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William L.
Worcester Die Sprache der Gleichnisse |
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Aus dem Englischen übersetzt von Friedemann Horn nach dem
Buch: THE LANGUAGE OF PARABLE Ein Schlüssel zur Bibel Vom Wesen der
Entsprechungen Die Wissenschaft der Entsprechungen stellt den Schlüssel
zum geistigen Inhalt der Bibel dar. Mit ihrer Hilfe lassen sich die
Gleichnisse, geschichtlichen Erzählungen und seltsamen Weissagungen des göttlichen
Wortes enträtseln, so daß wir die himmlischen und göttlichen Wahrheiten
erkennen, die in ihnen enthalten sind. Es ist daher von äußerster Wichtigkeit,
daß wir eine zusammenhängende Kenntnis und ein wirkliches Verständnis für
diese Wissenschaft und ihre praktische Anwendung gewinnen bzw. unseren
Schülern vermitteln, damit wir auf diese Weise überall in der Bibel die
Lehren himmlischer Weisheit wahrnehmen können. Wie leicht, wie lebendig, wie beglückend gestaltete sich
dieses Studium, befänden wir uns im Himmel! Denn dort wandeln ja die Schüler,
wie uns Swedenborg berichtet, an der Seite ihres Lehrers durch die
himmlischen Gefilde, wobei es kaum eines Wortes von seiner Seite bedarf, um
ihnen die tausendfältigen, herrlichen Wahrheiten zu erschließen, die geradewegs
dem Sonnenlicht, den Blumen, Vögeln und kostbaren Steinen zu entströmen
scheinen. Dort ist die Beziehung aller den Menschen umgebenden Dinge zu
seinen eigenen Gedanken und Gefühlen unmittelbar wahrnehmbar. Alle
Gegenstände verkörpern und deuten zugleich dem Schüler die Dinge der tieferen
Weisheit. Oder angenommen, wir und unsere Schüler wären Kinder der
ältesten bzw. alten Zeiten, des sogenannten Goldenen oder Silbernen
Zeitalters auf Erden! Wir würden uns in den Schönheiten dieser Welt beinahe
ebenso bewegen wie die Schüler und ihre Lehrer im Himmel, d.h. alles wäre für
uns mit einem überströmenden geistigen Leben erfüllt. Wir erschauten die
Botschaft der Blumen in jener funkelnden Schönheit, die aus ihren zarten
Blättern beinahe hervorzubrechen scheint. Wir empfänden die himmlische Neigung,
deren Echo in den Melodien der Vögel ertönt. Die ganze Natur erschiene uns
nur wie ein Schleier, der die Gegenwart des Herrn und des Himmels zugleich
verhüllt und anzeigt. Unsere größte Freude aber bestünde darin, einander auf
all das aufmerksam zu machen, was wir sahen und fühlten. In unseren
Gesprächen würden wir uns gerne der vielen schönen Dinge um uns herum als
einer Art Sprache bedienen, um einander jene höheren Ideen mitzuteilen, die
wir alle in ihnen ausgedrückt fänden. Ja, angenommen, der Herr selbst hätte
uns als Kindern dieser weit zurückliegenden Zeiten seine Botschaft himmlischer
und göttlicher Wahrheit zu verkünden, so würde es uns eine besondere Freude
bedeuten, sie in Form von Gleichnissen empfangen zu dürfen — eben in jener
Sprache, die wir selbst so gerne sprächen und aus den Schönheiten der uns
umgebenden Natur herausläsen. Das Studium der Entsprechungen wäre dann unser
höchstes Vergnügen, es wäre eine „fröhliche Wissenschaft“. Zum Glück ist die Wahrnehmung jener Beziehung zwischen den
inneren und äußeren Dingen in der Menschheit noch nicht völlig
verlorengegangen, wenngleich sie trübe und unzureichend ist im Vergleich mit
der Wahrnehmung früherer Zeiten bzw. des Himmels. Diese im Geist der Menschen
noch in Resten vorhandene Wahrnehmung soll die lebendige Grundlage unseres
Studiums der Entsprechungen abgeben. In dem Schüler muß diese gleichsam
instinktive Wahrnehmung geweckt werden. Gelingt dies, so werden auch sie
fähig werden, sowohl die Botschaft der Natur als auch die Botschaft der Bibel
in ihrer geistigen Bedeutung zu erfassen. Beginnen wir hier, so rühren wir
unmittelbar und ohne Zeitverlust an den Nerv lebendigsten Interesses, eines
Interesses, das Lehrern wie Schülern zu wachsender Freude an der Sache
verhilft. Dieses Interesse würde jedoch vollständig fehlen, begännen wir den
Unterricht in einer willkürlichen, lexikon-artigen Weise, indem wir die
Schüler auswendig lernen ließen: dies entspricht der Wahrheit, dies der
Liebe, usw. Ein solcher Unterricht stützte sich allein auf Autorität und
Gedächtnis. Will man die Art der Wahrnehmung, auf der wir aufzubauen
haben, durch ein Beispiel beleuchten, so spricht man am besten von dem
wechselnden Ausdruck, den Gesicht und Hände des Menschen zeigen. Muß man die
Schüler dann überhaupt noch besonders darauf hinweisen, daß diese an sich
natürlichen Erscheinungen Offenbarungen, Ausdrücke oder eben Entsprechungen
geistiger Erscheinungen sind, nämlich der Gefühle und Gedanken der
betreffenden Menschen? Schon das kleine Kind erkennt mit einem Blick die
Freundlichkeit, die ihren Ausdruck in einem Lächeln findet, bzw. das Leid,
welches die Tränen hervorgerufen hat. Oder die Töne der menschlichen Stimme:
bedarf es eines Dolmetschen, um uns klar zu machen, daß der eine Schrei ein
Gefühl des Schmerzes, der andere ein Gefühl der Freude ausdrückt, daß ein in
sanftem, beruhigendem Ton gesprochenes Wort von Güte, ein schroffes hingegen
von Zorn zeugt? Und jedes Kind versteht auch ganz unmittelbar, daß die eine
Handbewegung eine Einladung zum Kommen, die andere eine Aufforderung zum
Gehen darstellt. Mit einem Wort: jedermann nimmt die Entsprechung der
verschiedenen Gesichtsausdrücke, Gesten und Tonfärbungen der Stimme mit den
Gefühlen und Gedanken des Geistes wahr. Der besondere Vorteil dieses ersten Beispiels für die
Entsprechung liegt darin, daß hier sowohl das Geistige als auch das
Natürliche in uns selbst zu finden ist und folglich ihre wechselseitige
Beziehung mit aller Deutlichkeit wahrgenommen werden kann, ja, daß darüber
hinaus eine weitere Tatsache klar zutage tritt, die für die ganze Lehre von
den Entsprechungen entscheidend ist und daher von Anfang an klar sein sollte,
nämlich daß das Geistige die Ursache des Natürlichen ist, und nicht umgekehrt.
Das Gefühl des Leides bringt die Traurigkeit der Stimme und die Tränen im
Auge hervor. Die Erregung der Freude führt zur fröhlichen Stimme und zum
Lachen. Selbst wenn man das nicht lang und breit erklärt, so lernen doch die
Schüler aus diesen und ähnlichen Beispielen von Anfang an, die Entsprechungen
als eine Sache der Beziehung von Ursache und Wirkung zu betrachten. Nach einer solchen Einleitung kann man dann ohne weiteres
zur Behandlung der Dinge übergehen, die sich außerhalb von uns Menschen
befinden, denn der Einfluß des menschlichen Geistes erstreckt sich auf alles
in seiner Umgebung, trachtet er doch danach, alle Dinge und Verhältnisse so
weit als möglich in Übereinstimmung mit sich selbst zu bringen. Jeder kann
etwas vom Charakter seines Mitmenschen erkennen, wenn er dessen Wohnung sowie
die darin herrschende Ordnung und Einrichtung aufmerksam betrachtet. Leicht
ist hier die Entsprechung zu sehen, zwar nicht so vollkommen, wie sie
zwischen den Engeln und ihrer himmlischen Umgebung besteht — denn dort sind
alle äußere Gegenstände eine Offenbarung und ein genauer Ausdruck der
Gefühls- und Gedanken-Zustände der betreffenden Engel —‚ aber doch genügend,
um uns jene vollkommenere Entsprechung vor Augen führen zu können. Die allgemeine Wahrnehmung jener Beziehung zwischen
natürlichen und geistigen Dingen erschöpft sich jedoch keineswegs in dem, was
unmittelbar den Stempel der menschlichen Einwirkung trägt. Wir stellen uns
etwa einen milden Frühlingstag vor, da alles in Schönheit erblüht und die
sanften Lüfte, der Sonnenschein, die herrlichen Farben und die fröhlichen
Laute eine Saite innigster Sympathie in uns zum Schwingen bringen. Sie
erwecken ein wonniges, friedvolles Entzücken. Die Beziehung zwischen der
Frühlingsschönheit und menschlichem Glücksempfinden liegt geradezu auf der
Hand. Wir bringen dies dadurch zum Ausdruck, daß wir einen solchen Tag selbst
glücklich nennen, ganz als wäre er ein menschliches Wesen, daß wir die Farben
und das Vogelzwitschern als heiter und fröhlich bezeichnen. Einen Sturm oder
einen reißenden alles verheerenden Gießbach charakterisieren wir als wild
oder grausam. Mit einem Wort: wir empfinden die Beziehung zwischen derartigen
Naturerscheinungen, auf deren Entstehen wir keinerlei unmittelbaren Einfluß
hatten, und den Gefühlen und Gedanken unseres Inneren. Diese Tatsache ist merkwürdig. Wie sollen wir sie erklären?
Nun, wir alle betraten einst die Welt und fanden hier Beweise vor, daß sie
lange vor uns schon bewohnt war. Es verhielt sich damit beinahe so, wie wenn
wir in einem wilden, unbetretenen Walde plötzlich auf Anzeichen einer
menschlichen Siedlung gestoßen wären. Für unser Wohlbefinden und unser Glück
in dieser Welt ist die Tatsache sehr angenehm, daß die meisten irdischen
Dinge und Erscheinungen unseren körperlichen Bedürfnissen angepaßt sind, und
daß sie darüber hinaus die Eigenschaft haben, empfängliche Saiten in unserem
Herzen und in unserem Geiste zu berühren. Diese sozusagen menschliche
Beschaffenheit der Natur ist kein Zufall, sondern vielmehr Absicht. Sie ist
nicht mehr und nicht weniger als das Siegel der göttlich-menschlichen Hand
des Schöpfers, abgewandelt in mehr oder weniger vollkommene Formen, ja sogar
verkehrt in böse Formen durch die himmlischen bzw. höllischen Kanäle, durch
welche die geistigen Kräfte diese materielle Welt erreichen. Jeder Gegenstand, jede Erscheinung in der Natur ist wie ein
Lächeln oder wie eine Träne auf ihrem Antlitz, ist wie ein Ton ihrer Stimme,
der uns die innewohnenden Gefühle und Gedanken verkörpert. Jede Naturerscheinung
ist eine Wirkung, die uns auffordert, sie auf ihre Ursache in der Welt des
menschlichen Geistes, ursprünglich aber im Herrn selbst zu untersuchen. Das allgemein verbreitete Gefühl für die besagte Beziehung
zwischen den Gegenständen der uns umgebenden Welt und den geistigen Dingen in
uns selbst, ja die Erkenntnis, daß es sich bei ihnen in der Tat um die gleichen
Erscheinungen handelt, wenngleich auf verschiedenen Lebens-Ebenen, veranlaßt
uns täglich, natürliche und geistige Dinge beim gleichen Namen zu nennen,
ihre Eigenschaften mit denselben Ausdrücken zu umschreiben. Wir sprechen z.B.
von einem hohen Berg, aber auch von einem hohen Streben, von einem niedrigen
Ort, aber auch von einem niedrigen Beweggrund. Ebenso gebrauchen wir — um ein
anderes Beispiel zu nennen — das Wort hart und nennen sowohl einen Stein als
auch eine Ausdrucksweise hart. Weitere Beispiele: ein zartes Blatt oder
Gefühl, ein rauhes Land oder ein rauhes Volk, ein warmer Tag oder ein warmes
Herz, ein frostiger Winter oder ein frostiger Empfang. Wir sprechen vom
Wachstum der Pflanze, aber auch der Einsicht, und von beiden sagen wir, daß
sie Frucht trägt. Wichtig ist die Feststellung, daß in diesen und allen
ähnlichen Fällen das entsprechende Wort zuerst auf die natürlichen Dinge und
Eigenschaften angewandt wird, daß es seine klar umrissene Bedeutung von dem
erhält, was wir sehen, hören und empfinden, und daß es erst danach gleichsam
entlehnt wird, um auch geistige Gegenstände und Eigenschaften zu umschreiben,
von denen wir wahrnehmen, daß sie den natürlichen ähnlich sind. Tatsache ist
jedenfalls, daß alle Wörter, die wir zur Bezeichnung geistiger Dinge verwenden,
ihre genaue Bedeutung durch die Anwendung auf natürliche Gegenstände
erhielten und für den höheren Gebrauch entlehnt wurden. Mit anderen Worten:
aus der Natur gewinnen wir jene Eindrücke, die allein uns deutliche
Vorstellungen von den geistigen Dingen zu vermitteln vermögen. Sähen und
fühlten wir nicht natürliche Höhen und Tiefen, so wären wir auch nicht imstande,
uns geistige Erhebungen und Tiefstände zu denken. Die Vorstellung jeglicher
geistiger Beschaffenheit ebenso wie das entsprechende beschreibende Wort ist
also von der Natur abgeleitet bzw. entlehnt. Setzten wir dieses Studium der Wörter unserer Sprache
weiter fort, so fänden wir zweifellos viele, deren ursprüngliche Bedeutung
rein natürlich war, heute aber ihren Bezug auf die Natur ganz oder nahezu
vollständig verloren haben und nur noch auf geistige oder mentale
Erscheinungen angewandt werden. Ein Beispiel für einen solchen Bedeutungswandel
ist das Wort inspirieren, zu deutsch: einatmen, einhauchen, eingeben, begeistern,
in gewissen Fällen auch: anfeuern. Ein römischer Knabe könnte also seinen Fußball
inspiriert haben, und selbst noch Pope und Shakespeare ließen ihre Musiker
die Instrumente „inspirieren“. Wir aber inspirieren oder lassen inspiriert
sein vor allem Gefühle und Gedanken. Das zugrundeliegende lateinische Wort spiritus, Geist, hat im allgemeinen Sprachgebrauch seine
ursprüngliche Bedeutung von Atem oder Wind nahezu vollständig zugunsten der
Bedeutung mentaler bzw. geistiger Kräfte und Erscheinungen eingebüßt. Obwohl
wir von einem Berge auf die Landschaft zu unseren Füßen herabblicken, tun wir
es doch keineswegs mit Verachtung, wie es das Wort ausdrückt, wenn wir es —
wie meist — für die Bezeichnung eines geistigen Vorgangs verwenden. Wörter,
die offensichtlich nur noch in ihrer geistigen Bedeutung gebraucht werden, bilden
tatsächlich keine Ausnahme von der Regel, aber auch sie sind ursprünglich
immer von der Natur abgeleitet und zum Zweck der Beschreibung geistiger
Vorgänge lediglich entlehnt. Das Studium der Entsprechungen ist von allergrößter
Bedeutung, denn in eben dem Maße, wie wir es lernen, in den
Naturerscheinungen deren geistige Ursache und Bedeutung zu sehen, werden wir
uns mit Freude den Gleichnissen der Bibel zuwenden — und die ganze Bibel
besteht aus Gleichnissen, um darin in derselben Sprache über den Himmel und
den Herrn zu lesen. Die Rolle des Führers und der Autorität übernimmt bei
dieser Auslegung des Göttlichen Wortes mit Hilfe der Entsprechungen die
Offenbarung ihres inneren Sinnes, wie sie uns vom Herrn durch die Schriften
Emanuel Swedenborgs vermittelt worden ist. Wir finden darin eine ausführliche
Anleitung, wie wir die geistige Bedeutung gewisser Bücher des Wortes und sehr
vieler einzelner Bibelstellen zu verstehen haben, sowie direkte Angaben über
die Entsprechung vieler Gegenstände, Angaben, die uns eine Hilfe bei der
Bemühung um ein Verständnis des geistigen Inhalts all jener Stellen bedeuten,
wo die betreffenden Gegenstände erwähnt werden. Eines der wünschenswertesten
Ziele des Studiums der Entsprechungen besteht darin, das Mißverständnis auszuschalten,
die Entsprechungen seien etwas Künstliches und Willkürliches, und stattdessen
die lebendige Beziehung sichtbar zu machen, die zwischen den natürlichen und
geistigen Dingen besteht und die wir als Entsprechung bezeichnen. Daher
appellieren wir zuerst an die beinahe instinktive Wahrnehmung der Beziehung
des jeweiligen natürlichen Gegenstands oder Vorgangs, die wir gerade
studieren, zu irgendeinem Zustand oder einer Tätigkeit des Geistes, eine Beziehung,
für die oft genug die Umgangssprache Zeugnis ablegt. Diese Wahrnehmung
trachten wir dann zu vervollständigen und genauer zu umschreiben, indem wir
die Angaben Swedenborgs über die Entsprechung des in Frage stehenden
natürlichen Gegenstandes zu Rate ziehen. Dann wenden wir uns der Bibel zu, um
die Anwendung unseres neu entdeckten Symbols zu beleuchten, wobei wir — je
nach unserer Fähigkeit — die wunderbarsten und nützlichsten geistigen Lehren
finden werden. Zum Ganzen vergleiche man: HH 89—91, 103—115; OE 1080—1082;
WCR 2O1—208. Die beiden Wörter „hoch“ und „niedrig“ lösen in uns ebenso
leicht natürliche wie geistige Vorstellungen aus, ja es fragt sich, ob wir
überhaupt immer schon im ersten Augenblick erkennen können, ob sie für natürliche
oder geistige Eigenschaften stehen sollen. Man spricht von der „niedrigen
Lage eines Ortes“ und meint das offensichtlich im natürlichen Sinn, dagegen
ist es eindeutig geistig gemeint, wenn man sagt, „das moralische Niveau des
Ortes ist niedrig“. Ebenso einfach verhält es sich bei den Ausdrücken „ein
hoher Berg“ und „ein hohes Streben“, aber wenn es heißt, jemand „zielt zu
hoch“, so muß ich bereits überlegen, ob hier gemeint ist: mit dem Gewehr oder
mit seinen Ambitionen. „Er stieg von ganz unten Stufe um Stufe auf, bis er
die ersehnte Höhe erklommen hatte. Von dort blickte er nun auf die anderen,
weniger Erfolgreichen herab“. Hier kann man nun wirklich nicht mit völliger
Sicherheit sagen, ob es sich um einen Bergsteiger oder einen Selfmademan
handelt. Fest steht jedenfalls, daß die natürliche Höhe uns die geistige
Vorstellung von Höhe vermittelt, daß Gedanke und Wort der äußeren Welt
entlehnt werden, um geistige Verhältnisse zu beschreiben, die den natürlichen
offensichtlich entsprechen. Wenn wir das Wort „hoch“ zur Bezeichnung äußerer Dinge
gebrauchen, wissen wir natürlich, was wir damit meinen. Aber was wollen wir
eigentlich sagen, wenn wir das gleiche Wort auf geistige Dinge anwenden? Bei
eingehender Überlegung wird man sicher zu dem Schluß kommen, daß damit eine
Erhebung über körperliche und weltliche Dinge gemeint ist, eine Annäherung an
das, was himmlisch und göttlich ist. Das Wort „niedrig“ dagegen bedeutet,
geistig angewandt, nicht unbedingt schlecht, aber doch etwas Äußerliches, vom
Göttlichen Entferntes (HG 4210). Es ist keine Frage, was höher steht, die
Liebe zur Astronomie oder zum Essen, Gedanken über den Himmel und den Herrn
oder über meine neuen Kleider. Sehr oft spricht man davon, daß jemand aus
hohen oder niedrigen Motiven handle. Wir können unsere Pflicht erfüllen, um
Gott und unserem Nächsten zu dienen, aber ebenso auch um der Belohnung oder
um des persönlichen Ansehens willen. Wer bei seinem Tun unmittelbar auf Gott
blickt, ist vom allerhöchsten Beweggrund beseelt; steht hingegen der Wunsch,
anderen zu dienen, im Vordergrund, so haben wir es bereits mit einem
vergleichsweise weniger hohen Motiv zu tun. Der Himmel ist „höher“ als die Erde, pflegen wir zu sagen.
Ist das nun geistig oder natürlich gemeint? Denken wir dabei nicht an das
Firmament, sondern an den Himmel der Engel, so sprechen wir ohne Gedanken an
einen natürlichen Ort und meinen „höher“ im geistigen Sinn. Die Wege der
Engel sind ja vollkommener als unsere Wege, sie sind dem Herrn näher: „Denn
die Himmel sind höher als die Erde; so sind Meine Wege höher denn eure Wege
und Meine Gedanken denn eure Gedanken“ (Jes. 55, 9; HG 450,2148). Der Leser
rufe sich weitere ähnliche Stellen in Erinnerung und versuche, die geistige
Parallele zum Bilde der natürlichen Höhen zu finden. Oft lesen wir auch vom
„Hinaufziehen nach Jerusalem“ zum Gottesdienst: „Das Wort, das Jesaja, der Sohn des Amos, erschaute über
Juda und Jerusalem: Und es wird geschehen in den letzten Tagen, daß der Berg
von Jehovahs Haus befestigt wird als Haupt der Berge und erhaben über den
Hügeln, und zu ihm alle Völkerschaften strömen werden. Und viele Völker
werden gehen und sprechen: Lasset uns gehen und hinaufziehen zum Berge
Jehovahs, zum Hause des Gottes Jakobs, daß Er uns weise seine Wege und wir
wandeln in seinen Pfaden; denn von Zion geht aus das Gesetz, und das Wort
Jehovahs von Jerusalem“ (Jes. 2,1—3). Als Jesus 12 Jahre alt war, „gingen sie
nach der Gewohnheit des Festes hinauf gen Jerusalem“ (Luk. 2, 42). Wir erinnern
uns auch, daß es bei den Alten üblich war, auf den Höhen anzubeten (vgl. 1.
Mose 12, 8; 22, 2; HG 797, 6435). Sagt uns das nicht einiges über den Zustand,
in dem wir vor dem Herrn erscheinen sollen? (OE 405; HG 795; EO 336). Denken
wir auch noch daran, daß der Herr des öfteren auf einen Berg stieg, um dort
zu beten (Matth. 14, 23; HG 2708). Nach dem Gottesdienst aber steigt man
wieder hinab in die Niederungen des Alltagslebens mit seiner Betriebsamkeit.
Auch der Herr „zog mit ihnen hinab und kam gen Nazareth und war ihnen
untertan“ (Luk. 2, 51). Und sind wir nicht von mannigfachen Schwierigkeiten
und Gefahren umgeben, wenn wir versuchen, unsere im Gottesdienst gefaßten
oder befestigten Vorsätze ins praktische Leben umzusetzen? Man denke nur an
das Gleichnis vom barmherzigen Samariter: „Es war ein Mensch, der ging hinab
von Jerusalem nach Jericho und fiel unter die Räuber“ (Luk. 10, 30; OE 444,
458; vgl. unten Kapitel 39!). Die Zehn Gebote wurden dem jüdischen Volk durch Moses vom
Berge Sinai herab gegeben, und während dieser Zeit wurden Abschrankungen
errichtet, damit das Volk dem Berge nicht nahen und ihn berühren konnte (2.
Mose 19). In diesem Bilde wird eine tiefe Wahrheit dargestellt: der
himmlische und göttliche Geist, den die Gebote enthalten, und aus dem sie ja
auch stammen, überstieg weit die Fassungskraft der Juden und übersteigt auch
heute noch die Fassungskraft aller bösen und bloß natürlich gesinnten Menschen;
diesem Berge können sie sich nicht nahen (HG 8797, 9422). Als aber der Herr
Seinen Jüngern die Gebote eröffnen wollte, die ihnen von alter Zeit her
gegeben waren, um ihnen etwas von der innewohnenden himmlischen und
göttlichen Liebe zu offenbaren, da stieg Er selbst bezeichnenderweise auf
einen Berg und sammelte dort die Menge um sich (Matth. 5). Was sagen uns
diese Bilder über die Andersartigkeit des geistigen Zustands der jüdischen
und der christlichen Kirche? Was sagen sie uns ferner über jenen Zustand, zu
dem der Herr uns Christen führen möchte? Der Erhebung unserer Herzen und Gedanken
gilt Sein ganzes Bemühen, unserer Loslösung aus den so leicht alles Höhere in
uns absorbierenden weltlichen Sorgen und der Hinführung zu einem himmlischen
Zustand der tätigen Liebe und der Nähe zu Gott. Auf diese Weise können wir
den Geist des Himmels in den strengen Geboten erkennen. Auf „einen hohen Berg
besonders“ führte der Herr die drei wichtigsten Jünger (Mark. 9, 2), damit
sie Seine Verklärung sähen, als „Sein Antlitz leuchtete wie die Sonne und
Seine Kleider weiß wurden wie der Schnee“. So möchte Er auch in uns
himmlische Zustände emporführen, damit wir Seine Liebe und Weisheit wahrnehmen
können gleich den Engeln (OE 405). Nachdem in unserem Gemüte die Vorstellung von geistiger
Erhebung durch diese oder ähnliche Beispiele gefestigt ist, werden wir uns
stets angeregt fühlen, in die inneren Kammern unserer Seele — näher dem Herrn
und dem Himmel — einzutreten, wenn wir beim Lesen der Bibel auf derartige,
vom Hinaufziehen oder -steigen handelnde Stellen stoßen. Die Weisung des
Herrn, in Zeiten der Trübsal in die Berge zu entweichen oder vom Dach unseres
Hauses nicht hinabzusteigen, läßt uns unmittelbar verstehen, daß Sicherheit
allein in der Nähe Gottes zu finden ist und ebenso in der Ausübung der Gerechtigkeit
(HG 795, 2454, 3652 f). Die Worte, die einst an einen Blinden gerichtet wurden,
gelten auch uns: „Stehe auf, Er ruft dich!“ (Mark. 10, 49). Wir sollen von
unseren falschen Gedanken und bösen Wegen aufblicken zu Ihm und mit dem
Verlorenen Sohn sprechen: „Ich will aufstehen und zu meinem Vater gehen“
(Luk. 15, 18; HG 2401, 4881). Aber ohne Zweifel erinnern wir uns auch an solche
Bibelstellen, in denen der Berg oder irgend eine Bodenerhebung eine ganz
andere Bedeutung haben. Meinen wir es doch auch in der Umgangssprache abfällig,
wenn wir jemanden „hochmütig“ nennen. Wir bringen damit zum Ausdruck, daß der
Betreffende sich in seinen eigenen Augen hoch über seine Mitmenschen erhaben
dünkt. So vermag die Erhebung neben ihrem positiven Sinn als Bezeichnung der
Gottesnähe und -liebe auch den verkehrten, entgegengesetzten Sinn verkörpern:
den Zustand intensiver Selbstliebe. Von beiden Arten der Erhebung spricht
folgende Stelle: „Wer sich selbst erhöht, der soll erniedrigt werden, und wer
sich selbst erniedrigt, der soll erhöht werden“ (Luk. 14, 11; HG 6393).
Welche Täler, welche Berge und Höhen meint die berühmte Weissagung vom Kommen
eines Wegbereiters des Herrn? „Erhoben soll jedes Tal, geniedrigt
aller Berg und Hügel werden... Und die Herrlichkeit Jehovahs wird geoffenbart...“
(Jes. 40, 5 f; Luk. 3, 5). Nun ganz einfach: die Berge des Stolzes und der
Selbstliebe müssen abgetragen und die niederen, unwürdigen Zustände unseres Lebens
emporgehoben und in ihr richtiges Maß gebracht werden. Die Täler, die erhöht
werden sollen, stellen jedoch auch Zustände der Demut dar, die den Segen des
Herrn empfangen kann (HG 1691, 4715; EO 336; OE 405). Gewiß spricht der Herr
nicht vom Berg himmlischer Erhebung, sondern umgekehrt vom Berge höllischer
Selbsterhöhung, wenn er den Jüngern sagt: „Wenn ihr zu diesem Berge sprecht:
Hebe dich auf und wirf dich ins Meer, so wird es geschehen“ (Matth. 21, 21;
OE 405, 510). Und ohne Zweifel ist nicht ein Zustand inneren Friedens und des
Erfülltseins von der Göttlichen Liebe gemeint, sondern eine kurzfristige Versuchung
durch den ganzen ererbten Hang zur Selbstliebe, wenn es heißt, der Teufel
habe den Herrn auf einen sehr hohen Berg geführt, Ihm alle Reiche der Welt
und ihre Herrlichkeit gezeigt und gesagt: „Dies alles will ich dir geben,
wenn du niederfällst und mich anbetest“ (Matth. 4, 8f; OE 405; HG 1691). In der geistigen Welt, wo alle Erscheinungen nichts als
Ausdruck der Zustände ihrer Bewohner sind, leben die heiligsten Engel auf den
Bergen, die bösen Geister der Hölle jedoch in Höhlen. Die Zwischenwelt der
frisch von der Erde angekommenen Geister erscheint als ein ausgedehntes Tal
(HG 10438, 10608; EL 75; HH 582—586). Sicher sind auch an folgenden Stellen
nicht größere oder kleinere physische Berge gemeint, sondern entsprechende
himmlische Zustände der Gottes- und Nächstenliebe: „Die Berge werden dem
Volke Frieden bringen, und Gerechtigkeit die Hügel“ (Ps. 72, 3; OE 365). Und
ebenso handelt es sich bei den folgenden Worten, die wir zum Abschluß dieses
Kapitels zitieren, um die freudige Bestätigung eben dieser himmlischen
Neigungen: „Die Berge hüpfen wie Widder, Hügel wie der Herde Lämmer“ (Ps. 114,
4; OE 405) Wir fragen uns: gibt es eine von der Sonne und vom Feuer
unabhängige Wärme? Nun, jedermann kennt wohl Häuser, wo ihm — selbst im
Winter — ein „warmer Empfang“ gewiß ist. Und Freundschaften erkalten nicht
deshalb, weil es Winter wird. Auch im heißen Monat Juli kann einem jemand
„die kalte Schulter“ zeigen. Man kann das ganze Jahr hindurch ein „warmes“
oder ein „kaltes“ Herz unter Beweis stellen — Herzenswärme hat offenbar
nichts mit dem Sonnenschein zu tun. Die Mühe, weitere Ausdrücke dieser Art zusammenzutragen,
trägt sehr zur Klärung des Begriffs der geistigen Wärme bei: Wir „erwärmen
uns für unsere Arbeit“; Eifer oder Begeisterung „feuern uns an“, oder aber
wir sind „lauwarm“ d.h. weder für noch gegen, weder gut noch böse. Jemand
kann unserem „Feuereifer“ sehr „frostig“ begegnen, ja er kann „kaltes Wasser
darauf gießen“. Wir können „vor Zorn oder Rachdurst brennen“, eine Diskussion
kann „hitzig“ werden. Wir können ins „Fieber der Erregung“ geraten, und ein
Freund oder eine Freundin kann uns durch „Kühle befremden“. Worin besteht nun diese Wärme des Geistes, die selbst den
Herzschlag beschleunigt, bis dieser den Körper mit der Glut physischer Wärme
erfüllt? Gute Gefühle und Eifer erwärmen unseren Geist. Hitzige Leidenschaft
verzehrt ihn wie eine Flamme. Liebe, entweder gut oder böse, ist das Feuer.
(LW 95; HG 934, 5215; HH 134). Woher aber empfangen wir jenes himmlische Feuer der Liebe
oder des Guten? Der Herr schenkt es uns, wenn wir gehorsam das tun, was recht
ist. Daher sagte Johannes der Täufer mit dem Blick auf den Herrn: „Ich taufe
dich mit Wasser zur Buße, der aber nach mir kommt, der wird euch mit heiligem
Geist und mit Feuer taufen“ (Matth. 3, 11; HG 9818; OE 374, 504). Erkennen
wir vielleicht im jüdischen Kultus etwas, das ein Abbild dieser göttlichen
Liebe des Herrn sein könnte, die in unseren Herzen die Liebe entzündet, wenn
wir in Seinem Dienste stehen? Nun, das Feuer auf dem Altar, mit dem die Opfer
verbrannt wurden, ist ein solches Abbild — heißt es nicht in einigen Fällen
ausdrücklich, daß man dieses Feuer vom Himmel auf den Opferaltar herabfallen
sah (5. Mose 9, 24; 1. Kön. 18, 38)? Dies bedeutet: wenn wir unsere guten
Neigungen und Fähigkeiten dem Herrn darbringen, weihen, so schenkt Er uns
dafür eine neue, reinere und heiligere Liebe dazu. Gott gibt jegliche Liebe
zum Guten, Er allein. „Der Gott, der mit Feuer antwortet, der soll als Gott
gelten“ (1. Kön. 18, 24; HG 10055; EO 395). Was mag die Bedeutung jener Feuererscheinung um den Herrn
oder Seinen Engel sein, die von Moses, den Propheten des Alten Bundes und vom
Seher Johannes wahrgenommen wurde? „Der Engel des Herrn erschien dem Moses in
einer Feuerflamme aus der Mitte des Dornbuschs“(2. Mos. 3, 2). „Der Alte der
Tage saß... Sein Thron war gleich der feurigen Flamme, die Räder aber wie
brennendes Feuer“ (Dan. 7, 9). Johannes schildert die Erscheinung so: „Seine
Augen waren wie eine Feuerflamme und Seine Füße glichen dem Golderz, als wären sie im Schmelzofen glühend gemacht“ (Off‘b. 1, 14 f). Liegt es nicht geradezu auf der Hand,
daß das Feuer in allen diesen und ähnlichen Fällen ein Ausdruck der vom Herrn
ausgehenden Glut der göttlichen Liebe ist? (HG 5313, 6832; OE 68,69, 504). Es gibt aber auch eine Hitze anderer Art — ein verzehrendes
Feuer böser Leidenschaften, und diese Leidenschaften sind das oft erwähnte
höllische Feuer: „Der Furchtsame; der Ungläubige und Greuelhafte, die Mörder,
Hurer, Zauberer und Götzendiener werden ihr Teil haben an dem See, der mit
Feuer und Schwefel brennt“ (Offb. 21, 8; Matth. 13, 42; 5, 22; HG 5071; EO
599; OE 825; HH 566 — 575). Dies ist auch das Feuer, das unter den Worten des
reichen Mannes in der Hölle verstanden wird: „Habe Barmherzigkeit mit mir und
sende Lazarus, daß er die Spitze seines Fingers in Wasser tauche und meine
Zunge kühle; denn ich leide Pein in dieser Flamme“ (Luk. 16, 24; HG 1861,
6832; HH 570; EO 282; OE 455) Wenn wir die Feuer böser Leidenschaften während
unserer irdischen Lebenszeit nähren, werden wir keinesfalls bereit sein, sie
in der anderen Welt verlöschen zu lassen. „Ihr Wurm stirbt nicht und das Feuer
verlöscht nicht“ (Mark. 9, 44; HG 8481). „Er wird die Spreu verbrennen mit
unauslöschlichem Feuer“ (Matth. 3, 12; 0E504). Man lese auf der anderen Seite die göttliche Verheißung:
„Fürchte dich nicht... so du durch Wasser gehst, will ich mit dir sein, und
durch Flüsse, so sollen sie dich nicht überfluten; wenn du durch Feuer
schreitest, sollst du nicht verbrennen, noch soll die Flamme dich versehren“
(Jes. 43, 2). „Wir gingen durch Feuer und durch Wasser, Du aber brachtest uns
heraus ins Weite“(Ps. 66, 12). Hier handelt es sich um Verheißungen
göttlichen Schutzes, unter dem wir ohne Schaden durch Falschheiten und Versuchungen
des Bösen hindurchschreiten können. Sie geben uns die Gewißheit, daß wir die
falschen Gedanken und bösen Lüste, die sich in unseren Herzen entzünden
mögen, in der Kraft des Herrn überwinden können, so daß unsere Seele nicht
Schaden nimmt (HG 739; OE 355). Das dritte Kapitel des Propheten Daniel
enthält ein großartiges Bild der Gegenwart des Herrn, die uns vor Schaden
bewahrt, obwohl die bösen Leidenschaften ihr Äußerstes tun mögen, uns zu
vernichten. Drei Männer, die an den Herrn glauben, werden in „den Ofen, der
mit Feuer brennt“ geworfen, „siebenmal stärker geheizt als er geheizt zu werden
pflegte“. Und doch hatte über sie „das Feuer keine Gewalt, noch war ihr
Haupthaar versengt, und ihre Mäntel waren nicht beschädigt“ (PP). Der Böse
wirft das Kind „oftmals ins Feuer und ins Wasser, um es zu töten“, der Herr
aber treibt ihn aus (Mark. 9, 22). In der Tat wird uns der Konflikt zwischen den Flammen der
bösen Lüste und dem Feuer der göttlichen Liebe, der in unserem eigenen Innern
ausgetragen werden muß, vom Bösen reinigen. „Siehe, ich will dich läutern,
aber nicht zu Silber, will dich prüfen im Glutofen des Leidens“ (Jes. 48,
10). „Ich will den dritten Teil durch das Feuer bringen und sie läutern, wie
man Silber läutert und will sie versuchen, wie man Gold versucht“ (Zach. 13,
9; HG 1846; OE 532). Der Herr sagte auch im Hinblick auf den Konflikt im
menschlichen Herzen zwischen der echten Liebe, die Er brachte, und ihren
eigenen natürlichen bösen Liebesarten: „Ich bin gekommen, ein Feuer auf Erden
zu bringen, und was wollte ich lieber, denn daß es schon brennte?!“ (Luk. 12,
49; OE 504). Das Feuer des Bösen und das des Guten sind die schärfsten
Gegensätze. Ersteres ist kalt für diejenigen, die sich in bösen, letzteres
für jene, die sich in guten Zuständen befinden (HG 4175; HH 572). Der Herr
hat „Tage“ vorausgesagt, in denen „die Ungerechtigkeit überhand nehmen“ und
„die Liebe in vielen erkalten“ werde (Matth. 24, 12; JG 35). Man denke auch
an jene Nacht, da der Herr vor die Priester und Schriftgelehrten gebracht
wurde: „Die Knechte und Gerichtsdiener standen an einem Kohlenfeuer, das sie
gemacht hatten, denn es war kalt..., und Petrus stand bei ihnen und wärmte
sich“ (Joh. 18, 18). Sagt uns nicht die Tatsache, daß es kalt war, auch etwas
über die Liebe zum Herrn im Herzen des Petrus und der übrigen, ja in unser
aller Herzen, wenn wir den Herrn verleugnen und verlassen? (OE 820). Man lese
in der Offenbarung (3, 15 f) das Sendschreiben an die Kirche von Laodicea: „Ich kenne deine Werke, daß du weder kalt noch
warm bist. Wärest du doch kalt oder warm. So aber, da du lau bist... will ich
dich ausspeien aus meinem Munde“. Eine deutliche Warnung, daß wir, wenn wir
uns einmal dafür entschieden haben, den Herrn und die Wahrheit zu lieben,
nicht wieder ins Böse unseres alten Lebens zurückfallen. Das würde die Liebe
zum Herrn abkühlen, und das Resultat, die Lauwärme,
wäre gefährlicher für uns als das Gute nie gekannt zu haben. Wir würden ärmer
an Hoffnung, es schließlich doch einmal zu gewinnen (EO 202; OE 233). Hier haben wir zwei weitere Wörter, die wir jeden Tag ihrer
ersten, rein natürlichen Bedeutung entlehnen, um nicht Zustände der äußeren
Welt, sondern des menschlichen Seelenlebens zu beschreiben. Es wird gut sein,
wenn man sich oder seine Schüler damit beschäftigt, Sätze zu bilden, in denen
diese oder ähnliche Wörter so verwendet werden, daß jeder Hörer sogleich
ihren Bezug auf menschliche Geisteszustände erkennt. Man könnte etwa einen
Menschen im hellsten Sonnenschein spazierengehen und dabei zu seinem
Begleiter sagen lassen, in Hinsicht auf diesen oder jenen Sachverhalt tappe
er noch immer völlig im Dunkeln. Andere Beispiele: Irgendeine Nachricht wirft
Licht auf ein bestimmtes Problem. „Das finstere Mittelalter“ war keine Zeit
ohne Sonnenschein. Ein „Umnachteter“ ist gewiß kein Mensch, dem die
natürliche Sonne untergegangen ist, und ein „Erleuchteter“ keiner, dem sie
besonders hell leuchtet. Wir sprechen im Zusammenhang mit der Herkunft der
meisten religiösen und geistigen Ideen vom „Licht aus dem Osten“. Niemand
würde dabei an den Sonnenaufgang im Osten denken. Was wollen wir damit sagen, wenn wir erklären, wir hätten
zuerst vollständig im Dunkeln getappt, besäßen aber nun mehr Licht? Nun, wir
waren einfach im Ungewissen bzw. in völliger Unwissenheit hinsichtlich
irgendeines Sachverhaltes, haben dann aber eine bessere Kenntnis desselben erlangt.
Wir gewinnen Licht in dem Maße, wie unsere Kenntnis wächst, werden verständig
und schließlich weise (LW 96; HG 4403—4420). Man sieht mit Leichtigkeit, daß
die angeführten Redewendungen diese Art des Lichtes und der Finsternis
meinen. Die schlimmste Finsternis ist Unkenntnis bzw. ein irregeleiteter
Glaube hinsichtlich des Herrn, des Himmels und des zum Himmel führenden
Lebens. Und das köstlichste Licht ist das Verständnis und die Weisheit
hinsichtlich dieser Dinge. Solche Finsternis im Geist der Menschen betrübt
die Engel, solches Licht erfreut sie, wenn sie es wahrnehmen. Die Bibel
erzählt uns in ihrem geistigen Sinn von diesem Licht und dieser Finsternis
(OE 5260. Es ist eine gute Übung, Bibelstellen aufzuzählen oder mit Hilfe von
einer Bibelkonkordanz zusammenzustellen, in denen Wörter wie Finsternis,
Dunkelheit, Licht, Tag, Nacht und andere ähnlicher Art vorkommen, und schon anhand
einer solchen Liste erste Schlüsse auf ihre geistige Bedeutung zu ziehen. Für die Zeit des Kommens des Herrn wurde geweissagt: „Siehe, Finsternis bedeckt die Erde und Dunkel die
Volksstämme“ (Jes. 60, 2). Jedermann versteht, daß hier nicht von natürlicher
Dunkelheit, sondern von der Vorherrschaft des Dunkels der Unwissenheit und
der falschen Glaubenssätze die Rede ist. Gleich anschließend aber heißt es
vom Kommen des Herrn: „Über dir geht auf Jehovah, und seine Herrlichkeit erscheint
über dir. Und Völkerschaften werden zu deinem Lichte wandeln und Könige zum
Glanze deines Aufgangs“ (Vers 2b und 3). Jeder versteht, daß es sich dabei
nicht um einen den natürlichen Augen wahrnehmbaren Glanz handeln kann,
sondern nur um das Licht des Verständnisses himmlischer Dinge, welches der
Herr in den Menschen zu erwecken kommen sollte (HG 10574). Oder: „Das Volk,
das da wandelt in der Finsternis, hat ein großes Licht gesehen, über die,
welche im Lande des Todesschatten wohnen, erglänzet ein Licht“ (Jes. 9, 2; HG
3863). Auch das Evangelium sagt über das Kommen des Herrn: „Das Licht scheint
in der Finsternis, und die Finsternis hat‘s nicht begriffen...Dies war das
wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der in die Welt kommt“ (Joh. 1,
5. 9). Diese Stelle handelt von der Unwissenheit und Falschheit im Geist der
Menschen und von der vollkommenen Weisheit des Herrn, und sie belehrt uns darüber,
daß uns alles Licht und alles Vermögen der Wahrheitserkenntnis allein vom
Herrn verliehen werden kann (OE 294). „In deinem Licht sehen wir das Licht“
(Psalm 36, 10; OE 483; HG 353). „Ich bin das Licht der Welt“, sagt der Herr
selbst (Joh. 8, 12; OE 864). Und zu denen, die er lehrte und aussandte, um
die Lehre weiterzugeben, sagte der Herr: „Ihr seid das Licht der
Welt...Lasset euer Licht leuchten vor den Menschen“ (Matth. 5, 14. 16). Die
Jünger — im abstrakten Sinne die Botschaften der Wahrheit, die sie auszurichten
hatten — sollten Sein Licht in der ganzen Welt verbreiten (OE 223). Aber schenkt uns der Herr das Licht der Einsicht und
Weisheit nicht auch noch auf andere Weise als durch seine eigene persönliche
Gegenwart und die seiner Jünger? Die Antwort lautet: durch sein Wort. Daher
können wir in der Tat sagen: „Dein Wort ist eine Leuchte meinem Fuß und ein Licht auf
meinem Steig... Die Eröffnung deiner Worte erleuchtet, sie macht den
Einfältigen weise“ (Ps. 119, 105, 130; OE 274). Und was bedeutet die Warnung
des Propheten: „Weh denen, die Böses gut und Gutes böse heißen, die
Finsternis zum Licht und Licht zur Finsternis machen“ (Jes. 5, 20; HG 1839)? Wenn wir in den Evangelien oder in den anderen Büchern des
Göttlichen Wortes lesen, daß bestimmte Ereignisse in der Nacht oder in der
Dunkelheit stattfanden, so haben wir es dabei keineswegs nur mit einem
natürlichen Begleitumstand zu tun. „Es ward eine dichte Finsternis in ganz
Ägyptenland für drei Tage...; aber die Söhne Israels hatten Licht in ihren
Wohnungen“ (2. Mose 10, 220. Gleich allen anderen ägyptischen Plagen stellte
dies den Gemütszustand der Ägypter, ja aller Menschen dar, die sich ans bloß
natürliche und böse Leben klammern und dem Herrn den Gehorsam verweigern. Die
Israeliten dagegen hatten Licht, weil sie diejenigen vorbilden, die die Befreiung
von den Banden eines bloß natürlichen und daher bösen Lebens suchen. Solche
Menschen aber sind in bezug auf die geistigen Dinge verständig, die anderen
im höchsten Maße töricht (HG 7712, 7719). „Ägyptische Finsternis“ wurde daher
im allgemeinen Sprachgebrauch zu einer Umschreibung des Zustands äußersten
Mangels an Einsicht und Verständnis. Bei der Geburt des Herrn „waren Hirten auf dem Felde, die
hüteten des Nachts ihre Herde“ (Luk. 2, 8). Sagt uns das nichts über den
Zustand der Welt, in die Er hineingeboren wurde? Es gab nur wenige, die sich
um wahre Unschuld bemühten, und diese wenigen hielten die Wacht in einer
Nacht der Unwissenheit und des Irrglaubens. Die Jünger, so heißt es einmal
(Luk 5, 5), „mühten sich ab die ganze Nacht und fingen doch nichts“. An einem
Abend beobachtete der Herr seine Jünger, wie sie „Not hatten im Rudern, weil
der Wind ihnen entgegen war. Und er kam um die vierte Nachtwache zu ihnen,
indem er auf dem Meer wandelte“ (Mark. 6, 48). Die mühsame nächtliche
Plackerei ist ein Hinweis darauf, wie die Jünger — oder auch wie wir selbst —
vergeblich arbeiten, wenn das Gemüt in Dunkelheit, weil fern vom Herrn,
verharrt. Die vierte Nachtwache, die erste Morgendämmerung, kommt herauf, sobald
wir der Nähe des Herrn gewahr werden (OE 514). „Am Abend kehrt Weinen ein,
doch am Morgen Lobpreisen“ (Ps. 30, 6; HG 10134). Gab es nicht auch Zeiten geistiger Finsternis im
menschlichen Leben des Herrn? „Er war die ganze Nacht hindurch im Gebet zu
Gott“ (Luk. 6, 12). Der Verrat an Ihm geschah bei Nacht, und ebenfalls bei
Nacht ward er auch von allen anderen Jüngern versucht und verleugnet. Meinte
Er wirklich nur die natürliche Nacht, als er zu ihnen sprach: „In dieser
Nacht werdet ihr euch alle an mir ärgern“ (Mark. 14, 27), oder zu denen, die
ihn gefangennahmen: „Dies ist eure Stunde und die Gewalt der Finsternis“
(Luk. 22, 53)? Meinte er nicht vielmehr die Nacht der Verleugnung im Gemüt
der Menschen? (HG 6000) Und sollte es wirklich über den Seelenzustand des
Judas beim letzten Abendmahl — und eines jeden Menschen, der seinen Herrn
verrät — nichts aussagen, wenn der Evangelist anmerkt: „Er ging hinaus, und
es war Nacht“ (Joh. 13, 30)? War es wirklich nur im natürlichen Sinne wahr,
daß während der Kreuzigung „eine Finsternis ward über das ganze Land“ (Luk.
23, 44; OE 401)? „In der heiligen Stadt wird keine Nacht sein, noch bedürfen
sie einer Leuchte oder des Lichts der Sonne, denn der Herr Gott wird sie
erleuchten“ (Offb.22, 5). Diese Worte schildern eine Kirche, die keinen Irrglauben
und keine „Gläubigen“ kennen wird, die sich von ihrer eigenen Einsicht leiten
lassen wollen, sondern die vom Herrn geistiges Licht empfängt (EO 940; OE
1343). Im Himmel ist es sogar buchstäblich wahr, daß dort niemals Nacht wird,
wenngleich es Zustände der Dämmerung und der Ruhe gibt; denn in der geistigen
Welt ist die äußere Helligkeit untrennbar von der inneren, und in den Seelen
der Engel ist es, wenn sie auch gelegentlich von der intensivsten Tätigkeit
ruhen, niemals dunkel (HH 126—132, 155). Wir pflegen zu sagen, daß ein
Antlitz vor Güte „strahlt“ oder daß es vor Intelligenz „leuchtet“. Im Himmel
läßt ein inwendigeres Verständnis oder die Liebe zur Wahrheit das Angesicht
der Engel tatsächlich strahlen oder leuchten (HH 347; OE 401). Ein solches
Strahlen des Angesichts ist auch schon von irdischen Menschen beobachtet
worden und wird in der Bibel beschrieben: „Und es geschah, als Mose dann vom
Berge Sinai hinab- stieg, die beiden Gesetzestafeln in der Hand, da wußte Mose
nicht, daß die Haut seines Angesichts infolge seiner Unterredung mit dem
Herrn strahlend geworden war... Als er dann mit seinen Mitteilungen zu Ende
war, legte er eine Hülle auf sein Angesicht“ (2. Mose 34, 29—35). Der Grund
dieser Erscheinung bestand darin, daß Moses das Wort Gottes in seinem
buchstäblichen Sinne darstellte. Das Strahlen oder Leuchten seines Antlitzes
war ein Symbol jener inneren Weisheit des Wortes Gottes, die durch dessen
Buchstabensinn hindurchscheint, aber wegen der mangelnden Aufnahmebereitschaft
des Volkes verhüllt werden muß (HG 6752, 10691; OE 937). Man denke auch daran, wie die Apostel den Herrn auf dem
Berge der Verklärung erblickten: „Sein Antlitz schien wie die Sonne, und
seine Kleider waren weiß wie das Licht“ (Matth. 17, 2; HH 129; OE 412). Und
man erinnere sich ferner an die Aussage, wonach die Engel den Herrn in der
Herrlichkeit der himmlischen Sonne erblicken (HH 118; LW 97). „Der sich
kleidet mit Licht, wie mit einem Gewand“, sagt der Psalmist (Ps. 104, 2; OE
283; HG 9433). Welche göttliche Eigenschaft ist es nun wohl, die in der
geistigen Schau als hellstrahlendes Licht erscheint, welches den Herrn
umgibt? Seine göttliche Weisheit! Die Menschen des Altertums wußten noch, daß
die Weisheit des Herrn als ein von Ihm ausstrahlendes Licht erscheint, und dieses
alte Wissen veranlaßt auch heute noch die religiösen Maler, das Haupt des
Herrn mit einem Strahlenkranz zu umgeben (LW 94). Wärme und Licht werden oft zusammen erwähnt. Ist dies
bloßer Zufall, oder besteht zwischen ihnen tatsächlich ein tieferer
Zusammenhang? Man erhitze nur einmal ein Stück Eisen in einem Ofen, ein Stück
Kalk in einem Lötrohr usw., so wird man das Ergebnis sehen: ein strahlendes
Licht! Die Wärme ist die Ursache desselben. Besteht nun nicht dieselbe
Beziehung zwischen der Liebe, der geistigen Wärme, und der Weisheit, dem
geistigen Licht? Unser Interesse an einem Gegenstand erleichtert uns dessen
Verständnis — Liebe versteht rasch. Weisheit in himmlischen Dingen kommt
nicht allein mit großer Bildung, sondern mit dem gläubigen Bemühen, das
Rechte zu tun, und es aus aufrichtigem Herzen zu tun: „Die Furcht des Herrn
ist der Anfang der Weisheit; guten Verstand haben alle, die Seine Gebote tun“
(Ps. 111, 10; EO 527; OE 696). Wo keine echte Nächstenliebe ist, da ist auch
kein wahrer Glaube (WCR 385). Sehen und Hören „Ich sehe nicht“, sagen wir, obwohl vielleicht gerade
hellichter Tag ist und unsere Augen weit geöffnet sind. Irgendjemand „wirft
Licht“ auf einen bestimmten Sachverhalt, indem er etwas spricht oder tut, und
unsere Reaktion besteht dann darin, daß wir sagen: „Ah, jetzt sehe ich!“ „Laß
mich sehen“, sagen wir, wenn wir uns anschicken, über etwas nachzudenken. Wir
sprechen auch von dem „Ausblick“ oder von der „Ansicht“, ohne dabei im
mindesten an eine Landschaft zu denken. Die Menschen pflegen die Dinge bekanntlich
in „verschiedenem Licht“ zu sehen, sie „betrachten sie von verschiedenen
Standpunkten aus“. Manche haben gewohnheitsmäßig eine „düstere Ansicht“ von
den Dingen, andere wiederum betrachten alles stets von der „lichten Seite“.
Niemand hat genau die gleichen „Ansichten“ wie der andere. Man erkläre nur
einmal irgend einen neuartigen Sachverhalt einer Anzahl verschiedenartiger
Menschen — Wilden, Kindern und Gebildeten: Warum sehen sie nicht alle mit der
gleichen Schnelligkeit und Klarheit? Weil ihre Fähigkeit zum Sehen nicht
gleich ist und, wie wir zu sagen pflegen, jeder „mit seinen eigenen Augen
sehen muß“. Im Hinblick auf die unterschiedliche Sehkraft der geistigen Augen
der Menschen sagen wir z.B., ein bestimmter Geschäfts- oder Staatsmann sei
„klarblickend“, ein anderer dagegen „kurzsichtig“, oder die Politik, die ein
Mensch oder eine Partei betreibt, nennen wir „weitblickend“, usw. Und wir
wissen alle, was es heißt, für unsere eigenen Interessen oder Schwächen
„blind“ zu sein. Wir können ein „offenes Auge“ für etwas bekommen, für das
wir bisher blind waren, wir können aber auch weiterhin unsere Augen davor zu
machen. „Niemand ist so blind wie der, der nicht sehen will“, sagt das Sprichwort.
Wir könnten die Beispiele für das Sehen mit dem geistigen Auge schier ins
Endlose vermehren. Haben wir einen anderen Ausdruck für diese Fähigkeit des
geistigen Sehens? „Ich sehe nicht“ heißt doch einfach: „Ich verstehe nicht“.
Also ist das Verständnis das geistige Auge (HG 4403—4420; LW 96). Ist ein
Mensch geistig weitsichtig, so hat er ein klares, weitreichendes Verständnis,
und umgekehrt: ist jemand geistig „kurzsichtig“, so ist sein Verständnis
begrenzt, und er zieht einen kleinen zeitlichen Vorteil dem größeren Gewinn
vor, der sich erst am Ende einer längeren, vielleicht mühevollen Anstrengung
ergeben kann. Wird jemand von „blinder Wut gepackt“, so ist sein Verstand von
Leidenschaft „verdunkelt“ oder „verdüstert“. Die empfindliche Struktur des Auges
und die Kompliziertheit des Seh-Vorganges sind das genaue Gegenstück der noch
viel empfindlicheren geistigen Vorgänge, die uns befähigen, Sachverhalte zu
verstehen, „einzusehen“. Aber das Verständnis ist dem natürlichen Auge nicht nur
ähnlich, vielmehr ist es sehr eng mit ihm verbunden. Das Verständnis ist
stets darauf aus, Ideen zu sammeln, die den Geist zum Denken befähigen. Das
natürliche Auge ist eine Art Anhang des Verstandes, ihm gegeben als ein
Mittel, seine Sicht bis in die materielle Welt hinein auszudehnen und dort unter
den wunderbaren natürlichen Bildern, mit denen uns der Herr umgibt, Material
für das Denken zu sammeln. Das natürliche Auge kann aus sich selbst nicht
sehen, nicht mehr als ein paar Brillengläser; vielmehr sieht das
Verstandesvermögen durch die Augen; es findet in ihnen gehorsame Diener, mit
deren Hilfe es die wunderbaren Bilder der Natur für den Gebrauch des Geistes
sammelt (HG 1806, 1954). Das Verstandesvermögen gibt auch durch die Augen den
Funken des Verstehens oder den leeren Blick des Nicht-Verstehens zurück (OE
37; HG 4407). Diese enge Beziehung umschreiben wir mit einem Wort, indem wir
sagen, das Auge „entspreche“ dem Verstandesvermögen. Sowohl das natürliche Auge
wie der Verstand, jedes auf seiner Ebene, werden durch die Worte bezeichnet:
„Des Leibes Licht ist das Auge. Wenn nun dein Auge einfältig ist, so ist dein
ganzer Leib licht. Wenn aber dein Auge böse ist, so ist dein ganzer Leib
finster“ (Matth. 6, 22f; OE 1081, 152). Die allgemeine Wahrnehmung dieser Entsprechung ermöglicht
es auch uns, sogleich zu verstehen, was damit gemeint ist, wenn man vom
geistigen Auge spricht, und sie ist uns auch dabei behilflich, die Bedeutung
jener Bibelstellen zu verstehen, die vom Sehen, von der Blindheit und ihrer
Heilung handeln. Sehen heißt im geistigen Sinne verstehen. Die kostbarste
Sicht, die wir erlangen können, ist das Verständnis der Wahrheit über den
Herrn, über den Himmel und über das rechte Leben. Die traurigste Art der Blindheit
besteht dementsprechend in der Unfähigkeit, diese Wahrheiten zu sehen. In
ihrer inneren Bedeutung spricht die Bibel allein von dieser Sicht bzw.
Blindheit (OE 152; EO 48). Der Herr sagte im Blick auf die Pharisäer: „Sie sind blinde
Leiter der Blinden. Wenn aber ein Blinder einen Blinden leitet, so werden
beide in die Grube fallen“ (Matth. 15, 14). Gewiß wollte er damit nicht sagen,
daß sie im physischen Sinne blind waren, sondern daß sie, obwohl sie das Wort
Gottes besaßen, von seiner wahren Bedeutung nichts verstanden und
infolgedessen falsche Lebensregeln aufstellten, die vom Volke mit nicht mehr
Verständnis entgegengenommen wurden, als sie selbst besaßen (OE 537, EO 914).
Und als ihn die Jünger anschließend um eine Deutung dieses Gleichniswortes
baten, sagte Er: „Seid auch ihr noch unverständig?“ (ebenda, Vers 16). Viele
Jahrhunderte zuvor wurden die Worte gesprochen: „Alle seine (Israels) Wächter
sind blind — sie alle wissen nichts, ... sie sind Hirten, die nichts von
Einsicht wissen“ (Jes. 56, 10; EO 210; OE 239). Eine andere Weissagung des Herrn bezog sich ebenfalls auf
die Pharisäer: „An ihnen geht die Weissagung des Propheten Jesaja in
Erfüllung, die da lautet: Ihr werdet immerhin hören, aber nicht verstehen,
ihr werdet immerhin sehen, aber nicht wahrnehmen. Denn das Herz dieses Volkes
ist verstockt, und mit ihren Ohren sind sie schwerhörig geworden, und sie
drücken die Augen zu, damit sie nicht sehen mit den Augen und hören mit den
Ohren und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren und ich sie gesund mache“
(Matth. 13, 14f; Jes. 6, 9f). Gab es etwa nicht Menschen, unter ihnen die
Pharisäer, die den Herrn zwar mit ihren natürlichen Augen sahen, aber vollkommen
dabei versagten, ihn mit ihren geistigen Augen als den Gott des Himmels in
menschlicher Gestalt zu erkennen, und welche fast gar nichts von der Bedeutung
seiner Gleichnisse erfaßten? Und es war sogar besser, daß sie nichts verstanden,
als daß sie verstanden und das Heilige mit ihrem Bösen vermischt hätten (HG
301—303; GV 231; HH 353; HS 60). Was bedeutet das Gebet des Psalmsängers: „Tue meine Augen
auf, daß ich sehe die Wunder an deinem Gesetz“ (Ps. 119, 18)? Und als in
Jericho ein Blinder auf die Frage des Herrn „Was willst du, daß ich dir tun
soll?“ antwortete: „Herr, daß ich sehend werde!“, welches Bedürfnis des
menschlichen Gemüts bildete er da vor? Und als Jesus ihm antwortete: „Sei
sehend! Dein Glaube hat dir geholfen“, welche Vollmacht, den Menschen geistig
zu helfen, bildete Er dadurch vor (Luk. 18, 41f)? Die Antwort liegt auf der
Hand: Der Blinde ist ein Bild all jener, die in der Nacht der Unwissenheit leben,
aber nach dem Licht des Verständnisses streben. Dem Herrn bereitet es Freude,
solche Menschen zu belehren und ihnen die Macht des Verständnisses zu
verleihen (HG 6990; OE 239). Lesen wir aufmerksam den wunderbaren Bericht des
Johannes-Evangeliums über die Heilung des Blindgeborenen, so wird uns klar,
daß der Herr dem Betreffenden gleichzeitig das natürliche Augenlicht und das
Verständnis schenkte, damit Er an Ihn glauben konnte. „Das ist doch
wunderbar, daß ihr nicht wisset, von wo Er ist, und doch hat Er mir die Augen
aufgetan“, sprach der Geheilte zu den jüdischen Führern, die ihn verhörten
(Joh. 9, 30; OE 239). Der Herr heilte viele Blinde und gab damit ein Zeichen
seiner Macht und seines Willens, den Menschen das Verständnis himmlischer
Dinge zu öffnen. Aus demselben Grunde sagte schon der Prophet des Alten
Bundes im Hinblick auf Ihn, daß Er „die blinden Augen auftun“ werde (Jes. 42,
7). „Dann werden die Augen der Blinden aufgetan werden“ (Jes. 35, 5).
„Jehovah macht Blinde sehend“ (Ps. 146, 8; OE 239; HG 2383; EO 210). Aber der Herr kann die Fähigkeit, himmlische Dinge zu
verstehen, nur denen verleihen, die seine Gebote halten; denn die Gebote sind
die wahren Lebensgesetze, und wer danach lebt, sieht alle Dinge in ihren
wirklichen Proportionen. „Aber wenn du nicht hörst auf die Stimme Jehovahs,
deines Gottes, alle Seine Gebote und Satzungen zu halten, die ich dir heute
gebiete... so wird dich Jehovah mit Wahnsinn und mit Blindheit und mit
Stumpfsinn des Herzens schlagen, und du wirst in der Mittagshelle
umhertappen, wie der Blinde im Dunkeln“ (5. Mose 28, 15. 28f; OE 239). Und
umgekehrt: „Die Eröffnung deiner Worte erleuchtet, sie gibt Einsicht den
Einfältigen“ (Ps. 119, 130, vgl. auch Verse 97—100). „Das Gesetz Jehovahs ist
lauter, es erleuchtet die Augen“ (Ps. 19, 9). „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge,
und den Balken in deinem eigenen Auge gewahrst du nicht? Nimm zuerst den
Balken aus deinem Auge, und dann wirst du sehen, wie du den Splitter aus
deines Bruders Auge nehmest“ (Matth. 7, 3—5). Was bedeutet der Splitter in
unseres Bruders Auge? Man mag antworten, irgendeinen Charakterfehler. Will
man es aber genauer fassen, so muß man fragen: Was ist, geistig gesehen, des
Bruders Auge? Sein Verständnis! Also ist der Splitter in seinem Auge
irgendein Irrtum, der sein Verständnis behindert. Kritisieren wir nicht oft
und oft derartige Irrtümer? Und regen wir uns dabei nicht zuweilen furchtbar
auf? Wie aber wirkt das auf unseren eigenen Verstand? Dies — oder irgendein
anderes blind machendes Übel — ist der Balken, der unsere eigene Sicht weit
übler beeinträchtigt als der kleine Irrtum diejenige unseres Bruders, und der
uns daran hindert, ihn von seinem Irrtum zu befreien und so seine Sicht
völlig wiederherzustellen (OE 746; HG 9051). „Ärgert dich aber dein Auge, so reiße es aus und wirf es
von dir; es ist dir besser, einäugig zum Leben einzugehen, als daß du zwei
Augen habest und ins höllische Feuer geworfen werdest“ (Matth. 18, 9; 5, 29).
Neben allen anderen Lehren, die diese Worte enthalten, sind sie vor allem
eine Warnung, sogleich alle die Gedanken in uns auszumerzen, die uns dazu
verleiten möchten, etwas Falsches zu tun (OE 600, 152). „Ihr habt gehört, daß
gesagt ist, Auge um Auge“ (Matth. 5, 38; 2. Mose 21, 24). Dies den Juden
gegebene Gesetz lehrt die unwandelbare geistige Wahrheit, daß jeder Versuch,
eines anderen Menschen Verständnis zu verderben, auf uns selbst zurückfallen
und unsere eigene Fähigkeit zum Verstehen der Wahrheit zerstört (OE 556; HG
8223). „Verflucht sei, wer einen Blinden auf dem Wege fehlgehen läßt“ (5.
Mose 27, 18; 3. Mose 19, 14). Welche unmißverständliche Warnung vor der
Gefahr, die eine bewußte Irreführung der Unwissenden und uns Vertrauenden mit
sich bringt! (OE 210). Wir verstehen nun auch besser, was es heißt, zum Herrn
aufzublicken und unsere Augen zu ihm aufzuheben: „Meine Augen sind beständig
auf Jehovah“ (Ps. 25, 15). „Ich hebe meine Augen auf zu dir, der du im Himmel
wohnest! Siehe, wie der Knechte Augen auf ihres Herrn Hand, wie die Augen der
Dienstmagd auf die Hand ihrer Gebieterin, so sind unsere Augen auf Jehovah,
unseren Gott, bis daß er uns gnädig sei“ (Ps. 123, 1f). „Ich hebe meine Augen
auf zu den Bergen“ (Ps. 121, 1). Wir heben unsere Augen geistig auf, wenn wir
unser Denken nach oben richten, auf den Himmel und auf den Herrn (HG 2789). Lesen wir Aussprüche wie diese: „Die Augen Jehovahs sind
auf den Gerechten“ (Ps. 34, 16), „vom Himmel blicket Jehovah, Er sieht alle
Söhne der Menschen“ (Ps. 33, 13), „Seine Augen schauen, Seine Augenlider
prüfen die Söhne des Menschen“ (Ps. 11, 4), so ist uns nun klar, daß des
Herrn göttliche Gedanken uns zugewendet sind, daß Er uns kennt und für alle
unsere wirklichen Bedürfnisse Sorge trägt (OE 68, 152). * * * Das Hören ähnelt in vieler Hinsicht dem Sehen, und es
entspricht einer Fähigkeit, die engstens mit dem Verstand verknüpft ist. Aber
wir werden doch einen Unterschied zwischen beiden erkennen können. Von
unmittelbarem Interesse dürfte hier zunächst einmal die Tatsache sein, daß
die Augen direkt mit jenem Teil des Gehirns verbunden sind, der der Sitz des
Denkens ist, die Ohren hingegen auch mit den Gefühls Zentren zusammenhängen,
so daß man sagen darf, der Gesichts-Sinn ist der Diener des Denkens, das Gehör
aber berührt gleichzeitig Denken und Fühlen (HG 3869, 5077; OE 14; HH 271).
Zweifellos kann man eine Idee durch einen Brief oder ein Bild übermitteln,
wenn es aber darum geht, auch das damit zusammenhängende Gefühl zum Ausdruck
zu bringen, so ist die Stimme als Übermittlerin unübertrefflich, ja
unentbehrlich. Das Wissen um diese Zusammenhänge kommt z.B. darin zum
Ausdruck, daß wir den Kindern zu sagen pflegen, sie sollten doch „hören“,
wenn die Eltern ihnen etwas auftrügen. Wir meinen damit nicht nur, daß sie
die betreffenden Worte verstehen, sondern daß sie sie zu Herzen nehmen und
ihnen gehorchen sollen (HG 4653). Ebenso beschwört uns der Herr: „O, daß du auf meine Gebote horchtest! Dann wäre dein
Friede gleich dem Flusse und deine Gerechtigkeit wie die Wogen des Meeres“
(Jes. 48, 8). Gott will, daß wir seine Worte zu Herzen nehmen und ihnen
gehorchen (HG 2542; OE 365). „Höre, Israel“, beginnt das vornehmste aller
Gebote, und im gleichen Zusammenhang heißt es: „Höre, Israel, und hüte dich,
daß du es auch tuest“ (5. Mose 6, 4. 3; HG 396). Wenn uns der Herr Anweisungen
gibt, so genügt es nicht, wenn unsere Antwort darauf, bildlich gesprochen,
lautet: „Ich sehe“, vielmehr sollten wir sagen: „Alles, was Jehovah, unser
Gott, reden wird, wir wollen es hören und tun“ (5. Mose, 5, 24), oder :
„Rede, Jehovah, denn dein Knecht hört“ (1. Sam. 3, 9). „Ich sehe“, bedeutet,
daß ich etwas mit meinem Verstande verstehe, „ich höre“, daß ich es zu Herzen
nehme und entschlossen bin, ihm zu gehorchen — daher auch das deutsche
„gehorchen“ von hören abgeleitet ist. „Der Herr Jehovah hat mir das Ohr geöffnet
und ich war nicht widerspenstig, wich nicht zurück“ (Jes. 50, 5; HG 3969). Wenn der Herr seine Jünger gelehrt hatte, sprach er oft:
„Wer Ohren hat zu hören, der höre“ (z.B. Matth. 13, 43). Und in jedem der
Sendschreiben an die sieben Gemeinden am Anfang der Apokalypse des Johannes
stehen die Worte: „Wer ein Ohr hat zu hören, der höre, was der Geist zu den
Gemeinden spricht“ (z.B. Offb. 2, 7). Dies soll heißen, daß jeder, der die
Botschaft des Herrn verstehen kann, auch verpflichtet ist, ihr zu gehorchen
(HG 2542; OE 108; EO 87). Viele von denen, die die Stimme des Herrn hörten, hörten
sie in einem tieferen Sinne nicht, denn „ihre Ohren waren schwerhörig
geworden, und ihre Augen drückten sie zu“ (Matth. 13, 14; Jes. 6, 9f). Daß
sie die Augen zudrückten, bedeutet, wie wir gesehen haben, daß sie kein
geistiges Verständnis hatten, aber daß ihre Ohren schwerhörig waren, heißt
nichts anderes, als daß sie Seine Worte nicht zu Herzen nahmen und auch gar
nicht den Wunsch hatten, dies zu tun (HG 3863, 9311). Wie oft werden der
Blinde und der Taube zusammen genannt, und jedesmal wird dadurch dieser feine
Unterschied in der Bedeutung des Sehens und Hörens zum Ausdruck gebracht.
„Dann werden aufgetan der Blinden Augen, und die Ohren der Tauben werden
geöffnet“ (Jes. 35, 5; HG 6989). Wir sehen nun auch, welches geistige Leiden die Taubheit
darstellt, die durch den Herrn geheilt wurde. „Da brachten sie vor ihn einen
Taubstummen und baten ihn, daß er ihm die Hand auflegen möchte... Und alsbald
taten sich seine Ohren auf und das Band seiner Zunge löste sich und er redete
recht... Die Tauben läßt er hören und die Sprachlosen sprechen“ (Mark. 7,
32—37). Dieser taube Mann bildet jene Menschen vor, die deshalb nicht
gehorchen, weil man sie nicht gelehrt hat, was sie tun sollen. Die Heilung
zeigt das Bestreben des Herrn, solche Menschen zu lehren und ihnen den Willen
zum Gehorsam einzugeben (OE 455; HG 9311). Man denke auch an das Ereignis
jener letzten Nacht in Gethsemaneh, als Petrus sein
Schwert zog und „einem Knecht des Hohenpriesters das rechte Ohr abhieb. Jesus
aber antwortete: ‚Laßt ab! Bis hierher und nicht weiter!’ Dann rührte er das
Ohr an und heilte ihn“ (Luk. 22, 50f). Dies zeigt, wir rasch wir mit Anklagen
jenen gegenüber bei der Hand sind, die dem Herrn nicht gehorchen. Der Herr
aber verdammt sie nicht, sondern trachtet in seiner großen Güte danach, sie
zu lehren und zum Gehorsam zu führen (HG 2799, 10130). Wir kennen nun den Unterschied zwischen Sehen und Hören.
Derselbe Unterschied leuchtet auf, wenn wir davon sprechen, daß der Herr uns
sieht oder hört. Sagen wir, daß Er uns sieht, so drücken wir damit aus, daß
Er alle unsere Wege kennt, sagen wir hingegen, daß Er uns hört, so meinen wir
damit Seine Liebe und Sein Erbarmen für uns. „Die Augen Jehovahs sind auf die
Gerechten gerichtet und Seine Ohren auf ihr Hilfsgeschrei“ (Ps. 34, 16; HG
3869, 3954). Essen und Trinken Ebenso wie das natürliche Auge der Diener des Verstandes
ist, den wir als geistiges Auge bezeichnet haben, dessen Wahrnehmungsvermögen
bis in die natürliche Welt hinein ausdehnend, und ebenso wie das natürliche
Ohr, das gewissermaßen eine Erweiterung des geistigen Ohres in die natürliche
Welt hinein darstellt, ist der gesamte Körper des Menschen nichts als ein
Kleid, das der Geist sich selbst genäht hat, um in dieser natürlichen Welt
leben zu können. Alle Organe des Körpers stehen in engster Beziehung zu den
entsprechenden geistigen Organen; sie sind dessen „Handlungsbevollmächtigte“
in der natürlichen Welt, und sie sind sozusagen Modelle der geistigen Organe.
Mit einem Wort: sie entsprechen ihnen. Ihre Zahl, ihre Zweckbestimmung und
ihre wechselseitige Verbindungen untereinander gewähren uns einen Anschauungsunterricht
über unsere geistigen Fähigkeiten(SL 11f; HH 432; HG 7850; LW 377). Im Rahmen
dieser grundlegenden Gesetzmäßigkeiten wollen wir nun jenen geistigen Vorgang
herausarbeiten, welcher der Nahrungsaufnahme entspricht. Zunächst fragen wir uns, ob der Geist ebenso der Nahrung
bedarf wie der Körper, um gesund und leistungsfähig zu bleiben und
gegebenenfalls zu wachsen. Angenommen, wir gäben unseren Kindern Brot und
Butter und alle anderen Arten von Nahrungsmitteln in Hülle und Fülle —
glauben wir wirklich, daß dies genügt, um sie zu brauchbaren Männern und
Frauen heranzuziehen? Eltern, die ihren Kindern nur den Tisch reichlich
decken und sonst nichts für sie tun, erreichen höchstens, daß sie körperlich
kräftig und gesund werden. Ihr Gemüt und Geist aber würde aus Mangel an
Nahrung anderer Art verkümmern, würde unterentwickelt bleiben. Warum wollen
denn Kinder so vieles wissen, warum stellen sie uns ununterbrochen Fragen?
Ganz einfach, weil ihr Geist hungrig ist! Sie brauchen „geistige Nahrung“,
wie wir zu sagen pflegen, und sie benötigen eine Kenntnis von dem, was gut
ist, um damit ihre Neigungen zu befriedigen. Unterricht in dieser Art von
Kenntnissen ist die Nahrung für das Gemüt. Die Nahrungsaufnahme durch den
Körper ist nun ein wunderbarer und höchst interessanter Vorgang: Mit den
Lippen wird die Nahrung empfangen, mit den Zähnen wird, was hart in ihr ist,
zermalmt, mit dem Speichel wird sie befeuchtet, durch die Zunge gekostet und
hinuntergeschluckt, im Magen und in den Gedärmen verdaut, und alles, was für
den Körper gut ist, wird durch den Blutkreislauf aufgenommen. So erstaunlich
dieser Vorgang an sich auch ist, so wird er doch noch viel erstaunlicher,
wenn wir ihn als einen Anschauungsunterricht dafür betrachten, wie das Gemüt
die geistige Nahrung, die ihm durch den Unterricht zugeführt wird, aufnimmt
und sich aneignet. Kleine Kinder empfangen einfache Unterweisungen von ihren
Eltern, ohne sie im geringsten in Frage zu stellen, geradeso wie sie ihre
Milch und andere weiche Kost aufnehmen. Doch schon bald gewinnen sie
Geschmack daran, selbst Kenntnisse zu sammeln und die ihnen begegnenden Dinge
ein wenig zu untersuchen. Zur selben Zeit bekommen sie bezeichnenderweise
auch ihre ersten Zähne, um damit zu beißen. Werden sie dann älter, so lernen
sie es, nicht mehr alles einfach auf Glauben hin anzunehmen, bzw. so, wie es
im ersten Augenblick erscheint. Ehe sie es wirklich aufnehmen, untersuchen
sie es genau, um zu sehen, was dahinter steckt. Diese kritische Untersuchung
dessen, was an unser Gemüt herankommt und Einlaß begehrt, gleicht der
Aufschließung der Nahrung durch unsere mahlenden Zähne. Jene Grundsätze, die
wir als fest und sicher unserem geistigen Organismus einverleibt haben, und
mit deren Hilfe die Untersuchung vonstatten geht, sind wie die Zähne. Kleine
Kinder sind sowohl geistig wie natürlich zahnlos. Sie bekommen geistige Zähne,
sobald sie es lernen, die Tore ihres Geistes mit Wachtposten zu versehen, die
nichts einlassen, ehe es nicht aufgeschlossen und erklärt ist (OE 990; HG
4795,5565). Alle natürliche Nahrung muß befeuchtet werden; denn wenn
sie vollkommen trocken ist, läßt sie sich nicht genießen; man kann sie
einfach nicht hinunterschlucken. Aber auch ein Unterricht kann „trocken“
sein, und zwar zuweilen so sehr, daß wir nichts vom Unterrichtsstoff
aufnehmen und behalten können. Was verstehen wir nun des genaueren unter einem trockenen
Unterricht? Ganz einfach, daß er uninteressant ist! Was aber macht einen
Gegenstand interessant oder uninteressant? Ich kann mir etwa einen Unterricht
über die geographischen Verhältnisse eines fernen Landes oder über gewisse
chemische Vorgänge, über hundert andere Dinge, vorstellen, von dem ich
nichts, gar nichts, begreife oder im Gedächtnis behalte. Angenommen jedoch,
ich wollte gerade in das betreffende Land reisen oder ich benötigte dringend
die betreffenden chemischen Formeln, so würden sie für mich keineswegs
trocken sein. Mit anderen Worten: ein Unterricht erscheint uns immer dann
trocken, wenn uns sein Bezug zu unseren Bedürfnissen und Lebensumständen
nicht einleuchtend gemacht wird. Es ist die Wahrnehmung seiner Beziehung zu unserem
Leben, die es uns ermöglicht, einen Lehrstoff aufzunehmen. Und wenn uns ein
Lehrer diese Beziehung klar macht, so ist es, als ob er uns zugleich mit der
Nahrung einen erfrischenden Trank reichte, der es uns leicht macht, dieselbe
hinunterzuschlucken (vergleiche unten im Kapitel 28!). Noch besser ist es
jedoch, wenn wir selbst die Beziehung zwischen einem Unterricht und unseren
Bedürfnissen wahrnehmen. Das ist dann, wie wenn wir die Nahrung selbst einspeicheln. Doch sogar wenn wir eine neue Kenntnis annehmen, so wird
sie doch nicht sogleich zu einem lebendigen Teil unser selbst. Sehr vieles
von dem, was man uns lehrt, und was wir als wahr erkannt und angenommen
haben, liegt erst lange Zeit ungenutzt in unserem Gedächtnis, ehe es wirklich
zu einem Teil unseres Charakters wird. Tatsächlich benötigen wir gewöhnlich
mehr oder weniger Zeit, um uns einen neuen Erkenntnis-Brocken ganz anzueignen
und uns durch ihn in unserem Denken bereichert und in unserem Leben bestärkt
zu sehen. Auch die Nahrung muß ja im Magen und in den Gedärmen verdaut werden,
ehe sie ins Blut aufgenommen und den Körpergeweben zugeführt werden kann (OE
242, 580; GV 80). Die Aufnahme und Aneignung einer Belehrung entspricht ganz
genau der natürlichen Nahrungsaufnahme. Es handelt sich dabei um etwas ganz
anderes, als um das bloße Verstehen der Vorstellungen eines anderen Menschen;
dieses entspricht vielmehr dem Vorgang des Sehens. Geistig wie natürlich sehe
ich tausend Dinge, die ich mir keineswegs durchs Essen aneigne. Nun kann es durchaus sein, daß Kinder ausreichend ernährt
und über wissenschaftliche und weltliche Dinge unterrichtet werden, dabei
aber ihr himmlisches Wesen unentwickelt bleibt. Der Engel in uns vermag nicht
zu leben und zu erstarken durch weltliche Erkenntnisse allein. Damit uns geschieht,
was vom Jesusknaben berichtet wird, der da „wuchs und erstarkte am Geist, mit
Weisheit erfüllt ward, so daß die Gnade Gottes über ihm war“ (Luk. 2,40),
benötigen wir die Unterweisung des Herrn in dem, was Er als wirklich gut und
wahr ansieht. „Kommt herbei, kauft und eßt! Ja kommt, kauft ohne Zahlung und
unentgeltlich Wein und Milch! Warum wollt ihr Geld für etwas zahlen, was kein
Brot ist, und euren sauren Verdienst für etwas, das nicht zur Sättigung
dient? Hört doch auf mich, so sollt ihr Gutes zu essen haben, und laben soll
sich eure Seele an fetter Speise“ (Jes. 55, 10. Natürlich könnten wir diese
Worte auf die oben erwähnten Menschen beziehen, die nur daran denken, sich
mit natürlicher Nahrung zu versorgen. Aber lassen sie sich nicht ebenso auf
uns selbst anwenden, nämlich sobald wir uns mit rein weltlichen Gedanken und
Interessen zufriedengeben? Wir essen Gutes, wenn wir uns vom Herrn
unterweisen lassen; denn diese Unterweisung ist Speise für unsere Seele, die
dadurch erstarkt und schön wird für den Himmel (HG 680, 5576; OE 750). Von
dieser guten Nahrung spricht die Bibel. Es ist nützlich — vielleicht wieder
anhand einer Konkordanz — all jene Stellen in der Bibel zusammenzusuchen, in
denen vom Hunger, von der Nahrung und vom Essen die Rede ist. Wir sehen dann
deutlich, daß in ihnen im inneren Sinn von der Unterweisung für das
himmlische Leben von seiten des Herrn die Rede ist. „Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit;
denn sie sollen satt werden“ (Matth. 6, 6). Wir sind im geistigen Sinn
hungrig, wenn wir ernsthaft zu wissen verlangen, was gut ist, d.h. wenn uns
bei diesem Verlangen die Absicht beseelt, dieses Gute unserem Charakter
einzuverleiben (EO 323; OE 386). Beim Propheten lesen wir von einem „Hunger
im Lande, doch nicht einem Hunger nach Brot und einem Durst nach Wasser,
sondern danach, die Worte des Herrn zu hören“ (Amos 8, 11). Dieser Vers erklärt
selbst, daß der Hunger, von dem hier die Rede ist, in einem großen Mangel an
Kenntnissen des Guten und Wahren besteht, wie sie allein das Wort des Herrn
zu gewähren vermag (OE 386). Die Stillung dieses Hungers wird im folgenden
Vers beschrieben: „So oft Deine Befehle erfolgten, habe ich sie meine Speise
sein lassen, und Deine Weisungen sind mir eine Wonne und Herzensfreude gewesen“
(Jer. 15, 16; OE 617). Den Gegensatz zu der guten Nahrung seiner eigenen
Unterweisung stellt jenes Wort heraus, in dem der Herr die Jünger warnt:
„Gebt acht und hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer!“
Zuerst dachten die Jünger, der Herr habe dies gesagt, „weil wir keine Brote
mitgenommen haben“. Hernach aber „verstanden sie, daß er nicht hatte sagen
wollen, sie sollten sich vor dem bei Broten verwendeten Sauerteig hüten,
sondern vor der Lehre der Pharisäer und Sadduzäer“ (Matth. 16, 6; HG 7906). In der Apokalypse liest man von jenem kleinen Buch, das der
Engel dem Seher überreicht mit den Worten: „Nimm es und verzehre es! Es wird
dir im Bauch einen bitteren Geschmack erregen, aber im Munde wird es dir süß
wie Honig sein“ (Off’b. 10, 9). Das kleine Buch
stellt eine Unterweisung von seiten des Herrn dar, insbesondere die Lehre,
daß Er der Heiland und Erlöser ist, eine Wahrheit, die angenehm zu hören und
anzuerkennen ist, während das Verständnis und die Anerkennung der Gegenwart
und Macht des Göttlich-Menschlichen, welche die Erlösung ja erst ermöglichen,
wegen der eingefleischten falschen Vorstellung über den Herrn erhebliche
Schwierigkeiten bereitet. Noch viel schwieriger ist es, uns diese Wahrheit
durch ein entsprechendes Leben auch wirklich zu eigen zu machen (OE 617 f; EO
481). In den Psalmen lesen wir: „Wie süß sind Deine Worte meinem Gaumen,
süßer als Honig meinem Munde“ (Ps. 119, 103). Sie beschreiben ebenfalls jene
Freude, die man zuerst empfindet, wenn man aus dem Worte des Herrn belehrt
wird (OE 619). „Nicht das, was in den Mund hineingeht, verunreinigt den Menschen,
sondern was aus dem Munde herauskommt, das macht den Menschen unrein... Was
dagegen aus dem Munde herauskommt, geht aus dem Herzen hervor, und das ist
es, was den Menschen verunreinigt. Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken
hervor“ (Matth. 15, 11. 18f). Natürliche Nahrung vermag den Geist des
Menschen direkt weder zu schwächen noch zu stärken, und dies gilt ebenso von
den Kenntnissen, solange sie lediglich im Gedächtnis aufbewahrt werden.
Solange sind sie nämlich noch außerhalb des Menschen, ebenso wie die Nahrung
im Magen noch nicht Teil der lebendigen Gewebe des Körpers geworden ist. Die
Auswahl und Eingliederung des Guten in den Charakter muß erst noch geschehen.
