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Jakob
Böhme Theosophische Sendbriefe Herausgegeben
von Gerhard Wehr * Dies
ist die erste vollständige Ausgabe der Theosophischen Sendbriefe Jakob Böhmes
(1575-1624). Für den Kenner des umfangreichen literarischen Werks des
geistesmächtigen »Philosophus teutonicus« liegt die Bedeutung einer solchen
Edition auf der Hand: Hier haben wir auf schlußreiche autobiographische
Zeugnisse Böhmes vor uns. Wir erhalten Einblick in seine Lebensumstände. Er
berichtet unter immer neuen Gesichtspunkten, auf welche Weise er der
geistigen Schau und Erleuchtung teilhaftig geworden ist, und welchen Prozeß
einer seelisch-geistigen Erneuerung er durchlaufen hat. Jakob Böhme erweist
sich hier als erfahrener Seelenführer, der seinen auf dem inneren Weg
befindlichen Freunden und Gefährten Rede und Antwort steht, indem er sie
berät und auf ihre Schwierigkeiten eingeht. ________________________________________________________ Vorwort
Jakob
Böhme dachte nicht daran, der Nachwelt eine Autobiographie zu hinterlassen.
Von daher gesehen kommt den »Theosophischen Sendbriefen« eine besondere
Bedeutung zu. Der Leser lernt hier den einflußreichen Autor persönlich
kennen. Und, was ebenfalls nicht zu unterschätzen ist, man kann sich ein Bild
von dem sich ausweitenden Menschenkreis machen der sich in Schlesien und in
der Lausitz um die geistige Hinterlassenschaft dieses spirituellen Meisters
bemüht hat. Wir haben also wirkliche Briefe vor uns. In
den »Theosophischen Sendbriefen« nimmt der Autor der »Aurora« das Wort. Und
wenn er dort im 19. Kapitel die Erleuchtungserfahrung geschildert hat, dann
ist es interessant zu sehen, wie er dieses Erlebnis nun intimen Freunden
anvertraut. Es geschieht in dem Bewußtsein, nicht ihm, dem schlichten
Handwerker, seien letztlich die zahlreichen Werke seiner Autorschaft
zuzuschreiben. Das Eigentliche habe er nicht aus »Bücherwissen«, er habe
seine Erkenntnis vielmehr auf dem Weg einer spontanen Erleuchtung empfangen.
Zur Erläuterung dieses Geschehens und der dabei erlangten Erkenntnisfrüchte
tragen diese Briefe viel bei. Andererseits gewähren sie Einblick in die
Lebensumstände, auch in das bis in seine letzte Lebenszeit anhaltende Ringen
mit den orthodoxen Gegnern. Es
versteht sich, daß die vorgelegten Briefe nach den editorischen
Gesichtspunkten der bisher erschienenen Schriften des Görlitzers dargeboten
werden. Was den darin angewandten Grundsatz der Vollständigkeit betrifft, so
wurde hier ein übriges getan: Einige der in der Gesamtausgabe von 1730 an der
bezeichneten Stelle fehlenden Briefe wurden hier eingefügt, beispielsweise
der als eigener Traktat überlieferte 11. Sendbrief an Paul Kaym, der sich mit
dem Thema der Endzeit beschäftigt. Darüber hinaus wird diese Ausgabe auch 1.
Einführung und Kommentar früher ungedruckt gebliebene, in der Urschrift
erhaltene Sendbriefe sowie weitere Briefteile enthalten. Der vorliegende Band
stellt demnach die erste vollständige Ausgabe von Böhmes Theosophischen
Sendbriefen dar. Schwarzenbruck bei Nürnberg, Ostern 1991, Gerhard Wehr ___________________________________________________________ I. Einführung und Kommentar
Böhmes »Theosophische
Sendbriefe «
als Dokumente religiöser
Erfahrung und spiritueller Wegweisung
Den
Theosophischen Sendbriefen kommt in dem rund vier tausend Druckseiten
umfassenden literarischen Werk des Görlitzer Meisters eine besondere
Bedeutung zu. Es handelt sich dabei um Böhmes Korrespondenz, wie sie uns aus
der Zeit zwischen dem 18. Januar 1619 und dem 13. Juni 1624 — fünf Monate vor
seinem Tod — erhalten geblieben ist. Das heißt, es handelt sich um den für
sein Schaffen wesentlichen Zeitraum. Hinter
ihm liegen die Jahre eines von seinen kirchlich-orthodoxen Gegnern
erzwungenen Schweigens und des Verzichts auf jegliche Publikation. Innerhalb
weniger Monate hatte der 37-jährige Görlitzer Schuhmachermeister seine
berühmte Erstlingsschrift Aurora oder Morgenröte im Aufgang
niedergeschrieben. Das Fragment gebliebene Werk hatte ohne sein Wissen
handschriftliche Verbreitung gefunden und war zum Gegenstand einer schonungslosen
Kritik geworden. Das kirchenfromme lutherische Gemeindeglied hatte
rücksichtslose Schmähungen durch den Görlitzer Oberpfarrer Gregor Richter zu
erdulden. Fünf Jahre lang hielt sich Böhme an das Publikationsverbot, während
die öffentliche Beschimpfung anhielt. Endlich
entsprach Böhme dem Drängen jener Freunde, die ihn ermutigten, in weiteren
Schriften sein »Talent« zu offenbaren. So entstand ein zweites, zunächst nur
als Manuskript verbreitetes Werk. Die Beschreibung der drei Prinzipien (De
tribus principiis). Das war im Jahre 1619, ein Jahr nach Ausbruch des
Dreißigjährigen Kriegs. In rascher Folge schrieb Böhme während der ihm
verbliebenen fünf Lebensjahre mehrere Werke neben zahlreichen kleineren
Schriften und Traktaten. Böhme legte in ihnen die Grundzüge seines
universalen Gottes Welt- und Menschenbildes nieder. Gleichzeitig
bildete sich ein Kreis von spirituellen Schülern und religiös Suchenden. Sie
ahnten, daß der Autor dieser Schriften nicht nur die Inhalte seines Schauens
zu berichten habe, sondern daß er darüber hinaus in der Lage sei, einen
inneren Entwicklungsweg, den Weg einer christlichen Einweihung, zu zeigen und
ihnen auf diesem Weg als ein Erfahrener beratend, helfend, ermutigend
beizustehen. Dank der Tatsache, daß uns die Texte von rund achtzig
Sendbriefen — unter ihnen ausführliche Episteln und traktatartige
Ausführungen — überliefert sind, sind wir in der Lage, uns ein Bild von dem
Kreis um Jakob Böhme und seiner »theosophischen Schule«, wie er sie einmal
nennt, zu verschaffen. Abgesehen davon vermitteln uns diese
autobiographischen Zeugnisse manche bemerkenswerte Einzelheit seines
schlichten und doch außerordentlichen Lebens. Äußerlich
gesehen ist Jakob Böhme der kleinbürgerliche Handwerksmeister, der
Familienvater und Görlitzer Bürger, der Angehörige seiner Zunft, das Glied
der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde. Als solcher hat er seinen
unverrückbaren Platz in der Gesellschaft seiner Zeit. Damit sind ihm aber
auch eng gesteckte Grenzen gezogen: Grenzen der Mobilität, Bildungsschranken,
Standesgrenzen, nicht zuletzt eine religiöse Fixierung, die im Zeitalter der
protestantischen Orthodoxie nicht ungestraft verändert werden darf. Das ist
das eine. Auf
der anderen Seite aber hat ebendieser Jakob Böhme schon in jungen Jahren
einen religiösen Aufbruch erlebt, der seine bürgerliche Existenz in den
Fundamenten erschütterte. Er empfing nicht einen Impuls zu einer
gesellschaftlichen Revolution oder Empörung, auch nicht das, was man einen
offenen Protest gegen die kirchliche Lehre und Ordnung nennen könnte. Trotz
eines starken prophetisch ausgerichteten Selbstbewußtseins hat Böhme niemals
den Anspruch erhoben, die bestehende Ordnung aufheben zu wollen. Und
doch war das, was Böhme nur so verarbeiten konnte, daß er seine Gesichte —
»mir selbst zum Memorial« — niederschrieb, geeignet, die Zeitgenossen der
»oberen« Stände, namentlich die orthodoxe lutherische Geistlichkeit zu
beunruhigen. Denn dieses Buch Aurora oder Morgenröte im Aufgang wurde publik.
Einer, der nach Meinung der studierten Theologen buchstäblich »bei seinem
Leisten« zu bleiben hätte, wagte es, dem von innen und von oben empfangenen
»feurigen Trieb« zu folgen. Er hatte es gewagt, die Anrede seines Gottes
ernster zu nehmen als das Wort des kirchlichen Lehramts. Damit
sind nicht nur die Ursachen für einen das ganze weitere Leben Böhmes
anhaltenden Konflikt gelegt. Es ist der Konflikt des Charismatikers und des
Amtsträgers, wie er sich in der Geschichte der Kirche, im besonderen in der
Geschichte des esoterischen Christentums, immer wieder abzeichnet.* *) 1 Dazu ausführlicher Gerhard
Wehr: Esoterisches Christentum. Von der Antike zur Gegenwart. Klett-Cotta, Stuttgart 1995. Damit
ist aber auch der Anstoß gegeben, den ohne sein Zutun sich vergrößernden
Zirkel von Freunden, Schülern, Suchern, Lesern seiner Bücher zu begleiten.
Das, was zunächst die individuelle religiöse Erfahrung des Görlitzer Meisters
zu sein scheint — die Theologie spricht nicht ohne Geringschätzung von
»Privatoffenbarung« —‚ zieht weitere Kreise: Böhmes Schriften, die zunächst,
das heißt zu seinen Lebzeiten, nur als Manuskripte seine Werkstatt verlassen,
sind vielerorts begehrt: bei schlesischen Landadeligen, in den Amtsstuben von
Zolleinnehmern, bei Ärzten, bei Leuten, die sich zutiefst angesprochen
fühlen. Es ist sicher ein Zeichen dafür, daß auch viele andere das Bedürfnis
nach einem ursprünglichen geistig-religiösen Erleben hegen und hierfür
weitere Anregung erwarten. Das
Charisma, die spirituelle Strahlkraft des schlichten Handwerkers, erweist
sich stärker, als die Hüter von Zunft- und Standesgrenzen vermuten. Wieder
einmal zeigt sich, daß der Geist nicht an die Schule oder an die Institution
oder an eine kirchliche Amtsautorität gebunden ist. Im Gegenteil: Das
Charisma muß geradezu deshalb einen Außenseiter wie Jakob Böhme ergreifen,
weil Kirche und Schule nicht in der Lage sind, den Hunger und den Durst nach
spiritueller Unmittelbarkeit zu stillen. Der Geist weht, wo er will Das
Zutrauen, das Böhme findet, ist groß. Zwar hält die gegen den Autor der
Aurora und der anderen theosophischen Schriften gerichtete kirchliche
Verleumdungskampagne an, aber auch die Zahl derer, die mit ihm in Beziehung
treten, nimmt zu. Die Kunde dringt über Schlesien hinaus. Das kommt nicht von
ungefähr. Böhme erkennt darin »Gottes Weg«, zumal er beobachten kann, »daß es
nicht allein in Schlesien, sondern auch in andern Ländern ist bekannt worden
ohne Vorwissen des Autors ... « (10,26). Um
den zahlreichen Anforderungen zu entsprechen, ist der mit der Niederschrift
immer neuer Werke vollauf Beschäftigte dankbar, daß sorgfältige Abschriften
hergestellt werden. Unter den »Skribenten« ist vor allem der Saganer
Zolleinnehmer Christian Bernhard zu nennen (vgl. die Briefe 4, 9, 14, 21,
25-27 usw.). Um
seinen Schülern nahe zu sein und sie mit einer gewissen Regelmäßigkeit
besuchen zu können, gibt er seine Schuhmacherei in der Stadt auf und betreibt
zusammen mit seiner Frau Katharina einen Garnhandel, der ihn nun auch von
Berufswegen über Land führt. Auf diese Weise wird es ihm möglich, sich mit
den Lesern seiner Manuskripte zu unterreden. Wir hören von verschiedenen
Fahrten durch Schlesien und von mannigfachen Besuchen und Begegnungen. Diese
Unterredungen sind dem Verfasser der Theosophischen Sendbriefe deshalb so
wichtig, weil er nicht alles dem geschriebenen Wort anvertrauen zu können
meint: »Lieber Herr Doktor, der Feder ist nicht zu trauen«, lesen wir einmal
(15,17). Ein andermal läßt er seinen Freund Christian Bernhard wissen, er
wünschte mit ihm »in geheim zu sein auf ein kurzes Gespräche, so euch
dasselbe gefällig wäre. So werdet ihr ohne Zweifel Mittel dazu wissen, wollet
euch in meiner Gegenwart meines Namens und Person geschweigen, es wäre denn
Sache, daß er den Euren zuvor bekannt wäre und sie dessen begehrten. Kein
Zweifel, hier waltet Arkandisziplin, ein selbstauferlegtes Gebot der
Geheimhaltung. Das geschieht nicht etwa um einer mysteriösen Geheimnistuerei
willen oder weil namentlich nach der Publikation der rosenkreuzerischen
Manifeste — die Chymische Hochzeit Christiani Rosenkreuz war 1616 erschienen
— Geheimgesellschaften aller Art von sich reden machten. Böhmes
Arkandisziplin hat einen anderen Grund: Längst ist der Verfasser der
theosophischen Manuskripte zu einem christlichen Guru, zu einem Seelenführer
geworden, dessen Ziel darin besteht, andere auf die Bahn der spirituellen
Entwicklung zu bringen. Wo es um nichts Geringeres geht als um die
Initiierung eines inneren Prozesses der Wandlung und der Reifung aus dem
Geiste Christi, da ist — sofern möglich — der intime Dialog zwischen dem Erfahrenen
und dem am Anfang des Weges Befindlichen geboten. Das unmittelbare
Gegenübersein spricht seine eigene Sprache. Das weiß jeder, der
Menschenführung, die seelsorgerlich-spirituelle oder die
tiefenpsychologisch-therapeutische, das initiatische Geschehen aus eigenem
Erleben kennt. Dennoch sind die Theosophischen Sendbriefe Böhmes an den
entscheidenden Punkten selbst Dokumente von und für Menschen, die sich auf
dem Innenweg der Christusnachfolge befinden und die der »Morgenröte im
Aufgang« oder dem Prozeß des »Ausgrünens« entgegenwarten. Deshalb
ist der eigentliche Anlaß und Grund vieler Briefe Böhmes dieser: »So habe ich
nicht unterlassen wollen, denen zu schreiben und sie zu erinnern und in
solchem eiferigen Suchen mehr Ursache zu geben und darzutun, wie das Perllein
zu suchen und endlich zu finden sei. Sintemal ich auch einer unter den
Suchern bin und mir am höchsten anlieget, dasjenige, was mir von Gott
vertrauet ist, nicht zu vergraben, sondern darzutun, auf daß Gottes Wille in
uns möchte erkannt werden und sein Reich in unser Suchen und Begehren kommen
... « (17,1) Es besteht kein Zweifel: Böhme befindet sich auf großer Mission,
und er ist sich auch der Größe seiner Verantwortung voll bewußt. Dabei
sei nicht übersehen, daß dieses Briefwerk, sein seherisch-literarisches
Lebenswerk als solches, während des Dreißigjährigen Kriegs entstanden ist.
Die unheilvollen, Angst erzeugenden, neue Schrecken ankündigenden Ereignisse
werfen ihre gespenstischen Schatten auf dieses Werk. Böhme ist also schon von
daher gesehen nicht einer von denen, die ruhevoll in ihrer weltabgeschiedenen
Mystiker-Klause meditieren und in einer solchen, von keiner Unbill getrübten
Konzentration ihre Traktate, Lehrreden und Sendschreiben hinausgehen lassen
können. Er steht vielmehr mitten in einem von Sorgen und Kümmernissen in
Spannung gehaltenen Leben, gewillt, allem Kommenden standzuhalten. Er sucht
die Zeichen der Zeit in größeren und größten Zusammenhängen zu sehen, innere
Erfahrung mit den äußeren Phänomenen in Zusammenhang zu bringen. Dergleichen
geht, wie die Geschichtserfahrung zeigt, nicht ohne ein kurzschlüssiges
Vermuten ab, auch nicht bei Jakob Böhme. Doch darum geht es nicht. Daneben
will die lebenslange wirtschaftliche Abhängigkeit beachtet sein, der der
Görlitzer Meister vor allem von jenem Zeitpunkt ab unterworfen ist, als er
als fahrender Händler und als (ungedruckter) Schriftsteller sich und seine
Familie zu ernähren hat. Diese Abhängigkeit muß er auf sich nehmen, weil ihn
der Geist treibt und weil er seinen Brüdern — so nennt er die Freunde und
Sucher — das anvertraute Talent nicht vorenthalten darf. Von 1619/1620 an ist
es namentlich die Abhängigkeit von Adeligen, denen er mit seinem Werk dient
und die ihn mit dem Allernötigsten versorgen. Auch davon legen die Briefe ein
beredtes Zeugnis ab (z.B. 5,2; 6,1; 21,4; 32,2; 33,6; 37; 65,3; 66,10; 67,1;
69,6; 73,3; 74). Anhand
dieser und ähnlicher Gesichtspunkte wird deutlich, daß Böhmes religiöse
Erfahrung, sodann auch die von ihm erwartete und geleistete spirituelle
Wegweisung nicht etwa abseits des gelebten Lebens empfangen und vollzogen
wurde. Vielmehr belegen gerade die Theosophischen Sendbriefe auf vielfältige
Weise, wie der Lebensalltag und die esoterische Vertiefung dieses Lebens,
Zeitgeschichte und die göttliche Führung des einzelnen wie der Menschheit
aufs engste miteinander verwoben und aufeinander bezogen sind. Für
den heutigen Leser dieser Texte ergeben sich daraus gewisse Konsequenzen. Er
wird sich dieses Zusammenhangs bewußt bleiben müssen und keine Theosophie
oder christliche Esoterik suchen dürfen, die ihn von seinem eigenen, ganz
individuellen Schicksal entfernt. Er wird sodann nicht jedes Wort, nicht jede
Deutung, schon gar nicht zeitbedingte Vorstellungen nur deshalb übernehmen
dürfen, weil sie von einem so geisterfüllten Menschen wie Jakob Böhme
stammen. Vielmehr obliegt es jedem einzelnen, gleichsam durch diese mehr als
dreihundertjährigen Wortlaute hindurchzusehen und hindurchzuhören auf das
Überzeitlich-Spirituelle, das sich hier eingetragen hat. Und deutlich genug
spricht es Böhme auch den ersten Empfängern seiner Briefe gegenüber aus,
worauf es eigentlich ankommt, sind doch die Schriften und Briefe nur irdische
Gefäße eines letztlich unausschöpflichen
Inhalts oder Hinweisschilder auf dem Weg, den der einzelne selbst
gehen muß: »Denn
das Buch, da alle Heimlichkeit innen lieget, ist der Mensch selbst ... Das
große Arcanum lieget in ihm, allein das Offenbaren gehöret dem Geiste
Gottes.« (20,3) _________________________________________________________ Kommentar
ZU DEN THEOSOPHISCHEN SENDBRIEFEN 1-74 1.
Sendbrief Carl
von Ender (Carl Ender von Sercha) auf Schloß Leopoldshain eine Wegstunde
östlich von Görlitz, spielt im Leben Jakob Böhmes eine wichtige Rolle. Er
gehört zur Schar jener Adeligen Schlesiens, die sich für das Werk des
Görlitzers interessieren, und zwar von Anfang an. Er war nicht allein ein
Mann von Bildung, sondern er brachte bereits eine entsprechende
Aufgeschlossenheit mit, als er den Autor der Morgenröte und dessen
Erstlingsschrift kennen- und schätzenlernte. Der Landedelmann zählte nämlich
zu jenen Familien, die der Lehre ihres Landsmannes Kaspar Schwenckfeld
(1489-1561) anhingen und bei denen, die die seit 1609 im Druck erschienenen
Weigelschen bzw. Pseudo-Weigelschen Schriften lasen. Carl von Ender war es,
der sich für die handschriftliche Verbreitung der Morgenröte (Aurora)
einsetzte. Wenn
sich Böhme dem »edlen, gestrengen, wohlehrenfesten Herrn« gegenüber auch als
»einfältiger Mann« ausgibt, so ist in den (mindestens) sechs bis sieben
Jahren ihrer persönlichen Bekanntschaft zwischen beiden ein recht enges
Vertrauensverhältnis gewachsen. Dazu kommt, daß auch Böhmes Selbstbewußtsein
seit der Niederschrift der Aurora gestärkt wurde. Den »hohen Leuten« vermag
der, der aus dem Handwerkerstand kommt, als einer gegenüberzutreten, in dem
das »hohe Licht« entzündet und der »feurige Trieb« (1,2) seiner Geistbegabung
entfacht worden ist. Es
ist weder das erste noch das letzte Mal, daß der Autor versichert, sein
Schreiben sei ausschließlich ein persönliches Bedürfnis gewesen; es sei ohne
jegliche Publikationsabsicht erfolgt. Wenn es nun doch — eben mit
Unterstützung, wenn nicht durch Initiative des Adressaten — zur
Veröffentlichung der Aurora kam, so erblickt der Briefschreiber darin das
Walten dessen, der die Person nicht ansieht und der sich daher über die
bestehenden Standesgrenzen souverän hinwegsetzt. (1,4)* *) Über Böhme und sein
Erstlingswerk vgl. die Einführung zu Jakob Böhme: Aurora oder Morgenröte im Aufgang. Insel Verlag, Frankfurt 1991. Ferner Gerhard Wehr: Jakob Böhme. Geisteslehrer und Seelenführer. Aurum Verlag, Freiburg 1979. »Das
Niedrige« ist gerade recht, um zum Gefäß der göttlichen Offenbarung erkoren
zu werden. Und dieser sich offenbarende Gott will »in allen Dingen« erkannt
werden. Das ist der Auftrag, dessen der Schuster innewird. Das legitimiert
ihn allein, seinen Leisten beiseite zu legen und aufs neue zur Feder zu
greifen. Daß Böhme seine Einsicht nicht etwa von abstrakten theologischen
Sätzen ableitet, sondern daß er als ein anschauender Denker schreibt,
unterstreicht der Hinweis auf die Himmelskräfte, die Gott »in Bildnissen,
Gewächsen und Farben« kundmachen (1,5). Das ist nur ein Gleichnis für die
über die Welt hinausweisende Dimension des Wesenhaften, das alles Irdische
»inqualieret«, das heißt: mit seinen schaffenden Kräften geistdynamisch
durchwirkt. Die
Lehre von den drei Prinzipien, in der die Polarität des grimmigen Zornfeuers
und des Lichts der Liebe Gottes (in Christus) eine besondere Rolle spielt,
benützt Böhme als einen Erkenntnisschlüssel. Dieses Schlüssels bedarf er umso
mehr, als das »göttliche Licht« unmittelbarer Erkenntnis infolge des
tragischen (Sünden-) Falls verlorengegangen ist (1,6f). Indem
Böhme diesen Tatbestand berührt, ist er schon bei seinem universalen Thema,
bei dem Weltendrama von Schöpfung, Fall und Erneuerung des Menschen. Es gilt,
den in der vergänglichen (»monstrosischen«) Physis verborgenen »rechten
Menschen« ans Licht zu heben und bewußt zu machen. Sein Urstand ist in Gott;
die Neugeburt durch Christus läßt dieses Faktum zu einer individuellen
Erfahrungstatsache werden, und zwar schon jetzt (1,11). Dieses neue Sein
verbürgt Erkenntnis (1,22). Insofern gibt es Abstufungen des menschlichen
Erkennens (1,14). Wahres Erkennen ist zum andern ein Geschenk des
erleuchtenden Gottes, der das Erkenntnislicht im Menschen anzündet (1,14). Das
von Böhme gemeinte Erkennen entspricht auf der anderen Seite einem
wunderbaren, aber auch ängstigenden Geburtsvorgang. Das Wunder besteht darin,
daß diese Geburt — bildlich gesprochen — durch eine gealterte Frau (1,15)
erfolgt. Böhme mag an biblische Vorbilder (Abrahams Frau Sarah; die Mutter
Johannes des Täufers, Elisabeth u.a.) denken. Dabei ist er selbst der
Betroffene, denn auch aus ihm soll ein Geisteskind geboren werden (1,17). Er
geht — nach jahrelangem Schweigen — mit seinem zweiten Buch Drei Prinzipien
göttlichen Wesens (1619) zum Zeitpunkt dieses Briefes schwanger. Es zeugt für
das große Vertrauen, das der Briefschreiber dem Empfänger entgegenbringt,
wenn er das Ungeborene ankündigt, wiewohl er »fast mit zu vielen weltlichen
Geschäften beladen« ist und die Geburtsängste ganz bewußt durchlebt. 2.
Sendbrief Böhme
hat schwere, entsagungsreiche Jahre hinter sich. Denn das Bekanntwerden der
Aurora hat seinem Autor Verleumdungen, öffentliche Maßregelung und die
entschädigungslose Wegnahme des Manuskripts eingebracht. Der »Treiber« — es
ist der fanatisch-orthodoxe Oberpfarrer von Görlitz, Gregor Richter — setzte
ihm hart zu. Um so mehr weiß Böhme die Treue des Edelmanns Carl Ender von
Sercha zu schätzen (2,2). Darüber hinaus kann er dem adeligen Freund die
Echtheit seiner Erfahrung bestätigen, nämlich die Wahrnehmung der »edlen
Perle« als einer Licht, Hoffnung und Zuversicht stiftenden Kraft (2,4). Sie
ist es eigentlich, die ihn zum Schreiben antreibt. Seine Schriftstellerei
begreift er daher als einen einzigen Akt des Gehorsams gegen Gott, mit seinem
»Bistum«!) verantwortlich umzugehen (2,6), das heißt, die anvertraute Gabe
nicht etwa als einen privaten Besitz anderen vorzuenthalten, sondern sie
weiterzugeben. Böhmes
Verbundenheit mit Carl Ender, der das geistig Empfangene an die
Öffentlichkeit gebracht hat und der gesonnen ist, dies auch künftig zu tun,
gewinnt von daher eine neue Dimension. Spätestens seit diesem Brief und seit
der Bereitschaft zur Niederschrift seines zweiten Buches datiert die
Gewißheit Böhmes, nicht allein sich selbst »zum Memorial« zu schreiben,
sondern als Offenbarungsträger für andere zu fungieren. Wenn sich auch immer
wieder Skrupel oder Unsicherheiten einschleichen wollen, ob der beschrittene
Weg als Schriftsteller der richtige sei, so kann Böhme darauf verweisen, daß
die Ergebnisse seines Tuns gar nicht von ihm, dem an seinen Stand als
Schuhmacher gewiesenen Kleinbürger stammen, sondern daß er die Antriebe aus
der transpersonalen Tiefe seines Unbewußten inspirativ entgegennimmt (2,10).
So heißt es schon in der Rechenschaft des Autors der Aurora, von wem er seine
hohen Gaben des Geistes empfangen habe: »Gott hat mir das Wissen gegeben.
Nicht ich, der ich der Ich bin, weiß es, sondern Gott weiß es in mir ... «
Und weiter: »Nicht ich, der ich der Ich bin, habe es nicht zuvor gewußt, das
ich euch habe geschrieben. Ich vermeinte, ich schrieb allein mir, und es ist
ohne meinen Bewußt also geraten.« Damit bezeichnet Böhme tiefenpsychologisch
exakt den Quellgrund seines Schaffens. In
der Ahnung, ja in der sicheren Erwartung, vor einer Offenbarung einer
größeren, weil »über Moses und die Propheten« hinausreichenden Erkenntnis zu
stehen, überreicht Böhme dem Empfänger dieses Briefs neue Manuskriptteile
(2,11 f.). Der Leser von damals wie von heute mag etwas von dem verspüren,
was Böhmes Tun und Leben durchpulst. Es ist die Hoffnung auf »die schöne, von
Gott verheißene Lilie« (2,13), Symbol der spirituellen und universalen
Reformation, der Jakob Böhme den Weg bereiten möchte. 4.
Sendbrief Auch
Christian Bernhard, der Zolleinnehmer von Sagan, gehört zu den engsten
Freunden Böhmes. Mit einem gewissen Recht nennt ihn Hans Grunsky
»Generalsekretär und Botschafter Böhmes«, weil er Böhmes Schriften kopierte
und — unter Hintanstellen seines Berufes — so die Verbreitung der Böhmeschen
Theosophie ermöglichen half. Dazu kommt das enge persönliche Verhältnis
zwischen beiden Männern, das sich in den Briefen niedergeschlagen hat. Bernhard
ist für Böhme »mein gar guter, lieber Bruder ..., weil ihr mich habet aus dem
Schlafe erwecket« (4,17) — eine sehr hohe Einschätzung! Sie zeugt davon, wie
früh der Zolleinnehmer die spirituelle Berufung des Schusters erkannt haben
muß. Nicht umsonst zählt ihn der so »Erweckte« vier Jahre später zu den
»Erstlingen« (45,6), denen er ein weiteres inneres Wachstum wünscht. Im
vorliegenden Brief steht zunächst die Tatsache im Vordergrund, daß auch
Bernhard das Erkannte nicht für sich behalte, sondern »freiwillig allen
Kreaturen« darbiete (4,2), ungeachtet der großen Widerstände, mit denen er
selbst seit Jahren zu kämpfen hat. Dergleichen ist nur möglich, wenn das
irdische Leben »ist eingepfropfet in das heilige Leben Jesu Christi« (4,4).
Dieses Wissen um die mystische Tatsache der Christuseinwohnung und des
In-Christo-Seins, wie es der Apostel Paulus genannt hat, schenkt eine durch
nichts zu erschütternde Gewißheit (4,6f.). Böhme ist sich bewußt, daß
derartige Erfahrungen des Widerstandes geradezu die Voraussetzung für den
spirituell-regenerativen Prozeß des »Ausgrünens« darstellen. Von daher
gesehen erscheint die Notwendigkeit der Menschwerdung Christi in einem neuen
Licht (4,10).* *) Ausführlicher in Jakob Böhme: Von der Menschwerdung Jesu Christi. Insel Verlag, Frankfurt 1995. Dieser
Prozeß des Ausgrünens spielt in diesem Brief und überall dort eine zentrale
Rolle, wo Böhme als Seelenführer gefordert ist. Ihm obliegt es, Sterben und
Auferstehen des Menschen mit und in Christus zu begleiten als einer, der aus
eigener Erfahrung sprechen kann. Für »wieder erwacht« (4,18) hält sich Böhme,
weil ihm klargeworden ist, daß die einst ergangenen visionären Einsichten der
weiteren Vertiefung und Verarbeitung auch der klareren Darstellung bedürfen,
um andere »Schlafende« zu erwecken. Erweckung
ist sodann ein aktuelles, jetzt und hier zu geschehendes, zu erhoffendes
pfingstliches Ereignis, das nicht beliebig reproduzierbar, sondern das allein
der Gnade Gottes vorbehalten ist (4,20f). Das hermeneutische Problem, das
Problem mit der Dunkelheit und der Schwerverständlichkeit seiner Schriften,
bringt Böhme selbst in diesen Zusammenhang (4,21). Ein
wichtiger Gesichtspunkt ist jener, wo Böhme auf die von ihm gebrauchte
»Natursprache« verweist (4,26). Gemeint ist ein Verstehen- und
Sprechen-können, das im Gegensatz zu einer menschlichen Sprache nicht
erlernbar sei, sondern das ein intimes intuitives Vertrautsein mit der Sache
selbst voraussetzt. Nicht darum geht es, äußere Sinngehalte oder Sachverhalte
zu beschreiben, sondern die Tiefe des Logos (etwa laut Heraklit) — Böhme
sagt: »die Geister der Buchstaben« — vom Urgrund (Böhme: »Urkund«) her zu
erfahren (4,27). Der Wunsch Böhmes, seine Seele mit dem Fragesteller teilen
zu können (4,25), deutet darauf hin, daß eine Korrespondenzebene gesucht und
gefunden werden sollte, die nicht nur die der gedanklichen Argumentation
umfaßt, sondern die auch noch jene Bereiche einbezieht, die
unterhalb-oberhalb des Alltagsbewußtseins liegen. Im Zusammenhang seiner
Darstellung zur Übertragungsproblematik hat C.G. Jung auf derartige
Wechselbezüge unter dem Stichwort »Heiratsquaternio« hingewiesen.* *) C.G. Jung: Die Psychologie der Übertragung (1946), in: Gesammelte Werke, Band 16, S. 234ff Zwischenhinein
fügt Böhme die Notiz von der beruflichen und familiär bedingten
Geschäftigkeit, der er sich als fahrender Händler und Familienvater zu
unterwerfen hat, wohl wissend, daß derlei Geschäfte »das Reich Gottes
verhindern« (4,30). Allein die Fürsorge für Weib und Kind duldet keinen
Aufschub. Aber eben nicht nur die Zeit, sondern auch und gerade die Ewigkeit
ist es, die den dafür erweckten Schuster drängt. Ein
anderes Problem taucht auf, das für die Überlieferung der Böhme-Schriften von
nicht geringer Bedeutung ist, nämlich die Frage nach zuverlässigen Nach- und
Abschriften seiner Wortlaute (4,35ff). Der Autor trägt Sorge dafür, daß vor
allem in der ersten Fassung nur authentische Texte entstehen. Zeitgeschichte
spiegelt sich für einen Moment in den Reiseerlebnissen des Geschäftigen.
Böhme ist während seiner Wanderung nach Prag Zeuge des Einzugs von Kurfürst
Friedrich V., des sogenannten Winterkönigs, geworden, der in der kurzen Zeit
des Winters 1619/20 in der Stadt an der Moldau hofhielt.* *) Über die Zusammenhänge des
Winterkönigs Friedrich mit der gleichzeitigen Rosenkreuzer-Bewegung vgl.
Francis Yates: Aufklärung im Zeichen des Rosenkreuzes. Edition Alpha,
Stuttgart 1975. Schon
meldet sich bei Böhme das Bedürfnis, die miterlebte Zeitgeschichte von der
Heilsgeschichte her deuten zu wollen (4,39ff). Für den Briefschreiber ist das
äußere politische Geschehen nur ein Symptom für die anstehende große
Auseinandersetzung zwischen dem Gottesvolk und Babel, dem Inbegriff der
widergöttlichen Macht. Die irdische Geschichte ist Abschattung der Geschichte
Gottes mit der Menschheit. Noch ist die vielgenannte Schlacht am Weißen Berg
östlich von Prag, am 8. November 1620, nicht in Sicht, da erblickt Böhme vor
seinem inneren Auge bereits die Ausweitung des »großen Kriegs und Streites,
... Zerbrechung vieler Städte, Schlösser und mächtiger Länder« (4,41). Er
sollte recht behalten. Dabei läßt Böhme in seiner Geschichtsprophetie
Vorsicht walten. Er weiß sehr wohl, daß dem »Rat Gottes« die irdische
Sichtweise im Grunde unangemessen ist (4,43). Die göttliche Geschichte mißt
mit anderen Maßen. Die
im Abschnitt (4,45) ausgedrückte Hoffnung, Carl Ender werde die
Rückerstattung der durch den Magistrat ein gezogenen Urschrift der Aurora
erwirken können, blieb freilich unerfüllt. Böhme bekam sein Buch nie mehr zu
Gesicht. Dennoch war durch die vorausgegangene Abschrift und durch neue
Kopien für die Verbreitung gesorgt. 5.
und 6. Sendbrief Wie
den bisherigen Brieftexten zu entnehmen war, enthalten Böhmes Sendbriefe
nicht nur alltägliche Mitteilungen. Der grundsätzliche, lehrmäßige, auf die
Menschenführung hin gerichtete Charakter dominiert in der Regel, selbst wenn
der Briefschreiber »in Eil« ist (5,14). Stets gilt es, das Bewußtsein von der
Herankunft der »großen Wunder Gottes« und vom Erblühen der »schönen Lilien«
(5,9) wachzuhalten. Dazu ist er befähigt, weil ihn »die edle Jungfrau
Weisheit« (5,7), die von Böhme immer wieder angerufene göttliche Sophia,
inspiriert und an einer Weisheit teilnehmen läßt, die nicht auf den hohen
Schulen zu erlernen ist. Diese Weisheit ist in den Augen des Briefschreibers
ein zu treuhänderischem Umgang anvertrautes Gut, das in Wort und Schrift, in
Gestalt seelsorgerlicher Unterredung und in der Weitergabe neuer Manuskripte
den Mitmenschen zu übermitteln ist (6,4). 7.
Sendbrief Auch
Balthasar Walther, der weitgereiste paracelsische Arzt, spielt in Böhmes
Leben eine wichtige Rolle. Der etwa zehn Jahre Ältere wird dem Autor der
Aurora um das Jahr 1617 begegnet sein. Welchen starken Eindruck er von dem
schlichten Schuster empfing, darf daran abgelesen werden, daß Dr. Walther es
war, der Böhme den honorigen Titel »Philosophus teutonicus«, deutscher
Philosoph, beilegte und ihm jene vierzig Fragen von der menschlichen Seele
unterbreitete. Von ihrer Beantwortung durch Böhme versprach sich Walther
viel. In der Tat ließ er sich zu einer gleichnamigen Schrift anregen. Den ihm
zugedachten Titel nahm er gleichfalls an, wie die Unterschriften der Briefe
23, 37, 38, 61 und 63 belegen. Durch Balthasar Walther mag Böhme tiefer in
die Kabbala sowie in die Alchymie und die Naturphilosophie eingeführt worden
sein. Die gelegentliche Mitteilung Abraham von Frankenbergs, der kundige Arzt
habe »drei Monate lang viel geheime und vertraute Gespräche mit ihm
gepflogen«, macht dies noch wahrscheinlicher. Mancher lateinische Terminus
bei Böhme dürfte auf Walthers Vorschlag zurückgehen. Böhme war des
Lateinischen nicht mächtig. Auf
die Wahrung der Arkandisziplin bedacht, hebt Böhme im 7. Sendbrief hervor,
daß seine Schriften »nicht jedermanns Speise« seien, weshalb sie — entgegen
Walthers Absichten — nicht einem jedem ausgehändigt werden dürften. Der
Esoteriker Böhme sieht sich als Schriftsteller und als Seelenführer an die
»Kinder des Geheimnisses« (7,4) gewiesen. Es sind jene, die in sich »viele
edle Perlen« bergen. Es sind Weisheitshungerige, keine Satten! Zu
beachten ist zum anderen die bescheidene Nüchternheit, mit der Böhme jegliche
Herausstellung seiner Person als eines Wundermannes von sich weist (7,6).
Böhmes Theosophie ist eine in Gott verborgene Wissenschaft. Als solche
entzieht sie sich denen, »die nicht aus Gott geboren sind« (7,7). Das hat
entsprechende Konsequenzen für das Verständnis seiner Schriften. Selbst den
Druck der entstehenden Manuskripte, an den Walther offensichtlich gedacht
hat, lehnt der Autor zu diesem Zeitpunkt ab (7,8). Aus dem Zusammenhang
heraus, in dem diese Ablehnung geäußert wird, dürfte klarwerden, daß Böhme
seine Texte als Mysterienschriften versteht, die nur an dafür Vorbereitete,
an innerlich Gereifte oder nach Reife Strebende weitergegeben werden sollen. 8.
Sendbrief Der
8. Sendbrief vom 14. August und der 11. vom 19. November des Jahres 1620
heben sich dadurch von dem übrigen Briefwerk ab, daß beide Texte den
Charakter von traktatartigen Episteln angenommen haben. Das mag auch der
Grund gewesen sein, weshalb der Herausgeber der Böhme-Gesamtausgabe von 1730
beide Wortlaute außerhalb der Theosophischen Sendbriefe publizierte. Das
Thema mit der Frage nach der Zeitbestimmung des erwarteten Weltendes war
immer wieder aktuell, auch im dritten Jahr des Dreißigjährigen Krieges. Ein
entsprechender Text, »zwei Büchlein«, des kaiserlichen Zolleinnehmers Paul
Kaym in Liegnitz, zeigt das. Von der Aurora und anderen Arbeiten Böhmes
angesprochen, hatte Kaym seine Ausarbeitung an Böhme in der Erwartung
gesandt, der seherisch Begabte könne seine Errechnungen bestätigen. Dank
einer vermittelnden Empfehlung durch Carl Ender begrüßt Böhme den Liegnitzer
als einen geistesverwandten »Bruder«. Der lange Antworttext erfährt gleich
eingangs (8,2) eine echt Böhmesche Akzentuierung. Darin kommt vor, was ihm
allein wichtig ist, nämlich: die Nähe der Wiederaufrichtung des zerbrochenen
(geistigen) Jerusalems, mehr noch die Wiederherstellung des in Adam
verblichenen Menschenbildes und damit die Erkenntnis und die Wiedergewinnung
der verlorenen Perle in der Kraft des Hl. Geistes. Damit
ist von vornherein auch klar zum Ausdruck gebracht, was — wenn überhaupt —
demzufolge von nachrangiger Bedeutung ist: beispielsweise Elaborate, in denen
der stets zum Scheitern verurteilte Versuch von endzeitlichen
Terminrechnungen unternommen wird. Böhme läßt es an brüderlicher Zuneigung
nicht fehlen. Er verkennt nicht das ernste Suchen und Fragen Kayms. Das
hindert ihn nicht, unmißverständlich zu sagen, daß seine eigenen Erkenntnisse
auf einem anderen Sektor liegen, als sie der Fragesteller erhofft. Daher ist
in Böhmes Schriften kein Platz für Endzeitspekulationen, die letztlich der
Neugierde einer ungezügelten menschlichen Phantasie entstammen. Oder, auf
eine knappe Formel gebracht: Nicht das ist entscheidend zu wissen, wie es
sich mit dem in der Johannes-Offenbarung erwähnten tausendjährigen Sabbat
verhalte, »denn wir haben genug am Sabbat der neuen Wiedergeburt« (8,69).
Damit ist ein abstrakt-lehrhaftes Offenbarungswissen relativiert. Die
Entscheidung fällt nicht in irgendeiner so oder so ausgedeuteten oder gar
errechneten Zukunft, sondern ganz konkret in dem jetzt und hier zu
durchlaufenden Prozeß der Wiedergeburt. Alles andere kann Böhme getrost
»göttlicher Allmacht befehlen«. Andererseits
genügt es nicht, unter Berufung auf eine etwaige tiefere Schrifterkenntnis
die Situation zu analysieren, die Inkarnation dessen, was »Babel« heute ist,
zu entlarven, sondern es gilt mit der Tat und mit dem Leben, den Weg der
Christusnachfolge in beispielhafter Weise zu gehen (8,7ff). Im übrigen kommt
es darauf an, in Gott zu sein, will man die Mysterien seines Wesens ergründen
(8,5). Deshalb ist es Böhme so wichtig, von der Geburt des »neuen engelischen
Menschen« zu künden als von einer neuen Qualität des Menschlichen überhaupt
(8,21). Die Wiederherstellung Zions ist demnach für Böhme nicht ein äußeres
Phänomen, sondern ein im neuen Menschen gegründetes neues Sein (8,25). In
Christus sein, das heißt für Böhme, schon im Anbruch der Christus-Zukunft
leben, im endzeitlichen Sabbat (8,27). Für ihn hat die Zukunft schon
begonnen. 9.
Sendbrief Über
Christian Bernhard vgl. 4. Sendbrief. — Es ist kennzeichnend für Böhmes
Briefeschreiben, daß er — ganz ähnlich wie in seinen Büchern — nicht zögert,
das von ihm früher Ausgesprochene wieder und wieder darzulegen. Schließlich
ist Christian Bernhard ein Mann, der seit Jahren mit dem Kopieren von
Böhme-Texten beschäftigt ist. Böhme könnte demnach all das als bekannt
voraussetzen, was er in dem vorliegenden Brief zur Sprache bringt: daß die rechte
Lehre im Menschen selbst sei (9,2); was sich in den Böhme-Büchern finde
(9,3); daß Leben mit Christus immer ein Passionsgeschehen sei (9,4); daß nur
das Gültigkeit habe, was der Geist Gottes aus uns spricht (9,8). Alles das
könnte der Briefschreiber bei seinem Adressaten als bekannt voraussetzen,
käme es ihm auf das bloße Bescheidwissen an. Aber Böhme geht es eben nicht um
äußere Sachverhalte. Dem spirituellen Exerzitienmeister liegt — ähnlich wie
jedem meditativ Arbeitenden — daran, das Wißbare durch ständige Wiederholung
und durch neue Verdeutlichung oder Vergegenwärtigung tiefer zu verankern. Aus
solchen Beispielen mag es abzulesen sein, daß die Theosophischen Sendbriefe
selbst als Anregungen zum meditativen Umgang aufgenommen werden sollen. 10.
Sendbrief Weil wir einer Autobiographie Jakob Böhmes entraten müssen und
mancherlei autobiographische Notizen in seinen Schriften nach
Vervollständigung verlangen, sind die auf Böhmes eigenen Lebens- und
Erkenntnisweg bezüglichen Mitteilungen innerhalb der Theosophischen
Sendbriefe von besonderem Wert. Auch
Abraham von Sommerfeld, ein in Wartha bei Beuthen wohnender Landedelmann, dem
der vermutlich Ende April 1620 geschriebene Brief gewidmet ist, gehört zu der
Schar derer, die Böhme seit dessen Aurora ihre besondere Aufmerksamkeit
widmen. Hier
hebt Böhme mit Nachdruck hervor, daß es nicht allein die geistige Schau war,
die ihn heimgesucht hat, sondern gleichzeitig jener »feurige Trieb«, der ihn
an die Schriftstellerei heranführte. Während ein seelisch extravertierter,
also ein nach außen gerichteter Mensch, in aller Öffentlichkeit das
aussprechen und bereden muß, was er erlebt hat, sucht Böhme »allein das Herz
Gottes, sich darein zu verbergen«, das heißt: er wendet sich nach innen — und
er wird darüber zum Schriftsteller (10,3). So
ist es auch nicht weiter zu verwundern, wenn Böhme als Autobiograph nicht von
äußeren, sondern in erster Linie von inneren Begebenheiten zu berichten hat
(10,7ff), so schwer es ihm fällt, passende Bilder und Vergleiche für das ihm
Widerfahrene heranzuziehen: das Bild vom unerwarteten, jäh einsetzenden
Platzregen, vom Sturm und Ungewitter, vom unscheinbaren Senfkorn oder von der
aufblühenden Lilie. Durch diesen geistfeuernden Trieb angestoßen und nicht
etwa verstandesmäßig geplant oder erdichtet, entstehen innerhalb weniger
Monate etliche Bücher (10,10ff.). Auch
Abraham vom Sommerfeld ist für Böhme einer von den »hohen Menschen«, während
er sich selbst »ganz einfältig« (10,14) dünkt. Diese Einschätzung betrifft
aber nur seinen gesellschaftlichen und bildungsmäßigen Status, denn der
Görlitzer Meister ist sich seiner außerordentlichen Begabung voll bewußt.
Längst zweifelt er nicht mehr an der Notwendigkeit und an der Berechtigung zu
schreiben, wie er schreibt (10,16f): »Es ist Gottes Werk ... « — Weil dem so
ist und weil es bei seinem Tun nicht um nichtiges Menschenwerk geht, deshalb
mußte sich die anhaltende Verketzerung durch die Amtskirche als besonders
günstig für die Verbreitung auswirken. In der Tat hat Böhme Anlaß, sich
darüber zu wundern. Freilich betrifft dieses Verwundern nur den »äußern
Menschen« (10,27). Der innere Mensch ist es, der an dem Mysterium teilhat,
ohne irgendeiner äußeren Hilfestellung, eines Studiums oder Anstoßes zu
bedürfen. Der Geist allein tut‘s. Solange er anwest, aber auch nur solange,
vermag Böhme sich und sein Werk zu »verstehen« (10,29). Sobald dieser
inspirierende Geist entweicht, ist er nur noch der unzulängliche Mensch, der
ungebildete Schuster aus Görlitz. Böhme ist »verständig« genug, daraus die
erforderlichen Konsequenzen zu ziehen (10,30). Aufschlußreich
ist Böhmes Einschätzung seines ersten Buches Morgenröte im Aufgang. Demnach
ist es nur ein erster, vorläufiger Versuch, »die großen Geheimnisse« zu
erkennen (10,36) und einsichtig zu machen. Es bedurfte anderer Schriften, das
Mysterium zu erhellen. Jedoch können auch sie letztlich nicht mehr sein als
Beiträge, die strenggenommen ein und demselben Thema gewidmet sind. Schon
deshalb hält es der Autor für gut, »daß endlich aus allen (Büchern) nur eines
gemachet würde« (10,46). In Feststellungen wie diesen bringt Böhme zum
Ausdruck, wie sehr ihm daran liegt, dem Auftrag und dem Impuls des einen
Geistes gerecht zu werden, der ihn zum Werk gerufen hat, zu seinem, des
Geistes, Werk, denn: »Bei mir suche niemand das Werk.« (10,43) Wenn
es Böhme in diesem Zusammenhang ablehnt, mit den Praktiken (»Handgriffen«)
der zeitgenössischen Alchymisten etwas zu tun zu haben, so spricht er doch
hier und an vielen anderen Stellen vom »Werk«, dem opus der Bereitung des
Lapis philosophorum (Stein der Weisen). Gemeint ist damit das Realsymbol für
das letztlich unverfügbare Walten des Geistes, der den Menschen in den Dienst
stellt und erneuert. Bei
Böhme sieht es so aus, daß er dem, was der Geist redet, zu gehorchen hat,
auch wenn es dem Schreiber mit den »zitternden Händen« oft schwerfällt, das
Geschaute und innerlich Erlauschte rasch genug mit der Feder festzuhalten
(10,45). Das ist sodann einer der Gründe, weshalb das da und dort mangelhaft
Ausgedrückte und dunkel Gebliebene in einer weiteren Schrift aufs neue
»ergriffen« werden solle. 11.
Sendbrief Dieser
zweite traktatartige Brief an Paul Kaym setzt noch deutlicher als der erste
(vgl. 8. Sendbrief) die für Böhme allein wichtigen Akzente. Erst im
Schlußteil (11,46ff) kommt der Briefschreiber auf Kayms eschatologische
Spekulationen vom »Sabbat in dieser Welt« zu sprechen. Mit aller Klarheit
spricht er nochmals aus: »Wenn wir den neuen Menschen in Christo erlangen, so
sind wir ... schon im Sabbat« (11,48), das heißt: in dem neuen Seinszustand.
Da mit nur ja kein Mißverständnis zurückbleibt, fügt er hinzu, daß die
Johannes-Offenbarung »geistlich« und als »im Mysterio«, also im
Geheimniszustand befindlich mit »hoch erleuchtetem Gemüt« gedeutet werden
müsse (11,57), keinesfalls aber wie ein rational faßbarer äußerer
Sachverhalt. Wer diese »Magia« erfassen will, der bedarf eines »magischen
Führers«, eines Führers, der in der Wesensmitte des inneren Menschen (11,58)
wohnt. Freilich, ungeprüft ist einer Führung nicht zu vertrauen (11,64). So
ist es zu verstehen, weshalb Böhme sein Schreiben mit einer ausführlichen
Erörterung zur Frage spirituellen Wahrnehmens und Erkennens beginnt, denn:
»Ein jeder Geist forschet nur seine eigene Tiefe« (11,3). Dessen Reichweite
ist begrenzt, sofern er nicht »in dem Wesen« ist, das er schauend zu erkennen
begehrt. Wenn nun der Mensch seit Adams Fall aus dem ursprünglichen
Seinszusammenhang herausgefallen ist, ging er auch seiner ursprünglichen
Erkenntnisfähigkeit verlustig (11,4). Auf
der Basis einer solchen spirituellen Erkenntnistheorie, die sich an dem Sein
in Christus (11,2 und 11,5) orientiert, gründet Böhmes Theosophie. Es ist
eine Theosophie, Christosophie und Anthroposophie — wörtlich: eine Weisheit
von Gott, Christus und Mensch —‚ die im Zeichen der Wandlung und der
Neugeburt steht (11,6). Der Geist Gottes ist es, der neues Sein schafft. Und
nicht nur das: Diese Geistverbundenheit ist erforderlich, damit der Mensch
seinen Erdenauftrag erfüllen kann, indem er die Schöpfung vollendet — nach
Böhme: indem er »das Ende in den Anfang bringe« (11,18). Böhme versteht
darunter eine Vereinigung der äußeren Natur mit der Lichtwelt (11,35), zumal
der Mensch ein Bürger dieser beiden Welten ist. Dem entsprechen im Sinne des
Neuen Testaments die Arbeit im Weinberg Gottes und der Bau am Reiche Gottes
(11,36ff) Für Böhme ist dergleichen immer zuerst eine Frucht der Erkenntnis,
deren Hervorbringung und Ausreifung ihm aufgetragen ist (11,37), wiewohl sie
nicht als sein Werk angesehen werden kann. Böhme anerkennt die Vielfalt der
Gaben und der Begabungen. Sie entsprechen den Lebensentwürfen, mit denen
Menschen ihren Erdenweg antreten. Angetrieben und geführt werden sie jedoch
letztlich aus einem und demselben Geist. Böhmes Gabe und Aufgabe ist es, »zu
erwecken« (11,42), deshalb auch seine Theosophischen Sendbriefe. Über
dem allen vergißt er nicht, daß die »Geburt des Lebens ein steter Streit« ist
(11,45). Erst durch den Widerstand, den Arbeit, Mühe und Verfolgungen
darstellen, wird die neue Qualität errungen und erfahren. Damit sagt Böhme
ein unmißverständliches Ja zum »Qualhaus der Sterne und Elemente«, in dem wir
uns vorfinden. 12.
Sendbrief Jakob Böhme zeigte sich immer wieder beglückt, wenn er sah, daß sich nicht
nur Unbekannte bei ihm meldeten, weil seine Schriften ihr Interesse geweckt
hatten, sondern vor allem, wenn er merkte, daß Suchende in die Mysterien der
Gottesweisheit eingeführt werden wollten. Der Beuthener Zöllner Kaspar
Lindner ist ein solcher Sucher. Böhme pflegte ernstliches Suchen mit
rückhaltloser Offenheit über sich und sein Tun zu vergelten. Der 12.
Sendbrief kann als Musterbeispiel dafür gelten. Von hier fällt ein
bezeichnendes Licht auf Böhmes innere Erfahrungen. Der
Autor stellt sich erneut als einer vor, der »allein das Herze Jesu Christi«
gesucht hat, um sich darin zu verbergen (12,6). Und gerade deshalb widerfuhr
ihm das Außerordentliche der geistigen Schau. Davon berichtet er in diesem
autobiographisch bedeutsamen Brief: von seiner Vision und von der
Möglichkeit, das innerlich Wahrgenommene »in das Äußere zu bringen«, das
heißt schildern zu können (12,10). Berichtet wird, wie es ihm seit jenem
entscheidenden Moment seines Schauens ergangen ist, innerlich wie äußerlich. Gleichzeitig
legt Böhme dar, worin der Weg besteht (12,37), den er selbst betreten hat und
auf den er andere aufmerksam macht, seinem Beispiel zu folgen (12,42).
Ebensowenig wie die nach außen gerichtete Vernunft das Wesenhafte zu erfassen
vermag, auf das Böhme hindeutet, so wenig läßt sich »Zion«, die verheißene
Stadt der Zukunft, auf der Erde finden, denn: »Der Himmel muß im Menschen
offenbar werden« (12,48). Das geschieht nicht ein für allemal. Vielmehr
bedarf jede Zeit ihres »Erkenners« oder »Arztes« (12,52); gemeint sind
geistig-geistliche Führergestalten. Unter diesem Gesichtspunkt gelangt der Briefschreiber zu
positiv-kritischen Urteilen über Autoren der Vergangenheit (12,53ff), unter
ihnen Kaspar Schwenckfeld (1489-1561) oder Valentin Weigel (1533-1588). Auch
wenn Böhme ihnen gegenüber auf eine gewisse Distanz geht, so ist doch nicht
zu übersehen, daß beide Männer dem Philosophus teutonicus vorgearbeitet
haben. Indem er sich mit den Christusvorstellungen dieser beiden sowie mit
ungenannten »Autoribus« auseinandersetzt, bezeugt er eine gewisse Kenntnis
einschlägiger Literatur. Eben das trifft auch für eine Reihe seiner Freunde
und Briefempfänger zu. Das Bildwort von der Biene, die »aus vielen Blumen«
Honig saugt (12,62), trifft auf Böhme selbst zu, ja er nimmt es für sich in
Anspruch. Das vermindert natürlich nicht die Originalität seines geistigen
Schauens und Erlebens. 15.
Sendbrief Zwischen
Ende April und Anfang Juni des Jahres 1621 reiste Jakob Böhme durch
Schlesien. Auf dieser Reise besuchte er im Gebiet von Striegau einen Kreis
gebildeter Männer, die sich naturphilosophischen und religiösen Fragen
widmeten. Es kam offensichtlich zu manchen kritischen Rückfragen, denen der
philosophisch ungeschulte Philosophus standzuhalten hatte. Der
Arzt Johann Daniel von Koschwitz gehört zu diesem Zirkel. Der 15. Sendbrief
läßt durchblicken, daß noch mancherlei Differenzen zwischen dem Görlitzer und
den Striegauern bestehen (15,1ff). Genannt werden auch Dr. Staritius, bekannt
als Herausgeber der Werke von Paracelsus, sowie Theodor (Hans Dietrich) von
Tschesch, Rat des Herzogs von Brieg (15,3f). Das
Thema, das diese Männer beschäftigt, ist die alte philosophisch-theologische
Frage nach der Willensfreiheit, von Böhme als Problem der »Gnadenwahl«
bezeichnet (15,4). Wenn
an dieser Stelle des Briefs ein Traktat zu diesem Thema erwähnt wird, so
handelt es sich dabei noch nicht um das gleichnamige Buch Von der Gnadenwahl,
sondern erst um einen vorausgehenden kürzeren Text (vgl. 19. Sendbrief an Dr.
Koschwitz gleichen Datums). Dem
vorliegenden Brief ist zunächst zu entnehmen, daß die wenige Wochen zurückliegende
Striegauer Unterredung für den dialektisch ungeübten Jakob Böhme ziemlich
unbefriedigend ausgefallen sein muß, nicht allein wegen des unterschiedlichen
Bildungsniveaus, sondern auch weil der »daheim ganz mäßig und nüchtern«
Lebende dem Wein und der »köstlichen Speise« seiner Gastgeber (15,6) nicht
gewachsen war. Dabei scheint es (nach zu schließen) nicht besonders
»christlich«, nicht ganz ohne »Affekte oder Schmähung« abgegangen zu sein.
Dennoch stellt sich Böhme weiterer Verantwortung. Es entspricht wohl dem
introvertierten Naturell dessen, der eher ein Mann der Schreibe als der Rede
ist, daß er die Fragen seiner Gesprächspartner in schriftlicher Form wünscht
(15,7). Soweit
es ihm möglich ist, sucht Böhme auf die Geistesart seiner Briefpartner einzugehen.
Weil Dr. Koschwitz alchymistische Interessen hegt, bedient sich auch Böhme
der astrologisch-alchymistischen Symbolsprache, um die Stufen des Prozesses
anzudeuten. Dabei muß es, abgesehen von dem Gnadenwahl-Disput, zu einer
»heimlichen Abrede« (15,10) zwischen beiden Männern gekommen sein. Was den
Brief betrifft, der sich »parabolischer« Begriffe bedient, steht außer Frage,
daß das Arcanum auch hier zu wahren ist; »der Feder ist nicht zu trauen«
(15,17). Doch daß Böhme den Arzt bei seinen alchymistischen Operationen auch
praktisch unterstützt habe, ist zu bezweifeln, zumal er wiederholt zum
Ausdruck gebracht hat, über »keine Kunst noch Handgriffe« (10,43) zu
verfügen. 16.
Sendbrief Zeitlich
und thematisch gehören die am selben Tag geschriebenen Sendbriefe 15 und 16
eng zusammen. Der Empfänger des 16. Briefs ist ebenfalls Arzt und
praktizierender Chymikus. Böhme liegt offensichtlich viel daran, daß immer
mehr Menschen ein begründetes Wissen um die Willensfreiheit des Menschen
empfangen, weil letztlich alles darauf ankomme, daß das in Adam verlorene
Menschenbild »wieder gebracht« werde (16,3). Wer der Gewinnung dieser
Einsicht dient, handelt »brüderlicherweise« (16,5). Er stellt die Verbindung
zum Mitmenschen her. Im Menschenbruder findet er sein eigenes wahres Selbst.
Dagegen ist alles abstrakte, rechthaberische Disputieren unfruchtbar. Von
daher erklärt sich Böhmes Abgrenzung gegen alles bloße Wähnen und Meinen.
Abschreckende Beispiele des konfessionalistischen Haders gibt es in diesen
Tagen der lutherischen Orthodoxie in Fülle. Böhmes
auf Selbst- und auf Gotteserkenntnis gerichtetes Bemühen klingt schließlich
auch mit der Bereitung des »Steins der Weisen« zusammen, gerade weil der
Görlitzer darunter nicht primär eine chemische Operation versteht, sondern
einen Reifungsprozeß, der im Menschen selbst in Gang zu bringen ist. Doch das
»Werk« ist letztlich nicht machbar. Dennoch bedeutet das nicht Untätigkeit
(16,13), sondern Anregung zu freiwilliger Arbeit. 18.
Sendbrief Die
hohe Einschätzung des schlesischen Junkers Hans Sieg(is)mund von Schweinichen
auf Schweinhaus hebt Böhme dadurch hervor, daß er ihn zusammen mit David von
Schweinichen als »Erstling« einstuft (18,7). In der Tat ist es der Adressat,
an dem Böhme später Anzeichen einer spirituellen Reifung wahrnimmt. Es ist
derselbe H.S. von Schweinichen, dem Böhme als einzigem gestattet, ein kleines
Druckwerk, bestehend aus meditativ gehaltenen Schriften, nämlich
Christosophia, herauszubringen.* *) Vgl. die kommentierte Neuausgabe
Jakob Böhme: Christosophia. Ein christlicher Einweihungsweg. Insel Verlag,
Frankfurt 1991. Welchen
Sturm der Entrüstung diese einzige, im letzten Lebensjahr Böhmes publizierte
Schrift bei den Gegnern ausgelöst hat, ist u.a. dem 53. Sendbrief zu
entnehmen. 19.
Sendbrief Anfang
1621 hatte Balthasar Tilke, ebenfalls ein schlesischer Adeliger, an etlichen
Kapiteln der Aurora Kritik geübt und einen »giftigen Pasquill«, eine
Schmähschrift, gegen Böhme gerichtet. Wieder spielt die Frage nach der
Gnadenwahl eine Rolle (vgl. 15. Sendbrief). Böhme entgegnete mit einer ersten
»Schutzschrift«. In diesem Zusammenhang ist auch der 19. Sendbrief zu lesen.
Wichtig ist für Böhme in jedem Fall der Hinweis darauf, daß der mit dem
Charisma des Geistes Begabte »von Gott gelehrt« (19,10) und damit geistunmittelbar
sei, folglich von Menschen nicht be- oder gar verurteilt werden könne.
Abgesehen davon steht jeglicher »Schulenstreit« der brüderlichen Liebe
entgegen (19,12). 20.
Sendbrief Die
Tatsache, daß Jakob Böhme auf dem Boden der reformatorischen Erkenntnis von
der Rechtfertigung des Gottlosen steht, kann nicht darüber hinwegtäuschen,
daß er sich von deren Veräußerlichung mit ähnlicher Schärfe distanziert, wie
das vor ihm andere getan haben (z.B. Thomas Müntzer, Kaspar Schwenckfeld, die
Täufer). Er lehnt eine Glaubenshaltung ab, die sich mit dem Hinweis auf die
theologische Formel »von der äußern zugerechneten Gerechtigkeit« (20,16)
zufriedengibt, während es an der Bereitschaft, »in Christi Tod einzugehen und
in ihm auszugrünen« (20,17), mangelt. Der
in den Briefen häufig gebrauchte apokalyptische Terminus »Babel« wird demnach
nicht nur auf die erklärten Feinde des Christentums angewandt, sondern gerade
auf solche, die sich orthodoxer, theologisch richtiger Lehraussagen bedienen,
ohne sich jedoch viel um eine tatsächliche Veränderung ihres Menschseins zu
kümmern. Dabei liegt das eigentliche Arcanum (Geheimnis) (20,12) im Menschen
selbst. Hier fallen die Entscheidungen. Das selbstherrliche Ich, »meine
Ichheit« (20,22), muß sich in den Prozeß der Passion Christi hineinbegeben.
Böhme liegt nun daran, immer wieder zu betonen, daß er diesen Prozeß selbst
begonnen habe. Sein Schreiben ist daher zuallererst für ihn selbst in »einer
geistlichen Übung in der Erkenntnis Gottes« zu sehen (20,28). Auch der
heutige Leser wird sich dieses Exerzitiencharakters des Böhmeschen
Schrifttums nicht entziehen können, selbst wenn im vierten Jahrhundert nach
Jakob Böhme der spirituelle Schulungsweg manche methodische Abwandlung
verdient. 22.
Sendbrief Mit
welchen außergewöhnlichen Fragen sich der Görlitzer Meister bisweilen auch
abzugeben hatte, zeigt der 22. Sendbrief. Wie der Vorbemerkung zu entnehmen
ist, soll sich Böhme mit einem parapsychologischen Phänomen
auseinandersetzen. Der Grabstein einer unlängst verstorbenen adeligen Frau
vergieße Tränen, so heißt es. Der Witwer bittet um eine Erklärung. Böhme
geht vorsichtig zu Werk. Auch aus anderen Texten, etwa aus den Briefen an
Paul Kaym, wissen wir, daß Böhme kein Mann des raschen Urteils war, vor
allem, wenn das betreffende Problem außerhalb seiner Kompetenz lag. So
verweist er zunächst auf jene, die die Sachverhalte aus unmittelbarer
Beobachtung kennen (22,2), ehe er dem Empfänger zu erwägen gibt, was hier
vorliegen mag. Leiten läßt er sich von einem Wirklichkeitsverständnis, das
neben den materiellen Gesetzmäßigkeiten immaterielle gelten läßt (22,3 ff).
Durch den leiblichen Tod werde die immaterielle Dimension nicht
beeinträchtigt (22,8). Böhme unterscheidet neben dem physischen
(»elementarischen«) Leib einen feinstofflichen (»siderischen«), der zwar auch
vergänglich ist, der jedoch nach dem Tod noch eine Zeitlang als Träger dessen
fungieren kann, was der Mensch an seelischen Eindrücken, Impulsen oder
Begierden in sich trägt, wodurch er »geimpresset«, also gleichsam imprägniert
ist (22,9). Auf diese Weise legt Böhme dem Witwer nahe, seine Frau könne zu
Lebzeiten in irgendeiner Weise seelisch besonders belastet gewesen sein, was
sich nun auf diese außerordentliche Weise manifestiere. Jedoch eines
bindenden Urteils enthält er sich auch nach diesen Überlegungen (22,13 ff). 24.
Sendbrief In
einer Reihe von Sendbriefen schlägt die apokalyptische Stimmung gespanntester
Erwartung dessen, was kommen soll, voll durch. Während etwa noch 20,16 unter
»Babel« vernehmlich ein auf formaler Rechtgläubigkeit verharrender
Protestantismus verstanden wird, enthüllt sich hier vor dem Visionär Böhme
das Schreckensbild der brennenden Stadt des Antichrists (24,5).* *) Über die Prophetie Jakob Böhmes
vgl. Ernst Benz: Endzeiterwartung zwischen
Ost und West. Studien zur christlichen Eschatologie. Freiburg 1973, besonders S. 41-65. Ders.: Der Prophet Jakob Böhme. Eine Studie über den Typus
nachreformatorischen Prophetentums. Wiesbaden 1959. Was
sich im vierten Jahr des Dreißigjährigen Krieges abzeichnet, deutet der
Briefschreiber als Ausbruch des »Zornfeuers Gottes«. Während nun der Schluß
naheläge, alle Ereignisse als Manifestationen einer einzigen unabwendbaren
Katastrophe zu sehen, blickt Böhme durch diese Phänomene des Unheilvollen
hindurch auf das Aufleuchten der »Gnadensonne«, auf die neue
Geistesausgießung und auf das da und dort individuell wahrnehmbare Aufblühen
des Lilienzweiges (24,6f). Gemeint ist letztlich eine für »alle Völker«
gültige Tatsache. Freilich, das Offenbarwerden des »edlen Perlenbaums«, d.h.
des Christus in uns, fängt zunächst bei den »Kindern der Weisheit Christi«
(24,7) an, die sich in der »göttlichen Übung« (24,8) hingeben. Zu solchen
Zeitgenossen sieht sich Böhme gerufen. Ihnen schreibt er seine Theosophischen
Sendbriefe, um das individuell-überindividuelle Christusereignis vorbereiten
zu helfen. 25.
Sendbrief Böhme
fühlt sich mit den Empfängern seiner Briefe in einer »engelischen
Bruderschaft« (25,1) verbunden, die sich des Studiums der »Theosophischen
Schule« (25,3) befleißigen. In ihr ist nicht er, sondern allein der Geist der
Lehrer. Wer nun den Anstürmen von außen gewachsen sein soll, dessen inneres
Wachstum bedarf einer besonderen Förderung. Er entspricht daher einem Wunsch
seiner Freunde und Schüler, wenn er eine kleine, aber meditativ gehaltvolle
Schrift Von der wahren Buße verfaßt (25,3).* *) Der volle Wortlaut samt
Erklärungen ist enthalten in: Jakob Böhme: Christosophia. Ein christlicher Einweihungsweg. Insel Verlag, Frankfurt 1991. Der
intime, auf Initiation ausgerichtete Charakter dieser Schrift wird vom Autor
noch dadurch unterstrichen, daß er den Text als Frucht und als Dokument
seines eigenen Einweihungsprozesses betrachtet (25,4). Zum andern liegt Böhme
daran, seinen Schülern mit dem Büchlein, dem er »eine große Ernte« verheißt
(25,7), eine Anleitung für die meditative Praxis zu übergeben. 28.
Sendbrief Es
ist zu vermuten, daß auch Dr. Steinberg dem Striegauer Gelehrtenkreis
angehört (vgl. 16. Sendbrief). Wieder ergibt sich aus dem Schreiben, daß
Böhme bestrebt ist, auch die leidvollen Erfahrungen von »Kreuz und Trübsal«,
das individuelle und das Zeitenschicksal, in einen größeren Sinnzusammenhang
zu rücken. Vor diesem Hintergrund sind »erste Kennzeichen der edlen Sophien«
(28,1) wahrzunehmen. Die himmlische bzw. göttliche Sophia ist jene
spirituelle Wirklichkeit einer personifiziert vorgestellten Gottesweisheit,
auf die Böhmes ganzes Sinnen und Trachten gerichtet ist. Das Ziel ist die
geistliche Hochzeit mit der Jungfrau Sophia.* *) Weitere Aufschlüsse durch Text
und Erläuterung in Jakob Böhme: Christosophia, ferner Gerhard Wehr: Heilige
Hochzeit. Kösel Verlag, München 1986. Die
»schöne Rose« wächst eben nur am »Dornstrauch«; das Leben muß dem Sterben
abgerungen werden. — So lautet die Einsicht, zu der sich der Görlitzer
Meister durchgerungen hat. Ein symbolkräftiger Vergleich ist sicher jener von
dem durchglühten Eisen (28,2), geht es doch darum, daß der kreatürliche
Mensch von dem Geistfeuer Gottes ergriffen und durchglüht wird, wodurch eine
neue Qualität entsteht, der mit Christus verbundene Mensch (28,3). Damit
wird eine Tatsache begründet, die durch eine bloß »von außen zugerechnete
Gnade« (28,6; vgl. auch 20,16) oder durch theologische Rechtfertigungsformeln
nicht zu ersetzen ist. Der Bereich der »leicht gesagten Worte« (Ina Seidel)
ist verlassen, der Bezirk der billigen Gnade aufgegeben. Hochgespannte
Erwartungen beflügeln den Seher, wenn er meint, es sei die Zeit angebrochen,
da »alle Türen aufgetan werden ... da die Sonne des Lebens soll über alle
Völker scheinen« (28,10). Man
kann den Eindruck gewinnen, daß alles das, was Böhme im Klartext mitteilt,
von ihm auch noch im Blick auf die Tiefendimension des Gesagten artikuliert
werden müsse. Zwei Ausdrucksmittel dafür sind in seinen Augen die sogenannte
Natursprache, die im Gegensatz zu anderen Sprachen nicht lehrbar sei, zum
anderen die alchymistische Symbolik. Bei ihr dreht sich das bildhafte Reden
und Operieren zwar um Prozesse, die im stofflichen Bereich einzuleiten sind.
Der 28. Sendbrief weist jedoch mit allem Nachdruck darauf hin, daß das auf
die Stofflichkeit beschränkte Hantieren mit Mineralien »falsch« sei (28,13),
»es sei denn einer selber von ehe das, was er darinnen suchet« (28,12),
nämlich in der »neuen Geburt«. Wenn Böhme im gleichen Zusammenhang den programmatischen
Satz niederschreibt: »Die Welt muß zum Himmel und der Himmel zur Welt wieder
gemacht werden«, — so steht für ihn fest, daß alle wahrhafte Veränderung
innen zu beginnen hat. Der von Böhme abschließend gegebene Literaturhinweis
unterstreicht das Gesagte nochmals. Denn der Wasserstein der Weisen bringt
die Notwendigkeit der Selbstverwandlung des »gottliebenden Chymisten« voll
zur Geltung.* *) Ein vollständiger,
originalgetreuer Nachdruck der 1619 erstmals erschienenen Schrift liegt in
der Ausgabe von 1661 vor. Aurum Verlag, Freiburg 1977. — Ferner Gerhard Wehr:
Die deutsche Mystik. O.W. Barth Verlag, München 1988. 30.
Sendbrief Rose,
Lilie und Weinstock sind die von Jakob Böhme häufig gebrauchten Symbole zur
Ankündigung des Neuen, nämlich des »Sommers Christi« und der »Lilienzeit«
(30,3). Das, wie schon angedeutet, Bemerkenswerte besteht nun darin, daß
Böhme nicht etwa als ein Unheilsprophet agiert, sondern daß ihm vielmehr
aufgetragen ist, »das Wunder Gottes mitten im Feuer der Trübsal zu Babel« als
das Christusereignis des frühen 17. Jahrhunderts bewußtzumachen und Menschen,
namentlich die Empfänger der Theosophischen Sendbriefe, darauf vorzubereiten.
Hinausgehen ließ Böhme die Parole der »wahren Sucher« wenige Monate vor
Abfassung dieses Briefs. Sie findet sich am Schluß der Anfang 1622
abgeschlossenen wichtigen Schrift De signatura rerum (Von der Geburt und
Bezeichnung aller Wesen): »Eine
Lilie blühet über Berg und Tal in allen Enden der Erden; wer da suchet, der
findet. Amen.« (De sign. rer. 16,48) 31.
Sendbrief Die
Theosophischen Sendbriefe Jakob Böhmes dienen der geistlichen Orientierung
und der spirituellen Wegweisung, und zwar in einem doppelten Sinn: einmal
sind es — wie wir bereits
in den vorausgegangenen Texten des 1. Teils gesehen haben — Zeitdokumente.
Dafür spricht die Datierung samt den gerade aktuellen Bezügen; diese sprechen
dafür, wie aufmerksam Böhme die Vorgänge am Anfang des Dreißigjährigen
Krieges beobachtet und aus seiner Sicht gedeutet hat. — Zum andern aber
dienen die Sendbriefe in einem hohen Maße der geistlichen Führung und der
spirituellen Unterweisung. Beide, der zeitgeschichtliche und der
seelsorgerliche Aspekt, hängen zusammen. Daß es sich nicht um sogenannte
Lehr- und Schulungsbriefe handelt, sondern in der Regel um tatsächliche
Briefe, das zeigen von Fall zu Fall die eingestreuten Mitteilungen
technischer oder alltäglicher Art. Der
vorliegende 31. Sendbrief bringt klar zum Ausdruck: Jetzt regiert der
»Antichrist in Babel« bzw. in der durch Babel gefährdeten Christenheit
(31,2). Darunter sind aber nicht nur die spektakulären Zeitereignisse zu
verstehen. Deshalb der ausdrückliche Hinweis: »Wer zu göttlicher
Beschaulichkeit und Empfindlichkeit in sich selber gelangen will, der muß in
seiner Seele den Antichrist töten ...« (31,4) Statt den Feind auf einen
äußeren Gegner, auf eine äußere Situation oder Gefahr zu projizieren, gilt
es, die Aufmerksamkeit auf die eigene Problematik zu lenken. Hier hat
der Prozeß einer tiefgreifenden Umwandlung des eigenen Wesens zu beginnen,
wie er in Böhmes christosophischen Schriften* im einzelnen beschrieben ist. *) Jakob Böhme: Christosophia. Ein christlicher Einweihungsweg. Insel Verlag Frankfurt/M. 1991. Standes-
oder klassenmäßige Unterschiede darf es unter Christen letztlich nicht geben
(31,5). Vielmehr wird der »Vorgesetzte«, der Übergeordnete auf seine
besondere Verantwortlichkeit hin angesprochen. Der einzige Orientierungspunkt
ist Christus, und zwar der durch die Stufen der Passion hindurchgegangene
Christus. So wie Jesus Christus sich selber erniedrigte, so soll jeder
einzelne — auf dem Weg mystischer Verwirklichung seine »Ichheit« töten und in
das neue Lebenselement »in Gottes Erbarmen« eintauchen (31,6f). Dieser
Vorgang entspricht einerseits einem Kampf mit dem »inneren« Antichrist, andererseits
gilt es, den Fall Adams zu korrigieren, soweit der einzelne mit Christus dazu
fähig ist (31,9f). Die Aufgabe als solche besteht in jedem Augenblick. Diesen
Vorgang, in dem der alte Adam stirbt und in dem Christus im Menschen erweckt
wird, nennt Böhme das große Geheimnis (Mysterium magnum), das bis in den
Erkenntnisbereich hinein ausstrahlt (31,11). Wie nötig das ist! verdeutlicht
Böhme mit dem Hinweis auf die theologisch verbrämte Streitsucht »in unserer
vermeinten Religion«, also im Protestantismus des frühen 17. Jahrhunderts, in
dem sich die Wut der Theologen (rabies theologorum) austobt. Grundsätzliche
Bedeutung hat diese Notiz insofern, als die bloße Beschäftigung mit
»Buchstaben«, also mit Texten, mit Textkritik allein noch nicht genügt (31,13)
um das Wort in den Wörtern vernehmen zu können. Im übrigen täusche man sich
nicht: Nur zu oft dient der »Mantel Christi«, der äußere Anschein, die äußere
Mitgliedschaft u.ä. dazu, das Wesen des unverwandelten »alten Adam« zu
verdecken (31,14ff). Hier setzt Böhmes Kritik an, wonach sich gerade der
protestantische Christ mit einer »von außen zugerechneten Gerechtigkeit«
zufriedengebe. Es ist eine Kritik, die bereits bei Thomas Müntzer, bei
Sebastian Franck im Reformationsjahrhundert, dann bei Valentin Weigel* laut
wird. Gerade von ihm muß Böhme vielfältige Anstöße bekommen haben. *) Gerhard Wehr: Die deutsche
Mystik. O.W. Barth Verlag, München 1988, S. 230ff. Das
Mißverständnis vieler besteht darin, man werde »allein aus Glauben« und
»allein aus Gnaden« vor Gott gerecht. Dies ist auch durchaus Luthers Lehre.
Daß sich jedoch daraus ganz bestimmte ethische und spirituelle Konsequenzen
ergeben, das wird allermeist übersehen. Aber gerade darauf komme es —
übrigens auch bei Luther — an, die »Einwendung« zu vollziehen und sich mit
Christus zu verbinden (31,15ff). Das Ziel ist der »geistliche Mensch«
(31,19). Im Grunde umkreist Jakob Böhme dieses Thema unablässig und immer in
der Absicht, die Leser seiner Schriften und Briefe anzuregen, um nun endlich
den dafür nötigen Schritt zu tun. Und eben darin erweist sich der Autor der
Theosophischen Sendbriefe als Seelenführer, der diejenigen, die sich ihm
anvertrauen, auf dem zu beschreitenden Weg ein Stück weit begleitet. 32.
und 33. Sendbrief Christian
Bernhard, ein naher Freund des Meisters und eifriger Kopist von
Böhme-Schriften (vgl. Theosophische Sendbriefe I), obliegt eine wichtige
Mittlerfunktion. Dies geht aus dem vorliegenden Brief abermals deutlich
hervor. Böhme gibt, und er empfängt, was er zum Lebensunterhalt braucht — an
seiner literarischen Lebensleistung gemessen freilich ein mehr als
bescheidenes »Honorar«! Bemerkenswert
ist es, daß der Autor seinem Kopisten und »Verleger« bisweilen überläßt,
welche Traktate »schleunigst« abgeschrieben werden sollen (32,2). Natürlich
war keiner der Briefe für den Druck bestimmt. Während
der 32. Sendbrief mehr von der Mitteilung äußerer Sachverhalte bestimmt ist,
wird der durch Böhmes Anliegen beherrscht. Die Erwartung Christian Bernhards,
die spirituelle Erneuerung werde auch den »alten Adam«, das heißt den
Alltagsmenschen in einer allen sichtbaren Weise erfassen und aus der
Alltäglichkeit herausheben, kann Böhme nicht bestätigen. Nur hin und wieder
blitzt wie in einem »freundlichen Anblick« etwas davon auf, was in der Verborgenheit
des inneren Menschen bereits geschehen ist (33,2). Das Leben des Christen,
der zu inneren Erlebnissen gelangt, bleibt konflikthaft. Das Leben wird wohl
reicher, aber nicht in einem trivialen Sinne »leichter« oder gar bequemer! Böhme
spricht dabei aus eigener oft leidvoller Erfahrung. Gibt es dann gar kein
äußeres Zeichen? Böhme antwortet (33,3): Man erwarte in keinem Falle etwas
Sensationelles. Aber in dem Maß, in dem ein Mensch den Aufgaben »in dieser
Welt« gewachsen ist, indem er seine besondere Gabe einsetzt, in dem Maße wird
etwas transparent von dem, was er »innen« empfangen hat. Dabei ist schon die
inständige Sorge um den »rechten Lilienzweig« (33,4) ein Indiz dafür, daß ein
Prozeß begonnen hat und daß der betreffende Mensch auf dem Weg ist. Böhme
sieht seine Aufgabe als Seelenführer im besonderen darin, durch seinen
Zuspruch — er sagt: »Mahnung« — zu erwecken, Bewußtsein zu bilden für das,
was allein not tut. Das macht ihn zum »Bruder in Christo«, der sich für alle
die verantwortlich fühlt, die ihn nach dem Weg nach innen fragen. 34.
Sendbrief Ein
namentlich Unbekannter hat sich an Böhme gewandt. Die Antwort, die dieser
Brief darstellt, zeigt, wie der Görlitzer Meister bei ähnlicher Gelegenheit
nun seinerseits den Kontakt aufnimmt. Er tut es, indem er den Fragesteller
darauf anspricht, wie er in den Lebensorganismus Christi eingewurzelt werden
könne (34,3). Als
einer, der selbst in diesem spirituellen Zusammenhang darinnensteht, bietet
er dem Suchenden seine Hilfe an. Der Brief als solcher ist bereits ein
sichtbares Zeichen dieser Bereitschaft zur Hilfe. Damit sich der Adressat ein
Bild von Böhmes äußerer und innerer Situation machen kann, stellt er sich mit
einer knappen Selbstcharakteristik vor (34,6ff). Das
Wesentliche von den Lebensumständen ist schon aus anderen biographisch
bedeutsamen Briefen bekannt (vgl. Theosophische Sendbriefe 10 und 12).
Bemerkenswert ist aber Böhmes Bedürfnis, das zentrale Ereignis seines Lebens
immer wieder zu bezeugen. Dabei muß er gestehen, wie schwer er sich vor allem
anfangs getan hat, das Erlebte in Worte zu fassen (34,10). Nicht weniger
liegt Böhme daran hervorzuheben, daß die erfahrenen Widerstände aus seinem
Leben nicht wegzudenken sind. Im Gegenteil: Sie haben sich in seinem Leben
als eine notwendige und förderliche Hilfe erwiesen (34,14). Immer
wieder werfen die Zeitereignisse ihre Schatten auf das in den Theosophischen
Sendbriefen Geschilderte. Böhme ist bestrebt, in derlei Vorgängen und
Beobachtungen »eine gewisse Figur des künftigen Gerichtes« (34,23) zu sehen
und damit die Aktualität von höherer Warte aus zu deuten. 35.
Sendbrief Eine
der großen Erschütterungen im Leben Jakob Böhmes besteht in der Erkenntnis,
daß die Christenheit im Laufe ihrer Geschichte, ja sogar seit den Tagen der
Reformation selbst »antichristlich« (35,2) geworden ist. Hierin liegt der
Grund für die Ausgießung des göttlichen Zornfeuers in Gestalt des Kriegs. Das
»kleine Häuflein« von Gottesfreunden ist zwar nicht der Anlaß des
hereingebrochenen Unheils, aber es ist den kriegerischen Zeitereignissen in
gleicher Schärfe unterworfen wie alle anderen Menschen. Was für die
»antichristliche Christenheit« Gericht bedeutet — Böhme denkt und schreibt in
endzeitlich-apokalyptischen Kategorien — das wirkt sich für die »Kinder
Gottes« als Läuterung und als Stunde der Bewährung aus. Hier heißt es:
standhalten. Darum
tut es gerade jetzt not, eine »gelassene Seele« zu bewahren und in den
»wahren Prozeß Christi« (35,3) einzutreten, ihn zu durchlaufen, um den
Lilienzweig und die köstliche Perle zu erhalten. Das Reich Gottes steht auf
dem Spiel. In der »wahren Gelassenheit« (35,4) fängt dieses Reich an, für den
einzelnen Wirklichkeit zu werden. Gemeint ist alles andere als passive
Gleichgültigkeit, sondern vielmehr die innere Aktivität des Mystikers, der sich
selbst verleugnet, die Relativität und Vorläufigkeit des Irdischen
durchschaut und der sich allein Gott hingibt, um schließlich dem Hochziel
christlicher Mystik, der unio mystica, teilhaft zu werden. So gesehen ist
Jakob Böhme den Mystikern zuzurechnen. Mystiker wie Meister Eckhart, Johannes
Tauler, Heinrich Seuse, der anonyme Autor der weitverbreiteten »Theologia
deutsch« und viele andere haben Wesen und Wert dieser Gelassenheit
herausgestellt.* *) Vgl. Gerhard Wehr: Meister
Eckhart in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt Verlag, Reinbek 1980;
Theologia Deutsch. Eine Grundschrift deutscher Mystik, hg. von Gerhard Wehr.
Edition Argo i. Dingfelder Verlag, Andechs/Obb. 1989. Böhme
selbst hat in seinem Büchlein Von wahrer Gelassenheit (enthalten in dem Band
Christosophia) diesem Thema seine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Im
gleichen Zusammenhang (35,4) macht Böhme deutlich, daß eben diese Seelen- und
Geisteshaltung Voraussetzung für das Erkenntnisleben ist, und zwar sowohl für
das »Forschen in göttlicher Erkenntnis« als auch für das natürliche Erkennen.
Wir werden nicht fehlgehen, wenn wir annehmen, daß der Briefschreiber hier an
Paracelsus und an Valentin Weigel* anknüpft. Spricht Paracelsus von zwei
Lichtern, die dem wahrhaft Erkennenden leuchten müssen, nämlich vom Licht der
Natur und von dem Licht der Gnade, bzw. des Heiligen Geistes, so waren es im
besonderen die Schriften des lutherischen Pfarrers von Zschopau, Valentin
Weigel, der eben diesen Hinweis des Paracelsus in seinen eigenen Arbeiten
aufgenommen und weitergegeben hat. Zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses
Briefes muß Böhme mit dem Weigelschen Schrifttum bekannt gewesen sein, zumal
es seit dem Jahre 1609 auch in gedruckter Form zugänglich war. *) 14 Vgl. Gerhard Wehr:
Paracelsus. Aurum Verlag, Freiburg, 1979; derselbe: Valentin Weigel — Der
Pansoph und esoterische Christ. Aurum Verlag, Freiburg 1979. Wesentlich
ist allemal, daß der Mensch in sich selbst »im inneren Centro« der Seele
Gottes Wort vernimmt (35,5). Das »äußere buchstabische Wort« (35,6),
Gelehrsamkeit jeglicher Art, stellt keinen Ersatz dar, ja sie verursacht eher
noch die Illusion echter Weisheit, die damit jedoch nicht gegeben ist. Der
Geist kommt eben nicht von der hohen Schule! Wahre Erkenntnis — Böhme sagt:
»der rechte Verstand« — gründet im »lebendigen Wort Gottes«, impulsiert durch
den Heiligen Geist (35,7). 37.
Sendbrief Welche
große Bedeutung Carl Ender von Sercha im Leben Böhmes spielt, wurde bereits
gesagt (vgl. Theosophische Sendbriefe I). Dieser kurze Brief unterstreicht
nun Böhmes Einschätzung des Junkers als seinen »von Gott zugefügten Patron«,
dem er in einem hohen Maße, nämlich »soviel schuldig sei als meiner eigenen
Seelen«. Ender, der auf seine Weise an der Verbreitung der Aurora großen
Anteil gehabt hat, erfährt, daß ein neues Werk aus der Feder des Meisters zu
erwarten sei: Mysterium magnum (deutscher Titel: Erklärung über das erste
Buch Mosis; 1622/23). Dieses umfangreichste Buch Böhmes umfaßt in der
Gesamtausgabe von 1730 gegen 900 Druckseiten. Es stellt einen
Genesis-Kommentar dar. Im Gegensatz zu seinem Erstling Aurora hat Mysterium
magnum bei weitem nicht die gleiche Beachtung gefunden. Carl
Ender kann diesem Brief zufolge den Anspruch erheben, »bei unseren
Nachkömmlingen« als Förderer der Theosophie anerkannt zu werden. Das ist auch
kaum zu bestreiten. Schließlich ist aufschlußreich, wie Böhme sein Schreiben
signiert: Indem er mit »Teutonicus« unterzeichnet, gibt er zu erkennen, daß
er den Titel seines Freundes Dr. med. Balthasar Walther (vgl. Theosophische
Sendbriefe I) angenommen hat. Er versteht sich somit selbst als »Philosophus
teutonicus«, zumindest Freunden gegenüber, die diese anspruchsvolle Titulatur
nicht nur nicht mißverstehen, sondern Böhmes tatsächliche Lebensleistung
bereits abzuschätzen vermögen. 38.
Sendbrief Für
Jakob Böhme ist die Ökumene des Geistes eine immer wieder zu machende
Erfahrung, nämlich dann, wenn er einem Menschen begegnet, der ein »wachsender
Zweig am Lebensbaum Gottes in Christo« ist (38,2). Auch in dem ungenannten
schlesischen Adeligen des 38. Sendbriefs hat der Briefschreiber einen solchen
Menschen erkannt. Diese Wahrnehmung bedeutet für Böhme sogleich die
Verpflichtung mit ihm »im Weinberg Christi« tätig zu sein, das heißt zur
spirituellen Arbeitsgemeinschaft zu gelangen. Es entsteht die Solidarität
derer, die die bestürzenden Zeitereignisse weniger wichtig nehmen als es
üblich ist, und die sich vor allem nicht durch »güldene Gnadenmäntel« oder
durch »von außen angenommene Gnadenkinder« irritieren lassen. Böhme
tritt jenen entgegen, die sich damit begnügen, die reformatorische Erkenntnis
von der Rechtfertigung des Gottlosen »allein aus Gnaden« zuzusprechen, ohne
daß in ihnen eine wirkliche Wesenswandlung erfolgt. Das heißt: sich »mit
fremden Schein trösten«. Prüfstein ist, ob der Christ aus Gott geboren, in
Christus lebt, dessen Sterben und Auferstehen in sich selber durchmacht
(38,4). Erst unter dieser Voraussetzung kann von dem Mysterium magnum des
Menschen gesprochen werden (38,6). Nur von einem erneuerten Menschen sind
entsprechende Früchte zu erwarten (38,7). Ein
unverwandelter Mensch gleicht in Böhmes Augen einem »falschen Tier« (38,8),
dem man »Christi Purpurmantel« umhängen möchte — eine im Protestantismus
weithin geübte und daher von Böhme gerügte Praxis. Einen »Maulchristen« hat
schon Valentin Weigel einen genannt, für den das Christentum nicht mehr als
bloßes Gerede und als theologischer Formelkram ist. Deshalb ist keiner im
Vollsinn des Wortes ein Christ, »er sei denn aufs neue mit dem Geist Christi
tingieret« (38,9). Die Vokabel »tingieren« (Tinktur) stammt aus dem
Wortschatz der Alchymisten und besagt hier eben das völlige Durchtränktsein
von dem Lebenselement des Christus. Am »Urständen« in der
Christuswirklichkeit liegt alles. Es
sind daher »vermeint(liche) Religionen« (38,13), die in der Öffentlichkeit
den Ton angeben. Sie erschöpfen sich im Streit und in pseudotheologischer
Rechthaberei. Selig macht aber allein der »Christus in uns«, nicht aber das
bloße Für-wahr-Halten orthodoxer Bekenntnisformeln. Deshalb lasse man den
Geist Gottes in seinem Denken sein (38,15), rät der Briefschreiber. 39.
Sendbrief Böhmes
Bestreben ist es, dem Theologengezänk zu entgehen, ja wenn möglich, es
beenden zu helfen. Seine eigenen Erfahrungen sind freilich die, daß kritische
Betrachter seiner Darlegungen »viele Einwürfe« machen (39,4). Manches deutet
daraufhin, daß der Schreiber dieser Briefe und Schriften sich schwerlich
behaupten konnte, wenn es hin und wieder zu einem Disput kam. Das war
beispielsweise 1622 der Fall. Anfang
1623 entstand das Buch Von der Gnadenwahl, das der Autor als eines seiner
klarsten betrachtete, und von dem Leopold Ziegler an Reinhold Schneider
schrieb, er zähle das Buch »zu den tiefsten Erleuchtungen der ganzen
Christenheit«. (Vgl. die Einführung zur Neuausgabe Von der Gnadenwahl des
Insel Verlags.) Der
vorliegende Sendbrief ist in diesem Zusammenhang zu lesen. Mit dieser Schrift
hofft Böhme dem Streit über die Frage nach der Vorherbestimmung
(Prädestination), wie er seit langem zwischen Lutheranern und Reformierten,
und nicht nur zwischen ihnen, ausgetragen wird, ein Ende zu machen (39,6). Er
gibt sich zuversichtlich, meint er doch Anzeichen zu sehen, die dafür
sprechen, daß dem so sei. Wer in Christi Geist lebt und Früchte trägt, dem
sind unterschiedliche »Meinungen« (Interpretationen und theologische
Erklärungsversuche) im Grunde belanglos (39,10). Wieder hängt alles von dem
Mysterium des Sterbens und des Erwecktwerdens ab. Die strikte Ablehnung der
»außen zu gerechneten Gnade« auch hier (39,12). Böhme stellt das Verdienst
Christi und die Wirklichkeit der Gnade keineswegs in Frage. Worauf es ihm
ankommt, das ist die Zuordnung von Wiedergeburt und Begnadung (39,16). Der
Rest dieses Briefes stellt eine summarische Antwort auf Fragen nach Urstand,
Fall und Wiederbringung des Menschen dar, über die Böhme an anderer Stelle
wiederholt geschrieben hat. Sein bereits erwähnter Genesis-Kommentar
Mysterium magnum ist eine breit angelegte Darlegung dieser Zusammenhänge. Auf
dieses Buch verweist der Autor. 40.
Sendbrief Der
Brief an den Arzt Dr. Krause bezieht sich ebenfalls auf den lebhaften
Gedankenaustausch zum Thema der Gnadenwahl. Ein Widerpart ist Balthasar
Tilke, ein Schwager des Briefempfängers (vgl. Sendbrief 34). Böhme bemüht
sich um eine Diskussion, die persönliche Verunglimpfung zu vermeiden, aber
auch abzuwehren (40,3). Dabei pocht er nicht etwa auf sein »Talent«, sondern
räumt ausdrücklich ein, daß auch anderen Gaben anvertraut sind (40,14). Das
hindert ihn nicht hervorzuheben, wie er stets vom spirituellen »Centro« und
vom »allerinnersten Grund her« die Schrift zu deuten sucht. Scheinbare
Widersprüche der Bibel gilt es zu beleuchten (40,4). »Wähnen und Meinung«
sind vorgefaßte Urteile oder theologische Rechthabereien, die nicht vom
göttlichen Geist getragen sind (40,6). Das »innerliche göttliche Licht«
(40,9) allein eröffnet wahre Schrifterkenntnis. Das ist auch die Basis für
Böhmes gesamte spirituelle Hermeneutik. Daß
dieses Licht auch und gerade einem ungebildeten »albernen Menschen« wie ihm
selber geleuchtet hat (40,17), ist für Böhme ein immerwährender Anlaß zur
Verwunderung. Er ist freilich der Meinung, daß die Zeit einer, eben dieser
neuen Erkenntnisart angebrochen sei (40,16f). Ein neues Sein entspricht
diesem neuen Bewußtsein, nämlich das Sein in Christus (40,20) 41.
Sendbrief Abraham
von Franckenberg (1593-1652) ein juristisch gebildeter Landedelmann zu
Ludwigsdorf bei Oels, nimmt in der Böhme-Schule eine wichtige Stellung ein.
Böhme beeindruckte den mystisch interessierten jungen Mann, als er ihm 1622
begegnete. Er wurde Böhmes erster Biograph, auch zur Sammlung des
Böhme-Nachlasses trug er bei. Und, was dabei kaum weniger wichtig ist:
Franckenberg beeinflußte in späteren Jahren den wesentlich jüngeren Angelus
Silesius Johann Scheffler (1624-1677), ja er vermachte ihm seine
Handbibliothek und sorgte so für Kontinuität.* *) Über Abraham von Franckenberg
vgl. Will-Erich Peuckert: Das Rosenkreuz, 2. neugefaßte Aufl., Berlin 1973, S. 217-328; derselbe: Pansophie: . Aufl. Berlin 1976. Der
vorliegende Brief informiert über einige Umstände jenes Weihnachten 1622
stattgefundenen Disputs zwischen Böhme und zahlreichen Gebildeten, unter
denen sich auch Abraham von Franckenberg befand. Durch Böhme erfahren wir nun, weshalb er damals seinen
Gesprächspartnern offensichtlich nicht gewachsen war: Man sprach immer wieder
lateinisch, vor allem war er durch die ungewohnten alkoholischen Getränke
(41,2) überfordert. Sie verdeckten »den subtilen Verstand« des Meisters, das
heißt sie dämpften sein Bewußtsein. So kam gerade das nicht zum Vorschein,
was die nach »Schulen-Art« Gebildeten allein hätte überzeugen können. Bemerkenswert
an diesem Brief ist das Postskript, das der Herausgeber der Ausgabe von 1730
wie ein gesondertes Schreiben behandelt, indem er mit der Zählung der Verse
nochmals beginnt. Böhme schlägt einen ausgesprochen
prophetisch-apokalyptischen Ton an. Das aktuelle Thema der »Zerbrechung
Babels«, d.h. der Aufhebung der alten Lebensverhältnisse im Menschen, in
Kirche und Welt, beschäftigt Böhme ja in vielen seiner Sendbriefe. Hier redet
er durchwegs in einer Bildsprache, wie sie von den alttestamentlichen
Schriftpropheten, aber auch von der Johannes-Offenbarung her bekannt ist. Und
da ist auch das Mysterienbild vom Aufgang der Sonne »in der Finsternis der
Mitternacht« (9), ein Signal der Hoffnung auf das anbrechende, zur
Offenbarung drängende Neue, das aus dem Schoß tiefer Finsternis geboren
werden soll. Wenn
der »Postillion aus dem Grunde der Natur« angekündigt wird (14), so denke man
nicht an die biedermeierliche Figur eines Postkutschenfahrers! Hier spricht
ein Apokalyptiker! Gemeint ist die Posaune des Gerichts, deshalb das über die
Erde ausgereckte Schwert ... — Ein neues Feuer wird offenbar; der
Gnadenbrunnen tut sich auf; die Heilszeit für die Elenden dieser Erde bricht
an! 42.
Sendbrief Der
Briefwechsel zeigt, wie hart sich Böhmes Zeitgenossen mit der Frage nach der
Willensfreiheit taten. Der 42. Brief stellt den Versuch einer knappen
Zusammenfassung dessen dar, was in der Schrift Von der Gnadenwahl ausführlich
behandelt ist. Böhme
liegt daran, daß das Problem als solches bewältigt werde (42,9). Für ihn ist
das nicht eine Frage gedanklicher Auseinandersetzung. Vielmehr ist eine
Wendung nach innen, in den Zustand der geistigen Schau vonnöten: »Wenn ich in
das Zentrum eingehe, so finde ich allen Grund.« (42,11). Das zunächst dunkel
oder widersprüchlich Anmutende wird »sonnenklar«. Die Heilsgeschichte tut
sich dem von innen Betrachtenden auf. Böhme zeigt, wie er diesen Vorgang
erlebt (41,12f). In
das »Universal Christi« (42,14) eingehen, heißt: Christus in seiner
transpersonalen, kosmischen Fülle mystisch erfassen lernen. Sie ist größer
als das menschliche Herz, auch größer als die Gegensätze von Gut und Böse
(42,15). Dieses Größere, das göttliche Licht und die göttliche Liebe liegt in
jedem, auch im gottlosen Menschen verborgen (42,15). So ist es nach Böhmes
Überzeugung in der Willensfreiheit des Menschen beschlossen, dieses Licht und
diese Liebe zu ergreifen (42,22ff). »Das Nichtwollen ist im Wege ...« (42,26).
Der Zorn Gottes ist letztlich nur »Ursache« und Ansporn des Liebeswillens
Gottes (42,29). Schließlich
ist der Brief Ausdruck des Ringens Böhmes um die Erkenntnis bei seinen
theosophischen Schülern. Da darf die Berufung auf die eigene Innenerfahrung
(42,31) ebenso wenig fehlen wie der glühende Eifer (42,34ff), diese Erfahrung
beim Briefpartner zu entfachen. Das ist ohnehin die Intention, die den
theosophischen Briefwechsel bestimmt. Und Böhme denkt nicht allein an den
unmittelbaren Empfängerkreis, denn: »Eine Lilie grünet allen Völkern. Wohl
denen, welche sie ergreifen!« (42,44). 43.
Sendbrief Böhme
hat auf persönliche Probleme des ungenannten Fragestellers zu antworten. Die
Antwort fällt naturgemäß so aus, daß er deutlich macht, worin die Problematik
und die zu lösende Aufgabe letztlich besteht, nämlich darin, das Drachenhafte
in und am Menschen durch und in die Liebe Christi zu »transmutieren«. Das
Bild eines alchymistischen Wandlungsprozesses wird beschworen (43,5) in dem
Alchymist und Substanz, Schauplatz und Ziel der Mensch selber ist. Wichtig
ist zweifellos die Feststellung, daß die persönlichen Schwierigkeiten des
Ungenannten bereits ein Indiz dafür seien, daß Christus am Werk ist (43,6):
Wo er nicht wäre, da gäbe es keinen Streit, keine Auseinandersetzung
seinetwegen. — Zweifellos eine bedenkenswerte seelsorgliche Anregung! 44.
und 45. Sendbrief Wenngleich
beide Briefe zeitlich einige Monate auseinanderliegen, so ist doch die
Aufeinanderfolge durch das gleiche Motiv gerechtfertigt: Böhme hat nicht nur
eine Lehre zu vermitteln. Er will ja als Seelenführer dazu beitragen, daß ein
spiritueller Prozeß in Gang kommt. Deshalb ist es wichtig und beglückend für
ihn, bei seinen Freunden Anzeichen wahrzunehmen, die darauf deuten, daß
innere Fortschritte gemacht werden. Johann
Sigmund von Schweinichen auf Schweinhaus (44,3) hat nicht allein an sich
selbst von den erneuernden Kräften erfahren. Er war es auch, der mit Böhmes
Einwilligung einige der christosophischen Traktate Ende 1623 in Görlitz im
Druck erscheinen ließ. (Die Texte sind enthalten in Jakob Böhme: Christosophia. Ein christlicher
Einweihungsweg.) Zu
solchen Menschen gewinnt der Seelenführer ein geradezu brüderliches
Verhältnis. Daß Christian Bernhard zu diesem Kreis von Menschen zählt, wurde
bereits deutlich. Brief 45,6 hebt nochmals hervor, daß der eifrige Kopist von
Böhme-Manuskripten zu den »Erstlingen« gehört, die Einblick in die
geistlichen Gaben des Görlitzer Meisters »durch göttliche Schickung«
erhalten. Böhme ist nüchtern genug, darauf hinzuweisen, daß die ins Auge
gefaßte spirituelle Reifung nicht ins Belieben (er sagt: »Fürnehmen«) des
Menschen gestellt ist, sondern daß allein Gottes Wille entscheidet; übrigens
nicht zu verwechseln mit der von Böhme vertretenen Willensfreiheit! In den
Willen Gottes versenke man sich; ihm liefere man sich aus. 46.
