SADHU SUNDAR
SINGH
GESAMMELTE
SCHRIFTEN
Übersetzt und
erläutert
von Friso
Melzer
8., verbesserte
Auflage
Evang.
Missionsverlag GmbH Stuttgart
VERLAGSGEMEINSCHAFT
WELTMISSION
Dieses Buch
erscheint im Rahmen der
„Verlagsgemeinschaft
Weltmission". Zu ihr gehören
Evang.
Missionsverlag, Stuttgart
Freimund-Verlag,
Neuendettelsau
Verlag der
Ev.-Luth. Mission, Erlangen
ISBN 3 7714
0169 o
1972
8., verbesserte
Auflage. © by Evang. Missionsverlag GmbH, Stuttgart Herstellung: J. F.
Steinkopf, Stuttgart
Vorwort des
Übersetzers
...........................................................................
7
1. Schrift
Zu des
Meisters Füßen .............................................................................. 9
2. Schrift
Wirklichkeit
und Religion
Innerungen über
Gott, Mensch und Natur ................................................. 69
3. Schrift
Das Suchen
nach der Wirklichkeit
Gedanken über
Hinduismus, Buddhismus, Islam und Christentum ...... 109
4. Schrift
Betrachtungen
über verschiedene Seiten
des
geistlichen Lebens ............................................................................... 167
5. Schrift
Gesichte der
Geisteswelt
Eine kurze
Beschreibung des Geisteslebens, seiner
verschiedenen
Seinszustände und des Schicksals guter und
böser Menschen,
wie es in Gesichten geschaut wurde .............................. 207
6. Schrift
Mit und ohne Christus
Vorfälle aus
dem Leben von Christen und Nichtchristen, die den Unterschied zeigen zwischen
einem Leben mit Christus und einem Leben ohne Christus ........ 245
Erläuterungen
............................................................................................ 318
Anhang
1. Die indische
Eigenart der ersten Schrift
................................................... 335
2. Zum
Verständnis der fünften Schrift .
...................................................... 340
3. Zur
Textgeschichte
................................................................................... 344
4. Schrifttum
über Sadhu Sundar Singh
....................................................... 349
5. Zukünftige
Aufgaben
................................................................................. 350
VORWORT DES
ÜBERSETZERS zur siebenten Auflage
Der indische
Christus-Zeuge Sadhu Sundar Singh (1889 bis 1929) ist durch seine Schriften in
der ganzen Christenheit bekannt geworden. Seine nicht-christliche Jugend sowie
seine Berufung durch eine Christus-Erscheinung hat er in der letzten der hier
vorgelegten Schriften selbst geschildert. Als Wandermönch durch Indien ziehend,
aber auch auf seinen Reisen im Ausland, bis nach Europa hin, hat er als
Herzstück seiner Botschaft Christus verkündigt. In Europa wurden seine
Ansprachen mitgeschrieben und gedruckt. Diese Hefte enthalten aber nichts
anderes, als was die vorliegenden Schriften geben. Deshalb sind sie hier außer
Betracht geblieben.
Über das Ende des Sadhu ist nichts Gewisses bekannt. Er hatte
sich, trotz schwacher Gesundheit, nochmals in die tibetischen Berge auf den Weg
gemacht. Ob er Märtyrer geworden, ob er verunglückt oder an Krankheit gestorben
ist, das kann niemand sagen.
Die vorliegende Ausgabe bringt dieselben sechs Schriften wie die
bisherigen Auflagen. Doch die Erläuterungen sind erheblich vermehrt worden. Im
Anhang sind Darlegungen über die Textgeschichte sowie über die
Sundar-Singh-Literatur hinzugekommen. Damit meinen wir, so etwas wie eine
abschließende Gedenk-Ausgabe zu geben. Wie die Arbeit weitergehen könnte, davon
spricht das letzte Stück des Anhangs.
Februar 1969
Friso Melzer Dr.
phil. Dr. theol.
Zur achten Auflage
Außer der Verbesserung in Anmerkung 152 geht die Auflage unverändert
hinaus.
September 1972 F. M. ±. SCHRIFT
Zu des Meisters Füßen
Jesus spricht:
„Ihr heißet Mich Meister und Herr und saget recht daran, denn Ich
bin es auch" (Joh. 13,13).
„Nehmet auf euch Mein Joch und lernet
von Mir . . so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen" [Matth. 11, 29).
In der Welt ist nichts so vollkommen,
daß daran nichts mehr auszusetzen wäre. Selbst die Sonne, die uns Licht und Wärme spendet, ist nicht von
Flecken frei. Doch trotz dieser Mängel erfüllt sie regelmäßig ihre Pflicht. So
geziemt es auch uns, daß wir gleicherweise nach bestem Vermögen tun, was uns
aufgetragen ist, und beständig danach streben, daß unser Leben fruchtbar werde.
Als die
Wahrheiten, die ich in dieser Schrift mitteile, mir vom Meister offenbart
wurden, wirkten sie tief auf mein Leben. Einige von ihnen habe ich schon in
meinen Predigten und Ansprachen in Europa, Amerika, Afrika, Australien und
Asien verwendet. Auf die Bitte vieler Freunde habe ich sie nun in diesem
kleinen Büchlein gesammelt. Und obgleich es möglich ist, daß diese Mitteilungen
Mängel haben, so bin ich doch gewiß: wer sie unter Gebet und ohne Vorurteil
liest, wird gleich mir aus ihnen Nutzen ziehen.
Es wäre mir unmöglich, diese Wahrheiten, die mir offenbart worden
sind, weiterzugeben, wenn ich nicht in Gleichnissen1 sprechen
dürfte. Aber dadurch, daß ich Gleichnisse verwende, ist meine Aufgabe
verhältnismäßig leicht geworden.
Wie Gott durch Seine Gnade und
Barmherzigkeit mich durch diese Wahrheiten gesegnet hat, so möchten sie auch
jedem Leser zum Segen gereichen. Das ist mein Gebet.
Euer demütiger Diener
Am 30. Juni 1922
Sundar Singh
10
Einst ging ich in dunkler Nacht allein in den Wald, um zu beten.
Ich setzte mich auf einen Felsen, legte meine tiefen Nöte Gott hin und bat Ihn
um Hilfe. Nach kurzer Zeit sah ich einen ärmlichen Mann auf mich zukommen und
dachte, er wolle mich um eine Unterstützung bitten, denn ihn hungerte und
fror. Ich sagte zu ihm: „Ich bin selber arm und habe nichts als diese Decke. Du
tätest besser, in das nahe Dorf zu gehen und dort um Hilfe zu bitten." Und
siehe, während ich noch sprach, leuchtete er auf wie ein Blitz, überschüttete
mich mit seinem Segen und verschwand sofort. Aber ach! mir wurde klar: das war
mein geliebter Meister, und Er war nicht gekommen, damit Er von einem armen
Geschöpf gleich mir etwas erbäte, sondern damit Er mich segne und reich mache
(2. Kor. 8, 9). Mir aber blieb nichts weiter übrig als zu weinen und zu
wehklagen, daß ich so töricht und blind gewesen.
ZWEITES GESICHT
An einem anderen Tag, als meine Arbeit beendet war, ging ich
wieder in den Wald, um zu beten. Ich setzte mich auf denselben Felsen und fing
an nachzudenken, um welche Segensgaben ich bitten sollte. Während ich noch so
versunken dasaß, war es mir so, als ob ein anderer käme und nahe bei mir
stünde: nach seiner Haltung, Kleidung und Redeweise zu urteilen, schien er ein
frommer Diener Gottes zu sein; aber seine Augen glitzerten vor List und
Gerissenheit, und als er sprach, schien von ihm ein Geruch der Hölle
auszugehen.
Er redete mich so an: „Heiliger und Geehrter, verzeih, daß ich
deine Gebete unterbreche und in deine Zurückgezogenheit eindringe; aber es ist
unsere Pflicht, daß wir einander fördern, und
11
so bin ich gekommen, weil ich dir eine wichtige Sache vorlegen
will. Dein reines und selbstloses Leben hat nicht nur auf mich, sondern auf
eine große Anzahl Frommer einen tiefen Eindruck gemacht. Aber obgleich du im
Namen Gottes Leib und Seele für andere geopfert hast, bist du doch niemals
recht gewürdigt worden. Dies ist meine Meinung: Da du Christ bist, so sind nur
ein paar tausend Christen unter deinen Einfluß gekommen, und darunter
mißtrauen dir einige sogar. Wieviel besser würde es sein, wenn du Hindu oder
Mohammedaner und dadurch ein großer Führer würdest! Die suchen solch ein
geistiges Haupt. Wenn du diesen meinen Vorschlag annimmst, dann werden dir
dreihundertzehn Millionen Hindus und Mohammedaner nachfolgen und dir
verehrungsvoll huldigen."
Kaum hörte ich das, als auch schon diese Worte von meinen Lippen
fielen: „Du Satan! Weiche von mir. Ich erkannte sofort, du bist ein Wolf in
Schafskleidung! Dein einziger Wunsch ist, ich solle das Kreuz und den engen
Weg, der zum Leben führt, aufgeben und den breiten Weg des Todes wählen. Aber
mein Meister selbst ist mein Ein und Alles. Er hat Sein Leben für mich
dahingegeben. Und mir geziemt es, daß ich mein Leben und alles, was ich habe,
Ihm, der mein Ein und Alles ist, zum Opfer bringe. Deshalb hebe dich von
dannen, denn mit dir habe ich nichts zu schaffen!"
Als er das hörte, ging er voller Wut knurrend und murrend davon.
Und ich, in Tränen, strömte meine Seele zu Gott aus im Gebet: „Mein Herr Gott,
mein Ein und Alles, Leben meines Lebens und Geist meines Geistes, blicke in
Gnaden auf mich hernieder und erfülle mich so mit Deinem Heiligen Geist, daß
mein Herz nur noch Dich allein lieben kann. Ich erflehe von Dir keine andere
Gabe als Dich allein, der Du das Leben und alle seine Segnungen verleihst. Ich
bitte Dich nicht um die Welt oder ihre Schätze, nicht einmal um den Himmel
bitte ich, sondern mich verlangt allein nach Dir, denn wo Du bist, da ist der
Himmel. Du allein kannst Hunger und Durst meines Herzens stillen, denn Du hast
es geschaffen. O mein Schöpfer! Du hast mein Herz für keinen
12
anderen geschaffen als für Dich allein; deshalb kann dieses mein
Herz seine Ruhe nur in Dir allein finden, in Dir, der Du es geschaffen und ihm
dieses Verlangen nach Ruhe eingepflanzt hast. So nimm denn aus meinem Herzen
alles fort, was Dir widerstrebt; tritt ein und bleibe und regiere für immer.
Amen."
Als ich von diesem Gebet aufstand, sah ich ein leuchtendes Wesen
vor mir stehen, in Licht und Schönheit gekleidet. Er2 sprach kein
Wort. Und weil meine Augen voller Tränen waren, sah ich Ihn nicht ganz
deutlich. Dennoch entströmten Ihm Blitzgleiche Strahlen Leben schenkender
Liebe mit solcher Kraft, daß sie bis in meine Seele drangen und sie durchfluteten.
Sogleich wusste ich, mein lieber Heiland stand vor mir. Ich sprang sofort von
dem Felsen, wo ich gesessen, auf und fiel Ihm zu Füßen. In Seiner Hand hielt Er
den Schlüssel meines Herzens. Er öffnete die innere Kammer meines Herzens mit
dem Schlüssel Seiner Liebe und erfüllte sie mit Seiner Gegenwart. Und wo immer
ich hinblickte, nach innen oder außen, überall sah ich nur Ihn.
Da erkannte ich: des Menschen Herz ist
Gottes Thron und Schloß, und wenn Er eintritt, um dort zu bleiben, dann beginnt
der Himmel. In diesen wenigen Sekunden erfüllte Er mein Herz so sehr und sprach
so wundervolle Worte, daß, selbst wenn ich viele Bücher schriebe, ich gar nicht
alles erzählen könnte. Denn diese himmlischen Dinge können nur in himmlischer
Sprache erklärt werden; irdische Zungen genügen dazu nicht. Dennoch will ich
mich bemühen, ein paar dieser himmlischen Dinge, die auf dem Weg der inneren
Schau vom Meister zu mir kamen, niederzuschreiben. Auf den Felsen, wo ich
vorher saß, setzte Er sich selbst und ich zu Seinen Füßen — so begann das
Gespräch zwischen Meister und Jünger, das hier folgt.
13
1. Kapitel
1.
Der Jünger:
O Meister, Quelle des Lebens! Warum verbirgst Du Dich vor denen,
die Dich anbeten, und erfreust nicht die Augen derer, die danach verlangen,
Dich zu schauen?
Der Meister:
1. Mein
liebes Kind, wahre Glückseligkeit kommt nicht durch die Augen des Leibes,
sondern durch Geistes-Schau; dazu braucht man das Herz. Tausende erblickten
Mich in Palästina, aber dadurch wurden sie nicht glückselig. Sterbliche Augen
können nur Sterbliches sehen; denn die Augen des Fleisches können den unsterblichen
Gott und Geisteswesen nicht sehen. So kannst du selber z. B. deinen eigenen
Geist nicht sehen; wie könntest du da deinen Schöpfer erblicken? Aber wenn die
Geistes-Augen aufgetan sind, dann kannst du Ihn, der Geist ist (Joh. 4, 24),
wirklich sehen. Und was du jetzt von Mir siehst, das nimmst du nicht mit
fleischlichen, sondern mit geistlichen Augen wahr.
Und dann fragst du Mich, ob die Geistes-Augen all der Tausende,
die Mich in Palästina sahen, geöffnet gewesen seien, oder ob Ich selber
sterblich geworden sei. Die Antwort lautet: Nein! Ich nahm einen sterblichen
Leib an, damit Ich in ihm ein Lösegeld geben könne für die Sünden der Welt.
Und als das Werk der Erlösung für die Sünder vollendet war (Joh. 19,30),
verklärte das Unsterbliche das, was sterblich war, in Herrlichkeit. Deshalb
konnten Mich nach der Auferstehung nur die sehen, die Geistes-Augen empfangen
hatten (Apg. 10,40—41).
2. Viele Menschen in dieser Welt haben Kenntnis über Mich, aber
Mich selber kennen sie nicht. Das kommt daher, daß sie
14
keine persönliche Verbindung mit Mir haben. Deshalb haben sie
keine wahre Erkenntnis von Mir und kein Vertrauen zu Mir, noch nehmen sie Mich
als ihren Herrn und Heiland an.
Das ist gerade so, als ob wir mit
einem Blindgeborenen über verschiedene Farben sprächen, über Rot, Blau und
Gelb: er würde von ihrem Reiz und ihrer Schönheit völlig unberührt bleiben, sie
würden wertlos sein für ihn, denn er würde nur Kenntnis über sie haben
und nur ihre verschiedenen Namen wissen. Doch wahre Erkenntnis der Farben kann er nur gewinnen, wenn
seine Augen aufgetan werden. Genau so steht es mit dem Menschen, dessen
Geistes-Augen noch geschlossen sind: wie gelehrt er auch sein mag, er kann
weder Mich erkennen, noch Meine Herrlichkeit schauen, und er kann erst recht
nicht verstehen, daß Ich Gott im Fleische bin.
3. Es gibt viele Gläubige, die spüren in ihrem Herzen, wie Meine
Gegenwart ihnen Geistes-Leben und Frieden schenkt, aber sie können Mich nicht
deutlich sehen. Ihnen geht es wie dem Auge: es kann viele Dinge sehen; doch
wenn jemand eine bestimmte Medizin hineinträufelt, dann sieht das Auge sie
nicht — aber es fühlt, wie die Medizin wirkt, wie sie das innere Auge reinigt
und die Sehkraft stärkt.
4. Die wahrhaft Gläubigen können den wahren Frieden, den Meine
Gegenwart in ihren Herzen schafft, nicht sehen, doch sie fühlen seine Macht und
werden darin glückselig. Sie können aber auch die Glückseligkeit des Gemüts
oder Herzens, durch die sie den Frieden Meiner Gegenwart erleben, nicht sehen.
Es geht ihnen wie der Zunge mit den Süßigkeiten: der Geschmack, der in der
Zunge wohnt, und die Süße, die er wahrnimmt, sind beide unsichtbar. Gleicherweise
gebe auch Ich Meinen Kindern Leben und Freude durch das verborgene Manna, das
die Welt mit all ihrer Weisheit weder kennt noch kennen kann (Offenbarung 2,
7).
5. Gelegentlich wird während einer Krankheit der Geschmack in der
Zunge gestört, und, wie schmackhaft das Essen auch sein mag, in dieser Zeit
schmeckt es dem Kranken nicht. In gleicher
15
Weise stört die Sünde den Geschmack für Geistes-Dinge. Unter
solchen Umständen ziehen Mein Wort und Dienst und Meine Gegenwart den Sünder
nicht mehr an, und anstatt sich beschenken zu lassen, fängt er an zu streiten
und sie zu bekritteln.
6. Viele Gläubige wieder gleichen dem Blindgeborenen, als er sein
Augenlicht erhielt: sie sehen Jesus3 zwar als Propheten und
Menschensohn, aber sie erkennen Ihn noch nicht als den Christus und Gottessohn
(Joh. 9, 17 und 35—37)- Das geschieht erst, wenn Ich Mich ihnen zum zweiten Mal
in Vollmacht offenbare.
7. Eine Mutter verbarg sich einmal in einem Garten unter dichtem
Buschwerk. Ihr Söhnchen lief schreiend umher und suchte sie. Es rannte durch
den ganzen Garten, konnte sie jedoch nicht finden. Ein Diener sagte zu ihm:
„Söhnchen, schrei doch nicht! Sieh die Mangos 4 auf diesem Baum und
all die hübschen Blumen im Garten. Komm, ich will dir ein paar holen."
Aber das Kind schrie: „Nein, nein! Ich will nur meine Mutter haben. Was sie mir
zu essen gibt, ist besser als alle Mangos, und ihre Liebe ist schöner als all
diese Blumen, und du weißt doch, dieser ganze Garten gehört mir; denn alles,
was meiner Mutter gehört, das gehört auch mir. Nein! Ich will meine Mutter
haben!" Als die Mutter in ihrem Versteck das hörte, stürzte sie hervor,
drückte das Kind an ihre Brust und erstickte es fast mit Küssen. Da wurde der
Garten dem Kinde zum Paradies. Ebenso ergeht es Meinen Kindern in dem großen
Garten dieser Welt: er ist voll bezaubernder und schöner Dinge, aber wahre
Freude finden sie nur in Mir. Ich bin ihr Immanuel, bin immer bei ihnen und tue
Mich ihnen kund (Joh. 14, 21).
8. Der Schwamm liegt im Wasser, und das Wasser erfüllt den Schwamm;
aber das Wasser ist nicht der Schwamm, und der Schwamm ist nicht das Wasser,
sondern sie bleiben für immer verschiedene Dinge: ebenso bleiben Meine Kinder
in Mir und Ich in ihnen. Dies ist kein Pantheismus5, sondern die
Königsherrschaft Gottes, und sie wird aufgerichtet in den Herzen derer, die in
dieser Welt bleiben. Wie das Wasser im Schwamm, so bin Ich
16
an jedem Ort und in jedem Ding, aber sie sind nicht Ich (Luk. 17,
21).
9. Nimm ein Stück Holzkohle: wie sehr
du es auch waschen magst, seine Schwärze wird nicht vergehen; aber lege es ins
Feuer, und seine schwarze Farbe verschwindet. Etwas ganz Ähnliches geschieht, wenn der Sünder den
Heiligen Geist empfängt (dieser geht vom Vater aus und von Mir, denn der Vater
und Ich sind Eines): wenn diese Feuertaufe geschieht, dann wird alle
Sündenschwärze vertrieben, und er wird der Welt zum Licht (Matth. 3, 11; 5,
14). Wie das Feuer die Holzkohle durchglüht, so bleibe Ich in Meinen Kindern
und sie in Mir, und durch sie offenbare Ich Mich der Welt.
II
Der Jünger:
Meister, wenn Du Dich der Welt auf besondere Weise offenbaren
wolltest, dann würden die Menschen nicht länger an Gott und an Deiner eigenen
Göttlichkeit zweifeln, sondern alle würden glauben und den Weg der
Gerechtigkeit beschreiten.
Der Meister:
1. Mein Sohn, Ich kenne den inneren Zustand eines jeden Menschen
genau, und Ich offenbare Mich einem jeden Herzen nach seinen Nöten. Es gibt
kein besseres Mittel, den Menschen auf den Weg der Gerechtigkeit zu bringen,
als daß Ich Mich selbst offenbare. So wurde Ich um des Menschen willen Mensch,
damit er erkennen möchte: Gott ist nicht ein Furchtbarer und Fremder, sondern
voller Liebe und ihm [dem Menschen] ähnlich, denn er [der Mensch] ist Ihm
[Gott] ähnlich und nach Seinem Bilde geschaffen.
Der Mensch hat zwar das natürliche Verlangen, daß er Den sehen
möchte, an Den er glaubt und Den er liebt. Aber kein Mensch kann den Vater
sehen, denn Er ist Seinem Wesen nach unbegreifbar; wer haben. Der Mensch ist
ein begreifbares Geschöpf, und deshalb kann er Gott nicht sehen. Nun aber ist
Gott die Liebe und hat dem Menschen dieselbe Liebeskraft gegeben. Deshalb hat
Er, damit jenes Verlangen nach Liebe gestillt werde, eine Seinsweise
angenommen, die der Mensch verstehen kann. So wurde Er Mensch, und Seine Kinder
mit allen heiligen Engeln können Ihn nun sehen und sich Seiner freuen (Kol. 1,
15; 2, 9). Deshalb sagte Ich: wer Mich gesehen hat, der hat den Vater gesehen
(Joh. 14, 9—10). Und, obgleich Ich in Menschengestalt der Sohn heiße, bin Ich
doch der ewige Vater (Jes. 9, 6).
2. Ich und der Vater und der Heilige Geist sind Eins. Wie in der
Sonne beides ist — Hitze und Licht, aber das Licht ist nicht die Hitze, und die
Hitze ist nicht das Licht, und dennoch sind beide eins, obgleich sie sich in
verschiedener Gestalt kundtun: so gehen Ich und der Heilige Geist vom Vater aus
und bringen der Welt Licht und Wärme. Der Geist tauft mit Feuer, verbrennt in
den Herzen der Gläubigen jegliche Sünde und Ungerechtigkeit und macht sie rein
und heilig. Ich bin das wahre Licht (Joh. 1, 9; 8, 12) und vertreibe alle
finsteren und bösen Süchte. Ich führe die Gläubigen auf den rechten Weg und
bringe sie schließlich in ihre ewige Heimat. Dennoch sind Wir nicht Drei,
sondern Eins 6, wie ja auch die Sonne nur eine ist.
3. Was Gott dem Menschen an Werten, Kräften und Fähigkeiten
verliehen hat, das muß er zur Tat werden lassen, sonst verkümmert es allmählich
und stirbt schließlich ab. Ebenso geht es mit dem Glauben: wenn er sich nicht
auf den lebendigen Gott richtet, dann wird er durch die Sünde erschüttert und
in Zweifel verwandelt. Man kann oftmals hören: „Ich würde gern glauben, wenn
sich mir nur dieser oder jener Zweifel lösen wollte." Wer so spricht, der
gleicht einem Manne, der mit einem Knochenbruch zum Arzt kommt und ihn bittet,
er möchte ihn zuerst von den Schmerzen befreien und dann erst den gebrochenen
Knochen behandeln. Das ist natürlich Torheit, denn der Schmerz kommt vom Bruch,
und wenn dieser geheilt ist, dann geht der Schmerz von selber fort. So ist
durch die Tat der Sünde die Verbindung
18
des Menschen mit Gott zerbrochen, und Zweifel, diese Schmerzen des
Geistes, sind entstanden. Was deshalb zuerst nottut, ist, daß die Gemeinschaft
mit Gott wieder erneuert wird; dann werden alle jene Zweifel, z. B. ob
Ich göttlich und ob Gott überhaupt da sei, von selbst wieder verschwinden; dann
weichen die Schmerzen dem wundervollen Frieden, den die Welt weder geben noch
nehmen kann. Dazu wurde Ich Fleisch, damit zwischen Gott und den armen
zerbrochenen Menschen wieder Gemeinschaft werde, und damit sie auf ewig möchten
im Himmel mit Ihm selig sein.
4. Gott ist Liebe und hat die Kraft zu lieben in jedes lebendige
Geschöpf hineingelegt, vor allem aber in den Menschen. Es ist deshalb nur recht
und billig, daß der große Liebende, der uns Leben, Vernunft und Liebe gegeben
hat, wiederum von uns Liebe erfährt. Sein Verlangen geht dahin, daß alle, die
Er geschaffen hat, geliebt werden. Wenn wir diese Liebe nicht richtig gebrauchen,
und wenn wir Ihn, der uns mit Liebe ausgestattet hat, nicht von ganzem Herzen,
mit ganzer Seele, mit ganzem Gemüt und aller Kraft lieben, dann stürzt jene
Liebe aus ihrer Höhe herab und wird zur Selbstsucht. Daraus erwächst für uns
wie für die anderen Geschöpfe Gottes nichts als Unheil. Jeder selbstsüchtige
Mensch wird — seltsam genug — zum Selbstmörder.
Ferner habe Ich gesagt: „Liebe deinen Nächsten wie dich
selbst." Obgleich nun jeder Mensch in gewissem Sinne einem ändern der
Nächste ist, so wendet sich dieses Wort vor allem an die Menschen, die für
gewöhnlich nahe beieinander wohnen. Es ist leicht, mit jemandem im Frieden
auszukommen, der nur für ein paar Tage bei uns weilt, selbst wenn er ein
unfreundlicher Mensch ist; aber es ist sehr schwer, einen Menschen zu ertragen
und wie sich selbst zu lieben, der in unserer Nähe wohnt und uns Tag für Tag
Mühe macht. Doch wenn wir in diesem schweren Kampf gesiegt haben, wird es uns
leichter werden, auch alle anderen zu lieben wie uns selbst.
Wenn ein Mensch Gott liebt von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und
ganzer Seele und seinen Nächsten wie sich selbst,
19
dann hat er keinen Raum mehr für Zweifel; vielmehr wird in ihm
jene Königsherrschaft Gottes aufgerichtet, die kein Ende hat. Und er selber
wird im Feuer der Liebe geschmolzen, umgegossen und in das Bild seines
himmlischen Vaters umgestaltet, der ihn ursprünglich nach Seinem eigenen Bilde
erschaffen hatte.
5. Ich offenbare Mich auch allen, die Mich mit aufrichtigem Herzen
suchen, durch Mein Wort (die Bibel). Wie Ich zur Erlösung der Menschen Selber
Mensch wurde, so ist auch Mein Wort, das Geist und Leben ist (Joh. 6, 63), in
menschlicher Sprache geschrieben: in ihm ist Göttliches und Menschliches miteinander
vereinigt. Aber genau so wie die Menschen Mich nicht verstehen, so verstehen
sie auch nicht Mein Wort. Wer es verstehen will, der braucht nicht Hebräisch
und Griechisch zu können; aber was er wirklich haben muß, das ist die
Gemeinschaft desselben Heiligen Geistes, aus dem die Propheten und Apostel
lebten und schrieben. Zweifellos ist die Sprache dieses Wortes geistlich, und
nur wer aus dem Geist geboren ist, kann sie ganz verstehen, mag er mit dem
kritischen Denken der Welt vertraut sein oder nur einem Kinde gleichen: er
versteht jene Geistessprache gut, denn sie ist seine Muttersprache. Aber denke
daran, daß die Menschen, deren Weisheit nur von dieser Welt ist, sie nicht
verstehen können, denn sie haben keinen Anteil am Heiligen Geist.
6. Ich offenbare Mich nach Meinem Wohlgefallen auch im Buch der
Natur7, denn dieses Buch habe Ich gleichfalls geschrieben. Doch
auch wer dieses Buch lesen will, braucht Geistes-Augen, damit er Mich finden
kann, sonst droht ihm die Gefahr, daß er, anstatt Mich zu finden, in die Irre
geht.
Ein Blinder gebraucht die Spitzen seiner Finger als Augen und
liest ein Buch nur durch Tasten; aber durch Tasten allein kann er sich über
seine Wahrheit kein wirkliches Urteil bilden. Das haben auch die Forschungen
der Zweifler bewiesen, denn anstatt der Vollkommenheit sehen sie nur Mängel.
Diese Kritiker sagen: „Wenn ein allmächtiger Schöpfer diese Welt geschaffen
hat, warum gibt es in ihr solche Mängel wie Orkane, Erdbeben, Fin-
20
sternisse, Schmerz, Leiden und Tod?" Diese Kritik ist töricht
und ähnelt der eines unwissenden Menschen, der ein unvollendetes Gebäude oder
Gemälde tadelt. Wenn er sie später vollendet sieht, so schämt er sich seiner
Torheit und muß am Ende ihr Lob singen. So hat auch Gott nicht an einem
einzigen Tage dieser Welt ihre gegenwärtige Gestalt gegeben, noch wird sie an
einem einzigen Tage vollendet werden. Die ganze Schöpfung bewegt sich der
Vollendung entgegen. Wenn der Mensch dieser Welt die vollkommene Welt, die
keine Fehler mehr hat, mit den Augen Gottes von ferne sehen könnte, dann würde
er sich vor Ihm lobpreisend beugen und sprechen: „Es ist alles sehr gut"
(1. Mose 1,31).
7. Der menschliche Geist weilt im Leibe ähnlich wie das kleine
Vöglein in der Schale. Wenn dem Vöglein in der Schale gesagt werden könnte, da
draußen gebe es eine weite Welt mit allerlei Früchten und Blumen, mit Flüssen
und großartigen Gebirgen, auch sei dort seine Mutter, und es würde das alles
selber sehen, wenn es nur erst von seiner Schale befreit worden wäre: so könnte
es das alles weder verstehen noch glauben. Selbst wenn jemand ihm sagte, es
könne mit seinem Gefieder und seinen Augen, die nun schon fertig seien zum
Gebrauch, fliegen und sehen: so könnte es das doch nicht glauben, noch gäbe es
irgendeinen Beweis, bis es selber der Schale entschlüpft.
Gleicherweise gibt es viele Menschen, die haben über das zukünftige
Leben und das Dasein Gottes keine Gewißheit, denn sie können nicht durch die
Schale ihres Leibes hindurchblicken. Ihre Gedanken, den zarten Flügeln des
jungen Vögleins gleich, können sie nicht über die engen Grenzen ihres Gehirns
hinaustragen. Ihre schwachen Augen können jene ewigen und unvergänglichen
Schätze nicht entdecken, die Gott denen bereitet hat, die Ihn lieben (Jes. 64,
4; 65,17). Wenn wir das ewige Leben erreichen wollen, so müssen wir eine
notwendige Bedingung erfüllen: Wie das kleine Vöglein im Ei von seiner Mutter
die Leben spendende Lebenswärme empfängt, so sollen wir, während wir noch im
Leibe leben, durch den Glauben vom Heiligen Geist die Lebens-
21
wärme empfangen, ohne die wir dem Tode verfallen und ewig
verlorengehen.
8. Wiederum sagen viele, das Ding oder Leben, das einen Anfang
hat, muß notwendigerweise auch ein Ende haben. Das ist aber nicht wahr. Denn
kann der Allmächtige, der nach Seinem Willen etwas aus Nichts zu erschaffen
vermag, nicht durch das Wort Seiner Macht dem, was Er geschaffen hat,
Unsterblichkeit verleihen? Wenn nicht, dann kann Er nicht der Allmächtige
heißen. Das Leben in dieser Welt erscheint dem Zerfall und der Zerstörung
preisgegeben, denn es ist dem unterworfen, das sich selber ändert und vergeht.
Wenn aber dieses Leben von diesen Einflüssen des Wechsels und Zerfalls befreit
und dem ewigen und unwandelbaren Gott unterstellt würde, der die Quelle des
ewigen Lebens ist, dann würde es dem Griff des Todes entrinnen und die Ewigkeit
erlangen.
Die an Mich glauben, denen gebe Ich „das ewige Leben, und sie werden
nimmermehr umkommen, und niemand wird sie Mir aus Meiner Hand reißen"
(Joh. 10, 28). Ich bin Gott der Herr, „Der da ist und Der da war und Der da
kommt, der Allmächtige" (Offbg. 1, 8).
2. Kapitel
SÜNDE UND ERLÖSUNG
Der Jünger:
Meister, fast jeder Mensch weiß: Gott nicht gehorchen und Ihn
nicht anbeten, ist Sünde, und der gegenwärtige Zustand der Welt zeigt, wie die
Sünde ins Verderben führt. Aber was die Sünde wirklich ist, das wissen wir
nicht genau. Wie konnte es
22
in der Gegenwart des Allmächtigen Gottes und in Seiner eigenen
Welt zur Empörung gegen Seinen Willen und damit zur Sünde kommen?
Der Meister:
1. Die Sünde besteht darin, daß der Mensch den Willen Gottes
verwirft und nach seinem eigenen Willen lebt; daß er das Wahre und Rechte verläßt
und seine eigenen Süchte befriedigt und meint, so gewinne er das Glück. Doch
wer so handelt, der erlangt weder wirkliches Glück noch wahre Freude. Die Sünde
hat kein Eigenleben, so daß niemand sagen kann, jemand habe sie erschaffen.
Sie bezeichnet vielmehr einen Zustand. Es ist nur ein Schöpfer, und Er
ist gut; und ein guter Schöpfer kann nichts Böses geschaffen haben, denn das
widerspräche Seinem Wesen. Neben dem einen Schöpfer gibt es keinen anderen, der
die Sünde geschaffen haben könnte. Der Satan kann nur verderben, was schon
geschaffen ist, hat aber nicht die Kraft, etwas zu schaffen. Somit gehört die
Sünde nicht zur Schöpfung und hat auch nicht das Dasein eines Geschöpfes. Sie
ist einfach ein Seinszustand der Täuschung und Zerstörung.
Das Licht zum Beispiel hat wirkliches Sein, aber die Finsternis
nicht. Sie ist vielmehr ein bloßer Zustand: die Abwesenheit des Lichts.
Gleicherweise ist die Sünde oder das Böse nichts in sich selber, sondern
bedeutet nur die Abwesenheit oder den Mangel des Guten. Dieser dunkle Zustand
des Bösen ist aber höchst furchtbar, denn dadurch verfehlen viele den rechten
Weg: sie erleiden an den Felsen des Satans Schiffbruch, fallen in die Finsternis
der Hölle und gehen verloren. Dazu wurde Ich, der Ich das Licht der Welt bin,
offenbar im Fleisch, damit die Menschen, die ihr Vertrauen auf Mich setzen,
nicht umkommen, denn Ich errette sie aus der Gewalt der Finsternis und bringe
sie sicher zu jenem ersehnten himmlischen Hafen, wo es weder Namen noch Zeichen
der Finsternis mehr gibt (Offbg. 21, 23; 22,5).
2. Du fragst, wie dieser dunkle Zustand
der Sünde in der Gegenwart des Herrn der Schöpfung entstehen konnte. Er
entstand, weil Satan und Menschen — aus eigenem Antrieb sowie auf
23
ungesetzliche und falsche Weise — nur ihren eigenen
Süchten zu folgen versuchten. Und wenn du fragst, warum Gott den Menschen
nicht so geschaffen habe, daß er nie in solch einen Zustand hätte fallen
können, so antworte Ich: Gott hätte ihn dann als Maschine erschaffen müssen;
aber dann könnte er auch niemals jenen Zustand des Glücks erreichen, zu dem nur
der gelangt, der gemäß seiner Selbstbestimmung handelt. Adam und Eva verfielen
den Tücken und Täuschungen des Satans, denn in ihrem sündlosen Zustande wußten
sie nicht, daß es so etwas gebe wie Lüge und Betrug. Vorher wußte selbst Satan
nichts von dem Vorhandensein jenes Stolzes, um dessentwillen er aus dem Himmel
verstoßen wurde, denn vorher gab es so etwas wie Stolz noch nicht. Und obgleich
dieser Zustand der Sünde in den Menschen wie im Satan in Erscheinung trat, so
hat doch Gott durch Seine allgewaltige Macht jenem Zustand ein neues Gesicht
gegeben, so daß er selbst daraus noch die edelsten Ergebnisse zu gewinnen
wußte.
Zum einen:
die grenzenlose Liebe Gottes offenbarte sich darin, daß Christus Mensch wurde
und Sein Leben opferte; sonst wäre sie verborgen geblieben. Und zum ändern:
erst nachdem die Erlösten selbst erfahren haben, wie bitter die Sünde
schmeckt, werden sie sich der Seligkeit des Himmels um so reicher erfreuen. Es
ist nämlich wie mit dem Geschmack: die Süße des Honigs entzückt um so mehr, als
die Zunge zuvor etwas Bitteres geschmeckt hat. Im Himmel sündigen sie nicht
mehr, sondern in Demut und gehorsamer Liebe dienen sie Gott ihrem Vater und
bleiben bei Ihm in ewiger Freude.
3. Die Menschen sind begierig, in Sonne und Mond Mängel wie
Flecken und Finsternisse zu entdecken, aber sie achten nicht auf die Flecken
und Finsternisse der Sünde. Daraus magst du ermessen, wie groß die Finsternis
in den Menschen ist, wenn schon das Licht, das sie haben, Finsternis ist
(Matth. 6, 23). Wie der Leib eines Aussätzigen durch seine Krankheit alle
Empfindung verliert, so büßen Herz und Gemüt des Menschen durch die Sünde alles
Gefühl ein: er spürt nichts mehr von Ekel oder Schmerz.
24
Aber einmal kommt die Zeit, da wacht er auf und sieht ihre
schreckliche Verwüstungen, und dann wird sein Heulen und Zähneklappen.
4. Viele Menschen, die in der Sünde versunken sind, wissen nichts
mehr von ihrer Last, wie auch einer, der unter Wasser getaucht ist, mehrere
Tonnen Wasser über sich haben kann, aber ihr Gewicht nicht merkt, bis er
ertrinkt. Wer aber aus dem Wasser herauskommt und dann ein wenig Wasser zu
tragen versucht, der spürt — wie wenig er auch trägt — gar bald das Gewicht.
Wer die Last seiner Sünde entdeckt und in Reue zu Mir kommt, der wird wahre
Ruhe empfangen umsonst, denn solche Menschen zu suchen und zu erlösen bin Ich
gekommen (Matth. 11, 28; Luk. 19,10).
5. Es ist nicht nötig, daß erst jedes einzelne Glied des Leibes
nutzlos und schwach wird, ehe der Tod kommt. Wie kräftig und gesund andere
Teile des Leibes auch sein mögen: eine Herzschwäche oder ein Gehirnschlag
genügt, um das Leben zu beenden. So kann schon eine einzige Sünde, indem sie
Gemüt und Herz vergiftet, das Geistesleben nicht allein eines Einzelnen, sondern
einer ganzen Familie oder eines ganzen Volkes, ja sogar der gesamten Menschheit
vernichten. Solcher Art war Adams Sünde. Aber wie schon ein
einziges Wort von Mir Lazarus aus dem Grabe zurückbringen konnte, so genügt es
auch, um allen ewiges Leben zu geben.
6. Gelegentlich ereignet es sich, daß ein
Tier oder Vöglein, nachdem es lange Zeit mit den Menschen gelebt hat, zu seiner
eigenen Art zurückkehrt; aber diese heißt es nicht willkommen, sondern greift
es an und tötet es, denn, weil es so lange mit Menschen gelebt hat, sind seine
Gewohnheiten und Sitten völlig verwandelt. Wenn schon die Tiere diejenigen
ihrer Art aus der Gemeinschaft ausschließen, die unter menschlichen Einfluß gekommen
sind: wie können da die Heiligen und Engel im Himmel jene Sünder willkommen
heißen, die in enger Beziehung zu bösen Menschen gelebt haben? Damit soll nicht
gesagt werden, die Heiligen und die Engel hätten keine Liebe zu den sündigen
Men-
25
schen; wohl aber wird die heilige Luft des Himmels solchen Menschen
von selber ärgerlich sein. Das ist doch klar: denn wenn schon in dieser Welt
die Sünder die Gemeinschaft guter Menschen nicht leiden mögen, wie können sie
in ihrer Gesellschaft für alle Ewigkeit glücklich sein? Ihnen würde solch ein
Himmel ebenso ärgerlich sein wie die Hölle selber.
Doch nun meinet nicht, Gott oder Sein Volk würden Sünder aus dem
Himmel weisen und sie in die Hölle verstoßen; denn Gott ist Liebe und hat noch
niemanden in die Hölle geworfen, noch wird Er es jemals tun. Was den Sünder in
die Hölle bringt, ist allein sein schmutziges Leben. Schon lange bevor der Ausgang
des Lebens uns Himmel oder Hölle beschert, ist im Herzen eines jeden Menschen —
je nach seinem guten oder bösen Wesen — sein eigener Himmel oder Hölle
eingezogen. Wer deshalb nach Rettung verlangt von jener ewigen Qual, der soll
seine Sünden ehrlich bereuen und sein Herz Mir schenken. Dann werde Ich bei ihm
sein, der Heilige Geist wird auf ihn wirken, und er wird in alle Ewigkeit ein
Kind des Reiches Gottes werden.
7. Wer sich in dieser Welt gegen einen König oder eine Regierung
empört hat, kann sich wohl retten, indem er in einem anderen Lande Zuflucht
sucht. Aber wohin soll der sich in Sicherheit bringen, der sich gegen Gott
empört? Wohin auch immer er sich wenden mag, überall — selbst im Himmel oder in
der Hölle — findet er Gott stets gegenwärtig (Ps. 139, 7—8). Er findet seine
Rettung allein darin, daß er umkehrt und sich seinem Herrn unterwirft.
8. Für Adam und Eva genügten die
Feigenblätter als Bekleidung nicht; so gab Gott ihnen Röcke aus Fell. Ebenso sind auch die guten Taten des
Menschen nutzlos wie die Feigenblätter: sie können ihn vor dem künftigen Zorn
nicht retten. Was allein genügt, ist Mein Kleid der Gerechtigkeit.
9. Die Motte achtet nicht darauf, daß die Flamme verbrennt und
zerstört, sondern stürzt, von ihrem Glanz gebannt, in sie hinein und kommt um.
So bedenkt der Mensch nicht, daß die Sünde zerstört und vergiftet; er fühlt nur
ihren Reiz und stürzt
26
in sein ewiges Verderben. Aber Mein Licht errettet den Sünder vom
Tode und schenkt ihm Leben und bleibendes Glück. Der Mensch ist so geschaffen,
daß er sich die kostbare Gabe Meines wahren Lichtes aneignen kann.
10. Die Sünde ist keine Täuschung noch ein Erzeugnis der Einbildungskraft.
Sondern in diesem Zustand geistiger Finsternis, da der Mensch seinen bösen
Willen gebrauchte, sind lebendige Samen des Bösen gewachsen, die nun für immer
seinen Geist anstecken und ihn schließlich zerstören: gerade so wie die Pocken
in ganz kurzer Zeit die Schönheit eines Menschen für immer vernichten und in
abstoßende Häßlichkeit verwandeln. Wie Gott nicht die Gottlosigkeit geschaffen
hat, so hat Er auch nicht Krankheit und Schmerzen des Leibes geschaffen. Diese
sind vielmehr die natürliche Frucht des menschlichen Ungehorsams. Auch Schmerz
und Krankheit sind nichts Eingebildetes, sondern sind die äußeren und
sichtbaren Früchte der verborgenen unsichtbaren Krankheit der Sünde, sei es der
eigenen Sünde oder der Sünde der Familie, der man angehört. Wenn alle Glieder
der Familie umkehren und mit Mir vereinigt werden, dann wird Mein Heil
spendendes Blut sie alle durchströmen, alle ihre inneren und unsichtbaren
Krankheiten heilen und ihnen Gesundheit schenken in alle Ewigkeit. Denn der
Mensch ist für solch einen Zustand der Gesundheit geschaffen, damit er für
immer mit seinem Herrn und Meister in Glückseligkeit lebe.
II
Der Jünger:
Meister, in diesen Tagen halten einige
Gelehrte und ihre Anhänger Deinen Sühnetod und die Erlösung durch Blut für
bedeutungslos und nichtig. Sie sagen, Christus sei nur ein großer Lehrer und
ein Vorbild für unser Geistes-Leben, und Erlösung und ewige Seligkeit seien von
unseren eigenen Bemühungen und guten Werken abhängig.
Der Meister:
1. Vergiß niemals, daß geistliche und religiöse Gedanken weniger
mit dem Kopf als mit dem Herzen zusammenhängen. Das Herz ist der Tempel Gottes,
und wenn Gottes Gegenwart es erfüllt, dann wird auch der Kopf erleuchtet. Ohne
das wahre Licht sind der Verstand und die Augen der Erkenntnis nutzlos: sie
gleichen den leiblichen Augen ohne Tageslicht. Im Dunkeln kann man ein Seil
irrtümlich für eine Schlange halten. So verkehren die Weisen dieser Welt die
Geistes-Wahrheit und führen schlichte Gemüter in die Irre. Deshalb bediente
sich Satan, als er Eva verführte, nicht des Schafs oder der Taube, sondern der
Schlange, des listigsten aller Tiere. So gebraucht er die Weisheit der Weisen
und die Geschicklichkeit der Gelehrten als Werkzeuge für seine Absicht. Es ist
nicht genug, daß einer gelehrt und geschickt ist; er muß auch die Unschuld der
Taube haben. Deshalb habe Ich gesagt: „Seid klug wie die Schlangen und ohne
Falsch wie die Tauben" (Matth. 10,16).
2. Mein Kreuz und Sühnetod bewirken für die Gläubigen dasselbe
wie die eherne Schlange für die Israeliten, denn wer immer mit Glaubensaugen zu
ihr aufblickte, wurde gerettet (4. Mose 21, 9; Joh. 3, 14—15). Doch es gab auch
einige, die, anstatt zu glauben, in ihr nur Erz sahen und zu murren begannen:
Moses hätte ein Gegengift geben sollen oder eine kräftige Medizin oder sonst etwas
gegen diese giftigen Schlangen — das wäre dann ein rechter Gegenstand des
Glaubens gewesen; denn welche Macht hat dieser Stab über Schlangengift? Alle,
die so sprachen, starben. Und so geschieht es auch in unseren Tagen: wer den
Weg, den Gott zu unserer Erlösung eingeschlagen hat, bekrittelt, der wird am
Gift seiner Sünde zugrunde gehen.
3. Ein junger Mann stürzte in einen Abgrund; er wurde so schwer
verletzt und verlor so viel Blut, daß er dem Tode nahe war. Als sein Vater ihn
zum Arzt brachte, sagte dieser: „Das Blut ist das Leben, und der Butvorrat
dieses jungen Mannes ist erschöpft. Aber wenn jemand bereit ist, sein eigenes
Blut zu opfern, dann kann er sich wieder erholen, sonst wird er sterben."
Der Vater,
28
dessen Herz von Liebe zu seinem Sohn überfloß, bot sein eigenes
Blut an. Man spritzte es in die Adern des jungen Mannes ein, und dieser wurde
wieder gesund. So steht es mit dem Menschen: er ist vom Berge der Heiligkeit
abgestürzt und liegt nun da, durch seine Sünden zerschmettert und verwundet.
Dadurch ist sein Geistesleben verebbt, und er ist dem Tode nahe. Wer aber an
Mich glaubt, für den vergieße Ich Mein eigenes ewiges und geistliches Blut, so
daß er vom Tode gerettet werden und ewiges Leben erlangen kann. Denn dazu bin
Ich gekommen, daß sie das Leben und volle Genüge haben sollen (}oh. 10, 11),
und zwar Leben in alle Ewigkeit.
4. In alten Zeiten war es den Menschen verboten, das Blut der
Tiere zu trinken oder bestimmte Speisen zu essen, denn man glaubte, dadurch
würden sie gewissen Krankheiten entgehen; auch fürchtete man, da der Mensch
einen tierhaften Leib habe, würden, wenn er Fleisch äße und Blut tränke, seine
tierhaften Neigungen gestärkt. Nun aber „ist Mein Fleisch die rechte Speise,
und Mein Blut ist der rechte Trank" (Joh. 6, 55), denn sie spenden
geistliches Leben und vollkommene Gesundheit sowie himmlische Seligkeit und
Freude.
5. Sündenvergebung bedeutet noch nicht völlige Erlösung; denn
diese kann nur durch vollkommene Freiheit von der Sünde kommen. Es ist
möglich, daß ein Mensch an der Krankheit seiner Sünde stirbt, obgleich er dafür
völlige Vergebung empfangen hat. Da war z. B. ein Mann, dessen Gehirn war durch
eine langwierige Krankheit in Mitleidenschaft gezogen worden. Eines Tages überfiel
er einen anderen und tötete ihn. Als das Todesurteil über ihn gefällt wurde,
erklärten seine Angehörigen die näheren Umstände und baten für ihn um Gnade. So
wurde er von der Sünde des Mordes freigesprochen. Doch ehe seine Freunde ihm
die gute Nachricht bringen konnten — sie waren schon auf dem Wege zu ihm —, war
er an derselben Krankheit gestorben, aus der heraus er den Mord begangen hatte.
Was hat der Mörder nun von dieser Begnadigung gehabt? Zu seiner
wirklichen Rettung hätte er von seiner Krankheit geheilt
29
werden müssen. Dann erst wäre er in seiner Begnadigung wirklich
selig geworden. Dazu bin Ich im Fleisch offenbart worden, daß Ich reuige Sünder
von der Krankheit der Sünde sowie von ihrer Strafe und vom Tode errette. Dadurch
hebe Ich beides auf: Ursache und Wirkung. Sie werden nicht in ihren Sünden sterben, denn Ich will sie
erretten (Matth. i, 21), und sie werden durch den Tod hindurchschreiten
und das ewige Leben erben.
6. Für viele Menschen ist das Leben voller Gefahr. Sie gleichen
jenem Jäger, der auf dem Ast eines Baumes, der weit über den Fluß hinausragte,
eine Honigwabe erblickte. Er kletterte hinauf und begann den Honig zu genießen.
Aber er hatte nicht darauf geachtet, daß er in Todesgefahr schwebte: unter ihm
im Wasser lag ein Krokodil mit offenem Rachen und lauerte darauf, ihn zu
verschlingen, während sich um den Stamm des Baumes ein Rudel Wölfe versammelt
hatte und darauf wartete, daß er heruntersteige. Aber das Allerschlimmste war:
die Wurzeln des Baumes, auf dem er saß, waren von einem Insekt angefressen, und
der Baum drohte umzustürzen. Nach kurzer Zeit brach er nieder, und der
unachtsame Jäger fiel dem Krokodil zur Beute. So ergeht es auch dem
menschlichen Geist, der im Leib verborgen ist: eine kurze Zeit lang genießt er
die falschen und flüchtigen Genüsse der Sünde, die in der Honigwabe des
Gehirnes zusammengetragen sind, und denkt nicht daran, daß er sich mitten in
dem furchtbaren Urwald dieser Welt befindet. Da sitzt Satan, bereit, ihn in
Stücke zu reißen, und die Hölle wartet gleich einem Krokodil mit offenem Rachen,
um ihn gierig zu verschlingen, während als das Allerschlimmste das winzige
unsichtbare Insekt der Sünde die Wurzeln des Leibes und Lebens abfrißt. Bald
fällt die Seele und wird auf ewig eine Beute der Hölle. Aber den Sünder, der zu
Mir kommt, will Ich von der Sünde, vom Satan und der Hölle befreien und will
ihm ewige Freude geben, die soll niemand von ihm nehmen (Joh. 16, 22).
7. Wie eine Schlange durch die Bannkraft ihrer glitzernden Augen
kleine Vögel bezaubert und sich zur Beute holt, so zieht Satan mit listigen
Reden und Verlockungen die Menschen zu sich
30
und verschlingt sie. Aber die an Mich glauben, befreie Ich gerne
von jener alten Schlange und von den Verführungen dieser Seelen-zerstörenden
Welt. Ich versetze sie in die Freiheit, wo sie dem Vogel gleichen: wie dieser
der Schwerkraft der Erde widerstehen kann und frei durch die Lüfte fliegt, so
steigen sie auf den Flügeln des Gebets empor und erreichen schließlich, von
Meiner Liebe angezogen, die Heimat ihrer Seele.
8. Wie ein Gelbsüchtiger alles gelb sieht, so nimmt für den Sünder
die Wahrheit die Gestalt seiner Sünde und für den Philosophen die Gestalt
seiner Theorien an. Und es überrascht deshalb nicht, wenn solche Leute noch
einen Schritt weitergehen und Mich für einen Sünder halten. Aber Mein Werk —
die Errettung der Sünder — hängt nicht von der Meinung der Welt ab, sondern
wirkt im Leben der Gläubigen ungestört weiter. Wie Levi, während er noch in
den Lenden Abrahams war, den Zehnten an Mich zahlte, obgleich er noch nicht
geboren war: so haben alle Geschlechter der Gläubigen in Mir, der Ich am
Kreuze geopfert wurde, Sühne und Lösegeld für ihre Sünden, obgleich sie zu
jener Zeit noch gar nicht geboren waren; denn diese Erlösung ist für alle
Menschenrassen der Welt.
9. Zu sagen, der Mensch könne durch seine eigene Anstrengung und
guten Werke das Heil gewinnen, ist, solange er nicht wiedergeboren ist,
närrisch und widersinnig. Weltherrscher und Sittenlehrer sagen: „Werde gut,
indem du Gutes tust." — Ich aber sage: „Werde erst selber gut, bevor du
gute Werke tun kannst." Wer in das neue und gute Leben eingetreten ist,
bei dem werden gute Werke von selber folgen.
Nur ein Narr sagt, ein wilder Baum, wenn
er nur fortfahre, Früchte zu tragen, werde schließlich edel. Es ist aber
Tatsache: ein wilder Baum kann edel werden, wenn er auf einen edlen Baum
aufgepfropft wird; dann gehen Leben und Eigenschaften des edlen Baumes auf den
wilden über, und seine natürliche Wildheit vergeht. Das ist, was wir neue
Schöpfung nennen. So mag auch der Sünder zu tun begehren, was recht ist, und
dennoch ist das einzige Ergebnis wiederum — Sünde. Aber wenn er umkehrt und
31
durch den Glauben in Mich eingepflanzt wird, dann stirbt der alte
Mensch in ihm, und er wird eine neue Kreatur. Dann bringt dieses neue Leben,
das seinen Ursprung in der Erlösung hat, als Frucht gute Taten, und diese
Frucht bleibt für immer.
10. Viele haben aus eigener Erfahrung erkannt: des Menschen
natürliche Güte kann weder wahren Herzensfrieden noch Heilsgewißheit oder
ewiges Leben geben. Der Jüngling, der nach ewigem Leben suchte und zu Mir kam,
ist dafür ein treffendes Beispiel. Sein erster Gedanke über Mich war — wie es
auch einigen Weltweisen und ihren Anhängern in unserer Zeit ergeht — falsch. Er
hielt Mich für einen jener Lehrer, die getünchten Gräbern gleichen, und in
deren Leben nicht ein Körnchen wahrer Güte zu finden ist. Deshalb sagte Ich zu
ihm: „Warum fragst du Mich nach Güte? Keiner ist gut außer Einem." Aber es
mißlang ihm, in Mir den einen Geber der Güte und des Lebens zu sehen; und als
Ich versuchte, ihn in Meine Nachfolge aufzunehmen, ihn zu einem wahrhaft guten
Menschen zu machen und ihm Leben zu schenken, da wurde er traurig und verließ
Mich. Sein Leben macht jedoch eines vollkommen klar, nämlich: sein Halten der
Gebote und seine Güte haben ihn nicht befriedigt, noch haben sie ihm die Gewißheit
des ewigen Lebens gegeben. Wenn seine guten Werke ihm Frieden gegeben hätten,
dann wäre er nicht gekommen, um Mich zu fragen, oder wenn er doch gekommen
wäre, so hätte er sich nicht betrübt von Mir abgewandt, sondern hätte meinen
Worten geglaubt und wäre fröhlich von dannen gegangen.
Nicht lange danach erkannte Mich der junge Paulus, und das
Verlangen seines Herzens wurde völlig gestillt. Anstatt daß er sich traurig
abwandte, gab er alles, was er hatte, auf und folgte Mir (Phil. 3, 6—15). So
soll ein jeder, der nicht mehr seiner eigenen Gerechtigkeit vertraut und Mir
nachfolgt, von Mir wahren Frieden und ewiges Leben empfangen.
3. Kapitel
GEBET
1.
Der Jünger:
Gelegentlich taucht diese Frage auf: „Gott kennt alle unsere Nöte
und weiß auch, wie Er sie am besten stillt — nicht nur für die Guten, sondern
auch für die Bösen —; warum sollen wir deswegen zu Ihm beten? Ob unsere Nöte
zeitlich oder geistlich seien, können wir durch unsere Gebete den Willen Gottes
ändern?"
Der Meister:
1. Wer so fragt, zeigt damit klar, daß er nicht weiß, was Gebet
ist. Er hat auch kein Gebetsleben geführt, sonst wüßte er: zu Gott beten, heißt
nicht Gott anbetteln. Das Gebet besteht nicht darin, daß man sich anstrengt,
von Gott das zu bekommen, was für dieses Leben nötig ist. Im Gebet bemühen wir
uns vielmehr, Gott Selber zu ergreifen, den Urheber des Lebens. Und wenn wir
Ihn gefunden haben, der die Quelle des Lebens ist, und in die Gemeinschaft mit
Ihm eingetreten sind, dann ist das Ganze des Lebens unser und mit Ihm alles,
was das Leben vollkommen macht. Auch den Übeltätern gibt Gott, aus Liebe zu
ihnen, was sie für ihr Leben in dieser Welt brauchen; aber ihre geistlichen
Nöte zeigt Er ihnen nicht einmal, denn sie haben kein Geistesleben.
Wenn Er ihnen solche geistlichen Segnungen gäbe, so würden sie
nicht fähig sein, sie zu würdigen. Aber den Gläubigen schenkt Er Gaben beider
Art, vor allem geistliche Segnungen, mit dem Erfolg, daß sie schon bald nur
noch wenig nach zeitlichen Wohltaten fragen, sondern ihre Liebe vielmehr auf
das Unsichtbare und Geistliche richten. Wir können den Willen Gottes nicht ändern,
aber der Mensch des Gebets kann entdecken, was Gott mit ihm vorhat. Denn
Menschen dieser Art tut Gott Sich in der verborgenen Kammer des Herzens kund
und hält Gemeinschaft mit
33
ihnen. Wenn sie sehen, Seine gnädigen Absichten sind zu ihrem
Besten, dann vergehen die Zweifel und Schwierigkeiten, über die sie klagen, für
immer.
2. Im Gebet atmen wir, sozusagen, den Heiligen Geist ein. Gott
gießt Seinen Heiligen Geist so in das Leben der Betenden aus, daß sie
„lebendige Seelen" werden (1. Mose 2, 7; Joh. 20, 22). Sie werden
nimmermehr sterben, denn im Gebet ergießt der Heilige Geist sich selbst in ihre
geistlichen Lungen und erfüllt ihren Geist mit Gesundheit, Kraft und ewigem
Leben.
Gott, der die Liebe ist, hat, was zum geistlichen wie zum weltlichen
Leben nötig ist, kostenlos allen Menschen geschenkt; aber da Er das Heil und
Seinen Heiligen Geist allen so freigebig anbietet, werden sie gering geachtet.
Doch das Gebet lehrt uns, sie zu schätzen, denn sie sind zum Leben ebenso nötig
wie Luft und Wasser, Wärme und Licht. Gott hat so reichlich für die Dinge
unseres geistlichen Lebens gesorgt, aber die Menschen achten sie so gering, daß
sie ihrem Schöpfer dafür nicht danken. Doch auf der anderen Seite schätzen sie
Gold, Silber und kostbare Juwelen, die selten und nur mit großer Schwierigkeit
zu gewinnen sind, als Seine Gaben hoch ein, obgleich sie mit solchen Dingen
weder Hunger und Durst des Leibes, noch das Sehnen des Herzens stillen können.
Mit solcher Torheit handeln die Weltmenschen im Blick auf die geistlichen
Dinge, aber dem Menschen des Gebets werden wahre Weisheit und ewiges Leben
gegeben.
3. Diese Welt gleicht einem weiten Ozean, darin die Menschen
versinken und ertrinken; aber die Seetiere können im tiefsten Wasser leben,
denn sie kommen gelegentlich an die Oberfläche, öffnen ihr Maul und nehmen eine
gewisse Menge Luft ein, die sie befähigt, in der Tiefe zu leben. So ergeht es
auch denen, die durch persönliches Gebet sich zur Oberfläche des Ozeans dieses
Lebens erheben: sie atmen den Leben-schenkenden Geist Gottes ein und finden
sogar in dieser Welt Leben und Geborgenheit.
4. Obgleich die Fische ihr ganzes Leben im Salzwasser des Meeres
verbringen, werden sie selber doch keineswegs salzig, denn sie sind lebendig;
so auch der Mensch des Gebets: obgleich
34
er in dieser sündenbefleckten Welt leben muß, bleibt er doch frei
von der sündigen Verderbnis, denn er erhält sein Leben durch das Gebet.
5. Das Salzwasser des Meeres wird
durch die heißen Sonnenstrahlen emporgehoben und nimmt allmählich die Gestalt
von Wolken an; so wird es in süßes und erfrischendes Wasser verwandelt und
fällt in Regengüssen wieder auf die Erde (denn das Salzwasser läßt, wenn es
verdunstet, sein Salz und seine Bitterkeit zurück). So ergeht es auch den Gedanken und
Wünschen des betenden Menschen: sie steigen empor, gleich Nebeln von der Seele
ausgestrahlt, die Sonne der Gerechtigkeit reinigt sie durch ihre Strahlen von
allem Sündenmakel, und seine Gebete werden zu einer großen Wolke, die Segen vom
Himmel regnet und auf Erden Erfrischung spendet für viele.
6. Der Wasservogel verbringt sein Leben auf dem Wasser schwimmend,
aber wenn er fliegt, sind seine Federn vollkommen trocken. So ergeht es auch
den Menschen des Gebets: sie haben ihre Wohnung in dieser Welt, aber wenn für
sie die Zeit kommt, daß sie nach oben fliegen, so verlassen sie diese
sündenbefleckte Welt und erreichen ihre ewige Heimat ohne Flecken oder Makel.
7. Das Schiff hat seinen Platz im Wasser, aber das Wasser sollte
nicht ins Schiff eindringen können, das wäre gefährlich. So ist es recht und
gut, daß der Mensch seine Wohnung in dieser Welt hat, denn solange er sich über
Wasser hält, kann er anderen helfen, daß sie mit ihm den Lebenshafen erreichen.
Aber Tod und Zerstörung würde es bedeuten, wenn die Welt in sein Herz eindringen
könnte. Deshalb bewahrt der Mensch des Gebets sein Herz stets für Ihn auf, Der
es geschaffen hat, damit es Sein Tempel sei, und so bleibt er in dieser wie in
der kommenden Welt in Frieden und Geborgenheit.
8. Wir alle wissen, ohne Wasser können wir nicht leben. Aber wenn
wir darin versinken, dann ertrinken und sterben wir. Während wir also das
Wasser gebrauchen und trinken, sollen wir doch nicht hineinfallen und darin
untergehen. Deshalb sind Welt und weltliche Dinge mit Klugheit zu benutzen,
denn ohne sie wäre
35
das Leben nicht nur schwierig, sondern einfach unmöglich. Gott hat
die Welt dazu geschaffen, daß die Menschen sie gebrauchen, aber sie sollen in
ihr nicht versinken, denn dann geht der Atem des Gebetes aus, und sie kommen
um.
9. Wenn ein Mensch aufhört, ein Gebetsleben zu führen, und deshalb
sein Geistesleben anfängt nachzulassen, dann richten jene weltlichen Dinge, die
ihm nützen sollen, nur Schaden und Zerstörung an. Die Sonne läßt durch ihr
Licht und ihre Wärme alle Pflanzen leben und blühen, aber sie läßt sie auch
welken und sterben. Ebenso gibt die Luft allen lebenden Wesen Leben und Kraft,
aber sie bewirkt auch, daß sie verwesen. Deshalb „wachet und betet".
10. Wir sollten in dieser Welt so
leben, daß wir, obgleich wir in ihr sind, doch nicht aus ihr
leben. Dann werden die Dinge dieser Welt uns nicht mehr schaden, sondern nützen
und dazu helfen, daß wir geistlich wachsen. Das geschieht aber nur, wenn unser Geist stets der Sonne der
Gerechtigkeit zugewandt bleibt. Gelegentlich ereignet es sich, daß an einem
unreinen und schmutzigen Orte Blumen wachsen und blühen, und ihr süßer Duft
überwältigt den üblen Geruch des Ortes. Die Pflanzen wenden sich der Sonne zu
und empfangen Licht und Wärme von ihr, und der Schmutz schadet ihnen nicht,
sondern düngt sie und hilft ihnen, daß sie wachsen und gedeihen. Ähnlich ergeht
es dem Menschen des Gebets: indem er betet, wendet er sein Herz zu Mir und empfängt
Licht und Wärme von Mir, und inmitten der üblen Gerüche dieser bösen Welt
verherrlicht Mich der süße Duft seines neuen und heiligen Lebens. Aber in ihm
entstehen nicht nur süße Gerüche, sondern auch Frucht, die da bleibt.
II
1. Wer betet, meint damit nicht, Gott würde uns ohne Gebet gar
nichts geben oder unsere Nöte nicht kennen. Aber Beten hat diesen großen
Vorzug: in der Haltung des Gebets ist die Seele am besten bereit, den Geber des
Segens zu empfangen sowie jene
36
Segnungen, die Er schenken will. Deshalb wurde die Fülle des
Geistes noch nicht am ersten Tag auf die Apostel ausgegossen, sondern erst nach
zehn Tagen besonderer Vorbereitung.
Wenn eine Segnung einem Menschen verliehen würde, der sich für sie
nicht besonders bereit gemacht hat, dann würde er sie weder genügend würdigen
noch lange bewahren. So ging es zum Beispiel mit Saul. Er empfing den Heiligen
Geist und die Königswürde, ohne daß er sie gesucht hatte. Deshalb verlor er
beides sehr bald; denn er war von Hause fortgegangen, nicht weil er den
Heiligen Geist erlangen, sondern weil er seine verlorenen Esel suchen wollte
(1. Sam. 9, 3; 10, 11; 15,13—14; 31, 4).
2. Der Mensch des Gebetes allein kann Gott im Geist und in der
Wahrheit anbeten. Die anderen gleichen der empfindsamen Pflanze. Während des
Gottesdienstes bewegt sie die Lehre und Gegenwart des Heiligen Geistes: sie
beugen ihr Haupt und werden ernsthaft; aber kaum haben sie die Kirche
verlassen, so treiben sie es wieder wie zuvor.
3. Wenn wir einen Baum oder Strauch, der gute Früchte oder Blüten
trägt, nicht ordentlich pflegen, dann entartet er und fällt wieder in seinen
wilden Zustand zurück. Ebenso ergeht es dem Gläubigen: wenn er nachläßt im Gebet
und matt wird im geistlichen Leben, dann hört er auf, in Mir zu bleiben, und
wird, wegen dieser Nachlässigkeit, aus jenem Segensstand fallen, wieder auf
seine alten Sündenwege zurücksinken und verlorengehen.
4. Wenn wir einen Kranich sehen, wie
er unbeweglich am Ufer eines Tümpels oder Teiches steht, so könnten wir aus
seiner Haltung schließen, er sinne über die Herrlichkeit Gottes nach oder über
die ausgezeichnete Eigenschaft des Wassers. Doch dem ist nicht so! Wohl steht
er dort stundenlang, ohne sich zu bewegen; aber sowie er nur einen Frosch oder
kleinen Fisch erblickt, springt er auf ihn zu und verschluckt ihn gierig. Genau
so verhalten sich viele Menschen beim Gebet und bei der religiösen Sammlung.
Sie sitzen am Ufer des grenzenlosen Ozeans Gottes, aber sie haben keinen
Gedanken für Seine Majestät und Liebe oder Seine göttliche Art, die von der
Sünde reinigt und die hungrige Seele
37
sättigt, sondern sie gehen ganz in dem
Gedanken auf, wie sie etwas erwerben können, wonach sie besonders verlangt, und
wodurch sie sich noch tiefer den Lüsten dieser vergänglichen Welt hingeben
können. Dadurch wenden sie sich von der Quelle des wahren Friedens ab, tauchen
in die vergänglichen Freuden dieser Welt, sterben mit ihnen und vergehen.
5. Wasser und Erdöl kommen beide aus
der Erde. Obwohl sie einander zu gleichen scheinen, so sind sie nach ihrer Art
und Bestimmung einander geradezu entgegengesetzt, denn das eine löscht das
Feuer, während das andere ihm Brennstoff liefert. So sind auch die Welt mit
ihren Schätzen sowie das Herz mit seinem Durst nach Gott gleicherweise Seine
Schöpfung. Wer nun sein Herz mit Reichtum, Stolz und Ehren dieser Welt
befriedigen will, der erlebt dasselbe, wie wenn er versucht, ein Feuer mit
Erdöl zu löschen; denn das Herz kann Ruhe und Zufriedenheit nur in Ihm finden, der
beides geschaffen hat: das Herz wie sein sehnendes Verlangen, dessen es sich
bewußt ist (Ps. 42,1—2). Wer deshalb jetzt zu Mir kommt, dem will Ich jenes
lebendige Wasser geben, so daß ihn nicht mehr dürstet; vielmehr soll es in ihm
zu einem Brunnen des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt (Joh. 4,14).
6. Die Menschen versuchen vergeblich,
in der Welt und den Dingen der Welt Frieden zu gewinnen; aber die Erfahrung
zeigt klar, wahrer Friede und wahre Zufriedenheit sind so nicht zu finden. Sie
gleichen dem Knaben, der eine Zwiebel fand: er begann, ihre Häute abzuschälen,
denn er hoffte, er werde innen etwas finden, so wie man etwas in einer Kiste
findet, wenn man den Deckel abgenommen hat. Aber seine Erwartung hatte getrogen,
denn er fand nichts als die letzte Haut: eine Zwiebel besteht nur aus Häuten.
Und diese Welt und was zu ihr gehört, das ist alles ganz eitel (Prediger Salomo
12, 8), bis die Menschen die wahre Quelle des Friedens entdecken (Jes. 55,1;
Jer. 2, 13; Offbg. 22,17).
7. Die Welt gleicht einer
Luftspiegelung. Der Wahrheitssucher hofft, er werde etwas finden, was seinen
durstigen Geist zufrie-
38
denstellt, und macht sich auf, um es
zu suchen. Doch ihm begegnet nichts als Enttäuschung und Verzweiflung. Das
Wasser des Lebens kann man nicht in Wasserlöchern finden, von Menschen
gemacht, oder in zerbrochenen Zisternen. Aber wer sich Mir mit reinem Herzen
naht im Gebet, wird in Mir, der Ich die Quelle des lebendigen Wassers bin, das
finden, was ihm Zufriedenheit, Kräftigung und ewiges Leben gibt (Jes. 55,1;
Jer. 2,13; Offenbarung 22,17).
8. Eine Frau wanderte auf einem
Bergpfad und trug ihr Kind in den Armen. Da sah das Kind eine hübsche Blume und
tat einen solchen Sprung aus den Armen seiner Mutter, daß es kopfüber den
Bergabhang hinabfiel, mit dem Kopf auf einen Felsen aufschlug und sofort tot
war. Nun ist vollkommen klar: Sicherheit und Nahrung des Kindes waren an der
Brust der Mutter und nicht bei jenen bezaubernden Blumen zu finden; die führten
vielmehr zu seinem Tod. Genau so handelt der Gläubige, der kein Gebetsleben
führt. Wenn er die vergänglichen und bezaubernden Freuden der Welt erblickt,
dann vergißt er Meine Liebe und Fürsorge, die viel größer sind als die einer
Mutter, mißachtet die geistliche Milch, womit Ich ihn versorge, springt aus
Meinen Armen und geht verloren.
9. Es ist so eingerichtet, daß das
Kind die Nahrung, die ihm die Mutter darreicht, nur zu sich nehmen kann, wenn
es auch etwas tut, nämlich saugen. So können auch meine geistlichen Kinder, die
Ich an Meiner Brust trage, die geistliche Milch, die allein ihre Seelen retten
kann, nur dann empfangen, wenn sie suchen. Ein Kind muß nicht erst gelehrt
werden, sondern weiß aus eigenem Antrieb, wo und wie es seine Nahrung erhält.
Ebenso wissen die, welche aus dem Geist wiedergeboren sind, nicht aus
weltlicher Philosophie und Weisheit, sondern aus geistlichem Trieb, wie sie zu
beten haben, um von Mir, ihrer geistlichen Mutter, die Milch des ewigen Lebens
zu erlangen.
10. Ich habe in den Menschen Hunger
und Durst hineingelegt, damit er nicht aus reiner Unachtsamkeit sich selbst für
Gott halte, sondern damit er Tag für Tag an seine Nöte erinnert werde und
39
daran, daß sein Leben an das Leben und
Wirken dessen gebunden ist, der ihn geschaffen hat. Wenn er sich so seiner Mängel
und Nöte bewußt ist, kann er in Mir bleiben und Ich in ihm, und dann wird er
auf ewig seine Seligkeit und Freude finden in Mir.
III
1. Beten heißt gleichsam, mit Mir im
Gespräch stehen. Wer diese Gemeinschaft mit Mir hat und in Mir bleibt, der wird
Mir ähnlich. Es gibt eine Art Insekt, die lebt zwischen Gras und grünen
Blättern und nährt sich auch davon: sie wird ihnen in der Farbe ähnlich. So hat
auch der Eisbär, weil er mitten im weißen Schnee lebt, dieselbe weiße Farbe,
und der Bengalische Tiger trägt auf seinem Fell die Zeichnung des Schilfrohrs,
in welchem er lebt. So haben jene, die durch das Gebet in Gemeinschaft bleiben
mit Mir, mit den Heiligen und Engeln Anteil an Meinem Wesen: sie werden in Mein
Bild umgestaltet und werden Mir ähnlich.
2. Einst nahm Ich für eine kurze Zeit
Petrus, Jakobus und Johannes zu Mir auf den Berg und zeigte ihnen etwas von
Meiner Herrlichkeit, und von allen Heiligen erschienen ihnen nur zwei, Mose und
Elia. Da wurden sie von dem kurzen Anblick himmlischer Herrlichkeit so
gepackt, daß sie drei Zelte errichten wollten, denn sie hätten gerne dort
gewohnt (Matth. 17, 1—5). Wie wundervoll wird denen die Seligkeit sein, die in
Mir bleiben! Mit ungezählten Heiligen und Engeln gehen sie in den langersehnten
Himmel ein und haben mit Mir teil an Meiner vollen Herrlichkeit, die weder
Verlust noch den Schatten einer Veränderung kennt (Joh. 17, 24; Jak. 1, 17).
Der Mensch des Gebetes soll niemals allein sein, sondern in Ewigkeit bei Mir
und Meinen Heiligen bleiben (Matth. 28, 20; Sach. 3, 7—8).
3. Wilde Tiere zu zähmen sowie Blitz,
Wind, Licht und andere Naturkräfte zu beherrschen und nutzbar zu machen, das
ist weiter nichts Großes. Aber die Welt, den Satan und das eigne Selbst mit
all seinen Leidenschaften zu meistern, das ist wahrlich etwas
40
höchst Wichtiges und Notwendiges. Nur
denen, die ein Gebetsleben führen, verleihe Ich die Kraft, die ganze Macht des
Feindes zu überwinden (Luk. 10,17 und 20), so daß sie sogar, während sie in
dieser Welt leben, mit Mir an den himmlischen Örtern weilen (Eph. 2, 6). Satan
ist drunten, und sie sind droben. So kann er sie nimmermehr erreichen. Vielmehr
bleiben sie ewiglich in Geborgenheit und ohne ein Zittern der Angst bei Mir.
Obgleich die Menschen jetzt die
Naturkräfte bezwungen haben, können sie doch nicht weiter reisen, als die Luft
reicht. Der Beter dagegen, der den Satan und sein Selbst besiegt hat, kann nach
Belieben die ewigen Himmel durchstreifen.
4. Die Biene sammelt den süßen Saft
der Blüten und verwandelt ihn in Honig. Dabei verletzt sie weder die Farbe
noch den Duft der Blüten. Ebenso gewinnt der Beter Glück und Nutzen von allem,
was Gott geschaffen hat, und tut keinem ein Leid an. Wie die Bienen ihren Honig
aus Blüten an verschiedenen Orten sammeln und in der Honigwabe aufspeichern, so
sammelt der Gottesmensch süße Gedanken und Empfindungen aus jedem Teil der
Schöpfung. In der Gemeinschaft mit seinem Schöpfer bewahrt er in seinem Herzen
den Honig der Wahrheit auf, und in dauerndem Frieden mit Ihm schmeckt er zu
allen Zeiten und an allen Orten mit Entzücken den süßen Honig Gottes.
5. Jetzt ist die Zeit, in den Gefäßen
unserer Herzen das öl des Heiligen Geistes zu empfangen und zu bewahren, wie es
die fünf klugen Jungfrauen taten (Matth. 25, 1—13). Sonst erwartet uns wie die
fünf törichten Jungfrauen nichts als Kummer und Verzweiflung. Jetzt müßt ihr
auch das Manna für den Großen Sabbat sammeln, sonst habt ihr dann nichts als
Schmerz und Wehe (2. Mose 16, 15 und 27). „Bittet aber, daß eure Flucht nicht
geschehe im Winter", das ist in der Zeit der großen Trübsal oder der
letzten Tage, „oder am Sabbat", das ist die Herrschaft der tausend Jahre
ewiger Ruhe, denn solche günstige Gelegenheit wird nie wieder kommen (Matth.
24, 20).
6. Wie das Klima
Gestalt, Farbe und Wachstum der Pflanzen und Blüten verändert, so erfahren die
Menschen, die in Gemein-
41
schaft bleiben mit Mir, eine
Entwicklung ihres geistlichen Wesens in Gewohnheiten, Aussehen und Gemütsart:
sie ziehen den alten Menschen aus und werden in Mein herrliches und unverwesliches
Ebenbild verwandelt.
Mit Meinem Finger schrieb Ich auf die
Erde den Sündenstand eines jeden der Männer, die, trotz ihrer eigenen inneren
Gemeinheit, die beim Ehebruch ertappte Frau zur Verurteilung gebracht hatten,
so daß sie einer nach dem anderen diese verließen und beschämt und verlegen
davongingen. Mit Meinem Finger zeige Ich im Verborgenen auch Meinen Dienern die
Wunden ihrer Sünden, und wenn sie ihren Sinn ändern, heile Ich sie mit einer
Berührung desselben Fingers. Wie ein Kind seines Vaters Finger ergreift und
mit dessen Hilfe an seiner Seite dahinschreitet, so führe Ich mit Meinem Finger
Meine Kinder den ganzen Weg von dieser Welt zu ihrer Heimat der Ruhe und des
ewigen Friedens (Joh. 14, 2-3).
7. Oftmals beten die Menschen zum
Vater in Meinem Namen, aber sie bleiben nicht in Mir, das heißt, sie nehmen
Meinen Namen zwar in den Mund und auf die Lippen, aber nicht ins Herz und Leben
hinein. Das ist der Grund dafür, daß sie das nicht empfangen, worum sie beten.
Doch wenn sie in Mir bleiben und Ich in ihnen, dann empfangen sie, was immer
sie vom Vater erbitten, denn sie bitten unter der Leitung des Heiligen Geistes.
Der Heilige Geist zeigt ihnen, was den Vater verherrlicht und ihnen wie anderen
gut tut. Sonst bekommen sie solch eine Antwort, wie jener böse Sohn sie von
dem Statthalter erhielt, dem sein Vater mit großer Tapferkeit und in Ehren
gedient hatte. Als der Sohn in seines Vaters Namen ein Gesuch einreichte und um
eine Anstellung und Gunst bat, wies der Statthalter auf sein schlechtes Leben
und sprach: „Bitte mich nicht in deines Vaters Namen, sondern gehe zuerst hin
und lebe nach seinem Vorbild. Laß seinen hohen Wert nicht nur auf deinen Lippen
sein, sondern eifere ihm in deinem Leben nach, und dann werde ich dein Gesuch
annehmen."
8. Es ist ein großer Unterschied
zwischen den Gebeten jener,
42
die Mich nur mit den Lippen anbeten
und loben, und derer, die es aus dem Herzen heraus tun. Zum Beispiel: ein
wahrer Beter tat beständig Fürbitte für einen anderen, damit dessen Augen geöffnet
würden und er die Wahrheit annähme, während der andere, der nur dem Namen nach
wie ein Beter erschien, in seiner Feindschaft gegen Meinen wahren Beter oft
betete, er möchte mit Blindheit geschlagen werden. Schließlich erhörte Gott in
Seinem Liebeswillen die Gebete des wahren Beters, und der andere, der bisher
nur ein Heuchler war, empfing Geistes-Augen. Mit fröhlichem Herzen wurde dieser
Mann ein wahrhaft Gläubiger und ein aufrichtiger und treuer Bruder Meines
wahren Dieners.
9. Das Gebet macht für die Menschen
Dinge möglich, die sie auf andere Weise unmöglich finden. Und sie erfahren
solche wundervollen Dinge im Leben, die nicht nur den Regeln und Meinungen
weltlicher Weisheit zuwider sind, sondern allesamt für unmöglich gehalten
werden. Die Gelehrten erkennen nicht an, daß Er, der allem Geschaffenen Ordnung
und Gesetze gegeben hat, nimmer in Seinen eigenen Gesetzen eingesperrt werden
kann. Die Wege des großen Gesetzgebers sind unerforschlich, denn Sein ewiger
Wille und Absicht ist die Segnung und Wohlfahrt aller Seiner Geschöpfe. Der
natürliche Mensch kann diese Tatsache nicht begreifen, weil Geistliches nur
geistlich erkannt werden kann (1. Kor. 2,14).
Das größte aller Wunder ist die neue
Geburt im Menschen. Wer dieses Wunder selbst erfahren hat, für den sind alle
anderen auch möglich. Nun ist in sehr kalten Ländern eine Brücke aus Wasser ein
allgemeiner Anblick; denn wenn die Oberfläche eines Flusses fest gefroren ist,
so fließt das Wasser darunter ruhig weiter, aber die Menschen schreiten leicht
und sicher über die Eisbrücke. Aber wenn man zu Leuten, die fortwährend in der
Hitze eines tropischen Klimas schwitzen, von einer Brücke aus Wasser spräche,
die einen strömenden Fluß überspannt, so würden sie sofort sagen, so etwas sei
unmöglich und gegen die Naturgesetze. Derselbe große Unterschied besteht
zwischen denen, die wieder-
43
geboren sind und durch Gebet ihr
geistliches Leben erhalten, und jenen, die ein weltliches Leben führen, nur
etwas Materielles schätzen und dadurch das Leben der Seele überhaupt nicht
kennen.
10. Wer von Gott durch das Gebet die
Segnung eines geistlichen Lebens empfangen will, der muß glauben und
gehorchen, ohne zu fragen. Als Ich dem Mann, der mit einer verdorrten Hand zu
Mir kam, befahl, er solle sie ausstrecken, gehorchte er sofort, und so wurde
sie gleich der anderen wieder heil (Matth. 12, 10 bis 13). Aber angenommen, er
hätte, anstatt sofort zu gehorchen, begonnen, Einwendungen zu machen und zu
sagen: Wie kann ich meine Hand ausstrecken? Wenn ich das tun könnte, wozu bin ich
dann zu Dir gekommen? Zuallererst heile meine Hand, und dann werde ich sie
ausstrecken können." Das alles wäre sehr vernünftig gewesen, aber seine
Hand wäre dann niemals geheilt worden.
Wer betet, muß glauben und gehorchen
und seine schwachen und verdorrten Hände zu Mir im Gebet ausstrecken; dann will
Ich ihm geistliches Leben schenken, und es soll ihm gewährt werden, wie
er es braucht (Matth. 21, 22).
4. Kapitel
DIENST
1.
Der Jünger:
Meister, was ist wirklich mit Dienst
gemeint? Heißt das, wir sollen erst dem Schöpfer dienen und dann um
Seinetwillen auch Seinen Geschöpfen? Kann denn der Mensch, der schließlich bloß
ein Wurm ist, Gott in Seiner Fürsorge für Seine große Familie
44
überhaupt eine Hilfe leisten, die von
Wert ist, oder hat Gott, wenn Er Seine Geschöpfe bewahren und erhalten will,
des Menschen Hilfe nötig?
Der Meister:
1. Dienst bedeutet geistliches Leben
in die Tat umgesetzt und folgt ganz von selbst aus der Liebe. Gott ist Liebe
und deshalb in der Fürsorge für Seine Schöpfung immer tätig. Deshalb will Er,
daß Seine Geschöpfe und vor allem der Mensch, den Er nach Seinem Ebenbilde
geschaffen hat, niemals müßig seien. In der Fürsorge um die Erhaltung Seiner
Geschöpfe braucht Gott keines anderen Hilfe, denn Er hat sie so geschaffen, daß
sie ohne Seine Hilfe nicht weiterbestehen könnten. Und Er hat auch für alles gesorgt,
was sie brauchen, um ihre Wünsche zu befriedigen. Wahrer Dienst an anderen hat
den großen Vorzug, daß er dem Dienenden selber hilft — gerade so wie es dir in
Tibet ergangen war. Als du wegen der bitteren Kälte dem Tode nahe warst, sahst
du einen anderen sterbend im Schnee liegen. Da gingst du zu ihm, hobst ihn auf
die Schultern und schlepptest ihn weiter. Die Anstrengungen, die du machtest,
erzeugten in deinem Leib Wärme; die ging auch auf ihn über, und ihr wart beide
gerettet. So hast du, indem du ihn rettetest, zugleich dein eigenes Leben
gerettet. Das ist die wahre Folge des Dienstes. Keiner kann für sich allein
leben ohne die Hilfe anderer. Sollte jemand von einem anderen Hilfe empfangen
und solchen Beistand nicht nach bestem Vermögen wieder erstatten wollen, solch
ein undankbarer Kerl würde kein Recht haben, von irgend jemandem irgendwelche
Hilfe zu erwarten.
2. Nur wenn der Mensch die ihm von
Gott verliehenen Fähigkeiten und Kräfte in den Dienst an Gott und Mensch
stellt, wird er von Gott die Hilfe empfangen, die Er allein geben kann. Sobald
der Mensch seine Schuldigkeit tut, schenkt Gott die Vollendung. So war es zum
Beispiel Sache der Menschen, den Stein vom Grabe des Lazarus fortzuschaffen;
dazu mußte Gott Seine Macht nicht einsetzen. Als aber die Leute den Stein
fortgerückt hatten, tat Gott, das ist Ich Selbst, was über der Menschen Macht
45
und Geschick hinausging: Denn der,
welcher den Toten wieder lebendig macht, bin Ich. Danach gab es dann wieder
Arbeit für die Menschen: sie hatten Lazarus die Leichentücher abzunehmen, damit
er wieder ganz frei würde (Joh. 11, 39, 41 und 44).
Genau so geht es mit denen, die in der
Sünde tot sind. Die Arbeit Meiner Jünger ist es, die Grabsteine der
Hindernisse und Schwierigkeiten fortzuräumen, aber Mein Werk ist es, das Leben
zu geben. Oft bleiben einige, die geistliches Leben empfangen haben, noch
Gefangene ihrer alten bösen Gewohnheiten und schlechten Gesellschaft, und die Aufgabe
Meiner Kinder ist es, sie in die vollkommene Freiheit zu führen. Damit sie
diesen großen Dienst auch tun können, sollten sie mit Herz und Seele immer
wachsam sein.
3. Ein gewisser König sagte auf seinem
Sterbelager zu einem seiner getreuen Diener folgendes: „Ich hatte die
Gewohnheit, daß ich, wenn ich eine Reise unternehmen wollte, dich
vorausschickte, damit du mein Kommen ankündigtest und alles für meinen Empfang
vorbereitetest. Ich schicke mich jetzt an, ins Totenreich zu gehen. Eile
deshalb und kündige ihnen an, daß ich zu ihnen kommen werde." Zuerst
verstand der getreue Diener nicht, was sein Herr meinte; aber kaum hatte er
verstanden, er solle sterben und vor dem König ins Totenreich gehen, als er
auch schon, ohne nur einen Augenblick zu zögern oder zu zweifeln, ein Schwert
in sein Herz stieß und somit ins Totenreich hinüberging, um dort seinen Herrn
zu erwarten. Gleichermaßen ist es die Pflicht derer, die Mir dienen, der Ich
der Fürst des Lebens und der König aller Könige bin (Apg. 3,15; Offbg. 19,16),
daß sie die Botschaft des Heils denen bringen, die tot sind in der Sünde, und
daß sie bereit sind, sogar das Leben für Mich zu geben, der Ich zu ihrer Rettung
auf die Erde kam und noch einmal kommen werde (Offenbarung 2,10).
4. Einst verließ ein aufsässiger Sohn
seines Vaters Haus; er trat einer Räuberbande bei und wurde mit der Zeit so
dreist und unbarmherzig wie die anderen. Der Vater rief seine Diener und trug
ihnen auf, sie sollten zu seinem Sohn gehen und ihm sagen,
46
daß er ihm, wenn er umkehre und
heimkomme, alles vergeben und ihn wieder in sein Haus aufnehmen wolle. Aber die
Diener fürchteten sich vor dem wilden Lande und den grimmigen Räubern und
weigerten sich zu gehen. Da machte sich der ältere Bruder des jungen Mannes,
der ihn ebenso wie sein Vater liebte, auf, um die Botschaft der Vergebung zu
überbringen. Aber gleich nachdem er den Dschungel betreten hatte, überfiel ihn
eine Räuberbande und verwundete ihn tödlich. Einer der Bande war der jüngere
Bruder. Als er seinen älteren Bruder erkannte, war er von Gram und
Gewissensangst erfüllt. Der ältere Bruder konnte ihm gerade noch die Botschaft
der Vergebung ausrichten. Dann sagte er, das Ziel seines Lebens sei erreicht
und die Liebespflicht erfüllt, und gab seinen Geist auf. Dieses Opfer des
älteren Bruders machte auf den aufsässigen Jungen solch einen tiefen Eindruck,
daß er voll Reue zu seinem Vater zurückkehrte und von dem Tag an ein neues
Leben begann. Ist es deshalb nicht richtig, daß Meine Söhne bereit sein
sollten, ihr Leben zu opfern, um die Gnadenbotschaft denen unter ihren Brüdern
zu bringen, die in die Irre gegangen und in der Sünde zugrunde gerichtet worden
sind, genau so wie auch Ich Mein Leben zur Erlösung aller gegeben habe?
5. Meine Kinder sind wie Salz in der
Welt (Matth. 5,13). Wenn die Salzkristalle nicht aufgelöst werden, können sie
ihren Geschmack nicht übermitteln. So steht es auch mit Meinen Kindern. Wenn
sie nicht im Feuer der Liebe und des Heiligen Geistes geschmolzen und zu einem
lebendigen Opfer werden, vermögen sie nicht einer einzigen Seele jenes
geistliche und himmlische Leben zu bringen, durch das sie gerettet werden kann.
Dann sind sie um nichts besser als Lots Weib, das zur Salzsäule wurde (t. Mose
19, 26). Aber gerade so wie Ich um euretwillen in Gethsemane geschmolzen wurde
(Luk. 22, 44) und am Kreuz Mein Leben hingab, damit Ich das Leben der Menschen
rettete — denn für Leben muß man mit Leben bezahlen —, so seid auch ihr dazu
aufgerufen, daß ihr euer Leben gebt und dadurch anderen den Geschmack geistlichen
Lebens bringt und sie vom Tode errettet.
47
6. Ein gewisser Mörder wurde nicht
gehängt, sondern in die Schlacht geschickt. Da kämpfte er für König und
Vaterland mit so unerschrockenem Mut, daß er, obwohl ernsthaft verwundet, doch
als Sieger zurückkehrte. Nach dem Siege wurde er wieder vor den Gerichtshof
gestellt, damit er sein Urteil empfange. Als der König an seinem Leibe die
Spuren seiner Wunden sah, hob er das Todesurteil auf und vergab ihm nicht nur
sein Verbrechen, sondern gewährte ihm auch eine hohe Belohnung und gab ihm eine
Ehrenstellung. So sollen auch jene, die an Meiner Seite in dem Heiligen Krieg
gegen den Satan mit Mut und Kühnheit kämpfen, damit sie ihre Brüder und
Schwestern retten, von Mir nicht nur die Vergebung der Sünden empfangen,
sondern im Reiche Gottes will Ich ihnen eine Krone und ein Königreich verleihen
(Jak. 5, 20; Offbg. 3, 21).
7. Das Rohr, das dazu dient, reines
Wasser zu spenden, wird von dem durchfließenden Wasser selber rein gehalten. So
ergeht es auch denen, die durch den Heiligen Geist das Wasser des Lebens zu
anderen bringen: sie werden selber gereinigt und erben das Reich Gottes.
8. Der beste Weg, wie der Gläubige
sich zum Empfang des Heiligen Geistes und zum Dienst zurüsten kann, ist, der
himmlischen Stimme zu gehorchen und, soweit die Kräfte reichen, sofort mit
dem Dienen anzufangen. Wer ein guter Schwimmer werden will, für den ist jeder
Unterricht nutzlos, solange er nicht ins Wasser steigt und selber übt. Und nur
wer fortwährend übt, zunächst im seichten und dann im tiefen Wasser, kann es
in dieser Kunst zu etwas bringen. Genau so ergeht es denen, die lernen wollen,
wie sie die Seelen derer retten können, die in den dunklen Wassern der Sünde
versinken. Der beste Weg dazu ist, daß sie in die einzig wirkliche und
praktische theologische Schule eintreten, und die heißt: Gemeinschaft mit Mir
(Apg. 4, 13).
9. Manche lassen sich vom Dienst
abhalten, weil sie an ihre Schwachheit denken und nicht daran, daß Meine Kraft
in den Schwachen mächtig ist (2. Kor. 12, 9). Sie gleichen Kranken, die,
obgleich sie sich von ihrem Leiden erholt haben und stärkende
48
Nahrung zu sich nehmen, dennoch
schwach bleiben, weil sie weder arbeiten noch eine geeignete Übung unternehmen.
Solche Gläubigen sollten ihr Vertrauen in Mich setzen und dann anfangen,
Sünder vom Untergang zu erretten.
II
1. Liebe ist der Prüfstein, wodurch
die Wirklichkeit der Wahrheit erkannt wird. Daran soll jedermann erkennen, daß
ihr Meine Jünger seid (Joh. 13, 35). Ich gebrauche auch das Schwert der
Gerechtigkeit, so daß auf den ersten Blick manche geneigt sind zu denken, Ich
wolle, ähnlich wie Salomo, Mein Werk ohne Barmherzigkeit zu Ende führen (1.
Kor. 3, 16—28). Dabei will Ich aber, genau so wie er, nur den Prüfstein der
Liebe anwenden, der die Wahrheit herausbringt, und zeigen, daß ihr die Kinder
jenes Gottes der Liebe seid, der Sein Leben gab, damit Er das eure errette.
Deshalb sollt ihr in der Liebe bleiben, einander dienen und selbst euer Leben
einsetzen, um anderen zu dienen, wie Ich auch Mein Leben für euch gegeben habe.
Denn Ich lebe, und ihr sollt auch leben (Joh. 14,19).
2. Wenn ihr wirklich Meine Jünger
seid, wird euer Liebesdienst viel Frucht bringen (Joh. 15, 8). Und wenn die
Menschen übel von euch reden und euch schmähen, so betet für sie; schmäht sie
nicht wieder, sondern lasset sie die süße Frucht eurer Liebe schmecken.
Wenn mutwillige Knaben auf einem Baum
eine süße Frucht erblicken, so werfen sie nach ihr mit Steinen. Der Baum aber
wirft ihnen, ohne zu murren, nicht Steine, sondern süße Früchte zu. Denn der
Baum hat keine Steine, die er werfen könnte; aber was Gott ihm gegeben hat, das
gibt er weiter, ohne sich zu beklagen. Laßt euch durch keine Mißhandlung
niederwerfen; denn wenn die Menschen euch beschimpfen, so ist damit völlig erwiesen,
daß euer Leben Frucht bringt. Obgleich sie euch aus Neid und Bosheit so
behandeln, so wird gerade dadurch die Herrlichkeit eures himmlischen Vaters
offenbar. Meinet nicht, Gott hun-
49
gere nach Verherrlichung, oder Ihm
fehle etwas an Seiner Ehre, das der Mensch ergänzen könnte. Keineswegs! Das
Ziel Seiner Liebe ist, das armselige Menschengeschöpf aus seinem Sündenzustand,
in den es gefallen ist, herauszuholen und in Seine himmlische Herrlichkeit
emporzutragen. So verherrlicht Er nicht sich selber, sondern den Menschen,
indem Er ihn reinigt, und darin wird das Wunder und die Majestät Seiner Liebe
offenbar.
3. Denen, die durch ihren Dienst
vielen dazu verhelfen haben, daß sie sich von der Sünde abwenden und
Gerechtigkeit finden in Mir, will Ich solche Herrlichkeit verleihen, daß sie
zunächst leuchten sollen wie die Sterne und dann, nachdem sie vollkommen gemacht
worden sind, scheinen wie die Sonne in ihres Vaters Reich. Wenn die Sonne der
Gerechtigkeit aufgeht, erbleichen und verschwinden die Sterne; aber der Wille
Meines Vaters ist: Seine Söhne sollen so vollkommen gemacht werden, wie Er
selber ist, mit Ihm in ewiger Herrlichkeit scheinen und auf ewig in Seiner
grenzenlosen und ewigen Liebe fröhlich sein.
4. Es gibt kleine Geschöpfe, die weit
unter dem Menschen stehen, wie der Leuchtkäfer mit seinem flackernden Licht und
gewisse kleine Pflanzen im Himalaja, die durch ihr schwaches phosphorisches
Strahlen, soweit sie vermögen, den dunklen Dschungel, in dem sie leben,
erleuchten. Auch winzige Fische in der Tiefe des Meeres strahlen ein
schimmerndes Licht aus, das andere Fische leitet und ihnen hilft, ihren Feinden
zu entgehen. Wieviel mehr sollten Meine Kinder Lichter in der Welt sein (Matth.
5,14) und begierig, daß sie durch Selbst-Opfer mit dem ihnen von Gott gegebenen
Licht diejenigen auf den Weg der Wahrheit bringen, die in der Finsternis leicht
eine Beute des Satans werden.
5. Wenn sie diese vom Himmel gesandten
Kräfte nicht im Dienst Gottes und Seiner Geschöpfe gebrauchen, dann laufen sie
Gefahr, jene himmlischen Gaben für immer zu verlieren. Das ist bei gewissen
Fischen geschehen, die in den tiefen Wassern dunkler Höhlen leben, auch bei
einigen Einsiedlern in Tibet; denn beide haben so lange in der Finsternis
gelebt, daß sie ihre Sehkraft
50
vollständig verloren haben.
Gleichermaßen hat der Strauß, weil er seine Flügel nicht gebrauchte, die Kraft
zu fliegen überhaupt verloren. Achte deshalb darauf, daß du nicht die Gaben
oder Talente, die dir anvertraut worden sind, mißachtest, sondern gebrauche
sie, damit du teilhabest an der Seligkeit und Herrlichkeit deines Meisters
(Matth. 25,14—30).
6. Gelegentlich, wenn es irgendeinen
großen Dienst zu leisten gibt, der vielen Heil und Segen bringt, wähle Ich dazu
diejenigen, die in den Augen der Welt gering geachtet werden, weil sie sich
nicht der Kraft ihrer eigenen Weisheit rühmen; vielmehr setzen sie ihr ganzes
Vertrauen in Milch, schätzen ihre Fähigkeiten gering und weihen alles, was sie
haben und sind, Meinem Dienst für die Menschen (1. Kor. 1, 26—30).
Zum Beispiel: Als Ich in der Wüste die Fünftausend mit fünf Broten und zwei
Fischen speiste, da tat Ich, wie du dich erinnerst, dieses Wunder nicht mittels
Meiner Jünger, denn sie waren voller Zweifel und Verlegenheit und wollten die
Menge hungrig fortschicken (Joh. 6, 9). Mein Diener bei dieser Gelegenheit
wurde ein kleiner Knabe 8, den Ich von seiner Lähmung geheilt hatte.
Er war voller Begier, Meine Worte zu hören, und beschloß, Mir zu folgen. Seine
arme Mutter hatte in sein Zeug etwas Gerstenbrot und getrockneten Fisch
gepackt, gerade genug für eine Reise von zwei oder drei Tagen. Als man dann
nach Nahrungsmitteln für die Menge suchte, brachte dieser getreue Knabe alles,
was er hatte, und legte es den Jüngern zu Füßen. Obgleich auch reiche Leute da
waren, die viel besseres Essen, etwa Weizenbrote, bei sich hatten, waren sie
doch nicht bereit, es herzugeben. So wurde die Menge mit den Gerstenbroten
dieses Knaben durch Meinen Segen herrlich gespeist.
7. Es gibt viele
Menschen, die bleiben, was ihnen auch an Segnungen geschenkt werden mag,
unzufrieden und undankbar. Und selbst wenn zu ihrem Besten Wunder geschehen, so
bleiben sie dennoch unzufrieden und ohne Dank. Solche Leute sind zum Dienst und
Segen anderer nicht zu gebrauchen, sondern gleichen dem Mann, den Ich heilte,
nachdem er 38 Jahre lang an einer un-
51
heilbaren Krankheit gelitten hatte:
anstatt zu danken und an Mich zu glauben, nahm er sich nicht einmal mehr die
Mühe, Meines Namens zu gedenken (Joh. 5,12—13). Von solchen Leuten kann die
Welt keinen Segen erhoffen; Segen kommt nur von denen, die, gleich der armen
Witwe, bereit sind, alles, was sie haben, hinzugeben, und sei es auch das
Unentbehrlichste (Luk. 21,2-4).
