraf diese einen Gegenstand, welcher ihren Spott und Zorn erregte, denn allerseits ertönte lautes Geschrei. Als ich näher trat, bemerkte ich, daß es sich um eine Kundgebung handelte, die man erst kürzlich in ihrem irdischen Gegenstück gelesen und welche die Befreiung des Volkes zum Gegenstand hatte. Dies erweckte hier unten in der Hochburg der Bedrückung und Tyrannei nur den Wunsch nach Vereitlung jener Bestrebung. Die Geister um mich her gelobten, der Verwirklichung der guten Absicht nach Möglichkeit Hindernisse in den Weg zu legen. Je mehr die Menschen unterdrückt werden und je leidenschaftlicher sie gegen den Zwang ankämpfen, um so mächtiger werden jene Wesen hier unten sich in deren Angelegenheiten einzumischen und Kampf und Streit unter ihnen zu erregen. Je freier, erleuchteter und edler die Menschen, desto weniger Aussicht, daß diese dunklen Geister durch Erregung der ihnen verwandten Leidenschaften zur Erde gezogen werden und dadurch die Möglichkeit haben, die Menschen für ihre eigenen schlechten Zwecke auszubeuten. Diese dunklen Wesen haben Freude an Krieg, Elend und Blut vergießen, und kehren stets gerne zur Erde zurück, um aufs neue die grausam-grimmigen Leidenschaften der Menschen zu entzünden.

Wenn zu Zeiten großer nationaler Bedrückung und Erhebung die menschlichen Leidenschaften bis zur Fieberglut gesteigert sind, werden diese Bewohner der Tiefen durch die Kraft der erwachten Begierden an die Oberfläche der Erde gezogen. Sie erregen oder drängen hier zu Revolutionen, die zuerst aus reinen und edlen Motiven begonnen werden und dann unter der Macht der Leidenschaft und dem Einfluß jener dunklen Wesen aus der niedersten Sphäre schließlich nur noch zum Vorwand für wilde Metzeleien und Exzesse aller Art dienen müssen. Infolge dieser Ausschreitungen entsteht dann eine Reaktion, durch welche die dunklen Dämonen und jene, die von ihnen beherrscht werden, unter dem Beistande der höheren Macht hinweggefegt werden. Eine breite Spur von Zerstörung und Leiden aber bezeichnet den Weg, wo diese Teufel ihr Unwesen getrieben haben. Auf solche Weise reift für die niederste Hölle eine reiche Ernte heran; denn mit den bösen Geistern werden die unglücklichen Seelen derer herabgezogen, welche ihren Versuchungen erlegen waren.

Als ich so dastand und die Menge beobachtete, lenkte Treufreund meine Aufmerksamkeit auf eine Gruppe von Geistern, welche nach uns deuteten und offenbar uns anzureden beabsichtigten.

"Ich werde für kurze Zeit weggehen", sagte er, und dich allein mit ihnen sprechen lassen. Dies wird ratsamer sein, denn, da ich schon früher hier war, könnten sie mich erkennen. Auch wünsche ich, daß du dir selbst ein Urteil über sie bildest. Ich werde mich aber in der Nähe aufhalten und dich später wieder treffen, sobald ich sehe, daß ich dir dadurch nützlich sein kann. In diesem Augenblick gemahnt mich etwas, dich für eine kurze Zeit zu verlassen."

Bei diesen Worten trat er beiseite, während sich die dunklen Geister mir mit den freundlichsten Mienen näherten. Ich hielt es für gut, ihre Höflichkeit zu erwidern, obgleich ich in meinem Herzen den heftigsten Abscheu gegen ihre Gesellschaft hegte, denn sie waren abstoßend schrecklich in ihrer gottlosen Häßlichkeit.

Einer derselben berührte meine Schulter. Als ich mich ihm zuwandte mit dem dumpfen Gefühl, ihn früher schon gesehen zu haben, stieß er ein wildes Gelächter aus und rief: "Ich grüße dich, mein Freund. Du erinnerst dich meiner anscheinend nicht so gut als ich mich deiner; es war auf dem Erdenplane, wo wir uns früher begegneten. Ich und andere wollten dir damals gern zu Diensten sein, aber du nahmst unsere Hilfe nicht an, sondern spielten uns statt dessen einen bösen Streich. Trotzdem haben wir, die wir jetzt lammfromm geworden sind, dir verziehen."

Ein anderer kam ebenfalls zu mir her und sagte, mich mit einem wahrhaft teuflischen Lächeln angrinsend: "So, so, Freund, du bist also allem Anscheine nach ebenfalls hier bei uns, in diesem hübschen Lande! Was hast du wohl getan, um diese Auszeichnung zu verdienen? Denn niemand ist hier, der nicht mindestens einen Mord auf dem Gewissen hat, während viele von uns sich einer ganzen Reihe von Mordtaten rühmen können. Unsere angesehensten Bürger aber zählen ihre Morde nach Hunderten. Du brachtest demnach jenen Mann doch noch ums Leben? Ha, ha! ha!" und er stieß ein solch wildes, schallendes Gelächter aus, daß ich kehrt machte, um zu fliehen. Denn in meiner Seele blitzte die Erinnerung an jene Zeit auf, wo auch ich fast zum Mörder geworden wäre. Nun erkannte ich in diesen schrecklichen Wesen die Geister wieder, die mich damals umgaben und mir zeigten, wie meine Rache befriedigt werden könnte, obgleich ich keinen irdischen Körper mehr besaß. Ich schrak vor ihnen zurück, aber sie dachten nicht daran, mich gehen zu lassen. Sie hofften, ich sei für immer hier, und suchten mich bei sich zu behalten, damit sie ihre Kurzweil mit mir treiben und sich für ihre frühere Niederlage an mir rächen könnten.

Ich las diese Absicht in ihrem Geiste, obgleich sie sich mir gegenüber äußerlich sehr freundlich gebärdeten. Für einen Augenblick war ich im Zweifel, was ich tun solle. Dann entschloß ich mich, mit ihnen zu gehen und zu sehen, was sie im Schilde führten, indem ich gleichzeitig die erste beste Gelegenheit wahrnehmen wollte, mich von ihnen zu befreien. Ich duldete es daher, daß sie mich beim Arme nahmen. So schritten wir auf ein großes, frei stehendes Haus zu, wo sie mich ihren Reden nach bei ihren Freunden einführen wollten. Treuhand ging in diesem Augenblicke dicht an uns vorbei und gab mir folgende Warnung:

"Gehe mit ihnen, aber hüte dich, an ihren Vergnügungen teilzunehmen, oder dich irgendwie auf ihre Stufe herabziehen zu lassen."

Wir traten ein und stiegen eine breite Treppe von gräulichem Stein hinauf. Auch hier trug alles die Flecken von Schande und Verbrechen. Die breiten Stufen waren geborsten und unvollständig. Hier und da wies die Treppe Löcher auf, groß genug, um einen Mann in die kerkerartige Tiefe durchfallen zu lassen. Während wir hinaufstiegen, fühlte ich, daß einer meiner Begleiter mir einen leichten Stoß versetzen wollte, gerade als wir über eines dieser Löcher schritten. Wäre ich nicht auf einen solchen Anschlag vorbereitet gewesen, so wäre ich wohl gestrauchelt und hinuntergefallen. So beugte ich mich einfach zur Seite und mein allzu dienstfertiger Gefährte wäre beinahe selbst ausgeglitten, worüber die anderen in ein Gelächter ausbrachen, während er selbst mir finstere Blicke zuwarf. Ich erkannte in ihm den Mann, dessen Hand in dem feurigen Silberring, der meine Geliebte umgab, einschrumpfte — damals, als mich ihre Liebe zu ihr zog und mich vor der Verführung dieser dunklen Feinde rettete. Dieser Geist hielt seine Hand sorgfältig unter dem Mantel verborgen; ich konnte jedoch hindurchsehen und den geschrumpften Arm und die Hand wahrnehmen. Nun wußte ich, daß ich mich vor ihm wirklich zu hüten hatte.

Von der Treppe aus gelangten wir in einen prächtigen Raum, der durch einen feurigen Lichtschein erleuchtet und ringsum mit dunklen Draperien behangen war. Diese befanden sich in einem vollständig zerlumpten Zustande und waren alle mit hochroten Flecken frischen Blutes bespritzt, als ob das Zimmer der Schauplatz nicht nur eines, sondern zahlreicher Morde gewesen wäre. Im Raume waren die geistigen Abbilder von altem Mobiliar aufgestellt, roh, schmutzig und verdorben. Das Zimmer war von einer Menge von Geistern erfüllt. Was für Männer und was für Frauen! Sie hatten alles verloren, was ihnen früher vielleicht Anspruch auf Menschlichkeit verliehen hatte. Sie waren häßlicher als die anrüchigsten Exemplare jener Gattung, die man in einer irdischen Spelunke zur Nachtzeit finden kann. Nur in der Hölle konnten Frauen bis zu einem solch erschreckenden Grad von Verkommenheit sinken. Die Männer waren womöglich noch schlimmer als die Frauen, und es würden mir die Worte fehlen, wollte ich sie beschreiben. Sie aßen, tranken, schrieen, tanzten, spielten Karten und gerieten über das Spiel in Streit — kurz es ging in einer Art zu, wovon die niedersten Szenen irdischer Vergnügungen nur einen schwachen Begriff geben können.

Ich nahm bei jedem eine schwache Spiegelung seines irdischen Lebens wahr und wußte, daß alle ohne Ausnahme nicht nur ein lasterhaftes Leben geführt hatten, sondern auch des Mordes schuldig geworden waren. Zu meiner Linken befand sich eine Frau, die zur Zeit des 6. Jahrhunderts eine Herzogin war und während ihres Lebens nicht weniger als sechs Personen aus Eifersucht und Haß vergiftet hatte. Neben ihr stand ein Mann aus derselben Zeit, der verschiedene, ihm mißfällige Personen, durch seine Bravos hatte umbringen lassen. Außerdem hatte er während eines Streites mit eigener Hand einen anderen auf verräterische Weise niedergestoßen.

Eine zweite Frau hatte ihr uneheliches Kind getötet, weil es ihr bei Erlangung von Reichtum und Rang im Wege stand. Sie befand sich noch nicht sehr lange an diesem Orte und empfand mehr Reue und Gewissensbisse als die übrigen. Daher beschloß ich, mich ihr wenn möglich zu nähern.

Mein Eintritt war mit lautem Gelächter und wildem Beifall begrüßt worden. Während sich mir ungefähr ein halbes Dutzend Hände eifrig entgegenstreckten und mich an den Tisch zogen, wurden Rufe laut, wie: "Laßt uns auf die Verdammnis dieses unseres neuen Bruders trinken!" Laßt uns ihn mit diesem feinen, kühlen Wein taufen!" Bevor ich ihre Absichten noch recht erkannt hatte, schwenkten sie alle unter Geschrei und schrecklichem Gelächter ihre Gläser in der Luft, während einer ein volles Glas des feurigen Trankes über mich auszuschütten suchte. Ich hatte gerade Geistesgegenwart genug, zur Seite zu treten, sodaß fast alle Flüssigkeit auf den Boden floß. Nur eine kleine Menge traf meine Kleidung, die dadurch gesengt und verbrannt wurde, als ob das Getränk Vitriol gewesen wäre. Der Wein selbst verwandelte sich in eine bläuliche Flamme und verschwand schließlich unter einem Knall ähnlich einer Pulverexplosion. Dann setzten sie mir einen Teller mit Speisen vor, welche irdischen Delikatessen glichen. Bei genauerer Besichtigung bemerkte ich jedoch, daß sie voll Würmer und ekelhafter Maden waren. Als ich mich mit Abscheu abwandte, faßte mich eine Hexe von Weib, deren triefende Augen und boshafter Blick mich schaudern machten, um den Nacken. Sie sah älter und häßlicher aus, als das verkommenste Beispiel ihrer Art, das man auf Erden hätte finden können. O irdische Vergänglichkeit! Einst war sie eine große Schönheit gewesen und versuchte nun, unter einer Grimasse mich zu einem Kartenspielchen mit ihr zu gewinnen.

"Der Einsatz, um den wir spielen", sagte sie, "besteht im Verlust der Freiheit des Verlierenden. Wir haben uns diese Art von Zeitvertreib hier zu eigen gemacht, um dadurch die Erinnerung an die Vergnügungen unserer Vergangenheit wieder wachzurufen. Es gibt hier kein Geld zu gewinnen. Wäre dies auch der Fall, so würde es uns nichts nützen, da es sich unter unseren Händen in Schmutz verwandelt. Daher haben wir folgende Art der Schuldentilgung angenommen. Wir kommen überein, jedem, der uns im Spiel an Geschicklichkeit übertrifft, so lange Sklave zu sein, bis wir ihn mit gleicher Münze bezahlen, indem wir selbst gewinnen und ihn umgekehrt zu unserem Sklaven machen. Wie reizend diese Unterhaltung ist, davon kannst du dich überzeugen, wenn du uns ein wenig Gesellschaft leisten willst. Diese anderen hier", fügte sie mit einer seltsamen Mischung von unverschämter Anmaßung und Gereiztheit im Tone hinzu, — "sind nur Gesindel, der Abschaum der Straße, und du tust wohl daran, dich von ihnen und ihren Vergnügungen abzuwenden. Ich aber bin eine königliche Herzogin und diese meine Freunde sind alle von edler Abkunft. Wir würden dich, der du ebenfalls zu den Auserlesenen gehörst, gerne unter uns aufnehmen."

Mit der Miene einer Königin wies sie mir einen Platz neben sich an. Wäre sie nur um einige Grade weniger häßlich gewesen, so wäre ich versucht gewesen zu folgen, wenn auch nur aus Neugierde, um ihr Spiel kennen zu lernen. Mein Widerwille war jedoch zu groß und ich befreite mich von ihr, indem ich wahrheitsgemäß sagte, daß Karten niemals Anziehungskraft für mich besessen hätten. Mein Bestreben ging dahin, an die Frau heranzukommen, die ich sprechen wollte. Sehr bald bot sich mir hierzu eine Gelegenheit.

An ihrer Seite sprach ich sie mit gedämpfter Stimme an und fragte, ob sie wegen des Mordes an ihrem Kinde bekümmert sei und ob sie diesen Ort zu verlassen wünsche, auch wenn es ein langer, trauriger und leidensvoller Weg wäre. Wie strahlte ihr Antlitz, als ich so zu ihr sprach! Eifrig stieß sie hervor:

"Was meinst du damit?"

"Sei versichert", sagte ich, ich meine es gut mit dir. Wenn du warten und mir folgen willst, werde ich für uns beide Mittel und Wege finden, um diesen schrecklichen Ort verlassen zu können." Sie drückte zum Zeichen ihres Einverständnisse meine Hand, wagte aber nicht zu sprechen, da die anderen Geister sich wieder an uns herandrängten in einer Weise, die immer beunruhigender wurde, obgleich sie den Schein der Freundlichkeit noch aufrecht erhielten.

Die Herzogin und ihre Gesellschaft, die sich wieder gierig dem Kartenspiel hingegeben hatten, waren darüber in Streit geraten und beschuldigten einander des Betrugs, was ohne Zweifel seine Berechtigung hatte. Es schien, als ob ein Kampf sich in jener Ecke des Zimmers entspinnen wollte, um die Einförmigkeit des Daseins etwas zu beleben. Ich beobachtete auch, daß die anderen Geister sich an den Türen zu Gruppen vereinigten, offenbar mit der Absicht, mich nicht entschlüpfen zu lassen, falls ich dies etwa zu tun wünschte. Meinen Feind mit der geschrumpften Hand sah ich mit anderen Geistern einer sehr niederen Gattung tuscheln, die in ihrem früheren Leben seine Sklaven gewesen sein mögen. Ein halbes Dutzend Männer und Frauen kamen auf mich zu und bestürmten mich, an einem Tanze teilzunehmen. Der Tanz war mit jener Art von Greueln verbunden, wie man sie als Hexensabbat in vergangenen Tagen des Aberglaubens und der Zauberei beschrieben findet. Ich nehme davon Abstand, diese ausführlicher zu schildern. — Beim Anblick dieser Szenen kam mir der Gedanke, ob nicht vielleicht doch Wahrheit in jenen alten Geschichten enthalten sein könne. Ob die Erklärung dafür nicht die sei, daß die unglücklichen als Hexen angeklagten Geschöpfe sich von bösen Geistern beherrschen ließen, wodurch ihre Seelen zeitweise in diese Sphären herabgezogen wurden und sie an den schrecklichen Orgien der Geister wirklich teilnahmen. Es scheint wirklich eine merkwürdige Übereinstimmung zu bestehen zwischen den Vorgängen, deren Zeuge ich jetzt war, und dem, was diese sogenannten Hexen berichteten. Ich glaube, diese nur halb zu rechnungsfähigen Menschen waren eher zu bedauern als zu verdammen.

Als diese Kreaturen näherkamen, bemerkte ich, daß sie sich hinter uns zu einem Ringe zusammenzuschließen und uns zu umzingeln trachteten. Ein gewisser Instinkt gebot mir, dies nicht zuzulassen. Ich zog mich daher dicht an die Wand zurück, indem ich die Hand der Frau ergriff und ihr zuflüsterte, keinen Augenblick von meiner Seite zu weichen. Die Geister drängten sich nun gegen das Zimmerende zu, wo ich mich befand. Die Wildheit ihrer Gesichtszüge und die grausame Glut ihrer Augen standen dabei in schrecklichem Gegensatz zu ihrer geheuchelten Fröhlichkeit. Immer mehr näherten sie sich uns — eine sich heranwälzende Masse von verkörpertem Bösen.

Für den Augenblick waren ihre Zänkereien hinter dem gemeinschaftlichen Wunsche zurückgetreten mich niederzuwerfen, auf mir herumzutanzen und mich in Stücke zu reißen. Wie das Rollen des Donners bei einem nahenden Gewitter wurden grollende Worte des Hasses und der Drohung laut, während diese Dämonen noch immer vor uns tanzten und ihre wilden Possen trieben. Plötzlich erhob sich ein großes Geschrei, und die Menge brach in ein wütendes Geheul aus: "Ein Spion, ein Verräter, ein Feind befindet sich unter uns! Es ist einer der verfluchten Brüder von oben hierhergekommen, um uns auszuspionieren und unsere Opfer zu entführen. Nieder mit ihm! Drückt ihn zu Tode! Reißt ihn in Stücke! Werft ihn hinab in das Kellergewölbe! Hinweg mit ihm!"

Wie eine Lawine den Berg hinabstürzten diese wütenden Feinde auf uns los. Ratlos, was wir tun sollten, konnte ich nur bedauern, daß ich diesen Ort überhaupt betreten hatte. Ich glaubte mich schon verloren, als gerade in dem Augenblicke, wo die uns nächsten Geister über uns herfallen wollten, sich die Wand plötzlich öffnete und Treufreund und ein anderer Geist uns hindurchzogen. Die Wand schloß sich so schnell wieder, daß die heulende Menge kaum wußte, wie wir verschwunden waren.

— — —

Glücklich draußen, wurden wir an einen Ort in der Nähe getragen, von wo wir bei rückwärts gewandtem Blick durch die Mauern hindurch (die für unsere Augen durchsichtig geworden waren), wahrnehmen konnten, wie die ganze teuflische Geistergesellschaft miteinander stritt und kämpfte, indem jeder dem anderen vorwarf, daß er uns hätte entkommen lassen.

"Siehst du", sagte Treufreund, "wärest du auch nur für einen einzigen Augenblick auf ihre Anschläge eingegangen, wurde es uns nicht möglich gewesen sein, dir zu helfen. Denn du hättest dich dadurch für einige Zeit mit ihrem Magnetismus umkleidet, und die Mauern hätten dich gefangen gehalten. Du wärst zu grobstofflich geworden, um die Materie, aus der diese Mauern bestehen, durchdringen zu können. Jene Geister konnten dir bis jetzt nichts anhaben, doch mußt du dich in acht nehmen, wenn du sie wiedersiehst; selbst die kurze Zeit auf dem Erdenplane, während der du dich ihrem Einfluß aussetztest und ihren Ratschlägen zu folgen geneigt warst, hat zwischen dir und ihnen eine Verbindung geschaffen, die schwer zu trennen sein wird, ehe du eine höhere geistige Entwicklungsstufe erreicht hast. Erst dann wird eine Kluft zwischen euch entstehen.

Man hat mir gesagt, daß du bis jetzt deine Leidenschaften noch nicht vollständig überwunden hast. Du hast zwar gelernt, sie zu zähmen, aber es ist noch nicht jeder Wunsch nach Rache erstorben, denen gegenüber, welche dich früher gekränkt haben. Und solange dies so steht, wird es dir nicht gelingen, dich von diesen Wesen völlig zu befreien; besonders nicht, wenn du dich in ihrer eigenen Sphäre aufhältst, wo sie wirklich mächtig sind. Auch ich habe einen Kampf gekämpft, nicht unähnlich dem, welchen du jetzt wagst. Keiner weiß besser, wie hart es ist, da vergeben zu sollen, wo wir schwer gekränkt worden sind. Doch ich weiß auch, daß du dies eines Tages aus freier Wahl und innerem Drange heraus tun wirst. Dann werden diese dunklen Geister keine Macht mehr haben, deinen Weg zu kreuzen.

Meine Befehle gehen dahin, dich jetzt zu dem Palaste eines Geistes zu führen, den zu sehen du sehr überrascht sein wirst. Es ist einer, dessen Name dir vertraut ist, obgleich er lange vor deiner Zeit auf Erden lebte. Du warst erstaunt, wie wenig die Geister hier imstande sind, zwischen deinem und ihrem wahren Zustande zu unterscheiden. Wisse denn, daß du die Fähigkeit, klarer und heller zu sehen, ihr verdankst, deren reine Liebe dir stets wie ein ununterbrochener Strom kristallhellen Wassers zufließt. Sie macht dich fähig, höhere Dinge wahrzunehmen und diese niederen Geister in ihrer ganzen Verderbtheit zu durchschauen.

Zwischen dir und deiner Geliebten besteht jetzt ein so starkes Band, daß du unbewußt an den Gaben ihrer höheren Natur Anteil hast, wie auch sie selbst Kraft von dir empfängt. Bei deiner jetzigen Entwicklungsstufe wäre es den dunklen Wesen hier leicht möglich, dir manches von der Fäulnis dieses Ortes durch List zu verbergen. Doch in dem reineren Unterscheidungsvermögen, das dir zuteil wurde, hast du die Fähigkeit, die Dinge zu sehen, wie sie wirklich sind und dem Blicke eines reinen Geistes erscheinen müssen. So versucht man vergebens deine Sinne durch Blendwerk zu täuschen. Groß ist daher die Macht ihrer Liebe, womit sie dich beschützt; gleichsam ein Schild, der dich in allen deinen Prüfungen beschirmt.

Bevor wir diese Sphäre verlassen, muß ich dir noch ein anderes Bild vorführen, das für dich zwar betrübend, aber auf alle Fälle sehr lehrreich sein wird. Es betrifft einen Mann, der so ist, wie du geworden wärest ohne ihre Liebe — allein im Kampf mit der hoffnungslosen Last deiner Sünden und Leidenschaften und aller jener Wohltaten der Reinheit und Liebe beraubt, die dir von ihrer Seite stets zuströmen. Ist dein Aufenthalt an diesem Orte beendet, wirst du mir dahin folgen, wo dieses andere Bild zu sehen ist. Wir glauben, daß sein Anblick dich doppelt nachsichtig gegen jene unglücklichen Männer machen wird, denen du besser als sonst jemand helfen kannst. Im Gefühl der Dankbarkeit wirst du dann an anderen zu vergelten suchen, was man für dich selbst getan hat."

Als er gesprochen hatte, verließen wir schweigend den Ort. Mein Herz war zu voll, als daß ich ihm hätte antworten können. Das arme Weib hatten wir in der Obhut eines strahlenden Engels der oberen Sphären gelassen und waren sicher, daß ihr jede Hilfe zu ihrem Fortkommen gewährt wurde.

 

Kapitel 23

An der äußeren Grenze der Stadt sahen wir einen prächtigen Palast liegen, der mir merkwürdig bekannt und doch wieder fremd erschien. Schon bei unserer Wanderung durch die Stadt wurde ich so an deren irdisches Gegenstück erinnert, daß mir zumute war wie jemandem, der während eines nächtlichen Alpdrückens einen schönen und vertrauten Ort in häßlicher Verzerrung wahrnimmt. Oft hatte ich in meiner Jugend an diesem Gebäude emporgeblickt und mit Stolz erfüllte mich der Gedanke, daß ich dem Geschlechte entstammte, dem der Bau und alle ausgedehnten Ländereien einst gehörte. Ihn jetzt hier in solchem Zustande wiederzusehen, betrübte und ängstigte mich. Alle Schönheit war verschwunden, sein Marmor beschmutzt und befleckt, seine Terrassen und Statuen zerstört oder beschädigt. Seine schöne Front war durch schwarze Spinngewebe — die Zeichen früherer, in seinen Mauern begangener Verbrechen — verunstaltet, und seine hübschen Gärten, wie durch einen Pesthauch, in eine traurige Einöde verwandelt. Mit schwerem Herzen folgte ich meinem Freunde in das Innere.

Wir stiegen die breite Freitreppe hinan und durchschritten die Flügeltüren, die sich von selbst öffneten, um uns einzulassen. Vielen dunklen Geistern, welche kamen und gingen, begegneten wir. Alle begrüßten uns wie Gäste, auf deren Kommen man vorbereitet ist. An der letzten Türe verließ mich Treufreund und versprach, mich an einem anderen Orte wieder zu treffen.

Ein heller Schein von rotem Licht traf mein Auge, als sich die letzte Türe öffnete. Man hätte meinen können, daß jemand die Türe eines Schmelzofens aufgemacht habe, so heiß und erstickend war die Atmosphäre. Anfangs glaubte ich fast, der Ort stehe in Flammen. Dann erlosch der Lichtschein allmählich zu einer mattroten Glut und eine Welle von stahlgrauem Nebel strich durch den Saal, während ein eisiger Wind seine frostige Kälte auf mich zu übertragen schien. Diese merkwürdigen Flutwellen von Hitze und Kälte waren durch das starke Feuer der Leidens und den kalten, selbstsüchtigen Frost der Doppelnatur des Mannes verursacht, der hier als Herrscher gebot. Mit unersättlichen Begierden und heißen Leidenschaften vereinigte er in sich höchste Selbstsucht und außerordentlichen Verstand.

Wie als Eigenschaften seines irdischen Lebens bald feurige Leidenschaft, bald kalte Berechnung bei ihm vorherrschte, so riefen jetzt die Schwingungen seines Geistes hier den gleichen unvermittelten Wechsel zwischen intensiver Hitze und äußerster Kälte hervor. Wie er auf Erden alle Menschen knechtete, die in den Bereich seiner Macht kamen, so beherrschte er jetzt die geistigen Wesen seiner Umgebung und gebot über sie eben so selbstherrlich, wie einst über seine irdischen Untergebenen.

Ich sah ihn am Ende des Saales auf seinem Throne sitzen, in dessen Nähe sich königliche Abzeichen befanden. Die Wände waren mit den geistigen Teilen alter gewirkter Tapete behangen. Aber wie sahen diese aus! Nicht nur, daß sie verblichen und zerlumpt waren: es war, als ob die Gedanken und der Magnetismus dieses Mannes in diese hineinverwoben worden wären und sie durch ihre Fäulnis verdorben hätten. Anstatt der Bilder von Jagdszenen, Nymphen und Meergöttern, zeigten sie ein beständig wechselndes Panorama vom verflossenen Leben dieses Mannes, das in seiner ganzen Nacktheit und Scheußlichkeit auf die Fetzen der einst prächtigen Draperie geworfen wurde.

Die großen Fenster waren mit den geistigen Teilen von einstmals prächtigen irdischen Samtvorhängen bekleidet. Jetzt aber machten sie den Eindruck von Leichentüchern, da sich in ihnen gespensterhafte Gestalten bargen, die gleich Geistern der Rache drohend aus ihnen hervorschauten. Dies waren geistige Bilder von solchen, welche dieser Mann seiner Wollust und seinem Ehrgeiz geopfert hatte. Trinkgefäße von Silber, die glühend heiß zu sein schienen, wenn man sie anfaßte, und kostbare Vasen schmückten die Tische. Wie überall in dieser Sphäre bot sich mir auch hier der Anblick eines Festgelages — immer das gleiche Trugbild irdischer Freude und sinnlichen Vergnügens.

Bei meinem Eintritt erhob sich der Beherrscher dieses schrecklichen Ortes, um mich mit liebenswürdigen Worten zu begrüßen. Mit Schrecken erkannte ich in ihm den Geist jenes Vorfahren, auf den wir als seine Nachkommen so stolz waren, und dessen Bild ich, wie man mir sagte, sehr ähnlich sah. Es war ohne Zweifel derselbe Mann, mit den schönen, stolzen Gesichtszügen. Aber ach, wie schrecklich war die Veränderung, die mit ihm vorgegangen war. Zeichen der Schande und Unehre waren jeder Linie seines Gesichtes aufgeprägt und offenbarten seine Verdorbenheit trotz der Maske königlichen Anstandes, womit er seine Verkommenheit zu verdecken suchte. Hier in der Hölle erscheinen alle Menschen so, wie sie sind. Keine Macht gibt es, auch nur ein Atom ihrer Gemeinheit zu verbergen — und dieser Mann war wirklich gemein. Selbst in einem Zeitalter großer Sinnlichkeit war er durch seine Laster aufgefallen. Und zu einer Zeit, wo die Menschen kaum an Grausamkeiten dachten, hatte er sich als ein Mann ohne Gnade und Barmherzigkeit erwiesen. Ich sah dies jetzt alles in den Bildern seiner Umgebung wie in einem Spiegel, und fühlte mich beängstigt bei dem Gedanken, in unseren Charakteren könnten irgendwelche übereinstimmende Punkte gewesen sein. Der eitle Stolz derer, die sich der Verwandtschaft mit einem solchen Menschen rühmten, weil er zu einer Zeit eine fast königliche Macht besaß, machte mich schaudern.

Da ich zu seinem Geschlechte gehörte, zeigte dieser Mann Interesse für mich und redete mich an. Er hieß mich willkommen und wünsche, daß ich bei ihm wohnen möchte. Die geheimnisvolle Verbindung unserer irdischen Verwandtschaft ermöglichte es ihm, mein Leben auf Erden zeitweise zu beeinflussen. Von meinem stolzen Wunsch, den Großen der Erde gleich zu sein wie früher meine Vorfahren, wurde er angezogen und stachelte meinen hochmütigen Geist an, der in gewissem Sinne dem seinigen verwandt war. Er war es auch, wie er mir sagte, der mich zu jenen Handlungen meines Lebens trieb, deren ich mich jetzt am meisten schämte — Handlungen, für die ich mein Leben gegeben hätte, um sie ungeschehen zu machen. Er war es ferner, der mich in der Welt vorwärts zu bringen suchte, denn er hatte gehofft, durch mich selbst wieder Macht über die Menschen zu gewinnen, was ihn für seine Verbannung an diesen Ort der Finsternis etwas entschädigen sollte.