Sendbrief Auch
dieser Brief an einen Ungenannten hebt die Freude über das sich abzeichnende
geistliche Wachstum hervor. Christ ist nur, wer mit der »neuen geistlichen
Menschheit« (46,4) im ewigen Wort »urständet«. Daß dies nicht nur ein Sein,
sondern — ganz im Sinne der Mystik — ein unablässiges Werden ist, wird
deutlich. Denn die Seele ist die »Stätte der Liebe Gottes, in welcher der
Vater seinen Sohn gebäret«. Das ist nicht allein ein geschehenes Faktum,
sondern ein geschehender Prozeß. Christ
ist der, in dem der Prozeß Christi aufs neue Ereignis wird (46,5). Deshalb
die entschiedene Ablehnung einer bloß formalen »Gnadenannehmung« (46,6). Die
bloße Berufung auf Christi Tat ersetzt dieses mystische Ereignis nicht
(46,7ff). Das ist denn auch die Grundlage, von der aus Böhme seine weiteren
heilsgeschichtlichen Betrachtungen anstellt. In jedem einzelnen muß die
Christustat offenbar werden (46,16 und 22). Ein
tiefes Mysterium berührt Böhme dort (46,38), wo er auf die spirituelle
Wesenheit der Sophia zu sprechen kommt. Und zwar handelt es sich hier nicht
um den kosmischen Aspekt der Gottesweisheit, die in aller Schöpfung
gegenwärtig ist. Es ist der anthropologisch-christosophische Aspekt: Sophia,
als der Leib Christi verstanden, ist zugleich der Ort, wo »Christus und die
Seele in einem Grunde« existieren. Der jugendliche Friedrich von
Hardenberg-Novalis war es, der seine eigene spirituelle Erfahrung auf die
knappe Formel »Christus und Sophie« gebracht hat.* *) Hierzu Gerhard Wehr: Heilige
Hochzeit. Kösel Verlag, München 1986, S.135ff. Immer
wieder sind es Werde- und Reifungsprozesse, die Böhme anschaut, um deren
Symbolhaftigkeit für den Menschen sichtbar zu machen (46,43ff). Das
Widerwärtige ist niemals ausgespart. Böhme weiß, daß das Finstere, Böse und
die Auseinandersetzung mit ihm einen unabdingbaren Faktor im
Reifungsgeschehen des Menschen darstellt: »Die Ewigkeit grünet durch die Zeit
aus.« (46,50) Da kommt es darauf an, daß der Reifende sich angesichts der Widerstände
aller Art bewährt hat. Gerade in den kritischen Phasen seines eigenen Lebens
hat sich Böhme an diese Einsicht gehalten. Das ist übrigens auch den späten
Theosophischen Sendbriefen (1623/24) zu entnehmen, die davon berichten, wie
der Autor der Christosophia den üblen Verleumdungen des Görlitzer
Oberpfarrers Gregor Richter standhält. 47.
Sendbrief Der
Brief an die beiden Böhme-Freunde ist zu einer ausführlichen traktatartigen
Epistel gediehen, die sich durch die bei gefügten Tabellen auszeichnet. So
sehr sich der Autor bemüht, in übersichtlicher Form sein Werk zu erläutern,
sind doch Teile des Brieftextes sprachlich und gedanklich schwierig. In
Anlehnung an Weigelsche Gedankengänge unterscheidet Böhme den Menschen als
Bürger der sichtbaren und der unsichtbaren Welt (47,1). In ihr als dem
ausgesprochenen Wort (Schöpfung) kommt die dynamische Wirkkraft, das
aussprechende Wort des Schöpfers, zu Offenbarung. Die Wortprägung »Scienz«
läßt zunächst an das Lateinische »scientia«, Weisheit, denken. Aber der des
Lateinischen unkundige Böhme hört aus dem Wort die Tendenz des Ziehens
heraus. So steht für ihn nicht der Aspekt einer in sich ruhenden
Gottesweisheit im Vordergrund, sondern der einer Kraftausübung und Bewegung.
Der Mensch, der selbst dieser kraftvollen Wesensäußerung des Schöpfers
entstammt, ist daher in einzigartiger Weise befähigt, die »Wissenschaft aller
Dinge« (47,2) zu ergründen, nicht zuletzt dessen »Contrario« oder
Gegensatzstruktur. Dabei sind auch die Gegensätze und Polaritäten letztlich im
ewigen Einen aufgehoben (47,4). Dieses Eine hat sich im Bereich der
»Schiedlichkeit«, dem Bereich der Differenzierungen und der Willensstrebungen
entfaltet. Wenn
Böhme weiter von »Separation« und von dem den Dingen innewohnenden
»Separator« spricht, deutet er an, daß in jedem Lebewesen ein
organisierender, lebentragender »Macher« oder Faktor wirksam sei, der jedem
Geschöpf die besondere Eigentümlichkeit und Wesensgestalt verleiht
(47,5,11,27). Paracelsus sprach vom »Archeus«. Durch den tragischen, den ganzen
Kosmos in Mitleidenschaft ziehenden Fall wurde auch dieser Separator
»viehisch« (47,18), d.h. er wurde pervertiert. Das geschöpfliche Sein verlor
den Charakter seiner lichten Urbildlichkeit. Es wurde sich selbst und Gott
entfremdet (47,29). Deshalb die Suche nach dem »rechten Vaterland«; deshalb
auch die Notwendigkeit der »neuen Wiedergeburt« und der Selbsterkenntnis
(47,20ff), ohne die das menschliche Tun mit Blindheit geschlagen ist. Mit
der Selbsterkenntnis muß Welterkenntnis (47,25ff) gepaart sein. Dieser
Erkenntnis möchte Böhme mit seinen Tabellen dienen. Bedenkenswert ist sein
ausdrücklicher Hinweis, daß der Schlüssel jeder tieferen Einsicht Christus
selbst ist (47,36). 48.,
49. und 51. Sendbrief Wie
sich zeigt, ist der Briefwechsel mit dem einstigen Zolleinnehmer Christian
Bernhard besonders intensiv. Das ergibt sich schon aus der besonderen Art der
Zusammenarbeit zwischen dem Meister und seinem »Sekretär« (vgl. Kommentar zum
4. Sendbrief). — Aufschlußreich ist dabei das Neben- und Ineinander von alltäglich-beruflichen
Fragen, die mit der Verbreitung des Böhme-Werkes zusammenhängen auf der einen
und von geistlich-seelsorgerlichen Elementen auf der andern Seite. Da ist ein
Mensch, dem das »Malzeichen Christi«, das Kreuz (50,1), eingeprägt ist, Signum
eines Menschen, der Christus nachfolgt und der deshalb mit vielen
Hindernissen auf diesem Weg fertig werden muß. Die Tugend mystischer
Gelassenheit (48,3) gilt es zu üben. In
den Tagen, in denen der 49. Sendbrief hinausgeht, verläßt auch Böhmes
einziges Büchlein Weg zu Christo
(Christosophia) die Görlitzer Druckerpresse. Der 51. Sendbrief bezieht sich
bereits auf die maßlosen Reaktionen des Görlitzer Oberpfarrers Gregor
Richter, von Böhme vielfach als »Primarius«, als »oberster Pharisäer« oder
»Hoherpriester« tituliert. Unterdessen hört Böhme von zustimmenden
Äußerungen. — Über den Zusammenhang vgl. Gerhard Wehr: Jakob Böhme, der Geisteslehrer und Seelenführer. Aurum Verlag,
Freiburg 2979, S. 36-41; ferner u. a. 54. Sendbrief. 50.
Sendbrief Die
Briefe vom Frühjahr und Sommer 1624, der letzten bzw. vorletzten Lebensphase
Böhmes, sind von der Unruhe beherrscht, die Gregor Richter seit Bekanntwerden
der Autorschaft der Christosophia-Schrift verursacht hat, ausgelöst durch
eine im Ton und in der Schwere der Anschuldigungen unbeherrschte
Schmähschrift (Pasquill; 50,4).
Böhme erblickt darin nicht nur eine persönliche Feindschaft, sondern den
Ausdruck satanischer Wut. Für den Angegriffenen ist es derselbe Ungeist
Babels, der sich auch in den kriegerischen Auseinandersetzungen dieser Jahre
manifestiert. Der
endzeitliche Charakter, den Böhmes Deutung der Zusammenhänge annimmt, wird
durch seine Wiederkunftshoffnung bestätigt (50,8). Darin gründet die
zuversichtliche, ja siegesbewußte Einstellung des in der Öffentlichkeit
Gedemütigten. Das Malzeichen des Kreuzes ist ihm zugleich das Zeichen des
Sieges (50,2f): »das Kreuz mit dem Siegeszeichen« Darin wurzelt Böhmes
Sendungsbewußtsein. Er hält sich bereit, »Werkzeug Gottes zu sein (50,8).
Dies verbürgt seinen Schutz, und zwar unter ausdrücklicher Berufung auf
neutestamentliche Zusagen. In manchen Absätzen wird man an den Apostel Paulus
erinnert (50,9), auf den sich Böhme in seinen Büchern ohnehin oft bezieht.
Prophetisches Pathos bis hin zu dem Satz (50,10): »Was mein Vaterland
wegwirft, das werden fremde Völker mit Freuden aufheben!« Denkt man daran,
daß der literarische Nachlaß in Holland gesammelt, seine Bücher in England,
Frankreich, später auch in Rußland begehrt wurden, während Böhme-Anhänger in
Deutschland in Mißkredit gerieten, dann hat sich dieses prophetische Wort
leider erfüllt. Unter Vaterland versteht Böhme freilich in erster Linie seine
unmittelbare Heimat. 52.
Sendbrief Schlesische
Adelige waren es, die Pate standen, als die Manuskripte des Schusters
erstmals an die Öffentlichkeit gelangten und der unbekannte Handwerksmeister
als Geisteslehrer und Seelenführer entdeckt wurde. So ist es verständlich,
daß sich der Autor in der Zeit des Angriffs an die Genannten wendet,
namentlich an die Empfänger der beiden Briefe. (Bezüglich Carl Ender von
Sercha vgl. Kommentar zum 1. Sendbrief.) Johann
Sigmund von Schweinichen war es, der das inkriminierte Büchlein Ende 1623
hatte drucken lassen. Beide Briefe geben Einblick in die Görlitzer
Verhältnisse vom Frühjahr 1624. Böhme
hat bereits ein Ratsverhör hinter sich. Bedenklich ist dabei, daß weder die
Görlitzer Stadtväter noch Böhmes adelige Freunde eine Möglichkeit sehen,
ihrem untadeligen Mitbürger und Freund den Schutz angedeihen zu lassen, der
ihm gebührt. Das unschuldige Opfer eines wildgewordenen Oberpfarrers soll
sich »etwas beiseite machen« (53,10), so raten die Ratlosen. Nicht einmal
eine schlichte Verantwortung darf der Angegriffene vorlegen, um sich selbst
zu verteidigen. Die aussichtslose Situation des kleinen Mannes wird nicht
zuletzt durch Böhmes eigene Anspruchslosigkeit charakterisiert: Er gibt sich
schon damit zufrieden, »nur« verwarnt worden zu sein (53,14). Dagegen
schreitet niemand ein, als der rechtgläubige Seelenhirte dem kirchentreuen
Gemeindemitglied auch noch in gedruckter Form eine widerliche Schmähschrift
entgegenschleudert (53,16). Die
Verantwortung selbst (54. Brief) stellt in knapper Form den Hergang dar, und
zwar so, daß sich auch ein Außenstehender ein Bild von Böhmes Erleben und
Erleiden seit der Niederschrift der Aurora
machen kann. Dieser Text zeigt, daß der Autor der oft dunklen und nur schwer
durchschaubaren Texte relativ knapp und sachlich zu argumentieren vermag. Es
ist seiner Situation durchaus angemessen, daß er sich im wesentlichen auf
äußere Tatbestände beschränkt. 55.
Sendbrief Indem
Anonymus des 55. Briefs haben wir den Lübecker, in rosenkreuzerischen Kreisen
bekannten Joachim Morsius zu sehen. Böhme erblickt in ihm einen »begierigen
Sucher« (55,2). Damit haben wir einen weiteren Beleg in den Händen, der für
den hohen Bekanntheitsgrad Böhmes spricht. Bis in die Hafenstadt an der
Ostsee ist die Kunde von dem geistesmächtigen Schuster gedrungen (55,3). Es
ist die Frage nach dem Wesen und der Eigenart spiritueller Erkenntnis, die
Böhme hier erörtert. Nicht jedem Mitglied seiner »theosophischen
Pfingstschule« (55,8) kann er dieses große Thema zumuten. Der Rosenkreuzer
Morsius verfügt offensichtlich über die dafür erforderlichen Voraussetzungen.
Andererseits ist es wichtig, daß der Verkünder einer Reformation im Zeichen
der Lilie (»Eine Lilie blühet über Berg und Tal ...«) mit den
zeitgenössischen Vertretern der »Generalreformation« des Rosenkreuzes in
Verbindung kommt. Eine wichtige Einsicht: »Es kann es keiner dem andern
geben. Es muß es ein jeder selber von Gott erlangen ...« (55,12). Das
Mysterienwort vom Aufblühen der Lilie in »mitternächtigen Ländern« (55,13)
und vom »Signatstern« (55,15) ist ein bedeutungsvoller Hinweis auf die Fülle
der Zeit, die angebrochen ist. Es ist die Zeit eines spirituellen Erwachens
und Reifwerdens (55,27). Darin sind sich die Schüler Jakob Böhmes und eines
Christian Rosenkreuz einig, und aus dieser Zeitforderung heraus wirken sie.
Dieser Aufgabe möchte Böhme mit seinen Büchern und mit seinen Theosophischen
Sendbriefen entsprechen. 58-60.
Sendbrief Als
Böhme Anfang Mai 1624 an den Ungenannten schreibt, hat er eine mehrere Wochen
lange Verleumdungskampagne zu erleiden gehabt. Inzwischen meint er, von einem
Nachlassen des »großen Feuers« (58,1) sprechen zu können. Von Rehabilitation
oder von der Wiederherstellung seines guten Rufs kann jedoch nicht die Rede
sein. Gregor Richter, der »Primarius« von Görlitz, kann weiterhin ungestraft
in Wort und Schrift über Böhme herfallen. Er bedenkt dabei nur nicht, daß er
sich längst selbst diskreditiert hat, während seine Schelte dazu beiträgt,
die Sache Böhmes in Schlesien und in der Lausitz noch mehr publik zu machen. Noch
wichtiger als die Tatsache, daß Richters Maßlosigkeit von vielen mißbilligt,
freilich nicht abgestellt wird, ist für Böhme die Einsicht, eine »Proba«, die
Bewährung dessen, der das Malzeichen Christi trägt, bestehen zu müssen
(58,2f). In der Tat zeigt sich in dieser Situation, daß der Seelenführer
nicht nur anderen einen Innenweg totaler Gelassenheit beschreibt, sondern ihn
selbst konsequent geht (58,3). Die
Gedanken, die sich daran anschließen, stellen eine energische Kritik an dem
»Maul- und Titelchristentum« (58,7) dar, das er deshalb für schlimmer als das
Heidentum hält, weil die maßgeblichen Kirchenleute Lehre und Leben verfälscht
haben: Finstere Nacht über der Christenheit (58,9)! Vor diesem dunklen
Hintergrund wird das Neue sichtbar, die von Böhme mit großer Sehnsucht
erwartete »Reformation« (58,13). Abgesehen
von der Notwendigkeit, zu den Görlitzer Ereignissen einen gewissen räumlichen
Abstand zu gewinnen, ist es diese Sehnsucht, die ihn die Einladung an den
kurfürstlichen Hof nach Dresden annehmen läßt. Wie dem 60. Sendbrief, Absatz
5, zu entnehmen ist, reist der Briefschreiber am 9. Mai ab. Er wird von Melchior
Bernt begleitet. In dem kursächsischen Hofchemiker Benedikt Hinckelmann, der
selbst an Böhmes Schaffen interessiert ist, hat er einen bereitwilligen
Gastgeber und Fürsprecher bei Hofe gefunden. Nun sind Böhmes Erwartungen
groß. Diese Spannung wird in den Briefen in vielfältiger Weise deutlich. Beim
Lesen dieser Briefe stellt sich alsbald die Frage ein, ob sich Böhme noch auf
dem Boden der Realität bewegt oder ob er sich nicht Illusionen hingibt, was
die Einleitung der von ihm erhofften Reformation anlangt? 62-64.
Sendbrief Die
Briefe an den mit der Böhme-Familie befreundeten Görlitzer Arzt Dr. Tobias
Kober informieren uns über die Vorgänge in Dresden. Unverkennbar ist die
Diskrepanz zwischen den Erwartungen des Briefschreibers und dem, was die
Gespräche mit den kursächsischen Beamten faktisch einbringen. Da muß man
sehen, daß der aus beengten Verhältnissen kommende Kleinbürger das
diplomatische Getue der titelbehängten Höflinge schwerlich zu durchschauen
vermag. Aus
Görlitz hat Böhme offensichtlich schlechte Nachrichten erhalten. Nun ist
seine Familie den Nachstellungen preis gegeben. Der aufgehetzte Pöbel wirft
die Fenster des Böhme Hauses ein. Frau Katharina ist in großer Sorge. Es
zeugt für die enge persönliche Beziehung zu Dr. Kober, daß Böhme ihm die
familiären Probleme anvertrauen und ihn um Zuspruch bitten kann. »Ich
warte täglich« (63,2) und »stündlich« (63,4); derlei Anmerkungen zeugen für
die Hinhaltetaktik, deren Opfer Böhme in Dresden wird. Wohl kommt es zu
einigen Begegnungen und Gesprächen, aber aufs Ganze gesehen erfüllt der etwa
sechswöchige Aufenthalt die hochgespannten Erwartungen bei weitem nicht.
Böhme ist in den Augen der Höflinge einer unter vielen, denn es »sind viel
Aufwärter«, und »es gehet allhier sehr nach Gunst« (64,22). Im übrigen machen
einige religiös-erbauliche Schriften in der Auslage eines Verlegers noch
lange keine Reformation (63,9). Geradezu
bedrückend ist es zu beobachten, daß Böhme immer wieder (z.B. 63,5 ff) auf
den »Herrn Primarius« und dessen Schmähungen zurückkommt, die er doch längst
überwunden haben sollte. Freilich ist er sich selbst der Gefahr bewußt, sein
»Talent mit Zanken zu besudeln« (63,8). Er kommt zu dem Schluß, daß
Stillehalten das Beste sei (64,11). 65-74.
Sendbrief Wie
aus der jeweiligen Zeitangabe zu ersehen ist, sind die restlichen, durchwegs
kurzen Briefe älteren Datums. Die darin genannten einzelnen Daten sind daher
im Kontext zu den früher aufgeführten Sendbriefen zu lesen. Ein solches Datum
ist beispielsweise der Einsturz der Neißebrücke. Böhme, der nahe der Neiße
gewohnt hat, war unmittelbarer Zeuge dieses Vorfalls, der ihm einen heftigen
Schrecken eingejagt hat (66,8 f). Die
letzten acht Briefe (67-74) sind bereits in der hier zugrunde gelegten
Edition von 1730 als Zugabe bezeichnet. Bemerkenswert ist in diesem
Zusammenhang jener kurze Hinweis für Christian Bernhard, daß Böhme ihn »in
geheim« sprechen wolle und auf Anonymität großen Wert lege (68). Diesem Zug
zur Einhaltung einer gewissen Arkandisziplin kann man in verschiedenen
Briefen begegnen, z.B. im 7. oder 15. Sendbrief. Deshalb dort die wiederholte
Feststellung: »Der Feder ist nicht zu trauen!« (15,17 und 20). Auch die
vielen alltäglichen Mitteilungen, die sich gerade in den kurzen Schreiben
finden, können nicht darüber hinwegtäuschen, daß Jakob Böhmes Theosophische
Sendbriefe in erster Linie an Geistesschüler der »theosophischen
Pfingstschule« gerichtet sind. Ganz abgesehen vom Sachwert der bisweilen
mitgesandten Traktat-Abschriften kann es nicht verwundern, wenn der ganze
Briefwechsel von »gewisser Gelegenheit« abhängig ist, d.h. von einem
zuverlässigen Boten, der, bisweilen über Mitte den Kontakt zwischen dem
Seelenführer und seinen Geistesschülern herstellt. Nicht
zu unterschätzen sind jene Briefstellen, an denen Böhmes wirtschaftliche Abhängigkeit
deutlich wird, zumal »die Zeit den Armen fast sehr bekümmert ist« (73,4).
Dabei versteht er sich als »Gehilfe und treuer Mitwirker zu Gottes Gnade«
(74). Allein dieser sein Einsatz rechtfertigt die materielle Gegenleistung
aus der Hand seiner Freunde. Ungedruckte Sendbriefe und
Briefteile Es
spricht für den besonderen Wert der von Werner Buddecke im Auftrag der
Akademie der Wissenschaften zu Göttingen besorgten zweibändigen Ausgabe der
»Urschriften«, daß der Herausgeber nicht nur den Spuren des Böhme-Nachlasses
mit großer Sorgfalt nachgegangen ist, sondern auch bis dahin
unveröffentlichte Texte erstmals zugänglich gemacht hat. Es handelt sich
dabei um die Sendbriefe I-IV sowie um kurze Briefteile, die ungedruckt
geblieben waren. Um
der vorliegenden Ausgabe der Theosophischen
Sendbriefe die größtmögliche Vollständigkeit zu verleihen, wurden auch
diese Texte in der bekannten Form wiedergegeben. Da Böhme selbst auf die
Zählung von Absätzen verzichtete, wie sie erst die Herausgeber seiner
Schriften durchführten, fehlen daher in den Urschriften solche Einteilungen.
Die in der vorliegenden Ausgabe gewählten Absätze sollen lediglich der
Lesbarkeit und Übersichtlichkeit dienen. Was
die Überlieferungsgeschichte der Theosophischen
Sendbriefe im allgemeinen und ihre spezielle Kommentierung anbelangt, so
kann auf die erwähnte im Frommann Verlag Günter Holzboog, Stuttgart,
erschienene Ausgabe Band II verwiesen werden. II. Texte
Epistolae Theosophicae oder
Theosophische Sendbriefe
1. Sendbrief
An Herrn Carl von Ender — Anno 1618, den 18.
Januar. 1.
Edler, gestrenger, wohlehrenfester Herr, neben Wünschung von dem heiligen,
allen Dingen gegenwärtigen Gott, der da ist die Fülle aller Dinge und die
Kraft aller Wesen, eines glückseligen, friedlichen, freudenreichen Neuen
Jahrs und aller heilsamen Wohlfahrt bevorn (zuvor). 2.
Wiewohl ich als ein einfältiger Mann mir die Zeit meiner Tage niemals
vorgenommen, mit so hohen Leuten mit meiner Gaben, so mir von Gott aus seiner
Liebe und Gnade gegeben, zu konversieren (sprechen) oder damit bei ihnen bekannt zu werden, sondern, nachdem
in mir das hohe Licht angezündet wurde und der feurige Trieb mich überfiel,
war es allein mein Wille zu schreiben, was ich eigentlich sah und im Geist
erkannte und meine Schriften bei mir zu behalten. 3.
Ich sah wohl, was künftig werden sollte, aber daß ich mich sollte achten, als
würden meine Schriften bekannt werden, ist mir niemals in mein Gemüte kommen,
denn ich mich auch gar viel zu einfältig achtete, vermeinete alleine, das
schöne Perlenkränzlein für mich aufzuschreiben und in mein Herz zu drücken. 4.
Weil ichs aber als ein gar einfältiger Mensch nicht verstanden habe und nun
mit Augen sehe, daß es Gott viel anders damit meint, als ich je bedacht
hatte, als lerne ich mich erst bedenken (erkennen),
daß vor Gott kein Ansehen der Person gilt, sondern wer ihm anhanget, der ist
ihm lieb und er treibt sein Wesen in ihm. Denn er ist alleine hoch und will
sich in dem Schwachen offenbaren, auf daß es erkannt werde, wie da alleine
sei das Reich und die Kraft seine und es nicht liege an Forschung (Streben) menschlicher Vernunft oder in den Himmeln und
ihrer Kraft. Denn dieselben ihn doch nicht begreifen, sondern daß es ihm
wohlgefalle, sich zu offenbaren in dem Niedrigen, auf daß er erkannt werde in
allen Dingen. 5.
Denn auch der Himmel Kräfte arbeiten stets in Bildnissen, Gewächsen und
Farben, zu offenbaren den heiligen Gott, auf daß er erkannt werde in allen
Dingen. Vielmehr höher und heller kann die Offenbarung Gottes in einem
Menschen geschehen, dieweil derselbe nicht allein ist ein Wesen aus der
geschaffenen Welt, sondern seine Kraft, Materia und eigen Wesen, das er
selber ist, stehet und inqualieret (wirkt zusammen)
mit allen dreien Prinzipien göttlichen Wesens. 6.
Und ist dem Menschen in seinem Fall an der göttlichen Kreatur nichts benommen
als alleine das göttliche Licht, darinnen er sollte in vollkömmlicher Liebe,
Demut, Sanftmut und Heiligkeit in Gott leben, wallen und sein und also das
Himmelsbrot von dem Wort und göttlicher Kraft essen und in Vollkommenheit
gleich den Engeln leben. 7.
Solches Licht, welches in dem anderen Principio in Gott ewiglich scheinet,
welches ist die einzige Ursache der Freude, Liebe, Demut, Sanftmut und
Barmherzigkeit, ist dem Menschen in seinem Fall entwichen und verborgen,
indem der erste Mensch seine Imagination (Verlangen) Lust
und Sehnung als in seiner Mutter der großen Welt gebildet ward, in die Mutter
der Natur gesetzt, und begehrte der Speisen des ersten Principii, darin der
Urkund (Grund) und die Geburt der Natur stehet,
darinnen der Zornquell stehet und die allerängstlichste Geburt, daraus worden
sind alle begreiflichen Dinge dieser Welt. So ists ihm auch worden, dieweil
er auf derselben Wurzel stund. 8.
Also ist er nach dem Leibe, sowohl auch nach dem Geiste ein Kind dieser
erschaffenen Welt worden, welche ihn nun regieret; treibet und führet, auch
speiset und tränket, und hat in sich empfangen die Zerbrechlichkeit und
Peinlichkeit, und hat einen tierischen Leib bekommen, welcher wieder in
seiner Mutter verwesen muß. Denn die monstrosische (physische) Gestalt sollte er nicht haben. Das Gestirn
der großen Welt sollte über ihn nicht herrschen; sondern er hat sein Gestirn
in sich selbst, welches inqualieret mit dem heiligen Himmel des andern
Principii göttlichen Wesens, das ist: mit dem Aufgang und Geburt der
göttlichen Natur. 9.
Nun aber ist der Mensch nicht also zerbrochen, daß er nicht mehr derselbe
erste Mensch sei, den Gott schuf. Alleine die monstrosische Gestalt hat er
bekommen, welche zerbrechlich ist und ihren Anfang alleine bloß von dem
äußersten und dritten Principio hat, und hat die Pforten des ersten
Principii, welches ist der ernstliche Quell, in ihm erweckt, welche sonst
ohne das in der großen geschaffenen Welt brennet und in den Verdammten ganz
anzündlich wird. 10.
Der rechte Mensch aber, den Gott schuf, welcher alleine der rechte Mensch
ist, der ist noch in diesem verderbten Menschen verborgen. Und so er sich
selbst verleugnet in seiner tierischen Gestalt und lebet nicht nach desselben
Trieb und Willen, sondern ergibt sich Gott mit Sinn und Gedanken, so lebet
derselbe Mensch in Gott und wirket Gott in ihm das Wollen und das Tun, denn
es ist alles in Gott. Der rechte heilige Mensch, so in dem monstrosischen
verborgen ist, ist sowohl im Himmel als Gott, und der Himmel ist in ihm, und
das Herze oder Licht Gottes wird in ihm geboren. Das ist Gott in ihm und er
in Gott. Gott ist ihm näher als der tierische Leib, denn der tierische Leib
ist nicht sein Vaterland, da er daheim ist, sondern er ist damit außer dem
Paradeise. 11.
Der rechte Mensch aber, welcher in Christo neugeboren, ist nicht in dieser
Welt, sondern im Paradeis Gottes. Und ob er gleich im Leibe ist, so ist er
doch in Gott. Obgleich der tierische Leib stirbet, so geschieht doch dem
neuen Menschen nichts, sondern er kommt erst recht aus dem Widerwillen und
Qualhause in sein Vaterland. Er bedarf keines Abscheidens, da er vermeinte
hinzufahren, da ihm besser wäre, sondern Gott wird in ihm offenbar. 12.
Die Seele des Menschen ist aus Gottes erstem Principio, aber in dem ist sie
nicht ein heiliges Wesen. Aber in dem andern Principio wird sie in Gott
offenbar und ist eine göttliche Kreatur, denn allda wird das göttliche Licht
erboren. Darum, so das Licht in ihr nicht erboren wird, so ist Gott nicht in
ihr, sondern sie lebet in dem urkündlichsten ernstlichen Quell (Urquell des Ernstes, d.h. des ersten Prinzips). Allda
ist ein wenig Widerwille in sich selbst. So aber das Licht erboren wird, so
ist in der Kreatur Freude, Liebe und Wonne, und ist der neue Mensch, welcher
ist die Seele, in Gott. Wie wollte da nicht Erkenntnis sein, wo Gott in der
Kreatur ist? 13.
Nun liegets nicht an der Kreatur Wollen, Rennen und Laufen, die Tiefe der
Gottheit zu erkennen, denn der Seelen ist unbewußt das göttliche Zentrum, wie
da geboren wird das göttliche Wesen. Sondern es lieget an Gottes Willen, wie
sich der will offenbaren. So sich aber Gott in der Seelen offenbaret, was hat
die Seele dazu getan? Nichts, sie hat allein die Sehnung zur Geburt und
siehet auf Gott, in dem sie lebet, mit welchem das göttliche Licht in ihr
scheinend wird und das erste ernste Principium, darin der Beweglichkeit
Urkund ist, in triumphierende Freude verwandelt wird. 14.
Darum ists ein unbilliges, da die Welt also wütet, tobt, schändet und
schmähet, so sich die Gaben Gottes in dem Menschen ungleich erzeigen und
nicht alle einerlei Erkenntnis haben. Was kann sich ein Mensch nehmen, so es
nicht in ihm erboren wird, welches doch in menschlicher Wahl stehet, wie ers
begehret, sondern wie sein Himmel in ihm ist, also wird auch Gott in ihm
offenbar. Denn Gott ist nicht ein Gott der Zerstörung in der Geburt, sondern
ein Erleuchter und Anzünder, und hat eine jede Kreatur ihr Centrum in sich,
sie lebe gleich in Gottes Heiligkeit oder in Gottes Zorn. Gott will aber in
allen Kreaturen offenbar sein. 15.
So doch die Welt nicht so blind wäre, würde sie Gottes wunderbarliches Wesen
an allen Kreaturen erkennen. So sie aber nun also wütet und tobet, das tut
sie alles wider sich selbst und wider den Hl. Geist Gottes, vor welchem
Lichte sie dermaleinst werden erschrecken. Sie werden doch nicht aufhalten
den Sohn, den die sehnliche Mutter in ihrem Alter wird gebären. Denn das
zeiget der Himmel an, Gott wird ihn erleuchten wider alles Wüten und Toben
des Teufels, und wird seinen Glanz vom Aufgang zum Niedergang strecken. 16.
Nicht schreibe ich von mir, denn ich zeige nur an, daß es vorhanden sei und
kommen wird. 17.
Ich wollte jetzo dem Herrn gerne willfahren und das Verheißene übersenden,
darinnen alles, was allhier erwähnt wird, möchte erkläret werden, sowohl
auch, was der gute und wohlbekannte Herr Balthasar Walther (mit Böhme befreundeter Arzt) wegen des Menschen und
seiner Seelen Urkund, Wesen, Leben und Trieb, auch endlichen Ausgang,
begehret hat. Allein es ist nicht gar verfertiget (nicht ganz vollständig). Denn die Gaben, so mir einmal
von Gott sind gegeben worden, sind darum nicht gar erstorben, ob sie gleich
eine Zeit sind vom Teufel und der Welt verdecket worden. So erzeigen sie sich
doch jetzo manchmal viel höher und wunderbarlicher, und soll dem Herrn, wills
Gott, in kurzem etwas davon zu Handen kommen, denn es ist ein hoher Anfang
dazu gemachet worden, sonderlich von den drei Prinzipien göttlichen Wesens
und dann so fort von allen Dingen, so in meinem Buche (Aurora) verheißen sind; allein daß ich fast mit zu vielen
weltlichen Geschäften beladen werde, sonst möchte es schon ein groß Teil
verfertiget sein; will mich aber durch göttliche und sehnliche Übung
befleißen. Was Gott will, soll geschehen. Tue dem Herrn hiemit in den Schutz
des Höchsten empfehlen! In Eil geschrieben. J. B. 2. Sendbrief
An
denselben Herrn Carl von Ender, den 22. Oktober Anno 1619. 1.
Edler, gestrenger, wohlehrenfester Herr, demselben sind meine demütigen,
geflissenen und willigen Dienste neben Wünschung von Gott, seiner Liebe und
Gnade einer neuen Kreatur in dem neuen Menschen, in dem Leibe Jesu Christi,
auch aller zeitlichen Wohlfahrt des irdischen Leibes bevor. 2.
Ich habe in Betracht genommen, euer adeliges Herze und Gemüte, welches nicht
allein gegen Gott, sondern auch gegen seine Kinder in der Liebe entzündet und
entbrannt ist, welches mich in Christo hoch erfreuet hat. Und ist mir
insonderheit zu betrachten der rechte Ernst und Eifer, welchen ich erkenne,
den euer Gestrengen hat auf meine wenigen Schriften des ersten Teils (Aurora) gewendet und nicht auf des
Treibers* Morden gesehen, sondern danach getrachtet, selber zu lesen und mit
eigener Hand nachgeschrieben. *) Böhmes kirchlicher Gegner in
Görlitz: Gregor Richter 3.
Da mir denn wohl bedenklich ist, daß Gott euch wird ein Pörtlein eröffnet
haben, welches dem Treiber feste zugeschlossen stund. Dieweil ers in der
Kunst, in Hoffart suchte, wards ihm verhalten, denn er ärgerte sich an der
Hand der Feder und sah nicht auf das, was geschrieben stehet: Meine Kraft ist
in den Schwachen mächtig, II. Kor. 12,9, und wie Christus seinem Vater
danket, daß ers den Klugen und Weisen hat verborgen und den Unmündigen
offenbaret, und sagte ferner: Ja, Vater, es war also wohlgefällig vor dir,
Matth. 11,25.26. 4.
So ist mir wohl bedenklich und in meinem Geiste erkenntlich, daß solches von
euch aus keinem Vorwitze sei geschehen, sondern als den Kindern Gottes
geziemet, welche die edle Perle suchen und derselben begierig sind, welche,
so sie gefunden wird, das alleredelste Kleinod ist, welches der Mensch mehr
liebet als sein irdisch Leben, denn sie ist größer als die Welt und schöner
als die Sonne. Sie erfreuet den Menschen in Trübsal und gebieret ihn aus der
Finsternis zum Licht. Sie gibt ihm einen gewissen Geist der Hoffnung in Gott
und führet ihn auf rechter Straßen. Sie gehet mit ihm in Tod und gebieret ihn
zum Leben aus dem Tode. Sie erstickt der Höllen Angst und ist allenthalben
sein Licht. Sie ist Gottes Freund in seiner Liebe und gibt ihm Vernunft, den irdischen
Leib zu regieren. Sie leitet ihn vom falschen Wege, und der sie kriegt und
hält sie, den krönet sie mit ihrem Kränzlein. 5.
Darum, edler Herr, ich habe keine andere Ursache, euch zu schreiben, als nur
aus Begierde der rechten Liebe gegen die Kinder Gottes, daß ich mich einst
möge mit ihnen ergötzen. Es ist mir um kein zeitlich Gut noch Gaben zu tun,
als sich denn euer Gestrengen gegen mich als einem Fremden gar freundlich in
Liebe-Dienste erboten, sondern um die Hoffnung Israels, und daß ich mich werde
in jenem Leben mit Gottes Kindern hoch erfreuen und mir meine Arbeit, so ich
allhier in der Liebe für sie mache. Alsdann wird wohl belohnet werden, so ich
mich also mit meinen Brüdern werde erfreuen und einem jeden seine Werke
werden nachfolgen. 6.
Darum ist mirs ernst, nachdem mir auch ein Funke von der edlen Perle gegeben
worden und Christus uns treulich warnet, sie nicht unter die Bank zu stecken
oder in die Erde zu vergraben; sollen uns auch darob nicht zu sehr fürchten
vor den Menschen, die den Leib töten und nichts mehr tun können, sondern vor
dem, der Leib und Seele verderben und in die Hölle werfen mag, Matth. 10,28. 7.
Und ob ich bei meiner Zeit nicht werde großen Dank von etlichen erlangen,
welchen ihr Bauch lieber ist als das Himmelreich, so haben doch meine
Schriften ihre Gaben und stehen zu seiner Zeit, denn sie haben gar eine teure
ernstliche Geburt und Herkommen. Und so ich mich in meiner geringen,
niedrigen, ungelehrten und einfältigen Person besinne, wohl höher verwundere
als eben mein Gegensatz. 8.
Weil ich aber in Kraft und Licht erkenne, daß es eine lautbare Gabe von Gott
ist, welcher mir noch also einen treibenden Willen dazu gibt, daß ich
schreiben muß, was ich sehe und erkenne, so soll ich Gott mehr gehorsam sein
als den Menschen, damit mein Bistum nicht wieder von mir genommen und einem
andern gegeben werde, welches mich wohl sollte ewig reuen. 9.
Weil denn euer Gestrengen eine Lust gewonnen, das selbe zu lesen, als ich
denn gewiß hoffe: aus Gottes Schickung, so will ich euch nicht verbergen,
zumal Gott der höchste Herr euch hat zu dem ernsten Werk berufen, dasselbe zu
publizieren durch seinen wunderlichen Rat. Da ich dachte, der Treiber hätte
es verschlungen, so grünete es als ein grünes Zweiglein, mir ganz unbewußt.
Und so ich doch nichts von mir weiß, was Gott endlich tun wird und mir sein
Rat verborgen, auch sein Weg, den er gehen will; ich kann auch von mir nichts
sagen, so möchte mir‘s doch der Treiber für eine unzeitige Hoffart zumessen,
daß ich also mit meiner wenigen Gabe, so ich doch aus Gnaden hätte,
stolzieren wollte und also meines Herzen Gedanken sehen lassen, mir zu einem
Ruhm. 10.
So sage ich doch vor Gott und bezeuge es vor seinem Gerichte, da alles
erscheinen wird und ein jeder von seinem Tun soll Rechenschaft geben, daß ich
selber nicht weiß, wie mir damit geschieht, ohne daß ich den treibenden
Willen habe, weiß auch nichts, was ich schreiben soll. Denn so ich schreibe,
diktieret mirs der Geist in großer wunderlicher Erkenntnis, daß ich oft nicht
weiß, ob ich nach meinem Geiste in dieser Welt bin, und mich des hoch
erfreue. Da mir dann die stete und gewisse Erkenntnis wird mitgegeben. Und je
mehr ich suche, je mehr finde ich, und immer tiefer, daß ich oft meine
sündige Person zu wenig und unwürdig achte, solches Geheimnis anzutasten, da
mir dann der Geist mein Panier aufschlägt und saget: Siehe, du sollst ewig
darinnen leben und damit gekrönet werden; was entsetzest du dich? 11.
Darum, edler Herr, füge ich euch mit wenigen den Grund und Ursachen, auch des
Willens und Suchens meiner Schriften. Geliebet euch nun, etwas darinnen zu
lesen, das stelle ich zu euerem Wohlgefallen. Ich übersende euch mit, was in
früherer Zeit, als ich bei euch war, ist gemacht worden, als vom Anfange des
22. Kapitels bis zum Ende (De Tribus
Principiis) (Böhmes Schrift: Von den drei Prinzipien)
da denn wahrhaftig der edle Perlenbaum offenstehet. Und mein Gemüte zeiget
mirs, daß es euch wird wohlgefallen und wird auch ein Perlchen hierin
erlangen, sofern euer Gestrengen ihr Gemüte wird in Gott setzen. Das andere,
als etliche dreißig Bogen, hat unser guter bewußter Freund, der wirds
zustellen. Es sind gar hohe tiefe Dinge in denselben, und wären wohl wert,
daß sie nicht umkämen. Es solls euer Gestrengen auch bekommen, so es euch
gefällig wäre, etwas zu lesen. 12.
Und wiewohl es ist, daß ich mich pflege, etwas stille damit zu halten, so
ists doch offenbar und ist mir vor Ohren, wie es von stolzen Leuten wird
begehret, bei welchen der Feind möchte als ein Verwüster mit zum Ende eilen.
Denn ich weiß, was ich für einen Feind als den Teufel gegen mich habe zu
einem Gegensatz. Darum bitte ich, weislich damit zu verfahren. Ich wills
schon, so ich es bedarf, abfordern; und wird noch, wills Gott, was mehrers
und höheres gemacht werden als über Moses und die Propheten und dann endlich
über den ganzen Baum des Lebens in dem Wesen aller Wesen, wie sich alles
anfängt und endet, und zu welchem Wesen ein jedes in dieser Welt erscheinet
und an Tag kommt. 13.
Da ich dann verhoffe, die schöne von Gott verheißene Lilie grünen soll im
Perlenbaum in seinem eigenen Geist in den Kindern Gottes der Liebe in
Christo. Denn wir befinden noch gar ein edel Perlchen grünend; — tue euch der
holdseligen Liebe Gottes empfehlen. J.
B. 3. Sendbrief
24.
Oktober Anno 1619. 1.
Meinen Gruß durch Gott mit Wünschung des Lichts der göttlichen Freudenreich
in unserem Emanuel (Christus) bevor! 2.
Euer an mich getanes Schreiben samt meinen Schriften habe ich von Zeigern
richtig empfangen und alsobald zuversiegelt Herrn Carl von Ender mit Herrn
Fabian, welcher eben bei mir war, geschickt. Wollte ihm dies, weil es schon
versiegelt und mit meinem Schreiben, welches innen lieget, versehen war,
schicken. Nun verstehe ich in meinem Gemüte, weil sichs eben also zuträget,
daß ihr danach geschicket, daß es also mag eine Schickung Gottes sein.
Übersende euchs hiermit, wolltes erwägen. Es ist gar ein edel Kleinod
darinne, welches Gott seit eurem Abschiede hat gegeben; und füge euch dies,
daß gar eine liebliche Pforte ist aufgangen, da wir, so Gott will, als es denn
hoch erscheinet, wollen eingehen, daß ich doch nichts von sagen kann, denn es
ist nicht meines äußerlichen Menschen. Aber als sich alle Gewächse der Erden
erfreuen, so die Sonne aufgehet und sie anblicket mit ihrer Kraft, also auch
meine Seele in den schönen Wunderblumen, indem der Herr also süße und
freundlich ist, verhoffe mich dessen wohl zu ergötzen, welches ihr in diesem
letzten Teil dieses Buches werdet wohl vermerken, so euch Gott die Porten in
seinem Geiste eröffnet. 3.
Ich kann euch jetzt nicht schreiben, denn es ist wunderlich; verhoffe, Gott
will euch euer Herze auftun, daß ihr auch möget etwas davon schmecken. Ihr
begehret zu wissen, ob ich etwas hätte mit dem bewußten Herren konversieret.
So füge ich euch zu wissen, daß ich nicht habe können zu ihnen kommen, denn
ich habe in einem anderen Lande, da ich zwar mit meinem äußern Menschen nicht
daheim bin, viel zu tun gehabt, und bin also auf diesmal noch verhindert mit
meiner Reise auf Prag auf sieben Tage. Alsdann soll geschehen, was Gott will,
wiewohl mir auf jetzo eine tiefe Porte offen stehet; werde derowegen tun, was
Gott will. 4.
Ich übersende euch die Vollendung dieses Buches (De Tribus Principiis) versiegelt. Und so ihr Gelegenheit haben
werdet, entweder Herrn N. oder mir mit der Schrift zuschicken. Denn es war
schon auf der Bahn zu Herrn N. Weil aber der Bote kam, hielt ichs für gut
also zugepackt zu schicken; und füge euch hoch und wohl zu merken, daß gar
ein hochlöblich Werk ist im Geiste erkannt worden; verhoffe, Gott wirds uns
gönnen. Ihr möget ferner darnach forschen. In kurzem soll es euch geschickt
werden. Und tue euch in der göttlichen Freude reich des ewigen Quellbrunnes
empfehlen. J. B. 4. Sendbrief
An
Christian Bernhard, vom 14. November 1619. 1.
Gottes Heil und Licht im Leben Jesu Christi erleuchte euch und gebe euch
ferner zu erkennen seinen Willen! 2.
Mein freundlicher, gar guter Herr und Freund! Daß ihr euer Leben habt gegeben
zu einem Gewächse Gottes und also grünet im Leibe Jesu Christi des Sohnes
Gottes, welcher uns hat wiedergeboren zu einer lebendigen Kreatur in sich
selber und seinem Vater dargestellet als ein liebliches Gewächse in seinem
paradeisischen Lustgarten zu seiner Freude und Wundertat, dessen erfreue ich
mich neben euch und befinde auch, so ich mich recht entsinne, daß ihr nicht
alleine ein Gewächse Gottes für euch selber alleine seid, sondern als ein
liebliches Kraut und Blume seine Kraft nicht alleine in sich hält, son dern
läßt seine Kraft von sich ausgehen allen lebendigen Essenden zu einem Schmack
und bietet sich freiwillig allen Kreaturen dar, wie es ihm auch darüber
ergehen möchte, da es seiner gar nicht schonet, sondern gebieret ohn Unterlaß
seine Kraft und Ruch. 3.
Also befinde ich auch, sei der Seelen des Menschen, welche ohn Unterlaß
grünet und ihre Kraft von sich freiwillig gibt zu einem Geschmacke dem, der
dessen Schmack begehret, welcher derselben Kraft fähig ist, es sei zu Liebe
oder Zorn, zum Leben Gottes in Christo oder zum Leben der Hoffart ins
endliche Treiben des Elends, welches im Ausgange erfolget denen, so da nicht
sind in Gott gewachsen. 4.
Lob, Preis und Ehre aber denen, so in Christo wiedergeboren werden, welche,
ob sie gleich allhie ihr Leben verlieren und vor den Stacheln des
Dorngewächses erscheinen als ein gewöhnliches Kraut, welches mit Füßen
getreten wird, oder wie ein Kraut, welches abgehauen wird, da man nichts mehr
siehet, und die Vernunft spreche: es ist aus, aber seine Wurzel in der Erden
hat und wieder hervorgrünet — also auch die Seele der Heiligen ist
eingepfropft in das heilige Leben Jesu Christi und stehet in Gott seinem
Vater und grünet wieder durch den Tod. 5.
Dessen wir, weil wir solches erkannt haben, uns hoch erfreuen, und achten
derowegen das Leben dieser Welt, welches stehet in den Sternen und Elementen
Qual für das wenigste, und freuen uns dessen, daß wir Gottes Kinder sind. 6.
So wir dann wissen, daß Gott wahrhaftig in uns ist und doch unserm irdischen
Leben verborgen, so wissen wir, daß unsere Seele in Gott ist und grünet in
Gott und der Leib im Regiment der Sterne und Elemente nach dem Quall* dieser
Welt. *) unter dem Naturgesetz. 7.
Also sind wir Gottes Bild und Gleichnis, welcher selber alles ist. Sollen wir
uns denn nicht freuen? Wer will uns von Gott scheiden, so die Seele in Gott
stehet, da kein Tod noch Zerbrechen ist? 8.
Darum, mein gar lieber, treuer Freund und Bruder in Christo, achte ichs mir
für eine große Freude, daß ich also habe an euch funden ein edel Gewächse
Gottes, von welchem meine Seele auch hat gerochen, davon sie wieder stark
ward, als sie der Treiber (Widersacher)
wollte reißen aus dem Lande der Lebendigen, da sie lag unter den Treibern und
sie der Antichrist im Dornengewächse wollte verschlingen. 9.
Aber wie Gott seinen Zweiglein, so in ihm stehen, zu Hilfe kommt mit seiner
Kraft, daß sie nicht verderben, ob gleich der Teufel und der Tod einst drüber
herrauschet, dennoch müssen sie wieder durch den Tod und Grimm des Zorns und
Stachel des Todes grünen. Und sollte Gott alle seine edelsten Kräfte seines
Gewächses dransetzen, so muß sein Wille bestehen. Was in ihm gesäet wird, muß
in ihm wachsen. 10.
Welches uns erkenntlich ist, indem er sein Herze als sein edelstes Gewächse
in ihm hat lassen einen Menschen werden, uns zu einem starken Geruche der
Wiedergeburt in ihm, auf daß, so wir im Tode stünden, wieder mit und durch
ihn aus dem Tode grüneten in Gott seinem Vater, und brächten Früchte des
Paradeises. 11.
So wir denn solches wissen, daß wir Gewächse Gottes sind, sollen wir uns vor
nichts fürchten, sondern ohne Unterlaß grünen im Leben Gottes, und Früchte
bringen zu Gottes Ehren und Wundertat, welcher wir ewig werden genießen. 12.
Und so wir dann auch wissen, wie unser edel Leben also in großer Gefahr
stehet zwischen Himmel- und Höllenreich in dieser Zeit des Lebens, von beiden
gefangen, so sollen wir vorsichtig wandeln, daß nicht unsere Perle zerbrochen
werde, sollen nicht den Ruch des Grimmes in uns lassen, daß er uns verderbe,
dadurch die edle Frucht im Gewächse verhindert wird und Gott über uns klagen
muß, er sei wie ein Weingärtner, der da nachlieset und wollte doch auch gerne
der edlen Trauben genießen. 13.
So lasset uns munter sein, zu widerstreben dem Fürsten des Grimmes, auf daß
die edlen Trauben und Gottes Früchte in uns wachsen, daran Gott einen guten
Schmack und Ruch hat, auf daß wir ihm ein lieblicher Ruch in Christo sind. (Eph.5,2) 14.
Wir werden dessen wohl genießen. So wir der Eitelkeit (Vergänglichkeit) des Lebens loswerden, so werden wir
alsdann leben und grünen in Gott und essen vom reinen Leben Gottes ohne
Makel. Und er wird unsere Speise sein und wir seine, daß es also sei ein
liebliches Gewächse ineinander: wir in Gott und Gott in uns, ein ewiger Quall
des Hl. Lebens im Gewächse Gottes, darinnen eitel Vollkommenheit in der Liebe
stehet. 15.
Um welches willen wir jetzo also arbeiten, und lassen uns die Welt narren und
verachten, daß, dieweil unser irdisch Leben im Tod grünet, unser himmlisch
Leben durch den Tod ausgrüne, daß also das irdische Leben als ein Spott vor
dem himmlischen erscheine, welches nicht wert ist, daß es ein Leben genennet
wird gegen das himmlische. 16.
Darum leiden wir geduldig im irdischen Leben und freuen uns im himmlischen
auf Hoffnung, daß wir der Eitelkeit loswerden. Da wollen wir uns wohl
ergötzen. Was wir allhier haben müssen in Trübsal säen, wollen wir in großer
Freude ernten. 17.
Darum, mein gar guter lieber Bruder, im Leben Gottes, in welchem ihr stehet,
sollt ihr mir desto lieber sein, weil ihr mich habet aus dem Schlafe
erwecket, auf daß ich hinfort möge Frucht bringen im Leben Gottes, und möge
mich hernach mit den Kindern Gottes derselben freuen. 18.
Also füge ich euch, daß mir ist gegeben worden ein gar starker Geruch im
Leben Gottes, nachdem ich bin wieder erwacht; verhoffe darinnen Frucht zu
bringen und auch zu erwecken die Schlafenden, als mich mein Gott hat wieder
erwecket aus dem Schlafe, darinnen ich lag. 19.
Und bitte euch um des Hl. Lebens Gottes in Christo willen, ihr wollet ferner
nicht lässig sein, sondern euer Leben in Christo ermuntern, auf daß unsere
Geister möchten gegeneinander ergriffen und verstanden werden, welches außer
der göttlichen Kraft nicht sein kann. 20.
Denn ein jeder redet aus seinen Essentien in den Wundern Gottes, wie sein
Leben in Gott entzündet ist; und kann uns niemand zum Verstande bringen als
der einige Geist aus Gott, welcher aller Völker Zungen am Pfingsttage in der
Apostel Munde in eins verwandelte, daß aller Völker Sprachen der Apostel
Zungen verstanden, da sie doch nur aus einer Zunge redeten, ihnen aber den
Zuhörern ihr Herz und Geist eröffnet ward in Gott, daß sie alle dieselben
Sprachen, ein jeder in seiner, verstanden, als redeten die Apostel mit seiner
Zungen. 21.
Also ists allein in Gott möglich, daß ein Geist den andern verstehe und
begreift. Denn ich fürchte wohl, ich werde an vielen Enden meiner Schriften
schwer sein, aber in Gott bin ich dem Leser gar leicht, so seine Seele nur in
Gott gegründet ist, aus welcher Erkenntnis ich alleine schreibe. 22.
Denn aus der historischen Kunst dieser Welt habe ich wenig, und schreibe
nicht um derselben Hoffart ihrer Kunst willen, denn ich bin nicht von ihrer
Kunst erboren, sondern aus dem Leben Gottes, auf daß ich Frucht bringe im
paradeisischen Rosengarten Gottes. 23.
Und nicht allein für mich, sondern auch für meine Brüder und Schwestern, auf
daß wir werden ein Hl. Leib in Christo, Gott unserm Vater, welcher uns
geliebet und in Christo erwählt hat, ehe der Welt Grund geleget ward. 24.
Darum wie Christus seines Lebens nicht geschonet noch auch seine Jünger,
sondern frei das Reich Gottes verkündiget, ob sie gleich in dieser Welt Spott
und Tod darüber erlitten, nur um des Himmlischen willen, also sollen wir uns
vor dem zeitlichen Spott und Tod nicht zu sehr entsetzen um des himmlischen
Lebens willen und also beten, daß uns Gott wolle von allem Übel erlösen und
uns geben Einträchtigkeit in einem Sinne. 25.
Daß ich euch aber in etlichen Punkten schwer verständlich bin in meinen
Schriften, ist mir leid und wünschte, ich könnte meine Seele mit euch teilen,
daß ihr möchtet meinen Sinn ergreifen. 26.
Denn ich verstehe, es trifft die tiefsten Punkte an, daran am meisten liegt,
da ich mich etlicher lateinischer Wörter gebrauche. Aber mein Sinn ruhet in
Wahrheit nicht bloß in der lateinischen Zungen, sondern vielmehr in der
Natursprache 27.
Denn mir ist auch etwas aufgeschlossen worden, die Geister der Buchstaben zu
gründen von ihrem Ursprung und wollte euch herzlich gerne derselben Wörter,
so ich gebraucht habe, an welchen ihr ein Mißverstand habet, ständigen. Weil
aber ein Raum dazu gehöret und jetzo in Eil nicht sein mag, bin ich erbötig,
solches euch ganz klar zu verständigen in gar kurzer Frist. 28.
Denn ich also mit Reisen und andern Geschäften bin beladen gewesen, daß ich
euch nicht habe können willfahren, bitte noch, ein Kleines zu warten. 29.
Denn ich habe noch wegen meines verstorbenen Bruders hinterlassen
Töchterleins also viel zu tun, daß ich alle Wochen muß zu Dorfe laufen, auch
habe ich müssen zwei schwere Reisen verbringen, mit welchen die Zeit ist
hingeflossen. 30.
Wollte Gott, ich könnte derselben Mühe mit dem Reisen überhoben sein. Ich
verhoffete, es sollte mancher armen Seelen in ihrem Hunger wohl dienen.
Jedoch geschieht, was Gott will. Wiewohl es ist, daß manch Gräselein
verdirbet, so der Himmel nicht Regen gibt, also verhindern auch die
weltlichen Geschäfte das Reich Gottes. 31.
Ich weiß aber auf diesmal keinen andern Rat, den irdischen Leib mit Weib und
Kind zu ernähren, will mich derowegen befleißen und das Himmlische vor alles
setzen, soviel mir möglich ist, soll auch euch, so ihr Lust habet, etwas mit
mir in meinen einfältigen Schriften zu lesen treulich mitgeteilet werden,
wiewohl es ist, daß ich auch gerne wollte von den Kindern Gottes lernen und
mich ihrer Schriften ergötzen. 32.
Denn ich achte, ich sei der Einfältigste unter ihnen; habe also nur ein wenig
für mich zu einer Erinnerung und steter Übung Gottes geschrieben. Weil es
euch aber also wohlgefället zu lesen, verberge ichs euch billig nicht. 33.
Denn ich erkenne eure große Mühe daran, so ihr drauf wendet, und danke meinem
Gott, der mir doch einen Menschen in dieser Welt zugeschicket hat, mit
welchem ich von Gottes Reich reden darf, dieweil sonst fast alles blind und
toll sein will, daß ich auch nicht darf mein Maul auftun. 34.
Ich höre Spötter, welche mit unterlaufen, nach welchen ich wohl wenig frage,
denn ich weiß, wes Geistes Kinder die sind, und wünschte ihnen meine
Erkenntnis. Wenn sie sie hätten, sie würden das Spotten lassen bleiben. 35.
Anlangend des N. N. Nachschreibens (Abschrift) meiner
künftigen Schriften, weiß ich mich nicht zum besten mit ihm zu verwahren,
denn er schweiget nicht. Und höre oft von liederlichen Leuten von meinen
jetzigen Schriften deuten, welches ich erachte, von ihm auskommt, denn ich
sie sonst keinem gewiesen. So er denn sehr weltlich und nur von der Schule
dieser Welt geboren ist, möchten wir schlecht verwahret sein. 36.
Man soll auch die Perlen erstmal, so doch dieselben teuer sind, nicht auf den
Weg streuen, sondern einer andern Zeit erwarten bis sie gemein* werden, damit
nicht der Treiber sie verschlucke. *) allgemein für wert geachtet 37.
Es möchte ihnen wohl gegeben werden nachzuschreiben, aber nicht erstmal,
sondern nachdem es einmal abgeschrieben wäre, damit es der Treiber nicht möge
zerbrechen. 38.
Anlangend euer Begehren wegen der Prager Sachen, da ich eben am Einzuge des
neuen Königs* inne gewesen bin, werdet ihr den Einzug zu Sagan wohl erfahren
haben, daß er geschehen ist. Er ist hinten zum Schlosse auf Retschin (Hradschin) von Schlan hineinkommen und mit großer Zierde
aller drei Stände angenommen worden, wie vormals auch bei allen Königen
bräuchlich gewesen. *) Kurfürst Friedrich V. von der
Pfalz 39.
Ich erinnere euch, daß ihr wollet acht haben, was der Prophet Ezechiel 38.
und 39. Kap. hat geschrieben, ob nicht die Zeit des großen Zugs wird da sein
auf die Berge Israels in Babel, sonderlich wegen des Siebenbürgers, welcher
wird Hilfe vom Türken erlangen und leichthin bis an den Rheinstrom kommen. 40.
Da dann die große Niederlage der Kinder in Babel geschehen mag, da zwei große
Ruten von Gott erscheinen werden, eine durch Krieg, die andere durch Sterben,
in dem Babel soll zerbrochen werden, zeiget der Geist des Herrn in den Alten,
so vor uns haben gedeutet. 41.
Wiewohl ichs achte, die Wahl mit einem rechten deutschen Kaiser noch muß ein
wenig verzogen werden und unterdes großer Krieg und Streit, auch Zerbrechung
vieler Städte, Schlösser und mächtiger Länder wird erfolgen, so-ferne jetzo
die Zeit sei, davon der Geist deutet, welches wir so genau nicht verstehen. 42.
Denn vor Gott ist tausend Jahr als ein Tag. Der Geist siehet alles nahe, so
vermeinet der siderische (irdische) Mensch,
es sei bald, ist aber im Rat Gottes. 43.
Ohne daß wir gewiß erkennen, wie gar nahe die Zerbrechung der Stadt Babel,
und scheinet vor uns, als sei die Zeit alsobald vorhanden, da wir doch den
Rat Gottes nicht können genug ergreifen; sondern als ein Gast, der einen Tag
in einem Lande ist, nicht alles erlernen mag, also gehet es uns auch. 44.
Denn Gott hält ihm Tag und Stunde bevor und deutet aber die Wunder durch
seinen Geist, welche künftig sind. 45.
Sonst füge ich euch zu, daß Herr N. hat Herrn N. gedinget, ihm meine beiden
Bücher abzuschreiben, und trachtet jetzo danach, daß er das rechte Original
der ersten (Aurora) möchte selber
zu Handen bekommen, welches, wie ich vernehme, geschehen werde; kann am
allerfüglichsten durch Herrn Carl von Ender herausgebracht werden. 46.
Wiewohl es ist, daß der neue Antichrist im Gewächse des Alten jetzo trefflich
triumphieret und brennet als ein Feuer im Wacholder, vermeinet, es sei
Freude, da es doch im Leide ist, und Babel angebrannt stehet, möchte
Verhinderung vorfallen. Aber Gott der Höchste tut, was er will. 47.
Ich habe auch jetzo in der Eil nicht Zeit, daß ich euch mehrers schreiben
kann, denn es ist noch nichts weiters angefangen (keine neuen Schriften), denn ich verhoffe alsobald
nahend anzufahen, wie mir mein Gemüte im treibenden Willen immer zeiget,
wills euch an benannten Ort treulich schicken. 48.
Und tue euch der Sanftmut Jesu Christi treulich empfehlen. J. B. 5. Sendbrief
An
Herrn Carl von Ender, Freitag vorm Advent 1619. 1.
Die Liebe im Herzen Gottes des Vaters und das Licht seiner Kraft im Leben
Jesu Christi sei unsere Erquickung, erleuchte uns und helfe uns zur neuen
Wiedergeburt, auf daß erscheine das rechte Bildnis zu Gottes Ehren und
Wundertat, und lasse in uns wachsen das schöne Zweiglein seiner Lilien im
Paradeisgärtlein Jesu Christi. 2.
Edler, gestrenger, ehrenfester, hochbenamter Herr, dem selben sind meine
demütigen, ganz willigen Dienste nebst Wünschung aller zeitlichen und ewigen
Wohlfahrt bevor. Ich habe von Zeiger, eurem Gesinde, einen Scheffel Korns
empfangen, welchen mir Euer Gestrengen geschicket, tue mich dessen zum
freundlichsten bedanken und bitte Gott den Höchsten, der wirds euch
vielfältig erstatten. 3.
Dieweil ihr so ein demütiger Herr seid und nicht sehet auf das, worauf die
Welt siehet, auch nicht achtet der Klugheit der Hohen, sondern nach dem
trachtet, was der Herr vom Himmel bauet, wiewohl es in dieser Welt närrisch
erscheinet, aber vor ihm also wohlgefällt, seine Werke in geringen,
kindischen, albern Leuten zu treiben, auf daß er alleine sei hoch und sich
niemand rühmen darf, so sollt ihr auch gewiß der selben Erkenntnis gehoffen,
welche schöner ist denn aller Welt Pracht und Reichtum. Denn alles Zeitliche
verläßt den Menschen, aber das Ehrenkränzlein Christi verläßt auch den
Menschen im Tode nicht, sondern bringet ihn zur himmlischen Freudenschar in
sein rechtes ewiges Vaterland. 4.
So wir denn wissen und gar hoch erkennen, daß wir in dieser Welt nur Gäste
und in einer fremden Herberge, in gar großer Gefahr, in schwerer
Gefangenschaft gefangen liegen und immer des Todes fürchten müssen, so tut
Euer Gestrengen gar wohl und handelt weislicher denn die Klugen dieser Welt,
daß sie sich umsehen und trachten nach dem ewigen Vaterland und nicht nach
Macht und Pracht wie die Welt und sonst insgemein die so hohen Leute tun. Mir
zweifelt nicht, es wird Euer Gestrengen noch wohl ein gar schönes Kränzlein
von der Jungfrauen der ewigen Weisheit Gottes dafür erlangen, welches, so es
geschiehet, E.G.* lieber sein wird als alles zeitliche Gut und diese ganze
Welt mit ihrem ganzen Wesen und Glanz, davon ich, so ich dessen keine
Erkenntnis hätte, nicht schreiben wollte. *) Eurer Gestrengen 5.
Denn ich doch sonst bei den Weisen dieser Welt, welche sich allein Erkenntnis
und Wissenschaft aus eigener Hoffart ohne Gottes Geist zumessen, schlechten
Dank, ja nur Spott habe, welches ich mich doch nur höchlich erfreue um des
Namens und der Erkenntnis Gottes willen Schmach zu tragen. Denn wäre meine Erkenntnis
aus ihren Schulen geboren, so würden sie das Ihre lieben. Weil sie aber aus
einer anderen Schule ist, so kennen sie das nicht, verachtens derowegen wie
sie allen Propheten, auch Christo und seinen Aposteln taten. Ich will mich
das nicht irren lassen, sondern wie ich angefangen, an meinem Gott und
Schöpfer nur mit desto größerem Ernste hangen und mich dem ergeben, er mache
in mir, was er will. 6.
Ich schreibe mir keine Klugheit zu, verlasse mich auch auf keinen Fürsatz der
Vernunft, denn ich sehe und befinde gar hell und klar, daß Gott gar viel eine
andere Bahn gehet. 7.
Darum so wir kindlich fahren und nicht in unserer Vernunft, sondern hangen
ihm nur mit Begierde und rechtem Ernste an und setzen all unser Vertrauen in
ihn, so erlangen wir eher die edle Jungfrau seiner Weisheit als in unserm
scharfen Dichten. Denn sie bringet mit, wenn sie kommt, rechte Weisheit und
himmlischen Verstand; und ohne dieselbe weiß ich nichts. 8.
Dieweil aber E.G. solche und dergleichen Schriften von dem höchsten Wesen Lust
haben zu lesen, als es dann, wie ich hoffe, Gottes Schickung ist, will ich
dasjenige, was mir von dem höchsten Gut vertrauet ist, E.G. nicht bergen,
sondern in Kurzem etwas reichers und mehrers schicken. 9.
Denn es ist gar ein wunderschön Büchlein »Von
des Menschen Leben« (De Triplici
Vita Hominis) angefangen worden, welches, so der Herr will und seine Hand
ob mir hält, wird klar eröffnen, was der Mensch sei und was ihm zu tun sei,
daß er erlange das höchste Gut. Denn es gehet ganz klar durch die drei Principia
und zeiget allen Grund, daß ein Mensch, er wollte denn selber blind sein,
kann Gott und Himmelreich sowohl sich selbst erkennen, auch unsern elenden
Fall sowohl die Wiederbringung im Leben Jesu Christi; und wird sonderlich
handeln von der schönen Lilien, welche Gott der letzten Welt (der Endzeit) gönnen will, welches sehr anmutig zu lesen
sein wird. 10.
Und ob ich noch wohl nicht allen Grund, was es sein wird, genugsam erkenne,
so sehe ichs doch in einer großen Tiefe; verhoffe, Gott verleihe nur Gnade,
so will ich davon nicht lassen, es sei denn vollendet, auch künftig die
verheißenen Schriften, welche wegen des Treibers aufgehalten worden,
vollziehen, — auch über Moses, da dann die großen Wunder Gottes werden klar
am Tageslicht erscheinen. Welches Gott der letzten Welt gönnen will; wiewohl
es ist, daß jetzt und fast alles in Babel ist; und wird ein großer Riß
geschehen. Aber dennoch soll niemand verzagen. Gleichwie Gott dem Volk Israel
in dem babylonischen Gefängnis mit Trost zu Hilfe kam und schickte ihnen
Propheten, also auch jetzt werden Lilien mitten unter den Dornen wachsen, und
das ist wunderlich. 11.
Auch darf niemand denken, daß jetzt die Zeit der ganzen Zerbrechung der Stadt
Babel ergehen werde. Es wird wohl ein sehr großer Riß werden, welches man
jetzt nicht glaubet, denn der Antichrist ist noch nicht ganz offenbar,
obgleich etwas. Man wird auch meinen, man habe ihn nun ausgerottet, und wird
nach etlicher Trübsal große Freude erfolgen; und sie werden also Gesetze und
Bündnisse auch mit schweren und scharfen Artikeln der Religion machen, aber
meistenteils zu Aufsteigung ihrer Ehren und Macht. Und man wird meinen, der
Hl. Geist rede vom Himmel und sei nun eine güldne Welt, aber sie steckt voll
Zornes Gottes und ist noch in Babel, und ist das wahre Wesen des rechten
Lebens in Christo noch nicht drinnen. Auch wird der Reiter auf dem fahlen
Pferde (Offb.6,8) hernach kommen und mit seiner
Sense viel abhauen. 12.
Aber unterdessen grünet die Lilie im Wunder, wider welche der letzte
Antichrist Verfolgung erreget, da dann sein Ende kommt. Denn die Erscheinung
des Herrn erstickt ihn. Da dann Babel im Eifer und Zorne Gottes verbrennet,
und es ist wunderlich, davon ich keine Macht habe, deutlicher zu schreiben.
Doch werden meine Schriften zur selben Zeit wohl dienen. Denn es kommt eine
Zeit vom Herrn, die nicht aus dem gestirnten Himmel ist. 13.
Wohl dem, der den Herrn mit ganzem Ernst suchet, denn in der Historia wird er
sich nicht finden lassen, sondern im rechten Vertrauen und in der rechten
Hinwendung ins Leben und in die Lehre Christi. Darinnen wird der Hl. Geist
erscheinen mit Wundern und Kräften, welches Babel in ihren Gedichten (Maachwerken) jetzt nicht glaubet, aber doch gewiß kommt
und schon auf der Bahn ist, aber der Welt verborgen. 14.
Ich habe E.G. nähest mit Herrn Fabian das ganze Werk des andern Buches (De Tribus Principiis) zugeschickt;
weiß nicht, obs E.G. empfangen habe, denn ich seit der Zeit mit Herrn Fabian
nicht geredet wegen meiner verbrachten Reise; wo nicht, so wäre es bei ihm zu
fordern. Und tue E.G. der sanften Liebe im Leben Jesu Christi des Sohnes
Gottes empfehlen. (Gegeben in Eil, Görlitz vor Advent.) — Der Name des Herrn
ist eine feste Burg; der Gerechte laufet dahin und wird erhöhet. J. B. 6. Sendbrief
An
Herrn Carl von Ender, 4. Mai 1620. Licht, Heil und ewige Kraft aus dem Brunnquell des
Herzens Jesu Christi sei unsere Erquickung! 1.
Edel, gestrenger, ehrenfester, hochbenamter Herr! Neben Wünschung göttlichen
Heils und darinnen aller heilsamen Wohlfahrt kann ich nicht unterlassen E.G.
mit diesem Brieflein zu ersuchen: Demnach E.G. mildes Herz mich mit einem
Scheffel Korns verehret hat, welchen ich willig empfangen und tue mich dessen
höchlich bedanken, will auch Gott den Schöpfer und Erhalter aller Dinge, in
welches Kraft alle Dinge sind, bitten, daß er E.G. viel und reichen Segen
dafür gebe. 2.
Und wiewohl ichs nicht um E.G. verdienet habe und auch gleich als ein Fremder
gegen E.G. bin, so erkenne ich E.G. mildes Herz hierinnen gegen die Kinder
Gottes. Weil aber E.G. so viel demütig und solches alles um Gottes und seines
Reiches willen ist und sich aus ihrer Hoheit dieser Welt mit ihrer Gunst und
Liebe in die albere Demut der Kinder Gottes mitten einwirft, so erkenne ich
solches für eine Gottesfurcht und Begierde nach der Gemeinschaft der Kinder
Gottes, in welcher wir in Christo in Gott alle ein Leib sind in vielen
Gliedern und Geschäften. Also sollen wir uns dessen nicht allein hoch
erfreuen, sondern auch also zu Gott beten und uns ihm in einer Liebe ergeben,
auf daß seine Kraft in uns völlig werde und sein Reich in uns erboren werde
und wir in einer Erkenntnis seines Wesens teilhaftig werden. 3.
Und ist uns nicht allein in Hl. Schrift, sondern auch im Licht der Natur hoch
erkenntlich, daß, so ein Mensch dem andern was Gutes tut, sonderlich so das
aus angeneigtem Herzen und gutem Willen geschiehet, sich dessen Herz, Geist
und Gemüt, der Gutes empfangen hat, hinwieder gegen seinem zu ihm angeneigten
Freunde mit Gunst und Liebe anneiget und ihm alles Gute wünschet. Und indem
er sein eigen Anliegen vor Gott träget, auch seines treuen Freundes in seinem
Willen und Gemüt mit ihm zugleich in seiner Liebe vor und in Gott bringet,
welches dann dem milden Herzen in Gottes Kraft viel und reichen Segen
schaffet, nicht allein zum irdischen Leben, sondern es wird ihm auch zugleich
hiermit eine Bahn und Weg gemacht in Gottes Reich, daß, so er zu Gott sich
wendet und seine Liebe und Gnade begehret, gleich auch seines Freundes Liebe,
welche zuvorhin ihn schon hat in Gott eingeworfen, auch mit ihm hilft,
diesmal vor Gott zu dringen und mit der verderbten Sucht, in welcher uns der
Teufel gefangenhält mit der Turba* ringen und das Ziel oder den Behalter des
Zorns zerbrechen helfen, welches ich meinesteils nicht allein schuldig,
sondern auch ganz begierig und willig zu tun bin. *) Zorn; Widerwärtigkeit in der
Natur 4.
Dieweil mir denn auch Gott aus seiner milden Gnade eine tiefe und hohe
Erkenntnis seines Willens und Wesens gegeben, so bin ich auch erbötig, neben
meinem Gebete für E.G. gegen Gott auch mit derselben, was etwa möchte in
Schriften davon gefasset werden, hinwieder ganz willig zu dienen, soferne
E.G. erkennen mag, daß solches von Gott sei, als mir denn anders nicht bewußt
und eine Lust dieselben zu lesen hätte. So wollte ich E.G. dieselben nicht
bergen, auch mündlichen Gesprächs mich nicht äußern, auch so E.G. etwa einen
Mißverstand darin fände, dessen genug Bericht geben, oder wenn etliche Dinge
zu schwer sein wollten, gerne in einen leichtem Verstand bringen. 5.
Auch so E.G. geliebten, etwas Höhers hierinnen zu fragen, verhoffe ich zu
Gott, es werde mir verliehen werden zu offenbaren, welches Willen ich alles
heimstelle; und wollte mich in alle Wege befleißen und Gott darum bitten, daß
ich E.G. hinwieder könnte und möchte in Liebe-Diensten, so E.G. annehmlich
wären, erscheinen, welches ich zu Gott hoffe, er mich nicht versagen wird,
als dann mein Herze sich ganz darein ergeben und nur dahin arbeitet, daß es
möge einen treuen Arbeiter im Weinberge Gottes geben und also in Gott erkannt
werden und wachsen eine Frucht in Gottes Reich. Wie denn ein jeder Baum dahin
arbeitet und seinen Saft seinen Zweigen und Ästen gibt, daß er endlich an
seiner Frucht, so auf seinen Zweigen wächst, erkannt wird, welches wir alle
zu tun schuldig sind und ich auch dazu sehr begierig bin. Und tue E.G. der
sanften Liebe Gottes empfehlen. Datum
Görlitz, ut supra. E.G. dienstwillig
allezeit J. B. 7. Sendbrief
Herrn
Dr. Balthasar Walther, vom 7. Juni 1620. 1.
Mein Schreiben ist an euch, und tue euch aus hohem Bedenken christlicher
guter Meinung erinnern, daß ihr doch meine Schriften nicht einem jeden wollet
in die Hände geben, denn sie sind nicht jedermanns Speise. 2.
Auch muß man die Perle auf den Weg nicht werfen, daß dieselbe mit Füßen
vertreten werde, dadurch der würdige Name Gottes möchte gelästert werden.
Denn ich erkenne gar wohl, was der Satan im Sinn hat. Aber mir ist gezeiget,
wie sein Fürnehmen muß zu scheitern gehen. 3.
Wiewohl eine schwere Finsternis zu fürchten ist, in welcher Zeit das Licht in
der Menschen Herzen erst recht grünen wird, wenn sie in großer Trübsal und
Verlassenheit werden stehen. Alsdann werden sie den Herrn suchen und er wird
sich finden lassen. 4.
Meine Schriften dienen nicht für den vollen Bauch, sondern für den hungrigen
Magen. Sie gehören den Kindern des Geheimnisses, zumal in denselben viel edle
Perlen verschlossen und auch offenbar liegen. 5.
Ich habe dieselbe auch nicht geschrieben für die Idioten oder für die Klugen,
sondern für mich selbsten und für denjenigen, an welchen Gott dieselbe wird
in Verstand geben. 6.
Dasselbe Gewächs stehet in Gottes Macht. Darum erkenne ichs auch nicht für
ein Werk meiner Vernunft, sondern für eine Offenbarung Gottes, und muß mir
hierinnen ganz nichts zugeschrieben werden. Deswegen behöret auch niemand
nach meiner Person zu trachten, um ein Wunder daran zu sehen. Er wird nichts
anders sehen als einen gar schlichten und einfältigen Mann, denn meine
Wissenschaft stehet in Gott verborgen. 7.
Und ob ich viel weiß und mir eine große Offenbarung ist gegeben, so weiß ich
doch auch wohl, daß ich all denjenigen, so nicht aus Gott geboren sind, stumm
bin. Darum bitte ich, mit meinen Schriften weislich zu handeln, auch meinen
Namen zu verschweigen, bis daß endlich die finstere Nacht kommt, wie mir ist
gezeiget. Alsdann soll das Perllein gefunden werden. Denn solang mein
Geliebter satt ist, schlummert er und liegt in dem Schlaf von dieser Welt.
Aber wenn ihn der Herr mit dem Sturmwind wird aufwecken und daß sie in
Ängsten stehen, alsdann schreien sie ängstlich zu dem Herrn und ermuntern von
dem Schlafe. Dann sollen diese Schriften stehen und in denselben die Perle
gesucht werden. 8.
Ich bitte und begehre auch, daß von wegen des Druckens außer meinem Willen
sich niemand bemühe, denn dasselbige geschiehet erst nach dem Ungewitter. 9.
Wollet solches allein in die Herzen der Weisen offenbaren, die ihr erkennet,
daß sie Gott liebhaben. An den andern ist es jetzo noch kein nütze. Denn
mancher suchet nichts anders als Böses und Hoffärtigkeit, dazu falsche
Klugheit, daß er sich mag sehen lassen. Darum bitte ich weislich zu handeln.
Mancher nimmt solches wohl mit Freuden an, aber er hat eine böse Wurzel. Er
vermeinet fromm zu werden, aber er lässet sich den Teufel halten und wird
hernach ein Spötter solcher Offenbarungen. Solches sage ich euch wohlmeinend,
nicht aus eigenem Wahn, sondern aus gegenwärtiger wahrer Erkenntnis. 10.
Es ist wohl was sehr Hohes angefangen mit einem neuen Buche (De triplici Vita Hominis)* doch mir
ist gewaltig vom Fürsten des Grimmes Widerstand getan. Also ist dasselbige
bis auf dato verhindert; ich verhoffe, daß es innerhalb kurzer Zeit solle
geschrieben werden, denn es ist ein Kraut, welches dem Teufel nicht schmecken
wird. Doch des Herrn Wille muß bestehen. *) Vom dreifachen Leben des
Menschen (1619/20) 11.
Ich hoffe, daß ihr selbst werdet zu mir kommen. Als dann wollen wir uns
ergötzen. Die Gnade Jesu Christi sei unser Gruß und stete Erquickung! 8. Sendbrief
An
Herrn Paul Kaym, kaiserlicher Zolleinnehmer zu Liegnitz, vom 14. August
1620.* *) Dieser Sendbrief stellt den 1.
Teil des Traktats Unterricht von den letzten Zeiten (Informatorium
Novissimorum) dar. Licht,
Heil und ewige Kraft aus dem Brunnquell des Herzens Jesu Christi sei unsere
Erquickung! Ehrenfester,
wohlgeachteter Herr und guter Freund, in Erleuchtung des Hl. Geistes und in
der Liebe unsers Herrn Jesu Christi geliebter Bruder! 1.
Euer datiertes, unterm 20. Juli an mich getanes Schreiben samt der Beilage
der zwei Büchlein habe ich von Herrn Carl von Ender empfangen und darinnen
vernommen, wie ihr etlicher meiner geschriebenen Büchlein von der Weisheit
Gottes empfangen und gelesen habet und wie ihr berichtet, euch derselben
erfreuet, gleichsam auch große Begierde und Lust dazu traget und in
dergleichen Übung der Weisheit Gottes seid. 2.
Welches mich meinesteils auch erfreuet, daß nunmehr die Zeit vorhanden, daß
der rechte göttliche Verstand in Zion wieder grünet und daß das zerbrochene
Jerusalem wieder soll erbauet werden und sich wieder das rechte Menschenbild,
welches in Adam verblich, in Zion mit rechter menschlicher Stimme merken
lässet, und daß Gott seinen Geist in uns ausgeußet, daß die edle Perle in des
Hl. Geistes Kraft und Licht wieder erkannt, gesucht und gefunden wird. 3.
Da wir dann klar sehen und erkennen, in welcher Blindheit wir also eine lange
Zeit sind in Babel irregegangen auf fleischlichen Wegen, da wir dann das
rechte Jerusalem verlassen und unsers Vaters Erbe schändlich verpranget auch
unser schönes englisches Ehrenkränzlein des schönen Bildnisses leicht
geachtet und in Teufels Schlamme gesuhlet und unter dem Schein göttlichen
Gehorsams mit der Schlangen gespielt und in lauter Irrwegen gewandelt. 4.
Welches uns jetzt das göttliche Licht unter Augen stellet und uns vermahnet,
mit dem verlornen Sohne wieder umzukehren und in das rechte Zion einzugehen,
nicht mit Wähnen der Historia, als hätten wir es ergriffen und verstünden das
wohl. Das ist nicht Zion, sondern Babel, die mit dem Munde Gott bekennet und
im Herzen an der großen babylonischen Hure, am Drachen der eigenen Hoffart,
Geiz und Wollust hanget, die sich will sehen lassen, als wäre sie Jungfrau. 5.
Nein, dieses ist nicht die Jungfrauschaft in Zion. Es muß Ernst sein. Wir
müssen in Zion aus Gott geboren werden und seinen Willen erkennen und auch
tun. Gottes Geist muß Zeugnis geben unserm Geist, daß wir Gottes Kinder sind,
nicht alleine im Munde der Wissenschaft sondern im Herzen, im Tun, nicht auf
einem gleißnerischen Wege ohne Kraft, welches der Teufel spottet. Sondern wir
müssen den Helm der Gerechtigkeit und der Liebe, auch der Keuschheit und
Reinigkeit anziehen, wollen wir mit dem Fürsten dieser Welt in Streit ziehen.
Er giebet auf einen äußerlichen Glanz nichts. Kraft muß ihn überwinden, auch
soll die Kraft in Wohltätigkeit leuchten. Also können wir um das
Ritterkränzlein streiten, denn wir haben einen gewaltigen Kriegsmann wider
uns. Er greifet uns in Leib und Seele und schläget uns bald zu Boden, und mag
anders nicht überwunden werden als mit Kraft in Demut. Die kann ihm sein
giftig Feuer löschen, damit er gegen uns und in uns wider das edle Bild
streitet. 6.
Darum, mein geliebter Herr und Bruder in Christo, weil ihr euch zu der
göttlichen Weisheit bekennet und in Arbeit derselben stehet, so ists billig
und recht, daß wir uns untereinander ermahnen, daß wir wacker werden, dem Teufel
zu widerstehen und uns den Weg, den wir wandeln sollen, stets unter Augen
stellen und auch darauf treten. Denn anders richten wir nichts aus. Haben wir
die Erkenntnis, daß die Welt in Babel blind sei und irregehe, so sollen wir
die ersten sein, die wir mit der Tat aus Babel ausgehen, auf daß die Welt
sehe, daß es ernst sei. 7.
Es ist nicht genug, daß wir Babel entlarven und tun eben das, was Babel tut,
damit bezeugen wir, so wir also tun, daß uns Gott zwar sein Licht lässet
leuchten, das wir sehen, aber wir wollen nur die Werke der Finsternis machen.
Und wird dasselbe Licht, das uns im Verstande leuchtet, ein Zeug nis über uns
sein, daß uns der Herr hat gerufen und hat uns den Weg gezeiget. Aber wir
haben den nicht wollen wandeln. 8.
Es ist wohl gut, daß wir Babel offenbaren. Wir sollen aber auch sehen, mit
was Geiste und Gemüte und in welcher Erkenntnis das geschiehet. Es ist wohl
gut eifern aber das Herze muß in Gott gerichtet sein und die Erkenntnis muß
aus Gott sein. Gottes Geist muß uns Zeugnis geben und unsere Gewißheit sein,
sonst laufen wir ungesandt und sind doch von Gott in unserm Laufen nicht
erkannt worden. So spottet nur der Teufel unser und führet uns in Irrwege.
Dazu beweiset die Schrift, daß uns unsere Werke und Worte sollen nachfolgen, Apok.14,14. 9.
Darum ist uns ernstlich zu betrachten, in was Geist und Erkenntnis wir die
hohen Geheimnisse angreifen. Denn der ein Böses will zerbrechen, soll ein
Bessers an die Stelle setzen, sonst ist er kein Baumeister Gottes, arbeitet
auch nicht in Christi Weinberg. Denn es ist nicht gut zerbrechen, so man
nicht weiß, wie das Gebäude wieder in eine bessere Form zu machen ist. Denn
Gott ist alleine der Baumeister der Welt. Wir sind nur Knechte. Wir müssen
eben zusehen, wie wir arbeiten, wollen wir Lohn empfahen und auch daß wir
sein Werk in seiner Schule gelernet haben und nicht laufen ungesandt, da wir
noch seines Werks nicht fähig sind, sonst werden wir unnütze Knechte erfunden
— so rede ich gutherzig und in ganzen Treuen, uns zu vermahnen, was wir tun
sollen, daß unsere Arbeit Gott angenehm sei. 10.
Denn die dunklen Geheimnisse sind uns anders gar nicht zu erkennen als im Hl.
Geiste. Wir können nicht Schlüsse über verborgene Dinge machen. Wir haben das
denn in wahrer Erkenntnis und befinden in Erleuchtung Gottes, daß es die
Wahrheit und Gottes Wille sei, auch daß es seinem Worte ähnlich sei und im
Licht der Natur gegründet. 11.
Denn ohne das Licht der Natur ist kein Verstand von göttlichen Geheimnissen.
Der große Bau Gottes stehet im Lichte der Natur offenbar. Darum, wem Gottes
Licht scheinet, mag alle Dinge erkennen, wiewohl die Erkenntnis nicht
einerlei ist, denn Gottes Wunder und Werke sind ohne Ziel, auch ungemessen,
und werden einem jeglichen offenbaret nach seinen Gaben. Denn dem das Licht
scheinet, hat eitel Freude an Gottes Werken. 12.
Auch so ist das Alte vor tausend lahren im Lichte so nahe und leicht zu
erkennen, als das heute geschiehet. Denn vor Gott ist tausend Jahr kaum als
für uns eine Minute oder Augenblick. Darum ist seinem Geiste alles nahe und
offenbar, beides das Geschehene und Zukünftige. 13.
Und so wir dann in seinem Lichte sehen, so sollen wir seine Wunder
verkündigen und seinen herrlichen Namen offenbaren und preisen, und nicht
unser Pfund in die Erde vergraben, denn wir sollens unserm Herrn mit Wucher
darstellen. Er will Rechenschaft von uns fordern, wie wir damit sind
umgegangen. Und ohne Erkenntnis soll keiner im großen Mysterio richten, denn
es ist ihnen nicht befohlen, sondern er soll also dahin arbeiten, daß er das
wahre Licht erreiche, so arbeitet er recht in Gottes Schule. 14.
Denn es finden sich viel Richter, die da wollen im Mysterio richten aber sie
sind von Gott nicht anerkannt. Darum heißet ihre Schule Babel, eine Mutter
der Hurerei auf Erden, die mit Gott und auch dem Teufel buhlen, und nennen
sich doch Christi Hirten, und sind doch nicht gesandt, viel weniger von Gott
erkannt, sondern tun es um des Bauchs und Ehren willen. Und erlangeten sie
das nicht in ihrem Hurenlauf, sie liefen nicht. Das rechte und hochteure Mysterium
Gottes haben sie zu einem Ministerium ihrer Hurerei und Wollust gemacht.
Darum nennet es der Geist Babel, eine Verwirrung, da man einen heuchlerischen
Gottesdienst treibet und Gott mit der Zungen bekennet und mit der Kraft
verleugnet, da man mit dem Munde Gott heuchelt und mit dem Herzen mit dem
Drachen in der Offenbarung Jesu Christi buhlet. 15.
Solche sollen wir nicht sein, wollen wir das göttliche Mysterium erreichen
und des Lichtes fähig sein, sondern unsern Weg gänzlich in Gott richten und
uns ihm ergeben, daß Gottes Licht in uns leuchte, daß er sei unser Wissen,
Erkennen, Wollen und auch Tun. Wir müssen seine Kinder sein, wollen wir von
seinem Wesen reden und darinnen arbeiten. Denn keinem Fremden, der sein Werk
nicht lernet, giebet er sein Werk zu treiben. 16.
Euer Büchlein habe ich überlesen und darinnen befunden euren großen Fleiß mit
viel Arbeit, indem ihr die Sprüche der Hl. Schrift mit großer Menge
zusammengetragen. Verstehe auch, daß euch das ein großer Ernst sei und wollet
gleich hiermit die dunklen Terminos und Örter von der letzten Zeit, auch von
der ersten Auferstehung der Toten und dann den tausendjährigen Sabbat damit
bewähren und darstellen, auch die Zerbrechung Babels und das neue Gebäude in
Zion, davon die Schrift an vielen Orten redet, offenbaren und an Tag
stellen.* *) Paul Kaym gab eine Auslegung der
Johannes-Offenbarung 17.
Was anlanget Babel, wie die gewachsen und wie sie wieder soll zerbrechen, ist
mehr am Tage, und ist der Zerbrecher schon lange auf der Bahn. Er hat schon
lange angefangen, ohne daß mans sehen will. Man schreiet Mordio und ist doch
kein fremder Feind, sondern es ist nur die Turba (Verwirrung) die mitten in Babel in ihren Lastern und
Ungerechtigkeiten gewachsen ist. Die hat das Ziel funden. Und zerbricht nur
das, was lange nichts getauget hat, was man hätte sollen zu allen Zeiten
verwerfen. 18.
Da man hätte sollen Gott lieben und ehren und seinen Nähesten als sich
selber, so hat man den schändlichen Geiz, List und falschen Trug unter einem
gleißenden Scheine an Gottes Stelle gesetzet und den Falsch für Gott geliebet
und aus dem Mysterio eine lästliche Laster-Babel gemacht, da man uns mit
süßem Geschwätze und mit blinden Augen gefangen geführet. Alles nur im Trug
zu der großen Huren Herrlichkeit, daß sie hat damit ihren Hurenbalg gemästet
und über unsern Leib und Seele, auch Hab und Gut geherrschet. 19.
Dieses Hurenkind ist nun mit ihm selbst uneins wor den über dem großen Raube
und Ausbeute, und entdecket selber seine Laster und große Schande, daß wir
doch sehen mögen, was Gutes in ihr ist je gewesen, denn das große Laster
plaget sie, die sie hat getrieben und nichts Fremdes. Da siehet man jetzt,
wie ihre Hurerei mancherlei ist gewesen und wie uns der Teufel hat mit
mancherlei Netzen gestellet gehabt, und wie eine Hurerei wider die andere
läufet und sich feindet, beißet und tötet. Denn das große Wehe ist angekommen
und solle jetzt das große Übel gebären, das sie in sich ist schwanger worden.
Darum schreiet sie, denn das Wehe ist sie ankommen. Sie redet von dem Kinde, das
sie gebären soll als von Mord, Geiz und Tyrannei. Sie entblößet jetzt ihre
schöne Gestalt, wie sie im Herzen sei. Wer sie nun nicht kennen will, dem ist
kein Rat. 20.
Die Offenbarung saget: Gehet aus von ihr, mein Volk, daß ihr nicht ihrer
Plage teilhaftig werdet, denn sie hat in ihren Becher Greuel ihrer Hurerei in
Gottes Zorn eingeschenket. Den soll sie aussaufen; davon muß sie selber
zerbersten, Apok.18,4. Und das ists, das ich sage von Babel, daß sie eine
Hure ist und soll nahend zerbrechen. Sie soll sich selber zerbrechen, und
kein Fremder soll es tun. Der Geist ihres eigenen Lügenmundes ersticket sie.
Ihre eigene Turba zerbricht sie. Sie schreiet Rache und Mordio über Ketzerei,
und ist ihr doch nicht um Gott zu tun, sondern um ihren Hurenbalg. 21.
Wäre es ihr um Gott zu tun, so träte sie in sein Gebot und Willen von der
Liebe, da Christus saget: Liebet einander; dabei wird man erkennen, daß ihr
meine Jünger seid, Joh.23,35. — Nicht in Krieg und Lästern stehet Gottes
Reich oder in äußerlichem Glanz in guten Tagen. Gottes Kinder finden sich
darinnen nicht, sondern in Liebe, in Geduld, in Hoffnung, im Glauben unterm
Kreuz Christi. Da wächset Gottes Kirche in Ternarium Sanctum ein neuer
englischer Mensch im alten verborgen. Das ist meine gewisse Erkenntnis von
diesem Artikel kurz gefasset. In meinen Schriften werdet ihrs sehen. 22.
Zum anderen: Von Zion sage ich auch nach meiner Erkenntnis, wie mir es der
Geist zeiget, daß ja eine Änderung des Trugs kommen soll und Zion soll
gefunden werden, allein von den Kindern des Glaubens, nicht in gemein, daß
kein Gottloser sollte bleiben, denn der Treiber wird eine Ursache müssen
werden, daß Zion geboren wird. Wenn man sehen wird, wie Babel eine Hure ist,
so werden sich viel Kinder in Zion finden und den Herrn suchen. Aber der
Treiber wird hinter ihnen her sein und sie für Ketzer ausschreien, auch
verfolgen und töten und ihren Glauben üben. Und wo einer getötet wird, da
werden ihrer zehn, ja hundert aufkommen an dessen Statt. 23.
Aber das allgemeine Zion erscheinet erst in dem größesten Elende. Wenn Babel
zerbricht, so wird es wüste und elend stehen. So sagen dann die Kinder Zion:
Wie hat uns der Herr verlassen! Kommet doch und lasset uns sein Antlitz
suchen, lasset uns doch ausgehen vom Streite, haben wir doch unser Land
verwüstet, ist doch aller Vorrat hinweg; sind wir doch Brüder, warum streiten
wir? Wir wollen in eine Liebe treten und den Herrn suchen und nicht mehr
streiten und uns verderben. Wir wollen uns lassen genügen, sind wir doch
allhier nur fremde Gäste und suchen unser rechtes Vaterland. 24.
In dieser Zeit wird ja ein Zion erfunden und wird der Himmel seinen Tau, die
Erde ihre Fettigkeit geben, aber nicht dergestalt, als würde die Bosheit ganz
ab sein. Denn es soll triefen bis ans Ende, davon Christus saget: Meinest du,
daß Glauben werde auf Erden sein, wenn der Menschensohn kommen wird? Und ob
den Kindern Zion wohl wird eine feurige Rettung geschehen, daß sie werden
bleiben ohne des Teufels Willen, auch daß Gott wird große Dinge wirken als
bei der Apostel Zeit, so währets doch nicht ans Ende. Denn wie es war zur
Zeit Noahs, als der in die Arche ging, also soll auch sein die Zukunft des
Menschensohnes, wie geschrieben stehet Luk.17,26f. 25.
Daß aber der Hl. Geist in der Gläubigen Herzen werde in Zion sein, bekenne
ich und weiß es, denn Zion wird nicht von außen sein, sondern im neuen
Menschen. Es ist schon geboren. Wer das suchen mag, der suche sich nur selber
und gehe von dem alten Adam aus in ein neu Leben, er wirds finden, ob Jesus
in ihm geboren sei. Findet er das nicht, so gehe er nur in sich, so wird er
Babel und ihre Wirkung in sich finden. Die muß er zerbrechen und in Gottes
Bund treten. So wird Zion in ihm offenbar werden und wird mit Christo im
finstern Stalle geboren werden, nicht in Jerusalem, wie die Vernunft gerne
wollte, daß Christus in dem alten Esel gebo ren würde. Er soll Knecht werden
und dem neuen Menschen in Zion dienen. 26.
Daß aber in den vierhundert Jahren werden eitel güldene Wesen sein, davon
weiß ich nichts, ist mir nicht offenbaret. Auch so ist mir das Ziel der Welt
Ende nicht offenbaret und kann von keinen vierhundert Jahren sagen, denn der
Herr hat mirs nicht befohlen zu lehren. Ich stelle es seiner Macht heim und
lasse es denen, so es Gott möchte offenbaren. Dieweil ich solches noch nicht
habe ergriffen, so lasse ich mir an meiner Gabe genügen, verachte aber
niemand, so jemand eine Erkenntnis oder Befehl hätte, also zu lehren. 27.
Denn das vierte Buch Esras ist mir vor meinen Augen hiermit nicht genug, das
zu ergreifen. Ich warte aber meines Heilandes und freue mich dessen, daß ich
mag meinen Herrn finden. Wenn ich den habe, so verhoffe ich, nach Absterben
meines alten Adams mich in der stillen Ruhe Zions wohl zu ergötzen und in
meinem Gott zu harren, was der mit mir tun will in seinem und meinem Zion.
Denn wenn ich nur den habe, so bin ich mit und in ihm im ewigen Sabbat, da
kein Streit der Gottlosen mehr wider mich in meinen neuen Menschen gehen
kann. Das freue ich mich unterdessen in diesem elenden Hüttentale. 28.
Die erste Auferstehung der Toten zum tausendjährigen Sabbat, davon in der
Apokalypse stehet, Apok.20,4.5, ist mir auch nicht genug erkannt, wie daß es
damit bewandt sein mag, weil sonst die Schrift nichts davon meldet und
Christus sowohl seine Apostel dessen in andere Wege nicht gedacht als nur
Johannes in seiner Offenbarung. Ob das tausend solarische Jahr sein werden
oder wie es damit bewandt sei? Weil ichs aber nicht habe ergriffen, so lasse
ichs meinem Gott und denen, so etwa Gott solches möchte zu erkennen geben,
bis mir die Augen dessen Wesens, so es Gott gefiele, möchten eröffnet werden.
Denn es sind Geheimnisse, und ist dem Menschen ohne Gottes Befehl und Licht
nicht damit zu schließen. So aber jemand dessen von Gott Erkenntnis und
Erleuchtung hätte, möchte ich mich wohl lehren lassen, so ich dessen im
Lichte der Natur möchte Grund haben. 29.
Weil mir aber gebühret, meine Erkenntnis, soviel ich im Lichte der Natur
ergriffen, nicht zu bergen, so will ich etliche Meinungen, die mir bedenklich
sind, darsetzen, nicht schließen, sondern zu erwägen geben. Weil solches auch
schöne Lehren giebet und dem Menschen also zu forschen nützlich ist, will
ichs in guter Meinung tun, ob man könnte etwas näher kommen und vielleicht
dadurch möchte irgend ein Mensch, dem Gott die Gabe hätte gegeben, erwecket
werden, klarer zu schreiben. 30.
Als erstlich, obs auch gewiß sei, daß die Welt siebentausend Jahr müsse
stehen und tausend Jahr ein eitel Sabbat sein, nachdem Gott in sechs Tagen
alles geschaffen und am sechsten Tage gegen Abend die Ruhe angegangen, davon
die Juden ihren Sabbat am Freitage zu Abend anfangen und auch Elias saget,
daß die Welt sollte nur sechstausend Jahr stehen, und aber Christus saget,
daß die Tage um der Auserwählten willen sollen verkürzet werden, sonst würde
kein Mensch selig, Matth.24,22, welches ihr zwar zum Fall Babels ziehet und
zur Zeit Zions. 32.
Es lässet sich aber ansehen, als redet Christus vom Fall der Juden und von
der Welt Ende, und zeiget an ein Böses Ende. Dazu saget Christus, es soll zur
Zeit seiner Zukunft zum Gerichte sein als zur Zeit Noahs, da man werde freien
und sich freien lassen. So wissen wir ja wohl, wie es die Schrift bezeuget,
was zur Zeit Noahs ist für eine böse Welt gewesen, daß auch die Sündflut
mußte kommen und sie verderben. Dieses wollte nun einen schlechten Sabbat
anzeigen. Und ob man aber die Worte Christi von seiner Zukunft wollte anders
deuten, so würde es doch nicht genug zu bewähren sein, nachdem uns auch die
Jünger Christi nur immer das Ende nahe malen und Paulus saget, daß das Ende kommen
soll, nachdem der Antichrist würde offenbaret werden, II.Thess.2,1-3. 32.
Daß aber die Auferstehung der Toten und das Jüngste Gericht sollten von
zweien verstanden werden, als daß die Gerechten sollten zum tausendjährigen
Sabbat aufstehen und darunter auch etliche Gottlose, und daß Gog und Magog (Offb.20,8) erst sollten wider die Heiligen streiten am
Ende des tausendjährigen Sabbats, scheinet fast wider das Licht der Natur zu
laufen. 33.
Denn erstlich wüßte ich nicht, wie die erste Auferstehung geschehen müßte,
nachdem den Heiligen ihre Werke sollen nachfolgen vermöge der Worte Christi.
So wissen wir ja gar wohl, daß alle unsere Werke ins große Mysterium
eingesäet sind, daß sie erstlich in die vier Elementa gehen und dann in das
Mysterium und werden zum Gerichte Gottes behalten, da alles soll durchs Feuer
verzehret werden und die Figur dem Centro der Natur als der finstern Ewigkeit
heim- fallen. 34.
Sollen aber dem Menschen seine Werke in der ersten Auferstehung folgen, wie
ihr berichtet, so müßte ja Gott das Mysterium bewegen; das ist: er müßte sich
selber bewegen, welches das Jüngste Gericht andeutet, denn Gott hat sich von
Ewigkeit nicht mehr als zweimal beweget: eines in der Schöpfung dieser Welt
und zum andern in der Menschwerdung Christi nach seinem Herzen. So stehet die
erste Bewegung dem Vater aller Wesen zu und die andere dem Sohne nach Gottes
Herzen. 35.
Nun stehet noch offen die dritte Bewegung des Hl. Geistes, beides: in Liebe
und Zorn nach allen dreien Prinzipien, da alles soll in der Bewegung des Hl.
Geistes herwiederbracht werden, was je verdorben ist, und einem jeden sein
Behalter gegeben werden. Wie mögen dann die Toten in ihren Werken aufstehen
ohne Bewegung des Hl. Geistes, beides: in Liebe und Zorn, da doch des Lebens
Wiederkunft alleine in ihm stehet? 36.
Dazu wüßte ich nicht, wie die erste Auferstehung geschehen sollte, ob sie in
dem zweifachen Menschen, welches doch der Verstand nicht anders leiden kann,
geschehen sollte als im Bösen und Guten. Was könnten wir aber in dem für
einen vollkommenen Sabbat halten? Könnte doch Adam nicht also bestehen,
sollte dann der neue Mensch allein aufstehen, so wäre er nicht in den vier
Elementen in dieser Welt. Auch bedarf der neue Leib in Christo keiner
Auferstehung. Er lebet ewig ohne Not und Tod in Christo und wartet nur, wann
Gott wird das Mysterium bewegen, da er dann soll die Krone seiner Wunder und
Werke anziehen. 37.
Die Auferstehung ist also getan, daß das Mysterium soll wiedergeben, was es
verschlungen hat. Die Werke sollen den Menschen angetan werden, und er soll
damit durchs Feuer gehen und bewähret werden, was im Feuer bestehe oder
nicht. 38.
Nun wüßte ich nicht, wie das sollte zugehen mit der Wohnung auf Erden. Sollte
es auf paradeisische Art geschehen, daß der Mensch sollte aufstehen mit den
Wundern, so möchte es ohne Bewegung des großen Mysterii nicht geschehen, denn
euer Schreiben lautet, daß auch etliche Gottlose sollten mit aufstehen. Das
deutet an, daß das Mysterium müßte beweget werden, und in der Bewegung ist ja
die Anzündung. 39.
So nun das Mysterium beweget wird, so wirds nicht nur etliche regen, auch
nicht nur in einer Qual, zumal auch etliche Gottlose sollten mit aufstehen. 40. Daneben zeigt ihr an, sie sollen am Ende des sechstausenden Jahres
alle sterben, so müßte eine Wohnung auf Erden sein, da sich die gottlosen
Auferstandenen wieder freieten und baueten, deren nicht nur etliche nach
eurer Meinung, sondern nach der Schrift soviel als Sand am Meer sein sollen.
Wo wollten sonst Gog und Magog herkommen, oder wie wollten sie doch wider die
Paradeiskinder streiten? Denn in den Paradeiskindern ist kein Streit, auch so
wäre es nicht not, daß sie am Ende des sechstausenden Jahres stürben, so sie
sollten im zweifachen Leibe aufstehen, wie wir jetzt sind. 41.
Sollen sie dann im neuen Leibe aufstehen, so kann kein Gottloser denselben
weder sehen noch greifen, gleichwie wir jetzt das Paradeis nicht sehen. Also
ist auch der neue Leib; wider den mag kein Gottloser streiten. Oder warum
wollen sie streiten? Sind die Heiligen im Paradeis, so brauchen sie nicht der
äußeren Elemente, sondern nur des innern Elements, da alle vier in einem
liegen, so haben sie um nichts zu kämpfen, sondern sind in der Qualität
geschieden. 42.
Sollen dann die Gottlosen sterben und sollen auch wieder in den vier Elementen
aufstehen, das siehet viel wunderlicher. Sollen sie aber im geistlichen Leibe
aufstehen, so kann der nicht die vier Elementa begreifen, sondern den
Abgrund, und wären doch geschieden als Licht und Finsternis. Was hätte Gott
für einen Gefallen daran, daß er die Allerheiligsten wollte wieder in den
Streit und in die Qual der vier Elemente einführen, deren sie doch
abgestorben sind? Und sollten erst mit den Gottlosen in Streit ziehen;
vielmehr täten die andern billiger, die hier auf Erden um Christi willen
nichts gelitten haben, als die allhier auf Erden um Christi willen ihr Leben
haben verloren. 43.
Und ob man sagen wollte, sie werden nicht streiten, sondern der Herr für sie.
Was hätte aber Gott für einen Gefallen daran, daß er die Heiligsten aufweckte
und den Gottlosen wieder unter die Augen stellete? Oder möchte die Freude in
Abrahams Schoß nicht größer sein als diese in den vier Elementen, da von
Natur Streit ist? Sollen sie aber im Paradeis wohnen außer den vier
Elementen, so kann sie kein Streit rühren, auch kein Gottloser. 44.