8. Um in Wahrheit zu dienen und ihre
Pflicht zu erfüllen, müssen Meine Diener bereit sein, selbst das Leben
hinzugeben. So hatte es jener getreue Soldat getan: In bitterer Kälte und
fallendem Schnee harrte er auf seinem Posten aus, bis er sich zu Tode fror;
gleich einem Standbild stand er an seinem Platz, obgleich die anderen
Wachmannschaften fortgingen und sich am Feuer wärmten. Als der König kam und
ihn stehen sah, noch im Tod unbeweglich und getreu, nahm er seine Krone ab,
setzte sie ihm für eine Weile aufs Haupt und sagte: „Solch ein getreuer Soldat
und Diener ist der Ehre und Herrlichkeit meiner Krone wert. Ich wünsche, er
lebte noch, denn dann würde ich ihn an die Spitze meines Königreichs
stellen!" Genau so müssen Meine treuen Diener sein in dem Dienst, in den
Ich sie gestellt habe. Und wer bis zuletzt mit ebensolcher Treue und gleichem Mut
arbeitet, dem will Ich eine unvergängliche Krone ewigen Königtums geben (2.
Tim. 4, 5—8).
9. Viele haben die kostbare Zeit, die
ihnen gegeben war, damit sie Mir dienten, vergeudet; aber selbst jetzt haben
sie noch Gelegenheit, sich aufzumachen und die Zeit, die ihnen verbleibt, aufs
beste zu nutzen. Sie gleichen einem Jäger, der, während er den Dschungel
durchzog, am Ufer eines Gewässers einige hübsche Steine auflas. Er kannte ihren
Wert nicht, legte einen nach dem anderen auf seine Schleuder und schoß mit
ihnen auf die Vögel, die auf den Bäumen nahe am Flusse saßen. So fielen sie,
einer wie der andere, ins Wasser und gingen verloren. Mit dem letzten in der
Hand kehrte er zur Stadt zurück. Als er an den Läden vorbeiging, erblickte ein
Juwelier den Stein und sagte dem törichten Kerl, es sei ein wertvoller Diamant,
für den er Tausende von
52
Mark bekommen könne. Als er das hörte,
begann er sich selbst zu beklagen und sprach: „Weh mir! Ich kannte ihren Wert
nicht und habe viele dieser Diamanten dazu benützt, auf Vögel am Flußufer zu
schießen; sie sind in den Fluß gefallen und verloren, sonst wäre ich ein
Millionär geworden. Immerhin habe ich diesen einen gerettet, und das ist doch
noch ein Gewinn." Ein jeder Tag gleicht einem kostbaren Diamanten. Und
obgleich viele unschätzbare Tage mit der Jagd nach vergänglichen Vergnügungen
vergeudet worden und für immer in den Tiefen der Vergangenheit versunken sind,
solltest du doch wach werden für den Wert dessen, was geblieben ist. Ziehe
daraus den bestmöglichen Nutzen, so wirst du noch geistliche Schätze sammeln.
Nutze es in Meinem Dienst, der Ich dir das Leben und all seine unschätzbaren
Segnungen gegeben habe. Und indem du es nutzest, um andere von Sünde und Tod
zu erretten, wirst du ewigen und himmlischen Lohn empfangen.
5. Kapitel
DAS
KREUZ UND DAS GEHEIMNIS
DES LEIDENS
I
Der Jünger:
Was bedeutet das Kreuz, und wozu ist
es da? Und wozu gibt es Schmerz und Leiden in der Welt?
Der Meister:
1. Das Kreuz ist der Schlüssel zum
Himmel. In dem Augenblick, da Ich in Meiner Taufe um der Sünder willen das
Kreuz auf Meine Schultern nahm, tat sich der Himmel auf. Und weil
53
Ich dreiunddreißig Jahre lang das
Kreuz trug und daran starb, wurde der Himmel, der wegen der Sünde verschlossen
war, den Gläubigen für immer geöffnet.
Sobald nun Gläubige ihr Kreuz auf sich
nehmen und Mir nachfolgen, gehen sie durch Mich in den Himmel ein (Joh. 10, 9)
und beginnen jene grenzenlose Seligkeit zu genießen, welche die Welt nicht
verstehen kann, denn dem Unglauben ist der Himmel verschlossen. Hoffnung und
Erfahrung lehren auch den Ungläubigen: auf Leiden folgt Freude, aber jene
Freude dauert nicht. Doch Ich gebe Meinen Kindern im Leiden Ruhe, vollkommene
Seligkeit und Frieden. Wer Mein Kreuz fröhlich auf sich nimmt, der wird selbst
von ihm getragen. Wen das Kreuz hält, der geht schließlich in den Himmel ein.
2. Das Leiden folgt aus der verkehrten
und aufsässigen Art des Menschen. Es ist damit wie mit der tropischen Hitze:
diese ermüdet und quält die Menschen kalter Länder; entsprechend wirkt die
Kälte auf die Menschen tropischen Klimas. Hitze und Kälte hängen von der
Stellung der Erde zur Sonne ab. So tritt der Mensch, indem er seinen freien
Willen gebraucht, in einen Zustand, da er entweder Gott zustimmt, oder da er
sich gegen Gott auflehnt. Insoweit Gottes Gesetze die geistliche Gesundheit und
Glückseligkeit des Menschen fördern sollen, bringt der Widerspruch gegen sie
geistliches Leiden. Gott beseitigt diesen Zustand der Empörung gegen Seinen
Willen nicht; vielmehr benutzt Er ihn und zeigt dem Menschen: diese Welt ward
nicht als seine Heimat erschaffen, sondern ist ein ihm fremdes Land (2. Kor. 5,
1—2 und 6).
Diese Welt soll ihn nur auf seine
vollkommene und ewige Heimat vorbereiten, und die wiederholten Schläge des
Mißgeschicks wollen seinen Geist wachhalten, damit er nicht nachlässig werde,
von der Wahrheit abfalle und in den Zusammenbruch dieser unbeständigen Welt
mit hineingezogen werde. Der Mensch ist dazu bestimmt, daß er mit seinem
Schöpfer Gemeinschaft habe und, vom Leiden und Elend dieses vergänglichen
Lebens befreit, in Seinen Himmel ewiger Seligkeit und ewigen Friedens eingehe.
54
3. Das Leiden ist bitter wie Gift.
Aber es ist auch wohlbekannt, daß mitunter das Heilmittel gegen ein Gift selbst
wieder Gift ist. Und so wende Ich zuzeiten das Leiden wie eine bittere Medizin
an, um die geistliche Gesundheit und Kraft Meiner Gläubigen zu fördern. Sowie
ihre vollkommene Gesundheit gesichert ist, hat alles Leiden ein Ende. Ich habe
keine Freude an ihrem Leiden, denn Mein einziges Ziel ist ihr ewiges Wohl
(Klag. 3,31 und 33).
4. Wie nach einem Erdbeben an wüsten
Orten mitunter Süßwasserquellen aufbrechen und das dürre Land bewässert und
fruchtbar wird, so erschließt in gewissen Fällen das Leiden im Herzen eines
Menschen verborgene Quellen lebendigen Wassers, und statt Murren und Klagen
gehen von ihm Ströme der Dankbarkeit und Freude aus (Ps. 119, 67 und 71).
5. Sobald ein Kind auf die Welt kommt,
muß es schreien und kreischen, damit es durchatmet und seine Lungen sich strecken;
und wenn es aus irgendeinem Grunde nicht schreit, muß man ihm Schläge geben,
bis es schreit. Genau so steht es mit der vollkommenen Liebe. Zuzeiten lasse
Ich Meine Kinder unter den Schlägen und Stichen des Leidens laut aufschreien,
damit der Atem des Gebets durch die Lungen des Geistes ziehe und sie dadurch
frische Kraft gewinnen und im ewigen Leben bleiben.
6. Das Kreuz gleicht der Walnuß: deren
äußere Schale ist bitter, aber der innere Kern schmeckt angenehm und gibt
Kraft. So bietet das Kreuz keinen Reiz äußerer Erscheinung, aber dem
Kreuzträger offenbart es sein wahres Wesen, und er findet in ihm auserwählte
Süßigkeiten geistlichen Friedens.
7. Als Ich Mensch wurde, trug Ich das
grausame Kreuz zur Erlösung des Menschen nicht nur während der sechs Stunden
Meiner Kreuzigung, auch nicht allein während der dreieinhalb Jahre Meines
Dienstes, sondern während der ganzen 33J/2 Jahre Meines Lebens,
damit der Mensch von der Bitterkeit des Todes befreit werde. Wie es für einen
reinlichen Menschen peinlich ist, wenn er sich auch nur für wenige Minuten an
einem schmutzigen und unreinlichen Ort aufhalten muß, so findet, wer in Mir
bleibt, es höchst widerwärtig, wenn er unter lasterhaften Menschen leben
55
muß. Und das ist auch der Grund,
weswegen einige Beter, welche die Unreinheit der Sünde nicht mehr ertragen
konnten, die Welt verlassen und als Einsiedler in Wüsten und Höhlen gelebt
haben. Bedenke, wenn schon Menschen, die selber Sünder gewesen sind, die
Gegenwart der Sünde so schwer ertragen, daß sie die Gesellschaft ihrer eigenen
Art nicht mehr aushaken können, so daß sie diese verlassen und niemals mehr zu
ihr zurückkehren wollen : wie außerordentlich schmerzhaft und schwer muß ein
Kreuz wie das Meine gewesen sein, da Ich, die Quelle der Heiligkeit, mehr als
33 Jahre hindurch fortwährend unter Menschen leben mußte, die von Sünde
befleckt waren. Dies zu verstehen und recht zu würdigen geht über die Kräfte
des menschlichen Geistes hinaus, und selbst die Engel gelüstet es zu schauen (i.
Petr. 1,12). Sie wußten zwar vor der Schöpfung, Gott ist Liebe. Aber
es war selbst für sie höchst wunderbar und erstaunlich, daß Gottes Liebe so
groß ist, daß Er, damit Seine Geschöpfe gerettet würden und ewiges Leben
empfingen, Mensch wurde und das grausame Kreuz trug.
8. Sogar in diesem Leben schon teile
Ich das Kreuz derer, die in Mir bleiben, und bin in ihrem Leiden bei ihnen
(Apg. 9, 4). Sie sind zwar Geschöpfe, und Ich bin ihr Schöpfer. Dennoch
verhalte Ich Mich zu ihnen wie der Geist zum Leib. Diese zwei, obgleich verschiedene
Wesenheiten, sind doch so sehr miteinander verbunden, daß, wenn selbst das
kleinste Glied des Leibes Schmerz fühlt, der Geist sogleich dessen inne wird.
So bin Ich Leben und Geist Meiner Kinder, und sie sind sozusagen Mein Leib und
Glieder. Ich teile mit ihnen all ihren Schmerz und Kummer und helfe ihnen im
rechten Augenblick.
9. Ich habe Selbst das Kreuz getragen.
Deshalb kann Ich auch die Kreuzträger befreien und in vollkommener Geborgenheit
erhalten, selbst wenn sie mitten durch die Feuer der Verfolgung schreiten. Ich
war bei den drei jungen Männern in Nebukadnezars Feuerofen, der bei allem Wüten
doch keine Macht hatte, sie zu verletzen (Dan. 3, 23—25; 1. Petr. 4,
12—13). Wer durch die Taufe des Heiligen Geistes das neue Leben empfangen hat,
emp-
56
findet weder die Feuer der Verfolgung
noch irgend etwas Schädliches, denn in Mir bleibt er stets in ewigem Frieden
und Geborgenheit.
II
1. In der bitteren Kälte des Winters
stehen die Bäume vom Laub entblößt, und es scheint, als sei auch ihr Leben für
immer entwichen; doch im Lenz treiben sie neue Blätter und schöne Blüten, und
dann kommen Früchte. So stand es auch um Mich, als Ich gekreuzigt und wieder
auf erweckt wurde; und so steht es auch mit Meinen getreuen Kreuzträgern (2.
Kor. 4, 8—11; 6, 4—10). Obwohl es so aussieht, als seien sie unter dem Kreuz
zermalmt und tot, so bringen sie dennoch die schönen Blüten und herrlichen
Früchte des ewigen Lebens, die da bleiben ewiglich.
2. Wenn ein edler Baum auf einen
unedlen gepfropft wird, spüren beide das Messer und müssen beide leiden, damit
der unedle Baum edle Früchte trage. Ebenso mußten zuerst Ich Selbst und danach
auch Gläubige die Qualen des Kreuzes erleiden, damit in das böse und
sündenvergiftete Wesen der Menschen geistliches und heiliges Leben eingehe,
sie in Zukunft immerdar gute Früchte bringen und dadurch die herrliche Liebe
Gottes offenbaren.
3. Wenn euch die Menschen in dieser
Welt verleumden und verfolgen, so lasset euch das nicht überraschen oder
bedrücken, denn diese Welt ist für euch kein Ruheplatz, sondern ein Schlachtfeld.
Weh euch, wenn die Menschen dieser Welt euch wohlreden (Luk. 6, 26), denn das
beweist, daß ihr deren verkehrten Wegen und Gewohnheiten folgt. Meine Kinder zu
loben, geht gegen ihr Wesen, denn Licht und Finsternis können nicht zusammengehen.
Wenn böse Menschen um des äußeren Scheines willen gegen ihre Art handeln und
euch nicht mehr verfolgen, dann habt ihr um so größeren Schaden, denn ihr
Einfluß dringt in euer geistliches Leben ein und hemmt euer geistliches Wachstum.
57
Wenn ihr der Welt oder weltlichen
Menschen vertraut, so baut ihr euer Haus auf Sand; denn heute erheben sie euch,
und morgen schlagen sie euch nieder, so daß keine Spur mehr von euch übrig
bleibt, denn sie sind in allen Dingen unbeständig. Als Ich zum Passahfest nach
Jerusalem ging, da schrieen sie alle wie mit einer Stimme: „Hosianna,
Hosianna!" (Matth. 21, 9). Und als sie drei Tage später sahen, daß das,
was Ich sagte, gegen ihr sündiges und selbstsüchtiges Leben ging, änderten sie
sogleich ihren Sinn und schrieen: „Kreuzige Ihn! Kreuzige Ihn!" (Luk. 23,
21).
4. Wenn einmal einige oder gar alle
Gläubigen sich aus Mißverstand gegen euch wenden und euch Schmerzen bereiten,
so müßt ihr das nicht als Unglück ansehen. Tut nur aufrichtig und getreu unter
der Leitung des Heiligen Geistes weiterhin eure Pflicht, dann sind, wie ihr
wißt, Gott Selbst und alle Heere des Himmels auf eurer Seite.
Lasset euch nicht entmutigen, denn die
Zeit ist nahe, da alle eure Absichten und Pläne und all eure selbstlose Liebe
der ganzen Welt bekannt gemacht werden. Dann wird euch in aller Gegenwart für
euer Mühen und treues Dienen Ehre angetan.
Auch Ich mußte — zur Erlösung der
Menschen — alles aufgeben und wurde selbst von allen aufgegeben; aber am Ende
gewann Ich alles zurück. So seid auch nicht überrascht, wenn die Welt euch
verläßt, denn sie hat Gott selbst verlassen. Darin werdet ihr nur als rechte
Kinder eures Vaters befunden.
5. Denke nicht, die Menschen, die ein
üppiges Leben führen und in weltlichen Angelegenheiten immer Erfolg zu haben
scheinen, seien alle wahre Gottesanbeter; denn oft ist das Gegenteil der Fall.
Schafe können sich wohl von Hürde und Hirten entfernen und im Dschungel gute
Weide finden, aber all die Zeit über laufen sie Gefahr, daß Raubtiere sie in
Stücke reißen, und das wird ihnen schließlich auch geschehen. Doch die in der
Hürde beim Hirten bleiben, obgleich sie krank und schwach erscheinen mögen,
sind sicherlich frei von Gefahr und in des Hirten Fürsorge. So unterscheiden
sich Gläubige und Ungläubige.
6. Das Leben des Gläubigen und das des
Ungläubigen zeigen zum Anfang große Ähnlichkeit, aber wenn ihr Ende kommt, so
sind sie so verschieden wie Schlange und Seidenraupe. Die Schlange, wie oft sie
sich auch häutet, bleibt stets eine Schlange; aber die Seidenraupe, wenn sie
ihre häßliche Hülle abgeworfen hat, wird eine neue Kreatur und fliegt als
zarter hübscher Schmetterling in der Luft umher. So geht der Gläubige, wenn er
diesen Leib abgelegt hat, in einen Zustand geistlicher Herrlichkeit ein und
steigt auf ewig zum Himmel empor, während der Sünder nach dem Tode nichts als
ein Sünder ist.
Obgleich die Seidenraupe, in ihrer
Hülle eingeengt, sich in einem Zustand der Bedrückung und des Kampfes befindet,
als ob sie am Kreuz leiden müßte, so läßt doch gerade dieses Ringen ihre Flügel
erstarken und rüstet sie für ihr künftiges Leben aus. So stehen auch Meine
Kinder, während sie im Leibe leben, in geistlichem Kampf und Widerstreit und
erwarten ihre Befreiung mit Seufzen und Sehnen. Aber durchs Kreuztragen gebe
Ich ihnen Kraft, und sie werden völlig ausgerüstet und zubereitet für das ewige
Leben (Röm. 8, 23).
Mitten in diesem geistlichen
Kriegsleben, und selbst während sie ihr Kreuz tragen, gebe Ich ihnen
wunderbaren Herzensfrieden, damit sie ihren Mut nicht verlieren. Zum Beispiel:
Als einer Meiner getreuen Märtyrer für Mich in Wort und Tat Zeugnis abgelegt
hatte, nahmen ihn seine Feinde und hängten ihn an einen Baum, den Kopf nach
unten. In dieser Lage war sein Gemüt so voller Frieden, daß er weder Schmerz
noch Schande spürte, sondern sich zu seinen Verfolgern wandte und sagte: „Die
Art, wie ihr mich behandelt, kann mich nicht erschrecken noch vernichten; denn
in einer Welt, wo alles auf dem Kopf steht und nichts Aufrechtes zu sehen ist,
kann ich nichts anderes erwarten. Ihr meint, ihr habt mich im Einklang mit
eurem Wesen verkehrt aufgehängt; .aber in Wirklichkeit bin ich nun in der
richtigen Stellung. Es geht mir wie dem Bild in einer Bildlaterne: nur wenn es
auf den Kopf gestellt wird, erscheint es in seiner richtigen Gestalt. Obgleich
ich in den Augen der Welt auf dem Kopf stehe,
59
so habe ich vor Gott und der
himmlischen Welt doch die rechte Haltung. Und ich danke Ihm für dieses
herrliche Kreuz."
8. Mitunter würde es den Gläubigen
leicht, um Meines Namens willen zu Märtyrern zu werden. Doch ich brauche auch
lebende Zeugen, die sich anderen zum Heil täglich zum lebendigen Opfer bringen
(1. Kor. 15,31). Sterben ist leicht, aber Leben ist schwer; denn das
Leben eines Gläubigen ist ein tägliches Sterben. Die aber so bereit sind, um
Meinetwillen ihr Leben hinzugeben, die sollen an Meiner Herrlichkeit teilhaben
und in der Freude Fülle mit Mir ewiglich leben.
9. Sollten Schmerzen und Leiden, Sorge
und Kummer sich gleich Wolken erheben und eine Zeitlang die Sonne der Gerechtigkeit
verdunkeln und sie deinem Blick verbergen, so erschrick nicht, denn am Ende
wird diese Wolke des Wehs auf dein Haupt Segnungen herabgießen, und die Sonne
der Gerechtigkeit wird sich über dir erheben und nimmermehr untergehen (Joh.
16, 20—22).
6. Kapitel
HIMMEL
UND HÖLLE
Der Jünger:
Meister, was sind Himmel und Hölle,
und wo sind sie?
Der Meister:
1. Himmel und Hölle sind die beiden
entgegengesetzten Zustände in der Geisteswelt. Sie nehmen ihren Ausgang im Menschenherzen,
und ihr Grund wird in dieser Welt gelegt. Wie der Mensch seinen eigenen Geist
nicht sehen kann, so kann er auch
60
diese beiden Zustände der Seele nicht
sehen. Aber er erfährt sie in seinem Inneren genau so, wie er den Schmerz
fühlt, wenn er geschlagen wird, und die Süße schmeckt, wenn er Süßigkeiten ißt.
Die Wunde, die ein Schlag hervorruft, kann größer werden, bis sie den größten
Schmerz bereitet und schließlich zu Tod und Fäulnis führt, und die Süßigkeiten
andererseits können durch die Verdauung die Kraft steigern. Ebenso können der
Schmerz über eine sündige Tat und die Freude über ein gutes Werk bis zu einem
gewissen Grade unmittelbar wahrgenommen werden, aber die volle Strafe oder der
volle Lohn dafür werden erst beim Eintritt in die Geisteswelt empfangen.
2. Der Mensch ist in dieser Welt
niemals auf längere Zeit mit einer einzigen Sache zufrieden, sondern
fortwährend sucht er, Umstände und Umgebung zu ändern. Daraus erhellt, die vergänglichen
Dinge dieser Welt können ihn niemals zufriedenstellen. Er braucht vielmehr
etwas Beständiges und Unwandelbares, das seinem Empfinden und Wünschen immer
zusagt. Wenn er bei seinem Suchen diese Wirklichkeit in Mir findet, dann endet
die Sucht nach fortwährendem Wechsel; denn der vollkommenen Gemeinschaft und
Glückseligkeit wird niemand überdrüssig, vielmehr verlangen Leib und Geist
danach. Wahren Frieden zu erlangen, ist in Wahrheit das einzige Lebensziel der
menschlichen Seele. Mitunter empfindet das Menschenherz, ohne daß es daran
dachte oder es begehrte, plötzlich Freude oder Leid. Das ist dann eine
Ausstrahlung aus der Geisteswelt des Himmels oder der Hölle. Diese kommen immer
wieder zu ihm. Allmählich herrscht gemäß seiner Geisteshaltung die eine vor,
und indem er sie sich stetig aneignet, vollzieht er eine endgültige Wahl. Auf
diese Weise wird schon in dieser Welt im Menschenherzen der Grund für Himmel
oder Hölle gelegt, und nach dem Tode geht er in den Zustand ein, den seine
Wünsche oder Leidenschaften in diesem Leben für ihn bereitet haben.
3. Einige sagen, das Begehren sei die
Wurzel aller Schmerzen und Sorgen, und deshalb sei es nicht recht, Seligkeit im
Himmel oder in Gemeinschaft mit Gott zu begehren, denn das Heil be-
61
stehe gerade darin, alles Begehren zu
töten. Das ist ebenso töricht, wie wenn man einem Durstigen rät, er solle
seinen Durst töten, anstatt daß man ihm Wasser zu trinken gibt; denn Durst oder
Begehren gehört zum Leben. Wer Begehren oder Durst überwinden will, ohne sie
zu befriedigen, der zerstört das Leben, und das ist nicht Erlösung, sondern
Tod. Wie der Durst das Wasser voraussetzt und das Wasser dazu dient, den Durst
zu stillen, so setzt das Vorhandensein des Begehrens in der Seele wahre Seligkeit
und Frieden voraus. Wenn die Seele Ihn findet, der ihr jenes Begehren
einpflanzte, dann empfängt sie eine viel größere Befriedigung als der durstige
Mann vom Wasser, und diese Befriedigung des Begehrens der Seele nennen wir
Himmel.
4. Viele in dieser Welt gleichen dem
Mann, der vor Durst starb, obgleich er sich mitten in den grenzenlosen Wassern
des Meeres befand; denn Seewasser konnte seinen Durst nicht löschen oder sein
Leben retten. Genau so ergeht es den Menschen, die in dem grenzenlosen Ozean
der Liebe leben: weil ihnen in ihrem Ungehorsam und ihrer Sünde das frische
Wasser der Gnade Gottes bitter schmeckt, verdursten sie. Aber denen, die ihre
Sünde bereuen und sich zu Mir wenden, fließen Quellströme lebendigen Wassers
aus jenem Ozean der Liebe zu, und sie finden in Ihm, der sie liebt,
Befriedigung und bleibenden Frieden. Und auch das nennen wir Himmel.
5. Viele Menschen hegen eine so starke
Liebe zur Welt, daß ihre Herzen, obwohl durch Beispiel und Lehre Meiner Kinder
oft himmelwärts erhoben, dennoch von der Anziehungskraft der Erde herabgezogen
werden. So gleichen sie Steinen, die in die Höhe geworfen werden: sie fallen in
die Welt zurück und gleiten schließlich in die Hölle. Wenn jedoch der Mensch
sein Herz in wahrer Reue zu Mir wendet, dann reinige Ich den Tempel seines
Herzens mit der Geißel der Liebe und mache es zu einer himmlischen Wohnung für
den König aller Könige. So ist dieses irdische Leben: die Herrlichkeit und
Pracht der Könige ist heute noch zu sehen, aber morgen schon ist sie in den
Staub gesunken. Die aber Söhne des Gottesreiches werden, haben Herrlichkeit und
62
Ehre, Throne und Kronen, und ihres
Königreiches, des Himmels, ist kein Ende.
6. Sünder stehlen zu ihrer eigenen
Lust die Güter der anderen. Deshalb verschließen die Menschen, gute wie böse,
wenn sie fortgehen, ihre Häuser. Und dieses Abschließen der Güter muß so lange
währen, wie die Menschenherzen gegen ihren Herrn und Schöpfer abgeschlossen
sind. Wenn jedoch des Herzens Schloß Ihm, der immer an der Türe steht und
anklopft (Offbg. 3, 20), offen ist, dann wird das Begehren und Sehnen des
Herzens erfüllt. Dann wird es nicht mehr nötig sein, die Häuser zu verschließen;
denn anstatt einander die Güter zu stehlen und sich gegenseitig Schaden
zuzufügen, werden alle einander in Liebe dienen. Wenn die Menschen Gott geben,
was Ihm gebührt, werden sie an Seiner Liebe teilhaben und im gegenseitigen
Dienst nur das Gute suchen. Dergestalt treten sie in Seine wundersame Freude
und Seinen Frieden ein. Und das ist der Himmel.
7. Als Ich Mein Leben
am Kreuz für die Menschensöhne dahingab, damit Ich Sünder von der Hölle errettete
und sie in den Himmel führte, starben zur selben Zeit Mir zur Seite zwei Diebe.
Obgleich wir drei dem Augenschein nach das gleiche Schicksal erlitten, war
doch in geistlicher Hinsicht ein großer Unterschied. Einer der beiden verschloß
sein Herz gegen Mich und starb unbußfertig, aber der andere öffnete Mir sein
Herz in wahrer Reue und fand in der Gemeinschaft mit Mir das Leben; am selben
Tage ging er mit Mir ins Paradies ein (Luk. 23, 39—43). Dieses Paradies
besteht nicht nur jenseits des Grabes, sondern fängt schon jetzt in den
Menschenherzen an, obgleich es vor den Augen der Welt verborgen ist (Luk. 17,
21). Einer Meiner treuen Märtyrer war dem Tode nahe, nachdem er unsagbare
Qualen von den Händen seiner Verfolger erlitten hatte; er war so voller Himmelsfreude,
daß er sich zu ihnen wandte und sprach: „Ach, könnte ich euch mein Herz öffnen
und den wunderbaren Frieden zeigen, den ich habe und den die Welt weder geben
noch fortnehmen kann! Dann würdet ihr von seiner Wahrheit überzeugt werden;
aber es ist das /verborgene Manna', und das ist unsichtbar." Nach
63
seinem Tode riß jenes törichte Volk
sein Herz heraus, denn es hoffte, darin etwas Kostbares zu finden; aber sie
fanden nichts; denn die Wirklichkeit jenes Himmels ist nur denen bekannt, die
sie annehmen und darin ihre Freude finden.
8. Marxens Leib, wo Ich in
fleischlicher Gestalt für ein paar Monate wohnte, war kein so gesegneter Ort
wie das Herz des Gläubigen, in dem Ich für alle Zeit Meine Wohnung habe, und
das Ich zum Himmel mache (Luk. 9, 27—28).
9. Viele sehnen sich nach dem Himmel,
aber sie verfehlen ihn durch ihre eigene Torheit. Ein armer Bettler saß 21
Jahre lang auf einer verborgenen Schatzkammer und brannte so sehr vor Begier,
reich zu werden, daß er alle Kupfermünzen, die er bekam, aufhäufte. Doch er
starb in elender Armut und ahnte nichts von dem Schatz, auf dem er all die
Jahre hindurch gehockt hatte. Weil er so lange auf derselben Stelle gesessen
hatte, hegte man den Verdacht, er habe dort etwas Kostbares verborgen. So ließ
der Gouverneur die Stelle aufgraben, und man entdeckte einen Schatz kostbarer
Dinge, die dann in die königliche Schatzkammer geschafft wurden. Mein Wort ist
gar nahe bei dir, in deinem Mund und in deinem Herzen (5. Mose 30,14).
10. Die das geistliche Leben nicht
kennen, erklären, es sei unmöglich, wirklichen Frieden und himmlische Freude
in dieser kummervollen Welt zu erfahren. Aber die das geistliche Leben erfahren
haben, wissen: wie mitten in den Eisfeldern der Polargebiete Ströme heißen
Wassers fließen, so fließen inmitten dieser kalten und sorgenbeladenen Welt in
den Herzen der Gläubigen ruhevolle Ströme himmlischen Friedens, denn das
verborgene Feuer des Heiligen Geistes glüht in ihnen.
11. Gott hat alle Menschen als eines
Blutes erschaffen und nach Seinem Bild gestaltet. Dennoch hat Er ihnen
verschiedene Anlagen und Kräfte gegeben. Wenn alle Blumen in der Welt in Farbe
und Geruch einander glichen, dann würde das Angesicht der Erde seinen Reiz
verlieren. Wenn die Sonnenstrahlen durch ein buntes Glas fallen, so verändern
sie zwar nicht die Farben, aber sie bringen nun erst ihre mannigfache Pracht
und Schönheit zum
64
Leuchten. Ebenso offenbart die Sonne
der Gerechtigkeit in dieser Welt wie im Himmel durch die gottgegebenen Tugenden
der Gläubigen und Heiligen immerdar Ihre unbegrenzte Herrlichkeit und Liebe. So
bleibe Ich in ihnen und sie in Mir, und sie werden ewiglich Freude haben.
II
Der Jünger:
Meister, manche Leute sagen, die
Erquickung und Freude, welche Gläubige erfahren, sei einfach das Ergebnis ihrer
eigenen Gedanken und Ideen. Ist das wahr?
Der Meister:
1. Jene Erquickung und bleibender
Friede, den Gläubige in sich haben, kommt daher, daß Ich in ihren Herzen
gegenwärtig bin, und daß der Heilige Geist ihnen aus Seiner Fülle Leben
einhaucht. Die aber sagen, jene geistliche Freude sei nur das Ergebnis der
Gedanken des Herzens, gleichen dem törichten Mann, der, blind geboren, in der
kühlen Jahreszeit draußen im Sonnenschein zu sitzen pflegte, um sich zu wärmen.
Als man ihn fragte, was er von der Sonnenwärme denke, leugnete er hartnäckig,
daß es so etwas wie die Sonne überhaupt gebe, und sagte: „Diese Wärme, die ich
jetzt außen fühle, kommt aus dem Innern meines eigenen Leibes und ist nichts
anderes als die kraftvolle Wirkung meiner eigenen Gedanken. Was die Leute mir
von einer großen Feuerkugel erzählen, die da oben am Himmelszelt schwebe, das
ist alles Unsinn." Sehet deshalb zu, „daß euch niemand beraube durch die
Philosophie und lose Verführung nach der Menschen Lehre und nach der Welt
Satzungen" (Kol. 2, 8).
2. Wenn das wahre
Glück von Menschengedanken abhinge, dann würden alle Philosophen und tiefen
Denker davon überfließen. Aber die Weltweisen — außer denen, die an Mich glauben
— sind allesamt ohne Glück. Was sie haben, ist nur eine Art flüchtigen Vergnügens,
und das erlangen sie, indem sie gewissen eigenen Grundsätzen folgen.
65
Aber Ich habe den Menschen so
geschaffen, daß er von Natur aus dazu bereit ist, den Heiligen Geist zu
empfangen. Denn dies ist der einzige Weg, wie er dieses himmlische Leben und
Freude empfangen kann. Es geht ihm wie der Holzkohle. Diese hat die natürliche
Fähigkeit, Feuer aufzunehmen, aber ohne Sauerstoff kann das Feuer nicht in sie
eindringen. Wenn der Sauerstoff des Heiligen Geistes nicht in die Seele des
Menschen eintreten kann, dann bleibt dieser in der Finsternis und kann sich
niemals dieses wahren und bleibenden Friedens erfreuen (Joh. 3, 8).
3. Herz und Gedanken des Menschen sind
wie die Saiten einer Laute oder Geige gestimmt. Wenn diese fest gespannt und gestimmt
sind, entsteht, sobald Piektrum oder Bogen sie berühren, die reizvollste Musik.
Ist jene Voraussetzung nicht erfüllt, so ruft die Berührung des Bogens nur
Mißklänge hervor. Ob süße Laute ertönen, auch wenn alle Saiten gestimmt sind,
das hängt ferner noch von der Luft ab, durch die der Laut das Ohr erreicht.
Ebenso muß, wenn die Gedanken und Einbildungen der Menschen zum Einklang
gebracht werden sollen, der Hauch des Heiligen Geistes gegenwärtig wirken.
Wenn das geschieht, dann erklingen in den Menschenherzen himmlische Lieder und
fröhliche Weisen, hier auf Erden wie im Himmel.
III
Der Jünger:
Meister, zuzeiten spüre ich, daß
Frieden und Glückseligkeit mich verlassen haben. Geschieht das, weil eine Sünde
verborgen ist, oder gibt es noch einen anderen Grund, den ich nicht kenne?
Der Meister:
1. Ja, zuzeiten folgt es auf
Ungehorsam. Aber gelegentlich verlasse Ich scheinbar Meine Kinder auf eine
kurze Zeit, und dann fühlen sie sich verlassen und ruhelos. Wenn sie sich dann
in einem solchen Zustand befinden, kann Ich ihnen ihr tatsächliches Selbst und
ihre äußerste Schwachheit offenbaren und lehre sie, ohne Mich seien sie nichts
als Totengebein (Hes. 37, 1—14). Ich
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tue das, damit sie im Zustand des
Friedens nicht ihre wahre Lage vergessen, sich für Gott halten und durch
solchen Stolz der Höllenstrafe verfallen (i. Tim. 3, 6; Jud. 6; Jes. 14,
12—17). Dadurch werden sie geübt und erzogen. Und wenn sie demütig in Mir
bleiben, der sie erschaffen hat, dann werden sie sich im Himmel ewiger
Seligkeit erfreuen.
2. Mitunter, wenn Ich
in Meine Kinder eingehe und sie mit der Fülle des Geistes erfülle, fließen sie
von göttlicher Seligkeit und Freude über, so daß sie die ihnen geschenkte
Herrlichkeit und Segnung nicht ertragen können: sie werden wie benommen und
sogar bewußtlos 9. Denn Fleisch und Blut können das Reich Gottes
nicht ererben, auch wird das Verwesliche nicht erben das Unverwesliche, bis
die Menschen von der Macht der eitlen Sterblichkeit befreit und zur
Herrlichkeit erhoben werden (1. Kor.
15, 50 und 53; Röm. 8,19—22). Dann soll Mein Wille in jedem Geschöpf auf Erden
geschehen, wie er im Himmel geschieht. Dann sollen Schmerz und Leiden, Sorgen
und Seufzen, Weh und Tod auf ewig vergangen sein. Und alle Meine Kinder sollen
in das Reich Meines Vaters eingehen, das da ist Freude im Heiligen Geist, und
sie sollen immerdar herrschen (Rom. 14, 17; Offbg. 21,4; 22,5).
Ein Gebet
Lieber Meister! Deine mannigfachen
Segnungen und Gaben lassen mein Herz von Dank und Lob überströmen. Aber das Lob
von Herz und Zunge ist mir nicht genug; ich muß mit meinen Taten beweisen, daß
mein Leben Deinem Dienst geweiht ist. Dank und Lob sei Dir dafür, daß Du mich,
obgleich ich unwürdig bin, aus dem Tod ins Leben gebracht, und daß Du mich
fröhlich gemacht hast in Deiner Gemeinschaft und Liebe. Ich kenne mich selber
nicht, wie ich sollte, noch weiß ich meine Not. Aber Du, o Vater, kennst Deine
Geschöpfe und ihre Nöte sehr wohl. Ich kann mich selbst auch nicht so lieben,
wie Du mich liebst. Mich selber wahrhaft lieben, heißt, mit Herz und Seele jene
grenzenlose Liebe lieben, die mich ins Leben rief. Und diese Liebe bist Du
selber. Du hast mir dazu allein ein Herz gegeben, daß es nur auf Eines
gerichtet sei, auf Dich, der Du es geschaffen hast.
Meister! Zu Deinen Füßen zu weilen,
ist viel besser, als auf dem herrlichsten Thron der Erde zu sitzen, denn es
bedeutet, einen Thron zu haben im ewigen Reich. Und jetzt bringe ich mich auf
dem Altar dieser heiligen Füße selbst als Brandopfer dar. Nimm mich gnädig an
und gebrauche mich zu Deinem Dienst, wann und wie immer Du willst. Denn Du bist
mein, und ich gehöre Dir. Du hast mich aus einer Handvoll Staub nach Deinem
eigenen Bilde geschaffen und mir das Recht verliehen, Dein Sohn zu werden.
Alle Ehre und Herrlichkeit und Lob und
Dank sei Dir von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Amen.
*
68
2. SCHRIFT
Wirklichkeit24 und Religion
Innerungen10 über Gott,
Mensch und Natur
VORWORT
In diesem Büchlein habe ich einige
Gedanken und Bilder niedergelegt, die ich als Frucht meiner Innerung empfangen
habe. Ich bin weder Philosoph noch Theologe, sondern ein demütiger Diener des
Herrn. Und meine hohe Freude ist es, der Liebe Gottes und den großen Wundern
Seiner Schöpfung nachzusinnen. Es ist mir unmöglich, alles zu beschreiben, was
ich durch meine inneren Sinne in Innerung und Gebet über die Wirklichkeit
erkannt habe und fühle. Worte können all die tiefen Wahrheiten, die in diesen
feierlichen Augenblicken die Seele empfindet, nicht ausdrücken. Aber wenn
solche Wahrheiten auch unausgesprochen bleiben, so werden empfängliche Gemüter
sie doch bereitwillig und leicht verstehen. Wörter können in der Tat mehr zu
Mißverstehen als zu wirklichem Verstehen führen.
Ich vermag nicht — ich wiederhole es —
alle meine tiefen Gefühle und Gedanken auszudrücken; aber ich werde versuchen,
wenigstens einige, so gut wie ich kann, niederzuschreiben. Sollte dieser
Versuch den Lesern wenigstens eine kleine Hilfe sein, so will ich später
versuchen, auch meine anderen Gedanken und Erfahrungen darzulegen. Gegenwärtig
zögere ich noch, aus verschiedenen Gründen, sie einem weiteren Leserkreis zu
übergeben.
Subathu, Simla
Hills, September 1923 Sundar Singh
69
I.
DER
ZWECK DER SCHÖPFUNG
„Im Anfang war das Wort, und das Wort
war bei Gott, und Gott war das Wort... Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht,
und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist" (Joh. 1, 1-3).
Das Ewige
Wort (Logos) war vor aller Zeit und vor der Erschaffung des Weltalls. Durch
Ihn wurde Alles geschaffen, das Beseelte und das Unbeseelte. Leblosen Dingen
ist es unmöglich, daß sie aus sich selbst heraus entstehen oder lebendige Wesen
erzeugen; denn Leben allein schafft Leben, und die Quelle allen Lebens ist
Gott. Durch Seine Schöpfermacht schuf Gott alle unbeseelten Dinge. Denen
flößte Er Leben ein, und dem Menschen als dem höchsten unter den geschaffenen
Wesen „blies Er ein den lebendigen Odem in seine Nase. Und also ward der Mensch
eine lebendige Seele". „Gott schuf den Menschen Ihm zum Bilde, zum Bilde
Gottes schuf Er ihn und gab ihm Herrschaft über die ganze Erde."
1. Gott hat die Schöpfung nicht
unternommen, um irgendeinen Mangel in Seinem Wesen auszufüllen, denn Er ist in
Sich selbst vollkommen; sondern Er erschafft, weil es in Seinem Wesen liegt zu
erschaffen. Er gibt Leben, denn Leben zu verleihen gehört zum ureigenen Wesen
Seiner lebenspendenden Macht und Wirksamkeit. Und die Menschen durch Seine
Schöpfung glücklich zu machen und ihnen durch Seine lebenspendende Gegenwart
wirkliche Freude zu geben, gehört zum ureigenen Wesen Seiner Liebe. Aber die
Glückseligkeit, die wir aus der Schöpfung gewinnen, hat ihre Grenzen. Denn Gott
allein kann den Mangel der Menschenherzen ausfüllen und ihnen vollkommene
Zufriedenheit schenken. Wenn Menschen ohne diese Freude leben, dann kommt das
daher, daß sie unwissend oder ungehorsam sind und sich auflehnen gegen Gott.
2. Die Schar der Wesen in den
sichtbaren wie unsichtbaren Welten ist nicht zu zählen. Durch diese zahllosen
Arten werden Gottes zahllose Eigenschaften offenbart. Jede Art spiegelt, so
weit ihre Fähigkeit reicht, irgendeine Seite von Gottes Wesen wider. Sogar
durch Sünder wird Seine väterliche Liebe offenbart, denn Er gibt ihnen
Gelegenheit, zu bereuen und in Ihm das ewige Leben des Friedens und der Freude
zu haben.
II
DIE
MENSCHWERDUNG
Ein Kind mag das Wort „Gott" bloß
als ein Wort lesen, ohne daß es irgend etwas von der Wahrheit erfaßt, die
dahinter steht. Wenn aber sein Geist heranreift, fängt es an nachzudenken und
wenigstens etwas von dem zu verstehen, was jenes Wort bedeutet. Ebenso ergeht
es dem Anfänger im geistlichen Leben: wie gelehrt er auch sein mag, zuerst wird
er Christus, das Mensch-gewordene Wort, nur für einen großen Mann oder
vielleicht sogar für einen Propheten halten; doch weiter kommt er in seiner
Würdigung nicht. Wenn aber seine geistliche Erfahrung wächst und er sich Seiner
Gegenwart erfreut, beginnt er einzusehen, Christus ist tatsächlich Gott in
Menschengestalt, in dem „die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig" wohnt
(Kol. 2, 9). „In Ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen"
(Joh. 1, 4).
2. Ein Mensch kann
seine Persönlichkeit durch Worte nicht hinreichend aussprechen, auch wenn er
gelegentlich sogar neue Wörter prägt, um seine Gedanken auszudrücken. Auch
Zeichen und Bilder helfen letztlich nicht. Und auch der Leib vermag nicht, alle
die Eigenschaften und Kräfte der Seele, die mit zur Persönlichkeit gehören,
darzustellen. Mit anderen Worten: solange ein Mensch in dieser Welt ist, bleibt
vieles in seiner Persönlichkeit verborgen, und nur ein Teil wird offenbar. Ein
Geisteswesen kann sich nur in einer Geisteswelt vollkommen aussprechen, wenn
alle Be-
71
dingungen, die äußeren wie die
inneren, sein Verlangen befriedigen und ihm helfen fortzuschreiten.
Wenn das schon von einem menschlichen
Geist gilt, wie unmöglich ist es dann, daß das ewige Wort Seine Gottheit durch
einen Leib hinreichend offenbare! Er offenbarte sich selbst soweit, wie es
möglich und zu des Menschen Heil nötig war. Aber Seine wirkliche Herrlichkeit
wird in ihrer Fülle erst im Himmel offenbar.
3. Da mag sich die Frage erheben: Wie
können wir an die Wirklichkeit glauben, ohne daß wir sie sehen und vollkommen
erkennen? Dazu möchte ich hier sagen: Wenn wir an die Wirklichkeit glauben
sollen, dann brauchen wir dazu keine volle Erkenntnis der Wirklichkeit. So bleiben
beispielsweise einige Organe unseres Leibes, von denen unser Leben gar sehr
abhängt, vor unseren Augen verborgen. Noch niemand hat sein eigenes Hirn oder
Herz gesehen, und dennoch leugnet keiner, daß er sie hat. Wenn wir also nicht
einmal unser eigenes Hirn und Herz sehen können, von denen unser Leben weithin
abhängt, wieviel schwieriger muß es da sein, den Schöpfer unseres Hirns und Herzens
zu sehen, von dem unser ganzes Leben abhängt!
III
GEBET
1. Es gibt
einige Pflanzen, deren Blätter und Blüten schließen sich, wenn die Sonne sinkt,
und öffnen sich wieder, wenn das Licht der Sonne sie am Morgen sanft berührt.
Auf diese Weise nehmen sie Wärme und Leben der Sonne in sich auf, die für ihr
Wachsen und Gedeihen so nötig sind. Genau so öffnen sich unsere Herzen im
Gebet der Sonne der Gerechtigkeit, und wir sind vor den Gefahren und Nöten der
Finsternis geborgen und wachsen in die Fülle Christi hinein.
2. Durch das Gebet können wir, wie
manche Leute zu denken scheinen, Gottes Pläne nicht ändern. Aber der Beter
selbst wird verändert. Die Fähigkeiten der Seele, die in diesem unvollkom-
72
menen Leben selber unvollkommen sind,
wachsen täglich der Vollkommenheit entgegen.
Ein Vogel sitzt brütend auf seinen
Eiern. Zunächst ist in den Eiern nur eine Art Flüssigkeit ohne Gestalt. Aber
indem die Mutter immer weiter auf ihnen sitzt, wird die ungeformte Masse in
den Eiern in die Gestalt der Mutter verwandelt. Die Verwandlung geschieht nicht
in der Mutter, sondern in den Eiern. Ebenso ist es, wenn wir beten: nicht Gott
wird verändert, sondern wir werden in Sein herrliches Ebenbild und Gleichnis
verwandelt.
3. Der Dunst, von der Sonnenhitze
erzeugt, steigt von der Erde empor. Als wolle er dem Gesetz der Schwere
widersprechen, erhebt er sich in die Lüfte, fällt dann wieder als Regen herab
und macht die Erde fruchtbar. Ebenso verhält es sich mit unseren wirklichen
Gebeten: vom Feuer des Heiligen Geistes entzündet, überwinden sie Sünde und
Übel, steigen zu Gott empor und kehren, Seiner Segnungen voll, zur Erde zurück.
4. Die Rippenquallen sind so
außerordentlich zart, daß ein leichter Wellenschlag sie in kleine Stücke
zerreißt. Wenn sie nur ein kleines Zeichen dafür wahrnehmen, daß ein Sturm
naht, versinken sie tief ins Meer, so daß Sturm und Wellen sie nicht mehr erreichen
können. Ebenso handelt der betende Mensch: wenn er in der Welt spürt, Satan
will ihn angreifen und Sünde und Leid ihn bestürmen, dann taucht er sogleich
tief in das Meer der Gottesliebe ein, wo ewiger Friede und Stille ist.
5. Ein Philosoph besuchte einen
Mystiker. Sie saßen einige Zeit schweigend beisammen. Dann sagte der Mystiker
zu dem Philosophen, als dieser wieder gehen wollte: „Ich fühle alles, was du
denkst." Und der Philosoph sagte: „Aber ich kann nicht einmal all das
denken, was du fühlst." Es ist klar, irdische Weisheit kann die
Wirklichkeit nicht erfühlen noch verstehen. Nur wer mit Gott Gemeinschaft hat
im Gebet, kann wirklich die Wirklichkeit erkennen.
6. Der wunderbare Friede, den der
Beter während des Gebets empfindet, entsteigt nicht seiner eigenen Einbildung
oder Kraft des Denkens, sondern kommt daher, daß Gott in der Seele gegen-
73
wärtig ist. Der Dunst, der von einem
kleinen Teich aufsteigt, kann nicht zu großen Wolken werden und wieder als
Regen herunterfallen. Nur aus dem mächtigen Ozean können sich so große Wolken
erheben und den Regen spenden, der die durstige Erde tränkt und fruchtbar
macht. Nicht aus unserem Unterbewußtsein, sondern aus dem grenzenlosen Meer
der Gottesliebe kommt der Friede, und mit diesem Meer sind wir verbunden im
Gebet.
7. Wenn die Erde sich nicht drehte, so
würde die Sonne immerwährende Mittagshitze glühen. Der Wechsel von Tag und
Nacht und der Gang der Jahreszeiten haben ihre Ursache nicht in der Sonne,
sondern in der Erdumdrehung. Ebenso steht es mit der Sonne der Gerechtigkeit:
sie ist dieselbe „gestern und heute und auch in Ewigkeit" (Hebr. 13, 8).
Wenn uns Freude erhebt oder wir in Trübsinn versinken, so kommt das von unserer
Stellung zu ihr. Wenn wir unsere Herzen der Sonne der Gerechtigkeit öffnen in
Innerung10 und Gebet, dann werden ihre Strahlen die Wunden unserer
Sünden heilen und uns vollkommene Gesundheit schenken (Mal. 4, 2).
8. Gott hat die Naturgesetze zu
Werkzeugen bestimmt, mit denen Er im Menschen wie in anderen Geschöpfen zu
ihrem Fortschritt und Nutzen wirkt. Wunder stehen den Naturgesetzen nicht
entgegen. Denn es gibt noch höhere Naturgesetze, die wir für gewöhnlich nicht
kennen. Die Wunder stehen im Einklang mit jenen höheren Gesetzen. Im Gebet
kommen wir dahin, daß wir jene höheren Gesetze allmählich erkennen.
Das höchste Wunder ist, wenn Friede
und Freude unsere Seelen erfüllt. Wir mögen denken, solcher Friede sei in
einer Welt der Sünde und des Leidens unmöglich. Aber das Unmögliche wird
möglich! Äpfel wachsen nicht in heißen Ländern, noch Mangos4 in
Ländern, wo Schnee fällt. Wenn sie dennoch dort wüchsen, so dürften wir von
solch einem Ereignis als einem Wunder sprechen. Dennoch können tropische
Pflanzen auch in kalten Ländern wachsen, wenn ihnen alles geboten wird, was
sie zum Leben brauchen.
9. Wenn alle Menschen den
empfänglichen Geist und das offene Ohr hätten und Gottes Stimme hören könnten,
wie sie zu
74
ihnen spricht, dann wäre es gar nicht
nötig, daß Evangelisten und Propheten umherzögen und den Willen Gottes verkündigten.
Aber nicht alle Menschen sind so empfänglich. Daher sind Prediger des Wortes
nötig. Doch mitunter kann durch Beten mehr Gutes gewirkt werden als durch
Predigen. Ein Mann, der in einer Höhle hingegeben betet, kann anderen Menschen
durch sein Gebet gar sehr helfen. Von ihm gehen Wirkungen aus und verbreiten
sich, wenn auch schweigend, so doch spürbar in der Runde, gerade so wie der
Rundfunk auf unsichtbare Weise Botschaften sendet und die Worte, die wir
sprechen, durch geheimnisvolle Schwingungen anderen übermittelt werden.
10. Manchmal findet man grüne und
fruchtbare Bäume in trockener Erde stehen, wo es nicht viel Regen gibt. Wenn
man sie aber sorgsam untersucht, so entdeckt man: diese Bäume sind deswegen so
frisch und grün und fruchtbar, weil ihre verborgenen Wurzeln verborgene
Wasserläufe berühren, die in der Erde fließen. Wir mögen überrascht sein, wenn
wir Gebetsmenschen sehen, wie sie mitten in dem Elend und der Sünde der Welt
voller Frieden sind, vor Freude strahlen und ein fruchtbares Leben führen. Das
kommt daher: die verborgenen Wurzeln ihres Glaubens erreichen im Gebet die
Quelle des Lebendigen Wassers und ziehen aus ihr Kraft und Leben und bringen
Früchte zum ewigen Leben (Ps. 1,3).
11. Die Enden der Baumwurzeln sind so
empfindsam, daß sie — sozusagen aus eigenem Antrieb — sich von den Stellen abwenden,
wo sie keine Nahrung finden, und sich dorthin ausbreiten, wo sie Saft und
Leben sammeln können. Gebetsmenschen haben auch diese Kraft der Unterscheidung.
Untrügliche Einsicht hilft ihnen, daß sie sich von Trug und Täuschung abwenden
und die Wirklichkeit finden, von der alles Leben abhängt.
12. Menschen, die nicht im Gebet
Umgang haben mit Gott, sind nicht wert, daß sie Menschen genannt werden. Sie
gleichen abgerichteten Tieren, die bestimmte Dinge auf bestimmte Weise zu
bestimmten Zeiten tun können. Manchmal sind sie noch schlimmer als Tiere, weil
sie weder einsehen, wie nichtig sie in sich
75
selber sind, noch ihr Verhältnis zu
Gott sowie ihre Pflichten gegen Gott und Mensch erkennen. Aber die
Gebetsmenschen erlangen das Recht, Söhne Gottes zu werden, und werden von Ihm
nach Seinem Bild und Gleichnis umgestaltet.
IV
INNERUNG10
1. Das Gehirn ist ein sehr zartes und
empfindsames Werkzeug: es ist mit vielen feinen Sinnen ausgestattet; diese
empfangen in der Innerung Botschaften aus der unsichtbaren Welt und rufen
Gedanken hervor, die das durchschnittliche menschliche Denken weit überragen.
Das Gehirn erzeugt diese Gedanken nicht, sondern empfängt sie aus der
unsichtbaren oberen Geisteswelt und gibt sie in Ausdrücken des menschlichen
Lebens wieder, die den Menschen vertraut sind. Manche Menschen empfangen solche
Botschaften in Träumen, andere in Gesichten und wieder andere in wachen Stunden
während der Innerung. Das Gebet befähigt uns zu unterscheiden, welche dieser
Botschaften von Nutzen sind und welche nicht; denn im wirklichen Gebet strömt
Licht aus von Gott und erleuchtet den allerinnersten empfindsamen Teil der
Seele: das Gewissen oder den sittlichen Sinn. Reiche Farben, feine Musik und andere
wundervolle Gesichte und Klänge aus der unsichtbaren Welt spiegeln sich im
Innern des Gehirns wider. Dichter und Maler versuchen, in ihren Gedichten und
Gemälden diese unsichtbaren Wirklichkeiten, die auf sie eindringen, zu deuten,
verstehen aber oftmals ihre wirkliche Quelle nicht. Doch der Mensch der
Innerung berührt, sozusagen, das Herz dieser Wirklichkeiten und genießt ihre
Seligkeit, denn seine Seele und die Geisteswelt, woher sie kommen, sind
einander nahe verwandt.
2. Manchmal, wenn wir neue Orte
besuchen, ist es uns, als seien wir schon einmal dort gewesen, oder als hätten
wir irgendeine unbekannte Verbindung mit ihnen. Diese Tatsache läßt sich auf
dreifache Weise erklären. Erstens kann ein anderer, der die
Orte besucht hat, über sie nachgedacht
und, ohne unser Wissen, uns seine Gedanken auf geheimnisvolle Weise mitgeteilt
haben. Zweitens können wir andere ähnliche Orte gesehen haben, und die
Erinnerung an die Ähnlichkeit kann uns auf neue Weise erschienen sein. Oder
drittens könnte ein Abglanz der unsichtbaren Welt in unser Gemüt gefallen sein,
denn unsere Seelen sind mit jener Welt verbunden, und oft wirken auf uns, ohne
daß wir es wissen, Eindrücke aus jener Welt ein. Diese Welt ist der unsichtbaren
Welt nachgebildet oder, mit anderen Worten, die Offenbarung der Geisteswelt in
stofflicher Gestalt. Die Ähnlichkeit zwischen den beiden Welten bewegt unsere
Gedanken immerfort. Wenn wir genug Zeit in der Innerung verbringen, wird dieser
Zusammenhang zwischen den beiden Welten immer deutlicher und klarer.
3. In der Innerung wird der wirkliche
Zustand unserer Seelen offenbart. In der Innerung geben wir gewissermaßen Gott
eine Gelegenheit, daß Er zu uns spricht und uns mit Seinen reichsten Segnungen
beschenkt.
Was auch immer wir vermuten, von unseren
Gedanken, Worten oder Taten wird niemals etwas ausgelöscht. Vielmehr ist es
unserer Seele eingeprägt — mit anderen Worten: im „Buch des Lebens"
eingetragen. Die Innerung macht uns fähig, daß wir alles in der Furcht und
Liebe Gottes tun und die Einträge in das Buch des Lebens rein erhalten; denn
davon hängt unsere zukünftige Seligkeit oder Qual ab.
4. Gott ist unendlich, und wir sind
endlich. Wir können wirklich den unendlichen Gott nicht vollkommen verstehen,
aber Er hat in uns einen Sinn geschaffen, der uns befähigt, uns Seiner zu
erfreuen. Der Ozean ist unermeßlich, und wir können seine ungeheure Ausdehnung
nicht überblicken, noch alle seine großen Schätze kennenlernen. Doch mit
unserer Zungenspitze können wir sofort schmecken, der Ozean ist salzig. Wir
wissen noch nicht alles, was der Ozean an Wissenswertem birgt, aber wir haben
durch unseren Geschmack eine höchst wichtige Tatsache über die Art seines
Wassers herausgefunden.
77
5. In Furcht, Zorn oder Wahnsinn tun
Menschen außergewöhnliche Dinge, da zerbrechen sie sogar eiserne Ketten. Diese
Kraft wohnt offenbar dem Menschen inne; doch sie kommt nur zum Ausdruck, wenn
sich seine gesamte Tatkraft auf ein einziges Ziel richtet. Gleicherweise kann
des Menschen Kraft, durch göttliche Macht verstärkt, in der Innerung die
Sündenknechtschaft zerbrechen und große und nützliche Arbeit verrichten. Doch
zu gleicher Zeit kann diese von Gott gegebene Kraft, wenn sie auf falsche Weise
gebraucht wird, sich als gefährlich erweisen. Bomben, Maschinengewehre, Kanonen
— wie mächtig sind sie und dennoch, wie zerstörend und gefährlich!
6. Wenn wir in Gedanken versunken
sind, beachten wir, obgleich bei vollem Bewußtsein, weder den Wohlgeruch der
Blumen noch den Zauber der Musik oder die Schönheit der Natur. Sie scheinen
für uns nicht vorhanden zu sein. Ebenso ergeht es den Leuten, die in weltliche
Dinge versunken sind: geistliche Wirklichkeiten scheinen für sie nicht
vorhanden zu sein. Denn mit sehenden Augen sehen sie nicht, und mit hörenden
Ohren hören sie nicht (Matth. 13,13).
7. Eines Tages sah ich eine Blume und
begann, über ihren Wohlgeruch und ihre Schönheit nachzusinnen. Als ich mehr in
die Tiefe drang, schaute ich den Schöpfer hinter Seiner Schöpfung, obwohl Er
meinem Blick verborgen war. Das erfüllte mich mit Freude. Doch meine Freude
wurde noch größer, als ich entdeckte, wie Er auch in meiner Seele wirkt. Da
trieb es mich auszurufen: „Oh, wie bist Du wunderbar! Von Deiner Schöpfung
getrennt, erfüllst du sie dennoch mit Deiner herrlichen Gegenwart."
8. Christus schrieb nichts, noch hieß
Er Seine Apostel, Seine Lehre niederzuschreiben. Das geschah erstens deshalb,
weil Seine Worte Geist und Leben sind. Er weiß, Leben läßt sich nur Lebendigem
einflößen, nicht aber den Seiten eines Buches. Zweitens ist zu sagen: andere
Lehrer hinterließen Bücher, denn sie schieden von ihren Schülern und wollten
ihnen durch ihre Bücher, die an die Stelle ihrer lebendigen Stimme traten, in
Zeiten der Not helfen. Unser Herr dagegen hat Seine Nachfolger niemals
verlassen.
78
Er ist immer bei uns, und Seine
lebendige Stimme und Gegenwart gibt uns immer Rat. Nach Seiner Himmelfahrt
begeistete derselbe in ihnen wohnende Geist die Jünger, so daß sie die
Evangelien schrieben.
9. Wenn wir immer wieder denselben
Gedanken, dasselbe Wort oder dieselbe Tat wiederholen, so wird es uns zur
Gewohnheit, und Gewohnheit bildet den Charakter. Deshalb müssen wir bei allem,
was immer wir denken, sagen oder tun, sorgfältig bedenken, wie die Folgen sein
werden, ob gut oder schlecht. Wir sollen im Wohltun nicht gleichgültig werden,
sonst laufen wir Gefahr, daß wir die Fähigkeit zum Wohltun verlieren. Eine
Sache gut zu tun, ist schwierig; etwas Falsches ungeschehen zu machen und
wieder zurechtzubringen, ist noch schwieriger; aber etwas zu verderben, das ist
sehr leicht. Viel Zeit und Mühe ist nötig, um einen Baum aufzuziehen; aber ihn
zu fällen, das ist so leicht. Wenn er dürr und tot ist, dann ist es unmöglich,
ihn wieder ins Leben zurückzubringen.
V
DAS
ZUKÜNFTIGE LEBEN
1. Bei allen
Völkern findet sich zu allen Zeiten der Glaube an ein zukünftiges Leben. Wo ein
Verlangen ist, da muß auch Erfüllung möglich sein. So setzt Durst Wasser
voraus und Hunger Nahrung. So beweist auch das Verlangen nach ewigem Leben, daß
es gestillt werden kann.
2. Zum ändern haben wir ein höheres,
edleres Verlangen des Geistes, das in dieser Welt unmöglich erfüllt werden
kann. Deshalb muß es noch eine andere Geisteswelt geben, in der dieses
Verlangen gestillt werden kann. Diese Körperwelt kann keineswegs dieses Sehnen
unseres Geistes befriedigen.
3. Das wirkliche Verlangen der Seele
kann nur Gott erfüllen; denn Er hat die Seele erschaffen und in sie das
Verlangen nach Ihm hineingelegt. Gott hat den Menschen nach Seinem Ebenbild
79
geschaffen; deshalb hat der Mensch
etwas von der göttlichen Art in sich, die nach Gemeinschaft verlangt mit Ihm.
Gleiches verlangt nach Gleichem, das ist ein Gesetz des Seins. Und wenn wir im
Ewigen Wesen eingewurzelt sind, dann werden wir nicht nur volles Genüge,
sondern auch ewiges Leben haben in Ihm.
VI
DIE
NEUE GEBURT
1. Es ist eine anerkannte Tatsache,
Kinder erben weitgehend den Charakter ihrer Eltern. Auch ihre Umgebung wirkt
auf sie ein, z. B. die Gewohnheiten ihrer Eltern und anderer, mit denen sie
ständig Berührung haben. Kinder schlechter Eltern werden, wenn sie in einer
schlechten Umgebung leben, sicherlich auch schlecht. Die Lebensbedingungen
machen es ihnen unmöglich, gut zu werden. Wenn solche Kinder dennoch gut
werden, ist es ein großes Wunder. Wir wissen, solche Wunder haben sich mehr
oder weniger überall ereignet. Diese Wunder beweisen: da ist eine große
verborgene Macht, die zerbricht Fesseln, befreit Menschen aus der Knechtschaft
der Sünde und verwandelt Sünder in neue Kreaturen. Das ist die neue Geburt. Die
große verborgene Macht ist der Heilige Geist. Der wirkt zum Heil derer, die bereuen
und an Christus glauben.
2. Es hat viele Verbrecher gegeben,
die, obwohl ihre Regierung sie streng gestraft hatte, sich doch kein bißchen
geändert haben. Noch haben die Liebe und Ermahnungen ihrer Angehörigen und
Freunde irgendeine Wirkung auf sie ausgeübt. Alle möglichen Mittel sind
versucht worden, um sie zu bessern, aber alles ohne Erfolg. Doch mitunter, wenn
sie zu Christus geführt wurden, sind sie in einem Augenblick völlig verwandelt
und neue Menschen geworden. Dann wurde das Leben derer, die selbstsüchtig waren
und in Sünde lebten, neu, und sie begannen, anderen zu helfen und ihnen zu
dienen. Früher verfolgten und töteten sie andere; jetzt sind sie selber bereit,
um anderer willen Verfolgung und
80
Tod zu
erleiden. Das heißt: wiedergeboren sein. Ist das noch nicht Beweis genug für
die Tatsache: Christus ist der Heiland der Menschen, Er ist der Große Arzt, der
die Krankheiten der Menschen richtig erkennt und sie heilt? Wer kann denn
sonst das zerbrochene Herz heilen als Er, der des Herzens Schöpfer ist? Wer
sonst als Er kann Sünder in Heilige verwandeln?
VII
LIEBE
1. Gott ist die Quelle der Liebe. Die
Anziehungskraft, die im Raum die Welten in ihrer Ordnung erhält, offenbart
sozusagen in der Körperwelt jene geistige Anziehungskraft der Liebe, deren
Quelle Gott ist. Ein Magnet zieht Stahl an, nicht weil Stahl ein wertvolles
Metall ist, sondern weil Stahl die Fähigkeit hat, sich anziehen zu lassen. Gold
zieht er nicht an. Gold mag kostbarer sein, aber es läßt sich nicht anziehen.
In gleicher Weise zieht Gott Sünder an, wie sündig sie auch sein mögen, wenn
sie nur bereuen und Ihm antworten. Aber andere, die selbstgerecht sind und sich
der Macht Seiner Liebe nicht hingeben, zieht Er nicht zu sich.
2. Ein Kuß ist das äußere Zeichen
dafür, daß eine Mutter ihr Kind liebt. Wenn das Kind eine ansteckende Krankheit
hat, mag die Mutter sich enthalten, es zu küssen, aber sie wird ihr leidendes
Kind deshalb nicht weniger, sondern nur noch mehr lieben, denn es braucht ihre
Liebe und Fürsorge um so mehr. Genau so mag es nach außen hin scheinen, als
habe Gott die Menschen, die der Seuche der Sünde zum Opfer gefallen sind,
verlassen; jedoch Seine Liebe zu ihnen ist unendlich größer als einer Mutter
Liebe zu ihren Kindern (Jes. 49,15). Gleich Seinen anderen Eigenschaften ist
auch Seine Geduld unendlich. Menschen, kleinen Kesseln ähnlich, kochen beim
geringsten Unrecht gar schnell vor Wut. Wie anders dagegen Gott! Wenn Gott Sich
ebenso erzürnte, dann wäre die Welt schon längst ein Trümmerhaufen geworden.
81
3. Wenn zwei
Menschen dieselbe Person lieben, werden sie Nebenbuhler und aufeinander
eifersüchtig. So ergeht es aber nicht mit des Menschen Liebe zu Gott. Wer Gott
liebt, ist nicht eifersüchtig auf andere, wenn auch sie Gott lieben. Er ist
vielmehr betrübt, wenn sie Ihn nicht lieben. Des Menschen Liebe zum Menschen
unterscheidet sich von seiner Liebe zu Gott deshalb, weil Gottes Liebe
unendlich ist. Ein Mensch kann nicht mit gleicher Zuneigung alle, die ihn lieben,
wieder lieben, denn seine Liebesfähigkeit ist begrenzt. Aber Gottes Fähigkeit
zu lieben ist unbegrenzt und reicht deshalb für alle aus.
4. Wenn Christus in uns lebt, wird
unser ganzes Leben dem Seinen ähnlich11. Wenn man Salz im Wasser
auflöst, so mag es verschwinden, aber es hört nicht auf, da zu sein. Wir können
seiner Gegenwart gewiß werden, indem wir das Wasser schmecken. Genau so steht
es mit dem Christus in uns: obwohl Er nicht zu sehen ist, nehmen die anderen
Ihn in der Liebe wahr, die Er uns verleiht.
VIII
GEDANKE UND
SINN
1. Gedanken sind nicht nur die
Eindrücke, welche außer uns liegende Dinge auf unsere Sinne machen, sondern
auch die Antworten, die unser Verstand auf die Eindrücke gibt, die durch unsere
Sinne zu uns kommen. Somit hängen Wachstum und Fortschritt des Verstandes zur
Vollkommenheit von äußeren wie inneren Bedingungen ab. Ein Baum mag Leben in
sich selber haben; aber damit seine Blätter sich entfalten, seine Blüten blühen
und seine Früchte reifen können, braucht er Luft und Licht und Wärme. Somit
hängen Wachstum und Reife des Baumes von gewissen äußeren wie inneren
Bedingungen ab.
2. Durch die äußeren Sinne lernen wir
die äußere Welt kennen und durch die inneren Sinne die innere Geisteswelt. Wenn
im Verstand ein Gedanke über etwas auftaucht, so ist damit nicht
82
nur bewiesen,
daß ein denkender Verstand da ist, sondern auch, daß jenes Ding vorhanden ist.
Mit anderen Worten: wir können sagen, in jenem Gedanken spiegelt sich jenes
Ding in unserem Verstand wider. Gelegentlich werden wir, ohne daß wir es wollen,
dazu gebracht, daß wir denken; das heißt, etwas außerhalb spiegelt sich in
unserem Verstand. Wo ein Wohlgeruch ist, da müssen auch Blumen sein. Gestalt
oder Farbe dieser Blumen können unseren Augen verborgen sein, aber der Duft
verrät uns die Blumen. So setzen auch Gedanken Gegenstände voraus. Der Verstand
gleicht einem Spiegel. Wenn der Spiegel Bilder zeigt, so bedeutet dies, daß
sich vor dem Spiegel Gegenstände befinden. Ob es dem Spiegel gefällt oder nicht
— sie spiegeln sich in ihm. Andererseits ist zu beachten: der Spiegel hat kein
Leben, wohl aber der Verstand. Der Spiegel kann keine Bilder schaffen, er kann
sie nur widerspiegeln. Der Verstand dagegen hat auch angeborene Gedanken.
Sonst aber gleicht der Verstand einem Spiegel, denn in seinen Gedanken
spiegeln sich äußere Dinge, mitunter sogar ohne daß der Verstand selber an
dieser Widerspiegelung teilhat. Abstrakte Gedanken sind die Funken, die dem
Feuer der Wirklichkeit entspringen.
3. Was unser Verstand widerspiegelt,
entspricht nicht immer der Wirklichkeit. Verschiedenen Menschen mag es
verschieden erscheinen, je nach ihrer besonderen Fähigkeit.
Unsere Gedanken über Gott sind jetzt
noch unvollkommen. Aber wenn wir beständig in Seiner Gegenwart leben, werden wir
Sein Wesen wirklich verstehen lernen.
IX
PHILOSOPHIE UND
EINGEBUNG
1. Man muß zugeben, die
Philosophie hat Jahrhunderte hindurch keinen Fortschritt gemacht. Dieselben
alten Fragen und Lösungen werden wiederholt, wenn auch in neuer Gestalt und
Sprache. In Indien trottet ein Ochse mit verbundenen Augen den
83
ganzen Tag hindurch im Kreise um eine
Ölpresse. Wenn am Abend seine Augen geöffnet werden, entdeckt er, daß er nicht
weit gewandert, sondern nur im Kreise gelaufen ist; doch immerhin hat er etwas
Öl ausgepreßt. Obgleich die Philosophen schon Jahrhunderte hindurch unterwegs
sind, haben sie ihr Ziel noch immer nicht erreicht. Zwar haben sie hier und
dort allerlei gesammelt und daraus auch etwas öl gepreßt, und das haben sie
uns in ihren Büchern hinterlassen. Doch dieses Öl genügt nicht, um die Dürre
der menschlichen Nöte zu beseitigen. Darüber hinaus fortzuschreiten, ist das
Werk des Glaubens und der Eingebung, nicht der Philosophie. Wie riesig unser
Wissen auch sein mag, so hat es schließlich doch seine Grenzen.
2. Einige Philosophen nahmen, als ihr
Durst nach Erkenntnis nicht gelöscht wurde, sich selbst das Leben. Empedokles12
stürzte sich in den Krater des Ätna: er wollte seinen Durst nach Erkenntnis
stillen, indem er, ohne eines natürlichen Todes zu sterben, die Gemeinschaft
mit den Göttern gewann. Einem Astronomen gelang es nicht, die sonderbaren
Bewegungen von Ebbe und Flut zu erklären; deshalb stürzte er sich voll
Verzweiflung in die Wellen und suchte im Wasser sein Grab. Solche Männer fanden
den Schöpfer in Seiner Schöpfung nicht und kamen deshalb nicht zum Frieden;
vielmehr verloren sie den Schöpfer sowie sich selbst in Seiner Schöpfung. Darin
sehen wir: obgleich die Philosophie darauf ausgeht, die Wirklichkeit zu
begreifen, gelingt es ihr doch nicht; denn niemand kann die Wirklichkeit mit
dem Verstand begreifen. Wenn irgend jemand meint, er könne die Wirklichkeit mit
seiner Erkenntnis erfassen, so irrt er sich. Denn wer ein Ding von Grund auf
erkennen wollte, der müßte das All erkennen, denn ein jedes Ding steht zu jedem
anderen in Beziehung. Und wer alles wissen wollte, der müßte alle seine
Beziehungen kennen. Hier müssen wir uns vor der Wirklichkeit beugen und im
Glauben weiterschreiten.
3. Die Eingebung ist so empfindsam wie
die Fingerspitze: sie läßt uns, wenn sie uns berührt, sogleich die Gegenwart
der Wirklichkeit fühlen. Die Eingebung gibt uns zwar keine logischen
84
Beweise, aber sie urteilt so: ich bin
völlig zufrieden — solcher Friede kann nur aus der Wirklichkeit kommen — deshalb
habe ich die Wirklichkeit gefunden. Das Herz hat Gründe, von denen der Kopf
nichts weiß13. Wer viel von einer Blume wissen will, braucht viel
Zeit. Aber nur ein Augenblick ist nötig, um sich ihres Duftes zu erfreuen. So
wirkt auch die Eingebung.
X
VOLLKOMMENHEIT
1. Die
Naturgesetze schreiben vor: wer Vollkommenheit erreichen will, der muß
allmählich, stufenweise, wachsen. Auf diese Weise allein können wir uns auf die
Bestimmung vorbereiten, für die wir geschaffen worden sind. Plötzlicher oder
übereilter Fortschritt macht uns nur schwach und unvollkommen. Der Hafer, der
in Lappland in wenigen Wochen wächst, hat nicht denselben Nährwert wie der
Weizen, der sechs Monate zum Reifen braucht. Der Bambus wächst täglich drei Fuß
und schießt 120 Fuß hoch empor, aber er bleibt innen leer und hohl. Zur
Vollkommenheit können wir deshalb nur langsam und allmählich fortschreiten.
2. Es ist wahr, Vollkommenheit können
wir nur in einer vollkommenen Umgebung erreichen. Bevor wir aber in eine
vollkommene Umgebung eintreten, müssen wir eine unvollkommene durchschreiten,
wo wir uns abmühen und kämpfen müssen. Dieser Kampf stärkt uns und bereitet
uns auf die vollkommene Umgebung vor. Das ist ganz ähnlich wie bei der
Seidenraupe: sie muß sich im Kokon abmühen und entschlüpft ihm deshalb als
schöner Schmetterling. Wenn wir den vollkommenen Zustand erreichen, werden wir
sehen, wie diese Dinge, die zuerst als Hindernis erschienen, uns in
Wirklichkeit — wenn auch auf geheimnisvolle Weise — geholfen haben, die
Vollkommenheit zu erreichen.
3. Der Mensch trägt
in sich die Keime zahlloser Fähigkeiten; aber er kann sie in dieser Welt nicht
entwickeln, weil hier die
85
Hilfen fehlen, die ihr Wachstum und
ihre Entwicklung zur Vollkommenheit fördern. In der künftigen Welt werden sie
die Umgebung finden, die sie brauchen, um Vollkommenheit zu erlangen. Doch zu
wachsen beginnen müssen sie schon hier. Es ist jedoch noch zu früh, als daß wir
schon im einzelnen sagen könnten, was wir sein werden, wenn wir die
Vollkommenheit erreichen. Aber wir werden vollkommen sein, gleich wie unser
Vater im Himmel vollkommen ist (Matth. 5, 48).
4. In dieser Welt gibt es keinen
wirklichen Frieden. Der Friede in dieser Welt ist wegen der Sünde vernichtet.
Wirklicher und dauerhafter Friede ist nur im „Friedefürsten" zu finden.
Wasser fließt von den Höhen hernieder oder spritzt aus den Tiefen empor, denn
es sucht Gleichgewicht und Ruhe. Ebenso muß der Mensch von den Höhen seines
Stolzes herabsteigen und sich aus den Tiefen seiner Sünde erheben, damit er
sein Gleichgewicht findet und in Frieden und Stille verweilen kann.
5. Obgleich die Jünger noch nicht die
Vollkommenheit erreicht hatten, erfreuten sie sich auf dem Berg der Verklärung
doch so sehr der Nähe unseres Herrn sowie Elias und Moses, daß sie drei Hütten
errichten und dort wohnen bleiben wollten (Matth. 17, 3—4). Wieviel mehr werden
wir, wenn wir vollkommen sind, uns der Gemeinschaft unseres Herrn und Seiner
Heiligen und Engel im Himmel auf ewig erfreuen!
XI
WIRKLICHER FORTSCHRITT
UND ERFOLG
1. Wenn Menschen die äußeren Sitten
und Lebensgewohnheiten zivilisierter Völker annehmen, aber sich nicht die
Grundsätze aneignen, auf denen der Fortschritt beruht, dann wird das Ergebnis
vernichtend sein.
Die Regierungen dieser Welt sind nur
Abbilder der himmlischen Regierung, deren König Gott ist. Deshalb laufen die
Regierungen dieser Welt Gefahr zu verfallen und zu versinken, wenn
86
nicht Gott, die Quelle aller Güte und
Ordnung, in den Herzen der Behörden wie der Bürger, der Herrscher wie der Untertanen
herrscht. Einige wollen ein sittliches Leben führen ohne Gott, aber sie
vergessen, ohne Gott ist alle Sittlichkeit hohl und tot.
2. Ohne geistlichen Fortschritt ist
der weltliche Fortschritt Trug und Täuschung, denn weltlichen Fortschritt
können wir nur erreichen, wenn wir anderen Menschen Schaden zufügen. Wenn
Menschen um die Wette laufen, kann nur der den Sieg erringen, der die anderen
überholt. Ihre Niederlage wird sein Sieg. Der eine Kaufmann erwirbt sein
Vermögen auf Kosten der anderen. Demgegenüber ist geistlicher Fortschritt
allein etwas Wirkliches. Denn der Fortschritt des einen hilft auch den anderen,
ja, er hängt seinerseits wieder von deren Erfolg ab. Die Erfahrung beweist:
wer für das Wohl der anderen arbeitet, empfängt Hilfe, oft ohne daß er selbst
es weiß.
XII
1. Ob wir wollen oder nicht, dem Kreuz
können wir nicht entrinnen. Wenn wir nicht das Kreuz Christi tragen wollen,
dann müssen wir das Kreuz der Welt tragen. Zunächst mag das Kreuz Christi uns
schwer erscheinen und das Kreuz der Welt leicht. Aber die Erfahrung zeigt: das
Kreuz der Welt ist tatsächlich schwer, denn wer es nimmt, muß wie in den Tagen
des Römischen Reiches schließlich den Tod eines Sklaven sterben. Christus
jedoch hat Sein Kreuz in Herrlichkeit verwandelt. Früher war das Kreuz ein
Sinnbild der Schande und des Todes; nun aber bedeutet es Sieg und Leben. Wer
das Kreuz trägt, weiß aus Erfahrung, das Kreuz trägt ihn und bringt ihn sicher
zu seiner Bestimmung. Aber das Kreuz dieser Welt zieht uns hinab und führt uns
ins Verderben. Welches Kreuz hast du auf dich genommen? Halt inne und besinne
dich.
87
2. Bei verschiedenen Leuten ist das
Kreuz verschieden, je nach ihrer Arbeit und dem Zustand ihres Geistes. Von
außen mag es voller Nägel erscheinen, aber in seinem Wesen ist es süß und
friedevoll. Die Honigbiene hat zwar einen Stachel, aber sie erzeugt süßen
Honig. Wir sollen uns nicht vor den äußeren Schwierigkeiten des Kreuzes
fürchten, sonst verlieren wir seine geistlichen Segnungen.
3. Ein unwissender Wanderer, vom Auf-
und Niedersteigen in den Bergen ermüdet, könnte denken, Gott habe einen Fehler
gemacht, als Er die Berge erschuf, und es wäre viel besser, Er hätte nur ebenes
Land geschaffen. Dies zeigt, er hat noch nicht eingesehen, wozu die Berge und
die in ihnen aufgespeicherten Schätze gut sind. Um nur eines zu nennen: die
Berge bewirken den Kreislauf des Wassers, und der ist in der Welt ebenso nötig
wie der Kreislauf des Blutes im Leibe. In derselben Weise bewirken das Auf und
Ab des Lebens und das Ungemach des Kreuztragens, daß unser geistliches Leben in
Bewegung bleibt, bewahren es vor Erstarrung und bringen der Seele zahllose
Segnungen.
4. Während des Weltkrieges wurden in
einer fruchtbaren Gegend Gräben ausgehoben und Felder zerstört. Nach einiger
Zeit begannen in diesen Gräben schöne Blumen und Früchte zu erscheinen. Man
entdeckte, der Boden war fruchtbar, aber darunter war die Erde noch viel
fruchtbarer. So kommen, wenn wir das Kreuz tragen und leiden, die verborgenen
Reichtümer unserer Seele ans Licht. Wir sollen nicht über dem verzweifeln, was
als Zerstörung erscheint, denn es treibt die verborgenen, brachliegenden
Kräfte unserer Seele zum Wirken.
5. In der Schweiz brach einmal ein
Schäfer das Bein eines Schafes. Als man ihn fragte, wozu er das getan habe,
sagte er, es habe die schlechte Angewohnheit gehabt, daß es die anderen Schafe
in die Irre führte und sie zu gefährlichen Höhen und Abgründen leitete. Das
Schaf war so böse, daß, wenn der Schäfer es füttern kam, es mitunter ihn zu
beißen versuchte. Aber nach einiger Zeit wurde es freundlich und leckte seine
Hände. Ebenso
88
verfährt Gott mit denen, die
ungehorsam und widerspenstig gewesen sind: Er führt sie durch Kummer und
Leiden auf den Weg der Geborgenheit und des ewigen Lebens.
6. Jedes Gas nimmt in kühlem Zustande
einige Lichtstrahlen auf, und wenn es erhitzt wird, sendet es sie wieder aus.
Genau so leben wir, wenn wir geistlich kalt sind, in der Finsternis, obgleich
die Sonne der Gerechtigkeit fortwährend um uns herum scheint. Wenn aber durch
die Reibung des Kreuzes das Feuer des Heiligen Geistes in uns entzündet und
dadurch Wärme erzeugt wird, dann werden wir zunächst selber durch seine
Strahlen erleuchtet und bringen das Licht zu anderen.
7. Die Schönheit der Diamanten blendet
uns erst, wenn sie geschliffen sind. Dann fallen die Sonnenstrahlen auf sie
und lassen sie in wundervollen Farben scheinen. So werden auch wir, wenn wir
durch das Kreuz geschliffen sind, als Edelsteine im Reiche Gottes scheinen.
XIII
DER
FREIE WILLE14
1. Wir haben
die Fähigkeit, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden und eins von beiden zu
wählen. Das heißt, wir können innerhalb der Grenzen unseres Wesens frei
handeln. Sonst hätte die Kraft, die wir haben, um zwischen Gut und Böse zu
unterscheiden, keinen Sinn. Der Geschmack sagt uns, was bitter ist und was
süß. Er würde keinen Sinn haben, wenn wir nicht frei wären, nur das zu essen,
was wir wählen. Wir sind frei, nicht weil wir auch hätten anders handeln
können, sondern einfach weil wir handeln.
Wenn ich z. B. die Kraft habe, hundert
Pfund zu tragen, dann habe ich die Freiheit, das Ganze oder nur einen Teil
davon zu tragen. Und wenn eine Last schwerer ist als hundert Pfund, dann
übersteigt sie meine Kraft und auch meine Verantwortung: dann bin ich von der
Notwendigkeit, die Last zu tragen, befreit; denn
89
der mir die Last aufgelegt hat,
verlangt von mir nicht mehr, als ich leisten kann. Somit habe ich Freiheit in
jedem Fall. Und wenn ich das nicht tue, was im Bereich meiner Kraft liegt, dann
muß ich für meine Pflichtversäumnis und Gleichgültigkeit leiden, denn ich habe
die mir gegebene Kraft mißbraucht.
2. Bosheit und Verbrechen können nicht
dadurch ausgetilgt werden, daß man den Verbrecher bestraft. Wenn man das erreichen
könnte, dann dürften bald alle Gefängnisse geschlossen werden. Trotz der
strengen Strafe, die den Übeltätern zugemessen wird, finden wir keine
Veränderung. Und das Böse werden wir vom Angesicht der Erde erst dann
vertreiben können, wenn sich ein jeder Mensch aus freiem Willen entschließt, es
bis zur Grenze seiner Fähigkeit zu vertilgen15. Wenn andere ihn
zwingen wollen, so erreichen sie gar nichts. Gott hält die Hand des Mörders
nicht fest, noch schließt Er die Lippen des Lügners, denn Er tritt dem freien
Willen des Menschen nicht in den Weg. Wenn Gott sich so verhielte, dann gliche
der Mensch nur einer Maschine. Auch schätzte er dann die Wahrheit nicht, noch
fände er Freude darin, ihr entsprechend zu handeln; denn Freude kann nur aus
einer Tat freien Willens folgen.
3. Die Welt empört sich in gewisser
Weise gegen Gott und macht die Nachfolger Christi zu Sklaven. Wenn diese durch
Gottes Gnade von der Knechtschaft und Macht der Welt befreit sind und in die
himmlischen Örter eingehen, dann wird die Welt selbst ihnen Untertan, denn die
Welt erkennt, sie sind mit der lebendigen Macht im Bunde, die sie [die Welt]
geschaffen hat. Dann wird sie, anstatt zu siegen, selbst besiegt. Gott gewährt
denen, die aus eigenem freien Willen Ihm in Liebe dienen, auf ewig vollkommene
Freiheit.
XIV
GESUNDHEITSREGELN
1. Grundsätze
der Gesundheit, der leiblichen wie geistlichen, sind selbst schon Mittel zur
Gesundheit. Grundsätze sind nichts anderes als die festgesetzten Mittel, durch
die man bestimmte Ziele erreichen kann. So hat z. B. das Geld keinen Sinn in
sich selber. Es ist nur ein Mittel, das zu erreichen, was wir brauchen.
Musik, Wohlgeruch, leckeres Essen,
Licht und Wärme — all dieser Dinge können wir uns erfreuen, wenn wir sie mit
Maß genießen. Haben wir nicht genug, dann spüren wir den Mangel; haben wir mehr
als genug, dann leiden wir. Gott hat uns äußere und innere Sinne gegeben, damit
sie uns vor drohenden Gefahren warnen oder uns wirkliches Glück anzeigen.
Schmerz ist das Zeichen dafür, daß in unserem Leib oder Geist etwas nicht in
Ordnung ist. Gehorchen wir den Gesetzen der Wirklichkeit, so haben wir Ruhe und
Glück.
2. Wenn wir der Natur widerstreben, so
ist sie wider uns. Aber wenn wir versuchen, naturgemäß zu leben, dann wird sie,
anstatt uns zu schädigen, uns helfen, jenes Ziel vollkommener Gesundheit zu
erreichen, von dem Gott haben wollte, daß wir es durch diese Mittel erreichen.
Und indem wir vollkommene Gesundheit erlangen, gewinnen wir die ewige
Seligkeit in Gott, und danach geht das erste Verlangen unserer Seele.
XV
DAS
GEWISSEN
1. Das
Gewissen ist das sittliche Gesetz oder der sittliche Sinn in uns. Es ist der
Persönlichkeit nur im Keim angeboren. Es bedarf der Erziehung, Zucht, Übung
und Gewöhnung. Auch die Umgebung übt großen Einfluß auf sein Wachstum.
Gleich wie wir den
Geschmack haben und damit zwischen dem
91
Häßlichen und Schönen unterscheiden
können, so haben wir das Gewissen, das uns hilft, zwischen Gut und Böse zu
unterscheiden.
2. Schmerz in irgendeinem Organ des
Leibes ist ein Alarmruf, der eine Gefahr anmeldet. In gleicher Weise bewirkt
die Sünde Qual und Unruhe der Seele. Wie der Tastsinn uns im Bereich des Leibes
warnt, so warnt uns das Gewissen vor kommender Gefahr und Zerstörung und
drängt uns, die Schritte zu tun, die zur Rettung nötig sind.
3. Wenn die Schiffe in der Nähe der
Küste den Leuchtturm oder die Felsen oder die Umrisse des Landes sehen, so
wissen sie, wo sie sind. Aber draußen auf hoher See können sie sich nur nach
Sternen und Kompaß richten. Ebenso braucht unsere Seele auf ihrer Reise zu Gott
sehr notwendig das Gewissen und den Heiligen Geist, damit wir unser Ziel
erreichen, ohne irre zu gehen.
XVI
DIE ANBETUNG GOTTES
1. Man findet kaum Menschen, die nicht
Gott oder irgendeine Macht anbeten. Wenn gottlose Denker oder Wissenschaftler,
von materialistischer Weltanschauung erfüllt, Gott nicht anbeten, dann neigen
sie oft dazu, große Männer und Helden oder irgendein Wunschbild zu einer Macht
zu erheben und zu verehren. Buddha16 lehrte nichts über Gott. Das
Ergebnis war, seine Anhänger begannen ihn selber anzubeten. In China hatten
die Menschen nicht gelernt, Gott anzubeten, deshalb verehrten sie ihre Ahnen.
Selbst des Schreibens unkundige Menschen verehren irgendeine Macht oder
irgendeinen Geist. Kurzum, wir Menschen können nicht anders, als zu verehren
oder anzubeten. Dieses Verlangen nach Anbetung, von dem der Mensch nicht
loskommen kann, hat ihm der Schöpfer anerschaffen, damit er, von diesem
Verlangen geleitet, mit seinem Schöpfer verbunden sei oder sich ewiger
Gemeinschaft mit Ihm erfreue.
2. Die aber zu halsstarrig sind, um an
Gott zu glauben, ob-
92
gleich man ihnen die auf Planmäßigkeit
und Ordnung gegründeten Beweise für Sein Dasein vorlegt, würden an Ihn auch
dann nicht glauben, wenn sie Ihn selber sähen. Und zwar aus zwei Gründen. Wenn
Gott Sich ihnen offenbarte und ihnen Gründe gäbe, die Seine Gottheit beweisen,
und zwar Gründe göttlicher Logik, dann würden sie Ihn doch nicht verstehen,
denn solche Gründe überragen weit ihre menschliche Logik und Philosophie. Wenn
Er ihnen aber andererseits Gründe gäbe, die der Richtschnur menschlicher
Erkenntnis folgen, dann würden sie ihn doch verachten und sagen: „Das kennen
wir alles schon. Gott ist nicht viel besser als wir, denn Seine Art zu denken,
scheint der unseren zu gleichen. Er mag ein wenig höher stehen als ein
menschliches Wesen, aber nur ein wenig, mehr nicht."
3. Der Mensch ist ein Teil des
Weltalls und ein Spiegel, der es widerspiegelt. Deshalb spiegelt sich in ihm
die sichtbare wie unsichtbare Schöpfung wider. In dieser Welt ist er das
einzige Wesen, das die Schöpfung deuten kann. Er ist sozusagen die Sprache der
Natur. Die Natur spricht wohl, aber schweigend. Diese stillen Äußerungen der
Natur faßt der Mensch in Worte.
4. Der Mensch ist ein begrenztes
Wesen. Somit sind auch seine Sinne, die inneren wie die äußeren, begrenzt.
Deshalb kann er des Schöpfers Schöpfung nicht von allen Seiten schauen. Wollte
er es, so brauchte er unzählige Sinne. Unsere wenigen Sinne können nur wenige
Seiten der Schöpfung und ihrer Natur wahrnehmen und diese nicht einmal vollkommen.
Trotz dieser Begrenzungen hat das Herz Erkenntnis der Wirklichkeit, denn diese
hängt weder vom Verstand ab, noch kann der Verstand sie begreifen. Das
menschliche Auge ist zwar in sich selber klein, aber es wandert über ungeheure
Entfernungen und erreicht Orte, wohin der Mensch selbst nicht gehen kann. Es
schaut die Sterne, die Millionen Meilen entfernt sind, beobachtet ihre
Bewegungen und erfreut sich ihres Glanzes. Genau so blicken die Augen des
Herzens aufmerksam auf die Geheimnisse Gottes, und diese Einsicht drängt den
Menschen dazu, Ihn anzubeten, in dem allein die Nöte seines Herzens für immer
vollkommen gestillt sind.
93
XVII
DAS
SUCHEN NACH DER
WIRKLICHKEIT
1. Die Weisen aus dem Morgenlande
kamen aus weiter Ferne und wurden durch den Stern zur Sonne der Gerechtigkeit
geführt. Diesen Männern, die von so weither kamen, wurde, als sie den König der
Gerechtigkeit sahen und anbeteten, das Verlangen ihres Herzens erfüllt, während
in einem gewissen Sinne Sein eigenes Volk, die Juden, Ihn verwarfen und
kreuzigten und dadurch ihren Segen verloren. Aus Ost und West kommen Leute zu
Ihm: sie suchen die Wirklichkeit und finden Ihn, beten Ihn mit Herz und Seele
an und legen sich selbst als Opfer Ihm zu Füßen. Durch dieses Opfer ererben sie
ewiges Leben in Seinem Reich. Andererseits verwerfen Ihn Christen, die
sozusagen Sein eigenes Volk sind, mit Wort und Tat und erleiden dadurch
unsagbaren Verlust. Die Weisen aus dem Morgenlande verweilten nicht lange
genug, so daß sie Christi Lehre nicht hörten und Seine Wunder, Seine
Kreuzigung, Seine Auferstehung und Himmelfahrt nicht sahen; deshalb hatten sie
auch keine Botschaft für die Welt. Ebenso ergeht es manchen, welche die
Wirklichkeit suchen: sie leben nicht in seliger Gemeinschaft mit dem Herrn und
erfahren deshalb auch nicht Seine Leben schenkende und rettende Macht; so haben
sie keine Botschaft für die Welt.
2. „Wer da hat, dem wird gegeben, und
er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat,
genommen werden" (Matth. 25, 29). Wenn ein Mensch nicht hat, wie kann dann
etwas von ihm genommen werden? Mag er auch keine Begabung oder verantwortliche
Arbeit haben, weil ihm diese wegen seiner Nachlässigkeit abgenommen worden
sind, so ist ihm aber doch wenigstens seine Fähigkeit gelassen worden, zwischen
dem Wirklichen und dem Unwirklichen zu unterscheiden. Wenn er jedoch dieses
Unterscheidungsvermögen nicht benutzt, dann wird auch das noch von ihm
genommen. Dadurch wird sein Gewissen starr und tot. Und ihm ist nichts mehr
geblieben.
94
3. Es gibt
Menschen, deren Unterscheidungsvermögen ist so tot, daß, wenn es ihnen nicht
gelingt, mit ihren feinen wissenschaftlichen Werkzeugen die Anfänge des Lebens
in dieser Welt nachzuweisen, sie dann nicht an Gott als die Quelle allen Lebens
glauben, sondern zu denken beginnen, Lebenskeime seien von Meteoren
herabgefallen — gewiß eine Unmöglichkeit. Wenn der tote Stoff der Welt kein
Leben erzeugen kann, wie können dann Meteore, die aus demselben Stoff gemacht
sind wie die Erde, Leben hervorbringen? Wenn der Stoff der Meteore sich von dem
der Erde unterscheidet, wie können dann Keime von Meteoren auf dieser Erde
wachsen, da doch die Umgebung so verschieden ist? Jedoch die Wahrheit ist: wo
Gott gegenwärtig ist, da ist Leben. Im Wasser, es sei heiß oder gefroren, gibt
es Lebewesen. Auch in heißen Quellen werden Lebewesen gefunden. So wirkt Gottes
schöpferische Gegenwart überall. Unter allen Bedingungen schafft Er Leben.
4. Wahrheit oder Wirklichkeit wird an
ihren Früchten erkannt. Wer im Einklang mit der Wirklichkeit handelt, dem
fallen, schon während er so handelt, Früchte zu, und in der Zukunft wird ihm
das oberste Gut zuteil — die Gewohnheit. Die Wirklichkeit allein kann das
Sehnen der Seele stillen.
Wie tief ein Mensch auch in Sünde
gefallen und wie sehr er auch entartet sein mag, so liebt und schätzt er doch
die Wahrheit. Ein Lügner z. B. mag selber lügen, aber er hat es nicht gern, daß
andere Leute auch lügen. Ein anderer wieder, wie ungerecht er selber auch sein
mag, ärgert sich, wenn andere Leute auch ungerecht sind. Das zeigt: in der
Tiefe ihres Wesens verlangen solche Menschen nach Wahrheit und Gerechtigkeit
und schätzen sie auch, denn die Wahrheit hat sie so geschaffen, daß sie sich,
wenn sie für die Wahrheit und in ihr leben, selig fühlen. Wenn sie der Wahrheit
entgegenhandeln, werden sie leiden, denn damit stellen sie sich gegen ihr
eigenes Wesen wie gegen das Wesen der Wahrheit, die sie geschaffen hat.
5. Die Wahrheit hat viele Ansichten17.
Jeder einzelne Mensch, je nach der ihm von Gott gegebenen Fähigkeit, drückt aus
oder
95
offenbart eine andere Ansicht der
Wahrheit. Ein Baum mag dem einen Menschen wegen seiner Früchte gefallen, einem
anderen wegen seiner hübschen Blüten. Die Menschen würdigen und erklären jene
Ansichten des Baumes, die ihnen zusagen. So erklären und beschreiben der
Philosoph, der Gelehrte, der Dichter, der Maler und der Mystiker, jeder nach
Fähigkeit und Temperament, die verschiedenen Ansichten der Wirklichkeit, die
auf sie gewirkt haben. Einem einzelnen Menschen ist es unmöglich, eine
allumfassende Schau der Wirklichkeit zu gewinnen und alle ihre verschiedenen
Stufen zu beschreiben.
6. Wenn wir herausfinden wollen, ob
eine Sache wahr ist oder nicht, so müssen wir sie von verschiedenen Seiten
betrachten. Sonst entsteht Mißverständnis und Irrtum. Wenn wir z. B. einen
geraden Stock von einem Ende nur mit einem Auge anblicken, dann können wir
nicht erkennen, wie lang er ist. Wenn wir einen richtigen Eindruck von dem
Stock gewinnen wollen, dann müssen wir ihn von verschiedenen Seiten ansehen.
Wer mit seinem ganzen Gemüt und seiner
ganzen Seele die Wirklichkeit sucht und sie erlangt, der erkennt: noch bevor er
nach der Wirklichkeit zu suchen begann, hat die Wirklichkeit selber nach ihm
gesucht, um ihn in ihre selige Gemeinschaft und Gegenwart zu bringen. Es ergeht
ihm wie einem verirrten Kind, das seine Mutter sucht. Nachdem es wieder in
ihren Schoß gefunden hat, erkennt es: noch bevor es an sie dachte, hatte sie
schon mit tiefer mütterlicher Liebe nach ihm zu suchen begonnen.
XVIII
REUE
UND RETTUNG
1. Zur
Rettung ist Reue notwendig; aber Reue allein kann Sünder nicht retten, wenn
Gottes Gnade ihnen die Sünde nicht vergibt. Wenn ich einen Stein gegen einen
Menschen schleudere, wenn er stirbt und ich bereue es, dann mag solche Reue
mich davor bewahren, daß ich jene Torheit in Zukunft wiederhole; aber der
Schaden, der angerichtet worden ist, kann nicht ungeschehen ge-
96
macht und das Leben des Mannes nicht
wieder zurückgebracht werden. Gott allein kann mir vergeben und dem Toten im
nächsten Leben eine Gelegenheit gewähren, daß der Schaden, den er durch seinen
plötzlichen Tod erlitten, wieder ausgeglichen werde. Auf diese Weise können
beide, der Mörder sowie der Ermordete, gerettet werden.
2. Gott allein kann richtig strafen
oder vergeben, denn Er allein versteht die inneren Nöte und Umstände des
Menschen und weiß, was aus Seiner Vergebung oder Strafe folgen wird. Wenn der
Mensch jedoch straft, dann wird oft der Zweck der Strafe nicht erreicht, denn
er kennt die inneren Nöte und Umstände des Missetäters nicht. In einigen
Fällen schafft die Strafe nichts Gutes, sondern schadet nur, während Vergebung
nahezu zauberhaft wirkt, indem sie die Menschen verwandelt. In anderen Fällen
mag die Vergebung nur als Gelegenheit zu neuer Missetat verstanden werden;
solche Menschen sind dann nur durch Strafe zu bessern. Gott allein kennt das
wirkliche Wesen der Menschen und errettet sie, wie sie es nötig haben, von den
Ursachen wie Folgen der Sünde.
3. Die Absicht der Seele ist,
wirkliche und bleibende Freude zu erlangen. Wer dieses Ziel mit falschen
Mitteln, z. B. durch Sünde, zu erreichen sucht, der zerstört gerade die
Fähigkeit der Seele, sich des Glücks zu erfreuen. Und wer diese Fähigkeit
verkümmern läßt oder mißbraucht, der zerstört sie. Denn Gott hat in Seiner
Liebe diese Kräfte, Fähigkeiten oder Sinne zur Freude geschaffen und will, daß
wir uns in Seiner Gemeinschaft ewiger Glückseligkeit erfreuen. Darin besteht
die Errettung.
4. Stolz ist Sünde, denn der stolze
Mensch hält von sich mehr, als er wirklich ist. Dadurch verliert er Gottes
Gnade, fällt in Sünde und zerstört seine Seele. Lüge ist Sünde, denn sie widerspricht
der Wahrheit. Wer beständig Lügen erzählt, wird allmählich ein Mensch, der
sich selbst belügt. Er vertraut nicht mehr seinen inneren und äußeren Sinnen,
sondern bezweifelt stets ihre Wahrheit. Schließlich bezweifelt er sogar Gottes
Liebe und Gnade und verliert damit sein geistliches Leben und Gottes reichste
Seg-
97
nungen. Habsucht ist Sünde, denn der
Habsüchtige sucht Befriedigung in geschaffenen Dingen und verläßt damit seinen
Schöpfer. Ehebruch ist Sünde, denn der Ehebrecher zerreißt Familienbande und
zerstört Reinheit und Leben. Diebstahl ist Sünde, denn der Dieb beraubt die
anderen ihres Verdienstes. Er sucht Freude, indem er anderen einen Verlust
zufügt. Deshalb ist es notwendig, daß wir uns von diesen und allen anderen
Sünden reumütig abwenden und uns retten lassen, damit Gottes Wille in unserem
Erdenleben geschehe, wie er im Himmel unter Heiligen und Engeln geschieht.
