Max Seltmann
Erlebte
geistige Welt
Von Max Seltmann verfaßter bisher unveröffentlichter
Text. Aufgrund einer medialen Intervention des Autors nach seinem irdischen Tod
von Gertrud Emde inspirativ überarbeitet.
1998 Copyright @ by G. Emde Verlag Verlagsanschrift:
Seeoner Straße 17, Oberbrunn, D-83132 Pittenhart
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck oder
Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des
Verlags. Druck und Verarbeitung: Fritz Steinmeier, Nördlingen
Printed in Germany
Vorwort
Meine
Kindheit.....................................................................
15
Erste Kontakte mit der Geisterwelt........................................ 16
Vater wird
bekehrt................................................................ 16
Die .medialen Fähigkeiten meiner Mutter............................... 17
Mutters Reise ins
Jenseits...................................................... 19
In der
Fremde...................................................................... 21
Leeres
Leben....................................................................... 22
Mutters
Beerdigung.............................................................. 23
Die Stimme...............................................
;.......................... 24
Meine
Heilung......................................................................
25
Engelvisionen.........................................................................
27
Geistige
Heilung..................................................................... 28
Mein erstes großes Erlebnis...................................................
29
Ich wurde selbst ein Medium................................................. 31
Bei den
Methodisten.............................................................. 33
Der Dienst an meinen Geschwistern....................................... 34
Kämpfe mit den Wesenheiten................................................ 35
Liebe für die Verirrten
37
Hilfe für einen
Toten.............................................................. 38
Verbot und Flucht..............
:.................................................. 39
Erlebnisse mit einem Satan.....................................................
41
Hilfe für Freunde und Unbekannte
Visionen vom Krieg.................................................... 43
„Einsame“ Weihnachten............................................... 44
Unfälle und Todesfälle................................................. 47
Hilfe von Otto Hillig.................................................... 49
Ein Mädchen findet den Heiland.................................. 49
Ein neuer Freund......................................................... 52
Rettung zweier Verzweifelter....................................... 55
Freunde auf Erden und im Himmel............................... 59
Erlebnisse mit Fürchtegott
Begegnung in den
Bergen..................................................... 65
Auf dem Ödhof....................................................................
68
Fürchtegotts
Beichte............................................................. 70
Abschied vom Ödhof...........................................................
73
In der Geistkapelle...............................................................
75
Bei Fürchtegott im geistigen Reich......................................... 79
Weitere Begegnungen hüben und drüben
Begegnung mit
Weisheitsgeistern........................................... 81
Schauungen im Krankenhaus................................................ 86
„Traum“-Erlebnisse..............................................................
89
Ein Freund geht heim............................................................
95
Nachwort.......................................................................................
9
Vorwort
Können Sie sich vorstellen liebe Leser, wie mir zumute
war, als ich hörte, dass ein verstorbener Schriftsteller mich bittet,
seine hinterlassenen Schriften zu überarbeiten und herauszugeben? An einem
Morgen, vor nunmehr etwa 10 Jahren, rief mich ein guter Freund an, um mir
das mitzuteilen.
Den Namen Max Seltmann hatte ich noch nie gehört. Meine
Reaktion war also nicht gerade voller Begeisterung, als ich antwortete: »Ich
bin doch nicht arbeitslos… da könnte ja jeder kommen! Im übrigen habe ich noch
nie eine „Katze im Sack“ gekauft. Bevor ich nicht weiß, wer das überhaupt ist,
bevor ich nicht seine Schriften kenne und bevor ich nicht höre, wie sich dieser
Verstorbene das überhaupt vorstellt, ist bei mir keine Zusage zu erwarten….“
Von unserem Freund, einem seriösen Hochschullehrer, war
dann folgendes zu erfahren: Er habe neulich abends an der Zusammenkunft eines
spiritistischen Kreises teilgenommen, der schon seit 40 Jahren besteht und von
ernsthaften Menschen getragen wird in der Absicht, anderen Mitmenschen in
psychischer Not auch über den Tod hinaus beizustehen. Diesmal sei nun, durch
das Sprechmedium des Kreises erstmalig ein Geistwesen aufgetreten, das sich als
»Max Seltmann» vorgestellt habe. Zwei der Sitzungsteilnehmer begrüßten ihn
begeistert als alten Freund. Die meisten anderen - auch unser Freund - kannten
nicht einmal seinen Namen.
»Seltmann» habe geäußert, so berichtete unser Freund,
dass er schon länger nach einem geeigneten Menschen für diese Aufgabe
suche; der Betreffende müsse selbst eine gewisse mediale Begabung haben und „in
der Schwingung“ zu ihm passen, damit er ihn inspirativ beeinflussen könne.
Diesen Menschen habe er nun in mir gefunden, und er bitte darum, mir sein
Anliegen auszurichten.
Bald darauf kam - ohne Absender - ein altes aber durchaus
lesbares Manuskript zu mir. Von anderer Seite wurde mir mitgeteilt, dass ein
ganzer Stapel unveröffentlichter Schriften bei einem Freund Seltmanns auf mich
warte. Ich solle alles persönlich abholen so hieß es. Nicht genug, ich erhielt
ein Paket mit Broschüren zugeschickt die Seltmann zu seinen Lebzeiten verfaBt
und bereits veröffentlicht hatte. Sie sind im Turm Verlag, Bietigheim,
herausgegeben und noch heute im Buchhandel erhältlich. (Siehe die Auflistung am
Ende des vorliegenden Heftes)
Ich las in den mir zu
gegangenen Schriften - und war begeistert.
Unser Freund hatte
mich wissen lassen, daß ich jederzeit über das ihm bekannte Sprechmedium mit
»Max Seltmann" persönlich in Verbindung treten könne. Natürlich machte ich
von diesem Angebot gern Gebrauch, nahm dazu Zeugen mit und einen
Kassettenrecorder, um das Gespräch festzuha1ten. Die Kassetten mit den
Tonprotokollen des ersten und weiterer Gespräche mit »Seltmann" sind noch
vorhanden und in meinem Besitz.
Hochinteressant war
die Erfahrung, wie »Seltmann» jedesmal schon im voraus meine vorbereiteten,
aber noch gar nicht ausgesprochenen Fragen beantwortete, wie er zukünftige
Situationen voraussah und mich auf Schwierigkeiten hinwies, die im Zusammenhang
mit diesem Vorhaben zu erwarten seien. Schon diese Erlebnisse wären es wert und
spannend genug, zu Papier gebracht zu werden. - Aber kommen wir zu seinem eigentlichen
Anliegen zurück.
Gerade in seiner
Lebensgeschichte beschreibt Max Seltmann, wie sich seine Medialität ausbildete,
was für gute und schlechte Erfahrungen er durchleben mußte, um seine
eigentliche Aufgabe zu erlernen und endlich segensreich für notleidende
Mitmenschen wirken zu können - nicht nur im irdischen Bereich, sondern auch auf
jenseitigen Ebenen.
Jemand bezeichnete
seine Schriften einmal als »geistige Krimis», weil er seine Erlebnisse so
anschaulich und spannend erzählt.. Aber vor allem läßt sich aus seinen
Berichten viel lernen über die im Geistigen geltende Naturgesetzlichkeit. Dabei
äußert er seine Gedanken nie mit erhobenem Zeigefinger - wie wohltuend!
Die geschilderten
Erfahrungen sind erstaunlich und auch für den auf diesem Gebiet bewanderten
Leser aufschlußreich. Wer sich noch nicht mit solchen Erfahrungen befaßt hat,
wird es kaum glauben: wie ein verstorbener Mensch in die irdischen Bereiche
hineinwirken kann, und wie andererseits Seltmann schon zu seinen Lebzeiten im
Geistigen tätig sein konnte. Die Grenzen zwischen Hüben und Drüben verwischen
sich.
Umsomehr ist höchste
Achtsamkeit geboten; auch das hat Seltmann am eigenen Leibe erfahren müssen.
Ohne Orientierung auf die höchste Kraft, ohne die immer wieder erbetene
Verbindung mit seinem geliebten Jesus, hätte er sich verloren gegeben.
Ich möchte hier
einfügen: Seltmann kam in einer schwierigen Lebensphase mit dem umfangreichen
Werk Jakob Lorbers in Berührung, der sicher bedeutendsten medialen Niederschrift
seiner Zeit. So nimmt es nicht wunder, daß seine Gott-Vater-Jesus-Vorstellungen
dadurch geprägt wurden und dies in seinen Redewendungen zum Ausdruck kommt. Es
gab und gibt auch andere Glaubenslehren und Sprechweisen. Der Leser sollte
diesen Einzelheiten nicht zuviel Gewicht beilegen, sondern vor allem an den
Erlebnissen teilnehmen, die ihm das Hier und das Danach lebendig nahe bringen
können.
In diesem Sinne ist
es sicher vorrangige Absicht von Seltmann, auf Grund seiner Erkenntnisse und
Erfahrungen die Sinnhaftigkeit der Erdenexistenz aufzuzeigen, die Einsicht zu
verbreiten, daß der Mensch ein geistiges Wesen ist, das vorübergehend in einen
physischen Körper eingekleidet ist, um sich in einem Erdenschicksal zu
bewähren, eigene Erfahrungen zu sammeln und somit weiterzureifen.
Angesichts dieser
Schilderungen - wie auch aus einer vielfältigen weiteren Literatur - verstehen
wir die nahtlose Fortsetzung des Lebens nach dem irdischen Tod viel besser. Es
scheint eben nicht so zu sein, wie wir es oft auf Beerdigungen hören:
"Herr, laß sie ruhen in Frieden. Gib ihnen die ewige Ruhe." Oder, wie
ich bei einer theologisch-psychologischen Tagung von evangelischen Pfarrern
hörte: "Nach dem Tode sind wir in einem Augenblick verwandelt und stehen
vor dem Angesicht Gottes. In diesem Licht des gnädigen Gottes schmelzen unsere
Unvollkommenheiten und Sünden dahin.»
Brauchen wir
tatsächlich unser Leben lang nur "Däumchen zu drehen“, können also unsere
Zeit mit sinnlosem und sinnwidrigem Tand vertrödeln, weil ja Jesus vor 2000
Jahren für alle unsere heutigen und zukünftigen Dummheiten oder
Schlechtigkeiten gestorben ist? Warum sollten wir da noch etwas für unsere
innere Entwicklung tun, wenn Gottes Gnade wie ein Schwamm über alle unsere
Sünden hinwegwischen wird?
Oft wird auch von
theologischer Seite betont, der Mensch sei als unauflösbare Einheit von Leib
und Seele zu verstehen, darum müsse die sogenannte "Ganztodtheorie"
ernst genommen werden, die beim Sterben des Körpers auch mit einem Verlöschen
von Seele und Geist rechnet.
Demnach könnte man
dann nur auf eine Auferstehung am Jüngsten Tage hoffen (wer glaubt heute
wirklich noch daran?) - oder auf ein Weiterleben in unseren Kindern, als
Erinnerung oder Erbgut,….Ist das nicht deprimierend - trostlos?
Wo ist da
noch ein höherer Sinn unseres Lebens zu verstehen? Ist es nicht traurig, wie
wenig überzeugende Hilfen dem heutigen Menschen von autorisierter Seite für
eine sinnvolle Lebensgestaltmg gegeben werden, obgleich so viele
anderslautende Erfahrungen vorliegen? Aber. "Nur ja nicht an den
'Geheimnissen' des traditionellen Glaubens rühren!"
Max Seltmann hat sich
von diesen Verengungen frei gemacht Er schildert seine Sichten, seine
Erlebnisse im Hier und Drüben so, daß wir voll Ehrfurcht die Liebe und Weisheit
Gottes in allem Geschehen spüren können, - und auch seine Gerechtigkeit. Nichts
Wesentliches geschieht absichtslos oder zufällig. Zwanglos werden wir zu einem
besseren Verständnis über den Sinn unseres Daseins geführt. Dabei erkemen wir
all die Ungereimtheiten und Halbwahrheiten, die uns die übliche Erziehung
häufig vermittelt hat. In unserer Verantwortung liegt es nun, ob wir seine
Erfahrungen
und Einsichten annehmen und in den Alltag mit seinen Aufgaben hineinnehmen
wollen.
Sicher hat
das Konsequenzen. Am Anfang steht das Erkennen, das bessere Verstehen, dann
folgt das Bemühen zu neuer Weichenstellung im eigenen Leben. Ausreden zählen im
anderen Leben nicht, Faulheit ist auch dort nicht gefragt. Aus meiner eigenen
Erfahrung möchte ich heute sagen: Bereits das Bemühen bewirkt, daß mehr und
mehr Hände sich hilfreich zeigen, sichtbare und unsichtbare, die vielerlei
Ängste schwinden lassen; die Geborgenheit nimmt zu, das Vertrauen zu unserem
lebendigen, auferstandenen Christus, unserem Bruder. und zu all seinen und
unseren lichten Begleitern wächst; wir können erfahren, daß wir schon hier im
Team mit ihnen tätig sein können und nie mehr wirklich allein sind: am Tag,
bei Nacht. in jeder Lebenssituation, im Hier und dann auch im
"Danach". Ist das nicht großartig?
Gewiß, das
Leben hat nicht nur Höhepunkte - auch Seltmann erzählt ja von seinen schweren
Krisen -, aber die Tiefpunkte des Lebens lassen sich doch besser durchstehen,
wem man in allem eine liebevolle, höhere Weisheit am Werke sieht. Eine Bemerkung
'zum richtigen Verständnis der Seltmannschen sehr konkreten, bildreichen
Schilderungen. scheint mir noch angebracht: Was
Seltmann über die
Zustände in "jenseitigen" Bereichen erlebt und be schreibt, sind
Einblicke in ganz erdnahe Ebenen der geistigen Welt Die Verhältnisse sind dort
in vieler Hinsicht sehr ähnlich den irdischen Lebensbedingungen. Damm glauben
auch so viele der dort weilenden Verstorbenen gar nicht, daß sie ihr irdisches
Leben hinter sich haben, sondern halten sich noch für lebende Menschen. Mit
diesem Gedanken muß man sich unbedingt vertraut machen. Die höheren
feinstofflichen Sphären gibt es auch, denn die Entwicklung geht
selbstverständlich weiter und
weiter; aber von
denen können wir uns als Menschen keine angemessene Vorstellung bilden.
Befassen wir uns also erst einmal mit den Zuständen, in die auch wir dereinst
als erstes hineinkommen. Auch ein Kind fängt mit "1+1" an, nicht mit
Algebra und Wurzelziehen.
Und noch etwas:
Seltmann erlebt und beschreibt aus seiner Zeitsituation heraus. Es ist der
zweite Weltkrieg sowie die Zeit davor und danach. Aber sehen wir uns um: Auch
jetzt war soeben noch Krieg im Nachbarland. Ist nicht vieles heute noch wie
gestern und vorgestern? Und die göttlichen Gesetzmäßigkeiten sind immer die
gleichen. Gewiß hat sich einiges auch zum Besseren gewandelt,
z. B. ist die
Intoleranz zwischen den verschiedenen Konfessionen in den letzten Jahrzehnten
einem stärkeren Zusammengehörigkeitsgefühl gewichen. Seltmann legt den Finger
auf Wunden. Er zeigt schonungslos auf, zu welch unchristlichem Gebahren die
religiöse Intoleranz führt, namentlich wenn sie auch noch von den
Amtsvertretern der Kirche geschürt wird. Heute könnte man versucht sein, aus
diesen Berichten Seltmanns (besonders im Kapitel über "Fürchtegott")
gar eine "Kirchenfeindlichkeit" herauszulesen.
Das wäre aber
ein völliges Mißverständnis. Seltmann geht es nicht um ein Niederreißen des
kirchlichen Lebens, sondern um eine Reinigung, um eine Erneuerung, um ein
Ausmerzen von Amtsmißbrauch. Seine Kritik setzt dort ein, wo das hohe ethische
Anliegen Jesu entstellt vermittelt wird, so als ob es auf die formelle
Einhaltung von äußeren Gebräuchen und Vorschriften der Kirche ankäme, um das
Heil zu erlangen. Er betont, daß es stattdessen vor allem auf die tätige
Nächstenliebe, auf die Nachfolge Jesu im täglichen Leben ankomme. Ist das nicht
wirklich die wichtigste Aufgabe jeder glaubwürdigen christlichen Kirche, die
Menschen immer wieder zu einer gottwohlgefälligen, nämlich ethisch verantwortungsbewußten
und sinnerfüllten Lebensführung zu bestärken - ohne Zwang und ohne Drohungen
oder gar Erpressungen, sondern durch Stärkung des Gewissens, der Verbindung
mit dem "Christus in uns"?
Zugegeben, ein
Geschehen, wie es in jenem Kapitel geschildert wird aus einer Zeit vor 60
Jahren, ist heute so kaum noch vorstellbar. Inzwischen hat es das 11.
Vatikanische Konzil gegeben, dadurch wurden neue Akzente gesetzt, wenn auch in
der Folgezeit nicht immer so umgesetzt, wie es notwendig wäre. Heute schieben
sich neue Chancen und Versuchungen für die kirchliche Seelsorge in den
Vordergrund: Die ganze Menschheit gerät zunehmend in eine mehrfache Bedrohung
ihrer Lebensgrundlagen, weil die prägenden Kräfte unserer Gesellschaft in
unverantwortlicher Weise das zukünftige Wohl von Menschen und Natur mißachten.
Hier lägen entscheidend wichtige Aufgaben von religiösen Organisationen: die
Menschen spirituell vorzubereiten zur Bewältigung der sich anbahnenden
Menschheitskrisen, damit sie sich nicht in Katastrophen entladen, sondern
möglichst in Frieden und in Gerechtigkeit für alle Menschen überwunden werden.
Dazu ist es belanglos, wie sich ein Mensch das Wesen Gottes vorstellt, welche
Dogmen er im einzelnen vertritt, wohin er seine Kirchensteuer entrichtet. Was
zählt ist, ob er sich mitverantwortlich fühlt für das Wohlergehen aller
Menschen und der Natur und daß er sich bemüht, im Sinne dieser Verantwortung zu
wirken. Heute ist es an der Zeit, die Intoleranz zwischen den ethisch orientierten
Religionen der Menschheit abzubauen und gemeinsam in Liebe für eine gute
Zukunft zu wirken. Möge uns Seltmanns kritische Erinnerung an vergangene
Mißstände zur Überwindung unserer gegenwärtiger Mißstände ermutigen.
Soviel zum Grundsätzlichen des Inhalts. Was war nun von
mir in der Zusammenarbeit mit Seltmann zu erbringen? .Manches wollte klarer
formuliert sein, alte Redewendungen sollten abgeändert werden. Der Text wurde
in Kapitel und Absätze untergliedert, Überschriften eingefügt, auch der
Buchtitel mußte festgelegt werden. Aber bei all dem wurde der Inhalt selbst
nicht geändert, auch die Reihenfolge der einzelnen Berichte wurde beibehalten.
Es sind also immer noch Seltmanns Erlebnisse, aus seiner Sicht von ihm selbst
in seiner packenden Art erzählt.
Der hiermit
vorgelegte Lebensbericht ist nur einer aus einer ganzen Reihe von
hinterlassenen Texten; weitere Hefte von Seltmann sind in Vorbereitung.
Spätestens nach dem zweiten oder dritten Band werden Sie alles verstehen, was
in diesem Vorwort nur angedeutet werden konnte.
Einer dieser weiteren
Texte steht in besonderer Beziehung zu dem Kapitel "Erlebnisse mit
Fürchtegott" des vorliegenden Bandes. Seltmann hat die hier berichteten
Erlebnisse wesentlich
ausführlicher noch
einmal in Form eines Romans geschildert. Seine eigene Person tritt dabei unter
dem Namen "Arno" auf, wie auch der Titel des Buches lautet. Die Erzählung
"Arno" stellt also eine wesentliche Ergänzung zu diesem Teil der
Lebensbeschreibung dar. Sie wird dann ebenfalls in der Schriftenreihe DONATA
erscheinen.
Für den Fall, daß Sie
mit einigen Stellen dieses Buches Schwierigkeiten haben, sei noch gesagt:
Lassen Sie es auf sich beruhen, was Ihnen nicht zusagt oder Ihnen zu
unglaublich erscheint. Machen Sie sich nur das zu eigen, wovon sie wirklich
überzeugt werden-; das andere mag warten, bis neue Erfahrungen ein besseres
Urteil ermöglichen. Wir sind immer unterwegs, im Wandel. . . .
Viel Freude also, -
nein, viel Aufmerksamkeit beim Lesen, viel Nachsinnen, viel Kraft zur
Befreiung von überkommenen Vorurteilen, manchmal auch Verständnis für das, was
zwischen den Zeilen steht, und viel geistigen Gewinn, damit Seltmanns
Schauunngen fruchtbar werden - auch für Ihr Leben, für unsere Welt, - das
wünscht Ihnen
Gertrud Emde
Oberbrunn, im Februar
1998
Im Elternhaus
Meine Kindheit
Ich stamme aus einer Bergarbeiterfamilie und war der
Älteste von sechs Geschwistern. Wir wohnten damals in Planitz. Meine Erinnerung
geht bis zu meinem zehnten Lebensjahr zurück, und alles ist wie eingebrannt in
meiner Seele.
Mit zehn Jahren sah ich zum ersten Mal einen Betrunkenen,
wie er von einem Karren herab in einen Pferdestall abgeladen wurde, um dort seinen
Rausch auszuschlafen. Bei genauem Hinsehen erkannte ich in dem Betrunkenen
meinen Vater. Bei diesem Anblick gelobte ich mir, mich niemals zu betrinken.
Dieses Gelöbnis habe ich bis heute gehalten. So danke ich meinem Vater, dass
er mich dadurch vor der Trunksucht bewahrt hat.
Ich ging gerne zur Schule und lernte leicht; dennoch war
es eine harte Kindheit. Meine Geschwister und ich mussten Heimarbeit leisten,
jeder hatte zuerst sein Soll zu erfüllen, bevor wir auf die Straße durften.
Meine Eltern waren sehr gottgläubig und erzogen uns
streng. Bei Ungehorsam bekamen wir keine Schläge, vielmehr gab es hierfür
andere Mittel. Wenn unser Vater pfiff, mussten wir sofort heim laufen, denn
wer zum Tischgebet nicht anwesend war, bekam nichts mehr zu essen.
Eines Tages wurde meine Mutter von einer langwierigen
Krankheit befallen. Sie litt fast zwei Jahre an Lungenschwindsucht, wie man
diese Krankheit damals nannte. Eine Heilung galt als unmöglich, und doch wurde
Mutter wieder gesund. Während dieser Zeit musste ich als der Älteste die kranke
Mutter im Haushalt vertreten: Kindermädchen spielen, kochen, einkaufen, - überhaupt
alles, was sie mir auftrug, waren meine Arbeiten. So lernte ich ausgezeichnet
kochen, backen und scheuern und ersetzte bereits als Dreizehnjähriger die
kranke Mutter im Haushalt.
Vater arbeitete im Bergwerk. Es war alles in allem eine
harte Zeit für mich, da ich trotz dieser Belastung keinen Schulunterricht
versäumte.
Erste Kontakte mit der Geisterwelt
Zwei Ärzte bemühten sich um meine Mutter, und als sie
eines Tages wieder bei ihr waren, hatte ich mein erstes Erlebnis mit der
Geisterwelt.
Während der Behandlung fing Mutter plötzlich an, mit
einer völlig fremden Stimme zu sprechen, in fließendem Hochdeutsch, so dass die
Ärzte aus dem Staunen nicht herauskamen. Sie gab in dieser uns fremden Stimme
den Ärzten Anweisung, sie anders zu behandeln als bisher. Die Ärzte waren
darüber nicht erfreut, und es gab eine lebhafte Auseinandersetzung. Danach
änderten sie jedoch ihre Behandlungsweise und Mutter wurde gesund.
Und noch etwas Neues begann. Der Zustand, in dem Mutter
in dieser fremden Stimme sprach, wiederholte sich, und so wurde es auch in der
Nachbarschaft bekannt. Einige dieser Nachbarn besuchten bereits kleine Zirkel,
in denen sich Geister zu Wort meldeten. Mir wollte man aufgrund meiner Kindheit
nichts Näheres erzählen, obgleich ich sehr neugierig war und mehr darüber
erfahren wollte.
Endlich konnte ich einmal mit dabei sein, als so ein
„Kreis“ bei uns zu Hause stattfand. Mein Vater war zwar strikt dagegen, und
verbot solche Zusammenkünfte in unserem Haus, doch die Nachbarn hielten sich
nicht daran. Was Gotthold, mein Vater, sagte, übergingen sie einfach, und Lene,
meine Mutter, musste sich eben als Medium zur Verfügung stellen. So bin ich
bereits als Junge mit „Geistern“ in Kontakt gekommen, bin solcherart
„Eingeweihter“ geworden und habe manches dabei erlebt.
Vater war jedoch nicht zu überzeugen. Er schlug die
Mutter, wenn er erfuhr, dass wieder eine „Geisterstunde“ bei uns stattgefunden
hatte und nahm ihr die Kleider weg, damit niemand kommen konnte. Doch immer
wieder fanden die Nachbarn Auswege, um, wie sie sagten, „Stunde“ zu halten.
Dies geschah hauptsächlich dann, wenn Vater Nachtschicht hatte.
Vater wird bekehrt
Eines Abends - es waren wieder einige Nachbarn gekommen,
die auch Kranke mitbrachten -, sprach wieder dieser Geistarzt in seiner fremden
und herrischen Sprache. Er stellte Krankheiten fest und gab Arzneimittel an.
Den Kranken ging es daraufhin besser und sie wurden sogar gesund. Diesen
Tatsachen konnte sich auch mein Vater nicht verschließen. Schließlich nahm er
auch einmal an einer solchen „Stunde“ teil, und hatte dabei selbst ein
außergewöhnliches Erlebnis: Ein Verstorbener, es war der Lehrer Fischer, sprach
zu ihm. Er war Dirigent des Gesangvereins gewesen, dem Vater immer noch
angehörte.
Vor einem halben Jahr war er nach Leipzig versetzt
worden; daher wusste hier niemand etwas von seinem Tod. Fischer schilderte nun,
weiche Qualen er ausgestanden habe, als sein Leichnam verbrannt wurde. Vater
war zwar nicht von der Wahrheit überzeugt; dennoch erzählte er davon in der
nächsten Singstunde.
Da wurde er schön ausgelacht und ein Kamerad forderte ihn
heraus: „Gotthold, und das willst du wirklich glauben?“ Der neue Dirigent aber
meinte: „Kameraden, ich habe seine Adresse, und ich werde ihm einfach
schreiben.“
So geschah es. Nach einigen Tagen war bereits die Antwort
da: Fischer sei vor einiger Zeit verstorben und sein Leichnam eingeäschert
worden. Nun war das Verwundern groß, denn Vater hatte ja von den Qualen
erzählt, die Fischer bei der Verbrennung seines Leichnams erlitten hatte.
Die medialen Fähigkeiten meiner Mutter
„Seltmanns Lene“ wurde nun als Medium mehr und mehr
bekannt.
Zu ihren medialen Fähigkeiten zählten: Heilen, Malen mit
Farbstiften, Sprechen in fremden Zungen sowie das Sehen von Geistern und das
Reden mit ihnen. Vater war mittlerweile bekehrt und sogar ein tüchtiger
Fürsprecher geworden.
Da ereignete sich etwas, das unseren Spiritismus auf eine
völlig neue Stufe heben sollte. „Vater Landbeck“, wie wir ihn nannten, kam und
sprach im Kreis seiner Alten und Getreuen in meinem Elternhaus. Er legte auch
Bücher vor, für deren Druck er Freunde und Spender suchte. Er konnte von vielen
Freunden berichten, die schon gespendet hatten und dafür Bücher erhielten. Hier
lernte ich erstmals die Schriften von Jakob Lorber kennen. In der Folgezeit
verschlang ich sie wie Romane.
Bei meiner Mutter steigerte sich das spirituelle Leben
mehr und. mehr. Es sprachen nicht mehr so viele Abgeschiedene durch sie,
sondern es meldeten sich immer öfter Selige und Engel. So wurde ihr Leben viel
freier, und ihre Gaben wurden vollendeter.
Doch auch ihre Gegnerschaft wurde größer. Nach einer
Anzeige des Pfarrers wurde meine Mutter eines Tages sogar von der Polizei eingesperrt.
Da geschah es, dass die Frau des Pfarrers Runkwitz schwer krank wurde. Kein
Arzt konnte ihr helfen. Wer kam da eines Tages zu Seltmanns Lene? - Die Frau
des Herrn Pfarrer. - Sie sagte, sie habe gehört: „Wem der Arzt nicht mehr
helfen kann, der bekommt Hilfe bei Seltmanns Lene!“, und deshalb sei sie hier.
Sie wurde gesund, und so musste ihr Herr Gemahl anerkennen, dass es sich hier
nicht um Dämonie handelte.
