Robert James Lees
Reise in die Unsterblichkeit
Band 2
Das Elysische Leben
Zum
rechten verstehen
Der
erste Band der „Reise in die Unsterblichkeit“ hat eine über
Erwarten starke Anteilnahme gefunden. Viele Leser-Briefe haben mir gezeigt, wie
groß das Interesse an einer Jenseitsschilderung ist, die sich
souverän über den Bereich der Irrtümer und Theorien erhebt und
aus wirklich ungetrübten Quellen stammt.
Der
nun vorliegende Doppelband mit dem zweiten und dritten Teil, den Robert James
Lees niederschrieb, vertieft und vollendet die klassische Trilogie, die uns das
wohl größte Medium unserer Zeit als dienendes Werkzeug der
eigentlichen, geistigen Autoren übermittelt hat.
Seine
Leistungen sind in der Tat so ungewöhnlich, daß es gewiß
verzeihlich ist, wenn noch immer einige Leser von Zweifeln über die
Herkunft der Kundgebungen geplagt sind. Diese Leser seien noch einmal auf die
dem ersten Bande vorangestellte Lebensschilderung Lees‘ hingewiesen, ganz
besonders aber auf seine eigenen Vorworte zum II. und III. Band, deren
Schlichtheit und Klarheit für sich selber spricht.
Das
Verständnis dieser Voraussetzungen erscheint mir unerläßlich
angesichts der Höhen, in die uns die beiden letzten Bände führen
werden. Sie reichen über die „Himmelsbrücke“ hinaus bis
in die Vorbezirke des ersten Himmels. Wann ist in den letzten Jahrhunderten in
einem jedermann zugänglichen Buch verläßliche Kunde aus diesen
hohen Bereichen zu uns gedrungen? Fast alle Jenseits-Kundgaben, selbst von als
hochentwickelt geltenden Medien, stammen nach den uns hier gegebenen
Belehrungen gewöhnlich aus der vierten und Eingangs-Sphäre, ganz
selten aus der 5. Sphäre des Zwischenreiches.
Die
Dreiteilung der Welt und alles Lebens auf ihr, die festen Grenzen, aber auch
die Verbindungsmöglichkeiten der drei Schöpfungsbereiche miteinander,
kommen mit großer Klarheit zum Ausdruck. Und hier finden wir auch den
Schlüssel zum tieferen Sinn unseres Lebens.
Diese
drei Abschnitte sind:
I. Das irdische Dasein als sterblicher
oder Kindheits-Zustand unseres Seins. Der Erdenmensch (als “Kind“)
kann wohl Gebote und Verbote verstehen und ist für seine Handlungen,
seinen Ungehorsam verantwortlich. Die Wirkungen von Gut und Böse kann er
jedoch noch nicht immer klar erkennen.
II. Die Lehrzeit oder Jugend unseres
Daseins. Die Seele wird — je nach ihren Bedürfnissen — erzogen
und darauf vorbereitet, ihrer wahren Berufung als Kind Gottes zu folgen. In
ihrer Höherentwicklung durchschreitet die Seele die sieben Sphären
des Übergangszustandes oder Zwischenreiches, ähnlich wie ein
Schüler sieben Schulklassen absolviert. Der alle liebende gerechte Vater
belohnt seine Kinder nach ihren Werken in Erfüllung der Verheißung,
daß alle Menschen gerettet werden.
Haben
wir die sieben Sphären durchschritten, so nähern wir uns dem
III.
Abschnitt: dem Mannesalter. Nach Beendigung der Lehrzeit und Ablegung aller
Irrtümer und Schwächen tritt die Seele ihr Erbteil als Kind Gottes
an. Jetzt ist erfüllt, was Jesus Christus klar in die Worte faßte:
„Ihr müßt von neuem geboren werden!“
Dieser
Augenblick der zweiten Geburt, nicht aber die Ablegung unseres Körpers
erweist sich, wie wir belehrt werden, als die große Scheidelinie zwischen
den Welten. Schon hier auf Erden kann sie erreicht werden, wenn auch nur wenigen
Menschen dies zur Zeit gelingen mag.
In
diesem Gottesplan nimmt die Frage einer irdischen Wiedergeburt (Reinkarnation)
keinen zentralen Platz ein. Spätere Kundgaben der in den Werken
Lees‘ zu Worte kommenden hohen Geisteswesen haben mich veranlaßt,
der zweiten Auflage dieses Bandes eine Fußnote (S.82) anzufügen, die
das Reinkarnations-Phänomen ihren eigenen Worten gemäß
erläutert. Mit der Bekräftigung, daß auch hier der freie Wille
des Menschen ausschlaggebend ist, wird der Reinkarnation eine deutlich
begrenzte Rolle zugewiesen.
Die
Dinge, auf die es wirklich ankommt, werden uns dagegen klar gezeigt: die
ständige offene und allgegenwärtige Verbindung zum geistigen Reich,
die Rolle der Propheten und die überragende Aufgabe Jesu Christi selber.
Was
über das “Schlafleben“ gesagt wird, ist darüber hinaus
von unmittelbarer praktischer Bedeutung für uns, weil es uns ein
Rüstzeug für andere eigene Weiterentwicklung in die Hand gibt. R.J.Lees hat am eigenen Beispiel bewiesen, daß das
Hinüberbringen des Tiefschlaf-Gedächtnisses (nicht des
Traumgedächtnisses!) in den Wachzustand keine Unmöglichkeit ist. Es
dauerte über 15 Jahre, bis er diese ungewöhnliche Fähigkeit voll
entwickelt hatte. Dann jedoch beherrschte er sie so vollkommen, daß sie
ihm auch bei der Niederschrift des dritten Bandes: “Vor dem
Himmelstor“ wesentliche Hilfe leistete. (Siehe auch „Reise in die
Unsterblichkeit“, Bd.1. S.19). Kein Kapitel der gesamten Trilogie wurde
ohne gründliche Vorbesprechungen und eine Nachkontrolle von „beiden
Seiten“ abgeschlossen.
Das
fertige Manuskript “Vor dem Himmelstor“ wurde nach dem Tode
Lees‘ im Jahre 1931 vorgefunden und (40 Jahre nach Erscheinen des ersten
Bandes) von seiner Tochter Eva veröffentlicht. Ihr, der unermüdlichen
und selbstlosen Dienerin am Werke ihres Vaters und dem Übersetzer Peter
Andreas sei hier besonderer Dank gesagt.
Dieses
Buch in deutscher Sprache wäre nicht das, was es ist, ohne die im Laufe
der Jahre stets stärker fühlbar und schließlich zur
Gewißheit gewordene aktive geistige Mithilfe und Führung bei seiner
Übertragung und Herausgabe. Ihnen, die von höherer Warte aus
über unsere Schritte gewacht haben, sei dieser Band in tiefer Dankbarkeit
zugeeignet.
Wir
glauben und hoffen, daß von ihm ein großer Segen ausgehen wird.
Krün
(Obb.), im April 1962 — Der Herausgeber JOHN
* * *
Vorwort
Dieses
Buch ist ebensowenig ein Roman wie sein Vorläufer: der erste Band der
“Reise in die Unsterblichkeit“, auf dessen Inhalt es aufbaut. Man
möge mir erlauben, nochmals zu betonen, daß ich mich in keiner Weise
als sein Autor betrachte.
Diese
Versicherung, die ich auf richtig und in Ehrfurcht vor Gott abgebe, mag vielen
meiner Leser immer noch als unfaßbar erscheinen. Wir leben in einem
Zeitalter der technischen Wunder, sie sind Gegenwart für uns. Das jedoch,
was uns die Heilige Schrift berichtet, ist uns zur Glaubenslegende geworden.
Wir sind in Gefahr, zu vergessen, daß Gott unwandelbar ist. Doch er ist
noch derselbe Gott, dessen Engel einst von Abraham empfangen wurden. Seine
Boten wirken heute wie ehedem.
Ich
entstamme mütterlicherseits einem Geschlecht, dem durch Generationen
prophetische Gaben geschenkt waren — sie wurden mir mit in die Wiege
gelegt. Trotzdem verbrachte ich viele Jahre des Zweifelns und Suchens, bis ich
von denen, die mich — lange ohne mein Wissen — führten,
unanfechtbare Beweise ihrer Eigenschaft als Boten aus dem reingeistigen Reich
erhielt. Dann aber wurde meine Verbindung zu ihnen von Jahr zu Jahr inniger,
die Beweise ihrer Treue und übermenschlichen Fähigkeiten immer
zahlreicher. Schließlich gelang es ihnen, in meiner Gegenwart feste
körperliche Form anzunehmen, so daß ich sie berühren und mit
ihnen sprechen konnte. Unser Verhältnis ist jetzt schon seit Jahren so
vollkommen und natürlich, daß sie meine Bücher lesen und stundenlang
bei vollem Tageslicht in meinem Arbeitszimmer bleiben können.