"Pfui!" rief er. "Dies ist ein Haus voll modernden Gebeins und toter Gerippe! Aber jetzt, da du gekommen bist, um dich mit mir zu verbünden, werden wir zusammen etwas unternehmen, um die Bewohner der Erde in Furcht vor uns zu versetzen und sie zum Gehorsam zu zwingen. Ich habe viele Enttäuschungen mit dir erlebt, o Sohn unseres edlen Geschlechts, und ich fürchtete, du würdest mir am Ende entschlüpfen. Schon vor Jahren habe ich versucht, dich herabzuziehen, meine Absicht wurde aber stets durch eine unsichtbare Macht vereitelt. Immer wieder, so oft ich glaubte, dich ganz sicher in Händen zu haben, schütteltest du mich ab, bis ich des Kampfes beinahe müde wurde. Aber ich gebe nicht leicht jemanden auf. Wenn ich nicht selbst bei dir sein konnte, dann sandte ich dir jemanden aus meinem Gefolge, und so bist du nun endlich selbst hier und sollst mich nicht wieder verlassen. Siehe, welch herrliche Freuden ich für dich in Bereitschaft habe."

Er ergriff meine Hand — die seinige schien heißer als Fieberbrand — und führte mich zu einem Sitz neben sich.

Zögernd entschloß ich mich, Platz zu nehmen und die Dinge, die da kommen sollten, abzuwarten. Im innersten Herzen aber betete ich, daß ich vor Versuchung bewahrt bleiben möchte. Ich bemerkte wohl, daß er mir nicht Speise noch Trank anbot, dagegen ließ er eine liebliche Musik ertönen. Wie lange mußte ich schon den Trost dieser himmlischen Kunst entbehren, die stets sehr auf meine Gefühle gewirkt hatte. Eine wilde, sinnenbetörende Weise, wie sie die Sirenen gesungen haben mögen, wenn sie ihre Opfer anzulocken suchten, erklang — bald anschwellend, bald dahinsterbend. Keine Musik der Erde konnte zugleich so schön und so furchtbar sein — konnte so Kopf und Herz berauschen und mich dennoch mit einem solch starken Gefühle der Furcht und des Widerwillens erfüllen.

Dann erschien vor uns ein schwarzer Spiegel, in dem die Bilder der Erde und des Lebens auf ihr, sowie mein eigenes Bild sichtbar wurden. Ich lenkte hier die Gemüter von Tausenden durch den bestrickenden Zauber solcher Musik, die ich mir aneignen konnte. Durch diese Kunst erregte ich die niedersten, stärksten Leidenschaften, bis die Lauscher unter ihrem mächtigen Bann sich selbst und ihre Seelen verloren.

Hierauf erschienen im Spiegel Völker und Heere, die durch den Einfluß meines Vorfahrens von ehrgeizigen Plänen erfüllt waren. Er regierte sie als Despot durch den ihm zur Verfügung stehenden Organismus. Auch in diesem Punkte, sagte er, solle ich seine Macht mit ihm teilen.

Dann wieder sah ich, wie ich Wissenschaft und Literatur beherrschte und mit deren Hilfe die Einbildungskraft der schreibenden Sterblichen beeinflussen konnte. Unter meinem Einfluß würden diese Bücher schreiben, die sich an die Vernunft, den Verstand und die sinnlichen Begierden der Menschen wenden, bis diese — durch den falschen Schein verführt — die empörendsten Ideen und abscheulichsten Lehren billigen würden.

Er zeigte mir Bild um Bild, wie der Mensch auf Erden durch Geister mit genügender Willenskraft als Werkzeug zur Befriedigung ihrer Gier nach Macht und sinnlichen Genüssen gebraucht werden konnte. Vieles davon war mir schon vorher bekannt gewesen. Aber niemals hatte ich mir die ganze Größe des Unheils vorgestellt, das einem Wesen, wie dem vor mir, anzurichten möglich wäre, würde ihm nicht durch höhere Mächte Einhalt getan. Letztere kennt solch ein Geist nur als eine ihm entgegenwirkende unsichtbare Kraft, die seine Anstrengungen bei jeder Gelegenheit vereitelt — es sei denn, daß er einen geistesverwandten Menschen als Medium findet, mit dem er so zusammen wirken kann, als ob sie beide nur ein Wesen wären. Aus solcher Verbindung entstehen viel Kummer und Elend: wir haben dann jene Scheusale von triumphierender Bosheit vor uns, die zu allen Zeiten die Menschheitsgeschichte geschändet haben. Diese Wesen werden jetzt gottlob immer seltener, je mehr die Menschen und die geistige Welt durch die Lehren der Engel aus himmlischen Sphären gereinigt werden.

Zuletzt zeigte sich eine weibliche Gestalt von solcher Schönheit und verführerischem Reiz, daß ich mich einen Augenblick erhob, um mich zu überzeugen, ob sie Wirklichkeit sei oder nicht. Da zog sich zwischen mich und den schwarzmagischen Spiegel ein feiner Nebel, in dem die Gestalt eines Engels mit dem Antlitz meiner Geliebten sichtbar wurde. Neben letzterer erschien mir jenes Weib sogleich grobmateriell und widerwärtig, sodaß die momentane Verblendung meiner Sinne verschwand und ich die Frau für das erkannte, was alle ihrer Art sind: Sirenen, welche die Seelen der Männer verraten, zerstören und zur Hölle herabziehen, während sie selbst nur seelenlose Geschöpfe sind.

Dieser Umschwung in meinen Gefühlen lenkte die Wellen des magnetischen Äthers, die uns die Musik und die Bilder zutrugen ab und ließ sie verschwinden. Noch einmal war ich mit meinem Versucher allein, dessen Stimme mir in den Ohren gellte. Er malte mir aus, wie ich alle diese Freuden genießen könnte, wenn ich nur bei ihm bleiben und sein Schüler werden wollte. Aber seine Worte trafen taube Ohren, seine Versprechungen rührten mich nicht. In meinem Herzen war nur Abscheu vor all diesen Dingen, und ein starkes Verlangen ergriff meine Seele, mich von der Gegenwart dieses Geistes zu befreien.

Ich erhob mich und versuchte fortzugehen, konnte aber keinen Schritt tun. Eine unsichtbare Kette hielt mich fest, und unter höhnischem Gelächter schrie mich der schreckliche Mann mit triumphierendem Hohne an: "Geh doch, da du meine Gunst und Versprechungen zurückweisest! Gehe fort und sieh, was dich erwartet!" Ich konnte keinen Fuß bewegen, während mich ein seltsam beunruhigendes Gefühl beschlich und eine merkwürdige Benommenheit des Gehirns und der Glieder eintrat. Ein Nebel schien mich einzuhüllen und mich in seine kalte Umarmung einzuschließen. Phantome von schrecklichem Aussehen und riesenhafter Größe kamen immer näher. O Entsetzen! Es waren meine eigenen früheren Missetaten, meine eigenen bösen Gedanken und Wünsche, die mir durch den Mann neben mir eingeflüstert worden waren: indem sie sich in meinem Herzen festsetzten, schufen sie jene Verbindung, die mich nun an ihn fesselte.

Ein wildes, grausames Lachen erschallte bei meiner Niederlage. Er wies auf jene unheimlichen Gestalten hin und gebot mir achtzugeben, was ich, der sich für seine Gesellschaft zu gut dünke, für ein Wesen sei. Dunkler und dunkler wurde es im Saal. Wie Woge um Woge rauschten die grimmigen Phantome heran, indem sie immer schwärzer und schrecklicher wurden und mich von allen Seiten bestürmten. Unter unseren Füßen öffnete sich ein gruftähnliches Gewölbe, in dem ich eine erhitzte Masse kämpfender Menschen zu sehen glaubte. Mein schrecklicher Vorfahre erging sich in wildesten Ausdrücken der Wut und brach dann in ein boshaftes Lachen aus. Indem er auf die sich herandrängenden Phantome deutete, befahl er ihnen, mich in die dunkle Grube zu werfen. Plötzlich jedoch erglänzte in der Finsternis über mir ein Stern, von dem ein Lichtstrahl mich traf. Ich erfaßte diesen Strahl gleich einem Seil mit beiden Händen. Und während sich das Licht um mich her ergoß, wurde ich von jenem dunklen Ort und dem grauen vollen Palaste hinweg in die Höhe gezogen.

— — —

Als ich mich von meinem Erstaunen über die empfangene Hilfe erholt hatte, befand ich mich mit Treufreund und keinem Geringeren als meinem östlichen Führer selbst in einer offenen Gegend. Letzterer machte magnetische Striche über mir, denn ich war von dem Kampfe ganz zerschlagen und erschöpft. Mein Führer redete mir in liebreichster Weise zu und erzählte mir, daß er diese Prüfung zugelassen habe, damit die Erkenntnis der wahren Natur jenes Mannes mir für die Zukunft ein guter Schutz gegen seine Tücken und Angriffe bilde.

"So lange", sagte er, "als du mit Stolz und Ehrfurcht an diesen Mann als deinen Vorfahren dachtest, konnte seine Macht dich beeinflussen. Jetzt aber wird dein eigenes Gefühl des Abscheus als abstoßende Kraft tätig sein und seinen Einfluß von dir abhalten. Dein Wille ist ebenso stark wie der seinige; du hättest, wüßtest du es nur, keinen anderen Schutz nötig. Bei der letzten Zusammenkunft ließest du deine Sinne betören, damit wurde dein Wille durch dieses dunkle Wesen gelähmt, bevor du es merktest. Hätte ich dich nicht befreit, so wäre er imstande gewesen, dich für kurze Zeit seiner Willen zu unterwerfen und hätte dir dabei ernstlichen Schaden zufügen können. Hüte dich daher, in dieser Sphäre deine Selbstbeherrschung noch einmal zu verlieren. Die Herrschaft über dich selbst ist dein höchstes Gut und kann dir von niemandem genommen werden, es sei denn, daß dein schwankender Wille selbst sein Einverständnis dazu gibt. Ich verlasse dich jetzt wieder, um im Geiste deine Pilgerfahrt weiter zu verfolgen. Sie wird bald beendet sein. Sei guten Mutes, deine Belohnung wird dir werden von ihr, die du liebst, und die dir stets ihre zärtlichsten Gedanken sendet."

Auf dieselbe geheimnisvolle Weise, wie er gekommen, war er verschwunden. Treufreund und ich ließen uns noch einmal nieder, um abzuwarten, was uns weiter begegnen würde. Ich dachte gerade darüber nach, als zwei Geister mit wichtiger Miene auf uns zueilten und fragten, ob wir nicht Mitglieder der Brüderschaft zur Hoffnung seien. Wenn dem so sei, hätten sie für einen von uns eine Botschaft von einem lieben Freunde auf Erden zu überbringen. Sie seien von einem unserer Leiter hierzu beauftragt. Zuerst war ich sehr erfreut. Ich dachte sofort an meinen Liebling, und hoffte, daß die beiden von ihr gesandt seien, da sie in ihrem Äußeren nicht so dunkel waren wie die anderen Geister hier. Ihre Kleider erschienen in einem eigenartig blaugrauen Lichte, das sie fast wie eine Wolke umgab, so daß ich Mühe hatte, ihre Gesichter zu unterscheiden. Als mir dies gelang, fuhr ich erschrocken zurück und ein Gefühl des Mißtrauens beschlich mich. Denn der flackernde Schleier von graublauer Gaze, der sich zwischen uns befand, wurde zuweilen so dünn, daß ich unter ihnen zwei höchst widerwärtige dunkle Geister entdecken konnte. Treufreund drückte zur Warnung heimlich meinen Arm, und so fragte ich sie mit Vorsicht, was ihre Botschaft sei.

— — —

"Im Namen des Propheten", begann der eine, "wir haben dir zu sagen, daß deine Geliebte sehr krank ist. Sie bittet, daß du ohne Verzug auf die Erde zurückkehrst, um sie zu besuchen, sonst wird ihr Geist schon vor deiner Ankunft in Reiche übergegangen sein, in die du ihr nicht zu folgen vermagst. Wir sollen dir den kürzesten Weg zu ihr zeigen."

Ihre Worte flößten mir anfangs große Angst ein. "Wie lange2, fragte ich eifrig, "ist es, seit ihr sie verlassen hab?"

"Nicht zwei Tage," war die Antwort, "wir sollen dich sofort zu ihr bringen. Dein östlicher Führer ist bei ihr und hat uns selbst gesandt."

Nun wußte ich, daß sie logen, denn mein östlicher Führer hatte mich eben verlassen und kein Wort davon gesagt, daß meine Geliebte krank sei. Ich hielt jedoch an mich und sagte:

"Gib mir das geheime Zeichen unserer Brüderschaft, da ich ohne dieses nicht in der Lage bin, mit euch zu gehen."

Der gazeartige Nebel war fast geschwunden, und ich konnte ihre dunklen Körperformen immer deutlicher unter ihm wahrnehmen. Als sie nicht sofort antworteten, sondern sich leise miteinander besprachen, fuhr ich fort:

"Wenn du vom Leiter unserer Brüderschaft gesandt bist, wirst du mir sicherlich das Gegenzeichen unseres Ordens geben können?"

"Ja, gewiß. Sicherlich kann ich es. Hier ist es — Hoffnung währt ewiglich" — und er lächelte mit der ehrlichsten Miene.

"Gut", sagte ich, "weiter, den Schluß?"

"Schluß? Bedarfst du noch mehr?" Überrascht stand er da. Der andere stieß ihn an und flüsterte ihm etwas zu, worauf er hinzufügte: "Hoffnung währt ewiglich, und Wahrheit ist — hm — hm — was, mein Freund?" "Unvermeidlich", sagte der andere.

Ich sah sie beide freundlich an. "Ihr seid so klug, meine Freunde, ohne Zweifel könnt ihr mir jetzt auch das Symbol geben?"

"Symbol? Teufel! Wir wissen von keinem Symbol, das wir zu geben hätten."

"Nicht?" sagte ich, "dann bin ich es, der es euch geben muß."

Sie erhoben beide die Arme, um mich zu ergreifen. Ich sah hierbei, daß der eine von ihnen eine geschrumpfte Hand hatte, und wußte nun, wem ich diesen kleinen Anschlag zu verdanken hatte. Als sie auf mich losstürzten, trat ich zurück und machte das heilige Zeichen der Wahrheit, das zu allen Zeiten und in allen Welten dasselbe ist.

Beim Anblick dieses Zeichens stürzten sie auf die Erde nieder, als ob ich sie niedergeschlagen und betäubt hätte. Hier überließen wir sie ihrem Schicksal.

Als wir uns entfernten, fragte ich Treufreund, was die beiden seiner Meinung nach jetzt wohl beginnen würden.

"Sie werden sich", antwortete er, "in kurzer Zeit erholt haben. Du hast ihnen eine Erschütterung beigebracht und sie für den Augenblick bewußtlos gemacht, aber bald werden sie wieder mit einer neuen Teufelei hinter uns her sein. Wärst du mit ihnen gegangen, dann hätten sie dich in jenen Morast dort drüben geführt und dich halb erwürgt darinnen umherwandern lassen, oder sie hätten dir noch ernsteren Schaden zugefügt. Du mußt stets eingedenk sein, daß sie in ihrer eigenen Sphäre große Macht über dich gewinnen, wenn du dich ihrer Führung in irgendwelchem Sinne anvertraust."

 

Kapitel 24

Treufreund schlug nun vor, eine weitere Stadt in diesem merkwürdigen Lande zu besuchen, um daselbst den Mann zu treffen, dessen Schicksal das meine gewesen wäre, hätten Beharrlichkeit und Liebe mich nicht aufrecht erhalten. Unser beiderseitiger Lebenslauf unterschied sich in vieler Hinsicht, doch bot er auch übereinstimmende Momente, namentlich in bezug auf unsere Veranlagung. Dieser Umstand ließ mir die Kenntnis seiner Lebensgeschichte vorteilhaft erscheinen, während ich ihm andererseits vielleicht in späterer Zeit von Nutzen sein konnte.

"Es sind jetzt mehr als zehn Jahre her", sagte Treufreund, "seit dieser Mann die Erde verließ. Erst jüngst ist der Wunsch, fortzuschreiten, in ihm aufgetaucht. Ich fand ihn bei meinem früheren Besuch hier an diesem Orte. Es war mir möglich, ihm ein wenig Beistand zu leisten und ihn schließlich unserer Brüderschaft zuzuführen. Man hat mich benachrichtigt, daß er binnen kurzem diese Sphäre verlassen wird, um sie mit einer höheren zu vertauschen."

Ich war mit der vorgeschlagenen Reise einverstanden. Nach einem kurzen, aber sehr raschen Fluge befanden wir uns schwebend über einer weit ausgedehnten Lagune, auf deren dunklem Grunde eine große Stadt erbaut war. Ihre Türme und Paläste ragten aus dem Wasser hervor und warfen ihr Bild darauf wie auf einen Spiegel von schwarzem, mit dunkelroten Linien durchzogenem Marmor. Letztere machte den Eindruck, als ob es Ströme von Blut wären. Wie über jener anderen Stadt, so hing auch über dieser ein dunkler Wolkenmantel, der stellenweise von stahlgrauen oder feurigroten Dunstströmungen beleuchtet war. Allem Anscheine nach waren wir im Begriffe, das Venedig dieser unteren Sphären zu betreten. Als ich diese Vermutung Treufreund gegenüber aussprach, antwortete er: "Ja, so ist es. Du wirst hier viele berühmte Männer finden, deren Namen man in der Geschichte ihrer Zeit mit feurigblutigen Lettern geschrieben findet."

Wir betraten nun die Stadt selbst und besichtigten ihre hauptsächlichsten Kanäle und Plätze.

Ja, da waren sie, die entstellten Erscheinungen all der herrlichen Plätze, die uns durch den Stift der Künstler so vertraut waren. Da rauschte es in den Kanälen, als ob sich aus riesigen Schlachtbänken Ströme von dunkel gerötetem Blut ergössen. Die Fluten unterwühlten die Marmorstufen der Paläste und hinterließen zahlreiche schmutzige Flecke. Selbst aus den Steinen der Gebäude und des Wegpflasters schien Blut zu sickern und zu träufeln. Die Luft war dick von rötlichem Dunst. Tief unten in den geröteten Wassern sah ich die Gerippe der zahllosen Tausenden, die, durch Meuchelmord, oder gesetzlichere Arten von Mord getötet, in den dunklen Fluten ihr Grab gefunden hatten. In den Gefängnissen, welche die Stadt unterminierten, nahm ich viele Geister wahr, die in dichten Haufen wie Raubtiere eingesperrt waren. Die Wildheit des Tigers und die rachsüchtige Bosheit gefesselter menschlicher Tyrannen offenbarten sich in ihren glühenden Augen und in jeder Bewegung ihrer kriechenden Gestalten.

Es waren Geister, für welche die Haft notwendig war, denn sie waren wilder als Raubtiere. Lange Züge von Amtspersonen der Stadt mit ihren Dienern, stolze Edle mit ihrem bunten Gefolge von Soldaten, Matrosen und Sklaven; Kaufleute und Priester, einfache Bürger und Fischer, Männer und Frauen aller Klassen und aller Zeiten kamen an uns vorüber. Fast alle waren verkommen und häßlich. Als sie vorüber zogen, schien es mir, als ob knöcherne Hände und gespensterhafte Arme durch die Steine des Pflasters aus den darunter befindlichen Gefängnissen heraufgriffen, um jene in ihr Elend herabzuziehen. Bei vielen bemerkte man einen abgehetzten Ausdruck im Gesicht, und schwere Sorge schien ihnen beständig im Nacken zu sitzen.

Weit draußen schwammen auf den Wassern der Lagune gespensterhafte Galeeren, die mit Sklaven bemannt waren. Sie waren an ihre Ruderbänke gekettet, aber kein hilfloses Opfer politischer oder privater Rache war unter ihnen zu finden. Es waren die Geister von hartherzigen Zuchtmeistern und geschickten Ränkeschmieden, die viele Menschen dem lebendigen Tod überantwortet hatten. Draußen im offenen Meere gewahrte ich größere Schiffe, während sich in nächster Nähe im zerstörten Hafen die geistigen Gegenstücke von Fahrzeugen aufhielten, die der Seeräuberei in der Adria gedient hatten. Diese waren mit Piratengeistern bemannt, welche einst Plünderung, Raub und Krieg zu ihrem Vergnügen getrieben hatten. Ihre Zeit verbrachten sie nun damit, daß sie sich gegenseitig bekämpften und auch Angriffe auf andere unternahmen. Gespensterhafte Gondeln schwammen auf den Wasserwegen in der Stadt. Sie trugen Geister, die noch den Geschäften und Vergnügungen ihres früheren Lebens oblagen.

In dem Venedig hier, wie auch in den anderen Städten dieser Sphäre, herrschte ein dem irdischen ähnliches Leben, nur da diesem Orte alles Gute und Wahre, alle die wirklichen Patrioten und selbstlosen Bürger fehlten. Nur die Bösen waren geblieben, um sich gegenseitig zu berauben und in der Hand der Vorsehung ihren verbrecherischen Mitschuldigen gegenüber als Werkzeuge aufzutreten.

Auf der Brustwehr einer der kleineren Brücken fanden wir einen Mann sitzen, der die Kleidung der Brüder zur Hoffnung trug — ein dunkelgraues Gewand, wie auch ich eines im Anfange meiner Wanderungen angehabt hatte. Seine Arme waren über der Brust gekreuzt und sein Antlitz war durch den Hut so weit verdeckt, daß man seine Gesichtszüge nicht sehen konnte. Ich wußte jedoch sofort, daß dies der Mann war, welchem unser Kommen galt. Ebenso erkannte ich in ihm einen berühmten venezianischen Maler, mit dem ich in meiner Jugend verkehrt hatte. Wir waren uns später nicht wieder begegnet. Ich wußte nicht, daß er die Erde verlassen hatte, bis ich ihn jetzt auf der Brücke dieser Höllenstadt sitzend fand. Ich gestehe, dieses Wiedersehen erschütterte mich etwas, indem ich der Tage unserer Jugend gedachte und was das Leben ihm alles gebracht haben mußte, um aus ihm zu machen, was er jetzt war.

Da er uns nicht sah, schlug Treufreund vor, ein wenig zur Seite zu gehen, bis er mir das Schicksal dieses Geistes erzählt habe. Dann wollten wir beide uns ihm nähern und mit ihm sprechen. Der Ruf dieses Mannes — den ich Benedetto nennen will, da sein irdischer Name besser in Vergessenheit bleibt — schien nach unserer Bekanntschaft rasch einen Ruf erlangt zu haben, denn er war beim Verkauf seiner Bilder sehr erfolgreich. Des Künstlers reichste Gönner waren Engländer und Amerikaner, die Venedig besuchten. Im Hause eines solchen begegnete Benedetto der Frau, die sein ganzes Leben hindurch einen verderblichen Einfluß auf ihn ausüben sollte. Er war jung, hübsch, feingebildet und stammte aus einer alten, aber armen Familie. Daher hatte er in der besten Gesellschaft Venedigs Zutritt. Die Dame, an die Benedetto sein Herz verlor, bekleidete einen höheren Rang in diesem Gesellschaftskreise. In seiner jugendlich romantischen Schwärmerei glaubte er, daß sie sich damit begnügen würde, die Frau eines strebsamen Künstlers zu werden, der nichts weiter besaß, als sein Talent und seinen wachsenden Ruf.

Sie war kaum zwanzig Jahre alt, als die beiden sich zum erstenmal begegneten. Ausgestattet mit allen den Reizen ermutigte sie Benedetto in jeder Weise, so daß der arme Junge glaubte, ihre Liebe sei ebenso innig wie die seinige. Aber bei all ihrer leidenschaftlichen Sucht nach Bewunderung und Liebe war sie kaltberechnend, ehrgeizig, oberflächlich und vor allem unfähig, wahre Liebe zu verstehen oder zu erwidern. Sie fühlte sich durch seine leidenschaftliche Huldigung geschmeichelt und war stolz, die Eroberung eines so hübschen und begabten Mannes gemacht zu haben — aber es lag ihr jeder Gedanke ferne, für ihn irgend etwas zu opfern. Selbst dann, wenn sie ihm am zärtlichsten erschien, waren ihre Herzenswünsche darauf gerichtet, die Frau eines venezianischen Edelmannes mittleren Alters zu werden, nach dessen Reichtum und Rang es sie gelüstete, während sie den Mann selbst verachtete.

Das Ende von Benedettos Traum kam nur allzu rasch. Er wagte es, seiner Angebeteten Herz und Zukunft zu Füßen zu legen, indem er ihr die Liebe seiner Seele gestand. Sie nahm dies alles sehr kühl entgegen und erklärte ihm, wie unmöglich es ihr sei, ohne Geld und Stellung zu leben. Schließlich verabschiedete sie ihn mit einer Gleichgültigkeit, die ihn fast wahnsinnig machte. Er verließ Venedig und ging nach Paris, wo er sich in alle Zerstreuungen dieser fröhlichen Stadt stürzte, um seine unglückselige Leidenschaft zu vergessen. So begegneten sich die beiden mehrere Jahre nicht. Da führte Benedettos Schicksal ihn noch einmal nach Venedig zurück — geheilt, wie er hoffte. Er war inzwischen ein berühmter Maler geworden. Die Dame hatte jenen Edelmann wirklich geheiratet und herrschte nun als Schönheit der Gesellschaft, umgeben von einer Menge von Bewunderern, die sie nicht immer bei ihrem Gatten einzuführen für nötig fand. Benedetto war entschlossen, ihr mit kalter Gleichgültigkeit entgegenzutreten, doch seine Absicht stand nicht im Einklange mit ihrem Willen. Einmal ihr Sklave, dann für immer — so war ihre Losung. Noch einmal warb sie um Benedettos Liebe, und sein Herz war leider bereit zu verzeihen, als sie ihm im gefühlvollsten Tone sagte, wie sehr sie den Weg jetzt bedauere, den sie eingeschlagen.

So wurde denn Benedetto ihr geheimer Liebhaber und lebte einige Zeit in einem Rausche von Glück. Doch nur kurze Zeit. Die Dame liebte neue Eroberungen, neue Sklaven, die ihr huldigten. Benedetto in seiner Eifersucht und ewigen Ergebenheit wurde ihr langweilig, seine Anwesenheit lästig. Außerdem war ein anderer Verehrer vorhanden, den die Gräfin bevorzugte. Sie machte Benedetto gegenüber kein Hehl daraus und gab ihn zum zweiten Male den Laufpaß. Er drohte, flehte, schwor, daß er sich erschießen würde, wenn sie sich als treulos erweise. Nach einem heftigen Auftritte trennten sie sich schließlich und Benedetto ging nach Hause. Am nächsten Tage ließ man ihm durch den Diener sagen, daß die Gräfin es ablehne, ihn wiederzusehen. Die bittere Scham darüber, daß man ihn wie altes Eisen beiseite geworfen hatte, war zu viel für seine feurige Natur. Er ging in sein Atelier und schoß sich eine Kugel durch den Kopf.

Als sein Geist zum Bewußtsein kam, geschah es unter all den Schrecken eines lebendig Begrabenen, der in seinem Sarge erwacht. Er hatte seinen irdischen Körper zerstört, aber er konnte seinen Geist von ihm nicht loslösen, bis durch den Verfall des Körpers seine Seele frei wurde. Die ekelhaften Partikelchen des verwesenden Körpers umhüllten noch den Geist, das Band zwischen ihnen war noch nicht getrennt.

Welch schreckliches Schicksal, wenn man sich vorstellt, in welch fürchterlichen Zustand ein unbedachter Schritt aus Lebensüberdruß die Seele zu stürzen vermag! Wollten die Menschen auf Erden einem Selbstmörder wirklich einen guten Dienst erweisen, so würden sie seinen Körper nicht begraben, sondern verbrennen, damit die Seele durch diesen raschen Prozeß eher aus ihrem Gefängnis erlöst werde. Die Seele eines Selbstmörders ist nicht darauf vorbereitet, den Körper zu verlassen; sie gleicht einer unreifen Frucht, die nicht leicht, von dem irdischen Baume fällt, der sie ernährte. Eine starke Erschütterung treibt sie zwar hinweg, aber sie bleibt trotzdem gefesselt, bis das Bindeglied geschwunden ist.

Von Zeit zu Zeit verfiel Benedetto in Bewußtlosigkeit und verlor für eine Weile das Gefühl seiner schrecklichen Lage. Nach dem Erwachen aus solchen Zuständen machte er stets die Beobachtung, daß der irdische Körper ganz allmählich seinen Halt am geistigen verlor und in Staub zerfiel. Aber solange dies dauerte, hatte er in allen seinen Nerven die Qual der langsamen Auflösung zu erdulden. Die plötzliche Zerstörung des irdischen Körpers durch Feuer würde seinem Geiste zwar einen heftigeren Schlag versetzt haben, hätte ihm aber wenigstens die andauernde Qual des allmählichen Verfalls erspart. Endlich wurde die Verbindung zwischen dem materiellen und dem Geistkörper lockerer und letzterer stieg aus dem Grabe empor, über dem er sich aufhielt. Er war zwar noch gebunden, aber doch nicht mehr eingekerkert. Schließlich riß auch das letzte Band, und er konnte sich in der Erdsphäre auf die Wanderschaft begeben.

Im Anfang war seine Fähigkeit, zu hören, zu sehen und zu fühlen nur sehr schwach ausgebildet, dann aber entwickelten sich seine Sinne allmählich und er wurde sich seiner Umgebung bewußt. Mit den Kräften kehrten auch die Leidenschaften und Wünsche seines irdischen Lebens zurück. Zugleich wurde ihm das Wissen zuteil, wie er dieselben befriedigen konnte. Und wieder suchte er wie in seinem Erdenleben, Kummer und Bitterkeit im Rausche sinnlicher Genüsse zu vergessen. Aber dieses Mal vergebens. Sein Erinnerungsvermögen blieb stets wach und quälte ihn mit seiner Vergangenheit. In seiner Seele war ein Durst nach Rache — nach der Macht, sie ebenso leiden zu lassen, wie sie ihn leiden ließ. Die starke Kraft seiner Gedanken führte ihn schließlich dahin, wo sie sich befand. Er traf sie, wie einst umgeben von ihrem kleinen Hofe fröhlicher Verehrer. Sie war immer noch die selbe herzlose Person, die durch sein Schicksal nicht gerührt worden war. Der Gedanke an die furchtbaren Leiden, die die Liebe zu diesem Weibe über ihn gebracht hatte, machte ihn fast wahnsinnig. Schließlich war sein ganzes Sinnen und Trachten, wie er Mittel und Wege finden könne, sie aller jener Dinge zu berauben, die sie höher schätzte als Liebe und Ehre, ja selbst höher als das Leben ihrer Opfer.

Es gelang ihm, dies zu erreichen. Denn Geister haben mehr Macht, als die Sterblichen es sich träumen lassen. Stufe um Stufe sank sie von ihrer stolzen Höhe herab; verlor zuerst ihren Reichtum, dann die Ehre. Entblößt des Scheines wurde sie als das erkannt, was sie wirklich war — als eine gemeine Verführerin, welche mit Männerseelen spielte, unbesorgt um ihres Gatten Ehre und ihren guten Ruf, solange sie ihre Ränke vor den Augen der Welt verbergen und über den Leichnam jedes neuen Opfers hinweg zu größerem Reichtum und höherer Macht gelangen konnte.

Benedetto empfand trotz seines eigenen Elends Trost bei dem Gedanken, daß seine Hand es war, die sie herabzog und ihren verborgenen Eigennutz entlarvte. Sie fragte sich erstaunt, wie es kam, daß alle die vielen Ereignisse nur nach dem einen Ziele drängten nach ihrem Ruine; wie es möglich war, daß ihre sorgfältigsten Pläne durchkreuzt, ihre eifersüchtig gehüteten Geheimnisse an das Tageslicht kamen. Schließlich lebte sie in beständiger Angst vor dem, was jeder neue Tag bringen konnte. Es war ihr, als ob eine unsichtbare Macht am Werke sei, deren Walten sie nicht entrinnen konnte. Da dachte sie an Benedetto und seine letzten Drohungen, daß er sich selbst zur Hölle senden und sie mit sich ziehen würde. Sie hatte geglaubt, er wolle sie vielleicht umbringen. Und als sie hörte, daß er sich erschossen habe, fühlte sie sich erleichtert und hatte ihn bald vergessen. Jetzt aber mußte sie fortwährend an ihn denken und konnte diese Zwangsgedanken nicht los werden. Die Angst, er könnte aus dem Grabe auferstehen und sie heimsuchen, machte sie erbeben.