Eines Tages, als Vater zur Schicht war, kamen zwei Herren
und baten meine Mutter, ihnen ein Bild zu malen. Sie richtete sich alles her an
Papier und Stiften sowie ein Messer zum Spitzen. Da es anfing, dunkel zu
werden, wollte ich die Lampe anbrennen. Aber schon wurde ich von einem
Geistwesen zurechtgewiesen: „Laß das sein!“
Da das Malen eines Bildes eine volle Stunde in Anspruch
nahm, wurde es währenddessen so finster, dass man weder die Farben erkennen
konnte, noch das Bild, das gemalt wurde. Dieses Malen war ein fast unglaublicher
Vorgang. Links lagen die Stifte und das Messer; wenn ein Stift einmal verwendet
war, wurde er nach rechts gelegt und kein weiteres Mal gebraucht, denn alle
Stellen von gleicher Farbe wurden in einem Arbeitsgang gemalt. Eine weitere
Eigenart war, dass mit dem letzten Stift in brauner Farbe das Werk mit einem
Vers unterhalb des Bildes beendet wurde. So geschah es auch diesmal.
Die beiden Herren sahen gespannt zu und keiner sagte ein
Wort.
Mutter rollte das Bild zusammen und sagte in einer
tiefen, harten Stimme, indem sie einem der Männer das Bild reichte: „So, nun
walten Sie Ihres Amtes!“
Zu mir aber sprach sie mit sanfter Stimme: „Nun mache
Licht. Amen!“
Was der Geist meinte, als er die beiden Männer
aufforderte, sie sollten ihres Amtes walten, stellte sich gleich heraus. Ich
machte Licht, und die Männer sahen sich das Bild an. Lange schauten sie dann
auf Mutter, bis einer sich endlich gefaßt hatte: „Frau Seltmann, unser Auftrag
war, Sie zu sistieren (zur Polizeiwache zu bringen, um sie zu verhören), doch
das können wir nun nicht mehr tun. Wir würden uns aber freuen, wenn wir Sie
wieder einmal besuchen dürften, wenn auch Ihr Mann zuhause ist.“ Mutter
bejahte. So waren wieder zwei Freunde gewonnen.
Mutters Reise ins Jenseits
Inzwischen war ich 14 Jahre alt geworden und erhielt in
jenem Jahr auch meine Konfirmation. .
Am Karfreitag 1896 geschah ein Ereignis, von dem man in
Planitz noch lange, lange sprechen sollte: Mutter durfte ihre erste Reise ins
Jenseits machen. Vater war unterrichtet, alle Bekannten wussten davon und sogar
einige Ungläubige waren informiert. Schon frühzeitig war Mutter an diesem
Abend hellsichtig und berichtete von Geistwesen, die sie sehe. Auch
übermittelte sie Botschaften von verstorbenen Angehörigen der anwesenden
Personen.
Genau um acht Uhr wurde sie sehr müde und legte sich, wie
ihr geheißen wurde, auf das Sofa. Dort fiel sie in einen tiefen Schlaf. Auf Anweisung
eines Engels paßte mein Vater auf, dass niemand sie berühren konnte. Doch bald war
es kein Schlaf mehr, ihr Arm fiel wie leblos herunter, und sie hörte auf zu
atmen. Auf ihrem Gesicht war deutlich eine gelbe Blässe zu sehen. Wie
angekündigt, dauerte dieser Zustand genau zwei Stunden lang. Dann - ein tiefer
Atemzug, Mutter öffnete die Augen, hob ihren Arm und sagte: „Ich möchte nicht
mehr hierher!“
Sie erhob sich. Alle schauten gespannt auf sie und so
sprach sie: „Geht alle wieder nach Hause, ich bin so müde von der langen Reise,
ihr werdet alles erfahren.“
Dann sah sie ihren Schwager, Gustav Schneider, und redete
ihn an: „Gustav, ich soll dich grüßen von deiner Gusel. Ach, hat die es schön,
sie lebt auf einer Sonne!“
Da erwiderte mein Onkel laut: „Na, nun seht ihr den
Schwindel, meine Schwester lebt ja noch!“
Vater warf ein: „Gustav, das war nicht recht von dir.
Fahre doch die Feiertage einmal zu deiner Schwester und erzähle ihr, was du
hier erlebt hast.“
Onkel Gustav war einverstanden und fuhr nach Sosa, einem
Ort im Erzgebirge, um seine andere Schwester zu besuchen. Als er dort in die
Stube trat, erschrak die Schwester: „Gustav, jetzt fällt mir unser Versäumnis
ein. Unsere Gusel ist schon vor einem halben Jahr gestorben
und wir haben
vergessen, es dir zu schreiben. “Onkel Gustav kam als Bekehrter zurück So habe
ich
mir durch die
vielen, vielen Erlebnisse ein reiches Wissen über die Geisterwelt und über das
Fortleben
nach dem Tode angeeignet wie selten ein junger Mann.
Irrwege und Neubeginn
In der Fremde
Die Strenge im Elternhaus gefiel mir jedoch nicht. Ich
wollte frei sein. So ging ich im Alter von knapp 15 Jahren in die Fremde. Da
ich Tierliebhaber war, wählte ich den Beruf eines Stallschweizers. Ich kam nur
noch ganz selten nach Hause. Trotz meinem Wissen um Gott und das Fortleben nach
dem Tode verlor ich mich an die Welt. Ich fiel immer, tiefer und tiefer und
wurde ein Rohling, wie es wohl selten ist. Der Umgang mit meinen neuen
Kameraden nahm mir alles, was ich an guter Erziehung erhalten hatte.
Nur mein Wissen über Gott und die geistige Welt blieb mir
erhalten. Ich erzählte oft und mancherlei davon, doch ich wurde nur ausgelacht.
Zu nehmen war es mir aber nicht mehr, denn die Erlebnisse mit meiner Mutter
waren unlöschbar in meinem Gedächtnis eingebrannt.
So wurde ich 20 Jahre alt. Durch die gesunde Arbeit, die
Milch und das gute Essen war ich recht kräftig geworden. Da verlor ich mich
völlig an meine sexuellen Begierden. Ich lernte ein Mädchen kennen, meine Hedwig.
Ihr gelang es, mich wieder zu einem anständigen Menschen aufzurichten. Ich
führte sie zu mir nach Hause und so wurde sie zu einem Kind meiner Mutter:
gläubig und vertrauensvoll zu Gott. Wir hatten vor zu heiraten, doch wegen
meiner Einberufung zum Militär mussten wir es vorerst verschieben.
Da starb Hedwig im Januar 1903 an einer Lungenentzündung.
In mir brach eine Welt zusammen. Noch eine Woche vor ihrem Tode hatten wir
einen Urlaub in ihrem Elternhaus verbracht. Dort hatte sie schon immer vom
Sterben gesprochen, und ich musste ihr geloben, im Fall ihres Todes ihre
Schwester Klara zu heiraten. Am 9. Januar 1903 wurde Hedwig beerdigt. Ich habe
sie nie vergessen können.
Leeres Leben
Meinem Versprechen getreu heiratete ich Hedwigs Schwester
Klara. Ihr Wesen war in allem das Gegenteil dessen, was mich mit meiner Hedwig
verbunden hatte. So entwickelte sich dieses Zusammensein von Beginn an zu einer
Fehlehe. Nach außenhin führten wir eine gute Ehe, doch mein Herz blieb leer,
meine Sehnsucht ungestillt.
Ich fing wieder an, mich an die Welt zu verlieren. Beim
Kartenspiel im Wirtshaus suchte ich einen Ausgleich. Das wurde zu einer
richtigen Leidenschaft. Meine Mutter wusste von meinem Zustand und betete viel
für mich, wie sie mir später einmal gestand. So lebte ich innerlich leer und
ziellos dahin bis 1913. Da bekam meine Mutter wieder eine langwierige
Krankheit. Asthma-Anfälle bereiteten ihr viel Leid und Schmerz. Um die
Schmerzen zu lindern, musste sie sitzen und konnte sich dadurch über ein Jahr
lang kaum ins Bett legen. Ich war mittlerweile Eisenbahner geworden. Der
häufige und lange Dienst, vor allem aber meine Spielleidenschaft führten dazu,
dass ich meine kranke Mutter nur selten besuchte. Es drängte mich eines Tages
sehr zu ihr hin. Als ich sie auf ihrem Krankenlager liegen sah und sie zum
Aufstehen keine Kraft mehr hatte, spürte ich deutlich, dass dies wohl das
letzte Mal war, dass wir uns sehen konnten. Ich kniete vor meiner Mutter nieder
und flehte unter Tränen: „Mutter, vergib mir, wenn ich dich gekränkt habe.
Warum hat denn Hedwig kein einziges Mal zu mir gesprochen, ich habe mich so
nach einem Wort von ihr gesehnt?“ Da sagte sie zu mir ganz unerwartet und ganz
in der Sprechweise meiner Hedwig: „Mein Max, du warst mir immer der Liebste!“
Das erschütterte mich so sehr, dass ich ohne ein weiteres Wort fortrannte
und sogar meine Mütze liegen ließ. Als ich einige Tage später vom Dienst
heimkam, sagte meine Frau: An unserer Bratpfanne ist heute ohne Grund der Griff
abgebrochen.“ Da wusste ich: Meine Mutter war gestorben, sie hatte es uns angezeigt.
Und so war es auch. Vater schrieb mir eine Karte und teilte uns die Stunde und
den Tag ihres Begräbnisses mit.
Mutters Beerdigung
Mit meinem Vater und meinen Geschwistern war ich auf der
Beerdigung meiner Mutter. Es war Johannistag. Viele Leute waren gekommen, denn
Mutter war ja bekannt und beliebt. Vom Trauerhaus aus setzte sich der
Leichenzug in Bewegung.
Als wir an der Aufbahrungshalle vorbeizogen, warf ich
einen Blick auf die Stelle, wo Mutter zuvor aufgebahrt gewesen war. Da erschrak
ich ganz gewaltig, denn dort auf dem Sarg, wo vorher noch der Leichnam meiner
Mutter gelegen hatte, sah ich mich liegen. Ich blieb vor Schreck stehen und
behinderte den ganzen Leichenzug. Ich hörte eine laute, aber monotone Stimme:
„Was nun, wenn du jetzt gestorben wärest?“
Ich war derart erschrocken, dass ich nicht mehr wusste,
was ich tun sollte. Ich hätte den ganzen Zug aufgehalten, aber die vielen
Menschen hinter mir drängten. So wurde ich weiter geschoben, und endlich
verging die Vision. - Die Stimme aber blieb!
Mutters Sarg wurde in die Redehalle getragen. Ich konnte
nicht Abschied nehmen, denn die Stimme in mir tönte unaufhörlich. Ich nahm
nichts wahr von dem, was um mich herum geschah, immer hörte ich nur diese
Stimme:
„Wenn du nun gestorben wärest, was dann?“
Wir setzten uns zur Trauerfeier, doch ich hörte kein Wort
von dem, was der Pfarrer sagte, sondern immer wieder nur die Worte: „Was nun,
wenn du hier liegen würdest, was dann?“ Mir war richtig elend zumute, so sehr
erschütterte mich dieses Geschehen.
Dann ging es weiter an das Grab. Für einige Momente hörte
und sah ich nichts mehr. Als aber der Sarg hinuntergelassen wurde, kam es
plötzlich wieder: „Wenn du jetzt hinab gelassen würdest, was dann?“
Ich fühlte mich elend und war dem Zusammenbrechen nah.
Immer und immer wieder hörte ich nur diese Stimme in mir. Auch als der Tag der
Beerdigung längst vorbei war, tönte sie weiter. Ich wollte alles vergessen,
doch die Stimme blieb.
Die Stimme
In allem, was ich bisher erfahren hatte und was ich
weiterhin erlebte, suchte ich eine Antwort auf dieses Geschehen zu finden. Bei
Predigern und alten Bekannten meiner Mutter suchte ich Rat. Es war alles vergeblich,
alle versagten, niemand konnte mir helfen. Sie hatten wohl schöne und gute
Worte für mich, doch die Stimme blieb. So lebte ich wie ein halb Irrer bis zum
Reformationsfest.
Ein Arbeitskamerad sprach mich schließlich an, was mir
denn fehle. Er war Spiritist. Nachdem ich ihm alles erzählt hatte, lud er mich
zu einer „Sitzung“ ein. Ich folgte der Einladung. Ein gewisser Ernst Möckel aus
Stenn sollte als Medium dienen. Als er nicht kam, verbrachten wir den Abend mit
„Tischchen-Rücken“. Da mich das langweilte, bat ich die anderen, mich doch mal
alleine an den Tisch zu lassen. Kaum legte ich vorsichtig meine Hände auf den
Tisch, da bewegte er sich recht heftig. Ich fragte: „Wer bist du?“
Daraufhin klärten mich die anderen auf, dass ich anders
fragen müsse. Der Tisch könne immer nur mit „Ja“ oder „Nein“ antworten. Einmal
rücken bedeutet „Ja“, zweimal rücken
„Nein“. ‚
Und so fragte ich: „Bist du Hedwig?“ „Nein“, war die
Antwort.
Ich nannte noch andere Namen, doch jedesmal erhielt ich
ein „Nein“ als Antwort.
Erst auf die Frage: „Bist du mein Cousin?“ kam ein „Ja“.
„Du“, schimpfte ich, „bist also der, der mich so peinigt?“ Darauf schwieg der Tisch. Ich hatte genug
erfahren, denn mir ging es ja nur um die Stimme, von der ich mich befreien
wollte. Und so ging ich nach Hause.
Am nächsten Tag
hatte ich frei. Ich besuchte Ernst Möckel, der ja eigentlich als Medium hatte
dienen sollen. Dort sprach dann tatsächlich mein verstorbener Cousin zu mir.
Und ich glaubte diesem Geist. Er forderte mich auf, ich solle am Totensonntag
an seinem Grabe ein Alpenveilchen pflanzen und sieben Vaterunser für ihn
beten. Ich versprach es. Aber dennoch hörte die Stimme nicht auf.
Meine Heilung
Es sollte noch ganz anders kommen. Ich schrieb einem
Freund meiner Mutter, Robert Gutbrecht in Chemnitz, dass ich ihn gerne einmal
besuchen wolle. Ich hätte am Totensonntag in der Nähe von Chemnitz, in
Reichenbrand, etwas zu erledigen, und so ließe sich beides gut miteinander
verbinden.
Ich erhielt
Antwort von Gutbrechts mit der Bitte, doch nicht so lange zu warten, sondern
bereits am Reformationsfest mit meiner Frau zu kommen. Später schickten sie
uns sogar noch ein Telegramm. Und so folgten wir der Einladung.
In Chemnitz
wurde ich sehr liebevoll aufgenommen. Und doch wusste ich, dass es ihnen nur
darum ging, den Sohn meiner Mutter zu ehren. Ich selbst hatte ja durch meinen
schlechten lebenswandel kein Ansehen mehr.
Dort fand nun
eine „Stunde“ statt und Schwester Martha Gröner diente als Medium. Zuerst
redete ein Geistfreund, dann trat die Schwester zu mir, und ich wurde
behandelt. Ein Inder sprach und sagte mir alles, was ich auf dem Kerbholz
hätte. Ich wurde nicht geschont. Über eines musste ich mich dabei sehr wundern:
Dass ich mir alles so ruhig anhören konnte, obwohl ich sonst ein jähzorniger
Mensch war.
Dann wurde ich
von Kopf bis Fuß behandelt. Im Zimmer roch es nach Teer und Schwefel, außerdem
herrschte eine Eiseskälte. Alle rückten von mir weg. Im Anschluß daran
versprach ich mir, nicht mehr zu rauchen, nicht mehr zu fluchen und das
Kartenspielen aufzugeben. Da hörte die Stimme plötzlich in mir auf und kam nie
wieder. Von diesem Zeitpunkt an wurde ich ein neuer Mensch und bemühte mich um
ein besseres leben.
Neue Erfahrungen und Aufgaben
Engelvisionen
Mein Versprechen
habe ich bis heute gehalten und seither weder geraucht, geflucht noch jemals
wieder Karten gespielt. Mein Jähzorn machte einer inneren Ruhe Platz und ich
suchte immer mehr, die innere Verbindung zu Gott wieder herzustellen. Bei
Geschwistern meiner Mutter, auch bei meiner Schwester Kamilla, überall suchte
ich Hilfe, um diese innere Verbindung zu vertiefen und zu festigen.
Immer weiter
drang ich vor in diese inneren Tiefen. Ich betete oft: ,,0 Herr, laß mich nur
einmal einen Engel sehen!“
Am 18. August
1914 wurde mir dieser Wunsch erfüllt. Ich sah plötzlich, wie die Decke
auseinander ging und eine weiße Gestalt erschien, die aus einem weißen Bett
eine graue Gestalt herausnahm, um dann wieder durch die Decke zu entschwinden.
Am nächsten Tag
erzählte ich von diesem Traum, von diesem Phantasiebild, für das ich es hielt.
Da schrie meine Schwägerin auf: „Das ist Franz, mein jüngster Bruder!“ .
Mir war es
peinlich, denn ich hielt diese Vision wirklich nur für ein Ergebnis meiner
Phantasie. Vier Wochen später aber kam die Nachricht, dass Franz am 18. August
im Feldlazarett St. Quentin verstorben sei. Und so hatte ich den Beweis, dass
mein Erlebnis nicht bloß Phantasie war. Derartige Vorgänge wiederholten sich
öfter in anderen Variationen.
Noch ein
weiteres Erlebnis möchte ich schildern, weil es mir so lebensnah gezeigt
wurde. Ich war bei meiner Schwester in Oelsnitz im Erzgebirge, wo gerade eine
„Stunde“ stattfand. Viele Geistgeschwister waren anwesend und eine mir
unbekannte Frau diente als Medium. Jeder der Gäste sollte von dem Geist einige
Worte erhalten. Und so ging das Medium in der Runde von einem zum anderen.
Da sah ich, wie
vor einer älteren Frau und einem erwachsenen Mädchen - es waren Mutter und
Tochter - ein wunderbares Wesen mit einer Harfe stand. Ich hörte deutlich das
Lied, das es den bei den vorspielte und sang. Vor mir sah ich auch einen Ritter
in seiner Rüstung stehen.
Das Medium
wandte sich der Mutter und Tochter zu: „Vor euch steht ein Jüngling. Er spielt
auf seiner goldenen Harfe und singt dazu.“
Sie sang nun mit
und ich hörte gen au das gleiche Lied, das ich vorher schon selbst hören und
sehen durfte.
Als ich an der
Reihe war, bekam ich die Botschaft: „Vor dir steht ein Rittersmann in seiner
Rüstung und mahnt dich, ja die Treue zu halten, die du gelobt hast!“ Mir wurde
noch mehr aufgetragen, woran ich mich aber heute nicht mehr erinnern kann.
So wurde ich
fester und fester im Glauben; - und doch war noch nicht daran zu denken, dass
ich mein Leben ganz dem Herrn widmen könnte.
Geistige Heilung
Ich verbrachte
den Urlaub allein mit meiner kleinen Tochter Erna wieder bei meiner Schwester
Marie in Oelsnitz im Erzgebirge. Wir gingen spazieren und sammelten Pilze.
Erna wurde plötzlich bockig und wollte unbedingt wieder heim zur Mama. Da sie
nicht davon abzubringen war, liefen wir zurück. Marie kochte uns die
gesammelten Pilze, die wir dann auch aßen.
Abends um acht
Uhr bekam ich plötzlich heftige Leibschmerzen. Ich dachte an eine
Pilzvergiftung und nahm einige Mittel dagegen ein. Eine Stunde später waren die
Schmerzen wieder verschwunden. Da ich auch am nächsten Morgen nichts mehr davon
spürte, fuhr ich mit Erna schon früh wieder zurück nach Hause.
Zuhause angekommen,
machte ich mich gleich auf die Reise zu Georg Riehle nach Dresden. Ich kannte
ihn schon seit meinem zehnten Lebensjahr, da er oft zu meiner Mutter gekommen
war.
Dort hatten sich
abends einige Freunde zur „Stunde“ versammelt.
Während dieser
„Stunde“ fingen plötzlich meine Leibschmerzen wieder an, mich zu plagen in
einer Heftigkeit, die nicht zu schildern ist. Ich hörte kein Wort von all dem
Gesprochenen und krümmte mich wie ein Wurm. Als die Schmerzen nachließen, war
es abends neun Uhr geworden. Ich erzählte niemandem davon.
Am anderen Tag
fuhr ich mit dem Zug zurück, stieg aber bereits in Chemnitz aus, um Gutbrechts
zu besuchen. Es herrschte große Freude
über mein
Kommen. Abends ging ich dann mit Robert zu Grönerts, wo wieder eine „Stunde“
stattfinden sollte.
Kaum hatte die
„Stunde“ angefangen, überkamen mich wieder diese Leibschmerzen, viel ärger
noch, als ich es bisher erlebt hatte. Ich sehnte das Ende der „Stunde“ herbei.
Da trat der Inder, der mich schon einmal behandelt hatte, in das Medium ein.
Er richtete seine Worte an ein Wesen, das mich besetzt hatte, und belehrte es.
Im selben Augenblick verschwanden die Schmerzen und ich war gesund. - So
erlebte ich die erste „geistige Heilung“.
Der Inder war
mein Schutzgeist geworden, und ab diesem Zeitpunkt trat ich mit ihm in eine
innigere Verbindung. Auch heute noch stehe ich mit ihm in geistigem Kontakt, in
brüderlicher Art. Meiner inneren Entwicklung, sagte er mir, könne er nicht mehr
folgen, da in ihm andere Begriffe lebten als in mir. Auf seine Ratschläge
jedoch gebe ich auch heute noch sehr acht, weil sie hilfreich und gut sind.
In jener Zeit
überkam mich wieder ein Drängen und Suchen, und als Georg Riehle mir noch das
Evangelium Jakob Lorbers schenkte, vermehrte sich mein Eifer auf der Suche
nach „Geistig-Göttlichem“. Durch das von Jakob Lorber empfangene „Evangelium
des Apostels Johannes“ wurde ich in neue geistige Wahrheiten eingeführt. Ich
blieb mit Georg Riehle in ständigem Kontakt, bis der Krieg begann. Dann musste
er leider seinen Dienst als Soldat verrichten.
So schloß ich
mich mehr an Otto Hillig an. Durch ihn wurde nun der wahre Grund in mein Herz
gelegt, denn Otto Hillig wurde zu einer „Mutter des Göttlichen“ in mir.
Mein erstes
großes Erlebnis
Die Sehnsucht,
Jesus immer tiefer zu erkennen und zu erleben, führte mich auch in andere
Kreise. 0 weh, was musste ich oft erleben – an Wahrem und Falschem! Dadurch
wurde ich unsicher und kam in innere Konflikte mit mir selbst.
In dieser Zeit
begegnete ich einem Eisenbahner, Kurt Münch aus Lichtentanne. Er war
hellsehend. Als ich eines Tages bei ihm war, sagte er zu mir: „Max, deine
Mutter ist hier. Sie sieht zumindest so aus.“ Ich zweifelte, doch nach einigem
Hin und Her meinte ich: „Kurt, bitte sie doch, sie solle mir die letzten Worte
sagen, die wir einst miteinander gesprochen haben.“ Und tatsächlich wurden sie
mir wörtlich mitgeteilt.
Nun gab es kein
Halten mehr. Mein Drängen, in diesem Geiste zu dienen, schob alles andere in
den Hintergrund. Doch wieder kamen mir Hemmnisse in den Weg. Ohne mir dessen bewußt
zu sein, wurde ich oft von niederen Wesen besetzt. Emil Scheithauer war es,
der mich immer wieder von ihnen befreien konnte.
Ich hatte mit
vielen Belastungen zu tun. In mir kamen Gesichte und Visionen hoch. Ich sah
Geistwesen und glaubte immer, es wäre alles nur Phantasie.
Mein geistiges
Innenleben entwickelte sich mehr und mehr, doch ich erlebte auch Rückschläge.
Meine Frau konnte mir und den Offenbarungen nicht so recht folgen, denn in ihr
waren andere Begriffe lebendig. Und da auch Falsches und Verkehrtes durchkam,
wurde ich auch selbst wieder unsicher.
In dieser Zeit
hatte ich mein erstes großes Erlebnis:
Ganz unbewußt,
ohne jegliches Verlangen, etwas zu erleben, ging ich eines Morgens zum Dienst.
Da die Eisenbahn in diesen Kriegszeiten unregelmäßig fuhr, musste ich nach
Zwickau laufen. Normalerweise brauchte ich über eine Stunde für den Weg.
Kaum hatte ich
den Ort Lichtentanne verlassen, befand ich mich plötzlich mitten im
Kriegsgeschehen. Ein Donnern der Geschütze, ein Krachen vom Bersten der
Granaten, ein Schreien der Kameraden. Dann auf einmal Totenstille.
Plötzlich stand
ein junger Soldat vor mir: Arno Badstübner aus Lichtentanne. Ich kannte ihn
gut, er war noch ein junger Kerl, gerade 17 Jahre alt. Er kannte mich nicht.
Mit einer wurfbereiten Handgranate stand er neben mir.
Ich redete ihn
an: „Kamerad, ich habe keine Waffe bei mir. Ich weiß ja gar nicht, was
eigentlich los ist mit mir. Entweder bin ich gestorben oder du bist es.“
Da kam er ganz
langsam näher und ich forderte ihn auf: „Leg deine Waffe aus der Hand, denn nun
sehe ich, du bist kein lebender Mensch mehr. Ich erlebe vielmehr die Gnade,
deinen Geistleib zu sehen.“
Er wollte mir
nicht glauben. Ich musste lange und viel mit ihm sprechen.
Ein Leutnant kam
aus dem Graben, unbewaffnet, und sprach zu ihm: „Kamerad, der Freund hat recht.
Sieh, ich habe auch keine Waffen mehr in meiner Hand. Der Krieg ist aus für
dich.“
Darauf der junge
Soldat: „Herr Leutnant, Sie wollen mich nur prüfen. Wenn ich kein Mensch mehr wäre,
hätte ich ja auch keinen Leib mehr. Ich sehe mich aber noch.“
Der Leutnant
erwiderte: „Kamerad, dann suche selbst. Ich wollte dir nur den Weg ebnen in
eine für dich neue Freiheit.“
Das bildliche
Erleben war plötzlich vorbei und ich war mittlerweile fast an meiner
Dienststelle angelangt. Also hatte ich eine Stunde lang ganz woanders gelebt,
und war zur gleichen Zeit hier auf Erden als Mensch zu meiner Arbeitsstätte
gelaufen. Ich erzählte niemandem davon, da ich auch so bereits wegen meiner
neuen Lebenseinstellung gehänselt wurde.
Ich werde selbst
ein Medium
Es musste meinen
Arbeitskameraden natürlich auffallen, dass ich ein .anderer Mensch geworden
war. Ich fluchte nicht mehr, ließ mir fast alles gefallen und war jedem gerne
behilflich. Ja, ich warnte andere sogar vor den Folgen ihrer eigenen Flucherei.
Für mich war die
nun folgende Zeit von großer Bedeutung, da mein Freund Georg Riehle mit seinem
Lazarettzug nach Zwickau kam. Mit ihm zusammen erlebte ich wahre
Herzensfeiertage und -stunden. Damals hungerte ich nach göttlichen Wahrheiten
und sie wurden mir auch geschenkt.
Ich wurde selbst
zu einem Geisterseher und drang immer tiefer in die Lebensweise geistiger Wesen
ein. Was hatte ich nicht schon alles erlebt. Und doch schwieg ich fast immer
darüber, denn noch war ich nicht genügend gefestigt. Durch verschiedene Medien
ließ ich mich oft irritieren, bis ich schließlich selbst auch zu einem Medium
wurde.
Manchmal wurde
ich das Opfer von Lügen- und Falschgeistern. Ich erinnere mich an eine merkwürdige
„Stunde“ bei den Geschwistern Dörrer in Weißenbrunn. Es waren da viele Gäste
versammelt, alte und erfahrene Lorberfreunde, auch Spiritisten und natürlich
auch einige Medien.
Zu jener Zeit
befand ich mich wie in einer Sucht, nicht mehr nach Wahrheiten zu suchen,
sondern Unwahrheiten aufzudecken. Dadurch kam ich in den Ruf, ein Störenfried
zu sein und wurde entsprechend mit Mißtrauen behandelt. Während dieser
„Stunde“ stellte ich folgende Frage an den Kreis: „Wer übernimmt denn
eigentlich die Verantwortung für das, was das Medium spricht?“ Münzner, ein
alter und gewissenhafter Freund, meinte: „Nun, das Medium natürlich!“ Darauf
die alte treue Marie Baumann, die sich als Medium zur Verfügung gestellt hatte:
„Damit dürft ihr mir aber nicht kommen. Wie kann ich die Verantwortung
übernehmen, wenn ich oft gar nicht weiß, was durch mich gesprochen wird!“ Ein
anderer meinte: „Nun, dann muß der Geist die Verantwortung übernehmen!“ Ich:
„Ja, laufe dem Geist nach, der wird dich schön auslachen, wenn erein Lügner
oder Falschgeist ist!“ Alle schwiegen und nach einiger Zeit erklärte ich: „Hier
mache ich nicht mehr mit, denn ich sehe einen Pferdefuß. Wir haben das
Johannes-Evangelium von Jakob Lorber, dort sind Wahrheiten nachzulesen, mit
denen wir uns wirklich sehen lassen können. Ich kann es nicht mehr vor mir und
meinem Gott verantworten, bei euch zu sein, weil ich es spüren und auch schauen
kann, dass es nicht mehr die Wahrheit ist, was hier gesagt wird. Ich lehne
diese Sitzungen nicht rundweg ab, da ich bei meiner verstorbenen Mutter, die
ihr ja alle gut gekannt habt, viel Gutes erlebt habe. Ich erbitte mir jedoch
immer mehr die Kraft, um wirklich die Wahrheit offenbaren zu können.“
Allmählich bildete sich ein fester Kreis, dem ich gerne bereit war, als Medium
zu dienen. Die Kundgaben durch mich hörten aber langsam auf. Und so wandelte
sich dieser Kreis mit der Zeit zu einer Freundesgemeinschaft, wie ich es
bereits bei Otto Hillig erlebt hatte. Jesus immer tiefer zu erkennen, wurde zu
unserem Herzensziel, und immer größer wurde die Teilnehmerschar.