5. Gelehrte und Philosophen, die an
Entwicklung glauben, sprechen vom Überleben des Tüchtigsten durch natürliche
Zuchtwahl. Es gibt jedoch noch eine andere größere Tatsache, die durch das
verwandelte Leben von Millionen bewiesen ist, daß nämlich in der göttlichen
Zuchtwahl die Untüchtigen (d. h. die Sünder) überleben. Trinker, Ehebrecher,
Mörder und Räuber sind aus den Tiefen der Sünde und des Elends emporgehoben
worden und haben ein neues Leben des Friedens und der Freude empfangen. Dies
ist die Rettung, die wir durch Jesus Christus erlangen, der in die Welt
gekommen ist, um Sünder zu retten (1. Tim. 1, 15).
XIX
ERBSÜNDE18
i. Es ist möglich, daß Kinder die
Krankheiten der Eltern erben. Aber wenn die Eltern Hände, Füße oder Augen
verlieren, so müssen die Kinder deshalb noch lange nicht lahm, verkrüppelt oder
blind geboren werden. So steht es auch mit der Erbsünde. Die Kinder erben nicht
alle Eigenschaften der Eltern, seien sie gut oder schlecht; sondern vieles im
Charakter der Kinder ist das Ergebnis ihrer eigenen bewußten Taten. Wenn sie
alle Eigenschaften ihrer Eltern erbten, dann könnten sie für ihre Taten nicht
verantwortlich gemacht werden. Fähigkeit und Charakter sind nur in geringem
Grad erblich; wie sie wachsen und reifen, das hängt weithin von den eigenen
Anstrengungen ab.
98
2. Wenn irgendein Gegenstand vor dem
Licht steht, so wirft er einen Schatten oder ruft Dunkelheit hervor.
Mondfinsternis tritt ein, wenn die Erde zwischen Sonne und Mond steht. Wenn der
Schatten eines anderen Gegenstandes auf uns fällt, sind wir nicht
verantwortlich dafür, denn nicht wir, sondern der Gegenstand außer uns hat den
Schatten geworfen. Da wir uns im Bereich jenes Schattens befinden, werden wir
von ihm berührt, aber wir sind nicht verantwortlich dafür. Doch wir tragen
Verantwortung für die bösen Gedanken, die gleich Wolken aus unserem Herzen
aufsteigen, am Himmel schweben und Dunkelheit bewirken.
3. Sünden und ihre Folgen sind zwar
gefährlich, dauern aber nicht ewig. Nichts ist ewig als Gott allein, und wem Er
Ewigkeit verleiht. Wenn noch ein anderes Wesen aus sich selber neben Gott leben
sollte, dann müßte es auch die unendlichen Eigenschaften Gottes besitzen. Das
ist aber unmöglich, denn nur Einer ist unbedingt19.
Gottes Dasein verbürgt eine
vollkommene Ordnung, die beständig erhalten bleiben soll. Was Seinem Wesen
widerstrebt (d. h. das Böse), kann in Seiner Gegenwart nicht auf ewig bestehen.
Deshalb soll die ganze Schöpfung, die da seufzt und in Wehen liegt, weil sie
dem Bösen und der Nichtigkeit unterworfen ist, für immer befreit werden aus der
Knechtschaft der Verderbnis zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes (Rom. 8,
20—22).
XX
VEDANTA20 UND
PANTHEISMUS5
1. Nach dem Vedanta ist Gott21
(Brahma) allein wirklich; alles andere ist Täuschung. Die menschliche Seele ist
dasselbe wie Gott, obgleich sie, wegen der menschlichen Unwissenheit, von Ihm
getrennt zu sein scheint. — Wenn das wahr wäre, dann würde es bedeuten, auch
Gott sei der Täuschung unterworfen. In diesem Fall kann Er nicht Gott sein. Gott
ist in Wirklichkeit von aller Täuschung frei und weiß alles. Die Anhänger des
Vedanta be-
99
haupten auch, in tiefer Versenkung (samadhi)
werde der Fromme durch Erkenntnis von Täuschung (maya) frei. Da
erhebt sich die Frage: wenn alles Täuschung ist, wie erkennen wir da, daß der
Fromme, in samadhi versunken, und was er in diesem Zustand erkennt,
nicht auch Täuschung sind?
2. Wenn wir zugeben, daß der Vedanta
wahr sei, dann müssen wir auch zugeben, daß — da Mensch und Gott dasselbe sind
— Gott in Entwicklung begriffen sei und daß Er vermittels Täuschung und
Verwandlung des Stoffs Vollkommenheit erlangen wolle. Wenn maya das
nicht für Gott leistet, dann sollen die Anhänger des Vedanta uns sagen: was
ist die erste Ursache von maya? welche Handlungen haben dazu geführt,
daß wir in maya verstrickt sind? und wozu ist maya gut? Tatsache
ist: Gott ist in jedem Ding, und jedes Ding ist in Gott. Aber
Gott ist nicht jedes Ding, und jedes Ding ist nicht Gott. Wer den Schöpfer mit
seiner Schöpfung verwechselt, der ist in Unwissenheit versunken.
XXI
CHRISTUS UNSERE ZUFLUCHT
1. Eine Biene kommt zu einer Blume, um
Honig zu sammeln. Während sie mit dieser lieblichen Aufgabe beschäftigt ist,
wird sie mitunter von einer Spinne gestochen. Dieser Stich läßt die Biene
erstarren, so daß sie eine leichte Beute der Spinne wird. Genau so verfährt
Satan: er kann uns nicht nur an bösen Orten angreifen, sondern auch während wir
uns einer guten, nützlichen und angenehmen Arbeit hingeben. Wenn wir nicht treu
sind im Gebet22, droht die Gefahr, daß Satan uns angreift und überwältigt.
2. Die Sünde macht das Gewissen taub
und den Willen kraftlos und schwach. In solcher Lage vermag der Mensch, wenn
er Gefahr und Tod vor sich sieht, ihnen nicht zu entfliehen — so hilflos ist er
—, selbst wenn er ein starkes Verlangen danach hat. Einst trieb im tiefen
Winter ein Leichnam den Niagara-Fällen zu.
100
Ein Raubvogel saß darauf und war
geschäftig, ihn zu verzehren. Als der Vogel den Wasserfällen nahe kam, wollte
er den Leichnam verlassen und sich retten. Doch seine Krallen waren
festgefroren, so daß er nicht fortfliegen konnte. So stürzte er in die tosenden
Wasser und starb eines elenden Todes.
3. Wenn wir vor den Angriffen und
Gefahren des Feindes geborgen sein wollen, dann müssen wir in der Gemeinschaft
mit dem Herrn leben und Ihm ähnlich werden. In schneereichen Ländern kleidet
die Natur Tiere und Vögel in Weiß, so daß sie dieselbe Farbe wie ihre Umgebung
haben und somit vor Angriffen sicher sind. Wo die Umgebung anders ist, da sind
auch die Tiere anders gekleidet. Das Chamäleon und der Bay-Plattfisch23
können ihre Farbe im Augenblick wechseln: sie nehmen dieselbe Farbe wie ihre
Umgebung an und entkommen ihren Feinden. Jedoch blinde Fische können das nicht,
denn sie können die Farbe um sie herum nicht sehen. In gleicher Weise ist es
höchst wichtig, daß wir geistliche Schau haben; denn wenn wir beständig auf
Christus blicken und Ihm nachfolgen, können wir Ihm ähnlich werden sowie in Ihm
auf ewig geborgen und vor allen Angriffen des Feindes behütet leben.
XXII
FEINDE GROSS UND KLEIN
1. Des Menschen Todfeinde sind nicht
nur große Tiere wie Tiger, Wölfe und Schlangen. Kleine Keime, die wir nur durch
das Mikroskop sehen können und durch unsere Nahrung sowie durch Wasser und Luft
in uns aufnehmen, sind oft noch viel gefährlicher und rufen tödliche
Krankheiten hervor. Ebenso gefährden nicht nur große Sünden unsere Seele,
sondern verborgene böse Gedanken, die Keime großer und kleiner Sünden, wirken
noch viel zerstörender. Wir müssen danach trachten, diese Keime von Anfang an
aus unserem Gemüt zu entfernen, damit wir und andere von ihren
verhängnisvollen Folgen frei werden.
2. In unserem Leib haben wir
Gesundheitskeime (phagocytes)
101
wie auch Krankheitserreger (bacteria).
Wenn unter irgendwelchen Umständen die Krankheitskeime sich vermehren und die
Gesundheitskeime überwältigen, dann wird der Mensch krank, und wenn er nicht
richtig behandelt wird, stirbt er. Wenn aber die Gesundheitskeime stärker sind,
so widerstehen sie und töten die Krankheitserreger, und der Mensch erfreut sich
guter Gesundheit. Gleicherweise wirken unsere guten Gedanken: sie überwältigen
unsere bösen Gedanken und helfen uns, daß wir uns, von den Verwüstungen der
Sünde befreit, guter Gesundheit erfreuen. Dieser Sieg kann nicht errungen
werden ohne die Hilfe des Heiligen Geistes, der die Quelle aller Gutheit, aller
Freude und des vollkommenen Lebens ist.
3. Manche Menschen werden so sehr von
bösen Gedanken überwältigt, daß sie alle Hoffnung zu verlieren scheinen und
sich in großer Verzweiflung das Leben nehmen. Aber anstatt sich selbst zu
töten, sollten sie vielmehr mit Gottes Hilfe jene Gedanken töten, die ihnen
alle Hoffnung und Kraft zum Siege nehmen. Wir sollen nicht unser Leben mit
Gift oder tödlichen Waffen zerstören, sondern geistliche Waffen, wie das Gebet,
benutzen, um das Böse bis in die Wurzel zu vernichten. Dann bringen wir uns
nicht um, sondern retten uns und helfen dadurch auch anderen, sich zu retten.
4.
Selbstsucht ist in gewisser Weise Selbstmord; denn Gott hat uns gewisse
Fähigkeiten und Eigenschaften gegeben, damit wir sie zum Wohle anderer
gebrauchen. Indem wir anderen helfen, finden wir neue Freude und helfen auch
uns selber. Dies ist ein Gesetz unseres inneren Seins. Wenn wir anderen nicht
helfen, verlieren wir diese Freude. Wenn wir unsere Nächsten nicht wie uns
selber lieben, sind wir ungehorsam gegen Gott. Solcher Ungehorsam beraubt uns
der Freude, von der unsere Seele lebt. Dann bleibt unsere Seele hungrig und
stirbt. Ein selbstsüchtiger Mensch meint, er schaffe zu seinem eigenen Vorteil;
aber ohne es zu wissen, fügt er sich selber großen Schaden zu. Wenn jeder
Mensch sich nur dazu entschließen könnte, die Selbstsucht aufzugeben, dann
würde aller Kampf und Streit in der Welt aufhören
102
und die Erde zum Himmel werden. Alle
Sünden kommen aus der Selbstsucht. Deshalb gebot uns unser Herr, uns selbst zu
verleugnen und Ihm nachzufolgen (Luk. 9, 23).
5. Wenn wir fortwährend andere tadeln
und an ihnen etwas auszusetzen haben, fügen wir ihnen wie uns selber großen
Schaden zu. Wenn wir jedoch den Selbstruhm aufgeben und uns selber tadeln,
dann wird uns das umgestalten: wir werden am Leben der anderen teilnehmen und
sie lieben. Auf diese Weise werden die anderen wie auch wir selber Gewinn
haben. Und wir werden das verheißene Land erben, das Reich wirklicher Liebe.
XXIII
„GÄSTE UND FREMDLINGE AUF ERDEN"
1. Ein Philosoph reiste um die Erde,
um einen Ort vollkommener Stille und Ruhe zu finden. Statt dessen fand er
überall Sünde und Sorge, Leiden und Tod. Aus der Erkenntnis und Erfahrung, die
er so gewonnen hatte, kam er zu dem Schluß, diese Welt sei nicht dazu bestimmt,
unsere bleibende und wirkliche Heimat zu sein, sondern die wirkliche Heimat,
nach der sich unsere Seele so sehr sehnt, sei anderswo; dort werde die Seele
vollkommene Ruhe finden.
2. Einst wurde nahe beim Golf von
Mexiko ein Vogel gefangen und nach einem Ort verschickt, der 850 engl. Meilen
weit entfernt lag. Er wurde in einen engen Käfig gesteckt und kannte den Weg,
den er geschickt wurde, nicht. Aber als er herangewachsen war, kehrte er ohne
Führung und Hilfe zu eben derselben Stelle wieder zurück, von der man ihn
fortgenommen hatte. Sein Instinkt hatte ihn geleitet. Ebenso ergeht es dem
Menschen, dessen Gewissen durch Gottes Gnade wach ist: er verläßt diese
vergängliche Welt und erreicht durch die Führung und Hilfe des Heiligen Geistes
den Himmel, die ewige Heimat, für die er geschaffen worden ist.
3. Ein Naturforscher brachte die Eier
einer Nachtigall in ein kaltes Land und hoffte, daß die Vögel, wenn sie dort
ausgebrütet wären, jenes Land für ihre Heimat halten und dort bleiben wür-
103
den. Aber sie
krochen aus und flogen, als der Sommer vergangen war, fort in ihr Heimatland
und kehrten niemals mehr zurück. Ganz ähnlich ergeht es auch uns: obgleich in
dieser Welt geboren, sind wir doch nicht für sie bestimmt. Sobald die Zeit
kommt, da wir den Leib verlassen, begeben wir uns in unsere ewige Heimat. 4.
Wenn der Leib stirbt, dann stirbt die Seele nicht, noch geht sie an einen weit
entfernten Ort. Sondern mit dem Tod beginnt sie ein neues Leben, indem sie in
einen neuen Zustand eintritt. Es ergeht ihr wie einem Kinde: wenn das Kind den
Mutterschoß verläßt, beginnt ein neues Leben, indem es in einen neuen Zustand
eintritt, aber die Welt oder der Ort, wo es lebt, bleiben weiterhin dieselben.
So geht der Geist, nachdem er den Leib verlassen hat, in einen weit besseren
Geisteszustand ein, obgleich die Welt, in der er lebt, weiterhin die gleiche
bleibt. Das Kind im Mutterschoß wie der Geist im Leibe bleiben über ihren zukünftigen
Zustand unwissend, denn er ist ihren Augen verborgen. Nachdem das Kind den
Mutterleib verlassen hat, kann es den Leib, aus dem es gekommen, nicht mehr
sehen. Ebenso vermag die Seele — besondere Umstände ausgenommen — die Körperwelt,
aus der sie gekommen, nicht mehr zu sehen, denn nun lebt sie für immer in der
Geisteswelt; die Körperwelt ist als grober Stoff in die Geisteswelt
eingeschlossen. Wie das Kind beim Durchschneiden der Nabelschnur vom
Mutterschoß getrennt wird, so wird der Geist vom Leib getrennt, wenn der
silberne Strick abgeschnitten wird (Pred. Sal. 12, 6). Für das Kind ist der
Mutterschoß der Ort, wo es für die Zukunft zubereitet wird, und für die Seele
ist es der Leib. Aus dem Leib geht die Seele in Gottes Gegenwart hinüber, wo
sie ihre wirkliche Bestimmung und Vollkommenheit erlangt.
XXIV
GLAUBE UND REINHEIT
1. Keine
Arbeit, sie sei geistlich oder weltlich, kann ohne Glauben geleistet werden.
Wenn wir nicht einander glaubten,
104
würde das Leben in dieser Welt unmöglich.
Wenn alles so sehr vom Glauben abhängt, welche Schande ist es da, wenn wir
nicht Ihm vertrauen, der in unserem Wesen die Fähigkeit zum Glauben geschaffen
hat! Wenn unsere Erkenntnis unendlich wäre, dann hätten wir natürlich keinen
Glauben nötig. Aber da unsere Erkenntnis so begrenzt ist, daß sie nahezu ein
Nichts ist, werden wir in dieser Welt immer den Glauben brauchen. Und
tatsächlich auch in der nächsten Welt, denn sogar dort wird unsere Erkenntnis
nicht unendlich sein.
Der Glaube ist wie die Liebe die Ranke
der Seele, die sich an Gott klammert, Zweige und Blätter treibt und geistliche
Früchte in Fülle hervorbringt.
2. Durch den Glauben empfangen wir die
Taufe mit dem Feuer des Heiligen Geistes. Ohne sie genügt die Wassertaufe zur
Reinheit und Rettung nicht. Silber und Gold können durch Wasser nur äußerlich
gereinigt werden, denn es kann nicht in sie eindringen. Um sie zu läutern,
dazu bedarf es des Feuers. Die Taufe mit dem Feuer des Heiligen Geistes ist
nötig, damit die Seele vollkommen gereinigt wird.
XXV
OFFENBARUNGEN CHRISTI
1. Wenn wir
den Heiligen Geist nicht empfangen, können wir die Größe und Gottheit Christi
nicht verstehen, auch wenn wir Ihm unser ganzes Leben hindurch nachfolgen. Das
zeigen deutlich die Erfahrungen der Jünger. Christus berief sie aus einem niederen
zu einem höheren und edleren Werk: aus Fischermenschen machte Er sie zu
Menschenfischern. Drei Jahre lang lebten sie mit Ihm. Während jener Jahre taten
sie edlen Dienst: sie verkündigten den Menschen die frohe Botschaft des Heils.
Aber als Christus gekreuzigt und begraben ward, versanken alle ihre Hoffnungen
mit in Seinem Grab. Die Jünger kehrten zurück und nahmen dieselbe alte Arbeit
auf, die sie früher zu ihrem Lebens-
105
unterhalt getan hatten. Doch Christus, den sie für tot hielten,
erstand wieder von den Toten und erschien ihnen bei verschiedenen
Gelegenheiten. Als Er einmal Seinen Jüngern am See Genezareth erschien,
erkannte Petrus Ihn als den Herrn und schämte sich so sehr, daß er ins Wasser
sprang, um sich zu verbergen. Er tat das wohl aus zwei Gründen: der eine Grund
war, er sah Christus zum erstenmal seit seiner Verleugnung und schämte sich,
denn er dachte: „Ich erklärte feierlich, ich würde selbst mein Leben für
Christus geben und Ihn auf keinen Fall verleugnen. Aber ich tat es dennoch. Wie
kann ich nun vor Ihm bestehen?" Der andere Grund war sehr wahrscheinlich
dieser: er schämte sich, wenn er daran dachte, daß vor drei Jahren er und die
anderen Jünger an genau derselben Stelle zu dem großen Werk berufen worden
waren, Menschen zu Christus zu führen, und daß sie nach drei Jahren das edlere
Werk aufgegeben hatten, zu dem alten zurückgekehrt waren und ihm an derselben
Stelle nachgingen, während sie doch das große Werk hätten fortsetzen sollen,
zu dem Christus sie berufen hatte. Als Christus von den Toten auferstand,
kehrten auch ihre toten Hoffnungen wieder ins Leben zurück; und als sie
weiterhin die Fülle des Heiligen Geistes empfingen, wurden sie aufs neue der
Gottheit Christi gewiß, so daß sie, obwohl sie verfolgt wurden und als
Blutzeugen leiden mußten, bis zum Ende ihres Lebens Ihn verkündigten und das
Werk fortführten, zu dem sie berufen worden waren.
2. In der gegenwärtigen Zeit gibt es viele Christen, die Christus
nachgefolgt sind, ohne daß sie Seine Größe und Gottheit in ihrem eigenen
inneren Leben erfahren haben. So sind sie in die Irre gegangen. Sie denken,
Christus sei ein großer und vollkommener Mensch gewesen, der vor Jahrhunderten
lebte und starb. Aber denen, die sich zu Ihm wenden und beten, offenbart er
sich aufs neue in Seiner Herrlichkeit und Kraft wie dem Paulus. Und sie
erneuern ihre Gemeinschaft mit Ihm und dienen Ihm durch die Kraft des Heiligen
Geistes getreu bis ans Ende ihres Lebens.
106
XXVI
DEMUT
1. Wenn der
Geist Christi nicht in uns wohnt, können wir nicht demütig und sanftmütig sein
wie Er, der — obgleich Gott — die Gestalt eines Knechtes annahm (Phil. 2, 6—7).
Wir dürfen dem falschen Stolz in unserem Herzen keinen Raum geben, indem wir
vergessen, was wir wirklich sind. Durch Stolz fallen wir von der Wahrheit ab
und zerstören uns selber. Auch wenn wir mehr Fortschritte als andere Menschen
gemacht haben, dürfen wir nicht vergessen: Diamant und Kohle sind aus demselben
Stoff gemacht, nämlich aus Kohlenstoff. Verschiedene Umstände haben bewirkt,
daß sie so verschiedene Gestalt angenommen haben. Aber obgleich ein Diamant so
wertvoll ist, kann er ebenso vollständig verbrannt werden wie Kohle.
2. Wenn wir am Rande eines Abgrunds stehen und hinunterblicken,
empfinden wir Schwindelgefühl und Furcht, auch wenn die Tiefe nur ein paar
hundert Fuß betragen mag. Aber wir fürchten uns niemals, wenn wir zum Himmel
hinaufblicken, obgleich unsere Augen dort über viel größere Höhen streifen.
Warum? Weil wir nicht nach oben fallen können. Andererseits besteht jedoch die
Gefahr, daß wir hinabstürzen und in Stücke zerschmettern. Wenn wir zu Gott
emporblicken, so fühlen wir, daß wir in Ihm geborgen sind und von keinerlei
Gefahr bedroht. Aber wenn wir unser Angesicht von Ihm abwenden, erfüllt uns die
Furcht, wir könnten von der Wirklichkeit abstürzen und in Stücke zerschmettern.
XXVII
ZEIT UND EWIGKEIT
1. Die
wirkliche Zeit, das heißt die Zeit in ihrer Beziehung zur Wirklichkeit, ist
Ewigkeit. Die Zeit, wie wir sie kennen, ist ein flüchtiger Schatten jener
wirklichen Zeit. Für Gott gibt es weder
107
Vergangenheit noch Zukunft, sondern alles ist Gegenwart. Da Seine
Erkenntnis unendlich ist, stehen Vergangenheit und Zukunft zugleich vor Ihm.
Aber für uns hat die Gegenwart kein Dasein, da sie nur der Übergang der Zukunft
in die Vergangenheit ist. Ein jeder Augenblick taucht aus der Zukunft auf und
gleitet unvorstellbar schnell in die Vergangenheit hinüber. Auch Vergangenheit
wie Zukunft haben für uns kein Dasein, denn sie sind jenseits unserer Reichweite.
Somit hat die Zeit für uns keine Wirklichkeit.
Wenn wir aus dem Schlaf erwachen, vermögen wir kaum zu sagen,
wieviel Zeit während unseres Schlafes vergangen ist. Selbst in unseren wachen
Augenblicken ist die Zeit so unwirklich. In Sorgen und Leiden scheint ein Tag
ein Jahr zu sein, in Freuden dagegen ein Jahr ein Tag. Deshalb hat die Zeit
keine Wirklichkeit, denn Wirklichkeit ist unter allen Umständen wirklich, und
wir haben keinen Sinn für die Zeit, denn wir sind für die Wirklichkeit
geschaffen worden, und die ist ewig.
2. Jahr, Monat, Tag sowie Stunde, Minute, Sekunde schaffen, was
wir Zeit nennen, indem wir sie auf Ereignisse oder Veränderungen von
Gegenständen im Raum beziehen. Nimm irgendeinen Gegenstand im Raum; wenn er
sich verändert, schafft er Zeit. Während der Veränderung ist Gegenwart; nachdem
die Veränderung stattgefunden hat, ist sie Vergangenheit; wenn sie sich noch
ereignen soll, ist sie Zukunft. Wenn die Gegenstände sich verändern, so
verändert sich die Zeit mit ihnen in Zukunft oder Vergangenheit. Die
Wirklichkeit dagegen verändert weder sich selbst noch die Ewigkeit, mit der sie
zusammenhängt.
3. Die Zeit mag wechseln und vergessen werden. Aber was auch immer
wir in der Zeit getan haben, das wird niemals ausgelöscht werden, sondern in
die Ewigkeit eingehen.
„Die Welt vergeht mit ihrer Lust, wer aber den Willen Gottes tut,
der bleibt in Ewigkeit" (1. Joh. 2,17).
108
3.SCHRIFT
Gedanken über Hinduismus, Buddhismus, Islam und Christentum
Da ich in enger Berührung mit Hinduismus, Buddhismus, Islam und
Christentum lebe, habe ich ihre heiligen Bücher sowie die Schriften ihrer
führenden Denker studiert. Zudem habe ich auch noch durch persönliches Gespräch
mit vielen ihrer gelehrten Anhänger viele Kenntnisse über ihren Glauben
gewinnen können. Was ich bei meinem Nachdenken über diese vier großen
Religionen fand, habe ich in diesem Buch niedergelegt.
Ich will keineswegs einen grundsätzlichen und geschichtlichen
Überblick über diese Religionen geben. Vielmehr habe ich versucht, meinen
Lesern in schlichten Worten einige ihrer Grundsätze darzulegen. Und ich hoffe,
dadurch Wahrheitssuchern zu helfen, daß sie die Wirklichkeit erkennen.
Subathu, Simla
Hills, September 1924 Sundar
Singh
109
1. Kapitel
RELIGION UND WIRKLICHKEIT24
Überall finden wir: der Mensch verlangt danach, eine übernatürliche
Macht anzuerkennen, die denen alle Nöte stillen kann, die gehorsam und getreu
ihre Pflicht gegen sie25 erfüllen. Dieses Verlangen nennen wir
Religion.
Mit anderen Worten, Ziel und Gegenstand der Religion ist: wir
sollen die Gebote dessen befolgen, der der Schöpfer, Herr und Erhalter des
Weltalls ist; wir sollen Ihn von ganzem Herzen anbeten und uns der Gemeinschaft
dessen erfreuen, der der Allmächtige, Ewige und Allgegenwärtige Gott ist.
Diese unendliche Quelle des Lebens, die Erste Ursache des
Sichtbaren wie Unsichtbaren, ist die Wirklichkeit24.
I
DIE ALLMÄHLICHE ENTWICKLUNG28 VOM GÖTZENDIENST ZU GOTT
1. In den
allerältesten Zeiten waren die Menschen gleich den unkultivierten Wilden von
heute. Sie waren ihrer geistigen Nöte noch nicht inne geworden, oder, wenn sie
doch schon etwas davon spürten, waren sie ihrer in der Tiefe noch nicht bewußt.
Sie fühlten nur ihre leiblichen Bedürfnisse. Und statt des Schöpfers beteten
sie an, was Er geschaffen hatte: Sonne und Mond, Feuer, Luft und Wasser. Außer
den Hebräern hatte noch kein Volk eine Kunde von dem Einen Wahren und
Lebendigen Gott. Daher beteten sie um ihrer leiblichen Nöte willen in der
Gestalt von Götzenbildern jene sichtbaren Dinge an, von denen sie Nutzen
erhofften oder die sie als böse fürchteten.
110
2. Später machten sie Bilder ihrer Götter und brachten ihnen Gaben
und Opfer dar. Und wenn selbst dies ihnen nicht zu genügen schien, gingen sie
noch einen Schritt weiter und fingen an, gute und böse Geister sowie die
Geister ihrer Ahnen zu verehren. Als ihr geistiger Blick sich weitete, konnte
sogar dies nicht mehr das Verlangen ihres wachsenden geistigen Wesens
befriedigen. Da waren sie gezwungen, ein geistiges Wesen zu suchen und zu
verehren, das alle ihre leiblichen wie geistigen Nöte und Sehnsüchte, in
dieser wie in jener Welt, zu stillen vermöchte. So hat Gott sich ihnen
offenbart, wie ihr Geist es brauchte und fassen konnte. „Nachdem vorzeiten Gott
manchmal und auf mancherlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die
Propheten, hat Er am letzten in diesen Tagen zu uns geredet durch den
Sohn" (Hebr. 1,1-2)27.
3. Die alten Völker gebrauchten als Geräte einfache und rohe Dinge
aus Stein, Bronze oder Eisen. Wir aber müssen heute nicht mehr Waffen und
Geräte solcher Art benutzen, denn in unserer Zeit sind wir über die Kulturstufe
jenes Zeitalters weit hinausgeschritten. Wohl haben wir noch die Empfindungen
behalten, denen jene Bedürfnisse entsprungen sind — Hunger und Durst zum
Beispiel sind noch die gleichen —, aber die Mittel, die wir anwenden, um sie zu
befriedigen, haben sich mit dem Fortschritt der Zeit geändert. Ganz ähnlich
steht es mit den Bedürfnissen unseres Geistes. Aus den geschichtlichen und
religiösen Büchern jener alten Völker haben wir erfahren, ihr Bedürfnis war dem
unseren gleich. Damit ist aber nicht gesagt, wir müßten ihre Art des
Götzendienstes übernehmen.
Wir erforschen die Lebensgewohnheiten dieser Völker, damit wir
erkennen, welche Mittel sie gebrauchten, und wie weit sie damit Erfolg hatten,
wenn sie sich in ihrem Streben, das Heil zu erlangen, in den Kampf zwischen Gut
und Böse verwickelt sahen sowie in das Ringen mit der Sünde und ihren bösen
Folgen.
In unserer eigenen Zeit finden sich die Menschen, wenn sie sich
bemühen, das Heil zu erlangen, ganz ähnlich und noch viel mehr in die
Schwierigkeiten des Kampfes zwischen Gut und Böse ver-
111
wickelt. Doch gibt es eine fortschreitende Offenbarung der Wirklichkeit,
die dem Bedürfnis, Fassungsvermögen und Stand der Entwicklung eines jeden
Menschen wie Zeitalters entspricht. Damit ist aber nicht gesagt, die Wahrheit
oder Wirklichkeit verändere sich, selbst wenn sie den Menschen verschiedener
Kultur und Lebensart in verschiedenen Gestalten erscheint. Mag auch immer
wieder eine neue Ansicht offenbart werden, so bleibt die Wirklichkeit doch
dieselbe und unwandelbar.
II
„EIN MENSCH VERSTEHT
NUR, WAS MIT ETWAS
IN IHM SCHON VORHANDENEM VERWANDT
IST"
1. Anhänger verschiedener Religionen sowie Menschen verschiedener
Temperamente und Fähigkeiten glauben, sie könnten durch die Erkenntnis, den
Glauben und die Erfahrung, die sie haben, die Wirklichkeit vollständig
bestimmen und beschreiben, obgleich ihre Erfahrung oft sogar ihre Träume und
Gesichte begrenzt. Die Unterschiede, die zwischen ihnen bestehen, betreffen
jedoch nur die Oberfläche. In der Grundauffassung der Wirklichkeit, die sie zu
bestimmen suchen, ist kein Unterschied28.
Es ist gerade so, als ob drei Menschen, deren einer eine rote, der
andere eine blaue und der dritte eine grüne Brille tragen, eine weiße Blume
betrachten. Einem jeden erscheint die Blume in anderer Farbe. Alle stimmen in
der Grundwahrheit überein: die Blume ist vorhanden. Ihr ganzer Streit geht nur um
die Farbe. Und sowie sie ihre Brillen ablegen, sehen sie alle die wirkliche
Farbe der Blume. Die Glaubensvorstellungen und Sinne der Menschen gleichen
Brillen, durch die sie alles Vorhandene prüfen und werten. Aber sie können die
Wirklichkeit erst verstehen, wie sie sollten, wenn ihre Herzen durch Gott
erleuchtet worden sind. Wer jedoch wirklich die Wahrheit sucht, den wird Er,
der das Licht der Welt ist, „das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt
kommen" (Joh. 1, 9; 8,12), auch zur Wirklichkeit weiterführen.
112
2. Wenn wir ein Ding in der Entfernung sehen, so erscheint es
klein, und wir erkennen nicht, wie es wirklich beschaffen ist; aber wenn wir
uns ihm nähern, lernen wir es allmählich kennen, wie es wirklich ist. Das Ding
hat sich selber nicht geändert, aber wir haben von ihm mehr Erfahrung und
Erkenntnis gewonnen. So werden wir Schritt für Schritt in die vertraute
Gemeinschaft der unmittelbaren Gegenwart Gottes eintreten, und wir werden in
unserer geistlichen Erkenntnis und Erfahrung wachsen, bis wir die Wirklichkeit
voll erfassen. „Wir werden Ihn sehen, wie Er ist" (1. Joh. 3, 2; 1. Kor.
13,12).
3. Wer noch nie einen Apfelbaum, sondern nur seinen winzigen Samen
gesehen hat, kann niemals verstehen, daß der ganze Baum — Stamm, Blüten und
Früchte — darin enthalten ist. Wenn der Same alles findet, was er zum Wachsen
braucht, dann wird zur bestimmten Zeit seine wirkliche Art hervorkommen, und
alle seine verborgenen Möglichkeiten werden ins Dasein treten und zur
Vollendung gelangen. Dadurch wird die ganze Frage gelöst. Ebenso ist es beim
Menschen: wenn er alles andere [was nämlich jenseits des Sichtbaren liegt]29
außer acht läßt, dann weiß er nicht einmal, welche Fähigkeiten und Vermögen in
ihm verborgen liegen; wenn er aber in Gemeinschaft mit Gott und nach Seinem
Willen lebt, wird er auch weiterhin alles erhalten, was er zu seinem Wachstum
braucht, und jenen Zustand der Vollkommenheit erreichen, für den ihn Gott
erschaffen hat. Dann werden alle Schwierigkeiten und Fragen gelöst sein. „Und
es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden. Wir wissen aber, wenn es erscheinen
wird, daß wir Ihm gleich sein werden; denn wir werden Ihn sehen, wie Er
ist" (1. Joh. 3,2).
4. Bäume wachsen im unbegrenzten Raum; doch gibt es eine bestimmte
Grenze, die sie nicht überschreiten können. Die Schwerkraft der Erde erlaubt
nicht, daß sie auch nur um einen Zoll über ihre bestimmte Grenze hinausgehen.
In gleicher Weise sind unsere Weisheit, Verstand und Gedanken auf einen sehr
kleinen Umkreis eingeschränkt, über den wir nicht hinausreichen können.
In der zukünftigen Welt ist die Anziehungskraft die Liebe.
113
Aber diese hindert die Seele nicht, sondern hilft ihr und unterstützt
sie auf jede Weise, damit sie ihrer Vollendung entgegenwachse.
5. Es ereignet sich des öfteren, daß irgendein Denker, der ganz
unabhängig von anderen arbeitet, zu Schlüssen gelangt ist, die andere schon
gezogen hatten. Der Grund dafür liegt in folgendem: die Welt gleicht einem
ungeheuren Museum, das mit einer großen Menge Dinge angefüllt ist. Jeder
Besucher, der eintritt, sieht, was ausgestellt ist, durch die Vermittlung
seiner eigenen Erfahrung, färbt sie mit seiner eigenen Empfindung und Einbildung
und erzählt anderen davon. Jeder tut es auf seine eigene Weise, aber das
Ergebnis ist das gleiche. Dann gibt es auch noch Leute, deren
Erkenntnisvermögen ein wenig abirrt und deren geistiger Erfahrung die Tiefe
fehlt: sie versuchen die Wirklichkeit zu erklären, haben aber ihre Schriften
und Reden mit ihrer Einbildung gefärbt und verschiedene und verzerrte
Anschauungen ausgesprochen. Doch die Wirklichkeit ist dieselbe.
III
DIE SINNE SIND
DIE VERMITTLER ZWISCHEN DER
SEELE
1. Die leiblichen Sinne und die Wahrnehmungen der Seele sind ihrem
wahren Wesen nach in sich selber nichts, sondern wirken nur als Vermittler
zwischen der Seele und den anderen Dingen. Wie die Süßigkeit der süßen Dinge
nicht für diese selbst bestimmt ist, so sind auch die Wahrnehmungen der Sinne
nicht für diese selbst. Auch der Mensch ist nicht, wie der Materialist glaubt,
eine Maschine, die durch ihre eigene Kraft läuft; denn eine Maschine weiß
nicht, daß sie eine Maschine ist. Im Gehirn und Nervensystem befindet sich
nichts, was Gedanken und Vorstellungen hervorbringen kann; deshalb wirken sie
nur als Werkzeuge der menschlichen Seele.
Es ist nutzlos, mit den Mechanisten zu streiten, die den Men-
114
sehen als Automaten erklären; denn kein Automat könnte die Theorie
aufstellen, er sei ein Automat. Es ist nutzlos, mit denen zu streiten, die da
erklären: Denken, Fühlen, Wollen und Vorstellen sind wertlose Blasen auf einem
Strom von Protoplasma — denn keine Blase kann die Richtung des Stromes ändern,
während Gedanken die Richtung unseres Lebens ändern können. „Gedanken haben
Hände und Füße", wie Hegel sagt30.
2. Wenn des Menschen Verstand und Fähigkeit von der Größe des
Gehirns abhängen sollen, die ihn über andere Geschöpfe erhebt: wovon hängt
dann die wunderbare Fähigkeit der Honigbiene und der Ameise ab, da die Größe
ihres Gehirns doch als fast gleich Null anzusprechen ist?
Vielleicht sagt man, das alles sei Trieb. Aber wie geschieht es
denn, daß die Baumwurzeln, wenn sie Nahrung suchen, sich in der Richtung ihrer
Nahrung ausbreiten und von dem abwenden, was ihnen schaden könnte?
Was ist die Triebkraft oder das Gehirn, wodurch Reben und
Kletterpflanzen dazu angeleitet werden, daß sie ihre Ranken um andere Dinge
herumschlingen und sich dadurch selber stützen, wenn sie aufwärts klettern?
Und welche Eigenschaft wirkt im Magnetismus, die selbst gefühl-
und leblose Dinge anzieht?
Dies ist denn die Wahrheit: Derselbe Schöpfer, Der selbst
unbedeutenden Geschöpfen ihrem Bedürfnis gemäß Fähigkeiten gegeben hat, hat
selbst den Menschen nach Seinem eigenen Bild und Gleichnis geschaffen und ihm
ein Erkenntnisvermögen gegeben, das dem Seinen ähnlich ist, und dieses kann ihn
zum Schöpfer der beiden Welten zurückführen und zur Gemeinschaft mit Ihm.
3. Wir wissen viel mehr, als wir je in Worte fassen können, denn
wir können niemals das Ganze unseres inneren Bewußtseins erklären. Irgend etwas
bleibt stets unausgesprochen. Wir haben Erfahrungen, die wir zwar verstehen,
aber nicht mehr ausdrücken können.
Zuzeiten haben wir eine Eingebung, und
erhabene Gedanken leuchten plötzlich in unserem Geist auf. Diese haben wir nicht
von
115
irgend jemandem übernommen, denn keiner kann sie erklären, noch
konnten wir sie in der sichtbaren Welt durch unsere Sinne kennenlernen. Deshalb
erhebt sich die Frage: wie konnten wir diese verborgenen Dinge erkennen?
Ich würde sagen: der Beweis dafür ist, unsere Seele ist mit der
unsichtbaren Geisteswelt verbunden, deren Licht, ohne daß wir es gewahr werden,
sich in unserem inneren Selbst widerspiegelt. Durch unsere innere Anschauung
kommen einige Wahrheiten aus jener anderen Welt zu uns, aber wir werden sie nur
dann durch Erfahrung prüfen können, wenn wir in jene Welt eintreten, die wir
jetzt nur dunkel wie in einem Spiegel sehen.
4. Ameisen und Bienen sind in den Grenzen ihrer kleinen Welten
ein kluges und arbeitsames Völkchen; außerhalb ihres Lebenskreises nehmen sie
höhere Geschöpfe und Menschen wohl wahr, aber sie können deren Dasein und Wesen
nur in den Begriffen ihres eigenen kleinen Lebens messen. Ähnlich ergeht es uns
in der Geisteswelt: wir begegnen den höchsten Geisteswesen, aber was wir von
ihnen erkennen, ist ebenso gering wie das, was die Ameise von uns erkennt.
Andererseits kann der Mensch, obgleich er der Ameise so sehr überlegen ist,
doch nicht vollständig erkennen, was dieses unbedeutende kleine Geschöpf
vorstellt. Ebenso ist, was jene höheren Geisteswesen von uns wissen, unvollständig.
Er allein, Der alle Dinge geschaffen hat, kennt ein jedes Geschöpf vollkommen.
IV
GOTT UND SEINE
SCHÖPFUNG
1. Bevor das
Beseelte wie Unbeseelte geschaffen wurde, war der Raum schon da; und sollte
einmal das ganze All zerstört werden, so würde der Raum dennoch immer bleiben.
Aber es ist undenkbar, daß das All zerstört würde und der Raum leer bliebe. Es
ist unmöglich, daß der Stoff durch eigene schöpferische Kraft im Raum entstand
oder daß lebende Wesen aus leblosem Stoff her-
116
vorgingen. Daraus folgt: wenn wir im All Ordnung und Absicht
finden, so beweist dies, daß ein Allmächtiges und Allwissendes Wesen, selbst
Unendlich und Ewig, den Raum erschuf und ihn mit dem erfüllte, was da ist, mit
Sichtbarem und Unsichtbarem.
2. Nichts ist ewig außer Gott. So müssen wir der Frage begegnen:
wenn das All nicht ewig ist, muß es dann nicht erschaffen worden sein? und wenn
dem so ist, muß dann nicht in Gott, als Er das Vorhandene schuf, eine Veränderung
vor sich gegangen sein? Das ist jedoch wieder unmöglich, denn Er ist unveränderlich.
Die Wahrheit liegt hierin: ehe das All ins Dasein trat, war es schon in der
Erkenntnis Gottes. Ob etwas in der Außenwelt (objektiv) oder in Seiner
Erkenntnis (subjektiv) da ist, das ist für Ihn dasselbe.
Wenn wir andererseits das All für ewig halten, dann ist Gott nicht
der Schöpfer. Und wenn Er nicht der Schöpfer ist, dann ist Er nicht Allmächtig.
Und wenn Er nicht Allmächtig ist, dann ist Er nicht Gott. Solch ein Gott
gleicht einem starken Mann: dieser besitzt zwar sein Eigentum und kann seine
Besitztümer nutzen, aber seine Macht und Erkenntnis sind begrenzt, so daß er
das wirkliche Wesen der Dinge, die er gebraucht, nicht kennt. Solche Begrenzung
würde aber Gottes Wesen und Eigenschaften widersprechen. Doch wir brauchen
nicht noch mehr zu sagen. Das All war in Seiner Erkenntnis und wurde durch
Seine schöpferische Kraft geschaffen. Dieses All ist nicht mit Ihm vermischt,
wie die Pantheisten5 glauben, sondern es ist von Ihm gesondert,
obgleich es von Ihm herkommt und in Ihm ist und auf ewig in Ihm bleiben wird.
3. „Der Geist des Herrn brütete über den Wassern", und zahllose
Arten geschaffener Wesen traten vor Ihm ins Dasein. Und der Geist des Herrn
brütet noch immer über Menschenseelen in dem grenzenlosen Ozean des Raumes. Er
allein kennt die großen und herrlichen Wesen, die noch offenbart werden sollen;
sie werden vollkommen werden wie ihr Schöpfer und sich auf ewig Seiner
Gegenwart erfreuen.
117
4. In der Welt gibt es heilsame Dinge, aber auch bittere und
giftige Dinge finden sich dort. Gott ist in der Tat der Schöpfer dieser Dinge.
Aber ihr böses Wesen haben die Mächte des Bösen geschaffen. So ist Gott auch
der Schöpfer aller Seelen; aber das verderbte Wesen, das in den Menschen ist,
kommt aus ihrem freien Willen. Gott schuf weder die Sünde und das Böse, noch
machte Er die Menschen dazu geneigt, sondern Er ließ sie durchaus frei, so daß
sie selbst ihren Weg wählen konnten. Doch Gott, Der die Liebe ist, kann solch
eine heilige und heilbringende Umkehr in den Menschenseelen bewirken, daß ihr
böses Wesen und alle ihre geistlichen Krankheiten auf immer beseitigt werden.
Wenn die Wurzel der Sünde entfernt ist, dann werden ihre bösen
Wirkungen aus der ganzen Schöpfung verschwinden. Nur was jene traurige
Erfahrung die Menschen gelehrt hat, wird sie ständig daran erinnern, in ihrem
künftigen Leben gegen die Sünde wachsamer zu sein.
Es ist unmöglich, daß, was sich Gottes Wesen und Eigenschaften
widersetzt, auf ewig in dem Reich bleibe, das Er beherrscht.
5. Die Menschen bejubeln gewöhnlich mit Entzücken die Schönheiten
der Natur, wie sie zu sehen sind in Früchten und Blumen, Flüssen und Seen,
Bergen und Landschaften. Aber ihre Aufmerksamkeit und ihre Neigungen sind von
der natürlichen Schönheit der Dinge so sehr erfüllt, daß es ihnen nicht
gelingt, zu dem Schöpfer dahinter vorzudringen: Er ist hinter den Werken Seiner
Hände verborgen, und Seine Schöpfung verhüllt Ihn wie ein Schleier.
Wenn schon das Weltall so schön ist, wie herrlich muß dann der
Schöpfer selber sein! Wenn schon die Gaben Seiner Hände so süß sind, um wieviel
süßer wird dann die Gegenwart dessen sein, der all diese Süße erschuf!
Aber wie traurig ist es, daß der unvernünftige Mensch sich mit dem
Geschaffenen zufriedengibt und von der Leben-spendenden und Seelen-stärkenden
Gegenwart seines Herrn nichts weiß.
6. Tiere kennen ihren Herrn; aber der Mensch, der edler ist als
die übrige Schöpfung, ist tiefer gesunken als die Tiere und kennt
118
seinen Schöpfer nicht. Denn sein sündiges Wesen hat ihn blind
gemacht, und so gelingt es ihm nicht, sein wirkliches Selbst zu erkennen.
Sollte er aber dazu kommen, daß er sich selbst oder sein wirkliches Wesen
erkennt, dann wird er durch die Führung und Hilfe des Heiligen Geistes auch Ihn
erkennen, nach dessen Bild er geschaffen worden ist.
V
DIE NOTWENDIGKEIT DER
RELIGION
-l. Solange die Wellen über die Oberfläche des Wassers dahineilen,
können wir unser Angesicht darin nicht sehen. Ebenso geht es im geistlichen
Leben: solange die Wellen weltlicher Stürme im Herzen des Menschen nicht zur
Ruhe gekommen sind, kann er den wirklichen Zustand seiner geistlichen Not nicht
sehen. Wenn er in der Stille der Innerung seinen Zustand erkennt, dann erkennt
er in seiner Hilflosigkeit deutlich, er braucht Gott zur Hilfe und Rettung;
dann beugt er sich vor Ihm im Gebet und gibt sich Ihm hin.
2. Wenn das Herz nicht betrogen wird und von den Verwicklungen
und Verführungen der Welt frei ist, dann ergeht es ihm wie der Kompaßnadel: wie
diese in der Richtung des Polarsterns angezogen wird, so antwortet das Herz auf
die Anziehungskraft Gottes und wendet sich zu Ihm. Denn es ist dem Menschen
nicht möglich, daß er angesichts der Anziehungskraft Unendlicher Liebe und
Heiligkeit völlig unempfindlich bleibe. „Kein wirklich großer Mann war je ohne
Gott" (Seneca)31.
3. Wo die Menschen nicht die richtige Gotteserkenntnis erlangt
haben, da ist ihre Religion auf Furcht und Selbstsucht gegründet. Ich fragte
einmal Leute vom Lepcha-Stamm in Sikkim, warum sie den wahren Gott verlassen
hätten und böse Geister verehrten. Sie antworteten: „Wir leben immerzu in
Furcht vor dem Schaden, den uns böse Geister zufügen können. So versuchen wir
sie zu befriedigen. Aber wozu sollen wir zu Gott oder guten Geistern beten und
sie verehren, da doch keine Gefahr besteht, daß sie
119
uns
schaden?'' Sie wußten nicht, daß wir durch unsere Verbindung mit Gott böse
Geister überwinden können, und daß Gott uns stets vor jeglichem Angriff, der
uns schaden könnte, schützt.
4. Ein alter Philosoph, der dunkel fühlte, daß wir Gott und
Religion brauchen, sagte:
„In der Urzeit der Unordnung und Gewalt mochten wohl Gesetze die
Verbrechen getroffen haben, die am hellen Tag begangen wurden, aber sie konnten
nicht die geheimen Sünden erreichen, die in den dunklen Tiefen des Gewissens
verborgen waren. Da riet ein Weiser: ,Wenn die Menschen sittlich werden sollen,
dann müssen sie lernen sich zu fürchten. Laßt sie Götter erfinden, die alles
sehen und hören, die nicht nur alle Taten der Menschen kennen, sondern auch
ihre innersten Gedanken und Absichten'."
Obgleich dieser Philosoph vom Dasein Gottes nichts wußte, so ist
doch in seinem Wesen verborgen der Widerschein von Gottes Dasein deutlich zu
sehen. Und hinter seinem Gedanken, einen Gott zu erfinden, ist Gott selber zu
sehen, wie Er gegenwärtig wirkt. Kurzum, jedes Volk hat noch zu jeder Zeit in
irgendeiner Gestalt sein tiefes Verlangen nach Gott gezeigt. —
Und nun will ich versuchen, etwas über die vier großen Religionen
— Hinduismus, Buddhismus, Islam und Christentum — zu schreiben. Dabei will ich
herausfinden, welche dieser Religionen allumfassend genug ist, um die
Sehnsüchte und Nöte des Menschengeschlechts zu stillen, und wie weit sie der
einzelnen Seele, die durch die Erkenntnis ihrer Trennung vom Ewigen Gott
beschwert ist, Frieden bringen kann.
2. Kapitel
DER HINDUISMUS
Das Wort Hindu findet sich in keinem der Vedas oder
Shastras (religiösen Büchern), und seine wirkliche Bedeutung ist unbekannt. Es
ist möglich, daß die Arier, die in der Nachbarschaft des
120
Sindh-Flusses lebten, Sindhu genannt wurden, und daß dieser Name
in Hindu verderbt wurde.
Die vier Heiligen Bücher der Hindus umfassen vier Veden32;
Upanishaden3S, von denen zwölf die bedeutendsten sind; sechs
Darshanas34; die Bhagavadgita35; und viele andere
Shastras36 und Puranas S7.
Ein Hinduführer hat über den Hinduismus folgendes geschrieben:
„Im Hinduismus gibt es keine Dogmen. Man mag sich irgendeine
Lehre wählen und daran glauben, sogar Gottlosigkeit, ohne daß man aufhört,
Hindu zu sein. Als Hindu muß man in der Theorie die Veden als geoffenbarte
Religion annehmen, aber man darf den vedischen Texten seine eigene Auslegung
geben. Dadurch ist ein Ausweg gelassen, auf dem man der Knechtschaft des
Dogmatismus entfliehen kann."
Der Hinduismus umschließt völlig verschiedene Lehrgebäude. Hindu
ist, wer von Hindu-Eltern geboren ist und irgendeines dieser Gebäude annimmt.
Der Hinduismus hat keinen einzelnen Stifter. In weitgetrennten Zeitaltern
schrieben verschiedene religiöse Lehrer, was sie für recht und wahr hielten,
und gaben ihre Lehre an andere weiter. Deshalb finden sich im Hinduismus nicht
nur verschiedene, sondern sogar widersprechende Lehren. Unter seinen Lehrern
waren viele wirkliche Wahrheitssucher und bhak-tasSB oder Fromme,
die ein gewisses Maß an Licht empfangen hatten von dem Gott, der „sich nicht
unbezeugt gelassen" hat unter den Völkern (Apg. 14, 16—17). Einige
dieser Frommen wurden Sadhus39 oder Sam/asis40:
sie entsagten nicht nur der Welt und ihrer Üppigkeit, sondern sogar ihren
Königreichen und verbrachten ihre Zeit in Versenkung. Es würde schwierig sein,
in der heutigen Welt ein Volk zu finden, das an religiösen Übungen die Hindus
übertrifft.
Jetzt will ich kurz über die Hauptlehren des Hinduismus berichten.
121
DER VEDANTISMUS
1. Vedanta18 bedeutet das Ende (anta) der
Veden oder das Ende der Erkenntnis. Er ist hauptsächlich auf der Lehre der
Upa-nishaden gegründet; diese umfassen die Philosophie der Veden mit ihren
Auslegungen. Aber die Lehre der Vedanta-Philosophie selbst findet sich in den
Darshanas, der Bhagavadgita und in anderen Shastras.
Die Hauptlehre des Vedanta besagt: alles ist May a oder Täuschung
außer Brahma21 oder Gott. Wenn dies wahr wäre, dann würde es
nutzlos sein, Yoga oder Bhakti21 (Frömmigkeit) zu üben
oder das Verdienst guter Werke zu suchen; denn Er, der Maya ins Dasein brachte,
wird sie auch selber wieder zerstören. Wenn dies seine Macht überstiege, dann
müßte Maya sogar mächtiger sein selbst als Brahma. Denn dann könnte Maya alle
jene körperlichen Erscheinungen unter ihre Gewalt bringen, die in der
Gesamtheit ihrer stofflichen Gestalten für Brahma gehalten werden. Übrigens,
welchen Beweis hat der Vedantist dafür, daß die Anhänger der Maya-Lehre oder
die durch Versenkung Erleuchtung gewinnen (Yogi]41 oder sogar Brahma
selbst nicht Maya sind?
Die Wahrheit ist aber diese: es ist ein Wahrer, Allmächtiger und
Ewiger Gott, und diese Welt ist Seine Schöpfung. Diese stoffliche Welt ist
nicht Maya oder Täuschung, wie die Vedantisten 42 und Sophisten 43
glauben, sondern hat wirkliches Dasein. Die Schöpfung ist weder Gott selber,
noch ist sie getrennt von Ihm. Seine Leben-spendende Gegenwart wirkt in allen
Geschöpfen, denn „in Ihm leben, weben und sind wir" (Apg. 17, 28).
2. Die Vedanta-Philosophie lehrt: den Menschen ergeht es wie den
Schneeflocken. Die Schneeflocken schmelzen und werden wieder zu Wasser; dieses
fließt davon, vereinigt sich mit dem Fluß und strömt ins Meer. So schmelzen die
Menschen gleich einzelnen
122
Schneeflocken im Feuer der Erkenntnis, verlieren ihr persönliches
Dasein, kehren zurück und vermischen sich mit dem Ozean, der ist Brahma.
Wenn wir diese Lehre annähmen, dann müßten wir zugeben: es ist
noch eine andere Kraft außer Brahma da. Denn wie die Kälte das Wasser gefrieren
läßt und jeder Schneeflocke für sich ein eigenes Dasein gibt, so erhält diese
Kraft allen verschiedenen Gestalten ihr gesondertes Dasein und hindert sie
daran, wieder im Brahma aufzugehen.
Wenn wir Shankaracharyas44 Glaubenssatz annähmen, daß
nämlich Maya die schöpferische Kraft Brahmas sei, dann würde die gesamte
Verantwortung für den Zustand des Menschen auf Brahma liegen, der beides
geschaffen19 hat: den Menschen wie die Unwissenheit (avidya). Dann
könnte auch der Mensch für seine Sünde nicht verantwortlich gemacht werden;
denn daß er als ein besonderes Wesen lebt, hänge von der „Unwissenheit"
ab: sie sei die Wurzel und Ursache der Sünde.
Es geschah wohl im Licht dieser Lehre, daß Swami Vivekananda45
auf der Welttagung der Religionen in Chikago sagte: „Es ist eine Sünde, einen
Menschen Sünder zu nennen"46. Wenn das wahr wäre, dann würde
alle Lehre der Veden und Shastras über gute und böse Werke (karma) nichtig
sein; denn wenn die Tatsache der Sünde geleugnet wird, dann unterscheidet sich
das Gute des Menschen nicht von seinem Bösen.
3. Wenn Erkenntnis (gnana) sowie Gute Werke (karma) und
Frömmigkeit (bhakti) zur Erlösung21 (moksha) nötig
sind, was bedeutet diese dann noch, wenn wir, indem wir sie empfangen, unser
Selbst im Allwesen und unsere Seele21 (atman) in der Allseele
(paramatman) verlieren? Hier haben wir statt Erlösung Vernichtung! Und
wenn wir selbst im Brahma aufgingen, dann wäre auch unsere Erkenntnis (jnana)
verloren. In diesem Licht besehen bleibt „Erkenntnis" nicht
„Erkenntnis", sondern wird zur ewigen Unwissenheit (avidya) und
Auflösung. Solange wir im Zustand der „Unwissenheit" sind, haben wir
wenigstens noch eine gewisse Erkenntnis unserer selbst; wenn wir jedoch die
Erlösung
123
durch „Erkenntnis" erlangt haben, müssen wir selbst das Wenige
aufgeben, das wir hatten, ehe wir uns in Brahma auflösten!
Einen Baum erkennt man an seinen Früchten. So möchte ich denn den
Vedantisten eine Frage stellen: Ist es die Frucht der „Erkenntnis" (jnana),
daß in Indien (wo diese „Erkenntnis" gelehrt wurde und ihr Lehrer
geboren war) trotz dieser Lehre Millionen Menschen durch Jahrhunderte hindurch
in einem höchst erschreckenden Zustand der Unwissenheit geblieben sind?
Wenn sie sagen, diese „Erkenntnis" sei nicht für das gewöhnliche
Volk, sondern für yogis und Weise, das heißt also nicht für alle, so
können auch nicht alle daraus Nutzen ziehen. Wir dürfen zusammenfassen: diese
Erkenntnis ist nicht für alle da, also ist sie nicht allumfassend; und wenn sie
nicht allumfassend ist, dann ist sie auch nicht wahr, denn die Wahrheit ist für
alle da.
4. Wenn die Vedantisten zeigen wollen, alles Sichtbare sei nur
Täuschung und Traum, so gebrauchen sie dieses Beispiel: im Dunkel erscheint ein
Seil wie eine Schlange, aber bei Licht sehen wir sein wirkliches Wesen, und die
Täuschung ist zerstreut. Doch damit ist nicht bewiesen, es gebe in der Welt
keine Schlangen. Denn wenn es keine Schlangen gebe, dann hätten wir, als wir
das Seil sahen, gar nicht an die Schlange denken können; denn was nicht ist,
das ist auch nicht denkbar. Darüber braucht nichts mehr gesagt zu werden. Die
geschaffenen Dinge, die wir um uns herum sehen, sind nicht Traum oder
Täuschung, sondern sind wirklich.
5. Shankaracharya lehrt ferner folgendes: „Die Welt wird in großen
Zeiträumen hervorgebracht19 und in Brahma wieder aufgesogen."
Das bedeutet, Brahma schuf19 lebende Wesen und band sie an
Unwissenheit und Leiden. Das ist unseren Vorstellungen eines gerechten Gottes
so fremd, daß Swami Sardanand 47 erklären mußte: „Es ist nur ein
Spiel des Unendlichen." Wenn das aber wahr wäre, dann würde solch ein
Brahma jenen römischen Gewaltherrschern gleichen, die Menschen unter wilde
Tiere warfen, damit der Anblick menschlicher Qualen sie unterhalte. Eine solche
Vorstellung widerspricht völlig dem Wesen und den Eigenschaften Gottes.
124
6. Eine Grundwahrheit ist, wir sollen die anderen ebenso lieben
wie uns selber. Darin gründet alle Freude, aller Friede und Fortschritt. Aber
der Vedanta lehrt: „Was immer ist, das ist nichts als Brahma." Deshalb
sind Selbst-Liebe und Brahma-Liebe nur Teile desselben Ganzen. Und daran, daß
Brahma sich selbst liebt, ist nichts wunderbar und lobenswert, denn grausame
und selbstsüchtige Menschen tun dasselbe. Der Salzgeschmack des Salzes ist
nicht für das Salz selber bestimmt, sondern für den, der es ißt. Und die Liebe
des Liebenden ist nicht für ihn selber, sondern für seinen Geliebten, damit sie
beide im gegenseitigen Genuß ihrer Liebe glücklich seien. Wenn der Mensch enge
Gemeinschaft sucht mit Gott, so hat er nur dieses eine Ziel, daß die Sehnsucht
seiner Seele gestillt werde.
Christentum und neuzeitliches Denken haben das Leben Indiens so
sehr durchdrungen, daß jetzt sogar einige Vedantisten glauben, Erlösung sei
nicht, daß wir mit Gott vermischt werden oder in Ihm aufgehen, sondern daß wir
in bewußter Gemeinschaft leben mit Ihm.
7. Ramanuja48 und seine Anhänger leugnen die Maya-Lehre
und behaupten, die Schöpfung ist ebenso wirklich wie Gott selber. Wenn wir die
Anschauungen dieser Richtung ausschließen, dann können wir die Vedanta-Philosophie
in aller Kürze so zusammenfassen: Keine menschliche Beziehung ist wirklich,
sondern alles ist Täuschung (Maya). In dieser Täuschung hält ein Junge
sich für seines Vaters Sohn. Aber durch Yoga oder „Erkenntnis" (Jnana) wird
er von dieser Täuschung frei; und da er nun vollkommene „Erkenntnis" hat,
sieht er ein, daß er überhaupt keinen Vater hat, sondern sein eigener Vater ist49!
Deshalb, wenn die „Erkenntnis" erreicht ist und die Täuschung
verschwindet, wird die Beziehung Vater-Sohn und ihre gegenseitige Gemeinschaft
auf immer zerstört.
Die Täuschung (Maya) gleicht einem Geschwür im Sein Brahmas.
Durch den chirurgischen Eingriff der „Erkenntnis" (Jnana) wird es
beseitigt. Es erscheint dann aber doch wieder — das heißt, es verschwindet in
den Zeiten, da die Welt vernichtet wird, und
125
erscheint wieder in den Zeiten, da die Welt wiederhergestellt
wird.
Wenn dem so wäre, dann brächte der Vedanta, der das Ende (anta)
aller Erkenntnis bedeuten soll, tatsächlich alle wirkliche Erkenntnis zu
einem Ende! Es ist nutzlos zu erwarten, daß man wahre Erkenntnis des
Schöpfers oder der Schöpfung erlange, wenn man in solch einen Strudel wie diese
vedantische Lehre eintaucht.
II
SEELENWANDERUNG UND ERLÖSUNG
1. Plato50, die Ägypter und die Hindus haben alle, um
ihre Denkschwierigkeiten zu beseitigen, Lehren über die Seelenwanderung
aufgestellt, die nur in Einzelheiten voneinander abweichen. Wenn wir zugeben,
daß es, wie der Hinduismus lehrt, 8 400 000 Wiedergeburten gebe, dann werden
die Schwierigkeiten nicht gelöst, sondern vergrößert. Nehmen wir zum Beispiel
einen Aussätzigen oder Blindgeborenen. Wenn er wegen der Sünden leidet, die er
in irgendeinem früheren Leben beging, dann müßte er über die Sünde, deretwegen
er bestraft wird, aufgeklärt werden; sonst wird der Zweck seiner Strafe nicht
erreicht. Denn das Ziel der Strafe ist, den Schuldigen zu warnen, damit er in
Zukunft ein besseres Leben führt. Aber wenn er den Grand seiner Strafe nicht
kennt, wird er, anstatt sich warnen zu lassen und sein Leben zu bessern,
murren, sich selbst nicht für schuldig halten und Gott tadeln. Im gewöhnlichen
Leben wird kein Richter einen Schuldigen verurteilen, ohne ihm sein Verbrechen
zu nennen. Wie kann dann der Richter aller Richter einen Sünder bestrafen, ohne
ihm seine Sünden zu nennen?
Wenn wir sagen, Gott sende weder Strafe noch Lohn, sondern die
bösen oder guten Taten eines jeden Menschen bringen ihre eigene Vergeltung oder
Belohnung (karma) mit sich: auch dann sollte der Mensch über das
Verhältnis seiner guten oder bösen
126
Taten aufgeklärt werden, sonst gleicht karma der blinden
Kraft der Materialisten, die ohne Ziel oder Zweck ins Blaue hineinschießt.
2. Wenn wir meinen, die Lehre der Seelenwanderung erkläre in
Wahrheit die Lebensfragen, dann müssen wir an die Ewigkeit der Seele glauben.
Und die meisten Hindus sind in der Tat der Anschauung, Gott, Seele und Stoff
seien ewig. Daß die Seele nicht ewig ist, läßt sich in einer Schlußfolgerung
der Nyaya-Philoso-phie51 folgendermaßen darlegen:
(1) Wenn die Seele ewig ist, dann ist sie auch zeitlich unendlich;
dann muß auch ihre Erkenntnis und Macht, wie die Gottes, unendlich sein.
(2) Denn wenn sie in einer Eigenschaft unendlich ist, muß sie auch
in allen anderen Eigenschaften unendlich sein.
(3) Es ist für sie undenkbar und unmöglich, daß sie in einer
Eigenschaft unendlich, in allen anderen dagegen endlich sein soll.
(4) Aus der Erfahrung wissen wir aber, unsere menschlichen
Eigenschaften sind endlich.
(5) Deshalb ist die Seele auch zeitlich endlich.
Wenn die Seele wirklich ewig wäre, aber von Ewigkeit bis jetzt
noch nicht hat Erlösung oder Freiheit von der Seelenwanderung oder Täuschung
erlangen können: wie kann sie da hoffen, daß sie die Erlösung in der Zukunft
erlange? Es leuchtet deshalb ein, daß die Seele in alle Ewigkeit unerlöst
bleiben muß.
3. Wenn Menschen, die ein sündiges Leben geführt haben, zur
Wiedergeburt auf die Erde zurückkehren, werden sie als Menschen niederer
Kasten, als Tiere oder sogar als Insekten oder Pflanzen geboren.
Was mit der Seele am Ende eines jeden irdischen Daseins geschehe,
darüber bestehen drei Hauptansichten:
(1) Da ist die Anschauung derer, die zum Weg der Werke (Karma
marga) 52 halten. Sie sagen, die Seele gehe entweder in den
Götterhimmel oder auf den Mond, welcher der Väter Himmel ist (pitrloka); dort
bleibe sie, bis das aufgespeicherte Verdienst ihrer guten Werke aufgebraucht
sei; dann kehre sie zur Erde
127
zurück und werde aufs neue in die Seelenwanderung verwickelt
(Bhagavad Gita IX 21).
(2) Da ist die Anschauung derer, die zum Weg der Gottestrunkenheit
(Bhakti marga)52 halten. Sie sagen, die Seele sei an das Rad
der Wiedergeburt gebunden, suche aber freizuwerden oder aufzugehen in Gott, und
zwar durch Liebe und Hingabe an Ihn.
(3) Da ist die Anschauung derer, die zum Weg der Erkenntnis (Jnana
marga)52 halten. Hier heißt es, die Seele gehe, nachdem sie
Erleuchtung oder „Erkenntnis" (jnana) erlangt habe, zum
Brahma-Himmel, werde dort wieder in den Allgeist (Brahma) aufgenommen
und nicht mehr auf der Erde in derselben Persönlichkeit wiedergeboren.
Wenn einem Gefangenen gesagt würde, er dürfe wegen irgendeiner
guten Tat für ein paar Tage König werden, danach müsse er aber wieder in sein
elendes Gefängnis zurückkehren: wie könnte er während seiner Königszeit
glücklich sein, wo er sich doch die ganze Zeit hindurch vor dem Leiden seiner
künftigen Gefangenschaft fürchten müßte? In gleicher Weise dürfen wir fragen:
welche Wohltat oder welche Freude kann die Seele an einem vorübergehenden
Aufenthalt im Götterhimmel haben, wenn der Schrecken einer Rückkehr auf die
Erde mit ihren Übeln immer mit ihr geht?
Wenn ein Mann wegen seines heiligen und reinen Lebens den
Götterhimmel gewinnt, was kann dann dort geschehen, damit all sein Verdienst
ausgelöscht und er gezwungen werde, wieder den Himmel zu verlassen? Wenn er
vollkommen und heilig genug ist, so daß er in den Himmel eintreten darf, warum
soll dann alles, was er mit so viel Mühe und Not gewonnen hat, wieder in den
Staub getreten und er aus dem Himmel ausgestoßen werden? Oder sollte er,
nachdem er jenen heiligen Ort erreicht hat, dort Sünden begehen, die ihn
zwängen, wieder zur Erde zurückzukehren?
Wenn er schon auf dieser Erde inmitten ungezählter Schwierigkeiten
solche Fortschritte im Guten machen konnte, so daß er in
128
den Himmel eingehen durfte, würde es dann, während er in
Gemeinschaft mit den Göttern lebte, nicht leichter für ihn sein, noch weiter in
der Heiligkeit fortzuschreiten und, anstatt zurückzukommen, auf ewig dort zu
bleiben?
Und könnte er, wenn er durch die Bemühungen dieses kurzen Lebens
in Wesensart und Lebensführung das Gute erreicht hat, während er in der
heiligen Gemeinschaft und vollkommenen Umgebung des Himmels lebt, nicht auf
ewig vollkommen bleiben? denn es wäre doch leichter, dort zur Vollkommenheit
fortzuschreiten als inmitten der Schwierigkeiten und bösen Einwirkungen der
Welt, Wenn das nicht möglich ist, dann ist es nicht Erlösung und Himmel,
sondern nichts als Betrug und Hölle.
Erlösung19 ist Befreiung (moksha) von Geburt und
Tod und dem Kreislauf der Wiedergeburt, indem die Seele wieder ins Brahma
aufgenommen wird. Wir wollen es folgendermaßen anschaulich machen: Ein Mann
war im Schweiß seines Angesichts durch unablässige Arbeit reich geworden. Aber
gerade als er das Ziel seines Ehrgeizes erreicht hatte und die
Annehmlichkeiten, die ihm sein Geld gestatten konnte, genießen wollte, wurde
sein Reichtum gestohlen und er selbst ermordet. Würdet ihr das Erlösung nennen
oder Zerstörung?
Wie wahr sind die Worte von Böse53: „Die
Hindu-Philosophie beginnt mit einer Erkenntnis des menschlichen Leides, sucht
vergeblich nach einem geeigneten Heilmittel und gelangt schließlich zur
Vernichtung als dem Ziel, wo das menschliche Elend nur im Erlöschen des Lebens
endet."
III
DIE BHAGAVADGITA UND
KRISHNA
1. In den einleitenden Versen der Bhagavad Gita35 wird
folgende Geschichte erzählt: als Arjuna auf dem Schlachtfeld von Kurukshetra
seine Verwandten und Freunde in Kampfordnung gegen sich aufgestellt sah,
weigerte er sich zu kämpfen und sagte:
129
„Ich begehre weder Königreich noch Reichtum noch Ehre. Es wäre
besser, ich stürbe durch ihre Hand, als daß ich meine Verwandten tötete und als
ein Sünder gezeichnet wäre." 54
Doch Krishna überredete ihn zu kämpfen, indem er sprach: „Gräme
dich nicht. Eine Seele stirbt nicht, noch kann sie erschlagen oder verbrannt
werden." 55 Zeigt die Gesinnung dieser Verse nicht deutlich,
daß Arjuna höheres Mitgefühl und Liebe hat als Krishna?
Vielleicht wird jemand sagen, Krishna habe Arjuna zum Kampf
ermutigt, damit er Tyrannei und Ungerechtigkeit vertreibe und Recht und
Gerechtigkeit begründe. Darauf gibt es zwei Antworten: Erstens wirken die
Waffen der Liebe besser als Bogen, Pfeil und Schwert; und zweitens, wenn dies
alles Täuschung wäre, dann hätte der, der sein Dasein gestattete, es
verschwinden lassen und die Wirklichkeit offenbaren können, ohne daß Kampf
notwendig würde. Das gilt noch ganz besonders im Fall einer Menschwerdung der
Gottheit, wie Krishna sie darstellt: dieser hätte Arjuna überhaupt vom Kämpfen
und Töten zurückhalten sollen, denn „alle sind das eine Brahma", und es
ist doch unmöglich, daß Brahma mit sich selber kämpfe!
2. Einige halten Krishna und Christus entweder für ein und
dieselbe Person oder wenigstens für einander ebenbürtig. Wenn wir aber ihr
Leben und ihre Lehre sorgfältig betrachten, sehen wir darin eine ganze Welt von
Unterschieden. Krishna ermutigte Arjuna zu kämpfen und zu töten, aber Christus
lehrte Seine Jünger: „Liebet eure Feinde, betet für die, so euch
verleumden." Und als der leicht erregbare Petrus das Ohr des Malchus, des
Knechtes des Hohenpriesters, abschlug, rührte Christus es an, und sogleich war
die Wunde geheilt (Luk. 22, 50; Joh. 18, 10—11). Christus lebte selber
beispielhaft vor56, was Er in der Bergpredigt sowie in vielen
anderen Seiner Reden über Liebe und Gewaltlosigkeit57 gelehrt hatte.
3. Krishna sagte: „Die Guten zu retten und die Sünder zu
vernichten, dazu werde ich von Zeitalter zu Zeitalter geboren" (Gita IV
8). Jesus dagegen kam, um die Sünder zu retten (Matth. 9,13; Luk. 19,i o). Welche Notwendigkeit bestand denn eigent-
130
lich, die Guten und Gerechten zu erretten, denn sie hatten sich
die Erlösung doch durch ihre guten Werke (karma) gesichert58?
Aber es war gewiß sehr nötig, daß die Sünder gerettet würden, denn alle
Menschen sind Sünder.
Es ist deshalb nutzlos, zu Krishna um Erlösung aufzublicken, denn
er hat erklärt, in allen seinen Erscheinungen in der Welt komme er, um die
Sünder zu vernichten, nicht aber um sie zu erretten. Dies zeigt, wir müssen
die Erlösung bei Christus suchen, denn Er kam in die Welt, um die Sünder zu
retten (Tim. i, 15).
4. In der Bhagavad Gita ist versucht worden, die philosophischen
Lehrgebäude des Sankhya, Yoga und Vedanta mit der Lehre der Bhakti (devotion)
zu versöhnen; und es fehlt nicht an Hinweisen, daß hier und da die Lehre
des Johannes-Evangeliums auf sie eingewirkt habe59: so finden sich
zum Beispiel die Worte „du in mir und ich in dir" sowohl bei Johannes 14,
20 wie in der Gita IX 2960.
Unter den Büßern und Frommen wird dem Yogi die höchste Ehre
zuerkannt. Aber der Mangel der Yoga-Ordnung ist, daß der Yogi im Zustand der
Versenkung (samadhi), wenn er in seiner besonderen Haltung dasitzt, also
den Atem anhält und die Augen auf seine Nasenspitze richtet (Gita VI 13), oft
in einen Zustand der Entrückung verfällt: er sieht dann eine verkehrte Welt, wo
er, anstatt die Wahrheit zu finden, Gefahr läuft, betrogen zu werden. Wäre es
für ihn nicht besser, er richtete seine Aufmerksamkeit auf Gott anstatt auf
seine Nasenspitze?
5. In Europa wurde ich oft gefragt: Wieso behält der Hinduismus
Jahrhundert auf Jahrhundert seine Macht über die Inder, wenn er ihren Nöten
doch nicht begegnen kann? Dafür gibt es zwei Gründe. Zum Ersten haben die
Gebildeten und geistig Hochstehenden in irgendeiner philosophischen Richtung
des Hinduismus wie dem Vedanta einen gewissen Trost gefunden und sind darein
so verstrickt worden, daß sie nicht mehr darüber hinausblicken können. Zum
Zweiten haben die Fesseln der Kastenordnung die religiöse Freiheit der großen
Menge der Hindus so sehr gehindert, daß sie aus ihnen nicht ausbrechen konnten.
131
Aber in diesen Tagen ereignen sich im Hinduismus viele Neuerungen
und Wandlungen, denn die Inder kommen mit den Menschen und Lebensauffassungen
aller Länder in Berührung; und vor allem spüren sie, wie die religiöse und
sittliche Lehre des christlichen Evangelismus auf sie wirkt. Gott allein kann
voraussehen, wie es dem Hinduismus in Indien ergehen wird. Vielleicht wird er,
weil er je länger je weniger den religiösen Nöten Indiens zu begegnen vermag,
gleich dem Buddhismus vergehen.
3. Kapitel
Der Stifter des Buddhismus war Sakyamuni Gautama. Als Kind hieß er
Siddhartha, aber nachdem er die „Erleuchtung" empfangen hatte: Buddha.
Siddhartha wurde im sechsten Jahrhundert vor Christus im Palast des Rajah
Suddhodana geboren, nahe dem Fuß des nepalesischen Himalaja.
Als er 29 Jahre alt war, entsagte er der Welt und verbrachte sechs
Jahre als Büßer in Versenkung unter einem Bö-Baum61 nahe bei Gaya.
Nachdem er die Erleuchtung empfangen hatte, begann er, seine Religionslehre zu
verbreiten, lehrte 45 Jahre lang und starb im Alter von 80 Jahren.
Der Buddhismus kann in Wirklichkeit keine Religion genannt werden,
denn in ihm findet sich nichts über Gott, der doch Grund und Leben aller
Religion ist. Er ist eine Verbindung von Sittenlehre und Agnostizismus 62,
und bis zu einem gewissen Grad hat auch der Hinduismus auf seine Lehren
eingewirkt. So finden wir in ihm die Lehre von der Seelenwanderung und das
Gesetz von Lohn und Strafe (Karma) sowie in anderer Gestalt die Lehre
von der Erlösung21 und Auslöschung (Nirvana). Aber ungleich
dem Hinduismus enthält er keine unvereinbaren Lehren wie die von
132
den drei ewigen Wirklichkeiten Seele, Stoff und Brahma oder daß
Gott sowohl ohne Eigenschaft (nirguna) sei wie auch Eigenschaften habe (saguna).
BUDDHAS ENTSAGUNG UND
LEHRE
1. Als Siddhartha 29 Jahre alt war, wurde ihm ein Sohn geboren.
Sein Vater war voller Freude, bestellte einen Wagen und sandte ihn zu einer
Ausfahrt in die Gärten, damit er seine Freude allen zeigen könnte. Während sie
dahinfuhren, sahen sie am Straßenrande erst einen gebrechlichen alten Mann,
dann einen Kranken und schließlich einen Leichnam. Er wurde durch den Gedanken,
daß alle Menschen früher oder später diese Zustände durchlaufen müssen, sehr
bewegt. Ein kleines Stück weiter entfernt sah er einen Fakir (bhiksu)63
unter einem Baum sitzen, und sein Wagenlenker sagte ihm, dieser Fakir habe
die Welt voll Sorge und Leid gefunden und ihr deshalb entsagt. Das hatte eine
noch größere Wirkung auf Siddharthas Gemüt: nachdem er alles bedacht hatte,
beschloß auch er, der Welt zu entsagen. In jener Nacht fuhr er an die Grenzen
seines väterlichen Königreichs, legte seine königlichen Gewänder ab und sandte
sie mit dem Wagen seinem Vater zurück. Dann wanderte er zu Fuß und im Gewand
eines Büßers weiter nach Gaya.
Nachdem er dort angekommen war, unterwarf er sich strengen
Übungen; er setzte sie sechs Jahre lang fort, bis er, durch die Strenge seiner
Übungen erschöpft, ohnmächtig zusammenbrach. Als er wieder zu Bewußtsein
gekommen war, empfing er diese Erleuchtung: weder durch harte Übungen noch
durch bloßen Genuß der Behaglichkeit sei etwas zu erreichen, sondern man müsse
den Mittleren Weg dazwischen einschlagen.
2. Nachdem er so erleuchtet worden war, ging er nach Benares, um
seine Lehren zu verkünden. Auf der Straße sah er einen nackten Fakir namens
Upaka; der fragte Buddha: „Freund, wer bist
133
du?" Buddha antwortete: „Allbesiegend bin ich jetzt geworden.
Alle Weisheit ist mein. Keinen Lehrer habe ich*). Meinesgleichen ist nirgendwo
zu finden, weder in der Gottes- noch in der Menschenwelt. Es gibt keinen, der
mit mir wetteifern könnte. Ich habe Nirvana erlangt."
3. Hätte nicht die religiöse Eigenart und Umgebung Indiens auf Buddha
eingewirkt, so wäre er nur ein materialistischer Philosoph geworden. Aber
unter dem Eindruck der Religionen um ihn herum wurde er ein Sittenlehrer.
Obgleich er ein Mann von Verstand war, konnte er doch durch reines Denken das
Sein Gottes nicht begreifen. Weder konnte er selbst einen Gott zugeben, noch
konnte er andere über Ihn belehren. Aber, vom gottgegebenen Gesetz seines
inneren Wesens und Gewissens getrieben, mußte er Sittenlehren weitergeben.
Buddha erging es wie anderen Weisen und Einsiedlern auch: Sie wollten alle
Lebensfragen mit ihrem Verstande auf selbsterfundenen Wegen lösen, aber es gelang
ihnen nicht; so gewann auch Buddha von seiner Selbstpeinigung und Versenkung
keine andere Erleuchtung als einige wenige philosophische und sittliche
Gedanken. Deshalb sollen Wahrheitssucher, ohne Menschen-Regeln zu folgen, ihre
Herzen demütig Gott öffnen, denn nur durch Gebet können Menschen Gott finden
und das tiefste Sehnen ihres geistigen Wesens stillen.
4. Die buddhistischen Schriften, besonders das Tripzfafca64,
die heiligste von ihnen allen, lehren: Persönlichkeit und Dasein der Seele sind
nicht ewig. Man mag sie mit einem Fluß vergleichen, wo die Wassertropfen sich
dauernd wandeln, oder mit dem Feuer, das entsteht, wenn Holzscheite verbrennen.
So wird die Seele geboren, indem sich Grundstoffe miteinander verbinden, aber
gleich einem Feuer erlischt sie auch wieder. Das Dasein ist ein fortwäh-
*) [Sundar Singhs Anmerkung]: Der Grund, weshalb er nicht in den
Garten des Fakirs ging, war - so denke ich -, es solle niemand sagen können, er
sei des Fakirs Schüler gewesen. Meine Meinung ist: Wenn Buddha mit dem Fakir
geredet hätte, dann wäre er wohl vor den Jahren der strengen Bußübungen sowie
vor dem Agnostizismus bewahrt geblieben und zur Anbetung Gottes zurückgeführt
worden.
134
render
traumloser Schlaf. Irgendeine Bewegung weckt die Seele, und sie erwacht zum
Leben, aber nur für eine kurze Zeit.
Im Weltall herrscht ein allumfassendes Gesetz der Ursache: alles,
was ist, erscheint und verschwindet wieder.
Im Buddhismus nimmt das Naturgesetz selbst Gottes Platz ein, und
sonst gibt es keinerlei göttliche Persönlichkeit. Deshalb beten die Buddhisten
nicht, noch kennen sie Sinn oder Wohltat des Gebets. So hat einmal ein
wohlbekannter buddhistischer Sendbote, der als Abgeordneter an der Welttagung
der Religionen in Chikago teilnahm, gesagt: „Der Buddhismus . . . schaut nicht
nach einem Gott oder nach Göttern aus und fragt nicht nach Hilfe von außen.. .
Das Gebet ist nutzlos, denn was wir brauchen, ist Anstrengung. Die im Gebet
verbrachte Zeit ist verloren."
5. Buddha war von gütigem Wesen und lehrte: alle Arten von
Menschen, Tieren und lebenden Geschöpfen sollten mit Liebe und Güte behandelt
werden. Wir haben ein Beispiel seiner Sittenlehre. Einmal fragte sein Sohn
Rahula: „Was ist Gut und Böse, Tugend und Laster?" Buddha antwortete:
„Böse und lasterhaft ist, was dir oder anderen Schaden zufügt. Tu es nicht. Gut
und tugendhaft ist, was dir und anderen von Vorteil ist. Tu es."
6. So erhebt sich die Frage: Wenn es im Buddhismus weder Gott gibt
noch Hoffnung auf künftiges Leben und Seligkeit, wie war es da möglich, daß er
in Indien solchen Fortschritt machte?
(1) Buddhas Verzicht auf sein Königreich und auf sein üppiges
Leben zog die Menschen an. Da ist das Beispiel des Rajas Puk-kusathi von Taxila
in Kaschmir (jetzt im Punjab). Er hatte Buddha nicht einmal gesehen, sondern
von ihm nur durch Raja Bimbisara gehört. Das machte aber schon einen solchen
Eindruck auf ihn, daß auch er seinem Beispiel folgte, auf sein Königreich
verzichtete und Fakir63 oder Bhiksu63 wurde.
(2) In jenen Tagen fanden viele, die keine bessere Lebensauffassung
hatten, in den Verneinungen des Buddhismus Erleichterung und wurden seine
Anhänger.
(3) Buddhas Lehre gegen die Ausschließlichkeit der Kasten, gegen
den Götzenbilderdienst sowie gegen den Anspruch der
135
Brahmanen auf Vorrang zog viele an, vor allem unter denen, die von
den unverschämten Anmaßungen der Brahmanen frei werden wollten.
(4) Der große und mächtige König Asoka65 bemühte sich
entschlossen, den Buddhismus in seinem Königreich auszubreiten, und hatte
darin Erfolg.
Doch trotz alledem konnte der Agnostizismus 62 der
buddhistischen Lehre dem religiösen Empfinden der indischen Menschen auf die
Dauer nicht zusagen. Ihr Einfluß nahm ständig ab, bis sie heute, von einigen
wenigen Bewunderern der Persönlichkeit Buddhas abgesehen, aufgehört hat, als
ein lebendiger religiöser Glaube in seinem Geburtslande zu bestehen.
Vor wenigen Jahren hat ein buddhistischer Schriftsteller gesagt,
der Niedergang des Buddhismus habe mit den Streifzügen des Mahmud von Guzni66
in Indien begonnen. Aber dieser Gedanke ist sicherlich zu weit hergeholt. Denn
weshalb wurde dann nicht auch die Hindureligion mit dem Buddhismus zusammen zerstört?
Waren die Mohammedaner nur Feinde der Buddhisten und nicht auch der Hindus, die
doch die größeren Götzendiener waren?
II
NIRVANA
1. Nirvana ist der Ausdruck, den die Buddhisten für Erlösung
gebrauchen. Er bedeutet das Verlöschen jeglichen Begehrens. Das Begehren ist die
Ursache aller Qual und allen Leidens. Und wenn nur alles Begehren aus unserem
Herzen entfernt werden kann, dann werden damit auch Qual und Leiden
verschwinden.
Wenn sie damit nur die Zerstörung der bösen Begierden meinen, dann
stimmen alle, welche die Wahrheit lieben, ihnen zu. Sie meinen jedoch, alles
Begehren, das gute wie das schlechte, solle vernichtet werden. In Ceylon traf
ich einmal mit einem buddhistischen Führer zusammen, der sagte im Verlauf des
Gesprächs: „Selbst gutes Begehren beruht auf Selbstsucht; denn
wenn wir
begehren, anderen Gutes zu tun, dann denken wir — bewußt oder unbewußt — an die
Belohnung, die wir verdienen. So betet der Mensch irgendeinen Gott nur an, weil
er hofft und begehrt, es möge ihm nützen. In dem Maße, wie unsere Lebenserfahrung
sich weitet, wächst auch unser Begehren und damit auch unsere Sorge und
Unzufriedenheit. Deshalb sollte nicht nur das schlechte, sondern auch das gute
Begehren unterdrückt werden. Und dieses Auslöschen des Begehrens ist
Nirvana." Darauf erwiderte ich: „Wie lebendige Geschöpfe nicht ohne Gefühl
sein können, so ist es für ein jedes lebende Wesen unmöglich, ohne Begehren zu
sein. Andernfalls würde es leblos sein. Wo es Gefühle gibt, da bringen sie
gewiß auch Begehren hervor. Auf gesetzmäßige Weise jedes natürliche wie
geistige Begehren zu befriedigen, ist ein Gesetz des Daseins. Und wenn wir das
Begehren töten, dann zerstören wir völlig das Leben, dem es angehört. Von
diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, würde das Begehren auszulöschen nicht Erlösung
bedeuten, sondern Zerstörung des Lebens."
2. Aus Erfahrung wissen wir, kein Begehren ist ohne Gegenstand.
Denn Er, der das Begehren und begehrende Wesen schuf, hat auch dafür gesorgt,
daß sie ihr Begehren gemäß ihrer Fähigkeit stillen. Und hier ist der Beweis:
Jedes Begehren erhebt seinen eigenen Anspruch, und es ist klar:
was nötig ist, jenes Begehren zu stillen, das ist alles vorhanden. Wenn es
nicht vorhanden wäre (z. B. Wasser für den Durst), dann mögen wir vielleicht
schließen: jenes Begehren hat keinen Gegenstand und sollte also ausgelöscht
werden. Niemand begehrt das Leiden, vielmehr sucht jeder es zu vermeiden (und
selbst wenn er bereit ist zu leiden, so tut er es mit dem Begehren nach
Belohnung und guten Ergebnissen). Und niemanden verlangt nach schlechter
Gesundheit oder geistigem Schmerz; denn Begehren nach Gesundheit ist ein
Lebensgesetz, ohne welches Geborgenheit und Kraft des Lebens nicht möglich ist.
3. Wenn vollkommene Erlösung darin besteht, daß alles Begehren
erlischt, dann ist das Begehren, das Begehren zu töten,
136
selbst auch ein Begehren. Das gleicht dem Versuch, Feuer mit Feuer
zu löschen oder Wasser mit Wasser aufzutrocknen. Das ist völlig unmöglich und
widerspricht dem Naturgesetz.
4. Der Schöpfer hat uns geistige und sinnliche Wahrnehmungen
gegeben. Diese Tatsache beweist: wir sind mit den Dingen unserer Umgebung, den
sichtbaren wie den unsichtbaren, verbunden. Wenn der Schöpfer gewollt hätte,
wir sollten mit dieser Schöpfung und Umgebung nicht verbunden sein, dann hätte
Er uns nicht durch die Wahrnehmung so eng mit jenen geistigen und natürlichen
Wirklichkeiten verbunden. Aber schon das bloße Vorhandensein jener Dinge und
unsere Fähigkeit, sie zu nutzen, damit wir unseren mannigfachen Nöten begegnen,
zeigt nicht nur den vortrefflichen Plan des Schöpfers, sondern auch Sein besonderes
Ziel und Seine Absicht.
Doch ich habe genug gesagt. Wenn der Schöpfer Selber begehrt, ich
solle recht gebrauchen, was Er geschaffen hat: weshalb sollte ich mich dann
dadurch zum Sünder machen, daß ich es nicht gebrauche und das Begehren nach der
Erfüllung jenes Begehrens völlig töte?
5. Wenn irgendein Begehren in uns geboren wird, so beweist diese
Tatsache: was wir brauchen, um jenes Bedürfnis zu befriedigen, ist auch schon
vorhanden, und es wird zur rechten Zeit erfüllt werden. Wie Emerson67
gesagt hat: „Das Verlangen der Seele ist die Prophezeiung seiner
Erfüllung."
Noch ein Wort: In dem Maße, wie wir im Leben fortschreiten, nimmt
auch unser Begehren zu, nicht aber unsere Unruhe, denn diese kann nur
entstehen, wenn das Begehren nicht befriedigt wird. Aber wie wir in der
Vorsehung jenes Allmächtigen Gottes fortschreiten, so wird Er nach Seinem Plan
auch unser wachsendes Begehren befriedigen. Und wie sehr wir auch
fortschreiten mögen, und wie weit unser Begehren auch wächst, so vermag jenes
Unendliche Wesen, das Liebe ist, all unser Begehren völlig zu befriedigen.
138
4. Kapitel
DER ISLAM
Der Gründer des Islam war Mohammed, der in Arabien im Jahre 570
nach Christus geboren wurde. Und die heiligen Bücher dieser Religion sind der
Koran und die Hadis68 (Überlieferungen) ; aber diese letzten werden
nicht von allen Mohammedanern anerkannt. Wir können den Koran in solche
„Offenbarungen" einteilen, die in Mekka, und in solche, die in Medina nach
der Flucht oder Hidjra gegeben wurden. Jene handeln weithin von den
Angelegenheiten des politischen und sozialen Lebens der wachsenden
mohammedanischen Gemeinde. Aber in beiden finden sich viele Lehren, die schon
in der Bibel, im Talmud und in einigen anderen Büchern aufgezeichnet waren.
Zur Zeit Mohammeds gab es in Arabien viele jüdische und
christliche Gemeinden. Und unter den Verwandten des Propheten waren, wie wir
wissen, auch mehrere Christen; diese haben einigen Einfluß auf ihn gehabt. Auch
lebte er in vertrautem Umgang mit dem Bruder seiner Frau Khadija, Warqa bin
Nofal, der das Evangelium ins Arabische übersetzte.
Über diese Religion eingehend zu schreiben, ist nicht nötig, denn
sie hat keine ursprünglich eigenen Gedanken. Sie enthält Dinge, die schon die
jüdischen und christlichen Schriften behandelt haben.
Es genügt, wenn wir nur zwei oder drei Punkte berühren. Mohammed
nennt Christus „das Wort Gottes" und „den Geist Gottes". Wir könnten
uns keinen besseren Namen wünschen, um die Göttlichkeit Christi zu beweisen,
als den Namen „Ruh allah" oder Geist Gottes, der von Christus im
Koran gebraucht wird. Gott ist Geist, Gott ist ein Geist und nur Einer,
und in Christus hat dieser Geist sich offenbart und menschliche Gestalt
angenommen. Deshalb ist kein Grund vorhanden zu leugnen, Christus sei Gottes
Sohn69. Denn wie der Leib vom Leib geboren wird, so wird der Geist
vom Geist geboren, und Gott ist Geist.
139
Und weil
Christus durch den Geist Gottes in Maria empfangen wurde, deshalb können wir
Ihn Sohn Gottes und Geist Gottes nennen.
DER SUFISMUS
Im Gegensatz zu den Grundsätzen des Islam und des Koran bekennen
eine beträchtliche Anzahl Mohammedaner eine pantheistische 5 und
mystische 70 Form des Glaubens. Unter den Hindus gibt es
Vedantisten, die für ihren Glauben das Losungswort haben: aham brahma (ich
bin Brahma); so gebrauchen unter den Mohammedanern die Sufis als ihr Leitwort: ana'l
hakk71 (ich bin die Wahrheit). Aber unter ihnen sind einige so
weit von einem wirklichen Verstehen der Wahrheit entfernt, daß sie über die
Wirklichkeit spotten und alles Verstehen und Unterscheiden unterdrücken.
Wie Scheik Ibrahim in Irschadat geschrieben hat: „Ein gewisser
Fakir63 betrat das Kloster Junayids, in eine schwarze Wolldecke
eingehüllt. Junayid fragte ihn, weshalb er traure. Er sagte: ,Mein Gott ist
tot.' Junayid befahl kurzerhand, den Fakir hinauszuwerfen. Dies geschah
dreimal. Beim vierten Mal wurde der Fakir gebeten, sich näher zu erklären. Er
sagte: ,Ich wußte nicht, daß mein fleischliches Selbst (nafs)72
eine Erscheinung Gottes war. Ich habe es getötet, und deshalb traure ich
darüber.'"
Der Vedanta20 lehrt: Erlösung21 (moksha) heiße
Aufgehen im Brahma durch die Erkenntnis, die alle Täuschung vertreibt. Und der
Buddhismus behauptet: Erlösung sei das Erlöschen des Begehrens, d. h. Nirvana.
So sagen auch die Sufis: Erlösung sei fana fi 'llah 7S oder
Vernichtung in Gott.
Doch das wirkliche fana fi 'llah ist nicht die Vernichtung
des Selbst, wie die Sufis glauben, sondern die Vernichtung der Selbstsucht und
aller Sünden und bösen Begierden, die aus ihr entspringen und der eigenen
Seele wie den Seelen der anderen schaden. Nicht anderen Schaden zufügen,
sondern die eigenen selbstischen Begierden und Absichten ertöten; nicht auf
Wohl und Nut-
140
zen der anderen Rücksicht nehmen, sondern den Willen Gottes tun;
und zu Gottes Ehre und Ruhm leben: das heißt, in unserem Leben die Absicht des
Schöpfers erfüllen. Der Sünde und der Welt absterben und so ins Leben eingehen
und auf ewig in Gott leben: das ist Leben in Gott (baqa fi 'llah) anstatt
Vernichtung in Gott (fana fi 'llah), und das ist Wirklichkeit.
5. Kapitel
Das Christentum ist Christus selbst74, der da sprach:
„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben" (Joh. 14, 6)75.
Das kann von keiner anderen Religion gesagt werden. Die anderen Religionen
beruhen auf frommen Übungen und Lehren, aber das Christentum ist auf dem
lebendigen Christus selbst gegründet, der immer bei uns ist. Christus gab
Seinen Nachfolgern kein Wort, von Seiner eigenen Hand geschrieben; denn Er
wollte selbst immer bei ihnen, vielmehr in ihnen sein und Sein Werk durch sie
weiterführen. Kein menschlicher Prophet oder Apostel konnte zu sprechen wagen:
„Ich bin bei euch bis an das Ende der Welt." Gott allein kann dies sagen
und tun. Und wir wissen, Er ist bis zu unserer Zeit bei den Seinen gewesen und
hat durch sie gewirkt, ist jetzt am Wirken und wird weiter wirken, „bis daß
Gott sei alles in allem".
PROPHEZEIUNGEN AUF CHRISTUS
i. Der Herr Christus wurde vor über 1900 Jahren Mensch, damit Er
die Welt erlöse. Aber Er war schon vor der Erschaffung der Welt seit aller
Ewigkeit (Joh. 1, 1—10; 8, 58; 17, 5), und Sein Kommen wurde in verschiedenen
Zeiten und zu verschiedenen Menschen vorhergesagt. Es ist nicht bloßer Zufall,
wie
141
einige Kritiker meinen, daß alle diese Prophezeiungen in Christus
wörtlich erfüllt wurden. Es ist das Werk jenes Einen Ewigen Geistes, der zu
verschiedenen Zeiten und auf mannigfache Weise das Kommen eines Erlösers
vorhersagte, damit die Menschen sich auf Ihn vorbereiteten.
Das Wort „Zufall" gebrauchen wir nur dann, wenn wir irgendeine
Erscheinung erklären wollen, deren Ursache wir nicht kennen. Aber in
Wirklichkeit geschieht nichts in der Welt ohne Ursache. So ist es kein bloßer
Zufall, wenn eine reife Frucht von selber abfällt. Monate hindurch wurde sie
schon in der Stille für ein besonderes Ziel vorbereitet. Als die Frucht reif
war, gab der Baum, der seine eigenen Früchte nicht essen kann, sie zur Freude
und zum Genuß der anderen hin. So sagte Jesus: „Das sind die Reden, die Ich zu
euch sagte . . . denn es muß alles erfüllet werden, was von Mir geschrieben
ist im Gesetz Moses, in den Propheten und in den Psalmen" (Luk. 24, 44).
Und als die Zeit erfüllet war, gab Er der Welt die Frucht der Erlösung.
2. Bevor Christus Mensch wurde, verkündeten die Propheten den
Hebräern Sein Kommen. Und als die Juden unter den Völkern der Welt zerstreut
wurden, verbreiteten auch sie die Kunde vom Kommen des Erlösers. Und diese
Völker wiederum machten den Kommenden ihren eigenen Leuten kund. So warteten in
vielen Ländern Menschen auf Sein Kommen. Dann, nachdem Christus aufgefahren
war, verbreiteten die Christen, die zerstreut waren, die gute Botschaft, daß Er
gekommen ist und die Erlösung gebracht hat (Apg. 8, 4). Und durch die Mühen und
Opfer Seiner Diener hat die Kunde Seiner Erlösung die fernsten Gegenden der
Erde erreicht.
II
CHRISTI LEIDEN UND
KREUZIGUNG
1. Jesus war
nicht nur sechs Stunden, sondern Er war Sein ganzes Leben hindurch am Kreuz.
Wenn schon ein reinlich lebender Mensch Schmutz und Kot nicht ertragen kann,
auch wenn er
142
mitten unter Schmutz und Kot geboren wurde; wenn schon ein guter
Mensch nicht einmal ein paar Minuten lang schlechte Gesellschaft aushallen
kann: wie groß muß dann die Qual eines sündlosen und heiligen Wesens gewesen
sein, das 33 Jahre unter Sündern leben mußte! Ein sündiger Mensch kann
unmöglich abschätzen und verstehen, wie bitter jenes Leiden war. Wenn wir das
Geheimnis jenes Kreuzes verstünden, dann würde es uns leicht, Seine wunderbare
und unermeßliche Liebe zu verstehen, und wie Er die Mensch-gewordene Liebe ist,
wie Er zu unserer Erlösung die Herrlichkeit der oberen Welt verließ und
herabkam in diese Sündenwelt.
2. Christi Leiden war in besonderer Weise Gottes Leiden zur Erlösung
des Menschen. Es gibt nur eine einzige Quelle allen Lebens; von Ihm haben alle
lebendigen Geschöpfe das Leben empfangen, und durch diese Beziehung und
Verbindung leben wir in Ihm. Da Gott auf lebendige Weise mit Seiner Schöpfung
verbunden ist: schmerzt es Ihn nicht, wenn Seine lebendigen Geschöpfe leiden?
Hat Er, der ein Gefühl für das Leiden geschaffen hat, nicht selber auch ein
Gefühl dafür? Und wenn dem so ist, warum sollte Er dann nicht in Christus
gelitten haben?
Christus kam, damit Er besonders die wahre und grenzenlose
Vaterliebe offenbare, die von Ewigkeit her verborgen war, und damit Er, indem
Er Sein eigenes Leben gab, die Seelen nicht der Guten, sondern der Sünder
errette. Er kam weiterhin, damit Er durch Sein Sterben und Auferstehen beweise:
jener Tod, den die Welt für Tod hält, ist kein Tod, sondern eine Quelle des
Lebens; aber Leiden und Tod — das ist schon die bloße Trennung von Gott durch
Ungehorsam und Sünde.
3. Bei der Kreuzigung Christi waren beide Welten vertreten. Wie
Menschen aller Provinzen und Gegenden sich zur Passahzeit versammelt hatten, so
waren auch Wesen der Geisteswelt mit den Engeln zugegen (Matth. 27, 51—54) —
gleichsam als bezeugte die ganze Schöpfung die Sühne für die Sünde. Christus
gab Sein Leben als Lösegeld; deshalb ward Ihm auf Erden Vollmacht und Kraft
gegeben, damit Er Sünden vergebe und Sünder errette. Und
143
dann ward Ihm jene Vollmacht im Himmel und auf Erden wieder
gegeben, die Er, als Er Mensch wurde, abgelegt hatte (Matth. 9, 2; 28, 18).