Während dieser ganzen Zeit stand Benedettos Geist unsichtbar neben ihr und raunte ihr in die Ohren, daß es seine Rache sei, die sie endlich erreicht habe. Er sprach von der Vergangenheit und seiner Liebe, die sich nun in brennenden Haß verwandelt habe. Dieser Haß verzehre ihn wie das Feuer der Hölle, dessen Flammen auch ihre Seele ergreifen und sie zur Verzweiflung treiben würden, so wie ihm geschehen.

Ihre Seele fühlte seine lästige Anwesenheit, wenngleich ihre körperlichen Augen nichts wahrnehmen konnten. Umsonst ging sie überall hin, wo sie Menschen traf, um ihm zu entrinnen. Der Spuk wich nicht von ihrer Seite. Von Tag zu Tag wurde dieses Etwas deutlicher, immer wirklicher, es gab kein Entkommen. Eines Abends endlich sah sie ihn im mattgrauen Zwielicht, mit wild drohenden Augen voll leidenschaftlichen Hasses in jeder Linie seines Gesichtes. Diese Erschütterung war zu stark für ihre überreizten Nerven und sie fiel tot zu Boden.

Nun wußte Benedetto, daß er sein Ziel erreicht und sie getötet hatte, und daß ihm hinfort das Kainszeichen des Mordes auf der Stirne brannte. Da ergriff ihn Entsetzen vor sich selbst; die Tat, die er begangen, erfüllte ihn mit Abscheu. Er hatte beabsichtigt, wenn ihr Geist den Körper verlasse, ihn mit sich herabzuziehen und ihn ewig zu quälen, so daß ihre Seele auch jenseits des Grabes keine Ruhe finden sollte. Doch jetzt war es sein einziges Bestreben, sich selbst und seiner schrecklichen Tat zu entfliehen, denn alles Gute war in diesem Manne nicht erstorben. Der Schlag, welcher die Gräfin tötete, hatte ihm die wahre Natur seiner Rachegefühle zum Bewußtsein gebracht. Da floh er die Erde; immer weiter hinab führte sein Weg bis zu dieser Höllenstadt, dem richtigen Wohnort für solche Verbrecher, wie er einer geworden war.

"An dieser Stelle fand ich ihn", sagte Treuhand. Hier war es, wo ich dem reuigen Manne Beistand leisten und ihm zeigen konnte, wie er sein Unrecht wieder gutmachen könne. Er erwartet nun das Kommen der Frau, die er so sehr liebte und haßte, um sie um Verzeihung zu bitten und ihr selbst zu vergeben. Sie wurde ebenfalls zu dieser Sphäre herabgezogen, denn auch ihr Leben war voller Schuld. Hier, in diesen Gegenstück von jener Stadt, in der die Geschichte ihrer irdischen Liebe spielte, werden sie sich wieder begegnen. Er erwartet sie nun auf dieser Brücke, wo sie ihn in der Vergangenheit so oft getroffen hatte."

"Wird sie bald kommen?"

"Ja! sehr bald. Dann wird sein Aufenthalt in dieser Sphäre zu Ende sein und er wird in eine höhere Sphäre übergehen, wo sein aufgeregter Geist endlich eine Zeitlang Ruhe finden wird, bevor er mühevollen Schrittes den steinigen Weg zum Licht betreten wird."

"Wird sie diese Sphäre mit ihm zusammen verlassen?"

"O nein! Man wird ihr ebenfalls zum Fortschreiten behilflich sein, aber die Wege der beiden gehen weit auseinander. Es bestand keine wirkliche Verwandtschaft zwischen ihnen, nur Leidenschaft, Stolz und verwundete Selbstliebe. Sie werden sich hier trennen, um sich nie wieder zu begegnen."

Wir näherten uns jetzt Benedetto. Als ich ihm auf die Schulter klopfte, fuhr er auf und wandte sich um. Er erkannte mich jedoch nicht sogleich. Da brachte ich mich ihm in Erinnerung und sagte, wie sehr ich mich freue, unsere frühere Freundschaft erneuern und in jenen höheren Sphären fortsetzen zu können, wo wir uns hoffentlich bald wieder treffen würden. Ich erzählte ihm kurz, daß auch ich gesündigt und gelitten hätte und nun meinen Weg nach aufwärts ginge. Unser Wiedersehen schien ihn sehr zu freuen. Er schüttelte meine Hand unter großer Bewegung, als wir uns verabschiedeten. Treufreund und ich gingen dann weg und ließen ihn auf der Brücke zurück, um die letzte Zusammenkunft mit derjenigen zu erwarten, die ihm einst so teuer war und jetzt nur noch eine schmerzliche Erinnerung für ihn bedeutete.

— — —

Als wir uns auf dem Wege von Venedig nach jener Ebene befanden, welche ich jetzt als die geistige Seite der Lombardei erkannte, wurde plötzlich meine Aufmerksamkeit durch eine Stimme erregt, die in jämmerlichem Tone um Hilfe rief. Als ich mich nach rechts wandte, sah ich zwei Geister hilflos am Boden liegen. Der eine gab mir Zeichen, wie um mich zu veranlassen, zu ihm zu kommen. In der Meinung, daß jemand meines Beistandes bedürfe, verließ ich meinen Begleiter und ging, um zu sehen, was es gebe. Der Geist streckte seine Hand nach mir aus und murmelte, ich möchte ihm helfen. Als ich mich niederbeugte, machte er zu meiner Überraschung mit seinen Händen einen Griff nach meinen Beinen und versuchte, mich in den Arm zu beißen. Der andere dagegen erhob sich plötzlich, um mir wie ein Wolf an die Kehle zu springen.

Mit einiger Mühe und, wie ich gestehe, mit einer guten Dosis Zorn schüttelte ich sie ab und trat zurück. Da strauchelte ich plötzlich, und bei dieser Seitwärtsbewegung sah ich, daß sich hinter mir eine tiefe Grube geöffnet hatte, in die ich beim nächsten Schritte nach rückwärts hätte fallen müssen.

Ich erinnerte mich nun der mir gegebenen Anweisungen, meinen niederen Leidenschaften ja nicht die Zügel schießen zu lassen und mich durch ein solches Gebahren nicht auf eine Stufe mit diesen Wesen zu bringen. Der kurze Zornausbruch tat mir daher leid und ich beschloß, künftig ruhig und kalt zu bleiben. Ich wandte mich den beiden Geistern wieder zu und bemerkte, daß der eine, den ich für verwundet gehalten hatte, den Boden entlang auf mich zu kroch, während der andere gleich einem wilden Tiere zum Sprunge bereit war. Indem ich meine Augen ruhig auf das Paar heftete, erkannte ich jetzt in dem einen den Mann mit der geschrumpften Hand und in dem anderen seinen Freund, der mich kürzlich durch die falsche Botschaft zu täuschen suchte. Ich blickte sie ruhig an, indem ich mit meiner ganzen Willenskraft innerlich gebot, daß sie nicht näher kommen dürften. Als ich dies tat, stutzten sie und hielten inne. Dann wälzten sie sich auf dem Boden, indem sie wie Wölfe mit den Zähnen fletschten; sie waren jedoch unfähig, sich mir auch nur einen Schritt zu nähern. In dieser Verfassung verließ ich sie und eilte Treuhand nach, um ihm mein Abenteuer zu erzählen.

Dieser lachte und sprach: "Ich hätte dir sagen können, wer jene beiden waren, Franchezzo. Aber ich fühlte, daß es nicht schaden könne, dich hier dir selbst zu überlassen, damit es dir bewußt werde, welch wertvoller Schutz deine eigene Charakterstärke und Entschlossenheit unter Umständen sein kann. Du bist von Natur aus willensstark. Solange du deinen Willen nicht gebrauchst, um die Rechte anderer zu schmälern, ist er eine wertvolle Eigenschaft. Bei deiner Arbeit in der geistigen Welt wirst du gefunden haben, daß dein Wille der mächtige Hebel ist, durch den du nicht allein auf deine Umgebung wirken kannst, sondern auch auf die scheinbar unbeseelte Materie. Diese beiden Geister werden wahrscheinlich von Zeit zu Zeit deinen Weg kreuzen. Ich denke, daß du ihnen dann wie jetzt zeigen wirst, wer ihr Meister, wer die gebietende Persönlichkeit ist. Sie werden sich scheuen direkt wieder mit dir anzubinden. Solange du aber auf dem Erdenplan arbeitest, wirst du sie stets bereit finden, deine Pläne nach Möglichkeit zu vereiteln."

 

Kapitel 25

Vor unserem Auge entrollte sich in wellenförmigen Linien eine weitausgedehnte Ebene, auf der große Massen dunkler Geister marschierten. Auf Treufreunds Rat hin bestiegen wir eine kleine Anhöhe, um von hier aus diese Bewegungen zu verfolgen.

"Wir werden jetzt", sagte Treufreund, "Zeugen einer jener Schlachten sein, ausgefochten von den feindlichen Streitkräften solcher dunkler Geister, die an Krieg, Plünderungen und Blutvergießen ihre Freude hatten. Hier in der Dunkelheit, welche die Folge ihrer Grausamkeit und Ehrsucht auf Erden ist, üben sie ihre Tätigkeit weiter aus, indem sie um die Vorherrschaft in den Reichen der Hölle miteinander kämpfen. Schau, wie sie ihre Kräfte zu einem Angriff auf die anderen sammeln und beobachte die Geschicklichkeit ihrer Heeresbewegungen. Die mächtigen Geister von Männern, die auf Erden Heere führten, lenken hier die unglücklichen Wesen, welche ihrem Zauber nicht widerstehen können. So zwingen sie die weniger starken Geister, unter ihren Fahnen zu kämpfen, ob sie wollen oder nicht.

Du wirst bemerken, daß diese mächtigen Feldherren in einem schlimmeren als nur tödlichen Kampfe liegen, denn kein Tod kann den Streit beenden. Sie erneuern den Kampf immer wieder, sodaß er bis in alle Ewigkeit zu dauern scheint. Oder bis der eine oder andere Führer schließlich Überdruß empfindet und nach einem höheren Triumph der Seele verlangt als der, welcher über diese armen Wesen in Schlachten zu gewinnen ist, wo der Sieg nur ein neues Recht verleiht, den Besiegten zu quälen und zu unterdrücken. Dieselben Triebe und Gaben, die jetzt in Ehrgeiz und in Verlangen nach Grausamkeit und Herrschaft als einziges Ziel ausgeartet sind, werden geläutert diese Geister zu mächtigen Helfern machen, wo sie jetzt Zerstörer sind. Dieselben Willenskräfte werden dann den Fortschritt im gleichen Maße beschleunigen, wie sie ihn jetzt verzögern. Wann dieser Fortschritt stattfinden wird, hängt für jeden ab vom Erwachen der schlummernden Liebe zur Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit. Wenn auch diese Keime des Höheren zwischen der Masse von Bösen, das sie belastet, verborgen liegen, so wird doch für jeden eine Zeit kommen, wo die höhere Natur erwacht und diese ausgestreuten Keime des Guten zum Treiben bringt. Die Folge davon ist Reue, sowie eine reichliche Ernte von Streben nach guten Werken."

Wir überschauten die weite Ebene und bemerkten jetzt, daß die beiden gewaltigen Geisterheere aufmarschiert waren und sich in Schlachtordnung gegenüberstanden. Hier und dort nahmen wir starke Geister wahr, von denen jeder seine Schar, oder Abteilung, wie bei einer irdischen Armee anführte. Auf dem Flügel der feindlichen Kräfte befanden sich zwei majestätische Wesen, die als Vorbilder zu Luzifer hätten dienen können, so stark war der Eindruck von Macht und hoher Intelligenz, den sie auf mich machten. Jeder von ihnen war schön und stattlich in bezug auf Gesicht und Gestalt — von königlicher Majestät selbst bei der Entwürdigung, die ihnen in der Hölle widerfahren. Aber es war die Schönheit eines wilden Tigers, der seinem Feinde auflauert, um ihn in Stücke zu reißen. Dunkel und abstoßend waren ihre Mienen, grausam wild ihre glühenden Augen und ein falsches Lächeln ließ scharfe Zähne wie die von Raubtieren erkennen. Die List der Schlange war in ihrem Blick und die Gier des Geiers in ihrem Lächeln. Beide fuhren in ihren Streitwagen, gezogen von den Geistern herabgekommener Menschen, die sie wie Lasttiere vorwärts trieben, und die im Gemenge wie das Vieh niedergetreten wurden.

Wilde Musikweisen, die sich wie das Wehgeschrei verdammter Seelen und das Brausen eines gewaltigen Orkans anhörten, erschallten auf beiden Seiten der versammelten Heere. Auf einmal rückten sie vor und fielen übereinander her, indem sie durch die Luft sausten, oder sich am Boden entlang bewegten — stoßend, drängend und trampelnd wie eine Herde wilder Tiere. Wo sie kamen und gingen, erfüllten ihre Flüche als grimmiges Geschrei die Luft und machten die Hölle noch scheußlicher als sie schon war. Sie unternahmen Angriffe und Gegenangriffe, machten Märsche und Gegenmärsche, diese geistigen Armeen des Todes — wie sie es in den Schlachten des Erdenlebens getan hatten. Sie kämpften wie Dämonen, nicht wie Menschen, denn sie hatten keine anderen Waffen als die der wilden Tiere — Zähne und Klauen. Ist schon eine Schlacht mit irdischen Waffen entsetzlich, so war dies hier doppelt der Fall, wo man wie Wolf und Tiger kämpfte, während die beiden mächtigen Führer die Massen vorwärts drängten und sich an ihre Spitze stellten, wenn in Verlauf des Kampfes die eine oder andere Seite zurückgeworfen wurde.

Diese beiden dunklen königlichen Geister ragten aus allen hervor. Jeder auf die Vernichtung des anderen bedacht, erhoben sie sich über die fechtenden Massen und hefteten den Blick in tödlichstem Haß aufeinander. Mit ihren dunklen Gewändern, die sich wie Flügel hinter ihnen ausspannten, durch die Luft fliegend, rangen und stritten sie heiß um die Herrschaft. Es war, als ob zwei Adler in den Lüften miteinander kämpften, während unter ihnen eine Menge Aaskrähen sich um Würmer stritten. Ich wandte mich von den Krähen ab, um die Adler zu beobachten, wie sie, mit keinen anderen Waffen als ihren Händen und ihrem mächtigen Willen, gleich wilden Tieren im Gehölz miteinander kämpften.

Sie stießen keinen Laut aus, sondern faßten sich mit tödlichem Griff, damit keiner sich erhole, und zerrten sich in der Luft hin und her. Bald war der eine, bald der andere oben. Ihre grimmigen Blicke kreuzten sich wie feurige Pfeile, mit ihrem heißen Atem versengten sie sich gegenseitig das Gesicht. Mit ihren Fingern packten sie sich an der Kehle, und jeder suchte seinen Gegner mit den Zähnen zu fassen. Auf und ab wanden sie sich, so daß es ein Todeskampf für beide zu sein schien. Schließlich begann einer schwach zu werden. Der andere kam obenauf und trug ihn zu Boden, um ihn über einen steilen Abhang hinab in eine der Felsenspalten zu stürzen, die das Schlachtfeld umsäumten. Es war eine finstere und grauenvolle Kluft, in die er den Besiegten zu stoßen beabsichtigte, um ihn gefangen zu halten. Der Unterlegene wollte nicht nachgeben und hing sich mit aller Gewalt an den anderen, um ihn wenn möglich mit sich herabzureißen. Jedoch vergebens, seine Kräfte verließen ihn. Als sie die schwarze Spalte erreichten, sah ich, wie der oberste sich durch eine mächtige Anstrengung frei machte und den anderen von sich hinweg in die schreckliche Tiefe hinabschleuderte.

Mit Schaudern wandte ich mich ab und bemerkte, daß der Kampf nicht minder grimmig auf der Ebene gewüstet hatte. Jene Geisterheere hatten heiß gefochten, und die Armee des siegreichen Feldherrn hatte die Streitkräfte des Besiegten zurückgeschlagen, bis sie bezwungen und nach allen Richtungen hin zerstreut waren. Ihre kampfunfähigen Kameraden hatten sie auf dem Felde liegen lassen, während die Sieger ihre Gefangenen mit sich nahmen. Welches Schicksal dieser harrte, konnte ich nur allzuleicht erraten.

Von Ekel und Abscheu über die Roheiten erfüllt, hätte ich den Ort gerne verlassen, aber Treufreund klopfte mir auf die Schulter und sprach: "Nun ist die Zeit für unser Werk gekommen, mein Freund. Laßt uns dort hinabsteigen und sehen, ob niemand da ist, dem wir helfen können. Unter den Besiegten werden wir solche finden, die den Krieg und seine Schrecken ebenso verabscheuen wie du, und die über unsere Hilfe sehr erfreut sein dürften." So stiegen wir dann hinab.

Die Ebene glich einem Schlachtfelde nach Anbruch der Nacht, auf dem nur die Verwundeten und Toten zurückgeblieben. Alle anderen Geister waren auf und davon, wie eine Schar böser Vögel, welche nach frischem Aas suchen. Ich stand jetzt zwischen einer Menge sich krümmender und klagender Wesen und wußte nicht, wo ich mit meiner Hilfe beginnen sollte — es waren der Hilfsbedürftigen so viele! Es war tausendmal schlimmer als auf einem Schlachtfelde der Erde. Dort gab es wenigstens Friede und Todesschlaf, um die Qual zu lindern, und Hoffnung auf Hilfe für die, welche noch lebten. Hier jedoch in dieser grauenvollen Hölle schien es keine Hoffnung, keinen Tod zu geben, der die Leidenden erlöste. Keinen Morgen, der nach der Nacht des Elends heraufdämmern konnte. Wenn sie sich erholten — würde dieses schreckliche Leben nicht von neuem beginnen und stets von diesen grimmigen Bestien von Menschen umgeben sein?

Ich beugte mich nieder und versuchte das Haupt eines Unglücklichen zu heben, der wehklagend zu meinen Füßen lag. Sein geistiger Körper schien zu einer formlosen Masse zermalmt. Als ich dies tat, ertönte die geheimnisvolle Stimme an mein Ohr:

"Auch in der Hölle ist Hoffnung vorhanden, wozu wärst du denn sonst hier? Die dunkelste Stunde ist immer die vor der Dämmerung. Für diese Besiegten und Gefallenen ist nun die Stunde der Verwandlung gekommen. Der Wunsch nach besseren Zuständen, das Zurückschaudern vor dem Bösen ihrer Umgebung hat sie im Vollbringen von Übeltaten der Hölle und ihrer Bewohner schwach gemacht. Er ließ sie zögern, mit der unbarmherzigen Kraft jener anderen herzloseren Wesen vorzugehen. So wurden sie niedergerungen und besiegt, aber ihre Ohnmacht wird ihnen die Pforten zu einem besseren Zustande öffnen. Klage nicht um sie, sondern suche Leiden zu mildern, damit sie in den Todesschlaf dieser Sphäre versinken und in der nächst höheren Sphäre zu neuem Leben erwachen.

"Und was", fragte ich, "soll mit jenem mächtigen Geiste geschehen, der in die dunkle Kluft hinabgestoßen wurde?"

"Auch ihm wird zur rechten Zeit Beistand geleistet werden, doch jetzt ist seine Seele noch nicht reif zur Hilfe. Bis dahin ist jede Bemühung nutzlos."

Die Stimme verstummte. Treufreund zeigte mir, wie ich die Müden in Schlaf versetzen solle und wies auf zahlreiche Lichtpunkte hin, die auf diesem Felde der Qual gleich Sternen sichtbar geworden waren. Sie rührten von unseren Ordensbrüdern her, die gleich uns auf ihrem Wege der Liebe und Barmherzigkeit sich hierhergezogen fühlten. Kurze Zeit nach dem die sich wälzenden, wehklagenden Geister in Bewußtlosigkeit versunken waren, hatte ich ein Gesicht, das seltsam und wundervoll war. Über jeder stillen Gestalt erhob sich schwebend ein schwacher, nebeliger Dunst, wie ich es einst bei einem Geiste beobachtet hatte, den wir gerettet hatten. Allmählich wurden diese Dünste dichter und nahmen die Gestalt seiner erlösten Seele an. Dann wurden diese von Scharen ätherischer Geister, die sich zu unseren Häupten versammelt harren, hinweggetragen, bis endlich der letzte gegangen und das Werk vollendet war.

 

Kapitel 26

Jene Brüder der Hoffnung, die gleich mir den verwundeten Geistern Beistand geleistet hatten, gehörten alle zur selben Abteilung wie ich. Die kleinen Sternenlichter, die wir alle bei uns führten, leuchteten in der Tat wie Symbole der Hoffnung in der Finsternis. Treufreund und ich schlossen uns den anderen an und tauschten Begrüßungen und Glückwünsche aus wie Soldaten, die nach einem erfolgreichen Feldzuge nach Hause zurückkehren.

Bevor wir den Feuerring, der dieses Reich umschloß, wieder durchschritten, führte uns der Leiter unserer Truppe auf einen hohen Berg. Hier konnten wir alle Städte, Ebenen und Gebirge des "Landes der Finsternis" überblicken, die ein jeder von uns auf seiner Wanderschaft berührt hatte. Vom Gipfel des Berges aus vermochten wir das gewaltige Panorama der Hölle vor unseren Füßen zu betrachten. Dann richtete unser Führer folgende feierliche Worte an uns:

"Dieses Land, auf das wir jetzt herabschauen, ist nur ein verschwindend kleiner Teil der großen Sphäre, welche die Menschen mit "Hölle" zu bezeichnen pflegen. Es gibt auch über uns noch dunkle Sphären, wo eine Seele tief zu sinken vermag in schreckliche Verbrechen und Leiden. Die große Zone dunkler Materie, aus welcher diese niedrigste aller Erdsphären gebildet ist, erstreckt sich viele Millionen Meilen um uns her. Sie birgt in ihrem Bereiche alle jene sündhaften Seelen, die ihr materielles Leben auf der Erde verbracht haben. Ihr Dasein geht zurück bis in die entferntesten Zeitalter, wo der Planet Erde die ersten selbstbewußten Wesen heranreifen ließ, deren Bestimmung es war, durch Leiden sich zu erlösen, bis sie sich von allen Schlacken ihrer niederen Natur gereinigt haben würden. Die ungeheure Zahl von Seelen ist gleich den Sternen am Himmel und dem Sande am Meer, denn jeder Mensch baut sich seine Wohnung auf den höheren oder tieferen Ebenen selbst. So werden diese großen Sphären bevölkert und es bilden sich ihre mannigfaltigen Wohnorte heran.

Weit über das Fassungsvermögen eines Sterblichen hinaus ist die Mannigfaltigkeit der Myriaden von Orten in den Sphären, da jeder das individuelle Gepräge des Geistes trägt, durch dessen Lebenstätigkeit er entstanden ist. Wie unter den zahllosen Geschöpfen der Erde nicht zwei Gesichter, nicht zwei Seelen sich völlig gleichen, so stimmen auch in der geistigen Welt keine zwei Plätze überein. Jeder Ort, ja selbst jede Sphäre ist die besondere Schöpfung verschiedener Klassen von Geistern. Und da verwandte Seelen sich in der geistigen Welt zueinander hin gezogen fühlen, wird jeder Platz der besonderen Eigenart seiner Bewohner entsprechen.

Wenn ihr daher eine Beschreibung von einer Sphäre gebt, so könnt ihr natürlich nur erzählen, was ihr gesehen habt und könnt nur jene Orte schildern, von denen ihr angezogen wurdet. Ein anderer Geist, der einen anderen Teil derselben Sphäre gesehen hat, wird diese möglicherweise so ganz anders beschreiben, daß die Menschen, die alle Dinge nach ihrem eigenen Maßstab von Wahrscheinlichkeit messen, behaupten werden, daß ihr beide Unrecht haben müßt, da ihr in der Schilderung so weit auseinandergeht. Sie vergessen, daß Rom nicht Mailand, Genua oder Venedig ist, und doch liegen alle diese Städte in Italien. Alle werden gewisse charakteristische Eigentümlichkeiten, aber auch übereinstimmende nationale Züge haben. Um noch drastischere Beispiele anzuführen: New York und Konstantinopel sind beide Städte auf dem Planeten Erde, doch besteht zwischen ihnen und ihrer Bevölkerung ein so großer Unterschied, daß wir nicht mehr nach gemeinsamen nationalen Eigentümlichkeiten suchen können. Beide sind zwar von der menschlichen Rasse bewohnt, ihrem Äußeren nach, sowie in Gewohnheiten und Sitten aber grundverschieden.

Auf euren Wanderungen zu allen den unglücklichen Wesen, die ihr in dem Sumpf ihrer Sünden kriechend fandet, werdet ihr die unzerstörbaren Keime menschlicher Seelen beobachtet haben. Solange auch die Prüfung einer Seele dauern mag und sie die Stunde ihrer Erlösung durch Verkehrung ihrer Kräfte verzögern kann: allen ist dennoch das ihnen angeborene Recht der Hoffnung zuteil geworden. Für jede Seele wird schließlich die Stunde des Erwachens kommen. Selbst jene, die zu tiefsten Tiefen herabgesunken sind, werden sich erheben und sich wieder zu jener Höhe emporschwingen, von der sie einst ausgegangen waren.

Bitter und schrecklich ist die Schuld, welche die sündige Seele für ihre wilden Ausschweifungen bezahlen muß; aber einmal bezahlt, ist diese beglichen für immer, es gibt keinen unerbittlichen Gläubiger, der zu dem reuigen Verschwender sagen kann: Gehe hin, dein Schicksal ist besiegelt und die Stunde der Erlösung ist verpaßt. O Brüder der Hoffnung! Kann der Mensch in seiner Kleinheit die Allgüte Gottes je ermessen? Kann der Mensch der Gnade des All-Liebenden eine Grenze setzen und behaupten, sie werde einem gramgebeugten Sünder verweigert, wie groß auch dessen Schuld sei? Gottes Stimme spricht zu uns in jedem Grasblatt, das sich entfaltet, in jedem Lichtstrahl, der uns trifft: "Wie groß ist die Güte und Barmherzigkeit unseres Gottes!" Seine Stimme ertönt durch seine Engel und dienenden Geister allen, die bereuen und um Vergebung flehen. Sie verkündet, daß Gnade und Verzeihung stets voll und ganz allen gewährt wird, die sie ernstlich suchen und getreulich streben, sie zu verdienen.

Selbst jenseits des Grabes, ja noch innerhalb der Hölle gibt es Barmherzigkeit und Verzeihung, Hoffnung und Liebe für alle. Kein Atom der unsterblichen Seelenessenz, die dem Menschen eingehaucht zu einer bewußten, lebendigen Individualität herange-wachsen ist, geht jemals wieder verloren, noch wird es der gänzlichen Vernichtung, oder ewigen Pein preisgegeben. Diejenigen, welche anderes lehren, irren — ich hätte fast gesagt: sündigen! Sie verschließen damit dem Menschen die Tür der Hoffnung und machen seine irrende Seele um so mehr zweifeln, je hoffnungsloser sie ist. Denn sie glaubt dann, daß der Tod das Endsiegel der Verdammnis auf ihr Schicksal gedrückt habe. Ich wünsche, daß ihr auf den Erdenplan überall die Wahrheit verkündigt, die ihr auf euren Wanderungen erkannt habt. Seid auch darauf bedacht, daß alle das Gefühl der Hoffnung haben und einsehen, wie notwendig es ist, auf den rechten Weg zu achten, solange es noch Zeit ist. Viel leichter ist es für den Menschen, seine Übeltaten noch auf Erden wieder gutzumachen, als wenn er damit wartet, bis der Tod eine Schranke zwischen ihm und denen gesetzt hat, mit welchen er sich versöhnen möchte.

Alles, was ihr in jenen Höllen gesehen habt, war die Frucht von der Menschen schlechtem Lebenswandel — die Frucht der Werke ihrer eigenen Vergangenheit auf Erden. Nichts war da vorhanden, das einer Schöpfung der wahren Seelennatur entsprochen hätte. So schrecklich euch auch die dunklen Gefängnisse erschienen, so tief erschüttert ihr auch beim Anblick dieser unglücklichen Geister gewesen seid: stets müßt ihr euch erinnern, daß sie sich zu dem, was sie sind, selbst gemacht haben. Gott hat keines Gramms Gewicht der Bürde irgend eines Menschen zugefügt. So muß es Aufgabe eines jeden sein, das wieder gut zu machen, was er zerstört hat, das wieder zu läutern, was er in den Staub getreten hat. Dann werden diese verkommenen Gestalten samt ihrer schrecklichen Umgebung mit glücklicheren Verhältnissen, reineren Körpern und friedlicheren Behausungen vertauscht werden. Wenn endlich im Laufe der Zeit das Gute auf Erden alles Böse überwunden haben wird, werden diese traurigen Gegenden und Plätze hinweggefegt werden, wie der Meeresschaum durch die Wellen der ansteigenden Flut. Klare Wasser des Lebens werden sich über diese Orte ergießen und sie reinigen, bis jene schwarzen Berge, die schwere Atmosphäre und die schmutzigen Wohnplätze im läuternden Feuer der Reue aufgehen.

Nichts ist für immer verloren, nichts kann für ewig vernichtet werden. Jene Atome, die euer Körper heute anzieht, werden morgen wieder abgestoßen und gehen weiter, um andere Formen zu bilden. Die Ausströmungen der geistigen Natur des Menschen bilden jetzt in den Erdsphären Formen. Wenn aber später kein genügend grober Magnetismus mehr vorhanden sein wird, um jene groben Partikelchen zusammenzuhalten, aus denen die niederen Erdsphären bestehen, dann werden diese Atome von der Gefolgschaft der materiellen und geistigen Erde entbunden. Sie schweben dann frei im Äther, bis sie zu einem anderen Planeten hingezogen werden, dessen Sphären ihren Eigenschaften verwandt sind und dessen geistige Bewohner sich auf einer gleichartig-dichten Ebene befinden. So bildeten eben diese Berge und dieses Land hier in der Vergangenheit die niederen Sphären anderer Planeten, die jetzt schon zu hochentwickelt sind, um sie noch anzuziehen. Wenn unsere Erde aufgehört hat sie festzuhalten, werden sie abgestoßen, um die Sphären eines anderen Planeten zu bilden.

So sind auch unsere höheren Sphären aus mehr ätherisierter, aber immer noch stofflicher Materie gebildet, die den Sphären vorgeschrittenerer Planeten entstammt. Ihre Atome werden einst auch unsere Erde verlassen, um von einem Nachfolger wiederum aufgesogen zu werden. Nichts geht verloren, nichts ist wirklich neu. Die Dinge sind nur neue Kombinationen von dem, was bereits bestand und seinem Wesen nach ewig ist. Welch letzte Höhe der Entwicklung wir erreichen werden? Niemand kann es wissen, da es für unsere Erkenntnis und unseren Fortschritt keine Grenzen gibt. Wir müssen selbst die andauerndsten Prüfungen des Erdenlebens in diesen dunklen Sphären als Stufen betrachten, auf denen wir schließlich zum Throne der Himmel hinansteigen.