Bei den
Methodisten
Die Kämpfe mit
der Geisterwelt hörten nicht auf, ich litt manchmal direkt an Besessenheit. Bei
mir meldeten sich damals fast nur Selbstmörder. Der noch andauernde Krieg und
mein eheliches Verhältnis trugen das ihre zu diesem Zustand bei. Denn ich
hatte wohl ein Familienleben und doch wieder keines, obgleich wir beide guten
Willens waren.
Wieder suchte
ich wie früher den Ausgleich im Dienen. Meine Not wurde trotzdem größer. Ich
schrieb Otto Hillig seitenlange Briefe und bekam immer die Antworten, die mir
halfen. Es war eine schwere Zeit für mich.
Obwohl ich sehr
viele Freunde um mich hatte, ging ich noch zu den Methodisten und besuchte
ihre Kapelle. Dort konnte ich nach den Bibelstunden alles ansprechen, was mir
nicht ganz klar war. Darum waren diese Zusammenkünfte für mich sehr wichtig.
Immer mehr Menschen kamen. Sie hatten in ihren Herzen so etwas noch nie
erlebt. Ich spürte, sie kamen nur um meinetwillen. Darum dachte ich daran,
selbst Methodist zu werden.
Einmal fand eine
Gebetswoche statt. Am Abend erschien der Prediger mit einem Bekannten in meiner
Wohnung. Ich war sehr offen zu den beiden und erzählte ihnen, dass ich nur
durch die Lorberschriften so bewandert in der Bibel sei. Ich betonte, dass für
mich gerade Lorber der Schlüssel zur Bibel geworden sei. Der Prediger nannte
mich „Bruder“, und dann beteten wir innig und herzlich miteinander.
In mir reifte
also der Plan, Mitglied ihrer Gemeinde zu werden. Vielleicht könnte ich dort
auch das neue Licht verbreiten. Trotzdem war ich innerlich noch unsicher. Ich
betete viel um Klarheit. Da es mein Dienst erlaubte, konnte ich jeden Tag in
die Kapelle nach Werdau gehen. An einem Sonntag betete ich besonders innig um
ein Zeichen von Jesus. Normalerweise ging ich zusammen mit meiner Frau in den
Gottesdienst. Aber an diesem Sonntag wurde ich im Stall nicht fertig und mein
Aufbruch verzögerte sich. Ich ging also allein, und der Weg wurde mir zum
Gebet und zur Bitte um ein Zeichen, ob ich wirklich auf dem rechten Weg bin und
mein Vorhaben auch sein Wille sei.
So erreichte ich
die Kapelle. Im Flur traf ich den Prediger und wir gingen gemeinsam die Treppe
hoch zum Saal. Ich setzte mich auf meinen Platz und der Gottesdienst begann.
Die Predigt
handelte von dem neuen Tempel, den Salomo erbauen ließ, aus Vorhof, Heiligstem
und Allerheiligstem. Unter anderem wurde gesagt, dass der Weg ins
Allerheiligste nur über „Sein Wort“ gehe, und nicht über Sekten, Spiritisten
und Neuoffenbarungen. Ich war erschüttert. Gestern sagte der Prediger noch, er
kenne das Werk von Lorber, und heute war es ein Werk des Teufels. Ich war voller
Unruhe, und in mir sagte es immer wieder: „Höre auf, höre auf! Das hätte er dir
gestern sagen müssen und nicht heute!“
Das war das Zeichen! Meine Gebete waren erhört worden.
Wenn der Prediger ein Lügner ist, beruht seine ganze Lehre nicht auf Gotteswahrheit. Still ging
ich heute bist du „Ja!“
Der Dienst an
meinen Geschwistern
Nach vier Wochen
hatten wir wieder unsere Zusammenkünfte in der kleinen Küche bei meinem Freund
Erler. Mein Weg war nun klar: er galt nur mehr meinen „Geschwistern“, den
Menschen, die mich auf dem geistigen Weg begleiten wollten, meinen „Brüdern“
und „Schwestern“, wie wir uns nannten. Unsere kleine Gemeinschaft wurde immer
größer und der Dienst als Medium stellte immer mehr Anforderungen
an mich. Aber ich diente gerne. 1933 wurde ich nach
Werdau versetzt und konnte nicht mehr regelmäßig kommen. Wenn ich dann aber
kam, war es für alle eine große Freude. Ich blieb trotzdem eng mit allen
verbunden und wir erlebten zusammen viel Erhebendes.
Inzwischen kam ein fremder Bruder aus Berlin in
unseren Kreis. Wir konnten leider nicht recht zusammenarbeiten, seine Weisheit
und sein Talent brachten es langsam fertig, mich „auszubooten“. Ich habe deswegen
viele und lange innere Kämpfe durchstehen müssen. Georg Riehle hätte ich gern
um Rat gefragt, aber er war in seinem Lazarettzug unterwegs. Ich sah keinen
Ausweg. Eines Tages, als ich am Zwickauer Bahnhof zu tun hatte, kam der Lazarettzug
vorbei, in dem Georg Riehle Dienst leistete. Ich lief den Zug entlang bis zum
Wagen Nr. 9. Georg stand schon auf dem Trittbrett und hielt nach mir Ausschau.
Ich rannte den Zug entlang und schrie: „Georg, Georg, ich möchte nur ein paar
Minuten mit dir sprechen!“ In diesem Moment ertönte das Notsignal der
Lokomotive und der Zug blieb stehen. Ich rannte zu Georg und wir konnten volle
zehn Minuten lang das für mich Nötigste besprechen. Wie sehr habe ich dafür gedankt!
Was war die
Ursache für die kurze Fahrtunterbrechung? Auf der Viehrampe wurde Zuchtvieh
entladen. Eine vorbeifahrende Lokomotive hatte ein Tier scheu gemacht. Beim
Ausreißen trat die Kuh in das Gestänge der vielen Drähte, die das Notsignal
betätigten. Der Zug musste also halten, und blieb gerade so lange, bis ich mit
Bruder Riehle alles besprochen hatte. Es war eine meiner schönsten Führungen.
Kämpfe mit
geistigen Wesenheiten
Die Kämpfe mit
Abgeschiedenen hörten nicht auf. Es war wieder eine sehr schlimme Zeit.
Wochenlang quälte ich mich mit einem Selbstmörder, und es ging mir immer
schlechter. Ich wandte mich an eine junge Schwester mit der Bitte: „Hilf mir,
sonst gehe ich noch unter!“
Eines Abends
holte sie mich vom Dienst ab. Wir gingen an einen ruhigen Ort. Dort konnte ich
erzählen, wenn auch nur wenig, weil ich so mitgenommen war.
Ich sagte ihr,
dass ich keine Kraft mehr zum Durchhalten hätte. Da flüsterte die Schwester:
„Max, du ringst doch schon immer. Wäre es nicht besser, du machst ein Ende mit
deiner Ehe? Der Vater wird dir schon vergeben, aber du würdest es dir nicht
vergeben können, wenn du alle mit in den Abgrund reißest, die durch dich zum
Licht und Leben gekommen sind. Max, du brauchst Liebe und die findest du zu
Hause nicht. Du mußt sehen, wie du mit allem fertig wirst.“
So war es auch:
Ich hatte Kämpfe um Kämpfe durchringen müssen. Meine jüngste Tochter war blind
geboren, obwohl sie nicht in Wollust, sondern mit heiligem Ernst gezeugt worden
war. Auch während der Schwangerschaft meiner Frau hatte ich mich enthalten.
Eigentlich hatte ich mir einen Sohn erbeten, der ein rechter Johannes werden
sollte. Es wurde aber eine Tochter. Genau um 24 Uhr am 25. Mai kam sie zur
Welt. Nur eine einzige Wehe und das Kind war da. In diesem Augenblick sah ich
riesengroße Engel, die bei der Geburt Zeuge waren und mein Herz war übervoll
vor Freude. Dann aber kamen die Kämpfe und meine Ehe litt doppelt. Wenn das
blinde Kind nicht gewesen wäre, hätte ich längst Schluß gemacht. Es war eine
schlimme Zeit. Abends musste ich oft zum Nachtdienst. Da ich Eisenbahner war,
ging ich immer über die hohe und lange Brücke. Als ich einmal mitten auf der
Brücke war, sah ich, dass sowohl von Zwickau als auch von Reichenbach ein Zug
kam. Da hörte ich eine laute Stimme in mir: „Jetzt ist es an der Zeit, denn du
wirst doch Gnade finden vor dem Vater!“ Ich zitterte, drehte mich um und rannte
mit den Worten: „Jesus, Jesus, Jesus“ um mein Leben. Ich weiß nicht, was dann
geschah, aber plötzlich lag ich unten am Bahndamm. Ich zitterte immer noch.
Mühsam arbeitete ich mich nach oben und ging sehr nachdenklich zum Bahnhof
Steinpleis. Als ich in Zwickau ausstieg, kam der Fahrdienstleiter aufgeregt auf
mich zu: „Herr Seltmann, haben Sie nichts bemerkt? Der Lokführer vom D-Zug
meldete, dass er einen Mann überfahren habe.“ Ich verneinte und dann wurde mir
bewußt, dass ich der Mann war, den der Lokführer vermeintlich überfahren hatte.
Nochmals wurde ich sehr nachdenklich über die wunderbare Rettung. Kurze Zeit
darauf erschoß sich ein Mann in unserer Nachbarschaft. Ich konnte nicht mit zur
Beerdigung gehen, traf aber nach einigen Tagen seine Witwe.
Ich schenkte ihr
einige Trostworte und bat um Entschuldigung, dass ich nicht zur Beerdigung
kommen konnte: „Aber ich will Ihnen etwas Gutes mitteilen. Ich werde Ihrem Mann
eine Heimat bieten. Da er ohne Gott gelebt hat, ist er ja jetzt ohne Heimat.“
Die Frau verstand mich nicht. Aber ich erlebte etwas: Von dieser Stunde an war
ich geheilt von allen Selbstmordgedanken und von den Einflüssen von
Selbstmördern.
Liebe für die
Verirrten
Wieder gingen
mir tiefe Gedanken durch den Kopf, denn ich wollte aus Liebe etwas tun, für das
ich gar keine Bestätigung hatte: Darf ich denn überhaupt einem Selbstmörder
Heimat bieten? Mit diesem Gedanken, der mir keine Ruhe ließ, schlief ich ein
und wachte früh wieder auf.
Während meiner
zweistündigen Mittagspause in Zwickau traf ich am Nachmittag eine
tiefverschleierte junge Frau. Sie ging sehr langsam. Mich zog es zu ihr hin.
Ich ging einige Zeit neben ihr und beobachtete ihr Gesicht. Sie schaute mich
an, und ich bat sie nach einem kurzen Gruß um Verzeihung, dass ich neben ihr
geblieben war. Wir kamen ins Gespräch über die Trauer um geliebte Tote. Ich
fragte sie, um wen sie trauere. Sie sagte: „Um meinen Vater. Er hat sich selbst
entleibt.“
Ich fühlte einen
Stich im Herzen und brachte zunächst kein Wort heraus. Dann erwiderte ich:
„Liebe Frau, ich frage nicht aus Neugierde. Aber wie denken Sie über ihren
Vater? Es ist doch immerhin eine Schande für die Angehörigen.“
Sie aber
antwortete mit fester Stimme: „Mögen die Leute sagen, was sie wollen. Ich habe
meinem Vater vergeben, denn er konnte nicht anders handeln. Er hatte eine
unheilbare Krankheit.“
Ich war
ergriffen von diesem unerschütterlichen Vertrauen. „Liebe Frau, Sie haben mir
etwas sehr Schönes und Liebes gesagt. Nun will ich Ihnen auch etwas sehr
Schönes sagen: Weil Sie ihrem Vater vergeben haben, so hat auch Gott in seiner
Liebe ihm vergeben!“ „Wieso?“, fragte sie.
„Weil sich doch
Gott von einem seiner Kinder in der Liebe nicht in den Schatten stellen läßt.“
Nun war mir klar
geworden, dass man in der Liebe weit gehen kann, auch über irdische Gesetze
hinweg.
Nach diesem
Erlebnis habe ich all meine Liebe hauptsächlich den Selbstmördern, Verirrten
und Verlorenen geschenkt. Dabei hatte ich manch wunderbare Führung. Für mich
begann ein ganz anderes Lieben. Aber keiner verstand mich. So schwieg ich eben
über meine Erlebnisse.
Ich fand auch
keinen Freund, Bruder oder Schwester, die mich verstehen und unterstützen
wollten, und so blieb ich allein. Immer allein in Kirchen und Gefängnissen, in
verrufenen Wirtschaften und Kneipen, kurz überall, wo ich Versumpfte und
lebensmüde antraf. Ich habe mit und ohne Erfolg gearbeitet, habe auch große
Niederlagen einstecken müssen, aber das hinderte mich nicht an meiner weiteren
geistigen Arbeit. Ich wurde sogar übel verleumdet, aber das war mir gleich, ein
kleiner Erfolg machte alles wieder wett. Dabei wurde ich ein richtiger Seher.
Ich erblickte nicht nur Herrlichkeiten und Schönheiten, sondern auch niedere Sphären,
ja sogar direkte Höllen.
Geschadet hat
mir das nie, wenn ich mich in einer höllischen Sphäre bewegt hatte. Aber wenn
ich einmal Herrlichkeiten erleben durfte, war ich eine ganze Zeitlang wie
heimwehkrank. Kein Mensch konnte mich verstehen, auch nicht meine Frau.
Schließlich wurde mir das Schauen selbst zum Problem. Manchmal wusste ich
nicht, ob es Menschen waren oder Geister, die mir erschienen. Oft waren es
Tiere und dann wieder geistige Wesen. Da bat ich den Herrn, mir diese Gabe zu
nehmen. Sie wurde mir daraufhin weitgehend genommen, aber ein wenig belassen.
Das war immer noch genug.
Hilfe für einen
Toten
Einmal fuhr ich
an einem Sonntagabend nach 18 Uhr vom Dienst in Zwickau heim nach Werdau. Ich
war schon in der Nähe von Werdau, da sah ich von weitem ein Auto am Straßenrand
stehen. Als ich hinkam, sah ich den Autobesitzer. Er hielt mich an. Er hatte
einen Radfahrer überfahren und an den Straßenrand gelegt. Ich kannte den Mann,
er hieß Brühschwein, ein häßlicher Name. Der Verwundete bewegte immer seinen
Mund, als wollte er sprechen. Ich neigte mich zu ihm hinunter, konnte aber
nichts verstehen. Mit dem Autobesitzer, der mich beobachtete, war nicht zu
reden. Der erste Mensch, der vorbeikam, war der Sohn des Verunglückten. Er kam
mit dem Rad von Werdau. Ich winkte ihn heran und rief: „Hier, Dein Vater! Hole
schnell ein Auto und die Polizei, ehe dein Vater stirbt.“ Der junge Brühschwein
fuhr schnell fort. Es kamen noch mehr Leute und auch das Polizeiauto. Sie
nahmen den Unfall auf und verhörten mich. Dann kam das Krankenauto. Der Mann
starb auf dem Transport. Tage später an einem Sonntag kam ich wieder abends vom
Dienst.
Dort, wo das
Unglück passiert war, stand auf einmal Brühschwein. Ich fuhr mit meinem Rad
vorüber und grüßte ihn mit einem „Glückauf!“, das ist unser Gruß in der
Bergmannsstadt Zwickau. Aber Brühschwein dankte nicht.
Ich dachte:
„Nanu, was habe ich dem denn getan? Was macht der für ein Gesicht!“ und hatte
den Vorfall bald vergessen. Es dauerte einige Wochen, da stand Brühschwein wieder
an der selben Stelle. Ich grüßte wieder und bekam wieder keinen Dank. Das war
mir zuviel. Ich stieg vom Rad hinunter und wollte ihm „die Haare kämmen“, wie
man bei uns sagte. Doch wie ich mich umdrehte, war er verschwunden. Da fiel mir
ein, dass er ja verstorben war.
Bald hatte ich
das Ganze vergessen, da stand er an einem Sonntag wieder an dieser Stelle. Ich
fuhr langsam und grüßte ihn. Er sah mich an. Ich fragte ihn: „Weißt du, dass du
gestorben bist?“
Er ging neben
mir her, und ich fragte weiter, ob er auch beten könne. Aber es kam keine
Antwort. „Verstehst du mich überhaupt?“
Keine Antwort,
aber er blieb an meiner Seite. Als ich abzweigen musste, blieb er stehen. Ich
war unzufrieden, denn er sagte kein Wort und sein Gesicht zeigte nur Gram und
Not. Ich segnete ihn.
In der folgenden
Zeit konnte ich direkt auf ihn warten. Er erschien mir in immer kürzeren
Abständen. Ich sprach auch mit seiner Witwe und lernte so sein Leben kennen. Er
hatte ein völlig verlorenes Leben verbracht wie auch seine Frau.
Die Begegnungen
wiederholten sich immer wieder. So konnte ich ihn vor allem zu beten lehren und
brachte ihn auch zum Nachdenken über seine Lage. Er verstand mich allmählich
besser und zeigte sich immer öfter bis er endlich erlöst wurde. Dann, nach
einer langen Pause, erschien er noch einmal und bedankte sich für meine
Ausdauer.
Verbot und
Flucht
1937 wurden
unsere Zusammenkünfte verboten, trotzdem blieb ich meiner Aufgabe treu. Ich
setzte meine Arbeit fort, ohne den Namen Jesu offen zu nennen. Inzwischen hatte
ich viele Freunde gewonnen. Die meisten stammten aus der Geisterwelt. Mit
ihnen stehe ich noch heute in Verbindung. Ansonsten pflegte ich keinen Kontakt
mehr zu Geistern.
Meine Aufgabe
sah ich vielmehr darin, Menschen von Besessenheit zu befreien. Ohne Hilfe ist
es recht schwer, davon loszukommen.
Als endlich das
Verbot unserer Versammlungen aufgehoben wurde, hatte ich eine gute Schulung
hinter mir. Jetzt galt es, die Trümmer von Falschem und Verkehrtem zu
beseitigen. Ich suchte mir neue Geschwister und fing an, mit ihnen zu arbeiten.
Aber von meiner Mission waren sie nicht erbaut. Nur die ganz alten Freunde
blieben treu. Mit mir waren es nur sieben. Wir kamen jeden Monat zusammen,
arbeiteten gemeinsam und hatten schöne Erfolge.
Aber dann musste
ich aus meiner Heimat fliehen. Nun war mein Wirken sehr gehemmt. Als ich wieder
die Nähe der Verirrten und Verlorenen suchte, war es schwer, ihnen allein -
ohne Freunde - zu helfen und sie aus ihrer Lage zu befreien.
Ich hatte meine
Erlebnisse immer aufgeschrieben, aber durch die Flucht gingen alle
Aufzeichnungen verloren. Sie fielen der Polizei in die Hände. Würde ich alles
noch einmal niederschreiben, ergäbe es ein ganzes Buch. Später notierte ich
wieder jede Begebenheit. So entstand manches „Werk“.
Heute noch
tauchen meine damaligen Erlebnisse wieder auf, aber ich bin durch meine
seelischen Leiden geschwächt und nicht mehr in der Lage, alles fest zuhalten
und richtig wiederzugeben. Meine Erinnerungen werden erst beim Schreiben wieder
lebendig.
Wer es lesen wird,
was ich festgehalten habe, wird denken: Der hat es aber gut gehabt, ihm wurde
ja alles geschenkt. - Irrtum! Errungen musste alles werden. Ich musste Dinge
erleben, die mich tief niederdrückten, leidvolle Ereignisse, die mit Menschen
zu tun hatten, die ich kannte und lieb hatte.
Jeder sollte
sich bewußt werden, dass wir Menschen immer umgeben sind von Wesenheiten, die
alles sehen und auch an allem teilnehmen, seien es Unterhaltungen oder
Handlungen.
Einmal hatte ich
ein Jahr lang von Vorfällen Kenntnis, über die ich nicht reden durfte und die
mir große innere Kämpfe einbrachten. Nach einem Jahr wurde endlich alles
offenbar, erst dann konnte ich auf eine Reue der Betroffenen hinwirken, die
dann auch einsetzte. Vorher waren mir die Hände gebunden gewesen.
Erlebnisse mit
einem Satan
Öfter hatte ich
Erlebnisse, bei denen ich durch unreine geistige Wesen
auf satanische
Anschläge aufmerksam gemacht wurde, durch die ich zu Fall gebracht und als
Geistesarbeiter erledigt werden sollte. Ich hatte vor allem mit einem dieser
Teufel meine Not. Er wollte mein Ende.
Da warnte mich
einmal ein anderer Verirrter, ich solle nicht mehr dahin gehen, wo ich so gerne
weilte, nämlich zu meiner Schwester. Ich lehnte ab, weil ich sie dann sehr
betrübt hätte. Da sagte er: „Dann geh in dein Unglück, ich weiß es genau!“ Ich
aber hörte nicht auf ihn und ging weiter dorthin.
Eines Abends
fuhr ich nach Hause und dieses Geistwesen warnte mich wieder, ich solle
wenigstens einen anderen Weg nehmen. Ich hörte nicht darauf. Als ich aus Zwickau
herauskam, war tatsächlich eine Anzahl betrunkener Russen auf der Straße. Als
sie mich sahen, stürmten sie auf mich los. Ich musste bergauf fahren, um zu
entkommen. Da schossen sie zweimal auf mich, aber sie trafen mich nicht. Gleich
meldete sich der „Freund“: „Warum hörst du nicht auf mich?“
Das Ganze
passierte noch einmal, das Geistwesen riet mir wieder, einen anderen Weg zu
fahren. Ich tat es nicht. Und was geschah? Ein Russenauto fuhr direkt auf mich
zu. Ich landete im Straßengraben. Noch ein drittes Mal hatte ich in dieser Art
meinen Kopf hinhalten müssen. Aber wiederum wurde ich beschützt und vor Schaden
bewahrt.
Hilfe für
Freunde und Unbekannte
Visionen vom
Krieg
In der folgenden
Zeit erlebte ich einige Schauungen von großer Tragweite.
Eines Nachts
stand der Herr vor mir, aber so, daß ich erschrak. Sein Gesicht war
eingefallen, seine Augen voller Tränen. Er sah aus wie einer, der lange krank
gewesen war und nun langsam auf dem Weg der Besserung ist.
„Mein Vater“
rief ich erschreckt, „wie siehst Du aus, was ist Dir geschehen?“ - Da sagte er: „Nun habe ich nur noch mein Kind.“
– Ich erwiderte: „Vater, wir wollen von vorne anfangen, denn es gibt
Kinder, die an Dich glauben.“
Das Bild
verschwand und ich wußte nicht, wie ich es interpretieren sollte. In meiner
inneren Not ging ich zu den Geschwistern Spitznaß nach Mariental. Dort traf
ich mehrere Freunde aus alter Zeit. Es war der Tag, an dem die Wehrmacht
proklamiert wurde. Nach ihrer Frage, was mich heute zu ihnen führe, beschrieb
ich das Bild, das mir solchen Kummer bereitete.
Gertrud Spitznaß
versuchte mich zu beruhigen: „Ach, Max, freue dich doch mit uns, nun gibt es
wieder Arbeit und wir können Geld verdienen, wir bekommen wieder ein Heer. So
eine Gnade.“
„Gertrud“, brach
es aus mir heraus, „gibt es zweierlei Gnade? Als wir 1918 die
Waffen aus der Hand legen durften, war es nach deinen Worten Gnade, und heute,
wo wir wieder Waffen schmieden, soll es wieder Gnade sein?“ Da versank um mich
die reale Wirklichkeit und ich schaute Trümmer über Trümmer, zerstörte Städte
und Dörfer, verfallene Menschen und eine Trauer in allen
Gesichtern. .
Ich seufzte: „Du
mein armes Vaterland, mein armes Vaterland“ und mußte ohne Unterlaß weinen.
Ein weiteres
Erlebnis kommt mir in Erinnerung aus dem Jahre 1933 in Steinpleis, wo Bruder
Georg Riehle weilte. Er hatte gerade in Berlin einen Besuch bei Sch. D.
gemacht und die Feier der „Machtübernahme“ durch Adolf Hitler in der Potsdamer
Garnisonskirche miterlebt. Er erzählte, wie der „Führer“ am Sarkophag des
Alten Fritz eine Weiherede gehalten habe. Die untergehende Abendsonne habe so
wunderbar geschienen, daß er ganz ergriffen gewesen sei.
Da kam wieder
das Schauen der Trümmer über mich.
„Georg, Georg,“,
wehklagte ich, „die untergehende Sonne, 0 wenn es die aufgehende Sonne gewesen
wäre. 0, du mein armes, armes Vaterland, wie wirst du es einmal ertragen
können!“
Alle Geschwister
waren über mich entsetzt. Ich wurde zum Kommunisten gestempelt. Dasselbe Bild
kam noch zweimal. Nach dem Krieg sah die Wirklichkeit noch schlimmer aus, als
ich es geschaut hatte. Als ich dann einmal in Oberrothenbach bei meiner
Schwester war, traf ich dort ein Geschwisterpaar, das damals beide Schauungen
angehört hatte. Ich sagte: „Fritz, weißt du noch, was ich in Steinpleis und in
Mariental sagte? Alles ist eingetroffen, sogar noch schlimmer.“
Er wollte es
nicht wahrhaben, doch da erinnerte sich seine Frau:
„Ja, Fritz, es
ist wahr. Du, Max, hast es damals wirklich vorausgeschaut, wir aber haben es
nicht geglaubt.“
„Einsame“
Weihnachten
Doch zurück in
die Jahre vor dem Krieg. Die lieben Geschwister verstanden mich nicht mehr. Ich
hatte während der ganzen Zeit weiter gearbeitet und über meine Erlebnisse geschwiegen.
Es wurde auch gefährlich, da sich die Gestapo für mich interessierte. Ich
wurde einsam, aber umso inniger mit Gott verbunden. So hatte ich jeden
Geburtstag des Herrn zu einem Feiertag für mich gemacht.
Einmal ging ich
früh vom Dienst heim, da ertönten die Kirchenglocken und ich sagte laut: ,,0
mein Jesus, an Deiner Geburtsstunde wünsche ich Dir, daß Du recht große Freude
an Deinen Kindern erleben sollst.“
In mir wurde es
ganz warm und ich erlebte eine Freude, die nicht zu schildern ist.
Aber es war
nicht immer Freude in mir. Am 25.12.1931 ging ich früh um halb fünf Uhr zum
Dienst. Ich war so niedergeschlagen, daß ich ausrief: „Mein Jesus, wie bin ich
traurig, daß ich Dir heute zu Deinem Ehrentage so wenig schenken kann, denn ich
sehe hier im Wald nichts als ein rotes Feuer und ein Meer von Qualm.“ Und ich
weinte bitterlich über mich und meinen Zustand.
Als ich aber aus
dem Wald herauskam und rechts abbog, sah ich hoch oben am Himmel einen Stern,
der auf mich zukam und immer größer wurde. Er kam immer näher, und sein Licht
blendete mich. Als er ganz nahe war, stieg ein Mann aus diesem Lichtstern. Er
hatte eine starke elektrische Lampe in der Hand, die wie ein Scheinwerfer
leuchtete. Er kam mir ganz nahe, drehte sich um, ging vor mir her und leuchtete
mir auf dem Weg. Ich sah das blutrote Feuermeer, - doch wie ich näher hinschaute,
waren das alles Wesen, die sich im Lichtkegel der Lampe krümmten.
Es schien, als
ob der Lichtkegel eine riesige Anziehungskraft hätte, denn überall, wo er
hinleuchtete, zog er alles an, und die Wesenheiten wurden wie in die Lampe
hineingesogen. Immer mehr Massen von solchen Gestalten drängten sich an das
Licht. Solange unser Weg dauerte, wurden immer noch weitere angezogen und
aufgesogen.
Als schließlich
keine dieser Wesen mehr zu sehen waren, blieb der Mann stehen und wandte mir
sein Gesicht zu, es leuchtete hell wie ein Licht. Er hob seine Lampe hoch, und
eine Fontäne von Licht fiel über ihn. In der Mitte dieser Fontäne bildete sich
ein Kelch, dann außen herum ein Säulentempel mit vielleicht zehn Säulen
(gezählt habe ich sie nicht). Der Kelch stand wie auf einem Altar.