Dazu, was wären die Gottlosen nütze auf Erden, so da ein Sabbat sein soll?
Ist doch ihre Qualität nicht in den vier Elementen, sondern im Abgrunde, wo
ihre Seele hingehet, wenn der Leib stirbet. Dazu sollten nur diese im Sabbat
wohnen, die um Christi willen wären gestorben, deren doch keine solche Zahl
sein mag, wie in der Apokalypse stehet, daß sie die Erde bewohneten; und
sollten die Gottlosen auch auf Erden wohnen und sollten den höllischen Sabbat
halten, welches alles wider das Licht der Natur läufet (sinnlos wäre). 45.
Dazu saget Christus: Sie werden freien und sich freien lassen wie zu Noahs
Zeit, auch sollen ihrer zwei in einer Mühle mahlen und ihrer zwei in einem
Bette schlafen, und soll eines angenommen und das andere verlassen werden,
wenn der Jüngste Tag kommet, Matth.24,39-42. Dazu sagt auch Christus, daß,
wenn er kommen werde, die Welt zu richten, werden ihn alle Geschlechter sehen
und vor ihm erschrecken, und die Gottlosen werden weinen und heulen und zu
den klugen Jungfrauen sagen, gebet uns von eurem Öle, Matth.25,8. 46.
Dieses alles zeiget an ein allgemein Warten des Jüngsten Gerichtes. Dann
sollen zur letzten Posaune ihrer zwei in einem Bette liegen, als ein Heiliges
und Gottloses, das zeiget keinen Unterschied an. Sollen sich die Heiligen mit
den Gottlosen mengen, so soll es wohl ein schlechter Sabbat sein. Wenn man
die Worte Christi und seiner Apostel ansiehet, so wollen sie sich nun gar
nicht dazu schicken, obgleich ein tausendjähriger Sabbat in der Apokalypse stehet;
der ist uns aber verborgen, und wissen nicht, wann der mag angehen oder
angegangen ist. 47.
Ist die erste Auferstehung paradeisisch, so könnte es wohl ohne unsern Bewußt
geschehen sein. Sie würden unter uns nicht wohnen, auch sich nicht freien
lassen, denn wir sterben einmal dem Manne und Weibe ab. Wir werden nicht
wieder als ein Mann oder Weib auferstehen, sondern in Engelsgestalt sollen
wir im Paradeis leben, Matth.13,43; 22,30. 48.
Dazu sollen die Gottlosen die Klugen um Öl des Glaubens in der Erscheinung
seiner Zukunft bitten. Und ihr schreibt, das Feuer Gottes, als der Zorn und
höllische Qual, soll in ihnen sein und sollen auf Erden in den vier Elementen
gequälet werden im Zorn Gottes, da doch der Zorn Gottes in den vier Elementen
nicht offenbar ist, denn es ist Böses und Gutes untereinander. 49.
Wie wird aber der, der dem Guten einmal abgestorben ist und keine guten
Gedanken haben kann, erst den die Heiligen um Glauben und Trost bitten? Das
zeiget vielmehr an, daß, wenn Christus kommen wird, die Welt zu richten, sie
noch alle im Fleische in den vier Elementen werden untereinander wohnen, da
eines wird angenommen werden und das andere verlassen und dem Gottlosen seine
Sünden werden, unter Augen treten in der Erscheinung des ernsten Angesichtes
Gottes im Feuereifer des ersten Principii, daß er wird erschrecken, und dann
erst wollen fromm werden. 50.
Und ob ihr gleich meldet, sie sollen nur aufwachen und nicht aufstehen, so
müßte man die Unverwesenen verstehen. So meldet ihr doch, sie sollen auf
Erden wohnen in den reinen Elementen und die Heiligen im Paradeis. Wenn das
so ist, so geschieht kein Streit mehr, sondern sie sind ewig geschieden. 51.
Sollen aber die Heiligen auf Erden im Paradeis wohnen wie Adam vor dem Falle,
und sollen die Gottlosen gegen sie stehen, so ist Gefahr bei ihnen wie bei
Adam, daß sie möchten wieder von irdischer Frucht essen, davon sie noch
einmal stürben. 52.
Sollen sie aber den Gottlosen tausend Jahr verborgen sein und auch den vier
Elementen, warum sollen sie dann erst am Ende in den vier Elementen
offenbaret werden? Daß Gog und Magog erst sollte mit den Paradeiskindern
streiten, das vergleicht sich weder mit der Schrift noch mit der Vernunft. 53.
Die erste Epistel an die Korinther am 15. lehret zwar von Christi und unserer
Auferstehung, aber nicht von dreien, sondern von Christi und dann von
unserer, denn, so saget er: Der Erstling ist Christus und danach wir, die wir
Christum angehören. Das ist die allgemeine Auferstehung. Und ob er gleich
saget: danach das Ende, so meldet er keine Auferstehung an mit dem Ende,
sondern das Ende ist unsere Auferstehung. Das ist vielmehr zu verstehen, als
daß er mit dem Ende eine andere Auferstehung oder Zeit meinete, denn nach
unserer Auferstehung kommet erst das Ende dieser Welt (1.Kor. 15,22,26). 54.
Die Toten sollen von ehe vors Gerichte treten, ehe das Ende dieser Welt und
der vier Elemente kommt, denn das Ende ist die Anzündung des Feuers und das
Letzte. 55.
Auch haben uns Christi Apostel und alle Lehrer von Gott immer das Ende nahe
vorgemalet. Denn Johannes in seiner Epistel 1.Joh.2,18 saget selber, daß wir
am Ende sind. Er saget wohl von der letzten Stunde; sollte aber der Gottlose
gewiß sein, daß er noch vierhundert Jahr hätte zum Ende, wie sollte er auf
seiner Kinder Reichtum trachten? 56.
Auch ist uns wohl nachdenklich des Endes, denn diese Welt ist eingeschlossen
in den Anfang der Schöpfung und dann ins Ende. Da die Schöpfung hat
aufgehöret, das ist alles im sechsten Tage vollendet worden. Und in einer
solchen Zeit soll vollendet werden das Geheimnis des Reiches Gottes. Und vor
Gott sind tausend Jahr wie ein Tag. 57.
Was aber anlanget den siebten Ruhetag, ob die Welt solle noch tausend Jahr
zur Ruhe stehen, ist uns Menschen verborgen. Wir können nicht gewiß
schließen. Wir müssens seiner Macht stehenlassen. Ich habe auch dessen keine
Erkenntnis, weil es die Schrift nicht klar giebet, wann die tausend Jahr
anheben oder was es für Jahre sind oder wie es damit bewandt sei. So lasse
ich es in seinem Wert, will aber niemand gewehret haben, so er dessen eine
gewisse Erkenntnis oder Befehl hätte, damit zu handeln, füge ich‘s euch
nachzusinnen in guter Meinung. 58.
Was aber mehrers darauf zu antworten wäre, findet ihr in meinen Schriften
genug. Wiewohl ich wohl eine ausführliche Antwort möchte stellen, so deuchte
mich es doch nicht genug zu sein, weil mir diese Erkenntnis nicht ist gegeben
worden; ich lasse es derowegen stehen, denn ich weiß, daß ich soll von meinen
Dingen Rechenschaft geben. Und übersende euch mit Zeiger (Name eines Briefboten) eure zwei Bücher wieder und tue
mich dessen bedanken. 59.
Anlangend das Ziel mit Babel, daß Babel sollte innerhalb des 1630. Jahres
ganz zerbrechen nach eurer Rechnung und wiewohl andere mehr dergleichen
schreiben, ist mir nicht genug erkenntlich. Mir ist zwar gegeben worden zu
erkennen, daß die Zeit nahe sei und nunmehr vorhanden, aber Jahr und Tag weiß
ich nicht, lasse es derowegen dem Rate Gottes und denen es Gott will
offenbaren. Ich kann ohne ein gewiß Wissen nichts schließen, sonst würde ich
vor Gott ein Lügner erfunden. 6o.
Ich warte aber meines Heilandes, was der tun will. Will er, daß ich es soll
wissen, so will ichs wissen, so nicht, so will ichs auch nicht wissen. Ich
habe meinen Willen, Erkenntnis und Wissen in ihn gestellet. Ohne ihn will ich
nichts wissen. Er soll meine Erkenntnis, Wissen, Wollen und Tun sein, denn
außer ihm ist eitel Fährlichkeit (totale Ungewißheit).
Der Mensch trifft schon das schwerlich, das er vor Augen hat, viel weniger
das Verborgene, es sei denn, daß Gott sein Licht sei. Gebe ich euch
wohlmeinende Antwort zu erwägen, wiewohl ich ein schlichter einfältiger Mann
bin und von keiner Kunst dieser Welt erboren; was ich aber habe, das ist
Gottes Gabe. Ich habe es nicht von Kunst oder Studieren, sondern vom Licht
der Gnaden, welches ich alleine gesuchet habe. Und ob mein Anfang zwar
einfältig gewesen wegen meines kindischen Verstandes, so hat doch Gott seit
der Zeit in seinem Lichte etwas in mir gewirket und mir meine kindischen
Augen eröffnet. 61.
Anlangend das Buch »Morgenröte«, welches
das erste ist, wäre an manchen Orten nötig besser zu erklären, denn der ganze
Begriff war noch zu der Zeit nicht in mir geboren. Denn wie ein Platzregen
vorübergehet, was der trifft, das trifft er — also ging es auch mit dem
feurigen Trieb, wiewohl mein Vorhaben gar nicht war, daß es jemand lesen
sollte. Ich schrieb allein die Wunder Gottes, so mir gezeiget worden, für
mich zu einem Memorial. Und es ist auch ohne meinen Willen ausgangen und ist
mir gewaltsam entzogen* und ohne meinen Bewußt publizieret worden. Denn ich
gedachte es mein Leben bei mir zu behalten und hatte keinen Vorsatz damit,
unter so hohen Leuten, wie geschehen, bekannt zu werden. Aber der Höchste, in
dessen Händen und Gewalt alles stehet, hatte ein ander Vorhaben damit, wie es
jetzt am Tage ist, daß es, wie ich berichtet worden, soll in vielen Städten
und Landen bekannt sein, welches mich zwar wundert und doch auch nicht
wundert, denn der Herr richtet sein Werk wunderlich und eilend aus, über alle
Vernunft. Und sollte er einen Hirten darzu brauchen, dieweil ihm die Kunst
und äußere Vernunft nicht will Statt und Raum geben, so muß sein Vorsatz doch
bestehen wider alles Wüten des Teufels. *) Vgl. Gerhard Wehr: Jakob Böhme
in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek 1971 (rm 179). 62.
Und wiewohl es ist, daß ich mir damit nicht viel guter Tage erschöpfet habe,
so soll ich doch auch seinem Willen nicht widerstehen. Ich habe allein
geschrieben nach der Form, wie mirs ist gegeben worden, nicht nach andern
Meistern oder Schriften. Und dazu ist mein Vorhaben je nur gewesen für mich.
Ob mirs wohl der Geist gezeiget hat, wie es er gehen werde, so hat doch mein
Herze nichts gewollt, sondern ihm das heimgestellet, was er wollte. Ich bin
auch damit nicht ohne Ruf gelaufen, und mich hat niemand bekannt gemacht,
denn ich auch mit Wahrheit wohl sage, daß es meine Bekannten zum wenigsten
wissen. Was ich aber jemanden gewiesen, das ist auf seine Bitte und emsiges
Begehren geschehen. 63.
Und dann ferner füge ich euch, dieweil ihr meine Schriften in Händen habet zu
lesen, daß ihr sie nicht wollet ansehen als eines großen Meisters, denn Kunst
ist nicht darinnen zu sehen, sondern großer Ernst eines eifrigen Gemütes, das
nach Gott dürstet, in dem der Durst große Dinge empfangen, wie der
Erleuchtete wohl sehen wird und ohne das Licht keinem recht kenntlich oder
begreiflich sein wird, wie es der Leser in der Tat also empfinden wird, und
hat doch auch leichter oder dem Verstande näher nicht mögen geschrieben
werden, wiewohl ich vermeine, sie sind helle und einfältig genug in einer
solchen Tiefe. So aber etwas wäre, das zu schwer sein wollte, könnte ichs
wohl etwas einfältiger fürbilden wenn mir das angemeldet würde. 64.
Es sind auch noch andere Büchlein mehr geschrieben worden von der Weisheit
Gottes, gar eines scharfen Sinnes, von der großen Tiefe der Wunder Gottes,
welche ich jetzt nicht zur Hand habe. 65.
Daß ich euch aber nicht eine ausführliche Antwort meines Bedenkens wegen
eurer Büchlein über den tausendjährigen Sabbat, auch der vierhundertjährigen
Zeit in Zion gebe, welches ihr mit vielen Zeugnissen der Hl. Schrift
vermeinet zu erweisen, ist dies mein Bedenken, daß ich nicht gründlich weiß,
ob sich auch dieselben Sprüche darauf beziehen. Denn es sind auch viel
Sprüche der Schrift, die sehen, als wollten sie nicht mehr als eine
allgemeine Auferstehung der Toten andeuten, und sind sehr helle, sonderlich
in den Worten Christi in den vier Evangelien, welche ich für die gewissesten
halte. 66.
Desgleichen hält sichs auch mit Zion, denn die Bosheit soll triefen bis ans
Ende, Dan.9,27. Und obwohl ein Zion sein wird, so ists doch nicht allgemein.
Es wird nur Babel zerbrechen und eine andere Gestalt bekommen. Aber es werden
nicht alle Kinder Gottes sein, welche sich Kinder in Zion nennen. 67.
Auch so habe ich des tausendjährigen Sabbats keine Erkenntnis, weiß es auch
mit der Schrift nicht genug zu gründen, denn man findet allezeit das
Widerspiel (Gegenteiliges). Man kann die Schrift
deuten, wie man will. So ich dann dessen keinen Befehl von Gott habe, lasse
ichs stehen und lasse einem jeden seine Meinung auf sein Verantworten, füge
ich euch treuherzig wohlmeinend und bin euch sonst in der Liebe Christi in
Treuen verwandt. 68.
Im 42. und 43. Blatte, als ihr vom Mysterio der abgeschiedenen Seelen etc.
schreibet, ziehet ihr Theophrasti (Paracelsus)
und anderer Meinung in einem Verdacht, als hätten sie nicht recht vom
Mysterio geschrieben. Das wäre besser gewesen, es wäre übergangen worden,
dieweil ihr derer Meinung nicht verstanden, wie ihr berichtet, und auch fast
also lautet. Ihr werdet in meinem Büchlein der »Vierzig Fragen« (Psychologia vera, 1620) vom
Jüngsten Gerichte und auch in andern Fragen genugsam Ausführung finden. Wenn
dieselben gelesen und recht verstanden würden, es dürfte fast keines tiefen
Suchens. Es ist darinnen helle genug, was das Mysterium sei, das Leib und
Seele begreifet, und wie es mit den abgeschiedenen Seelen eine Gelegenheit
habe beides mit ihrem Warten des endlichen Gerichtes und auch ihrer Wohnung
unterdessen sowohl ihrer Qualität und Unterscheid. Ich hätte vermeinet, es
wäre also tief und hoch gegründet, daß des Menschen Gemüt solle ruhen. Und so
ihr aber kein Gründlichers habet noch könnet darstellen, so bliebe es billig
in seinem Ort. Der tausendjährige Sabbat, auch die vierhundertjährige Zeit wills
meistern und in Verdacht ziehen. 69.
Aber könnten viel Einreden gefallen, mit welchem wir nichts gedienet, auch so
ist der Welt an der Offenbarung des tausendjährigen Sabbats nicht viel
gelegen. Weil wir dessen nicht genug Grund haben, so beruhete es billig in
göttlicher Allmacht, denn wir haben genug am Sabbat der neuen Wiedergeburt,
denn welche Seele denselben Sabbat erlanget, die wird nach Absterben des
irdischen Leibes Sabbats genug im Paradeis haben. Wir können das andere wohl
göttlicher Allmacht befehlen, was der mit uns tun will, wenn wir in ihm und
er in uns sein wird. Denn ich vermeinte, es sollte in Gott ein besserer
Sabbat sein als in dieser Welt. Auch so die Menschen sollten auf Erden im
Paradies wohnen, so müßte Gott herwiederbringen, was in seinem Fluche ist ins
göttliche Mysterium getreten, wie bei den »Vierzig Fragen« zu sehen ist. 70.
Daß ihr aber vermeinet, die Gerechten werden nicht vors Gerichte gestellet
werden mit ihren Werken, das läufet wider Christi Worte, der da sagte, es
soll alles durchs Feuer bewähret werden. Ich sage nicht: ins Gerichte, denn
das Gerichte ist in den Gottlosen; verstehet: das Zorngerichte, davon die
Schrift saget: Der Gerechte, oder wie Christus saget: wer an mich glaubet,
kommt nicht ins Gericht, Joh.5,24. Er verstehet hiermit des Gerichts
Qual(ität). Seine Worte lauten, daß sie alle sollen vors Gerichte treten und
ein jeder seine Sentenz (Richterspruch) hören; als die
Gottlosen: gehet hin, und die Frommen: kommet her, Matth.25,34,41. 71.
Auch so soll ein jeder im Mysterio seiner eigenen Werke dastehen und soll
nach den Werken gerichtet werden. So wisset ihr ja wohl, daß unsere Werke in
dieser Welt sind in Böse und Gut geschöpfet worden und sollen im Feuer Gottes
bewähret und geschieden werden. Wie werden sie dann den Heiligen in der
Auferstehung zum Sabbat ohne Entschieden nachfolgen und sie darinnen Sabbat
halten? Sollen sie ihnen aber nachfolgen, so müssen sie im Feuer probieret
und geschieden werden. Alsdann brauchen sie nicht mehr vor das Gericht.
Sollen sie aber ohne ihre Werke Sabbat halten, so sind sie nicht vollkommen. 72.
Wenn wir wollen vom Paradeis reden und das ergrei fen, so müssen wir scharfe
Augen haben, das zu sehen, denn die innere Welt des Paradeises und die äußere
Welt hangen aneinander. Wir haben uns nur aus der innern in die äußere
gewendet und wirken also in zwo Welten. Der Tod kann unsere Werke nicht
scheiden. Es muß es nur das Feuer Gottes tun, denn sie bleiben in einem
Mysterio bis ins Gerichte Gottes. 73.
Ein jeder Mensch soll zur Stunde der Auferstehung in seinem eigenen Mysterio
dastehen und seine Werke im Mysterio vor sich sehen und in ihm fühlen. Es
heißet nicht, mit Worten sich verantworten, denn das Reich Gottes stehet in
Kraft. Und obwohl der Gottlose wird über seine Greuel und seine Verführer
wehe schreien, so stehet doch einem jedem sein Werk in Kraft dar, das ihn
auch wird erfreuen oder quälen. 74.
So ist aber der alte Leib dieser Welt das Principium dieser Welt und der neue
Leib das Mysterium der göttlichen Lichtwelt. Und die Seele ist das Mysterium
Gottes des Vaters. Und die Erde mit den Elementen haben auch beide Mysteria,
die sollen beweget werden durchs Principium des Vaters. Allda werden alle
Türen der Geheimnisse aufgehen und wird ein jedes seine Figur geben, welche
es verschlungen hat, und darstellen. Denn das Principium der Seelen muß mit
beiden Mysterien vor Gerichte stehen. 75.
Wohl dem nun, der Christi Leib im Mysterio der Grimmigkeit wird haben. Dem
stehet das Seelenfeuer oder das Principium des Vaters mit der Lichtwelt als
mit dem andern Principio umgeben und mit der Majestät durchleuchtet. Die
werden keine Qual noch Übel fühlen. Sie gehen ohne Fühlen durchs Feuer, da
dann das äußere oder dritte Principium soll probieret werden und alles
Irdische oder Falsche im Feuer bleiben und aber die Werke im Feuer renovieret
werden, da sie der irdischen Qual und Dunkelheit erledigt werden. Da bleibet
das irdische Mysterium im Feuer und ist eine Speise des Feuers, daraus das
Licht urständet, und verlieret der Gerechte nichts. Denn die Werke der Liebe,
so im neuen Leibe, sind erboren worden, die gehen mit dem Seelengeiste durchs
Feuer und bleiben in dem göttlichen Bildnis im Lichtqual und die vom dritten
Principio als von dieser Welt in der Seelen Feuerqual. 76.
Was aber ganz böse im dritten Principio gemacht ist worden und aber in dieser
Welt nicht ist renovieret worden durch ernste Buße und Vertrag gegen seinen
Bruder, das fället dem Centro der Natur als der Wurzel oder der finstern Welt
heim. 77.
Aber der Gottlosen Werke werden im Feuer gar nicht können bleiben, denn das
Feuer schlinget die in sich ins finstere Centrum als in Urstand der Natur,
darinnen die Teufel wohnen. Und also dahinein gehet auch ihr Seelenfeuer als
das Principium des Vaters, denn dasselbe Seelenfeuer wird keine Materiam zum
rechten Feuerbrennen haben, sondern wird als ein erloschen, finster,
ängstlich Qualfeuer sein, nur als eine Angst zum Feuer. Das heißet Gottes
Grimm und nicht Principium, ein Sterben oder sterbende Qual. 78.
Denn das Principium des Vaters, da die rechte Seele inne stehet, ist ein
angezündet Feuer, das da Licht giebet, da im Lichte das edle Bildnis Gottes
stehet. Denn dasselbige Licht sänftiget das brennende Feuer mit der Liebe
Wesenheit, daß es nur ein Wohltun und Ursachen der Natur und des Lebens ist. 79.
Darum sage ich euch, daß ihr euch nicht sollet wundern oder das in einen
Mißverstand ziehen, wenn ich oder ein anderer, es sei gleich Theophrastus (Paracelsus) oder wer es sei, schreiben, daß der Mensch
soll in seinem hier gehabten Leibe vor Gerichte stehen. 80.
Ich merke gar wohl, daß ihr meine Schriften noch nicht habet verstanden. Im
Buche »Vom dreifachen Leben« und
dann im Buche »Von der Menschwerdung
Jesu Christi«‘ und im andern Teil von der »Menschwerdung«, das da handelt von Christi Leiden, Sterben und
Auferstehen, wie wir in Christi Tode müssen eingehen und aus seinem Tode
auferstehen; — in denselben Büchern werdet ihrs scharf genug erkläret und
ausgeführet haben. Weil ihr die noch nicht in Händen habet, wollet ihr euch
gedulden, möget sie vielleicht zu lesen bekommen. Alsdann werdet ihr eures
Kummers und tiefen Forschens auf solche Weise wohl ledig werden. 81.
Denn sie gründen alle gar viel tiefer, als euer Begriff in diesem ist. Leset
sie nur recht, ihr werdet wohl finden, was Mysterium ist, was der magische
Grund und Ungrund ist, auch was das Wesen aller Wesen ist. Es bedarf keines
Ratsch von einem oder dem andern. Wer das große Mysterium verstehet, daraus
alle Wesen sind gangen und noch gehen, der lässet sich um solche Weiterung unbekümmert. 82.
Ihr habet euch eine ganz harte Arbeit fürgenommen, welche nur euer Leben
bekümmert, frisset und verzehret. Es bedürfte es gar nicht. Wer Mysterium
Magnum findet, der findet alles darinnen. Es bedarf keines
Buchstabenbeweises. Es lieget Gott, Christus und die Ewigkeit mit allen
Wundern darinnen. Der Hl. Geist ist der Schlüssel dazu. Seid ihr in der neuen
Geburt, wie ihr meldet, so bedarfs keines so schweren Suchens mit solcher
schweren Arbeit. Suchet nur Christum in der Krippen, im finstern Stalle. Wenn
ihr den findet, so werdet ihr wohl finden, wo er zur Rechten Gottes sitzet. 83.
Forschen allein tut es nicht. Lapis Philosophorum ist gar ein schwarzer,
unansehnlicher Stein mit grauer Farbe. Aber es lieget die höchste Tinktur
darinnen. Wollet ihr Mysterium Magnum forschen, so nehmet nur die Erde mit
ihren Metallen vor euch, so werdet ihr wohl den kabbalistischen Grund finden. 84.
Und die tiefen Zahlen der Verborgenheit, welche sonst kein Mensch ergründen
mag, liegen alle im Mysterio. Aber der es findet, forschet nicht nach Zahlen,
er nimmt Gott für Erden und tut als einer, der einen köstlichen Schatz an
einem dunkelen Orte liegen hat. Die Krippen und Windeln Christi sind ihm viel
lieber als die ganze Welt mit ihrer Figur. Er verbirget die Zahlen selber,
denn das äußere Reich soll seine Wunder verbringen. 85.
Warum soll das irdische Mysterium vor der Zeit bloß stehen? Forschet von den
Magis welche Magiam himmlisch und irdisch verstanden haben, warum sie haben
die Tinktur verborgen gehalten und nicht offenbaret. Anders ist keine
Ursache, als daß ihr die Welt nicht wert ist. Darum hat sie uns Gott
verborgen, auf daß das irdische Mysterium alle seine Wunder in uns verbringe
und daß alle Schalen des Zornes Gottes in uns ausgegossen werden. Wie wollte
sich denn ein Mensch wagen solche Geheimnisse zu offenbaren, ohne des
Mysterii Einwilligung? Wahrlich, er gehet um das Mysterium von außen, kommet
er aber hinein, so hat er auch des Mysterii Willen. 86.
Der äußere Trieb zum Mysterio zu offenbaren kommet vom Gestirne, denn es
wollte der Eitelkeit gerne los sein, und treibet mächtig in den magischen
Kindern zur Offenbarung. Darum sollen wir den Trieb prüfen, ob er aus Gottes
Licht von Gottes Geist sei oder vom Sternenregiment. 87.
Denn der Geist Gottes redet bloß von seinem Mysterio. Er zeiget nur die
Turbam (Irrtümer) an und lässet die Zahlen stehen.
Er hat das Mysterium mit der Macht des ersten Principii in den sieben
Gestalten der Natur (7 Naturgister) einmal bezeichnet zu
den Wundern Gottes. Und das andere Mal hat ers in der Liebe in der
Menschwerdung Christi bezeichnet mit den sieben güldenen Leuchtern und
Fackeln. Dabei bleibet es bis ins Gerichte. 88.
Es offenbaret sich eine jegliche Zahl selber zu ihrer Zeit. Es hat keine
Kreatur Gewalt darüber, sie zu offenbaren, denn auch der sie hat, darf nicht,
er tritt sonst aus der magischen Ordnung und wird dem Mysterio ein Ekel. 89.
Darum haben die Propheten und auch Christus alle in Gleichnissen geredet,
Matth.13,10 auf magische Art, und darf noch heute keiner, der des Mysterii
fähig ist! anders reden, es sei denn ein sonderlicher Vorsatz Gottes! da die
Zahl muß offen stehen, als Daniel, der die Zeit Christi mit seiner Zahl klar
deutet; der hatte es Befehl. 90.
Solches melde ich gutherzig und ganz vertraulich, auch in rechter
christlicher Liebe gegen euch, nicht aus Verachtung, sondern aus meiner
Erkenntnis und Gabe. Dieweil ihr solches von mir begehret, habe ich euch eine
kurze Andeutung gegeben, was in dem zu tun sei, und bitte, wollet es
brüderlich vermerken. Was ich euch aber mit meinen wenigen Gaben dienen mag,
so ihr dies ferner würdet begehren, soll willfertig geschehen, so ich aber
würde vermerken, daß euch die Sache ernst sein würde und daß solches zu
Gottes Ehren und menschlichem Heil dienen würde, und tue euch in die Liebe
Jesu Christi empfehlen, Datum Görlitz, ut supra. 9. Sendbrief
An
Christian Bernhard — Vom 12. September 1620. Licht,
Heil und ewige Kraft aus dem Brunnquell des Herzens Jesu Christi sei unsere
Erquickung! 1.
Ehrenfester, wohlbenamter Herr, in Christo geliebter Bruder! Euer an mich
getanes Schreiben samt dem darinnen liegenden Reichsthaler habe ich
empfangen; tue mich dessen bedanken. Gott wird solches vermöge seines Worts
reichlich erstatten. Wiewohl die Gaben Gottes um kein Geld und Gut zu kaufen
sind, so befind ich auch bei euch vermöge eures Schreibens einen ernsten
Fleiß, indem ihr der studien der göttlichen Weisheit begierig seid und
dasjenige, was mir Gott aus Gnaden gegeben, selbst emsig nachzuschreiben
einen Eifer bezeuget, und erkenne, daß es aus Dankbarkeit und Gehorsam gegen
Gott geschehen, derowegen ich es auch willig angenommen. 2.
Und ermahne euch brüderlich in Christo, euren angefangenen Lauf zu beherzigen
und nachzukommen und als ein standhafter Ritter wider die eigne äußerliche
Vernunft im Fleisch und Blute auch wider den Teufel und gleißnerische böse
Art mit starkem Vertrauen in Gott im eiferigen Geiste und Gemüte und in einem
stillen Leben zu streiten, damit ihr möget erlangen des edle Ritterkränzlein,
welches einem gottesfürchtigen jungen Gesellen sonderlich wohl anstehet und
vor Gott und seinen Engeln gar lieb ist, welches, so euch das einmal
aufgesetzet wird, ihr wohl innewerdet, was Gott ist und vermag; werdet auch
hernach nicht viel von anderen lernen dürfen so der rechte Lehrer in euch
selber ist, der alle Menschen lehret und sie bestätiget zu Gottes Kindern,
der aus dem Menschen lehret. Denn das Reich Gottes ist im Menschen, so der
aber in Christo wiedererboren ist. 3.
Wie ihr denn solches in meinen Schriften genugsam beschrieben findet, welche
nicht aus Tand oder Meinung entsprungen oder herkommen sind, sondern durch
einen solchen Weg, wie sie selber anzeigen und lauten: als von dem
ritterlichen Kampf, und was ich damit erlanget und überkommen habe, hab ich
mir solches zu einem Memorial und Andenken aufgeschrieben, auch um derer
willen, die Gott damit heimsuchen will und auch mit diesem Kränzlein krönen.
Wie mir denn solches zu erkennen gegeben worden, um welches willen ich nach
den hohen Gaben im Licht Gottes geschrieben habe und die äußere Vernunft als
eine Närrin niedergeschlagen, auch meines äußern Lebens und Ehren hiermit
nicht geschonet noch mich geschämet, indem mir viel Spott und Verfolgung zu
Lohn worden, ohne das, was mir noch mag bevorstehen. 4.
Ich lasse mir aber genügen. So ich mein Kränzlein mag von dieser Welt mit in
mein recht Vaterland heimbringen, so hab ich Ehre, auch Reichtums genug. Die
Schlange muß doch des Weibes Samen in diesem Leben immer in die Ferse
stechen. Im Kreuz und Trübsal müssen wir neu geboren werden. Denn wollen wir
mit Gott leben, so müssen wir auch mit ihm verfolget werden und mit ihm
sterben und in ihm begraben werden, auch in ihm aufstehen und ewig in ihm
leben, seinem Bilde ganz ähnlich werden und allein unter seinen Purpurmantel
zu ihm kommen. Er muß uns nur verdecken, sonst sind wir in des Teufels und
Antichrist Netze und stehen mit der babylonischen Hure ganz nackend und
beschämet vor Gottes Angesicht. 5.
Weil euch denn Gott allbereit euer Herz aufgetan, daß ihr mit andern Augen sehet,
so ist es hoch vonnöten fortzufahren und beständig zu bleiben. Denn der euch
krönen will, ist schon auf dem Wege aber ihr müßt die Anfechtung erdulden und
bestehen und der fleischlichen Vernunft nicht Raum geben, denn der Teufel
setzet dem Senfkörnlein, welches vom Hl. Geiste gesäet wird, heftig zu. Er
will es immer wieder verderben. 6.
Es gehet mit einem neugebornen Kinde Christi wie mit einem jungen Baume,
welcher leichtlich verdirbet. Wenn er aber wächset und stark wird, alsdann
kann er bestehen. Und ob ihm gleich manchmal ein Ast vom Sturmwinde
abgeworfen wird, noch bestehet der Stamm und bringet andere Äste. 7.
Es muß Ernst sein, mit dem Teufel zu streiten und den Zorn Gottes zu
überwinden. Die eigne Vernunft muß sich nur ertäuben und ertöten und in Gott
ergeben, auf daß Gott im Verstande des Menschen lebe, daß er sein Wille und
Tun sei. Anders ist kein Finden in göttlicher Weisheit; der Geist Gottes muß
sich nur im Menschen finden, daß das rechte Bildnis sein Werk und Wunder sei. 8.
Denn alles, was von Gott lehret oder redet ohne Gottes Geist, das ist nur
Babel, es gleiße, wie es wolle. Gottes Geist muß aus uns reden, soll unsere
Rede vor Gott tüchtig sein. 9.
Denn er vertritt uns selbst vor Gott, das ist: vor und in ihm selber. Er
führet unsern Willen-Geist mit und in sich selber in Gott und vereiniget uns
mit Gott und in Gott und bestätiget uns zu seinen Kindern in Christo. Er ist
es, der uns findet. Wir können ihn nicht finden. 10.
Aber sein Wille stehet gegen uns. Er hat in Christo beide Arme am Kreuze
ausgebreitet, uns zu empfangen. Wir sollen uns ihm nur einwerfen und aus der
Vernunft und Bosheit ausgehen; so wir das tun, so fallen wir in Christi Arme.
Allda suchet und findet er uns in ihm. Allda werden wir sein Eigentum und
sein Wohnhaus. 11.
Allda führet er auf unsern Willen-Geist und ist uns untertan. Und alles, was
wir dann machen und tun, das ist ihm lieb. Und alle dieselben Werke folgen
uns nach und sind unser ewiger Ruhm und werden uns angezogen als ein Kleid zu
Gottes Ehren und Wundertaten, um welches willen sich Gott zur Schöpfung des
Menschen beweget hat und um welches willen Gott Mensch ward, daß er uns
erlösete vom Übel. 12.
Weil ihr denn meine Schriften in Händen habet, so gebe ich euch zu verstehen,
daß ihr dieselben nur wollet kindlich und einfältig betrachten. So möget ihr
dann das Perllein darinnen finden, denn scharf Suchen alleine tut es allhier
nicht, sondern Wohlwollen und Wohltun, denn das Perllein lieget nicht im
Buchstaben, sondern wie oben gesagt. 13.
In diesem mitgesandten Buche (De
Triplici Vita Hominis) welches auch aus dieser Schule erboren worden von
diesem Autor, werdet ihr weitern Grund finden. So euch aber im Verstande
etwas zu schwer ist, wollt ich, so ihr mir das aufzeichnet, leichtern und
erklären, wiewohl ich verhoffe, eines mit euch selber mit hierin zu
besprechen. So es möchte Gelegenheit geben. 14.
Wegen der zwei andern Büchlein, als das Neue Testament und den dritten Teil
»Gnothi seauton«* wollet euch ein wenig gedulden, denn man hat sie jetzt
nicht bei uns, bis nach der Leipziger Messe habe ich Vertröstung. So sollen
sie auch geschicket werden. — Und tue euch in die brüderliche Liebe in
Christo empfehlen. *) Eine gleichnamige Schrift von
Valentin Weigel (1571) erschien 1615 und 1618 im Druck. Bei dem von Böhme
gemeinten »dritten Teil« dürfte es sich jedoch um eine sogenannte
pseudoweigelsche Schrift handeln; vgl. Winfried Zeller: Der frühe Weigelianismus, in: Theologie
und Frömmigkeit. Marburg 1971, 53ff. Der
Name des Herrn ist eine feste Burg. Der Gerechte läuft dahin und wird
erhöhet. J. B. 10. Sendbrief
An
Herrn Abraham von Sommerfeld und Falkenheim auf Wartha — 1620. Licht,
Heil und ewige Kraft aus dem Brunnquell des Herzens Jesu Christi sei unsere
Erquickung! 1.
Edel-gestrenger, ehrenfester Herr, neben Wünschung göttlicher Gnaden und
aller heilsamen Wohlfahrt gebe ich E.G. (Eurer Gestrengen) zur
Antwort: Nachdem mich E.G. Schreiber berichtet hat, welchermaßen E.G. einen
Wohlgefallen an meinen noch bishero unerkannten Schriften trage, daß mir
solchs in meinem Geiste noch viel ein größer Wohlgefallen und Freude ist, so
ich vernehme, daß Gott auch in so hohen Menschen sein Werk treibet und
führet, welches doch sonst in der Welt nicht gemein erfunden wird, denn die
zeitliche Ehre und Wollust dieses Lebens eine Verhinderung ist. 2.
Ich kann aber das gar wohl verstehen, welchermaßen ja Gottes Geist euer
adeliges Herze müsse rühren, indem ihr also Kosten und Mühe auf dieses Werk (Aurora) geleget habet, welches doch gar von einer
einfältigen Hand geschrieben ist, mit keiner Kunst oder großem Verstande,
sondern nur in Erkenntnis der Gaben Gottes, auch von dem Autore nicht also
vermeinet worden, daß es so hohen Leuten solle zu Händen kommen, dieweil er
es nur für sich selber zu einem Memorial und zu einer Aufrichtung des
finstern Schlafs in Fleisch und Blut geschrieben hatte; dazu mit keinem
Fürsatze, ein solches Werk zu machen. 3.
Es war wohl ein feuriger Trieb allda, aber ohne Vorwissen dieses Werkes,
welcher im Autor verborgen gelegen als ein Mysterium, welches Gottes Geist
gerühret, davon eine solche Lust und Begierde zu schreiben entstanden; und da
doch keine Kunst noch Geschicklichkeit im Autor nach dem äußeren Menschen
dazu war. Er suchte alleine das Herze Gottes, sich darein zu verbergen vor
dem Ungewitter des Teufels, und betrachtete die böse Natur und deren
Einflüsse und öfters des Teufels Trug und Gottes Zorn, und dann Gottes Liebe
und Barmherzigkeit; da dann ja mancher Sturm wider die Vernunft, auch wider
Fleisch und Blut und den Teufel ist gehalten worden und alles im gewaltigen
Trieb des Geistes, bis ihm ist zur Zeit gar ein edles Kränzlein aufgesetzet
worden, das diese Hand jetzt nicht beschreiben kann; wünsche vielmehr, daß es
dem Leser dieses Briefes auch geschehe. So würde er erkennen, was Gottes
Süßigkeit sei, und sich nicht so hart verwundern, daß ein Laie darf solche
Dinge anrühren. 4.
Also sage ich, als es dahin gelangte und das edle Senfkorn gesät ward, so kam
dieses Werk vor zu schreiben, welches dann gleich gar tief als in einem
Mysterio gesehen ward, aber mit gar großen Freuden, wohl nicht genug
begreiflich, als es denn das erste Buch (Aurora)
ausweiset, da die großen Geheimnisse noch gar einfältiger und nicht genug
ausführlich, auch noch in vielen Mängeln geschrieben worden sind und nur als
ein Regen vorübergehet. Was der trifft, das trifft er, also auch der Geist
der Wunder, zumal der Autor ein ungelehrter und wenig verständiger Mann war,
dazu fast wie kindisch in den Geheimnissen gegenüber die Erfahrenen und
Gelehrten, welcher auch den Weg noch nicht verstand, wie es gehen sollte,
ohne was ihm der Geist zeigete; da er ihm dann selber seine Verfolgung und
Schmach, so ihm würde zuhanden stoßen, mit aufgeschrieben hat, ehe die
Vernunft noch etwas gewußt. 5.
Und es geschah also klar, als stünde es vor Augen, wie im Buche »Morgenröte« als im ersten Teil seiner
Schriften zu sehen, welches alles vor der Verfolgung* gemacht worden, und mir
jetzt gleich einen Trost giebet, daß mir es der Geist Gottes zuvor hat
gezeiget, daß ich erkenne, was sein Rat in seinem Wege ist, da ich mich dann
auch ganz geduldig unter das Kreuze gegeben und meine Sachen Gott befohlen,
ihm auch gar viel geflehet, daß er solches, wo es nicht aus seinem Rat
herkomme, wollte von mir nehmen und mich nichts auf solchem Wege erkennen
lassen. *) durch den lutherischen
Oberpfarrer von Görlitz 6.
Hatte mich auch nach der Verfolgung entschlossen nichts mehr zu machen,
sondern als ein Gehorsamer Gott stillezuhalten und den Teufel lassen mit
seinem Spotte also über mich hinrauschen, indem dann so mancher Sturm gegen
ihn ist ergangen, und was ich gelitten, ich nicht wohl sagen kann. 7.
Aber es ging mit mir, gleich als wenn ein Korn in die Erde gesäet wird, so
wächst das hervor in allem Sturm und Ungewitter, wider alle Vernunft, da im
Winter alles wie tot ist, und die Vernunft spricht: Es ist nun alles hin. —
Also grünete das edle Senfkorn wieder hervor in allem Sturm, unter Schmach
und Spott, als eine Lilie und kam wieder mit hundertfältiger Frucht, dazu mit
sehr tiefer und eigentlicher Erkenntnis und mit feurigem Trieb. 8.
Aber mein äußerer Mensch wollte nicht mehr aufschreiben, sondern war etwas
blöde bis es auch dahin kam, daß der innere den äußeren gefangennahm, da dann
das größte Mysterium erschien. Da verstand ich Gottes Rat und warf mich
derowegen in Gottes Willen, wollte auch nichts denken oder dichten aus der
Vernunft. Auch ließ ich der Vernunft keinen Raum mehr und stellete meinen
Willen in Gottes Willen, also daß meine Vernunft sollte sein als tot. Und er,
der Geist Gottes, sollte machen, was er wollte. Ich wollte in der Vernunft
nichts sein, auf daß sein sei das Wollen und das Tun. 9.
Und als dies geschah, so ward der innere Mensch gewappnet und kriegte gar
einen teuren Führer. Dem habe ich meine Vernunft ganz heimgestellt, auch
nichts gesonnen oder der Vernunft zugelassen, was ich doch schreiben wollte,
ohne das, daß mir es der Geist gleich als in einer großen Tiefe im Mysterio
auf einem Haufen immer zeigete, aber ohne meinen genugsamen Begriff. Denn die
Kreatur ist nicht als Gott, der alles in seiner Weisheit auf einmal fasset
und tut. 10.
Und also ist wieder fürgenommen worden, etwas zu schreiben, und sind
innerhalben dreiviertel Jahr drei Bücher gemachet worden: eins »Von den dreien Prinzipien göttlichen
Wesens«, das ist: von dem Wesen aller Wesen, da dann das große Mysterium
sich etwas hat eröffnet, und sind gar feine Sachen darinnen, gar weit her als
in diesem (Aurora) begriffen,
welches das erste ist und mir E.G. mit hierher geschicket zu überprüfen, etwa
100 Bogen. 11.
Und nach diesem ist eines etwa von 6o Bogen gemacht worden, welches handelt »Vom dreifachen Leben des Menschen« und
von der ganzen Kreation, eine große offene Pforte des Mysterii und wohl ein
Wunder über alle Vernunft, dessen ich mich selber in meiner Vernunft
verwundere, was doch Gott tun will, daß er so ein gar schlechtes Werkzeug zu
solchen wichtigen Dingen brauchet. Denn es ist darinnen eröffnet das
Geheimnis, um welches die Welt seit des schweren Falles Adams hat gezanket
und immer gesuchet. Aber es ist kein solcher Grund ans Licht kommen, welches
doch nicht der Welt wird verstanden sein, sondern den Kindern Gottes, wie
erkannt worden. 12.
Und dann zum dritten wurden mit 40 Fragen von einem trefflichen Gelehrten*
und Verständigen, auch Liebhaber des Mysterii und einem großen Verwandten
desselben geschickt, und ward vermahnet, ihm ja nach diesen Gaben und Geiste
darauf zu antworten, welches zwar die allerhöchsten Fragen von dem Urstand
der Seelen und aller Heimlichkeit des Mysterii sind, von vielen großen und
tiefen Geheimnissen (Psychologia vera)**.
Darüber ist eine solche Antwort erboren worden, dessen sich wohl billig die
Welt sollte erfreuen, wenn des Teufels Zorn und Bosheit nicht das
verhinderte, wiewohl der Rat Gottes bestehen muß. *) Dr. Balthasar Walther / **) Vierzig
Fragen von der Seelen (Frühjahr 1620) 13.
Weil ich denn vernehme, daß E.G. adeliges Herze und Gemüte einen sonderlichen
Durst und Hunger nach solchem Geheimnis haben und nicht auf die Welt sehen
und solche Geheimnisse nicht verachten, so erkenne ich hierinnen den Rat
Gottes; und soll E.G. billig mitgeteilet werden. Denn den Kindern soll man
das Brot geben, die es wert sind, und die Perlen nicht vor die Säue werfen.
Denn mein Geist und Gemüte mir wohl zeiget, daß E.G. nicht nur nach Vorwitz
also danach trachtet, sondern aus Geistes Anregen, der öfters Petrum zum
Cornelio (Apostelgesch.10) führet, daß er ihm Worte
des ewigen Lebens sage, begierig ist. 14.
Und ob ich wohl ein fremder Mann bin, dazu ganz einfältig, dennoch macht mich
E.G. Begehren und Willen kühn, an E.G. zu schreiben, wiewohl mit einer
einfältigen Hand. Aber Gottes Gaben sind nicht an Kunst gebunden, vorab weil
ich erkenne, daß euer adeliges Herze also viel demütig erscheinet und zu mir
schicket, der ich doch gering bin. 15.
Dieweil aber dem also ist, so hat euer adeliges Herze auch von Gottes Geist
gewiß zu hoffen, daß er werde der Seelen Tür und Tor der Geheimnisse auftun
und einen rechten Verstand geben, seine Wundergaben zu ergreifen und zu
erkennen, welches ich euch denn von Herzen hiermit wünsche. 16.
Es wird auch E.G. etwas wunderlich vorkommen, denn es eifert an etlichen
Worten sehr hart, sonderlich über Babel und den Antichrist, der von Gott ist
erkannt worden in seinem Zorn. So sage ich doch, daß ich anders nicht habe
können noch dürfen schreiben, als mir es gegeben worden. 17.
Ich habe dem Geist immer nachgeschrieben, wie er es diktieret hat, und der
Vernunft keine Stätte gelassen; und erkenne es nicht für ein Werk meiner
Vernunft, welche allzu schwach wäre. Sondern es ist Gottes Werk; der hat
gezeiget, was er vorhat und was geschehen soll und geschehen ist, denn er
gehet aus dem Ungrunde in Grund und durchsuchet alles. Er prüfet Herzen und
Nieren und probieret der Menschen Gedanken. 18. Auch zeiget er hiermit an das endliche Gericht, daß er alle Wesen will
durch das Feuer probieren; und habe gar nicht können oder mögen schreiben
gleich auch im feurigen Trieb, ich setzte es denn, nachdem es der Geist
entwarf. Habe es derowegen für mich zu einem Memorial gemacht und habe weiter
keine Absicht damit. 19.
Weil aber E.G. beliebet, dasselbe zu lesen, so soll es übersandt werden mit
der Bitte, daß es E.G. wolle wieder schicken, denn ich will es für ein
Memorial behalten. Und bin dessen gewiß, daß, so euer adeliges Gemüte will
Gott die Ehre geben und fleißig lesen und diesen Weg ins Herz fassen mit
einer Begierde, den zu erkennen, daß euch Gott wird die Türe seiner Liebe im
Mysterio auftun und das schöne Kränzlein seiner Weisheit aufsetzen, welches
edler ist als der geschaffene Himmel und diese Welt. 20.
Denn es lieget der edle Stein Lapis philosophorum der Grund aller
Heimlichkeit darinnen: und ist dasselbe Kränzlein mit diesem Stein besetzt,
welches die Seele anziehet als ein Kleid, als einen neuen Leib in Gottes
Reich, darinnen sie Gottes Kind ist, mit welchem sie kann im Feuer Gottes
Zorns unverletzt bestehen; und kann darinnen den Teufel, Tod und die Welt
überwinden. Auch kann sie darinnen über das Gestirne und äußerliche Leben
herrschen, welches sonst der Vernunft nicht möglich ist. 21.
Denn es giebet Erkenntnis eines Dinges, das keiner Kunst möglich zu
erforschen. Es siehet durch Himmel und Erden und nimmt, da es nicht gesäet
hat. Es fraget nicht: Ist es wahr? Es hat das Zeichen der Wahrheit und
Gerechtigkeit in sich. Es hat alle Tugend so in der Hoffnung liegen. Es ist
keine Furcht des Zornes Gottes darinnen, sondern giebet gar eine fröhliche
Hoffnung und bekräftigt die und bestätiget die Seele zu Gottes Kind. 22.
Dieses Kränzlein ist eine Jungfrau und eine Zucht und Zierat Gottes, eine
Freude des Lebens. Es erfreuet das Gemüte in Trübsal und gehet mit dem
Menschen in Tod. Aber es hat kein Sterben in sich. Es lebet von Ewigkeit und
ist eine Führerin der Himmel und eine Freude der Engel. Sein Geschmack ist
köstlicher und lieblicher als alle Freude der Welt. Und wer es einmal
bekommet, der achtet es höher als aller Welt Gut. Sein ist nichts gleich als
nur die Gottheit. 23.
Aber es lieget in einem finstern Tale verborgen. Die Welt kennet das nicht.
Der Teufel rauschet darüber her wie ein Sturm. Er bedecket das, daß es öfters
die Vernunft nicht kennet. Aber es grünet zu seiner Zeit wieder hervor als
eine schöne Lilie mit vielfältiger Frucht. Es wächst in Trübsal, säet mit
Tränen und erntet mit großen Freuden. Es wird von Vernunft verachtet, aber der
es kriegt, hält es für seinen besten Schatz. 24.
Ein solches Kränzlein wird dem aufgesetzt, der es mit Ernst suchet und sich
ihm ergiebet und nicht seiner Vernunft in Fleisch und Blut, wie solches meine
Schriften anmelden. Denn was darinnen geschrieben ist, hat der Autor selber
erkannt. Es ist keine fremde Hand und Geist darinnen. Nicht schreibe ich mir
es zum Ruhm, welcher in Gott ist, sondern den Kindern Gottes zur Richtschnur
und daß sie wissen, was Gott für Lohn giebet denen, die auf ihn Vertrauen und
der Welt Spott nichts achten. 25.
Mich wundert auch gleich, wie E.G. und andere mehr in Schlesien meine
Schriften bekommen haben, denn mir derselben keiner bekannt ist. Und halte
mich doch auch also stille damit, daß die Bürgerschaft allhier (Görlitz) nichts davon weiß, ohne daß sie den ersten Teil
(Aurora), welcher mir gewaltsam
entzogen ward und aus Mißgunst verfolget von einer Person im Ministerio zu
Babel* habe hören für ketzerisch ausschreien. Und ist ihnen doch nicht
gegeben worden zu lesen, auch nie erörtert worden nach Gebühr, wiewohl ich
keines Menschen Ratschlag darüber begehret habe, auch noch nicht, sondern
Gott befohlen. *) der Oberpfarrer von Görlitz,
Gregor Richter 26.
Nun erkenne ich doch hiermit Gottes Weg und ver stehe, daß es nicht allein in
Schlesien, sondern auch in andern Ländern ist bekannt worden, ohne Vorwissen
des Autoris. Und muß eben sagen, daß der es hat verfolget, der hat es also
damit publizieret, denn mein Rat war, solches mein Leben lang bei mir alleine
zu behalten, und habe es auch nur für mich geschrieben. 27.
Was aber Gott in seinem Rate hat fürgenommen, steht jetzt im Lichte und wird
viel heller erscheinen, wenn die letzten zwei Bücher werden gelesen werden,
darüber ich mich dann mit dem äußern Menschen selber hoch wundere, was doch
Gott hiermit meinet und tun will. 28.
Zumal ich mich ganz unwürdig und unverständig erkenne, und aber doch dem
inneren Menschen die größten und höchsten Geheimnisse geöffnet werden, gebe
ich E.G. und andern Liebhabern Gottes in Demut nachzudenken. Denn ich ja
nicht sagen kann, daß es meines Verstandes und der Vernunft Werk sei, sondern
erkenne es für ein Wunder, darinnen Gott will große Dinge offenbaren. Da dann
meine Vernunft gleich auch mit zusiehet und sich immer mit verwundert, denn
ich habe diese Geheimnisse mein Leben lang nicht studieret, auch fast nichts
davon gewußt. Denn ich bin ein Laie und soll nun solche Dinge ans Licht
bringen, das allen hohen Schulen ist zu mächtig gewesen, gegen welche ich
doch ein Kind bin und weder Kunst noch ihre Weisheit habe, und muß schlechts
aus einer andern Schule schreiben. 29.
Und das noch größer ist, ist mir die Natursprache eröffnet worden, daß ich
kann in meiner Muttersprache die allergrößten Geheimnisse verstehen. Und
wiewohl ich nicht sagen kann, ich habe es ergriffen und gelernet, sondern
also lange als die Hand Gottes über mir hält, so verstehe ich es. So sie sich
aber verbirget, so kenne ich auch meine eigene Arbeit nicht und bin meiner
Hände Werk fremd geworden, damit ich doch sehen möge, wie gar unmöglich es
sei, Gottes Geheimnis ohne seinen Geist zu erforschen und zu halten. 30.
Darum ich mir denn auch nichts zuschreibe. Es ist nicht mein Werk. Ich
begehre auch keine menschliche Ehre. Darum ich bin nur ein schlichtes,
einfältiges Werkzeug. Gott tue und mache, was er will, das will ich auch. Und
was er nicht will, das will ich auch nicht. Will er, daß ich es soll wissen,
so will ich es wissen. Will er aber nicht, so will ich auch nicht. Ich will
nichts und tot sein, auf daß er in mir lebe und wirke, was er will. 31.
Ich habe mich in ihn geworfen, auf daß ich vor dem Teufel sicher sei. Und ob
ich der Welt muß den äußeren Leib und das Leben lassen, damit zu tun, was sie
will, und muß dem Teufel gestatten, über mich herzurauschen, so will ich doch
meinen inneren Menschen weder der Welt noch dem Teufel vertrauen, auch nach
dem inneren Menschen nicht tun, was die Welt will. Und obwohl mein äußerer
Mensch der Welt verpflichtet ist, — und der soll auch in seiner Pflicht aller
weltlichen Ordnung gehorsam sein und tun, was die äußere Pflicht antrifft, —
aber mein innerer Mensch soll alleine Gott gehorsam sein und nicht der Welt,
denn er ist nicht in der Welt, sondern hat sich gleich als tot gemacht, daß
Gott in ihm lebe, sei sein Tun und auch das Wollen. 32.
Wiewohl ich nicht genugsam sagen kann, daß es möglich sei, also zu leben, so
ist doch mein Wille also gerichtet. Den soll mir weder Welt noch Teufel
brechen. Und sollte mir mein äußer Leben Verschmachten, so will ich doch am
Willen hangen. Und ob öfters gleich die Vernunft spricht lauter Nein, und die
Versuchung mit Haufen, auch mit Schrecken und Drohen des äußeren Lebens
erscheinet, daß sich der Geist verbirget, als wäre alles tot und weg, so
bringet es doch allezeit neue Frucht, und dazu vielfältig. 33.
Solches habe ich aus der Ursache also nach der Länge vermerkt, daß E.G. mögen
erkennen und wissen, was ich für ein Mann sei und was der Anfang und Ursachen
meines Schreibens sei, auch aus welcher Kunst und Geiste es sei erboren
worden und zu welchem Ende, als nämlich nur für mich selber. Weil ich aber
sehe, daß fromme Herzen einen Durst danach tragen, so soll ich ihnen
christlicher und brüderlicher Art nach solches nicht verbergen, sondern Gott
befehlen, daß er in ihnen wirke und tue, was er will, als wir denn solches zu
tun schuldig sind. 34.
Endlich bitte ich, meines Namens bei den Gelehrten zu schweigen, denn ich
weiß wohl, daß ein alber Mann vor der Kunst spöttlich gehalten und verachtet
wird. Und wiewohl Gott seine Kinder auch unter ihnen hat, so achte ich es
doch nicht, daß es sollte nach meinem Namen genannt sein, denn Gott gehöret
die Ehre, der der Geber ist. Ich suche mir damit keinen Namen noch Ruhm,
sondern Christus ist mein Ruhm und mein Lohn, und gedenke dessen in jenem
Leben vor Menschen und Engeln Ruhm zu haben und mich in Christo mit den
Heiligen darinnen zu freuen, wie solches meine Schriften genugsam darstellen. 35.
Anlangend das Buch »Morgenröte«, so
mir E.G. hiemit geschicket zu überprüfen habe ich ein wenig durchlaufen und
befinde, daß es mein Werk ist und auch recht nachgeschrieben, allein daß
etliche Silben ausgelassen worden um Kürze willen, und aber doch dem
Verstande nichts genommen worden; und bin, soviel ich davon in Eil
durchgeblättert und einzeln gelesen, weil ich keinen Zusatz befunden, wohl
damit zufrieden. 36.
Aber die großen Geheimnisse stecken darinnen noch sehr tief im Mysterio, sind
vom Autore wohl erkannt worden, aber es war auf das erste Mal nicht wohl
möglich der Vernunft zu fassen. Ob es gleich in der Tiefe erkannt ward, so
war doch der Autor dieses noch gar ungewohnet. So ihm die himmlische Freude
entgegnete, so ward schlicht dem Geist nachgegangen. Aber die wilde Art ist
nicht alsobald neugeboren. Es wird gesäet ein Korn, daraus wächset ein Baum.
So die Kunst groß ist, so wächst der Baum desto eher und wird desto eher
erkannt. 37.
In den andern drei Büchern werdet ihr die Geheimnisse was heller haben und
also immer höher, ein jedes vom ersten an ist zehnmal höher gegründet, und
also das vierte ein fast heller Spiegel, da man das große Mysterium genug
sichtlich erkennt, jedoch nur desselben Kinder. Die Vernunft wird wohl blind
daran bleiben, denn Gottes Geist wohnet nicht im äußeren Principio, sondern
im innern und gehet vom inneren aus ins äußere, aber das äußere ergreift ihn
nicht. 38.
Ich bescheide aber E.G., daß das Buch »Morgenröte«
nicht ist vollendet worden, denn der Teufel gedachte Feierabend damit zu
machen, weil er sah, daß der Tag wollte darinnen anbrechen. Auch hat der Tag
die Morgenröte schon übereilet, daß es sehr licht ist worden. Es gehörten
noch wohl dreißig Bogen dazu. Weil es aber der Sturm hat abgebrochen, so ists
nicht vollendet worden, und ist unterdessen Tag worden, daß die Morgenröte
ist verloschen. Und ist seit der Zeit am Tage gearbeitet worden; soll auch
also bleiben stehen zu einem ewigen Gedächtnis. Weil der Mangel in den andern
ist erstattet worden, so ist der Mangel an diesem dem Feinde Schuld zu geben. 39.
Wiewohl ich niemanden will darunter geschätzet haben als den Falsch des
Teufels, welcher ein Feind alles Guten ist, der verwirret auch wohl Könige.
Wie will denn ein alberer Mensch in solcher Arbeit alsobald erkannt werden,
so man des gewiß ist, daß er ein Laie ist, dazu ungelehret. 40.
Es mag sich auch wohl der Allerklügste also an einer solchen Einfalt ärgern,
so er höret von solchen Wundern in so schlechter Einfalt reden, so denket er,
es ist aufgerafft Wesen (Willkür). Denn er verstehet nicht
Gottes Gaben weil man niemand kann ins Herze sehen. 41.
Will derowegen niemand turbieret (ärgern)
haben, sondern erkenne, daß Gottes Schickung also sei, sonst wäre dieses Buch
wohl noch im Winkel. Also ist es über meinen Bewußt und willen publizieret
worden und dazu von den Verfolgern selber, welches ich für eine
Gottesschickung erkenne. Denn die Leute, so es haben, habe ich nie erkannt.
Dazu habe ich es selber nicht, und ist mir doch nun schon zum viertenmal ganz
nachgeschrieben, zu Augenschein und in die Hände kommen, und sehe, daß es
andere Leute publizieren, welches ich für Wunder achte, daß das Korn wächst
wider des Feindes Willen. Aber was von Gott gesäet wird, kann niemand halten
noch erwehren. 42.
Was aber E.G. und andere Leute mehr etwa im Buche »Morgenröte« in Mißverstand ziehen und ihnen unrecht vorkommet,
dazu eine Erklärung gehöret, wird im dritten (De tripici vita) und im vierten Buche (Psychologia vera) genug erkläret. Da dann eine offene Pforte der
Geheimnisse aller Wesen erscheinet. Und ist nichts in der Natur, das nicht
möchte auf diesem Wege gegründet werden, denn es zeiget und öffnet den Stein
der Weisen zu allen Geheimnissen, beides: im göttlichen und irdischen
Mysterio. Es können alle Metallen der Erden mit diesem Verstande in den
höchsten Grad gebracht werden, aber nur von den Kindern der Magiae Gottes,
welchen es wird geöffnet werden. 43.
Ich sehe wohl dasselbe, aber mir gebühret nicht dasselbe anzurühren, habe
auch keine Kunst noch Handgriffe dazu, sondern stelle nur ein offen Mysterium
dar. Gott wird ihm schon seine Arbeiter erwecken. Bei mir suche niemand das
Werk. Und ob es etwas heller könnte geöffnet werden und auch heller ist
erkannt worden, so habe ich doch meinen Willen gebrochen und will nichts
schreiben, als nur wie es mir gegeben wird, auf daß es nicht mein Werk sei
und ich nicht der Turbae (dem Irrtum)
heimfiele. 44.
Und so E.G. etwas wollte lassen aus den allhie mitgeschickten Schriften
abschreiben, so tut dem Schreiber not, daß er ein gelehrter, verständiger
Mann sei, denn die Silben sind nicht alle genug ausgestrichen, auch nicht
nach der Grammatica. Es mögen auch wohl in vielen Worten Buchstaben fehlen,
auch öfter ein gemein Buchstab für einen Versal gesetzet sein, denn die Kunst
hat hier nicht geschrieben. Es hat auch keine Zeit gehabt zu bedenken nach
dem rechten Verstande des Buchstabens, sondern alles nach dem Geiste gerichtet,
welcher öfters ist in Eil gegangen, daß dem Schreiber die Hände wegen der
Ungewohnheit gezittert. 45.
Und ob ich wohl könnte etwas zierlicher und verständiger schreiben, so ist
dies die Ursache, daß das brennende Feuer öfters zu geschwinde treibet. Dem
muß die Hand und Feder nacheilen, denn es gehet als ein Platzregen. Was es
trifft, das trifft es. Wäre es möglich, alles zu ergreifen und zu schreiben,
so würde es wohl dreimal mehr und tiefer gegründet. Aber es kann nicht sein.
Und darum werden mehr als ein Buch gemacht, mehr als eine Philosophie, und
immer tiefer, also daß dasjenige, was in einer nicht hat mögen ergriffen
werden, in der andern gefunden werde. 46.
Und wäre gut, daß endlich aus allen nur eines gemachet würde, und würden die
andern alle weggetan, denn die Vielheit macht Streit und Widerwärtigkeit
wegen des zähen Begriffs der Leser, welche nicht wissen, den Geist zu
unterscheiden, der also wunderliche Sprache führet, da die Vernunft oft
meinet, es sei ihr widerwärtig, und ist doch in der Tiefe nicht widerwärtig. 47.
Aus welchem Mißverstande die große Babel auf Erden ist geboren worden, da man
nur um Worte zanket und lässet den Geist des Verstandes im Mysterio liegen,
welcher Ende und Zahl gefunden und der Turba heimgestellet worden ist. Denn
der Anfang hat das Ziel funden, und ist kein Aufhalten mehr. Es mags auch
keine Gewalt mehr dämpfen. 48.
Nicht rede ich von mir, sondern von dem, was der Geist zeuget, dem niemand
widerstehen kann. Denn es stehet in seiner Allmacht und lieget nicht an unserm
Wähnen oder Willen, wie das vierte Buch dieser Schriften hoch anzeiget,
welches gewaltig im Lichte der Natur gegründet ist, und an allen Dingen kann
erwiesen werden. 49.
Ferner bescheide ich E.G. das allhier in den mitgesandten Schreiben, daß, da
sich der Autor, wenn er von sich redet „Wir“ als zweifach zu nennen und dann
auch öfters Ich, daß in dem „Wir“ der Geist verstanden wird, und in dem
einfachen „Ich“ verstehet der Autor sich selbst, zur Nachrichtung um Argwohns
willen eröffnet. 50.
Und übersende E.G. hiermit den vierten Teil, als die »Vierzig Fragen«. Da
kann sich E.G. darinnen ersehen; und will künftig E.G. den andern und dritten
Teil auch schicken., so E.G. das wird begehren; und bitte mir dasselbige
ehester Gelegenheit wieder zuzuschicken, denn ich soll es demjenigen so die
Fragen gestellet hat, übersenden. 51.
Und tue E.G. der göttlichen Liebe empfehlen neben Wünschung, daß Gott euer
adeliges Herze wolle erleuchten und des Autoris Sinn und Gemüte recht im
innern Principio lasse erkennen, auch alle zeitliche und ewige Wohlfahrt hier
mit geben. Datum,
Görlitz, ut supra. J. B. 11. Sendbrief
An
Herrn Paul Kaym, kaiserlicher Zolleinnehmer zu Liegnitz, vom 19. November
1620.* *) Dieser i Sendbrjef ist der II.
Teil des Traktats Unterricht von den letzten Dingen (Novissimorum), vgl.
Sendbrief 8. Unser
Heil in Christo Jesu! 1.
Ehrenfester, wohlbenamter Herr, in Christo geliebter Bruder! Euer jüngst an
mich getanes Schreiben habe ich empfangen und abermals darinnen vernommen
euer entzündetes Gemüte in eurem vorhabenden und ernsthaft eingenommenen
Studio, daneben auch zweitens die ängstliche Begierde nach dem Lichte der
wahren Erkenntnis derselben, und dann zum dritten den großen Durst nach dem
Brünnlein Christi, in welchem das Gemüte gelabet, gesänftiget und befriediget
wird. Weil ich denn nicht weniger auch ein Schuldner meiner Brüder in der
Liebe Christi bin, so soll ich euch in derselben Liebe dartun, was ich
erkenne und mir gegeben ist, weil auch solches eure Begierde erfordert. 2.
Christus spricht: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben, wer in mir
bleibet, der wird viel Früchte bringen, denn ohne mich könnet ihr nichts tun.
Item: Wer an mir bleibet und meine Worte in ihm, der bringet viel Früchte.
Joh.15,5.7. 3.
In diesem lieget der ganze Grund und ist die einzige Wurzel zu dem Brünnlein,
daraus der göttliche Verstand fleußt. Kein anderer Grund ist zu der wahren
und rechten Erkenntnis in der Weisheit Gottes. Es hilft kein ander Suchen,
Studieren oder Forschen, denn ein jeder Geist forschet nur seine eigene Tiefe
und dasjenige, darinnen er sich entzündet. Und wiewohl es ist, daß er in
seiner Entzündung forschet, so findet er doch nicht mehr als des Dinges
Vorbild, gleich einem Schatten oder Traum. Das Wesen mag er nicht schauen,
denn so er das Wesen schauen will, so muß er in dem Wesen sein und das Wesen
in ihm, auf daß er dessen fähig sei und in dem Wesen selber sehe. 4.
So es aber denn nun ist, daß wir in Adam sind der göttlichen Wesenheit
abgestorben und gleich als blind und fremd worden, so ist kein Vermögen in
uns. Wir wissen in unserer Vernunft nichts von Gott als nur die Historie, daß
ein Gott sei. Denn seine Kraft fühlen wir nicht, und sein Licht sehen wir
nicht. Es sei denn, daß wir umkehren und werden wie die Kinder, die nichts
wissen, welche sich lassen pflegen und regieren, und wie ein Kind auf seine
Mutter siehet und sich nach ihr sehnet, welche es auch nähret und aufziehet,
also muß die äußere Vernunft ganz geblendet, niedergeschlagen und gedämpfet
werden und muß sich die Begierde in Gottes Gnade und Liebe einwerfen, nichts
achten das Widerfechten der äußern Vernunft, die da spricht: Es ist nicht
wahr; Gott ist ferne; du mußt ihn ersinnen; du mußt nach seinem Willen
forschen, wie er sich hat offenbaret, also und nicht anders will er erkannt
sein. 5.
Also richtet die äußere, gestirnete Vernunft, welche auch die ganze Welt
regieret, bis auf ein kleines Häuflein der Kinder Gottes. Christus sprach:
Ihr müsset in mir bleiben, denn ohne mich könnet ihr nichts tun, nichts von
Gott wissen, nichts Wahrhaftiges forschen; denn wer zu mir kommet, den will
ich nicht hinausstoßen; in mir werdet ihr viel Früchte bringen. — Nun wächset
ein jeder Zweig aus seinem Baume und hat des Baumes Saft, Kraft und
Eigenschaft und bringet Frucht nach des Baumes Eigenschaft. 6.
So muß nun ein jeder, der da will von Gott gelehret sein und will göttliche
Erkenntnis haben, in dem Baume, darein uns Gott durch die Wiedergeburt
gepflanzet hat, stehen; und er muß desselben Baumes Saft und Kraft haben,
sonst bringet er fremde, wilde Früchte, die nicht den Schmack des guten
Baumes haben. Wir müssen werden als ein Kind, das nichts verstehet, sondern
kennet nur seine Mutter und sehnet sich nach der. Wir müssen von der neuen
Milch der Menschwerdung Christi trinken, daß wir seines Fleisches und Geistes
teilhaftig werden. Seine Kraft und Saft muß unser Saft und Kraft werden. Wir
müssen in göttlichem Essen und Trinken Gottes Kinder werden. 7.
Nikodemus sprach: Wie mag das zugehen, daß ein Mensch mag im Alter anders
geboren werden? Joh.3,4. — Ja, lieber Nikodemus und liebe äußere irdische
Vernunft, wie mochte es zugehen, daß Adam, der doch ein vollkommen Bildnis
Gottes war, in seiner Vollkommenheit verdarb und irdisch war? Geschah es
nicht durch Imagination, daß er seine Sucht und Lust in das äußere gestirnte
und elementische irdische Reich einführete, da er dann auch alsobald in
seiner Begierde, Lust und Einbildung geschwängert und irdisch ward, davon er
in Schlaf der äußeren Magiae fiel. 8.
Also gehet es auch zu mit der Wiedergeburt. Durch die Imagination und
ernstliche Begierde werden wir wieder der Gottheit schwanger und empfahen den
neuen Leib im alten. Nicht mischet sich der neue mit dem alten, gleichwie das
Gold im groben Steine ein gar viel ander Ding ist, hat auch einen andern Geist
und Tinktur als das Grobe im Steine. Also ist auch der neue Mensch im alten.
Der grobe Stein weiß nichts vom Golde. Also auch weiß der irdische Adam
nichts vom göttlichen himmlischen Adam. 9.
Darum ist der Streit im Menschen und ist ihm der Mensch selber widerwärtig.
Der irdische Adam will sehen, fühlen und schmecken, aber er empfähet nur
einen Strahl und Vorbild vom inneren Menschen, der ja zu Zeiten etwas
schmecket, aber nicht essentialisch, sondern gleichwie der Sonne Licht die
traurige Finsternis verschlinget, da es scheinet, als wäre keine Finsternis
mehr da, und da die Finsternis doch wahrhaftig im Lichte verborgen bleibet,
welches offenbar wird, wenn der Sonne Licht weichet. 10.
Also verschlinget oft der neue Mensch in göttlicher Kraft den alten, daß der
alte meinet, er habe die Gottheit ergriffen. Aber er ist derselben in seiner
Essenz nicht fähig, sondern der Geist Gottes durchgehet den alten als den
neuen. Und so der wieder in sein Mysterium tritt, so weiß der alte nicht wie
ihm geschehen ist, suchet Wege zu Gott, forschet nach Gottes Vorsatz und
Willen, und er findet nur Tand und Meinungen, eifert in seiner Meinung, und
weiß nicht, was er tut. Er findet die Wurzel nicht, denn er ist nicht fähig
noch würdig. Das bewähret sein Sterben und Verwesen. 11.
Aber der neue Mensch, welcher im ernsten Willen und Vorsatze durch
Imagination urständet, der bleibet in der Ruhe Christi in dem Baume, welchen
Gott der Vater durch seine Bewegung, als er sich zum andernmal nach seinem
Herzen — das ist: mit der Geburt und Menschwerdung seines Sohnes — bewegte,
in die menschliche Seele pflanzete, steht und grünet im Leben Gottes. Er
wächset in der Kraft und im Safte der Weisheit Gottes in Gottes Leibe, der
empfähet göttliche Erkenntnis und Wissenschaft, nicht nach dem Maß des äußern
Willens, was der äußere Mensch wissen will, sondern nach dem Maß des innern
Himmels. 12.
Der innere Himmel zündet den äußern an, daß der Verstand das Äußere ergreifet
und verstehet. Denn mit der äußern Welt hat sich Gott, der da ist ein Geist
und auch ein Wesen, im Gleichnis geoffenbaret, auf daß sich der Geist im
Wesen schaue, und nicht allein das, sondern auch daß die Kreatur Gottes Wesen
in der Figur (Geistgestalt) schaue und erkenne.
Denn Gottes Wesen mag keine Kreatur außer sich selber schauen. 13.
Der Geist schauet Gott im Wesen und im Glanz der Majestät, und das an sich
und seinesgleichen, denn Gott ist selber der Geist aller Wesen, verstehet
aber: der himmlischen. So wir die göttliche Kreatur sehen, so sehen wir ein
Bild aus Gottes Wesen. Und so wir derselben Willen und Tun sehen, so sehen
wir Gottes Willen und Tun. 14.
Also ist auch der neue Mensch aus Gott geboren. Was der will und tut, das ist
Gottes Willen und Tun. Sein Wissen ist Gottes Wissen, denn ohne Gottes Geist
wissen wir nichts von Gott. Das Äußere kann nicht das Innere schauen. Aber so
das Innere das Äußere mit einem Blick in sich zeucht so ergreift das äußere
des innern Spiegel zu einer Andeutung, daß die äußere Welt aus der innern
urständet und daß uns unsere Werke sollen im Mysterio nachfolgen und durch
die Scheidung des Gerichtes Gottes durchs Feuer des Principii ins Ewige
gestellet werden, zu welchem Ende Gott die Engel und Menschen erschaffen als
zu seiner Wundertat, daß erscheine die Weisheit der göttlichen Kraft und daß
sich Gott in Bildnissen der Kreaturen schaue und seine Freude in sich selber
mit dem Geschöpfe aus seiner Weisheit habe. 15.
Also, mein geliebter Herr und Bruder, verarget mir nicht, daß ich scharf mit
euch rede. Ihr beklaget euch, daß ihr die göttlichen Geheimnisse nicht möget
allemal fassen und behalten, und meldet daneben an, daß ihr oft einen Blick
davon erlanget, auch daß euch meine Schriften schwer zu verstehen sind. 16.
Ich will es euch, nachdem ich von Gott Macht empfangen habe, dartun, wie das
Wesen eurer Heimlichkeit sei, welches ihr selbst auf jetzo nicht verstehen
möget. 17. Ihr meinet und wollets gerne in stetem Begriff
erhalten.
Derselbe Wille ist der äußern Welt. Die wollte gerne der Gottheit fähig sein
und der Eitelkeit los sein. Es mag aber nicht sein, sondern der Geist der
äußern Welt muß in steter Angst und im Suchen stehen, denn im Suchen findet
er die Wunder seiner Magiae als das Vorbild der innern Welt. 18.
Denn Gott beweget sich nicht immerdar, sondern das Sehnen und Ängsten der
Kreatur beweget das Mysterium, auf daß gesuchet und gefunden werde das Bild
der göttlichen Weisheit. Darum heißet uns Christus suchen und anklopfen und
verheißet uns ferner, das Perllein oder Kleinod im Suchen zu geben. Die
äußere Welt ist auch Gottes und aus Gott. Und der Mensch ist darum in die
äußere Welt geschaffen, daß er die äußere Figur in die innere einführe, daß
er das Ende in den Anfang bringe. 19.
Je mehr sich der Mensch nach Gott sehnet und nach ihm ächzet und strebet, je
mehr führet er aus dem Ende in Anfang, nicht alleine zu Gottes Wunder,
sondern auch zu seinem Selbst-Bau. Denn das Zweiglein am Baume dürstet immer
nach des Baumes Kraft und Saft und ängstet sich nach dem Baume, und zeucht
den in sich, zeucht sich aber damit selber auf, daß es ein großer Ast im
Baume wird. Also auch das ängstliche Suchen im menschlichen Mysterio reißet
das Reich Gottes in sich, davon Christus saget: Das Himmelreich leidet
Gewalt, und die Gewalt tun, reißen es zu sich. 20.
Eine Essenz, die nicht an sich zeucht, mag keinen Leib aufziehen, sondern
verhungert selber, wie man siehet, wie das Feuer der Kerze das Fette in sich
zeucht und verschlinget das in sich und giebet aber aus dem Verschlingen das
scheinende Licht. 21.
Also ist es auch mit dem Menschen. Er ist mit seiner ersten göttlichen
Wesenheit in die Finsternis des Todes eingeschlossen. Die hat Gott der Seelen
in Christo wieder aufgeschlossen. Nun ist die arme gefangene Seele dasselbe
hungerige magische Feuer. Die zeucht aus der Menschwerdung Christi wieder
dieselbe aufgeschlossene Wesenheit Gottes in sich, isset also Gottes Wesen,
schlinget das in sich und giebet aus demselben Einschlingen oder Zehren einen
Leib des Lichtes, der der Gottheit ähnlich oder fähig ist. Also wird die arme
Seele mit einem Lichtleibe bekleidet, gleichwie das Feuer in der Kerze. Und
in dem Lichtleibe findet sie Ruhe, aber in der Finsternis dieser Welt hat sie
Angst. 22.
Weil es aber denn nun ist, daß sie sich mit Adam hat das irdische Bild
angezogen, so muß sie das tragen, gleichwie das Feuer der Kerzen muß aus der
finstern Kerze brennen. Wäre die Seele mit Adam in Gottes Wesen blieben und
hätte nicht das irdische Bild angezogen, so brauchte sie das nicht tragen.
Nun träget sie das aus Pflicht, denn St. Paulus spricht: Welchen ihr euch zu
Knechten gebet in Gehorsam, des Knechte seid ihr, entweder der Sünde zum Tode
oder dem Gehorsam Gottes zur Gerechtigkeit. Röm.6,16. 23.
Hat die Seele das irdische Bild angezogen, welches nur Frucht zum Tode
wirket, und sich der Sünde zum Knechte eingegeben, so ist sie nun des Todes
und der Sünden Knecht. Warum lüsterte sie nach einem fremden Herrn, der über
sie herrschet? Wäre sie Kind blieben und hätte sich nicht lassen des Baumes
der Erkenntnis des Guten und Bösen zugleich gelüstet, so hätte sie nicht
dürfen beider Regiment tragen. Weil sie aber wollte sein, als Gott in Liebe
und Zorn ist nach beiden Prinzipien der Ewigkeit, so träget sie auch nun
beider Bildnisse und Gewalt und muß das Feuerbrennen dulden bis an den Tag
der Scheidung. 24.
Darum heißet es ein Kreuztragen, denn das magische Feuer, wenn das urständet,
so macht es in der Entzündung eine Kreuzgeburt und quetschet je eine Gestalt
der Natur die andere, das ist: eine ist der andern widerwärtig als süß wider
sauer und herb wider bitter und Feuer wider die alle. 25.
Hätte die Seele den Lichtleib allein lassen Herr sein und hätte nicht in das
äußere Reich dieser Welt als in Geist der großen Welt, in die Sterne und
Elementa begehrt und sich lassen der irdischen Frucht gelüstet, so wäre der
Grimm in ihr wie verschlungen gewesen. Es wäre keine Fühlung desselben
gewesen; weil sie aber ist aus der Sanftmut des Lichts und aus der Liebe
Gottes ausgegangen, so fühlet sie nun den Grimm der ewigen Natur. 26.
Also muß sie wieder zum Lichte arbeiten, daß sie das wieder erreichet. Und
darum stehet das menschliche Leben in solcher Angst, in schmerzlichem Suchen,
in steter Abstinenz. Es begehret immer wieder der göttlichen Ruhe, und wird
aber vom Grimme der Natur gehalten. 27.
Je mehr das Leben vom Grimme begehret zu fliehen, je heftiger wird der Streit
im Leben ohne das, was der Teufel in seinem Neste schüret und einführet,
durch seine giftige Imagination auch magische Einbildung und Einführung. Er
stellet immerdar der armen Seelen das magische Bild der giftigen Schlange vor,
daß dieselbe soll darein imaginieren und sich in derselben Gift entzünden,
welches dann auch täglich geschiehet. Also wird dann der Seelen Feuer ein
böses, giftigbrennend Schwefelfeuer. 28.
So aber die Seele von des Teufels Schlangenbildnis ausgehet und verwirft den
bösen irdischen Baum, das ist: Hoffart, Geiz, Neid, Zorn, Falschheit, und
lässet sich nicht danach lüstern, sondern machet sich in dieser Figur gleich
als wäre sie tot und wüßte sie nichts davon, wirft die böse Lust selbst von
sich und begehret der Liebe Gottes, ergiebet sich Gott in Gehorsam in seinem
Willen und Tun, daß er ihr Wollen und Tun sei, so fähet das göttliche Licht
in ihr an zu scheinen, und krieget ein Auge des rechten Sehens, daß sie ihre
eigene natürliche Gestalt mag sehen. Alsdann tritt sie in die schlichte
Demut. Sie will nichts, begehret auch nichts, sondern wirft sich in ihrer
Mutter Schoß als ein junges Kind, das nur seine Mutter begehret und sich
danach sehnet. Alle Kunst, Witz und viel Wissen achtet sie nicht. Und ob sie
viel weiß, so erhebet sie sich doch nicht in das Wissen, sondern lässet ihrer
Mutter Geist das Wissen, Wollen und Tun in ihr sein. 29.
Diesem edlen Seelenzweiglein, sage ich nach meiner Erkenntnis, scheußt (schießt) der Teufel in Kraft Gottes Zornes stets nach
der Wurzel als nach den Gestalten zum Feuerleben im ersten Principio, und
will den edlen Zweig immer verderben. Er scheußt immer seine bösen
Giftstrahlen der Seele in ihr magisch Feuer mit böser Lust und Gedanken und
giebet dem Seelenfeuer fremde Materiam zum Brennen, auf daß sie ja nicht möge
zum scheinenden Lichte kommen. Er dämpfet und wehret, daß sein Reich nicht
erkannt werde. Dawider wehret sich das edle Zweiglein und will nicht der
grimmigen finstern Qual. Er scheußt auf und grünet aus als ein Zweig aus der
wilden Erden, aber der Teufel schläget immer auf das zu. 30.
Und darum, mein geliebter Herr und Freund, ist ein solcher Streit im
Menschen. Und darum siehet er zuweilen das göttliche Licht als in einem
Spiegel, krieget auch bisweilen einen vollkommenen Anblick. Denn solange das
Seelen zweiglein sich mag des Teufels Gift erwehren, also lange hat sie das
scheinende Licht. Denn wenn das magische Seelenfeuer göttlicher Wesenheit,
das ist Gottes Leib, Christi Fleisch, empfähet, so gehet der Hl. Geist
augenblicklich als ein Triumph in der Seelen auf und aus, gleichwie er aus
Gott dem Vater durch das Wort oder Mund des Sohnes, als aus dem Herzen der
Hl. Dreizahl ausgehet aus göttlichem Wesen, also auch aus dem Wesen des edlen
Lilienzweigleins, das aus dem Seelenfeuer auswächset, welches ist das rechte
Bild Gottes. Denn es ist der Seelen neugeborner Geist, der Willengeist
Gottes, des Hl. Geistes Brautwagen, darauf er fähret in Ternarium Sanctum in
der englischen Welt. Und mit diesem obgemeldten Zweiglein oder Bilde sind wir
in Christo außer dieser Welt in der englischen Welt, davon der alte Adam
nichts weiß und das auch nicht kennet, gleichwie der grobe Stein nicht das
Gold kennet, das doch in ihm wächset. Die Porten der wahren Erkenntnis
vom dreifachen Leben des Menschen 31.
Der Mensch ist das wahre Gleichnis nach Gott, wie solches der teure Moses
bezeuget, nicht allein ein irdisch Bild, um welches willen Gott nicht wäre
Mensch worden und hätte sein Herze und Geist nach dem Fall in das vertäufet*
und einvermählet, sondern er ist urständig aus dem Wesen aller Wesen, aus
allen dreien Welten, als aus der allerinnersten Naturwelt, welche auch das
alleräußerste ist und die Finsterniswelt genannt wird, aus welcher urständet
das Principium der feuernden Natur, wie in meinem Buche »Vom dreifachen Leben« erkläret worden. Und dann zum andern ist er
aus der Licht- oder englischen Welt aus Gottes wahrem Wesen. Und dann zum
dritten ist er aus dieser äußern Sonnen-, Sternen- und elementischen Welt ein
ganz Bild nach Gott aus dem Wesen aller Wesen. *) eingetaucht; vgl. Jakob Böhme:
Von der Menschwerdung Jesu Christi, I Teil, Kap. 6,5. 32.
Sein erstes Bildnis stand im Paradeis in der englischen Welt. Er aber ließ
sich gelüsten der äußern Welt, als der Sternen- und Elementenwelt. Die hat
das edle Bild des innern Himmels in sich verschlungen und verdecket, und
herrschet nun in dem Ebenbilde als in seinem Eigentum. Darum heißets: Ihr
müsset neu geboren werden oder könnet das Reich Gottes nicht schauen. 33.
Und darum ist das Wort oder Herze Gottes in die menschliche Essenz
eingegangen, daß wir mit unserer Seelen können wieder einen neuen Zweig oder
Bild in Kraft des Wortes oder Herzens Gottes aus unserer Seelen gebären,
welcher dem ersten ähnlich ist. 34.
Und darum muß das alte Cadaver verfaulen und hinfallen, denn es ist nicht
tüchtig ins Reich Gottes. Es führet nur sein Mysterium in seinen ersten
Anfang, als seine Wunder und Werke, verstehet: in der Essenz des ersten
Principii, welches unsterblich und unvergänglich ist, als das magische
Seelenfeuer. Und nicht alleine dieses, sondern es soll auch das Ende in den
Anfang einführen und einigen. Denn die äußere Welt ist aus der inneren
ausgeboren und in ein greiflich Wesen geschaffen worden. Deren Wunder gehören
in den Anfang, denn sie sind in der Weisheit Gottes als in der göttlichen
Magia von Ewigkeit erkannt worden, wohl nicht im Wesen, aber im Spiegel der
jungfräulichen Weisheit Gottes, aus welchem die ewige Natur immer und von
Ewigkeit urständet. 35.
Und zu dem Ende stehet die arme Seele in dem Gefäng nis des Sternen- und
elementischen Reiches, daß sie soll ein Arbeiter sein und die Wunder der
äußeren Natur mit der Lichtwelt wieder einigen und in den Anfang einführen.
Ob sie sich nun muß quetschen und pressen lassen und viel leiden, so ist sie
doch der Knecht im Weinberge Gottes, die den göttlichen Wein zurichtet, der
in Gottes Reich getrunken wird. Sie ist die einige Ursache des Verstandes,
daß die Begierde im Mysterio arbeitet und die verborgenen Wunder Gottes
darstellt und hervorbringet, wie solches vor Augen ist, wie der Mensch alle
Wunder der Natur erforschet und eröffnet. 36.
Darum sollen wir uns nicht entsetzen, wenn oft das edle Bild verdecket wird,
daß wir nicht können Erquickung und Trost erlangen, sondern wir sollen wissen,
daß alsdann die arme Seele ist in den Weinberg gestellet worden, daß sie soll
arbeiten und die Frucht auf Gottes Tisch tragen. Es ist ihr alsdann ein Zweig
des Weinstocks oder die wilde Rebe gegeben worden. Die soll sie zurichten,
bauen und ins göttliche himmlische Mysterium einpflanzen. Sie soll es mit dem
Reiche Gottes einigen. Das ist also zu verstehen: 37.
Gleichwie ein Bäumlein gepflanzet wird, das arbeitet also lange, bis es Äste
und darnach Frucht bringet. Also muß der Zweig der Seelen, welcher zwar in
einem finstern Tale verdecket stehet, immer arbeiten, daß er zu seiner Frucht
komme. Das ist die edle und schöne Erkenntnis Gottes. Wenn dieselbe in ihm
gewachsen ist, daß die Seele Gott kennet, alsdann giebet sie ihre schöne
Frucht. Das sind die guten Lehren, Werke und Tugenden, führet zum Reich
Gottes, hilft das Reich Gottes pflanzen und bauen und ist alsdann ein rechter
Arbeiter in Christi Weinberge. 38.
Und dieses ist es, davon ich lehre, schreibe und rede, daß es in mir
gewachsen ist, sonst wüßte ich nichts davon. Ich habe es nicht aus Historien
zusammengeraffet und Meinungen gemacht, wie die babylonische Schule tut, da
man um Worte und Meinungen zanket. Ich habe durch Gottes Gnade selber eigene
Augen bekommen und mag in mir selber in Christi Weinberge arbeiten. 39.
Ich sage es frei öffentlich, daß alles, was aus Wahn und Meinungen
zusammengeflicket wird, darinnen der Mensch nicht selber göttliche Erkenntnis
hat, darüber und daraus Schlüsse gemacht werden, das ist Babel, eine Hurerei.
Denn nicht Dünkel muß es tun, auch nicht Wahn, sondern Erkenntnis in dem Hl.
Geist. 40.
Die Kinder Gottes haben geredet, vom Hl. Geist getrieben. Sie haben viel und
mancherlei Bäume gepflanzet. Aber sie stehen alle auf einer Wurzel. Die ist
der innere Himmel. Niemand kann sie finden, er stehe denn auch auf derselben
Wurzel. Es sind wohl mancherlei Gaben und Unterschied der Gaben, aber sie
wachsen alle aus derselben Wurzel. Darum kann sie der äußere Himmel nicht
finden oder meistern; und bleiben die Worte der heiligen Kinder Gottes dem
irdischen Menschen ein verborgen Mysterium. Und ob sie meinen, sie verstehen
sie, so haben sie doch nicht mehr als einen Glast davon. 41.
Gleich wie man jetzt um Christi Worte, Lehre und Ehre zanket und streitet um
Gottes willen, wie man Gott dienen soll, da ihm doch nicht mit Meinungen
gedienet wird, sondern im Geiste Christi und in der Wahrheit dienet man Gott.
Es lieget nicht daran, was einer für Zeremonien und Gebärde gebrauche. Ein
jeder arbeitet in seinem Werke und Gaben aus seiner Konstellation und
Eigenschaft, aber alle aus einem Geiste getrieben und geführet, sonst wäre
Gott endlich und meßlich, wenn die Gaben einerlei wären. Aber er ist eitel
Wunder. Wer ihn ergreifet, der geht in seinen Wundern einher. 42.
Solches füge ich euch treuherzig aus rechtem christlichem Eifer aus meinem
Brünnlein, Gaben und Erkenntnis, bitte und vermahne, wollet es mit rechtem
Gemüte verstehen, wie es gemeinet sei. Ich werfe mich nicht auf, sondern ich
rede brüderlich gegen euer Gemüte, euch zu erwecken und dann zu trösten, daß
ihr euch das Joch Christi nicht lasset dünken zu schwer sein, wenn der äußere
Mensch oft den inneren verdecket, daß die arme Seele um ihr Bildnis trauert,
welches doch also nur in Trübsal geläutert und recht erboren wird. 43.
Es gehet mir und einem jeden Christen nicht anders. Lasset euch das nicht
wundern. Es ist gar gut, wenn die arme Seele im Streit ist, viel besser, als
wenn sie im Gefängnis ein Heuchler ist. Es stehet geschrieben: Denen, die
Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen — wenn der Streit der Seelen
angehet, daß sie gerne wollte Gott schauen und nicht allemal kann, so wisset,
daß sie um das edle Ritterkränzlein streitet, davon der äußere Mensch nichts
weiß. Ja Gottes Geist streitet in der natürlichen Seele um das
Übernatürliche, daß er die Kreatur in Gott einführe. 44.
Er will die Seele immer gerne mit dem edlen Bildnis krönen, wenn ihm nur die
blinde Vernunft Raum ließe und ließe den Verstand mitarbeiten. Arbeiten
müssen wir und wider die Einwürfe des Teufels streiten, dieselben immer
zerbrechen und wegwerfen, den bösen Gedanken und Einflüssen wehren und
mächtig in Gottes Barmherzigkeit mit Beten zu ihm flehen, sich einwenden.
Also wird das edle Senfkorn gesäet, welches, wenn es verwahret wird, hernach
groß wächset als ein Baum. Und auf demselben Baume wachsen hernach die
Früchte des Paradeises, davon die Seele isset, wann sie will von Gottes Reich
weissagen und reden, wenn sie die göttliche Magia schauet, da sie von Gottes
Wundern redet. Denn Gottes Wesen ist nicht also ein abteilig Wesen, das Ort
oder Stelle bedürfte, sondern im Geiste des Verstandes fleugt es wie der
Sonnen Glanz in der Luft. Es scheußt in das Bildnis als ein Blitz, davon oft
der ganze Leib entzündet und erleuchtet wird. 45.
Darum wisset, daß wir hier in diesem Leben Arbeiter und nicht Müßiggänger
sind, denn die Geburt des Lebens ist ein steter Streit und eine Arbeit. Je
mehr wir werden in Gottes Weinberge arbeiten, desto mehr werden wir Früchte
erlangen und ewig genießen, und gelangen zu unserem Selbstbau. Denn unsere
Arbeit bleibet in unserm Mysterio zu Gottes Wunder und zu unserm selbst
ewigen Ruhm und Ehren stehen, wie in meinen Schriften weitläufig gemeldet
worden. 46.
Anlangend den Sabbat in dieser Welt, davon ihr geschrieben habt und noch in
derselben Meinung seid, ist mir davon nichts gegeben worden zu erkennen, weiß
auch nicht, wie in dem Qualhause der Sterne und Elemente möchte ein
vollkömmliches Wesen sein, Ich habe dessen keine Findung im Mysterio, weil
der erste Mensch nicht bestehen konnte, als der himmlische Regent in ihm
herrschete, sondern ward vom Sternen- und äußeren Elementenreiche bewältiget,
so dürfte es Gefahr sein. Wenn man die Möglichkeit und Unmöglichkeit im
Mysterio betrachtet, so scheinet es, als wollte in dem ängstlichen Spiegel
des göttlichen Wesens kein Sabbat sein, denn der Teufel ist ein Fürst dieser
Welt. Sollte er dann gleich tausend Jahr in die finstere Welt gebunden sein,
so herrschen doch die grimmigen Sterne in dieser Welt und Hitze und Kälte,
und ist diese Welt nur ein Jammertal. 47.
Sollte uns aber der Sternen Regiment nicht regen so wären wir nicht in dieser
Welt, sondern im Paradeis; da wird wohl kein Gottloser mehr wider uns
streiten oder uns sehen, denn im Paradeis sind wir in Gott verschlungen. So
wenig als wir mit unsern irdischen Augen die Engel sehen, so wenig wird auch
ein gottloser Mensch von dieser Welt einen neuen Menschen in Christo sehen. 48.
Wenn wir nun den neuen Menschen in Christo erlangen, so sind wir demselben
nach schon im Sabbat und warten auf die Auflösung des bösen irdischen Lebens,
denn wir sind samt Christo in Gott. Wir sind mit ihm in seinen Tod gepflanzt,
sind in ihm vergraben, stehen mit dem neuen Menschen mit ihm aus dem Grabe
auf und leben ewig in seinem Wesen, verstehe: in seiner Leiblichkeit. Wir
sind mit und in Christo in Gott und Gott in uns. Wo wollen wir den Sabbat
halten? Nicht in dieser Welt, sondern in der englischen Welt, in der
Lichtwelt. 49.
Oder so die Gottlosen sollten in dieser Welt tausend Jahr gequälet werden, so
müßte ja der Locus (Ort) in die finstere Welt entzücket
sein. Denn in der Sonnenwelt ist noch keine höllische Marter, aber wenn die
Sonne weg wäre, so wäre es wohl, so wären die Gottlosen noch weit von den
Gerechten geschieden, und wäre eine Kluft eines Principii dazwischen. 50.
Auch so ist Gott kein Gott des Bösen, der da Rache oder Qual begehrete, daß
er also die Gottlosen wollte aus Rache tausend Jahre vor dem Gerichte quälen.
Der Gottlose quälet sich selber in seines Lebens Geburt. Eine Gestalt des
Lebens feindet die andere an. Das wird wohl eine höllische Marter sein, an
welcher Gott keine Schuld hat. 51.
Er hat auch den Fall des Menschen noch nie gewollt, sondern die grimme Natur
hat überwunden und der Willengeist des Menschen, der da frei ist als Gott selber,
der hat sich selber willig in den Streit begeben, in Meinung zu herrschen. 52.
Aus Hoffart fiel der Teufel und auch der Mensch. Wären sie in der Demut
blieben, so wäre Gott in ihnen. Sie sind selber beide von Gott ausgegangen.
Noch hat Gott des Menschen Bild so hoch geliebet, daß er ist aus Liebe selbst
wieder in das Menschenbild eingegangen. Was wollte er dann seine Qual
begehren? 53.
In Gott ist keine böse Begierde, aber sein Grimm, das ist die finstere Welt,
ist eine Begierde des Bösen und Verderbens. Die hat den Teufel und Menschen
zu Fall gebracht. Den Teufel die finstere Welt und den Menschen die äußere
grimmige Natur, und sind doch beide einander verbunden, welches man würde
sehen und fühlen, wäre nur die Sonne hinweg aus dieser Welt. 54.
Darum sage ich noch: der Gerechte hält Sabbat in dem Schoß Abrahams, in der
Ruhe Christi, denn Christus hat uns den grimmigen Tod, der uns gefangenhielt,
zerbrochen. Er hat das Leben aufgeschlossen, daß wir in einem neuen Menschen
in ihm grünen, blühen und ruhen. Aber der alte Sternen- und Elementenmensch
muß in seinem eigenen Regiment bleiben, in seinem Qualhause bis er der Erden
wird gegeben. Alsdann tritt alles wieder in sein Mysterium, und bleibet die
Seele in ihrem Principio bis ins Gerichte Gottes, da sich Gott wird noch
einmal bewegen und das Mysterium anzünden. Alsdann scheidet sich ein jedes
Ding selber in seine Eigenschaft. Eine jede Welt wird das ihre einernten, es
sei böse oder gut, es wird sich scheiden wie Licht und Finsternis. 55.
Ich vermahne euch demnach ganz brüderlich und christlich: Wollet ja zusehen,
daß ihr den Sabbat in der Ruhe Christi ergreifet und euch nicht lasset durch
des Geistes Entzündung bewegen. Forschet aber im Lichte der Natur, ob ihr das
möget gründen. So ihr das im Lichte der ewigen Natur könnet gründen und
erreichen, so möget ihr wohl fortfahren. Aber stellet es uns auch dar, daß
wir es sehen, sonst kann unser Gemüte nicht darauf ruhen, es finde denn den
Grund. 56.
Es lässet sich auch nicht mit Schriften, die etwann dazu möchten angezogen
werden, bewähren. Sie geben auch das Widerspiel und können gar wohl anders
gedeutet werden. So sich mein Gemüte nicht hätte in die Liebe und Ruhe
Christi eingewandt, so wollte ich es euch weisen nach Art der jetzigen
Zankwelt. 57.
Apocalypsis ist geistlich und stecket im Mysterio. Es will ein hocherleuchtet
Gemüte und Verstand haben, das da Gewalt hat, in das Mysterium Gottes
einzugreifen. Es redet magisch. Es gehöret euch ein magischer Verstand dazu.
Auf diese Weise finde ich den magischen Begriff nicht, denn das ist ein
historischer (irdischer) Begriff. 58.
Wer Magiam himmlisch angreifen will, der muß die himmlischen Figuren erkennen
von Gestalt des inneren Himmels als das Centrum oder Lebenszirkul davon alle
Wesen urständen, davon diese Welt ist erboren. Hat er aber denselben
magischen Führer nicht in sich, so lasse er die himmlischen Figuren stehen
oder Turba magna (große Verwirrung) hat die Gewalt, daß
sie den aus der göttlichen Magia ausspeie. 59.
Johannes Evangelista — oder wer Apocalypsis geschrieben — hat die Figuren der
Magiae Gottes erkannt. Wiewohl er selber meldet, er sei hineingeführet worden
und sei ihm gezeiget worden, sind derowegen dieselbigen Figuren in der
göttlichen Magia blieben stehen. Und wiewohl es ist, daß sie selber offenbar
werden, so gehöret doch ein solcher Magus dazu, der Kern aller Schätze
verstehet. Er muß alle drei Principia mit ihren Figuren verstehen. Alsdann
hat er Gewalt, sonst fället seine Arbeit der Turbae heim, — rede ich ganz
wohlmeinend. 6o.
So es euch gefället, so leset mein Buch »Vom
dreifachen Leben« recht. Allda werdet ihr die Wurzel der Magiae finden,
wiewohl noch andere viel tiefere vorhanden sind. So wollte ich doch, daß ihr
dasselbige möchtet verstehen, denn es hat Grundes genug. Ihr möchtet die andern
sonst nicht ergreifen. 61.
Gefället euch dann weiter zu forschen, so könnt ihr sie gar wohl erlangen.
Alleine es muß Ernst sein, sonst bleibet es auch stumm. Denn der Grund
derselben ist hoch magisch, wie das erleuchtete Gemüte wohl finden wird, so
es sich wird darein vertiefen. Apocalypsis ist darinnen gar leicht zu
verstehen. Und auf keine andere Art wird sie ganz verstanden werden, als aus
dem Mysterio Gottes. Wer sich in das mag vertiefen, der findet alles, was er
nur forschet. 62.
Wollte demnach gerne, daß ihr eure Begeisterung prüfet, daß ihr möchtet
erkennen den Führer von der innern Welt und dann auch den Führer von der
äußern Welt, daß euch die magische Schule beider Welten möchte kenntlich
sein, so wäre das edle Gemüte vom Wahne frei. Denn im Wahne ist keine
Vollkommenheit. Der Geist muß des Mysterii fähig sein, daß Gottes Geist in
seinem Sehen der Führer sei, sonst stehet er nur im äußeren Mysterio als in
dem äußeren Himmel des Gestirnes, welcher auch oft das menschliche Gemüte
heftig entzündet und treibet. Aber er hat nicht die göttliche magische
Schule, welche nur bloß in einem einfältigen, kindlichen Gemüte stehet. 63.
Der äußere Führer arbeitet und leuchtet nur im Spiegel. Aber der innere
leuchtet im Wesen, welches er nicht tun mag, Gottes Geist führe ihn denn.
Darum stehet die Wahl bei Gott; welchen die himmlische Schule ergreifet,
derselbe wird ein Magus ohne sein hart Laufen. Und ob es ist, daß er muß hart
laufen, so ist er aber von Gott ergriffen und wird vom Hl. Geiste getrieben. 64.
Darum soll sich ein Mensch prüfen, von welchem Führer er ergriffen sei.
Findet er, daß er in seinem Sehen das göttliche Licht scheinend hat, daß ihn
sein Führer auf dem Wege der Wahrheit, zur Liebe und Gerechtigkeit in die
himmlische Schule einführet, daß er sein Gemüte mit einer göttlichen
Gewißheit versichert und bestätiget, so mag er fortfahren; wo aber im Wahn
oder Zweifel und doch im feurigen Trieb, so ists der Führer von dieser Welt.
Der soll an seinem vorhandenem Willen geprüfet werden, ob er Gottes oder
seine eigene Ehre und Ruhm suche. Ob er sich freiwillig unter das Kreuz werfe
und nur begehre, in Christi Weinberge zu arbeiten, und seinen Nächsten suche,
ob er Gott oder Brot suche. Danach soll ihn der Verstand urteilen und
freilassen oder wegwerfen und zähmen, wie es die Not erfordert. 65.
Solches habe ich euch zu einer christlichen Vermahnung brüderlich nicht
bergen sollen, und bitte, wollet es nicht anders annehmen als wohlmeinend,
wie denn solches meine Pflicht erfordert, zumal ich in Christo auf euer
Begehren in eurem ängstlich suchenden Gemüte euer Schuldner bin als ein Glied
dem andern. 66.
Anlangend euer ganz christliches Erbieten, erkenne ich und nehme es in der
Liebe geschehen an, so ein Glied dem andern in der Not zu Hilfe kommt, sollte
in der Liebe vergolten werden. Wollet mir ferner, was eurem Gemüte annehmlich
sei, nicht bergen; will euch, soviel an mir Gott verleihet, nicht verhalten.
Anjetzo in die Liebe Jesu empfohlen: Des Herrn dienstwilliger J. Böhm. Der
Name des Herrn ist eine feste Burg, der Gerechte läufet dahin und wird
erhöhet. 12. Sendbrief
An
Herrn Kaspar Lindner, Zolleinnehmer zu Beuthen. Am Tage Mariä Himmelfahrt
1621. 1.
Der offene Brunnquell im Herzen Jesu Christi sei unsere Erquickung und führe
uns in sich ein, auf daß wir in seiner Kraft leben, uns in ihm erfreuen und
in seiner Einigung uns in ihm lieben, erkennen und in einen Willen treten! 2.
Ehrenfester, wohlweiser Herr, in der Liebe und Mensch heit Jesu Christi
geliebter Freund! Neben herzlicher Wün schung von Gott in unserm Emanuel,
Leibes und der Seelen Wohlfahrt, füge ich demselben zu wissen, daß ich seine
Briefe empfangen und darinnen verstanden, wie der Herr nicht allein ein
Sucher und Liebhaber des göttlichen Mysterii sei, sondern auch allenthalben
desgleichen Schriften fleißig nachforsche. 3.
Welches mich meines Teils hoch erfreuet, daß Gott seine Kinder also zeucht
und führet, wie denn geschrieben stehet: Welche der Geist treibet, die sind
Gottes Kinder. Und wie sich ein Ast am Baum des andern freuet und ihm seinen Saft
und Kraft giebet, also auch die Kinder Gottes in ihrem Baume Jesu Christo,
welches meine einfältige Person hoch erfreuet, daß uns Gott in seinem
Brunnquell als einfältige Kinder zu sich, zu unserer rechten Mutter Brüste
ziehet, daß wir uns nach ihm sehnen als ein Kind nach seiner Mutter. 4.