Was wir sehen und begreifen können, ist die allzeit gegenwärtige Wahrheit, daß die Hoffnung ewig und ein Fortschritt stets möglich ist, selbst für die niedrigste und verkommenste Seele. Diese große Wahrheit sollt ihr allen Menschen predigen, wenn ihr zu den Erdsphären und eurer Arbeit daselbst zurückkehrt. Und wie man auch geholfen hat, so legen euch wiederum Dankbarkeit und Liebe die Verpflichtung auf, anderen Beistand zu leisten.

Laßt uns jetzt diesem dunklen Lande Lebewohl sagen: nicht in Trauer über seine Trostlosigkeit und Sünden, sondern in vertrauensvoller Hoffnung und im ernsten Gebet für die Zukunft aller, die sich noch in den Fesseln des Leidens und der Sünde befinden."

Nachdem unser großer Führer seine Ansprache geschlossen hatte, warfen wir noch einen letzten Blick auf das dunkle Land. Vom Berge herabsteigend, durchschritten wir noch einmal den Feuerring, dessen Partikel wie zuvor durch unseren Willen zur Seite getrieben wurden, so daß wir in voller Sicherheit hindurch konnten.

Hiermit waren meine Wanderungen in den Reichen der Hölle beendet.

*   *   *

 

DURCH DIE GOLDENEN PFORTEN

 

 

Kapitel 27

Bei der Rückkehr in das Land der Dämmerung wurde uns von der Brüderschaft ein königlicher Empfang zuteil, und ein Fest wurde uns zu Ehren veranstaltet. In unseren kleinen Zimmern fand jeder ein neues Gewand für sich bereit gelegt. Es war von hellgrauer, fast weißer Farbe, während Saum, Gürtel und das Abzeichen unseres Ordens — ein Anker und ein Stern auf dem linken Arm — in tiefen Goldgelb gehalten waren.

Ich schätzte dieses neue Gewand hoch, denn im Jenseits versinnbildlicht das Kleid die Entwicklungsstufe eines Geistes und gilt als Ausweis für dessen Errungenschaft. Noch teurer als dieses neue Gewand war mir jedoch ein Kranz von reinen, weißen Geisterrosen, die um das magische Bild meiner Geliebten gewachsen waren und es einfaßten — ein Rahmen der niemals welkte und dessen Wohlgeruch zu mir herüberduftete, als ich mich auf mein schneeweißes Ruhebett niederlegte.

Ein Freund, der mich zum Feste rief, weckte mich aus meiner Träumerei. Als ich den großen Saal betrat, fand ich darin meinen Vater und einige Freunde, die ich von meinen Wanderungen her kannte. Wir begrüßten einander mit großer Herzlichkeit, und nachdem wir ein ähnliches Mahl zu uns genommen hatten wie bei meinem ersten Eintritt in diese Sphäre, versammelten wir uns alle am unteren Ende des Saales vor einem Vorhang in Grau-Gold, der die Wand vollständig bedeckte.

Wie von einem vorüberziehenden Windhauch getragen, traf nun eine sanfte Melodie unser Ohr. Diese wurde voller und deutlicher, bis wir in feierlich ernstem Takt einen Marsch vernahmen, erhaben und voll Pathos. Dann glitt der Vorhang zur Seite und ein riesiger Spiegel von schwarzpoliertem Marmor wurde sichtbar. Die Musik ging in einen anderen Takt über, zwar immer noch erhaben und feierlich, doch mit Disharmonien untermischt. Sie wurde unsicher und ungleichmäßig im Takt, und in schleppendem Tempo erklang ihre Weise.

Der Raum um uns her verdunkelte sich, bis wir kaum die Gesichter der anderen erkennen konnten. Langsam schwand das Licht und schließlich war die schwarzpolierte Fläche des riesigen Spiegels alles, was wir zu sehen vermochten. In ihm nahm ich die Gestalten zweier Mitglieder unserer Expedition wahr. Sie bewegten sich, sprachen miteinander, und die Szenerie um sie herum trat deutlich hervor. Diese stellte eine Gegend in der Hölle dar, die wir verlassen hatten. Die gespensterhafte Musik rührte meine Seele zutiefst und über dem Anblick des Dramas, das sich vor meinen Augen entrollte, vergaß ich alles. Es war mir, als ob ich noch einmal in den dunklen Tiefen der Hölle wanderte.

Bild um Bild erschien, bis man uns die verschiedenen Erfahrungen eines jeden unserer Truppe — vom geringsten Mitglied an bis zu unserem Führer selbst — vor Augen geführt hatte. Die letzte Szene zeigte die ganze versammelte Schar auf dem Berge, wie sie der Abschiedsrede unseres Führers lauschte. Gleich dem Chore in einer griechischen Tragödie schien die Musik alles zu begleiten und auszumalen. Jeder Stimmung und Handlung des Dramas gab sie entsprechenden Ausdruck, traurig und sorgenschwer, voller Ruhe und Triumph, dann wieder klagend, stöhnend, kreischend, oder in ein leises, wiegendes Lied übergehend, als ob eine arme gerettete Seele endlich Ruhe gefunden hätte. Dann schwoll sie wieder zu wilden Akkorden von Geheul, grimmigem Schlachtgeschrei, rauhen Flüchen und Verwünschungen an; jetzt in die tosenden Wogen einer rauschenden Weise ausbrechend, dann unter gebrochenen disharmonischen Tönen dahinschmelzend.

Als endlich die Schlußszene vorgeführt wurde, klang sie in einer Klage-Arie von höchster Lieblichkeit aus und erstarb dann allmählich. Nachdem die Musik verstummt war, schwand die Dunkelheit und der Vorhang schloß sich wieder über dem schwarzen Spiegel. Wir alle wandten uns mit einem Seufzer der Erleichterung dankerfüllt ab, um einander zu beglückwünschen, daß unsere Wanderungen in jenem dunklen Lande überstanden waren.

Ich fragte meinen Vater, auf welche Weise diese Wirkung hervorgerufen worden sei, ob es eine Illusion oder sonst etwas gewesen wäre.

"Mein Sohn", antwortete er, "was du gesehen hast, ist eine Nutzanwendung höherwissenschaftlicher Erkenntnis. Dieser Spiegel hat die Eigenschaft, daß er Bilder aufnimmt und reflektiert, die von einer Reihe von dünnen Metallplatten — oder richtiger den geistigen Teilen von Platten irdischen Metalls auf ihn geworfen werden. Die Metallplatten selbst werden so hochempfindlich gemacht, daß sie imstande sind, jene Bilder aufzunehmen und festzuhalten. Der Vorgang hierbei ist ähnlich dem, als wenn ein Phonograph, den du aus deinem Erdenleben kennst, die Schallwellen auffängt und bewahrt.

Während eurer Wanderung in jenen dunklen Sphären wurdet ihr in magnetische Verbindung mit diesem Apparat gebracht; die Erlebnisse eines jeden von euch wurden dadurch auf eine dieser sensitiven Platten übertragen. Die Gemütsbewegungen der einzelnen Expeditionsteilnehmer machten die entsprechenden verwandten Töne in den Sphären der Musik vibrieren.

Du gehörst zu den Sphären, in denen Kunst, Musik und Literatur sich bewegen. Deshalb bist du fähig, die Schwingungen dieser Ebenen zu sehen, zu fühlen und zu verstehen. In der geistigen Welt spiegeln sich alle Gemütsbewegungen, Reden oder Ereignisse in sichtbaren Formen wieder. Sie werden für diejenigen, welche sich mit diesen Formen und Schwingungen in Harmonie befinden, zu Bildern, Melodien, oder gesprochenen Erzählungen. Die geistige Welt ist durch die Gedanken und Handlungen der Seele geschaffen, deshalb bringt jede Tat und jeder Gedanke ein geistigmaterielles Gegenstück hervor. In dieser Sphäre wirst du manchem begegnen, was bis jetzt den Menschen auf Erden nicht bekannt ist. Viele merkwürdige Erfindungen wirst du kennen lernen, die mit der Zeit der Erde übermittelt und dort in irdische Form gekleidet werden. Doch siehe! Du sollst jetzt den Palmenzweig in Empfang nehmen, den jeder von euch als Siegespreis erhält."

In diesem Augenblicke öffneten sich die breiten Türen des Saales und unser Großmeister trat ein. Er war von demselben Zuge hübscher Jünglinge gefolgt wie früher, nur daß dieses Mal jeder einen Palmenzweig statt des Lorbeerzweiges trug. Nachdem der Großmeister unter seinem Baldachin Platz genommen hatte, wurde jeder aufgefordert, vor ihm zu erscheinen, um seinen Zweig in Empfang zu nehmen. Als dies geschehen, sangen wir alle eine frohe Siegeshymne, wobei unsere jauchzenden Stimmen die Luft in triumphierender Harmonie erzittern ließen.

— — —

Ich pflegte nun eine längere Zeit der Ruhe, in jenem halb wachen, halbschlafähnlichen Zustande, wo der Geist zu ermüdet ist, um zu denken und doch das volle Bewußtsein von dem hat, was um ihn vorgeht. Aus diesem Zustande, welcher einige Wochen andauerte, erwachte ich, als ich mich von den Nachwirkungen in den dunklen Sphären vollständig erholt hatte.

Mein erster Gedanke war, meine Geliebte zu besuchen und festzustellen, ob sie sich meiner Erscheinung bewußt werde. Ich will jedoch bei der Schilderung dieses Wiedersehens nicht verweilen — ich habe ja nur zu zeigen, daß der Tod nicht notwendigerweise unsere Zuneigung für die, welche wir verlassen haben, endet. Ich fand, daß es mir jetzt viel besser gelang, mit meiner Geliebten durch deren eigene mediale Kräfte zu verkehren und wir daher keiner dritten Person mehr bedurften, um zwischen uns zu vermitteln. So fühlte ich mich denn im Bewußtsein, daß ihre treue Liebe mich geleitete und sie von meinen Fortleben überzeugt war, in meinem Wirken stets erhoben und beglückt.

Mein Arbeitsfeld war zu jener Zeit wieder einmal der Erdenplan. Ich hatte in jenen Städten zu tun, deren geistige Gegenstück ich in der Hölle gesehen hatte. Meine Aufgabe bestand darin, die Gemüter der Sterblichen und Geister, welche daselbst wohnten, mit dem Gefühl dessen zu beeindrucken, was ich unten in jener dunklen Sphäre erlebt hatte. Ich wußte daß ich das Gefühl der Furcht vor der künftigen Vergeltung begangener Missetaten bei ihnen nur ein klein wenig aufrütteln könne. Aber auch das konnte dazu dienen, den einen oder anderen Menschen vor einer allzugroßen Befriedigung der Sinne abzuschrecken. Überdies fand ich unter den erdgebundenen Geistern dieser Städte viele, denen ich mit der Erfahrung und Kraft Beistand leisten konnte, die ich mir auf meiner Reise erworben hatte.

Es ist stets viel Beschäftigung für jene vorhanden, die auf dem Erdenplan tätig sind. Denn so zahlreich auch die Arbeiter daselbst sein mögen, so sehr bedarf man ihrer immer, da doch jede Minute Menschen aus dem Erdenleben scheiden, die hier alle geistiger Hilfe bedürfen.

— — —

Nach einigen Monaten begann ich wieder das ruhelose Verlangen nach weiterem Fortschritt zu verspüren. Ich sehnte mich darnach, mehr als seither zu erreichen, um jener Sphäre näherzukommen, in die meine Geliebte nach ihrem Tode übergehen wird. Zu solcher Zeit pflegte ich von der beständigen Angst gepeinigt zu werden, daß mein Liebling die Erde verlassen könnte, bevor ich mich zu ihrer geistigen Stufe aufgeschwungen, so daß ich dann wieder von ihr getrennt wäre. Dies war es, das mich stets zu neuen Siegen über mich selbst trieb und mich sogar mit meinem jetzigen Fortschritt unzufrieden machte. Ich wußte, daß ich hart an meiner Selbstveredelung gearbeitet hatte und wunderbar rasch vorwärts gekommen war. Trotz alledem aber quälten mich noch Gefühle der Eifersucht und des Argwohns, die eine Folge meiner Veranlagung und irdischen Erfahrungen waren.

Es gab Zeiten, wo ich sogar an der Beständigkeit meiner Geliebten zu zweifeln begann. Trotz der vielen Beweise ihrer Liebe fürchtete ich, während meiner Abwesenheit könnte irgend ein Mann mir ihre Liebe abgewinnen. Durch diesen unwürdigen Wunsch, sie beständig zu überwachen, lief ich Gefahr, neuerlich erdgebunden zu werden. Glaubt nicht, ein Geist habe im Moment der Auflösung all sein Denken und Wünschen geändert — wie wenig kennt ihr die Bedingungen des anderen Lebens jenseits des Grabes! Wie erschreckend langsam ändern wir die Gedankenrichtung, die wir in unserem Erdendasein gepflegt haben, wie lange haftet sie uns im geistigen Zustande noch an!

Ich war damals bezüglich meines Charakters fast noch ganz das, was ich auf Erden gewesen. Nur allmählich lernte ich einsehen, worin mein Denken falsch und voller Vorurteile war — eine Aufgabe, deren Lösung sich durch viel höhere Sphären hindurchzieht, als ich damals erreicht hatte.

Selbst im Zustande der Angst und des Zweifels empfand ich wegen dieser Regungen Scham und Reue, und wußte auch, wie unbegründet sie waren; dennoch konnte ich mich davon nicht frei machen. Die Erfahrungen meines irdischen Daseins hatten mich Argwohn und Mißtrauen gelehrt und die Geister meines Erdenlebens wurde ich nicht so leicht los.

Während ich unter dieser Selbstquälerei litt, kam Ahrinziman und sagte mir, wie ich mich von diesen Schatten der Vergangenheit befreien könne:

"Nicht weit von hier befindet sich das "Land der Reue"; würdest du es besuchen, so könnte die Reise dir sehr von Nutzen sein. Denn wenn seine Berge und Täler einmal durchschritten und seine Schwierigkeiten überwunden sind, wird dir die wahre Natur deines Erdenlebens und seiner Fehler klar vor Augen treten, was sich für deine Seele als ein großes Mittel zum Fortschritt erweisen dürfte. Eine solche Reise wird aber voller Bitterkeit und Kummer sein; denn du würdest dort die Handlungen deiner Vergangenheit in ihrer ganzen Nacktheit enthüllt sehen — Handlungen, für die du bereits zum Teil Sühne geleistet hast, sie aber noch nicht so beurteilst, wie es höhergeistige Intelligenzen tun.

Nur wenige, welche vom Erdenleben herüberkommen, kennen die wahren Gründe, die sie zu ihren Handlungen getrieben haben. Bei vielen dauert es Jahre, bei einigen Jahrhunderte, bis sie zu dieser Erkenntnis kommen, denn sie entschuldigen und rechtfertigen ihre Übeltaten vor ihrem Gewissen. Ein Land wie das, von dem ich spreche, ist für ihre Erleuchtung sehr wertvoll. Die Reise muß jedoch freiwillig unternommen werden und wird dann den Weg des Fortschritts um Jahre kürzen.

In jenem Lande sind die Lebensschicksale der Menschen in Bildern aufbewahrt, die sich in der wunderbaren geistigen Atmosphäre spiegeln und die Gründe für alle Fehlschläge verdeutlichen. Sie zeigen die feineren Ursachen an, die in unseren Herzen am Werke waren und das Leben eines jeden gestalten. Es würde eine kühne und strenge Selbstprüfung sein, durch welche du da gehen müßtest — eine bittere Erfahrung für deine eigene Natur. Aber sie ist doch eine heilkräftige Medizin, die deine Seele von den Krankheiten des Erdenlebens befreien würde, die ihr noch anhaften."

"Zeige mir«, antwortete ich, "wo das Land ist, und ich werde hingehen."

Ahrinziman nahm mich auf den Gipfel eines jener düsteren Berge die ich vom Fenster meines Zimmers aus sehen konnte. Indem er mich an eine Stelle führte, von wo wir eine weite, durch eine andere Bergkette begrenzte Ebene übersehen konnten, sagte er:

"Auf der anderen Seite jener entfernten Berge liegt das merkwürdige Land, von den ich spreche: ein Land, das die meisten Geister durchwandern müssen, deren Leben Veranlassung zu Sorge und Reue gab. Solche, deren Fehler nur gering waren und in alltäglichen Schwächen bestanden, wie sie allen Menschen gemeinsam sind, kommen nicht dahin; es gibt für sie andere Mittel, durch die sie über die Quelle ihrer Irrtümer aufgeklärt werden können. Dieses Land ist ganz besonders nützlich für Leute mit großen Fähigkeiten und starkem Willen, die leicht begreifen, freimütig bekennen, worin sie Unrecht getan haben, und dadurch vorwärts schreiten. Gleich einem kräftigen Reizmittel würde diese Sphäre viel zu stark auf schwache, irrende Geister wirken. Durch eine rasche und lebhafte Erkenntnis aller ihrer Sünden würden sie sich nur bedrückt und entmutigt fühlen. Solche Geister müssen Schritt für Schritt, immer nur ein wenig auf einmal weiter geführt werden. Du aber, der du starken Herzens und voll Mutes bist, wirst nur um so rascher steigen, je eher du die Natur der Fesseln erkennst, die deine Seele gebunden haben."

"Wird diese Reise lange Zeit in Anspruch nehmen?"

"Nein, sie wird nur von kurzer Dauer sein — zwei oder drei Wochen nach Erdenzeit. Denn, wie ich sehe, ist der Schatten, den deine beabsichtigte Abreise vorauswirft, von dem Bilde deines zurückkehrenden Geistes dicht gefolgt. Damit wird angedeutet, daß beide Ereignisse durch keinen großen Zeitraum voneinander getrennt sind. In der geistigen Welt, wo man die Zeit nicht nach Tagen oder Stunden zählt, beurteilen wir die Dauer, wie lange ein Ereignis bis zu seinem Eintreffen braucht, nach der größeren oder geringeren Entfernung, in der es unserem geistigen Schauen erscheint. Aus dem Umstand, ob der Schatten, den ein kommendes Ereignis vorauswirft, die Erde berührt oder noch von ihr entfernt ist, versuchen wir zu schließen, welches die Zeit nach irdischen Merkmalen sein dürfte. Selbst die Weisesten von uns sind jedoch nicht immer imstande, dies mit völliger Genauigkeit zu tun. Ebensowenig ist es jenen, die mit Freunden auf Erden verkehren, möglich, das genaue Datum zukünftiger Ereignisse zu bestimmen, da viele Umstände den Zeitpunkt verschieben können. Ein Ereignis kann sich oft sehr nahe zeigen. Aber statt auf den Sterblichen mit derselben Geschwindigkeit weiterhin zuzueilen, mag es verzögert, oder manchmal sogar durch eine stärkere Kraft als die, die es in Bewegung gesetzt hatte, ganz abgewendet werden."

Ich dankte meinem Führer für seinen Rat und wir trennten uns. Es war mir sehr daran gelegen, rasch vorwärts zu kommen, so daß ich schon kurze Zeit nach dieser Unterredung meine neue Reise antrat. Sie verlief nicht so rasch, als es bei meinen früheren Wanderungen im Geisterlande der Fall war. Denn jetzt hatte ich die volle Last meiner begangenen Sünden auf mich genommen und sie drückte mich fast zu Boden, in dem sie mich zu langsamen und mühsamen Bewegungen zwang. Einem Pilger ähnlich, trug ich ein grobes, graues Gewand; meine Füße waren nackt und mein Haupt unbedeckt. In der geistigen Welt bilden sich Kleidung und Umgebung je nach dem Gemütszustande der Seele, und mir war damals zu Mute, als ob ich Sackleinwand trüge und Staub und Asche auf mein Haupt gestreut hätte.

Als ich endlich jene düsteren, weitabgelegenen Berge hinter mir hatte, befand sich vor mir eine weite Ebene — eine große Wüste, auf welcher der unfruchtbare Sand meines irdischen Lebens ausgestreut lag. Kein Baum, kein Strauch, kein grünes Blatt war vorhanden; kein erfrischendes Wasser sprudelte vor mir, um neue Hoffnungen auf Glück zu wecken. Da gab es keinen Schatten, wo die müden Glieder hätten Ruhe finden können. Das Leben derer, welche diese Ebene auf der Suche nach Ruhe durchquerten, war reiner und selbstloser Gefühle bar und entbehrte jener Selbstverleugnung, die allein imstande ist, die Wüste in ein blühendes Rosenfeld zu verwandeln und an ihren Wegen erquickende Wasser hervorspringen zu lassen.

Ich stieg in die traurige Einöde hinab und folgte einem schmalen Pfade, der zu den Bergen auf der anderen Seite zu führen schien. Die Bürde wurde mir fast zu schwer und ich hatte Lust, sie niederzulegen — aber vergebens: ich konnte mich ihrer keinen Augenblick entledigen. Auf dem heißen Sande lief ich meine Füße wund und jeder Schritt wurde mir zur Qual. Während ich so langsam vorwärts schritt, erschienen mir die Genossen und Begebenheiten früherer Tage in Bildern nach Art von Luftspiegelungen, wie sie von irdischen Wüstenreisenden beobachtet werden.

Wie bei einer schnellen Fahrt eine Landschaft in der anderen verschwindet, so ging hier eines in das andere über und gab stets neuen Szenen Raum. Zwischen den Bildern bewegten sich die Freunde und Fremden die ich gekannt hatte. Längst vergessene lieblose Gedanken und Worte, die ich zu ihnen gesprochen hatte, zogen anklagend an mir vorüber. Die Tränen, welche ich andere zu vergießen veranlaßt, die grausamen Worte mit denen ich meine Umgebung verletzt hatte, traten mir bildhaft entgegen. Tausend unwürdige Gedanken und selbstsüchtige Handlungen meiner Vergangenheit tauchten noch einmal vor mir auf — Bild um Bild — bis ich schließlich nach dieser langen Reihe überwältigt von meiner Schuld zusammenbrach. Indem ich meinen Stolz in alle Winde jagte, beugte ich mich in den Staub und weinte bittere Tränen der Scham und des Kummers. Und während meine Tränen auf den trockenen Sand niederfielen, sproßten um mich her kleine Blumen wie weiße Sterne auf, und jede kleine zarte Blüte barg in ihrem Innern einen Tautropfen. So wurde jene Stelle, wo ich in ehrlicher Zerknirschung niedergesunken war, zu einer kleinen Oase der Schönheit in jener traurigen Wüste.

Ich pflückte zur Erinnerung an diesen Ort einige der kleinen Blumen und barg sie an meiner Brust, worauf ich mich erhob und weiterging. Zu meiner Überraschung waren jetzt die Bilder nicht mehr sichtbar; statt dessen bemerkte ich vor mir eine Frau, die ein kleines Kind trug. Dieses schien zu schwer für ihre Kraft und jammerte vor Müdigkeit und Furcht. Auf die beiden zueilend, bot ich ihr an, das arme Kleine zu tragen, denn ich war beim Anblick seines ängstlichen Gesichtes und müden Köpfchens tief gerührt. Die Frau starrte mich einen Augenblick an und legte dann das Kleine in meine Arme. Als ich das arme Geschöpf mit einem Teil meines Gewandes bedeckte, schlummerte es ruhig ein.

Die Frau erzählte mir, daß es ihr Kind sei, aber sie habe in ihrem irdischen Leben nicht viel Liebe für dasselbe übrig gehabt. "Eigentlich", sagte sie, "wollte ich überhaupt kein Kind. Als dieses Kleine kam, langweilte es mich, und ich vernachlässigte es. Als es dann größer wurde, und, wie ich glaubte, ungezogen und mürrisch war, schlug ich es, schloß es in ein dunkles Zimmer ein und verfuhr auch sonst hart und lieblos mit ihm. Schließlich starb es im Alter von fünf Jahren; ich selbst erlag kurz nachher einer Krankheit. Seit meinem Eintritt in die geistige Welt verfolgt mich nun das Kind. Man hat mir schließlich geraten, diese Reise zu machen und das Kind mit mir zu nehmen, da ich mich von seiner Gesellschaft nicht zu befreien vermag."

"Und fühlst du auch jetzt keine Liebe für das arme kleine Ding?"

"Nein, ich könnte nicht behaupten, daß ich es liebgewonnen habe. Offenbar bin ich eine jener Frauen, welche überhaupt nicht Mutter werden sollten — jedenfalls mangelt mir bis heute jedes mütterliche Gefühl. Ich liebe das Kind nicht, aber es tut mir jetzt leid, daß ich nicht freundlicher zu ihm war. Auch sehe ich ein, daß das vermeintliche Pflichtgefühl, das Kind auf eine so strenge, lieblose Weise erziehen zu müssen, nur eine Beschönigung meiner eigenen Härte war und des Unwillens, den die Sorge um das Kind mir verursachte. Es ist mir klar, daß ich damit Unrecht getan habe, aber ich kann nicht sagen, daß ich viel Liebe für das Kind besitze."

"Willst du es auf deiner ganzen Reise bei dir behalten?" fragte ich. Ich empfand ein solches Mitleid mit dem kleinen ungeliebten Ding, daß ich es herzlich küßte. Da legte es seine kleinen Arme um meinen Nacken und lächelte mich im Halbschlafe so dankbar an, daß es der Frau hätte zu Herzen gehen müssen. In der Tat wurde auch ihr Antlitz milder und etwas liebevoller erwiderte sie:

"Ich glaube, daß ich es nur noch eine kurze Strecke Wegs zu tragen habe. Dann wird es in eine Sphäre gebracht werden, wo sich gleich ihm viele Kinder befinden, deren Eltern sich nicht um sie bekümmern, und die unter der Obhut von Geistern stehen, die Kinder gerne haben."

"Es freut mich, dies zu hören", sagte ich. Nachdem wir noch ein wenig weiter zusammen gegangen waren, erreichten wir eine kleine Felsengruppe, bei der sich ein Wassertümpel befand. Neben diesem legten wir uns zur Ruhe nieder, ich schlief sofort ein, und als ich wieder erwachte, waren Frau und Kind verschwunden.

Ich erhob mich daher, um meinen Weg wieder aufzunehmen, und gelangte kurz darauf zum Fuße der Berge, welche mein Stolz und Ehrgeiz geschaffen hatten. Hart, steinig und steil war der kaum fußbreite Pfad. Manchmal schien es, als ob die Felsen, welche selbstsüchtigem Stolz ihr Entstehen verdankten, sich als zu steil erwiesen, um sie besteigen zu können. Während ich sie erklomm, erkannte ich meinen Anteil an ihrer Bildung, und welche Atome mein Stolz dazu geliefert hatte.

Wenige von uns kennen die Geheimnisse ihres eigenen Herzens. Wir glauben so oft, daß da, wo wirklich nur reine Selbstüberhebung vorliegt, ein edler Ehrgeiz waltet, der uns im Kampfe um Rang und Stellung in der Welt beseelt.

Mit Scham erfüllte mich der Rückblick auf meine Vergangenheit. Als sich ein großer Fels um den andern auftürmte, erkannte ich in diesen die geistigen Symbole der Steine des Anstoßes, die ich meinen schwächeren Brüdern in den Weg gelegt hatte. Mich verlangte danach, mein irdisches Dasein noch einmal durchleben zu dürfen, um bei Gelegenheiten dort zu ermutigen, wo ich einst verdammte, und aufzuhelfen, wo ich einst unterdrückte.

Ich war mir selbst gegenüber so hart, daß ich niemals mit einer meiner eigenen Leistungen zufrieden war. So glaubte ich berechtigt zu sein, an alle, die sich mit meiner schönen Kunst befaßten, dieselben hohen Anforderungen stellen zu dürfen. Für die alltägliche Mittelmäßigkeit hegte ich keine Sympathie; solche zu unterstützen hatte ich keine Lust. Es war mir damals unbekannt, daß diese schwachen Kräfte Keimen glichen, die auf Erden zwar niemals zu nennenswerter Bedeutung gelangen, sich aber im großen "Hernach" zur vollkommenen Blüte entfalten. Als ich meine ersten Erfolge feierte, war ich von ehrgeizigsten Träumen erfüllt. Wenn auch in späteren Jahren Enttäuschungen mich so etwas wie Mitleid für das Ringen der anderen gelehrt hatten, so konnte ich doch keine wahre Sympathie für ihren Kampf ums Dasein fühlen. Jetzt erkannte ich, daß der Mangel an Mitgefühl es war, der diese für meine Anmaßung so typischen Felsen geschaffen hatte.

Bei dieser Entdeckung ergriffen mich Kummer und Reue. Ich blickte umher, ob nicht ein Schwächerer in der Nähe sei, bei dem etwaige Hilfe auf seinem Wege nicht zu spät käme. Da sah ich auf dem harten Pfade über mir einen jungen Mann, dessen Kräfte fast erschöpft waren bei dem Versuch, diese Felsen zu erklimmen, die Familienstolz und eine Sucht nach Reichtum gebildet hatten. Er war im Begriffe, den Vorsprung eines Felsens zu ersteigen und schien so ermüdet, daß er jeden Augenblick herabzustürzen drohte. Bald hatte ich die Stelle erreicht, wo er sich befand. Mit Mühe und Not gelang es mir endlich, ihn auf den Gipfel jener Felsen zu ziehen. Ich war um so mehr bereit, ihm Beistand zu leisten, als ich bei dem Gedanken, wie viele schwache Seelen ich in der Vergangenheit unterdrückt hatte, tiefe Reue empfand.

Als wir am Gipfel uns zur Ruhe niedergelegt hatten, bemerkte ich, daß ich selbst durch die scharfen Steine zerschunden war, über die wir gestolpert waren. Ich fand aber auch, daß während der Mühen des Anstiegs die Last des selbstsüchtigen Stolzes von mir abgefallen war. Und als ich auf den zurück gelegten Weg hinabschaute, tat ich von neuem in Sack und Asche Buße und beschloß, auf die Erde zurückzugehen, um zu versuchen, einigen Schwachen aufzuhelfen. Wo ich früher eine furchtsam strebende Seele geknickt hatte, wollte ich jetzt ermutigen. Wo meine scharfe Zunge und mein beißender Spott verwundet hatten, wollte ich zu heilen suchen. Die Erkenntnis dämmerte nun in mir auf, daß niemand seinen weniger begabten Bruder verachten, oder dessen Hoffnungen vernichten sollte, weil sie seinem vorgeschritteneren Geiste unbedeutend und gering erscheinen.

Lange saß ich auf jenem Berge und dachte über diese Dinge nach, während der junge Mann, den ich unterstützt hatte, ohne mich weiter ging. Endlich erhob auch ich mich und nahm meinen Weg einer tiefen Schlucht zu, über die eine baufällige Brücke führte, deren Zugang durch ein hohes Tor versperrt war. Davor warteten viele Geister und versuchten, es auf die verschiedenste Weise zu öffnen. Einige wendeten Gewalt an, andere versuchten darüberzuklettern, wieder andere glaubten, einen geheimen Verschluß entdecken zu müssen. Bei meiner Annäherung zogen sich sechs oder sieben Geister, die sich noch am Tore zu schaffen gemacht hatten, zurück, neugierig zu sehen, was ich wohl beginnen würde. Das Tor war so hoch und glatt, daß niemand es erklettern konnte, so stark, daß niemand daran denken durfte es zu sprengen, und so fest geschlossen, daß keine Möglichkeit gegeben war, es zu öffnen.