In diesem
Lichttempel sprach der leuchtende Mann zu mir: „In dir ist Licht, in dir ist
das Wort, lasse alles zu einem Brot werden in dir. Und was du nach außen
stellen wirst, wird so sein, als hätte es Gott hinausgestellt. Nimm alles in
dich auf, wie ich es in mich aufgenommen habe, und du wirst zu einem Segen
werden.“ - Und vorbei war das Erlebnis. Dichte Finsternis umgab mich.
Ich mußte mich
erst wieder an die äußere Wirklichkeit gewöhnen.
Über dieses
Erlebnis habe ich damals lange geschwiegen, denn ich wäre nicht verstanden
worden. Wieder kam Weihnachten. Als die Adventsglocken läuteten, ging ich müde
und abgespannt den Schützenberg hoch, den ich jeden Tag gehen mußte. Als ich
oben war, sprach ich zu den Glocken:
„Läutet die Herrlichkeit
Jesu ein. Gesegnet sei jeder Ton.“ - Auf einmal vergingen mir wieder die Sinne
für das Äußere, und ich sah eine Gruppe von herrlichen Lichtpalmen vor mir.
Sie waren so hoch wie ein Kirchturm und mit weißen Brettern eingeschalt. In der
Mitte ein Springbrunnen mit allen möglichen Farben, ein prächtiger Anblick. Es
war aber nicht Wasser, das da sprudelte, sondern Licht, lauter Licht. Und dort,
wo es herausquoll, stand eine Menge Menschen - Bekannte und Unbekannte, darunter auch
mein Bruder Otto Hillig, der schon seit 13 Jahren im Jenseits weilte.
Ich sah den
Herrn, umgeben von würdigen Männern mit langen Bärten, sah Engel im
herrlichsten Glanz und viele Wesen, die ich noch nie gesehen hatte.
Da trat ein
Engel hervor und verneigte sich tief vor dem Herrn:
„Herr, Herr,
bist Du taub, weil Du die Bitten Deiner Kinder nicht mehr hören willst? Bist
Du blind, weil Du nichts mehr schauen willst? Hast Du einen Stein im Herzen,
weil Dich die Not der Deinen nicht mehr berührt ?“
Da trat Jesus
näher und sprach: „Wollen wir nicht erst einmal den anderen fragen?“ Er hob
seine Rechte, und wies mit dem Zeigefinger auf einen anderen Engel: „Holt mir
euren Bruder hierher.“
Der Engel
verneigte sich und kam nach wenigen Augenblicken mit Luzifer zurück. Der war
in der Tracht eines Försters gekleidet, mit Joppe, Hut und einem grauen,
struppigen Vollbart.
Jesus wandte
sich zu dem ersten Engel: „Nun wiederhole du mir deine Anklage in Gegenwart
eures Bruders.“ Ganz ernst wiederholte der Engel seine Worte. Dann richtete
sich der Herr an Luzifer: „Was sagst du zu dieser Anklage?“
„Herr, Herr“,
erwiderte dieser, „haben die nicht ihr Gutes gehabt? Wer will mich verklagen,
wo ich so viele habe, die mir ihre Liebe schenken. Versorge Du die Deinen, ich
versorge die Meinen.“ Da trat Otto Hillig zum Herrn: „Vater, Kinder werden Dir
erstehen, Kinder, die zu Rettern für viele Millionen werden. Denn Dein Geist
hat seinen Einzug auf Deiner Erde gehalten.“ Die strahlenden Augen meines
Bruders Otto waren mir große Verheißung.
Dann war das
Bild verschwunden.
Unfälle und
Todesfälle
Es waren nicht
immer geistige Dinge, die ich schaute. Viele Erlebnisse betrafen Vorfälle in
der materiellen, greifbaren Welt. Handelte ich dann dementsprechend, hatte ich
keinen Schaden, sondern nur Nutzen; handelte ich nicht danach, entstanden mir
immer Nachteile.
Einmal erlebte
ich im Geiste einen Motorradunfall. Dadurch wurde ich gewarnt, denn wirklich:
Nach zehn Minuten wurde ich überfahren. Aufgrund der Warnung war ich aber vorsichtig
geworden auf meinem Fahrrad, und als dann das Geräusch eines Motorrades kam,
drückte ich mich ganz rechts an einen Zaun - und schon passierte es. Ich bin damals
noch gut weggekommen, es hätte schlimmer ausgehen können, wenn ich mitten auf
der Straße gefahren wäre.
Oft beobachtete
ich auf der Straße geistige Wesen, die Autos überfielen. Ich sah dann, wie es
dadurch zu einem Unglück kam. Aber ich war machtlos in solchen Fällen. Bis mir
einmal ein Freund den Hinweis gab: „Warum redest Du die Wesen nicht an und
weisest sie zurecht, denn sie wissen nicht, daß sie Verbrecher an den Gesetzen
Gottes sind.“
Tatsächlich muß
ich mir Vorwürfe machen. Denn kurz darauf sah ich an einer großen Kurve eine
ganze Wolke niederer Geistwesen, - und ich fuhr mit meinem Fahrrad wieder
vorbei, ohne sie anzusprechen. Zehn Minuten später hörte ich von einem Unglück
an eben dieser Kurve. Vier Menschen waren tot, viele verwundet. Ein Omnibus war
angefahren worden. Der Schuldige, der den Unfall verursacht hatte, ein
Angehöriger der Firma Wismuth, war betrunken gewesen. Ich habe lange über
diesen Fall getrauert, denn ich hätte ihn abmildern können, wenn ich die Geistwesen
von ihrer Schlechtigkeit überzeugt hätte.
Viele Leser
werden jetzt vielleicht meinen: „Das ist doch alles Phantasie, das läßt sich
ja gar nicht beweisen! Das kann ich nicht glauben!“ Deshalb will ich noch einen
Fall schildern, der erst vor einem Jahr geschehen ist:
Ich war auf
einer mehrtägigen Tour in Erdmannsdorf und Chemnitz. Ich hatte mein Fahrrad in
Zwickau untergestellt, nun holte ich es wieder heraus und fuhr nach Hause - langsam
und froh, wieder heimkehren zu können, und in dem Bewußtsein, gedient und
Freude bereitet zu haben.
Da sah ich
meinen Nachbarn Ernst Pecher am Wege stehen. Er machte einen traurigen
Eindruck. Ich fuhr ganz langsam und begrüßte ihn mit den Worten: „Ernst,
Glückauf, wie siehst du denn aus?“ - Er gab mir keine Antwort.
Zu Hause aß ich
und legte mich zur Ruhe hin, ohne viel mit meiner Frau zu reden. Am nächsten
Tag sagte sie: „Du, daß du es weißt, du mußt beim Pecher Ernst mit zum Grab
gehen, denn er wurde überfahren und ist im Krankenhaus gestorben.“
„Nun, da hört
sich doch alles auf“, kam es aus mir hervor, „gestern Abend habe ich ihn noch
angesprochen. Er machte so einen traurigen Eindruck auf mich.“ Also ein Fall,
in dem ich einen Verstorbenen erschaute, obgleich ich von seinem Tod nichts
wußte.
Nun ein anderes
Beispiel, hier wußte ich schon von dem vorangegangenen Tod. Die Mutter meines
Schwiegersohnes war gestorben. Ich ging mit zum Begräbnis, stand unweit der
Bahre und sah, wie aus der Brust des Leichnams ein blauer Dunst aufstieg. Der
Dunst nahm Form an, und als es hieß, Abschied zu nehmen, umklammerte mich die
blaue Dunstform und flehte:
„Max, hilf mir,
du bist der einzige, der mir helfen’ kann.“ „Nicht ich, nur Jesus“, versuchte
ich sie umzustimmen.
So kamen wir zum
Grab. Der Pfarrer tat das Seine, die Verewigte aber war bei mir und hielt sich
an mir fest. Da ging ich mit ihr weg vom Grab, rief einen Engelsfreund zu Hilfe
und übergab ihm die arme Erlösungsbedürftige. Ich sah noch, wie sie mit ihm
ging und konnte nur danken, danken und wieder danken.
Hilfe von Otto
Hillig
Nun sollen noch
weitere Erlebnisse folgen. Alle Menschen, die dies einmal lesen. werden,
möchte ich hineinführen in das Wunderbare dieser großen Gottesliebe, in der
eine Weisheit verborgen ist, von der der Alltagsmensch keine Ahnung hat.
Ich durfte auch
Geschehnisse aus dem Leben unseres Herrn erschauen, aber beim Niederschreiben
dieser „Köstlichen Szenen“ (d. i. der Titel, unter dem sie veröffentlicht
sind), kam ich fast nicht nach, da sich die Bilder direkt überstürzten. Weil
ich dabei intuitiv, also gedanklich, die Reden und Schilderungen vernahm, blieb
es nicht aus, daß mir einige Namen oder Worte entfallen sind. Zweifel und
Vorwürfe kamen auf. Da bekam ich Unterstützung von meinem verstorbenen Bruder
Otto Hillig. Seine Hilfe erlebte ich fast immer auf dem Weg zum oder vom
Dienst.
Zum Beispiel
betraf es einmal das Wort Johannes des Täufers über Jesus: „Ich kenne den
Menschen nicht“ (Joh. 1,33). Über dieses Wort war ich erstaunt, denn es heißt
auch (Luk.1,30), daß Jesu Mutter und Johannes’ Mutter Verwandte gewesen seien.
Während ich
darüber auf dem Heimweg vom Dienst nachdachte, meldete sich Bruder Otto: „Alle
Welt weiß, daß ich Otto Hillig heiße, aber nicht Otto Hillig (heilig) bin. Sage
deiner Schwester Christine, daß sie nicht nur Christine heißt, sondern eine
Christ-diene ist.“ Auf diese Weise erfuhr ich, daß man einen Menschen wohl dem
Namen nach kennen kann, aber damit noch nichts von seiner Bestimmung und seinem
Charakter weiß.
So wie hier, kam
mir Bruder Otto oft zu Hilfe. Ich hörte ihn wie eine
von außen kommende Stimme.
Durch die vielen
Erlebnisse wurde ich sicherer und traute mir mehr zu. So will ich jetzt ein
Erlebnis schildern, das ich vorher nicht für möglich gehalten hätte.
Ein Mädchen
findet den Heiland
Im Jahre 1927
fuhr ich nach Bielefeld zu meinen Freunden. Auf der Rückreise stieg ich in
Leipzig aus, um zu essen. Es war sieben Uhr abends. Um neun Uhr wollte ich
weiterfahren. Ich ging zum Messplatz und sah am Fenster eines Gasthofs
den Hinweis auf ein billiges Mittagessen. Ich ging hinein und wäre am liebsten
gleich wieder umgekehrt, denn in dem Gastzimmer saßen nur aufgemachte Dirnen
und Straßenmädchen.
Ich setzte mich
an einen leeren Tisch und bestellte beim Ober das Essen. Eines der Mädchen
setzte sich zu mir und verlangte, ich solle ihr auch ein Essen bestellen, da
sie Hunger habe. Ich lehnte ab, denn ich hatte solchen Menschen gegenüber einen
Widerwillen, und sie ging zu den anderen zurück.
Da sah ich ein
Mädchen, das etwas abseits und allein für sich saß. Ich rief ihr zu: „Bitte
kommen Sie zu mir, um mir Gesellschaft zu leisten.“
Sie wollte
nicht, aber die anderen sagten: „Geh nur hin zu ihm, der ist aus der Provinz.“
Sie setzte sich
zu mir und ich fragte, ob sie Hunger habe. Sie bejahte und ich bestellte beim
Ober ein zweites Essen. In kurzer Zeit war ich fertig; das Mädchen auch, sie
muß tüchtigen Hunger
gehabt haben. „Fräulein,“
wandte ich mich ihr nun zu, „ich muß mit Ihnen sprechen, aber hier ist nicht
der richtige Ort. Bringen Sie mich in ein gutes Lokal“
Sie war sofort
bereit und in fünf Minuten saßen wir in einem kleinen Cafe in einer Nische.
Nachdem wir
bedient worden waren, sagte ich zu ihr: „Fräulein, ich bin kein Moralprediger,
aber wenn ich Sie so ansehe, fühle ich einen großen Schmerz. Haben Sie denn
nicht überlegt, daß Sie sich das größte Unrecht zufügen, indem Sie Ihren leib,
der doch ein Tempel Gottes werden soll, zu einer Verkaufsware machen?“
Da fing sie an
zu weinen: „Was soll ich denn machen, ich bin seit Wochen arbeitslos. Meine
Mutter kann nicht arbeiten, da sie immer kränklich ist Ich bin gerade wegen
Diebstahl entlassen worden. Ich bin aber unschuldig, ich habe meinem Chef
nichts entwendet Wenn Sie wüßten, was für einen Ekel ich vor den Männern
empfinde, und doch brauche ich Geld und wieder Geld für mich und meine Mutter.“
Ich war tief
beschämt und erschrocken über diesen Ausbruch von leid und Kummer. Innerlich
betete ich: „Vater, gib mir die rechten Worte“, aber ich empfand nur tiefes
Erbarmen.
Da nahm ich ihre
Hand: „Fräulein, haben Sie denn keinen Heiland, dem sie alles sagen können?
Ihnen fehlt der Heiland.“
Sie schwieg und
sah mich nur lange bange Minuten an. Und so sprach ich weiter: „Fräulein, Sie
gehen heute sofort nach Hause, reden aber zu niemandem ein Wort, auch nicht zu
Ihrer Mutter. Dann stellen Sie sich
vor, Jesus, der
Heiland, den Sie ja immerhin kennen, stehe vor Ihnen. Sagen Sie ihm dann, was
Sie mir soeben gesagt haben. Alles, Ihre ganze Not, Ihren ganzen Ekel. Und
bitten Sie ihn um Verzeihung, daß Sie ihn so oft betrübt haben in Ihrer
Unkenntnis, daß Sie sogar Ihr leben wegwerfen wollten. Und bitten Sie ihn um
Hilfe, daß Ihr Unrecht offenbar werde.
Dann gehen Sie
morgen zu Ihrem Chef. Seien Sie ganz offen und erzählen Sie ihm von Ihrer Not
Denn, glauben Sie mir: mich hat nämlich der Heiland zu Ihnen geschickt, um
Ihnen das zu sagen.“ Ich erzählte dem Mädchen noch so manches von seiner liebe
zu den Verlorenen und Verirrten, so daß mir ganz warm dabei wurde.
Ich mußte
aufbrechen, mein Zug ging. Das Mädchen begleitete mich noch zum Bahnhof. Beim
Abschied versprach sie mir, so zu handeln, wie ich ihr geraten hatte. Sie
wollte meinen Namen wissen, aber ich lehnte ab und wollte auch den ihrigen
nicht wissen. Ich wünschte ihr nur alles Gute.
Im Zug, als ich
mir alles noch einmal überlegte, machte ich mir Vorwürfe, ihr Hoffnungen
gemacht zu haben. Wenn sie nun enttäuscht werde? Es wäre nicht auszudenken! -
Eine ganze Zeitlang beschäftigte ich mich noch mit dem Mädchen, aber dann
vergaß ich dieses Menschenkind.
Einige Wochen
später erhielt ich von Bruder Max Rödel in Leipzig die Aufforderung, nach
Leipzig zu kommen und vor seinem versammelten Kreis zu sprechen. Ich sagte zu
und fuhr an einem Samstagnachmittag nach Leipzig. Ich wollte gerade über den
Platz zu einer wartenden Straßenbahn gehen, da kam mir eine Dame entgegen und
begrüßte mich voller Freude. Ich entgegnete: „Sie täuschen sich, ich kenne Sie
ja gar nicht“
Aber sie ließ
nicht locker: „Doch, Sie sind der Mann, den der Heiland mir geschickt hatte.
Bitte kommen Sie mit mir in das Cafe dort, ich muß Ihnen alles erzählen. Heute
sind Sie mein Gast“
Ich wollte
eigentlich ablehnen, aber die Erinnerung an damals ließ es nicht zu. Hand in
Hand gingen wir in das noble Cafe und sie erzählte mir alles:
„Als ich von
Ihnen fort ging, habe ich mir vorgenommen, alles zu tun, was Sie mir geraten
hatten. Schon auf dem Weg zu meiner. Wohnung betete ich unablässig und habe
mich nach keinem Menschen umgesehen. Die ganze Nacht habe ich kein Auge zutun
können, ich mußte immer weinen und beten.
Frühzeitig
machte ich mich auf den Weg zu meinem Chef und betend betrat ich das Büro. Der
Chef war da. Aber ehe ich ihm etwas erklären konnte, unterbrach er mich gleich
und sagte: ‚Endlich kommen Sie. Wie sehr habe ich bereut, Sie entlassen zu
haben. Nicht Sie, sondern
die Directrice
war der Dieb. Wenn Sie wollen, nehmen Sie Ihre Stelle gleich wieder ein.’
Ich weinte vor
Freude und konnte kaum etwas sagen. Der Chef sah mich fragend an. Da erzählte
ich ihm die ganze Begegnung mit Ihnen und daß der Heiland mich zu ihm geschickt
hätte. Mein Chef war erstaunt, solche Worte von mir zu hören und sagte: ‚Den
Menschen möchte ich einmal kennenlernen.’
So trat ich
wieder meine Arbeit an und habe oft an Sie gedacht. Heute ist mein Wunsch in
Erfüllung gegangen, denn durch Sie habe ich meinen Heiland gefunden.“ .
Ich war erstaunt
über dieses Bekenntnis und lud sie zu unserer Versammlung ein, nannte auch die
Adresse von Bruder Max Rödel. Aber sie lehnte ab, weil sie mit ihrem Verlobten
zu ihren Schwiegereltern fahren wollte.
Was sich da in
meinem Inneren abspielte, ist nicht mit Worten zu fassen. Der erste, dem ich
das Ganze erzählen konnte, war Bruder Max
Rödel. Die
Sonntagsversammlung stand unter dem Motto des Jesuswortes: „Lebet
untereinander so, daß Mich niemand vermißt!“ Ich fühlte mich besonders
angesprochen durch den Satz: „Alles, was Du tust aus Deiner innersten Liebe zum
Heile deiner Mitmenschen, soll sein, als hätte Ich es getan!“
Ein neuer Freund
Nun ein anderes
tiefgründiges Erlebnis. In Chemnitz hatte mich seinerzeit ein Inder [als Geistwesen, s. S. 25] durch Martha Grönert von
meiner Besessenheit geheilt. Inzwischen konnte ich ihn selbst sehen, so wie man
eben Geister sieht. Seine überlegene Art störte mich zwar oft, doch mit der
Zeit konnte ich ihn in mir, das heißt gedanklich, immer besser vernehmen und
erfuhr, daß er mein Schutzgeist sei und ein Hüter oder Wächteramt bei mir
ausübe. Ich konnte mich nicht so recht mit ihm verständigen, alles klang so
anders, als ich es in den Büchern von Lorber gelesen hatte. Oft gab es
regelrechte Auseinandersetzungen mit ihm, weil ich mich ihm nicht unterordnen
wollte und auch nicht das tat, was er mir riet. Ich widersetzte mich ihm also
öfter.
Als ich mich
wieder einmal in einem verrufenen Lokal (dem Burgkeller) befand, drängte er
mich, ich solle das Lokal verlassen.
Ich widersetzte
mich und sagte: „Nein, mein lieber Hasso Castro, ich bleibe bis 9 Uhr, erst
dann gehe ich heim.“
In diesem
Augenblick trat eine alte Mutter mit ihren zwei Töchtern in das Lokal und nahm
an meinem Tisch Platz. Sie mußte hier gut bekannt sein, denn im Nu war die
Tafel voll besetzt, und ich saß mitten drin und noch ein anderer Herr neben
mir. Mir war unheimlich, aber ich dachte nicht ans Fortgehen, obwohl Hasso
Castro drängte. Ich blieb.
Die Unterhaltung
drehte sich nur um das Niedrigste und Gemeinste. Am schlimmsten war die alte
Mutter, die mir anbot, ich solle die Nacht bei ihrer Tochter bleiben. Da ging
ich zur Offensive über und fragte die alte Mutter laut vor allen Menschen, ob
sie eigentlich ihre Töchter zu ordentlichen oder zu ausschweifenden Menschen
erzogen habe. Ob sie noch niemals daran gedacht habe, daß Gott sie einmal
fragen werde: „Wo sind Deine Töchter geblieben ?“
Nach einem
Schweigen fielen sie alle über mich her, warum ich überhaupt hierher komme und
was ich eigentlich wolle. Ich aber hatte nun Boden unter die Füße bekommen und
sagte: „Ich wollte nicht hierher kommen, sondern ich mußte hierher kommen, weil
in meiner Brust etwas lebt, dem ich mich unterordne.“
Es ging hin und
her, da fiel das Wort von irgendeinem Mädchen auf das „Fortleben“. Ich fing das
Wort auf und erzählte, daß es ein Fortleben nach dem Tode gebe, und daß sehr
viele Verstorbene unsichtbar hier seien, die nur ihre sexuelle Befriedigung
ausleben wollten. „Und Du, Mutter Deiner Töchter, bist die Handlangerin.“
Da ging es über
mich her. Ich aber blieb ruhig und gelassen. Als meine Zeit um war, wollte ich
gehen. Nun sollte ich auf einmal bleiben. Doch ich verließ das Lokal nach
Bezahlung meiner Zeche. Aber der Mann, der neben mir saß und die ganze Zeit
über kein Wort gesagt hatte, folgte mir und redete mich an: „Hören Sie, lieber
Mann, ich muß mit Ihnen sprechen. Ich gebe zu, ich wollte mir ein Mädel für die
Nacht holen, aber Sie haben mir die Augen geöffnet. Bitte kommen Sie mit mir in
ein gutes Lokal, ich muß mit Ihnen sprechen.“
„Gut“, sagte
ich, „ich will Ihnen aber keine Unkosten machen, ich kann meine Zeche selbst
bezahlen.“
Wir gingen in
den Fremdenhof, aber alles war besetzt. Doch an einem Tisch saßen nur zwei
Damen. Dort fanden wir Platz, und ich sagte offen zu dem Herrn:
„Scheuen wir uns
nicht vor den Damen, und seien Sie offen zu mir, ich werde auch zu Ihnen offen
sein.“
Es kam zu einer
Unterhaltung, an der sich auch die bei den Damen beteiligten. Was ich sagte,
muß einen tiefen Eindruck gemacht haben. Es kam mir vor, als wären wir längst
gute Bekannte. Über drei Stunden saßen wir zusammen. Wenn ich nicht zum Zug
gemußt hätte, wir hätten noch viel zu erzählen gehabt.
Der Mann war aus
Plauen im Vogtland. Sein Zug ging zehn Minuten später als meiner, und so gingen
wir gemeinsam zum Bahnhof. Auf dem Weg dorthin fragte er mich eindringlich:
„Sagen Sie mir ehrlich: Sprechen Sie die Wahrheit oder spielen Sie nur
Theater? Entweder Sie sind der wahre Christ oder ein großer Schauspieler. Sie
behandeln dieses mystische Problem mit einer Innigkeit und Nüchternheit, wie ich
es noch von keinem Menschen gehört habe. Mit einem Schlag sehe ich mein verlorenes
Leben. Nun frage ich: Was soll ich tun, damit ich ein anderer Mensch werde?“
Darauf ich:
„Lieber Freund, Sie müssen nicht nur an Jesus glauben, sondern mit Jesus
rechnen, daß er da ist. Sein Dasein können Sie nicht aus der Welt schaffen.
Ohne ihn gehen Sie verloren, aber mit ihm lernen Sie, andere Wege zu gehen.“
Er meinte:
„Mann, eben darum handelt es sich ja. Ich habe genug von all den Betbrüdern,
alles atmet nur Heuchelei, wenn sie von Moral reden.“ „Leider’, sagte ich, „ist
das oft der Fall, aber man darf auch das Kind nicht mit dem Bade ausschütten.
Jesus verlangt nichts. Er bittet nur: ‚Laß mich bei Dir Wohnung nehmen!’
Ich kenne Jesus
aber noch von einer anderen Seite, denn Er ist nicht nur Liebe und Wahrheit,
sondern auch ewige Erbarmung. Ich war ein Verlorener, ohne jegliche Aussicht
auf Errettung, dabei bin ich ein Wissender gewesen von Jugend an. Und doch: die
Gebete meiner seligen Mutter haben Jesus bewogen, mir zu helfen. Er tat es so,
daß es für mich kein Ausweichen mehr gab. Und als ich den guten Willen zeigte,
belohnte er mich, den größten Sünder, indem er mich in einem Augenblick von meinen
drei größten Leidenschaften heilte: nämlich vom Rauchen, Fluchen und
Kartenspielen. Schon im nächsten Augenblick hatte ich eine derartige Abneigung
dagegen, daß ich keine Lust mehr hatte, mich diesen Lastern noch einmal
hinzugeben.
Ich erkannte die
unsagbare Liebe und wurde ein Dankender. Was ich heute tue, ist weniger Arbeit
und Aufgabe, es ist Dank und Bedürfnis. Ich bin es meinem Heiland schuldig,
denn er ist mir inzwischen Gott und Vater, aber auch Freund und Bruder
geworden.
Das mußte ich
Ihnen, lieber Freund, sagen. Behalten Sie mich immer in Erinnerung, denn auch
an Ihnen soll die heilende und erlösende Liebe Jesu Christi offenbar werden.
Dort an dem Schalter tue ich Dienst. Wenn Sie wieder einmal nach Zwickau
kommen, fragen Sie, ob Kamerad Seltmann da ist, und wir können uns weiter
unterhalten. Leben Sie wohl, und Jesus sei mit Ihnen!“
Noch oft kam der
Freund aus Plauen an den Schalter und erkundigte sich nach mir. Manchmal war
ich nicht da, aber seine Grüße haben mich immer gefreut. Traf er mich an, dann
gab es ein Gespräch wie mit einem lieben Verwandten.
Rettung zweier
Verzweifelter
Nun will ich
noch ein besonderes Erlebnis festhalten. An einem Nachmittag wurde ich
getrieben, in eines der schlimmsten Lokale zu gehen. Es war die Zeit der großen
Arbeitslosigkeit. In diesem Lokal {Felsenkeller} saßen an die 20 Arbeitslose an
einer großen Tafel. Ich grüßte „Glückauf“, aber nur einer dankte mir. Neben
ihn setzte ich mich, das heißt, es mußte erst Platz gemacht werden.
Dieser Mann, er
war etwa Mitte 30, sprach ganz unerwartet offen zu mir. Erst konnte ich mir gar
kein rechtes Bild machen, was er mir erzählen wollte, aber dann wurde es mir
klar: Er müsse sich noch „einen ansaufen“, damit er den Mut habe, seine Frau
und seine Kinder totzuschlagen und sich dann selbst wegzuräumen.
In mir kam
wieder die Ruhe und Sicherheit auf: „Kamerad, komm, wir gehen in ein ruhiges
Lokal, wo wir alleine sind. Wir haben uns viel zu erzählen.“
Der Mann war
nicht betrunken, aber besessen von seiner satanischen Idee. Seine Augen
glänzten. Willig ging er mit mir in ein anderes Lokal, wo wir mehr Ruhe hatten.
Ich bestellte zwei Glas Bier und bezahlte sofort. Nun waren wir ungestört.
„Kamerad,“
begann ich, „was ist eigentlich mit dir los? Sei ganz offen zu mir. Ich meine
es gut mit dir.“
Ich sah ihn an
und nahm seine linke Hand in meine rechte. Da fing er an zu sprechen und
schilderte mir sein Eheleben: Daß die Frau auf die Straße gehe und er das nicht
mehr ertragen könne. Er sehe keinen anderen Ausweg und so sei es doch das
Beste für ihn. Er erzählte noch von seinen Bemühungen, Arbeit zu bekommen und
entschuldigte sein Tun und sein Vorhaben.
Ich beruhigte
ihn, daß ich großes Verständnis für ihn habe und fragte ihn: „Hast Du es schon
einmal mit dem Heiland, mit Jesus versucht?“
Er schwieg. Ich
stellte ihm die Lage so dar: Wenn er glaube, auf diese Weise dem Elend
entrinnen zu können, werde er in ein noch größeres hineinrennen. „Glaubst du
denn nicht an ein Fortleben? Was würdest du sagen, wenn du deine Mutter darüber
an den Rand der Verzweiflung brächtest?“
Da war er ganz
erschüttert: „Sage mir nichts von meiner Mutter, was hat die schon wegen mir
geweint ...“ Er konnte nicht weiterreden. Ich schwieg, aber mein Herz sprach um
so lauter zu ihm.