So
manchem meiner Leser wird diese Behauptung ungeheuerlich erscheinen, und er
mag, bestürzt oder bekümmert, versucht sein, das Buch aus der Hand zu
legen. Ich weiß sehr wohl um die Ungewöhnlichkeit meiner Botschaft.
Aber sie scheint nur deshalb unglaublich, weil der Menschheit die
Beweismöglichkeiten für diesen äußerst wichtigen Teil des
göttlichen Wirkens entglitten sind. Ich lege Zeugnis von seinem Fortbestehen
ab, ruhig, ehrfürchtig und dankbar in der Gegenwart des Gottes, dessen
Engel mit Jakob kämpften, Daniel halfen, Petrus aus dem Gefängnis
befreiten und den Stein vom Grabe des Sohnes fortrollten. Er ist immer noch
derselbe Gott!
Vor
6 Jahren erschien der erste Band, den ich für meine Freunde niederschrieb.
Niemals war sich ein Schreiber mehr darüber im Klaren, daß sein Werk
unendlich weit hinter dem Ideal zurückblieb. Schon die Übersetzung in
eine fremde Sprache ist ein schwieriges Unterfangen. Um wieviel schwerer
mußte es sein, die reine Geistigkeit des jenseitigen Lebens in die grobe,
unmusikalische Sprache unserer Erde zu übertragen!
Dennoch
war die Ernte unseres Mühens über alles Erwarten reich, so daß
Aphraar schließlich einwilligte, einen zweiten Band zu beginnen. Ihn lege
ich nun vor, in demütiger Dankbarkeit dafür, daß ich ihn
mitschaffen durfte und in der Hoffnung, daß er durch den Segen Gottes
vielen Lesern helfen möge, den Weg heimwärts leichter zu finden.
Robert James Lees
* * *
Als
ich meine erste Botschaft zur Erde sandte, war ich mir sehr wohl darüber
im Klaren daß sie auf heftiges Vorurteil, glatten Unglauben und hier und
dort auf frommes Entsetzen stoßen mußte. Die weitaus
überwiegende Zustimmung meiner Leser aber hat mich reichlich dafür
entschädigt, und hunderte von Briefen an den, der die Feder für mich
führte, haben mich veranlaßt, mein Versprechen einzuhalten und
meinen Bericht fortzusetzen.
Ich
weiß, wovon ich spreche. Ich kenne die Schwächen und auch die
Sehnsüchte der Menschen, die zu glauben und zu wissen meinen, was die
Wahrheit ist. Deshalb will ich nochmals betonen, daß dieses Buch keine
spekulative Philosophie über das Jenseits darstellt, sondern die
Wirklichkeit beschreibt, wie ich sie vorgefunden habe.
So
bitte ich dich, lieber Leser, mir zuzuhören, bevor du mich in deiner
Ungläubigkeit als einen gotteslästernden Betrüger bezeichnest.
Bist du wirklich in der Lage, ein Urteil zu fällen, kennst du alte Wege
Gottes, der du den Jordan noch nicht überschritten hast? Darum, und um
deiner selbst willen, höre, und fälle dein Urteil nach dem Wort:
„An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!“
Bevor
ich den Faden meiner Erzählung wieder aufgreife, laßt mich noch
einmal hervorheben, daß jede Seele beim Ablegen des Körpers und
Hinübergehen ins Jenseits individuell behandelt wird. Jeder geht an einen
seinem Geisteszustand angemessenen Ort. Der körperliche Tod bewirkt keine
Wunder, — so, wie der Mensch die Erde verläßt, so tritt er
auch in den geistigen Lebensbereich ein, oder sollte ich genauer sagen: so
setzt er sein geistiges Dasein auf der nächsten Ebene fort. Dabei tritt er
die Ernte dessen an, was er auf Erden selber säte. Allein seine Werke auf
Erden bestimmen den Zustand seiner Seele.
Bei
meiner ersten Reise durch das Land der Unsterblichkeit war ich von CUSHNA,
MYHANENE* und anderen liebevoll betreut und gelenkt worden. Die
Überraschungen und Offenbarungen, die sie mir bereiteten, lenkten mich
bewußt von dem einen Wunsch ab, der mein Innerstes beseelte, —
meine Mutter zu finden. Ich hatte ihre Liebe auf Erden fast mein ganzes Leben
lang entbehren müssen. Hätte ich gewußt, wo sie im Jenseits zu
finden sei, ich wäre zu ihr gestürzt, koste es was es wolle.
*) Die Namen der geistigen Lehrer
sind durch große Buchstaben hervorgehoben, D.H.
Gott
aber handelt niemals zu spät, wenn wir uns nur in Geduld seinem Willen
unterordnen. Und bald erkannte ich klar, daß SEIN Weg der richtige war.
Zu planen, was man im Himmel tun möchte, ist tausendmal sinnloser, als
wenn ein Kind sich damit brüstet, was es als Mann vollbringen werde. Das
Leben im Elysium ist so gedrängt voll von überwältigenden
Erlebnissen, so wundersam süß und vielfältig, daß vor ihm
auch die reinsten irdischen Vorstellungen verblassen müssen.
Mit
Hilfe meiner Freunde und vielleicht ohne, daß es mir selber bewußt
wurde, hatte ich mich der sanften Hand Gottes überlassen. Und während
ich lernte und ständig neue Eindrücke empfing, wurde ich unmerklich
auf den großen Augenblick vorbereitet, in dem ich meine Mutter
wiederfinden sollte.
Erkannte
ich sie, als dieser Augenblick gekommen war? Die Frage, ob wir unsere Lieben im
Jenseits wiedertreffen und -erkennen, bewegt die Gemüter der Menschen
immer wieder. Ich glaube, ich kann sie besonders gut beantworten, denn bei mir,
der ich meine Mutter im allerfrühesten Kindesalter verloren hatte,
müßte doch das Erkennen besonders schwierig, ja nach irdischen
Begriffen kaum möglich gewesen sein. Erkannte ich sie also?
Ja
— ohne den leisesten Zweifel! Ich wußte sogar, daß sie es
war, noch bevor der Vorhang, vor den mich MYHANENE geführt hatte,
zurückgezogen wurde. Wie das möglich war, ob durch die
Anziehungskraft der Liebe oder eine andere, über die Sinne hinausreichende
geistige Fähigkeit, kann ich nicht sagen.
Der
Vorhang wich und wir lagen einander in den Armen. So augenblicklich war dieser
Impuls, daß ich, meinen Kopf an ihre Schulter pressend, kaum einen
flüchtigen Blick auf ihr Antlitz geworfen hatte.
So
hielten wir uns lange, schweigend und glücklich umschlungen.
Schließlich richtete ich mich auf und nahm ihren Kopf zwischen meine
Hände, um zum ersten Mal in ihre Augen zu blicken. Zum ersten Mal, sage
ich?
So
meinte ich jedenfalls, bis unsere Augen sich trafen. Im gleichen Augenblick
überrollte mich eine Flutwelle der Erinnerung.
„Vaone“,
stieß ich hervor.
„Aphraar“,
flüsterte sie.
Sei
nicht bekümmert, liebe Seele, wenn das Kind, das du verlorst, zur
blühenden Vollkommenheit herangewachsen ist, wenn du die Schwelle zum
nächsten Leben überschreitest. Es wird dir nicht entfremdet sein. Als
ich in die Augen meiner Mutter sah, wußte ich plötzlich, daß
ich sie in all den Jahren meines Sehnens nicht entbehrt hatte. Die meisten
Stunden meines Schlafes hatte ich mit ihr verbracht, in jenem Grenzbezirk
zwischen der materiellen und der geistigen Welt, den Gott in seiner Gnade
für den Trost einsamer Seelen eingerichtet hat. Als Vaone war sie mir in
all diesen Stunden bekannt und eng vertraut gewesen.
Die
Naturwissenschaft hat längst entdeckt und bewiesen, daß die Materie
unzerstörbar ist. Wo sind die Verkünder der geistigen Wissenschaft,
die die logische Folgerung daraus zu ziehen wissen? Daß nämlich,
wenn das Instrument unzerstörbar ist, auch der es führende Geist
mindestens ebenso unzerstörbar sein muß? Der Mittag kann niemals zur
Mitternacht werden. Ist es bei uns Mitternacht, dann steht der Mittag, als
solcher unverändert, in Opposition auf der Gegenseite.
So
ist das Leben immer der Gegenpol des Todes. Es kann nicht untergehen.
Unsere
Liebe zu denen, die uns verlassen haben, ist gleich der Pflanze, die aus
verborgenem Dunkel dem Licht entgegenwächst. Beide müssen nach
göttlichem Gesetz ihr Ziel erreichen.