Weil ich denn, mein geliebter Herr und Bruder in der Liebe Christi, verspüre,
daß ihr einen Durst nach dem offenen Brünnlein Christi traget und nach der
Nießung eurer Brüder fraget und euch in ihnen als ein Zweig im Baume begehret
zu ersättigen, also ist mir solches lieb, meinen Saft und Geist in meiner mir
von Gott gegebenen Erkenntnis meinen Brüdern und Gliedern als meinen Mitästen
im Baume Jesu Christi mitzuteilen und mich in ihnen zu ergötzen als in ihrem
Saft, Kraft und Geiste. Denn solches ist meiner Seelen eine angenehme Speise,
ich vernehme, wie meine Mitäste und Glieder im Paradeis Gottes grünen. 5.
Ich soll euch aber nicht bergen des einfältigen Kinderweges, den ich in
Christo wandele. Denn ich kann von mir nicht anders schreiben als von einem
Kinde, das nichts weiß und verstehet, auch niemals gelernet hat, als nur
dieses, was der Herr in mir wissen will nach dem Maß, so er sich in mir
offenbaret. 6.
Denn von dem göttlichen Mysterio etwas zu wissen, habe ich niemals begehret,
viel weniger verstanden, wie ich es suchen oder finden möchte; wußte auch
nichts davon, als der Laien Art in ihrer Einfalt ist. Ich suchte allein das
Herze Jesu Christi, mich darinnen zu verbergen vor dem grimmigen Zorn Gottes
und den Angriffen des Teufels, und bat Gott ernstlich um seinen Hl. Geist und
Gnade, daß er mich in ihm wollte segnen und führen und das von mir nehmen,
was mich von ihm abwendete und mich ihm gänzlich zu ergeben, auf daß ich
nicht meinem, sondern seinem Willen lebete und er mich allein führete und ich
sein Kind in seinem Sohne Jesu Christo sein möchte. 7.
In solchem meinem gar ernstlichen Suchen und Begehren, darinnen ich heftige
Anstöße erlitten, mich aber ehe des Lebens verwegen als davon ausgehen und
ablassen wollte, — ist mir die Pforte eröffnet worden, daß ich in einer
Viertelstunde mehr gesehen und gewußt habe, als wenn ich wäre viel Jahr auf
hohen Schulen gewesen, dessen ich mich hoch verwunderte. Ich wußte nicht, wie
mir geschah, und darüber mein Herz ins Lob Gottes wendete. 8.
Denn ich sah und erkannte das Wesen aller Wesen, den Grund und Ungrund; item
die Geburt der Hl. Dreifaltigkeit, das Herkommen und den Urstand dieser Welt
und aller Kreaturen durch die göttliche Weisheit. Ich erkannte und sah in mir
selber alle drei Welten, als (1.) die göttliche englische oder paradeisische,
und dann (2.) die finstere Welt als den Urstand der Natur zum Feuer, und zum
(3.) diese äußere sichtbare Welt als ein Geschöpf und Ausgeburt oder als ein
ausgesprochen Wesen aus den beiden inneren geistlichen Welten. Ich sah und
erkannte das ganze Wesen in Bösem und Gutem, wie eines von dem andern
urständete und wie die Mutter der Gebärerin wäre, daß ich mich nicht allein
hoch verwunderte, sondern auch erfreuete. 9.
Und fiel mir zuhand also stark in mein Gemüte, mir solches für ein Memorial
aufzuschreiben. Wiewohl ich es in meinem äußern Menschen gar schwerlich
ergreifen und in die Feder bringen konnte. Ich mußte gleich anfangen in
diesem sehr großen Geheimnis zu arbeiten, als ein Kind, das zur Schule gehet.
Im Innern sah ich es wohl als in einer großen Tiefe, denn ich sah hindurch
als in ein Chaos, da alles innen lieget, aber seine Auswickelung war mir
unmöglich. 10.
Es eröffnete sich aber von Zeit zu Zeit in mir wie in einem Gewächse, wiewohl
ich 12 Jahr damit umging und dessen in mir schwanger war und einen heftigen
Trieb in mir befand, ehe ich es konnte in das Äußere bringen, bis es mich
hernach überfiel wie ein Platzregen. Was der trifft, das trifft er. Also ging
es mir auch. Was ich konnte ergreifen, in das Äußere zu bringen, das schrieb
ich auf. 11.
Wiewohl mir die Sonne nachmals ziemliche Zeit geschienen hat, aber nicht
immer beharrlich. Wenn sich diese hat verborgen, so habe ich wohl auch meine
eigene Arbeit kaum verstanden, und solches darum, auf daß der Mensch erkenne,
daß das Wissen nicht sein, sondern Gottes sei, daß Gott in der Seelen des
Menschen wisse, was und wie er will. 12.
Solche meine Schriften gedachte ich mein Leben lang bei mir zu behalten und
keinem Menschen zu geben. Aber es fügete sich nach Schickung des Höchsten,
daß ich einem Menschen etwas davon vertrauete, durch welchen es ohne mein
Vorwissen offenbar wurde, darauf mir das erste Buch entzogen ward und weil
darinnen gar wunderliche Sachen eröffnet, so dem menschlichen Gemüte nicht
bald begreiflich waren, habe ich darum müssen von den Vernunft-Weisen viel
ausstehen. 13.
Sah auch dasselbe erste Buch in drei Jahren nicht mehr, vermeinete, es wäre
längst tot und dahin, bis mir Abschriften von gelehrten Leuten zugeschicket
wurden, mich vermahnend, mein Talent zu offenbaren, welches die äußere
Vernunft nirgends tun wollte, dieweil sie vorhin also viel hatte müssen
erleiden. So war die Vernunft sehr schwach und zaghaftig, denn mir auch
zugleich das Gnadenlicht eine ziemliche Zeit entzogen ward und glomm in mir
als ein verborgen Feuer, daß also nichts denn Angst in mir war: von außen
Spott, von innen ein feuriger Trieb. Und mochte es doch nicht ergreifen, bis
mir der Höchste mit seinem Odem wieder zu Hilfe kam und ein neues Leben in
mir erweckete. Allda erlangete ich einen bessern Stilum zu schreiben und auf
eine tiefere und gründlichere Erkenntnis, konnte alles besser in das Äußere
bringen, wie es denn das Buch »Vom
dreifachen Leben« durch die drei Principia ausweiset und der göttliche
Liebhaber, so ihm sein Herz mag aufgetan werden, sehen wird. 14.
Also habe ich nun geschrieben, nicht von Menschenlehre oder Wissenschaft aus
Bücherlernen, sondern aus meinem eigenen Buche, das in mir eröffnet ward. Als
das edle Gleichnis Gottes, das Buch des edlen Bildnisses — zu verstehen: das
Ebenbild Gottes — war mir vergönnet zu lesen, und darin habe ich mein
Studieren gefunden als ein Kind in seiner Mutter Hause, das da siehet, was
der Vater machet und demselben in seinem Kinderspiel nachspielet. Ich brauche
kein ander Buch dazu. 15.
Mein Buch hat nur drei Blätter. Das sind die drei Principia der Ewigkeit.
Darinnen kann ich alles finden, was Moses und die Propheten, sowohl Christus
und die Apostel geredet haben. Ich kann der Welt Grund und alle Heimlichkeit
darinnen finden. Doch nicht ich, sondern der Geist des Herrn tut es nach dem
Maß, wie er will. 16.
Denn ich habe ihm viel hundertmal geflehet, so mein Wissen nicht zu seinen
Ehren und meinen Brüdern zur Besserung möchte dienen, er wollte solches von
mir nehmen und mich nur in seiner Liebe erhalten. Aber ich habe befunden, daß
ich mit meinem Flehen nur habe das Feuer in mir heftiger entzündet. Und in
solchem Entzünden und Erkenntnis habe ich meine Schriften gemacht. 17.
Ich habe aber damit nicht vermeinet, bei solchen Leuten, als ich jetzt sehe,
bekannt zu werden; vermeinete noch immer, ich schriebe für mich, wiewohl der
Geist Gottes in der Verborgenheit in meinem Geist solches genugsam zeigete,
zu was Ende es wäre. Noch war die äußere Vernunft immer das Contrarium als
nur zu Zeiten, wenn der Morgenstern aufging, da ward die Vernunft mit
entzündet und tanzte mit, als hätte sie es ergriffen. Aber es ist weit davon. 18.
Gott wohnet in dem edlen Bildnis und nicht im Sternen- und Elementengeiste.
Er besitzet nichts als nur sich selber in seinesgleichen. Und ob er wohl
etwas besitzet, als er dann alles besitzet, so ergreifet ihn doch nichts als
nur das, so von ihm entsprungen und herkommen ist, als die Seele in der
Gleichheit Gottes. 19.
Darum ist mein ganzes Schreiben als eines Schülers, der zur Schule gehet.
Gott hat meine Seele in eine wunderliche Schule geführet, und ich kann mir in
Wahrheit nichts zuweisen, daß meine Ichheit etwas wäre oder verstände. 20.
Es soll keiner höher von mir halten, als er hier siehet. Denn das Werk in
meiner Arbeit ist nicht mein. Ich habe es nur nach dem Maß, als mir es vom
Herrn vergönnet wird. Ich bin nur sein Werkzeug, mit dem er tut, was er will.
Solches melde ich euch, mein geliebter Herr, zur Nachricht, daß nicht jemand
einen andern bei mir suche, der ich nicht bin, als einen von Kunst und hoher
Vernunft, sondern ich lebe in Schwachheit und Kindheit in der Einfalt
Christi, in seinem mir gegebenen Kinderwerke. Darinnen habe ich mein Spiel
und ist mein Zeitvertreiben. Darinnen habe ich meine Freude als in einem
Lustgarten, da viel edle Blumen innen stehen. Mit denen will ich mich dieweil
ergötzen, bis ich werde wiederum die Paradeisblumen im neuen Menschen
erlangen. 21.
Weil aber, mein lieber Herr und Freund, ich sehe und vermerke, daß ihr auch
auf diesem Wege seid und suchet, so schreibe ich euch meinen Kinderweg mit
Fleiß. Denn ich verstehe, daß ihr euch mancherlei Schriften brauchet von
welchen ihr ein Judicium von mir begehret, so euch als meinem Mitgliede, soviel
mir Gott zu erkennen gegeben, auch widerfahren soll, und solches nur kurz und
summarisch. In meinem Buch »Vom dreifachen Leben« findet ihr es weitläufig
nach allen Umständen. 22.
Gebt euch demnach dieses zur Antwort, daß die eigene Vernunft, welche ohne
Gottes Geist nur bloß vom Buchstaben gelehret ist, alles tadelt und
verachtet, was nicht schnurrecht nach dem Gesetze der hohen Schule
übereinstimmt. Wundert mich aber gar nichts, denn sie ist von außen und
Gottes Geist von innen. Sie ist gut und böse. Sie fähret dahin als ein Wind
und lässet sich wägen und treiben. Sie achtet auf Menschenurteil. Und was das
hohe Ansehen dieser Welt richtet, danach richtet sie auch. Sie erkennet nicht
des Herrn Sinn, denn er ist nicht in ihr. Ihr Verstand ist vom Gestirne und
ist nur ein Spiegel gegenüber der göttlichen Weisheit. 23.
Wie mag der die göttlichen Sachen beurteilen, in dem nicht der Geist des
Herrn ist? Der Geist des Herrn prüfet und richtet allein alle Dinge. Denn ihm
allein ist alles bewußt und offenbar. Die Vernunft aber richtet von außen,
und richtet je eine Vernunft nach der andern: der Kleine nach dem Großen, der
Laie nach dem Doktor, und ergreifet keiner die Wahrheit und des Herrn Sinn,
ohne den Geist Gottes, welcher im Menschen richtet und niemands Person
ansiehet; der Laie ist ihm wie der Doktor. 24.
Daß aber die Kinder Gottes so mancherlei Gaben haben zu schreiben, reden und
richten, und nicht alle einen Stilum führen, daraus die eigene Vernunft
hernach das ihre aussauget und eine Babel machet, daraus so viele Meinung ist
entstanden, daß man hat aus ihren Schriften Meinungen und Wege zu Gott
erdichtet, welche Wege man gehen sollte, und also ein solcher Zank daher
entstanden ist, daß anjetzo der Mensch nur bloß auf den Streit siehet,
welcher den andern mit Buchstabenwechseln überwindet — das ist alles Babel,
eine Mutter der geistlichen Hurerei, da die Vernunft nicht zur Türe Christi
durch Christi Geist in die Gelassenheit zu Gott eindringet, sondern sie
dringet aus sich selber, aus eigener Macht und Hoffart in einen andern
Menschen und will gerne immer das schönste Kind im Hause sein. Man solle sie
ehren und anbeten. 25.
Die Kinder Gottes haben mancherlei Gaben nach der Regel des Apostels: Gott
giebet einem jeden auszusprechen, wieviel er will. Die Gaben der Menschen
geschehen alle nach dem unerforschlichen Willen Gottes, und quellen alle aus
einer Wurzel. Die ist die Mutter der drei Prinzipien. Wie eines jeden
seelischer Geist in der Mutter konstellieret wird, also ist auch seine
Offenbarung und Erkenntnis. 26.
Denn Gott führet keinen neuen oder fremden Geist in uns, sondern er eröffnet
mit seinem Geist unsern Geist als das Verborgene der Weisheit Gottes, welche
in jedem Menschen lieget nach dem Maß und auf die Art seiner innerlichen
verborgenen Konstellation. Denn Christus sprach: Mein Vater wirket, und ich
wirke auch, Joh.5,17. So wirket nun der Vater in der Essenz des Ebenbildes
Gottes als in der göttlichen Gleichheit. 27.
Die seelische Eigenschaft ist des Vaters, denn Christus sprach: Vater, die
Menschen waren dein, und du hast sie mir gegeben, und ich gebe ihnen das
ewige Leben, Joh.17,6. So aber die seelische Eigenschaft aus dem Vater von
Ewigkeit ist, so hat er auch von Ewigkeit in der gewirket und wirket noch bis
in Ewigkeit in demselben Bildnis zum Licht und Finsternis, wo sich der Wille
der seelischen Eigenschaft hinneiget. 28.
So denn des Vaters Eigenschaft unermeßlich ist und er die Weisheit selber
wirket, und aber alle Dinge durch seine Weisheit urständen, so sind die
Seelen mancherlei konstellieret, wohl aus einer Essenz geurständet, aber die
Wirkung ist mancherlei, alles nach Gottes Weisheit. So eröffnet nun der Geist
Christi einer jeden Seelen ihre Eigenschaft, daß eine jede aus ihrer
Eigenschaft redet von den Wundern der Weisheit Gottes. 29.
Denn Gottes Geist machet nichts Neues im Menschen, sondern er redet von den
Wundern in der Weisheit Gottes aus dem Menschen. Und solches nicht allein aus
der ewigen, sondern aus der äußern Konstellation als durch den Geist der
äußern Welt. Er öffnet im Menschen die innere seelische Konstellation, daß er
muß weissagen, was der äußere Himmel wirket. Item: Er muß durch Turbam magnam
reden, als die Propheten oft geredet und dem Volke die Strafe angedeutet
haben, welche ihnen durch Turbam magnam, aus Gottes Verhängnis, um ihrer
Sünde willen widerfahren sollte. 30.
So redet nun der Geist Gottes oft etwa in einem durch die innere ewige
Konstellation der Seelen als von ewiger Straf oder Belohnung, und ein anderer
durch die äußere Konstellation von Glück und Unglück dieser Welt, vom
Aufsteigen aller Macht und auch der Zerbrechung Land und Städte, item: von
wunderlicher Veränderung der Welt. 31.
Und wiewohl es ist, daß der Geist der äußern Welt auch oft sein Spiel im
Menschen vollbringet und aus seiner eigenen Macht sich im menschlichen Geist
einflicht und seine wunderliche Figur andeutet, so bei denen statt hat,
welche nur bloß in der Vernunft in hoffärtigem eigenem Willen laufen, daraus
oft falsche Propheten entstehen. Darum sage ich nun, daß ein jeder aus seiner
Konstellation — einer durch die Offenbarung des Geistes Gottes wahrhaftig,
der andere durch die Eröffnung des äußern Sterngeistes redet, jedoch aus
derselben Konstellation. Der aber aus eines andern Munde vom Geheimnis redet
und richtet ohne eigne Erkenntnis, das ist Babel und Wahn, ein Ding, das das
Herze nicht erfährt, obs wahr sei. 32.
Und ich sage ferner, daß alle die teuren von Gott erleuchteten Männer, deren
Schriften ihr teils in Händen möget haben, aus ihrer Erfahrung geredet haben,
ein jeder nach seinem Begriff. Das Zentrum aber ist die Seele, und das Licht
ist Gott. Die Offenbarung geschiehet durch Eröffnung des Geistes Gottes,
durch die Konstellation der Seelen. 33.
Von Anfang der Welt her haben alle Propheten von Christo geweissaget, einer
so, der andere anders. Sie haben nicht alle einerlei Rede in einerlei Forma
geführet, sondern ein jeder, wie ihm der Geist Gottes in seiner seelischen,
ewigen Konstellation eröffnet hat, aber aus einem Centro haben sie alle
geredet. Also geschiehet es noch heute. Die Kinder Gottes reden alle aus
Eröffnung des Geistes Christi, welcher ist Gottes, ein jeder nach seinem
Begriff. Ich will euch derowegen freundlich erinnert haben, euch nicht an die
Vernunftgeschwätze und stolzen Gerichte zu stoßen und derowegen jemands Gaben
zu verachten, denn der solches tut, der verachtet den Geist Gottes. 34.
Diese angedeuteten Autores, über welche ihr ein Gutachten von mir begehret,
habe ich nicht alle, jedoch zum Teil gelesen. Ich begehre sie nicht zu
richten. Es sei ferne von mir, ob sie gleich nicht alle einen Stilum haben
gehabt zu schreiben, denn die Erkenntnis ist mancherlei. So gehöret mir aber
aus meinen Gaben, ihre Herzen und Willen zu prüfen. Wenn ich aber befinde,
daß ihre Herzen und der Geist aus einem Centro, als aus Christi Geist
entsprießen, so lasse ich mir am Centro genügen und befehle das Aussprechen
der höchsten Zungen, als dem Geist der Weisheit Gottes, der durch die
Weisheit eröffnet einem jeden nach dem Maß, wie er will. 35.
Ich richte niemand, und ist das Verdammen ein falsches Geschwätz. Der Geist
Gottes richtet selber alle Dinge. Ist derselbe in uns, was fragen wir dann
lange nach dem Geschwätze? Ich erfreue mich aber vielmehr der Gaben meiner
Brüder. Ist es aber, daß sie eine andere Gabe auszusprechen gehabt haben als
ich, soll ich sie darum richten? 36.
Spricht auch ein Kraut, Blume, Baum zum andern: Du bist sauer und dunkel, ich
mag nicht neben dir stehen? Haben sie nicht alle eine Mutter, daraus sie
wachsen? Also auch alle Seelen aus einer, alle Menschen aus einem. Warum
rühmen wir uns Kinder Gottes, so wir doch unverständiger sind als die Blumen
und das Kraut auf dem Felde? Ist nicht auch also mit uns, daß Gott seine
Weisheit in uns offenbaret, gleichwie er die Tinktur der Verborgenheit in der
Erde durch die Erde mit schönen Gewächsen offenbaret. Der aber richtet und
verdammet auf dem gottlosen Wege, welcher nur in Hoffart läuft, sich sehen zu
lassen, der ist der Treiber zu Babel und ein drehend Rad, das nur Zank
aufbläset. 37.
Die rechte Proba der Kinder Gottes ist diese, da man mag sicher nachfolgen:
Ein demütiges Herz, das sich nicht selber suchet noch ehret, sondern suchet
immerdar seinen Bruder in der Liebe, das nicht Eigennutz und Ehre suchet,
sondern Gerechtigkeit und Gottesfurcht. Der rechte und schlichte Weg zu Gott
zu kommen ist dieser, soviel mir dessen erkenntlich ist, nämlich daß der
Mensch aus seinen begangenen Sünden ausgehe und ihm einen ernsten Vorsatz
mache, nimmermehr wieder darein einzugehen, und in seinem Ausgehen nicht
zweifele. 38.
Und ob freilich die Vernunft zweifelt, davor der Sünder erschricket und sich
vor Gottes Zorn entsetzet, daß sich der Wille nur schlecht und recht in die
Barmherzigkeit Gottes, in Christi Leiden und Tod einsenket und sich durch
Christus in Gott ergiebet als ein Kind in seiner Mutter Schoß, das selber
nichts will als nur, was die Mutter will. Es jammert nur die Mutter an und
hoffet immer das Beste von der Mutter. Es sehnet sich nur allein nach der
Mutter Brüsten. Also muß unsere Begierde nur allein schlecht in unsere erste
Mutter wieder eingerichtet werden, von welcher wir mit Adam sind ausgegangen
in ein eigenes. 39.
Daher saget Christus: Wo ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, sollt
ihr das Reich Gottes nicht sehen. Matt.18,3; item: Ihr müsset neugeboren
werden, Joh.3,7, das ist: Wir müssen aus aller Vernunft wieder in die
Gelassenheit in unserer Mutter Schoß eingehen und alles Disputieren fahren
lassen, auch unsere Vernunft ganz wie tot machen, auf daß der Mutter Geist
eine Gestalt in uns bekomme und in uns das göttliche Leben aufblase, daß wir
uns in der Mutter Geist in der Wiege finden, wollen wir von Gott gelehret und
getrieben sein. 40.
Wir müssen uns ihm gänzlich ergeben, daß Gottes Geist in uns das Wollen, Tun
und Vollbringen sei, auf daß wir ihm wissen und nicht uns, daß er unser
Wissen sei. 41.
Wir sollen mitnichten sagen, was wir wissen wollen, sondern nur bloß in die
Menschwerdung und Geburt Jesu Christi, in sein Leiden und Tod eingehen und
immer gerne wollen in seine Fußstapfen treten und ihm nachfolgen und
gedenken, daß wir auf der Pilgrimstraße sind, da wir durch einen gefährlichen
Weg müssen in unser Vaterland, daraus uns Adam führete, wiederum in Christo
auf dem schmalen Steige eingehen. Auf diesem einzigen Wege lieget das
Perllein Mysterium Magnum. Alles Studieren, Suchen und Forschen außer diesem
Wege ist tot und erlanget nicht die jungfräuliche Krone, sondern nur Dornen
und Spitzen, welche in die Kinder Gottes stechen. 42.
Darum, mein lieber Herr, weiß ich euch, weil ihr mein Bekenntnis begehret, keinen
bessern Rat mitzuteilen, als daß ich euch den Weg zeige, den ich selber gehe
und darauf mir ist die Tür aufgetan worden, daß ich gelehret bin, ohne
zuvorhin Lernen. Denn alle Kunst und Wissen kommet von Gott, der findet
alles. 43.
Ich habe mit den Kindern Gottes wegen ihrer ungleichen Gabe keinen Zank. Ich
kann sie in mir alle einigen. Ich gehe mit ihnen nur aufs Zentrum, so habe
ich die Einsicht in alle Dinge. Wollet ihr mir nun nachfolgen, so werdet ihr
es erfahren und vielleicht hernach besser verstehen, was ich geschrieben
habe. 44.
Ein wahrer Christ hat mit niemand Streit, denn er stirbet in der Gelassenheit
in Christo allem Streit ab. Er sorget nicht mehr für den Weg zu Gott, sondern
er ergiebet sich in die Mutter als in Christi Geist, was der immer mit ihm
machet, das gilt ihm gleich. Es sei in dieser Welt Glück oder Unglück, Leben
oder Tod. Es ist ihm alles gleich. Es rühret den neuen Menschen kein Unglück,
sondern nur den alten von dieser Welt. Da mag die Welt mit ihm tun, was sie
will. Derselbe ist der Welt, aber der neue ist Gottes. 45.
Mein geliebter Herr, dieses ist mein Weg, darauf ich wandele und darauf ich
wissen muß ohne mein Vorwissen. Ich nehme nur keinen Vorsatz zuvorhin, was
ich schreiben oder reden will, sondern ergebe mich in Gottes Wissen. Der mag
in mir wissen, was er will. Und auf solchem Wege habe ich eine Perle
erlanget, welche mir lieber ist als die äußere Welt. 46.
Und obs gleich geschiehet, daß oft die Kinder Gottes in der Erkenntnis
miteinander anstoßen, so geschiehet doch alles nur durch die Turba der
äußeren Vernunft, welche in allen Menschen ist, und verhänget Gott solches
darum, daß der Mensch geübet werde und seinen Geist heftiger mit Beten und
Eindringen in Gott entzünde. Alsdann gehet der Geist Gottes in der Verborgenheit
der Menschheit als ein Feuer, das da brennet, und muß den Kindern Gottes zum
besten dienen (Röm.8,28). 47.
Anlangend etliche Personen eurer Nachbarschaft, da von ihr meldet, welche
alles zu Geld machen und dem vermeineten Zion zulaufen, hielt ich ratsamer,
sie blieben daheim, denn Zion muß in uns geboren werden. Wenn sie werden an
die Orte kommen, so ist ihnen sowohl als vorhin, und sie müssen gleichwohl
unter dem Joch Christi leben. 48.
Gott ist im Himmel, und der Himmel ist im Menschen. Will aber der Mensch im
Himmel sein, so muß der Himmel im Menschen offenbar werden. Das muß durch
ernste Buße und herzliches Einergeben geschehen. Das können sie wohl daheim
und an ihren Orten tun. Dem sie gedenken zu entfliehen, darein werden sie
laufen. Wenn sie daheim einen göttlichen Weg wandelten, daß andere Leute ein
Exempel an ihnen hätten, wäre Gott angenehmer. 49.
Denn es hat unter ihnen auch stolze, hoffärtige, spöttische Leute, welche nur
verachten und schmähen, und ist in manchem mehr eine angenommene Weise und
geistliche Hoffart, als ich denn selbst erfahren habe. Denn ich habe einen
unter ihnen wegen eines ausgegangenen Büchleins, darin ich etwas Schweres
wider Gott und den Grund der Wahrheit fand, ganz christ- und brüderlich
ersuchet und unterwiesen; ich verhoffte, er würde sehend werden. Aber er hat
ganz stolz und verächtlich, dazu schmählich geantwortet und eine solche
Antwort von sich gegeben, darinnen kein Gottesgeist zu spüren ist. Ihre
Konfession ist vielmehr eine Meinung als ein rechter Ernst, denn dessen sie
sich rühmen, die sind sie nicht. Es mag wohl fromme Herzen unter ihnen haben,
aber ihrer viel sind es nur mit dem Namen, und wollen das Ansehen haben, wie
ich selbst von einem der Vornehmsten unter ihnen habe erfahren. Sie mögen
wohl daheim lernen Leute schmähen. Es ist nicht der kindliche Weg in Gottes
Reich. Dazu ist ihr Weg Revoca (ein Weg zurück)
und von ihnen selbst im Schein. Aber heimlich sind sie wie vorhin. 50.
Wollte Gott, es wäre also ein Ernst mit ihnen, wie sie vorgeben, ich wollte es
auch loben. Allein Schmähen und Verachten ist nur Babel, dessen ist die Welt
vorhin voll. Danach laufe ich nicht. 51.
Anlangend den Hans Weyrauch: Soviel ich in dieser Schrift sehe, mag er ein
Mensch sein, welcher in Gottes Liebe wallet, wofern sich sein Weg im Herzen
so verhält. Daß er aber andere tadelt wegen Erkenntnisses des Lichtes der
Natur, darinnen hat er vielleicht nicht Erkenntnis und erstrecken sich seine
Gaben dahin nicht, ist darauf nicht zu sehen, weil es seine Gabe nicht ist.
Wollet ihn derweil für einen frommen Bruder halten. Denn Gott führet seine
Gaben nicht nur in der Einfalt aus, sondern auch in manchem in der Höhe. Denn
er ist hoch und tut mit allen seinen Werken, was er will. 52.
Also antworte ich auch von den andern angedeuteten Autoren, welche teils hohe
Gaben gehabt, aber nicht alles mögen genug ergreifen, doch haben sie zu ihrer
Zeit genug getan. Weil aber die jetzige Zeit eines andern Arztes bedarf, so
befinden sich auch jetziger Zeit andere Erkenner und Wisser zu der Krankheit,
alles nach Gottes Liebe und Vorsorge, der nicht will, daß jemand verloren
werde, sondern daß allen Menschen geholfen werde. 53.
Wenn dieselben Autoren anjetzo lebeten, so würden sie vielleicht in etlichen
Punkten haben klarer und in andern Formen geschrieben, wiewohl sie bei ihrer
Zeit genug getan und sie darum mitnichten zu verachten sind. Obwohl etliche
Punkte zu verbessern wären, so ist doch sonst ihre Lehre von der Vereinigung
der Gottheit und Menschheit sehr klar, und siehet man, wie auch Gottes Geist
in ihnen gewesen. Die Vernunft aber drehet alles ins Ärgste und verkehrets
mit falschem Deuten. 54.
Beim Schwenckfeld (Kaspar, 1489-1561) stößet dieser
Punkt an, daß er Christum für keine Kreatur hält. Er hat noch nicht die
Principia ergriffen; darum ist nicht möglich zu unterscheiden, womit er keine
Kreatur sei. Was seine Gottheit anlanget, ist er keine Kreatur. Was aber die
himmlische Wesenheit anlanget, von welcher er saget, er wäre vom Himmel
kommen und wäre im Himmel (Joh. 3,13), ist er mit derselben in der Menschheit
kreatürlich und außer der Menschheit unkreatürlich. 55.
Gleichwie wir Menschen in den vier Elementen leben und sind selber der vier
Elementen Eigenschaft, in uns sind sie bildlich und außer uns unbildlich, und
ist doch ein Ding, also auch in Christi Person. 56.
Die ganze englische Welt als das zweite Principium ist sein leiblich Wesen
nach der himmlischen Wesenheit, in der Person der Menschheit kreatürlich und
außer der Person unkreatürlich. Denn er ist des Vaters Herz und Wort. Und das
Herz ist überall im Vater. Also wo sein Herz ist, da ist auch der Himmel und
göttliche Wesenheit mit der Fülle der Weisheit umgeben. 57.
Anlangend seine Seele, welche er seinem Vater in seine Hände befahl und von
welcher er sagte am Ölberge, sie wäre betrübet bis in den Tod, ist dieselbe
aus unserer seelischen Eigenschaft. Denn um die Seele war es zu tun, daß Gott
Mensch ward, daß er dieselbe wieder in sich brächte und unsern Willen aus der
Irdigkeit wieder in sich einführete, die ist eine Kreatur. 58.
Und das dritte Principium als das äußere Reich dieser Welt, welches Gott hat
durch seine Weisheit aus der Ewigkeit geboren, ist auch kreatürlich in ihm.
Denn die ganze Gottheit hat sich im Menschen Christo offenbaret, als
gleichwie Gott ist in diesem Geiste alles, daß er in diesem Menschen auch
alles sei. Sind wir Menschen doch alle also, sofern wir wieder aus Gott
geboren werden. Und wäre dieser Punkt, welcher sehr die andern alle treibet,
wohl zu raten, so man ihn recht betrachtete. Es bedürfte auch nicht viel Streit
oder Verdammens. Denn der Geist Gottes fraget nach keinem Streit. Er richtet
alles in sich. 59.
So will Weigel (Valentin, 1533-1588) haben, Maria sei
nicht Joachims und Annas Tochter, und Christus habe nichts von uns
angenommen, sondern sei eine edle Jungfrau. Ist wohl wahr nach dem Ziel des
Bundes, nach der Jungfraue der göttlichen Weisheit. Aber was hülfe mich das?
Wo bliebe meine Seele und meine in Adam verblichene Wesenheit als das
Paradeisbild, so nicht Christus unsere Seelenessenz hätte in sich genommen
und das verblichene Bild wiederum zum Leben erboren, welches ich in meinem
Buche »Vom dreifachen Leben« nach
der Länge habe ausgeführet. 60.
Sonst schreibet auch Weigel von der neuen Geburt und der Einigung der
Menschheit in Christo mit uns gar schön, welches, weil ichs in meinen
Schriften etwas klarer beschrieben, allhie beruhen lasse, und lasse sie
unverachtet, auch den, der sie lieset. 61.
Träget doch eine Biene aus vielen Blumen Honig zusammen, ob manche Blume
gleich besser wäre als die andere. Was fraget die Biene danach? Sie nimmt,
was ihr dienet. Sollte sie darum ihren Stachel in die Blumen stechen, so sie
des Saftes nicht möchte, wie der verächtliche Mensch tut? Man streitet um die
Hülsen, und den edlen Saft, der zum Leben dienet, lässet man stehen. 62.
Was hilft mich die Wissenschaft, so ich nicht darinnen lebe? Das Wissen muß
in mir sein und auch das Wollen und Tun. Der Mantel mit dem Leiden und
Genugtuung Christi, den man jetzt dem Menschen umdecket, wird manchem zum
Stricke und höllischen Feuer werden, daß man sich also nur will mit Christi
Genugtuung kitzeln und den Schalk (aten Menschen) anbehalten. 63.
Es heißet: Ihr müsset neu geboren werden oder sollet Gottes Reich nicht
schauen. Ihr müsset werden als ein Kind, wollet ihr Gottes Reich sehen. Nicht
allein um die Wissenschaft zanken, sondern ein neuer Mensch werden, der in
Gerechtigkeit und Heiligkeit in Gott lebe. Man muß den Schalk austreiben und
Christum anziehen, alsdann sind wir in Christo in seinem Tod begraben und
stehen mit Christo auf und leben ewig in ihm. Was soll ich denn lange um das
zanken, das ich selber bin? 64.
Ich habe mit niemand keinen Zank als nur wider den Gottlosen. Den straft der
Geist unter Augen. Das wollte ich euch nicht bergen und meinte es treulich. 65.
Anlangend meine Bücher könnet ihr, wie vernommen, wohl bei euch bekommen, so
euch dieselben gelieben. Denn mir wird berichtet: Herr Christian Bernhard,
Zöllner zu Sagan, wie er derselben habe zwei — als das »Vom dreifachen Leben«, welches fast das vornehmste im Lehren ist,
und dann die »Vierzig Fragen von der
Seelen« — eurem Weinschenken seinem Bruder geliehen. Könnet euch mit ihm
befreunden; wird sie euch nicht versagen. So aber nicht, will ich euch in
andere Wege dazu verhelfen. Könnet dieselben auch bei Herrn Christian
Bernhard bekommen, so ihr sie ja begehret und nicht mehr haben könnet. Ich
will ihm schreiben, daß er euch die wird leihen, denn ich habe meine selten
daheim. Jedoch so ihr sie nicht würdet erlangen, wollte ich, sobald ich sie
zu Hause bekäme, euch eines nach dem andern leihen. 66.
Deren Titel und unterschiedliche Bücher sind diese: I. Die »Aurora«, steiget aus der Kindheit auf
und zeiget euch die Schöpfung aller Wesen, aber sehr heimlich und nicht
genug. Erkläret viel magischen Verstand, denn es sind etliche Geheimnisse
darinnen, so noch ergehen sollen. 67.
II. Ein großes Buch von 100 Bogen, »Von
den drei Prinzipien göttlichen Wesens« und des Wesens aller Wesen. Das
ist ein Schlüssel und Alphabet aller derer, so meine Schriften begehren zu
verstehen. Das handelt von der Schöpfung. Item: von der ewigen Geburt der
Gottheit, von der Buße, der Rechtfertigung des Menschen und seinem
Paradeis-Leben und von dem Falle. Item: von der neuen Geburt und Christis
Testamenten und vom ganzen menschlichen Heil, sehr nützlich zu lesen, denn es
ist ein Auge, zu erkennen die Wunder im Mysterio Gottes. 68.
III. Ein »Buch vom dreifachen Leben«,
hat 60 Bogen, ist ein Schlüssel von oben und unten zu allen Geheimnissen,
wohin sich nur das Herze schwingen möchte. Es zeiget allen Grund der drei
Prinzipien und dienet einem jeden nach seiner Eigenschaft. Er mag fast alle
Fragen, so die Vernunft ersinnen kann, darinnen gründen. Und ist das
nötigste, so euch wohl dienen möchte, ihr würdet der Zankbücher bald
überdrüssig werden, so ihr dies ins Gemüte brächtet. 69.
IV. »Vierzig Fragen von der Seelen«,
hat 28 Bogen, handelt von alledem, was ein Mensch wissen soll. 70.
Das V. Buch hat drei Teile. Das erste Teil »Von der Menschwerdung Christi«. Das zweite Teil ist fast sehr
tief, von Christi Leiden und Tod, wie wir in Christi Tod müssen eingehen, mit
und in Christo sterben und auferstehen, und warum Christus hat müssen
sterben; ganz aus dem Centro durch die drei Principia ausgeführet, sehr hoch.
Das dritte Teil ist der Baum des christlichen Glaubens, auch durch die drei
Principia, sehr nützlich zu lesen. 71.
VI. Das sechste Buch oder Teil dieser Schriften sind die »Sechs Theosophische Punkte« der
allergrößten Tiefe, wie die drei Principia sich ineinander gebären und
vertragen, also daß in der Ewigkeit kein Streit ist und wohl ein jedes in
sich selber ist, und wovon Streit und Uneinigkeit herkommen, wovon Böses und
Gutes urstände; ganz aus dem Ungrunde als aus Nichts in Etwas als in den
Grund der Natur eingeführet. Dieses sechste Buch ist ein solches Geheimnis,
wiewohl kindisch ans Licht gegeben, daß es keine Vernunft ohne Gottes Licht
gründen wird. Es ist ein Schlüssel zu A und O. 72.
VII. Ein Büchlein für die Melancholie, für die Angefochtenen geschrieben,
wovon Traurigkeit urstände und wie man derselben widerstehen soll (»Von vier Komplexionen«). 73.
VIII. Ein sehr tiefes Buch »De
signatura rerum — Von der Bezeichnung der Kreation« und was jedes Dinges
Anfang, auch Zerbrechung und Heilung sei, gehet ganz in die ewige und dann in
die anfängliche, äußerliche Natur und in ihre Gestaltnisse. 74.
Dieses sind also meine Bücher, neben etlichen kleinen Traktätlein, die ich
hin und wieder gegeben, deren ich keine Kopie behalten, denn ich bedarf ihrer
für mich nicht. Ich habe an meinen drei Blättern genug. 75.
Und so es meine Gelegenheit giebet, denn ich sonst oft reisen muß wegen
meines Werkes*, so will ich euch sobald das sein mag, daß ich dieser Orte
reise, selber ansprechen. Wollte es, als ich nach Ostern zu Weicha war, tun
und war mein ganzer Vorsatz; allein Gott wendete es anders, fügete mir einen
Mann zu, der mich andere Wege führete zu solchen Menschen, da es nötig war,
daß ich hernach erkannte, daß mein Weg vom Herrn wäre. *) als Händler und als
theosophischer Lehrer 76.
Herr Balthasar Walther hat sich vergangenen Winter und Frühling bei Fürst
August von Anhalt zu Pletzka aufgehalten und mir daselbst geschrieben.
Anjetzo ist er beim Grafen zu Gleiche, drei Meilen von Erfurt. Sein Medicus
hat sich auf ein Jahr bestellen lassen. 77.
Am selben Hofe ist auch Ezechiel Meth. Aber sie sind nicht ganz eines Sinnes,
wie es Walthers Schreiben ausweiset, welches ich erst vor drei Wochen
empfangen. So mir der Herr etwas wollte schreiben und nicht Botschaften
anhero hätte, kann er es nur zu Herrn Christian Bernhard, Zöllner zu Sagan,
schicken. Da habe ich alle Wochen Gelegenheit. Er ist ein gottesfürchtiger
Geselle. 78.
So etwas in meinen Schriften zu schwer und unverständlich wollte sein, bitte
nur aufzuzeichnen; wills kindisch geben, damit es möchte verstanden werden.
Den Klugen und Satten, den Hohen und in sich selbst Wissenden, welche selber
gehen können und vorhin reich sind, denen habe ich nichts geschrieben,
sondern den Kindern und Unmündigen, welche an der Mutter Brüsten saugen und
gehen lernen. 79.
Wer es verstehen kann, der verstehe es. Wer aber nicht, der lasse es
ungelästert und ungetadelt. Dem habe ich nichts geschrieben. Ich habe für
mich geschrieben. 80.
So aber ein Bruder durstig wäre und bäte mich um Wasser, dem gebe ich zu
trinken. Der wird erfahren, was ich ihm gegeben habe, so ihm der Herr das
Trinken wird vergönnen. Und tue mich in des Herrn Gunst und uns alle in die
sanfte Liebe Jesu Christi empfehlen! Datum
Görlitz, am Tage Mariä Himmelfahrt. Der
Name des Herrn ist eine feste Burg; der Gerechte läufet dahin und wird
erhöhet. J. B. 13. Sendbrief
An
Christian Bernhard — 8. Juni 1621. Der
offene Brunnquell im Herzen Jesu Christi sei unsere Erquickung! 1.
Ehrenfester, wohlbenamter Herr, in der Liebe Christi hoher Freund! Neben
Wünschung aller heilsamen Wohlfahrt füge ich euch freundlich, daß diese
mitgehenden Schriften von vielen gelehrten, auch adeligen Personen mit Lust
und Liebe gesuchet und gelesen werden; und sind also sehr ausgebreitet, daß
ich mich darob verwundere; und ist ganz ohne mein Wissen geschehen. Man hat
sie fast in ganz Schlesien, sowohl in vielen Orten in der Mark, Meißen und
Sachsen, wie mir denn täglich Schreiben zuhanden geschicket werden, derselben
begehrend; sich auch etliche vornehme Leute anerboten, sie in Druck zu verlegen,
welches mir anjetzo, weil Babel brennet, noch nicht gefällig ist, aber doch
seine Zeit haben wird. 2.
Denn das Aureum Saeculum (goldenes Zeitalter)
wird mitten im Feuer zu Babel anheben zu grünen. Melde ich euch treuherzig
nachzusinnen und euch in der Begierde in unserm Emanuel zu erwecken als einer
unter den Erstlingen unter der siebenten Posaunen Schall ergriffen. 3.
Suchet, spricht Christus, so werdet ihr finden. Das edle Perllein offenbaret
sich selber in denen, so das anjetzo werden suchen. Denn es ist eine
angenehme Zeit, beides: im Himmel und Hölle. Beide Türen stehen anjetzo mit
ihrer Begierde offen. Es ist eine Zeit, sich selber zu suchen; halte es
niemand für Scherz! Oder er fället dem grimmigen Zorn Gottes heim und wird im
Rachen des Grimmes ergriffen. 4.
Nur demütig unterm Kreuze eine kleine Zeit! Der Maien wird seine Rosen wohl
bringen und der Lilienzweig seine Frucht! 5.
Wohl dem, der ihn in seinem Herzen hat! Es wird ihm zur höchsten Ehre
gereichen, denn dieser Welt Ehre ist nur Kot gegen die göttliche Liebe zu
rechnen, melde ich für euch als für meinem Lieben in dem Herrn Jesu Christo
treuherzig, euch zu erinnern und zu ermuntern in dem Herrn. Und tue euch der
Liebe Jesu Christi empfehlen! Datum
Görlitz, ut supra. J. B. 14. Sendbrief
An
Christian Bernhard — Im Juni 1621. Der
offene Brunnquell im Herzen Jesu Christi sei unsere Erquickung! 1.
Mein lieber Herr Christianus, hoher Freund! Euere Wohlfahrt ist mir allezeit
lieb. Ich übersende euch hiermit das Buch »De tribus principiis« vollends zum Abschreiben, so euchs
gefället, und vermahne euch in der Liebe Christi als ein Glied das ander, in
dem Studio und im Gebete zu Gott, fleißig zu sein, auf daß unser Glaube und
Erkenntnis untereinander wachse und zunehme und wir endlich die Frucht davon
einernten und derer genießen. 2.
Seid nur wacker, in Christo zu streiten wider die Vernunft der Welt und des
Fleisches Willen, und kämpfet ritterlich. Euer Sieg ist in dem Herrn. Der
wird ihn euch aufsetzen, wann‘s ihm gefället. Die Krone ist euch beigeleget,
darum ihr kämpfet. Es wird euch nicht gereuen. 3.
Aber das Malzeichen Christi müsset ihr in dieser Welt tragen und seinem Bilde
ähnlich werden, anders erlanget ihr nicht die Kron, füge ich euch brüderlich.
Bereitet euch nur fleißig, denn es ist ein großer Sturm vorhanden, auf daß
ihr erhalten werdet zum Lobe Gottes und zum Jahr der Lilien, welche grünet.
Der Liebe Christi empfohlen! 4.
Bitte mit dem Nachschreiben zu eilen, denn es wird begehret. Es finden sich
Schüler, denen mans geben soll.
J. B. 15. Sendbrief
An
Herrn Dr. Johann Daniel Koschowitz — Vom 3. Juli 1621. 1.
Geliebter Herr Doktor, wollet nur Herrn Balthasar Tilke meinen Brief selber
zu lesen geben, ohne allein dieses Skriptum* nicht, und ihn zu christlicher
Demut vermahnen, ob ihm vielleicht möchten die Augen der Seelen aufgetan
werden, welches ich ihm wohl gönne. Es wird ihm kein Spott sein, daß er die
Wahrheit behebe. Denn ich merke wohl, was ihn aufhält und im Wege lieget:
anders nichts als eigene Liebe, in dem er bisher hat seinen Grund weit
ausgesprenget und bei vielen ein Ansehen bekommen; und dieser mein Grund
nicht gänzlich mit ihm einstimmet. So treibet ihn die eigene Liebe zum
Contrario und da er doch meinen Grund noch nicht begriffen hat und dessen
noch ein Kind ist. *) Gemeint ist die 2. Apologie
wider B. Tilke, vgl. 19. Sendbrief gleichen Datums. 2.
So ihm aber die Ehre bei Gott und die gliedliche Liebe wollte, gefallen, so
hat er in Wahrheit nichts wider mich und meine Schriften. Auch möchten sie
ihm noch wohl frommen. Aber ohne geneigten Willen wird er wohl stumm daran
bleiben, denn diesen Grund verstehet keine Vernunft ohne die einige Liebe
Gottes, darinnen alle Schätze der Weisheit innen liegen. Was aber seine
Meinung sei, bitte ich mir doch wieder durch Herrn N. mit einem
Sendebrieflein zu melden. 3.
Herrn Dr. Staritius ist sein verdeckter Grund hiemit geöffnet. Ich hoffe, er
werde auch sehend werden, weil er sonst eine scharfe Vernunft und die Logik
wohl studieret hat, so wird er vielleicht weiterforschen. Will er aber nicht,
so hebet seine Meinung Gottes Gaben nicht auf. Er kann mir diesen Grund
sonderlich die Erklärung der Sprüche mit keiner Schrift umstoßen. Ich meine
es treulich mit ihm. 4.
Daneben bitte ich euch, ihr wollet mir diese Freundschaft erzeigen und diesen
Traktat »Von der Gnadenwahl« Herrn
Th. von Tschesch zu lesen schicken, weil er ein sittsamer Herr ist und auch
eben der Disputat dieses Artikels bei ihm vorgelaufen ist, daß es nicht das
Ansehen hat, als sei man im Unverstande zu Tode geschlagen worden. Wird es
aber die Not erfordern, so will ich mich dermaßen erklären, daß sie sehen
sollen, aus was Grunde ich schreibe. 5.
Sie geben mir Fragen, wie sie wollen. Sie sind in der Natur, in der Zeit oder
in der Ewigkeit. Ich will mich in göttlichen Gnaden nichts vor ihnen scheuen,
sondern genug beantworten, allein daß es nur christlich geschehe und nicht
aus Affekten oder Schmähung. Ich will dergleichen gegen jeden handeln. 6.
Am nähern in unserer Zusammenkunft war ich gar übel geschickt zu solchem
Disputat, denn Wein und köstliche Speise verdecken des Perlleins Grund,
zuvoraus, weil ich dessen nicht gewohnet bin und daheim ganz mäßig und
nüchtern lebe. Und es ist Herrn N. nicht genug geantwortet worden. 7.
Ich bin aber erbötig, ihm und allen denen, welche es christlich meinen, zu
antworten, sie geben mir nur ihre Fragen schriftlich und erklären ihre
Meinung dabei, daß ich sehe, was sie schließen. Ich will ihnen gründlich und
ausführlich genug antworten und keines Sektierers oder sektiererischen Namens
mich behelfen und nennen lassen mit Grund der Wahrheit, nicht ein
Flaccianer*, wie Herr Dr. Staritius meinet, sondern im Grunde soll ich sehen,
denn ich lehre kein eigen Vermögen, außer Christo zur Kindschaft zu kommen,
wie Dr. Staritius meinet. *) nach dem lutherischen Theologen
Flacius Illyricus (1520-1575) 8.
Allein mit seiner Meinung bin ich auch nicht genüget, viel weniger aber mit
Herrn Balthasar Tilkens, welche ganz wider die Schrift anstößet. Denn ich bin
allein Meinungen in mir tot und habe nichts, ohne was mir von Gott zu
erkennen gegeben wird. Und gebe es euch allen selber zu richten, wovon ich
weiß, was es ist, daß ich als ein Laie und ungeübter Mann mit euch, die ihr
von den hohen Schulen geboren seid, zu tun habe und mich wider die gelehrte
Kunst setzen muß, und da ich in meiner eigenen Vernunft doch nicht weiß ohne
Gottes Wissen, wie ich dazukomme, sondern sehe ihm selber nach, was Gott tut. 9.
Aber in dem Grund meiner Gaben weiß ich gar wohl, was ich tue in diesem
Vorhaben, und da es doch kein Vorhaben in mir ist, sondern also bringet es
die Zeit und also treibet es der, der alles regieret. 10.
Anlangend unsere heimliche Abrede, wie euch bewußt, werdet ihr euch müssen
noch ziemliche Weile in dem bewußten Prozeß gedulden, und wird auch in diesem
Anfange keinem andern wollen leiden. Es darf wohl erst im siebenten Jahr in
diesem Prozesse zu Ende laufen, denn es muß durch alle sechs Eigenschaften
des spiritualischen Grundes aufgeschlossen werden. Ob es wohl anjetzo schon
durch die Sonne aufgeschlossen ist, so ist doch der Schlüssel kaum im ersten
oder andern Grad des Centri der Natur kommen. 11.
Denn eine jede Eigenschaft unter den sechs Gestalten des Geistlebens hat eine
sonderliche Sonne in sich, von Gewalt und Herkommen des Lichts der Natur als
der essentialischen Sonnen, und werden in Ordnung aufgeschlossen, wie ihr
Geburt und Urstand ist. 12.
(I) Wird des Saturni Sonne durch den Schlüssel der äußeren Sonne
aufgeschlossen, daß man die Differenzierung der Natur siehet. — (II) des
Jovis oder Jupiters Sonne, daß man die Kräfte als einen blühenden Baum
siehet; und bis daher seid ihr gekommen. — (III) Wird Mars als die feurige
Seele aufgeschlossen, so erscheinet Jungfrau Venus in ihrem weißen Kleide und
scherzet mit der Seelen, ob sie dieselbe könnte zur Begierde der Liebe
bewegen. Sie gehet mit der Seelen aus und ein, auf und ab, und herzet sich
mit ihr, ob sie wollte die flüchtigen Eigenschaften des eigenen Willens, da
die Seele ist aus der Temperatur (Harmonie)
gegangen in das flüchtige Leben des zertrennten Lebens Eigenschaften, wieder
in sie einführen, daß Jungfrau Venus wieder geseelet würde und des Feuers
Tinktur wieder erlangen möchte, darinnen ihre Freude und ihr Leben stehet. 13.
Denn Jungfrau Venus ist der Glanz des Weißen in der Sonnen an diesem Orte verstanden.
Aber die Gewalt zum Schein ist nicht ihr eigen; ihr Eigentum ist das
geistliche Wasser, welches ursprünglich aus dem Feuer urständet, da die
Scheidung in Salniter in Martis Sonnen angehet, so scheidet sich Jungfrau
Venus in sich selber und bedecket sich mit einem kupfernen Röcklein. Denn
Mars will sie für Eigentum haben, aber er besudelt sie sehr in seiner Bosheit
und schmeißet Erde und Ruß an sie, denn er mag sie nicht zu ehelichen, er
gebe ihr denn seinen eigenen Feuerwillen zum Eigentum, und das will er nicht.
Darum streiten sie eine lange Zeit. Sie sind Eheleute, aber sie sind einander
treulos worden. 14.
So kommt alsdann die Sonne und schleußt Mercurii Sonne auf, welches der
vierte Schlüssel ist. Da werdet ihr große Wunder sehen, wie Gott Himmel und
Erden geschaffen hat, dazu den Grund aller vier Elemente. Und so ihr werdet
acht haben, so werdet ihr euren proprium genium (eigenen Geist) ausgewickelt vor euch bloß sehen und
sehen, wie das Wort ist Mensch worden als das ausgesprochene Wort in seinem
Wiederaussprechen. In der Schiedlichkeit der Kräfte werdet ihr sehen, wie
Jungfrau Venus geteilet wird, wie sie die Gestaltnisse der Natur in sich
fassen und mit ihr jämmerlich umgehen und sie in ihre Gewalt nehmen und sich
in ihr in Purpurfarbe wandeln. Sie wollen morden, aber sie ist ihre Taufe zum
neuen Leben an diesem Ort. 15.
Der fünfte Schlüssel ist Jungfrau Venus selber, da sie ihr Gott als die Sonne
aufschleußt, daß sie ihren Willen und ihr schönes Kränzlein den Mördern
giebet, so stehet sie als eine Geschwächte (Mißbrauchte).
So meinet der Künstler* er habe das neue Kind, ist aber noch weit bis zur
Geburt derselben. *) der alchyrnistische Artifex
(Praktiker) 16.
Der sechste Schlüssel ist Luna, wenn die Sonne diesen aufschleußt, so muß
Mars, Jupiter und Saturnus jeder seinen Willen verlassen und ihre flüchtige
Pracht lassen sinken, denn die Sonne in Luna nimmt sie in die Menschwerdung
ein. Da hebet der Künstler an zu trauern und denket, er habe verloren. Aber
seine Hoffnung wird nicht zu Schanden, denn der Mond oder Luna in seiner
aufgeschlossenen Sonnen ist also hungerig nach der rechten Sonnen, daß er sie
mit Gewalt in sich zeucht, davon Mars in seinem Grimm erschrickt und in
seinem eigenen Recht erstirbet. So ergreifet ihn Jungfrau Venus und ersinkt
mit ihrer Liebe in ihn ein. Davon wird Mars im Jove und Saturno in dieser
Liebe lebendig, eines freudenreichen Lebens, und geben alle sechs
Eigenschaften ihren Willen in Venus, und Venus giebet ihren Willen der
Sonnen. Allda wird das Leben geboren, das in der Temperatur stehet. 17.
Lieber Herr Doktor, der Feder ist nicht zu trauen. Jedoch habt nur acht auf
das Werk. Es wird also und gar nicht anders sein. Beweget es nicht, daß sich
nicht Mercurius vor seiner Aufschließung erzürne, denn auswendig ist er böse,
aber inwendig ist er gut und das wahre Leben. Jedoch ist Mars die Ursache zum
Leben. Sie gehen auch nicht also schlecht in der Ordnung mit dem
Aufschließen, obwohl das Aufschließen in der Ordnung geschiehet, so wendet
sich aber das sensualische Rad um und drehet sich hinein, bis Saturnus in den
innern Grund mit seinem Willen kommet, so stehet er in der Temperatur und
gebieret nicht mehr Neiglichkeiten. 18.
Das alles, war ihr jetzo sehet, sind die abdringenden flüchtigen Geister, und
prangen mit Jungfrau Venus, leben aber alle in Hurerei und müssen alle
umkehren und sich in Grund einwenden, daß sie fix werden. Das geschiehet also
lange, bis Jungfrau Venus ihr materialisches grobes Wasser verlieret, in
welchem die Ehebrecher mit ihr buhlen in falschem Willen, daß sie ganz
geistlich wird. Alsdann scheinet die Sonne in ihr, welche die Natur in Liebe
verwandelt. 19.
Lieber Herr Doktor, das corpus philosophorum ist das spiritualische Wasser
vom Feuer und Licht als die Kraft des Feuers und Lichtes, wenn das von der
Grobheit geschieden wird durch die Aufschließung aller Eigenschaften der
Natur, so ists recht spiritualisch. So nimmt der solarische Geist keine
andere Eigenschaft mehr in sich als nur diese, welche er mag in den
aufgeschlossenen Gestalten in ihrer sensualischen Sonnen erreichen. Denn die
Sonne nimmt nichts in sich als nur ihre Gleichheit. Sie nimmt ihren Himmel
aus der Erden. Wollet ihr mich recht verstehen, denn es ist ihre Speise.
Davon gebieret sie einen jungen Sohn in sich, der auch heißet. Aber er ist
ein Corpus. Darum sage ich euch, haltet euch fleißig und genau zu ihr. Ihr
werdet wohl erfreuet werden, lässet euch Gott so lange leben, wo ihr nur den
rechten Vater habet, welchem ich nachgesonnen und ihn sehr geliebet habe. 20.
Ein solches ist mir wohl wissend, denn ich habe neulich gesehn, darob ich
mich nicht alleine wundere, sondern darüber erfreuete, darinnen mir viel ist
offenbar worden. Und wiewohl ich möchte etwas ausführlicher davon schreiben,
so tut es euch doch in diesem Prozeß nicht not. Auch ist der Feder nicht zu
trauen; kann ein andermal geschehen, und bitte: Haltet diesen Brief heimlich
und in Treuen. Komme ich zu euch, so möchte ich euch wohl etwas vertrauen,
das ich neulich empfangen und gesehen habe. Jedoch soll ich gehen, so weit
ich darf, giebet Zeit, kann ich wegen Unruhe, welche nahe ist, so komme ich
auf Mitfasten auf Breslau, so besuche ich euch im Rückwege. 21.
Herr Doktor, seid sehend, leset den Traktat »Von der Gnadenwahl« mit innerlichem Bedacht. Er hat mehr in sich
in seinem innern Grund als auswendig, wegen der Sprüche der Schrift, welchen
Grund ich nicht den Unweisen geben und auswickeln darf und doch den Weisen
wohl geben darf. In den Arcanis seid nur treu und denket, daß ihrer die böse
Welt in ihrem Geiz nicht wert ist, was ihr nicht möget parabolisch (gleichnishaft) verstehen. Da tut Fragen not, soll euch
wohl etwas mehrers geoffenbaret werden. Jedoch in einer Ordnung allein
solches zu tun ist mir zu verboten vor den Fürsten der Himmel, auf Art der
blühenden Erden darf ich wohl. Darum vernehmet der Bienen Art an euch, welche
von vielen Honig machet. Öfter Schreiben möchte euch dienen, doch was ihr
wollet, Gott nimmt Gott, Not nimmt Not. J.
B. 16. Sendbrief
An
Herrn Christian Steinberg, D. — Vom 3. Juli 1620. 1.
Edler, achtbarer, hochgelehrter Herr! Nebenst Wünschung der göttlichen Liebe
und Freudenreich in unserm Emanuel, in seiner wundersüßen Kraft, auch aller
Leibes- und zeitlichen Wohlfahrt, füge ich demselben freundlich, daß ich mich
wegen des Gespräches, so am nähesten geschehen, erinnert habe. Und nachdem
ich den Herrn einen sehr eiferigen Liebhaber der Wahrheit und göttlicher
Geheimnisse vermerket, habe ich nicht wollen unterlassen, ihn mit diesem
Schreiben zu besuchen, weil es Gelegenheit hat gegeben, etwas auf den Artikel
»Von der Gnadenwahl Gottes« — weil
mich auch eine andere Person deswegen hat angefochten — zu antworten,
dasselbe, was ich geantwortet, habe dem Herrn zu überlesen mitgeschicket. Ich
bin bereit und erbötig, soferne mit dem wenigen das Gemüte sich nicht könnte
beruhigen, so es begehret würde, ein solches zu schreiben und aus dem Centro
auszuführen, darauf das Herz sich möchte verlassen und beruhen. 2.
Wiewohl ich vermeinete, ein Christ sollte in diesem wenigen so viel finden,
daß er zur Ruhe wegen dieses und anderer Artikel käme. Weil es aber nicht
weniger, daß dieser Artikel hat viele Leute bekümmert und darauf solche
Meinung geschlossen worden, welche der Welt eine offene Pforte zu aller
Bosheit geben, so ist mir es leid. 3.
Nachdem mir vom Höchsten ist zu erkennen gegeben worden, daß dieser Artikel
noch nie aus‘m Grunde verstanden worden, daß wir einander nicht dürften also
fremd ansehen als Menschen und Teufel gegeneinander, sondern als liebe Brüder
und Christi ingeborne und teuer erworbene Kinder, daß wir doch möchten in
einer rechten Liebe untereinander wandeln. Welches in solchem Wahn, daß Gott
einen erwählet und den andern nicht, nimmermehr geschehen kann. So ich aber
meinen Bruder ansehe als mein Fleisch und Geist, so mags wohl geschehen,
welches uns die Schrift, auch der Urstand menschlichen Geschlechts gewaltig
bezeuget. Und noch viel mehr überzeugt mich mein Gewissen im Geist des Herrn,
indem ich meinen Bruder soll lieben als mein eigen Leben oder als meinen
Gott. 4.
Was soll mir Gott wollen gebieten, einen verdammten Teufel zu lieben? Nein,
sondern meines Leibes Gliedmaß. Darum um dessen willen habe ich mir Ursach
genommen, dem Herrn zu schreiben und ihn christlich zu ersuchen und zu
vermahnen, diesem Artikel besser nachzudenken und in der Betrachtung ja nicht
anders ihm lassen einräumen als den holdseligen Namen Jesus, der da in die
Welt ist kommen und sich in unserer Menschheit geoffenbaret, uns arme am
Reich Gottes gestorbene und verlorne Menschen zu suchen und selig zu machen
und das wiederzubringen, was in Adam ward verloren. 5.
Nicht schreibe ich dem Herrn darum, ihn zu meistern, sondern
brüderlicherweise mich mit ihm zu ersuchen und zu ergötzen, auf daß unser
Glaube und Zuversicht gegen Gott in dem Herrn gestärket werde. Denn wir sind
allerseits nur Menschen und halten uns billig in Lehren und Leben
gegeneinander als Glieder, denn wer seinen Bruder im Geiste Christi findet,
der findet sich selber. 6.
Die vielen der Disputaten ist kein nütze. Sie machen nur Verwirrung. Gehet
mit mir in meinen Schriften aufs Centrum aller Wesen, so werdet ihr den
Verstand in Gutem und Bösem sehen und aller dieser Irrtümer erlöset werden.
Denn ihr werdet viel in meinen Schriften finden, daß dem Gemüte wird Genüge
geschehen. Sofern das Centrum aller Wesen ergriffen wird, so gehet eine
solche Freude im Gemüte auf, welche aller Welt Freude übertrifft. Denn es
lieget der edle Stein der Weisen darinnen, und wer ihn findet, achtet ihn
höher als die äußere Welt mit aller ihrer Herrlichkeit. 7.
Sollte das nicht Freude sein, Gott finden und erkennen, da man in sich selber
kann alles finden und sehen, was in viel tausend Büchern kaum ist entworfen
worden, und in einem jedem Dinge zu erkennen. 8.
Mit wem soll ich um die Religion zanken, so dieselbe in meinem Herzen
offenbar wird, daß ich alles mag in seiner Wurzel und Urstand schauen? Nicht
rede ichs mir zum Ruhm, der ich ein Nichts bin und Gott in mir alles, sondern
darum, obs einem lüsterte zu suchen, daß er es auch möchte suchen und
erlangen. 9.
Wiewohl ichs nicht also suchte, auch nicht verstand, wußte auch nichts davon:
Ich suchte allein das liebreiche Herz Jesu Christi, mich darin zu verbergen
vor dem grimmigen Zorne Gottes und dem bösen Feinde, dem Teufel. So ward mir
aber mehr offenbaret, als ich suchte und verstand. Und daraus habe ich
geschrieben, auch nicht vermeinet, damit bei so hohen Leuten bekannt zu
werden. Denn ich gedachte, ich schriebe allein für mich, und gedachte, es bei
mir bis ans Ende zu behalten. Nun ists doch offenbar und in vieler Menschen Hände
kommen ohne mein Wissen und Laufen. Derowegen ich verursachet werde, euch und
ihnen zu fliehen und sie des zu erinnern, daß man doch nicht wolle auf die
Einfalt des Autoris sehen, noch sich wegen der Person ärgern. 10.
Denn es gefällt dem Höchsten wohl, seinen Rat durch törichte Leute zu
offenbaren, welche vor der Welt ein Nichts geachtet sind, auf daß es erkannt
werde, daß es von seiner Hand komme. Darum, so dem Herrn meine geschriebenen
Schriften in die Hände kommen, wolle er sie nur ansehen als eines Kindes, in
welchem der Höchste sein Werk getrieben, denn es lieget so viel darinnen, das
keine Vernunft verstehen oder ergreifen mag. Aber den Erleuchteten ists
kindisch und gar leicht. 11.
Es wird von der Vernunft nicht ergriffen werden. Es sei denn, daß die
Vernunft werde mit Gottes Licht angezündet, außerdem ist kein Finden; das
wollte ich den Herrn und alle, die sie lesen, freundlich erinnern. Christus
sprach: Suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan,
Matth. 7,7. — Mein Vater will den Hl. Geist geben denen, die ihn darum
bitten, Luk.11,13. 12.
Allhierinnen lieget das Perllein geschlossen. Wer es haben will, muß es also
erlangen. Anders ist kein Finden als nur ein halb blind Wissen gleich einem
Spiegelfechten. Im Perllein lieget eine lebendige Wissenschaft, da man nimmer
darf fragen, obs wahr sei. Denn es stehet geschrieben: Sie werden von Gott
gelehret sein, Joh.6,45. Item: Wir wollen zu euch kommen und Wohnung bei euch
machen, Joh.14, 23. Item: Wer Christi Geist nicht hat, ist nicht sein, Röm.
8,9. Darum saget Christus: Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach
seiner Gerechtigkeit, so wird euch das andere alles zufallen, Matth.6,33. 13.
Er heißet uns danach trachten und nicht stille sitzen und auf Wahl warten,
sondern zu ihm kommen, Matth.11,28, und in seinem Weinberg arbeiten, nicht
warten auf Antreiben, sondern willig kommen. 14.
Weil ich denn am Herrn ein weises Herz gespüret, so bin ich desto kühner
gewesen, ihm zu schreiben; verhoffe, er werde es weislich richten. So nun
etwas dem Herrn in meinen Schriften wollte unverstanden vorkommen, bitte ichs
aufzumerken und mir mit Gelegenheit zu schicken. Ich wills kindlicher geben
und erklären. Und tue den Herrn samt den Seinigen auch mit ihnen in der
brüderlichen Einigung in die sanfte Liebe Jesu Christi empfehlen. Datum
ut supra. J. B. 17. Sendbrief
An
C. v. H. V. A. J. S. — 3. Juli 1621. 1. Edler Herr! Nebst Wünschung der göttlichen Liebe und
Freudenreich in unserm Emanuel, in seiner süßen Kraft, auch aller Leibes und
zeitlichen Wohlfahrt, füge ich demselben freundlich, nachdem ich jetzt
Gelegenheit gehabt, daß ich mich des Gespräches, so am nähern geschehen,
erinnert zu wissen: Nachdem ich aber euch und andere mehr, so dabei gewesen,
in hohem göttlichem Eifer als Liebhaber Gottes uns seiner Wahrheit vermerket,
welche mit Ernst dem Mysterio und Grund aller Wesen begehren nachzuforschen
und ins Licht zu kommen, so habe ich nicht unterlassen wollen, denen zu
schreiben und sie zu erinnern und in solchem eiferigen Suchen mehr Ursache zu
geben und dazu tun, wie das Perllein zu suchen und endlich zu finden sei,
zumal ich auch einer unter den Suchern bin und mir am höchsten anlieget,
dasjenige, was mir von Gott vertrauet ist, nicht zu vergraben, sondern
darzutun, auf daß Gottes Wille in uns möchte erkannt werden und sein Reich in
unser Suchen und Begehren kommen und offenbar werden, und wie wir uns
untereinander als Kinder des Höchsten finden möchten und uns untereinander
erkennen als Glieder und Brüder und nicht als Fremdlinge oder als Teufel und
Unmenschen gegeneinander, welches der Artikel von der Wahl wie es bisher von
etlichen traktieret worden, nicht viel anders geben und leiden würde. 2.
Und ob es ist, daß wir in schweren Fall Adams sind im Zorn ergriffen worden,
daß uns ja sein Zorn hat zu Kindern der Verdammnis erwählet, so hat aber doch
Gott sein liebes Herz als das Centrum der Gottheit daran gewandt, und hat es
in der Menschheit offenbaret, auf daß er uns in ihm wieder neu gebäre und das
Leben in uns wieder offenbarete. 3.
Und wie der schwere Fall von einem kam auf alle und drang auf alle, also auch
die Gnade kam von einem und drang auf alle. Und der Apostel saget: Daß Jesus
Christus in diese Welt gekommen sei, zu suchen und selig zu machen, was
verloren sei, Matth.18,11, als den armen, verlornen, verdammten, im Zorn
Gottes ergriffenen und zur Verdammnis erwähleten Sünder, und nicht den
Gerechten, der mit Abel, Seth, Henoch, Noah, Sem, Abraham, Isaak und Jakob in
der Liebe ergriffen ist, sondern den Armen vom Zorne Gottes gefangenen
sündigen Menschen, als Kain, Ismael und Esau und dergleichen, dieselben zu
suchen und zu rufen, ob sie sich wollten bekehren, wie Gott zu Kain sagte:
Herrsche über die Sünde und laß ihr nicht die Gewalt. So das Kain nicht hätte
tun können, so hätte es ihm Gott nicht geheißen. Auch so es nicht wäre
möglich gewesen, daß Adam hätte können bestehen, so hätte er ihm den Baum
nicht verboten. 4.
Wiewohl man also nicht schließen kann und dem Gemüte also nicht Genüge
geschieht, denn es forschet weiter nach Gottes Allmacht, so tut ein ander
Studium nötig, daß man lerne erkennen, das Centrum aller Wesen zu Liebe und
Zorn, was da sei die ewige Liebe Gottes und was da sei der ewige Zorn Gottes,
der den Menschen verstocket und verschlinget und zum Kinde des ewigen Todes
machet, und wie ein Mensch könne und möge in dieser Zeit aus solchem
Gefängnis erlediget werden. 5.
Weil ichs aber habe in meinen Büchern dermaßen erkläret und ausgeführet, daß
ich vermeine, dem Gemüte sollte genug geschehen — sonderlich im Buch »Vom dreifachen Leben« und in den drei
Büchern »Von der Menschwerdung Christi«
und noch vielmehr und höher im Büchlein »Von
den sechs Punkten de mysterio magno«, von der ewigen Geburt der Gottheit
und »Von den drei Prinzipien« der
drei Welten, wie sie ineinanderstehen als eine und wie ein ewiger Friede
gegeneinander sei, und wie eine die andere gebäre und eine die andere
begehret, auch eine ohne die andere nicht wäre —‚ so vermeinete ich, dem
Gemüte sollte allda sein genug geschehen, nachdem man solches an allen Wesen
und Dingen erweisen kann. 6.
Weil Herr D.K. (Doctor Koschowitz) derselben
Schriften teils in Händen hat, wiewohl nicht alle, so kann E.G. nach
denselben forschen, so sie Lust danach haben. Sie werden nicht allein dieses
Artikels von der Gnadenwahl Grund finden, sondern alle Artikel und fast
alles, wo sich des Menschen Gemüt hinwendet, so man dem Grunde, so eröffnet
ist, nachgehet. 7.
Mein edles Herz, nehmet es doch nicht für Scherz, was uns Gott aus seiner
Liebe offenbaret. Sehet nicht auf die Einfalt des Menschen, durch welche er
solches tut. Es ist also vor ihm wohlgefällig, daß er seine Macht an den
Schwachen und Törichten, wie sie die Welt achtet, offenbaret. Es geschiehet
der Welt zur Lehre, dieweil alles im Zank lebet und will sich seinen Geist
nicht ziehen lassen, daß sie erkenneten, daß das Reich Gottes in uns ist. So
wird ihnen auch noch das Centrum seines Wesens und aller Wesen offenbaret.
Das geschiehet alles aus seiner Liebe gegen uns, daß wir doch möchten von dem
elenden Streite und Zank ausgehen und in eine brüderliche und kindliche Liebe
treten. 8.
So wollte ich E.G., dieweil ich fast ein sehendes Gemüte gespüret, nicht
bergen, daß es ein Ernst sein wird, und sage: Wohl denen, die mit unter der
Posaunen Schall ergriffen werden, welche schon geposaunet hat. Denn es kommt
ein solcher Ernst hernach, daß Babel und Streit, samt aller Hoffart und
Ehrgeiz, auch Falschheit und Ungerechtigkeit soll einen ernsten Trunk
trinken. Und eben den, sie hat eingeschenket, soll sie austrinken. Bitte um ewiges
Heils willen, solchem nachzusinnen, es ist erkannt worden. 9.
Ich bin erbötig, soferne das Gemüte nicht möchte Grundes genug haben in
meinen Schriften, daß es möchte ruhen, so mir dasselbe nur aufgezeichnet
übersendet wird, dermaßen zu erklären und aus dem Centro aller Wesen
auszuführen, daß ich verhoffe, dem Gemüte solle Genüge geschehen, wiewohl es
nicht eben am Forschen lieget. Denn keine Forschung ergreifet das Perllein
ohne Gottes Licht. Es gehöret ein bußfertig, demütig Gemüt dazu, das sich in
Gottes Gnaden ganz eingiebet und lässet, das nichts forschet noch will als
nur Gottes Liebe und Barmherzigkeit. In dem gehet endlich der helle
Morgenstern auf, daß das Gemüte ein solches Perllein findet, darinnen sich
Seele und Leib erfreuet. Und wenn dieses gefunden wird, so darf es weder
Forschens noch Lehrens, denn es stehet geschrieben: Sie werden von Gott
gelehret sein, Joh.6,45. Ein solches eröffnet der siebenten Posaunen Schall
in vieler Menschen Gemüte, die es nur werden mit Ernst in einem demütigen, in
Gott gelassenen Willen suchen. 10.
Darum, mein edles Herze, wollte ich euch solches nicht bergen, viel
Disputieren und Grübeln in eigener Vernunft findet das Perllein nicht. Aber
ein ernster, bußfertiger Wille findet dasselbe, welches köstlicher ist als die
Welt. Und der es findet, der gebe es nicht um aller Welt Reichtum, denn es
giebet ihm zeitliche und ewige Freude, daß er mitten im Kerker der Finsternis
mag fröhlich sein und dieser Welt gute Tage für Kot achtet. 11.
Christus sprach: Suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch
aufgetan, Matth.7,7. Item: Mein Vater will den Hl. Geist geben denen, die ihn
darum bitten, Luk.11,13. Hierinnen lieget der Grund. Es sage ja niemand, mein
Herze ist verschlossen, ich kann nicht bitten. Und wenn mein Herze spräche
lauter Nein, so werfe ich mich doch in Christi Leiden und Tod. Er werfe mich
in Himmel oder Hölle, so will ich in seinem Tode sein. Der ist mir ein ewig
Leben worden. So heißet es alsdann: Meine Schäflein kann mir niemand aus
meinen Händen reißen, Joh.10,28. 12.
Der Weg zum edlen Perllein, dasselbe zu suchen und zu erkennen, ist im Buch »Vom dreifachen Leben« fast genug
eröffnet, sonst wollte ich etwas haben davon gemeldet. Und tue mich in euern
Gunsten und uns alle in die sanfte Liebe Jesu Christi befehlen. Datum,
ut supra. J. B. 18. Sendbrief
An
Herrn Hans Sigmund von Schweinichen — Vom 3. Juli 1621. Der
offene Brunnquell im Herzen Jesu Christi sei unsere Erquickung! 1.
Edler, ehrenfester, hochbenamter Herr! Nebst Wünschung der göttlichen Liebe
und Freudenreich in unserm Emanuel, in seiner wundersüßen Kraft, auch alle
zeitliche Wohlfahrt des Leibes, wollte ich dem Herrn nicht bergen, wie mir
ist zu wissen gemacht, daß der Herr ein besonderer Liebhaber der Fontis
Sapientiae (Quelle der Weisheit) sei, auch
etliche meiner Schriften lese und eine große Begierde nach dem Brünnlein
Christi und der edlen Weisheit trage, welches mich bewogen, dem Herrn zu
schreiben, nachdem er etlicher meiner Schriften sich gebrauchet. 2.
Und aber sich Leute finden, welche aus Mißgunst mit Unbegriff derselben aus
Unverstand dawider prahlen, wie aus diesem angehängten Zettel zu ersehen, wie
der arme, hoffärtige Mensch prahlet, und hat doch nicht das wenigste am
Verstande, woraus meine Schriften herfließen, zeucht sie noch ganz falsch aus
fremdem Verstande an, nur seine elende Meinung damit zu bestätigen, dieweil
er etliche Schriften ausgesprenget von der Wahl Gottes (Vorherbestimmung) über uns, und uns also gedenket einen
Strick der Verzweiflung an den Hals zu werfen und eine Tür der
Leichtfertigkeit aufzutun, so schmecket ihm aber das offene Brünnlein Christi
in meinen Schriften nicht. (Hier spricht Böhme von
Balthasar Tilke.) 3.
Als habe ich eine kurze Erklärung über seine angehängte Zettel gemacht und
dem Leser meines Buches zu erwägen gegeben nur summarisch, weil der Grund
sonst genug in meinen Schriften zu finden ist, daß man doch sehe, wie uns der
Zettelanhänger gedenket bloßzustellen und uns den Schatz zu rauben, daran
unser ewig Heil lieget, und solches mit klugen Worten mit Zitaten der
Schrift. Gleichwie eine Kröte aus Honig Gift sauget, also zeucht er mit
Haaren die Schrift herzu, wie bei Beschneidung von der Jungfrauen Maria zu
sehen ist und von dem verheißenen Weibessamen, wie er die Schrift verfälschet
und verbittert, darauf er die Gnadenwahl setzet. 4.
Welches mich in meinem Herzen trefflich jammert, daß der Mensch also
beschweret ist und mit einer solchen Meinung eingenommen, welche Last schwer
ist, und er daraus nicht mag entrinnen, er lerne denn das Centrum aller Wesen
verstehen, wovon Böses und Gutes urständet, was Gottes Liebe und Zorn sei,
und lerne die drei Principia verstehen, sonst wird er davon nicht erlöset. 5.
Wiewohl michs nicht wundert, daß ihm meine Schriften fremd vorkommen, denn es
ist ein Neues und ein Fahren über die Vernunft aus. Sie haben einen andern
Verstand als seine, eine andere Wurzel, daraus sie quellen. Denn ich habe sie
nicht von Buchstaben zusammengetragen oder gelernet. Ich war ein
unverständiges Kind daran, als der Laien Art ist, wußte auch nichts von
solchen Dingen, suchete es auch also nicht. Ich suchete allein das Herze und
offene Brünnlein Jesu Christi, mich darinnen zu verbergen vor dem Ungewitter
des Zornes Gottes und vor dem Gegensatze des Teufels, daß ich möchte einen
Leiter und Führer kriegen, der mein Leben führete und regierete. 6.
Als mir dieses also hart anlag und mein Gemüte sich also hart im Streit wider
die Sünde und Tod und gegen die Barmherzigkeit Gottes einzwängete, auch eher
das Leben zu lassen, denn davon abzustehen, so ist mir ein solches Kränzlein
aufgesetzet worden, des ich mich gedenke in Ewigkeit zu erfreuen, dazu ich
keine Feder habe, solches zu beschreiben, viel weniger mit dem Munde zu
reden. Und daraus ist mir meine Erkenntnis kommen und die Begierde, solche
aufzuschreiben, nur für mich zu einem Memorial; gedachte es bis an mein
letztes Ende zu behalten. Und wie es damit ist zu gangen, ist dem Herrn wohl
bewußt durch Herrn N. 7.
Weil es aber durch Gottes Schickung ist zu dem Ende geraten, daß der Herr
samt seinem Herrn Bruder David von S. sind als Erstlinge dazu berufen, durch
welche es ist fortgepflanzet worden, so vermahne und bitte ich denselben um
ewiges Heils willen, das Perllein, das uns Gott gönnet, in acht zu nehmen. 8.
Denn es wird eine Zeit kommen, daß es wird gesuchet werden und angenehm sei,
sich nicht lassen einen Sturmwind treiben, sondern nur recht anschauen und
Gott den Höchsten bitten, daß er wolle die Tür der Erkenntnis auftun, ohne
welches niemand meine Schriften wird verstehen. 9.
Denn sie gehen über die Vernunft aus. Sie begreifen und ergreifen die
göttliche Geburt. Darum muß auch ein ebengleicher Geist sein, der sie will
recht verstehen. Kein Spekulieren erreichet sie, das Gemüte sei denn von Gott
erleuchtet, zu welcher Endung dem suchenden Leser der Weg ganz treulich ist
gewiesen worden. 10.
Und melde mit guter Wahrheit vor Gott und Menschen, appelliere auch damit vor
Gottes Gerichte und sage, daß an keinem Disputat ohne Gottes Licht und Geist
etwas Gutes sei, auch nichts Beständiges und Gottgefälliges dadurch möge
entstehen. 11.
Darum, wer den Weg zu Gott will lernen im Grund verstehen, der gehe nur aus
aller seiner Vernunft und trete in ein bußfertiges, demütiges, in Gott
gelassenes Kinderleben und suche nur kindisch, so wird er himmlische Kraft
und Witz erlangen und wird Christi Kindergeist anziehen. Der wird ihn in alle
Wahrheit leiten. Anders ist gar kein gerechter Weg als nur dieser einzige.
Wird es zu dem Ende kommen, daß ihm das jungfräuliche Kränzlein mag
aufgesetzet werden, so wird er nicht mehr sagen dürfen: lehre mich. Denn es
stehet geschrieben: Sie werden alle von Gott gelehret sein. — Anders habe ich
weder Wissen noch Kunst. 12.
Ich bin in meinen Schriften gangen, als ein Schüler zur Schulen gehet, oder
wie ein Platzregen, der vorübergehet; was er trifft, das trifft er. Also ist
auch mein Begriff gewesen bis auf heute. 13.
Das Buch »Aurora oder Morgenröte«
war mein kindlicher Anfang, schrieb also im Widerschein ohne Vernunft, bloß
nach dem Schauen, fast auf magische Art. Ich verstand das wohl, aber es ist
nicht genug ausgeführet. Es bedürfte Erklärung und besserer Ausführung. Denn
ich gedachte es bei mir zu behalten, ward mir aber ohne meinen Willen
entzogen und publizieret, wie dem Herrn bewußt ist. Und tue mich in des Herrn
Gunst und uns alle in die sanfte Liebe Jesu Christi befehlen. J. B. 19. Sendbrief
Herrn
Johann Daniel Koschowitz, Dr.
med. und Practicus zu Striegau — vom 3. Juli 1621 1.
Ehrbarer, ehrenfester, hochgelehrter Herr und geliebter Bruder im Leben Jesu
Christi! Neben Wünschung von unserem Immanuel, seiner Gnade, Liebe und
Barmherzigkeit, auch aller zeitlichen Leibeswohlfahrt, soll ich dem Herrn
nicht bergen, daß ich das Buch mit den Zetteln (von B. Tilke) gelesen
und Gegensatzes Verstand, Begriff und Meinung in der Liebe und Gottesfurcht
betrachtet und gut genug verstanden, in was Erkenntnis der Mensch laufe und
wie er meine Schriften noch niemals mit dem wenigsten verstanden habe. 2.
Auch jammert mich gar sehr des Menschen, daß er sich hat also in eine solche
Gruft mit der Wahl Gottes vertiefet, daraus er gewiß nicht kommen mag, er
lerne denn das Centrum aller Wesen verstehen. Auch gehet er jämmerlich irre
wegen Christi Menschheit und seiner Mutter Maria, welches Meinung unserm
christlichen Glauben, darauf unsere Wiederbringung stehet, ganz zuwider ist. 3.
Wünsche aber von Herzen, daß der Mensch möchte sehend werden, denn er ist ein
Eiferer. So würde doch sein Eifer nützlich sein. Allein dieser Weg, den er
jetzt läuft, ist nur eine offene Türe zu aller Leichtfertigkeit und
Verzweiflung, und wird schwere Rechenschaft dazu gehören, den Menschen also
in Verzweiflung und Leichtfertigkeit einzuführen. 4.
Ich wünschte, daß ihm möchte geraten werden, daß er sehend würde, daß er doch
möchte das freundliche Liebe-Herz Jesu Christi erkennen, das sich in unsere
Menschheit hat offenbaret, uns arme verlorne Menschen zu suchen und selig zu
machen. Denn solcher leichtfertige Spott, den er treibet gegen seinen Bruder,
ist gar kein christlicher Weg. Er wird nicht Zion erbauen, sondern zerstören.
Will er mit unter der siebenten Posaunen Schall ergriffen und ein Erstling
sein, so muß er nur das brüderliche Liebe-Herz suchen, sonst ists alles Babel
und Fabel, Greinen und Zanken und nimmer ans Ziel unserer Ruhe in Christo zu
kommen. 5.
Ich habe mirs und den andern Lesern meiner Schriften ein wenig entworfen, dem
nachzudenken, dieweil ich gesehen, daß nicht allein mein Gegensatz, sondern
auch andere, mehrenteils hohen Standes, mit solchem Wahn wegen der Wahl
Gottes bekümmert sind, ob manchem der beschwerte Irrtum möchte aus dem Gemüte
gebracht werden. 6.
Ich bin aber bedacht, ein ganz Buch davon zu schreiben, sofern ich werde
vernehmen, daß man mir nicht wird also giftig widerstreben ohne Erkenntnis,
wes Geistes Kind ich sei. 7.
Solches zu bedenken, stelle ich euch als hochgelehrten und erfahrnen Leuten
anheim und bitte, es nur recht zu betrachten, wovon mir möge meine Erkenntnis
und Wissenschaft kommen. Denn ihr sehet und wisset es, daß ichs nie gelernet
habe, viel weniger zuvor bedacht oder verstanden als der albern einfältigen
Laien Art; habe es auch also nicht gesuchet oder etwas mit dem wenigsten
davon verstanden; ist mir aber aus Gnaden des Höchsten gegeben worden, in dem
ich sein liebes Herze gesuchet, mich darein zu verbergen vor dem grausamen
Zorn Gottes und der Feindschaft des Teufels. 8.
Darum vermahne und bitte ich euch in der Liebe Christi, dem nachzusinnen und
recht gegen der Heiligen Schrift Geiste zu halten und es recht auf die Probe
zu setzen mit einem rechten christlichen Gemüte. So werden euch die Augen
aufgetan werden, daß ihr es werdet sehen und erkennen. 9.
Wiewohl mir an des Herrn Person gar nicht zweifelt, denn ich ihn gar für
einen frommen Liebhaber Gottes und der Wahrheit angesehen; verhoffe auch,
mein Gemüte welches trefflich sehr zu dem Herrn in Liebe geneiget, werde mich
nicht betrogen haben. 10.
Denn ich wohl vermeine, solches auch in meinem Gebete gegen Gott getragen,
daß dem Herrn noch wohl mag das schöne Kränzlein der göttlichen Ehren in der
Erkenntnis der Weisheit aufgesetzt werden, daß er weder meiner noch anderer
Schrift wird bedürfen zur Erkenntnis Gottes gebrauchen, sondern den Herrn in
sich selber erkennen, wie mir denn auch also geschehen, daraus ich schreibe
und sonst nichts anders dazu brauche. Denn es stehet geschrieben: Sie sollen
alle von Gott gelehret sein und den Herrn erkennen, Joh. 6,45. — Ich will
meinen Geist ausgießen über alles Fleisch; item: Ihre Söhne und ihre Töchter
sollen weissagen, und ihre Jünglinge sollen Gesichte haben, Apg.2,17-18. 11.
Warum will man das dann verspotten, so Gott seinen Geist über so einen
einfältigen Mann ausgießet, daß er muß schreiben über aller Menschen
Vernunft, höher als dieser Welt Grund ist. 12.
Liebe Herren, so geschiehet aus Gottes Liebe gegen euch, daß ihr doch möget
eures Schulenstreits Grund und Wurzel sehen. Denn viele haben gesuchet, aber
nicht am rechten Ziel. Davon ist ihnen der Streit worden, welcher die Welt
erfüllet, und hat fast alle brüderliche Liebe zerstört. 13.
Darum rufet euch Gott nun mit einer höhern Stimme, daß ihr doch sehet, wovon
alles Böse und Gute urständet und herkomme, darum daß ihr sollet vom Streite
aufhören und ihn am höchsten erkennen, welches von der Zeit der Welt bis
daher verborgen gewesen und nur den Kindern der Heiligen geoffenbaret. 14.
Weil mir aber bewußt, wie der Herr sein Herze zur Weisheit geneiget, so rede
ich gegen ihn kühnlich und verhoffe, er werde es in rechter Liebe annehmen
und recht wie es gemeinet ist, verstehen. 15.
Ich wünschte, daß ich ihm möchte den halben Geist meiner Erkenntnis geben, so
bedürfte er keines Schreibens, wiewohl ich ihn für weise halte. So wollte ich
euch aber doch eines mit diesem Schreiben brüderlich ersuchen, ehe der rauhe
Winter der Trübsal kommet, welcher auf der Bahn ist. 16.
So dem Herrn meine Schriften belieben, so bitte ich ihn, sie nur fleißig zu
lesen und vor allen Dingen sich auf das Centrum aller Wesen zu legen, so
werden ihm die drei Principia gar leicht sein. Ich weiß und bin gewiß, daß so
der Herr das Gentrum im Geist ergreifet, daß er wird eine solche Freude darob
haben, welche aller Welt Freude übertrifft, denn der edle Stein der Weisen
lieget darin. Er giebet Gewißheit aller Dinge. Er erlöset den Menschen von
allem Kummer in dem Religionsstreit und eröffnet ihm seine höchste Heimlichkeit,
so in ihm selber lieget. Sein Werk, wozu er von Natur erkoren, bringet er zur
höchsten Vollkommenheit und mag allen Dingen ins Herze sehen. Mag das nicht
ein Kleinod über alle Köstlichkeit der Welt sein? 17.
So den Herrn möchte in meinen Schriften entgegnen, was unverstanden und zu
hoch sein wollte, bitte ich nur anzumerken und mir schriftlich zu schicken.
Ich wills kindischer geben. Weil ich aber einen feinen, hohen Verstand davon
beim Herrn gemerket, so vermahne und bitte ich in rechter Meinung, so vor
Gott gestellet wird, man wolle doch auch also in ein solches Leben treten und
in der Erkenntnis leben und wandeln, auf daß wir werden erfunden als berufene
Erstlinge in dem Herrn in Zion. 18.
Denn es eröffnet sich eine Zeit, die ist wunderlich, welche in meinen
Schriften genug angedeutet. Sie kommet gewiß, darum ist Ernst zu gebrauchen
nötig. 19.
Dem Herrn N. zu N., so die Herren in eine Konversation kämen, bitte ich aus
des Herrn Gaben zu berichten, denn er ist eiferig und ein großer Sucher. Gott
gebe ihm, daß ers finde! Bitte auch ferner das inliegende Schreiben an ihn
mit ehester Gelegenheit ihm zu senden, daran ihm und mir ein Wohlgefallen
geschiehet, auch dem edlen Herrn N. dies mit zu übersenden oder ja mit zu N.
zu schicken, daß er es hinbefördere. 20.
Wegen des giftigen Pasquilles (von B.Tilke) des
unverständigen Eiferers habe ich 23 Bogen zur Antwort gegeben (Erste Schutzbrief wider B.Tilke), habe aber die Antwort
bis daher aufgeschoben, den Menschen nicht zu beschämen; verhoffe, er werde etwa
durch guter Leute Unterweisung sehend werden. Habe sie auch noch verboten
auszugehen, ob es möglich sein wollte, daß er von seiner Bosheit abließe,
sonst, so die Antwort soll am Tag kommen, so wird er schlechten Ruhm, wie er
wohl verhoffet, davonbringen; ich gebe dieweil dies wenige zu erwägen. 21.
Genüget ihm nicht also in brüderlicher Liebe zu handeln; so glaube er gewiß,
daß, wo Gottes Liebe ist, auch sein Zorn ist. Daß ihm solches möchte gewiesen
werden, daß er sich dessen würde schämen und wünschen, er hätte es nicht
angefangen, will er aber zufrieden sein, so mag die Antwort am bekannten Orte
ruhen. Er mag es sicher glauben, daß ich weiter sehe als er verstehet. 22.
Allein um Nachsicht und göttlicher Ehre willen habe ich bewußter Person
freundlich geantwortet, denn mir lieget mehr an Gottes Kindern als an
Rechtfertigung. Denn um der Wahrheit und Christi Ehren willen leide ich gerne
Schmach, denn es ist das Kennzeichen Christ, füge ich dem Herrn freundlich
und tue ihn, samt allen denen, die Jesum lieb haben, in die Gnade Jesu
Christi empfehlen.* *) Dieser Brief geht der Zweiten
Schutzschrift wider Balthasar Tilke voraus. Sie wird gelegentlich als Traktat
Von der Gnadenwahl bezeichnet (vgl. Brief 15). Mit der gleichnamigen Schrift
Böhmes (vgl. Anmerkung 1 S.219 ist sie jedoch nicht zu verwechseln. 20. Sendbrief
An
Herrn Gottfried Freudenhammer von Freudenheim, Dr. med. zu Großen-Glogau —
Vom 17. Oktober 1621. Der
offenbare Brunnquell Gottes im Herzen Jesu Christi sei unsere Erquickung und
stetes Licht! 1.
Ehrenfester, achtbarer und hochgelehrter Herr. Ich wünsche dem Herrn einzig
und allein, was meine Seele von Gott begehret, als die rechte wahre göttliche
Erkenntnis in der Liebe Jesu Christi, daß Gott das Centrum seiner Seelen
möchte aufschließen, damit der paradeisische Lilienzweig in Christi
Rosengärtlein möchte grünen, wachsen, blühen und Frucht tragen und der Strom
aus Christi Brünnlein von ihm ausfließen, und er von Gott möge gelehret
werden, daß ihn sein Hl. Geist allein treibe und regiere, wie geschrieben
stehet: Welche der Geist Gottes treibet, die sind Gottes Kinder. 2.
Des Herrn Schreiben habe ich empfangen und daraus verstanden, daß er meine
Schriften gelesen und ihm dieselben belieben lasse, von Herzen wünschend, daß
deroselben Sinn und rechter Verstand möge ergriffen werden, so dürfte er
keines weitern Fragens oder Forschens. 3.
Denn das Buch, da alle Heimlichkeit innen lieget, ist der Mensch selber. Er
ist selber das Buch des Wesens aller Wesen, dieweilen er die Gleichheit der
Gottheit ist. Das große Arcanum lieget in ihm. Allein das Offenbaren gehöret
dem Geiste Gottes. 4.
So aber die Lilie in Christi Menschheit in der neuen Wiedergeburt aus der
Seelen ausgrünet, so gehet aus derselben Lilien der Geist Gottes als aus
seinem eigenen Urstand und Grunde aus. Derselbe suchet und findet alle
Verborgenheit in der göttlichen Weisheit. 5.
Denn der Lilienzweig, welcher in der neuen Geburt aus Christi Menschheit
ausgrünet — verstehet: den neugeborenen Geist aus der seelischen Essenz in
Christi Kraft — der ist ein wahrhaftiger Zweig aus und in Gottes Baum
instehend. 6.
Gleich wie eine Mutter ein Kind gebieret, also wird der neue Mensch in und
aus Gott geboren, also und gar nicht anders ist er Gottes Kind und Erbe, ein
Kind des Himmels und Paradeises. 7.
Denn es gilt nicht eine zugerechnete Gerechtigkeit, sondern eine eingeborne
Gerechtigkeit aus Gottes Wesenheit als aus Gottes Wasser und Geist, wie uns
Christus saget: Wir müssen werden als die Kinder in Gottes Essenz ausgrünen
und ausgeboren werden auf Art, wie eine schöne Blume aus der wilden Erden
oder wie ein köstlich schön Gold im groben Steine wächset. Anders können wir
Gottes Reich weder schauen noch erben. 8.
Denn was die innere geistliche Welt ererben will, muß aus derselben erboren
werden. Das irdische Fleisch aus den vier Elementen kann Gottes Reich nicht
erben, Joh.6,63; 1.Kor.15,50. 9.
Das fünfte Wesen aber, als das El. Element, daraus die vier Elemente erboren
werden, das ist Paradeis. Das muß herrschen über die vier Elementa auf Art,
wie das Licht die Finsternis in sich gleich als verschlungen hält und da sie
doch wahrhaftig in sich ist. Also muß es auch mit dem Menschen werden. 10.
Alleine diese Zeit des irdischen Lebens mags mit dem äußeren Menschen nicht
sein, denn die äußere Welt herrschet über den äußern Menschen, dieweil sie in
Adam ist offenbar worden, welches sein Fall ist. 11.
Darum muß der Mensch zerbrechen, gleich als die äußere Welt zerbricht. Und
darum mags in dieser Zeit mit keinem Menschen zur Vollkommenheit kommen,
sondern der rechte Mensch muß im Streite bleiben wider das irdische verderbte
Leben, welches sein Gegensatz ist, da Ewigkeit und Zeit widereinander
streiten. 12.
Denn durch den Streit wird das große Arcanum eröffnet und die ewigen Wunder
in Gottes Weisheit aus der seelischen Essenz offenbar. 13.
Gleichwie sich der ewige Gott hat mit der Zeit geoffenbaret und führete seine
ewigen Wunder mit der Zeit in Streit und Widerwärtigkeit, auf daß durch den
Streit das Verborgene sich eröffne, also muß auch das große Mysterium im Menschen
im Streite, da Gottes Zorn und Liebe, gleichwie Feuer und Licht im Streite
ist, offenbar werden. 14.
Denn in der Seelen, welche aus dem ewigen Feuer aus des Vaters Eigenschaft
als aus der ewigen unanfänglichen Natur aus der Finsternis urständet, muß das
Licht, welches in Adam verloschen, in Christi Eingehung wieder erboren
werden. Alsdann ist ihm Christus und Gottes Reich aus Gnaden geschenket. 15.
Denn kein Mensch kann sich das nehmen, es sei denn, Gottes Liebe dringet aus
Gnaden wieder in das Centrum der Seelen ein und führet den Willen Gottes in
himmlische Wesenheit als einen neuen Zweig oder neues Ebenbild aus dem
Seelenfeuer aus, gleichwie das Licht aus dem Feuer scheinet. 16.
Darum es alles ein Ungrund ist, was Babel von der äußern zugerechneten
Gerechtigkeit und von außen angenommener Kindschaft lehret. Christus sprach:
Ihr müsset von neuem geboren werden, anders sollet ihr Gottes Reich nicht
sehen, Joh.3,3. 17.
Es hilfet kein heuchlerisch Trösten mit Christi Tod, sondern in Christi Tod
eingehen und in ihm ausgrünen, in ihm und mit ihm aufstehen und im neuen
Menschen Christus werden. 18.
Gleichwie Christus hat die Welt, auch seines Vaters Zorn als das Centrum der
ewigen Natur in der seelischen Eigenschaft mit seiner Liebe als mit dem neu
eingeführten Liebesfeuer in die seelische Essenz — in welche zuvor der Teufel
seine Begierde eingeführet hatte — ertötet, gelöschet und überwunden. Also
müssen wir in und mit Christi Geist den irdischen Adam in Gottes Zorn
ersäufen und mit Gottes Liebe ertöten, daß der neue Mensch ausgrüne. Anders
ist kein Sündenvergeben, auch weder Kindschaft noch Gerechtigkeit. 19.
Das Reich Gottes muß inwendig in uns geboren werden. Anders können wir nicht
mit dem Auge der Ewigkeit in die englische Welt sehen. 20.
Es ist alles Dichten und Trachten, Lernen und Studieren umsonst. Es erlanget
weder Kunst noch Vernunft. Wir müssen nur durch die Türe, die uns Gott in
Christo hat aufgetan, eingehen und in Gottes Reich ausgrünen und dem
irdischen Willen absterben, also daß er uns nur hintennach anhange. Des
Weibes Same muß immerdar in uns der Schlange den Kopf zertreten. 21.
Die Eigenvernunft kann kein Kind Gottes machen, denn es lieget nicht an
unserem Wollen, Laufen und Rennen, wie Paulus saget, sondern an Gottes
Erbarmen, Röm.9,16. 22.
Meine Ichheit kann es nicht erreichen. Meine Ichheit muß in Christi Tode
sterben und dem Nichts heimfallen. Alsdann fället meine Ichheit in Gottes
Erbarmen und ist am Ziel des ersten Menschen, und stehet wieder im Verbo
Fiat. Da machet Gottes Erbarmen in Christi Eingehen in unsere Menschheit den
neuen Menschen aus Gnaden. 23.
Darum muß der verderbte irdische Wille durch rechte wahre Buße sterben und in
die Gelassenheit eingehen als in das Nichts, seiner Vernunft Willen ganz in
den Tod ergeben und sich selber nicht mehr wollen noch wissen, sondern an
Gottes Erbarmen hängen. 24.
So heißets alsdann, wie Gott im Propheten spricht: Mein Herz bricht mir, daß
ich mich seiner erbarmen muß. Kann auch eine Mutter ihres Kindes vergessen,
daß sie sich nicht erbarmet über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie schon des
Sohns vergäße, so will ich doch dein nicht vergessen. Siehe in meine Hände
habe ich dich gezeichnet. (Jes.49,15) 25.
In dem, als in Gottes Erbarmen, stehet der neue Mensch auf und grünet im
Himmelreich und Paradeis, obgleich der irdische Leib in dieser Welt ist. 26.
Darum St. Paulus saget: Unser Wandel ist im Himmel, Phil.3,20. Also wandelt
der neue Mensch im Himmel und der alte in dieser Welt, denn der Himmel, da
Gott innen wohnet, ist im neuen Menschen. 27.
Also, mein geliebter Herr und Bruder, und auf keine andere Weise habe ich das
Mysterium funden. Ich habe es nicht studieret oder gelernet. So euch oder
einen andern danach dürstet, dem bin ich brüderlich geneiget, den Weg zu
zeigen, wie es mir entgegen ist, wie ich das in meinen Schriften, sonderlich
im Buch »Vom dreifachen Leben des
Menschen« und im Buch der »Drei
Prinzipien göttlichen Wesens« nach der Länge geschrieben habe. 28.
Zwar für mich selbst als zu einer geistlichen Übung in der Erkenntnis Gottes.
Weil es aber durch Gottes Schickung dahin geraten, daß es gelesen wird, so
gönne ich einem jeden, der es in Ernst begehret zu verstehen und wünsche von
Herzen, daß es dem Leser dieses und einem jeden in ihm selber möchte offenbar
und erkannt sein, so brauche es keines Forschens mehr. 29.
Weil es aber Gott durch die Propheten hat verheißen, sonderlich im Joel 3,1,
daß er seinen Geist will ausgießen zur letzten Zeit über alles Fleisch, so
ist die Zeit in acht zu nehmen. 30.
Ich sage, als ich es habe erkannt. Wer ihm anjetzo will selber sterben, den
will der Geist des Herrn nach Joels Deutung ergreifen und seine Wunder durch
ihn offenbaren. Darum ist jemandem ein Ernst, so wird ers erfahren. 3
Aber ich will einen jeden treulich gewarnet haben, obs geschehe, daß Gottes
Licht in ihm aufginge, daß er ja in großer Demut in der Gelassenheit stehen
bleibe als im Tode Christi. 32.
Denn der Himmel soll jetzo sein langgewirktes Abschaum vom Gestirne, das er
in menschlicher Eigenschaft mitgewirket, ausschütten, damit er nicht vom
gestirnten Himmel ergriffen werde und über das Ziel aus der Gelassenheit
ausfahre. 33.
Wie an den Methisten* zu sehen ist, welche sind kommen bis in die Tore der
Tiefe und sind vom gestirnten Himmel wieder ergriffen worden, in sich selber
wieder eingegangen, sich erhoben und vom Streite wider die Schlange aus und
also in ein Eigenes eingegangen, vermeinend, sie wären ganz in Gott
transmutieret, und haben also die äußere Welt mit der innern vermischet. *) Anhänger von Böhmes Zeitgenossen
und Gegner Ezechiel Meth. 34.
Welches ein Ungrund und sich ja wohl vorzusehen ist, daß man in höchster
Demut gegen Gott bleibe stehen, bis aus dem eingesäeten Körnlein ein Baum
wachse und zur Blüte komme, und der Geist Gottes eine Gestalt in ihm gewinne. 35.
Denn aus der Blüte gehet der Morgenstern auf, daß sich der Mensch selber
lernet kennen, was er ist und was Gott und die Zeit ist. 36.
Ich füge dem Herrn wohlmeinend zu wissen, daß die jetzige Zeit wohl in acht
zu nehmen ist, denn der siebente Engel in der Apokalypse hat seine Posaune
gerichtet. Es stehen des Himmels Kräfte in sonderlicher Bewegung, dazu beide
Türen offen und in großer Begierde Licht und Finsternis. Wie ein jedes wird
ergriffen werden, also wird es eingehen. Wessen sich einer hoch wird
erfreuen, das wird ein anderer verspotten. Darauf ergehet das schwere und
strenge Gericht über Babel. 37.