„Was soll ich
denn tun?“ fragte er schließlich. „Ich komme nicht mehr weiter.“
„Doch mein Freund,
der Heiland ist noch da und ist dir näher, als du glaubst, denn er sendet mich,
dir zu helfen, und in meiner liebe kommt er jetzt zu dir.“
„Nein, nein, das
kann ich nicht glauben, alles ist verloren.“
„Nicht doch,
lieber Freund, ich will dir einen Vorschlag machen. Würdest du mich in deine
Wohnung bringen? Ist deine Frau zu Hause und auch deine Kinder?“
Er nickte, aber
er wollte darauf nicht eingehen. Ich redete ihm zu: „Der Heiland in mir will
euch allen helfen!“
Nach vielem Hin
und Her gingen wir. Die wenigen Schritte bis zu seiner Wohnung redete ich kein
Wort, er auch nicht. Wir kamen in das alte kleine Haus, finster die Treppe, ein
schwaches Licht erhellte den Hausflur. An der Tür erkannte ich auch den Namen:
Seidel. Er öffnete die Tür. Ich betrat ein dunkles Zimmer. Die Frau sah mich an
und wich zurück, als ich ihr die Hand zum Gruß reichen wollte.
Ich sagte:
„Liebe Frau Seidel, denken Sie nicht schlecht von mir. Ich will nichts von
Ihnen, sondern Ihnen etwas schenken, was Ihnen beiden den Frieden bringen
soll.“
„Den kann ich
schon gebrauchen“, sagte sie und reichte mir ihre Hand, ebenso die beiden
Mädchen, sie waren etwa zehn und zwölf Jahre alt.
Ich ging sofort
auf mein Ziel los und sagte: „Frau Seidel, Ihr Mann hat mir alles erzählt. Ich
kann mir Ihre Lage sehr gut vorstellen und kann Ihnen nur sagen: Euch beiden
fehlt der Heiland, Jesus. Denken Sie aber nicht, daß ich Sie bekehren möchte.
Ich will Ihnen nur den Weg zeigen, wohin Ihr beide Euch verirrt habt, und wo
Ihr beide landet: in der größten Verzweiflung, wo jede Rettung aussichtslos
ist.“
Da sagte sie
ohne jede Erregung:
„Hat Ihnen mein
Mann auch alles erzählt? Ich glaube nicht. Ja, ich gehe auf die Straße, weil
ich meine Kinder nicht verhungern lassen will, weil mein Mann seine Arbeitslosenunterstützung
für sich und andere Frauen verwendet. Wenn ich kein Essen auf den Tisch bringe,
bekomme ich noch Schläge obendrein. Wir hatten es so schön. Ich habe mitgearbeitet.
Aber jetzt ist es nicht möglich, Arbeit zu bekommen, und Gott hat uns vergessen.
Reden Sie mir nicht mehr von einem Heiland! Der heutige Heiland ist Geld und
Arbeit. Auch ich möchte heraus aus den Verhältnissen. Und glauben Sie, daß es
mir Freude macht, mich zu verkaufen? Mich ekelt das leben an, aber meine Kinder
sind mir mehr, als ich sagen kann, und nur um der Kinder willen tue ich es.
Wie lange das noch geht, weiß ich nicht, denn auch ich bin fast am Ende.“
Ich war
erschüttert, wandte mich zu dem Mann und sagte:
„Also so sieht
es aus, so einer bist du! Viel zu schade bist du für den Heiland. Um
deinetwillen wird deine Frau zur Hure, um der Kinder willen. Um auch dich nicht
verhungern zu lassen, tut sie, was sie glaubt, tun zu müssen. Weißt du
überhaupt, wie schuldig du dich machst?
Ich kenne viele
Arbeitslose, aber zu hungern braucht keiner. Ich sehe hier in eurer Stube nur
Reinlichkeit und Sauberkeit und einen guten Willen für deine Kinder. Du
gemeiner Mensch, du! Und diese Frau willst du mit deinen Kindern umbringen? Was
mußt du für ein Teufel sein, wenn du vorhast, diesen Engel auch noch zu
bestrafen. Gib mir Antwort in Gegenwart deiner Frau und deinen Kindern!“
Der Mann schwieg
auf meine harten Anklagen hin. Die Frau und die Kinder weinten.
Ich sagte: „Frau
Seidel, was soll nun werden? Geredet ist genug, ich fühle es, daß Sie sofort
Ihr verkommenes leben aufgeben, sobald Ihr Mann sich wieder zum Besseren
wendet. Und du, zu dir sage ich nur ein Wort: Möchtest du nicht wieder ein
anständiger Mensch werden?“
Zusammengekauert
saß er auf der Fußbank und weinte, aber er blieb stumm.
Ich fragte die
Frau: „Würden Sie Ihrem Mann alles vergeben, wenn er wieder zu einem
ordentlichen Menschen wird? Sie haben Ihn doch geliebt. Er ist nicht schlecht,
nur verloren hat er sich.“ „Vergeben ja, ohne jede Überlegung. Aber Schläge zu
bekommen für meine Liebe, das wäre zuviel. Ich muß ja mit ihm zusammenleben,
schon um der Kinder willen. Wie kann ich denn den Mann noch lieben, wenn sich
die Kinder ihres Vaters schämen müssen?“
„Kamerad, du
hast gehört, was deine Frau gesagt hat. Was gäbe mancher Mann für eine Frau,
die eine solche Gesinnung hat, die nur um der Kinder willen sich zu einer
Verlorenen gemacht hat. Nun rede endlich und höre auf mit deinem Geflenne!“
Er stand auf:
„Mann, wenn es geht, ja, ich will. Aber wie soll ich es anfangen ?“
„Das geht ganz
leicht, wenn man eine solche Hilfe hat: den Heiland und deine Frau. Meide das
Wirtshaus, denn dort gibt dir niemand Arbeit und Brot, sondern die paar Mark
werden dir noch aus der Tasche geholt. Liebe deine Frau wieder wie am ersten
Tag und habe Vertrauen zu dir selbst, dann wird alles ins rechte Lot kommen.
Liebst du deine Frau noch? Und Frau Seidel: Lieben Sie noch Ihren
Mann?“ Beide nickten.
„Also reicht
euch die Hände, und verzeiht euch, und besiegelt den neuen Bund mit einem Kuß,
der aber von Herzen kommen muß.“ Da reichten sich die beiden Menschen die Hände
und die Frau sagte: „Vergib mir, niemals sollst du wieder Grund zum Klagen
haben. Aber du mußt auch tun, was dieser Mann dir sagt.“ Weinend umarmten sich
beide.
Da sagte ich:
„So ist es recht. Nun wollen wir Versöhnung feiern. Frau Seidel, haben Sie
Kaffee zu Hause?“’ Sie nickte.
„Hier, ihr
beiden Mädels, sind zwei Mark, geht und holt Kuchen für das Geld, denn
Versöhnung muß gefeiert werden. Sie kochen uns einen guten Kaffee und dann
will ich euch noch etwas erzählen von der Liebe des Heilandes, was ihr noch
nicht gehört habt.“
Ich berührte das
Vergangene nicht mehr, sondern erzählte, wie der Heiland jedem Verlorenen
nachgeht, der einen guten Willen hat. Beim Kaffeetrinken wurde es recht
gemütlich, denn die vier lauschten meinen Worten. Ich erzählte ihnen aus meinem
Leben, wie uns auch die Not mit unserem blinden und schwachsinnigen Kind nicht
gehindert hatte, nur in der Nachfolge Jesu leben zu wollen, der sein Leben auch
für uns geopfert hat.
Frau Seidel
konnte ich als Schwester gewinnen. Sie fehlte danach in keiner Versammlung.
Niemals mehr klagte sie über ihren Mann, der auch bald im Bergwerk Arbeit
bekam. Nie mehr wurde die Vergangenheit hervorgeholt, denn Jesus hatte ja die
Schuld gestrichen. Voll Dank war mein Herz, wenn ich die Frau mit ihren Kindern
in unserer Versammlung sah.
Freunde auf
Erden und im Himmel
Nun muß ich noch
einmal um Jahre zurückgreifen. Es war 1915. Damals verunglückte ein Kamerad
namens Uhlig. Er war zwischen die Puffer von zwei Eisenbahnwaggons gekommen und
war sofort tot. Die Witwe war Baptistin, Kamerad Uhlig ebenfalls. Ihre
Nachbarin Ida Erler ging mit mir in die „Stunde“ (spiritistische
Zusammenkunft), war aber Anfängerin auf diesem Gebiet, wie ich damals auch.
Ich besuchte sie
eines Abends. Ihr Mann machte Musik bei einer Gesellschaft und war nicht zu
Hause. Ida hatte auch ihre Nachbarin Uhlig und einige andere eingeladen. Das
Gespräch drehte sich natürlich um den toten Nachbarn. Da sah ich ihn anwesend,
ganz wie zu Lebzeiten in seiner Uniform, und ich erzählte davon. Die Witwe
Uhlig bezweifelte das, da er doch „wiedergeboren“ sei. Meine Schauung trügte
mich aber nicht, es war sicher mein Kamerad Uhlig.
Ich wandte mich
an Ida Erler:
„Ida, wir wollen
beide um Klarheit beten und dem toten Bruder im Geiste Jesu die Hände
auflegen.“
Und zu ihm in
seiner Geistgestalt: „Kamerad, du hast bestimmt Interesse daran, daß deine Frau
erlebt, daß du hier unter uns bist. Du bist doch kein Verlorener, du warst ja gläubig.
Aber in einem Himmel kannst du auch nicht sein, sonst wärst du nicht unter uns.
Wir wollen dich stärken. Gib deiner Frau einen Beweis, daß du wirklich da
bist.“
Dann stellte ich
mir meinen Kameraden als Mensch vor und legte ihm die Hände auf und Schwester
Ida legte ihre Hände auf meine. Ich betete laut: „Lieber Heiland, wenn es Dein
Wille ist, dann stärke diesen Bruder, um Dich zu verherrlichen.“ Ich sah, wie
sich der geistige Freund Uhlig umschaute und sich an einem Küchenrahmen zu
schaffen machte. Dann sahen wir, wie sich eine Rolle Sandpapier, die in ein
Töpfchen hineingesteckt war, zu bewegen begann. Alle hielten den Atem an. Das
Sandpapier wurde ohne unser Zutun richtiggehend aus dem Töpfchen heraus gedreht
und fiel hinunter. Wir blickten uns an. Mein geistiges Auge war wieder
geschlossen. Ich sagte: „Laßt uns danken für den Beweis einer solchen Liebe,
dass sich ein Bruder manifestieren kann. Und betet: Lieber treuer Heiland, Jesus
Christus, wieder durften wir Deine unsagbare Liebe erleben. Wir sind viel zu
schwach und zu klein, um Dir genug danken zu können. Nimm hin unseren schwachen
Dank um Deiner Liebe willen.“ Das ganze löste aber bei der Witwe Uhlig das
Gegenteil aus. Erregt beharrte sie, sie könne es nicht glauben. Das sei ein
Geister-Zitieren und sie wolle es sich überlegen, ob sie nicht Strafantrag
wegen groben Unfugs stellen werde. - Sie tat es dann aber nicht, weil ihr
Prediger da zu keine Zustimmung gab; es sei doch alles in Ordnung und mit
Gebet zugegangen. Ida Erler wurde durch dieses Geschehen tief beeindruckt und
selbst hellsehend.
Nach zwei Jahren
erkrankte Schwester Ida. Ich besuchte sie, wenn ich Zeit hatte. Ihr Mann war im
Krieg gefallen und mit ihren bei den Kindern stand es nicht zum Besten. Sie
konnte nichts essen außer Sahne und davon so wenig, daß eine volle Kaffeetasse
für eine Woche reichte. Ich konnte ihr aber die Sahne besorgen von einer
Schwester in Steinpleis, die ein Rittergut hatte. Jede Woche trug ich ihr diese
Tasse voll Sahne hin. Als ich wieder einmal kam, sagte sie: „Max, du brauchst
nur noch ein mal zu kommen. Das sagt mir jetzt dein Engel, der dich immer
begleitet. Er hat ein leuchtendes R auf seinem Kopf. Es wird wohl sein Name
sein, der mit einem R anfängt, denn er nickt jetzt.“
Wirklich, ich
brachte ihr nur noch einmal das Liebesgeschenk. Als ich kam, empfing sie mich
mit den Worten: „Max, der Engel dankt dir für deine Mühe.“ Sie sprach wenig.
Der Besuch bei dieser Schwerkranken war immer ein Gottesdienst für mich. Ida
wurde begraben und die Kinder kamen zu Verwandten.
20 Jahre später.
Ich befand mich auf Urlaub mit einem Berufskameraden unten am Kochelsee. Die
Frau des Kameraden war eine fröhliche, immer gut gelaunte Person und gesellte
sich gerne dazu, wo viel gelacht und Spaß gemacht wurde. Eines Tages gingen wir
schon frühzeitig los, um auf den Herzogstand zu steigen. An einer Verkaufsbude
stand eine Anzahl Mädchen, lauter lustige, frohe Menschenkinder. Ich beteiligte
mich mit einem Scherz an ihrer gesunden Fröhlichkeit.
Da sprach mich
ein Mädchen an: „Sind Sie Sachse?“ „Ja, ein waschechter noch dazu“, versicherte
ich ihr, „aus Werdau bei Zwickau.“ „Bei Zwickau?“ erstaunte sie. „Kennen Sie
Lichtentanne?“ „Aber ja, mein Fräulein, ich habe dort fast zwölf Jahre gelebt.“
„Ist Ihnen Robert Erler, der 1917 gefallen ist und meine Mutter Ida
Erler bekannt?“ „Ja, sehr gut! Dann bist du wohl die kleine Ida? Wo ist dein
Bruder Georg?“ Da rief sie ihren Freundinnen zu: „Geht alleine weiter, ich habe
einen Freund meiner Mutter getroffen!“ und wandte sich wieder zu mir: „Sie
gestatten doch, daß ich mich Ihnen anschließe?“
„Aber gern,
kleine Ida. Ich sage nun wieder Du, wie du zu mir damals Onkel sagtest. Sage es
ruhig jetzt auch wieder.“
So stiegen wir
nun nach oben und ich bat sie: „Ida, erzähle mir, wie es dir und deinem Bruder
ergangen ist. Bergauf fällt mir das Reden schwer, aber oben werde ich dir dann
manches erzählen.“
Ich erfuhr viel
Wichtiges und Unwichtiges. Oben genossen wir erst einmal die herrliche
Fernsicht. Dann zogen wir uns zurück und machten es uns unter Latschenkiefern
bequem. Nun erzählte ich die Geschichte ihrer Mutter. Ich will sie hier im
Stenogrammstil festhalten. „Deine Mutter, Ida, war eine Berufene wie selten
eine Frau. Dein Vater war ungläubig. Aber sie haben eine gute Ehe geführt. Deine
Mutter war katholisch, dein Vater evangelisch. Dein Bruder ging in die Schule,
du noch nicht. Als dein Vater gefallen war, wurde deine Mutter eine Geisterseherin,
wie Kurt Münch, damals der größte Hellseher. - Ich fühlte mich mit deiner
Mutter liebevoll verbunden. Ich hatte ihr viel zu verdanken, da ich
zu der Zeit selbst ein Suchender und Ringender war.
Nach dem Tode
deines Vaters zog deine Mutter zu Kurt Münch, wo sie dann krank wurde und
starb.
Nun höre: Durch
deine Mutter haben sich große Engel offenbart und auch mir Dinge gezeigt, die
sich teils in irdischen, teils in geistigen Sphären zutrugen. Zum Beispiel gab
mir dein Vater einmal ein Bild seines Lebens in der Geisterwelt. Er bedauerte,
daß er sich nicht losreißen könne von den Stätten, an denen er immer Musik
gespielt habe. Ich konnte und durfte ihm ein klein wenig Licht bringen. Als
Mensch hatte er davon nichts wissen wollen, aber jetzt wollte er alles tun, um
sein Leben zu bessern. Es sei so hart, da der Weg zum Heiland unendlich schwer
sei. So erlebte ich deines Vaters Reue und Umkehr.
Deine Mutter
aber, geläutert durch ihr Leiden, brachte wunderbare Offenbarungen. Ich fing
fast an zu zweifeln, daß ein Mensch von einem Kaffeelöffel Sahne überhaupt
leben konnte. Auf die Stunde hat sie mir ihren Tod vorausgesagt und hat auch
von dir und Georg erzählt, daß ich mich um euch keine Sorgen zu machen
brauchte. Ihr kamt fort von Lichtentanne. Mit deiner Mutter habe ich oft
Kontakt gehabt, weil auch ich die Gabe erhielt, geistige Freunde zu sehen. So erlebte
ich einmal, wie sie mir mit deinem Vater erschien und zu mir sagte: ‚Bruder,
das geistige Leben ist nur eine Fortsetzung des irdischen Lebens, aber viel
ernster. Wer einmal das Leben begriffen hat und es aus der Gnade Gottes lebt,
für den ist es leicht und wird es zur Seligkeit’“_
Lange saß das
Mädchen da, in ihren Augen Tränen, aber auch ein Leuchten: ,“Lieber Onkel Max,
mir ist es, als wenn ich dich jetzt wieder erkenne und als wenn meine Mutter
ganz dicht neben mir säße. Als ich mündig wurde, kam mein Bruder Georg zu mir
und wollte mich zwingen, ins Kloster zu gehen, weil auch er in der
Klosterschule erzogen wurde. Ich war bei einer Tante, die meinem Beichtvater
und Hochwürden den Haushalt in Freiburg führte.
Ich lehnte die
Art ab, wie Georg sich mir gegenüber benahm: überhaupt nicht wie ein Bruder.
Ich konnte nicht ständig so ernst sein wie er, ich liebte ja mein Leben.
Ich hatte Schneiderin gelernt. Als ich
meinem Bruder allen Ernstes sagte, ich ginge nicht ins Kloster, wurde er
direkt brutal. In diesem Augenblick kam mein Onkel Hochwürden ins Zimmer und
stellte Georg zur Rede, wie er als Sohn der Kirche so lieblos sein könne. Da
sagte mein Bruder: ‚Ich muß über meine Schwester wachen, damit sie nicht eine
Verlorene wird wie unsere Mutter.’
Ich war
erstarrt. Aber Hochwürden sagte: ‚Ist es nötig, daß du als rechter Sohn der
Kirche deine Mutter noch im Tode verleumdest? Warte einen Augenblick, ich
werde etwas holen und du sollst Zeuge sein, wie ich deine Schwester jetzt
belohne.’
In wenigen Minuten
kam er zurück und hatte zwei Briefe in der Hand. Als er sich gesetzt hatte, las
er uns beide Briefe vor und erklärte dazu: ‚Ehe ich euch hier aufnahm, habe ich
den Pfarrer in Lichtentanne und den Geistlichen der katholischen Kirche in
Werdau um Auskunft gebeten. Hier die Antworten.
Der katholische Pfarrer
schrieb: ‚Ida Erler ist als eine Verlorene zu betrachten, denn sie hat trotz
meiner Warnungen und ernsten Vorstellungen meinerseits den Ungläubigen Robert
Erler geheiratet und niemals mehr von den Gnadenmitteln der Kirche Gebrauch
gemacht.’
Der Pfarrer der
evangelischen Kirche schrieb: ‚Ida Erler ist das Weib eines ehrlichen und
braven Mannes geworden, der seine Familie liebte und niemals Grund zur Klage
gab, obwohl er viel in unseriösen Gesellschaften verbrachte, weil er dort
Musik machte. Sein Tod wurde von allen betrauert. Ida Erler lebte ein
religiöses Leben, wie wenige in meiner Gemeinde. Sie hat durch ihre
Geistesgaben manchen Menschen den Weg zu Jesus bahnen dürfen und sich dadurch
einen Schatz und einen Platz im Himmel erworben.’
So ist das
Urteil der zwei Priester, meine Kinder, und du Georg, laß dir das eine Lehre
sein für dein ganzes Leben. Dir aber, meine Ida, lebe dein Leben, wie ich es
dich gelehrt habe in Gottesfurcht und Liebe, dann wird die selige Jungfrau
Freude an dir haben. Somit überreiche ich dir die beiden Briefe, die eine
Ehrenrettung deiner Mutter sind. Du bleibst bei uns, solange ich lebe.’
Nun, lieber
Onkel’“, erzählte sie weiter, „habe ich einen Bräutigam, leider ist auch er
evangelisch. Ich lasse aber nicht von ihm. Er hatte in Freiburg eine gute
Stelle als Kaufmann. Auf einmal wurde er entlassen ‚wegen Arbeitsmangel’, wie
es hieß. Ich erfuhr, wer der eigentliche Urheber war: mein Bruder Georg. Lebte
mein Onkel noch, wäre das sicher nicht geschehen. Doch nun könnten wir bald
heiraten, denn mein Bräutigam hat in Köln wieder eine Stellung gefunden. Was
rätst du mir: Soll ich unter diesen Umständen noch katholisch bleiben?“
„Ida, was
glaubst du, was deine Mutter sagen würde, wenn sie hier wäre ?“ „Onkel Max, ich glaube, meine
Mutter ist jetzt hier und sagt: ‚Meine Ida, im Himmel wurde noch keiner
gefragt, welchen Glauben er hat, aber es wird gefragt: Kind, wie hast du
geliebt?’“
„Ida, nimm an,
es ist deine Mutter, die dir das sagt. Ich sehe sie jetzt im Geiste vor uns
beiden stehen.“
Beim Abschied
sagte das Mädchen zu mir: „Onkel Max, du ahnst nicht, was du mir mit deinen
Erzählungen für ein Geschenk gemacht hast. Endlich habe ich etwas von meiner
Mutter erfahren dürfen, was mir Freude macht. Ich werde oft an diesen Tag
denken, den mir Gott geschenkt hat und der mir den Beweis gebracht hat, daß es
ein Wiedersehen im ewigen leben gibt.“
Erlebnisse mit
Fürchtegott
Die folgenden
Erlebnisse hat Seltmann in einem eigenen Buch in Form eines Romans
ausführlicher geschildert, siehe hierzu die Bemerkungen im Vorwort. Das Buch
erscheint als Band 3 in dieser Schriftenreihe unter dem Titel: „Arno“. Im
folgenden werden dann nur einige Ausschnitte aus diesem Teil des Lebensberichts
Max Seltmanns wiedergegeben. (Erläuterungen der Herausgeberin sind kursiv
gesetzt]
Begegnung in den
Bergen
Es war im Jahr
1936. Mit Friedrich Tesch aus Hannover hatte ich mich verabredet, den Urlaub
gemeinsam in Pfronten im Allgäu zu verbringen. Jeden Tag haben wir wunderbare
Ausflüge unternommen und dabei auch geistige Erlebnisse gehabt. Hier will ich
nur ein einziges festhalten, das oft wieder in mir lebendig wird und mir zeigt,
was der geistigen Welt durch ihr Einwirken alles möglich ist.
Wir waren
unterwegs zu den Reichenbacher Wasserfällen, der Weg war. sehr beschwerlich.
Unsere Unterhaltung drehte sich wie immer um das Geistige. Wir waren so
vertieft, daß wir den Fußgänger nicht beachteten, der vor uns ging, mit einer
Tragebutte auf dem Rücken.
Ich muß etwas
laut gesprochen haben, denn der Mann hielt inne und sprach uns an: „Verzeihen
Sie einem alten Mann, der auch etwas von Ihnen vernehmen will, was Sie so
untereinander besprechen. Sie reden doch vom lieben Gott.“
„Aber freilich,
zu dritt wandert es sich besser als allein“, erwiderte ich, „aber es kommt
darauf an, ob Sie überhaupt befriedigt sind von dem, was wir sprechen.“
Da schaute mich
der alte Mann mit seinen klaren Augen offen an.
„Liebe Herren“,
sagte er, „Sie ahnen ja gar nicht, was in mir vorgeht, wenn ich Ihre Worte
vernehme. Ich bin ein Verfemter, von dem man nichts mehr wissen will.“
Ich lächelte.
„Ein Verfemter? Lieber Freund, gibt es das eigentlich noch in unserem modernen
Zeitalter? Denn wären Sie ein Spitzbube oder ein Räuber oder ein Mörder, säßen
Sie doch längst hinter Schloß und RiegeL“
„Das wohl nicht,
aber mir ist noch viel Schlimmeres geschehen. Die Kirche droht mir mit dem
Fluch.“
„Lieber Mann,“
erwiderte ich, „ich habe mich schon vor zehn Jahren von der Kirche gelöst, weil
ich diese Heuchelei nicht mehr mitmachen wollte.“
„Waren Sie auch
katholisch?“
„Nein,
evangelisch. Aber ist denn das die Hauptsache, einer Kirche anzugehören? Seit
ich mich von der Kirche gelöst habe, bin ich erst richtig frei geworden, weil
mir nun die Natur und die schöne Gotteswelt zur Kirche geworden ist.“
„Das verstehe
ich noch nicht. Sie sprechen so erhaben über Gott und den Heiland, daß ich mich
wundern muß. Das können doch nur die Pfarrer.“
„Lieber Mann,
Sie scheinen wenig von der Welt zu wissen. Haben Sie noch nie einen
Laienprediger gehört? Haben Sie noch nie einen anderen Gottesdienst besucht als
den in Ihrer Kirche? Ich achte jeden Glauben, aber meinen eigenen vertrete ich
aus Überzeugung. Mein Glaube ist der an Jesus Christus, der für mich und für
alle am Kreuz gestorben und am dritten Tage wieder auferstanden ist von den
Toten. Er wird sich all denen, die an ihn glauben und nach seinen Worten
handeln, in ihren Herzen offenbaren. Das kann ich Ihnen auch an Hand der Bibel
belegen.“
„Meine Herren,
wenn es Ihnen nichts ausmacht, dann möchte ich Sie bitten: Seien Sie heute
mein Gast. Ich muß mit Ihnen sprechen.“
Ich sah
Friedrich an, der nickte. „Gut, lieber Freund,“ willigte ich ein, „wir kommen
gerne mit, wir können über unsere Zeit verfügen.“
Eine gute Stunde
wanderten wir noch und unterhielten uns dabei.
Dann kamen wir
zu einem kleinen Hof. Wir wurden erwartet und begrüßt von einer jungen Frau mit
einem Kind auf dem Arm. „Hier ist meine Frau und mein Sohn“, sagte er und
stellte uns vor.
„Die beiden
Herren habe ich unterwegs getroffen und zu uns eingeladen. - Ich erhoffe
großen Nutzen von ihnen für mich und auch für dich, meine Liesei.“ Der
Willkommensgruß der Frau war herzlich, aber sie schlug die Augen nieder vor
meinem Blick. „Liebe Frau“, versuchte ich sie zu ermutigen, „ich danke Ihnen
und hoffe, daß die Zusammenkunft auch Ihnen großen Segen bringen wird.“
Es war noch eine
Magd anwesend, sie musterte uns kalt und mit feindlichen Blicken.
Bald saßen wir
am Tisch bei einem einfachen Mahl. Nachher, als auch die Tragebütte geleert
war, führte uns der alte Hausvater zu einer Bank, von der aus wir eine
wunderbare Fernsicht hatten. Die junge Frau hatte derweil in der Küche zu tun.
Wir sprachen
über die Kirche und den Glauben. Ich lenkte immer das Gespräch auf Jesus und
auf die von ihm ausgehende Gottes- und Liebesbeziehung. Wir saßen keine zwei
Stunden, da wurden wir zum Mittagsmahl geholt und erlebten, daß auch die
Bergbewohner gut kochen können. Nur spürte ich eine Unfreiheit, die mich geradezu
beengte. So suchte ich ein tieferes Vertrauen beim alten Hausvater. Er hieß
Fürchtegott und bot mir und Friedrich das Du an. „Höre, Fürchtegott, hier bei
euch stimmt etwas nicht, vor allem mit euerer Magd. Ich habe direkt eine
Abneigung gegen sie.“
„Du meinst
Barbara, sie ist eine Verwandte von mir, eine gute Katholikin.“
Mir ging eine
Ahnung auf, mein Inneres hatte mich nicht umsonst gewarnt. Aber mit unseren
Gesprächen kamen wir nicht vorwärts, und ich sah wenig Erfolg. Leise meinte ich
zu Friedrich: „Am liebsten würde ich aufbrechen.“ Er stimmte zu.
„Mein
Fürchtegott“, sagte ich also, „wir möchten wieder nach Hause gehen. Wir reden
um die Sache herum und kommen nicht weiter.“
Doch er bat:
„Könnt Ihr dann nicht später noch ein paar Tage zu mir kommen? Am liebsten
würde ich mit euch gehen.“
Er führte uns in
seinem Haus und Gehöft herum. Nur eine Kuh war im Stall, sonst war das Vieh auf
der Alm. Ich wunderte mich, daß das Ehepaar getrennte Schlafräume hatte. Ich
schwieg, aber ich nahm mir vor, doch noch einmal zu dem alten Mann zurück zu
kommen.
Wir
verabschiedeten uns kurz von den Frauen. Fürchtegott begleitete uns ein gutes
Stück talabwärts und wiederholte noch einmal seine Einladung, einige Tage bei
ihm zu verbringen. Es solle uns nichts kosten, er sei so dankbar für das, was
wir ihm gegeben hätten. Ich lehnte nicht ab und glaubte, es sei alles in
Ordnung. .
Das war aber
nicht der Fall, denn Friedrich grollte um den verlorenen Tag. „Friedrich“,
sagte ich darauf, „ich werde noch einmal hingehen. Nicht umsonst wurden wir
hierher geführt. Wir haben da eine Mission zu erfüllen.“
Er blieb bei
seiner Ablehnung, und so trennten wir uns zum Ende des Urlaubs. Ich ging die
letzten vier Tage noch einmal auf den Ödhof, und Friedrich fuhr nach München.