Andererseits ist es jetzt noch nicht zu spät dafür, das Böse wieder auszustoßen
(OE 580, 622). Die Jünger waren eines Tages in die Stadt gegangen, um
Lebensmittel zu kaufen. Bei ihrer Rückkehr fanden sie den Herrn beim
Jakobs-Brunnen und „baten ihn: Meister, iß! Er antwortete ihnen aber: Ich
habe Speise zu essen, von der ihr nichts wißt... Meine Speise ist die, daß
ich den Willen dessen tue, der mich gesandt hat, und Sein Werk vollende“
(Joh. 4, 31—34). Auch wir gehen oft aus, um natürliche Nahrung oder
Kenntnisse zu erwerben, die uns tüchtig für das weltliche Leben machen
sollen, vergessen aber, daß wir beim Herrn die vollkommene Kenntnis des Guten
und Wahren finden könnten, und daß wir sie „von Ihm erbitten“ sollten, damit
Er uns lebendige Speise und Trank gebe (HG 5293; vergl. auch Joh. 6, 27;
Matth. 4, 4; HG 5915, 9003). Diejenigen, die den Herrn hörten und Seine Worte ins Leben
aufnahmen, erstarkten im Geist. Zweimal geschah es, daß er die Menge, nachdem
er sie stundenlang gelehrt hatte, aufforderte, sich auf das Gras
niederzulassen, um ihre ermatteten Leiber mit Brot und Fisch wieder
aufzurichten (Matth. 14, 19; 15, 36). Welches geistige Tun des Herrn wird
durch diese Speisungswunder im Bilde dargestellt? (OE 617) Wir müssen
bedenken, daß alle natürliche Nahrung, die uns der Herr gibt, der gleichen
Hand entstammt, welche die Massen speiste. Sie sollten uns ebenso wie das
Brot und der Fisch der wunderbaren Speisung daran erinnern, daß Er ständig
gewillt ist, uns auch jene Kenntnisse zu vermitteln, die uns stark im Geist
werden lassen. Wenn wir beten: „Gib uns heute unser tägliches Brot“, so
sollen wir dabei natürlich nicht vergessen, daß unsere natürliche Nahrung vom
Herrn stammt, aber darüber hinaus sollen wir doch auch jenes „lebendige Brot“
dabei im Auge haben, von dem unser Geist lebt (HG 680). Der Herr läßt uns an jenem Wissen teilhaben, das in den
Strömen seines eigenen göttlichen Geistes immer lebendig ist. Er speist uns
mit Seinem Allereigensten: mit Sich Selbst. „Ich bin das lebendige Brot, das vom
Himmel herabgekommen ist“, erklärt Er bei Johannes, und fährt fort: „Wenn
jemand von diesem Brot isset, so wird er in Ewigkeit leben; und das Brot, das
ich ihm gebe, ist mein Fleisch, das ich für das Leben der Welt hingeben
werde... Mein Fleisch ist wahrhaftig Speise, und mein Blut ist wahrhaftig
Trank“ (HG 4735; Job. 6, 48—58). Wenn wir in unserem Leben irgendeine gute
Neigung oder einen wahren Gedanken empfangen und dadurch gestärkt werden,
sollen wir daran denken, daß uns damit der Herr aus Seinem eigenen Leben
speist. Ebenso wie Er uns in dem unterweist, was Er selbst als gut und wahr
weiß, möchte Er auch, daß wir die Kenntnisse, in denen wir Kraft gefunden
haben, mit denen teilen, die sie nicht haben, die aber ein Verlangen danach
tragen. „Dies ist das Fasten, wie Ich es liebe... Wenn Du dem Hungrigen dein
Brot brichst, wenn du dem Hungrigen das darreichst, wonach du selbst
Verlangen trägst und dadurch eine verzagte Seele sättigst“ usw. (Jes. 58, 6—
10; OE 386; HG 9050). Wie oft spricht nicht der Herr vom Himmel als von einem
Fest- oder Gastmahl! „Ein Mann veranstaltet ein großes Gastmahl und lud viele
dazu ein“ (Luk. 14, 16). „Dann wird der Herr der Heerscharen allen Völkern
auf diesem Berge ein Festmahl von fetten Speisen bereiten, ein Mahl von abgelagerten
Weinen, von markreichen Fettspeisen, von geläuterten abgelagerten Weinen“
(Jes. 25, 6). „So vermache ich euch denn die Königswürde..., daß ihr in
meinem Reiche an meinem Tische essen und trinken sollt“ (Luk. 22, 29 0. Alle
diese Worte bedeuten, daß das himmlische Leben darin besteht, beständig vom
Herrn das Wissen des Guten und Wahren zu empfangen, es als unser eigentliches
Leben unserem Charakter einzuverleiben und mit anderen zu teilen. Daß es das
Gastmahl des Herrn genannt wird, und daß wir an Seinem Tische essen sollen,
zeigt uns, daß Er uns von Seinem Eigenen gibt und wir im Empfangen desselben
mit Ihm verbunden werden (OE 252, 617). Wir verstehen nun wohl auch, weshalb
Festmähler einen Teil des alten vorbildenden Gottesdienstes ausmachten (HG 3596),
und ebenso, weshalb der Herr die Zöllner und Sünder — sie stellen übrigens
jene dar, die ihre Sünden sehen und bekennen — an Seinen Tisch lud, um mit
ihnen zu essen. Vor allem aber verstehen wir jetzt, weshalb der Herr das
Abendmahl als heiligste Handlung des Gottesdienstes einsetzte: „Dann nahm Er
das Brot sprach den Lobpreis, brach das Brot und gab es ihnen mit den Worten:
Dies ist mein Leib, der für euch dahingegeben wird; dies tut zu meinem
Gedächtnis! Ebenso tat Er mit dem Becher nach dem Mahle und sagte: Dieser
Kelch ist der neue Bund in meinem Blute, das ausgegossen wird für euch“ (Luk.
22, 19 f). Dieses Essen mit dem Herrn ist ein Bild für unsere Aufnahme Seines
eigenen Wissens um das Gute und Wahre von Ihm, sowie unserer Verbindung mit
Ihm, je wie wir es uns im täglichen Leben aneignen (WCR 702—710). Ist nun das
Hl. Abendmahl lediglich ein Bild dieser Aufnahme der geistigen Nahrung vom
Herrn, oder fördert sie sie vielmehr? Sie fördert sie tatsächlich, und zwar
zum Teil aus dem Grunde, den wir zu Anfang dieses Kapitels aufgezeigt haben,
nämlich daß die körperlichen Organe und Vorgänge in enger Beziehung zu den
entsprechenden geistigen Vorgängen stehen (HG 7850). Während wir uns der
natürlichen Nahrungsaufnahme widmen, sind wir oftmals mehr als für gewöhnlich
bereit, von seiten der mit uns zu Tische Sitzenden geistige Belehrung entgegenzunehmen
und uns anzueignen. Das Wissen um diese Erscheinung führte im Altertum zu der
Sitte, jene Mahlzeiten, die man zusammen mit seinen Freunden einnahm, als eine
Gelegenheit zu betrachten, mit ihnen die guten Dinge des geistigen Lebens zu
teilen. Und noch heute betrachten wir es als durchaus hilfreich für die Erziehung
oder Erhaltung eines gegenseitigen guten Einvernehmens und der Freundschaft,
unser Brot mit anderen Menschen zu brechen und sie an unseren Tisch zu
bitten. Und ebenso sind wir besonders aufgeschlossen dafür, die Kenntnisse
des Guten und Wahren vom Herrn zu empfangen und uns anzueignen, wenn wir an
Seinem Tisch in Gemeinschaft das Abendmahl feiern (WCR 433 f, 727; NJ
210—213). Die Sprache Gesprochene Wörter sind bekanntlich nicht einfach Laute
oder Luftschwingungen; vielmehr sind sie Laute, die etwas Geistiges, unsere
Gedanken und Gefühle nämlich, enthalten. Wollen wir diese geistigen Schätze
anderen Menschen mitteilen, so kleiden wir sie in Worte. Die anderen hören
die Worte, öffnen sie gleichsam — beinahe so wie man einen Umschlag öffnet
und einen Brief entfaltet — und gelangen so zu den Gedanken und Gefühlen, die
wir ihnen zu vermitteln wünschten. Mit anderen Worten: die Sprache entspricht
jenen Gefühlen und Gedanken, die sie enthält (HG 2271; OE 817). Diese beiden Dinge also, Gefühl und Verstand, werden durch
die Sprache übermittelt. Die Sprache aber setzt sich aus zwei Elementen
zusammen: dem Ton und der Aussprache, die den Ton zu Wörtern formt. Was kommt
nun durch den Ton und was durch die Aussprache im besonderen zum Ausdruck?
Zweifellos läßt sich ohne weiteres erkennen, ob jemand zornig oder liebevoll
ist, selbst wenn er sich zum Ausdruck einer dem Zuhörer völlig unbekannten
Sprache bediente. Das Gefühl zeigt sich nämlich am Ton seiner Stimme. Den
genauen Gedanken freilich könnte man erst erfassen, wenn man seine Worte
verstünde. Als Beispiel diene uns die Stimme der Mutter, wie sie uns in den
Tagen unserer Kindheit zuweilen von ferne rief, zu leise, um mehr als nur
ihren Ton zu verstehen. Aber wie deutlich zeigte uns dieser, ob die Mutter
uns schalt, lobte oder beruhigte! Und wenn wir zu sehr kleinen Kindern sprechen,
so ist es wohl weniger entscheidend, daß wir unsere Wörter richtig wählen und
deutlich aussprechen, als daß wir den ihnen angemessenen Ton treffen.
Zuweilen wiederholen wir vor ihren Ohren die gleichen, für sie vielleicht
ganz bedeutungslosen Wörter wieder und wieder, sie aber entnehmen aus ihrem
angenehmen Ton unsere Zuneigung. Auch die Tiere verstehen wenig, wenn überhaupt
etwas, von dem genauen Gedanken unserer Sprache, wohl aber die darin zum
Ausdruck kommenden Gefühle. Deshalb ist der Ton unserer Stimme wichtiger,
wenn wir Tiere anreden, als die dabei benutzten Wörter. Die Tiere bilden ja
selbst Laute, sogar sehr ausdrucksvolle Laute, ohne eine artikulierte Sprache
zu besitzen. Warum? Einfach, weil sie wohl Gefühle, nicht aber klar
unterschiedene Gedanken auszudrücken haben. Und auch wir stoßen einfach einen
Laut aus, wenn wir einen plötzlichen Schmerz, eine unverhoffte Freude oder
einen Zorn empfinden und nicht gleich in die entsprechenden Worte zu kleiden
vermögen. Der Gedanke ist im allgemeinen langsamer als das Gefühl, und er findet
seinen angemessenen Ausdruck in Worten (OE 1216). Es gibt sogar, wie wir alle wissen, eine besonders liebenswerte
Art des Ausdrucks, die sich allein der Töne bedient: die Musik. Und sie ist
weit eher imstande, Gefühle zu übermitteln als Gedanken. Zarte Musik berührt
unser Herz, kriegerische Musik stachelt es auf zu Mut und Entschlossenheit,
aber ehe sich ihr nicht, wie im Lied, Wörter gesellen, vermittelt sie uns
keine klaren Gedanken (OE 323, 326). Wenn wir unsere Sprache näher untersuchen, so sehen wir,
daß einige von den Buchstaben, aus denen unsere Wörter gebildet sind, mehr
als die anderen zu ihrem Ton beitragen. Offenbar sind es nun nicht die
Konsonanten oder Mitlauter, sondern die Vokale oder Selbstlauter, welche die
hauptsächlichen Ausdrucksträger unserer Gefühle sind. Von den Konsonanten
hingegen hängt die Formung der Wörter und damit die Übermittlung bestimmter
Gedanken ab. Unter den Vokalen finden sich wiederum einige, wie das lange und
das kurze A und 0, die einen volleren Ton ergeben als andere, wie das E, I
und Ä. Man kann feststellen, daß bestimmte Schriftsteller und Redner,
besonders aber die Dichter, instinktiv Wörter mit runden, vollen Vokalen
bevorzugen, wenn sie tiefe oder zarte Gefühle zum Ausdruck bringen wollen. Nun ist vor allem in der Bibel die Bedeutung der einzelnen
Buchstaben hinsichtlich der in ihnen enthaltenen Gedanken und Gefühle
besonders groß, handelt es sich doch hier um den Ausdruck der Göttlichen
Liebe und Weisheit im Letzten. „Es ist aber eher möglich, daß Himmel und Erde
vergehen als daß ein einziges Strichlein hinfällig wird vom Gesetz“ (Luk. 16,
17; HG 9349). Zwei Buchstaben, das Alpha und das Omega, Anfang und Ende des
griechischen Alphabets, erscheinen selbst als Name des Herrn: „Ich bin das
Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende, spricht der Herr“ (Offb. 1, 8).
Dies bedeutet, daß alles, was zur Weisheit und Liebe gehört und in Buchstaben
ausgedrückt werden kann, im Herrn und vom Herrn ist. Und die Tatsache, daß
beide Buchstaben Vokale sind, unterstreicht noch den Gedanken, daß die
Göttliche Liebe des Herrn vom Höchsten bis zum Niedrigsten reicht (EO 29; WCR
19). In der geistigen Welt ist die Entsprechung zwischen
gesprochenen Wörtern und den in ihnen enthaltenen Gedanken und Gefühlen noch
wesentlich vollkommener. In jener Welt besteht ein genauer und spontaner
Ausdruck des Fühlens und Denkens; es gibt dort nichts Willkürliches oder
Künstliches, das erst mühsam gelernt werden müßte; unerläßlich ist lediglich,
klare Gefühle und Gedanken zu gewinnen. Sind sie aber einmal vorhanden, so
finden sie gleichsam von selbst ihren Ausdruck (HH 331; GT 5668). Von daher
sehen wir auch den allgemeinen Unterschied zwischen der Sprache der
himmlischen Engel — das entscheidende Merkmal dieser Engel ist nämlich die Liebe
— und derjenigen der geistigen Engel (ihr Charakteristikum ist der Verstand).
Die Antwort, welche der beiden Sprachen gefälliger tönt, vollere, rundere Vokale
enthält, liegt auf der Hand (HH 241; WCR 278). Oder denken wir an den
himmlischen Gesang — welche heilige, überaus zarte Gemütsbewegungen mögen von
daher in den Herzen der Engel fühlbar werden! Ich stelle mir vor, daß es ist,
als ob jene Gefühle selbst in ihren Ohren ertönten (WCR 745b, 746). Die Sprache setzt sich also aus zweierlei zusammen:
äußerlich aus Ton und Artikulation, innerlich aus den dadurch ausgedrückten
Gefühlen und Gedanken. Der Vorgang des Sprechens ist also ein doppelter. Auf
der physischen Ebene stellen wir fest, daß die Lungen durch ihre kleinen
Röhren Luft herabpressen, der Kehlkopf seine empfindlichen Stimmbänder
anspannt, ihnen die gewünschte Tonlage entlockend, Zunge, Zähne und Lippen
durch das Zusammenwirken ihrer verschiedenen Stellungen und Kombinationen die
Wörter formen, Brustkasten, Kehle und Nase mittels ihrer gleichgestimmten
Schwingungen der Stimme ihren Umfang verleihen. In alldem vollzieht sich aber
zugleich ein geistiger Vorgang, der dem physischen nicht nur ähnlich, sondern
der sogar noch viel verwickelter und empfindlicher ist (GV 279 Ende). Das Gemüt wird „inspiriert“ durch verständige Wahrnehmungen.
Es kann sie nicht für sich selbst behalten, sondern fühlt sich gedrungen, sie
anderen mitzuteilen. Dieses Verlangen gleicht dem Druck der Lungen. Noch aber
gilt es, sorgfältiger zwischen den verschiedenen möglichen Abstufungen jener
Gefühlserregungen zu entscheiden, die wir zum Ausdruck bringen wollen. Dies
aber kommt der Arbeit des Kehlkopfs gleich, wenn er seine Stimmbänder abstimmt.
Weiter müssen wir unsere Eingebung zu klar umrissenen und verständlichen
Gedanken formen, was der sorgfältigen Aussprache im Munde ähnlich ist. Man
beachte auch, daß Lippen, Zähne und Zunge einem doppelten Zweck dienen, nämlich
neben der Aussprache der Wörter auch dem Empfang, dem Prüfen und Vorbereiten
der Nahrung für die Verdauung. Es sind die selben Fähigkeiten, die beim
Empfang einer Unterweisung klar unterscheiden und die dem Ausdruck unserer
eigenen Gedanken Deutlichkeit verleihen (HG 4795). Wenn die Sprechorgane unfähig sind, verständliche Laute
hervorzubringen, spricht man von physischer Stummheit. Nun kann aber auch das
Versagen eines Menschen, sich über irgendeinen Gegenstand verständlich
auszudrücken auf eine geistige Ursache zurückgehen — es kann sein, daß er
einfach keine Wahrnehmung irgendeiner Wahrheit hat, die auszudrücken er sich
gedrungen fühlt, oder daß ihm die Fähigkeit abgeht, seine Wahrnehmungen in
eine klare, verständliche Form zu bringen — dann sagt man, daß ein solcher
Mensch geistig stumm ist. In der Bibel heißen diejenigen stumm, die aus Unkenntnis
den Herrn und die ursprünglichen Wahrheiten der Kirche nicht bekennen können
(OE 455; HG 6988). Eine der frohen Verheißungen für das Kommen des Herrn besagt,
daß „die Zunge des Stummen jauchzen wird“ (Jes. 35, 6). Soll dies lediglich
bedeuten, daß gewisse Menschen nicht das Vermögen der physischen Sprache
besaßen, ehe der Herr ihre Zungen löste? Ist der Sinn nicht vielmehr der, daß
sie sich in einer zu tiefen Unsicherheit hinsichtlich des Herrn und des himmlischen
Lebens befanden, um Ihn bekennen und Seine Gebote lehren zu können, ehe sie
selbst vom Herrn belehrt wurden? Als dies aber dann geschah, brach wahrlich
eine ganze Welt der Stummheit in das freudige Bekenntnis und in den Lobpreis
des Herrn aus (OE 518). Doch gab es in der Tat einige physisch Stumme, die
zum Zweck der Heilung zum Herrn gebracht wurden: „Man brachte wiederum einen
stummen Besessenen zu Ihm; und als der böse Geist ausgetrieben war, konnte
der Stumme reden“ (Matth. 9, 32f; 12, 22). Welches geistige Gebrechen der
Menschheit wurde durch diese Stummheit versinnbildlicht, und welche geistige
Wohltat wird durch die Heilung vorgebildet? (HG 6988). Welches ist die geistige
Bedeutung des Gebetsrufs: „0 Herr, tu mir die Lippen auf, daß mein Mund
Deinen Ruhm verkünde!“ (Ps. 51, 17). Die Antwort liegt auf der Hand: Es handelt
sich darum, daß wir, wenn wir wahrhaft vom Herrn lernen, dies auch aus
überströmendem Herzen dankbar bekennen (PP). Man denke auch daran, wie
Zacharias, der Vater Johannes des Täufers, mit Stummheit geschlagen wurde,
weil er nicht an die Verheißung des Engels geglaubt hatte (Luk. 1, 20. 64.
68). Diese Stummheit war ein äußeres Bild seiner geistigen Unfähigkeit, die
begeisternde Neuigkeit zu empfangen und dem Herrn dafür zu danken. Als aber
bei der Erfüllung der Verheißung sein Herz aus einem tiefen Gefühl der
Dankbarkeit gegenüber der Göttlichen Barmherzigkeit überquoll, „wurde ihm im
selben Augenblick der Mund aufgetan, und das Band seiner Zunge löste sich: er
konnte wieder reden und pries Gott“. Die Psalmen rufen uns zu, daß wir unserem Herrn singen
sollen: „Kommt, laßt uns dem Herrn zujubeln, jauchzen dem Felsen unseres
Heils! Laßt uns mit Dank vor Sein Angesicht treten, mit Liedern Ihm zujauchzen“
(Ps. 95, 1f; 96, 1; 98, 1). Es ist eine Aufforderung, frohen Herzens seine
dankbaren Gefühle gegenüber dem Herrn ausströmen zu lassen (HG 8261; OE 612;
E0 279). Wir singen dem Herrn „ein neues Lied“, wenn unsere Herzen aus einem
neuen Gefühl für das, was der Herr für uns getan hat, in neuer Danksagung
überfließen. So bedeutet jenes „neue Lied“, das die um Gottes Thron Herumstehenden
(Offb. 5, 9) sangen, das freudige Bekenntnis des Herrn in Seinem Göttlich
Menschlichen als dem Gott des Himmels und der Erde. Erst jetzt gelangt die Kirche
allmählich zu dieser Anerkennung, und daher wird an der genannten
prophetischen Stelle im Hinblick darauf von einem „neuen Lied“ gesprochen (EO
279; OE 326). In seiner tiefsten Bedeutung ist das „ Singet dem Herrn“ nichts
anderes, als das erste, das sogenannte große Gebot in einer anderen Form,
läuft es doch ebenso darauf hinaus, den Herrn zu lieben mit seinem ganzen
Herzen, seiner ganzen Seele, seinem ganzen Gemüt und seiner ganzen Kraft. Das
Lied ist die Liebe, sie findet ihren Ausdruck nicht allein in der Stimme,
sondern vor allem im Gehorsam und in jedem nützlichen und freundlichen Werk.
Dies ist der nie endende Gesang in den Himmeln (EL 9). Der natürliche Begriff der Sprache besteht aus gesprochenen
Wörtern, der geistige aus jenen Gefühlen und Gedanken, die in den Wörtern
ihren Ausdruck finden. Wir lesen in der Bibel über die Stimme des Herrn: „Die
Stimme Jehovahs erschallt mit Kraft: die Stimme des Herrn ist voller
Majestät“ (Ps. 29, 4). Der natürliche Begriff der Sprache besteht aus den gesprochenen
Wörtern, und die Botschaft des Herrn ist von Zeit zu Zeit selbst bis in diese
natürliche Form herabgekommen; der geistige Begriff besteht aus dem
göttlichen Denken, der Göttlichen Wahrheit, wie auch immer sie ausgedrückt
sein mag (HG 9926, 10182; OE 261). Diese Erkenntnis verhilft uns zu einem
geistigeren Verständnis etwa der Worte, die jeden Schritt der Schöpfung
begleiten, nämlich: „Gott sprach — und es geschah“ (1. Mose 1), oder auch der
Anfangsworte des Johannes-Evangeliums: „Im Anfang war das Wort... alle Dinge
sind durch dasselbe gemacht worden“ (Joh. 1, 1. 3), und ebenso in dem Psalm:
„Die Himmel sind gemacht durch Jehovahs Wort, und vom Hauche seines Mundes
all ihr Heer“ (Ps. 33, 6). Die natürliche Vorstellung von all dem ist die,
daß die Schöpfung durch ein gesprochenes Wort bewirkt wurde, die geistige,
d.h. die wahre Vorstellung besagt, daß die ganze Schöpfung ein Ausdruck des
göttlichen Denkens, ein Werk der göttlichen Wahrheit also, ist (HG 9926,
10182; OE 261). Weil ein Wort nichts anderes ist als die Verkörperung einer
Regung des Gemüts und eines Gedankens, nennen wir das Buch, das die Liebe und
Weisheit des Herrn enthält und uns vermittelt, Sein Wort. Unsere Hände arbeiten nicht selbsttätig, sondern folgen dem
Geheiß unseres Geistes, der sich mit ihrer Hilfe einen Ausdruck verschafft.
Es ist unsere Liebe zum Tun, unser Wunsch, unser Ziel zu verwirklichen, was
unsere Hände in Bewegung setzt. Unser Wissen, wie man es anstellen muß, führt
sie bei ihrer Arbeit. Wir denken an die geistige Fähigkeit und nicht an die
rein physische Kraft, wenn wir davon sprechen, daß wir unsere Angelegenheit
in die „Hände“ eines anderen legen, jemandem „eine Last auf die Schultern legen“
oder uns auf seinen „starken Arm stützen“. Die Hände bedeuten geistig all
unsere Wünsche und Gedanken, die wir in unsere Taten hineinlegen (HG 10019).
Mit einem Wort, die Hände sind die Taten, die geistig betrachtet aus dem
Wunsch und aus dem Denken bestehen, die sie hervorgerufen haben. Jeder
versteht die Bedeutung der Worte: „Eure Hände sind mit Blut bedeckt und eure Finger mit
Verschuldung“ (Jes. 59, 3). Die Taten des Volkes waren grausam und böse,
besonders der sie beseelende Wunsch und Gedanke (OE 329). Ebenso leicht
verstehen wir die folgenden Worte: „Wer wird hinaufsteigen auf den Berg
Jehovahs, und wer wird stehen am Orte Seiner Heiligkeit? Wer unschuldige
Hände hat und lauteren Herzens ist...“ (Ps. 24, 30. Gemeint sind jene, deren
Taten gut sind, weil sie aus himmlischen Fühlen und Denken entspringen (OE
340). Ganz allgemein läßt sich sagen, daß Hände und Füße zusammen
unser ganzes äußeres Leben darstellen. Wir bitten den Herrn, daß Er unsere
Schritte lenken und unsere Füße davor bewahren möge, vom rechten Pfade
abzuirren, und daß Er uns helfen möge, das Richtige zu tun. „Ich erhielt
meine Schritte in Deinen Geleisen, daß meine Tritte nicht wankten“ (Ps. 17,
5; PP). Füße und Hände sind das Äußerste des Körpers, und beide gehorchen den
inneren Wünschen und Gedanken. Ihre Struktur und ihr Nutzen sind jedoch
bemerkenswert verschieden, und wir können einige Unterschiede hinsichtlich
ihrer geistigen Bedeutung erkennen. Die Füße sind weniger edel als die Hände,
auch kommen sie in engere Berührung mit der staubigen Welt. Sie sind weniger
empfänglich für die Weisungen von Wille und Verstand. Sie sind nicht so unmittelbar
an unserem Tun für andere Menschen beteiligt, sondern dienen nur dazu, uns
dorthin zu bringen, wo wir von Nutzen sein können, und uns einen festen Stand
zu verleihen, während unsere Hände ihr Werk verrichten. Wenn sie den Händen
gegenübergestellt werden, so repräsentieren sie eher unsere Bemühungen, den
Lauf unseres Lebens auf das Gute auszurichten, während die Hände unsere Gedanken
hinsichtlich des Dienstes an unseren Mitmenschen mehr im besonderen darstellen
(HG 7442, 10241). Man denke an jene rührende Szene, da der Herr Seinen
Jüngern die Füße wusch (Joh. 13, 5). Deutlicher als viele Worte zeigt sie uns
Seinen Willen, uns dabei zu helfen, unser tägliches Leben auf Gerechtigkeit
und Güte auszurichten. Er verdammt uns nicht, weil sich der Staub der Welt an
unsere Sohlen heftet, sondern hilft uns, ihn zu beseitigen und wieder rein zu
werden. Vielleicht wäre es uns lieber, wenn der Herr auf unseren Glauben und
unsere guten Vorsätze blickte, als auf unsere Taten. Ist das der Fall, so gleichen
wir dem Petrus, der da sagte: „Du sollst nimmermehr meine Füße waschen...
Nicht meine Füße allein, sondern auch meine Hände und mein Haupt“ (Joh. 13,
81). Doch der Herr antwortete ihm: „Wer gebadet ist, der bedarf nicht mehr,
denn die Füße zu waschen“ (Vers 10). Das heißt, wenn jemand einmal auf den
Weg der Wiedergeburt gelangt ist, so fehlt ihm weiter nichts, als mit Hilfe
des Herrn getreulich die kleinen Schritte des täglichen Lebens richtig zu machen.
Man denke auch an das Herren-Wort: „Ein Beispiel habe ich euch gegeben“. „So
sollt auch ihr einander die Füße waschen“ (ebenda, Vers 15 und 14). Wir müssen
gleich Ihm einander helfen, das Rechte zu tun, gleich Ihm sollen wir unseren
Nächsten gütig beurteilen und ihm gern helfen, zu sehen und zu verstehen, daß
sein Falsches nicht hoffnungslos ist, sondern abgelegt werden kann (HG 3147,
7442). Von hier aus verstehen wir auch den Grund für das Gebot, wonach die
jüdischen Priester vor dem Eintritt ins Heiligtum ihre Hände und Füße waschen
sollten (2. Mose 30, 17—21). Es wäre sicherlich falsch, wenn wir meinten, der
Herr dringe besonders darauf, daß wir Hände und Füße unseres Körpers waschen
(Matth. 15, 2. 19f; HG 3147). Was bezweckt wohl der Herr damit, wenn Er Sein Volk
anweist, sich Seine Gebote als ein „Zeichen“ auf die Hände zu binden und als
ein „Stirnband“ zwischen den Augen zu tragen? (5. Mose 6, 8) Sicherlich hatte
Er dabei nicht im Sinn, sie zum Tragen von Amuletten zu ermuntern, sondern
daß die Gebote zur Richtschnur ihrer innersten Neigungen und Gedanken sowie
auch aller ihrer Handlungen werden sollten (HG 9936). Man vergleiche jenes
„Malzeichen“ des Tieres aus dem Abgrund auf der rechten Hand oder auf der
Stirn der Menschen (Offb. 13, 16). Es bedeutet die Herrschaft eines falschen
Grundsatzes über die innersten Neigungen und ihren Ausdruck in Gedanken und Taten(EO
605; HG 10061). An einem Sabbat „ging der Herr durch ein Saatfeld hindurch,
und Seine Jünger rauften die Ähren aus und aßen sie und zerrieben dieselben
mit den Händen“ (Luk. 6, 1). Die Pharisäer verwiesen es ihnen, aber der Herr
verteidigte sie. Nach dem, was oben im entsprechenden Kapitel gezeigt wurde,
stellt das Essen den geistigen Akt des Empfangs einer Belehrung dar (WCR
301). Was aber wird durch das Essen des mit den Händen Zerriebenen
dargestellt? Die lebendige Aufnahme einer Belehrung und der einen dabei beseelende
Wunsch, die Bedeutung derselben für das tägliche Leben aufzuspüren, damit man
sie in die Tat umsetzen kann. Die Pharisäer nannten das Reiben der Ähren ungesetzlich.
weil es an einem Sabbat geschah, wodurch zum Ausdruck gebracht wird, daß sie
vom Sabbat und von der Religion alles Bemühen um Nützlichkeit und gutes Leben
geschieden hatten. Sie waren daher wie jener Mann geworden, dessen rechte
Hand verdorrt war; und wenn wir in dem gleichen Kapitel ein wenig
weiterlesen, so finden wir, daß sie in der Tat so beschrieben werden. „An
einem anderen Sabbat aber geschah, daß Er in die Synagoge eintrat und lehrte.
und da war ein Mann. dessen rechte Hand verdorrt war“ (Luk. 6, 6). Jesus
heilte ihn, als er auf Sein Geheiß gehorsam die Hand ausstreckte. Die Liebe
zum Tun kommt mit dem Tun. Es war die rechte Hand, welche verdorrt war. Wir haben
bisher die Bedeutung von Rechts und Links noch nicht im einzelnen behandelt,
obwohl wir in einer früheren Lektion bereits von einer besonderen Erwähnung
des rechten Auges gesprochen haben. Zwei Dinge finden ihren Ausdruck in den
Händen, nämlich die Liebe zum Tun und das Wissen, wie man etwas tut. Welche
der beiden Hände reagiert gewöhnlich schneller auf einen impulsiven Wunsch,
und welche bewegt sich gewöhnlich mit etwas mehr Überlegung? Die rechte Hand
entspricht besonders der Liebe, die linke hingegen dem Denken, durch das wir
diese Liebe zum Tun ins Werk setzen. Ein ähnlicher Unterschied in der
Bedeutung der rechten und der linken Seite ist überall zu beobachten (HG
10061; OE 600). Der Mann mit der verdorrten rechten Hand stellt folglich
diejenigen dar, die keine Liebe zum Tun dessen besitzen, was sie wissen, und
das Heilwerden seiner Hand „gleich wie die andere“ bildet die Rückgewinnung
der Liebe zum Tun vor, sodaß sie dem Wissen darum, wie das zu Tuende ins Werk
zu setzen wäre, ebenbürtig wird (WCR 301). Ein starker Kontrast zwischen der
rechten und der linken Hand ergibt sich im Gleichnis von den Schafen und
Böcken: „Er wird die Schafe zu Seiner Rechten, die Böcke aber zu Seiner
Linken stellen“ (Matth. 25, 33). Zur rechten Hand kommen offensichtlich
diejenigen zu stehen, welche tun, wie der Herr lehrt, zur linken hingegen
diejenigen, die es wohl wissen, aber nicht tun (OE 600). Der Herr warnte
Seine Jünger: „Laß deine linke Hand nicht wissen, was deine Rechte tut“
(Matth. 6, 3). Die Bedeutung dieser Worte kann nicht darin bestehen, daß uns
hiermit verboten würde, unserem Werk außer der Liebe auch sorgsam abwägende
Gedanken zugrunde zu legen. Was hier jedoch verboten wird, sind Gedanken
darüber, wie gut unser Handeln erscheinen mag und wie es uns selbst nützlich
sein wird, während doch unser ganzes Herz bei dem Nutzen verweilen sollte,
den unser Tun für Andere haben kann (OE 600). Wiederum gebietet uns der Herr: „Wenn dich dein rechtes
Auge ärgert, so reiße es aus... und wenn deine rechte Hand (oder dein Fuß)
dich ärgert, so haue sie ab“ (Matth. 5, 29f; Mark. 9, 45). Es ist das Gebot,
sofort und vollständig jeden Gedanken und jede Lebensgewohnheit und jede Begierde
aufzugeben, die uns dazu verleiten wollen, etwas zu tun, was böse ist (OE
600). Noch viele andere Stellen werden uns beim Lesen der Bibel begegnen, wo
die Füße das tägliche Leben in der Welt symbolisieren und die Hände die Liebe
und das Denken in dem darstellen, was wir tun. Was wir in der Bibel über die Hände des Herrn lesen,
spricht uns von der Göttlichen Liebe und Weisheit, die sich in Seinen Taten
zu unserem Heil äußern. „Jehovah hat den Arm Seiner Heiligkeit vor den Augen
aller Völkerschaften entblößt, und alle Enden der Erde sehen das Heil unseres
Gottes“ (Jes. 52, 10). Dies ist ein großartiges Bild von der Macht der
Göttlichen Liebe, die im menschlichen Leben des Herrn bis in die Welt
hinabreicht, um die Menschheit zu retten (HG 7205). Der Arm läßt weniger an
die Einzelheiten der Neigung denken, wie es bei Händen und Fingern der Fall
ist, als vielmehr an die Allmacht, die hinter allen Werken Gottes steht. Dies
gilt noch mehr von der Schulter. „Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns
gegeben, der auf seiner Schulter das Fürstentum hat“ (Jes. 9, 6; HG 1085,
4933—4937). Bei der Heilung der Kranken hat der Herr vielfach Seine
Hand ausgestreckt, um sie zu berühren, und auch bei der Segnung der kleinen
Kinder war es die Hand, die er ihnen auflegte. Diese ausgestreckte Hand war
ein Ausdruck Seines unendlichen Mitgefühls und Seines Verlangens, die
Menschen zu segnen, zugleich aber war sie auch das Werkzeug zur Mitteilung
des Segens. Unsere Hände dienen sowohl der Mitteilung als auch dem Empfang
seines Einflusses. Wir legen etwa die Hand auf einen schmerzenden Kopf, um
ihm Erleichterung zu bringen. Empfindsame Menschen spüren den durch einen
Händedruck übermittelten Einfluß eines anderen Menschen je nachdem als etwas
Angenehmes oder Unangenehmes. Dies ist lediglich eine schwache Andeutung
jenes Einflusses, der durch die Berührung des Herrn vermittelt wurde und
zeigt uns noch klarer, daß Seine Hand und Sein „ausgestreckter Arm“ Ausdruck
der Macht Seiner Liebe zum Retten und Segnen sind (HG 10130; EO 55). Was wir über die Füße des Herrn lesen, erinnert uns an Sein
irdisches Leben sowie an Seine beständige Gegenwart im Göttlich-Menschlichen.
In einer Weissagung auf das Kommen des Herrn heißt es: „Wie lieblich sind auf
den Bergen die Füße des Heilsboten, der Frieden hören läßt, Gutes verkündet“
(Jes. 52, 7). Dies ist ein Hinweis auf das göttlich-menschliche Leben mit den
Menschen (OE 69). Bei Lukas lesen wir über die bußfertige Sünderin, die
„hinten zu Seinen Füßen stand, weinte und anfing, Seine Füße mit ihren Tränen
zu benetzen und mit den Haaren ihres Hauptes abzuwischen, Seine Füße küßte
und mit der Salbe salbte“ (Luk. 7, 38). Wir tun dasselbe, wenn wir dem Herrn
in Seinem göttlich-menschlichen Leben demütig nahen. Wenn wir unser eigenes
Leben mit dem des Herrn vergleichen und unser Böses aufrichtig bereuen, so
waschen wir gleichsam Seine Füße, denn die Schönheit und Reinheit Seines
Lebens wird uns dann von Tag zu Tag deutlicher. Wenn wir das Leben unseres
Herrn lieben, so küssen und salben wir Seine Füße (HG 3147; EO 49). In diesem Zusammenhang denken wir auch daran, wie Maria in
ihrem Heim in Bethanien „sich zu Füßen Jesu setzte und auf Sein Wort hörte“
(Luk. 10, 39). Wir sitzen zu Füßen des Herrn, wenn wir näher an Ihn in Seinem
Göttlich-Menschlichen heranrücken, um uns von Ihm belehren und beschützen zu
lassen. Das Sitzen betont die Dauer, den Frieden und die Sicherheit einer
solchen Nähe zum Herrn (OE 687; HG 3552, 9422). Als der Herr gekreuzigt und auferstanden war, befürchteten
die Jünger und gläubigen Frauen, daß sie Seine göttlich-menschliche
Gegenwart, die zu lieben sie gelernt hatten, verlieren würden. Ihr
angstvolles Bemühen, Seine Gegenwart im irdischen Sinne festzuhalten, fand
ihren rührenden Ausdruck in jener Szene am Ostermorgen, als Jesus den von Seinem
Grabe hinwegeilenden Frauen begegnete und „sie herzukamen, Seine Füße
ergriffen und Ihn anbeteten“ (Matth. 28, 9; EO 49). Daß Er noch immer in der
natürlichen Welt bei uns ist, lehrte uns der Herr, als Er Seinen Jüngern
„Seine Hände und Seine Füße zeigte“ (Luk. 24, 39f). „Befühlet mich und
sehet“, sagt Er. Dies bedeutet: In unserem praktischen Leben sollen wir die
Probe darauf machen, dann werden wir wissen, daß der Herr in Seinem
Göttlich-Menschlichen noch immer bei uns ist mit aller Macht, die Ihm „gegeben
ist auf Erden wie im Himmel“ (OE 513; HG 1729, 10044). Als der Herr sich dem
Seher Johannes offenbarte, „waren Seine Füße ähnlich dem Glüherz, wie im Ofen
geglüht“ (Offb. 1, 15). Der goldene Gürtel, das schneeweiße Haupt und die
Augen „wie eine Feuerflamme“ stellen die göttliche Gegenwart auf den höheren
Ebenen des Lebens dar, die Füße, „ähnlich dem Glüherz“, die bei uns irdischen
Menschen gegenwärtige göttliche Güte des Herrn (EO 49; OE 69; vergleiche
Kapitel 37!). In den letzten Versen des Markus-Evangeliums lesen wir:
„Der Herr aber, nachdem Er zu ihnen geredet hatte, ward aufgehoben in den
Himmel und sitzet zur Rechten Gottes“ (Mark. 16, 19). Dies bedeutet, daß der
Herr durch Seine Verherrlichung allmächtig wurde, wahrhaftig die Verkörperung
der göttlichen Macht unter uns Menschen (LH 35; OE 687, 1087). Wie sehr
gewinnen Verse wie die folgenden an Bedeutung, sobald wir wissen, daß wir bei
der Erwähnung der Hand und des Arms des Herrn an Seine Allmacht, Seine Liebe
und Weisheit denken sollen, die da schaffen, behüten und segnen! „Du tust
Deine Hand auf und sättigst alles, was da lebt, mit Wohlgefallen“ (Ps, 145,
16; OE 294f). „Eine Zuflucht für dich ist der Gott der Urzeit, und unter dir
sind ewige Arme ausgebreitet“ (5. Mose 33, 27; OE 594), „In Deiner Hand sind
meine Zeiten“ (Ps. 31, 6) „In Deine Hand befehle ich meinen Geist“ (Ps. 31,
6). „Du machst kund mir des Lebens Pfad, Fülle der Freude ist vor Deinem Angesicht,
Lieblichkeit in Deiner Rechten immerdar“ (Ps. 19,11; 0E 687; 5. Mose 33, 12;
HG 4592). Die geistigen Fähigkeiten, über die wir verfügen, entsprechen
allen unseren körperlichen Organen. Ihre Struktur und Tätigkeit ist nur noch
feiner und empfindlicher (GV 181; vergleiche Kapitel 6). Wenn nun schon das
Gefüge unseres physischen Leibes infolge eines ordnungswidrigen Lebens
durcheinander geraten kann, so daß Schmerzen und Krankheiten entstehen, dann
ist es eigentlich nur selbstverständlich, daß die noch empfindlicheren
geistigen Organe durch zügellose Gefühle und Gedanken beeinträchtigt werden
können, Gefühle und Gedanken, die nicht den Lebensgesetzen des Herrn
entsprechen. Wir sprechen auch von einem „gesunden“ oder „ungesunden“ Gemütszustand,
und wir nennen den Einfluß einer Lektüre oder einer Freundschaft „heilsam“ oder
„nicht heilsam“. Wir sagen, daß uns aus diesem oder jenem Grunde „das Herz
weh tut“ oder „unser Gefühl verletzt“ wurde. Die ernstesten Krankheiten sind
die des Geistes; sie sind es, die der Herr vor allem zu heilen begehrt.
Krankheiten dieser Art werden in der Bibel oft erwähnt, so eindeutig, daß wir
sofort sehen: hier ist der Geist und nicht der Körper gemeint. Körperliche
Krankheiten werden im Worte Gottes zwar ebenfalls geschildert; sie aber sind
zugleich Vorbildungen geistiger Störungen, denen sie entsprechen (HG 8364,
9031). Es ist wohl keine Frage, daß die folgenden Worte des
Propheten nicht einen physischen, sondern einen geistigen Zustand
kennzeichnen wollen: „Das ganze Haupt ist krank, das ganze Herz siech. Von
der Fußsohle bis zum Scheitel ist nichts Unversehrtes mehr an ihm, nur Wunden
und Striemen und frische Schläge, die nicht ausgedrückt und nicht verbunden,
noch mit Öl erweicht sind“ (Jes. 1, 5f; OE 962; HG 431). Und auch die folgenden,
so freudvollen Worte beziehen sich offensichtlich nicht auf physische,
sondern auf geistige Stärke: „Stärket die schlaffen Hände und kräftiget die strauchelnden
Knie. Sprecht zu den übereiligen Herzen: Seid stark, fürchtet euch nicht...
dann werden aufgetan die Augen der Blinden und Ohren der Tauben geöffnet.
Dann hüpft wie ein Hirsch der Lahme, und des Stummen Zunge jubelt...“ (Jes.
35, 3—6; OE 239; HG 2383, 69880. Als unser Herr in Galiläa umherzog, brachte man die Kranken
zu Ihm, damit Er sie heile. Man legte sie so an den Straßenrand, daß sie den
Saum Seines Gewandes berühren konnten, „und so viele Ihn berührten, wurden
gerettet“ (Matth. 14, 36). Das Volk verlangte nach Heilung von körperlicher
Krankheit, wie Blindheit, Lähmung und Aussatz, und der Herr hatte Mitleid mit
ihnen (Matth. 20, 34; Mark. 1, 41). Aber unter den Heilungsuchenden befanden
sich auch Menschen, deren Leiden geistiger Natur war. Ist es nicht ganz
natürlich, daß Er ihnen gegenüber ein noch tieferes Mitleid empfand, weil sie
geistig „lahm, blind, taub, verstümmelt und von vielen anderen Übeln“
heimgesucht waren? Heilte Er nicht die körperlichen Krankheiten der Menschen
umso lieber als Er damit ein Zeichen Seiner Vollmacht aufrichtete, ihren Seelen
neue Kraft zu geben, wenn sie nur danach verlangten? „Auf daß ihr aber
wisset, daß des Menschen Sohn Macht hat, auf Erden Sünden zu vergeben, sprach
Er zu dem Gelähmten: Ich sage dir, stehe auf, nimm dein Bett und gehe in dein
Haus“ (Luk. 5, 24; HG 8364 Ende). Er „heilte alle Kranken“, heißt es, „auf daß erfüllt würde,
was durch den Propheten Jesajas gesagt ward, der da spricht: Er hat unsere
Gebrechen auf sich genommen und unsere Krankheiten getragen“ (Matth. 8, 160.
Sowohl die Prophezeiung als auch die Heilungswunder selbst wollen auf das
viel größere Werk hinweisen, das der Herr vollbrachte, als Er die ganze
Schwachheit und den bösen Hang der verderbten menschlichen Natur auf sich
nahm und überwand. Als Er mit den Zöllnern und Sündern aß, wies Er die Pharisäer
zurecht, die daran Anstoß nahmen: „Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht,
wohl aber die Kranken. Ich bin nicht gekommen, die Gerechten, sondern die
Sünder zur Buße zu rufen“ (Luk. 5, 31f; HG 6502). Diese Worte enthüllen uns,
an welcher Heilung dem Herrn am meisten lag. „Segne, meine Seele, den
Jehovah..., der dir vergibt all deine Missetaten, der alle deine Krankheiten
heilet“ (Ps. 103, 2f; PP). Der Herr hat uns geboten, hinzugehen und es dem
barmherzigen Samariter gleichzutun, der dem unter die Räuber Gefallenen „die
Wunden verband und Öl und Wein darauf goß“ (Luk. 10, 34—3 7). Damit meint Er
aber auch, daß wir gütig und weise zu Werke gehen sollen, wenn es sich darum
handelt, die noch viel grausameren Wunden zu heilen, welche falsche Lehre und
böse Zügellosigkeit unseren Mitmenschen auf ihrer gefährlichen Lebensreise
zugefügt haben (OE 962). Welche besonderen Krankheiten werden nun in der Bibel
erwähnt? Wir wollen versuchen, ob wir die ihnen entsprechenden geistigen
Unordnungen zu entdecken vermögen. Verschiedene Krankheiten haben wir bereits
behandelt, so die Blindheit und Taubheit (Kapitel 5), Stummheit (Kapitel 7),
die Lähmung und die verdorrte Hand (Kapitel 8). Andere in der Bibel erwähnte
Krankheiten sind das Fieber, der Aussatz und die vollständige Lähmung.
Sprechen wir nicht manchmal von einem Fieberzustand, der gar nichts mit dem
Körper, umso mehr aber mit dem Geist zu tun hat? Oft hören wir den Ausdruck
„im Fieber der Erregung“. Ein derartiger Gemütszustand bringt große Hitze und
Ruhelosigkeit, ja vielleicht sogar völlige Entkräftung mit sich und beruht
auf der Erregung irgend eines beunruhigenden Gefühls, In der Bibel ist
brennendes Fieber das Sinnbild des rastlosen Brennens der Begierden. Im 5.
Buche Mose lesen wir über jene Flüche, die sich an denen verwirklichen
sollten, die sich gegen die Gebote des Herrn vergingen. Sie sind nichts als
die unglücklichen Folgen, die unausweichlich aus der Zügellosigkeit des Bösen
hervorgehen. Zu ihnen gehört auch das rastlose Brennen geistigen Fiebers.
„Schlagen wird dich Jehovah mit Schwindsucht und mit Fieberglut und mit
hitzigem und mit entzündlichem Fieber“ (5. Mose 28, 22; HG 8364). „Als Jesus
in das Haus des Petrus kam, sah Er seine Schwiegermutter liegen, die das
Fieber hatte, und Er berührte ihre Hand, und das Fieber verließ sie; und sie
stand auf und bediente sie“ (Matth. 8, 14f). Der Petrus in uns ist unser
offen ausgesprochener Glaube an den Herrn (vergl. Kapitel 43). Wenn der Herr
mit diesem Glauben ins Haus eintritt, d.h. wenn Er seine Spur bis zurück in
die innerste Kammer des betreffenden Menschen verfolgt, so findet Er dort
häufig die Neigung zum Darleben der einfachen, buchstäblichen Wahrheit
gestört und entkräftet durch die tieferen geistigen Erkenntnisse, unfähig,
sich in aktivem Dienst auszuwirken. Des Herrn Kommen aber verleiht der
buchstäblichen Wahrheit und der Neigung des Menschen zu derselben neues
Leben, so daß sie dem geistigen Leben ein starker und nützlicher Diener wird.
„Sie stand auf und bediente sie.“ Oft wird in der Bibel der Aussatz erwähnt. Der Name
bezeichnet wahrscheinlich verschiedene Hautkrankheiten, wie sie in heißen,
trockenen Gegenden üblich sind, nicht aber jene schrecklichen Formen der Elephantiasis,
die man heute als Lepra oder Aussatz bezeichnet. Haut und Haar eines solchen
Kranken waren entweder stellenweise oder über den ganzen Körper abgestorben,
weiß oder farblos und zuweilen voller Schwären. Das jüdische Gesetz sah vor,
daß die Aussätzigen als in höchstem Maße unrein von Haus und Hof vertrieben
wurden (3. Mose 13, 46). Die Haut, die beim Aussatz hauptsächlich in Mitleidenschaft
gezogen wird, soll dem Körper eine lebendige, feinfühlende Hülle sein, ihn
passend umkleiden und mit ihrem feinen Tastgefühl den wechselnden
Verhältnissen der Außenwelt anpassen. Die Haut bildet also offensichtlich
nicht die tiefen und verborgenen Motive des Herzens vor, sondern eher die äußeren
Wege, Gebräuche und alltäglichen Verrichtungen, in die sich das innere Leben
selbst kleidet. All dies sollte ein echter, lebendiger Ausdruck des Herzens
sein. Wir wissen aber, daß es das nicht immer ist; manchmal ist es bedeutungslos
und tot. Sogar religiöse Bekenntnisse und Handlungen können vollständig tot
sein. Ist nicht dies die Ursache geistigen Aussatzes? Ein Gemütszustand, in
dem der Mensch Formen des Gottesdienstes und des religiösen Lebens überhaupt
ärgerlich zurückweist, ja bei ihrer bloßen Erwähnung überempfindlich und
wütend reagiert, wird durch die schwereren Formen des Aussatzes dargestellt
(HG 6963; GV 231). Im jüdischen Gesetz über den Aussatz gab es eine höchst
eigenartige Bestimmung: der Aussätzige sollte nämlich als rein erklärt
werden, wenn sich sein Aussatz über den ganzen Körper erstreckte (3. Mose 13,
13). In diesem Fall repräsentierte nämlich der Aussätzige einen Menschen, der
keine tieferen geistigen Wahrheiten anerkennt und glaubt und sich der Unvereinbarkeit
zwischen seinem äußeren Leben und seinem Herzen nicht bewußt ist. In seiner
Unwissenheit ist er unschuldig, während derjenige, der die Wahrheit aus
tiefem Empfinden heraus annimmt, sie auch zu einem Teil aufrichtig befolgt,
zum anderen aber bewußt heuchelt, unrein ist (HG 6963). Man denke an die
Geschichte Naamans (2. Kön. 5), Syrer und
Befehlshaber des Heeres, aber an einem Teil seines Körpers aussätzig (Vers
11), stellt Naaman den Menschentyp dar, der
weltliche Klugheit besitzt, aber dabei durchaus fühlt, daß sein Leben nicht
so ist, wie es sein sollte. Er wurde geheilt, als er sich sieben Mal im
Jordan gewaschen hatte. Durch das Waschen oder Baden im Jordan wird vorgebildet,
daß das Leben durch Gehorsam gegenüber den Geboten Gottes wieder in die
rechte Bahn kommt (vergleiche Kapitel 28). Demgegenüber bezeichnet das Baden
in den Flüssen von Damaskus die Ausrichtung unseres Lebens an unserer eigenen
Weisheit, aufgrund rein weltlicher Überlegungen. Daraus entspringt keine
Kraft, die unser Leben wieder gerade und ganz machen kann. Wenn wir jedoch
den Geboten des Herrn folgen, so wird die Liebe zum Bösen von uns genommen,
und unser Leben wird aufrichtig. Es ist wohl keine Frage, ob Kinder in ihren
Worten und Handlungen heuchlerisch oder aufrichtig sind. Naamans
Fleisch wurde wieder „wie das Fleisch eines kleinen Kindes, und er ward rein“
(ebenda, Vers 14; OE 475). Nach der Heilung Naamans
lesen wir über die Heuchelei Gehazis, des Dieners
des Propheten Elishas, der aus purer Selbstsucht
sein heiliges Amt mißbrauchte. Zu ihm sprach der Prophet: „Der Aussatz Naamans hange dir an und deinem Samen in Ewigkeit. Und er
ging hinaus von seinem Angesicht, aussätzig wie der Schnee“ (2. Kön. 5, 27).
Hier handelte es sich keineswegs um eine willkürliche Strafe, sondern um die
äußere Darstellung jenes Zustandes, in dem sich Menschen dieser Art innerlich
befinden. Der Herr behandelte die Heilung Naamans
durch den Propheten Elisha als eine Vorbildung jenes geistigen Werkes, das Er
selbst vollbrachte und immer vollbringen möchte, als Er sprach: „Viele
Aussätzige waren in Israel unter dem Propheten Elisha, aber keiner von ihnen
ward gereinigt als der Syrer Naaman“ (Luk. 4, 27).
Dies sagte der Herr zu Seinen eigenen Landsleuten, die weniger geneigt waren,
Ihn zu hören als andere. Sie stellten jene Aussätzigen dar, die gar nicht
geheilt zu werden wünschen, und die eben mit dieser Haltung die ganze Schwere
jenes Fehlers offenbarten, den die Juden begingen, und den auch die
christliche Kirche nur zu oft begeht, nämlich sich mit der Beobachtung bloßer
religiöser Formen zu begnügen und sich weniger oder gar nicht um die Lebensheiligung
zu kümmern als die Menschheit außerhalb der Kirche. In diesem Sinne gibt es
noch immer Aussätzige in Israel (HG 9198). Durch Seine Heilungswunder bewies
der Herr auch Seine Macht und Seinen Willen, diesen geistig Aussätzigen zu
helfen. „Und es geschah, als Er in einer der Städte war, siehe, da war ein
Mann voll Aussatzes. Und wie der Jesus sah, fiel er auf sein Angesicht und
flehte ihn an und sprach: Herr, so du willst, kannst du mich reinigen! Und Er
reckte die Hand aus, berührte ihn und sprach: Ich will, sei gereinigt! Und
alsbald verließ ihn der Aussatz“ (Luk. 5, 120. So erstreckt sich die Liebesmacht
des Herrn auch auf uns, wie beladen wir auch sein mögen infolge unserer Heuchelei
und unseres Vermengens von Heiligem und Unheiligem. Die Heilung des Aussätzigen
sollte uns Mut machen, demütig um Seine Hilfe zu bitten, die allein unser
Leben wahrhaft gut und ganz machen kann. Wir wollen uns aber hüten, zu denen
zu gehören, die vergessen, dem Herrn zu danken, der ihnen geholfen hat (Luk.
17, 17). Im 2. Buch Mose lesen wir von drei Zeichen, die Moses dem
Volk geben durfte, um es davon zu überzeugen, daß ihm der Herr wirklich
erschienen war. Das zweite Zeichen: „Jehovah sprach weiter zu ihm: Strecke
doch deine Hand in deinen Busen. Und er streckte seine Hand in seinen Busen
und zog sie wieder heraus, und siehe, seine Hand war aussätzig wie Schnee.
Und Er sprach: Steck deine Hand abermals in deinen Busen und er steckte seine
Hand zurück in seinen Busen, und er zog sie heraus, und siehe, sie war wieder
wie sein anderes Fleisch“ (2. Mose 4, 6 f). Dieses Zeichen ist ebenso wenig
willkürlich wie alle anderen göttlichen Zeichen, vielmehr ist es ein äußeres
Abbild eines geistigen Zustandes. Es stellt nämlich den Zustand einer Kirche
dar, die wohl ihren Gottesdienst und ihre Zeremonien ausübt, aber keinen Sinn
für die Gegenwart des „Gottes und Herrn ihrer Väter“ in alldem besitzt. Von
dieser Art waren die Juden, wenn sie Moses lediglich als einen Menschen und
nicht als einen Boten Gottes betrachteten, und von dieser Art sind auch die
Christen, die dem Herrn nur als einem sittlichen Führer folgen, Ihn aber
nicht als den „Gott mit uns“ erkennen. Dann ist die Hand aussätzig. Die Hand,
das heißt also, wie wir gesehen haben, die Werke, die Handlungen des wahren
Gottesdienstes. Worin besteht ihr Aussatz? Darin, daß sie nur äußerlich, also
tot und leblos sind. Die Wiederherstellung der Hand Moses will zeigen, daß
der Gottesdienst und alle religiösen Handlungen wieder echt werden, sobald
der Mensch in allen Dingen seine Pflicht gegenüber dem Herrn erkennt und
erfüllt (HG 6963, 6968). Eine andere der vom Herrn geheilten Krankheiten war
jene Art von Lähmung, die den Menschen vollkommen der Kontrolle über die
Bewegungen des Körpers beraubt und ihn zuweilen ganz und gar hilflos macht,
so daß er weder Hände noch Füße bewegen kann. Offensichtlich war es ein solch
völlig Hilfloser, von dem wir folgendes lesen: „Siehe, da brachten Männer
einen Menschen, der gichtbrüchig war, auf einem Bette... Sie stiegen hinauf
auf das Dach und ließen ihn mitsamt dem Bette durch die Ziegel hinab in die
Mitte vor Jesus. Da Er ihren Glauben sah, sprach Er zu ihm (sei getrost, mein
Sohn — Matth. 9, 2): deine Sünden sind dir vergeben... Was ist leichter, zu
sagen: dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: steh auf und wandle?
Auf daß ihr aber wisset, daß des Menschen Sohn Gewalt hat, auf Erden Sünden
zu vergeben (sprach Er zu dem Gichtbrüchigen): Ich sage dir, stehe auf, nimm
dein Bett und gehe in dein Haus“ (Luk. 5, 18—24). Man hat hier den Eindruck,
daß sich die Worte des Herrn eher auf den Lähmungszustand des Gemüts als auf
den hilflosen Zustand des Körpers beziehen, der ein Bild von ihm ist. Sie
sind zu all denen gesprochen, die aufgrund ihrer Sünde verzweifeln, sich
selbst keinen Hoffnungen mehr hingeben und in ihrer Mutlosigkeit unfähig
sind, die Pflichten des Lebens anzupacken. Uns allen sichert der Herr zu, daß
Er uns, falls wir in dieser Weise geistig gelähmt sind, während unseres Erdenlebens
die Sünden vergeben und uns Kraft und Mut einflößen kann, um unsere sündhafte
Vergangenheit zu überwinden und ein neues Leben zu beginnen. Wir haben gesehen, daß physische Krankheiten geistigen
Krankheiten entsprechen, sie gewissermaßen abbilden. Darüber hinaus jedoch
neigen geistige Krankheiten dazu, physische Krankheiten hervorzurufen (HG
8364, 5726), während physische Krankheit den Menschen höllischen Einflüssen
aussetzt (HG 5713—5715). Trotzdem wäre es falsch zu meinen, daß der physische
Körper in dieser Welt ein genauer Ausdruck des geistigen Zustands seines
Bewohners sei (HH 99). Der Körper wird alt und gebrechlich, aber keineswegs
weil der Geist schwach wird. Der Körper mag mißgestaltet oder wohlgeformt
sein, dasselbe braucht für den Geist durchaus nicht zuzutreffen. Der Grund
dieser Erscheinung ist der, daß der Körper auch noch vielen anderen
Einflüssen außer dem des innewohnenden Geistes ausgesetzt ist. Kräfte, die
Krankheiten auslösen, aber auch die Heilkraft des Herrn erreichen den Körper
durch viele Kanäle, durch den Geist wie durch natürliche Stoffe und Bedingungen
(HG 5713). Wodurch unterscheidet sich ein kleines Kind von einem
jungen Manne und ein junger Mann von einem Greise? Physisch betrachtet
dadurch, daß der junge Mann größer und stärker ist als das Kind, während der
Greis runzelig und gebeugt einherkommt. Zweifellos gibt es aber wichtigere
Unterschiede, und sie beruhen auf den verschiedenen geistigen Entwicklungsstufen
jedes Lebensalters. Geht etwa der Entwicklungsprozeß zu langsam vor sich, so
sagen wir von dem betreffenden Menschen, daß er trotz seines Alters und
seiner Körpergröße noch ein Kind oder ein „ Halbstarker“ sei. Geht der
Reifeprozeß schneller vor sich als gewöhnlich, so nennen wir den Betreffenden
„alt für seine Jahre“. Die verschiedenen geistigen Lebensstufen, nicht die
Jahre interessieren uns, wenn wir geistig denken. Und in der Tat bietet dies
auch die einzige Möglichkeit, wenn wir die innere Bedeutung jener Bibeltexte
verstehen wollen, die von der Kindheit, von der Jugend und vom Alter handeln. Welche geistigen Eigenschaften sind nun kennzeichnend für
die Kindheit? Kinder sind unfähig, vernünftig zu denken, und sie sind auch
nicht weise. Diese beiden Eigenschaften gehören zu anderen Lebensaltern. Aber
kleine Kinder sind unschuldig, sind sanft und vertrauensvoll. Böse Gefühle,
die später erwachen werden, sind noch nicht erwacht. Die Herzen der kleinen
Kinder sind noch dem Einfluß der guten Engel des Herrn geöffnet. „Ihre Engel“,
sagt der Herr, „sehen allezeit das Antlitz meines Vaters im Himmel“ (Matth.
18, 10; HH 295; HG 2303). In diesen ersten Lebensjahren wird in den Herzen
der Kinder ein Schatz von unschuldigen und heiligen Zuständen niedergelegt,
der später, wenn sie älter werden und das Böse erwacht, einen Rückhalt bildet
und dazu dient, sie für den Einfluß des Himmels offen zu halten (HG 561;
5342). Hätten wir das für die frühe Kindheit Typische in einem Wort zu umschreiben,
wir fänden kein besseres als dies: Unschuld. Wir müssen also an die Unschuld
denken, wenn in der Bibel von kleinen Kindern die Rede ist (HG 430, 5608). Wir werden sehen, daß wir gewisse Unterschiede machen
müssen, wenn Kinder verschiedener Altersstufen genannt werden: Säuglinge, die
in einfacher Unschuld sind, Kleinkinder, die ihre Eltern lieben lernen, sowie
Knaben und Mädchen, die einander lieben (HG 3183). Wir werden auch sehen, daß
die Unschuld der kleinen Kinder als Vorbild für die noch tiefere Unschuld
derer herangezogen wird, welche wiedergeboren werden, d.h. geistig wie kleine
Kinder werden, indem sie es lernen, ihren himmlischen Vater über alles zu
lieben und ihren Nächsten wie sich selbst (HG 5236). Der Herr rief die kleinen Kinder zu sich und sagte: „Lasset
die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solcher ist das Reich
Gottes. Wahrlich, ich sage euch: Wer nicht das Reich Gottes aufnimmt wie ein
Kindlein, der wird nicht hinein kommen. Und Er schloß sie in Seine Arme,
legte die Hände auf sie und segnete sie“ (Mark. 10, 14—16). Aber der Herr
zeigte nicht nur Seine Liebe für diese und alle anderen kleinen Kinder, Er
bezeugte auch Seine Liebe zur Unschuld, die der Anfang Seines Königsreiches
ist (HG 5608). Wiederum fragten sie ihn: „Wer ist der Größte im Reiche der
Himmel? Da rief Er ein Kind herbei, stellte es mitten unter sie und sagte:
Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so
werdet ihr nimmermehr ins Reich der Himmel eingehen. Wer sich erniedrigt wie
dieses Kind, der ist der Größte im Reiche der Himmel, und wer ein solches
Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf, wer aber einen von diesen
Kleinen, die an mich glauben, ärgert, für den wäre es das Beste, daß ihm ein
Mühlstein um den Hals gehängt und er ins Meer versenkt würde, wo es am tiefsten
ist... Sehet zu, daß ihr keinen von diesen Kleinen geringschätzet; denn ich
sage euch: ihre Engel im Himmel schauen allezeit das Angesicht meines Vaters
im Himmel“ (Matth. 18, 1—6. 10). Die Unschuld ist das Größte im Königreich
der Himmel; denn es ist das Innerste und die Wurzel alles Himmlischen (HG
5608, 4797, 1616). „Wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt
mich auf“. Wer Unschuld in sich aufnimmt, nimmt den Herrn in sich auf. „Ihre
Engel im Himmel schauen allezeit das Antlitz meines Vaters“ — das bedeutet,
wenn man es auf die Zustände der Unschuld in uns selbst bezieht, daß
dieselben offen sind für die Liebe des Vaters im Himmel (OE 412). Folgende
Worte beschreiben die Gefahr, die unserem Leben droht, wenn wir absichtlich
die Unschuld bei uns zerstören: „Wer aber einen von diesen Kleinen, die an
mich glauben, ärgert, für den wäre es das beste, ... daß er ins Meer versenkt
würde, wo es am tiefsten ist“ (OE 1182, HG 9755). Der Herr sagt: „Ich danke dir, Vater, Herr des Himmels und
der Erde, daß du dies vor Weisen und Klugen verborgen und es Unmündigen
geoffenbart hast“ (Matth.11, 25). Nur ein unschuldiges Herz, das in Demut
seine ganze Schwachheit kennt, besitzt die Wahrnehmung der Wahrheiten des
himmlischen Lebens. Diese können nicht in einem Zustand des Stolzes und
Selbstvertrauens aufgenommen werden (HG 5608; HH 353). Salomo bekannte in
seiner Vision: „Ich bin ja nur ein kleines Kind“. Der Herr antwortete ihm:
„siehe, ich will dir ein weises und einsichtsvolles Herz geben“ (1. Kön. 3,
7. 12) „Aus dem Munde von Kindern und Säuglingen hast Du Dir
Stärke bereitet, um Deiner Dränger willen, daß der Feind und der Rachgierige
zuende komme“ (Ps. 8, 3). Wie schön beschreiben diese Worte jenen kostbaren
Schatz der Unschuld, der unsere Kindheit als eine Quelle der Kraft in den
Versuchungen der späteren Jahre erscheinen läßt! (HG 3183) Die Kinder, die
den Herrn im Tempel priesen (Matth. 21, 16), wurden als eine Erfüllung der
Verheißung dieses Psalmes betrachtet. Sie stellten auch die Unschuld in unseren
Herzen dar, die allein den Herrn anerkennen und empfangen kann, weil sie uns
im Glauben an Ihn erhält (HG 5236). „Ein kleines Kind soll sie leiten“ (Jes.
11, 6). Wie wahr ist es doch, daß die Unschuld uns sicher in alle
Herrlichkeit des Himmels leitet! Vor allem ist aber hier das Kommen des Herrn
angedeutet, dessen göttliche Unschuld dem Menschen den Zugang zu alledem
bereitet hat, was das Leben des Himmels ausmacht. Die Weissagung fahrt fort:
„Und es spielt der Säugling an der Natter Loch, und in des Basilisken Höhle
steckt seine Hand das Entwöhnte (d.h. das entwöhnte Kind). Sie tun nichts
Böses, noch verderben sie auf dem ganzen Berge meiner Heiligkeit“ (Jes. 11, 8
f). Hier wird die Sicherheit der Unschuld vor dem Leid beschrieben, besonders
die Sicherheit, welche die Gegenwart der göttlichen Unschuld des Herrn unter
den Menschen denen brachte, die zum Himmel und zu Seiner Kirche gehören, also
Seinen heiligen Berg darstellen (HG 5608, 10132). Stellen nun im positiven Sinne die Kinder die Uranfänge des
himmlischen Lebens dar, so finden wir, daß sie zuweilen auch im negativen
Sinne als die Anfänge des Falschen und Bösen in der Bibel erwähnt werden. So
lesen wir über Babylon: „Selig der, der deine Kindlein ergreift und sie
zerschmettert an der Felsenklippe“ (Ps. 137, 9; 0E 411; HG 2348). Bei unserem Fortschreiten von der Kindheit zur Jugend
verschwindet viel von der Unschuld. Welche charakteristische Eigenschaft
bildet sich nun im neuen Lebensalter heraus? Es wird eine schnelle, zupackende
Intelligenz entwickelt, die Freude daran hat, sich selbst im Lernen und im
Urteilen zu üben (HG 3183, 7668, 10225). Man denke daran, wie der Herr im
Alter von 12 Jahren, das bei den Juden als Ende der Kindheit betrachtet wurde,
den Lehrern im Tempel zuhörte und sie befragte. „Alle aber, die Ihn hörten
waren außer sich über Seinen Verstand und Seine Antworten“ (Luk. 2, 47; HG
1457; WCR 89). Man vergleiche damit die Situation, viele Jahre später, als
„alle Ihm Zeugnis gaben und sich über die Worte der Gnade verwunderten, die
aus Seinem Munde ausgingen“ (Luk. 4, 22). Zur Jugend gehören intellektuelle
Stärke und Schnelligkeit, nicht aber die tiefe Weisheit der Erfahrung. Und
diese unsere intellektuelle Stärke ist zuerst natürlich, kritisch und
selbstbewußt (HG 1949, 2679). Wir lesen über die Zerstörung von Damaskus: „Wie ist sie
doch so ganz verlassen, die ruhmreiche Stadt, die Burg meiner Wonne! Darum
werden ihre jungen Männer auf ihren Straßen fallen und alle kriegstüchtigen
Männer an jenem Tage umkommen“ (Jer. 49, 250. Beinahe dasselbe wird auch
inbezug auf Babylon gesagt (Jer. 1, 30). Hier werden Lebenszustände beschrieben,
in denen das Böse jedes wirkliche Verständnis des Wahren zerstört hat (OE
652). „Mögen Jünglinge müde und matt werden und junge Männer strauchelnd
zusammenbrechen: die auf den Herrn harren, gewinnen neue Kraft“ (Jes. 40,30
f). Diese Worte beschreiben die Schwäche unseres natürlichen Verstandes, ehe
wir dem Herrn die Führung über uns anvertrauen. Die Erneuerung unserer Kraft
schließt auch den Gedanken in sich, daß der Herr uns dazu verhelfen will,
unseren Verstand in nützlichen Werken zur Anwendung zu bringen (HG 3901; EO
244). „Gut ist es, geduldig zu sein und schweigend zu warten auf die Hilfe
des Herrn. Gut ist es für jeden, das Joch schon in seiner Jugend tragen zu lernen“
(Kl. Jer. 3, 26f). Wie sanft weisen diese Worte Ungeduld und Selbstüberheblichkeit
des jugendlichen Verstandes in die Schranken! Sie betonen die Notwendigkeit,
den Verstand zurechtzuweisen und zu nützlichem Dienst anzuspannen. Man denke an den reichen Jüngling, der zum Herrn kam und
fragte: „Guter Meister, was muß ich Gutes tun, um ewiges Leben zu erlangen?“
(Matth. 19, 16—22). Typisch ist des jungen Mannes Zuversicht: „alle diese
Gebote habe ich gehalten von meiner Jugend auf. Was fehlt mir noch?“ Der Herr
aber antwortet: „Niemand ist gut, denn der alleinige Gott... Gehe hin,
verkaufe, was du hast, und gib‘s den Armen“. Die
Reichtümer des Jünglings sind ein Bild seiner intellektuellen Fähigkeiten,
auf die er sein Vertrauen setzte. Nicht darauf aber, sondern auf den Herrn
soll der Mensch vertrauen, damit er seinen Wissensschatz bescheiden in
nützlichen Werken anwende (HG 4744 Ende; OE 934). Wenn wir durch die
Versuchungen und Mühen des Lebens zum reifen Alter voranschreiten, sollte es
schließlich zu einer Besänftigung und Vertiefung des Charakters kommen. Unser
Verstand sollte durch die Erfahrungen eines Lebens der praktischen
Nutzwirkungen zur Weisheit heranreifen. Das Greisenalter sollte wieder dem
Beginn des Lebens, der Kindheit, ähnlich werden in Abhängigkeit und Unschuld.
Aber diese Unschuld ist nun weise in der Kenntnis der Gefahren des Lebens und
der Macht des Herrn, vor ihnen zu bewahren. Das Kennzeichen des Gott
wohlgefälligen Greisenalters ist die Weisheit (HG 10225, 6524, OE 270). Wir lesen im Buch Hiob: „Bei den Greisen soll die Weisheit
wohnen, und langes Leben Einsicht verleihen? Nein, bei Gott wohnt Weisheit
und Kraft, Sein ist der Rat und die Einsicht“ (Hiob 12, 12; HG 6524). Und in
den Psalmen: „Einsichtsvoller bin ich als die Alten, denn Deine Ordnungen
habe ich bewahrt“ (Ps. 119, 100). Die Alten sind hier in ihrer Grundbedeutung
offensichtlich die Weisen (HG 6524). Viele Stellen beleuchten den Zerfall der Kirche und des
geistigen Lebens unter dem Bilde der Verwüstung Jerusalems und der
Abschlachtung seiner Bewohner. „Greise, Jünglinge und Jungfrauen, Kinder und
Frauen metzelt nieder, bis alles vernichtet ist. Aber alle, die das Zeichen
an sich tragen, lasset unberührt“ (Ez. 9, 6). „Die Kinder bedeuten die Unschuld,
die jungen Männer den Verstand, die Greise die Weisheit, welche verloren gegangen
sind. Wo jedoch Güte im Verstand gefunden wird, da ist es das rettende Zeichen“
(OE 270, 315). Wiederum: „Am Boden hingestreckt liegen auf den Straßen Kinder
und Greise; meine Jungfrauen und Jünglinge sind durchs Schwert gefallen; Du
hast sie am Tage Deines Zorns niedermetzeln und ohne Erbarmen abschlachten
lassen“ (Kl. Jer. 2, 21). Auch hier repräsentieren die Greise die Weisheit
und die jungen Männer den Verstand, welche zerstört wurden (OE 315). Es gibt
viele dieser bedrückenden Weissagungen, aber es gibt auch viele freudige. „So spricht der Herr der Heerscharen: Wiederum werden
Greise und Greisinnen auf den Plätzen Jerusalems sitzen, ein jeder mit seinem
Stabe in der Hand, infolge der Fülle der Lebenstage, und die Plätze der Stadt
werden wieder angefüllt sein mit Knaben und Mädchen, die dort spielen“ (Sach.
8, 4f). Die Greise sind, wie gesagt, Vorbilder der Weisheit; daß sie sich auf
einen Stab stützen, ist ein Symbol dafür, daß sie sich auf den Herrn stützen,
und daß sie infolge hohen Alters gebeugt und schwach sind, wird zu einem
Bilde der Demut und des Bewußtseins, daß wir die Hilfe Gottes benötigen, was
wiederum kennzeichnend für echte Weisheit ist. „Ein jeder mit seinem Stabe in
der Hand infolge der Fülle der Lebenstage“ (OE 727). Die Knaben und Mädchen
mit ihren Spielen sind die Entfaltungen der Unschuld, sowohl im Wahren wie im
Guten (OE 863; HG 2348). Johannes sah um den Thron Gottes „vierundzwanzig Älteste
sitzen“ (Offb. 4, 4). Sie repräsentieren die Weisheit der Himmel (OE 270; HG
5313), besonders des geistigen Himmels, dessen Bewohner am meisten in der
Freude an der Wahrheit des Herrn leben (OE 322, 462). Dieselbe Bedeutung
haben auch die Ältesten Israels, die so oft durch Moses unterrichtet wurden
und ihm dabei halfen, das Volk zu richten (2. Mose 3, 16; 17, 5). Sie stellen
die höchsten Schätze der Weisheit dar, besonders geeignet, um die Belehrung
des Herrn zu fassen (HG 7062, 7912). In einem umfassenden Sinne umschließt die Weisheit des
Greisenalters all das Sich-entwöhnen von den Dingen der Erde und die
Abrundung des himmlischen Charakters, wie sie als Vorbedingung für das Leben
in der Ewigkeit erforderlich sind (HG 3016). „Ehre deinen Vater und deine
Mutter“, wird uns geboten, „auf daß deine Tage verlängert werden auf Erden“
(2. Mose 20, 12). „Weil er nach mir verlangt ... will ich ihn sättigen mit
Länge der Tage und ihn mein Heil sehen lassen“ (Ps. 91, 14. 16). Es ist wohl
fraglich, ob man als allgemeines Gesetz aufstellen kann, daß diejenigen, die
ihre Eltern ehren, unbedingt länger leben; denn den Juden wurden zwar in der
Tat natürliche Belohnungen in Aussicht gestellt, weil sie andere nicht zu
schätzen wußten — sie glaubten ja nicht an ein ewiges Leben in der geistigen
Welt —‚ aber für uns ist das verheißene lange Leben eher als ein Bild der
vollen Entwicklung eines himmlischen Charakters zu verstehen (HG 3703, 8898;
OE 304). Auf der anderen Seite wird gesagt: „Die Männer des Blutes und des
Betruges werden ihre Tage nicht bis zur Hälfte bringen“ (Ps. 55, 24). Unter
den freudigen Verheißungen für die Kirche finden wir die folgende: „Es soll
dort alsdann keinen Säugling von nur wenigen Tagen und keinen Greis mehr
geben, der seine Tage nicht voll auslebt; sondern als jüngster wird der
Hundertjährige sterben, und wer nur hundert Jahre alt wird, als ein vom Fluch
getroffener Sünder gelten“ (Jes. 65, 20). Dies ist eine Zusage, daß in der
glücklichen Zeit der Errichtung einer neuen Kirche das Leben zur vollen geistigen
Reife gebracht und die Unschuld bis zur vollkommenen Weisheit heranwachsen
soll (HG 2636). Die Worte „wer nur hundert Jahre alt wird, wird als ein vom
Fluch getroffener Sünder gelten“ zeigen, daß ebenso wie kleine Kinder
zuweilen die Anfänge eines bösen Lebens darstellen, das Greisenalter
gelegentlich als Vorbildung eines bösen Zustandes dienen kann, der wirklich
vollendet und für die Ewigkeit begründet ist (HG 2348). „Jünglinge und auch Jungfrauen, Alte mitsamt den Jungen:
Jehovahs Namen sollen sie loben“ (Ps. 148, 12f). Für jeden
Entwicklungsabschnitt himmlischen Lebens in uns sollten wir dem Herrn danken,
und jedes Lebensalter kann Ihn dadurch preisen, daß es im Rahmen des Ganzen
seinen Nutzen bringt, zu dem es geschaffen wurde (PP: HG 5236). Die zuletzt betrachteten Gegenstände waren Teile von uns
selbst. Es handelte sich dabei um Glieder, Organe und Zustände des physischen
Leibes, die wir zuerst auf ihre Funktion unter suchten, um dann — tiefer
dringend — die entsprechende geistige Fähigkeit oder Bedingung zu entdecken.
Nun aber blicken wir auf die Welt als Ganzes. Dabei sehen wir, daß diese Welt
voller Dinge ist, die irgendwie zu uns in Beziehung stehen, obwohl sie sich
außerhalb von uns befinden, Dinge, die uns nützlich oder schädlich sind.
Diese „menschliche Eigenschaft“ mancher natürlichen Gegenstände ist so
offensichtlich, daß wir uns instinktiv zu ihnen hingezogen fühlen.
Tatsächlich stellen sie in sichtbarer Form Neigungen und Gedanken dar, die in
uns selbst bestehen. Auf diese Weise verdeutlichen sie uns unser eigenes
Herz, helfen sie uns, uns selbst zu erkennen. Wie könnte es auch anders sein? Denn auch die Gegenstände
der Natur sind ja samt und sonders Werke des Herrn, und sie müssen daher
irgend etwas von Seiner Liebe und Weisheit verkörpern, von derselben Liebe
und Weisheit, die Er den Menschen gibt. Die Welt um uns herum ist desselben
Ursprungs wie die Welt in uns; sie spiegelt daher dieselben Kräfte, nur auf
einer niedrigeren Stufe (LW 319—326). Wenn nun aber die natürlichen Dinge, so mag man hier
fragen, Verkörperungen der Göttlichen Liebe und Weisheit sind, wie kommt es
dann, daß viele Erscheinungen der Natur so grausam und böse sind? An welchem
Punkt wurden denn die Lebenskräfte bei ihrem Herabsteigen vom Herrn des
Lebens zur natürlichen Daseinsebene in ihr Gegenteil verkehrt? Die Antwort
lautet: bei uns Menschen, weil wir dem Haß statt der Liebe, falschen Gedanken
statt der Wahrheit fröhnen. Der Herr läßt es zu, daß diese verkehrten Gefühle
und Gedanken auch in der Natur erscheinen und böse Tiere und Pflanzen und
alle gemeinen und grausamen Dinge hervorbringen. Solange die Menschen gut und
unschuldig waren, war es auch die Natur. Als aber das Böse der Menschen auf
Erden und folglich auch in der Hölle zunahm, hieß es: „Verflucht ist der
Erdboden um deinetwillen... Dornen und Disteln soll er dir wachsen lassen“
(1. Mose 3, 17f; WCR 78; LW 336—342; OE 1201). Warum aber läßt es der Herr zu, daß die Schöpferkraft durch
die Kanäle des menschlichen Lebens, durch den Himmel, aber auch durch die
Hölle, in die Natur einfließt, so daß viele böse und unhimmlische
Lebensformen entstehen, welche die Welt um uns verderben? Die Antwort ist:
damit die Natur uns ein wahres Abbild unseres eigenen Charakters vor Augen
halte, damit die Natur als eine Art Spiegel diene, der uns zugleich die Schönheit
der Unschuld und die hassenswerten Folgen unserer bösen Leidenschaften zeigt.
Unsere Umwelt ist also zugleich eine Inspiration und eine Warnung. Daher ist
es sehr wichtig, daß wir im Buch der Natur zu lesen lernen und sehen, welchen
Neigungen in uns die natürlichen Dinge jeweils entsprechen. Bei diesem Studium der Entsprechungen zwischen den
Gegenständen der Natur und den geistigen Erscheinungen in uns selbst ist uns
die Beobachtung vieler Redewendungen unserer Sprache sehr nützlich. Wie oft
dient nicht z.B. der Name irgendeines Tieres zur Umschreibung einer
bestimmten menschlichen Eigenschaft, und wie oft gebrauchen wir einen Ausdruck,
der eigentlich die Besonderheiten von Pflanzen oder Mineralen darstellen
soll, zur Kennzeichnung irgendeines geistigen Vorgangs! So sagen wir etwa,
ein Mensch sei ein „Löwe“, ein „Fuchs“, ein „Bär“, in der Meinung, daß sein
Mut, seine Schläue oder Rauheit ihren genauen Ausdruck in den entsprechenden
Tieren finde. Oder wir sagen, daß eine Idee „wachse“ und „Frucht trage“, weil
wir erkennen, daß ihre Entwicklung derjenigen einer Pflanze gleicht. Aber die
Sprache ist mit einem derart allgemeinen und oberflächlichen Gebrauch
natürlicher Ausdrücke zur Beschreibung geistiger Vorgänge zufrieden. Wollen
wir genauer erkennen, welchen Dingen unserer inneren Welt die Gegenstände der
äußeren Welt entsprechen, so müssen wir diese natürlichen Gegenstände untersuchen,
um ihre Eigenschaften und besonders ihren Nutzbrauch für den Menschen festzustellen.
Dann müssen wir uns unserer inneren Welt zuwenden und zu verstehen suchen,
was dort den entsprechenden Platz einnimmt. Bei diesem Studium von Entsprechungen von Gegenständen der
Natur müssen wir zu Beginn einige allgemeine Grundsätze, gewissermaßen einen
Plan der Klassifizierung und Anordnung aufstellen, damit jede Einzelheit
zwanglos darin den, ihr zukommenden Platz finden möge. Wenn wir z.B. schon
von vorneherein die großen Trennungslinien erkennen könnten, welche — ähnlich
wie die drei Reiche der Natur — die Gegenstände unserer mentalen Welt in drei
Gruppen einteilen, so wäre das schon ein großer Schritt in Richtung auf die
der Wirklichkeit gemäße Einordnung eines jeden Dinges, etwa so wie in dem
bekannten Ratespiel, wo man zuerst fragen muß: „Ist es ein Tier, eine Pflanze
oder ein lebloser Gegenstand?“, worauf man sich dann ganz auf das eine
konzentrieren kann, um das es sich handelt. Haben wir einmal einen Begriff
von den drei Hauptgruppen geistiger Dinge, so fällt es uns schon viel
leichter, die Entsprechung irgendeines natürlichen Gegenstandes gleich
richtig einzuordnen und sie dann allmählich, unter Berücksichtigung ihrer
besonderen Eigenschaften und ihres Nutzens, näher zu umschreiben. So wollen wir also damit beginnen, die drei Reiche der Natur
zu vergleichen, um ihre entscheidenden Merkmale zu erkennen und zugleich zu
sehen, ob auch die Gegenstände unserer inneren Welt in entsprechende Bereiche
gegliedert sind. Zunächst die Tiere! Aufs Ganze gesehen, sind sie warm,
tätig, empfindlich. Sie fühlen sowohl Freude als auch Schmerz. Auch die
Pflanzen sind lebendig; sie wachsen, haben jedoch kein Bewußtsein von Leiden
oder Freuden. Das Mineralreich ist vor allem fest und hart; es ist die Grundlage
des pflanzlichen Lebens, und die Tierwelt ruht und bewegt sich auf ihm. Gibt es nun in unserem Gemüt einen Bereich, der Freude und
Schmerz empfindet? Kann man jemanden verletzen, ohne seinen Körper auch nur
anzurühren? Und was verletzt man dabei? Die Gefühle! Sind diese Gefühle der
Freude fähig, sind sie warm, tätig? Die Gefühle oder Neigungen sind also die
„Tiere“ des Gemüts (HH 110; HG 3218, 5198; OE 650). Gibt es neben dieser Welt der Gefühle noch einen anderen
Bereich in uns, der zwar lebt und wächst, aber nicht empfindet? Wie steht es
mit unseren Kenntnissen oder unseren Gedanken über den einen oder anderen
Gegenstand? Zweifellos wachsen sie von Tag zu Tag. Zuweilen sind sie sehr
schön und tragen — wenn wir sie in unserem Leben anwenden — Frucht. Solche
Pflanzen der Erkenntnisse, immerzu wachsend, das Gemüt mit Schönheit und
Fruchtbarkeit erfüllend, bilden das geistige Pflanzenreich (HH 111, 176, 498;
HG 3220, 1443; OE 730). Tiere bewegen sich in der Regel mit Leichtigkeit von Ort zu
Ort, die Pflanzen sind, fest in ihrem Erdreich verwurzelt. Derselbe Unterschied
besteht zwischen unseren Neigungen und unseren Kenntnissen. Angenommen, ich
wäre unter bestimmten Bedingungen aufgewachsen, und mein Beruf, meine
besonderen Nutzwirkungen innerhalb der Gesellschaft, macht mir Freude, bei
seiner Ausübung bin ich verständig und geschickt geworden. Nun aber ziehe ich
an einen anderen Ort um, wo diese Bedingungen völlig andersartig sind. Meine
Neigung, ein nützlicher Mensch zu sein, geht ohne weiteres mit mir. Ebenso
wie ein Tier begibt sie sich mit Leichtigkeit an den neuen Ort. Mein
Berufswissen jedoch, verwurzelt in den alten Bedingungen, läßt sich nur mit
Schwierigkeiten den neu vorgefundenen Bedingungen einpflanzen. Die Grundlage, aus der unsere geistigen Pflanzen
hervorgehen, ist zugleich die Grundlage des ganzen Gemüts. Die Tatsachen, die
wir als fest und unabänderlich betrachten, sind seine „Felsen“; die Erkenntnisse
beim Denken und Handeln, die sich mit jedem Tage unseres Lebens vertiefen,
sind sein fruchtbarer „Boden“. Wenn wir mit anderen die gleiche Erkenntnis
und Lebenserfahrung teilen, so „stehen wir auf gemeinsamen Boden“ (HH 488; HG
1940). Die Tiere des Gemüts sind dessen warme, empfindsame
Neigungen; die Pflanzen dessen wachsende Einsicht in viele Zusammenhänge; der
mineralische Boden stellt die feste Grundlage der Tatsachen und Erfahrungen
dar. Wir wollen nun ein wenig näher über die Tiere und die
entsprechenden Neigungen nachdenken. Wie verschieden sind doch die Formen des
tierischen Lebens! Auf der einen Seite der riesige Elefant, auf der anderen
das kleine, summende Insekt, der wütende Tiger und das sanfte Lamm, der Adler
hoch droben in den Lüften und die Schlange eng am Boden! Aber die Neigungen
unseres Herzens sind nicht weniger verschieden! Da finden sich gute und böse,
sanfte und grausame, nützliche und schädlich, edle und gemeine. Ehe wir nun
die einzelnen Tiere und ihre Entsprechung zu unseren Neigungen untersuchen,
rufen wir uns einige wenige Verse aus der Bibel in Erinnerung, um zu sehen,
wie sehr uns schon der allgemeine Gedanke — Tiere entsprechen menschlichen
Neigungen — dabei hilft, den geistigen Gehalt des Göttlichen Wortes zu
verstehen. Inbezug auf den Menschen wird gesagt: „Alles hast Du ihm
unter die Füße gelegt: Kleinvieh und Rinder allzumal, dazu auch die wilden
Tiere des Feldes, die Vögel des Himmels, die Fische im Meer, alles, was die
Pfade der Meere durchzieht“ (Ps. 8, 6—8). Hier wird gesagt, daß der Herr
alles regiert, daß Er aber den Menschen zum König über die kleine Welt seines
eigenen Herzens eingesetzt hat. Vor allem wird hier betont, daß Er dem
Menschen die Kontrolle über seine Neigungen anvertraut hat; sie sollen nicht
seine Herren, sondern seine Diener sein. Die wilden Tiere des Feldes stehen
nicht unbedingt für böse Neigungen, sondern für die natürlicheren und äußerlicheren,
einschließlich der körperlichen Wünsche und Gelüste. Wer sein Leben darein
setzt, lediglich diese natürlichen Neigungen zu nähren, ist ein „Tier“, und
zwar ein wildes. Der Mensch ist nur in dem Maße Mensch, als er mit Hilfe des
Herrn sein menschliches Vorrecht ausübt, diese seine Tiere zu beaufsichtigen
(OE 650; HG 10610; vergl. auch 1. Mose 1, 25f; HG 52). Der 49. Psalm
beschreibt das Leben, das der Zügellosigkeit weltlicher Neigungen
anheimgegeben ist, vor allem in den Schlußworten: „Der Mensch, in Herrlichkeit
lebend, doch ohne Einsicht, gleicht den Tieren, die abgetan werden“ (Vers
21). Derartige Neigungen haben keinen Platz im Himmel. In der
Genesis lesen wir: „Jehovah Gott bildete aus dem Boden jegliches Getier des
Feldes und alle Vögel des Himmels und brachte sie zum Menschen, auf daß Er
sähe, wie er sie nennte... und der Mensch nannte mit Namen alles Vieh und
alle Vögel des Himmels und alles Wild des Feldes“ (1. Mose 2, 19f). Dies bedeutet,
daß der Herr den Urmenschen auf Erden gestattete, die Eigenschaften all ihrer
natürlichen Neigungen und Gelüste zu erkennen, um ihnen den rechten Platz in
ihrem Leben anzuweisen und über sie zu herrschen (OE 650; HG 143, 146). Im weiteren Verlauf der Erzählung lesen wir, wie die Tiere
— reine wie unreine — in der Arche über die große Flut hinweg gerettet
wurden. „Von dem reinen Vieh und dem Vieh, das nicht rein war, und von den
Vögeln und allem, was auf dem Boden kriecht, kamen immer zwei, ein Männchen
und ein Weibchen, zu Noah in die Arche hinein“ (1. Mose 7, 80. Diese Geschichte
erzählt uns von der Übertragung der Neigungen und Gelüste, guter und unguter,
von dem Volk der ersten Kirche auf ihre Nachkommen, welche die zweite Kirche
auf Erden bildeten (OE 650; HG 714f, 719). „Und Noah baute dem Jehovah einen
Altar und nahm von allem reinen Vieh und allen reinen Vögeln und opferte
Brandopfer auf dem Altar“ (1. Mose 8, 20; 3. Mose 1). Die Opfertiere bilden
die reinen und ernsthaften Neigungen vor, die wir dem Herrn darbringen
sollen, indem wir anerkennen, daß sie Sein sind und Ihn darum bitten, daß Er
sie in uns gebrauchen und segnen möge. „Soll ich vor Ihn kommen mit
Brandopfern, mit einjährigen Kälbern? Hat Jehovah Wohlgefallen an Tausenden
von Widdern, an Tausenden von Bächen Öls? ... Er hat dir angesagt, o Mensch,
was gut ist, und was fordert der Herr von dir, als das Recht zu tun und
Barmherzigkeit zu lieben und in Demut zu wandeln vor deinem Gott?“ (Michah 6, 7f). „Denn am Opfer hast Du keine Lust, daß ichs gäbe; Brandopfer gefällt Dir nicht. Opfer Gottes
sind ein gebrochener Geist; ein gebrochenes und zerschlagenes Herz verachtest
Du nicht, o Gott“ (Ps. 51, 18f; HG 922). Wir verstehen nun auch, warum den Israeliten nur reine
Tiere als Nahrung gestattet, unreine Tiere aber verboten waren. „So scheidet
denn zwischen reinem und unreinem Vieh, zwischen unreinen und reinen Vögeln,
und machet eure Seelen nicht zum Abscheu mit Vieh oder Vögeln, noch mit
irgend etwas, das auf dem Boden kriecht und das Ich für euch ausgeschieden
habe, daß es unrein sei“ (3. Mose 20, 25; 11). Der Herr verlangt einfach, daß
unsere Seelen durch edle, gute Neigungen erstarken und nicht durch böse
geschwächt werden (OE 650). Wir erkennen nun den Sinn der traurigen Warnung, die in
vielen Bibelstellen zum Ausdruck kommt, wo von der Zerstörung durch wilde
Tiere gehandelt wird. „Der Eber vom Walde hat ihn (den Weinstock Israel)
zerwühlt, und das wilde Tier des Feldes hat ihn abgeweidet“ (Ps. 80, 14).