Und tue hiemit den Herrn samt den Seinigen in die sanfte Liebe Jesu Christi
befehlen. J. B. 21. Sendbrief
An
Herrn Christian Bernhard — Vom 29. Oktober 1621. Emanuel! 1. Ehrenfester, in Christo vielgeliebter hoher
Freund! Ich
wünsche euch einig und alleine, was meine Seele stets von Gott wünschet und
begehret, als rechte wahre Erkenntnis Gottes in der Liebe Jesu Christi, daß
euch der schöne Morgenstern möchte stets aufgehen und in euch leuchten durch
dieses Jammermeer zur ewigen Freude. Und vermahne euch in der Liebe Christi
aus meinem herzlichen Wohlmeinen, ja auf angefangenem Wege in Christi
Ritterschaft fortzufahren und beständig zu bleiben, daß das Paradeisbäumlein
möge wachsen und zunehmen. Ihr werdet eure edle Frucht hernach wohl sehen und
ewig genießen und euch genugsam damit ergötzen. Ob sie gleich eine Zeitlang
mit dem irdischen Acker verdecket wird, so wächset doch das edle Gold ohne
alles Aufhalten. 2.
Wie es eurem Bruder zu Beuthen, dem ihr habet diese Schriften geliehen, gehe
und was er vor ein Judicium geschöpfet hat, wäre mir lieb zu wissen. Denn es
hat sonst mehr Leute zu Beuthen, welche auch etwas davon haben und die andern
heftig begehren, und würdet ihr eurem lieben Bruder und andern einen Dienst
daran erzeigen, soferne sie was würden mehr begehren zu leihen, ich will in
kurzem was mehrers schicken, das euch noch mangelt. 3.
Herr Kaspar Lindner, Zöllner zu Beuthen und des Rates, ist auch ein Liebhaber.
So er etwas würde begehren, so tut ihr wohl, daß ihr ihm was leihet. Er
pfleget es nicht lange aufzuhalten. Diese Schriften sind weit und ferne in
vielen Ländern, bei Hohen und Niedrigen, auch teils hochgelehrten Leuten
bekannt und erschollen, Gott richte sie zu seinen Ehren! 4.
Ich übersende euch mit Zeigern (Name des Boten)
drei Säcke zu dem Korn, so Herr Rudolf schicken will. Ich bitte, habet doch
so viel Mühe und nehmet es zu euch. Wenn Specht oder der andere von der
Rausche wird hinüberkommen, so ihr ihn sehet, saget ihm es doch und wollet
ihms anmelden. Er wird mir wohl bringen. Ich wills wieder freundlich
verschulden. Und befehle euch in die Liebe Jesu Christi. Datum ut supra. Euer
dienstwilliger Freund und Bruder,
J. B. 22. Sendbrief
An
Herrn Hans von Schellendorf— Vom 1. Januar 1622. Vorbemerkung:
Diese Epistel erkläret die Magia welche von der verstorbenen Frau des Herrn
Hans von Schellendorf, eines Vornehmen vom Adel im Liegnitzischen, durch den
Leichenstein in die Augen an dem Bild gedrungen, daß man sie gemeiniglich
naß, als wenn sie geweinet hätte gefunden. Hans Dietrich von Tschesch 1.
Die Frage anlangend, ist dieselbe dunkel im Verstande und bedürfte eines
Josef, der es erklärete, denn es ist ein magisch Ding und fast wunderlich, darauf
gar übel zu antworten ist, denn es gehet aus der Magia. z.
Jedoch E.G. mein Bedenken darüber zu eröffnen, nicht, daß ich darüber wollte
schließen und ein gewisses Urteil fällen, will ich mein Bedenken kurz
summarisch anzeigen und E.G. und andern von Gott erleuchteten Männern ihr
Bedenken auch lassen. Hätte mir es aber Gott gegeben zu prüfen, das stelle
ich zu E.G. Judicio welche die Sachverhalte der bewußten Person mehr weiß als
ich, denn alle Dinge gehen nach der Zeit, Maß und Ziel desselben Dinges. 3.
Ein harter grober Mauerstein hat kein Leben, das beweglich wäre, denn das
elementische, vegetabilische Leben stehet darinnen stille und ist mit der
ersten Impression eingeschlossen, aber nicht dergestalt, daß es ein Nichts
sei. Es ist kein Ding in dieser Welt, da nicht das Elementische, sowohl das
siderische Regiment innen läge. Aber in einem mehr beweglich und wirkend als
im andern, und können doch auch nicht sagen, daß die vier Elemente samt dem
Gestirne nicht ihre Wirkung täglich in allen Dingen hätten. 4.
Weil aber dieses ein harter Stein ist, so ist das Mirakel völlig über dem
gewöhnlichen Lauf der Natur. So kann man gar nicht sagen, daß es eine
natürliche Ursache im Steine habe, daß die Wirkung des Steines solches
errege, sondern es ist eine magische Bewegnis, von dem Geiste, dessen Bildnis
in dem Steine ausgehauen und abgemodelt worden. 5.
Denn ein Stein stehet in dreien Dingen, wie denn auch alle Wesen in diesen
dreien Dingen stehen. Aber in zweierlei eingeschlossen, als in einem
Geistlichen und einem Leiblichen. Und die drei Dinge, darinnen alles stehet,
was in dieser Welt ist, das ist Sulphur, Sal und Mercurius, in zweien
Eigenschaften als in einer himmlischen und einer irdischen, gleich wie Gott
in der Zeit wohnet und die Zeit in Gott, und ist doch die Zeit nicht Gott,
sondern aus Gott als ein Bild der Ewigkeit, mit welchem sich die Ewigkeit
abmalet. 6.
Also ist auch der Mensch aus der Zeit und auch aus der Ewigkeit, und steht
auch in dreien Dingen als in Sulphure, Mercurio und Sale, in zweien Teilen,
als eines aus der Zeit, als der äußere Leib und das andere in der Ewigkeit,
als die Seele. 7.
Weil denn der Mensch und die Zeit sowohl die Ewigkeit in einem Regiment steht
im Menschen, so ist auf die Frage jetzt nachzusinnen. Denn der Mensch ist
eine kleine Welt aus der großen und hat der ganzen großen Welt Eigenschaft in
sich. Also hat er auch der Erden und Steine Eigenschaft in sich. Denn Gott
sprach zu ihm nach dem Falle: Du bist Erde und sollst zu Erde werden, das
ist: Sulphur, Mercurius und Sal. Darinnen stehet alles in dieser Welt, es sei
geistlich oder leiblich, bis auf die Seele, welche in solcher Eigenschaft
nach der ewigen Natur Recht stehet, wie ich in meinen Schriften genug
dargetan habe. 8.
Wenn nun der Mensch stirbet, so verlischet das äußere Licht im äußern
Sulphure mit seinem äußerlichen Feuer, darinnen das elementische Leben hat
gebrennet. So zerstäubet der äußere Leib und gehet wieder in das, daraus er
ist kommen. Die Seele aber, welche aus der ewigen Natur ist erboren und dem
Adam von Geiste Gottes eingeführet worden, die kann nicht sterben, denn sie
ist nicht aus der Zeit, sondern aus der ewigen Gebärung. 9. Und so es nun ist, daß die Seele hat ihre
Begierde etwa
in zeitliche Dinge eingeführet und sich damit imprägnieret so hat sie desselben
Dinges Eigenschaft in ihre Begierde imprägniert und hält es magisch, als
hätte sie es leiblich. Den Leib kann sie zwar nicht halten, verstehet: den
elementischen, aber den siderischen Leib hält sie, bis ihn das Gestirne auch
verzehret. 10.
Und geschieht oft, daß sich Leute lassen nach ihrem Tode sehen in Häusern mit
ihrem eigenen Leibe. Aber der Leib ist kalt, tot und erstarrt. Und der
Seelengeist ziehet den nur durch den Sternengeist an sich, also lange bis der
Leib faulet. Es wird auch mancher Leib vom Sternengeist also sehr eingenommen
durch der Seelenbegierde, daß er langsam verweset. 11.
Denn der Seelen Begierde führet den siderischen Geist darein, daß die
Elementen gleich wie mit einem Sternenleben imprägniert werden, sonderlich so
die Seele noch nicht zur Ruhe kommen ist, und daß sie bei Leben des Leibes
hat etwas zu hart eingebildet, und ist ihr der Leib indessen — ehe sie hat
ihre Begierde aus dem Dinge wieder ausgeführet — abgestorben, so laufet ihr
Wille noch immerdar in derselben Impression und wollte gerne ihre Sache in
Recht verwandeln, kann aber nicht. So suchet sie Ursache ihres Haltens und
wollte gern in der Ewigkeit in Ruhe sein, aber das geimpreßte (imprägnierte) Ding mit
dem Sternengeist hat sein Treiben, bis es das Gestirn verzehret. Vorzeiten im
Papsttume ist etwas davon gehandelt worden, aber nicht mit genugsamem
Verstande. 12.
So kann E.G. diesem nun leicht nachsinnen, wie es zugegangen sei, daß die
Leichensteine haben Wasser geweinet. Es ist nicht geschehen aus des Steines
Gewalt, sondern aus Gewalt des Geistes, dessen der Stein ist, dessen Bildnis
er ist. So ist es auch nicht aus der Seelen eigner Essenz geschehen, sondern
magisch durch den Sternengeist. Das Gestirne am Seelengeiste hat sich in den
siderischen Geist im Steine geimpresset, alles nach der Begierde der Seelen.
Sie hat hiemit angedeutet, daß ihr ist etwas Schweres bei Lebezeiten im
Gemüte gelegen. Und dieselbe Schwermut ist noch im siderischen Geist in ihr
gewesen. Denn Christus sprach: Wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz,
Matth.6,2; item in der Offenbarung Jesu Christi stehet: Es sollen uns unsere
Werke nachfolgen, Apok.14,13. 13.
Mein geliebter Herr, allhie weiter zu richten gebühret mir nicht. Bedenket
euch, ob nicht gemeldete Person vor ihrem Ende etwas schwer Anliegendes hat
in sich gehabt, ob ihr jemand groß Unrecht getan oder ob sie jemand Unrecht
getan hat, oder ob die Kümmernis um ihren Ehegemahl oder Kinder sei gewesen;
woferne sie eine heilige Person gewesen und aber gesehen, daß die Ihrigen
etwa einen bösen Weg gegangen, daß sie möchte also durch Gewalt das
siderischen Geistes durch den Stein solche Andeutung zur Besserung haben
gegeben. Bedenket auch nur recht, mein edler Herr, ich lasse mich bedünken,
ich werde es ziemlich unter diesen obgenannten Dingen einen getroffen haben. 14.
Weil ich aber die Person nicht gekannt, auch nichts von ihr weiß, so stelle
ich E.G. das Judicium selber anheim. Sie werdens besser wissen als ich, was
ihr angelegen sei gewesen. Ich schreibe allein von der Möglichkeit, wie es
geschehen kann, und fälle weiter kein Urteil. 15.
Daß aber solches möchte verlachet werden, lasse ich mich nichts irren. Ich
verstehe — Gott Lob — diesen Grund gar wohl, denn ein solches Wissen habe ich
nicht von oder durch Menschen gelernet, sondern es ist mir gegeben worden;
und wollte es mir weiterer Erklärung genug gründen, so ich sollte von
menschlicher Eigenschaft schreiben, wie ein Mensch im Leben und im Tode sei. 16.
Übersende E.G. das Büchlein »Von
vierzig Fragen«. Da werdet ihr weiteren Grund sehen, welches doch im
Buche »Vom dreifachen Leben« besser
ins Centrum aller Wesen gegründet ist und vielmehr in dem Buche »De signatura rerum«. Benebenst bitte
ich mit diesem Gutdünken und Erklärung der Frage bei leichten Leuten nicht
viel zu melden, denn einer Kuh gehöret Futter und den Verständigen Verstand.
Der Gottlose richtet gottlos, der Verständige prüfet alles, melde ich wohlmeinend. J. B. Nachwort:
Die Frage wegen des weinenden Leidensteins, woher und wie es zugehe, ist
unserm seligen Manne Jakob Böhme ohn alle Kondition und Gelegenheit, die es
zuvor mit der verstorbenen Edelfrau gehabt, proponiert worden. Hernach aber
hat der Proponens selber berichtet, daß gedachte Edelfrau, die eben unter
diesem Leichensteine begraben gelegen, bei Lebens einen großen Kummer
getragen um ihre zwei Söhne willen, welche wider ihren Willen in den Krieg
geritten und gleich zu diesem Mal, als solche Tränen aus des steinernen
Bildes Augen hervorgequollen, in Ungarn vor den Türken geblieben. Es ist auch
diese Frage auf etliche Universitäten geschicket aber für Phantasei und
Teufelswerk gehalten worden. Die Leichensteine des Vaters und der Mutter sind
nebeneinander bei den Gräbern an die Wand aufgerichtet eingemauert, mit dem
Gesichte gegen das Morgenlicht gewendet gewesen. Ein
Magnet zeucht den andern, ein Licht erkläret das andere; eine Liebe rühret,
wecket und reget die andere; ein Geist wirket in dem andern, der Stärkere in
dem Schwachen etc. Danzig,
6. Oktober 1642, Abraham von
Frankenberg 23. Sendbrief
An
Herrn Carl von Ender — Vom 24. Februar 1622. Unser
Heil im Leben Jesu Christi in uns! 1.
Edler, in Christo geliebter Herr! Ich wünsche dem Herrn Gottes reichen
wirklichen Segen in seiner Kraft, daß ihm möge des Perlleins Grund im Leben
Jesu Christi im göttlichen scheinenden Lichte in seinem Lebenslichte in ihm
selber offenbaret werden und viel Früchte zu göttlicher Beschaulichkeit und
ewiger Freude wirken! Als ich denn den Herrn Allezeit als einen Liebhaber des
Studii sapientiae (Studiums der Weisheit) erkannt habe
und wünschte anjetzo nichts mehrers, als daß ich ihm zur Dankbarkeit vieler
erzeigeter Wohltaten möchte das können geben, was mir unwürdigem armem
Menschen der Allerhöchste in kurzer Zeit aus seinem Gnadenbrunnen hat
gegeben. 2.
Und wiewohl ich damit zu tun nicht Macht habe, so ist mir doch all mein
Gemüte in seinem Centro also entzündet, daß ich es herzlich gern wollte
meinen Brüdern in Christo mitteilen, als ich denn stets zum Herrn flehe, daß
er doch wollte der Menschen Herzen eröffnen, daß sie das möchten verstehen
und in ihnen in eine rechte lebendige Wirkung kommen. 3.
Und wollte treuer Meinung dem Herrn nicht bergen, daß ich jetzo seit dem
neuen Jahr auf Begehren etlicher Gelehrter und auch hoher Standespersonen
habe einen Traktat »Von der Gnadenwahl«
oder Gottes Willen über die Menschen geschrieben und dem aus einem solchen
Grunde ausgeführet, daß man wird können alle Heimlichkeit, bei des der
äußeren sichtbaren, elementischen und dann auch der inneren verborgenen,
geistlichen Welt sehen und hernach die Sprüche der Hl. Schrift insonderheit
darauf gesetzet und gegründet, welche von Gottes Willen zur Verstockung und
dann von dem Nicht-wollen-verstocken reden und sie miteinander harmonieren,
daß man kann den rechten Verstand derselbigen sehen und also dargetan, daß
ich zu Gott hoffe, es soll eine Ursache geben, den Streit in der Kirche
aufzuheben; welches erkannt worden, daß die Zeit nahe und vorhanden sei, daß
der Religionsstreit soll in die Temperatur eingehen, aber mit großem
Untergang des falschen Reiches zu Babel, das sich hat an Christi Stelle
gesetzet, neben andern großen Veränderungen, welches — ob man mir das
vielleicht nicht glauben wollte — sich aber in kurzem darstellen wird und ich
zum Nachdenken und christlicher Betrachtung solches meinem lieben Herren
andeuten wollen. 4.
Und ist dies die Ursache, daß ich dem Junker schreibe, daß, ob ihm gefiele
der Traktat, welcher von 36 Bogen ist, zu lesen, oder selber nachschreiben zu
lassen oder etwas darin zu notieren, welcher, weil es jetzo unter der Feder
im Nachschreiben bei Herrn Johann Roth ist und täglich etwa drei Bogen fertig
werden in seinem Nachschreiben, daß ich ihm solche wollte übersenden. Er
wolle sie nur lassen den Nikkel welcher täglich dem Junker hereinlaufen muß,
abfordern, denn ich habe verheißen, diesen Traktat ehestens den selben
begehrenden Herren und Personen zu schicken, als sie denn heftig darum bei
mir anhalten. 5.
So es aber der Junker wollte lassen nachschreiben oder selber für eine Übung
vor sich nehmen, so sollte es alsobald gefördert werden. Welches ich in des
Junkers Gefallen stelle, ob ihm daran gelegen sei, und übersende diese
Materia vom Anfange, sechs Bogen; und werden täglich etwa drei Bogen können
geliefert werden. 6.
Wo es aber jetzo nicht des Junkers Gelegenheit gibt zu lesen oder lassen
nachschreiben, so bitte ich, mir sie wieder zu schicken. Will ers aber nur
alleine lesen, so will ichs ihm, ehe ichs wegschicke, übersenden. Denn es ist
jetzo fährlich wegzuschicken wegen der Unsicherheit, als ich denn um die 48
Bogen, welche ich Herrn Michael Ender nach Hirschberg auf Begehren Herrn
Johann Roth schicken, kommen hin und muß es jetzo lassen anderweit wieder
nachschreiben, welches eine solche Materia über Genesis ist, welche manchen
wird sehr lieb und nützlich sein. 7.
Herr Balthasar Walther hat mir aus Lüneburg, allda er sich jetzo aufhält,
geschrieben und anbefohlen, den Junker zu grüßen und nicht für Übel zu
vermerken, daß er ihm nicht geschrieben hat, denn die Post war zu eilend
gewesen. Ich habe ihm auch wieder geschrieben durch eine zufällige eilende
Post nach Magdeburg und meine Sachen mitgeschickt, welche ich ihm habe lassen
nachschreiben. Er meldet, daß Herr M. Nagel sei nach Zerbst gezogen und sich
allda aufhalte. Und empfehle den Junker der Liebe Jesu Christi. Des
Junkers allezeit dienstwilliger Teutonicus. 24. Sendbrief
An
Herrn Balthasar Nitschen, Tuchmacher in Troppau. Vom
28. April 1622. Der
offene Brunnquell im Herzen Jesu Christi sei unsere Erquickung und stetes
Licht! 1.
Ehrenfester, wohlbenamter, in Christo geliebter Herr und Freund! Neben treuer
Wünschung von unserm Heiland Christo, seiner Liebe und Gnade, auch aller
zeitlichen Wohlfahrt. 2.
Nachdem ich von frommen Leuten erfahren habe, wie der Herr ein großer
Liebhaber Gottes und des Studii Sapientiae sei, so habe ich nicht Umgang
nehmen mögen, ihn treuherzig, wiewohl unerkannterweise mit diesem Brieflein
aus christlichem Gemüte zu ersuchen und Kundschaft mit ihm zu machen. 3.
Denn mich erfreuet von Herzen, so ich vernehme, wie Gottes Liebe in seinen
Kindern wirket, und erfreue mich mit und in ihnen im Lebensbaume Jesu
Christi, in und aus welchem wir gezeuget und neu geboren werden und Äste oder
Zweiglein in ihm sind. 4.
So hat mich mein Gemüte beweget, mich mit dem Herrn als meinem Mitgliede im
Geiste und Liebe Christi zu ersuchen und zu ergötzen wiewohl abwesend, aber
im Willengeiste gegenwärtig, zuvorab in dieser trübseligen Zeit, da wir auf
allen Seiten mit Feinden umgeben sind und unser Baum in vielen Ästen und
Zweigen sehr schwach und dürre ist. 5.
Weil uns aber die Gnadensonne Jesus Christus anjetzo mit einem hellen Schein
anblicket und seine Tür der Liebe und hohen Erkenntnis in vielen
unterschiedenen Gaben auftut, daß wir seine großen Wunder seiner
unüberschwenglichen Weisheit erkennen, so vermahnen wir uns billig
untereinander in Liebe als Brüder und gehen von Babel, welche im Zornfeuer
Gottes angebrannt ist, aus. Denn es ist wahrlich eine Zeit großen Ernstes, da
wir uns mögen mit großem Ernste suchen und sehen, wo wir sind. 6.
Und wiewohl es ist, daß man anjetzo viel herrlicher, schöner Zweige gleich
mit Verwunderung im Baume Christo auch mitten im Feuer Gottes siehet wachsen,
welches ich mich hoch erfreue, daß uns die Gnadensonne in Lauterkeit wieder
anblicket und daß Gott seine treue Verheißung den noch hält, indem er in
Jesaja saget, er habe uns in seine Hände eingezeichnet, welches in etlichen
Menschen sich anjetzo kräftig erzeiget, wie der Brunnquell Jesu Christi in
ihnen kräftig wirket, welches in kurzem noch mächtiger geschehen wird, wie er
uns in seinen Propheten verheißen hat; daß er in der letzten Zeit will seinen
Geist ausgießen über alles Fleisch, und das Evangelium von Gottes Reich soll
in aller Welt geprediget werden zu einem Zeugnis über alle Völker. Und auch
nunmehro die Zeit vorhanden ist, da das Tier mitsamt der Huf in der
Apokalypse soll zerbrochen werden. So heben wir billig unsere Häupter auf zu
den Bergen Gottes und erfreuen uns darum, daß sich unsere Erlösung nahet. 7.
Dieweil mir denn Gott ein Pfündlein vertrauet hat von seinem edlen Geschenke
aus dem Quellbrunne Christi, beides: die himmlische und auch die natürliche
Weisheit zu erkennen, so habe ich desto mehr Ergötzlichkeit an den Kindern
der Weisheit Christi. Und wiewohl ich dem Herrn möchte unerkannt sein, so
soll er mich aber in seinem Gemüte nicht fremd halten, welches ihn als ein
Glied in der Liebe Christi dazu verbindet; und bitte, so es ihm gefällig
wäre, mich in seine Kundschaft und Freundschaft einzunehmen, bis unser edler
Perlenbaurn Christus nach Ablegung dieser Hütten (nach dem Tode) in uns offenbar werde und wir in einer
brüderlichen Gemeinschaft werden beieinander wohnen. Als dann wollen wir uns
dessen wohl ergötzen, was wir allhier in brüderlicher Einigung angefangen
haben, und wollen uns derweilen, wiewohl abwesend des Leibes im Geiste und
Vorschmacke desselben untereinander vermahnen und trösten; und bitte, es
freundlich zu vermerken. 8.
Beim Herrn D. Güller kann der Herr etwas von meinen Gaben sehen, so er Lust
hätte, sich in göttlicher Übung in hohen göttlichen Dingen zu beschauen,
welche zwar hoch und doch auch in der allerbesten Einfalt geschrieben sind.
Weil es mir aber als ein Geschenke Gottes ist vertraut worden, so teile ich
es gar gerne treuherzig hungrigen Herzen mit. Und will dem Herrn samt den
Seinigen in die sanfte Liebe Jesu Christi empfehlen, und bitte wegen meiner,
den Herrn Johann Butovski auch als einen Liebhaber der Wahrheit, sowohl Herrn
J.G.B. meinetwegen freundlich zu grüßen. Datum
Görlitz, ut supra. Des Herrn dienstwilliger
J. B. 25. Sendbrief
An
Herrn Christian Bernhard — Vom 21. Juni 1622. Das
offene Brünnlein Jesu Christi sei unsere Erquickung und stetes Licht! 1.
Mein gar lieber und werter Freund! Ich wünsche euch und den eurigen und allen
Kindern Christi im Reiche unserer englischen Bruderschaft Gottes Liebe und
Segen, daß der Quellbrunn Christi in uns aufgehe, grüne und viel Früchte
trage, in welchem Grünen unsere wahre neue Wiedergeburt stehet; und hoffe
gewiß zu Gott, als mir denn gezeiget ist, die Zeit nahe sei und schon vorhanden,
da er sehr grünen soll, welches ich mich dann erfreue. Und ob ich schon
anjetzo das Feuer in Babel sehe brennen, so soll doch aus dem Feuer ein
hellscheinend Licht entstehen, welches die finstere Nacht vertreiben soll.
Aber durch eine große ängstliche Geburt wird das geboren werden. 2.
Vermahne meine lieben Brüder, sie wollen sich doch in dieselbe ängstliche
Geburt einergeben, auf daß sie im Leben Gottes im Lichte mit ausgrünen und
nicht in der Turba (Verwirrung) ergriffen werden, welche
grausam anjetzo um sich greifet mit ihren Eigenschaften, als mit Geiz, Neid,
Zorn und Hoffart, und ihre gewachsene Frucht gewaltig ihrem Feuer zuzeucht,
in welchem sie schon an vielen Orten gewaltig brennet. 3.
Ich habe auf Begehren und Bitte ein feines Büchlein »Von der Poenitenz und wahrer Buße« neben einer Formula des
Gebets, welches alles ganz ernstlich und ein rechter Anfang und Eingang in
die theosophische Schule ist, gemachet; welches ich auf Begehren hiermit
Herrn Rudolf von Gersdorf zu Weicha schicke. Bitte, ihm dasselbe zu
übersenden und vergönne euch, dasselbe zu eröffnen, und so es euch gefället,
bald nachzuschreiben. Allein das Schreiben an Herrn Rudolf bleibet
zuversiegelt. Wollet ja nicht, wo es sein mag, über drei oder vier Tage bei
euch aufhalten, weil es nicht viel ist. So kann es bald nachgeschrieben und
Herrn Rudolf geschicket werden. Auch eures Bruders hierinnen nicht zu
vergessen, denn es wird ihm ohne Zweifel lieb und ein rechter Schlüssel sein,
welchem ich neben meinem Gruße viel Gutes gönne als meinem eigenen Leben. 4.
So ihr dieses Büchlein werdet in die Praxis einführen, so werdet ihr seinen
Nutzen bald erfahren. Denn es ist aus einem ängstlichen Zweige durch das
Feuer erboren, und ist eben mein eigener Prozeß gewesen und noch, dadurch ich
habe das Perllein göttlicher Erkenntnis erlanget. Und ob ich wohl muß in
Schwachheit leben als alle anderen Menschen. So ist mir doch dies Perllein
lieber als aller Welt Gut. Um welches willen ich alles gerne leide und trage,
das ich das nur möge erhalten. 5.
Ferner füge ich hiermit, wie daß mir Herr D. Adam Brux, Medicus zu Sprotta,
nun zum dritten Mal geschrieben und Freundschaft bei mir gesuchet, auch
heftig gebeten, ihm etwas von diesen Schriften zu leihen. Weil ich denn fast
nichts von den meinen zu Hause habe, so wollet ihm doch mit etwas dienen
nachzuschreiben und sehen, ob es angeleget sei zu Gottes Ehren. Wo ihr aber
vermerket, daß es ein Vorwitz sei, als ich doch nicht hoffe, so werdet ihr
ferner wissen zu tun. 6.
Bauet und wuchert wie ihr erwuchert seid worden aus göttlicher Gnaden. Ihr
werdet wohl einernten, was ihr habet ausgesäet. Wollet ihm doch, sobald ihr
könnet, dieses an ihn geschriebene Brief — ein neben einem Traktat eurer
Schriften mitschicken und ihm anmelden, daß er es nicht lange, wie etliche tun,
aufhalte. Er ist mir zwar gerühmet worden, jedoch kann man es sehen, was Gott
tun will. 7.
Mit dem hiemit gesandten Büchlein »Von
der Buße«, wenn ihr das habet abgeschrieben, möget ihr wohl wuchern, denn
es hat eine große Ernte und ist keinem sehr widrig, der aber auch ein Mensch
und nicht ein Tier ist. Und tue euch der sanften Liebe Jesu Christi
empfehlen. Datum ut supra. Euer
dienstwilliger Bruder J. B. 26. Sendbrief
An
Herrn Christian Bernhard — Im Jahr 1618. Gottes
Gnade, Heil und ewiges Licht sei unsere Erquickung! 1.
Ehrenfester, wohlbenamter Herr, gar guter Freund! Euch sind meine gar
willigen und geflissenen Dienste jederzeit, neben Wünschung aller Wohlfahrt
bevor. 2.
Euer an mich getanes Schreiben im Advent habe ich empfangen, auch verstanden
euer gar emsiges und christliches Gemüte und Begehren. Und wiewohl ich euch
fremd bin, habe aber aus Herrn Walthers (Dr.Balthasar)
Schreiben genugsamen Bericht eures Wesens und Person. Und noch vielmehr
giebet mir zu erkennen euer gar sehnliches und emsiges Begehren in eurem an
mich getanen Schreiben. Und bin hierinnen nicht allein willig, euch in meine
Kundschaft und Freundschaft zu nehmen, sondern erfreue mich des zum höchsten
eines solchen Gemütes aus Gott geboren, und vermahne euch christlich, darinnen
beständig zu bleiben, so werdet ihr erlangen alles, was euer ehrsam Gemüte
wünschet; und werdet mit der Zeit erfahren in euch selber, was das für
Schriften sind, so ihr von Herrn Walther, wie ich vernehme, vielleicht wenig
habet empfangen. Da ich doch wohl vermeine, ihr das allerwenigste derselben
werdet gesehen haben, soll euch aber in gar kurzem, so ihr derselben noch
begierig wäret, ein gar trefflich schön Werk zugeschicket werden, welches ihr
euch werdet hoch erfreuen. 3.
Denn wie ich von Herrn Walther und auch euch selber vernehme, so ist der
Autor derselben unbekannt. Er mag euch noch wohl bekannt werden, so ihr Lust
zu dem edlen Stein Lapis philosophorum geistlich habet, daran ihr dann, so
ihr denselben erlanget, werdet die höchste Freude haben. Er wird euch über
Gold und aller Welt Reichtum gelieben, denn er ist schöner als die Sonne und
köstlicher als der Himmel. Und wer den findet, ist reicher als kein Fürst auf
Erden. Er hat der ganzen Welt Kunst und Verstand. Und in ihm liegen alle
Kräfte Himmels und der Erden verborgen. 4.
Ihr habet mit Maria das beste Teil erwählet, daß ihr eure Jugend nicht an
weltliche Pracht und Hoffart setzet, sondern Gott aufopfert. Und ob ihr eine
kleine Weile also allhier im Finstern damit sitzet, werdet ihr doch davon ewiges
Licht erlangen, fügen wir euch freundlich und ich meine es treulich. Soll
euch künftig wohl eröffnet werden, wer der Autor der Schriften ist, sollen
euch auch treulich mitgeteilet werden, denn ihrer ist ein ziemlich Teil
vorhanden. Aber es hat Irrung gegeben, daß ich euch jetzt nichts konnte
mitschicken. Ihr sollets in kurzem bekommen, so ihr Lust habet. Ihr werdet
gar edle schöne Dinge sehen, so von der Welt her meistenteils sind verborgen
gewesen um welches alle Gelehrten getanzet und gesuchet, etwa gemeinet, sie
hätten den edlen Stein. Aber die Zeit ist noch nicht vorhanden gewesen,
welches Gott der letzten Welt gönnet. Damit göttlichem Schutz und Gnade
empfohlen. Datum ut supra. Euer
Dienstwilliger allezeit J. B. 27. Sendbrief
An
Herrn Christian Bernhard — Ohne Datum. Emanuel! 1.
Ehrenfester, wohlbenamter Herr, vertrauter Freund Euer Heil und Wohlfahrt
wäre mir lieb. Ich wollte euch längst gerne mit einem Schreiben ersuchet
haben, denn mich verlanget gleich eurem Zustand zu vernehmen, dieweil ihr euch
in das Studium sapientiae ergeben, welches mir lieber ist als die Welt, und
wünsche, daß ich mich eines möchte mit euch darinnen nach Notdurft
besprechen, als ich denn verhoffe, in kurzem in eure Gegend zu reisen, so
wollte ich euch zusprechen. Bisher bin ich durch Gottes Verhängnis verhindert
worden, denn ich bin sechs Wochen an der von bösen Soldaten zugefügten
Krankheit daniedergelegen und kaum wieder zur Gesundheit kommen. 2.
Wie es auch unserem Herrn Walther gehe oder wo der sei, so ihr etwas wisset
von ihm, bitte ich mir zu melden. Auch wie es euch in eurem Studio gehet, ob
euch auch die Gnadentüre mehr eröffnet wird, die hohen göttlichen Geheimnisse
zu ergreifen, wäre mir sehr lieb zu wissen, denn ich verhoffe, so ihr euer
Leben dahin gerichtet und die Praktik in Übung gebracht, es sollte euch die
Türe aufgetan werden, daß ihr mit dem rechten magischen Auge in magiam
divinam sehen sollet. 3.
Denn so aufgehet das Gewächse des neuen Menschen, so hat es auch sein Sehen.
Sowohl als der äußere Mensch diese äußere Welt sieht, also auch der neue die
göttliche Welt, darinnen er wohnet, denn es stehet geschrieben: Des Menschen
Geist im Geist Christi forschet alle Dinge, auch die Tiefe der Gottheit. Und
wiewohl es nicht am Forschen und Hochfahren gelegen ist, so der Mensch in der
Vernunft forschen will, sondern an demütiger Einergebung, daß die Seele
nichts begehret als Gottes Liebe, so sie nur dieselbe erreichet, so führet
alsbald der freudenreiche Geist Gottes der Seelen Bildnis oder das Gleichnis
Gottes in die himmlische, göttliche Schule der edlen und teuren Erkenntnis
ein; da sie dann mehr gelehret wird als in der Schule dieser Welt, denn sie
studieret in der Schule der göttlichen Weisheit. Der Hl. Geist ist ihr
Schulmeister, auch ihr Wissen und Verstand. 4.
Es ist kein Wissen von Gott, daß eine Kreatur Gott kennete oder fühlete als
nur allein diese, welche in Gott ist. Der Zweig zeucht in sich des Baums
Saft. Ist der Mensch mit seinem Willengeiste nicht in Gott gerichtet, sondern
in die äußere Vernunft, so ist er an Gott blind. 5.
Begehret er aber Gottes mit Ernst, so wird er in seinem Begehren mit Gottes
Wesen geschwängert und wird ihm Gottes Wesen zum Eigentum gegeben, darinnen
der Geist Gottes regieret. Und er wird Gottes Kind als der Zweig am Baum. 6.
Weil ich denn vom Herrn Walther vernommen, wie daß ihr euer Leben in
Gottesfurcht gerichtet und mir auch eure Schriften zeigen, daß ihr eine
Begierde nach göttlicher Weisheit und nach dem Brünnlein Christi habet, so
bin ich desto kühner, euch zu schreiben und desselben Weges zu erinnern, denn
es bringet mir eitel Freude, so ich Gottes Kinder vernehme. 7.
Gleichwie sich ein Zweig des Baumes in dem Baume neben dem andern erfreuet
mit lieblicher Essenz, also auch die Kinder Christi. So euch aber etwas
mißverstanden in meinen Schriften sein wollte, so ihr mir das nur andeutet,
soll euch in leichtem Verstand gebracht werden. Oder so es euch zu tief im
Sinne wäre, wollte ichs euch kindlicher und einfältiger dartun, damit das
Perllein möchte mit Lust gesuchet und gefunden werden, denn es ist nicht
vergebens gegeben. 8.
Weil ihr aber einer aus den Ersten seid, denen es Gott hat wollen gönnen, so
ermahne ich euch in rechter christlicher Liebe, daß ihr wollet fleißig das
edle Kleinod suchen. Ihr werdets gewiß erlangen, denn ob sichs gleich
anließe, als wollte er nicht, lasset euch das nicht erschrecken und sinket
nicht, stehet stille. Will einer Ritter werden, so muß er kämpfen. Wo Gott am
nähesten ist, da will ers nicht entdecken. Seine Kinder müssen probieret
werden. Wir müssen wider den alten Adam in Streit ziehen und ihn töten, soll
ein neuer auswachsen. 9.
Werdet ihr das schöne Kränzlein nur einmal aufsetzen, so wirds hernach keines
Forschens mehr bedürfen. Ihr werdet wohl einen haben, der forschen wird, der
sich in euch suchen und finden wird, daß ihr werdet Gott und Himmelreich nach
demselben Anblicke schauen, habe ich euch freundlich wollen erinnern. 10.
Es lässet sich eine sehr schwere Zeit an, denn das Jahr, sowohl die
nachfolgenden werden Jahre großer Trübsal sein, denn der Huren Krankheit und
Tod ist kommen. Aber sie wills nicht merken. Sie spricht noch: Ich bin
Jungfrau! Ihre Wunden sind unheilbar. 11.
Lieber Freund Christian, lasset uns ja die Augen recht auftun, daß wir sie
lernen kennen und vor ihr fliehen, sonst möchten wir ihre Plage und Strafe
bekommen. Es ist kein Schimpf. Es kostet Leib und Seele, das höchste Gut. Und
tue euch der Liebe Jesu Christi empfehlen!
J. B. Der
Name des Herrn ist eine feste Burg; der Gerechte läufet dahin und wird
erhöhet! 28. Sendbrief
An
Dr. Christian Steinberg, alias Valentin Thirnes Vom
6. Juli 1622. Unser
Heil im Leben Jesu Christi in uns! 1.
Ehrenfester, hochgelehrter, christlicher lieber Herr und Freund! Neben
herzlicher Wünschung göttlicher Liebe und Gnade, daß dem Herrn möge das
Brünnlein göttlicher Liebe durch die Sonne des Lebens aufgeschlossen werden,
aus welchem das göttliche Wasser ausquillet, als mir denn nicht zweifelt, der
Bräutigam habe seine Braut, als die Seele des Herrn zu solchem Brunnquell
gerufen, weil ich vernehme, daß ihn Gott ins Kreuz und Trübsal hat gestellet,
so ist dasselbe das erste Kennzeichen der edlen Sophien, womit sie ihre
Kinder bezeichnet. Denn sie pfleget sich durch die Dornen Gottes Zorns zu
offenbaren wie eine schöne Rose auf dem Dornstrauche, sofern nur die Seele
ihr Gelöbnis und Treue hält. Denn es muß ein getreues und festes Band
zwischen der Seelen und dieser feuerbrennenden Liebe Gottes sein. 2. Der Mensch muß in solchen Vorsatz treten, daß er will in Christi
bitteres Leiden und Tod eingehen und seiner Sünde und bösen Eitelkeit
darinnen täglich absterben und ernstlich Gott bitten um die Erneuerung seines
Gemütes und Sinnens. Er muß vom Hl. Geiste gesalbet und erleuchtet werden und
Christus mit seinem Leiden, Tod und Auferstehung anziehen, daß er eine rechte
Rebe am Weinstocke Christi sei, in dem Christus selber wirket und herrschet
nach dem inwendigen Grunde seines Geistes, welches Geheimnis im Glauben
ergriffen wird, da alsdann Gottheit und Menschheit nach demselben inwendigen
Grunde beisammen ist, auf Art wie ein Feuer das Eisen durchgehet da das Eisen
wohl seine Substanz behält und aber doch in eitel Feuer, solange das Feuer
darinnen brennet, verwandelt ist. 3.
Nicht daß es die Kreatur in eigener Macht ergreife, sondern sie ist ergriffen,
wenn sich der Wille Gott ganz übergiebet. Und in demselben übergebenen Willen
herrschet der Geist Gottes. Und der Wille ist der wahre Tempel des Hl.
Geistes, darinnen Christus wesentlich wohnet, nicht nach bildlicher,
kreatürlicher Art, sondern gleichwie das Feuer im Eisen oder wie die Sonne in
einem Kraut, da sich der Sonnen Kraft mit der Tinktur des Krautes bildet und
wesentlich machet, also auch im Geiste des Menschen zu verstehen ist, da sich
die Kraft Gottes in des Menschen Geiste und Glauben bildet und ein
geistliches Wesen wird, welches allein der Glaubensmund der Seelen ergreifet
und nicht der irdische Mensch in Fleisch und Blut, welcher tödlich ist. Es
ist ein untödliches Wesen, darinnen Christus im Menschen wohnet. Es wird der
Himmel Gottes in die kleine Welt eingepräget und ist eine Offenbarung der
Stätte Gottes, da das Paradeis wieder grünet und Früchte träget. 4.
Deswegen muß der Drache von ehe getötet werden. Ob er wohl dem irdischen
Fleische noch anhanget wie die Schale oder Rinde am Baume, so lebet doch der
Geist in Gott, wie St. Paulus saget: Unser Wandel ist im Himmel, Phil.3,20.
Und Christus auch sprach: Wer mein Fleisch isset und trinket mein Blut, der
bleibet in mir und ich in ihm, Joh.6,56; item: Ohne mich könnet ihr nichts
tun, Joh.15,5. 5.
Deswegen sage ich, ist einer ein wahrer Christ, so wird ers in Christo. Er
ist in Christi Leben und Geist eingeboren und zeucht die Auferstehung Christi
an. Denn also wird ihm die Genugtuung Christi zuteil. Und also überwindet
Christus in ihm auch die Sünde, Tod, Teufel und Hölle. Und also wird er in
Christo mit Gott versöhnet und vereiniget. 6.
Denn die neue Geburt ist nicht eine von außen zugerechnete Gnade, daß wir uns
nur mit Christi Bezahlung dürfen trösten und in Heuchelei der Sünden beharren.
Nein, sie ist eine kindliche, eingeborne Gnade, daß Gott den bekehrten
Menschen Christus mit der Rechtfertigung anzeucht, daß ihn Christus auch in
ihm selber von Gottes Zorn in Kraft seiner Offenbarung erlöse. Anders ist
keiner ein Christ, er heuchle, wie er wolle. 7.
Wegen der Deutung etlicher Wörter und dessen, was der Herr an mich begehret,
so in meinem Buche, »Aurora«
genannt, angedeutet, welche sehr heimliche Deutung haben und mir vom Höchsten
zu erkennen gegeben worden sind, füge ich dem Herrn hiermit, daß es jetzo
wohl nicht gut in Sendbriefen ausführlicher davon zu schreiben sei, weil die
Zeit gefährlich und der Feind Christi grausam wütet und tobet, bis noch eine
kleine Zeit vorüber ist. Jedoch will ich ihm eine kurze Andeutung geben,
ferner nachzusinnen. 8.
Erstlich, von der »mitternächtigen Krone« ist eine zwei fache Deutung: Die
erste deutet an die Krone des Lebens als den Geist Christi, welcher mitten in
der großen Finsternis soll offenbar werden als in der Beängstigung der
sinnlichen Natur des Gewissens, da eine sonderliche Bewegung vorhanden. So
kommt der Bräutigam als die Kraft Christi inmitten solcher Bewegung. 9.
Die andere Deutung ist eine Figur (Symbol) des
äußeren Reiches, da die großen Verwirrungen und Streite werden sein und die
Völker im Streite stehen. So ist die Figur als der Sieg darunter angedeutet,
wie es in der geistlichen Figur stehet, wie es werde gehen, welche Völker
endlich siegen werden und unterdessen in solcher trübseligen Zeit werde
Christus offenbar und erkannt werden und wie nach und in solcher Zeit der
Trübsal werden die großen Geheimnisse offenbar werden, daß man auch in der
Natur wird können das große Geheimnis, den verborgenen Gott in Dreifaltigkeit
erkennen, in welcher Erkenntnis sich die fremden Völker werden bekehren und
Christen werden. 10.
Auch ist darunter angedeutet, wie der sektierische Streit in der Religion
werde in solcher Offenbarung zugrunde gehen, denn es werden alle Türen
aufgetan werden. Und alsdann werden die unnützen Schwätzer, welche jetzt als
Riegel vor der Wahrheit liegen, weggetan werden; und sollen alle Christum
erkennen, welche Offenbarung die letzte sein wird: Da die Sonne des Lebens
soll über alle Völker scheinen. Und alsdann gehet das böse Tier mit der Huren
— welches unter den Charakteren* RaRa: RPAM RP angedeutet wird — zum Ende,
wie in der Apokalypse zu sehen ist. Diese ausführliche Deutung darf man
anjetzo noch nicht klarer machen. Es wird sich alles selber zeigen. Und dann
wird man es sehen, was es gewesen ist, denn es ist noch gar eine andere Zeit. *) d.h, nach Böhmes
Sprachverständnis in der sogen. Natursprache 11.
Wegen der Natursprache berichte ich dem Herrn, daß es sich also verhalte.
Aber das, was ich darinnen weiß und verstehe, kann ich keinem andern geben
oder lehren. Andeutung kann ich einem wohl geben, wie sie zu verstehen sei.
Aber es gehöret ein großer Raum dazu und müßte eine mündliche Unterredung
sein. Es lässet sich nicht schreiben. 12.
Auch wegen des philosophischen (alchymistischen) Werks
der Tinktur ist nicht also bloß zu gehen, wiewohl ich das nicht in der Praxis
habe. Es lieget das Siegel Gottes davon, dessen mit seinem wahren Grunde zu
geschweigen bei ewiger Strafe, es wisse denn einer gewiß, daß es nicht
mißbrauchet werde; und ist auch keine Macht, dazuzukommen, es sei denn, einer
selber von ehe das, was er darinnen suchet. Es hilft keine Wissenschaft, es
gebe denn einer dem andern die Tinktur in die Hände, sonst mag er sie nicht
präparieren, er stehe denn gewiß in der neuen Geburt. 13.
Denn es gehören zwei zentralische Feuer dazu, darinnen die Macht der Dinge
stehet, zu welchem gar leicht zu kommen, so der Mensch recht dazu geschicket
ist. Der Herr wolle sich darum auf solche angedeutete Weise mit keinem Golde
oder Mineralien nicht bemühen. Es ist alles falsch. Es muß das allerbeste im
Himmel und in der Welt dazu sein, von dem Obern und Untern, welches nahe und
weit ist. Die Stätte ist überall, da es anzutreffen ist, aber nicht ein
jeglicher ist tüchtig dazu. Es kostet auch gar kein Geld, ohne was auf Zeit
und Nahrung des Leibes gehet, sonsten könnte es einer mit 2 Fl bereiten und
noch weniger. Die Welt muß zum Himmel und der Himmel zur Welt wieder gemacht
werden. Es ist nicht von Erden oder Steinen oder Metall, und doch von dem
Grunde aller Metallen. Aber ein geistlich Wesen, welches mit den vier
Elementen umgeben ist, welches auch die vier Elementa in eines verwandelt,
ein gedoppelter Mercurius, jedoch nicht Quecksilber noch ein ander Mineral
oder Metall. 14.
Der Herr lese den »Wasserstein der
Weisen«* darinnen ist viel Wahrheit, und dazu klar, welches im Drucke
ist. Die Arbeit ist geringe und die Kunst gar einfältig. Es möchte es ein
Knabe von zehn Jahren machen, aber die Weisheit darinnen ist groß und das
allergrößte Geheimnis. Ein jeder muß das selber suchen. Es gebühret sich
nicht, das Siegel Gottes zu brechen, denn es lieget ein feuriger Berg davor,
deswegen ich mich davor entsetze und warten muß, ob es Gottes Wille sei. Wie
wollte ich denn andere davon ausführlich lehren? Ich kann es noch selber
nicht machen. Ob ich schon etwas weiß, so soll doch keiner mehr bei mir
suchen als ich habe, doch klar genug angedeutet. Und empfehle euch samt allen
Kindern Gottes in die Liebe Jesu Christi. Datum
ut supra. J. B. *) Vgl. die Faksimile-Ausgabe des
Aurum-Verlags, Freiburg 1977. 29. Sendbrief
An
Herrn Christian Bernhard — Vom 8. Juli 1621. Der
offene Brunnquell aus dem Herzen Jesu Christi sei unsere Erquickung! Ehrenfester,
wohlbenamter Herr, hoher Freund! Neben Wünschung aller heilsamen Wohlfahrt
füge ich demselben, daß die beigelegten Sachen Herrn Rudolf von Gersdorf zu
Weicha gehören, und gelanget meine Bitte, ihr wollet sie doch dahin
befördern, wo nicht zufällige Gelegenheit wäre, alsdenn seine Leute alle
Sonnabend zu Sagan sind. So wolle er sie doch mit eigenem Boten hinschicken.
Inneliegende Pfennige sind zur Beförderung dessen. Würde es nicht reichen,
wollte ich, was mangelt, erstatten. Bitte, es doch aufs eheste zu befördern.
Ob ihr das Buch »Von den drei
Prinzipien« habet von Specht empfangen, weiß ich noch nicht. Bitte, es
aufs eheste zu solvieren denn es fällt anjetzo mancherlei vor, daß ichs
öfters bedarf wegen guter frommer Sucher halber, so zu mir kommen. 2.
Beineben melde ich ihm auch, sich nur fertig zu machen, denn die heftige
Tribulation (Kriege) wird etliche unserer
Landschaften heftig rühren. Suchet euch nur fleißig in den Frieden, den uns
Christus herwiederbracht hat, einzuschließen und als mit einer Mauer zu
verwahren. Denn Babel wird einen ernsten Trunk müssen austrinken, und zwar
eben den, den sie mit Greueln hat eingeschenket. Alle Ketten und Banden
werden zerspringen und nicht halten, und wird sich alles teilen, als es schon
also stehet. So kömmet alsdann bald das Zerbrechen. Die Hoheit der Welt ist
jetzt selber blind und will es nicht sehen, was sie ihnen selber antun, wird
aber in kurzem sehend werden, wenn der Jammer wird über Leib und Seele gehen.
Und tue euch in die sanfte Liebe Jesu Christi empfehlen. Geben ut supra. Euer
dienstwilliger J. B. 30. Sendbrief
An
Herrn Friedrich Krause, Dr. med. zu Goldberge (oder
Liegnitz) — Vom 17. Juli 1622. Der
offene Brunnquell im Herzen Jesu Christi sei unsere Erquickung und stetes
Licht! 1.
Ehrenfester, wohlgelehrter, günstiger Herr und Freund, in Christo geliebter
Bruder! Neben herzlicher Wünschung von Gottes Liebe, Erleuchtung und Segen;
mir ist lieb und erfreue mich eures fleißigen Studierens in göttlicher
Weisheit. 2.
Und noch vielmehr dessen, daß ich vernehme in eurem Schreiben, daß euch Gott
das Herze und Geist zum Verstande aufgetan hat, und wünsche von Herzen, als
ich denn gar nicht zweifle, daß das edle Perlenbäumlein der Menschheit
Christi in eurem in Adam verblichenen Paradeisbäumlein im Geiste Christi und
in seiner zarten Menschheit in uns, des innern Menschen wieder grüne und
rechte Früchte auf Gottes Tisch trage. 3.
Und daß die edle Rebe an Christi Weinstocke fest eingepfropfet sei und daraus
ausgrüne und unter der jetzigen Dornenwelt gleich als ein Wunder neben uns
ausblühe und den Sommer Christi in seiner Lilienzeit helfe andeuten, inmaßen
sich denn jetzo hin und wieder dergleichen Zweiglein auf Christi
Rosengärtlein erzeigen und gleich als ein Wunder Gottes mitten im Feuer der
Trübsal zu Babel grünen. 4.
Daß ihr aber meldet, daß euch meine Schriften hätten etwas Anleitung gegeben,
des danken wir billig Gott, der seine Wunder und tiefe verborgene Weisheit
auch durch albere ungeübte Menschen offenbaret und gleich als die Kinder in
der Wiegen der Welt in ihrem Babel- und Fabelwerke zu einem Lichte darstellet
und sie mit der albern Einfalt überzeuget, daß ihr Werk, Willen und Leben vor
ihm nur ein Schnitzwerk und selbsterdichteter Tand ist und nicht in ihm
gegründet und eingewurzelt stehet. 5.
Inmaßen uns denn der Höchste anjetzo vielfältig zu erkennen gegeben, davon in
kurzer Zeit seine Wunder in seiner verborgenen Weisheit ans Licht der Welt in
Schriften gegeben, darinnen sich unsere Nachkommen und diejenigen, so den
Verstand von Gott dazu erlangen, sich nicht allein wundern, sondern auch hoch
erfreuen werden. 6.
Ich habe von Herrn Walther vernommen, daß der Herr etwas von meinen ersten
Schriften habe empfangen, welche er ihm gelieben lässet. Ich wünsche aber,
daß er die letzten auch hätte, welche viel heller, klarer und tiefer
gegründet, darinnen man den geoffenbarten Gott in allen seinen Wundern und Werken
klar erkennen mag. 7.
Sie würden euch an eurer Praxis an vielen Enden mehr Eröffnung geben, denn
der Natur Grund ist fast helle darinnen entdecket, sowohl auch unser schöner
Lustgarten Christi, der neuen Wiedergeburt. 8.
Es würde euch, mein lieber Herr Friedrich, viel Nutz zu zeitlicher und ewiger
Übung schaffen; hoffe, ihr werdet euch als ein eingepflanzet Zweiglein nicht
vom Baume der göttlichen Weisheit abbrechen, denn es wird bald eine Zeit
kommen, da es will nütze sein und ihr euch werdet unter den Erstlingen, so
aus Babel ausgehen, erfreuen. 9.
Wegen der Verehrung welche ich empfangen, sage ich großen Dank, und will es
in meinen Willen in das Mysterium des Höchsten zu seiner Belohnung einführen,
und soll euch als ein Schatz in ihm wohl aufgehoben sein, und erkenne hieran
euer recht eiferiges Herze. 10.
Wiewohl das Perllein hierum nicht gegeben wird, sondern umsonst, wie uns Gott
in Christo getan hat, und wie ein Glied dem andern schuldig ist. Und empfehle
euch der sanften Liebe Jesu Christi und vermahne, das Perllein nur weiter zu
suchen. Datum ut supra. J. B. 31. Sendbrief
An
N. N. — Vom 1. November 1622. Unser
Heil in Christo Jesu! Ehrenfester,
wohlbenamter Herr. Ich wünsche demselben durch Gott in Christo Jesu seine
Gnade, Erkenntnis und Segen. 1.
Nachdem ich vom Herrn Doktor Kr. berichtet worden, wie der Herr als ein
christlicher Mitbruder im Herrn im Zuge des Vaters zu Christo Jesu in
herzlicher Begierde inne stehe und in seinem Gemüte dahin arbeitet, wie er
möge zu göttlicher Beschaulichkeit in sich selber komme, also habe ich auf
Begehren des Herrn Doktors nicht unterlassen wollen, den Herrn mit einem
Brieflein zu ersuchen und ihm aus christlicher Liebe wollen den Weg zu
göttlicher Beschaulichkeit und Empfindlichkeit aus meinen Gaben ein wenig
andeuten und ihm gleich hiermit des Saftes meines kleinen Perlenbäumleins im
Geiste und Leben Jesu Christi in brüderlicher Liebe darbieten, als ein Ast
oder Zweig am Baume dem andern schuldig ist. Und bitte, es wohl zu verstehen,
ob ich ihm vielleicht zu seinem Eifer möchte mehr Ursachen geben. 2.
Nachdem der Herr in sich selber wohl empfindet, daß anjetzo der Antichrist in
Babel das Regiment in der Christenheit in seiner Eigenheit und Fleischeslust
führet und aber uns unser lieber Emanuel treulich davor gewarnet, auch
gesaget, daß Fleisch und Blut das Himmelreich nicht erben solle, 1.Kor.15,50.
Und aber der Antichrist anders nichts suchet noch begehret, als nur zeitliche
Ehre, Macht und Gewalt, in Fleischeslust aufzusteigen und sich dieser
Antichrist jetzo eine lange Zeit also höflich mit Christi Purpurmantel
zugedeckt, daß man ihn nicht hat erkannt, sondern für heilig geehret, welches
mit in Gnaden des Höchsten ziemlich wohl offenbar worden. Also wollte ich dem
Herrn mit wenigem andeuten, was ein Christ oder was der Antichrist im
Menschen sei, zu fernerer Nachdenkung. 3. Christus spricht: Wer nicht verlässet Häuser, Acker, Geld, Gut, Weib,
Kinder, Brüder und Schwestern, und verleugnet sich selber und folget mir
nach, der ist nicht mein Jünger und Diener, Luk.14,26. — Item Ihr müsset
umkehren und werden wie die Kinder, oder: aus dem Wasser und Geiste neu
geboren werden, sonst sollet ihr das Reich Gottes nicht sehen, Matth.18,3.
Solches ist nicht angedeutet, daß einer solle von Weib und Kind aus seinem
Berufe und Stand in eine öde Wildnis laufen und alles verlassen, sondern den
Antichrist als Meinheit, Deinheit, Ichheit. 4.
Wer zu göttlicher Beschaulichkeit und Empfindlichkeit in sich selber gelangen
will, der muß in seiner Seelen den Antichrist töten und von aller Eigenheit
des Willens ausgehen, ja von aller Kreatur, und in der Eigenheit des Gemütes
die ärmeste Kreatur werden, daß er nichts mehr zum Eigentum habe, er sei in
was Stande er wolle. 5.
Und ob er gleich ein König wäre, so soll doch sein Gemüte alle Eigenheit
verlassen und sich in seinem Stande, auch Ehren und zeitlichem Gute nichts
mehr achten als Gottes Diener, daß er darinnen Gott und seinen Brüdern dienen
sollte, und daß alles, das er hat, er nicht zum Natur recht hat und besitzet,
daß er sein sei, sondern daß es seiner Brüder und Glieder sei, daß ihn Gott
habe zu einem Amtmann und Verwalter darüber gesetzet, und denken, daß er
seinem Herrn darinnen diene, welcher von ihm wollte Rechenschaft fordern. 6.
Auch so muß er seinen eigenen Willen, welcher ihn zu solchem Besitz der
Eigenheit treibet, in ihm ganz und gar dem Leiden und Sterben in Tod Jesu
Christi einergeben und Gott demütiglich in rechter ernster Buße und Umwendung
bitten, daß er diesen bösen Willen zur Eigenheit und zeitlichen Lust wolle in
dem Tode Jesu Christi töten und seiner Seelen willen in die wahre Kindschaft
Gottes einführen, daß er ihm nicht mehr selber wolle und begehre, sondern daß
Gottes Wille in ihm sein Wollen und Begehren werde, daß er in seiner Ichheit
tot werde nach dem Seelenwillen, und Gott in Christo sein Leben werde. 7.
Er muß seinen Willen in die höchste Demut in Gottes Erbarmen eintauchen und
ihm seinen solchen Willen in Gottes Gnadenverheißung schöpfen, daß er diese
Stunde wolle von aller Eigenheit dieser Welt Wollust ausgehen und nimmermehr
wieder darein eingehen, und sollte er gleich aller Welt Narr darinnen sein,
und sich ganz in die höchste Niedrigkeit und Unwürdigkeit vor Gott mit der
Pönitenz (Buße) eintauchen, aber in der Seelen die
Gnadenverheißung ergreifen und darinnen stehen als ein Kriegesmann vor seinem
Feinde, da es Leib und Leben gilt. 8.
Wenn dieses geschiehet, so wird sein eigener Wille, als der Antichrist, im
Tode Christi ergriffen und getötet, und wird alsobald seine Seele als ein
neues unverständiges Kind, das seinen natürlichen Verstand der Selbheit hat
verloren, und hebet vor Gott als ein junges Kind vor seiner Mutter an zu
flehen, und setzt sein Vertrauen in die Mutter, was ihm die geben will. 9.
Und das ist, das Christus sagete: Ihr müsset umkehren und werden als Kinder,
Matth.18,3, — und alles verlassen und mir nachfolgen. — Denn Adam ist von
Gottes Willen in einen eigenen Willen getreten und hat in eigener Begierde
der Schlangen Sucht und Teufels Willen in sich eingeführet, daß er sich und
seine Lebensgesellen, welche in gleicher Konkordanz standen, in einem einigen
Willen — der war Gottes — in eine Trennung eingeführet, da sich die
Eigenschaften der Natur haben aus der gleichen Konkordanz ausgeführet, eine
jede Eigenschaft in ihre Selbheit als eigene Begierde, davon ihm die Lust zu
Bös und Gut entstand und zuhand Hitze und Kälte in ihn drang und er des
heiligen Lebens in dergleichen Konkordanz — da er in einem einigen Element
lebete, da die vier Elementen in gleichem Gewichte in ihm waren — erstarb. 10.
Davon ihm Gott sagete: Iß nicht vom Baum des Bösen und Guten oder du
stirbest, Gen.2,17. Da meinete er den Tod am Himmelreich als des schönen
englischen Bildes, welches zuhand in der falschen eingeführten
Schlangenbegierde erstarb und nun soll und muß wieder in Christi Geist neu
geboren werden. So muß dieser falsche Schlangenwille von ehe in Christi Tode
durch rechte Umwendung sterben, und aus diesem Sterben stehet Christus in
seinem Geiste in dem in Adam gestorbenen Himmelsbilde in uns wieder auf und
wird der innere Mensch in Christi Geist neu geboren. 11.
Dieser neue Geist kommet zu göttlicher Beschaulichkeit in sich selber und
höret Gottes Wort, hat göttlichen Verstand und Neiglichkeit und mag Mysterium
magnum in göttlichen und natürlichen Geheimnissen in sich schauen. Und ob ihm
wohl das irdische Fleisch in seiner Neiglichkeit noch anhänget, so schadets
ihm doch alles nichts. 12.
Er ist in dieser neuen Geburt wie ein fixes Gold im groben Steine, da des
Steines Grobheit das Gold nicht mag zerbrechen, denn sein rechter Wille ist
der irdischen Sucht abgestorben und begehret des Fleisches Lust alle Stunden
zu töten, tötet es auch ohn Unterlaß. Denn allhie zertritt des Weibes Same
als der neue Mensch, in Christo geboren, der Schlangen Willen im Fleische als
dem Antichrist den Kopf. 13.
Und füge euch christlich und brüderlich, mein geliebter Herr, in gar guter
Pflicht und Treuen zu wissen, daß wir in unserer vermeinten Religion, da man
doch nur immer zanket oder zueinander lästert um die Buchstaben, noch mitten
in Babel stehen, und es ärger nie gewesen ist, da man sich ja rühmet, man sei
aus Babel ausgegangen und habe die wahre Religion, welches ich in seinem Wert
lasse. 14.
Aber soviel mir im Herrn meinen Gott erkannt ist in meinem mir von Gott
gegebenen gar edlen Talent so sage ich, daß man ja hat den Mantel Christi mit
seiner Purpurfarbe in Christi Blut eingetauchet und zur Decke umgenommen,
aber damit nur das antichristliche Kind des eigenen Willens zugedecket, und
hat dem antichristischen Hurenkinde fremde Farbe angestrichen. 15.
Denn man heuchelt ihm gar wohl und decket es mit Christi Leiden, Verdienst
und Tode zu, und tröstet es, Christus habe für das bezahlet, er soll sich nur
des Verdienstes Christi trösten und als Genugtuung im Glauben annehmen, und weiset
uns also eine von außen zugerechnete Gerechtigkeit. 16.
Aber es hat ein viel ander ABC im Verstande. Es gilt kein Trösten noch
Selber-Wollen, Laufen oder Rennen. Das Leiden und der Tod Christi wird nicht
dem antichristlichen Tier in der Selbheit gegeben, sondern denen, die da von
allen Kreaturen aus der Eigenheit ausgehen und sich in das Leiden und Sterben
Jesu Christi ganz einergeben, des eigenen Willens in und mit Christo sterben,
mit ihm begraben werden und in ihm eines neuen Willens und Gehorsams
aufstehen und der Sünden gram werden, welche Christum in seinem Leiden, Spott
und Verfolgung anziehen und sein Kreuze auf sich nehmen und unter der
Brautfahne ihm nachfolgen. Denen wird es gegeben. Diese ziehen Christus in
seinem Prozeß an und werden im innern, geistlichen Menschen Christi Gliedmaß
und Tempel Gottes, der in uns wohnet. 17.
Keiner hat sich Christi Verdienst zu trösten, er begehre denn Christum in
sich ganz anzuziehen. Und ist auch eher kein rechter Christ, er habe ihn denn
durch rechte Buß und Einwendung zu ihm mit gänzlicher Ergebung angezogen, daß
sich Christus mit ihm vermählet. 18.
Welches Anfang im Bunde der Taufe geschiehet, da das Kind unter seiner
Blutfahne gelobet und schwöret, welches hernach in Tätlichkeit soll erfolgen;
oder ob sich einer hätte abgewandt, soll er sich in solche Umkehrung wieder
einwenden. Und sage im Grunde, daß manchem der Mantel Christi, mit dem er den
Antichrist zudecket und doch nur ein Tier bleibet, wird zum höllischen Feuer
werden. 19.
Denn ein Christ muß aus Christo geboren sein und dem adamischen Willen
absterben. Er muß Christum in sich haben und eine Rebe an seinem Fleische und
Geist sein, nicht nach dem animalischen Tier, sondern nach dem geistlichen
Menschen. 20.
Denn nicht das Tier besitzet Gottes Geist, aber wohl den Tempel Christi als
Christi geistliches Fleisch und Blut in uns. Denn Christus sagte: Wer nicht
würde essen das Fleisch des Menschensohns, der hätte kein Leben in sich. 21.
Nun muß ja ein rechter Mund dazu sein, der es essen kann, denn dem Tiere wird
es nicht gegeben, viel weniger der Schlangen-Enti*. Denn ein jeder Geist
isset von seiner Mutter, daraus er erstanden ist, welches ich einem jeden
Verständigen zu erwägen gebe und allhier nur angedeutet habe, was ein Christ
sein müsse. *) der Schlangenwesenheit des
Menschen 22.
So er sich aber einen Christen rühmet, denn ein Tier ist kein Christ, sondern
der mit dem Heiligen Geiste in Christi Tod getaufet wird, — der Christum hat
angezogen und in Christi himmlischem Fleische und Blute lebet, welcher das
Abendmahl Christi geschmecket hat und mit Christo zu Tische gesessen ist, der
ist ein Christ, der in Christi Fußstapfen wandelt und das antichristliche
böse Tier im Fleische und Blute, welches einem Christen gleichwohl anhänget,
immer dar tötet, anbindet, nicht Gewalt lässet und sich in die Anfechtung
geduldig ergiebet, welche ihm viel hundertfältig zu einer Probe und Läuterung
gegeben werden. 23.
Ein Christ muß das ABC zurücklernen und die Weisheit seiner Vernunft für
töricht achten, auf daß Christus in ihm eine Gestalt gewinne und er der
himmlischen Weisheit fähig werde. 24.
Denn die Weisheit der äußeren Welt ist an Gott blind und siehet ihn nicht,
und da doch alles in Gott lebet und webet und er selber durch alles ist und
doch kein Ding besitzet, ohne was seines eigenen Willens erstirbet. Das muß
er besitzen, und besitzet es gerne, denn es will ohne ihn nichts und ist am
Ende der Schöpfung und auch im Anfang. 25.
Davon ich dem Herrn wohl meiden könnte, so es allhier die Gelegenheit gäbe,
welches ich in meinen Schriften ausführlich dargetan und aus dem Centro und
Verstand aller Wesen erkläret habe und allhie nur ein wenig in Forma
angedeutet, was eines Christen Zustand und Wesen sei, ob dem Herrn lüsterte
weiter nachzusinnen und sich in diesem Prozeß zu ergeben, als ich denn hoffe,
er sei vorhin darin. 26.
Aber zu mehrerer brüderlicher Ergötzlichkeit mit einem kleinen Brieflein
wollte ich andeuten und mich mit dem Herrn ergötzen, in der Hoffnung und im
Glauben, der in uns wirket und ist, bis wir dieser Hütten einst los werden
und uns in göttlicher brüderlicher Einigkeit und Beschaulichkeit werden
hernach vollkömmlich miteinander ergötzen. 27.
Und solches auf Anhalten obgemeldeten Herrn Doktors in guter Pflicht. Und ich
empfehle den Herrn der sanften Liebe Jesu Christi. Gegeben
ut supra J. B. 32. Sendbrief
An
Herrn Christian Bernhard — Vom 12. November 1622. Unser
Heil im Leben Jesu Christi in uns! 1.
Mein gar lieber Herr und werter Freund, ich wünsche euch viel Freude in Kraft
göttlicher Beschaulichkeit, Findlichkeit und Empfindlichkeit, neben
leiblicher Wohlfahrt und erfreue mich eurer Standhaftigkeit in göttlicher
Übung, welches mir das Zeichen ist ewiger Brüderschaft in göttlicher Essenz;
und vermahne euch in Liebe, darinnen in ernster Standhaftigkeit zu bleiben
und des ewigen Lohnes zu gewarten, euch nur an der Welt Spott und Affenwerk
nichts zu kehren, denn ein rechter Christ muß nicht alleine ein Mundchrist
sein, sondern in Christo in seinem Prozeß wandeln und Christum anziehen.
Welches ich hoffe, daß es bei euch schon geschehen sei, wollet euch nur nicht
lassen des Teufels gleißende Welt-Larve anziehen, denn diese Zeit ist kurz,
darauf ewige Belohnung folget; und wollet doch euren Herrn Bruder als auch
den Mitbrüdern im Herrn wegen meiner salutieren. 2.
Ich übersende euch allhier zwei Säcke; bitte, wollet doch die Mühe auf euch
nehmen und das Korn einsacken und wohl verwahren, ein wenig vernähen oder
versiegeln. In den Säcken ist ein Paket an Herrn Rudolf von Gersdorf und an
Herrn Friedrich von Krackwitz, welches alleine soll Herrn Gersdorf
zugeschicket werden. Er wird Herrn Krackwitz sein Teil wohl zuschicken.
Nehmet doch die Mühe auf euch und befördert es zu Herrn Gersdorf. Könnet ihr
nicht zufällige Botschaft haben, so schicket einen eigenen Boten. Es wird ihm
von Gersdorf wohl gezahlet, oder ich will ihn selber zahlen, da es mangelte.
Das Pack möget ihr aufmachen, denn ich habe es eurethalben unversiegelt
gelassen. Es lieget bei jedem Briefe ein Traktätlein; welche euch gut sind,
die möget aufs schleunigste abschreiben und alsobald ohne weitern Verzug an
benannten Ort fördern. Bitte, verpackt doch jedes Trakttätlein wieder zu
seinem inneliegenden Briefe und versiegelt es, daß die Traktätlein ja nicht
von den rechten Briefen vermenget werden. Bei Herrn Kregwitzens Briefe dürfet
ihr nur das geheftete Traktätlein schreiben. Die anderen zwei Bogen, so
angeheftet sind, habet ihr bei Herrn Gersdorf; Kregwitz hat den Anfang schon. 3.
Wegen des Memorialzettels von Herrn Lindner zu Beuthen berichte ich euch, daß
dieselben benannten Bücher alle meine sind, welche in anderthalb Jahren alle
gemachet sind, teils auch diesen Sommer. Das ihr jetzt von Gersdorf empfangen
habet, wird gewiß eines sein wider die Methisten. Und allhier bei Kregwitzens
Schreiben findet ihr auch eines »Von
wahrer Gelassenheit« Die andern sind einesteils groß, sonderlich das Buch
»De signatura rerum«, vom Urstande
der Creation und seiner Bezeichnung ein treffliches hohes Werk von 41 Bogen.
Die sind hin und wieder nachgeschrieben. Herr Doktor Brux hat auch eines, und
Doktor Güller von Troppen (Troppau) hat eines. Wenn ich dieselben werde zu
Händen bekommen, so will ich euch ferner eines nach dem anderen schicken.
Meldet mir nur, wenn ihr Weile zum Abschreiben habet. So ihr dasjenige, welches
ihr jetzo von Gersdorf bekommen habet, wollet nachschreiben, das möget ihr
tun, allein schreibet nur erst die zwei, so ich euch jetzt mitsende und
fördert dieselben fort, und übersendet mir mit dem Korne Herrn Gersdorfs
Schreiben. 4.
Wegen der Kosaken berichte ich euch, daß sie bei Leutenmeritz in Böhmen
liegen, bis an die Leippe, und das Land sehr verderben. Man saget wohl, sie
sollen bei uns durchziehen und sich gegen Polen wenden. Aber wir haben nichts
Gewisses. Ich halte es dafür, sie werden wohl in Böhmen oder Lausitz bleiben
und Polen nicht sehen, denn wir werden in kurzem neue Nachricht haben. Der
jetzige Friede ist nichts Beständiges, denn die Krankheit ist zum Tode und
größer nie gewesen, wie es die Zeit geben wird. 5.
Wie es euch sonst gehet und was euer Zustand sei, möchte ich gern wissen, ob
ihr Lust hättet, um Bezahlung nachzuschreiben, so wollte ich euch dazu
fördern. Ich weiß Herren genug, die es verlegen wollen zum Nachschreiben; und
empfehle euch der Liebe Jesu Christi,
J. B. 33. Sendbrief
An
Herrn Christian Bernhard — Ohne Datum. Emanuel Lieber,
treuer Freund und Bruder in der Liebe Christi, ich wünsche stets in meiner
Begierde, daß ihr möget auf angefangenem Wege beständig bleiben, daß euer
Hunger und Durst nach Christi Brünnlein möchte stets währen, denn es ist der
gewisse Zug des Vaters im Geiste Christi zu ihm. Der irdische Adam ist eine
Decke davor, daß Christus in dieser irdischen Hütten nicht mag ganz offenbar
werden, denn der Hl. David, der Mann Gottes, saget: Sie gehen dahin und säen
mit Tränen, und ernten aber mit Freuden, Psalm 126,5.6. 2.
Ich ermahne euch ganz brüderlich: Lasset euch nicht schrecken, wenn die Sonne
mit der Freudenreich in dem alten Adam nicht will scheinen. Es ist Gottes
Wille also, denn sie gehöret nicht mit ihrem freudenreichen Glast in den
irdischen Menschen, sondern sie giebet nur manchmal dem erstorbenen Mysterio
welches in Adam verblich und am jüngsten Tage soll in Kraft aufstehen, also
einen freundlichen Anblick, der armen Seele zum Troste und zur Stärkung des
neuen Gewächses. 3.
Allhier muß es nur in eitel Sehnen und Ängsten geboren werden. Es verbirget
sich öfters die Sonne, aber sie suchet nur also in der Wurzel, daß sie einen
Zweig aus dem Baume gebäre. Ringet nur getrost, das Kränzlein ist euch gewiß
beigeleget. Es wird euch wohl aufgesetzet werden nach Maß, wie es Gott
gefället. Denn nachdem er einen in dieser Welt will brauchen, nach demselben
Maß offenbaret er sich auch in ihm im äußeren Menschen. 4.
Aber der rechte Lilienzweig steht nicht in der äußern Welt. Es ist mir eine
eitle Freude, wenn ich vernehme, daß ihr euch ängstet nach der Lilien und
denket, ihr habet sie nicht. Aber ich sehe es viel besser als ihr, was ihr
habet, welches mich oft lüstert nur also mit meinem Vermahnen aufzuwecken,
auf daß der Baum wachse und groß werde. Denn ich werde auch noch wohl seiner
Frucht genießen, um welches willen ich an euch und an vielen arbeite, nachdem
wie ich getrieben werde. 5.
Ich übersende euch die »Magische Kugl«* mit der Erklärung. Ihr werdet einen
feinen Spaziergarten darinnen haben. Schicket mir dieselbe so bald es sein
kann wieder. Ich will euch in kurzem was anders schicken. Das kleine
Testament konnte ich anjetzo nicht bekommen, ward aber vertröstet, danach zu
schreiben. *) Auch Philosophische Kugel
genannte Graphik der 3 Prinzipien 6.
Bitte, schicket, wo ihr jemand von Zölning innen sehet, dieses inliegende
Schreiben Herrn M. Weigel; wo nicht, so gebet es doch in sein Haus, so kanns
ihm werden. Ich bedanke mich auch wegen der Beförderung des Kornes, wills in
Liebe verschulden; habe es richtig empfangen und euren Fleiß gespüret. Wenn
mir nur Herr Weigel meine Säcke wieder schickte, ich wäre wohl zufrieden.
Aber ich spüre wohl, wie sein Herze ist. Ich habe ihn der babylonischen
Jungfrauen erinnert und ihm noch freundlich geschrieben, ob er wollte sehend
werden und vom Zipfel des Antichrists abfallen wiewohl michs bedeucht, es
sind nur Worte mit glattem Schein, wie sie fast alle tun. Denn ich habe in
diesem Geschlechte ihrer noch wenig funden, denen es wäre rechter Ernst
gewesen, sondern sie haben nur die Historie mit Freuden angenommen und
vermeinet, es stecke im Wissen als im Buchstaben, sich damit sehen zu lassen.
Jedoch kenne ich etliche, denen es ernst ist, da ich den Geist in Kraft
gesehen habe, Gott sei Lob! Euren Herrn Bruder, den Herrn Konrektor, wollet
meinen Gruß und willige Dienste in Liebe vermelden, uns in die Liebe Jesu
Christi empfehlend. Euer
lieber Freund und Bruder in Christo J.
B. 34. Sendbrief
An
Herrn N. N. — Vom 10. Dezember 1622. Unser
Heil im Leben Jesu Christi in uns! 1.
Mein gar lieber Herr und christlicher Bruder, neben treuer und begieriger
Wünschung meines Geistes, wahren göttlichen Lichtes, Kraft und Erkenntnis,
auch inniglicher Freuden in göttlicher Beschaulichkeit und unserer ewigen
Brüderschaft im Leben Christi. 2.
Euer an mich getanes Schreiben habe ich empfangen und freue mich im Herrn,
meinem Gott, der uns seine Gnade also reichlich und überschwenglich mitteilet
und unsere Herzen eröffnet, daß wir in Zusammenfügung unserer Gaben seine
Weisheit und Wunder begehren zu erforschen. 3.
Und soll mir des Herrn seine angebotene Freundschaft lieb und angenehm sein,
und erkenne ihn vermöge dieses an mich getanen Schreibens für eine grünende
und sehr begierige Rebe am Weinstocke Christi, auch für mein Glied und
Mit-Zweiglein an diesem Perlenbaum, und wünsche in Kraft meiner Erkenntnis,
daß es rechter, beständiger, unwankelbarer Ernst sei, als ich mir denn keinen
Zweifel mache, der edle Perlenzweig der neuen Geburt aus Christi Geist und
Weisheit sei in ihm geboren. 4.
So wollte ich auch herzlich gerne meinen Mit-Zweigen und Ästen meinen wenigen
Saft und Kraft aus Gottes Gaben gerne mitteilen und sie in meiner schwachen
Kraft helfen erquicken und ich hinwider des ihrigen genießen, als wir denn
aus Gottes Befehl und auch im Naturrechte einander solches zu tun schuldig
sind. 5.
Dazu ich denn insonderheit in meinen Gaben getrieben werde, um welches willen
ich viel Zeit und Mühe, jedoch in großer Begierde und Lust damit zugebracht
habe, und immerdar mit Ernst geholfen und in Begierde dahin getrieben, meinen
Brüdern im Herrn im Weingärtlein Christi zu dienen. 6.
Und wiewohl ich ein einfältiger Mann bin und der hohen Kunst und des Studii
unerfahren, ist auch niemals meine Übung gewesen, mich in hoher Meisterschaft
zu üben und große Geheimnisse in meiner Vernunft zu fassen. 7.
Sondern meine Übung ist äußerlich ein gemein Handwerk gewesen, damit ich mich
lange Zeit ehrlich ernähret. Daneben ist meine innerliche Übung mit sehr
strenger Begierde in das Sterben meines angeerbten Menschen gegangen, wie ich
meiner Ichheit und Selbst-Wollens möchte im Tode Christi ersterben und in
seinem Willen eines neuen Geistes und Willens göttlichen Sinnes aufstehen. 8.
Habe mich auch dermaleinst also hart darin verwogen eher das irdische Leben
zu verlassen, als von diesem Vorsatze und Streite auszugehen, und was ich
darinnen und darüber gelitten, das habe Gott zu erkennen, welcher mich also
durch sein Gerichte meiner Sünden geführet, mich aber hernach mit dem schönsten,
triumphierenden Anblick seiner göttlichen Freudenreich gekrönet, dazu ich
keine Feder zum Schreiben weiß, sondern dem Leser dieses und allen Kindern
Gottes gerne gönnen und herzlich wünschen will. 9.
Und aus demselben triumphierenden Licht ist mir gegeben worden, das ich
bishero etliche Jahre geschrieben habe, denn ich erlangete darin viel Gnade,
mein eigen Buch, das ich selber bin — als das Bild Gottes — zu lesen und zu
erkennen dazu auch schauen das Zentrum aller Wesen, und zu verstehen das
geformte Wort Gottes, auch den Verstand der kompaktierten und gefasseten oder
geformeten sensualischen Zunge aller Eigenschaften, sowohl die mentalische
ungeformete, heilige Zunge zu verstehen, darin ich dann gar viel hoher Bücher
geschrieben habe, welche einesteils der Vernunft ohne Gottes Licht wollen
unergriffen sein. 10.
Wiewohl ich als ein schwach irdisch Werkzeug nach dem äußern Menschen dieses
hohe Werk anfänglich als ein ungeübter, ungelehrter Mann übel fassen und zu
Verstande konnte geben, wie in der »Aurora«
zu sehen, welche das erste Teil meiner Schriften ist. Ich vermeinte auch mein
Leben lang bei keinem Menschen damit bekannt zu werden, sondern schrieb es
mir zu einem Memorial der ganz wunderlichen Erkenntnis, Anschauung und
Empfindlichkeit. 11.
Und wiewohl es der Geist deutet, wozu es sollte, so möchte es doch die
Vernunft als der äußere Mensch nicht fassen, sondern sah seine Unwürdigkeit
und Niedrigkeit an. 12.
Behielt auch dieselbe Schrift bei mir, bis ich endlich einem Menschen davon
sagete, durch welchen es war vor die Gelehrten kommen, welche alsobald danach
getrachtet und angestiftet, daß sie mir entzogen wurde. 13.
Da dann der Satan gedachte, Feierabend mit zu machen und meine Person damit
zu verunglimpfen, darum ich auch viel gelitten habe um Christi meines Herren
willen, ihm in seinem Prozeß recht nachzufolgen. Aber wie es dem Teufel mit
Christo ging, also ging es ihm auch mit meinen Schriften. 14.
Denn der sie begehrete zu verfolgen, der hat sie publiziert und mich noch in
größere und heftigere Übung eingeführet, dadurch ich im Gerichte mehr geübet
und den Sturm wider den Teufel im Schlangen-Ente des irdischen Adam und
seines Gegensatzes desto mehr bestanden und die Pforten der Tiefe desto mehr
zersprenget und an das helle Licht kommen bin. 15.
Daß es auch anjetzo soweit damit kommen ist, daß sie weit und ferne von
vielen hochgelehrten Doktoren, auch vielen vom Adel hohen und niedrigen
Standespersonen mit Lust gelesen und nachgeschrieben worden, ganz ohn meinen
Trieb oder Lauf durch Gottes Schickung. 16.
Wollte euch auch gerne haben auf diesmal davon was mitgeteilet, habe sie aber
nicht bei Handen gehabt, auch auf so eilende Weise nicht mögen erreichen; und
ist nicht ohne, es sind etliche Traktate geschrieben worden, daß ich hoffe,
es soll manche hungerige Seele dadurch erquicket werden. 17.
Denn die letzten Schriften sind alle viel heller und in besserem Verstande
als die ersten, welche der Herr mir hat ermeldet 18.
Wollte der Herr aber sich soviel bemühen, wie er und in eigener Person zu mir
kommen und sich in Gottesfurcht in göttlicher Weisheit mit mir bequemen, das
soll mir lieb sein. Er kann seine Gelegenheit bei mir haben nach seinem
Gefallen, denn ohne das jetzo in steter Übung mit Schreiben. 19.
Habe auch mein Handwerk um deswillen lassen, Gott und meinen Brüdern in
diesem Berufe zu dienen und meinen Lohn in dem Himmel zu empfangen, ob ich
gleich von Babel und dem Antichrist muß Undank haben. 20.
Herrn Magister Nagels Grußes als auch christlichen Mitbruders und jetzt in
der Pilgrimschaft Christi, wie ich bin berichtet worden, bedanke ich mich.
Und so es des Herrn Gelegenheit in Schriften geben wollte, er ihn wegen
meiner wiederum freundlich grüßen wolle. 21.
Herr Elias Teichmann ist nicht bei mir kommen, weiß auch nicht, wo er jetzo
ist! Herr Balthasar Walther hat seiner oft in Liebe gedacht. Ich aber kenne
ihn nicht, ohne im Geiste, denn ich habe auch von andern seiner hören
erwähnen. 22.
Wegen meines Zustandes berichte ich dem Herrn auf sein Begehren, daß es mir
Gott Lob anjetzo noch wohl gehet, sehe mir aber im Geist eine große
Verfolgung und Veränderung über Land und Leute, welche nahe ist, wie in
meinen Schriften angedeutet. Und wird Zeit sein, von Babel auszugehen und zu
fliehen. Darum kann ich auch von keiner Ruhe melden. 23.
Denn was großen Jammer und greulichen Raubens, Mordens und unerhörter
Teufelei bei der Christenheit die durchreisenden Kosaken durch Schlesien bei
unsern Nachbarn anjetzo getrieben, wird euch vielleicht wissend sein, welches
eine gewisse Figur des künftigen Gerichts über diese Lande ist. 24.
Und tue euch samt allen Gliedern Christi der sanften Liebe Jesu Christi und
mich in eure und ihre Liebe und Gunsten empfehlen. Datum
ut supra. Bin wohnhaft zwischer dem Neiß-Tor. J. B. 35. Sendbrief
An
Herrn Johann Butowiski — Vom 13. Dezember 1622. Unser
Heil im Leben: Jesus Christus in uns! Ehrenfester,
wohlbenamter Herr, neben treuer Wünschung göttlichen Heils in heiliger Kraft
und aller zeitlichen Wohlfahrt! 2.
Euer an mich getanes Schreiben um christlicher Freundschaft und Ergötzung in
göttlicher Erkenntnis in göttlicher Begierde und wohlmeinender, herzlicher
christlicher Liebe habe ich empfangen, und ist mir lieb und angenehm, erfreue
mich auch darob, daß dennoch Gott seine Kinder und Meines Häuflein hin und
wieder hat, da sonsten anjetzo die Welt im Argen fast ersoffen und im
Zorn-Feuer ergriffen ist, welches nahe einen großen Riß in der
antichristlichen Christenheit machen wird, wie erkannt worden ist. 3.
Und tut der Mensch gar wohl und recht, welcher sich lernet recht erkennen,
was er sei, welches nicht durch Vernunft und scharfes Forschen geschehen mag,
sondern in dem wahren Prozeß Christi in einer wahren gelassenen Seele, welche
die Vernunft und eigene Witze menschlicher Selbheit mit Umwendung des
irdischen Weges verlässet und in die höchste Einfalt Christi in wahrer Demut
unter das Kreuze Christi eintritt, wie uns Christus treulich gelehret hat und
gesaget: Es sei denn, daß ihr umkehret und werdet als Kinder und werdet
neugeboren aus dem Wasser und Hl. Geist, sonst sollet ihr das Reich Gottes
nicht sehen, Joh. 3,5. 4.
Darzu dann eine wahre Gelassenheit und Verlassenheit der menschlichen
Selbheit gehöret, daß sich der Mensch ganz in seinem inwendigen Grund wendet
und in seiner Selbheit ganz zunichte machet und durch ernste Buße mit
inniglicher Begierde von diesem Weltwesen in Gott wendet und seines Vermögens
und eigenen Willens im Tode Christi erstirbet und sich in Gottes Erbarmen
ersenket. So mag er vom Hl. Geiste in sich selber in dem inwendigen Grunde
ergriffen werden, daß derselbe durch ihn siehet, will und tut, was Gott
gefället, welcher alleine das Forschen in göttlicher Erkenntnis ist und der
Seelen Licht, in welchem sie Gott schauet und erkennet, und in keinem andern
Wege mag man zu göttlicher und natürlicher Erkenntnis und Beschaulichkeit
gelangen. 5.
Denn der natürliche Vernunft-Mensch verstehet nichts vom Geheimnis des
Reiches Gottes, denn er ist außer und nicht in Gott, wie sich das an den
Vernunft-Gelehrten beweiset, daß sie um Gottes Wesen und Willen streiten und
den doch nicht erkennen, denn sie hören nicht Gottes Wort in ihnen im innern
Centro der Seelen. 6.
Und ist alles tot an Gott, was nicht die lebendige Stimme und das göttliche
Gehör der neuen Geburt im Ente Christi in sich hat, daß der Geist Gottes in
ihm Zeugnis seines äußeren Hörens und Lehrens giebet, in welchem Gehör und
inwendigen Sehen alleine Gott erkannt und sein Wesen verstanden wird, zu
welchem das äußere buchstabische Wort nur eine Form und zugerichtetes
Instrument ist. 7.
Der rechte Verstand aber muß aus dem inwendigen Grunde, aus dem lebendigen
Grunde, aus dem lebendigen Worte Gottes, welches im Menschen muß zuvor
eröffnet sein, in das buchstabische Wort eingehen, daß es eine Kon kordanz
sei. Sonst ist alles Lehren vom göttlichen Wesen ein Nichts als nur ein Bau
an der großen Babylon irdischer Vernunft und Wunder. Denn ob die Welt schon
viel von Gott spricht, so tut sie das doch nur aus Gewohnheit und nimmt ihr
Wissen aus der Historie des buchstäblichen Worts, daß also kein wahres Wesen
bei ihnen ist. Darum, sage ich, wollen wir recht von Gott sprechen und seinen
Willen verstehen, so müssen seine Worte in lebendiger Wirkung in uns bleiben.
Alles was aus Wahn und Meinung zusammengeflickt wird, in welchem der Mensch
die göttliche Erkenntnis selbst nicht hat, Schlüsse darüber und daraus zu
machen, das ist Babel, eine Mutter der großen, stolzen Hurerei der Irrtümer
Denn weder Wahn noch Dünkel mögen es tun, sondern wahrhaf tige, lebendige,
essentiale Erkenntnis im Hl. Geist. In wel chem inwendigen Grunde alle meine
Wissenschaft von gött lichem und natürlichem Grunde seinen Anfang und Urstand
genommen hat. 8.
Denn ich bin nicht von der Schule dieser Welt geboren und bin ein einfältiger
Mann, aber in göttliche Erkenntnis in hohe natürliche Forschung ohne meinen
Vorsatz und Begehren durch Gottes Geist und Willen eingeführet worden. 9.
Welche Erkenntnis und Gnadengeschenke ich dann herzlich gerne meinen lieben
Brüdern und christlichen Mitgliedern im Lebensbaume Jesu Christi gönnen will,
und flehe täglich zu Gott, daß doch ihre Herzen in göttlichem Gehör und
Verstande mögen eröffnet werden, daß solche Erkenntnis auch in ihnen erkannt
werde und wir aus der streitigen Babylon möchten erlöset und in eine rechte
brüderliche Liebe eingeführet werden und in uns hören, was Gottes Wille und
Wesen sei. 10.
Und füge dem Herrn, daß mir seine Bekanntnis und gesuchte Freundschaft lieb
und angenehm ist, wünsche auch, mich mit ihm mündlich von göttlichen Sachen
zu unterreden und zu ergötzen, welches wir voneinander sind, nicht wohl
füglich und sich doch wohl zutragen mag, als ich mir dann fast in Sinn
gefasset, so der Tag ein wenig länger und man des unsteten Wetters besser
gesichert ist, ob Gott wollte Gnade und so viel Friedenszeit vergönnen, mich
in eigener Person mündlich mit dem Herrn und andern guten Brüdern und
Freunden dieser Orten zu bereden, so wollte ich als dann dem Herrn auf seine
eingesetzte Punkte mündlich antworten und mich mit ihm davon im Grunde
bereden, welches an jetzo in Eil nicht geschehen möchte. Und empfehle den
Herrn samt den lieben Seinigen der sanften Liebe Jesu Christi. Datum
ut supra. J. B. 36. Sendbrief
An
Herrn Balthasar Nitsch, Bürger und Tuchmacher zu
Troppau — Vom 13. Dezember 1622. Unser
Heil im Leben Jesu Christi! 1.
Mein gar lieber und werter Herr und guter Freund, ich wünsche euch Gottes
reiche Gnade in zeitlichem und ewigem Heil und füge euch zu wissen, daß ich
euer Brieflein gar wohl empfangen habe, erfreue mich auch eures noch steten
göttlichen Gemütes, welches, wie ich zu Gott hoffe, in göttlicher Erkenntnis
noch immerdar mehr wachsen und zunehmen will, darinnen der Herr hiemit in das
Bündlein des lebendigen Gottes gefasset und vor der großen Trübsal, welche
jetzo daher gehen, mag bewahret werden. 2.
Es will Zeit und Ernst sein, sich anjetzo in dem Lebensbaume Jesu Christi zu
bewahren, denn das Schwert Gottes Zornes will mächtig grassieren und an Leib
und Seele gesetzet werden. Darum wir wohl den Antichrist samt dem Tiere und
der Huren aus dem Herzen räumen mögen, denn dasselbe soll und muß fallen; in
welchem es aber noch gefunden will werden, den wird die Turba mit ergreifen. 3.
Künftigen Frühling habe ich mir in meinem Sinn gefasset, ob Gott wollte
zulassen und soviel Friede geben, euch in eigener Person zu sehen und mich
mit euch etwas zu bequemen über alle Notdürftigkeit, sowohl mit den andern
guten Freunden und Brüdern in Christo; und erinnere euch treulich, euch zur
Tribulation* geschickt zu machen, denn es mag anders nicht sein. Sie ist nahe
und gehet gewaltig in Turba magna daher. Die teure Zeit will auch größer
werden und in großer Not geführet werden, und mag sich ein jeder nur zum
Ernst schicken. Großer Krieg, Aufruhr und Empörung, auch Sterbensnot fället
in kurzem mit Macht ein. Füge ich dem Herrn in meiner Erkenntnis zur brüderlichen
Nachricht. *) zum Erleiden der Not 4.
Ob euch etwas von meinen Schriften lieb zu lesen wäre, so wollet nur bei
Herrn Doktor Güller darum anhalten. Ich habe ihm eurethalben geschrieben. Er
wird euch damit willfahren. Und empfehle euch der sanften Liebe Jesu Christi! Gegeben
in Eil, ut supra. Euer dienstwilliger
J. B. 37. Sendbrief
An
Herrn Carl von Ender Unser
Heil im Leben Jesu Christi! Mein
gar lieber und werter Herr und von Gott zugefügter Patron, neben Wünschung
göttlichen Heils. Ich übersende allhie mit Zeigerin, meiner Frau, dem
Junker10 Thaler für einen Scheffel Korn, weiß aber nicht, was der Junker
dafür begehret, bitte es der Zeigerin zu melden, was der Junker dafür haben
will. Tue mich auch gegen den Junker bedanken wegen Verehrung eines Schocks
Käse und eines Fasses voll Rüben. Für die zwei Schock habe ich der Anne drei
Mark, wie begehret worden, geschicket. Ich hoffe, sie wird es empfangen und
dem Junker zugestellet haben. Und wünsche dem Junker von Gott viel reichen
Segen, und erkenne ihn als meinen mir zugesandten Patron, dem ich gegen Gott
wieder also viel schuldig sei als meiner eigenen Seelen. Will es auch in
göttlicher Vermögenheit und wirklicher Kraft in meinem Willen und Begierde
stetiglich als mein eigen Leben in meinem Gebete zu Gott einführen und es
nicht als ein undankbarer Mensch gebrauchen, sondern es soll zu Unterhaltung
des Lebens im Bau meines mir von Gott gegebenen Talents angewendet werden. In
welcher Arbeit mir anjetzo gar eine wunderliche Tür über die Offenbarung des
ersten Buches Mosis offen stehet. Und wiewohl ich weiß, daß der Junker
geneigten Willen gegen mich und allen Kindern Gottes träget, so sage ich ihm
doch, als ich gewiß erkannt habe, mir aber nicht ganz zu offenbaren stehet,
daß ihn ein solches ins Künftige nicht wird reuen, denn seiner wird bei
unsern Nachkömmlingen darum nicht alleine zeitlicher Ruhm, sondern als man
frommen, gottesfürchtigen Herrn nachsaget, gerühmet werden. Denn dieses
Talent hat gar einen wunderlichen Ausgang, ob es gleich jetzo muß in der Presse
stehen, so ist mir doch gezeiget, wozu es soll. Und empfehle den Junker der
Liebe Jesu Christi. Des
Junkers dienstwilliger Teutonicus P.S.: Es
wolle mir der Junker doch lassen einen Scheffel einsacken und dem Zeiger
mitgeben. 38. Sendbrief
An
einen vom Adel in Schlesien — Vom 19. Februar 1623. Unser
Heil im Leben: Jesus Christus in uns! 1.
Edler, gestrenger, hochbenamter Herr, nebst treuer Wün schung und
mitwirkender Begierde, gliedliche Pflicht in un serm Emanuel, göttlichen
Lichtes und der Seelen in sich selber innerlicher göttlicher Beschaulichkeit
und alles Leibes Wohlfahrt. 2.
Nachdem ich E.G. einen Liebhaber göttlicher Weisheit und auch einen
wachsenden Zweig an dem Lebensbaume Gottes in Christo vermerket, in welchem
alle Kinder Gottes gliedlich innestehen, und auch gespüret, wie ihn der Zug
des Vaters in eine hungerige Begierde nach dem rechten Safte und göttlicher
Kraft hat eingeführet, ihn auch etlichermaßen mit der Erkenntnis desselben
Lebensbaumes begabet. 3.
So habe ich mir abermals Ursache genommen, in christ licher und gliedlicher
Art nach demselben Lebensbaume Christi zu ersuchen und uns untereinander zu
ermahnen als Arbeiter, welche in Christi Weinberg eingesetzet und zu dieser
Arbeit berufen sind, vornehmlich daß wir uns anjetzo in diesem finstern Tale
wohl vorsehen und unsere Augen und Haupt aufheben, indem wir die Finsternis
und deren Wir kung vor Augen sehen und uns erinnern, wie uns Christus
gelehret hat, daß unsere Erlösung nahe sei; und daß wir ja von Babel, welche
uns hat lange gefangen gehalten, ausgehen und nicht auf das Geschrei sehen,
da man uns güldene Gnadenmäntel verheißet und umdecket und uns mit fremdem
Schein tröstet und kitzelt, als ob wir also von außen angenommene
Gnadenkinder durch sonderliche Wahl wären. 4.
Auch nicht auf unser eigen Verdienst und Kraft sehen, welches alles nicht
gilt vor Gott; sondern eine neue Kreatur in Christo, aus Gott geboren, gilt
vor Gott. Denn allein Christus ist die Gnade, die vor Gott gilt. Wer nun aus
Christo geboren ist und in ihm lebet und wandelt und ihn in seinem Leiden,
Sterben und Auferstehung nach seinem inwendigen Menschen anzeucht der ist ein
Glied an seinem Leibe, von dem allein fließen Ströme des lebendigen Wassers
durch das kräftige Wort Christi, welches in ihm nach dem inneren Grund Mensch
wird und sich aus ihm durch die Kreatur im Spiritus mundi des äußeren
Menschen ausspricht. 5.
Denn gleichwie Gott das Mysterium magnum darinnen die ganze Creation
essentialischer Art ohne Formung gelegen aus der Kraft seines Wortes
offenbaret hat und durch das Mysterium magnum ausgesprochen in Schiedlichkeit
der geistlichen Formungen, in welchen geistlichen Formungen die Szienz der
Kräfte in der Begierde als im Fiat gestanden sind, da sich dann eine jede
Szienz in die Begierde zur Offenbarung in ein körperlich leiblich Wesen
eingeführet hat. 6.
Also auch lieget im Menschen als in Gottes Bilde oder Gleichnis dasselbe
Mysterium magnum als das essentialische Wort der Kraft Gottes nach Ewigkeit
und Zeit, durch welches Mysterium sich das lebendige Wort Gottes ausspricht,
entweder in Liebe oder Zorn oder in der Phantasie, alles nachdem das
menschliche Mysterium in einer beweglichen Begierde stehet zu Bösem oder
Gutem, wie denn geschrieben stehet: Bei den Heiligen bist du heilig, und bei
den Verkehrten bist du verkehrt; item: Welch ein Volk das ist, solchen Gott
hat es auch. Denn in was für einer Eigenschaft das Mysterium im Menschen in
der Erweckung stehet, ein solches Wort spricht sich auch aus seinen Kräften
aus, wie vor Augen ist, daß in den Gottlosen nur Eitelkeit ausgesprochen
wird. 7.
Wie soll nun ein gutes Aussprechen und Wollen sein, wo das Mysterium zum
Sprechen ein falscher Grund und vom Teufel im Grimme der Natur vergiftet ist,
welches falsche Mysterium nichts Gutes wollen noch tun kann, das vor Gott
angenehm sei, es werde denn zuvorhin mit Gott angezündet, daß es ein göttlich
Wollen und Begehren bekomme, aus welchem auch ein göttlich Aussprechen und
Wirken des Guten erfolget. Denn Christus saget: Ein böser Baum kann nicht
gute Früchte tragen, Matth. 7,18, — wie will dann der gute Früchte tragen, da
ein falscher Baum unter fremdem Schein stehet? 8.
Christi Purpurmantel hat seine Früchte in sich. Was gehet aber das ein
falsches Tier an, welches voller Gift ist und sich will mit demselben Mantel
decken und für gut halten, und bringet nur höllische Früchte? Oder: was
rühmet sich der Maulchrist einen Christen, da er doch außer Christo lebet,
wandelt und ist? 9.
Keiner ist ein Christ, er sei denn aufs neue mit dem Geist Christi tingieret
und aus Christi Liebe entsprossen, daß die Gnade Gottes in Christo in dem
Mysterio seines Lebens nach der Seelen offenbar sei und ins Menschenleben
mitwirke und wolle. Soll er aber ein solcher werden, so muß er von seiner
Bildlichkeit im Spiritu mundi damit die Seele verdecket wird und in irdische
Wirkung tritt, umkehren und werden als ein Kind, das sich alleine nach der
Mutter sehnet, und der Gnadenmutter Milch in sich einführen, daraus ihm ein
neues Ens wächset, in welchem das Gnadenleben urständet. Als die zugerechnete
Gnade muß in ihm geboren und Mensch werden nach dem inneren Grunde, außerdem
ist er kein Christ, er gleiße, heuchele und tue, was er wolle, so müssen ihm
nur seine Sünden durch das göttliche Einsprechen in ihm selber vergeben
werden. 10.
Denn wenn Christus in dem eingesprochenen Gnadenworte, welches die Seele aus
seiner Verheißung in sich einfasset, empfangen wird, so ist der Grund in das
verderbte Mysterium zum Kinde Gottes geleget, so gehet die göttliche
Schwängerung an, darinnen Christi Menschheit als die wesentliche Weisheit
empfangen und geboren wird, welche alleine ein Tempel des Hl. Geistes ist.
Und von derselben neuen Geburt isset die feurische Seele Gottes Brot, das vom
Himmel kommet. Und ohne dasselbe hat der Mensch kein Leben in sich, Joh.6,53.58.
Welches kein Heuchler unter Christi Purpurmantel genießen kann, sondern nur
der Mensch, der nicht von Fleisch noch Blut noch vom Willen eines Mannes,
sondern von Gott neugeboren ist, in welchem Gottes Wort, daraus der erste
Mensch geschaffen ward, spricht, regieret, lebet und will. 11.
Denn das Leben der Menschen war im Anfang im Worte, Joh.1,4, da es in das
geschaffene Bild eingeblasen ward; als sich das aber vom Sprechen des Wortes
in ein eigen Wollen und Sprechen in Bösem und Gutem einwendete, als in eigene
Lust, so verdarb der erste gute Wille in der Kreatur zum Wieder-Aussprechen.
Nun muß er wieder in das erste sprechende Wort eingehen und mit Gott
sprechen, oder er ist ewig außer Gott; welches die jetzige Welt nicht
verstehen mag noch will. Denn sie hat sich ganz und gar in ein eigen Sprechen
zur Wollust des Fleisches eingewandt und spricht in eigenem Willen nur eitel
Irdigkeit und vergängliche Dinge als Ehre, Macht und Gewalt, dazu Hoffart,
Geiz, Neid und Bosheit. Nichts, als nur die listige Schlange mit ihren
Jungen, spricht sie aus. Und wenn diese ihre Jungen das nicht mit List können
erlangen, was der eigene Wille will, so spricht sie aus listiger Bosheit mit
dem Gelde durch ihre eigene Gewalt viel tausend Soldaten, die es sollen
erhalten, auf daß der eigene Wille, welcher von Gott abgewichen ist, möge
recht behalten, wie jetzt vor Augen ist. Durch welches Aussprechen auch
dieser eigene Wille zugrunde gehet und sich selber tötet. 12.
So wollte ich euch, meinem geliebten Herrn und Mitgliede im Lebensbaume
Christi ernstlich ersuchen und erinnern als ein Glied dem andern schuldig
ist, und im jetzigen Aussprechen der Welt, da Turba magna ihr Aussprechen mit
im Spiel hat und eine große Abwerfung geschehen soll, euch in stetem
innerlichen Sprechen der Barmherzigkeit Gottes innezuhalten und stets in
euren inwendigen Grund einzugehen und ja mitnichten die Schlange euch lassen
bereden zu dem falschen Sprechen des Brudermordes, und euch als ein vornehmer
Herr stets in dem Prozeß Christi und in seiner Lehre bespiegeln. Denn das
jetzige Sprechen wird im Grimme Gottes durch seinen erweckten Zorn
gesprochen, und ist sich übel darein zu mengen mit Einsprechen, zumal, so die
Turba soll gesprochen werden, ist gar untreu und frisset ihren Vater und
Mutter, die sie gebären, und ist ein Besen des Zornes Gottes. 13.
Auch wegen Annehmung der vermeineten Religionen darum man streitet, ist sich
wohl vorzusehen und sich nicht etwa einem Part, welcher einmal sieget,
anzueignen mit dem Gewissen des Glaubens. Denn es ist kein anderer wahrer
Glaube, der selig machet, als alleine Christus in uns der alleine tilget die
Sünde in uns und zertritt der Schlangen Einbildung den Kopf in uns, und
stehet in Gottes Gerechtigkeit, welche er mit seinem Blute in uns erfüllet,
vom Schlafe des Todes auf. In unserer armen Seelen muß Christus vom Tode
aufstehn als in einer neuen Menschheit, welche mit und in Christo im Himmel
wandelt und wohnet, da der Himmel im selben neuen Menschen ist, daraus das
Werk der Liebe folget, als Gottes Kindern gebühret. 14.
Und obgleich der äußere Mensch in irdischer Schwachheit und Gebrechen lebet,
das hebet den Tempel Jesu Christi nicht auf. Denn Christus im inwendigen
Grund zertritt stets der Schlange im Fleische den Kopf. So muß auch Christus
stets von der Schlangen in die Ferse gestochen werden, bis wir dieses Tieres
los werden 15.