III
CHRISTI AUFERSTEHUNG
1. Christus auferstand in demselben Leib, in dem Er gekreuzigt
worden war. Die Sünde allein bringt dem Leib Verderben und macht ihn
untauglich, in den Himmel einzugehen. Aber Christi Leib war ohne Fehl und
Makel, und nachdem Er den Tod besiegt hatte, wurde Sein Leib in einen
Herrlichkeitsleib verwandelt. Und in diesem verherrlichten Leib sitzt Er mit
Gott auf Seinem Thron (Offbg. 3, 21). Die Kreuzeswunden sind in verherrlichter
Gestalt jenem Herrlichkeitsleib eingegraben, damit die Geretteten, wenn sie sie
sehen, immerdar Seiner grenzenlosen Liebe gedenken und inne werden, wie Er am
Kreuz gelitten hat, um sie zu retten und ihnen das Recht zu geben, daß sie an
Seiner ewigen Herrlichkeit Anteil haben.
2. Gott ist Geist. Aber außer Geistern schuf Er auch den leblosen
Stoff. (Weil Er den Stoff schuf, d. h. etwas, das Seinem Wesen gegenüber
gleichgültig ist, so bedeutet das nicht, Er sei auch Stoff oder gleiche ihm.)
Wenn also Gott, der Geist ist, durch Seine Machtvollkommenheit den Stoff
schaffen konnte, der nicht Geist ist: warum sollte Er denn nicht durch dieselbe
Macht Seinen avatar76 (das ist Christi natürlichen Leib)
wieder lebendig machen und in einen geistlichen und herrlichen Leib verwandeln?
Gewiß konnte Er es, und Er hat es wahrlich getan.
Wie wir schlafen, um wieder aufzuwachen, so sterben wir auch, um
wieder aufzuerstehen. Wenn die Nacht herniedersinkt, schlafen wir ein, ermüdet
und schwach, aber am Morgen erheben wir uns frisch und stark. In gleicher Weise
sterben wir in Schwäche und Verderbnis, aber wir auferstehen in Leben und
Herrlichkeit (1. Korinther 15, 42) und treten in das Leben ein, wo es
weder Tod noch Sünde gibt.
3. Einige wenden ein: Wenn Gott Geist ist, wie konnte Er sich da
in einen stofflichen Leib kleiden? Aber sie vergessen, auch der Mensch hat
einen Geist; und wie kann ein menschlicher Geist in einen Leib gekleidet
werden? Wenn schon ein erschaffener Geist in einen menschlichen Leib gekleidet
werden kann, warum sollte es da dem Schöpfer unmöglich sein, sich selbst in
einen Leib zu kleiden? Man mag sagen: das ist zwar einer menschlichen Seele
möglich, denn sie ist begrenzt, nicht aber Gott, denn Er ist Unendlich. Das
ist wohl wahr: Gott ist Unendlich! aber wir müssen uns daran erinnern, Gott hat
auch unendliche Macht und unendliche Möglichkeiten, die alles menschliche
Denken übersteigen.
Dies ist das Ziel der Menschwerdung: die Er einst nach Seinem
Ebenbilde geschaffen, und die durch ihre Sünde aus ihrem Urständ herausgefallen
sind — die wollte Er durch leiblichen Tod und Auferstehung wieder in
verherrlichte Leiber gleich Seinem eigenen bringen; auch wollte Er sie ehren,
indem Er sie in Seine Gemeinschaft und in Sein ewiges Reich aufnahm.
IV
EINIGE PRAKTISCHE BEWEISE77 FÜR DAS
CHRISTENTUM
1. Einer der praktischen Beweise für das Christentum ist dieser:
es hat in allen Zeiten und Völkern allerlei Arten von Menschen den Frieden des
Herzens gebracht und die Sehnsucht ihrer Seele gestillt. Diesen Frieden haben
nur diejenigen nicht gefunden, die „Augen haben und nicht sehen und Ohren haben
und nicht hören"78, mit anderen Worten: die inmitten der
Schönheiten der Erde und des Himmels für deren Farben blind sind; oder die
Ohren haben, aber kein Gehör, um die Seelen-bezauberndste Musik zu würdigen.
2. Die Erfahrung hat gezeigt: wenn ein Mann die Ziele seines
Strebens erreicht hat und von Reichtum und Behaglichkeit beherrscht wird, so
ist sein Herz damit nicht zufrieden, so hat er damit noch nicht Frieden. Ganz
anders steht es mit dem Manne,
144
der seinen Frieden in Gott findet und Seinem Willen gehorcht. Denn
wenn die Welt und alle Freuden, die sie geben kann, ihm entrissen werden, und
selbst wenn er Leiden und Verfolgung zu ertragen hat: so hat er doch in seinem
Herzen jene wahre Freude und jenen wahren Frieden, „den die Welt nicht geben
noch nehmen kann" 79.
Er hat diese Freude nicht nur, weil er hofft, er werde im nächsten
Leben Lohn empfangen. Er empfängt seine Nahrung und Kraft von dem „verborgenen
Manna" (Offbg. 2, 17), von dem die Welt nichts weiß. Und in dieser Kraft
vermag er sein Kreuz zu tragen und das Leiden zu erdulden. Eben diese selbe
geistliche Nahrung der Gottesgemeinschaft gibt den gläubigen Christen Kraft.
Wenn sie nur auf Belohnung hofften, so wären sie nicht stark genug, um die
Leiden zu ertragen, die sie erdulden müssen. Einige könnten dem Leiden wohl
eine Zeitlang widerstehen, aber niemals ertrügen sie es ein ganzes Leben
hindurch.
Doch es ist genug gesagt. Das Leben des wahren Christen ist in
jeder Lage ruhe- und freudenvoll und am Ende siegreich: diese Tatsache folgt
daraus, daß ihn Geist und Gegenwart Gottes erfüllen. Das ist ein klarer und
praktischer Beweis dafür, daß dieses Leben Wirklichkeit ist.
3. Die Süße der süßen Dinge ist nicht für diese selbst, sondern
damit die sie genießen, die dafür Geschmack haben. Ebenso steht es mit Gott: Er
ist nicht nur für sich selber da, sondern für die, in denen Er das Verlangen
geschaffen hat, sich der Süße Seiner Gemeinschaft zu erfreuen. Viele religiöse
und philosophische Werke beschreiben die Wirklichkeit; doch der Weg, sich der
Gottesgemeinschaft zu erfreuen, findet sich nicht in ihnen, sondern im
Menschen selber. Denn Gott hat den Menschen dazu geschaffen, daß sie
miteinander Gemeinschaft halten; deshalb hat Er ihn auch mit einem Sinn für die
Wirklichkeit ausgestattet und mit der Fähigkeit, sich Seiner zu erfreuen. Gott
hat dem Menschen diese geistigen Empfindungen gegeben: diese Tatsache beweist,
die Wirklichkeit will, daß der Mensch sich Seiner80 Gemeinschaft
erfreue. Deshalb ist der Prüfstein, durch den man das
146
Wirkliche vom Unwirklichen und das Wahre vom Falschen unterscheiden
kann, im Menschen selber gegenwärtig — das Gewissen. Aber obgleich dieses der
Gott-gegebene Prüfstein ist, mit dem sich das Falsche und das Wahre im Leben
erproben läßt, so kann es durch die Sünde unempfindlich werden und tot. Doch
wenn es durch Gottes Gnade wieder erwacht, läßt es sich nicht täuschen. Und
wenn der Mensch inne wird, daß die Wirklichkeit in ihm gegenwärtig ist, dann
beweist seine tägliche Erfahrung Seiner80, Er 80 ist eine
lebendige Macht. Wenn wir diesen Erfahrungsbeweis in uns haben, dann mögen zu
Tausenden Bücher gegen diese geistliche Erfahrung geschrieben und mit den
stärksten Beweisgründen weltlicher Philosophie und Logik angefüllt werden, so
können sie doch niemals jenen Beweis erschüttern, denn die Erkenntnis der
Wirklichkeit ruht in unserem inneren Selbst und nicht in der Beweisführung der
Philosophie. Dann wird uns klar: die Erkenntniskraft, die wir brauchen, damit
wir die Süße der süßen Dinge erkennen, findet sich nicht in Büchern, sondern
ist in des Menschen eigener Zunge gegenwärtig.
4. Es ist möglich, daß der Geschmackssinn durch Krankheit Schaden
erleidet, und daß einige über die Süße der Süßigkeiten getäuscht werden. Aber
es gab niemals und wird auch niemals solch eine Krankheit geben, durch welche
Millionen Menschen ihren Geschmackssinn verlieren. So ist es wohl möglich, daß
die geistigen Empfindungen und Wahrnehmungen einiger weniger Leute fehlerhaft
sind; aber Millionen, vielmehr zahllose Menschen aller Rassen, Länder und
Lebensbedingungen, die Erlösung und Frieden in Jesus gefunden haben, legen
Zeugnis ab von Ihm. Und dafür, daß sie für jene Wirklichkeit zeugten, die sie
beschenkt und gesegnet hat, wurden Tausende verbrannt, durch wilde Tiere zerrissen,
durch das Schwert in Stücke gehauen; doch sie erduldeten ihre Prüfungen mit
Freude und fuhren bis zu ihrem letzten Atemzuge fort, Zeugnis abzulegen. Warum?
War ihrer aller geistliche Wahrnehmung und Empfindung fehlerhaft? Niemals! Eine
solche Rede klingt, als wollte man die flammende Mittagssonne nächtliche
Finsternis nennen. Es ist klar, wer so
147
etwas behauptet, dem gebricht es selbst an geistlicher Empfindung
und Kraft der Einsicht.
5. Im Himalaja begegnete ich einmal zufällig einem wilden Mann,
der nackend in einer Höhle lebte. Er hatte niemals etwas Süßes gesehen oder
geschmeckt und besaß in seiner Sprache dafür kein Wort. Als einer meiner
Freunde ihm etwas gab, sah er es zunächst argwöhnisch an, aber als er es
geschmeckt hatte, zeigten ein verwunderter Blick und ein vergnügtes Lächeln,
wie sehr es ihn erfreute. Bevor er es geschmeckt hatte, war für ihn unwesentlich,
ob es so etwas gäbe oder nicht. Wohl besaß er in seiner Zunge den
Geschmackssinn, damit er die Süße der Süßigkeit genieße, und zwar lange bevor
er sie gekannt und erfahren hatte. So mußte man ihm wohl die Süßigkeit
erklären, nicht aber den Geschmackssinn. In derselben Weise hat der Mensch
einen Sinn für Wirklichkeit. Die Wirklichkeit ist ein Wesen, das von seinem
eigenen verschieden ist; aber die Kraft, Ihn80 wahrzunehmen, ist in
ihm gegenwärtig.
Es ist möglich, daß diese Wahrnehmung durch die Sünde abstirbt,
so daß ein Mensch sogar das Dasein Gottes leugnen kann. Doch wenn er umkehrt
und Gott mit reinem Herzen sucht, dann wird die Wirklichkeit sich ihm gewiß
offenbaren, und er wird beschenkt und gesegnet werden. Und wenn er auch nachher
gleich einem stummen Mann seine Geschmackserfahrung der Süße nicht beschreiben
kann, so werden doch sein Leben und seine Werke auch weiterhin ihr Dasein
beweisen.
Sooft ein Mensch, der diese persönliche Erfahrung der Wirklichkeit
hat, seine verborgenen Gedanken und Gefühle in den Schriften und Reden eines
erfahrenen und geistlich gesinnten Mannes findet, ruft er voll Freude aus: „Das
ist genau die Wahrheit, die ich anderen mitzuteilen gewünscht habe." So
schließen sich alle Wahrheitsliebenden einmütig zusammen und geben aus den
persönlichen Gotteserfahrungen, die sie in ihrem eigenen Leben gehabt haben,
der Welt den Beweis des Christentums.
6. Bevor das Christentum überall in der Welt gepredigt wurde,
hatten zwar einige gute und rechtschaffene Männer versucht, die
148
Verhältnisse zu ändern, aber sie hatten für Fortschritt und Besserung
der Menschen nicht viel tun können. Die Frauen galten als Sklaven; die Sklaven
wurden wie Tiere behandelt; und keine besondere Vorsorge war getroffen, um den
Alten und Kranken, den Waisen und Aussätzigen zu helfen81. Aber das
Christentum hat das geändert, und wir sehen die Früchte seiner Lehre überall.
Die Frauen werden den Männern gleich geachtet und die Sklaven als Brüder
angesehen. Überall gibt es Kranken- und Waisenhäuser sowie Aussätzigenheime;
denn die Nachfolger Christi werden gelehrt, die anderen wie sich selbst zu
lieben und die ganze Welt als eine einzige Familie anzusehen.
In Rom mußten Sklaven und Gefangene zur Unterhaltung der Menge mit
wilden Tieren kämpfen; und um ihre Blutgier zu befriedigen, pflegten die
Zuschauer im Zirkus zu verlangen, daß Gladiatorenkämpfe, die zu Blutvergießen
und Tod führten, für sie abgehalten würden. Die Menschen jener Tage hatten kein
wirkliches Mitgefühl füreinander. Aber ein christlicher Einsiedler, namens
Telemachus, fühlte sich durch seine Liebe zu diesen Leidenden gedrungen, zu
versuchen, dieser rohen Blutgier ein Ende zu machen. Während die Sklaven und
Gefangenen kämpften, sprang er in die Arena hinab. Die Zuschauer steinigten ihn
vor Wut, und die er zu retten versucht hatte, töteten ihn mit dem Schwert.
Obgleich er an jenem Tage nicht viel tun konnte, so hatte er doch eine Saat der
Menschenliebe ausgesät; die wuchs in den Herzen der ernsthaften Menschen, bis
diese grausame Sitte allmählich aufhörte. So triumphierte schließlich das Leben
jenes christlichen Einsiedlers.
7. Kein Volk und keine Religion kann in der Welt auf die Dauer
bestehen, wenn immerzu innere Zwietracht sie zerreißt und Angriffe von außen
sie belästigen; und keine Festung, keine Stadt kann standhalten, wenn sie von
innen und außen beschossen wird. Doch das Christentum ist solch eine Religion.
Von außen kommen die Angriffe des Agnostizismus 64 und Unglaubens,
der Weltreiche und der Mächte der Finsternis; von innen greifen Ketzer mit
falscher Lehre und Namenschristen durch
149
schlechtes Leben ohne Ende an. Doch trotz all dieser Angriffe und
großen Hindernisse hat das Christentum sich durchgesetzt und gewinnt in der
Welt an Boden. Was ist das sonst, wenn es nicht ein praktischer Beweis dafür
ist, daß es eine wahre, lebendige und seelenstillende Religion ist?
HÖHERE KRITIK UND
MODERNISMUS88
1. Bibel und Christentum sind in jedem Zeitalter angegriffen und
bemängelt worden; nur die Art des Angriffs ist je nach dem Kulturstand der Zeit
verschieden gewesen. Zu ihrer eigenen Zeit schienen diese Angriffe furchtbar
genug, aber selten haben sie das Geschlecht überdauert, das sie hervorbrachte.
Trotz der vielerlei Kritik durch Gottlose und andere Kritiker ist das Christentum
beständig weiter fortgeschritten. Der Widerstand seiner Feinde hat es nicht
zerstört, sondern vielmehr dazu gedient, daß es nur um so fester verwurzelte.
Sie haben sich vergeblich bemüht, denn sie konnten dem Leben und der Kraft,
die im Leben aller wahren Gläubigen wirkte, nicht widerstehen. Der Angriff der
Kritiker neuerer Zeit ist unter dem Namen Höhere Kritik oder Modernismus
bekannt. Es ist möglich, daß er den Glauben schwacher Namenschristen, die keine
geistliche Erfahrung und kein geistliches Leben haben, erschüttert; aber
niemals kann er der Wirklichkeit schaden oder denen, die an die Wirklichkeit
glauben. Andererseits dient er den wahren Gläubigen dazu, daß sie stärker
werden und weiter wachsen. Die Kritiker wirken wie eine kurzlebige Seuche: wie
diese die Angesteckten, welche die Seuche weiterverbreiten, hinwegrafft und
somit dazu beiträgt, sich selber auszurotten, so werden auch die Kritiker, die
ihre Denk-Krankheit verbreiten, allmählich sterben und ihre Krankheit mit
ihnen.
2. Die kritischen Urteile und Einwände der Gelehrten hängen häufig
viel mehr von ihren eigenen Vermutungen und Grübeleien als von wirklichen
Tatsachen ab. Wenn ein Kritiker ein Gelehrter
150
ist, so folgt daraus noch nicht, seine Kritik müsse
wissenschaftlich sein. Oft ist sie nur auf Annahmen und Vermutungen gegründet
und darum nicht wert, daß man sie annimmt. Es ist möglich, daß in einigen ihrer
Theorien sich himmlisches Licht widerspiegelt; aber es ist auch möglich, daß
sie höllisches Feuer zurückstrahlen 83. Dann können sich gelehrte
Kritiker auch recht oft in ihre eigenen Irrtümer und Täuschungen verstricken.
Ihre sehr irdische Weisheit und Philosophie hindert sie oftmals, so daß sie
die tiefe geistliche Absicht der begeisterten 84 biblischen
Schriftsteller nicht verstehen. Zu oft untersuchen sie zwar sehr genau die
äußere Schale, nämlich den Stil oder die innere Wahrscheinlichkeit der Zeitangaben
oder die Eigenart der Schriftsteller, untersuchen jedoch nicht den Kern, das
ist die Wirklichkeit. Aber wie so ganz anders naht sich der Bibel, wer wirklich
die Wirklichkeit sucht! Er hat nur einen Wunsch, nämlich: Gemeinschaft zu haben
mit der Wirklichkeit80; ihm liegt gar nichts daran, wann oder durch
wessen Hand irgendein Buch oder Evangelium geschrieben wurde. Er weiß, hier
hat er Gottes Wort, das die Propheten und Apostel so geschrieben haben, wie der
Heilige Geist sie bewegte (2. Petr. 1, 21). Der Beweis ihrer Wahrheit
gründet sich nicht auf Geschichte und Logik — denn die Wahrheit ist weder neu
noch alt: sie ist ewig. Ferner verlangt solch ein Wahrheitssucher geistliche
Nahrung und ewiges Leben, und er fragt nicht danach, ob er das von Mose,
David, Jesaja oder Jeremia empfängt oder von Matthäus, Markus, Lukas oder
Johannes. Er verlangt allein nach der Wirklichkeit, und in Gemeinschaft mit
Ihm80 findet er das Leben seines Lebens und immer bleibende
Befriedigung in Ihm.
3. Die Rede, das Christentum habe in Europa und Amerika wie im
Osten versagt, ist gänzlich töricht und falsch und nicht auf Erfahrung
gegründet. Versagt hat nicht das Christentum, sondern die Leute, die das Herz
des Christentums nicht verstanden haben.
Auf meinen Reisen in Europa, Amerika und den östlichen Ländern
habe ich gesehen: die Menschen sind in ihren Fabriken, Laboratorien und
Bibliotheken so geschäftig, daß sie keine Zeit
151
haben, die Segnungen des Christentums zu empfangen. Einige dieser
Menschen bekannten mir sogar, sie hätten ihr Leben so verwickelt eingerichtet,
daß sie seiner müde wären. Wenn irgendein Mensch schwach wird, weil er keine
Speise ißt, oder verdurstet, weil er kein Wasser trinkt: können wir dann
sagen, Speise und Wasser haben ihm gegenüber versagt? Keineswegs! Sondern der
Mensch ist gleichgültig und nachlässig gewesen. Und wenn ein Mensch stirbt,
ohne daß er die Medizin gebraucht, die zur Hand ist, so ist damit nicht
bewiesen, die Medizin habe versagt. Die das Christentum mit ganzem Herzen
angenommen und seine Segnungen empfangen haben, die haben zweifellos die Welt
aus ihrem Todesschlaf erweckt und haben zum Heil der Menschheit ein Werk getan,
das für immer wirkt.
4. Die Landarbeiter hält ihre Arbeit im Freien; und da ihre
Nahrung aus einfachen Sachen — wie Mehl, Reis, Milch und Gemüse — besteht, so
sind sie für gewöhnlich gesund. Die aber diese schlichte gesunde Ernährung um
einer schweren und stark gewürzten Kost willen aufgeben und sich dazu noch in
Geschäftsräumen und Studierzimmern einschließen, neigen dazu, an Verdauungsstörungen
und anderen Krankheiten zu leiden. Ebenso ist es im Glaubensleben: Menschen
schlichten Glaubens essen schlichte Geisteskost. Sie erhalten ihre Kraft aus
Gottes Wort und vom Heiligen Geist. Sie verbringen ihr Leben damit, daß sie anderen
helfen und sie aufrichten, und leben selbst weiter in vollkommener Gesundheit,
in Glück und Frieden. Die aber diese einfache allumfassende Wahrheit und
Wirklichkeit verlassen und aus ihr eine verwickelte philosophische Lehre
machen, die leiden leicht an Verdauungsstörungen (d. h. Zweifel, Unglauben
usw.). Wie sehr diese philosophische Lehre auch anziehen und verlocken mag: als
geistige Nahrung ist sie zu schwer; sie selber und andere, die sie essen,
erkranken und sterben schließlich, ohne daß sie jemals die Freude hatten, die
Gemeinschaft mit der Wirklichkeit zu erfahren.
5. Unter den Rechtsanwälten gibt es gesetzeskundige und gebildete
Verbrecher, die um ihres eigenen Gewinnes willen das Ge-
152
setz in ungesetzlicher Weise gebrauchen und ihre eigene wie die
öffentliche Sittlichkeit schädigen. Denn obgleich sie wissen, ihr Klient ist
schuldig, retten sie ihn doch vor seiner richtigen Bestrafung, indem sie die
Feinheiten des Gesetzes geschickt ausnutzen, und ermutigen ihn dadurch,
weitere Verbrechen zu begehen. Und anstatt die Schuldigen zu bessern und das
Wohl des Staates zu fördern, schädigen diese zivilisierten und raffinierten
Verbrecher im geheimen die Gemeinschaft. So gibt es auch Verbrecher der
Bibelgelehrsamkeit, die ihre Gott-geschenkte Fähigkeit und Gelehrsamkeit
unrechtmäßig gebrauchen. Sie suchen nicht Seine Ehre noch das Wohl Seines
Volkes, sondern durch ungerechte Kritik und unnötige Einwände schädigen sie den
Herzensfrieden und das geistliche Leben der Gläubigen und werden selbst zu
Dienern der Zerstörung. Von solchen hat unser Herr gesagt: „Weh euch
Schriftgelehrten! denn ihr habt den Schlüssel der Erkenntnis weggenommen. Ihr
kommt nicht hinein und wehret denen, die hinein wollen." (Luk. 11, 52)
6. Einige Kritiker folgern aus dem Gleichnis vom verlorenen Sohn85:
dazu, daß wir dem Vater begegnen, sei ein Mittler nicht nötig, denn der
verlorene Sohn ging geradewegs zu seinem Vater ohne einen Mittler. Aber sie
vergessen, die Fälle liegen nicht gleich. Der verlorene Sohn brauchte keinen
Mittler, denn, bevor er den Vater verließ, hatte er bei ihm gelebt und kannte
ihn wohl. Da war niemand nötig, der ihm vom Vater erzählte. Was ihn nach Hause
brachte, war allein, daß er die Gemeinschaft des Vaters erfahren hatte. Sonst
hätte er ohne die Hilfe eines Mittlers nicht zum Vater zurückkommen können.
So verhält es sich auch mit dem Christen, der, nachdem er in
Gemeinschaft mit Gott gelebt, aus irgendeinem Grunde sich in Sünde verirrt hat.
Sein Leben ist unfruchtbar geworden, und das hat ihn gezwungen, sich seiner
früheren christlichen Erfahrung zu erinnern; und wenn er in wahrer Reue zum
Vater zurückkehrt, so kommt er in dem Wissen: Christus und der Vater sind eins
(Joh. 10, 30), und er kann ohne irgendeinen anderen Mittler kommen. Aber kein
anderer sündiger Mensch außer dem Chri-
153
sten, der abgeirrt ist, kann den Vater kennen oder zu Ihm gehen
ohne den Mittlerdienst Jesu (Matth. 11, 27; Joh. 14, 6).
Der verlorene Sohn und sein älterer Bruder sind in einer Hinsicht
einander ähnlich: keiner von beiden machte von seinem Erbteil einen rechten
oder vorteilhaften Gebrauch; denn während der jüngere Bruder seinen Anteil
verschwendete, benutzte der ältere ihn überhaupt nicht. So gibt es viele
Christen, die aus Nachlässigkeit ihre Reichtümer in Christus nicht gebrauchen
und aus ihren Gott-gegebenen Gaben und Segnungen nichts gewinnen.
7. Einige
Kritiker behaupten, die Evangelisten hätten sich in dem, was sie über Christus
schrieben, der Übertreibung schuldig gemacht. Laßt uns doch daran denken,
Christi Jünger waren meist einfältige, ungebildete Fischer und hatten keine
besondere schriftstellerische Fähigkeit; in ihren Berichten über Sein Leben
haben sie nicht nur nicht übertrieben, sondern zahllose wirkliche Tatsachen
über Ihn nicht einmal erwähnt. Wir können ihr beschränktes Verständnis schon
aus dieser Tatsache ermessen: obwohl sie drei Jahre mit Ihm zusammengelebt und
Seine Leben spendenden Worte immer wieder gehört hatten, verstanden sie weder
den Sinn Seines Reiches noch Seiner Auferstehung von den Toten nach drei Tagen.
Können wir glauben, daß so einfältige Menschen aus ihrer eigenen
Einbildungskraft zu den Tatsachen Seines Lebens etwas hinzufügten? Das wird
unmöglich, wenn wir uns daran erinnern, daß in allen Völkern und Zeiten schon
das bloße Lesen Seiner Lebensgeschichte auf Menschen aller Klassen so sehr
gewirkt hat, daß sie vollständig verwandelt und neue Geschöpfe wurden. Diese
Geschichte ist allein das Werk Gottes : Er kennt die Nöte und Sehnsüchte der
Menschenherzen und hat sie gestillt. Zudem würden die Jünger, wenn sie nur
etwas schriftstellerische Fähigkeit gehabt hätten, den Gegenstand des
Evangeliums in genauer Ordnung dargestellt haben, nämlich erstens: das Leben —
Geburt, Tod, Auferstehung und Himmelfahrt; zweitens: Seine Lehre und
Gleichnisse; drittens: Seine übernatürliche Macht und Seine Wunder; viertens:
ihre eigene Erfahrung mit Ihm und ihre Ansichten von Ihm. Aber sie konn-
154
ten das nicht tun; sondern im Einklang mit der Führung Gottes
versuchten sie auf ihr eigene einfache Weise ohne Feinheit des Stils und ohne
sich zu bemühen, irgend etwas hinzuzufügen, die Wirklichkeit vor die Welt
hinzustellen, wie sie Ihn80 erfahren hatten (1. Joh. 1, 1—2).
VI
CHRISTI LEHRE UND
VORBILD
1. Christi
Lehre ist so unvergleichlich und einzigartig, daß die Rede, Er habe Seine
Eingebung von irgendeinem anderen Lehrer oder einer anderen Religion bezogen,
so klingt, wie wenn man spräche, die Sonne habe nicht ihr eigenes Licht,
sondern scheine gleich dem Monde mit dem entliehenen Licht irgendeiner anderen
Sonne oder eines Planeten. Es ist unbegreiflich, daß das möglich sein könnte.
Die Vollmacht, mit der Er lehrte, widerlegt einen jeden solchen Einwand (Matth.
7, 29). Ferner würde Er, wenn Er Seine Lehre aus anderen Quellen empfangen hätte,
sie sicherlich erwähnt haben, wie Er es in der Bergpredigt getan hat: dort
wies Er zwar auf das Alte Testament hin, nahm aber die Vollmacht in Anspruch,
Seine eigene Auslegung zu geben: „Den Alten wurde gesagt. . ., Ich aber sage
euch .. ." (Matth. 5, 21 und 22).
Gleichermaßen widerspräche es der Wahrheit zu sagen, Jesus habe zu
Seinem eigenen Vorteil große Ansprüche erhoben. Denn Er verbrachte Sein ganzes
Leben damit, daß Er das Wohl und die Förderung der anderen suchte; und vor
allem weist Sein Kreuz jegliche Behauptung dieser Art zurück. Wenn Er nach
weltlicher Ehre getrachtet hätte, dann hätte Er versucht, sich selbst vom Tod
am Kreuz zu retten, und sich nicht geweigert, als das Volk Ihn zum König machen
wollte. Doch Sein Reich war, wie Er selber sagte, nicht von dieser Welt (Joh.
6, 15; 18, 36). Er kam in die Welt, damit Er die Wirklichkeit offenbare und,
indem Er Sein eigenes Leben hingab, den Gläubigen das Anrecht schenke, Erben
des Ewigen Lebens und Seines Reiches zu werden.
155
2. Johannes der Täufer, der Vorläufer Christi, und Jesus selbst
begannen mit diesen Worten zu predigen: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist
nahe herbeigekommen." 86 Alle Qual, alles Leiden und der Tod
in der Welt sind durch die Sünde hervorgerufen. Und die Ergebnisse der Sünde
heißen in der kommenden Welt Trennung von Gott und Hölle. Darum kann niemand
von dieser Trennung und Vernichtung gerettet werden, der seine Sünde nicht
wahrhaft bereut. Gott ist Liebe; deshalb zwingt Er niemanden, zu Ihm zu
kommen, noch greift Er in den freien Willen ein, den Er dem Menschen gegeben
hat. Wenn aber ein Sünder reuevoll kommt, sein Haupt neigt und sein Herz vor
Gott öffnet, dann schenkt der Heilige Geist durch Seine Leben-spendende Wirksamkeit
ein neues Leben, und dann und dort beginnt die Herrschaft Gottes in seinem
Herzen. Darum ist es wesentlich, seine Sünden zu bereuen, um ein Sohn Gottes zu
werden und in Sein ewiges Reich einzugehen.
Später sprach Christus in Seiner Predigt von denen, die selig zu
nennen sind, und von ihrem Lohn (Matth. 5, 2—12). Es sind folgende:
„Die Armen im Geiste." Sie gestehen demütig ihre eigene
Geistesarmut ein und werden Gottes treue und gehorsame Diener. Auch Christus,
der König der Herrlichkeit, wurde arm, damit Er durch Seine Armut die Armen im
Geist auf ewig zu Erben Seines Reiches mache (2. Kor. 8, 9).
„Die da Leid tragen." Sie werden für immer jenen Frieden
empfangen, den die Welt weder geben noch fortnehmen kann. Aber dieses Trostes
erfreuen werden sich tatsächlich nur, die gelitten haben und im Schmelzofen
des Leidens geläutert worden sind (Joh. 16, 22).
„Die Sanftmütigen." Sie werden jenen neuen Himmel und jene
neue Erde erben, wo Gerechtigkeit wohnt — jenes Reich, zu dessen Erben Christus
sie gemacht hat.
„Die da hungert und dürstet nach Gerechtigkeit." Sie werden
das Brot und Wasser des Lebens im Reich der Gerechtigkeit erlangen und auf
ewig gestillt sein.
156
„Die Barmherzigen." Sie werden Barmherzigkeit erlangen. Aber
Unterdrücker und solche Menschen, deren Herzen hart sind wie ein Mühlstein, werden
finden, ihre Unterdrückung ist in furchtbarer Weise auf ihr eigenes Haupt
zurückgefallen: wo sie jetzt lachen, werden sie dann über ihre frühere
Nachlässigkeit und ihren gegenwärtigen bösen Zustand stöhnen (Luk. 6, 25).
„Die Friedensstifter." Gleich der Barmherzigkeit ist auch
Friede eine der Eigenschaften Gottes. Und deshalb werden die Menschen, welche
Spaltungen und Streitigkeiten unter ihren Nächsten versöhnen und die trennende
Mauer zwischen Gott und Menschen niederlegen, Gotteskinder heißen, denn „der
Dienst der Versöhnung" ist ihnen übergeben worden (2. Kor. 5,18).
„Die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden." Es ist
eine große Ehre, um der Gerechtigkeit willen verfolgt zu werden, denn solche
Menschen nehmen an einem heiligen Kriege teil, und dafür werden sie in der
Herrlichkeit Lohn empfangen. Geist und Wesen der Welt verhalten sich gegen
Wahrheit und Wirklichkeit feindlich; deshalb werden, die der Wahrheit folgen,
gewiß verfolgt werden (2. Tim. 3,12).
Aber ob zur Ruhe oder zum Leiden berufen, diese Seliggepriesenen,
die eine persönliche Gotteserfahrung haben, werden wie Salz und Licht in der
Welt wirken und durch ihr Werk zu Gottes Lob und Ehre dienen.
3. „Widerstehet nicht dem Bösen" (Matth. 5, 39). Wenn wir
bösen Menschen, die uns ein Leid antun wollen, widerstehen, dann wird wohl
keine der beiden Parteien einen Gewinn haben; wahrscheinlich werden beide
Schaden nehmen geradeso wie zwei Züge, die, wenn sie zusammenstoßen, beide
zerschmettert werden. Wenn wir aber leiden, weil wir nicht widerstehen, dann
wird einerseits der Kreuzträger geistlich gesegnet und andererseits der
Unterdrücker durch den Geist der Vergebung bewegt werden und sich der Wahrheit
zuneigen. Es hat sich gezeigt: das Leben vieler böser Menschen, denen man so
begegnete, ist verwandelt worden. Hier sei ein Beispiel erzählt. Es war
letztes Jahr in den Bergen in Indien. Während ein frommer indischer Christ
157
in seinem Haus allein betete, betraten drei Diebe heimlich sein
Zimmer und nahmen alles fort, was sie nur greifen konnten. Als der Mann seine
Gebete beendet hatte, bemerkte er, alle seine Habe war fort außer der Kiste,
über die er sich beim Gebet gebeugt hatte. Diese Kiste enthielt Geld und
Wertsachen. Dieser „Mann des Gebets" nahm etwas Bargeld und einige
Wertsachen zu sich, lief den Dieben nach und rief: „Wartet, wartet! Ihr habt
wertvolle Sachen zurückgelassen. Ich bringe sie euch. Vielleicht braucht ihr
diese Dinge mehr als ich." Als die Diebe das hörten, dachten sie zuerst,
es sei eine Falle; aber als sie sahen, er hatte keine Waffe und war ganz
allein, kamen sie zu ihm zurück. Da sprach der Mann zu ihnen: „Warum habt ihr
mir nicht zuerst gesagt, ihr brauchet diese Dinge? Ich hätte euch gern gegeben,
was immer ich habe. Und jetzt wäre es das beste, ihr kämet mit mir, und was
immer ihr braucht, dürft ihr euch nehmen." Als die Diebe das seltsame
Leben dieses Beters sahen, wurden sie so gepackt, daß ihr Leben für immer
verändert wurde, und sie fingen an zu sprechen: „Wir hatten nie gedacht, daß es
solche Leute in der Welt gibt. Wenn schon ihr so wunderbar seid, wieviel wunderbarer
muß dann erst euer Heiland sein, der euch ein so wunderbares Gott-ähnliches
Wesen verliehen hat."
Hier sehen wir, wie es wirkt, wenn wir dem Bösen nicht widerstehen
und die anderen so lieben wie uns selbst. Wenn der Mann sich den Dieben
widersetzt und sie festzunehmen versucht hätte, dann wäre er in dem Kampf wohl
selbst getötet worden und die Diebe hätten keinen Segen gehabt. Doch ich habe
genug gesagt. Wer immer nach diesem goldenen und unvergleichlichen Wort Christi
handeln kann, soll es tun. Lasset uns das vollkommene Vorbild dessen vor Augen
halten, „der nicht wieder schalt, da Er gescholten ward, nicht drohte, da Er
litt" (i. Petr. 2, 23). Was immer Er lehrte, das vollbrachte Er selber
zuerst. Und Er verkündete keine Lehre, deren Beweis und Vorbild Er nicht in
Seinem Leben gegeben hatte. Mit anderen Worten: Er verkündete, was Er lebte,
und Er lebte, was Er verkündete.
4. „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so
158
werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Wer nun sich selbst
erniedrigt wie dieses Kind, der ist der Größte im Himmelreich" (Matth.
18,3—4).
Wenn wir in das Reich Gottes eingehen wollen, dann müssen wir
gleich kleinen Kindern werden, denn in ihnen finden sich die Kennzeichen, die
jedem Gotteskind zu eigen sein sollten:
(1) Sie haben wahre Liebe zu den Eltern.
(2) Sie glauben ohne Zweifel alles, was ihre Eltern sagen.
(3) Die Erbsünde ausgenommen, sind sie frei von allen anderen
Sünden und auch vom Stolz, um dessentwillen Satan aus dem Himmel verstoßen
ward.
(4) Obgleich Kinder ihre Wünsche noch nicht ausdrücken können,
versuchen sie es doch in stammelnden Worten, und wenn das nicht genügt, dann
erklären Tränen ihre Not. Wenn sie noch nicht auf Füßen gehen können, dann
kriechen sie auf Händen und Knien zu Mutters Schoß hin und erhalten ihre
Nahrung und Liebe, die weit über ihr Verstehen geht. Und wenn die Mutter sie zu
strafen droht oder ihnen einen Klaps gibt, dann laufen sie nicht von ihr fort,
sondern eilen wieder zu ihr, damit sie sie tröste. Wenn wir also im Reich
unseres Vaters wie kleine Kinder werden, dann erreichen wir einen Stand, der
groß ist und hoch und herrlich.
5. Wenn wir Christus nachfolgen, uns selbst verleugnen und Ihm zum
Zeugnis das Kreuz des Leidens tragen, und wenn wir nicht unseren eigenen
Vorteil, sondern das Wohl der anderen suchen: dann finden wir uns selber und
ein hundertfach reicheres Leben (Luk. 9, 23—25; Matth. 19, 29).
Wer in seinem Suchen nach der Wirklichkeit das Verlangen seines
selbstsüchtigen Wesens ausrottet, wird für immer Gott und sich selber finden.
Wer andererseits, von seinem Eigenwillen geleitet, von Gott getrennt lebt,
wird sogar aus seinem gegenwärtigen niederen Lebensstand fallen und vernichtet
werden. Es wird ihm wie den Wicken gehen: diese sind wirklich Weizen, aber
entartet; so sind sie wertlos und werden fortgeworfen.
159
6. Wenn wir auf die Rückseite eines Glasstückes Quecksilber legen,
haben wir einen Spiegel, der unser Gesicht widerspiegelt; aber wenn wir kein
Quecksilber auflegen, dann blicken wir geradeswegs durch das Glas hindurch.
Wenn wir unser Leben mit Selbstsucht unterlegen, sehen wir darin nur unser
Selbst sich widerspiegeln; wenn aber jene Decke der Selbstsucht entfernt ist,
dann wird, wo immer wir hinblicken, Gott erscheinen, und wir werden erkennen,
in Seinen liebenden Armen sind wir geborgen.
7. Der Welt entsagen bedeutet nicht, wir sollten nun alle weltlichen
Dinge, die uns erfreuen, aufgeben: entweder weil wir glauben, den Dingen
selbst wohne die Eigenschaft des Bösen inne, oder weil wir erwarten, wir
empfingen, wenn wir sie aufgäben, höchsten geistlichen Segen. Eines ist es,
Vergnügungen zu lassen, um noch größere Freude zu gewinnen. Ein anderes ist es,
sie zu lassen, weil sie böse sind. Es ist kein Unrecht, sich in rechter Weise
an Vergnügungen zu erfreuen, seien sie geistig oder sinnlich, noch ist es
nötig, ihnen zu entsagen. Aber es gibt Vergnügungen, die uns hindern, die
Quelle der Seligkeit zu finden. Diesen müssen wir entsagen, denn einige dieser
vergänglichen Vergnügungen machen uns gegen die wirkliche und ewige Freude
gleichgültig. In manchen Fällen ziehen in der Tat diese verlockenden
Vergnügungen unsere Herzen vom Schöpfer fort. Und wie ein Mann, wenn er einem
Irrlicht folgt und weiter wandert, in der Finsternis verloren ist, so verlocken
uns diese Vergnügungen und führen uns schließlich in die Vernichtung. Es ist
wesentlich, daß wir unsere Herzen von allen erschaffenen Dingen abziehen und
sie auf den Schöpfer richten, und daß wir Seine Gott-gegebenen Gaben mit
Dankbarkeit und Mäßigkeit gebrauchen.
Mäßigkeit im Verzicht wie im Vergnügen — „der mittlere Weg" 87
— ist oft das beste Mittel, um das erwünschte Ziel zu erreichen. Wenn wir es
verfehlen, so kommt das oft daher, daß wir auf der einen oder anderen Seite die
festgesetzte Grenze überschritten haben. Andauernd in vollständiger Dunkelheit
zu leben, schadet den Augen ebensosehr wie überstarkes Licht, das uns blenden
kann. Übermaß an Kälte oder Hitze kann Verlet-
160
zungen hervorrufen; aber innerhalb der gewöhnlichen Wärmegrenzen
sind beide nützlich und angenehm. Ein leiser Laut, der schwer zu hören ist,
regt auf, und ein sehr starker Laut kann unser Ohr sogar verletzen; aber
innerhalb mäßiger Grenzen hören wir mit Vergnügen liebliche musikalische Laute.
8. Dies ist das Wesen der Lehre Christi: „Du sollst lieben Gott,
deinen Herrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt",
und: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" (Matth. 22, 37 und
39).
Wenn wir den Herrn von ganzem Herzen lieben, dann werden wir Ihm
immer gehorchen und unser Leben in Seinem Dienst und zu Seiner Ehre verbringen.
Und wenn wir unsere Nächsten — und das bedeutet die ganze Welt88 —
wie uns selber lieben, dann werden wir nichts tun, was anderen schadet, sondern
immer versuchen, ihnen weiterzuhelfen. Wenn wir dieser Lehre gehorchen,
erfüllen wir das Ziel des ganzen Gesetzes. Gold, Silber und Diamanten waren in
der Erde verborgen, lange bevor irgend jemand von ihrem Vorhandensein wußte. So
bestand auch das unergründliche Bergwerk der Liebe von Ewigkeit her, noch ehe
Jesus, die menschgewordene Liebe, der Welt den „überschwenglichen Reichtum"
der Wirklichkeit offenbarte. Aber als Er kam, da lehrte Er nicht nur über die
Liebe, sondern Er erfüllte und vollendete jene Lehre, indem Er Sein Leben
dahingab, und war auf jede Weise ein vollkommenes Vorbild für uns.
VII
DES MENSCHEN ENDGÜLTIGE
BESTIMMUNG
1.
Materialisten, seien sie Gelehrte oder Philosophen, sind durch den Staub des
Stoffes so geblendet, daß sie weder die Seele im Leib sehen können noch die
Geisteswelt, die hinter der stofflichen Welt liegt. Denn sie denken, die
Gruppe körperlicher und geistiger Eigenschaften, die eine menschliche
Persönlichkeit bilden, ist mit dem Tod zu Ende. Gelehrte, die mit greifbaren
Tat-
161
Sachen zu tun haben, sind in ihrer Erfahrung begrenzt. Bis zu
einem gewissen Grade können sie über das Wie sprechen, doch haben sie
auf das Warum der Dinge keine Antwort. Sie können wohl sagen: zwei und
zwei gibt vier, aber sie können nicht sagen, warum das so ist. Es gibt
Sinnzusammenhänge, wo es mehr als vier gibt; so geben z. B. zwei und zwei
Weizenkörner vier, aber wenn man diese vier Körner sät, so können Hunderte oder
sogar Tausende von Körnern erzeugt werden. In den vier Körnern ist der Keim der
Tausende enthalten (auch wenn diese Tatsache sich vor dem Gelehrten oder
Philosophen verbirgt, der von einer mathematischen Formel besessen ist). Und wo
der Keim ist, da liegt auch die Pflanze verborgen; aber sie wird zu ihrer
bestimmten Zeit erscheinen unter Bedingungen, die ihrem Wachstum dienen.
Deshalb dürfen wir sagen: in den vier Körnern sind Tausende gegenwärtig, und
wir können folgern: zwei und zwei gibt mehr als vier89. Nun können
die Gelehrten — jeder mit seinen Anschauungen, die seine Erfahrung gefärbt hat
— wohl sagen, wie Tausende aus vier hervorgebracht werden; aber sie
können die Frage nicht beantworten, warum sie hervorgebracht werden.
Weder können sie sagen, was das Leben ist, noch, woher es kam. Und solange sie
auf diese Fragen keine befriedigenden Antworten geben können, ist ihre
Behauptung, das geistige Leben höre mit dem leiblichen auf zu bestehen, leer
und unhaltbar.
2. Die den Darwinismus oder die Entwicklungslehre annehmen, geben
uns eine Theorie, die ist hart und unbarmherzig und steht gegen alle
Sittlichkeit. Sie behaupten: den Kranken, Schwachen oder Untauglichen zu
helfen, trage nur dazu bei, daß sie sich vermehren; dadurch werde die
Gemeinschaft geschädigt; deshalb sei es besser, sie verschwänden von der Erde.
Wie ein Gelehrter gesagt hat: „Unsere Güte führt oft dazu, daß wir die Wunde,
die wir heilen wollen, vergrößern." Wenn wir diesen Beweisgrund annehmen,
dann ist es gewiß, daß wir im Großen schlachten müssen, denn alle Qual und
Krankheit, Mangel und Schwäche sind durch die Sünde hervorgerufen; und da in
der Welt niemand ohne Sünde ist, hat keiner ein Recht zu leben. Es
162
ist kein Zweifel: wenn solche Leute ihre Theorie hätten anwenden
können, dann wäre die gesamte Kultur und Menschheit vertilgt und die Welt öde
und leer.
Aber zu unserem guten Glück wohnen wir in dem Reiche eines
Allmächtigen, Gerechten und Gnädigen Gottes, wo uns, wenn wir uns nicht durch
die Sünde selbst vernichten, niemand schaden kann. Wenn Gott gewollt hätte,
Wunden und Krankheit sollten nicht geheilt werden, dann hätte Er nicht Arzneien
und Heilkräuter erschaffen. Ihr bloßes Dasein beweist schon die besondere
Absicht, für die sie erschaffen wurden, nämlich, daß durch diese Gott-gegebenen
Mittel Menschen geheilt würden.
Es ist erstaunlich, daß Menschen den Namen Übermensch90 einem
Menschen geben, der so sehr der Barmherzigkeit, der Liebe und des Mitgefühls
ermangelt. Da ihm die Liebe zu Gott und zum Menschen fehlt, ist er vielmehr ein
Untermensch91, und zwar so sehr, daß er außerhalb des
Bereichs der Menschheit steht und ein blutsaugendes Raubtier heißen sollte.
Solch einer ist tatsächlich der Übermensch, welcher der Welteroberer genannt
wird. Er selber ist ein armer Sklave seiner Leidenschaften, und jeden
Augenblick seines Lebens wird er in seinem eigenen kleinen Selbst geschlagen.
Übermensch zu heißen, hat nur der Mensch das Recht, der seinen Schöpfer kennt
und zu Seiner Ehre und zum Wohl Seiner Schöpfung lebt. Wenn andererseits ein
Mensch verfehlt, dies zu tun, dann ist er, wie hoch zivilisiert und gebildet er
auch immer sein mag, nicht mehr als ein abgerichtetes Tier.
3. Der Mensch gleicht einer Wasserschierlingspflanze: solange
diese auf trockenem Lande wächst, bleibt sie ungefährlich, aber auf nassem und
feuchtem Grunde wird sie giftig. So wird der Mensch durch schlechte Umstände
und Umgebung selber schlecht und gefährlich; aber heilig und rein wird er
dadurch, daß er in der Gegenwart Gottes lebt und in der Gemeinschaft mit Ihm.
Dann gibt Gott ihm einen neuen Namen, der seinem Wesen und Leben vollkommen
entspricht. Denn Gott allein, der die Dinge erschuf und sie in ihrem Wesen
kennt, kann ihnen einen passenden Namen geben. Aber der Name, den der Mensch
gibt, kann
163
nicht angemessen sein, denn er weiß nicht, was das Ding in sich
selber ist. Da die Namen, die der Mensch geben muß, unvollkommen sind, weil
seine Erkenntnis begrenzt ist: deshalb konnte Gott ihm Seinen Namen überhaupt
nicht offenbaren, außer so weit, wie Er es tat, als Er sagte: „Ich bin, der Ich
bin" (2. Mose 3, 14).
4. (1) „Ihr sollt vollkommen sein, gleichwie euer Vater im Himmel
vollkommen ist." Vollkommen zu sein wie unser himmlischer Vater, das ist
die Bestimmung unseres Lebens. Wenn wir auch im Himmel einen außerordentlich
hohen Grad der Vollkommenheit gewännen, unser Fortschritt dann aber gehemmt
würde: dann hätten wir die endgültige Bestimmung unseres Daseins noch nicht
erreicht. Das letzte Ziel unseres Daseins kann in dem Zustand nicht vollendet
werden, der des Fortschritts ermangelt; denn wenn der Fortschritt aufhörte, so
würden daraus Stillstand und Zerstörung folgen. Außerdem, würde unser
Fortschritt gehemmt, dann blieben wir über viele Dinge unwissend. Da dem
Menschen das Verlangen eingeboren ist, mehr zu wissen, so würde uns das
unzufrieden machen, und der Himmel wäre für uns nicht länger der Himmel. Aber
fortzuschreiten und die Hoffnung auf immer weiteren Fortschritt zu haben, das
gäbe uns eine wunderbare Spannung und Freude. Und wenn wir schließlich
vollkommen werden wie der Vater, dann brauchen wir keinen weiteren Anreiz mehr,
denn wir haben unsere Bestimmung erreicht. Aber die Liebe, die Quelle unseres
Seins und das Leben unseres Lebens, bleibt auf ewig.
(2) Der Mensch hat es durch Forschung und Versuche unternommen,
aus den von Gott geschaffenen Dingen Körperkraft zu gewinnen, und hat bis zu
einem gewissen Grade die Mittel erlangt, das Leben zu verlängern. Ist es da
nicht möglich, daß er ewiges Leben und vollkommene Gesundheit und Kraft aus der
Quelle allen Geistes-Lebens gewinne? Und wenn wir ewiges Leben erlangt haben,
wird der Fortschritt in jeder Weise auch in der Ewigkeit noch weitergehen. Denn
wenn trotz vieler Hindernisse und unpassender Umstände der Fortschritt in der
Welt an-
164
gedauert hat, weshalb sollte der Fortschritt im Himmel gehemmt
werden, wo wir, auf keine Weise gehindert, über alle zum Fortschritt nötigen
Mittel verfügen? Vielmehr werden uns dort in der Gegenwart und Gemeinschaft
unseres himmlischen Vaters in unendlicher Zeit ständig unendliche Mittel zu
unendlichem Fortschritt gereicht, bis wir vollkommen werden, wie Er vollkommen
ist.
(3) Wenn wir und unsere Erkenntnis immer begrenzt bleiben, haben
wir weder die Fähigkeit, den unendlichen Gott zu erkennen, wie wir Ihn
erkennen sollten, noch können wir „erfüllt werden mit aller Fülle Gottes"
(Eph. 3, 19), noch können wir durch Seine unendliche Liebe voll begnadet
werden. Gott, der die Liebe ist und den Menschen sich selber gleich geschaffen
hat, hindert ihn nicht aus Eifersucht am unendlichen Fortschritt zu einer Vollkommenheit
gleich Seiner eigenen, noch wird Er dem Menschen viele Dinge, welche dieser
jetzt noch nicht kennt, auf ewig verborgen halten. Es ist auch unmöglich, daß
wir, wenn wir vollkommen gemacht werden wie Gott, uns gegen Ihn empören; denn
unser aufrührerisches Wesen wird schon vernichtet, ehe wir jenen Stand der
Vollkommenheit erreichen. Es wäre überhaupt keine Vollkommenheit, wenn wir auch
nur das Verlangen nach Empörung zurückhalten könnten. Indem wir Ihn erkennen
und mit Seiner unendlichen Liebe erfüllt werden, die das Leben unseres Lebens
ist, werden unsere Liebe und Treue gegen Ihn gleichfalls unendlich. Das
eigentliche Ziel, weswegen diese Liebe Mensch wurde, ist, den Menschen zu
Seiner eigenen Vollkommenheit zu erheben, wo alle Geheimnisse enthüllt werden
und keinerlei Unvollkommenheit zurückbleibt. Und hier erreichen wir unsere
endgültige Bestimmung. Während wir der Vollkommenheit entgegenschreiten,
erheben sich zahllose Fragen; sie werden aber nur in der kommenden Welt gelöst.
Doch wie das Küken, das noch nicht aus dem Ei geschlüpft ist, schon zu fliegen
wünscht, so verlangt den ungeduldigen Menschen danach, alle seine
Schwierigkeiten und Fragen schon in dieser Welt zu lösen. Das ist nicht nur
vorschnell, sondern unmöglich.
165
Es besteht auch die Gefahr, in falsche Vorstellungen verwickelt zu
werden, von denen zu befürchten steht, daß sie uns in der Zukunft schaden
(Joh. 16, 12). Wir sollen geduldig laufen sowie dankbar empfangen und gehorsam
ausführen, was immer uns jetzt offenbart worden ist, um unsere gegenwärtigen
Nöte zu stillen, und alles Zukünftige Ihm überlassen, der uns unversehrt zu
unserer endgültigen Bestimmung bringen wird, „damit wir vollkommen seien, wie
unser Vater im Himmel vollkommen ist".91
166
4.SCHRIFT
Betrachtungen92
über
verschiedene Seiten
des
geistlichen Lebens
In diesem
Büchlein habe ich ein paar Betrachtungen über verschiedene Seiten unseres
geistlichen Lebens niedergelegt und von jenen Schwierigkeiten gehandelt, denen
jeder Gottesmensch, wenn er die verschiedenen Stufen seines geistlichen Lebens
durchläuft, notwendigerweise begegnet.
Bei einigen der behandelten Fragen werden wohl nicht alle Leser
meinen Ansichten zustimmen. Es wäre seltsam, wenn sie es täten. Denn wie keine
zwei Menschen einander in Gestalt und Angesicht genau gleichen und auch nicht
das gleiche Vermögen des Gehörs und Gesichts haben: so ist auch, wie ein jeder
Mensch geistliche Wahrheit auffasst, durch seine Wesensart, seine Erfahrung
und seinen geistigen Blick bedingt. In den grundlegenden Dingen werden wir
wahrscheinlich nicht voneinander abweichen, wohl aber in den unwesentlichen.
Denn wenn Gott Seinen Willen offenbart, bedenkt Er Geistesstand und
Fassungskraft eines jeden Menschen. Daher kann, was dem einen ein Fortschritt
der Zeit dünken mag, einem anderen als veraltet und unnötig erscheinen.
167
Ferner gelingt es vielen nicht zu begreifen, was jene von Gott
geoffenbarten Tatsachen bedeuten, die jemand aufgezeichnet hat, der in Einigung
mit Gott lebte und durch Ihn erleuchtet wurde. Sie haben zwar selber keine sehr
deutliche Erfahrung im Umgang mit Gott gemacht; dennoch ziehen sie los,
erörtern ihre Lehren über Ihn und streiten sich um die Schalen unwesentlicher
Dinge wie die Hunde um dürre Knochen. Wer aber die Gemeinschaft und Einigung
mit Gott erfahren hat und über dieses unnütze Streiten hinausgehoben worden
ist, bringt aus der Schatzkammer seiner eigenen persönlichen Erfahrung „Altes
und Neues" und zeugt davon, ohne nach der Zustimmung der anderen zu
fragen.
Subathu, Simla
Hills, August 1925 Sundar Singh
168
1.Kapitel
ALLEIN MIT DEM MEISTER
1. Der
Meister nahm Seine drei auserwählten Jünger nicht nur um der Ruhe willen mit
auf den Bergesgipfel. Dort sollten sie vielmehr für einen Augenblick die
Wirklichkeit Seines herrlichen göttlichen Wesens zu sehen bekommen, zu deren
Offenbarung der tägliche Umgang mit Ihm sie vorbereitet hatte. Sie hatten
Seine Wunder gesehen und jene wunderbaren Worte gehört, die bis dahin noch nie
ein Mensch gesprochen. Aber es genügte nicht, daß sie nur in Anbetung und
erstaunter Verwunderung dabei standen. Es war sehr nötig für sie, daß sie ihr
überfülltes Tagewerk verließen und in der stillen Einsamkeit des Berges die
überweltliche Herrlichkeit Seiner göttlichen Person betrachteten. Doch auch
die Verklärung Seiner irdischen Gestalt war in sich selbst noch nicht genug.
Vielmehr mußten auch noch ihre Augen auf getan werden; denn wenn ihre
Geistes-Augen nicht aufgetan worden wären, dann hätten sie weder Christi
Angesicht gesehen noch erkannt, daß Mose und Elia bei Ihm waren. Ebenso mußten
sie sich die Ohren auftun lassen, denn ohne jene geöffneten Ohren hätten sie
nichts von „Seinem Tode, den Er sterben sollte", und erst recht nicht
Gottes eigene Stimme hören können, die da sagte: „Höret Ihn" (Luk. 9,
28—36).
Gott wurde in Christus Mensch und spricht durch Ihn zu uns, und
wir sollen Ihm in ganzem Gehorsam nachfolgen und nicht fragen: Wie? oder Warum?
Wir können Seine liebliche Stimme jedoch nur hören, wenn wir unsere Ohren gegen
die ablenkenden Stimmen der Welt verschließen; auch können wir Ihm nur begegnen
und mit Ihm Gemeinschaft haben, wenn wir aus ganzem Herzen danach verlangen.
Wenn wir selber nicht schweigen, können wir nicht hören, was andere sagen; wir
können sie erst dann ganz verstehen, wenn wir ihnen volle Aufmerksamkeit
169
schenken. So müssen wir, wenn wir die Stimme unseres himmlischen
Vaters hören wollen, in der Stille vor Ihm warten und unser Gemüt und Herz ganz
auf Ihn richten; denn Er offenbart sich noch immer denen, die Ihn unermüdlich
suchen. Und nicht nur dies, sondern wer so sucht, wird das Vorrecht der Gemeinschaft
der Heiligen haben, so wie jene drei Apostel, weil sie mit Ihm verbunden waren,
sich der Gemeinschaft mit Mose und Elia erfreuten.
2. Wir dürfen diese heilige Gemeinschaft auch nicht bloß suchen,
damit wir mit ihrer Hilfe in der Welt vorankommen, wie jene beiden Jünger
taten: sie baten, zur Rechten und Linken des Königs sitzen zu dürfen, wenn Er
in Seinem herrlichen Reich kommen werde (muß. 10, 35—37). Stelle dem den
besseren Weg Marias gegenüber: sie suchte nicht einen hohen Platz am Thron,
sondern war zufrieden, zu den Füßen des Herrn selbst zu sitzen und Seine
Leben-spendenden Worte zu hören. So erwählte sie „das gute Teil, das soll nicht
von ihr genommen werden" (Luk. 10,39-42).
3. Wenn wir uns innern, so spricht Gott zu unserem Herzen, aber
nicht durch Worte; und wenn wir unsere Herzen demütig bringen zu Ihm, dem
Brunnquell allen Lebens, dann wird Er in uns hereinströmen mit der ganzen Fülle
Seiner Gegenwart. Wie die Quelle das Gefäß füllt, das unter ihren Wasserstrahl
gestellt wird, so fließen Gottes Geist und wahrer Friede in das Herz dessen,
der sein Herz demütig macht, um sie zu empfangen.
Hugo93 hat gesagt: „Der Weg emporzusteigen ist, in sich
selbst hinabzusteigen."
„Ich wohne in der Höhe und im Heiligtum und bei denen, die
zerschlagenen und demütigen Geistes sind" (Jes. 57,15).
Hylton94 hat diese Worte geschrieben: „Christus ist wie
das Geldstück im Gleichnis verloren; aber wo? In deinem Hause, das ist in
deiner Seele. Du brauchst nicht nach Rom oder nach Jerusalem zu laufen, um Ihn
zu suchen. Er schläft, wie einst im Schiffe, so in deinem Herzen. Wecke Ihn mit
dem lauten Ruf deines Ver-
170
langens. Wie dem auch sei, so glaube ich, du schläfst häufiger, wo
Er dich ruft, als umgekehrt."
Nachdem wir in die Einsamkeit des Gebetsberges gestiegen und Ihm
dort begegnet sind, sollen wir nicht, wie jene Jünger wollten, unsere Zeit
damit vergeuden, daß wir Pläne schmieden und Hütten bauen wollen, sondern
sollen mit unserer neugefundenen Kraft zur Menschenwelt zurückgehen und das
Werk vollenden, das uns aufgetragen ward.
2. Kapitel
1. Wir wissen aus unserer Erfahrung, wie stark das Verlangen ist
nach Gott, das in unserem Herzen geboren wird. Wie der Hirsch Not leidet, bis
er die Wasserquelle im Dschungel findet, so dürstet des Menschen Herz nach Gott
und ist unruhig, bis es Ihn findet95. Obgleich der Mensch auf
vielerlei Weise versucht, dieses angeborene Verlangen seines Herzens zu
stillen, so wird dieses Begehren erst befriedigt, wenn er Gott findet. Nur in
Ihm, der beides geschaffen hat, das Herz wie sein Verlangen, kann es
vollkommene Befriedigung geben. Homer96 hat gesagt: „Wie junge Vögel
ihre Schnäbel nach der Nahrung öffnen, so sehnen sich alle Menschen nach den
Göttern."
Bei einer Reise in den Bergen setzte ich
mich einmal auf einen Felsen nieder, um auszuruhen. Unterhalb des Felsens war
ein Busch; in ihm befand sich ein Vogelnest, aus dem ich den Schrei junger Vögel
hörte. Ich sah, die Vogelmutter war mit Nahrung für sie gekommen; und sowie sie
das Rauschen ihrer Flügel hörten, begannen sie laut zu schreien. Aber als die
Mutter ihnen Nahrung gegeben hatte und fortgeflogen war, da waren sie alle
wieder still. Ich ging hinunter, um das Nest zu sehen. Da fand ich: obwohl sie
noch nicht alt genug waren, um ihre Augen aufzutun, so pflegten sie doch, ohne
ihre Mutter zu sehen, ihre Schnäbel zu öffnen, sowie sie sich näherte. Sie
hätten auch sagen können: „Wir öffnen unsere Schnäbel erst, wenn wir unsere
Mut-
171
ter oder
unsere Nahrung sehen, denn wir wissen nicht, ist's unsere Mutter oder ein
Feind, oder hat sie in ihrem Schnabel Nahrung oder Gift." Dann hätten sie
aber sicherlich keine Gelegenheit dazu gehabt, denn ehe ihre Augen sich
geöffnet hätten, wären sie vor Hunger gestorben. So aber hegten sie an der
Liebe ihrer Mutter keinerlei Zweifel, und nach wenigen Tagen, wenn ihre Augen
sich öffnen, würden sie glücklich sein, ihre liebe Mutter zu sehen. Sie würden
immer kräftiger und ihr immer ähnlicher werden, und bald würden sie im Freien
davonfliegen können.
Laßt uns bedenken, ob wir, die wir die edelsten aller Geschöpfe
genannt werden, nicht tief unter diesen unbedeutenden Nestlingen stehen; denn
oft haben wir in unserem Gemüt an dem Dasein und der Liebe unseres Himmlischen
Vaters Zweifel gehabt. Jesus hat gesagt: „Selig sind, die nicht sehen und doch
glauben" (Joh. 20, 29). Wir, die wir das Herz Gott öffnen, empfangen von
Ihm geistliche Nahrung und werden zur rechten Zeit unsere volle Größe
erreichen. Und wenn wir Ihn einst sehen werden von Angesicht zu Angesicht,
dann werden wir in Seiner Gegenwart auf ewig selig sein.
2. Von einem weisen Manne wird eine Geschichte erzählt. Er traf
drei Männer auf der Straße. Der erste war bleich, vertrocknet und von Furcht
geplagt. Er fragte ihn: „Woher kommt es, daß du in einer so üblen Verfassung
bist?" Er antwortete: „Mich quält beständig der Gedanke, ich könnte in das
Höllenfeuer geworfen werden." Der Weise sagte: „Es ist sehr traurig, daß
du keine Gottesfurcht hast, die doch der Anfang der Weisheit ist, sondern dich
vor etwas Geschaffenem (Höllenfeuer) fürchtest. Dein Gottesdienst ist nicht
echt. Er ist eine Art Bestechung; du bietest sie an in der Hoffnung, dich
dadurch vor dem Höllenfeuer zu retten."
Der zweite Mann saß da und verzehrte sich in Kummer und Sorge. Der
Weise fragte: „Weshalb bist du so traurig und voll Kummer?" Er erwiderte:
„Ich fürchte, man könnte mir die Freude und Ruhe des Himmels rauben." Der
Weise antwortete: „Es ist
172
eine Schande, daß du des Schöpfers und Seiner wunderbaren Liebe
nicht mehr gedenkst und zu Gott nur betest, weil du den Himmel gewinnen willst,
den Er geschaffen hat."
Nachdem er mit diesen beiden Männern geredet hatte, traf er einen
Dritten, der war sehr glücklich und zufrieden. Er fragte ihn; „Was ist das
Geheimnis deiner Freude und deines Friedens?" Ei sagte: „Ich bete
beständig zu Ihm97, der mich lehrte, Gott im Geist und in der
Wahrheit anzubeten: Er möchte es mir gewähren, daß ich Ihn mit Herz und Seele
liebe und Ihm diene und Ihn anbete aus Liebe allein. Sollte ich Ihn aus Angst
vor dem Höllenfeuer anbeten, dann mag Er mich dahinein werfen! Sollte ich Ihm
dienen aus dem Verlangen, den Himmel zu gewinnen, dann mag Er mich von ihm ausschließen!
Aber sollte ich Ihn anbeten aus Liebe allein, dann möchte Er sich mir
offenbaren, damit mein ganzes Herz von Seiner Liebe und Gegenwart erfüllt
werde!"
3. Wenn wir nicht Gott suchen, sondern danach trachten, das zu
bekommen, was Er geschaffen hat, und statt Seiner irdische Güter zu erwerben
suchen: dann haben wir tatsächlich den Schöpfer aller Dinge verlassen. Aber
die Zeit wird kommen, da wir sogar die geschaffenen Dinge verlassen und uns
nichts mehr bleibt als unser Sünden-verderbtes und wertloses Leben. Doch wenn
wir unsere Herzen von allen irdischen Dingen abkehren und zu Gott wenden, dann
werden wir mit Ihm auch alles andere erlangen. Der weltliche Mensch sucht
nicht Gott, sondern das Selbst. Deshalb wird er zum Schluß erkennen: ihm bleibt
nichts weiter als seine Strafe und sein ungesegnetes Leben. Wer sich selber
sucht, verliert alles. Er findet weder Gott, noch findet er sich selbst.
3. Kapitel
1. Die Atheisten leugnen Gottes Dasein; aber ihrer keiner kann
beweisen, Gott sei nicht. Wenn wir auch für einen Augenblick zugäben, die
unbewiesene Behauptung der Atheisten sei wahr, so bewiese das nur aufs neue
eher ihre Unwissenheit als ihre Weis-
173
heit und Wahrheit; denn wenn, wie sie sagen, Gott nicht wäre, dann
wäre es doch unnütz, Zeit damit zu vergeuden, daß man das Nichtdasein von etwas
beweist, was wirklich nicht da ist. So die Zeit zu vergeuden, die nützlicher an
andere Dinge gewendet werden könnte, ist nichts als Torheit. Wenn Gott ist —
und daß Er ist, wissen alle geistlich erleuchteten Menschen wohl —, dann ist es
eine noch größere Torheit, daß man zu beweisen versucht, dieser Schöpfer und
Vater aller Dinge sei nicht. „Der Tor spricht in seinem Herzen: Es ist kein
Gott" (Ps. 14, i). Indem er dies behauptet, beweist er keineswegs das
Nichtdasein Gottes, sondern beweist vielmehr, wie blind er geistlich ist und
wie unfähig, Ihn zu erkennen. Wie er so seine überzeugenden Gründe vorbringt,
gleicht er einem schwachen Insekt, das kraft seiner Beweisgründe zu beweisen
versucht, es gäbe keine Sonne — Gründe, die nur einen Blindgeborenen
überzeugen.
Aber man mag einwenden: wenn Menschen an irgendeine Person oder
Sache glauben und dadurch schädlichen Aberglauben verbreiten, dann ist es doch
unsere Pflicht, solche Glaubensvorstellungen auszurotten. Aber hat der
Gottesglaube schon jemals einem Menschen Leid angetan? Niemals! Andererseits
sind aus der Furcht und Liebe Gottes ungezählte Segnungen geflossen und haben
die Gläubigen reich gemacht. Es kann keine größere Torheit geben, als daß man
gegen den Urquell Allen Lebens schreibt oder spricht; denn dadurch entehren wir
Ihn nicht nur und sündigen gegen Ihn, sondern wir berauben auch andere der
Erkenntnis des wahren Wesens Gottes und reißen sie wie auch uns selber in den
Untergang.
2. Agnostiker62 glauben weder noch bezweifeln sie, daß
Gott ist. Sie sagen: wir wissen es nicht und können es auch nicht wissen. Aber
das ist falsch; denn jedes Verlangen, das wir haben, ist uns zu einem
bestimmten Zweck gegeben; und es wäre in uns kein Verlangen, an Gott zu
glauben, geschaffen worden, wenn Der nicht in Wahrheit wäre, der jenes
Verlangen stillen kann.
Obgleich von einer Mutter geboren, hat das Kind doch ein besonderes
Dasein eigener Art. Auf seine kindliche Weise liebt es
174
seine Mutter zärtlich; aber es kennt seine Mutter nicht so gut,
wie diese ihr Kind kennt und liebt. Wenn es wächst, lernt es sie besser kennen
und kann immer voller in die Freude ihrer Gemeinschaft eintreten. Ebenso müßte
auch unsere Erkenntnis unendlich werden, damit wir den unendlichen Gott
erkennen, wie wir sollten. Das bedeutet aber nicht, daß wir Ihn überhaupt
niemals erkennen können; denn auf allen Stufen unseres Fortschrittes können wir
Ihn erkennen und uns Seiner Leben-spendenden Gegenwart erfreuen. Was brauchen
wir gegenwärtig mehr zu wissen als das? Aber in dem Maße, wie wir in der
Zukunft weiter an geistlicher Gestalt zunehmen, erfahren wir beständig immer
mehr von Ihm. Wir haben keinen Grund zur Ungeduld, wenn wir Ihn in unserem
gegenwärtigen Zustand nicht völlig verstehen, denn wir haben noch unendliche
Zeit vor uns, um den unendlichen Gott zu erkennen. Wenn wir gemäß dem Licht
leben, das wir haben, dann genügt es für die Gegenwart, daß wir Ihn soweit
kennen, wie die jeweilige Stufe unseres Fortschritts es nötig macht.
3. Wenn es nötig wäre, daß wir auf unserer gegenwärtigen Stufe
Gott vollkommen erkennen, dann hätte Er dafür gesorgt, daß jener Not abgeholfen
würde; denn Gott sorgt immer für das, was dazu gut ist und nützt, daß die
tatsächliche Not Seiner Geschöpfe gestillt wird. Er will auch, daß wir
beharrlich versuchen, Ihn immer besser zu erkennen; denn es ist vorteilhafter
für uns, wenn wir, von unserem eigenen Verlangen getrieben, von selber zu
erkennen versuchen, als daß uns die Erkenntnis Seiner fix und fertig gegeben
würde. Marcel98 sagt: „Was der Lernende entdeckt, wenn er seinen
eigenen Verstand anstrengt, das erfaßt er besser als das, was ihm gesagt
wird." Wir können von einer Sache nur eine Teilerkenntnis gewinnen und sie
niemals erkennen, wie sie wirklich ist, es sei denn, wir haben sie in unserem
eigenen Bewußtsein durchdacht. „Und wer wissen will, ehe denn er glaubt, der
kommt nimmer zu wahrem Wissen .. . Man meint hier etwas von der Wahrheit: was
möglich ist zu wissen und zu erfahren, das muß man glauben, eh' denn man es
wisse oder erfahre, sonst
175
kommt man nimmer zu wahrem Wissen" (Theologia Deutsch)99.
Einige Philosophen sagen, Gott sei unerkennbar. Dies ist wiederum sinnlos.
Denn die bloße Erkenntnis, Er sei unerkennbar, ist eine Schlußfolgerung aus der
begrenzten Erkenntnis Seiner, die sie besitzen. Denn wenn Gott jenseits unserer
Erkenntnis wäre, wie ist dann die Erkenntnis, Er sei unerkennbar, zu uns
gekommen? „Daß es Erkenntnis gibt, wird schon durch die Tatsache ihrer Verneinung
bestätigt."
4. Aber von unserer Erkenntnis des Daseins Gottes abgesehen, ist
doch schon, was wir von den unbedeutenden geschaffenen Dingen um uns herum
erkennen, sehr unvollständig. Wir kennen vielleicht ein paar ihrer äußeren
Eigenschaften, wissen aber nichts von ihrem wirklichen Innenleben und
tatsächlich so gut wie nichts über unser eigenes Selbst. Wenn ein Mensch volle
Erkenntnis seines eigenen Wesens erlangen könnte, dann hätte er wenig
Schwierigkeiten, Gott zu erkennen, als dessen Ebenbild er geschaffen worden
ist. Die Wechselbeziehung zwischen Gott und Mensch ist so beschaffen, daß, wer
den einen erkennen will, notwendigerweise auch den anderen erkennen muß. „Wir
können nur erkennen, was uns selbst verwandt ist." Und wäre der Mensch
nicht als gottähnlich geschaffen, dann könnte er niemals danach streben, Ihn zu
erkennen. Jemand hat einmal gesagt: „Es ist erwiesen: Gott kann nur durch Gott
erkannt werden." Und Gott wurde Mensch, damit Er des Menschen gefallenes
Wesen fortnehme und ihn nach seinem wirklichen Wesen wiederherstelle (Ps. 82,
6). Wie Athanasius 10° gesagt hat: „Er wurde Mensch, damit wir
göttlich würden."
Gott hob die Menschen aus ihrem gefallenen Zustand empor und
machte sie zu Seinen Boten und Feuerflammen (Hebr. 1, 7). Gott ist Geist und
Feuer (Matth. 3, 11). Gleich Feuerflammen werden, heißt Gott ähnlich werden,
denn „die kleinste Flamme hat alle Eigenschaften des Feuers". Das bedeutet
aber nicht, Gott und Mensch seien ein Geist, wie jene Pantheisten und
Philosophen behaupten, die da sagen: „Die verschiedenen Seelen oder Selbste
sind nur bruchstückhafte Offenbarungen des Unbeding-
176
ten." Wenn wir Gott mit Seiner Schöpfung vermischen, stillen
wir dadurch die Sehnsucht der Seele nicht. Aber wirkliche und ewige Seligkeit
finden wir in Seiner Gemeinschaft.
5. Gott entmutigt niemals einen Wahrheitssucher dadurch, daß Er
sagt, er oder sein Glaube sei falsch; vielmehr fügt Er es so, daß der Mensch
selbst allmählich seinen Irrtum erkennen und die Wahrheit davon unterscheiden
lernt. Von einem armen Grasmäher wird die Geschichte erzählt, wie er einen
schönen Stein im Dschungel fand. Er hatte oft von Diamanten gehört und dachte,
das wäre einer. Er brachte ihn in einen Juwelierladen und zeigte ihn mit
Entzücken dem Juwelier. Dieser war ein gütiger und mitfühlender Mann und sah:
wenn er dem Grasmäher sagte, sein Stein wäre kein Diamant, so würde der es
entweder nicht glauben, oder es würde ihn so erschüttern, daß seine ganze
Hoffnung in den Staub sänke. Deshalb verfuhr der Juwelier so, daß der arme Mann
selber seinen Fehler entdecken konnte. Er gab ihm etwas Arbeit in seinem Laden
und behielt ihn solange dort, bis er selbst die Arten der Diamanten und ihre
Preise unterscheiden konnte. Dann hieß der Juwelier ihn, seinen Stein
herbeizubringen. Bis dahin hatte der Grasmäher ihn sorgsam in einem Koffer verborgen
gehalten. Er nahm ihn jetzt heraus und sah mit Erstaunen, er war wertlos. Da
erblaßte er, kam und fiel seinem gütigen Meister zu Füßen und sagte: „Ich danke
dir sehr für deine Güte und dein Mitgefühl. Du hast meine Hoffnung nicht
vernichtet, sondern alles so eingerichtet, daß ich jetzt meinen Fehler ohne
eines anderen Hilfe erkenne. Jetzt wünsche ich nur noch, ich könnte für immer
bei solch einem Meister bleiben und den Rest meines Lebens in deinem Dienst
verbringen." Auf solche Weise bringt Gott die Menschen, die in den Irrtum
davongegangen sind, auf den Weg der Wahrheit zurück, so daß sie, wenn sie
selber die Wahrheit erfahren, Ihm folgen und Ihm den Dienst ihres ganzen Lebens
weihen.
6. Die Menschen sind oft so töricht und unwissend, daß sie sich
einbilden, sie täten Gott und Seinen Dienern einen großen Gefallen, wenn sie
am Gottesdienst in der Kirche teilnähmen. Die
177
aber mit solch einer Vorstellung zum Gottesdienst kommen, können
Gottes wirkliches Wesen nicht wahrnehmen. Sie gleichen jenen törichten
Berufsbettlern101, die den Beweggrund dessen, der ihnen Brot gibt,
damit sie ihren Hunger stillen, nicht kennen. Anstatt daß sie ihm dankbar sind,
meinen sie, sie hätten ihm eine große Gunst erwiesen: denn sie gaben ihm doch
eine Gelegenheit, das Verdienst seiner guten Taten dadurch zu vermehren, daß
er den Armen Almosen gab. Sie sind Narren und erkennen nicht, daß sie sich
selbst und ihrem Begehren einen großen Dienst erwiesen haben, und daß sie von
Herzensgrund dem dankbar sein sollten, der ihrem Hunger abgeholfen hat.
7. Der Schöpfer hat dem Menschen Verstand, Gefühl und Willen
gegeben. Wenn der Mensch Kraft bekommen will, damit er Gott dienen kann, muß er
seine Geistesnahrung mit den Zähnen des Verstandes zerkauen; aber anstatt daß
er seine Verstandeskräfte klug gebraucht, vergeudet er sie oft an müßige
Grübeleien. Ein Hund, der einen dürren Knochen findet, nagt oft solange daran
herum, bis er sein Maul zerreißt. Wenn er dann Blut schmeckt, nagt er noch eine
Zeitlang mit Wohlgeschmack weiter, ohne zu wissen, daß es sein eigenes Blut
ist. So vergeudet auch der Mensch seine Gott-gegebenen Verstandesgaben an unnütze
Grübeleien. Auch geistliche Empfindungen sind ihm gegeben, damit er Gottes
Gegenwart empfinde und sich ihrer erfreue. Doch durch die tötende Wirkung des
Ungehorsams und der Sünde verliert er seine Wahrnehmung Gottes sowie sein Vermögen,
sich Seiner zu erfreuen. Solche Leute blicken nicht über ihr selbstsüchtiges
Selbst hinaus und haben überhaupt kein Empfinden für die Gegenwart Gottes. So
werden sie am Ende in ihrem Unglauben Gott gegenüber nur noch bestätigt.
Gleicherweise wird des Menschen Wille, wenn er Gottes Willen zuwiderläuft, der
Sünde versklavt und führt, da er nicht frei ist, zu geistlichem Selbstmord.
8. Das Wasser eines Flusses, der in dem einen Lande entspringt,
fließt durch viele verschiedene Gebiete, ehe es zum Meer zurückkehrt, woher es
ursprünglich gekommen war. Es fließt innerhalb
178
der Grenzen vieler Häuptlinge, Rajahs und Fürsten. Doch keiner
kann es innerhalb seines Gebietes anhalten, denn es ist nicht sein Besitz. Es
gehört vielmehr allen, und wo immer es fließt, da löscht es den Durst aller. So
verhält es sich auch mit dem Strom des Lebenswassers: er entspringt dem
unendlichen Ozean Gottes und fließt durch die göttlichen Kanäle der Propheten
und Apostel; er bewässert die ganze Welt, löscht den Durst aller und macht das
Leben aller Menschen und Völker reich und fruchtbar. „Und wer da will, der nehme
das Wasser des Lebens umsonst" (Offbg. 22,17).
4. Kapitel
SCHMERZ UND LEIDEN
1. In der
Welt gibt es geistlichen wie leiblichen Schmerz. Geistlicher Schmerz folgt aus
der Sünde und Trennung von Gott, während leiblicher Schmerz von irgendeiner
körperlichen Krankheit oder Verletzung kommt. Alle lebendigen Geschöpfe leiden
in dem Maße, wie ihre Sinnesorgane entwickelt sind, aber nicht so sehr wie der
Mensch, dessen Empfindungen und höheren Verstandeskräfte sein Vermögen zu
leiden unermeßlich erhöhen; denn wenn immer er sich vorstellt, er habe Schmerz,
dann wird sein tatsächliches Leiden in demselben Maße vermehrt.
Gewöhnlich sind die Zähne, Klauen und Schnäbel der Raubvögel und
Raubtiere derart, daß ihre Opfer ihnen kaum entkommen können: so wird die
Beute ohne übermäßige Schmerzen sofort getötet und bleibt vor dem Leiden
bewahrt, das folgt, wenn sie verwundet entkäme. Auch das Gift der Schlangen und
giftigen Insekten dringt ins Blut und ruft solche Betäubung hervor, daß der Tod
ohne Schmerz erfolgt. In der Natur — von ein paar außergewöhnlichen Umständen
abgesehen — tritt der Tod für gewöhnlich ohne übermäßige Schmerzen ein, denn
zur Zeit des Todes sind die Opfer entweder durch die Wirkung des Gifts oder
durch die Nervenerschütterung der Wunde nur noch halb bei Bewußtsein. Kurzum,
ihre Lage ist nicht so schlimm, wie wir sie uns oft
179
vorstellen, aber Schmerz und Leiden als die Folge eines körperlichen
oder geistigen Übels sind in der Tat qualvoll.
2. Schmerz und Leiden sind oft nötig, damit unser geistliches
Leben fortschreite und wachse, und Gottes Wille ist nicht, daß wir ihm stets
entfliehen. Viele Dinge erscheinen dem Geschmack bitter und schlecht und nützen
uns doch sehr. Wir dürfen sogar so weit gehen, daß wir sagen: jedes Gift und
widerlich bittere Ding wirkt bei dem einen oder anderen Leiden als Heilmittel.
Wir nennen sie Gifte, weil wir ihre wirklichen Heilkräfte nicht kennen; aber
Gott hat ein jedes geschaffen, damit es irgendeinen besonderen Zweck erfülle,
und das vermag es auch. Doch da wir nicht wissen, wie es angewendet werden muß,
gebrauchen wir es oft zu unserem Schaden. Gott hat nichts geschaffen, das in
sich schädlich oder schlecht wäre, oder das, wenn richtig gebraucht, irgendeinem
Seiner Geschöpfe schaden könnte. Gleicherweise sollen alle Schmerzen und Leiden
dem geistlichen Leben helfen, daß es wachse und sich vertiefe (Röm. 8, 18).
Giftige und unheilvolle Wirkungen treten in unserem Leben nur ein, wenn wir die
Kräfte und Fähigkeiten, die Gott gegeben hat, mißbrauchen, vor allem durch
Ungehorsam.
3. Schmerz und Leiden sind nicht nur höchst hilfreiche Mittel,
einen Menschen zu geistlichem Leben zu erwecken, sondern dienen auch denen,
die ihm in seiner Not beistehen; denn sie geben auch ihnen Gelegenheit, jene
besonderen Eigenschaften zu üben, die sie selber nötig haben, damit sie zur
Vollkommenheit heranwachsen. Und der wirkliche Sieg besteht nicht darin, daß
wir vor Schmerz und Leiden oder Tod und Übel bewahrt würden, sondern daß wir
durch Gottes Gnade Schmerz in Ruhe, Kreuz und Tod in Leben und Böses in Gutes
verwandeln. Aus diesem Grunde allein werden wir in diesen Krieg und Kampf
gestoßen, denn „wir müssen durch viel Trübsal in das Reich Gottes
eingehen" (Apg. 14, 22). Den wahren Wert der Ruhe können wir nur würdigen,
wenn wir den Schmerz kennengelernt haben; den Wert des Süßen erst, wenn wir das
Bittere geschmeckt haben; den Wert des Guten nur, wenn wir das Böse gesehen
haben; den Wert des
180
Lebens erst, wenn wir durch den Tod hindurchgegangen sind. Deshalb
ist es Gottes Wille: ehe wir mit Ihm in Sein Reich eingehen, um uns Seiner
ewig zu erfreuen, müssen wir durch all diese Leiden hindurchgehen und durch
unsere eigene Erfahrung eine Lehre für die Ewigkeit gewinnen.
4. Bevor die Perle langsam Gestalt gewinnt, hat die Perlauster
große Leiden zu erdulden. Wenn die Mutter der Perle, die Perlmutter, gequält
wird, weil irgendein Lebewesen eingedrungen ist — ein bohrender Schmarotzer,
ein Wurm, ein Fischlein, ein Sandkorn oder etwas anderes Anorganisches —, und
wenn sie sich selbst nicht befreien kann: dann macht das Weichtier das, was es
reizt, notgedrungen dadurch unschädlich, daß es dieses in einen Gegenstand der
Schönheit verwandelt. Perlen werden durch Schmerz und Leiden erzeugt. Doch wenn
man sie nachlässig behandelt, wird ihr Glanz zerstört. Ihr Reiz, den sie einem
besonderen Oberflächenspiel des Lichts verdanken, kann zerstört werden, wenn
sie mit Fett, Tinte oder einem ähnlichen Stoff verunreinigt werden. Mitunter
sind in alten Gräbern mit dem Leichnam auch Perlen bestattet worden, aber auch
sie sind zerfallen und haben ihren Staub mit dem des Toten vermischt. Ebenso
steht es mit unserem geistlichen Leben: gleich der mit Schmerzen geborenen
Perle kann es ohne Schmerz und Leiden nicht schön werden. Und selbst wenn wir
jenen Zustand der Schönheit erreicht haben, bleibt doch noch zu befürchten, wir
möchten aus jenem hohen Stande fallen und unseren Glanz verlieren, wenn wir
nicht stets mit demütigem und dankbarem Herzen in Liebe dem Herrn anhangen (i.
Kor. 10, 12). Deshalb ist es nötig, daß wir beständig wachen und beten.
5. Wie Diamanten und andere Edelsteine durch Hunderttausende von
Jahren in der Werkstatt der Natur durch Hitze, Kälte und Druck hindurchgehen,
ehe sie ihre vollkommene Schönheit erreichen, so müssen auch wir durch Schmerz
und Leiden hindurchgehen, ehe wir vollkommen werden können. Und obgleich
Chemiker Diamanten und andere Edelsteine künstlich herstellen können, so sehen
wir doch, wenn wir sie sorgfältig prüfen,
181
ihre Mängel. So können auch wir nicht an einem einzigen Tage
solche Vollkommenheit erreichen, daß wir keine Mängel an uns haben; sondern nur
dadurch, daß wir beständig in der Nähe und Gegenwart unseres Himmlischen Vaters
leben, werden wir vollkommen, gleich wie Er vollkommen ist.
6. Regen und Sturmwinde mögen zerstörerisch erscheinen, doch sind
sie wirklich Segnungen in Verkleidung, denn sie räumen allerlei tödliche Keime
von Seuchen und Krankheiten fort und bringen uns Gesundheit. Ebenso bringen uns
der Wind des Heiligen Geistes (Joh. 3, 8) und der Sturmstoß des Schmerzes und
Leidens geistliche Gesundheit und Segnung.
Die Sonnenhitze zieht Wasserdampf empor und gestaltet ihn zu
Wolken, die dann als Regen zu uns zurückkommen. So spendet uns auch die Sonne
der Gerechtigkeit dadurch Leben, daß sie Ströme lebendigen Wassers in unser
geistliches Leben hereinfließen läßt.
7. Sehr viele Menschen wissen nicht, daß die Sehnsucht des Herzens
in dieser und der anderen Welt nur in Gott gestillt werden kann. Einige unter
ihnen — Philosophen sowohl wie Sittenlose und Verbrecher — haben, wenn es
ihnen nicht gelang, irgendwelche Befriedigung in der Welt zu finden, alle
Hoffnung fahren lassen und versucht, allem dadurch ein Ende zu machen, daß sie
sich selbst das Leben nahmen. Im äußersten Gegensatz dazu sehen wir wahre
gläubige Christen. Sie leiden viel in dieser Welt, denn je weiter sie in ihrer
geistlichen Erfahrung wachsen, um so größere Schwierigkeiten erstehen. Der
Weltlichgesinnte kann das überhaupt nicht verstehen; so hilft er ihnen nicht,
sondern bekämpft und verfolgt sie. Dennoch verfallen sie nicht dem Selbstmord
der Verzweiflung; denn gerade darin, daß sie allem weltlichen Ehrgeiz absagen,
finden sie Frieden in der Gemeinschaft mit Gott. Aber obgleich alle geistliche
Sehnsucht des Menschen in Gott gestillt wird, verlangt er doch nach der Freundschaft
und dem Mitgefühl seiner Mitmenschen. Und wo dieses unmittelbare Verlangen nach
menschlicher Gemeinschaft nicht befriedigt ist, da stillt Christus, der beides
ist: Gott und Mensch,
182
sein Verlangen nach Gemeinschaft wie seine geistliche Sehnsucht.
Denn Sein Verstehen der Schwierigkeiten und Leiden des Menschen entspringt
nicht nur Seinem göttlichen Wesen, sondern auch Seiner persönlichen Erfahrung,
da Er selbst als Mensch gelitten hat. Und deshalb kann Er jetzt mit allen
Menschenkindern ganz mitfühlen und ihnen vollkommen helfen.
8. Geistlich gesinnte Menschen leiden in dieser Welt (2. Tim. 3,
1.2.), denn sie werden mißverstanden von anderen, welche die Wahrheit
nicht zu würdigen vermögen und durch die Sünde ihr Wesen verkehrt und ihr
geistliches Erkenntnisvermögen abgetötet haben. Wenn Menschen dieser Art einen
guten Menschen treffen, entdecken sie: sein Wesen läßt sich mit dem ihren
nicht vereinen; sie fühlen sich wie von selbst dazu getrieben, daß sie ihm
gegenüber eine feindselige Haltung einnehmen. Aber wenn jener Mann, dessen
Gefühl und Gewissen empfänglich sind für Gott, mit einem Gleichgesinnten in
Berührung kommt, dann erkennt er das Gottes-Leben, das in diesem wirkt, und
fühlt sich zu ihm hingezogen.
Das Leben des wahren Christen gleicht dem Sandelholz: dieses teilt
der Axt, die es spaltet, seinen Wohlgeruch mit, fügt ihr aber keinen Schaden
zu. Gott hatte Heinrich Seuse102 angekündigt: „Du wirst den Verlust
deines guten Namens öffentlich erleiden, und wo du nach Liebe und Treue
ausschaust, da wirst du Verrat und Leiden finden." Das hat sich in der
Erfahrung sehr vieler Christen wiederholt. In dieser Welt mußten alle
gottesfürchtigen Propheten und Apostel und selbst der Herr leiden. Wer nun dem
Leiden entfliehen will, der muß die Wahrheit verleugnen, sein Gesicht von Gott
abwenden und Freundschaft schließen mit der Welt. Andererseits ist es ein
großes Vorrecht, mit dem Herrn selber an der „Gemeinschaft Seiner Leiden"
(Phil. 3, 10) teilzuhaben. Wer an dem Leiden Seines Herrn aufrichtig teilhat,
wird, wenn der bestimmte Tag kommt, schließlich in die ewige Herrlichkeit
eingehen und mit Ihm herrschen (2. Tim. 2,12).
9. Ehe wir das uns bestimmte Ziel erreichen, müssen wir durch
Schmerzen, Leiden und Versuchung gehen. Alle diese Zwischen-
183
stufen sind notwendig zum Wachstum unseres geistlichen Lebens und
für unser künftiges Wohl; deshalb ist es Gottes Wille, daß wir sie
durchschreiten. Wenn Gott das für uns nicht so geplant hätte, dann würde Er es
auch nicht von uns fordern. Aber wenn Er es fordert — wer sind wir, daß wir Ihm
widerstehen? Hierzu ist nichts mehr zu sagen. Was auch immer uns beschieden
ist, wir sollen es gern annehmen und in unserem Herzen keinerlei Zweifel Raum
geben; denn der Zweifel errichtet eine Schranke zwischen uns und Gott und
macht uns dadurch unfähig, uns Seiner Gegenwart und Gemeinschaft zu erfreuen.
Solange wir in der Welt leben, müssen wir Schmerz und Leiden
erdulden. Die Biene sammelt nicht nur Honig, sondern sie hat zu einem
besonderen Zweck auch einen Stachel. Die Dornen an der schönen und duftenden
Rose erfüllen eine ganz bestimmte Absicht. Auch Paulus hatte einen Dorn im
Fleisch103, damit irgendein großer und weiser Plan erfüllt werde. So
müssen auch wir diese Prüfungszeiten durchleben, damit jene ewige Absicht, zu
der hin wir geschaffen worden sind, erfüllt werde.
5. Kapitel
WIDERSTAND UND KRITIK
1. Wenn es Menschen nicht gelingt, uns zu verstehen, und sie
unsere guten Absichten tadeln, oder wenn sie uns aus Mißverständnis bekämpfen
und verfolgen, so würde das nichts Neues oder Überraschendes sein. Es gibt eine
große Menge Menschen, die wissen nicht einmal, wozu sie selber leben; denn
sonst würden sie ihre Zeit nicht damit vergeuden, daß sie sich in die Angelegenheiten
anderer einmischen. Wer dagegen versteht, was Gott mit ihm vorhat, der hat
immer seine bestimmte Aufgabe zu erfüllen und fragt nicht danach, was die Leute
über ihn denken und sagen; denn Gott, dem er Rechenschaft ablegen muß, kennt
seine guten Beweggründe und erhält ihn in Seiner Liebe und
184
tröstet ihn. Wenn unser Schöpfer und Herr unsere guten Absichten
kennt, weshalb sollten wir uns dann durch Widerstand stören lassen — ganz
besonders, wenn wir wissen, daß eine Zeit kommen wird, da Er die gute Absicht
unseres ganzen Lebens ans Licht bringen wird.
Wenn ein Mann in ein fremdes Land kommt, dann starren dort die
Leute ihn an, und die Hunde bellen ihn an. Ähnlich ergeht es dem wahren
Christen: er gehört nicht zu dieser Welt, sondern ist Pilger und Fremdling
(Joh. 17,14; Hebr. 11,13). Deshalb sollte er nicht überrascht sein noch
entmutigt werden, wenn die Hunde der Welt ihn für einen Fremden halten und ihn
anbellen oder vielleicht sogar zerreißen (Matth. 7, 6). „Die Hunde bellen, aber
die Karawane zieht weiter." 104 Die Hunde folgen ihr noch eine
Zeitlang mit Gebell und kehren dann um, aber die Karawane zieht weiter und
erreicht früher oder später ihr Ziel.
2. Es gibt
keine bestimmte Pflicht, die den der Wahrheit feindlichen Kritikern übertragen
worden ist. Vielleicht empfingen sie einst ihre Anweisungen; jetzt aber, da sie
ihren Auftrag nicht ausführten, haben sie ihn verloren. Und als Gottes Werk von
ihnen genommen worden war und sie sonst nichts zu tun hatten, begannen sie,
damit ihre müßigen Hände wieder etwas zu arbeiten hätten, sich damit zu
vergnügen, daß sie auf die Menschen, die Gottes Werke tun, Steine warfen. Satan
hatte sie untätig gefunden und ihnen seinen Auftrag erteilt!
Wenn ein Blinder des Weges dahergetappt kommt, so ist es nur
billig, daß ein Sehender zur Seite tritt und vermeidet, ihn anzustoßen. Und
wenn der Blinde ihn zufällig doch anstößt, sollte er sich nicht beleidigt
fühlen, sondern sollte ihm weiterhelfen. Sollte er sich aber darüber ärgern, so
beweist das nur: er ist sogar blinder als der Blinde selber, denn er ist darin
blind, daß ihm der einfache Menschenverstand und jegliches Mitgefühl fehlt.
Wenn uns deshalb jemand verfolgt, weil wir der Wahrheit folgen, so sollten wir
uns nicht durch ihn beleidigt fühlen, sondern sollten ihm vergeben und in Liebe
für ihn beten (Matth. 5, 44 bis 45). Und wenn er trotzdem darauf nicht
antwortet und seinen
185
Widerstand nicht aufgibt, dann verlieren wir auch weiter nichts,
denn wir haben es um jener Wahrheit willen getan, die uns das Gesicht gegeben
hat und die selber unser Erbteil und Lohn ist.
In Schneegebieten mästen sich Bären und einige andere Tiere in der
Sommerzeit und speichern in ihrem Körper Fett auf. Wenn dann der Winter kommt
und sie mehrere Monate lang keine Nahrung erlangen können, leben sie von jenem
Vorrat an Fett. Ganz ähnlich ergeht es uns im geistlichen Leben: durch das
Beten erhalten wir von Gott einen Vorrat an Nahrung und Kraft, und wenn die
Zeit der Verfolgung kommt, bleiben wir stark und unerschüttert. Wenn schon der
Widerstand gegen unseren Herrn soweit getrieben wurde, daß sie Ihn ans Kreuz
nagelten (Apg. 3,15): wer sind wir, daß wir vor Verfolgung zurückschrecken? „Er
kam in Sein Eigentum, aber die Seinen nahmen Ihn nicht auf."105
Einst zog ein Kaufmann in ein fremdes Land. Bald nachdem er
abgereist war, wurde in seinem Haus ein Sohn geboren, aber die Mutter starb.
Von Zeit zu Zeit sandte der Kaufmann seinen Verwandten für den Unterhalt des
Kindes Geld. Nach Jahren, als der Knabe schon herangewachsen war, kam sein
Vater des Nachts zurück, klopfte an die Tür und weckte ihn dadurch auf. Als der
junge Mann den Fremden sah, hielt er ihn für einen Dieb und fuhr ihn heftig an.
Immer wieder versuchte der Kaufmann zu erklären, er sei sein Vater; aber der junge
Mann hatte seinen Vater nie gesehen und kannte weder ihn noch seine Liebe. Er
griff ihn an, verwundete ihn und übergab ihn der Polizei. Am nächsten Morgen
zeigte sich bei der Untersuchung: er war tatsächlich der lange abwesende Vater.
Da wurde der junge Mann von Gewissensbissen gepackt. Er schlug an seine Brust
und weinte, bat ernstlich um Vergebung und versprach, ihm in Zukunft stets
gehorsam zu dienen. Die Geschichte endete damit: der junge Mann schämte sich,
daß er seinem Vater solche Schmach angetan hatte, und bat ihn um Vergebung.
Aber unter uns leben Hunderttausende, die selbst jetzt noch keine Reue
empfinden und sich nicht zu unserem Himmlischen Vater wenden. Laßt uns, über
ihre Hartherzigkeit betrübt, beten, Gott wolle sich ihnen in Gnaden offenbaren.
186
4. Es gibt viele Menschen, die sehen niemals ihre eigenen Mängel
und Versäumnisse, sondern blicken nur nach den Fehlern der anderen aus. Das
Auge nimmt zwar alle äußeren Dinge wahr, aber es sieht weder sich selber noch
seine Mängel. So sehen die Gegner der Wahrheit alles, nur nicht ihre eigenen
Fehler. Wenn wir in einen Spiegel blicken, so sieht das Auge sich selbst und
seine Fehler. So können auch wir, wenn wir in der Gemeinschaft des
fleischgewordenen Wortes leben und unser Leben durch Gottes geschriebenes Wort
prüfen, uns selber in Wahrheit erkennen. Und Er wird uns dann nicht nur zeigen,
wie sündig wir sind, sondern Er wird sich uns in Seiner heilenden und
rettenden Kraft offenbaren. Wenn wir uns dann gehorsam zu Ihm wenden und betend
in Seiner heiligen Gemeinschaft leben, dann wird Er unsere Mängel fortnehmen
und uns für alle Ewigkeit in Sein herrliches Bild verwandeln, damit wir mit Ihm
an Seiner Herrlichkeit teilhaben (Joh. 14, 26; 17, 24).
6. Kapitel
WAS IST DAS
BÖSE?
1. „Das Böse ist unnatürlich und widerspricht dem Gesetz unseres
Seins" (Whichcote)106.
„Alles Böse wird wegen etwas Gutem getan, und keiner tut das Böse
um des Bösen willen." Kein fühlender Mensch, wie schlecht und verrucht er
auch sein mag, sucht mit sehenden Augen sich selbst zu schädigen. Das Böse ist
dem, was Gott geschaffen hat, nicht angeboren. Es zerstört den Menschen, und
seine giftige Wirkung, die auch andere zerstört, wird es selber auf ewig zerstören.
Ewige Dauer ist wesenhaft mit Gutheit verbunden, die eine der Eigenschaften des
Ewigen Gottes ist. Nur wenn das Böse die Eigenschaft eines ewigen Wesens wäre,
könnte es ewig sein. Wenn wir sagen, das Böse sei eine Eigenschaft Satans, so
ist auch das falsch; denn auch er wurde im Stand der Unschuld geschaffen, und
seine gegenwärtige Bosheit erwuchs in ihm dadurch, daß er seinen freien Willen
mißbrauchte. Das Böse ist also
187
nicht ewig: es hat einen Anfang gehabt, also muß es auch ein Ende
haben. So müssen wir schließen, das Böse wird ein Ende haben, und wir können
dies um so mehr behaupten, als es sich selber zerstört.
2. Ein chinesischer Philosoph, Tschu Fu Tsu107,
schreibt: „Bei seiner Geburt gleicht der Mensch einem klaren Wasserquell; auf
seinem Lauf durch Gebirge und Ebenen nimmt er Erde und Schlamm auf und wird
schmutzig; wenn er aber irgendwo abgedämmt wird, dann setzt sich der Schlamm,
und er wird wieder klar." Mengtse108 hat gesagt: „Der Geist
gleicht einem Weizenkorn, das von Natur nicht schlecht ist. Aber wenn es gesät
worden ist, hängt es von Boden, Wasser, Düngung und Umgebung ab." Mit
anderen Worten: der Mensch sei von Natur und Geburt gut, aber die Umgebung
mache ihn schlecht.