„Die Leichen deiner Knechte gaben sie zum Fraß den Vögeln des Himmels, das
Fleisch deiner Heiligen dem wilden Tier der Erde“. (Ps. 79, 2) Hier handelt
es sich um die Warnung, daß böse Leidenschaften und Begierden, die aus der
Selbst- und Weltliebe entspringen, das ganze geistige Leben zerstören können,
wenn man sich ihnen ausliefert (OE 650; HG 9335). Wir erkennen auch die Bedeutung
der freudvollen Weissagung: „Löwen wird es dort nicht geben, und kein
reißendes Tier wird sie betreten, noch daselbst angetroffen werden; sondern
nur die Erlösten werden auf der heiligen Straße wandern“ (Jes. 35, 9; OE 650;
HG 9335). Vielleicht verstehen wir nun auch die geistige Ursache, weshalb den
Israeliten oft geboten wurde, auch die Tiere böser Völker auszurotten. „Ziehe
jetzt hin, schlage die Amalekiter und vollstrecke
den Bann an ihnen und an allem, was sie besitzen! Übe keine Schonung an ihnen,
sondern laß alles sterben, Männer wie Weiber, Kinder wie Säuglinge, Rinder
wie Kleinvieh, Kamele wie Esel“ (1. Sam. 15, 3). Kinder und Säuglinge bezeichnen
hier den Beginn des Bösen, die Tiere aber die bösen Neigungen, denen ihre
Besitzer sich hingegeben hatten. Diese sollten nicht geduldet sondern
zerstört werden (OE 650). „Nicht in einem Jahr will ich sie (die Völker Kanaans) vor
dir her vertreiben, sonst würde das Land zur Wüste werden und die wilden
Tiere zu deinem Schaden überhand nehmen; nein, nach und nach will ich sie vor
dir vertreiben“ (2. Mose 23, 29f; 5. Mose 7, 22). Dies zeigt uns, daß die
Wiedergeburt schrittweise erfolgen muß, und der Herr in Seiner Barmherzigkeit
manche unvollkommenen Beweggründe, wie zum Beispiel ein Trachten nach dem
äußeren Schein, Hoffnung auf Belohnung, äußere Rücksichten usw. zuläßt, um
die Tiernatur in uns zu bändigen, bis wertvollere Beweggründe in uns stark
genug geworden sind (OE 650; HG 9335). Wir erfahren einiges über die Art der
Versuchungen, die unser Herr erduldete, wenn es in dem entsprechenden Bericht
heißt: „Er war vierzig Tage lang in der Wüste und wurde vom Satan versucht;
er weilte dort bei den wilden Tieren“ (Mark. 1, 13). Die wilden Tiere
bezeichneten die Begierden, die von der Hölle eingehaucht wurden, denen aber
der Herr siegreich widerstand (OE Ende). Wir wollen nicht zu lange bei den zahllosen Stellen
verweilen, die von bösen Tieren handeln. Man lese in den Psalmen Stellen wie
diese: „Er sendet Quellen in die Bachtäler, zwischen den Bergen rieseln sie
dahin. Sie tränken alle wilden Tiere des Gefildes; Waldesel löschen ihren
Durst. Des Himmels Vögel wohnen an ihnen, lassen ihr Lied aus den Zweigen
erschallen... Er läßt Gras sprossen für das Vieh und Pflanzen für den Bedarf
der Menschen..‚ Du lässest Finsternis entstehen, und es wird Nacht; da erhebt
sich alles Getier das Waldes...“ (Ps. 104, 10—30). Der Herr versorgt die
Tiere mit Nahrung; Er sättigt auch gute Neigungen jeder Art mit den Weisungen
aus Seinem Wort (OE 650, 483, 278; HG 2702). Und schließlich lese man in der
Offenbarung des Johannes — es handelt sich um ein bemerkenswertes und
vielleicht unerwartetes Beispiel für die Bedeutung der Tiere im heiligen
Worte Gottes: „Inmitten des Thrones und rings um den Thron vier Tiere voller
Augen vorn und hinten.., und sie hatten keine Ruhe Tag und Nacht und sprachen:
Heilig, heilig, heilig ist der Herr, Gott der Allmächtige“ (Offb. 4, 6—9).
Sie sind Symbole für die Neigung der Engel, besonders derer im innersten
Himmel, dem Himmel der Neigung, die dem Herrn am nächsten steht (OE 322,
462). Das Studium jener Bibelstellen, die Pflanzen und Minerale
behandeln, schieben wir zunächst auf, um zuerst einmal die einzelnen Arten
des Tierreichs durchzugehen und zu sehen, welchen einzelnen Neigungen in uns
sie wohl entsprechen mögen. Schafe und Ziegen Jedermann weiß, wie nützlich Schafe und Lämmer sind. Ihr
Fleisch dient uns zur Nahrung, ihre Wolle zur Kleidung. Sie sind völlig
harmlos und sehr sanft, kennen keinen Streit untereinander. Sie zeigen im
Gegenteil große Zuneigung zueinander, weiden zusammen in einer Herde und
berühren einander beinahe mit der Nase, wenn sie am Grase knabbern; im
Schatten pflegen sie dicht beieinander zu ruhen. Abgesehen von ihrer
gegenseitigen Zuneigung, entwickeln sie auch eine starke Anhänglichkeit an
ihren Hirten bzw. an den Menschen, der sich um sie kümmert. Im Lande der
Bibel leben die Hirten mit ihren Herden zusammen auf den Feldern und führen
sie von Weide zu Weide; in der Trockenzeit machen sie Bäche und Quellen ausfindig,
wo ihre Schutzbefohlenen noch immer Wasser und etwas Grünes finden können,
und in der Nacht schützen sie sie vor wilden Tieren. Der Hirte geht voran,
die Schafe folgen, sie kennen seine Stimme, und häufig antworten sie, wenn er
sie bei ihrem Namen ruft (Joh. 10, 4). Wir sagten schon, daß Menschen gelegentlich als „Löwe“,
„Fuchs“ oder „Bär“ bezeichnet werden. Gewiß hat jeder von uns schon den einen
oder anderen Menschen gekannt, der ihm wie ein „Lamm“ vorkam (HH 110), und
gewiß sind wir uns einig darüber, daß wir solche Lamm-Naturen meist unter den
kleinen Kindern finden. Sie sind unschuldig und fühlen sich zueinander
hingezogen, sie lieben ihre Eltern und sind in jeder Hinsicht von ihnen
abhängig, geradeso wie die Lämmer des Tierreichs von ihren Hirten. Aber auch bei älteren Menschen beobachten wir gelegentlich
ähnliche Unschuld und ähnliches Vertrauen. Es ist leicht zu erraten, wer ihr
Hirte ist. Wir wissen, daß uns die reinste Unschuld gegeben wird, wenn wir
wiedergeboren und wie die Kinder — die Kinder unseres himmlischen Vaters —
werden. Die Unschuldsneigung kleiner Kinder und derer, die im religiösen Sinne
zu Kindern geworden sind, wird durch unschuldige Lämmer im Bilde dargestellt
(OE 314; HG 10132, 2179, 294). Im übrigen sieht man leicht, daß ein Unterschied
zwischen Lämmern und Schafen besteht, ähnlich wie zwischen sehr kleinen Kindern
und etwas älteren Kindern (vergl. Kapitel 10). Die Unschuld der Lämmer und
sehr kleiner Kinder wird mehr durch die vollkommene äußere Abhängigkeit, die
Unschuld der Schafe und älteren Kinder mehr durch die Zuneigung zueinander
bestimmt (OE 314). Wie oft wird doch in der Bibel von Schafen und ihren Hirten
gesprochen, wobei ganz eindeutig die Menschen und ihre Beziehung zum Herrn
zur Darstellung kommt! „Ich aber rette meine Herde, daß sie nicht mehr zum
Raube werde.., und ihr seid meine Herde, die Herde meiner Weide, ein Mensch
seid ihr, und ich bin euer Gott, spricht der Herr Jehovah“ (Ez. 34, 22. 31;
OE 280; HG 4287). „Der Herr (Jehovah) ist mein Hirte, mir wird nichts
mangeln. Auf grünen Auen läßt Er mich lagern, zu frischen Wassern leitet Er
mich“ (Ps. 23, 1f; OE 375; HG 3696). Man lese die ersten 16 Verse des zehnten
Kapitels des Johannesevangeliums: „Er ruft Seine eigenen Schafe mit Namen und
führet sie aus“, heißt es, „aber sie verstanden diese Gleichnisrede nicht,
und sie erkannten nicht, was Er zu ihnen redete“ (Joh. 10, 6). Ob es uns
gelingt, dieses Gleichnis mit Hilfe der eigenen Erklärung des Herrn — „Ich
bin der gute Hirte“ — wenigstens bis zu einem gewissen Grade zu verstehen und
daraus zu lernen, wie liebevoll sich der Herr derer annimmt, die unschuldigen
Herzens sind, und wie sehr es andererseits gerade zu unsere Pflicht ist, Ihn
zu lieben und Ihm zu vertrauen? (GV 230; HG 9310; OE 864). „Sein Volk sind wir
und die Schafe Seiner Weide“ (Ps. 100, 3). All unsere unschuldigen Neigungen
sind darauf angewiesen, vom Herrn erhalten und durch Seine Wahrheit gestützt
zu werden (HG 6078, 5201). „Wie ein Hirte wird Er Seine Herde weiden: die Lämmer
wird Er auf Seinen Arm und sie im Busen Seines Gewandes tragen, die
Mutterschafe aber wird Er sanft leiten“ (Jes. 40, 11). Es ist deutlich, daß
hier die Liebe des Herrn zu den unschuldsvollen menschlichen Neigungen und
Seine Macht, dieselben zu beschützen und zu verteidigen, beschrieben wird (HG
10132, 10087; vergl. auch Kapitel 08). An all diesen Stellen wird die Kirche des Herrn als Herde
bezeichnet. An anderen Stellen heißt sie ein Weinberg oder Weingarten (z.B.
Jes. 5, 7). Welcher Unterschied liegt, allgemein gesprochen, darin? Welche
Seite der Kirche wird mit dem einen, welche mit dem anderen Bilde angedeutet?
Die folgenden Stellen vermitteln eine Vorstellung von der Hilflosigkeit und
panischen Angst, eines vertrauensvollen Herzens, wenn es die Göttliche Hilfe
einmal nicht spürt: „Wie ein verlorenes Schaf ging ich in der Irre“ (Ps. 119,
176). „Wir gingen alle in der Irre, wie die Schafe; wir wandten uns, ein
jeder auf seinen eigenen Weg“ (Jes. 53, 6). Als der Herr einst ein großes
Gedränge von Menschen sah, „jammerte Ihn derselben, daß sie so verschmachtet
und dahingeworfen waren, wie Schafe, die keinen Hirten haben“ (Matth. 9, 36;
OE 1154). Es gibt so viele altvertraute Stellen in der Bibel, in
denen Schafe und Lämmer genannt werden, daß es dem Leser Freude machen wird, sie
sich in Erinnerung zu rufen und zu sehen, daß sie uns von der geistigen Herde
unschuldiger, sanfter Neigungen, von der Liebe zum Herrn und zueinander
erzählen. Zum Beispiel: „Und dies ist, was du auf dem Altar zubereiten
sollst: Zwei einjährige Lämmer an jedem Tage beständig. Das eine Lamm sollst
du am Morgen zubereiten, das andere gegen Abend“ (2. Mose 29, 380. Dies bedeutet,
daß wir am Anfang und Ende eines jeden Tages, eines jeden Zustandes und eines
jeden neuen Unternehmens zuerst mit unschuldigem Vertrauen zum Herrn kommen
sollen (HG 3994, 10132; OE 314). Im Zusammenhang mit der Rolle der Lämmer im
jüdischen Gottesdienst denke man vor allem auch an das Passahlamm: „Jeder
Hausvater nehme sich ein Lamm, für je eine Familie ein Lamm... Es müssen
fehlerlose, männliche einjährige Lämmer sein; von den Schafen oder von den
Ziegen sollt ihr sie nehmen... sie sollen etwas von dem Blut nehmen und es an
die beiden Türpfosten und an die Oberschwelle der Häuser streichen, in denen
sie die Mahlzeit halten... Das Blut an den Häusern, in denen ihr euch
befindet, soll ein Zeichen zu eurem Schutz sein; denn wenn ich das Blut sehe,
will ich schonend an euch vorübergehen, und es soll euch kein tödliches
Verderben treffen, wenn ich den Schlag gegen das Land Ägypten führe“ (2. Mose
12, 3—13). Das Passahlamm, das am Abend vor dem Auszug aus Ägypten gegessen
wurde und noch heute jedes Jahr zum Gedächtnis dieses Ereignisses gegessen
wird, ist eine Vorbildung jener unschuldigen Neigung, die man vom Herrn
empfängt, wenn man sich von der Sklaverei des Bösen befreit, und jener
fortgesetzten Empfänglichkeit für die Unschuld, durch welche diese Befreiung
Dauer erhält. Doch was bedeutet das Blut des Lammes, das an die Türpfosten
gestrichen wurde und die Plage fernhielt? Das Blut des Lammes ist der Strom
des unschuldigen Denkens, dessen Ursprung die unschuldige Neigung ist. Wenn
derartige Gedanken am Tor der Seele Wache stehen, so kann das Böse nicht
eindringen (OE 329; HG 3519, 10132). „Er sagte ihnen aber dies Gleichnis: welcher Mensch von
euch, der hundert Schafe hat und eines derselben verliert, läßt nicht die
neunundneunzig in der Wüste und geht dem verlorenen nach, bis daß er es
finde? ... Ich sage euch: so wird Freude sein im Himmel über einen Sünder,
der Buße tut, mehr denn über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht
bedürfen“ (Luk. 15, 3—7). Unserer Sorge hat der Herr die Schafe der sanften,
unschuldigen Neigungen anvertraut, als wir noch kleine Kinder waren; ist keines
von ihnen verlorengegangen? Das Gleichnis erinnert uns an unsere Aufgabe,
diese verlorengegangenen unschuldigen Neigungen unseres Lebens zu suchen und
wieder zurückzubringen in die Herde der anvertrauten Neigungen, auf daß der
Herr und Seine Engel sich solcher echten Buße freuen können! (HG 9836, 5992). Eine schöne Weissagung des Kommens des Herrn lautet: „Dann
wird der Wolf als Gast bei dem Lamme weilen und der Panther sich neben dem
Böcklein lagern; das Kalb, der junge Löwe und der Mastochse werden vereint
weiden — und ein kleiner Knabe wird Treiber bei ihnen sein“ (Jes. 11, 6; 65,
25). Die zahmen Tiere bezeichnen die zahmen, unschuldigen Neigungen, welche
das Kommen des Herrn den Menschen wieder gebracht hat. Was sind dann aber die
wilden Tiere? Der Herr beschützt uns vor ihnen; die Unschuld ist sicher vor
jedem Schaden (OE 314; HG 3519, 3994, 10132). Der Herr sandte Seine Apostel
aus mit den Worten: „Siehe, ich sende euch wie die Schafe mitten unter die
Wölfe“ (Luk. 10, 3; OE 314; HG 10132). Beim Kommen des Herrn „waren Hirten auf dem Felde, die
hielten in jener Nacht Wache bei ihrer Herde“ (Luk. 2, 8). Selbst in jenem
Zeitalter der Finsternis fanden sich einige wenige, die an der Unschuld festhielten;
sie waren es, denen sich Engel offenbaren konnten, um sie auf den Weg zu
führen, der zur Erkenntnis der Göttlichen Unschuld des Herrn leitet. Nach Seiner Auferstehung gab der Herr, als Er mit einigen
Seiner Jünger am Ufer des galiläischen Meeres stand, dem Petrus dreimal den
feierlichen Auftrag: „Weide meine Lämmer“ (Joh. 21, 15—17). Diese Worte
zeigen mit aller Deutlichkeit, daß es die Pflicht der Jünger des Herrn ist,
die Unschuld in den Herzen der Menschen lebendig zu erhalten und zu stärken
(HG 10087, 4169). Aus welchem Grunde wird der Herr vielfach „das Lamm Gottes“
genannt? Bei anderen Gelegenheiten heißt Er wiederum „der Löwe“ — offensichtlich,
um auf Seinen Göttlichen Mut hinzuweisen. Aber welche Göttliche Eigenschaft
wird im besonderen angedeutet, wenn Er als Lamm bezeichnet wird? Die
Göttliche Unschuld Seines Lebens, die Sanftheit, die Geduld. „Siehe, das Lamm
Gottes, das der Welt Sünde trägt“ (Joh. 1, 29). Dies heißt, daß der Herr die
Unschuld selbst ist und alle Unschuld von Ihm stammt (OE 314; HG 10132; WCR
144; HH 282). „Er tat Seinen Mund nicht auf, wie ein Lamm, das zur
Schlachtung geführt wird, und wie ein Mutterschaf, das vor seinen Scherern
stumm bleibt“ (Jes. 53, 7). Hier wird die Unschuld, die Geduld und das Schweigen,
mit denen der Herr die Versuchungen ertrug, als Vorbild vor uns hingestellt
(HG 10132, 9937). „Dem, der auf dem Throne sitzt, und dem Lamm gebühren
Lobpreis und Ehre, Herrlichkeit und Macht in alle Ewigkeit“ (Offb. Joh. 5,
13). Der auf dem Throne Sitzende ist der Herr, das Lamm bezeichnet Seine
Göttlich-Menschliche Natur, ganz besonders im Hinblick auf deren Göttliche
Unschuld (OE 314, 343). Man vergesse nicht die Wolle, das Kleid der Schafe, so
nützlich für uns Menschen bei der Herstellung warmer Bekleidung. Was meint
wohl der Herr mit der Warnung: „Hütet euch vor den falschen Propheten, die in
Schafskleidern zu euch kommen, im Inneren aber reißende Wölfe sind“ (Matth.
7, 15)? Er beschreibt damit selbstsüchtige, grausame und hinterhältige
Menschen bzw. derartige Beweggründe in uns selbst, die sich hinter
freundlichen Worten und Verhaltensweisen verbergen, die eigentlich Ausdruck
von Unschuld sein sollten (OE 195; JG 59). Lautere, sanfte, liebevolle Wörter
und Manieren sind die Kleidung, die unschuldigen, lämmerartigen Menschen wohl
ansteht. Sie sind die Wolle geistiger Schafe. Und sie bilden eine gute, warme
Kleidung für uns alle. Die Tatsache, daß Wolle weiß ist, gibt einen wichtigen
Hinweis: Handlungen und Worte, die einem unschuldigen Herzen entspringen,
sind wahrhaft rein. „Wenn eure Sünden rot wie Scharlach sind, sollen sie doch
weiß werden wie Schnee, und sind sie auch rot wie Purpur, sollen sie doch
weiß wie Wolle werden“ (Jes. 1, 18). Mit des Herrn Hilfe können durch die
echte Buße, das heißt durch die Sinnesänderung, üble Gewohnheiten überwunden
und das Leben des Sünders rein und unschuldig gemacht werden (OE 1042; HG
4922). Als der Seher Johannes den Herrn erblickte, sah er „Sein Haupt und die
Haare weiß, wie weiße Wolle, wie Schnee“ (Offb. Joh. 1, 14). Kurz gesagt, die
Haare sind ein Sinnbild der äußeren Dinge des Lebens, der kleinen Handlungen
und Äußerungen des Alltags. Hier sind sie Sinnbilder der Handlungen jenes
vollkommenen Lebens, das der Herr führte, und der Worte, die Er sprach, in
ihrer einfachen, buchstäblichen Bedeutung. Mit der Wolle werden sie
verglichen, um ihre vollkommene Unschuld und Güte, mit dem Schnee, um ihre
Gerechtigkeit anzudeuten (OE 67; EO 47; HG 9470). Wir sehen also, daß die Weiße der Wolle die Reinheit der
Gedanken und Verhaltensweisen nahelegt, die aus der Unschuld entspringen.
Warum aber sind einige Schafe schwarz? Unsere Sprache gebraucht den Ausdruck
„schwarzes Schaf“ für einen bösen Menschen unter den anderen, guten Menschen.
Die Bibel aber gibt der Redewendung eine tiefere Bedeutung Schwarze Schafe
bilden nicht diejenigen vor, die wirklich böse sind, sondern die erkannt
haben, daß in ihnen selbst nichts Gutes ist, sondern daß alles Gute vom Herrn
stammt, eine Haltung, die charakteristisch ist für die wahre Unschuld. Denken
wir daran, wie Jakob, der die Herden Labans geschickt vermehrt hatte, für
sich selbst „jedes schwarze Lamm als Entgelt nahm“ (1. Mose 30, 31; HG 3994). Ziegen ähneln in mancher Weise den Schafen. Auch sie weiden
in Herden; die kleinen Zicklein sind unschuldig und sanft, so daß sie in der
Tat wie die Lämmer zum Opfer angenommen wurden. „Dein Lamm soll ohne Fehl
sein... Ihr sollt es nehmen von den Schafen oder von den Ziegen“ (2. Mose 12,
5). Wer aber je selbst Ziegen gehalten hat, weiß, daß sie aktiver sind als
die Schafe, rauher in ihrem Verhalten und zufrieden mit gröberer Nahrung. Sie
sind überaus neugierig, knabbern an allem, was ihnen in den Weg kommt. Das
Kleid der Ziegen ist weniger weich als das der Schafe; ihre kurze Wolle verbirgt
sich unter einigen längeren Haaren. Schafe und Ziegen ähneln einander so sehr, daß sich die
Vermutung nahelegt, daß beide der Unschuld entsprechen, freilich mit einem
Unterschied. Über die kleinen Kinder im Himmel lesen wir in den Lehren:
„Diejenigen, die himmlischer Art sind, werden wohl unterschieden von denen,
die geistiger Art sind. Jene denken, reden und handeln so sanft, daß kaum
etwas anderes zum Vorschein kommt als ein Hinströmen aus der Liebe des Guten
zum Herrn und gegen die anderen Kinder. Diese hingegen sind nicht so sanft,
vielmehr zeigt sich bei ihnen im einzelnen etwas wie ein Vibrieren, und es
stellt sich unter anderem auch an dem bei ihnen vorkommenden Unwillen heraus“
(HH 339). Gleicht nicht der Unterschied, wie er hier beschrieben wird,
demjenigen zwischen den Schafen und Ziegen? Die Schafe repräsentieren die
Unschuld derer, die einen himmlischen Charakter aufweisen, d.h. mit den sanftesten
Neigungen gesegnet sind und die Güte des Herrn zutiefst lieben. Die Ziegen
hingegen repräsentieren die Unschuld der Menschen des geistigen Typs, die den
Herrn oder ihre Lehrer mehr wegen der Weisheit als wegen der Güte lieben (HG
4169; OE 314). Der Herr liebt das unschuldige Vertrauen auf Seine, das Leben
der Menschen leitende Wahrheit ebensosehr wie das Vertrauen auf Seine Güte.
Daher nimmt Er sowohl Lämmchen als auch Zicklein als Opfer an. In Seinem
Königreich beschützt Er sie beide. „Der Wolf weilt bei dem Lamme, und der
Leopard lagert sich bei dem Böcklein“ (Jes. 11,6; 0E314). Man lese das 25. Kapitel des Matthäusevangeliums vom 31.
Vers bis zum Ende: „Des Menschen Sohn wird kommen in Seiner
Herrlichkeit...und alle Völkerschaften werden sich vor Ihm versammeln, und Er
wird sie von einander scheiden, wie der Hirte die Schafe von den Böcken
scheidet (gemeint sind wiederum die Ziegen)... und diese werden hingehen zur
ewigen Strafe, die Gerechten aber in das ewige Leben“ (Matth. 25, 31—46).
Wenn wir sorgfältig lesen, so sehen wir, daß die Schafe jene bezeichnen, die
gute Werke tun, und sie sie mit Liebe tun, während die Ziegen (in den
gewöhnlichen Übersetzungen: die Böcke) diejenigen darstellen, die zwar lernen
und wissen, was richtig ist, es aber nicht tun, einfach weil sie keine Liebe
dafür aufbringen. Die Nächstenliebe wird hier dem „bloßen Glauben“
gegenübergestellt. Erstere bereitet den Menschen für den Himmel zu, letzterer
nicht (HG 4169, 4809; OE 212; vgl. Kapitel 08). Die Rinder Ganz allgemein gesprochen, gibt es manche Ähnlichkeiten
zwischen Rindern, Schafen und Ziegen: Alle sind sie Wiederkäuer, haben
ähnliche Klauen und Hörner, sind auf ähnliche Weise dem Menschen nützlich,
nämlich wegen ihres Fleisches, ihrer Haut und wegen ihrer Milch. Offensichtlich
sind die Rinder nahe verwandt mit dem Kleinvieh, jedenfalls viel näher als
etwa die Pferde. Aber man vergleiche einmal Rinder und Schafe genauer, so
wird man rasch erhebliche Unterschiede feststellen; so etwa inbezug auf die
Größe und den Körperbau. Rinder sind erheblich größer und grobschlächtiger;
sie sind wesentlich kräftiger und dadurch auch brauchbar zur Arbeit. Und wie verhält es sich mit ihrer Sinnesart? Entscheidend
ist vor allem der Unterschied in ihrer Beziehung zu ihrem Herrn und Meister.
Wer jemals Vieh gezüchtet oder auch nur als Kind ein Kälbchen besorgt hat,
weiß, daß Rinder viel grobschlächtiger sind als Schafe, daß sie längst nicht
so sanft und folgsam sind, sich aber doch leicht treiben und zum Gehorsam bewegen
lassen. Untereinander sind sie ausgesprochen gutartig, wenn gleich längst
nicht derart zutraulich wie die Schafe. Die Anhänglichkeit einer Kuh an ihre
Herde wird offenbar, sobald sie sie einmal aus den Augen verloren hat und
erbärmlich brüllend wild umherrennt. Ausgeprägt ist auch ihre Liebe zu ihrem
Kälbchen, und sie wird ihm folgen, wohin es auch immer geführt werden mag.
Aber das Rindvieh ist nicht so sanft in seinem Verhalten zueinander, vielmehr
macht es ihnen offensichtlich Vergnügen, gegenseitig ihre Stärke zu erproben.
Arbeitende Ochsen sind Vorbilder von Geduld; ihre Bewegungen sind zwar
langsam, zeugen aber von großer Kraft, und sie geben nicht leicht auf. Am
Boden liegende und wiederkäuende Rinder sind Sinnbilder der Zufriedenheit. Haben wir zuerst die Gemeinsamkeiten von Rindern, Schafen
und Ziegen festgestellt, so haben wir nun auch ihre Verschiedenheiten
gesehen. Die gleiche Methode dient uns auch, wenn wir nun zur geistigen
Bedeutung der Rinder kommen. Die Schafe stellen eine höchst unschuldige und
zärtliche Art der Liebe zu der Güte des Herrn und untereinander dar. Ziegen
repräsentieren eine gewiß nicht weniger unschuldige, aber intellektuelle Zuneigung,
die den Herrn mehr für Seine Weisheit liebt und weniger zart ist in ihrem Ausdruck
untereinander. Die Rinder nun stellen eine ähnliche edle Zuneigung zum Herrn
dar, jedoch auf eine niedrigere Ebene projiziert, eine Zuneigung, deren Form
der Gehorsam, untereinander aber die geduldige Nutzwirkung ist. Schafe,
Ziegen und Rindvieh repräsentieren unsere Zuneigung zum Herrn und untereinander
in ihrer himmlischen, geistigen und natürlichen Form (OE 314). Wir werden finden, daß das Rindvieh in der Bibel für die
starke Liebe zur Nutzwirkung im Natürlichen und für die Zufriedenheit mit den
guten natürlichen Dingen steht — in der Tat eine edle Neigung, sofern sie die
richtige Stelle im Leben des Menschen einnimmt! (HG 2179, 2180, 2566) So
heißt es z.B. in jenem Psalm, der die Fülle des Lebens jeder Art vom Herrn
beschreibt: „Unsere Speicher seien voll, spendend Vorrat aller Art, unser
Kleinvieh ist tausendfältig; Zehntausende sind auf unseren Gassen. Unsere Rinder
sind beladen“ (Ps. 144, 130. Die Schafe stehen hier für überströmendes
Wachstum der inneren geistigen Neigungen, die beladenen Rinder für starke und
nützliche Neigungen (OE 652). Wir erinnern uns, daß Schaf- und Ziegenlämmer
als Opfer dargebracht wurden, weil sie die unschuldigen Neigungen darstellen,
mit denen wir vor dem Herrn erscheinen sollen, Nun finden wir aber auch
Anordnungen für das Opfer von Ochsen in der Bibel (2. Mose 29, 1. 10. 36). Es
dürfte uns schon jetzt klar sein, was dies bedeutet, nämlich daß der Herr
sich nicht damit zufrieden gibt, wenn wir Ihm nur unsere inneren Gedanken und
Gefühle darbringen, sondern daß wir Ihm auch alle unsere Alltags-Interessen
und Fähigkeiten, unseren weltlichen Beruf und unsere Vergnügungen weihen. Er
will sie alle reinigen und mit Seinem heiligen Feuer entzünden (HG 9391). Wie
deutlich ist es doch, daß die Tieropfer die Heiligung der Neigungen unseres
Herzens darstellten, der inneren wie der äußeren! „Womit soll ich kommen vor
Jehovah, mich beugen vor dem Gott der Höhe? Soll ich vor Ihn kommen mit
Brandopfern, mit einjährigen Kälbern? Hat denn Jehovah Wohlgefallen an
Tausenden von Widdern, an Zehntausenden von Bächen Öls Er hat dir angesagt, o
Mensch, was gut ist. Und was fordert Jehovah von dir, als das Recht zu tun,
Barmherzigkeit zu lieben und in Demut zu wandeln vor deinem Gott?“ (Mi. 6,
6—8). „Denn an Barmherzigkeit habe ich Lust und nicht am Opfer, und über
Brandopfer geht Erkenntnis Gottes“ (Ho. 6, 6; HG 929). Man denke auch an das bronzene Wasserbecken im Hofe des
Tempels: „Es stand auf zwölf Rindern, deren drei gegen Mitternacht und drei
gegen das Meer und drei gegen Mittag und drei gegen Aufgang gekehrt waren, und
das Meer war oben über ihnen“ (1. Kön.7, 25). Wir müssen wissen, daß die
inneren Räume des Tempels jene Kammern des Herzens darstellten, in denen der
Herr wohnen kann (vgl. Kapitel 41). Der Hof des Tempels stellte dagegen das
äußere Leben dar, und das dort befindliche, sogenannte Eherne Meer, in dem
die Priester ihre Hände und Füße wuschen, bildete die Reinigung des äußeren Lebens
der Menschen vor. Es ruhte auf den zwölf Rindern, um zu zeigen, daß die
Reinigung mit aller Kraft des Gehorsams natürlicher Neigung erfolgen muß (HG
10235). Im jüdischen Gesetz finden sich zahlreiche praktische
Anordnungen für die Rinderhaltung. Vielleicht können wir jetzt schon
verstehen, in welcher Weise sie sich geistig auf unser eigenes Leben
beziehen. „Du sollst dich nicht gelüsten lassen des Weibes deines Nächsten,
noch seines Knechtes, noch seiner Dienstmagd, noch seines Ochsen, noch seines
Esels, noch irgend etwas, das dein Nächster hat“ (2. Mose 20, 17). Abgesehen
von seiner buchstäblichen Bedeutung, spricht dieses Gebot von den geistigen
Eigenschaften unseres Nächsten, einschließlich seiner Neigung und Fähigkeit
zur Nutzwirkung im Letzten. Nach dieser sollen wir es uns nicht gelüsten lassen;
wir sollen auf keine Weise begehren, ihn hier zu schädigen (HG 8912). An dieser
und an vielen anderen Stellen werden Ochs und Esel zusammen genannt, wobei
der Ochse für die natürliche Neigung, der Esel für die begleitende Fähigkeit,
natürliches Verständnis, als Sinnbild dient (vgl. Kapitel 14). „Wenn du den
Ochsen deines Feindes oder seinen Esel, der in der Irre geht, antriffst,
sollst du ihn ihm wiederbringen“ (2. Mose 23, 4). Der Feind ist hier jemand,
der eine andere Ansicht vertritt als wir selbst, z.B. die Menschen außerhalb
der Kirche. Sollen wir sie etwa verdammen, wenn uns ihr Bemühen, sich der
menschlichen Gesellschaft nützlich zu machen, mißleitet scheint? Sollten wir
nicht vielmehr versuchen, ihnen einen besseren Weg zu zeigen? (HG 9255) Die
folgende Stelle ist zwar weniger bekannt, aber wie offensichtlich ist nun die
in ihr verborgene Lehre: „Wenn ein Ochse einen Mann oder ein Weib stößt, so
daß der Tod eintritt, so soll der Ochse gesteinigt, sein Fleisch aber nicht gegessen
werden, und der Herr des Ochsen soll ungestraft bleiben. War aber der Ochse
stößig seit gestern und ehe gestern, und war es seinem Herrn angezeigt
worden, ohne daß er ihn verwahren ließ, und tötet er einen Mann oder ein
Weib, so soll der Ochse gesteinigt werden und auch sein Herr des Todes
sterben“ (2. Mose 21, 28—29). Der Ochse ist hier offenbar ein Bild ungebärdiger
natürlicher Neigung, die das geistige Leben schädigt. Zeigt sie sich zum
ersten Mal, ehe ihre gefährliche Eigenschaft bekannt sein kann, so ist ihr
Besitzer nicht zu tadeln, obwohl er sie sogleich verdammen soll; ist ihm aber
die Gefährlichkeit seiner Neigung bekannt, und er hat sie trotzdem nicht unterdrückt,
sondern ihr erlaubt, hervorzubrechen und Schaden anzurichten, so ist er allerdings
zu tadeln, und sein geistiges Leben ist in dieser Hinsicht zerstört (HG
9065—75). Man rufe sich die Geschichte in Erinnerung, in der uns
erzählt wird, wie die Bundeslade, die von den Philistern geraubt worden war,
wieder zurückgebracht wird (1. Sam. 6). Die Bundeslade im Philisterland
bildet einen Zustand vor, in dem die Gebote als bloße Kenntnisse gelten, ohne
daß man sich bemüht, sie im Leben anzuwenden (vgl. Kapitel 39). Wenn man die
Gebote aber so auffaßt, sind sie lediglich eine Plage und beweisen uns nur,
wie böse und falsch wir sind. Sie werden jedoch zu einem Segen und finden
ihren Weg zu unserem innersten Herzen, wenn wir ihnen starke, willige
Neigungen vorspannen, bereit und fähig, sie in praktische Taten des Guten
umzusetzen, und wenn wir, ohne nach rechts oder links zu blicken, dahin gehen,
wohin sie uns führen. Das Brüllen der Kühe drückt aus, wie schwer die natürlichen
Neigungen in uns gehorsam werden (OE 700; WCR 203). Man denke auch an die Rückkehr des verlorenen Sohnes, und
wie der Vater sagt: „Bringt das Mastkalb her und schlachtet es“, wie aber der
ältere Sohn ärgerlich wurde und sprach: „Nie hast du mir auch nur einen
Ziegenbock gegeben... ihm aber hast du das Mastkalb geschlachtet“ (Luk. 15,
23. 30). Das Mastkalb bezeichnet das ernstliche Verlangen nach einem
nützlichen Leben und nach der Erkenntnis der Wege, die dazu verhelfen. Ein
solches Verlangen wird denen gegeben, die in Demut ihrem bösen Lebenswandel
absagen. Diejenigen aber, die sich selbst für gerecht halten, haben nicht
einmal ein verstandesmäßiges Interesse an den himmlischen Dingen (HG 9391; OE
279; EO 242). Wir haben gesehen, daß das geistige Rind, die Liebe zur
natürlichen Nutzwirkung und zu den natürlichen guten Dingen, von Gott aus
bestimmt ist, ein hilfreicher Diener zu sein. „Du hast alles unter seine Füße
gelegt, Kleinvieh und Rinder, allzumal auch des Feldes Tiere“ (Ps. 8, 6; HG
10609). Wie aber kann eine solche Neigung jemals zu einer schlimmen Sache
werden und uns vom geistigen Leben abspenstig machen? Etwa dadurch, daß die
Sorge um die natürlichen Dinge den ersten Platz in unserem Herzen beansprucht,
und indem die natürlichen Neigungen sich auch auf solche Dinge erstrecken,
die keineswegs gut sind. Eine der Entschuldigungen für das Fernbleiben vom
himmlischen Hochzeitsfest lautet in den Worten der Bibel: „Ich habe fünf Joch
Ochsen gekauft, und ich gehe eben hin, sie zu prüfen; bitte entschuldige
mich“ (Luk. 14, 19). Allzu leicht vertrauen wir unseren natürlichen
Neigungen, weil sie uns gut erscheinen, obwohl sich unter ihnen solche finden
mögen, die uns ganz vom Himmel wegführen. Wir wollen sie zunächst einmal ausprobieren,
und daher bitten wir, von der Teilnahme am himmlischen Fest entschuldigt zu
sein (OE 548). In Ägypten wurden bekanntlich heilige Stiere verehrt. Man
kann in der unterirdischen Galerie von Sakarah
spazierengehen und die großen Sarkophage bewundern, in die ihre toten Leiber
gelegt wurden. Dieser Kult hat viel mit dem Charakter der Ägypter zu tun. Sie
hatten Freude an den natürlichen guten Dingen und an natürlichem Wissen. Ihre
Religion war in keiner Weise geistig, sondern bestand aus großen Tempeln,
Pomp und symbolischen Riten. Ihr Trachten nach den natürlichen guten Dingen
und natürlichem Wissen, ihre Vorliebe für die äußeren Formen der Religion,
ist abgebildet in ihrer Verehrung des Viehes (HG 9391; EO 242). Der Herr
trachtet immer danach, uns aus der Sklaverei rein natürlicher Dinge und hohler,
äußerlicher Formen zu befreien und uns zu einem geistigen Leben und
Gottesdienst zu führen. Wir aber gleichen darin den Israeliten, daß wir immer
wieder zu den natürlichen Zielen zurückkehren und so gleichsam zu Anbetern
des goldenen Kalbs werden. Das Kalb am Horeb war ein Ausdruck der Wahrheit,
daß die Neigungen der Israeliten fast vollständig auf die Dinge dieser Welt
abzielten, und daß die Israeliten sich fast ausschließlich um die äußeren
Formen des Gottesdienstes kümmerten (2. Mose 32, 4). „Sie vertauschten ihre
Herrlichkeit mit dem Gebilde eines Ochsen, der Kraut frißt“ (Ps. 106, 20; HG
9391, 10407). Können wir nun auch geistig zwischen dem Ochsen, der Kuh
und dem Kalb unterscheiden? Im besonderen ist der Ochse ein Bild der starken,
geduldigen Liebe praktischer Hilfsbereitschaft, die Kuh das Bild der Neigung,
andere auf den Weg praktischer Nutzwirkung zu führen und sie dabei zu
unterrichten. Und das Kalb? Es bildet die unschuldige Neigung zum Erlernen
der Wege der Hilfsbereitschaft vor (EO 242). Wenn die Kuh die Liebe zum Lehren der Wege der
Verwirklichung der Hilfsbereitschaft, das Kalb die Liebe zum Erlernen
derselben darstellt, was ist dann die Bedeutung der Milch? Sicherlich die
Belehrung über die praktische Nutzwirkung (HG 2184, 1824). Milch besteht
hauptsächlich aus Wasser, das aber durch den Zusatz anderer Substanzen, Kasein,
Butter und Zucker, angereichert und nahrhaft gemacht ist. Belehrung besteht
zum größten Teil aus Wahrheit, die darin übermittelt wird. Wir sind aber als
rechte Lehrer nicht damit zufrieden, bloße Informationen zu vermitteln. Das
wäre, wie wenn wir pures Wasser verabreichten (vgl. Kapitel 18). Besonders
bei kleinen Kindern trachten wir danach, die Belehrung vergnüglich, angenehm
zu gestalten. Dies ist der Zucker (HG 5620). Ferner legen wir unser Herz
hinein, um so auch die Herzen unserer Kinder zu rühren. Diese Liebe in der
Belehrung ist das Öl oder die Butter (HG 2184; vgl. Kapitel 12). Und
schließlich trachten wir danach, unserer Belehrung über nützliches Wirken
etwas von unserem eigenen ernsten Bemühen einzuhauchen. Dies entspricht dem
Käse, dem muskelbildenden Elemente der Milch. Oftmals wird das Land Kanaan in der Bibel als „das Land“
bezeichnet, „in dem Milch und Honig fließt“ (5. Mose 26, 9). Kanaan bedeutet
das Königreich des Herrn, Milch die Fülle der Kenntnis himmlischer Dinge,
reich an Gutem, die jenem König reich verliehen wird, und Honig die Fülle des
Glücks und der Freude, welche solche Kenntnis begleitet (HG 5620; OE 617).
Eine Weissagung, die sich auf den Herrn als kleines Kind bezieht, lautet:
„Butter und Honig wird er essen, daß er wisse, Böses zu verwerfen und Gutes
zu erwählen“ (Jes. 7, 15). Diese Prophezeiung erzählt uns etwas von der Güte
und von dem inneren Vergnügen, das der Jesusknabe beim Unterricht im Wortlaut
des Göttlichen Wortes empfand, und das ihn befähigte, weise zu unterscheiden,
wenn dann das Böse sich ihm verführerisch nahelegen wollte (OE 617; HG 5620). Pferd und Esel Unsere erste Frage lautet: worin besteht der Nutzen von
Pferd und Esel? Was können sie besser als alle anderen Tiere? Sie tragen
Reiter und Lasten auf dem Rücken und ziehen Wagen. Für diese Arbeit sind sie
wunderbar geeignet, und wenn sie klug und liebevoll gepflegt werden, so
machen sie diese Arbeit auch gern. Ein gutes Pferd geht mit einem ebenso
freudigen Herzen zu einem morgendlichen Ausritt, ja selbst zu einem Rennen,
wie sein Reiter. Schafe und Ziegen haben ihren Wert in dem, was sie sind und
was sie uns von sich selbst geben; Rinder sowohl in dem, was sie sind, als
auch in dem, was sie tun; Pferd und Esel aber vor allem in dem, was sie tun.
Die eine Gruppe entspricht unserer Neigung, unschuldig oder nützlich zu sein,
die andere unserer Freude am Tun selbst, und zwar am Tun geistiger Arbeit. Offensichtlich kann der Mensch hart arbeiten, ohne auch nur
einen Finger zu rühren. Nehmen wir an, wir hätten ein Problem der Geometrie
zu lösen oder irgend eine vertrackte geschäftliche Frage oder die Frage von
Recht oder Unrecht in einem bestimmten Fall zu beantworten — wer wollte
bezweifeln, daß das echte Arbeit ist? Mit anderen Worten: Geistige Arbeit
besteht im Denken oder Urteilen. Geht sie gut voran, so kann sie uns geradezu
Genuß bereiten, ist sie erheiternd. In vieler Hinsicht können wir die Ähnlichkeit
zwischen den Tieren beim Verrichten physischer Arbeit und dieser Freude des
Denkens und Urteilens sehen. Wir sprechen etwa davon, daß wir bei unserer
geistigen Arbeit „Schritt für Schritt vorankommen“, oder daß wir zu den und
den Schlüssen „geführt“ wurden. Wem wäre noch nicht aufgefallen, wie sehr ein Pferd bereit
ist, den ihm vertrauten Weg einzuschlagen und seinen Kopf heimwärts zu
wenden? Wenn ein Pferd einen Weg zum zweitenmal geht, so kennt es ihn bereits
vollkommen, und es pflegt darauf zu bestehen, jede Wendung zu einer
Wasserstelle oder jeden Halt zu einer Rast genau wie das erstemal
durchzuführen. Folgt nicht auch unser Geist gern vertrauten Gedanken-Reihen
leichter als neuen? Ertappen wir uns nicht oft dabei, daß wir dieselben Dinge
wieder und wieder auf dieselbe alte Weise sagen und denken? Einfach weil wir
denselben Weg der Schlußfolgerungen gehen und daher logischerweise zu
denselben Schlüssen gelangen! Die geistige Arbeit kennt nun Nutzwirkungen,
die denen der Tiere entsprechen, wenn sie ihre Reiter tragen bzw. wenn sie
Lasten tragen. Wenn ein Pferd seinen Reiter geschwind von Ort zu Ort trägt,
so ist das etwas Ähnliches wie der Dienst, den uns unser Verstand leistet,
wenn er uns befähigt, Dinge in umfassender Weise in ihren richtigen Beziehungen
und Verhältnissen zu sehen. Und wie Lasttiere Güter vom Herstellungsort zum
Verbraucher transportieren, so nimmt das Nachdenken die Tatsachen, die ihm
zur Kenntnis gekommen sind, auf und bringt sie in nützliche Beziehung zu
einander. Diese Tiere, die die Arbeit lieben, repräsentieren unsere Neigungen
zu geistiger Arbeit, zum Denken, zum Verstehen und zum Urteilen (HG 2781,
2761f). Soweit sind Pferd und Esel einander sehr ähnlich. Wir
wollen nun aber auch die Unterschiede zwischen ihnen bedenken und damit auch
die verschiedenen Weisen des Denkens, denen sie entsprechen. Zunächst einmal
fällt auf, daß das Pferd größer und stärker ist als der Esel. Auf der anderen
Seite ist es empfindlicher und feinfühlender, und es bedarf sorgfältigerer
Pflege und besseren Futters. Der Esel geht sicherer und ausdauernder auf
einem rauhen Pfad. Der wichtigste Unterschied besteht vielleicht darin, daß
das Pferd seinem Reiter oder Lenker alle Aufmerksamkeit widmet, auf den
leisesten Laut seiner Stimme hört und leicht trainiert werden kann, auf die
kleinste Berührung seines Nackens zu reagieren. Diese Eigenschaft des Aufmerkens
auf den Willen des Meisters zeigte sich wunderbar auf den überfüllten Hauptstraßen
unserer großen Städte. Noch heute zeigt sie sich in den Gegenden, in denen
die Menschen gewissermaßen im Sattel leben und das Pferd beinahe ein Teil
seines Reiters ist. Im Gegensatz dazu kümmert sich der Esel wenig um seinen
Meister. Seine Aufmerksamkeit gilt fast ausschließlich dem Weg, und nicht ein
einziger Stein entgeht seinem Blick. Er entscheidet am liebsten selbst, wie
er auf dem einmal eingeschlagenen Wege gehen soll, und wenn dies mit dem
Wunsch seines Herrn nicht übereinstimmt, so gehorcht er nur sehr widerwillig.
Mit einem Wort: das Pferd blickt auf zu seinem Reiter oder Lenker, der Esel
nieder zur Erde. Gibt es einige Arten von Gedanken und Urteilen, die ihrer
Natur nach edler sind als andere? Wir können Schritt für Schritt der
Beweisführung eines geometrischen Problems folgen, wir können irgend eine geschäftliche
Angelegenheit sorgfältig bedenken und entscheiden — oder wir können unsere
Freude darin finden, über den Herrn und Seinen im Wort geoffenbarten Willen
oder über die Beziehung aller natürlichen Dinge zu unserem geistigen Leben
nachzudenken. Die Neigung zu einem solchen geistigen Verständnis oder Denken
wird durch das edelste aller Arbeitstiere, das Pferd, dargestellt CWP 1-5; HG
2761f; OE 355, 364). Der natürliche Verstand, der ganz von den irdischen
Dingen in Anspruch genommen wird, wird dargestellt durch den Esel (HG 2781). Man wird sich erinnern, daß viele Bibelstellen, in denen
von Rindern die Rede ist, gleichzeitig auch den Esel erwähnen. Wir verstehen
nun ein wenig besser, weshalb dies so ist: der Esel ist ein Symbol des natürlichen
Verstandes, und dieser ist der Gefährte der natürlichen Neigungen, die durch
die Rinder dargestellt werden. Hier einige Beispiele: „Wenn du den Ochsen
deines Feindes oder seinen Esel, der in der Irre geht, antriffst, sollst du
ihn ihm wiederbringen. Wenn du den Esel dessen, der dich haßt, unter seiner
Last zusammengebrochen siehst, so hüte dich, ihn bei dem Tier allein zu
lassen. Du sollst unweigerlich im Verein mit ihm die Hilfeleistung vollbringen“
(2. Mose 23, 4f; HG 2781). „Du sollst den Esel deines Bruders oder seinen
Ochsen nicht auf dem Wege fallen sehen und dich demselben entziehen, sondern
sollst sie mit ihm zusammen aufrichten“ (5. Mose 22, 4; HG 2781). „Du sollst
dich nicht gelüsten lassen des Weibes deines Nächsten, noch seines Knechts,
noch seiner Magd, noch seines Ochsen, noch seines Esels, noch irgend etwas,
das dein Nächster hat“ (2. Mose 20, 14; HG 8912). „Welcher ist unter euch,
dem ein Esel oder Ochs in den Brunnen fällt und der ihn nicht alsbald herauszieht
am Sabbattag?“ (Luk. 14, 5). Esel und Ochse, die in einen Brunnen fallen, repräsentieren
den natürlichen Verstand oder die natürliche Neigung, wenn sie auf etwas
Falsches oder Böses hereingefallen sind. Sie müssen herausgezogen werden, und
das geschieht ganz besonders durch die nötige Belehrung, die am Tage des
Sabbats vom Herrn durch Sein Wort gegeben wird (HG 9086; OE 537). Im Altertum war es der Brauch der Richter und ihrer Söhne,
auf Eseln zu reiten, während Könige und Königssöhne auf Mauleseln daherkamen
(Ri. 5, 10; 10, 3f; 12, 14; 1. Kön. 1, 33—45; 2. Sam. 13, 29). Dieser Brauch
stammte aus einer Zeit, da die Entsprechung des Esels noch bekannt war. Es
war nämlich die Pflicht des Richters wie des Königs, auf die Einzelheiten der
Probleme der Menschen und des Alltagsgeschehens zu hören und dann weise zu entscheiden.
Man denke auch an die Weissagung inbezug auf den Herrn: „Frohlocke nur,
Tochter Zion, rufe laut, Tochter Jerusalem. Siehe, dein König kommt zu dir,
ein Gerechter und ein Sieger ist er, demütig und reitend auf einem Esel und
auf einem Füllen, dem Sohn der Eselin“ (Sach. 9, 9; Matth. 21, 5). Wir
erinnern uns, wie sich diese Prophezeiung erfüllte, als die Jünger „die
Eselin und das Füllen herbeiführten, ihre Kleider auf sie legten, und Er sich
darauf setzte“ (Matth. 21, 7). Dieser Vorgang war ein Zeichen dafür, daß der
Herr herabgekommen war, um dem Menschen auf der Ebene des natürlichen Verständnisses
zu begegnen; das war bitter nötig, um diese Fähigkeit von den Banden des
Falschen zu befreien und die Menschen über die wahren Ordnungen des natürlichen
Lebens zu belehren (HG 2781). Man lese die Geschichte vom Esel Bileams. Der
Engel sprach zu Bileam: „Warum hast du deine Eselin nun schon dreimal geschlagen?
... Die Eselin hat mich gesehen und hat sich diese dreimal von mir abgewendet.
Hätte sie sich von mir nicht abgewendet, so hätte ich dich jetzt erschlagen,
sie aber leben lassen“ (4. Mose 22, 22—35). Diese Geschichte lehrt uns, wie
der Herr unseren Verstand erleuchtet, wenn wir wissen und anerkennen, was
richtig ist und so vom Bösen abgewendet werden können (OE 140). Der
Psalmsänger sagt: „Er sendet Quellen in die Flüsse, zwischen den Bergen gehen
sie dahin. Sie tränken alle Tiere des Gefildes, Waldesel löschen ihren Durst“
(Ps. 104, 10f). Die Quellen stellen des Herrn Geschenk der Wahrheit aus
Seinem Worte dar, die Esel, die daran ihren Durst stillen, die Belehrung
derer in der Kirche, die ein intellektuelles Interesse an der Wahrheit haben
(OE 483; HG 1949). Der Wildesel unterscheidet sich vom zahmen Esel; er läßt
sich auch nicht zähmen; sehr oft im Wort steht er für die erste natürliche
Vernunft, die sich nicht um den Nutzen kümmert, sondern kritisch und verdreht
ist. Von Ismael, der diese zuerst vom Menschen entwickelte intellektuelle
Fähigkeit darstellt, heißt es: „Er wird ein Mensch sein wie ein wilder Esel;
seine Hand wider alle, und die Hand aller wider ihn“ (1. Mose 16, 12; HG
1949). Wie wir uns erinnern, entspricht das Pferd dem geistigen
Verständnis bzw. der Neigung zu klarem Denken und Urteilen über geistige
Gegenstände. Diese Fähigkeit ist es, welche die geistige Bedeutung des Wortes
Gottes versteht und sich daran erfreut. In der Offenbarung des Johannes lesen
wir folgendes von den Pferden: „Und ich sah den Himmel offen, und siehe, ein
weißes Roß, und der darauf saß, heißt »Treu und Wahrhaftig«, und Er richtet
und streitet mit Gerechtigkeit... Und Sein Name heißt: »Das Wort Gottes«. Und
die Heere im Himmel folgten Ihm auf weißen Rossen, in weißen und reinen
Byssus gekleidet“ (Offb. Joh. 19, 11—14; 6, 2). Der da kommt, ist der Herr,
doch hier nicht, um die wahren Ordnungen des natürlichen Lebens zu lehren,
„sanftmütig und reitend auf einem Esel“, sondern um den Menschen das geistige
Verständnis, das Verständnis für die geistige Wahrheit des Wortes zu öffnen.
Daher sah man den Herrn auf weißem Pferde einherreiten, und Sein Name war
„Das Wort Gottes“ (OE 355; EO 289; WP 1—5). Wenn wir im 6. Kapitel der Offenbarung
weiterlesen, wie ein Siegel nach dem anderen geöffnet wurde, begegnen wir
dabei Pferden von verschiedener Farbe: „Siehe, ein feuerrotes Pferd“ —
„siehe, ein schwarzes Pferd“ — „siehe, ein fahles Pferd“. Wir können leicht
verstehen, daß dies etwas über die Beurteilung verschiedener Arten von
Menschen in der geistigen Welt und die Enthüllung ihres Verständnisses des
Göttlichen Wortes und der bei ihnen gefundenen geistigen Wahrheit aussagt (OE
355, 364, 372, 381; EO 298, 305, 312, 320; vgl. Kap. 34). „Es geschah zur Zeit, da Jehovah den Elias in einem Wetter
wollte gen Himmel auffahren lassen... Siehe, da kam ein Feuerwagen und
Feuerrosse und trennten die beiden von einander, und Elias fuhr im Wetter auf
gen Himmel. Und Elischa sah es und schrie: „Mein Vater, mein Vater, Israels
Wagen und seine Reiter!“ (2. Kön. 2, 1. 11f). Ein andermal, eingeschlossen
von den feindlichen Syrern, „betete Elischa und sprach: „Jehovah, tue ihm
doch die Augen auf, daß er sehe!“ Und Jehovah tat dem Jungen die Augen auf,
und er sah; und siehe, der Berg war voller Rosse und feuriger Wagen rings um
Elischa her“ (2. Kön. 6, 17). Die Propheten Elias und Elischa waren Sprecher
der Göttlichen Wahrheit über Recht und Unrecht, sie waren Repräsentanten des
Wortes in seiner ernsten, buchstäblichen Gestalt. Könnten wir dieses Wort bis
in den Himmel begleiten — oder wenn wir es im Tode wirklich mit uns nehmen —
wie es in der Auffahrt des Elias dargestellt wird, so fällt sein rauhes
Gewand ab und es erscheint in der Glorie seiner geistigen Wahrheit. Ebenso
ist es auch diese geistige Wahrheit im Worte, die dem Buchstaben seine Macht
verleiht, und die Berge um uns mit unsichtbaren Rossen und feurigen Wagen
bevölkert (HG 2762, 5321). An dieser und an vielen anderen Stellen werden zugleich mit
den Pferden die Streitwagen erwähnt. Sie machen die Pferde kampffähiger.
Kutschen und Lastwagen dienen einem ähnlichen Nutzen beim Reisen und
Austausch von Gütern. Da die Pferde dem geistigen Verständnis entsprechen,
stellen die Kutschen Grundsätze oder „Lehren“ über die Notwendigkeit
gegenseitigen Austauschs dar, sowie die zweckmäßigen Methoden, welche den
Austausch geistiger Güter erleichtern und die Wahrheit dorthin bringen, wo
sie benötigt wird (HG 8215; OE 355; EO 437). Wie edel auch unsere Verstandesfähigkeit sein mag, wir
sollen doch niemals allein darauf vertrauen und meinen, daß wir es nicht
nötig hätten, uns vom Herrn abhängig zu machen. „Trug ist des Rosses Hilfe,
es rettet nicht mit seiner großen Kraft“ (Ps. 33, 17). Der Herr „hat nicht
Lust an Rosses Macht, noch Wohlgefallen an des Mannes Beinen“ (Ps. 147, 10).
„Die einen verlassen sich auf Streitwagen, die anderen auf Rosse; wir aber
gedenken des Namens Jehovahs, unseres Gottes“ (Ps. 20, 7; EO 298; OE 355; HG
2826). Wir sehen also: während die Pferde im besten Sinne das
wahre geistige Verständnis des Wortes darstellen, bezeichnen sie bei den
Feinden Israels die falschen Schlüsse und Lehren, mit denen Böses verschiedenster
Art versucht, das Gute zu übertrumpfen. So etwa die Rosse Ägyptens, Assyriens
und Babylons (HG 8146, 5321; OE 355; vgl. Kapitel 38). Die Alten, denen es
große Freude machte, die Entsprechung zwischen den natürlichen und geistigen
Dingen wahrzunehmen, haben das Pferd als ein Symbol des Verständnisses
betrachtet. Die griechische Mythologie enthält noch manche Spuren dieser
uralten Weisheit. Denken wir etwa an das geflügelte Pferd, den Pegasus, der
gegen den Felsen schlug, worauf die Quelle der Musen hervorbrach. In dieser
Fabel bildeten die alten Griechen die Geburt der Künste und Wissenschaften
vor, die durch die Anwendung geistiger Einsichten auf die natürlichen
Gegebenheiten bewirkt wird (HG 2762, 4966, 7729; WP 4; WCR 693). Die Geschichte
von dem hölzernen Pferd, durch das Troja zu Fall gebracht wurde, ist
ebenfalls eine Fabel. Ihre Bedeutung ist, daß die Griechen durch ihre größere
Intelligenz und Geschicklichkeit die Oberhand erhielten (HG 2762; WP 4). Das Schwein Gier und Unreinheit sind charakteristisch für die Schweine.
Sie fressen weit mehr als sie wirklich brauchen und verweigern selbst die
unappetitlichste Nahrung nicht. Was sie nicht fressen, trampeln sie in den
Schlamm und Schmutz, in dem sie sich mit Vorliebe wälzen. Wenn wir jemand ein
„Ferkel“ oder „Schwein“ nennen, so meinen wir damit, daß er unsauber ist und
alles für sich selbst zu haben und zu behalten trachtet. Bei Kindern, denen
man etwas Gutes zu essen vorsetzt, kann man eine solche Neigung gelegentlich
beobachten. Und was sollen wir von einem Kinde denken, das alle Blumen
abreißt, die es nur mit seinen Händen fassen kann, während es die übrigen zu
Boden trampelt, damit ja niemand anders sie bekommt? Bei älteren Menschen
begegnet uns dieselbe Anlage häufig in der Form, daß sie Geld zusammenkratzen
und horten, ohne einen nützlichen Zweck damit zu verbinden, bloß um sich an
der Macht zu ergötzen, die sie damit gewinnen. Die Schweine entsprechen
dieser Gier, irgendwelche Güter zu erlangen und zu besitzen, sowie der Freude
am Heruntermachen und Beschmutzen (HG 4751, 939; OE 659, 1044). Nach dieser Feststellung sind wir nicht überrascht, die
Schweine unter den unreinen Tieren zu finden, deren Genuß den Juden verboten
war. „Das Schwein... unrein sei es euch. Von ihrem Fleisch sollt ihr nicht
essen und ihr Aas nicht berühren. Unrein seien sie euch“ (3. Mose 11, 7f; 5.
Mose 14, 8). Soviel ist sicher: Unser Charakter wird dadurch nicht stärker
werden, daß wir unreinen und gierigen Neigungen nachgeben und sie uns
einverleiben. Sie bilden wahrlich keine himmlische Nahrung. Neigungen der
Gier und Unreinheit verschließen mehr als alles andere das Herz gegenüber dem
Himmel. Aus diesem Gründe verbot das jüdische Gesetz, das die Grundsätze
eines wahrhaft himmlischen Lebens darstellte, das Essen von Schweinefleisch,
ja selbst das Berühren ihres Kadavers (OE 617). Die Besitzgier, namentlich Geldgier, war bei den Juden weit
verbreitet. Wegen der Entsprechung dieser Neigung mit dem Schwein erlagen sie
immer wieder der Sünde, Schweine zu halten und zu verzehren. In diesem
Zusammenhang heißt es: „Ein Volk, das mich entrüstet... Sie sitzen in den
Gräbern und übernachten an verborgenen Orten. Sie essen das Fleisch der
Schweine und haben Brühe von unreinen Dingen in ihren Gefäßen“ (Jes. 65, 3f,
66, 17). Ihr Sitzen in den Gräbern deutet auf ihre Vorliebe für unreine Zustände,
in denen kein geistiges Leben war. Das Essen von Schweinefleisch ist eine Andeutung
des geistigen Unrechts, das mit dem Hegen unreiner Neigungen verbunden ist,
sowie die Gier nach Besitz ohne einen guten Zweck (OE 659). In den Evangelien lesen wir, wie einst der Herr im Lande
der Gadarener die Dämonen aus den Besessenen austrieb und ihnen die Erlaubnis
gab, in eine Schweineherde zu fahren. „Als sie im Gebiet der Gadarener an
Land traten, kam ihm ein Mann aus der Stadt entgegen, der von langer Zeit her
von Geistern besessen war, kein Kleid anlegte und in keinem Hause blieb,
sondern in den Gräbern wohnte... Es war aber dort eine große Herde von
Schweinen, die am Berge weidete. Und sie baten Ihn, daß Er ihnen erlaubte, in
dieselben zu fahren, und Er erlaubte es ihnen. Da fuhren die Geister aus von
dem Menschen und fuhren in die Schweine, und die Herde stürzte sich von der
Höhe in die See und ertrank“ (Luk. 8, 26—37; Mark. 5, 1—17). Auch hier bildet
das Wohnen in den Gräbern eine Vorliebe für unreine Zustände vor, Zustände,
die nichts Himmlisches enthalten. Die wilden und unreinen Geister baten
darum, in die Schweine fahren zu dürfen, weil sie selbst schweinischer Natur
waren. Der Herr erlaubte es ihnen, weil sie auf diese Weise ihren wahren
Charakter offenbarten, was jedem Bösen erlaubt werden muß, ehe es wirklich
verdammt und überwunden werden kann. Das Wunder will uns lehren, daß der Herr
die Macht hat, solche unreinen Neigungen aus uns auszutreiben, die kein
Mensch bändigen oder zähmen kann, auf daß auch wir dann zu Seinen Füßen
sitzen möchten, wohlbekleidet und in einem Gemütszustand, der dem Herrn
angenehm ist. Aber sind wir auch bereit, diese Befreiung durch unseren Herrn
dankbar anzunehmen? Oder trauern wir vielmehr dem Verlust der Schweine nach
und ersuchen den Herrn hinwegzugehen, wie es die Gadarener taten? (HG 1742;
OE 659). Man erinnere sich auch an das Gleichnis vom verlorenen
Sohn: „Der jüngste Sohn nahm alles zusammen und zog fort in ein fernes Land,
wo er seine Habe mit Prassen vergeudete. Als er aber alles verschwendet
hatte, entstand eine gewaltige Hungersnot im Lande, und er fing an, Mangel zu
leiden. Da ging er hin und hängte sich an einen Bürger des Landes. Der
schickte ihn auf seine Felder, die Schweine zu hüten. Und er begehrte, den
Magen mit Schoten zu füllen, welche die Schweine fraßen. Aber niemand gab sie
ihm“ (Luk. 15, 11—32). Es ist die Geschichte aller Menschen, die von ihrem
himmlischen Vater und dem glücklichen Leben unter Seiner Führung fortstreben,
um aufgrund eigenen Gutdünkens das vermeintlich größere Glück der eigenen
Wahl zu finden. Die gewaltige Hungersnot weist hin auf den Mangel wirklicher
himmlischer Befriedigung solchen Strebens. Daß der verschwenderische Sohn zum
Schweinehüten auf die Felder geschickt wird, stellt die verzweifelte Anstrengung
eines solchen Menschen dar, das Glück in der Zügellosigkeit grober Begierden
zu finden. Selbst in diesem Äußersten erinnert sich unser Vater an uns,
wartet Er nur darauf, daß wir uns erheben und zu Ihm zurückkehren, der uns
entgegeneilt und in Seine Arme schließt. „Gebt das Heilige nicht den Hunden und werft eure Perlen
nicht vor die Säue, auf daß sie dieselben nicht mit ihren Füßen zertreten und
sich umwenden und euch zerreißen“ (Matth. 7, 6). Hier werden Hunde und
Schweine zusammen genannt und repräsentieren die schmutzigen Begierden und
Leidenschaften. An anderen Stellen erkennt man edlere Eigenschaften der
Hunde, und sie stellen dort demütige und gläubige Neigungen dar. Der
vorliegende Vers beschreibt die verächtliche Zurückweisung der heiligen Neigungen
und kostbaren Wahrheiten des Himmels von seiten derer, die in schmutzigen
Begierden leben (OE 1044). Ein weiterer Hinweis auf diese Verse findet sich
in Kapitel 35 über die Perlen. Der Löwe Der Löwe hat eine wunderbare Kraft; seine Bein- und
Nackenmuskeln sind sehr ausgeprägt und wie Stahl. Der Löwe vermag mit einem
einzigen Prankenschlag ein Rind niederzustrecken und mit dem Maul hinwegzuzerren.
Er gehört zur gleichen Familie wie unsere Katze. Er lebt ausschließlich von
anderen Tieren, die er tötet. Seine Zähne und Krallen sind furchtbare Waffen,
und während die Zunge der Katze lediglich rauh ist, ist seine Zunge mit
kräftigen, scharfen Punkten bewehrt. Sein Brüllen läßt alle anderen Tiere erstarren.
Es kann unserem Bestreben, die Entsprechung des Löwen herauszuarbeiten, nur
nützlich sein, wenn sich der Leser anhand von Tiergeschichten und Naturkunde
möglichst weitgehend über Charakter und Eigenschaften dieses herrlichen
Geschöpfs unterrichtet. Es ist unmöglich, den Löwen feige zu nennen. Im Gegenteil,
er sticht gerade durch seinen Mut hervor. Wenn Löwen auch gewöhnlich den
Menschen nicht angreifen, so ist doch diese Zurückhaltung keineswegs ein
Zeichen der Feigheit. Man sieht dies deutlich, wenn sie angegriffen werden
oder die Löwin ihr Junges verteidigt. Es scheint geradezu, als ob sie keine
Furcht kennten. Sind sie grausam? Ich glaube nicht, daß man sie so nennen
darf; denn sie töten nur, was sie zur Nahrung brauchen, und sie tun es
schnell. Sie töten nie um des Tötens willen, wie manche andern Tiere. Auch
quälen sie ihre Beute nicht, wie wir es von den Katzen kennen. Es gibt viele
Geschichten von der Treue der Löwen gegenüber ihren Meistern und von ihrer
Dankbarkeit für Freundlichkeit. Wir lesen von Löwen im Zoologischen Garten,
die sich weigerten, kleine Tiere zu töten, die man ihnen zur Nahrung gab, ja
die dieselben liebevoll behandelten und zu ihren Spielgefährten machten. Der
Löwe ist hoch erhaben über das gemeine, hinterlistige und grausame Wesen
vieler Mitglieder des Stammes der Katzen. Etwas von Großzügigkeit und Würde
ist um ihn, die unseren Respekt herausfordern und nicht weniger als seine
Stärke und sein Mut dazu beitragen, ihm den Titel des „Königs der Tiere“ zu sichern. Gelegentlich vergleichen wir einen Menschen mit einem
Löwen. Wir sagen etwa, jemand sei „stark“ oder „tapfer“ wie ein Löwe.“ Was
wollen wir damit sagen, wenn wir jemandem den Beinamen „Löwenherz“ verleihen?
Die edelste Form des Mutes und der Kraft bewährt sich sicherlich nicht in
körperlicher Gefahr, sondern im Einstehen für die Wahrheit und im kühnen
Kampf mit bösen Gelüsten und deren Überwindung. Diese geistige Kraft und dieser
Mut werden in der Bibel durch den Löwen dargestellt. Wer hat die größte Kraft
und den vollkommensten Mut von allen? Der Herr! Wir Menschen aber haben diese
himmlische Kraft nur in dem Maße, in dem wir Ihm vertrauen und Sein Wort zu
unserer Verteidigung gebrauchen. Die Macht der Liebe des Herrn, die für uns
und in uns kämpft, ganz besonders durch Sein Wort, ist der Löwe im besten
Sinne (OE 278; EO 241; HG 6367). Es gibt eine ganze Reihe von Stellen im Wort, in denen der
Herr als ein Löwe bezeichnet oder mit einem Löwen verglichen wird, z.B.: „Gleich
wie der Löwe, der junge Löwe, über seinem Raub knurrt, wenn wider ihn der
Hirten Fülle wird herbeigerufen, und er nicht erschrickt ob ihrer Stimme und
ihm trotz ihres Getümmels nicht bange wird, so wird Jehovah der Heerscharen
herabsteigen zur Heerfahrt auf den Berg Zion und auf dessen Anhöhe“ (Jes. 31,
4). Wenn der Herr ein „Lamm“ genannt wird, so soll uns das Seine Göttliche
Unschuld vor Augen führen. Warum aber wird Er mit einem Löwen verglichen?
Damit soll Seine Göttliche Macht und Sein Mut beim Widerstand gegen die bösen
Feinde des Menschen betont werden, auf daß die Menschen sich der Güte und
Wahrheit in Ruhe und Vertrauen erfreuen mögen (OE 278, 601; HG 6367; EO 241).
Brüllen wie ein Löwe bedeutet, wenn es sich auf den Herrn bezieht, bei der
Verteidigung des Menschen gegen die Hölle mit Macht handeln und sprechen. Es
ist ferner ein Ausdruck für die Lebhaftigkeit des Verlangens des Herrn, die
Menschen zu schützen und zugleich auch für Seine ständige Sorge, sie könnten
Seinen Schutz zurückweisen und eine Beute des Bösen werden (EO 241, 471; OE
601, 850). Wenn wir diese Bedeutung des Brüllens im Auge behalten, so
erkennen wir die großartige Leidenschaft in den folgenden Versen der
Offenbarung: „Und die übrigen Menschen... taten nicht Buße für ihre Mordtaten,
ihre Räubereien und Hurereien und Diebereien. Und ich sah einen anderen
starken Engel vom Himmel herabsteigen, mit einer Wolke umkleidet, mit einem
Farbenbogen über seinem Haupt, sein Antlitz wie die Sonne, und seine Füße wie
Feuersäulen... Und er schrie mit lauter Stimme, wie ein Löwe brüllt“ (Offb.
9, 20—10,3). Es war zweifellos der Herr selbst, der dem Johannes so erschien,
und das Brüllen drückt Seine leidenschaftliche Sorge aus, daß die Menschen
Seinen Schutz vor dem Bösen zurückweisen würden (EO 464—471; OE 601). „Der
Löwe brüllt, wer sollte denn nicht weissagen?“ (Amos 3, 8). Des Herrn
unbändige Liebe zu den Menschen sollte ihre ehrerbietige Liebe zu ihm
erwecken, und Seine Worte sollten ihnen eine Wahrnehmung dessen vermitteln,
was wahr und richtig ist (OE 601, 624). Wiederum in der Offenbarung lesen wir: „Und niemand im
Himmel oder auf Erden oder unter der Erde vermochte es, das Buch aufzutun und
hineinzusehen... Aber einer der Ältesten sprach zu mir: Weine nicht! Siehe,
der Löwe aus dem Stamme Juda, die Wurzel Davids, hat überwunden, das Buch
aufzutun und die Siegel zu lösen“ (Offb. 5, 3. 5). Wenn wir weiterlesen, so
sehen wir, daß der Löwe aus dem Stamme Juda eins ist mit dem Lamm, das, wie
wir wissen, der Herr ist. Das Öffnen des Buches ist die Herausstellung der
wahren Bedeutung und Göttlichen Macht des Wortes, auf daß der wahre Zustand
Aller dadurch enthüllt, dem Bösen Widerstand geleistet und alles zur Ordnung
zurückgeführt werden möge. Dies aber vermag allein der Herr. Er vollbrachte
es zur Zeit des Letzten Gerichts, das die Offenbarung eingehend beschreibt,
und Er vollbringt es stets von neuem, so oft wir das Wort benutzen, um das
Böse in unserem eigenen Herzen zu bändigen. Der Herr kämpft für uns mit
Göttlichem Mut und Göttlicher Macht durch Sein Wort. Dies ist es, was durch
das Öffnen des Buches von seiten des Löwen beschrieben wird (EO 256—267; OE
305—311). Im Zuge dieser Darlegungen werden wir noch sehen, daß die zwölf
Stämme die verschiedenen Arten himmlischen Seins und Charakters darstellen.
So steht Juda für die unschuldige Liebe (Kap. 39). Wenn daher der Herr ein
Löwe aus dem Stamme Juda genannt wird, so bedeutet das, daß Seine Macht, uns
zu verteidigen, Seiner großen Liebe entspringt. Nun verstehen wir auch die Bedeutung des Segens, den Jakob
über Juda aussprach: „Ein junger Löwe ist Juda: Vom Raub bist du
emporgestiegen, mein Sohn. Er kauert sich nieder, streckt sich hin wie ein
Löwe oder eine Löwin; wer darf ihn aufstören“ (1. Mose 49, 9; 5. Mose 24, 9).
Diese Stelle erzählt uns von der Macht der Liebe, vor allem von der Macht
über das Böse, wie sie einem Herzen innewohnt, das in der unschuldigen Liebe
zum Herrn steht. Der Himmel und der Herr sind mit einem solchen Herzen und
verleihen ihm die Kraft eines Löwen (HG 6367—6370; OE 278). Man denke auch an
Davids Klage um Saul und Jonathan: „Schneller denn die Adler, mächtiger denn
die Löwen waren sie“ (2. Sam. 1, 23). Saul, der erste König Israels, und sein
Sohn Jonathan repräsentieren die ersten Grundsätze der Göttlichen Wahrheit, die
das Leben eines jungen Menschen beherrschen und gegen seine bösen Anlagen
kämpfen, die seine eigentlichen tödlichen Feinde sind. Diese Wahrheiten verleihen
Kraft und Mut, weil sie vom Herrn stammen und der Herr in ihnen wohnt. Dies
ist die Bedeutung der Worte, wonach Saul und Jonathan mächtiger als die Löwen
waren (OE 278, 281). Wir lesen über den Thron des Königs Salomon, der aus
Elfenbein und Gold bestand: „Sechs Stufen waren am Thron, und der obere Teil
des Thrones war hinten gerundet, und Armlehnen waren zu beiden Seiten des
Sitzes, und zwei Löwen standen neben den Armlehnen. Und zwölf Löwen standen
da auf den sechs Stufen auf beiden Seiten“ (1. Kö.
10, 19f). Der Thron war deshalb so gemacht, damit er die Regel des Königs
darstellte, die Regel eines jeden, der mit des Herrn Hilfe König über sein eigenes
Herz ist. Der Thron Salomos repräsentiert ferner die Herrschaft des Herrn
selbst, der ja „König der Könige“ ist. Welches Element der Herrschaft kommt
nun insbesondere durch die Löwen zur Darstellung? Die Antwort ist leicht: die
Macht des Herrn, und die von Ihm verliehene Macht, das Böse zu besiegen und
zu überwinden (HG 5313, 6367; OE 253, 430). Ist uns nun diese Erkenntnis
hinsichtlich der Bedeutung des Thrones Salomos eine Hilfe zum Verständnis
dessen, was in der Offenbarung über den Thron gesagt wird, den der Seher im
Himmel erblickte? „Siehe, ein Thron war gestellt im Himmel, und auf dem
Throne saß einer.., und inmitten des Thrones und um den Thron vier Tiere
voller Augen vorn und hinten; und das erste Tier glich einem Löwen“ (0ff. 4,
1—7; Ez 1, 10). Welches Element der Herrschaft des
Herrn und des himmlischen Charakters wird wohl dieser Löwe zur Darstellung
bringen? Die Macht des Herrn und die Macht, die jene Engel von Ihm empfangen,
die Ihn am treuesten lieben (EO 241; OE 278; HG 6367). Sicherlich kennen wir aber auch andere Stellen, in denen
die Löwen als böse Tiere erscheinen. Dort stellen sie ganz einfach nicht die
Macht und den Mut derer dar, die den Herrn lieben, sondern die Stärke und die
verzweifelte Kühnheit, die der intensiven Selbstliebe entspringen. „Auf Löwen
und auf Ottern wirst du schreiten und junge Löwen und Drachen zertreten“ (Ps.
91, 13). Hier handelt es sich um die Zusage der völligen Beherrschung der
wilden Macht der Selbstliebe und ihrer verführerischen Vernunftgründe, so daß
sie uns nichts anhaben können (OE 632; 714; PP). Hier noch eine andere Verheißung
unserer Befreiung: „Dort ist kein Löwe, und kein reißendes Tier steigt auf
ihn hinauf und läßt sich dort finden. Nur die Erlösten gehen darauf“ (Jes.
35, 9; HG 6367; OE 328, 388). „Und dann weilt der Wolf beim Lamm, und der
Panther lagert sich neben dem Böcklein; das Kalb und der junge Löwe und das
Mastvieh weiden vereint, und ein kleiner Knabe leitet sie. Kuh und Bärin
weiden miteinander, ihre Jungen lagern zusammen, und der Löwe frißt Stroh wie
das Rind... Nichts Böses, nichts Verderbliches tun sie auf meinem heiligen
Berg“ (Jes. 11, 6—9; 65, 25). Es ist eine wunderbare Verheißung des Zustandes
völliger Sicherheit gegenüber allem Leiden, den der Herr dem Leben der Unschuld
auf Erden wie im Himmel gewährt. Wir erkennen im Lamm, im Böcklein und im
Kalb die Symbole unschuldiger Neigungen innerlicherer und äußerlicherer Art.
Der Wolf, der Leopard und der Löwe repräsentieren die bösen Begierden, die
diesen himmlischen Neigungen entgegengesetzt sind. Aber ein Löwe irgendeiner
selbstsüchtigen Leidenschaft soll die Freude an den selbstlosen Werken der
Nutzwirkung nicht beeinträchtigen können(OE 314, 781; HG 430, 10132). Was lernen wir aus der bekannten Geschichte von Daniel in
der Löwengrube? Daniel wurde von König Darius in die Löwengrube geworfen,
weil er dem Herrn treu bleiben wollte. „Daniel redete mit dem König: Ewig
lebe der König! Mein Gott hat Seinen Engel gesandt und den Löwen den Rachen
verschlossen, daß sie mich nicht schädigten, weil meine Unschuld Ihm bekannt
war“ (Dan. 6, 220. Die Löwen sind hier ein Ausdruck für die wilde Wut der
Männer von Babylon über Daniel, besser gesagt über seinen gläubigen Dienst an
Gott, der es ihm unmöglich machte, sich vor Menschen zu beugen. In der Geschichte
der Kirche, aber auch in der Geschichte unseres eigenen Herzens hat sich der
Geist Babylons, die Selbstsucht, mit der Wut eines Löwen gegen den Geist des
treuen Dienstes an Gott erhoben. Aber der Herr verschließt stets den Rachen
der Löwen, damit sie denen nichts zuleide tun können, die sich unschuldig
erhalten und auf Ihn vertrauen (PP; HG 10412). Man denke auch an die Geschichte von Simson, der einst
hinab nach Thimnatha ging, „und siehe, ein junger
Löwe brüllte ihm entgegen. Und der Geist Jehovahs geriet über ihn, und er
zerriß denselben, wie man ein Böcklein zerreißt... Und er kam nach einigen
Tagen wieder, um nach dem Aas des Löwen zu sehen, und siehe, da befand sich
im Körper des Löwen ein Bienenschwarm und Honig“ (Ri. 14, 5—9). Wir sehen
ohne weiteres, daß der Löwe hier irgendein grimmiges Böses der Selbstsucht
darstellt, das wir in der Kraft, die uns vom Herrn gegeben wird, gegen alle
Wahrscheinlichkeit überwinden können. Der Honig in dem toten Löwen aber ist
eine Andeutung des Gefühls der himmlischen Süßigkeit, das den Menschen
überkommt, wenn er ein derartiges Böses wirklich überwunden hat. Der Löwe
unserer Geschichte, die sich innerhalb der Grenzen des Philisterlandes
abgespielt hat, repräsentiert vor allem das vorherrschende Übel der
Philister, nämlich die fatale Überzeugung — sie paßt so gut zur Selbstsucht!
—‚ daß man die Wahrheit nur zu wissen und anzuerkennen brauche, so daß sich
die Mühe erübrige, auch danach zu leben (vgl. Kapitel 39). Wird dieser Wahn
mit Hilfe des Herrn überwunden, so dürfen wir die Freuden der tätigen
Nächstenliebe genießen (OE 619). In diesem Zusammenhang lese man auch darüber
nach, wie David einst einen Löwen und einen Bären erschlug, welche die Herde
seines Vaters anfielen (1. Sam. 17, 34—37; OE 781; EO 573). „Wohl darben junge Löwen und hungern, aber denen, die
Jehovah suchen, mangelt’s an keinem Gut“ (Ps. 34,
10). Natürliche Löwen mögen oft Hunger leiden, so auch der auf sich selbst
und seine eigene Kraft vertrauende Mut, aber der aus der wahren Liebe zu Gott
dem Herrn entspringende Mut wird niemals Mangel leiden (HG 6367; OE 386). „Finsternis
gibst Du, da wird es Nacht, und das Getier des Waldes kriecht hervor. Die
jungen Löwen brüllen nach Raub, begehren von Gott, daß Er sie speise. Die
Sonne geht auf, da sammeln sie sich und lassen sich in ihren Wohnstätten nieder.
Der Mensch geht seiner Arbeit nach, versieht sein Werk bis zum Abend“ (Ps.