Also wollte ich meinen lieben Herr christbrüderlich erinnern, die jetzige
Zeit in wahrer Furcht Gottes in acht zu nehmen. Will er meinem Wohlmeinen
stattgeben, so wird es ihn nimmer gereuen, denn ich rede also, was mir vom
Höchsten bewußt ist aus seiner Gnade. Er wolle ihm fleißig nachdenken und den
Geist Gottes lassen sein Denken sein. 16.
Denn es wird bald eine Zeit kommen, da gute Freunde werden gesichtet und
probieret werden, auf daß wir in Christo mögen beständig bleiben, wollte ich
mich mit dem Herrn in Liebe vermahnen, denn die Zeit der Erquickung kommet
bald hernach, da treue Menschen einander werden lieb haben; nach welcher
Liebe mich stets hungert und dürstet, und stets wünschen, daß doch Babel bald
ein Ende nehme und Christus in Josaphats Tale komme, daß ihn alle Völker
sehen und loben mögen. 17.
Ich bitte, der Herr wolle mir doch meine drei Traktätlein als das »Von der Buße«, und zu andern das »Von der neuen Geburt« und das dritte »Von wahrer Gelassenheit« welche ich
jüngst dem Herrn mitgegeben, und den Rest mit Herrn Rudolf geschicket zu
Herrn Rudolf von Gersdorf schicken. Denn ich habe ihm geschrieben, daß er mir
die wird nach Sagan zu Herrn Christian Bernhard schicken, allda ich sie will
abfordern lassen. Oder hätte der Herr Gelegenheit nach Sagan, so wollte er
mir die nur selber zu Herrn Christian Bernhard, auf dem Markte wohnend,
schicken, welcher zuvor für ein Jahr ist Zolleinnehmer gewesen, ein junger
Gesell aus der Theosophischen Schule. Allda habe ich alle Woche zufällige
Botschaft. Diese Traktätlein werden gar oft von Liebhabern begehret und
möchten viel Nutzen schaffen. Ich bitte sie doch ehestens zu schicken, denn
mir ist nötig daran gelegen. Wenn es dann des Herrn Gelegenheit ist, daß er
Muße zum Studieren hat, so will ich ihm was mehrers Höheres schicken, denn
diesen Herbst und Winter habe ich ohn Unterlaß geschrieben. Und empfehle den
Herrn der Liebe Jesu Christi in seine Gnadenbewahrung. Datum
ut supra. E.G.
dienstwilliger Teutonicus. 39. Sendbrief
An
Herrn Friedrich Krause, Doktor der Medizin zu Liegnitz — Anno 1623. Unser
Heil im Leben: Jesus Christus in uns! 1. Ehrenfeste, achtbare, hochgelehrte, liebe Herren und Brüder in
Christo unserm einigen Leben! Ich wünsche euch allen ein glückseliges
anfangendes neues Jahr, daß es in göttlichem Willen, im Zuge des Vaters zu
Christo, in euch möge angefangen werden und in wirklicher Kraft Christi
Geistes in seinem Weinberge in dieser Zeit vollendet werde und daß in diesem
Jahre viel Trauben in Christi Gärtlein in euch wachsen, auch daß euch Gott in
dem Bündlein seiner Lebendigen in diesem Jahr, das die Konstellation seines
Zornes das Schwert führet, bewahren wolle! Als mir denn nicht zweifelt, ihr
werdet euch als wirkende Reben am Weinstocke Christi mit guter, neuer,
himmlischer Frucht erzeigen. 2.
Denn die Pforte der Gnaden und der Erkenntnis stehet auch in einer
sonderlichen Bewegung, daß also Christi Kinder mögen zu einer großen Ernte
kommen, so sie nur werden arbeiten und nicht faulenzen und im
antichristlichen Schlafe müßig stehen, als mir denn aus Gnaden des Höchsten
zu erkennen ist gegeben worden. 3.
Ich wollte euch haben am näheren Rückwege gerne wieder zugesprochen, aber ich
ward durch Gottes Schickung einen andern Weg geführet und soll andermal, so
es sich füget, daß ich durchziehe, geschehen. 4.
Erinnere mich auch unsers Gespräches, als wir beieinander waren, da denn viel
Dinge in Fragen gestellet worden, welche mündlich in Eil und auch wegen
vieler Einwürfe, welche Irrung machen, nicht nach Notdurft ausgeführet
worden. 5.
Ich habe anjetzo ein ziemlich Buch »Von
der Gnaden wahl« geschrieben auf Begehren der hohen Personen, bei denen
ich mich die Weihnachtstage, als ich von euch schied, aufhielt, da denn
etliche Hochgelehrte von Jauer und von Striega (Striegau) neben gar feinen
Männern vom Adel dabei waren. Darinnen sind alle die Fragen und noch viel
mehr im tiefsten Grunde ausgeführet worden. 6.
Hoffe, sie sollen vielen Streiten ein Ende machen, sonderlich an den Punkten
zwischen den genannten lutherischen und reformierten und andern Streiten
mehr, da ihnen allen der wahre Grund vor Augen gestellet worden und einen
jeden seiner Meinung genug geschehen ist, sie auch als zwei Contraria ganz in
ein Corpus geeiniget, wer vor des Teufels Gift wegen irdischer Einbildung
wird mögen sehen und erkennen; als mir denn nicht zweifelt, die Zeit sei
geboren, da der Streit in eine Wahrheit soll gewandelt werden. 7.
Und da doch ohne das bei den wahren Christen und Kindern Gottes unter allen
Völkern nie kein Streit ist gewesen, denn in Christo sind wir alle nur ein
einiger Baum mit vielen Ästen und Zweigen. 8.
Und ist der Streit aus dem entstanden, daß die Welt ist in eigene Lust
geraten und sich hat von Christo ihrem Stamme, in dem ein Christ innen
stehet, in Bilder und Fragen eingewendet. 9.
Aus welchen Fragen Streite sind entstanden, da sich des Teufels Hoffart hat
in die Fragen eingewickelt und dem Menschen eingemodelt, daß sie haben um
Bilder gestritten und sich darinnen erhoben und der Demut Christi, da wir
sollen in Christo unserer bösen Natur in der Demut ersterben, ganz vergessen,
daß wir jetzo vielmehr eine Larve eines Bildes sind als eine lebendige
Christenheit im Geiste und in der Kraft. 10.
Denn ein Christ soll und muß in Christi Baum im Gewächse des Lebens Christi
mit innestehen und mit in Christi Geiste leben und Früchte tragen, in dem
Christus nach dem inwendigen Grunde selber lebet und alles ist, der der
Schlangen Willen im Fleische stets den Kopf zertritt und des Teufels Werk zunichte
machet. Er muß aus Christo wissen, wollen und tun. Ins Tun als ins göttliche
Wirken muß er kommen, sonst ist keiner ein Christ. 11.
Christus muß den innern Grund der Seelen ganz einnehmen und besitzen, daß der
strengen Gerechtigkeit Gottes, die uns im Zorne gefangen hält, mit Christi
Liebe-Erfüllung genug geschehe, daß Christus in uns Gottes Zorn mit der Liebe
erfülle und des Teufels Willen töte, auch der Natur im Grimn Gottes ihren
Willen ganz zunichte mache, daß er in Christi Liebe sterbe und ein neuer
Wille in Christi Liebe-Geiste durch die Natur der Seelen geboren werde,
welcher in Gott lebet und wandelt, wie St. Paulus saget: Unser Wandel ist im
Himmel, Phil.3,20. 12.
Das Maulgeschwätze hilfet uns nichts. Es machet keinen Christen. Es muß ein
Christ durchaus aus Christo geboren sein, sonst ist er kein Christ, es hilfet
keine von außen zugerechnete Gerechtigkeit und Gnade. 13.
Alles Trösten, Kitzeln und Heucheln ist umsonst, da man den Purpurmantel
Christi über den Menschen der Bosheit decket und will ein von außen
angenommenes Gnadenkind sein. 14.
Denn keine Hure oder Geschwächte kann Jungfrau werden, ob sie gleich ein
jungfräuliches Kränzlein aufsetzet, so mag sie auch kein Fürst durch
Begnadung zur Jungfrauen machen. 15.
Also auch mit diesem Heucheln und Trösten zu verstehen ist. Es sei denn, daß
wir umkehren und werden als Kinder, die an der Mutter Brüsten hangen und
empfangen den Ens Christi in uns, der die Hure tötet, daß ein neuer aus
Christo in uns geboren werde, welcher Christi Leiden und Tod in sich hat, daß
er aus seiner Auferstehung geboren werde und den ganzen Prozeß Christi in
sich anziehe als die zugerechnete Gnade in Christo. 16.
Er muß aus derselben Gnade geboren werden, daß er ein Christ in Christo sei
als ein Zweig im Baume, welcher Christus ist. Alsdann gilt Christi Verdienst
und die zugerechnete Gnade, wenn er im Baume innestehet nach dem innern
Grunde. 17.
Eure Fragen, meine geliebten Herren und Freunde, dürften eine weitläufige
Erklärung, und ich habe sie alle in dem Traktat über Genesis ausführlich
erkläret. Und ihr werdet Christi Augen und Sehen bekommen, so wirds in so
geringen Dingen, welche zwar der Vernunft zu hoch sind, aber in Christo nur
kindisch sind, nicht Fragens bedürfen. Ich bescheide euch aber summarisch
kurz: 18.
Erstlich den Artikel von der Schlangen, welche nach den unverwandelten, alten
Menschen dem Fluche hat müssen Erde essen und auf dem Bauche gehen, daß ihre
Form also gewesen sei, aber ihr Corpus und Geist in der feurigen Scienz vom
Grunde der Natur ist nicht also böse gewesen als nach dem Fluche. 19.
Denn es waren beide Tinkturen Böses und Gutes, von dem Urstande des ersten
und andern Principii in ihr offenbar. Darum war sie also listig, daß die
Natur den Grund der ganzen Creation in ihrem Centro in den Tinkturen schauen
mochte. 20.
Sie ist in ihrem Grunde vor dem kreatürlichen Ur stande, da sie in Mysterio
magno in eine Schiedlichkeit zu einer Kreatur einzog, ein schöner Ens, großer
Kraft und Tugend gewesen. 21.
Aber des Teufels Imagination, als er als ein Thronfürst im Grunde der Natur
in großer Gewalt inne saß, hat diesen Ens vergiftet, welcher sich in der
Scheidung hat in eine Schlange formieret. Und darum brauchte er sie auch zu
seinem Werkzeuge durch derselben List und Gift, darin auch die mächtigste Kraft
inne lag, Eva monstrosisch zu machen. 22.
Ihr als Medici werdet ohne Zweifel der Schlangen Heimlichkeit auch wohl
wissen, was sie unter ihrem Gift verborgen träget, ob man das ihr nimmt oder
recht probieret, so habet ihr eine Tinktur vor Gift als keines dergleichen
sein mag. 23.
Sie war im Ente des Mysterii magni vor ihrer Kreatur eine Jungfrau. Aber im
Fluche ward sie eine Hure, magisch zu verstehen. 24.
Sie sah in sich den Grund der innern und äußern Welt. Darum mußte einer aus
der innern und äußern Welt kommen und ihr Monstrum, welches sie hat in Eva
eingeschmeißet töten. Davon wohl ein ganzes Buch zu schreiben wäre, was des
Teufels Begierde durch sie gewirket habe. 25.
Als sie aber das Bild Gottes half betrügen, so verfluchte sie Gott, daß sie
am innern Grund blind ward und ward auch in den vier Elementen ganz offenbar.
So fiel sie der Erden anheim, daraus das Corpus war gegangen und dazu nur der
Grimm der Erden. Den guten Ens möchte sie nicht mehr erreichen wie andere
Tiere. Darum muß sie auch Erde, als die Eigenschaft des Fluches in der Erden,
essen. 26.
Sie ist ein fliegender Wurm gewesen, sonst hätte ihr die Natur Füße gemacht
wie andern Würmern der Erden, denn ihre Behendigkeit und List hat Eva lüstern
gemacht. 27.
Der andere Punkt: Vom Paradeis und dem Garten Eden. Das Paradeis war die
Temperatur im Menschen, als er nicht wußte, was böse und gut war, da das
göttliche Licht durch die Natur schiene und alles temperierete, denn das
Paradeis wird in Christo in uns nahe dem innern Grunde wieder offenbar. 28.
Weil aber Gott sah und wußte, daß er fallen würde, so grünete das Paradeis
nicht in der ganzen Welt durch die Erde mit Früchten, ob es gleich überall
offenbar war, sondern nur im Garten Eden, da Adam versuchet war, denn das ist
der Ort. Paradeis aber ist die Qualität als das Leben Gottes in der
Gleichheit. 29.
Der dritte Punkt: Ob die Tiere, weil sie im Paradeis gewesen, dazu ganz
irdisch, auch paradeisische Früchte gegessen haben. — Meine lieben Herren,
ein jeder Geist isset von seiner Mutter. Daraus die Tiere waren, daraus aßen
sie auch. Als die Quintessenz der Erden im Spiritu mundi war der Tiere
tiefster Grund noch lange nicht dem Menschen leich, also aßen sie von ihrer
Mutter als der Geist vom Spiritu mundi und der Leib von den vier Elementen. 30.
Gott wußte wohl, daß der Mensch würde fallen. Was sollte dann den Tieren das
Paradeisessen? Zwar in der Quinta essentia lieget eine paradeisische
Eigenschaft. Davon essen sie noch heute. Denn es ist eine Kraft in jedem
Tiere, welche unzerbrechlich ist, welche der Spiritus mundi in sich zeucht
zur Scheidung des letzten Gerichtes. 31.
Der vierte Punkt: Ob die Tiere auch so zottig gewesen. —
Meine lieben Herren, das Kleid, das Adam vorm Fluch hatte, da er noch nackend
war, das stund ihm gar schön an, also auch den Tieren ihr rauhes Fell. Aber
im Fluche hat sich alles in den Tieren und Gewächsen der Erden in ein
Monstrum gewandelt. Sie haben ihr Kleid wohl also gehabt, aber viel
herrlicher in Farbe und Zierde aus der reinen Tinktur. 32.
Und bitte, wollet durch diese Frage hindurch ins Mysterium magnum mit Christi
Augen sehen, in dem alle Schätze der Weisheit inneliegen, so werdet ihr es im
Verstande besser sehen, als ich ihm so eilend und kurz kann schreiben. Und
empfehle euch der Liebe Jesu Christi. Euer
dienstwilliger J. B. 40. Sendbrief
An
Herrn Friedrich Krause, Doktor der Medizin Vom
19. Februar 1623. Unser
Heil im Leben Jesus Christus in uns! 1.
Mein vielgeliebter Herr Doktor, christlich treuer und wahrer Freund. Ich
wünsche euch in treuer und wahrer mitwirkender Liebe-Begierde Gottes Licht
und wirkliche Wohlfahrt samt allen eurigen und denen, die Jesum begehren und
lieb haben. 2.
Auf euer und dann Herrn Balthasar Tilkes Begehren habe ich mir vorgenommen,
die aufgezeichneten Sprüche, welche Herr Balthasar Tilke aufgezeichnet in
seinem mir von euch übergebenen Schreiben, darinnen ich bin vermahnet worden,
solche in christlicher Liebe nach meinen Gaben und Verstand zu erklären,
sonderlich die Epistel St. Pauli zu den Römern am 9., 10., 11. Kapitel, in
welchen die Vernunft anstößet welches ich nicht allein mit Erklären der
angedeuteten Schriftsprüche gerne und willig in christlicher Pflicht und
Wohlmeinen getan, sondern habe auch den wahren Grund göttlicher Offenbarung
dermaßen dargetan und beschrieben, daß ich der Hoffnung bin, man wird die
Wahrheit sehen. 3.
Ist aber ein Gemüt vorhanden, das göttlich gesinnet ist und Gott die Ehre
geben mag, so hoffe ich, daß es wird nach meinem Begriff und nicht anders
gedeutet werden, wie mir vormalen geschehen ist; welches ich an seinen Ort
stelle und christliche Liebe demselben vorsetze, als wir in Christo schuldig
sein, einander freundlich zu unterweisen in unsern unterschiedlichen Gaben
und darinnen Gott die Ehre zu geben und niemanden in göttlichen Gaben zu
verachten. Denn wer das tut, der lästert den Hl. Geist, über welchen die
Schrift eine harte und strenge Sentenz spricht: Mark. 3,29. 4.
Ob nun wohl dieser Traktat »Von der
Gnadenwahl« etwas weitläufig ist, daran wolle der Leser keinen Verdruß
nehmen. Denn es deuchte mich schwer zu fallen, daß ich eine solche Schrift
ohne vollkommenen oder genugsamen Grund sollte probieren und erklären. So
habe ich die angedeuteten Sprüche auf den allerinnerlichsten Grund gesetzet
und gewiesen, wie sie in ihrem Centro urständen und was deren Sensus und
Verstand sei. Denn es ist nicht genug, daß ich einen ganzen Haufen Sprüche
der Schrift dagegensetze und den angezogenen widerspreche. Nein, nein, das
gilt nicht vor Gott und der Wahrheit nicht, denn es soll nicht vergehen ein
einiger Tüttel oder Buchstab des Gesetzes, bis es alles erfüllt werde, saget
Christus Luk.16,17. Die Sprüche der Schrift müssen wahr bleiben und nicht
widereinander anstoßen. Und ob sie gleich scheinen widerwärtig zu sein, so
ists doch nur bei denen, welchen der Verstand nicht ist gegeben und sie zur
Erklärung derselben nicht sind begabet worden. 5.
Wer sich aber will darübermachen, dieselben zu erklären, der muß auch den
Verstand der Einigung haben, daß er weiß diejenigen, welche scheinen der
Vernunft ein Contrarium zu sein, zu konkordieren und solches nicht auf einen
Wahn setzen, obs also sei, so er will gewiß davon lehren. 6.
Denn aus Wähnen oder Meinung kommet nur Streit und stehet darauf die große
Babylon als die geistliche Hoffartshurerei, da einer ein Apostel sein will,
und ist aber nicht von Gott gesandt noch erkannt worden, sondern läuft nur im
Wahne und Trieb des Spiritus mundi. 7.
Und obwohl mancher im Zug des Vaters läuft, so ihm aber das wahre Licht des
ewigen Lebens im Wort der göttlichen Essenz als ein Aussprechen des heiligen
und natürlichen Wortes in seiner Schiedlichkeit, daraus die Creation ist
entstanden, daraus Böses und Gutes seinen Urstand hat, nicht scheinet, so
wird er noch lange nicht können die vermeinten contraria der Sprüche der
Schrift einigen und aus einem Centro aussprechen, daß ihnen in der Einigung
kein einiger Tüttel oder Punkt abgehet. 8.
Welches ich weder Herrn Balthasar Tilke noch jemanden anderen zum Verdruß
setze, sondern nur wegen der lang gewähreten Uneinigkeit der Vernunft, in
welcher die Welt irre läufet und die Wahrheit verdecket lieget, da man in
diesem Artikel von Gottes Willen also in der Vernunft ohne Grund richtet und
läufet. 9.
Wo aber Christus im Menschen geboren ist, da höret der Streit auf und spricht
Gott der Vater sein Wort in Christo durch die Seele des Menschen aus. Zu
solchen Schlüssen muß ein innerlich göttlich Licht sein, welches Gewißheit
giebet, anders ist sich nicht in die Vernunft zu gründen. 10.
Diesen Traktat werdet ihr bei Herrn Michael von Ender können erlangen, der
ihn anjetzo empfangen hat, welcher nach meiner Hand 42 Bogen Papier
innenhält. Und ob euch geliebet, solchen Herrn Balthasar Tilke als eurem
guten Freunde und Schwager zu kommunizieren, bin ich dessen wohl zufrieden,
mit Andeuten, daß er ihn nicht wolle also verstehen, als ob ich darinnen
etwas aus Affekten gegen ihn oder andern hätte geschrieben, denn dieselben
liegen mir ohne dringende Not nicht so nahe in meiner Seelen. 11.
Und ob ich wohl nicht ohne Mängel und Neiglichkeiten bin, so hat mir doch
mein Heiland Christus in mir eine solche Gnade erzeiget, daß ich alle
feindlichen Gegenwürfe gegen mich durch ein einig Wort, welches aus
göttlicher Liebe gegen mich gehet, da ich nur spüre, daß es ein göttlicher
Ernst sei, bald kann vergessen und wegwerfen als ein böses Kraut, welches ich
nicht gerne in meinem Garten einpflanzen mag, denn daraus wächset nichts als
nur wieder böses Kraut. 12.
Mehr wird hingegen von Herrn Balthasar Tilke aus christlicher Liebe begehret,
weil ich ihm auf sein Begehren habe seine zitierten Sprüche erkläret nach
meinen wenigen Gaben, welche Gott bekannt sind, ob ihm diese meine
Erklärungen nicht annehmlich oder genug gründlich nach seiner Meinung wären
oder schienen, daß er mir auch wolle so viel zu Gefallen sein und die angedeuteten
Sprüche, sonderlich die Epistel St. Pauli an die Römer, das 9. und 10.
Kapitel, und eben dieselben, welche ich erkläret habe samt dem ganzen Grund
vom göttlichen Willen zum Bösen und Guten, wie dessen Urstand im Menschen und
außer dem Menschen sei, erklären und auf sensualische Art ausführen. 13.
Und dann begehre ich, daß er mir die eingesprochene Gnadenstimme in des
Weibes Samen im Paradeis erkläre und dann die zwei Linien, als: (1) des
Reiches der verderbten menschlichen Natur und (2) des Reiches der Gnaden in
der eingesprochenen Gnadenstimme. Auch ob ihm meine Erklärung beim Abraham
mit Ismael und Isaak sowohl mit Esau und Jakob nicht gefiel, daß er aus
christlicher Liebe wollte seine Gaben sehen lassen und deren Grund erklären,
daß ich möge seine Gaben und Verstand an selbigen spüren oder vernehmen. 14.
Und so ich dann werde sehen, daß ihm Gott hat mehr Verstand dieser hohen
Geheimnisse geben als mir, so will ichs mit Freuden annehmen und ihn in
seinen Gaben lieben und unserm Gott dafür danken und mich mit ihm in seiner
Gabe, gliedlicher Art nach im Geiste Christi erfreuen; welche alles unsern
Brüdern und christlichen Mitgliedern mehr nutzen und dienen wird, auch mehr
göttlich und löblich sein als ein rauhes Contrarium aus Affekten um
menschlicher Eigenheit willen. 15.
Ich bitte aber meinen Gott in Christo, er wolle ihm sein Herz aufschließen,
daß seine Seele möge in den Grund meiner Gaben sehen; denn wahrlich: ich bin
ein einfältiger Mann und habe dieses hohe Mysterium weder gelernet noch auf
solche Art gesuchet oder etwas davon gewußt. Ich habe allein das Herze der
Liebe in Christo Jesu gesuchet. Als ich aber dasselbe mit meiner Seelen sehr
großen Freude habe erlanget, so ist mir dieser Schatz göttlicher und
natürlicher Erkenntnis eröffnet und gegeben worden. 16.
Mit welchem ich bishero nicht habe stolzieret sondern von Herzen begehret und
zu Gott gerufen, ob die Zeit geboren sei, daß diese Erkenntnis in vieler
Herzen möchte offenbar werden, über welches ich auch meine Antwort kräftig
erlanget habe, daß ich wohl weiß, was ich oft habe in meinen Schriften
angedeutet. 17.
Und ob ich gleich darum in der Welt von vielen gehasset werde, so wird mans
doch gar nahe sehen, warum Gott einem Laien und albernen Menschen Mysterium
magnum als den Grund aller Heimlichkeiten eröffnet hat; und ich auch alle
Dinge noch nicht offenbaren mag, was mir erkannt ist und doch wohl bei
würdigen Menschen geschehen möchte, so ich befinde, daß es Gottes Wille wäre
und den Menschen gut, als mir denn vor wenigem gar ein edles Perllein
geoffenbaret worden, welches seine Zeit zu wirklicher Nutzbarkeit hat, mir
aber in meiner Seelen alle Stunden nütze ist. Und sollet euch so groß nicht
ob der Einfalt verwundern, was Gott tut, denn die Zeit des Stolzen ist an das
Ende kommen. 18.
Mehrers bitte und begehre ich von Herrn Balthasar Tilke, er wolle christlich
und in der Liebe mit seinen Gaben freundlich handeln und meinen Namen nicht
also wie vormals verunglimpfen, dadurch des Hl. Geistes Gabe gelästert wird.
Es soll ihm dergleichen im Glimpfe (in ehrbarer Weise) geantwortet
werden. 19.
Würde solches aber über meine gute Meinung und Hoffen nicht geschehen und ich
weiter bei Leuten und mit Schriften verunglimpfet werden, so mir das mit
gewissem Grunde zu Ohren und vor Augen käme, so soll er gewiß wissen, daß
mirs an Antwort in göttlicher Gabe zum Ernst nicht mangeln wird und er dessen
keinen Vorteil noch Ruhm haben soll. Und meine es treulich und vermahne ihn
aus christlicher Liebe und Pflicht zur Antwort. Will er die Sprüche nicht auf
sensualische (eindeutiger) ausführliche Antwort
erklären, so er nur die Contraria welche scheinen, widereinander zu sein, so
wollen wir unsere Gaben gegeneinander wechseln und in einen Grund einführen,
unsern Brüdern zuliebe. 20.
Und empfehle euch samt den eurigen und allen denen, die das Kindlein Jesum
suchen und begehren in die wirkende Liebe Jesu Christi ein, daß es möge in
allen empfangen und geboren werden, so hat der Streit ein Ende. Wenn des Wei
bes Same der Schlangen Kopf zertritt, so kommen wir wie der in die Temperatur
und sind in Christo alle nur einer als ein Baum in vielen Ästen und Zweigen. Datum
Görlitz, ut supra. Euer Liebden dienstwilliger J. B. 41. Sendbrief
An
Herrn Abraham von Franckenberg auf Ludwigsdorf Vom
20. Februar 1623. Unser
Heil im Leben: Jesus Christus in uns. 1.
Edler in Christo geliebter Herr und vornehmer werter Freund, nebst treuer
Wünschung göttlichen Lichtes in wirkender göttlicher Wohlfahrt, wollte ich
E.G. mit diesem Brieflein ersuchen und treuer christlicher Meinung erinnern des
Gespräches von Herrn Dr. Staritio und allerseits wegen des göttlichen
Vorsatzes oder Willens über die Menschen. 2.
Welchem Herrn Dr. Staritio auf seine Anforderung diesmal nicht genug
geantwortet worden ist, weil ich mich dazumal wegen dieses Artikels in
göttlicher Beschaulichkeit des innern Grundes durch den äußern Grund auf ihre
Schulen-Art nicht geübet hatte und auch das Convivium mit solchem Getränke,
so bei mir ungewöhnlich, den subtilen Verstand verdecket. Ich auch wegen
ihrer lateinischen Zungen an seinem Grunde, denselben zu erfassen, verhindert
ward, also daß er mit seiner eingefaßten Meinung, mit welcher er sich auf die
Schrift gründete, damit triumphierete, aber ohne genugsamen Verstand der
angezogenen Sprüche der Schrift, auch ohne genugsamen Grund der
Vernunft-Schlüsse der Logica, in welcher er zwar trefflich wohl geübet ist
auf ihrer Schulen Art. 3.
Mit welchem Gespräche ich mich hernach in göttlicher Gnade in den inwendigen
Grund göttlicher Beschaulichkeit, dasselbe zu probieren, eingewandt hatte und
meinen Gott um wahren Verstand aller dieser Gründe, dieselbe eigentlich und
in specie zu verstehen, gebeten habe. Darauf mir ein solches erschienen ist,
daran ich genugsame Ursache neben göttlicher Einführung in die Wunderwerke
Gottes habe, mich auch gleich eine große Begierde damit überfallen, welchen
Grund vom göttlichen Willen und den ewigen Vorsätzen in der Prädestination zu
Grund und in ein Buch zu bringen. 4.
Welches, weil es auch von Herrn Balthasar Tilke und andern mehr begehret
worden, ich daran Ursache nehmen sollen; nicht der Meinung, jemanden in
seiner Meinung zu verachten oder etwas Schimpfliches und Unchristliches wider
ihn vorzunehmen, sondern in treuer christlicher Wohlmeinung und brüderlicher
Mitteilung meines mir von Gott verliehenen Pfundes. 5.
Welches Werk dermaßen also hoch und tief gegründet worden ist, daß man nicht
allein den Grund dieser Fragen von Gottes Willen gründlich verstehen, sondern
auch den verborgenen Gott in seiner Offenbarung an allen sichtbaren Dingen
erkennen kann, neben klarer Ausführung, wie der Grund der Mysterii magni als
das ewige, ausgesprochene Wort Gottes, darinnen die Weisheit von Ewigkeit
gewirket hat und alle Dinge, darinnen in magischer Form ohne Kreatur sind
gesehen worden, verstanden werden mag. 6.
Auch wie sich dasselbe Mysterium magnum durch das Aussprechen der göttlichen
Scienz durch das Wort Gottes im Loco dieser Welt in eine Schiedlichkeit und
Faßlichkeit zur Creation eingeführet habe, wie der Urstand des Bösen und
Guten in der Schiedlichkeit der göttlichen Scienz im Mysterio magno in den
ewigen Principien zu göttlicher Offenbarung und Wirkung sei. Darinnen man
nicht allein den verborgenen Gott in seinem Wesen und Willen verstehen kann,
sondern auch den ganzen Grund seiner Offenbarung durch sein ausgesprochenes
Wort aus den ewigen Kräften des Mysterii magni als der Ewigkeit Wesen, wie
das sei in ein sichtbares, greifliches, kreatürliches, äußerliches Wesen
kommen und was der Grund aller Verborgenheit sei, wie der genugsam
erkenntlich und offenbar sei. Auch ausführlicher Grund des Spiritus mundi,
darinnen die Kreation dieser Welt lebet, sowohl auch klarer Grund des
innerlichen, geistlichen, englischen und seelischen Lebens. Auch von des
Menschen Urstand, Fall und Wiederbringung, sowohl von der Schrift Vorbildung
im Alten Testament des Reichs der Natur und des Reiches der Gnaden, was
Gottes Gerechtigkeit und die Wahl oder Vorsätze sind, wie diese zu verstehen, 7.
Auch klare Ausführung der Linien im Reiche der Natur von Adam auf seine
Kinder und des Reiches der Gnaden Offenbarung in der eingesprochenen
Gnadenstimme der eingeleibten göttlichen Scienz im Worte der Liebe in der
Gnaden-Erbärung. 8.
Und klare Ausführung der Sprüche der Schrift, sonderlich die Epistel St.
Pauli an die Römer, das 9., 10. und Kapitel, auf welche sich die Vernunft
richtet, allda ein ganzer sensualischer wahrer Grund mit Probierung der
Schrift ausgeführet worden ist. Aber nicht auf Art der Logica und der Schulen
Sachen, da man einander nur Gegensätze machet und einer des andern Grund und
Meinung nicht will sensualischer Art im Verstande probieren, sondern nur
Knüttel machet, da man einander mit Schlägen richtet, verdammet, verketzert
und lästert, welches nur Babel ist, eine Mutter der stolzen großen Hurerei
der Irrtümer, da der Name Gottes gelästert und der Hl. Geist im
buchstabischen Worte von der Vernunft gerichtet und geschmähet wird, welches
mir in meinem Talent nicht gefallen wollen, also zu fahren, zumal nicht ein
einziger Tüttel des Gesetzes der Schrift vergehen soll, bis es alles erfüllet
werde. Und die Sprüche der Schrift samt ihren Bildern alle müssen wahr
bleiben und kein Contrarium sein, wie die Vernunft meinet. 9.
So habe ich dieselben Sprüche, welche scheinen einander konträr zu sein, als
da geschrieben stehet: Gott will, daß allen Menschen geholfen werde, 1.
Tim.2,4, und dann: Gott verstocket ihre Herzen, daß sie es nicht verstehen,
ob sie das schon sehen, Joh.12,40, — also erkläret und miteinander
konkordieret, daß ich zu Gott und seinen Kindern hoffe, sie werden die
göttliche Gnaden-Offenbarung sehen und sich erkennen und von diesem Streite
von Gottes Willen und Christi Person ausgehen und die Rechtfertigung des
armen Sünders vor Gott sehen und lernen verstehen. 10.
Welches ich aus christbrüderlichem Herzen gegen alle in meinen Gaben treulich
und fleißig getan mit noch mehr Anerbieten, ob jemand noch im Wahn und
Meinung steckete und ihm in seinem Dünken noch nicht wäre genug geschehen,
daß er soll christlich und freundlich handeln und seine Meinung samt seinem
Schluß zu Papier bringen und mir übersenden, so soll ihm also auf dergleichen
Fragen und Einwürfe geantwortet werden, daß er sehen soll, es sei christlich
gemeinet und aus göttlicher Gabe entsprossen. 11.
Weil denn E.G. samt seinem Herrn Bruder Herrn Hans Sigmund sowohl die
hochgelehrten Herrn Doctores als J. und Herr Johann Daniel Koschowitz, meine
gar lieben Herren, und im Lebensbaume Christi meine Mitglieder und Brüder in
Christo sind und ich sie allezeit als gottliebende Herzen, welche Gott mit
Verstand und Weisheit begabet und dazu mit christlichen Tugenden gezieret,
deren ich mich gliedlicher Art nach neben und mit ihnen freue und sie
allezeit als meine günstigen geneigten Herren erkannt habe; so habe ich die
Anordnung also getan, daß sie dieses Traktats werden ein Exemplar unter sich
bekommen, mit Bitte: es wollen die Herren christbrüderlich gegeneinander
handeln und einander kommunizieren, nachdeml mir das Nachschreiben wegen
großer Ursachen meines Talents will hinderlich sein, sonst wollte ich jedem
ein Exemplar davon senden. 12.
Jedoch so dieser Traktat möchte verhalten werden und daß ihn E.G. nicht zu
Händen bekämen, so will ich ihnen meine eigene Handschrift schicken, und
bitte: sie wollen ihn ohne Beschwerde lesen und erwägen. Sie werden also
reichen Sinn darinnen finden, daß er ihnen wird zu vielen Dingen, vorab in
christlicher Übung der neuen Geburt, nütze sein. 13.
Und was ich ihnen sonsten mehr in meinen wenigen Gaben dienen kann, will ich
allezeit treulich in christlicher Pflicht auch zur Dankbarkeit ihrer guten
Gemüter, Aufrichtigkeit und Wohltaten gegen mich in Bedacht sein zu
vollbringen. 14.
Und ob ich wohl ein unansehnlicher Mann gegen ihre Hoheiten sowohl gegen die
Herren Doktoren bin, so wollen sie aber doch die Vernunft eine Weile
einsperren und denken, daß es dem Höchsten also gefalle, seine Wunder durch
Einfältige und vor der Welt töricht geachtete Leute zu offenbaren, wie
solches von der Welt her zu allen Zeiten, wenn Veränderungen haben sollen
kommen, geschehen ist. 15.
Und sollen die Herren gewiß wissen, daß es an Antwort auf jemands hohe und
tiefsinnige Fragen, soferne sie nur füglich und christlich erkannt werden,
nicht mangeln soll. Denn ein solches mir vom Höchsten vertrauet und als ein
Gnadengeschenk gegeben ist. Welches ich christlicher Meinung melde, ob jemand
noch Skrupel in der Meinung hätte, ob ich ihm in Liebe davon helfen und ihn
in die Temperatur des Gemütes bringen möchte, so sollte mich keine Mühe
tauern ihm meine Gabe und Sinn zu geben. Und befehle E.G. samt den Seinen in
die Liebe Jesu Christi und mich in ihre Gunst! Datum
ut supra. J. B. P.S. 1.
Die Tribulation und Zerbrechung Babels nahet sich heftig sehr. Das Ungewitter
zeucht an allen Orten auf. Es wird sehr wüten. Vergebene Hoffnung betrüget,
denn des Baumes Zerbrechung nahet sich, welches ist erkannt worden in den
Wundern. 2.
Das einheimische Feuer schadet seinem Vaterlande. 3.
Die Gerechtigkeit und Wahrheit gehet fast zugrunde; groß Trauern und Trübsal
windet sich empor! 4.
Man wird um eine leere, löcherige alte Hütten trauern, daran in der Seligkeit
nicht gelegen ist, und wird sich ergrimmen um das Nest, da ihm der Satan
seine Jungen ausgebrütet hat. 5.
Der Turm zu Babel ist grundlos worden. Man meinet den mit Stützen zu
erhalten, aber ein Wind vom Herrn stößet ihn um. 6.
Der Menschen Herzen und Gedanken werden offenbar werden, denn es kommet eine
Proba vom Herrn, daß sich der Maulchrist in falschen Herzen und Seelen will
offenbaren als ein Rohr, das der Wind beweget, weil sein Herze wankend ist:
jetzt hin, jetzt her, auf daß sein falscher Grund offenbar werde. 7.
Viel werden sich verraten und um Leib und Gut durch Heuchelei bringen. Die
Heuchler und Maulchristen werden verzagen, wenn ihr falscher Grund wird
offenbar werden. 8.
Das orientalische Tier krieget ein menschlich Herz und Angesichte. Und ehe
das geschiehet, so hilft es, den Turm zu Babel mit seinen Klauen umreißen. 9.
In der Finsternis der Mitternacht gehet eine Sonne auf, welche ihren Schein
aus den sensualischen Eigenschaften der Natur aller Wesen aus dem geformeten,
ausgesprochenen und wieder aussprechenden Worte nimmt. Das ist Wunder, dessen
sich alle Völker freuen. 10.
Ein Adler hat junge Löwen in seinem Neste ausgebrütet und ihnen den Raub
zugetragen, bis sie groß worden sind, in Hoffnung, sie werden ihm wieder
ihren Raub zutragen. Aber sie haben das vergessen und nehmen dem Adler sein
Nest und rupfen ihm seine Federn aus und beißt ihm vor Untreue die Klauen ab,
daß er nicht mehr Raub holen kann, er möchte verhungern. Sie aber werden um
des Adlers Nest uneinig und zerreißen sich im Zorne, bis ihr Zorn ein Feuer
wird, welcher das Nest verbrennet und solches vom Herrn aller Wesen. 11.
Wenn der Reiche und Gewaltige wüßte, worauf sein Grund stünde, er würde in
sich gehen und auf sein Ende sehen. 12.
Die Sonne giebet manchem Dinge sein Leben und auch manchem den Tod. 13.
Der also stille lieget in eigenem Willen als ein Kind im Mutterleibe und
lässet sich seinen inwendigen Grund, daraus der Mensch entsprossen ist,
leiten und führen, der ist der Edelste und Reichste auf Erden. 14.
Der Postillion aus dem Grunde der Natur kommet und führet ein Schwert über
die Erde und hat zum Gehilfen sechs Winde, welche lange Zeit über die Erde
regieret haben. Die zerbrechen dem Postillion das Schwert durch die
Offenbarung des siebenten Windes, welchen sie allezeit in sich haben
verborgen gehalten. Aber wegen der Gewalt des Postillions ihm jetzt müssen
rufen und ihn offenbaren. 15.
Welcher siebente Wind ein neues Feuer offenbaret, daraus ein groß Licht
scheinen wird, und unter dieser Zeit soll der Gnadenbrunn mit lauterem Wasser
fließen und der Elende erquicket werden. Amen. 42. Sendbrief
An Herrn Gottfried Freudenhammer von Freudenheim, Dr. med.
zu Grossen-Glogau. Vom 27. Februar 2623. Edler,
achtbarer, hochgelehrter Herr, neben treuer Wünschung durch die Liebe
Christi, mit welcher er uns in ihm durch seine Menschheit in uns liebet,
eines seligen in Gott freudenreichen neuen Jahres und aller leiblichen
Wohlfahrt! 2.
Seine Leibesgesundheit ist mir sehr lieb, und noch viel lieber ist mir es,
daß ich vermerke, wie der Zug des Vaters im Geiste Christi einen
immerwährenden Hunger nach dem edlen Perllein göttlicher Erkenntnis in ihm
wirket. 3.
Welches, weil es in dem Baume und Gewächse, darinnen ich auch selber
mitgrüne, geschiehet, mir als von meinen Mitzweigen an unserm englischen
paradeisischen Perlenbaum, eitel Begierde und angenehmen Willen bringet und
mich gleich in meinem Hingedenken erfreuet, daß dennoch der Geist Christi
seine Kirche und Tempel mitten unter den Dornen hat, wie es jetzt im Ansehen
ist, und wünsche von Herzen mit sehnlicher Begierde, daß sie doch möchte
stärker grünen, damit doch Babel und das Reich des Zankes und Streites möchte
aufhören und wir in einer Liebe als die Kinder Christi möchten untereinander
wallen. 4.
Mir wäre von Herzen lieb, weil der Herr etliche meiner Schriften lieset, daß
sie doch möchten nach meinem Begriffe und Sinne verstanden werden. Nicht mir
zum zeitlichen Ruhm, welcher in Christo und nicht mein ist, sondern um
unserer ewigen Brüderschaft willen, so wir nach diesem Leben insgemein haben
werden. 5.
Als wollte ich auch gern meinen lieben Brüdern mein mir von Gott gegebenes
Perllein mitteilen, auf daß auch sie neben mir möchten in göttlicher
Erkenntnis und Liebe Früchte auf Gottes Tische bringen, welches Wirken mir
lieber ist als aller Welt zeitlicher Ruhm, Ehre und Gut. 6.
Und wiewohl ich gegen den Herrn zu achten als ein Kind bin, das unverständig
ist, so hat mir aber doch mein Heiland seinen Sinn und Verständnis aus seiner
Liebe und Gnade eingegossen und durch sich selber eröffnet, daß ich ihn und
seinen Willen kräftig erkenne. 7.
Welches, ob es wohl vor der Vernunft scheinet töricht zu sein, so ist mir es
doch sonnenklar und giebet mir Freude und Begierde, daß ich also in allen
Anfechtungen vom Teufel und seinem Anhange mich kecklich darein mag
verbergen. Auch wird mir meine Hoffnung darinnen mit Gottes Liebe-Feuer
aufgeblasen, und habe gleich einem schönen Rosengarten darinnen, welchen ich
meinen Brüdern nicht alleine gerne gönnen will, sondern begehre und wünsche
von Herzen, daß ihnen die güldene Rose auch in ihnen blühen möchte. 8.
Ich habe verstanden, wie sich der Herr noch in dem Artikel wegen Gottes
Willen und seiner Wahl über die Menschen bekümmert, und noch in tiefem Wahne
ist wegen des Ratschlages über die Menschen, als wenn Gott etliche nach
seinem Vorsatz erwählete und etliche aus seinem Vorsatz nicht erwählete,
derowegen sie auch nicht im Geiste Christi zum Vater ziehe oder der Vater sie
nicht in Christo ziehe. 9.
Welches mich meines Teils sehr oft bekümmert, und in mir wünsche, daß es doch
möchte ergriffen werden, wie der Grund in seiner Eigenschaft ist. 10.
Denn die Worte der Schrift sind gar recht wegen der Wahl, aber sie werden
nicht recht verstanden, und daraus kommet das große Übel mit dem Streite. 11.
Wenn ich in das Zentrum eingehe, so finde ich allen Grund. Es ist nichts so
subtile und mag nichts vom göttlichen Willen gefraget werden, es ist
sonnenklar darinnen offenbar. Denn ich finde den Urstand alles, des Bösen und
des Guten, Gottes Liebe und Zorn, beide Begierden. 12.
Die führe ich nur in die Menschheit Christi ein, wie Gott ist Mensch worden,
und betrachte, wie die Gestalten menschlicher Eigenschaften sind in der
Menschheit Christi ganz ohne Partikular mit der Liebe Gottes in Christo mit
dem ewigen Worte oder Halle der Gottheit als mit dem göttlichen Mercurio mit
göttlicher Wesenheit als im Blute Christi tingieret und der Grimm, so in
menschlicher Eigenschaft mit Adam offenbar ward, ganz ersäufet und in ewigen
Tod geschlossen worden. Davon die Schrift nun saget: Tod, wo ist dein
Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg? I.Kor.15,55 13.
Gleichwie der Artista und Philosophus den Saturnum und Martem in Mercurio,
welcher im Saturn und Mars in ihrer eigenen grimmigen Macht eine böse
Giftqual ist, in das Universal als in paradeisische Qual und Eigenschaft
transmutieret, da weder Saturn noch Mars oder Merkur in ihrer grimmigen
Eigenschaften gespüret wird, sondern aus ihrer grimmigen Bosheit wird ein
Aufsteigen der Liebe und Freudenreich. 14.
Also gehet es auch nun mit dem bösen Menschen, wenn er sich in das Universal
Christum aus seinem grimmigen Willen in Tod Christi in der Gelassenheit
einergiebet. 15.
Und gleichwie die Sonne am Firmament den Bösen und Frommen scheinet,
Matth.5,45, also auch stehet die Begierde des Universals Christi als die
göttliche Sonne, welche darinnen leuchtet, allen bösen Menschen entgegen.
Schlössen sie nur ihren Willen auf und gingen aus der Ichheit aus und setzten
ihre Begierde darein, so würde Christus darinnen geboren. 16.
Ist doch die Seele, was sie pur allein antrifft, aus dem ewigen sprechenden
Worte des Vaters, aus der Feuer- und Lichtwelt als aus Gottes eigenem Wesen
in das menschliche Corpus eingesprochen oder eingeblasen worden, und hat
beide Willen frei: (1) aus dem Feuer als aus des Vaters Zorn, welches ist die
ewige Natur, in welcher sie eine Kreatur im geistlichen Sulphure, Mercurio
und Sale ist; und (2) aus dem Lichte göttlicher Kraft im göttlichen Halle, in
welchem die Seele ein Engel und Gottes Bild ist. 17.
Und ob sie gleich das Licht in Adam hat verloren, so hat es doch Christus
wiedergebracht und das Zentrum der Liebe wieder rege gemacht, daß sich des
Lichtes Leben, so es seine Begierde erhebete, mag in Christi Menschheit,
welche von einem auf alle dringet, gleichwie der Zorn von einem auf alle
dringet, wieder anzünden, Röm.5,18. 18.
Und ob möchte gesaget werden: Er zündet an, welche er will; — so sage ich
teuer und wahr, daß das göttliche Licht nicht einfahrend sei, sondern es ist
auch in dem gottlosen Menschen im Centro verborgen, gleichwie sich Gott in
der Zeit verbirget. Es ist aufgehend, gleichwie der Schein einer Kerzen aus
der Kerzen entstehet. 19.
Der Mensch ist nicht also verdorben, daß keine Möglichkeit mehr in ihm sei.
Und ob er schon verdorben ist, so hat doch Gott, als er sich des Menschen
angenommen, das Zentrum seiner Liebe als die wahre Gottheit, welche sich in
der Sünde verbarg, wieder in menschlicher Eigenschaft erreget. 20.
Und wie die Sünde und der Grimm von Adam als Einen drang auf alle und in
alle, also auch drang die Bewegung der Liebe Gottes in Christi Menschheit und
aus Christi Menschheit durch die ganze Menschheit aller Menschen. 21.
Christus ward wieder das Herz im menschlichen Baume. Der göttliche Hall, der
sich in Christi Menschheit hat im Schalle offenbaret, der schallet durch
Christi Menschheit im ganzen menschlichen Baume; und fehlet nur an dem, daß
der Zweig, der am Baume stehet, nicht will des Baumes Saft in sich ziehen. 22.
Das geschiehet oft, daß die grimme Eigenschaft Mars zu sehr liebet und in
sich zeucht und die Hitze erwecket, dadurch der Zweig verdorret. 23.
Also auch ingleichen zeucht der Seelen Mars den Grimm und Falschheit in sich,
damit wird ihr Mercurius giftig. So wird alsdann der Saturnus als die
Impression des Lebens Eigenschaft ganz dunkel und finster. 24.
Und solange der Mercurius des Lebens in solcher Eigenschaft lebet, so mag er
nicht von der Liebe Gottes gezogen werden, sondern vom Zorne Gottes, und ist
also lang zur Verdammnis erwählet, als er im freien boshaftigen Willen lebet. 25.
Gottes Liebe stehet gegen ihn, aber er will deren nicht. Gott begehret sein,
aber der Grimm hält ihn, wie Christus sagte: O Jerusalem, Jerusalem, wie oft
habe ich deine Kinder wollen versammeln als eine Kluckhenne ihre Küchlein unter
ihre Flügel, und du hast nicht gewollt, Matth.23,37; Luk.13,34. 26.
Das Nicht-Wollen ist im Wege, daß sich der Mensch lässet Gottes Zorn als den
Grimm im ausgesprochenen Mercurio nach des Vaters Feuer-Eigenschaft im Leben
halten. Allhier lieget das böse Kind! 27.
Liebe Brüder, lernet nur kennen, was Gott in Liebe und Zorne sei und wie der
Mensch eben dasselbe Wesen selber und ein Bilde aus dem ewigen Geiste sei. 28.
Saget ja nicht, Gott wolle das Böse! Er kann nichts Böses wollen nach der
Eigenschaft, soviel er Gott heißet. So ich aber dieselbe Eigenschaft wollte
Gott heißen, so hieße ich die Hölle Himmel und die Finsternis Licht und den
Teufel einen Engel. 29.
Es ist wohl alles Gottes, aber in der Qual der Liebe des Lichts wird allein
Gott verstanden. Der Zorn ist in seinem Lichte eine Ursache der
Liebe-Begierde und der Freuden- reiche. 30.
Wenn die Seele ihre Feuer-Begierde aus ihrem selbstei genen Willen in die
Liebe-Begierde Gottes einführet und aus ihrer selbsteigenen Ichheit in Gottes
Erbarmen ersinket und wirft sich in Christi Tod ein und will nicht mehr des
Feuer qualles, sondern will in ihrem Feuer-Leben in Christi Tode tot sein, so
stirbet der Geist des mercurialischen Lebens im Wil len der Bosheit, und
gehet auf ein neuer Zweig und ein Grünen der Liebe-Begierde. 31.
Mein lieber Herr und Bruder, wisset, ich schreibe nicht stumm ohne Wissen.
Ich habe es selber erfahren. Ich bin in eurem Wahne so tief gewesen als ihr.
Aber mein Heiland Jesus hat mir meine Augen aufgetan, daß ich sehe. Nicht in
meiner Gewalt sehe ich, sondern in seiner, wie er mich in ihm kennet und wie
er in mir sehen will. Und wünsche von Herzen, daß ihr möchtet in mein Sehen
einsehen und aus meinem Sehen mit mir sehen. Ich wollte euch mein Herz und
Liebe gerne zum Eigentum geben und durch diesen Schein aus euch sehen. 32.
Aber ich vermerke, daß ich euch noch sehr stumm bin und bin in meiner mir
gegebenen Wissenschaft noch von euch nicht recht erkannt worden, wünsche
aber, daß es noch geschehe. 33.
Bitte und ermahne euch christlich und in Demut: wollet doch nur so viel tun
und die Gegenwürfe soviel ihr vermöget zusammenfassen und mir schriftlich
übersenden. Ich will tun nach meinen Gaben, als ein Christ tun soll und
dieselben dermaßen erklären, daß ich verhoffe, ihr sollet mich darinnen
brüderlich erkennen. 34.
Nicht daß ich mir solches zumesse zu tun aus meiner Ichheit, sondern meine
Begierde, die in mir als ein Feuer brennet, fordert das von euch. Und ich,
der ich der Ich bin, hoffe zu Gott, es werde uns beiden gelingen, daß uns Gott
in seiner Liebe-Begierde und Erkenntnis werde einigen. 35. Es soll euch nicht zum Spott oder Verschmähung
gereichen, denn ich habe ein Herz, das Heimlichkeit schweigen kann. Und
ermahne euch in Liebe zur kindlichen Demut in der wahren Gelassenheit Christi,
darinnen vermöget ihr es allein zu ergreifen. 36.
Anders ist mein Wohlwollen und Beginnen alles umsonst, denn ich kann euch
nichts geben als meinen geneigten Willen. Wollet ihr ihn annehmen, wohl gut;
wo nicht, so bezeuge ich vor eurem und Gottes Angesichte, daß ich an euch und
in euch mein recht christliches Beginnen gesetzet habe und das meine getan,
wie mir es im Gewissen angelegen ist. 37.
Ich möchte auch noch wohl im kurzen selber, so es die Unruhe leiden wollte
und ich wüßte, daß es zu Gottes Ehren und menschlichem Heil dienlich wäre,
aus dieser Ursachen in eure Gegend ankommen und euch besuchen. Denn ich weiß
noch gar viel durstige Seelen, mit denen ich mich möchte selber erquicken und
sie in mir. 38.
Ich habe anjetzo noch gar ein edles Kräutlein gefunden, das euch wohl dienen
möchte, nicht allein zur Seelen, sondern auch zum Leibe und euren Patienten
Nutzen. 39.
So man wollte in Christi Weinberge arbeiten, dürfte uns Gott noch wohl
anjetzo einen solchen Sonnenschein geben, der die Apotheken erwärmete, dessen
viel fromme Leute lange Zeit begierig gewesen und deren Kinder Christi in
ihre Drangsal und Elende eine Erquickung sein. 40.
Aber in Treuen: wird man so gottlos sein, so wird es von ehe grausam regnen
und hageln, daß die Erde wird erbeben und viel tausend Seelen im Wasser
ersaufen. 41.
Ich wollte euch wohl lieber allhie etwas melden, mag aber dieses Mal nicht
sein. Wollet nur auf das Ungewitter gegen Morgen achthaben. Das gegen
Mitternacht ist nicht weit davon. Im Mittage ist ein großer Rauch, daß er die
am Abend in die Augen beißet. 42.
Es darf niemand sagen, wann das Ungewitter daher gehet: Dieser oder jener ist
vor Gott gerecht, es wird ihm gelingen wegen seiner Religion. 43. Fehlt im Originaltext! 44.
Der Allerhöchste kehret einen Besen mit dem andern aus. Aber eine Lilie
grünet allen Völkern! Wohl denen, welche sie ergreifen. 45.
Die durstige Seele soll mitnichten sagen: Der Herr hat mein vergessen, der
Herr hat mich verlassen. — So wenig eine Mutter kann ihre Kinder vergessen;
und ob sie des vergäße, so hat doch der Herr seiner armen hochbedrängten
Christenheit nicht vergessen. Er hat sie in seine durchgrabene Nägelmale
eingezeichnet, Jes.49,14. 46.
Sein Licht soll scheinen vom Aufgang bis zum Niedergang zu einem Zeugnis über
alle Völker. 47.
Eine Lilie stehet von Mittag gegen Mitternacht! Welcher dieselbe wird zum
Eigentum bekommen, der wird singen das Lied von Gottes Barmherzigkeit. Und in
seiner Zeit grünet des Herrn Wort wie Gras auf Erden. Und die Völker singen
das Lied von Babel in einer Stimme, denn der Anfang hat das Ende funden. 48.
Und lasset euch meine dunkele Rede eingedenk sein, denn besser habe ichs auf
jetzo nicht vermocht. 49.
Weil man nur nach Hoffart und Geiz hat getrachtet und den Zornspiegel
verachtet und nicht Buße getan, so wirket Übel mit Übel, bis sich das Übel
selber fresse und sich der Grimm Gottes wohl ergötze. 50.
Hier wird menschliche Vernunft wenig hindern mit ihren Ratschlägen, sondern
das Feuer nur aufblasen und mehr Anlaß geben. 51.
Gott wäre gut für Not. Weil man aber verlässet Gott, so folget Not und Spott. 52.
Es hab ein jeder wohl Achtung auf sich selber! Jedoch der sich selber nicht
wird suchen und behüten, der wird gesuchet und behütet werden. Und empfehle
euch der Liebe Jesu Christi! Datum
Görlitz, ut supra. Euer
in der Liebe Christi dienstwilliger J.
B. 43. Sendbrief
An
Herrn N. N. — Am Tage der Palmsonntag Christi 1623. Unser
Heil im Leben: Jesus Christus in uns! 1.
Vielgeliebter Herr und gliederlicher Mitbruder in Christo unserm Heilande.
Nebst herzlicher Wünschung und mitwirkender Begierde göttlicher Liebe und
Gnade wollte ich dem Herrn in christlicher Liebe nicht bergen, wie daß ich in
christlichem Mitleiden seinen Zustand betrachtet und in die Gnaden-Erbarmung
des Allerhöchsten eingeführet, was mir derselbe wollte hierinnen zu erkennen
geben. 2.
Darauf ich dem Herrn dieses melde, daß ich zu solcher Beschaulichkeit in
derselben Gnaden-Erbarmung wegen des Herrn Zustandes und Versuchung gelanget
bin und dessen Ursache erkannt habe; und will solches dem Herrn kurz zu einer
Erinnerung entwerfen, daß er solches bei sich selbst solle erwägen. 3.
Die erste Ursache solcher wirklichen Versuchung ist die übernatürliche,
unüberschwengliche Liebe Gottes als göttlicher guter Wille und dann der
kreatürliche Wille des Menschen gegeneinander, daß sich der menschliche Wille
solcher großen Gnaden Gottes, welche ihm aus lauter Liebe angeboten wird,
nicht ganz ergeben und vertrauen will, sondern suchet seine Ichheit und
Eigenliebe des vergänglichen Wesens, und liebet sich selber und dieser Welt
Wesen mehr als Gott. 4.
So versuchet den Menschen seine eigene Natur, welche in ihrem Centro außer
der Liebe Gottes in eitel Angst, Streit und Widerwärtigkeit stehet, in welche
der Teufel seine falsche Begierde einschließt, den Menschen von solcher hohen
Gnade und Liebe Gottes abzuführen. 5.
Diese Versuchung ist die größte und ist eben der Streit, welchen Christus mit
seiner eingegossenen Liebe in des Menschen Natur wider solche Ichheit, auch
wider Gottes Zorn, Sünde, Tod, Teufel und Hölle hält, da der menschliche
Drache soll mit der Liebe Christi verschlungen und transmutiert werden in ein
englisches Bild. 6.
Und so euch nicht wäre die Liebe Gottes in Christo eingeflößet worden, so
hättet ihr diesen Streit nicht, sondern der Drache als der falsche
Teufelswille behielt sein Naturrecht. 7.
So geschiehet nun diese ängstliche Anfechtung in der Natur ganz empfindlich
von dem Drachen, welcher sich mit seiner eigenen Natur ängstet, wenn solche
große Liebe in ihn kommt und ihm sein Naturrecht in einen göttlichen Willen
verwandeln will. 8.
Denn allhie stehet Christus als der Schlangentreter im Menschen in der Hölle
und stürmet dem Teufel sein Raubschloß. Daher kommt solcher Streit, da
Christus und Luzifer miteinander um die Seele streiten, wie euch Gott in der
ersten Versuchung hat sehen und erkennen lassen. 9.
Also zertritt Christus der Schlangen den Kopf, und also sticht die Schlange
Christum in die Ferse. Und stehet die arme Seele inmitten in großem Zittern
und Trauern und kann hierbei nichts tun, als nur in der Hoffnung stehen,
vermag auch ihr Angesicht nicht vor Gott zu erheben und ihr Gebet zu
verbringen, denn der Drache wendet ihr das Gesicht gegen diese Welt in
Eitelkeit und weiset ihr der Welt Schönheit und Herrlichkeit und spottet
ihrer, daß sie will eine andere Kreatur werden, und hält ihr vor das Reich,
darinnen sie stehet und ihren natürlichen Grund. 10.
Und allhie stehet die Seele mit Christo in der Wüsten in der vierzigtägigen
Versuchung, da ihr dieser Welt Macht, Herrlichkeit, Reichtum und Wollust
angeboten wird. Sie soll sich nur wieder erheben und in das Selbst-Wollen
eingehen. 11.
Die andere Versuchung vom Luzifer und eigenen Drachen der Natur ist diese,
daß, wenn die Seele hat die göttliche Liebe gefasset und einmal ist
erleuchtet worden, so will die Seele dasselbe Licht zum Eigentum haben und in
ihrer Habhaftigkeit in eigener Gewalt darinnen wirken, verstehet: die Natur
der Seelen, welche außer Gottes Licht ein Drache ist wie Luzifer. Die will es
zum Eigentum haben. Aber das Naturrecht will dieser Drache nicht übergeben.
Er will ein Macher und Schöpfer der göttlichen Kraft sein und in großer
Freude in seiner Feuer-Natur darinnen leben, und das mag nicht sein. 12.
Dieser Drache als eine Feuer-Natur mit seinem eigenen Willen soll sich lassen
in ein Liebe-Feuer verwandeln und sein Naturrecht verlassen. Er aber will es
nicht gerne tun, sondern siehet sich in solcher Verwandelung um nach eigener
Macht und findet keine. So hebet er an zu zweifeln an der Gnade, dieweil er
siehet, daß er soll in solcher Wirkung seine natürliche Begierde und Willen
verlassen, so erzittert er immerdar und will nicht des eigenen Naturrechtes
in dem göttlichen Lichte ersterben. Er denket immerdar das Gnadenlicht,
welches ohne solche Schärfe und Feuersmacht wirket, sei ein falsches Licht. 13.
Daher kommt es, daß alsdann der äußeren Vernunft, welche ohne das nichts
siehet, immerdar dünket: O wer weiß, wie es mit dir ist, obs auch wahr sei,
daß dich Gott erleuchtet habe, daß er in dir ist. Es mag etwa eine solche Einbildung
gewesen sein. Du siehst doch nicht dergleichen an anderen Leuten. Sie
gedenken gleichwohl selig zu werden als du. Du bist nur der Welt darum zum
Narren worden und stehest doch in Furcht und Zittern vor Gottes Zorn, mehr
als sie, welche sich alleine der verheißenen Gnade trösten auf die zukünftige
Offenbarung. 14.
Also kommt es alsdann, daß wohl der inwendige Grund nach der Anzündung und
Bewegnis des Lichtes seufzet und gerne wollte haben. Aber die Natur vermag
nichts. Ihr ist, als wäre sie ganz von Gott verstoßen, welches auch wahr ist
nach dem eigenen Willen, denn Gott hat einen neuen Willen in sie gepflanzet.
Sie soll ihres eigenen Willens ersterben und in Gottes Willen gewandelt
werden. 15.
Und darum, daß allhier der Naturwille sterbe und sein Recht übergeben soll
dem Willen Gottes, so sind solche schwere Anfechtungen darinnen. Denn der
Teufel will nicht, daß sein Raubschloß einfalle. Denn soll Christus im
Menschen leben, so muß der eigene Lust-Geist sterben. Und da er doch nicht
ganz stirbet und doch lebet, darum ist solcher Streit, welchen kein Gottloser
fühlet, sondern nur diese, welche Christus angezogen haben, in denen Christus
mit dem Luzifer streitet. 16.
Die dritte Anfechtung steht in den Raubschlößern des Teufels als im Willen
und Gemüte, sowohl im Fleisch und Blut, da in dem Menschen liegen die
falschen Centra, als da ist: eigener Wille zu hoffärtigem, zeitlichem Leben,
zu Fleischeslust, zu irdischen Dingen; item: viel Flüche der Menschen, welche
ihm sind durch seine Versuchung in Leib und Seele gewünschet worden. Alle
Sünden, welche sich haben einzentrieret und im Geistgestirne stehen als ein
festes Schloß, in welchem Christus jetzo stürmet und es zerbrechen will,
welches Schloß der eigenen Macht, Wollust und Schönheit dieser Welt der menschliche
Wille noch immerdar für Eigentum und sein Bestes hält und nicht will
übergeben und Christo gehorchen. 17.
Darum, mein lieber Herr und christlicher Bruder, füge ich euch und gebe es
euch zu erkennen, was mir unser Lieber Herr Jesus Christus in meiner
Betrachtung gezeiget hat: Prüfet euch selber, was eure Anfechtung sei. Unser
lieber Herr sagete: Wir sollen alles verlassen und ihm nachfolgen,
Mark.10,21. So wären wir recht geistlich arm. 18.
Ist es nun, daß ihr mit eurem Gemüte noch etwas in Eigenlust irdischer Dinge
stecket, so habet ihr darinnen als in denselben Centris, welche noch in euch
wirken, solche Anfechtung. 19.
Wollet ihr aber meinem kindlichen Rat folgen, so füge ich euch dieses, daß,
so solche Anfechtungen in euch aufgehn, so sollet ihr euch anders nichts
einbilden als das bittere Leiden und Sterben unsers Herrn und seine Schmach
und Spott, dazu seine Armseligkeit in dieser Welt, was er für uns arme
Menschen hat getan, und eure Begierde und ganzen Willen darein ergeben, daß
ihr gerne wollet seinem Bilde ähnlich werden und ihm in seinem Prozeß willig
und gerne nachfolgen und alles das, was euch zu leiden aufgeleget wird, um
seinetwillen gerne dulden, und nur ihm begehren ähnlich zu werden, um seiner
Liebe willen gerne niedrig und im Spott und Elende zu sein, auf daß ihr nur
dieselbe in euch erhaltet und euch selber nicht mehr wollet, ohne was
Christus durch euch will. 20.
Mein lieber Herr, ich fürchte, es wird noch etwas an euch sein, das Christo
zuwider ist, darum der Streit in euch ist. Christus will, daß ihr sollet mit
ihm eures Willens in seinem Tode sterben und in seinem Willen aufstehen und
mit ihm streitet um eure Seele. 21.
Lasset fahren allen irdischen Willen und ergebet euch ihm ganz und gar, und
lasset Lieb und Leid in euch alles eines sein. So werdet ihr mit Christo ein
Ritter über Welt, Teufel, Tod und Hölle werden und endlich erfahren, was
Christus in euch gewesen sei und warum euch ein solches widerfahren ist,
welches aller Kinder ihr Prozeß gewesen ist; und ich meine es christlich! Gegeben
am Tage der Palmsonntag Christi zu seinem Leiden und
Sterben, ut supra. J.
B. 44. Sendbrief
An
Herrn Carl von Ender — Vom 7. Mai 1623. Unser
Heil im Leben: Jesus Christus in uns! 1.
Edler, in Christo geliebter Herr. Nebst herzlicher Wünschung göttlichen
Lichts in wirklicher Kraft des Hl. Entis in unserem Immanuel, übersende ich
dem Junker das Büchlein »Von Christi
Testamenten« samt der Vorrede. Es soll in den drei Bögen, da die Vorrede
ist, nur ein Bogen als die Vorrede abgeschrieben werden, denn ich wollte das
Büchlein umschreiben und hatte das erste Kapitel wieder angefangen, bin aber
im Vorhaben, das Büchlein in eine kindlichere Form zu mehrerem Verstande der
Einfältigen zum Drucke zu bringen. Der Junker lasse es aber gleichwohl
nachschreiben wegen des hohen Sinnes. Weil er und andere geübte Liebhaber
diesen Sinn wohl verstehen, so kann man den hohen begabten Sinnen das Hohe
geben und den Einfältigen das Gedruckte, wiewohl sie beide eines Verstandes
sein werden, ohne daß in dem gedruckten einfältigere Worte möchten gebrauchet
werden. 2.
Der von Fürstenauer (Kaspar von Fürstenau) lässet den
Junker salutieren und will mit seinem Pfarrer von Zodel handeln, daß er Herrn
Walther soll was abschreiben. So der Junker will dieses »Von Christi Testamenten« lassen schreiben, so könnte man ihm was
schicken. 3.
Auch füge ich dem Junker dieses, wie daß ich bei dem Herrn Fürstenauer was
sonderliches Großes vermerket habe, daß ihn Gott mit einem mächtigen Stahl
seiner Gnaden berühret und ihm Seele und Geist zerschellet, welches ich
kräftig bei ihm vermerket; ich hoffe zu Gott, es werde mit ihm gehen wie mit
Herrn Johann Sigmund von Schweinichen, welches ich herzlich wünsche und zu
Gott flehe, daß es geschehe, weil ich schon den Prozeß mit Augen gesehen;
davon ferner zu seiner Zeit. Bitte, es in geheim zu halten und mit gemeldetem
Herrn helfen mit Gebete im Geiste Christi ringen, als uns solches gebühret.
Und empfehle den Junker der Liebe Jesu Christi. Datum
Görlitz, den 7 anno Christi 1623. J.
B. 45. Sendbrief
An
Herrn Christian Bernhard — Vom 13. Oktober 1623. Unser
Heil im Leben: Jesus Christus in uns! 1.
Vielgeliebter Herr, Bruder Christian, ich wünsche euch Gottes wirkende Kraft,
daß der Quellbrunn im Leben Jesu Christi in euch möge quellen reichlich, und
eure Seele in demselben möge stets erlabet werden und dieses heiligen Wassers
trinken, auch darinnen wachsen, grünen und viel gute Früchte tragen, neben
leiblicher Wohlfahrt! Und erfreue mich eurer glücklichen Ankunft, daß euch
Gott mit Gesundheit wieder zu Hause geholfen. 2.
Mich, Gottlob, sollet ihr auch noch in guter Gesundheit und in meinem Talent
wirkend wissen, denn mir hat Gott seine Gnadentür je mehr und mehr aufgetan,
und nicht alleine mir, sondern auch vielen andern, welche diese Schriften zu
lesen bekommen, welchen Gott ihre Herzen gerühret, daß sie sind in die Buße
und Bekehrung getreten, und sind in sich selber zu innerlicher göttlicher
Beschaulichkeit kommen, und begehren das Kleid der Sünden und Unreinigkeit
wegzuwerfen und Christo im Leben und Willen nachzufolgen. 3.
Wie mir denn vor wenig Tagen ist ein solcher Wendung von zweien Personen,
welche doch in der Welt hoch sind und zuvor die Welt gehebet, vorgestellet
worden, an denen ich die neue Geburt in großer Kraft und im Triumph
göttlicher Erkenntnis in solcher Demut und süßem Aussprechen gesehen habe,
daß ich dergleichen von meiner Kindheit an niemals gesehen habe, ohne was
Gott an mir armen Menschen selber gewirket hat, welches mir fast unglaublich
wäre, so ich solches nicht selber empfindlich auch dergleichen gehabt hätte. 4.
Wie sich dann der eine nach seinem irdischen Weltwesen selber verschmähet und
seinen gewesenen Wandel vernichtiget, welcher auch also tief ist in die
Gelassenheit ersunken und in die Buße, daß er sich zu unwürdig geachtet, sein
Gebet vor Gott auszuschütten, sondern als tot und als zu unwürdig geachtet
und in Gottes Erbarmen gefallen, was der durch und mit ihm tun wolle, daß er
selber durch ihn wolle beten und Buße wirken. Er sei zu solcher Erhebung oder
Begehrung zu unwürdig, darauf ihm alsbald die göttliche Sonne eingeschienen
und durch seinen Mund bei drei Stunden anders nicht gesprochen, als nur
solche Worte: Gott, Kot, Gott, Kot, und sich vor Gott als Kot geachtet; in
welchem Aussprechen ist in ihm die göttliche Sonne der Freudenreich und
großen Erkenntnis aufgegangen und ihm sein Herze und Gemüte ganz umgedrehet
und verneuert. 5.
Darauf ist er zu mir neben einem der gleichen Menschen kommen, da ich dann
solchen Motum an ihm gesehen und mich dessen hoch erfreuet, dieweil er durch
mein Büchlein »Von der Buße« ist
dazu gebracht worden. Wie dann an andern mehr in wenig Zeit dergleichen auch
geschehen ist, daß ich also mit großer Verwunderung sehe, wie sich die Tür
der Gnaden so mächtig beweget und, in denen es ernst ist, eröffnet, wie mir
zuvorhin vorlängst ist gezeiget worden. 6.
Welches ich euch, mein geliebter Herr Bruder, mit guter Wahrheit vor Gottes
Augen darum referiere und andeute, dieweil ihr einer unter den Erstlingen
seid, dem dieses Talent ist durch göttliche Schickung zu Händen kommen,
welches ihr auch mit Freuden angenommen und viel Mühe damit gehabt, ob euch
nicht möchte auch nach einem solchen, wie oben gemeldet von diesen zwei
Personen, lüstern und also dahin wirken, von Gott ein solches zu empfangen,
welches mir dann eine große Freude in meinem Geiste sein würde, wiewohl ihm
ein Mensch nicht soll fürnehmen etwas von Gott zu empfangen nach seinem
Willen, sondern sich nur also in Gottes Willen ersenken wie gemeldete Person,
daß Gott mit ihm tue, wisse, wolle und ihn also erleuchte und führe, wie er
wolle. Und wollte euch aber solches in Liebe erinnern, denn ich weiß wohl,
daß sich eure Seele wird neben ihnen und mir damit euch erfreuen. 7.
Mehr füge ich euch, daß euch Gott etliche Pharisäer, welche zuvorhin solche
waren und mich gelästert, bekehret und zum Lichte bracht hat, daß sie diese
Schriften begehren und lesen und nunmehr die neue Geburt und Erneuerung im
Geiste Christi lehren und allen Zank für Kot und untüchtig achten und lehren,
sondern die Menschen auf das Leben Christi weisen, wie denn auch diese
Schriften neulich von hohen Potentaten begehret und nachgeschrieben worden,
daß also zu hoffen ist, der Tag werde nahe anbrechen. 8.
Denn es finden sich auch jetzo ein Teil unserer Gelehrten dazu und belieben
es sehr, mit denen ich viel Konversation habe, melde ich euch zur Nachricht,
dieweil mir wohl bewußt ist, daß bei euch auch der Wolf hinter dem Lamm
stehet und das fressen will. So seid nur getrost und helfet beten und wirken!
Unser Lohn wird uns im Paradeis gegeben werden. Allhie sollen wir nicht Lohn
begehren, denn wir sind Christi Reben an seinem Weinstocke, und sollen ihm
gute Früchte gebären, welche er selber durch uns wirket. 9.
Gott wird uns wohl Bauchfülle geben. Lasset uns nur an wenigem genügen. Er
wird für uns sorgen, ob sichs gleich oft trübselig anlasset, so wird es doch
zum guten Ende kommen. Und ob wir gleich um seiner Erkenntnis willen müssen
Schmach und Elend leiden, auch sollten gar das zeitliche Leben darum lassen,
so muß doch Gottes Kindern alles zum Besten dienen. Denn es währet allhie nur
eine kurze Zeit; darauf folget unsere Einernte dessen, was wir allhie
ausgesäet haben. 10.
Euren Herrn Bruder, den Konrektor, bitte ich wegen meiner mit dem Gruße
unsers Herrn Jesu Christi zu salutieren, sowohl alle, welche mich in Liebe
kennen und die Wahrheit lieben, mit denen ihr bekannt seid und zu tun habet.
Und empfehle euch samt ihnen der sanften Liebe Jesu Christi. Euer
in der Liebe dienstwilliger J. B. 46. Sendbrief
An
M. N. 1623. Der
Brunnquell des Herzens Jesu Christi sei unsere Erquik kung, Erneuerung und
ewiges Leben 1.
In Christo geliebter Herr und Freund! In gliedlicher Pflicht, als ein Ast am
Baume dem andern zu tun schuldig ist, wünsche ich euch in mitwirkender
Begierde den offenen Gnaden Brunnquell, welchen Gott in Christo Jesu in
unserer Menschheit hat offenbaret, daß derselbe in euch reichlich quelle und
die göttliche Sonne ihre Liebe-Strahlen dadurch in die Seele einführe und den
großen magischen Hunger der Seelen nach Christi Fleisch und Blut als den
rechten göttlichen Mund hiemit erwecke und auftue, neben auch leiblicher
Wohlfahrt. 2.
Nachdem ich zu öftermalen von eurem lieben Freunde Herrn Dr. K. vernommen,
wie denn auch also in meiner Gegenwart vermerket, daß ihr im Zuge Gottes des
Vaters zu seinem Leben, welches er in Christo Jesu aus seiner höchsten Liebe
hat offenbaret, einen sonderlichen Durst und sehnliches Verlangen traget, so
habe ich aus gliedlicher Pflicht nicht unterlassen wollen, auf Begehren des
Herrn Doktors und dann auch des Herrn selber, den Herrn mit einer kurzen
Epistel zu suchen und mich etwas in demselben Brunnquell des Lebens Jesu
Christi mit dem Herrn zu erquicken und zu ergötzen, zumal mir eitel Freude
giebet, wenn ich vernehme, daß unser paradeisischer Perlenbaum in meinen
Mitgliedern grünet und Frucht wirket zu unserer ewigen Ergötzlichkeit. 3.
Und will dem Herrn hiemit aus meinen wenigen Gaben und Erkenntnis andeuten,
was ein Christ sei und warum er ein Christ genannt werde, als nämlich daß der
allein ein Christ sei, welcher dieses hohen Titels in ihm selber sei fähig
worden, welcher mit dem inwendigen Grunde, Gemüte und Willen sich habe zu der
geschenkten Gnade in Christo Jesu eingewandt und sei in seiner Seelen Willen
worden als ein junges Kind, das sich alleine nach der Mutter Brüste sehnet,
das einen Durst nach der Mutter hat und der Mutter Brüste sauget, davon es
lebet. 4.
Also auch ist dieser Mensch allein ein Christ, dessen Seele und Gemüte wieder
in die erste Mutter, daraus des Menschen Leben entsprossen ist (als in das
ewige Wort, welches sich mit der rechten Milch des Heils hat in unserer an
Gott blinden Menschheit offenbaret), eingehet und diese Muttermilch in seine
hungerige Seele trinket, davon die neue geistliche Menschheit urständet und
die feurige Seele aus des Vaters Eigenschaft hiemit die Stätte der Liebe
Gottes, in welcher Stätte der Vater seinen Sohn gebieret, erlanget. Darinnen
alleine der Tempel des Hl. Geistes, der in uns wohnet, gefunden und auch
alleine der geistliche Mund der Seelen, welcher Christi Fleisch isset und
sein Blut trinket, hierinnen verstanden wird. 5.
Denn das ist alleine ein Christ, in dem Christus wohnet, lebet und ist, in
dem Christus nach dem inwendigen Grunde der Seelen und des in Adam
verblichenen, himmlischen Wesens ist auferstanden und lebendig geworden, der
da Christi Sieg wider Gottes Zorn auch Hölle, Teufel, Tod und Sünde (als
Christi Menschheit, Leiden, Sterben und Auferstehung) in seinem inwendigen
Grunde hat angezogen, da des Weibes Same als Christus in seiner Überwindung
in ihm auch überwindet und der Schlangen im bösen Fleischeswillen täglich den
Kopf zertritt und die sündlichen Lüste des Fleisches tötet. 6.
Denn in Christo alleine werden wir zur göttlichen Kindschaft und Erben
Christi angenommen, nicht durch einen äußerlichen fremden Schein einer
absonderlichen Gnaden annehmung durch einen fremden Verdienst einer
zugerechneten Gnade von außen, sondern durch eine kindliche, inwohnende,
gliedliche, essentialische Gnade, da der Todesüberwinder, als Christus, mit seinem
Leben, Wesen und Kraft in uns von unserm Tode aufstehet und in uns herrschet
und wirket als eine Rebe an seinem Weinstocke, wie die Schrift der Apostel
durch und durch bezeuget. 7.
Nicht ist das ein Christ, der sich allein des Leidens, Sterbens und Genugtuung
Christi tröstet und ihm dasselbe als ein Gnadengeschenk zurechnet, und aber
ein wildes Tier unwiedergeboren bleibet. Ein solcher Christ ist ein jeder
gottloser Mensch. Denn ein jeder will gerne durch eine Gnadenschenkung selig
werden. Es wollte auch wohl der Teufel also durch eine von außen angenommene
Gnade gerne wieder ein Engel sein. 8.
Aber daß er soll umkehren und werden als ein Kind und aus Gottes Gnadenwasser
der Liebe und Hl. Geist neugeboren werden. Das schmecket ihm nicht, also auch
dem Titel Christen nicht, der zwar den Gnadenmantel Christi über sich nimmet,
aber in die Kindheit und neue Geburt mag er nicht eingehen. So saget aber
Christus, er mag anders das Reich Gottes nicht sehen. 9.
Denn was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch, Joh.3,6, und kann Gottes
Reich nicht erben. Fleischlich gesinnet sein ist eine ewige Feindschaft wider
Gott. Aber geistlich gesinnet sein ist Leben und Friede. Und der höret
alleine Gottes Wort, der aus Gott geboren ist. Denn der Geist der Gnaden in
Christo höret allein Gottes Wort. 10.
Denn niemand hat Gott je gesehen. Allein der Sohn, welcher in des Vaters
unermeßlichem Schoße ist, der verkündiget uns Gottes Wort und Willen in uns
selber, Joh.1,18, daß wir seinen Willen und Wohlwollen in uns hören und verstehen
und demselben gerne nachfolgen, und werden aber mit dem äußern sündlichen
Fleisch oft gehalten, daß die Wirkung derselben göttlichen Kraft nicht
allemal in diese äußerliche Figur gehet, und gehet aber in die innerliche
Figur in der innern geistlichen Welt, davon St. Paulus saget: Unser Wandel
ist im Himmel, Phil.3,20. 11.
Darüber auch alle Heiligen Gottes und sonderlich St. Paulus geklaget haben,
daß sie das ernste Wollen haben und mit dem Gemüte des inwendigen Grundes
Gott dienen, und aber mit dem Fleische dem Gesetze der Sünden, daß das
Fleisch wider den Geist lüstere Röm. 7,25. Welche Lust täglich im Tode
Christi durch den inwendigen Grund ersäufet und getötet wird. Aber nur in
denen, da Christus vom Tode auferstanden ist. Und bleibet alsdann nichts
Verdammliches an denen, die in Christo Jesu sind. Denn der tierische Leib
gehöret der Erden, aber der geistliche Leib gehöret Gott. Wer aber den nicht
hat, der ist lebendig tot und höret noch vernimmt nichts vom Geiste Gottes.
Es ist ihm eine Torheit, nach der Schrift 1.Kor.2,14. 12.
Darum ist das alles nicht genugsam verstanden und erkläret, was einig und
allein von einer von außen angenommenen Gnade und Vergebung der Sünden redet.
Die Vergebung der Sünden und die angenommene Kindschaft in die Gnade besteht
in der Rechtfertigung des Blutes und Todes Christi, da Christi himmlisches
Blut uns tingierte und den Zorn Gottes in unsere Seelen und inwendigem
göttlichen Grunde aus der Ewigkeit Wesen mit der höchsten Liebe der Gottheit
in dem Namen Jesu überwandt und wieder in die göttliche Demut und Gehorsam
transmutierte, da die zerrissene Temperatur unserer menschlichen Eigenschaft
des Gehorsams und Wohlwollens wieder in die Gleichheit oder Einigung der
Eigenschaften einging. 13.
Allda ward des Vaters Grimm, (welcher war in unsern Lebenseigenschaften
aufgewachet und sich zum Regenten in Seele und Leib gemacht, dadurch wir
waren des Himmelreichs erstorben und Kinder des Zorns worden), wieder in die
einige Liebe und Gleichheit Gottes gewandelt; und starb unser menschlicher
Eigenwille im Tode Christi seiner Ichheit und Eigenwollens ab und grünete der
erste menschliche Wille, den Gott aus seinem Geiste in Adam eingab, durch die
Überwindung der Süßigkeit Gottes in Christi himmlischem Blute wieder aus.
Allda ward der Teufel und Hölle, welche den Menschen gefangen hielten, zu
Spotte. Denn das war die dürre Rute Aarons, welche in einer Nacht grünete und
süße Mandeln trug, andeutend, 4.Mose17,8; Hebr.9,4. 14.
Nun, gleichwie die Sünde von einem kam und drang von einem auf alle, also
auch drang die süße Gnade und Überwindung in Christo von einem auf alle,
Röm.5,18. Es ward in der einigen adamischen Seelen der Tod und der Zorn in
Christo zersprenget und eine Möglichkeit zur Gnade, durch die
Todeszersprengung, aufgetan. Durch welche zersprengete Pforte sich der
seelische Wille mag wieder in die erste Mutter, daraus er im Anfange kam, als
in die Kindheit oder neue Geburt eines neuen Lebens und Wollens einwenden.
Allda mag er das süße Blut Jesu Christi, welches in Christo in unserer
Menschheit die Todespforten zersprengete und den Zorn Gottes in unserer
Menschheit in ihm selber in Liebe wandelte, erreichen, darinnen die arme
gefangene Seele aus Gottes Brünnlein trinkete und sich in ihrem Feuerodem
erlabet, daraus das neue Grünen auswächset, da der Seelenhunger und Begierde
im Blute Christi substantialisch und wesentlich wird nach himmlischer Art. 15.
Nun gleichwie die Todeszersprengung in Christi Person in unserer Seelen und
Menschheit geschehen mußte, daß also die Ewigkeit in Christo, damit er war
vom Himmel kommen und auch zugleich im Himmel war (Joh.3,13), die Zeit, als
der Zeit Leben und Willen überwand und die Zeit mit ihrem Willen in den
ewigen Willen der Gottheit wandelte und solches in unserer angenommenen
Menschheit geschehen mußte. Also auch imgleichen muß unserer Seelenbegierde
denselben ewigen Willen in Christo, da die Zeit und Ewigkeit in der
Gleichheit stehet, in sich einnehmen und durch dieselbe Macht sich wieder in
die Kindheit als in die Gnade ersenken, auf daß derselbe innere paradeisische
Grund, welcher in Adam starb, im Willen des Gehorsams Christi durch sein
himmlisches und von uns angenommenes menschliches Blut wieder ausgrüne. 16.
In uns selber muß die Versöhnung durch Christi Einmal-Versöhnung offenbar
werden, wohl durch das einmal Geschehene in Christi Blut und Tode. Aber
dasselbe einmal Geschehene in Christo muß es auch in mir tun. Es muß jetzo
nun durch Christi Blutvergießen auch in mir geschehen. Christus vergießet
auch sein himmlisches Blut in meiner Glaubensbegierde in meiner armen Seelen
und tingieret den Zorn Gottes darinnen, auf daß das erste adamische Bild
Gottes wieder erblicket und sehend, hörend, fühlend, schmeckend und riechend
wird. 17.
Denn dasselbe in Adam gestorbene Bild von der himmlischen Welt-Wesen als das
rechte paradeisische, wohnet als dann nicht in den vier Elementen. Sein Wesen
und Leben stehet nicht in dieser Welt, sondern im Himmel, welcher in Christo
in uns offenbar wird als in einem reinen hl. Element, daraus die vier
Elementen im Anfange der Zeit entsprossen sind. Und derselbe innere, neue,
geistliche Mensch isset Christi Fleisch und trinket sein Blut, denn er lebet
und ist in Christo. Christus ist sein Stamm, und er ist ein Ast am Stamme. 18.
Denn ein jeder Geist isset von dem, daher er seinen Urstand hat: Als die
animalische, sterbliche Seele isset vom Spiritus mundi von Sternen und vier
Elementen, vom Reiche dieser Welt. Aber die wahre, ewige Seele, welche aus
dem ewigen Worte im Menschen als ein göttlich Leben eingeblasen ward, diese
isset aus ihrer Mutter als aus dem heiligen, wesentlichen Worte Gottes. 19.
Weil ihr aber dasselbe nach der Abtrennung von Gott in ihrer ausgewandten
Eigenschaft nicht möglich war, so kam dasselbe Wort des Lebens als seine
wahre Mutter wieder zu der ausgewandten Seelen heraus in dieses Jammertal in
das Gefängnis der Höllen und führete sein himmlisches Wesen in unser
menschliches als ein Corpus der Seelen und umgab unsre arme gefangene Seele
damit und sprengete ihr den toten himmlischen Mund im Zorne Gottes wieder mit
der Liebe Tinktur, auf daß die arme Seele wieder kann himmlisch Manna essen.
Welches Essen in Christi Person mit unserer angenommenen Menschheit in der
Versuchung Christi in der Wüsten wieder in der proba stund, da Adam in
Christo wieder vom Paradeis 40 Tage Manna aß. 20.
Darum sage ich: Ist einer ein Christ, so ist er es nicht durch einen von
zugerechneten Gnadenschein. Die Sünde wird ihm nicht durch das einmal
geschehene Von-außen-Wort-Sprechen vergeben, wie ein Herr in dieser Welt
einem Mörder das Leben durch eine auswendige, zugerechnete Gnade schenket.
Nein, das gilt vor Gott nicht. 21.
Es ist keine Gnade, dadurch wir können zur Kindschaft kommen, als bloß im
Blute und Tode Christi. Den hat ihm Gott alleine zu einem Gnadenthrone in
seiner eigenen Liebe, welche er in dem süßen Namen Jesu aus Jehova in ihn
einführete, vorgestellet. Er ist das einige Opfer, das Gott annimmet, das
seinen Zorn versöhnen kann. 22.
Soll aber nun dasselbe Opfer mir zu gut kommen, so muß es in mir geschehen.
Der Vater muß seinen Sohn in meiner Glaubensbegierde gebären oder eingeben,
daß ihn mein Glaubenshunger fasset. Und so ihn meiner Seelen Glaubenshunger
fasset als in seinem verheißenen Wort, so ziehe ich ihn in seinem ganzen
Prozeß der Rechtfertigung in meinem inwendigen Grund an; und gehet zuhand die
Tötung des Zornes, Teufels, Todes und der Höllen aus Christi Tode in mir an. 23.
Denn ich kann nichts tun, ich bin mir tot. Aber Christus in mir tut es. Wenn
der in mir aufstehet, so bin ich mir nach dem wahren Menschen tot, und er ist
mein Leben. Und was ich dann lebe, das lebe ich ihm und nicht der Meinheit,
denn die Gnade tötet meinen Willen und setzet sich zum Herrn anstatt meiner
Ichheit, auf daß ich sei ein Werk Gottes, der damit tut, was er will. 24.
Und lebe alsdann in zweien Reichen, als mit dem äußern sterblichen Menschen
in der Eitelkeit der Zeit, darinnen das Sündenjoch noch lebet. Das nimmet
Christus im inneren Reiche der göttlichen Welt auf sich und hilft es meiner
Seelen tragen. 25.
Denn das Joch dieser Welt ist Christi Last, die er tragen soll, bis er seinem
Vater das Reich, das er ihm gegeben hat, wird wieder überantworten, indem er
sagete: Mir ist alle Gewalt im Himmel und auf Erden von meinem Vater gegeben.
So ist ihm auch diese Last gegeben, daß er Gottes Zorn, die Hölle, den Tod
und alles Übel in uns trage, wie Jesajas saget: Er nahm auf sich unsere
Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen; wir aber hielten ihn für den,
der von Gott also zerschlagen, gestrafet und gemartert würde. (Matth.28,28;
Jes.53,4) 26.
Daher muß ein Christ ein Kreuzträger sein. Denn sobald Christus in ihm
geboren wird, so gehet der Sturm der Höllen und Zornes Gottes in der ewigen
Natur an. So wird die Hölle im Menschen gestöret und die Schlange getreten,
davon die große Unruhe, Verfolgung und Schmach vom Teufel und der verderbeten
Welt über den äußern sündlichen Menschen gehet. Da muß sich der äußere
sündliche Mensch lassen von Gottes strenger Gerechtigkeit im Zorne von den
Kindern des Zornes urteilen und zur Verdammnis richten, dieweil ein anderer
Mensch in ihm lebet, welcher dem äußeren, sterblichen nicht ähnlich ist. So
führet Gottes Gerechtigkeit im Zorne sein Gerichte über das Sündenhaus,
sowohl alle Diener des Zornes Gottes. 27.
Allda hilfet Christus das Joch tragen, und wird der Mensch in Christi Prozeß,
Verachtung und Spotte in seinem Leiden und Tode der Gerechtigkeit Gottes im
Zorne aufgeopfert, und wird Christi Bilde ähnlich. 28.
Die Hl. Schrift bezeuget an allen Orten, daß wir durch den Glauben an
Christus von der Sünden gerechtfertiget werden, nicht durch die Werke unserer
Verdienste, sondern durch das Blut und Tod Christi. Welches zwar von vielen
also gelehret, aber von wenigen, die es also lehren, recht verstanden wird. 29.
Man lehret uns wohl die zugerechnete Gnade. Aber was der Glaube sei, wie er
geboren werde, was er in Essenz und Wesen sei und wie er das Verdienst
Christi mit der Gnade ergreife, das ist der meiste Teil stumm und blind
daran, und bleibet bei einem historischen Glauben, Jak.2,17, welcher nur eine
Wissenschaft ist, da sich der Mensch der Sünden und des Todes damit kitzelt
und tröstet und sich durch solche Einbildung selber heuchelt und sich einen
Christen nennet, aber doch dieses hohen Titels noch nicht fähig oder würdig
worden ist und nur ein Titel-Christ ist, mit Christi Purpurmantel von außen
bedecket, von denen der Prophet saget: Mit ihren Lippen nahen sie sich zu
mir, aber ihr Herz ist fern von mir, Jes.29,13; Mark.7,6; und Christus saget:
Nicht alle, die da sagen, Herr, Herr, sollen darum auch in das Himmelreich
kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel, Matth.7,21. 30. Nun ist Christus alleine der Wille des Vaters, darinnen die Annehmung der
Gnade und Kindschaft ist. Und niemand kann des Vaters Liebe-Willen tun, als
alleine der einige Gnadenthron Christus selber, wie die Schrift saget:
Niemand kann Gott einen Herrn heißen, ohne den Hl. Geist in ihm. 31.
Denn wir wissen nicht, was wir vor Gott beten, wie sichs geziemet, sondern
er, der Hl. Geist in Christo, vertritt uns selber mit unaussprechlichem
Seufzen vor Gott in uns selber, wie es Gott gefället, Röm.8,26. Wir können
noch vermögen nichts durch unser Wollen oder Wissen zu erreichen. Er ist uns
zu tief verborgen. Denn es liegt nicht an jemandes Wissen, Wollen, Laufen
oder Rennen, sondern an Gottes Erbarmen, Röm. 9,16. 32.
Nun ist doch kein Erbarmen als allein in Christo. Soll ich nun das Erbarmen
erreichen, so muß ich Christus in mir erreichen. Soll meine Sünde in mir
getilget werden, so muß ich Christus in mir erreichen. Soll meine Sünde in
mir getilget werden, so muß es Christus mit seinem Blut und Tod und mit
seiner Überwindung in mir tun. Soll ich glauben, so muß der Geist, die
Begierde und der Wille Christi in meiner Begierde und Willen glauben, denn
ich kann nicht glauben. 33.
Er aber nimmt meinen ihm ergebenen Willen und fasset ihn in seinen Willen ein
und führet ihn durch seine Überwindung in Gott ein. Allda vertritt er meiner
Seelen Willen in seinem Willen vor Gott, und werde als ein Gnadenkind in
seinem Liebe-Willen angenommen. 34.
Denn der Vater hat seine Liebe in Christo offenbaret, und Christus offenbaret
dieselbe Liebe in meinem ihm ergebenen Willen. Christus zeucht meinen Willen
in sich und bekleidet ihn mit seinem Blute und Tode, und tingieret ihn mit
der höchsten Tinktur der göttlichen Kraft. AlIda wird er in ein englisch Bild
transmutieret und krieget ein göttlich Leben. 35.
Jetzt hebet dasselbe Leben an, zu hungern nach seinem Corpus, welches Corpus
ist die verderbte, feurische Seele, daraus der Wille ist in Christo eingegangen.
Also tingieret das neue Leben in Christo nun auch die Seele, daß die Seele in
diesem Willen-Geiste einen rechten göttlichen Hunger krieget und der
göttlichen Gnaden begierig wird; und hebet an, in diesem göttlichen
Willengeist in Christo sich zu besehen, was sie ist, wie sie in ihren
Eigenschaften sei von Gott getrennet gewesen und wie sie in Gottes Zorne
gefangen hege und erkennet ihre Greuel, auch ihre Ungestalt vor Gottes
Engeln. Da hat sie nichts, damit sie sich beschirmen möge. Denn sie siehet,
daß sie im Rachen des Todes und der Höllen stehet, mit den bösen Geistern
umgeben, welche ihre Begierde stets in sie einführen, sie zu verderben. 36.
Alsdann ersinket sie in demselben neugebornen Willen-Geist und vertäufet sich
in die allerlauterste Demut. So ergreifet sie der Geist Christi und führet
sie in diesen neuen Willen-Geist ein, daß ihn die Seele essentialiter
empfindet. Allda dann der göttliche Freudenanblick in der Seelen aufgehet als
ein neues Auge, darinnen die feurige Seele des göttlichen Lichtes Ens und
Wesen in sich empfähet, davon sie nach Gottes Gnaden hungert und dürstet und
in die gewaltige Pönitenz oder Buße eingehet und das Übel, so sie begangen
hat, bereuet. 37.
Und in diesem Hunger und Durst empfähet sie Christi Fleisch und Blut. Denn
der neue Willen-Geist, welcher anfänglich ist in die Gnade eingegangen,
welchen Christus in sich hat eingenommen, der wird jetzo durch der Seelen
magnetisch Impressen oder Hunger und Begehren substantialisch oder
wesentlich. 38.
Und diese Wesenheit heißet Sophin als die wesentliche Weisheit oder der Leib
Christi. Und in diesem stehet der Glaube im Hl. Geiste; allhie glaubet
Christus und die Seele in einem Grunde. 39.
Denn der rechte Glaube ist nicht ein Gedanke oder Zulassung der Geschichte,
daß der Mensch in sich impresset, daß Christus für seine Sünden gestorben
sei, sondern er ist ein Nehmen der verheißenen Gnade Christi. Er nimmet
Christum in sich ein. Er impresset ihn in seinen Hunger mit seinem
himmlischen Fleische und Blute, mit der Gnade, welche Gott in Christo
anbietet. 40.
Christus speiset die Seele mit dem Wesen Sophiae als mit seinem Leibe und
Blute, wie er denn also sagete: Wer nicht isset das Fleisch des
Menschensohnes, der hat kein Leben in ihm; wer aber dasselbe isset, der
bleibet in Christo und Christus in ihm, Joh.6,53. 41.
Und hierinnen bestehen auch Christi Testamenta und der rechte christliche
Glaube. Denn ein unwesentlicher Glaube ist wie ein glimmend Feuer oder Moder
in einer Nässe, das gerne brennen wollte, und hat keinen rechten Ens dazu.
Wenn ihm aber ein rechtes Ens gegeben wird, so mehret sich das kleine
Fünklein Feuer, aus welchem ein schönes Licht entstehet, das um sich
leuchtet. Alsdann wird ihm offenbar, wie in dem Holze ist ein solches Feuer
und schönes Licht verborgen gelegen, welches zuvor nicht erkannt ward. 42.
Also auch in einem Kinde Gottes zu verstehen ist: Weil die arme Seele im
Grimme Gottes eingewickelt ist, so ist sie wie ein glimmendes Döchtlein, das
gerne brennen wollte, und kann aber nicht vor der Eitelkeit der Sünden und
des Zornes Gottes. Wenn aber die Seele als das kleine Fünklein göttlichen
Feuers Christi Liebe-Ens als Christi Fleisch und Blut in sich bekömmet, so
hebet das kleine Fünklein an, ein großes Feuer und Licht zu werden, das um
sich scheinet und leuchtet mit schönen Tugenden und guten Werken, und lebet
in großer Geduld unter der Eitelkeit der Welt, wächset aber hervor wie eine
schöne Blume aus der wilden Erden. 43.
Wie wir dessen ein Gleichnis an der Sonnen und der Erden haben, daß, wenn die
Sonne nicht die Erde beschiene, so wüchse keine Frucht. Wenn aber die Sonne
die Erde anscheinet und sich in der Erden Ens eindringet, so fähet der Erden
Ens der Sonnen Kraft in sich, davon ein großer Hunger in der Erden Ente nach
der Sonnen Kraft entstehet. Und derselbe Hunger impresset der Sonnen Kraft,
und aus dem selben Hunger der Erden Entis, der nach der Sonnen-Ens in die
Höhe gehet, wird ein Kraut aus der Erden gezogen mit einem Halm, darinnen der
Sonnen Ens und Kraft mit im Wachstum in die Höhe gehet und die Sonne mit
ihren Licht strahlen im Ente der Erden im Halme und der Wurzel wesentlich
wird; und siehet man, wie durch Gewalt der Sonnen und des Gestirnes im
Spiritu mundis aus dem Halme ein anderer Körper wird, als die Wurzel in der
Erden ist, wie sich der Halm in einem Kolben zu einer schönen Blüte und
hernach zur Frucht einführet. Auch siehet man, wie die Sonne hernach dieselbe
Frucht von Zeit zu Zeit reifet und ganz lieblich machet. 44.
Als auch mit dem Menschen zu verstehen: Der seelische Grund ist der göttliche
Acker. Wenn der den göttlichen Sonnenschein in sich empfähet, so gehet ein
göttliches Gewächse daraus. Dieses ist die neue Wiedergeburt, davon Christus
saget Joh. 3,7. Dieses Gewächse muß nun von oben von der göttlichen Sonnen
und vom göttlichen Wasser und vom göttlichen Gestirne als der göttlichen
Kraft genähret und aufgezogen werden bis zu einem göttlichen Corpus einer
göttlichen und englischen Figur, wie das Corpus auf dem Halme. 45.
Und wie das Corpus auf dem Halme muß im Regen, Wind und Ungewitter, in Hitze
und Kälte bestehen und sich lassen die Sonne zeitigen, also muß ein Christ in
dieser Welt Dornen wachsen und im aufgewachten Zorne Gottes im Reiche des
Teufels unter vielen gottlosen Menschen stehen und lassen auf sich schlagen
mit Spott und Verachtung, und muß aber seine Hoffnung einig und allein vor
aller Kreatur in die göttliche Sonne einwenden und sich dieselbe lassen
zeitigen und zu einer himmlischen Frucht gebären. 46.
Nicht steinerne Häuser oder Menschen-Satzungen gebären ihn, sondern die
göttliche Sonne in dem göttlichen Gestirne der Kräfte des Wortes Gottes in
dem Tempel Jesu Christi, daß er eine Rebe am Weinstocke Christi ist und gute
Trauben bringet, welche die göttliche Sonne reifet, daß sie Gottes Kinder als
seine lieben Mitglieder essen, davon sie auch in und mit ihm ausgrünen,
welche Trauben sind gute Lehre, Leben und Tun. 47.
Ins Wirken und Fruchtbringen muß es mit einem Menschen kommen, sonst ist die
neue Geburt in ihm noch nicht offenbar und der edle Zweig noch nicht geboren.
Es hilft kein Kitzeln, Trösten, noch sich eines Glaubens Rühmen, so nicht der
Glaube ein gottförmiges Kind und Wesen und Willen wird, der da göttliche
Früchte trage. 48.
Das alles, darum man jetzt streitet und kämpfet, auch Land und Leute
verderbet, ist nur eine leere Hülse ohne Frucht und gehöret der feuernden
Welt zur Scheidung. Es ist kein wahrer Verstand in keiner Partei. Sie
streiten alle nur um den Namen und Willen Gottes, und keine Partei will ihn
tun. Sie meinen nichts als eigene Ehre und Fleischeslust. Wären sie Christen,
so hätten sie keinen Streit. 49.
Ein guter Baum träget jedermann gute Früchte. Und ob er gleich leiden muß,
daß ihm oft der Wind seine Äste und Früchte abschläget, auch die Sonne sie
ausdorret, auch daß sie, wenn sie zeitig worden sind, die Säue fressen oder
vertreten werden, noch arbeitet er stets zu anderer guter Frucht. 50.
Also auch ein wahrer Christ kann in Christo anders nichts wollen, als was nur
Christus in ihm will, ob er gleich leiden muß, daß ihm oft von seinem bösen Fleisch
und Blut sowohl von des Teufels Wind, auch der Welt Bosheit, seine guten
Früchte, welche aus dem inwendigen Menschen ausgrünen und wachsen, zertreten
und verderbet werden, noch bleibet der Baum des neuen Gewächses im Leben
Christi stehen und grünet durch den äußeren, sterblichen Menschen aus ohn
alles Aufhalten, gleichwie die Ewigkeit durch die Zeit grünet und der Zeit
Leben und Kraft giebet. Und wie der Tag durch die Nacht ausgrünet und die
Nacht in Tag verwandelt, und da doch die Nacht in sich selber bleibet, aber
im Tage nicht erkannt wird, also auch grünet der göttliche Tag durch unsere
ewige Nacht in uns aus und wandelt die Nacht als Gottes Zorn, die Hölle, Tod,
Angst und ewiges Verderben in den göttlichen Tag der Freudenreich, obgleich
die finstere Nacht mit der Schlangen Ens und Gift im Fleische und Blute
dawider tobet und streitet. 51.
Darum, beliebter Herr und christlicher Bruder, ist uns mehr zu trachten nach
dem Gewächse des edlen Perlenbaumes und wie wir mögen zu solchem kommen, als
daß wir dem unnützen Geschwätze und Tand nachlaufen, da ein Bruder den andern
um einer Meinung willen, die er ihm selber hat gemacht, verachtet, schmähet,
verketzert und dem Teufel giebet. 52.
Ich sage euch in meiner mir von Gott gegebenen Erkenntnis, daß es lauter Trug
des Teufels ist, welcher uns arme Menschen also in Meinungen Verachten und
Spotten einführet, daß wir uns um die Hülse zanken und unterdessen die Liebe
und den Glauben verlieren und nicht zur neuen Geburt kommen. 53.
Unsere ganze Religion ist nur ein Kinderweg, daß wir von unserem eigenen
Wissen, Wollen, Laufen und Disputieren ganz ausgehen und uns vornehmen, wie
wir wollen auf den Weg treten, der uns wieder in unser verlornes Vaterland
einführet, wie wir mögen wieder zu unserer Mutter kommen, die uns im Anfange
aus sich geboren hat. 54.
So wir nun solches tun wollen, so müssen wir nicht eigenwillig in Pracht und
Verachtung ihre Kinder unserer Mitchristen oder Mitglieder zu ihr kommen.
Denn wir sind der verlorne Sohn, der ein Säuhirte worden ist, und haben unser
väterlich Erbe schändlich mit des Teufels und der Welt Treber-Säuen
verprasset. Wir müssen wieder in uns selber eingehen und uns und unsers
Vaters Haus wohl betrachten. Und müssen den Spiegel des Gesetzes und
Evangeliums vor uns nehmen und sehen, wie weit wir sind von Gottes
Gerechtigkeit und Wahrheit, sowohl von der brüderlichen Liebe, abgeschritten
und unser Herz wohl prüfen, wozu es geneiget ist. 55.