Die
Seele ist im Besitz unendlicher Geheimnisse, die sie den Menschen
zuflüstern würde, wären nur die Pforten der Erinnerung breit
genug, ihre Stimme durchzulassen. Der Mensch hat diese Pforten selbst
errichtet, hat das Nadelohr seiner Systeme aufgestellt. Wenn Gottes Wahrheit zu
groß ist, als daß sie durch dieses Ohr gelangen könnte, was
wird dann getan? Gewöhnlich wird die Wahrheit verkleinert!
Aber
der Baum des Lebens sendet seine Zweige durch die Risse der baufälligen
Mauer, die ihn verbirgt. Die Liebe muß und wird einen Weg finden, der
Erde die Wahrheit über das Jenseits zu bringen. Der Schlaf ist die
Brücke dafür. Ich weiß, daß einige meiner Kritiker fragen
werden, „Wenn das so ist, warum ist es der Menschheit dann nicht schon
längst klar vor Augen geführt worden?“
Ich
kann ihnen nur antworten, daß die Heilige Schrift eine Fülle von
Hinweisen darauf enthält. Alle großen Gaben Gottes — auch die noch
unentdeckten Früchte der Wissenschaft — liegen am Pfade der
Entwicklung für jeden zugänglich, der ihn gehen will. Gott wirft
seine Schätze nicht den Untätigen in den Schoß. Nur wer sucht,
der findet. Unwissender Dünkel bedeutet Stillstand, ja Rückschritt.
Aber
zurück zu meiner Mutter. Ich hatte sie im Augenblick des Erkennens bei dem
Namen genannt, der mir aus unseren vielen Begegnungen im Grenzbezirk des
Schlaflebens geläufig war: VAONE. Mit allen anderen irdischen Merkmalen
war auch das Wort “Mutter“, das innigste von allen, in die
Vergangenheit gesunken. Im Reich der Unsterblichkeit hat das Verhältnis
Mutter-Kind keine Berechtigung mehr.
Diese
Behauptung mag auf den ersten Blick vor den Kopf stoßen. Aber laßt
uns sehen, was sie bedeutet, und wir werden finden, daß wir für das
Aufgeben einer uns liebgewordenen, aber dennoch unwirklichen Vorstellung mit
einer viel schöneren Wahrheit belohnt werden.
Paulus,
der Lehre Christi folgend, hat uns das Gesetz erklärt, daß Fleisch
und Blut nicht das Erbe des Königreichs antreten können. Wenn dem so
ist, dann folgt daraus, daß die für die irdische Existenz geltenden
Unterscheidungen aus dem Bereich des Geistigen ausgeschlossen sind, damit die
göttlichen Kräfte ungestört wirken können.
Die
Vorstellung, daß eine Familie im Himmel wiedervereinigt wird, ist eine
seit Jahrtausenden von Kulturen in Ost und West gepflegte Überlieferung.
Aber schon die Tatsache, daß ein Mensch durch Heirat in einen zweiten
Familienkreis eintritt, weist auf die Unmöglichkeit hin, dieses Ideal zu
verwirklichen. Darüber hinaus aber gibt es andere Kräfte, die noch
weit stärker auseinanderstreben: Fragen des Geschmacks, der Moral, der
geistigen Eigenart, ja alle Aspekte der Zivilisation überhaupt. Auf allen
diesen Gebieten bilden sich Gruppen gleichen Interesses, die oft einen weit
stärkeren Einfluß auf den Menschen ausüben, als seine
Blutsbande. Und wenn es darum geht, daß wir im Erdenleben vorankommen,
sind wir, und mit uns unsere Angehörigen, fast immer bereit, die Trennung
von Eltern und Geschwistern als unvermeidlich und selbstverständlich
anzusehen.
Muß
diese Regel nicht noch viel mehr für ein höheres Leben gelten? Die
geistige Beziehung von Seele zu Seele wirkt weit stärker als jede
Blutsverwandtschaft. Im Jenseits ist Gott unser aller Vater, und alle Rassen
sind gleichermaßen seine Söhne und Töchter. Im Vergleich zu
seiner Vaterschaft tritt jeder andere Anspruch zurück. Ewige Gesetze heben
irdische auf, und wenn Gott uns auf Erden Verantwortung für eines seiner
Kinder gab, so dürfen wir nicht glauben, auf die Treue seiner Seele mehr
Anspruch zu haben als Gott. Blutsverwandtschaften verlieren, zusammen mit allen
anderen Eigenschaften des Fleisches, ihre Bedeutung in der Todesstunde. Jede
Liebe und geistige Verwandtschaft aber bleibt erhalten, ja jedes Korn der
Erinnerung an das, was uns verband. Nicht als Mutter und Kind — eine
solche Beziehung würde uns zu weit von einander entfernt halten —
sondern in der heiligeren Gemeinschaft von Seele zu Seele, die niemals gebrochen
werden kann. Gott bindet jede wahre Liebe.
Der
Gedanke eines für immer vereinten Familienkreises im Jenseits ist dadurch
entstanden, daß die Menschen versuchen, irdische Gegebenheiten als Regel
und Gesetz des Himmels anzusehen. Die Elternliebe hat auf Erden eine notwendige
Aufgabe zu erfüllen, im geistigen Bereich aber gibt es nur die
allumfassende Vaterschaft Gottes. Wir verlieren nichts dabei als ein
äußerliches und nicht selten sogar oberflächliches und
entfremdetes Verhältnis.
Das
Band zwischen Vaone und mir ist viel enger als das zwischen Mutter und Sohn.
Wir werden niemals vergessen, was wir füreinander waren, aber die
physische Schranke ist geschwunden, und unsere Liebe ist größer und
stärker, als ich es jemals ahnte. Ich bin zwar um eine Illusion
ärmer, aber ich durfte auch entdecken, daß die Wirklichkeit, die
„Gott denen bereitet, die ihn lieben“, unendlich größer
ist als diese Illusion.
* * *
Habe
ich euch enttäuscht und entmutigt, wenn ich versuchte, ein euch so
vertraut gewesenes Idol zu zerstören? Wenn dem so ist versucht es für
den Augenblick hinzunehmen, so gut es geht. Ich weiß sehr wohl, wie das
Herz beim Gedanken an solche Dinge zurückschreckt. Aber der Chirurg, der
sein Messer tief führt, ist deshalb noch nicht der Feind unseres Wohlbefindens,
sondern eher der wahre — wenn auch schmerzhafte — Freund. Alles,
was der geistigen Wahrheit entgegensteht, muß erst entfernt werden, bevor
wir die inneren Räume im Hause unseres Vaters betreten dürfen.
Wenn
du, mein lieber Leser, unsere Botschaft nicht annehmen kannst, so werden wir
dem Beispiel Jesu Christi folgen und — uns abwenden. Eines Tages wirst du
die Wahrheit kennen. Und wenn du unsere Botschaft zurückgewiesen hattest
wirst du bedauern, dich der Möglichkeit schnelleren geistigen Fortschrittes
verschlossen zu haben. Ich spreche nicht von “Strafe“ — Gott
ist nicht rachsüchtig! Möge dir dieses Bewußtsein die
Enttäuschung mildem, die ich dir vielleicht bereiten mußte.
Aber
zurück zu meinen Erlebnissen. Hatte ich mit dem Wort “Mutter“
etwas verloren? Gewiß — den Schatten vom Sonnenschein, die Spreu
vom Weizen, den Dom von der Rose, die Ungewißheit, ob mein Glück
vollkommen oder nur Stückwerk sei. Als ich die Erschütterung
überwunden hatte, wußte ich, daß ich einen „neuen
Himmel, in dem Gerechtigkeit herrscht“ gefunden hatte. Einen Himmel, der
frei von allen kleinen menschlichen Maßstäben ist. Ich stand an der
Schwelle der Ewigkeit.
MYHANENE
hatte mir Ehrfurcht eingeflößt. In seiner Gegenwart schien alles von
Leben und Liebe durchpulst; doch zugleich wußte ich, daß er Dinge
sah, Inspirationen erhielt und Meditationen führte, die für mich noch
unerreichbar waren. Bei Vaone war all‘ das anders. An ihrer Seite
saß ich völlig der süßen Ruhe hingegeben. Die Landschaft
vor unseren Augen war von unbeschreiblicher Lieblichkeit. Mein
“Ich“ und die Außenwelt schienen zum erstemal in vollkommenem
Gleichklang zu stehen. Ich sage absichtlich nicht Harmonie — es war ein
absoluter Gleichklang!
Auf
Erden ist auch die tiefste und köstlichste Ruhe niemals ganz vollkommen.
Es bleibt immer ein nicht erreichbares Etwas, dem wir nachträumen. Dieses
Etwas war jetzt erfüllt, ja man könnte fast sagen, daß Ruhe und
Frieden hier fast zu vollkommen waren; sie mochten die Gefahr der Trägheit
mit sich bringen, wenn man sich ihr nicht widersetzte.