Als ich verzweifelt überlegte, was ich jetzt beginnen sollte, sah ich in meiner Nähe ein armes Weib bitterlich über ihr Mißgeschick weinen: sie sei schon längere Zeit da und habe vergebens versucht, das Tor zu öffnen. Ich tat mein Bestes, ihr alle mögliche Hoffnung zu machen; da versank die feste Pforte vor unseren Augen und wir schritten hindurch. Ebenso plötzlich wie sie verschwunden war, tauchte sie dann wieder hinter mir auf. Die Frau war nirgends mehr zu sehen, dagegen stand an der Brücke ein alter, tiefgebeugter Mann. Während ich das merkwürdige Tor noch anstaunte, sagte eine Stimme zu mir: Dies ist das "Tor der liebreichen Gedanken und Taten". Jene Geister auf der anderen Seite müssen noch warten, bis ihre guten Gedanken und Handlungen für andere schwer genug wiegen, um das Tor niederzudrücken. Dann wird es sich auch für sie öffnen wie bei dir, der du anderen so tapfer zu helfen suchtest.

Ich ging nun auf die Brücke zu, wo der alte Mann hilflos stand und mit seinem Stabe nach dem Weg tastete. In der Sorge, er könne vielleicht eine schadhafte Stelle der Brücke übersehen und hindurchfallen, sprang ich rasch vor und bot mich an, ihm hinüberzuhelfen. Doch er schüttelte sein Haupt und sagte: "Nein, nein, junger Mann, die Brücke ist zu morsch, sie wird niemals dein und mein Gewicht zusammen tragen. Gehe du nur weiter und lasse mich hier mein Bestmögliches tun."

"Nicht so, du bist alt und schwach, und wenn ich dich verlasse, so wirst du wahrscheinlich an der schadhaften Stelle abstürzen. Nun, ich bin stark und kräftig, werde schon einen Ausweg finden."

Ohne seine Antwort abzuwarten, lud ich ihn auf meinen Rücken, indem ich ihn anwies, sich an meinen Schultern zu halten. So schickte ich mich an, die Brücke zu überschreiten. Teufel! Was dieser alte Mann für ein Gewicht hatte! Und die Brücke gar! Sie krachte, ächzte und bog sich unter unserem Gewicht. Ich glaubte, wir müßten beide in den Abgrund hinunterstürzen.

Der alte Mann beschwor mich, ihn ja nicht fallen zu lassen. Ich schleppte mich weiter, indem ich mich mit den Händen festhielt und auf allen Vieren kroch, bis wir eine sehr gefährliche Stelle erreichten. Inmitten der Brücke klaffte ein breites Loch und nur die abgebrochenen Enden von zwei langen Balken waren da, um festen Halt zu bieten. Ich wußte wohl, daß ich mich allein sicher über das Loch schwingen konnte, aber es war das eine ganz andere Sache mit diesem schweren alten Manne, der sich an mich anklammerte und mich überall behinderte. Der Gedanke, daß ich ihn besser sich selbst überlassen hätte, ging mir durch den Kopf. Dies aber erschien mir der armen Seele gegenüber so grausam, daß ich allen Mut zusammennahm, um wenigstens einen Versuch in der Sache zu wagen. Der Alte stieß einen schweren Seufzer aus, als er merkte, wie die Dinge standen:

"Es wäre besser gewesen, du hattest mich zurückgelassen. Ich bin zu hilflos, um hinüberzukommen, und du wirst dich nur um deine eigenen Vorteile bringen. Laß mich hier und geh allein weiter!"

Der Ton seiner Stimme war so niedergeschlagen, daß ich ihn nicht hätte verlassen können; ich entschloß mich daher, einen verzweifelten Versuch für uns beide zu machen. So forderte ich ihn denn auf, sich an mich zu klammern und hielt mich mit einer Hand an dem gebrochenen Balken. Mit einem großen Sprung schwang ich mich mit solcher Wucht über den Abgrund, daß wir hinüberzufliegen schienen und wohlbehalten auf der anderen Seite ankamen.

Als ich mich umwandte, um zu sehen, welcher Gefahr wir entronnen waren, entfuhr mir ein Schrei der Verwunderung, denn es war gar kein Loch in der Brücke mehr vorhanden. Diese war gut erhalten, und an meiner Seite stand kein schwacher, alter Mann, sondern Ahrinziman, über meine Verwunderung lachend. Er legte seine Hand auf meine Schulter und sprach:

"Franchezzo, mein Sohn, das war nur eine kleine Prüfung, ob du selbstlos genug sein würdest, dir die Bürde eines schweren Mannes aufzuladen, wenn deine eigenen Aussichten auf Rettung so gering sind. Ich überlasse dich jetzt deiner letzten Prüfung, damit du dann selbst über die Natur deiner Zweifel zu urteilen vermagst. Lebe wohl, und möge dir Erfolg beschieden sein!"

Er wandte sich ab und war sogleich verschwunden. Ich aber machte mich auf, um durch ein anderes tiefes Tal zu wandern, das vor mir lag.

— — —

Das Tal lag zwischen zwei steilen Bergen und hieß "Tal der Nebelphantome." Große Säulen von grauem Dunste schwebten in der Luft hin und her und krochen die Bergwände hinan, indem sie sich in geheimnisvolle Gebilde verwandelten und mich bei meiner Wanderung umschwebten.

Je tiefer ich in die Schlucht eindrang, desto dichter und deutlicher wurden diese Gestalten und erschienen fast wie lebende Wesen. Ich wußte, daß es nur die Gedankenschöpfungen meines Erdenlebens waren, doch in dieser lebensähnlichen, greifbaren Form glichen sie spukhaften Geistern aus meiner Vergangenheit, die sich anklagend gegen mich erhoben, Argwohn, Zweifel und alle die bösen, unheiligen Gedanken, die ich gehegt, schienen um mich her versammelt zu sein: drohend und schrecklich, mich wegen meiner Vergangenheit verhöhnend, mir in die Ohren zischelnd und gleich großen Wogen der Finsternis über meinem Kopfe zusammenschlagend. Je reicher mein Leben einst mit solchen Gedanken war, desto mehr wurde mir jetzt der Weg von ihnen verlegt, bis sie mich schließlich auf allen Seiten einschlossen. Was waren das für verzerrte, haßerfüllte Wesen. Dies also waren meine Gedanken, dies die geistige Verkörperung meines Verhaltens anderen gegenüber!

Als grauenhafte Nebelgeister — dunkel, argwöhnisch und irreführend — traten sie mir nun entgegen und zeigten mir, was ich im innersten Herzen gewesen war. Ich hatte so wenig Glauben an die Güte meiner Nebenmenschen, so geringes Vertrauen zu ihnen gehabt. Da ich so grausam getäuscht wurde, sagte ich damals übereilt: alle Männer und Frauen sind lügnerisch: Ich spottete über die Torheiten um mich her in der Meinung, es sei immer und überall dieselbe Geschichte, alles Bitterkeit und Enttäuschung.

So waren diese Gedankenschöpfungen eine um die andere entstanden. Jetzt, wo ich sie zu bekämpfen suchte, schienen sie mich zu überwältigen und zu ersticken, indem sie mich in die großen Dunstfalten ihrer gespenstigen Formen einhüllten. Vergebens versuchte ich, mich von ihnen zu befreien. Sie häuften sich an und schlossen mich ein, genau wie mein Argwohn und meine Zweifel es einst getan hatten. Entsetzen ergriff mich, und ich focht mit jenen Gebilden, als ob es lebende Wesen gewesen wären, die es auf meine Vernichtung abgesehen hatten. Plötzlich sah ich, wie sich vor mir eine tiefe Erdspalte öffnete, auf die mich die Phantome zutrieben — ein Abgrund, in den ich glaubte versinken zu müssen, wenn ich mich nicht von diesen Gespenstern befreien konnte. Wie ein Toller rang und stritt ich mit ihnen, und dennoch schlossen sie mich ein und zwangen mich Schritt für Schritt dem düsteren Abgrunde zu.

Da rief ich in meiner Seelenangst laut um Hilfe und Beistand. Und mit den Armen ausholend ergriff ich das vorderste der Phantome und schleuderte es mit aller Wucht von mir. Die mächtige Wolke der Zweifel wankte und zerstob, als ob ein Wind sie zerstreut hätte; ich selbst aber fiel erschöpft zu Boden. Während mir das Bewußtsein schwand, hatte ich einen lieblichen Traum, in dem ich glaubte, meine Geliebte sei zu mir gekommen und hätte diese ekelhaften Gedankengebilde zerstreut. Sie sei neben mir niedergekniet und habe meinen Kopf an sich gezogen, um ihn, wie eine Mutter ihr Kind, an ihrer Brust ruhen zu lassen. Ich fühlte noch, wie ihre Arme mich umfaßten und festhielten — da war der Traum vorbei und ich verfiel in tiefen Schlaf.

— — —

Als ich das Bewußtsein wieder erlangte, lag ich noch in jenem Tale, aber die Nebel waren verflogen und die Zeit meines bitteren Zweifels und Argwohns war vorbei. Ich ruhte auf einer Bank von weichem grünen Rasen am Ausgang der Schlucht. Vor mir breitete sich eine Wiese, die von einem friedlich dahinfließenden kristallklaren Wasser durchzogen war. Als ich kurze Zeit den Windungen dieses Baches gefolgt war, gelangte ich zu einem prachtvollen Hain. Zwischen den Baumstämmen hindurch erblickte ich einen klaren Teich, auf dessen Oberfläche Seerosen schwammen. In der Mitte des Haines sprudelte eine feenhafte Quelle hervor, deren stäubende Fluten gleich einem Schauer von Diamanten in das durchsichtige Wasser herniederrieselten. Die Bäume bildeten mit ihren Zweigen ein Gewölbe und zwischen dem Geäste hindurch konnte ich den blauen Himmel sehen.

Ich trat näher, um zu rasten und mich an der Quelle zu laben. Da kam eine schöne Nymphe in einem grünen, schleierähnlichen Gewande und einer Krone von Seerosen auf dem Kopfe auf mich zu, um mir behilflich zu sein. Sie war die Hüterin der Quelle. Zu ihren Pflichten gehörte es, alle müden Wanderer gleich mir zu pflegen und zu erfrischen. "Auf Erden," sagte sie, "lebte ich im Walde, und auch hier im Geisterreiche fand ich ein Heim umgeben von Waldungen, die ich so sehr liebe."

Sie versah mich mit Speise und Trank. Nachdem ich eine Weile gerastet hatte, zeigte sie mir einen breiten Fußweg, der durch das Gehölz zu einem Erholungsheim führte, woselbst ich für einige Zeit ausruhen könnte. Mit dankerfülltem Herzen nahm ich von diesem lieben Naturgeiste Abschied und befand mich bald vor einem großen Gebäude, ganz bewachsen mit Geißblatt und Efeu. Es hatte viele Fenster und weit geöffnete Türen, als ob es jedermann zum Eintritte auffordern wollte. Davor ein großes schmiedeeisernes Gartentor, auf dem Vögel und Blumen lebensvoll dargestellt waren. Während ich vor dem Tore stand, öffnete es sich selbst wie durch Zauber und ich ging auf das Gebäude zu. Hier kamen mir verschiedene Geister in weißen Kleidern entgegen, um mich willkommen zu heißen. Sie führten mich in ein hübsches Zimmer, von dessen Fenstern aus man auf einen Grasplatz und feenhaft liebliche Bäume blicken konnte, und baten mich, zu ruhen.

Beim Erwachen bemerkte ich, daß mein Pilgerkleid verschwunden war und an dessen Stelle mein lichtes, graues Gewand lag; nur hatte es jetzt einen dreifachen Saum von reinem Weiß. Ich war darüber hocherfreut und kleidete mich vergnügt an, denn ich fühlte, daß das Weiß ein Zeichen meines Fortschritts war. Weiß bedeutet in der geistigen Welt Reinheit und Glückseligkeit, während Schwarz das Gegenteil bezeichnet.

Man führte mich nun in ein freundliches Zimmer, in dem eine Anzahl Geister anwesend waren, die dieselbe Kleidung trugen wie ich. Unter ihnen erkannte ich zu meiner Freude die Frau mit dem Kinde, der ich auf der "Ebene der Reue und der Tränen Beistand geleistet hatte. Sie betrachtete das Kind jetzt zärtlicher und begrüßte mich freundlich, indem sie mir meine Hilfe dankte. Das Kleine kletterte mir auf das Knie und ließ sich daselbst häuslich nieder.

Ein reichliches Mahl aus Früchten, Kuchen und dem reinen Wein des Geisterlandes wurde uns vorgesetzt. Als wir uns erquickt und Gott unsern Dank für seine Gaben ausgesprochen hatten, wünschte der Bruder, der den Vorsitz führte, uns allen Gottes Segen. Dann sagten wir einander mit dankerfülltem Herzen Lebewohl und brachen auf, um nach Hause zurückzukehren.

 

Kapitel 28

Meine Bestimmung war es jedoch nicht mehr, im Lande der Dämmerung zu bleiben. Mein neues Heim befand sich im Bezirke des "Morgenlandes", wohin mich meine Freunde brachten. Es lag jenseits des friedlichen Sees und der Berge, hinter welchen das Licht des dämmernden Tages hervorzutauchen pflegte — das Licht, welches im Lande der Dämmerung niemals heller zu werden schien, dessen Schönheit und Pracht aber im Morgenlande voll zur Geltung kam. Dieses Land lag in entgegengesetzter Richtung von jener Bergkette, hinter welcher sich "die Ebene der Reue" befand.

Im Morgenlande fand ich, daß ich ein kleines Häuschen mein eigen nennen durfte, das ich mir selbst verdient hatte. Es war immer ein Lieblingswunsch von mir gewesen, ein eigenes Heim zu haben, und diese kleine Hütte, so einfach sie schien, war mir daher sehr teuer. Es war in der Tat ein friedvoller Ort, umschlossen von grünenden Hügeln, die sich nach vorn zu öffneten und einen Ausblick auf wellenförmig grüne und goldene Auen gestatteten. In der Umgebung meines neuen Heims waren jedoch keine Bäume, keine Sträucher oder Blumen zu finden, auf denen das Auge mit Wohlgefallen ruhen konnte, denn meine Arbeiten hatten noch keine Blüten getrieben. Doch war eine lieblich rankende Geißblattpflanze da, die sich um die kleine Vorhalle herumschlang und den Wohlgeruch der Blüten in meine Zimmer sandte. Sie war ein Geschenk meiner Geliebten und bedeutete das geistige Wachstum ihrer reinen, liebenden Gedanken, mit denen sie mein Heim umgab, damit sie mir stets von ihrer beständigen Liebe und Treue Kunde geben sollten.

In meinem Häuschen waren nur zwei kleine Räume vorhanden. Einer diente zum Empfang meiner Freunde und zum Studium, der andere war zum Schlafraum bestimmt, wo ich ruhen konnte, wenn ich von meiner Arbeit auf dem Erdenplane ermüdet zurückkehrte. Darin befand sich auch das von Rosen umrahmte Bild meiner Geliebten, sowie alle meine kleinen Schätze. Der blaue Himmel draußen erstrahlte in reinem Lichte und der weiche, grüne Rasen erschien mir nach meinen langen Wanderungen in der Finsternis so köstlich, daß tiefe Gefühle der Dankbarkeit mich übermannten. Eine liebe Hand und eine zärtliche Stimme weckten mich aus meiner Träumerei. Als ich aufschaute, erblickte ich meinen Vater. Welche Freude, welches Glück empfand ich da! Und dies in noch höherem Grade, als er mich bat, mit ihm auf die Erde zu kommen und dieses Heim ihr, meiner Geliebten in einer Vision zu zeigen.

Wenn ich auf dieses mein erstes Heim im Geisterlande zurückblickte, erfüllt mich der Gedanke, es selbst verdient zu haben, mir Stolz. Mein gegenwärtiges Heim ist viel feiner, meine jetzige Sphäre bei weitem schöner in jeder Beziehung; aber niemals fühlte ich ein größeres Glück als in jener Stunde, da dieses Heim mir als Eigentum übergeben wurde.

Ich will nicht versuchen, alle die Werke zu schildern, die ich zur damaligen Zeit auf dem Erdenplan verrichtete. — Folgendes Beispiel, das die Art meines Wirkens erläutert, mag für viele gelten.

Die Zeit rückt vorwärts — für Geister sowohl wie für Sterbliche — und bringt stets neuen Wandel, neuen Fortschritt. Während ich daran war, anderen zu helfen, lernte ich allmählich, jene Aufgabe, die sich für mich als so furchtbar hart erwiesen hatte — die Aufgabe, unseren Feinden vollständig zu vergeben und ihnen von Herzen Böses mit Gutem zu vergelten. Es hatte mich einen schweren Kampf gekostet, selbst auf den Wunsch zu verzichten, daß jenen, der mich so tief gekränkt hatte, gerechte Strafe treffe. Noch härter war es, dieser Person aus freiem Antriebe jetzt Gutes tun zu wollen.

Während ich auf dem Erdenplan arbeitete, ging ich oftmals zu ihm und stand an seiner Seite, ungesehen und unbemerkt; nur die Erinnerung an mich wurde durch meine Anwesenheit bei ihm wachgerufen. Jedesmal beobachtete ich, daß die Gedanken meines Feindes ebenso bitter waren wie die meinigen. Von Liebe war zwischen uns nichts zu bemerken. Stets nahm ich bei ihm die Ereignisse unseres beiderseitigen Lebens in wechselnden Bildern wahr. Im helleren Lichte meines geistigen Wissens bemerkte ich hierbei, wo meine Fehler gelegen hatten, und ebenso deutlich sah ich die meines Feindes. Von solchen Besuchen kehrte ich, von bitterer Reue und Qual übermannt, zu meiner kleinen Hütte zurück. Aber ich war nie fähig, etwas anderes als Erbitterung und Verdruß gegenüber dem zu fühlen, dessen Leben nur durch Ungemach mit dem meinigen verknüpft gewesen zu sein schien.

Als ich eines Tages neben diesem Sterblichen stand, wurde ich mir eines neuen Gefühles, einer Regung des Mitleids vergleichbar bewußt. Auch jene Person war in ihrem Gemüte bedrückt, auch sie empfand Reue im Hinblick auf unsere Vergangenheit. In dem Manne war ein Wunsch wachgeworden, der von einer andersgearteten Strömung gegen mich gefolgt war. So bekamen wir allmählich eine günstigere Meinung von einander. War die Besserung unseres geistigen Verhaltens auch nur unerheblich, so bedeutete sie doch das erste Erweichen und Hinschmelzen der harten Mauer des Hasses, die sich zwischen uns türmte. Dann wurde mir Gelegenheit geboten, jener Persönlichkeit Gutes zu erweisen, gerade wie ich früher solche erhalten hatte, um ihr schaden zu können. Jetzt war ich endlich imstande, meine Erbitterung zu überwinden, und es war meine Hand, welche ihm Hilfe gewährte.

Mein Feind wußte nichts von meiner Anwesenheit, noch auch von meinem Dazwischentreten zu seinen Gunsten. Aber er fühlte dumpf, daß der Haß zwischen uns erstorben war und es vielleicht besser sei, auch unseren alten Streit zu begraben. So kam schließlich ein gegenseitiges Verzeihen zustande, welches die Bindungen löste, die unsere Erdenleben so lange aneinandergefesselt hatten. Ebenso wie im Falle meines Freundes Benedetto, werden sich unsere Geister, wenn der Tod den Faden jenes Erdenlebens durchschnitten haben wird, noch einmal begegnen, damit jeder vom anderen Verzeihung erbitten kann. Erst dann werden alle dunklen Verbindungen zwischen uns endgültig gelöst sein und jeder wird in seine ihm bestimmte Sphäre übergehen. Groß und dauernd sind die Wirkungen unseres Lebens auf die Seele. Lange, nachdem das Erdenleben vorbei ist, haften sie uns noch an. Aber gar viele Geister waren es, die ich nicht durch gegenseitige Liebe, sondern durch gegenseitigen Haß aneinander gebunden sah …

 

Kapitel 29

Nachdem ich endlich Selbst gelernt hatte, schien meine Seele von einer drückenden Last befreit zu sein. Mit erneutem Eifer wandte ich mich wieder dem Studium des Geisterreiches und seiner Verhältnisse zu. Zu jener Zeit traf ich auf meinen Wanderungen sehr häufig Freund Hassein, der mir zum Verständnis vieler Dinge verhalf, die mich in meinem Erdenleben verwirrt hatten.

Gelegentlich einer der vielen Unterredungen bat ich ihn mir mehr von den Sphären und ihrem Verhältnis zur Erde zu erzählen.

"Der Ausdruck Sphären", sagte er, "wird zunächst auf jene großen Ringe geistiger Materie angewandt, welche die Erde und andere Planeten umgeben. Er wird aber auch für jene größeren, mächtigen Gedankenströme gebraucht, die das ganze Universum durchfluten. So können wir sagen, daß es zwei Arten von Sphären gibt: — eine, die in gewissem Grade materiell ist und ihren eigenen Planeten oder ihr eigenes Sonnensystem umschließt und den Aufenthaltsort der geistigen Bewohner des betreffenden Planeten bildet. Diese Sphären sind in Bezirke eingeteilt, welche, gleich den Sprossen in der Leiter der Entwicklung, den moralischen Fortschritt der Geister anzeigen.

Die andere Art von Sphären ist fluidischer Natur. Sie ist nicht fest in ihren Bestandteilen und gehört keinem besonderen planetarischen oder Sonnen-System an, sondern ist so unbegrenzt wie das Universum selbst. Diese Sphären müssen als Emanationen eines Mittelpunktes gedacht werden, um den sich das ganze All dreht. Sie bewegen sich in immer weitere Kreise ziehenden Strömungen. Es heißt, jenes Zentrum sei die unmittelbare Umgebung des höchsten Wesens, von dem diese Gedankenwellen ausgehen. Was ich sagen will, wird vielleicht deutlicher, wenn man sich eine einzige große Sphäre vergegenwärtigt, welche alle die intellektuellen Fähigkeiten oder Attribute umfaßt, die wesentliche Bestandteile der Seele sind; und wenn man dann diese Sphäre in Bezirke der Philosophie, Kunst, Musik, Literatur usw. einteilt.

Es ist zwar allgemein üblich, diese Kreise Sphären zu nennen. Meines Erachtens aber ist es richtiger, sie als Kreise oder Bezirke zu bezeichnen. Diese Gedanken-Bezirke gleichen großen Rädern und schließen sämtliche kleineren Räder und Spiralen in sich ein, die alle ihr eigenes Sonnensystem, oder ihren eigenen Planeten umgeben. D.h. wir gewinnen das Bild von Rädern in Rädern, die sich alle um das eine große Zentrum beständig drehen. In der geistigen Welt bleiben nur diejenigen für immer beisammen, die sich in voller Übereinstimmung befinden. Wenn auch verwandtschaftliche Bande oder zärtliche Erinnerungen solche Seelen, die kein geistiges Gemeinschaftsband umschlingt, manchmal zusammenführen, so werden dies doch immer nur flüchtige Besuche sein. Denn jeder Geist wird von der starken magnetischen Kraft, welche die Sphären und Kreise im Einklang erhält, angezogen und muß zu seiner eigenen Sphäre und seinem eigenen Kreise zurückkehren.

Eine Seele, die zur Sphäre der Musik oder Philosophie gehört, wird sich zu anderen Geistern mit ähnlicher Veranlagung hingezogen fühlen, die sich mit ihr auf derselben moralischen Stufe befinden. Aber die Entwicklung eines höheren Grades in der Musik oder Philosophie befähigt sie nicht, eine höhere Stufe in den geistigen und planetarischen Sphären einzunehmen, als es ihre moralische Entwicklung gestattet. Die Zentralsonnen eines jeden der unermeßlichen Bezirke der Mentalsphäre leuchten wie glänzende Magnete. Sie sind gleich großen Prismen, die in den himmlischen Feuern der Reinheit und Wahrheit erglühen und nach allen Seiten hin ihre glorreichen Strahlen der Erkenntnis senden. In diesen Strahlen versammeln sich die Mengen von Geistern, die an diesen glühenden Altären ihre Lampen zu entzünden suchen.

In jenen Strahlen, welche die Erde rein und ungebrochen erreichen, sind die Keime der Wahrheit zu finden, welche die Seelen der Menschen in allen Perioden der Weltgeschichte erleuchtet und die Berge des Irrtums und der Finsternis in tausend Stücke gespalten haben: geradeso, wie ein leuchtender Blitz einen Granitfelsen zertrümmert und dann das helle Licht von Gottes Sonne in die Tiefen hinunterscheint. Die am weitesten vorgeschrittenen Geister sind jene, die der Zentralgewalt, dem blendenden Lichte dieser sternengleichen Zentren am nächsten wohnen. Jene großen Sphären der gedanklichen und moralischen Kräfte mögen daher "universale" Sphären, jene um die Sonnenzentren "Sonnensphären" und jene um die einzelnen Planeten herum "planetarische" genannt werden. Die ersteren bestehen aus Gedanken- oder Seelen-Essenz, die anderen aus den verschiedensten Graden vergeistigter Materie.

"Wie würdest du denn die Entstehung eines Planeten und seiner Sphären schildern?"

"Man kann sagen, die Entstehung eines Planeten nimmt zu der Zeit ihren Anfang, wo er in Form einer feurigen Nebelmasse von der Muttersonne abgestoßen wird. In diesem Stadium ist er ein äußerst kräftiger Magnet, der die kleinen Stoffteilchen aus dem ganzen Ätherraum an sich heranzieht. Man hat angenommen, daß der Äther keine materiellen Atome enthalte, wie sie in der Atmosphäre der Planeten herumfliegen; aber das ist eine unrichtige Voraussetzung. In Wirklichkeit bestehen die Atome der Materie aus noch viel kleineren Partikelchen. Ihr Verhältnis zu einem Sandkorn ist gleich dem Unterschied zwischen dem Umfang der Erde und dem der Sonne. Anstatt durch die magnetische Anziehungskraft des Planeten zu Atomen jener Größe vereinigt zu sein, wie sie in der Erdatmosphäre als Sonnenstaub herumfliegen, sind sie zerfallen und haben sich im Raume zerstreut. Dadurch wurden sie nicht nur für das körperliche Auge des Menschen unsichtbar, sondern entzogen sich auch der Entdeckung durch die gewöhnlichen chemischen Mittel. Sie sind tatsächlich ätherisiert und wurden infolge Vermischung ihrer gröberen Elemente mit einer gewissen Menge von Seelenessenz zu geistiger Materie ersten Grades umgewandelt.

Von der glühenden Masse eines Planetenembryos angezogen, drängen sich diese Atome sehr dicht zusammen. Die feineren Elemente werden ausgepreßt und entweichen in den Raum zurück, während der feste, gröbere Teil zur Bildung von Gestein u.dgl. zurückbleibt. Die beständige Anziehung neuer Atome und die dadurch notwendige ungeheure Vermehrung des Druckes hat ihre Verdichtung zu fester Masse zur Folge. Die Atome dauern ewig und sind so unzerstörbar wie alle anderen Elemente, aus welchen sich das Universum zusammensetzt. Sie werden von einem Planeten nach dem anderen aufgesogen und wieder abgestoßen, je nach den verschiedenen Stadien, welche diese während ihrer Existenz und Entwicklung durchlaufen.

Die Atome der Materie können im allgemeinen in drei Klassen eingeteilt werden, wovon jede wieder in eine unbegrenzte Zahl von Dichtigkeitsgraden zerfällt. In letzteren findet das Stadium der Verfeinerung Ausdruck, das ein Atom erreicht hat. Die drei Hauptklassen können genannt werden: irdische oder planetarische Materie — geistige oder seelenumhüllende Materie, welche dem menschlichen Auge nicht mehr sichtbar ist, und — Seelenessenz. Letztere ist so verfeinert, daß es mir nicht möglich ist, ihre Natur zu beschreiben.

Von der irdischen Materie ist jene die niederste und gröbste Form, aus der die Minerale gebildet sind. Diese werden als Staub von der Atmosphäre wieder aufgesogen, um durch den beständig und überall vor sich gehenden Naturprozeß in Pflanzen verwandelt zu werden. Die Zwischenstufe zwischen Gestein und Pflanze ist das Flüssige, wo die festeren Teilchen durch die Dunstform der chemischen Elemente, die verschiedenen Gase in Lösung gehalten werden. Der zweite Grad der irdischen Materie ist der des pflanzlichen oder vegetabilischen Lebens, das durch die Verbindung der gröbsten Materie mit dem Flüssigen ernährt wird. So gelangen wir durch unendliche Abstufungen irdischer Materie zur höchsten, nämlich zur Materie des animalischen Lebens. Ob sie nun die Seele eines Menschen oder eines Tieres umhüllt, gehört sie doch noch irdischer Materie an und enthält in diesem höchsten Grade irdisch-materieller Entwicklung alle Elemente der niedrigeren Grade.

Die zweite oder geistige Form der Materie ist nur eine aus der Ätherisierung hervorgegangene, höhere Entwicklungsstufe der irdischen Form. Das belebende Prinzip beider ist, die Seelenessenz, d.h. der göttliche Funke, ohne den die zwei ersten Arten von Materie nicht bestehen könnten. Es ist für die beiden ersten Klassen von Materie Gesetz, daß sie das höhere Seelenprinzip einschließen müssen, andernfalls sie ihre Kohäsionskraft verlieren und wieder in ihre Urelemente zerfallen.

Die Seelenmaterie ist die einzige Materie, welche dauernde Identität besitzt. Sie ist das wahre Ego, das durch keine Macht aufgelöst oder seiner Ichheit beraubt werden kann. Sie ist das wahre Leben, welche niedere Formen der Materie sie auch beseelen mag. Als solches verwandelt sie die niedere Form der Materie und prägt ihr ihre eigene Identität auf. Seelenessenz ist vom Mineral zur Pflanze bis zum Menschen hinauf der höchste Typus alles Lebenden. Und jeder dieser Typen ist der Entwicklung in seine höchste Form fähig, in welchem Zustande sie in der Himmelssphäre eines jeden Planeten und Sonnensystems gefunden werden

Da also alles, das Hohe wie das Niedere seine Seele hat, darf es den Erdenmenschen nicht Wunder nehmen, wenn man ihm erzählt, daß es auch in der geistigen Welt Pflanzen und Blumen, Felsen und Wüsten, Tiere und Vögel gibt. Diese leben da in ihrem vergeistigten oder entwickelten Zustand und sind um so ätherischer, je höher ihr Fortschritt ist. Dies in Übereinstimmung mit dem Gesetze, das gleicherweise die Entwicklung des Menschen als des höchsten Typs, wie die der niedersten Form von Seelenmaterie leitet.

Wenn eine Pflanze stirbt, oder der Fels in Staub zerfällt, oder in Gas zerschmilzt, so geht die Seelenessenz mit der geistigen Materie, die zu ihr gehört, in die geistige Welt über, und zwar in diejenige Sphäre, welche mit ihrer Entwicklung am nächsten verwandt ist. Der materiellste Teil wird hiebei von der Erde absorbiert, während die feineren Partikel der planetarischen Anziehung weniger ausgesetzt sind und deshalb weiter von der Erde entfernt schweben. In der ersten Lebensperiode eines Planeten, wo er noch wenig Seelenessenz, da gegen einen großen Anteil von grober Materie besitzt, werden seine Sphären zuerst in der von seiner Sonne entgegengesetzten Richtung abgeworfen. Diese sind sehr materiell und die Entwicklungsstufe ihrer geistigen Bewohner ist sehr niedrig.