Unter einem bestimmten Gesichtspunkt ist das ganz richtig. Aber
wir können weder die erbliche Sündenverderbnis leugnen noch die Neigung unserer
Natur zum Bösen. Nehmen wir z. B. den Fall der Kinder, die wir unschuldig
nennen. Herbert Spencer109 hat gesagt: „Die volkstümliche
Vorstellung, Kinder seien unschuldig, ist zwar im Blick auf die Kenntnis des
Bösen wahr; aber sie ist vollständig falsch im Blick auf böse Triebe: den Beweis
dafür erhält jeder, der nur eine halbe Stunde in einer Kinderstube
weilt."
3. Wenn ein Mensch Hunger und Durst der Seele spürt und in seiner
Unwissenheit sie dadurch zu stillen versucht, daß er auf unerlaubte Weise an
Sünde teilhat, so wird dieses das Ende sein: weil er Gott nicht gehorcht,
vernichtet er sein Verlangen wie sich selbst, und es gelingt ihm nicht, die
Befriedigung zu erlangen, die er sucht. Einmal ereignete sich im Himalaja folgendes:
Ein ausgehungerter Wanderer fand eine schöne und verlockende Frucht. Er
verschlang sie heißhungrig, aber sie war giftig. Beide, der Hungrige, der sich
auf diese Weise zu befriedigen suchte, und der Hunger, der ihn quälte, endeten
somit für immer im Tode.
4. Wenn der Leib verwundet oder krank ist, so hebt ein Kampf an
zwischen den zweierlei winzig kleinen Keimen, die des Leibes
188
Gesundheit oder Krankheit hervorrufen. Und in diesem Wettkampf
gewinnen diejenigen, die sich nach Zahl und Kraft am meisten vermehren. Wenn
die Krankheitskeime vernichtet werden, so ist das ein Sieg für die Keime der
Gesundheit. Ebenso ist es mit dem Kampf zwischen guten und bösen Gedanken im
Menschen und zwischen guten und bösen Menschen in der Welt. Wenn in der Stunde
der Versuchung die guten Gedanken über die bösen siegen, so folgt daraus
geistliche Gesundheit und wahres Glück.
Die Zeit wird sicherlich kommen, wo die Menschen durch Gottes
Gnade einen uneingeschränkten und ewigen Sieg über die Sünde erringen und das
Böse auf ewig ausgetilgt ist.
7. Kapitel
DIE WIRKUNG BÖSER
GEDANKEN UND BÖSEN LEBENS
1. Der böse Vorschlag oder Gedanke eines schlechten Gefährten
gleicht dem Stich eines Insekts in ein junges Eichenblatt, der, wenn das Blatt
ausgewachsen ist, sich zum Gallapfel entwickelt. Einer Schlange schadet ihr
eigenes Gift nicht, aber andere harmlose Geschöpfe werden dadurch angegriffen.
So schadet auch einem boshaften Menschen, der bereits das Sündengift in sich
hat, die vergiftende Einwirkung eines bösen Menschen nicht so sehr wie einem
guten Menschen.
2. Der Ypasbaum110 auf Java und der giftige Efeu in
Amerika erzeugen eine Art schädlichen Saftes oder Öles, das vom Wind
weitergetragen wird und allen, die in seine Reichweite kommen, gefährliche und
abzehrende Krankheit bringt. So wirkt auf irgendeine noch unerkannte Weise das
Leben böser Menschen nach allen Seiten vergiftend und bringt vielen Menschen
geistliche Krankheit und Tod.
3. Der Bohrwurm, der das stärkste Holz zerfrißt, und der Seewurm,
der Felsen durchbohrt, sind, wie man festgestellt hat, außerordentlich weich
und zart. Doch mit der Zeit zerstören sie
189
hartes Holz
und Steine vollständig. So ergeht es auch uns, wenn wir nicht wachen und mit
Gottes Hilfe jene bösen Gedanken und Gewohnheiten zerstören, die uns so
geringfügig vorkommen: gleich dem Bohrwurm werden sie von unserem geistlichen
Leben nichts als die Schale übrig lassen.
4. Giftige Kriechtiere und Insekten wie Schlangen und Skorpione
beißen oder stechen und verwunden; dann spritzen sie aus ihrer Giftdrüse Gift
in die Wunden und rufen Tod oder Leiden hervor. Auch Fliegen und Ungeziefer,
die man nicht für gefährlich hält, sind wirklich nicht weniger tödlich: sie
übertragen Krankheitskeime überall hin und bringen Scharen von Menschen den
Tod. So würden wir viele Menschen nicht zu den gefährlichen Verbrechern
zählen, und doch sind sie wirklich genau so schlecht, denn, ohne daß andere es
merken, gebrauchen sie ihre ungezügelte Zunge, um ringsumher die Verderbnis
tödlicher Lehren zu verbreiten.
5. Ein gewisses Insekt bohrt eine unreife Frucht an und legt seine
Eier hinein. Indem die Frucht wächst, schließt sich das Loch an der Außenseite.
Später sind die Eier ausgebrütet, und die winzigen Maden fangen an, sich von
der Frucht zu nähren. Äußerlich ist nichts zu sehen. Die Frucht sieht reif und
verlockend aus, aber innen ist sie hohl und unbrauchbar. Ebenso ergeht es uns
mit bösen Vorstellungen und Gewohnheiten, die wir in der Jugend angenommen
haben: sie wachsen ständig und, da sie im Innersten unserer Seele wirken,
verderben sie unser sittliches Wesen. Deshalb sollen wir von früher Jugend an
auf der Hut sein vor der Sünde, die unser Wesen verderbt.
In Mexiko gibt es eine Bohnenart, die ist als „Springbohne"
bekannt. Wenn die Sonnenhitze auf sie fällt, beginnt sie, sich zu drehen und
herumzuwinden, bis sie den Schatten eines Steines oder Busches erreicht. Diese
seltsame Tatsache erklärt sich so: ein gewisses Insekt hat sich in die Bohne
hineingebohrt und ist, indem es sich von ihr nährte, gewachsen, bis die Schote
ausgehöhlt war. Wenn nun die Sonnenhitze darauf fällt, sucht das Insekt zu
entkommen und wendet die Bohnenschote hin und her, bis es
190
endlich den Schatten erreicht, wo die Kühle des Schattens seine
Anstrengungen zur Ruhe bringt. So dringen auch böse Gedanken und Begierden in
das menschliche Herz ein. Und wenn die Sonne der Gerechtigkeit Ihr m
Licht auf das sündige Leben ergießt, wird der Sünder unruhig und versucht, in
die Finsternis zu entfliehen, wo Ihre Strahlen nicht hindringen. So lebt er
denn in der äußersten Finsternis und verliert Gottes Licht und Wärme.
6. Gott hat den Menschen zu Seinem Ebenbilde geschaffen. Deshalb
kann ihm nichts schaden, wenn er nur diese eine Bedingung erfüllt: daß er sich
nämlich beim Gebrauch seines freien Willens14 nicht in Sünde
verstrickt. Wenn wir sündigen, tun wir Gott keinerlei Leid an, aber wir schaden
uns sowie den Unseren. Der Gott der Liebe will, wir möchten von der Sünde in
jeglicher Gestalt errettet werden, damit wir uns Seiner Gemeinschaft erfreuen,
aber die Sünde schließt uns von dieser heiligen Verbindung mit Gott aus. Alle
einzelnen Menschen sind miteinander so eng verbunden, daß unser Unrecht auch
das Unrecht anderer und deren Unrecht das unsere wird. Noch nie haben wir
Böses tun können, noch werden wir es jemals können, ohne daß wir auch andere
schädigen. Das Gute oder Schlechte, das wir tun, wirkt bis zu einem gewissen
Grade auch auf unsere Mitmenschen. Deshalb bedeutet Reue: wir wollen uns in
Zukunft solcher Taten enthalten, die uns und anderen schaden, und mit Gottes
Hilfe und Gnade wie Zachäus wieder gut zu machen versuchen, was wir bereits
begangen haben (Luk. 19, 8—10).
8. Kapitel
LEBEN IN CHRISTUS
1. Das Leben
ist im Blut. Und dadurch, daß Christus Sein Blut vergossen hat, gibt Er uns
Leben. Wie oftmals, um eine Krankheit zu heilen, ein Serum eingespritzt wird,
so rettet uns Christus dadurch, daß Er Sein Blut drangibt, von der tödlichen
Krankheit der Sünde und vom Tode. Das ganze Weltall ist ein einziger Leib.
Jedes Glied ist mit dem ganzen Leib verbunden:
191
wenn ein Teil Schmerzen leidet, so spürt es der ganze Leib112.
Wenn das Serum an einem besonderen Teil angewandt wird, dann wirkt das auf den
ganzen Leib. Ebenso steht es mit Christi Tod: obwohl Er in dieser Welt gekreuzigt
wurde, die nur ein Teil des sichtbaren und unsichtbaren Weltalls ist, so wirkte
Sein Tod auf das ganze Weltall. Und obgleich Er zur Erlösung der Welt an einem
einzigen Ort (Jerusalem) gekreuzigt wurde, so hat doch die ganze Welt an Seinem
Opfer teil. Und wie der Geist im ganzen Leibe lebt, so ist Gott in Seinem
ganzen Weltall gegenwärtig. Bonaventura113 schreibt: „Sein
Mittelpunkt ist überall, aber Sein Umkreis ist nirgendwo."
2. Christus wurde um unseretwillen zum Sünder gemacht und starb
den Sündertod. Es wird eine Geschichte erzählt von einem guten Mann: dieser
ging hin und wollte unter einer Bande schlechter Menschen leben, um sie von
ihrem bösen Leben zu erretten. Viele dachten, dieser Gottesmann müsse auch
einer von der Bande sein. Und als ein schweres Verbrechen begangen worden war,
fiel der Verdacht auf ihn, er sei daran beteiligt. Er wurde festgenommen. Als
er zum Tode verurteilt wurde, empfing er das Urteil mit Freuden. Die Bande
wußte, er war völlig unschuldig. Nach seinem Tode packte sie der Gedanke, der
Gottesmann sei um ihretwillen gestorben, so sehr, daß ihrer viele ihr böses
Leben und Handeln aufgaben. Geradeso handelte Jesus. Seine Kraft wirkt
allezeit. Wenn Sünder von Seiner wunderbaren Liebe ergriffen werden, umkehren
und das Herz zu Ihm wenden: dann reißt Er das Böse aus ihrer Seele aus und
schenkt ihnen neues Leben, und sie werden neue Geschöpfe gleich Ihm.
3. Im Jahre 1921 war im Himalaja ein Waldbrand. Während die
meisten Leute rundum mit Löschen beschäftigt waren, bemerkte ich mehrere
Männer, die standen und blickten an einem Baum empor. Ich fragte:,, Was
erblickt ihr da?" Sie zeigten auf ein Nest voll junger Vöglein auf einem
Baum, dessen Zweige schon in Flammen standen. Darüber flog ein Vogel in großer
Angst ziellos umher. Sie sagten: „Wir wollten, wir könnten jenes Nest retten,
aber wir können wegen des Feuers nicht hingelan-
192
gen." Ich gab acht und sah wenige Minuten später, wie das
Nest Feuer fing. Ich dachte: „Nun wird die Vogelmutter fortfliegen." Doch
nein! Ich sah, wie sie herabflog und ihre Flügel über ihre Jungen breitete, und
in wenigen Minuten war sie mit ihnen zu Asche verbrannt. Niemals zuvor hatte
ich etwas Ähnliches gesehen. Dann sagte ich zu den Umstehenden: „Wir sind über
diese wunderbare Liebe erstaunt. Aber bedenkt bitte: wenn solch erstaunliche
Liebe sich schon in diesem kleinen Geschöpf findet, wieviel wundervoller muß
dann die Liebe dessen sein, der ein so selbstloses Wesen geschaffen hat!
Dieselbe unendliche Liebe bewegte ihn so, daß Er vom Himmel herabkam und
Mensch wurde, damit Er dadurch, daß Er Sein eigenes Leben gab, uns, die wir in
unseren Sünden zu sterben drohten, errettete."
4. Daß Christus Seine Ansprüche zu Recht erhebt, ist durch die
Erfahrung zahlloser Gläubiger erwiesen. Jeder erfahrene Christ kann bezeugen,
wie Seine Gegenwart alle Nöte stillt und Leben spendet.
Als ich 1922 mit einem Freunde durch Palästina reiste, suchte ich
auch den Jakobsbrunnen auf, und als ich sein frisches süßes Wasser trank, wurde
ich erfrischt. Aber nach ein oder zwei Stunden war ich wieder durstig. Da
mußte ich eindringlich an die Worte unseres Herrn denken: „Wer von diesem
Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinken wird,
das Ich ihm gebe, den wird ewiglich nicht dürsten; sondern das Wasser, das Ich
ihm geben werde, das wird in ihm ein Brunnen des Wassers werden, das in das
ewige Leben quillt" (Joh. 4, 13-14).
Ich hatte aus dem Jakobsbrunnen getrunken und wurde wieder
durstig. Aber ich darf in aller Demut und Dankbarkeit sagen: in den zwanzig
Jahren, seitdem ich mein Herz Ihm gab und von dem Wasser trank, das Er mir
reichte, habe ich nie wieder gedürstet, denn Er ist wirklich die Quelle des
Lebens.
5. Im Hinblick auf die Tatsache, daß in der Person und in den
Worten Christi auch Geist und Leben zu finden ist (Joh. 6, 63), hat Dr. Parker
treffend gesagt: „Miß die religiöse Lehre Jesu an
193
der Seiner Zeit und Seines Landes oder an irgendeiner anderen!
Bedenke, was für ein Werk Seine Worte und Taten in der Welt vollbracht haben!
Die größten Geister und reichsten Herzen haben kein erhabeneres Ziel gesteckt
und keinen wahreren Weg beschritten als Er in Seiner vollkommenen Liebe zu Gott
und Mensch. Wenn uns gesagt wird, solch ein Mann habe nie gelebt, dann ist die
ganze Geschichte eine Lüge! Angenommen, Plato 50 und New-ton114
hätten nie gelebt. Wer verrichtete dann ihre erstaunlichen Werke und dachte
ihre Gedanken? Welcher Mensch könnte einen Jesus erdichtet haben? Kein anderer
als — Jesus."
Bloße Moralphilosophie — Metaphysik, Intellektualismus oder
Zivilisation — kann uns nicht helfen, Sünde und ungezügelte Leidenschaft zu
überwinden. Wenn uns nicht Gottes Gnade und Kraft geschenkt wird, dann helfen
uns auch weltliche Erziehung und Kultur nicht, sondern erfinden nur neue Mittel
und Wege, damit wir sündigen und einander vernichten. Wenn wir also von der
Sünde und ihren bösen Folgen errettet werden wollen, dann ist es dringend
notwendig, daß wir uns in die Hände dessen bergen, der uns volle und freie
Erlösung schenken kann.
9. Kapitel
AM ENDE WERDEN ALLE MENSCHEN ZURÜCKKEHREN ZU GOTT«5
1. „Die Beschaffenheit unseres Geistes zwingt uns, an das Dasein
eines Unendlichen und Unbedingten Wesens zu glauben" (Mansel)116.
Wie im Feuerstein das Feuer, so lebt im Menschenherzen die
Sehnsucht nach Gemeinschaft mit Gott. Dieses Verlangen mag unter der steinernen
Härte der Sünde und Unwissenheit verborgen sein. Wer aber mit einem Gottesmann
in Berührung kommt oder vom Geist Gottes angerührt wird, in dem bricht das Verlangen
sogleich in Flammen aus, wie auch der Feuerstein Funken sprüht, wenn der Stahl
ihn trifft.
194
In der menschlichen Seele lebt ein Sehnen, das weder in dieser
noch in der kommenden Welt gestillt werden kann, sondern allein in Gott.
Deshalb, wenn der Mensch endlich umkehrt, nachdem ihn seine Leidenschaften hin-
und hergetrieben haben, so kehrt er nirgendwo anders hin zurück als zu Gott.
2. Gott will nicht, daß wir Sein Dasein mit den schwachen Beweisgründen
unseres beschränkten Verstandes beweisen. Wenn Er das gewollt hätte, dann wäre
Er selber nicht schweigsam geblieben. Er hätte zu jeder Zeit Beweise geben
können, die an Überzeugungskraft alles übertroffen hätten, was wir uns vorstellen
können. Doch Sein Wille ist: Sein Volk, das Seine süße und lebenspendende
Gegenwart erfahren hat, soll von Ihm Zeugnis ablegen; denn ihre persönliche
Erfahrung überzeugt viel stärker als ihre gedanklichen Beweise.
Kein Mensch hat Gott je gesehen oder gehört, wie Er in sich selber
ist, obgleich Er nicht aufgehört hat, zu uns zu reden zu allen Zeiten durch
Apostel und Propheten, und zuletzt zu uns durch Seinen Sohn gesprochen hat
(Hebr. i, 1—2). Wie Philo117 gesagt hat: „Die menschliche
Stimme ist dazu geschaffen, daß sie gehört werde; Gottes Stimme dagegen soll
gesehen werden. Was Gott sagt, besteht in Taten, nicht in Worten." Das
soll heißen: Er spricht durch das Buch der Natur und durch Seine Schöpfung;
aber leider bemühen sich die Menschen nicht, dieses Buch nun auch selber zu
lesen. Herbert Spencer109 sagt: „Es ist tatsächlich traurig zu
sehen, wie die Menschen sich mit nichtigen Dingen abgeben und den erhabensten
Erscheinungen gleichgültig gegenüberstehen: sie kümmern sich nicht darum, daß
sie den Bau der Himmel verstehen, und gehen, ohne auch nur einen flüchtigen
Blick darauf zu werfen, an dem großen Epos vorüber, das der Finger Gottes in
die Schichtungen der Erde geschrieben hat."
3. Wenn nun ein Götzendiener, der nicht Gott, sondern einen Stein
anbetet, eine Art Frieden empfindet, so bedeutet das nicht, in dem Stein wohne
irgendeine tröstende Kraft. Doch einigen mag das helfen, ihr Herz auf Gott zu
richten, und Gott schenkt ihnen tatsächlich, wie sie geglaubt haben, Trost.
Aber wer so
195
anbetet, läuft Gefahr, daß er geistlich nicht wächst, sondern
unter der Einwirkung der stofflichen Umgebung selber hinabsinkt, so daß er
innerlich tot wird wie der Stein. Und in diesem Zustand erkennt er weder seinen
noch des Steines Schöpfer, Der, dahinter verborgen, alles Sehnen seines Herzens
stillen kann.
4. Jedoch wie schlecht ein Mensch auch sein und wie übel er leben
mag: im Wesen des Menschen ist ein göttlicher118 Funke oder Keim,
der sich niemals der Sünde zuneigt. Sein Gewissen und Geistes-Empfinden mag
abstumpfen und sterben, aber dieser Funken des Göttlichen wird niemals
ausgelöscht. Deshalb findet sich sogar in verdorbenen Verbrechern immer noch
etwas Gutes. Man hat bemerkt: Menschen, die äußerst grausam und roh mordeten,
haben den Armen und Unterdrückten oft großmütig geholfen. Wenn dieser
göttliche Funke oder Keim nicht zerstört werden kann, dann dürfen wir keinen
Sünder als hoffnungslos aufgeben. Wenn wir jedoch sagen, er könne zerstört
werden, dann könnten wir niemals darüber Leid empfinden, daß wir wegen der
Sünde von Gott getrennt sind und Gewissensangst vor der Hölle spüren. Denn
damit der Mensch diese Qual der Sorge und der Gewissensangst empfinde, dazu hat
er nichts anderes als diesen Funken. Ohne dieses Gefühl würde die Hölle nicht
Hölle sein. Und wenn der Mensch die Qual fühlt, dann muß er, da sie ihn
peinigt, von ihr getrieben, früher oder später sicherlich zu Gott kommen,
damit Er ihn befreie.
5. Der Mensch kann sich frei14 entscheiden. Wenn er
aber seine Freiheit mißbraucht, kann er sich und anderen großen Schaden
zufügen. Aber soweit kann er sich selbst doch nicht schädigen, daß er sein
Dasein oder den göttlichen Funken in sich zerstören könnte. Kein anderer als
allein der Schöpfer hat die Macht dazu. Aber der Schöpfer selber wird ihn nicht
zerstören; denn wenn Er ihn zerstören wollte, dann hätte Er ihn niemals
geschaffen. Und wenn Er es täte, dann würde das nur beweisen: Er hätte gehandelt,
ohne daß Er das Ergebnis vorher wußte oder voll einschätzte. Doch ist es
unmöglich, daß wir so etwas von Gott denken.
196
Der Mensch hat seine eigene Seele weder geschaffen, noch kann er
sie zerstören. Der Schöpfer hat jedes Geschöpf zu einem bestimmten Zweck
geschaffen. Und wenn der Mensch seine Seele und den göttlichen Funken darin
nicht zerstören kann und Gott es nicht tun will, dann wird der Zweck, zu dem
der Mensch erschaffen wurde, sicherlich zu irgendeiner Zeit erfüllt werden.
Und wenn auch viele umherschweifen und irre gehen, am Ende werden sie zu Ihm
zurückkehren113, nach dessen Bild sie geschaffen worden sind. Denn
dies ist ihre endgültige Bestimmung.
Über diesen göttlichen Funken hat Giseler119 gesagt:
„Dieser Funke wurde mit der Seele in allen Menschen geschaffen. Er ist ihnen
ein helles Licht und kämpft auf jede Weise gegen die Sünde; er treibt beständig
zur Tugend an und drängt immer zu der Quelle zurück, aus der er
entsprang." Wie der Leib durch die Seele lebt, so lebt die Seele durch
Gott. „Und Ich, wenn Ich erhöht werde von der Erde, will Ich sie alle zu Mir
ziehen" (Joh. 12, 32).
Gott hat den Menschen zur Gemeinschaft mit sich geschaffen;
deshalb kann er nicht ewiglich von Ihm getrennt bleiben.
10. Kapitel
SITTLICHKEIT UND SCHÖNHEIT
1. Gott ist Grundlage und Leben aller Sittlichkeit, denn Er ist
die Quelle alles Guten. Ohne Gott gleicht das sittliche Leben einem Stein: es
ist schön, aber leblos und kalt. Nur wer seine Verbindung mit Gott ungebrochen
bewahrt, kann in der Güte und Wahrheit fortschreiten, die doch die Schönheit
der Seele ist. Wer aber nicht Gott vertraut, gleicht der Wanderdüne, die heute
hierhin und morgen dorthin getrieben wird: die Windstöße und die Gewalt des
Sturmes jagen sie hin und her und lassen sie keinen Ort finden, wo sie bleiben
kann.
2. Dadurch, daß wir in der Gegenwart Gottes leben und Ihn kennen,
lernen wir auch unser eigenes Wesen und Dasein verstehen. Ohne diese Hilfe
würden wir immer über die Wirklichkeit dessen, was wir selber sind, unwissend
bleiben. Der chinesische
197
Philosoph Tschang-Tse120 sagt einmal: „Ich träumte, ich
wäre ein Schmetterling und flatterte hierhin und dorthin, nach allen Absichten
und Zwecken ein Schmetterling. Plötzlich wachte ich auf. Da lag ich nun, wieder
ich selbst. Nun weiß ich nicht, ob ich damals ein Mensch war, der da träumte,
er wäre ein Schmetterling, oder ob ich jetzt ein Schmetterling bin, der da
träumt, er sei ein Mensch." Man bedenke doch: Wenn ein Mensch keine wahre
Erkenntnis seines eigenen Wesens hat, wie kann er da zwischen Gut und Böse,
Tugend und Laster unterscheiden?
3. Kong-Fu-Tse121 hat eine seltsame Vorstellung von
Rechtschaffenheit und Sittlichkeit. Einer der Lehnsfürsten prahlte gegenüber
Kong-Fu-Tse mit dem hohen Stand der Sittlichkeit, der in seinem eigenen Staate
vorherrschte. „Bei uns hier", sagte er, „wirst du rechtschaffene Männer
finden: Wenn ein Vater ein Schaf gestohlen hat, so wird sein Sohn gegen ihn
zeugen." — „In meiner Heimat", entgegnete Kong-Fu-Tse, „gilt eine
ganz andere Regel: da beschirmt der Vater seinen Sohn und der Sohn seinen
Vater. Darin sehen wir die Rechtschaffenheit." Und ferner hat Kong-Fut-Tse122
gesagt: „Einem Menschen, dem man in den hauptsächlichen Grundsätzen menschlicher
Gesittung nichts vorwerfen kann, darf man schon Fehltritte kleinerer Art
nachsehen." Man vergleiche damit die reinere Lehre Christi: „Wer im Geringsten
treu ist, der ist auch im Großen treu, und wer im Geringsten untreu ist, der
ist auch im Großen untreu" (Luk. 16, 10). Die Lehre, die Kong-Fu-Tse
neinhaft gab, nämlich: „Tue anderen nicht an, was du nicht willst, daß sie dir
antun sollen" m — gab Christus bejahend: „Alles, was ihr wollt,
daß euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch" (Matth. 7,12). Es
gibt vieles, das ist, wenn man es tut, Sünde; aber es gibt auch vieles, das
ist, wenn man es nicht tut, Sünde: wie z. B. Gott den Herrn mit Herz und Seele
lieben und seinen Nächsten wie sich selbst.
4. Wirkliche geistliche Schönheit ist die schrankenlose Liebe,
Herrlichkeit und Güte Gottes. Und da Er ständig in Seiner Schöpfung
gegenwärtig ist, so tut sich Seine tätige Teilnahme an Seiner Welt in
mannigfaltigen Gestalten körperlicher Schönheit kund.
198
Mit anderen Worten können wir sagen: in der Welt oder Schöpfung
spiegelt die leibhaftige Schönheit wider oder bildet ab eine innere und
verborgene geistliche Schönheit. Emerson87 hat gesagt: „Jede
Erscheinung der Natur entspricht einem Zustand des Gemüts, und dieser
Gemütszustand kann nur dadurch beschrieben werden, daß jene natürliche
Erscheinung als sein Bildnis gezeigt wird." Carrit124 sagt:
„Die Schönheit ist ein Salz, ohne das unser Leben keinen Wohlgeschmack
hätte." Und diese Schönheit ist eine Offenbarung der Wahrheit und Güte,
sei es in Blume oder Frucht, Berg oder See, Poesie oder Prosa, Kunst oder Musik
oder in guten Werken. Wenn diese Schönheit unsere schlummernden und
unterdrückten Gefühle berührt, dann können wir uns ihrer erfreuen, dies aber
auch nur soweit, wie wir das Vermögen haben, sie zu schätzen. So haben z. B.
die Propheten, als sie zum Prophezeien hinaufzogen (1. Sam. 10,5; 16, 23; 2.
Kor. 3,15) empfunden, die Eingebung der Musik helfe ihnen, die Wahrheit zu
offenbaren. Und auch wir fühlen: die Schönheit der Musik leitet unser Herz zur
Wahrheit zurück und hilft denen, die ihre Erhebung zu spüren vermögen, Ihn
anzubeten.
5. Die Verbindung zwischen Sittlichkeit und Schönheit ist
grundlegend; denn die Wahrheit ist beider Quelle, und beide finden sich dort,
wo die Wahrheit wohnt. Schönheit ist auch in anderen belebten wie leblosen
Dingen. Wenn diese Eigenschaften sich aber nicht im Menschen finden, der doch
über den anderen Geschöpfen steht, dann muß er noch tiefer stehen als die niederen
Geschöpfe und sogar noch als die leblosen Dinge: die Sünde in ihm hat ihn zu
einem verfälschten und häßlichen Wesen gemacht.
Wie das gute und schöne Leben derer wirkt, in deren Herzen die
Wahrheit (Gott) wohnt, spüren wir bewußt oder unbewußt.
Auf meinem Weg nach Tibet machte ich einmal in einem Gebirgsdorfe
halt. Die Leute dort waren sehr schmutzig und ungewaschen. Ich bemerkte, wie
ein Knabe mich aufmerksam prüfte. Dann sah ich, wie er seine Hand ausstreckte
und mit der meinen verglich. Er sagte nichts, aber nach einer kleinen Zeit ging
er fort,
199
und ich sah, wie er seine Hände in einem Bache wusch. Dann kehrte
er zurück und verglich seine gewaschenen Hände wiederum mit den meinen. Ohne
ein Wort von mir hatte die Sauberkeit meiner Hände Eindruck gemacht auf ihn,
und so regte sich der Wunsch in ihm, seine Hände ebenso sauber zu haben. Genau
so steht es mit unserem Leben: durch die Verbindung mit unserem Himmlischen
Vater wirkt es im stillen auf das Leben unserer Umgebung. Wie nötig ist es
deshalb, daß in unserem Leben die Tugenden und die Herrlichkeit unseres
Himmlischen Vaters sichtbar werden (Matth. 5,16; 1. Petr. 2, 9)!
11. Kapitel
DAS REICH GOTTES
i. Der Herr hat gesagt: ein Mensch kann das Reich Gottes erst
sehen, wenn er wiedergeboren ist. Nicht zu reden vom „Eintreten" — er kann
es nicht einmal sehen. Die leiblichen Augen sehen nur körperhafte und
stoffliche Dinge. Aber Gott ist Geist, und wenn wir Ihn und Sein geistlich
Reich sehen wollen, müssen wir vom Geist geboren werden (Joh. 3, 5—6). Dann
werden wir Ihn aber nicht nur mit geistlichen Augen sehen, sondern wir werden
auch mit Ihm herrschen.
Wenn ein Mensch seine Sünde bereut und sich zu Gott wendet, dann
wirkt Gottes Geist in ihm: er wird wiedergeboren und ein neues Geschöpf, und
dann und dort fängt das Reich Gottes oder Paradies in ihm an. Christus sagte zu
dem Schacher am Kreuz: „Heute wirst du mit Mir im Paradiese sein" (Luk.
23, 43). Dies zeigt, der Herr hatte volle Erkenntnis des Paradieses und Vollmacht
darüber. Er sagte nicht: „Vielleicht wirst du nach einiger Zeit mit Mir im
Paradiese sein", noch: „Ich werde zuerst hingehen, von Gott die Erlaubnis
erlangen und dann für dich sorgen." Sondern, wie ein Besitzer mit
Vollmacht von seinem Besitz spricht, so gab Er dem sterbenden Schacher diesen
Trost und nahm ihn als die erste Frucht Seines Kreuzes mit sich ins Paradies.
So werden auch, die jetzt mit Ihm der Sünde und der Welt ge-
200
kreuzigt werden, an eben jenem Tage wiedergeboren und, wenn sie in
das Paradies oder Reich Gottes eintreten, wundervolle Freude und Frieden im
Herzen fühlen. Weltlich gesinnte Menschen können weder den Frieden des
Paradieses „sehen" noch verstehen, was diese neue Geburt oder das Reich
Gottes bedeuten.
2. Der Herr gibt jedem Menschen eine Gelegenheit zur Umkehr,
damit er wiedergeboren werde und in das Reich Gottes eingehe. Er wußte, was
für ein Mensch Judas Ischariot war, und wie er Ihn verraten würde. Dennoch
behandelte Er ihn nicht hart, sondern gab ihm die kostbare Gelegenheit, bei Ihm
zu leben. Niemand kann sagen, Er gebe nicht auch einem bösen Menschen seine
Gelegenheit. Aber Judas beging die große Torheit: er bereute seine Sünde nicht
und kehrte nicht zu Christus zurück, sondern ging hinaus und erhängte sich125.
So begehen auch heutzutage viele die Sünde des Judas: sie gehen nicht in das
Paradies und Reich Gottes ein, sondern treten an ihren eigenen Ort und
verfallen der Strafe (Apg. 1, 25).
„Sein eigener Ort" oder die Hölle meint einen Zustand, wo der
Mensch, indem er seinen eigenen freien Willen14 gebraucht und Gott
nicht gehorcht, in sich selber Leiden schafft. Hölle ist nicht der Name eines
besonderen Ortes; denn wenn es ein Ort wäre, dann würde Gott, der an jedem Ort
gegenwärtig ist, den einen Teil Seines Wesens in der Hölle haben — und das kann
niemals möglich sein. Die Hölle ist vielmehr ein Zustand, der nicht in Gott
besteht; und der wahre Anbeter, der mit Gott in geistlicher Gemeinschaft lebt,
wird auf ewig vor diesem Zustand der Sünde und ihres Leidens bewahrt werden.
Wo immer Gott ist, da ist der Himmel oder das Reich Gottes. Gott
ist überall gegenwärtig, deshalb ist der Himmel überall. Seine wahren Anbeter
wissen das und sind überall und in allen Lagen glücklich: ob in Qual oder
Verdruß, ob unter Freunden oder unter Feinden, ob in dieser Welt oder in der
zukünftigen. Denn sie leben in Gott, und Gott lebt in ihnen ewiglich, und das
ist das Reich Gottes (Luk. 17, 20—21).
201
Äußerlich mag der Sünder scheinbar behaglich und üppig leben; aber
er kann sich niemals von der Unruhe seines Herzens befreien. Und selbst wenn er
in den Himmel einginge, so wäre auch das für ihn die Hölle, denn die Hölle ist
in seinem eigenen Herzen. Er kann in das Reich Gottes erst dann eintreten, wenn
sein Herz verwandelt und er wiedergeboren ist.
3. Das Reich Gottes ist das Reich der Liebe. Ein Gottesmann sah in
einem Gesicht, er wäre in ein fremdes Land gegangen. Als er dort ankam, war er
darüber erstaunt, daß die Leute jenes Landes herauskamen und ihn mit Freuden
willkommen hießen, als ob er ein lang vermißter Bruder oder Freund wäre, der
gerade zu ihnen zurückkehrte. Er ging mit ihnen in die Stadt und sah große
Häuser, in denen gab es allerlei kostbare Möbel, aber ihre Besitzer waren
ausgegangen und hatten sie offen gelassen. Er fragte einige der Männer, weshalb
das so wäre, und sie sagten: „Hier gibt es keine Diebe. Solange die Herzen der
Menschen gegen Gott verschlossen sind, müssen sie auch ihre Türen verschließen.
Wenn aber die Tür des Herzens offen ist für Gott und Er darin wohnt, dann ist
es nicht mehr nötig, an irgendeiner Tür ein Schloß anzubringen. Denn wo das
Reich Gottes im Herzen ist, da ist das Reich der Liebe, da dient jeder dem
anderen in Liebe und erstrebt nur dessen Wohl. Einst waren hier zwei Brüder.
Der jüngere Bruder hörte, der ältere brauche einige Dinge. So nahm er eine
Anzahl und machte sich auf, um sie seinem Bruder ins Haus zu bringen. Und es
geschah, daß dem älteren Bruder derselbe Gedanke gekommen war, dem jüngeren zu
helfen. Sie wurden nur von Liebe getrieben, und ohne daß einer dem anderen
etwas gesagt hatte, machte sich ein jeder mit einigen Sachen in das Haus des
anderen auf. Unterwegs begegneten sie einander. Als jeder die selbstlose Liebe
des anderen sah, umarmten sie einander in wirklichem Glück. So sollten auch
wir einander helfen und lieben und das Wohl unserer Mitmenschen suchen."
Als der Fremde ein wenig weitergegangen war, sah er, wie ein
Mensch und ein Engel einander als wahre Brüder begegneten und eines Herzens
begannen, Christus, die Fleisch-gewordene
202
Liebe, anzubeten. Als der Fremde das sah, wurde sein Herz voll
unaussprechlicher Liebe und Glückseligkeit, und unwillkürlich rief er aus:
„Dies ist ohne Zweifel das Reich Gottes und unsere wirkliche und ewige Heimat,
nach der das Menschenherz sich sehnt." Obgleich der Himmel im
Menschenherzen schon beginnt, während der Mensch noch in der Welt ist, so
dauert er doch über dieses Leben hinaus in jenen Zustand hinüber, wo es kein
Leiden mehr gibt, noch Schmerz noch Tod noch Tränen, sondern endloses Leben und
ununterbrochene Freude.
12. Kapitel
DIENST UND OPFER
1. Gott wirkt
immerzu im Erschaffen und im Erhalten Seiner Schöpfung (Joh. 5,17). Sein Wirken
hört nimmer auf. Wir spüren es im Kreislauf des Blutes und im Atem, der in den
lebendigen Geschöpfen unaufhörlich fortgeht. Ferner sehen wir es in Seiner
unbeseelten Schöpfung. Luft, Wasser, Erde, Sonne und Sterne sind, indem sie die
Absicht des Schöpfers erfüllen, ständig in einer geordneten Bewegung. Warum
sollten dann wir, die wir Söhne Gottes genannt werden und tatsächlich in jeder
Hinsicht höher stehen als Seine ganze gefühllose Schöpfung, das bestimmte
Werk, das unser Schöpfer in Seiner Gnade und Vorsehung uns zugeteilt hat,
gedankenlos versäumen?
2. Satan empfängt keine Hilfe aus dem Antrieb einer gerechten
Sache; dennoch wirkt er unaufhörlich. Tag und Nacht ist er geschäftig, Menschen
in die Irre zu führen. Kriecht doch die Schlange, die Eva zu Fall brachte,
immer noch umher, auch ohne Hände und Füße! Wenn wir, die wir der Wahrheit
nachfolgen und den Auftrag Gottes und die Kraft des Geistes empfangen haben,
nun unser gesegnetes Werk versäumen, dann stehen wir tatsächlich niedriger und
sind schlimmer als Satan und die Schlange (Eph. 6, 10—18). So laßt uns denn auf
der Hut sein und wachen und unsere Kraft von Gott empfangen; dadurch sol-
203
len wir Satan und das Böse überwinden und das uns bestimmte Werk
gewissenhaft verrichten und vollenden (2. Tim. 4, 4—5; Jak. 4, 7).
3. Ein Sufi oder Mystiker70 hatte auf einer Reise eine
gewisse Menge Weizen bei sich. Als er einige Tage unterwegs war, öffnete er die
Säcke und fand in ihnen eine Anzahl Ameisen. Er setzte sich hin und dachte über
ihren üblen Zustand nach; er wurde von Mitleid mit den kleinen verlassenen
Geschöpfen überwältigt, wandte seine Schritte und brachte sie wohlbehalten zu
ihrer ursprünglichen Heimat zurück. Es ist wohl möglich, daß ein Mensch mit
hilflosen Insekten solches Mitgefühl hat. Aber woher kommt es, daß es uns so
jämmerlich an Teilnahme und Mitgefühl in unserem Umgang mit Menschen gebricht,
die, zwar nach Gottes Bild geschaffen, gleich dem verlorenen Sohn und dem
verlorenen Schaf in die Irre gegangen sind? Es ist gewiß unsere Pflicht, daß
sie wieder auf den Weg der Gerechtigkeit zurückgebracht werden und in ihres
Vaters ewige Heimat zurückkehren.
In den Bergen sah ich einmal eine Ameise umherlaufen und nach
Nahrung suchen. Sie fand ein Samenkorn, aber sie berührte es nur und lief
sogleich wieder fort. Ich dachte, das Samenkorn wäre vielleicht schlecht oder
sauer. Aber nein! Nach einer kleinen Weile kam sie mit einer Anzahl
Gefährtinnen zurück. Sie dachte nicht daran, die Nahrung für sich selber zu
behalten, sondern wollte, daß die anderen auch daran Anteil hätten.
Der selbstsüchtige Mensch sollte von dieser Ameise lernen. Wer aus
dem Leben mit Gott allerlei geistlichen Segen empfangen hat, sollte Sein Wort
denen bringen, die von Ihm noch nicht gehört haben, damit auch sie die
Gemeinschaft mit Gott und Seine Segnungen empfingen und ewige Freude.
4. Ein armer französischer Bildhauer hatte gerade ein sehr schönes
Tonmodell vollendet. In der Nacht wurde es bitter kalt und feucht, und er
fürchtete, der Frost könnte dem Modell schaden. So nahm er seine Bettdecken,
wickelte sie um das Modell und legte sich wieder hin. Am Morgen fand man ihn
tot, aber das Modell war unversehrt. Wenn es unter uns Menschen wie
204
diesen gibt, die ihr Leben willig für das Werk ihrer Hände und
leblose Dinge hingeben: wieviel mehr sollten wir willens sein, unser Leben für
jene lebendigen Seelen hinzugeben, die Gott nach Seinem Bild geschaffen hat (i.
Job. 3,16)!
5. Bevor ein Stück Salz nicht aufgelöst ist, kann es nicht ein
einzelnes Körnchen von Hülsenfrüchten salzen. Bevor die Sonnenwärme nicht den
Schnee auf den Bergen zum Schmelzen gebracht hat, kann er weder als Wasser
herabfließen und die von der Sonne ausgetrocknete und durstige Ebene bewässern,
noch kann er als Wasserdampf emporgezogen werden, um Wolken zu bilden, aus
denen er als Regen herniederfällt, um das durstige Land grün und fruchtbar zu
machen. So steht es auch bei uns: wenn wir nicht durch die Hitze der Sonne der
Gerechtigkeit und durch das Feuer des Heiligen Geistes schmelzen (d. h. wenn
wir nicht durch Selbstverleugnung und Opfer geläutert werden), können wir weder
den Durst irgendeiner verschmachtenden Seele stillen, noch sie zur Quelle des
Lebens bringen, wo sie für immer gestillt und lebendig gemacht wird.
6. Wir können nicht dem Schöpfer und Seinen Geschöpfen dienen,
ohne daß uns Schwierigkeiten und Versuchungen begegnen; aber wir können
geistlich auch nur wachsen, wenn wir ihnen begegnen. In der Welt ist kein
Mensch frei von ihnen, und wer keine Versuchung erleidet, ist, wie Aristoteles126
sagt, „entweder ein Tier oder ein Gott".
Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten sind das Kreuz, das wir
tragen müssen; aber wenn wir sie ertragen, so kommen Leben und ungezählte
Segnungen zu uns. Wie der Vogel Flügel trägt und die Flügel wieder den Vogel
tragen, so lehrt uns die Erfahrung: wer sein Kreuz mit Freuden auf sich nimmt,
der wird selbst von ihm emporgehoben und sicher dahingetragen, bis er seine
endgültige Bestimmung erreicht.
7. In diesen Schwierigkeiten sind die Familienpflichten und andere
Pflichten mit eingeschlossen. Einige verstehen das nicht und betrachten sie als
Last oder Hindernis. Angela da Foligno m „wünschte sich Glück",
als Mutter, Gatte und Kinder ihr starben,
205
denn sie hielt diese für „große Hindernisse auf dem Wege zu
Gott". Daß wir alle diese Pflichten mit Selbstaufopferung erfüllen, ist
ebensosehr der Wille Gottes für uns, wie daß wir unsere Tage mit Beten, Fasten
und Nachtwachen zubringen.
Die Erfahrung lehrt uns: indem wir anderen beistehen, helfen wir
zugleich uns selber und erlangen dadurch in der Seele eine wundervolle
Zufriedenheit. Diese Tatsache zeigt deutlich, wir haben eine innige Verbindung
mit anderen, und aller Fortschritt ist im gegenseitigen Helfen und Dienen
begründet. Wir können das die Grundordnung unseres Daseins nennen; denn wenn
wir uns ichhaft verhalten und dieser Ordnung zuwiderhandeln, dann werden wir
selbst sowie unsere Nächsten weniger Freude am Leben finden, und wir werden
durch den Widerstreit unseres Eigennutzes einander zerstören. Laßt uns diesen
Grundsatz des Dienens als die Goldene Regel des Lebens nehmen: „In Liebe diene
einer dem anderen"128. Wir können Gott nicht dienen, ohne daß
wir uns selbst verleugnen. Wir sollten, wie schon im ersten Kapitel gesagt
wurde, zuerst lernen, unser Leben mit dem Herrn im Verborgenen zu führen, und
während wir zu Seinen Füßen sitzen, die Lehre der Liebe lernen. Dann aber laßt
uns hinausgehen und unsere Mitmenschen lieben und ihnen dienen, wie wir unser
eigenes Selbst lieben. Dadurch erfüllen wir in unserem Leben jetzt die Absicht
und den Willen unseres Schöpfers und Herrn und werden ihn weiterhin erfüllen in
alle Ewigkeit.
206
5.SCHRIFT
Gesichte Her Geisteswelt129
Eine kurze Beschreibung des Geisteslebens,
seiner verschiedenen Seinszustände
und des Schicksals guter und böser Menschen,
wie es in Gesichten geschaut wurde.
VORWORT
In diesem Buch habe ich versucht, über einige der Gesichte zu
schreiben, die Gott mir geschenkt hat. Wäre ich meinen eigenen Neigungen
gefolgt, so hätte ich den Bericht dieser Gesichte nicht bei meinen Lebzeiten
veröffentlicht. Aber Freunde, deren Urteil ich schätze, haben darauf bestanden,
daß das, was diese Gesichte zu sagen haben, anderen geistlich helfen könnte und
die Veröffentlichung deshalb nicht aufgeschoben werden sollte. Aus Rücksicht
auf den Wunsch dieser Freunde wird dieses Buch jetzt der Öffentlichkeit
übergeben.
In Kotgarh wurden vor vierzehn Jahren, während ich betete, meine
Augen für die Himmlische Schau 130 aufgetan. So lebendig sah ich
alles, daß ich dachte, ich müsse gestorben sein und meine Seele sei in die
Herrlichkeit des Himmels eingegangen. Doch auch in den folgenden Jahren haben
diese Gesichte weiterhin mein Leben bereichert. Ich kann sie nicht herbeirufen,
wann ich
207
will; aber gewöhnlich, wenn ich bete oder mich innere — mitunter
acht- bis zehnmal in einem Monat —, werden meine Geistes-Augen auf getan: ich
kann in den Himmel blicken, wandle für eine oder zwei Stunden mit Christus
Jesus in der Herrlichkeit der himmlischen Welt und halte Zwiesprache mit Engeln
und Geistern. Vieles von dem, was sie mir auf meine Fragen geantwortet haben,
ist in meinen Büchern schon veröffentlicht worden. Und die unaussprechliche
Verzückung jener Geistesgemeinschaft macht, daß ich mich nach der Zeit sehne,
wo ich für immer in die Seligkeit und Gemeinschaft der Erlösten eintreten darf.
Manche mögen meinen, diese Gesichte seien nur eine Art Spiritismus131;
aber ich betone nachdrücklich: es besteht ein wesentlicher Unterschied!
Der Spiritismus behauptet, Botschaften und Zeichen von Geistern aus dem
Dunklen vorzulegen; aber sie sind für gewöhnlich so lückenhaft und
unverständlich, wenn nicht sogar wirklich trügerisch, daß sie ihre Nachfolger
eher von der Wahrheit fort als zu ihr hinführen. In diesen Gesichten sehe ich
andererseits lebendig und deutlich jede Einzelheit der Herrlichkeit der
Geisteswelt, und ich habe die sehr wirkliche Gemeinschaft mit den Heiligen
erhebend erfahren, mitten in der unvorstellbar strahlenden und schönen
Umgebung einer sichtbar gewordenen Geisteswelt. Von diesen Engeln und Heiligen
habe ich Botschaften empfangen: nicht unbestimmte, bruchstückhafte und
unverständliche Botschaften aus dem Unsichtbaren, sondern klare und
verständliche Aufklärung vieler Fragen, die mich gequält haben.
Diese „Gemeinschaft der Heiligen" 132 war in der
Erfahrung der Alten Kirche eine so wirkliche Tatsache, daß sie unter die notwendigen
Artikel ihres Glaubens aufgenommen wurde, die im „Apostolischen
Glaubensbekenntnis" niedergelegt sind. Einmal fragte ich in einem Gesicht
die Heiligen nach einem Beweis aus der Bibel für diese Gemeinschaft der
Heiligen. Mir wurde gesagt, er sei klar zu finden in Sach. 3, 7—8, wo, „die
dabei stehen", weder Engel noch „Menschen" von Fleisch und Blut
waren, sondern Heilige in Herrlichkeit. Gott hatte versprochen, wenn Josua
208
Sein Gebot halte, wolle Er ihm Zugang geben, damit er „wandeln
dürfe unter denen (den Heiligen), die dabei stehen", und diese sind seine
„Gefährten" — die Geister der vollendeten Menschen, mit denen er
Gemeinschaft pflegen könne.
In diesem Buch werden wiederholt Geister, Heilige und Engel
erwähnt. Ich unterscheide sie auf folgende Weise: Geister sind sowohl
gut wie böse; nach dem Tode befinden sie sich in einem Zwischenzustand zwischen
Himmel und Hölle. Heilige sind, die durch diesen Zustand
hindurchgegangen und in den höheren Bereich der Geisteswelt eingetreten sind;
ihnen ist ein besonderer Dienst aufgetragen. Engel sind jene herrlichen
Wesen, denen jegliche Art höheren Dienstes aufgetragen ist; unter ihnen finden
sich viele Heilige aus anderen Welten wie aus dieser unserer Welt; und sie
leben alle zusammen als eine einzige Familie. Sie dienen einander in Liebe und
sind im Glanz der Herrlichkeit Gottes ewig selig. Die Geisterwelt meint
jenen Zwischenzustand, in den die Geister eintreten, nachdem sie den Leib
verlassen haben. Die Geisteswelt umfaßt alle Geisteswesen, welche die
Stufen zwischen der Finsternis der bodenlosen Tiefe und dem Thron des Herrn im
Licht durchlaufen.
Subathu, Juli 1926 Sundar
Singh
209
1. Kapitel
LEBEN
Es gibt nur eine einzige Lebensquelle — ein Unendliches und
Allmächtiges Leben; dessen schöpferische Macht hat allen lebendigen Dingen das
Leben gegeben. Alle Geschöpfe leben in Ihm, und in Ihm werden sie auch für
immer bleiben. Und dieses Leben schuf wiederum unzählbare andere Leben
verschiedener Art, und deren eines auf den Stufen ihres Fortschritts ist der
Mensch: nach Gottes Ebenbild geschaffen, damit er in Seiner heiligen Gegenwart
auf ewig selig wäre.
Dieses Leben kann wechseln, aber niemals kann es zerstört werden.
Und obgleich der Übergang aus der einen Seinsgestalt in eine andere Tod heißt,
so ist damit doch niemals gemeint, der Tod beende das Leben endgültig oder füge
zum Leben etwas hinzu oder nehme etwas von ihm weg. Er führt das Leben nur aus
einer Seinsgestalt in eine andere hinüber. Wenn ein Ding unserer Sicht
entschwindet, so hat es dadurch noch nicht aufgehört zu sein. Es erscheint
wieder, aber in einer anderen Gestalt und in einem anderen Zustand.
Nichts in diesem ganzen Weltall wurde je zerstört, noch kann es je
zerstört werden, denn der Schöpfer hat niemals etwas erschaffen, damit es
zerstört werde. Wenn Er es hätte zerstören wollen, so hätte Er es nie
erschaffen. Und wenn in der Schöpfung
210
nichts zerstört werden kann, wie kann dann der Mensch zerstört
werden, der die Krone der Schöpfung und das Ebenbild seines Schöpfers ist? Kann
Gott selber Sein eigenes Ebenbild zerstören, oder kann irgendein anderes
Geschöpf es tun? Nimmermehr! Wenn der Tod also den Menschen nicht zerstört,
dann erhebt sich sogleich die Frage: wo und in welchem Zustand wird sich der
Mensch nach dem Tode befinden? —
Ich versuche, aus den Erfahrungen meiner Gesichte eine kurze
Erklärung zu geben, obgleich ich nicht alles beschreiben kann, was ich in den
Gesichten von der Geisteswelt geschaut habe, denn die Sprache und die Bilder
dieser Welt reichen nicht zu, um diese Geisteswirklichkeiten auszudrücken; und
schon der Versuch, die Herrlichkeit des Geschauten in gewöhnliche Sprache
zurückzubilden, führt leicht zu Mißverständnis. Ich mußte deshalb den Bericht
aller jener feinen geistigen Vorgänge, für den nur eine Geistessprache
zureicht, auslassen, und kann nur ein paar schlichte und lehrreiche Vorfälle
mitteilen, die sich für alle als nützlich erweisen. Da früher oder später jeder
in diese unsichtbare Geisteswelt eintreten muß, wird es nicht ohne Nutzen
sein, wenn wir bis zu einem gewissen Grade mit ihr vertraut werden.
2. Kapitel
WAS GESCHIEHT BEIM TODE?
Eines Tages,
als ich allein betete, fand ich mich plötzlich von einer großen Schar von
Geisteswesen umgeben, oder ich möchte sagen: sobald meine Geistes-Augen auf
getan waren, sah ich, wie ich in der Gegenwart einer großen Schar von Heiligen
und Engeln kniete. Als ich ihren Glanz und ihre Herrlichkeit erblickte und
meine eigene niedere Art mit ihnen verglich, war ich zuerst etwas verlegen.
Doch ihr wirkliches Mitgefühl und ihre liebevolle Freundlichkeit gab mir
sogleich meine Ruhe wieder. Ich hatte bereits den Frieden der Gegenwart Gottes
in meinem Leben
211
erfahren, aber die Gemeinschaft mit diesen Heiligen fügte noch
eine neue und wunderbare Freude hinzu. Als wir miteinander redeten, erhielt ich
von ihnen Antwort auf meine Fragen, und die Schwierigkeiten mancher Rätsel, die
mich quälten, wurden gelöst.
Zuerst fragte ich, was zur Zeit des Sterbens geschehe, und in
welchem Zustand sich die Seele nach dem Tode befinde. Ich sprach: „Wir wissen,
was mit uns zwischen Kindheit und Greisenalter geschieht; aber wir wissen
nicht, was in der Todesstunde oder jenseits der Tore des Todes geschieht. Das
können nur die genau wissen, die sich auf der anderen Seite des Todes befinden
und schon in die Geisteswelt eingetreten sind. Könnt ihr", so fragte ich,
„uns darüber irgendwelche Aufklärung geben?"
Darauf antwortete einer der Heiligen: „Der Tod ist gleich dem
Schlaf. Der Übergang bereitet keine Schmerzen, außer im Falle einiger weniger
Krankheiten des Leibes und gewisser Zustände des Geistes. Wie der Tiefschlaf
einen erschöpften Menschen überfällt, so kommt der Todesschlaf zum Menschen.
Über viele kommt der Tod so plötzlich, daß sie nur mit großer Mühe inne werden,
daß sie die körperliche Welt verlassen haben und in die Geisterwelt
eingetreten sind. Die vielen neuen und schönen Dinge, die sie um sich herum
sehen, verwirren sie so, daß sie meinen, sie besuchen irgendein Land oder eine
Stadt der Körperwelt, die sie vorher noch nicht gesehen haben. Erst wenn sie
eingehender belehrt worden sind und erkennen, ihr Geistesleib unterscheidet
sich von ihrem früheren stofflichen Leib, dann geben sie zu, sie seien in der
Tat aus der Körperwelt in das Reich der Geister versetzt worden."
Ein anderer der Heiligen, der anwesend war, gab auf meine Frage
noch diese weitere Antwort: „Gewöhnlich verliert der Leib in der Todesstunde
langsam seine Empfindung. Er spürt keine Schmerzen, sondern wird nur von einem
Gefühl der Schläfrigkeit überwältigt. Bei großer Schwäche oder einem Unfall
entweicht manchmal der Geist, während der Leib noch bewußtlos ist. Die Geister
selber, die gelebt haben, ohne daran zu denken, daß sie
212
einmal in die Geisteswelt eingehen, und ohne sich darauf zu
rüsten, werden, wenn sie so plötzlich in die Geisterwelt versetzt werden, gar
sehr verwirrt und geraten wegen ihres Schicksals in einen Zustand großer
Bedrängnis. Deshalb müssen sie für eine beträchtliche Zeit auf den niederen
dunklen Stufen des Zwischenzustandes bleiben. Die Geister dieser niederen
Bereiche belästigen oft die Menschen in der Welt gar sehr. Aber die einzigen,
denen sie ein Leid zufügen können, sind die, deren Sinn ihnen gleicht, und die
ihnen aus freiem Willen ihr Herz öffnen. Diese bösen Geister würden, wenn sie
sich mit anderen bösen Geistern vereinigten, in der Welt ungeheuren Schaden
stiften; doch Gott hat überall zahllosen Engeln aufgetragen, sie sollen Sein
Volk und Seine Schöpfung behüten, so daß Sein Volk immer in Seinem Schutz
geborgen ist.
Böse Geister können in der Welt nur denen schaden, die ihnen
gleichen, und auch dann können sie es nur bis zu einer bestimmten Grenze. Sie
können in der Tat auch die Gerechten plagen, aber nur wenn Gott es zuläßt. Gott
erlaubt gelegentlich Satan und seinen Engeln, Sein Volk zu versuchen und zu
verfolgen, damit es aus der Prüfung stärker und besser hervorgehe, wie Er Satan
erlaubte, Seinen Knecht Hiob zu verfolgen. Aber von solch einer Versuchung hat
der Gläubige eher Gewinn als Verlust."
Ein anderer der dabeistehenden Heiligen fügte als Antwort auf
meine Frage noch hinzu: „Viele, die ihr Leben noch nicht Gott hingegeben haben,
werden, wenn ihre Stunde naht, scheinbar bewußtlos. Was aber tatsächlich
geschieht, ist dies: wenn sie die gräßlichen und teuflischen Gesichter der
bösen Geister sehen, die sie umgeben, werden sie sprachlos und vor Furcht
gelähmt. Andererseits ist das Sterben eines Gläubigen häufig das ganze Gegenteil
davon. Er ist oft außerordentlich glücklich, denn er sieht Engel und fromme
Geister nahen, die ihn willkommen heißen. Dann dürfen auch seine Lieben, die
vorher gestorben sind, an sein Sterbebett treten und seine Seele in die
Geisteswelt geleiten. Wenn er in die Geisterwelt eintritt, fühlt er sich
sogleich wie zu Hause: dort sind nicht nur seine Freunde um ihn, sondern wäh-
213
rend er noch in der Welt war, hatte er sich schon lange durch sein
Vertrauen zu Gott und seine Gemeinschaft mit Ihm auf jene Heimat
vorbereitet."
Danach sagte ein vierter Heiliger: „Die Menschenseelen aus der
Welt hinauszugeleiten, ist die Aufgabe der Engel. Gewöhnlich offenbart sich
der Christus in der Geisteswelt einer jeden Seele auf der Stufe der
Herrlichkeit, die dem Stand ihrer geistigen Entwicklung entspricht. Aber in
einigen Fällen kommt Er sogar selber an das Sterbebett, um Seinen Diener
willkommen zu heißen, trocknet seine Tränen in Liebe und führt ihn ins
Paradies. Wie ein Kind, das in die Welt hineingeboren wird, alles vorfindet,
was es bedarf, so findet auch die Seele, wenn sie in die Geisteswelt eintritt,
alles, was sie braucht."
3. Kapitel
DIE GEISTERWELT133
Im Verlaufe eines Gesprächs gaben mir die Heiligen einmal diese
Auskunft: „Nach dem Tode tritt die Seele eines jeden menschlichen Wesens in die
Geisterwelt ein, und eine jede wird nach dem Stand ihrer geistlichen Reife bei
Geistern wohnen, die ihr in Sinn und Wesen gleichen, entweder in der Finsternis
oder in dem Licht der Herrlichkeit. Es wird uns versichert, noch keiner sei in
seinem natürlichen Leib in die Geisteswelt gekommen außer Christus und einigen
wenigen Heiligen, deren Leiber in verklärte Leiber verwandelt wurden. Aber
einigen ist, während sie noch in der Welt leben, erlaubt worden, die
Geisterwelt und sogar den Himmel zu sehen — wie in 2. Kor. 12, 2 —, obgleich
sie selber nicht sagen können, ob sie das Paradies im Leib oder im Geist
betreten."
Nach diesem Gespräch führten diese Heiligen mich umher und zeigten
mir viele wunderbare Dinge und Orte.
Ich sah, wie von allen Seiten fortwährend tausend und abertausend
Seelen in der Geisterwelt eintrafen und alle von Engeln
214
geleitet
wurden. Die Seelen der Guten hatten nur Engel und gute Geister bei sich, die
sie von ihrem Sterbebett begleitet hatten. Böse Geister durften ihnen nicht
nahen, sondern standen in der Ferne und beobachteten. Ich sah auch, wie bei den
Seelen der wirklich Bösen keine guten Geister waren, sondern sie waren von
bösen Geistern umgeben, die mit ihnen von ihren Sterbebetten gekommen waren,
während auch Engel dabeistanden und die bösen Geister daran hinderten, daß sie
der Bosheit ihrer heimtückischen Art freies Spiel ließen und die Seelen
quälten. Die bösen Geister führten diese Seelen meistens sofort in die Finsternis;
denn als sie noch im Fleisch waren, hatten sie beständig den bösen Geistern
gestattet, auf sie zum Bösen einzuwirken, und sich selber willig zu jeglicher
Art von Bosheit verführen lassen. Denn die Engel hemmen auf keine Weise den
freien Willen irgendeiner Seele. Ich sah dort auch viele Seelen, die erst
kürzlich in die Geisterwelt gekommen waren: die wurden von guten und bösen
Geistern wie auch von Engeln begleitet. Aber binnen kurzem begann der
wurzeltiefe Unterschied ihres Lebens sich geltend zu machen, und sie schieden
sich selber — die guten Wesens dem Guten entgegen, und die Bösen dem Bösen
entgegen.
SÖHNE DES LICHTS
Wenn die
Menschenseelen in der Geisterwelt angekommen sind, so scheiden sich die Geister
der Guten sofort von den Bösen. In der Welt sind alle durcheinander gemengt,
aber in der Geisteswelt ist es anders. Ich habe viele Male gesehen: wenn die
Geister der Guten — der Söhne des Lichts — in die Geisterwelt eintreten, so
baden sie zuallererst in den nicht zu fühlenden Luftgleichen Wassern eines
kristallklaren Ozeans, und darin finden sie eine starke und erheiternde
Erfrischung. Sie bewegen sich mitten in diesen wunderbaren Wassern, als ob sie
im Freien wären: weder ertrinken sie darin, noch machen die Wasser sie naß;
vielmehr treten sie, wunderbar gereinigt, erfrischt und geläutert, in die Welt
der Herrlichkeit und des Lichts ein, wo sie auf ewig in
215
der Gegenwart ihres lieben Herrn und in der Gemeinschaft zahlloser
Heiliger und Engel bleiben werden.
SÖHNE DER FINSTERNIS
Wie so ganz anders sind die Seelen derer, die ein böses Leben
geführt haben. Voller Unbehagen in der Gesellschaft der Söhne des Lichts und
von dem Alles offenbarenden Licht der Herrlichkeit gequält, mühen sie sich ab,
sich an Orten zu verstecken, wo ihr unreines und Sünden-beschmutztes Wesen
nicht zu sehen ist. Von dem untersten und finstersten Ort der Geisterwelt steigt
ein schwarzer und übel-riechender Rauch auf. Während sie sich bemühen, sich
vor dem Licht zu verbergen, stürzen diese Söhne der Finsternis hinab und werfen
sich kopfüber hinein. Und von dort hört man dann beständig ihre bitteren Klagen
der Reue und Angst aufsteigen. Doch der Himmel ist so eingerichtet, daß die
Geister im Himmel weder den Rauch sehen noch die angstvollen Klagen hören; es
sei denn, ihrer einige sollten aus irgendeinem besonderen Grund zu sehen
wünschen, wie übel es jenen Seelen in der Finsternis ergeht.
DER TOD EINES
KINDES
Ein kleines Kind starb an Lungenentzündung, und eine Engelschar
kam, um seine Seele in die Geisterwelt zu geleiten. Ich wünschte, seine Mutter
hätte den wundervollen Anblick sehen können, dann hätte sie nicht geweint,
sondern vor Freude gesungen; denn die Engel sorgen für die Kleinen mit einer
Sorgfalt und Liebe, wie eine Mutter sie niemals zeigen könnte. Ich hörte, wie
einer der Engel zu einem ändern sagte: „Sieh nur, wie die Mutter dieses Kindes
über diese kurze und zeitliche Trennung weint! In nur wenigen Jahren wird sie
bei ihrem Kinde wieder glücklich sein." 134 Dann brachten die
Engel des Kindes Seele in jenen schönen und Licht-erfüllten Teil des Himmels,
der für die Kinder bestimmt ist. Dort sorgen die Engel für sie und unter-
216
richten sie in aller himmlischen Weisheit, bis die Kleinen allmählich
selber wie Engel werden.
Nach einiger Zeit starb auch des Kindes Mutter, und ihr Kind, das
nun den Engeln gleich geworden war, kam mit anderen Engeln, um die Seele seiner
Mutter willkommen zu heißen. Als es zu ihr sagte: „Mutter, kennst du mich nicht
mehr? Ich bin dein Sohn Theodor", da wurde das Mutterherz von Freude
überflutet, und als sie einander umarmten, fielen ihre Freudentränen wie
Blüten. Es war ein rührender Anblick! Als sie dann miteinander dahingingen,
zeigte und erklärte er ihr die Dinge ringsum, und während der Zeit, die ihr
bestimmt war, im Zwischenzustand zu verbringen, blieb er bei ihr. Als die Zeit,
die sie zur Belehrung in jener Welt brauchte, vorüber war, nahm er sie in den
höheren Bereich mit, wo er selber wohnte.
Dort gab es
nach allen Seiten wundervolle und fröhliche Umgebungen. Und ungezählte
Menschenseelen waren dort, die in der Welt mannigfache Leiden um Christi willen
getragen hatten und schließlich zu diesem herrlichen Ort der Ehren erhoben worden
waren. Rings umher waren unvergleichliche und außerordentlich schöne Gebirge,
Quellen und Landschaften, und in den Gärten befanden sich alle Arten süßer
Früchte und schöner Blumen im Überfluß. Es gab alles, was das Herz begehren
mochte. Da sagte er zu seiner Mutter: „In der Welt, die doch nur das trübe
Spiegelbild dieser wirklichen Welt ist, grämen sich unsere Lieben nach uns.
Aber nun sage mir: ist dies der Tod, oder ist es nicht vielmehr das wirkliche
Leben, nach dem jedes Herz sich sehnt?" Die Mutter sprach: „Mein Sohn,
dies ist das wahre Leben. Wenn ich in der Welt die ganze Wahrheit über den
Himmel gewußt hätte, dann hätte ich mich niemals über deinen Tod gegrämt. Wie
traurig ist es doch, daß die Menschen in der Welt so blind sind! Christus hat
sich über diesen Zustand der Herrlichkeit ganz deutlich erklärt, und die
Evangelien reden immer wieder von diesem ewigen Reich des Vaters. Doch trotzdem
bleiben nicht nur unwissende Menschen, sondern auch viele erleuchtete Gläubige
noch immer ohne Kenntnis seiner Herrlichkeit. Möchte Gott es
217
fügen, daß alle in die immerwährende Freude dieses Ortes eingehen!"
DER TOD EINES
PHILOSOPHEN
Die Seele
eines deutschen Philosophen trat in die Geisterwelt ein und sah aus der Ferne
die unvergleichliche Herrlichkeit der Geisteswelt und die grenzenlose Seligkeit
ihrer Bewohner. Er war von dem, was er sah, entzückt, aber sein widerspenstiger
Intellektualismus stand ihm im Wege, so daß er nicht eintreten und an ihrer
Seligkeit teilhaben konnte. Anstatt daß er zugab, sie sei wirklich, stritt er
mit sich also: „Es besteht gar kein Zweifel, daß ich das alles hier sehe. Aber
wie läßt sich beweisen, daß es von mir unabhängig besteht, daß es nicht
irgendeine Täuschung ist, die mein Geist heraufbeschworen hat? Ich will an
alles von einem Ende bis zum anderen den Prüfstein der Logik, Philosophie und
Wissenschaft anlegen. Dann erst will ich überzeugt sein, daß es wirklich und
keine Täuschung ist." Da antworteten ihm die Engel: „Deine Rede zeigt,
dein Intellektualismus hat dein ganzes Wesen verkehrt. Wer die Geisteswelt
sehen will, braucht dazu Geistes- und nicht Körperaugen. Ebenso braucht, wer
ihre Wirklichkeit verstehen will, geistliches Verstehen und keine Verstandesübungen
in den Grundlehren der Logik und Philosophie. Deine Wissenschaft, die es mit
stofflichen Tatsachen zu tun hat, ist mit deinem leiblichen Schädel und Gehirn
in der Welt zurückgeblieben. Hier kann man nur jene geistliche Weisheit
gebrauchen, die aus der Furcht Gottes und der Liebe zu Ihm entspringt."
Dann sagte einer der Engel zu einem anderen: „Wie traurig ist es doch, daß die
Menschen jenes kostbare Wort unseres Herrn vergessen: ,Es sei denn, daß ihr
umkehrt und werdet wie die Kinder, sonst werdet ihr nicht ins Himmelreich
kommen'" (Matth. 18, 3). Ich fragte einen der Engel, was das Ende dieses
Mannes sein werde, und er antwortete: „Wenn das Leben dieses Menschen durchweg
schlecht gewesen wäre, dann hätte er sich sofort zu den Geistern der Finsternis
gesellt; doch er ist nicht ohne sittliches Empfinden. So
218
wird er eine sehr lange Zeit hindurch blind in dem Dämmerlicht der
unteren Teile des Zwischenzustandes herumwandern und sich weiterhin seinen
philosophischen Kopf stoßen, bis er, seiner Torheit müde, Buße tut. Dann wird
er bereit sein, die nötige Belehrung von den dazu bestimmten Engeln zu
empfangen. Und nach dieser Belehrung wird er fähig sein, in das vollere Licht
Gottes in dem höheren Bereich einzugehen."
In einem gewissen Sinn ist der ganze unendliche Raum — insofern
ihn die Gegenwart Gottes, der Geist ist, erfüllt — eine Geisteswelt. In einem
anderen Sinn ist auch die Welt eine Geisteswelt, denn ihre Bewohner sind
Geister, in menschliche Leiber gekleidet. Aber es gibt noch eine andere
Geisterwelt: in ihr wohnen eine Zeitlang die Geister, nachdem sie den Leib
beim Tode verlassen haben. Das ist ein Zwischenzustand: ein Zustand zwischen
der Herrlichkeit und dem Licht der höchsten Himmel und der Dämmerung und
Finsternis der untersten Höllen. In ihm gibt es zahllose Daseinsstufen. Und die
Seele wird auf diejenige Stufe geleitet, für die ihr Fortschritt in der Welt
sie befähigt. Engel, die für diese Aufgabe bestimmt sind, belehren sie dort
eine gewisse Zeit, die lang oder kurz sein kann. Dann erst zieht die Seele
weiter und tritt in die Gesellschaft jener Geister ein — der guten Geister im
helleren Licht oder der bösen Geister in der tieferen Finsternis —, die ihr im
Wesen und in der Gesinnung gleichen.
4. Kapitel
DES MENSCHEN HILFE UND BELEHRUNG, JETZT UND NACHHER
UNSICHTBARE HILFE
Oft kommen
unsere Verwandten und Lieben und mitunter auch die Heiligen aus der
unsichtbaren Welt, um uns zu helfen und uns zu beschützen. Die Engel tun das
immerzu. Doch haben sie sich uns niemals sichtbar machen dürfen, mit Ausnahme
219
weniger Male bei ganz besonderer Not. Auf Wegen, die wir nicht
wahrnehmen, wirken sie auf uns in der Richtung heiliger Gedanken ein und
bewegen uns hin zu Gott und einer guten Lebensführung. Und Gottes Geist, der in
unseren Herzen wohnt, vollendet jenes Werk, das dazu dient, unser Geistes-Leben
vollkommen zu machen, und das sie nicht zu vollenden vermochten.
WER IST DER
GRÖSSTE?
Die Größe
irgendeines Menschen hängt nicht von seinem Wissen und seiner Stellung ab,
noch kann irgend jemand dadurch allein groß werden. Ein Mensch ist so groß, wie
er anderen nützen kann, und er nützt ihnen soviel, wie er ihnen dient. Deshalb
ist ein Mensch so groß, wie er anderen in Liebe dienen kann. Wie der Herr
gesagt hat: „So jemand will unter euch groß sein, der sei euer Diener"
(Matth. 20, 26). Alle, die im Himmel wohnen, haben ihre Freude daran, daß sie
einander dienen; so erfüllen sie den Sinn ihres Lebens und bleiben auf ewig in
der Gegenwart Gottes.
DIE VERBESSERUNG DES
IRRTUMS
Wenn Menschen ernstlich begehren, ein Gott wohlgefälliges Leben zu
führen, so beginnt die Berichtigung ihrer Ansichten und die Erneuerung ihres
Lebens schon in dieser Welt. Hierbei lehrt sie nicht hur Gottes Geist
unmittelbar, sondern in der verborgenen Kammer des Herzens empfangen sie Hilfe
durch die Gemeinschaft mit den Heiligen, die, obwohl sie ihnen unsichtbar
bleiben, ihnen immer nahe sind, um ihnen zum Guten beizustehen. Aber da viele
gläubige Christen sowie auch nichtchristliche Wahrheitssucher sterben, während
sie noch falsche und unvollständige Ansichten der Wahrheit haben, werden ihre
Anschauungen in der Geisterwelt berichtigt, vorausgesetzt, sie halten nicht
hartnäckig an ihren Anschauungen fest und wollen lernen; denn weder in dieser
noch in der nächsten Welt zwingt Gott oder irgendeiner Seiner Diener einen
Menschen dazu, daß er etwas gegen seinen Willen glaube.
220
DIE OFFENBARUNG CHRISTI
In einem
Gesicht sah ich den Geist eines Götzendieners: als er in der Geisterwelt ankam,
fing er an, nach seinem Gott zu suchen. Da sagten die Heiligen zu ihm: „Hier
ist kein Gott außer dem Einen Wahren Gott und Christus, der Seine Offenbarung
ist." Darüber war der Mann gar sehr erstaunt. Aber er war ein aufrichtiger
Wahrheitssucher und gab freimütig zu, er sei im Irrtum gewesen. Er suchte
eifrig die richtige Sicht der Wahrheit zu erkennen und fragte, ob er den
Christus sehen dürfe. Bald darauf offenbarte sich Christus ihm und anderen, die
frisch in der Geisterwelt angekommen waren, in einem schwachen Licht: auf
dieser Stufe hätten sie eine volle Entfaltung Seiner Herrlichkeit nicht
ertragen, denn Seine Herrlichkeit ist so überwältigend, daß selbst die Engel
Ihn nur mit Mühe anschauen und ihr Angesicht mit ihren Flügeln bedecken (Jes.
6, 2). Wenn Er sich aber irgendeiner Seele offenbart, dann bedenkt Er die
besondere Stufe, bis zu der sie fortgeschritten ist, und erscheint im
schwächeren oder helleren Licht Seiner Herrlichkeit, damit die Seele Seinen
Anblick ertragen kann. Als diese Geister Christus in diesem schwachen aber anziehenden
Lichte sahen, wurden sie mit Freude und Frieden erfüllt, die zu beschreiben
unsere Kraft übersteigt. Sie wurden in den Strahlen Seines Leben-spendenden
Lichtes gebadet und von den Wellen Seiner Liebe überflutet, die beständig von
Ihm ausströmen: da war all ihr Irrtum abgewaschen. Dann erkannten sie von
ganzem Herzen Ihn als die Wahrheit an und fanden Heilung. Sie beugten sich in
demütiger Anbetung vor Ihm und dankten und priesen Ihn. Und die Heiligen, die
zu ihrer Belehrung bestimmt waren, freuten sich auch über sie.
EIN ARBEITER UND
EIN ZWEIFLER
Einmal sah
ich in einem Gesicht einen Arbeiter in der Geisterwelt ankommen. Er war in
großer Not, denn sein ganzes Leben lang hatte er keinen anderen Gedanken
gehabt, als sein tägliches
221
Brot zu verdienen. Er hatte zu viel zu tun, als daß er hätte an
Gott oder Geistes-Dinge denken können. Mit ihm zusammen war auch ein anderer
gestorben, der war ein Zweifler und in seinen Meinungen sehr hartnäckig. Beide
mußten in der Geisterwelt eine lange Zeit tief unten an einem Ort der
Finsternis weilen. Dort fingen sie in ihrem Elend an, um Hilfe zu schreien.
Heilige und Engel kamen voll Liebe und Mitgefühl herbei, um sie zu belehren,
damit sie verstünden, wie sie Glieder des Reiches der Herrlichkeit und des
Lichtes werden könnten. Aber trotz ihres Elends wollten sie, wie viele andere
Geister, lieber weiter an ihrem dunklen Ort bleiben; denn die Sünde hatte ihr
ganzes Sein und Wesen so sehr verkehrt, daß sie alles bezweifelten. Selbst auf
die Engel, die doch zu ihrer Hilfe gekommen waren, blickten sie mit Argwohn.
Während ich das mit ansah, hätte ich gerne gewußt, was ihr Ende sein würde.
Doch als ich fragte, bekam ich von einem der Heiligen nur diese Antwort:
„Möchte Gott ihnen gnädig sein!"
Wie verderbt das verkehrte Wesen des Menschen ist, können wir aus
folgendem ersehen: Wenn über einen anderen Menschen eine üble Rede umgeht, dann
wird der, dessen Blick durch die Sünde verzerrt ist, sie, auch wenn sie falsch
ist, sofort als wahr annehmen. Andererseits aber, wenn er eine gute und vollkommen
wahre Kunde empfängt, z.B. der und der sei ein frommer Mann und habe dies oder
das zur Ehre Gottes und zum Wohl seiner Mitmenschen getan, dann pflegt solch
ein Hörer ohne Zögern zu sagen: „Das ist alles falsch. Er muß damit irgendeine
persönliche Absicht verfolgt haben." Fragen wir aber solch einen Menschen,
woher er wisse, daß der erste Fall wahr und der letzte falsch sei, und wie er
das beweisen könne, dann kann er nicht den geringsten Beweis vorbringen. Von
solch einer Gesinnung können wir dieses lernen: weil sein Sinn vom Bösen
befleckt ist, glaubt er den üblen Nachreden, denn sie passen zu seinem bösen
Herzen. Ein guter Mensch ist seinem Wesen nach von entgegengesetzter Art. Er
neigt wesensmäßig dazu, eine schlechte Nachricht zu bezweifeln und eine gute
zu glauben, denn diese Haltung stimmt am besten zu der Güte seines Wesens.
222
Wer in dieser Welt sein Leben im Widerspruch gegen den Willen
Gottes verbringt, wird weder in dieser noch in der künftigen Welt
Herzensfrieden haben. Und wenn er in die Geisterwelt eintritt, wird er sich
verwirrt und bekümmert fühlen. Wer sich aber in dieser Welt nach dem Willen des
Herrn richtet, wird, wenn er in die andere Welt eintritt, Frieden haben und mit
unaussprechlicher Freude erfüllt werden, denn hier ist seine ewige Heimat und
das Reich seines Vaters.
5. Kapitel
DAS GERICHT ÜBER DIE SÜNDER
Viele Menschen meinen, wenn sie im Verborgenen sündigen, werde es
niemals jemand erfahren. Aber es ist völlig unmöglich, daß irgendeine Sünde auf
immer verborgen bleibe. Zu irgendeiner Zeit wird sie sicher bekannt werden, und
der Sünder wird die Strafe empfangen, die er verdient. Auch Güte und Wahrheit
können niemals verborgen bleiben. Selbst wenn sie eine Zeitlang nicht anerkannt
werden, am Ende müssen sie siegen. Die folgenden Vorfälle dienen dazu, auf den
Zustand des Sünders Licht zu werfen.
EIN GUTER MENSCH
UND EIN DIEB
Einmal erzählte mir in einem Gesicht einer der Heiligen diese
Geschichte: Spät in der Nacht mußte ein gottesfürchtiger Mann einen weiten Weg
machen, um eine notwendige Arbeit zu verrichten. Wie er dahinschritt, ertappte
er einen Dieb, der gerade in einen Laden einbrach. Er sagte zu ihm: „Du hast
kein Recht, anderer Leute Eigentum an dich zu nehmen und ihnen Schaden
zuzufügen. Das ist eine große Sünde." Der Dieb antwortete: „Wenn du heil
davonkommen willst, dann gehe still weiter; wenn nicht, dann wirst du
Unannehmlichkeiten haben." Der gute Mann setzte seine Bemühungen
beharrlich fort, und als der Dieb nicht hören wollte, begann er zu rufen und
weckte die Nachbarn. Sie
223
eilten
heraus, um den Dieb zu ergreifen; aber sowie der gute Mann den Dieb anzuklagen
begann, drehte der Dieb den Spieß um und beschuldigte den guten Mann. „O
ja", sagte er, „ihr denkt, dieser Kerl sei sehr fromm, aber ich
überraschte ihn gerade beim Stehlen." Da keine Zeugen zugegen waren,
wurden beide festgenommen und miteinander in einen Raum eingeschlossen. Der
Polizeioffizier und einige seiner Leute verbargen sich, um ihr Gespräch zu
belauschen. Da begann der Dieb, seinen Mitgefangenen auszulachen. „Sieh",
sagte er, „habe ich dich nicht fein gefangen? Ich sagte dir gleich, du solltest
dich davonmachen, oder es würde dir schlecht ergehen. Nun wollen wir einmal
sehen, wie deine Religion dich retten wird." Sowie der Offizier dies gehört
hatte, öffnete er die Tür und ließ den guten Mann in Ehren und mit einer
Belohnung frei; dem Dieb aber gab er eine ordentliche Tracht Prügel und
sperrte ihn in eine Gefängniszelle. So gibt es schon in dieser Welt eine Art
Gottesgericht zwischen guten und bösen Menschen, aber die volle Strafe und
Belohnung wird erst in der künftigen Welt ausgeteilt.
GEHEIME SÜNDEN
Auch das Folgende wurde mir in einem Gesicht erzählt. Ein Mensch
beging in der Verborgenheit seines Zimmers eine sündige Tat und dachte, seine
Sünde bliebe verborgen. Einer der Heiligen sagte: „Wie sehr wünschte ich, die
Geistes-Augen dieses Menschen wären zu der Zeit auf getan, dann hätte er
nimmermehr gewagt, diese Sünde zu begehen!" Denn in jenem Raum befanden
sich eine Anzahl Engel und Heilige wie auch einige Geister seiner Lieben, die
ihm zu Hilfe gekommen waren. Sie waren alle über sein schändliches Verhalten
betrübt und ihrer einer sagte: „Wir kamen, um ihm zu helfen, aber jetzt müssen
wir zur Zeit seines Gerichts gegen ihn zeugen. Er kann uns nicht sehen, aber
wir können alle sehen, wie sehr er der Sünde frönt. Möchte dieser Mensch doch
umkehren und vor der künftigen Strafe gerettet werden!"
224
VERSÄUMTE GELEGENHEITEN
Einmal sah
ich in der Geisterwelt einen Geist, der vor Gewissensbissen laut schrie und
wie ein Wahnsinniger umherjagte. Ein Engel sagte: „Dieser Mann hatte in der
Welt oftmals Gelegenheit, umzukehren und sich zu Gott zu wenden. Aber wann
immer sein Gewissen ihn zu plagen anfing, pflegte er die Gewissensbisse im
Trunk zu ertränken. Er vergeudete sein ganzes Eigentum, richtete seine Familie
zugrunde und beging zum Schluß Selbstmord. Jetzt rast er in der Geisterwelt wie
ein toller Hund umher und krümmt sich vor Gewissensbissen, wenn er an seine
versäumten Gelegenheiten denkt. Wir sind bereit, ihm zu helfen, aber sein
eigenes verkehrtes Wesen hindert ihn umzukehren, denn die Sünde hat sein Herz
verhärtet, obgleich er sich ihrer immer wieder neu erinnert. In der Welt trank
er, um die Stimme seines Gewissens zum Schweigen zu bringen, aber hier hat er
keine Gelegenheit, irgend etwas zu verdecken. Jetzt ist seine Seele so nackend,
daß er selbst und alle Bewohner der Geisteswelt sein sündiges Leben sehen
können. In seinem von Sünden verhärteten Zustand hat er keinen anderen Ausweg,
als daß er sich mit anderen bösen Geistern in der Finsternis verbirgt, damit er
bis zu einem gewissen Grade der Qual, die ihm das Licht bereitet,
entgeht."
WIE EINEM BÖSEWICHT
ERLAUBT WURDE, IN DEN
HIMMEL EINZUGEHEN
Einmal trat in meiner Gegenwart ein Mann, der ein übles Leben
geführt hatte, nach seinem Tode in die Geisterwelt ein. Als die Engel und
Heiligen ihm helfen wollten, begann er sofort, sie zu verfluchen und zu schmähen,
und sagte: „Gott ist überhaupt ungerecht. Er hat solchen schmeichelnden
Sklaven, wie ihr seid, den Himmel bereitet, und die übrige Menschheit wirft Er
in die Hölle. Dennoch nennt ihr Ihn Liebe!" Die Engel entgegneten: „Gewiß,
Gott ist Liebe. Er schuf die Menschen, damit sie auf ewig mit Ihm in seliger
Gemeinschaft leben möchten; aber die Men-
225
schen haben sich in ihrer Hartnäckigkeit und durch den Mißbrauch
ihres freien Willens von Ihm abgewandt und haben sich selber die Hölle
bereitet. Gott wirft niemanden in die Hölle und wird es auch niemals tun,
sondern der Mensch schafft sich selber die Hölle, indem er sich in Sünde
verstrickt. Niemals hat Gott eine Hölle geschaffen."
In demselben Augenblick war die überaus liebliche Stimme eines der
hohen Engel von oben zu hören: „Gott erlaubt, daß dieser Mensch in den Himmel
geführt werde." Begierig schritt der Mann, von zwei Engeln geführt,
vorwärts; aber als sie die Himmelstüre erreicht und den heiligen und
Licht-umfluteten Ort und seine verklärten und seligen Bewohner sahen, begann
er, sich unbehaglich zu fühlen. Die Engel sprachen zu ihm: „Sieh, was für eine
schöne Welt das ist! Geh weiter und schaue den teuren Herrn an dort auf Seinem
Thron." Er blickt von der Tür aus hinein. Als dann aber das Licht der Sonne
der Gerechtigkeit ihm offenbarte, wie unrein sein Sünden-beschmutztes Leben
war, wandte er sich zurück, denn Ekel vor sich selber überfiel ihn quälend, und
floh mit solcher Hast, daß er nicht einmal im Zwischenzustand der Geisterwelt
anhielt, sondern gleich einem Stein jagte er hindurch und stürzte sich kopfüber
in die abgrundlose Tiefe.
Dann war die liebliche und entzückende Stimme des Herrn zu hören:
„Seht, Meine lieben Kinder, hierher zu kommen ist keinem verwehrt, und niemand
verbot es diesem Menschen, noch hat irgend jemand ihm geboten wegzugehen.
Vielmehr hat sein eigenes unreines Leben ihn gezwungen, von diesem heiligen Ort
zu fliehen. ,Wenn jemand nicht von neuem geboren ist, kann er das Reich Gottes
nicht sehen'" (Joh. 3, 3).
DER GEIST EINES
MÖRDERS
Ein Mann
hatte vor einigen Jahren einen christlichen Prediger getötet. Nun wurde er im
Dschungel von einer Schlange gebissen und starb. Als er in die Geisterwelt kam,
sah er ringsumher gute
226
und böse Geister. Weil die Gesamtansicht seiner Seele ihn als
einen Sohn der Finsternis auswies, hatten die bösen Geister bald von ihm Besitz
ergriffen und stießen ihn mit sich hinab, der Finsternis entgegen. Einer der
Heiligen bemerkte: „Er tötete einen Gottesmann durch das Gift seines Zornes,
und nun hat ihn selbst das Gift einer Schlange getötet. Die alte Schlange, der
Teufel, tötete durch diesen Menschen einen unschuldigen Mann. Jetzt hat der
Teufel mittels einer anderen Schlange, die ihm gleich ist, diesen Mann getötet,
denn er ist ,ein Mörder von Anfang'" (Joh. 8, 44).
-UND DER GEIST
DES ERMORDETEN
Als der Mörder fortgebracht wurde, sagte zu ihm einer aus der
Schar der guten Geister, die gekommen waren, um ihm zu helfen: „Ich habe dir
von ganzem Herzen vergeben. Kann ich jetzt etwas tun, um dir zu helfen?"
Der Mörder erkannte ihn sogleich als denselben Mann, den er vor einigen Jahren
getötet hatte. Voller Scham und Furcht fiel er vor ihm nieder, und alsbald
begannen die bösen Geister laut zu schreien, aber die Engel, die in einiger
Entfernung standen, wiesen sie zurecht und brachten sie zum Schweigen. Dann
sagte der Mörder zu dem Mann, den er ermordet hatte: „Wie wünschte ich, daß
ich in der Welt dein selbstloses Wesen so hätte sehen können, wie ich es jetzt
sehe! Es tut mir leid, daß ich, weil ich blind und auch weil dein wirkliches
Geistes-Leben durch deinen Leib verhüllt war, die innere Schönheit deines
Lebens nicht sehen konnte. Dadurch, daß ich dich tötete, habe ich auch noch
viele Menschen des Segens und der Wohltat beraubt, die du ihnen gegeben
hättest. Nun bin ich auf ewig in Gottes Augen ein Sünder und verdiene voll
meine Strafe. Ich weiß nicht, was ich jetzt noch tun kann, außer daß ich mich
in irgendeiner dunklen Höhle verberge, denn ich kann dieses Licht nicht
ertragen. In ihm macht mein eigenes Herz mich elend; aber noch viel schlimmer
ist, daß alle jede Einzelheit meines sündigen Lebens sehen können."
227
Darauf entgegnete der Ermordete: „Du solltest aufrichtig bereuen
und dich zu Gott wenden. Wenn du das tust, dann darfst du hoffen, das Lamm
Gottes werde dich in Seinem eigenen Blut waschen und dir neues Leben geben,
damit du bei uns im Himmel leben kannst und vor der Qual der Hölle gerettet
bist."
Darauf
erwiderte der Mörder: „Ich muß meine Sünden nicht erst bekennen, denn sie sind
allen sichtbar. In der Welt konnte ich sie verbergen, doch hier nicht. Gern
möchte ich mit Heiligen wie du im Himmel leben. Aber wenn ich nicht einmal das
schwache selbst-offenbarende Licht in der Geisterwelt ertragen kann, wie wird
es mir dann in der durchdringenden Helle und Herrlichkeit jenes Licht-erfüllten
Ortes ergehen? Was mich am meisten hindert, ist dies: meine Sünden haben mein
Gewissen so stumpf und hart gemacht, daß mein Wesen sich nicht Gott zuneigen
und bereuen will. Ich scheine keine Kraft mehr zur Reue zu haben. So bleibt
mir nichts anderes übrig, als daß ich auf ewig von hier vertrieben werde. Ach,
mein unglückseliger Zustand!" Wie er, von Furcht geplagt, das sagte, fiel
er nieder, und seine Genossen unter den bösen Geistern schleppten ihn in die
Finsternis weg.
Da sagte einer der Engel: „Sieh, es ist gar nicht nötig, daß
irgend jemand hier verdammt. Ein jeder Sünder wird von selbst durch sein Leben
schuldig gesprochen. Es ist gar nicht nötig, ihm das zu sagen oder Zeugen gegen
ihn aufzurufen. Bis zu einem gewissen Grade beginnt die Strafe im Herzen eines
jeden Sünders bereits, während er noch in der Welt ist; aber hier erfährt er
ihre volle Wirkung. Und Gott hat es hier so gefügt, daß Böcke und Schafe, d. h.
Sünder und Gerechte, sich von selbst voneinander trennen. Gott erschuf den
Menschen, damit er im Licht lebe, wo Gesundheit und Freude seines Geistes ewig
dauern. Deshalb kann kein Mensch in der Finsternis der Hölle glücklich sein,
noch kann er wegen seines Sünden-verderbten Lebens im Licht glücklich sein. So
wird ein Sünder, wohin er sich auch wenden mag, sich überall in der Hölle
finden. Wie ist der Stand des Gerechten dem doch entgegengesetzt: von seiner
Sünde befreit, befindet er sich überall im Himmel!"
228
DER GEIST EINES
LÜGNERS
In der Welt
war ein Mann so sehr dem Lügen ergeben, daß es ihm zur zweiten Natur ward. Als
er starb und in die Geisterwelt kam, versuchte er, wie gewöhnlich zu lügen;
aber er wurde gar sehr beschämt: denn noch ehe er sprechen konnte, waren seine
Gedanken allen bekannt. Dort kann niemand sich verstellen, denn keines Herzens
Gedanken bleiben verborgen. Wenn die Seele den Leib verläßt, trägt sie die
Spuren aller ihrer Sünden an sich; und wenn sie in all ihrer Nacktheit im
Lichte des Himmels steht, dann können alle ihre Sünde sehen, und selbst ihre
Glieder zeugen gegen sie. Nichts kann diesen Makel der Sünde auslöschen als
allein das Blut Christi.
Als dieser Mensch in der Welt war, hatte er regelmäßig versucht,
Recht in Unrecht zu verdrehen und Unrecht in Recht. Aber nach seinem leiblichen
Tode erfuhr er: es gibt keine Möglichkeit, die Wahrheit in Unwahrheit
umzukehren, und kann sie niemals geben. Wer lügt, schädigt und betrügt keinen
anderen als sich selber.
So hatte dieser Mensch durch sein Lügen die innere Erkenntnis der
Wahrheit, die er einst besaß, getötet. Ich beobachtete ihn: unentrinnbar in
seinem eigenen Betrug gefangen, wandte er sein Angesicht von dem Licht von oben
ab und eilte fort, weit in die Finsternis hinab, wo niemand seine schmutzige Vorliebe
für das Lügen sehen konnte als allein jene Geister, deren Wesen dem seinen
glich. Denn Wahrheit bleibt immer Wahrheit. Und sie allein fällt0e das Urteil
über die Unwahrhaftigkeit dieses Menschen und verdammte ihn als Lügner.
DER GEIST EINES
EHEBRECHERS
Ich sah einen Ehebrecher, der vor kurzem in die Geisterwelt gekommen
war. Seine Zunge hing ihm zum Munde heraus wie einem Menschen, der von Durst
verzehrt wird; seine Nasenlöcher waren weit geöffnet; und er schlug mit seinen
Armen um sich, als
229
ob in ihm eine Art Feuer brannte. Er sah so übel und ekelhaft aus,
daß sein Anblick mich abstieß. Alles Üppige und Sinnliche, was ihn sonst
begleitete, war in der Welt zurückgeblieben, und jetzt rannte er wie ein toller
Hund wild umher und schrie: „Dieses Leben sei verflucht! Auch hier gibt es
keinen Tod, der all diese Qual beendet. Auch hier kann der Geist nicht sterben,
sonst würde ich mich noch einmal töten, wie ich es in der Welt schon mit einer
Pistole tat, um meinen Nöten dort zu entfliehen. Aber diese Qual hier ist bei
weitem größer als die Qual der Welt. Was soll ich tun?" Während er das
sprach, lief er der Finsternis entgegen, wo viele Geister gleichen Sinnes
waren, und verschwand dort.
Einer der Heiligen sagte: „Nicht nur eine böse Tat, auch ein böser
Gedanke und ein böser Blick ist Sünde. Diese Sünde ist nicht nur auf den
Verkehr mit einem fremden Weibe beschränkt, sondern Ausschweifung und
Vertiertheit dem eigenen Weib gegenüber ist auch Sünde. Ein Mann und sein Weib
sind wahrlich nicht zum sinnlichen Genuß miteinander verbunden, sondern daß sie
einander helfen und fördern: sie sollen mit ihren Kindern den Menschen dienen
und Gott verherrlichen. Wer sich aber im Leben von diesem Ziel abkehrt, der ist
der Sünde des Ehebrechers schuldig."
DIE SEELE EINES RÄUBERS
Ein Räuber starb und kam in die Geisterwelt. Zuerst nahm er an
seinem Zustand oder an den Geistern um ihn herum keinen Anteil. Aber nach
seiner Gewohnheit machte er sich sogleich daran, sich anzueignen, was an diesem
Ort von Wert war. Aber er wurde in Erstaunen versetzt, da in der Geisterwelt
selbst die Dinge zu sprechen und ihn wegen seiner unwürdigen Tat anzuklagen
schienen. Sein Wesen war so verderbt, daß er weder den wahren Gebrauch dieser
Dinge kannte, noch sie richtig zu gebrauchen vermochte. In der Welt waren seine
Leidenschaften so ungezügelt gewesen, daß er in seinem Zorn wegen der
geringfügigsten Ursache einen jeden, welcher ihn beleidigte.
230
getötet oder verwundet hätte. In der Geisterwelt begann er jetzt,
auf dieselbe Weise zu handeln. Er wandte sich gegen die Geister, die ihn zu
unterrichten kamen, als ob er sie in Stücke reißen wollte, wie ein wilder Hund
sogar in der Gegenwart seines Herrn zu tun pflegt. Dazu bemerkte einer der
Engel: „Wenn Geister dieser Art nicht unten in der Finsternis der abgrundlosen
Tiefe niedergehalten würden, dann würden sie, wo immer sie hinkommen,
unermeßliches Leid verursachen. Das Gewissen dieses Mannes ist so tot, daß er
sogar jetzt, nachdem er in die Geisterwelt gekommen ist, nicht erkennt, daß er
durch Morden und Rauben in der Welt Reichtum, Erkenntnis und Leben seines eigenen
Geistes vernichtet hat. Er tötete und vernichtete andere, aber in Wirklichkeit
hat er sich selber vernichtet. Gott allein weiß, ob dieser Mann, und die ihm
gleichen, auf lange Zeit oder auf ewig in der Qual bleiben."
Danach nahmen
ihn die dazu bestimmten Engel und verschlossen ihn in der Finsternis, aus der
er nicht mehr herauskommen darf. Die Übeltäter befinden sich dort in solch
einem schrecklichen Zustand, und ihre Qual ist so unsagbar, daß, wer sie sieht,
schon beim bloßen Anblick zittert.
Unsere weltliche Sprache ist so beschränkt, daß wir nur dieses
sagen können: wo immer sich die Seele eines Sünders befindet, da ist immer und
auf jede Weise nichts als Qual, die nicht für einen Augenblick aufhört. Eine
Art lichtloses Feuer brennt ewig und quält diese Seelen; aber sie werden weder
verzehrt, noch erlischt das Feuer. Ein Geist, der beobachtete, was sich gerade
ereignet hatte, sagte: „Wer weiß, ob es schließlich nicht doch noch eine
reinigende Flamme sein mag?"
Im dunklen Teil der Geisterwelt, der Hölle heißt, gibt es viele
Stufen und Räume; und der besondere Ort, wo irgendein Geist im Leiden lebt,
hängt von der Menge und Art seiner Sünden ab. Es ist Tatsache: Gott erschuf sie
alle nach Seinem eigenen, d. h. Seines Sohnes Bilde, der das Ebenbild des
Unsichtbaren Gottes ist (1. Mose
1, 26—27; Kol. 1, 15); doch durch ihre Verbindung mit der Sünde haben sie
dieses Bild entstellt und es unschön und
231
böse gemacht. Sie haben wohl eine Art Geistesleib, aber der ist
überaus ekelhaft und schrecklich; und wenn sie nicht durch wahre Reue und
Gottes Gnade wieder erneuert werden, dann müssen sie in dieser furchtbaren
Gestalt auf ewig in der Qual bleiben.
6. Kapitel
DER ZUSTAND DER GERECHTEN UND IHR HERRLICHES ENDE
Der Himmel
oder das Reich Gottes beginnt im Leben aller wahrhaft Gläubigen schon in dieser
Welt. Was sie auch an Verfolgungen und Nöten zu erdulden haben, ihr Herz ist
stets voller Friede und Freude; denn Gott, der die Quelle alles Friedens und
Lebens ist, wohnt in ihnen. Der Tod ist für sie kein Tod, sondern das Tor,
durch das sie für immer in ihre ewige Heimat eingehen. Wir können auch sagen:
obwohl sie schon in ihr ewiges Reich wiedergeboren worden sind, so ist es, wenn
sie den Leib verlassen, für sie nicht der Todestag, sondern der Tag ihrer
Geburt in die Geisteswelt, und es ist für sie, wie die folgenden Vorfälle
zeigen, eine Zeit überschwenglicher Freude.
DER TOD EINES GERECHTEN
Ein Engel erzählte mir, wie ein wahrer Christ, der seinem Meister
dreißig Jahre lang von ganzem Herzen gedient hatte, im Sterben lag. Einige
Minuten, ehe er starb, tat Gott ihm seine Geistes-Augen auf, damit er, noch
bevor er den Leib verließ, die Geisteswelt sähe und denen, die um ihn herumstanden,
erzählte, was er gesehen. Er sah, der Himmel war vor ihm aufgetan und eine
Schar Engel und Heiliger kam ihm entgegen; und an der Tür wartete der Heiland
mit ausgestreckter Hand, um ihn zu empfangen. Als all das über ihn hereinbrach,
stieß er einen solchen Freudenruf aus, daß jene, die an seinem Bette standen,
erschraken. „Was für eine frohe Stunde ist das für mich!" rief er aus.
232
„Lange habe ich darauf gewartet, daß ich meinen Herrn sehen und zu
Ihm gehen könne. O Freunde! Seht, wie Sein Angesicht ganz von Liebe leuchtet,
und seht die Engelschar, die mich zu holen gekommen ist. Was für ein herrlicher
Ort ist das! Freunde, ich breche nach meiner wirklichen Heimat auf; grämt euch
nicht über meinen Fortgang, sondern freuet euch!"
Einer von denen, die an seinem Bette standen, sagte leise: „Sein
Geist ist irre." Er hörte die leise Stimme und sprach: „Nein, so ist es
nicht. Ich bin ganz bei Bewußtsein. Ich wünschte, ihr könntet diesen
wundervollen Anblick sehen. Er ist vor euren Augen verborgen. Das tut mir
leid. Lebt wohl! Wir werden in der anderen Welt einander wiederbegegnen."
Nachdem er das gesagt hatte, schloß er seine Augen und sprach: „Herr, ich
befehle meine Seele in Deine Hände", und so schlief er ein.