104, 20—23). Beim Lesen dieser Worte denken wir zuerst an die wilden und
bösen Neigungen, die in den Zeiten der Finsternis der Seele aus ihren
Verstecken hervorkriechen. Aber die jungen Löwen haben eine bessere
Bedeutung. Ihr Brüllen stellt das leidenschaftliche Verlangen der Engel und
aller guten Herzen dar, aus dunkleren, weniger fruchtbaren Zuständen wieder
in das volle Leben und in die Kraft des Herrn zurückkehren zu dürfen, um alle
wahrhaft menschlichen Fähigkeiten in freudvollem Dienst betätigen zu können
(HG 9335, 6367; OE 278). Die Schlangen Unsere erste Frage lautet: Worin unterscheiden sich die
Schlangen von allen anderen Tieren der Bibel? Sie haben keine Füße,
vielleicht können wir sagen, sie sind ganz und gar Fuß, und sie liegen mit
ihrer vollen Länge auf dem Boden auf. Nicht alle Schlangen sind gefährlich,
aber einige verfügen über ein sehr starkes Gift, das ihre Opfer erstarren
läßt und oftmals tödlich wirkt; andere sind gefährlich wegen ihrer Gewohnheit,
die Beute zu umschlingen und zu erdrücken. Selbst die harmlosesten Schlangen
sind überaus vorsichtig, und mit ihrer gleitenden, einschmeichelnden Bewegung
sind sie auf eine merkwürdige Art widerwärtig. Die Schlangen haben auch die
Fähigkeit, ihre Beute zu bezaubern, so daß sie vor Entsetzen erstarrt und ihr
die Flucht nahezu unmöglich wird. Die Schlangen gehören zum Tierreich, daher entsprechen sie
irgendwelchen Neigungen. Die Tatsache, daß sie mit der vollen Länge am Boden
aufliegen, legt nahe, daß sie niedrigen, äußeren Neigungen entsprechen, die
im engsten Zusammenhang mit dem Körper und der Welt stehen. Dies aber sind
die Vergnügungen der Sinne. Die angenehmen Empfindungen von Geschmack,
Geruch, Gehör, Gesicht und Tastsinn — diese Freuden sind die geistigen
Schlangen (OE 581; HG 195 f). Ist die Freude am köstlichen Geschmack einer Speise oder
ein anderer erfreulicher Sinneseindruck unbedingt etwas Böses? Der Herr hat
uns diese Empfindungen samt den Freuden, die sie uns bereiten, verliehen, und
Er hat es getan, damit sie uns dabei helfen, uns den Bedingungen und
Umständen des Lebens in der Welt weise anzupassen. Das Gefühl für warm und
kalt beispielsweise setzt uns instand, extreme Hitze oder Kälte zu meiden und
die Bedingungen zur Aufrechterhaltung unserer Gesundheit zu erfüllen. Der
Geschmacksinn befähigt uns — vorausgesetzt, daß er unverdorben und gut
gebildet ist —‚ die gesunde Nahrung auszuwählen. Die Sinne sind unsere Brücke
zur äußeren Welt, und ihre Freuden setzen uns instand, unser Leben in der
Welt mit Weisheit zu gestalten. Ihre Freuden sind die gute Schlange, klug und
umsichtig (OE 714). Und können wir nicht auch in einem etwas tieferen Sinne
„unseren Weg fühlen“? Wenn wir eine Bitte oder eine Meinung vorzubringen
haben, so mag es angezeigt sein, unsere Sache vorsichtig anzubringen, auf das
erste Anzeichen von Gunst oder Ungunst zu achten, um — falls notwendig — ohne
Aufsehen den Rückzug antreten zu können. Feingefühl für die Haltung der
anderen versetzt uns in die Lage, uns klug der Situation anzupassen und wird
bezeichnenderweise als „Taktgefühl“ (vom lateinischen „tactus“,
d.h. „das Berühren, der Gefühls sinn“) bezeichnet. Dies ist wiederum die
Schlange in ihrer guten Bedeutung. Benötigen wir nicht auch in religiösen
Dingen ein solches Feingefühl und eine solche Vorsicht? Denken wir etwa
daran, wie wichtig es ist, wenn es sich darum handelt, Menschen daran zu
interessieren. In diesem Fall ist kluges Vorgehen sogar ganz besonders wichtig.
War es nicht gerade dies, was der Herr bei der Aussendung der Jünger mit den
Worten ausdrücken wollte: „So seid denn klug wie die Schlangen und ohne
Falsch wie die Tauben“? (Matth. 10, 16; HG 197; OE 581). Aber zweifellos ist mit den Freuden der Sinne auch Gefahr
verbunden. Die Neigung, sich angenehme Empfindungen des Geschmacks oder des
Gehörs usw. zu verschaffen, kann ins Böse abgleiten. Wie kann doch eine
solche Neigung — etwa der Appetit auf irgendwelche wohlschmeckenden, aber der
Gesundheit abträglichen Speisen, auf alkoholische Getränke, Rauch waren usw.
— gleichsam geräuschlos und unbemerkt — bei uns einschleichen und uns, ehe
wir uns dessen recht bewußt werden, derart umklammern, daß wir größte Mühe
haben, sie wieder abzuschütteln! Sie kommt, wie wir schon sagten, unmerklich.
Und selbst wenn wir ihre Gegenwart erkennen und erschrocken sind, so bezaubert
sie uns doch, und eine Flucht scheint uns fast undenkbar. Sie lähmt unser Gewissen,
unseren Sinn für Recht und Unrecht und unser Innewerden geistiger Dinge. Keine
Verführung ist einschmeichelnder als die der angenehmen Sinneseindrücke. „Nun
war aber die Schlange listiger als alle Tiere des Feldes, die Jehovah Gott
gemacht hatte“ (1. Mose 3, 1; OE 581; 544; EO 455; HG 194—197). Die giftigen Schlangen entsprechen auch der Macht der
Sinne, den Verstand irrezuführen, wenn sie nicht berichtigt und gedeutet
werden durch eine höhere Intelligenz. Wie verführerisch sind doch ihre Argumente,
wie scheinbar überzeugend, und doch wie falsch! (HG 195, 6400). Dies wird
deutlich aus der folgenden Weissagung: „Dann wird eine Schlange am Weg und
eine Pfeilschlange auf dem Fußpfade sein, die das Pferd in die Fersen beißt,
so daß sein Reiter rücklings herabfällt“ (1. Mose 49, 17). Hier wird ein
äußerer Gemütszustand beschrieben, der sich in einer sehr natürlichen und
äußerlichen Lebensweise verwirklicht. Die angeführte Stelle weist hin auf die
Gefahr, daß in einem derartigen Gemütszustand die Sinnestäuschungen das
Verständnis der geistigen Wahrheit zerstören und das geistige Leben ohne Stütze
lassen (HG 6396—6401, 2761; OE 581, 355), Nun können wir wohl auch das allgemeinste der Geschichte
von der Versuchung in Eden und vom ersten Ungehorsam verstehen: „Nun war aber
die Schlange listiger als alle Tiere des Feldes, die Jehovah Gott gemacht
hatte... Und die Schlange sprach zu dem Weibe: Ihr werdet sicherlich nicht
sterben: denn Gott weiß wohl, daß, sobald ihr davon eßt, euch die Augen
aufgehen werden und ihr wie Gott selbst sein werdet, indem ihr erkennt, was
gut und was böse ist... - Und das Weib sprach: Die Schlange hat mich
verführt, und ich aß.., Und zu der Schlange sprach Jehovah Gott: Weil du das
getan hast, bist zu verflucht vor allem Vieh und vor allen Tieren des Feldes.
Auf deinem Bauche sollst du gehen und Staub fressen alle Tage deines Lebens.
Und Feindschaft will ich setzen zwischen dir und dem Weibe, zwischen deinem
Samen und ihrem Samen. Er soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihm die
Ferse verletzen“ 1. Mose 3, 1—15). Es war die Hingabe an die Annehmlichkeit
der Sinne, welche die Menschen um ihre Unschuld betrog und sie veranlaßte,
selbst Richter über Gut und Böse sein zu wollen, anstatt gehorsam auf den
Herrn zu hören. Sie begannen, dem zu fröhnen, was Vergnügen zu machen
versprach, nach dem äußeren Anschein zu urteilen und zu denken, daß sie doch
selber alles am besten wüßten. Wir können das an sich gut verstehen, hat sich
doch dasselbe viele Male auch in unserem eigenen Leben zugetragen. „Die
Schlange verführte mich, und ich aß“ (HG 194—210; OE 739, 581; GV 31O). Der Fluch über die Schlange offenbart den Charakter der
Sinnlichkeit, nachdem sie selbstzufrieden und verführerisch geworden ist,
sowie ihre Beziehung zum geistigen Leben. „Auf deinem Bauche sollst du
gehen“, heißt eben, daß die Sinne und ihre Freuden dem höheren Leben
abspenstig geworden sind und sich der Welt und dem Bösen zugewandt haben. Man
muß daraus nicht den Schluß ziehen wollen, daß die Schlangen ursprünglich nicht
auf dem Bauche krochen. Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, daß
sie einst Beine hatten wie die Echsen. Die Berührung mit dem Boden war vor
dem Sündenfall ein Symbol dafür, daß die guten sinnlichen Freuden der äußeren
Natur des Menschen angehören. Nach dem Sündenfall aber wurde sie zu einem
Symbol der Abwendung vom himmlischen Leben und der Bereitschaft für das Böse.
Ihr einziges Trachten nach äußerer Befriedigung wird durch die Worte
beschrieben: „Staub sollst du fressen alle Tage deines Lebens“. Es herrscht
ein dauernder Kriegszustand zwischen dieser Selbstzufriedenheit samt dem
ganzen, ihr entspringenden Stamme von Übeln und den Entwicklungen des
geistigen Lebens. Feindschaft ist zwischen dem Samen der Schlange und dem
Samen des Weibes (HG 229—249; Cor. 30). Welche Macht, wenn nicht die des Herrn, vermöchte für uns
diese höchst hinterlistigen und tödlichen Versuchungen zu besiegen? Er hat in
seinem menschlichen Leben alle unsere Versuchungen ausgehalten, selbst die
der Nachgiebigkeit gegenüber den Gelüsten und sinnlichen Vergnügungen. Er hat
sie alle überwunden und wird auch uns die Kraft verleihen, mit ihnen
fertigzuwerden. Sein Kampf und Sieg zu unseren Gunsten sind geweissagt durch
die Worte: „Er soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihm die Ferse
verletzen“. (HG 250—260; OE 768; GV 211). Eine ganz ähnliche geistige Lektion erteilt uns ein Kapitel
der Wüstenwanderung des Volkes Israel. „Unsere Seele verabscheut dieses
leichte Brot“, murrte das Volk, das die „Fleischtöpfe Ägyptens“ nicht vergessen
konnte. „Und Jehovah entsandte feurige Schlangen wider das Volk; die bissen
die Leute, so daß zahlreiche Israeliten starben. Und das Volk kam zu Mose und
sprach: Wir haben gesündigt, daß wir wider Jehovah und dich so geredet haben.
Bete zu Jehovah, daß er die Schlangen von uns abwende. Und Mose betete für
das Volk. Da sprach Jehovah zu Mose: Mache dir eine Feuerschlange und setze
sie auf eine Panierstange, und es soll geschehen, daß wer nur immer gebissen
wird und sieht sie an, der soll leben“ (4. Mose 21, 5—9). Dies behandelt
offensichtlich die sehnsüchtige Abwendung von den inneren Befriedigungen
eines geistigen Lebens und die Hinwendung zur Zügellosigkeit sinnlichen Vergnügens.
Die Sucht nach solchen Vergnügungen beißt uns wie feurige Schlangen, und
unser geistiges Leben müßte zugrundegehen, wenn uns keine Hilfe zuteil würde.
Aber die einzige Hilfe besteht in diesem Falle im Aufblick zum Herrn, der
auch die Versuchungen der Sinne selbst überwunden hat und uns Überwinderkraft
verleihen kann. Die Errichtung eines ehernen Abbilds der Feuerschlange auf
einer Panierstange bildet vor, wie der Herr in seinem eigenen Menschlichen
das Sinnliche emporhob, um es gut, ja göttlich zu machen. Darin aber liegt
für uns die Quelle der Widerstandskraft, wenn uns die Schlangen ungezügelter
Gelüste beißen. „Wie Moses die Schlange in der Wüste erhöhte, so muß auch der
Sohn des Menschen erhöht werden, auf daß alle, die an Ihn glauben, in ihm
ewiges Leben haben“ (Joh. 3, 14f; OE 581; HG 197, 8624, 4911; EO 49; vergl.
Kap. 37). Man denke auch an die Zeichen, die Moses zu tun erlaubt
wurden, damit er beweisen konnte, daß der Herr ihm wirklich erschienen war.
„Jehovah sprach zu ihm: Was hast du in der Hand? Er antwortete: Einen Stab.
Da sprach Er: Wirf ihn zur Erde. Da warf er ihn auf die Erde; und er ward zu
einer Schlange, und Moses floh vor ihr... Dann reckte er seine Hand aus und
packte sie. Da ward sie wieder zum Stabe in seiner Hand“ (2. Mose 4, 2—5).
Geradeso ist unsere niedere, sinnliche Natur, wenn wir die Gegenwart des
Herrn bei uns leugnen und diese sinnliche Natur gleichsam zu Boden werfen,
damit sie dort tun kann, was sie will. Sie ist eine Schlange. Wenn wir sie
aber in der Kraft des Herrn packen, so ist sie nicht länger gefährlich
sondern im Gegenteil wie ein Stab zur Stütze unseres geistigen Lebens. Unsere
Hilflosigkeit, wenn wir unsere Gelüste ohne den Herrn zu zügeln trachten, und
die vollkommene Veränderung der Lage, wenn wir dabei die Hilfe des Herrn
annehmen, sind der Beweis dafür, daß der Herr selbst im Alleräußersten
unseres Lebens bei uns ist (HG 6946—6956). Mit dem Versprechen desselben Zeichens
nimmt der Herr Abschied von Seinen Jüngern: „Denen aber, die da glauben, werden
diese Zeichen folgen: Sie werden in meinem Namen böse Geister austreiben, mit
neuen Zungen reden, Schlangen aufheben und wenn sie etwas Tödliches trinken,
wird es ihnen nicht schaden“ (Mark. 16, 17f; Luk. 10, 19; HG 9013; OE 581). „Der Säugling wird am Schlupfloch der Natter spielen und
das eben entwöhnte Kind seine Hand nach dem Feuerauge des Basilisken
ausstrecken. Nichts Böses, nichts Verderbliches werden sie tun auf meinem
heiligen Berg“ (Jes. 11, 80. Der Herr wird alle, die im Herzen Seine Kinder
sind, die sich in ihrem Leben die Unschuld bewahren und auf Ihn vertrauen,
gegen die hinterlistigen und tödlichen Verlockungen rein sinnlicher Vergnügungen
und die höllischen Einflüsse, die daraus entspringen, beschützen (HG 9013; OE
410, 314, 581). Die Vögel Was zeichnet die Vögel vor anderen Lebewesen aus? Ihre Arme
sind Flügel, die sie befähigen, sich über die Erde zu erheben und rasch durch
die Lüfte zu fliegen. Auch haben sie scharfe Augen. Ein Adler oder Habicht
etwa erkennt, hoch droben schwebend, jeden noch so kleinen Gegenstand auf der
Erde. Und wie scharf müssen die Augen aller Vögel sein, da sie doch so rasch
und sicher zwischen den Zweigen der Bäume aus- und einfliegen! Und
schließlich sei auch ihr lieblicher Gesang und seien die herrlichen Farben
ihres Gefieders nicht vergessen! Als Glieder des Tierreichs entsprechen die Vögel Neigungen,
und zwar Neigungen zu geistiger Tätigkeit. Lebhaft, ja aufgeregt bewegen sie
sich, kaum lange genug ruhend, daß wir sie genau betrachten können: So
flattern auch die Gedanken oft durch unser Gehirn, so folgen sich in raschem
Wechsel die Ideen. Wir sprechen deshalb vom „Gedankenflug“ und von
„hochfliegenden Ideen“. Die Vögel stellen demnach offensichtlich die Neigung
zum geistigen Erfassen und Formulieren dar, zum raschen Überblick und zur
scharfen Einsicht (HG 3219, 5149; OE 282, 1100; WCR 42). Vielen Menschen erscheint nichts wirklich und sicher als
das, was sie sehen und mit den Händen greifen können. Der Mensch kann aber
darüber hinaus die Wirklichkeit der geistigen Dinge einsehen, die inneren
Zustände der Neigung und des Denkens, und die geistigen Einflüsse können für
ihn ebenso wirklich werden wie seine natürliche, materielle Umgebung, ja
sogar noch wichtiger. Er kann sie als das einzig wahrhaft Wirkliche denken,
und er kann seine Freude daran haben, sich „hoch zu erheben“ und von diesem
geistigen Standpunkt aus das irdische Leben zu betrachten. Solches Denken,
das um die geistigen Ursachen und Ordnungen weiß, ist zu weitem und umfassenden
Überblick fähig; es sieht manches mit einem Blick und in seiner wahren
Beziehung. Es kann auch Lebenszustände anderer Menschen verstehen, die von
den eigenen Zuständen völlig verschieden sind (HG 8764; OE 282, 759). Es mag ein wenig seltsam erscheinen, wenn wir hier darauf
aufmerksam machen, daß man die Bedeutung der Vögel und der Pferde nicht
verwechseln darf. Da unsere geistige Schau im allgemeinen so trübe ist, sei
der Unterschied wenigstens angedeutet: es ist der zwischen der Erlangung
eines Begriffs von einem Lebenszustand und dem tatsächlichen Eintreten in denselben,
der zwischen dem Höhenflug und dem eigenen, viel mühsameren Eindringen —
Schritt für Schritt. Die Einsicht in die Wirklichkeit der geistigen Welt und die
Kraft, das Denken auf sie auszurichten, ist so verschieden wie die Flugkraft
der verschiedenen Vögel (WCR 42). Der Adler schwebt ohne Anstrengung hoch in
der Luft, er kreist ungeblendeten Auges der Sonne entgegen: er stellt die
stärkste und durchdringendste geistige Nahrung dar. Sie schwingt sich weit
über die oberflächlichen Erscheinungen empor und ist der umfassendsten
Ansichten des Erdenlebens fähig, die mit der Göttlichen Weisheit im
größtmöglichen Einklang stehen. „Die auf den Herrn harren, werden ihre Kraft
erneuern, sie werden auffliegen mit Flügeln wie Adler“ (Jes. 40, 31): Sie werden
stark werden an geistiger Einsicht (HG 3901; OE 281; EO 244). Die Klage um
Saul und Jonathan — „sie waren schneller denn Adler und stärker denn Löwen“
(2. Sam. 1, 23) — erzählt vom geistigen Verständnis und von der Kraft aus dem
Göttlich-Wahren, das ins Leben aufgenommen wurde. „Ihr habt gesehen, was ich
den Ägyptern getan habe und wie ich euch auf Adlersflügeln getragen und zu
mir gebracht habe“ (2. Mose 19, 4): Die Kraft, das geistig Wahre zu erfassen,
ist das Mittel, uns von der natürlichen Dunkelheit ins himmlische Licht zu
erheben (HG 8764; OE 281). „Er führte ihn, er behütete ihn wie seinen Augapfel.
Wie ein Adler sich regt über seinem Nest, wie er über seinen Jungen schwebt,
seine Flügel über sie breitet, sie nimmt und sie auf seinen Flügeln trägt, so
leitet ihn allein der Herr“ (5. Mose 32, 10—12): Des Herrn Fürsorge ist
bemüht, den Menschen zu erheben, ja ihm von Seiner Einsicht mitzuteilen, auf
daß er das geistig Wahre im Licht des Himmels begreife (OE 281, 283). Der Adler schwebt über der Erde und beobachtet alles, was
dort geschieht. Er repräsentiert die höchste und durchdringendste Kraft des
menschlichen Denkens, und er stellt im höchsten Sinne des Herrn Allwissenheit,
Seine stets wachsame Fürsorge, Seine Einsicht, Aufsicht und Vorsehung dar:
Johannes sah „vier Tiere in der Mitte des Thrones. ... Das vierte Tier war
wie ein fliegender Adler“ (Offb. Joh. 4, 7). Wenn in anderen Stellen von „Adlern“ als von bösen Vögeln
die Rede ist, so sind in Wirklichkeit meistens Geier gemeint, weiche
Neigungen zu schmutzigen und bösen Gedanken darstellen: „Wo das Aas ist, da
sammeln sich die Adler“ (Luk. 17, 37; die modernen Übersetzungen haben hier
sämtlich „Geier“). Schmutzige und böse Gedanken sind sehr zahlreich, wo das
geistige Leben erstorben ist (HG 3900 f; OE 281). Im Gegensatz zu den Adlern gibt es eine Menge kleinerer
Vögel, die nur mehr oder weniger kurze Flüge machen, oft ausruhen und sich
nie so hoch über den Boden erheben. Sie entsprechen zwar ebenfalls den
Neigungen zum Nachdenken über die Zustände des menschlichen Lebens, jedoch
nicht in so tiefblickender Weise. Die kleineren „Vögel“ des menschlichen
Geistes erheben sich nicht sehr hoch über die Formen, in denen sich geistige
Eigenschaften im gesellschaftlichen und alltäglichen Leben offenbaren; sie
begnügen sich mit den nahen, raschen, flüchtigen Bildern des menschlichen
Lebens. Doch haben viele von ihnen ein köstlich farbiges Gefieder und
ergötzen zudem unsere Ohren mit ihrem Gesang. So drücken sie ihre fröhlichen
Lebensgefühle aus und zeigen den Drang und die Fähigkeit, glückliche Dinge in
der Welt rings um uns zu sehen und die Freude darüber den andern mitzuteilen
(OE 323). Des Herrn Fürsorge für die Sperlinge — womit in der Bibel
meist alle kleineren Vögel gemeint sind — deutet Seine Kenntnis aller unserer
flüchtigen Gedanken und Seine Fürsorge für sie an, z.B. Matth. 10, 29 ff und
Psalm 84, 4: „Denn der Sperling hat ein Haus gefunden und die Schwalbe ein
Nest für sich, wo sie ihre Jungen hecken kann — Deine Altäre, Jehovah der
Heerscharen, mein König und mein Gott“. Es ist der Ruf der Verbannten, deren
Gedanken gleich Vögel zu den geliebten Vorhöfen des Herrn wandern und dort Zuflucht
suchen (OE 382). So können unsere Gedanken freudig beim Leben des Himmels verweilen,
während wir noch weit entfernt davon sind (OE 391). Andererseits gibt es
genug Beispiele für die gegenpolige, schlechte Bedeutung der kleinen Vögel,
so Matth. 13, 4 u. 19). Die Taube verdient besonders erwähnt zu werden. Sie
entspricht der Neigung zum Hegen sanfter, unschuldiger Gedanken über das
Wahre im Herrn und die Liebe zum Nächsten. Wegen der Ähnlichkeit der
Entsprechung von Taube und Lamm heißt es 3. Mose 12, 8 und Luk. 2, 24 (vgl.
auch 3. Mose 5, 7 und 14, 210: „Vermag sie kein Lamm zu bringen, so soll sie
zwei Turteltauben oder zwei junge Tauben bringen“. Das bedeutet: Wenn wir jetzt
noch nicht imstande sind, dem Herrn die unschuldige, treue Neigung zu
bringen, die Er verlangt, dann sind Ihm Gedanken des Vertrauens und der
unschuldigen Einfalt solange angenehm, bis wir mehr zu erbringen vermögen (OE
314; HG 10132). „Und Noah sandte eine Taube aus, zu sehen, ob die Gewässer
auf der Oberfläche der Erde gefallen seien; aber die Taube fand keinen Ruheplatz
für ihren Fuß...“ — wir kennen ja die Geschichte der Sintflut (1. Mose 8). Es
wird hier die Neigung geschildert, die im Leben oft nach einer Periode der
Finsternis und Versuchung entsteht und das erste Anzeichen neuer Unschuld und
Nähe zum Herrn darstellt, und die sich an den ersten Früchten der wieder
aufkeimenden Liebe zum Herrn und zum Nächsten (Ölbaumblatt) erfreut (HG 869
ff). „Und wie Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem
Wasser, und siehe, die Himmel taten sich auf über ihm, und er sah den Geist
Gottes wie eine Taube herabfahren und über ihn kommen“ (Matth. 3, 16). Die
Taufe stellte das Ablegen des von der Mutter ererbten Menschlichen durch den
Herrn dar. Jedes mal, wenn er irgendetwas von diesem
„Menschlich-allzu-Menschlichen“ überwand und ablegte, kam etwas Neues von der
Göttlichen Unschuld herab, zugleich mit der Seligkeit des Bewußtseins ganz
neuer Möglichkeiten für ein Leben der Unschuld unter den Menschen. Die Taube
scheint diese Freuden darzustellen, die sich aus der Bewußtwerdung der nun ermöglichten
Zustände der Unschuld ergeben (WCR 144; HG 870; LH 51). Ein anderer Vogel, der mehrere Male in der Bibel erwähnt
wird, ist der Rabe. Seine Erwähnung ruft in uns nicht das Bild eines
glänzenden Gefieders und reizenden Gesanges hervor; vielmehr denken wir an
etwas Schwarzes, denn es ist die Farbe des Raben. Überdies ist der Rabe
ziemlich plump, ohne Musik in der Stimme und, bedenkt man, daß er es auf
kleine, schwache Tiere abgesehen hat, etwas wie ein Schädling. Diese Eigenschaften,
übertragen auf das Geistige, machen den Raben nicht zu einem Sinnbild der
Neigung zu weisem, innerlichem Denken. Seine Schwärze läßt eher an
Unwissenheit denken. Er ist daher ein Bild des auf Unwissenheit beruhenden
Denkens jener, die keine Gelegenheit zum Lernen hatten oder aber die
Unwissenheit vorziehen (OE 650; HG 4967). Denken wir daran, daß Noah vor der Taube „einen Raben
ausfliegen ließ; der flog hin und her, bis das Wasser auf der Erde
abgetrocknet war“ (1. Mose 8, 7). Er ist ein Vorbild jener falschen Gedanken,
die sich noch so lange bei uns bemerkbar machen, bis die Versuchung
überwunden ist (HG 864—868). In diesem Zusammenhang denken wir auch daran,
wie der Prophet Elias auf der Flucht vor König Ahas
„hinging und sich am Bache Krith niederließ, der
auf der Ostseite des Jordans fließt; und die Raben brachten ihm Brot und
Fleisch am Morgen und am Abend“ (1. Kön. 17, 5f). Elias, der so kühn das Wort
des Herrn aussprach, bildet das Wort in seinem einfachen, buchstäblichen
Sinne vor. Werden die Vorschriften dieses Wortes durch den Menschen der
Kirche zurückgewiesen oder gar mit Haß beantwortet, so sieht der Herr vor,
daß sie eine neue Stätte in den Gedanken der Heiden und Unwissenden erhalten.
Dies geschah bei Seinem Kommen, als „die einfachen Leute Ihm gern zuhörten“
(HG 4844). „Er gibt den Tieren ihr Futter, den jungen Raben, die zu Ihm
schreien“ (Ps. 147, 9). Wie schön verkündet uns dieser wohlbekannte Vers die
Fürsorge des Herrn für diejenigen, die zwar unwissend sind, aber belehrt
werden möchten (OE 650). Und wiederum : „Sehet die Raben an: sie säen nicht
und ernten nicht, sie haben keine Vorratskammern und keine Scheunen, und Gott
ernähret sie doch. Wieviel mehr sei ihr doch wert als die Vögel!“ (Luk. 12,
24). Der Herr sorgt dafür, daß wir die uns gemäße und nötige Kenntnis des
himmlischen Lebens erlangen, und selbst wenn unsere Neigungen zu geistigem
Denken schwach und unvollkommen sind, läßt Er ihnen doch die behutsamste
Pflege angedeihen. Die Fische Das Schwimmen der Fische erinnert uns an das Fliegen der
Vögel. Ihr Element ist jedoch das kalte, schwere Wasser, nicht die
sonndurchströmte Luft. Die Fische sind selbst kalte Naturen, ihre Sinne
scheinen im Vergleich zu denen der Vögel eher stumpf; sie sind gierige
Fresser, und sie kennen keine fröhlichen Lieder. Ihre Gemeinsamkeiten mit den
Vögeln legen es nahe, ihre Entsprechung ebenfalls in den Neigungen zu
intellektueller Tätigkeit zu suchen. Die Tatsache aber, daß sie statt in der
Luft im Wasser leben, deutet daraufhin, daß ihre Entsprechung sich auf eine andere
Art von Gedanken bezieht. Einfacher ausgedrückt: Die Fische des Gemüts lieben
eine niedrigere, weniger geistige Art von Gedanken als die Vögel. Das Wasser
in dem sie leben, entspricht — wir werden das nach und nach deutlicher sehen
— der Wahrheit natürlicher Art, z.B. der Wahrheit der Naturwissenschaften,
der weltlichen Tätigkeiten, des Buchstabens des Göttlichen Wortes und des
praktischen Rechts (vgl. Kapitel 28). Dies ist die Gedankensphäre, an der
sich die Fische des Gemüts erfreuen (EO 238, 290). Sie erheben sich nicht zu
den geistigen Dingen, um das Leben von seiner geistigen Seite zu betrachten
(OE 513, 342; EO 405). Knaben und Mädchen fröhnen oft mit Leidenschaft dem Sammeln
von Kenntnissen der genannten Art. Sie können ein Lied davon singen, mit
welchem Eifer dieses Interesse sich hierhin und dorthin wendet und sich von
den Beobachtungen ernährt, welche die Sinne machen. Dieses Interesse am
Sammeln von wissenschaftlichen Fakten ist wie ein hungriger Fisch, der im
Wasser umherschwimmt und alle kleine Lebewesen verschlingt, die in seine Nähe
kommen. Und bald darauf erscheint irgendein größerer Fisch, um unseren
kleinen Fisch und viele andere, ihm ähnliche, zu verschlucken. Auf diese
Weise nehmen die umfassenderen wissenschaftlichen Geister die Beobachtungen
kleinerer Geister in sich auf und leiten davon die großen Grundsätze ihrer
Wissenschaft ab. Auch in uns selbst finden wir jene Freude am Begreifen der
umfassenderen Grundsätze des Wissens, das sich von unseren Interessen an den
Einzelgegenständen nährt. Es ist also wie ein großer Fisch, der von den
kleineren lebt. Die edelsten Geschöpfe des Meeres sind ohne Zweifel die
Wale in ihren verschiedenen Arten, also große bzw. sehr große, warmblütige
Lungenatmer, die weit durch die Meere streifen und ungeheure Mengen kleiner
Meerestiere verspeisen. Sie sind ein Bild weitreichender, umfassender
Interessen wissenschaftlichen Charakters, die aber auch an Luft und Sonnenschein
geistigen Denkens teilhaben und Freude daran empfinden, aus allen Gebieten
des natürlichen Wissens Beweise für die Liebe Gottes und Offenbarungen Seiner
Weisheit zu sammeln (HG 42, 991). Bisher haben wir den Fisch als ein Bild für das Interesse
an der Naturwissenschaft betrachtet. Aber das Interesse für das Wissen
inbezug auf die weltlichen Angelegenheiten ist ebenfalls ein geistiger Fisch,
der sich mit großem Appetit von unseren Beobachtungen der Welt nährt und dafür
seinerseits beitragen mag zum Unterhalt des noch weit edleren Interesses am
Aufspüren der Göttlichen Vorsehung des Herrn im Gang der Welt. Ebenso kann
auch ein zunächst ausschließlich erscheinendes Interesse an den äußeren
Formen des Gottesdienstes oder am bloßen Buchstaben der Bibel mit
Leichtigkeit zu einem Fisch werden, der zur Ernährung höherer und geistiger
Neigungen dient (OE 654). Aber diese gleichen Fische — Neigungen zum Sammeln
natürlicher Kenntnisse — sind schlecht, wenn sie dem geistigen Leben nicht
dienen wollen und allein auf den Befund der Sinne achten, womit sie vielen
Irrtümern anheimfallen, die sie eifrig begründen (HG 991; EO 405). Wenn wir nun einige Bibelstellen betrachten, in denen
Fische erwähnt werden, so können wir vielleicht schon einen Schimmer von der
geistigen Bedeutung erlangen. Selbstverständlich kennen wir alle die
Schöpfungsgeschichte, wo Gott sprach: „Es wimmle das Wasser vom Gewimmel
lebendiger Seelen, und der Vogel fliege über die Erde empor an die Ausbreitung
des Himmels. Und Gott schuf die großen Walfische und jede lebendige Seele,
die da kriecht, wovon die Wasser wimmeln, nach ihrer Art, und alle Vögel, die
da Flügel haben, nach ihrer Art. Und Gott sah, daß es gut war“ (1. Mose 1,
20f). Es ist interessant zu sehen, wie eng die Fische hier mit den Vögeln zusammen
gesellt sind, und es bedeutet, daß Gottes Gabe der Neigung zum Sammeln
natürlicher Kenntnisse und zur Wahrnehmung geistiger Wahrheiten miteinander
verbunden sind (HG 40, 42). Wir erinnern uns auch der Worte des Psalmsängers:
„Du hast alles unter seine Füße gelegt, Kleinvieh und Rinder, allzumal auch
des Feldes Tiere, den Vogel des Himmels und die Fische des Meeres und was der
Meere Pfade durchzieht“ (Ps. 8, 6—8; 1. Mose 1, 26). Dies zeigt, daß die
Neigung zum Sammeln natürlicher Kenntnisse zugleich mit den anderen Neigungen
des menschlichen Herzens vom Herrn gegeben wird, um unserem geistigen, d.h.
wahrhaft menschlichen Leben zu dienen (OE 513; HG 52). Eine weniger bekannte, aber schöne und in ihrer Bedeutung
klare Stelle findet sich bei Ezechiel in seiner großen Tempelvision: „Und er
brachte mich zurück an den Eingang des Hauses. Und siehe, Wasser kam hervor
unter der Schwelle des Hauses gegen Osten... Und er sprach zu mir: Diese
Wasser fließen in den östlichen Bezirk hinaus, strömen dann in die
Jordan—Ebene hinab und münden in das (Tote) Meer; und wo sie sich dorthinein
ergießen, da wird das Salzwasser des Meeres gesund. Und alle lebenden Wesen —
alles, was dort wimmelt — wird, wohin immer die Wasser gelangen, Leben
gewinnen; und der Fischreichtum wird überaus groß sein; denn wenn diese
Wasser dahin kommen, werden sie geheilt... Und der Fische aller Art werden
gleich den Fischen im großen Meer überaus viele sein“ (Ez. 47, 1—10). Das
natürliche Bild behandelt die heilenden Wasser, die vom Tempel zu Jerusalem
durch die judäische Wildnis hindurch ins Tote Meer
fließen, dessen Wasser sie erneuern und mit einem großen Reichtum von Fischen
aller Art segnen sollen. Offensichtlich handelt es sich um denselben Strom
lebendigen Wassers, den Johannes in der Offenbarung sah, und der die
Göttliche Wahrheit bezeichnet, die uns der Herr gibt, um uns zu befähigen,
„abzulassen, das Böse zu tun“ und „zu lernen, das Gute zu tun“. Dieser Strom
der lebendigen Wahrheit fließt von oben herab in unser äußeres, natürliches
Leben, um es zu reinigen und darin eine Fülle von Neigungen zu solchem natürlichen
Wissen zu erwecken, das einer guten Lebensführung dienlich ist (OE 513; HG
2702). Wir können nun auch verstehen, was es bedeutet, wenn an einigen
Stellen gesagt wird, daß das Wasser schlecht wurde, so daß die Fische
starben. „Und Mose und Aharon taten so, wie Jehovah geboten hatte. Er erhob
den Stab und schlug das Wasser des Stromes vor den Augen Pharaos und denen
seiner Knechte, und das gesamte Wasser des Stromes wurde in Blut verwandelt.
Und die Fische im Strome starben, und der Strom stank, und die Ägypter
konnten das Wasser aus dem Strome nicht mehr trinken“ (2. Mose 7, 20ff; Ps.
105, 29). Die ägyptischen Plagen waren einfach äußere Manifestationen des
Zustandes dieses Volkes. Die Verwandlung des Wassers in Blut zeigt, daß die
Wahrheit in ihrem Inneren zum Falschen geworden war, und der Tod der Fische,
daß ihre Neigungen zum Sammeln von Wissen infolgedessen ihr geistiges Leben
eingebüßt hatten (OE 513; HG 7316—7318). Eine ganz ähnliche geistige Lage
wird auch in der Offenbarung geschildert: „...und der dritte Teil des Meeres
ward zu Blut. Und der dritte Teil der Geschöpfe, die im Meere waren und Leben
hatten, kam um“ (Offb. 8, 18; EO 404; OE 513). In einem Gleichnis sagte der Herr: „Das Reich der Himmel
ist gleich einem Netz, das ins Meer geworfen ward und allerlei Gattung
einfing. Als es ganz gefüllt war, zog man es an den Strand, setzte sich
nieder und sammelte das Gute in Netze, das Faule aber warf man weg. So wird
es auch sein bei der Vollendung des Zeitlaufs“ (Matth. 13, 47—49). Hier wird
uns erzählt, wie wir durch den Tod aus der Sphäre des natürlichen Denkens und
Lebens, in der Gutes und Böses einander sehr ähnlich erscheinen, herausgerissen
und emporgehoben werden in die geistige Welt, wo der wahre Charakter unseres
Denkens und unserer Taten klar erkannt wird und die Scheidung von Gut und
Böse möglich wird (OE 513; JG 70). „Als Jesus am Ufer des Galiläischen Meeres
wandelte, sah er zwei Brüder, Simon, der da heißt Petrus, und seinen Bruder
Andreas, wie sie ein Netz in das Meer warfen; denn sie waren Fischer. Und er
spricht zu ihnen: Folget mir nach, und ich will euch zu Menschenfischern machen“
(Matth. 4, 18f; Luk. 5, 3—11; Joh. 21, 1—13). Die Jünger waren großenteils
Fischer, es war also ihr Beruf, Fische zu fangen für die Ernährung der
Menschen. Der Herr wollte sie zu geistigen Fischern machen. Geistige Fischer
aber sind die, welche natürliche Wahrheiten der Wissenschaft oder des Buchstabens
der Bibel lehren, um damit das geistige Leben zu fördern (HG 3309, 10582; OE
600). In einem etwas weniger abstrakten Sinne sollten die Jünger auch zu
solchen Fischern werden, deren Aufgabe und Vorrecht es war, die Menschen aus
den Gewässern des natürlichen, rein weltlichen Lebens in die Atmosphäre und
in den Sonnenschein eines geistigen Lebens emporzuheben (OE 513; EO 405). Die Steuereinnehmer kamen zu Petrus und fragten ihn nach
der Tempelsteuer. Der Herr aber sagte: „Damit wir sie aber nicht ärgern, gehe
du ans Meer, wirf die Angel aus und nimm den ersten Fisch, der heraufsteigt,
tue ihm den Mund auf, und du wirst darin ein Silberstück finden; das nimm und
gib es ihnen für mich und für dich“ (Matth. 17, 27). Im gleichen Zusammenhang
fragt Jesus den Simon: „Von wem lassen sich die Könige der Erde Zölle oder
Steuern zahlen, von ihren Söhnen, oder von den Fremden?“ Die Antwort ist
völlig klar: „Von den Fremden“. Damit ist aber zugleich gesagt, daß im
Königreich des Himmels in uns von seiten derjenigen Dinge gedient werden
sollte, die ihm fremd sind. Doch was ist es, das in einem Jünger — ja vor
allem auch im Herrn selbst — als Fremdling bezeichnet werden könnte und daher
dem höheren Leben seinen Tribut zahlen muß? Gewiß nichts, was von oben
stammte, vielmehr die Ebene des natürlichen Lebens, die von der Welt ist,
samt ihren Neigungen, z.B. die Neigung zum Lernen, ganz besonders zum Lernen
aus dem Buchstaben des Göttlichen Wortes. Der Herr stellte den Rang dieser
natürlichen Neigung als eines Dieners am geistigen Leben dadurch dar, daß die
Tempelsteuer weder von Petrus noch von ihm selbst kommen sollte, sondern von
einem Fisch (OE 513; HG 6394). Als einst der Herr in der Nähe des Galiläischen Meeres das
Volk gelehrt hatte, hieß er die Jünger, sie — nach Tischgesellschaften
geordnet — auf dem grünen Grase lagern zu lassen. „Er nahm aber die fünf
Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf und segnete, brach die
Brote und gab sie den Jüngern, daß sie ihnen dieselben vorlegten. Auch die
beiden Fische verteilte er unter sie alle“ (Mark. 6, 41). Ein andermal nahm
er „sieben Brote und einige kleine Fische“, um die Menge zu speisen (Mark. 8,
6 f). Die Speisung des Volkes mit Brot und Fisch war nur ein äußerer Ausdruck
für das geistige Werk, das der Herr verrichtet hatte, indem er ihre Gemüter
mit guten Neigungen und Gedanken nährte. Die Brotlaibe stellen in diesem
Falle die Befriedigung ihres Herzens mit guten Neigungen dar, die Fische das
Interesse am Erlangen neuen Wissens, das ihnen der Herr einflößte. Die wenigen
Gerstenbrote und kleinen Fische deuten an, daß es im Grunde verhältnismäßig
äußerlich war, was das Volk aufnehmen konnte. In dieses Wenige aber legte der
Herr den Segen des himmlischen Lebens (OE 617, 430, 340). Als der Herr nach der Auferstehung den Jüngern erschien und
ihnen Hände und Füße zeigte, um ihnen zu beweisen, daß er noch immer bei
ihnen in ihrem natürlichen, weltlichen Leben sei, fragte er sie: „Habt ihr
etwas Speise hier? Da gaben sie ihm ein Stück gebratenen Fisches und von
einer Honigwabe. Und er nahm es vor ihren Augen und aß“ (Luk. 24, 41—43).
Dies war noch ein anderes Zeichen dafür, daß der Herr alle Dinge unseres
natürlichen Lebens mit uns teilt. Das Essen des Fisches zeigt, daß er mit uns
die Dinge des natürlichen Wissens teilt, das Essen des Honigs, daß er
gegenwärtig ist in den Freuden unserer guten natürlichen Neigungen. Besonders
aber zeigt dieser Vorgang, daß der Herr bei uns ist, wenn wir auf schlichte
Weise Kenntnisse aus Seinem Worte sammeln und Freude daran haben (OE 513; HG 5620). Die Insekten Bei den Insekten handelt es sich um eine unerhörte Vielfalt
kleiner Geschöpfe, die da kriechen, fliegen und summen. Nehmen wir zum
Beispiel die Raupen. Gierig fressen sie die grünen Blätter, um sich hernach
zu verpuppen und dann als leuchtende Schmetterlinge einherzufliegen,
die den Nektar von den Blumen nippen. Da sind ferner die hungrigen Heuschrecken
und Grashüpfer, weniger schön, Lebewesen, die in einigen Ländern wolkengleich
die Sonne verdunkeln und alles Grüne verschlingen. Da sind die fleißigen Bienen,
die mit ihrem geschäftigen Gesumm daherkommen und Honig sammeln, die Fliegen,
die in ganzen Schwärmen von allem Süßen oder Unreinen angezogen werden, und
schließlich die stechenden und beißenden Kreaturen, die uns auf alle Arten belästigen
und unsere Geduld erschöpfen. Die am höchsten entwickelten Insekten tragen in ihrem
Reifezustand Flügel und erinnern uns damit an die Vögel, wie sie so zwischen
den Blumen umherfliegen. Aber sie sind doch weit weniger edel als diese, sie
sind vergleichsweise schwach und nicht hoch organisiert. Selten gewinnen sie
große Höhe, sondern werden aufgrund ihrer Triebe von einem Gegenstand zum
nächsten fortgezogen. Dazu kommt, daß sie sehr abhängig von jedem Winde sind.
Die Vögel entsprechen, wie wir bereits sahen, den Neigungen des geistigen
Denkens in uns, d.h. dem Nachdenken über das Leben und die damit
zusammenhängenden Grundsätze. Auch die Insekten müssen den Neigungen des
Denkens entsprechen, freilich den Neigungen zu ganz unbedeutenden Gedanken.
Tausende derartiger Gedanken schießen uns täglich durch den Kopf, angeregt
durch all das, was wir sehen und hören, mit Leichtigkeit von einem attraktiven
Gegenstand zum anderen wechselnd oder hin- und hergeblasen wie durch Zufall.
Gedanken dieser Art, aufs engste zusammenhängend mit den Sinneseindrücken,
entstehen bei kleinen Kindern zu allererst, und auch in uns finden sie sich
noch in aller Fülle (OE 543). Manche dieser Gedanken sind reizend, andere
hingegen gemein. Manche gleichen jenen Insekten, die sich nicht von dem süßen
Honig vertreiben lassen, dem ihre Vorliebe gilt, und bestehen darauf, unserem
Gemüt irgendeine faszinierende Szene oder eine einschmeichelnde Melodie stets
gegenwärtig zu erhalten. Die spielerischen Freuden beim Gedenken derartiger vorübergehender
Eindrücke sind die Insekten des Gemüts (HG 9331, 7441). Die Insekten sind
aber auch die bevorzugte Nahrung von Vögeln, Fischen und Schlangen. So können
jene Gedanken, die unseren Sinneseindrücken entspringen, Anlaß zu geistigeren
Gedanken geben oder auch bloße Gegenstände wissenschaftlichen Interesses
bilden, oder sie können unserer Vorliebe für die sinnlichen Freuden dienen.
Gedanken der Schönheit zum Beispiel, wie sie uns durch die stumme, aber
beredte Sprache der Blumen eingegeben werden, können den Ausgangspunkt für
Gedanken über die Schönheit und Anmut eines menschlichen Charakters oder über
die vollkommene Güte des Herrn darstellen. Sie können aber auch lediglich
gewertet werden als etwas, das unsere Kenntnis gewisser Pflanzenarten
vermehrt, oder das einfach unser Verlangen nach angenehmen Sinneseindrücken
befriedigt. Es ist nicht schwer, diese Insekten—Gedanken zu
klassifizieren, solange man sich dabei mit dem allgemeinen begnügt. Einige
derselben erfreuen sich an der Schönheit. Sie lieben es, die Schönheiten von
Natur und Kunst, oder auch die Schönheiten wohlgesetzter Rede und guter
Manieren zu sehen und in Erinnerung zu rufen. Selbst die Freude an der Vergegenwärtigung
der äußeren Schönheiten des Engelshimmels gehört hier her. Diese Neigungen zum
Denken an die Schönheit sind entzückende geistige Insekten. Sie sind wie die
Schmetterlinge oder gewisse Mottenarten, die mit den schillernden Farben
ihrer Flügel solche reine Freuden zum Ausdruck bringen. Allgemein bekannt ist, daß die meisten Insekten durch
bestimmte Entwicklungsstadien hindurchgehen müssen, ehe sie Flügel bekommen.
Oftmals müssen sie ihr Leben unter Wasser oder in der Erde beginnen. Selbst
der Schmetterling war zuerst nichts als eine Raupe. In diesem Zustand
vermochte er nicht zu fliegen, war aber desto eifriger beim Fressen und
Wachsen, um dadurch seinen freieren und glücklicheren Lebensabschnitt zu
erreichen. Auch wir müssen ja, ehe wir die höchsten Schönheiten der Malerei,
der Musik oder auch nur der Natur wirklich zu würdigen wissen, eine Zeit
geduldigen Studiums und gewöhnlich auch eine Zeit der Ruhe und des stillen
Wachsens durchlaufen, und wir ähneln dabei sehr der hungrigen Raupe oder der
stummen Puppe. Die Verwandlung der Raupe zum Schmetterling ist für jedermann
ein Symbol der Auferstehung. Genau genommen ist sie ein Bild des Übergangs
von jenem Zustand, in dem wir aus dem Verlangen nach irgendwelcher Schönheit
oder Anmut uns fleißig die entsprechenden Kenntnisse aneignen und einüben, zu
jenem anderen Zustand, da wir einfach in der Schönheit und Anmut leben. Das
großartigste Beispiel dieses Wechsels ist unser Übergang von der Erde zum
Himmel (WCR 106, 12). Es ist interessant, daß die Seide, das schönste Material
für unsere Bekleidung, von einem jener winzigen Geschöpfe stammt, die unsere
Freude an den Gedanken der Schönheit und Anmut darstellt. Tatsächlich findet
unsere Lust am Denken dessen, was in der Natur schön und anmutig ist, ihren
höchsten Nutzen darin, unser geistiges Leben lieblich zu kleiden (OE 619,
1144; EO 773; HG 7601). Als nächstes denken wir an die Bienen. Wir nennen sie gern
fleißig, weil sie pausenlos von Blume zu Blume fliegen, sich mit Pollenstaub
und Honig beladen und dann auf direktestem Wege zu ihrem Bienenkorbe
zurückkehren, nur um sich dort ihrer Last zu entledigen und von neuem
ausfliegen zu können. (Bezeichnenderweise wird der Begriff der „Luftlinie“ im
Englischen durch das Wort „bee-line“, Bienen-Linie,
ausgedrückt; der Übersetzer.) Die Bienen zeigen ihren Abscheu gegenüber dem Müßiggang
dadurch, daß sie die Drohnen zu Tode stechen. Ihr wunderbarer Instinkt für
Systematik und Ordnung kommt in der Regelmäßigkeit ihrer Waben und in der Regierung
ihres Volkes zum Ausdruck (WCR 12). Im Unterschied zu den Schmetterlingen
sind die Bienen für die Arbeit geschaffen, während die Schmetterlinge nur für
die Schönheit da zu sein scheinen. Daher stellen die Bienen nicht die Freude
an Gedanken der Schönheit oder Anmut, sondern an Gedanken der Ordnung und des
praktischen Nutzens dar. Blumen sind Zeichen werdender Früchte, welche die
guten Werke darstellen (vgl. Kap. 21). Darin findet die geistige Biene ihre süße
Nahrung. Man wird aber auch sogleich an andere Insekten, Wespen und
Hornissen, denken — Lebewesen also, die weniger edel sind als die Bienen und
geradezu Freude daran zu empfinden scheinen, mit ihrem Stachel Schmerzen zu
verursachen. Gibt es nicht auch ein — freilich böses — Vergnügen, die
Schwächen anderer Menschen zu sehen und sie ihnen in einer Weise vorzuhalten,
daß es den Betreffenden peinvoll ist? Es ist in der Tat ein giftiges,
wespenartiges Vergnügen, anderen derartige Pein zu verursachen, ganz
besonders wenn man sich dabei kleiner „Verzeichnungen“ der Wahrheit bedient.
Jemanden, der das gern tut, nennen wir „giftig“, oder wir sagen von ihm, daß
er andere gerne „piekst“ (HG 9331). Ferner sind da die Fliegen, die so beharrlich bei allem
Süßen verweilen, sich aber ebenso gern auch bei allem Unreinen aufhalten!
Einfach ausgedrückt sind sie ein Abbild jener Lustreize, die sich entweder
aus dem Herumlungern bei irgend einer vergnüglichen Erinnerung, oder bei der
Erinnerung an etwas Böses und Unreines ergeben, obwohl wir immer wieder versuchen
mögen, uns davon zu lösen. Zuweilen ergibt sich aus einem solchen
Herumlungern unserer Gedanken auch ein unangenehmer Konflikt mit der uns
aufgetragenen Nutzwirkung (HG 7441). Ferner denken wir an die Heuschrecken, jene großen braunen
Grashüpfer, die in manchen Ländern so schreckliche Verheerungen anrichten.
Man sagt, daß das Geräusch ihrer Kiefern über weite Entfernungen zu hören
ist, wenn eine ganze Armee dieser Tiere am Fressen ist. Den Heuschrecken
eignet nicht die Schönheit der Schmetterlinge, auch nicht der geschäftige,
segenbringende Fleiß der Bienen; sie finden vielmehr ihr Vergnügen daran,
alles Grünende und Wachsende zu verschlingen, und zwar — wie man fast den
Eindruck hat, um der Zerstörung willen. Dennoch haben sie eine gewisse Nutzwirkung:
sie sind in den Ländern, wo sie in Massen auftreten, die Nahrung der Armen.
Diese immer hungrigen Tiere sind ein Bild für das Vergnügen, alles zu sehen
und zu hören, was da vorgeht — ein unschuldiges Vergnügen der Kinder, und
beinahe eine Leidenschaft mancher Erwachsener. Die aus diesen hastig gesammelten
Eindrücken gebildeten Gedanken sind sehr oberflächlich und gewöhnlich auch falsch,
aber die geistige Heuschrecke ist damit zufrieden, weil sie kein wirkliches
Verlangen nach der Wahrheit hat. Heuschrecken und Grashüpfer werden in der Bibel an vielen
Stellen erwähnt, und sie entsprechen immer der Neigung zu oberflächlichem
Denken, aufgrund der bloßen Außenseite der Dinge, zuweilen in Verbindung mit
einer guten Absicht, häufiger aber in Verbindung mit dem Bestreben, die
wirkliche Wahrheit zu verdrehen (OE 543; HG 7643; EO 424). Bei Jesaja heißt es an einer Stelle, die den Unterschied
zwischen dem Herrn und uns Menschen aufzeigen soll: „Ihm, der über dem
Erdenrund sitzt, sind wie Heuschrecken, die darauf wohnen“ (Jes. 40, 22).
Hier wird insbesondere die Kleinheit und Oberflächlichkeit menschlicher
Gedanken der vollkommenen Weisheit des Herrn gegenübergestellt (OE 543). „Und Jehovah sprach zu Moses, strecke deine Hand aus über
Ägypten wegen der Heuschrecken. Herauf sollen sie kommen über das Land
Ägypten und alles Kraut des Landes fressen, alles was vom Hagel verblieb“ (2.
Mose 10, 12ff). Man denke daran, daß die ägyptischen Plagen nur ein äußerer
Ausdruck für den geistigen Zustand des Volkes waren, das sich lediglich für
natürliche Kenntnisse und Vergnügungen interessierte. Die Heuschrecken, die
das Land verdunkelten und alles Grüne verschlangen, sind ein Abbild des
Denkens aufgrund bloßer Sinneseindrücke, das jedes wahre Verständnis zerstört
(OE 543; HG 7643; EO 424; 430; WCR 635). Eine sehr ähnliche Bedeutung haben
die Heuschrecken auch in der Offenbarung. Der Seher sah Rauch aufsteigen aus
dem Brunnen des Abgrunds, „und aus dem Rauch kamen Heuschrecken hervor auf
die Erde, und es ward ihnen Gewalt gegeben, wie die Skorpione der Erde Gewalt
haben“ (Offb. 9, 2—7). Von Johannes dem Täufer lesen wir, daß „Heuschrecken und
wilder Honig seine Nahrung waren“ (Matth. 3, 4). Wie wir wissen, predigte
Johannes die einfachen Gesetze von Recht und Unrecht, aufgrund des
Buchstabens des Göttlichen Wortes. Die Heuschrecken, welche seine Nahrung waren, stellen die
Neigung zum Lernen und Denken dieser äußeren, die Oberfläche des himmlischen
Lebens bildenden Wahrheiten dar. Hier begegnen uns also die Heuschrecken in
ihrem positiven Sinn (OE 543, 619; HG 9372, 7643). Der wilde Honig erinnert uns noch einmal an die Bienen,
welche die Neigungen zu einfachen Gedanken geschäftiger, ordnungliebender,
wirtschaftlicher Nutzwirkungen darstellen. Der Honig, welchen Johannes zu
essen pflegte, ist ein Gleichnis für die Süße jener Gedanken an
Nutzwirkungen, die sich aus dem Buchstaben des Göttlichen Wortes nahelegen.
Der Honig wird in der Bibel sehr häufig erwähnt und bedeutet die
Annehmlichkeit schlichter, auf Nutzwirkungen abzielender Gedanken (HG 5620;
OE 619). „Wie süß sind deine Worte meinem Gaumen, süßer als Honig meinem
Munde“ (Ps. 119, 103). Die Worte Gottes werden mit dem Honig verglichen, weil
sie eine Fülle von Gedanken an Nutzwirkungen ermöglichen, die unserem inneren
Menschen süß schmecken (OE 619). Das Land Kanaan heißt „ein Land, das von
Milch und Honig überfließt“ (2. Mose 3, 8). Kanaan repräsentiert einen
himmlischen Lebenszustand, Milch, wie wir uns erinnern, die Unterweisung in
praktischen Nutzwirkungen, und der Honig, wie wir nun sehen, die Annehmlichkeit
einfacher, auf Nutzwirkungen abzielender Gedanken (HG 6857; OE 619). Denken
wir auch an den Honig, den Samson im Leichnam des Löwen fand (Ri. 14, 5—9).
Er bildet die Freude des Denkens an die Nutzwirkungen der Nächstenliebe vor,
das die Seele belebt, wenn mit des Herrn Hilfe die Überredung ausgetrieben
ist, bloßer Glaube genüge zur Rechtfertigung (OE 619; vgl. Kapitel 16). Blätter - Blüten - Früchte Im 11. Kapitel haben wir einen flüchtigen Blick auf die
drei Reiche der Natur geworfen und gefunden, daß sie drei Bereichen des
menschlichen Geistes entsprechen. Die Tiere — warm, empfindsam, aktiv —
entsprechen, wie wir sahen, den warmen, empfindsamen Gefühlen oder Neigungen
des Herzens. Aber in unserem Gemüt finden sich auch Dinge, die zwar leben und
wachsen, jedoch nicht empfindsam sind wie die Gefühle: unsere Intelligenz
bzw. unser Wissen um zahllose Gegenstände. Dies ist gleichsam das Pflanzenreich
des Gemüts. Feststehende Tatsachen und Grundsätze, auf denen alles beruht,
sind wie solide Felsen. Wir haben seither lediglich Entsprechungen des
Tierreichs studiert und dabei in jedem einzelnen Falle gefunden, daß die
Tiere samt und sonders den einzelnen Neigungen unseres Gemüts entsprechen. Nun wenden wir uns den Pflanzen zu, die allesamt unserer
Kenntnis, unserem Verständnis oder unserer Weisheit entsprechen, die wir uns
im Hinblick auf die verschiedensten Gegenstände erworben haben (HH 111; HG
3220). Rufen wir uns zuerst einige Bibelstellen ins Gedächtnis, in denen wir
die Pflanzenwelt als solche erwähnt finden! Gleich am Anfang der Bibel lesen wir über die Opfer, die
von Kain und Abel dargebracht werden. Tier- und Pflanzenreich treten hier
offensichtlich in Kontrast: „Abel war ein Hirte des Kleinviehs, und Kain war
ein Bebauer des Bodens; und es geschah am Ende der Tage, daß Kain von der
Frucht des Bodens dem Jehovah ein Opfer darbrachte. Und auch Abel brachte dar
von den Erstlingen seines Kleinviehs und von ihrem Fett. Und Jehovah schaute
hin auf Abel und sein Opfer, aber auf Kain und dessen Opfer schaut Er nicht“
(1. Mose 4, 2—5). Die Erstlinge der Herde und ihr Fett stehen für unschuldige,
liebevolle Neigungen, die, wie wir wissen, dem Herrn angenehm sind. Es ist
leicht zu sehen, daß Kains Opfer der Feldfrüchte hier das bloße Verständnis
der göttlichen Forderungen darstellt; denn der Herr sprach zu Kain: „Ist‘s
nicht also? Wenn du Gutes tust, so ist Erhebung. Wenn du aber nicht Gutes
tust, lagert die Sünde vor der Tür und verlangt nach dir. Aber du sollst herrschen
über sie“ (ebenda, Vers 7; HG 341—355). „Jehovah Gott pflanzte in Eden von Osten einen Garten und
ließ aus dem Boden sprossen allerlei Bäume, lustig anzusehen und gut zur
Speise“ (1. Mose 2, 8 f). Das Bild des Gartens Eden beschreibt den geistigen
Zustand der frühen Menschheit. Welche Entsprechungen aber haben die Bäume des
Gartens im besonderen? Ihre vielfältige Erkenntis!
Aber bei den unschuldigen Angehörigen dieser Menschheit wurden die
Erkenntnisse nicht erst, wie bei uns, mühsam erworben. Sie erfreuten sich
vielmehr eines unmittelbaren Innewerdens der Wahrheit von seiten des Herrn.
Dies wird dadurch angedeutet, daß es heißt, Gott der Herr habe den Garten gepflanzt
und seine Bäume wachsen lassen. Die Bäume „gut zur Speise“, also Fruchtbäume,
entsprechen offensichtlich jenen Kenntnissen des Menschen, die sich in
nützlichen Werken auswirken. Bäume, „lustig anzusehen“, bezeichnen jene Wahrnehmungen,
an denen sich unser Denken erfreut (OE 739; HG 98—106). In bezug auf die
Weisheit Salomohs lesen wir: „Und Gott gab dem Salomoh Weisheit und sehr viel
Einsicht... Und er redete über die Bäume, von der Zeder auf dem Libanon und
bis zum Ysop, der aus der Wand herauskommt, und er redete vom Vieh und von
den Vögeln und vom Kriechtier und von den Fischen“ (1. Kön. 5,9.13). Die
Weisheit schließt den gesamten Bereich des menschlichen Verständnisses in
sich, von den höchsten geistigen und innerlichen Dingen bis zu den
niedrigsten natürlichen. Sie hat aber ebenso mit den menschlichen Neigungen
jeder Art und jeden Grades zu tun (HG 7918). Man erinnere sich aber auch an
die Vernichtung des gesamten Pflanzenwuchses durch die ägyptischen
Heuschrecken (1. Mose 10, 15; HG 7647; OE 543; vgl. Kap. 20). Bevor wir uns dem Studium einzelner Pflanzen zuwenden,
wollen wir jedoch zuerst die typische Entwicklung verfolgen, die im gesamten
Pflanzenreich von der Entfaltung des Samens über Stamm, Blatt, Blüte und
Frucht zu beobachten ist. Das geeignetste Beispiel dafür ist der Obstbaum.
Der geistige Obstbaum ist unsere Kenntnis im Hinblick auf die Erfüllung
nützlicher Werke (OE 739; HG 102). Same und Wurzel: Wie wir wissen, wächst unser Baum aus dem
Samen heraus. Was steht nun aber am Anfang eines geistigen Baumes, in unserem
Falle also der Kenntnis, wie sich ein guter Zweck erreichen läßt? Mit einem
Wort: eine Anregung von seiten eines Menschen, der diese Kenntnis bereits
besitzt. Diese Anregung ist der geistige Same. Der natürliche Same muß sich im Erdboden festsetzen und
kleine Wurzeln bilden, die ihm festen Halt verschaffen und Nahrung zum Aufbau
der Pflanze zuführen. Wir tun im geistigen Sinne dasselbe, wenn wir die
Anregung zu irgend einem Nutzen aufgreifen und im Erdreich unserer eigenen
Lebensumstände und Kenntnisse Umschau halten, wie dieser Nutzen in unserem
Fall erreicht werden könnte. Wenn ein Baum einmal irgendwo Wurzel gefaßt hat,
ist es schwierig, ihn zu verpflanzen. Dasselbe gilt auch für unsere Kenntnisse.
Sind diese erst einmal auf unsere besonderen Lebensumstände gegründet und
eingestellt, fällt es uns schwer, sie anderen Umständen anzupassen. Man denke
nur an die Schwierigkeiten eines Berufswechsels in vorgerückten Jahren! (WCR
350; HG 880, 5115). Stamm und Blatt: Hat ein Same einmal Wurzeln geschlagen, so
besteht der nächste Schritt darin, daß er einen Stamm nach oben emportreibt,
vielfach in zahlreiche Äste und Zweige auslaufend, und mit einem Kleid von
grünen Blättern versieht. Diese Blätter sind für die Pflanze dasselbe wie für
uns die Lunge mit ihren unzähligen Lungenbläschen — lauter einzelnen kleinen
Lungen (HG 10185). Sie nehmen die Luft auf durch winzige Mäuler, und im
Sonnenlicht bilden sie durch die sogenannten Photosynthese jene Nahrungsstoffe,
welche die Pflanze benötigt. Damit reichem sie den durch die Wurzeln aufsteigenden
Saft an, der nun diese Stoffe durch die ganze Pflanze verbreitet, welche sie
ihrer Struktur assimiliert. Unser Kenntnis-Baum sendet seinen Stamm empor und breitet
seine Zweige aus, indem wir einen Plan zur Erfüllung des betreffenden Nutzens
machen. Handelt es sich nun bei diesem Nutzen um etwas, das die
verschiedensten Beziehungen zum Leben aufweist, so hat unser Baum viele weit
ausgebreitete Zweige. Das nächste, was wir zu tun haben, gleicht dem Anlegen des
Blätterkleides. Wir müssen die gesammelten Informationen sorgfältig erwägen,
müssen gut darüber nachdenken, im hellsten Licht, über das wir verfügen, bis
sie in einer Art Photosynthese zu etwas werden, das sie für das organische
Wachstum unseres Kenntnis-Baumes geeignet macht. In diesem Wachstumsstadium
ist die Erfüllung des Nutzens noch ziemlich weit entfernt, aber die
Erkenntnis bereitet uns bereits ein intellektuelles Vergnügen, sobald wir
auch nur von weitem an den Nutzen denken, der einst daraus entstehen soll.
Unser Kenntnis-Baum hat nun sein Blätterkleid (EO 936; OE 1339). Blüte und Frucht: Der Baum lebt und wächst, um die Frucht
hervorzubringen, und diese entspricht dem Nutzen, zu dem unser Kenntnis-Baum
führen soll. Zwischen den Blättern und der Frucht steht die Blüte. Die
Teile einer Blüte sind nichts anderes als modifizierte Blätter. Sie
verrichten eine Arbeit, die derjenigen der Blätter nicht völlig unähnlich,
aber feiner ist. Sie destillieren gewissermaßen die reineren Säfte, deren die
Frucht bedarf. Während die Blätter auf eine allgemeine Weise für die gesamte
Pflanze und ihre Ernte arbeiten, arbeitet jede einzelne Blüte für ihre
eigene, besondere Frucht. So gibt es zweifellos auch jene besonderen
Gedanken, die sich auf das Vollbringen eines Nutzens im Zusammenhang mit
einer sich dazu bietenden besonderen Gelegenheit beziehen. Sie sind
gewissermaßen die Blüten vom Baume unserer Kenntnis. Das Glück, das sie uns
vermitteln, beruht nicht auf einer bloß intellektuellen Freude, sondern auf
der himmlischen Freude am Vollbringen nützlichen Tuns. Die leuchtenden Farben
der Blüten, ihr Duft und ihr Nektar sind ein sprechendes Bild der
Glückseligkeit, die uns diese Gedanken im Hinblick auf ihre unmittelbar
bevorstehende Verwirklichung verursachen (HG 5116, 1519). Und schließlich die Frucht selber, wie wir sahen, die
erstrebte Nutzwirkung darstellt! Früchte sind Nahrung für die Menschen, und
das Vollbringen guter Nutzwirkungen bedeutet wahre Befriedigung für unser
geistiges Leben. Eine einzige Frucht enthält oftmals viele neue Samenkörner,
und ebenso kann uns zuweilen eine einzige gute Tat, die wir vollbringen,
viele neue Möglichkeiten zu ähnlichem Tun eröffnen (OE 1339; EO 936; HG
10185; WCR 106). Der aufmerksame Leser wird bemerkt haben, daß die
Entwicklungsstufen des Baumes vom Samen bis zur Frucht in Wirklichkeit die
Stufen der menschlichen Wiedergeburt vorbilden: zuerst die Empfängnis der
Belehrung, dann die intellektuelle Freude am Wissen, und schließlich die
himmlische Freude und Befriedigung an der guten Nutzwirkung zu der uns ein solches
Wissen verhilft. Nun fallen uns auch eine ganze Reihe von Bibelstellen ein,
die im Bilde des Wachstums der Pflanzen vom Samen bis zur Frucht das geistige
Wachstum und, in einem umfassenderen Sinne, die Wiedergeburt des Menschen beschreiben
(WCR 106; HG 5l15f). Leicht zu verstehen ist das Gleichnis vom Säemann: „Es ging
ein Säemann aus zu säen. Und es geschah, indem er säte, fiel etliches an den
Weg..., anderes aber fiel auf das Steinige..., anderes fiel unter die
Dornen..., wieder anderes fiel auf gutes Land und brachte Frucht, die da
aufging und wuchs,.. Der Säemann sät das Wort“ (Mark. 4, 3-20). Die Worte des
Herrn sind samt und sonders Anregungen zu Pflichten und guten Taten, welche
die Menschen nach Seinem Willen in ihrem Leben erfüllen sollen. Aber manche
nehmen sich diese Worte überhaupt nicht zu Herzen und vergessen sie sogleich
wieder, andere hören sie zwar mit Freuden, haben aber keine Ausdauer in den
unvermeidlichen Versuchungen, und wieder andere lassen es zu, daß ihre guten
Absichten und Pläne durch andere Vorhaben verdrängt werden, die durchaus
nicht gut sind. So ist es nur ein Teil, der diese Worte mit aufrichtigem, gutem
Herzen vernimmt, versteht und geduldig Frucht bringt. Man beachte die damit
angedeuteten drei Schritte: Hören, Verstehen und Tun (Matth. 13, 23; LL 90;
HG 3310; OE 401). Im 1. Psalm heißt es über den Menschen, der das Böse
flieht: „Er wird sein wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen, der
seine Frucht gibt zu seiner Zeit, und seine Blätter welken nicht, und alles,
was er tut, gelingt“ (Ps. 1,3). Er wird reich sein an himmlischer Befriedigung
guter Nutzwirkungen, und er wird eine Fülle glänzender Gedanken in bezug auf
immer neue Nutzwirkungsmöglichkeiten hervorbringen (OE 109; HG 885; EO 400). Im Evangelium lesen wir von einem Baum, der zwar Blätter,
aber keine Früchte trug: „Und da Er einen Feigenbaum am Wege sah, ging Er auf
denselben zu und fand nichts an ihm als allein Blätter und spricht zu ihm:
Nimmer werde Frucht aus dir in Ewigkeit. Und sogleich verdorrt der
Feigenbaum“ (Matth. 21, 19). Kennen wir das nicht, daß wir zwar daran denken,
Gutes zu tun, es aber, wenn sich Gelegenheit dazu bietet, dann doch unterlassen?
Hegen wir nicht zuweilen eine rein intellektuelle Freude am Wissen, ohne das
Gefühl der himmlischen Befriedigung bei der Verwirklichung zu kennen? Und
gilt dies nicht insbesondere für die jüdische Kirche, als der Herr zu ihr kam
und vergebens nach ihren Früchten suchte? (HG 9337; OE 403; WCR 106). Jeder Leser sieht wohl, was durch die Früchte an den
folgenden Stellen bezeichnet wird: „So tut nun würdige Früchte der Buße...
Schon ist aber auch den Bäumen die Axt an die Wurzeln gelegt. Jeglicher Baum,
der nicht gute Frucht trägt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen“ (Luk.
3,8f). Die Früchte sind hier offensichtlich gute Werke, und es ist sicherlich
wahr, daß uns die Kenntnisse, die wir nicht angewandt haben, im anderen Leben
— wenn nicht schon in diesem — genommen werden (HG 7690). Der Meister sagte
im Hinblick auf die falschen Propheten: „An ihren Früchten sollt ihr sie
erkennen... Jeder gute Baum bringt gute Früchte; ein fauler Baum aber bringt
faule Früchte... Daher an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ (Matth.
7,15—20). Dies bedeutet sicherlich noch mehr, als daß die Menschen nach ihren
Werken gerichtet werden sollen. Ein Prophet Gottes war gewissermaßen ein
Mundstück der göttlichen Wahrheit. Im unpersönlichen Sinne war also der Prophet
die Wahrheit selbst. Ein falscher Prophet ist eine falsche Lehre. Wie aber
sollten wir zwischen wahren und falschen Lehren unterscheiden? (WCR 435; HG
5117; OE 403, 212). „Ich bin der Weinstock, der trägt viele Frucht; denn ohne
mich könnt ihr nichts tun“ (Joh. 15, 5; HG 9258). Es gibt einige wundervolle Bibelstellen, die uns zeigen wie
die Entwicklung vom Empfang der Belehrung durch das Stadium des
intellektuellen Interesses bis zur Freude und himmlischen Befriedigung am Tun
des Guten unserem Bewußtsein entzogen ist. Sie zeigen, wie zärtlich der Herr
für dieses geistige Wachstum in uns besorgt ist, das in der Tat unsere Wiedergeburt
darstellt. „Mit dem Reich Gottes ist‘s also, wie wenn ein Mensch Samen wirft
aufs Land. und er schläft und steht Nacht und Tag, und der Same sproßt empor
und schießt auf, er selbst weiß nicht wie. Denn die Erde bringt von selbst
die Frucht, zuerst das Gras, dann die Ähre, dann den vollen Weizen in der
Ähre“ (Mark. 4, 26 - 28; OE 5212, 10124). „Betrachtet die Lilien, wie sie
wachsen. Sie mühen sich nicht ab, noch spinnen sie... Wenn nun aber Gott das
Gras, das heute auf dem Felde ist und morgen in den Ofen geworfen wird, also
kleidet, wieviel mehr euch, ihr Kleingläubigen“ (Luk. 12, 27f; OE 507; HG
8480). Der Ölbaum Nicht alle Bäume und Pflanzen, die in der Bibel erwähnt
werden, sind uns vertraut. In unserem Klima gedeiht weder die Olive noch die
Feige, weder der Palmbaum noch die Zeder Libanons. Aber alle diese Gewächse
haben auffällige Eigenschaften, die leicht zu merken sind und auf die Art von
Kenntnissen hinweisen, welcher sie entsprechen. Der Ölbaum wird in Palästina, wie in allen Ländern rund ums
Mittelmeer, ohne Schwierigkeit angebaut. Er gehört dort heute zu den verbreitetsten Baumarten. Im Altertum aber wuchs er dort
in solchen Massen, daß Palästina geradezu „das Land des Ölbaums“ genannt
wurde (1. Mose 8, 8). Unser erster Eindruck von diesem Baum ist der, daß er
in Größe und Form unserem Apfelbaum am nächsten kommt. Der Stamm ist knorrig
und wie gedrechselt, im Alter zerteilt er sich oft in mehrere Stämme. Die
Wurzeln leben fast unbegrenzt fort, Hunderte, vielleicht sogar Tausende von
Jahren. Das Holz hat eine goldbraune Farbe und ist wunderschön gekörnt. Die
Blätter sind ähnlich wie die der Weide; sie sind immer grün, auf der Oberseite
von dunkler, olivgrüner Farbe, im Winde zeigen sie die silbrige Unterseite.
Die Blüten sind klein und weiß und sehr zahlreich. Am wichtigsten von allem
ist natürlich die Frucht, die Olive. Sie ist beerenartig und in dem Zustand,
in dem wir sie zu Gesicht bekommen, gewöhnlich hellgrün. Im Reifezustand ist
sie voller Öl. Die reifen Oliven werden von den Zweigen geschüttelt oder
geschlagen und dann gepreßt. Die Jahresernte von einem einzigen Baum beträgt
zwischen 45 und 70 Litern Öl. Dieses Öl gehört in den Anbaugebieten des
Baumes zu den wichtigsten Nahrungsmitteln. Es wird natürlich vor allem zum
Kochen verwendet, wie bei uns etwa die Butter, dient aber auch der Erzeugung
von Licht, der Linderung und Heilung von Wunden oder Quetschungen, sowie der
Behebung von Reibungen in Maschinerien aller Art. Ferner diente das Olivenöl
auch der Salbung von Königen und Priestern sowie anderen heiligen Zwecken. „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“. Sobald wir
wissen, was das Olivenöl geistig vorbildet, wissen wir auch, daß der Ölbaum
der Kenntnis eben dieses geistigen Sachverhaltes entspricht, sowie seiner
Anwendung in Form nützlicher Taten. Daher ist unsere erste Frage die nach der
Entsprechung des Öls im allgemeinen. Wir wissen, was „Reibungen“ sind zwischen Leuten, die
zusammen leben oder arbeiten. Was ist nötig, um derartige Reibungen zu
beheben und die Voraussetzungen dafür zu schaffen, daß sich die menschlichen
Verhältnisse leicht und flüssig abwickeln? Ist nicht in erster Linie
Freundlichkeit jenes Öl, das immer dort benötigt wird, wo Menschen in Kontakt
miteinander kommen? Eben diese Freundlichkeit vermag auch unempfindliche
Herzen zu erweichen und verletzte Gefühle zu lindern. Das Öl brennt auch mit
einem warmen, hellen Licht. Erwärmt nicht auch freundliches Mitgefühl das
Herz, und öffnet es uns nicht auch die Augen dafür, wie wir Hilfe zweckdienlich
leisten können? Es gibt viele verschiedene Arten von Öl, die zu diesen
Zwecken gebraucht werden können und daher der freundlichen Anteilnahme an
unseren Mitmenschen gleichen. Aber das Olivenöl hat über diese bescheideneren
Arten des Gebrauchs hinaus noch einen besonderen Nutzen, nämlich den der
gottesdienstlichen Verwendung. So diente es etwa zur Speisung des ewigen
Lichts (2. Mose 7, 13—79). Vermischt mit wohlriechenden Gewürzen diente es
als Salböl bei der Einweihung des Tempels und seiner Gerätschaften zum Dienst
des Herrn (2. Mose 30, 22—30), sowie zur Salbung derer, die als Könige und
Priester den Herrn darzustellen hatten und mit Seinem Geist erfüllt werden
sollten (3. Mose 8, 10—12; 1. Samuel 16, 13). Dieses heilige Salböl stellt
mehr als nur menschliche Freundlichkeit dar, nämlich die liebevolle Güte des
Herrn. Der Baum, der solches hervorbringt, ist unsere Kenntnis der unbegrenzten
Güte des Herrn und zugleich das Wissen darum, wie wir diese Güte empfangen
und in Werken der Nächstenliebe zur Anwendung bringen können (HG 10261;
OE375, 638; EO 779). Der Herr selbst wurde als der „Gesalbte“ bezeichnet
(hebräisch: Maschiach/Messias; griechisch: Christus/Xrestos), weil Er die vollkommene Liebe war und in Seinen
Taten und Worten unendliche Güte den Menschen offenbarte. Denken wir daran,
wie der Herr einst in der Synagoge zu Nazareth aus dem Worte Gottes las: „Der
Geist des Herrn ist auf mir, darum hat Er mich gesalbt, daß ich den Armen die
frohe Botschaft verkündige. Er hat mich gesandt, gesund zu machen, die
zerknirschten Herzens sind... Und alle gaben ihm Zeugnis und verwunderten
sich über die Worte der Gnade, die aus Seinem Munde ausgingen“ (Luk. 4,
l8—22). Wie offensichtlich ist es doch, daß die liebevolle Güte Gottes das Öl
darstellte, mit dem Er gesalbt war! (HG 9954; OE 375). „Siehe, wie gut und lieblich ist es, daß Brüder als eins
zusammenwohnen. Wie das gute Öl auf dem Haupt, das herabfließt auf den Bart,
Aharons Bart, das herabfließt auf die Säume seiner Obergewänder“ (Ps. 133, 1
f). Einigkeit unter Brüdern gleicht dem kostbaren Öl; denn von der
Anwesenheit des Geistes der Liebe hängt vieles, wenn nicht alles, für die zwischenmenschlichen
Beziehungen wie auch für das Verhältnis zu Gott ab. Dieser Geist gleicht dem
Salböl; denn die liebevolle Güte des Herrn muß zuerst die innerste Seele
berühren und von dort weiter herab in das Äußere des Lebens fließen, um es
gütig und gut zu machen (OE 375; HG 9806). Ein anderer Psalm gebraucht die
beiden Wörter Güte und Öl beinahe als ob es sich dabei um dasselbe handele:
„Lasse den Gerechten mich schlagen, Barmherzigkeit ist es; und rügt er mich,
sei es Öl meinem Haupt“ (Ps. 141, 5). Wenn wir vom Öl in der Bibel lesen und
dabei an das Öl der liebevollen Freundlichkeit und Güte und das daraus
entspringende Glück denken, so erhalten viele bekannte Stellen eine neue
Schönheit: „Öl der Freude statt Trauer“ (Jes. 61,3), „daß von Öl sein Antlitz
glänze“ (Ps. 104, 15). Scheint nicht die Güte sogar durch die natürlichen
Gesichtszüge hindurch und läßt sie erstrahlen? (OE 375; HG 9954). Denken wir auch an das Weib, das zum Zeichen ihrer
dankbaren Liebe kostbares Salböl über den Füßen des Herrn ausgoß (Luk. 7,
36—47; Joh. 12, 1—8). Denken wir vor allem auch daran, wie es im Zusammenhang
mit dieser Salbung durch Maria in Bethanien heißt: „Das Haus aber ward
erfüllt vom Duft der Salbe“ (Joh. 12, 3). Wie kennzeichnend ist dies für die
Sphäre, die ein Haus erfüllt, wo die Liebe zum Herrn und zueinander ihren Ausdruck
in Taten der Güte und Freundlichkeit findet! Zweifellos denken wir hier auch
an den guten Samariter, der dem unter die Räuber Gefallenen „Barmherzigkeit
erwies“ und ihm die Wunden verband „und Öl und Wein darauf goß“ (Luk. 10,
34). Das Öl ist offensichtlich ein Sinnbild jener Güte, die alle unsere Werke
der Nächstenliebe durchdringen sollte. Daß der Wein die Weisheit darstellt,
die Hand in Hand mit der Güte gehen sollte, werden wir noch sehen (WCR 410;
OE 375, 444; EO 316). In einer berühmten Parabel vergleicht der Herr das Reich
des Himmels zehn Jungfrauen mit ihren Lampen, die dem Bräutigam
entgegengingen und auf die Gelegenheit warteten, mit ihm ins Hochzeitshaus einzutreten.
„Fünf derselben aber waren klug und fünf töricht. Die Törichten nahmen ihre
Lampen, aber sie nahmen kein Öl mit sich. Die Klugen aber nahmen Öl mit sich
in ihren Gefäßen mit ihren Lampen“ (Matth. 25, 1—12). Offensichtlich ist es
das Öl guter, gütiger Liebe, die wir benötigen, wenn wir fähig sein wollen,
das himmlische Leben zu teilen. Die Formen des Glaubens und Gottesdienstes —
die bloßen Lampen — sind nicht himmlisch und vermitteln auch nicht irgendein
Licht himmlischer Einsicht, wenn sie nicht stets mit dem Öl der Güte und
Freundlichkeit gefüllt sind. Besorgen wir uns dieses Öl nicht schon hier, so
werden wir es im Leben nach dem Tode auch nicht von anderen erlangen können
(WCR 199; HS 17; HG 4638; GV 328; OE 212). Vor langer Zeit schon wurden diese
Güte und das Glück des himmlischen Lebens proklamiert, als Kanaan das Land
des Ölbaums und des Honigs genannt wurde (5. Mose 8, 8). Denn die Engel haben
nur eine Freude: die Güte des Herrn zu empfangen und in Gestalt von Nutzwirkungen
der Liebe weiterzugeben (HG 5620; OE 374, 610). Denken wir auch an das
Zeichen, das die Taube dem Noach brachte, um ihm
anzuzeigen, daß die Wasser der Flut zurückgingen: „Und die Taube kam herein
zu ihm, und siehe, sie hatte ein abgepflücktes Blatt vom Ölbaum im Schnabel.
Und Noah wußte, daß die Wasser auf der Erde zurückgegangen waren“ (1. Mose 8,
11). Das Olivenblatt ist ein Sinnbild für etwas vom Leben der ersten
unschuldigen Menschheitstage, das der nachfolgenden Menschheitskirche
übermittelt wurde. Es ist die Kenntnis der Güte des Herrn, die von den
unschuldigen Menschen des Goldenen Zeitalters in aller Fülle aufgenommen
worden war (HG 879, 88; OE 638). Das Olivenblatt läßt auch an die erste
Wahrnehmung dieser liebevollen Güte des Herrn denken, die dem Menschen nach
einer Zeit der Versuchung neue Hoffnung gewährt. Zum Schluß wollen wir aber auch an den Ölberg denken, der
über Jerusalem emporragte. Sowohl durch seine Lage als auch durch seinen
Namen ist er ein Sinnbild der gütigen Fürsorge des Herrn für sein Volk.
„Jerusalem, Berge sind rings um es her, und Jehovah ist rings um Sein Volk,
von nun an und bis in Ewigkeit“ (Ps. 125, 2). „Er war aber die Tage über im
Heiligtum und lehrte, nachts aber ging er hinaus und übernachtete auf dem Berge,
den man den Ölberg nennt“ (Luk. 21, 37). „Und er ging hinaus, und nach seiner
Gewohnheit ging er hin an den Ölberg“ (ebenda 22, 39). Diese Stellen wollen
uns sagen, daß der Herr in der Göttlichen Liebe Frieden fand und aus dieser
Liebe heraus den Menschen soviel Güte vermittelte, wie sie nur immer bereit
waren zu empfangen (HG 10261, 9780; EO 336, 493). Nach dem Abendmahl der
letzten Nacht und nach den Abschiedsreden des Herrn „gingen sie hinaus an den
Ölberg“ und kamen dort „zu einem Grundstück, Gethsemane genannt“ (gemeint
sind die Ölpressen, Matth. 26, 30. 36). Erinnert uns dies nicht an die
Intensität der Göttlichen Liebe zu den Menschen, die in jener Nacht den höllischen
Mächten widerstand? (OE 493; vergleiche auch, was über die Weinpressen gesagt
ist: OE 359). „Ich aber bin wie ein grünender Ölbaum in Gottes Haus,
vertraue auf die Barmherzigkeit Gottes ewiglich und immer fort“ (Ps. 52, 10;
OE 638; WCR 468). Der Weinstock Der Weinstock kann nicht für sich allein stehen, sondern
heftet sich mit seinen starken Ranken an irgendeinen Baum oder eine andere
Stütze, um sich so vom Erdboden in die Luft und in den Sonnenschein zu
erheben, wo er seine Frucht bilden kann. Die Blätter sind groß, die Blüten
klein und unscheinbar. Die Weinbeeren wachsen in Trauben, wobei jede einzelne
Beere gleichsam ein kleiner Beutel süßen Saftes ist, der sich leicht als Wein
auspressen läßt. Dieser Wein ist sehr unähnlich dem Öl, das die Oliven
erzeugen. Er gleicht viel eher dem Wasser, freilich gesüßt und gleichsam
vergeistigt durch den Kreislauf, den es im Weinstock unter dem Einfluß der
Sonne gemacht hat. Er ist wie sonnenträchtiges Wasser. Als wir die Entsprechung der Fische behandelten, haben wir
gesehen, daß das Wasser, in dem die Fische leben, einer Atmosphäre rein
natürlicher, weltlicher Gedanken gleicht, während die von der Sonne durchtränkte
Luft, wie sie die Vögel besonders lieben, einer Atmosphäre geistiger Gedanken
ähnelt, in der man alles von einem innerlicheren Standpunkt aus betrachtet,
d.h. aus der Anerkennung der Göttlichen Vorsehung des Herrn in allen Dingen.
Im Weinstock ist das Wasser aus dem Boden empor gesogen und kreist im
Sonnenschein und in der Luft, solange bis es gleichsam mit Leben und Geist
erfüllt ist. Ist es nun nicht möglich, daß die natürliche Wahrheit der
Wissenschaft, der Geschichte oder von Recht und Unrecht in uns einem
ähnlichen Verwandlungsprozeß unterzogen wird? Gewiß, wir können die
Wahrheiten der Natur oder des Wortlautes der Bibel in ihrer einfachen,
natürlichen Form lernen und ernsthaft im Lichte des Geistes darüber nachdenken,
bis sie nicht als bloß natürliche Wahrheiten, sondern gleichsam gesüßt und belebt
erscheinen durch die Wahrnehmung einer himmlischen Absicht, einer göttlichen
Vorsehung in alledem. Diese Fähigkeit in uns, aufgrund derer wir natürliche
Wahrheiten verwandeln und ihnen den Sonnenschein des Himmels eingießen
können, ist der geistige Weinstock. Ein wunderbares Beispiel solcher Verwandlung
gibt uns der Herr in der Bergpredigt, wo er die einfachen, buchstäblichen
Vorschriften, die den Alten gegeben worden waren, in neuen Formen darbietet,
welche den in ihnen enthaltenen himmlischen Geist offenbaren. Aus dem ernsten
Gebot „du sollst nicht töten“, wird so die Seligpreisung: "Selig sind die Barmherzigen denn sie werden Barmherzigkeit
erlangen“. „Du sollst nicht ehebrechen“ wird: Selig sind, die reinen Herzens
sind, denn sie werden Gott schauen“. Weil Er die natürlichen Wahrheiten in
ein himmlisches Licht emporhob und den in ihnen enthaltenen himmlischen Geist
enthüllte, war der Herr „der wahre Weinstock“. Auch bei dem Wunder auf der
Hochzeit zu Kaana, als der Herr Wasser in Wein
verwandelte, bewies er damit sein Verlangen und seine Macht, die Gebote in
uns in Segnungen zu verwandeln, wenn wir sie mit Hingabe studieren und
ausüben (Joh. 2, 1—10; OE 376). Wir nannten den Ölbaum den Baum der Kenntnis der Güte des
Herrn, die Fähigkeit, seine Güte innezuwerden und etwas davon in Werken der
Nächstenliebe weiterzugeben. In Anlehnung daran wollen wir nun den Weinstock
die Kenntnis der Weisheit des Herrn nennen, d.h. die Fähigkeit, seine
Weisheit in den Wahrheiten der Natur und im Buchstaben der Bibel innezuwerden
und mit einem freudigen Gefühl des darin liegenden himmlischen Segens in
unseren guten Werken zu verkörpern (HG 1069, 5313, 9139; OE 376). Verstehen wir nun, warum der Wein nicht für sich allein
stehen kann. sondern sich an andere Objekte anklammern muß, um in die Luft
empor zu klettern und Frucht zu tragen? Die Fähigkeit, die Weisheit des Herrn
zu erkennen und zu genießen, empfängt ihre Ausrichtung und Form jeweils von
dem Gegenstand, auf den sie angewandt wird, und sie trägt am besten Frucht,
wenn sie von der Erde aufwärts geleitet wird in Gemeinschaft mit solchem, was
erhaben und edel ist. Man vergleiche auch das Wasser, das gewöhnlich Form und
Farbe seines Behälters annimmt (Kap. 28). Wenn wir uns nun der Bibel zuwenden, so finden wir den
Menschen oder die Kirche oftmals einem Weinstock verglichen. Welches Element
der Kirche oder des menschlichen Charakters mag nun durch solche Vergleiche
angedeutet werden? Das geistige Verständnis und die Fähigkeit die Gottes
Weisheit in den natürlichen Wahrheiten zu erkennen und mit Freuden in Werken
der Nächstenliebe auszuprägen (HG 5113, 9139). „Du ließest einen Weinstock aus Ägypten ausziehen,
vertriebst die Völkerschaften und pflanztest ihn.. - Du hast seine Ranken bis
zum Meer entsandt und seine Schößlinge bis zum Fluß. Warum aber hast du seine
Mauern durchbrochen, daß jeder, der des Weges daherkommt, ihn berupft? Der
Eber vom Walde hat ihn zerwühlt, und das wilde Tier des Feldes hat ihn abgeweidet“
(Ps. 80, 9—16). Offensichtlich ist hier von den Kindern Israel und von der
Kirche des Herrn die Rede, welche dieselben darstellten. Die Stelle spricht
insbesondere von der Entwicklung des geistigen Verständnisses in der Kirche
sowie in jedem einzelnen Mitglied derselben, ja sogar im menschlichen Leben
des Herrn selbst, aus dem natürlichen Wissen, das durch Ägypten dargestellt
wird (vgl. Kap. 38), und von den Gefahren, welchen diese Entwicklung von
seiten der bösen Leidenschaften und der aus ihnen entspringenden falschen Argumente
ausgesetzt ist (OE 405, 518, 654; HG 5113). „Laß mich doch meinem Geliebten singen ein Lied meines
Freundes von seinem Weinberg! Mein Geliebter hatte einen Weinberg auf einem
sehr fruchtbaren Hügel (wörtlich: auf dem Horn des Sohnes des Öls). Und er
umzäunte ihn und säuberte ihn von Steinen und bepflanzte ihn mit Edelreben.