Man
wird vielleicht fragen, wie weit ein solches Land von der Erde entfernt ist.
Laßt mich soviel sagen: in den Dingen, von denen ich spreche, gibt es nah
und fern nicht im geographischen Sinn, sondern nur in der Form des Zustandes.
Geistig gesprochen, bin ich nur zwei Stufen von der Erde entfernt. Die
dazwischenliegende werde ich bald noch näher erwähnen.
Deshalb
berichte ich hier nicht von Dingen, die für den Menschen schwer erreichbar
wären. Das wäre nicht ehrlich gegenüber den vielen, die auf
ihrem Lebenswege behindert oder falsch gelenkt worden sind. Mein jetziger
Zustand kann leicht von allen erreicht werden, die die Goldene Regel annehmen
und ihr Bestes tun, sie zu verwirklichen. Über meine Sphäre hinaus
gibt es andere von unbeschreiblichem Glanze, die von jenen betreten werden
können, die dem Leben Christi so folgen, daß sie dessen würdig
sind.
Aber
von diesen höheren Stufen spreche ich an dieser Stelle absichtlich nicht.
Die meisten Menschen verwenden keine ernsten Gedanken auf das, was nach ihrem
Erdenleben kommt. Aber ich glaube, ihr Interesse schlummert nur. Ich
möchte es wachrufen, nicht durch die Schilderung scheinbar
“unerreichbarer“ Dinge, sondern meiner eigenen Erfahrungen.
Eine
seltsame Vision hatte mich überkommen, als ich mit Vaone auf dem Dach
unseres Hauses stand, dem friedvollen Anblick des in süßeste Ruhe
eingebetteten Tales hingegeben. Plötzlich schien sich die Atmosphäre
zu ändern. Jeder Punkt der Landschaft blieb klar erkennbar, aber das ganze
Panorama begann, in seltsamer Form Leben zu gewinnen. Vaone sah es und mahnte
mich mit einem Druck ihrer Hand, ruhig zu bleiben.
Wer
beschreibt meine Verwunderung, als plötzlich wohlbekannte Gesichter unter
den Bäumen, entlang des Flüßchens, ja überall um mich
herum sichtbar wurden! Die Umrisse einer düsteren, dürftig
eingerichteten Missionshalle gewannen Gestalt und vermischten sich mit der
Erscheinung des Tales. Wie scheinbar widerspruchsvoll und doch harmonisch war
dieser Anblick! Nur zu gut erinnerte ich mich an das kleine Zion im Londoner Eastend, mit dessen ärmlicher Gemeinde ich manche
Stunde verbracht hatte. Welch eine magische Verwandlung hatte es erlebt!
Schließlich
erklang der Missionschoral. Ich glaube, daß mich Musik niemals im Leben
so stark berührt hat wie in diesem Augenblick. Und weiß Gott, ich
hätte gerne wieder mein irdisches Kreuz auf mich genommen, wenn ich damit
diesen unglücklichen Menschen ihre Bürde hätte tragen helfen
können. Doch eine sanfte Stimme flüsterte aus der Stille meines
Innern: „Sie werden mein sein an dem Tag, da ich meine Juwelen
einsammle“; und in der Zuversicht dieses Versprechens entschwand die
Vision.
Ihre
Bedeutung konnte mir nicht verborgen bleiben; sie hat viel mit der Aufgabe zu
tun, die noch vor mir liegt. Ich war also doch nicht so weit entfernt von
meinen früheren Freunden und die Erscheinung war gleich einer
inständigen Bitte, in meiner neuen und glücklicheren Umgebung nicht
vergessen zu werden. Dies gab mir neuen Auftrieb, das Werk, das, ich mir
vorgenommen, mit aller Kraft anzupacken.
„Ich
wünschte, ich hätte viel, viel mehr für jene armen Menschen
getan“, wandte ich mich schließlich zu Vaone.
„Aber
hast du nicht getan, was du konntest? Wie wenig das auch gewesen sein mag, es
war für Gott getan!‘
„Was
ich tat, geschah weder im Namen Jesu noch im Namen Gottes. Ich habe dabei an
keinen von beiden gedacht, sondern nur an die Menschen. Nein, Vaone, buche mir
keine Beweggründe auf mein Konto, die mir niemals in den Sinn
kamen!“
“So
ihr es für den geringsten meiner Brüder tatet, so tatet ihr es
für mich! Ist das nicht genug?“ Ein zuversichtlicher Schimmer in
ihrem liebevollen Blick begann, in mir ein Licht neuer Offenbarung
anzuzünden.
„Kann
Gott ein so unbedeutendes Werk so großzügig auslegen?“
Er
tut es. Glaubst du, du könntest seine Güte mit irdischen
Maßstäben messen? Höre, Aphraar, und laß meine Worte
durch deine Erfahrung bestätigt werden: die trügerischen und falschen
Vorstellungen über Gott und die Unsterblichkeit sind alle auf ins
Gegenteil verkehrte Ausgangspositionen gegründet. Der Mensch gründet
seine Vorstellungen auf sich selbst, statt erst etwas von Gott zu erkennen und
danach seine Umwelt zu beurteilen. Hier aber herrscht Gott allein. Sein Gesetz
ist vollkommen, seine Gerechtigkeit ist allumfassend. Rechtschaffenheit ist
natürlich und Irrtum kann nur durch bewußte Absicht entstehen.
Verstehst du das?“
„Ich
glaube, nein.“
„Vielleicht
nicht. Du trägst noch zu viele Erdeneinflüsse mit dir, und wenn du
manches nicht verstehst, liegt es wohl daran, daß du die Dinge in deine
Denkweise nicht richtig überträgst.“
„Ah“,
rief ich, „erzähl‘ mir mehr darüber. Wie wenig weiß
ich bisher. Warum erwachte ich mit dem kleinen Jungen nach unserem
“Tode“ auf einem Wiesenhang, ohne daß uns jemand sofort
beistand? Warum hatte man uns nicht in eines jener Ruheheime getragen, damit
wir schlafen konnten, bis all diese irdischen Einflüsse gebrochen
waren?“
„Lieber
Aphraar, es gibt unendlich viele Wege, auf denen sich die Entkörperung
vollziehen kann: Sie alle sind vollkommen, natürlich und ganz den
jeweiligen Umständen angepaßt. Der Ruheschlaf kann drei Gründe
haben: vorangegangene längere Krankheit, die eine Art Erschöpfung der
Seele verursacht; einen starken Lebenswillen, der zeitweilig so etwas wie eine
Hysterie verursacht, oder schließlich den unbeherrschten Kummer von
Hinterbliebenen, der, wie du selbst gesehen hast, die Neuankömmlinge zur
Erde zurückzieht.
„In
allen solchen Fällen wird für eine Periode des Schlafes gesorgt,
während derer die Seele sich langsam umstellt. Aber bei dir bestand keine
dieser Ursachen. Du kamst infolge eines Unfalls — wie man auf der Erde
sagen würde —‚ warst durchaus gesund, und, was sich noch mehr
zu deinen Gunsten auswirkte, hattest keinen sehr starken Wunsch, im fleischlichen
Körper weiterzuleben.
„Dein
einer großer Wunschgegenstand“, und dabei sah Vaone liebend in
meine Augen, „war schon hier. Die Loslösung vom Körper traf
also kaum auf seelischen Widerstand, und es gab keinen Grund, mehr als die
kurze Pause am Wiesenhang vorzusehen. Und was später geschah —
hätte es besser für dich vorgesehen sein können?“
„Gewiß
nicht! Es ist die geradezu entwaffnende Vollkommenheit die mich verwirrt. Es
ist zu gut! Ich bin dessen nicht würdig, und aus diesem Grunde begreife
ich es nicht.“
„Ich
glaube, ich muß dich wieder aus einer Sackgasse hinausführen“,
antwortete sie sanft. Vielleicht ist es zu gut, aber weil es von Gott ist,
muß es notwendigerweise so sein. Erinnere dich an das Gleichnis vom
verlorenen Sohn! Er wäre zufrieden gewesen, die Stelle eines Knechtes
anzunehmen, aber der Vater sagte, ‚bringt her die schönste Kleidung,
tut einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße‘. In
deinem früheren Leben konntest du alle Gedanken an Gott ausschalten. Hier
aber kannst du nur mit IHM leben und lernst IHN so kennen, wie er wirklich
ist.“
Meine
Gedanken nahmen eine andere Richtung. „Würdest du mir etwas
über dich selbst erzählen?“, fragte ich zögernd.
„Mein Vater — siehst du ihn jemals?“ Kaum hatte ich die Frage
ausgesprochen, begann ich sie auch schon zu bereuen. Vaone aber las meine
Gedanken sofort. Ihr Gesicht verdüsterte sich nicht, es wurde eher
weicher, als ihr Lächeln einem ruhigen Ausdruck wich.