Wenn wir nun dieses tun werden, so werden wir in uns selber viel hundert böse
Tiere finden, welche wir haben an Gottes Statt gesetzet, und dieselbe für
Gott ehren; und werden erst sehen, was greuliche Tiere in Adam durch die
falsche Lust sind offenbar worden und warum Gott zu Adam sagte: Des Weibes
Samen soll der Schlangen als den monstrosischen Tieren den Kopf zertreten. 56.
Als wir erstlich in unserer Begierde sehen den stolzen Luzifer, der von der
göttlichen und brüderlichen Demut ist abgewichen und seines Leibes Glieder
verachtet und sich über sie zu einem Gott und Herr gesetzet hat, in dem keine
göttliche Liebe ist, weder Gott noch seine Brüder zu lieben. 57.
Zum andern werden wir ein Tier in unserer Eigenschaft finden. Das ist gleich
einer geizigen Sauen, welche alles an sich ziehen und alleine fressen und
besitzen will und mehr begehret als es bedarf, damit der stolze Luzifer könne
prangen und sich sehen lassen, daß er ein Gott über Wesen sei, der da
herrschen könne und Macht und Gewalt über seine Mitäste habe. Und wir werden
sehen, wie sich dieser stolze Luzifer habe vom Baume des Lebens und von dem
Wachstum der Liebe abgebrochen, und wollen ein eigener Baum sein, darum er
dann auch an Gott verdorret ist. 58.
Zum dritten werden wir die giftige, neidige in unserer Eigenschaft finden,
die um sich sticht als ein Gift, als den Neid, welcher niemand so viel gönnet
als ihm selber, welcher in anderer Menschen Herzen sticht und reitet und sie
mit Worten verleumdet und allein den stolzen Luzifer in ihm lobet und seine
Falschheit einen Engel Gottes heißet. 59.
Zum vierten werden wir den feurischen Drachen im höllischen Feuer sitzend in
unserer Eigenschaft finden als den Zorn, welcher, so es nicht mag der Geiz
und Neid bekommen, will mit Fäusten dreinschlagen und mit Gewalt nehmen, und
also toll ist, daß er sein Leben vor Bosheit zerberstet und in der feurischen
Bosheit zerbricht und gar ein dürrer Ast am Baume ist, der nur zum Feuer
taugt. 6o.
Zum fünften werden wir viel hundert Tiere in unserer Begierde finden, welche
die Hoffart vor Gott liebet und ehret, und der Geiz zu einem Schatze an sich
zeucht, damit die Hoffart pranget als wärens Götter, und entzeucht also
dadurch seinem Bruder das Leben, daß er es muß im Elende und Trübsal durch
seine Zwänge verzehren. 61.
Wenn sich nun der Mensch in diesem Spiegel seiner Selbheit also beschauet und
wird dieser bösen Tiere gewahr, so mag er sie ihm wohl einbilden und den
schweren Fall Adams hiebei betrachten und denken, daß ihm diese Begierden
alle miteinander aus dem Monstro der Schlangen durch des Teufels Einführen in
unsere ersten Eltern entstanden sind. 62.
Denn alle Eigenschaften der Begierden lagen in Adam in der Gleichheit und
liebete je eine die andere. Aber durch des Teufels Neid, welcher die falsche
Lust in Adam und Eva erweckete, die Ungleichheit zu probieren und zu
schmecken, was Böse und Gut sei, zu empfinden Hitze und Kälte und zu
probieren die Vielheit der Eigenschaften, sind solche falschen Begierden im
Menschen entstanden, daß anjetzo diese Begierden ihresgleichen an sich ziehen
und begehren und eine jede Begierde dieser Eigenschaften ein sonderlicher
Lebenshunger im Menschen ist, welche sich von der Gleichheit hat abgebrochen
und wider die Liebe und Gleichheit seiner Mitäste oder Brüder lästert, ihr
Leben und Nahrung an sich zu ziehen und sich zum Herrn darüber zu machen und
wollen ein Eigenes sein. 63.
Welches wider den göttlichen Willen und Grund und eine Meineidigkeit an Gott
ist, auch wider den Lauf der Natur laufet, wie man das an der Erden, Bäumen
und allem Gewächse siehet, wie alles lieblich beieinander stehet und wächset
und sich in einer Mutter erfreuet und wie ein Ast am Baume dem andern seinen
Saft und Kraft einflößet und je einer dem andern dienet. 64.
Denn also war auch das menschliche Leben, Joh.1 aus dem ewigen Worte dem
Menschenbilde aus dem Limo der Erden in eine liebliche Gleichheit
eingeführet, daß alle Eigenschaften des Lebens in gleichem Gewichte, in der
Temperatur in einer Liebe stünden und sich selber hebeten. 65.
Als aber der Teufel das Gift und falsche Begierden daran schmeißete, so
zertrennten sich die Lebenseigenschaften in viel Begierden, davon Streit,
Krankheit, Zerbrechen und die Grobheit des Leibes entstanden ist, durch die
falsche Begierde und Einführung der viehischen Eigenschaften, dadurch das
Bilde Gottes von der himmlischen Welt Wesen verbliche, davon ihnen Gott sagete:
Welches Tages du vom Gewächse des Erkenntnisses des Bösen und Guten essen
wirst, so wirst du des Todes, das ist: an Gottes Reich sterben, wie denn auch
also geschehen ist. 66.
Und sollen uns gar eben einbilden, daß diese tierische und falsche Begierde im
Menschen der Schlangen Monstrum sei und eine Feindschaft wider Gott und
Himmelreich, und wir darinnen anders nichts sind als Kinder der Höllen und
des Zorns Gottes, und mögen das Reich Gottes darinnen nicht ererben oder
besitzen. Auch sogar ist Gott in keiner solchen Begierde offenbar, sondern
nur sein Zorn und in der finstern und irdischen Welt Eigenschaft; und leben
darinnen nur der Eitelkeit dieser Welt, und stehen damit auf dem Abgrund der
finstern Welt des Zornes Gottes als der Höllen, welche alle Stunden ihren
Rachen nach dieser Eigenschaften aufsperret und diese Eigenschaften für ihre
Furcht und Kinder hält, welche sie soll einernten und ihr auch aus Naturrecht
gebühren. Denn diese Begierden sind alle aus ihr erstanden und stehen mit der
Wurzel im Grunde der Höllen und der Verderbnis, und gar nicht anders. 67.
Darum sagete Christus: Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde, sonst
soll er das Reich Gottes nicht sehen, Joh.3,3. — Alle diese falschen Willen
und Begierden sind zur Verdammnis prädestiniert. Will jemand Gott sehen, der
muß wieder umkehren und werden als ein Kind und durch das Wasser des ewigen
Lebens als durch den himmlischen Ens welchen Gott in Christo offenbaret, im
Hl. Geiste neugeboren werden, daß der erste, rechte, in Adam gestorbene
Mensch von der himmlischen Welt Wesen in Christo wieder ausgrüne und lebendig
werde. 68.
Alle diese Tiere sind verdammet und müssen in uns sterben. Und ob uns ja
derselben Begierde im Fleisch noch etwas anhangend bleibet, so müssen sie
aber in dieser Zeit in der Seelen als im innern Grunde alle getötet werden
und das innere seelische Leben wieder durch die wahre Tinktur im Blute
Christi tingieret werden, daß die Eigenschaften des innern Grundes wieder in
der Gleichheit leben, sonst mögen sie in sich die Gottheit nicht erreichen. 69.
So nun der Mensch dieses erkennet, der kann seiner bösen Tiere Begierde nicht
besser los werden, als daß er sich alsbald zur Stunde aus allen seinen
Kräften in einen solchen strengen Willen und Vorsatz einführe, daß er diesen
Teufelstieren wolle gram werden, weil sie nur des Teufels Knechte sind, und
wolle wieder umwenden in sein verlornes Vaterland in die Kindheit und
Einigung; und sehe sichs nur anders nicht an als der arme verlorene Säuhirte
denn er ists auch selber und gar nichts anders oder besser, und komme
alsobald mit Umwendung seiner Seelen zum Vater in der allerhöchsten Demut
seiner Unwürdigkeit, welcher das geschenkte Erbe des Verdienstes Christi
schändlich vertan habe und gehe in die Buße. 70.
Er gebe nur seinen ersten Willen aus allen seinen Kräften darein, daß er diese
Stunde von nun an wollte Buße tun und diese bösen Tiere nicht mehr
lieben. Aber es muß ernst sein und nicht denken auf einen Tag, Woche oder
Jahr, sondern sein Gemüte soll sie zur Verdammnis des Todes urteilen und sie
nicht mehr wollen lieben, sondern für Feinde halten und sich wollen zur Gnade
Gottes wenden. 71. Wenn dieses geschiehet, sage ich ausdrücklich, so
mag er sich zum ernsten Gebet in der Demut wenden und Gnade von Gott bitten.
Und obgleich sein Herz spricht lauter Nein, und der Teufel spricht: Harre
noch, es ist jetzt nicht gut, und wenn Morgen kommet, so saget er wieder
morgen, und spricht ins Fleisch ein, du mußt das und jenes zuerst haben,
sammle dir zuerst einen Schatz, daß du die Welt nicht benötigst, alsdann
tritt ein in ein solches Leben. So soll das Gemüte doch fest im Vorsatze
bleiben stehen und denken, diese einfallenden Gedanken sind meine bösen
hungerigen Tiere; die will ich töten und im Blute Christi in seiner Liebe
ersäufen. Es soll mir keines mehr lehren, denn ich will ihr nicht mehr. Ich
bin auf dem Wege zu meinem alten Vater, welcher seinen Sohn hat zu mir in
mein Elend geschicket, der da sagete: Kommet alle zu mir, die ihr mit Sünden
beladen und aber derselben mühselig seid, ich will euch erquicken,
Matth.11,28. Mein Vater will den Hl. Geist geben denen, die ihn darum bitten,
Luk.11,13. 72.
Dieses bilde er sich in sein Herz ein und komme mit dem selben verlorenen
Sohne zum Vater. Wenn der sehen wird, daß das seelische Gemüte gegen ihn
gerichtet stehe und sich gerne wollte bekehren, und aber nicht kann, so wird
er ihm alsbald entgegenkommen und die Seele in seine Arme seines Zuges fassen
und sie ins Leiden und Sterben Christi einführen, allda sie durch ernstliche
Pönitenz und Buße wird der greulichen Tiere absterben und aus dem Tode
Christi eines neuen Willens, einer neuen rechten göttlichen Begierde
aufstehen und anheben gar ein anderer Mensch zu werden, und wird desjenigen,
welches er zuvorhin hat bevorzugt und für seinen Schatz gehalten, nichts
achten, und wird ihm sein, als hätte er es und hätte es auch nicht, und wird
sich hernach in all seinem Vermögen nur ein Diener Gottes achten. 73.
Denn sobald er nur mag den hoffärtigen Luzifer mit der Hoffart überwältigen,
so werden die andern bösen Tiere alle miteinander matt und schwach und
verlieren ihr Regiment, ob sie wohl in dieser Zeit im irdischen Fleische noch
leben, so sind sie doch nur wie ein Esel, welcher den Sack tragen muß oder
als ein böser Hund an einer Kette. Ihr Vermögen wird ihnen gebrochen. 74.
Denn wenn Christus aufstehet, so muß Luzifer gefangen liegen. Und ob es ernst
sein würde, so würde ein solches Kleinod hernach folgen, daß diese Feder
allhie nicht schreiben kann und diese alleine wissen, welche bei der himmlischen
Hochzeit gewesen sind, da die edle Sophia
mit der Seelen vermählet wird, davon Christus sagete, daß solche große Freude
im Himmel sei über einen Sünder, der Buße tut, vor neunundneunzig Gerechten,
welche Freude auch im Himmel des Menschen in der Vermählung gehalten wird, —
den unseren verstanden. 75.
Solches, mein geliebter Herr und christlicher Mitbruder, wollte ich euch
christlich und wohlmeinend, erinnern und aus meinem kleinen Schatzkasten in
kindischer Einfalt vorbilden, nicht der Meinung, mich damit sehen zu lassen,
sondern aus treuherziger Begierde in Mitwünschung, daß solches seinem Herzen
empfindlich würde und mich also gliedlicher, abwesender Weise und aber doch
in der Begierde gegenwärtig und in göttlicher Gaben mitwirkend mit dem Herrn also
ein wenig ergötzen möchte, und solches auf Begehren, wie obgemeldet. 76.
Und ob mein guter Wille würde stattfinden und Gott die Türe seiner
Heimlichkeit wollte auftun, so hätte ich noch etwa andere höhere Kleinode in
meinem Schatzkästlein, darinnen Zeit und Ewigkeit mag erkannt und ergriffen
werden, mit welchen dem Herrn zu dienen erbötig. Und
empfehle ihn samt allen den lieben Seinigen der sanften Liebe Jesu Christi. Datum
Görlitz, ut supra. J. B. 47. Sendbrief
An
Herrn Gottfried Freudenhammer, M.D. und Herrn Johann Huser, Münzmeister zu
Glogau — Vom 11. November 1623. Der
Gruß unsers Herrn Jesu Christi mit seiner Eingehung und Offenbarung in der
Menschheit wirke in uns allen mit seiner Liebe! 1.
In Christo geliebte Herren und Brüder, wenn uns Gott durch seine Gnade das
rechte Verständnis eröffnet, daß wir das Ebenbild Gottes, den Menschen, mögen
recht erkennen, was der nach Leib, Seele und Geist sei, so erkennen wir, daß
er die sichtbare und auch die unsichtbare geistliche Welt sei als ein Extrakt
aller drei Prinzipien göttlichen Wesens, mit dem sich der verborgene Gott
durch Aushauchung und Infassung seiner schiedlichen Kraft und ewigen
Wissenschaft hat in ein sichtbar Bilde dargestellet, durch welches er die
Wunder des ausgesprochenen Worts in dem sich das Wort seiner Kraft wesentlich
machet, in demselben Wesen formet und bildet. Und hat also mit dem Menschen
ein Bild seines sprechenden und ausgesprochenen wesentlichen Wortes
dargestellet, in dem die göttliche Scienz mit der Schiedlichkeit des ewigen Sprechens
inne lieget. 2.
Daher ihm auch der Verstand und die Wissenschaft aller Dinge kommt, daß er
mag der Natur Zusammensetzung sowohl auch ihre Auflösung verstehen. Denn kein
Geist forschet tiefer als in seine Mutter, daraus er ist entstanden und in deren
Grunde er in seinem Centro inne stehet, wie wir das an den Kreaturen der
Elementen und Gestirne sehen, daß ihr Verstand und Wissenschaft nicht höher
ist als ihre Mutter, darinnen sie leben. Ein jedes Leben nach Art seiner
Mutter, darinnen es in der Schiedlichkeit des ausgesprochenen Wortes stehet.
Und es vermag keine Kreatur in den vier Elementen, welche nicht aus der
ewigen Scienz urständet, die Wissenschaft der verborgenen geistlichen
Kraft-Welt erreichen als nur einzig und allein der Mensch, welcher mit seiner
Seelen und verständigem Geiste in dem ewigen Hauchen der göttlichen Kraft und
Schiedlichkeit des ewigen Wortes Gottes inne stehet. 3.
Derowegen die menschliche Scienz im Centro ihres Urstandes Böses und Gutes
annimmt und sich in Böses und Gutes fasset und darinnen wesentlich machet,
sich also mit der Scienz in Willen, Begierde und Wesen einführet, daß der
ungründliche Wille aus dem ewigen Worte der Schiedlichkeit sich in dem
kreatürlichen Worte als in der kreatürlichen seelischen Scienz in einem Ens
und Wesen einführet auf Art und Weise, wie sich das Aushauchen Gottes mit der
Schiedlichkeit des ewigen Willens mit der sichtbaren Welt hat in mancherlei
Eigenschaften eingeführet als in Böse und Gut, in Liebe und Feindschaft, daß
in solchem Contrario das Wesen schiedlich, förmlich, empfindlich und findlich
sei, daß ihm ein jedes Ding in solchem Contrario selber findlich wäre. 4.
Denn in Gott sind alle Wesen nur ein Wesen als ein ewig Eines, das ewige
einige Gute, welches ewige Eine ihm ohne Schiedlichkeit nicht offenbar wäre.
Darum hat sich dasselbe aus sich selber ausgehauchet, daß eine Vielheit und
Schiedlichkeit urstände; welche Schiedlichkeit sich in eigenen Willen
eingeführet hat und in Eigenschaften, die Eigenschaften aber in Begierde und
die Begierde in Wesen. Also daß alle Dinge des Sichtbaren, beides: der
Lebhaften und der Stummen aus der Schiedlichkeit und Infaßlichkeit des
aussprechenden Wortes aus der Scienz des Mysterii magni urständen, ein jedes
Ding aus der Experienz des geschiedenen Wortes. 5.
Ein jedes Ding hat seine Separation in sich. Das Centrum jedes Dinges ist
Geist vom Urstande des Wortes. Die Separation in dem Dinge ist eigener Wille
seiner selbst Infassung, da sich ein jeder Geist in Wesen einführet nach
seiner essentialischen Begierde. Die Förmlichkeit der Corporum entstehet aus
der Erfahrung des Willens, da sich eines jeden Dinges Zentrum als ein Stück
vom ausgesprochenen Worte wieder ausspricht und in Schiedlichkeit führet auf
Art und Weise des göttlichen Sprechens. 6. So nun in solchem Aussprechen kein freier Wille wäre, so
hätte das Sprechen ein Gesetze und stünde im Zwange, und möchte keine
Begierde oder Lust entstehen. So wäre das Sprechen endlich und anfänglich
welches nicht ist, sondern es ist ein Hauchen des Ungrundes und eine
Schiedlichkeit der ewigen Stille, eine Austeilung seiner selbst, da die
Teiligkeit wieder in seiner selbst Schiedlichkeit in eigenem Willen stehet;
und ist wieder ein Aussprechen seiner selbst aus welchem Natur und das
kreatürliche Leben seinen Urstand genommen hat und daher in jedem Dinge aus
seiner Experienz in Form und Gestaltnis sowohl in ein Leben und Wirken
eingeführet, wie es in seinem Centro in der allgemeinen Experienz als im
Mysterio magno in der Mutter aller Wesen inne stehet. 7.
Wie wir das an der Erden sehen, welche im Anfange ihrer Materien ist aus der
Schiedlichkeit des göttlichen Hauchens spiritualischer Art entstanden, da
sich die Schiedlichkeit des Wortes mit dem eigenen Willen hat in Ens und
Wesen gefasset und mit der Infaßlichkeit oder Impression in Empfindlichkeit
der Essenz eingeführet. In welcher Empfindlichkeit die magnetische Begierde
ist entstanden, daß sich die Eigenschaften des schiedlichen Willens mit der
Begierde in Corpora haben eingeführet nach und auf Art der drei Prinzipien
göttlicher Offenbarung. 8.
Aus welchem Urstande der Erde so vielerlei Corpora hat, gut und böse: als
Erde, Salz, Steine und Metalle; und liegen solche Corpora in der Erden
vermischet aus Ursachen, daß die drei Principia ineinander stehen als ein
Wesen. Und stehen nur in drei Unterschieden der Centrorum als göttlicher
Offenbarung, da ein jedes Centrum sein eigen Aushauchen, Natur und Wesen aus
sich machet und doch alle aus dem ewigen Einen urständen. 9.
Das I. Centrum ist das Aushauchen des Ungrundes als Gottes Sprechen, die
Infaßlichkeit und göttliche Empfindlichkeit seiner selber, daß sich Gott in
Dreifaltigkeit führet und gebieret und ausspricht in Kraft. 10.
Das II. Centrum oder Aussprechen ist das ausgesprochene Wesen der göttlichen
Kraft, und heißet Gottes Weisheit. Durch dasselbe hauchet sich das ewige Wort
aus in Wissenschaft als in die Unendlichkeit der Vielheit, und führet die
Vielheit der Wissenschaft in Lust, und die Lust in Begierde, und die Begierde
in Natur und Streit bis zum Feuer, darinnen der Streit in der Peinlichkeit in
der Verzehrlichkeit des Feuers seines eigenen Naturrechtes erstirbet; und
doch kein Sterben verstanden wird, sondern also führet sich die Kraft in
Empfindlichkeit und durch die Tötung der eigenen Begierde der Eigenschaften
durch das Sterben der Selbheit durch das Feuer im Lichte aus. Allda im Lichte
ein ander Principium als das wahre Mysterium magnum göttlicher Offenbarung
verstanden wird. Und im Feuer wird das erste Principium als die ewige Natur
verstanden. Und sind zwei in einem wie Feuer und Licht. Das Feuer giebet
Seele, und des Lichtes Kraft giebet Geist. Und wird in dieser Lichtes Kraft
göttlichen Aussprechens durch die Weisheit durch Offenbarung des Feuers,
verstehet: Geist-Feuer, die Mutter der ewigen Geister als Engel und Seelen
der Menschen verstanden, sowohl die geistliche englische Welt als die
verborgene innere Kraftwelt, welche eine Mutter des Himmels, der Sternen und
Elementen ist als der äußern Welt. 11.
Das III. Centrum ist das Verbum Fiat als das natürliche Wort Gottes aus Kraft
des ersten und zweiten Principii als ein Separator Schöpfer und Macher aller
Kreaturen in der innern und äußern Welt, eine jede Welt nach ihrer
Eigenschaft. Derselbe Separator oder Sprecher der Schiedlichkeit göttlicher
Kräfte hat sich aus sich selber aus dem ersten und zweiten Principio als aus
der feurischen und lichtischen sowohl aus der Impression und Infaßlichkeit
der Beschattung als aus der Finsternis ausgesprochen und mit der
Schiedlichkeit des Aussprechens eingefasset und materialisch, dazu webend und
empfindlich gemacht. Daraus ist entstanden das dritte Principium als die
sichtbare Welt mit ihrem Wesen und Leben, auch die ganze Kreation der
sichtbaren Welt, welcher Leben und Wesen ist aus dreien in ein Wesen und
Leben gegangen: aus der ewigen Natur als aus dem Mysterio magno, das ist (1)
aus Finsternis, (2) Feuer und (3) Licht als aus Liebe und Zorn. 12.
Das Feuer heißet Zorn als eine Peinlichkeit und Widerwärtigkeit. Und das
Licht heißet Liebe als eine Gebung seiner selber. Und die Finsternis ist eine
Scheidung der Erkenntnis und Wissenschaft, daß verstanden wird, was Licht und
Leben und was böse und peinlich ist. 13.
Denn es werden zweierlei Feuer verstanden und auch zweierlei Licht: Als nach
der finstern Impression ein kalt Feuer und ein falsches Licht durch die
Imagination der strengen Impression, welches Licht nur in der Imagination
urständet und keinen wahren Grund hat. Das andere Feuer ist ein hitzig Feuer
und hat ein gründlich wahres Licht aus dem Urstande des göttlichen Willens,
der sich mit dem Aushauchen mit in Natur bis ins Licht durch das Feuer
ausführet. 14.
In diesen zweierlei Feuern und zweierlei Licht werden zwei Principia
verstanden, auch zweierlei Willen. Denn das falsche Licht aus der Imagination
urständet aus der Natur eigenem Willen als aus der Impression der
Eigenschaften, da die Eigenschaften einander probieren, daraus eigne Lust
entstehet und eine Imagination, daß ihr die Natur in eigener Begierde den
Ungrund einmodelt und sich begehret in eigener Macht, ohne den Willen Gott in
ein Regiment ihres Selbst-Wollens einzuführen; da dieser eigene Wille dem
ungründlichen Willen Gottes, welcher außer Natur und Kreatur in dem ewigen
Eins in sich selber urständet, nicht will untertänig sein, sich ihm auch
nicht will ergeben und mit ihm nicht will ein Wille sein, sondern machet sich
selber zum eigenen Separator und Schöpfer. Er schöpfet sich in sich selber
eine Scienz und scheidet sich von Gottes Willen, wie am Teufel wohl am
eigenwilligen Menschen zu verstehen ist. Daraus
ihnen die Ausstoßung aus Gottes Separation erfolget ist, daß der Teufel mit
seinem eigenen Willen muß im Separatore der finstern Impression bleiben,
darinnen sich das Wort in Natur und Peinlichkeit zur Empfindlichkeit
einführet, als im Urstande des Feuerqualls, welcher doch das wahre Feuer,
darinnen sich Gottes Wille in das empfindliche Leben und in Natur, einführet
als in ein scheinend Licht, nicht erreichen mag. Denn der Separator der
natürlichen Eigenschaft hat keinen rechten Ens, darinnen sein Licht beständig
sei. Denn er schöpfet mit seiner Begierde nicht aus dem ewigen Einen als aus
Gottes Sanftmut, sondern schöpfet sich selber in Wesen. Sein Licht urständet
nur im eigenen Wesen der Selbheit. 15.
Darum ist ein Unterschied zwischen Gottes Licht und zwischen dem falschen
Lichte, denn Gottes Licht urständet in dem ewigen Einen als im Wesen
göttlicher Gebärung und führet sich mit Gottes Willen in Natur und Wesen ein.
Es wird durch den göttlichen Separatoren in einen Ens ingefasset und geführet
und scheinet in derselben Natur in der Finsternis, Joh.1,5. Denn die
ingefassete Scienz ist nach der Impression eine Finsternis. Aber das
göttliche Licht durchleuchtet sie, daß sie ein feurisch Licht ist, darinnen
Gottes Hauchen oder Sprechen in Natur und Kreatur offenbar und in einem
empfindlichen Leben stehet. Davon St. Johannes Kap.1,4 saget: Das Leben der
Menschen war in ihm. Und Christus Joh.8,12 saget, er sei das Licht der Welt,
das der Welt das Leben gebe. Denn ohne dieses göttliche Licht aus der
Gebärung göttlicher Dreieinigkeit ist kein beständig wahres Licht, sondern
nur ein Licht der Imagination, der natürlichen Impression eigenen Willens. 16.
Darum soll der Mensch als das Bild Gottes die Augen des Verstandes, darinnen
ihm Gottes Licht entgegenstehet und begehret einzuscheinen, aufheben und
nicht als ein Vieh sein, welches nicht mit seinem Separatore im inwendigen
Grunde in der Ewigkeit stehet, sondern nur in der Nachform im ausgesprochenen
Worte, welches nur ein zeitlich Licht in einem anfänglichen und endlichen
Separatore hat, darinnen sich der ewige Separator in ein Spiel einführet und
die göttliche Scienz in Bildnisse gleich einer Nachmodelung des Mysterii
magni der geistlichen Welt einführet, da die ewigen Prinzipien nach Feuer und
Licht in einer Vormodelung mitspielen; und der Mensch aber nur nach dem
äußern begreiflichen Leibe in solcher Vormodelung stehet und mit seinem
geistlichen Leibe das wahre wesentliche Wort göttlicher Eigenschaft ist, in
dem Gott sein Wort spricht und gebieret, daß sich die göttliche Scienz
austeilet, infasset und in ein Ebenbild Gottes gebieret, in welchem Bilde
Gott nach Art der Empfindlichkeit und Kreatur offenbar ist und selber wohnet
und will. So soll der Mensch sein eigen Wollen brechen und sich dem Wollen
Gottes eingeben. 17.
Indem aber der eigene Wille des Menschen solches nicht tun will, so ist er
unverständiger und ihm selber mehr schädlicher als die wilde Erde, welche
doch ihrem Separatori stillehält und den aus sich lässet machen, was er will.
Denn Gott hat alle Dinge in sein Spiel aus seinem Aussprechen durch und in
seinem Separator gemacht und hält ihm auch alles stille. Alleine das falsche
Licht machet, daß sich der Separator der Kreatur in eigenen Willen einführet,
daß sich die Kreatur wider Gottes Willen setzet. 18.
Welches falsche Licht im Menschen von des Teufels Willen sein Fundament hat,
welcher mit Einführung seiner falschen Begierde den Menschen hat monstrosisch
gemacht, daß er sich hat auch eine falsche Imagination angenommen, dadurch er
hat die vom Teufel eingeführte falsche Begierde in ihm wesentlich gemacht
durch seine eigene Begierde, dadurch im menschlichen Leibe, welcher aus dem
Limo der Erden in das göttliche Fiat gefasset ward, ein viehischer Separator
entstanden ist, welcher aller Tiere Eigenschaften offenbaret hat. Davon dem
Menschen so mancherlei Lust, Begierde und Willen ist entstanden. Welcher
falsche Separator sich emporgeschwungen und das Regiment bekommen und alle
Principia an sich gezogen und aus göttlicher Ordnung ein Monstrum gemacht. 19.
Welches monstrosische Bild sich mit seinem Willen und Begierde ganz von
Gottes Willen vom göttlichen Lichte abgewandt, davon der göttliche Ens von
der heiligen Welt Wesen in ihm verblichen und er, der Mensch, also nur ein
Monstrum des Himmels blieb; und ward mit seinem Separator zu einem Tiere
aller Tiere gemacht, welcher nunmehr in sich und mit allen Tieren herrschet.
In dem der Spiritus mundi mit den Sternen und Elementen hat das Regiment
bekommen. 20.
Jetzt läufet nun der Mensch und suchet wieder sein erstes rechtes Vaterland,
denn er stehet in solcher Eigenschaft in eitel Unruhe. Jetzt suchet er in
einem, bald im andern und meinet sich in diesem Monstro in Ruhe einzuführen,
und läufet doch nur in den falschen aufgewachten, viehischen Willen, welcher
nicht Gottes Willen hat mögen erreichen. 21.
Er läufet jetzt nur in dem falschen Lichte seiner Selbheit, welches in seiner
Imagination erboren wird mit einem monstrosischen Separatore, welcher ihm ein
irdisch Gemüte machet, darinnen das Gestirne seine Wirkung hat. Und hat die
ganze sichtbare Welt zum Feinde und stehet als eine Rose im Dornstrauche,
welche von den Dornen immerdar zerkratzet und zerrissen wird; und man von ihm
doch nicht sagen könnte, daß er eine Rose sei, so ihm nicht wäre die
göttliche Gnade zu Hilfe kommen und sich ihm wieder in seinen inwendigen
Grund eingesprochen, darinnen ihm die Liebe zur neuen Wiedergeburt angeboten
wird. 22.
Darum, sage ich, ist dem Menschen hochnötig, sich selbst zu lernen erkennen,
was er sei, ehe er läufet und suchet. Denn sein Suchen ist anders nur ein
Quälen, damit er sich in einem falschen Separatore selber quälet und doch zu
keiner Ruhe kommet. Denn alle diese irdischen Willen, darinnen er sich
gedenket in Ruhe einzuführen, sind ein Widerwille gegen Gott als dem ewigen
Einen. Denn es lieget nicht an jemandes Selber-Wollen, Laufen oder Rennen,
saget Paulus, sondern am Erbarmen als an der Gnade, welche ihm ist
eingesprochen worden. Denn der Mensch ist außer der Gnade an Gott tot und
blind, und mag zu keinem wahren Leben kommen, die Gnade werde denn in ihm
erwecket und offenbar. 23.
So mag auch in diesem irdischen Willen keine Erweckung geschehen, denn sie
können nicht die Gnade erreichen, viel weniger erwecken. So muß sich der
ganze Mensch in Seele und Gemüte in die Gnade nur einsenken und ihm ein
Nicht-Wollen werden, der nichts als nur die Gnade begehret, auf daß die Gnade
in ihm lebendig werde und seinen Willen übertäube und töte. Gleichwie die
Sonne in der Nacht hervorgeht und die Nacht in Tag wandelt, also auch vom Menschen
zu verstehen ist, davon Christus saget: Es sei denn, daß ihr umkehret und
werdet als die Kinder, anders sollet ihr Gottes Reich als den göttlichen
Separator nicht sehen, von dem alle Dinge sind entstanden. Denn keine
Wissenschaft ist recht oder gründlich, sie komme denn aus der wahren
göttlichen Scienz, aus der Scheidung göttlichen Sprechens, davon alle Dinge
ihren Urstand haben. 24.
Soll nun eine solche Wissenschaft wieder in dem Menschen entstehen, so muß
der göttliche Separator in einem Wesen seiner Gleichheit stehen als in einem
göttlichen Ente, da das göttliche Wort darinnen ausspricht und das göttliche
Licht im selben Sprechen scheinet. So mag alsdann die menschliche Scienz,
welche anfänglich vom Sprechen des Worts ist entstanden, im selben Lichte
nicht allein sich selber, sondern auch alle anderen natürlichen Dinge nach
der Schiedlichkeit des Wortes schauen, auch magischer Art in und mit den
Dingen wirken auf göttliche Art und Eigenschaft. 25.
Denn der Mensch ist in allen Werken Gottes blind und hat keine wahre
Erkenntnis, es sei denn das Hauchen oder Sprechen Gottes in seinem inwendigen
Grunde nach Art des Sprechens, daraus alle Wesen urständen, offenbar. Alles
Suchen der Menschen, damit man will eines Dinges Grund finden, ist blind, und
geschiehet nur in einer Schale, damit die Essenz des Baums verdecket ist.
Soll ein wahres Finden sein, so muß die menschliche Scienz in des Dinges
Eigenschaft eingehen und denselben Separator können schauen. 26.
Darum ist das die große Mühseligkeit der Menschen, daß sie alle in Blindheit
laufen und suchen und fahen an der Schale an zu suchen, da doch alle Dingen
von außen signieret sind was sie in ihrem Ente und Wesen sind; und der
Separator aller Dinge sich sichtlich und förmlich hat dargestellet, daß man
also mag den Schöpfer am Geschöpfe erkennen. 27.
Denn es sind alle Wesen nur ein einiges Wesen, welches sich hat aus sich
selber ausgehauchet und unterschiedlich, dazu förmlich gemacht; und gehet nur
aus derselben Infaßlichkeit und Formung je ein Centrum aus dem andern als mit
jeder Infaßlichkeit der Begierde, da sich der geschiedene und zerteilte Wille
in ein Particular einfasse. Allda entstehet ein Centrum und in dem Centro ein
Separator oder Schöpfer seiner selbst als ein Formierer des wieder
aushauchenden Willens, wie wir das an der Erde sehen, daß ein jedes Kraut
einen eigenen Separator in sich hat, der es also machet und in Form scheidet. 28.
So nun der Mensch als das Bild Gottes, in dem das göttliche Sprechen offenbar
ist, will die Natur erforschen, es sei in dem Lebhaften oder in dem Stummen
als in dem Wachsenden oder Metallischen, so muß er vor allen Dingen die Gnade
von Gott wieder erlangen, daß ihm das göttliche Licht in seiner Scienz
leuchtet, dadurch er mag durch das natürliche Licht gehen, so wird ihm in
seinem Verstande alles offenbar werden. Anders läufet er im Suchen als ein
Blinder, welcher von Farben redet und doch deren keine siehet noch weiß, was
Farben sind. 29.
Welches allen Ständen der Welt zu betrachten ist, daß sie alle blind laufen
ohne göttlich Licht, nur in einer siderischen Bildlichkeit, was das Gestirne
in die Vernunft bildet. Denn die Vernunft ist anders nichts als menschliches
Gestirne, welches nur eine Nachmodelung aller Prinzipien ist. Sie stehet nur
in einer Bildlichkeit und nicht in göttlicher Scienz. So aber das göttliche
Licht darinnen offenbar und scheinend wird, so hebet auch das göttliche Wort
aus der ewigen Wissenschaft darinnen an zu sprechen. So ist alsdann die
Vernunft ein wahres Gehäus göttlicher Wissenschaft und Offenbarung und mag
alsdann recht und wohl gebrauchet werden. Aber außer diesem ist sie nicht
mehr als ein Gestirne der sichtbaren Welt. 30.
Darum wird allen Liebhabern der Künste, welcher Separator ein Künstler großer
Subtilität in ihnen ist, angedeutet, daß sie sollen fürs erste Gebot und
seine Liebe und Gnade suchen und sich derselben ganz einverleiben und
einergeben, sonst ist all ihr Suchen nur ein Spiegelfechten und wird nichts
gründliches gefunden, es vertraue denn einer dem andern etwas in die Hand. 31.
Welches doch Gottes Kindern, in denen die Gnade ist, offenbar worden, streng
verboten ist, das Perllein nicht vor die Säue zu werfen bei ewiger Strafe.
Allein das Licht ihnen zu zeigen und ihnen zu weisen, wie sie mögen dazu
kommen, ist ihnen erlaubet. Aber den göttlichen Separatoren in eine tierische
Hand zu geben ist verboten, er kenne denn des Menschen Weg und Willen. 32.
Auf solches Andeuten will ich euch, geliebte Herren und Brüder, durch
Zulassung göttlicher Gnade und Mitwirkung dieser jetzigen Zeit das göttliche
Geheimnis, wie sich Gott hat durch sein Wort sichtbar, empfindlich und
findlich, dazu kreatürlich und förmlich gemacht, ein wenig entwerfen. 33.
Solchem wollet ihr ferner nachsinnen, jedoch daß es geschehe, wie oben
gemeldet worden. Anders werde ich euch stumm sein, daran ich keine Schuld
habe. 34.
Gott ist weder Natur noch Kreatur, was er in sich selber ist, weder dies noch
das, weder hoch noch tief. Er ist der Ungrund und Grund aller Wesen, ein ewig
Eins, da kein Grund noch Stätte ist. Er ist Kreatur in ihrem Vermögen ein
Nichts, und ist doch alles. Die Natur und Kreatur ist sein Etwas, damit er
sich sichtbar, empfindlich und findlich machet, beides nach der Ewigkeit und
Zeit. Alle Dinge sind durch göttliche Imagination entstanden und stehen noch
in solcher Geburt und Regiment. Auch die vier Elementa haben einen solchen
Grund von der Imagination des ewigen Einen. Dessen ich allhier eine Tabelle
setzen will, wie sich eines aus dem andern auswickelt oder aushauchet. 35.
In beigefügter Tabula ist der Grund aller Heimlichkeit göttlicher Offenbarung
entworfen, demselben nachzusinnen. Welch Verständnis nicht der Natur eigen
Vermögen ist ohne Gottes Licht. Aber denen, die im Lichte stehen, wohl
verstanden und sonst kindisch ist, wie solches in meinen Schriften weitläufig
und genug erkläret ist und allhie nur mit kurzem Begriff figürlich
dargestellet ist. 36.
Und empfehle die Herren dem Gruße der Liebe Jesu Christi, welcher durch
seinen Anblick und Gruß selber der Schlüssel zu dieser Tabell zum Verstande
ist. Datum ut supra. Der
Herren dienstwilliger J. B. Tabulla I
Eine Tabula oder Entwerfung. zu betrachten: 1.
Was Gott außer der Natur und Kreatur sei? 2.
Und was das Mysterium magnum sei, dadurch sich Gott offenbaret. Wie
er sich durch sein Aushauchen oder Sprechen in Natur und Kreatur eingeführet
habe, — dem Leser weiter nachzusinnen
2. Anfang des Mysterii magni oder der ewigen Natur ist
die Schiedlichkeit im Sprechen des Wortes, da das Wort durch die Weisheit
schiedlich wird, auch natürlich, sinnlich, empfindlich und findlich, da man
den ewigen Anfang der Prinzipien mit Gottes Liebe und Zorn im Lichte und
Finsternis verstehet, dazu die VII Hauptgestalten der Natur, wie sich das
Aussprechen in sieben Gestalten einführet und durch die sieben ins
Unendliche. Mit dem Wort TINCTUR fähet an die Schiedlichkeit des Worts, da
sich der ewige Wille in Natur einführet.
Himmel
oder trocken-feurisch Wasser als Kräfte des 1. und 2. Principii
miteinander. Quinta
essentia oder Sterne als die subtilen Kräfte aus dem 1. und 2. Principio nach
der Schiedlichkeit des Worts, da die göttliche Scienz
schiedlich und natürlich ist. Vier
Elementa aus dem 1. Principio durch den Himmel und Quintessenz ausgehend
als aus dem geistlichen Sulphure, Mercurio und Sale
aus den sieben Eigenschaften. Nota:
So der Leser dieses alles verstehet, so höret aller Streit und Fragen in ihm auf und
Babel im Spotte. _________________________________ Kurze Erklärung der ersten Tabelle
von dem geoffenbarten Gott wie er sich aus sich selber immer
gebieret und aushauchet und wie man diese Tabelle verstehen soll: 1.
Ist der Ungrund, das Nichts und das Alles. — Allda fähet man an und betrachtet,
was Gott außer Natur und Kreatur in sich selber sei. Und dieselbe Betrachtung
gehet bis zur Weisheit, Nr. 7. Darinnen wird verstanden, wie Gott durch alles
wohnet und wie alles von ihm urständet, und er selber doch dem allen
unbegreiflich und als ein Nichts ist und sich aber durch das alles sichtbar,
dazu empfindlich und findlich macht. 2.
Ist der Wille des Ungrundes. — Und dabei auf der rechten Seite »Vater« und
auf der ander Seiten, »JE«. Dieses deutet an den Willen des Ungrundes,
welcher der Vater aller Wesen ist. Und das »JE« deutet an das ewige Eine als
den Namen Jesus in dem ewigen Einen. 3.
Ist Lust oder Infaßlichkeit des Willens. — Dabei stehet zur Rechten »Sohn«
und gegenüber »HO«, deutet an, wie sich der einige Wille zu seiner Stätte
seiner Besitzlichkeit infasse. Die Stätte ist sein Ausgebären aus sich
selber, da Gott Gott gebieret als eine Lust seiner Selbheit. Das »HO« ist das
Aushauchen des Willens, dadurch die Lust ausgehet. 4.
Ist Scienz oder Bewegnis. — Und zur Rechten stehet »Geist« und gegenüber
»VA«. Scienz ist das Inziehen des Willens zur Stätte Gottes, da der Wille die
ausgegangene Lust zum Sohne oder zum Hauchen infasset, durch welch Aushauchen
der Geist Gottes verstanden wird. Und wird allhier der große Name JEHOVA als
das dreieinige Wesen verstanden, wie der Vater seinen Sohn aus sich gebäre
und wie der Hl. Geist von beiden ausgehe und doch nur ein einiges Wesen sei,
das nichts vor ihm habe. Denn die Scienz wird im Inziehen verstanden als eine
Wurzel der ewigen Wissenschaft oder Bewegnis. 5.
Ist Gott in Dreifaltigkeit. — Deutet an das dreieinige Wesen, wie man könnte
ein Gleichnis geben vom Willen, Gemüt und Sinnen, darinnen der einige
Verstand lieget. Also ist die Dreiheit der einige ewige Verstand und Ursache
aller Wesen. 6.
Stehet Wort in Gott. — Deutet an die Schiedlichkeit im Verstande als das
Sprechen der Empfindlichkeit seiner selber, welch Wort ewig in Gott bleibet
und Gott als die Kraft der Empfindlichkeit das einige Gut ist. 7.
Stehet Weisheit. — Deutet an das ausgesprochene Wort als die Kräfte der
göttlichen Beschaulichkeit, darinnen ihm Gott selber verständlich,
empfindlich und offenbar ist. Und also weit ist Gott der Kreatur unsichtlich
und unbegreiflich, auch unnatürlich und unkreatürlich. Unter
Weisheit stehet: Anfang des Mysterii magni oder der ewigen Natur, als der
Schiedlichkeit, Empfindlichkeit und Findlichkeit der Eigenschaften. Da
verstehet man die göttliche Auswicklung oder Offenbarung, wie sich Gott in
der ewigen Natur in Liebe und Zorn einführe und nicht in sich selber, denn er
ist selber das ewige einige Gut, welches aber ohne Schiedlichkeit nicht
empfindlich oder offenbar wäre. Allhier
ist zu merken, daß die sieben Hauptgestalten der Natur mit I., II., III.,
IV., V., VI., VII. verzeichnet sind zum Unterschied der andern Zahlen. 8.
Stehet zur rechten das ander Principium. 9.
Zur Linken das erste Principium, deutet also das 9. an des Vaters Eigenschaft
durch das Sprechen des Worts im Grimme, und das andere 8 deutet an die
engelische Kraftwelt, und das im Zorne 9 deutet an die finstere Kraftwelt der
Peinlichkeit, darinnen Gott ein zorniger Gott ist. 10.
Stehet TINCTUR oder Sprechen der Dreiheit, deutet an die Temperatur* aller
Kräfte, wie sie allda durchs Sprechen in Schiedlichkeit und Gestalten
ausgehen, als erstlich in sieben Hauptgestalten: 1. in Herbe, II. Scienz oder
bitterer Stachel, III. Angst, IV. Feuer, V. Liebe-Feuer, VI. Schall und VII.
Wesen. Und stehet ferner bei jeder Gestaltnis, was für Eigenschaften aus ihr
selber ausgehen und erboren werden. Denn soll ein Sprechen sein, so muß sich
die Kraft von ehe zusammenfassen, auf daß sie sich möge aushauchen, so giebet
dieselbe Infaßlichkeit in sich eine Herbigkeit oder magnetische Impression,
welches der Anfang des Etwas ist, darinnen das Fiat verstanden wird, das die
Kräfte anzeucht. *) Harmonie und Zusammenfassung I.
Und ist die erste Hauptgestalt der geistlichen Natur und stehet mit Nr. 1
»Begierde«, welche Begierde sich schärfet, daß daraus Herbe, Härte und die
Ursache der Kälte entstehet, und ist ein Grund aller salzischen Eigenschaften
in der geistlichen Welt geistlich und in der äußeren Welt wesentlich. Auch so
ist die Begierde der Impression eine Ursache seiner selbst Beschattung oder
die Finsternis im Abgrund, wie denn diese Gestalten alle zur Nr. 1 zur
Begierde der Infaßlichkeit gehören. II.
Bei der andern Hauptgestalt stehet »Stachel oder Scienz«, deutet an das
Inziehen der Begierde, da die erste Feindschaft oder Widerwille entstehet,
denn hart und rege oder Bewegen ist ein ungleich Ding. In dieser Gestalt
entstehet nun das Bewegen und Fühlen als eine Wurzel der Peinlichkeit,
darinnen man das merkurialische Gift-Leben, beides geistlich und im Wesen
verstehet, und in der Finsternis das Peinen oder die Peinlichkeit des bösen
Lebens, und wäre ihm doch auch das gute Leben ohne diese Wurzel nicht
offenbar. Und sie ist die Wurzel Gottes Zorns nach der ewigen Natur der
Empfindlichkeit. III.
Die dritte Hauptgestalt ist »Angst«. Die entstehet aus der Begierde der
Impression und aus der Feindschaft des Stachels, da der Wille in Qual stehet,
und ist eine Ursache des Fühlens und der fünf Sinne sowohl der Essenz und des
Gemüts und der Sinne, da in der Angst alle Gestalten peinlich werden, so
empfinden sie einander; allda das Wort schiedlich wird und ist eine Wurzel
Sulphuris, beides geistlich und wesentlich, darinnen man in der Finsternis in
dem peinlichen Leben recht das höllische Feuer verstehet, wie in der Tabelle
herunterwärts gezeichnet ist. IV.
Die vierte Hauptgestalt heißet »Feuer«, allda man des Feuers Anzündung aus
der peinlichen sulphurischen Wurzel verstehet. Denn der Wille gehet aus der
Angst wieder in die Freiheit, und die Freiheit gehet in die Angst zu ihrer
Offenbarung. In dieser Coniunction geschiehet der Schrack oder Blitz, da der
Ungrund als das ewige Gute offenbar wird, und ist in den Gestalten der Natur
Urstand und Leben in der Finsternis feindlich. Und in der Freiheit ist es die
Wurzel der Freuden oder der Erweckung der Kräfte, und ist des Feuers
Anzündung, in welcher Anzündung der Ungrund ein scheinend Licht wird als
majestätisch. V.
Die fünfte Hauptgestalt heißet das »Liebe-Feuer«. Da verstehet man, wie sich
das ewige Gute durch die Anzündung des peinlichen Feuers in ein erhebend
brennend Liebe-Feuer einführet, welch Feuer wohl zuvorhin in Gott ist; aber
also wickelt sichs nur aus, daß es empfindlich und beweglich ist, darinnen
die guten Kräfte wirkend werden. VI.
Stehet »Schall oder Schiedlichkeit« als die sechste Hauptgestalt, deutet an
das natürliche lautbare Leben, da sich das ewige göttliche Wort hat durch die
Gestaltnis der Natur ausgewickelt, darinnen alle Kräfte der Weisheit im
Schalle stehen. Und in diesem stehet nun das verständige Leben. Im Lichte ist
es englisch und göttlich, und in der Finsternis ist es teuflisch, wie denn
drunter Nr. 11 »Engel« stehet in der engelischen Welt. VII.
Stehet »Wesen oder wesentliche Weisheit« und ist die siebente Hauptgestalt,
deutet an die wesentliche Weisheit des ausgehauchten Wortes, darinnen alle
anderen Gestalten offenbar werden. Und ist eben das Wesen aller Gestalten als
im Lichte gut und göttlich, und in der Finsternis böse und feindlich. Und
wird vornehmlich das Mysterium magnum darinnen verstanden, auch wird die
engelische Welt darinnen verstanden, sowohl der inwendige geistliche Leib des
Menschen, welcher in Adam verblich als der Seelen Willen aus Gottes Willen
ausging und aber in Christo wieder lebendig wird, welcher ihm dieser
Kraftwelt Wesen zu einer Speise giebet, welche ist das himmlische Fleisch,
Joh.6, und ist die dürre Rute Aaronis, welche in Christi Geiste im Menschen
wieder ausgrünet. Nr.
12. Stehet »Reines Element«. Deutet an die Bewegnis in der engelischen Welt
Wesen und ist das einige, heilige, reine Element, da die vier Elementa in der
Temperatur innen liegen und eine Wurzel der vier Elementen. Nr.
13. Stehet »Paradeis«. Deutet an das ewige Grünen oder das geistliche Wachsen
in der geistlichen Welt, daraus die äußere sichtbare Welt aus Gut und Böse
als aus beiden ewigen Principiis ausgehaucht worden ist. In welcher Qual und
Regiment Adam in seiner Unschuld stund als die vier Elemente in ihm noch alle
in der Temperatur als im hl. reinen Element stunden. Nr.
14. Stehet »Anfang der äußern Welt«. Deutet an, wie Gott durch sein Wort habe
das Mysterium magnum als die ewige Natur aller geistlichen Eigenschaften in
ein sichtbarliches, förmliches Wesen ausgehaucht und durch Fiat als die
geistliche Begierde in Kreaturen geformet. Dabei stehet das dritte
Principium, da man drei Welten ineinander verstehen soll, als I. die finstere
Welt Gottes Zornes, und II. die ewige Lichtwelt göttlicher Liebe-Offenbarung
und III. diese sichtbare, anfängliche, vergängliche Welt. Nr.
15. Stehet »Himmel«. Deutet an das Scheideziel zwischen der innern und äußern
Welt als des sichtbaren und unsichtbaren Wesens, welcher Himmel im Wesen des
geistlichen feurischen Wassers stehet. Nr.
16. Stehet »Quinta Essentia«. Deutet an die geistlichen Kräfte als der
paradeisische Grund in den vier Elementen, sowohl das Gestirne, welches aus
den innern Kräften ausgehaucht ist worden, da die Zeit anfing; und ist das
Gute in den vier Elementen, darinnen das Licht der Natur scheinet als ein
ausgehauchter Glast vom ewigen Lichte. Nr.
17. Stehet »vier Elemente«, das ist Feuer, Luft, Wasser und Erde als die
geschaffene Welt aus der finstern und Lichtwelt welche ist das ausgesprochene
geformte Wort aus der ewigen Natur Kraft und Wesen, darein der Teufel sein
Gift hat geschmeißt, welches von Gott nach des Menschen Fall verfluchet ward. Nr.
18. Stehet »irdische Kreaturen«. Deutet an, daß aus der Quinta essentia und
aus den vier Elementen sind alle Kreaturen dieser sichtbaren Welt geschaffen
worden und ihr Leben einig davon haben. Aber der seelische Mensch hat auch
die innere geistliche Welt nach dem inwendigen Seelenmenschen in sich. Darum
mag Gott Liebe und Zorn in ihm offenbar werden, denn worinnen sich der Wille
fasset und entzündet, dessen Wesen wird in ihm offenbar, wie an Luzifer zu
sehen. —
Dieses ist also eine kurze Andeutung der Tabelle und aller meiner Schriften,
meinen lieben Herren zu Willen in guter Meinung gestellet und den Anhebenden
zu einem Abc, recht treulich. Anno 1623. Tabulla II
48.
Sendbrief
An Herrn Christian Bernhard. 1.
Mein gar lieber christlicher Bruder und Freund, neben herzlicher Wünschung
göttlicher Liebe und mehrerer Erleuchtung, auch wahrer Beständigkeit und
Geduld unterm Kreuz Jesu Christi geduldig zu stehen. 2.
Gott hat euch alsbald zu anfangs eurer Erkenntnis mit dem Malzeichen Christi
besiegelt zu mehrer Befestigung, daß er euch hat zu einem Ritter gekrönet,
daß ihr sollet als ein wahrer Bekenner in seinem Dienste wirken. Und vermahne
euch christlich, wollet in Geduld mit Beten zu Gott flehen und fleißig sein
in eurem schon empfangenen Talent. Ihr werdet noch große Wunder sehen und
wird euch euer Talent je länger je lieber werden. 3.Denn
also lehret uns auch Christus, daß wir sollten um seines Namens willen alles
verlassen und ihm alleine anhangen. Denn er fordert eine lauterliche zum
Grunde gelassene Seele, in der will er wohnen. 4.
Ihr dürfet nicht erschrecken, Gott weiß wohl, wozu er euer bedarf. Ergebet
euch nur ihm in Geduld und strebet wider die Vernunft, welche dawiderspricht,
so werdet ihr der Welt absterben und Christo leben. Alsdann werdet ihr eure
Ritterschaft um seiner Liebe willen recht üben und die edle Krone des ewigen
Lebens davonbringen, da wir uns ewig werden miteinander erfreuen. Gott hat
sich einen Rosengarten in euer junges Herz gepflanzet. Sehet wohl zu, daß
euch nicht etwa der Teufel Dornen darein säe. Es wird bald eine andere Zeit
kommen, daß euer Röselein wird Früchte tragen. 5.
Reißet euch nicht um Dienste, sondern stehet dem Höchsten stille, wozu euch
derselbe haben will, und lasset den Rauch des Teufels immer hinfahren. Dieser
Lästerung in Christi Malzeichen erfreuet euch. 6.
O böse Art, wenn du wüßtest, wie nahe dein Verbrechen sei, du tätest im Sack
und Aschen Buße! Aber es muß also sein, auf daß der Zorn auffresse, was ihm
gewachsen ist. Lasset nur den Feind sein Maß voll machen. Unsere Seelen
werden nur dadurch geheiligt und gereinigt wie das Gold im Feuer. Und
empfehle euch der sanften Liebe Jesu Christi! J. B. 49. Sendbrief
An
Herrn Christian Bernhard — Vom 27. Dezember 1623. Unser
Heil im Leben: Jesus Christus in uns! 1.
Vielgeliebter Herr Christian, neben Wünschung göttlicher Liebe-Wirkung, wie
es euch gehe und was euer Vorhaben sei, möchte ich gerne wissen; ob euch auch
jetzo das pharisäische Gift anficht, welches dem Feuer nahe ist, da sie soll
transmutiert werden, darunter wir in göttlicher Geduld waren, möchte ich wohl
wissen. Denn ich habe vernommen, daß dasselbe Gift-Feuer in Babel bei euch
gegen euch und mich sehr brennen soll. 2.
Aber ich habe auch dagegen das große Liebe-Feuer in etlichen angezündet
gesehen, also daß ich gewiß erkenne, daß die Zeit göttlicher Heimsuchung nahe
und schon vorhanden sei. Wollet euch neben mir und andern Kindern Christi nur
in Geduld fassen, bis daß der Zorn Gottes das böse Tier samt der Huren
stürze. 3.
Uns gebühret als Kindern Christi mit Christo zu leiden und im Leiden seinem
Bilde ähnlich zu werden. Lasset euch das nur nicht fremd sein, so euch die
Welt hasset und gram werden möchte. Es muß also sein. Der Welt Feindschaft
ist unsere Erhöhung in Christo, denn wir sind in der Welt fremde Gäste und
wandern auf der Pilgrimstraße wieder in unser Vaterland. Und
empfehle euch der Liebe Jesu Christi. Datum ut supra. Euer
in der Liebe Jesu Christi wohlbekannter
J. B. 50. Sendbrief
An
Herrn Martin Moser zu Goldberg — März 1624. Unser
Heil und Friede im Leben Jesu Christi! 1.
Mein gar lieber Herr Martin Moser, nebst herzlicher Wünschung der stets
währenden, wirkenden Liebe unsers Herrn Jesu Christi in Seele, Geist und
Leib! — Eure beiden Schreiben habe ich wohl empfangen und euer christliches
Herze in brüderlicher Liebe gegen mich und die rechte Wahrheit vermerket, und
wünsche, daß euch Gott in solchem Vorhaben kräftige und erhalte, daß ihr
möget im Lebensbaume Jesu Christi wachsen und viel gute Früchte tragen. Ihr
könnet auch wohl vernünftig bei euch erkennen, daß mich die Hand des Herrn
mit seinem Willen bisher habe geführet und zu solcher Erkenntnis gebracht,
damit ich vielen Menschen gutwillig wiederum gedienet habe. Dieweil ich meine
Wissenschaft nicht vom Lernen in Schulen und Büchern habe empfangen, sondern
von dem großen Buche aller Wesen, welches des Herrn Hand hat in mir
aufgeschlossen. Weil denn in dem selben Buche ein Kreuz der rechte Verstand
ist, so zeichnet Gott seine Kinder, welchen er dieses Buch zu lesen giebet
mit demselben Kreuz, an welchem Kreuze ist der menschliche Tod erwürget und
das ewige Leben herwieder gebracht worden. 2.
Und füge euch brüderlich zu wissen, daß mir auch das selbe Malzeichen sei an
meine Stirn gedrückt worden, neben einem Triumphfähnlein, daran die
Auferstehung Jesu Christi eingepräget ist, welches Malzeichen mir lieber ist
als aller Welt Ehre und Gut, daß mich unwürdigen Menschen Gott so hoch
geachtet und mit dem Siegeszeichen seines lieben Sohnes Jesu Christi
gezeichnet hat. Vor welchem Siegeszeichen der Teufel erschrocken ist, daß er
vor Zorn möchte zerbersten und deswegen große Sturmwinde aus seinem Meer des
Todes über mich erwecket und seine grausamen Wasserstrahlen auf mich
geschossen, in willens, mich zu ersäufen. 3.
Aber seine Strahlen sind bisher noch alle ledig abgegan gen denn das Kreuz
mit dem Siegesfähnlein Jesu Christi hat mich beschirmet und die Giftstrahlen
zur Erden geschla gen. Dadurch ist vielen hundert Menschen des Satans phari
säisches Mordgift offenbar worden, welches sich seit der Zeit haben auch zum
Malzeichen Christi gewandt, daß ich also mit Freuden sehe, daß denen, welche
Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen. 4.
Das Geschrei, welches zu euch kommen ist, ist nichts als nur eine pharisäische
Schmähung mit einem ehrenrührischen, lügenhaften Pasquille*, in lateinischer
Sprache gewesen auf einem Bogen Papier, darinnen der Satan hat das
pharisäische Herze entblößet, welches durch Gottes Zulassung also ist
geschehen, daß die Leute sollen das Gift dieses pharisäischen Herzens lernen
kennen und fliehen. *) eine Schmähschrift von Gregor
Richter gegen J. Böhme 5.
Und halte es fast dafür, daß denselben Pasquilli habe der allergröbste Teufel
diktieret, denn er hat seine Krallen ja gar zu bloß darinnen entdecket, daß
man klar siehet, daß er ein Lügner und Mörder ist; und wird vielen Menschen
zur Warnung sein, daß sie werden besser Achtung auf ihre Seele haben. Wie
denn dieser Pasquill bei uns fast von allen Gelehrten dem Satan zugeschrieben
wird. 6.
Die Ursache solches Zornes ist das ausgegangene gedruckte Büchlein »Von der Buß« und »Von wahrer Gelassenheit« gewesen, welches Büchlein viel Nutzen
geschaffet hat. Das hat den pharisäischen Geist verdrossen, daß ein solcher
Grund solle offenbar werden und vermeinet, man würde auch solche Lehre und
Leben von ihm fordern, welches ihm nicht schmecket, weil man in Wollust des
Fleisches sitzet und dem Abgott Bacho dienet in fleischlicher Lust. 7.
Aber wisset dieses zur Nachricht, daß seine Schmähung und Lügen nur mein
Büchlein hat publizieret und offenbart, daß es jetzo fast jedermann, Adel und
Gelehrte, auch einfältige Leute begehren zu lesen und sehr lieb haben;
welches Büchlein in kurzer Zeit ist fast durch ganz Europa erschollen und
kommen und sehr geliebet wird; auch am kurfürstlichen Hofe Sachsen, dahin ich
denn auf ein Gespräche bin zu hohen Leuten gebeten worden, welches ich ihnen
bewilliget im Ausgange der Leipziger Messe zu vollziehen. Wer weiß, was allda
möchte geschehen, ob nicht dem unverschämten Lästerer möchte das Maul
zugestopfet und die Wahrheit gepflanzet werden. 8.
Vermahne euch deswegen, mit Geduld und Beten in christlicher Liebe und Freude
und Zukunft und Offenbarung unsers Herrn Jesu Christi zu warten auf seine
Erscheinung, welche bald anbrechen und dem Teufel seine Werke zunichte wird
machen. Mir grauet nichts vorm Teufel. Will mich Gott zu seinem Werkzeuge
länger haben, er wird mich wohl beschützen, denn die Wahrheit selbst bedarf
keines Schutzes. Ihr Schutz ist dieses, was Christus saget: Wenn euch die
Leute um meinetwillen verfolgen und alles Üble von euch reden, so sie daran
lügen, so freuet euch. Euer Lohn ist groß im Himmel, Matth.5,11. Item: Wer
fromm ist, der sei immerhin fromm, und wer böse ist, der sei immerhin böse,
Offb.22,11. Ein jeder wird ernten, was er säet. 9.
Was soll mir zeitliche Ehre, so mein Wandel im Himmel ist und ich nach dem
Leibe und Seele dahin laufe, da mein Geist in Christo vorhin wohnet? Leide
ich doch nur im Leibe Verfolgung und nicht in der Seelen, was fürchte ich der
Hülse, welche den Geist verstecket? So die Hülse weg ist, so stehe ich ganz
im Himmel mit bloßem Angesichte. Wer will mir das nehmen? — Niemand; was
fürchte ich dann der Welt in einer himmlischen Sache? Ist sie aber böse,
warum leide ich dann darum Schmach und stehe in Kummer und Fürchten, und gehe
nicht davon aus? Ist sie aber gut, was sage ich dann? So ich weiß, wem ich
diene als nämlich Jesu Christo, welcher mich seinem Bilde ähnlich machet. Ist
er gestorben und auferstanden, warum wollte ich dann nicht auch mit ihm
leiden, sterben und ihm auferstehen? — Ja, sein Kreuz ist mein täglich
Sterben, und seine Himmelfahrt geschiehet täglich in mir. Ich warte aber der
Siegeskrone, welche mir Jesus Christ hat beigeleget, und stehe noch im Ringen
als ein Ritter. Und vermahne euch als meine Mitringer, daß ihr auch im
Glauben kämpfet und in Geduld wartet auf die Offenbarung unsers Herrn Jesu
Christi, und ja feste stehet, denn dieser rauchende Löschbrand, welcher jetzt
rauchet, wird nahe im Feuer verzehret werden. Alsdann werden sich die
Überbliebenen freuen, so wird dann offenbar werden, was ich euch habe sollen
schreiben, welches jetzo verlästert wird, und doch nur von den Unwissenden.
Aber die Weisen merkens und haben acht drauf, denn sie merken die Zeit und
sehen die Finsternis und auch die Morgenröte des Tages. 10.
Mein geliebter Herr Martin, euer Wohlgehen samt eures Vaters und aller der
Eurigen ist mir lieb und erfreue mich dessen. Die Schachtel voll Konfekt habe
ich wohl empfangen und tue mich dessen bedanken. Wollte auch gemeldeten Herrn
Apotheker zur Wilde in der Littau gerne wieder schreiben, so ich nur wüßte,
daß ihr Gelegenheit zu ihm hättet, bitte mich es wissen zu lassen. Was mein
Vaterland wegwirft, das werden fremde Völker mit Freuden aufheben. 11.
Und übersende euch und eurem Herrn Vaterjedem ein Exemplar meines Büchleins
etwa für gute Freunde, weil ihr dasselbe, wie ich vernommen habe, schon
zuvorhin für euch habet bekommen. Der andern geschriebenen Sachen habe ich
anjetzo fast nichts beihanden. Ich wollte euch gerne etwas davon schicken,
hoffe aber in kurzem, selber dieser Gegend anzulangen, so wollte ich etwas
mitbringen, so Gott will. Und
empfehle euch der sanften Liebe Jesu Christi. Datum
ut supra. J. B. 51. Sendbrief
An
Herrn Christian Bernhard — Vom 4. April 1624. Unser
Heil im Leben: Jesus Christus in uns 1.
Mein gar lieber Herr Christian, neben Wünschung der wirkenden Liebe unsers
Herrn Jesu Christi in Seele und Leib! Eure beiden Brieflein samt eurem Paket
der beiden Bücher habe ich wohl empfangen. Ich bin aber erst vor wenigen
Tagen, nachdem ich acht Tage vor Fastnacht verreiset, anheimkommen, und bin
sechs Wochen nicht zu Hause gewesen. Ich wollte euch sonst haben lange
geantwortet. Habe auch alsobalde, wie ich bin zu Hause kommen, ein Brieflein
zu Zittau wegen eurer Bücher geschicket und dem Herrn, welcher zuvor fünf
Reichsthaler darauf geboten, Meldung getan, daß sie bei mir wären. Er ist
aber nicht zu Hause gewesen, sondern nach Dresden gereiset, und habe noch
keine Antwort von ihm, bis er zu Hause kommt. Kann ich sie aber etwa sonst
loswerden. so will ichs gerne tun. 2.
Und füge euch zu wissen, daß der Teufel in unserm obersten Priester wegen des
gedruckten Büchleins ganz erzürnet ist und gleich wie rasend und toll worden
mit Fluchen, Schmähen, Lügen und Morden, daß ich kräftig sehe, daß dieses
Büchlein dem Teufel ganz zuwider ist und mich darum gerne wollte ermorden,
und muß jetzo wegen seiner grausamen Verfolgung unter dem Kreuz Christi
stehen und sein Malzeichen tragen, denn der Teufel geußet jetzo sein letztes
Gift aus. Es ist sich vorzusehen. 3.
Wie es eurem Vater und Brüdern gehe, sonderlich dem Herrn Konrektor, welchen
ihr wollet meinetwegen salutieren, möchte ich gerne wissen, und was man bei
euch von dem gedruckten Büchlein richtet, ob es auch gelästert wird? Bei uns
erfreuen sich viel hungerige Herzen darüber. Aber dem obersten bösen Manne
schmecket es nicht, weil es Buße und Beten lehret. Und
empfehle euch der Liebe unsers Herrn Jesu Christi. Geben
zu Görlitz, ut supra. Euer
in der Liebe Christi allezeit treuer Freund J.
B. 52. Sendbrief
An Herrn Carl von Ender — Etwa Anfang April 1624. 1.
Ich füge dem Junker, daß gestern der pharisäische Teufel ganz los worden sei
und mich samt meinem Büchlein (Der Weg zu Christo) zum ärsten verdammet und das
Büchlein zum Feuer geurteilet, auch mich mit schweren Lastern bezichtiget als
einen Verächter der Kirchen und Sakramenten, auch gesaget, ich saufe mich
alle Tage in Branntwein, sowohl Bier und andern Wein, voll und sei ein
Halunke, welches alles nicht wahr ist und er selber ein trunkener Mann ist. 2.
Weil er denn also sehr tobet, so ist Ehrbarer Rat (Stadtrat zu Görlitz) bewogen worden und haben die Herren
entschlossen, wie ich bin von einem guten Freund berichtet worden, mich
morgen vor einen E. Rat zu fordern, von solchem Rechenschaft zu geben. Da bin
ich gesonnen, die Wahrheit aus dem Grunde zu sagen* und keine Kreatur
anzusehen, und sollte es mein Leben kosten. Jedoch christlicher Art, ohne
andern Eifer. Des Junkers Rat wollte ich hierüber gerne vernehmen. Denn es
ist die Stunde der Reformation kommen. Gott schicke es zu seinen Ehren. J. B. *) Vgl. 55. Sendbrief, ferner
Gerhard Wehr: Jacob Böhme in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Rowohlt
Verlag Reinbek 1971; 1991,S. 36ff. 53. Sendbrief
An
Herrn Johann Sigmund von Schweinichen — Vom 6. April 1624. Unser
Heil im Leben: Jesus Christus in uns! 1.
Mein gar lieber und werter Herr Johann Sigmund, nebst herzlicher Wünschung
stets währender Liebe-Wirkung unsers Herrn Jesu Christi in Seele und Geist,
daß euch in eurem von Gott gegebenen himmlischen Talent die Sonne göttlicher
Liebe ewig scheine, daß ich mich ewig mit euch erfreuen möchte. 2.
Anjetzo füge ich euch zu wissen, daß der Satan so sehr über uns erzürnet ist,
als hätten wir ihm die ganze Hölle zerstöret und da es doch nur in etlichen
wenigen Menschen angefangen ist, ihm sein Raubschloß zu stürmen. 3.
Weil wir ihm aber nicht die Herberge wollen weiter in uns selbst gönnen, so
ist er so rasend auf uns worden, daß er uns gedenket von dieser Welt zu
vertilgen, damit ihm nicht mehr solcher Kräutlein oder Lilien in seinem
vermeineten Garten, welchen er mit der Sünde in Adam gepflanzt hat, wachsen,
welches wir unserm Herrn Gott heimstellen wollen, wozu er uns als seine
neugepflanzten Röselein brauchen will und mit Geduld auf Hoffnung unter dem
Kreuze unsers Herrn Jesu Christi stille stehen und hören, was der Herr sagen
wird, was er mit seinem Werkzeuge tun will. 4.
Als ich von euch zu Hause kam, so fand ich des Satans zubereitetes Bette,
darein er mich hatte wollen legen, wenn es nicht Gott durch etliche fromme
Herzen, welchen unser Weg mehr bekannt ist, verhindert hätte. 5.
Denn der oberste Pharisäer als der Primarius (Oberpfarrer Gregor
Richter) hat also heftig wider das gedruckte Büchlein gewütet,
als hätte es ihm seinen Sohn ermordet und all sein Gut verbrannt und also
einen Haufen Lügen wider mich ausgeschüttet neben leicht fertiger
Ehrenrührung, wie in beigefügtem seinem öffentlichen Pasquill zu sehen ist. 6.
Solche schändlichen Lügen und Schmähung hat er nicht allein auf der Kanzel
getrieben, sondern auch nach Liegnitz zum Pastor, Frisius genannt,
geschrieben und begehret, er wolle solches nicht alleine auch auf der Kanzel
so rühren wie er denn auch getan hat. Sondern auch drucken lassen und ihn
vermahnet bei einem Ehrbaren Rat zu Görlitz über mich zu klagen und im Namen
vorbringen, als wäre solche Klage von allen Priestern im Weichbild Liegnitz
über meine Schriften, sonderlich über das gedruckte Büchlein. 7.
Solches hat Frisius getan und mich bei einem E. Rat zu Görlitz auf unsers
Primarii Begehren also mit einem lügenhaften Schreiben angegeben. 8.
Überdies ist unser Primarius zu den vornehmsten Herren unserer Stadt zum
öftern gelaufen und also heftig mit Lügen über mich gewütet und mich angeklaget
und begehret, daß, sobald ich würde zu Hause kommen, so sollte man mich ins
Gefängnis stecken und von der Stadt verjagen; auch ein solches Lügen- und
Klag-Schreiben bei dem Rat eingeleget und mir die Hölle wohl geheizet und das
Bad zugerichtet. 9.
Nachdem aber schon fast die meisten Herren des Rates mein gedrucktes Büchlein
gelesen hatten und in demselben nichts Unchristliches befunden, auch von
etlichen sehr beliebet worden ist, neben auch vielen von der Bürgerschaft, so
haben etliche solches Vorhaben und Begehren des Primarii für unbillig
geachtet. Es sei keine rechtmäßige Ursache zu solcher Verfolgung an mir, und
sie haben dawider geredet und gesaget, sei doch diese Religion nichts neues.
Es sei eben der Grund der alten hl. Väter, da man mehr dergleichen Büchlein
würde finden. 10.
Etliche aber, sonderlich welche der Primarius eingenommen, haben gut
geachtet, mich vor einen E. Rat zu fordern und zu bedrohen, ich sollte
zusehen, daß nicht etwa der Kaiser oder Kurfürst durch die Priester
angestochen würden und nach mir greifen ließen, als es denn auch ist also
geschehen. Als ich vor den Rat kam, mir also gesaget, sie rieten mir, mich
etwas beiseite zu machen, daß sie mit mir nicht etwa Unruhe hätten. 11.
Über dieses hatte ich meine Antwort schriftlich verfasset und wollte sie
übergeben. Aber der Primarius hat das verwehret. Man sollte keine
schriftliche Antwort von mir nehmen, denn er fürchtete, er würde müssen um
seine Lügen antworten. 12.
Also ward sie vom Rat nicht angenommen, sondern ward nur gewarnet, mich
beiseite zu machen oder, weil mich andere Leute gerne bei sich hätten, mich
zu ihnen zu begeben, daß sie doch Frieden hätten; aber kein Gebot ward mir
gegeben. 13.
Auf dieses gab ich ihnen zur Antwort, weil man meine Antwort nicht hören
wollte, daß ich meine Unschuld möchte klagen und könnte auch keinen Schutz
wegen des Primarii Auflagen und unbillige Schmähungen genommen werden, so
müßte ichs Gott befehlen und sehen, wo mich Gott würde irgend zu frommen
Leuten führen und mir endlich ein Stellchen bescheren, daß ich dem Primarii
einmal aus den Augen käme. 14.
Welches ihnen lieb war, aber doch kein Gebot taten, als sollte und müßte ich
weg, sondern mich nur warneten. 15.
Damit ging ich vom Rat anheim, da dann vor der Ratestüre in der äußern Stuben
etliche spitzige Spötter des Primarii Anhang, vielleicht auch wohl von ihm
gesandt, stunden und mein spotteten, und einer unter ihnen, ein loser Bube,
mich von dem Scheitel bis auf die Fußsohlen anatomierte, von meinen Kleidern
und Gaben, und den Geist Gottes also heftig angriff und spottete, endlich
auch sagete: Der
Hl. Geist würde endlich so gemein werden wie die Pelzflecke bei den
Kürschnern. 16.
Also nahm dieses ein Ende, und hat der Primarius über dieses diesen Pasquill
drucken lassen, und muß ich jetzt recht unterm Kreuze Christi stehen. Gott
schaffe es nach seinem Rat! 17.
Bitte, der Junker wolle mir hierinnen sein Gutachten, was ihm Gott zu
erkennen gibt, auch andeuten. Ich leide es wohl alles mit Geduld. Aber meine
Kinder werden dadurch schändlich geehrenrühret, welches doch also sein muß,
daß das Maß voll wird und die Strafe komme. 18.
Bitte, Herrn Dr. Koschwitz und dann auch Herrn Abraham von Franckenberg samt
eurer Frau Mutter und allen lieben Kindern Jesu Christi, so bei euch sind, zu
grüßen. In Eil! Der Bote wartet aufs Schreiben, wollte sonst mehr geschrieben
haben. 19.
Und empfehle euch sämtlich der Liebe Christi. Will euch in kurzem
wiedersehen. Es grüßen euch alle unsere Bekannten. Datum
ut supra. Euer
in der Liebe Jesu Christi dienstwilliger J.
B. P.S. Inliegend
Schreiben ist eines für Friedrich Renisch, mag aufgebrochen werden, das
andere Herrn Paul Geppert zu senden. 54. Sendbrief
Schriftliche
Verantwortung an den Ehrbaren Rat zu Görlitz, wider
des Primarii Lästerung, Lügen und Verfolgung über das gedruckte Büchlein von
der Buße. Geschrieben
Anno 1624, den 3. April. 1.
Edle, ehrenfeste, achtbare, hochgelehrte, großgünstige, wohlweise Herren! Ich
erscheine vor meinen Herren, aberjetzo als ein Christ, und bin bereit, von
meinem Gaben und Erkenntnis, welche ich einig und allein von göttlicher Gnade
als ein Geschenke habe empfangen, Rechenschaft zu geben. 2. Von meiner Person weiß ich anders nichts zu sagen, als daß ich ein Laie und
einfältiger Mann bin, und habe mich als ein Christ mit der Liebe meines
Heilandes verliebet. Und er hat sich mit mir verliebet und verlobet nach der
Inwendigkeit meiner Seelen, davon, so es von mir gefordert würde, ich
Rechenschaft geben wollte. 3.
Aus solcher Gabe habe ich meine Erkenntnis und Wissenschaft und gar nicht vom
Teufel, wie ich unbillig gelästert werde, davon eine ernste Rechenschaft vorm
Gerichte Christi hören wird, wie geschrieben stehet: Wer den Hl. Geist
lästert, hat keine Vergebung ewiglich, da ich doch meinem Widerpart das
herzliche Erbarmen Gottes wünsche. 4.
Mein erstes Buch (Aurora) habe ich
in solcher Erkenntnis nur für mich selber zu einem Memorial geschrieben in
Willens, solches allein bei mir zu behalten und keinem Menschen zu zeigen.
Solches ist mir aber durch göttliche Schickung entzogen und dem Herrn
Primario gegeben worden, wie ein Ehrbarer Rat wohl weiß. 5.
In selbigem Buch ist ein philosophischer und theosophischer Grund mit solchen
Worten beschrieben, wie ich dieselben zu derselben Zeit in meiner Einfalt für
mich selber habe verstehen mögen. Und hab ich nicht gemeinet, daß es jemands
anders lesen sollte. Dasselbe Buch hat mir der Herr Primarius ganz mit
fremdem Verstande wider meine Meinung angezogen und diese ganze Zeit also
gelästert, welches ich um christlicher Ehre willen also in Geduld getragen
habe. 6.
Als ich mich aber vorm Ministerio gegen ihn verantwortet und angezeiget
meinen Grund, so ist mir vom Herrn Primario auferlegt worden, nicht mehr also
zu schreiben, welches ich ja bewilliget, den Weg Gottes aber, was er mit mir
tun wolle, habe ich dazumal noch nicht verstanden. Hingegen hat mir der Herr
Primarius samt den andern Prädikanten zugesagt, hinfüro auf der Kanzel zu
schweigen, welches aber nicht geschehen ist, sondern hat mich die ganze Zeit
schmählich gelästert und mir öfters Dinge zugemessen, derer ich gar nicht
schuldig bin und also die ganze Stadt lästernd und irre gemacht, daß ich samt
meinem Weibe und Kindern habe müssen ein Schauspiel, Eule und Narr unter
ihnen sein. Ich habe ferner all mein Schreiben und Reden von solcher Hoheit
und Erkenntnis göttlicher Dinge auf sein Verbot viel Jahr bleiben lassen und
gehoffet, es werde des Schmähens einmal ein Ende sein, welches aber nicht
geschehen, sondern immerdar ärger worden ist. 7.
Bei diesem hat es der Herr Primarius nicht bleiben lassen, sondern hat mein
Buch und Verantwortung in fremde Orte, Städte und Dörfer weggeliehen und
dasselbe selber ausgesprengt, ganz ohne mein Wissen und Willen, da es dann
ist nachgeschrieben und viel mit andern Augen angesehen worden, als er es angesehen.
Dadurch ist es auch von einer Stadt zur andern zu vielen Gelehrten, beide:
Priester und Doktoren und vielen adeligen Personen, wie denn auch zum Herzog
von Liegnitz, welcher es begehret, gekommen, aber mir ganz unbewußt ohne
meinen Willen. 8.
Nachmals haben sich viel gelehrte Männer von Priestern, Doktoren, auch
Adelig- und Gräflichen, sowohl auch etliche fürstliche Personen mit Schreiben
auch ein Teil in eigener Person zu mir gefüget und von meiner Gabe,
Erkenntnis und Bekenntnis ein mehrers gebeten. Denen ich anfänglich gesaget,
ich dürfte es nicht tun, es sei mir vom Herrn Primario verboten. Sie aber
haben mir die Schrift mit ernstlichem Drohen göttlicher Strafe vorgezogen und
angezeigt, daß ein jeder soll bereit sein, seiner Gaben und Glaubens samt der
Hoffnung, Rechenschaft zu geben, und daß Gott würde das Pfund von mir nehmen
und dem geben, der es anleget, auch daß man Gott mehr als Menschen gehorchen
müsse. Welches ich betrachtet und zu Gott geflehet, wo solches nicht seinen
Namen zu Ehren gereichen sollte, daß er es wollte von mir nehmen, und habe
mich ihm ganz und gar in seinen Willen gegeben mit Beten ihm und Flehen Tag
und Nacht, bis mir die göttliche edle Gabe ist verneuert und mit großem
himmlischem Licht angezündet worden. 9.
So habe ich angefangen, den Herrn auf ihre Fragen in göttlicher Erkenntnis zu
antworten und auf Bitte und Begehren etliche Büchlein geschrieben, unter
welchen auch dieses »Von der Buß«,
welches anjetzo gedruckt worden, gewesen ist. 10.
Denn in diesem Büchlein ist mein eigener Prozeß, dadurch ich meine Gabe von
Gott habe erlanget, aufgezeichnet, welches auf hoher und gelehrter Leute
Bitte ist geschrieben worden, und ist etlichen so tief in ihr Herz gefallen,
daß es ein Vornehmer vom Adel aus Liebe hat drucken lassen. 11.
Daß aber der Herr Primarius so heftig dawider donnert und dasselbe zum Feuer
verurteilet, auch meine Person so schmählich anziehet und mir die ganze
Gemeine auf den Hals hetzet, auch vorgibt, ich hätte die ganze Stadt Görlitz
samt dem Fürstentum Liegnitz damit vergiftet und dasselbe ausgesprenget und
das große Klagen von den Priestern zu Liegnitz deswegen über mich ging, auch
daß darum ein Ehrbarer Rat samt der Stadt Görlitz in Gefahr stünden. 12.
Darauf gebe ich zur Antwort, daß sich solches mitnichten also verhalte und
daß mir solches aus böser Neigung nur von etlichen Wenigen und vielleicht
wohl durch des Herrn Primarii eigen Anreizung zugerichtet worden, weil er
vermerket, daß meine Unschuld solle an den Tag kommen. 13.
Denn erstlich habe ich das Büchlein selber nicht drucken lassen. Zum andern
habe ichs nicht selber ins Fürstentum Liegnitz eingesprengt, sondern der
Patron, welcher es drucken lassen, hat es seinen Freunden und Bekannten
geschicket. Zum dritten weiß ich, daß sein Vorhaben wegen solcher Gefahr, als
sollte sich der Herzog zu Liegnitz samt der ganzen Priesterschaft beschweren,
sich ganz nicht also verhält, denn ich weiß soviel, daß es der Herzog samt
etlichen Räten sowohl viel der Priester selber lesen und wird von vielen
Prädikanten samt etlichen von den hohen Schulen, welche trefflich gelehrte
Männer sind, geliebet. Auch wirds am kurfürstlichen Hofe zu Dresden und
Sachsen von vornehmen Herren geliebet, die denn auch bei etlichen
Reichsfürsten und Herren der Reichsstädte, wie ich solches mit vielen Briefen
zu beweisen hätte. 14.
Und halte derowegen gänzlich dafür, daß mir dieses Bad sei vom Teufel und
seinem Reich zugerichtet, weil er siehet, daß sein Reich dadurch offenbaret
und der Mensch zur Buße und christlichem Wandel angewiesen wird. 15.
Weil aber der Herr Primarius mein Büchlein zum Feuer verdammet, so bitte und
begehre ich um Gottes Willen, Ehrbarer Rat wolle ihm befehlen, daß er mir
meine Irrtümer artikelweise aus diesem Büchlein aufzeichne und mir zur
Antwort kommen lasse oder zu einem mündlichen Gespräch im Beisein etlicher
Herren des Rats. Ists dann, daß er mir einen Irrtum beweiset, so will ich
mich herzlich gerne weisen lassen und ihm folgen. Wo aber nicht, weil es im
Druck ist, so mag er auch dawider schreiben, so es E. Rat gefället. Es werden
schon gelehrte Leute sein, welche sich meiner annehmen und ihm antworten
werden, ob ichs gleich nicht täte. 16.
Letztlich hat er mich vor der ganzen Gemeine ausgeschrien, ich verachte die
Kirchen und hl. Sakramente und mich zum öftermal für einen Ketzer, Schwärmer
und Halunken gescholten und mich an meinem wohl hergebrachten und darin stets
wohl verhaltenen Ehren und guten ehrlichen Namen angetastet, auch solche
Dinge, welche alle nicht wahr sind, mir aufgeleget und gesaget, ich saufe
mich stets voll Branntwein, auch andern Weins und Biers wie ein Schwein,
welches aber wider Gott, Ehre, Recht und alle Wahrheit mir zugeleget wird aus
lauter bösen Affekten, mich bei der Gemeine verhaßt zu machen. 17.
Denn erstlich verachte ich keine Kirchen, denn ich gehe selber hinein, viel
weniger die heiligen Sakramenta, deren ich mich selber gebrauche, sondern ich
bekenne den Tempel Jesum Christum in uns, daß wir Christum in unsern Herzen
sollten hören lehren nach St. Stephani und der Apostel Lehre. So habe ich
auch von den heiligen Sakramenten klarer geschrieben als ich auf der Kanzel
von ihm noch niemals gehöret, wie solches zu erweisen wäre. 18.
So bin ich auch kein Lehrer oder Prediger und predige oder lehre nicht,
sondern gebe nur Rechenschaft von meiner Gabe und Erkenntnis, wie ich bin
dazu kommen. Und darf sich meinethalben niemand eines Anhangs fürchten, denn
ich gehe mit meinem Talent nicht mit gemeinen Leuten um, sondern mit
Doktoren, Priestern und Edelleuten, welche gelehrt sind. 19.
Bitte derowegen einen ehrenfesten und hochweisen Rat, mich wegen solchen
ehrenrührischen Schmähungen und unwahrhaftigen Anklagen in gebührlichen
Schutz zu nehmen, denn mir geschiehet mit solcher Anklage Gewalt und Unrecht,
und bin kein Kirchen- und Sakramentenlästerer, viel weniger ein Trunkenbold,
sondern lebe ganz nüchtern mit Beten und Meditieren in göttlicher Gabe,
berufe mich auch auf die ganze Stadt und weiß ich, daß kein Mann sein wird,
der mich solche zeihen kann. Beim Herrn Primario aber dürfte man wohl öfter
denselben als einen trunkenen Mann finden. Ich aber komme fast in keines
Menschen Haus ohne Not, viel weniger in Bierhäuser und Weinkeller, sondern
lebe einsam und still, wie Ehrbarem Rat wohl bewußt ist. J. B. 55. Sendbrief
An
N. N. von Lübeck — Vom 20. April 1624. Unser
Heil in der wirkenden Liebe Jesu Christi in uns! 1.
Mein gar lieber und christlicher Herr. Der hohe Friede nebst herzlicher,
gliedlicher und in der Begierde mitwirkender Liebe-Wünschung, daß dem Herrn
die wahre Sonne der wirklichen Liebe Jesu Christi in Seele, Geist und Leib
stets aufgehe und scheine! 2.
Sein Schreiben unterm 24. Januar habe ich 14 Tage nach Ostern empfangen und
mich dessen erfreuet, daß ich darinnen sehe, daß der Herr ein hungeriger,
eiferiger, begieriger Sucher und Liebhaber des wahren Grundes sei; welchem,
wie ich verstehe, der Herr mit Fleiß hat nachgetrachtet und geforschet. 3.
Daß ihm aber auch meine Schriften sind zuhanden kommen und er dieselben
beliebet, das ist gewißlich die Ursache und eine göttliche Ordnung, welcher die
Liebenden zur Liebe führet und oft fremde Mittel brauchet, dadurch er die
liebhabende Begierde erfüllet, sie mit seiner Gabe speiset und ihrer Liebe
sein Ens zum wahren Feuer-Brennen einführet. 4.
Und soll der Herr gewiß glauben, sofern er wird in der Liebe zur Wahrheit
beständig bleiben, daß sie sich ihm wird in feuerflammender Liebe eröffnen
und recht zu erkennen geben. Nur daß es recht angefangen werde. Denn nicht
durch unsere scharfe Vernunft und Forschen erlangen wir den wahren Grund
göttlicher Erkenntnis. Die Forschung muß von innen im Hunger der Seelen
anlangen. Denn das Vernunft-Forschen gehet nur bis in sein Astrum der äußern
Welt, daraus die Vernunft urständet. Aber die Seele forschet in ihrem Astro
als in der inneren geistlichen Welt, daraus die sichtbare Welt entstanden
oder ausgeflossen ist, darinnen sie mit ihrem Grunde stehet. 5.
So aber die Seele will ihr eigen Astrum als das Mysterium magnum forschen, so
muß sie alle ihre Macht und Willen göttlicher Liebe und Gnaden zuvor ganz
ergeben und zuvor werden als ein Kind und durch große Buße sich zu ihrem
Centro wenden und nichts wollen tun, außer was der Geist Gottes durch sie
will forschen. Und wenn sie sich also hat übergeben und dadurch nichts als
Gottes Ehre und ihre Seligkeit suchet samt dem Dienste und Liebe des Nächsten
und sich alsdann in solcher Begierde findet, daß sie gerne wollte göttliche
und natürliche Erkenntnis haben, so soll sie wissen, daß sie von Gott dazu
gezogen wird. So mag sie wohl solchen tiefen Grund, wie in meinen Schriften
angedeutet wird, forschen. 6.
Denn der Geist Gottes forschet durch sie und führet sie endlich in die Tiefe
der Gottheit, wie St. Paulus saget: Der Geist forschet alle Dinge, auch die
Tiefe der Gottheit, 1.Kor.2,10. 7.
Mein lieber Herr, es ist ein einfältiger Kinderweg zur höchsten Weisheit, Die
Welt kennet den nicht. Ihr diirfet sie nicht in fernen Örtern suchen. Sie
stehet vor eurer Seelentür und klopfet an. Tsts, daß sie mag eine ledige,
gelassene Stätte in der Seelen finden, so wird sie sich allda wohl eröffnen
und sich mehr darinnen erfreuen als die Sonne in den Elementen. So sie sich
ihr (der Weisheit) zum Eigentum ergiebet, so durchdringet sie die Seele mit
ihrer feuerflammenden Liebe und schleußet ihr alle Geheimnis auf. 8.
Es möchte dem Herrn vielleicht Wunder nehmen, wie daß ein Laie solche hohe
Dinge verstände, der sie niemals gelernet noch gelesen hat. Aber ich sage
euch, mein lieber Herr, daß ihr bisher nur einen Glanz in meinen Schriften
von solchen Geheimnissen gesehen habet. Denn man kanns nicht schreiben, ob
ihr von Gott würdet würdig erkannt werden, daß euch das Licht in der Seelen
würde anbrennen, so würdet ihr unaussprechliche Worte Gottes von solcher
Erkenntnis hören, schmecken, riechen, fühlen und sehen. Allda ist erst die
rechte theosophische Pfingstschule, da die Seele von Gott gelehret wird. 9.
Es bedarf hernach keines Forschens oder scharfer Mühe mehr. Es stehen alle
Pforten offen. Es kann gar ein einfältiger Mensch dazu kommen, so er sich nur
nicht selber mit seinem Wollen und Rennen widerstehet. Denn es lieget vorhin
im Menschen. Es darf nur durch Gottes Geist erwecket werden. 10.
In meinem Talent, wie ichs in der Einfalt habe mögen aufschreiben, werdet ihr
den Weg hierzu wohl sehen, sonderlich in diesem beigefügten Büchlein* welches
auch meines Talents ist und erst vor wenig Wochen zum Druck befördert worden,
welches ich dem Herrn in Liebe als meinem christlichen Mitgliede verehre und
ihn oft durchzulesen vermahne, denn seine Tugend heißet: Je länger, je
lieber. In diesem Büchlein wird der Herr einen wahren kurzen Grund sehen,
welcher sicher ist, denn der Autor hat ihn in der Praxi er fahren. *) Weg zu Christo (Christosophia) 11.
Was aber anlanget den Grund der hohen natürlichen Geheimnisse, dessen der
Herr um mehrer Erläuterung nebst Herrn Walther und Herrn Leonhard Elver
begehret, wolle er bei Herrn Walther darum nachfragen. Denn ich habe euch und
ihm eine Erklärung nebst andern neuen Schriften mitgeschicket. So euch
dieselben belieben, so könnet ihr sie lassen nachschreiben. Ihr werdet gar
große Erkenntnis darinnen finden. 12.
Ich wünsche, daß ihr das allesamt recht möget verstehen. Ich wollte es euch
gerne noch einfältiger geben, aber wegen der großen Tiefe und dann auch der
Unwürdigen halber mag es jetzo nicht geschehen. Christus spricht Matth.7,7:
Suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. — Es kann es
keiner dem andern geben. Es muß es ein jeder selber von Gott erlangen.
Anleitung kann einer dem andern wohl geben, aber den Verstand kann er nicht
geben. 13.
Jedoch wisset, daß euch mitternächtigen Ländern eine Lilie blühet! 14.
So ihr dieselbe mit dem sektiererischen Zanke der Gelehrten nicht werdet
zerstören, so wird sie zum großen Baum bei euch werden. Werdet ihr aber
lieber wollen zanken als den wahren Gott erkennen, so gehet der Strahl
vorüber und trifft nur etliche. So müsset ihr hernach Wasser für den Durst
eurer Seelen bei fremden Völkern holen. 15.
Werdet ihr das recht in acht nehmen, so werden euch meine Schriften großen
Anlaß und Anweisung dazu geben, und der Signatstern über eurem Pol wird euch
helfen, denn seine Zeit ist geboren. 16.
Ich will euch gerne geben, was mir der Herr hat gegeben. Sehet nur zu und
leget es recht an. Es wird euch ein Zeugnis über die Spötter sein. Auf meine
Person darf nie mand sehen, es ist eine lautere Gabe Gottes. Nicht allein um
meinetwillen, sondern auch um euretwillen und aller derer, welche sie zu
lesen bekommen. 17.
Es gaffe niemand mehr nach der Zeit.. Sie ist schon geboren! Wens trifft, den
triffts. Wer da wachet, der siehets, und der da schläfet, der siehets nicht.
Sie ist erschienen, die Zeit, und wird bald erscheinen. Wer da wachet, der
siehet sie. Viel haben sie schon empfunden, aber es muß von ehe eine große
Trübsal vorübergehen, ehe sie ganz offenbar wird. Das ist die Ursache. Der
Streit der Gelehrten, daß sie Christi Kelch mit Füßen treten und um ein Kind
zanken, das böser nie gewesen ist, seit daß Menschen gewesen sind, das wird
offenbar werden. Darum soll sich kein frommer Mann an solchem Zanke besudeln.
Es ist ein Feuer vom Herrn darin. Das wird ihn verbrennen und die Wahrheit
selber offenbaren. 18.
Was mehrers ist, wird er bei Herrn Walther empfangen, sonderlich eine Tabelle
samt der Erklärung, darin der ganze Grund vor Augen gestellet ist. Und
empfehle den Herrn der Liebe Jesu Christi! Des Herrn in der Liebe Jesu
Christi dienstwilliger J. B. 56. Sendbrief
An
Herrn N. N. — Vom 25. April 1624. 1. Unser Heil in der wirkenden Liebe Jesu Christi in
uns! Mein
geliebter Bruder im Leben Jesu Christi, nebst herzlicher Wünschung Gottes
wirklicher Liebe, daß euer in Christo entsprossenes edles Lilienzweiglein im
Paradeis Gottes in der Kraft Christi groß wachse und viel Früchte trage zu
unser aller ewiger Freude und himmlischer Brüderschaft! 2.
Ich erfreue mich in meiner Seelen, wenn ich vernehme, daß ein kräftiges
schönes Zweigelein an unserm Lebensbaume Christo entsprossen ist, und hoffe
seiner guten Früchte auch zu genießen. 3.
Wie ein Zweig am Baume des andern Saft und Kraft genießt und alle in einer
Kraft wachsen und Früchte tragen, also sind wir auch im Baume Christ alle nur
einer, welcher ist Christus in uns
allen. 4.
Weil ihr euch denn mit Mund und Herzen frei öffentlich zu diesem Baume des
Lebens bekennet und hingegen des Satans Gift und Irrung widersprechet, so
wünsche ich jetzund nichts mehr, als daß ich möchte können in der Kraft
dieses Baumes, welcher ist Christus, euch meine von ihm empfangene Kraft
einflößen, auf daß wir alle Glieder in einer Kraft wachsen mögen. 5.
Und zweifelt mir nichts daran, der Höchste habe seinen Lilienzweig in euch
geboren, denn ohne göttliche Kraft haben wir kein Verlangen noch Hunger nach
Gott, und können ihn auch ohne seinen Geist in uns nicht erkennen. Alles, was
wir Gründliches von ihm wissen, das kommet von seiner Offenbarung und
Wirkung. 6.
Denn ob gleich die Welt viel von Gott redet, so tut sie es doch nur aus
Gewohnheit und nimmt ihr Wissen von der Historia des buchstabischen Worts,
und ist kein wahres Wissen bei ihnen. Denn niemand kennet den Vater als nur
der Sohn und wem es der Sohn will offenbaren. 7.
Darum haben wir keine wahre Wissenschaft von Gott, sie werde uns denn vom
Sohne gegeben, welcher in uns lebet, so wir aber auch Reben am Weinstocke
sind. 8.
Denn Christus sprach: Wer von Gott ist, der höret Gottes Wort; — und zu den
Vernunft-Gelehrten, welche nur alleine vom Buchstaben gelehret waren: Darum
höret ihr nicht, denn ihr seid nicht von Gott, Joh.8,47; item: Ihr seid nicht
meine Schafe, ihr seid reißende Wölfe und Mietlinge. 9.
Darum sage ich: Wollen wir recht von Gott reden und seinen Willen verstehen,
so müssen seine Worte in lebendiger Wirkung in uns bleiben, denn Christus
sprach: Ohne mich könnet ihr nichts tun, Joh.15,5; item: Niemand kann Gott
einen Herrn heißen, ohne den Hl. Geist in ihm, I.Kor.12,3, denn sein
Herr-Heißen muß aus Gott geboren sein und vom Hl. Geist ausfließen. 10.
Nichts gefället Gott und wird auch nichts von Gott angenommen, ohne was er
mit und durch des Menschen Geist selber wirket und tut. Denn alle Pflanzen,
saget Christus, welche mein Vater nicht pflanzet, sollen ausgerottet und mit
Feuer verbrannt werden, Matth.15,13. 11.
Darum, mein geliebter Bruder, tut ihr wohl, daß ihr euch zum Ursprunge des
Lebens haltet und von demselben Kraft begehret. Ihr werdet wohl erquicket und
gestärket werden. Ihr seid Gott und den Gliedern Christi ein angenehmer Gast
in eurem Vorsatze. Und so ihr werdet beständig bleiben und dem Teufel samt
der Welt und dem irdischen Fleische und Blute widerstehen und euch zum
rechten ritterlichen Siegeskampf wider alle diese schicken und den
Mittagsfeind eigener Liebe in euch überwinden und recht in unsere allgemeine
Liebe kommen, so sollet ihr gewiß wissen, daß euch das edle und hochteure
Ritterkränzlein Jesu Christi, welches es in der Schlacht des Todes und der
Höhen hat erlanget, mit der himmlischen Freudenreich wird aufgesetzet werden. 12.
So werden sich alsdann alle Kinder Christi samt den heiligen Engeln mit euch
allen hoch erfreuen, als über 99 Gerechten, welche das schon erlanget haben,
und wird die schöne und edle Sophia eurer Seelen zur Gemahlin gegeben werden,
welche jetzo vor eurer Seelentüre stehet und mit ihrer Stimme euch
flehentlich rufet und anklopfet. Ihr sollt nur recht im Streite wider Sünde,
Tod, Teufel und Hölle treten und mit eurem Ernste die große Pedarde an das
feste Schloß der Natur setzen, so wird sie euch helfen, dieses Schloß
zersprengen. Alsdann werdet ihr große Wunder sehen, und zur selben
Siegesstunde wird die freudenreiche Hochzeit des Lammes im Himmel in euch
gehalten werden. Und alsdann wird euch der Hirtenstab von Christo in die Hand
eurer Seele gegeben werden. 13.
Alleine gedenket, was ihr dieser keuschen Sophia gelo bet, solches auch feste
bis in euer Ende zu halten. Es muß ernst sein, nicht wieder zurück in Sodom
sehen wie Lots Weib, welche zur Salzsäule war, sondern mit Lot nach Gottes
Begehren aus Sodom ausgehn, in die Nachfolge Christi eintreten, der Welt
Spott und Lästerung nichts achten, sondern das Malzeichen Christi mehr lieben
als aller Welt Freundschaft, Ehre und Gut, so möget ihr mit uns auf Christi
Pilgrim-Straße wandern. Wo euch aber dieses nicht schmecket und noch der Welt
Wollust und Ehre begehret, so seid ihr noch nicht geschicket zur Hochzeit und
zu eurer Braut, unserer lieben Sophia, zu kommen. 14.
Darum bedenket euch wohl und schauet euer ganzes Herze an. Ist es nun, daß
ihr einen sehnlichen Hunger und Zug — als ich denn fast spüre — dazu
vermerket, so verziehet keine Stunde. Gehet fort, tretet mit einem rechten
Ernste in die Buße und ergebet euren Willen ganz, darein zu treten und
nimmermehr wieder davon auszugehen. Und solltet ihr darum Leib, Leben, Ehr
und Gut verlassen, so ihr das tut, so seid ihr recht geschicket, und es wird
der rechte Mauerbrecher zu eurer Seelen treten und das in euch tun, was ihr
ohne ihn nicht tun könnet. 15.
Und ob euch hernach möchte Neiglichkeit und große Widerwärtigkeit im Fleische
anhangen, eure Vernunft euch närrisch heißen, auch Gottes Zorn in Leib und
Seele überziehen und zudecken, so wirds euch alles nicht schaden. Ihr werdet
mit einem neuen Gemüte unter solchen Dornen ausgrünen und mit dem Geiste im
Himmel wandeln. Obgleich der irdische Leib muß mit Kreaturen umgehen, so wird
es doch mit euch gehen als mit einem groben Steine, in dem schön Gold
wächset. 16.
Ihr sollet euch an meiner Trübsal und Verfolgung nicht stoßen, auch nichts
davor fürchten, denn es ist Christi Malzeichen. Sehet nur zurück in die
Schrift, wie es Gottes Kindern ist gegangen, wie sie sind allezeit nur eben
von denen, welche sollten Gottes Wege lehren, verfolget und getötet werden.
Denn mir ist ein edles Perllein vertrauet. Das decket Gott also zu, daß es
die Unwürdigen nicht sehen, sondern daran blind sind und sich an der Einfalt
der Person ärgern, auf daß sie sich in ihrer Vernunft Weisheit selber töricht
bleiben, es sehen und doch nicht verstehen, dieweil sie die Einfalt Christi
verschmähen. Aber es kommet gar nahe eine Zeit, daß sie davon sollen gar
ernste Rechenschaft geben. 17.
Daß es aber Gott hat euch zu erkennen gegeben, was es sei und wovon es komme,
das danket ihm. Es ist euch aus Gnaden widerfahren und darum, daß ihr euch
habet vor ihm noch gedemütiget. Und mag euch noch größere Gnade widerfahren,
so ihr in der Demut und ernstem Gebete bleibet stehen. Ich will euch meine
Liebe mit Beten und christgliedlichem Wirken gerne mitteilen. Denn es ist mir
eine eitele Freude in meinem Herzen, ob ich gleich muß leibliche Trübsal
darum leiden, so erfreue ich mich doch, daß ich sehe, was Gott der Herr durch
mich armen Menschen bishero getan habe. 18.
Der Satan mag Gottes Wege nicht hindern. Denn ob es wohl scheinet, als
hindere es sie mit solchem Mordgeschrei, so wird es doch nur je mehr und mehr
eröffnet, daß Gottes Kinder nach dem Grunde fragen. 19.
Der gottlose Haufe aber wird dadurch verstocket und verhindert. Die anderen
werden dadurch gerufen, das werdet ihr sehen, ehe noch ein Jahr umkommet. Und
ob sie mich gleich töten, so müßte es doch vor sich gehen, denn es ist vom
Herrn. 20.
Empfehle euch der sanften, wirkenden Liebe Jesu Christi und in eure
brüderliche Liebe und Gunst. Datum
ut supra. J. B. 57. Sendbrief
An
Herrn Christian Bernhard — Vom 5. Mai 1624. Unser
Heil in Christo! 1.
Mein geliebter Herr Christian, neben Wünschung aller seligen Wohlfahrt zu
eurer Ruhe wünsche ich euch den Schutz und Schirm Gottes, daß er euch wolle
mit seinen lieben Engeln begleiten und zu frommen christlichen Herzen führen
und mit Gesundheit erhalten und dasselbe durch euch verrichten, das er will! 2.
Herrn Baltzer Walther habe ich jetzt auf die Leipziger Messe geschrieben und
ihm das Büchlein »Von der Gnadenwahl«
von 42 Bogen sowohl das »Von Christi
Testamenten« von 16 Bogen, auch 27 Bogen über Genesis nebst einem Clave
von 6 Bogen und dann drei Exemplare meines Büchleins (»Weg zu Christo — Christosophia«) mitgeschicket. Auch habe ich den
beiden Herren von Lübeck, welche mir geschrieben hatten, geantwortet und
jedem ein Exemplar des gedruckten Büchleins geschicket, welche Herrn Walther
wohl bewußt sind. 3.
Eurem Herrn Bruder, den Konrektor, grüßet; und nehme es zu großem Dank an,
daß er will meine Briefe befördern und will ihm oft etwas zuschicken. Auf
nächsten Freitag reise ich nach Dresden, allda ich zu des Kurfürsten Räten
berufen bin, mich mit ihnen zu besprechen, wie denn auch mit Herrn
Hinckelmann*, Verwalter des Laboratorii im Schlosse. Gott gebe Gnade dazu! *) Benedikt Hinckelmaun,
kursächsischer Hofchemiker Und
empfehle euch der Liebe Jesu Christi! Datum ut supra. Euer
in der Liebe Christi dienstwilliger J.