Und er baute einen Turm in seiner Mitte, und er grub auch darin eine Weinkufe
aus und hoffte, daß er Trauben brächte. Doch siehe, er brachte Härlinge... Was sollte ich noch für meinen Weinberg tun,
das ich nicht an ihm tat? Was hoffte ich, daß er Trauben brächte, und er
brachte Härlinge... denn der Weinberg Jehovahs der
Heerscharen ist das Haus Israels, und der Mann Judas die Pflanzung seiner Ergötzungen.
Und er hoffte auf Gericht, und siehe: die Krätze; auf Gerechtigkeit, und siehe:
ein Geschrei!“ (Jes. 5, 1—7). Dieses herrliche Lied auf den Weinberg ist in
Wirklichkeit ein Lied auf die Kirche des Herrn, das Haus Israel und Juda. Im
besonderen ist es die Geschichte jener Sorgfalt, die der Herr bei der
Entfaltung des geistigen Verständnisses der Kirche aufwandte, d.h. jener Fähigkeit,
Seine Weisheit innezuwerden und in Werke der Nächstenliebe umzusetzen. Was
liegt alles in dem Ausdruck „ein sehr fruchtbarer Hügel“ bzw. „Horn des
Sohnes des Öls“, auf dem dieser Weinberg lag! Läßt es nicht an den unschuldigen
liebevollen Zustand der Ältesten Kirche denken, aus dem das Verständnis derselben
entsprang, oder auch an die unschuldigen Neigungen der Kindheit, aus denen
sich geistige Einsicht entwickelt, bzw. an das gute Herz, das den Menschen eigentlich
erst weise macht? (HG 1069, 9139; OE 375, 918). Mit beinahe denselben Worten beschreibt der Herr im
Evangelium seine Kirche: „Höret ein anderes Gleichnis! Es war ein Mensch, ein
Hausherr, der pflanzte einen Weinberg und umgab ihn mit einem Zaun, grub
darin eine Kelter und baute einen Turm, gab ihn an Weingärtner aus und zog
über Land. Als aber die Zeit der Ernte nahte, sandte er seine Knechte aus an
die Weingärtner um seine Früchte zu empfangen... Als aber die Hohenpriester
und Pharisäer seine Gleichnisse hörten, erkannten sie, daß er von ihnen
sprach“ (Matth. 21, 33—45; OE 922; HG 9139). Geistige Einsicht war das besondere Merkmal der Alten
Kirche, welche auf die kindliche Unschuld Edens folgte, und wird durch Noach und seine Nachkommen dargestellt. In dessen
Geschichte lesen wir: „Und Noach fing an als ein
Mann des Bodens und pflanzte einen Weinberg“ (1. Mose 9, 20). In diesen
wenigen Worten wird die Fähigkeit jener Kirche beschrieben, in den
natürlichen Wahrheiten die geistige Weisheit des Herrn zu erkennen um in
Werke der Nächstenliebe umzusetzen (HG 1069). Doch was bedeuten die folgenden
Worte: „Und er trank von dem Wein und ward trunken“ (ebenda, Vers 21)? Die
Antwort lautet: die Menschen dieser Kirche verloren ihren himmlischen
Charakter dadurch, daß sie sich einbildeten, ihre Kenntnis sich selbst
zuschreiben zu dürfen. Wir pflegen jemand als „verdreht“ zu bezeichnen, der
sich etwas einbildet. Ein solcher Mensch wird zuletzt töricht, geistig
betrunken, wenn er nur noch auf seine eigene Einsicht vertraut, und er fällt
den verschiedensten Irrtümern anheim (HG 1071, 9960; OE 376). Wenn wir noch weiter erkennen wollen, was geistige
Trunkenheit bedeutet, so zitieren wir am besten noch einige weitere Verse aus
dem Gleichnis vom Weinberg: „Weh denen, welche Böses gut und Gutes böse heißen,
welche Finsternis zum Licht und Licht zur Finsternis, welche aus bitter süß
und aus süß bitter machen! Weh denen, die in ihren eigenen Augen weise sind
und vor ihrem eigenen Angesicht einsichtsvoll! Weh den Helden im Weintrinken
und den Männern der Tapferkeit beim Mischen starker Getränke! Die um ein
Geschenk den Ungerechten rechtfertigen und die Gerechtigkeit des Gerechten
von ihm nehmen!“ (Jes. 5, 20—23; OE 376; HG 1073; EO 721). „Die Bewohner der
Erde sind von dem Wein ihrer Buhlerei trunken geworden“ (Offb. 17, 2). So
lauten die Worte, welche die Offenbarung gebraucht, um die schrecklichen
Verfälschungen der Wahrheit zu beschreiben, die aus der Sucht hervorgehen,
über andere zu herrschen (OE 1035; EO 721). Olivenöl und Wein werden häufig zusammen genannt im Worte
Gottes. Welche beiden Elemente der Kirche bzw. des menschlichen Charakters
stellen sie dar? „Du salbest mein Haupt mit Öl, mein Becher läuft über“ (Ps.
23, 5; HG 5120; OE 727). „Und Wein macht fröhlich des Menschen Herz, daß von
Öl und Wein sein Antlitz glänze“ (Ps. 104, 15; OE 375). Der gute Samariter
verband die Wunden des unter die Räuber Gefallenen „und goß Öl und Wein
darauf“ (Luk. 10, 34; HG 9057; OE 375 f, 962; NJ 87). „Ich bin der Weinstock“, sagt unser Herr, „ihr seid die
Reben. Wer in mir bleibt, und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne
mich könnt ihr nichts tun“ (Joh. 15, 5). Diese Worte haben uns immer unsere
vollständige Abhängigkeit von unserem Herrn gezeigt. Nun sehen wir, daß sie
im besonderen davon handeln, daß unser gesamtes geistiges Verständnis und
jegliche Fähigkeit, solche Werke zu tun, die wirklich weise und gut sind, vom
Herrn stammt (HG 1069, 5113, 9139). Nun verstehen wir wohl auch, warum der
Herr bei der Einsetzung des Heiligen Abendmahls „den Kelch nahm, dankte, ihn
den Jüngern gab und sprach: Trinket alle daraus; denn dies ist mein Blut..“
(Matth. 26, 27f). Welche geistige Gabe symbolisiert der Wein? Aber es handelt
sich in Wirklichkeit um mehr als ein Symbol, nämlich um das Mittel, uns jene
geistige Gabe tatsächlich mitzuteilen. Der Wein repräsentiert und hilft uns
dabei, eine Wahrnehmung des lebendigen Weges der Weisheit und ihrer Wonnen zu
gewinnen. Er ist das Blut des Herrn, weil wir aus dem Strom seiner Göttlichen
Gedanken empfangen dürfen (WCR 706, 730; EO 376; NJ 211—213). Der Feigenbaum Seiner Erscheinung nach ist der Feigenbaum ein eher
bescheidenes Gewächs. Er ist niedrig, lädt weit aus, hat unregelmäßige, nicht
besonders schöne Zweige. Die Blätter sind groß, dunkelgrün und tief gelappt.
Eine besonders auffällige Eigentümlichkeit des Baumes besteht darin, daß er
Frucht trägt ohne sichtbare Blüten. Wohl erscheint ein kleiner Blütenstengel,
aber anstatt an der Spitze eine Blüte zu öffnen, ist er hohl und trägt die
kleinen Blüten an der Innenseite seiner Röhre. Der Stengel schwillt an, wird
weich und bildet sich schließlich zur Feige aus. Aber der Feigenbaum trägt
nicht nur Frucht ohne sichtbare Blüten, er bildet auch seine erste Ernte von
Feigen, bevor auch nur die Blätter erscheinen. Die Frucht ist süß und
nahrhaft, bis zum Platzen angefüllt mit Samenkörnern, und besitzt eine
lindernde, heilende Kraft (2. Kön. 20, 7; Jes. 38, 21; OE 403). Der Feigenbaum entspricht offensichtlich einer Kenntnis,
die zu guten und bekömmlichen Werken der Güte führt. Verglichen mit dem
Ölbaum ist er jedoch weniger edel. Er ist weder so groß noch immergrün wie
dieser, noch ist er so langlebig, zu schweigen von der Nützlichkeit seiner
Früchte, die viel geringer ist. Der Olivenbaum stellt die Kenntnis der Güte
des Herrn dar und wie der Mensch seine Liebe in guten Werken auswirken kann.
Der Feigenbaum hingegen repräsentiert Kenntnisse, die zur natürlichen Güte
gehören und daher nicht den edlen Charakter des Ölbaums erreichen, dennoch
aber aus einfachem Gehorsam Früchte des Wohlwollens hervorbringen (HG 4231;
OE 403). Es muß eine Bedeutung haben, daß die Feigen ohne sichtbare
Blüten, ja sogar vor dem Blattkleid gebildet werden. Welche ist es? Blätter
entsprechen verständigen Gedanken, die der Vorbereitung jenes Nutzens dienen,
welcher durch die entsprechende Frucht dargestellt wird. Die Blüten sind in
diesem Sinne die besonderen Gedanken, die mit jedem einzelnen guten Werk
verbunden sind, einschließlich des glücklichsten aller Gedanken, nämlich daß
wir damit an der Verwirklichung irgendeiner Absicht der Göttlichen Liebe und
Weisheit mithelfen. Die natürlichen Werke der Güte, welche die Feigen
repräsentieren, werden jedoch ohne solche Blätter und Blüten, ohne nennenswertes
Vorausplanen und ohne deutliche Unterscheidung getan. Sie sind impulsiv und
haben wenig mit Verständnis zu tun. Darüber hinaus hat bei ihrem Vollzug der
Mensch das Gefühl, daß er sie aus sich selbst tut, und so erlangt er auch
nicht in gleichem Maße das Glücksgefühl, damit dem Herrn zu dienen. Doch
vergleichen wir die beiden Bäume noch weiter! Warum hat die Olive nur einen
großen Samen und die Feige viele, ja zahllose kleine Samen? Die vielen kleinen
Samen lassen an den gleichsam ansteckenden Charakter natürlicher Güte denken:
ein derartiges Werk ruft tausend anderen. Und deutet nicht der eine Kern der
Olive auf das eine Grundprinzip, aus dem die geistige Olive hervorgeht,
nämlich daß Gott gut ist, während die zahllosen Samen der Feige auf die
tausend Formen hinweisen, unter denen uns die Pflicht zu natürlicher Güte in
den verschiedenen Beziehungen unseres Lebens entgegenzutreten pflegt? Bevor wir weitergehen und untersuchen, in welchem Sinne die
Feige in den Gleichnissen des Göttlichen Wortes erscheint, wollen wir jedoch
kurz die Beziehung zwischen Ölbaum, Weinstock und Feigenbaum untersuchen. Der
Ölbaum ist, wie gesagt, die Kenntnis guter Werke, die von einer tiefen
Empfindung der göttlichen Güte des Herrn inspiriert werden; der Weinstock ist
die Fähigkeit, die Weisheit des Herrn innezuwerden und ins Leben umzusetzen; der
Feigenbaum ist eine Kenntnis, wie wir gute Werke in natürlicher Güte und im
Gehorsam gegenüber Gottes Gebot erfüllen können. Die drei Bäume sind damit
aufeinander bezogen wie die drei Bereiche des himmlischen Lebens: himmlisch,
geistig und natürlich (HH 31; WCR 609; HG 9277; OE 403, 638). Man vergleiche
auch die Beziehung zwischen Schafen, Ziegen und Rindern in Kapitel 13).
Kanaan wurde genannt „ein Land des Weizens und der Gerste und des Weinstocks,
des Feigenbaums und des Granatbaums, ein Land des Olivenbaums mit Öl und des
Honigs“ (5. Mose 8, 8). Die Kenntnis äußerer Güte und Freundlichkeit,
geistiges Verständnis und die Kenntnis der Güte des Herrn, welche alle drei
Teil des himmlischen Lebens sind, werden durch die drei Bäume vorgebildet,
die wir studiert haben (OE 619, 403). „Nicht wird blühen der Feigenbaum, und
kein Gewächs wird sein an den Weinstöcken, täuschen wird das Werk des Ölbaums,
und die Felder werden keine Speise bringen“ (Hab. 3,17). Dies ist ein Bild
für einen Zustand, wo das geistige Leben dahinsiecht und Mangel inbezug auf
das Leben des Guten in seinen drei Formen herrscht. „Ich aber will in Jehovah
jauchzen, frohlocken in dem Gottes meines Heils“ (ebenda, Vers 18; OE 403; HG
9277). Man lese auch das Gleichnis Jothams:
„Die Bäume gingen, einen König über sich zu salben und sprachen zum Ölbaum:
Sei König über uns! Und der Ölbaum sprach zu ihnen: Soll ich meine Fettigkeit
aufgeben, welche Gott und die Menschen an mir preisen, und hingehen, um über
den Bäumen zu schwanken? Und die Bäume sprachen zum Feigenbaum: Geh du und
sei König über uns! Der Feigenbaum aber antwortete: Soll ich aufgeben meine
Süßigkeit und meinen guten Ertrag, um hinzugehen und über den Bäumen zu schwanken?
Und die Bäume sprachen zu dem Weinstock: Geh du und sei König über uns! Und
der Weinstock sprach zu ihnen: Soll ich aufgeben meinen Most, der Gott und
die Menschen fröhlich macht und gehen, um über den Bäumen zu schwanken? Und
alle Bäume sprachen zum Dornbusch: Geh du und sei unser König! Und der
Dornbusch sprach zu den Bäumen: Wenn ihr in Wahrheit mich über euch zum König
salbt, so kommt, verlaßt euch auf meinen Schatten, wo aber nicht, so gehe
Feuer von dem Dornbusch aus und verzehre die Zedern Libanons!“ (Richter 9,
8—15). Dieses Gleichnis wurde den Männern von Sichern (Schechem)
gegeben, welche zugelassen hatten, daß Abimelech, Jerubbaals
Sohn, der nicht der Vertreter eines himmlischen, sondern eines selbstischen,
grausamen Geistes war, über sie herrschte. Das Gleichnis zeigt ferner, daß es
zum Wesen jedes himmlischen Grundsatzes gehört, daß er dienen will — jeder
auf seine Weise, doch ohne den Wunsch, über andere zu herrschen. Der
Dornbusch stellt eine Art von Erkenntnis dar, welche nicht mit guten Nutzwirkungen
umgeht, oder nut Gedanken, dergleichen vorzubereiten, sondern mit
selbstsüchtigem Planen, mit harten, grausamen, schneidenden Gedanken inbezug
auf die Mitmenschen. Ganz klar wird dies aus dem Gleichnis des Herrn von dem
Samen, der unter die Dornen gesät war: „Die Sorgen dieser Welt und der Betrug
des Reichtums ersticken das Wort, und es wird unfruchtbar“ (Matth. 13, 22).
Die Dornen ersticken das Wachstum der Nutzpflanzen. Sie aber sind glücklich,
wenn sie über andere herrschen dürfen (OE 638; HG 9277). „Hütet euch vor den
falschen Propheten... An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Sammelt man
auch Trauben von den Dornen oder Feigen von den Disteln?“ (Matth. 7, 15 f).
Wir erinnern uns, daß „Propheten“ im unpersönlichen Sinne Wahrheiten
darstellen, bzw. was den Anspruch darauf erhebt, wahr zu sein. Dies aber sollen
wir aufgrund des Lebens beurteilen, zu dem sie führen. Selbstsüchtiges Planen
führt aber niemals zu Werken weiser, himmlischer Liebe oder natürlicher Güte
(OE 403; HG 5117). Von den friedvollen Tagen Salomos heißt es, daß „Juda und
Israel in Sicherheit wohnten, jedermann unter seinem Weinstock und
Feigenbaum“ (1. Kön. 4, 25). Und inbezug auf die letzten Tage heißt es: „Sie
werden sitzen, ein jeder unter seinem Weinstock und Feigenbaum, und niemand
wird sie aufschrecken“ (Micha 4, 1. 4). Die Schönheit dieser Bilder des Friedens
und des häuslichen Glücks leuchtet jedermann ein. Sie erzählen uns aber auch
von einem Zustande des geistigen Friedens, der sich einstellt, sobald die geistigen
Versuchungen aufgehört haben, und wo dann das Gemüt damit beschäftigt sein
wird, Werke geistiger Weisheit und natürlicher Liebheit zu planen und eben
darin Schutz vor dem Eindringen böser Gefühle und falscher Gedanken findet
(OE 403; HG 5113). Der Herr sprach zu Nathanael, der einer der Apostel werden
sollte: „Siehe, ein Israelit, in dem kein Falsch ist! Nathanael spricht zu
ihm: Woher kennst du mich? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Ehe dir
Philippus rief, da du unter dem Feigenbaume warst, sah ich dich“ (Joh. 1, 47
f). Wir wissen, daß die Apostel die verschiedenen Arten von Menschen darstellten,
die zur Nachfolge des Herrn berufen sind, bzw. alle Elemente seiner Kirche in
einem jeden Herzen. Was sagt es über Nathanaels Charakter aus, bzw. über
jenes Element in uns allen, das er darstellt, wenn es heißt, der Herr habe ihn
„unter dem Feigenbaum“ gesehen und von dort weg zur Nachfolge berufen? (OE
866). „Er sagte ihnen aber dies Gleichnis: Es hatte einer einen
Feigenbaum, der in seinem Weinberg gepflanzt war und kam und suchte Frucht
darauf, fand aber keine. Zu dem Weinbauern aber sprach er: Siehe, drei Jahre
komme ich und suche Frucht darauf und finde sie nicht. Hau ihn ab, was
versperrt er das Land?! Der aber antwortete und sagte zu ihm: Herr, laß ihn
noch dieses Jahr, bis daß ich um ihn grabe und Dünger hinwerfe, ob er dann
Frucht bringt. Wo nicht, so hau ihn dann ab“ (Luk. 13, 6—9). Wir konnten bereits
feststellen, daß der Weinberg als eine Repräsentation der Kirche des Herrn
diente, besonders im Hinblick auf deren geistiges Verständnis. Hier lesen wir
nun von einem Feigenbaum, der in einem Weinberg stand. Dies bedeutet die
Kenntnis der Kirche von dem, was lieb und gut im äußeren Leben ist, und was
nach dem Willen des Herrn Früchte natürlicher Liebtätigkeit bringen sollte.
Wie oft kommt doch der Herr und sucht vergeblich nach dieser Frucht! Wie
wenig von dieser Frucht fand sich bei seinem Kommen in der jüdischen Kirche!
Die Bitte des Weinbauern, dem Baum doch noch eine letzte Chance zu geben,
spiegelt des Herrn eigene Sorge dafür, daß seiner Kirche jede nur denkbare
Gelegenheit zum Hervorbringen von Früchten guter, liebtätiger Werke gegeben
werde (OE 403; man vergleiche auch Abrahams Eintreten für Sodom, 1. Mose 18,
23—33). Als der Herr einst mit seinen Jüngern über den Ölberg von
Bethanien nach Jerusalem ging, „hungerte ihn; und er sah von weitem einen
Feigenbaum, der Blätter hatte, ging hin, ob er wohl etwas darauf fände. Und
da er dahin kam, fand er nichts als Blätter; denn es war noch nicht die
Jahreszeit für Feigen. Und Jesus hob an und sprach zu ihm: Nie mehr esse jemand
von dir Frucht in Ewigkeit! Und seine Jünger hörten es... Und da sie am
Morgen vorüberkamen, sahen sie den Feigenbaum von der Wurzel an verdorrt“
(Mark. 11, 12—14. 20). Einmal mehr ist hier der Feigenbaum ein Vorbild der
Kirche bzw. des menschlichen Herzens. Was bedeutet es, daß er Blätter, aber
keine Frucht trug? Ganz einfach, daß zwar genügend Kenntnis von dem vorhanden
ist, was gut und lieb wäre, daß wir vielleicht sogar daran denken, solche
Werke zu vollbringen, sie aber dennoch nicht tun. Wie entblößt war doch die
jüdische Kirche von guten, liebtätigen Werken — trotz des heiligen Gesetzes,
auf das sie so stolz war! Wie wenig findet der Herr aber auch heute von
solcher Frucht, trotzdem wir viel mehr wissen über ein Leben der Güte! Früher
oder später, in dieser oder in der kommenden Welt, wird dem Menschen jede
Kenntnis, die zu nichts geführt hat, genommen werden, und die Fähigkeit,
Werke der Güte mit Freude zu tun, wird für immer dahin sein. Daß es „noch
nicht die Jahreszeit für Feigen war“, deutet an, daß eine Zeit, wie sie der
Herr ersehnt, dann vorhanden ist, wenn eine Fülle an guten Werken herrschen
wird (OE 386, 403, 109; HG 885). „Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Sehet den Feigenbaum und
alle Bäume! Wenn sie jetzt hervorknospen, seht ihr von euch selber und
erkennet, daß bereits der Sommer nahe ist. So auch ihr: wenn ihr sehet, daß
dies geschieht, so erkennet, daß das Reich Gottes nahe ist“ (Luk. 21, 29—31).
Das Knospen der Bäume, besonders des Feigenbaumes, dient als ein Zeichen für
die Zweite Ankunft des Herrn. Hat sich diese Verheißung nicht in unseren
Tagen in der staunenerregenden Zunahme nützlicher Kenntnisse jeder Art und besonders
in der großartigen Entwicklung der natürlichen Nächstenliebe und
Wohltätigkeit erfüllt (OE 403)?. Der Palmbaum Wenn die Bibel von Palmen spricht, so meint sie immer die
Dattelpalme, die verbreitetste und nützlichste Art
der großen Familie der Palmen. Der Baum hat einen einzigen Stamm, der sich
niemals verzweigt, sondern gleich einer hohen, schlanken Säule zu großer Höhe
emporwächst und an der Spitze eine Krone von sehr langen, anmutig
federförmigen Blättern trägt. Die alten Blätter fallen nach und nach herab,
und an ihrer Stelle wachsen neue aus dem Zentrum heraus, so daß die Krone
stets voll und schön erscheint. Die Blüten bilden große Trauben, jeweils aus
vielen Tausenden bestehend, und hängen zwischen den Blättern. Die männlichen
und weiblichen Blüten wachsen auf verschiedenen Bäumen, und die Araber haben
die Gewohnheit, die pollentragenden Blütentrauben abzuschneiden und sie
einfach in die fruchtbaren weiblichen Bäume hineinzuhängen, damit deren
Früchte voll und gut werden. Die Datteln sind der Hauptrückhalt für die
Menschen, bei denen sie wachsen, und sie werden frisch oder getrocknet auf
vielerlei Weise zubereitet und gegessen. Aber auch andere Teile dieses Baumes
sind nützlich, insbesondere die langen, starken Blätter mit ihrer zähen
Faser. Ein besonderes Kennzeichen der Palme ist, daß sie in der
Wüste wächst; vorausgesetzt, daß sie mit ihren Wurzeln Wasser findet, scheint
sie geradezu die größte Hitze zu suchen. Unter der sengenden Sonne Nubiens
sind die Palmen gewissermaßen die gefransten Säume des Nilufers. In ganzen
Wäldern finden wir sie in den Senken der Sahara, aus denen die Feuchtigkeit
Oasen gemacht hat. In alten Zeiten war sie in großen Mengen im heißen
Jordantal angesiedelt, weshalb Jericho den Namen trug „die Stadt der
Palmbäume“. Auch Palmor oder Palmyra, die berühmte
syrische Wüstenstadt, verdankt ihren Namen diesem Baum. Die bemerkenswerte Form der Palme gibt uns einen Wink, wie
wir ihre Entsprechung zu deuten haben. Die niedrigen, weit ausgebreiteten
Zweige des Feigenbaums legten den Vergleich mit einer Kenntnis natürlicher
Güte nahe, die nach allen Seiten iii niedrigen Nutzwirkungen ausgreift. Die Palme
aber hat keine Zweige. und ihr hoher Stamm zielt geradenwegs zum Himmel. Die
Kenntnis, welcher dieser Baum entspricht, muß sich also auf ein einziges hohes
Thema beziehen, und dieses eine überragende Thema menschlichen Forschens ist
der Herr. Eine weitere Hilfe finden wir in der Tatsache, daß die
Palme der Baum der Wüste ist. Gibt es nicht auch in unserem Leben so etwas
wie Wüsten, und welche Seelenzustände stellen sie dar? Unfruchtbare Zustände,
in denen uns wenig begegnet, was unser Leben glücklich macht. Die Kinder
Israel zogen durch die Wüste zwischen Ägypten und Kanaan, damit einen Zustand
der Entbehrung und Versuchung vorbildend, der immer dann eintritt, wenn wir
unsere natürlichen und bösen Triebe aufgeben wollen, aber noch nicht den
Segen eines himmlischen Lebens voll ermessen und genießen können. Der Herr wurde
in die Wüste hinausgeführt um vom Teufel versucht zu werden. Offensichtlich
stellt die Wüste einen Zustand des Konflikts und der Qual dar, ehe das Gute
vom Vater in ihm voll zur Macht gelangt und in seinem Leben fruchtbar
geworden war. Die sengende Hitze der Wüste ist ein Bild jener Hitze der
Leidenschaften in diesen Zeiten der Versuchung, die schließlich einen
geradezu fieberhaften Durst nach der kühlen, erfrischenden Kenntnis dessen
auslösen, was recht und weise ist. Man stelle sich vor, in dieser Wüste der Erregung
und Versuchung gehe uns plötzlich etwas von der einfachen Wahrheit der Lehre
des Herrn ganz neu auf, etwa Seine Gebote. Muß das unsere Erregung nicht abkühlen,
unsere ängstlichen Befürchtungen beruhigen und uns das Gefühl geben, daß
alles gar nicht so kompliziert ist? Dergleichen kommt dann wie ein
erfrischender Wasserstrom. Wer hätte nicht schon erlebt, daß in einer solchen
Lebenslage eine neue Erkenntnis des Herrn empor keimte, so stark, so hoch, so
herrlich wie nur irgendeine Erkenntnis, die in glücklicheren Tagen reifte?
Wir kennen Ihn als unseren Heiland und König; nun aber lernen wir Ihn kennen
in der Macht Seiner Wahrheit, die uns in unseren Versuchungen beschützt. In
derartigen Situationen besteht die Möglichkeit, daß unsere Gedanken steil
aufwärts zum Herrn emporwachsen, beflügelt von der Dankbarkeit, im Triumph
und in der Entschlossenheit, nun aber auch wirklich Frucht zu bringen, die
ein lebendiges Zeugnis Seiner rettenden Macht ist. Diese Kenntnis des Herrn
als unseres Heilands ist die Palme in der Wüste. Ihre Blätter sind die
dankbaren Gefühle der Anerkennung der Macht Seiner Wahrheit bei unserer
Rettung. Ihre Früchte entsprechen den guten Werken, die in dieser Kraft getan
werden und uns selbst und unseren Mitmenschen den unübersehbaren Beweis der
göttlichen Macht erbringen. Dieser edle Baum ist unsere Zuflucht und unsere
Nahrung in den Wüsten der Versuchung (OE 458; EO 367; HG 8369, 7093).
„Gesegnet ist der Mann, der auf Jehovah vertraut und dessen Vertrauen Jehovah
ist. Er ist wie der Baum, gepflanzt am Wasser, der seine Wurzeln ausstreckt
an den Strom, und der es nicht achtet, wenn die Hitze kommt. Sein Blatt ist
grün, und er hat nichts zu sorgen in dem Jahr der Dürre und läßt nicht ab,
Frucht zu tragen“ (Jer. 17, 7f). Wir sprechen auch von der „Siegespalme“, und wir
„überreichen die Palme“ jemandem, der in irgendeiner Hinsicht Überragendes
geleistet hat. Von den ältesten Zeiten an war der Palmzweig stets ein Zeichen
des Sieges. Die griechische Siegesgöttin wurde mit einem Palmblatt in den
Händen dargestellt. Dies ist ein Überbleibsel aus der Zeit der Alten, welche
wußten, daß der Palmbaum einer Kenntnis entspricht, die zum Sieg aller Siege
führt, einer Kenntnis der göttlichen Gebote, die im Kampf des Geistes zum
Siege verhelfen. Es sind vor allem zwei Bibelstellen, aus denen die Bedeutung
der Palme ganz klar wird: „Am folgenden Tage, da viel Volks, das zum Fest
gekommen war, hörte, daß Jesus nach Jerusalem komme, nahmen sie Zweige von
Palmen und gingen hinaus, ihm entgegen und schrieen: Hosiannah,
gesegnet sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König Israels!“ (Joh. 12,
12 f). Die Palmzweige sind, wie wir gesehen haben, in Wirklichkeit die
großen, ausgebreiteten Blätter des Palmbaums. Die Bedeutung der Palmen ergibt
sich vor allem aus dem Ruf des Volkes: „Hosianna“ d.h. Herr hilf! Gesegnet sei, der da kommt im
Namen des Herrn, der König Israels!“ Die Palmen stellen die dankbare und
freudige Anerkennung der rettenden Macht Seiner Gebote dar, uns in
Versuchungen zum Siege zu führen und zu allem Guten anzuleiten. In der
Offenbarung des Johannes lesen wir: „Siehe, eine große Menge, die niemand zählen
konnte. aus allen Völkerschaften und Stämmen und Völkern und Zungen sah ich)
vor dem Thron und vor dem Lamme stehen mit weißen Gewändern bekleidet und
Palmen in ihren Händen. Und sie schrieen mit großer Stimme und sprachen: Heil
unserem Gott, der da sitzt auf dem Thron, und dem Lamm !“ (Offb. 7, 9 f).
Wiederum ergibt sich die Bedeutung der Palmen aus den Rufen der Menge. d.h.
aus der freudigen Anerkennung der rettenden Macht des Herrn (OE 458; EO 367;
HG 8369). Die Kinder Israel gelangten nach einigen Tagen der
Wüstenwanderung auf ihrer Flucht aus Ägypten „nach Elim,
wo zwölf Wasserquellen und siebzig Palmen waren und sie sich an den Wassern
lagerten“ (2. Mose 15, 27). Hier wird ein Zustand beschrieben, der nach einer
Zeit der Versuchungen eintrat, eine Oase auf der Lebensreise, wo die Worte
des Herrn dem Menschen in ihrer ganzen erfrischenden Kraft zu Bewußtsein
kommen und sich die Quellen der Dankbarkeit für Seine rettende Wahrheitsmacht
öffnen (HG 8366—8370; OE 458). Schließlich kam die Wüstenwanderung des Volkes
zu ihrem Ende, und sie durften über den Jordan in das verheißene Land einziehen.
Dieser Grenzfluß des Landes, in dem hernach Johannes zum Zeichen der Buße
taufte, repräsentiert die Gebote des Herrn in ihrer Macht, das menschliche
Leben vom Bösen zu reinigen. Das Überschreiten des Flusses ins Gelobte Land
bezeichnet den Eintritt ins himmlische Leben, der sich im Menschen immer dann
vollzieht, wenn er diese Gebote voll als die unabänderlichen Lebensgesetze
für seine Person anerkennt. In diesem Zusammenhang denken wir daran, „daß das
Volk hinüberzog, gerade gegenüber von Jericho“ (Josch.
3, 16), „der Stadt der Palmbäume“ (5. Mose 34, 3), die auch alsbald in ihre
Hand fiel (Josch. 6). Diese Palmenstadt am Ufer des
Jordanflusses, im tiefstgelegenen Teile Kanaans, die erste Stadt des verheißenen
Landes, die den Israeliten in die Hände fiel, stellt den ersten himmlischen
Zustand dar. Dies ist das Empfinden der Sicherheit in der Macht der Göttlichen
Gebote, und die Palmbäume sind die Kenntnis und das dankbare Bekenntnis,
welche diesem Zustand angemessen sind (EO 367; OE 458). Aus einem ähnlichen Grund waren auch an den Wänden und
Türen des Tempels Schnitzereien von Palmbäumen. „Und an allen Wänden des
Hauses ringsum schnitt er eingeschnittenes Schnitzwerk ein von Cheruben und
Palmen und aufbrechenden Blumen, innerhalb und außerhalb (gemeint ist das
Allerheiligste und das Heilige des Tempels)... und die beiden Flügeltüren
machte er von Ölbaumholz, und in sie schnitt er ein Schnitzwerk von Cheruben,
Palmen und aufbrechenden Blumen und überzog sie mit Gold und schlug Gold auf
die Cherube und Palmen... Und die zwei äußeren Flügeltüren waren von Tannenholz...
Und er schnitt Cherube, Palmen und aufbrechende Blumen ein und überzog sie
mit Gold, geschlichtet auf das Eingegrabene“ (1. Kön. 6, 29—35; Ez. 41,
18—20). Der Tempel war in allen Einzelheiten so eingerichtet, daß er die
wahre Wohnung des Herrn, nämlich im Herzen des Menschen, darstellte (vergl.
Kapitel 41). Er bildet den Himmel vor, sowie den himmlischen Zustand in jedem
Herzen, sehr ähnlich wie das Gelobte Land. Wände und Türen des Tempels sind
ein Bild der Äußerlichkeiten des himmlischen Lebens, die jedoch zu
innerlichen Gesinnungen führen und dieselben gleichzeitig verwahren. Dies ist
insbesondere das Halten der Göttlichen Gebote in dem Gefühl der Sicherheit,
die sie gegenüber allem Ungemach bieten. Wir sehen, wie sehr die Palmen als Dekoration
für Wände und Türen des Tempels geeignet waren, repräsentieren sie doch die
freudige Einsicht in die Macht der Göttlichen Gebote, den Menschen vor dem
Bösen zu bewahren und zum Guten zu führen (EO 367; OE 277, 458; HG 8369). „Der Palme gleich sproßt der Gerechte auf“ (Ps. 92, 13).
Hier handelt es sich offensichtlich um eine Verheißung, daß diejenigen, die
sich um Gerechtigkeit bemühen, in der Erkenntnis wachsen werden, daß die
Gebote des Herrn Macht haben, uns vor dem Bösen zu bewahren und zum Guten zu
leiten. Der ganze 92. Psalm ist ein dankbares Bekenntnis dieser rettenden
Macht (EO 367; OE 458; HG 8369). Das Getreide Die Bäume, die wir behandelten, tragen Jahr für Jahr ihre
Frucht und werden dabei gleichzeitig immer stärker und größer. Das Getreide
mit seinen verschiedenen Arten ist in dieser Hinsicht ganz anders. Bei ihm
handelt es sich um kleine, schwache Pflanzen, die zusammen in großer Zahl
heranwachsen müssen, um zu gedeihen und von Nutzen zu sein. Die Getreidehalme
sind kurzlebig, wachsen schnell zu ihrer vollen Größe heran, tragen ihre
Frucht und sterben. Will man eine weitere Ernte, so muß man wiederum säen.
Ein ganz ähnlicher Unterschied besteht zwischen den verschiedenen Arten
nützlichen Wissens, denen die Fruchtbäume und die Getreidearten entsprechen.
Jene guten Werke, welche die Früchte vorbilden, werden nur von Zeit zu Zeit —
wenn sich eine entsprechende Gelegenheit bietet — getan. Die Kenntnisse
hingegen, die auf sie abzielen, wachsen von Jahr zu Jahr und werden immer
ertragreicher. Das Getreide entspricht nicht einer derart langlebigen und
umfassenden Kenntnisart, sondern eher kleinen Gedanken der Nutzwirkung, die
gar nicht der Erwähnung wert wären, stünden sie für sich allein, zusammen mit
vielen anderen aber doch etwas darstellen. Die Getreidekörner selbst sind im
Vergleich zu den Früchten hart, trocken und wenig anziehend, für unsere
Nahrung aber dennoch wichtiger als diese. So köstlich und erfrischend Früchte
auch sein mögen, Hauptunterhalt des Lebens ist doch das Getreide. Und hängt
nicht auch die Hauptbefriedigung des Lebens weniger von den größeren,
gelegentlichen guten Taten ab, als von der Erfüllung der kleinen Alltagspflichten?
Sie sind klein, vergleichsweise hart und trocken, und oft auch wenig
anziehend, aber schließlich sind sie doch das, worin wir die wahre Zufriedenheit
finden (Joh. 4, 34; HG 5576, 5293). Es kommt weniger darauf an, welche Arbeit uns zufällt, als
auf die Befriedigung, die sie uns gewährt. Die Nahrung für unser geistiges
Leben hängt vor allem ab von dem Beweggrund, aus dem heraus sie von uns getan
wird. Pflichten lassen sich aus den verschiedensten Motiven heraus erfüllen,
aus schierer Notwendigkeit, um des Geldes willen, das dabei herausspringt,
aber auch weil es recht und billig ist, dem Mitmenschen zu dienen, oder aus
echter Freude daran, und schließlich — was sicherlich das beste Motiv
darstellt — für den Herrn, um Ihm zu dienen, Seinem Beispiel und Seinen
Geboten zu folgen. Eine Pflichterfüllung aus niedrigeren Beweggründen kann
zwar ebenso gut dazu dienen, äußere Bedürfnisse zu befriedigen, allein die
edleren Motive stärken das geistige Leben und den wahren Menschen. So sind
die gröberen Getreidesorten Nahrung für die Tiere, die edleren aber die bevorzugten
Nahrungsmittel menschlicher Wesen. Der Weizen, das edelste Getreide, ist als Nahrung für den
Menschen am beliebtesten. Er bringt reichlichen Ertrag, ist aber zarter als
die anderen Getreidearten und benötigt guten, reichen Boden. Ein anderes Getreide,
das in der Bibel oft zusammen mit dem Weizen genannt wird, ist die Gerste.
Sie ähnelt dem Weizen, ist aber kleiner und widerstandsfähiger. Ihre Ähren
sind durch lange, auffallende Grannen geschützt. Als Nahrung ist sie gröber
und weniger gehaltvoll als der Weizen. Viele andere Getreidearten kommen uns
in den Sinn, so der Roggen, der Hafer, der Reis und der Mais, doch sind sie
weniger wichtig für unser gegenwärtiges Studium, weil sie in der Bibel nicht
vorkommen. Welches ist nun jenes edelste Motiv der Pflichterfüllung,
dem der Weizen entspricht und das nur auf dem Boden eines „ehrlichen und
guten Herzens“ gedeiht, aus den täglichen Nutzwirkungen aber die
größtmögliche Kraft und Befriedigung für das geistige Leben zieht? Zweifellos
entspricht der Weizen der für den Herrn getanen Pflicht. Und welche
Entsprechung eignet seinem bescheideneren Gefährten, der Gerste? Die Antwort
lautet: die Erfüllung unserer Pflicht wie von uns selbst, jedoch in der
Freude, das Wohlergehen anderer Menschen dadurch zu fördern. Diesen Grundsatz
der Pflichterfüllung machen wir uns leichter zueigen als den edleren; und
obwohl er auch gut ist, erweist er sich doch als nicht so nahrhaft für unser
geistiges Leben (HG 7602—7605; OE 374; EO 315). Welche Entsprechung kommt nun Stiel und Blatt des Getreides
zu? Die Antwort: Plan und vorbereitende Gedanken der Pflichterfüllung.
„Zuerst das Schoß, dann die Ähre, dann der volle Weizen in der Ähre“ (Mark.
4, 28; HG 3518, 10669). Die Gräser gehören zur selben Familie wie das
Getreide, aber sie sind nützlich allein wegen ihrer Halme und Blätter, eßbaren
Samen produzieren sie nicht. Was stellen sie dar? Die Kenntnis und das Denken
inbezug auf die Pflichten, ohne die unmittelbare Absicht, sie auch zu erfüllen.
So zum Beispiel das Interesse der Kinder am Erlernen und an der spielerischen
Nachahmung jener Dinge, die für die Erwachsenen ernsthafte Pflichten dar
stellen. Solche Gedanken tragen viel zur Schönheit und Heiterkeit des Gemüts
bei, und sie sind eine Hilfe zu dem Zweck, die Neigungen zu den Nutzwirkungen
zu stärken. Das Gras dient ja auch der Ernährung zahmer Tiere, die solchen
Neigungen entsprechen. „Gras läßt Er sprossen für das Vieh und Pflanzen für
den Bedarf der Menschen“ (Ps. 104, 14; OE 507; HG 29). Wir haben bisher von den edleren und bescheideneren Arten
des Getreides sowie vom Gras gesprochen, das keine eßbaren Samen trägt — was
wäre nun aber vom Unkraut zu sagen? Es macht dem Landwirt deshalb soviel
Kummer, weil es mitten zwischen dem Getreide wächst und sein Blatt oftmals
kaum von dem des Getreides zu unterscheiden ist. Die Samenkapseln sind
gewöhnlich dünn, die Samen selbst aber schwer und nur unter großen
Schwierigkeiten vom guten Korn zu trennen, zuweilen sind sie auch giftig.
Diese üblen Gewächse, so ähnlich dem guten Getreide, lassen an Pflichten
denken, die allem Anschein nach aus besten Beweggründen ausgeführt wurden, in
Wirklichkeit aber aus selbstsüchtiger Absicht, zum Nachteil des geistigen
Lebens. In dieser Welt lassen sie sich nicht mit Sicherheit von jenen Pflichten
unterscheiden, die im Blick auf den Herrn und den Mitmenschen getan wurden.
In der anderen Welt aber kommt ihr wahrer Charakter an den Tag. „Laßt beide zusammen
wachsen bis zur Ernte. Zur Zeit der Ernte aber will ich den Schnittern sagen:
Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es zu Bündeln, daß man es verbrenne,
den Weizen aber sammelt in meine Scheunen... Der gute Same sind die Söhne des
Reiches...; das Unkraut sind die Söhne des Bösen. Der Feind aber, der es
säte, ist der Teufel. Die Ernte ist die Vollendung des Zeitlaufs; die
Schnitter aber sind die Engel“ (Matth. 13, 30. 38 f; OE 911, 374, 426; JG cont. 10; WCR 784). Viele Bibelstellen fallen uns hier ein; in einigen werden
Weizen und Gerste zusammen genannte viele Male wird vom Brot gehandelt oder
vom Korn, womit das Getreide im allgemeinen und der Weizen im besonderen
verstanden wird. Man denke an die Beschreibung des verheißenen Landes: „Ein
Land des Weizens und der Gerste und des Weinstocks und des Feigenbaums und
des Granatbaums, ein Land des Olivenbaums mit Öl und des Honigs“ (5. Mose 8,
8). Bis auf eine einzige haben wir alle diese Segensverheißungen besprochen
(über den Granatbaum lese man nach: HG 9552). Weizen und Gerste stellen die
echte Befriedigung bei der Erfüllung kleiner Pflichten im Dienst des Herrn
und untereinander dar, die dem himmlischen Lebenszustand eignen (HG 3941,
7602; OE 374). Warum hing der Segen reichlicher Ernten bei den Israeliten so
sehr von ihrem strikten Gehorsam gegenüber den Weisungen des Herrn ab? Eben
weil die Ernten jene geistigen Befriedigung darstellen, zu der der Mensch nur
dann gelangt, wenn er Ihm dient. „Und es wird geschehen, wenn ihr auf meine
Gebote höret, die Ich euch heute gebiete, so daß ihr Jehovah, euren Gott,
liebet und Ihm dienet von eurem ganzen Herzen und von eurer ganzen Seele, so
werde ich Regen für euer Land geben...‚ daß du einsammeln mögest dein Korn
und deinen Most und dein Öl. Und Ich werde Kräuter auf deinem Felde für dein
Vieh geben, und du sollst essen und satt werden“ (5. Mose 11, 13—15). Dies
ist das Motiv des Lebens, das von der Abfolge der täglichen Pflichten echte Befriedigung
zu vermitteln vermag und Jahr für Jahr unsere Kenntnis der Güte und Weisheit
des Herrn vermehrt (OE 376; HG 9780). „0, daß mein Volk auf mich hörte, Israel
in meinen Wegen wandelte!... Und ich würde sie von dem Fett des Weizens essen
lassen und aus dem Felsen sie mit Honig sättigen“ (Ps. 81, 14. 17). Der Herr
wünscht, daß wir bei unserer Arbeit höchste und reinste Befriedigung
empfinden, und weil wir diese nur in Seinem Dienst erfahren können, so möchte
er auch, daß wir sie aus diesem Beweggrund heraus tun (OE 619, 374). Man denke auch an die Jahre des Überflusses und der
Hungersnot im Lande Ägypten: „Und Josef sammelte den ganzen Ernteertrag der
sieben guten Jahre, die über Ägypten kamen, und ließ das Getreide in die
Städte schaffen... Und Josef häufte Getreide wie Sand am Meer... Und alle
Länder kamen nach Ägypten zu Josef, um Getreide zu kaufen, weil auf der
ganzen Erde die Hungersnot groß war“ (1. Mose 41, 48—57). Die Jahre der
Hungersnot bilden eine Zeit vor, da die Gedanken an nützliches Tun nicht
blühen und wenig Befriedigung beim Tun des Guten empfunden wird. Zu solchen
Zeiten müssen wir auf das bauen, was in glücklicheren Zeiten unserem Gedächtnis
an Kenntnissen des Wahren und Guten eingeprägt wurde. Wir alle besitzen einen
solchen Vorrat, angelegt von den Tagen an, da wir als Kinder die Befriedigung
kennenlernten, die aus der ehrlichen Erfüllung unserer Pflichten erwuchs (HG
5342). Wir haben gesehen, wie sehr es den Herrn danach verlangt,
uns Menschen zu lehren, die Pflichten unseres Lebens auf die richtige Weise
zu erfüllen, damit wir in ihnen die tiefste Befriedigung empfinden. Zahlreiche
Stellen der Evangelien zeigen, daß der Herr ununterbrochen darum bemüht war,
als er bei den Menschen auf Erden weilte. Er verglich sich selbst mit einem
Säemann und seine Worte mit dem Getreidesamen: „Es ging der Säemann aus,
seinen Samen zu säen, und da er säte, fiel etliches an den Weg... anderes
fiel auf den Felsen... und etliches fiel mitten unter die Dornen... Etliches
aber fiel auf das gute Land... Der Same aber ist das Wort Gottes... Das auf
gutem Lande Gesäte sind die, welche das Wort in aufrechtem, gutem Herzen
anhören und behalten und Frucht bringen mit Geduld“ (Luk. 8, 5—15). Die Worte
des Herrn sind wie Weizenkörner, weil sie uns lehren, unsere Pflichten in
himmlischem Geist zu erfüllen. Sie sollten in unserem Gemüt zu verständigen
Plänen der Nutzwirkungen emporwachsen, und ihr Ergebnis sollte in der
Erfüllung von Pflichten bestehen, die uns himmlische Befriedigung verschaffen
(LL 90; OE 401; HG 3310). In zwei Fällen verglich der Herr seine Lehre nicht allein
dem Getreide, sondern spendete tatsächlich mit eigener Hand das Brot, um die
Menge zu sättigen. „Jesus aber sprach: Lasset die Menschen sich niederlassen.
Es war aber viel Gras an selbigem Orte. Da ließen sich die Männer nieder, bei
Fünftausend an der Zahl. Jesus aber nahm die (Gersten-)Brote, dankte und gab
sie den Jüngern, die Jünger aber an die, welche sich niedergelassen hatten;
desgleichen auch von den Fischlein, soviel sie wollten“ (Joh. 6. 10 f). Warum
aber speiste er sie mit Gerstenbroten und nicht mit „dem Feinsten des
Weizens“? Er gab entsprechend ihrer Aufnahmefähigkeit! Selbst heute wissen
die Christen noch wenig von den Segnungen, die in der Erfüllung der Pflichten
für den Herrn liegen, wenn auch viele von ihnen durch die Befriedigung
aufrechterhalten werden, die aus gegenseitiger Hilfe erwächst. Die
Gerstenbrote repräsentieren die natürliche Befriedigung, die Fische das
natürliche Verständnis, wie sie die Menge imstande war, vom Herrn zu empfangen
(OF 617, 430). „Und es geschah.., daß Er durch die Kornfelder wanderte; und
seine Jünger rauften die Ähren aus und aßen sie, indem sie dieselben mit den
Händen zerrieben“ (Luk. 6, 1). Wie die Jünger des Herrn seinen Worten
lauschen und das Beispiel seiner Werke sehen, werden sie in der Absicht
bestärkt, ihre Aufgabe gläubig zu erfüllen, nicht auf Grund jenes Vorrats an
abgestandenen, überlieferten Lehren, sondern auf Grund des lebendigen
Beispiels, das ihnen der Herr mit seinem eigenen Leben gab. Sie pflücken das
wachsende Getreide und essen es (WCR 301). Den gleichen Zweck seines Kommens in die Welt — uns zu
lehren, die Pflichten des Lebens aus himmlischen Grundsätzen zu tun, darin
die wahre Befriedigung zu finden — betont der Herr, wenn er sagt, „Ich bin
das lebendige Brot, das aus dem Himmel herabgekommen ist; wenn einer von
diesem Brote ißt, so wird er in Ewigkeit leben; und das Brot, das ich ihm
geben werde, ist mein Fleisch, das ich für das Leben der Welt hingeben werde“
(Joh. 6, 51; HG 3813, 9412; WCR 707; OE 617). Der Herr ist im Heiligen
Abendmahl noch immer bei uns, um uns eben diese Hilfe zuteil werden zu
lassen. Dies ist die Bedeutung des Brotes, das bei dieser heiligen Handlung
ausgeteilt wird. „Als sie aßen, nahm Jesus das Brot, segnete es, brach es,
gab es den Jüngern und sprach: Nehmet, esset, das ist mein Leib“ (Matth. 26,
26). „Solches tut zu meinem Gedächtnis“ (Luk. 22, 19; NJ 210—214; WCR
702—710; HG 5405, 9412; OE 146). Nun können wir auch verstehen, welche geistigen Segnungen
wir besonders erbitten, wenn wir sprechen: „Unser tägliches Brot gib uns
heute“ (Matth. 6, 11; HG 680, 2838, 2493). Wie wir gesehen haben, entsprechen die Fruchtbäume dem
beständig wachsenden Wissen inbezug auf gute Nutzwirkungen von vielerlei Art.
Das gute Werk selbst ist die Frucht, Stamm, Astwerk und Blätter sind das
Planen und Denken, an dem wir geistiges Vergnügen empfinden, wenn wir gute
Werke vorbereiten. Wie der Stamm von Jahr zu Jahr größer und mächtiger wird,
so auch unser Verständnis der Grundsätze, die zu irgendeinem Nutzen führen,
und unsere Fähigkeit, sie in die Tat umzusetzen. Bäume dieser Art sind
beispielsweise die Eichen, Föhren und Tannen, deren Früchte nur einen sehr geringen
Wert darstellen, die aber dennoch zu den nützlichsten aller Bäume gehören,
weil uns ihre Stämme das Nutzholz liefern, das ganz besonders zum Bauen von
Häusern dient, die uns vor Wind und Wetter schützen. Worin mag nun die vorbildende
Bedeutung solcher Bäume bestehen? Sicherlich nicht in jenem Wissen, das unmittelbar
zu irgendeinem guten Werk führt, sondern in einem Wissen, einem intelligenten
Verständnis der einen oder anderen Art, das in sich selbst nützlich ist und
uns hilft, auf sichere und ordentliche Weise zu leben. Interessant ist die
Beobachtung, daß viele Nutzholz-Bäume zu den immergrünen Arten gehören, denn
während Gedanken an nützliche Werke zur einen Zeit aktiv sein und dann wieder
ruhen mögen, gibt es einige Grundsätze, die unser tägliches Leben regulieren
und schützen, ohne daß wir ihnen jemals erlauben dürften, auch nur einen
einzigen Tag völlig zu ruhen (HG 102; OE 739). Die Eiche ist einer von diesen Bäumen, deren Nutzen weit
mehr in ihrem Holz als in ihrer Frucht besteht. Wie manche biblischen
Bezeichnungen, so wird auch die für „Eiche“ in etwas verallgemeinender
Form gebraucht, das heißt, es werden darunter auch noch andere Bäume
ähnlicher Art und Erscheinung verstanden. Die Eiche ist ein besonders kräftiger
Baum mit sehr tiefen, sich nach allen Seiten ausbreitenden Wurzeln, starken,
weitreichenden Ästen und einem Holz, das die Eigenschaften der Stärke, Härte,
Zähigkeit und Dauerhaftigkeit in einem bemerkenswerten Grade vereint. Auch
unsere Sprache kennt die Eiche als ein Symbol der Stärke und Zähigkeit. Wenn
wir bedenken, daß alle Bäume das menschliche Verstandesvermögen vorbilden, so
läßt die Eiche an ein Gemüt denken, das zwar nicht die höchsten himmlischen
Nutzwirkungen erstrebt und das nicht die höchste Grazie oder Ordnung darstellt,
das aber durch eine feste und beharrliche Fassungskraft ausgezeichnet ist und
selbst in unerheblichen Einzelheiten fast bis zur Obstinatheit
unnachgiebig bleibt. Dies ist zweifellos nicht die Eigenschaft einer innerlichen
Wahrnehmung der geistigen Dinge bzw. Grundsätze, die in äußerlichen und unbedeutenden
Einzelheiten nachgiebig bleibt, sondern die des Verständnisses für
einfachere, natürlichere Grundsätze des Rechtes im Gemüt eines Kindes oder
eines Menschen im ersten Zustand der Wiedergeburt. In der Bibel finden wir
die Eiche als ein Symbol solcher Kenntnis einfacher, natürlicher Grundsätze
des Rechten, aufrechterhalten nicht mit großer Intelligenz, sondern mit
Festigkeit (HG 4552; OE 504, 514; EL78). Als Abraham auf des Herrn Geheiß aus seiner östlichen
Heimat auswanderte, „zogen sie aus, um nach dem Lande Kanaan zu gehen, und
sie kamen ins Land Kanaan. Und Abram zog hin im Lande bis an den Ort Sichern,
zum Eichenhain Moreh“ (1. Mose 12, 5 f.). Diese
Wanderung beschreibt das Fortschreiten der Kindheit von einem bloß
natürlichen Leben zum geistigen Leben, und der Eichenhain, der den ersten
Zeltplatz Abrams im Gelobten Land bildete, stellt die erste Fassungskraft für
Grundsätze himmlischen Lebens dar, noch nicht verbunden mit großer Einsicht,
aber mit fester Entschlossenheit (HG 1442, 1443). Gleich darauf, als Abrarn weiter
nach Süden zog, „zeltete er und kam und wohnte in den Eichenhainen Mamre‘s, die zu Hebron sind“ (1. Mose 13, 18). Diese
Einzelheit berichtet uns im inneren Sinn von einem Fortschreiten zu einem
vollkommeneren und wahreren, aber nicht weniger resoluten Zustand der Wahrnehmung
jener Grundsätze des himmlischen Lebens (HG 1616). Es überrascht uns nicht,
daß wir die Eiche mehrere Male im Zusammenhang mit Worten der Rüge erwähnt
finden; denn wie leicht täuscht sich das erste, noch ganz natürliche
Verständnis, wie leicht wird es nur allzu selbstsicher! (Jes. 1, 19 f; 2, 3;
HG 4552; OE 410, 504, 514). Der edelste Nutzholzbaum, der in der Bibel erwähnt wird,
ist die Libanon-Zeder, die sich bis heute in den Gehölzen der Hohlwege dieses
Gebirges findet, dem sie ihren Namen verdankt, aber sie ist heute nicht mehr
so zahlreich und wächst auch nicht mehr so hoch, wie in den alten Zeiten. Die
Libanon-Zeder ist ein schöner, immergrüner Baum aus einem hellen,
wohlriechenden und dauerhaften Holz. Ihre Zweige sind lang und breiten sich
in verschiedenen, stockwerkartig übereinander liegenden Lagen aus. Die Büschel
ihrer kurzen Nadeln bedecken diese „Stock werke“ mit einer dichten grünen Matte,
von denen sich die großen Zapfen erheben. Jene Zedern, an die wir ganz
besonders denken, wurden beim Bau des Tempels Salomohs verwendet. Ein derart
majestätischer Baum, auf hohen Bergen wachsend und zum Bau des Tempels des
Herrn benutzt, muß wohl einer sehr edlen Art der Kraft des Verstandes
entsprechen. Wir gedachten weiter oben der Palme, die mit ihrem stolzen,
kahlen Stamm ein Wissen vorbildet, das sich allein auf den Herrn bezieht, die
weit ausgebreiteten Zweige des Feigenbaumes und der Eiche dagegen lassen an
Arten des Wissens denken, die in die vielerlei Beziehungen des natürlichen
Lebens hineinreichen. Der Zypressenbaum ist gleichzeitig hoch und weit
ausladend, seine Anordnung aber ist ordentlich, er breitet seine Zweige in
deutlich unterschiedenen und getrennten Ebenen einen nach dem anderen aus.
Das läßt an einen Verstand denken, der sich zu den höchsten Dingen erhebt und
klar zwischen dem Höheren und dem Niederen zu unterscheiden weiß, der die
Verschiedenheit und die wahre Beziehung zwischen dem Natürlichen und dem
Geistigen, sowie die Beziehung aller Dinge zum Herrn kennt. „Durch Aschur,
eine Zeder im Libanon“ (Ez. 31, 3—8), wird das vernünftige Gemüt bezeichnet,
das einerseits aus natürlichem Wissen und andererseits aus dem Einfließen
geistiger Wahrheiten gebildet wird (OE 650, 654; EO 875; Kap. 38). Swedenborg stellt in aller Kürze fest, daß die Libanon-Zeder
„eine geistig-vernünftige Kirche“ vorbilde, „wie es die Kirche bei den Alten
nach der Sintflut war“ (OE 1100). Wir wissen, daß die Menschen dieser Kirche
eine besondere Freude daran hatten, die Beziehungen zwischen den natürlichen
und geistigen Dingen zu erforschen, aus der Natur Unterweisungen für das
himmlische Leben herauszulesen und geistige Wahrheiten durch Allegorien und
Fabeln auszudrücken (EL 76; HG 4288). Dies ist ein schönes Beispiel für jene
Kenntnis, welche die Libanon-Zeder darstellt. Wir selbst pflanzen und pflegen
mit unserem Versuch, die Entsprechungen zwischen den natürlichen und
geistigen Dingen zu verstehen, eine solche Zeder. Eine ganze Reihe von Bibelstellen kommt uns in den Sinn, in
denen die Zedern des Libanon erwähnt werden, und wir denken dabei an jene
edle Fähigkeit der Vernunft: „Der Palme gleich sproßt der Gerechte auf, wie
die Zeder auf dem Libanon wächst er empor“ (Ps. 92, 13). Hier handelt es sich
um eine Verheißung für diejenigen, die sich um ein Leben der Gerechtigkeit
bemühen, in der Erkenntnis der rettenden Macht des Herrn und am vernünftigen
Verständnis geistiger Gegenstände immer mehr zuzunehmen (OE 458; HG 8369).
„Wie der Tau will ich für Israel sein, erblühen soll es gleich der Lilie, und
seine Wurzeln schlagen wie der Libanon. Seine Zweige sollen sich ausbreiten,
und seine Schönheit sein wie die des Ölbaums, und sein Geruch wie des
Libanon“ (Hos. 14, 6 f). Dies ist eine Beschreibung der stufen weisen
Entfaltung der Verstandeskräfte unter dem sanften Einfluß der Wahrheit des
Herrn, bis zu dem Punkt, da das Innewerden der Wahrheit, das heißt die echte
Wahrheit, erworben wird, die hier durch den Ausdruck „Geruch des Libanon“ angedeutet
wird (OE 638). „Es trinken sich satt die Bäume Jehovahs, die Zedern des Libanon,
die Er gepflanzt, wo die Vögel ihre Nester bauen“ (Ps. 104, 16 f). Die Vögel,
die in den Zweigen der Zeder ihre Nester bauen, sind ein schönes Bild für die
Vervielfältigung der Neigungen zu geistigem Denken, die sich glückbringend
einstellt, sobald die Einpflanzung der Verstandesfähigkeit durch den Herrn an
Kraft gewinnt (HG 776). Wir denken wohl alle bei den Zedern des Libanon ganz
besonders an die Errichtung des salomonischen Tempels. Salomo sandte zu
Hiram: „Und nun gebiete du, daß sie mir Zedern vom Libanon schlagen... Und
Hiram gab dem Salomo Zedern- und Tannenbäume, soviel er Lust hatte... Und
(Salomo) bedeckte das Haus mit Brettern und Balkenreihen aus Zedern... Und er
baute die Wände des Hauses inwendig mit Planken von Zedern“ (1. Kön. 5, 16.
24; 6, 9. 15). Wir können den Tempel als ein gottgegebenes Bild betrachten,
das Zustände des Gottesdienstes und des religiösen Lebens darstellt, in denen
der Herr bei uns wohnen kann. Wie nützlich ist nun bei einer weisen Anordnung
und sicheren Gründung des religiösen Lebens ein vernünftiges Verständnis
geistiger Dinge und ihrer Beziehung einerseits zur Natur und andererseits zum
Herrn! Balken und Planken von Zedernholz scheinen besonders geeignet als
Wände, da sie auf diese Weise am besten die wahre Beziehung zwischen dem
Äußeren der Religion und des Gottesdienstes und den inwendig enthaltenen
heiligen Zuständen aufzeigen helfen (HG 7918, 8369). Zuweilen wird aber auch die „hochragende Zeder“, ähnlich
wie die Eiche, als Warnung und Rüge angeführt; denn die durch sie
dargestellte Vernunftkraft wird gar leicht mißbraucht und macht den Menschen
stolz und selbstbewußt (OE 514, 410). Die Zypresse, wie auch einige andere, bescheidenere
immergrüne Bäume, fällt in der Bibel aller Wahrscheinlichkeit nach unter den
Ausdruck „Tanne“. Wie wir gesehen haben, wird beim Bau des Tempels Tannenholz
zugleich mit Zedernholz verwendet. Die Zypresse erhebt sich zu einem schlanken,
spitz zulaufenden Wipfel mit geschlossenem, dunkeln, immergrünen Laubwerk.
Ihr Holz gehört zu den dauerhaftesten Arten und übersteht Hunderte von
Jahren, selbst wenn es dem Wetter ausgesetzt ist. Die Zypresse hat für unser
Gefühl etwas Düsteres und erinnert an Leichenbegängnisse und Friedhöfe. Aber
es war keineswegs Traurigkeit, was die Menschen in den alten Zeiten bewogen
hat, gerade auf Friedhöfen Zypressen zu pflanzen. Ihre nach oben weisenden
Spitzen richteten die Gedanken auf den Himmel und das ewige Leben. Der Baum
war von altersher ein Sinnbild des Wissens um die Unsterblichkeit. Seine
Gestalt und die alte Verbindung des Baumes mit der Idee der Unsterblichkeit
legt nahe, daß er tatsächlich dem Wissen um das ewige Leben entspricht. Wäre
es daher nicht denkbar, daß die Zypressen zu den Bäumen gehörten, deren Holz
man für die Fußböden und die äußeren Türen des Tempels benutzte? Tatsächlich
„überzog er auch den Fußboden des Hauses mit Planken von Tannenholz... Und er
machte zwei Flügeltüren von Tannenholz“ (1. Kön. 6, 15. 34). Wieviele
Menschen gelangen dadurch in einen Zustand der Nähe zu Gott und in den wahren
Gottesdienst, daß ihnen die Bedeutung des ewigen Lebens aufgeht — etwa wenn
jemand von ihren Freunden in die andere Welt abberufen wird! Betreten wir
nicht den Tempel durch Türen aus „Tannenholz“, und stehen wir im Tempel nicht
auf einem Fußboden aus eben diesem Holz? (HG 1443; OE 654, 730; EL 77). Wir wollen noch einen anderen Baum kurz betrachten, den Schittah-Baum der Wüste. Es handelt sich dabei um eine
sehr dornige Akazienart mit einem enggekörnten, sehr haltbaren Holz. Der Schittah-Baum wächst wie die Palme in der Wüste. Dies deutet
darauf hin, daß er irgendeiner Art von Erkenntnis entspricht, die uns in Zeiten
der Versuchung und der geistigen Not erwächst. Die den Baumstamm bedeckenden
Dornen sind ein weiterer Hinweis auf diese Bedeutung. Dornen, die dort
wachsen, wo wir beblätterte Zweige und Blüten erwarten, entsprechen im
negativen Sinne jenen Gedanken, die keineswegs damit beschäftigt sind,
freundliche Nutzwirkungen vorzubereiten, sondern viel eher spitze und
grausame Handlungen, die verwunden oder belästigen. Aber die Dornen haben
auch einen echten Nutzen, da sie die Pflanze vor Beschädigung bewahren.
Aufgrund dieser Eigenschaft gleichen sie unseren Gedanken zum Schutz und zur
Selbstverteidigung. Dieser Dornbaum der Wüste, eine Akazienart, ist geheiligt
durch seine Verbindung mit der Bundeslade und der Stiftshütte. Er entspricht
einem Wissen um den göttlichen Schutz, auf den wir uns in Zeiten der
Versuchung verlassen müssen. Es ist ein bescheideneres Wissen als jenes
frohlockende Empfinden der Erlösung, das durch den Palmbaum dargestellt wird,
und das sich einstellt, wenn wir in der Kraft des Herrn den Sieg davongetragen
haben und in eine Zeit der Tröstung eingetreten sind (HG 9715, 9486, 10178;
OE 375). Bei jenem Dornbusch, in dessen Flammen der Herr dem Mose
erschienen war, handelt es sich um eine kleine Abart dieses Baumes (2. Mose
3, 2). In dem Maße, wie wir aus Erfahrung lernen, daß der Herr für uns kämpft
und uns vor dem Bösen beschützt und wir zugleich lernen, Sein Wort als einen
tatsächlichen Schutz vor dem Bösen zu gebrauchen, werden unsere Augen
geöffnet, um die Größe der Liebe wahrzunehmen, aus der er für uns kämpft, und
die in seinem Wort verborgen liegt. Dies ist die heilige Flamme, die aus dem
Dornbusch emporloderte (HG 6832—6834). Die Wände der Stiftshütte waren aus ebendiesem Holz gemacht
(2. Mose 36, 20—34), desgleichen die Bundeslade, die die Zehn Gebote barg,
sowie andere Gegenstände der heiligen Einrichtung. Das Holz der Lade war von
innen und außen mit Gold überzogen (2. Mose 37, 1 f). So ermöglicht unser
Wissen um die Macht des Herrn, die uns beständig vor dem Bösen bewahrt, jene
heiligen Zustände des Lebens und des Gottesdienstes, welche durch die
Stiftshütte und ihre Einrichtung dargestellt werden (HG 9486, 9490, 9635 f).
Sogar noch als die Wüstenwanderung bereits weit zurücklag und in Salomohs
Friedensreich der Tempel errichtet worden war, in dem die Wände nicht mehr
wie bei der Stiftshütte aus einfachen Brettern bestanden, sondern aus Stein,
Tannen-, Zedern- und Oliven-Holz, fand man die kleine Bundeslade aus Schittim-Holz im innersten Schrein. Sie war der Behälter
der Gesetzestafeln (1. Kön. 8, 4—9). So wird es immer sein. Wie herrlich und
glücklich unser Leben in dieser Welt oder im Himmel auch immer werden mag,
das Wissen um den Schutz des Herrn, das wir in Stunden der Versuchung
gewannen, wird immer am nächsten beim Herrn liegen und Seine Gegenwart in
unserer innersten Seele bewachen. Das Wasser Das Wasser ist für den persönlichen Gebrauch des Menschen
in doppelter Hinsicht nützlich: zum Waschen und zum Trinken. Das Wasser
reinigt, weil es die Eigenschaft hat, zwischen den Körper und den sich darauf
absetzenden Schmutz zu dringen, denselben lösend und abführend. Das Wasser,
das wir trinken, hat zudem den Nutzen, die Nahrung aufzuweichen oder
aufzulösen, damit sie besser in den Körper gelangen und den Organen zugeführt
werden kann, die sie benötigen. Das Wasser zirkuliert durch die große Welt, die uns umgibt,
auf ähnliche Art wie durch die kleine Welt unseres Körpers. Es fällt als
Regen oder Schnee vom Himmel, rinnt aus den Quellen in die Bäche, aus den
Bächen in die Flüsse und schließlich ins Meer. Dort fließt es weiter in den
großen Strömungen, in Ebbe und Flut mit den Gezeiten, bis es wieder zu Wolken
emporgesogen und am Ende neuerlich von der Erde
entgegengenommen wird. Wohin es auch immer gelangt, reinigt es Luft und Erde
und setzt segensreiche Entwicklungen in Gang. Langsam trägt es die starren
Felsen ab und formt daraus fruchtbare Wiesen; es löst aus der Erde
Nahrungsstoffe für die Pflanzen und trägt sie durch deren Wurzeln und Zweige
bis in die Blätter und Früchte. Noch vor gar nicht langer Zeit setzte es auch
bei uns Mühlen und Fabriken in Tätigkeit, und noch heute trägt es Schiffe und
Lasten über die Weltmeere und dient so in großem Maßstab der Zirkulation von
Nahrungsmitteln und anderen Gütern in der ganzen Menschheit, wo immer man
ihrer bedarf. Der Nutzen des Wassers in der äußeren Welt ist also ganz
ähnlich dem im einzelnen Menschen. Wenn wir dies im Auge behalten, so können
wir einiges darüber ermitteln, welche geistige Größe entsprechende
Nutzwirkungen in unserem Inneren hervorruft. Denken wir zuerst an den Nutzen des Wassers zum Zweck der
Reinigung. Nehmen wir an, ein Kind habe auf der Straße gespielt und sich
dabei beschmutzt. Nehmen wir ferner an, es sei dabei in schlechte Gesellschaft
geraten und mit unguten Einflüssen in Berührung gekommen, so daß es nun auch
geistig beschmutzt und befleckt ist. Was können wir für dieses Kind tun?
Natürlich können wir es zunächst einmal mit Wasser gehörig reinigen, um es
vom Staub und Schmutz zu befreien. Wollen wir ihm darüber hinaus aber auch
geistig helfen, so müssen wir es mit freundlichen Worten darüber aufklären,
daß manche Dinge bedenklich sind und ihm den Unterschied zwischen falsch und
richtig zeigen. Dies bedeutet geistig genau dasselbe wie das Waschen des
Körpers. Es unterscheidet und trennt schließlich zwischen dem wahren Leben
des Kindes und den unsauberen Dingen, die sich ihm angeheftet haben, so daß
es sie wieder loswerden kann. Das geistige Wasser, das seinen Nutzen bei der
Reinigung des inneren Menschen erweist, ist also die schlichte Unterweisung
oder Wahrheit inbezug auf richtig und falsch (EO 378; OE 475). Zweitens denken wir an den Nutzen des Wassers als Getränk.
Gewiß ist es unseren Lesern auch schon so ergangen, daß sie einem Vortrag zu
folgen oder ein Buch zu lesen suchten, und es schließlich doch aufgeben
mußten, weil die Behandlung des Stoffes allzu „trocken“ war, so daß ihm beim
besten Willen kein Geschmack abzugewinnen war. Vielleicht handelte es sich um
eine Geographie- oder Französisch-Lektion. Leicht kann man sich vorstellen,
was den Unterricht interessant und den Stoff verdaulich gemacht hätte. Auf
jeden Fall wäre seine Trockenheit sogleich behoben gewesen, wäre der mit
seinen Schülern in dem Lande gereist, dessen Geographie und Sprache er ihnen
zu vermitteln trachtete. Aber selbst wenn er ihnen auf andere Weise den
praktischen Nutzen des Stoffes gezeigt hätte, wäre er nicht mehr wegen der
Trockenheit seines Unterrichts gerügt worden. Die Kenntnis der Wahrheit (um
dieses kürzere Wort zu gebrauchen), welche einem die Beziehung der Dinge zu
einem selbst und ihre Nützlichkeit für die Lebensführung aufzeigt, ist das
Wasser, das der geistigen Nahrung Geschmack verleiht und sie in den Strömungen
des Gemüts kursieren läßt (vgl. Kapitel 6). In dieser Hinsicht ist das geistige
Wasser die Wahrheit, die uns lehrt, wie wir uns etwas Gutes aneignen und in
Nutzen umsetzen können; im negativen Sinn, von dem wir erst sprachen, ist es
die Wahrheit, die uns zeigt, wie wir unnütze, häßliche Dinge loswerden
können. Die selbe Wahrheit bewirkt beides. Nehmen wir an, wir befänden uns in einem Fieber der
Erregung. Wir sind in Gefahr, fürchten uns vor irgendeinem Mißgeschick, sind
voller Angst oder fühlen uns äußerst hilflos. Kommt uns nun jemand zu Hilfe,
der selber vollkommen „kühl“ ist und uns auf ruhige, praktische Art zeigt,
wie wir diesen Gefahren entgehen könnten und was wir tun sollten, so kühlt
solcher Rat sogleich unsere Erregung und Ängstlichkeit ab und setzt zugleich
den Strom unserer eben noch gelähmten Gedanken in Bewegung. Auch hier ist es
wiederum die einfache, praktische Wahrheit, die uns zeigt, was unter den
gegebenen Umständen getan werden kann, und die von uns wie ein Becher kühlen
Wassers als Erfrischung empfunden wird (HG 8568; OE 71). Gewiß haben wir auch schon einmal erlebt, daß irgendeine
Begeisterung, die wir bei einer Unternehmung empfanden, durch einen derarten praktischen Hinweis „gedämpft“ wurde —
vielleicht sogar grausam. Wir sprechen in einem solchen Fall zuweilen auch
von einer „kalten Dusche“ oder sagen, ein Projekt sei „ins Wasser gefallen.“ Wasser fällt als Regen vom Himmel. Kommt die praktische
Wahrheit des Lebens nicht auch auf entsprechende Art in die Welt? Sie fällt
in der Tat wie der Regen, wenn sie vom Herrn in seinem heiligen Wort zu uns
kommt oder in Form einer leisen Wahrnehmung aus unserem Inneren, die uns
deutlich macht, was in einem bestimmten Augenblick zu tun richtig und weise
gewesen wäre (HG 3579; OE 644). Das Wasser läuft durch die Flüsse ins salzige Meer. Was
wird aus der praktischen Wahrheit des Lebens, die wir lernen? Sie ist eine
Zeitlang in uns oder in der öffentlichen Meinung tätig, ist vielleicht die
bewegende Kraft hinter der „Zeitströmung“. Dann aber geht sie allmählich
verloren und gerät in Vergessenheit — freilich nur oberflächlich, denn in
Wirklichkeit wird sie im Silo des Gedächtnisses und der Geschichte aufbewahrt,
gefärbt und gewürzt durch den Gebrauch, der von ihr gemacht worden war (OE
275; HG 28, 9755). Zuweilen fällt das Wasser auch als Schnee vom Himmel oder
nimmt die Form von Eis an. Es handelt sich um dasselbe Wasser, aber es
kleidet sich in die genannten Formen, wenn das Wetter kalt ist. Wie wir oben
(Kapitel 6) gezeigt haben, sind wir auch geistig zu gewissen Zeiten in einem
wärmeren, dann wieder in einem kühleren Zustand. In einem kalten Zustand
befinden wir uns stets, wenn unsere Neigungen untätig sind. Hören wir in
diesem Zustand die Wahrheit des Herrn aus dem Wort oder irgendeiner anderen
Quelle, so empfangen wir sie mit einer intellektuellen Freude an ihrer
Schönheit, aber nicht mit dem Verlangen, sie sogleich in die Tat umzusetzen.
Solche Wahrheit liegt dann träge da, ähnlich einer Schneemasse oder einer
Eisbarriere. Kommt dann aber ein Mensch, der es versteht unser Interesse an
irgendeinem guten Werk zu erregen, so kann es geschehen, daß all diese trägen
Massen von Wahrheiten bei uns zu schmelzen anfangen, warm werden und unser
Gemüt in neue Tätigkeit versetzen (OE 644, 411). Zahlreiche herrliche Bibelstellen fallen uns ein, die jeder
Leser — etwa mit Hilfe einer Bibel-Konkordanz — selber auffinden kann. Wir
wollen nur einige wenige nennen, welche die Entsprechung zur schlichten
Wahrheit über Recht und Unrecht und den Richtlinien unseres Handelns,
besonders deutlich machen. „Waschet euch, reinigt euch“, befiehlt uns der Herr durch
den Propheten Jesaja. Wie wir wissen, hält uns dieses Gebot dazu an, aus
unserem Leben zu entfernen, was nicht gut ist: „...tut weg vor meinen Augen
das Böse eurer Werke. Höret auf, Böses zu tun, lernet Gutes tun“ (Jes. 1, 16
f; WCR 670—673). Von den Juden wurden häufige Waschungen verlangt (3. Mose
30, 17—21). Die Pharisäer hielten diese Vorschriften bloß buchstäblich. „Denn
die Pharisäer... essen nicht, sie hätten sich denn bis zum Gelenk die Hände
gewaschen“ (Mark. 7, 2—4). Aber die Gebote hatten eine innere Bedeutung, die
sie nicht beachteten. Die äußeren Waschungen waren nur eine Vorbildung der
Reinigung des Herzens von „schlechten Gedanken, Morden, Ehebrüchen, Unzucht,
Diebstahl, falschen Zeugnissen, Lästerungen“, denn: „das ist es, was den
Menschen gemein macht“ (Matth. 15, 19 f). Das Wasser, mit dem die geistige
Waschung bewirkt werden soll, ist die schlichte Lehre des Herrn über Recht
und Unrecht, niedergelegt besonders in den Zehn Geboten (OE 378; EO 475; HG
3147, 10243, 10244). Warum taufte Johannes der Täufer diejenigen, die seine
Botschaft vernommen und angenommen hatten? Das Wasser des Jordan-Flusses war
ein Bild für jenes geistige Werk, das er an den Menschen verrichtete. Man
lese Luk. 3, 3—17, und man wird sehen, worin jenes geistige Wasser bestand,
mit dem Johannes die Leute behandelte, die zu ihm kamen (OE 475, 724; WCR
690). Im Sakrament der Taufe gebrauchen wir bis heute das Wasser, um damit
die Reinigung unseres Lebens vom Bösen vorzubilden, die durch die Führung und
Macht der Gebote des Herrn bewirkt wird. Tatsächlich gewährt das Sakrament
eine nicht zu unterschätzende Hilfe beim Vollzug dieser Arbeit (WCR 670—673;
HG 10386—10392; OE 475; NJ 202). Als der Herr zwei Jünger abordnete, um alles für das
Osterlamm vorzubereiten, sagte er: „Siehe, wenn ihr in die Stadt hineinkommt,
wird euch ein Mensch begegnen, der einen Krug mit Wasser trägt, dem folget
nach in das Haus, das er betritt“ (Luk. 22, 10). Diese Episode enthält einen
deutlichen Fingerzeig darauf, was der Vereinigung mit dem Herrn im Abendmahl
vorauszugehen hat (WCR 722). „Siehe, die Tage kommen, spricht der Herr Jehovah, da ich
einen Hunger ins Land senden werde, nicht einen Hunger nach Brot und keinen
Durst nach Wasser, sondern zu hören die Worte Jehovahs. Sie aber ziehen
umher, Jehovahs Worte zu suchen, und werden es nicht finden“ (Amos 8, 11 f).
Die Stelle erklärt sich selbst. Sie beschreibt einen Zustand, in dem der
Mensch keine Befriedigung bei der Erfüllung himmlischer Nutzwirkungen empfindet
und keine Kenntnis von der rechten Lebensführung besitzt (HG 8568; OE 71).
„Wie der Hirsch lechzt nach Wasserbächen, so lechzt meine Seele nach Dir, o
Gott“ (Ps. 42, 2). Der Hirsch ist eine sanfte, ungefährliche Kreatur, ähnlich
dem Vieh und den Ziegen, aber wild. Er muß daher irgendeiner sanften,
unschuldigen, aber natürlichen Neigung entsprechen. Sein Lechzen nach den Wasserbächen
bedeutet das Verlangen einer derartigen Neigung nach der Unterweisung vom
Herrn in der Wahrheit (HG 6413; OE 956). „Ihr Himmel, horchet auf, und ich werde reden; und meines
Mundes Sprüche höre die Erde! Wie Regen träufle meine Lehre, und mein Spruch
riesele wie der Tau. Wie Regenschauer auf junges Grün, wie Regengüsse auf das
Kraut“ (5. Mose 32, 1 f). Diese herrlichen Verse aus dem Munde des Propheten
sagen deutlich, daß des Herrn Lehre und Rede für die Seele wie Regen und Tau
sind. Wie der Regen den zarten Pflanzen sanfte, kühle Erfrischung bringt so
stärkt und ermuntert die Lehre des Herrn unsere wachsende Kenntnis selbst von
bescheidenen und einfachen Dingen (HG 3579; OE 644). „Denn wie der Platzregen
und der Schnee vom Himmel herabkommt und nicht wieder dahin zurückkehrt,
vielmehr die Erde netzt und sie hervorbringen und sprossen läßt, so daß sie Samen
gibt dem, der da sät, und Brot dem, der da ißt: so wird mein Wort sein, das
von meinem Munde ausgeht. Nicht kehrt es leer zu mir zurück, sondern tut das,
woran ich Lust habe, und läßt gelingen, wozu ich es gesandt“ (Jes. 55, 10 f).
Hier wird sehr deutlich, daß Regen und Schnee Bilder für die Wahrheit des
Herrn sind, die sanft auf das Gemüt des Menschen fällt, um es zu erfrischen
und zu befruchten. Als Regen kommt diese Wahrheit, wenn die Neigungen des
Menschen warm und bereit zur unmittelbaren Anwendung der Lehre des Herrn
sind, als Schnee, wenn sie mit kühlem, bloß intellektuellem Interesse aufgenommen
und dann solange unbenutzt liegen gelassen wird, bis eine Neigung für irgendein
gutes Werk sie nützlich werden läßt (OE 644; EO 496). Euer Vater in den Himmeln „läßt Seine Sonne aufgehen über
Böse und Gute und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte“ (Matth. 5, 45).
Die strahlende Sonne ist das Bild der göttlichen Liebe, der Regen ein Bild
der göttlichen Wahrheit, die beide unausgesetzt allen Menschen mitgeteilt
werden, selbst den undankbaren und bösen (OE 644; GV 173, 292; OE 401). Man denke auch an das, was über das Gelobte Land gesagt
wird, nämlich daß es „ein gutes Land, ein Land der Wasserbäche, der Quellen
und Tiefen, die im Tal und im Gebirge herauskommen“ sei (5. Mose 8, 7). „Denn
das Land, da du hin einkommst, es einzunehmen, ist nicht wie das Land
Ägypten, aus dem du ausgegangen bist, in das du deinen Samen sätest, und das
du mit deinem Fuße bewässertest wie einen Kohlgarten. Das Land, dahin ihr
übersetzet, es einzunehmen, ist ein Land der Berge und Täler; es trinkt
Wasser von des Himmels Regen“ (5. Mose 11, 10 f). Diese Verse erinnern an das
regenlose Land Ägypten, wo das Wasser mit Tretmühlen mühsam aus dem Fluß
emporgehoben und durch Kanäle auf die Felder geleitet werden mußte. Im
Gegensatz dazu steht das Gelobte Land mit seinen ergiebigen Quellen und erfrischenden
Regenschauern. Wir verstehen, daß uns hier der Unterschied zwischen dem durch
Ägypten dargestellten natürlichen und dem durch Kanaan dargestellten
geistigen Zustand inbezug auf ihre Aufnahme der Wahrheit für die täglichen Bedürfnisse
gezeigt wird. Im natürlichen Zustand blicken wir auf den zeitbedingten Strom
der öffentlichen Meinung und auf die Vorräte des Gedächtnisses, im geistigen
Zustand empfangen wir lebendige Belehrung vom Herrn; denn unsere Gemüter sind
in diesem Zustand offen für den Himmel und die Wahrheit des göttlichen Wortes
(OE 518, 644; HG 2702, 8278; vergl. Kapitel 38). Gewiß verstehen wir nun auch die geistige Bedeutung der
folgenden Worte des Herrn: „Und wer einen dieser Kleinen nur mit einem Becher
kalten Wassers tränkt in eines Jüngers Namen, wahrlich, ich sage euch, er
wird seinen Lohn nicht verlieren“ (Matth. 10, 42). Wir reichen jemandem einen
Becher kalten Wassers, wenn wir ihn belehren, ihn zu unschuldiger, kindlicher
Neigung ermutigen, oder wenn wir etwas von jener Wahrheit, die wir kennen, in
einer guten, wenn auch vielleicht unbedeutenden Tat verkörpern. Wir tun es im
Namen eines Jüngers, wenn wir die Wahrheit nicht als unsere eigene Weisheit
weiterreichen, sondern als etwas, das wir selbst vom Herrn empfangen haben
(GV 230; OE 624, 695). Wie wir unsere Gedanken über das natürliche Wasser zu dem
geistigen Wasser der schlichten Wahrheit des Lebens mit seinen entsprechenden
Nutzwirkungen erheben, kommt uns vor allem jene Stelle in den Sinn, die uns
den Herrn am Jakobsbrunnen zeigt und seine Worte an die Frau von Samaria
überliefert: „Jeden, der von diesem Wasser da trinkt, wird wieder
dürsten. Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, den wird
nicht mehr dürsten in Ewigkeit; sondern das Wasser, das ich ihm geben werde,
wird in ihm eine Quelle Wassers werden, das ins ewige Leben quillt“ (Joh. 4,
13 f; HS 2; HG 2702, 3424, 8568). Denken wir auch an den Strom des Lebenswassers,
der in der Offenbarung des Johannes beschrieben wird: „Und er zeigte mir
einen lauteren Strom von Lebenswasser, glänzend wie Kristall, ausgehend vom
Throne Gottes und des Lammes“ (Offb. 22, 1; EO 932; OE 1335, 2702). „Die Erde
wird voll sein der Kenntnis des Herrn, wie die Wasser das Meer bedecken“
(Jes. 9, 9; OE 275; HG 28, 9755). Viele ähnliche Stellen machen uns mit der Tatsache
vertraut, daß das Wasser ein Symbol für die Wahrheit dessen darstellt, was
richtig und weise ist. Im besten Sinne ist das Wasser das Symbol für jene
Wahrheit, die wir vom Herrn aus seinem Wort empfangen, jedoch in ihrer
einfachen, natürlichen Form, anwendbar auf das Alltagsleben. Was sonst
könnten jene Wasser bedeuten, von denen der Psalmsänger spricht: „Wäre
Jehovah nicht mit uns, als der Mensch wider uns aufstand, dann hätten sie uns
lebendig verschlungen, als ihr Zorn wider uns entbrannte. Dann hätten uns die
Wasser überflutet; der Bach wäre über unsere Seele hinweggegangen. Dann wären
die übermütigen Wasser über unsere Seele hingegangen“ (Ps. 124, 2—5). Hier
ist die Rede von Lehren, die falsch und von Gedanken, die unwahr sind und gegen
die wir uns nur mit der Hilfe des Herrn schützen können (OE 518; EO 409).