In diesem frühen Stadium sind die vegetabilischen, tierischen und menschlichen Formen des Seelenlebens roh und grob und entbehren der verfeinerten Schönheit, die man mit fortschreitender Entwicklung des Planeten beobachten kann. Allmählich aber ändert sich die Vegetation und die Tiere machen Wandlungen durch. Auch die Menschenrassen, welche erscheinen, werden vollkommener. Ferner als Folge hievon auch in entsprechendem Verhältnis die geistigen Emanationen, welche abgestoßen werden, in den ersten Lebensstadien eines Planeten sind Sphären kaum vorhanden. Sie können mit der Form eines Kegels verglichen werden, dessen Spitze der Planet selbst bildet, während der Erdenplan die höchste Sphäre ist, welche entwickelt wurde. Die tieferen Sphären — infolge der entarteten Begierden und der niederen intellektuellen Entwicklung der Planetenbewohner — befinden sich am breiten Ende des Kegels. Im Verhältnis zur Entwicklung des Planeten nehmen die Sphären an Umfang und Zahl zu. Die höheren fangen dann an sich zu bilden, indem die Spitze des Kegels sich vom Planeten gegen die Sonne zu immer mehr entfernt, so oft eine höhere Sphäre entsteht.

Auf diese Weise werden die Sphären unter und über dem Planeten durch das fortwährende Einströmen der von ihm abgestoßenen Atome gebildet. In gewissen Stadien ihrer Entwicklung, wo die intellektuellen und selbstsüchtigen Neigungen des Menschen stärker entwickelt sind, als seine moralischen und selbstlosen Eigenschaften, übersteigen die niederen Sphären an Ausdehnung die höheren bedeutend. Diese Perioden kann man die dunklen Zeitalter der Weltgeschichte nennen, wo Unterdrückung, Grausamkeit und Habgier ihre Schwingen über der Menschheit ausbreiten.

Nach angemessener Zeit bewirkt das ewige Gesetz der Höherentwicklung aller Dinge, daß die höheren und niedrigeren Sphären an Ausdehnung und Zahl gleich sind. Alsdann befinden sich die Kräfte von Gut und Böse im Gleichgewicht. Diese Periode bildet den Meridian oder Höhepunkt des planetarischen Lebens. Hierauf folgt die Zeit, wo sich in folge der allmählichen Veredelung der Menschheit das Bild des Kegels umkehrt: der Erdenplan wird infolge des Schrumpfens und Verschwindens der niederen Sphären wieder zur Spitze des Kegels, während die höheren Sphären sich gegen die höchste zu immer mehr ausdehnen. Zuletzt bleibt nur diese höchste Sphäre allein vorhanden und der Planet selbst verschwindet nach und nach, indem alle groben Partikel von ihm abgeworfen wurden. Letztere fliegen unmerklich davon, um von anderen, noch in Bildung begriffenen Planeten aufgesogen zu werden.

Alsdann wird die Sphäre des Planeten samt ihren Bewohnern in die großen Sphären des zugehörigen Sonnensystems aufgenommen, wo bereits viele Gemeinschaften von Geistern wohnen, deren materielle Planeten nicht mehr existieren. Jede planetarische Gemeinschaft wird jedoch die Individualität ihres Planeten — genauso wie die verschiedenen Nationen auf Erden — so lange beibehalten, bis sie allmählich in der umfassenderen Eigenheit ihres Sonnensystems aufgeht.

So langsam und unmerklich sind diese Entwicklungsprozesse, so ungeheuer die Zeitperioden, die sie zu ihrer Beendigung beanspruchen, daß der menschliche Verstand die zahllosen Verwandlungen nicht begreifen kann, welche da vor sich gehen müssen. Die Lebenszeit der Planeten ist nicht bei allen dieselbe, weil Stellung und Größe im Sonnensystem, wie auch andere Ursachen die Dauer ihrer Entwicklung bestimmen. Im großen Ganzen wird sie jedoch in allen Fällen ähnlich sein, wie ja auch die Materie jedes Planeten keine chemische Substanz aufweist, die nicht in größerer oder geringerer Menge bei jedem anderen vorhanden ist. So sind wir imstande, aus dem Zustande der uns umgebenden Planeten Schlüsse auf die Geschichte unserer Erde zu ziehen, sowohl bezüglich ihrer Vergangenheit wie ihrer letzten Bestimmung."

"Wenn einst unsere Sphären in die unseres Sonnenzentrums aufgehen, wird da auch unsere Individualität als Geister in der des Sonnensystems untertauchen?"

"Nein, sicherlich nicht! Die Individualität eines jeden Seelenkeims ist unzerstörbar. Sie ist zwar nur eine kleine Einheit im mächtigen Ozean des Seelenlebens, aber dennoch eine Einheit für sich, da die Persönlichkeit eines jeden Wesens tatsächlich, sein ewiges Ego ist. Gerade diese Individualität ist es, diese Unmöglichkeit, eine Seele zerteilen oder zerstören zu können, auf der ihre Unsterblichkeit beruht. Das unterscheidet sie ferner von aller anderen Materie und macht es so schwer, ihre Natur näher zu bestimmen. Du bist ein Mitglied unserer Brüderschaft zur Hoffnung geworden, aber du behältst deine Individualität. Und so verhält es sich auch mit der Seele für ewig ohne Rücksicht darauf, durch welche Existenzbedingungen sie hindurch muß.

Versuche, dir einen Körper vorzustellen, der so leicht ist, daß das ätherisierteste Gas neben ihm schwer erscheint, der aber zu gleich eine solche Kohäsionskraft besitzt, daß es durchaus unmöglich ist, seine Teilchen aufzulösen. Und dessen Widerstandskraft gegenüber allen irdischen und geistigen Formen der Materie jener gleichkommt, die eine Stahlstange einer Dampfwolke entgegensetzt. Dann wird dir klar werden, wie es einem Geiste möglich ist, durch feste Türen und Wände aus irdischer Materie zu gehen. Ebenso wie auch ein höherer Geist als du mit derselben Leichtigkeit durch diese Mauern aus geistiger Materie zu dringen vermag, die uns hier umgeben. Je mehr die Seele von der gröberen Materie befreit ist, desto weniger kann sie durch irgend ein Element gebunden werden, desto größer werden ihre Fähigkeiten. Denn es ist nicht die Seelenessenz selbst, sondern ihre Hülle, die auf Erden oder in den Sphären eingekerkert ist.

Für dich bieten die Mauern der irdischen Häuser jetzt kein Hindernis mehr, nach Belieben ein- oder auszugehen. Du gehst so leicht hindurch, wie dein irdischer Körper einst durch Nebel zu schreiten vermochte, dessen Dichtigkeit deinen Lauf nicht aufhalten konnte. Wenn du durch den Nebel gingst, so blieb keine freie Stelle zurück, wo dein Durchgang stattgefunden. Das kam daher, daß die Elemente des Nebels zu rasch wieder zusammengezogen wurden, als daß du hättest bemerken können, wo sie auseinandergetrieben wurden. Genau dasselbe geschieht, wenn wir Geister durch eine irdische Türe oder Mauer dringen: ihre irdischen Atome schließen sich nach unserem Durchgange sogar noch rascher als die des Nebels auf Erden."

"Ich verstehe dich vollkommen. Wenn nun jeder Typus von Seelenessenz seine eigene Individualität, seine ganz bestimmte Eigenart hat, wirst du wohl nicht mit jenen übereinstimmen, die an eine Umwandlung einer Tierseele niederer Ordnung in eine Menschenseele und umgekehrt glauben."

"Gewiß nicht. Die Seele eines jeden Typus halten wir des höchsten Grades von Entwicklung in seiner eigenen Art für fähig. Da aber die Menschenseele der höchste Typus von allen ist, kann sie allein den höchsten Grad von Entwicklung erreichen, nämlich die Stufe der vorgeschrittensten Geister, die wir Engel nennen. Engel sind solche Seelen, die vom niedersten Grad menschlichen Planetenlebens durch alle planetarischen Sphären aufgestiegen sind, bis sie die himmlischen Sphären unseres Sonnensystems erreicht haben. Letztere sind im Fortschritt unserem Himmel der planetarischen Sphären so weit voraus, wie die Sonne den Planeten selbst. Wir glauben, daß die Seele in stets sich vergrößernden Spirallinien weiter aufsteigen wird, bis sie bei dem angelangt sein wird, was wir als das Zentrum des Universums bezeichnen.

Ob wir aber, nachdem wir jenen Gipfel unseres Strebens erreicht haben, nicht entdecken werden, daß auch er nur ein vergänglicher Punkt ist, der sich um ein noch größeres Zentrum dreht, kann ich nicht sagen. Meinem Empfinden nach werden wir von Zentrum zu Zentrum gelangen und bei einem jeden verweilen, — mögen es auch Millionen von Jahren sein — bis unser Streben uns wieder zu weiteren Höhen treibt. Je mehr man sich in diese Frage vertieft, um so gewaltiger und unbegrenzter erscheint sie. Wie können wir daher hoffen, ein Ende zu sehen für unsere Reise durch das, was kein Ende und keinen Anfang hat! Wie können wir glauben, eine klare Vorstellung von der Natur jenes höchsten Wesens zu gewinnen, das wir als den allmächtigen Lenker des Alls betrachten — wir, die wir nicht einmal die Größe seiner Schöpfung voll und klar zu erfassen vermögen?"

 

Kapitel 30

Bei einer anderen Gelegenheit bat ich Hassein um eine Erklärung der Phänomene der spiritualistischen Bewegung, die jüngst auf Erden eingesetzt hatte und für die ich ein tiefes Interesse hegte, insbesondere in bezug auf die Materialisation.

Hassein antwortete: "Ich möchte zunächst auf die große Bedeutung der Atomtheorie hinweisen, die neuerdings bei den Menschen auf Erden gelehrt wird und die eine der einfachsten und vernünftigsten Erklärungen für die Durchdringung von Materie durch Materie bildet. Wie bereits erwähnt, sind die Bestandteile der Materie so klein, daß selbst das Stäubchen in der Luft, das dem Auge nur erscheint, wenn es von einem Sonnenstrahl getroffen und beleuchtet wird, — von einer zahllosen Menge kleinerer Partikelchen zusammengesetzt ist. Durch dieselben Gesetze, die auch die Anziehung und Abstoßung größerer Körper beherrschen, werden sie angezogen und zusammengehalten. Die Kenntnis dieser Gesetze befähigt die Geister, diese Atome bei den Kundgebungen spiritistischer Materialisationen für ihre Zwecke zu gebrauchen. Solche Atome, die sich für diese Art von Kundgebung eignen, werden von Geistern, die sich zu materialisieren wünschen, aus der Atmosphäre gesammelt, sowie auch von den Ausströmungen der Männer und Frauen, die den spiritistischen Zirkel bilden. Diese Atome werden durch den Willen der Geister in die Gestalt ihrer irdischen Körper geformt und durch eine chemische Substanz, die in größerem oder geringerem Maße in den Körpern aller lebenden Wesen enthalten ist, zusammengehalten. Wären die Chemiker der Erde in ihrer Wissenschaft weiter vorgeschritten, so könnten sie diese Substanz aus allen Lebewesen der Natur herausziehen, sie aufbewahren und nach Belieben gebrauchen.

Diese Substanz oder Essenz ist das mysteriöse Lebenselixier der Alchemie. Das Geheimnis, sie auszuziehen und in greifbarer Form zurückzuhalten, ist das, was die Weisen aller Zeiten und Länder zu entdecken gesucht haben. Sie ist jedoch so fein ätherischer Natur, daß den irdischen Chemikern bis jetzt kein Prozeß bekannt ist, durch den diese Essenz in einen Zustand gebracht werden kann, um eine Untersuchung derselben zu ermöglichen. Immerhin wurde sie von einigen erkannt und ihr der Name "Magnetische Aura" beigelegt. Von dieser ist sie jedoch nur ein Element, und zwar das ätherischste. Die lebenspendenden Strahlen der Sonne enthalten dieses Element. Wo aber ist bis jetzt der Chemiker, der die Sonnenstrahlen zu zerlegen und ihre verschiedenen Bestandteile auf Flaschen zu ziehen vermöchte? Diese Kenntnis aber besitzen die vorgeschrittensten Geister. Und wenn eines Tages die Welt in der chemischen Wissenschaft weit genug vorgeschritten ist, wird dieser Prozeß den Menschen ebenso bekannt werden, wie einst die Entdeckung der Elektrizität und ähnlicher Kräfte.

Hier möchte ich noch bemerken, daß bei einem spiritistischen Zirkel die verschiedenen Teilnehmer der Aura ebensoviel Einfluß auf die Materialisation haben wie die Aura des Mediums selbst. Manchmal verbinden sich die chemischen Elemente in der Aura eines Mediums nicht vollständig mit denen der anderen Anwesenden, und dieser Mangel an Harmonie vereitelt dann überhaupt jede Materialisation. In außergewöhnlichen Fällen arbeiten diese widerstrebenden Kräfte einander sehr entgegen und wirken auf die gesammelten Atome so zurückstoßend, daß sie eine geistige Explosion verursachen, welche die Atome auseinandersprengt, wie Dynamit eine feste Mauer. Dieser Widerstreit hat nichts mit der moralischen oder geistigen Verfassung solcher Personen zu tun. Sie können in jeder Umsicht achtbare und ernste Menschen sein, aber sie sollten niemals bei demselben Zirkel in magnetische Verbindung gebracht werden, da sich ihre Auren niemals vermischen können. Befriedigende Resultate werden sie bei einem gemeinschaftlichen Versuch niemals erlangen.

Bei jenen Medien, mit deren Hilfe nur rein physikalische Phänomene — wie das Bewegen von Tischen in die Luft und ähnliche Kunststücke — hervorgerufen werden, ist diese besondere Essenz zwar vorhanden, jedoch in einer zu groben Form, um für Materialisationen geeignet zu sein. Letztere erfordern einen gewissen verfeinerten Grad dieser Essenz. Es herrscht in deren Güte ein ähnlicher Unterschied, wie zwischen rohem und absolutem Alkohol. Bei einem echten Materialisationsmedium ist die Essenz destillierter, verfeinerter: und je reiner sie ist, desto vollkommener wird die Materialisation sein. Manche Medien eignen sich sowohl für physikalische Manifestationen, wie für Materialisationen, aber im Verhältnis als die grobphysikalischen Kundgebungen im Zirkel bevorzugt werden, gehen die höheren und feineren Formen der Materialisation verloren.

Der Besitz einer genügenden Menge von Spezialessenz befähigt den Geist, sich in die gesammelten Atome zu hüllen und sie lange genug zu halten bis sie in einen Zustand umgewandelt sind, in dem sie seine eigene Identität zum Ausdruck bringen. Das nicht genügende Vorhandensein der Essenz bewirkt jedoch bei dem Geiste, daß er seinen Halt verliert, bevor der Prozeß beendet ist, und er sich nur flüchtig bei unvollkommener Ähnlichkeit oder überhaupt nicht zeigen kann.

Der Vergleich mit einem alltäglichen Vorgang mag zur Erläuterung dienen: Wenn du im irdischen Körper Fleisch, Pflanzen oder Flüssigkeit zu dir nahmst, die alle jene Elemente in fertigem Zustande enthielten, die dein Körper zu seiner Erneuerung bedurfte, so verwandeltest du durch den Verdauungsprozeß diese Substanzen in einen Bestandteil der irdischen Hülle deiner Seele. Auf demselben Wege nimmt ein Geist die Atome an sich, die vom Medium und den Teilnehmern einer Materialisationssitzung abgegeben werden. Durch einen künstlichen "Verdauungsprozeß", der so schnell wie der Blitz verläuft, verwandelt er sie in eine materielle Hülle für sich, der er, je nach seiner Kraft, seine Identität mehr oder weniger vollständig aufprägt.

Jedes Atom des menschlichen Körpers wird direkt oder indirekt — der Atmosphäre seiner Umgebung entnommen und in der einen oder anderen Form aufgesogen. Nachdem er als Kleid für seinen Geist gedient hat, wird es wieder abgestoßen, um von einem anderen Lebewesen absorbiert zu werden. Jedermann weiß, daß die Materie des menschlichen Körpers einer fortwährenden Veränderung unterworfen ist. Aber wenige wissen, daß es solche grobstoffliche, materielle Atome sind deren der Geist bedurfte, um sich damit zu bekleiden und dem körperlichen Auge sichtbar zu machen.

Die Essenz oder das Ätherfluidum ist dasjenige, was hauptsächlich den materiellen Körper im Leben zusammenhält. Im Tode, bei Trennung des Bindegliedes zwischen der Seele und den materiellen Atomen des Körpers, entweicht dieses Fluidum in die umgebende Atmosphäre und gibt den Körper dadurch dem Verfall preis. Kälte verzögert das Entweichen dieses Ätherfluids; Hitze beschleunigt es. Auf diese Weise erklärt es sich, weshalb der Körper eines Tieres oder einer Pflanze eher in einem heißen Klima zerfällt und so zur Nahrung wird für jene kleinen Parasiten, die durch den niedrigeren Grad von Lebensmagnetismus genährt werden, der in der abgelegten Hülle zurückbleibt. — Diese Essenz, auch Ätherfluidum genannt, ist dem wissenschaftlich bekannten elektrischen Fluidum verwandt. Da aber Elektrizität das Erzeugnis mineralischer und vegetabilischer Substanzen ist, ist sie ihrer Eigenschaft nach gröber als diese menschliche Elektrizität. Es würde erst der Verbindung mit anderen Elementen bedürfen, um sie der menschlichen gleichwertig zu machen.

Diese höhere Essenz ist ein wichtiges Element von dem, was man "höheres tierisches Lebensprinzip" zum Unterschied vom "Seelen-Lebensprinzip" und "Astral-Lebensprinzip" nennt. Zwischen diesen Grundprinzipien unterscheiden wir streng.

Im Trancezustand, der entweder künstlich hervorgerufen wird (Hypnose) oder als Begleiterscheinung gewisser Sensitiver (Medien) auftritt, verbleibt diese Lebensessenz bei dem Körper. Da jedoch in Trance der Körper nur wenig dieser Essenz verbraucht, kann ein großer Teil entnommen und von dem Kontrollgeist zu seiner Materialisation verwendet werden. Danach wird dem Medium die entnommene Essenz wieder zurückerstattet. Einige Medien geben diese Lebensessenz leicht ab, anderen kann sie nur mit großer Mühe entzogen werden. Bei manchen ist nur eine so geringe Menge vorhanden, daß es undienlich wäre, überhaupt etwas davon zu entnehmen.

Die Aura solcher Medien, die einen großen Bestand von Lebensessenz in hoher und reiner Qualität aufweisen, verbreitet ein äußerst liebliches, helles Silberlicht, das von Hellsehern beobachtet werden kann. Dieses Licht geht vom Medium aus wie die Strahlen von einem Sterne. Wo es in hohem Grade vorhanden ist, bedarf der materialisierte Geist keines anderen Lichtes, um sichtbar zu sein. Die Geister erscheinen in solchem Falle wie mit einem Silberhauch umgeben und gleichen Heiligen und Engeln, wie sie auf Bildern dargestellt werden. Ohne Zweifel haben die alten Seher mittels dieser Art von Aura Geister und Engel wahrgenommen.

Manchen Geistern der höchsten Sphären ist es sehr wohl möglich, sich einen materiellen Körper auch ohne den Beistand eines irdisch verkörperten Mediums zu gestalten. Solche Geister haben genügend Kenntnisse von den Gesetzen der Chemie, und ihre Willenskraft hat den Grad erreicht, der zu dem Prozesse erforderlich ist. In der Atmosphäre der Erde und in Mineralen, Pflanzen und Tieren finden sie jede Substanz, aus der ein Körper zusammengesetzt ist und aus der die Lebensessenz gezogen werden kann. Der menschliche Körper ist eine Vereinigung von allen Stoffen und Gasen, die auf und in der Erde und der Atmosphäre vorhanden sind. Es bedarf nur der Kenntnis, welche Gesetze die Kombination der verschiedenen Stoffe bewirken, um einen Geist instandzusetzen, einen Körper zu bauen, der in jeder Hinsicht dem eines irdischen Menschen gleicht und mit dem der Geist sich bekleiden kann, indem er ihn durch seinen Willen für längere oder kürzere Zeit zusammenhält.

Diese Kunst ist notwendigerweise bis jetzt nur in den höheren Sphären vorhanden. Denn es erfordert einen hohen Grad geistiger Entwicklung, bevor ein Geist alle Naturgesetze im Zusammenhang mit diesem Prozeß richtig abwägen lernt. Die Magier der Alten vermochten es wirklich, ihr Gebilde bis zu einem gewissen Grade mit dem Astral- oder niederen Lebensprinzip zu beseelen. Aber sie konnten dieses Leben infolge der großen Schwierigkeiten, jene Essenz zu sammeln, nicht aufrecht erhalten. Hatten sie aber solch einen künstlich hergestellten Körper beseelt, so entbehrte er der Intelligenz und Vernunft, denn diese Attribute gehören ausschließlich der Seele an. Kein Mensch oder Geist kann aber ein künstliches Gebilde mit einer Seele versehen, welche allein Verstand und Unsterblichkeit zu verleihen vermag. Jedoch konnte ein solcher Körper einem Geiste als Hülle dienen und ihn befähigen, längere oder kürzere Zeit mit Menschen zu verkehren, jenachdem er imstande war, diese Hülle in guter Verfassung zu erhalten.

So konnten die Alten, welche ohne Zweifel große Erfahrung in diesen Dingen besaßen, auch nach Belieben die materielle Bedeckung ihres Körpers erneuern und tatsächlich auf Erden ihr Leben verlängern. Oder sie konnten diese materiellen Atome zerstreuen und sich befreit von den Fesseln des Fleisches, in das Geisterland begeben. Wenn es dann ihren Wünschen entsprach, bauten sie sich den irdischen Körper wieder auf. Solche Geistmenschen sind die Mahatmas, die infolge des Besitzes dieser und ähnlicher Geheimnisse viele von den wunderbaren Fähigkeiten aufweisen, die man ihnen zuschreibt.

Wir sind nicht der Meinung, daß man dieses Wissen als eine angeblich sehr gefährliche Sache den Menschen vorenthalten müsse. Wir glauben im Gegenteil, daß es kein Wissen gibt, das nicht auch allen anderen ohne Gefahr übermittelt werden könnte; vorausgesetzt, daß sie geistig genug entwickelt sind, um diesem Wissen Verständnis entgegenzubringen und es richtig anwenden können. Das ist die Ansicht unseres großen Lehrers Ahrinziman, der ein geborener Orientale war und sich sowohl in seinem Erdenleben, wie auch während der mehr als zweitausend Jahre seit seinem Tode mit dem Studium okkulter Dinge befaßt hat. Er hat die Entstehung und die praktische Anwendung von vielen Ideen beobachtet, die dem westlichen Verstande noch neu sind.

In manchen Fällen wird dem Körper des Mediums so viel Stoff entzogen, daß sich dessen Gewicht merklich ändert. In selteneren Fällen kommt fast die ganze materielle Hülle zur Verwendung, so daß das Medium dem körperlichen Auge

entschwunden ist; ein Hellseher kann jedoch die astrale Gestalt des Mediums auf dem Stuhle sitzen sehen. Hiebei sind es nur die grobmateriellen Atome, welche verwendet wurden, während die mentalen Atome von dem Prozeß nicht berührt werden. In der Regel wissen die Geister, die sich materialisieren, nichts von den Mitteln, durch welche die Resultate erlangt werden, geradeso wie viele Personen sich die Entdeckungen der Chemie und ihrer Mittel zunutze machen, ohne zu wissen, wie diese Substanzen gewonnen wurden. Bei allen Materialisationssitzungen ist ein unsichtbarer Führer aus einer im Verhältnis zur Erde weit vorgeschrittenen Sphäre zugegen. Dieser übermittelt seine Anordnungen einem Geiste, dessen Wille in der Beherrschung der Kräfte des Astralplanes stark ist, sowie anderen Geistern, welche mit dem Medium in Berührung kommen. Letztere materialisieren sich auch manchmal selbst und zeigen sich dem Zirkel.

Es ist jetzt in der geistigen Welt eine mächtige Bewegung im Gange zur Verbreitung des okkulten Wissens, sowohl unter den Geistern als auch unter den Menschen. Das Kirchentum des Ostens wie des Westens wird diese Bewegung sicherlich bekämpfen; aber es wird damit keinen Erfolg haben, denn unsere Macht ist ihm zu sehr überlegen. Die Menschen halten überall die Zugänge zum Wissen besetzt und drängen sich an den Toren, die ihnen früher oder später geöffnet werden müssen.

Wissen kann man als unveräußerliches Geburtsrecht jeder Seele nicht unterdrücken, noch kann es zum Eigentum einer besonderen Klasse gemacht werden. Daher ist es gewiß besser, das Wissen in gewählter und vernünftiger Weise mitzuteilen, als den Wunsch nach ihm zu unterdrücken und die hungrige Seele schmachten zu lassen, bis sie es sich aus den gehäuften Massen des Irrtums selbst gewinnt. Die menschliche Rasse schreitet stetig vorwärts und die Bevormundung des Kindes eignet sich nicht mehr für den heranwachsenden Jüngling. Dieser verlangt Freiheit und wird die hemmenden Fesseln reißen, wenn er nicht bis zum vollen Maße seiner Fähigkeiten auf den Pfaden zum Wissen wandeln darf. Ist es daher nicht billig zu verlangen, daß die Weisen des Volkes diesem Durste nach Licht und Erkenntnis dadurch entsprechen, indem sie durch jeden Zugang, der geöffnet werden kann, die Weisheit aller Zeiten in einer Form übermitteln, wie sie am leichtesten erfaßt werden kann? Dieser Planet ist nur ein Fleck im Universum. Was er an Wissen besitzt, ist nur jener Bruchteil des universalen Wissens, der einer Stufe angemessen ist. Jede Stunde fordert gebieterisch, daß das Wachstum der Menschenseele Hand in Hand gehe mit der Erweiterung ihres Glaubens und seiner Hilfsquellen, — durch Einlaß immer neuer Lichtströme, ohne Unterdrückung der alten, damit der neue Glanz das Auge nicht allzusehr Blende."

 

Kapitel 31

"Und nun, lieber Hassein, habe ich noch einen anderen Punkt, über den ich dich zu befragen wünsche. Oft möchten die Menschen auf Erden wissen, woher es komme, daß kein Mensch die Sphären zwischen der Erde und der Sonne sehen kann. Und auch, warum sie nicht einmal jene Geister wahrzunehmen vermöchten, die sich angeblich bei ihnen im Zimmer befanden. Natürlich sind nicht alle Menschen damit zufrieden, wenn man ihnen einfach sagt, sie seien eben keine Hellseher und hätten das geistige Schauen nicht. Sie wünschen eine eingehendere Erklärung. Ich bin unfähig, eine Antwort auf die Frage zu geben. Kannst du es?"

Hassein lachte. "Ich könnte dir ein Dutzend solcher Erklärungen geben, aber jene Sterblichen, die nicht imstande sind Geister zu sehen, würden dadurch nicht viel klüger werden. Schon bei Photographien von unmaterialisierten Geistern sieht man die materiellen Türen und Fenster, Möbel usw. durch die Gestalten der Geister hindurch. Nun, das gibt eine gute Vorstellung von dem Dichtigkeitsgrad eines Astralkörper der aus der untersten Stufe vergeistigter Materie besteht. Die materiellen Partikel sind so dünn gesät, daß sie einem feinen Netzwerk gleichen, das durch unsichtbare Atome ätherischer Natur verbunden ist. Atome, die so verfeinert sind, daß sie nicht auf die empfindlichsten Platten gebracht werden können. Geister, welche den Erdenplan verlassen haben, können mit den zur Zeit gebräuchlichen Platten nicht photographiert werden. Sie haben in der Zusammensetzung ihres Körpers keine genügend groben Atome und müssen daher einen dem irdischen ähnlichen Körper materialisieren.

Oder diese Geister müssen solche Astralhüllen oder Körper benutzen, welche sich, wie bereits erwähnt, aus den wolkigen Massen halbmaterieller menschlicher Atome bilden. Aus jenen Astralschalen, die niemals von einer Seele bewohnt wurden und ihrer Eigenschaft nach so plastisch sind, daß die Geister sie nach ihrem Bilde formen können. Wenn solche Bilder auch strenggenommen keinen Anspruch darauf erheben dürfen, die Photographien der Geister selbst zu sein, so sind sie nichtsdestoweniger Beweise für das Vorhandensein geistiger Kräfte und für die Existenz jener Intelligenz, die sie schuf, da jeder Geist der plastischen Astralform seine Identität selbst aufprägen muß.

Der wahre Grund für die schattenhafte Erscheinung von Geisterphotographien ist der, daß die photographischen Hilfsmittel zur Zeit noch nicht zur Übertragung der ganzen Geisterform, sondern nur der gröberen Partikelchen geeignet sind. Bei einem vollständig materialisierten Geist ist die Durchsichtigkeit der Erscheinung nicht vorhanden. Die Form ist bei diesem so vollkommen lebensähnlich und fest, daß die Leute behaupten, es könne nichts anderes als nur das Medium selbst sein. Eure Forscher, welche einen Gegenstand von solcher Tragweite zu ergründen suchen und dabei nur über ein ganz alltägliches Wissen verfügen, halten sich trotzdem für befähigt, über eine Frage von solcher Bedeutung endgültig zu entscheiden.

Wenige Menschen ziehen in Betracht, daß auch ihr körperliches Sehen von den materiellen Atomen abhängt, welche die Erdatmosphäre erfüllen und sie diese ohne das Licht nicht wahrzunehmen vermöchten. Bei Nacht können die Menschen auch Sterne sehen, die nicht selbst Sonnen sind, weil sie aus Materie bestehen, die das Sonnenlicht zurückstrahlt. Während des Tages aber verursacht die ungeheure Masse materieller Partikel in der Erdatmosphäre, die durch den Widerschein der Sonnenstrahlen beleuchtet werden, eine solch undurchdringliche Lichtatmosphäre, daß die Sterne dem materiellen Auge nicht mehr sichtbar sind. Wenn du jedoch über diese Atmosphäre erleuchteter Atome hinaufsteigst, werden die Sterne auch am Mittag wieder sichtbar, während der dich umgebende Ätherraum, da er von solchen Partikelchen frei ist, ganz dunkel erscheint. Es ist da nichts vorhanden, was die Sonnenstrahlen reflektieren könnte.

Licht kann nur da beobachtet werden, wo ein, wenn auch noch so kleiner Gegenstand vorhanden ist, der ihm das Licht der Sonne zurückwirft. Woher kann also der Mensch wissen, daß das Sonnenlicht durch den Ätherraum zur Erde eilt? Nur durch Schlußfolgerung, aber nicht durch den Augenschein, denn jenseits der Erde ist das Sonnenlicht für ihn unsichtbar. Die Menschen wissen, daß das Licht des Mondes nur zurückgeworfenes Sonnenlicht ist. In ähnlicher Weise ist jedes kleine Atom grobstofflicher Materie, das in der Erdatmosphäre herumfliegt, ein unendlich kleiner Mond, der Sonnenlicht reflektiert und die Erde durch den Glanz dieser Strahlen erhellt. So sind diese kleinen Partikelchen, — welche beständig von der Erde in die Atmosphäre abgestoßen werden — nur die gröberen Atome die ihrerseits kleinere geistige Keime umhüllen, oder besser umkreisen. Letztere bilden eine geistige Atmosphäre um die Erde und reflektieren für Hellseher die geistigen Elemente des Sonnenlichtes. Diese geistige Atmosphäre ist unter dem Namen Astralplan bekannt und steht zu den Astralkörpern im selben Dichtigkeitsverhältnis, wie die irdische Atmosphäre zu den irdischen Körpern.