WIE ER DIE
SEINEN TRÖSTETE
Sowie seine
Seele den Leib verlassen hatte, nahmen die Engel sie in die Arme und wollten
mit ihr schon in den Himmel eilen; da bat er sie, sie möchten noch einige
Minuten verweilen. Er blickte auf seinen leblosen Leib und auf seine Freunde
und sprach zu den Engeln: „Ich wußte nicht, daß der Geist, nachdem er den Leib
verlassen hat, seinen eigenen Leib und seine Freunde sehen kann. Ich wollte,
meine Freunde könnten mich sehen, wie ich sie sehen kann; dann würden sie mich
niemals für tot halten, noch um mich trauern, wie sie jetzt tun." Dann
untersuchte er seinen Geistesleib und fand ihn wunderbar licht und zart und von
seinem groben stofflichen Leib völlig verschieden. Darauf begann er, seine
Lieben und seine Kinder, die da weinten und seinen kalten Leichnam küßten,
zurückzuhalten. Er streckte seine feinen Geisteshände aus und begann, ihnen
das alles zu erklären und sie mit großer Liebe davon fortzuziehen, aber sie
konnten ihn weder sehen noch seine Stimme hören, und als er versuchte, seine
Kinder von seinem Leichnam fortzubringen, da schien es, als ob seine Hände
geradewegs durch ihre Leiber hindurchgingen, wie wenn sie Luft wären; aber sie
fühlten gar nichts. Da sagte einer der
233
Engel: „Komm,
laß dich von uns in deine ewige Heimat geleiten. Sei ihretwegen nicht traurig.
Der Herr selber und auch wir wollen sie trösten. Diese Trennung dauert nur
wenige Tage."
Dann machte er sich in der Gesellschaft der Engel nach dem Himmel
auf. Sie hatten sich erst ein kleines Stück fortbewegt, als ihnen eine andere
Engelschar begegnete und ihnen „Willkommen" zurief. Auch viele Freunde
und Angehörige, die vor ihm gestorben waren, traten auf ihn zu; und als er sie
sah, wurde seine Freude noch größer. Als sie das Himmelstor erreichten, stellten
sich die Engel und Heiligen schweigend zu beiden Seiten auf. Er trat ein, und
im Eingang kam Christus ihm entgegen. Sogleich fiel er Ihm zu Füßen und wollte
Ihn anbeten, aber der Herr hob ihn empor, umarmte ihn und sprach: „Ei, du
frommer und getreuer Knecht, gehe ein zur Freude deines Herrn."135
Hierbei wurde des Mannes Freude unbeschreiblich. Von seinen Augen flössen
Freudentränen, der Herr wischte sie in großer Liebe ab und sprach zu den
Engeln: „Führt ihn hin zu jener herrlichsten Wohnung, die von Anfang an für ihn
bereitet worden ist."
Nun hatte der Geist dieses Gottesmannes noch immer die irdische
Vorstellung, er entehre den Herrn dadurch, daß er Ihm, wenn er mit den Engeln
fortgehe, den Rücken zukehre. So zögerte er; aber als er schließlich sein
Gesicht nach seiner Wohnung wandte, erstaunte er: denn wo immer er hinblickte,
da konnte er den Herrn sehen. Denn Christus ist an jedem Ort gegenwärtig, und
die Heiligen und Engel sehen Ihn überall. Der Mann war darüber entzückt, daß er
auf jeder Seite außer dem Herrn auch noch Umgebungen sah, die ihn mit Freude
erfüllten, und daß jene, die nach dem Range die untersten sind, denen ohne Neid
begegnen, die höher stehen, und daß jene, die höhere Stellungen inne haben,
sich glücklich schätzen, ihren Brüdern auf den niederen Stufen zu dienen; denn
dies ist Gottes und der Liebe Reich.
In jedem Teil des Himmels gibt es prächtige Gärten, die immerzu
jegliche Art lieblicher und sehr süßer Früchte und auch alle möglichen süß
duftenden Blumen, die nie verwelken, hervorbringen. Dort preisen Geschöpfe jeder
Art unaufhörlich Gott.
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Vögel von wunderbarer Färbung lassen ihre lieblichen Lobgesänge
hören. Und wer den süßen Gesang der Engel und Heiligen vernimmt, der wird von
einem wunderbaren Gefühl des Entzückens gepackt. Wo immer man hinblicken mag,
sieht man nichts als Bilder schrankenloser Freude. Das ist in Wahrheit das
Paradies, das Gott denen bereitet hat, die Ihn lieben; dort gibt es keinen
Schatten des Todes, noch Irrtum, noch Sünde, noch Leiden, sondern
immerwährenden Frieden und Freude.
DIE WOHNUNGEN DES
HIMMELS
Dann sah ich, wie dieser Gottesmann die für ihn bestimmte Wohnung
aus der Ferne prüfte, denn im Himmel sind alle Dinge geistlich, und das
Geistes-Auge kann durch alles, was im Wege steht, bis in unermeßlich weite
Fernen hindurchblicken. Durch die ganze Unendlichkeit des Himmels ist Gottes
Liebe offenbar; und überall kann man dort sehen, wie alle Arten Seiner Geschöpfe
Ihn preisen und Ihm danken in nimmer endender Freude. Als dieser Gottesmann in
der Gesellschaft der Engel an der Tür der ihm bestimmten Wohnung ankam, sah er
an ihr in leuchtenden Buchstaben das Wort „Willkommen" angeschrieben, und
von den Buchstaben ertönten immer wieder die Laute: „Willkommen,
willkommen." Als er sein Heim betrat, fand er zu seiner Überraschung den
Herrn dort schon gegenwärtig. Da wurde seine Freude größer, als wir beschreiben
können, und er rief aus: „Ich verließ die Gegenwart des Herrn und kam auf
Seinen Befehl hierher; aber hier finde ich, der Herr ist selber hier, um bei
mir zu wohnen." In der Wohnung fand sich alles, was seine Einbildungskraft
ihm nur vorgestellt hatte, und ein jeder war bereit, ihm zu dienen. In den
benachbarten Häusern lebten Heilige, gleichen Sinnes wie er, in seliger
Gemeinschaft. Denn dieses himmlische Haus ist das Reich, das für die Heiligen
von Anfang der Welt bereitet ist (Matth. 25, 34); und das ist die herrliche
Zukunft, die jeden wahren Nachfolger Christi erwartet.
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EIN STOLZER GEISTLICHER UND EIN
DEMÜTIGER ARBEITER
Ein Geistlicher, der sich selbst für außerordentlich gelehrt und
fromm hielt, starb hochbetagt. Zweifellos war er ein guter Mann. Als die Engel
kamen, um ihn an den Ort zu bringen, den der Herr in der Geisterwelt für ihn
bestimmt hatte, führten sie ihn in den Zwischenzustand und ließen ihn dort bei vielen
anderen guten Geistern, die kürzlich angekommen waren, in der Obhut jener
Engel, die den Auftrag haben, die guten Seelen zu belehren, während sie selber
zurückkehrten, um einen anderen guten Geist herbeizuführen.
In jenem
Zwischenhimmel reiht sich Stufe an Stufe bis hinauf zu den höheren Himmeln.
Über die Stufe, zu der eine jede Seele zur Belehrung zugelassen wird,
entscheidet die wirkliche Güte ihres Lebens auf Erden. Als die Engel, die
diesen Geistlichen auf seine Stufe geführt hatten, wiederkamen und die andere
Seele geleiteten, nach der sie fortgegangen waren, brachten sie diese über die
Stufe des Geistlichen hinaus an einen höheren Ort. Als der Geistliche das sah,
rief er mit unwilliger Stimme: „Mit welchem Recht laßt ihr mich auf halbem
Wege zu jenem herrlichen Lande zurück, während ihr diesen anderen Mann in seine
Nähe bringt? Weder an Heiligkeit noch an sonst etwas stehe ich ihm oder euch
irgendwie nach." Die Engel erwiderten: „Hier geht es nicht um die Frage,
ob groß oder klein, ob mehr oder weniger, sondern jeder Mensch wird zu der
Stufe gebracht, die er durch sein Leben und seinen Glauben verdient hat. Du
bist für jene obere Stufe noch nicht ganz bereit; deshalb wirst du noch eine
Zeitlang hier bleiben und das lernen müssen, was unsere Mitarbeiter dich lehren
sollen. Dann, wenn der Herr uns befiehlt, wollen wir dich mit großer Freude an
jenen höheren Ort führen." Er sagte: „Ich habe mein ganzes Leben lang
Menschen gelehrt, wie sie in den Himmel kommen können. Was muß ich da noch lernen?
Ich weiß darüber alles." Da entgegneten die belehrenden Engel: „Jene
müssen nun hinaufgehen, und wir können sie nicht zu-
236
rückhalten; aber wir wollen auf deine Frage antworten. Mein
Freund, sei nicht beleidigt, wenn wir offen reden, denn es ist nur zu
deinem Besten. Du meinst, du seiest allein hier; doch der Herr ist auch hier,
obgleich du Ihn nicht sehen kannst. Der Stolz, den du zeigtest, als du sagtest:
,Ich weiß darüber alles', hindert dich, Ihn zu sehen und höher hinaufzusteigen.
Das Heilmittel gegen diesen Stolz ist Demut. Übe sie, und dein Verlangen wird
erfüllt werden." Danach erzählte ihm einer der Engel: „Der Mann, der eben
über dich befördert worden ist, war kein gelehrter oder berühmter Mann. Du
hast nicht sehr sorgfältig nach ihm hingeblickt. Er war ein Glied deiner
eigenen Gemeinde. Die Leute kannten ihn überhaupt kaum, denn er war ein gewöhnlicher
Arbeiter, und seine Arbeit ließ ihm nur wenig Muße. Aber in seiner Werkstatt
kannten ihn viele als einen fleißigen und ehrlichen Arbeiter. Wer mit ihm in
Berührung kam, erkannte seinen christlichen Charakter an. Im Kriege wurde er
zum Dienst in Frankreich bestimmt. Doch eines Tages, als er gerade einem
verwundeten Kameraden half, wurde er von einer Kugel getroffen und getötet.
Obgleich er so plötzlich sterben mußte, war er doch bereit; deshalb muß er
nicht so lange im Zwischenzustand bleiben wie du. Sein Aufstieg hängt nicht
von Günstlingswirtschaft ab, sondern von seiner geistlichen Würdigkeit. Sein
Gebetsleben und seine Demut bereiteten ihn, während er in der Welt war, in
hohem Maße für die Geisteswelt. Jetzt ist er fröhlich, daß er den für ihn
bestimmten Ort erreicht hat, und dankt dem Herrn und lobt Ihn, der ihn in
Seiner Gnade gerettet und ihm ewiges Leben gegeben hat."
HIMMLISCHES LEBEN
Im Himmel kann niemand jemals heucheln, denn ein jeder kann das
Leben des anderen sehen, wie es ist. Das alles-offen-barende Licht, das Christo
in Seiner Herrlichkeit entströmt, bringt die Bösen in ihren Gewissensbissen
dazu, daß sie versuchen, sich zu verbergen; aber die Gerechten erfüllt es mit
höchster Freude darüber, daß sie im Lichtreich des Vaters weilen
237
dürfen. Dort sehen alle ihre Güte, und sie wächst immer mehr, denn
dort gibt es nichts, was ihr Wachstum hindern könnte, sondern, was sie nur unterstützen
kann, ist zu ihrer Hilfe dort vorhanden. Welche Stufe der Güte die Seele eines
Gerechten erreicht hat, kann man an dem Glanz erkennen, den seine ganze Erscheinung
ausstrahlt. Denn Charakter und Wesen zeigen sich in der Gestalt verschiedener
leuchtender regenbogenartiger Farben von großer Herrlichkeit.136 Im
Himmel gibt es keine Eifersucht. Ein jeder sieht gern die geistliche Erhöhung
und Herrlichkeit anderer, und alle bemühen sich, einander ohne Selbstsucht zu
allen Zeiten treulich zu dienen. Alle die unzähligen Gaben und Segnungen des
Himmels dienen allen zum gemeinsamen Nutzen. Niemand denkt je aus Selbstsucht
daran, etwas für sich zu behalten, und für jeden gibt es genug von allem.
Gott, der die Liebe ist, ist in der Person Jesu zu sehen: Er sitzt
auf dem Thron im höchsten Himmel. Von ihm, der die „Sonne der
Gerechtigkeit" und das „Licht der Welt" ist, sieht man heilende und
Leben-spendende Strahlen und Wellen von Licht und Liebe bis an die äußersten
Grenzen Seines Weltalls ausstrahlen. Sie durchströmen jeden Heiligen und Engel
und bringen allem, was sie anrühren, stärkende und belebende Kraft.
Im Himmel gibt es weder Osten noch Westen, weder Norden noch
Süden, sondern jeder einzelnen Seele oder jedem Engel erscheint Christi Thron
als die Mitte aller Dinge.
Dort finden
sich auch jegliche Art süßer und köstlicher Blumen und Früchte und vielerlei
geistliche Nahrung. Während man sie ißt, empfindet man auserlesenen
Wohlgeschmack und Freude; aber nachdem man sie genossen hat, geht von den Poren
des Leibes ein feiner Duft aus, der die Luft ringsumher angenehm durchdringt.
Kurzum: das Wollen und Wünschen aller Himmelsbewohner ist in Gott
erfüllt, denn in einem jeden Leben wird Gottes Wille vollendet. So erfährt
unter allen Umständen und auf jeder Stufe des Himmels ein jeder unwandelbare
wundervolle Freude. So ist das Ziel des Gerechten ewige Freude und Seligkeit.
238
7. Kapitel
ZIEL UND ZWECK
DER SCHÖPFUNG
Vor einigen Monaten lag ich allein in meinem Zimmer und litt
heftig an einem Augengeschwür. Der Schmerz war so groß, daß ich keine andere
Arbeit tun konnte; deshalb verbrachte ich die Zeit in Gebet und Fürbitte. Eines
Tages, als ich so erst einige Minuten lang gebetet hatte, wurde mir die
Geisteswelt aufgetan, und ich fand mich von einer Menge Engel umgeben. Im Nu
vergaß ich alle meine Schmerzen, denn meine ganze Aufmerksamkeit war auf sie
gerichtet. Im folgenden erwähne ich ein paar der Dinge, über die wir
miteinander sprachen.
NAMEN IM HIMMEL
Ich fragte
sie: „Könnt ihr mir sagen, unter welchen Namen ihr bekannt seid?" Einer
der Engel erwiderte: „Einern jeden von uns ist ein neuer Name gegeben worden;
den weiß niemand als allein der Herr und der ihn empfangen hat (Offbg. 2, 17).
Wir alle hier haben in verschiedenen Ländern und zu verschiedenen Zeiten dem
Herrn gedient. Es ist gar nicht nötig, daß ein anderer unsere Namen kennt, noch
besteht eine Notwendigkeit, daß wir unsere früheren irdischen Namen nennen. Es
wäre vielleicht reizvoll, sie zu wissen, aber — wozu wäre es nützlich? Dann wollen
wir auch nicht, daß die Leute unsere Namen kennen, denn sonst würden sie von
uns groß denken und uns ehren statt des Herrn. Der hat uns so sehr geliebt, daß
Er uns aus unserem gefallenen Zustand emporgehoben und in unsere ewige Heimat
gebracht hat, wo wir auf ewig in Seiner liebenden Gemeinschaft Loblieder
singen—und das ist das Ziel, wozu Er uns erschaffen hat."
GOTT SCHAUEN
Ich fragte wieder: „Schauen die Engel und Heiligen, die an den
höchsten Orten des Himmels wohnen, immer das Angesicht Gottes? Und wenn sie Ihn
sehen, in welcher Gestalt und in welchem Zustand erscheint Er?"
239
Einer der
Heiligen sagte: „Wie das Meer voller Wasser ist, so ist das ganze Weltall
Gottes voll, und jeder Bewohner des Himmels fühlt Seine Gegenwart an allen
Orten. Wer im Wasser untertaucht, der findet über und unter und um sich herum
nichts als Wasser: ebenso fühlen wir im Himmel Gottes Gegenwart. Und wie es im
Wasser des Meeres zahllose Lebewesen gibt, so leben Seine Geschöpfe in dem
Unendlichen Wesen Gottes. Weil Er Unendlich ist, können Seine Kinder, die
endlich sind, Ihn nur in der Gestalt Christi sehen. Wie der Herr selber gesagt
hat: ,Wer Mich sieht, der sieht den Vater' (Joh. 14, 9). In dieser Geisterwelt
kann ein jeder nur soweit Gott erkennen und empfinden, wie er geistlich
fortgeschritten ist; und auch der Christus offenbart Seine herrliche Gestalt
einem jeden insoweit, wie er geistlich erleuchtet ist und sie zu fassen vermag.
Wenn Christus denen, die in dunklen niederen Orten der Geisteswelt wohnen, in
demselben herrlichen Licht erschiene wie denen, die an den höheren Orten sind,
dann würden sie es nicht ertragen können. So mildert er die Herrlichkeit Seiner
Offenbarung je nach dem Fortschritt und der Fähigkeit einer jeden einzelnen
Seele."
Dann fügte noch ein anderer Heiliger hinzu: „Gottes Gegenwart kann
man tatsächlich fühlen und sich ihrer erfreuen, aber man kann sie nicht mit
Worten ausdrücken. Wie man die Süßigkeit des Süßen wahrnimmt, indem man sie
schmeckt, und nicht, indem man sie höchst anschaulich beschreibt, so erfährt
jeder im Himmel die Freude der Gegenwart Gottes, und in der Geisteswelt weiß
ein jeder: seine Gotteserfahrung ist wirklich und hat es nicht nötig, daß
irgend jemand versucht, ihm mit einer wörtlichen Beschreibung zu helfen."
ENTFERNUNG IM HIMMEL
Ich fragte: „Wie weit sind die verschiedenen himmlischen Daseinsräume
voneinander entfernt? Darf man die Räume, in denen man nicht wohnen kann,
besuchen?"
Da sagte einer der Heiligen: „Einer jeden Seele wird der Wohnort
auf der Stufe bestimmt, für die ihre geistliche Entwick-
240
lung sie befähigt hat; aber auf kurze Zeit kann sie auch andere
Orte besuchen gehen. Wenn die Bewohner der höheren Stufen zu den niederen
herabkommen, dann wird ihnen eine Art geistlicher Bekleidung gegeben, damit die
Herrlichkeit ihrer Erscheinung die Bewohner der niederen und dunkleren Orte
nicht aus der Fassung bringt. Ebenso erhält der Bewohner einer unteren Stufe,
der zu einer höheren geht, eine Art geistlicher Bekleidung, damit er das Licht
und die Herrlichkeit jenes Ortes erträgt."
Im Himmel empfindet niemand eine Entfernung, denn sobald jemand
wünscht, an einen bestimmten Ort zu gehen, findet er sich sogleich dort vor.
Entfernungen erfährt man nur in der Körperwelt. Wenn einer danach verlangt,
einen Heiligen auf einer anderen Stufe zu sehen, dann wird entweder er selber
im Augenblick des Gedankens dorthin geführt, oder der entfernte Heilige kommt
sofort zu ihm.
Ich fragte
sie: „Ein jedes ist zu einem bestimmten Zweck geschaffen; aber gelegentlich
erscheint es, als werde jener Zweck nicht erfüllt. So war z. B. der Zweck des
Feigenbaums, Frucht zu bringen; aber als der Herr ihn ohne Frucht fand, ließ Er
ihn verdorren. Könnt ihr mich darüber erleuchten, ob sein Zweck erfüllt war
oder nicht?"
Ein Heiliger antwortete: „Zweifellos war sein Zweck erfüllt, und
mehr als erfüllt. Der Herr des Lebens gibt einem jeden Geschöpf das Leben zu
einem bestimmten besonderen Zweck; wenn der Zweck aber nicht erfüllt wird, hat
Er die Macht, das Leben wieder zurückzunehmen, um irgendeinen höheren Zweck zu
erfüllen. Viele Tausende Gottesdiener haben ihr Leben geopfert, um andere zu
lehren und emporzuheben. Indem sie ihr Leben für andere verloren, haben sie
ihnen geholfen und so den höheren Zweck Gottes erfüllt. Und wenn es für den
Menschen, der höher steht als der Feigenbaum und alle anderen Geschöpfe, recht
und der edelste Dienst ist, daß er sein Leben für andere Menschen dahingibt,
wie kann es da ungerecht sein, wenn ein
241
bloßer Baum sein Leben opfert, damit ein irrendes Volk gelehrt und
gewarnt wird? So gab Christus durch diesen Feigenbaum den Juden und der ganzen
Welt diese große Lehre: wessen Leben ohne Frucht bleibt, und wer das Ziel
verfehlt, zu welchem Gott ihn geschaffen hat, der wird gleichermaßen verdorren
und vernichtet werden."
Die Tatsachen
der Geschichte machen es uns vollauf klar, daß das scheinheilige und enge Leben
des jüdischen Volkes zu jener Zeit unfruchtbar war und deshalb gleich dem
Feigenbaum verdorrte. Gleicherweise ist das unfruchtbare Leben anderer, obgleich
sie äußerlich fruchtbar erscheinen, eine Quelle der Täuschung für andere und
wird deshalb verflucht und vernichtet werden. Wenn jemand einwenden wollte: als
der Herr diesen Feigenbaum verfluchte, sei doch keine Erntezeit und also keine
Frucht zu erwarten gewesen, dann sollte er bedenken: für gute Taten gibt es
keine bestimmte Zeit, denn alle Zeiten sind gleichermaßen dazu bestimmt, daß
wir Gutes tun; ein jeder solle danach trachten, daß er in seinem Leben Frucht
bringt und somit den Zweck erfüllt, zu dem er geschaffen ward.
HAT DER MENSCH
EINEN FREIEN WILLEN?"
Wiederum fragte ich: „Wäre es nicht bei weitem besser gewesen,
Gott hätte den Menschen und die ganze Schöpfung als vollkommen geschaffen, denn
dann hätte der Mensch weder sündigen können, noch gäbe es infolge der Sünde so
viel Sorge und Leiden in der Welt? Jetzt aber haben wir in der Schöpfung, die
der Eitelkeit unterworfen ist, alle Arten Leiden zu erdulden."
Ein Engel, der von den höchsten Stufen des Himmels herabgekommen
war und dort eine hohe Stellung einnahm, antwortete: „Gott hat den Menschen
nicht als Maschine erschaffen, die zwanghaft arbeitet; noch hat er sein
Schicksal so festgelegt wie das der Sterne und Planeten, die von ihrer
festgesetzten Bahn nicht abweichen können. Vielmehr hat Er den Menschen nach
Seinem eigenen Bild und Gleichnis geschaffen: mit freiem Willen, mit Verstand
begabt und mit der Kraft, Entschlüsse zu fas-
242
sen und
selbständig zu handeln; dadurch ist der Mensch allen anderen Geschöpfen
überlegen. Wäre der Mensch nicht mit freiem Willen geschaffen worden, dann
könnte er sich nicht der Gegenwart Gottes noch des Himmels erfreuen; denn dann
wäre er bloß eine Maschine, die sich bewegt, ohne daß sie es weiß oder fühlt,
oder er wäre den Sternen gleich, die, ohne es zu wissen, den unendlichen Raum
durcheilen. Aber der Mensch hat einen freien Willen und ist deshalb wesensmäßig
dieser Art seelenloser Vollkommenheit entgegengesetzt. Eine Vollkommenheit
dieser Art wäre für ihn wirklich Unvollkommenheit gewesen. Solch ein Mensch
wäre nichts anderes als ein bloßer Sklave, dessen Vollkommenheit ihn zu
gewissen Taten gezwungen hätte; aber er hätte sich ihrer nicht freuen können,
denn er hätte keine eigene Wahl. Für ihn wäre dann zwischen Gott und einem
Stein kein Unterschied gewesen."
Der Mensch und mit ihm die ganze Schöpfung ist der Eitelkeit
unterworfen worden, aber nicht auf immer. Durch seinen Ungehorsam hat der
Mensch sich und alle anderen Geschöpfe in all das Übel und Leiden dieser Eitelkeit
gebracht. In diesem Zustand des geistigen Kampfes allein können seine
Geisteskräfte sich voll entfalten, und nur in diesem Kampf kann er lernen, was
er zu seiner Vollkommenheit nötig hat. Deshalb wird der Mensch, wenn er zuletzt
die himmlische Vollkommenheit erreicht, für die Leiden und Kämpfe der
gegenwärtigen Welt Gott danken, denn dann wird er vollkommen verstehen: denen,
die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen (Röm. 8, 28).
DIE OFFENBARUNG DER
LIEBE GOTTES
Da sagte ein
anderer der Heiligen: „Alle Bewohner des Himmels wissen, Gott ist Liebe, aber
es war von Ewigkeit her verborgen, daß Seine Liebe so wunderbar ist, daß Er,
damit Er Sünder rette, Mensch würde und zu ihrer Reinigung am Kreuz stürbe. So
hat Er gelitten, damit Er Menschen und die ganze Schöpfung, die der Eitelkeit
unterworfen ist, rette. So hat Gott,
243
indem Er Mensch wurde, Seinen Kindern Sein Herz gezeigt. Wenn Er
jedoch irgendein anderes Mittel benutzt hätte, dann wäre Seine unendliche Liebe
für immer verborgen geblieben.
Nun wartet die ganze Schöpfung mit eindringlichem Sehnen auf die
Offenbarung der Söhne Gottes, da diese wieder erneuert und verklärt werden
sollen. Aber gegenwärtig müssen diese sowie die ganze Schöpfung sich noch immer
sehnen und ängsten, bis die neue Schöpfung erscheint. Und auch die
wiedergeboren sind, seufzen in ihrem Innern und warten auf die Erlösung des
Leibes. Die Zeit kommt immer näher, da die ganze Schöpfung, in allen Dingen
Gott gehorchend, auf immer vom Verderben sowie von dieser Eitelkeit befreit
werden wird. Dann wird sie auf ewig selig sein in Gott und wird in sich den
Zweck erfüllen, zu dem sie geschaffen wurde. Dann wird Gott sein alles in
allem" (Rom. 8,18—23).
Die Engel redeten mit mir auch noch über viele andere Dinge. Aber
es ist unmöglich, darüber zu berichten: denn in der Welt gibt es weder Sprache
noch Gleichnis, worin ich den Sinn jener sehr tiefen geistlichen Wahrheiten
ausdrücken könnte; auch wollten sie nicht, daß ich es versuchte, denn wer keine
Geisteserfahrung hat, kann sie nicht verstehen. Sonst wäre zu befürchten, daß
sie, anstatt zu helfen, bei vielen Mißverständnis und Irrtum hervorriefen. Ich
habe deshalb nur einige wenige der einfachsten Dinge, über die wir sprachen,
aufgeschrieben und hoffe, viele möchten von ihnen Leitung empfangen und Warnung,
Lehre und Trost.
Auch ist jene Zeit nicht fern, da meine Leser selbst in die
Geisteswelt hinübergehen und diese Dinge mit ihren eigenen Augen sehen werden.
Aber bevor wir diese Welt auf immer verlassen, um in unsere ewige Heimat zu
gehen, müssen wir mit Hilfe der Gnade Gottes und im Geist des Gebets das uns
aufgetragene Werk mit Treue ausführen. Auf solche Weise werden wir den Zweck
unseres Lebens erfüllen und ohne irgendeinen Schatten des Bedauern in die
ewige Freude des Reiches unseres Himmlischen Vaters eingehen.
244
6.SCHRIFT
Vorfälle aus dem Leben von Christen und Nichtchristen,
die den Unterschied zeigen
zwischen einem Leben mit Christus und ohne Christus.
VORWORT
In diesem Buch habe ich unternommen, einige Geisteserfahrungen
von Christen und Nichtchristen der verschiedenen Lebenswege zu beschreiben,
die ich während meiner evangelistischen Reisen in verschiedenen Teilen der
Welt getroffen habe. Ich habe mich ganz auf solche Ereignisse beschränkt, die
sie mir aus ihrer persönlichen religiösen Erfahrung erzählt haben, oder die ich
selbst habe erforschen können.
Ich habe versucht, das Leben von Menschen, die mit Christus leben,
mit dem Leben anderer zu vergleichen, die ohne Ihn leben: diese halten entweder
an ihrer eigenen Religion fest, oder ihr Leben wird von ihrem eigenen
Selbst-Willen beherrscht. Dazu habe ich auch noch ein wenig von meiner eigenen
Erfahrung hinzugefügt: was ich selber ohne Christus war, und was die Lebendige
Gegenwart Christi mir jetzt bedeutet.
Dieses Buch schreibe ich, weil ich durch schlichte Erzählung
zeigen will, wie die Lebendige Gegenwart Christi und Seine Retterkraft im
Leben der Menschen wirkt. Denn nach meiner Meinung wird der Beweis für die
Kraft und Gegenwart des Lebendigen Christus nicht in der Philosophie und
unvollkommenen Logik dieser Welt gefunden, sondern im Leben und in den Erfahrungen
wahrer Christen. Ich hoffe aufrichtig, meine Leser möchten diesen Tatsachen
mit aufgeschlossenem Herzen näher treten und von ihnen Hilfe empfangen, so daß
auch sie dem Lebendigen Christus begegnen, der mein Leben sowie das Leben von
Millionen anderer Menschen reich gemacht hat.
Subathu, August
1928
Sundar Singh
245
1. Kapitel
Christen wie Nichtchristen sind gleichermaßen Geschöpfe und Söhne
des einen Gottes. Dennoch besteht zwischen ihnen ein großer Unterschied. Einige
Menschen haben wahre Erkenntnis Seiner, werden in Sein Ebenbild umgestaltet und
erben das Leben und die ewige Seligkeit, denn sie leben in der Gegenwart Jesu
Christi, in welchem Er Mensch geworden ist. Andere wandern in dem trüben Licht
der Wahrheit, wie sie sie kennen, und folgen dem Begehren ihres eigenen
Willens: sie irren von der Wahrheit ab und berauben sich selbst der Segnungen,
die in Christus zu finden sind.
Wie sich das Leben derer, die mit Christus leben, von dem der
ändern unterscheidet, kann man aus den Beispielen ersehen, die wir nunmehr
vorlegen.
Es ist eine wohlbekannte Tatsache: in jenen Ländern, wo das
Evangelium weithin gepredigt worden ist, hat sich das Denken bemerkenswert
verwandelt, wenn auch nur verhältnismäßig wenige Menschen bekennende
Nachfolger Christi geworden sind. Jene Länder dagegen, wo das Evangelium nicht
gepredigt worden ist, befinden sich noch ziemlich in dem gleichen Zustand wie
zu der Zeit, da sie als unkultiviert und gänzlich abergläubisch galten.
ZEUGNIS
Das Wort Gottes sagt uns, alle Menschen seien Söhne Gottes, denn
Er ist derselbe für alle und kennt kein Ansehen der Person. Es sagt: „In
allerlei Volk, wer Ihn fürchtet und recht tut, der ist Ihm angenehm" (Abg.
10, 35). Und es sagt weiter: „Er hat sich selbst nicht unbezeugt gelassen"
(Apg. 14, 17). Das Licht der Wahrheit, das Gott offenbarte, war genügend, um
die Völker
246
zu Ihm zurückzuführen; aber es war noch nicht jenes volle Licht
der Wahrheit, das nachher in Christus, der Sonne der Gerechtigkeit, offenbart
wurde (Mal. 4, 2; Joh. i, 9). „Jetzt, da das Licht der Welt"137
gekommen ist, haben sich die Verhältnisse geändert, denn die wirklichen
Wahrheitssucher haben begonnen, Ihm in jenem Licht nachzufolgen; andere
dagegen, deren Augen durch das eigene Selbst verblendet sind, haben sich von
Ihm abgewandt und wandern in der Finsternis (Joh. 3,19—21).
Wenn das Suchen des Menschen nach Wahrheit das Sehnen seines
frommen Herzens nicht stillt, kann er keine Ruhe finden; denn wenn sein
Gewissen wach ist, kann er, was immer er auch versuchen mag, dessen heftiges
Verlangen nicht ersticken. Doch auch wer absichtlich Gott nicht achtet und
dadurch das Sehnen seines Herzens ertötet und die innere Stimme zum Schweigen
gebracht hat, kann einen gewissen Frieden kennenlernen — aber das ist der
Friede des Todes.
Wir wollen jetzt herauszufinden versuchen, wie weit es den
Menschen ohne Christus gelungen ist, das Verlangen ihrer Seele nach Ruhe zu
stillen.
EIN NAGELBETT
Vor einiger Zeit sah ich in Hardwar einen Sadhu39 auf
einem Nagelbett liegen. Ich ging zu ihm und fragte: „Zu welchem Zweck
verwundest und quälst du deinen Leib auf diese Weise?" Er erwiderte:
„Weißt du das nicht, da du doch selbst ein Sadhu bist? Es bedeutet Buße und
Abtötung des Fleisches. Ich diene Gott auf diese Weise, aber ich bekenne, die
Stiche dieser Nägel sind nicht so schlimm wie die Schmerzen, die meine Sünden
und bösen Begierden mir bereiten. Mein Ziel ist, das Begehren des Selbst zu
vernichten, damit ich Erlösung21 erlange." Ich fragte: „Wie
lange treibst du das schon, und wie weit hast du dein Ziel erreicht?" Er
entgegnete: „Ich begann es vor 18 Monaten, aber ich habe mein Ziel noch nicht
erreicht; es ist auch nicht möglich, daß man es in einer so kurzen Zeit
erreicht. Dazu sind viele Jahre und wohl viele Geburten nötig."
247
Dann erzählte ich ihm von meiner eigenen Erfahrung: wie es mir
mißlang, als ich unternahm, durch meine eigenen Anstrengungen Erlösung zu
erlangen, und wie der Herr Jesus mein Herz in einem Augenblick
verwandelte und meine ruhelose Seele mit jenem wahren Frieden stillte, den er
mit Selbstquälerei durch viele Wiedergeburten hindurch zu erlangen hoffte. Und
ich fügte hinzu: „Wenn du dein Ziel in deinem jetzigen Leben nicht erreichen
kannst, was bürgt dir dann dafür, daß du es in irgendeinem zukünftigen Leben
erreichen wirst? Ich bin von den Stichen meiner Sünde und den bösen Begierden
und Versuchungen befreit worden: nicht weil ich irgendwie würdig gewesen sei
oder irgendein Recht gehabt hätte, sondern durch Seine Gnade und Barmherzigkeit
ist es geschehen. Und ich habe mich dem übergeben, der nicht nur meine Sünden,
sondern die Sünden der ganzen Welt hinwegnehmen kann (Joh. 1, 29). Denn da die
Nägel die Hände und Füße jenes Sündlosen um der Sünder willen durchbohrt haben,
so sind wir jetzt durch Sein Opfer von der Sünde und ihren Folgen
errettet."
Als er das hörte, versuchte er nicht zuzustimmen, sondern sagte:
„Ich kann niemals zugeben, man könne Erlösung als freies Geschenk und in einem
kurzen Leben erlangen."
Wie schwierig ist es, daß, wer dieses Leben in Christus nicht
erfahren hat, es verstehe oder zugebe, es sei wahr!
Dann sah ich einen anderen Büßer: dessen Füße waren an ein Seil
gebunden, und so hing er an einem Baum mit dem Kopf nach unten. Ich ging fort
und kehrte nach einer Weile zurück, als er losgebunden war und sich ausruhte.
Ich fragte ihn, wozu er das täte, und wozu solche Peinigung gut sei. Er sagte:
„Ich fühle mich jetzt nicht gerade zum Sprechen aufgelegt; aber da du ein
Sadhu-Bruder bist, will ich meinen Beweggrund mit wenigen Worten erklären.
Bedenke für einen Augenblick: weshalb sind die Leute so verblüfft, wenn sie
mich mit dem Kopf nach unten
248
hängen sehen, da doch der Schöpfer selbst alle Menschen im
Mutterleibe mit dem Kopf nach unten gehängt hat? Wohlan, das ist meine Art,
Gott zu dienen und Buße zu tun. In den Augen der Welt ist es Narrheit. Aber
indem ich mich so verhalte, möchte ich mich und alle Menschen daran erinnern,
daß wir uns, wenn wir uns in Sünden verstricken, in der Sicht Gottes auf den
Kopf stellen, auch wenn wir in den Augen der Welt richtig zu stehen scheinen.
Ich will mich auch äußerlich wie innerlich immer weiter umstellen, bis ich
weiß, ich stehe zum Schluß in Gottes Augen richtig."
Ich
antwortete: „Du hast seltsame Gedanken. Es ist wahr: die Welt steht auf dem
Kopfe, und auch ihre Wege sind verkehrt, aber wir sollten ihre verkehrte Art zu
handeln nicht annehmen. Wie können wir uns durch unsere eigenen Anstrengungen
selbst von den Verstrickungen der Sünde frei machen? Diese Aufgabe geht über
unsere Kraft. Deshalb wurde der Herr der Liebe Mensch, damit Er uns aus unserer
Gefangenschaft befreie (Luk. 4, 18); und damit die Welt wieder in die rechte
Ordnung gebracht werde, dazu gebraucht Er als Werkzeuge diejenigen, die Er
gerettet und befreit hat" (Apg. 17, 6). Darauf bedeutete der Sadhu durch
ein Zeichen, er wünsche nicht, das Gespräch weiter fortzusetzen. So stand ich
auf und ging weg.
Eines ist ganz gewiß: trotz der furchtbaren Leiden, denen er sich
unterzog, war er noch nicht fähig geworden, sein Leben dergestalt neu zu
ordnen, daß er Zufriedenheit oder Frieden empfangen hätte.
OHNE HOFFNUNG
Danach traf ich einen anderen Büßer; der pflegte bei heißem Wetter
den ganzen Tag hindurch zwischen den „fünf Feuern"138 zu
sitzen, während er bei kaltem Wetter stundenlang im kühlen Wasser stand. Auf
seinem Gesicht waren Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit geschrieben. Bei mir
war noch ein anderer Mann, der fragte ihn mit tiefem Mitgefühl: „Du hast dich
auf diese Weise seit fünf Jahren gequält. Möchtest du mir erklären, was
249
du aus dieser Art zu leben gelernt hast? Welchen Gewinn hast du
daraus empfangen?" Der Sadhu erwiderte: „Ich habe keine Hoffnung auf
irgendeinen Gewinn in diesem gegenwärtigen Leben, und über die Zukunft kann ich
auch nichts sagen. Das ist alles, was ich dir darüber sagen kann."
EINE SELBSTVERDORRTE HAND
Als ich einmal ein paar Tage in den Dschungeln von Rikhi Kesh
verbrachte, in denen viele Sadhus leben, sah ich sehr viele Leute um einen
Sadhu herum sitzen, der sich am Ufer des Ganges niedergelassen hatte. Der Sadhu
hatte die eine Hand über seinen Kopf erhoben, so daß ich aus der Ferne meinte,
er gebe dem Volk seinen Segen. Als ich näher kam, sah ich, die Knochen seines
Armes standen so, daß er ihn nicht herunternehmen konnte. Nachdem er sein
Gespräch mit den Leuten beendet hatte, fragte ich ihn, wie sein Arm verdorrt
und dergestalt unbeweglich geworden sei. Er erwiderte mit dem großen Stolz
eines Mannes, der einen Feind in der Schlacht besiegt hat. „Herr", sagte
er, „mit dieser Hand habe ich viel gestohlen und viele geschlagen; aber es kam
ein Tag, da erschrak ich so sehr, daß die Grundlagen meines ganzen Lebens
erschüttert wurden. Ich gab mein altes Leben auf und beschloß, diese Hand
sollte entweder abgehauen oder unbrauchbar gemacht werden und dadurch die
Strafe empfangen, die sie verdiente. Ich befragte meinen guru139
(Lehrer), und auf seinen Rat hin hielt ich sie andauernd über meinen Kopf,
bis sie vollständig verdorrt und in dieser Haltung erstarrt war. Jetzt bin ich
sehr stolz darauf."
Ich erwiderte: „Ich bewundere deinen Mut und deine gute Absicht,
aber es tut mir leid, daß du eine dir von Gott gegebene Gabe verderbt hast. Du
hättest deine Hand nicht zerstören, sondern sie gebrauchen sollen, um anderen
zu helfen. Auf diese Weise hättest du bis zu einem gewissen Grade den Schaden
wieder gut machen können, den du mit ihr angerichtet hattest. Wirklicher Mut
und Sieg bestehen nicht darin, daß du deine
250
Hand sinnlos zerstörst, sondern daß du sie gebrauchst, um anderen
zu helfen. Mein guru, Jesus Christus, hat gesagt: ,Ärgert dich deine
rechte Hand, so haue sie ab und wirf sie von dir' (Matth. 5, 30). Damit wollte
Er sagen, wir sollten so aus unserem Herzen das ausschneiden, was dem Bösen
dient, damit es in Zukunft nicht wieder zu solch einem Zweck zur Verfügung
stehe."
Kaum hatte
ich meine Worte beendet, als er auch schon in solcher Wut auf mich zusprang,
daß er, wenn er hätte seine Hand gebrauchen können, mich ohne Zweifel
geschlagen hätte. Nachher erklärte ich ihm höflich, wie sinnlos es für ihn sei,
daß er sich so verstümmelt hatte. Es wäre besser gewesen, wenn er das Trachten
seines Herzens, das hinter der Hand stand, geändert hätte: denn dann könnte
sie sich jetzt bewegen und im Leben Gottes Willen erfüllen.
SCHWEIGE-GELÜBDE
Am nächsten Tag ging ich einen anderen Mann besuchen, den die
Leute Moni Bawa nannten. Er war ein Sadhu, der das Gelübde getan hatte, eine
Anzahl Jahre zu schweigen. Dieser Mann war ein wirklicher Wahrheitssucher. Seit
sechs Jahren hatte er kein Wort mehr gesprochen. Die Antwort auf meine Fragen
schrieb er auf eine Schiefertafel. Eine meiner Fragen lautete: „Warum
gebrauchst du nicht diese Gottesgabe, denn Er hat dir die Zunge doch zum
Sprechen gegeben, damit du Ihn verherrlichest und anbetest und in Fragen des
Geistes Rat gebest? Wenn Gott gewollt hätte, daß du schweigest, dann würde Er
dich taubstumm geschaffen und dir keine Zunge gegeben haben." Ohne ein
Zeichen des Stolzes schrieb er als Antwort: „Was du sagst, ist ganz richtig;
aber mein Wesen ist so schlecht, daß niemals etwas Gutes aus meinem Munde kam.
Ich pflegte zu lügen und so zu reden, daß die Gefühle anderer Menschen verletzt
wurden. Jetzt sind fast sechs Jahre vergangen, seit ich zum letzten Male
sprach, aber ich habe mein Ziel noch immer nicht erreicht. Es ist
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besser zu schweigen, als keine guten Worte zu sprechen. Bis jetzt
habe ich keinen Segen noch irgendeine besondere Botschaft für die Menschen
empfangen; deshalb ist das beste für mich zu schweigen." Ich sprach etwas
länger mit ihm und gab ihm dann ein Evangelium. Er nahm es dankbar an und
versprach, es sorgfältig zu lesen.
EIN SANNYASI40
Eines Tages hatte ich in Benares mit einem gebildeten Hindu
Sannyasi ein Gespräch; in dessen Verlauf sagte er: „Die alten Regeln, die für
den Stand der Sadhus89 und Sannyasis niedergelegt wurden, sind
bewundernswert. Da tritt man zuerst in den Stand des Schülers, dann in den des
Hausvaters, später im Leben zieht man sich von den Familiensorgen in die
Wälder zurück, und schließlich tritt man im Alter in den Stand der Sannyasis
oder der Entsagung. Aber der Weg, den du eingeschlagen hast, ist sehr seltsam:
denn du bist in deiner Jugend ein Sannyasi geworden."
Ich sagte: „Ich sage nichts gegen deine Regeln; aber der Grund,
weswegen ich Sadhu geworden bin, unterscheidet sich von dem deinen gar sehr.
Ich bin nicht Sadhu geworden, weil ich meine, wer diesen Weg beschreitet, der
erwerbe sich Verdienst oder Erlösung. Meine Absicht ist, ich möchte ohne
weltliche Bindungen in der schlichten Art des Sadhu Ihm dienen, der mich durch
Seine Gnade errettet hat. Ist es nicht richtig, daß ich in den besten Tagen
meiner Jugend und Kraft Ihm diene, der Sein Leben für mich dahingegeben
hat?"
„Und weiter, was würdest du dazu sagen, wenn einer deiner Schüler
dir statt einer reifen saftigen Mangofnicht4 eine solche gäbe, die
nur noch Schale und Stein wäre, weil aller Saft schon herausgesogen ist?"
Er antwortete: „Solch ein Betragen wäre unverzeihlich. Es wäre der Gipfel der
Ungezogenheit und Beleidigung."
Ich erwiderte: „Wohlan, wenn wir uns in den Tagen unserer Jugend
mit unseren eigenen Vergnügungen verschwenden und
252
in der Schwäche des Alters nur Haut und Knochen unserer Vergangenheit
Gott zum Dienst anbieten, würde das nicht bedeuten, wir bieten Ihm eine Gabe
der Torheit, Beleidigung und Sünde, die nicht vergeben werden kann?" Der
Sadhu antwortete: „Was geht dich die Erlösung anderer an? Jeder muß sich um
seine eigene Erlösung bemühen. Freude, Ärger und Dienst Gottes besagen uns gar
nichts, denn die Erlösung21 hängt einzig von unserem karma (Werke)
ab."
Wieviel besser als dies ist doch die goldene Lehre Christi: „Du
sollst Gott, deinen Herrn, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von
allen deinen Kräften. . . und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich
selbst!" (Mk. 12, 30—31). Wenn wir dieses Grundwort in die Tat umsetzen,
kann unser Leben nicht selbstisch werden, und unsere Beziehung zu Gott ist die
der Söhne zu ihrem Vater, und untereinander werden wir wirkliche Brüder und
Schwestern werden. In diesem Wort haben wir kurz zusammengefaßt die Lehre des
Evangeliums über die Erlösung und das Reich Gottes. —
Die Lebenswege, die wir bisher kennengelernt haben, sind die
einiger weniger Sadhus, die, im Unterschied zu dem gewöhnlichen Weg der
Menschen, ihre Zeit ausnahmslos den geistigen und religiösen Pflichten widmen.
Aber Millionen anderer Hindus haben einen ähnlichen Glauben; während selbst
solche Führer wie Gandhi bekennen, es sei ihnen nicht gelungen, Gottes gewiß140
zu werden. In der kürzlich veröffentlichten Selbstdarstellung seines Lebens
hat er ausgesprochen: „Ich habe Ihn noch nicht gefunden, aber ich suche
Ihn"; und anderswo sagt er: „Daß ich noch so fern bin von Ihm, ist mir
eine ununterbrochene Qual."
EIN NATIONALER FREIHEITSKÄMPFER141
Wem es nicht
gelungen ist, sein Herz in seiner Religion oder durch seine eigenen Werke zu
befriedigen, der ist leicht geneigt, gegen alle Religionen gleichgültig zu
werden oder sich von der
253
Religion überhaupt abzuwenden. Ein Führer der nationalen Freiheitsbewegung
sagte zu mir: „So lange wie ich die religiösen Bücher der Hindus nicht las, war
ich ein treuer Anhänger des Hinduismus; aber nachdem ich sie studiert hatte,
verlor ich alle Religion. Denn als ich in den Veden und in den anderen Büchern
forschte, fand ich nicht jene Lehren, die ich erwartet hatte, und ihre einander
weithin widersprechenden Lehren verwirrten mich völlig. Nach meiner Meinung
müssen wir uns von der Religion überhaupt abwenden und nach Swaraj (Selbstregierung)
streben, denn Jahrhunderte hindurch hat die Religion142 mit ihrer Maya-Lehre143
uns zu Sklaven anderer Völker gemacht. Es ist hohe Zeit, daß wir uns von dieser
Knechtschaft befreien."
Darauf bemerkte ich: „Bei weitem die schlimmste aller Bindungen
ist aber die Knechtschaft der Sünde. Deshalb müssen wir uns zuallererst von
dieser Knechtschaft befreien. Ehe wir das Geburtsrecht des Swaraj bekommen,
müssen wir Gott Sein Recht einräumen, in uns zu wohnen und uns zu regieren.
Dann wird Er uns auch unser Recht gewähren, denn außer diesem haben wir keines.
Wenn wir zum Beispiel diese vergängliche Home-Rwfe144
erhalten, dann wird es ohne Christus Home-Ruinut sein.
Deshalb müssen wir zuerst nach dem Reiche Gottes trachten und nach seiner
Gerechtigkeit, dann werden uns alle anderen Dinge zufallen" (Matth. 6,
33). Aber mein Blickpunkt war für ihn ohne Wert. Er wiederholte nur:
„Zuallererst müssen wir Home-Rule erhalten, und dann ist jedermann frei,
die Religion anzunehmen, die ihm gefällt."
Ein Mann, der bei uns saß, sprach diese Anschauung aus: „Ich bin
weder Hindu noch Christ, sondern ein Anhänger des Reform-Islam. So kann ich
ganz unparteiisch sagen: Indien ist noch meilenweit von der Freiheit entfernt,
sowohl politisch wie religiös. Wir müssen mit Gottes Hilfe einen langen Weg
wandern, bevor wir wirkliche Freiheit erreichen." —
Nun wollen wir einen Blick auf den Zustand einiger Anhänger
anderer Religionen werfen.
254
EIN BUDDHISTISCHER EINSIEDLER
Als ich eines Tages in Tibet über christliche Einsiedler sprach,
bemerkte ein Mann, sie hätten in ihrem Lande auch viele Einsiedler, und in dem
Berge gegenüber sei eine Höhle, in der ein alter lama145 sich
schon seit vielen Jahren dem Gebet und der Versenkung hingebe. Er habe den
Eingang seiner Höhle zumauern lassen und sei niemals aus der Höhle
herausgekommen. Die Leute aus der Nachbarschaft pflegten einmal am Tage Tee und
geröstetes Gerstenmehl zu bringen und es ihm durch eine Öffnung in der Mauer
hineinzureichen. Weil er so lange schon im Dunkeln gelebt, sei er erblindet und
wolle nun auch den Rest seines Lebens in der Höhle verbringen.
Ich nahm den Mann, der mir dies erzählt hatte, mit und stieg
hinauf, um den Einsiedler zu besuchen. Wir mußten einige Zeit warten, da er
gerade in Gebet und Versenkung begriffen war. Aber dann kam er auf unsere Bitte
herbei und saß nahe bei der Öffnung in der Mauer. Es war unmöglich, ihn in
seiner dunklen und engen Zelle zu sehen, und er konnte auch uns nicht sehen,
aber wir konnten leicht miteinander sprechen. Zuerst fragte er mich, woher und
weswegen ich gekommen sei. Dann fragte ich ihn nach seiner Erfahrung: „Was hast
du durch diese einsame Versenkung erreicht? Da Buddha18 nichts über
Gott gelehrt hat, zu wem betest du?" Er sagte: „Ich sehe Buddha als Gott
an und bete zu ihm. Ich verberge mich in dieser Höhle nicht, damit ich
irgendetwas erlange, sondern damit ich vielmehr befreit werde von allem
Begehren, irgendetwas zu erlangen. Ich trachte danach, Nirvana zu
erreichen — das Auslöschen allen Fühlens und Begehrens, sei es des Schmerzes
oder des Friedens146. Aber noch immer bin ich leiblich und geistig
im Dunkeln, und ich weiß nicht, was das Ende sein wird. Doch ich weiß, was auch
immer mir jetzt noch mangelt, wird mir in irgendeiner anderen Wiedergeburt
gegeben werden."
Ich
erwiderte: „Das Begehren und Fühlen, das du hast, ist dir von Gott gegeben,
nicht damit es unterdrückt und ausgelöscht,
255
sondern damit es gestillt werde in Ihm. Wenn der Schöpfer gewollt
hätte, sie sollten zerstört werden, dann hätte Er sie nicht erschaffen. Diese
Begehrungen zu töten ist nicht Erlösung, sondern Selbstmord, denn sie sind
untrennbar mit unserem Leben verbunden. Selbst wenn du versuchst, das Begehren
auszulöschen, so ist das nutzlos, denn zu begehren, ein Begehren zu töten, ist
selbst ein Begehren. Wie kann auf diesem Wege Freiheit oder Erlösung erreicht
werden, wenn ein Begehren das andere schafft? Am besten ist es, dieses
Verlangen nicht zu ersticken, sondern es in Ihm zu stillen, der es geschaffen
hat, und darin finden wir wahre Erlösung." „Wohlan", sagte er, „es
wird sich zeigen, was einmal sein wird", und mit diesen Worten beendete
er unser Gespräch.
EIN CHINESISCHER DOKTOR
In Peking sprach ich einmal über Christus, den Heiland der Welt.
Am Schluß der Versammlung kam ein chinesischer Doktor zu mir und sagte:
„Christus wurde erst vor etwa 2000 Jahren geboren, aber lange vorher schon
hatten wir in unserem Lande Lehrer wie Konfuzius121. Wie kann man da
sagen, Christus sei weltumfassend? Die Lehre und das Beispiel des Konfuzius und
unserer anderen Lehrer genügen uns."
Ich antwortete: „Wenn du sagst, Christus sei erst vor 2000 Jahren
gekommen, dann machst du einen Fehler. Lange bevor Er Mensch wurde, war Er
schon in der Welt, aber die Welt erkannte Ihn nicht; die Ihn aber erkannten,
waren froh (Joh. l, 10; 8, 56—58). Ich bin nicht gegen Konfuzius und seine
Lehre. Aber sage mir, worin ist China als Nation durch seine Lehre und sein
Beispiel fortgeschritten, und sage mir im besonderen, welchen Gewinn hast du
selbst von ihm empfangen?"
Er antwortete: „Diese Lehre gleicht nicht einem Bissen, den man
schlucken und dessen Wirkung man dann sogleich sehen kann. Seine Wirkung wird
sich langsam selber zeigen." Ich erwiderte: „Zweifellos wird ein Bissen
nicht sogleich verdaut, so daß er ein Bestandteil unseres Leibes wird; aber zum
mindesten er-
256
freuen wir uns sogleich seines Geschmacks, wenn unser Geschmack
nicht durch irgendeine Krankheit geschwächt ist. Gute Lehre allein gleicht
einem Halsband von Diamanten, das, wenn man es um den Hals eines Kranken legt,
auf dessen Krankheit nicht einwirkt. Die Worte Christi sind aber nicht nur gute
Lehre, sondern gleichermaßen ,Geist und Leben' (Joh. 6, 63). Und Millionen über
Millionen, die Ihn angenommen, haben durch Ihn neues Leben empfangen."
Der Doktor
sagte: „Dieses neue Leben und diese Verwandlung können nicht von außen kommen,
sondern hängen von unseren eigenen Anstrengungen ab." Ich sagte: „Es ist
richtig, das Ereignis des Empfangens hängt von uns ab, doch das neue Leben
können wir durch unsere eigenen Anstrengungen nicht gewinnen. Ein wilder Baum
kann nicht aus sich selber edel werden, aber durch Pfropfen kann er veredelt
werden. Gleichermaßen kann auch der sündige Mensch durch Glauben in Christus
eingepfropft werden; dann fließt das Leben Christi in ihn hinein und verwandelt
ihn in eine neue Kreatur, und das ist Erlösung." Hier wurde der Doktor zu
einem Kranken gerufen, und unser Gespräch war zu Ende.
EIN RABBI
In Jerusalem begegnete ich einem jüdischen Rabbi, der war in
seinen Anschauungen recht frei. Ich fragte ihn, was er über Christus und über
die Zukunft des Verheißenen Landes denke. Er sagte: „Was mich betrifft, so
erwarte ich, daß der Messias komme und das Verheißene Land wiederherstelle;
aber ich weiß nicht, ob dieses Verlangen in diesem oder erst im nächsten Leben
erfüllt werde. Ich kann auch nicht mit Gewißheit sagen, ob der Jesus, der in
dieser Stadt gekreuzigt wurde, der Messias war, oder ob der Messias erst noch
kommen soll. Natürlich muß ich zugeben, Jesus war ein großer Prophet, und mein
Volk hat ihn mit äußerster Härte und Grausamkeit behandelt. Und ich weiß, daß
wir bis zu diesem Tage die Strafe für unsere Sünde erleiden, daß wir Ihn
getötet haben: ,Sein Blut ist über uns'."147 —
257
Ich könnte noch viele andere Gespräche und Begebenheiten dieser
Art mitteilen, aber es mag genug sein. Wer Gelegenheit gehabt hat, mit den
Anhängern verschiedener Religionen in anderen Ländern in Berührung zu kommen,
und wer ihre Nöte mit Teilnahme erforscht hat, kann bezeugen: wenn der
Lebendige Christus sie nicht berührt, dann hat ihr Leben keinen bleibenden
Frieden und keine Hoffnung.
Viele empfinden, in ihrem Leben ist solch ein wirklicher Mangel,
daß sie niemals hoffen können, ihn durch ihre eigenen Anstrengungen oder durch
die Güte, die sie vielleicht erreichen, zu stillen. Wie wahr ist doch Gottes
Wort: „Wer den Sohn Gottes hat, der hat das Leben; und wer den Sohn Gottes
nicht hat, der hat das Leben nicht" (1. Joh. 5,12).
2. Kapitel
Wer in Indien
in der christlichen Arbeit steht und mit allen Menschenklassen in enge
Berührung kommt, weiß: es gibt eine sehr beträchtliche Anzahl Nichtchristen,
die glauben im geheimen an Ihn als ihren Erlöser. Dieser Tatbestand findet
sich mehr oder weniger auch in anderen Ländern. Daneben gibt es viele andere,
die nehmen Ihn zwar nicht als Erlöser an, aber sie stehen dennoch stärker unter
Seiner Einwirkung als unter dem Einfluß der Lehren ihrer eigenen Religionen
oder ihrer geistigen Lehrer. Ich weiß von einer ganzen Anzahl nichtchristlicher
Führer in Indien, auf die hat der Geist Christi gar sehr gewirkt; aber sie
haben noch gar nicht erkannt, wie weit Er sie schon gewonnen hat.
SEINE EINWIRKUNG AUF
GEGNER
Es ist wahrlich bemerkenswert, wie Christus oft sogar im Leben
vieler Menschen sichtbar am Werk ist, die ihren eigenen Religionen
leidenschaftlich anhängen und sich gegen das Chri-
258
stentum feindlich verhalten. Das geht so weit, daß sie ihre eigenen
Religionen öffentlich prüfen und sie im Licht der Lehre Christi erneuern
wollen. Sie ahmen sogar viele Wege der Christen nach. Wenn sie ihre Religionen
auf neuzeitliche Weise darbieten, so nehmen sie sehr oft die Wörter148
ihrer alten Lehre, gießen aber in sie einen neuen Inhalt hinein, den sie
mittelbar oder unmittelbar vom Christentum her beziehen. Auf diesem Wege sind
sie schon so weit gegangen, daß sie ihre eigenen Lehren oft in christliche
Ausdrücke gekleidet darbieten. Dadurch sind schon viele Christen und auch
westliche Gelehrte getäuscht worden: sie meinen nämlich, zwischen dem
Christentum und den anderen großen Weltreligionen sei kein großer Unterschied.
In diesem Kapitel möchte ich von denen berichten, die, ohne daß
sie sich von ihrer nichtchristlichen Umgebung abgelöst haben, dennoch
versuchen, in ihrem Leben Christus nachzufolgen.
„WEHRET IHM NICHT"
Engherzige
Christen sehen oft die nicht als Christen an, die zwar an Christus glauben,
aber sich selbst öffentlich keiner christlichen Gemeinde angeschlossen haben.
Ich heiße gewiß nicht gut, daß sie sich nicht öffentlich hervorwagen; doch habe
ich niemals empfinden können, sie seien keine Christen. Unter ihnen gibt es
einige, deren Dienst für Christus ist bei weitem größer als der vieler
christlicher Arbeiter. Das ist so besonders an den Orten, wo christliche
Arbeiter schwerlich hingehen können. Ich habe kein Recht, irgendwelche Namen
aus dieser Gruppe zu veröffentlichen; aber ich kann von ihrem Glauben und
ihren Werken berichten. Ihre Lage ähnelt vielleicht denen, auf die Johannes
die Aufmerksamkeit des Herren richtete: „Wir sahen einen, der trieb die Teufel
aus in Deinem Namen; und wir wehrten ihm, denn er kam nicht mit uns." Und
Jesus sprach zu ihm: „Wehret ihm nicht; denn wer nicht wider uns ist, der ist
für uns" (Luk. 9, 49—50). Es gibt viele Christen unter uns, die würden von
259
solchen nicht anerkannten Arbeitern sagen, man solle ihnen wehren,
da sie nicht Mitglieder der verfaßten Kirche sind. Aber wenn der Herr ihnen
nicht gewehrt hat, welches Recht haben wir dazu?
GEHEIMER ODER ÖFFENTLICHER DIENST?
Mehrere Male habe ich Gruppen von Leuten getroffen, die dennoch,
obwohl sie als geheime Jünger leben, zusammengeschlossen sind und nach dem Maß
ihrer Fähigkeit und Erkenntnis für den Herrn arbeiten.149
Eines Tages
fragte ich einen von ihnen: „Warum bekennt ihr den Herrn nicht öffentlich vor
den Menschen?" (Matth. 10, 32; Markus 16, 15—16). Er erwiderte: „In
unserer Gesellschaft gibt es Tausende Männer und Frauen, die gehören
verschiedenen Lebenswegen an. Sie glauben alle an Christus als ihren Erlöser
und sind in Seinem Namen getauft; sie beten Ihn an und dienen Ihm mit Freuden.
Obgleich die Gesellschaft ganz durchgegliedert ist, tun wir unser Werk im
Verborgenen. Sind nicht all diese Tausende, vor denen wir unser Bekenntnis
ablegen, Menschen? Und jetzt noch ein Wort über die Arbeit. Es gibt
verschiedene Wege, sie zu tun. Wenn so viele öffentlich arbeiten, muß es auch andere
geben, die es dazu treibt, im Verborgenen zu wirken. Im Leib haben wir innere
und äußere Organe. Sie gehören alle zu demselben Leib und werden von demselben
Geist geleitet, obgleich die Arbeit, die sie zu verrichten haben, so
verschieden ist. Genau so steht es mit dem Leib Christi, den wir die Kirche
nennen. Außerdem gleichen die Christen dem Salz wie dem Sauerteig, die langsam
und still wirken. Christus hat uns auch dazu berufen, Menschenfischer zu sein.
Du weißt doch: wenn der Fischer sein Handnetz auswirft, so tut er es ohne
Geräusch, sonst würden die Fische alle verschwinden. Gegenwärtig gibt es in
unserer Gesellschaft Hunderte Fische, groß und klein, die einst, wenn sie die
lärmigen Fischer sahen, vor Christus davonliefen. Jetzt aber hält Er sie fest
in Seiner Hut, und niemand soll
260
sie Ihm aus der Hand reißen. Und auch diese versuchen nun auf
solch stille Weise, andere zum Erlöser zu bringen. Nun sage mir, ob dieses
Leben nach dem Willen Christi sei oder nicht?"
WIRKLICHES CHRISTENLEBEN
Es besteht kein Zweifel: wirkliches Christenleben, sei es offen
oder verborgen, wird immer Frucht bringen, und wo immer es ist, wird es auf
andere zum Guten einwirken. Und Wahrheitssucher werden, wenn sie die
Wirklichkeit solch eines Lebens sehen, noch immer zur Quelle des Lebens gezogen
werden.
Nimm dieses Beispiel. Zwei Prediger gingen einmal hinaus auf den
Bazaar150, um zu predigen. Der erste war recht geschickt und beredt.
Er begann zu predigen; aber nach wenigen Minuten fing ein Hindu an, ihn mit
Fragen zu bewerten, und er mußte aufhören, um sie zu beantworten; das tat er
zwar zu seiner eigenen, nicht aber zu des Fragers Zufriedenheit. Schließlich,
als er nicht mehr vorwärts kam, wandte er sich zu seinem Gefährten und sagte:
„Jetzt wird dieser Bruder dir antworten." Dieser zweite Prediger war weder
ein guter Redner noch in der Auseinandersetzung gewandt, aber er war ein
aufrichtiger Christ und ein Beter. Als er vortrat, verbeugte sich der Hindu
sogleich mit zusammengelegten Händen vor ihm, grüßte ihn und sprach zu dem
ersten Prediger: „Diesem habe ich keine Frage zu stellen, denn ich kenne sein
Leben; ich habe in seinem Leben den Lebendigen Christus gesehen und habe durch
ihn den Weg des Heils gefunden.56 Aber mein Einwand gilt dir: denn
mit deinem Munde verkündigst du den Lebendigen Christus, aber in deinem
täglichen Leben verleugnest du Ihn. Es wäre bei weitem besser, wenn solch ein
Mund für immer geschlossen wäre, denn du hast mich und andere von Christus fern
gehalten. Ich wünschte, ich hätte deinen Gefährten schon vor Jahren getroffen,
dann wäre ich nicht so lange von meinem Herrn fern gehalten worden. Wohlan, was
lange währt, wird endlich gut.151 Doch muß auch darin irgend ein
guter Zweck liegen. Möge Gott dir vergeben."
261
Als der beredte Prediger das hörte, ging er mit gebeugtem Haupt
beschämt nach Hause, und der Neubekehrte ging mit dem Gottesmann und weihte
sein Leben dem Dienste Gottes.
SUCHEN UND FINDEN
Es ist eine Sache allgemeiner Erfahrung: wer sucht, der findet,
und wer gefunden hat, der sucht weiter. Wie Pascal152 sagt: „Du
würdest nicht nach Mir gesucht haben, wenn du Mich nicht schon gefunden
hättest." Wer Gottes Gegenwart noch nicht erfahren hat, der wird sich
gleichgültig verhalten, ob er Ihn zu finden versucht oder nicht. Gott gibt den
Sinn für Seine Gegenwart allen; dann aber hängt es von ihnen ab, ob sie Ihn
weiterhin suchen oder nicht. Wir alle können Gott erreichen; aber damit wir
mit Ihm in Verbindung kommen, muß unser Herz auf Ihn eingestimmt sein. Wenn wir
die Sendung des Rundfunks hören wollen, die als Gesang, Musik oder Vortrag in
der Luft gegenwärtig ist, dann brauchen wir einen Empfänger, der genau auf die
Sendung eingestellt ist. Wenn er nicht so eingestellt wäre, dann wäre es uns
ganz gleich, ob die Sendung da ist oder nicht.
EIN WAHRHEITSSUCHER
Ein Wahrheitssucher erzählte mir seine Erfahrung: „In meiner alten
Religion hatte ich eine Art Trost, aber ich besaß keinen Frieden. Dieser Trost
erweckte in mir das Verlangen, wirklichen Frieden zu suchen, und während ich
ihn suchte, wurde ich auf wunderbare Weise allmählich dazu geführt, daß ich die
Quelle des Friedens fand. Als ich soweit gekommen war, wurde ich inne: dieser
Antrieb sowie dieser Herzensfriede waren beide vom Lebendigen Christus
gekommen, in dem nun all mein ruheloses Sehnen Ruhe gefunden hat."
Meinen eigenen Zustand und den anderer Wahrheitssucher, die zuerst
Christus nicht gekannt hatten, kann ich durch die folgende
262
Geschichte
beleuchten: Vor wenigen Jahren, während einer Hungersnot, befand sich ein Mann
in angesehener Stellung ohne Geld und dem Hungertod nahe. Aus Stolz oder Scham
wollte er weder jemandem von seiner hilflosen Lage erzählen noch um Hilfe
bitten. Er konnte nur zu Gott schreien. Sein Gebet wurde bald erhört: ein
Kaufmann, der kürzlich aus einem fremden Lande zurückgekehrt war, vernahm von
seinen Schwierigkeiten und sandte im geheimen des Nachts Lebensmittel in sein
Haus. Er war über diese Gebetserhörung hoch erfreut, kniete nieder, schüttete
sein Herz vor Gott aus und lobte Ihn. Nicht lange danach endete diese
Hungersnot. Da besuchte ihn der Kaufmann und bot ihm soviel Geld auf Vorschuß
an, wie er brauchte. Als die Absicht seines Wohltäters in ihm aufdämmerte, fiel
er in aufrichtiger Dankbarkeit vor ihm nieder und küßte seine Füße. Da erfuhr
er, sein Wohltäter war sein eigener älterer Bruder, von dem er lange geglaubt
hatte, er sei im fremden Lande gestorben.
EIN PANDIT158
Eines Tages ging ich, um den Pilgern in einer Stadt am Ganges zu
predigen. Gerade als ich mich aufstellte, kam ein Pandit, setzte sich zu mir
und fragte: „Bist du auch hierher gekommen, um wie andere Pilger zu
baden?" Ich sagte: „Nein, ich habe bereits durch den Glauben im Blute
Christi gebadet und bin durch Seine Gnade gerettet; deshalb brauche ich die
zeremoniellen Bäder im Ganges nicht mehr. Ich bin hergekommen, um den Pilgern
etwas vom Erlöser zu sagen." Als der Pandit das hörte, war er erstaunt;
aber mein eigenes Erstaunen war nicht geringer, als er mit strahlendem Gesicht
sagte: „Das ist herrlich, Storni154; ich bin auch zu demselben Zweck
hier." Und mit großer Liebe umarmte er mich. Als mehrere der Pilger das
sahen, kamen sie zu uns, damit sie das Gespräch zwischen dem Pandit und dem
Sadhu mit anhören könnten. Wir predigten ihnen beide das Evangelium, und sie
lauschten aufmerksam.
263
Dann fragte einer der Pilger: „Meint ihr mit Christus — Krishna155
oder irgendeine andere Menschwerdung der Gottheit?" Da führte der Pandit
ein paar Sanskrit-Verse an und sagte: „Wir predigen nicht über Krishna, sondern
über Christus, die sündlose Menschwerdung, die in den Shastras36
verheißen ist; denn Krishna kam nicht, um Sünder zu erretten, sondern um sie zu
vernichten (Gita IV 8); aber Christus kam, um Sünder zu erretten" (Matt.
9,13; Luk. 9, 56).
Als wir mit
Predigen fertig waren, nahm der Pandit mich mit in sein Haus und machte mich
mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen bekannt, die ebenso eifrige und ernste
Christen waren wie er selber. Nachdem wir gegessen hatten, sprachen wir noch
einige Stunden miteinander, und er erzählte mir, er habe schon viele Jahre
hindurch auf diese Weise für den Herrn gewirkt, und durch sein Predigen seien
schon viele zum Glauben gekommen. Die Missionare und Christen jenes Ortes
kannten ihn nicht, obgleich die Saat, die sie ausgestreut hatten, aufzugehen
und zu wachsen begann, sie wußten nicht wie (Mark. 4, 26—29).
Ich bat ihn, mir zu erzählen, wie er Christ geworden war. Und er
erzählte mir seine Geschichte: „Ich hatte oft von Christus gehört, aber wegen
meiner Vorurteile pflegte ich mich von Missionaren und Christen und ihrem
Christus so fern zu halten, wie ich nur konnte. Aber einmal traf ich auf der
Kumbh-Mela156 in Allahabad zwei gelehrte Männer, die gehörten zu der
Geheimen Christen-Gesellschaft.149 Sie waren Sanskrit-Gelehrte.
Zuerst hielt ich sie für Hindus, doch nach und nach bewiesen sie mit großer
Klarheit, Christus allein ist der Erlöser. In wenigen Tagen verschwand all
meine Abneigung und mein Mißverständnis des Christentums. Dann tauften mich
diese beiden Sannyasis oder Sadhus im Jumna-Fluß im Namen des Vaters, des
Sohnes und des Heiligen Geistes. Von dem Tage an habe ich meine Zeit und Kraft
dem Dienst des Erlösers gewidmet. Wäre ich jenen beiden Sannyasis nicht
begegnet, so wäre ich wohl niemals Christ geworden."
264
GESETZ UND ERLÖSUNG
„Diese beiden Sadhus", fuhr der Pandit fort, „erklärten mir
zu meiner Befriedigung einige meiner Schwierigkeiten. So sagten sie zum
Beispiel: wie in einigen anderen Religionen das Gesetz gelehrt wird, so gibt
es auch in der Hindu-Religion das Gesetz des Karma (der Werke und ihrer
Vergeltung). Das Gesetz macht niemanden gut. Es unterscheidet nur zwischen Gut
und Böse, oder zwischen dem, was wir tun, und dem, was wir nicht tun sollen.
Noch nie hat jemand das Gesetz erfüllt, und keiner kann es je erfüllen; deshalb
sind alle Menschen ohne Hoffnung auf Erlösung. Es kommt nicht darauf an, ob das
Gesetz durch Mose157 gegeben wurde oder durch RisTn's158
(Weise). Gnade und Wahrheit kamen durch Jesus Christus (Joh. i, 17). Das Gesetz
macht keinen gerecht, sondern betont vielmehr, wie notwendig Gerechtigkeit ist,
und diese Not wendet Christus. Dadurch, daß Er selber Mensch wurde, hat Er das
Gesetz für den Menschen erfüllt (Rom. 5, 19). Und dadurch, daß Er Sein eigenes
Leben dahingab, hat Er denen Leben verliehen, die tot sind in ihren Sünden. Als
Er dieses ganze Erlösungswerk vollendet hatte, rief Er aus: ,Es ist
vollbracht/"159
„Nun", fügte der Pandit hinzu, „glaube ich mit meiner Familie
an Christus, nicht bloß, weil jemand unsere Nöte behoben hat, sondern weil wir
aus persönlicher Erfahrung erkannt haben: Christus ist in der Tat unser Erlöser
und der Erlöser der Welt" (Joh. 4,42).
EIN ÄGYPTISCHER MUSLIM
Ich erinnere
mich eines ähnlichen Zeugnisses, das mir erzählt wurde, als ich in Kairo war.
Der es mir erzählte, schien äußerlich Muslim zu sein, aber im Herzen war er
Christ. Er sagte: „Von Kindheit an bin ich im Gesetz und den Geboten Gottes
unterrichtet worden. Ich wollte wirklich nach dem Gesetz leben. Aber ich
entdeckte, ich versagte so oft, daß ich zuletzt alle Hoffnung
265
verlor. Ich wußte, Gott ist der Gnädige und Barmherzige, aber ich
fand keinen Frieden. Wann immer ich an meinen sündigen Zustand dachte, sah ich
deutlich: Gott und der Himmel sind heilig; aber ich konnte, selbst wenn meine
Sünden vergeben wären, niemals in die Gegenwart des Heiligen Gottes eingehen,
solange mein sündiges Wesen nicht verwandelt und gereinigt wurde. Jahre
hindurch erforschte ich den Koran, den Hadith68 und andere heilige
Bücher, damit ich fände, wie ich mein altes Wesen los würde und Heil und neues
Leben gewönne; aber all meine Bemühungen waren vergebens. Doch ich danke dem
Gott der Liebe, daß Er, selbst bevor ich nach Ihm zu suchen begonnen hatte,
bereits dabei war, mich zu suchen. Selbst als ich ihn und Er mich gefunden
hatte, erkannte ich Ihn noch nicht vollkommen, bis ich wiedergeboren wurde.
Jetzt kenne ich Ihn: Sein Ebenbild ist in mir, und seit die Welt geschaffen
wurde, ist Er mein gewesen und ich Sein. Jetzt ist mein Herz voller Frieden,
denn ich habe den wirklichen Islam160 gefunden: Jesus Christus, der
gekreuzigt wurde, nun aber lebt in Ewigkeit. Jetzt verbringe ich den Rest
meines Lebens in Seinem Dienst."
Dann fuhr er fort und bemängelte, daß das Geistesleben in der
Kirche so niedrig stehe, und fügte hinzu: „Es wäre besser für mich, ich
ertränkte mich im Nil, als daß ich als Glied der Kirche getauft würde; denn das
Leben ihrer Glieder ist oft nur wenig besser als das der Anhänger meiner alten
Religion. Wozu wäre es gut, wenn ich aus den Dornen herauskäme, um in die
Disteln zu fallen, oder aus dem Sumpf, um in den Schlamm zu sinken? Es scheint
mir besser, ich halte mich von ihnen allen fern und bleibe mit meinem Herrn
verbunden, damit ich, wann und wie ich kann, für Ihn Zeugnis ablege. Ich glaube
gewiß, Er werde mein Werk für Ihn annehmen/'
Dieser Mann kannte östliche und westliche Christen gut und wußte
um ihr sittliches, geistliches und soziales Leben. Er war niemals Mitglied der
Kirche geworden, obgleich er Christus angenommen hatte; denn er hatte
gefunden, einigen Kirchen fehlte es an Mitgefühl, Liebe und christlicher
Gemeinschaft. Dieser
266
Stand der Dinge ruft die Christen auf, zu erwachen und ihrer
Verantwortung inne zu werden, denn dieser Mann steht keineswegs allein. Gleich
ihm gibt es viele, die, von der Kälte einiger Kirchen abgestoßen, vorziehen,
sich von ihnen fern zu halten; und der Lebendige Christus selbst wird den
Christen ohne Christus erklären: „Ich habe euch nie gekannt" (Matth. 7,
23).
ZWEI BRÜDER
Ein anderer Mann, dem ich mehrere Male begegnete, hatte nach
vielen Jahren des Suchens Christus als seinen Erlöser gefunden. Auch er blieb
außerhalb der sichtbaren Kirche, aber er arbeitete auf seine eigene Weise, und
es kann kein Zweifel sein, der Herr hatte sein Werk gesegnet. Eines Tages gab er
mir in der Anwesenheit eines anderen Mannes einen sehr fesselnden Bericht
seiner Arbeit. „Als ich Christus als meinen Erlöser annahm und Er mich
aufnahm, bemühte ich mich zuallererst, daß meine Angehörigen Ihn kennen
lernten. Wie Andreas zuerst zu seinem eigenen Bruder Petrus ging (Joh. i, 41),
so sprach ich zuerst zu meinem Bruder und sagte: ,Ich habe Jesus von Nazareth
gefunden. Er hat mich von der Sünde erlöst und mir den wirklichen Frieden
geschenkt, den ich seit Jahren suchte.'
Sowie er das hörte, geriet er in große Wut und sagte: ,Fluch dir
und deinem Frieden! Du willst die Hindu-Religion verlassen und zu diesen
Christen gehören; deren Religion ist doch nichts als Schwindel. Du wirst deinem
und deiner Familie Namen nur Schande machen. Es wäre besser, du gingest und
ertränktest dich im Brunnen. Ich bete, Ishwar (Gott)21 möchte
dich auf den rechten Weg zurückbringen oder mit Blindheit schlagen, damit du
die Wahrheit erkennst und deine Religion nicht verlassest.' Ich sagte zu ihm:
,Ärgere dich nicht, sondern prüfe ernstlich diese Dinge für dich selber, dann
wirst du sehen können, welche Religion falsch und welche wahr ist. Du hast zu
deinem Gott gebetet, ich möchte blind werden; ich aber bitte meinen Gott, der
die Liebe ist, Er wolle deine Augen auftun, damit du Ihn sehen und erkennen
kannst.'
267
Als er dies hörte, wurde er ruhig und still. Mehrere Tage hindurch
setzten wir unsere Gespräche miteinander fort, und nach einiger Zeit sagte er
zu mir: ,Wohlan, es wird kein großer Schade sein, wenn du weiterhin an Christus
glaubst und bei uns wohnen bleibst; vorausgesetzt, du gehst von hier nicht fort
zu dem Hühnerhof einer Missionsniederlassung.' Ich erwiderte: ,Mich verlangt
gar nicht danach, bei der Mission zu wohnen, denn ich bin nicht mit Rücksicht
auf irgendeinen Pater oder Prediger Christ geworden, sondern allein um Christi
willen, der immer bei mir ist' (Matth. 28, 20). Danach begann er täglich mit
mir die Bibel zu lesen, und der Geist Gottes fing an, in ihm zu wirken. Gott
erhörte mein Gebet und tat die Augen meines Bruders auf, der darum gebetet
hatte, ich möchte blind werden. Jetzt ist er mir nicht nur durch leibliche,
sondern auch durch geistliche Verwandtschaft ein wirklicher Bruder." Er
wandte sich zu dem Mann an seiner Seite und sagte: „Das ist jener Bruder."
Da begann auch dieser mit Tränen der Dankbarkeit von seiner christlichen
Erfahrung zu erzählen, und wir drei knieten zusammen nieder und beteten
füreinander. Dann trennten wir uns mit dem Gruß des Friedens.162
EIN SIKH SARDAR163
Eines Tages ging ich in ein Dorf predigen, dessen Einwohner
hauptsächlich Sikhs waren. Als sie erkannten, daß ich ein übergetretener Sikh
bin, widersetzten sie sich heftig meinem Predigen und begannen, mich mit
Ziegelstücken zu bewerfen. Es saß auch ein Mann dabei, der lauschte aufmerksam.
Er stand sogleich auf, gebot den Leuten aufzuhören und rettete mich vor ihrem
Angriff. Später hörte ich, er sei ein angesehener und einflußreicher
Grundherr. Als die Leute sich zu zerstreuen begannen, nahm er mich mit in sein
Haus und bewirtete mich gastfrei. Nachdem ich geruht hatte, nahm er mich
beiseite, tat mir ohne Zurückhaltung sein Herz auf und sagte: „Vor ein paar
Jahren ging ich auf einen Jahrmarkt. Da war ein Mann, der verkaufte
268
religiöse Bücher. Ich blieb stehen und sah ein Evangelium an.
Einige blind ergebene Anhänger des Arya Samaj164 standen dabei und
warnten mich und andere, wir sollten diese Bücher nicht kaufen; aber ein Sadhu,
der vorbeikam, sagte: ,Nein, nein, habt keine Angst und seid nicht engherzig.
Keiner, der sie je gelesen hat, ist dadurch zum Bösen verführt worden; aber das
Leben vieler ist schon verwandelt worden. Auch ich pflege dieses Buch zu lesen.
Wenn Hinduismus, Buddhismus, Islam oder irgendeine andere Religion so schwach
ist und so wenig Überzeugungskraft hat, daß sie durch das bloße Lesen dieses
Buches geschlagen werden kann, dann ist sie überhaupt nicht wert, daß man sie
glaubt. Es ist besser, wir folgen einer Religion wie dieser, die alle anderen
überwinden kann: sie befreit ihre Anhänger von der Sünde und macht sie dadurch
stark und siegreich/"
„Sogleich", fuhr der Sikh fort, „begann ein Streitgespräch
zwischen dem Anhänger des Arya Samaj und dem Sadhu. Ich aber tat, wie der Sadhu
geraten hatte, kaufte ein Evangelium und ging fort. Ich bedaure, daß ich jenem
Sadhu niemals wieder begegnet bin. Als ich heimkam, begann ich, täglich im
Evangelium zu forschen. Und das hat so gewirkt, daß es mein Leben gänzlich
verwandelt hat. Nun weiß ich, Christus allein ist mein Erlöser und der Erlöser
der ganzen Welt, und ich spreche täglich das Gebet, das Er Seine Jünger lehrte.
Jetzt habe ich in meinem Herzen jenen vollkommenen Frieden, den ich vorher nie
besaß. Ich danke Ihm dafür aus der Tiefe meines Herzens; und wann immer ich
eine Gelegenheit dazu habe, rede auch ich von der Leben-schenkenden Lehre des
Herrn. Bis jetzt kenne ich die Taufe des Geistes, aber nicht die des Wassers.
Kannst du mich taufen? Denn ich bin alt und schwach, ich kann mein Haus nicht
mehr verlassen und unter jenen Fremden leben, die, obgleich Inder, doch keine
Inder sind.165 Sie sind in ihrer ganzen Art Europäer geworden, sind
aber sittlich und geistlich nicht ein bißchen besser als meine Leute hier,
sondern, in gewisser Weise, sogar viel schlimmer. Außerdem denke ich, es ist
nicht des Herrn Wille, daß ich von hier fortziehe und bei ihnen wohne. Einige
269
von ihnen sind zweifellos wahre Christen, aber die Mehrzahl sind
keineswegs besser als die Nichtchristen. Es scheint mir besser, ich bleibe
hier wohnen und tue für den Herrn, was ich kann, nach meiner Fähigkeit."
Und mit Tränen in den Augen fügte er hinzu: „Ich bin vollkommen gewiß: wenn Er
heute kommen sollte, oder wenn ich plötzlich in Seine Gegenwart gerufen würde,
so stieße Er mich keineswegs hinaus" (}oh. 6, 37).
Als er so da saß und sich die Augen wischte, begann ich ihm
Einzelheiten meiner eigenen Erfahrungen und Verfolgungen zu erzählen, und wie
Gott mich wunderbar bewahrt hatte. Ich blieb für ein paar Tage bei ihm, und er
half mir auf jede Weise beim Predigen. Da ich selber nicht taufe, riet ich ihm,
er solle nach irgendeinem Missionar schicken und so handeln wie der Mann, aus
dem der Herr die Legion böser Geister ausgetrieben hatte: Er sandte ihn heim,
damit er in seinem eigenen Hause und unter seinen Freunden bezeuge, was für
große Dinge der Herr an ihm getan hatte (Mark. 5,19).
Nach meiner Meinung wäre es besser gewesen, wenn die Neubekehrten,
anstatt sich von ihren Freunden und Verwandten zu trennen, in ihren alten
Häusern hätten wohnen bleiben und dort ihr Zeugnis ablegen dürfen.166
Dann wären sie durch Kampf und Verfolgung, denen sie zu begegnen hätten,
stärker geworden. Zweifellos hätten sie viele Gefahren, Versuchungen und
Schwierigkeiten auf sich zu nehmen gehabt. Doch sollte man auch bedenken, daß
sie in der neuen Umgebung, wo sie von den sozialen Bindungen der Sippe gelöst
sind, ebenso großen Gefahren und Schwierigkeiten begegnen müssen. Nach meiner
eigenen Erfahrung urteilend, möchte ich sagen: die Schwierigkeiten sind,
obwohl anderer Art, doch ebenso groß wie in der alten Heimat.
In diesem Kapitel habe ich zu zeigen versucht: das belebende Werk
des Lebendigen Christus ist nicht auf unsere verfaßten Kirchen beschränkt,
sondern geht unter Nichtchristen sehr viel weiter, als wir für gewöhnlich
wissen oder schätzen können. Und es ist zweifellos wahr: Leute aus allen Rassen
der Welt
270
werden auch weiterhin in das Reich Gottes eingehen, während
Tausende der Söhne des Reichs — der Mitglieder der sichtbaren Kirchen — in die
äußerste Finsternis ausgestoßen werden (Matth. 8,11—12).
3. Kapitel
Im letzten Kapitel sahen wir: viele, die als Nichtchristen gelten,
sind in ihren Herzen wirklich echte Christen. In diesem Kapitel werden wir
sehen: viele gelten als Christen und sind doch Nichtchristen. Christus sagte:
„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben".75 Wir können den
Weg nur erkennen, wenn wir ihn beschreiten; die Wahrheit nur, wenn wir sie von
ganzem Herzen suchen; und das Leben nur, wenn wir es leben.167
Es gibt viele sogenannte Christen, die haben kein Verlangen, auf
dem Weg zu gehen oder die Wahrheit zu erkennen oder sogar das Leben zu leben.
So haben sie keinen Anteil an der Erkenntnis der Wahrheit oder an der
Erfahrung des Lebens, das in dem Lebendigen Christus gelebt wird, und sie verlassen
den Weg, um ihre eigenen Wege zu gehen, deren Ende der Untergang ist. Deshalb
sind sie nicht nur ohne Christus und selber Ungläubige, sondern schlimmer als
viele Nichtchristen.
DIE SEINEN NAHMEN
IHN NICHT AUF
In vielen westlichen Ländern, die als christlich168
gelten, haben sich Bildung sowie soziale und politische Freiheit weit ausgebreitet;
das ist eine unmittelbare Wirkung der Lehre Christi. Aber wir müssen bedenken:
kein Volk ist völlig christlich. Unter allen Völkern finden sich zahlreiche
ernste Christen; aber wir können niemals soweit gehen, daß wir sagen, alle
Schichten eines Volkes können als vollkommen christlich angesprochen
271
werden. Nach meiner Meinung haben die Völker, die ihren Aufstieg
den Segnungen der Christus-Botschaft verdanken, sich in unserer Zeit oft von
Ihm abgewandt und Seinen Geboten nicht gehorcht. Die Menschen hätten Ihn
persönlich als ihren Heiland annehmen sollen. Statt dessen haben sie Ihn nur
allzu oft verlassen und dadurch entehrt, daß sie Seine Gottheit leugnen. Damit
haben sie die Worte bestätigt, die Er einst sprach: „Der Mein Brot isset, der
tritt Mich mit Füßen" (Joh. 13, 18). Er kam zu den Seinen, damit Er sie
aus ihrem gefallenen und Sündenverderbten Leben aufhebe und wieder voll in die
Gotteskindschaft einsetze — „aber die Seinen nahmen Ihn nicht auf" (Joh.
1, 11).
EIN STUDENT
Nach einer Versammlung, die ich in Cambridge hielt, kam ein
vielversprechender Hindu-Student zu mir. In Indien hatte er eine Missionsschule
besucht. Er sagte: während er in jener Schule war, wurde sein Herz so sehr zu
Christus gezogen, daß er beschlossen hatte, Christ zu werden. Er war zum
Missionar gegangen und hatte um die Taufe gebeten. Doch der Missionar konnte
seine Bitte nicht erfüllen, denn er hatte noch nicht das Alter, das die
Regierung für die Taufe vorschrieb. Dennoch war er entschlossen, wenn er das
erforderliche Alter erreicht habe, sich taufen zu lassen. Danach trat er in ein
Missions-College ein und wurde später von seinen Eltern nach England geschickt.
„Als ich mich vorbereitete, hierher zu kommen", sagte er, „war ich voller
Freude, denn ich sollte das große Glück haben, in ein christliches Land
geschickt zu werden und Bildung sowie geistliche Segnungen in dem Land zu
empfangen, woher unsere guten Missionare gekommen waren. Aber nachdem ich
gelandet war, einige Zeit hier gelebt und gesehen hatte, was für ein Leben die
Leute hier führen, wurde ich gründlich ernüchtert. Während meiner Ferien
besuchte ich Frankreich, die Schweiz, Deutschland und andere Länder auf dem
Festland und fand: die Leute dort waren schlim-
272
mere Heiden,
als in den nichtchristlichen Ländern zu finden sind. Wenn in diesen Ländern die
Menschen nicht Hindus sind, dann sind sie Muslime; wenn nicht Muslime, dann
folgen sie irgendeiner anderen Religion. Doch in diesen europäischen Ländern
sind die Leute, wenn sie keine Christen sind, überhaupt nichts und haben keine
andere Religion als die Weltlichkeit. Das gilt nicht nur von dem gewöhnlichen
Volk, sondern gleichfalls von manchen hochgebildeten führenden Männern. Selbst
einige meiner Professoren haben mir gesagt, sie glaubten nicht an eine
besondere Religion, sondern hielten alle für gleich.
Außerdem habe ich unter denen, die sich Christen nennen, einige
getroffen, die haben eine Axt in die Wurzel des Christentums geschlagen, d. h.
sie haben die Gottheit Christi, die eigentliche Grundlage des christlichen
Glaubens, geleugnet. Als ich diese Dinge entdeckte, war ich zuerst so sehr
bekümmert, daß ich, wenn ich nicht vorher schon die Gemeinschaft und Liebe
Christi in meinem Leben geschmeckt hätte, völlig irreligiös geworden wäre und
meinen Glauben an Christus verloren hätte. So ist es einem meiner Freunde
tatsächlich ergangen; er glaubte an Christus als den Erlöser, hatte aber noch
keine tiefe Erfahrung mit Ihm. Er vertritt nun leidenschaftlich die
Behauptung, das Christentum sei nichts weiter als ein schöner Schein, und sagt,
wenn er nach Indien zurückkehre, dann wolle er den Missionaren sagen: wenn im
Christentum überhaupt Wahrheit ist, dann täten sie besser, sie gingen zu ihrem
eigenen Volk zurück und lehrten dieses, denn das brauche es nötiger als wir.
Ich habe mich entschieden", so schloß mein Besucher, „ich will niemals
Mitglied irgendeiner dieser Kirchen169 ohne Liebe werden, obgleich
ich soweit wie möglich meinem Herrn nachfolgen und Ihm dienen will."
WIRKLICHKEIT
Ich erwiderte
ihm: „Ich stimme dir weitgehend zu, denn ich habe ganz ähnliche Erfahrungen
gemacht. Ich weiß, es gibt viele, die nennen sich Christen, ohne daß sie
irgendeine Erfahrung mit
273
Christus gemacht haben. Ich nenne sie ,Christen ohne Christus'.170
Wenn die Glieder einer Kirche ohne christliches Leben sind, dann ist das Kirchentum
ohne Christentum.1'11 Die Religion solcher Christen,
welche die Gottheit Christi leugnen, ist wahrlich Christentum ohne
Christus.112 Sie sind Schalen ohne Kerne und Leiber ohne Seelen.
Kultur und sittliches Leben allein, wie schön das auch immer sein mag, gleicht
einem kalten und leblosen Standbild. Laß dich dadurch nicht aus der Fassung bringen.
Der Fehler liegt nicht bei unserem Lebendigen Herrn. Nicht Er hat versagt,
sondern die Leute, die Ihn nicht verstanden haben und Ihm nicht nachfolgen;
denn sie haben Ihm keine Gelegenheit gegeben, ihr Leben zu verwandeln und ihr
Herz zu einem Paradiese zu machen."
DIE GOTTHEIT CHRISTI
Ehe wir die Gottheit Christi erkennen können, müssen wir zu neuen
Kreaturen werden. Das alte Wesen, Sünden-befleckt und gefallen, ist unfähig,
Ihn zu erkennen. Wir müssen neues Leben und neues Wesen empfangen, ehe wir Ihn
erkennen können, der das Ebenbild des unsichtbaren Gottes ist, und nach dessen
Bild wir geschaffen worden sind (Kol. 1, 15; 3,10); dann erst werden wir Ihn
erkennen als den „wahrhaftigen Gott" (1. Joh. 5, 20).
ATEM UND GEIST
Der Mensch ist nicht nur aus seinem Urständ gefallen, sondern ist
auch tot. Deshalb kann er die Gegenwart Gottes, die uns wie die Luft umgibt,
nicht fühlen. Ein Toter atmet nicht, noch fühlt er die Luft, in der er liegt.
So ergeht es auch einem Menschen, der tot ist in der Sünde: er empfindet weder
Gottes Gegenwart, noch atmet er den Atem des Gebets.
Als Gott den Odem des Lebens in Adam einhauchte, wurde dieser eine
„lebendige Seele" (1. Mose 1, 27);
doch durch die Sünde wurde diese Seele tot. So ist es nötig geworden, daß der Herr
aufs neue den Atem des Lebens in ihn blase (Joh. 20, 22).
274
DAS LICHT DER WELT
Die Sonne kann man nur in ihrem eigenen Licht sehen, und das
„Licht der Welt"137 kann man auch nur in Seinem eigenen Licht
sehen und erkennen. Aber wir müssen geistliche Augen haben, ehe wir es sehen
können. Doch die Blinden und jene, die „Augen haben und nicht sehen"17S,
gleichen den Eulen und Fledermäusen: sie haben wohl Augen, aber die Sonne nützt
ihnen nichts.
DIE OFFENBARUNG"4 CHRISTI
Gotteserkenntnis und geistliche Einsicht hängen nicht von der
Erkenntnis dieser Welt ab. Bloße weltliche Kenntnis von -ismen und -ologien
ist oft nutzlos; sie bringt vielmehr oft die innere Stimme zum Schweigen
und schafft an ihrer Stelle eine künstliche Stimme: die leitet dann die Menschen
irre, statt sie zu dem rechten Weg zu führen. Wirkliche Geisteserkenntnis kommt
nur durch Gebet und Innerung; denn dann spricht Gott zum Menschen in der
geheimen Kammer des Herzens175, und dort hören wir Seine „stille
leise Stimme"176. Zu solchen Zeiten offenbart Gott Seinen
Kindern Dinge, die den Weisen dieser Welt verborgen bleiben. Denn diese haben
nicht die neue Geburt erfahren, durch die allein sie in die neue Beziehung
Seiner Kindschaft hätten treten können. Jesus offenbart dem Menschen, der an
Ihn glaubt, sich selbst und durch sich selbst offenbart Er ihm Gott den Vater
(Matth. 11, 26—27; Joh. 14, 21—23). Weltliche Kenntnis können wir durch tuition
erwerben, aber geistliche Erkenntnis kommt nur durch Intuition, erleuchtet
durch Ihn.177
EIN AMERIKANISCHER PROFESSOR
In Boston
fragte mich ein gebildeter Mann, der ein Christ ohne Christus war: „Wenn Gott
die Liebe ist, warum verbirgt Er sich vor der Welt? Er sollte sich zeigen und
die Menschen aus ihrem Irrtum und ihrer Vernichtung erretten." Ich
erwiderte: „Einst offenbarte Er sich der Welt in Christus, und auch jetzt
275
zeigt Er sich einer jeden Menschenseele, die Ihn von ganzem Herzen
sucht. Es ist wahr, Er ist die Liebe, aber zugleich ist Er auch ein
verzehrendes Feuer (Hebr. 12, 29), denn Er verzehrt alles, was unrein und
unheilig ist und Seinem Willen entgegensteht. Die Sonne hilft durch ihre Wärme
und durch ihr Licht, daß der Baum wächst; wenn aber der Baum irgendwie krank
ist oder einen Schaden hat, dann hilft ihm dieselbe Sonne nicht, sondern
bewirkt mit ihrer Hitze, daß er verdorrt. Daran ist nicht die Sonne schuld,
sondern das kommt von dem Zustand des Baumes her. So verhält sich auch der Gott
der Liebe, das Licht des Lebens: Er hilft jedem Menschen auf jede Art, daß er
geistlich wachse. Aber der Mensch verkehrt durch sein eigenes Wesen dieses
Leben-spendende Licht in ein Mittel seiner Vernichtung. Dies ist auch der
einzige Weg, wie irgendetwas in Gottes ganzem Weltall dem Menschen, der nach
Gottes Ebenbild und Gleichnis geschaffen ist, schaden kann: wenn er durch
Ungehorsam und Torheit sich selber Schaden zufügt und sein eigener Feind
wird."
WIE MAN ANDEREN
SCHADET
Wenn ein Mensch ohne Gott lebt und sich selber dadurch schon
soweit geschadet hat, daß sein geistliches Wahrnehmen und Empfinden abgestumpft
ist, dann beginnt er, andere zu schädigen. Denn wenn sein innerer Sinn soweit
kommt, dann wird er getötet und weiß nicht mehr, daß er anderen, die gleich ihm
Glieder178 sind, Schaden zufügt. Wenn er geistlich für die Gefühle
anderer wach wäre, dann würde er, anstatt ihnen zu schaden, ihr Wohl suchen und
so die Absicht erfüllen, die der Schöpfer mit seinem Leben gehabt hat.
EIN REICHER MANN
In Europa traf ich einmal einen Mann von beträchtlichem Reichtum,
der auch in Philosophie sehr belesen war. Aber weder sein Reichtum noch seine
Gelehrsamkeit hatten ihm den Frieden des Herzens gebracht. Kurz bevor ich ihm
begegnete, hatte er viele Länder bereist und nach einem Ort gesucht, wo er den
Rest
276
seiner Tage
in Frieden verbringen könnte. Wonach er ausgeschaut hatte, das war ein Land,
weder zu heiß noch zu kalt, wo es weder tödliche Krankheiten noch giftige
Insekten gebe, und wo ihm der soziale und sittliche Zustand der Menschen
gefalle. „An solch einem Ort", sagte er, „will ich den Rest meiner Tage in
Frieden verbringen." Als dieser Christ ohne Christus gleich Noahs Taube
auf der Oberfläche der Erde keinen Ruheort gefunden hatte, war er angeekelt in
die Schweiz zurückgekehrt. Im Gespräch mit mir sagte er: „Ich unternahm diese
Reise um die Welt, damit ich den Sorgen und Mühen des Lebens entfliehen könnte.
Aber wozu sind Sie nach Europa gekommen?" Ich erwiderte : „Es gibt nichts
in der Welt, auch keinen Ort, der Ihnen oder irgendeinem Menschen Frieden
verschaffen kann vor jenem inneren Sehnen, denn jenes Sehnen ist nicht
leiblicher Art, sondern geistlich. Es kann letztlich nur in Ihm gestillt
werden, der die Seele und ihr Sehnen geschaffen hat. Das Hauptziel dieser meiner
Reise gleicht nicht dem Ihren. Ich komme, um den Lebendigen Christus zu
bezeugen, der meine Seele mit Frieden erfüllt hat. Das zweite Ziel meiner Reise
in diese sogenannten christlichen Länder ist, ich möchte das Leben der Leute
kennenlernen und sehen, wie es mit und ohne Christus aussieht. Nachdem ich
durch mehrere Länder gekommen bin, habe ich bemerkt: die Ihn angenommen haben,
führen trotz aller weltlichen Mühen und Schwierigkeiten ein glückliches Leben;
die sich dagegen von Ihm abgewandt haben, sind, obwohl von all ihrer Üppigkeit
und ihrem Besitz umgeben, ohne Herzensfrieden. Ich finde wahre Christen in
Hütten ebenso glücklich wie in Palästen; während sogenannte Christen selbst in
Palästen nicht die Glückseligkeit und den Frieden haben, den selbst die Ärmsten
der wahren Christen in all ihrer Armut haben."
„Derselbe
Unterschied zwischen Christen und Nichtchristen", fuhr ich fort, „ist
nicht nur im Westen zu sehen, sondern auch im Osten; und das zeigt uns ganz
praktisch, Christus ist der
277
Heiland der Welt. Wie es nur eine Sonne gibt, die gleicherweise im
Osten wie im Westen scheint, so gibt es auch nur ein ,Licht, welches alle
Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen'179. Die Menschen des
Ostens wie des Westens sind Söhne einer und derselben Allmutter, und abgesehen
von ein paar oberflächlichen Unterschieden sind das Wesen des Menschen und
seine Nöte auf der ganzen Erde gleich. Die Erfahrung beweist vollauf: es gibt
nur Einen, der die Nöte aller Menschen vollständig stillen kann; aber das ist
nur möglich, wenn sie nach Seinem Willen leben."
MATERIALISMUS
Darauf fragte er: „Was halten Sie vom Materialismus180,
denn die Menschen des Ostens nennen uns oft Materialisten?" Ich sagte:
„Weder der Stoff noch irgendetwas anderes ist an sich schlecht, aber aus seinem
Mißbrauch folgt Übel. Wenn der Stoff an seinen richtigen Ort gewiesen wird,
dann ist alles in Ordnung. Aber wenn man ihm, weil man dadurch ein geistiges
Verlangen stillen will, einen Platz in unserem Herzen einräumt, dann setzt er
sich an die Stelle Gottes, ertötet unsere geistliche Wahrnehmung und macht
unsere Seele ebenso leblos, wie er selber ist. Dieser Materialismus findet sich
mehr oder weniger im Osten wie im Westen. Der Stoff ist dazu bestimmt, daß wir
mit ihm das Haus unserer Seele erhalten und ihn mit Maßen gebrauchen. Wenn wir
bei seinem Gebrauch die gesetzten Grenzen überschreiten, dann verweisen wir
die Seele an die zweite Stelle und erheben den Stoff an den Ort der Anbetung,
und das endgültige Ergebnis ist die Zerstörung unserer Seele."