Ganz ähnlich ist die Bedeutung, wenn wir lesen: „Und der Platzregen kam herab
und die Ströme kamen und die Winde wehten und stießen wider das Haus“, das
auf den Felsen bzw. auf den Sand gebaut war (Matth. 7, 24—27; OE 518, 419; EO
409). Wir erkennen, welcher geistige Zustand der Welt an folgender Stelle des
Buches der Schöpfung beschrieben wird: „Und vierzig Tage und vierzig Nächte
war der Regen auf der Erde... Und es wurden mächtig die Wasser und mehrten
sich sehr auf der Erde... Und alles Fleisch verschied, das auf Erden kriecht“
(1. Mose 7, 12—24). Es handelt sich hier im inneren Sinn um eine Zeit bzw.
einen Zustand, da tödliche Falschheiten dominieren und den Menschen so sehr
vom Licht des Himmels abschneiden, daß nahezu alles geistige Leben ertrinkt
(HG 660 f, 705; OE 633, 793). Unsere Leser werden nun auch ohne weiteres verstehen,
welches die beiden Gefahren sind, in die uns das Böse bringt und von denen
uns der Herr rettet, wie es unter dem Bilde des Feuers und des Wassers in den
folgenden Stellen geschildert wird: „Herr, erbarme dich meines Sohnes; denn er ist mondsüchtig
und hat ein böses Leiden: denn oft fällt er ins Feuer und oft ins Wasser“
(Matth. 17, 15). „Wenn du durch‘s Wasser hindurch
gehst, will ich bei dir sein, und durch die Flüsse, so werden sie dich nicht
überfluten. So du durch‘s Feuer gehst, sollst du
nicht versengt werden, noch soll die Flamme an dir brennen“ (Jes. 43, 2; HG
739; OE 405, 518). Der Leser wird ohne Schwierigkeit zahlreiche weitere Bibelstellen
auffinden, die vom Wasser in seinen verschiedenen Formen handeln, und anhand
der dargelegten Prinzipien auf ihre geistige Bedeutung schließen können. Dasselbe Wasser, das die Ströme und Seen bildet, läßt auch
die Wolken des Himmels entstehen. Zuweilen sind diese Wolken so dunkel, daß
sie den Sonnenschein vollkommen ausschließen, zu anderen Zeiten sind sie wie
schneeweiße Türme, die das Licht vervielfachen. Am Morgen und am Abend
reflektieren sie die Sonnenstrahlen und erglühen in den herrlichsten Farben
von Rot und Gold. Die Wolken sind die Quelle des Regens, und sie mäßigen für
uns die Hitze und das blendende Licht der Sonne. Wir haben bereits gelesen: „Ihr Himmel, horchet auf, und
ich werde reden; und meines Mundes Sprüche höre die Erde! Wie Regen träufle
meine Lehre, und mein Spruch riesele wie der Tau. Wie Regenschauer auf junges
Grün, wie Regengüsse auf das Kraut“ (5. Mose 32, 1 f). „Denn wie der
Platzregen und der Schnee vom Himmel herabkommt und nicht wieder dahin
zurückkehrt, vielmehr die Erde netzt und sie hervorbringen und sprossen läßt,
so daß sie Samen gibt dem, der da sät, und Brot dem, der da ißt: so wird mein
Wort sein, das von meinem Munde ausgeht. Nicht kehrt es leer zu mir zurück,
sondern tut das, woran ich Lust habe, und läßt gelingen, wozu ich es gesandt“
(Jes. 55, 10 f). Wasser auf der Erde ist wie Wahrheit über das irdische
Leben, Wasser am Himmel wie Wahrheit über den Herrn und den Himmel, sowie
über unsere eigenen Gedanken und Empfindungen, die den Himmel unserer kleinen
Welt bilden. Die Wahrheiten über den Herrn und den Himmel, ebenso wie die
allgemeinen Lebensgrundsätze, die im Buchstaben des Wortes zu uns gelangen,
sind wie Wolken. Und diese Wolken kommen als Regen herab, wenn wir die Wahrheiten
empfangen und auf unser Leben in dieser Welt anwenden. „Singet Jehovah zu mit
Bekennen, singet Psalmen unserem Gott zur Harfe! Die Himmel bedeckt er mit
dichten Wolken, Regen bereitet Er der Erde und läßt auf den Bergen Gras sprossen“
(Ps. 147, 7 f). Dies ist ein Ausdruck der Dankbarkeit gegenüber dem Herrn,
der in seiner Güte göttliche und himmlische Wahrheiten im Buchstaben seines
Wortes offenbart hat, und zwar in so einfachen Formen, daß wir sie empfangen
und auf unser Leben in der Welt anwenden können. Das Gras, das auf den Bergen
wächst, bedeutet ein Verständnis demütiger Art, das uns verliehen wird, je
wie wir zu einem reinen und edlen Leben aufsteigen (OE 405, 594, 507, 650). Der Buchstabe des Göttlichen Wortes entspricht in seinem
Nutzen dem der Wolken, die uns vor der Hitze und blendenden Helligkeit der
Sonne schützen. Anders ausgedrückt: Die einfachen Wahrheiten des Wortes über
den Himmel und den Herrn sind ein solcher Schutz vor der Hitze unserer bösen
Leidenschaften, wie es offensichtlich in den Worten des Propheten zum
Ausdruck kommt: „Denn zur Festung wurdest Du dem Armen, zur Festung dem
Dürftigen in seiner Drangsal, zum Verlaß vor der Überschwemmung, ein Schatten
vor der Gluthitze... Wie Gluthitze in der Dürre beugst Du das Tosen der Fremden,
die Gluthitze durch den Schatten dichter Wolken“ (Jes.25, 4 f; OE 481; EO
382). Aber noch in einer anderen Weise sind die einfachen
Wahrheiten des Wortes über den Himmel und den Herrn wie schützende Wolken,
die zwar die Hitze und das Licht der Sonne zu uns durchlassen, aber angepaßt
an unsere schwachen Augen. Die einfachen Wahrheiten enthüllen die
Herrlichkeit des Herrn nicht in ihrem unendlichen Glanz, sondern in einer gemäßigten
Weise, die uns angemessen ist. Zuweilen sind sie auch so dunkel, daß sie den
Herrn und den Himmel, die hinter ihnen stehen, verdecken. Der Herr redete zu
seinen Jüngern so, wie sie es verstehen konnten, und seine Gleichnisse und
einfachen Vorschriften sind wie eine Wolke, die seine Göttliche Liebe und
Weisheit zugleich enthüllen und verbergen (HG 10431; EO 24, 642; OE 594). Im Zusammenhang mit der Verkündung der Zehn Gebote für die
Kinder Israel vom Berge Sinai lesen wir: „Und es geschah am dritten Tag, als
es Morgen ward, daß da waren Stimmen und Blitze und eine schwere Wolke auf
dem Berge und eine sehr starke Stimme der Posaune, sodaß das ganze Volk, das
im Lager war, erzitterte“ (2. Mose 19, 16). Was sagt uns dieses Bild der
schweren Wolke über die Aufgeschlossenheit der Kinder Israel für den Herrn
und über die Fähigkeit, Seine Wahrheit zu empfangen: Es zeigt, daß ihre
Kenntnis Gottes sehr dunkel war und Seine Wahrheit nur in Gestalt strenger,
wörtlicher Gebote empfangen werden konnte, welche Furcht verursachten und die
zärtliche Liebe des Herrn vollständig vor ihnen verbargen (HG 8814; OE 594).
Denken wir auch daran, daß bei der Wanderung des Volkes „Jehovah vor ihnen
herging, bei Tag in einer Wolkensäule, um sie den Weg zu führen, und bei
Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, auf daß sie bei Tag und bei
Nacht gehen könnten“ (2. Mose 13, 21). Die Wolke und das Feuer
repräsentierten die Gegenwart des Herrn in seiner Weisheit und in seiner Liebe,
freilich nur dunkel wahrgenommen. So ist die Wahrheit, die wir aus dem Buchstaben
des Wortes empfangen, wie eine Wolke, eine Wolke, die trotz ihrer Dunkelheit
unsere finsteren Seelen-Zustände erleuchtet und uns auf dem Weg zum Himmel
begleitet (HG 8106; OE 594). Wir lesen im Evangelium, daß die Apostel „außer sich waren
vor Furcht“, als sie die Herrlichkeit des Herrn auf dem Berge der Verklärung
erblickten. „Und es ward eine Wolke, die überschattete sie, und aus der Wolke
kam eine Stimme, die sprach: Dies ist mein geliebter Sohn, den höret! Und
plötzlich, da sie um sich blickten, sahen sie niemand mehr, sondern allein,
Jesus bei ihnen“ (Mark. 9, 7 f). Des Herrn Antlitz, das wie die Sonne
leuchtete, und seine Kleider, die weiß waren wie das Licht, offenbarten etwas
von der Herrlichkeit seiner göttlichen Liebe und Weisheit, mehr als die
Jünger ertragen konnten. Die Wolke — bei Matthäus wird von einer „lichten
Wolke“ gesprochen — stellt die einfachen Formen der Wahrheit dar, in denen
der Herr Seine Liebe und Weisheit ihrem schwachen Verständnis anpaßte (HG
8106; OE 64, 594; HS 48). In der Offenbarung lesen wir: „Und ich sah einen
anderen starken Engel aus dem Himmel herabsteigen, mit einer Wolke
umkleidet... Und sein Angesicht war wie die Sonne“ (Offb. 10, 1). Es war der
Herr, der so in der Gestalt eines Engels erschien, und die Wolke bildet jene
Mittel vor, die er anwendet, um seine göttliche Gegenwart den Menschen anzupassen,
besonders den Buchstaben seines Wortes (EO 466; OE 594). „Segnet Jehovah, meine Seele... Er setzt dichte Wolken zu
seinem Wagen“ (Ps. 104, 1. 3). Der Herr benutzt solche einfachen Wahrheiten
über sich selbst und den Himmel, wie wir sie verstehen können, als Mittel zu
dem Zweck, mit seinem Segen in unsere Herzen und in unser Leben einzutreten.
„Und ich sah, und siehe, eine weiße Wolke, und auf der Wolke saß einer, der
dem Menschensohne glich“ (Offb. 14, 14). Und wiederum: „Siehe, Jehovah fährt
daher auf leichter Wolke“ (Jes. 19, 1). Solche Texte sagen uns, daß der Herr
selbst zu uns kommt in den einfachen, buchstäblichen Wahrheiten seines Wortes
(OE 36, 594; EO 24). Nun bedarf es keiner großen Erklärungen mehr, um die
Bedeutung jener Weissagung des Herrn zu verstehen: „Dann werden sie des
Menschen Sohn kommen sehen auf den Wolken des Himmels mit Kraft und großer
Herrlichkeit“ (Matth. 24, 30; 26, 64). Oder auch die folgenden Worte der
Offenbarung: „Siehe, Er kommt mit den Wolken, und jedes Auge wird Ihn sehen“
(Offb. 1, 7). Die Wolken sind jene Wahrheiten des Buchstabens des Wortes, die
dem Menschen den Herrn nahebringen, wenn auch meist nur sehr dunkel. Diese
Wolken werden geöffnet, je wie der geistige Sinn des Wortes geoffenbart wird,
der uns überall in wahrer und in vollständiger Weise über den Herrn belehrt.
(HG 4060, 10574; HS 112; WCR 271; EK 171). In einem herrlichen Kapitel, in dem das Kommen des Herrn
vor ausgesagt wird, lesen wir: „Mache dich auf, werde Licht; denn dein Licht
kommt... Und Völkerschaften werden zu deinem Lichte wandeln... Wer sind die,
die daher wie eine dichte Wolke fliegen, und wie Tauben zu ihren Fenstern?
Denn auf Mich hoffen die Inseln und zuerst die Schiffe von Tarschisch, zu bringen deine Söhne von ferne...“ (Jes.
60, 1—9). Das natürliche Bild dieser Verse zeigt die Flotte weißer Segel, die
das Volk aus weiter Ferne herbeibringt, um dem Herrn zu dienen. Im geistigen
Sinne sind die entfernt wohnenden Völker jene, die sich in unwissenden und
heidnischen Zuständen befinden, wie viele zur Zeit der ersten Ankunft des
Herrn und auch viele in unseren Tagen, die Ihm aber gerne zuhören. Sie werden
mit den Tauben und mit einer Wolke verglichen. Was bedeutete das? Nun, sie
sind wie Tauben, die zu ihren Fenstern fliegen, wegen ihrer zarten
Herzens-Unschuld, die sich dem Herrn als ihrer Wohnung zuwenden, und sie sind
wie eine Wolke, weil sie Seine Wahrheit über das himmlische Leben annehmen,
wenn auch nur in jenen dunklen und einfachen Formen, die ihrem natürlichen
Zustand angemessen sind (PP; OE 406, 282). „Und Gott sprach: Meinen Bogen gebe ich in die Wolke, und
er soll sein zum Zeichen des Bundes zwischen mir und der Erde. Und es wird
geschehen, wenn ich Wolken zusammenhäufe über der Erde, und der Bogen in den
Wolken gesehen wird, so will ich gedenken meines Bundes zwischen Mir und euch
und zwischen aller lebendigen Seele in allem Fleisch; und die Wasser sollen
nicht mehr zur Flut werden, alles Fleisch zu verderben“ (1. Mose 9, 12—15).
Der Regenbogen mit seinen herrlichen Farben bildet sich, wenn das Sonnenlicht
durch fallenden Regen dringt und zeigt sich gewöhnlich auf dem dunkeln Hintergrund
der Wolken. Die Wolken unseres Gedanken-Himmels sind die obskuren Wahrheiten,
die wir vom Herrn und vom Himmel haben und die teils bloße Scheinbarkeiten,
teils sogar Falschheiten sind. Es gibt viele solcher Wolken im Inneren von
uns allen. Aber wenn wir uns bemühen, gerecht zu handeln, so macht der Herr
aus unseren unklaren, unvollkommenen Gedanken Werkzeuge, die uns zu einem
Gefühl seiner Gegenwart verhelfen und uns seine Liebe und Weisheit
offenbaren, zwar nicht in ihrer Fülle und Vollkommenheit, aber doch in
solchen abgewandelten Formen, deren wir uns erfreuen können. Dies ist der Regenbogen
in der Wolke. Wenn unsere Kenntnis himmlischer Dinge so dazu dient, uns mit
dem Herrn zu vereinen, werden deren Unklarheit und Fehlerhaftigkeit unser
geistiges Leben nicht länger gefährden (HG 1042—1051; EO 466; OE 595, 269).
Dies führt uns zu einem anderen schönen Gedanken im Zusammenhang mit jenen
Erscheinungen des Herrn auf den Wolken, wo hinzugefügt wird, daß ein Regenbogen
um Sein Haupt oder um Seinen Thron sichtbar wurde. Die Wolke bildet die
natürliche Wahrheit vor, in der der Herr dem Menschen angepaßt erscheint. Der
Regenbogen aber ist das Zeichen, daß seine Liebe und Weisheit die Menschen
durch diese einfache Wahrheit erreichen und sie mit ihm verbinden (Offb. 4,
3; 10, 1; Ez. 1, 28). Wir sind diesem Gegenstand schon einmal sehr nahegekommen,
als wir über Wärme und Licht sprachen (Kapitel 3 und 4). Wärme und Licht
stammen beide von der Sonne. Deren enorme Masse ist von einem solchen
feurigen Zustand, daß ihre Wärme für die ganze Planeten-Familie ausreicht und
zugleich der Ursprung blendenden Lichtes ist. Der Mond dagegen hat nichts,
was er von sich selber geben könnte, er reflektiert nur ein kühles,
weißliches Licht und ein äußerst geringes Quantum Wärme von der Sonne. Auch
die Sterne spenden uns Licht, wenngleich sehr wenig. Selbst der hellste von
ihnen bleibt in unseren stärksten Teleskopen punktförmig, nur ein Licht Bündel,
gerade genug, um daraus auf eine Sonne zu schließen. Die Fixsterne sind
bekanntlich weit entfernte Sonnen, während die Planeten wie kleine Monde das
Licht unserer eigenen Sonne widerspiegeln. Denken wir daran, was wir über das
Wesen der geistigen Wärme und des geistigen Lichts gesagt haben. Das Herz
wird uns warm durch liebevolle Neigung und das Gemüt erleuchtet durch
Einsichten. Wir sind nicht die Urheber dieser Segnungen, vielmehr werden sie
uns vom Herrn gegeben, der etwas von Seiner Liebe und Weisheit mit uns teilt.
Wenn unsere Herzen offenstehen, um reine Neigungen vom Herrn zu empfangen,
wenn sich unser Inneres jener klaren Wahrnehmung erfreut, welche die reine
Neigung mit sich bringt, so stehen wir im himmlischen Sonnenschein. Die
himmlischen Engel sind den reinsten Neigungen vom Herrn aufgeschlossen und
erfreuen sich einer Weisheit, welche diese Neigung mit sich bringt. Und wie
alle Dinge im Himmel in Entsprechung mit dem inwendigen Zustand seiner
Bewohner erscheinen, so sehen die himmlischen Engel den Herrn als eine glühende
Sonne (HH 118; HG 1529—1531). Welcher Gemütszustand gleicht nun dem Mondlicht? Ein
Zustand geringerer Offenheit für die einfließende Neigung vom Herrn, mithin
geringerer Wahrnehmung, da das Licht der Wahrheit von denen, die es überhaupt
sehen, auf eine kühle, intellektuelle Weise, doch mit Verständnis aufgenommen
wird. Dies ist die Wesensart der geistigen Engel, denen der Herr als Mond
erscheint (HH 118; OE 401). Das Sternenlicht ist ein Bild für den Zustand des Gemüts im
niedrigsten Grade des geistigen Lichts. Ein solches Gemüt empfängt nur wenig
von der Liebe oder Weisheit des Herrn, wird aber getröstet, und geführt durch
die Kenntnis dieser Dinge, die es gelernt hat und deren es sich mit geringem
Verständnis erinnert. Von solcher Art sind die Engel im sogenannten
natürlich-geistigen Himmel, wie auch viele in der Welt der Geister, die von
himmlischen Gesellschaften in Zustände größerer Liebe und größeren Lichts eingeführt
werden. Wir hören in den Lehren, daß die Engelsgesellschaften den Geistern
unterhalb der Himmel oftmals wie Sterne am Firmament erscheinen (WCR 160; EO
65; HG 5377, 7988). Fassen wir zusammen: Die Sonne ist ein Ausdruck jener Liebe
des Herrn, die Engeln und Menschen gute Neigungen mitteilt, verbunden mit der
klaren Wahrnehmung, die mit guten Neigungen Hand in Hand geht (EO 53, OE 401;
GLW 98; HG 5704). Der Mond ist ein Symbol für das Verständnis, das der Mensch
aufgrund der Belehrung empfängt, in Gemütern, die wenig von der Wahrnehmung
der Liebe verspüren (EO 413 f; OE 401; HG 4696). Die Sterne entsprechen den
Kenntnissen der Güte und Wahrheit (EO 51; OE 72, 401; HG 1808, 4697). Verstehen wir nun, warum der Herr „Sonne und Schild“
genannt wird (Ps. 134, 11), und warum gesagt wird, „euch aber, die ihr meinen
Namen fürchtet, wird aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit, und Heilung wird
sein unter ihren Flügeln“ (Mal. 4, 2)? Welche göttliche Eigenschaft wird
hervorgehoben, wenn der Herr eine Sonne genannt wird? Seine Göttliche Liebe
(OE 401, 279, 283). „Es sprach der Gott Israels zu mir, es redete der Fels
Israels von Einem, der herrschen wird über die Menschen, von einem Gerechten,
der herrschen wird in der Furcht Gottes. Und er ist wie das Licht des
Morgens, da die Sonne aufgeht, des Morgens ohne Wolken. Vom Glanze, vom Regen
entspringt das junge Grün aus der Erde“ (2. Sam. 23, 3 f). Dies bezieht sich
klar auf den Herrn und Sein Kommen, auf die klare Wahrnehmung seiner liebenden
Gegenwart, wenn seine Wahrheit, wenn auch noch so dunkel verstanden,
aufgenommen und im Leben angewendet worden ist (OE 401, 422, 644). Wird einem
dieser Gedanke nicht den Glanz der Morgensonne auf den Tautropfen des Grases
noch herrlicher erscheinen lassen? An anderen Stellen lesen wir, daß der Herr wie eine Sonne
erschien. Als er vor seinen Jüngern verklärt wurde, „leuchtete sein Antlitz
wie die Sonne und seine Kleider weiß wie das Licht“ (Matth. 17, 2). Wie Johannes
in der Offenbarung schildert, „war sein Antlitz: wie die Sonne leuchtet in
ihrer Kraft“ (Offb. 1, 16; 10, 1). Welche göttliche Eigenschaft offenbart
dieses Leuchten als Sonne? Die Göttliche Liebe (HG 32, 3195; OE 74, 596, 401;
EO 53, 4670. In der Schöpfungsgeschichte heißt es: ,, Und Gott machte
die beiden großen Lichter, das größere Licht um am Tag zu herrschen, und das
kleinere, um bei Nacht zu herrschen; und Er machte die Sterne gleichfalls“
(1. Mose 1, 16). Wir denken an jene Stelle beim Ablauf der Schöpfung auf
Erden, als sich die schweren Dämpfe zum ersten Male teilten und den Himmel
mit Sonne, Mond und Sternen freigaben. Dies illustriert das Geschenk Gottes
an die Menschen, Seine Liebe empfinden und Einsicht von ihm empfangen zu können,
zugleich mit der Kenntnis des Guten und Wahren (HG 32, 3235; EO 414; OE 527).
Im Psalm wird vom Herrn als von dem gesprochen „der die großen Lichter gemacht...
Die Sonne, um am Tag zu herrschen... Den Mond, um des nachts zu herrschen“
(Ps. 136, 7—9; Jer. 31, 35). Es gibt klarere Zustände, wo wir die Güte des
Herrn empfinden und das Gute lieben, und dunklere Zeiten, wo wir uns durch
unseren Verstand und unser Wissen, von dem was wahr und gut ist, leiten
lassen müssen. Dies sind Mond und Sterne, um des Nachts zu herrschen (HG 37,
4697; 0E275, 401, 527). Denken wir auch daran, daß es ein Stern war, der die Magier
zum Herrn führte (Matth. 2, 1—10). Welchen Stern haben wir, daß er uns zu Ihm
führe? Unser Wissen über das, was gut und wahr ist. Die weisen Männer aus dem
Osten bewahrten viel altes Wissen, besonders das Wissen darum, daß der Herr
kommen sollte. Dies im besonderen war es, was der Stern vorbildete (OE 422;
HS 23; WCR 205). Und welche göttliche Eigenschaft offenbaren die folgenden
Worte, welche die Erscheinung des Herrn vor Johannes beschreiben: „Und in
Seiner rechten Hand hatte Er sieben Sterne“ (Offb. 1, 16)? Sie bedeuten, daß
Er alle Kenntnisse des Guten und Wahren besitzt, die Er Seiner Kirche gewährte
insbesondere aber den Engeln des Himmels, die mit Seiner Kirche auf Erden verbunden
sind. „Die sieben Sterne sind die Engel der sieben Gemeinden“ (EO 51, 65; OE
72, 90). Wir sehen nun deutlicher als zuvor, weshalb die
Herausführung des Sternenheeres in seiner wunderbaren Ordnung für die Weisen
des Altertums ein Zeichen Seiner unendlichen Weisheit war. „Er gebietet der
Sonne, so geht sie nicht auf, und legt die Sterne unter Siegel... Er hat das
Bärengestirn und den Orion geschaffen, das Siebengestirn und die Kammern
(d.h. die Sternbilder) des Südens“ (Hiob 9, 7. 9; 38, 7; HG 9643; OE 502).
„Der Sterne Zahl berechnet Er, sie alle nennt Er mit Namen. Groß ist unser
Herr und hat viel Kraft, und unermeßlich ist Seine Einsicht“ (Ps. 147, 4 f).
Das Berechnen der Zahl der Sterne und das Benennen derselben bedeutet hier
die Kenntnis alles Guten und Wahren und seine Anordnung im Himmel und in der
Kirche nach ihren Eigenschaften (OE 453, 72; HG 10217; PP). So auch bei
Jesaja: „Erhebet eure Augen in die Höhe und schauet: Wer schuf dies? Er, der
ihr Heer heraus- bringt nach der Zahl, sie alle mit Namen nennt; aus der
Menge seiner Vollkräftigen, rüstig an Kraft, darf keiner fehlen. Warum
sprichst du, Jakob, und redest du, Israel: Mein Weg ist vor Jehovah
verborgen, und vorüber ist mein Gericht vor meinem Gott gegangen? Weißt du
nicht, hast du nicht gehört, daß ein Gott der Ewigkeit Jehovah ist, der der
Erde Enden geschaffen hat, der nicht matt noch müde wird, daß kein Ergründen
Seiner Einsicht ist“ (Jes. 40, 26—28). Dieses Bild von der Sorge des Herrn
für alles, was zur Liebe und Einsicht gehört und für alle Kenntnisse des
Guten und Wahren, wie Er sie herausführt, und ihre Anordnung im Himmel wie im
Leben der Wiedergeburt, spricht für sich selbst (OE 453. 148; HG 10217). In einer Prophezeiung auf das Reich des Herrn heißt es:
„Und das Licht des Mondes wird wie das Licht der Sonne sein, und das Licht
der Sonne siebenfach, wie das Licht von sieben Tagen“ (Jes. 30, 26). Erkennen
wir darin nicht die Zusage eines Fortschreitens von einer dunklen und bloß
intellektuellen Aufnahme des Herrn zu einem Zustand völliger und liebender Aufnahme?
Und denen, die seine Liebe bereits kennen, wird ein volles und vollständiges
Gefühl dafür gegeben werden (OE 401; WCR 641; EO 53; ebenso GLW 233; HH 159). In der Offenbarung wird die Kirche beschrieben als „ein Weib,
bekleidet mit der Sonne, zu ihren Füßen der Mond und auf ihrem Haupt eine
Krone von zwölf Sternen“ (12. 1). Welche Eigenschaften der Kirche werden
durch Sonne, Mond und Sterne dargestellt? Die Antwort lautet: ihre Liebe, die
sie vom Herrn empfängt, ihr Verständnis und ihre Kenntnisse von der Güte und
Wahrheit (EO 533 f; OE 707—709). Wir erinnern uns an die Worte des Herrn, als
er das Gleichnis vom Unkraut erklärte: „Dann werden die Gerechten leuchten
wie die Sonne in ihres Vaters Reich“ (Matth. 13, 43). Es ist die Liebe, die
das Leben der Engel durchdringt, welche mit diesen Worten so schön
beschrieben wird; und wie wir erfahren, läßt sie ihr Antlitz tatsächlich
leuchten (OE 401; HH 348; HG 9263). Bei Daniel lesen wir: „Die Lehrer aber
werden leuchten wie des Himmels Glanz, und die, welche viele zur
Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich“ (12, 3). Der erste
Teil dieses Satzes bezieht sich auf jene, die das klare Licht des Verstandes
haben, der zweite auf diejenigen, die aus Liebe leuchten, aber in einem etwas
herabgeminderten und bescheideneren Maß, da sie den Sternen verglichen werden
(HH 346-348; EO 51; OE 72; HG 9263). „Sein Same soll ewig sein und sein Stuhl vor mir wie die
Sonne; wie der Mond soll er ewig erhalten bleiben, und gleich wie der Zeuge
in den Wolken gewiß sein“ (Ps. 89,36 f). „Man wird dich fürchten, solang die
Sonne und der Mond währt, von Kind zu Kindeskindern“ (Ps. 72, 5). Diese Worte
scheinen tatsächlich nur von Davids Königreich zu handeln, aber wahr sind sie
doch nur inbezug auf das Königreich des Herrn, das durch Davids Reich
vorgebildet wurde. Diese Verse bedeuten mehr als daß das Reich des Herrn
immer und ewig dauern werde. Tatsächlich verkünden sie, daß überall dort, wo
liebevolle Zuneigung und Verständnis herrschen, sein Königreich besteht und
man ihm Ehrfurcht entgegenbringt (EO 53; OE401, 594; HG 337). „Lobet den Herrn... lobet Ihn, Sonne und Mond; lobet Ihn
all ihr Sterne des Lichts“ (Ps. 148, 1. 3). Ein Appell an alles, was der
guten Neigung und dem Verständnis und der Kenntnis himmlischer Dinge in uns
angehört und dem Herrn dient (OE 401, 573; HG 7988). Wir sind nun auch imstande, die Bedeutung der Verheißung
des Herrn über die Tage Seiner Zweiten Ankunft zu verstehen: „Die Sonne wird
verfinstert werden, und der Mond seinen Schein nicht mehr geben, und die
Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte der Himmel werden erschüttert
werden“ (Matth. 24, 29; man sehe auch Joel2, 10; 3, 15, sowie Offb. 6, 12 f).
Alle derartigen Verse beschreiben einen Zustand des menschlichen Gemüts,
einen Zustand, in dem es keinerlei Liebe mehr für den Herrn und auch keine
Empfindung mehr für die Liebe des Herrn zu ihm selbst hat, einen Zustand, in
dem alles geistige Verständnis, ja sogar die bloßen Kenntnisse des Guten und
Wahren verloren gegangen sind (OE 401-403; OE 332-334, 27; HH 1, 119; WCR
198; HS 14; HG 1808, 2441, 2495). Sonne, Mond und Sterne waren für den Menschen des Altertums
Symbole der Liebe des Herrn, des Verständnisses vom Herrn und der Kenntnis
des Guten und Wahren; ihnen wandten sie sich in ihren Gottesdiensten zu, bei
ihrem Anblick gedachten sie des Herrn, den sie darstellten. Später aber, als
die Liebe und Erleuchtung vom Herrn ihnen nicht mehr so deutlich war, wurde
die Verehrung der Gestirne ein Ausdruck ihrer überbordenden Selbstliebe und
Wertschätzung ihrer eigenen Einsicht und Kenntnis. Ein solcher Gottesdienst
wurde daher mit äußerster Strenge verboten und verdammt. „Wenn unter euch
gefunden werden. .. Mann oder Frau, die. . . hingehen und anderen Göttern dienen
und sie anbeten, es sei Sonne oder Mond oder irgendetwas, was zum Heer des
Himmels gehört, was ich nicht geboten habe... sollst du sie zu Tode
steinigen“ (5. Mose 17, 2- 5; 2. Kön. 23, 41; HG 2441; OE 401; EO 53; HH
122). Wir erkennen unschwer, ob die Sonne im Gleichnis des Herrn
vom Sämann eine gute oder böse Bedeutung hat, wenn wir lesen: „Einiges fiel
auf das Steinige... Als aber die Sonne aufstieg, verwelkte es“ (Matth. 13, 5
f). Es handelt sich eindeutig um die Selbstliebe und ihre Erregung, welche
die Worte des Herrn versengen, die im Gemüt des Menschen zu wachsen beginnen
(OE 401). Ebenso klar ist uns die Bedeutung der bekannten Worte: „Die Sonne
soll dich nicht stechen des Tages, noch der Mond bei Nacht. Der Herr wird
dich vor allem Bösen bewahren; er wird deine Seele behüten“ (Ps. 121, 6 f).
Es handelt sich hier um eine Verheißung des göttlichen Schutzes vor den
Erregungen selbstischer Liebe und eigener Einsicht, die uns in die Irre führen
(OE 298, 401). Wir lesen über das Reich des Herrn, d.h. über den Zustand, da
die Selbstliebe und das eigene Verständnis zur Seite gestellt sind und der
Mensch an ihrer Stelle die gute Liebe und das wahre Verständnis vom Herrn
angenommen hat: „Die Sonne soll nicht mehr des Tages dir scheinen und der
Glanz des Mondes dir nicht leuchten; sondern der Herr wird dein ewiges Licht,
und dein Gott wird dein Preis sein. Deine Sonne wird nicht mehr untergehen,
noch dein Mond den Schein verlieren; denn der Herr wird dein ewiges Licht
sein, und die Tage deines Leidens sollen ein Ende haben“ (Jes. 60, 19 f; OE
401; EO 919; HG 3195, 3693). „Und die Stadt bedarf nicht der Sonne noch des
Mondes, um in ihr zu scheinen; denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie,
und das Lamm ist sein Licht“ (Offb. 21, 23; EO 919; OE 1328, 401). Die vier Himmelsrichtungen, Norden, Süden, Osten und Westen
werden oft in der Bibel erwähnt, und zuweilen auf eine Weise, die auf eine
wichtige geistige Bedeutung schließen läßt. Man denke etwa, wie wichtig die
vier Ecken bei der Anordnung der Stiftshütte sind, bei der Marschordnung und
beim Lager der Israeliten, bei den Beschreibungen des Landes Kanaan und bei
der Beschreibung der Heiligen Stadt (HG 3708). Bei vielen alten Völkern
wurden die Windrichtungen bei ihren religiösen Zeremonien sehr ernst genommen.
Den Osten hielten sie für besonders heilig, und sie wandten sich bei ihrem
Gottesdienst in jene Richtung. Ein Überrest dieses alten Brauches besteht
immer noch in der Sitte, Kirchen so zu bauen, daß die Gottesdienst-Teilnehmer
nach Osten blicken (GLW 123; HG 9642). Die Zuordnung geistiger Eigenschaften zu den vier
Himmelsrichtungen, wie auch die Kenntnis der Bedeutung aller anderen
natürlichen Dinge, reicht in die Tage zurück, als die Menschen häufige
Verbindung mit Engeln hatten und im Himmel die Beziehung aller äußeren Dinge
zu den Zuständen des menschlichen Lebens erfuhren. Im Himmel richten sich
alle Wünsche und Gedanken der Engel auf den Herrn; sie behalten Ihn und
Seinen Willen bei allem, was sie tun, im Auge. Und wie alle äußeren Dinge,
welche die Engel umgeben, ein Ausdruck dessen sind, was in ihnen ist, so
sehen sie, wenn sie aufblicken, den Herrn vor Augen, umgeben von der
Herrlichkeit der himmlischen Sonne. Er erscheint vor ihnen auf mittlerer
Höhe, und wo Er gesehen wird, da ist für die Engel Osten. Auch die Menschen
richten ihre Gedanken und Neigungen beim Gottesdienst auf den Herrn, und die
weisen Menschen des Altertums empfanden Freude dabei, wenn sie gleichzeitig
ihr Antlitz nach Osten wandten, wo die aufgehende Sonne sie an den Herrn
erinnerte, der den Engeln immer gegenwärtig ist (HH 141—153; GLW 119 —123; OE
422; HG 3708). Im Himmel ist also Osten, wo der Herr als himmlische Sonne
den Engeln erscheint; daher liegt der Westen in ihrem Rücken, der Süden zu
ihrer Rechten und der Norden zu ihrer Linken. Sie verbinden auch mit den
verschiedenen Himmelsrichtungen ganz bestimmte Zustände und Eigenschaften;
denn Wesen von verschiedenem Charakter wohnen, je nach ihrer Beziehung zum
Herrn, in den vier „Quartieren“ des Himmels. Im Osten sind jene, die dem
Herrn am nächsten stehen und Seiner Liebe am weitesten offenstehen; zu ihnen
gehören die Engel, die sich im Himmel um die kleinen Kinder kümmern. Im
Westen wohnen diejenigen, die etwas weiter entfernt vom Herrn sind, das heißt
die seine Liebe auf eine etwas äußerlichere Art aufnehmen. Den Süden bewohnen
jene, deren Einsichten dem hellen Licht entsprechen, und den Norden jene, die
das Licht der Einsicht weniger deutlich empfangen (HH 148—150, 332; OE 417,
422; EO 901; EL 3,132). Auch in dieser Welt meinen wir, wenn wir von den
verschiedenen Himmelsrichtungen sprechen, nicht einfach die entsprechenden
Richtungen auf dem Kompaß, sondern die Menschen, die dort wohnen, zugleich
mit ihren besonderen Eigenschaften. Wir sprechen vom „Osten“ und denken dabei
an Asien und seine Völkerschaften mit allen ihren Besonderheiten. In vielen
Ländern, wie etwa in den Vereinigten Staaten, spricht man vom Süden und vom
Norden, vom Osten und vom Westen, ohne dabei ausschließlich an die
Himmelsrichtung zu denken, viel mehr an die Verschiedenartigkeit der
entsprechenden Menschen und ihre Denk- und Fühlweise. Dies läßt uns auch
verstehen, wie die Engel aus den Himmelsrichtungen auf die Eigenschaften derer
schließen, welche die entsprechenden Gegenden des Himmels bewohnen. Auch die
Alten kannten diese himmlische Bedeutung der vier Enden. Wir müssen es lernen,
sie ebenso zu verstehen, wenn wir in der Bibel vom Osten, Westen, Norden und
Süden lesen. Der Osten bezeichnet die Nähe zum Herrn und die inwendigere himmlische
Neigung. Der Westen will uns eine größere Entfernung vom Herrn andeuten,
sowie eine etwas äußerlichere Neigung; zuweilen bezeichnet er sogar böse
Neigungen. Der Süden bedeutet das klare Licht des Verstandes, und der Norden
ein dunkles Licht (GLW 121; OE 422; HG 3708). Wir sind nun imstande, eine tiefere Bedeutung in Stellen
wie den folgenden zu erkennen: „Ich will vom Osten deinen Samen bringen und
will dich vom Westen sammeln; ich will zum Norden sprechen: Gib her! und zum
Süden: Wehre nicht!“ (Jes. 43, 5 f). „Und es werden kommen vom Osten und vom
Westen, vom Norden und vom Süden, die zu Tische sitzen werden im Reiche
Gottes“ (Luk. 13, 29; Matth. 8, 11). Diese Verse erzählen uns davon, daß der
Herr in seiner Kirche und in seinem Himmel nicht nur diejenigen empfängt,
welche viel himmlische Neigung und Einsicht aufweisen, sondern auch jene, die
wenige gute Neigungen besitzen, und deren Verständnis dunkel ist. Diese Worte
zeigen auch des Herrn Sorge, in jeder Seele alles für das ewige Leben zu bewahren,
was sich darin an himmlischer Neigung und Einsicht findet, und sei es das
geringste (OE 724, 239, 422; HG 3708; HH 324). Die Heilige Stadt, die dem
Seher gezeigt wurde, hatte „gen Osten drei Tore; gen Norden drei Tore; gen
Süden drei Tore und gen Westen drei Tore“ (Offb. 21, 13). Dies zeigt, daß des
Herrn Kirche und Himmel offen stehen für jede gute Neigung und Einsicht,
welcher Art und welchen Grades sie auch sei (EO 901, 906; OE 1310). Andere Stellen betonen sogar noch mehr die Barmherzigkeit,
die der Herr bei der Führung jener zu seinem Himmelreich walten läßt, die
sich in Zuständen dunklen Verständnisses und schwacher Neigung zum Guten
befinden: „Siehe, diese werden von ferne kommen; und siehe, diese vom Norden
und vom Westen“ (Jes. 49, 12; HG 3708; OE 1133; PP). Dasselbe gilt für den
Psalm, welcher mit den Worten beginnt: „Danket dem Herrn, denn Er ist gut;
denn Seine Barmherzigkeit währet ewiglich. So sollen sagen, die erlöst sind
durch den Herrn, die Er aus der Not erlöst hat und die Er aus den Ländern
zusammen gebracht hat von Osten und von Westen, von Norden und von Süden“
(Ps. 107, 1—3; HG 3708; OE 422). „Der Herr sprach zu Abraham: ... Erhebe deine Augen und
siehe von dem Ort, wo du stehst, nach Norden und nach Süden, nach Osten und
nach Westen; denn alles Land, das du siehst, will ich dir und deinen
Nachkommen geben in Ewigkeit“ (1. Mose 13, 14 f). Und zu Jakob sprach der
Herr im Traum: „Dein Same soll sein wie der Staub auf Erden, und du sollst
dich ausbreiten gen Westen, Osten, Norden und Süden; und in dir und deinem
Samen sollen alle Familien des Erdbodens gesegnet sein“ (1. Mose 28, 14).
Diese Verheißungen gelten nicht den Juden als einer Familie oder Nation,
sondern der Kirche des Herrn. Sie erzählen von den unendlichen Verschiedenheiten
der guten Neigungen und des Verständnisses, welche der Herr in die
Möglichkeiten des Menschen hineingelegt hat. Sie versichern uns, daß wir sie
von Ihm empfangen und in ihnen Segen finden werden (HG 1605, 3708; OE 340). Wenn wir nun an die Anweisungen denken, die den Israeliten
hinsichtlich der einzuhaltenden Marschordnung und Ruhepausen, den Bau des
Heiligtums und die Aufstellung der Gerätschaften gegeben wurden, so erblicken
wir einen neuen Sinn darin, daß alle diese Anordnungen auf die vier
Himmelsrichtungen Bezug hatten. Ganz besonders fällt uns auf, daß die
Stiftshütte gen Osten geöffnet war; dabei denken wir daran, daß die Engel in
diese Richtung schauen, wenn sie auf den Herrn blicken, und daß es die Neigung
der Unschuld ist, also jene Eigenschaft, die mit dem Osten assoziiert ist,
was den Himmel oder das einzelne Herz für den Herrn offen hält (HG 101, 3708,
9668). In Ezechiels Vision des neuen Tempels lesen wir: „Und Er führte mich
wieder zum Tod gegen Osten, und siehe, die Herrlichkeit des Gottes Israels
kam von Osten und brauste, wie ein großes Wasser braust... Und die
Herrlichkeit des Herrn kam hinein zum Hause durch‘s
Tor gegen Osten“ (43, 1—4). Wie schön spricht dies vom Eintritt des Herrn in
die Herzen der Menschen und Engel, während sie sich Ihm in der Neigung zu
allem, was unschuldig und gut ist, nähern! (HG 101; OE 179, 422). In der
Offenbarung lesen wir: „Und ich sah einen anderen Engel emporsteigen vom
Aufgang der Sonne, der hatte das Siegel des Lebendigen Gottes und rief mit
lauter Stimme, ... Tut nicht Schaden
... bis daß wir versiegeln die Knechte Gottes an ihren Stirnen“ (7, 2—3).
Wenn wir in diesem Kapitel weiterlesen, so finden wir, daß die Versiegelung
gleichbedeutend ist mit dem Zutagetreten eines
himmlischen Charakters und der Trennung vom Bösen. Der Engel, der von Osten emporsteigt
und mit lauter Stimme ruft, stellt die schützende göttliche Liebe dar, welche
alle errettet, die nur irgend willens sind, sich retten zu lassen (OE 422; EO
344). „Denn wie der Blitz aufgeht vom Aufgang und leuchtet bis zum
Niedergang, so wird auch sein das Kommen des Menschensohnes“ (Matth. 24, 27).
Erleuchtung des Verständnisses wird verheißen. Ihr Ursprung ist der Herr und
Seine göttliche Liebe, der Herr, dessen Gegenwart der Osten oder Aufgang der
Engel ist; diese Erleuchtung wird von allen empfangen, die das Gute je nach
der Eigenschaft und dem Grad ihrer Neigung lieben (HG 9807; OE 422). Welche
Schönheit finden wir in der einfachen Feststellung über den Zustand der
ersten Kirche auf Erden, wenn wir daran denken, daß der Osten im Himmel das
Gebiet der kindlichen Unschuld und der Offenheit für die göttliche Liebe
darstellt! „Der Herr Gott (Jehovah Gott) pflanzte einen Garten in Eden gegen
Osten und setzte den Menschen hinein, den Er gemacht hatte“ (1. Mose 2, 8).
Was sagt uns dies über den Charakter jener frühen Menschheit? Denken wir
daran, daß ein Garten mit fruchtbaren und lieblichen Bäumen das Verständnis
aller himmlischen Dinge darstellt, das sich unter der liebenden Obhut des
Herrn entwickelt (HG 98—101; OE 739). „Da nun Jesus geboren war zu Bethlehem
im jüdischen Land zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem
Morgenland nach Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden?
Denn wir haben seinen Stern gesehen im Osten und sind gekommen, ihn anzubeten“
(Matth. 2, 1—2). Die Weisen aus dem Osten, die Magier, bedeuten im geistigen
Sinne jene, deren Liebe zur Güte ihr Gemüt offenhält für himmlische Wahrheiten.
Die weisen Männer, die aus dem Morgenland kamen, um den Herrn anzubeten,
waren Überreste einer frühen Menschheit, deren Unschuld das Mittel war, ihnen
bis zu einem gewissen Grade himmlische Weisheit zu erhalten. Dazu gehörte vor
allem die Kenntnis, daß der Herr auf Erden erscheinen würde, die ganz
besonders dargestellt wurde durch den leitenden Stern. Die Weisen aus dem
Osten stellen alle unschuldigen Seelen dar, die sich von ihrer Kenntnis der
göttlichen und himmlischen Dinge zum Herrn führen lassen (HG 3762; OE 422).
Und was bedeutet die Feststellung, daß Salomoh‘s
Weisheit die Weisheit aller Kinder des Ostens übertraf, sowie alle Weisheit
Ägyptens“ (1. Kön. 4, 30)? Die Antwort lautet: daß himmlische Weisheit alle
äußeren Kenntnisse, die durch Ägypten dargestellt werden, übertrifft, so wie
alle inneren Wahrnehmungen eines unschuldigen Herzens, welche Menschen erlangen
können und durch die Kinder des Ostens dargestellt werden (HG 3762; OE 564;
vergl. Kap. 38). Abraham kam „an einen Berg, der lag gegen Osten von der
Stadt Bethel ... Und Abraham zog weiter, und zog aus ins Land des Mittags“
(1. Mose 12, 8 f). Dies scheint eine zu unbedeutende Einzelheit zu sein, um
einen Teil des Göttlichen Wortes auszumachen, aber es erlangt Gewicht, sobald
wir wissen, daß die Geschichte Abrahams wie in einem Gleichnis die Geschichte
der Wiedergeburt in ihrem Beginn erzählt, und im höchsten Sinne die
Geschichte des inneren Lebens des Herrn selbst als Kind. Sein Lager auf dem
Berge gegen Osten läßt uns etwas ahnen vom Zustand der inneren Offenheit
gegenüber der Göttlichen Liebe. Seine weite Reise nach Süden erzählt vom
Fortschritt hinein in Zustände tieferer Einsicht (HG 1449—1458). Wir werden
belehrt, daß die Kinder in dem Maße, wie sie zum Alter des Wissens und Verständnisses
heranwachsen, dem Einfluß der liebenden Engel aus dem Osten, unter dem sie in
ihrer frühen Kindheit standen, entzogen und dem Einfluß weiser Engel aus der
südlichen Gegend des Himmels unterstellt werden (WCR 476; HH 295). In einem herrlichen Psalm über die Vergebung lesen wir, „so
fern der Morgen ist vom Abend, läßt Er unsere Übertretungen von uns sein“
(Ps. 103, 12). Diese Worte stellen des Herrn unendlich zärtliche Liebe unserem
Zustand gegenüber dar, der so entfernt von Ihm ist; und sie lehren uns, daß
unsere Übertretungen in dem Maße vergeben werden, wie wir das Rechte tun und
Liebe zum Guten vom Herrn empfangen (PP). Sprechen wir nicht oft davon, daß wir geistige Dinge
„wägen“ oder „messen“? Wir „wägen“ die Gründe oder Argumente, die jemand
vorbringt, wir „nehmen eines Menschen Maß“, wenn wir unser Urteil über seinen
Charakter und seine Fähigkeiten bilden. Überall, wo die Bibel diese Ausdrücke
gebraucht, ist dabei stets der Gedanke geistigen Abwägens und Messens
eingeschlossen. Auf dieselbe Weise schließt auch der Begriff des „Zählens“
die geistige Vorstellung einer Wahrnehmung der Eigenschaften und der Anordnung
der Dinge in sich. Der Psalmist betet: „Unsere Tage zählen lehre uns, daß wir
ein weises Herz darbringen“ (Ps. 90, 12). Bei diesem Gebet geht es nicht
allein darum, daß uns der Herr die Kürze des irdischen Lebens im Vergleich
zum ewigen Leben erkennen lasse, sondern daß er uns dabei helfe, das Wesen
jener Zustände zu erkennen, durch die wir hindurchgehen, damit wir einen
weisen Gebrauch davon machen (OE 453; HG 10217). Denken wir auch an jene geheimnisvollen
Worte, welche von einer Hand auf die Wand von Belsazars
Palast geschrieben wurden: „Dies ist die Schrift, die geschrieben wurde, mene, mene, tekel,
upharsim. Dies ist die Bedeutung der Sache: Mene = Gott hat dein Königreich gezählt und beendet; Tekel = du bist auf der Waage gewogen und zu leicht
befunden; Peres = dein Königreich ist geteilt und wird den Medern und Persern
gegeben“ (Dan. 5, 25—28). Dies bedeutet, daß der Herr die Verkehrtheit ihrer
Wege erkannt hatte und das Gericht zur Hand war (OE 373; HG 3104, 10217). Ein
anderes Beispiel bieten die Worte des Herrn bei Lukas: „Verkauft man nicht
fünf Sperlinge um zwei Heller? Und dennoch ist vor Gott deren nicht einer
vergessen. Aber auch die Haare auf eurem Haupt sind alle gezählt. Darum
fürchtet euch nicht; ihr seid mehr denn viele Sperlinge (Luk. 12, 6 f). Diese
Worte beschreiben das Wissen des Herrn selbst um die kleinsten Dinge unseres
Lebens wie seine Vorsehung, die er dafür trifft (OE 453). Denken wir auch an die Worte des Psalmes: „Wer zählt die Sterne
und nennt sie alle mit Namen? Unser Herr ist groß und von großer Kraft, und
es ist unbegreiflich, wie er regiert“ (Ps. 147, 4 f). Wir haben oben bereits
die folgende Erklärung zitiert: „Das Zählen der Sterne und die Benennung
jedes einzelnen mit Namen wird als Fähigkeit (Gottes) bezeichnet, alles Gute
und Wahre zu wissen und im Himmel und in der Kirche entsprechend seiner
Eigenschaften anzuordnen“ (OE 453; HG 10217; PP). „Und der Herr redete mit
Mose und sprach: Wenn du die Häupter der Kinder Israels zählst, so soll ein
jeglicher dem Herrn geben ein Lösegeld für seine Seele, auf daß ihnen nicht
eine Plage widerfahre, wenn sie gezählt werden“ (2. Mose 30, 11 f). Das
Lösegeld ist also die Anerkennung, daß alle Dinge des himmlischen Lebens in
uns dem Herrn gehören, und daß er allein sie kennen und in die rechte Ordnung
bringen kann. Wir zählen das Volk in uns und zahlen dem Herrn kein Lösegeld,
wenn wir die erfreulichen Anfänge des himmlischen Lebens in uns selbstzufrieden
als unser Eigenes betrachten und denken, wir selber kennten sie und könnten
für ihre Entwicklung sorgen. Dieses Selbstvertrauen wurde dargestellt durch
Davids Volkszählung, die ihm als Sünde angerechnet und durch den Tod von
70000 Menschen bestraft wurde (2. Sam. 25; OE 453; HG 10217, 10218; EO 364). Geistig zählen heißt die Eigenschaften einer Sache kennen.
Aber wir können noch weitergehen: Jede Zahl schließt die Vorstellung einer
besonderen geistigen Eigenschaft in sich (HG 648, 493, 10217; EO 348; OE
1253). Wir hören ferner, daß die Engel die Beziehung zwischen den Zahlen und
menschlichen Eigenschaften so deutlich empfinden, daß sie ihre Gedanken in
Zahlen ausdrücken können und auch eine Art von Schrift haben, die allein aus
Zahlen besteht (HH 263; OE 429; HG 4495, 5265). Auch unseren weisen Voreltern
waren die geistigen Ideen, die in den Zahlen beschlossen liegen, bekannt, und
sie drückten durch sie die wechselnden Zustände der Kirche aus (HG 487,
6175). In der Bibel werden Zahlen in Übereinstimmung mit dieser
alten und himmlischen Weisheit benutzt, und eine jede schließt eine gewisse
Vorstellung von menschlichen Eigenschaften in sich. Diese Tatsache erklärt
die Bedeutung, die den Zahlen im Worte zukommt — sie erklärt auch viele
Zahlen, die schwerlich allein im buchstäblichen Sinn gemeint sein können (man
denke an das große Alter Methusalems, 996 Jahre, sowie an andere Altersangaben,
die im 5. Kapitel der Genesis gemacht werden). Die darin enthaltenen Namen
beziehen sich nicht auf einzelne Menschen, sondern auf die einander folgenden
Entwicklungen der Kirche. Die Zahlen werden nach der Weise der Alten
gebraucht, um die geistigen Eigenschaften dieser Entwicklungen zu beschreiben
(HG 482). Die Ausmaße der heiligen Stadt, die in der Offenbarung geschildert
wird, (Kap. 21, 16), drücken ebenfalls nicht die physische Ausdehnung,
sondern die geistigen Eigenschaften jener Kirche aus, welche durch die Stadt
dargestellt wird (EO 909; OE 1318). Durch das ganze Wort also, selbst wo die
Zahlen buchstäblich und geschichtlich wahr sind, bergen sie in der Mehrzahl
der Fälle immer noch zusätzlich die Zustände geistiger Eigenschaften in sich. Wir greifen einige Zahlen als Beispiel heraus, um auf
einfache und sehr allgemeine Weise zu lernen, welchen Eigenschaften sie
entsprechen und womöglich zu sehen, daß die Entsprechung keineswegs willkürlich
ist, sondern die Zahlen durch uralte Assoziation, ja durch ihr eigentliches
Wesen auf die Eigenschaften bezogen sind, für welche sie als Symbole in der
Bibel stehen. Hier die Zahl Zwei: Enthält sie irgendeine Vorstellung über
ihre zahlenmäßige Bedeutung hinaus? Legt sie nicht den Gedanken nahe, daß
zwei Dinge zusammen ein Paar darstellen, miteinander verbunden wie rechts und
links, gut und wahr, Mann und Frau? Durch das ganze Universum hindurch finden wir in der Tat
jene Doppelheit, die in den zwei Elementen Liebe und Weisheit ihren Ursprung
hat und auf unendliche Weise im Herrn besteht. Von ihm her sind sie in allem,
was er gemacht hat. So besteht der Himmel aus zwei Reichen, dem himmlischen
und dem geistigen, das eine mehr für die Liebe des Herrn geöffnet, das andere
mehr für seine Weisheit (HH 20, 27). Jedes Gemüt besteht aus den beiden
Fähigkeiten des Wollens und des Verstehens, um Liebe und Weisheit vom Herrn
zu empfangen (NJ 28—33). Der selbe Doppelcharakter dehnt sich auch in die natürlichen
Dinge aus und bewirkt, daß die Glieder des Körpers paarweise angeordnet sind
(LW 127, 409). Ebenso besteht ein gewisses Bild der Ehe in der gesamten Natur
(EL 84—87; NJ 11—13). Die Zahl 2 läßt also an das himmlische und geistige
Reich des Himmels denken — an Vereinigung von Neigung und Denken in unserem
eigenen Gemüt, von Liebtätigkeit und Glaube in der Religion. Und nicht
zuletzt legt sie den Gedanken an die Einheit der Göttlichen Liebe nahe, wie
sie auf seiten des Herrn besteht, mit Seiner Wahrheit, wie sie vom Menschen
gelebt werden will, d.h. an die Ehe des Herrn mit Seiner Kirche (HG 5194). Es gibt die zwei großen Gebote und die zwei Tafeln der Zehn
Gebote. Die zweite Tafel enthält die Wahrheiten, nach der die Menschen leben
sollen. Im selben Maße, wie sie dies tun, gibt ihnen der Herr die Liebe,
welche von den Wahrheiten der ersten Tafel gefordert wird. Die beiden Tafeln
sind deshalb ein Ausdruck und Zeichen der Vereinigung zwischen dem Herrn und
den Menschen (WCR 456, 286; HG 9416). Denken wir daran, wie der Herr die
Apostel „zu zwei und zwei“ aussandte (Mark. 6, 7). Bedeutet das nicht, daß
die Liebe mit der Weisheit vereint werden muß, wenn wir in unseren
Botengängen dem Herrn dienen wollen? Der Herr spricht: „Wiederum sage ich
euch, wo zwei von euch eins werden auf Erden über irgendetwas, das sie bitten
wollen, so soll es ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel“ (Matth. 18,
19). Das heißt, wenn wir uns nicht mit dem Wissen darum zufriedengeben, was
wahr und recht ist, sondern durch ein gläubiges Leben diese Kenntnis mit der
Liebe zum Guten verbinden, bestärkt der Herr den himmlischen Charakter in uns
(OE 411, 696). Der Herr sagt: „Es ist auch geschrieben in eurem Gesetz, daß
zweier Menschen Zeugnis wahr sei... Ich bin‘s, der von mir selbst zeugt, und
der Vater, der mich gesandt hat, zeugt auch von mir“ (Joh. 8, 17 f). Beides,
Verstand und Neigung, muß angerührt sein, um Überzeugung zu wirken. Der Herr
appellierte mit seinen Worten und Taten an den Verstand der Menschen auf
äußere Weise, aber sie wurden davon nur überzeugt, wenn gleichzeitig ihre
Herzen offen standen, um die göttliche Vaterliebe in alledem zu empfinden,
was der Herr sprach und tat (HG 4197; Joh. 6, 44). Diesen Gedanken, daß zwei die Einheit von Liebe und
Verständnis bedeutet, lesen wir auch aus den folgenden Geschichten heraus:
Von den zwei Scherflein der Witwe (Luk. 21, 2), von den zwei Pfennigen des guten
Samariters (Luk. 10, 35; OE 444), oder von den zwei kleinen Fischen, mit
denen der Herr die Menge speiste (Joh. 6, 9; HG 5291; OE 430), und von den
zwei Talenten, welche für den Himmel wucherten, während es das eine nicht tat
(Matth. 25, 14—25; HG 7770; GV 16 f). Die Zahl Drei bringt einen ganz anderen Gedanken zum
Ausdruck. Sie erinnert uns an die drei Engelshimmel — den innersten,
mittleren und untersten (HH 29—39). Es gibt Ebenen des Fühlens und Denkens in
einem jeden Gemüt, mehr innerlicher und mehr äußerlicher Art (GLW 236, 241;
HG 3691). Ebenso bestehen drei Grade des Seins in allen Dingen der
natürlichen Schöpfung. So gibt es drei Atmosphären (die sogenannte Aura, den
sogenannten Äther und die Luft; GLW 184); die kleinen Fasern der Muskeln oder
Nerven sind zu Bündeln zusammen gefaßt, diese wiederum in gemeinsamen
schützenden Scheiden vereinigt (GLW 190). Die Zahl drei läßt uns daher an
jene drei Struktur-Grade denken und enthält mithin die Vorstellung der
Vollständigkeit und Vollendung (WCR 211; OE 532; HG 2788, 9825; HS 29). Stiftshütte und Tempel waren so gebaut, daß sie sich in
drei Teile gliederten — in die Kammer des Höchstheiligen, in das Heilige und
den Vorhof—, um auf diese Weise die drei Himmel und die drei Grade des
himmlischen Lebens beim Menschen darzustellen (HG 9457; 9741; vergleiche
Kapitel 41). Den Israeliten wurde befohlen, „dreimal im Jahr sollt ihr mir
ein Fest halten“ (2. Mose 23, 14). Diese drei Feste stellen das Gedenken an
den Herrn dar, das zu allen Zeiten geübt werden soll (HG 2788); so auch
„kniete Daniel auf seinen Knien dreimal am Tag“ (Dan. 6, 10). Dadurch wird
die vollständige und immerwährende Abhängigkeit vom Herrn gleichnishaft
dargestellt (HG 2788). „Wie Jonas drei Tage und drei Nächte im Bauche des
Walfisches war, so wird der Sohn des Menschen drei Tage und drei Nächte im
Schoß der Erde sein“ (Matth. 12, 400. Diese Worte, ebenso wie die Tatsache,
daß der Herr ins Grab gelegt wurde und dort bis zum dritten Tage blieb,
berichtet uns von der Vollständigkeit, mit der der Herr alle nur möglichen
Zustände der Versuchung ertragen hat, um neues Leben in den Bereich einer
jeden menschlichen Erfahrung zu bringen (HG 2788, 4495; HS 29; EO 505; WCR
211; OE 532). Wir denken daran, daß die Zahl 3 alles darstellt, wenn wir
lesen, daß der Herr drei Jünger auswählte, um mit ihnen im Hause des Jairus
zu sein, oder auf dem Berge der Verklärung und schließlich in Gethsemane —
und daß er dreimal im Garten betete (Markus 5, 37 bzw. 9, 2 bzw. 14, 33—41;
OE 820; WCR 211). Petrus verleugnete dreimal den Herrn, und hernach erklärt
er dreimal seine Liebe zu Ihm, womit das vollständige Versagen seines Glaubens
und die gründliche Buße zum Ausdruck gebracht werden (Matth. 26, 74 f; Joh.
21, 17; WCR 211; HS 29). Die Zahl Vier entsteht aus 2 x 2 und birgt dieselbe Idee
der Vereinigung des Guten und Wahren, jedoch in größerer Fülle, wie die Zahl
2; denn alle zusammengesetzten Zahlen bewahren die Eigenschaften jener
Zahlen, aus denen sie zusammengesetzt sind (HG 9103, 1856, 6175; OE 384).
Vier ist Ausdruck für die volle Verwirklichung des Wahren und Guten im Leben,
die den Charakter des Menschen „quadratisch“ macht: die Länge so groß wie die
Breite — „das Maß eines Menschen, welches ist das eines Engels“ (OE
1314—1317; EO 905—908; HG 9717). Diese Symmetrie des Charakters, diese volle Vereinigung des
Guten und Wahren im Leben, wird allein durch Versuchungen gewonnen. So kommt
es, daß 4 (noch öfter 40) in der Bibel mit Versuchungen assoziiert wird,
welche das Mittel zur vollständi gen Entfaltung
eines himmlischen Charakters darstellen. Diese Bedeutung hat die Zahl 40 an
zahlreichen Stellen der Bibel, etwa wo wir davon lesen, daß bei der Sintflut
„der Regen fiel auf Erden während 40 Tagen und 40 Nächten“ (1. Mose 7, 12),
ebenso auch im Zusammenhang mit der 40-jährigen Wüsten-Wanderung der Israeliten
(5. Mose 8, 2—4), oder im Evangelium: „Dann wurde Jesus vom Geist in die
Wüste geführt, um vom Teufel versucht zu werden. Und als er 40 Tage und 40
Nächte gefastet hatte, hungerte ihn“ (Matth. 4, 1 f; HG 740, 8098; OE 633). Einen ganz anderen Charakter hat die Zahl Sieben. Sie läßt
zuerst an den Sabbat denken, den Ruhetag nach den sechs Arbeitstagen. Sechs
ist assoziiert mit Zuständen der Arbeit und der Anstrengung, wenn man ein
himmlisches Leben führen will, sieben jedoch mit dem Zustand des Friedens, da
rechtes Handeln leicht und angenehm geworden ist. Aufgrund dieser ihrer
Bedeutung vermittelt die Zahl 7 ähnlich wie die Zahl 3 eine Vorstellung der
Vollendung, aber darüber hinaus gilt als ihr wichtigstes Charakteristikum die
Bedeutung der Heiligkeit des Sabbats und des Himmels (HG 716, 2044, 10360; OE
20, 257; EO 505). Die sechs Schöpfungstage sind ein grandioses Bild jener
Stufen, in denen der Herr beim Menschen den himmlischen Geist aufbaut, und
der siebente Tag repräsentiert das Erreichen jenes heiligen himmlischen
Zustands (HG 85, 87). Das Gebot, den Sabbat zu heiligen, will nicht nur
unsere Pflicht betonen, den siebenten Tag, sondern alle Dinge zu heiligen,
die aufwärts zum Herrn und zum Himmel führen (HG 8495; WCR 302). Die
Botschaft in der Offenbarung wird an die sieben Gemeinden gesandt (Offb. 1,
11), weil sie alle Menschen betrifft, die nach einem himmlischen Leben
streben und daher zur Kirche des Herrn gehören (EO 10; OE 20). Petrus fragte
den Herrn: „Herr, wie oft muß ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt,
vergeben? Ist‘s genug siebenmal? Jesus antwortete ihm: Ich sage dir, nicht
siebenmal, sondern siebzig mal siebenmal“ (Matth. 18, 21 f). Du sollst also
immer vergeben — eben so lange, bis der Wille, nicht mehr vergeben zu müssen,
überwunden und ein himmlischer Geist vollständiger Vergebungsbereitschaft erlangt
ist (OE 257; HG 433). „Die Tage unserer Jahre sind 70 Jahre, und wenn‘s hoch
kommt, so sind‘s 80 Jahre, und wenn‘s köstlich gewesen ist, so ist es Mühe
und Arbeit gewesen. Denn es fähret schnell dahin,
als flögen wir davon“ (Ps. 90, 10; vergl. Vers 12). Das irdische Leben, ob
lang oder kurz, währt „siebzig“ Jahre, wenn es gläubig gelebt wird; denn es
führt zum Frieden des Himmels. Die achtzig Jahre, zu denen es ausgedehnt
werden kann, lassen an die größeren Möglichkeiten denken, die manchen — nicht
allen — Menschen geschenkt werden, zugleich mit den entsprechenden Versuchungen.
Andere glänzende Beispiele werden dem Bibelleser begegnen, darunter auch
manche, wo sieben die Vollständigkeit eines bösen Zustands zum Ausdruck
bringt. Die Zahl Zehn betrachten wir gewöhnlich als eine volle,
runde Zahl. Wahrscheinlich hat sie diesen Charakter seit den Tagen, da die
Menschen an den Fingern ihrer Hände abzählten. Zehn hat in der Bibel die Bedeutung
des Ganzen und der Fülle, ebenso einen besonderen Bezug zu jenem Schatz
himmlischer Zustände, der besonders in der Kindheit in jedem Herzen angelegt
wird. Möglicherweise hat die Tatsache, daß diese himmlischen Zustände vor
allem zu den ersten zehn Jahren des Lebens gehören, dazu beigetragen, der
Zahl 10 diese schöne Bedeutung zu verleihen (HG 575 f; OE 675; EO 101). Es
gibt bekanntlich zehn Gebote und zehn Seligpreisungen. Darin kommt zum
Ausdruck, daß sie alle Wahrheiten enthalten, die sich auf jene Unschuld
beziehen, die der Herr in der Seele des Menschen anlegt (OE 675; 1024; WCR
286; HG 576). Man lese Abrahams Bitte für Sodom (1. Mose 18, 23—33). Die
Geschichte drückt des Herrn Bemühen aus, einen jeden, in dem auch nur
irgendetwas Himmlisches ist, zu retten. Wenn er größere Zahlen erwähnt hat,
welche vollständigere Entwicklungsstadien eines himmlischen Charakters
darstellen, fragte Abraham: „Zürne nicht, Herr, daß ich nur noch einmal rede.
Man möchte vielleicht zehn darin finden. Er aber antwortete: Ich will sie
nicht verderben um der zehn willen“ (ebenda Vers 32). Wenn auch nur ein Rest
kindlicher Unschuld in der Seele zurück bleibt, so dient er als Mittel zur Rettung
des betreffenden Menschen (HG 2284). „So spricht der Herr Zebaoth: Zu der
Zeit werden zehn Männer aus allerlei Sprachen der Heiden einen jüdischen Mann
bei dem Rockzipfel ergreifen und sagen: Wir wollen mit euch gehen, denn wir
hören, daß Gott mit euch ist“ (Sach. 8, 23). Welch schlichter Bericht darüber, wie alle Überreste der
Unschuld bei Menschen, die gerettet werden können, dem Reich des Herrn
zugeführt werden! (OE 433, 675; HG 3881) Denken wir auch an die Gleichnisse
von den hundert Schafen und den zehn Silberstücken (Luk. 15, 4—10). Beide
Geschichten erzählen von jenem Schatz der Unschuld, der einem jeden von uns
in der Kindheit vom Herrn anvertraut wird, wie von der Pflicht, ihn zu hüten
und wiederaufzufüllen, wenn etwas davon verlorenging. Welche Form der Unschuld
stellen nun insbesondere die Schafe und das Silber dar? (OE 675). 5 ist die Hälfte von 10, die Finger einer Hand. Fünf
vermittelt die Vorstellung von etwas wenigem, aber auch, gleich der Zehn, die
Vorstellung der Vollständigkeit und des Genügens (OE 548; HG 5291). Beispiele
für den biblischen Gebrauch der Zahl 5 sind Davids „fünf glatte Steine aus
dem Bach“, mit denen er Goliath tödlich traf (1. Sam. 17, 40), ähnlich den
unwandelbaren göttlichen Wahrheiten, die wir dem Buchstaben des Göttlichen
Wortes entnehmen, und die, obwohl nur wenige, zu unserer Verteidigung genügen.
Sodann die fünf Sperlinge, so lächerlich gering, verglichen mit den Menschen,
und dennoch Geschöpfe, deren sich Gott annimmt (Luk. 12, 6 f; OE 548).
Schließlich die fünf Gerstenbrote, mit denen der Herr die Menge speiste, so
wenige, und doch genug, ja mehr als genug, blieb doch davon noch übrig! Sie bilden
die wenige und einfache geistige Nahrung vor, welche die Menschen damals
empfangen konnten, und die doch unter dem Segen des Herrn ausreichte, sie für
den Himmel zu stärken (Joh. 6, 9—11; OE 548, 430). Besonders wichtig ist auch die Zahl Zwölf. Sie ist das
Produkt aus 4 und 3. Vier läßt, wie wir gesehen haben, an eine volle
Entfaltung des Guten und Wahren denken; drei fügt den Gedanken hinzu, daß die
Entwicklung alle Grade, auf allen drei Ebenen des Lebens, umfaßt. So bedeutet
also die 12 das Gute und Wahre jeder Art und jeden Grades (OE 430; EO 348; HG
7973). Wir denken bei 12 natürlich zuerst an die 12 Stämme Israels, die alle
Arten des Guten und Wahren darstellen, welche die Kirche des Herrn bilden (HG
3858). Der Herr wählte 12 Apostel, um alle Elemente seiner Kirche
darzustellen (HG 3858; OE 430). Zwölf Grundlagen der heiligen Stadt stellen
alle Einzelheiten der Lehre des Wortes dar, auf denen die Kirche ruht (OE
1324; EO 915). Die zwölf Tore der heiligen Stadt zeigen, daß die Kirche und
der Himmel des Herrn für den Menschen auf jeder Stufe der Liebe und des Guten
und für jeden Grad der Weisheit offenstehen (OE 1310; EO 911). „Und ich hörte
die Zahl derer, die versiegelt wurden: 144000, die versiegelt waren von allen
Geschlechtern Israels“ (Offb. 7, 40). Das bedeutet: Alle, in denen himmlische
Liebe und himmlischer Glaube gefunden werden (OE 430; EO 348). Der Herr
sprach in jener Nacht im Garten Gethsemane: „Oder meinst du, daß ich nicht
meinen Vater bitten könnte, daß er mir alsbald mehr denn 12 Legionen Engel zuschicken
könnte?“ (Matth. 26, 53). Unter den zwölf Legionen von Engeln wird der
gesamte Himmel verstanden, und durch mehr als 12 wird die göttliche Allmacht
dargestellt, lesen wir (OE 430). Was meinen wir, wenn wir einen Menschen mit einem Felsen
vergleichen? Wenn wir sagen, daß er wie ein Fels steht? Die Antwort ist nicht
schwer. Wir drücken damit seine Festigkeit und Unabänderlichkeit aus, denn
dies ist das hervorstechendste Merkmal der Felsen, die sie besonders geeignet
macht, hohe und schwere Gebäude auf ihnen zu errichten. Festigkeit eines Menschen ist zweifellos nicht nur eine
physische Eigenschaft, sondern beruht vor allem auf einem festen und
unveränderlichen Gemüt, das ihn zu einem Felsen macht. Welches geistige
Eigentum wird uns durch seine Härte und Festigkeit nützlich? Wärme,
gefühlvolle und aktive Neigungen gleichen nicht einem Felsen. Auch
Intelligenz, die wächst und immer neue Zweige ansetzt, ist kein Fels. Aber es
gibt Dinge in unserem Gemüt, die fest und beständig und dem Wechsel entzogen
sind. Einer Redensart nach gibt es „harte Tatsachen“, und wir besitzen einen
ganzen Schatz davon: Daß zwei mal zwei vier ist, daß die Erde alle Dinge
anzieht, daß die Sonne Licht und Wärme ausstrahlt, oder daß Columbus im Jahre
1492 Amerika entdeckte, auch die Tatsache, daß es ein Leben nach dem Tode
gibt, daß Gott ist und daß er gut ist, daß Gott den Menschen schuf und daß er
in diese Welt kam, um ihn zu retten. Diese und viele andere Fakten sind sicher
und unwandelbar in unserem Inneren aufgespeichert. Es ist unmöglich, an ihnen
zu rütteln. Wir müssen uns ihnen anbequemen. Dienen sie uns aber nicht auch
als Grundlagen? Beruht nicht unsere ganze Zivilisation auf diesen feststehenden
Naturgesetzen? Und auch das Leben von uns Einzelnen wächst auf „grundlegenden
Tatsachen“, die wir als sicher annehmen. Alle unsere Kenntnisse beruhen auf
solchen Fakten. Wo wir irgendeine Beweiskette aufstellen, muß sie sich auf
Tatsachen gründen; sind diese fehlerhaft, ist die Kette schwach; stellen sie sich
als falsch heraus, zerreist sie. Unverrückbare Tatsachen, zu denen wir volles
Vertrauen haben, sind unsere geistigen Felsen. Sie verleihen unserem
Charakter Festigkeit. Fehlen sie, schwanken wir ohne Grundlage; in dem Maße,
wie sie in uns wachsen und wir sicher auf ihnen fußen, erringen wir die Eigenschaften
eines Felsens (OE 4111; HG 8581). Wer weiß, ob Felsen immer Felsen gewesen sind, so wie sie
jetzt erscheinen, oder ob nicht einige von ihnen allmählich geformt wurden
und sich vielleicht noch immer bilden? Die abgelagerten oder geschichteten
Felsen, wie sie genannt werden, bilden sich im Laufe von Jahrmillionen durch
das Absetzen kleiner Partikel auf dem Meeresboden, die sich nachher fest
miteinander verbinden. Und gibt es nicht auch Tatsachen, die heute bestehen,
an die gestern aber nicht zu denken war, die dieses Jahr klar zutage liegen,
letztes Jahr noch nicht? Geschichtliche Fakten bilden auf diese Weise jeden
Tag und jedes Jahr neue Ablagerungen. Aber die Summe aller Tatsachen der Geschichte
kann sich doch nach und nach verändern, wenn man von einem späteren Zeitpunkt
aus auf sie zurückschaut. Sie zeigt dann einen Plan oder eine durchgreifende
Ordnung, die nicht erkennbar war, solange die Tatsachen gesammelt wurden.
Diese Veränderung wird noch viel offensichtlicher im Hinblick auf natürliche
Tatsachen. Wie lange haben wir schon aufgehört, Protokoll darüber zu führen,
daß die Erde sich heute, gestern und vorgestern um ihre Achse gedreht hat,
daß die Sonne scheint, das Gras wächst, das Vieh frißt usw.! Und ebenso steht
es um das Geschehen des Menschlichen und göttlichen Lebens. Wir pflegen nicht
auszusprechen, daß dieser oder jener Mensch bei seinem Tode in die geistige
Welt hinübergegangen ist; vielmehr leiten wir aus allen diesen Einzelheiten
das allgemeine Gesetz ab, daß Menschen durch den Tod in die geistige Welt
hinübergehen. Wir sammeln nicht Beispiele, welche die Güte des Herrn
beweisen, sondern nehmen als Tatsache an, daß „der Herr gut ist gegen alle
und seine Barmherzigkeit über allen seinen Werken liegt“. Fakten haben für
uns das Aussehen aufeinanderfolgender Ablagerungen verloren und zeigen sich
selbst als eine kompakte Struktur, durchzogen von verschiedenen, klar abgezeichneten
Elementen. Die Veränderung gleicht der, welcher die Felsen unterliegen, wenn
ihre Schichtung in die kristallische Struktur übergeht. Die Bibel handelt nicht vom weltlichen, sondern vom
geistigen Leben. Wenn sie von Felsen spricht, so meint sie insbesondere die
feststehenden Tatsachen in bezug auf den Herrn, den Himmel und die Erlösung.
Wir sind wie Felsen im Sinne der Bibel, wenn wir einen festen Begriff von
diesen ewigen Wahrheiten haben und unsere Denk- und Lebensgewohnheiten sicher
darauf beruhen. Wessen Denken umgreift, besser: wessen Denken enthält die
ganze, absolute und ewige Wahrheit? Das des Herrn, und des Herrn allein. „Er
ist der Fels, sein Werk ist vollkommen; denn alle seine Wege sind gerecht;
ein Gott der Wahrheit und ohne Ungerechtigkeit; gerecht und wahrhaft ist er“
(5. Mose 32, 4). „Verlaßt euch auf den Herrn ewiglich; denn Gott der Herr ist
ein Fels ewiglich“ (Jes. 26, 4). „Höre mich auf dem Felsen, der höher ist denn ich“ (Ps. 61,
3). Welche Eigenschaft des Herrn wird uns in all diesen Stellen, wo er ein
Fels genannt wird, vor Augen geführt? Ist es seine zärtliche Liebe? Kaum —
vielmehr seine feststehende, unveränderliche Wahrheit (OE 411; HG 8581). Wir erinnern uns, daß der Herr von einem Felsen spricht,
auf dem er seine Kirche bauen werde. „Er sprach zu ihnen: Wer, sagt denn ihr,
daß ich sei? Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist Christus, der
Sohn des lebendigen Gottes! Und Jesus antwortete: ... du bist Petrus, und auf
diesen Felsen will ich meine Kirche gründen; und die Pforten der Hölle sollen
sie nicht überwältigen“ (Matth. 16, 15—18). Der Fels ist die Wahrheit, gegründet
auf die feste Überzeugung in den Herzen seiner Jünger, daß Jesus der Sohn
Gottes, d.h. Gott in seinem Menschlichen ist. Dies ist die grundlegende
Wahrheit der Christenheit, auf der alles andere beruht. Die Worte des Herrn lesen
sich so, als ob Petrus der Fels sei. Aber nicht der Jünger persönlich ist
gemeint, sondern Petrus als die Verkörperung dieses festen Glaubens an den
Herrn. Man vergleiche dazu die Verse 22 und 23 im gleichen Kapitel. Weil
Petrus vom Herrn ausgewählt worden war, dieses Element der Kirche darzustellen,
benannte er ihn Kephas oder Petrus, was soviel heißt wie Stein oder Fels
(Joh. 1, 42; EO 768, 798; WCR 342, 379; JG 57; HG Vorwort zu Kapitel 12 des
1. Buches Mose; OE 411, 820). „Jesus sprach zu ihnen: habt ihr nie gelesen in den
Schriften: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein
geworden... und wer auf diesen Stein fällt, der wird zerschellen; auf wen
aber er fällt, den wird er zermalmen. Und da die Hohepriester und Pharisäer seine
Gleichnisse hörten, verstanden sie, daß er von ihnen redete“ (Matth. 21,
42—45). Die Priester und Pharisäer waren die Bauleute der Kirche ihrer Zeit;
welchen Eckstein aber verwarfen sie? Die göttliche Wahrheit des Wortes
Gottes, und besonders die grundlegende Wahrheit, daß Jesus der Christus ist,
der Sohn des Lebendigen Gottes. Aber die ewige Wahrheit wird sicher die
Oberhand gewinnen. Wenn wir ihr Widerstand leisten, sowohl in geistigen wie
in physischen Dingen, kann das nur dazu führen, daß wir uns selbst verletzen
(OE 417). Denken wir an das Gleichnis von dem Hause, das auf einen
Felsen gebaut wurde: „Und der Regen fiel und die Flut kam und die Winde
wehten und stießen wider das Haus; doch es fiel nicht, denn es war auf einen
Felsen gegründet“ (Matth. 7, 24—27). Das geistige Haus eines Menschen ist der
Zustand seines Gemüts und seines Lebens, in dem er sich sicher und zuhause
fühlt. Der Sturm, der seine Stärke prüft, bedeutet Versuchung mit ihrem Sturm
falscher Gedanken. Eine lebendige Überzeugung von den ewigen Wahrheiten des
göttlichen Wortes, was den Herrn selbst, seine Vorsehung, den Himmel usw. anlangt,
schafft eine Grundlage, die nicht erschüttert werden kann, sondern ihre
Stärke erst recht in den Zeiten der Versuchung zeigt. Wir gewinnen sie, indem
wir die Gebote des Herrn tun. Denn das Tun der Worte des Herrn bringt uns in
lebendige Beziehung zu ihm, der der wahre Felsen und Eckstein ist (OE 411,
644). Wir lesen über die Steine, die zum Bau des Tempels benutzt
wurden: „Da das Haus gebaut ward, waren die Steine zuvor ganz zugerichtet,
daß man keinen Hammer noch Beil noch irgend ein eisernes Werkzeug beim Bauen
hörte“ (1. Kön. 6, 7). Und an einer anderen Stelle: „Wenn du mir einen
steinernen Altar machen willst, sollst du ihn nicht von behauenen Steinen
bauen; denn wenn du mit einem Messer darüberfährst, wirst du ihn entweihen“
(2. Mose 20, 25). Die Bedeutung dieser Sätze liegt darin, daß unser religiöser
Glaube und unser Gottesdienst aus ursprünglichen Wahrheiten gebildet werden
müssen, wie wir sie vom Herrn in seinem Wort empfangen, ohne daß wir sie
verzerren und zurechtstutzen, damit sie uns selbst passen (EO 457, 847; OE
585; HG 1298, 8941). Denken wir auch daran, wie in der Wüste „Mose seine Hand
aufhob und den Fels zweimal mit seinem Stabe schlug. Da ging viel Wasser
heraus, daß die Gemeinde trank und ihr Vieh“ (4. Mose 20, 11). Und wieder
lesen wir: „Oh, daß mein Volk auf mich gehört hätte und Israel in meinen
Wegen gewandelt wäre — mit Honig aus dem Felsen würde ich sie gesättigt
haben“ (Ps. 81, 14 f). Der Felsen ist die unwandelbare Wahrheit des
göttlichen Wortes, dem Anschein nach streng und hart; Wasser und Honig sind
Erfrischung und Süßigkeit, welche es in sich für uns aufgespeichert hat (OE
411, 619, 374; HG 8581 f, 5620). Im Gleichnis vom Säemann hören wir, daß etwas vom Samen auf
steinigen Grund fiel; und der Herr erklärt dazu: „Der aber, der auf das
Steinige gesät worden, ist der, welcher das Wort hört und es alsbald mit
Freuden aufnimmt. Aber er hat keine Wurzel in sich; er ist wetterwendisch:
wenn Trübsal oder Verfolgung um des Wortes willen kommt, nimmt er sogleich Anstoß“
(Matth. 13, 20 f). Hier läßt das Steinige an etwas weniger Himmlisches
denken. Ein harter, liebloser Zustand des Gemüts wird dargestellt, der nur
ein verstandesmäßiges Interesse am Wort des Herrn hat, seine Lehren als reine
Tatsachen empfängt, aber ohne Liebe zu ihnen, die ihm in Zeiten der
Versuchung Kraft verleihen könnte (OE 401, 411; HG 3310; HH 488). Und weiterhin finden wir diesen Vers: „Ist mein Wort nicht
wie ein Feuer, spricht der Herr, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?“
(Jer. 23, 29). Kann der Fels der göttlichen Wahrheit das göttliche Wort in
Stücke brechen? Schwerlich! Aber es mag sein, daß wir Falschheiten angenommen
und für wahr gehalten und darauf gebaut hatten, als seien sie solide Felsen.
Vor dem Worte des Herrn fallen sie aber in Stücke. Felsen in diesem Vers
bedeuten also solche Falschheiten, wie sich aus den vorhergehenden Versen
ohne weiteres ergibt (PP; OE 411; Einl. 35). So verstehen wir auch die Bedeutung
jener Feststellung in der Offenbarung, daß Menschen „sich in den Klüften und
Felsen an den Bergen verbargen und zu den Bergen und Felsen sprachen: Fallet
über uns und verbergt uns vor dem Angesichte dessen, der auf dem Thron sitzt,
und vor dem Zorn des Lammes!“ (Offb. 6, 15 f). Es sind sicherlich nicht die
Guten, die sich vor dem Herrn verbergen wollen, sondern die Bösen; und es
handelt sich hier nicht um die Felsen der Wahrheit, sondern des Falschen, mit
denen sich die Bösen zu tarnen und zu rechtfertigen suchen (EO 338 f; OE 410
f; HH 488). Wir erinnern uns, daß das jüdische Gesetz befahl, daß
Menschen für gewisse Verbrechen gesteinigt werden sollten (2. Mose 21, 28 f;
3. Mose 24, 16; Joh. 8, 5). Wie alles andere, so waren auch die Strafen in
der jüdischen Kirche vorbildend. Sie waren Bilder der unvermeidlichen
geistigen Folgen verschiedener Abarten des Bösen. Die Steinigung bildete die
Auslöschung des geistigen Verständnisses vor, die durch Zügellosigkeit
falscher Gedanken zustandekam, und die Verbrechen,
die diese Strafen nach sich zogen, waren Vorbildungen der geistigen
Verbrechen, die in der Verfälschung des Wahren bestehen (HG 7456, 8799; OE
240, 655). Die Steinigung läßt auch an die Beseitigung des Falschen durch die
strikte Anwendung des Wahren denken (HG 7456). Beide Gedanken finden wir
eingeschlossen in die Worte des Gefangenen-Psalms: „Wohl dem, der dir
vergilt, wie Du uns getan hast! Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und
sie an einem Stein zerschmettert“ (Ps. 137, 8 f). Die Anfänge eines
unschuldigen Lebens sind durch Falschheiten zerstört worden; wohl dem, der
die Anfänge des Bösen mit der Kraft des Göttlichen Wortes zerstört! (OE 411). Es gibt gewöhnliche Steine, die zwar keine Schönheit
aufweisen, dafür aber nützlich beim. Bauen sind; und es gibt kostbare Steine.
Sie weisen die herrlichsten Farben auf. Viele von ihnen sind außerordentlich
hart und können auf Hochglanz poliert werden. Viele sind auch durchsichtig
für das Sonnenlicht und reflektieren es für unsere Augen in den Farben des
Regenbogens. Wir fragen uns, ob es auch unter unseren geistigen Steinen
feststehender, unveränderlicher Tatsachen beide Arten von Steinen, die
gewöhnlichen und die kostbaren, gibt. Ist etwa die Tatsache, daß Columbus
1492 Amerika entdeckte, ein kostbarer oder ein gewöhnlicher Stein? Diese
Tatsache ist gewiß und hart, aber sie hat keinerlei besondere Schönheit. Die
Tatsache, daß der Herr gut ist gegen alle und daß sich seine zärtliche
Erbarmung über alle seine Werke erstreckt, ist als Tatsache gewisser als die
andere; sie ist auch ein Kristall (vergl. Kapitel 33), und sie ist durchscheinend
für den Schein des himmlischen Lichts; sie offenbart uns des Herrn Liebe und
Weisheit. Harte, buchstäbliche Wahrheiten aus dem Worte des Herrn, die uns
die Liebe und Weisheit des Himmels übermitteln, sind die kostbaren Steine. Im
Vergleich zu den trägen, undurchsichtigen Steinen gewöhnlicher Fakten sind
sie wie der Regenbogen vor der dunklen Wolke (OE 717; HG 9407). „Du Elende,
über die alle Wetter gehen, und du Trostlose, siehe, ich will deine Steine
wie einen Schmuck machen und will deinen Grund mit Saphiren auslegen und deine
Zinnen aus Kristallen machen und deine Tore von Rubinen und alle deine
Grenzen von auserwählten Steinen. Und alle deine Kinder sollen gelehrt werden
vom Herrn und großen Frieden haben“ (Jes. 54, 11—13). Vom Herrn gelehrt!