„Warum
möchtest du deine Frage zurücknehmen?“
„Ich
weiß nicht — — — vielleicht weil ich kein Recht habe, sie
zu stellen.“
„Du
hast jedes Recht dazu, nach einer Beziehung zu fragen, aus der du entstanden
bist. Ich sah deinen Vater einmal, im Grenzbereich des Schlafes. Er erkannte
mich nicht, so daß wir nicht miteinander sprachen. Es war besser so, denn
unsere Verbindung war nichts mehr als eine kühle Freundschaft gewesen.
„Unsere
Heirat war eine Zwecküberlegung, die meinen Vater vor einigen finanziellen
Unannehmlichkeiten bewahrte — ein Umstand, den man mich nie vergessen
ließ. Als deine Schwester geboren war, wurde sie meiner Obhut sofort
entzogen.
Dann
kamst du, und ich hatte kaum Zeit, dich zu küssen, bevor all meine Plage
endete.“
„Und
deine eigene Familie?“
„Bei
ihr war mein Glück nicht viel besser. Meine Mutter hatte eine tiefe
Abneigung gegen Kinder und ließ mich spüren, daß ich für
sie ein Eindringling war. Sie starb schon während meiner Kindheit, und
meine Erinnerung an sie ist mehr von Furcht als von Liebe bestimmt. Deshalb
habe ich keine Anstrengungen gemacht, sie zu finden, seit ich selber hier bin.
Ich könnte das leicht, aber wo Liebe und Mitgefühl fehlen, ist es
besser, zu warten, bis unsere Entwicklung auch diese Schwierigkeiten
überwindet. Dann werden wir von selbst zusammengeführt werden.“
„So
bist du hier ganz allein gewesen?“
Ein
fröhliches Lachen war Vaones Antwort. „Einsamkeit im Paradies,
Aphraar, wäre so unmöglich wie der Tag ohne Licht. Sieh nur die
vielen Freunde ringsumher, die häufigen Besuche und die Ausflüge, zu
denen ich eingeladen werde. Nein, nein! Ich bin hier niemals einsam gewesen.“
Und
ernster werdend, fügte sie hinzu: „Es kommt nicht darauf an, was ich
sehe, wohin ich gehe, wovon ich spreche! Alles hier bewegt sich in harmonischen
Kreisen, die einen gemeinsamen Mittelpunkt haben — die wunderbare und
immer gegenwärtige Liebe Gottes.“
* * *
Man
möge mir die Bemerkung erlauben, daß ich den Kritikern meines ersten
Bandes für ihre verständnisvolle Haltung dankbar bin.
Schließlich trat ich ja für eine Sache ein, die bisher am meisten
durch das törichte Verhalten ihrer eigenen Anhänger und durch die
betrügerischen Praktiken mancher falscher Jünger gelitten hat.
Menschen, die den Verkehr mit dem Jenseits zur Befriedigung ihrer Neugier
suchen und ein Salonvergnügen daraus machen, verdienen die Behandlung, die
ihnen von der Presse zuteil wird.
Ich
war auf ein volles Maß bitterer Kritik gefaßt. Die Behandlung, die
ich erfuhr, überraschte und überzeugte mich, daß die
Rezensenten bereit sind, ein solches Thema unvoreingenommen auf sich wirken zu
lassen, wenn es nur mit logischer Folgerichtigkeit behandelt wird.
Einige
Kritiker und Leser, deren Briefe mir zur Kenntnis gelangten, stoßen sich
an den „materialistischen Beschreibungen“, die ich vom Leben im
Jenseits gegeben habe. Sie verweisen mich auf das, was Paulus von der
Auferstehung der Menschheit sagte: „Denn er selbst, der Herr, wird mit
einem Feldgeschrei und der Stimme des Erzengels und mit der Posaune Gottes
herniederkommen vom Himmel, und die Toten in Christo werden zuerst auferstehen.
Darnach werden wir, die wir leben und übrig bleiben, zugleich mit ihnen
entrückt werden in Wolken dem Herrn entgegen in der Luft, und werden also
bei dem Herrn sein allezeit.“ (1.Thess.4,16,17)
Ich
werde nun darauf hingewiesen, daß diese inspirierte Äußerung
von einem Himmel “in der Luft“ oder “in den Wolken“
spreche, was doch Bauten, Bäume, Flüsse und andere materielle Dinge
zu einer Unmöglichkeit mache. Nun, ich antworte darauf mit dem freien
Eingeständnis, daß ich meine Schilderungen nicht als
Bibelkommentator oder Dogmatiker gab, sondern nach eigener Beobachtung. So wie
ich es verstehe, ist der Ausspruch des Paulus von meinen Freunden in einen
nicht zulässigen Zusammenhang gebracht worden. Paulus behauptet nicht,
daß der Himmel in der Luft oder in den Wolken ist sondern daß
„der HERR vom Himmel herabsteigen“ wird, um seine Heiligen in der
Luft zu treffen. Daraus aber kann man keinerlei Schlußfolgerungen
darüber ziehen, wie Paulus‘ Vorstellung vom Himmel beschaffen war.
Auch
möchte ich meinen — auch wenn ich mich damit bei den Theologen ins
Unrecht setze — daß die Eingebung des Apostels an dieser Stelle
altes andere denn unfehlbar war, denn er spricht, zur Zeit des Herabsteigens
Gottes, von „Danach wir, die wir leben und übrig bleiben“,
damit offenbar voraussetzend, daß die Wiederkehr noch während seiner
Lebenszeit erfolgen würde. Es war und ist nicht meine Absicht, einen
Streit mit der orthodoxen Theologie zu beginnen. Immerhin aber werden mir meine
Kritiker zugestehen müssen, daß die Bibel sehr wohl Schilderungen
enthält, die meinen als “materialistisch“ bezeichneten
durchaus gleichen. Die ausführliche Beschreibung des “Himmlischen
Jerusalem“ sei als Beweis angeführt.
Und
wenn wir uns an die Worte Christi halten, ist das himmlische Jerusalem durchaus
nicht die einzige Stadt im Reich der Erlösten. In dem Gleichnis von den
zehn Geldstücken (Lukas 19,17-26) belohnt Christus treue Dienste mit der
Herrschaft über fünf oder sogar zehn Städte. Wie groß
muß dann die Zahl der Städte sein, um eine so freigiebige Belohnung
möglich zu machen!
Eine
andere kritische Frage lautet, warum denn — vorausgesetzt, daß der
menschliche Verstand auf geistiger Ebene weiterbesteht — nicht die ins
Jenseits hinübergegangenen Wissenschaftler etwas zur Aufklärung der
irdischen Wissenschaften tun, da sie doch mehr als alle anderen Geister
über die notwendigen Voraussetzungen und Methoden verfügen.
Ich
will euch sagen, warum sie sich nicht äußern, warum der Verkehr
zwischen den beiden Welten bisher so wenig befriedigend gewesen ist, warum
jene, die die Welt in Erstaunen versetzen könnten, dies bisher nicht getan
haben. Aus dem gleichen Grunde nämlich, der es verhinderte, daß
Archimedes und seine Mitarbeiter in Alexandrien nicht die Ergebnisse der
modernen Wissenschaft fanden — es fehlte ihnen an den nötigen
Instrumenten!
Gebt
den wissenschaftlichen Geistern Instrumente, durch die sie sich im geistigen
Reich verständlich machen können, und das Problem des Verkehrs
zwischen den beiden Welten wird bald gelöst sein. Selbst mit den
gegenwärtigen unzureichenden und oft zweifelhaften Mitteln ist schon viel
Nützliches geleistet worden. Aber wenn die Erde erst einmal wahrhaft
erkennt welche unerhörten Möglichkeiten auf sie warten, wird für
die geistig eingekerkerte Menschheit sehr rasch ein neues, glänzendes
Zeitalter anbrechen.
Ich
weiß nur zu wohl, daß die gegenwärtigen
Verständigungsmöglichkeiten zwischen hüben und drüben viel
zu wünschen übrig lassen. Aber ein guter Teil der Schwierigkeiten
ergibt sich aus der Vorstellung, daß wir alle hier im Jenseits unfehlbar
sind. Das ist ein grundlegender Irrtum, und er ist besonders bedauerlich, wenn
er dazu führt, daß die etwa durch Medien erhaltenen Aussagen
keineswegs allwissender Geister Wort für Wort miteinander verglichen und
dann in Bausch und Bogen verworfen werden, weil sie nicht miteinander
übereinstimmen.
Der
körperliche Tod hebt nicht das Gesetz der Evolution auf; die Seele macht
keinen plötzlichen Sprung vorwärts — sie entdeckt lediglich,
daß sie von einigen beschwerlichen Fesseln befreit ist. Sie eignet sich neue
Fähigkeiten an, die ihre bisherigen eher ergänzen, nicht aber
ersetzen. Sie hat damit gegenüber dem Zustand vor dem Tode gewonnen,
jedoch zunächst nicht mehr als einen weiteren Schritt in ihrer geistigen
Aufwärtsentwicklung.