Auf dem Ödhof
Als ich wieder
bei Fürchtegott einkehrte, war Bärbel die erste, die mich begrüßte.
Sie fuhr mich
sogleich an: „Glauben Sie ja nicht, daß ich mich freue, daß Sie wieder hier
sind. Wir können Sie gar nicht gebrauchen.“
„Deswegen bin ich
wieder da“, entgegnete ich, „aber nicht für Sie, sondern für Fürchtegott, der
kann mich schon gebrauchen. Eins möchte ich Sie fragen: Gehört das zu Ihrer
Religion, daß Sie Gäste, die der Hausvater eingeladen hat, wieder hinausekeln
wollen? - Wo ist Ihre Herrschaft ?“
Sie nannte den
Namen eines Ortes, den ich nicht verstand. Ich setzte mich auf die Bank.
Liesei, die junge Frau, kam mit ihrem Kind auf dem Arm, hieß mich herzlich
willkommen und forderte mich auf, mit ins Haus zu kommen. Ich ergriff ihre Hand.
.
„Liesei, dein
Mann bot mir das Du an, und ich biete es dir auch an. Es spricht sich leichter,
wenn auch die kleinste Wand weg ist. Ich komme als euer Freund zu euch und bin
diesmal allein. Sei versichert, ich komme nicht, um euch den Frieden zu stören,
sondern zu helfen, den wahren Frieden zu finden. - Wo ist denn Fürchtegott?“
„Er ist im Heu,
eine Viertelstunde von hier. Ich komme gerade von ihm.“ „’ch werde zu ihm
gehen“, erwiderte ich, „ich lasse nur mein Gepäck ins Haus bringen. Bärbel ist
wütend, weil ich wieder gekommen bin.“
„Ich komme mit
und zeige dir den Weg zu Fürchtegott. Er erwartet dich schon, aber er möchte
heute gerne mit dem Heu fertig werden.“ Wir gingen los. Sie nahm wieder ihr
Kind auf den Arm.
Unterwegs bat
sie mich, ich solle Bärbel nicht bös’ sein. Sie sei sehr gut zu ihnen, vor
allem zu dem kleinen Fürchtegott. „Liesei“, erwiderte ich, „ich fühle, hier ist
ein Geheimnis. Bitte sei offen zu mir. Ich habe dir nicht nur in die Augen
geschaut, sondern auch in dein Herz. Warum hast du Angst vor mir? Ich mache dir
doch keine Vorwürfe. Fühlst du dich irgendwie schuldig? Weißt du, die wahre
Liebe kennt keine Schuldigen.“
„Weißt du etwas
von mir? Hat Fürchtegott etwas gesagt?“
„Nein, Liesei,
noch kein Wort kam über seine Lippen. Aber ich ahne und fühle, daß irgend
etwas dich sehr bedrückt. Was es auch sei, du stehst vor mir ganz rein
wie die Sonne da. Sieh, auch ich kenne das Leid, ich habe eine blinde,
schwachsinnige Tochter von 18 Jahren.“
„Eine blinde
Tochter hast du? Das muß sehr schwer sein. Wie wird deine Frau damit fertig?“
„Geduldig und
wie eine Christin. Was hätte auch das Klagen für einen Sinn. Was Gott uns
schenkt, muß uns doch dienen. Darum müssen wir danken und alles als Geschenk
seiner großen Liebe ansehen.“ „Da bin ich sicher noch sehr rückständig. Ich
lebe in einer steten Gottesfurcht, denn ich bin eine Schuldige.“
„Liesei, sage
das nicht. Kennst du unseren Heiland so wenig?“
„Lieber Freund,
wir sind ohne den kirchlichen Segen verheiratet. Das ist es, was mich niederdrückt.
Ich komme nicht los von dem dauernden Schuldgefühl.“ „Liesei, du bist ein
armes, armes Menschenkind. Jetzt freue dich, daß ich in euer Haus gekommen bin,
und sei nicht traurig, denn ich komme mit einem Herzen voller Liebe zu euch.“
Bald waren wir
bei Fürchtegott angelangt. Er hätte am liebsten sofort aufgehört mit seiner
Arbeit. Aber ich half ihm, und so dauerte es nicht mehr lange, dann war die
Arbeit erledigt. Liesei war wieder zum Haus zurückgegangen.
Diese Freude,
mich wieder zu haben! Der alte Fürchtegott war wie umgewandelt. Er habe viel
über meine Worte nachgedacht. Nun freue er sich auf das, was er noch von mir
hören werde.
Zu Hause ärgerte
sich Liesei, denn Bärbel war weggegangen, ohne ihre Arbeit zu erledigen. So
hatte sie nun selbst einen Kaffee und eine gute Vesper hergerichtet. Wir
blieben im Hause am Kaffeetisch sitzen und erzählten von den Ereignissen in
der Welt und von dem, was eigentlich noch alles geschehen könnte. Fürchtegott
war ein völlig weltfremder Mensch, trotz seiner 70 Jahre.
Nach einigem Hin
und Her brachte ich das Gespräch zur Hauptsache: „Mein lieber Fürchtegott, wir
wollen uns lieber mit dem Geistigen beschäftigen, um die Stunden zu nutzen,
die uns hier geschenkt sind. Ich bitte dich, mein lieber Bruder, sei ganz offen.
Ich bin nicht um irdischer Dinge willen, sondern um des Ewigen willen zu euch
gekommen. Mein Freund Friedrich war darüber etwas verärgert, aber ich fühlte in
mir, daß ich euch wichtiger bin als ihm. - Was ist eigentlich mit Bärbel los?
Sie steht mir so feindlich gegenüber.“
Fürchtegott
wunderte sich auch über Bärbels Verhalten. „Ich ahne es längst, daß da etwas im
Gange ist, aber ich weiß nicht recht, was sie eigentlich will. Wir verstehen
uns sonst ganz gut.“
Inzwischen war
Bärbel zurückgekommen. Sie sagte nicht, wo sie gewesen war.
Ich ging mit
Fürchtegott wieder hinaus auf die Bank. Das Wetter war gut, mit würziger luft
und klarer Fernsicht, daß ich ganz aufging in dieser herrlichen Bergwelt.
Nun fing
Fürchtegott an, sein Leben zu schildern.
Fürchtegotts „Beichte“
„Lieber Freund,
ich bin hier auf dem Hof geboren. Vor ungefähr 25 Jahren kam ein Mädchen zu
uns. Sie hatte nur ein kleines Päckchen mit ihren Habseligkeiten bei sich,
aber eine Sorgenlast auf dem Rücken und noch eine größere unter dem Herzen.
Meine Mutter erbarmte sich ihrer und tat, was jeder Mensch und Christ tun
würde: Sie bot ihr Unterkunft und Gelegenheit, ihr Kind auszutragen. Das Kind,
das sie geboren hat, ist heute meine Frau.
Ja, schaue mich
nicht so fremd an, es klingt wie ein Märchen. Aber es ist ein bitteres Märchen.
Das Mädchen hieß
Liesbeth oder Liesei, wie man hier sagt. Sie war lutherisch.
Als sie ihr
Kindchen geboren hatte, blieb sie bei uns. Mein Vater lebte nicht mehr, meine
Mutter besaß das Anwesen als Witwe, und ich machte die Arbeit. Liesei und ich,
wir haben uns innig geliebt, und unserer Liebe tat es keinen Abbruch, daß wir
nur wie Bruder und Schwester miteinander lebten und Liesei als Mutter ihr Kind
zu betreuen hatte. Meine Mutter wußte von unserer Zuneigung, denn Mutteraugen
sehen scharf.
Vor ungefähr 13
Jahren starb meine Mutter an einer inneren Krankheit, und ich mußte ihr
versprechen, Liesei zu heiraten. Sie betrachtete Liesei längst als ihre
Tochter. Daß wir nicht kirchlich heiraten konnten, lag an Mutters Beichtvater,
der gegen diese Ehe mit einer lutherischen war.
Ich heiratete
Liesei trotzdem, habe aber unterlassen, ihre Tochter, die ebenfalls Liesbeth,
liesei hieß, zu adoptieren. Wir haben eine gute Ehe geführt. leider wurde uns
kein Kind geschenkt. Nach den Worten des Pfarrers ruhte auf mir und meiner Frau
kein Segen, sondern ein Fluch. Nun war es der Wunsch meiner Mutter gewesen, die
kleine Liesei katholisch zu erziehen. So geschah es auch. Der Pfarrer kam,
aber nur zu Liesei, der Tochter.
Nun höre! Vor
drei Jahren starb Mutter Liesei, meine Frau. Als sie beerdigt war, wollte man
mit allen Mitteln erzwingen, daß Liesei, unser Kind, aus dem Haus käme, das
doch immerhin ihr Elternhaus war. Sie war noch nicht mündig, und sie sei, wie
man sagte, nur mein Stiefkind. Meine Mutter hatte das Geheimnis, wer der Vater
Lieseis war, mit ins Grab genommen, und in mir ruht es auch. So hatte sie es
gewollt, und ich bin es meiner Liesei schuldig, mich daran zu halten, denn wir
haben uns geliebt wie wahre Menschen. leider wurden wir nicht kirchlich
getraut, weil sich der Pfarrer weigerte. Aber unser leben war Gott geweiht. Nun
sollte meine geliebte Tochter, die doch nicht meine leibliche Tochter war, aus
dem Haus. Mir blutete das Herz, und ich hatte keinen Freund, der mich verstand.
Der Pfarrer war mein schlimmster Feind -
unter der Maske der Frömmigkeit.
Da ging ich nach
Innsbruck zu einem Rechtsanwalt und bat ihn um Rat. Ich erklärte ihm, daß ich
das Kind liebe und daß es nicht als mein Kind anerkannt werde, weil es
katholisch sei, aber ich nicht der kirchlich angetraute Vater sei. Da sagte
der Rechtsanwalt zu mir: Da ich doch von der Kirche längst gelöst sei, stehe
mir nichts im Weg, meine Tochter zu heiraten.
,Machen Sie ein
Testament und setzen Sie Ihre Tochter als Erbin ein. Kommen Verwandte und
fechten es an, heiraten Sie sie. Aber Ihre Tochter bleibt die Erbin. Bestellen
Sie das Aufgebot und schicken Sie Ihre Tochter bis zur Heirat irgendwo hin.
Drehen Sie dem Pfarrer ein Schnippchen. Niemand kann das Aufgebot anfechten,
weil es ja nicht Ihr Fleisch und Blut ist. Das ist keine Seltenheit. Sehen Sie
zu, daß Sie noch zu einem Erben kommen, dann findet Ihr leben einen schönen Abschluß
.’
Als ich das
Liesei unterbreitete, wehrte sie sich entschieden: ,Du bist mein Vater, ja,
fast mehr als ein Vater. Das kann ich meiner Mutter nicht antun.’ ,Doch, Liesei, wir müssen
heiraten, damit dir die Heimat erhalten bleibt. Und wenn sich die Hölle gegen
uns wehrt, wir bleiben zusammen.’
,Und wenn dann
ein Mann kommt, den ich liebe, und du lebst auch noch, was dann?’
,Dann werden wir auch einen Weg finden. Es
wird schon alles recht werden, glaub mir.’
Und so ist Liesei meine Frau geworden. Oh,
dieser Kampf und immer wieder Kampf! Das Kind ist noch nicht getauft, wir nicht
kirchlich getraut…Wer sollte uns auch trauen unter diesen Menschen?“
Ich legte meine
Hand auf Fürchtegotts Hand:
„Fürchtegott, du hast mir erst die Hälfte
erzählt, denn du bist nicht der Vater deines Sohnes.“
„Hat dir Liesei etwas gesagt?“
„Nein, Fürchtegott, aber ich weiß es, mein
Inneres sagt es mir.“ „Dein Inneres hat recht. Es kam so. Mich besuchte einmal
ein Neffe namens Josef und blieb einige Tage hier. Die beiden jungen Leute verstanden
sich gut. Da reifte in mir der Plan, Josef muß mir helfen. Ich sprach mit
Liesei, wie ihr Josef gefalle. Sie sagte: ‚Gut. Er ist ein prächtiger Mensch.’
,Dann liebe Josef, als sei er dein Mann. Ich brauche einen Erben für meinen
Hof.’ Entsetzt lehnte sie mit so scharfen Worten ab, wie ich es nicht für
möglich gehalten hätte. Ich sei ihr Mann und sie wundere sich, daß ich sie
immer noch für meine Tochter hielte. Sie wolle mir alles schenken, aber untreu
werden, nein, das tue sie nicht. Ich lenkte ein und sagte, zwingen werde ich
sie nicht, aber mir zuliebe könnte sie es tun. Ihr Kind würde mein Kind sein
und der Vater ihres Kindes würde später, wenn ich nicht mehr bin, ihr rechter
Mann sein. Josef blieb auf mein Bitten auf dem Hof, ich brauchte ihn nötig, das
sah
auch Liesei ein.
Nach einigen Monaten sagte Josef zu mir: ,Onkel, ich muß heim, das Leben hier
wird mir zur Qual, ich kann und darf nicht mehr hier bleiben.’ Ich lächelte nur
und sagte: ,Wohl weil du Liesei liebst? Mein Josef, ich freue mich herzlich
darüber. Liebe sie als dein Weib, und mir erfüllst du den größten Wunsch meines
Lebens. Ich brau che einen Erben für meinen Hof, damit Liesei eine Heimat hat,
wenn ich nicht mehr bin.’ Josef lehnte entrüstet ab: ,Nein, Onkel, soll ich ein
Schuft werden? Gott bewahre mich davor, so zu handeln.’ Ich aber sagte: ,Und
wenn ich dich bitte, demütig bitte? Tue es, und wenn es so weit ist, dann
kannst du gehen und warten auf deine Liesei. Sie ist und bleibt für mich meine
Tochter. Die Ehe ist nur zum Schein geschlossen, weil ich Liesei sonst hätte
fortschicken müssen.’
Nach einigen
Monaten kam Liesei zu mir und sagte: ,Vater, es ist so weit. Nun kannst du dich
scheiden lassen von mir. Ich habe unter Tränen dir deinen Wunsch erfüllt und
schenke dir, wenn es Gottes Wille ist, einen Erben. Aber Josef muß fort. Ja,
ich liebe ihn, aber dich liebe ich auch, meinen allerbesten Vater.’
So ging Josef
aus dem Haus, er will warten, bis meine Zeit gekommen ist. Und er hat Wort
gehalten. Bis heute ist er nicht wiedergekommen, weil ich ihn darum gebeten
hatte. Also ist der kleine Bub mein Sohn. Taufen lasse ich ihn nicht, das habe
ich im Testament festgelegt. Er soll, wenn er mündig ist, selbst entscheiden,
welchen Glauben er annehmen will. So, Max, das ist meine Beichte. Was sagt nun
dein Heiland dazu?“
„Fürchtegott,
mein Heiland sagt: ,Alles, was du in Liebe tust, das ist so, als hätte Ich es
getan.’ Darum liebe deinen Sohn, damit er auch ein „Fürchtegott“ werde. Lieber
wäre mir, er hieße Liebegott, denn nur in der Liebe kann das Gottesleben in
unserer Brust wachsen und Frucht für die Ewigkeit bringen.“
Am Abend war
auch Bärbel wieder da. Sie benahm sich sehr freundlich, so daß ich mir dachte:
Na, was wird sie wieder ausgeheckt haben? Ihre Freundlichkeit war zu
auffallend.
Wir blieben am
Abend noch lange zusammen.
Wir überspringen
hier einige Abschnitte des Berichts. Darin wird u. a. eine Begegnung und
Auseinandersetzung mit dem Pfarrer geschildert,
der von Bärb/
über den Besuch Se/tmanns informiert worden war und nun kam, um „nach dem
Rechten zu schauen“.
Wir fahren
fort mit Se/tmanns Bericht beim /etzten Abend seines Aufenthalts auf dem
Ödhof.
Abschied vom
Ödhof
Der Nachmittag
verging schnell. Bärbel mußte wieder etwas besorgen und wir, Fürchtegott,
Liesei und ich, gingen zusammen auf die Anhöhe. Am Abend wollten wir noch eine
kleine Feierstunde halten. Meine Ab reise war auf morgen Nachmittag
festgesetzt, da ich dann einen günstigen Zug nach München hatte mit Anschluß
nach Hof.
Gegen Abend war
auch Bärbel wieder zurück und wir beschlossen, etwas länger aufzubleiben, da
es der letzte Abend war. Als alles in Ordnung gebracht war und der Kleine
schlief, setzten wir uns wieder auf die Bank. Ich war innerlich so erfüllt von
dem Schönen, das ich hatte weitergeben dürfen, daß ich beide hätte umarmen
mögen. Auf einmal fing ich wieder an zu sprechen, Worte, die eigentlich nicht
meine Worte waren und doch wie aus meinem Herzen kamen.
Diese Worte
waren nur an die beiden gerichtet. Plötzlich stutzte Liesei: „Vater, das sind
doch Worte von meiner Mutter. 0 Mutter, nur du kannst es sein, denn solche
Worte hast nur du gesagt.“
Fürchtegott
bestätigte: „Ja, Liesei, ich spür’ es auch, du bist es.“
Aus meinem Mund
floß es fast zwei Stunden lang. Manches kam, was ich nicht wiedergeben kann.
Auf einmal schwieg mein Mund mit dem Wort: „Bärbel!“
Fürchtegott
erhob sich und wollte nachsehen. Da wurde er zurückgehalten: „ Fürchtegott,
ich bin noch nicht fertig. Ich will dir noch etwas sagen. Eine Bitte habe ich
an dich: Suche bei Gelegenheit Bärbels Koffer gut durch. Was du da finden
wirst, genügt, um dir die Augen zu öffnen. Wisse, das Kind ist vielen im Wege.
Ab heute aber solltet ihr ein gemeinsames Schlafzimmer haben, denn böse Zungen
wollen euren Frieden stören. Bleibt ganz ruhig und reinigt euer Haus. Beweise
wirst du finden, wenn du meine Worte beachtest. Du ahnst nicht, welche
Seligkeiten ich empfinde, daß ihr, meine bei den Geliebten, zusammen seid. Du
Liesei, halte dein Glück fest. Halte aber auch dein Haus rein, weil es ein Haus
der Liebe ist und bleiben soll, jetzt und für alle Zeiten.“
Nun hatten die
beiden viele Fragen, und noch lange mußte ich ihnen über diesen Vorgang
Erklärungen geben. Für die beiden Menschen blieb es ein Wunder. Liesei sagte:
„Vater, es muß
Mutter gewesen sein. Nur ich kann wissen, was sie mir damals gesagt hat, als
ich noch ein Kind war. Denn du, Max, du seltsamer Mann, konntest es nicht
wissen. Darum sage ich dir, komme wieder! Denn nur durch dich hat mich der
Heiland frei gemacht von diesem Schuldgefühl, das mich immer belastet hatte.“
Was sollte ich
noch sagen. Hier hätte jedes Wort von mir das geschmälert, was ihnen offenbart
worden war. Der Abschiedsmorgen war angebrochen. Ich wollte nicht mehr wandern,
da ich fast die ganze Nacht nicht geschlafen hatte. Das Schicksal der beiden
lieben Menschen bewegte mich sehr. Es war auch so ruhig im Haus.
Fürchtegott
hatte Bärbel mit einem Auftrag ins Tal geschickt. Ich war froh, daß ich sie
nicht mehr sah. Nach einiger Zeit kam er zu mir und zeigte vier Briefe, die in
Bärbels Koffer versteckt gewesen waren. Ich solle davon Kenntnis nehmen.
Ich lehnte ab
mit den Worten: „Bruder, das ist deine Angelegenheit. Mache dir Abschriften
und lege sie wieder dort hin, wo sie waren. Wenn nötig, kann ich dir bezeugen,
daß die Briefe da waren. Aber ich glaube, dir genügt es nun zu wissen, daß du
eine Natter in deinem Haus genährt hast. Meine Adresse hast du, wenn du mich
brauchst. Aber ich glaube, es ist nicht nötig.
Mein
Fürchtegott, wir haben uns nicht das letzte Mal gesehen und wenn es auch in der
Ewigkeit sein sollte, daß wir uns wieder treffen. So, wie deine Liesbeth
gestern durch mich so viel sagen konnte, so wirst auch du dich einmal mir
nähern dürfen, wenn du dereinst nach dem Willen des Herrn dich gelöst hast von
dieser Erde. Darauf freue ich mich schon heute.“
„Ja, Bruderherz,
das werde ich tun. Aber wird auch Liesei etwas davon erfahren?“
„Das
überlassen wir dem Herrn.“
Der alte,
treue Bruder begleitete mich noch weit, und wir umarmten uns lange, ehe wir uns
trennten.
In der
Geist-Kapelle
Bittere Jahre
kamen. Endlich war der Krieg mit seinen verheerenden Folgen zu Ende. Das Verbot
gegen unsere Zusammenkünfte war aufgehoben worden, und ich konnte meine
geistige Tätigkeit mit anderen Geschwistern wieder beginnen.
An einem
arbeitsreichen Tag wurden wir von einem Geistwesen, dem wir etwas Licht un’d
Klarheit geben konnten, gebeten, ihm auch weiterhin Helfer zu sein. So
‚erfuhren wir sein Schicksal. Zu meiner Überraschung stellte sich heraus: Es
war Josef, der Neffe meines Freundes Fürchtegott.
Von diesem
geistigen Freund erfuhren wir nicht nur seine Lebensgeschichte, sondern vor
allem, daß er an einer Liebe krankte. Es war seine Liebe zu Liesei: Er komme
nicht mehr davon los, daß seine Liesei, die doch seine Frau werden sollte,
wieder geheiratet habe. Sofort kamen mir Erinnerungen an Fürchtegott, der nun
auch schon seit längerem in die ewige Heimat eingegangen war.
Ich schildere
nun eine Kette von Erlebnissen ganz eigener Art, die mir das weitere Schicksal
von Fürchtegott und Josef vor Augen führten. Ich besuchte einmal eine
katholische Kapelle, in die sehr viele Andächtige zu einem Gottesdienst
gekommen waren. Neben dieser Kapelle sah ich noch eine kleinere. Sie war aber
von geistiger Art, außen zwar klein, doch innen so groß, daß viele hundert
Menschen Platz hatten. Es waren lauter Verstorbene darin versammelt. Am Altar
stand ein Priester, ein Vorbeter, und die Anwesenden sagten immer: „Maria
hilf!“
Der Gottesdienst
mußte schon lange gedauert haben, denn einer trat vor und sagte: „Freunde, wie
lange wollt ihr denn noch hier bleiben? Wißt ihr denn nicht, daß ihr
Verstorbene seid?“ - Es war Fürchtegott, der so sprach.Der Priester erregte
sich und ging auf ihn zu: „Du bist ein Verdammter. Wie kommst du hierher? Und
auch noch als Verstorbener! Du hast kein Recht, hier zu sein.“
Da war die ganze
andächtige Ruhe vorbei. Rufe wurden laut: „Jagt ihn hinaus, diesen Ketzer!“
Fürchtegott aber
stand wie eine Eiche, furchtlos. „Freunde, endlich habe ich Gelegenheit, mit
euch zu sprechen. So wie ich ein Verstorbener und Seliger bin, so seid auch ihr
Verstorbene und könnt genauso selig werden wie ich, wenn ihr mir glaubt und
euch endlich von diesem Ort trennt.“ .
Der Priester war
ganz aufgeregt. „Glaubt diesem Ketzer nicht!“ schrie er, „Er ist ein
Abgesandter der Hölle und möchte uns alle verderben.“
Fürchtegott trat
vor den Priester. „Schweige du vor allem, denn deine Priesterherrlichkeit geht
nun zu Ende. Ich werde diesen Tempel zerstören, wenn nur ein einziger mir
glaubt. Hört auf mich, euern Fürchtegott, der sich schon als Mensch von euch
trennen mußte.
Wie lange habt
ihr kein Brot mehr gegessen? Das habt ihr diesem Priester zu verdanken. Ihr
habt nur von Hostien gelebt, und die sind euch ausgegangen. Nun habt ihr
großen Hunger. Ich bin im Auftrag unseres Gottes hier und soll versuchen, euch
dahin mitzunehmen, wo es genug Brot und
Früchte gibt.
Schaut mich doch an, sehe ich wie ein Verdammter aus? Ich habe mich bis jetzt
verhüllen müssen, sonst hättet ihr euch noch gefürchtet. Sieht ein Verdammter
wirklich so aus?“
Er warf seinen
Mantel zur Seite und erstrahlte in einem helleuchtenden Gewand. Alle konnten es
sehen. Sie schrien auf.
Einer, der
Sägmüller, ging zu ihm nach vorn. „ Fürchtegott, bist du es wirklich? Dem
Gesicht und deiner Gestalt nach kannst du es sein, aber wie siehst du aus? Wie
ein Engel oder wie der liebe Gott. Du bist doch gestorben? - Was das schlimmste
war: Du hast nicht einmal ein christliches Begräbnis bekommen.“
„Sägmüller, ich
bin es. Wohl war ich der Ausgestoßene und das danke ich hier dem Herrn Pfarrer,
vor dem ihr ins Mauseloch gekrochen seid. Wie steht ihr jetzt da? Und ihr
könntet auch so aussehen wie ich! Darum bitte ich euch jetzt, kommt zu mir in
mein Heim, das mir der Herr geschenkt hat. Kommt, ich lade euch alle ein. Da
könnt ihr euch erst einmal richtig satt essen. Meine Liesbeth wird euch
willkommen heißen, als wäret ihr unsere besten Freunde gewesen.“
Der Pfarrer war
außer sich. „Glaubt ihm nicht, der will nur unser Unheil. Hier ist das Heil!
Nur in ihm, dem Gekreuzigten, dürfen wir unser Heil sehen .“
Fürchtegott trat
wieder zu ihm. „Auch du kannst dich überzeugen von dem, was ich sage. Als
erstes müßt ihr endlich einsehen, daß ihr gestorben seid. Glaubt mir, daß ich
euch die Wahrheit sage und euer Bestes im Sinn habe. Denn auch in der Geisterwelt,
die eigentlich die Ewigkeit ist, gilt das Wort: ,Dir geschehe nach deinem
Glauben.’ Es liegt also an euerem Glauben, an euerer Entscheidung, wie es mit
euch weitergeht.
Und du, was
kannst du deiner Gemeinde bieten, du Priester der Kirche, die man die
Alleinseligmachende nennt? Nichts als diese Scheinkapelle. Nur ein Wort von
mir, und sie wird zunichte werden, denn ich habe vom Herrn die Vollmacht dazu.
Aber keine Macht der Welt könnte mir meine Welt, mein Haus, mein Heim,
vernichten, wo viele hundert Selige jetzt leben.
Darum die Bitte:
Versucht, von hier wegzukommen. Ihr könnt ja jederzeit wieder zurückkehren in
euer armseliges Kirchlein.“
„Fürchtegott,
darf ich mitkommen?“ meldete sich nun ein anderer. „Du weißt, daß ich dich am
meisten kränkte und mein Spott immer nur dir galt. Aber wenn du recht hast, dann will ich
alles wieder gut machen. Hast du aber nicht recht, dann kannst du dich freuen!
Dann werde ich es tausendmal schlimmer mit dir treiben.“
„So soll es
gelten, Huber. Aber mir ist bange um dich. Wenn du nun alles so findest, wie
ich euch sagte, was machst du dann mit deinem Hochwürden, für den du
verleumdet, gelogen, gestohlen und anderen die Ehre abgeschnitten hast?“
„Dann zerreiße
ich ihn, wenn du recht hast.“
„Dann darf ich
dich nicht mitnehmen, denn in meinem Heim soll alles Unrecht mit Liebe
vergolten werden.“
„Ist das dein
Ernst und die volle Wahrheit? Dann lasse mich lieber hier, solange, bis einer
kommt und mich holt.“
„Huber, es wird
sich schon ein Ausweg finden. Vor allem prüft erst einmal alles. Dann werde
ich euch fragen, was ihr nun tun wollt.“
Da kam ein
weiterer aus der Gruppe herzu. „Ich muß dem Fürchtegott recht geben. Warum
haben wir uns damals von ihm getrennt? Nur weil er eine Lutherische geheiratet
hat, die wir alle eigentlich als den besten Menschen achten mußten. Und weil
er dann die Tochter heiratete. Aber das tat er ja nur, um ihr die Heimat zu
erhalten. Denkt an meine Rede, als wir über Fürchtegott Gericht hielten. Ich
mahnte euch, als Christen zu handeln. Und was habt ihr getan? Genau das, was
man auch dem Heiland angetan hat: ,Kreuzigt ihn!’, so hieß es dann nur noch. 0
mein Gott, wenn es möglich wäre, uns allen unsere grobe Sünde zu vergeben, wie
würde ich mich glücklich fühlen. Und, mein lieber Pfarrer von Gottes Gnaden,
was wirst du tun, wenn Fürchtegott doch recht behielte und du der Verlorene
wärest?“
„Schweigt, ihr
seid alle des Teufels. Ich bleibe hier und warte, bis ihr zurückkommt. Auf den
Knien werdet ihr dann bitten müssen.“
„Schweig du
jetzt!“, rief nun der Dorfschulze. „Wir warten ab, wie sich Fürchtegott aus der
Schlinge zieht, die er sich selbst um den Hals gelegt hat. Wißt ihr noch, als
wir ihn begraben haben? Nur ich habe damals ein paar segnende Worte an seinem
Grabe gesprochen, weil ich dazu verpflichtet war, er war ja im Grunde ein
Ehrenmann. Und auch, weil seine junge Frau mich darum gebeten hatte - um
ihres Sohnes willen, der noch kaum denken konnte.