Wahrheiten von Ihm, die uns die Schönheit seiner Liebe offenbaren,
Wahrheiten, auf die wir bauen und in denen wir Frieden finden können vor
Trübsal und Stürmen — diese heiligen Wahrheiten sind die kostbaren Steine(OE
717; PP; HG 9407, 9873, 655, 1298). Andere, ebenso schöne Bibelstellen kommen uns in den Sinn.
Wir wollen aber zuerst einmal feststellen, daß die Farben der edlen Steine
einen Hinweis auf die Art der heiligen Wahrheit geben, welche durch sie
dargestellt werden. Man sollte meinen, daß jedermann die Farbe jenes
Edelsteins bestimmen könnte, den wir als unser erstes Beispiel genannt haben:
„Der Herr ist gut gegen alle, und Seine zärtliche Barmherzigkeit erstreckt
sich auf alle Seine Werke“. Der Leser wird wahrscheinlich finden, daß es sich
um eine warme Farbe, vielleicht um Rot, handeln muß; denn sie glüht in der
göttlichen Liebe, welche sie offenbart (HG 9865). Oder jener Stein, auf den
der Herr seine Kirche gründet, denn dabei handelt es sich um eine heilige
Wahrheit, „ein geprüfter, kostbarer Stein“. „Du bist Christus, der Sohn des
lebendigen Gottes“. Sicherlich ist es ein Stein von kühlerem Farbton, aber
hart und glänzend (HG 9872). Swedenborg erzählt uns viel Schönes über die Farben und
ihre verschiedenen Abstufungen. Alle Farben sind von Rot und Weiß abgeleitet,
zuweilen mit Schwarz untermischt. So ist Blau eine Mischung von Weiß und
Schwarz. Wer je mit dem Gebläsebrenner gearbeitet hat, kennt das strahlende
Blau, das aus einem weißen Sublimat auf der schwarzen Kohle hergestellt
werden kann. Weißer Rauch gegen einen schwarzen Hintergrund sieht blau aus;
und es ist wahrscheinlich, daß das Blau des Himmels dadurch zustandekommt,
daß wir durch die helle Luft auf den schwarzen Hintergrund des Weltraums blicken.
Gelb ist ein Weiß, das durch Rot gewärmt ist, beide untrennbar miteinander vermischt.
Das Gelb kann freilich nicht durch Rot und Weiß gemischt werden, aber es enthält
zweifellos das Weiße und ebenso einen Schuß Feuer. Mit diesen gegebenen
Farben wissen wir, wie Rot vermischt mit Gelb in Orange verwendet wird,
vermischt mit Blau in Purpur. Blau mit Gelb ergibt Grün. Der Leser mag gelernt haben, daß rot, gelb und blau jene
Farben sind, die allen anderen zugrunde liegen. Das ist sicherlich nicht
falsch, doch sollte man bedenken, daß gelb selbst aus rot und weiß zusammengesetzt
ist und blau aus weiß und schwarz. Denken wir nun an die Bedeutung dieser
Farben: Rot, warm und feurig, spricht uns immer von Liebe; weiß mit seiner
kühlen Helle ist das klare Licht der Weisheit; schwarz dagegen ist die
demütige Erkenntnis unserer eigenen Unwissenheit und Unbedeutendheit. Alle
die lieblichen Farben des Regenbogens und der kostbaren Steine würden, wenn
unsere Augen dafür offen wären, ihre Botschaft zu verstehen, von der Liebe
und Weisheit des Herrn in ihren unendlichen Kombinationen zu uns sprechen.
Blau erzählt uns von der unendlichen Weisheit, die lieblicher gemacht wird
durch die Empfindung unserer eigenen Unwissenheit. Blau ist die Farbe, die
sich über uns wölbt, wenn wir zum Himmel und zum Herrn aufblicken. Gelb
erzählt uns von der Liebe und Weisheit, wie sie untrennbar verbunden sind,
wenn sie sich in nützlichen Werken auswirken. Wie lieblich ist das Gelb, die
Farbe der reifen Ernte! Grün, blau vermischt mit gelb, läßt an Intelligenz
denken, die zum Guten angewendet wird. Wie könnten Gras und Blätter, die
verständigen Gedanken entsprechen, die zu nützlichen Werken führen, irgendeine
andere Farbe haben! (Vergl. Kapitel 21). Und so geht es weiter mit der
unendlichen Verschiedenartigkeit der Farben und Farbtöne (HG 9467, 9865; OE
364, 1324; EO 231, 915). Wir wollen nicht versuchen, die Entsprechung der einzelnen
Edelsteine aufzuzeigen. teilweise deshalb, weil die Namen, mit denen die
Edelsteine in der Bibel belegt werden, in vielen Fällen unsicher sind, wir
also oftmals nicht wissen, welcher Stein nun eigentlich gemeint ist. Aber
soviel können wir wissen, daß der Rubin und andere feurige Steine heilige
Dinge darstellen, die uns von der göttlichen Liebe des Herrn sprechen (HG
9865; OE 401); ein weißer, durchscheinender Stein und der blaue Saphir mit
ihrer kühleren Schönheit sind heilige Wahrheiten, die uns die göttliche
Weisheit offenbaren (HG 9407, 9868, 9873; EO 897); der Smaragd ist eine
heilige Wahrheit, die uns die göttliche Weisheit in einer bescheideneren
Form, aber anwendbar auf den Nutzen offenbart (OE 269; EO 232). In den Sprüchen finden wir Belege dafür, daß die weisen
Vorfahren wußten, daß kostbare Steine Symbole heiliger Wahrheiten sind. „Wohl
dem Menschen, der Weisheit findet und dem Menschen, der Verstand bekommt.
Denn es ist besser, sie zu erwerben, als Silber; und ihr Ertrag ist besser
als Gold. Sie ist kostbarer als Rubine“ (Spr. 3, 13. 15). „Es gibt Gold und
eine Fülle von Rubinen; aber ein vernünftiger Mund ist ein edles Kleinod“
(Spr. 20, 15). Und bei Hiob heißt es: „Wo will man aber die Weisheit finden,
und wo ist die Stätte des Verstandes... Man kann nicht Gold um sie geben noch
Silber darwägen, sie zu bezahlen. Es gilt ihr nicht
gleich Ophir-Gold oder köstlicher Onyx und Saphir. Gold und Glas kann man ihr
nicht vergleichen, noch um sie goldenes Kleinod wechseln. Korallen und
Kristall achtet man gegen sie nicht. Die Weisheit ist höher zu wägen als
Rubine. Der Topas aus Mohrenland wird ihr nicht gleichgeachtet, und das
reinste Gold gilt ihr nicht gleich. Woher kommt denn die Weisheit? Wo ist die
Stätte des Verstandes?“ (Hiob 28, 12. 15—20; OE 717; HG 9873, 98650.) Wie schön sind die folgenden Worte, die sich an den König
von Tyrus wenden, wenn wir wissen, daß Tyrus mit seinem Handeln im positiven
Sinne das Verständnis darstellt, das den Bereich der Kenntnis sucht, um damit
Dinge zu schaffen, die dem geistigen Leben dienen! (Vergl. Kap. 38). „Du bist
ein reinliches Siegel, voller Weisheit und über die Maßen schön. Du bist im
Lustgarten Gottes, geschmückt mit allerlei Edelsteinen: mit Sarder, Topas,
Demant, Türkis, Onyx, Jaspis, Saphir, Amethyst. Smaragd und Gold“ (Ez. 28, 12
f). Die heiligen Wahrheiten aus dem Wort, welche diese Steine darstellen,
durchscheinend mit den Farben der Liebe und Weisheit, sind, was das
unpervertierte Verständnis preist; sie bilden seine Summe der Weisheit (OB
717; PP; HG 9863, 9407; WCR 219; HS 45, 97). Dieses Versprechen wird der
Gemeinde zu Pergamos gegeben, unter der diejenigen
zu verstehen sind, „die das Ganze der Kirche in gute Werke legen, nichts
jedoch in die Wahrheiten der Lehre“: „Dem, der da überwindet, will ich geben
... einen weißen Stein und auf diesem Stein einen neuen Namen geschrieben,
den niemand kennt, außer wer ihn empfängt“ (Offb. 2, 17). Es ist eine Verheißung
an die Gläubigen, daß sie empfangen werden, was ihnen nun fehlt, nämlich eine
Überzeugung von den göttlichen Wahrheiten, welche, wenn sie auch ihr Leben
nicht äußerlich ändert, demselben doch eine neue Bedeutung und einen Segen
verleiht (EO 121—123; OE 147 f). Unter den heiligen Gerätschaften, die auf Gottes Geheiß für
den Gebrauch im vorbildenden jüdischen Gottesdienst gemacht wurden, befand
sich auch das Brustschild, das der Hohepriester Aharon tragen sollte, wenn er
hineinging, um den Herrn zu befragen. „Du sollst das Brustschild machen nach
der Kunst, wie den Leibrock, von Gold, blauem und rotem Purpur... Und sollst
es füllen mit vier Reihen von Steinen. Die erste Reihe sei ein Sarder, Topas,
Smaragd; die zweite ein Rubin, Saphir, Demant, die dritte ein Lynkurer, Achat, Amethyst; die vierte ein Türkis, Onyx,
Jaspis. Mit Gold sollen sie gefaßt sein in allen Reihen; und sollen nach den
zwölf Namen der Kinder Israel stehen“ (2. Mose 28, 15—21). Wir hören, daß die
Antworten vom Herrn gegeben wurden durch das Farbenspiel, das von den Steinen
des Brustschildes ausging, das dann durch die Priester ausgelegt wurde,
entweder durch eine Stimme oder durch eine innere Wahrnehmung (HG 6640, 9905;
WCR 218; OE 431). Aharon diente gleichsam als Medium für die Mitteilung der
Botschaften der Liebe Gottes an sein Volk. Alle seine heiligen Kleider waren
Vorbildungen der lieblichen Formen der Wahrheit, in denen die Liebe des Herrn
ihren Ausdruck findet. Ganz besonders waren es die zwölf Edelsteine des
Brustschildes, in denen die Botschaft in himmlischen Farben erstrahlte; sie
stehen für alle buchstäblichen göttlichen Wahrheiten des Wortes, die in der
göttlichen Liebe und Weisheit erglühen, welche sie vermitteln. In diesen
Edelsteinen der heiligen Wahrheit leuchten Antworten vom Herrn für uns in den
verschiedenartigen Tönungen der Liebe und Weisheit auf (HG 9856—9909; OE 717;
WCR 218; EO 540; HS 44). Wenden wir uns nun zur Offenbarung, wo wir über die Mauer
der heiligen Stadt das Folgende lesen: „Und ihre Mauer war aus Jaspis, die
Stadt aus reinem Gold, gleich dem reinen Glase. Und die Grundsteine der Mauer
um die Stadt waren geschmückt mit allerlei Edelgestein. Der erste Grundstein
war ein Jaspis, der zweite ein Saphir, der dritte ein Chalzedon, der vierte
ein Smaragd, der fünfte ein Sardonyx, der sechste ein Sardis,
der siebente ein Chrysolith, der achte ein Beryll, der neunte ein Topas, der
zehnte ein Chrysopas, der elfte ein Hyazinth, der
zwölfte ein Amethyst“ (Offb. 21, 18—20). Gewiß handelt es sich hier um die
Erneuerung einer alten Prophezeiung: „Siehe, ich will deine Steine wie einen
Schmuck legen, und will deinen Grund mit Saphiren legen... Und alle deine
Grenzen von ausgewählten Steinen. Und alle deine Kinder gelehrt vom Herrn“
(Jes. 54, 11—13). Es handelt sich um eine Vision einer Kirche oder eines
individuellen Lebens, das auf den Felsen der göttlichen Wahrheit gegründet
ist, die kein Sturm erschüttern und über die keine Hölle triumphieren kann.
Die Grundlagen und die Mauern der heiligen Stadt sind gewisse, ewige
Wahrheiten der Lehre, gegründet auf den Buchstaben des Wortes, auf welche die
Neue Kirche des Herrn in der Welt und in jeder einzelnen Seele gegründet sein
muß, und durch welche sie verteidigt wird. Diese aber sind keine gemeinen
Tatsachen, Fakten, sondern heilige Wahrheiten, durchscheinend für den Herrn
und den Himmel, von innen belebt durch die Farben der göttlichen Liebe und
Weisheit (EO 914 f; OE 1320—1324, 717; HS 43; WCR 217; HG 9407, 9863). Auf den ersten Blick scheinen Elfenbein und Perlen zu den
Steinen und Juwelen zu gehören, es gilt aber zu bedenken, daß sie beide
tierische Produkte sind. Das Elfenbein stammt von den Stoßzähnen der
Elefanten, und die Perle findet man in bestimmten Muschelarten. Wir müssen
daher zuerst von den Tieren sprechen, welche sie hervorbringen. Der Elefant ist das größte und stärkste aller heutigen
Landtiere. Er hat aber noch andere, besonders auffällige physische Merkmale.
Da ist vor allem einmal der Rüssel, der ihm statt der fehlenden Hände dient.
In Wirklichkeit ist er die Nase des Elefanten, die sich so erstaunlich
entwickelt hat. Eine andere Besonderheit dieses Tieres sind seine Stoßzähne.
Sie wachsen aus dem oberen Kiefer heraus und sind so lang und stark, daß sie
beachtliche Waffen darstellen. Wir finden ferner, daß die Elefanten
außerordentlich intelligent sind, ein Wahrnehmungsvermögen besitzen, das dem
jedes anderen Tieres gleichkommt, und daß sie leicht für nützliche Arbeiten
trainiert werden können. Ihre Geduld wird zuweilen erschöpft, und dann lassen
sie sich kaum mehr zügeln. Es scheint, daß sie ein bemerkenswertes Gedächtnis
für Missetaten haben, die man ihn zugefügt hat, und es sind zahlreiche Geschichten
über ihre Rachsucht im Umlauf. Die Tiere — das sei hier wiederholt — entsprechen als
solche den warmen, empfindsamen Neigungen unseres eigenen Herzens, einige den
guten, andere den bösen. Der Elefant entspricht also einer gewissen Neigung,
und zwar offensichtlich einer starken und nützlichen, die aber doch der
Gefahr ausgesetzt ist, gelegentlich in Wut auszuarten. Welche Neigung mag
dies sein? Die außergewöhnliche Entwicklung der Nase und der Zähne des
Elefanten hilft uns bei der Entscheidung dieser Frage. Welche geistige Fähigkeit entspricht der Nase? Schnelle
Auffassung der Eigenschaften von Menschen und Dingen (HG 4403, 4624—4633).
Und die Zähne? Die Aufschließung unserer Nahrung durch die Zähne entspricht
der kritischen Untersuchung dessen, was uns zum Zweck als Glauben und zur
Aufnahme angeboten wird, damit wir erkennen, was wirklich darin enthalten
ist, aber auch eventuelle Verkehrtheiten, die verborgen darin liegen mögen.
Die Zähne, mit deren Hilfe wir diese kritische Untersuchung anstellen, sind
unsere wohlgegründeten Prinzipien des Rechten und der Gerechtigkeit, nach
denen wir urteilen (vergl. Kap. 6). Die Stoßzähne des Elefanten stellen eine
solche Kenntnis der Gerechtigkeit dar, eine Kenntnis, die weit über das
hinausgeht, was wir brauchen, um jene geistige Nahrung zu untersuchen, die
uns für uns selbst angeboten wird, und die ausreicht, um die Angelegenheiten
des Lebens rund um uns nach ihrer wahren Beschaffenheit zu erforschen. Der
Elefant entspricht daher einer Neigung, die mit einer bemerkenswerten
Wahrnehmung der Eigenschaften von Menschen und Dingen einhergeht, sowie mit
einer sehr starken und festgegründeten Kenntnis dessen, was recht und gerecht
ist, welche diese Dinge offenlegt und ergründet. Diese Eigenschaften stimmen
sehr genau mit dem scharfen Gerechtigkeitssinn der Elefanten überein, wie
auch mit ihrer Ungeduld, wenn dagegen verstoßen wird. Wir gelangen also zu dem Schluß, daß der Elefant einer
starken Liebe zur Gerechtigkeit entspricht, welche Betrug schnell entdeckt
und entlarvt, und die leicht bis zur Ungeduld gesteigert wird. Die Stoßzähne
sind die Kenntnis dessen, was gerecht und recht ist, wodurch das Urteil
gebildet und alle Ungerechtigkeit ans Licht gebracht wird. Feststehende
Kenntnis des Rechten und der Gerechtigkeit findet ihr Abbild im festen,
weißen Elfenbein. Sie hat beinahe die gleiche Festigkeit jener Tatsachen, denen
die Steine entsprechen. Aber da die Stoßzähne Teil eines Tieres sind und in ihrem
Inneren einen empfindlichen Nerv enthalten, so ist die Kenntnis der Gerechtigkeit,
die sie darstellen, eine lebendige Angelegenheit, und sie weiß nicht nur, sondern
sie empfindet, was ungerecht ist (OE 253, 1146; EO 774; HG 1172, 6188). Aus den Tagen Salomohs hören wir, daß „einmal in drei
Jahren Schiffe von Tarschisch kamen, um Gold,
Silber, Elfenbein, Affen und Pfauen zu bringen“ (1. Kön. 10, 22). „Und der
König machte einen großen Stuhl von Elfenbein und überzog ihn mit dem edelsten
Golde... Solches ist nie gemacht worden in allen Königreichen“ (18—20). Ohne
Zweifel war die Ausführung ähnlich den Gold- und Elfenbein-Arbeiten der
Griechen, in denen das Gold das Elfenbein schmückte, aber nur teilweise
verhüllte. Das Gold diente ebenso dazu, die Elfenbeinstücke miteinander zu verbinden.
Der Thron ist offensichtlich ein Symbol für die Herrschaft des Königs. Welche
Elemente oder Eigenschaften dieser Herrschaft stellen Elfenbein und Gold dar?
Elfenbein läßt, wie wir sahen, an die feststehenden Grundsätze des Rechten,
das Gold an die Güte denken, die diese Grundsätze zugleich schmückt und zum
gemeinsamen Zweck eines Urteils der Liebe vereint. Aber damit nehmen wir
bereits unser nächstes Kapitel vorweg. Ein weiterer Gedanke: Salomoh in all
seiner Herrlichkeit ist ein Vorbild dessen, „der größer ist als Salomoh“, und
sein Thron stellt die göttliche Herrschaft des Herrn dar. Das Gold ist daher
die liebevolle Güte der Herrschaft des Herrn, und das Elfenbein deren
absolute Gerechtigkeit (EO 229; OE 253, 514). Dieselbe Lektion lehren uns die
folgenden Worte des Psalms: „Gerechtigkeit und Gericht ist Deines Thrones
Feste, Gnade und Wahrheit sind vor Deinem Angesicht“ (Ps. 89, 15; 97, 2; OE
298). Die Perle stammt von der Perlmuschel. Sie gehört also
ebenfalls zum Tierreich. Auch sie entspricht also irgendeiner Neigung. Ist es
eine gute oder schlechte? Zweifellos eine gute; denn sie ist harmlos und nützlich.
Bloß ist die Muschel kein hochorganisiertes Geschöpf wie der Elefant, und sie
lebt im Meer. Das läßt uns daran denken, daß die Neigung, welcher die
Perlmuschel entspricht, nicht besonders innerlich und geistig ist, sondern
verhältnismäßig niedrig und äußerlich, verbunden mit den geistigen Fischen,
welche Neigungen zu weltlichem Leben und zur Sammlung natürlicher Kenntnisse
darstellen (vergl. Kapitel 19). Im geistigen Sinne entspricht also die
Perlmuschel einer eher niedrigen, natürlichen Neigung. Wir fragen weiter: Ist es eine Neigung zum Vollbringen
irgend eines aktiven Nutzens? Wie sieht das Leben der Perlmuschel aus? Sie
liebt es, still zu liegen und sich in ihrer starken Schale sicher zu fühlen.
Die Perlmuschel scheint geradezu eine Verkörperung passiver Freude an
Bequemlichkeit und Sicherheit zu sein. Auch die Art, wie sie eingedrungene
Gegenstände, die sie nicht wieder ausstoßen kann, umhüllt, ist eine bemerkenswerte
Illustration dieser selben Eigenschaft, zeigt sie doch, daß das oberste
Bestreben der Perlmuschel auf Bequemlichkeit ausgerichtet ist. Es strebt
danach, unter allen Umständen frei von Ärger und Belästigung zu sein. Wir kennen neben den mehr aktiven Freuden jenes Vergnügen
am Stilliegen und am Gefühl der Sicherheit. Es ähnelt dem Gefühl, das wir
haben, wenn wir uns in einer stürmischen Nacht an den Kamin setzen und das
gute, sichere Dach zwischen uns und dem Wetter wissen. Wir kennen auch eine
edlere Befriedigung ähnlicher Art: Das friedvolle Bewußtsein, durch die Macht
des Herrn vor den Ärgernissen des Bösen beschützt zu sein. Dies ist die
Perlmuschel in ihrem besten Sinne. Die Perle, das Faktum oder das Wissen um
des Herrn rettende Macht, welche von Tag zu Tag an Stärke und Schönheit
wächst (EO 727, 916; OE 1044, 1325; HH 307; NJ 1). Verdient diese Kenntnis nicht, unter die edelsten
Weisheiten eingereiht zu werden, ähnlich wie die Perle ihren hervorragenden
Platz unter den Edelsteinen hat? „Korallen und Kristall achtet man nicht
gegen sie. Die Weisheit ist höher zu wägen denn Perlen“ (Hiob 28. 18; OE
717). Doch eignet diesem Erkennen etwas Zarteres als den glitzernden Juwelen,
ist es doch ein Produkt des Lebens. Es mußte erfahren werden unter dem qualvollen
Bewußtsein des Bösen, durch Leiden und geistige Versuchungen hindurch. Im
Zentrum der Perle findet sich jenes feindliche Element, vor dem sie schützt.
Um unser Bewußtsein des Bösen legt sich Tag für Tag eine Schicht unserer
Erfahrung von des Herrn Erlösermacht und bildet damit die geistige Perle. In einem Gleichnis spricht der Herr: „Wiederum gleicht das
Reich der Himmel einem Kaufmanne, der gute Perlen sucht und der, nachdem er
eine kostbare Perle gefunden hatte, hinging und alles verkaufte, was er
hatte, um sie zu kaufen“ (Matth. 13, 45 f). Ein Abschnitt aus einer ganzen
Reihe von Gleichnissen, die das Königreich des Himmels verschiedenen Dingen
vergleichen. Jedes dieser Gleichnisse stellt irgendeine besondere Eigenschaft
des Himmels heraus. Welche Eigenschaft enthüllt nun unser Gleichnis? Den
himmlischen Frieden aus dem Schutz vor allem, was verletzten könnte; das
Bewußtsein unserer eigenen Schwäche, abgeschirmt durch die Erlösungsmacht des
Herrn. Das ist sicherlich ein Element der himmlischen Seligkeit (EO 727, 916;
OE 444, 840, 863, 1044, 1325). Bei der Beschreibung der heiligen Stadt heißt es: „Und die
zwölf Tore waren zwölf Perlen; und ein jegliches Tor war von einer einzigen
Perle“ (Offb. 21, 21). Die zwölf Tore sind die auf sehr verschiedenen Wegen
gewonnenen Erkenntnisse hinsichtlich der Erlösungsmacht des Herrn. Jedes Tor
ist aus einer Perle, weil diese Kenntnis alles in sich enthält und die Summe
von allem darstellt. Wenn wir des Herrn Gebote halten, so empfinden und
wissen wir um seine Erlösungsmacht. Wir gehen ein durch das Perlentor. „Selig
sind, die ihre Kleider waschen, auf daß sie teilhaben dürfen an dem Baum des
Lebens und zu den Toren eingehen in die Stadt. Draußen aber sind die Hunde
und die Zauberer und die Unzüchtigen und die Totschläger und die Götzendiener
und jeder, der die Lüge liebt und tut“ (Offb. 22, 14 f; EO 727, 916; OE
1325). Ist nun die Kenntnis, daß wir uns sicher und geborgen
fühlen dürfen, der Gefahr des Mißbrauchs ausgesetzt? Kann sie in den Dienst
eines Geistes der Trägheit und der Nachsichtigkeit mit sich selbst treten?
Wäre das nicht vielleicht das gleiche, wie die Perlen vor die Säue werfen?
(Matth. 7, 6; OE 1044; EO 727). Ja, selbst die Tatsache, daß wir durch des
Herrn Erlösung Sicherheit besitzen, die kostbare Perle des Himmelstores, wird
vom Schwein unter die Füße getreten, wenn wir sie verächtlich zu rückstoßen
oder als Ausrede für ein böses und zügelloses Leben benutzen. Metalle gehören zur selben Klasse wie die Felsen; sie sind
Minerale und teilen miteinander die Eigenschaften der Härte und
Dauerhaftigkeit. Jedoch besitzen die Metalle etwas, was die Felsen nicht
haben und was sehr zu ihrer Nützlichkeit beiträgt. Welche Eigenschaft ist
gemeint? Sie lassen sich gießen und in verschiedene Formen bringen! Wir erinnern uns, daß die Felsen im geistigen Sinne
feststehende, wohlgegründete und gesicherte Tatsachen sind, auf denen unsere
gesamte Zivilisation, unsere Lebensgewohnheiten und Gedanken basieren (vergl.
Kap. 33). Gibt es nun unter diesen Tatsachen einige, welche die besonderen
Eigenschaften der Metalle besitzen? Könnten sie, obwohl fest und gesichert,
verschiedene Formen annehmen, und zwar je nach den waltenden Umständen? Wie
steht es z.B. mit folgendem Faktum: Muß der Gesetzesbrecher für seine Tat am
Ende leiden? Sicher ja, aber wieviele verschiedene Formen nimmt die Sühne je
nach den Umständen an? Ebensoviele, wie es Arten der Übertretung und
schlimmen Folgen gibt. Der Grundsatz des Gesetzes aber bleibt der gleiche,
welche Formen er auch immer annehmen möge. Von dieser Art sind die geistigen Metalle: Grundsätze oder
Gesetze, hart und gesichert wie andere Tatsachen, doch je nach den Umständen
formbar, auf die sie anzuwenden sind. Die Mannigfaltigkeit der Umstände ist
den wechselnden Beziehungen des menschlichen Lebens angepaßt. So finden wir,
daß geistige Metalle ganz besonders jene Grundsätze darstellen, die das
soziale Leben der Menschen leiten — feste und gesicherte Grundsätze, aber
angeglichen den veränderlichen menschlichen Zuständen (HG 425, 643, 1551; OE
176; EO 775, 913). Jeder kann sich einen Haushalt oder irgendeine Gemeinschaft
vorstellen, die durch die stete Anwendung dieser Prinzipien in Ordnung
gehalten werden. Menschen fürchten das Tun des Bösen, weil es Strafen nach
sich zieht. Man kann sich aber auch andere, edlere Grundlagen für das Leben
der menschlichen Gesellschaft vorstellen. Zum Beispiel: Wir gehorchen, wenn
es gut für die Gesamtheit ist. Auch dieses Gesetz kann so viele Formen
annehmen, wie es Möglichkeiten zum Gehorsam und dem daraus folgenden Wohlergehen
gibt. Oder könnten wir uns von einem noch besseren Grundsatz
leiten lassen? Gewiß, indem wir mit Verstand auf die Wege der göttlichen
Ordnung einschwenken, wie wir sie in Gottes Werken und in seinem Wort
offenbart sehen und das Rechte tun — nicht weil wir durch äußere Gesetze dazu
gezwungen werden, auch nicht allein des natürlichen Nutzens wegen, der dem
Gehorsam entspringt, sondern aus der Einsicht, daß die göttliche Ordnung
weise ist und das echte Glück des gegenseitigen Dienens nach sich zieht. Wir
können dieses Prinzip folgendermaßen beschreiben: Einsichtiges Leben auf den
Pfaden der Gebote führt zu einem reinen und vom Glück gesegneten geistigen
Dasein. Ist nun darin der höchste und edelste Lebensgrundsatz zu
erblicken? Kann ein Kind folgsam sein aus einem höheren Motiv heraus als dem
der Furcht vor Strafe oder dem Wunsch, es bequem zu haben? Kennt es einen
noch innerlicheren Anstoß als das Vergnügen, sich anderen nützlich zu machen?
Kann das Kind nicht auch gehorchen, weil es Vater und Mutter liebt und fühlt,
daß sein Gehorsam sie glücklich macht und es ihrer Liebe näherbringt? Und
kann nicht dasselbe Prinzip auch uns dazu führen, unserem himmlischen Vater
zu dienen? Halte die Gebote des Herrn um Seinetwillen, und des Herrn Liebe
wird über deinem ganzen Leben stehen. Vergeblich wird man nach einem tieferen
und reineren Motiv Ausschau halten. Die beiden edelsten Metalle, die diesen beiden himmlischen
Grundsätzen entsprechen, sind Silber und Gold. Sehr dauerhaft, unterliegen
sie nicht der Gefahr der Korrosion, wie die gemeinen Metalle. So sind auch
die himmlischen Grundsätze frei von der verderblichen Selbstsucht, welche die
weniger himmlischen Motive so leicht verletzt. Gold und Silber, obwohl so
dauerhaft, sind aber auch weich und geschmeidig, denn diese himmlischen
Grundsätze sind bei jeder Gelegenheit glücklich und leicht anwendbar, um dem
Nächsten oder dem Herrn zu dienen. Sie müssen nicht, wie die weniger
himmlischen Motive, in harte, willkürliche Gesetze gezwängt werden. Gold und
Silber werden auch nicht wie die gemeinen Metalle dazu verwendet, um Werkzeuge
und Maschinen herzustellen, um den Dingen unsere Macht aufzuzwingen, vielmehr
dienen sie bis heute vielfach als Grundlage unserer Währung, als Gegenwert
geleisteter Arbeit und für Schmuck. Und so setzen uns diese himmlischen
Grundsätze nicht finsterem Zwang aus, sondern gewinnen uns durch ihre
Schönheit und Kostbarkeit. Nun müssen wir aber auch noch zwischen den beiden Metallen
unterscheiden. Sie gleichen sich in mancher Hinsicht, aber das Gold ist
seltener und kostbarer als das Silber. Es hat die warme, feurige Farbe des Sonnenscheins,
während das kühle Weiß des Silbers eher dem Mondschein ähnelt. Wer kann daran
zweifeln, daß Gold jenem heiligsten aller Gebote entspricht: Tu das Gute um
des Herrn willen, und du wirst Seine Liebe und Güte empfinden; und Silber dem
zweitheiligsten: Lebe verständig auf den Wegen der Weisheit des Herrn, und du
wirst die Freude kennenlernen, die im Dienst am Nächsten liegt!? Das eine
Gebot enthält die Kostbarkeit und warme Glut des Goldes, das andere die
gleichsam intellektuelle Schönheit des Silbers (HG 5658, 9832; OE 242; EO
211). In den Mythen der Alten hören wir oft vom „goldenen Zeit
alter“. Die Bibel schildert es in dem schönen Gleichnis vom Garten Eden. Es wäre
wohl naiv, anzunehmen, daß dieses Zeitalter seinen Namen einem Überfluß an
natürlichem Golde verdankte. Das Gold seiner Menschen war vielmehr geistiger
Art, weil sie, gleich guten, unschuldigen Kindern, den Herrn liebten und im
Tun des Guten um des Herrn willen die Liebe empfanden, die ihnen von Ihm her
zuströmte. Weil jene himmlischen Menschen solcher Natur waren, wurde ihr
Zeitalter mit Recht als das goldene bezeichnet (HG 5685; OE 70; HH 115; EL
75). Nichts anderes meint auch die Beschreibung des Gartens Eden. Wir lesen
dort im Zusammenhang mit dem bewässernden Strom, dessen erster Flußarm „um
das ganze Land Havilah fließt, wo selbst man Gold
findet. Und das Gold dieses Landes ist köstlich“ (1. Mose 2, 11 f). Sagt uns
dies nicht, daß die Weisheit jener Menschen aus ihrer Liebe zum Herrn und
ihrer Kenntnis der Güte seiner Wege entsprang? (HG 110; 113, 658, 9881). Auf das goldene Zeitalter folgte das silberne. Zu seiner
Zeit bestand die Weisheit der Menschen darin, die göttliche Lebensordnung aus
der Natur und aus dem sogenannten Alten Wort abzuleiten; und sie fanden ihr
Glück im gegenseitigen Dienen. Es versteht sich von selbst, daß auch dieses
Zeitalter seinen Namen nicht einem Überfluß des entsprechenden Metalles verdankt, sondern dem ihm entsprechenden Geist
(HG 5658; OE 70; HH 115; EL 76). In den Sprüchen und im Buch Hiob finden sich viele Hinweise
darauf, daß die Weisen des Altertums sehr wohl wußten, daß Gold und Silber
den kostbaren himmlischen Prinzipien entsprechen. Wir haben bereits folgende
Stelle zitiert: „Wo will man aber die Weisheit finden? Und wo ist die Stätte
des Verstandes. Man kann nicht Gold um sie geben, noch Silber darwägen, sie zu bezahlen. Es gilt ihr nicht gleich das
Gold von Ophir oder köstlicher Onyx und Saphir. Gold und Glas kann man ihr
nicht vergleichen, noch um sie goldenes Kleinod wechseln. Korallen und
Kristall achtet man gegen sie nicht. Die Weisheit ist höher zu wägen denn
Rubinen... Topas aus Ägypten wird ihr nicht gleichgeschätzt und das reinste
Gold gilt ihr nicht gleich. Woher kommt denn die Weisheit? Und wo ist die
Stätte des Verstandes?“ (Hiob 28, 12—20; OE 717; HG 9865, 9881). „Nimm an die
Weisheit, denn sie ist besser als Gold; und Verstand haben ist edler als
Silber!“ (Sprüche 16, 16; 8, 10; 3, 14). Groß ist die Zahl der Stellen in der Bibel, die Gold und
Silber in diesem Sinne erwähnen. Wir wollen im Folgenden eine Auswahl davon
zitieren, wobei wir alle Stellen unberücksichtigt lassen, die neben Gold und
Silber auch Kupfer und andere Metalle erwähnen. Wir sparen sie uns für das
nächste Kapitel auf. „Die Furcht des Herrn ist rein und bleibt ewiglich; die
Rechte des Herrn sind wahrhaftig, allesamt gerecht. Sie sind köstlicher denn
Gold und viel lauteres Gold“ (Ps. 19, 10 f). „Das Gesetz deines Mundes ist
mir lieber denn viele tausend Stück Gold und Silber“ (Ps. 190, 72; OE 6l9).
Die Worte des Herrn werden dem Gold und Silber verglichen, weil sie überall
jene beiden himmlischen Grundsätze der Liebe zum Herrn und des verständigen
Dienstes am Nächsten lehren, welche Gold und Silber im geistigen Sinne
darstellt. Diese beiden Lehren bilden auch den Inhalt der zwei großen Gebote,
von denen das Gesetz und die Propheten abhangen. Sie sind ebenso Inhalt der
„goldenen Regel“, die eine Zusammenfassung des Gesetzes und der Propheten
darstellt (Matth. 7, 12; 22, 40; HG 9832, 9881). Bei den Propheten lesen wir, daß der Herr uns wie Gold und
Silber läutern werde. „Siehe, ich will dich läutern, aber nicht wie Silber,
sondern ich will dich auserwählt machen im Ofen des Elends“ (Jes. 48, 10).
„Und ich will den dritten Teil durch Feuer führen und läutern, wie man Silber
läutert und prüfen, wie man Gold prüft“ (Sach. 13, 9; Mal. 3, 3). Deutlich
zeigt das des Herrn Absicht, durch Versuchungen und Prüfungen uns dahin zu
führen, daß die beiden himmlischen Grundsätze der Liebe zu Gott und der
einsichtigen Nächstenliebe in unseren Herzen rein werden mögen (OE 242, 532:
HG 8159). „Ich rate dir, daß du Gold von mir kaufest, das mit Feuer
durchläutert ist, daß du reich werdest“ (Offb. 3, 18). Eine Einladung des
Herrn an uns, Güte durch das Tun des Guten um Seinetwillen zu erlernen (OE
242; EO 211; HG 10272). „Denn Du überschüttest ihn mit gutem Segen, Du
setzest eine goldene Krone auf sein Haupt“ (Ps. 21, 4; OE 272; HG 6524,
9930). In der Stiftshütte diente das Gold als Abdeckung für die geheiligten
Einrichtungsgegenstände und für die Wände, während die Grundlagen, auf denen
die Holzplanken der Wände ruhten, aus Silber waren (2. Mose 25 und 26). Sagt
das nichts aus über die Eigenschaften, welche menschliche Herzen zum
Wohnplatz des Herrn machen? Das Wissen um seine Güte ist wie Gold, das seine
Gegenwart zuerst umkleidet, und das Verständnis seiner Wahrheit die silberne
Grundlage, auf der jenes beruht (HG 9484, 9506, 9643, 9667, 2576; OE 242).
Warum wird Gold unter den Gaben, welche die Weisen dem Kinde zu Bethlehem
darbrachten, zuerst genannt? (Matth. 2, 11) Weil es die liebende Anerkennung
der Güte des Herrn darstellt, jene Gabe, nach der sie am meisten verlangt (HG
9293, 10252; EO 277; OE 242, 491). Was für ein Lebenszustand wird wohl durch das Reich
Salomohs dargestellt, das sich durch einen großen Überfluß an Gold
auszeichnete? „Alle Trinkgefäße des Königs Salomoh waren golden, und alle
Gefäße im Libanonwaldhaus waren ebenfalls von lauterem Gold; denn das Silber
achtete man zu den Zeiten Salomohs für nichts“ (1. Kön. 10, 21). Offensichtlich
ein Bild des himmlischen Zustandes, in dem die Liebe zum Herrn und nicht das
Verständnis die Vormacht hat. Was bedeutet nun aber jene Auflage des Herrn bei der Aussendung
der Apostel: „Ihr sollt nicht Gold noch Silber.., in euren Gürteln haben“?
(Matth. 10, 9) Der Zusammenhang jener Stelle zeigt, daß die Bedeutung dieser
Anordnung darin bestand, daß die Jünger oder Apostel nicht ihren eigenen
Sinnen und ihrem eigenen Verständnis vertrauen sollten bei der Entscheidung
darüber, was gut sei, sondern als „Arme im Geist“ seine Lehre über das Gute
und Wahre verbreiten sollten (OE 242; HG 4677, 9942). Wir haben gesehen, daß Sonne und Mond zuweilen die Liebe zu
sich selbst und zur eigenen Einsicht darstellten, besonders wenn sie zum
Gegenstand des Götzendienstes gemacht wurden. So können Gold und Silber, wenn
sie zur Herstellung von Götzenbildern verwendet werden, auch unsere Aneignung
des Bösen anstelle des Guten und des Falschen anstelle des Wahren (Jesaja 40,
19; Offenbarung 9, 20; OE 587; EO 495; HG 8932). Wir erinnern uns: das goldene Zeitalter bestand, als die
Liebe zum Herrn den Menschen anzeigte, was gut sei, und das silberne, als die
Freude der Menschen darin bestand, Seine Wege der Nächstenliebe zu erlernen
und nach ihnen zu leben. Worin besteht nun die Bedeutung der folgenden Worte
aus den Klageliedern des Jeremias: „Wie ist das Gold so gar verdunkelt, und
das feine Gold so häßlich geworden!“ (4, 10). Und wieder um: „Dein Silber ist
zu Schaum geworden“ (Jes. 1, 22). Sie drücken die Trauer darüber aus, daß
dienende Liebe zum Herrn nicht länger zu finden ist, noch die Freude am
Erlernen und Beschreiten seiner Wege im gegenseitigen Dienen (EO 913; OE 242,
887). Man denke auch an das Gleichnis vom verlorenen Silberstück; welchen
besonderen geistigen Schatz, seinen Verlust und seine Wiederentdeckung
beschreibt es? (Luk. 15, 8—10; OE 675). Wird sich die goldene Regel je wieder
durchsetzen? Werden Menschen je wieder in ihrem täglichen Leben durch den
Segen geleitet und belohnt werden, der im Tun des Guten um des Herrn willen besteht?
Wir haben die göttliche Verheißung. Die heilige Stadt, wie sie Johannes aus
dem Himmel von Gott herabsteigen sieht, „war von reinem Golde, wie das reine
Glas... Und die Gassen der Stadt waren lauteres Gold, wie durchscheinendes
Glas“ (Offb. 21, 18. 21; EO 912, 917; OE 1321, 1326). Beide Metalle sind auf ihre Weise äußerst nützlich, aber
weit weniger wertvoll als Gold und Silber. Kupfer ähnelt dem Golde, und Eisen
zeigt ein kühles Grau, nicht unähnlich dem Silber. Aber beide besitzen nicht
die Dauerhaftigkeit der edlen Metalle, abgesehen von der größeren Härte des
Eisens korrodieren sie rasch. Wir erinnern uns, daß die Metalle einer bestimmten Art von
Tatsachen entsprechen, die wir als Grundsätze oder Gesetzmäßigkeiten
bezeichnen. In ihrer Substanz beständig, können sie aber je nach den Umständen,
auf die sie angewandt werden, verschiedene Formen annehmen (vergl. Kapitel
36). Bilden nun die goldenen und silbernen Grundsätze der beiden „großen
Gebote“ heutzutage in unseren Häusern, in unserer Gesellschaft, in den
Fabriken, in der Wirtschaft und in der Politik, die leitenden Prinzipien?
Zweifellos werden wir weit häufiger von weniger himmlischen Grundsätzen
bestimmt. Dafür hat das Gesetz der Unterordnung und sozialen Anpassung
Einfluß, da es zu natürlichem Glück und Wohlstand führt. Dieses Prinzip läßt
sich dem Kupfer vergleichen. Denn das Kupfer ähnelt dem Golde sowohl in
seiner Farbe als auch in seiner Geschmeidigkeit, und es wird ebenso als Geld
verwendet. So hat auch das natürliche Motiv der Unterordnung und Anpassung,
aus dem heraus die Gebote befolgt werden, eine gewisse Ähnlichkeit mit dem
himmlischen. Aber während der Lohn des goldenen darin besteht, Anteil an des
Herrn reiner Liebe zum Guten zu gewinnen, haben die niedrigeren Motive
lediglich natürliche Segnungen im Gefolge. Und wie leicht verlieren diese
Grundsätze ihren Glanz und korrodieren durch Selbstsucht! So ist nun einmal das
Kupfer, verglichen mit dem Golde (HG 425, 9465; OE 70, 1147; EO 775). Aber gibt es nicht noch ein anderes Prinzip, das in unserer
Zeit sehr viele Menschen von verbrecherischem Tun zurückhält und zu
nützlicher Tätigkeit antreibt? Das Gesetz der Notwendigkeit, das uns diktiert:
Handle recht, weil es nicht anders geht! Denn verstößt du gegen die
bestehende Ordnung, so wirst du zu leiden haben. Jede auf diesem Grundsatz
beruhende Gesellschafts- und Regierungsform ist „eine eiserne Herrschaft“;
wenn ihre Forderungen an die Bürger und die Strafen hart und zuweilen unmenschlich
sind, so sprechen wir von einem „eisernen Regiment“. Eisen ist das Metall,
das heutzutage für Bauten und Maschinen, für Eisenbahnen und tausend andere
Dinge gebraucht wird. Beeinflußt die „eiserne“ Logik der Notwendigkeit heute
die Lebensweise nicht am stärksten? Fordert nicht der moderne Mensch vor
allen Dingen den Beweis der natürlichen Logik? Er läßt sich nicht durch
Intuition, durch Innewerden, auch nicht durch ein geistiges Verständnis oder
durch Autorität leiten. Ein solches Verhalten gleicht dem Eisen (HG 425 f; OE
176; EO 148). Ähnlich dem goldenen appelliert auch das kupferne Prinzip
eher an die Gefühle. Das eiserne Prinzip, verwandt dem silbernen, an den
Verstand, nun aber auf eine niedrige, rein natürliche Weise. Wenn wir versucht
sind, das Falsche zu tun oder unsere nützliche Arbeit zu verleugnen, bringt
uns die harte, eiserne Wirklichkeit wieder zur Vernunft (EO 148). Interessant
ist folgende Beobachtung: Das Gesetz, wonach wir uns unseren Mitmenschen
gegenüber so verhalten sollen, wie wir es gerne selbst von ihnen erfahren
würden, und das in dieser Form silbern ist, wird in einem bösen und bloß
natürlichen Lebenszustand zum eisernen Gesetz der Vergeltung „Auge um Auge,
Zahn um Zahn“ — das zeigt deutlich die Beziehung zwischen Silber und Eisen
auf! (HG 1011, 8223; EO 762; OE 556) Macht uns das die Bedeutung der folgenden
Verheißung verständlicher: „Ich will Gold anstatt des Erzes und Silber
anstatt des Eisens bringen, und Erz anstatt des Holzes, und Eisen anstatt der
Steine“? (Jes. 60, 17). Das klingt etwas verwirrend, weil statt Kupfer Erz
erwähnt wird, aber praktisch läuft es auf dasselbe hinaus, weil Erz eine
Legierung ist, deren Hauptbestandteil aus Kupfer besteht. Man muß wissen, daß
die Bibel Erz nennt, was wir heute gewöhnlich als Bronze bezeichnen. Die Prophezeiung, daß Gold für Erz und Silber für Eisen
gegeben werde, ist eine Verheißung des Fortschreitens von einem natürlichen
Zustand, wo man für natürliche Güter und aus natürlicher Notwendigkeit
arbeitet, zu einem geistigen Zustand, in dem wir aus Liebe zum Herrn und mit
verständiger Freude unseren Mitmenschen dienen werden. Holz und Stein, die
hier ebenfalls erwähnt werden, stehen — einfach gesagt — für Güte und
Wahrheit auf der niedrigsten Ebene, nämlich der der körperlichen Sinne (PP;
HG 425, 643, 1551; EO 775; OE 70, 176). In eine ähnliche Richtung weist die
Beschreibung des heiligen Landes — welches, wie wir gesehen haben, das geistige
Leben vorbildet —‚ „ein Land, dessen Steine Eisen sind, da du Erz aus den
Bergen hauest“ (5. Mose 8, 9; HG 425). „In den Tagen Rehabeams,
des Sohnes Salomohs“, so lesen wir, „fiel Sisac,
der König von Ägypten, in Juda ein“. Damit ist ein Bild für einen Zustand
gegeben, in dem das geistige Leben dem Grundsatz weicht, zu tun, was nur
natürlich gut erscheint. Dies war in der Tat zu der genannten Zeit der Fall.
So verstehen wir auch die Bedeutung der Tatsache, daß Sisac
„alle goldenen Schilde, die Salomoh hatte machen lassen, wegnahm und daß an
deren Stelle König Rehabeam eherne Schilde machen
ließ“ (1. Kön. 14, 26 f; OE 654; EO 503). Nachdem wir gesehen haben, welche Grundsätze das Goldene
und Silberne Zeitalter, jene himmlischen Zeiten, bestimmt haben, erkennen wir
nun die herrschenden Grundsätze unserer Tage. Nach welchem Metall sollen wir
unser Zeitalter benennen? Nach dem Eisen? Aber dies war bereits die
Eigenschaft des Zeit alters, da den Israeliten die harten, buchstäblichen
Gesetze gegeben wurden (OE 70, 176; GV 328; HH 115; EL 78). Ehe die Menschen so tief sanken und so äußerlich wurden,
gab es eine Zeit, da sie die Lebensregeln, die ihnen aus dem Goldenen
Zeitalter überliefert waren, zusammentrugen und danach lebten, weil sie zu
einem glücklichen häuslichen und gesellschaftlichen Leben verhalfen. Dies war
das kupferne Zeitalter (EL 77). König Nebukadnezar sah in seinem Traum ein großes Bild.
„Des Bildes Haupt war von feinem Golde, seine Brust und Arme waren von
Silber, sein Bauch und seine Lenden waren von Erz, seine Schenkel waren
Eisen, seine Füße waren zu einem Teil Eisen und zu einem Teil Ton“ (Dan. 2,
32 f). Die Auslegung dieses Traumgesichts durch Daniel bezieht sich auf
Nebukadnezar selbst und die nach ihm kommenden Königreiche. Nebukadnezar aber
ist ein Prototyp der Liebe zu sich selbst und der Liebe zur Herrschaft über
andere. So wird das Traumbild zu einer Art Geschichte dieser Liebe. Das Haupt
aus Gold legt den Gedanken an das Goldene Zeitalter nahe, da die Menschen
sich selbst und die Macht über andere nur um des Herrn willen liebten. Brust
und Arme aus Silber lassen an das Silberne Zeit alter denken, da man diese
Kräfte zum gegenseitigen Nutzen verwendete, Bauch und Lenden aus Erz erzählen
uns vom Kupfernen Zeitalter, als sich die Menschen nur noch der natürlichen
Segnungen der Macht erfreuten und die Herrschaft über andere als Selbstzweck
zu betrachten begannen. Die Schenkel aus Eisen repräsentieren das eiserne
Zeitalter, da die Menschen strenge, willkürliche Macht auszuüben liebten und
ihrerseits nur durch solche eisernen Regeln im Zaum gehalten werden konnten.
Die Füße des Kolosses aus einer Mischung von Eisen und Lehm bedeuten, daß
selbst das harte Gesetz äußeren Zwanges allmählich weich wurde durch die
Vermischung von Falschem und Bösem. Ganz offensichtlich ist der Sinn der folgenden
Zeilen, wonach „ein Stein herabgerissen ward ohne Hände; der schlug das Bild
an seine Füße, die wie Eisen und Ton waren, und zermalmte sie“. Es ist die
unwiderstehliche Wahrheit, empfangen vom Herrn; die göttliche Wahrheit, die
keine menschliche Erfindung ist, und die die Selbstsucht verdammt und
zugleich eine neue Grundlage für ein Leben der Güte legt (PP; OE 176, 411; EO
913; HG 3021, 1030). Denken wir noch einmal an das letzte Kapitel, wo wir
darlegten, daß Gold benutzt wurde, um die heiligen Gerätschaften und die
Wände der Stiftshütte zu belegen — eine Vorbildung für im Herzen empfundene
Anerkennung der Güte Gottes, welche seine Gegenwart in unserem Herzen umgeben
sollte. Um den Tempel herum war ein Hof angelegt, der nicht die tiefen
Neigungen des Herzens darstellt, sondern das äußere Leben mit seinen Taten,
die offen vor den Augen der Welt liegen. Überdenken wir das, so verstehen wir, weshalb der Altar,
das Handwaschbecken und die Aufhängevorrichtung für den Vorhang des Vorhofs
nicht aus Gold bestanden (2. Mose 38, 1—8). Wenn Liebe zum Herrn unsere
Motive regiert, dann braucht es Erwägungen darüber, was im natürlichen Sinne
richtig und gut ist, um diese Motive in die Tat umzusetzen. Darin liegt die
Bedeutung der Tatsache, daß das Erz im Vorhof des Heiligtums überwog (HG
10235; OE 70). In der Offenbarung lesen wir im Zusammenhang mit der
Erscheinung des Herrn vor Johannes, daß „seine Füße wie feines Erz waren,
gleich wie im Feuer geläutert“ (Offb. 1, 15). Erinnern wir uns: Die Füße
stellen die natürliche, äußere Ebene des Lebens dar, den Kontakt des Menschen
mit dieser Welt, und die Füße des Herrn die göttliche Gegenwart im
natürlichen Leben der Menschen (vergl. Kap. 8). So ist Erz der Grundsatz, der
zu natürlicher Güte führt und im höchsten Sinne ein Emblem der göttlichen
Güte auf dieser natürlichen Ebene (EO 49; OE 70). Etwas ähnliches lehrt uns die Geschichte von der ehernen
Schlange, die der Herr auf sich selbst bezog. „Da sandte der Herr feurige
Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, daß viel Volk in Israel
starb... Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie auf zu einem
Zeichen; und wenn jemanden eine Schlange biß, so sah er die eherne Schlange
an und blieb am Leben“ (4. Mose 21, 6. 9). „Und wie Mose in der Wüste die
Schlange erhöhte, ebenso muß des Menschen Sohn erhöht werden, so daß ein
jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern das ewige Leben habe“
(Joh. 3, 14f). Die Schlange, welche die unschuldige Menschheit Edens
verführte, ist ein Bild der vorherrschenden Sinnlichkeit (vergl. Kap. 17).
Wie können wir von ihrer Macht freikommen, wenn sie uns bezaubert und durch
ihren Biß lähmt? Nur auf eine Weise: Der Herr selbst hat in seinem irdischen
Leben eben diese Natur angenommen, die uns verführt, und sie in sich selbst
gut, ja göttlich gemacht. Blicken wir auf Ihn, so empfangen wir Hilfe, um
unbezwingliche Gelüste in uns selbst zu überwinden. Die Schlange, die Mose an
einer Stange aufrichtete, ist ein Gleichnis für die sinnliche Natur, die im
Herrn über das Irdische aufgerichtet und verherrlicht wurde. Darauf mögen wir
schauen und leben (OE 70, 581; EO 49; HG 3863). Vielfach lesen wir in der Bibel davon, daß die Völker „mit
einem eisernen Stabe“ regiert werden sollen (Offb. 2, 27; 12, 5; 19, 15 und
an anderen Stellen). An allen diesen Stellen bedeuten „die Völker“ verschiedene
Arten des Bösen. Welche Form muß das Gesetz des Herrn annehmen, um dem Bösen
die Stirn zu bieten? Die Form von Geboten und Strafen, von strengen, harten
Wahrheiten, die an die natürliche Vernunft appellieren. In den Psalmen lesen
wir: „Heische von mir, so will ich dir die Heiden zum Erbe geben und der Welt
Enden zum Eigentum. Du sollst sie mit einem eisernen Szepter zerschlagen; wie
Töpfe sollst du sie zerschmeißen“ (2, 80. Sollte das nicht ein Versprechen
des Herrn sein, uns die Fähigkeit zu verleihen, den natürlichen, rebellischen
Teil unserer eigenen Natur durch die Macht seiner strengen, buchstäblichen
Wahrheit zu unterdrücken? (EO 148; OE 176; HG 426, 4876). Ist es möglich, daß
unsere Lebensgrundsätze derart verdreht und bis ins äußerste verkehrt wurden,
daß sie das Böse in unseren Herzen verteidigen und sogar rechtfertigen, als
ob es in Wahrheit gut und für den Fortbestand der Welt unerläßlich sei? Wenn
dem so ist, dann benötigen wir die Hilfe des Herrn umso mehr, um davon erlöst
zu werden. Denn in uns selbst ist nichts, was dies aus eigener Kraft zu bewirken
vermöchte. Darum heißt es denn auch: „Die Menschen sollen dem Herrn danken
für Seine Güte und für Seine Wunder, die Er an den Menschenkindern tut, daß
er zerbricht eherne Türen und zerschlägt eiserne Riegel“ (Ps. 107. 15 f; Jes.
45, 2; HG 9496). Die Erlösung von uns selbst durch den Herrn ist wahrlich das
größte aller göttlichen Wunder und kann nie hoch genug gepriesen werden. Dies
ist der Sinn alles Gottesdienstes — nicht, weil Gott danach um Seinetwillen
verlangte, sondern weil wir dadurch in einen Zustand kommen, in dem Er uns
Seine Erlösermacht in unbeschränkter Fülle schenken kann. Wenn wir Ländernamen hören, etwa Frankreich, Brasilien,
China, Äthiopien, fällt uns dann noch irgendetwas anderes ein als die Berge
und Ebenen, die Flüsse und anderen geographischen Besonderheiten derselben?
Nun, ein Botaniker mag an die Blumen denken, ein Insektenforscher an die
Insekten, die man da oder dort findet. Die meisten von uns erinnern sich wohl
eher an die betreffenden Völker und ihr häusliches und soziales Leben, das
für sie charakteristisch ist. Nehmen wir an, den Engeln würden Ländernamen
genannt, worauf würde sich dabei ihr Interesse richten? Zweifellos auf die
Art des Glaubens an den Herrn, die man dort findet, sowie auf die Weise guten
Lebens, die diese Völker führen (HG 10568). Wenn wir also die Bibel um der
geistigen Belehrung willen lesen, müssen wir uns darüber klar sein, daß Ländernamen
geistige Eigenschaften darstellen, welche für die Bewohner jener Länder zu
ihrer Zeit charakteristisch waren (HG 7278; OE 21; EO 11). Darüber hinaus
werden wir in einzelnen Fällen sehen, daß die natürlichen Merkmale der
biblischen Länder so ausgeprägt waren, daß sie den Zustand ihrer Bewohner
vorbildeten (HG 1585). Angenommen, wir sollten aus den in der Bibel erwähnten
Ländern eines auswählen, das als Vorbild für echtes, geistiges, ja
himmlisches Leben dienen könnte — welches Land wäre es? Nun, es könnte überhaupt
nur das Heilige Land sein, wo unschuldige Menschen im Goldenen und Silbernen
Zeitalter lebten, wo das Wort Gottes durch die Propheten verkündet wurde und
der Herr selbst lebte. Tatsächlich nimmt auch jedermann dieses Land als Bild
für einen himmlischen Lebenszustand an; und man spricht noch heute davon, daß
jemand ins himmlische Kanaan eingegangen sei (HG 1413, 3686, 4447). Über
dieses Land und seinen vorbildenden Charakter gibt es so viele interessante
Dinge zu berichten, daß wir das nächste Kapitel dafür reservieren wollen. Es
ist zu erwarten, daß andere Länder in der Nähe von Palästina Lebenszustände
und Fähigkeiten vorbilden, die nicht in sich selbst himmlisch, ja zuweilen sogar
dem himmlischen Leben entgegengesetzt sind, ihm aber doch oftmals nützliche
Dienste leisten. Denken wir besonders an Ägypten, Assyrien und Babylon. Was wissen wir über den Charakter der alten Ägypter? Ihr
Land war ein großes Schatzhaus an Wissen, ganz besonders über die Kenntnis
der Entsprechungen, welche die Grundlage ihrer Hieroglyphen bildeten. Die
Ägypter waren kein Volk geistiger Wahrnehmung, aber gleichsam wie ein großes
Gedächtnis speicherten sie Kenntnisse für die Welt auf, die ihnen aus
früheren, weiseren Tagen zugekommen waren. In der Bibel bedeutet daher
Ägypten vor allem Kenntnisse geistiger Dinge, die zwar nicht verständnisvoll
aufgenommen, doch im Gedächtnis wohl aufbewahrt werden (HG 4964, 10437; OE
650, 654; EO 503). Ein bekannter Vers im 5. Buch Mose weist auf diese
Eigenschaft Ägyptens hin und zeigt auch, wie selbst die natürlichen Merkmale
des Landes vorbildenden Charakter dafür haben. „Und das Land, in das du
kommst, um es einzunehmen, ist nicht wie Ägyptenland, davon ihr ausgezogen
seid, da du deinen Samen säen und selbst tränken mußtest wie einen
Kohlgarten; sondern es hat Berge, Auen, die der Regen vom Himmel tränkt“ (5.
Mose 11, 10 f; vgl. Kap. 28). Diese Worte zeigen den Gegensatz zwischen einem
natürlichen Gemütszustand, der seine Lebenswahrheiten den Kammern des Gedächtnisses
und dem Strom der Überlieferung entnimmt, und einem geistigen Zustand, der
dem Himmel geöffnet ist und ein Innewerden des Wahren vom Herrn hat. Die
Ägypter waren ohne ein solches Innewerden, sie bezogen ihre Weisheit aus der
Überlieferung; in einem ihrer ältesten Bücher, das uns erhalten ist, beziehen
sie sich auf „die Weisheit der Alten“. So war ihr Land nahezu ohne Regen vom
Himmel und vollkommen abhängig von einem Strom, dem Nil, der weit entfernten,
ihnen damals noch ganz und gar unbekannten Quellen tief im Inneren des
afrikanischen Kontinents entsprang (HG 2702, 5196; OE 644). Denken wir auch
daran, daß Ägypten die Kornkammer war, von der Palästina in Zeiten der
Hungersnot ebenso abhing wie zahlreiche andere Länder. Abraham ging hinab
nach Ägypten, als der Hunger schwer auf Palästina lastete (1. Mose 12, 10).
Und später „kamen alle Länder nach Ägypten zu Joseph, um Korn zu kaufen; denn
der Hunger lastete schwer auf allen Ländern“ (1. Mose 41, 57). In Zeiten
geistiger Trockenheit und Hungersnot, wen es wenig Innewerden der Wahrheit
und wenig Befriedigung am Leben des Guten gibt, sind wir in ähnlicher Weise
abhängig von dem, was wir gelernt und im Gedächtnis gespeichert haben. Es
gibt ein Stadium im Leben, wo wir mit Eifer lernen und uns aller möglichen
natürlichen Kenntnisse erinnern, ehe wir geistiges Innewerden entwickeln.
Kinder sind in einem solchen Entwicklungsstadium, wenn sie viele eifrige
Fragen über alles stellen, was sie sehen, und mit großem Eifer auch die
buchstäblichen Lehren des göttlichen Wortes in sich aufnehmen. Diese Zeit im
Leben wird in der Geschichte Abrahams beschrieben. In der Erzählung von der
schweren Hungersnot die ihn nach Ägypten trieb, wird dieser kindliche Hunger
nach natürlichem Wissen dargestellt. Im tiefsten Sinne aber bildet diese Hungersnot
und dieses „Hinab steigen nach Ägypten“ das Verlangen des Herrn nach
Belehrung vor, als er noch ein Kind war. Es war vor allem ein Verlangen nach
Belehrung aus dem Buchstaben des Wortes (HG 1460 ff, 5376). Auf dieses
Lebensstadium in einem jeden von uns und ganz besonders im Leben des Herrn beziehen
sich die folgenden Worte: „Da Israel jung war, hatte ich ihn lieb und rief
ihn, meinen Sohn, aus Ägypten“ (Hos. 11, 1; PP; HG 1462, 4964; OE 654). Der
gleiche Zustand wird durch den Aufenthalt des Jesus-Knaben zusammen mit
seinen Eltern in Ägypten vorgebildet. Im Zusammenhang mit dem Bericht darüber
heißt es bei Matthäus ausdrücklich, es sei geschehen, „auf daß erfüllet
würde, was vom Herrn gesprochen wurde durch den Propheten, der da sagt: Aus
Ägypten habe ich meinen Sohn berufen“ (Matth. 2, 15; HG 1462; OE 654; EO
503). An vielen Stellen der Bibel hat Ägypten freilich eine
weniger gute Bedeutung. Die Kenntnisse Ägyptens wurden mit der Zeit in
Götzendienst und Magie verkehrt und leisteten allen Arten von Zügellosigkeit
Vorschub. Ägypten steht daher in der Bibel oftmals für einen rein natürlichen
Zustand und für natürliches Böses aller Art (HG 6692, 10407, 10437; OE 654;
EO 503). Es ist das Ägypten, in dessen Knechtschaft wir alle geraten, und aus
der uns allein der Herr zu befreien vermag; es ist das Ägypten, an das wir denken,
wenn wir die Worte hören: „Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus dem
Lande Ägypten, aus dem Hause der Knechtschaft befreit hat“ (2. Mose 20, 2; HG
8866, 6666). „Weh denen, die hinabziehen nach Ägypten um Hilfe, und die
sich auf Rosse verlassen, auf Wagen hoffen, daß ihrer viele sind, und auf
Reiter, darum daß sie sehr stark sind, und halten sich nicht zum Heiligen in
Israel, und fragen nichts nach dem Herrn... Denn die Ägypter sind Menschen
und nicht Gott“ (Jes. 31, 1. 3; 36, 6). Wie schwach erweist sich in der Versuchung
alle Gelehrsamkeit und alle eigene Weisheit des Menschen! (LL 30; HG 9818; OE
355, 654; EO 298). „Du hast einen Weinstock aus Ägypten geholt und hast die
Heiden vertrieben und denselben gepflanzt“ (Ps. 80, 8). Dieser Psalm
wiederholt in kürzester Form die Geschichte des Auszugs aus Ägypten und
erzählt ebenso von unserer eigenen Befreiung. Er erinnert auch daran, daß wir
— wie der Herr selbst in seinem menschlichen Leben — aus einem Zustand
natürlicher Kenntnis zum geistigen Verständnis heranwachsen müssen (EO 503;
HG 1462, 3142, 5113; OE 405, 654). Ein anderes Land, das oft zusammen mit Ägypten und Israel
erwähnt wird, ist Assyrien mit seiner Hauptstadt Ninive am Tigris. Ein Land,
das auf der Höhe seiner Macht einen großen Teil von Südwestasien beherrschte.
Assyrien stellt das vernünftige Verständnis dar (HG 1186; OE 654; EO 444). Aus der Geschichte wissen wir wohl kaum genug über den
Charakter der Assyrer, um ihre Eignung zur Vorbildung dieser Fähigkeit zu
erkennen. Einen Hinweis darauf finden wir jedoch in ihrem sorgfältigen System
von Satrapen und Beamten an der Spitze der verschiedenen
Regierungsabteilungen, die ihr riesiges und weitverzetteltes Herrschaftsgebiet
unter Kontrolle hielten. Soviel man weiß, ist Assyrien das erste Volk
gewesen, das seine verschiedenen Provinzen zu einem Einheitsstaat zusammenzufassen
verstand. Das scheint in der Tat ein Beweis für die Vernunftfähigkeit, der es
Freude macht, die wahre Beziehung der Dinge und ihre logische Verbindung
untereinander zu erkennen. Zweifellos würde uns ein weiteres Eindringen in
die Geschichte dieses Volkes noch andere Hinweise auf die Entwicklung ihrer
Vernunft bescheren. Der Leser erinnert sich gewiß an die Entsprechung der
Zedern Libanons (Kapitel 27). Ihm wird nun die Bedeutung des folgenden
Vergleichs klar sein: „Siehe, Aschur war wie ein Zedernbaum auf dem Libanon,
von schönen Ästen und dick von Laub und sehr hoch, daß sein Wipfel hoch stand
unter großen, dichten Zweigen. Ich hatte ihn so schön gemacht, daß er so
viele Äste bekam, daß ihn alle lustigen Bäume im Garten Gottes beneideten“
(Ez. 31, 3. 9; HG 119, 9489). Dennoch sind wir nicht überrascht, Syrien oder
Aschur zuweilen als Feind des Volkes Gottes zu finden; und schließlich war es
das Volk, welches das nördliche Königreich, Israel also, in Gefangenschaft
fort führte. Die Vernunftfähigkeit kann nämlich zu Überheblichkeit führen und
dazu mißbraucht werden, Falsches als wahr erscheinen zu lassen. In diesem Falle
ist sie der besondere Feind geistigen Verständnisses, das durch Israel dargestellt
wird (2. Kön. 17, 6; HG 1198). „Ich will heimsuchen die Frucht des Hochmuts
des Königs von Assyrien und die Pracht seiner hoffärtigen Augen; darum daß er
spricht: Ich habe es durch meiner Hände Kraft ausgerichtet und durch meine
Weisheit, denn ich bin klug“ (Jes. 10, 12 f; HG 1186, 5044, 10227). Wir finden jedoch beide, Ägypten und Assyrien, wieder an
ihren ordnungsgemäßen Platz gestellt, wenn wir in der Prophezeiung lesen: „Zu
der Zeit wird eine Bahn sein von Ägypten nach Assyrien, daß die Assyrer nach
Ägypten und die Ägypter nach Assyrien kommen, und die Ägypter samt den
Assyrern Gott dienen. Zu der Zeit wird Israel der dritte sein mit Ägypten und
Assyrien, ein Segen mitten auf Erden. Denn der Herr Zeaboth
wird sie segnen und sprechen: Gesegnet bist du, Ägypten, mein Volk, und du,
Aschur, meiner Hände Werk, und du, Israel, mein Erbe“ (Jes. 19, 23—25).
Wissen und Vernunft werden der geistigen Erkenntnis dienen, und diese wird
sie mit ihrem Segen erfüllen (HG 119, 1186, 2588, 6047; HH 307; WCR 200; PP;
OE 313. 340, 585). Babylon oder Babel wird früh in der Genesis erwähnt (Kap.
10), wo man auch die Namen von Ninive und Aschur (Assyrien) findet, sowie
Mizrajim, den alten Namen für Ägypten. Noch früher, bei der Beschreibung
Edens, lesen wir von Äthiopien und Assyrien (1. Mose 2, 13 f). Doch Babylon
wird auch noch in der Offenbarung erwähnt (Kap. 18), ebenso wie Ägypten (Kap.
11, 8). Die Erwähnung dieser Namen in Kapiteln der Bibel, die nicht wörtliche
Geschichte, sondern göttliche Gleichnisse enthalten, läßt uns vermuten, daß
sie, wo immer sie in der Bibel begegnen, offensichtlich für Elemente der
menschlichen Sinnesart stehen (HG 118, 1185; EO 503; OE 654; JG 54). Welches Streben im Innern des Menschen wird wohl durch
Babylon dargestellt? Aus dem, was wir beim Propheten Daniel darüber hören,
können wir uns eine gewisse Vorstellung machen. König Nebukadnezar „erging
sich auf der königlichen Burg zu Babel, und er hob an und sprach: Das ist die
große Babel, die ich erbaut habe zum königlichen Hause durch meine große
Macht, zu Ehren meiner Herrlichkeit“ (Dan. 4, 26 f). Später erließ König Darius
ein Dekret, wonach ein jeder, der im Verlauf von 30 Tagen irgendetwas von
irgendeinem Gotte außer vom König erbitten würde, in die Löwengrube geworfen
werden sollte (6, 7 ff). Diese und andere Stellen zeigen eine auf das höchste
entwickelte, übermütige Selbstliebe, ein unbezähmbares Verlangen, Körper und
Geist aller Menschen zu beherrschen. Kapitel 5 des gleichen Propheten, eine
Beschreibung von Belsazars Fest, fügt dem noch den
Mißbrauch heiliger Dinge hinzu, die egoistischer Befriedigung dienen müssen.
In einem „Ausspruch gegen den König von Babylon“ heißt es: „Du gedachtest in
deinem Herzen: Ich will in den Himmel aufsteigen und meinen Stuhl über die
Sterne Gottes erhöhen... Ich will über die hohen Wolken fahren und gleich
sein dem Allerhöchsten“ (Jes. 14, 13 f). All dies macht uns geneigt, Babylon
im Wort als einen Prototyp äußerster Selbstliebe und des Dranges nach
Herrschaft über andere, und zwar mit Hilfe des Heiligen der Kirche, zu
betrachten (HG 1326; JG 54; OE 1029; EO 717). Im 1. Buche Mose lesen wir: „Sie sprachen: Wohlauf, lasset
uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reicht,
daß wir uns einen Namen machen“. Das war die Stadt Babel (1. Mose 11, 4. 9),
und die Geschichte zeigt uns den Beginn der Selbstliebe mit ihrem Bestreben,
groß auf Erden und im Himmel zu sein. Und führte nicht auch die Selbstliebe
zum Zusammenstoß der Interessen der Menschen und ihrer Anschauungen, wie in
der Erzählung vom Turmbau zu Babel dargestellt wird durch die Verwirrung der
Sprachen? Babylon war jener Feind, der Juda in Gefangenschaft führte,
so wie Assyrien Israel bezwungen hatte (2. Kön. 25, 1—7). Die Bedeutung
dieser Tatsache wird klar, wenn wir bedenken, daß Israel das geistige Verständnis,
Juda aber die Neigung zum himmlischen Leben darstellt (vergl. Kap. 39). So
wie die pervertierte Vernunft der Feind des Verständnisses ist, versucht die
Selbstliebe mit ihrem Drang nach Herrschaft und Zügellosigkeit die
himmlischen Neigungen zu unterdrücken (OE 811, 1029). Denken wir an diese
geistige Gefangenschaft in einem Lebenszustand, wenn wir den traurigen Psalm
aus dem Exil lesen: „An den Wasser zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir
Zions gedachten“ (137, 1; OE 518, 411; HG 3024). Wenden wir uns schließlich der Offenbarung zu, so hören wir
vom Falle Babylons: „Gefallen, sie ist gefallen, Babylon, die Große, und ist
eine Behausung der Teufel geworden und ein Gefängnis aller unreinen Geister
und ein Gefängnis aller unreinen und verhaßten Vögel...“ (Offb. 18, 2).
Babylon ist also auch hier eine Verkörperung der Selbstliebe und der leidenschaftlichen
Herrschsucht, ganz besonders in der Form, wie sie sich im Laufe der
Geschichte in der römisch-katholischen Kirche her ausbildete. Babylons Macht
ist in der geistigen Welt zunichte gemacht worden, und sie wird nie wieder in
dem Maße über die Kirche oder über die Herzen der Menschen herrschen können
(EO 753—802; OE 1090—1194). Palästina Wenn man davon spricht, daß wir zum himmlischen Kanaan
reisen, wird man auch heute noch verstanden. Das heißt man begreift, daß es
sich dabei um unsere Entwicklung zu einem geistigen, himmlischen Zustand handelt;
denn noch jetzt wird das Heilige Land von vielen als Vorbild himmlischen
Lebens angesehen (EO 285; HG 1413, 1585, 3686, 4474). Oben wurde bereits
deutlich, auf welche Weise die Vorstellung eines himmlischen Lebens dem Lande
Kanaan verbunden ist. Kanaan war die Heimstätte himmlischer Menschen des
Goldenen und Silbernen Zeitalters (Anm. des Übersetzers: neueste Forschungen
scheinen zu belegen, daß sich in Palästina die ältesten städtischen
Siedlungen der Menschheit befanden, was zumindest auf einen kulturellen
Vorsprung dieses Gebietes hinweist). Selbst die geographischen Merkmale des
Landes sind geeignet, geistige Zustände vorzubilden und wurden auch so
gedeutet von den weisen Menschen jener unschuldigen Zeitalter, wie auch von
den Engeln, denen Swedenborg begegnete. Palästina wurde später zur Heimstätte
der Kinder Israels; denn ihre Geschichte sollte ein grandioses Gleichnis des
geistigen Lebens werden. Zu diesem Zweck war es unerläßlich, daß alle Namen
von Bergen, Flüssen oder Städten, die zu einer Rolle in jener Geschichte bestimmt
waren, mit himmlischer Bedeutung erfüllt wurden. Das war auch ein Grund, weshalb
das Land zur Heimat des Herrn selbst wurde, so daß alle in den Evangelien
erwähnten Namen eine vorbildende Bedeutung himmlischer Dinge erhielten (HG
5136, 6516, 10559). Das Heilige Land hat einen Mittelpunkt: Jerusalem, jenen
Ort, den der Herr aus allen Stämmen auswählte, um hier seinen Namen wohnen zu
lassen. Hier wurde in späteren Zeiten der Tempel errichtet, zu dem alle
Menschen im Gebet blickten. Jerusalem mit der Feste Zion, dem Tempel und dem
Ölberg, der sich darüber erhebt, stellt einen Zustand ganz besonderer Nähe
zum Herrn dar (HG 2534). „Die auf den Herrn hoffen, die werden nicht fallen,
sondern ewig bleiben wie der Berg Zion. Um Jerusalem her sind Berge, und der
Herr ist um sein Volk her von nun an bis in Ewigkeit“ (Ps. 125, 1 f; OE 405,
449, 629; HG 1585). Die Bibel spricht oft vom Hinaufsteigen nach Jerusalem
und vom Herabsteigen von Jerusalem. Dies erinnert uns daran, daß es eine jener
Städte auf dem Bergrücken ist, welche das Zentralmassiv von Palästina bilden;
aber zweifellos gibt es noch einen tieferen Grund für jene Spruchweisheit (HG
3084, 4539). Von Jerusalem aus neigt sich das Land westwärts allmählich der
Ebene von Philistäa am Mittelmeer zu, ostwärts bricht es steil ab in das
tiefe Tal des Jordans, weit unter die Oberfläche des Meeres. Dürfen wir
annehmen, daß diese tiefliegenden Orte am Meer und am Fluß gleiche innerliche
Zustände des Lebens darstellen, wie Jerusalem und der Ölberg? Zweifellos
nicht! Wir lesen: „Ein Mann stieg von Jerusalem nach Jericho hinab und fiel
unter die Räuber“ (Luk. 10, 30). Wir steigen von Jerusalem nach Jericho
hinab, wenn wir uns von einem sonntäglichen Zustand zum alltäglichen wenden,
wenn wir von einem innerlichen Zustand des Gottesdienstes zur Ausführung
dessen schreiten, was wir darin gelernt haben, und es in unseren äußeren,
natürlichen Angelegenheiten verwirklichen. Fallen wir nicht oftmals unter die
Räuber, vergessen dadurch die Wahrheiten, welche wir gelernt haben, und
lassen unser geistiges Leben beinahe zerstören? (OE 458, 444, 584). In dieser Jordanebene, am tiefsten Punkt, betraten die
Kinder Israel das Land, als sie aus Ägypten kamen. Von diesem niedrigsten Ort
aus stiegen sie die Hügel hinauf, welche ihre Heimstätten werden sollten
(Jos. 3, 16). Unser Eroberungskampf hat damit zu beginnen, daß wir die
äußeren Dinge unseres Lebens, die in unserer Reichweite liegen, in Ordnung
bringen. Nur so öffnet sich uns der Weg zu innerlicheren Siegen (OE 700; HG
1585, 9325). In der gleichen Gegend rief Johannes der Täufer das Volk dazu
auf, sein äußeres Leben neu zu gestalten, um sich so auf das Kommen des Herrn
vorzubereiten, der sie zu den innerlicheren Dingen des Himmels führen sollte
(Matth. 3; WCR 677; HG 4255). Die Meeresküste Palästinas war von den Phönikern besetzt,
deren Heimat Tyrus und Sidon war, sowie von den Philistern, einem Zweig
desselben Volkes. Die Phöniker, Seeleute und Händler, brachten aus weit
entfernten Ländern große Schätze nachhause. Sie spielten eine sehr nützliche
Rolle bei der Ausbreitung von Wissen und Kultur (Ez. 27). Ihr Land ist die
andere tiefliegende Region an der äußersten Grenze Kanaans, eine Gegend, die
von den Israeliten niemals wirklich erobert worden ist. Es dürfte klar sein,
daß sie nicht einen innerlichen Lebenszustand darstellt, sondern eher einen
äußerlichen, nämlich den des Kontakts mit der Welt. Die Lage an der
Meeresküste und die Gewohnheiten jenes seefahrenden Volkes sagen einiges aus
über den Zustand, den dieses Gebiet vorbildet. Sie sind Hinweise auf einen
natürlichen Zustand, der sich mit dem weltlichen Leben zufrieden gibt, das
vor allem dem weltlichen Wissen gewidmet ist. Der Handel als Beschäftigung
der Phöniker ist vorbildend für ihr aktives Interesse daran, mit Menschen
aller Art bekannt zu werden, dadurch alle möglichen Kenntnisse des Lebens zu
sammeln bzw. zu vermitteln. Ägypten repräsentiert, wie wir gesehen haben, das
Speichern von Wissen, Assyrien die vernünftige Anordnung desselben, Phönizien
aber die Freude an dessen Aneignung und Vermittlung (HG 1201, 9340; OE 275,
576). Über Tyrus lesen wir: „Siehe, du hälst dich für klüger denn
Daniel, daß dir nichts verborgen sei, und habest durch deine Klugheit und
deinen Verstand solche Macht zuwege gebracht, und Schätze von Gold und Silber
gesammelt; und habest durch deine große Weisheit und Hantierung so große
Macht erlangt“ (Ez. 28, 3—5; HG 2967; EO 759; OE 236, 840). Wenn wir über die
freundliche Behandlung Abrahams seitens der Philister lesen, verstehen wir
den Stellenwert dieser Fähigkeit des Sammelns und Vermittelns von Kenntnissen
als Dienst geistigen Lebens (1. Mose 20; HG 9340, 2504). Ebenso deutlich
tritt das hervor, wenn wir von König Hirams Hilfe an Salomo hören, der ihm
zum Zweck der Errichtung des Tempels zu Jerusalem Schätze aus weit entfernten
Ländern sowie Steine und Zedernholz lieferte (1. Kön. 5; 9, 26—28; OE 514). Tyrus und Sidon benutzten aber später ihre Gewinne, um die
Tempel ihrer Götzen zu bereichern, und die Philister gehörten zu den
hartnäckigsten Feinden der Israeliten. Das soll uns eine Mahnung sein, wie
leicht wir uns durch unsere Bildung zum Stolz verführen lassen und vergessen,
daß ihr Wert allein in der Hilfe besteht, daß wir durch sie ein gutes Leben
zu führen vermögen. Lesen wir an der vorhin zitierten Stelle bei Ezechiel weiter:
(Du, Tyrus, meinst, du) „habest durch deine große Weisheit und deinen Handel
so große Macht erlangt; davon bist du so stolz geworden, daß du so mächtig
bist“ (Ez. 28, 5), und ähnlich im ganzen Kapitel. Diese selbstsichere
intellektuelle Macht, die dem geistigen Leben zusetzt und den Herrn herausfordert,
wird durch den Riesen Goliath am deutlichsten dargestellt (1. Sam. 17; OE
242, 817; HG 2967). Von Jerusalem aus haben wir auf die östlichen und westlichen
Grenzen des Heiligen Landes geblickt. Nun müssen wir auch noch ein wenig über
das Herz des Landes und seine Provinzen sagen. Jede Karte vom
alttestamentlichen Palästina zeigt uns die Aufteilung des Gebietes unter die
Stämme, und die Erzählung über die Geburt der Söhne Jakobs belehrt uns über
die Ordnung, die zwischen ihnen besteht (1. Mose 29, 32 bis 30, 24; 35,
16—18). Zwölf Söhne, betrachtet in der Ordnung ihrer Geburt, stellen die
aufeinanderfolgenden Entwicklungsstufen des himmlischen Lebens dar (HG
3860—3862, 3939; OE 431; EO 349). Den Anfang machen kindliche Zustände,
darauf folgen zunehmende Reife und Stärke, und zuletzt die wahrhaft geistigen
Zustände. Die erste Gruppe der Söhne wird gebildet durch Ruben, Simeon, Levi
und Judah. Sie stellen die kindlichen Stufen der Wiedergeburt dar: Ruben (der
Namen hängt mit Sehen zusammen) bezeichnet das erste Verständnis himmlischer
Dinge, Simeon (kommt von hören) den Gehorsam, Levi (kommt von jemandem anhängen)
die Liebe, und Juda (abgeleitet von Bekenntnis) den liebenden Dienst am
Herrn. All dies in einer einfachen, kindlichen Form (HG 7231, 3875—3881; OE
434). Die Landkarte zeigt uns die Simeon und Juda zugeteilten Landstriche
dicht beieinander im südlichen Teil des Landes, Ruben zu ihrer Seite, gerade
jenseits der Landesgrenze. Rubens Außenseiterposition läßt daran denken, daß
die Kenntnis der himmlischen Gesetzmäßigkeiten, die er darstellt, nicht in
sich selbst himmlischer Natur ist, sondern nur hinführt zum Gehorsam und zum
liebenden Dienst, welche erst wahrhaft himmlisch sind. Zum Gebiet Rubens
gehört auch der Berg Nebo, von dem herab Mose das
verheißene Land sehen durfte, wobei ihm gesagt wurde: „Dies ist das Land, das
ich Abraham, Isaak und Jakob geschworen habe, und gesagt: Ich will es deinem
Samen geben. Du hast es mit deinen Augen gesehen; aber du sollst nicht selbst
hinübergehen“ (5. Mose 24, 1—4). Denken wir daran, daß den betreffenden
Stämmen nur erlaubt worden war, jenseits des Jordans zu wohnen, wenn sie
zuerst ihren Brüdern bei der Inbesitznahme ihres Erbteils helfen würden (4.
Mose 32, 20—23; Jos. 22, 1—6). Die überwiegend natürlichen Zustände, die sie
darstellen, sind nur gut, wenn sie einen zweitrangigen Platz einnehmen und
sich dem geistigen Leben nützlich erweisen (OE 440; HG 4117). Welcher Teil
des Landes hat nun eine besondere Beziehung zu den unschuldigen Zuständen kindlicher
Neigung? Wir nehmen an, der südliche Teil, wo Simeon und Judah ihre
Heimstätten fanden. Es fällt auf, daß es kein Gebiet Levi gab; denn die Leviten
wurden al Priester über alle Stämme verstreut (Jos. 21). Das ist ein Hinweis
darauf, wie die unschuldige Liebe der ersten himmlischen Zustände sich allen
folgenden Zuständen mitteilt und als ein gemeinsames Band zwischen ihnen und
dem Herrn dient (OE 444). Dieser Gruppe von Söhnen, welche die ersten, noch
kindlichen Schritte eines himmlischen Lebens darstellen, folgen andere,
welche reifere Zustände vorbilden — Zustände vernünftiger Entwicklung, von
Kämpfen, Siegen und freudiger Nutzwirkung. Da ist etwa Dan (der Richter), Kenntnis
des Gesetzes bis in den Buchstaben hinein vorbildend. Das endgültige Stammesgebiet
Dans ist der äußerste Norden des Landes. Naphtali (Hader, Wettstreit) ist der
nächste in der Reihe. Bei ihm denkt man an Zustände geistiger Versuchungen.
Darauf folgt Gad (rüstig), an jugendliches Kraftgefühl erinnernd, das wir bei
unseren ersten Werken empfinden mögen. Ein eher selbstbewußtes, nicht gerade
demütiges Gefühl, wie schon daraus hervorgeht, daß Gad sein Los außerhalb der
Grenzen des Gelobten Landes fand. Als nächster folgt Aschur (Glück, Segen)
und Isaschar (Lohn). Wenn man die Gebiete dieser
beiden Stämme auf der Karte aufsucht, wird man sehen, daß Isaschar
die reiche Ebene von Esdralon, den Garten des
Landes, empfing. Beim darauf folgenden Sebulon
(Vereinigung) denken wir an jene Charakterfülle, die das Resultat der Vereinigung
des Wahren mit dem Guten in einem gläubigen Leben ist. Alle diese Stämme,
welche die reiferen, vernünftigeren Stadien des Lebens darstellen, haben ihre
Heimstätten beieinander im Norden. Wir müssen also diesen Teil des Landes mit
den genannten Zuständen in Verbindung bringen, so wie den südlichen Teil mit
der unschuldigen, noch kindlichen Neigung (HG 3920—3961; OE 432— 450; EO
349—359). Es bleiben noch zwei Söhne, Joseph und Benjamin, Kinder seines
Alters und vor allen anderen bevorzugt. Sie stellen die wahrhaft geistigen
Zustände dar, welche zuletzt erreicht werden — Joseph die Liebe zum Herrn,
welche diesem Zustand Weisheit, und Benjamin die Weisheit, welche dieser
Liebe Ausdruck verleiht (HG 3969, 5469; OE 448 f; EO 360 f). Hier ziehen wir
die Landkarte zu Rate, um das Gebiet dieser Stämme zu finden. Joseph wird
durch seine beiden Söhne Ephraim und Manasse vertreten, letzterer mit einem
doppelten Anteil zu beiden Seiten des Jordanflusses. Ephraim und Manasse
stellen die beiden Elemente praktischer Intelligenz und praktischer Güte dar,
die aus der geistigen Liebe zum Herrn hervorgehen, wenn sie ins Leben
hinabsteigt (HG 6275, 6295). Manasse, zu beiden Seiten des Flusses, läßt uns
daran denken, daß äußere Güte dem Herrn gefällt, wenn sie geistigen Ursprungs
und der Gefährte innerer Güte ist (OE 440). Man muß aber auch beachten, wie
die Gebiete Josephs und Benjamins liegen: Nämlich in dem Raum zwischen der
nördlichen und südlichen Gruppe, wobei Benjamin unmittelbar an der Grenze Judahs lebt. Erinnert uns das nicht daran, wie ein
wiedergeborenes Leben nach seinem Kampf und Sieg schließlich zum Zustand der
unschuldigen Liebe der Kindheit zurückkehrt, nun durch Erfahrung weise
geworden? (HG 5411, 4585, 4592; OE 449). Und eben hier, im Gebiet Benjamins, unter dem wir Weisheit
und Ausstrahlung geistiger Liebe zu verstehen haben, liegt Jerusalem, wo vom
versammelten Volk mit einer Stimme Gebet und Lobpreis zum Herrn emporsteigt.
Da aber ein solcher Zustand nur erreicht werden kann durch schwere Kämpfe,
wurde Jerusalem erst das Zentrum der Regierung und des Gottesdienstes,
nachdem David über alle seine Feinde triumphiert hatte (HG 4592, 2999; OE
449; EO 361). Die Karte immer noch vor Augen, stellen sich uns zwei
weitere Fragen: Nach den Tagen Salomohs wurde das Land in zwei Königreiche
geteilt, Israel und Judah. Wenn wir knapp oberhalb Jerusalems eine Linie von
Ost nach West ziehen, sehen wir Israel im Norden und Juda im Süden liegen.