Dieses
Gesetz des schrittweisen Vorangehens gilt überall; in den höheren
Stadien der seelischen Entwicklung eher noch unerbittlicher als in den
niederen! Die Merkmale des Schmetterlings werden schon lange vor dem
Ausschlüpfen in der Larve festgelegt. Der Tod kann ebensowenig Wunder
wirken, wie der Mensch eine Larve verändern.
Dies
sollte niemals vergessen werden. Ich glaube, die Zeit ist gekommen, die auf
beiden Seiten der Todesschranke bestehenden Schwierigkeiten so gut zu
verstehen, daß wir einen planvollen Versuch zu ihrer Überwindung
machen können. Mit ein wenig Geduld und der Erkenntnis, daß Wissen
und Intellekt nicht auf die Erdenseite beschränkt sind, müßte
sich eine wissenschaftlich verwendbare Verbindung zwischen den beiden Welten
ohne weiteres herstellen lassen. Sie würde der Erde ungeheure Vorteile
bringen!
*
Die
“Auferstehung von den Toten“ ist für die Menschheit ein
uraltes Rätsel. Wie geschieht sie, und mit welchem Körper werden wir
auferstehen?
Der
innerste Kern der christlichen Religion wird von dieser Frage angerührt,
denn wenn Jesus Christus nicht auferstanden wäre, müßte seine
ganze Lehre sinnlos gewesen sein. Trotzdem hat es die Theologie auf keinem
Gebiet ihrer Lehre so vollkommen versäumt, die geistige Bedeutung dieses
Phänomens zu begreifen. Die Priesterschaft scheint in einen Morast von
Widersprüchen gesunken zu sein, aus dem es kein Entrinnen gibt. In ihrer
Verwirrung hat sie die glänzende Krönung des Werkes Christi aus den
Augen verloren und bleibt einer geistig hungernden Menschheit die Antwort auf
eine der wichtigsten Fragen schuldig.
Ich
kann an dieser Stelle nur in Umrissen auf ein Thema eingehen, dessen
erschöpfende Behandlung einen ganzen Band für sich beanspruchen
würde. Auch ist es nicht meine Absicht, ein biblisches Streitgespräch
zu beginnen.
Soviel
kann ich jedoch kraft der biblischen Autorität Christi (Johannes 5,24-27)
sagen, daß die Wiederauferstehung ein rein natürliches und immerdar
gegenwärtiges Phänomen ist, nicht aber ein Wunder, das für uns
aus eigener Kraft nicht erreichbar ist und uns in weiter Ferne, vielleicht erst
am jüngsten Tage, zufällt: „Wer mein Wort hört und glaubet
dem der mich gesandt hat, hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern
er ist aus dem Tode in das Leben übergegangen“.
Und
an anderer Stelle (Johannes 8,51) spricht Jesus nicht nur von der direkten
Auferstehung (in das reingeistige “Reich des Lebens“), sondern
sogar von einem völligen Entrinnen vom Tode: „Wahrlich, wahrlich,
ich sage Euch, wenn Jemand mein Wort bewahren wird, so wird er den Tod nicht
sehen ewiglich.“
Jesus
bestätigt beide Aussprüche später auch gegenüber Martha
(Joh.9,23-26):
„Jesus
spricht zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen. Martha spricht zu ihm: Ich
weiß, daß er auferstehen wird in der Auferstehung am letzten Tage.
Jesus
sprach zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben, wer an mich glaubt, wird
leben, auch wenn er gestorben ist. Und jeder der da lebt und an mich glaubt,
wird nicht sterben in Ewigkeit. Glaubst du dieses?‘
Ich
lasse diese Zitate für sich selbst sprechen, sie sind die einfache,
ungeschminkte Lehre Jesu Christi in Bezug auf den Zeitpunkt der Auferstehung.
Mit welchem Körper gehen wir ins ewige Leben? Ich habe schon
angeführt, daß „Fleisch und Blut nicht das Erbe des
Königreichs antreten können“. Paulus‘ Vorstellung von der
Entkleidung und Neubekleidung der Seele während des körperlichen
Todes beschreibt diesen Vorgang nach meiner Erfahrung am besten und
kürzesten. Das körperliche Gewand wird abgeworfen, doch die Seele
behält, ihr geistiges Kleid annehmend, ihre bisherigen Eigenschaften und
erwirbt entsprechende geistige Merkmale.
Sie
ist deshalb nicht ärmer, sondern reicher als vor dem Tode. Das Maß
hängt allein von ihrer Ähnlichkeit oder Unähnlichkeit mit dem
Christus ab. Christi Erscheinen nach seiner Auferstehung ist voller
nützlicher Belehrungen für uns. Er sagte nicht mehr „Aus mir
selbst kann ich nichts tun“, sondern „Alle Macht ist mir gegeben im
Himmel und auf Erden“. Er ist derselbe Mensch und gibt sich durch viele
unfehlbare Beweise zu erkennen; aber es ist nicht derselbe Körper. Welche
Macht besaß dieser neue Körper? Er verwandelte sich, niemals bei
zwei aufeinanderfolgenden Ereignissen die gleiche Erscheinung annehmend. Maria,
die ihn so gut kannte, hielt ihn für den Gärtner, bis er ihren Namen
sprach; später erschien er in einer anderen Gestalt seinen drei
Jüngern auf dem Wege nach Emmaus. Dann erscheint er, während die
Türen geschlossen sind, in der Mitte seiner Anhänger und kehrt
später nochmals in anderer Gestalt zurück, um den ungläubigen
Thomas die Wundmale an seinen Händen fühlen zu lassen.
Dieser
auferstandene Christus ist kein geistiges Trugbild, sondern ein wesenhafter,
vergeistigter Körper. Er kann am Ufer ein Feuer entfachen, während er
auf das Fischerboot wartet, kann das Brot und den Fisch mit den Jüngern
verzehren, um sich später wieder gen Himmel zu erheben. Verhalte ich mich
unbiblisch in diesem kurzen Rückblick? Ich habe nur versucht, die klaren
Lehren und Tatsachen im Zusammenhang mit der Auferstehung des Sohnes Gottes
darzulegen. Jesus aber versicherte seinen Jüngern: „Die Werke, die
ich tue, werdet auch Ihr tun“ und durch die Jünger allen, die ihm
nachfolgen würden. Von jenseits des Grabes bewies er, für alle
sichtbar, daß alle, die ihm nachfolgen, immerwährendes Leben haben
werden und ihnen der Tod nichts anhaben kann.
Wenn
ich deshalb von einem “offenen Grabe“ und der Möglichkeit
einer ununterbrochenen Verständigung spreche, so ist das weiter nichts als
eine Bekräftigung des uns vor fast 2000 Jahren gegebenen Evangeliums.
* * *
Der Abschied eines Menschen vom Erdenleben, für seine
Gefährten auf der Erde ein kummervolles, manchmal tragisch-bitteres
Ereignis, ist oft ein Anlaß zur Freude für jene, die ihn im Jenseits
erwarten. Hat der vom Tode gezeichnete während seines Schlaflebens zu
einer Gruppe von Freunden auf unserer Seite gefunden, so bewirkt ein
göttliches Gesetz, daß seine bevorstehende Ankunft diesen Freunden
bekannt wird.
Vaone
und ich hatten uns gerade einem der häufigen Zusammentreffen
gleichgestimmter Seelen in unserem Tal angeschlossen, als sich plötzlich
die Luft noch weiter zu erwärmen schien und die Atmosphäre ein
deutlich spürbares Gefühl freudiger Erwartung mitteilte, das von
allen bemerkt und mit einem kleinen Freudenruf begrüßt wurde.
Ich
wandte mich Vaone zu: „Was ist das?“
„Wir
bekommen Zuwachs zu unserer Familie. Ich weiß noch nicht wann und wen,
aber sieh, da kommt schon Arvez, der uns die
Nachricht überbringen wird.“
Ich
kannte Arvez bereits als jenen Engel des Todes, der
in einem an der Grenze des Schlafbereiches liegenden Heim für elternlose
Kinder ein häufiger und stets freudig begrüßter Gast war.
Arvez wandte sich an mich. „Unser Neuankömmling ist dir
nicht ganz unbekannt. Erinnerst du dich an den Meinen Burschen, den ich vor
einiger Zeit herüberbrachte“
„Himpy Jack? Gewiß.“
„Und
auch an seinen Freund, der versprach, sich bis zuletzt um ihn zu
kümmern?“
„Nannten
sie ihn nicht Dandy?“
„So
ist es. Ich gehe jetzt zum Heim, um ihn herzubringen. Willst du
mitkommen?“
„Mit
großem Vergnügen“
Bald
nahmen wir unseren Abschied von der Gruppe, die, wie es hier überall der
Fall ist, mit den Umständen einer solchen Heimholung vertraut war und nun
beginnen konnte, ihre Vorbereitungen für den Empfang des Jungen zu
treffen. „Es ist zunächst nur ein vorbereitender Besuch, zu dem ich
Dandy bringe“, erklärte mir Arvez,
während wir uns auf das Heim zu bewegten.