Das Licht, das von den geistigen Elementen der Sonne ausgeht und jene Partikelchen des Astralplans trifft, ist das Astrallicht, mittels dessen die Geister sehen. Die materielle Atmosphäre der Erde ist diesen ebenso unsichtbar, wie die geistige Atmosphäre dem körperlichen Auge von Erdenmenschen. Ist es daher so schwer vorstellbar, daß geistige Sphären um die Erde herum oder zwischen der körperlichen Hülle des Menschen und jener der Sonne vorhanden sein können, ohne daß es ihm möglich ist, sie zu sehen? Deshalb nicht zu sehen, weil sein geistiges Auge geschlossen ist und er nur irdische Dinge wahrzunehmen vermag. Die geistigen Sphären und ihre Bewohner sind natürlich durchsichtiger und dem irdischen Auge infolge seines unvollkommenen Sehvermögens unsichtbar, das nur auf materielle Dinge von verhältnismäßig großer Dichtigkeit beschränkt ist."

 

Kapitel 32

Seit ich die zweite Sphäre des Geisterlandes erreicht hatte, war der Himmel stets bewölkt. Es bewegten sich an ihm reizende, lichte, flockige Wolken, welche sich in tausend Formen verwandelten und die lieblichsten Farbenschattierungen annahmen. Es wurde mir von anderen Geistern berichtet, daß in ihren Lufträumen niemals eine Wolke zu sehen sei, alles sei heitere, klare Schönheit. Ohne Zweifel ist es so in ihren Regionen, denn in der geistigen Welt bilden unsere Gedanken und Wünsche unsere Umgebung. Weil ich Wolken zu sehen liebe, deshalb sind sie an meinem Himmel zu schauen, damit ich mich an ihnen erfreue.

Einige Zeit, nachdem ich mein kleines Heim im Morgenlande bezogen hatte, trat zwischen mich und meine Wolkenbilder eine Vision, welche plastisch am Horizont zu unterscheiden war. Sie stellte ein prächtiges, ätherisches Tor von geschmiedetem Golde dar, das der Eingang zu irgendeinem schönen Lande zu sein schien. Ein klarer Strom von Wasser durchflutete die Ebene zwischen mir und diesem Tore, während Bäume grün und luftig ihre Äste an seinen Ufern ausbreiteten. Immer wieder sah ich diese Vision und während ich sie eines Tages betrachtete, trat mein Vater unbemerkt bei mir ein. Er berührte meine Schulter und sagte:

"Franchezzo, dieses Tor ladet dich ein, näherzukommen und es dir anzusehen. Es ist der Eingang zum höchsten Kreis der zweiten Sphäre, hinter ihm erwartet dich dein neues Heim. Jetzt ist es besser für dich, diese kleine Hütte zu verlassen und zu sehen, ob die Wunder jenes neuen Landes dich nicht weit mehr entzücken. Wie du weißt, bin ich in der dritten Sphäre, welche über dir ist. Aber je näher du mir bist, desto besser kann ich dich besuchen."

Ich war von dieser Mitteilung sehr überrascht. Es schien mir unglaubhaft, daß ich so bald schon fähig sein sollte, jene Tore zu passieren. Dann aber befolgte ich den Rat meines Vaters, bot meinem kleinen Heim ein dankbares Lebewohl und machte mich auf die Reise nach dem neuen Lande.

Im Geisterlande, wo der Boden sich nicht wölbt wie bei der Kugelform der Erde, verschwinden die Objekte am Horizonte nicht in der Weise, daß in der Ferne Erde und Himmel ineinander überzugehen scheinen. Man sieht den Himmel über sich wie eine ungeheuer breite Fläche. Die höheren Kreise einer Sphäre erscheinen wie flache Ebenen, die auf Bergeshöhen am Horizonte liegen. Hat man diese Berge erreicht und liegt das neue Land vor dem Blicke ausgebreitet, so erheben sich an seinem Horizonte wieder Berge und neue Länder, die noch höher liegen als die, auf welchen man sich befindet. So also ist es möglich, niederzuschauen auf jene Länder, die hinter uns liegen: wie auf eine Reihenfolge von Terrassen, von denen jede zu einer niedrigeren, weniger schönen führt, bis zuletzt der irdische Plan sichtbar wird, der die Erde selbst umgibt. Jenseits dieses Planes wiederum liegt für jene, deren Sehvermögen gut entwickelt ist, eine andere Folge von terrassenähnlichen Ländern, die hinab zur Hölle führen. So verschmelzen Kreise in Kreise und Sphären in Sphären. Zwischen jeder Sphäre befindet sich eine Trennwand von magnetischen Wellen, welche die Geister einer niedrigeren Sphäre so lange zurückweist, bis ihr Entwicklungsstand mit den Schwingungen der höheren Sphäre in Einklang gekommen ist.

Auf meiner Reise nach den goldenen Toren kam ich durch mehrere Kreise dieser zweiten Sphäre, deren Gegenden und ihre Schönheiten mich versucht haben würden, zu verweilen. Doch ich war so begierig, das herrliche Land zu schauen, das jetzt das Ziel meiner Hoffnungen war. Außerdem wußte ich, daß ich zu jeder Zeit auf meinem Wege zur Erde diese Zwischenreiche erforschen konnte, da es einem Geiste stets möglich ist, seine Schritte rückwärts zu lenken und die Sphären unter ihm zu besuchen.

Schließlich erreichte ich den Gipfel der letzten Bergreihe zwischen mir und den goldenen Toren. Vor meinen Augen lag ein liebliches Land. Die Bäume bewegten ihre Zweige und Blumen blühten überall, während der klare Strom, an dessen jenseitigem Ufer sich die goldenen Tore befanden, zu meinen Füßen dahinfloß. Freudigen Herzens stürzte ich mich in den herrlichen Fluß, um hinüberzugelangen. Seine erfrischenden Fluten schlossen sich über meinem Haupte, während ich tauchte und schwamm. Als ich auf der andern Seite landete, war ich ganz durchnäßt, aber in einem Augenblicke war meine Kleidung wieder trocken. Und was noch merkwürdiger war: mein graues Gewand mit seiner dreifachen weißen Borte war in ein solches von blendend weißem Glanze mit einem goldenen Gürtel und goldenen Borten verwandelt. Am Hals und an den Handgelenken war es mit kleinen, echt goldenen Schnallen geschlossen, während das Tuch aus feinstem Musselin zu bestehen schien.

Ich schaute und mochte kaum meinen Augen trauen. Dann näherte ich mich mit klopfendem Herzen jenen prächtigen Toren. Als meine Hand sie berührte, öffneten sie sich selbst. Durch sie gelangte ich auf einen breiten Weg, der von Bäumen, blühenden Sträuchern und lieblichen Pflanzen eingefaßt war. Die Blumen glichen jenen der Erde, aber um wie viel schöner und duftiger waren sie! Mit Worten können sie gar nicht beschrieben werden. Zu meinen Füßen breitete sich ein weicher Rasen und zu Häupten dehnte sich ein Himmel wundervoll klar und rein. Eine Lichtfülle drang zwischen den Bäumen hindurch, wie ich es auf Erden nie gesehen. Vor mir erblickte ich liebliche blaue und purpurne Anhöhen und den Spiegel eines schönen Sees, in dessen Mitte kleine friedliche Inseln mit dichtbelaubten Baumgruppen einen prächtigen Anblick gewährten. Hier und da glitt über den See ein kleines Boot mit seligen Geistern, die in leuchtende Gewänder von verschiedener Farbe gekleidet waren. Alles erschien der Erde und meinem geliebten Süden ähnlich und war doch so verändert: veredelt und frei von allem Makel des Irrtums und der Sünde.

Als ich den blumenbesäumten Weg dahinschritt, kam eine Gesellschaft von Geistern auf mich zu und begrüßte mich. Unter ihnen erkannte ich meinen Vater, meine Mutter, meinen Bruder und eine Schwester, außerdem viele liebe Freunde aus meiner Jugendzeit. Sie hatten Schleier von roter, weißer und grüner Farbe bei sich, mit denen sie mir winkten. Als ich mich näherte, bestreuten sie meinen Pfad mit herrlichsten Blumen und sangen zum Willkommen die schönen Lieder unseres Landes. Ich fühlte mich von Bewegung fast übermannt; es schien viel zu viel des Glücks für mich.

Inmitten dieses glänzenden Schauspiels wendeten sich meine Gedanken zu ihr, die mir von all den Lieben die Teuerste war, und ich dachte: "Schade, daß sie nicht hier ist, sie, deren Liebe ich mehr als sonst etwas diese Stunde verdanke." Sowie dieser Gedanke in mir auftauchte, gewahrte ich plötzlich ihren Geist neben mir. Halb schlummernd, halb bewußt war er für einen Augenblick vom irdischen Körper befreit und auf den Armen ihres höchsten Schutzgeistes hierhergetragen worden. Ihre Kleidung war die der geistigen Welt, weiß wie das Gewand einer Braut und schimmernd von funkelnden Edelsteinen. Ich wendete mich ihr zu und zog sie an mein Herz. Bei meiner Berührung erwachte ihre Seele und blickte mich lächelnd an. Hierauf stellte ich sie meinen Freunden als meine geliebte Braut vor. Während sie uns noch alle anlächelte, kam ihr Führer wieder und warf einen großen weißen Mantel über sie. Sodann nahm er sie wieder auf seine Arme, und wie ein ermüdetes Kind schien sie in Schlummer zu versinken, als er sie zu ihrem irdischen Körper hinwegtrug. Diesen hatte sie für kurze Zeit verlassen, um an diesem Feste höchster Freude teilzunehmen und es durch ihre Gegenwart zu krönen. Ach, wie hart empfand ich den Gedanken, daß sie nicht bei mir bleiben konnte; aber die Zeit ihres Erdendaseins war noch nicht völlig abgelaufen. Dann kamen meine Freunde auf mich zu und umarmten mich zärtlich. Meine Mutter, die ich seit meiner Kindheit nicht mehr gesehen hatte, bedeckte mein Gesicht mit Küssen, als ob ich noch der kleine Knabe gewesen wäre, den sie vor so vielen Jahren verlassen mußte.

Die Gesellschaft geleitete mich nun zu einem reizenden Wohnhaus. Dieses war fast begraben in Jasmin und Rosen, die seine Mauern und die weißen Säulen der Piazza umrankten, indem sie auf der einen Seite einen Blumenteppich bildeten. Was für ein prächtiges Heim und wieviel schöner als das, welches ich verlassen hatte! Seine Zimmer — es gab deren sieben — waren geräumig, und ein jedes entsprach einer Eigentümlichkeit meines Charakters, oder einer Geschmacksrichtung, welche ich bevorzugte.

Mein Wohnhaus befand sich auf dem Gipfel einer Anhöhe, von der aus man den viele hundert Fuß tiefer liegenden See überblicken konnte. Seine stillen Wasser kräuselten sich infolge magnetischer Strömungen, und die benachbarten Hügel Spiegelten sich dazwischen in seiner ruhigen Tiefe. Jenseits des Sees erstreckte sich ein weites Tal. Wie man von der Spitze eines Berges herabblickt auf die niederen Hügel, das dunkle Tal und die Ebenen unten, so schaute ich jetzt von meinem neuen Heim herab auf das Panorama der niedrigeren Sphären und Kreise, welche ich durchschritten hatte, bis hinunter zum Erdenplane und zur Erde selbst, die wie ein Stern tief unter mir lag. Oftmals habe ich seitdem hier gesessen, und indem die Szenen meines vergangenen Lebens in langer Reihe an meinem Geiste vorüberzogen, trat immer wieder das Bild von ihr hervor, die mein Leitstern ist.

— — —

Der Raum, von dem ich diesen Blick auf die Erde hatte, war mein Musikzimmer. In ihm befanden sich Instrumente verschiedener Art. Blumen verzierten die Wände und weiche Draperien bekleideten die Fenster, die keines Glases bedurften, um den sanften Zephyr jenes wundervollen Landes abzuhalten. An einer der Wände hing das Bild meiner Geliebten, umrahmt von den schneeweißen Rosen, die mir immer als ein Symbol von ihr erschienen. Hier auch fanden sich alle meine kleinen Schätze wieder vor, welche ich in meinen dunkeln Tagen gesammelt hatte, als der Schatten der Nacht mich noch umgab. Eine Menge reizender Geisterblumen erfüllten mit ihrem Wohlgeruch das Zimmer. Die Ausstattung glichen solchen auf der Erde, nur erschien sie in jeder Beziehung lichter, anmutiger und schöner.

Der nächste Raum war mit schönen Gemälden liebreizenden Statuen und Tropenblumen ausgestattet. Er hatte viel mehr Ähnlichkeit mit einem Wintergarten als mir einem Zimmer. Ferner war da eine kleine Grotte mit einem Springbrunnen, dessen Wasser unter glitzerndem Funkeln sanft murmelnd eine Melodie raunten. — In der Nähe dieser Grotte befand sich ein Gemälde, welches Szenen aus meinem irdischen Leben darstellte. Vertraute Bilder, die beseligend auf mich wirkten und deren Erinnerung keinen Stachel in sich barg. Ferner befanden sich hier auch viele Bilder von meinen Freunden und von Szenen aus der geistigen Welt.

Die Aussicht von diesem Zimmer aus war eine andere als jene von meinem Musikzimmer. Sie gewährte einen Blick auf Lande, die noch weit über mir waren. Seine Türme und Berge erschienen in einem matten Nebel von durchsichtigem, bald regenbogenfarbigem, bald goldig-blauem oder weißem Dunste. Es war mir eine angenehme Abwechslung, bald die eine, bald die andere Aussicht zu genießen — den Blick von der klaren Vergangenheit zur Zukunft, die noch dunkel und verschleiert vor mir lag. In diesem Gemäldesalon war alles vorhanden, was das Auge entzücken und den Körper erfrischen konnte. Denn unsere Körper brauchen Ruhe, so gut wie die der Menschen auf Erden. Wir erfreuen uns der Erholung auf einem Ruhebette von Flaum, das wir uns durch eigene Arbeit verdient haben.

Ein weiterer Salon zum Empfang meiner Freunde befand sich nebenan. Hier wiederum waren, wie in der niedrigeren Sphäre. Tische mit einfachen, aber köstlichen Früchten, Kuchen und anderen Speisen — denen auf der Erde ähnlich, nur weniger materiell — zum Genusse aufgestellt. Auch der herrliche, funkelnde Wein der geistigen Welt, dessen ich früher schon Erwähnung getan, fehlte nicht. In einem anderen Zimmer dagegen befand sich eine Bibliothek, die Bücher über mein Leben und das Leben solcher, die ich bewunderte oder liebte, enthielt. Auch Bücher über viele andere Gegenstände waren vorhanden. Ihre besondere Eigentümlichkeit war, daß ihr Inhalt anstatt gedruckt zu sein, in Bildern dargestellt war. Dies gaben bei genauem Studium die Gedanken ihrer Verfasser auf beredtere Weise wieder, als es in Worten hätte geschehen können. Hier war auch Gelegenheit, die hohen Gedanken der Poeten und Geister der oberen Sphären zu empfangen.

Auch in meinem Schlafzimmer waren wie überall in Hause Blumen. Ich liebte diese sehr, denn sie sprachen zu mir von so vielen Dingen und schienen immer reine Gedanken in mir zu erwecken. Eine Terrasse umgab das Haus, während der Garten fast in den See hineinzuhängen schien. Von Farren und blühenden Sträuchern umgeben und nach hinten zu durch Bäume geschützt, lag eine Ecke mehr nach der Seite des Hauses zu und wurde bald mein Lieblingsplätzchen. Der Boden war mit einem Teppich von weichem, grünem Moos überzogen, wie es auf der Erde nicht zu finden ist. — Blumen blühten rings umher. Auf einer Bank ließ ich mich oft nieder, um auf die Erde hinabzuschauen und mir vorzustellen, wo meines Lieblings Heim wohl sei. Durch den Millionen von Meilen weiten Raum hindurch konnten meine Gedanken sie so erreichen, wie die ihrigen jetzt auch mich. Denn das magnetische Band unserer Liebe stellte die Verbindung zwischen uns her, und keine Macht wird jemals imstande sein, uns voneinander zu trennen.

Als ich alles gesehen und bewundert hatte, führten mich meine Freunde zum Hause zurück. Wir alle setzten uns nieder, um die Willkommensfeier zu begehen, die ihre Liebe für mich vorbereitet hatte. Was für ein fröhliches Fest das war! Heiter brachten wir das Wohlergehen und das Glück eines jeden aus und bekräftigten dann unsern Wunsch, indem wir von dem edlen Weine tranken, der keinen Rausch, keine Empfindung von Reue hinterließ. Köstlich waren auch diese Früchte, zahlreiche kleine Delikatessen, die ich alle der Liebe irgend jemandes verdankte. Es war mir, als ob ich in einem schönen Traume lebte, aus dem ich sicherlich erwachen müßte. Schließlich verließen mich meine Freunde mit Ausnahme meines Vaters und meiner Mutter; von diesen wurde ich nach den oberen Zimmern des Hauses geführt. Es waren drei an der Zahl. Zwei davon waren für Freunde bestimmt, die zu längerem Besuche kamen. Das dritte Gemach diente zu meinem eigenen Gebrauch. Es war mein Schlafzimmer, in welches ich mich zurückziehen konnte, wenn ich ausruhen wollte und keine andere Gesellschaft zu haben wünschte als meine eigenen Gedanken.

Als wir es betraten, war von der Einrichtung das Bett dasjenige Stück, das mehr als etwas anderes mich mit Bewunderung erfüllte. Der Überzug bestand aus schneeweißem, feinstem Gewebe, das mit Lila und Gold besetzt war. Am Fußende des Bettes befanden sich zwei Figuren von Engeln, aus blendendweißem Alabaster gehauen. Ihre Größe war bedeutend, denn ihre Köpfe und ausgebreiteten Flügel schienen fast die Decke zu berühren. Die Haltung dieser beiden Figuren war anmutig und graziös. Ihre Füße berührten kaum den Boden, und in ihrer vorgeneigten Stellung mit den halbausgespannten Schwingen riefen sie den Eindruck hervor, als ob sie gerade aus ihrer himmlischen Sphäre angekommen wären.

Es war eine männliche und eine weibliche Gestalt. Der Mann hatte einen Helm auf dem Haupte und hielt in der einen Hand ein Schwert, in der anderen eine Krone. Seine Formen trugen den Stempel reifer männlicher Schönheit und Grazie. Sein Antlitz mit den vollkommenen, regelmäßigen Zügen, von Festigkeit und Milde hatte für mich den Ausdruck einer königlichen Majestät, die geradezu göttlich war. Die weibliche Figur an seiner Seite war kleiner und zarter. Ihr Gesicht war voll edler, weicher, frauenhafter Reinheit und Schönheit, die Augen groß und von sanftem Ausdruck. Die lockigen Haare reichten bis zu den Schultern herab, diese halb verhüllend. Die eine Hand hielt eine Harfe mit sieben Saiten, die andere lag auf der Schulter des männlichen Engels, als ob sie sich auf dessen Stärke stützen wollte. Der reizende Kopf, halb vorwärts gebeugt, ruhte auf ihrem Arme und trug eine Krone von weißen Lilien. Der Ausdruck ihres Gesichtes war von ausgesuchter Lieblichkeit und mütterlicher Zärtlichkeit. Haltung und Gebärde beider stellten die herrlichste Verkörperung himmlischer Schönheit dar, die mir je zu Gesicht gekommen ist.

Schließlich wendete ich mich mit der Frage an meinen Vater, wie diese liebreizenden Figuren in mein Zimmer gekommen und warum sie mit Flügeln dargestellt seien, da doch Engel in Wirklichkeit gar keine Flügel besäßen, die aus ihrem Körper wachsen.

"Mein Sohn", antwortete er, "diese lieblichen Gestalten sind ein Geschenk von deiner Mutter und mir. Wir möchten gern, daß du unser gedenkst, wenn du unter ihren Schwingen ruhst. Denn letztere sollen in bildlicher Weise den Schutz darstellen, den wir dir stets gewähren. Die Figuren haben Flügel, weil diese das Symbol der Engelsphären sind. Es ist nicht so, als ob sie aus der Schulter wuchsen, wie man es auf den Engel irdischer Künstler dargestellt findet. Die Flügel drücken die Fähigkeit engelhafter Wesen aus, sich auf ihren Geistesschwingen in den Himmel selbst zu erheben. Der glänzende Helm und das Schwert bedeuten Kampf — der Helm den Kampf des Geistes gegen Irrtum und Finsternis das Schwert den Kampf, den der Mensch mit seiner eigenen niederen Natur führen muß. Die Krone symbolisiert die Herrlichkeit der Tugend und Selbstbeherrschung.

Die Harfe in der Hand der Frau zeigt an, daß sie ein Engel aus der Sphäre der Musik ist, die Lilienkrone bezeichnet Reinheit und Liebe. Ihre Hand auf der Schulter des Mannes, deutet an, daß sie ihre Kraft von ihm und seiner stärkeren Natur empfängt, während Haltung und Miene, wie sie sich über dein Bett beugt, die zärtliche Liebe und den Schutz der weiblich-mütterlichen Natur bedeuten. Sie ist kleiner als der Mann weil in dir die männlichen Elemente stärker vertreten sind als die weiblichen. Bei manchen Darstellungen von Engeln männlicher Seelen sind sie von gleicher Größe und Gestalt, weil in diesen Charakteren die männlichen und weiblichen Elemente in ähnlicher Weise und gleich stark vertreten sind. Aber bei dir ist das nicht so, deshalb stützt sich hier das Weib auf den Stärkeren.

Der männliche Engel versinnbildlicht Macht und Schutz, der weibliche Reinheit und Liebe. Zusammen bedeuten sie die ewige Doppelnatur der Seele und die Unvollkommenheit der einen Hälfte ohne die andere. Sie sind also eine symbolische Darstellung des Schutzengelpaares deiner Seele, dessen Schwingen stets zum Schutze über dir ausgebreitet sind.

Soll ich gestehen, daß es Zeiten gab, wo ich selbst in diesem schönen Heim mich einsam fühlte? Bis jetzt hatte ich niemanden, um es mit mir zu genießen; ich habe eine Freude stets doppelt empfunden, wenn jemand da war, der sie mit mir teilte. Die eine Gefährtin, nach der ich mich vor allem sehnte, lebte noch auf der Erde; ich wußte leider, daß sie sich noch für viele Jahre nicht mit mir verbinden konnte. Treufreund wohnte in einem Kreise der Sphäre über mir in seinem eigenen Heime, und was Hassein anbetrifft, so war er uns beiden weit voraus. Wenn ich auch ab und zu diese Freunde, sowie Vater und Mutter sah, so war doch niemand da, mein Leben mit mir als guter Kamerad zu teilen. Ich war oft auf der Erde, oft bei meinem Lieblinge — aber ich fand, daß ich bei meinem geistig vorgeschrittenen Zustande nicht so lange fortbleiben konnte als ich es gewünscht hätte. Der Aufenthalt in der unteren Sphäre hatte auf meinen Geist dieselbe Wirkung, als wenn ich gezwungen worden wäre, in einer Nebelatmosphäre, oder in einem Kohlenbergwerk zu leben. Ich mußte häufiger zum Geisterlande zurückkehren, um mich zu erholen.

Oft saß ich in meinen schönen Zimmern und seufzte: "Ach hätte ich nur irgend jemanden, um mit ihm zu sprechen, irgend eine gleichgesinnte Seele, der ich all die Gedanken meines Geistes mitteilen könnte." Ein unerwarteter Besuch Treufreunds erfüllte mich daher mit höchster Freude, und gerne hörte ich die Mitteilung, welche er mir zu machen hatte.

"Ich komme" sagte er, "im Interesse eines Freundes, der soeben in diesen Kreis der Sphäre angelangt ist, der sich aber bis jetzt noch kein eigenes Heim verdient hat und deshalb nach einem Freunde sucht, der wohlhabender ist als er selbst. Er hat keine Verwandten hier, und ich dachte, seine Gesellschaft wäre dir vielleicht angenehm."

"Es würde mir wirklich zur Freude gereichen, mein Heim mit deinem Freunde zu teilen."

Treufreund lacht. "Er ist auch dein Freund, du kennst ihn. Es ist Benedetto."

"Benedetto!" rief ich verwundert und erfreut. "Ach! dann ist er mir doppelt willkommen. Bringe ihn her, so bald als möglich."

"Er ist schon hier — wollte nur nicht mit hereinkommen, bevor er sicher war, daß du wirklich erfreut bist, ihn will kommen zu heißen."

"Keiner könnte mir willkommener sein" sagte ich, "Laß uns sofort gehen und ihn hereinholen."

So gingen wir denn zur Türe, und da stand er. Sein Aussehen war sehr verschieden von dem, als ich ihn zuletzt in jener schrecklichen Stadt der niederen Sphäre sah — damals so niedergebeugt und gedrückt, jetzt so heiter; seine Kleider nun, wie die meinen, von reinstem Weiß. Wenn auch in seinem Gesichte noch Spuren von Trauer zu finden waren, so lagen doch Friede und Hoffnung in seinen Augen. Ich ergriff seine Hand und umarmte ihn. Wir, die wir beide so gesündigt und gelitten hatten, fanden uns nun auch in der Freude zusammen und waren fortan Brüder.

So kam es, daß mein Heim nicht mehr einsam war. Denn wenn einer von uns zurückkehrt von der Arbeit, so ist der andere da, ihn zu begrüßen, mit ihm Freude und Sorge zu teilen und Erfolg oder Mißerfolg mit ihm zu besprechen.

 

Kapitel 33

Einer Vision will ich Erwähnung tun, weil mir in ihr ein neuer Weg zu neuer Arbeit gezeigt wurde — einer Arbeit, bei der ich die Erfahrungen meiner Wanderungen zur Unterstützung anderer verwerten konnte.

Ich lag in meinem Zimmer und war soeben aus einem langen Schlaf erwacht. Wie oftmals betrachtete ich auch jetzt jene schönen Figuren, die Darstellungen meiner Schutzengel waren. Während ich ihre immer neuen Schönheiten und Züge bewunderte, fühlte ich, daß mein östlicher Führer Ahrinziman sich mit mir in Verbindung zu setzen wünschte. Ich verhielt mich daher ganz passiv und bemerkte bald, daß mich eine große Lichtwolke von glänzendweißer, nebeliger Beschaffenheit umgab. Die Wände des Zimmers entschwanden meinem Blick. Dann schien sich meine Seele vom Körper zu lösen und emporzuschweben, indem sie meine geistige Hülle auf dem Bette zurückließ.

Immer weiter aufwärts stieg ich, als ob mich der mächtige Wille meines Führers zu ihm hinzöge. Mit dem Gefühle einer Erleichterung, wie ich sie selbst als Geist nie zuvor empfunden hatte, schwebte ich dahin. Auf dem Gipfel eines hohen Berges ließ ich mich schließlich nieder; von hier aus sah ich die Erde mit ihren niederen und höheren Sphären unter mir kreisen. Auch die Sphäre meiner jetzigen Heimat bemerkte ich, doch schien sie tief unterhalb der Höhe zu liegen, auf der ich stand. Ahrinziman befand sich an meiner Seite, und wie im Traume hörte ich seine Stimme zu mir sprechen:

Mein Sohn, siehe den Weg, auf dem ich dich einer neuen Tätigkeit zuführen möchte, Betrachte die Erde mit ihren zugehörigen Sphären und erkenne, wie wichtig für ihre Wohlfahrt das Werk ist, an dem du dich beteiligen sollst. Lerne jetzt den Wert der Macht schätzen, die du auf deiner Reise in die Reiche der Hölle erlangt hast. Denn sie befähigt dich, einer von jener großen Armee zu werden, die täglich und stündlich die Sterblichen vor den Angriffen der Höllenbewohner zu schützen hat. Schaue auf dieses Panorama der Sphären hinab und erfahre, wie du dieses Werk unterstützen kannst."

Ich wandte den Blick und sah den kreisenden Gürtel des großen Erdplanes mit seinen magnetischen Strömungen, die wie die Gezeiten des Ozeans auf ihren Wellen Millionen und Millionen von Geistern trugen. Ich sah jene merkwürdigen elementaren Astralgebilde, von denen manche wunderlich, manche scheußlich, manche schön waren. Ich sah auch die erdgebundenen Geister von Männern und Frauen welche durch Hang zu sinnlichen Freuden oder durch ein sündhaftes leben noch gefesselt waren und sich der Körper von Sterblichen bedienten, um ihre lasterhaften Gelüste durch sie zu befriedigen. Diese und ähnliche Geheimnisse des Erdenplanes nahm ich wahr und bemerkte auch, wie aus den unteren Sphären Wellen mit dunkeln schrecklichen Wesen heraufschlugen, die dem Menschen durch ihren Einfluß zehnmal tödlicher sind, als die dunklen Geister der Erdsphäre.

Ich sah, wie sich diese Wesen um die Menschen scharten und sie dicht umdrängten; wo sie ihr Wesen trieben, erlosch das Licht der geistigen Sonne, deren Strahlen die Erde beständig treffen. Durch die dunklen Massen ihrer grausamen, schlechten Gedanken hielten sie jenes Licht ab, und wo diese Schatten über der Erde hingen, da wurde gemordet und geraubt. Grausamkeit, Laster und Bedrückung waren ihr Gefolge; Not, Tod und Sorge schlossen sich ihnen an. Wo ein Mensch den Mahnungen des Gewissens kein Gehör mehr schenkte und der Begierde und Selbstsucht, dem Hochmut und Ehrgeiz Raum gab, da häuften sich diese finstern Wesen und schlossen das Licht der Wahrheit durch ihre dunkeln Körper aus.

Ferner bemerkte ich viele Sterbliche, die um die Teuren klagten, die sie geliebt und verloren hatten. Sie vergossen bittere Tränen, weil sie ihrem Gesichtskreis entrückt waren. Dabei sah ich, wie die, um welche sie in Trauer waren, ihnen zur Seite die verzweifeltsten Anstrengungen machten, um zu beweisen, daß sie sich noch am Leben und in ihrer Nähe befänden. Doch ihre Bemühungen schienen alle vergebens. Die Lebenden vermochten nicht, sie zu sehen oder zu hören. Die armen, bekümmerten Geister hingegen konnten nicht in ihre glänzenden Sphären eingehen, weil sie, so lange ihre Hinterbliebenen um sie klagten, durch die Bande ihrer Trauer an die Erde gefesselt waren. Das Licht ihrer geistigen Lampen wurde matt und erlosch, während sie in hilflosem Kummer über der Erde schwebten.

— — —

Da fragte ich Ahrinziman: — "Gibt es denn hier kein Verständigungsmittel zwischen den beiden Parteien, den Lebendigen und den sogenannten Toten, damit die Sorgenbeladenen unter ihnen getröstet würden? — Und wäre nicht eine Verständigung vonnöten, damit diese sündigen und selbstsüchtigen Menschen auf die dunklen Wesen aufmerksam würden, die sich an sie herandrängen und ihre Seelen in die Hölle hinabzuziehen trachten?"

Nun gewahrte ich ein herrlich strahlendes Licht, das wie eine Sonne erglänzte. Kein Sterblicher auf Erden sah jemals die Sonne in solchem Glanze leuchten. Seine Strahlen zerteilten die Wolken der Finsternis und Sorge, und ich hörte eine himmlische Musik ertönen. Ich glaubte sicher, daß die Menschen diese Musik hören und dieses Licht sehen und getröstet sein müßten. Aber sie vermochten es nicht — ihre Ohren waren durch die falschen Vorstellungen verschlossen; Erdenstaub belastete ihren Geist und machte ihre Augen blind für das glorreiche Licht, das um sie herum schien.