Denken wir nun an die geistigen Zustände, die mit den verschiedenen Teilen
des Landes in Verbindung stehen, so erkennen wir, welche geistige Trennung
diese Reichsteilung darstellte: Auf der einen Seite die Zustände unschuldiger,
kindlicher Neigung zugleich mit jener weisen Unschuld, die wiederum wie ein
kleines Kind geworden ist; auf der anderen Seite die reifen Zustände rationaler
Kräfte, des Kampfes und Sieges, schließlich auch der praktischen Intelligenz
und Güte aus geistigem Ursprung. Die Linie quer über die Landkarte läßt daher
an eine Diskrepanz zwischen der Unschuld der Kindheit und dem Leben der
reiferen Jahre denken. Aber ebenso auch an den Unterschied und den häufigen
Widerstreit zwischen den Fähigkeiten der Liebe und des Verstandes in uns
selbst! In weiterem Sinne stellen die beiden Königreiche Israel und Judah das
geistige und das himmlische Reich des Himmels dar (HG 4292. 4750; OE 433; EO
96). Mit dem Blick auf die Karte rufen wir uns nun auch die Orte
ins Gedächtnis, die im Leben des Herrn auf Erden wichtig waren. Wo wurde er
geboren?.. Zu Bethlehem in Judäa“ (Matth. 2, 5 f). Wir haben bereits gesehen,
daß wir diesen Teil des Landes mit der unschuldigen Liebe der Kindheit in
Verbindung bringen müssen. Sagt uns der Geburtsort des Herrn etwas über den
Zustand, in den er hineingeboren wurde? (HG 4592, 4594; OE 449). Bereits die
Reise nach Ägypten erkannten wir als einen Hinweis darauf, daß der Herr in
seiner Kindheit ganz wie wir alle auf äußerliche Weise lernen mußte,
besonders aus dem Buchstaben des Göttlichen Wortes (vergl. Kap. 38). Später,
während nahezu 30 Jahren, war seine Heimatstadt Nazareth im Stamme Sebulon. Dieser Stamm stellt die Verbindung des Wahren
mit dem Guten im Leben dar. Des Herrn Wohnen in Nazareth während dieser
stillen Jahre erzählt uns also davon, wie gläubig er die Gebote in seinem
Leben erfüllte, und eben dadurch die göttliche Liebe zum Guten in die Welt
herab brachte. „Sebulon im höchsten Sinne
bezeichnet die Vereinigung des Göttlichen selbst und des
Göttlich-Menschlichen im Herrn“ (EO 447; EO 359). „Und er verließ die Stadt
Nazareth, kam und wohnte zu Kapernaum, das da liegt am See im Lande Sebulon und Naphtali“ (Matth. 4, 13 f). Das Herabsteigen
des Herrn von dem abgelegenen Gebirgsflecken an die geschäftigen Gestade des
Sees ist ein genauer Ausdruck für jenen Wechsel von der stillen inneren
Arbeit zur äußeren Manifestation seiner göttlichen Macht, die sich in Wundern
und Lehren kundtat. Und was will die Tatsache bedeuten, daß er nun in den
Grenzen von Sebulon und Naphtali „lebte“, vor allem
im Hin blick auf jene Zustände, die der Herr nun durchschritt? Naphtali bedeutet, wie wir schon sahen, jenen Kampf, durch
den das Böse unterjocht wird, und Sebulon stellt
die himmlische Ehe dar, welche auf diese Weise vollzogen wurde (OE 439, 444;
EO 354, 359). „Es begab sich aber, da die Zeit erfüllt war, daß er sollte von
hinnen genommen werden, wendete er sein Angesicht, um stracks nach Jerusalem
zu wandern“ (Luk. 9, 51). Wir haben den Kreislauf der Wiedergeburt in einem
endlichen Leben nachgezeichnet, beginnend mit der kindlichen Neigung, durch
Versuchungen und Siege bis hin zur Weisheit der geistigen Liebe. In
ähnlicher, jedoch unendlicher Weise entfaltete sich das Leben des Herrn aus
der göttlichen Unschuld Bethlehems, durch die Versuchungen und Siege
Galiläas, bis hin zur Verherrlichung von Jerusalem, als sein Menschliches die
vollständige Offenbarung der göttlichen Liebe geworden war (HG 2534, 1585,
3084; OE 449). Gibt es wohl gewisse Gemütszustände, die uns so zur
Gewohnheit geworden sind, daß wir darin gleichsam „wohnen“ und uns „zu hause“
fühlen? Sicherlich; und sie bilden unser geistiges Haus. Dessen Räume mögen
dunkel, düster und ungesund sein, aber auch weit und großzügig. Vielleicht
ragt das Dach des Hauses hoch hinauf in die Luft und in den Sonnenschein des
Himmels. Unser geistiges Haus mag solid und schön, oder aber auch brüchig und
niedrig sein. Seine Ausgestaltung und Qualität hängt ab von dem Nutzen, an
dem unsere Liebe Freude hat. Möbliert und geschmückt ist es mit Gedanken und
Gefühlen, die uns bei unserer Arbeit begleiten und umgeben. Des Menschen Heim
ist da, wo er seine Nutzwirkung hat, und wenn wir wollen, daß sich jemand bei
uns zuhause fühlt, so zeigen wir ihm, wie er sich nützlich machen kann (HG
710, 9150; OE 208). Wir hören, daß es im Himmel Häuser von großer Verschiedenartigkeit
und unvergleichlicher Schönheit gibt, und daß jedes Haus im allgemeinen wie
in jeder Hinsicht ganz genau der Nutzwirkung angepaßt ist, in der seine
Bewohner ihr Leben und ihre Freude finden. Selbst in dieser Welt pflegen wir
ein Gebäude so weit wie möglich irgendeinem Nutzen anzupassen, zu dem es
dienen soll. Daran erkennen wir gewöhnlich, ob es sich um eine Kirche, eine
Bibliothek, eine Fabrik, einen Stall oder ein Wohnhaus handelt. Und die Möblierung
jedes Raumes zeigt uns dessen besonderen Gebrauch: Wohnzimmer, Küche oder
Schlafzimmer. Am Haus und seiner Einrichtung erkennen wir mit Leichtigkeit,
ob sein Bewohner ein Bauer, ein Fischer, ein Kaufmann, ein Geistlicher oder
ein Naturwissenschaftler ist. Von seiner äußeren Gestaltung können wir sogar
häufig auf den Charakter seiner Bewohner und ihren Geschmack schließen, auf
ihre Ordnungsliebe und ihre Fähigkeiten. In der geistigen Welt aber, wo die
äußeren Dinge weit vollkommener mit den inneren Zuständen übereinstimmen,
sind Häuser genaue Abbilder ihrer Insassen. Und zwar nicht nur im
allgemeinen, sondern in jeder Einzelheit. Im Himmel findet jeder den Nutzen
und das Haus, welche vollkommen zu ihm passen, und in denen er sich vollständig
zuhause fühlt (HH 183—190; EO 611; HG 1628 f; EL 12). Der Herr hat gesagt: „In meines Vaters Hause sind viele
Wohnungen... Ich gehe hin, euch eine Stätte zu bereiten“ (Joh. 14, 2). Wir
denken hier an die Heimstätten der Engel in dem großen Haushalt des Himmels.
Aber auch des Menschen Heim ist seinem Wesen nach irgendeine der himmlischen
Nutzwirkungen, deren Erfüllung ihm Freude macht, weil ihn dabei positive
Neigungen und Gedanken begleiten. Die Liebe zu irgendeiner himmlischen
Nutzwirkung und den sie begleitenden Freuden ist die Wohnung, die der Herr
für jedermann auf Erden wie im Himmel bereitet (HG 9305; OE 731; HH 51). Und
des Herrn eigene große Liebe, aus der alle himmlischen Nutzwirkungen mit
ihren Freuden entspringen, weil sie alle in ihr enthalten sind, ist des
Vaters Haus. „Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und
ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar“ (Ps. 23, 6; HG 3384; OE 220). „Sie werden Häuser bauen und bewohnen; sie werden Weinberge
pflanzen und ihre Früchte essen. Sie sollen nicht bauen, und ein anderer
darin wohnen“ (Jes. 65, 21 f). Wieviel sagt doch diese Verheißung aus; wenn
wir in ihr die Zusage erblicken, daß wir die guten Nutzwirkungen des Himmels
lernen und in ihnen wohnen werden! Für andere zu bauen bedeutet hier, nur die
Kenntnisse zu solchen Nutzwirkungen zu erwerben, um sie dann wieder durch
Falsches und Böses zu verlieren (OE 617). „Wo der Herr nicht das Haus baut,
da arbeiten die Bauleute umsonst“ (Ps. 127, 1). Wir können die Freude an
einer himmlischen Nutzwirkung, einem himmlischen Haus, nicht von uns selbst
aus erwerben, stammt sie doch allein vom Herrn (PP). Wir haben oben bereits von den Häusern gesprochen, die auf
Sand respektive auf den Felsen gegründet waren (Luk. 6, 47 ff). Wir mögen uns
einbilden, daß wir sicher in den Freuden unserer Wahl wohnen, die auf bloßen
Scheinbarkeiten dessen beruhen, was recht und gut ist. Aber bevor unsere
Freuden nicht auf wirklichen Nutzwirkungen beruhen, die auf die Gebote des
Herrn gegründet sind und uns in eine lebendige Beziehung zum Herrn bringen,
der der Fels ist, haben wir keine wirkliche Kraft und wird unsere
selbstgewählte Lebensfreude, die anscheinend so sicher war, hinweggeschwemmt
(OE 411; EO 915). Wieviele Menschen haben diese Grundlage nicht, kennen nicht
jenen friedevollen Gemütszustand, da man glücklich ist, weil man sich
nützlich und sicher fühlt im beständigen Vertrauen auf den Herrn, und sie
werden infolgedessen hierhin und dorthin getrieben, kommen nie zur Ruhe, sind
nie sicher. Aber wenn wir jene Sicherheit bis zu einem gewissen Grade
gefunden haben und uns der Wohltat erfreuen, in irgendeiner nützlichen
Tätigkeit „zuhause“ zu sein, müssen wir da nicht anderen helfen, ebenfalls
dahin zu kommen und an diesem Frieden und an dieser Kraft teilzuhaben? Wir
gleichen dann denen, welche die Armen, die hinausgeworfen wurden, in ihr Haus
aufnehmen, wie der Herr geboten hat (Jes. 58, 7; OE 386; HG 3419). „Jesus sprach: Wahrlich, ich sage euch: es ist niemand, der
Haus, Brüder oder Schwestern oder Mutter oder Vater oder Kinder oder Äcker
verläßt um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der nicht
hundertfältig empfange, jetzt in dieser Zeit, Häuser und Brüder und
Schwestern und Mütter und Kinder und Äcker, mitten unter Verfolgungen, und in
der zu künftigen Welt das ewige Leben“ (Mark. 10, 29 f). Das Haus, das die Jünger
des Herrn verlassen müssen, ist der Egoismus, der Nährboden böser Neigungen
und Gedanken, in denen wir uns gewöhnlich wie zuhause fühlen. Legen wir ihn
ab, wird uns himmlische Freude an nützlichem Wirken schon jetzt vom Herrn
geschenkt und ein freierer, glücklicherer Zustand mit einer Fülle guter
Neigungen und Gedanken. Ein solches himmlisches Heim nimmt der Tod nicht
hinweg, denn es ist bereits „ewiges Leben“ (OE 724; HG 4843). „Wenn der unsaubere Geist von dem Menschen ausgefahren ist,
so durchwandelt er dürre Stätten, sucht Ruhe und findet sie nicht. Da spricht
er denn: Ich will wieder umkehren in mein Haus, daraus ich gegangen bin. Und
wenn er kommt, so findet er‘s leer, gekehrt und geschmückt. Dann geht er hin
und nimmt zu sich sieben andere Geister, die ärger sind als er selbst; und
wenn sie hineinkommen, wohnen sie allda; und es wird mit selbigem Menschen
hernach ärger als es zuvor war“ (Matth. 12, 43—45). Es liegt auf der Hand,
daß das Haus, in dem der böse Geist wohnt, des Menschen eigenes Gemüt ist;
jeder Zustand des Fühlens und des Denkens, den er bei seiner täglichen
Beschäftigung zur Gewohnheit hat werden lassen! Schließen wir nicht oftmals unsere Türen zum Himmel ab, um
böse Geister als unsere Gäste hereinzulassen? Aber mit des Herrn Hilfe können
wir sie vertreiben. Ist das getan, besteht jene Gefahr, welche die oben
genannten Verse anzeigen! Daß wir unser Gemüt untätig sein lassen, bar guter
Gedanken und Neigungen. Tun wir das, so kann als Folge das Böse, von dem wir
uns befreit glaubten, mit umso größerer Macht zurückkehren (HG 4744, 8394; OE
1160; GV 231). Wenn wir zuweilen die bösen Geister in unser Haus
einlassen, welche die Beweggründe und Gedanken, in denen wir leben und arbeiten,
düster und gemein machen, warum können wir es dann nicht auch himmlischen
Besuchern, den hellen und hilfreichen Einflüssen, öffnen? Der Herr selbst
sagt: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an; wenn jemand meine Stimme
hört und die Tür auftut, zu dem gehe ich ein und halte das Abendmahl mit ihm,
und er mit mir“ (Offb. 3, 20). Solange wir die Wahrheiten über den Herrn nur
lernen und sein Wort hören, klopft er lediglich an unsere Tür. Er tritt erst
ein, wenn wir ihn durch das Tun seiner Gebote in unser Herz und Leben
aufnehmen. Dann wird uns seine Gegenwart bewußt, begleitet uns jeden Tag und
macht fortan unser Leben in bis dahin unvorstellbarer Weise glücklich und
zufrieden (OE 248—252; EO 217—219; GV 33). Man denke daran, wie der Herr „Petrus
und Johannes aussandte und sprach: Gehet hin und bereitet uns das Osterlamm,
auf daß wir‘s essen. Sie aber sprachen zu ihm: Wo willst Du, daß wir‘s bereiten?...
Er wird euch einen großen Saal zeigen, der mit Polstern versehen ist — dort
bereitet es“ (Luk. 22, 8—12). Denken wir auch daran, wie das sunamitische Weib dem Propheten Elisah,
der den Herrn vorbildete, einen Raum zurüstete: „Und sie sprach zu ihrem
Mann: Siehe, ich merke, daß dieser Mann Gottes heilig ist, der beständig bei
uns vorübergeht. Laßt uns ihm eine kleine hölzerne Kammer machen und ein
Bett, Tisch, Stuhl und Leuchter hineinsetzen, auf daß er, wenn er zu uns
kommt, sich dahinein begebe“ (2. Kön. 4, 9 f). So sollten wir uns auch
bereiten, damit der Herr bei uns wohnen kann. Dazu gehört vor allem, daß wir
verbotene böse Gedanken und Neigungen wegräumen, welche die Tür zu Ihm
verriegeln. Dazu gehört aber auch, daß wir nicht nur im äußeren Hof unserer
zufälligen Gedanken, sondern in der inneren Kammer unserer Liebe zu Ihm beten
(HG 3142, 5694, 7353; EL 270). Diese Herzkammer, welche unsere heimlichen Gedanken und
Neigungen aufbewahrt, ist es, was der Herr mit seinen Worten meint: „Wenn du
betest, so geh in dein Kämmerlein und schließe die Tür hinter dir zu und bete
zu deinem Vater im Verborgenen“ (Matth. 6, 6), sowie: „Was ihr in den Kammern
ins Ohr gesprochen habt, wird auf den Dächern verkündet verden“
(Luk. 12, 3). Unsere heimlichsten Gedanken und Gefühle werden sichtbar
erscheinen, wenn unser inneres Leben nach dem Tode offenbar wird; im Himmel
und beim Herrn sind sie sogar jetzt schon bekannt — wie sollten sie sonst
dermaleinst auf den Dächern verkündet werden können? (HG 7454, 7795; OE 794;
HH 462). Unsere geistigen Häuser sind also unsere Gewohnheiten zu
fühlen und zu denken, in denen wir arbeiten, leben und uns zuhause fühlen.
Das Haus eines jeden Menschen ist im besondern seine individuelle Nutzwirkung.
Als solche unterscheidet sie sich ebenso von der aller anderen Menschen wie
ein Haus vom andern. Doch wenn auch ein jeder seinen besonderen Nutzen
beisteuert, so hat er damit doch nur Teil an einem größeren, allgemeineren
Nutzen. Ähnlich wie jeder seine eigene Art zu arbeiten hat, aber dennoch oftmals
viele Menschen zusammenwirken nach gleichen übergordneten
Grundsätzen. Es ist wie mit einer geschäftigen Stadt, die auf eine bestimmte
Industrie ausgerichtet ist; sie ist gewissermaßen auf eine gemeinsame
Grundlage gestellt und wird durch eine gemeinsame „Mauer“ verteidigt. In alten Zeiten lebten die Mitglieder jeder Familie oder
Sippe eines Volkes beieinander und bildeten zusammen eine sogenannte
Stadt-Gemeinschaft. Indem sie von den anderen getrennt lebten, entwickelte so
jede Sippe ihre eigene Lebensart, aus ihrem besonderen Verständnis der
Lebensgesetze heraus. Wurden die Bewohner einer Stadt erwähnt, so verband
sich in früheren Tagen damit der Gedanke an eine eigenständige Entwicklung
des Charakters und der Nutzwirkung, während die Stadt selbst an die Grundsätze
denken ließ, auf denen ihr Leben beruhte und durch welche es verteidigt wurde
(HG 2451,4478; EO 194,712). Auch die Engel des Himmels leben in Gesellschaften je nach
ihrer besonderen Wahrnehmung der göttlichen Wahrheit und ihrer Anwendung.
Diese Gesellschaften gleichen verschiedenen Zuständen oder Städten. Eine
Stadt bedeutet daher für die Engel ebenso wie für die Weisen des Altertums
eine Zusammenfassung von grundsätzlichen Wahrheiten, welche einem der
unzähligen himmlischen Nutzen Stabilität und Form verleihen (OE 223, 652; HH
50, 184; EL 17). Wenn wir nun Bibelstellen anführen, in denen Städte genannt
werden, erkennen wir deutlich diesen ihren Sinn, der freilich auch negativ
sein kann, also für falsche Lehren steht, die ein böses Leben entschuldigen. So lesen wir etwa von den Israeliten, welche die Städte
ihrer Feinde zerstörten und denken dabei an die Überwindung der falschen
Grundsätze durch die Macht göttlicher Wahrheiten. „O Herr, du bist mein
Gott;... Dich preise ich; ich lobe Deinen Namen... denn Du machst die Stadt
zum Steinhaufen, die feste Stadt, daß sie auf einem Haufen liegt, der Fremden
Palast, daß sie nicht mehr eine Stadt sei und nimmermehr gebaut werde. Darum
ehrt dich ein mächtiges Volk, die Städte gewaltiger Heiden fürchten Dich“
(Jes. 25, 1—3; OE 223; HG 402; EO 194). Lesen wir über die Stärke Jerusalems,
so sollen wir dabei an die Kraft der Wahrheit der göttlichen Ordnungen
denken, welche ein himmlisches Leben unterstützen, verteidigen und leiten.
„In der Zeit wird man ein solches Lied singen im Lande Judah: Wir haben eine
feste Stadt, Mauern und Wehre sind heil. Tut die Tore auf, daß hereingehe das
gerechte Volk, das den Glauben bewahrt!“ (Jes. 26, 1 f; OE 223; EO 194; HG
2851). Im wunderschönen Psalm über die Erlösten des Herrn lesen
wir: „Die irre gingen in der Wüste in ungebahntem Weg, und
fanden keine Stadt, da sie wohnen konnten... und Er führte sie einen
richtigen Weg, daß sie gingen zu Stadt, da sie wohnen konnten“ (Ps. 107, 4.
7). Keine Stadt zu finden bedeutet, ohne wahre Lehre zu sein, durch die man
leben kann. Wir empfangen sie vom Herrn (OE 223, 730). „Wo der Herr nicht das
Haus baut, da arbeiten umsonst, die daran bauen. Wo der Herr nicht die Stadt
behütet, da wacht der Wächter umsonst“ (Ps. 127, 10. Der erste Teil dieses Verses
hat uns bereits beschäftigt und zeigt, wie unfähig wir sind, aus uns selbst
Liebe zu himmlischen Werken zu gewinnen. Wir sind aber ebenso unfähig, ohne
Hilfe des Herrn unser Verständnis der wahren Lebensprinzipien zu bewahren
(PP). Denken wir an das Gleichnis von den Pfunden, wie der Herr den gläubigen
Dienern Macht verlieh über zehn Städte und fünf Städte (Luk. 19, 12—19). Es
erzählt von dem Gewinn himmlischen Verständnisses durch die gläubige
Anwendung der uns verliehenen Fähigkeiten (EO 194, 606; OE 223, 675; HG
5297). „Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf dem Berge liegt,
kann nicht verborgen bleiben... Darum lasset euer Licht leuchten vor den Menschen,
daß sie eure guten Werke sehen und euren Vater in den Himmeln darob preisen“
(Matth. 5, 14. 16). Wie deutlich ist die Stadt als Symbol der wahren
Grundsätze, die uns die Liebe zu einem guten Leben, und das heißt: einem
Leben des Geistes lehrt! (OE 223, 405). Wir können nun mit noch mehr Gewinn weitere Verse über „die
Stadt Gottes“ lesen (Ps. 46, 40) und noch deutlicher sehen, daß es sich dabei
um ein Symbol für Lehren der wahren Kirche handelt, die auf das Wort Gottes
gegründet ist, die das Volk des Herrn zu gutem Leben führt und gegen alle
Angriffe verteidigt, denen es deshalb ausgesetzt ist. „Jerusalem wird genannt
werden eine Stadt der Wahrheit“ (Sach. 8, 3; PP). „Jerusalem ist gebaut wie
eine Stadt, die zusammengefügt ist in eins“ (Ps. 122, 3; EO 880; LH 64; WCR
782). „Schön ragt empor der Berg Zion, des sich das ganze Land tröstet; an
der Seite gegen Mitternacht liegt die Stadt des großen Königs... Reitet um
Zion, geht rund um sie her; zählt ihre Türme, achtet mit Fleiß auf ihre
Mauern, durchwandelt ihre Paläste, auf daß ihr davon verkündiget den Nachkommen“
(Ps. 48, 2. 12 f). Ist dies nicht eine Aufforderung, die inneren Wahrheiten
der Kirche zu lieben, aber auch die äußeren, die sie vor Falschheiten
schützen und die in Ewigkeit bleiben werden? (OE 453, 850). Die Bedeutung der Heiligen Stadt, wie sie von Johannes
gesehen wurde, ist nun völlig klar: „Und er führte mich im Geist auf einen
großen und hohen Berg und zeigte mir die große Stadt, das heilige Jerusalem,
herabsteigend aus dem Himmel von Gott, welche die Herrlichkeit Gottes
hatte... Und sie hatte eine große und hohe Mauer und zwölf Tore... Und die
Grundlagen der Mauer der Stadt waren geschmückt mit allen Arten köstlicher
Steine... Und die zwölf Tore waren zwölf Perlen... Und die Straße der Stadt
war reines Gold, wie durchscheinendes Glas“ (Offb. 21, l0—27). Es ist die
Verheißung einer neuen Kirche, gegründet auf die wahren Lehren aus dem Wort,
gesichert in der Kenntnis des göttlichen Schutzes, wandelnd auf den goldenen
Straßen der Liebe (EO 194, 879—925; OE 223, 1305— 1334; Nil; WCR 781—784; HG
8988). Die Stiftshütte und der Tempel Das Haus mit seinen Einrichtungen ist Ausdruck der
nützlichen Tätigkeit, die darin ausgeübt wird. So auch eine Kirche, deren
spezieller Nutzen in den Bänken und Kniekissen, der Kanzel, dem Taufstein und
dem Abendmahlstisch sichtbar wird. Sie lädt geradezu zum Gottesdienst ein, zu
demütigem Gebet, Belehrung. Buße und Empfang der Sakramente. Welches ist nun
vom Herrn aus gesehen die eigentliche Kirche, das Gebäude oder der
Gottesdienst mit seinen heiligen Zuständen, die er zum Ausdruck bringt und
herbeiführt? „Sollte Gott in Wahrheit auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und
aller Himmel Himmel können Dich nicht fassen — wie
denn dies Haus, das ich gebaut habe?“ (1. Kön. 8, 27; HG 9457). In der geistigen Welt ist, jedes einzelne Haus und Gebäude
in viel vollkommenerem Sinne Ausdruck des Nutzens, der in ihm bewirkt wird,
als das bei irdischen Gebäuden der Fall ist. Angenommen, man würde in jener
Welt eine häßliche, schlecht gebaute und niedrige Kirche erblicken — könnte
man nicht daraus schließen, daß sie unwahre Gedanken und unreine Neigungen
der Benützer ausdrückt? (OE 926). Umgekehrt, was würde durch einen herrlichen Tempel
ausgedrückt, dessen Wände aus Kristall und dessen Tore aus Perlen bestünden?
Zweifellos eine Kirche, die in geistigem Licht erstrahlt, auf dem Grund
sicherer, ewiger Wahrheiten (WCR 508). Wir lesen über Engel des Goldenen
Zeitalters, die im Himmel in der unschuldigen Liebe zum Herrn und zueinander
leben. Bei ihnen wurde ein heiliges Gottesdienstzelt gesehen, „äußerlich und
innerlich in völliger Übereinstimmung mit der Beschreibung der Stiftshütte,
die für die Söhne Israels in der Wüste gebaut wurde, und deren Vorbild Moses
auf dem Berge Sinai gezeigt worden war“ (EL 75). Das himmlische Heiligtum war
ein vollendeter Ausdruck des unschuldsvollen Gottesdienstes dieser Engel. Wir
dürfen daher annehmen, daß die nach diesem Muster gebildeten irdischen
Bauwerke eben diese Art der Gottesverehrung darstellten. Das Wüstenheiligtum, der später von Salomoh zu Jerusalem
errichtete Tempel und noch später der Tempel des Herodes folgten im
allgemeinen dem gleichen Plan wie das Wüstenheiligtum und waren samt und
sonders Vorbildungen des himmlischen Gottesdienstes. Im umfassenden Sinne
waren sie sogar Vorbildungen aller heiligen Lebenszustände überhaupt, die
eine Wohnstätte für den Herrn bilden, sei es im einzelnen Menschen, in der
Kirche oder im Himmel (2. Mose 25, 8 f. 40; HG 9457, 9481, 9577; OE 799; EO
585). Welch eine hohe, heilige Bedeutung verknüpft sich also mit
dem Gebäude des Stiftszeltes und des Tempels. Errichtet nach einem Plan, der
aus dem Himmel offenbart wurde, erblicken wir in ihnen die Abfolge der
Bildung verschiedener heiliger Zustände des Gottesdienstes (2. Mose 40, 34;
1. Kön. 8, 10). Welche Leidenschaft liegt in der Klage: „Das Haus unserer
Heiligkeit und Herrlichkeit, darin Dich unsere Väter gepriesen haben, ist mit
Feuer verbrannt; und alles, was wir Schönes hatten, ist zuschanden gemacht!“
(Jes. 64, 10). Diese ergreifenden Worte künden uns von dem Verlust der
unschuldigen Zustände der Anbetung des Herrn, deren sich das Volk in den
alten Zeiten erfreute (PP; OE 504; HG 6075). Oder denken wir an die traurigen
Worte des Herrn: „Siehst du diese großen Bauten? Nicht ein Stein wird auf dem
anderen bleiben, der nicht zerbrochen werde!“ (Mark. 13, 2; EO 191; OE 220).
War nicht diese Prophezeiung schon damals im geistigen Sinne in der Jüdischen
Kirche beinahe erfüllt? In den vorhergehenden Kapiteln haben wir die Bedeutung
einiger der Materialien behandelt, aus denen die heiligen Gebäude errichtet
waren: Akazienholz, Gold, Silber und Kupfer der Stiftshütte, Gold und Kupfer,
Olive, Zeder und Föhre für den Tempel, sowie die Steine, die fertig behauen
wurden, ehe man sie zusammenfügte. Wir wollen uns nun den Plan der Gebäude
und deren allgemeine Bedeutung vor Augen halten. Hier ist vor allem einmal die allerinnerste Kammer, das
sogenannte Allerheiligste hinter dem trennenden Vorhang, wo im Stiftszelt wie
auch in Salomohs Tempel die Bundeslade mit den Geboten stand. Sie war
zugedeckt mit einem goldenen Deckel, dem sogenannten Gnadenstuhl mit seinen
schützenden Cheruben. Dieses Allerheiligste wurde selten betreten, aber man
stellte sich vor, daß die göttliche Stimme zwischen den Cheruben hervor dem
Mose oder dem Priester antwortete, die draußen beim Räucheraltar vor dem
Vorhang standen. Vor diesem Allerheiligsten war ein größerer Raum, das
sogenannte Heilige, mit dem goldenen Räucheraltar vor dem Vorhang zum
Allerheiligsten. An der Nordseite dieses Heiligen stand der Tisch mit den
Schaubroten, im Süden der Leuchter, an dem Flammen aus gestoßenem Olivenöl
brannten. Um das Gebäude herum lag der Vorhof, der beim Salomonischen Tempel
doppelt angelegt war, und wo der Brandopferaltar mit seinem ewigen Feuer und
das sogenannte Eherne Meer, ein riesiges Waschbecken, standen. Der Plan sieht also eine Dreiteilung vor: Eine innerste
Kammer, höchst heilig — wie man annahm — durch unmittelbare, göttliche
Gegenwart; eine zweite Kammer, erhellt durch heiteres Licht, und schließlich
ein offener Hof, der sogenannte Vorhof. Ist nun auch der Tempel eines
himmlischen Lebens entsprechend dreifältig? Wir finden die Antwort, indem wir
zitieren: Der innerste Raum des Tempels, das Allerheiligste — hier
ist der Ort der Bundeslade mit den goldenen Cherubim und der Stimme des Herrn
— ist im einzelnen Menschen sein innerstes Bewußtsein, wo das Gesetz Gottes,
würde er nur in der Ordnung des Himmels sein, ihm ins Herz geschrieben wäre.
Hier sprängen die Quellen seines Lebens aus dem Herrn, aus den goldenen
Formen der Liebe zum Herrn und zum Nächsten; von dorther ließe sich die
Stimme des Gewissens hören, oder besser: die Wahrnehmung unserer Übereinstimmung
oder Nichtübereinstimmung mit der Liebe des Herrn im Herzen. Dadurch empfinge
unser geistiges Leben Belehrung und Leitung. Die Region unseres Gemüts außerhalb des Vorhangs, deutlich
unterschieden von diesem innersten Heiligtum, ist das Feld unserer Gedanken,
unserer Vernunft und Entscheidungen. Die goldenen Lampen dieses Raumes,
beständig brennend und ein warmes Licht aus reinstem Olivenöl spendend, sind
in einem wohlgeordneten Gemüt das Licht der Liebe. In ihrem Schein blickt das
Gemüt auf das menschliche Leben, erkennt darin die Möglichkeiten zum Guten
und scheidet alle Schwächen und Fehler als böse aus. Der Tisch mit den
Schaubroten, „Brot der Gegenwart des Herrn“, wie es genannt wird, ist der
Gute Wille und die Entschlossenheit, Gutes zu tun, aus dem Empfinden der
Liebe Gottes uns in Herz gelegt. Der Altar des wohlriechenden Räucherwerks
symbolisiert Gebet und Lobpreis, die aus Herz und Gemüt zum Geber himmlischen
Lebens aufsteigen. Der Vorhof dieses geistigen Heiligtums ist das Gebiet des
praktischen Lebens. Der dort stehende Brandopferaltar stellt den Hunger nach
der Liebe des Herrn im Leben dar; das Waschbecken die Reinigung von
weltlichen Gedanken und Gefühlen (entnommen aus: John Worcester, Vorlesungen
zu Genesis und Exodus, S. 175 f; HG 9455—10249). Die auf dem Altar dargebrachten
Opfer sind also unschuldige, nützliche Neigungen, die ein neues, heiligeres
Leben gewinnen, indem wir sie dem Herrn weihen (vgl. Kapitel 12 und 13). Der Bauplan der heiligen Gebäude ist bis in alle Einzelheiten
hinein eine Beschreibung menschlichen Lebens, wenn es in seiner wahren
Ordnung steht. Sagt er uns nun auch etwas über die Einteilungen und die
Anordnung der Himmel? Wir wissen bereits von einem innersten, sozusagen
himmlischen Himmel, wo die Gebote des Herrn den Engeln ins Herz geschrieben
sind und sich als Liebe zum Herrn und zueinander auswirken. Dies ist das
Allerheiligste. Es gibt aber auch einen mittleren, den sogenannten
„geistigen“ Himmel, wo das klare Licht himmlischer Einsicht die Engel beim
Gottesdienst und im Leben leitet. Schließlich besteht noch ein sogenannter
„natürlicher Himmel“, wo weniger liebe- und einsichtsvolle Engel das Böse
meiden und das Gute tun aus Gehorsam gegenüber dem Herrn. Diese niedersten,
dem natürlichen Leben ähnelnden Ebenen des himmlischen Lebens sind die
Vorhöfe des Heiligtums und Tempels des Herrn (HH 29—40; HG 9594; OE 630; EO
487). „Wie lieblich sind Deine Wohnungen, Herr Zebaoth! Meine
Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des Herrn... Wohl denen, die
in Deinem Hause wohnen... Ein Tag in Deinen Vorhöfen ist besser denn sonst
tausend. Ich will lieber die Tür hüten im Hause meines Gottes, denn wohnen in
der Gottlosen Hütte“ (Ps. 84, 2f. 5. 11; HG 9549, 9741; EO 487; OE 630). Und
wiederum: „Der Gerechte wird grünen wie ein Palmbaum; er wird wachsen wie
eine Zeder auf dem Libanon. Die gepflanzt sind in dem Hause des Herrn, werden
in den Vorhöfen unseres Gottes grünen“ (Ps. 92, 13 f; OE 458, 630; EO 487). Die geistige Bedeutung der Stiftshütte und des Tempels sind
einander so ähnlich, daß wir bisher keinen Unterschied gefunden haben. Es
gibt aber einen solchen, und er ist sogar sehr interessant. Die Stiftshütte
ist mit dem ziemlich primitiven Leben in Zelten verbunden, der Tempel mit dem
städtischen. Das legt den Gedanken nahe, daß die Stiftshütte verhältnismäßig
einfache, kindliche Zustände darstellt, der Tempel dagegen Stufen einer
fortgeschritteneren, mehr intellektuellen Entwicklung. Die Stiftshütte bestand
aus Holz mit Vorhängen von Leinen. Sie war bedeckt mit Geweben aus Ziegenhaar
und mit Häuten, während die Wände des Tempels aus Zedernholz und Stein erbaut
waren. Der gleiche Unterschied wie zwischen der Kenntnis einer kindlichen
Intelligenz und Erfahrung und der Wahrheit, die vernünftig erkannt, geprüft
und bestätigt worden ist! Die Stiftshütte zog von Ort zu Ort, wohin die Gegenwart
des Herrn leitete — der Tempel stand fest auf felsiger Grundlage. Die durch
das erste Heiligtum dargestellten Zustände halten sich in Liebe nahe dem
Herrn, die durch das zweite vorgebildeten beruhen auf seiner unwandelbaren
Wahrheit. So wird die Stiftshütte in besonderem Maße zum Vorbild der
unschuldigen Liebe zum Herrn; der Tempel dagegen ist als Zustand himmlischen
Verständnisses anzusehen; die Stiftshütte repräsentiert das himmlische
Element der Kirche und des Himmels, der Tempel dagegen das geistige (HG 3720;
OE 1291; EO 585, 882; WCR 221). Wir haben über das heilige Zelt gelesen, das über den
liebevollen Engeln des Goldenen Zeitalters gesehen wurde und „völlig in Übereinstimmung
mit der Beschreibung der Stiftshütte“ stand (EL 75); bei den weisen Engeln
des Silbernen Zeit alters aber erscheinen „Tempel aus einem kostbaren Stein
von der Farbe des Saphirs und Lapislazuli“ (EL 76). An anderer Stelle werden
wir belehrt, daß die Tempel im himmlischen Reich wie aus Holz gebaut
erscheinen und ohne Pracht sind. Die im geistigen Reich sehen wie aus Stein
gebaut aus und sind von mehr oder weniger großer Pracht (HH 223). Dies beleuchtet
deutlich die verschiedenen Schattierungen der geistigen Bedeutung der
Stiftshütte und des Tempels. Während beide ein himmlisches Gemüt, die Kirche
und den Himmel darstellen, herrscht in der Stiftshütte in jedem Detail das
Element der Liebe vor, im Tempel das Element der Weisheit. „Laß mich wohnen
in Deiner Hütte ewiglich und Zuflucht haben unter Deinen Fittichen“ (Ps. 61,
5). Dies ist ein Ausdruck für den Wunsch nach Sicherheit unter der
schützenden Macht der Güte und Wahrheit Gottes. „Eins bitte ich vom Herrn,
das hätte ich gern: Daß ich bleiben möge im Hause des Herrn mein Leben lang
zu schauen die Lieblichkeit des Herrn, Seinen Tempel zu betrachten. Denn Er
deckt mich in Seiner Hütte zur bösen Zeit, Er verbirgt mich heimlich in
Seinem Zelt und erhöht mich auf einen Felsen“ (Ps. 27, 4 f). Verborgen bleiben
im Geheimnis seines Zeltes heißt: Im Guten erhalten und vor Bösem bewahrt
werden. Und den Tempel zu betrachten heißt: Himmlische Wahrheiten lernen (OE
799; HG 414). Die heiligen Zustände des Fühlens, Denkens und Lebens, die
durch Stiftshütte und Tempel dargestellt werden, sind jedoch weder in
irgendeinem Menschen noch in einer Kirche oder im Himmel, sondern allein im
göttlich-menschlichen Leben unseres Herrn vollkommen verwirklicht worden. Im
höchsten Sinne stellen daher Stiftshütte und Tempel das Göttlich-Menschliche
des Herrn dar. Die Stiftshütte besonders seine göttliche Liebe, der Tempel
seine göttliche Weisheit (OE 629, 1291; EO 585; HG 414, 3207). Der Herr
selbst sprach zu den Juden: „Hier ist Größeres denn der Tempel“ (Matth. 12,
6). Größer, weil Er war, was der Tempel nur darstellte (WCR 301). Und
wiederum: „Da antwortete er und sprach zu ihnen: Brechet diesen Tempel ab,
und in drei Tagen will ich ihn aufrichten. Da sprachen die Juden: Dieser
Tempel ist in 46 Jahren erbaut worden, und du willst ihn in drei Tagen
aufrichten? Er aber sprach vom Tempel seines Leibes. Da er nun auferstanden
war von den Toten, gedachten seine Jünger daran, daß er dies gesagt hatte“
(Joh. 2, 19—22; OE 220; EO 191; WCR 221). Wir erkennen nun auch die tiefere Bedeutung der uns so
geläufigen Worte: „Der Herr ist im Tempel Seiner Heiligkeit; es sei stille
vor Ihm die ganze Erde“ (Hab. 2, 20). Sie sind eine Anerkennung der
Göttlichkeit des Herrn in seinem Göttlich-Menschlichen (PP; OE 220). Denken
wir auch an den Aufenthalt des zwölfjährigen Jesus-Knaben im Tempel und
seinen Ausspruch: „Wisset ihr nicht, daß ich sein muß in dem, was meines
Vaters ist?“ (Luk. 2, 47. 49). Tat und Worte des Herrn zeigen, daß er in der
Verwirklichung jener himmlischen und göttlichen Zustände Forschritte machte,
welche der Tempel darstellte (OE 430). Weiter lesen wir: „Jesus zog hinauf
nach Jerusalem. Und er fand im Tempel sitzen, die da Ochsen, Schafe und
Tauben feilhielten, und die Wechsler. Und er machte eine Geißel aus Stricken
und trieb sie alle zum Tempel hinaus samt den Schafen und Ochsen und verschüttete
den Wechslern das Geld und stieß die Tische um. Und er sprach zu denen, die
die Tauben feilhielten: Traget dies von hinnen und machet nicht meines Vaters
Haus zu einem Handelshaus! Seine Jünger aber gedachten daran, wie geschrieben
steht (Ps. 69, 10): Der Eifer um Dein Haus hat mich gefressen“ (Joh. 2,
13—17). Dieser und die anderen Berichte über die Reinigung des Tempels sind
Schulbeispiele dafür, wie der Herr seine menschliche Natur von allen
selbstsüchtigen Wünschen reinigte, um dafür das Heilige zu gewinnen, und daß
wir dasselbe tun müssen, um auf unsere Weise zu Tempeln Gottes zu werden (OE
220, 325, 840). „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird
bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott, wird
mit ihnen sein“ (Offb. 23, 3). Diese Worte erklären die volle Gegenwart des
Herrn in seinem Göttlich-Menschlichen bei uns (OE 1291; EO 882). Als Johannes
die Heilige Stadt gezeigt wurde, „sah er keinen Tempel darin, denn der Herr,
der allmächtige Gott, ist ihr Tempel, und das Lamm“ (Offb. 21, 22; OE 1327;
EO 918). „Ein Wolf in Schafskleidern“ ist in unseren Augen ein
grausamer, selbstsüchtiger Mensch, der sich hinter gütigen und sanften Worten
und Manieren versteckt, als ob sie Ausdruck seiner unschuldigen Gefühle wären
(vergl. Kap. 12). Gefühl oder Neigung ist der eigentliche Kern des Menschen,
und was die Neigung ausdrückt, sein Kleid oder, wenn es sich um einen
Heuchler handelt, seine Verkleidung. Worte und Manieren gehören zu dieser
Bekleidung; in einem umfassenden Sinne aber betrifft sie auch das ganze Gebiet
unserer Intelligenz, die uns erlaubt, Unsere Neigungen in Worte und Taten
umzusetzen. Diese bekleiden wie ein Gewand unsere Gefühle. Zuweilen bekleiden
sie die Neigung passend, zuweilen aber auch, beeinflußt durch gewisse Moden,
präsentiert sie dieselbe in konventionellen oder formellen Masken (HG 1073,
9212; OE 195; EO 166). Überlegen wir nun, wozu unsere natürliche Kleidung sonst
noch dient: Sie schützt uns vor Schaden, besonders vor der Kälte. Trifft das
auch für jene Intelligenz zu, welche uns geeignete Formen als Ausdruck
unserer Neigungen bietet? Denken wir an die kleinen Kinder; sie kleiden ihre
Gefühle sicherlich nicht sorgfältig ein, sondern lassen sie nackt
hervortreten, sodaß sie oft verletzt werden oder sich lächerlich machen. Wir
Erwachsenen müssen ihre zarten Neigungen vor Schaden bewahren, sie lehren,
angemessene und nützliche Formen als Ausdruck dafür in Worten und Taten zu
suchen. Im Grunde gilt das für uns alle. Besonders wenn wir den häuslichen
Schutz verlassen, ist es nötig, unsere guten und liebevollen Neigungen auf
weise Art zum Ausdruck zu bringen, sonst werden sie durch die eisige Härte
der Welt gar zu leicht verletzt. Ähnlich wie Wolle, die Kleidung der Schafe,
unsere Körper vor Kälte schützt, halten gütige und sanfte Worte, Taten und
Manieren unsere unschuldigen Gefühle warm. Kleine Kinder sind in ihrer Unschuld nackt und bekleiden
sich in dem Maße, wie sich ihre Intelligenz entwickelt und sie lernen, ihre
Neigung auf passende Weise auszudrücken oder auch schlechte Gefühle zu verhüllen.
So geschah es ja auch der kindlichen Menschheit in Eden (1. Mose 2, 25; 3, 7.
21; HG 165, 216, 292—295, 9960). Es ist gut, wenn wir hier auch an die Kleider in der
geistigen Welt denken. Niemand wird wohl bezweifeln, daß wir saubere und
schöne Gewänder nicht bei den bösen Geistern, sondern bei den Engeln finden.
Aber werden wir die kunstvollere und festlichere Kleidung eher bei den
liebenden himmlischen Engeln oder den weisen geistigen Engeln finden? Die
Antwort setzt einiges Verständnis voraus. Kunstvolle Kleidung gehört zum
intellektuellen Charakter, während die himmlischen Engel, die ihre reine
Neigung unmittelbar mitzuteilen pflegen, wie kleine Kinder einfach gekleidet
sind — ja, die Engel des allerinnersten Himmels in ihrer vollkommenen
Unschuld erscheinen sogar nackt. Wir können nun auch verstehen, daß der
flammende Glanz, das leuchtende Licht oder das strahlende Weiß der Gewänder
der Engel ein Ausdruck für den Grad ihrer Einsicht darstellen. Die verschiedenen
und lieblichen Farben der Kleider drücken die Art der Einsicht aus.
Himmlische Kleider werden auch gewechselt in Übereinstimmung mit den Zustandsveränderungen
des Verständnisses (HH 177—182; OE 395, 828; HG 10536). Wir alle kennen wahrscheinlich Bibelstellen, die uns von
Engeln und ihren Kleidern erzählen. Die Frauen, die traurig und verwirrt am
offenen Grabe des Herrn standen — „siehe, da standen zwei Männer in glänzenden
Kleidern bei ihnen... und sprachen: ... - Er ist nicht hier, er ist
auferstanden“ (Luk. 24, 4—6). Die glänzenden Gewänder sind Gleichnisse für
die lichten Gedanken der Engel und die Botschaft der Wahrheit, welche sie bringen
(EO 166; OE 195 f). In der Offenbarung heißt es, daß Johannes eine große
Menge erblickte, „bekleidet mit weißen Gewändern und Palmen in den Händen“.
Ihm wurde gesagt: „Sie sind es, die gekommen sind aus der großen Trübsal und
haben ihre Kleider gewaschen und haben ihre Kleider hell gemacht in dem Blut
des Lammes“ (Offb. 7, 9—14). Das Lamm ist der Herr, das Blut ist der
Kreislauf seiner göttlichen Gedanken; wir waschen unsere Kleider darin, wenn
wir durch seine Wahrheit Einsicht erlangen und unsere Rede und Lebensführung
richtig und wahrhaftig machen (OE 457, 475 f; EO 378 f). In einem anderen
Kapitel lesen wir: „Aber du hast etliche zu Sardes,
die ihre Kleider nicht besudelt haben; die werden mit mir wandeln in weißen
Kleidern, denn sie sind es wert. Wer überwindet, der soll mit weißen Kleidern
angetan werden“ (Offb. 3, 4 f). Sardes bildet die
Menschen vor, die in leblosen Ausdrücken und Formen des Gottesdienstes und
der Nächstenliebe dahinvegetieren. Bei den meisten von ihnen sind die Kleider
durch ein böses Leben beschmutzt. Diejenigen von ihnen aber, welche die
äußeren Formen der Güte nicht derart befleckt haben, werden sich im Himmel
eines Lebens erfreuen, dessen äußerer Ausdruck wieder die ursprüngliche
Reinheit und Lebendigkeit ist (EO 154, 166 f; OE 182, 195 f; HH 188). Und
wiederum: „Die Hochzeit des Lammes ist gekommen und seine Braut hat sich
bereitet. Und es ward ihr gegeben, sich anzutun mit schöner reiner Leinwand.
Die köstliche Leinwand aber ist die Gerechtigkeit der Heiligen“ (Offb. 19, 7
f). Die Braut ist die Kirche des Herrn, die auch als das Neue Jerusalem
erschien. Die Verheißung dieser Stelle besteht darin, daß die Kirche in den ursprünglichen
Wahrheiten aus Gottes Wort unterrichtet werden soll, um so die offene
Rechtschaffenheit oder Güte des Lebens zu erlangen (EO 814 f; OE 1222 f; HG
5319). Einmal vergleicht der Herr das Reich der Himmel einem Hochzeitsmahl:
„Da ging der König hinein, die Gäste zu betrachten und sah allda einen
Menschen, der hatte kein hoch zeitliches Gewand an; da sprach er zu ihm:
Freund, wie bist du hier hereingekommen und hast doch kein hochzeitliches
Kleid an? Er aber verstummte. Da sprach der König zu seinen Dienern: Bindet
ihm Hände und Füße und werfet ihn in die Finsternis hinaus!“ (Matth. 12,
11—13) Was wir bisher über die Kleider im Himmel gehört haben, zeigt uns, daß
der Mann ohne hochzeitliches Gewand für jene Menschen steht, die da meinen,
den Himmel durch einen rein äußerlichen Schein von Güte verdient zu haben;
geht aber dieser Anschein verloren, was sehr bald nach dem Tode geschieht, so
finden sie sich selbst ohne geistige Einsicht und ohne den geringsten
Anschein von Güte. Sie werden an Händen und Füßen gebunden und in die
äußerste Finsternis hinausgeworfen, was ihre völlige Unfähigkeit bedeutet,
himmlische Werke zu tun oder irgend etwas im Lichte des Himmels zu erkennen
(OE 195; HH 48; HG 2132). Denken wir nun an die reichen Gewänder, die nach göttlichen
Anordnungen für Aharon gemacht wurden. Sie gehörten zu den heiligen
Gegenständen des jüdischen Gottesdienstes, allesamt vorbildend für das
geistige Leben. „Dies aber sind die Kleider, die sie machen sollen: Das
Brustschild und das Ephod und das Oberkleid und der Leibrock... Die Tiara und
der Gürtel. Also sollen sie heilige Kleider machen deinem Bruder Aharon und
seinen Söhnen, daß er mein Priester sei. Dazu sollen sie nehmen Gold, blauen
und roten Purpur, Scharlach und weiße Leinwand“ (2. Mose 28, 4 f). Aharon als
Priester bildete den Herrn in seiner göttlichen Güte vor. Die kostbaren
Gewänder stellen alle lieblichen Formen der göttlichen Wahrheit dar, in
welche der Herr seine Liebe gegenüber den Menschen kleidet (HG 9805—9960; OE
195, 717). Nehmen wir dazu noch die bekannten Worte des Psalms: „Siehe, wie
fein und lieblich ist es, daß Brüder einträchtig beieinander wohnen! Wie
köstlich ist der Balsam, der vom Haupte Aharons herabfließt in seinen ganzen
Bart, der herabfließt auf sein Kleid“ (Ps. 133, 2 f). So fließt das
balsamische Öl der Güte des Herrn aus seiner innersten Liebe herab in die äußersten
Formen des Wahren. Durch sie spricht seine Liebe zu uns und fließt das Öl der
Güte aus unserem innersten Herzen bis herab in unsere Gedanken, in unsere
Sprache und unsere Lebensführung (HG 9806; OE 375; PP). Befassen wir uns nun mit anderen Bibelstellen, in denen
Kleider erwähnt werden und heben wir uns jene bis zuletzt auf, die von des
Herrn eigenen Kleidern sprechen: „Es war aber ein reicher Mann, der kleidete
sich in Purpur und köstliche Leinwand und lebte alle Tage herrlich und in
Freuden“ (Luk. 16, 9). Der reiche Mann des Gleichnisses ist die Jüdische Kirche,
und die Kleider aus Purpur und feinem Linnen stellen die Fülle der Kenntnisse
des Guten und Wahren dar, welche die Juden aus dem Worte hatten, und welche ihnen
den Anschein gaben, „die Rechtschaffenheit von Heiligen“ zu besitzen (HG
9467; OE 118‚ 1143; WCR 215). Wiederum sagte der Herr über die
Schriftgelehrten und Pharisäer: „... alle ihre Werke tun sie, um von den
Leuten gesehen zu werden. Sie machen ihre Denkzettel breit und vergrößern die
Quasten an ihren Kleidern“ (Matth. 23, 5). Die Schriftgelehrten und Pharisäer
taten diese Dinge buchstäblich, doch wurde dadurch vorgebildet, daß sie
vieles aus dem Letzten des Wortes heraus sprachen und aufs Leben und auf ihre
Überlieferungen anwendeten, um so als heilig und gelehrt zu erscheinen. Die
Denkzettel an Kopf und Händen geben die äußere Entfaltung der Güte an. Die
Quasten der Kleider groß zu machen bedeutet, prachtvoll über die Wahrheiten
zu reden, nur um von den Menschen gehört und gesehen zu werden (OE 395; HG
9825). „Niemand flickt ein altes Kleid mit einem Lappen von neuem Tuch; denn
der Lappen reißt doch wieder vom Kleid, und der Riß wird ärger“ (Matth. 9,
16). Der Herr vergleicht die neuen geistigen Wahrheiten, die er lehrte, und
die Lebensführung, zu der sie führten, den äußerlichen Wahrheiten und
vorbildenden Riten der Jüdischen Kirche. Sie standen nicht in Übereinstimmung
mit den alten — z.B. das Meiden der Sünder, die äußerliche Beobachtung des
Sabbats und der Festzeiten (OE 195). Man denke auch an des Herrn Auftrag, die
Nackten zu kleiden: „Dies ist aber ein Fasten, das ich erwähle: ... Brich dem
Hungrigen dein Brot und die, welche im Elend sind, führe ins Haus; so du
jemand nackend siehst, so kleide ihn“ (Jes. 58, 6 f). Wir kleiden Nackte,
wenn wir unwissende, aber aufgeschlossene Menschen belehren, wie gute
Neigungen auszudrücken und böse zu unterdrücken sind (OE 295, 240; HG 5433). Über die Geburt des Herrn lesen wir im Evangelium: „Und sie
gebar ihren erstgeborenen Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in
eine Krippe, weil sie keinen Raum in der Her- berge hatten (Luk. 2, 7). Es
war zugleich ein Zeichen für die Hirten, an dem sie den Herrn erkennen
sollten (Vers 12). Der ganze Bericht zeigt die große Barmherzigkeit Gottes,
in solcher Niedrigkeit zu uns zu kommen, damit wir Ihn empfangen und erkennen
können. Windeln stellen die ersten, einfachen Formen des natürlichen Wahren
dar. Darein kleidete er seine Liebe und begann damit, sie unter den Menschen
bekannt zu machen (OE 706). Jahre später kam ein armes Weib, „da sie von
Jesus gehört hatte, im Volk von hinten herzu und rührte sein Kleid an. Denn
sie sagte sich: Wenn ich auch nur seine Kleider anrühren könnte, so würde ich
gesund“ (Mark. 5, 27 f). „Und wo er in Dörfer, Städte oder Gehöfte einging,
da legten sie die Kranken auf den Marktplatz und baten ihn, daß sie auch nur
den Saum seines Gewandes anrühren dürften; und alle, die ihn anrührten,
wurden gesund“ (Mark. 6‚ 56), Die Kleider des Herrn sind die göttlichen Wahrheiten,
in welche er seine Liebe kleidet und durch die er sie uns verständlich macht.
Was bedeutet nun der Saum des Gewandes, seine niedrigste, äußerste
Begrenzung, die ihm zugleich Festigkeit und Dauer verleiht? Die Antwort
lautet: Die buchstäblichen Vorschriften des göttlichen Wortes. In ihnen liegt
die heilende Macht. Auch wenn wir nicht sehr weise sind, in den Versuchungen,
wenn wir unsere Schwäche fühlen, müssen wir uns an die Zehn Gebote und andere
einfache, buchstäbliche göttliche Vorschriften halten. Wir berühren dann den
Saum seines Kleides und fühlen in uns selbst, daß wir heil werden. Auch der
Herr empfindet es, wenn seine heilende Macht empfangen wird (OE 195; HG
10023). Welcher Segen wurde durch die Kleider des Herrn mitgeteilt, welche
rettende Macht! Wenn man das weiß, ist es umso trauriger, wenn man liest:
„Die Kriegsknechte aber, da sie Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine
Kleider und machten vier Teile, einem jeglichen Kriegsknecht einen Teil, dazu
auch den Rock. Der Rock aber war ungenäht, von oben an gewebt, durch und
durch. Da sprachen sie zueinander: Lasset uns den nicht zerteilen, sondern
darum losen, wessen er sein soll — auf daß erfüllt würde die Schrift (Ps. 22,
19): Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über meinen Rock
das Los geworfen. Solches taten die Kriegknechte“ (Joh. 19, 23 f). Hier wie
überall, stellen die Kleider des Herrn die Wahrheit dar, in die er seine
Liebe zu uns kleidet. Die Soldaten, die seine Kleider teilen, sind ein Bild
der Kirche jener Tage und vieler Zeiten seither, da sie das Wort des Herrn in
ihren Disputen zerteilen, bis sein Wahrheitsgehalt zerstört ist. Der Rock
aber, das innere Kleid, ohne Saum von oben bis unten gewoben, repräsentiert
die innere, geistige Wahrheit des Wortes. Sie ist ein einziges unteilbares
Gesetz des Lebens und sicher vor Beschädigung jener Klügler, welche den
Buchstaben spalten (HG 4677, 9093, 9942; OE 64, 195). Als die drei Jünger den Herrn auf dem Berge verklärt
erblickten, „schien sein Antlitz wie die Sonne, und seine Kleider waren weiß
wie das Licht“ (Matth. 17, 2). „Seine Kleider wurden ganz leuchtend weiß, wie
sie kein Bleicher auf Erden so weiß machen kann“ (Mark. 9, 3). Die Augen der
Jünger wurden geöffnet, um etwas von der Herrlichkeit des Herrn zu sehen, in
der er den Engeln erscheint. Welche göttliche Eigenschaft wurde dadurch ausgedrückt,
daß sein Gesicht schien wie die Sonne? Des Herrn göttliche Liebe. Und durch
seine leuchtenden Kleider? Die göttlichen Wahrheiten, die Ihn Engeln und
Menschen offenbaren, ihre Gemüter leuchten lassen und selbst äußerlich vor
den Augen der Engel erscheinen (HG 5319, 9212; HH 129). Indem wir lernen, die
Gegenwart des Herrn zu erkennen, wie sie sich in die Wahrheiten seines Wortes
kleidet, und die Macht und das Licht zu schätzen, die sie unseren Seelen
mitteilen, können wir uns mit den Engeln in dem Gesang vereinen: „Herr, mein
Gott, Du bist sehr herrlich; Du bist schön und prächtig geschmückt. Licht ist
Dein Kleid, das Du anhast“ (Ps. 104, 2; HG 9433, 9595; OE 283). Es ist verwunderlich, daß die Bibel in ihrem Wortlaut
derart unbedeutende Dinge erwähnt wie Sperlinge, Feldblumen, Fische, Steine,
Senfkorn, Häuser, Kleider usw. Es ist uns jedoch klar geworden, wie alle
diese Dinge, unbedeutend in sich selbst, Elemente unseres geistigen Lebens
sowie göttliche Eigenschaften im Herrn selbst darstellen. Aus diesem Grund
allein kommt ihnen ein Platz in den heiligen Schriften zu. Zuweilen wundern
wir uns auch, daß die Bibel so ausführlich die Geschichte gewisser, nicht
eben bedeutender und auch nicht sehr guter Völker berichtet, daß sie uns so
viel über Abraham, Josef und Moses, über Samson, David, Salomoh, Eliah und die Apostel erzählt. Wir fragen uns, wie die
Geschichte dieser Menschen Teil des heiligen Wortes Gottes werden konnte? Ist
es denkbar, daß sie unter den natürlichen Gegenständen, die so unwichtig
erscheinen, Elemente des menschlichen und göttlichen Charakters darstellen? Denken wir an die Gleichnisse, in denen der Herr das
himmlische Leben beschrieb. Er benutzte dabei Vögel und Blumen als
Vorbildungen geistiger Dinge; macht er auch Gebrauch von bestimmten Menschen,
um menschliche Eigenschaften, ja sich selbst darzustellen? Da ist zum
Beispiel das Gleichnis vom barmherzigen Samariter — stehen etwa der Priester,
der Levit und der barmherzige Samariter für bestimmte Arten von Menschen oder
für Charakterelemente in uns allen? Weshalb sagt der Herr: „Gehe hin und tue
desgleichen“ (Luk. 10, 30—37; OE 444; HG 9057). Denken wir auch an das
Gleichnis vom verlorenen Sohn. Liegt es nicht auf der Hand, daß er, ebenso
wie sein älterer Bruder, eine bestimmte Gruppe von Menschen, eine besondere
Sinnesart in uns bezeichnet? Und der Vater, so gütig und vergebend, stellt er
nicht offensichtlich den Herrn selbst dar? (Luk. 15, 11—32; OE 279; HG 9391)
Ein anderes Gleichnis erzählt, wie ein König seinem Knecht vergab, die
Vergebung aber rückgängig machte, als der Knecht einem Mitknecht seine Schuld
nicht erließ. Der König steht für den Herrn; denn wir lesen: „So wird euch
mein himmlischer Vater auch tun, wenn ihr nicht vergebet von Herzen, ein
jeglicher seinem Bruder“ (Matth. 18, 23—35; HG 4314, 2371). Und weiter: „Das
Himmelreich ist gleich einem Hausvater, der früh am Morgen ausging, Arbeiter
zu dingen in seinen Weinberg“. Der Hausvater ist der Herr, wir und unsere
verschiedenen Fähigkeiten sind die Arbeiter (Matth. 20, 1—16; HG 1069; OE
194). In einem anderen Gleichnis pflanzte ein Hausvater einen Weinberg und
verpachtete ihn, nachdem er ihn sorgfältig zubereitet hatte, an Weingärtner.
Diese weigerten sich, ihm den entsprechenden Anteil der Früchte abzuliefern.
„Darum sage ich euch, das Reich Gottes wird von euch genommen und einem Volke
gegeben werden, das seine Früchte bringt... Und da die Hohenpriester und
Pharisäer seine Gleichnisse hörten, verstanden sie, daß er von ihnen redete“
(Matth. 21, 33—45; OE 122, 922; HG 124). „Es war ein Mensch, der machte ein
großes Abendmahl und lud viele dazu ein“, aber die Eingeladenen „fingen alle
an, nacheinander sich zu entschuldigen“. Ist es nicht der Herr, der das
himmlische Mal bereitet; und sind nicht wir es, oder Kräfte in uns, die sich
entschuldigen (Luk. 16, 16—24; OE 252; HG 2336). Wir lesen von einem Manne,
der in ein fernes Land zog und seinen Knechten Talente bzw. Pfunde übergab.
Als er nach langer Zeit zurückkehrte, rechnete er mit ihnen ab. Unsere Bibelübersetzer
haben richtig erkannt, daß dies ein Gleichnis des „Königreichs der Himmel“
darstellt. Gott vertraut uns die Talente an und stellt uns frei, guten oder
schlechten Gebrauch davon zu machen (Matth. 25, 14—30; OE 675; HG 5291).
Wieder lesen wir: „Gleich wie ein Mensch, der über Land zog und verließ sein
Haus und gab seinen Knechten Vollmacht, einem jeglichen seine Arbeit, und
gebot dem Türhüter, er solle wachen“. So eindeutig handelt es sich hier um
den Herrn, daß manche Bibelübersetzer das Gleichnis mit den Worten einführen:
„Der Sohn des Menschen ist wie ein Mensch, der usw.“ (Mark. 13, 34; OE 187,
194). Oder der Herr erzählte von, einem reichen Mann, der seinen ungerechten
Haushalter dafür lobte, daß er weise gehandelt habe... Selbst in dieser Geschichte,
die ganz unhimmlisch scheint, ist eine Belehrung über himmlisches Leben
enthalten (Luk. 16, 1—8; OE 763; GV 250). Jesus erzählte die Geschichte von
einem ungerechten Richter und fügte hinzu: „Sollte Gott nicht auch Recht
schaffen seinen Auserwählten?“ (Luk. 18, 1—8). So werden in all diesen Gleichnissen Züge des menschlichen
Charakters, ja der Herr selbst, durch Menschen dargestellt — zuweilen sogar
durch Menschen, die nicht gut sind. Dasselbe gilt für die Erzählungen, die
einen so großen Teil der Bibel einnehmen. Sie sind Geschichten, aber zur
selben Zeit auch göttliche Gleichnisse des geistigen Lebens (HG 1409, 1025,
1876). Denken wir daran, wie der Herr sprach: „Suchet in den
Schriften; ... denn sie sind es, die von mir zeugen“ (Joh. 5, 39). Die Evangelien
waren noch nicht geschrieben; er meinte also das Alte Testament. Wiederum
sagte er: „Hättet ihr Mose geglaubt, so hättet ihr auch mir geglaubt; denn
von mir hat er geschrieben“ (Joh. 5, 46). Als der Herr nach seiner Auferstehung
mit den beiden Jüngern auf dem Wege nach Emmaus ging, „legte er ihnen,
beginnend bei Mose und allen Propheten, in der ganzen Schrift aus, was darin
von Ihm gesagt war“ (Luk. 24, 27). Am selben Abend noch kam er auch zu den
elf Jüngern. „Er sprach aber zu ihnen: Das ist es, was ich zu euch redete,
als ich noch bei euch war, daß alles erfüllt werden muß, was von mir
geschrieben ist im Gesetz des Mose, in den Propheten und in den Psalmen“
(Luk. 24, 44). Wiederum lesen wir: „Das Zeugnis Jesu aber ist der Geist der
Weissagung“ (Offb. 19, 10). Die Bibel erzählt die Geschichte der Völker und Menschen
und spricht doch in ihrer tieferen Bedeutung von unserer eigenen Wiedergeburt
und vom Herrn. So war er, als er auf Erden kam, „das Fleisch gewordene Wort“
(Joh. 1, 14). Das Wort ist eine Einheit; es ist ganz und gar heilig und von
höchstem praktischen Wert. Durch die ganze Geschichte des Alten Testaments
hindurch, ebenso wie in den Gleichnissen des Neuen, scheint hindurch: „So ist
das Königreich der Himmel“, „so ist der Sohn des Menschen“. An einer Gestalt der alttestamentlichen Geschichte sehen
wir alle, daß sie den Herrn vorbildet, nämlich an David. In einer Weissagung,
lange nach seinem Tode ausgesprochen, wird noch verheißen: „Und ich will
ihnen einen einzigen Hirten erwecken, der sie weiden soll, nämlich meinen
Knecht David... Und ich, der Herr, will ihr Gott sein; aber mein Knecht David
soll der Fürst unter ihnen sein“ (Ez. 43, 23 f). „Und mein Knecht David soll
ihr König sein und ihrer aller einziger Hirte... Und mein Knecht David soll
ewiglich ihr Fürst sein“ (Ez. 37, 24 f; Hosea 3, 5). Eindeutig ist hier unter
David der Herr selbst zu verstehen (Luk. 1, 32; Mark. 11, 10; Offb. 22, 16;
HG 1888; OE 205; LH 43; WCR 171). David war ein König und Mann des Krieges. Welche Seite des
Lebens unseres Herrn wird durch Davids Kriege und seine strenge Herrschaft
vorgebildet? Der Herr befand sich im Konflikt mit dem Bösen, er focht mit
allen Mächten der Hölle und überwand sie. Diese Kämpfe und Siege stellten
Davids Kriege dar. Sie repräsentieren auch die Konflikte mit dem Bösen in unseren
eigenen Herzen, in denen der Herr überwindet, wenn wir Ihn um seine Hilfe
bitten. Doch wie steht es mit dem Königtum des Herrn, und wo sollte sein Königreich
sein? „Das Königreich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Gebärden; man wird
nicht sagen: siehe hier, oder: siehe da! denn siehe, das Königreich Gottes
ist inwendig in euch“ (Luk. 17, 20 f). „Jesus antwortete, mein Königreich ist
nicht von dieser Welt... Pilatus sprach deshalb zu ihm: Bist du ein König?
Jesus antwortete: Du sagst es, daß ich ein König bin. Ich bin dazu geboren
und in die Welt gekommen, daß ich für die Wahrheit Zeuge“ (Joh. 18, 36 f). Diese Worte lehren uns, daß der Herr überwindet und König
ist durch seine Wahrheit. In seinen eigenen Versuchungen trat er dem
Versucher mit den Worten des göttlichen Verdikts entgegen: „Es steht geschrieben,
du sollst nicht... (Matth. 4, 1—11). Wir können seine Macht zur Überwindung
unserer Versuchungen erfahren und als neue Kraft zur Selbstbeherrschung
empfangen, wenn wir seine Gebote wiederholen und sein Wort lesen. Die
göttliche Wahrheit zeigt jedes Böse auf und verdammt es. Zugleich begründet
sie aber ein Leben des Guten und gibt uns Richtlinien dafür. Der Herr in
seiner göttlichen Wahrheit vollbringt dieses königliche Werk und wird in
dieser Hinsicht besonders durch König David vorgebildet (OE 205; LH 43 f).
Denken wir daran, wie David von seiner Schafherde in Bethlehem abberufen
wurde, um König zu werden. In viel tieferem Sinne gilt dies für den Herrn. Er
wies die hochmütigen und verführerischen Argumente des Bösen mit der
einfachen Kraft buchstäblicher göttlicher Wahrheiten zurück, ähnlich wie wir
von David hören, daß er mit fünf glatten Steinen den Riesen Goliath besiegte.
Vorbehaltlos und ohne Kompromisse wies der Herr das Böse zurück, ebenso wie
David seine Feinde vollständig vernichtete. Und Davids Sünden und
Gewissensbisse sollten uns erinnern an des Herrn Verständnis für die Schwäche
des menschlichen Geschlechts, die er selbst auf sich genommen und ertragen
hat, sowie an seine göttliche Demut (Ps. 51; PP). Der Gedanke, daß David den
Herrn und seine göttliche Wahrheit selbst darstellt, wie sie mit dem Bösen
kämpft, es überwindet und beherrscht, verleiht den Psalmen eine wunderbare Heiligkeit
und ein ganz besonderes Interesse. Der Psalmsänger selbst sagte: „Der Geist
des Herrn hat durch mich geredet, und seine Rede ist auf meiner Zunge“ (2.
Sam. 23, 2). Sehen wir uns daraufhin das Buch der Psalmen an, so entdecken
wir, daß die David zugeschriebenen Psalmen von Kämpfen oder Triumphen
handeln. Man nehme sie als Ausdruck dafür, was der Herr bei den Kämpfen und
göttlichen Triumphen seines Lebens im eigenen Herzen empfand. Aber auch als
Ausdruck dessen, was wir empfinden, wenn wir seiner Wahrheit erlauben, das
Böse in uns zu überwinden und in uns zu herrschen. Nehmen wir dieses
Beispiel: „Ein Psalm Davids. Eile, Gott, mich zu erretten, Herr, mir zu helfen“
(Ps. 70). „Ein Psalm Davids. Gott mache sich auf, lasse Seine Feinde sich
zerstreuen und fliehen, die Ihn hassen“ (68). „Ein Psalm Davids. Gelobt sei
der Herr, mein Hort, der meine Hände lehrt streiten und meine Fäuste kriegen“
(144). David repräsentiert also in der Bibel, sei es in der Geschichte, in
den Propheten oder in den Psalmen, den Herrn, der in der Kraft seiner
göttlichen Wahrheit überwindet und herrscht. Auf gläubige Durchführung des Kampfes folgt Friede. Der
Zustand, da die Wahrheit der Verteidigung und Kampfführung dient, weicht dem
anderen Zustand, da die Liebe sich mit der Wahrheit verbindet und es dem
Menschen leicht und erfreulich macht, Gutes zu tun. Nach jeder Versuchung und
jedem Sieg empfing unser Herr die göttliche Liebe in größerer Fülle zugleich
mit ihrem Frieden. Wie werden nun diese Zustände friedvoller Kraft im
Gleichnis der Bibel dargestellt? Durch die Geschichte Salomohs und seine glorreiche,
friedliche Herrschaft. Schon sein Name bedeutet „Der Friedvolle“. Denken wir
an die Fülle des Goldes zur Zeit dieses Königs, denken wir auch an seine
Weisheit, und wie er den Tempel des Herrn errichtete. „Und Juda und Israel wöhnten in Sicherheit, jeder Mann unter seinem Weinstock
und unter seinem Feigenbaum, von Dan bis Beerscheba, alle Tage Salomohs“ (1.
Kön. 5, 5). Wenn man diese Geschichte von friedlicher Stärke liest, sehe man
in ihr ein Gleichnis für einen friedevollen, himmlischen Zustand, wenn die
Feinde der Seele überwunden sind und die Wohnung für den Herrn bereitet ist.
Man sehe in ihr auch ein Bild für des Herrn eigene Verherrlichung. Deshalb
sagte der Herr von sich selbst: „Hier ist mehr den Salomoh“ (Matth. 12, 42; HG 3048, 5113;
Wir haben gefunden, daß die David zugeschriebenen Psalmen göttliche Gesänge
des Kampfes und Triumphes darstellen. In diesem Zusammenhang ist auch der Charakter der beiden
Psalmen interessant, die als „Psalm Salomohs“ (oder: für Salomoh) bezeichnet
werden. „Die Berge werden dem Volke Frieden bringen, und Gerechtigkeit die
Hügel... Aufblühen wird in seinen Tagen der Gerechte, und viel Friede sein,
bis kein Mond mehr ist“ (72, 3. 7; PP; OE 242, 365). Wir kennen die Worte:
„Wo Herr nicht die Stadt behütet, da wacht der Wächter umsonst. Es ist
umsonst, daß ihr früh aufstehet und hernach lange sitzet und esset euer Brot
mit Sorgen; denn seinen Freunden gibt er‘s im Schlaf“ (127, 1 f; PP; HG
3696). Man lese diese Psalmen als Ausdruck eines Herzens, das einen Sieg
gewonnen und nun Frieden gefunden hat, den göttlichen Frieden, den unser Herr
nach bestandenem Kampf empfand. Aber zahlreich sind die Zustände, die durchlaufen werden
müssen, ehe die Siege Davids gewonnen und der Friede Salomohs erfahren werden
kann. In der Erzählung von der ersten unschuldigen Menschheit Edens, in der
Geschichte von Abraham, Isaak und Jakob wie im Bericht über David, finden wir
davon eine gleichnishafte Darstellung. Zuerst die Geschichte von Adam und Eva in Eden, ähnelt sie
doch der Geschichte vom Haushalter im Evangelium, der seinen Weinberg
pflanzte und ihn an die Weingärtner verpachtete! Sie ist ein Bild der Kirche
in ihrer ersten Unschuld, der Unschuld der Kindheit und der göttlichen
Unschuld der Kindheit unseres Herrn (HG 64; WCR 466; OE 617). Dann die Berufung
Abrahams, hinweg von seinem Land, seiner Verwandtschaft und seines Vaters
Haus. Sie erinnert uns an den Ausspruch des Herrn, wonach seine Jünger ihr
Haus, ihre Verwandtschaft und ihr Land verlassen sollen, und an Seine Frage:
„Wisset ihr nicht, daß ich sein muß in dem, was meines Vaters ist?“ Das alles
drückt den erwachenden Sinn für die Pflicht aus, das natürliche Leben
aufzugeben, um in den geistigen Gehorsam gegenüber dem Herrn zu gelangen (HG
1989, 1407). Verfolgen wir die Geschichte von Abraham, Isaak, Jakob und
seinen Söhnen, so finden wir in ihr ein einziges Gleichnis, das uns die
aufeinander folgenden Entwicklungsstufen des himmlischen Lebens in uns selbst
und besonders im Herrn aufzählt. In aller Kürze gesagt, repräsentiert Abraham
den himmlischen Willen, Isaak das himmlische Verständnis, Jakob und seine
Söhne das himmlische Leben in all seinen verschiedenen Formen (HG 1025, 1409;
vgl. Kapitel 39). Wenn wir aus dieser geistigen Sicht heraus lesen, können
wir die Verheißung verstehen, welche Abraham gegeben und Jakob wiederholt
wurde: „In dir sollen alle Familien des Erdbodens gesegnet sein“ (1. Mose 12,
3; 28, 14). Wir verlieren Abraham und Jakob aus den Augen und denken an den
himmlischen Willen und das himmlische Leben, das sie darstellen, wie auch den
Segen, der sie begleitet. Wir denken an den Herrn und wie seine göttliche
Liebe ins menschliche Leben herabgebracht wurde, um hier die guten Neigungen
und die wahren Gedanken durch ihren Segen zu vermehren (HG 1424, 3709; OE
340). Eine neue, tiefere Bedeutung in den Worten des Herrn tut sich uns auf:
„Viele werden von Osten und von Westen kommen, um mit Abraham, Isaak und
Jakob im Himmelreich zu sitzen“ (Matth. 8, 11). Wir denken nicht an die
Erzväter als Personen, sondern an die himmlische Neigung, an Einsicht und
Leben, die durch sie dargestellt werden. Wir denken an den Herrn, der die
himmlischen Segnungen Menschen und Engeln verleiht (HG 2187, 2658, 10442; OE
252; HH 526; WCR 735). Ebenso spricht das Gleichnis vom Bettler Lazarus, der
„starb und von Engeln in Abrahams Schoß getragen wurde“ (Luk. 16, 22).
Abraham ist hier der Herr, der in seiner großen Liebe jene aufnimmt, die arm
im Geist sind (HG 3305, 6960; OE 118). Beschäftigen wir uns nun mit der Geschichte der
Knechtschaft in Ägypten, dem Exodus und der Eroberung des verheißenen Landes.
Wir wissen, daß es sich dabei um mehr handelt als um die Geschichte Israels.
„Ich will meinen Mund zu Gleichnissen öffnen“, sagt der Psalm, „und alte
Geschichten aussprechen“ (Ps. 78, 2). Beim Weiterlesen finden wir, daß das
„Gleichnis“ eben die Befreiung, die Wüstenwanderung und die Eroberung des
Gelobten Landes ist. Es handelt sich dabei um eine umfassende Geschichte der
Wiedergeburt, es ist ein Bericht der Befreiung aus den Banden des äußeren
Bösen, des Sieges in tieferen Versuchungen, zuerst im menschlichen Leben des
Herrn selbst und dann auch — durch Ihn — in uns. Die Führer Israels — Mose,
Joschua, Samson, Samuel, Saul, David, Salomoh und alle übrigen — bilden den
Herrn in den aufeinander folgenden Stufen seines Erlösungswerkes vor, wie er
von uns je nach dem Zustand unserer Wiedergeburt aufgenommen wird (HG 1430;
OE 19). Ferner sind da die Propheten, die sozusagen Personifikationen
des göttlichen Wortes sind, das durch sie gesprochen wurde. Ihre Geschichte
lehrt im Anschauungsunterricht, wie die Beziehung zwischen dem Wort und dem
Herrn selbst zur Welt und zu unseren eigenen Herzen ist. „Eliah,
der Prophet“ muß vor dem Herrn erscheinen. Aber nicht der Mensch Eliah, sondern die buchstäbliche göttliche Wahrheit über
Recht und Unrecht, die er darstellt, ob sie nun von den Juden aus dem Munde Johannes
des Täufers vernommen wurde, oder von uns aus der Bibel gelernt werden muß
(Mal. 4, 5; Luk. 1, 7; Matth. 11, 14; HG 5620; OE 16, 619, 724). In Nazareth
wurde der Herr abgelehnt, aber er selbst verweist uns auf die Geschichte von Eliah und Elischa, damit wir erkennen, wie Er und seine
Worte von der toten, formalen Kirche verachtet und allein von den Herzen der
sogenannten Heiden angenommen werden (Luk. 4, 24—27; HG 9198, 4844). Eliah und Johannes der Täufer
haben uns bereits vom Alten Testament her auf das Evangelium verwiesen, und
wir finden nun auch hier Personen, die vorbildend sind für Elemente des menschlichen
Charakters und Stufen der Verherrlichung des Herrn (OE 19, 724). Denken wir
besonders an die 12 Jünger, die der Herr auswählte, um ihn zu begleiten und
seine Botschaft weiter zu verbreiten. Sie repräsentieren gleich den 12
Stämmen Israels alle Menschen, die die Lehre des Herrn aufnehmen und zu
seiner Kirche gehören. Sie stellen ebenso alle Elemente des himmlischen
Charakters in der Seele jedes einzelnen Menschen dar. Als Apostel aber, die ausgesandt wurden, um zu predigen,
sind sie die verschiedenen Formen, in denen die Wahrheit des Herrn empfangen
wird und aufgeht (vergl. Kapitel 32; HG 10683; OE 9, 100, 430; EO 790; HH
526). Nun wird auch die Verheißung des Herrn an die Zwölf verständlich:
„Wahrlich, ich sage euch: Ihr, die ihr mir seid nachgefolgt, werdet dereinst
bei der Wiedergeburt, da des Menschen Sohn wird sitzen auf dem Thron seiner
Herrlichkeit, auch sitzen auf 12 Thronen und richten die 12 Stämme Israels“
(Matth. 19, 28). Während die 12 Stämme die Entwicklungsstufen des himmlischen
Lebens darstellen, repräsentieren die Apostel, welche jene richten, die
vielfältigen Formen, in denen die Wahrheit des Herrn empfangen wird, die
Wahrheit, welche die Entfaltung des Lebens — je nach seiner Art — richtet,
unterrichtet und leitet (HG 6397; OE 9, 333, 431; EO 79; WCR 226). Wie wir es bereits in unserer Studie über die 12 Stämme
getan haben (vergl. Kap. 39), können wir nun aufzählen, welches Element des
himmlischen Charakters jeder einzelne Apostel darstellt. Das ist besonders
leicht im Falle von Petrus, Jakobus und Johannes, den drei hervorragendsten
Aposteln, die vom Herrn ausgewählt wurden, um die Zwölf zu vertreten (Mark.
5, 37; 9, 2; 14, 33). Petrus war es, der den Herrn mit den Worten bekannte:
„Du bist Christus, der Sohn des Lebendigen Gottes“ (Matth. 16, 16). Der
Glaube an den Herrn wird durch Petrus dargestellt. Deshalb erwiderte der Herr
darauf: „Ich sage dir, du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine
Kirche bauen; und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. Ich
will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben“ (ebenda, Vers 18 f). Wenn wir
annähmen, der Herr meine damit, daß der Mensch Petrus die Grundlage der
Kirche sei und die Schlüssel des Himmelreichs habe, würden wir uns wenige
Verse später in großen Schwierigkeiten finden, wo es heißt, daß der Herr
„sich umwandte und zu Petrus sagte: Weiche hinter mich, Satanas; denn du bist
mir ein Ärgernis“ (ebenda, Vers 23). Nein, der Glaube an die Göttlichkeit des
Herrn ist der Fels, auf dem die christliche Kirche ruht; und dieser Glaube
ist der Schlüssel zum Himmelreich. Er ist es, der durch Petrus dargestellt
wird (HG, Vorwort zu 1. Mose l8 und
22; OE 9, 411, 820; EO 768). Johannes dagegen ist „der Jünger, den der Herr lieb hatte“.
Das heißt: Johannes liebte den Herrn am meisten, empfand am tiefsten die
Liebe des Herrn. Das durch Johannes geschriebene Evangelium ist voll zarter
Empfindung für die Güte des Herrn (Joh. 13—17). Er schrieb auch in einem
seiner Briefe: „Ihr Lieben, lasset uns einander liebhaben; denn die Liebe ist
von Gott, und wer liebhat, der ist von Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht
liebhat, der kennt Gott nicht; denn Gott ist Liebe“ (1. Joh. 4, 7 f). Liebe
zum Herrn und ein Leben, das durch diese Liebe erleuchtet wird, stellt
Johannes dar (EO 879). Nun werden auch die Worte des Herrn über Johannes
klar, die von den ersten Christen nicht verstanden werden konnten: „Wenn ich
will, daß er bleibe, bis ich komme, was geht es dich an?“ (Joh. 21, 22 f).
Der Herr meinte damit nicht, daß Johannes nicht sterben solle, sondern daß
die Liebe zu Gott, die er darstellt, jene Zeiten überdauern sollte, wo nur
noch wenig wahrer Glaube bestehen werde (HG 10087; OE 8, 821; EO 5, 879). Schon den Apostel Jakobus kennen wir nicht mehr so gut.
Aber seine enge Verbindung mit seinem Bruder Johannes und mit Petrus läßt uns
in ihm den Repräsentanten der Nächstenliebe erblicken, der zwischen wahrem
Glauben und jener tiefsten Liebe vermittelt. Wir kennen den Brief des
Jakobus, welcher zwar nicht von diesem selbst geschrieben wurde, sondern von
jemandem, der sich seines Namens bediente, weil er sich seinem Geist
besonders nahe fühlte. Dieser Brief enthält eine Fülle von Regeln über die weise
und gütige Nächstenliebe. Eben dieses Element des himmlischen Charakters
bildet unseren Lehren zufolge Jakobus vor, der Gefährte des Petrus und des Johannes
(HG, Vorwort zu 1. Mose 18; OE 444, 600). Denken wir an das Verlangen des
Jakobus und Johannes: „Gib uns, daß wir sitzen, einer zu Deiner Rechten und
einer zu Deiner Linken in Deiner Herrlichkeit“ (Mark. 10, 37). Wir wissen,
daß der Herr diese Bitte nicht erfüllte. Aber wahr ist es, daß die beiden
Arten der Liebe, welche durch Johannes und Jakobus dargestellt werden,
nämlich die Liebe zum Herrn und zum Nächsten —. den Menschen teilhaben lassen
an der Kraft des Herrn für jede himmlische Nutzwirkung. Das ist die geistige
Bedeutung des Sitzens zu seiner Rechten und zu seiner Linken (HG 3857; OE
600). Wenden wir uns nun zum Abschluß noch der Offenbarung des
Johannes zu. Auch dort finden wir die uns vertrauten Namen der Stämme Israels
und der 12 Apostel. Jeder Gedanke an die Menschen, welche jene Namen trugen,
ist nun abgelegt, und allein jene Elemente des himmlischen Charakters
gemeint, welche durch sie dargestellt wurden. „Und ich hörte die Zahl derer,
die versiegelt wurden: 144000, die versiegelt waren von allen Geschlechtern
Israels. Von jedem Stamm waren es 12000 Versiegelte“ (Offb. 7, 4—8). Die
Versiegelten eines jeden Stammes stellen alle jene dar, die auf den Himmel vorbereitet
sind, weil sie ein ursprünglich gutes Leben in einer der verschiedenen Formen
gelebt hatten (HS 11; OE 39, 430, 452; EO 348, 363). Die heilige Stadt, das
neue Jerusalem „hatte eine große und hohe Mauer und hatte 12 Tore und auf den
Toren 12 Engel und Namen darauf geschrieben, nämlich der 12 Geschlechter der
Kinder Israel... Und die Mauer der Stadt hatte 12 Gründe und auf ihnen die 12
Namen der 12 Apostel des Lammes“ (21, 12. 14). Die Namen der Apostel stehen
auf den Grundlagen der Stadt, stellt diese doch einen himmlischen Zustand dar,
der sicher auf der göttlichen Wahrheit in allen ihren Anpassungen an die
menschlichen Bedürfnisse gegründet ist. Die Namen der Stämme stehen auf den
Toren, weil der Zugang zu diesem himmlischen Zustand nur von denen gefunden
werden kann, welche die Wahrheiten des Herrn wirklich leben, je nach ihren
verschiedenen Fähigkeiten (NJ 1; OE 1309, 1312; EO 900, 903). „Selig sind, die ihre Kleider waschen, auf daß sie Teil
haben dürfen am Baum des Lebens und zu den Toren in die Stadt eingehen“ (22,
14). Nachwort des Übersetzers und Herausgebers *44. Die Arbeit an der Übersetzung dieses Klassikers unter
den neukirchlichen Darstellungen der Entsprechungslehre, die für das tiefere
Bibelverständnis so entscheidend wichtig ist, hat sich über einen ungewöhnlich
langen Zeitraum erstreckt. Sie wurde immer wieder durch andere,
unaufschiebbare Arbeiten unterbrochen. Der größte Teil entstand an Regen-
oder Ruhe-Tagen während der Sommerferien — in Österreich, in Spanien, der Bundesrepublik
und der Schweiz. Überall bildete die in vollen Zügen genossene Natur einen
wahrhaft angemessenen Hintergrund dieser Tätigkeit, die mir viel Freude
gemacht hat. Eine gewisse Uneinheitlichkeit des Stils der Übersetzung ist
sicher auf diese besonderen Umstände zurückzuführen und wird den Leser hoffentlich
nicht allzu sehr gestört haben. Endlich hat er nun ein leicht anwendbares Hilfsmittel zur
Deutung der biblischen Gleichnissprache, das dem englisch sprechenden Leser
schon seit über einem halben Jahrhundert unentbehrlich geworden ist. Sehr zu
empfehlen ist die Verwendung zusammen mit einer guten Bibel-Konkordanz, durch
die man für seine Studien leicht weiteres Material finden kann. [Zürich, im Frühjahr 1975, Dr. Friedemann Horn] _______ *
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