„Ist
er krank?‘
„Ich
glaube nicht. Unsere Weisungen gehen niemals in solche Einzelheiten. Wir
erfahren sie rechtzeitig an Ort und Stelle.“
„Weiß
er, daß du ihn holen kommst?“
„Nein.
Missionen wie unsere sind dem Betroffenen nie vorher bekannt.“
„Ich
erinnere mich noch sehr gut, wie enttäuscht der kleine Dandy war, als du
seinen Freund Jack fortnehmen mußtest.“
Sein
Leben ist seitdem besonders traurig verlaufen“, antwortete Arvez. „Ich glaube, keiner der unglückseligen
kleinen Burschen würde auf Erden einen Augenblick lang vermißt
werden, wenn wir sie alle auf einmal zu uns nähmen.“
Wir
waren am Ziel angelangt. Ich ging voran, mir einen Weg durch die Kinder
bahnend, die mich eifrig begrüßten und fragten, ob ich nicht Arvez mitgebracht habe. Ich wich der Antwort aus, und meine
Augen suchten den einen, dem unser besonderes Interesse galt. Schließlich
fand ich ihn in einer Ecke.
Ich
streichelte ihn über den Kopf. „Nun, Dandy, wie ist es — hat
Jack auch sein Versprechen gehalten und besucht dich hier, wo er jetzt für
immer bei uns ist?“
Ich
erhielt als Antwort einen vorwurfsvollen Blick. Wie konnte jemand am Wort
seines besten Freundes zweifeln?
„Natürlich
kommt er, fast jede Nacht! Wenn ich doch bloß für immer bei ihm
bleiben könnte und nicht zurück müßte. Aber ich
glaub‘ nicht, daß der Engel auch mal für mich kommt.“
„Eines
Tages wird er schon kommen“, meinte ich, beinahe der Versuchung nachgebend,
ihm zu sagen, was ich wußte. „Du mußt solange tapfer
aushalten. Vielleicht kommt er eher, als du denkst.“
In
diesem Augenblick wurde der Vorhang zurückgezogen und Arvez
trat ein. Ein einstimmiger Ruf freudiger Erwartung begrüßte ihn, und
die Mehrzahl der Jungen umringte den Besucher, als ob er Geschenke auszuteilen
hätte.
Mein
kleiner Freund aber war neben mir stehen geblieben. Vielleicht war es meine
Gegenwart, vielleicht die ständige Enttäuschung seiner Hoffnungen,
die ihn zurückhielt. „Wen er wohl heute holen wird?“, meinte
er nachdenklich. „Ich habe bestimmt wieder kein Glück.“
Sachte
bahnte sich Arvez seinen Weg durch die Menge. Man
denke einmal darüber nach! Hier war ein Engel, der den Ruf des Todes
überbrachte, und jeder der kleinen Burschen um ihn war begierig, der
Auserwählte zu sein. Welch ein Gegensatz zu so manchen anderen Seelen, die
sich ein Leben lang als Christen bekennen, aber hartnäckig Widerstand
leisten, wenn der Ruf Gottes sie erreicht!
„Er
kommt zu dir“, rief mein kleiner Freund jetzt aufgeregt, als Arvez sich unserer Ecke immer mehr näherte.
Ich
antwortete nicht. Wenige Sekunden später stand Arvez
vor uns, legte dem Jungen liebevoll die Hand auf den Kopf und fragte:
„Bist du es müde, auf mich zu warten, Dandy?“
Die
Wangen des Kleinen röteten sich in einem Anflug von Hoffnung. „Aber
du bist doch nicht für mich gekommen?“
Arvez antwortete, indem er Dandy auf seine Arme hob und ihn
küßte. Das war ein Zeichen, das alle hier verstanden.
* * *
Einige
Leser meines ersten Berichtes meinten, ich habe darin den Einfluß der
Sünde zu wenig beachtet. Ich gebe zu, daß ich es absichtlich
vermied, durch breite Schilderungen des auf Sünde folgenden Leidens ein
düsteres und furchterregendes Buch zu schaffen, das einseitig ins
Fahrwasser einiger irdischer Sekten geraten wäre. Dennoch habe ich in dem
Kapitel „Ernte der Eifersucht“ sicherlich deutlich genug gemacht,
wie sich ein Mensch seine Hölle selbst zimmert.
Die
Geißel des erwachten Gewissens, die Erkenntnis dessen, was man
versäumte, die Hölle der Selbstvorwürfe ist von einer
Eindringlichkeit, wie sie unsere abgestumpften Sinne auf Erden niemals
empfinden könnten. Die Strafe entspricht in jedem Einzelfalle dem
Vergehen.
Jesus
Christus aber gab uns eine Botschaft des Trostes und der Verheißung. Mit
meisterhafter Hand zeichnete er das gesamte Gebiet von Sünde und
Erlösung in seinem Gleichnis vom verlorenen Sohn. Wir wollen es niemals
aus den Augen verlieren, wenn wir über Sünde und Sühne sprechen.
Was
ist Sünde? Ist es möglich, daß darüber ein Zweifel
bestehen kann? Dies müssen wir zunächst klären, denn es scheint
mir, daß die Menschen Unterschiede machen, je nachdem, ob die Sünde
für sie im Einzelfall Theorie oder Praxis ist. Mit anderen Worten, die
große Mehrheit der Menschen ist offenbar der Ansicht, daß man
selbst ungestraft oder mit heuchlerischen Entschuldigungen das tun dürfe,
was man bei anderen laut kritisieren müsse.
Einen solchen doppelten Maßstab kann es vor Gott nicht geben, denn er
kennt „kein Ansehen der Person“. Seine Gerechtigkeit ist eine
vollkommene, und Jesus Christus selber hat das Richtmaß verkündet:
„Womit ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden, mit demselben
Maße, mit dem ihr messet, wird euch wieder gemessen werden.“
Vor
diesem Richtmaß fällt die selbstbetrügerische doppelte
Gerechtigkeit der meisten Menschen in nichts zusammen. Es ist von
größter Wichtigkeit, daß uns diese Wahrheit täglich und
stündlich gegenwärtig ist.
Sünde
in aktiver Hinsicht ist eine absichtliche und bewußte Verletzung eines
moralischen Gesetzes. „Wäre ich nicht gekommen und hätte zu
ihnen gesprochen, so hätten sie keine Sünde, jetzt aber haben sie
keinen Mantel für ihre Sünde.“ (Joh.15,22) Aber es gibt auch
Sünde in passiver Hinsicht, die ebenso schuldhaft ist. Das sollte ständig
von all jenen bedacht werden, die mit falschen Ausflüchten vor einer
klaren Verantwortlichkeit ausweichen.
Es
gibt Abertausende, die in einer sogenannten „freundlichen
Neutralität“ feige Zuflucht suchen, die aus Gründen der
Zweckmäßigkeit untätig bleiben und ihren schwächeren
Brüdern Unterstützung verweigern, weil sie fürchten, damit ihre
Lage zu gefährden. Laßt sie alle an diesen Spruch Christi denken:
„Für den, der Gutes zu tun weiß und tut es nicht, ist es
Sünde, wenn er nicht danach handelt.“
Wie
jedes andere Gesetz Gottes ist auch dieses immer auf den einzelnen Fall und die
einzelne Person abgestimmt. „Der Knecht aber, der seines Herrn Willen
kannte und sich nicht bereit hielt, noch nach seinem Willen tat, wird viele
Streiche erleiden müssen. Der ihn aber nicht kannte und doch tat, was der
Strafe wert ist, wird weniger leiden müssen. Denn welchem viel gegeben
ist, von dem wird viel verlangt werden (Luk.12,47-48). Jesus Christus hat
diesen Grundsatz immer wieder betont. Wem Gott zehn Talente anvertraut hat der
wird für zehn verantwortlich gemacht werden; wem er nur eines gab, wird
sich für nur eines zu verantworten haben. Und wer außerhalb des
Gesetzes sündigte, wird nicht nach dem Gesetz gerichtet werden, sondern
so, wie es für ihn billig ist. Kann es noch einen Zweifel geben, wie
vollkommen individuell das Maß ist nach dem wir gemessen werden?
Aber
die Fesseln der Sünde können schon auf Erden einen sehr
gegenständlichen Ausdruck finden. Man möge mir erlauben, dies an Hand
eines persönlichen Erlebnisses zu erläutern.