EIN MAHARAJAH226
Vor kurzer Zeit
lud mich ein indischer Fürst ein, ihn zu besuchen, und ich hielt mich zwei
oder drei Tage lang in seinem Palast auf. Er hatte westliche Länder bereist,
und bis zu einem gewissen Grade hatten westlicher Materialismus und westliche
Lebensart auf ihn eingewirkt, doch nicht so weit, daß er gegen
278
Geistesdinge
gleichgültig geworden wäre. Eines Abends erzählte er mir im persönlichen
Gespräch seine Geschichte. „Ich danke Gott täglich für die Segnungen, die ich
durch Jesus Christus empfangen habe, und ich gestehe meine Schwäche, daß ich
Christus nicht öffentlich bekennen kann. Ich weiß: wenn ich es tue, dann
würden nicht nur meine Untertanen, sondern auch die britische Regierung, die
sich christlich nennt, mich sofort von meinem Thron stoßen. Ich kann sie
deshalb nur eine britische und nicht eine christliche Regierung nennen, denn
sie kümmert sich mehr um politische Geschäfte als um religiöse Pflichten. Natürlich
weiß ich, daß ich mehr an meine religiösen Pflichten denken sollte als daran,
daß ich meine Rechte würde aufgeben müssen. Als regierender Fürst sollte ich
bereit sein, meinen Thron um dessentwillen zu verlassen, der um meinetwillen
Seinen himmlischen Thron verließ.
Ich bedauere auch, sagen zu müssen: bevor ich die sogenannten
christlichen Länder besuchte, ging es mir geistlich besser als jetzt. Ich war
entsetzt, als ich dorthin kam und die Finsternis sah, die so nahe beim Licht
liegt. Hätte ich davon gewußt, so wäre ich niemals dorthin gegangen. Meine
wirkliche Absicht, als ich dorthin ging, war diese: ich wollte zu der alten
Mutter Kirche gehen, ihre reine Milch trinken und ihre kräftigende Speise
essen, damit ich nach meiner Rückkehr meine geistlichen und staatlichen
Pflichten besser erfüllen könnte. Aber statt dieser Milch gab man mir Likör, und
statt Brot reichte man mir einen Stein, und als ich zurückkehrte, war ich
schlechter als zuvor. Es gibt auch noch andere Dinge, aber ich möchte sie nicht
erwähnen. Damit will ich nicht sagen, das Christentum habe versagt; wohl aber
haben die Menschen versagt und sind ihm nicht treulich gefolgt. Das gilt nicht
nur vom gewöhnlichen Volk, sondern ebenso von den religiösen und politischen
Führern. Doch belassen wir es dabei. Beten Sie für mich, damit Gott mir helfe
und mich leite, damit ich tun kann, was mir aufgetragen ist."
Dies ist wiederum ein Beispiel, das jenem Christentum ohne
Christus zum Ruf und zur Warnung dienen mag, damit es er-
279
wache und erkenne, wie weit es von der Wirklichkeit abgefallen
ist. Wie der Herr sagte: „Gedenke ... und tue Buße ... wo aber nicht, werde Ich
deinen Leuchter wegstoßen von seiner Stätte" (Offbg. 2, 5). So nahe ist,
wie der Maharajah zeigte, die Finsternis beim Licht; wenn aber durch
Ungehorsam und Gleichgültigkeit der Leuchter selbst von seinem Platz
weggestoßen wird, wie groß wird dann die Finsternis sein!
MITTERNACHTSSONNE
Trotz
wiederholter Warnungen blieben die Menschen gedankenlos und gleichgültig; sie
schließen ihre Augen vor dem Licht und leben in der Finsternis. Eines Sommers
war ich in Nordeuropa, wo selbst um Mitternacht die Sonne nicht untergeht. Da
schrieb mir ein schwedischer Freund: „Wir freuen uns, Sie im Lande der
Mitternachtssonne zu sehen." Ich erwiderte: „Es ist richtig, dies ist das
Land der Mitternachtssonne; aber im Winter ist es auch das Land der
Mittagsnacht. Und in diesem Lande gibt es noch viele, die verbringen, trotz der
Leben-spendenden Strahlen der Sonne der Gerechtigkeit, ihr Leben noch immer in
der Finsternis."
EIN STUMMER
Viele
Menschen leben wie die Tiere auf dem Felde. Sie haben Zungen, können aber nicht
sprechen und sind also stumm wie Tiere: sie haben keine Botschaft, weder für
sich selber noch für andere. Die Tiere haben wohl Zungen, aber sie können nicht
sprechen: sie haben auch nichts, worüber sie reden sollten, außer einigen tierischen
Empfindungen, die sie mit Lauten und Gebärden ausdrücken. Die Menschen ohne
Geistesleben gleichen Tieren. Doch in gewisser Hinsicht sind sie noch
schlimmer, denn ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines
Herrn. Doch der Mensch, die Krone der Schöpfung, kennt seinen Herrn nicht (Jes.
1, 13). Seine Zunge ist sehr schnell zur Lüge, aber langsam zur Wahrheit; denn
er kennt nicht den Herrn seinen Gott (Jer. 9, 3).
280
KREUZTRAGEN
Wir wundern uns oft über den weltlichen Erfolg im Leben derer, die
nicht den Geist der Wahrheit empfangen haben noch Ihn kennen. Aber keine
geistliche Überlegung hält sie zurück, und, damit sie nur ihr Ziel erreichen,
sind sie jederzeit bereit, die Stimme der Wahrheit zurückzuweisen und Ihm die
Nachfolge zu verweigern (Luk. 16, 8; i. Kor. 2, 14). Viele tragen das Kreuz am
Halse, obwohl auch manche — aber keineswegs alle — nur wenig besser sind als
Simon von Kyrene, der das Kreuz Christi trug, weil er dazu gezwungen wurde
(Mark. 15, 21). Solche Menschen sind weder willig, mit Christus zum Kreuz zu
gehen, noch Ihm nachzufolgen, indem sie täglich ihr Kreuz tragen.
DER MAGNET UND
DAS KREUZ
Der Herr sagte: „Und Ich, wenn Ich erhöhet werde von der Erde,
will Ich alle Menschen zu Mir ziehen."181 Das bedeutet: die
unendliche Liebe, am Kreuz offenbart, will wie ein Magnet jeden Menschen zu
sich ziehen, der sich nur ziehen läßt; und Er verlangt danach, daß, wo Er ist,
auch Sein Diener sei (Joh. 12, 26). Aber wie der Magnet Stahl anzieht, jedoch
nicht Gold oder Silber, so zieht das Kreuz Christi die Sünder zu sich, die
aufrichtig bereuen und sich in ihrer Not zu Ihm wenden, nicht aber solche, die
auf ihre eigene Güte vertrauen und sich damit zufrieden geben, ohne Ihn zu
leben. Von den beiden Männern, die mit Christus gekreuzigt wurden, bereute der
eine, wandte sich in seiner Not zu Ihm und hörte Ihn sagen: „Heute wirst du mit
Mir im Paradiese sein."182 Der andere aber hielt die Reue nicht
für nötig, wandte sich nicht zu Ihm um Hilfe und starb somit in seiner Sünde.
Und wo werden alle enden, die ohne Christus sterben. Sie werden Abraham und
alle Propheten im Reich Gottes sehen, sowie die von Ost und West, von Nord und
Süd, aber sie selber — Christen ohne Christus — werden „hinausgestoßen"
(Luk. 13, 28—29).
281
4. Kapitel
Wirkliche Christen sind nicht nur mit Christus, sondern sie leben
in Ihm, und Er lebt in ihnen. Und weil Er ewig lebt, werden auch sie ewig
leben mit Ihm, der durch Seinen Tod den Tod besiegt hat (Joh. 14,19). Aber sie
leben in diesem neuen Leben nicht für sich selber, sondern für andere, denn der
Gemeinschaftssinn des Menschen verlangt: außer der Gemeinschaft mit Gott
sollen wir auch den Umgang mit unseren Mitmenschen suchen, und unser eigenes
Glück wie das ihrige hängt davon ab, wie weit wir einander zu gegenseitigem
Wohlergehen verhelfen. Selbstsucht vergiftet das gemeinsame Glück. Daher, wenn
unser Herr sagte: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst"183,
so meinte Er: wo echte Liebe ist, drückt sie sich selbst in dem Verlangen aus,
es möchte den anderen wohl ergehen, und sie erwartet von anderen nur das, was
sie selber zu geben bereit ist. Auf diese Weise wird in der Gegenwart des Himmlischen
Vaters die gegenseitige Glückseligkeit Seiner Kinder erhalten.
SELBSTSUCHT
Selbstsucht ist die Wurzel allen Übels und aller Unruhe der Seele.
Ein selbstsüchtiger Mensch übersieht tausend Freundlichkeiten der anderen,
aber vergißt niemals die eine gütige Tat, die er getan hat; er vergißt seine
eigenen tausend Verfehlungen, aber beim anderen macht er aus der Mücke einen
Elefanten. Deshalb sagte unser Herr: „Wer Mir folgen will, der verleugne sich
selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge Mir nach" (Luk. 9,
23). Wer sich selbst verleugnet, um Gottes Willen zu tun, der erfüllt dadurch
zugleich auch seinen eigenen Willen, denn er erfüllt den Willen Gottes, der
ihn erschuf. Ich bilde mir zum Beispiel in meiner Unwissenheit ein, mein Weg
sei der beste; doch dann entdecke ich, daß ich gar nicht anders kann als
282
den Weg zu gehen, den Gott mir zeigt. Wenn ich erst einmal es
aufgebe, gegen Gottes Weg anzukämpfen, und mich Seinem Willen hingebe, dann
finde ich meinen Frieden wiederhergestellt und bin wieder im Einklang mit Ihm.
Wenn ich meinen Willen Ihm hingebe, finde ich meinen Frieden darin, daß ich
Gottes Willen tue. Wenn ich andererseits darauf bestehe, daß ich meinen
eigenen Willen tue, dann wird nicht nur mein eigener Wille nicht erfüllt,
sondern ich zerstöre sogar die Fähigkeit, ihn überhaupt zu erfüllen, denn was
ich tue, geschieht nicht im Einklang mit Gott. Mit anderen Worten: wer sich
selbst verleugnet, findet sich und Gott und alles andere; wenn er sich aber
nicht verleugnet, begeht er Seelen-Selbstmord, denn er setzt sein Selbst gegen
Gottes Willen.
VERTRAUEN AUF REICHTUM
Schaut auf die Vögel in der Luft: sie säen nicht, sie ernten
nicht, noch sammeln sie in Scheunen, doch bauen sie Nester für ihre Jungen.
Dagegen der Mensch, der da sät und erntet und einsammelt, aber für sich und
seine Kinder in der künftigen Welt nicht Vorsorge trifft, wird gewiß mit den
Reichtümern der Welt, die er gesammelt hat, vernichtet werden. Denn dies ist
sein Fehler: er hat sein Herz an seine Reichtümer gehängt und sie nicht zur
Ehre Gottes und zum Wohl seiner Mitmenschen gebraucht (Luk. 16, 9; 18, 22).
Gold, Silber und die Reichtümer dieser Welt können niemals aus sich selbst
unseren Hunger stillen oder unseren Durst löschen — sie können nur als das
Mittel dienen, durch das wir diese Qualen lindern. Aber es bleibt wahr: wenn wir
die Reichtümer richtig gebrauchen, dann können sie ein Mittel sein, durch das
wir Freunde gewinnen für „die ewigen Hütten"18*.
VERBORGENE EDELSTEINE
Gold, Silber und edle Steine sind nutzlos, solange sie in der Erde
vergraben bleiben. Ebenso steht es auch mit den von Gott gegebenen Kräften,
Fähigkeiten und Vermögen des Menschen:
283
sie sind, wenn sie nicht gebraucht werden, wertlos. Wenn aber
Christus in das Leben eines Christen eintritt, dann bringt Er diese verborgenen
Reichtümer ans Licht und gebraucht sie, um Seine Absichten in der Welt zu
erfüllen. Er machte aus „Fischermenschen" — „Menschenfischer"185
und führte durch sie Seinen ewigen Plan zur Erlösung der Menschheit aus. Das
Gold in der Mine ist nicht rein; deshalb wird es im Feuer geläutert. Der neu
gefundene Diamant ist ohne Gestalt; deshalb wird er geschnitten und
geschliffen. Auf ähnliche Weise läutert das Feuer des Heiligen Geistes das
Leben der Christen von ihren Schlacken, und das Kreuz schneidet und schleift
sie zu schönen Fassungen und funkelnden Brillanten, die das Licht der
Herrlichkeit Gottes widerspiegeln.
EIN AMERIKANISCHER GESCHÄFTSMANN
In Amerika sagte ein Geschäftsmann zu mir: „Ich bin Christ; aber
obwohl ich tue, was in meiner Kraft steht, weiß ich, daß ich nicht so vollkommen
bin, wie Gott mich haben will. Meinen Sie, das stehe meiner Erlösung im
Wege?" Ich erwiderte: „So vollkommen, wie unser Himmlischer Vater ist,
können wir erst im Himmel sein. Doch durch Seine Gnade können wir jene Stufe
der Vollkommenheit erreichen, die einem sterblichen Menschen möglich ist. Unser
Heil hängt nicht davon ab, daß wir schon jetzt vollkommen seien, sondern,
nachdem wir erlöst sind, werden wir schließlich die Vollkommenheit erreichen.
Wir sollten uns nicht entmutigen lassen, weil wir hier in dem ,Leib dieses
Todes'186 eingekerkert sind. An unserem Körper hängt immer eine gewisse
Menge Schmutz; aber das schadet nicht, wenn wir uns täglich waschen. Das gilt
auch vom inneren Menschen: wenn wir auch Fehler und Schwächen haben, so schadet
das nicht, wenn Gottes Geist, der das Leben unseres Lebens und der Geist
unseres Geistes ist, in uns wohnt, und wenn wir unser Leben durch tägliches
Gebet rein erhalten. Aber trotz all unserem Waschen können wir nicht
verhindern, daß der Leib, wenn die
284
Seele ihn erst einmal verlassen hat, zerfällt. So geht es uns
Menschen, wenn Gottes Geist uns wegen unseres Ungehorsams verlassen hat: dann
folgen mit Sicherheit Vernichtung und geistlicher Tod" (Röm. 8, 9—11).
„Es ist weder unrecht noch schädlich, das zu nutzen, was Gott
geschaffen hat, vorausgesetzt, wir gebrauchen es mit Dank und wissen seinen
Wert zu würdigen. Aber gefährlich ist es, in unserem Herzen den Platz des
Schöpfers dem Geschöpf einzuräumen. Wir sollten dem Schöpfer Seinen Platz geben
und dem Geschöpf den seinigen. Wir können weder ohne Wasser noch im Wasser
leben. Wir sollten es trinken, aber nicht darin versinken. Wenn wir es nicht
trinken, werden wir vor Durst sterben; wenn wir darin versinken, werden wir den
Tod des Ertrinkens sterben. Darum sollen wir die Dinge der Welt so gebrauchen,
daß sie unseren Leib stärken; dann werden sie nicht übermächtig und ersticken
nicht unseren Lebensatem — das Gebet."
UNSERE VOLLKOMMENHEIT
„Gott will, wir sollen in der Welt leben, aber nicht aus
ihr, damit wir, während wir in ihr leben, uns und andere retten. Ein Boot
gehört ins Wasser, aber Wasser sollte nicht im Boot sein. Wenn das Boot voll
Wasser läuft, muß es sinken, und die darin sitzen, müssen ertrinken. So sollten
die Christen in der Welt, aber die Welt sollte nicht in ihnen sein. Nur auf
diesem Wege werden sie und die Ihren wohlbehalten an ihr Ziel in den Himmel
gebracht. Deshalb", so fuhr ich fort, „lassen Sie sich nicht von Ihrem
Geschäft so sehr aussaugen, daß Sie keine Zeit mehr haben zum Gottesdienst und
Gebet. Lassen Sie die Welt und die Liebe zu ihr nicht Ihr Herz erfüllen, damit
Sie nicht davon überwältigt werden; sondern leben Sie über diesen Dingen,
damit Sie den Sieg über sie davontragen. Wir sind selber nicht voll-
285
kommen; deshalb müssen auch unsere Gedanken und Taten unvollkommen
sein. Aber selbst unsere Fehler sollten uns nicht entmutigen, denn wir haben
jetzt den Keim der Vollkommenheit in uns, von dem die zukünftige Vollkommenheit
abhängt. Und Er, der uns zu Seinen Söhnen erhoben hat, wird uns zu Seiner Zeit
vollkommen machen."
GEBET UND ARBEIT
Darauf fragte
mich ein Pfarrer: „Sollen wir mehr beten .oder mehr arbeiten, oder sollen wir
unsere Zeit zwischen beidem teilen?" Ich erwiderte: „Beides ist gleicherweise
nötig. Gebet ohne Arbeit ist ebenso schlecht wie Arbeit ohne Gebet. Um ihren
Trieb zu befriedigen, sitzt eine Gluckhenne in irgendeiner dunklen Ecke,
selbst nachdem ihr die Eier fortgenommen worden sind. Ebenso unfruchtbar ist
das Leben derer, die sich vom geschäftigen Leben der Welt zurückziehen und
ihre Zeit gänzlich im Gebet verbringen."
DIE OFFENBARUNG CHRISTI
Der Pfarrer
fragte wieder: „Warum offenbart sich Christus in unseren Tagen nicht, wie Er
sich dem Paulus offenbarte?" Ich erwiderte ihm: „Auch in unseren Tagen
offenbart Er sich gelegentlich einigen Menschen in ihrer Not. Menschliche Nöte
sind überall die gleichen, aber sie unterscheiden sich voneinander erheblich
durch ihre Art. Deshalb offenbart sich Gott, der das Herz eines jeden Menschen
kennt/jedem Wahrheitssucher nach seinem Zustand und seiner Not.
Im Himmel und auf Erden verkündet Gott Seine Macht und Weisheit
und Ehre durch das wundervolle Werk Seiner Hände; aber der Mensch, der in
gewisser Weise die Zunge der Natur ist, schweigt. Gottes Weisheit und Macht
wird durch Seine Schöpfung offenbart; doch als Er sich selbst offenbaren
wollte, konnte Er es nur so tun, daß Er Mensch wurde. Und in diesen Tagen
286
offenbart Er sich unserer verlorenen Menschheit durch Menschen,
die in Seiner Gegenwart leben, und in denen Er selber wohnt.
Im tiefsten Grunde unserer Absichten und Wünsche spricht oft eine
Stimme: „Tue dies" oder: „Tue dies nicht." Diese Stimme kommt von
Gott. Wer in der Nähe Gottes lebt, hört diese Stimme bereitwillig, aber andere
hören sie nur mit Mühe. Wenn wir diese Stimme hören und ihr gehorchen, wird
Gott und Sein Wille in uns offenbar. Wenn aber andererseits die Stimme uns
erreicht und wir gehorchen ihr nicht, dann tun wir nur unser Selbst und unseren
Selbst-Willen kund.
Die
menschliche Seele ist eine so feine Wirklichkeit, daß sie sich nur durch ein so
feines Werkzeug wie das Gehirn offenbaren kann, das Gedanken, Sprache und
Handlung vermittelt. In ähnlicher Weise gebraucht auch der Heilige Geist ein
verfeinertes und gereinigtes Leben als das Mittel, durch das Er sich
offenbart. Ebenso scheint auch das Licht der Herrlichkeit Gottes durch das
Leben Seiner Diener, damit Er der Welt offenbar werde."
SONNENFINSTERNIS
Christi Diener gleichen dem Mond, der sein Licht von der Sonne
leiht und der Welt nur mittelbar Licht gibt. Oft tritt er zwischen Sonne und
Erde und ruft eine Sonnenfinsternis hervor. So tritt das unwürdige Leben Seiner
Diener oft zwischen Ihn und die Welt und macht, daß Sein Angesicht den Menschen
verborgen ist.
VERSCHIEDENE WEGE DES
GOTTESDIENSTES UND DER ARBEIT
In Chikago
fragte mich ein anderer Pfarrer: „Was halten Sie für die beste Art des
Gottesdienstes und der christlichen Arbeit?" Ich antwortete ihm: „Welches
Verfahren auch immer wir gebrauchen mögen, die Hauptsache ist, daß wir Gott im
Geist und
287
in der Wahrheit anbeten. Wenn im Osten die Leute den Ort ihres
Gottesdienstes betreten, ziehen sie die Schuhe aus; im Westen nehmen sie den
Hut ab. Aber Geist und Wahrheit hängen weder von Schuhen noch von Hüten ab,
noch von Füßen oder Köpfen, sondern von den Herzen. Was die Arbeit angeht: die
beste ist jene Art, die nicht vom Willen des Menschen abhängt, sondern von
Gottes Ruf. Die Sekten haben Insekten in sich, die vergeuden ihre
ganze Zeit damit, daß sie die Fehler anderer Sekten herausstellen; aber sie
lassen aus ihrer Rechnung den Lebendigen Christus aus, und der ist doch die
Tatsache aller Tatsachen187. Worauf es ankommt, das ist: wir sollten
wahre Zeugen sein für Ihn und unser Zeugnis aus Erfahrung heraus ablegen. Gott
will kein falsches Zeugnis haben noch die ,Lehren der Teufel'. Wer solches
Zeugnis gibt, der nützt sich nicht, sondern schadet sich vielmehr (Luk. 4,
34—35; Apg. 19, 15—16). Wer nur etwas über Christus weiß, aber Ihn
selber nicht kennt, mag ,mit Menschen- und mit Engelzungen'188
predigen; aber Zeugnis kann nur ablegen, wer Ihn aus persönlicher Erfahrung
kennt."
GOTTESERKENNTNIS
Bevor wir
Gott erkennen können, müssen unsere Geisteskräfte und inneren Sinne, die durch
die Sünde ertötet sind, zu neuem Leben aufgerüttelt werden. An einem
bitterkalten Tage versuchte ein Blinder, seine Blindenbibel zu lesen; aber
seine Fingerspitzen waren so erstarrt, daß er kein einziges Wort herausbekommen
konnte. Er ging zum Feuer und begann, seine Hände zu reiben. In wenigen Minuten
kehrte das Blut wieder in seine Finger zurück, und er konnte lesen. Auf
ähnliche Weise belebt und erwärmt das Feuer von Gottes Heiligem Geist in Gebet
und Innerung unsere inneren Sinne, und wir werden fähig, Ihn zu fühlen und uns
Seiner Gegenwart zu erfreuen.
288
UNVERMITTELTE OFFENBARUNGEN
Wenn wir wiedergeboren und Gotteskinder werden, dann lehrt uns
Gottes Geist ohne Mithilfe irgendeiner Sprache und offenbart uns geistliche
Wahrheit. Wenn wir aus dem Geist geboren werden, dann wird die Sprache des
Geistes unsere Muttersprache, und wir können sie so leicht verstehen, wie ein
Kind seine Muttersprache versteht. Wir übermitteln einander unsere Meinung
durch die Wörter einer weltlichen Sprache; aber der geistliche Mensch kann
geistliche Wahrheiten verstehen, ohne daß er die Wörter irgendeiner Sprache zu
Hilfe nimmt. Wenn wir zum Beispiel ein Kind, dessen Muttersprache Englisch ist,
das Wort für Gott in Sanskrit lehren, dann sagen wir: Iswara heißt Gott.
Aber zuvor war die Vorstellung, auf die das Wort Gott hinweist, in sein Herz
gekommen, und zwar ohne daß Wörter es vermittelt hätten. Woher ist sie
gekommen? Die blinde und taubstumme Helen Keller189 sagt, sie habe
Gott erkannt, bevor sie Seinen Namen in irgendeiner menschlichen Sprache
wußte. Wenn diese Erkenntnis nicht unmittelbar offenbart worden war, woher kam
sie dann?
SAAT IM DUNKELN
Sowie ein
Mensch wiedergeboren und ein Gotteskind wird, wird sein Leben und Verhalten
gegen früher verwandelt, und sogleich hält die Welt ihn für seltsam und
närrisch und beginnt, sich ihm zu widersetzen oder ihn zu verfolgen (Joh. 15,
19; 2. Tim. 3,12). Außer diesem Widerstand der Welt muß er durch vielerlei
andere Nöte gehen (Apg. 14, 22; 2. Kor. 12, 7—10); denn Gott will, wir sollen
die Vollkommenheit durch Leiden erreichen. Wenn diese Nöte und Kämpfe für uns
nicht gut wären, dann hätte Gott sie aus unserem Leben fortgeräumt; aber da sie
uns dazu verhelfen, in der Gnade zu wachsen, läßt Er uns gegen sie ankämpfen.
Wenn Gott nicht will, daß wir von Sorgen und Leiden frei werden, da diese nur
zu unserem eigenen Besten
289
dienen: warum sollten wir wünschen, von ihnen frei zu werden? Sieh
ein Weizenkorn an, das in die Erde gesät ist. Tag für Tag kämpft es sich in der
Dunkelheit aufwärts, bis schließlich der Halm aus der Erde hervorbricht, hinein
in Licht und Wärme, die ihn fruchtbar werden lassen. Ebenso ist es auch mit dem
Menschen.
STERBEN UND LEBEN
Wie auf Erden die Nacht an manchen Orten nur ein paar Stunden und
an anderen mehrere Monate dauert, so steht es auch mit unserem Leben: da gibt
es Zeiten der Freude und Zeiten des Leides, und wir alle müssen schließlich
durch das „Tal der Todesschatten"190 hindurchschreiten. Die in
ihrem Leben das Kreuz tragen, können wahrlich sagen: „Wir sterben, und siehe,
wir leben" (2. Kor. 6, 9). Der Baum verliert im Winter seine Blätter und
scheint zu sterben, aber im Frühling durchströmt ihn neues Leben, und er treibt
wieder Blätter. So ergeht es auch den Christen: in den Zeiten der Verfolgung rüsten
sie sich zum Sterben, aber immer wieder wird ihr Leben erneuert. Trotz all
ihrem Leiden ist „ihr Leben mit Christo verborgen in Gott"191.
Der Golfstrom kommt aus den warmen Gewässern der Tropen geflossen und bewahrt
die Küste Europas vor der Härte eines bitteren Winters. Ähnlich wirkt auch der
Geist Gottes: Er fließt durch das Leben wahrer Christen und erhält sie immer in
der Glut geistlicher Gesundheit und Freude.
FREUDE IM LEID
Wahre
Christen, die in Christus leben, können, weil die Welt sie verfolgt, durch Leid
niedergedrückt werden, aber dieses Leid ist nicht schwer genug, um sie zu
vernichten, denn mitten in dem allen werden sie doch bald inne, daß der
Lebendige Christus bei ihnen ist, und ihr Leid wird „in Freude verkehrt"
(Joh. 16, 20). Damit ist aber nicht gesagt, wegen des Leides, oder nachdem das
Leid vorüber ist, müsse notwendigerweise die Freude kommen. Doch liegt hier
eine Wahrheit, die ist tiefer, als die Welt je ergründen kann: selbst mitten
im Leiden kommt wundervolle
290
Freude. Auch wenn alles fortgenommen werden kann, was die Welt zur
Freude für nötig hält, so kann ihnen doch niemand diese wundervolle Freude
nehmen. Nicht einer oder zwei, sondern Millionen Blutzeugen haben in ihrem
Leben die Wahrheit des Wortes bewiesen: Sein „Joch ist sanft" und Seine
„Last ist leicht"192, und haben diese Tatsache auf wunderbare
Weise bezeugt. Wahrer Friede kommt nur, während das Joch tatsächlich auf uns
liegt, und nicht, nachdem es abgenommen ist. Die Welt hat keine Erfahrung
dieses großen Wunders, noch kann sie es glauben.
KÜNSTLICHE UND WIRKLICHE
FREUDE
Die Menschen gebrauchen in ihrer Torheit Rauschmittel: nicht nur
damit sie ihre Sorge vergessen, sondern auch damit sie vorübergehend heiter
und froh werden. Sie haben nicht einmal genug Einsicht, um zu erkennen: wenn
auch diese vergänglichen Reizmittel auf sie angenehm wirken, so muß doch die
Freude, die in Ihm zu finden ist, der alles geschaffen hat, bei weitem jene
Vergnügungen übersteigen und von größerer Dauer sein. Wenn sie nur einmal die
wahre Freude Seiner vollen Gegenwart schmeckten, dann würden sie nie wieder
ihre kostbare Zeit damit vergeuden, daß sie künstliches Vergnügen in
vergänglichen geschaffenen Dingen suchen.
EIN BEKEHRTER TRINKER
Wie töricht
die Welt und wie wirklich die Gegenwart Christi in uns ist, kann man am
folgenden Beispiel ersehen. Ein Mann namens Moti Lal pflegte, wenn er betrunken
war, allerlei sinnlose und böse Dinge zu treiben. Einigen seiner Nachbarn
gefielen seine Heldentaten, und sie pflegten ihnen Beifall zu spenden. Er hatte
keineswegs die Absicht, sich den Christen anzuschließen. Dennoch besuchte er
eines Tages ein echtes Gotteskind, und da wirkte das Leben seines Freundes
durch seine reine Güte so auf ihn ein, daß sein Leben vollständig verwandelt wurde.
Als seine Nachbarn und Verwandten sahen, wie sehr er verwandelt war,
291
wurden sie ärgerlich, begannen ihn zu verfolgen und sagten: „Jetzt
hat er sich selber beschmutzt und alle Religion aufgegeben." Er
erwiderte: „Ihr setzt mich in Erstaunen. Als ich ein Trinker und wirklich
schmutzig war, da warft ihr mir nichts vor; jetzt aber, da ich mein übles Leben
bereut habe und durch Christus von ihm erlöst worden bin, sagt ihr, ich hätte
mich beschmutzt."
Als sie sahen, keines ihrer Worte könne ihn von seinem Glauben an
Christus abbringen, verstießen sie ihn aus seiner Kaste und aus seinem Hause.
Er klagte nicht, noch jammerte er, sondern pries Gott mit freudigem Herzen und
begann für seine Brüder zu beten. Dann machte er sich auf, um über den Fluß
nach einer anderen Stadt zu gelangen. Der Fluß war dort aber sehr breit. Kaum
hatte die Fähre die Mitte erreicht, als eine heftige Bö sie kentern ließ.
Mehrere Fahrgäste ertranken, und Moti Lal rettete sich nur dadurch, daß er an
das andere Ufer schwamm. Als er von Hause vertrieben wurde, hatte er viel verloren;
und jetzt im Fluß hatte er wiederum einiges verloren. Nach alledem waren ihm
nur noch ein paar Rupien geblieben. Und auch diese nahm ihm im Dschungel, wo er
an Land gekommen war, bald eine Räuberbande ab. So war er der Heimat, der
Freunde und des Geldes beraubt und stand nun ganz allein in der Welt. Wenn er
nicht den Lebendigen Christus erfahren hätte und von Ihm aufgerichtet worden
wäre, dann wäre er jetzt vernichtet. Äußerlich hatte er zwar alles verloren;
aber den Frieden und das Bewußtsein der Gegenwart seines Herrn konnte niemand
von ihm nehmen. Er erzählte seine Geschichte den Räubern, und sie wurden sehr
bewegt. Dann sagte er voller Freude und Herzensfrieden und mit tränenden Augen
zu den Räubern: „Mir ist alles genommen, aber keiner kann mir den wirklichen
Reichtum nehmen, den ich in Christus habe."
Als die Räuber das hörten, gaben sie ihm seine Rupien wieder, und
er machte sich auf nach der Stadt. Dort blieb er und verdiente seinen
Unterhalt durch Arbeit und legte, soweit er es vermochte, Zeugnis ab für
Christus.
292
EINE CHRISTLICHE DAME
Eine christliche Dame, die viel von ihrer Zeit im Dienst des Herrn
verbracht hatte, wurde so unheilbar krank, daß sie 18 Jahre lang das Bett hüten
mußte. Ihre Lieben hatten tiefes Mitgefühl mit ihr, da sie solch ein schweres
Kreuz zu tragen hatte, und pflegten sie mit Liebe und Geduld. Ihr Hauptkummer
war, daß sie jetzt keine Gelegenheit hatte, dem Herrn zu dienen; so grämte sie
sich viel bei dem Gedanken, wieviel sie hätte tun können, wenn sie bei Kräften
wäre, und was für eine Last sie nun anderen bedeutete. Aber obgleich sie es
nicht wußte: durch ihr Gebetsleben wirkte sie auf andere vielleicht mehr, als
sie vermocht hätte, wenn sie gesund gewesen wäre. Sie lag auf ihrem Bett wie
eine schöne und lieblich duftende Blume. Die Leute, die sie besuchen und
trösten kamen, empfingen gewöhnlich selber Trost von ihr, so daß auch ihr Leben
von ihrem Wohlgeruch erfüllt wurde.
EIN AGNOSTIKER«8
Ihre stille Wirkung war so eindrücklich zu spüren, daß ein Mann,
der die Wahrheit des Christentums leugnete, und der sie Jahr für Jahr in
Frieden und Seligkeit daliegen sah, zu bedenken begann, da müsse doch eine
tiefe Wirklichkeit in ihrem Leben sein, denn bloß leerer Glaube oder Einbildung
könnten ihr niemals auf eine so lange Zeit Frieden gegeben haben. Da begann
er, mit neuer Teilnahme die Evangelien und das Leben Christi zu erforschen, und
nach einiger Zeit war er von ihrer Wahrheit überzeugt. Er ging zu der Dame und
sagte zu ihr: „Es ist unwahrscheinlich, daß ich jemals an die rettende Kraft
unseres Lebendigen Herrn und an die Wahrheit des Christentums geglaubt hätte,
wenn ich sie nicht in Ihrem Leben gesehen hätte. Weder schöne Predigten noch
die überzeugenden Beweisgründe der Theologen konnten mich aufrütteln; aber das
Wunder Ihres wundervollen christlichen Lebens56 ist für mich der
stärkste Be-
293
weisgrund
geworden und ist ein lebendiger und überzeugender Beweis, vor dem meine
philosophischen Einwände nicht bestehen können. Wenn Sie meinen, Sie könnten
mehr wirken, wenn Sie gesund wären, so haben Sie unrecht; denn wenn es wahr
wäre, dann hätte Gott Ihnen Gesundheit gegeben. Aber in dieser Schwachheit tun
Sie einen Dienst, den Sie auf andere Weise niemals tun könnten. Betrachten Sie
Ihren Zustand nicht als eine Krankheit, sondern als einen Weg des Dienstes, der
für Sie besser ist als alle anderen. Dies ist kein Sterbebett, sondern ein
Beweis dafür, daß das ewige Leben in Christus offenbart worden ist." Als
die Dame diesen erneuten Beweis dafür sah, daß ihre Krankheit, ähnlich dem Tod
des Lazarus, dazu diente, Gott zu verherrlichen, wurde ihre vorher schon
wunderbare Freude noch größer. So erwies sich ihr schweres Kreuz für sie selber
und für viele andere als Segen.
EIN ARMENISCHER PASTOR
Vor wenigen Wochen erhielt ich von einem armenischen Pastor einen
Brief. Er gehörte zu denen, die vor wenigen Jahren dabei waren, als die
Armenier193 umgebracht wurden. Er schrieb: „Tausende wahrer Christen
wurden vor meinen Augen umgebracht, und ich selber wurde ernstlich verwundet
und als tot liegen gelassen. Das war ein furchtbarer und herzzerreißender Anblick,
aber zugleich war er mit großer Freude vermischt. Obgleich die Männer und
Frauen, alt und jung, mit großer Grausamkeit und ohne Erbarmen umgebracht
wurden, so tat sich doch die Macht des Lebendigen Christus in jedem Leben kund.
Sogar die Mörder waren überrascht, als sie das sahen. Wir bekamen Kraft, je
nachdem wir sie brauchten. Einige von uns sahen Christus und Engel ganz
deutlich, und mit großer Freude übergaben wir unsere Seelen Seinem Schutz.
Wahrlich, es war nicht ein Tag des Mordens, sondern ein Hochzeitstag. Ich
wollte, ich wäre mit der Menge der Märtyrer fortgenommen worden. Doch ich danke
Gott dafür, daß Er mich aus der Schar der Märtyrer für eine
294
kurze Zeit zu weiterem Dienst herausgeholt und an einen Ort
gebracht hat, wo meine Wunde in wenigen Tagen geheilt und ich wieder zur Arbeit
fähig wurde."
Ein anderer armenischer Freund schrieb auch von einer ähnlichen
Erfahrung, durch die er gegangen war, aber ich brauche seinen Brief hier nicht
mehr anzuführen. —
Noch viele andere wunderbare Beispiele könnte ich vorbringen, um
die Wahrheit und Wirklichkeit des christlichen Lebens zu beweisen. Tatsächlich
gibt es in jeder Nation und in jedem Volk Männer und Frauen, die ihr Leben mit
Christus führen, und ihr Leben trägt Frucht mit unzähligen Segnungen, die sie
von Ihm empfangen. Was für ein wirklicher Trost ist es für Sein Volk, daß es
Seine Leben-spendende Gegenwart kennt und im eigenen Leben die Wahrheit Seiner
köstlichen Verheißung erfahren hat: „Siehe, Ich bin bei euch alle Tage!"194
5. Kapitel
MEINE EIGENEN ERFAHRUNGEN
IM LEBEN MIT UND OHNE CHRISTUS195
Ich wurde in einer Familie geboren, die für gewöhnlich als Sikh163
galt; aber sie sah die Lehre des Hinduismus als höchst wesentlich an, und meine
liebe Mutter war ein lebendiges Beispiel und eine treue Vertreterin dieser
Lehre. Sie pflegte täglich vor Tagesanbruch aufzustehen und nach dem Bade die Bhagavad
Gita35 und andere Hindu-Schriften zu lesen. Ihr196
reines Leben und Lehren wirkten auf mich mehr als auf die anderen Glieder der
Familie. Sie prägte mir schon frühzeitig diese Regel ein: wenn ich morgens
aufstehe, so ist meine erste Pflicht, daß ich zu Gott um geistliche Nahrung und
Segen bete, und erst danach soll ich das Frühstück einnehmen. Manchmal bestand
ich darauf, ich müsse zuerst das Essen haben, aber meine Gott fürchtende Mutter
senkte, das eine Mal mit Liebe und das andere Mal mit
295
Strafe, tief in mein Gemüt diese Gewohnheit hinein, daß ich zuerst197
Gott suche und danach die anderen Dinge. Obwohl ich damals noch zu jung war,
als daß ich den Wert dieser Dinge würdigen konnte, so erkannte ich ihn doch
später. Und wann immer ich jetzt daran denke, danke ich Gott für diese
Erziehung, und ich kann gegen Gott niemals dankbar genug sein dafür, daß Er mir
solch eine Mutter gegeben, die mir schon in meinen frühesten Jahren die Liebe
zu Gott und die Furcht vor Ihm einflößte. Ihr Herz war meine beste theologische
Schule, und sie bereitete mich, so gut sie konnte, dazu vor, daß ich als Sadhu39
für den Herrn wirke.
EIN PANDIT153 UND EIN SADHU
Einige Jahre lang unterrichtete mich meine Mutter aus den heiligen
Büchern der Hindus. Dann übergab sie mich einem Hindu-Pandit und einem alten
Sikh-Sadhu. Diese pflegten täglich für zwei oder drei Stunden in unser Haus zu
kommen, um mich zu lehren. Der Pandit lehrte mich einfache Stücke aus den
Hindu-Shastras36, und als er starb, lehrte mich ein anderer Pandit,
Kashi Nath, die Sanskrit-Schriften. Der ehrwürdige Sadhu lehrte mich den Granth198,
das heißt die heiligen Schriften der Sikh. Ich erkenne an, ich empfing von
diesem Unterricht einen gewissen Trost, aber ich hungerte noch immer nach wirklichem
Frieden. Sie lehrten mich mit großem Mitgefühl und ließen mir freigebig ihre
Erfahrungen zugute kommen. Aber sie hatten selber nicht den wahren Segen, nach
dem sich meine Seele sehnte. Wie konnten sie mir da helfen, daß ich ihn empfinge?
MEIN VATER
Ich pflegte die Hindu-Schriften oft bis Mitternacht zu lesen, um
irgendwie den Durst meiner Seele nach Frieden zu stillen. Mein Vater wandte
sich oft dagegen und sagte: „Es schadet deiner Gesundheit, wenn du bis in die
Nacht hinein liesest." Ob-
296
wohl es in meinem Elternhaus vieles gab, was mich hätte glücklich
machen können, so zog es mich doch weiter nicht an. Mein Vater hielt mir oft
vor: „In deinem Alter denken Jungens an nichts anderes als an Spiel und
Zeitvertreib; wie hat diese Leidenschaft schon in so jungen Jahren von dir
Besitz ergreifen können? Später im Leben ist noch Zeit genug, um an diese Dinge
zu denken. Ich vermute, du hast diese Verrücktheit von deiner Mutter und dem
Sadhu."
DER PANDIT UND ICH
Des öfteren
bat ich den Pandit, mir meine geistigen Schwierigkeiten auseinanderzusetzen.
Er sagte: „Deine Schwierigkeiten scheinen von einer neuen und seltsamen Art zu
sein. Ich kann nur soviel sagen: wenn du heranwächst und mehr Erfahrung und
Erkenntnis des geistigen Lebens bekommst, werden diese Schwierigkeiten von selbst
verschwinden. Quäle dich jetzt nicht mit diesen Dingen ab, sondern tue, was
dein Vater dir rät." Ich sagte ihm: „Wenn ich nun aber nicht solange lebe,
bis ich erwachsen bin, was dann? Außerdem hängt das Stillen dieses Hungers
oder Durstes nicht vom Alter ab oder davon, ob einer groß oder klein ist. Wenn
ein hungriger Junge um Brot bäte, würdet Ihr dann auch sagen: ,Geh und spiele,
und wenn du dann groß bist und die wirkliche Bedeutung des Hungers verstehen
kannst, dann wirst du Brot bekommen'? Wird er beim Spiel glücklich sein, wenn
er hungrig ist, oder kann er, wenn er nichts zu essen erhält, leben, bis er
groß geworden ist? Er sollte jetzt zu essen bekommen. Ich fühle mich jetzt sehr
hungrig nach geistigem Brot. Wenn du es nicht hast, dann sage mir bitte, wo und
wie ich es erhalten kann. Wenn du nicht weißt, wo ich es bekommen kann, dann
sage es." Der Pandit sagte: „Du kannst diese tiefen geistigen Dinge jetzt
nicht verstehen. Du kannst diese Stufe des geistigen Lebens nicht auf einmal
erreichen. Wer dorthin gelangen will, braucht eine lange Zeit. Weshalb hast du
es so eilig, dorthin zu kommen? Wenn dieser Hunger nicht in diesem Leben
gestillt wird, dann in deinen nächsten Wiedergeburten, voraus-
297
gesetzt, du strebst weiter danach."
Indem er so redete, wich er mir aus, und meine Frage war nicht gelöst.
DER SADHU UND ICH
Auch zu dem Sadhu sprach ich mehrere Male über meine
Schwierigkeiten, aber er gab mir gleichfalls eine ähnliche Antwort: „Quäle
dich damit nicht ab. Wenn du Erkenntnis (jnana)at erlangst,
werden alle diese Schwierigkeiten verschwinden." Ich erwiderte: „Es ist
ohne Zweifel wahr, wenn ich diese vollkommene allerletzte Erkenntnis erlange,
verschwinden meine Schwierigkeiten; aber selbst auf dieser Stufe sollte die
geringe Erkenntnis, die ich habe, einige meiner Schwierigkeiten forträumen,
damit ich fähig würde, auf weitere Erleuchtung in der Zukunft zu hoffen. Doch
ich sehe nicht, wie ich durch wachsende Erkenntnis weiter komme; denn es sieht
so aus, als ob weitere Erkenntnis dahin führt, daß ich meine Nöte und
Schwierigkeiten nur noch klarer sehe, und wie soll ich diesen neuen Nöten
begegnen? Hier ist nicht nur Erkenntnis nötig, sondern Brot für den Hungrigen;
denn wenn schon diese geringe Erkenntnis mir meine Nöte gezeigt hat, dann wird
mehr Erkenntnis noch mehr Nöte zeigen. Wie soll ich diesen Nöten
begegnen?"
Der Sadhu erwiderte: „Nicht durch unvollkommene endliche
Erkenntnis, sondern durch vollkommene und endgültige Erkenntnis wird dein
Verlangen befriedigt. Denn wenn du vollkommene Erkenntnis erlangst, dann
erkennst du: diese Not oder dieser Mangel ist nur eine Täuschung, du selber
bist Brahma (Gott)21 oder ein Teil von ihm, und wenn du das
einsiehst, was brauchst du dann noch mehr?" Ich aber beharrte: „Verzeiht
mir, aber ich kann das nicht glauben; denn wenn ich ein Teil von Brahma oder
selbst Brahma wäre, dann sollte ich doch unfähig sein, eine Täuschung (Maya)
zu haben. Wenn aber Maya in Brahma möglich ist, dann ist Brahma
nicht länger Brahma, denn es ist Maya untergeordnet. Damit ist Maya stärker
selbst als Brahma und ist nicht mehr länger Maya (Täuschung), sondern
eine Wirklichkeit,
298
die Brahma überwältigt hat, und wir müssen annehmen, Brahma selbst
sei Maya, und das ist Gotteslästerung.
Anstatt mir zu helfen, werft Ihr mich auf diese Weise in einen
Strudel hinein. Ich werde Euch sehr dankbar sein, wenn Ihr mir aus Eurer
Erfahrung und Erkenntnis helfen könnt, es199 (Brahma) zu erkennen,
damit ich meinen geistigen Hunger und Durst in ihm stillen kann. Aber bitte
denkt daran, ich möchte in ihm nicht aufgehen, sondern ich möchte in ihm
Erlösung erlangen." Da sagte er: „Kind, es ist nutzlos, daß wir jetzt mit
diesen Dingen die Zeit vergeuden. Die Zeit wird schon kommen, wo du selber
diese Dinge verstehen wirst."
Wieder war ich enttäuscht. Nirgendwo konnte ich die geistige
Nahrung finden, nach der ich hungerte, und in diesem Zustand der Unruhe blieb
ich, bis ich den Lebendigen Christus fand.
LÜGEN UND STEHLEN
Von meinen frühesten Jahren an prägte meine Mutter mir ein, ich solle
die Sünde jeder Art meiden und gegen alle Menschen in Not teilnehmend und
hilfreich sein. Eines Tages, als mein Vater mir etwas Taschengeld gegeben
hatte, lief ich auf den Bazaar 15°, um es auszugeben. Unterwegs sah
ich eine sehr alte Frau, die war vor Kälte und Hunger am Verschmachten. Als sie
mich um Hilfe bat, empfand ich solches Mitleid, daß ich ihr all mein Geld gab.
Ich kam nach Hause zurück und sagte meinem Vater, er möchte der armen Frau eine
Decke schenken, sonst würde sie vor Kälte sterben. Er wies mich ab und sagte,
er habe ihr schon oft geholfen, und nun seien die Nachbarn dran, das Ihre zu
tun.
Als ich sah, er wolle ihr nicht helfen, zog ich heimlich fünf
Rupies200 aus seiner Tasche und wollte sie ihr geben, damit sie sich
dafür eine Decke kaufe. Der Gedanke, ihr helfen zu können, gab mir große
Befriedigung; aber der Gedanke, ich sei ein Dieb, schmerzte mein Gewissen.
Meine Bedrängnis wurde noch größer, als mein Vater abends entdeckte, daß die
fünf Rupies fehlten; er fragte mich, ob ich sie genommen hätte, aber ich
leugnete. Ob-
299
wohl ich der
Strafe entronnen war, quälte mich mein Gewissen die ganze Nacht so sehr, daß
ich nicht schlafen konnte. Frühmorgens ging ich zu meinem Vater, bekannte ihm
meinen Diebstahl und meine Lüge und gab das Geld zurück. Obgleich ich fürchten
mußte, er werde mich strafen, war die Last sogleich von meinem Herzen
fortgenommen. Aber anstatt mich zu strafen, nahm er mich in die Arme und sprach
mit tränenden Augen: „Mein Sohn, ich habe dir immer vertraut, und jetzt habe
ich den deutlichen Beweis, ich tat recht daran." Er vergab mir nicht nur,
sondern kaufte für die fünf Rupies der alten Frau eine Decke und schenkte mir
selber noch eine weitere Rupie, für die ich mir Süßigkeiten kaufen durfte. Von
nun an lehnte er nicht mehr ab, wenn ich ihn um etwas bat; und ich beschloß
meinerseits, niemals etwas gegen mein Gewissen oder gegen den Willen meiner
Eltern zu tun.
DER TOD MEINES BRUDERS UND MEINER MUTTER
Einige Zeit darauf starb meine Mutter, und wenige Monate später
starb auch mein älterer Bruder. Wesensart und Gesinnung dieses Bruders waren
der meinen sehr ähnlich. Der Verlust dieser beiden Lieben war für mich ein
schwerer Schlag. Vor allem machte mich der Gedanke, ich sollte sie nie mehr
sehen, verzagt und verzweifelt: denn ich konnte niemals erkennen, in welcher
Gestalt sie wiedergeboren würden, noch konnte ich je vermuten, was ich wohl
selber in meinen nächsten Wiedergeburten sein würde. In der Hindu-Religion ist
für ein gebrochenes Herz wie das meine der einzige Trost: ich solle mich
meinem Schicksal unterwerfen und dem unerbittlichen Gesetz des Karma beugen.
MISSIONS- UND REGIERUNGSSCHULE
Nun vollzog sich in meinem Leben noch ein anderer Wechsel. Zu
meiner weltlichen Ausbildung wurde ich in eine kleine Grundschule geschickt,
welche die Amerikanisch-Presbyterianische Mission in unserem Dorf Rampur
eröffnet hatte. Zu der
300
Zeit hatte ich so viele Vorurteile gegen das Christentum, daß ich
mich weigerte, in den täglichen Bibelstunden die Bibel zu lesen. Meine Lehrer
bestanden darauf, daß ich an den Stunden teilnähme. Aber ich war so sehr
dagegen, daß ich im nächsten Jahr jene Schule verließ. Ich besuchte nun eine
Regierangsschule in Sanewal, die war drei Meilen201 weit entfernt,
und dort lernte ich einige Monate lang. Ich spürte: was das Evangelium über die
Liebe Gottes lehrte, zog mich bis zu einem gewissen Grade an, aber ich hielt es
noch immer für falsch und widersprach ihm. Ich stand so fest zu meiner Meinung,
und meine Friedlosigkeit war so groß, daß ich eines Tages vor den Augen meines
Vaters und anderer Leute ein Evangelium zerriß und verbrannte.
DIE OFFENBARUNG DES LEBENDIGEN CHRISTUS"1
Nach den Anschauungen, die ich zu jener Zeit hatte, meinte ich,
indem ich das Evangelium verbrannte, hätte ich eine gute Tat getan. Doch die
Unruhe meines Herzens wurde immer größer, und nachher fühlte ich mich zwei
Tage lang sehr elend. Als ich am dritten Tag spürte, ich könne es nicht länger
ertragen, stand ich morgens um drei Uhr auf, nahm mein Bad und betete: wenn es
überhaupt einen Gott gebe, so wolle Er sich mir offenbaren, mir den Weg des
Heils zeigen und diese Unruhe meiner Seele beenden. Ich war fest entschlossen,
wenn dieses Gebet ohne Antwort bliebe, würde ich noch vor Tagesanbruch zur
Eisenbahn hinuntergehen und meinen Kopf vor den einfahrenden Zug auf die
Schienen legen. Ich blieb bis gegen halb vier Uhr im Gebet und erwartete
Krishna155 oder Buddha16 oder irgendeinen anderen Avatara76
der Hindu-Religion zu sehen. Sie erschienen nicht, dafür erstrahlte aber im
Zimmer ein Licht. Ich öffnete die Tür, um zu sehen, woher es komme, aber draußen
war alles dunkel. Ich ging wieder hinein, und das Licht wurde immer stärker und
nahm die Gestalt einer Lichtkugel über dem Fußboden an. In diesem Licht
erschien nicht die Gestalt, die ich erwartete, sondern — der Lebendige
Christus, den
301
ich für tot gehalten hatte. Bis in alle Ewigkeit werde ich nie
Sein herrliches und liebendes Gesicht vergessen noch die wenigen Worte, die Er
sprach: „Warum verfolgst du Mich? Siehe, Ich bin am Kreuz für dich und für die
ganze Welt gestorben." Diese Worte wurden wie mit einem Blitz in mein Herz
gebrannt, und ich fiel vor Ihm zu Boden. Mein Herz war mit unaussprechlicher
Freude und Frieden erfüllt, und mein ganzes Leben war vollständig verwandelt.
Da starb der alte Sundar Singh, und ein neuer Sundar Singh wurde geboren, damit
er dem Lebendigen Christus diene.
DER ANFANG DER
VERFOLGUNG
Nach einer kleinen Weile ging ich zu meinem Vater, der noch
schlief, erzählte ihm von der Erscheinung und sagte, ich sei jetzt Christ. Er
antwortete: „Worüber redest du? Erst drei Tage sind vergangen, seitdem du ihr
Buch verbrannt hast. Geh und schlafe, du törichter Junge", und damit
drehte er sich wieder um. Später erzählte ich der ganzen Familie, was ich
gesehen hatte, und daß ich jetzt Christ sei. Einige sagten, ich sei verrückt,
einige, ich hätte geträumt. Als sie aber sahen, ich ließ mich nicht abbringen,
begannen sie, mich zu verfolgen. Aber die Verfolgung war nichts im Vergleich zu
jener elenden Unruhe, die ich hatte, als ich ohne Christus lebte; und es war
mir nicht schwer, die Leiden und Verfolgungen, die nun begannen, zu ertragen.
Der Gedanke, Sadhu zu werden, war lange durch meinen Sinn
gegangen, und ich entschloß mich jetzt, dem Herrn Christus als Sadhu zu dienen.
Es gab zu jener Zeit noch zwei oder drei andere Jungen, die wollten auch
Christen werden. Doch zwei wandten sich wegen der Strafe, die sie von ihren
Eltern erhielten, wieder zurück, und ein anderer ging nach Khanna und wurde
dort von Rev. E. P. Newton getauft; aber kurz danach kam sein Vater zu ihm und
erzählte, seine Mutter liege im Sterben, und lockte ihn damit zurück. Sehr bald
danach starb er, offenbar durch Gift.
302
Als es für
mich schwierig wurde, in Rampur zu bleiben, riet mir Mr. Newton, ich solle in
die christliche Knaben-Heimschule in Ludhiana gehen. Dort nahmen mich die
Missionare Dr. Wherry und Dr. Fife sehr freundlich auf und förderten mich auf
jede Weise. Aber ich erschrak, als ich das unchristliche Leben sah, das einige
der christlichen Jungen und einzelne Christen des Ortes führten, denn ich
meinte: wer dem Lebendigen Christus nachfolgt, müsse wie ein Engel sein; darin
hatte ich mich gewaltig getäuscht. Es ist durchaus möglich, daß ich, wenn mir
nicht der Lebendige Christus erschienen wäre und mir neues Leben geschenkt
hätte, Anstoß genommen hätte, in die Irre gegangen und ein Feind des
Christentums geworden wäre. Aber auch so beschloß ich, die Schule und diese
Christen zu verlassen, allein zu leben und als Sadhu Christus nachzufolgen, wo
immer Er mich in Seinem Dienst auch hinführen sollte. Während der Sommerferien
ging ich nach Subathu und Simla, und anstatt zur Schule zurückzukehren, wurde
ich getauft und begann, als Sadhu umherzuziehen und das Evangelium zu predigen.
Nichtchristliche Wahrheitssucher ertragen willig unglaubliche
Entbehrungen, um die Wahrheit zu finden. Wenn alle, die sich Christen nennen,
sich auch nur von ferne mit solcher Treue oder Hingabe angestrengt hätten, die
Königsherrschaft des Lebendigen Christus auszubreiten, dann wäre die ganze
Welt schon längst christlich geworden. Aber wir müssen bekennen, darin hat die
christliche Kirche unübersehbar versagt.
MEDIZIN IM AUGE
Daraus, daß ich jetzt mit Christus lebte und Erfahrungen mit Ihm
machte, habe ich dieses Geheimnis gelernt: noch ehe ich Ihn kannte oder an Ihn
als meinen Erlöser glaubte, wirkte Er, ohne daß ich es wußte, bereits in meiner
Seele, wie Medizin im Auge wirkt. Denn wenn das Auge auch die Medizin nicht sehen
kann, die in ihm ist und das Sehvermögen klärt, so spürt es sie doch.
303
MUTTER UND KIND
Meine ruhelose Seele suchte nach Ihm. Aber obgleich Er nahe war,
blieb Er doch meinem Blick verborgen; aber Er versuchte, mich zu sich zu
ziehen. Ich war im Garten der Welt wie ein Kind, dessen Mutter sich hinter
einem Busch versteckt hatte. Das Kind begann zu schreien, und sowie der Gärtner
es hörte, kam er und bot ihm, damit es sich beruhigte, eine Frucht nach der
anderen an. Aber das Kind warf sie alle von sich und schrie weiter: „Ich will
sie nicht. Ich will meine Mutter haben." Schließlich kam seine Mutter
hinter dem Busch hervor; sie nahm es in ihre Arme, küßte es und trocknete seine
Tränen. Auf ähnliche Weise verbirgt sich unsere All-Mutter203 zu
Zeiten im Garten dieses Weltalls. Wer sich nun wie dieses Kind mit nichts anderem
als mit der Liebe seiner Mutter zufrieden gibt, der entdeckt: sie wacht über
ihm und zieht ihn ans Herz, wischt alle seine Tränen ab und schenkt ihm auf
ewig wirkliche Seligkeit (Jes. 49, 15 ;Offbg. 21,3-4).
GLAUBE UND LIEBE
Ohne Christus war ich ohne Hoffnung und voller Furcht vor dem
zukünftigen Leben. Jetzt aber hat Er durch Seine Gegenwart Furcht in Liebe und
Hoffnungslosigkeit in Erkenntnis verwandelt; die Furcht vergeht, aber die
Liebe ist ewig. Glaube und Liebe sind die Ranken der Seele: im Licht und in der
Wärme der Sonne Gottes wachsen sie zum Himmel empor und ranken sich um den
Herrn der Liebe. Doch ohne Ihn, ohne Hoffnung und im Dunkel, verwelken sie und
sterben.
TOD UND LEBEN
In der
Gemeinschaft mit Ihm, der die Auferstehung und das Leben ist, werden wir von
der Todesfurcht frei, und indem wir Teil haben an jenem Sieg über den Tod,
gehen wir in das ewige
304
Leben ein. Er ist zu derselben Zeit in beiden Welten gegenwärtig.
Er war in der Körperwelt und zu derselben Zeit in der Geisteswelt; denn als Er
am Grab des Lazarus stand und mit der Stimme Seines Schöpfers rief: „Lazarus,
komme heraus!"204, da rief Er den Geist Seines Freundes nicht
aus dem Körper noch aus dem Grabe, sondern aus der Geisteswelt hervor. Sobald
er Seinen Befehl hörte, kehrte er von dort her in das Grab und in seinen Körper
zurück.
Für dieses neue Leben ist bezeichnend: es zwingt einen, andere zu
Christus zu führen; nicht durch äußeren Zwang, sondern aus dem Verlangen, die
anderen an der Freude dieser wunderbaren Erfahrung Anteil haben zu lassen. Wie
schmerzhaft auch immer die Prüfungen sein mögen, in der Freude jenes Dienstes
vergißt man sie wieder.
Einmal ging ich in ein Dorf predigen, das war zwei Meilen von
meiner alten Heimat Rampur entfernt. Ich sprach eine lange Zeit hindurch, und
bevor ich geendet hatte, wurde es dunkel; da verließen mich die Leute alle und
gingen nach Hause. Müde und hungrig suchte ich Ruhe unter einem Baum. Ich hatte
den ganzen Tag nichts gegessen; doch hatte ich es mir zur Regel gemacht, nicht
zu betteln. Wie ich so dalag, schwach und hungrig, versuchte mich Satan mit
dem Gedanken: als ich noch daheim war, hatte ist stets, was ich brauchte; aber
jetzt, da ich alles um Christi willen verlassen hatte, war ich arm und hungrig.
Doch dann wurde trotz allem mein Herz mit wunderbarem Frieden und Freude
erfüllt; so überwand ich nicht nur die Versuchung, sondern fühlte mich dazu
getrieben, einen Gesang anzustimmen, und bis Mitternacht pries ich den Herrn.
Danach kamen diese Worte von meinen Lippen: „Als ich es daheim gut und bequem
hatte, wußte ich nichts von diesem wunderbaren Frieden. Jetzt aber, da alles
dahin ist, habe ich in Christus diesen Frieden gefunden, den die Welt weder
geben noch nehmen kann."205
305
Einige Leute waren durch mein Singen geweckt worden, und zwei von
ihnen kamen zu mir. Sie wurden tief ergriffen, als ich ihnen ein wenig aus
meiner Erfahrung erzählte. Als sie jedoch vernahmen, daß ich seit dem Morgen
noch nichts gegessen hatte, wurden sie sehr beunruhigt, daß ich es ihnen nicht
gesagt hatte. Sie bereiteten sofort etwas Essen und reichten es mir, und ich
dankte Gott und ihnen. Nach dem Essen legte ich mich hin und schlief.
ERFAHRUNG IN RAMPUR
Am nächsten Tag predigte ich in ein paar Dörfern in der Nähe und
ging dann nach Rampur. Auch dort hörten die Leute aufmerksam zu. Gegen Abend
ging ich in mein Elternhaus. Zuerst weigerte sich mein Vater, mich zu sehen
oder mich hereinzulassen; denn dadurch, daß ich Christ geworden, hatte ich die
Familie in Unehre gebracht. Doch nach einer kleinen Weile kam er heraus und
sagte: „Wohlan, du magst diese Nacht hierbleiben; aber du mußt früh am Morgen
abziehen; zeige mir dein Gesicht nicht noch einmal." Ich schwieg, und am
Abend ließ er mich in einiger Entfernung sitzen, damit ich nicht sie oder ihre
Gefäße beschmutze.206 Dann brachte er mir zu essen und gab mir
Wasser zu trinken: er hob ein Gefäß in die Höhe und goß es in meine Hände, wie
man tut, wenn man einem Kastenlosen zu trinken gibt. Als ich sah, wie er mich
behandelte, konnte ich die Tränen nicht zurückhalten: sie stürzten aus meinen
Augen, weil mein Vater, der mich sonst so sehr zu lieben pflegte, mich jetzt
haßte, als ob ich unberührbar wäre. Aber trotz alledem war mein Herz von
unaussprechlichem Frieden erfüllt. Ich dankte ihm auch für diese Behandlung und
sagte: „Es macht nichts, daß du mich verstoßen hast; denn ich habe Christus
ergriffen aus Liebe zu Ihm, der Sein Leben für mich gegeben hat, und Seine
Liebe ist unwandelbar und bei weitem größer als die deine. Bevor ich Christ
wurde, entehrte ich Christus, aber Er verstieß mich nicht; so klage ich jetzt
nicht. Ich danke dir für deine frühere Liebe zu mir und auch für die
gegenwärtige Behandlung." Dann sagte ich
306
höflich Lebewohl und ging fort. Draußen auf dem Felde betete ich
und dankte Gott, und dann schlief ich unter einem Baum. Am Morgen setzte ich
meinen Weg fort.
DIE WAHRE VERHEISSUNG
DES HERRN
Als ich zu
predigen begann, ging ich zuerst in mein Heimatdorf und in die Dörfer in
seiner Nachbarschaft; aber später ging ich auf ausgedehnte Reisen durch ganz
Indien. Nach und nach sandte mich der Herr in Seinem Dienst in verschiedene
Länder der Weltbund nach vielen Jahren wurde mein unaufhörliches Gebet erhört
und mein Vater wandte sich auch zum Herrn. Obwohl ich durch mancherlei Leiden
gehen mußte, so ist doch alles für mich ein Mittel großen Segens gewesen, und
mit dankbarem Herzen kann ich aufrichtig aus meiner Erfahrung heraus sagen: in
den Verheißungen des Herrn ist jedes Wort ganz wörtlich wahr. Wie Er gesagt
hat: „Es ist niemand, so er verläßt Haus oder Brüder oder Schwestern oder Vater
oder Mutter oder Weib oder Kinder oder Äcker um Meinetwillen und um des
Evangeliums willen, der nicht hundertfältig empfange: jetzt in dieser Zeit
Häuser und Brüder und Schwestern und Mütter und Kinder und Äcker mitten unter
Verfolgungen, und in der zukünftigen Welt das ewige Leben" (Markus 10,
29—30). Ich habe nicht nur hundertfältig empfangen, sondern hundert Mal
hundertfältig. Und wenn es welche gibt, denen sich diese Verheißung nicht
erfüllt hat, so heißt das nicht, des Herrn Verheißung sei nicht wahr; es besagt
vielmehr, daß in ihrem Leben etwas nicht in Ordnung ist, oder daß Gott „etwas Besseres
für sie zuvor ersehen hat" (Hebr. 11,39-40).
GEISTESERFAHRUNG
In
Deutschland fragte mich ein führender Psychologe nach meiner Geisteserfahrung
und meinem Herzensfrieden: „Was für einen Beweis haben Sie dafür, daß der
geistliche Friede durch die Gegenwart des Heiligen Geistes oder des Lebendigen
Christus
307
in Ihrem Herzen hervorgerufen wird? Daß das also nicht aus Ihnen
selber stammt, sondern Wirklichkeit ist?"207 Ich erwiderte:
„Daß Hunger und Durst in uns sind, beweist, es gibt außer ihnen eine Wirklichkeit
wie Nahrung und Wasser, die sie befriedigt. Können Sie mir irgendeinen
Menschen in der ganzen Welt nennen, der allein durch seine Einbildung imstande
sei, eine beträchtliche Zeit hindurch seinen Hunger und Durst zu befriedigen?
Das ist ganz unmöglich. Wohl ist es möglich, daß er durch Autosuggestion208
sich persönlich zu solch einem Geisteszustand erhebt, in welchem er eine
kleine Zeit lang seinen Hunger nicht spürt. Aber es ist nicht möglich, daß ein
Mensch allein durch Autosuggestion sein ganzes Leben lang volle Zufriedenheit
der Seele erhielte und „den Frieden, welcher höher ist denn alle Vernunft"209.
Diesen Frieden kann man auf die Dauer nur in Ihm erlangen, der diesen geistigen
Hunger und Durst in uns erschaffen hat. Und wenn wir in bewußter Vereinigung
mit Ihm leben und von Ihm diesen Herzensfrieden erhalten, dann zeugt unser
ganzes Wesen davon, daß wir schließlich jene Wirklichkeit erlangt haben, nach
der wir uns so leidenschaftlich sehnten."
CHRISTUS UND SEINE
KIRCHE
Ein deutscher Herr, der eifrig die Mission unterstützte, fragte
mich: „Welche Gestalt wird die verfaßte Kirche annehmen, wenn ganz Indien
christlich wird?" Ich erwiderte: „Es gibt kein Land in der Welt und wird
auch nie eines geben, das vollständig christlich ist. Und selbst wenn Indien
jemals christlich würde, dann wird das nur so weit sein, wie irgendeines der
Länder des Westens christlich ist. Denn solange die Welt besteht, werden immer
Gute und Böse, Ernste und Gleichgültige zu finden sein. Erst wenn alle in Herz
und Leben verwandelt wären, könnten wir sagen, das Himmelreich ist gekommen,
aber dann wäre die Welt nicht mehr Welt, sondern Himmel.
Was die Kirche betrifft: die Menschen verändern fortwährend die
Gestalt des Gottesdienstes und gründen neue Sekten, aber
308
sie sind mit keiner zufrieden. Was wirklich nottut, ist nicht, daß
wir neue Formen annehmen, sondern daß durch den Lebendigen Christus Ströme
lebendigen Wassers durch uns zu fließen beginnen. Wenn das Wasser eines Flusses
aus dem Himalaja-Gebirge die Ebene erreicht, dann graben ihm die Menschen Kanäle.
Doch durch die großen Gebirge muß es sich selber durch Klippe, Fels und Tal den
Weg bahnen, und niemand gräbt ihm einen Kanal. So nimmt auch das neue Leben
seinen Weg zuerst durch das Leben der einzelnen Christen, und diese fühlen kein
Bedürfnis, dafür Kanäle anzulegen; aber wenn es dann durch ganze Gemeinschaften
strömt, dann sorgen sie für Kanäle oder Kirchen, damit sie ihre Bedürfnisse
stillen. Zu der Zeit werden die von Menschen geschaffenen Sekten verschwinden,
und es wird nur die eine Kirche des Lebendigen Christus geben, und es wird sein
,eine Herde und ein Hirte'" (Joh. 10,16}.
EIN PHILOSOPH UND
EIN HEILIGER
Wir können zwar nicht sagen, irgendein Land sei als ganzes
christlich, dennoch gibt es in allen Ländern viele wahre Christen, die dem
Herrn eifrig dienen. Sie werden weder stolz, wenn man sie lobt, noch verlieren
sie den Mut, wenn man sie bemängelt. Sie wissen, es liegt eine Gefahr darin,
wenn die Leute gut von ihnen reden. Wie der Herr sagte: „Weh auch, wenn euch
jedermann wohl redet!" (Luk. 6, 26), denn das hindert Leben und
Fortschritt des Geistes. Doch diese Gefahr besteht nicht, wenn man schlecht von
uns redet. Die Wahrheit findet sich weder im übergroßen Lob noch im übergroßen
Tadel, sondern liegt in der Mitte.
Einst ging ein Philosoph zu einem Heiligen und fragte ihn: „Warum
nennen die Leute dich einen Heiligen?" „Aus Liebe und Verehrung",
antwortete er. „Ich bin ein Sünder wie sie und nur durch Gottes Gnade
gerettet." Da fragte der Philosoph: „Wenn dem so ist, wodurch
unterscheidest du dich von den anderen Leuten?" Der Heilige sagte:
„Vielleicht erinnerst du dich,
309
Sokrates210 sagte, er sei dahin gekommen, zu wissen,
daß er nichts wisse. Man fragte ihn, wodurch er sich dann, wenn er als
Philosoph nichts wisse, von einem unwissenden Menschen unterscheide. Sokrates
erwiderte: ,Ich weiß wenigstens, daß ich nichts weiß; aber sie wissen nicht
einmal, daß sie nichts wissen.' So", sagte der Heilige, „ist auch der
Unterschied zwischen mir und den anderen Leuten. Ich weiß, ich bin ein Sünder;
sie aber wissen nicht einmal, daß sie Sünder sind, deshalb sind sie im Blick
auf ihre Erlösung nachlässig und gleichgültig."
LICHT UND FINSTERNIS
Wir sollen
immer wachen und beten; denn wenn das Licht, das in uns ist, Finsternis wird,
wie groß ist dann die Finsternis! (Matth. 6, 23). Obwohl unsere Augen klein
sind, sehen sie doch viele Dinge, große und kleine, entfernte und nahe. Wenn
die Pupille verletzt ist, entsteht nicht nur im Auge Dunkelheit, sondern die
ganze Welt ist für uns verdunkelt. So müssen wir beten, damit das Licht in uns
nicht verdunkelt werde, und auch damit unser Licht vor den Menschen leuchte, so
daß wir unseren Vater im Himmel verherrlichen.
EIN TAUCHER
Wir müssen in der Welt wie ein Taucher leben: wenn dieser in dem
Ozean nach Perlen taucht, so hält er entweder seinen Atem an, damit das Wasser
nicht in seine Lungen eindringt, oder er atmet, so lange er im Wasser ist,
durch einen Luftschlauch. Wir sollen in, aber nicht aus der Welt
sein. Wir sollen jenen beiden Arten von Tauchern gleichen. Wir sollen aufhören,
die Luft der Welt zu atmen, sollen für sie tot sein und Gott leben; und wir
sollen mit Hilfe des Gebetsschlauchs, der zu dem Ewigen Gott hinaufreicht, den
Heiligen Geist atmen. So werden wir, während wir in der Welt leben, die
kostbare Perle des Heils finden.
310
6. Kapitel
DAS INNERE LEBEN211
Das Leben ist in jedem Geschöpf eine unsichtbare und verborgene
Wirklichkeit; was vom Leben äußerlich zu sehen ist, das ist nur sein Wirken und
eine Teil-Offenbarung. Der Gottesleugner versteht nicht, was das Leben ist; so
schreibt er es dem Stoff zu. Aber die Quelle des Lebens ist Leben, und lebloser
Stoff kann kein Leben hervorbringen. Nur wer in enger Beziehung zur Quelle des Lebens
steht, kann dieses Geheimnis verstehen.
Wir können das wirkliche innere Leben irgendeines Geschöpfes
nicht begreifen, denn es ist unter einer Teil-Offenbarung seiner selbst
verborgen. Das Geistes-Leben kann sich in seiner Fülle nur in der Geisteswelt
offenbaren; denn diese stoffliche Welt reicht nicht zu, um es voll
auszudrücken.
Wir kennen ein Tier zum Beispiel nur von außen und verstehen
nicht, was es in sich selber ist. Das Tier hat Wärme, bewegt sich, wächst und
zeigt andere Lebenszeichen. Diese Zeichen nur sehen wir und nicht das Leben,
dessen äußere Zeichen sie sind. Wir können etwas äußerlich kennen, ohne daß wir
wissen, was das Ding in sich selber ist. Wenn wir aber in Dem leben, der die
Quelle des Lebens ist, können wir, gemäß unseren Nöten und Fähigkeiten, Ihn
erkennen, wie Er in sich selber ist. Dadurch, daß wir Ihn so erkennen, kommen
wir dazu, daß wir uns selber erkennen, die wir nach Seinem „Bildnis und
Gleichnis"212 geschaffen sind, und erkennen so das wirkliche
Wesen unseres inneren Lebens.
Der Geist der Selbstbehauptung hindert uns daran, daß wir die
Wirklichkeit erkennen. Wir sollten nicht dem Karneades213 gleichen,
der zu seinem Lehrer sagte: „Wenn ich recht geurteilt habe, dann hast du
unrecht; wenn nicht, o Diogenes, dann gib mir zurück, was ich dir für deinen
Unterricht bezahlt habe." Karneades wollte seinen Fehler nicht zugeben.
Auf jeden Fall
311
wollte er seinem Lehrer die Schuld zuschieben: wenn er recht
hatte, dann hatte der Lehrer unrecht; aber wenn er unrecht hatte, dann hatte
erst recht der Lehrer unrecht, denn dann hatte er ihn nicht richtig gelehrt,
richtig zu urteilen.
Es ist sehr schwierig, die tiefe Erfahrung des inneren Lebens zu
erklären. Wie Goethe214 gesagt hat: „Das Beste . .. kannst du doch
nicht sagen." Aber man kann es erfahren und in die Tat umsetzen. Das ist,
was ich meine. Eines Tages, während ich mich innerte und betete, spürte ich
stark Seine Gegenwart. Mein Herz floß über vor himmlischer Freude. Ich sah, in
dieser Welt der Sorge und des Leidens gibt es eine verborgene und unerschöpfliche
Ader großer Freude, von der die Welt nichts weiß; denn selbst die Menschen, die
sie erfahren, können von ihr nicht zureichend und überzeugend sprechen. Ich
wollte gern in das benachbarte Dorf hinuntergehen, damit ich jene Freude mit
ändern teilte. Doch wegen meiner leiblichen Krankheit entstand zwischen meiner
Seele und meinem Leib ein Widerstreit: die Seele wollte gehen, aber der Leib
tat nicht mit. Doch schließlich siegte ich und schleppte meinen kranken Leib
mit mir. Ich erzählte den Leuten in dem Dorf, was die Gegenwart Christi für
mich getan hatte und auch für sie täte. Sie wußten, daß ich krank war, und daß
irgendein innerer Trieb da sein müsse, der mich zwang, zu ihnen zu sprechen.
Obwohl ich nicht alles erklären konnte, was Christi Gegenwart mir bedeutete, so
war doch jene tiefe Erfahrung in die Tat übersetzt worden, und die Menschen
empfingen Hilfe. Wo die Zunge versagt, da offenbart das Leben die Wirklichkeit
durch die Tat. Wie Paulus sagt: „Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht
lebendig" (2. Kor. 3, 6).
Einige Insekten ertasten mit ihren Fühlern ihre Umgebung und
unterscheiden zwischen schädlichen und nützlichen Dingen. Ebenso verhalten sich
die Geistesmenschen: mit Hilfe ihrer inneren Sinne weichen sie gefährlichen
und zerstörenden Einflüssen aus und erfreuen sich Gottes lieblicher und
Leben-spendender Gegenwart. Ihre selige Erfahrung treibt sie dazu, für Gott
Zeugnis abzulegen. Wie Tertullian215 gesagt hat: „Wann immer die
312
Seele zu sich selber kommt und etwas von ihrer natürlichen Gesundheit
wieder erlangt, dann spricht sie von Gott."
Fast jeder Mensch hat — mehr oder weniger — ein inneres Vermögen:
damit vernimmt er Geistes-Wahrheiten, ohne daß er weiß, wie er sie erlangt. Wie
jemand gesagt hat: „Sie wissen, ohne daß sie wissen, wie." Als zum
Beispiel Colburn216 (1804 bis 1840) sechs Jahre alt war, wurde er
gefragt, wieviele Sekunden elf Jahre hätten. In vier Sekunden gab er die
richtige Antwort. Als man ihn fragte, wie er zu dieser Antwort gekommen wäre,
sagte der Knabe, er wisse es nicht. Alles, was er sagen konnte, war: die
Antwort sei eben in seinen Verstand gekommen. Genau so offenbart Gott denen,
die nach Seinem Willen zu leben versuchen, Geistes-Wirklichkeiten.
Der Wille zu leben, der in jedem Menschen wirkt, treibt ihn an,
das Leben bis zu seiner Vollkommenheit zu steigern, das heißt bis zu jenem
Zustand, in welchem die Absicht Gottes für dieses Leben erfüllt ist, so daß er
in Ihm selig ist. Andererseits wird denen, die das freudenvolle innere Leben in
Gott nicht erfahren haben, das Leben zur Last. Schopenhauer217 war
einer von diesen; er sagte: „Das Leben ist eine Hölle." Da ist es weiter
nichts Seltsames, wenn solche Leute Selbstmord begehen wollen. So hatte die
Lehre des griechischen Philosophen Hege-sias218 bewirkt, daß mehrere
Hundert junger Männer Selbstmord begingen. Auch mehrere Philosophen wie Zeno219,
Empe-dokles12 und Seneca31 machten selbst ihrem Leben ein
Ende. Doch es ist seltsam, daß ihnen ihre Philosophie nicht zeigte, wie sie das,
was sie unglücklich machte, entfernen könnten, anstatt ihr Leben zu zerstören.
So ist die Weisheit der Welt (Jak. 3,15). Obwohl einige, die wegen seiner
Kämpfe und Mühen dieses Lebens müde sind, den Willen zu leben unterdrücken
mögen, so können sie doch den Willen zu glauben nicht los werden. Denn selbst
wenn sie keinen Glauben an Gott oder an irgendeine andere geistige
Wirklichkeit haben, so glauben sie doch wenigstens an ihren Unglauben. Phyrrho220
sagte: „Wir können nicht einmal gewiß sein, daß wir keine Gewißheit
haben."
313
Das innere Leben oder die Persönlichkeit des Menschen kann nicht
dadurch befreit werden, daß man den Ort wechselt oder den Leib tötet, sondern
nur dadurch, daß man den „alten Menschen"221 ablegt und den
neuen Menschen anzieht und dergestalt vom Tod zum Leben gelangt. Wer irre geht,
versucht nicht, sein inneres Sehnen im Schöpfer zu stillen, sondern will es auf
seinen eigenen krummen Wegen befriedigen. Und das Ergebnis ist, daß er nicht
glücklich und zufrieden ist, sondern elend wird. Ein Dieb zum Beispiel stiehlt
Dinge und häuft sie auf, um dadurch glücklich zu werden; aber er verfehlt
nicht nur sein Glück, sondern durch seine Diebstähle zerstört er sich auch die
Fähigkeit dazu. Sein sündiges Verhalten ertötet jene Fähigkeit. Und wenn er den
Sinn dafür verliert, daß Diebstahl Sünde ist, und wenn er keine Gewissensbisse
empfindet, dann hat er bereits geistigen Selbstmord begangen: er hat nicht nur
die Fähigkeit getötet, sondern er hat die Seele getötet, die jene Fähigkeiten
hatte.
Wirkliche Freude und wirklicher Friede hängen nicht von
königlicher Macht, Reichtum oder anderem irdischen Besitz ab. Wenn dem so wäre,
dann wären alle Reichen in der Welt glücklich und zufrieden, und Fürsten wie
Buddha16, Mahavira222 und Bhartari22S hätten
nicht auf ihr Königreich verzichtet. Aber diese wirkliche und bleibende Freude
ist nur im Reich Gottes zu finden; das wird im Herzen errichtet, wenn wir
wieder geboren werden.
Das Geheimnis und die Wirklichkeit dieses seligen Lebens in Gott
kann nur verstehen, wer es selber empfängt, lebt und erfährt. Wer es nur mit
dem Verstand zu verstehen versucht, der wird sich vergebens bemühen. Ein
Naturforscher hatte in seiner Hand einen Vogel. Er sah, der Vogel hatte Leben,
und wollte herausfinden, in welchem Teil seines Leibes das Leben sitze, und was
das Leben selber sei; deshalb begann er, den Vogel zu zerlegen. Das Ergebnis
war: gerade das Leben, das er suchte, verschwand auf geheimnisvolle Weise. Wer
das innere Leben nur mit dem Verstand zu verstehen versucht, wird einen
ähnlichen Fehlschlag erleben. Das Leben, nach dem er sucht, wird, wenn er es
zerlegt, verschwinden.
314
Im Vergleich mit dieser großen Welt ist das menschliche Herz nur
ein kleines Ding. Obwohl die Welt so weit ist, so ist sie doch gänzlich
unfähig, dieses winzige Herz zu befriedigen. Die immer wachsende Seele des
Menschen und ihr Vermögen können nur in dem unendlichen Gott Befriedigung
finden. Wie das Wasser nicht ruht, bis es die Ebene erreicht hat, so hat die
Seele keinen Frieden, bis sie in Gott ruht.
Der stoffliche Körper kann nicht auf immer mit dem Geist
Gemeinschaft halten. Nachdem er eine Zeitlang seinen Zweck erfüllt und der
Seele als Werkzeug für ihre Arbeit in der Welt gedient hat, beginnt er durch
Schwäche und Alter sich zu weigern, mit dem Geist noch weiter zusammen zu
wandern. Das kommt daher, daß der Körper nicht Schritt halten kann mit der ewig
wachsenden Seele.
Obwohl Seele und Leib nicht auf ewig zusammenleben können, so
bleiben doch die Früchte der Arbeit, die sie miteinander geleistet haben, auf
ewig. Deshalb ist es nötig, daß wir den Grund unseres ewigen Lebens mit
Sorgfalt legen. Aber es ist zu beklagen, daß der Mensch seine Freiheit
mißbraucht und es auf ewig verliert. Freiheit bedeutet die Fähigkeit, entweder
gute oder schlechte Taten zu tun. Wer fortwährend die bösen Taten wählt, der
wird ein Sklave der Sünde und zerstört seine Freiheit und sein Leben (Joh. 8,
21 u. 34).
Wer aber andererseits seine Sünden aufgibt und der Wahrheit
folgt, der wird auf ewig frei gemacht (Joh.8,32). Die Werke derer, die auf
diese Weise frei gemacht sind und ihr ganzes Leben in Seinem Dienst
verbringen, das heißt derer, die in dem Herrn sterben, werden ihnen nachfolgen
(Offbg. 14,13). In dem Herrn zu sterben, bedeutet nicht Tod, denn der Herr ist
der „Herr der Lebenden und nicht der Toten"224; sondern in dem
Herrn sterben heißt: sich selber in Seinem Werk verlieren. Wie der Herr sagte:
„Wer aber sein Leben verliert um Meinetwillen, der wird's behalten" (Luk.
9, 24).
Wenn irgendeiner in Bosheit und Finsternis lebt und stirbt, so ist
das nicht die Schuld des Herrn. Denn Er „erleuchtet alle Men-
315
sehen, die in die Welt kommen" (Joh. 1, 9). Ein gutes Leben
unterscheidet sich von einem schlechten wie der Diamant von der Kohle. Beide
bestehen aus demselben Stoff, aus Kohlenstoff, und doch unterscheiden sie sich
gewaltig. Der Diamant spiegelt das Licht der Sonne mit strahlender Schönheit
wider, während die Kohle selbst im hellsten Sonnenschein dunkel und stumpf
bleibt. Genau so wird die Sonne der Gerechtigkeit durch gute und schlechte
Menschen widergespiegelt. Der Fehler liegt nicht in der Sonne, sondern nur im
sündigen Menschen.
Der Zustand des Menschen gleicht dem der Erde. Wir meinen, die
Sonne gehe unter und entferne sich von uns. Aber in Wirklichkeit entfernt sich
die Erde von der Sonne. Die Erde würde in den Weltraum hineinstürzen, wenn die
Sonne sie nicht beständig zu sich zöge. So zieht auch die Sonne der
Gerechtigkeit durch die Anziehungskraft ihrer Liebe alle Menschen zu sich (Joh.
12,32).
Wenn ein Glied des Leibes verletzt oder verwundet wird, dann ist
der ganze Leib tätig, um es zu heilen. Genau so wird Christus, wenn wir in Ihm
sind und Er in uns, durch Sein Göttliches Leben unsere Sündenwunden heilen und
uns die Freude geistlicher Gesundheit schenken.
Wenn wir dieses neue Leben empfangen, sollen wir nicht denken, wir
seien nun jeder Versuchung und allem Leid enthoben. Tatsache ist vielmehr:
dadurch, daß wir dieses neue Leben empfangen haben, sind wir von der Welt
getrennt worden, und deshalb wird es mehr Widerstreit und Kampf geben als
zuvor. Aber es besteht doch ein Unterschied: während diese Versuchungen und
Leiden vorher untragbar waren, werden sie jetzt Mittel des Segens und der
Freude. „Wir wissen aber, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten
dienen" (Rom. 8, 28).
Außerdem ist der Kampf nötig, damit unsere verborgenen Kräfte und
Vermögen wachsen und vollkommen werden. Der uns das Leben geschenkt hat, wird
uns auch helfen, daß wir in diesem heiligen Kampf siegen, damit wir, indem wir
Welt, Tod und Satan überwinden, in Sein ewiges Reich eingehen.
Wir sollten die uns von Gott gegebenen Gelegenheiten nach
316
bester Möglichkeit ausnützen und nicht unsere kostbare Zeit dadurch
vergeuden, daß wir unachtsam oder nachlässig sind. Viele Leute sagen: „Es ist
noch Zeit genug, dies oder das zu tun; plagt euch doch nicht so." Aber sie
sehen nicht ein, daß, wenn sie diese kurze Zeit nicht aufs beste nutzen, die
Gewohnheit, die wir jetzt annehmen, sich so fest in uns einprägt, daß, wenn wir
mehr Zeit haben, diese Gewohnheit uns zur zweiten Natur wird und wir auch diese
Zeit vergeuden. „Wer im Geringsten unrecht ist, der ist auch im Großen
unrecht" (Luk. 16,10).
Ein jeder soll in seinem Leben den Zweck des Schöpfers erfüllen
und sein Leben zur Ehre Gottes und zum Wohl seiner Mitmenschen verbringen. Ein
jeder soll seinem Beruf nachgehen und sein Werk treiben, wie Gott ihm Gaben und
Vermögen gegeben hat. „Es sind mancherlei Gaben; aber es ist ein Geist"
(1. Kor. 12, 4 u. 11). Derselbe Atem wird in die Flöte geblasen wie in das Hörn
und den Dudelsack, aber je nach den verschiedenen Instrumenten entsteht
verschiedene Musik.
Auf dieselbe Weise wirkt der eine Geist in uns, den Kindern
Gottes, aber die Ergebnisse sind verschieden, und Gott wird durch sie, je nach
Wesensart und Persönlichkeit des einzelnen, verherrlicht.
In dieser Welt gibt es zwischen dem inneren und äußeren Leben nur
wenig Zusammenklang. Wenn wir aber nach Gottes Willen leben, dann wird die Zeit
kommen, da das innere und das äußere Leben auf ewig vollkommen zusammenklingen.
Das äußere wird genau so sein wie das innere und das innere genau so wie das
äußere. Und durch Seine Gnade werden wir vollkommen werden wie unser Vater im
Himmel.
Zum Schluß möchte ich aus meiner eigenen Erfahrung nur noch dieses
anfügen: Ohne Christus war ich wie ein Fisch außerhalb des Wassers oder wie
ein Vogel im Wasser. Mit Christus bin ich im Ozean der Liebe und bin, während
ich noch in der Welt lebe, im Himmel (Eph. 2, 5—6). Für all das sei Ihm Preis
und Ehre und Dank in Ewigkeit!
317
In den
Erläuterungen werden diese drei Abkürzungen wiederholt gebraucht: RE = Herzogs
„Realenzyklopädie für protestantische Theologie und Kirche", 3. Auflage;
S = Sadhu Sundar Singh; FM = Friso Melzer,
„Christus und die indischen Erlösungswege", 1949.
Gegenüber den
früheren sechs Auflagen ist die Zahl der Erläuterungen (Anmerkungen) um mehr
als 80 vermehrt worden. Darunter befinden sich fast 30 Hinweise auf
Bibelstellen, die S im Text zitiert, deren Fundstelle er aber nicht angibt.
Biblische Anspielungen dagegen wurden nicht aufgehellt.
Die folgenden
Anmerkungen deuten auf Fragen hin, die ausführlicher zu behandeln der späteren
Forschung und Auslegung überlassen bleibt: 3. 6. 10. u. 13. 17. 19. 21. 24. 28.
52. 74. 76. 118. 139. 148. 157. 171. 202. 203.
1 Gleichnisse: Vgl. in meinem Buch „Unsere
Sprache im Lichte der Christus-Offenbarung" (2., erweiterte Auflage 1952),
§ 40 „Vom Gleichnis" (S. 298 bis 307).
2 Er: bezieht sich auf „Wesen". Im
Englischen steht He.
3 Jesus: Also spricht Jesus die Worte nicht selber wort-wörtlich,
sondern S redet. Damit ist aber nicht gesagt, das Zwiegespräch zwischen S und
dem Herrn sei nur eine literarische Gestalt, gleichsam eine ästhetische
Erfindung Ss. Vielmehr wird es sich so verhalten: S hat in der Entrückung
wirklich mit Christus geredet; was er sagt, das hat er dabei empfangen -
aber wie er es sagt, das ist weithin seine eigene Sprachgestaltung.
4 Mango: Die Frucht des Mangobaums, der
Mangifera, die zur Gattung der Anakardiazeen gehört. Das sind immergrüne Bäume
mit kleinen Blüten und wohlschmeckenden Steinfrüchten. Die Früchte sind größer
als Pflaumen.
5 Pantheismus: Die Lehre, die das All, die
Natur zu „Gott" macht und außer diesem keinen Gott anerkennt; die vor
allem die Person Gottes leugnet.
5 Eins: Englisch one übersetzen wir
nicht mit „Einer", denn es handelt sich um drei Personen. Englisch one ist
geschlechtslos.
7 Natur: S lehrt richtig die biblische
Auffassung dessen, was allgemein „natürliche Offenbarung" genannt wird:
Gott offenbart sich auch in der „Natur", d. h. in den Werken seiner
Schöpfung; aber wahrnehmen kann das nur, wer durch Christus
„Geistes-Augen" empfangen hat.
8 kleiner Knabe: Merkwürdig, wie
allenthalben gerade die Johanneische Fassung der Speisung der 5000 in Indien
beliebt ist, eben um des kleinen Knaben willen! Für den Blick vieler Inder
steht dieser Knabe geradezu im Mittelpunkt der Geschichte. Vgl. dazu meinen
Aufsatz: „Veda oder Purana? Wie die Bibel in Indien verstanden wird",
Evang. Missions-Zeitschrift (1943) IV 136, Anm. 3 (2). Vgl. auch FM 149.
9 bewußtlos: Damit ist wohl die Entrückung
der Ekstase gemeint, die S aus eigener Erfahrung gut kannte.
10 Innerung: Mit Innerung übersetzen
wir das Wort meditation. Die hin-
318
duistische
Meditation ist „Versenkung", da der Hindu im reinen Sein versinken, sich
selbst in der Gottheit verlieren will. „Versenkung" will die
Per-sonhaftigkeit überwinden. Der christliche Weg dagegen kennt nur die personhafte
„Meditation". Bei dieser unterscheiden wir Besinnung, Betrachtung und
Innerung. Vgl. dazu mein Buch „Innerung / Stufen und Wege der Meditation/
Grundlegung und Übungen" (Stauda-Verlag, Kassel-Wilhelmshöhe 1968).
11 Christ will live in us and our whole
Hfe will become like His, Aus dieser Grunderkenntnis hat Stanley Jones das
Wort Christ-like gebildet. Vgl. dazu FM 128—137: „Jesus-ähnlich — das
Ziel des sittlichen Lebens" (ausführliche Studie über diesen
Sprachgebrauch, über Ss Wortgebrauch vor allem 134-137).
12 Empedokles: 493-430 v. Chr. Was über seinen Tod berichtet wird, soll
aber nicht wahr sein.
13 Das Herz hat Gründe: Zitat aus Pascals
„Pens£es" (Nr. 277, Ausgabe Brunschvicg): Le cosur a ses raisons que la
raison ne conncAt pas. Für
die Erkenntnis Ss sowie des Denkens aus der Christus-Nachfolge heraus vgl.
„Herz" in meinem Wörterbuch „Das Wort in den Wörtern / Die deutsche
Sprache im Dienste der Christus-Nachfolge" (Mohr/Siebeck, Tübingen 1965)
(S. 218-221).
14 Der freie Wille: Luther hat in seiner
Schrift „Vom unfreien Willen" den Menschen mit einem Roß verglichen. Wie
dieses einen Reiter trägt, so hat der Mensch entweder Gott oder den Teufel zu
seinem Reiter. Das ist die religiöse Seite der Sache. Aber die
praktisch-seelische Seite sieht doch so aus, daß der Mensch im Augenblick der Entscheidung
ganz auf sich selber steht. Vorher kann er Gott um Erleuchtung bitten, nachher
kann er Ihm danken, aber die Entscheidung muß er selber fällen. Dafür trägt er
auch die Verantwortung. Und eben dies meint S. Der Mensch ist keine Maschine,
sondern verantwortliche Person.
15 das Böse ... vertilgen: Hier denkt S zu
hoch vom Menschen und zu gering vom Bösen. Hinter und über dem einzelnen Bösen,
das wir wahrnehmen und das in der Welt geschieht, steht der Böse, und
der ist gewaltiger selbst als alle Menschen, die guten Willens sind. Den kann
nur Gott selber besiegen. Und das wird Er auch tun, wenn Christus wiederkommen
wird zum Gericht. Diese weite Sicht der Dinge kommt bei S zu kurz. Er ist
hierin ein Kind seiner Zeit und seines Landes.
16 Buddha: Vgl. Ss dritte Schrift.
17 viele Ansichten: Wenn ein Inder so
spricht, und sei er auch ein Christ wie S, dann droht die Gefahr, der Satz
wolle besagen: alle Religionen seien wahr, denn jede habe eine Seite der
Wahrheit erfaßt. Lesen wir den Satz aber im Lichte des Vergleiches im I.
Kapitel Abschnitt II t der dritten Schrift, so besagt er etwa dieses:
von Natur aus trägt jeder Mensch eine farbige Brille, die ihm die Wahrheit
gefärbt zeigt. Erst in Christus gewinnen wir die wahre Erkenntnis. Wir reden
deshalb lieber deutlicher mit der Bibel: ohne Christus ist unser Herz
verfinstert, erst durch Christus sehen wir die Wahrheit, denn Er allein ist die
Wahrheit. Vgl. auch Anm. 28!
18 Erbsünde: Original Sin. Wir haben
das alte Wort „Erbsünde" belassen, obwohl es mißverständlich ist. Gemeint
ist die Ursünde, sein wollen „wie Gott" (vgl. i. Mose 3, 5), die
Sünde gegen das Erste Gebot.
319
19 nur Einer ist unbedingt: there is only
One Absolute. Ist One hier Neutrum (das Göttliche) oder meint es
Gott?
20 Vedanta: Veda-anta — Ende (anta) des
Veda. In ihm gipfeln die
Veden, von ihm her werden sie gelesen. Über die Veden vgl. Anm. 32.
21 Gott: S setzt hier und sonst noch des
öfteren Sanskrit-Wörter des Hinduismus mit englischen Wörtern des Christentums
gleich. Deshalb müssen wir auch in unserer Übersetzung diesen Gleichungen
folgen: Atman = Seele, Bhakti — Frömmigkeit, Brahma =
Gott, Isvara = Gott, Jnana — Erkenntnis, Moksha — Erlösung.
Aber die
Grundwörter des Hinduismus lassen sich überhaupt nicht in unsere Sprache
übersetzen. Jede Heiden-Sprache ist ein in sich geordneter lebendiger Leib, wo
jedes Glied (jedes Wort) seinen bestimmten Ort und Dienst im Ganzen hat.
Dasselbe „Blut" (derselbe lebensgeist) läuft durch alle Glieder, belebt
sie und bringt sie zum Wirken. Das hinduistische Sanskrit und das
verchristlichte Englisch oder Deutsch sind Sprachgestalten verschiedener
Geisteswelten. Da gibt es keine Entsprechung, keine Parallele; also auch keine
Übersetzung. Brahma ist nicht der persönliche Gott der biblischen
Offenbarung, sondern das Göttliche, der Allgeist, der zugleich in der ganzen
Welt wie im Menschenherzen wohnt. Von diesem Allgeist können wir auch nicht
sagen, er habe geschaffen. Moksha ist nicht Erlösung von der Sünde, sondern
Loslösung von der Welt des Unterscheidbaren.
Früher haben
die Übersetzer die hinduistischen Sanskrit-Wörter ganz schlicht durch die
entsprechenden — und das heißt eben gerade nicht entsprechenden - christlichen
Wörter wiedergegeben. Dadurch wurde der abendländische Leser verführt zu
meinen, im Grunde handle es sich in Hinduismus und Christentum um dasselbe. In
Wirklichkeit besteht aber ein wesenhafter Unterschied in Geistesbau und
Sinngefüge, wie der ganzen Religion und Weltanschauung, so auch in ihrer
Sprache und damit in jedem ihrer tragenden Wörter.
Im
wissenschaftlichen Schrifttum hat diese Erkenntnis sich noch immer nicht recht
Bahn gebrochen. Rudolf Otto hat sie in seiner letzten Schrift „Die
Gnadenreligion Indiens und das Christentum" (1930) bei seinen Wortuntersuchungen
noch recht tastend und zaghaft dargestellt (S. 72 ff.). Daß wir die Grundwörter
nicht übersetzen können, läßt den Leser auch W. Schomerus in seiner Übersetzung
der „Hymnen des Manikka-Vasaga" (1923) spüren. Ganzen Ernst damit hat aber
erst Arno Lehmann in seiner Übersetzung der „Hymnen des Tayumanavar"
(1935) gemacht. Er läßt die indischen Wörter wie Ananda, Arul, Manas, Mauna,
Sakti usw. stehen und erläutert sie in den Anmerkungen. Dadurch wirkt die
Übersetzung schwerfällig und fremdartig. Aber das ist auch richtig so: der
Leser muß spüren, er wird hier in eine ferne und fremde Welt versetzt.
Zu der
theo-philologischen Frage der Übersetzung vgl. mein Buch „Unsere Sprache im
Lichte der Christus-Offenbarung" (z., erweiterte Auflage 1952), §
41 „Vom Übersetzen überhaupt".
22 nicht treu im Gebet: if we are not
prayerful.
23 der
Bay-Plattfisch: the bay flat-fish (flat-fish = Flunder u. ä.).
24 Wirklichkeit: Reality mit großem R
meint nicht reality „Realität" im
320
abendländischen
Sinn. Dieses Wort bezeichnet die empirische Welt, Reality die geistige
Welt. Im Hinduismus wird Reality impersonal (personlos) als Es
verstanden, im indischen Christentum, wie bei S, deutet das Wort auf Gott. Über
dieses merkwürdige Wort vgl. FM 19-26. Von Ss Schriften tragen die zweite und
die dritte das Wort Reality in ihrem Titel.
25 gegen sie: gemeint ist die Wirklichkeit. Im
Original steht faithful in their duty to Hirn. Also bezieht sich Hirn auf Gott,
weil Reality personhaft verstanden wird.
26 Entwicklung: Forschungen der letzten
Jahrzehnte haben gezeigt, die Religionen haben sich nicht von unten nach oben
entwickelt. Viel eher ließe sich das Gegenteil verfechten: Alle Religionen sind
von einer hohen UrReligion abgesunken, die wir nur noch von ferne ahnen.
27 Hebr. i, 1-2: S deutet diese
Schriftstelle falsch. Er bezieht sie auf alle Religionen überhaupt, während der
Hebräerbrief streng im Raum der biblischen Offenbarung bleibt und somit also
die Zeugen des Alten Testaments meint.
28 kein Unterschied: Das ist nicht wahr.
Hier steht S noch unter hinduisti-schem Einfluß. Der Hindu meint, im Grunde
seien alle Religionen gleich, meinen sie alle dasselbe. Gerade in der Sicht der
Wirklichkeit zeigt sich der wesenhafte Unterschied zwischen Christus-Botschaft
und Hinduismus.
29 [ ] eckige Klammern bezeichnen stets einen Zusatz des
Herausgebers.
30 Hegel: deutscher Philosoph (1770-1831).
Wo mag sich dieser Satz in Hegels Schrifttum finden?
31 Seneca: Römischer Stoiker (3-65 n. Chr.).
Er öffnete sich auf Befehl Neros die Adern.
32 Veden: Die ältesten Schriften Indiens;
sie gelten den gläubigen Hindus als inspiriert. Man zählt ihrer vier: Rgveda,
Atharvaveda, Samaveda, Yajur-veda.