B. 58. Sendbrief
An
Herrn N. N. — Vom 8. Mai 1624. Unser
Heil im Leben: Jesus Christus in uns. 1.
Mein, gar lieber Herr, nebst herzlicher Wünschung göttlicher Liebe und aller
ersprießlicher Leibeswohlfahrt. Seine Unpäßlichkeit wolle Gott nach seinem
Willen schicken. Mein Lebenszustand ist noch leidlich, dafür ich Gott danke.
Aber ganz wohl mit pharisäischen Kletten beworfen, daß mich der gemeine Pöbel
kaum kennet, daß ich ein Mensch bin. Also gar sehr ist der Satan über mich
und mein gedrucktes Büchlein erzürnet und wütet in dem obersten Pharisäer
also sehr, als wollte er mich fressen, wiewohl sich das große Feuer jetzt in
drei Wochen lang hat ein wenig geleget, dieweil er merket, daß ihm von soviel
hundert Menschen widersprochen wird, welche er allesamt neben mir verbannet,
gelästert und geurteilt hat; und hat mich also sehr mit Lügen beschüttet, daß
man mich kaum kennet. 2.
Also verdecket Christus seine Braut und das edle Perllein wegen der Menschen
Unwürdigkeit, dieweil der Zorn in ihnen angebrannt und die Rache nahe ist.
Ich bete und sie fluchen mir; ich segne und sie lästern mich, und stehe jetzt
recht in der Proba und trage das Malzeichen Christi an meiner Stirne. Aber
meine Seele ist darin nicht traurig, sondern achtet sich dieses alles für
Siegeszeichen Christi, denn also muß der Mensch recht in Christi Prozeß
gestellet werden, auf daß er seinem Bilde ähnlich werde. Denn Christus muß
immerdar verfolget, verspottet und getötet werden, denn er ist ein Zeichen,
dem widersprochen wird, aber auf welchem er fället, den zerschellet er und
zerstöret die angeerbte Bosheit der Schlange. 3.
Habe ich andere diesen Weg sollen lehren und gelehret, warum wollte mir das
bange tun, selber auch darauf zu wandeln? Es gehet mir doch nur also, wie
ichs andern habe vorgeschrieben, daß es gehen soll. Und gehet mir gar recht,
denn dieses ist die Pilgrimstraße Christi. Denn die wahren Christen sind
allhie fremde Gäste und müssen durch des Teufels Reich in ihr rechtes
Vaterland, so auch einwandern durch eitel Distel und Dornen des Fluches
Gottes. Es muß gerungen und überwunden sein, bis wir durchkommen. Es wird uns
wohl belohnet werden. Denn diese, welche uns jetzt richten, werden am
Gerichtstag Gottes unter unsere Augen gestellet werden, da wir werden neben
Christo ein Urteil über sie herrschen. Was wollen sie uns alsdann sagen?
Werden sie nicht verstummen und sich selber lästern, wie sie jetzt uns tun? 4.
Ach, daß sie das könnten allhie bedenken und davon abließen. Ich wünschte
ihnen Gottes Barmherzigkeit, denn sie wissen nicht, was sie tun. Sie sind in
größerem Elende als diejenigen sind, welche sie verfolgen, denn sie sind arme
Gefangene des Teufels, welcher sie also quälet und vergiftet, daß Gift ihr
Leben ist. Darum erfreuen sie sich, daß sie des Teufels Dornen und Disteln
gebären als Früchte in Gottes Zorn, welches Christi Kindern wohl zu
beherzigen ist, welche sich nach ihrem rechten Vaterlande ängstigen, daß sie
nicht allein für sich selber zu Gott beten um Erlösung, sondern auch um diese
ihre elende, arme gefangene Mitglieder, daß sie Gott auch wolle erleuchten
und herzuführen. 5.
Liebe Brüder, es ist eine Zeit großen Ernstes. Lasset uns ja nicht schlafen,
denn der Bräutigam ziehet vorüber und ladet seine Hochzeitsgäste. Wer das
höret, der gehet mit zur Hochzeit. Wer aber nicht will, sondern nun in
Fleisches Lust lebet, den wirds sehr reuen, daß er solche Gnadenzeit
verschlafen hat. 6.
Es siehet die Welt wunderlich an, daß der solle Gott gefallen, welcher von
den Schriftgelehrten verachtet und verfolget wird, und sehen nicht zurück,
was die Gelehrten haben den Propheten, Christo und seinen Aposteln und Nachkommen
getan. 7.
Ach, es ist jetzo nur eine Maul- und Titel-Christenheit! Das Herze ist ärger,
als da sie Heiden waren. Lasset unser ja wahrnehmen und nicht auf sie sehen,
daß doch Samen auf Erden bleibe und Christus nur nicht allein ein Deckmantel
sei! Lasset uns untereinander vermahnen und trösten, daß wir in Geduld
bestehen, denn es kommet noch eine große Trübsal her, daß wir mögen bestehen.
Denn unser Christentum bestehet nicht allein in Wissen, sondern in Kraft. Man
zanket jetzund nur im Wissen und Bildern, und die Kraft verleugnet man. Aber
es kommet die Zeit der Proba, da man wird sehen, was ihre Bilder gewesen sind
und wie sie haben daran gehalten, wenn sie werden von einem Bilde aufs andere
fallen, und doch keine Ruhe haben. 8.
Ach, ihre Bilder sind nur Abgötter der Heiden, wie sie waren, ehe sie
Christennamen hatten. Die Gelehrten und Vorsteher suchen nur Eigennutz und
Ehre darinnen und haben sich in Christi Stuhl gesetzet, sind aber nur Krämer
der Bilder, welche sie ums Geld verkaufen. Wer ihnen viel giebet, dem
verkaufet man ein ehrlich Lobbild, und fragen nichts nach ihren Seelen, wenn
sie nur ihr zeitlich Gut genießen. 9.
Ach, finstere Nacht! Wo ist die Christenheit? Ist sie doch gar zur brüchigen
Hure worden? Wo ist ihre Liebe? Ist sie doch gar zu Kupfer, Stahl und Eisen
worden? Wobei soll man jetzt die Christenheit kennen? Was für Unterscheid hat
sie von Türken und Heiden, wo ist ihr christlich Leben? Wo ist die
Gemeinschaft der Heiligen, da wir in Christo nur Einer sind, da Christus in
uns allen nur Einer ist? Siehet doch kein Ast an dem Baum des christlichen
Lebens dem andern ähnlich, und sind eitel wilde widerwärtige Zweige
gewachsen. 10.
Ach, Brüder, die wir stehen, lasset uns doch wachen und von Babel ausgehen.
Es ist Zeit, ob sie uns gleich höhnen oder gar töten. Noch wollen wir nicht
den Drachen und sein Bild anbeten, denn welche solches tun, sollen ewiglich
gequälet werden. 11.
Stoßet euch nicht an meiner Verfolgung. Und ob es euch dergleichen auch gehen
würde, so denket, daß ein ander Leben ist und daß sie nur unsern eigenen
Feind verfolgen, welchen wir selber auch hassen. Sie können uns nichts mehr
nehmen als nur die Hülse, darinnen der Baum gewachsen ist. Der Baum aber
stehet im Himmel und Paradeis im Grunde der Ewigkeit. Den kann kein Teufel
ausrotten. Lasset nur des Teufels Sturmwinde darüber hinwehen. Ihr Treiben
und Quälen ist unser Wachstum. 12.
Ich bin abermals durch die Bewegung Gottes Zornes beweget worden von den
Widerwärtigen, auf daß ich wachse und groß werde, denn jetzt ist erst mein
Talent meinem Vaterlande offenbar worden. Der Feind meinets böse, aber er
publiziert nur dadurch mein Talent. Es wird anjetzo mächtig sehr allhier
begehret und ist manche hungerige Seele dadurch erquicket worden, ob es
gleich der unwissende Haufe lästert. 13.
Ihr werdet noch wunderliche Dinge hören, denn die Zeit ist geboren, davon mir
vor drei Jahren gesaget ward durch ein Gesichte, als nämlich die Reformation.
Das Ende befehle ich Gott. Ich weiß es noch nicht eigentlich. Und
tue euch der sanften Liebe Jesu Christi empfehlen. Datum
ut supra. J. B. 59. Sendbrief
An
N. N. — Anno 1624 im April. 1. Mein gar lieber Herr, neben Wünschung der Liebe unseres Herrn Jesu
Christi in Seele und Geist füge ich dem Herrn, daß in meinem Abwesen dieser
Reise, als ich bei Herrn Hans Sigmund Paust gewesen bin, der pharisäische
Geist hat gewütet, als wollte er den Himmel stürmen und die Hölle zerbrechen,
und alles wegen des gedruckten Büchleins, welches doch von vielen sehr hoch
geliebet wird. 2.
Und weiß nicht, wie es mir mit diesem pharisäischen Geist noch gehen wird.
Setze aber meine Hoffnung und ganzes Vertrauen in die Liebe Jesu Christi und
danke Gott, daß ich dem Bilde Jesu Christi soll ähnlich werden und um seiner
willen Schmach leiden. Will alles mit Geduld unterm Kreuz Christi tragen,
denn es stürmet Satan wider Christum und Christus wider den Satan. Und gehet
wie bei Christo, ein Part sagete: Er ist fromm und ein Prophet, die andern
sageten: Er hat den Teufel. — Wie es wird ablaufen, berichte ich ferner dem
Herrn. Und
empfehle ihn der Liebe Jesu Christi. Des
Herren dienstwilliger J. B. 6o. Sendbrief
An
Herrn Friedrich Krause, Dr. med. zu Liegnitz — Vom 9. Mai 1624. Unser
Heil im Leben: Jesus Christus in uns. 1.
Mein gar lieber Herr und christlicher treuer Freund, neben herzlicher
Wünschung göttlicher Liebe, daß euch die Sonne der Gerechtigkeit in Seele und
Geist ewig scheine! Wenn es euch noch wohl ginge, das wäre mir eitel Freude.
Mich wisset, Gott Lob, diesmal noch in guter Leibesgesundheit, aber mit des Satans
Kletten, durch den pharisäischen Geist von außen wohl beworfen, denn wie sehr
der Satan über mich und mein gedrucktes Büchlein »Von der Buße« sei erzürnet, kann ich euch kaum schreiben und nur
der oberste Pharisäer und seinesgleichen. Denn sie haben Sorge, ihre
Autorität und Ansehen möchte fallen, so ungelehrte Leute würden den höchsten
Grund hervorbringen, und die Leute möchten die Nachfolge Christi und der
Apostel im Leben und Lehre von ihnen fordern. So müßte ihr Bauchgott fallen
und ihr Sinn etwas demütiger werden, welches alles nicht schmecket. 2.
Aber es muß doch geschehen. Die Zeit ist geboren, und will kein Lästern
helfen. Denn mit ihrem Lästern verursachen sie nur die Leute nach diesen
Schriften zu fragen und fördern sie mehr dadurch, als daß sie diese mögen
hindern, wie allhie bei uns jetzo geschehen ist, daß sie fast ein jeder
wollte gerne sehen und das große Wunder anschauen, was doch für ein wildes
Tier darinnen stecket. Und wenn sie dieselbe zu lesen bekommen, so entsetzen
sie sich von ihrer Blindheit und gehen in sich und betrachten ihr Leben
dagegen, dadurch ihrer sehr viel haben umgewandt und sind in die Buße
gegangen und sich mit mir befreundet, welche zuvor sind Lästerer gewesen.
Diese werden hernach Schafe Christi. Also gar wunderlich führet der Herr
seine Wege, und müssen Gottes Kindern alle Dinge zu besten dienen. 3.
Es hat der Primarius bei uns einen giftigen, lügenhaften Pasquill von einem
Bogen in lateinischer Sprache carmenweise (in Versform)
wider mich drucken lassen, darinnen man seinen Geist weidlich siehet und den
Satan mit seinen Krallen. Dawider habe ich eine Verantwortung geschrieben,
die könnet ihr samt dem Pasquill bei Herrn Michael Ender bei euch bekommen.
Er wird es euch willig darleihen. Allda werdet ihr wunderliche Dinge sehen,
welches ich euch allhier nicht schreiben kann. 4. Ich übersende euch mit Zeiger auch ein Exemplar vom gedruckten Büchlein.
Hoffe, ihr werdets wohl praktizieren, weil ihr ohnedies ein Liebhaber des
wahren Grundes seid. Und wollte euch gerne etwas von geschriebenen Sachen
mitgeschickt haben, habe sie aber alle verliehen. 5.
Heute, den 9. Mai, reise ich nach Dresden, dahin ich denn von vornehmen
Leuten am kurfürstlichen Hofe bin auf ein Gespräche gebeten worden, welche
meine Schriften auch lesen und lieben. Gott gebe Gnade und Kraft dazu. Was
allda möchte ablaufen, berichte ich euch ein andermal. 6.
Und bitte, wollet Herrn Martin Moser zu Goldberge doch mit gewisser
Gelegenheit beigefügtes Paket senden, daran ihr ihm und mir meinen
Liebesdienst erzeiget. Und wollet doch mit Herrn Michael Ender Kundschaft
machen, so das nicht geschehen wäre. Allda könnet ihr alle meine Schriften
bekommen, denn er hat sie alle und ist gar ein großer Practicus und lieber
Mensch, auch gar verschwiegen und treu. Ihr werdet einen sonderlichen guten
Freund an ihm haben. Und
empfehle euch der Liebe unsers Herrn Jesu Christi. Geben ut supra. Euer
in der Liebe Christi dienstwilliger J.
B. 61. Sendbrief
An
Herrn Tobias Kober, Dr. med. zu Görlitz — Dresden den 15. Mai 1624. Emanuel! 1.
Mein gar lieber und werter Herr und Bruder im Leben und in der Kraft unsers
Herrn Jesu Christi, nebst herzlicher Wünschung göttlicher Liebe und Geduld
unterm Kreuz Christi! — Euer Schreiben habe ich wohl empfangen und darinnen
eure christliche brüderliche Liebe gespüret, als sie mir doch zuvorhin wohl
bekannt ist, und erfreue mich erstlich eurer und der meinen Gesundheit. Ich
bin auch, Gott Lob, mit guter Gelegenheit nebst Herrn Melchior Bernt allhier
angelanget bei Herrn Benedikt Hinckelmann, allda mir alle christliche Liebe
und Freundschaft anerboten wird; und sind täglich in guter Konversation
beieinander. Auch ist meine Ankunft fast bei allen kurfürstlichen Räten vom
Herrn Hinckelmann erschollen, welche fast alle mein gedrucktes Büchlein lesen
und lieben und für eine göttliche Gabe erkennen und sich dessen täglich
gebrauchen. Und haben mir auch nun zum öftermal ihren Gruß und geneigten
Willen durch Herrn Hinckelmann, welcher täglich zu ihnen kommen muß, weil er
praktizieret und sie ihn selber brauchen, entbieten lassen; und begehren, ich
wollte allhie länger bleiben. Sie wolltens also bestellen und richten, daß
sie möchten mit mir in eine Konversation kommen, wie sie denn mehr meiner
Schriften haben empfangen, und bin dessen täglich gewärtig. 2.
Wie mir dann Herr Joachim von Loß, ein gar weiser Herr, kaiserlicher und
kurfürstlicher Rat, welcher der vornehmsten einer ist, lassen andeuten, daß
er seine Sache also angestellet, daß er im Ausgang der Feiertage wollte auf
sein Schloß Pillnitz, eine Meile von Dresden, fahren. Allda wollte er mich
und Herrn Hinckelmann mitnehmen und etliche Tage bei sich behalten zu einer
guten Unterredung. 3.
Desgleichen auch der Hausmarschall und oberste Stallmeister gegen mich
gesonnen ist, und hoffe noch, diese Herren werden mich nicht allein in Gnaden
wohl vermerken, sondern auch meiner Schriften etliche befördern, welches ich
alles für eine göttliche Schickung halte. Und werde noch schwerlich unter
drei Wochen können zu Hause kommen, weil ich allhier warten muß, wie es Gott
will schicken, und auch das Feuer des Zornes des Satans also sehr zu Hause
brennet, davor ich allhier guten Frieden habe und nichts von solchem Lärmen
höre. 4.
Ich vermahne euch in Liebe, wollet doch nur Geduld haben und zusehen, was
Gott tun will. Ich habe für mich keine Schwermut, sondern bin gar fröhlich
dabei, daß ich sehe, daß der Teufel wider mich erzürnet ist und mich also
belügt. Es ist Christi Malzeichen. Des Lästerers Lügen werden wohl an Tag
kommen, daß unsere Feinde sich werden schämen müssen. Lasset uns nur beten
und Gott das Gerichte befehlen. Er tut solches Christo und seinen Kindern
selber. Seine Entschuldigung, welche doch nur falsch ist, wird nicht gelten.
Wollte Gott, er betete also, daß er den Hl. Geist auf die Kanzel brächte, so
würde er nicht den zornigen Lästerteufel darauf bringen. Es gilt jetzo der
Huren zu Babel. Darum ist der Teufel also sehr erzürnet. 5.
Bitte, wollet mit meinem Weibe handeln und ihr sagen, daß sie sich in Geduld
fasse und zufrieden gebe und nicht also kleinmütig darüber werde, wie ich
vernehme, daß sie ist. Es gehet mir gar wohl und werde in Ehren und gar lieb
gehalten. Ich will sie nicht lassen. Haben wir an einem Orte nicht Raum, so
wird uns Gott an einen andern führen. 6.
Denn ich sehe jetzo des Herrn Wegen nach, was er tun wird. Sie soll sich das
für keine Schande zurechnen, denn wir werden um göttlicher Erkenntnis und
Gabe um Christi, unserers Erlösers willen, verfolget. Christus hieß uns
freuen, wenn es uns also ginge, denn unser Lohn ist im Himmel groß. Ich will
sie und unsere Kinder, so Gott will, noch wohl versorgen. Sie gebe sich nur
in die Geduld und zufrieden und lasse ihr niemand etwas einbilden. Ich will
wohl acht auf mich selber haben. Sie darf nicht wegen meiner sorgen. Es wird
auch noch eine Zeit kommen, daß es ihr nicht wird zur Unehre geraten. Es weiß
niemand, was Unehrliches von uns zu sagen als nur ein einziger böser Mensch,
der uns belüget und um Christi willen anficht. Es ist mir große Freude, um
Christi und seiner Gabe willen Schmach zu leiden. Auch muß unser Feind das
Gute helfen fördern. 7.
Das Drohen unsers Feindes ist nur sein boshaftiger Wille. Wer weiß, ob ihm
nicht möchte ein Ring in die Nase gezogen werden. Ich will solches den
kurfürstlichen Räten nicht unbewußt lassen, als sie es denn schon wissen, und
ihm das nicht wohl sprechen. Auch hoffe ich vor ihre kurfürstliche Gnaden
selber zu kommen in eigener Person. Und hoffe, es werde alles gut werden. Er
darf nicht so sehr auf die Hoheit pochen und sich auf Lügen und auf Menschen
verlassen. Sein christliches Herze wird wohl offenbar werden. Es möchten ihm
auch noch wohl seine jetzigen Freunde widerstehen. 8.
Weil es ihn aber deucht unrecht sein, daß mein Büchlein unter keinem Namen
ist ausgegangen so hoffe ich, es soll bald unter einem Namen ausgehen. Er
wird das nicht wehren. Ich habe schon Anleitung. Auch sind jetziger Leipziger
Messe sehr viel dergleichen Büchlein im Drucke herauskommen. Er mag es auch
wehren, wo er der Mann ist, der es tun kann. Hoffe, ehe ein Jahr umkommet, so
wird sein Wehren Babel insgemein heißen (offenbar). 9.
Wegen meines Sohnes Jakob, daß er ist zu Hause kommen, erfreue ich mich, und
bitte, er wolle doch zu Görlitz bleiben bis zu meiner Ankunft und sich nicht
etwa in Zank einlassen wegen spöttischer Leute, daß nicht Gottes Gabe
gelästert werde und der Feind sagen möchte, wir wollens mit dem Schwerte
verteidigen und Aufruhr anrichten. Sondern wir wollen ein wenig Geduld haben,
daß unser Gutes mit Nutzen gepflanzet werde und wir als Kinder Christi
erkannt werden. 10.
Denn das künftige Saeculum wird nicht Zanken, Beißen und Schlagen sein,
sondern Liebe und Geduld, Friede und Freude in Erkenntnis göttlicher Gaben. 11.
Weil uns denn Gott zu Erstlingen hat mit erkoren, so sollen wirs recht
anfangen und stehen als eine Rose unter dem Dornenstrauche. Denn unsere
Heimat ist im Himmel und nicht auf Erden, darum lasset uns dahin werben. 12.
Meine Frau darf mir nichts herschicken von Sachen. Ich habe genug bei mir.
Wird ihr was mangeln, weiß sie doch wohl, was sie tun soll. Sie darf nicht
Not leiden, aber des unnützen Kummers soll sie sich entschlagen. Es gilt
nicht Hals und Bauch. Und ob es gelte, so wäre es Gottes Rat. Den lasse man
geschehen. — Ich will euch ehest wieder schreiben, wie sichs wird allhier
verlaufen. Am Sonntage nach Himmelfahrt habe ich euch ein Schreiben gesandt
und darin allen Zustand berichtet, welches erst wird am nächsten Freitage
sein auf Zittau zu Herrn Melchior Bernts Frau ankommen. Hoffe, ihr werdets
schon unterdessen haben empfangen. 13.
Zu Zittau haben wir gute Konversation beim Herrn Johann Molinus in Beiwohnung
Herrn Fürstenauers und Herrn Johann Hartigius und Herrn Matthias Renisch
gehabt, welche beiden Doktoren mir haben ein jeder einen Reichsthaler auf
Zehrung gegeben und mich gebeten, ihrer Kundschaft weiter zu pflegen. Hoffe,
es soll allhier in Dresden nicht leer abgehen, wie ich schon habe vernommen.
Dem Primario bei euch gebe ich nichts davon, und wenn er noch böser wäre. Hat
er nicht genug an der geschriebenen Apologia? Sie soll ihm wohl gedruckt
werden, als ich denn dazu von vielen vermahnet werde, aber doch noch ein
wenig nachsehen will, wie es allhier wird ablaufen. Dürstet ihn gar sehr nach
mir, so komme er her und verklage mich allhier. Ich will zur Antwort stehen
und wünsche, daß mein Büchlein möchte zur Erörterung kommen und auch sein
Pasquill. Ich gedenke noch nicht, also stille zu schweigen auf seinen
Pasquill, sondern will es noch öffentlich bewähren, daß er hat alles auf mich
gelogen. Er giebet nur sein schönes Herze damit an Tag. Die beiden Doktoren
zu Zittau sagten, sie können keinen guten Geist in ihm spüren. Also wird sein
Pasquill überall angesehen. 14.
Bitte, wollet meine Frau und alle guten Brüder in Christo unserer Liebe
grüßen, sonderlich Herrn Hans Roth mein Wesen andeuten, daß er es Herrn Carl
Ender und seinem Bruder Michael Ender schreibe, ob es möchte Herr Hans
Sigmund zu wissen bekommen, wie es jetzt um mich stehe; will ihnen sämtlich
ehest schreiben. Jetzo konnte ich nicht wegen Hinderung; und doch meine Frau
trösten, daß sie den unnützen Kummer fahren lasse. Es ist keine Gefahr bei
mir. Ich sitze jetzo so gut und besser als zu Görlitz. Sie soll nur zu Hause
bleiben und stille sein und Babel lassen brennen. Unser Feind steht im Feuer.
Darum ist er so zornig. Und
empfehle euch der Liebe Jesu Christi! Geben in Dresden, ut supra. Euer
in der Liebe Jesu Christi dienstwilliger Teutonicus. 62. Sendbrief
An
Herrn Tobias Kober, Dr. med. — Dresden am Sonntage nach
Christi Himmelfahrt 1624. Unser
Heil im Leben: Jesus Christus in uns! 1.
Mein gar lieber Herr und christlicher Bruder, nebst treu herziger,
gliedlicher Wünschung stets währender göttlicher Liebe-Kraft, daß eure Seele
möge immerdar aus dem Brünnlein Jesu Christi schöpfen und trinken! 2.
Wenn es euch samt den Eurigen und unsern lieben Freunden samt meinem Weibe
wohl ginge, wär mirs lieb. Für mich danke ich Gott, welcher mich wunderlich
führet nach seinem Wohlgefallen. — Ich bin Mittwoch vor Christi Himmelfahrt
nebst Herrn Melchior Bernt zu Dresden mit guter Gesundheit bei Herrn Benedikt
Hinckelmann, ihre kurfürstliche Gnaden Chymico und Practico, angelanget,
allda mir alle christliche Liebe und Freundschaft erboten wird, auch gar wohl
gehalten werde, allda haben wir viel gute Conversationes. 3.
Und finden sich auch unter des Kurfürsten Räten, und zwar unter den
allervornehmsten gar christliche, liebhabende Herren, welchen solcher
theosophische Grund sehr lieb ist und auch meine Schriften lieben und lesen.
Denn mein gedrucktes Büchlein ist fast in sehr vieler Offiziere und anderer
gelehrter Männer Hände allhier kommen, welche es alle für gut und eine Gabe
Gottes erkennen und dahin arbeiten und denken, wie man solche gute Schriften,
welche den Menschen in die Nachfolge Christi führen, möge helfen fördern und
nicht unterdrücken, wie es leider Gottes in meinem Vaterlande aus Haß der
Person geschiehet. 4.
Und wird dem Herrn Primario von den Räten und Gelehrten sein schmählicher
Pasquill gar wunderlich angesehen, und vermeinet ein Teil, daß ihn habe der
leidige böse Geist diktieret. Auch wird er von den Priestern verachtet,
welche sagen, er schreite ganz damit aus seinem Amte. Denn Herr Hinckelmann
hat ihn den Räten und Gelehrten gewiesen, welche sich ob des Mannes Torheit
wundern, daß er seine Affekte in publico also wider ein christliches Büchlein
darf ausschütten, davor sich manches fromme Herz entsetzet; und achtens für
eine Strafe Gottes, daß diejenigen, welche andere sollten lehren also blind
sind und der Wahrheit selber widerstehen. 5.
Es haben mir auch etliche der vornehmsten Räte ihren guten Willen entbieten
lassen und daneben andeuten, daß sie ehesten Tages als sie nur Gelegenheit
haben, mich zu sich auf eine christliche Konversation wollen fordern lassen,
welches ich von dato erwarte, was allda geschehen möchte. Hoffe aber, daß es
alles gut werden wird, denn dessen bin ich gewiß, daß sie meine Schriften
lieben, wie denn auch der Superintendent allhier, Dr. Aegidius Strauch, mein
gedrucktes Büchlein lieset und liebet, hoffe auch, es werde allhier auch
aufgeleget und nachgedrucket werden, wie mir ist angedeutet worden, so hätte
der Krieg ein Loch; und erwarte täglich, wie es Gott fügen werde. 6.
Ich bitte, der Herr wolle doch meinem Weibe andeuten, daß sie sich wegen
meiner nicht kümmere und nur fleißig bete, Gott wird es wohl schicken.
Mangelt ihr etwas, so weiß sie doch wohl, wo sie das nehmen kann. Sie soll
nur wohl haushalten und sich ein wenig bücken. Dies Sturmwetter wird wohl
vorübergehen und die Sonne darauf scheinen. Ich werde auf Herrn Hinckelmanns
Bitte noch etwa einen Monat lang oder was das sein möchte, allhier zu Dresden
bei ihm bleiben. Denn ich habe es ihm zugesaget, weil er mir Kost und
Gelegenheit umsonst giebet und gar ein christlicher Herr ist, welcher mir
wohl dienen mag, — jedoch nach Gottes Willen. Ich verlasse mich auf keinen
Menschen, sondern auf den lebendigen Gott, und bin dabei ganz fröhlich und
getrost. Wer weiß, wie sichs möchte verlaufen. 7.
Meine Schriften werden allhier nachgeschrieben. Die Zeit wird alles eröffnen.
Ich will euch ehest wieder schreiben, sobald ich nur Gelegenheit habe, und
euch meinen ferneren Zustand berichten. Jetzt bin ich allhier noch gar neu
und fremd, hoffe aber wohl bekannt zu werden, ehe ein Monat weggehet. 8.
Ob ihr irgend Gelegenheit hättet, so bitte ich, mir doch zu schreiben, ob die
Schmähung des Primarii noch also währet und ob ers nicht wolle nachlassen, so
wollte ich die kurfürstlichen Räte um Schutz und Gerechtigkeit bitten,
welches ihm keinen Nutz oder Ehre bringen würde. Er darf sich nicht also sehr
auf seine Gewalt verlassen. Man könnte ihn noch wohl um seine Lügen und
schändlichen Ehrenrührungen willen zurechtstellen. Man hat allhier zu Dresden
öffentlich dergleichen gute Büchlein von der neuen Geburt und dem letzten
Saeculo feil. Es hat ja so gelehrte Priester allhier, als bei uns. Man höret
nicht also dawider lästern. Es ist wahrlich der Stadt Görlitz kein Ruhm. Man
möchte sich wohl besser bedenken. 9.
Herrn Friedrich Renisch wolle doch der Herr neben meinem Gruß melden, daß ich
sein Schreiben, welches er mir mitgegeben will, mit Fleiße bei vornehmen
Leuten andeuten und zeigen. Würde sich etwas wollen erzeigen, so will ich ihm
gerne willfahren. Wo ferne mein Weib nicht hätte meine Apologia (Sendbrief) von dem Praeceptor des jungen Herrn von
Scheratin beim Schneider Lihnen wieder empfangen, dem ich sie hinterlassen
habe, so soll sie dasselbe abfordern, und so gewisse Gelegenheit wäre, mit
herschicken. Man hätte es allhier auch gerne. 10.
Dresden ist jetzt allhier eine Jubelstadt, wie vor der Zeit Prag war, und
gehet prächtig zu. Aus Ungarn berichtet man allhier fast gewiß, wie Herr
Hinckelmann von den Obristen, Offizieren, sonderlich von dem von Loß
vernommen hat, daß der Friede zwischen dem Kaiser und Bethlehem Gabor
geschlossen sei. Aber die Berichte laufen gar viel anders. In Niederlanden
ists auch jetzo stille, obwohl viel Volk allda in Bereitung ist, so höret man
doch nichts Neues. Schweden hat vor acht Tagen allhier Knechte geworben, auch
gehet die englische Werbung fort, — gibt ferner die Zeit. 11.
Bitte, Herrn Hans Roth meinen Gruß zu melden und ihm anzudeuten, daß er doch
wolle Herrn Michael Ender und Herrn Carl Ender neben meinem Gruß andeuten, so
er etwa wird Gelegenheit zu ihnen zu haben, daß ich mich werde eine Weile,
etwa vier Wochen, vielleicht weniger, allhier aufhalten, daß er es Herrn Hans
Sigmund von Schweinichen berichtet. 12.
Daferne etwa Gelegenheit her wäre, und etwa wären fremde Schreiben zu meiner
Frau ankommen, bitte ich mir sie mitzusenden. Ich will ihnen schon antworten,
denn allhier laufen Boten in viel Länder. Und
empfehle euch alle in die Liebe Jesu Christi. Datum Dresden, ut supra. Euer
in der Liebe Jesu Christi dienstwilliger
J. B. P.S. Eurer
Frau meinen Gruß insonderheit; Herr Benedikt Hinckelmann lässet euch grüßen;
hatte nicht Weile zu schreiben. 63. Sendbrief
An
Herrn Tobias Kober, Dr. med. — Dresden, Freitag nach Pfingsten 1624. Unser
Heil im Leben: Jesus Christus in uns! 1.
Mein gar lieber Herr und christlicher Bruder, nebst herzlicher Wünschung
göttlicher Liebe, Geduld und Hoffnung der Erlösung vom Treiber auch steter
Wirkung in der Kraft Christi, daß euer Perlenbäumlein stets größer wachse!
Wenn es auch noch wohl ginge, wäre mir eitel Freude. Für mich danke ich Gott,
denn meine Sache ist bisher in gutem Aufnehmen allhier gestanden. Gott helfe
weiter! 2.
Am Hl. Pfingsttage nachmittag sind die kurfürstlichen Offiziere als die drei
Herren: von Schwalbach und der Hausmarschall die wohledlen, gestrengen
Obersten beim Kurfürsten, als der Hausmarschall, der Stallmeister, oberster
Kämmerer und ein Rat bei meinem Wirte zu Gaste gewesen und um meinetwillen
dahin kommen, sich mit mir zu vernehmen, welches auch in Liebe, Gunst und
gutem Vernehmen bei ihnen abgelaufen, und mich gar gerne gehöret und meine
Sachen ihnen belieben lassen, mir auch geneigten Willen und Beförderung
zugesaget und sich weiter mit mir zu unterreden erbaten, und begehret, dessen
ich täglich warte; lesen auch mein gedrucktes Büchlein mit Liebe, welches sie
auch vor den Kurfürsten gebracht haben. 3.
Am Donnerstage nach Pfingsten hat mich neben meinem Wirte Herrn Hinckelmann
und einem Doktor Medicinae lassen der wohledle, gestrenge Herr Joachim von
Loß, kaiserlicher Majestät und kurfürstlicher geheimer Rat und Reichsoffizier
auf sein Schloß Pillnitz (eine Meile von Dresden), auf seiner Kutschen
abholen und sich mit mir vernommen. Welchem Herrn meine Sachen und Gaben hoch
belieben, welcher mir auch geneigten Willen und Beförderung versprochen hat,
auch angedeutet, daß er wolle meine Person beim Kurfürsten fördern und sehen,
daß ich etwa möchte Unterhalt und Ruhe bekommen, mein Talent zu fördern. 4.
Dieser Herr ist ein sehr gelehrter und hochverständiger Mann, welcher auch
unserm Lande, sowohl Schlesien nach dem Falle Friderici*, unsers gewesen
Königes, in Schlichtung der Hauptsachen sehr viel gedienet hat und gehen alle
hohe Sachen durch seinen Rat, welcher begehret hat, ich wollte öfter bei ihm
erscheinen. Er wollte mein Patron und geneigter Förderer sein; und warte auf
dato stündlich, welches ich durch obgenannten seiner Räte andeuten und
Förderung gewärtig bin; und sind auch viel andere Herren und Räte, denen mein
Büchlein beliebet, wie denn auch dem Superintendenten Aegidio Strauch, und
hoffe, es werde alles gut werden nach erlittenem Schaden und Verfolgung. *) Friedrich V., sogenannter
»Winterkönig« 5.
Hätte nun der Herr Primarius zu Görlitz etwas wider mich zu klagen, so möchte
ers jetzt allhier bei des Kurfürsten Räten vorbringen und seine giftige
Verleumdung bei E. Stadtrat, meinen Herren zu Görlitz unterwegen lassen. Allhier
wollte ich ihm zurechte stehen und seine Lügen ins Angesichte stellen, welche
er hat giftigerweise von der Gemeine und im Pasquill über mich ausgeschüttet. 6.
Sein christliches Herze wird trefflich gelobet, wenn er das nur ein Teil
wüßte, wie man seinen Pasquill für so gar christlich und recht ansiehet. Er
tut der Stadt Görlitz Schande und Spott damit an, daß sie also einen Lästerer
und Spötter zum Hohenpriester haben, welcher also ehrenrührische Pasquill und
Zoten wider seine Pfarrkinder drucken lässet und sie nicht anders mag
unterrichten. Er hat sich einen trefflichen Namen dadurch gemachet, daß man
ihn für einen Unchristen und ungeistlichen Mann hält. Ihm dürfte auch wohl
gar bald das Maul gestopfet und geheißen werden, seines Amtes und der Nachfolge
Christi und der Apostel zu warten, ohne was ihm dürfte begegnen, so wollten
seine ehrenrührischen Worte im Pasquill und auf der Kanzel eifern und klagen.
Ich hoffete, ich wollte wohl Richter finden, welchen diesen Richter würden
können richten, ob ich gleich zu Görlitz kein Gehör kann haben, welches doch
die Herren wunderlich ansiehet, daß man einen Bürger in seinen Sachen nicht
vernehmen will, da ich doch über meine Herren zu Görlitz keine Klage oder
Beschwerde führen will, ohne weitere Ursache. 7.
Daß es aber den Primarium verdrießt, daß ich mich habe schriftlich
verantwortet und darum will ich oben ausfahren und noch vielmehr lästern,
dazu sage ich: Hat er nicht genug an geschriebener Antwort, so will ich sie
zum Druck befördern, wie es von vielen gelehrten Leuten für gut angesehen
wird. Ich weiß auch schöne Gelegenheit dazu. Das Maul vom Lästern zu halten,
wäre ihm gut oder er wird müssen sehen und hören, was ihm jetzt nicht
gefället. 8.
Wiewohl ich keinen Gefallen daran habe, denn ich merke sehr wohl, daß der
Teufel gerne wollte mein Talent mit Zanken besuchen, hoffe aber unter
göttlichem Schutze zu stehen, denn ich empfinde jetzt kräftig, wie Gott seine
Kinder führet und schützet, dafür ihm zu danken ist. Und wird nicht also
gehen, daß der Primarius wird alle Leute von Görlitz jagen, welche mein
Büchlein lesen, sonst müßte er auch zu Dresden kommen und in viel andere Orte
und den Kurfürsten seine Räte und Priester verjagen. Er sehe aber zu, daß ihn
Gottes Zorn nicht ins höllische Feuer jage. Buße tun wäre wohl gut. Will er
aber eine Reformation anfangen, so wird der Kurfürst auch dreinsehen, was er
für einen Reformator in seinem Lande habe. Dürfet euch vor ihm nicht
entsetzen, es ist nur ein pharisäischer Eifer ohne Grund. 9.
Ich hoffe noch, es wird bald die Zeit der großen Reformation kommen, da man
sie auch wird reformieren und heißen Christum und nicht Schusterpech und
-schwärze lehren und Christi Kinder lästern. Er komme nur zu Dresden in einen
Buchladen. Er wird die neue Reformation genug sehen, welche meinem Grunde
gleichsiehet, was den theologischen Grund antrifft. Ich höre allhier nichts
dawider lästern, denn es wird mit Freuden gelesen, wie denn auch der
Superintendent Aegidius Strauch sowohl auch Doktor Hoe die neue Geburt und
den innern Menschen anjetzo selber lehren, es mags ihnen der Primarius zu
Görlitz auch verbieten. Und viel andere in Meißen, Sachsen, Thüringen und
See-Städten, schreiben und lehren davor gar recht. So das unser Primarius
will wehren, so hat er Zeit, daß er ein Consilium ausschreibe und die
Reformation vornehme, oder es werden eitel Enthusiasten werden, wie er sie
heißet. 10.
Ich bitte, wollet doch meine Frau und Söhne grüßen und ihnen dies lesen
lassen und sie zur Geduld und Gebet vermahnen. Ich hoffe, es wird alles gut
werden. Sie sollen sich nur noch ein wenig gedulden. Wer weiß, wie es noch
mag ablaufen. Es kann mir diese Verfolgung noch wohl zum allerbesten kommen.
Ich will in drei Wochen, so das sein mag, gewißlich zu Hause kommen, ob ich
gleich müßte wieder allhier herreisen. Will euch aber unterdessen schreiben,
wie sichs wird weiter mit den Herrn verlaufen, und meinen Sohn Jakob
vermahnen zu warten und daß er doch oft wolle zu Hans Bürger gehen und sehen,
was Elias (ein Sohn Böhmes) lernet und sich mit seinem
Lehrmeister in Liebe behaben. Dem soll er meinen Gruß und guten Willen
entbieten und mein Vorhaben nicht verbergen, daß es nicht das Ansehen habe,
als hätte man eine solche Sache, daß man vorm Primario müsse fliehen und
deswegen der kleine Elias von seinem Lehrmeister verfolget und übel gehalten
würde. So mag ihm mein diesmaliger guter Zustand wohl angedeutet werden. 11.
Wiewohl er ein guter einfältiger Mann ist und sich der Sachen nicht
verstehet, daß er deswegen nicht wolle Abgunst auf meinen Knaben werfen. Es
wird noch alles gut werden. Er soll sich nicht scheuen, meinen Sohn zu
lehren. Ich will seinen Kindern und ihm wiederum dienen. Und möchte auch noch
wohl eine andere Zeit kommen, daß ich ihm dienen könnte. Er wolle doch
anjetzo mit mir Geduld tragen, denn mein Weg ist von Gott also beschaffen.
Das wird die Zeit und das Ende geben. 12.
Die Herren und christlichen lieben Brüder als Herrn Hans Roth, Herrn
Friedrich Renisch, Herrn Martin Möller und Herrn Michael Kurz nebst allen
Kindern Christi, welche sich zu euch nahen, bitte ich zu grüßen und meinen
Zustand zu eröffnen, auch daß sie als Kinder Christi im Weinberge Christi
wollen arbeiten und den Satan lassen brummen. Die Zeit der Erlösung kommet
schon zu seiner Zeit. Der Frau Doktorin auch insonderheit meinen Gruß und
meinem Weibe und Söhnen zu vermelden, daß sie stille sein und Geduld haben
und nicht eifern, daß uns der böse Feind nicht etwa einen Klecks anhänge; und
endlich jedermann sehe, daß wir um der Erkenntnis Christi und seiner Wahrheit
willen verfolget werden. Ob es Gelegenheit gäbe, welche gewiß wäre bitte ich
mir doch meine Apologia wider den Primarium mitzusenden oder mit gewisser
Gelegenheit Herrn Melchior Bernt zu Zittau zu senden, welcher allezeit mit
den Leipziger Buch-Händlern Gelegenheit hat, und solche bei meinem Weibe
abzufordern, denn sie wird begehret, solche den kurfürstlichen Räten zu
zeigen, was sie dazu sagen werden. Inneliegend Schreiben meinem Weibe zu
geben, daß sie das Herrn Carl von Ender sende. — Und empfehle euch alle der
sanften Liebe Jesu Christi! Datum
Dresden, ut supra. Euer
in der Liebe Jesu Christi dienstw(illiger) Teutonicus. 64. Sendbrief
An
Herrn Tobias Kober, Dr. med. — Dresden vorn 13. Juni 1624. Emanuel! 1.
Mein vielgeliebter Herr und christlicher Bruder, nebst herzlicher Wünschung
der stets wirkenden Liebe Jesu Christi, daß sein Perlenbäumlein unterm Kreuz
unsers Herrn Jesu Christi in solcher Bewegnis und Übung groß werde und wir
allesamt in solcher Kraft mögen dem zornigen Feinde Christi im Glauben und in
der Demut Christi widerstehen, welcher anjetzo brüllet wie ein wütender Löwe,
und sich mächtig wider Jesum und seine Kinder auflehnet, daß wir mit Paulo
mögen einen guten Kampf kämpfen und das Ende unserer Seligkeit davonbringen
und nicht um zeitlicher Ehre und Lust willen Christum in der einmal erkannten
Wahrheit verleugnen, welches schwer sein würde wieder zu erlangen. 2.
Ich für meine Person danke Gott in Christo Jesu, daß er mich hat mit seinem
Malzeichen gezeichnet und machet mich täglich seinem Bilde ähnlich, und bitte
ihn um Beständigkeit, auch daß er wolle meine Feinde von dem grausamen Tode
des ewigen Schreckens, darin sie jetzt unwissend gefangen liegen, erlösen,
und auch ans Licht bringen, daß sie diesen Weg erkennen und in unsere ewige
Brüderschaft kommen. 3.
Aber um vernünftig von diesen Dingen zu reden, so sehen wirs ja vor Augen,
daß dieser Weg dem Teufel ganz zuwider ist, weil er ohne Ursache also dawider
tobet. Es ist fast ein großes Wunder, daß er wider so ein kleines
Bet-büchlein solch Lärmen anrichtet. Es muß ihm gewiß nicht schmecken und
anstinken, da doch viel große Bücher voll Narrenpossen, teils auch voll
Aberglauben gefunden werden, welche er nicht anficht, sondern nur den »Weg zu Christo« speiet er an, daß
niemand soll darauf wandeln. 4.
Denn er meinet, sein Reich erst kräftig zu bauen, und siehet aber, daß es
jetzo überall will lückicht werden, denn der Einreißer kommen anjetzo an
vielen Orten herzu, sonderlich von Mitternacht. Wir können anjetzo nichts
besseres tun, als diesen Feind mit Geduld unterm Kreuz Christi spotten und
mit ernster Buße überwinden, so wird er endlich matt und schwach. 5.
Und wird dieser Löschbrand wohl seine Endschaft nehmen, denn er ist nur ein
Feuerstrahl Gottes Zornes, welcher muß mit göttlicher Liebe und Demut
gelöschet werden. Wir sollen ihm mitnichten Holz zutragen zu seinem Brennen,
sondern mit Christi Überwindung töten, wie Christus mit seiner Liebe hat
Gottes Zorn und die Hölle überwunden und den Tod zerbrochen und mächtig über
alle seine Feinde geherrschet. Also wird alsdann solcher Feind im Zorn Gottes
nicht lange siegen, wie uns Christus gelehret hat, daß wir unsere Feinde
sollen speisen und tränken und uns erfreuen, so sie uns um seinetwillen
belügen. Denn unser Lohn ist im Himmel. 6.
Ein weltliches Schwert aus eigenem Vorsatze wider solchen Feind zu führen,
ist nicht gut, denn also würde er stärker. Aber mit Geduld und Beten wollen
wir ihn wohl überwinden. Nach seiner unbilligen Lästerung frage ich nichts.
Ich habe ein gut Gewissen wider ihn. Es muß doch bald die Zeit kommen, daß
solcher Feind mit dem Schwerte der Kraft Gottes ersticket werde. 7.
Wir sehen billig die Zeit an, denn Babel brennet in der ganzen Welt, und ist
Wehe auf allen Gassen, ohne daß mans noch nicht siehet, sondern noch daran
blind ist. 8.
Wegen eurer brüderlichen Treue und gar christlichen Vorsorge, indem ihr habet
etliche Sachen von meinem Weibe zu euch genommen in Verwahrung, sage ich
großen Dank. Will mir je der Hohepriester das Haus stürmen, das lasse man ihn
nur tun, auf daß es doch in allen Landen kündig werden, was für ein Aufrührer
er ist. Es wird ihm und den Seinigen gar zu großen Ehren kommen. Es soll auch
vor des Kurfürsten Räten gerühmet werden, daß er mir durch seine getreuen
Diener hat das Haus angetastet und die Fenster eingeworfen. Wenn das andere
Leute täten und Ursachen haben, so würde sie ein E. Rat nicht bei der Stadt
dulden. 9.
Es wundert mich fast sehr, daß man solch Lärmen zu Görlitz anrichtet und die
Stadt also beschreiet ohne Ursache. Wenn man wird nach dem Grunde fragen, es
wird seltsam aussehen. Jedoch muß es sein, denn es ist die Zeit geboren. Es
wird bald ein anderes kommen. Dieses ist nur ein Vorbild weil sie haben des
Hl. Geistes Fest also fein zelebrieret, so wird er ihnen kräftig beistehen.
Daran kann man ja wohl sehen, wes Geistes Kinder sie sind, wem sie dienen;
und geben uns desto mehr Ursache, von ihnen zu fliehen. Ich meine ja, es sei
Pfui genug, es stinke nach pharisäischem Peche und höllischer Schwärze, daß
es Gott erbarme die arme einfältige Gemeine, welche also verblendet wird und
die Strafe Gottes auf sich zeucht, welche gar nahe wird ausgegossen werden. 10.
Man sieht auch ihre Beständigkeit gar schön. Was sie jetzt gut heißen, das
verleugnen sie ein andermal. O, wenn Jesuiten dahin kämen und man die Kirchen
von Luther wieder abforderte, was würde das gute Päpstler geben! 11.
Man lasse es doch nur also gehen. Stilleschweigen ist das beste. Sie jagen
eine Mücke und meinen, sie haben den Braten. Aber es stecket ein kleines
Senfkörnlein vom Kreuz, daran Christus hat den Tod erwürget, darin. Das wird
ihnen den Bauch zerbersten und wird zu einem Baum werden. Das kann niemand
wehren. 12.
Mein Weib darf keine Fensterladen deswegen machen. Wollen sie diese
einwerfen, das mögen sie tun. So siehet man des Hohenpriesters Früchte. Sie
soll sich doch nur noch ein wenig gedulden. Hat sie nicht Raum zu Görlitz, so
will ich sie wohl an Ort und Stelle schaffen, da sie wird Friede haben. Sie
bleibe doch nur zu Hause und gehe nicht ohne Not aus und lasse den Feind
toben. Er wird sie nicht fressen. 13.
Ich muß noch ein wenig allhier verwarten und nachsehen, was Gott tun will,
denn ich bin jetzt erst ein wenig in großer Herren Kundschaft allhier kommen,
welches täglich geschiehet. Und gehet mir auf heute, Gott Lob, noch wohl und
habe noch nicht Anlaß gehabt, etwas von den Herren zu begehren zu meinem
Schutze, weil der Kurfürste verreiset ist und etliche der vornehmsten Herren
mit ihm. 14.
Wiewohl ich mich auf keinen weltlichen Schutz verlasse, sondern auf Gott
warte und ihm allein vertraue, von dem ich mein Pfund habe empfangen. 15.
Auf nächsten Sonntag ist ein Gespräche zwischen mir und dem Herrn
Superintendenten Aegidius Strauch angestellet bei meinem Wirt, welches der
Herr Superintendent sich mit mir zu unterreden selber begehret und wünschet
auf ein Abendmahl dabei etliche des Kurfürsten Räte sein werden. Was allda
ablaufen wird, berichte ich euch ehest. 16.
Denn mein Gebetbüchlein »Von der Buße«
liebet er, ohne daß er sich gerne wollte etlicher Punkte halben, welche ihm
zu hoch sein, unterreden und selber hören, aus was Grunde es fließe, welches
mir lieb ist, und sehe nach, was daraus wird werden. 17.
Auch warte ich nach des Herrn von Loß als kaiserlichen und kurfürstlichen
geheimen Kammerrats, seiner Resolution, zu welchem ich auch ehesten Tages
kommen soll. Was allda ablaufen wird, will ich ehest berichten. Hoffe, es
wird noch alles gut werden. Wie Gott will, so will ich mit. Wer weiß, wo mich
Gott hin will haben oder was er durch mich tun will. Ich wundere mich selber
sehr, wie ich also wunderlich geführet werde, ohne meine Gedanken und
Vorhaben. 18.
Meinem Weibe übersende ich mit Zeiger zwei Reichsthaler Unterhalt. Wird ihr
etwas mangeln, weiß sie doch wohl, wo sie das haben kann. Der Schlüssel zum
Tische liegt im Stüberl bei den Pfannen auf dem Brette. Euer Traktätlein
liegt im Tische, könnets abfordern. Euer Schreiben, welches ihr noch nach
Zittau habt geschickt, ist mir noch nicht zuteil worden. Ob sich etwas
zutrüge, bitte ich doch mir zu schreiben. Und wo keine gewisse Botschaft
zufällig her ist, nur Herrn Melchior Bernt zu Zittau schicken. Er hat alle
Wochen Gelegenheit her, und ihm zu melden, daß ers dort fördere, als ichs
denn auch also mit ihm habe verlassen; und bitte mein Weib und die beiden
Söhne zu grüßen und sie zur christlichen Geduld und zum Gebet vermahnen und
nicht eigene Rache vorzunehmen, daß der Feind nicht Ursache habe. 19.
Der Handel mit Herrn Fürstenauers Gesinde ist wohl nicht gut. Jedoch wird
daraus nicht viel werden, denn es ist des Primarii eigene Schande, und dürfte
ihm wohl groß verwiesen werden. Und wünschte, daß es sein Herr recht wüßte,
er würde ihn wohl in Schutz nehmen. Es sind des Primarii gute Früchte. 20.
Ich hoffe, ich will euch ehest besuchen, ob ich ja wieder hierher sollte
reisen. Es wird nicht so schlimm werden. Es ist nur ein tolles Geschrei,
daran nichts ist als Pfaffenglöckel; die läutet also schön. Obs Christi
Stimme sei oder des Teufels, ist leicht zu raten. Ihr dürfet euch wegen des
Geplärrs nicht zu Tode fürchten. Es ist keine Sache, daran Schande hanget. Es
ist nur die Glocke zu Babel. Die wird geläutet zum Sturme. 21.
Helfet nur, im Geiste Christi tapfer stürmen, so wird alsdann auch Christis
Glöcklein geläutet werden. Gott gebe ihnen und uns allen einen guten Sinn. 22.
Herr Friedrich Renisch bitte ich zu grüßen. Ich habe ihm allhier noch nichts
können ausrichten, denn es gehet allhier sehr nach Gunst zu. Und sind viel
Aufwärter, so etwas ist; will ihm aber gerne in Liebe dienen, so ich nur
könnte. Ich kann mir anjetzo noch selber nicht raten, bis mir Gott hilft. Und
empfehle euch alle in die Liebe Jesu Christi! Datum Dresden, ut supra. P.S. Mein
Jakob soll doch noch zu Görlitz warten, daß die Mutter doch einen Trost habe,
bis ichs kann ändern. Es sollte schon sein, so ich nicht allhier warten
müßte, sie gedulde sich nur. Des
Herrn dienstwilliger J. B. 65. Sendbrief
An
Herrn Augustin Köppe, fürstenauerischer Verwalter zu Lissau — Anno 1622. Unser
Heil im Leben: Jesus Christus in uns! 1.
Mein lieber Herr Augustinus, christlicher Bruder, Nebst herzlicher Wünschung
göttlichen Lichtes in wirklicher Kraft des heiligen Entis in Christo! Daß ihr
meiner Gaben etwas empfangen und dieselbe beliebet, leset und nachschreibet,
das ist nicht von mir selber. Ich bin auch nicht der, welcher euch den Verstand
und Erkenntnis, viel weniger die Begierde dazu giebet, sondern der Geist
Gottes in euch selber giebets. Denn so das durch mich geschehen könnte und
ich die Macht hätte, so wollte ich, daß sie alle Menschen in ihnen verstünden
und das hätten, das mir armem unwürdigem Menschen aus göttlicher Gabe
verliehen ist. 2.
So gebühret mir auch nicht, daß ich mich derselben wollte annehmen als ein
Eigentum, viel weniger von der Welt Ehre oder Gaben darum nehmen, ohne was
von den Reichen aus ihrem Überfluß zur Unterhaltung des Lebens und zu mehrer
Abwartung dieses Talents geschehen möchte, darum ich doch von niemand etwas
begehre. 3.
Euer treues und recht eiferiges christliches Gemüt ist mir fast wohl bekannt
und liebet mir mehr als Geld und Gut. Denn ich weiß, daß ich kann einen
christlichen Bruder zur ewigen Ergötzung haben und mich in und mit ihm
erfreuen als ein Glied an und in dem andern. Daran ich auch wohl begnüget
wäre und Christus mein reicher Lohn sein wird, so ich durch meinen Fleiß
hätte etwas in Christi Weinberge helfen wirken und gewinnen, und wollte in
keinem Wege etwas Zeitliches dafür begehren. Weil ihr mir aber aus
christlicher Liebe und Treue auch wollet gerne helfen zu meines Leibes
Unterhaltung und Notdurft bei diesem meinem Talent dienen, so erkenne ich
solches als eine Schickung göttlicher Ordnung, und bedanke mich zum höchsten
eures treuen Gemütes und Verehrung. Ich will euch aber dasselbe viel lieber
zahlen, was es kostet, denn es deucht mich, viel zu sein, daß ich solches von
euch nehmen sollte, welches zu unserer Ankunft geschehen kann. Und ob es euer
Gelegenheit gebe, daß ihr amtshalben könntet abkommen, so wollten wir das
miteinander diese Tage verzehren bei einem christlichen Gespräche, welches
mir lieb wäre. Und empfehle euch der Liebe Jesu Christi. P.S. Beigefügtes
Schreiben ist mir vom Herrn Doktor Kober geschickt worden, euch zu senden. J. B. 66. Sendbrief
An
Herrn Augustin Köppe, Schlösser zu Lissau — Vom Juli 1622. Immanuel! 1.
In Christo vielgeliebter Herr und Freund, nebst Wünschung göttlicher Liebe
und seliger Erkenntnis, auch aller zeitlicher Wohlfahrt! In eurem
wohlgemeintem Beginnen möchtet ihrja etwas verhindert werden. Aber ein
rechtes christliches eiferiges Herze hat seine Schule in sich, auch mitten in
allen andern Geschäften. Denn so wir Christo folgen und denselben in uns
erlangen, so ist er in allen Dingen unser Anfang und Ende und unser
Lehrmeister in uns. 2.
Es möchte unsere Konversation freilich wohl Nutzen schaffen. Weil ihr könnet
anjetzo also eine schöne Gelegenheit haben, da ihr diese Schriften möget in
Händen haben, so sehet zu, unterlassets nicht und bequemet auch darinnen. Ihr
werdet gar einen trefflichen Verstand in dem Summario, welches ich jetzt
unter Händen zu schreiben habe, finden, welches Herr Tobias schon ein Teil
nachgeschrieben hat. 3.
Denn es ist ein sehr heller Morgenstern aufgegangen, dessen, so euch mag der
Geist aufgeschlossen werden, ihr euch werdet wundern, was uns der Höchste
anjetzo gönnet, da man klar siehet, wie der helle Tag mitten in der finstern
Nacht anbricht, dessen sich manches hungeriges Herz erfreuen wird und dadurch
von allem Irrtum erlöset werden. 4.
Vermahne euch als meine lieben Brüder, wollet ja diese schöne Zeit und
Gelegenheit in acht nehmen und nicht die Rosenzeit versäumen, sondern als
gute Zweige in unserm schönen Lustgarten mit ausgrünen. 5.
Denn das Ende zu Babel ist vorhanden und die Turba hat eine große Einernte.
Es wird Ernst sein. Suche sich doch nur ein jeder in der Gnadenzeit und gehe
aus der fleischlichen Babel aus, daß er nicht mit ergriffen werde. Es ist
hohe Zeit und kein Scherz von uns gedichtet. Es ist hoch erkannt worden. 6.
Ich vermahne auch Herrn Tobias brüderlich, ja seiner jetzigen bequemen Zeit
in acht zu nehmen und sich zu suchen, und meine es treulich. Er wird bald
etwas mehrers nachzuschreiben bekommen, welchesteils Herr Walther unter
Händen hat, teils ist noch bei mir beruhend. 7.
Wegen des Görlitzer Hauptmanns berichte ich, daß er heute nicht hinnen ist,
will aber nachfragen, wenn er wird hier sein. Und so es not ist, kann mich
der Herr berichten, so will ich Bericht tun. 8.
Denn wir können anjetzo nicht in die Stadt wegen eingefallener Brücke mit
einem ganzen Joche mitten auf der Brücke, von oben bis in den Grund, welches
in einem Blitz und Hui geschah, als schöße man ein Rohr ab, welches, weil ich
selber auf der Brücken gestanden, ich selber gesehen und Gottes große Macht
fast übernatürlich gespüret habe, welches mir groß Nachdenken gibt, davon ich
mündlich mit euch reden wollte.* *) Einsturz der Neiße-Brücke am 18.
Juli 1622 9.
Denn ein solches, als ich gesehen, mich hart bestürzet hat. Denn ich war über
drei Ellen nicht vom Anbruch im Fenster liegend, ins Wasser zu sehen, lief
aber im Schracke davon. Sah es nur in einem Blick an. Und ehe ich mich umsah,
war alles in Grund augenblicklich*. *) Nota eines görlitzischen Beamten
(gemäß der Böhme-Ausgabe von 1730): Zur Erläuterung, daß Jakob Böhme nicht
über drei Ellen vom Anbruch der Brücken im Fenster gelegen, das verstehet
sich nicht von seinem Hausfenster, sondern von einem Brückenfenster. Denn der
Autor, wie er nach dieser Originalepistel selber klar spricht, bei dem
Einfall der Brücken selbst im Fenster gelegen, als welche noch heutzutage
oben mit Schindeln bedecket, zu beiden Seiten offene Fenster hat, in derem
einen derselbe vermutlich gelegen und ins Wasser gesehen; welches so viel
wahrscheinlicher, weil er selbst spricht, daß das Joch in der Mitten der
Brücken eingefallen sei. Dieselbe wird aber fast auf 100 Ellen lang sein,
welchem nach der selige Mann zwischen 40 und 50 Ellen vom Lande oder Ufer ab
auf dem Wasser gestanden, nämlich auf der Brücken, davon ihm auch der
Schrecken befangen, daß er im Schracke geschwind davongelaufen. Welches klar
von der Brücken zu verstehen und nicht vom Hause, welches also nicht am
Wasser gesuchet werden darf. 10.
Wegen der Fische tue ich mich bedanken, will es im Guten verschulden; will
euch in kurzem selber sehen, so ich nur wissen werde, daß ihr ein wenig Zeit
habet. Könnet michs nur wissen lassen, wenns euch auf einem halben Tag
Gelegenheit gibt. Und empfehle euch der sanften Liebe Jesu Christi. P.S. Es
sind wohl ein Person oder zehn mit hinuntergefallen und teils sehr
beschädiget, aber keines tot blieben. Man kann nicht eben wissen, ob jemand
fremdes möchte sein verfallen, denn es war viel Volk darauf. Man weiß den
Fall noch nicht recht; gibt die Erfahrung, wenn man das Holz wird aufheben. Euer
in der Liebe dienstwilliger J. B. 67. Sendbrief
An
Herrn Christian Bernhard, Zolleinnehmer zu Sagan — Am Tage Martini 1620. Die
Kraft der Wunderlilien Gottes aus dem Brunnquell Jesu Christi sei unsere
Erquickung! 1.
Ehrenfester, wohlbenamter Herr und vertrauter Freund. Allhier übersende ich
euch ein Schreiben an Herrn Walther neben drei Säcken, mit dem Melchior
Specht, welche Herr Walther oder Herr Magister Weigel wird fordern lassen.
Denn Herr M. Weigel wollte mir Korn darinnen schicken, wie Herr Walther
berichtet. Wird es zu euch geschicket werden, so beherberget mir es doch, bis
Specht kommt. So lasset ihm das folgen, daß er mir das bringe. Das Schreiben
an Herrn Walther wird er wohl fordern lassen. Oder da ihr wisset, wo er wäre
und hättet zufällige Gelegenheit, die gewiß wäre, so könnets ihm mitschicken,
tätet ihr mir und ihm einen Dienst. 2.
Wie es auch um Sagan und in Niederlausitz wegen der Kriegsgefahr gehe, möchte
ich gerne wissen. Am Tage Martini (11. November)
ist der Markgraf mit allem Volke wieder in Görlitz ankommen und hat sich
einquartiert, daß fast alle Häuser voll sind, nachdem er drei Wochen zu
Lübben gelegen und nichts ausgerichtet, als daß sie am nähesten Freitag ein
wenig miteinander vor Lübben gekämpft, da ihrer von den unsern zwei blieben
und etliche verwundet. Und wie die Soldaten berichten, sind viel von den
andern Völkern totgeblieben. Das Gemetzel hat einen ganzen Tag gewähret. 3.
Sonst ist nichts geschehen, ohne daß sie einander oft auf der Streife
angetroffen und ein wenig geschlagen. Aber das Land ist über die Hälfte
verderbet und beraubet, und weiß man nicht, wie es gemeinet ist oder was
werden wird. Unser Land wird bald fertig sein. Die Lager liegen bei
Rackenitz, nur ein Pfluggewende voneinander, und kämpfen alle Tage
miteinander. Aber zu einer Schlacht will es nicht kommen. 4.
Sonst streifet man bis an Raudnitz, drei Meilen von Leutenmeritz, und verdirbet
und verheeret das Land mit Rauben, Morden und Brennen, beides im
Leutenmeritzer und Saazer Kreise, auch im Schlauer Kreise, und ist das
Böhmerland meistenteils im Grunde verderbet, wie ich selber gesehen, indem
ich vor acht Tagen oben gewesen. Tue
euch der Liebe Jesu Christi empfehlen. Geben ut supra. Des
Herrn dienstwilliger J. B. P.S. Donnerstag
nach Martini kam Nachricht, daß die Lager von Rackenitz auf Prag gerücket,
allwo unter den Stadtmauern und bis in die kleine Stadt (Stadtviertel von
Prag) hinein und wieder heraus ein groß Gefecht gewesen und eine sehr große
Schlacht geschehen, darin viel Volks geblieben. Worauf die Lager wieder
auseinandergezogen; wo sie aber liegen, gibt ferner die Zeitung. 68. Sendbrief
An
denselben — Im Mai 1621. Emanuel! Herr
Christian, guter Freund. Ich füge euch dieses, nach dem ich jetzo meiner
Gelegenheit nach allhier bin, daß ich euch gerne möchte ansprechen wegen
unserer Kundschaft, weiß aber nicht, wie es euch gefällig oder gelegen sein
möchte. Ich wünschte, mit euch in geheim zu sein auf ein kurzes Gespräche, so
euch dasselbe gefällig wäre, so werdet ihr ohne Zweifel Mittel dazu wissen.
Wollet auch in meiner Gegenwart meines Namens und Person geschweigen, es wäre
denn Sache, daß er den Eurem zuvor bekannt wäre und sie es begehrten. J. B. Extra-Schreiben
an denselben — Vom 8. Juni 1621. Mein
lieber Herr Christian, noch füge ich euch freundlich, daß ich Herrn Rudolf
von Gersdorf auf Schwarza und Weichau, zu Weichau seßhaft, als ich nächst von
euch zu ihm gereiset, in einem sehr guten Zustand gefunden, und welcher eine
gar herzliche Begierde nach unserm Talent träget, auch sein Leben dahin
gerichtet, solches von Gott zu erlangen. So werden in kurzem etliche Episteln
zu euch gesandt werden, welche er bei euch wird lassen abfordern oder so ihr
ihm dieselben wollet auf seine und meine Kosten nach Weichau senden, werdet
ihr ihm daran, auch mir, einen Liebewillen tun. Denn er ist gar ein ehrsamer
Mensch worden und ist anjetzo wohl auf der rechten Bahn. Gott gebe Beständigkeit! 2.
Es soll mich keine Mühe verdrießen, wenn ich zwar viel Zeit zubringe, meinem
Nächsten das mir eröffnete Talent zu offenbaren, so nur dadurch Gottes und
unser engelisches Reich gemehret wird. Als ich denn in meiner Reise, als ich
von euch kam, solche Schüler gefunden, daß ich mich nicht allein der hohen
Gaben Gottes verwunderte, sondern auch hoch erfreuete. Denn mein Gang ging
gar anders, als ich dachte. Als ich von Hause reisete, mußte durch Gottes
Wunderschickung wohl fünfeinhalb Wochen außen bleiben; verhoffe auch, es
werde nicht vergebens sein. Und
tue euch der Liebe Jesu Christi empfehlen. Datum
Görlitz, ut supra. Euer dienstwilliger Bruder J.
B. 69. Sendbrief
An
denselben — Vom 11. Mai 1624 Unser Wille und Begierde sei Immanuel! 1.
Mein gar lieber Freund und Bruder in Christo, neben herzlicher Wünschung
aller seligen Wohlfahrt, daß uns der Geist Christi stets leite, führe und
rate und in allem unsern Willen und Tun der Anfang und das Ende sei. Ich
wollte am nähesten gar gerne sein im Rückwege wieder zu euch kommen, inmaßen
es denn auch mein ganz Vornehmen war, mich vornehmlich mit eurem Herrn Bruder
in göttlicher Erkenntnis zu unterreden, weil ich ihn gar für ein begieriges
Herze nach göttlicher Erkenntnis vermerket, neben einem schönen Verstande von
Gott wohl begabet. 2.
Ich bin aber nicht allein von meiner vorgenommenen Reise abgewendet worden,
daß ich diesselbe nicht nach meinem Vorsatze habe mögen vollbringen, sondern
auch durch Gottes Schickung gar einen andern Weg von Weichau aus nach Glogau
und Breslau und viel andere Orte geführet worden. Und solches durch vornehmer
Leute Begehren und gar christliches Beginnen, welches, weil ichs für eine
Schickung Gottes erkannt, meinen weltlichen Geschäften vorgesetzet und einen
Boten von Weichau aus zu meinem Bruder gesandt und die Geschäfte mit Briefen
verrichtet. 3.
Weil mir denn gleichwohl was daran gelegen und mir mein Bruder wird haben
wieder Schreiben zurück zu Herrn Rudolf von Gersdorf geschicket, denn mir
Herr Rudolf einen Boten verliehen, so langet mein freundliches Bitten an
euch. Wollet doch die Schreiben, so euch dieselben zugeschicket würden, wie
ichs denn also habe bestellet, mir zuschicken durch Specht oder andern
gewissen zufälligen Boten. Daran erzeiget ihr mir einen brüderlichen Dienst, an
welchem mir gar nicht zweifelt, ihr gar geflissen seid. 4.
Meine verbrachte Reise, als ich von euch abscheidete, wird, wie ich zu Gott
hoffe, viel Nutzen schaffen, denn mir Gott solche gelehrte Männer zugefüget,
mit denen ich mich besprochen, denn es auch sehr angenehm gewesen, daß ich
hoffe, es werde viel Frucht und Nutz bringen. Obwohl der Satan dawider tobet,
so wächset doch mancher schöne Zweig dadurch in Christi Gärtelein, dessen ich
mich hoch erfreue, daß dennoch Gott seine Sonne mitten in der Nacht aufgehen
und scheinen lässet. 5.
Und bitte, wollet eurem Herrn Bruder meine Liebe und geneigten Willen in
Christo Jesu neben meinem Gruße vermelden. Ich will ihm ehestens ein
Schreiben schicken, uns abwesend zu ergötzen in christlichen Gesprächen zu
unserer Selbsterbauung. 6.
Ob ihr Gelegenheit hättet, die Frau Magister Weigel wegen meiner drei
Neusäcke mit einem Brieflein zu erinnern, dieselben euch zu übersenden in
meinem Namen, wäre mir ein Dienst. Und empfehle euch samt den Euren der
sanften Liebe Jesu Christi. Euer
in Liebe vertrauter Freund J. B. 70. Sendbrief
An
denselben — Vom 9. Juli 1622. Immanuel! 1.
Mein lieber Herr Christian, neben Wünschung aller Wohlfahr. Weil ihr anjetzo
gesonnen, nach Breslau zu reisen, so bitte ich, wollet mir doch diesen Pack
Schreiben an Herrn Dr. Göller von Troppau mit nach Breslau nehmen. Er hat zu
Breslau eine Mietung gedinget, da er seine Gelegenheit hat, so er zu Breslau
ist bei St. Kathrin auf der Katharinengassen, in Ludwig Guthäters Hause.
Daselbst wollet doch anfragen, ob er in Breslau sei. Wo nicht, so hat er
seine Absprache mit mir verlassen, daß ich es ihm soll bei Herrn Andreas
Hannibal, Zobelfärber auf dem Graben, lassen hinterlegen, der solls ihm nach
Troppau schicken. So bringets nur diesem Zobelfärber und saget ihm, daß ers
wollte aufs eheste Herrn Dr. Göller schicken. Er wird wohl wissen, damit
zutun, denn also ist es bestellet. Daran tut ihr mir einen angenehmen Dienst. 2.
Ich habe gar ein fein Büchlein »Von der
neuen Wiedergeburt« das zur Pönitenz gehöret, welches kurz und sehr gut
ist. Will es euch, wenn ihr werdet wieder zu Hause kommen, auch schicken oder
ja eurem Bruder, dem Konrektor, unter dessen. Sehet nur zu, daß ihr Herrn
Gersdorf das Büchlein »Von der Buße«
vor eurem Abreisen könnet schicken. Ich will euer nicht vergessen, und
verschulden uns in Liebe, — ut supra. Euer
dienstwilliger J. B. 71, Sendbrief
An
denselben — Sonntag nach Ostern 1623. Unser
Heil im Leben: Jesus Christus in uns! 1.
Mein gar lieber Herr und christlicher Bruder, neben treuer Wünschung
göttlicher Liebe und Kraft, auch aller leiblichen Wohlfahrt. Euer Schreiben,
beides das vom Holzkrämer und auch das jetzige nach Ostern, habe ich wohl
empfangen. Wollet euch auch haben alsobald geantwortet. Es war aber mein
Vorhaben, euch selber zu sehen. 2.
Als ich denn am nähern Donnerstag, gleich als mir euer Brieflein zu Händen
kam, mich auf die Reise nach Sprottau aufmachte, in willens, von dannen auf
Sagan anzulangen, und bin aber durch Ursachen, welche zugefallen auf Weichau
gekommen. Von dannen ich auf Glogau reisen soll und weiter auf Breslau. Sonst
wollte ich euch am Rückwege besuchen, welches ich jetzo noch nicht ganz gewiß
bin, wie es sich zu Glogau fügen möchte. 3.
Wegen Herrn Baltzer Walthers berichte ich euch, daß er mir erst vor acht
Tagen hat geschrieben, und hält sich zu Lüneburg bei Herrn Gesnerus gewesenem
Pfarrherrns Witwe, seit Martini allda auf, welcher auch salutieren läßt. Und
weil ihr derselben Orten euch gedenket zu begeben, so werdet ihr bei ihm
allerlei Nachricht erfahren wegen meiner Kundschaft in Sachsen, weil dieselbe
sehr groß ist. 4.
Ob ihr auf Magdeburg kämet, so fraget doch bei Herrn Just Berckmann, einem
Kaufmann, an. Denn ich habe ihm an Fastnacht geschriebene Sachen geschicket,
welche er sollte nach Lüneburg Herrn Walther schicken, ob sie wären
fortkommen. Denn Herr Walther berichtet jetzo, daß er nichts habe bekommen. 5.
Und ob es noch allda wäre, so könntet ihr das mit zu Herrn Walther nehmen. Es
gehöret zu dem Traktat über Genesis neben ausführlichem Bericht allerlei
Sache in einem Sendbriefe auf sein Begehren an mich. Und wollet Herrn Walther
und die Kinder Christi, bei denen ihr Kundschaft suchet, wegen meiner grüßen.
Ich will Herrn Walther auf die Leipziger Messe ausführlich schreiben, wenn
ich jetzo zu Hause kommen werde. 6.
Bei Herrn M. Nagel zu Torgau werdet ihr Bericht bekommen, wo meine Sachen in
Sachsen bekannt sind. Wollet ihn wegen meiner grüßen. Wollet auch euren
Bruder, den Herrn Konrektor, grüßen und ihn bitten, daß er mir doch zu Willen
sein wollte und bisweilen ein Brieflein, welches von Glogau oder Weichau zu
ihm käme oder ich ihm senden würde, befördern wolle. Ich verschulde um ihn in
der Liebe. Geben
in Eile auf dem Schlosse zu Weichau, ut supra. Euer
in der Liebe Christi dienstwilliger J. B. 72. Sendbrief
An
denselben — Am Tage Simon und Judas (28.10.) 1623. Unser
Heil im Leben: Jesus Christus in uns! 1.
Geliebter Herr Christian, neben Wünschung göttlichen Heils übersende ich euch
beigefügte Schreiben, wie ich euch vor acht Tagen im Schreiben gemeldet habe,
und bitte, mir sie doch zu Herrn Gersdorf nach Weichau zu fördern. Und wie
gemeldet worden, so Herr Gersdorf den Boten nicht zahlet, so erleget es nur
und meldet mir das, was es ist, — soll bald erstattet werden. 2.
Ists aber eure Gelegenheit selber, mit euren abgeschriebenen Büchern nach
Glogau zu reisen, so übergebet nur Herrn Dr. Freudenhammer die Briefe, ohne
daß ihr einen zu Beuthen bei Herrn Kaspar Lindner lasset. Die andern werden
alle Herrn Freudenhammer übergeben, ohne Herrn Gersdorfs nicht. Ich habe
geschrieben, die andern zu fördern. 3.
Und wie vor acht Tagen gemeldet, so nehmet bei Herrn Gersdorf das Buch »Von der Gnadenwahl« zu euch und bei
Herrn Kaspar Lindner, das wider Stiefel* und bei Herrn Freudenhammer drei
Bücher. Auch sollen drei Traktätlein als das »Von der Buße«, »Von der
neuen Geburt«, item das »Von der
Gelassenheit« bei Herrn Freudenhammer gefordert werden, welche Herr
Friedrich Kregewitz inne hat. So ihr diese bekämet, wollet sie alle zu euch
nehmen. *) eine apologetische Schrift 4.
Und ob euch was daran mangelte, möget ihr es abschreiben, so ihr wollet, und
mir ehestens wieder schicken. Eure abgeschriebenen Bücher wird eigentlich
meines Bedünkens Herr Jakob Johann Huser, Münzmeister zu Glogau behalten,
dessen euch Herr Freudenhammer wird Bericht tun. Denn er bat mich heuer, als
ich bei ihm war, sehr, ich wollte sie ihm wohl doch lassen nachschreiben, er
wollte gerne zahlen. Und wird ihm wohl ein Dienst sein, denn er wollte euch
zu solchem Nachschreiben erbitten, so ihr nicht wäret weggezogen. 5.
Auch sind ihrer mehr zu Glogau, welche sie begehren, wo euch wird Herr
Freudenhammer zurecht helfen. Auf den Fall, ihr die wollet vereinzelnen und
nicht alle beieinander lassen, so werden ihrer zwei, als die »Vierzig Fragen« und dann die drei
Teile, als den ersten und zweiten Teil »Von
Christi Menschwerdung« samt dem Baum des christlichen Glaubens allhier
bei uns begehret, so schicket mir sie nur. 6.
Könnet ihr die aber miteinander vertun, so tut, was euch geliebet. Ich habe
dem Herrn Freudenhammer und Herrn Huser darum geschrieben. Habt ihr aber
Zeit, was mehr zu schreiben, so meldet mir das an. Ich will euch wohl zu tun
machen, denn ich weiß ihrer mehr, welche sie begehren, sonderlich meine
letzten Schriften. 7.
Was es denn ist oder wo diese Briefe sind blieben, das meldet mir an; wo
nicht, so sendet sie nur allesamt Herrn Gersdorf. Den Boten zahle ich von
allen Briefen, die ich euch sende und je gesendet habe zur Nachricht, auch
künftig also. Uns
in die Liebe Jesu Christi empfehlend. Datum
ut supra. Euer
in der Liebe Christi dienstwilliger Teutonicus. 73. Sendbrief
An
Herrn Carl von Ender — Des Jahres 1622 Unser
Heil im Leben Jesu Christi. 1.
Mein gar lieber und werter Herr. Ich wünsche euch viel Freude und Kraft
göttlicher Beschaulichkeit und menschlicher Einigkeit neben zeitlicher
Wohlfahrt, und möchte gerne wissen, ob Herr Michael Ender die bewußten Sachen
wegen des Pakets und des Summarium über Moses sei zuhanden geschicket worden
und ob es unter der Feder sei. Denn es wird mächtig begehret von vornehmen,
gelehrten Leuten, da es möchte Nutz schaffen. 2.
Bitte, so es etwa Gelegenheit zu ihm giebet, ihn doch zu erinnern, daß er das
mit dem Nachschreiben fördere. Denn es sind schon 27 Bogen aufs neue
dazugehörig verfertiget und scheinet, Gott Lob, die Sonne gar helle und
wirket Frucht in göttlicher Erkenntnis. Und wird jetzo ein solches offenbar,
darob sich manche durstige Seele wird erquicken. Und ob es habe Herr Michael
empfangen oder ob es beim Junker nachgeschrieben werde, wäre mir lieb zu
wissen. 3.
Es bittet mein Weib, woferne der Junker noch etwas an Käsen zu verkaufen
hätte, ihr doch etwa 3 Schock oder was vorhanden, ums Geld zu lassen. Auch
wäre mir wohl lieb, wenn mir der Junker wollte einen Sack Rüben ums Geld lassen
zukommen, denn man kann hinein fast nichts um das Geld bekommen. So bin ich
zunächst bei einem Stücke Rüben des Junkers vorbeigegangen, welche Gott wohl
gesegnet hatte, davon ich dem Junker eine abborgte, welche mich deuchte sehr
gut zu sein. 4.
Und täte mir der Junker einen Dienst, so er mir wollte einen Sack ums Geld
lassen, dabei ich mein Talent könnte bauen, weil die Zeit den Armen fast sehr
bekümmert ist und ich anjetzo fast alle meine Zeit in Diensten meiner Brüder
zubringe, welchen ich auch herzlich gerne mitteile, was in meinem Gärtlein
wächset und meine Perle jetzt mit großem Heiße suche, meinen Brüdern damit zu
dienen. 5.
Und empfehle den Junker der Liebe Jesu Christi und mich in seine Gunsten.
Frau Rosine, des Junkers Schwester, bitte zu salutieren, als auch
Mitschwestern im Herrn. Des
Junkers dienstwilliger J. B. 74. Sendbrief
An
denselben, desselben Jahres Unser
Heil in Christo! Ich
erfreue mich des Junkers geneigten Willens gegen mich, daß ich ihn noch mag
zu einem lieben Patron haben. Und sage ihm großen Dank wegen der Karpfen,
auch des großen Vorteils und Nachlassung am Korne. Hoffe zu Gott, es werde es
mit reichem Segen an Leib, Seele und allem Zeitlichen erstatten, inmaßen ich
denn auch seiner Seelen, Gehilfe und treuer Mitwirker zu Gottes Gnade sein
will, als ein Glied dem andern in Recht schuldig ist. J. B. _________________________________________________ Ungedruckte Sendbriefe
Sendbrief I
Dem
ehrenfesten, hochgelehrten Herrn Balthasar Walther, meinem besonders guten
Freunde! Der
hochteure Name Jesus sei unsere Kraft, Trost und Erquickung! Ehrenfester,
hochgelehrter Herr, in Christo lieber Bruder. Euch wird nunmehr kündig sein
der üble Zustand unsers Landes Lausitz, sonderlich der verderbten Stadt
Bautzen. Weil aber der Reden möchten davon vielerei sein, will ich euch,
soviel ich dies habe von den Leuten, so aus Bautzen zu uns sind kommen und
auch von den Soldaten, so von Anfang bis zu Ende sind dabei gewesen, Bericht
tun. Jedoch bitte ich dieses Schreiben geheim zu halten wegen gewisser
Ursachen. Nachdem
der Kurfürst drei Wochen davor gelegen und ohne Unterlaß mit großen Stücken
hineingeschossen, auch oft zu Sturm gelaufen, hat er endlich die Soldaten
müde gemacht, weil die Bürgerschaft in Schrecken und Furcht gestanden, auch
unter ihnen etliche gewesen, wie berichtet worden, welche selber Briefe
hinausgeworfen, in welchem ohne Zweifel der Feind aller Sachen kundig worden. So
hat er mit großem Ernst näher der Mauern und Wall seine Schanzen aufgeworfen,
wiewohl mit großem Verlust des Volkes, und die Stadt fast drei Tage und
Nächte ohne Unterlaß bestürmet und hineingeschossen, auch immer Feuer
hineingeworfen und in drei Tagen bei 17 mal hinangelaufen, auch wie berichtet
wird, in diesen drei Tagen in die 17 hundert Mann verloren. Als die Kriegsleute
solches gesehen und vermerkt, daß er möchte in die Vorstädte einbrechen,
haben sie selber die Vorstädte angezündet, dieweil man ihnen nicht ist auf
ihr vielfältiges Flehen und Bitten zu Hilfe kommen, damit sich nicht der
Feind hineinlegte. Als solches der Feind gesehen, hat er der Stadt mit
Stürmen und Feuereinwerfen viel heftiger zugesetzt und endlich am Sonntage
acht Tage gewesen, da die Stadt entzündet worden ist, welche bis etwa auf
hundert und etliche Häuser ganz ausgebrannt. Es sollen etwa 170 Häuser
stehen, aber viele sind halb zerschossen. Da
denn ein solcher Schaden geschehen, der sehr groß ist. Denn viele vom Adel
und vom Lande das Ihre hineinvertrauet (evakuiert) welches,
als das Feuer angangen ist, ist von den Soldaten geraubet und geplündert
worden. Darüber denn viel Menschen verstorben, sonderlich vom Weibsvolk,
welches wegen des grausamen Schießens, auch Feuerkugeln und
Pechkränze-Einwerfens vom Feinde, sich nicht gegen den Feind wollen wenden,
sondern auf die Winkel und Plätze geleget, verhoffend, vom Feuer und Rauche
sich zu erretten, aber doch gar viel elendiglich erstickt, auch viel in
Kellern und Gewölben vom Feuer verfallen und erstickt und in solche Not
geraten, daß es schrecklich und jämmerlich zu melden ist. Welches
alles hätte mögen verwehret werden, so man der armen, bedrängten Stadt auf
ihr flehentliches Mitten an Markgrafen welcher doch sehr vieltausend Mann im
Lande liegen gehabt, wäre zu Hilfe kommen. Wenn nur tausend Mann wären
hineingeschickt worden, da man doch wohl konnte, so hätte die Stadt nicht
mögen erobert werden. Man hat sie wohl immer vertröstet, man wolle sie
retten, darum sich denn auch die Kriegsleute ritterlich gewehret und
Beistands gewartet. Weil es aber nicht hat mögen sein, so hat man etliche aus
der Stadt hinausgeschickt und mit dem Kurfürsten gehandelt, und ist auch das
Schießen am Sonntage von früh auf aufgehöret worden, daß man in 36 Stunden
keinen Schuß vernommen zu beiden Seiten, bis er am Montage (acht Tage ist es
gewesen) hat wieder an die Stadt angelaufen und gestürmet. So hat man ihn
alsobald eingelassen und die Stadt übergeben. Auch die Kriegsleute, welche an
die 2000 gewesen, 8 Fähnlein, lassen mit allem Gewehr und fliegender Fahne
davonziehen, indem sie haben müssen geloben, drei Monate den Lausitzern nicht
zu dienen. Und
hat ihnen der Kurfürst seinen Dienst und die alte Bezahlung, so sie einen
Rest hatten angeboten. Als sie aber nicht gewollt, sie heißen zu ihrem Könige
ziehn und heißen zahlen. Wo das nicht geschähe, so sollten sie zu ihm kommen
und ihm dienen. Er wollte sie selber zahlen und noch jedem zwei Monate Sold
zum Antritt seines Dienstes geben. Darauf sie mit fliegenden Fahnen, mit
allen Wagen und Raub sind nach Schlesien gezogen. Man hat sie frei passieren
lassen, — welchem fein nachzudenken ist. Von
diesem kläglichen Zustande der Stadt Bautzen haben wir von ihrer gänzlichen
Verlierung nichts gewußt, vermeinten, ob wir gleich den Rauch sahen, es wäre
in der Stadt keine Not. Alleine dem Markgrafen ists zugeschrieben worden,
welches wir mit der Verlierung der Stadt Bautzen mit großem Schrecken
erfahren haben, und zwar nicht eher, bis die Soldaten von Bautzen zu uns
kamen. Da ist die Ritterschaft, Stadt und Land fast bestürzt worden, auch
ganz unwillig, daß man die schöne Stadt nicht hatte gerettet. Am
Dienstage hat der Markgraf die Ritterschaft mit Reitern und Fußvolk fast, wie
man berichtet, in die 16ooo ins Feld geführet und hat selber müssen mit auf
sein. Welches die Ritterschaft hat wollen haben oder nicht eher auf die Rosse
sitzen. Da ist er mit dem ganzen Volke nach Grätz, zwei Meilen von Bautzen,
gezogen und allda eine Nacht gelegen und sich alsobald am Mittwoch wieder
gewendet. Und ist am Donnerstage früh mit dem ganzen Volke wieder nach
Görlitz kommen und das Volk wieder aufs Land zerstreuet in ihr Quartier,
sowohl in die Stadt, daß alles voll ist. Und liegen ihrer sehr viele in
Görlitz. Mit
großer Beschwerde des Landes und der Städte, denn den armen Bauersleuten wird
das Ihre gewaltsam genommen, und stehet alles ganz traurig und elendiglich;
und wissen wir nicht, was uns begegnen wird, ohne daß wir alle Stunden des
Feindes müssen warten und werden mit den Soldaten, auch Schanzen und Wachen
sehr geplaget. Aus
Schlesien sind gestern und am Freitage auch heute etliche Fähnlein stattliches
Volk uns zu Hilfe kommen. Auch ist solchs unsern Könige vom Herrn Landvogt
alles berichtet worden; verhoffen, dem Kurfürsten werde bald sein Hochmut
geleget werden, denn die treuen Schlesier haben sich dieses Handels mit
großem Beistande unterwunden, welches auch diesmal die höchste Not erfordert
oder würde der König Lausitz verlieren, denn des antichristischen Ordens
Bauchdiener und Verräter sind zu viele. Aber nur zu ihrem Selbstuntergang,
denn also muß es gehen, daß ein Besen den andern auskehre. Denn
Babel mit dem Tier und der Huren stehet im Brande. Wer da jetzt gedenkt,
selig zu werden, der mag sich wohl mit Geduld gürten und nichts Weltliches
für eigen achten, denn er wirds nicht erhalten oder wird ja seine Seele
verlieren. Man
berichtet, der Unsern sind in Bautzen in der ganzen Summa etwa 700 blieben
und dem Feinde in der ganzen Summa etwa dreieinhalbtausend. Dem Gottesmanne
wirds ohne Zweifel nicht wohl gehen. Wenn er aber noch in Bautzen ist, Gott
sei sein Trost! Jetzt kann ich nicht zu ihm, etwas zu schicken, denn die
Bautzner haben dem Kurfürsten alsbald müssen schwören. Hernach hat er sie des
Kaisers Räten, welche innen liegen, übergeben und hat seine besten Stücke mit
samt der Bürger Gut, welchs er ihnen genommen, nach Dresden geführet. Und
liegt der Kurfürst in Dresden und die Kaiserischen in Bautzen. Sie haben auch
den bautzischen Adel, so ins bautzische Amt gehöret, hineinberufen zur
Holdung Etliche sind kommen und etliche nicht. Und ist keine Gelegenheit in
Bautzen, denn es ist besetzt und auswendig verschanzt. Wie
ihr berichtet wegen des Zinses; wenn zu Sagan ein Kannegießer des begehrte
gleich um oder es nicht anders sein könnte um 41 ½ Argent das Pfund, wollte
ich ihm verschaffen, so er Bargeld gäbe. Besser etwas als gar verloren. Bitte
um Nachrichtung, ob es gewiß sei. Bitte,
mit Herrn Christiansen zu handeln, wenn, ob es die Not forderte, daß er mir
doch wollte mit einem Kramfäßlein eine Gelegenheit bestellen, etwa wo es
Gelegenheit gäbe bei ihm oder bei Herrn Magister Weigel in seinem Hause. Ich
wollte eines mit etlichen Sachen dahin flüchten, daß doch nicht alsobald
alles den Soldaten zuteil würde. Bis Gott anders schickte, will ichs um ihn
verschulden. Hiermit
dem treuen Schutze Jesu Christi uns allen in seine Liebe empfehlend: Der
Name des Herrn ist eine feste Burg. J.
B. Sendbrief II
An
Herrn Christian Bernhard, königlicher Zolleinnehmer zu Sagan. Emanuel! Ehrenfester,
wohlbenamter Herr, in Christo geliebter Bruder. Allhier sende ich euch ein
offenes Schreiben an Herrn Walther, ob ihr euch wollet darinnen auch ersehen. Bitte,
wo Herr Walther nicht mehr bei euch ist, wollets doch zusiegeln und ihm mit
Gelegenheit übersenden. Wegen eines Kramfäßleins, wie in Herrn Walthers
Schreiben gemeldet, so es ja würde die Not erfordern, mir doch etwa
Gelegenheit zu schaffen, da es möchte sicher sein, ich wills wieder
verschulden, bitte ich. Von
Neuem weiß ich euch jetzt nichts zu schreiben, denn was vor acht Tagen
geschehen, ist in Herrn Walthers Schreiben gemeldet. Allein, man saget für
ganz gewiß, es sollen eine große Menge der Ungarn in Böhmen kommen sein.
Sollen nahe bei Pilsen liegen. Etliche sagen, sie sind schon unter Prag, aber
wie dem sei, gibt die Erfahrung. Bei Pilsen ist ein groß Schlagen geschehen
mit dem Bayerfürsten Buquoi und Darnpierre mit den Königischen. Und saget
man, es sei sehr viel Volks blieben und habe der Feind müssen zurücke
weichen, denn er soll viel verloren haben. Bei uns ist jetzt nichts Neues,
als daß das Land fast alle Städte, Dörfer und Flecken voll Kriegsvolk liegen
und werden sehr bedränget. Was folgen wird, gibt die Zeit. Babel brennt! In
die Liebe Jesu Christi uns sämtlich empfehlend: J. B. Der
Name des Herrn ist eine feste Burg. Sendbrief III
Herrn Christian Bernhard, königlicher Zolleinnehmer
zu Sagan. Die
Liebe Gottes mit und in uns allen! Ehrenfester,
wohlbenamter Herr. Euer Schreiben neben dem Gläsel Wein habe ich richtig
empfangen und habe den Wein erstlich dem Kellerherren angeboten. Der hat ihn
nicht wollen kaufen, sondern nachdem er ihn gekostet, hat er gesaget, er
tauge ihnen nicht. Nachmals habe ich ilin den Marketendern angeboten. Die
sagen, wenn er ein wenig am Kaufe leichter wäre, sie wollten ihn kaufen. Ich
sollte ihn lassen bringen. Vielleicht wie es mit den Marketendern sein
möchte, denn auf ihre Reden baue ich nicht genug. Weil aber Bier- und
Weinschank jetzo bei uns alles frei ist, daß ein jeder mag schenken, so füge
ich euch dieses: Schicket mir nur den Wein, beide Viertel mit Specht hierher,
weil das Volk jetzo noch bei uns lieget und was ihr etwa könnet daran am
Kaufe leichtern, meldet mir nur an. Ich will den Wein verkaufen oder selber
ausschenken. Ich will euch das Geld dafür zuschicken. Dürfet euch darum
nichts befahren, als daß er nur gefahrfrei auf der Straße möchte herkommen, und bald, denn jetzt liegt sehr viel Volks
bei uns. Ich traue ihn anzuwerden. Mit dem Fuhrmann um den Fuhrlohn werdet
ihr euch selber vergleichen und zahlen. Wenn das Volk wegkäme, so möchte er
nicht so leicht angeworden werden als jetzo. Jetzo wollte ich ihn anwerden.
Allein am Kaufe ist er hoch. Was ihr vergessen könnt, meldet mir. Bei nebens
meldet mir, wieviel Eimer und Kannen ein grumbergisches Viertel enthalte. Zur
Nachrichtung füge ich euch zur Antwort: Wegen der guten Zusage eines Fäßleins
zu herbergen auf Notfall nehme ich hohen Dank an. Wollte Gott, wir dürftens (brauchen) nicht. Jetzt
ist nichts Neues, als daß sie einander fast alle Tage auf der Streife
angreifen. Der Markgraf hat fast alles Volk nahe an und in die Stadt Görlitz
eingeleget; und versiehet man sich, es wird ehestens in wenig Tagen ein
Angriff geschehen, denn es ist bei uns ein sehr groß Volk beieinander.
Gestern kamen noch sieben Fähnlein Fußvolk in die Stadt und wurden
einquartieret, und liegen alle Häuser voll. Hiermit
göttlichem Schutze empfohlen. Datum Görlitz. Des
Herrn dienstwilliger Jakob Böhme. Sendbrief IV
Licht,
Heil und ewige Kraft aus dem Brunnquell des Herzens Jesu Christi sei unser
Erquickung. Ehrenfester,
wohlbenamter Herr, euch sind meine willigen Dienste jederzeit bevorn Ich füge
euch zu wissen, daß ich in den verheißnen Schriften etwas verhindert worden,
welche ich euch schicken wollte nachzuschreiben, denn sie sind bei einem
Liebhaber derselben auch nachgeschrieben worden. Weil aber Herr Baltzer
Walther ist wieder zu Lande ankommen, hat er dieselben jetzt selber unter der
Feder. So euch aber geliebte etwas darum zu haben und nachzuschreiben, so
soll euch etwas, sobald es möglich ist, gefolget werden. Und
tue euch göttlichem Schutze empfehlen. Datum Görlitz. Jakob
Böhme. _____________________________________________ Ungedruckte Briefteile
A
Unser
Heil im Leben Jesu Christi! Mein
lieber H. N., neben herzlicher Wünschung göttlicher Beweglichkeit, Licht,
Kraft und Erkenntnis ... B
36. Sendbrief (nach
Abs. 2:) Eure Handschuh wollte ich euch alle haben abgekaufet, so ich
derselben hätte mögen vor Winters habhaft werden. Habe aber bis daher nicht
Zeit zu reisen gehabt, wegen meiner steten Übung in meinem Talent. Wüßte sie
auch nicht wohl ohne große Unkosten allhier zu bringen. Habe auch vermeinet,
sie wären schon verkauft. (Abs.
3:) Habe aber in mir in meinen Sinn gefasset, künftigen Frühling. (Abs.
4 nach den Worten: damit willfahren:) Euer alter Geselle, Hans Bradel, ist zu
Görlitz Meister worden und eine Witfrau gefreiet, ist in meiner Kundschaft.
Und empfehle ... C
An
J. Brix, Dr. med. — 17. Januar 1624. Geliebter
Herr und Freund, von dem holdseligen Anblicke des Lichts Gottes in seiner
Gnadenliebe habe ich meine Erkenntnis und hohes Wissen empfangen und auch die
große Lust, mir solches für ein Memorial aufzuschreiben. Nicht
hab ichs auf einmal zugleich alles ergriffen, sondern als ein Schüler, der
zur Schule geführet wird. Also ward meine Seele ins Mysterium Gottes mit
Übung und stetem Anhalten und Beten immer tiefer eingeführet. Denn, so die
Seele das Licht der ewigen Natur erlanget, so siehet sie wohl auf einmal
hindurch in die ewige Natur der Weisheit Gottes. Aber auf einmal zu
ergreifen, ist ihr nicht gegeben, ist auch nicht möglich, sondern als ein
Platzregen vorübergehet, was der trifft, das trifft er. Also gehets auch mit
dem Anblicke der Seelen in dem großen Mysterio Gottes. Je mehr sie suchet, je
mehr findet sie, und ist doch kein Zahl und Ende. Und
wer dies Ritterkränzlein erlanget, der hat eitel Freude daran. Demselben nach
hab ich bishero etwas geschrieben und in unterschiedliche Bücher gefasset,
mir zu einem Memorial. Vermeinete, der Treiber hätte es schon längst
verschlungen und durch seine Diener umbracht, dieweil es so mächtig sein
Rauchloch offenbaret, bis mir nach drei Jahren Schriften von gelehrten und
hohen Leuten gegeben worden aus meinem Buche, mich vermahnend, fortzufahren
um der Erkenntnis Gottes und des menschlichen Heils willen. Da
sah ich erst, wie es mit meinen Schriften geraten war und verstund den Weg
Gottes und wie sie in so vielen Händen waren nachgeschrieben worden, mir ganz
unwissend. Ich bin nicht damit gelaufen und habe sie jemanden angeboten, mir
einen Namen zu machen, achte auch keines Ruhmes. Ich bin ein einfältiger
schlichter Mann. Ausgenommen meine Gabe, dies ist nicht mein, sondern Gottes. Das
Wissen und Erkennen ist nicht des äußern Menschen vom Gestirne, sondern des
innern Menschen, aus Gott geboren. Gott weiß, suchet und findet sich im
Menschen, das ist: er offenbaret sich ihm. Sonst wissen wir nichts von ihm.
Denn wir sind mit Adam von seiner Wissenschaft ausgegangen, gehen aber mit
Christo in der neuen Wiedergeburt wieder mit ihm ein. Meine
Schriften haben einen rechten Urstand und sind im Lichte der ewigen Natur
gegründet, nicht von Menschen oder von Kunst, viel weniger von scharfer
Vernunft und Sinnen ist das geschehen, daß sie wären alldaher entsprungen,
sondern aus dem Brünnlein Israelis durch die ernste Practica. Denn
Christus heißet uns suchen und anklopfen, so soll uns aufgetan werden,
Matth.7, und spricht ferner Luk.11: Mein Vater will den Hl. Geist geben,
denen die ihn darum bitten. — Wenn der kommen werde, so werde er uns in alle
Wahrheit leiten, denn von dem Seinen werde ers nehmen und uns verkündigen,
Joh.16. Ich
kann mit Grund der Wahrheit sagen, und solches vor Gott, daß ichs in keiner
Schrift studieret, auch zuvor nicht gewußt habe, sondern ich war so einfältig
im Verstande des Mysterii als der ungeübten Laien Art ist. Ich verstund weder
die Schrift noch das Geheimnis des Mysterii recht. Ich suchte auch dieses
nicht, denn ich wußte nichts davon. Ich suchte allein das Herze Jesu Christi,
mich darin zu verbergen vor dem grimmigen Zorn Gottes und vor dem Ungewitter
und Angriffen desTeufels. J.
Böhme. D
28. Sendbrief (Abs.
14 nach den Worten: doch klar genug angedeutet:) Weil ich aber anjetzo zu
Dresden schloß und meine Bücher nicht bei Händen gehabt, so hab ich dem
Herren keines können schicken, ohne ein Traktätlein, von mir gedruckt, als »Von der Buß« und »Von wahrer Gelassenheit«. Das sende ich ihm und empfehle ihn samt
allen Kindern Christi in die Liebe Jesu Christi. Geben
in Dresden die Woche nach Pfingsten 1622. Des
Herrn dienstwilliger Jakob
Böhme. Dem
ehrenfesten und wohlgeachteten Herrn Christian Steinberg, der Medizin Doktor,
Chymico practico, meinem gar lieben Freund, Fürstenwalde. Literaturhinweise
Eine
ausführliche bibliographische Übersicht über Textausgaben,
Gesamtdarstellungen und Einzelstudien ist enthalten in: Gerhard Wehr: Jakob
Böhme in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten (Rowohlt Monographie Reinbek
1971, 61991, S.145ff. Gesamtausgabe Jakob
Böhme: Sämtliche Schriften. Reprint der Ausgabe von 1730 in 11 Bänden,
begonnen von August Faust, neu hg. von Will-Erich Peuckert.
Stuttgart-Cannstatt 1955-61. Urschriften Jakob
Böhme: Die Urschriften. Im Auftrag der Akademie der Wissenschaften zu
Göttingen, hg. von Werner Buddecke. Bd. I, Stuttgart 1963; Bd. II, Stuttgart
1966. Hauptschriften hrg.
und kommentiert von Gerhard Wehr - Aurora oder Morgenröte im
Aufgang - Christosophia. Ein
christlicher Einweihungsweg - Von der Menschwerdung
Jesu Christi - Von der Gnadenwahl - Theosophische Sendbriefe Sämtlich im Insel Verlag
Frankfurt/M. 1991ff. Weitere Schriften in Vorbereitung. Auswahlbände Jakob
Böhme: Suche dich, finde dich. Ausgewählt und eingeleitet von Gerhard Wehr.
Frankfurt/M.: Insel-Bücherei 1996 Im
Zeichen der Lilie. Aus den Werken des christlichen Mystikers Jakob Böhme.
Ausgewählt und kommentiert von Gerhard Wehr. München: E. Diederichs 1991 Sekundärliteratur Anderson,
Bo: Studien zu Jakob Böhmes Aurora oder Morgenröte im Aufgang. Stockholm 1986 Benz,
Ernst: Der vollkommene Mensch nach Jakob Böhme. Stuttgart 1937 Böhme,
Gernot (Hg.): Klassiker der Naturphilosophie. München 1989, S. 158-170 Bonheim,
Günther: Zeichendeutung und Natursprache. Ein Versuch über Jakob Böhme.
Würzburg 1992 Bornkamm,
Heinrich: Luther und Böhme. Bonn 1925 (Arbeiten zur Kirchengeschichte 2) Deghaye, Pierre: La Naissance de Dieu ou la Doctrine de
Jacob Boehme. Paris
1985 Faivre,
A./Zimmermann, R.C. (Hg.): Epochen der Naturmystik. Hermetische Tradition im
wissenschaftlichen Fortschritt. Berlin 1979 Geissmar,
Christoph: Das Auge Gottes. Bilder zu Jakob Böhme. Wiesbaden 1993 Gott,
Natur und Mensch in der Sicht Jakob Böhmes und seiner Rezeption. Hg. von Jan
Garewicz und Alois M. Haas. Wiesbaden 1994 Grunsky,
Hans: Jakob Böhme. Stuttgart 1956 Jecht,
Richard: Die Lebensumstände Jakob Böhme, in: Jakob Böhme. Gedenkgabe der
Stadt Görlitz. Görlitz 1924 Lemper,
Ernst-Heinz: Jakob Böhme. Leben und Werk. Berlin-Ost 1976 Nigg,
Walter: Heimliche Weisheit. Mystisches Leben in der evangelischen
Christenheit. Zürich 1959; Olten-Freiburg 1975 Pältz,
Eberhard: Jakob Böhmes Hermeneutik, Geschichtsverständnis und Sozialethik.
Jena 1961 —:
Jakob Böhme, in: Theologische Realenzyklopädie (TRE). Berlin-New York 1980.
Bd. VI, 748-754 Peuckert,
Will-Erich: Das Leben Jakob Böhmes. Jena 1924; 2. Aufl. in J. Böhme:
Sämtliche Schriften, Bd. 10. Stuttgart 1961 Pietsch,
Roland: Die Dialektik von Gut und Böse in der »Morgenröte« Jakob Böhmes.
Innsbruck 1975 Wehr,
Gerhard: Jakob Böhme in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek 1971; 61991
(Rowohlt Monographie 179) —:
Die deutsche Mystik. Mystische Erfahrung und theosophische Weitsicht. München
1988 —:
Aspekte der Wirkungsgeschichte Jakob Böhmes, in: Gott, Natur und Mensch in
der Sicht Jakob Böhmes. Hg. J. Garewicz/A. M. Haas. Wiesbaden 1994, 175-196 —:
Esoterisches Christentum. Von der Antike zur Gegenwart. 2. erw. Auflage
Stuttgart 1995. ________ *
________ Böhmes »Theosophische Sendbriefe « als Dokumente religiöser Erfahrung und spiritueller Wegweisung Epistolae Theosophicae oder Theosophische Sendbriefe Tabulla I ________
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