Aber jetzt: Ein
Wort habe ich noch sehr gut im Gedächtnis, das er einmal zu mir gesagt hat.
Dir, Pfarrer, habe ich es damals wörtlich hinterbracht. Und nun bitte ich
dich, Fürchtegott, wiederhole mir das Wort. Es soll der Beweis sein für uns und
vor allem für den Pfarrer.“
Fürchtegott
sprach laut, daß es alle hören konnten: „Das war das Wort: ,Der Haß geht eine
lange Straße und hat kein Ende, die Liebe aber ist ewig und führt zum Ziel. Wir
können weder den Haß noch die Liebe vernichten, aber wir dürfen uns
entscheiden, dem Haß oder der Liebe zu folgen.’“
„Jawohl, dies
waren die Worte, mein Fürchtegott. Jetzt bin auch ich überzeugt. Herr Pfarrer,
nun sagen Sie: Sind es dieselben Worte oder nicht?“
„Ja, es sind
dieselben Worte. Aber der Teufel kann das auch so sagen. Das ist mir noch lange
kein Beweis.“
„Hört, hört,
meine Freunde, hier mache ich nicht mehr mit. Wollt ihr mit Fürchtegott gehen
oder nicht? Wer beim Pfarrer - der nur Haß kennt, wie ihr seht - wer
bei ihm bleiben will, der mag bleiben. Ich gehe mit ihm, und wenn es mein
Verderben wäre. Hier, Fürchtegott, hast du meine Hand, vergib mir, wenn ich
dich nicht immer verstanden habe.“
Fürchtegott
reichte ihm seine Hand. „Sei mir willkommen. Und jeder, den du noch mitnimmst,
wird angenommen. Niemals wirst du bereuen, dich zu mir bekannt zu haben, denn
ich stehe auf Gottes Seite. Darum laßt uns nun gehen! Liesbeth wird sich am
meisten freuen.“
„ Fürchtegott“,
fragte da einer, „wirst du auch so viel haben, daß du uns alle satt machen
kannst? Ich würde lachen, wenn du in Verlegenheit kommst, wenn wir noch mehr
haben wollen.“
„Kommt und lacht
mich aus, soviel ihr könnt. Wer zuletzt lacht, lacht am besten.“
Bei Fürchtegott
im geistigen Reich
Nun waren alle
vor dem kleinen Häuschen, Fürchtegotts geistigem Heim, angelangt. Der Pfarrer
und sein Mesner waren weit zurück geblieben, als wollten sie erst sehen, wie
sich alles entwickelt. Liesbeth stand vor der Tür und bat sie einzutreten: „Ihr
werdet euch wundern, was ihr alles erleben werdet!“
„Was, hier
sollen wir alle hinein?“ wunderte sich der Schulze. „Ich möchte nur wissen, wo
da der Platz herkommen solL“
„Kommt nur
herein und erlebt, was im Reich der Liebe alles möglich ist.“
Neugierig traten
sie ein. Was für Augen machten sie da! „Das ist ja ein Palast! Wie ist denn das
möglich? In dem kleinen Haus!“
„Kommt nur alle
herein und nehmt Platz. Es können noch einmal so viele kommen, es ist genügend
Platz.“
Endlich waren
alle eingetreten - außer dem Pfarrer mit seinem Mesner. „Nehmt Platz, nehmt
Platz! Zum Umschauen ist später noch viel Zeit. Wir leben ja in der Ewigkeit.“
Endlich hatten
sich alle gesetzt. Nun kamen viele junge Mädchen in weißen Kleidern und
brachten Brot, Früchte und Milch. Alle machten große Augen.
„Das sind jetzt
meine Kinder“, sagte Liesbeth. „Auf Erden konnte ich mit Fürchtegott kein Kind
bekommen. Aber er hat meinem Kind eine Heimat gegeben und ist ihm Vater
geworden. Darum sind wir jetzt hier mit Hunderten von Kindern gesegnet worden.
- Nun vergeßt euren Hunger nicht, ihr werdet ohnehin nicht alles aufessen
können.
Vorher wollen
wir noch danken: Lieber Herr Jesus, Du Vater der Liebe, Du Sohn des Lichtes und
Du Geist der Wahrheit, sei auch in dieser Stunde gegenwärtig. Segne wie immer
Deine Gaben. Und sättige Du einen jeden nach seiner Sehnsucht, auf daß sie
Dich erkennen als den, an den sie glauben. Amen.“
Alle griffen zu
und fingen an zu essen, als hätten sie eine Ewigkeit gehungert.
Wir brechen
den Bericht hier ab. Die weiteren Erlebnisse in Verbindung mit Fürchtegott,
Lisbeth, Josef und der jungen Lisei können in dem erwähnten Roman „Arno“
nachgelesen werden.
Weitere
Begegnungen hüben und drüben
Begegnung mit
Weisheitsgeistern
Nun ein anderes
Erlebnis.
Im Jahre 1935
reiste ich nach St. Anton in Österreich. Die Ulmer Hütte hatte es mir angetan.
Leider - es war im Juni - fand ich die Hütte noch geschlossen. Ich war allein
heraufgestiegen. Fast 2000 Meter war ich mit der Drahtseilbahn gefahren und
hatte dann eine wunderbare Tour gemacht. Skistecken hatten mir den Weg
angegeben. Aber da ich fast nichts zu essen mitgenommen hatte - ich
wollte ja auf der Ulmer Hütte bleiben - kam der Hunger. Nichts in der Tasche!
Um mich her eine Welt von Schnee und Einsamkeit und ein strahlender Himmel wie
selten.
Als ich mich
daran satt gesehen hatte, legte ich mich an einer FeIsspalte in die Sonne.
Wohlige Wärme umgab mich und nicht der geringste Wind konnte mich belästigen.
Ich war dann wohl eingeschlafen.
Plötzlich wurde
ich geweckt. Ein Mann in einer fremdartigen Kleidung stand vor mir. „Was suchst
du hier in unserem Reich? Wir möchten euch Menschen hier eigentlich nicht
begegnen, denn eure Art, Gott zu dienen, ist uns ein Greuel.“
Ich sah, daß
dieser Mann ein Geistwesen war und sagte: „Lieber Freund, wohl ist es wahr, daß
es Menschen gibt, die euch oft vertreiben. Zu denen gehöre ich aber nicht. Ich
bin ein Mensch, der solche Wesen wie dich sucht, um von ihnen zu lernen.“
„Was willst du
von mir lernen, trägst du nicht schon alles in dir?“
„Freilich,
lieber Freund, aber es ist doch etwas sehr Schönes, wenn ich etwas bestätigt
bekommen kann, was ich bisher nur geahnt habe, oder wenn ich mich mit Dingen
beschäftigen kann, die mir noch nicht ganz klar sind. Zum Beispiel würde ich
gern wissen, was ihr hier die ganze Zeit tut in dieser Einöde ohne Gegensätze,
wo euch nichts begrenzt und nichts in die Enge treibt.“
„Freund, du
fragst viel. Du hast eine falsche Vorstellung von uns. Du siehst nur mich, aber
um mich her sind Hunderte von strahlenden Wesen. Ihre Schönheit würde dich
blenden. Du würdest dich auch nicht mit ihnen unterhalten können, weil sie so
genannte Weisheitsgeister sind. Ich bin ihr Diener. Ich habe mich umhüllt, weil
ich mit meinem Licht von dem Anhang, den die Menschen immer mitbringen, nicht
gesehen werden will.
Dein Anhang
sieht mich auch nicht anders als du.“ [Mit „Anhang“ sind die geistigen
Begleiter gemeint.]
„Freilich, da
hätte ich keine große Freude erlebt“, erwiderte ich, „denn mit
Weisheitsgeistern konnte ich schon von jeher nichts anfangen.“ „Wieso“, fragte
er, „wieso nichts anfangen? Weisheit ist doch Licht und Klarheit.“
„Ja, mein lieber
Freund, aber allzu viel Licht blendet, und als ein Verblendeter werde ich mehr
als elend. Sage mir doch das eine: Kommt die Weisheit aus der Liebe oder die
Liebe aus der Weisheit?“
„Eine dumme
Frage. Weißt du denn nicht, daß Weisheit und Liebe eines sind?“
„Nein, lieber
Freund, das wußte ich nicht. Aber das weiß ich, daß die Liebe der Anfang allen
Lebens ist und ewig bleiben wird. Die Weisheit aber ist nur das Licht der Liebe
und trägt keine Schöpferkraft in sich. Nur der Liebe ist es möglich, neue
Kräfte aus sich heraus zu entfalten; der Weisheit ist das unmöglich. Alles, was
die Liebe umfängt und alles, was die Liebe pflegt, ist geborgen in der
Ewigkeit. Das könnte ich nicht von der Weisheit sagen.
Sieh, lieber
Freund, ich bin noch ein Mensch mit Fehlern. Ihr meidet alle diese Menschen,
wie ich einer bin, aber merkwürdig: Die Liebe, die uns durch Jesus Christus
offenbart wurde, sucht nicht nur die Weisen und Guten, sondern alle Menschen
und gerade auch die irrenden. Das ist nicht mein Glaube; sondern mein Wissen,
meine Erfahrung. Ich habe eine solche Liebe erlebt, die ich niemals verdient
hätte und auf die ich schon gar keinen Anspruch gehabt hätte.
Du sagst:
Weisheit sei Licht und Klarheit. Noch nie habe ich aus einem noch so weisen Rat
die Klarheit bekommen, die ich aus der Liebe Gottes erhalten habe. Was sagt
nun deine Weisheit zu meinen Worten?“
„Dazu kann ich
nichts sagen, weil es deine Begriffswelt ist. Ich muß dich einen gutmütigen
Schwärmer nennen. Über einen solchen Schwärmer sagen wir: Hände weg von denen,
die das Licht der Weisheit verkleinern oder verdunkeln.“
„So, dann ist
nach deinen Worten also auch Jesus Christus ein Schwärmer. Dann war sein Tod
am Kreuz die größte Schwärmerei, dann war der Geist in ihm, der ihm die Kraft
zum Sterben am Kreuze gab, auch
nur Schwärmerei?
Und sein Wort: ,Mir ist alle Macht und Gewalt gegeben’, nennst du das auch
Schwärmerei?
Siehst du, ich
lasse dich nicht los, da es um die Ehrenrettung meines Heilandes geht. Weißt
du, wie ich dich betrachte? Wie den Pharisäer im Tempel, der sagte: ,Ich danke
dir, Gott, daß ich nicht bin wie andere Leute, oder gar wie dieser Schwärmer
da, der behauptet, unsere Weisheit sei aus der Liebe geboren.’
Aber was sagen
die Kinder der Liebe, zu denen ich mich rechne, weil ich sie erfahren habe? Die
Liebe, wie sie uns Jesus vorgelebt hat, ist immer darauf bedacht, gerade die
Verlorenen zu retten und sie auf den Weg zum Vater zu führen. Ich kann das Wort
nicht vergessen: ,Er wird 99 Gerechte verlassen und dem einen Verirrten
nachgehen, bis auch dieser gerettet ist.’
Wenn ich dich
und alle die, die ihren Himmel in der Weisheit gefunden haben, mit den
Gerechten vergleiche: Ist dann der Verlorene, der durch den Heiland heimgeholt
wird, nicht doch besser dran als ihr? Ihr wißt, daß der Heiland euch verlassen
mußte, als er aus seinem Reich ausgegangen ist, um die Verlorenen zu retten.
Also seid ihr nun ohne den Herrn. Warum hat er euch verlassen? Weil niemand von
euch auf den Gedanken kam: ,Ich will mich aufmachen und Gott den Dienst und
Dank erweisen, den ich ihm schulde. Seiner Liebe und Gnade verdanke ich es ja,
daß ich hier in diesem Himmel leben kann.’“
Ich spürte auf
einmal die Anwesenheit einer großen Schar anderer geistiger Wesen und fuhr
fort:
„Sieh’ doch,
lieber Freund, viele Zuhörer habe ich um mich, du kannst sie noch besser sehen
als ich. Alle sind auf dem Weg zum ewigen Ziel. Frage sie, für wen sie sich
entscheiden würden: ob sie mit dir gehen möchten oder mit denen, die mir
mitgegeben sind zum Schutze und zur Hilfe.“
Ich wandte mich
an die neu Hinzugekommenen: „Ich bitte dich, der du Führer dieser großen Schar
bist, mit wem würdest du freiwillig gehen?“
Der
angesprochene Führer trat vor und sprach den „Weisheitsgeist“ an: „Er ist ein
Mensch. Du bist ein Wesen im strahlenden Kleid. Aus dir leuchtet eine
Erhabenheit, die aber nicht anziehend ist. Aber aus dir, du Mensch“, damit
kehrte er sich mir zu, „strahlt eine Wärme, die nicht nur mich, sondern uns
alle beglückt.“ - Und wieder zum „Weisheitsgeist“:
„Würde ich dich mit deinem Strahlengewand bitten, uns mitzunehmen, würdest du
mich mit kalten Worten abspeisen: Ich solle mich erst den Deinen würdig
zeigen. Denn ihr fürchtet euch alle, unrein zu werden durch die Wesen, die ich
mitbringen wilL“
„Du hast recht.
Ich müßte mir erst Anweisung holen, ob ich eurer Bitte entsprechen dürfte.
Außerdem meine ich: Warum soll ich mir denn Lasten aufbürden, wenn es nicht
unbedingt nötig ist.“
Auf einmal
begann der neu angekommene Sprecher in einem überirdischen Licht zu
erstrahlen: „Seht, meine Freunde, ich wollte euch einmal eine Szene erleben
lassen von einem Menschen, der von meinem Geist durchdrungen ist, und von einem
Bewohner des Himmels, der nur den ‚ewigen und weisen Gott’ kennen will. Ich
überlasse es euch, wie ihr euch entscheidet. Geht ihr mit mir, so führe ich
euch in ein Heim, wo Liebe allein der Beweggrund aller Handlungen ist. Wenn ihr
nicht mitkommen wollt, dann bleibt in der Sphäre, die ihr hier angetroffen
habt und die euch so anziehend erschien. Du aber, du Menschenfreund, sprich zu
allen, die um dich sind, einige Worte. Denn nun sollst auch du sie alle sehen
können.“
Vor mir
erblickte ich nun deutlich viele, viele Wesen in grauen Kleidern. Und vor ihnen
Jesus in leuchtend weißem Gewand. Daneben der Mann mit dem großen strahlenden
Hut und heller Kleidung. Der Blick des Herrn sagte mir mehr als sein Mund.
Ich hob meinen
Arm und sprach: „Liebe Geistfreunde, ich grüße euch mit den Worten unseres
Herrn: Friede sei mit euch! Durch seine Gnade darf ich euch sehen und zu euch
sprechen, so wie es mir in meinem Herzen zumute ist.
Ich bin noch ein
Mensch; ein Mensch, wie ihr auch einer wart. Ich werde auch einmal das sein,
was ihr jetzt seid: ein Bewohner der unendlichen Gottes. und Geisterwelt. An
euren Gewändern lese ich euren Stand ab: Ihr seid noch nicht am Ziel, wie es
euch früher als Mensch in eurem Glauben so schön vor Augen stand.
,Warum kann ich
das Ziel noch nicht erreichen?’ fragt mancher von euch. ,Warum entzieht sich
uns Gott, an den wir doch geglaubt haben? Wo bleibt er mit seiner Gnade, den
wir doch immer bitten, daß er zu uns komme?’ - Niemand gibt euch Antwort, und so
sucht ihr immer neue Wege, die zu Gott führen sollen.
Darf ich euch
einen Weg zeigen, der unfehlbar an das Ziel führt? Dann hört euch ohne
Vorurteil meine ehrlichen und gutgemeinten Worte an:
.Wo stehst du, Mensch, und wo gehörst du hin?’
fragt
Jesus einst, wenn ich ohn’ jed’ Gewinn
zu meiner
Zeit werd’ diese Erd’ verlassen,
und ich
nicht tat, wie mir sein Wort empfahl.
Drum
laß’, 0 guter Vater, Dich erfassen
und werd’
für mich hier meine einz’ge Wahl!
Nun seid ihr
alle hier in der ewigen Gottes- und Geisterwelt. Wie weit seid ihr gekommen?
Seid versichert, daß Jesus euch liebt, aber mit einer Liebe, die nur rein
göttlich ist. Was ist göttliche Liebe? Liebe, die nur helfen und immer nur
helfen will!
Ihr wollt, daß
euch geholfen werde? Wißt ihr nicht, daß Jesus in seinem Geiste immer unter
euch ist? Ihr habt gebetet: ,Herr hilf!’ oder ,Herr, komme zu uns! Wir bedürfen
Deiner.’ Er aber war schon immer bei euch, nämlich als Liebe in eurer Brust.
Sie möchte euch selbst zum Helfen drängen.
So ergeht es
auch mir jetzt: Nicht ich spreche zu euch, sondern Jesus, der Heiland, spricht
als Liebe aus meinem Herzen. Es gibt nur einen Weg zu ihm: Werdet selbst zu
Helfern und Heilanden!
Ihr schaut mich
groß an. Einmal muß es euch doch gesagt werden. Es mag euch neu sein, aber ich
spreche in seinem Namen: ,Ich bin immer unter euch gewesen; aber ihr habt mich
nicht erkannt’. So ist er auch jetzt unter euch, in euch.
Und noch etwas
muß ich euch sagen: Wie leidet er unter euch! Wenn ihr nur einmal seine
Sehnsucht erleben könntet, ihr wäret längst auf dem Weg in eine Heimat, die
euch die größten Seligkeiten bereiten könnte.
Was ist
Seligkeit? Doch nur das, was man den anderen an Gutem, an Freude und Glück
erbringt. Längst habe ich erkannt, daß ich an meiner ewigen Seligkeit keinen
Finger zu rühren brauche, da Jesus für all das der Garant ist - aber
nur in dem Maße, wie ich als Mensch für meine Mitmenschen und Mitgeschöpfe
gewirkt habe.
Wenn ich euch
ansehe, muß ich mir sagen: Wieviel Liebe, 0 Gott, ist dir verloren gegangen
durch diese armen Brüder. Sie haben dich immer nur von außen gesucht und ahnten
nicht, wie nahe du ihnen bist in ihren Herzen.
Ich will kein Prediger sein, sondern nur
ein Bruder, der auf euere Bitte hin zu euch kommen kann. Aber sucht den Helfer
in euch! Ihr werdet erkennen, daß er nur Liebe ist. Dann werdet auch ihr das
Licht finden, das eure Leuchte wird in eurem noch dunklen, nebligen Dasein.
Werdet zur Liebe, zur wahren, helfenden Liebe! Wenn ihr das fertig bringt, habt
ihr die helfende Hand Jesu schon erfaßt, die er euch dann nicht mehr entziehen
wird. Ich muß
das sagen, weil ich es euch schuldig bin. Ich müßte mir Vorwürfe machen, wenn
ich es verschwiegen hätte. Nehmt meine Worte so hin, als wenn sie der Herr
gesagt hätte. Seid gesegnet in seinem Liebesgeist, damit ihr in seinem Lichte
freie und frohe Wesen werden könnt. Zieht hin in Frieden!"
Und vorbei war das Schauen und Erleben, -
vorbei aber auch der Hunger. Es war später geworden, als ich dachte. Nun
begann der Abstieg. Mehrere Stunden brauchte ich, bis ich nach St. Christof
kam. Dort stärkte ich mich und war froh, in mein Quartier zu kommen.
Auf die Frage, wo ich den Tag zugebracht
hätte, sagte ich zu meinem Wirt: "Auf der Ulmer Hütte. Sie war aber
geschlossen."
"Was, auf der Ulmer Hütte und allein!"
Der Wirt warf die Hände in die Höhe. "Da
können sie von einem großen Glück reden, denn jeden Tag war alles in Nebel
gehüllt, und wer weiß, wann Sie wieder heruntergekommen wären. Solche Touren
macht man doch nicht allein."
"Ich war auch nicht allein,"
beruhigte ich ihn, "denn ohne meinen Führer
gehe ich nicht auf diese Höhen. "
Ich habe noch lange über dieses Erlebnis
nachgedacht und freue mich noch heute über dieses große Geschenk.
Schauungen im Krankenhaus
Am Johannistag 1946 erlitt ich einen
schweren Unfall. Ich fuhr mit dem Rad zu unserer monatlichen Versammlung. Ein
anderer Radfahrer überholte mich und streifte dabei mein Vorderrad. Ich
stürzte so unglücklich, daß ich einen Schädelbruch, einen Rippen- und einen
Schlüsselbeinbruch davontrug. Die Folge: fast drei Stunden Bewußtlosigkeit und
ein hoher Blutverlust.
Am späten Nachmittag wurde ich in das
Zwickauer Krankenstift eingeliefert, wo ich wieder zur Besinnung kam. Da ich
nach der ersten ärztlichen Behandlung hohes Fieber bekam, befürchtete man mein
Ableben. Ich kam in einen besonderen Raum. Eine Spritze sollte mir meinen Zustand
erleichtern, und eine junge Schwester war ständig um mich besorgt.
Allmählich wurde mir erst ganz bewußt, was
mit mir geschehen war. Schmerzen hatte ich keine, nur meine Lage war unbequem.
Ich mußte ganz flach liegen. Um den Kopf hatte ich einen Gipsverband.
Meine Gedanken wanderten zu meinen
Angehörigen und zu den "Geschwistern", die mich heute eigentlich
erwartet hatten.
Auf einmal standen Hindenburg und Lenin vor
meinen Augen und hinter ihnen eine große Menge Geistwesen, die alle auf mich schauten. Ich muß mich etwas
aufgeregt haben, denn sofort kam die Schwester an mein Bett.
"Warum schlafen Sie nicht? Sie müssen
doch schlafen!"
"Schwester, kann man da schlafen,
wenn mich so viele anschauen? Hindenburg und Lenin sind ganz nahe bei
mir."
Die Schwester fühlte meinen Puls. Ich
beruhigte sie. "Ich bin ganz normal, ich bin ganz klar." Die
Schwester glaubte mir natürlich nicht.
Ich war dann aber ruhig und wartete ab.
Eine große Traurigkeit überkam mich. Dabei dachte ich überhaupt nicht an mein
eigenes Ende. Aber mir war regelrecht zum Weinen zumute, denn um mich war zwar
alles stumm, und doch kam es mir vor, als warteten alle auf mich. Zu einem
richtigen Gebet kam ich auch nicht, denn es gab so viel Bewegung, ganze Scharen
zogen an meinem Fußende vorüber.
So ging das die ganze Nacht. Die
Traurigkeit verließ mich nicht, aber mein Schauen auch nicht, bis die Schwester
kam und alle Kranken wusch.
Es wurde fünf Uhr früh, und alle
Traurigkeit war fort. Da nahm ich mühsam einen Stift und Papier aus dem Kasten
und schrieb:
Warum denn weinen, wenn es zur ewigen
Heimat geht,
wo sich alle freuen, wo sich jeder
versteht?
Warum denn weinen, wenn der Weg sich
verstellt?
Freue dich, bald wird alles erhellt.
Ganz im Bann dieser Worte, die ich mit
größter Mühe schrieb, war ich erfüllt von Zuversicht und blieb es auch, solange
ich im Krankenhaus war.
Die Röntgenaufnahme ergab den Befund, den
ich oben schon beschrieben habe. Ich mußte elfmal punktiert werden, aber ich
verspürte keinerlei Schmerz. Meine Zeit war ausgefüllt mit Unterhaltungen, die
ich mit geistigen Freunden führte. Jeden Abend hielt ich eine Andacht mit
ihnen, und ich erfuhr auch alles, was sich inzwischen bei mir zu Hause und bei
meiner Schwester abgespielt hatte.
Mein Geburtstag kam heran. Für den Abend
um acht Uhr hatte ich mit meinen Freunden eine geistige Feier geplant. Innig
habe ich mich mit Jesus verbunden und bat ihn aus tiefstem Herzensgrund, daß
alle Freunde, angetan mit weißen Gewändern, meine Geburtstagsfeier miterleben
sollten. So war mein Plan und meine Bitte gewesen, doch es kam ganz anders.
Eigentlich war kein Besuchstag. Darum bat
ich schon am frühen Morgen die Tagesschwester: Falls heute Besuch käme, möchte
sie doch eine Ausnahme machen, weil heute mein Geburtstag sei. Sie versprach
es. Innerhalb einer Viertelstunde war mein Tisch voller Blumen. Bis zum Mittag
hatte ich Ruhe, dann kamen die Besucher bis drei Uhr. Als die Visite angesagt
wurde, mußten sie gehen.
Nach der Visite war Ruhe. Da bemerkte ich,
wie die Wände des Zimmers aus meiner Sicht verschwanden. Alle Kranken befanden
sich mit mir in einem großen Spiegelsaal. Wegen der Spiegel sah ich alles doppelt.
Im Hintergrund war ein Podium mit Stufen, darauf eine große Tafel, auf der ein
Leuchter mit sieben Kerzen brannte. Auf den Stufen stand ein mannshoher Kelch,
eingepaßt in eine Aussparung der Stufen. Es war ein schönes Bild. Und wie groß
das Podium war!
Dann wurden rechts und links die
Flügeltüren geöffnet, und die Besucher kamen herein. Sie wurden auf Plätze
gewiesen, die ich vorher noch nicht gesehen hatte. - Ich war enttäuscht, denn
alle hatten dunkle Gewänder an, und ich hatte doch um weiße gebeten.
Ein Engelsfreund stand auf dem Podium. Die
Gratulanten kamen mit ihren Geschenken. Der Engelsfreund nahm die Pakete an,
dankte und legte die kleinen in den Kelch, die größeren auf die weißgedeckte
Tafel. Dann deckte er die Geschenke mit einem weißen Tuch zu.
Wieviele da zusammengekommen waren, kann
ich nicht sagen. Ein Teil der Gratulanten verteilte sich an den Wänden, wo
reichlich Platz war. Wieder sah ich alles doppelt wegen der Spiegel.
Die Feier begann. Meine verstorbene
Tochter kam mit einer größeren Anzahl junger Schwestern in ganz weißen
Gewändern. Sie stimmten ein Lob- und Danklied an, das ich oft im Geiste gehört
hatte (Intermezzo aus Cavalleria Rusticana). Es ergriff mich tief und löste bei
mir Tränen der Freude aus.
Da betrat der Heiland das Podium. Er hielt
eine Ansprache, die aber nicht mir galt, sondern den Wesen in den dunklen
Gewändern. Wiedergeben kann ich seine Worte nicht, weil meine Empfindungen
dabei so stark waren, daß ich nicht mehr denken konnte. Nach seiner Rede gab
Christus dem Engel ein Zeichen. Die
Gratulanten traten zum Engel, der zog das Tuch ab, griff in den Kelch und gab
jedem ein weißes Gewand. Sie sollten es denen geben, die noch in ihren dunklen
Kleidern auf den Plätzen saßen.
Dann kamen die Geschenke auf der Tafel an
die Reihe. Auch aus diesen Paketen wurden immer wieder weiße Gewänder verteilt.
Als die Tafel leer war, waren alle Anwesenden mit weißen Gewändern bekleidet.
Mich durchrieselte eine Freude, die nicht zu schildern ist.
Nochmals traten die Sänger auf mit einem
Lied, das ich noch nicht gehört hatte. Auch der Heiland befand sich mitten
unter ihnen. Anschließend trat er vor und segnete alle mit herzlichen und
lieben Worten. So endete die Feier.
Ich war so müde von der Freude, daß ich
einschlief und nicht bemerkte, daß das Abendbrot auf mein Tischchen gestellt
wurde. Als ich erwachte, war ich erstaunt, so lange geschlafen zu haben. Es
war fast Mitternacht geworden. Dabei hatte ich versprochen, eine Andacht mit
meinen geistigen Freunden zu halten.
Da merkte ich, daß ich mich noch immer in
meinem Traumzustand befand. Jetzt saß ich mitten unter geistigen Freunden und
hörte andächtig zu, was uns der Herr, der auch bei uns war, offenbarte. An die
Inhalte kann ich mich leider nicht mehr erinnern.
"Traum" -Erlebnisse
Ich hatte noch andere Erlebnisse, bei
denen ich "wie im Traum" war. In einigen Fällen wurden die
"geträumten" Ereignisse auch von anderen Menschen wahrgenommen, also
können es nicht nur Träume gewesen sein.
Von einem solchen Fall möchte ich jetzt
berichten: Ich erschien an einem entfernten Ort, obgleich mein Körper zu Hause
im Bett lag.