33 Upanishaden: Die nächste Stufe
literarischer Denkmäler des Hinduismus.
34 Darshanas: wörtlich =
„Anschauungen". So werden die (sechs) altindischen Philosophie-Systeme
genannt.
35 Bhagavadgita: der „Sang des
Hehr-Erhabenen", ein Stück des alten Epos Mahabharata. Sie ist heute, dank
der Werbung durch die Theosophen, die am meisten gelesene Schrift des modernen
Hinduismus. Inhaltlich ist sie aus den verschiedenen Heilswegen des Hinduismus
zusammengearbeitet. Die letzten beiden Ausgaben von deutschen Indologen sind:
(i) die Ausgabe von Leopold von Schroeder im Verlag Eugen Diederichs, Jena,
1922; (2) die Ausgabe von Rudolf Otto im Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart,
1935. Otto versucht literarkritisch, eine „Urgita" herauszustellen.
Die bedeutendste indische Ausgabe: The Bhagavadgita
l With an Intro-ductory Essay, Sanskrit Text, English Translation and Notes l
by Radha-krishnan (London 1948, 3. Auflage 1953).
38 Shastras: Mehrzahl von shastra =
„Lehrbuch", „Wissenschaft" - ein allgemein zusammenfassendes Wort.
37 Puranas: Die religiös-mythischen
Schriften „alter" Erzählungen. Sie bieten Anschauungsstoff für die
philosophische Lehre der Veden, unterstehen diesen also in der Auslegung.
321
38 Bhaktas: Die Anhänger der Bhakti, der
mystischen Gestalt des Hinduismus, die wir auch als liebende Hingabe an die
Gottheit und gar als Gottestrunkenheit bezeichnen können. Dann wird das Wort
Bhakta auch allgemein für einen Frommen gebraucht.
39 Sadhu: Wörtlich „der Arme",
sinngleich mit Sannyasi, vgl. nächste Anmerkung.
40 Sannyasi: Der Entsagende, der
brahmanische Wandermönch; arm, ehelos, ohne festen Wohnsitz, dabei unter
strengen Übungen der Entsagung — so zieht er durch das Land.
41 Yogi: einer, der Yoga praktiziert. Die
beste Übersicht über alle Yoga-Wege hat H. U. Rieker gegeben: „Die 12 Tempel
des Geistes / Weisheit und Technik der Yoga-Systeme" (1955). Was für den
Christen möglich ist, hat der belgische Benediktiner D^chanet erprobt und
dargelegt: „Yoga für Christen / Die Schule des Schweigens" (Luzern), 4.
Auflage der deutschen Übersetzung, 1959). Dechanet hat die
hinduistisch-religiös gegründeten Yoga-Übungen säkularisiert.
42 Vedantisten: Anhänger des Vedanta, vgl.
Anm. 20.
43 Sophisten: Ursprünglich in Griechenland
die Denker und Weisen überhaupt, später die Lehrer der gewandten Rede- und
Unterredungskunst, der schlagfertigen Diskussion; durch ihre Absicht, in der
Diskussion um jeden Preis zu siegen, geriet die Sophistik mehr und mehr in eine
spitzfindige Scheinweisheit.
44 Shankaracharya: Hauptvertreter des
Vedanta, lebte im 8. Jahrhundert. Seine Gedanken wurden in neuester Zeit vor
allem von Vivekananda vertreten.
45 Vivekananda: Größter Schüler des
Ramakrishna, lebte 1862—1902, gründete die Ramakrishna-Mission mit
widerchristlichem Arbeitsziel. Seine Religion: (i) Alle Religionen seien
gleichermaßen wahr und gut; deshalb solle jeder in seiner überkommenen Religion
bleiben. (2) Gott sei unpersönlich, unerkennbar, jenseits von Gut und Böse; die
menschliche Seele sei göttlich. (3) Die Hindu-Kultur sei gut und vorbildlich,
die westliche Welt dagegen selbstsüchtig und gottlos.
46 Dieser Satz steht in Vivekananda's
Complete Works I 9, in der berühmten Rede auf dem Weltkongreß der
Religionen in Chikago (1893): Ve divi-nities on earth, - sinners? It is a
sin to call a man so.
47 Swami Sardanand: Ein Hindu-Sannyasi
unseres Jahrhunderts.
48 Ramanuja: Der Gegenspieler der
Vedanta-Lehre des Shankara, lebte 1055-1137. Er versuchte die Gottheit als
Person zu verstehen.
49 sein eigener Vater: Von S - mit Absicht?
- um der volkstümlichen Polemik willen vergröbert. In Wirklichkeit denkt der
Hindu die Personen überhaupt als verschwunden, so daß weder Vater noch Sohn da
ist, sondern nur noch das göttliche Sein, ein „Es".
50 Plato: Griechischer Philosoph
(428/27-348/47 v. Chr.), Schüler des Sokrates, Begründer der akademischen
Philosophenschule.
51 Nyaya-Philosophie: Die weltliche Logik,
die nicht von religiösen Schriften usw. abhängt.
62
Die drei „Wege": kama marga, bhakti, marga, inana marga. Das
Sans-
322
krit-Wort marga
kommt von der Wurzel mrg = Raubtier und bezeichnet den Sucheweg, auf
dem das Raubtier seine Beute sucht. Der Ausgangspunkt liegt fest: die Höhle des
Tieres. Aber das Ziel bleibt ungewiß: ob es Beute findet oder hungrig
heimkehren muß oder gar einem Jäger zum Opfer fällt. Diese Ungewißheit ist also
schon im sprachlichen Ursprung enthalten. Im Gegensatz zu den indischen margas
ist der Christus-Weg ein Verbindungsund Finde-Weg. Vgl. meine Auslegung
von Joh. 14, 16: „Ich bin der Weg" in der Evang. Missions-Zeitschrift
unter diesem Blickpunkt: (1941) 1317—320, 349-354 = FM 34-42.
53 Böse: Ram Chandra Böse, ein bengalischer
Christ, schrieb jene Worte in seinem Buch Hindu Philosophy (Madras
1893), S. 54.
54 Rede des Arjuna, frei umschrieben nach
Gita I 32 ff. Es scheint, als vertrete Arjuna hier das wahre indische Denken
des Ahimsa (Nicht-Toten), das sich in diesem Fall mit dem christlichen
eng berührt.
55 Gita II 20-24, kurz zusammengefaßt.
56 lebte beispielhaft vor: Der Inder - Hindu
wie Christ - blickt zuerst darauf, ob einer auch so lebe, wie er spricht; er
verlangt also, daß das Wort „Fleisch" werde.
57 Gewaltlosigkeit: S gebraucht hier das
Leitwort Gandhis — nonoiolence.
58 gesichert: Ironisch? Denn gleich darauf
sagt S doch, alle Menschen seien Sünder.
59 eingewirkt habe: Die neuere Indologie
meint, in der Bhagavadgita lasse sich kein christlicher Einfluß feststellen.
Ähnlich klingende Redewendungen als solche besagen nichts. Die Grundordnung der
Wirklichkeit wird im Neuen Testament wie in der Gita verschieden geschaut und
gedeutet. Jedes einzelne der Grundworte muß von seiner eigenen Lebens- und
Beziehungs-Mitte her verstanden werden.
60 Gita IX 29 lautet: „Denn (während ich im
übrigen) gleichmütig bin zu allen Wesen und zu keinem Abneigung oder Zuneigung
hege, so wohnen doch die, welche mir mit Bhakti anhängen, in mir und ich
wiederum in ihnen." S sieht nicht, daß die hier redende Gottheit jenseits
von Liebe und Haß steht und also mit Jesus Christus nichts gemeinsam hat. Bloße
Ähnlichkeit des Wortlauts entscheidet noch nicht über den Inhalt.
81 Bö-Baum: Bodhi-Baum, der „Baum der
Erleuchtung", ficus religiosa.
62 Agnostizismus: Eine philosophische
Richtung, die das Erkennen und die Erkenntnismöglichkeit auf das Endliche,
Begrenzte, dem menschlichen Verstand Zugängliche beschränkt und eine
Entscheidung über metaphysische, transzendente Fragen ablehnt.
63 Fakir: Das arabische Wort für Sadhu (vgl.
Anm. 39) = Armer. Es hat zunächst nichts mit dem „Fakir" = Gaukler unseres
Sprachgebrauchs zu tun. bhiksu (buddh.) = Bettelmönch.
64 Tripitaka: Der Kanon der ceylonesischen
Hinayana-Buddhisten.
63 Asoka: ein König (263—226 v. Chr.), der
die sittlichen Lehren des Buddhismus in seinem Staatswesen durchzuführen
versuchte.
68 Mahmud von Ghasna (969—1030) war der
bedeutendste Herrscher der Ghasnawiden. Er eroberte große Teile des Pandschab
und breitete dort den Islam aus.
323
67 Emerson: Ralph Waldo Emerson (1803-1882),
amerikanischer philosophischer Schriftsteller.
68 Hadith: „Überlieferung. Das Wort H.
bedeutete zunächst eine Mitteilung oder Erzählung im allgemeinen, dann aber im
besonderen eine Nachricht über Taten oder Aussprüche des Propheten und seiner
Genossen." („Handwörterbuch des Islam", Wensinck und Kramers, 1941,
S. 146).
89 Gottes Sohn: „Sohn" wird von den
Muslimen immer fleischlich mißverstanden; deshalb setzt hier ihre Kritik und
ihr Hohn ein. Man sollte in Indien das Wort „Sohn" so erklären: ein sehr
reicher Mann heißt (in den semitischen Sprachen) auch „Sohn des
Reichtums", denn in ihm spiegelt sich der Reichtum wie der Vater in seinem
Sohn. Und so und noch viel mehr ist Jesus, der ganz göttliche Mann, der „Sohn
Gottes", denn wer ihn sieht, der sieht den Vater: Er ist das Ebenbild des
Vaters.
70 mystisch: Mystik, mystisch von griechisch
myo = ich schließe die Augen (nämlich vor der Sinnenwelt). Hier ist der
nicht-christliche Mystiker gemeint, der mit dem Göttlichen eins werden will. Es
gibt aber auch eine personhafte Mystik, in welcher der Person-Unterschied
zwischen Gott und Mensch nicht aufgehoben wird. Die nichtchristliche Mystik
erstrebt die unio mystica, die christliche Mystik die communio
mystica.
71 ana'l hakk: Die ursprüngliche
Bedeutung der Wortwurzel hkk im Arabischen ist dunkel. Die beste
Wiedergabe des Wortes, soweit es als einer der Namen für Allah gebraucht wird,
wäre „der Wirkliche" oder „die Wirklichkeit". „Die Übersetzung durch
/Wahrheit', die man oft findet, ist irreführend" („Handwörterbuch des
Islam", 1941, S. 158).
72 na/s: Seele. Das Wort bezieht sich „auf das Selbst oder
die Person" („Handwörterbuch des Islam", 1941, S. 569).
73 fana: „Wichtiger Fachausdruck des
Sufismus, der ,Vernichtung, Auflösung' bedeutet. Der zur Vollkommenheit
gelangte Sufi muß in einem gewissen Zustand der Vernichtung sein". Dieser
Begriff ist nicht aus dem Buddhismus entlehnt; vielmehr ist „der Ursprung des
islamischen fana-Begriffs im Christentum zu suchen, dem er wahrscheinlich entlehnt
ist. Jener Begriff bedeutet nämlich nichts anderes als die Vernichtung des
eigenen menschlichen Willens vor dem Willen Gottes, ein Gedanke, der den
Angelpunkt der ganzen christlichen Mystik bildet." („Handwörterbuch des
Islam", 1941, S. 124.)
74 Christianity is Christ: Nicht
Ideen oder theologische Gedanken erweisen den wesenhaften Unterschied zwischen
Christentum und Hinduismus, sondern die Person Jesu Christi!
75 Joh. 14,6. Vgl. dazu meine in Anm. 52
genannte Studie.
76 Avatar: Vgl. dazu meine Studie: „Das Wort
ward Fleisch" (Joh. i, 14) / Von der Begegnung der Christus-Botschaft mit
dem Avatara-Glauben des Hinduismus. Ev. Missions-Zeitschrift (1942) III 296-307
= FM 43-56. Avatara heißt wörtlich „Herabkunft", nämlich der
Gottheit in irdische Gestalt.
77 Beweise: ungeschickter Ausdruck, denn das
Christentum ist weder zu beweisen noch zu widerlegen. Es kann nur bezeugt
werden. Was S meint, nennen wir richtiger „Erweise".
324
78 Matth. 13, 13.
79 Joh. 14, 27.
80 Reality means man to enjoy Hirn (S.
146). Hier wie auch wenige
Zeilen später bezieht Reality sich auf Gott (daher im Original Hirn).
Vgl. dazu Anm. 24 und 25.
81 Damit sind die Gruppen der
Hindu-Bevölkerung genannt, denen gegenüber der Hinduismus seinen Mangel an
Liebe erwiesen hat: die Kastenlosen, die Witwen, die Blinden und Aussätzigen
(vgl. dazu mein Buch „Indien greift nach uns", 1962, S. 97-109).
82 Telemachus: Richtiger Name wahrscheinlich
Alamachios, ein orientalischer Mönch, der in Rom gesteinigt wurde. Seine
Existenz ist historisch nicht ganz gewiß. Vgl. „Lexikon für Theologie und
Kirche" IX 1344.
83 höllisches Feuer zurückstrahlen: S weiß
also, es gibt Erkennen, Denken, Urteilen wie aus dem Hl. Geist so auch aus
teuflischem Geist. Der theoretische Lebensbereich ist gegenüber den letzten
Entscheidungen zwischen Gott und Satan nicht neutral.
84 begeistet: Versuch, das Fremdwort
„inspiriert" (inspired) zu verdeutschen. Während „begeistert"
etwas Seelisches meint, zielt „begeistet" auf ein Wirken des Hl. Geistes.
85 Gleichnis vom Verlorenen Sohn: Auch bei
uns im Abendland haben die sogenannten Liberalen gern darauf hingewiesen, in
diesem Gleichnis werde der Weg zu Gott dem Vater ohne Christus gezeigt. Dabei
haben sie aber zweierlei übersehen: (i) Dieses Gleichnis, das richtiger das
Gleichnis von der vergebenden Vaterliebe Gottes heißen sollte, haben wir durch
Chri stus erhalten. Er und kein anderer hat uns Gott als den
liebend-vergebenden Vater gezeigt. (2) Der Vater des Gleichnisses, der seinem
heimkehrenden Sohn entgegengeht, ist Gott, wie Er sich nur in Christus
offenbart hat, ist Christus selbst. Gott, wie Er abgesehen von Christus ist,
der verborgene Gott, müßte als im Hause bleibend, die Tür geschlossen haltend
gedacht werden.
86 Matth. 3, 2 und 4, 17.
87 the middle path, Vgl. dazu Horaz Aurea
mediocritas „Goldne Mittelstraße" (Oden II 10, 5). „Mittelstraß, das
beste Maß!" (alter Spruch)
88 the whole world: Universale Sicht
des indischen Geistes. Christus hat das Liebesgebot ohne Einschränkung
verkündet und selber gelebt.
89 mehr als vier: S in seinem bildhaften
Denken versteht das Wesen der reinen Mathematik nicht. In dieser ist 2 mal 2
stets 4, denn es handelt sich um reine Zahlen. Hieße es: 2 mal 2 Körner, so
hätte S recht.
90 Übermensch (Superman), durch
Nietzsche in Umlauf gekommen. Das Gegenwort ist „Untermensch" (inferior
man).
91 Matth. 5, 48. Ein Wort, das in der ev.
Theologie und Predigt vergessen zu sein scheint.
92 Betrachtungen: So muß hier meditations
übersetzt werden. Vgl. dazu Anm. 10.
93 Hugo: Augustiner-Chorherr von St. Victor
in Paris, scholastischer Theologe und Mystiker, einer der einflußreichsten
Kirchenlehrer des 12. Jahrhunderts; geb. 1096 in Sachsen, aus dem gräflichen
Geschlechte von Blankenburg, gest. 1141. Vgl. RE VIII 436-445.
325
Opera bei Migne
PL 175-177. Die angegebene Stelle ist nicht zu finden. Von ascensus ad deum ist
offenbar geredet, auch von descensus, aber nicht von descensus in se
ipsum.
Es ist möglich,
daß der benutzte Traktat von Bonaventura (vgl. Anm. 113) stammt und fälschlich,
wie das oft vorkommt, in älterer Zeit unter Hugos Namen überliefert ist.
Vgl. Bonaventura: Itinerarium mentis in Deum, cap.
I (Opera, Lugduni 1668, Tom. VII, 126): Oportet etiam nos intrare ad mentem
nostram, quae est imago Dei aetema, et spiritualis, et intra nos, et hoc est
ingredi in veritatem Del
84 Hylton: Der Mystiker Walter Hylton, gest.
1396, Augustiner. Die Sätze, die S (mit Auslassungen) anführt, stammen aus
seinem Werke Scala Perfec-tionis, i. Buch, Kap. 49. Der letzte Satz in
Ss Wiedergabe ist der erste Satz des 50. Kapitels.
95 cor nostrum inquietum donec requiescat
in Te (Aurelius Augustinus) Confessiones I i.
96 Homer: Dieser Vergleich findet sich bei
Homer nicht.
97 Joh. 4, 24.
98 Marcel: Dieser Name ist in keinem
Nachschlagewerk zu finden (oder sollte Gabriel Marcel gemeint sein, geb. 1889
zu Paris?).
99 S ist einer englischen Übersetzung
gefolgt, die den ursprünglichen Wortlaut verändert hat. Die Stelle steht Kap.
48 in Franz Pfeiffers Ausgabe der Theologia deutsch und lautet im
Original: Und wer wissen wil e dan er glaubt, der körnet nimer zu wärem
wissen. ... Man meinet hie etwas von der wärheit: das muglich ist zu wissen und
zu befinden, des muß man glauben e dan man es wisse oder befinde, anders es
kompt nimer zu wärem wissen, und den glauben meint Kristus.
100 Athanasius von Alexandria: gest. 373.
Vgl. RE II194-205. Karl Müller faßt in seiner Kirchengeschichte I i (1929) auf
S. 393 den für unsere Stelle wichtigen Inhalt der Schrift „Über die
Menschwerdung des Logos" in dem Satz zusammen: „Gott ist also Mensch
geworden, damit wir Gott werden könnten".
101 Berufsbettler: Ich erlebte noch 1937, wie
die Mitglieder der „Bettler-Kaste" zur Veranda kamen und eine Gabe
forderten.
102 Seuse: Heinrich Seuse, aus Sus,
schwäbisch Seuse, latinisiert Suso; Dominikaner, gest. 1366. Vgl. RE XIX
173-176. In dem Buche „Das Leben des seligen Heinrich Seuse" findet sich
im XX. Kapitel (Ausgabe von Georg Hofmann, Wiss. Buchgesellschaft, Darmstadt
1966, S. 66/67) diese Stelle (im Zusammenhang der Erörterung der drei Leiden),
in neuhochdeutscher Übersetzung:
„Das eine ist
dies: Du schlugst dich bisher mit deinen eigenen Händen und hörtest auf, wenn
du wolltest, und du erbarmtest dich deiner; jetzt will ich dich dir selber
wegnehmen und dich wehrlos in die Gewalt fremder Menschen geben. Da wird dann
durch etliche blinde Menschen dein Ansehen in aller Öffentlichkeit zugrunde
gerichtet werden; und dieser Schlag wird dich mehr schmerzen als das Nagelkreuz
auf deinem verwundeten Rücken; denn deine früheren Übungen haben dein Ansehen
vor den Leuten sehr erhöht, hier
326
aber wirst du
niedergebeugt und mußt zunichte werden." - Seuse trug ein spannenlanges
Kreuz, mit Nägeln und Nadeln durchschlagen, auf dem bloßen Rücken.
103 Dorn im Heisch: thorn in the flesh (Luther:
Pfahl im Fleisch), 2. Kor. 12, Vers 7.
104 Arabisches Sprichwort. Dem Sinn
entsprechend das deutsche Sprichwort: „Was kümmert es den Mond, wenn der Hund
ihn anbellt?"
105 Joh. i, n.
loe whichcote:
Benjamin Whichcote (1609-1683), Provost am King's College zu Cambridge, Verfasser
mehrerer religiöser Bücher. Die erste Gesamtausgabe seiner Schriften erschien
1751. Doch noch im 19. Jahrhundert wurden, z. B. von der Tract Society, seine
ausgewählten Aphorismen herausgegeben.
107 Tschu-Fu-Tsu: Richtiger Tschu-Fu-Tse,
auch Tschu-Hsi genannt (1130 bis 1200), ein Ausleger der Klassiker. Wo die
angeführte Stelle steht, läßt sich bei der Fülle seiner Schriften nicht sagen.
(Diese sowie die anderen chinesischen Auskünfte verdanke ich dem früheren
China-Missionar Kilpper, gest.
1957-)
108 Mengtse: Nach dem Vorgang der Jesuiten
auch Mencius genannt (372 bis 289 v. Chr.). Die angeführte Stelle steht in
seinen Werken, 6. Buch, i. Teil, Kap. 7.
109 Spencer: Herbert Spencer (1820-1903),
englischer Philosoph. Bei der Fülle seiner Schriften ist die angeführte Stelle
nicht zu finden.
110 Ypas-Baum: Schreibfehler? Der Upas-Baum
(Antiaris toxicaria), zur Familie der Maulbeergewächse gehörig, hat einen
giftigen Milchsaft.
111 Ihr Licht: His light. Im Englischen ist sun (Sonne)
masculinum. Hier steht Sun zudem noch als Sinnbild für Christus, daher
His mit großem H.
112 i. Kor. 12, 26: „Wenn ein Glied
leidet, so leiden alle Glieder mit."
113 Bonaventura: Das ist der kirchliche Name
eines Scholastikers und Mystikers, des Franziskaners Johannes Fidanza, geb.
1221 zu Bagnorea im ehemaligen Kirchenstaat, gest. 1274. Vgl. RE III 282—287.
In seiner Schrift Itinerarium mentis in Deum heißt es in cap. V (Opera,
Lugduni 1668, Tom. VII, 153): sphaera intelligibilis, cuius centrum est
ubique, et circumferentia nusquam.
114 Newton: Isaac, berühmter englischer
Mathematiker und Physiker, 1643 bis 1727.
115 alle Menschen: Das klingt nach
„Wiederbringung aller Dinge" und wäre demnach nicht biblisch. In diesem
Kapitel bewegt sich S überhaupt sehr am Rande biblischer Erkenntnis.
118 Mansel: Henry Mansel (1820-1871),
Professor der Theologie in Oxford. Eines seiner Werke heißt: Man's
Conception of Eternity, 1854.
117 Philo: Philo von Alexandria, jüdischer
Religionsphilosoph, gest. um 42 n. Chr. Die angeführte Stelle steht in seiner
Schrift De Decalogo 47 (Ausgabe Cohn IV 279,11 [i3]-i6).
118 göttlicher Funken oder Keim: Wörtlich
genommen ist dieser Ausdruck biblisch nicht haltbar. Aber es will uns scheinen,
S versuche nur die Tatsache zu deuten, daß der Mensch auf den Anruf Gottes
antworten kann. Vielleicht
327
wirkt auch noch
die hinduistische Anschauung vom göttlichen Atman im Menschen weiter. S
ist aber zu sehr Seelsorger, als daß er sich auf eine bestimmte Lehre von der
menschlichen Seele festlegen wollte. Ihm genügt die Tatsache, die jedem
Einsichtigen vertraut ist: der Mensch, von Gott angerufen, kann Ihm antworten,
hat ein Gewissen in sich, ist Gott gegenüber verantwortlich.
119 Giseler: Professor Dr. Josef Klapper
(Breslau/Erfurt 1880—1967), dem ich die Auskünfte über die
lateinisch-theologischen Zitate verdanke, schreibt dazu: „Das
Seelenfünklein-Zitat ist ganz sicher aus Meister Eckhart. Aber nirgends finde
ich, daß er der Giseler genannt wird. Dagegen gibt es einen Giselher von
Slatheim, der zu den Erfurter Eckhart-Schülern (zwischen 1323 und 1337) gehört
... Möglich wäre es, daß bei diesem Giselher ein Eckart-Zitat vorgelegen
hat."
Vgl. auch
Meister Eckharts 32. Predigt in Franz Pfeiffer, Deutsche Mystiker des 14. Jhs.,
Band II, Leipzig 1857, S. 113, Z. 33 ff.: „Zem dritten male so ist, als mich
bedunket, dirre kneht das fünkelin der sele, daz da ist geschaffen von gote und
ist ein licht, oben in gedrücket, und ist ein bilde götlicher nature, daz da
ist krigende alle wege wider allem dem, daz niht götlich ist, und ist niht ein
kraft der sele, als etliche meister wollen, und ist alle wege geneiget ze
guote."
120 Tschang-Tse: Richtiger Tschuang-Tse (etwa
380-310 v. Chr.), Taoist. Er vertritt den illusionistischen Standpunkt: alles
ist Täuschung; es bleibt nur das reine Sein, das Tao, wo sich alle Gegensätze
als wesenloser Schein auflösen. Die angeführte Stelle findet sich in seinen
Werken, 2. Buch, 12. Kapitel
121 Kong-Fu-Tse: 551—479 v. Chr., auch
Konfuzius genannt. Die zuerst angeführte Stelle findet sich in den Gesprächen
des Konfuzius, Buch 13, Kapitel 18. S hat jene Stelle nicht auf Grund eigener
Studien angeführt, sondern hat sie irgendwo aufgelesen und hier nach Gutdünken
verwertet.
122 Auch hier wird S einem anderen
Schriftsteller nachgesprochen haben. Dieser Ausspruch soll überhaupt nicht von
Konfuzius stammen, sondern von einem seiner Schüler namens Tse-Hsia.
123 Vgl. unser Sprichwort: „Was du nicht
willst, das man dir tu, das füg' auch keinem ändern zu."
124 Carrit: Dieser Name findet sich in keinem
Nachschlagewerk. Ob S sich nicht verhört oder verschrieben hat?
125 Matth. 27, 5.
126 Aristoteles: Griechischer Philosoph
(384-322 v. Chr.). Das Wort „ein Tier oder ein Gott" hat Aristoteles in
seiner „Politik" (I 2 p, 1253 a 29) von dem Wesen geschrieben, das an
keiner Gemeinschaft teilnehmen kann oder ihrer nicht bedarf.
127 Angela da Foligno: Mystikerin, geb. 1248
in Foligno in Umbrien, gest. 1301 ebenda. Sie war früh vermählt und lange der
Welt verfallen, nach dem 21. 7. 1285 vom Sündenleben bekehrt, verlor auf ihr
Gebet hin Gatten, Mutter und Kinder; sie verließ alles, wurde 1291 in den 3.
Orden vom Hl. Franziskus aufgenommen, gründete in Foligno eine Genossenschaft
von Schwestern des 3. Ordens, lebte ganz der Buße und Nächstenliebe und wurde
328
durch große
Leiden geläutert, durch Gnaden und Offenbarungen zu höchster Vergeistigung und
zu schauender Gottesweisheit geführt.
128 Ephes. 5, 13.
129 Geisteswelt: spiritual world.
130 Himmlische Schau: Heavenly Vision.
131 Spiritismus: spiritualism. Dieses
englische Wort hat zwei grundverschiedene Bedeutungen, die wir im Deutschen
deutlich unterscheiden: (i) Spiritualismus, eine philosophisch-metaphysische
Lehre, die als Wesen der gesamten Wirklichkeit den Geist annimmt
(Gegenbegriff: Materialismus); dazu die geistige Bewegung religiöser Art,
welche sich nicht beim Unterscheidenden der Bekenntnisse aufhält, sondern
allein auf den alles verbindenden Geist blickt. (2) Spiritismus, der
Glaube an den Verkehr mit den Geistern der Abgeschiedenen.
132 Gemeinschaft der Heiligen: Communion
of Samts, wie wir sie im Dritten Artikel des Glaubensbekenntnisses
bezeugen (lat. communio sanctorum).
133 Geisterwelt: the world of
spirits.
134 Eine weit verbreitete Auffassung, die
aber im Neuen Testament keine Grundlage hat.
135 Matth. 25, 23.
las Vgl dazu
Aura und Aureole, Mandorla und Nimbus. Was die christliche Malerei (und nicht
nur sie) den Heiligen beigegeben hat, das geht auf Erfahrungen zurück, die
gewissen Menschen zuteil werden.
137 Joh. 8, 12.
138 „fünf Feuer": Der Mann sitzt in der
Mitte eines Quadrats, an dessen vier Ecken je ein Feuer brennt. Als fünftes
Feuer gilt die heiß brennende Sonne über ihm.
139 Guru: Der religiöse Lehrer im Hinduismus.
Vgl. dazu meine Studie: „Der Guru als Seelenführer / Abendländische Begegnung
mit östlicher Geistigkeit". Neue Studienreihe Heft 3, Brockhaus-Verlag,
Wuppertal 1963.
140 nicht gelungen, Gottes gewiß zu
werden: that they have failed to realize God.
141 A Swarajist.
142 Religion: Gemeint ist der Hinduismus.
Vgl. die folgende Anmerkung.
143 Maya-Lehre: Die sichtbare Welt für sich
sei Täuschung, nur die unsichtbare Welt sei wirklich. Diese Lehre hat den
Hindu von der sichtbaren Welt abgelenkt, so daß er ihr gegenüber gleichgültig
geworden ist. Zur sichtbaren Welt gehört das Politische. Deshalb nimmt der
altgläubige Hindu keinen lebhaften Anteil an Politik und sozialem Fortschritt.
144 Home-Rule: Selbst-Regierung, auf
Indisch Swaraj. Home-Ruin = Selbst-Zerstörung. Das Ganze ist ein
Wortspiel, das sich im Deutschen nicht wiedergeben läßt.
145 Lama: (tibetanisch) „Oberer", Titel
der buddhistischen Äbte in Tibet und der Mongolei, aus Höflichkeit jedem Mönch
gegeben.
146 des Schmerzes oder des Friedens: Im
Englischen ein Stabreim, und daher wohl auch die Wortwahl: pain or peace.
147 Vgl. Matth. 27, 25.
148 Dieser wie die folgenden Sätze sprechen
eine wichtige Erkenntnis Ss
329
aus. Daher auch
unsere Ausführungen in Anm. 21! Wörter sind nicht „Schall und Rauch",
sondern Namen voller Bedeutung. Wörter gleichen geistigen Lebewesen. Wir dürfen
und können sie nicht beliebig verwenden, sondern müssen aufmerksam auf ihr
Eigenwesen achten. So können auch die jungen werdenden Kirchen im Heiden-Land
die Grundwörter heidnischer Religion nicht beliebig in ihren Dienst stellen.
Alle Wörter, die in der Kirche gesprochen werden, müssen sich auf Christus
richten und von Ihm her ihr Licht und Leben empfangen. Vgl. zu dieser ganzen
Frage mein Buch „Unsere Sprache im Lichte der Christus-Offenbarung"
(1952).
149 Friedrich Heiler hat über diese „geheime
Sannyasi-Mission" wichtige Tatsachen erfahren und in folgenden Schriften
mitgeteilt: (l) „Sadhu Sundar Singh, ein Apostel des Ostens und des
Westens", 1925, Beilage II: „Niko-demus-Christen in Indien", S.
289-292; (2) „Apostel oder Betrüger?" Dokumente zum Sadhu-Streit, 1925,
S. 164ff.; (3) „Die Wahrheit Sadhu Sundar Singhs", neue Dokumente zum
Sadhu-Streit, 1927, S. 276. Dort jeweils zahlreiche Belege!
150
Bazaar: Geschäftsstraße, sowie das Stadtviertel der Geschäftsstraßen.
151 Der Aid, darust aid (who comes slowly
comes rightly).
162 Pascal: Blaise Pascal (1623—1662),
französischer Mathematiker und Philosoph.
Das angeführte
Wort steht in der Mitte von „Mystere de Jesus" in den Pensees (Ausgabe
Brunschvicg Nr. 553, Ausgabe Strowski Nr. 610) und lautet: „Con-sole-toi, tu ne
me chercherais pas, si tu ne m'avais trouve".
153 Pandit: Sanskrit-Gelehrter und -Lehrer
der alten heiligen Sanskrit-Schriften. Über Leben und Treiben der Pandits vgl.
Richard Garbes Buch „Indische Reiseskizzen", 1925, S. 50-85: „Ein Studienjahr
in Benares."
154 Swami: Herr, im religiösen Sinn = der
Gott sowie der fromme Lehrer, der des Gottes Lehre verbreitet. So setzen die
Mönche der Rama-Krishna-Mission vor ihren Namen das Wort Swami, z. B. Swami
Vivekananda.
155 Krishna: über Krishna vgl. die 3.
Schrift, 2. Kap. III.
156 Kumbh-Mela: Töpfermarkt (kumbha =
Topf, mela = Versammlung). „Die berühmten religiösen Feste in Indien
sind seit undenklichen Zeiten unter dem Namen ,Kumbha Melas' bekannt; auf die
Massen haben sie ihre geistige Anziehungskraft bewahrt. Millionen gläubiger
Hindus versammeln sich, um einige tausend Sadhus, Yogis, Swamis und Asketen zu
sehen, von denen einige ihre Zurückgezogenheit nur verlassen, um den ,Melas'
beizuwohnen und der Menge ihren Segen zu erteilen." (Paramhansa Yogananda
in seiner „Autobiographie eines Yogi", 1950, S. 343.)
157 Mose: S. übersieht hier den Unterschied
zwischen der alttestament-lichen Offenbarung und dem Heidentum.
Immer wieder
begegnen wir in Indien gerade unter den gebildeten und selbständig denkenden
indischen Christen einem ernsten Ringen um das, was sie mit dem Wort national
heritage bezeichnen. Sie sind von der Frage umgetrieben: Was bedeutet das
völkische Erbe für die junge werdende Kirche in Indien? Das zeigt sich bei der
Frage nach dem Alten Testament. Die einen meinen, die indischen Christen
sollten sich ein eigenes „Altes Testa-
330
ment" aus
den heiligen Schriften des Hinduismus bilden. Andere wieder halten dafür, daß
eine Auswahl des Besten aus dem Hinduismus neben das Alte Testament treten
solle.
Unter denen,
die selbständig zu denken versuchen, die also nicht bloß westlichen Theologen
nachsprechen, verbreitet sich immer mehr diese zweite Ansicht, die Dr. A. J.
Appasamy in seinem Buch Christianity äs Bhakti Marga l A Study of the
]ohannine Doctrine of Love (1930) dahin ausgesprochen hat: Die hl.
Schriften des alten Indien sollen das Alte Testament nicht verdrängen, sondern
ergänzen (they will Supplement, not supplant the Old Testament, S. 166).
Hier wartet also auf die evangelische Religionswissenschaft noch eine große
Arbeit: Die Kirche hält am Alten Testament fest, muß aber das völkische Erbe in
die Kirche hineinnehmen, in Indien wie überall. Dabei kann sie das völkische
Erbe aber keinesfalls als gleichartig neben das Alte Testament stellen.
158 Rishis: Die indischen Weisen und Seher
der Vorzeit, denen die Vedas offenbart worden sein sollen.
159 Joh. 19, 30.
160 Islam: Islam heißt wörtlich
„Unterwerfung, Hingabe" (nämlich an Gott), von S als „Frieden"
verstanden, wie denn aus jener Unterwerfung auch eine Art Friede im Herzen des
gläubigen Muslim folgt.
161 declare to the
Christians-without-Christ.
162 Then tvith salaams we parted. Der indische Gruß salaam kommt aus
dem Islam, ist dem hebräischen Gruß schalom verwandt, bedeutet
„Friede".
168 Sikh: Anhänger einer indischen
Misch-Religion, die zwischen Hinduismus und Islam steht; in Nordindien
beheimatet. Man zählt etwa 3 Millionen Sikh. Sie sind kriegerische Menschen;
ihr Name bedeutet „Löwe". S gehörte auch zu diesem Volk. Sardar ist
ein dtieftain, der Oberste eines Stammes oder Dorfes.
164 Arya Samaj: Eine Hindu-Bewegung des 19.
Jhs., die zeitweise der christlichen Missionsarbeit Abbruch tat. Sie wendet
sich gegen den Götzenbilderdienst, verteidigt aber im übrigen den Hinduismus
leidenschaftlich gegenüber dem Christentum. Vgl. J. N.
Farquhar: Modern Religious Move-ments in India (1929), S. 101—129.
165 die doch keine Inder sind: Indische
Christen, die westliche Kleidung und Lebensart angenommen haben. In unserem
Jahrhundert erleben wir endlich die Gegenwendung: Indische Christen sollen in
allen Stücken indisch bleiben, soweit ihre überkommene Art sich mit Gottes Wort
verträgt. Vor allem sollen sie nicht westliche Kleidung und Lebensart
nachahmen.
168 Die Missionare hätten die Neubekehrten
gern in ihrer alten Umgebung gelassen. Aber die heidnischen Angehörigen
duldeten das niemals, wie S selber leidvoll erfahren mußte. Jetzt sind endlich
Bestrebungen am Werk, und zwar unter Reform-Hindus: Inder, die ihren Glauben
aus Überzeugung wechseln, sollen in ihrer alten Umgebung bleiben können. Doch
damit würden wieder neue schwere Fragen und Nöte auftreten, denn wie kann ein
Christ am heidnischen Familienleben teilnehmen, wo in Indien die Religion den
ganzen Alltag durchdringt und bestimmt?
331
187 S bezeugt, was man existentielle
Erkenntnis nennen könnte: durch Erfahrung, durch Praxis, durch Tun erschließt
sich das Christus-Zeugnis. Vgl. dazu Joh. 7, 17!
168 als christlich gelten: known äs
Christian, Dieser fromme Selbstbetrug ist durch den Ersten Weltkrieg
zerschlagen worden. Aber der Rede von Christian countries und Christian
nations habe ich noch 1935 wehren müssen.
169 Kirchen ohne Liebe: churches-without-charity.
170 Christians-without-Christ (vgl.
Anm. 161).
171 Churchianity ivithout Christianity.
Churchianity verhält sich zu churck (Kirche) wie
Christianity zu Christ (Christus). Es ist wohl eine indische
Wortprägung (die Endung -ianity ist abschätzig gemeint).
172 Christianity-without-Christ.
173 Vgl. Matth. 13, 13 und Mk. 8, 18.
174 Offenbarung: Manifestation (wird
in Indien vielfach statt revelation gebraucht, vor allem im Hinduismus).
175 In der geheimen Kammer des Herzens: in
the secret chamber of the heart.
176 i. Kon. 19, 12: a still small voice (Luther:
ein stilles, sanftes Sausen).
177 Ein Wortspiel, das wir im Deutschen nicht
nachahmen können: Tuition -Intuition. Am nächsten käme noch das
Reimpaar: Belehrung — Bekehrung, aber Bekehrung ist nicht dasselbe wie
Intuition, hat mit ihm nur gemeinsam: es meint einen innerlichen Weg gegenüber
dem bloßen verstandesmäßigen Lernen.
178 Glieder: nämlich Glieder am Leibe Christi
(vgl. i. Kor. 12, 26).
179 Joh. i, 9.
iso
Materialismus: Die Weltanschauung, welche nur die sinnlich erfahrbare Welt als
wirklich anerkennt.
181 Joh. 12, 32.
182 Luk. 23, 43.
183 Matth. 19, 19.
184 Luk. 16, 9.
185 Vgl. Matth. 4, 19.
186 Rom. 7, 24.
187 die Tatsache aller Tatsachen: the fact
of facts.
188 i. Kor. 13, i.
189 Helen Keller: Amerikanische
Schriftstellerin (geb. 1880) wurde mit i*/2 Jahren blind und taub. Das angeführte
Wort steht entweder in ihrem Buch The Story of my Life (1903) oder My
Religion.
190 Psalm 23, 3: through the valley
of the shadow of death (Luther: im finstern Tal).
191 Kol. 3, 3.
192 Matth. 11, 29.
193 Armenier: In der Türkei kamen
1895/96,1909 und 1914/15 durch Mord und Entbehrung erst 200 ooo, dann 600 ooo
Armenier um; etwa 100 ooo Frauen wurden in Harems verschleppt. Die Armenier
sind Christen.
194 Matth. 28, 20.
iss My experience with and without Christ.
332
196 ihr: Die Mutter ist für das Leben frommer
Hindus entscheidend. So sehr die Frau im Hinduismus unterdrückt wird, hier im
Haus als Priesterin und Erzieherin der Kinder hat sie Freiheit. Was Mark
Karunakaran als Christ im Rückblick auf seine heidnische Jugend von seiner
Mutter schreibt, gilt für viele andere: „Ich kann mich nicht erinnern, daß sie
nicht jeden Tag wenigstens einmal zu dem eine halbe Stunde entfernten Tempel
wanderte. Kein Abend senkte sich nieder, ohne daß sie im Ramayana, im
Bhagavatam und ähnlichen heiligen Büchern gelesen hätte." (Marcus
Karunakaran: „Deines Wortes Kraft" / Warum ich ein Christ wurde. 1936, S. 10.)
197 Vgl. Matth. 6, 33.
198 Granth: Das heilige Buch der Sikh (über
die Sikh vgl. Anm. 163).
199 es: wörtlich = er (him). S bezieht
him auf Brahma und setzt Brahma somit gleich Gott. Brahma ist aber nicht
gleich Gott (vgl. Anm. 21). Wir weichen im Deutschen vom Wortlaut ab und setzen
„es".
200 Rupie: Das Wort stammt aus dem Sanskrit (rupya
= schön, Silber). Die alte Rupie hatte 16 Annas, eine Anna 12 Pies; die neue
Rupie zählt 100 „neue Pies" (Pie ist die englische Schreibung, sprich:
Pei). Der Wert liegt bei 0,88 DM.
201 eine engl. Meile mißt 1609 m, also drei
Meilen sind fast fünf Kilometer.
202 The Manifestation of the Living
Christ. Ob eine Vision
echt und wirklich ist oder nicht, läßt sich von außen nicht beurteilen. Hier
gilt das Wort Jesu: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen" (Matth. 7,
16 und 20). Was sich religionspsychologisch sagen läßt, hat Friedrich Heiler in
seinem Buche „Sadhu Sundar Singh / Ein Apostel des Ostens und Westens"
(1925) S. 24-31 gesagt. Seine Untersuchung stellt die Wirklichkeit dieser
Erfahrung nicht in Frage, hat es vielmehr nur mit der Form zu tun.
203 All-Mutter: our Universal
Mother. Im indischen
Christentum ist auch die Hindu-Auffassung lebendig, die von Gott spricht als
von my father, my mother, my everything. Sollte die indische
Christenheit nicht berufen sein, unser abendländisches Gottesbild, das Gott
sehr männlich auffaßt, zu ergänzen? Denn Gott ist weder männlich noch weiblich.
Wir dürfen vom grammatischen Geschlecht eines Wortes keine Rückschlüsse auf
die Wirklichkeit ziehen, auf die das Wort hinweist.
204 Joh. 11, 43.
205 Joh. 14, 27.
506 beschmutze: Wenn ein Kastenloser oder ein
Christ die Eßgeräte eines höheren Kasten-Hindu berührt, so gelten sie als
„beschmutzt", als „unrein".
207 that they are not subjective,
but have an objective reality?
298 Autosuggestion: Selbsterzeugung einer
Suggestion, Selbst-Beeinflussung.
209 Phil. 4, 7.
210 Sokrates: Griechischer Philosoph aus
Athen (469-399 v. Chr.).
211 The Inner Life. Unter diesem Titel hat C. F. Andrews 1939
bei Hodder & Stoughton, London, ein Buch geistlicher Erfahrung
herausgebracht, in welchem er S. 22—26 auch von Sundar Singh spricht. Über
„inner" vgl. mein Wörterbuch „Das Wort in den Wörtern" (1965), S.
232—234.
212 Vgl. i. Mose i, 27.
333
213 Karneades: Cicero Academica II 30,
98: Si recte conclusi, teneo; sin vitiose, minam Diogenes mihi reddet (Mitteilung
von Prof. Max Wundt, Tübingen).
214 Goethe: „Das beste, was du wissen kannst
/ darfst du den Buben doch nicht sagen" („Faust" I 1840!).
215 Tertullian von Karthago: der erste große
lateinische Kirchenvater (geb. um 150, gest. um 220). Vgl. RE XIX 537—551. Die
im Text angeführte Stelle bezieht sich wahrscheinlich auf eine Aussage, die
sich in seiner Schrift Apolo-geticus adv. gentes, cap. XVII findet
(Opera bei Migne, Patr. lat., Tom. I, Sp. 433).
216 Colburn: Zerah Colburn (1804-1839),
Amerikaner, ein mathematisches Wunderkind. Seine
Selbstbiographie: A Memoir of Z. Colburn (1833).
217 Schopenhauer: Deutscher Philosoph,
1788—1860. „Woher denn anders hat Dante den Stoff zu seiner Hölle genommen als
aus dieser unserer wirklichen Welt?" („Die Welt als Wille und
Vorstellung" I 383.) „Viel weniger irrt, wer mit zu finsterem Blicke diese
Welt als eine Art Hölle ansieht" („Parerga und Paralipomena" I 432).
„Die Welt ist eben die Hölle, und die Menschen sind einerseits die gequälten
Seelen und andererseits die Teufel darin" („Parerga und Paralipomena"
II 322).
218 Hegesias: Kyrenaiker, hatte den Beinamen
Peisithanatos, weil seine Vorträge so pessimistisch waren, daß sie angeblich
seine Hörer zum Selbstmord trieben. Er lebte im 3. Jahrhundert v. Chr.
219 Zeno: geb. um 490 bis 485 v. Chr. Daß er
sich das Leben nahm, ist historisch nur wahrscheinlich, nicht gewiß.
220 pyrrno:
Begründer der ältesten skeptischen Schule (360-270 v. Chr.).
221 Ephes. 4, 22 und 24; Kol. 3, 9.
222 Mahavira: Zeitgenosse Buddhas, gest. 477
v. Chr.; Begründer der Jain-Sekte.
223 Bhartari: Zu diesem Namen hat Prof. H. W.
Schomerus (Halle) mitgeteilt: „Bhartari wird wohl identisch sein mit
Bhartrhari. Es gibt ein Drama Bhartrharinirveda, Bhartrhari's Weltüberdruß, von
Harrihara, Bhartrhari war ein König, der sich von seiner Gattin betrogen
glaubte und aus Verzweiflung darüber, daß seine Gattin auf die von ihm ihr
zugesandte Nachricht von seinem Tode ihr Leben ausgehaucht habe, mit ihr den
Scheiterhaufen besteigt. Nach einer anderen Erzählung soll Bhartrhari erfahren
haben, daß seine Gattin ihm die Treue gebrochen habe. Daraufhin habe er der
Welt entsagt."
224 Rom. 14, 9 (2. Tim. 4, i).
225 S lebte in einer Zeit, da man noch so
denken konnte. Wir leben heute in einer anderen Weltlage. Im übrigen gilt die
Kirchengeschichte nicht als Beweis, auch nicht als „praktischer Beweis"
für die Wahrheit des Christentums. Für uns wie für alle Menschen zu allen
Zeiten gilt nur, was im ersten Jahrhundert bereits gegolten hat: Jesus
Christus, sein Wort und Wirken.
228 S lebte in einer Zeit, da es außer den
britischen Provinzen in Indien noch gegen 500 Fürstentümer gab.
334
ANHANG
-l. DIE INDISCHE
EIGENART DER ERSTEN
SCHRIFT
Wer Ss
Schriften miteinander vergleicht, wird entdecken: mehr als jede folgende faßt
die erste Schrift die Eigenart indischen Christentums in sich. Prof. Heiler hat
im Blick auf die ihm damals bekannten vier ersten Schriften Ss diese erste
Schrift „die wichtigste und tiefste" genannt, „welche der Sadhu
geschrieben; wir schauen hier durch einen Vorhang in das Sanctissimum seines
Christusumganges". Dieses Urteil bleibt bestehen, auch wenn man noch die
beiden letzten Schriften in Betracht zieht, die Heiler damals noch nicht kennen
konnte. Was die späteren Schriften im einzelnen entfalten, das lebt hier schon
in lebendiger Einheit. Keine spätere aber erreicht diese erste Schrift an Kraft
der inneren Ergriffenheit, an Christus-Nähe und Geistes-Schau. „In dieser
Schrift redet er als Beter. Darum können sie nur betende Menschen
verstehen" (Heiler).
Im folgenden
versuchen wir, aus Gestalt und Gehalt der Schrift einige Züge indischen
Christentums abzulesen, wie es sich in S ausgeprägt hat. Wir untersuchen die
Sprachgestalt, erforschen die Quellen seiner Erkenntnis und fragen nach seinem
Christus-Zeugnis.
I. Die
Spradigesta.lt
i. Das Zwiegespräch
Was dem Leser
schon beim ersten Blättern auffällt, ist, daß die ganze Schrift in der Gestalt
eines Zwiegesprächs geschrieben ist. Jedes der sechs Kapitel besteht aus zwei -
eines aus drei — Unterteilen. Jeder Unterteil bringt zuerst eine Frage des
Jüngers und dann die ausführliche Antwort des Meisters. Wie es zu diesem
Gespräch zwischen S und Christus kam, hat S gegen Ende der Einleitung selbst
berichtet.
Solche Art der
Darstellung mag uns Abendländer merkwürdig berühren, und ich kann verstehen,
wieso eine frühere deutsche Ausgabe, allerdings ohne den Leser über diese
Veränderung zu unterrichten, das Zwiegespräch verlassen und den Inhalt in der
dritten Person wiedergegeben hat.
Mit solcher
Umgestaltung wurde aber etwas Entscheidendes verdeckt. S hatte das Zwiegespräch
nicht aus literarischer Laune gewählt, sondern er lebte
335
täglich im
Gebetsumgang mit dem Herrn; mehr noch: er hatte immer wieder in der Entrückung
solche Gespräche gehabt. Und indem der Sadhu kühn genug ist, zu uns
Abendländern - für die seine Schrift vornehmlich gedacht ist - so zu reden, wie
er es tut, ist eine Frage an uns gerichtet. Es ist dieselbe Frage, die uns aus
den wenigen Schriften jener Kirchenväter anspricht, die auch in der Gestalt der
Gebetsrede mit Gott ihre Erkenntnis dargelegt haben (Augustin in seinen
„Bekenntnissen" und Anselm in seinem „Proslogium"). Während wir aber
von jenen nicht wissen, ob sie wirklich entrückten Geistes mit dem Herrn
geredet haben, bezeugt der Sadhu diese Art der Unterredung ausdrücklich in der
Einleitung seiner Schrift.
Die Frage, die
damit an uns gerichtet ist, zielt auf das ganze Verfahren unserer theologischen
Arbeit, auf den Weg, auf dem wir geistliche Erkenntnisse gewinnen: Handelt es
sich dabei um ein Denken des in sich ruhenden Verstandes oder um eine
Unterredung mit dem Herrn? Wir wollen den Sadhu keineswegs zum Vorbild nehmen -
hat er selbst doch nur in dieser einen Schrift die Gestalt des Zwiegesprächs
angewandt! Aber für die werdende indische Kirche müssen wir bitten: Lasset sie
ihre eigenen Wege gehen, auch in der Gestalt, wie sie ihre Erkenntnisse findet
und verkündet!
Wer so in einem
Zwiegespräch mit Christus vor die Öffentlichkeit tritt, der bedarf eines reinen
Herzens und eines klaren Geistes, wie sie kein Mensch sich selber geben kann.
Wollten wir den
Sadhu fragen, ob das Gespräch im wort-wörtlichen Sinn wirklich so verlaufen
sei, wie er es dargestellt hat, so würde er uns merkwürdig anblicken und
vielleicht sagen: Was wißt ihr von der Wirklichkeit? Ich denke, was er
mitteilt, das hat er im wesentlichen von Christus empfangen; aber wie er
es ausspricht und darstellt, das ist seine eigene Gestaltung.
Wir werden ihm
zugestehen müssen, daß es das gibt: Unterredung eines Christen mit dem Herrn.
Über das Wie solcher Begegnung wird noch bei der Frage der Schau zu sprechen
sein. S läßt uns in seiner ersten Schrift spüren, was wir Abendländer durch den
Rationalismus der letzten zwei Jahrhunderte verloren haben. Das indische
Christentum ist durch keine „Aufklärung" hindurchgegangen. Wir müssen es
aus der Seelenhaltung der Alten wie der Mittelalterlichen Kirche verstehen.
2. Die
Gleichnisrede
Was den Leser
am Stil dieser ersten Schrift so fesselt, was ihn so wohltuend berührt und
zugleich ihm das Wesen des indischen Geistes - oder die Seite des indischen
Geistes, die gerade in der Kirche zu herrlicher Entfaltung kommt — so
bezaubernd zeigt, das ist die Gleichnisrede.
S sagt selber
im Vorwort: „Es wäre mir unmöglich, diese Wahrheiten, die mir offenbart worden
sind, weiterzugeben, wenn ich nicht in Gleichnissen sprechen dürfte."
Mitunter werden
diese Gleichnisse ausgeführt, dann wieder nur kurz angedeutet. Wir haben in
allen sechs Schriften Ss über 240 Gleichnisse gezählt. Davon entfallen über ein
Drittel (88) allein auf die erste Schrift. Die Gleichnisdichte ist hier also
doppelt so groß wie in den anderen Schriften.
336
II. Die
Quelle der Erkenntnis
i. Die innere
Schau
S hat seine
Erkenntnisse nicht auf den beiden Wegen wissenschaftlicher Welterkenntnis
erworben: weder durch die Sinne seines Leibes noch durch das Denken seines
Verstandes. Er hat vielmehr einen dritten Weg beschriften. Er nennt ihn den Weg
der Geistes-Schau (spiritual vision). Dazu gebraucht man Geistes-Augen (spiritual
eyes).
Von Natur aus
sind unsere Geistes-Augen geschlossen. Wie steht es mit dem Menschen, dessen
Geistes-Augen noch nicht auf getan sind? S hört Christus antworten: „Wie
gelehrt er auch sein mag, er kann Mich doch nicht erkennen noch Meine
Herrlichkeit schauen, und er kann erst recht nicht verstehen, daß Ich Gott im
Fleisch bin."
Erst Christus
tut die Geistes-Augen auf. So hört S Christus zu sich sprechen: „Was du jetzt
von Mir siehst, das nimmst du nicht mit den Augen des Fleisches wahr, sondern
mit den Augen des Geistes." Nach der Auferstehung konnte Christus nur sehen,
„wer Geistes-Augen empfangen hatte". S unterscheidet zwischen bloßer
Kenntnis über Jesus und der wahren Erkenntnis Seiner. Diese gewinnt ein Mensch
dadurch und hat auch S nur dadurch gewonnen, daß er in persönliche Beziehung
zu Jesus trat, richtiger: daß Jesus ihm persönlich begegnete, und daß das damit
begonnene Gespräch nicht mehr aufgehört hat. S hört Christus zu ihm reden:
„Viele Menschen in dieser Welt haben Kenntnis über Mich, aber Mich selber
kennen sie nicht. Das kommt daher, daß sie keine persönliche Verbindung mit Mir
haben. Deshalb haben sie keine wahre Erkenntnis von Mir und glauben Mir nicht,
noch nehmen sie Mich als ihren Herrn und Heiland an."
Für diese
Geistes-Schau gebraucht S das Wort vision. Wenn wir dieses Wort wirklich
verstehen wollen, dürfen wir nicht an unser Fremdwort Vision denken. Der
englische Sprachgebrauch greift weiter als unser Fremdwort: nision heißt
(i) das Sehen, Sehvermögen, Gesicht; (2) das Gesehene, der Anblick; (3)
Vision, Erscheinung, Bild, Einbildung. Ss vision meint nichts
Eingebildetes, nichts „Visionäres". Sondern wenn er eine Vision hat, wenn
er „schaut", dann ist er der Sinnenwelt entrückt, dann ist sein Geist in
die unsichtbare Gotteswelt eingegangen und weilt in der Wirklichkeit (vgl. FM
19—26). Bei solcher Schau befindet er sich in einem Zustand geistiger Wachheit.
Nachher erinnert er sich deutlich an die Gespräche, an das, was er gehört. Denn
in seiner Schau versinkt S nicht im Wesenlosen, sondern gelangt zu einer
personhaften Begegnung mit Christus.
2. Das
johanneische Evangelium
S tritt in die
„Geistes-Schau", in die Begegnung mit Christus nicht unvorbereitet ein.
Er lebt täglich aus Gottes Wort. Das Neue Testament hat ihn überall hin
begleitet. Und hier gilt seine besondere Liebe dem Johanneischen Evangelium.
Wie er zur Unterredung mit Christus durch das betende Be-
337
trachten der
Schrift vorbereitet ist, so führt ihn umgekehrt das Gespräch in der Entrückung
mit Christus wieder tiefer in die Schrift hinein.
In der ersten
Schrift haben wir über 100 Schriftstellen gezählt, die S ausdrücklich nennt.
Davon entfallen allein 37, also ein Drittel, auf die beiden johanneischen
Bücher des Evangeliums und der Offenbarung: 26 und 11. In allen 6 Schriften
finden wir das Johannes-Evangelium 76 mal erwähnt. Ein Drittel dieser
Anführungen entfällt auf unsere erste Schrift. Die Dichte der angeführten Worte
aus dem Johannes-Evangelium ist also in dieser Schrift doppelt so groß wie in
den anderen Schriften. Hier seien die Schriftstellen genannt:
(1) aus dem Johannes-Evangelium: l, 9; 3, 8;
3, 14 und 15; 4, 14; 4, 24; 5,12 und 13; 6, 9; 6, 55; 6, 63; 8,12; 9,17 und
35/37; 10, 9; 10, n; 10, 28; 11, 39 und 41 und 44; 13, 35; 14, 2/3; 14, 9/10;
14, 19; 14, 21; 15, 8; 16, 20/22; 16, 22; 17, 24; 19, 30; 20, 22.
(2) aus der
Offenbarung: i, 8; 2, 7; 2, 10; 3, 20; 3, 21; 19, 16; 21, 4; 21, 23; 22, 5; 22,
17.
Was zieht S so
sehr zu Johannes? Darüber hat er sich niemals ausdrücklich ausgesprochen. So
können wir nur vermuten und aus seinen Schriften Rückschlüsse versuchen. Wer längere
Zeit in Indien geweilt hat, wird bemerkt haben: Paulus spricht den indischen
Menschen nicht an, denn er fordert eine Art des Denkens, die dem indischen
Menschen fremd ist. Johannes dagegen redet bildhaft; bei ihm schauen wir, was
er sagt. Es ist jedenfalls Tatsache, daß Hindus wie Christen sich vornehmlich
zu Johannes hingezogen fühlen. Wie oft habe ich nicht mit frommen gebildeten
Hindus gesprochen, die das Johannes-Evangelium kannten und lasen, es auf Reisen
auch mit sich führten! Darüber vgl. des weiteren meinen Aufsatz: „Das
Johanneische Evangelium in Indien" / Evangelische Missions-Zeitschrift
(1942) III 106-114 = FM 156-165.
III. Das
Christus-Zeugnis
i. „Gott im Fleisch"
In der Welt der
indischen Religionen ist im Laufe der Jahrhunderte je länger je mehr die
Sehnsucht aufgekommen: die verborgene Gottheit wolle sich doch sichtbar kundtun
— ein Verlangen ähnlich dem, das S in der Nacht seiner Bekehrung und Berufung
zu jenem merkwürdigen Gebet trieb. Dieser Sehnsucht der indischen Seele ist die
Lehre von den Avataras entsprungen: die Gottheit erscheine von Zeit zu Zeit in
sichtbarer Gestalt, zuletzt sei sie als Rama und Krishna erschienen. Hier
bewegen wir uns aber in dem Dämmerland der Dichtung und Mythologie. Wer
ernsthaft sucht, braucht jedoch festen Boden unter den Füßen; den verlangt nach
geschichtlicher Wirklichkeit. So fand S erst Frieden und Gewißheit, als ihm
Christus selbst begegnet war. (Zur ganzen Frage des Avatara-Glaubens vgl. meine
Studie: „Das Wort ward Fleisch" [Joh. l, 14] / Von der Begegnung
der Christusbotschaft mit dem Avatara-Glauben des Hinduismus. Evangelische
Missions-Zeitschrift [1942] III 296-307 = FM 43-56.)
338
In dieser
Begegnung mit Christus dem Auferstandenen wurde S seines Erlösers gewiß und
froh. Aus diesem Erlebnis erwuchs seine Freude an dem Geheimnis der
Menschwerdung Gottes. Zwar hat er keinen besonderen Abschnitt über die
Fleischwerdung Christi geschrieben, aber - was vielleicht noch viel
beachtlicher ist — seine Sprache enthält zahlreiche Wendungen, in denen er
dieses Wunder immer wieder bezeugt. Er gebraucht nicht einen bestimmten
Begriff, wie wir abendländischen Theologen, denen die Menschwerdung zu keinem
besonderen Erlebnis geworden ist, sondern er steht noch mitten im rauschenden
Strom anbetenden Lebens. In allen 6 Schriften finden sich zusammen 37 Aussagen
über die Menschwerdung Christi. Davon entfallen 14 allein auf die erste
Schrift, das ist mehr als ein Drittel. Somit ist die Dichte der Aussagen in der
ersten Schrift doppelt so groß wie in den anderen Schriften.
Es besteht ein
geheimnisvoller Zusammenhang zwischen der Anbetung des Incarnatus und dem
Erleben der wirklichen Gegenwart des lebendigen Christus. In unseren
evangelischen Kirchen ist beides bloße Lehre, aber kein Leben. Bei S ruft eins
das andere, ähnlich wie in der anglikanischen Kirche. Wo dergestalt der
Lebendige Herr als der Gegenwärtige erfaßt wird, da erwächst ein Gebetsleben,
wie wir Abendländer es kaum zu erahnen vermögen. Auch dafür ist S uns ein
leuchtender Zeuge (vgl. FM 166-175).
2. Die
Botschaft vom Kreuz
S ist kein
Theologe, der überkommene Lehren weiterreicht. Was er gibt, das kommt aus
eigener Erfahrung, das hat er selbst durchlebt und durchlitten. Weil er selbst
vom ersten Tag seines Christenlebens an viel zu leiden gehabt hat, ist ihm
aufgegangen, was das Leiden und das Kreuz des Herrn bedeuten. So ist es auch
kein Zufall, daß er in seiner ersten Schrift bereits ein Kapitel über „Das
Kreuz und das Geheimnis des Leidens" mitgeteilt hat. Wer in Indien
Christus nachfolgen will - aber nicht nur dort -, der tritt auf einen Weg des
Leidens.
Alles Leiden
hat ihn aber nur noch um so mehr zu Christus geführt, hat ihn zu selbstlosem
Dienst bereitet und ins Gebet getrieben. Deshalb spricht er in weiteren
Kapiteln der ersten Schrift auch gerade vom Gebet und vom Dienst.
Die
verschiedenen Kapitel der ersten Schrift erscheinen wie leuchtende Lotosblüten,
die, in einem Kreis vereinigt, auf dem Wasser indischer Religion erstrahlen.
Aber sie schwimmen nicht getrennt nebeneinander, sondern entspringen alle
einer gemeinsamen Wurzel: Christus. Nur der versteht S, wer ihn in dieser
lebendigen Christus-Beziehung sieht.
Indien ist
voller Rede von Gott und Göttern. Wenn der Zeuge Christi nur mit einer anderen
Gotfss-Rede käme, fände er kaum Aufmerksamkeit. Vor allem aber könnte er
schwerlich klarmachen, worin das Besondere seiner Botschaft besteht. So hat
sich in Indien mehr als in irgendeinem anderen Lande der Gebrauch
herausgebildet, die christliche Gottes-Botschaft als Christus-Botschaft zu
verkünden. „Im Christentum geht es um Christus" (Christianity is
Christ), so hat S diesen Tatbestand später einmal ausgedrückt. So steht bei
S Christus in der Mitte seines Glaubens, Lebens und Denkens.
339
2. ZUM
VERSTÄNDNIS DER FÜNFTEN
SCHRIFT
/. Wie S dazukam,
seine Gesichte mitzuteilen
S erfuhr immer
wieder - ohne sein Zutun -, daß er in die unsichtbare Welt entrückt wurde. Er
sprach davon auch zu Freunden. Was er ihnen erzählte, bewegte sie so, daß sie
ihm keine Ruhe ließen, bis er es auch einem weiteren Kreis mitteilte, eben in
der vorliegenden Schrift. Von sich aus hätte er es nicht getan. Er war ein so
kindlich schlichter Mensch, daß ihm der Gedanke an Mißbrauch oder
Mißverständnis nicht kam.
Man mag
bedauern, daß er diese feinsten Erlebnisse seines geistlichen Lebens in die
Öffentlichkeit gestellt hat, denn dadurch wurde es möglich, daß man ihm
vorwarf, er habe sich großtun wollen. Nichts lag ihm jedoch ferner als das. Wie
hatte er sich doch vorher zurückgehalten! Wer die ersten vier Schriften kannte,
vermutete nicht, daß nun so etwas wie diese fünfte Schrift käme. Obwohl auch
die erste Schrift schon in diesen Bereich hineingehört.
Aus mancherlei
Gesprächen mit angefochtenen Menschen weiß ich, daß diese fünfte Schrift in der
Tat Menschen, die der sichtbaren Welt verfallen waren, sich darin aber nicht
wohl fühlten, auf den Weg zur unsichtbaren Gotteswelt zurückführte. Die
seelsorgerliche Hilfe, deren solche Leser jedoch bedürfen, besteht darin, daß
sie erkennen lernen: diese Schrift kann im besten Fall nur ein Weg zu Christus
sein; worauf es ankommt, ist aber nicht der Weg, sondern das Ziel - Christus.
II. Die
Grenzen der Sprache und des Verstehens
S hat gerade
bei dieser Schrift lebhaft empfunden, wie schwierig, ja fast unmöglich es ist,
jene Gesichte anderen auf dem Weg der Sprache mitzuteilen. „Der bloße Versuch,
die Herrlichkeit des Geschauten in gewöhnliche Sprache zurückzubilden, führt
leicht zu Mißverständnis." Deshalb hat S alles fortgelassen, was die
feineren Fragen betrifft, und nur „ein paar schlichte und lehrreiche
Vorfälle" mitgeteilt, „die sich für alle als nützlich erweisen". Er
zielt also nicht darauf, im Leser geheime Schauer zu erwecken oder okkulte
Neugier zu befriedigen, sondern er will das Gewissen ansprechen.
Zu dieser
Grenze der sprachlichen Mitteilung im engeren Sinn tritt die andere Grenze des
Verstehens, die an die eigene Geisteserfahrung des Lesers gebunden ist. Richtig
verstehen wird diese Schrift aber nur, wer selbst ähnliche Erfahrungen gemacht
hat. Wir anderen laufen Gefahr, die Zeichensprache dieser Mitteilungen falsch
zu deuten. Deshalb haben auch die Engel S untersagt, alle geistlichen
Wahrheiten aufzuzeichnen, die sie ihm mitgeteilt: „sonst wäre zu befürchten,
daß sie, anstatt zu helfen, bei vielen Mißverständnis und Irrtum
hervorriefen". S hat deshalb „nur einige wenige der einfachsten
Dinge" aufgeschrieben und hofft, „sie möchten viele leiten und warnen,
lehren und trösten". Seine Absicht ist also seelsorgerlicher Dienst. Weil
solche Gefahr der Mißdeutung tatsächlich besteht, muß diese Schrift ausgelegt
werden. Deshalb schreiben wir diese Bemerkungen.
340
S redet in der
Sprache der Sinnenwelt von Dingen, die über unsere sinnliche Erfahrung
hinausgehen. Deshalb müssen seine Bilder als uneigentlich verstanden werden.
Er spricht etwa von „vielen wunderbaren Dingen und Orten", „wundervollen
und fröhlichen Umgebungen", „pächtigen Gärten, lieblichen und süßen
Früchten, Vögeln von wunderbarer Färbung", „süßen und köstlichen Blumen
und Früchten". Das alles muß als uneigentlich verstanden werden. Er
versucht in der Sprache dieser Welt auszusagen, was schlechterdings unaussagbar
ist.
So hebt er die
räumlichen Vorstellungen kurzerhand durch solche Erklärungen auf: „Im Himmel
gibt es weder Osten noch Westen, weder Norden noch Süden, sondern jeder
einzelnen Seele oder jedem Engel erscheint Christi Thron als die Mitte aller
Dinge." „Im Himmel empfindet niemand eine Entfernung, denn sobald jemand
wünscht, an einen bestimmten Ort zu gehen, findet er sich sogleich dort vor."
Die kritische Bedeutung solcher Mitteilungen kann nicht hoch genug eingeschätzt
werden. Von ihrem Verständnis hängt es ab, ob der Leser die Gesichte richtig
deutet oder mißversteht. Deshalb spricht S nicht nur von „Orten", welche
Rede als uneigentlich zu werten ist, sondern vor allem von „Zuständen": er
weist einen Zwischenzustand und schildert vor allem Himmel und Hölle als
Zustände der Seele, in denen sie sich schon bei Leibesleben befindet.
III.
Unterscheidungen
Diese Gesichte
haben nichts mit Spiritismus zu tun, darauf weist S nachdrücklich hin.
S unterscheidet
zwischen der sichtbaren oder Körperwelt und der unsichtbaren oder Geisteswelt.
Diese beiden Welten sind nicht räumlich getrennt, sondern meinen zwei
verschiedene Weisen des Daseins. Wir Menschen gehören in unserem leiblichen
Leben auch schon der Geisteswelt an, nämlich insofern wir Geist sind oder eine
Seele haben.
Das Wort
„Geisteswelt" ist umfassender als „Geisterwelt". Dieses Wort meint
„jenen Zwischenzustand, in den die Geister eintreten, wenn sie den Leib
verlassen haben". Die „Geisteswelt" dagegen umfaßt alle Bereiche, von
der Hölle über den Zwischenzustand bis hinauf zum Himmel.
In der
Geisteswelt begegnet S verschiedenen Wesen. Allen voran dem Herrn Christus,
wovon er in der ersten Schrift berichtet hat. Sodann unterscheidet er Geister,
Engel und Heilige.
IV. Wie S
entrückt wird
Die Entrückung
steht nicht im Belieben des Menschen, sondern kommt über ihn als Begnadung.
Deshalb ist sie nicht zu lehren oder zu erlernen.
Allerdings
bedarf es einer gewissen Vorbereitung. S erfährt die Entrückung, wenn er sich
innert (meditiert) oder betet, d. h. wenn er sich von der sichtbaren Welt
abgewandt hat. So berichtet er: „In Kotgarh wurden vor 14 Jahren, während ich
betete, meine Augen für die Himmlische Schau aufgetan." „Als ich eines
Tages betete, fand ich mich plötzlich von einer großen Schar
341
von
Geisteswesen umgeben ..." Als er einmal krank darniederlag und betete,
wurde ihm die Geisteswelt aufgetan, und er fand sich „von vielen Engeln umgeben".
Man wolle auch vergleichen, was er zum Eingang seiner ersten Schrift berichtet,
wie er dort Christus begegne*- ist. Solche Entrückung mochte ihm zuzeiten acht-
bis zehnmal im Monat widerfahren.
Während die
Seele in die unsichtbare Welt entrückt ist, verharrt der Leib regungslos in der
Körperwelt. Die leiblichen Sinne nehmen kaum noch wahr, was um sie herum in der
Körperwelt vor sich geht. Die Augen schauen wie in weite Ferne. Kommt dann die
Seele wieder in den Leib zurück, dann hat sie neue Kraft empfangen und strahlt
vor Frieden und Freude. Aus den Stunden solcher Entrückung hat S noch immer
Kräfte mitgebracht, die ihn dann zu außerordentlichem Dienst an seinen
Mitmenschen befähigten. Diese Schau diente nicht nur zu seiner eigenen
Erbauung, sondern stand daneben im Dienst am Nächsten.
V. Der
Geisteszustand während der Schau
In seiner
Entrückung sinkt S nicht in die dämmernde Tiefe des Unter- oder Unbewußten ab.
Er versinkt überhaupt nicht, wie etwa der Hindu ins Brah-man sinkt und als
Person ausgelöscht ist. Im Gegenteil: diese Schau geschieht in einem Zustand
geistiger Wachheit, geschieht im Raum des Überbewußten. S weiß genau, was er
schaut. Er weiß es vor allem auch nachher noch, so daß er genauen Bericht
erstatten kann. Man spürt seinen Schilderungen an, daß er das wirklich gesehen
und gehört zu haben glaubt. Sie zeichnen sich durch Klarheit aus. Da ist nichts
Verschwommenes; da ist auch kein leeres Gerede; sondern alles bewegt sich um
das Wichtigste, um das Heil in Christus. Christus selbst steht in der Mitte,
auch wo nicht von Ihm gesprochen wird.
Während der
Hindu in den Allgeist eingehen und entwerden will, bleibt S auch in seiner
Schau er selber. Er steht als eigene Person den Personen der Geisterwelt
gegenüber. Seine Begegnungen geschehen in der Gestalt des Gesprächs. Nicht was
er sieht, ist die Hauptsache — da mag die Einbildungskraft einen großen
Anteil haben —, sondern was ihm auf seine Frage geantwortet wird. Hierin
unterscheidet diese Erfahrung sich also von Grund auf von aller heidnischen
Ekstase.
VI. Der
Zwischenzustand
Für S ist das
Leben nach dem Tode und das Jüngste Gericht nichts Starres: daß etwa die Toten
warten und an einem Tage zum Gericht auferweckt werden. Er schaut die Tatsache
des Gerichts in der Gestalt persönlicher Begegnung bald nach dem leiblichen
Tode. Er stellt also die persönliche Seite des Ereignisses dar, das -
allgeschichtlich ausgedrückt - nach der Heiligen Schrift am Ende der Tage als
abschließend erwartet wird. Was aber für die Welt „der Letzte Tag" ist,
das ist für mich mein letzter Tag, eben der Tag meines leiblichen Sterbens.
Im Rahmen
dieser persönlich-individualistischen Endschau sagt S aber nichts, was dem
Zeugnis der Schrift widerspräche. Er schaut, wie ein jeder
342
Mensch geprüft
wird. Keiner kommt aus eigener Kraft in den Himmel. Nur wer schon bei Lebzeiten
durch Christus das neue Leben empfangen und bewahrt hat, oder wer sich nach
dem leiblichen Tode überzeugen läßt, daß in Christus allein die Wahrheit und
das Leben ist: der wird in den Himmel geführt. Die Freiheit der Entscheidung
wird gewahrt. Niemand wird zum Heil gezwungen.
Die große Liebe
Gottes erweist sich darin, daß, wer auf dieser Erde noch nicht Gelegenheit
hatte, Christus wirklich zu erkennen, nun das Fehlende nachholen darf.
Wo aber ein
Mensch sich bewußt von allem Göttlichen abgewandt hatte, wo er schon im
irdischen Leben eine Beute des Bösen geworden war, da schaut S etwas
Merkwürdiges: auch solchen Menschen wird der Weg zum Himmel angeboten, aber sie
ertragen das himmlische Licht nicht und stürzen sich selbst in die Finsternis.
Der Leser mag
sich selber die jeweiligen Beispiele nach den gegebenen Gesichtspunkten
einordnen. Uns geht es hier nur darum, daß er sie nicht als kurzweilige
Anekdoten auffaßt, sondern in ihnen den Ernst des Gerichts sowie die Liebe
Gottes am Werk sieht.
Der
Zwischenzustand dient also dazu, die Frage zu klären: geht diese Seele — gleich
oder später — in den Himmel ein, oder will sie in die Finsternis?
VII. Die
Mitte der Geisterwelt
In der Mitte
steht Gott, aber unsichtbar. S hat die Heiligkeit Gottes als so gewaltig
erfahren, daß er Ihn nicht einmal im Himmel schaut. Gott ist auch im Himmel nur
in Christus sichtbar. So gelten beide Sätze: „Das Wollen und Wünschen aller
Himmelsbewohner ist in Gott erfüllt, denn in einem jeden Leben wird Gottes
Wille vollendet." Aber weil Gott „unendlich ist, können Seine Kinder, die
endlich sind, Ihn nur in der Gestalt Christi sehen". Welche Ehrfurcht und
Bescheidung!
Der Himmel
meint nun diesen Zustand der Seele, wo ihr Christus allgegenwärtig ist. Dabei
schaut aber nicht jede Seele Ihn in gleicher Herrlichkeit. Sondern Er
„offenbart Seine herrliche Gestalt einem jeden insoweit, wie er geistlich
erleuchtet ist und sie fassen kann". Da ist also nichts von plumper
Vertraulichkeit zu spüren, sondern - daß wir es nochmals betonen — S schaut und
berichtet mit Keuschheit und Ehrfurcht.
Alle seine
Berichte wollen so gelesen werden, daß sie den Leser mit hineinziehen in diese
persönliche Begegnung mit Christus, die schon hier auf Erden beginnt und dort ihre
Vollendung erfährt.
VIII.
Absicht und Wirkung der Schrift
Obwohl S seine
Absicht nicht mit diesen Worten ausgesprochen hat, will mir scheinen, wir
können ein dreifaches Anliegen heraushören:
(i) Gegen den
Materialismus richtet sich das überwältigende Zeugnis: Mit dem Tode ist's nicht
aus, sondern der Mensch ist Seele und Geist (S setzt beide Wörter in etwa
gleich) und überlebt den Tod des Leibes. Deshalb will S, daß
343
der Christ den
Tod des Leibes als Freudentag feiert, denn nun geht die Seele
in die
Gotteswelt hinüber. So sollten auch die Leidtragenden viel mehr singen :f
als weinen. ;':
(2) S will uns
helfen, daß wir nicht nur die öffentliche Sünde meiden, sondern vor allem auch
die verborgene Sünde fliehen. Wo immer wir sind, da sehen uns die Engel, da
sieht uns vor allem der Herr. Und was wir auch auf der Erde zu verbergen
versuchen, vielleicht sogar mit Erfolg, das wird sofort offenbar, wenn wir in
die Geisterwelt eintreten, und zwar vor allen offenbar. Und da müssen wir uns
dann schämen.
(3) S schaut,
wie im Himmel die Seligen einander dienen: „Alle, die im Himmel wohnen, haben
ihre Freude daran, daß sie einander dienen; so erfüllen sie den Sinn ihres
Lebens und bleiben auf ewig in der Gegenwart Gottes." Aus solcher Schau
heraus bestimmt S die Würde des Menschen, seine Größe und seinen Wert, nach
seinem Dienen: Ein Mensch ist so groß, „wie er anderen in Liebe dienen
kann".
IX. Abschließendes
Urteil
Können wir
überhaupt ein „abschließendes" Urteil fällen, ehe wir selbst erfahren
haben, was S geschaut, ehe wir selbst in die andere Welt eingegangen sind?
Wer Ss Schrift
so liest, wie die obige Anleitung gezeigt hat, wird sie im Gesichtskreis der
biblischen Offenbarung lesen. Er wird manches vermissen, was die Heilige
Schrift uns sagt, aber er wird nichts finden, was dagegen verstößt. So kann Ss
Schrift schon vorhandenen Glauben stärken und kann den noch Ungläubigen, aber
Suchenden anregen, die Schriften des Neuen Testaments mit neuen Augen zu
lesen.
Auf keinen Fall
darf uns die fünfte Schrift Ss zur Quelle und zum Urteilsgrund geistlicher
Erkenntnis werden. Sie steht, wie alles, was Christen schreiben, unter dem
Urteil der Schrift. Aber wie einst Paulus entrückt war (2. Kor. 12, 2 ff.), und
wie vor allem Johannes die gewaltigen Offenbarungen in geistlicher Schau
empfing, die im letzten Buch der Bibel niedergelegt sind, so begnadet Gott
immer wieder einzelne Christen, indem Er sie entrückt. So erging es manchem
Mystiker im Mittelalter, so erging es in unserem Jahrhundert dem Inder Sundar
Singh.
Unsere
abendländische Theologie ist noch viel zu sehr dem Rationalismus verhaftet, als
daß sie für die theologischen Fragen der fünften Schrift ein sachgemäßes
Verständnis mitbrächte. Aber vielleicht reizt diese Ausgabe und eigenes Erleben
den einen oder anderen, hier mit neuer Forschung zu beginnen.
3. ZUR
TEXTGESCHICHTE
Sadhu Sundar
Singh hatte bei Lebzeiten unter seinem Namen sechs Schriften in englischer
Sprache veröffentlicht. Durch sie wollte er auch zu Menschen anderer Sprache
reden, vor allem wohl zu den Menschen des Abendlandes.
344
Zu seiner
Überraschung und Freude fanden die Schriften solchen Anklang, daß sie in
vierzig Sprachen, darunter in mehrere indische, übersetzt wurden.
Unsere Ausgabe
umfaßt diese sechs Schriften und nur sie. Sie ist das einzige Omnibus-Volume,
das es überhaupt gibt, wie der Sundar-Singh-Forscher Appasamy, der den
besten Überblick hat, einmal bemerkt hat.
Im Nachlaß des
Sadhu fanden sich noch zwei MS in Urdu, die inzwischen, ins Englische
übersetzt, von der Christian Literature Society in Indien veröffentlicht
worden sind: The Real Life (1965, 48 S.) und The Real Pearl (1966,
39 S.). Nachträglich zeigte es sich, daß The Real Pearl nichts anderes
ist als die IV. Schrift unseres Bandes. Dagegen ist The Real Life eine eigene
Schrift. Wir haben sie aber in unseren Band nicht mit aufgenommen, weil der
Sadhu sie nicht selbst auf Englisch veröffentlicht hatte, und weil sie auch
nichts Neues mehr bringt.
The Real
Life (1965) umfaßt 48
Seiten und enthält 6 Gespräche. Vorangestellt ist eine biographische
Einleitung von Dr. Appasamy (V-XIV) und das Vorwort des Sadhu (XV-XVI). In
diesem sagt Sundar Singh, er habe diese Schrift ein Jahr nach der
Veröffentlichung von Visions of the Spiritual World, seiner fünften
Schrift, niedergeschrieben. Er habe, wie er gesteht, diesen Weg der
schriftlichen Äußerung beschritten, weil er nicht mehr gesund genug sei, um zu
reisen und persönlich zu sprechen. Den englischen Wortlaut hat Sundar Singh,
wie er zum Schluß bemerkt, selber mit Hilfe von Rev. J. W. Peoples, Lahore,
Punjab, aus dem Urdu ins Englische übersetzt.
Nun wenden wir
uns den sechs Schriften zu, welche unsere Ausgabe enthält.
I
At the Master's Feet l by l Sadhu Sundar Singh l
Translated from the Urdu by / Rev. Arthur & Mrs. Parker / Christian
Literature Society for India l Madras Allahabad Rangoon Colombo l 1923,
Die Schrift
umfaßt 70 Seiten. Wir haben in der deutschen Übersetzung nur die eine Seite mit
dem Vorwort des Übersetzers fortgelassen.
Die erste
Ausgabe war bereits 1921 auf Urdu erschienen. Danach war auch schon eine
englische Ausgabe in Indien herausgekommen. Diese neue Übersetzung ist unter
Mitarbeit des Sadhu entstanden. Mit seiner Zustimmung wurden gewisse
Veränderungen vorgenommen, damit sein Zeugnis noch klarer zu erkennen sei. Die
Übersetzer haben - wie könnte es anders sein? -der Schrift ihren englischen
Stil aufgeprägt (so sehr sie sich auch bemüht haben, Sundar Singh gerecht zu
werden). Wer die Schriften in Englisch vergleicht, der spürt es sofort: Der
Sadhu spricht und schreibt ein schlichteres Englisch.
Noch im
gleichen Jahr erschien eine deutsche Übersetzung von Missionsinspektor Pastor
E. Fohl: „Zu des Meisters Füßen" (Ev. Missions-Verlag, Stuttgart 1923,
1.-26. Tsd., 62 Seiten). S. 3-4 bringt ein Vorwort des Übersetzers, aber die
beiden Vorworte der englischen Ausgabe sind ausgelassen. Auch Sundar Singhs
besondere Einleitung mit den beiden Gesichten ist fortgeblieben. Die nächste
Ausgabe von 1935 (2/.-29. Tsd.) enthält auch Pohls
345
Vorwort nicht
mehr. So entsteht der Eindruck, es handle sich um die getreue Übersetzung des
Originals. Dem ist aber nicht so. Vielmehr hat Fohl den dialogischen Aufbau der
Schrift verändert, ohne dem Leser darüber Auskunft zu geben. So ahnt der Leser
nichts von der indischen Eigenart gerade dieser Schrift.
Reality and Religion l Meditations on God, Man and
Nature l by l Sadhu Sundar Singh l with an introduction / by / Canon Streeter l
Macmillan and Co., Limited l St. Martin's Street, London l 1924.
Die Schrift
umfaßt 88 Seiten. Wir haben das Vorwort des Sadhu übersetzt, nicht aber die
Einleitung durch Canon Streeter (VII—XIV). In dieser teilt Streeter einen Brief
von Dr. Appasamy mit, in welchem wir über die Entstehung dieser Schrift
Näheres erfahren:
„Der Sadhu
hatte die Niederschrift von Reality and Religion auf Urdu vollendet. Er
sagte, er habe 12 Tage lang täglich etwa 12 Stunden daran gearbeitet. Er hielt
die Handschrift in der Hand und gab den Inhalt eines jeden Abschnittes auf
Englisch wieder. Manchmal nahm ich Wort für Wort, was er sagte, und manchmal
schrieb ich bloß den Inhalt seiner Abschnitte nieder, benutzte jedoch, wo es
irgend möglich war, seine eigene Sprache" (XIII).
Im letzten
Abschnitt des Vorworts, welchen wir in der Übersetzung fortgelassen haben,
dankt Sundar Singh seinem Übersetzer Dr. Appasamy dafür, daß er die Schrift aus
dem Urdu ins Englische übertragen hat.
Von dieser
zweiten Schrift sagt Prof. Friedrich Heiler (in seiner deutschen Ausgabe der
dritten Schrift, 79/80):
„Die tiefe
Stille, welche über den schneebedeckten Gipfeln des von ihm [dem Sadhu] so oft
durchwanderten Himalaya liegt, schwebt auch über den Blättern dieser Schrift.
Und der andächtige Leser glaubt aus ihr wie überirdische Musik jenes Wort
erklingen zu hören, welches am Anfang und Ende aller Upanishad-Texte des Veda
steht und welches Sundar Singhs Lieblingswort ist: Shanti, shanti, shanti (Friede,
Friede, Friede) ...
Darum kann
dieses Büchlein nicht durch flüchtiges Lesen, sondern nur (um die Worte aus der
Vorrede des Sadhu zu gebrauchen) durch das ,Sinnen des Herzens' recht
verstanden werden — similia similibus cognoscentur."
Nur wenige
Monate nach der englischen Ausgabe erschien eine deutsche Übersetzung:
„Gotteswirklichkeit / Gedanken über Gott, Mensch und Natur", übersetzt
durch Frau Sascha Bauer (Agentur des Rauhen Hauses, Hamburg, 123 S.).
Vor mir liegt
ein Exemplar des 13 .-17. Tsds. Das Vorwort des Sadhu ist mit übersetzt (7-8),
dagegen Streeters Einleitung (mit Recht) fortgelassen. Nur Dr. Appasamys Brief
ist in der Einleitung der Übersetzerin vollständig wiedergegeben (18-20). Diese
Einleitung der Übersetzerin (9-24) teilt dem deutschen Leser manches persönlich
und sachlich Wichtige mit. Die Übersetzung ist zuverlässig und sprachlich der
Schönheit des englischen Textes fast ebenbürtig.
346
III
The Search after Reality l Thoughts on Hinduism,
Buddhism, Muham-madanism and Christianity l by l Sadhu Sundar Singh l Macmillan
and Co., Limited l St. Martin's Street, London l 1925,
Diese Schrift
umfaßt 105 Seiten. Im letzten Absatz des Vorworts, den wir im Deutschen
fortgelassen haben, dankt der Sadhu Rev. T. E. Riddle von der New Zealand
Presbyterian Mission, Kharer, Punjab, for the great help he has given in
translating this book into its present form from my Urdu MSS.
Wenige Monate
nach der englischen Ausgabe ist eine deutsche Übersetzung erschienen: „Das
Suchen nach Gott ..." / Übersetzt und erläutert von Friedrich Heiler /
Verlag Ernst Reinhardt, München 1925 (94 Seiten).
Diese
Übersetzung enthält: das Vorwort des Sadhu (6), das Vorwort des Herausgebers
(7-8), die Schrift selber (9-67), Anmerkungen des Herausgebers (68-76),
Nachwort des Herausgebers (77-93), Anmerkungen zum Nachwort (93-94), Nachtrag
(94). Wegen der gelehrten Anmerkungen und des Nachworts eignet sich diese
Ausgabe besonders gut für Seminarübungen. Im Blick auf den Inhalt dieser
dritten Schrift schreibt Heiler: „Die flüchtige Skizze des Sadhu vermittelt
ohne Zweifel eine bessere Anschauung von den indischen Religionen als manches
mit peinlicher Sorgfalt entworfene Detailbild europäischer Gelehrter. Geradezu
schlagend ist die Kritik, die er an den Religionssystemen seines Heimatlandes
übt; sie greift viel tiefer als die Einwände, welche die abendländischen
Apologeten des Christentums gegen die östlichen Religionen zu erheben
pflegen." (82)
IV
Meditations on Various Aspects of the Spiritual Life l
by l Sadhu Sundar Singh l Macmillan and Co., Limited l St. Martin's Street,
London l 1926.
Diese Schrift
umfaßt 78 Seiten und enthält ein Vorwort des Bischofs von London (V-VI), das
Vorwort des Sadhu (VII-IX). Darauf folgen die 12 Kapitel der Schrift.
Diese Schrift
ist — wie auch die beiden folgenden — mit Erlaubnis des Sadhu von „A. M.
H." ins Deutsche übertragen und (ohne Jahreszahl) im Verlag von Heinrich
Majer (Basel) veröffentlicht worden: „Geheimnisse des inneren Lebens /
Betrachtungen über das Wachstum im geistlichen Leben" (56 S.).
V
Visions of the Spiritual World l A Brief Description
of the Spiritual Life, its Different States of Existence, and the Destiny of
Good and Evil Men äs seen in Visions l by l Sadhu Sundar Singh l Macmillan and
Co., Limited l St. Martin's Street, London l 1930.
Diese Schrift
umfaßt 69 Seiten. Sie liegt mir aber nur in einem Bande vor, der zunächst die
vierte Schrift enthält. Dieser Doppelband trägt den Titel: The
Spiritual Life / and / The spiritual world." Darunter stehen die Titel der
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beiden
Schriften, die im Innern voneinander getrennt mit eigener Seiten-zählung
gedruckt stehen. Dieser Doppelband gehört der „Caravan Library" an.
Dem Text vorangestellt
ist ein Vorwort des Bischofs von Lahore (V-IX), darauf das Vorwort des Sadhu
(XI-XV). Die Übersetzung aus dem Urdu ins Englische hat wieder, wie bereits bei
der IV. Schrift vermerkt, Rev. Riddle besorgt.
Eine deutsche
Ausgabe hat mit der Erlaubnis des Sadhu „A. H. M." im Verlage der Christi.
Buchhandlung D. Fröhlich, Aarau, erscheinen lassen: „Gesichte aus der
jenseitigen Welt" (74 S.). Vor mir liegt die 15. Auflage (o. J.). Zwischen
das Vorwort des Bischofs von Lahore (5-8) und das des Verfassers (12-16) ist
noch Erzbischof Söderbloms Geleitwort zur schwedischen Ausgabe (in deutscher
Übersetzung) eingeschoben (9-11). Diese Schrift sollte nie für sich allein
verbreitet werden. Zu ihrem Verständnis vgl. im Anhang dieses Buches das z. Stück!
VI
With and without Christ l Being l Incidents taken from
the Lives of Christians and of Non-Christians which illustrate the Difference
in Lives lived with Christ and without Christ l by l Sadhu Sundar Singh l With
an Introduction by the Lord Bishop of Winchester l Cassell and Company, Ltd. l
London, Toronto, Melbourne and Sydney l 1929.
Diese Schrift
umfaßt 129 Seiten. Auf das Vorwort des Sadhu (VII-VIII) folgt das des Bischofs
(IX—XII). Bei der Übersetzung hat Rev. Riddle geholfen (vgl. seine
entsprechende Hilfe bei den vorangegangenen Schriften).
Eine deutsche
Ausgabe war im Verlag von Heinrich Majer, Basel, von „A.M. H." erschienen
(90 Seiten o. J.). Ihr sind 24 Fußnoten beigegeben, die das erläutern, was dem
deutschen Leser unverständlich sein mag.
Mit Erlaubnis
des englischen Verlages ist in Indien eine eigene Ausgabe herausgekommen,
veranstaltet durch Evangelical Literature Service / 158. Purasawalkam
High Road, Madras 7 (77 Seiten).
Die anderen
fünf Schriften erschienen seit 1966 in Indien, veröffentlicht durch The
Christian Literature Society l Post Box 501, Park Town, Madras 3. Diese
Veröffentlichungen erfolgen with the permission of Sadhu Sundar Singh Trust.
Die indische
Ausgabe der sechs Schriften
Von der
indischen Ausgabe der VI. Schrift war eben die Rede. Die anderen fünf Schriften
sind 1966—1968 durch The Christian Literature Society l Post Box 501, Park
Town, Madras 3, herausgebracht worden. Diese Ausgaben erfolgen with the
permission of the Sadhu Sundar Singh Trust.
Dabei wurden
die Titel der IV. und V. Schrift geändert (verkürzt); in beiden Fällen behielt
man nur die letzten drei Wörter, so daß die Titel jetzt also heißen: IV. The
Spiritual Life, V. The Spiritual World.
Zur V. Schrift
hat Bischof D. Dr. Appasamy eine kurze, zur II. Schrift eine
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längere
Einleitung verfaßt (V. Schrift 1967, S. 11—14; H- Schrift 1968, S. V bis VIII).
In der Einleitung zur II. Schrift spricht er vom Wert dieser Schriften und von
ihrer Verbreitung; er nennt auch anerkennend unsere deutsche einbändige
Ausgabe. Mit Nachdruck wendet er sich aber — und zwar mit Recht — dagegen, daß
noch immer das Heft über den Maharishi vom Kailash in deutscher Sprache
vertrieben werde. Sundar Singh ist später davon abgerückt, hat es nicht in die
Reihe seiner größeren Schriften aufgenommen, hat auch nie mehr davon
gesprochen. Man sollte endlich diese Haltung des Sadhu achten!
Die
Erscheinungsjahre der indischen Ausgaben mit Angabe der Seitenzahl:
I. 1957. 1962.
1965 (56 Seiten);
II. 1968 (37
Seiten);
III. 1968 (58
Seiten);
IV. 1967 (51
Seiten);
V. 1967 (56
Seiten);
VI. 1964. 1965.
1967 (77 Seiten).
4. SCHRIFTTUM
ÜBER SADHU SUNDAR
SINGH
In den ersten
Jahren seines öffentlichen Wirkens hatte Sundar Singh wiederholt wunderbare
Erlebnisse erzählt, die von eifrigen Freunden zu Papier gebracht und
veröffentlicht wurden. Sie dienten der Wundersucht, die in vielen Menschen
lebt. Angesichts dieser Geschichten, die im Traktätchen-Stil verbreitet wurden
und eine große gläubige Leserschaft fanden, erhob abendländische Wissenschaft
die Stimme ihrer Kritik. Ihr Wortführer war Oskar Pfister in Zürich. Gegen
seine Beschuldigungen fand der Sadhu einen mächtigen Verteidiger in Friedrich
Heiler in Marburg. Später untersuchte Paul Gaebler die historischen Fragen
gründlich und fand in den Aussagen des Sadhu Widersprüche. Zum letzten hat
Appasamy (indischer Bischof im Ruhestande), der Sundar-Singh-Forscher,
eine umfassende historische Darstellung gegeben, die aber nur in ihrer
englischen Ausgabe zitiert werden sollte. Damit dürfte alles geschehen sein,
was historisch getan werden konnte. Das Ergebnis? Sundar Singh als Mensch der
Tropen und als Kind der indischen Religionswelt kennt unsere Frage der
historischen Genauigkeit überhaupt nicht. Auch sonst hat er wohl mehrmals nicht
unterschieden, ob er etwas im Leibe oder im Geiste erlebt hatte, d. h. ob es
sich in dieser Sinnenwelt oder aber visionär in der geistigen Welt abgespielt
hatte.
Als Sundar
Singh von den Anschuldigungen vernahm, die gegen ihn erhoben worden waren, gab
er das Erzählen jener Geschichten auf und beschränkte sich auf das
Christus-Zeugnis, das ihm aufgetragen war. Daran hat er recht getan. So hat er
von jenen Geschichten der ersten Zeit in die vorliegenden sechs Büchlein nichts
aufgenommen. Allerdings wäre es mir lieber gewesen, er hätte auch die fünfte
Schrift nicht geschrieben. Da sie nun aber einmal erschienen ist, darf sie hier
nicht fehlen. Doch sollte sie niemals als Einzelschrift herausgebracht werden.
Um Mißverständnissen zu wehren, habe ich im Anhang eine besondere Erörterung
über sie angeboten.
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Neben den
historisch-kritischen Schriften über den Sadhu stehen religionspsychologische.
Diese sind heranzuziehen, wenn man den Sadhu innerlich besser verstehen will.
Es handelt sich um Heilers Buch „Sadhu Sundar Singh / Ein Apostel des Ostens
und Westens" und um das andere Buch, das Appa-samy mit dem Oxforder
Gelehrten Canon Streeter zusammen herausgebracht hat: The Sadhu l A Study in
Mysticism and Practical Religion.
Dazu sollte auf
jeden Fall ernsthaft beachtet werden, was der schottische Missionar C. F.
Andrews aus jahrelanger Freundschaft mit dem Sadhu bezeugt und erzählt hat: Sadhu
Sundar Singh l A Personal Memoir.
Dies sind die
vorstehend genannten Bücher mit den nötigen bibliographischen Angaben:
1. Andrews, C. F.: Sadhu Sundar Singh l A
Personal Memoir. Hodder & Stoughton, London 1934 (255 S.).
2. Appasamy, A. J. (zusammen mit Canon Streeter): The
Sadhu / A Study in Mysticism and Practical Religion. Macmillan and Co., St.
Martin's Street, London 1927 (264 S.).
Deutsche
Ausgabe: „Der Sadhu / Christliche Mystik in einer indischen Seele". Verlag
Fr. A. Perthes, Stuttgart/Gotha, 1923 (9.-13. Tsd.), übersetzt von P. Baltzer
(200 S.).
3. Appasamy, A. J.: Sundar Singh l A Biography. Lutterworth
Press, London 1958 (248 S.).
Indische
Ausgabe: Sundar Singh l A Biography. The Christian Litera-ture Society,
Madras 1966 (248 S.).
4. Gaebler,
Paul: Sadhu Sundar Singh / Eine historisch-kritische Untersuchung. Verlag der
Ev. luth. Mission, Leipzig 1937 (284 S.).
5. Heiler,
Friedrich: Sadhu Sundar Singh / Ein Apostel des Ostens und Westens. Band 7 der
Reihe „Aus der Welt christlicher Frömmigkeit". Verlag Ernst Reinhardt,
München 1925 (vierte erweiterte und verbesserte Auflage, 292 S.).
6. Heiler,
Friedrich: Apostel oder Betrüger? / Dokumente zum Sadhu-Streit. Verlag Ernst
Reinhardt, München 1925 (191 S.).
7. Heiler,
Friedrich: Die Wahrheit Sundar Singhs / Neue Dokumente zum Sadhustreit. Verlag
Ernst Reinhardt, München 1927 (299 S.).
8. Pfister,
Oskar: Die Legende Sundar Singhs. Verlag Paul Haupt, Bern und Leipzig 1926 (327
S.).
5. ZUKÜNFTIGE
AUFGABEN
In unserer Zeit
hat man sich im Westen endlich für den Beitrag der Christen der asiatischen
Völker zur Theologie, zur geistlichen Erkenntnis sowie zur Christus-Nachfolge
geöffnet. Man versteht wieder, daß es in der Christus-Nachfolge auch Mönchtum
geben kann. So wird man wohl endlich den Schriften des Sadhu die
Aufmerksamkeit schenken, die ihnen gebührt.
Für eine genauere Erforschung wäre es aber gut, wenn wir
eine Ausgabe seiner Schriften in englischem Wortlaut bekämen. Solcher Ausgabe
wären außer den Anmerkungen unserer vorliegenden Ausgabe noch weitere anzufügen:
(i) es wären alle Bibelstellen, auf die der Sadhu nur anspielt, zu
35°
nennen; (2) es
wären alle religionspsychologischen Bezüge zu vermerken, die den Zusammenhang
mit dem indischen Erbe und der christlichen Mystik erkennen lassen.
Sundar Singh ist kein theologischer Lehrer. Er ist vielmehr ein originaler Christ, in
dem nun beides eine merkwürdige Verbindung miteinander eingegangen ist: das
indische Erbe (the Spiritual heritage of India) und die biblische
Offenbarung. So wird dem Leser bald deutlich: Von der Kirche ist bei S nichts
zu finden. Hier liegt seine Grenze. Dagegen ist die Gabe der innerlichen
(visionären) Geistesschau stark ausgeprägt. Diese Dinge bedürfen der näheren
Untersuchung. Dabei wird die theologische Forschung mit der Parapsychologie
sowie mit der Tiefenpsychologie zusammenarbeiten müssen.
Außerdem sollte
der Wortschatz des Sadhu untersucht werden. Solch ein Wörterbuch müßte die
bezeichnenden Wörter und Wendungen aber im Widerspiel mit der Sprache des
(modernen) Hinduismus darstellen. Es würde sich um Wörter handeln wie: beten -
in Christo bleiben - der Lebendige Christus - Erfahrung - Freude - Friede —
Gegenwart des Herrn - Geist — Christus in uns — Kreuz — Leben — Leiden — Licht
— Liebe — Segen — Wahrheit — Welt - Wirklichkeit. x
Dazu käme noch
eine Untersuchung über meditation (von mir zum Teil als Innerung, zum
Teil als Betrachtung verdeutscht). Schließlich wäre auch die
Bildersprache gesondert zu untersuchen.
Hinweise zu
diesen Aufgaben finden sich in den zum Eingang der „Erläuterungen"
aufgezählten Anmerkungen.
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