Andere Sterbliche, deren geistiges Auge etwas geöffnet und deren Ohr nicht ganz taub war, sprachen, wie ich vernahm, von der geistigen Welt und ihren Schönheiten. Erhabene Ideen kamen ihnen zum Bewußtsein und sie übersetzten diese in die Sprache der Erde. Sie hörten herrliche Musik und versuchten, sie wiederzugeben. Sie hatten liebliche Visionen und suchten sie, so weit es die irdischen Mittel gestatteten, so zu malen, wie sie sie im Geiste geschaut hatten. Solche Sterbliche nannte man Genies. Ihre Worte, ihre Musik und Gemälde dienten dazu, des Menschen Seele Gott näherzubringen. Denn alles Höchste, Reinste und Beste kommt durch Inspiration von der geistigen Welt.

Doch trotz aller dieser Schönheit von Kunst, Musik und Dichtkunst, trotz aller Wärme religiösen Gefühls, war noch kein Weg eröffnet, auf dem der Mensch mit seinen Lieben in Verbindung treten konnte, die ihm in das Reich der Schatten vorangegangen waren. Die Menschen glaubten nicht, daß eine Rückkehr möglich sei aus jenem Lande, das ihrer Meinung nach unbekannt und völlig in Dunkel gehüllt ist. Auch gab es kein Mittel, durch welches Geister, die dem Menschen zu einer höheren Erkenntnis der Wahrheit verhelfen wollten, direkt mit ihm verkehren konnten. Vorstellungen und Irrtümer der alten Lehren, vermischten sich stets wieder mit den neueren und besseren Ideen, welche die geistige Welt zu geben suchte. Hierdurch wurden ihre Strahlen gebrochen, so daß sie das Bewußtsein des Menschen nur unvollkommen und verdunkelt erreichten.

Dann aber gewahrte ich, daß die Mauer zwischen Diesseits und Jenseits von vielen Toren durchbrochen war und an jedem Tore ein Engel stand, um es zu hüten. Der Engel war das oberste Glied einer Kette von Geistern, die von der Erde bis zu den höchsten Sphären hinaufreichte. In dieser Kette stand von unten herauf immer ein Geist auf einer höheren Stufe als der andere. Den Sterblichen der Erde wurden die Schlüssel zu jenen Toren gegeben, damit eine Verbindung zwischen ihnen und der geistigen Welt angebahnt werde.

Leider aber sah ich, daß sich viele von denen, welche den Schlüssel in Händen hielten, als untreu erwiesen. Sie ließen sich von den Freuden und Genüssen der Erde verführen, wendeten sich ab und schlossen ihre Türe. Andere wieder hielten ihre Türen nur teilweise geöffnet. Wo nur Licht und Wahrheit zum Vorschein kommen sollten, schlichen sich dann Irrtum und Finsternis ein, und wiederum wurde das Licht aus der geistigen Welt getrübt, wenn es durch diese verdunkelten Tore schien. Noch trauriger aber war, wie im Laufe der Zeit das Licht ganz zu leuchten aufhörte und den unreinen Strahlen dunkler, betrügerischer Geister aus den untersten Sphären wich. Endlich schloß der Engel das Tor, um es auf Erden nie wieder zu öffnen.

Da wendete ich mich von diesem Anblick ab und gewahrte viele neue offene Türen, an welchen Sterbliche standen, deren Herzen rein und unberührt von den Gelüsten der Erde waren: Durch diese Türen strömte eine solche Flut von Licht auf die Erde, daß meine Augen geblendet waren und ich zur Seite blicken mußte. Als ich wieder aufschaute, sah ich, daß die Türen von Geistern bestürmt wurden — von schönen, glänzenden Geistern und auch von anderen in dunkler Kleidung, die wegen ihrer sündhaften Vergangenheit Reue empfanden und in deren Seelen der Wunsch nach Besserung lebte. Ferner bemerkte ich schöne und reine Geister, die bekümmert schienen, weil sie mit denen nicht mehr sprechen konnten, die sie auf Erden zurückgelassen hatten. Auch sorgenschwere und sündige Geister sah ich durch die neuen Verbindungswege mit der Erde getröstet und ermutigt. In den Herzen vieler Sterblicher aber war Freude, denn der dunkle Schleier des Todes war gelüftet und man empfing Botschaften von jenseits des Grabes.

Dann sah ich große Heere von Geistern aus den höheren Sphären an mir vorüberziehen. Ihre Kleider von reinstem Weiß und ihre Helme von Silber und Gold leuchteten in dem herrlichen Geisteslicht. Einige darunter schienen die Führer zu sein, welche die Arbeit der anderen überwachten. Ich fragte: "Wer sind diese, sind sie jemals sterbliche Menschen gewesen?"

Ahrinziman antwortete: "Nicht nur sterbliche Menschen, sondern viele unter ihnen waren auch große Sünder, die deshalb in jene Reiche der Hölle hinabsteigen mußten, die auch du besucht hast. Infolge ihrer tiefen Reue und ihrer zahlreichen Werke der Sühne, sowie durch ihren vollkommenen Sieg über ihre niedere Natur, sind sie jetzt Führer in den Heeren des Lichts geworden — starke Krieger, welche die Menschen vor den Bösen jener niederen Sphären schützen."

Von Zeit zu Zeit bemerkte ich dunkle Massen von Geistern, die gleich brandenden Meereswogen durch der Menschen schlechte Begierden und lüsterne Selbstsucht angezogen wurden. Durch die Heere der lichten Geister wurden sie aber verjagt, denn zwischen diesen beiden Parteien herrscht ein beständiger Kampf, dessen Preis des Menschen Seele ist. Diese widerstreitenden Kräfte hatten außer ihrem Willen keine Waffen. Sie bekämpften sich ausschließlich mit den abstoßenden Eigenschaften ihres Magnetismus, der seiner Natur nach so entgegengesetzt ist, daß sich niemand lange seinen Wirkungen aussetzen kann.

Ahrinziman bezeichnete mir eine Tür, an der eine Frau stand, und sagte: "Siehe, die Kette ist hier noch unvollständig, es bedarf noch eines Gliedes zwischen ihr und der Geisterkette. Gehe hinab und bilde dieses Glied. Deine Kraft wird sie schützen und stärken. Dadurch wirst du sie vor jenen dunklen Geistern bewahren und ihr helfen, die Tür offen zu halten. Deine Wanderungen in den tieferen Sphären haben dir die Macht gegeben, ihre Bewohner zurückzuweisen. Wenn es einer noch stärkeren Kraft bedarf, wird sie ihr zum Schutze gesandt werden. Die, welche eine Verbindung durch sie anstreben, werden dies nur tun können, wenn du sie für würdig hältst. So oft du in der geistigen Welt auszuruhen wünschst, wird ein anderer Leiter deine Stelle einnehmen. Nun blicke wieder auf die Erde und den Kampf, der in ihrer Umgebung tobt."

Bei diesen Worten Ahrinzimans schaute ich hinab und sah, wie schwarze Gewitterwolken über die Erde zogen und finstere Nacht verbreiteten. Ein Getöse wie von einem losbrechenden Sturm tönte aus den unteren Sphären der Hölle herauf, und gleich den Wogen des sturmgepeitschten Ozeans wälzten sich diese Wolken dunkler Wesen gegen das Heer der lichten Geister. Sie drängten diese zurück und ergossen sich über die Erde, als ob sie das Licht der Wahrheit auslöschen wollten. Alle Lichttore griffen sie an und suchten sie zu überwältigen. Dann wurde dieser Krieg in der geistigen Welt zu einem solchen unter den Menschen — eine Nation kämpfte mit der anderen um die Vorherrschaft. Es schien, als ob alle Völker von diesem ungeheuren Durst nach Reichtum und Macht verzehrt werden sollten, so allgemein war dieser Kampf. Ich blickte umher, um zu sehen, ob niemand aus den Reichen des Lichts herabsteige und den dunklen Geistern ihre Macht über die Erde entwinde. Die erhitzte Masse böser Geister wandte sich gegen jene Lichttore und suchte die getreuen Sterblichen hinwegzufegen, welche darin standen, damit der Mensch wieder in die Nacht der Unwissenheit zurückgetrieben werde.

Da gewahrte ich ein blendendes Licht, gleich einem Stern im Osten in seiner vollen Pracht. Immer weiter kam es herab und nahm stets an Größe zu, bis ich endlich bemerkte, daß es aus einer gewaltigen Schar strahlender Engel aus den himmlischen Sphären bestand. Bei ihrem Nahen sammelten sich alle reinen Geister, die durch die bösen Kräfte vertrieben worden waren, aufs neue und schlossen sich jenen himmlischen Kriegern an. Diese große Flut von Licht, diese mächtige Schar glänzender Geister glitt zur Erde nieder und umgab sie mit einem breiten Streifen herrlichen Lichts. Überall sah ich Lichtstrahlen gleich Speeren hinabsausen und die schwarze Masse an tausend Stellen durchdringen. Wie feurige Schwerter blitzten diese glänzenden Strahlen und hieben überall in die Mauer der dunklen Geister ein, sie in alle Windrichtungen zerstreuend. Vergebens versuchten deren Führer, ihre Streitkräfte wieder zu sammeln und anzufeuern. Eine größere Macht stand ihnen gegenüber, und sie wurden durch den Glanz dieser himmlischen Scharen zu rückgeworfen, bis sie wie ein dunkler, ungesunder Nebel niedersanken und in jene finsteren Sphären zurückstürzten, aus denen sie gekommen waren.

"Wer", fragte ich wieder, "waren diese strahlenden Engel? Diese Krieger, die niemals wankten und jene gewaltigen Mächte des Bösen bezwangen; nicht durch das Schwert der Zerstörung, sondern durch die Kraft ihres starken Willens, durch die ewige Macht des Guten über das Böse?"

Die Antwort lautete: "Es sind die aus den dunkelsten Sphären Erlösten, welche vor vielen Zeitaltern ihre schuldbefleckten Kleider in den Wassern der Reue wuschen. Sie haben sich durch ihre eigenen Anstrengungen aus der Asche ihres toten Selbst zu Höherem emporgearbeitet. Nicht durch den Glauben an das Opfer eines unschuldigen Lebens für ihre Sünden, sondern durch jahrelanges ernstes Mühen — durch viele Taten der Sühne, durch Kummer und bittere Tränen — durch manche schwere Stunde des Ringens nach Überwindung des Bösen in sich selbst. Nun vermögen sie anderen, die noch sündigen, in der Überwindung des Bösen beizustehen. Es sind die Engel aus den himmlischen Sphären der Erde: einstmals selbst Menschen und daher befähigt, bei den Kämpfen der sündigen Menschen Mitleid zu empfinden. Es ist eine gewaltige Schar, stets stark und mächtig um zu schützen und zu retten."

Die Vision der Erde schwand. An ihrer Stelle gewahrte ich einen einsamen Stern, der über mir in reinem Silberlicht erglänzte. Sein Strahl glitt gleich einem Silberfaden zur Erde hinab in jenen Raum, wo meine Geliebte wohnte. Ahrinziman sprach zu mir:

"Siehe den Stern ihrer irdischen Bestimmung, wie klar und rein er leuchtet! Erfahre gleichzeitig, mein geliebter Schüler, daß jede erdgeborene Seele in den geistigen Himmeln einen solchen Stern hat, dessen Lauf sie von der Geburt bis zum Ende folgen muß, — es sei denn, daß sie durch Selbstmord den irdischen Lebensfaden abschneidet und sich durch eine solche Übertretung des Naturgesetzes in schweres Leiden stürzt."

"Glaubst du, daß das Schicksal einer jeden Seele festgelegt ist, und daß wir nur Strohhalme sind, die auf dem Strome ihrer Bestimmung dahineilen?"

"Nicht ganz. Die großen Ereignisse des Erdenlebens stehen zwar fest; wir werden ihnen unvermeidlich während unseres irdischen Daseins zur bestimmten Zeit begegnen. Es sind jene Vorkommnisse, welche nach Ansicht der weisen Hüter in den Engelssphären dazu dienen sollen, die Seele zu entwickeln und zu erziehen. Wie weit jedoch diese Ereignisse das Leben der Seele beeinflussen — ob sie der Wendepunkt zum Guten oder Bösen, zum Glück oder zum Unglück werden — hängt von der willensfreien Seele selbst ab. Dies ist das Vorrecht unseres freien Wollens, ohne das wir nur Puppen wären und unverantwortlich für unsere Handlungen. Weder einer Belohnung noch einer Bestrafung wären wir in solchem Falle wert.

Doch um auf den Stern zurückzukommen — merke dir: solange der Sterbliche dem ihm bestimmten Pfade mit dem ernsten Bestreben folgt, in allen Dingen recht zu tun, — solange seine Seele rein und seine Gedanken selbstlos sind, erstrahlt jener Stern in ungetrübtem Licht und erhellt den Lebensweg der Seele. Das Licht dieses Sternes kommt von der Seele selbst und ist der Abglanz ihrer Reinheit. Wenn die Seele aufhört rein zu sein und ihre niederen anstatt ihre höheren Eigenschaften entwickelt, verblaßt ihr Schicksalsstern und wird matt. Sein Licht flackert wie ein Irrlicht über einem dunklen Sumpf und er erscheint nicht mehr als ein heller Leuchtturm der Seele. Sinkt diese schließlich sehr tief, so erstirbt das Licht des Sterns und verlischt, um ihrem irdischen Lebenspfade nicht mehr zu leuchten.

Durch Beobachtung jener geistigen Sterne und Verfolgung ihres festgesetzten Laufes am geistigen Himmel ist es den Sehern möglich, das Schicksal einer jeden Seele vorherzusagen. Aus dem Lichte, das von dem Sterne ausgeht, vermögen sie zu bestimmen, ob eine Seele gut oder böse ist. — Lebewohl, mein Sohn möge dein neues Arbeitsfeld dir schöne Früchte tragen."

Er verstummte, und ich schien tiefer und tiefer zu sinken, bis ich wieder meinen geistigen Körper erreichte, den ich auf dem Bette liegend verlassen hatte. Als ich wieder Besitz von dem Körper ergriff, erwachte ich und befand mich in meinem Zimmer, wo die schönen weißen Engel als Symbole ewiger Beschirmung und Liebe über mir schwebten.

 

Kapitel 34

Meine Aufgabe ist erledigt, meine Erzählung zu Ende. Es erübrigt mir nur noch die Erwartung auszusprechen, daß diese von allen meinen Lesern für das gehalten werden möchte, was sie zu sein bekennt: für die wahre Geschichte einer reuigen Seele, die aus der Finsternis zum Lichte emporgedrungen ist. Auch richte ich an alle Leser die Bitte, sich die Frage vorzulegen, ob es sich nicht lohnt, aus meinen Erfahrungen Vorteil zu ziehen und die Beweise für die Unsterblichkeit des Geistes genau abzuwägen. — Ihr, die ihr dieses Evangelium der Gnade vielleicht als zu milde für die Sünder erachtet, wißt ihr, was es heißt, die Qualen eines erwachten Gewissens zu erdulden? Habt ihr den Leidensweg bitterer Tränen und mühevoller Arbeit gesehen, auf dem die Seele emporsteigen muß, wenn sie zu Gott zurückkehren will? Habt ihr eine Ahnung, was es bedeutet, Sühne zu leisten — Schritt für Schritt, Jahre hindurch in Finsternis, Leid und bitterer Seelenqual für all die sündigen Handlungen, Worte und Gedanken während der irdischen Lebenszeit Buße zu tun? Denn ein jeder muß den Kelch, den er selbst gefüllt, bis zum letzten Tropfen leeren. Könnt ihr euch vorstellen, was es heißt, zu beobachten, wie der bittere Fluch eurer Sünden seine zerstörende Wirkung auch auf die Nachkommen ausübt, die ihr hinterlassen habt? Was es ferner heißt zu erfahren, welche Belastung es für euer Gewissen geworden ist, wenn ihr beigetragen habt, Menschen zu dem zu machen, was sie sind — Hemmnisse, die eure Seele, wenn sie sich zu erheben sucht, so lange zurückhalten, bis ihr ihnen aus dem Sumpfe wieder herausgeholfen habt, in den eure ungezähmten Leidenschaften sie gestürzt hatten! Versteht ihr jetzt, warum es erdgebundene Geister gibt, die noch auf dem Erdenplane arbeiten, obwohl sie vor Hunderten von Jahren starben?

Könnt ihr euch vorstellen, wie einem Geiste zumute sein muß, der jenseits des Grabes laut nach jenen ruft, die er zu ihrem und seinen Verderben verraten hatte? Und dann findet, daß alle Ohren für seine Worte taub, alle Herzen gegenüber seinem Wehgeschrei und seiner Reue verschlossen sind? Er kann jetzt keine törichte oder rachsüchtige Handlung mehr ungeschehen machen. Er kann jetzt keine schmerzensreiche Folge abwenden, die er auf andere oder sich selbst heraufbeschworen hat. Eine schreckliche Mauer hat sich gebildet, ein großer Abgrund hat sich zwischen ihm und der Welt der lebenden Menschen aufgetan. Wenn nicht eine liebe Hand die Kluft für ihn überbrückt und ihm zu einem inneren Gespräch mit jenen verhilft, denen er Unrecht getan, so ist ihm das Bekenntnis seiner Schuld, ja selbst eine reuevolle späte Genugtuung versagt. Liegt nicht ein Bedürfnis vor, daß jene ihre Brüder warnen, die die Schwelle des Grabes überschritten? Sind die Menschen auf Erden so gut, daß sie keiner Stimme bedürfen, die ihnen vom Jenseits aus eine Vorahnung des Schicksals gibt, das sie nach dem Tode erwartet? Viel leichter ist es wohl für den Menschen zu bereuen, solange er noch auf Erden weilt, als zu warten, bis er in jenes Land kommt, wo er sich mit den Dingen der Erde nicht mehr befassen kann, außer durch den Organismus anderer. Jeder Geist hat hier zu arbeiten, bis er durch seine Anstrengungen alle, die er auf den Weg der Sünde und des Todes getrieben hatte, aufgerichtet und vorwärts gebracht hat. Nicht früher, als bis dies geschehen ist, kann ein Geist hoffen, den Erdenplan zu verlassen. Er muß stets bestrebt sein, die Wirkungen seiner einstigen Sünde wieder gut zu machen. — Will jemand behaupten, daß seine Strafe zu leicht war?

Wer aber kann sagen, an welchem Punkte Gottes Barmherzigkeit Halt machen und den Sünder für ewig verdammen müßte? Nur wenige wagen es, sich die schrecklichen Folgen des Irrglaubens an die ewige Dauer der Strafe eines irrenden Gotteskindes auszumalen. Ich habe in diesem Buche versucht, die wirklichen Erlebnisse eines Menschen zu schildern, welchen die Kirche wohl als eine verlorene Seele betrachtet haben würde, da er keiner Konfession angehörte und ohne einen auch nur schattenhaften Glauben an Gott gestorben war. Mein Gewissen hatte mir zwar stets zugeflüstert, daß es ein höchstes, göttliches Wesen geben müsse. Aber ich erstickte den Gedanken und wies ihn von mir, indem ich mir ein Gefühl der Sicherheit und Gleichgültigkeit vortäuschte. Obgleich ich nun erkannt habe, daß es einen göttlichen, allmächtigen Lenker des Universums geben muß, habe ich auf allen meinen Wanderungen niemals gehört, daß er auf eine Persönlichkeit beschränkt sei, deren Eigenschaften wir endlichen Geschöpfe feststellen könnten.

Im "Zeitalter des Glaubens" liefert die Mutter Kirche ihren Anhängern den Trost und die Hoffnung der Unsterblichkeit und nimmt ihrem Geiste die Last ab, selbst über eine erste Ursache nachzudenken, die dem Sterblichen seine eigene Existenz und sein Lebensziel erklärt. Dieser Glaube befriedigt noch das Verlangen seiner unvollkommen entwickelten Seele. Der Mensch glaubt ohne zu fragen. Hierauf folgt das Zeitalter, in dem das Denken zu seinem Rechte kommt. Im Unbefriedigtsein vom blinden Glauben an das Unbekannte, wenn die Muttermilch der Kirche nicht länger mehr seinen geistigen Hunger stillt, verlangt der Mensch nach einer kräftigeren Kost. Und wenn sie ihm vorenthalten wird, entreißt er sich der Fürsorge der Mutter Kirche, die ihn einst ernährte, jetzt aber nur das Wachstum und die Entfaltung seiner Seele hemmt. Des Menschen Verstand verlangt größere Freiheit, und er muß sie irgendwo finden. Im Kampfe zwischen dem selbständig werdenden Kind und der Mutter Kirche — welche die Macht, die sie seither ausübte, noch behalten möchte — wird der Glaube, der einst als Nahrung genügte, als eine Torheit angesehen. Daher gestaltet sich das Zeitalter des Verstandes zu einer Periode, in der eine Entwurzelung von allen früher gehegten Glaubensmeinungen stattfindet.

Dann aber bricht eine andere Zeit an, in der das Kind zum Mann herangereift ist. Dieser hat die Freuden und Sorgen des Verstandeslebens genossen und empfunden und hat dabei gelernt, die Beschränkungen seiner geistigen Fähigkeiten richtiger einzuschätzen. Er schaut zurück auf den Glauben, den er einst verachtete und erkennt an, daß auch er seine Schönheiten und seinen Wert besitzt. Er sieht ein, daß der Verstand für sich, des Glaubens beraubt, nur eine kalte, harte Speise ist, durch die er sich der Unermeßlichkeit und Unendlichkeit des Alls nicht bewußt wird — Geheimnisse, die der Verstand aus sich heraus nicht fähig ist zu erklären. Der Mensch kehrt zum Glauben zurück und sucht ihn mit seiner geistigen Erkenntnis in Einklang zu bringen, damit beide hinfort einander in vernünftiger Weise ergänzen mögen.

Glauben und Wissen sind die Zentren von zwei verschieden gearteten Sphären in der geistigen Welt. Der Glaube ist das belebende Prinzip von Religion, wie der Verstand das der Wissenschaft ist. Beide Richtungen, die auf den ersten Blick entgegengesetzt erscheinen, müssen bei der geistigen Entwicklung einer Persönlichkeit verbunden werden. Denn eine Seele kann nur harmonisch sein, wenn in ihr beide Faktoren im richtigen Verhältnis zueinander stehen. Wo die eine Richtung die andere in erheblichem Grade überwiegt, wird das betreffende Individuum — mag es ein Sterblicher oder ein entkörperter Geist sein — nach der einen oder anderen Seite hin engherzig und unfähig sein, ein richtiges Urteil über geistige Probleme zu gewinnen. Seine Seele gleicht einem zweirädrigen Wagen, an dessen Achse ein großes und ein kleines Rad angebracht ist. Infolge dieses Umstandes kommt keines der Räder recht vorwärts. So muß auch das geistige Fahrzeug haltmachen, bis der Fehler ausgebessert ist.

Ein Mensch mag durchaus gewissenhaft in seinem Streben nach Wahrheit sein. Wenn aber seine intellektuellen und moralischen Fähigkeiten nicht gleichmäßig entwickelt sind, gleicht sein Bewußtsein einer mit Massen von Irrtum gepflasterten Landstraße. Die ätherischen Strahlen des Sternes der Wahrheit können nicht eindringen, sie werden gebrochen und von den Hindernissen zurückgeworfen. Entweder erreichen sie des Menschen Seele überhaupt nicht, oder sie rufen solche Zerrbilder der Wahrheit hervor, daß sie nur zur Quelle von Vorurteil und Irrtum werden. Wenn aber das Sehvermögen der Seele unvollkommen ist, verbleibt sie in geistiger Finsternis, so ernst ihr Verlangen nach Licht auch sein mag. Das geistige Sehvermögen muß entwickelt werden, bevor es klar und stark werden kann.

Blinder, unwissender Glaube ist kein Schutz gegen Irrtum. Die Geschichte der religiösen Verfolgungen zu allen Zeiten ist Beweis dafür. Die großen Geister der Erde, denen wichtige Entdeckungen und Erkenntnisse zu verdanken sind, waren Menschen, bei denen sich die moralischen und geistigen Fähigkeiten das Gleichgewicht hielten. Der vollkommene Mensch oder Engel wird diejenige Persönlichkeit sein, bei welcher alle Eigenschaften der Seele bis zu ihrem höchsten Punkte entwickelt sind.

Jede Eigenschaft der Seele, geistiger oder moralischer Natur, hat ihren entsprechenden Farbenstrahl. Die Verbindung dieser Strahlen erzeugt die schönen und mannigfaltigen Schattierungen des Regenbogens. Und ähnlich wie bei diesem gehen sie ineinander über und bilden das vollkommene Ganze des ungebrochenen Lichtes. Bei manchen Seelen geht die Entwicklung gewisser Fähigkeiten rascher vonstatten als die der anderen. Bei vielen liegen gewisse Saatkeime des Intellekts und der Moralität brach; aber sie sind trotz alledem da und werden entweder hier auf Erden schon, oder in dem großen Jenseits wachsen und sich zur Vollkommenheit entfalten.

Das Böse entsteht in gewissen Seelen durch das Versäumnis, ihre moralischen Eigenschaften zu entwickeln, und durch einseitige Überentwicklung anderer Eigenschaften. Seelen, die jetzt die unteren Sphären bewohnen, durchlaufen nur einen notwendigen Erziehungsprozeß, um die schlafenden sittlichen Fähigkeiten zu tätigem Leben und Wachstum zu erwecken. So schrecklich die Übel und Leiden auch sein mögen, welche in diesem Prozeß auftreten, sind sie doch notwendig und in ihren letzten Wirkungen segensreich. —

In der Sphäre, die ich jetzt bewohne, befindet sich ein prächtiger Palast, welcher der Brüderschaft zur Hoffnung gehört. Dieser ist der Versammlungsort für alle Mitglieder unserer Brüderschaft, und in ihm befindet sich ein schöner Saal, erbaut aus dem geistigen Teil von weißem Marmor. In ihm versammeln wir uns, um den Vorträgen zu lauschen, die uns vorgeschrittene Geister aus den höheren Sphären halten. Am oberen Ende des Saales befindet sich ein prächtiges Gemälde, genannt "der vollkommene Mensch". Darunter ist zu verstehen, daß es einen Menschen oder besser Engel darstellt, welcher verhältnismäßig vollkommen ist. Ich sage verhältnismäßig, weil selbst die äußerste Vollkommenheit, welche vorstellbar ist, nur relativ ist gegenüber den noch größeren Höhen, die für eine Seele stets erreichbar sind. Es gibt für die Seele keine Grenzen, die der Eroberung ihrer intellektuellen und moralischen Möglichkeiten ein Ziel setzen würden, denn das geistige Universum ist unendlich. Daher kann niemand einen Punkt bezeichnen, über den hinaus ein Fortschritt unmöglich ist.

Auf dem Bilde ist dieser relativ vollkommene Engel als auf dem Gipfel der himmlischen Sphären stehend dargestellt. Die Erde und ihre Sphären liegen tief unter ihm. Sein Antlitz ist mit einem Ausdruck von Verwunderung, Entzücken und Ehrfurcht jenen weit entfernten Regionen zugewendet, die zu fassen über die Macht des menschlichen Verstandes hinausgeht: Regionen die jenseits unseres Sonnensystems liegen und für den Engel das "gelobte Land" bedeuten.

Sein Haupt ist mit einem goldenen Helm bedeckt, was geistige Stärke und Macht bezeichnet. An einem Arme trägt er einen silbernen Schild als Sinnbild für den Schutz, den der Glaube gewährt. Das Gewand von blendendem Weiß deutet die Reinheit seiner Seele an, während die weit ausgespannten Schwingen die Macht des Geistes symbolisieren, sich in die höchsten Gedankenregionen des Universums zu erheben. Hinter dem Engel befindet sich eine weiße Wolke, die von einem Regenbogen überspannt ist. Jede Farbe und Schattierung erglänzt in vollkommener Harmonie und zeigt dadurch an, daß der Engel alle intellektuellen und moralischen Eigenschaften seiner Seele in höchstem Grade entwickelt hat.

Das reiche Kolorit dieses Gemäldes, die Reinheit des blendenden Weiß, den Glanz seiner leuchtenden Farben kann keine Feder schildern, kein irdischer Pinsel jemals malen. Vervielfältigungen dieses Gemäldes kann man im höchsten Kreise einer jeden Erdsphäre in den der Brüderschaft zur Hoffnung gehörigen Schulen sehen. Sie beweisen den Zusammenhang zwischen unserer Brüderschaft und den himmlischen Sphären des Sonnensystems und zeigen ferner, zu welchen Höhen wir alle in künftigen Zeitaltern der Ewigkeiten steigen können. Ja, selbst der herabgekommenste Bruder aus der untersten Sphäre der Erde und die verkommenste Seele, die dort in Finsternis und unaussprechlicher Sünde kämpft, sind nicht ausgeschlossen. Denn alle Seelen sind vor Gott gleich, und was einer Seele zugänglich ist, ist auch allen anderen zugänglich, wenn sie nur ernstlich darnach streben.

Dies also ist das Wissen, das ich mir erworben, dies der Glaube, zu dem ich gekommen bin, seit ich vom Erdenleben schied. Keinesfalls aber habe ich jemals die Beobachtung gemacht, daß irgend ein Glaube vor einem anderen die Eigentümlichkeit besäße, den Fortschritt einer Seele besonders zu fördern oder zu hemmen. Jedoch bekunden einige Bekenntnisse die Meinung, die Vernunft ihrer Anhänger zu beherrschen. Soweit sie dies tun, sind sie Hindernisse, da ihre Gläubigen nicht imstande sind, sich jene Gedankenfreiheit zu erwerben, die zum Aufstieg der Seele in die höchsten Sphären unumgänglich nötig ist.

Diese Geschichte meiner Wanderungen habe ich in der Hoffnung geschrieben, daß wenigstens einige Leser es der Mühe wert erachten, sich zu fragen, ob ihr Inhalt nicht doch wahr und zutreffend sein sollte. Andere wieder, die liebe Angehörige verloren, die sich bei ihrem Tode nicht auf dem Wege zum Guten und Wahren befanden, möchte ich bitten, Vertrauen zu haben. Mögen sie glauben, daß ihre geliebten, wenn auch irrenden Freunde nicht hoffnungslos verloren sind! Auch die nicht, welche Hand an sich gelegt haben, oder unter Umständen gestorben sind, die alle Hoffnung auszuschließen scheinen. — Ich wünschte auch, daß man sich die Frage vorlege, ob nicht Mitleid und Gebet jenen Hilfe und Trost gewähren können, die aller im Bereich der Möglichkeit liegenden Unterstützung und Aufmunterung bedürfen.

Von meinem Heim im "Klarlande" aus, das meiner Heimat so sehr gleicht, begebe ich mich noch immer auf den Erdenplan, um unter den Unglücklichen zu wirken. Auch helfe ich, das große Werk der geistigen Verbindung zwischen den Lebenden auf Erden und den sogenannten Toten weiter zu führen.

Täglich verbringe ich einige Zeit bei meiner Geliebten und vermag ihr auf mannigfache Weise zu helfen und sie zu schützen. Oft auch werde ich in meinem Heim im Geisterreiche durch Besuche meiner Freunde und Wandergefährten erfreut. Und hier in diesem herrlichen Lande, das so viele freundliche Erinnerungen für mich birgt, erwarte ich dankbaren Herzens jene glückliche Zeit, da meines Lieblings irdische Pilgerfahrt beendet, ihr Lebenslicht erloschen und ihr Erdenstern untergangen sein wird. Dann wird sie kommen, und wir werden in einem Lande, wo uns immer die Sterne der Hoffnung und Liebe leuchten, verbunden sein für ewig, ewig …

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       Inhalt

 

VORWORT

EINLEITUNG

DIE TAGE DER FINSTERNIS

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

TAGES-ANBRUCH

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

DAS REICH DER HÖLLE

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

DURCH DIE GOLDENEN PFORTEN

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

 

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