Ich hatte mir vorgenommen, wieder einmal
die Bielefelder Freunde zu besuchen. Der Termin war noch unbestimmt. Da kam der
Diensteinteiler zu mir und meinte: "Herr Seltmann, Sie müssen ihren Urlaub
schon jetzt nehmen. Ich habe sonst einen Mann übrig. Ich hoffe, daß Sie mir Verständnis
entgegenbringen."
"Herr Sickert, das paßt mir aber
schlecht", wandte ich ein. "Ich habe versprochen, in meinem Urlaub
nach Bielefeld zu fahren. Ich weiß nicht, ob die Freunde morgen zu Hause
sind."
Aber Sickert blieb dabei: "Herr
Seltmann, ich habe Ihnen immer geholfen, wenn Sie etwas vorhatten. Lassen Sie
mich nicht im Stich."
Ich dachte etwas nach. Dann sagte ich zu.
"Also gut. Stellen Sie mir bitte einen Fahrschein nach Bielefeld
aus." Zu Hause sagte ich zu meiner Frau: "Ich habe Urlaub ab morgen.
Ich muß früh um halb vier Uhr heraus. Richte mir bitte meine Sachen." Natürlich
war sie nicht sehr erfreut darüber, aber ich bestand darauf und ging zeitig
schlafen, um ausgeruht zu sein für die neunstündige Fahrt.
Ich schlief ein und träumte, ich sei bei
Familie Depenbrock in Bielefeld im Wohnzimmer.
Marie, die Frau, die auch hellsichtig war,
bekam einen Schrecken. "Heinrich, Max ist gestorben! Ich sehe ihn an der
Türe stehen."
Darauf ich: "Nein, nicht gestorben!
Aber ich bin da, um euch zu sagen, daß ich morgen Nachmittag bei euch sein
werde." Ich sah noch, wie Heinrich Depenbrock seinen Kanarienvogel
fütterte, wie der kleine Vogel ihm auf die Schulter geflogen kam und wie er mit
ihm sprach.
Dann war das Bild oder der Traum vorüber.
Pünktlich fuhr der Zug am nächsten Tag in
Bielefeld ein. Else und Marie standen auf dem Bahnhof an der Sperre. Ich
begrüßte sie erstaunt: "Wo wollt ihr denn hinfahren?""Aber
Max", sagte Marie, "du. bist ja selbst gestern abend bei uns gewesen
und hast uns angekündigt, daß du mit diesem Zug kommst."
Da fiel mir der Traum ein. "Sag,
Marie, hat der Heinrich in dem Moment den Kanarienvogel gefüttert, als ich bei
euch im Zimmer war?" "Ja, genau so war's", versicherte Marie.
Für mich war das wieder eine Bestätigung,
daß es sich bei meinen "Träumen" um wirkliche Geschehnisse handelt.
Ein anderer "Traum" spielte an
einem mir unbekannten Ort. Ich ging wie gewöhnlich schlafen. Mitten in der
Nacht hatte ich ein Erlebnis ganz eigenartiger Natur. Ich befand mich auf
einem riesigen Platz, Millionen Menschen standen in Reih und Glied, haargenau
gestaffelt, wie mit einer Schnur gezogen, immer etwa 50 Menschen
hintereinander. Alle hatten schwarze Festanzüge an, Frauen waren nicht dabei.
In der Mitte war eine Tribüne aufgebaut mit einer Stufenleiter auf jeder
Seite. Oben standen Leute, die eine große Kamera und ein Mikrofon bedienten.
Ich befand mich weit weg, in Dienstuniform. Einige Männer sprachen etwas in das
Mikrofon, was ich aber nicht verstehen konnte.
Auf einmal hörte ich zweimal meinen Namen
rufen. Ich erschrak.
"Ist Max Seltmann nicht da?"
wurde laut gefragt. "Er ist doch geladen!" Da rief ich: "Hier
bin ich!" Durch das Mikrofon wurde gesagt: "Bemühen Sie sich nach
vorne!" Und wie es im Traum zugeht: in einem Moment war ich dort, und der
Mann, der das Mikrofon bediente, sagte: "Sprechen Sie zehn Minuten, alle
Sender sind eingestellt auf Ihre Rede. Und wenn Sie fertig sind, werden Sie
gefilmt. Dann sprechen sie noch einmal sieben Sekunden."
Ich habe normalerweise keine Angst, doch
hier hatte ich sie. Der Mann sagte noch einmal: "Beginnen Sie!" Ich
fing an zu sprechen. Die Worte weiß ich nicht mehr, aber es klang laut und
deutlich, damit mich alle hören konnten. Plötzlich wurde ich von meiner Frau
geweckt und ausgeschimpft, weil "bei diesem Geschrei" kein Mensch
schlafen könne. Ich spürte einen heftigen Schmerz in meiner Brust. "Ja,
was habe ich denn gesagt?" fragte ich erregt.
"Was du gesagt hast, war so schön,
daß man es nicht wiederholen und sich merken kann.. Aber bei diesem Geschrei
kann kein Mensch im Hause schlafen." Ich konnte nun auch nicht wieder
einschlafen. Es war mir, als ob ich in Gedanken weiterredete. Noch immer sah
ich deutlich die vielen Menschen, die Tribüne, das Mikrofon und die Kamera.
Mir wurde auch klar, daß ich auf dieser Kundgebung sieben Segnungen vortragen
sollte. Da stand ich auf, setzte mich an die Schreibmaschine und schrieb die
sieben Segnungen nieder. Sie waren an alle Menschen gerichtet, jede Segnung an
eine bestimmte Klasse. Leider sind diese Texte von der Volkspolizei
beschlagnahmt worden, wie so viele andere Offenbarungen auch. Dieses
beeindruckende Erlebnis hatte ich noch lange Zeit vor Augen. Auch jetzt, da ich
es niederschreibe, steht es wieder ganz lebendig vor mir.
Nun noch ein drittes "Traumerlebnis", auch wieder so
gewaltig, daß ich
lange Zeit brauchte, um es ganz zu erfassen.
Ich befand mich in einem großen, ziemlich
langen Tal. Wasser war nicht zu sehen, nur langgestreckte Wiesen, Felder,
Obstbäume. Nach beiden Seiten stieg das Gelände allmählich an. Vereinzelt
standen kleine Baumhütten. Die Menschen, die dort wohnten, machten einen
freudlosen Eindruck. Niemand arbeitete. Nur wenige Frauen sah ich, sie trugen
Alltagskleider.
Ich näherte mich den Leuten. Sie schauten
mich feindselig an. Ich fragte die Männer, warum sie mir so abwehrend
begegneten, ich käme doch in friedlicher Absicht. Da wurde der eine gleich grob
und schrie mich an: Er wisse schon, daß ich nur spionieren wolle. Ich solle ja
sofort das Tal verlassen, sonst werde es mir übel ergehen.
"Aber gerade um deinetwillen bin ich
gekommen", erwiderte ich. "Du bist doch der Vorsteher dieser
Gemeinde. Bist du dir eigentlich bewußt, welche Verantwortung du übernommen
hast als Führer einer Gemeinschaft, die nur von Raub und Diebstahl lebt? Wie
bald kann sich hier alles ändern, wenn einmal eine Säuberung vorgenommen
wird!"
"Wieso Säuberung? Sind wir denn
anderen Rechenschaft schuldig über unser Tun? Ich möchte den sehen, der
uns an unserem Gewerbe hindert!"
"Freund", sagte ich, "du
scheinst die Gefahren nicht zu kennen, in denen ihr lebt. Der Wink eines Engels
genügt, und ihr seid verloren. Wißt ihr denn nicht, daß ihr keine Menschen mehr
seid? Schau, auch ich bin nur in meinem Astralleib hier, darum bin ich für euch
unantastbar und unverletzbar. Mein Körper liegt zu Hause im Bett. Das ist
nicht mein, sondern Gottes Wille. Ich kann alles um euch her sehen, und ich
erkenne deutlich, daß ihr keine auf Erden lebenden Menschen mehr seid."
Der Grobian kam nur noch mehr in Wut. Er
ballte die Faust und schlug mir ins Gesicht. Aber er schlug durch meinen Körper
hindurch und wäre fast hingefallen. So erlebte er, daß ich tatsächlich ohne
Körper war. Ich wich einen Schritt zurück. "Freund", sagte ich ganz
ruhig, "du wärst beinahe hingefallen, wenn ich dich nicht gehalten hätte.
Siehst du nun ein, daß es für dich und euch besser. wäre, meinen Worten zu
glauben? Laßt euch also eine neue Heimat zuweisen!"
"Nie und nimmer, und wenn tausend
solcher Trugleiber kämen, wie du einer bist. Wir bleiben hier." Noch
einmal versuchte ich, sie in ruhigem Ton zu überzeugen, daß sie in einer
Trugwelt lebten, aber vergebens. Alles Reden war nutzlos, ihre Haltung wurde
immer drohender. .
Da rief ich um Hilfe und im nächsten
Augenblick waren Tausende von Helfern da und umstellten die Bewohner des Tales.
"Was sagst du nun zu diesen vielen
Helfern? Euer Leben ist an einem Scheideweg angelangt. Entweder ihr ändert
euren Sinn, oder wir ergreifen Maßnahmen, die eurem bisherigen Tun und Dasein
eine andere Richtung geben. Es wird nicht angenehm sein, das kann ich euch
versichern."
"Wir können es abwarten", wurde
mir drohend geantwortet.
Da geschah etwas, was mir unfaßbar schien.
Plötzlich waren weitere Tausende von Helfern da, legten eine kleine Bahn mit
vielen Loren an und begannen zu arbeiten. Wo kamen auf einmal diese Massen von
Erde her? Ich sah, daß das Tal von beiden Seiten mehr und mehr zugeschüttet
wurde.
Nun merkten auch die Bewohner, was da vor
sich ging und daß es ernst wurde.
Der eine protestierte, man solle es nicht
zulassen. Aber sie waren eingekesselt und machtlos. Die Erdmassen bedrohten
allmählich ihre Wohnstätten. Schon waren einige Häuser zugeschüttet. Die
Bewohner brüllten, man solle doch aufhören. Aber die Erdbewegungen gingen immer
weiter.
Der Vorsteher stürmte wieder auf mich zu.
Er schrie wie ein wildes Tier. Mir wurde bange vor diesem Menschen, denn sein
Gesicht war Schrecken erregend. Ich konnte kein Wort hervorbringen und wandte
mich an den Engel, der bei mir stand und nicht aus der Ruhe zu bringen war.
"Hilf mir, ich bin zu schwach, um etwas zu sagen. Handle du statt meiner."
Aber er sagte: "Ich bin nur zu deiner
Sicherheit hier. Ich soll dich vor diesen Teufeln schützen. Handle aus deiner
Eingebung und fürchte dich nicht. Der Herr hat schon oft durch uns versucht,
diese Teufel wieder zu besseren Wesen zu machen. Bloßes Zureden hilft hier
nicht mehr."
Da sagte ich zu dem Vorsteher: "Es
ist zu spät, das rückgängig zu machen, was der Herr mit euch vorhat. Nur eines
könnt ihr tun - als erstes Zeichen eurer Umkehr: Helft mit, das Tal in eine Hochebene
Zu verwandeln! Zeigt, daß ihr wieder zu brauchbaren Menschen werden wollt! Tut
ihr es nicht, dann werden diese Helfer dafür sorgen, daß ihr unter den
Erdmassen begraben werdet."
"Nie und nimmer!", schrie er.
"Ich soll mich euch unterordnen? Lieber lasse ich mich begraben!"
"Dann tue es! - Aber ihr anderen, was
sagt ihr? Wollt ihr nicht ehrliche Bewohner in der Geisterwelt werden? Laßt
euren Vorsteher, der nur
aufs Herrschen aus ist, tun, was er will!
Wendet euch ab von ihm und geht dorthin, wo ihr ein besseres Dasein finden
könnt, und zwar auf Dauer!"
Einer trat vor und fragte: "Aus
welcher Macht wirkst du? Noch keiner hat unseren Vorsteher bisher zwingen
können. Bist du ein Bote des unerbittlichen Gottes?"
"Nein, genau umgekehrt. Ein Bote
Gottes, der die Liebe ist und keine Freude hat am Gericht über die Verlorenen.
Sieh mich an, auch ich war auf Abwege geraten und völlig heruntergekommen. Aber
heute bin ich glücklich, Gott dienen zu können, der die Unglücklichen retten
und auf den Weg zum Heil führen will. Also nochmals meine Bitte an alle, die
ihr guten Willens seid: Geht zu diesen Helfern, die euere alte Heimat verbessern
wollen und arbeitet mit. Ihr werdet mir noch einmal danken."
"Und was wird aus denen, die nicht
mitkommen?" wollten einige wissen.
_,Das braucht nicht euere Sorge zu sein. Gott hat mehr als genug
Mittel und Wege. Je lieber ihr den Brüdern helft, desto fröhlicher werdet ihr
werden. Dann könnt ihr die anderen, die zurückgeblieben sind, ermuntern. Sie
werden immer weniger Raum um sich haben. Ihr könnt ihnen zurufen: 'Kommt und
folgt uns nach!' Wenn sie kommen, dann ist es gut. Kommen sie aber nicht, dann
weiß Gott, was ihr Schicksal sein wird."
Noch einmal trat ich zu dem Vorsteher und
sagte: "Siehst du, über zwei Drittel sind dir schon abtrünnig geworden.
Die anderen werden auch noch mitkommen, das kann ich dir schon jetzt sagen.
Versuche nicht, jemanden festzuhalten. Sobald du Gewalt anwendest, wirst du im
Moment stumm und unfähig, ein Glied zu rühren. Und du wirst solange gelähmt
bleiben, bis du ganz klein und demütig geworden bist. Dann wirst du Gott
bitten, dir ein gnädiger Richter zu sein."
Da hob er wieder die Hand, um mich zu
schlagen, aber im nächsten Augenblick war er steif und stumm. Ein Bild zum
Erbarmen, wie sein Gesicht größte Wut und Verachtung ausstrahlte. - Da
schraken die anderen vor ihm zurück.
Und ich befand mich wieder in meinem
normalen Zustand, zu Hause im Bett.
Oft fragte ich mich, was wohl aus den
Bewohnern und dem Vorsteher geworden ist. Eines Tages bekam ich die Antwort:
Alle konnten gerettet werden bis auf den Vorsteher. Ihm hatte man ein Loch
gelassen, wo er bis zum Hals im Sumpf steckte. Jeden Augenblick mußte er
fürchten, darin zu versinken.
Ein Freund geht heim
Nun soll noch ein Erlebnis folgen, an dem
ich nur indirekt beteiligt war.
Schon seit 1916 habe ich versucht, in
spiritistischen Kreisen, denen es nur um interessante Geisterkontakte ging, auf
mehr Verantwortungsbewußtsein hinzuwirken. Es drängte mich, diese Freunde zu
einer höheren Lebenseinstellung zu bringen. In Lichtentanne, wo ich damals
wohnte, habe ich viele Herzen gewinnen können. Darunter einen Bruder mit Namen
Hermann Walter.
Seine Eltern hatten zur Gemeinschaft
Dietel in Niederplanitz gehört. In der Familie Walter konnte ich beeindruckende
Offenbarungen durchgeben und gewann die ganze Familie für meine Anliegen, mit
Ausnahme von Hermanns Frau, Liesel. Sie war ein eifriges Mitglied der
"Landeskirchlichen Gemeinschaft."
Es war mir nicht gelungen, Liesel Walter
von den durch Lorber offenbarten Wahrheiten zu überzeugen. Desto treuer und
eifriger war ihr Mann Hermann in unseren Zusammenkünften. Er hatte als Bergmann
einen verantwortungsvollen Posten. Darum wurde er 1914 nicht zum Kriegsdienst
eingezogen.
1916 wurde Hermann schwer krank. Ich habe
ihn in jener Zeit oft besucht. Leider ging Frau Liesel jedes Mal aus dem Raum,
sobald ich kam. Die Krankheit war ernst. Das Verhältnis zwischen Hermann und
mir wurde immer inniger, zum Leidwesen seiner Frau. An. sich hatten die beiden
eine gute Ehe geführt.
Hermanns Vater, Eduard, war verstorben.
Ein älterer Bruder, Paul, hatte einen Tag vor seiner Hochzeit aus Angst vor der
Ehe Selbstmord verübt. Die alte Mutter lebte noch und ich liebte sie wie meine
eigene.
Die Krankheit wurde immer schlimmer.
Hermann nahm keine Linderungsmittel. "Ich will tragen, was Gott mir
auferlegt hat", war seine Antwort. Als eines Nachmittags wieder - wie
täglich - der Arzt kam, meinte Hermann: "Herr Doktor, morgen kommen Sie
das letzte Mal, dann gehe ich heim."
Zu Liesel und seiner Mutter sagte er das
gleiche. Sie wollten es kaum glauben.
Der Abend verlief ruhig. Er bat seine
17jährige Tochter: "Geh morgen nicht zur Arbeit. Sollst auch meinen Gott
erleben in meinem Sterben."
Der nächste Tag begann. Er wandte sich an
seine Frau: "Liesel, heute kochst du mir Schweinsknochen und grüne Klöße
(unser Nationalgericht) und bringst mir einen Krug Bier. Ich muß mich
stärken." Alles geschah nach seinen Wünschen. Der Vormittag verging,
Hermann
hatte keine Schmerzen. Alle freuten sich.
Gegen Mittag wurde das Es sen fertig, Hermann aß ganz wenig von allem. Dann
sagte er zu seiner Liesei, zu seiner Tochter und zu seiner Mutter:
"Liesel, um vier Uhr gehe ich heim.
Sei klug und gib für das Begräbnis nicht so viel aus. Feiert kein Totenmahl wie
üblich, sondern bleibt still für euch."
Liesel wehrte ab:
"Hermann, dir geht es doch wieder besser, rede jetzt nicht vom
Sterben!"
"Nicht vom Sterben,
Liesel", widersprach er, "sondern vom neuen Leben rede ich, welches
mir durchs Sterben geschenkt wird. Bitte, laßt mich allein, ich werde
müde."
So schlief er ruhig eine
Stunde. Die Lieben wichen nicht von seinem Lager. Dann wurde er wieder wach,
sah sich um und sagte zu ihnen:
"Nun wird es ernst. Vater ist mit
Paul gekommen, um mich abzuholen. Liesei, jetzt ist auch der Heiland da, er
steht dort am Fußende meines Bettes. Vater und Paul stehen hier, aber der
Heiland sieht nur dich an, meine Liesel"
Hermann sprach nun im
Flüsterton weiter, er unterhielt sich mit seinem Vater, verstehen konnte man
ihn nicht. So ging es lange, lange Minuten. Dann richtete er das Wort wieder an
seine Familie: "Jetzt kommt ein ernster Engel mit einem Schwert. Vater und
Paul lassen euch sagen: ,Ihr Lieben alle, bleibt im rechten Frieden!' Und ich
bitte euch: Bleibt verbunden in der Liebe Jesu, die mich jetzt ruft."
Immer schwächer wurde
sein Atem. Wie ein Licht, das kein Öl mehr hat, schlief er ein, ohne nur einen
Laut von sich zu geben. Wie ein Verklärter lag er da.
Am Abend kamen die
Freunde von Liesel aus der Landeskirchlichen Gemeinschaft, um einen
Trauergottesdienst zu halten. Liesel war ja eine treue Anhängerin. Aber Liesel
wehrte ab.
"Es ist nicht nötig,
für Hermanns Seelenheil zu beten. Denn wer so stirbt wie mein Hermann, kann
kein Verlorener sein, wie ihr mir immer gesagt habt, nur weil er Spiritist und
Lorber-Anhänger war. Nun bereue ich es, meinem Hermann nicht schon früher
gefolgt zu sein. Er war der beste Mann, den mir Gott schenken konnte. Hermann
hat, als es zum Ende ging, noch seinen Heiland gesehen, er habe mich dauernd
angeschaut, eine volle Stunde lang. Seine letzten Worte werden in mir immer wie
eingebrannt sein. Sie lauteten: 'Bleibt verbunden in der Liebe Jesu, die mich
jetzt ruft!'"
Nachwort
Hier brechen die Erlebnisse und Berichte
ab.
Vieles wurde schriftlich festgehalten,
vieles ging verloren. Seltmann spricht ja davon. Aber auch das begrenzt
Vorhandene reicht aus, um sich ein wenig in die Lebendigkeit des "Hüben
und Drüben" hineinzuleben. Es ist Seltmanns Lebensgeschichte, es sind
seine Erfahrungen. Und trotzdem - in anderen Variationen könnten es die unseren sein.
Hier in unserem irdischen Leben erfahren
wir täglich ein lebendiges Geschehen - im
Materiellen. Wollten wir doch noch mehr auch von der Lebendigkeit des
Geistigen Kenntnis nehmen. Sie schließt sich naht/os an das irdische Geschehen
an, reiht sich dann weiter über "erdnahe" Gegebenheiten zu immer
feineren, geistigeren Situationen - vom Dunkel zum Licht, vom
Unvollkommenen hin zum Vollkommenen - Gott.
Es ist ein weiter beschwerlicher Weg. Je
bewußter wir auf diesen Entwicklungsweg einschwenken und je mehr wir
begreifen, daß wir als Mensch, aber auch als weiterlebendes Geistwesen, um
Hilfe ansuchen können, desto klarer können wir das Wichtige vom Unwichtigen
unterscheiden: Wer bin ich eigentlich? Was ist der Sinn meines Erdenaufenthalts?
Warum bin ich in diese Reduziertheit, in diese Wissensbeschränktheit
hineingeboren? Sollte ich nicht gerade dadurch meine Reife, meinen
Entwicklungsstand überprüfen und mich neu bewähren? Kann ich die Erde als
Schulungsort verstehen, wo jede
Gegebenheit ihren Sinn hat als Hilfe auf diesem Entwicklungsweg und mir zum
wirklichen Weiterkommen dienen könnte? Wie weit begreife ich, was es bedeutet:
"Trachte zuerst nach dem Reiche Gottes m." oder. "Du sollst Gott über
alles lieben und deinen Nächsten wie dich selbst!" Habe ich diese Aussagen so durchdacht, daß ich sie in meinem
Alltag in die Praxis umsetzen kann? Was werden die "Früchte meines
Lebens" sein, auf die es später ankommen wird, wenn ich
dereinst die irdischen Augen schließe? Bin ich mir bewußt, ein Kind des Geistes
zu sein, mit einem irdischen Körper bekleidet, den ich einmal. ablegen werde,
um in der geistigen Welt weiterzuleben?
In dem Buch" Arno" hat Seltmann
auf alle diese Fragen aus seiner Sicht Antworten eingeflochten. Im Rahmen einer
spannenden Handlung leuchten die erweiterten Gesetzmäßigkeiten, denen jeder
Mensch unterworfen ist, auf. Sollten wir nicht schon heute versuchen, Bürger
beider Welten - der sichtbaren und der unsichtbaren - zu werden?!
Diese „erlebte geistige Wirklichkeit"
ist es, die Seltmann nicht müde wird, .seinen Lesern zu beschreiben und zu
erklären - aus seiner Sicht und mit der Aufforderung an jeden, sich zu fragen:
'Was hat mein jetziges Denken und Tun für Konsequenzen im Hier und im Drüben?“
Zum Abschluß lassen wir Seltmann noch einmal selbst zu
Worte kommen.
Am 12. Februar 1995 hatte ich Gelegenheit,
ihm über unser ungenanntes Medium, Frau H. - über das er seinerzeit mit mir in
Kontakt gekommen war - einige Fragen zu stellen. Er schilderte uns daraufhin,
wie er sein eigenes Hinübergehen erlebt hatte:
"Die letzten Wochen meines Lebens waren für mich nicht
leicht; denn ich hatte meine Sprache verloren. Und, wie ihr vielleicht schon
erfahren habt: ich habe gerne geredet Es war für mich eine große Übung der
Geduld, die mir manchmal zu Lebzeiten auch etwas gefehlt hat Aber dann, als die
Stunde kam, da ich hinüber durfte, erfüllte ein helles Licht den Raum. Ich sah
meine liebe Suse, meine Frau, wie sie strahlend im Lichtgewand vor mir stand.
Sie kam, um mich abzuholen. Auch Jesus durfte ich erblicken, wie er mir seine
Hände entgegenstreckte.
In der jenseitigen Welt bedurfte ich noch
der Ruhe und der Sammlung. Und meine liebe Suse .hat sich meiner angenommen.
Dann, zu einem viel späteren Zeitpunkt, durfte ich alle anderen begrüßen. Doch
ich will hier nicht zu viel darüber erzählen, weil es mit diesem Buch, das ihr
herausgeben wollt, wenig zu tun hat"
Auf die Frage, wie er heute zu der
Vorstellungswelt von Jakob Lorber steht:
"Ich stehe dazu heute nicht anders
wie damals zu Lebzeiten. Diese Offenbarungen waren alle sehr wegweisend für
mein ganzes leben. Und auch ich durfte ja dann Botschaften empfangen. Ich habe
sie aufgeschrieben und konnte sie durch innere Hellsicht ganz miterleben und
wahrnehmen."
Die letzte Frage ging danach, wie Seltmann heute die
Wirklichkeit der "traumartigen Erlebnisse“ beurteilt, die im letzten
Kapitel wiedergegeben sind:
"Es waren keine Träume im üblichen
Sinne, sondern seelische Erlebnisse. Es war meine Seele, die in den so
genannten Astralbereichen das Wort des Herrn verkündigt hat, denn ich durfte ja
auch sonst neben meinem irdischen Dasein gleichzeitig in der jenseitigen Welt
wirken. Und auch Jesus durfte ich in seiner Lebendigkeit erleben, damals und
auch heute immer wieder. Ihr wißt doch, daß Seele, Geist und leib voneinander
unabhängig sind [und sich
voneinander lösen können]. Aber
dieses war mir meistens nur in den Nachtstunden, wenn der Körper ruhte, voll
bewußt" -….
Er schloß mit den Worten:
"Seid eingehüllt in die
göttliche Liebe und Gnade!"
DONATA
Schriftenreihe mit inspiriert empfangenen
Texten
und Berichten über spirituelle Erfahrungen
Herausgegeben von Gertrud Emde
DO-1
Gertrud Emde (Text), Carla Schröfl (Federzeichnungen):
Ein
Kindertageslauf (1991)
DO-2
Max Seltmann:
Erlebte geistige Welt. Ein Sensitiver erzählt seine Lebensgeschichte (1998)
DO-3
Max Seltmann: Arno
DO-4
Gertrud Emde:
Christliches Heilen (Vortrag, 1996)
Erschienen im G. Emde Verlag, Pittenhart
Tonkassetten mit Vorträgen von Gertrud
Emde
GT-1 GT-2 GT-3 GT-4 GT-5* GT-6
GT -
.1
Geistiges Heilen - ein christlicher Auftrag (Heiligkreuztal 1985)
GT –
2
Geistheilung durch jenseitige Helfer (Bad Ischl 1986)
GT –
3 Geistiges
Heilen - Spiritualität im Alltag (Heiligkreuztal 1986)
GT –
4 Drei
Meditationen (Heiligkreuztal/Ottobrunn 1986)
GT –
5* Geistiges Heilen
(Marburg 1986)
GT –
6
Geistiges Heilen - Chancen, Grenzen und Gefahren (Regensburg 1987)
GT - 7
Wanderungen
und Sichten in geistigen Bereichen (München 1987)
GT - 8*
Geistheilen und
Aura (Wien 1988)
GT - 9
Unsere
unsichtbaren Begleiter - Hilfen und Gefahren (Landau
1988)
GT-10
Heil
werden und Heil bringen - in anderen Kulturen und bei uns
(Heiligkreuztal
1988)
GT-11*
Das Leben danach -
aus der Sicht einer Sensitiven (Augsburg 1990)
GT-12*
Das Leben danach -
aus der Sicht einer Sensitiven (Bonn 1990)
GT-13
Spirituelle
Lebenshilfe. Wie können wir geistiges Heilen verstehen und anwenden?
(Bern/Schweiz
1990)
GT-14*
Spirituelle
Lebenshilfe. Wie können wir geistiges Heilen verstehen und anwenden?
(Baden-Baden 1991)
GT-15*
Spirituelle
Lebensberatung (Bad Herrenalb 1991)
GT-16*
Engel - unsere
Begleiter und Heiler (Stuttgart 1991)
GT-17
Geistiges
Heilen (Heilbronn 1991)
GT-18*
Bei Daskalos auf
Cypern - eine Reise ins Verstehen (München 1992)
GT-19*
Das geistige Umfeld
des Menschen (Hochreute 1992)
GT-20*
Geistiges Heilen
als Ergänzung zur Schulmedizin (München 1994)
GT-21
Sterben, Tod, Leben danach (Augsburg 1994)
GT-23*
Christliche Gesundheitsvorsorge (Augsburg 1996)
VT-73*
Begegnungen mit Engeln und Naturwesen / mit Erlebnisberichten
Von Tagungsteilnehmern
(Wies/Steingaden),
VT-123*
Medialität und Verantwortung -
Über den Umgang mit der eigenen Sensitivität
(Freising 1995)
Die mit * markierten Titel umfassen zwei Kassetten
Erschienen im G. Emde Verlag, Pittenhart