Ich
hatte zusammen mit Secartus, der einen Auftrag MYHANENES
ausführte, eine Reise in die Region der Schlafenden unternommen. Wir
hatten unsere Mission beendet und wollten gerade umkehren, als ich
plötzlich einen seltsamen Wunsch verspürte, auf der Stelle zu
verharren. Ich verstand dieses Gefühl selbst nicht und erzählte
meinem Begleiter davon. Secartus hielt für einen Augenblick inne, als ob
er einem Geräusch in der Ferne lauschen wollte, dann sagte er:
„Irgend
jemand sucht nach dir, aber seine Sympathie ist so schwach, daß er dich
nicht aus eigener Kraft erreichen kann. Ich glaube, es ist dein Vater.“
„Mein
Vater“, rief ich. „Du hast recht; zwischen ihm und mir besteht so
wenig Sympathie, daß es mich schon fast erstaunt, wenn er sich an mich
erinnert.“
„Es
ist keine sehr wichtige Sache, deretwegen er dich sehen möchte, sonst
hätte sein Wunsch dich in jedem Falle in deutlicherer Form erreicht.
Willst du ihm antworten?“
„Ganz
gewiß. Wo ist er; wie können wir ihn erreichen?“
„Sein
Ruf kommt nur aus halbem Herzen. Wir erleben häufig solche Fälle, wo
die höhere Natur ein Vergehen oder Versäumnis erkennt und auf die
niedere Natur einwirkt. Die letztere, irdische, hält ihn stark
zurück, aber die geistige Seite kämpft weiter. In solchen Fällen
müssen wir besonders behutsam vorgehen. Im Schlafzustand ist ein Mann im
Kampf mit sich selber, und der Ausgang hängt fast ausschließlich von
seinem freien Willen ab.
„Hier
und dort können wir ein wenig Hilfe leisten, wenn ein starker Wille zur
Besserung vorhanden ist. Aber die Sünde hat die Schläue einer
Schlange und findet, auch wenn sie einen Kampf verliert, oft
Möglichkeiten, hinterher durch höhnische Einflüsterungen mehr
zurückzugewinnen als sie verloren hatte. Deshalb ist Vorsicht geboten, bis
wir besser wissen, was deinen Vater bewegt.“
„Ich
nehme deinen Rat an“, antwortete ich. „Bitte handle, wie du es
für richtig befindest.“
Secartus
hatte dank seiner Erfahrung auf diesem Gebiet bald die nötige Verbindung
hergestellt. „Du kannst jetzt einen Gedanken zur Antwort senden; wir
werden sehen, wie er darauf reagiert.“
Ich
tat wie geheißen. Man wird vielleicht von mir erwarten, daß ich
jetzt sage, mit welchen Gefühlen ich dieser Begegnung entgegensah. Ich
kann darauf nur entgegnen, daß ich den Namen “Vater“ nur als
Personenbezeichnung brauche und wiederholen, daß die Verwandtschaft der
Seelen von ihrer gegenseitigen Zuneigung bestimmt wird, nicht aber von
Familienbanden. Ich wünschte, ich hätte mich auf diese Begegnung immer
freuen können; doch bestand zumindest die Hoffnung, daß wir in
irgendeiner Weise zum geistigen Fortschritt meines Vaters beitragen konnten.
„Er
beeilt sich nicht gerade, dich zu treffen“, meinte Secartus
schließlich.
„Das
wäre auch das Letzte, was ich erwarten würde.“
„Du
mußt den Schlafzustand eines Menschen nicht unbedingt nach dem
beurteilen, was du von seinem Erdenleben weißt. Wir erleben hier immer
wieder Überraschungen, wenn die Seele auch nur für kurze Zeit von den
niederen Leidensduften des Körpers frei ist. Aber sieh“, dort
drüben ist er schon.“
Secartus,
der meinen Vater noch nie gesehen hatte, hatte ihn eher erkannt als ich selbst,
und an seinen zusammengezogenen Augenbrauen merkte ich, daß er seine
erstaunlichen telepathischen Kräfte bereits zu einer Art Charakteranalyse
einsetzte. Auch fiel mir jetzt auf, daß mein Vater zwei Begleiter hatte,
die sich ihm gleichsam aufzudrängen schienen.
„Es
ist klüger, wenn du dich zurückhältst“, meinte Secartus.
„Wenn du ihm helfen willst, darfst du nicht zuerst sprechen.“
Für
Erläuterungen war keine Zeit mehr. Ich verhielt mich also still,
während die drei Schlafbesucher direkt auf uns zukamen.
Auf
gleicher Höhe angelangt, legte mein Vater, wie entschuldigend, seine
Hände auf die Arme seiner Begleiter, hielt inne und trat zu mir
herüber. „Frederick“, sagte er mit der ihm eigenen kühlen
Zurückhaltung, als hätten wir uns erst eine halbe Stunde vorher
getrennt, „es ist mir nicht unlieb, dich zu treffen, denn ich glaube, wir
haben uns nicht immer recht verstanden. Ich bin vielleicht hier und dort ein
wenig zu streng gewesen — wohlgemerkt, ich sage nur
“vielleicht“ — aber du warst immer so unverzeihlich
halsstarrig. Wie dem aber auch sei, ich bin bereit, zu vergeben und vergessen
und hoffe, du nimmst auch meine Entschuldigung an, falls du eine solche
für nötig betrachtest.“
„Was
immer zwischen uns zweifelhaft oder unerwünscht war“, antwortete
ich, „ist weit besser im Vergeben und Vergessen aufgehoben als wieder
hervorgeholt. Das ist auch mein Wunsch, und wenn du zustimmst, bin ich mehr als
zufrieden.“
„Gewiß,
gewiß. Dann laß uns die Vergangenheit als erledigt betrachten.
Wohlgemerkt, ich gebe keine Schuld meinerseits zu und entschuldige mich nur zum
Beweis meiner Großzügigkeit, nicht aber, damit du dir einbildest, du
seist in deiner unglaublichen Widersetzlichkeit im Recht gewesen!“
„Ich
habe nichts derartiges behauptet und bringe keine Meinung dazu vor, ob etwas zu
entschuldigen ist oder nicht. Solltest du meinen, das könnte der Fall
sein, so bin ich gerne bereit, ebenso zu vergeben wie ich hoffe, daß man
mir vergibt.“
„Schön,
das soll genügen. Auch ich vergebe dir deine vielen Mängel und
Vergehen.“ Und mit einem spürbar echten Ton des Bedauerns fügte
er hinzu, „Aber es betrübt mich, daß ich all das vergessen
werde, wenn ich aufwache“.
Warum
hätte ihn das betrüben sollen, wenn kein Schuldbewußtsein
vorlag? In der Antwort darauf liegt die Erklärung für dieses ganze
seltsame Zusammentreffen.
Mein
Vater war ein sogenannter Weltmann, kühl, klar und berechnend in
Geschäftsdingen, nicht ohne Energie und ein Geschick, andere auszubeuten
und auszuhorchen, solange er sich dabei nicht in die eigenen Karten sehen
lassen mußte.
Als
Familienoberhaupt bestand er auf unbedingtem Gehorsam und duldete niemals
Zweifel an seiner Autorität. Seine Haltung zur Außenwelt war
ähnlich gemildert nur durch Überlegungen der Zweckdienlichkeit.
Seine
Sünde war unschwer zu finden. Er duldete bei sich selbst, was er anderen
zum Vorwurf gemacht hätte. Zu dieser Schwäche, so natürlich in
ihrem Beginn, doch so vernichtend in ihren geistigen Folgen, neigt das Fleisch
wohl mehr als zu irgend einer anderen. Es ist ein Charakterzug, der im
gesellschaftlichen und geschäftlichen Leben allzuoft bewundert und von
bekennenden Christen allzuoft übersehen wird. Wenn ein Mann erfolgreich
ist und sich bestimmten Überlieferungen anpassen kann, ist man bereit,
sich um die Hintergründe nicht viel zu scheren.
Dieser
Auswahlprozeß wird in sein Gegenteil verkehrt, wenn die Seele nach dem
körperlichen Tode den Platz finden muß, der ihr nach geistigem
Gesetz bestimmt ist! Alles Äußerliche fällt ab, und der wahre
Charakter wird zum unentrinnbaren Richtmaß. Seine Entwicklung wird
offengelegt, bis ihre Quelle uns unmißverständlich sichtbar wird.
Diese
Quelle war im Falle meines Vaters eine unbedeutende Angelegenheit — erste
Sünden sind selten schwer — aber sie begünstigte seine
Gewohnheit, bei der Beurteilung von sich selbst und anderen einen deutlichen
Unterschied zu machen. Im Laufe der Zeit wurde der Abstand zwischen diesen
getrennten geistigen Maßstäben immer größer.
Mit
dem ersten Abweichen vom geraden Wege verliert die Seele auch das richtige
Gefühl für geistige Redlichkeit und wird blind, weil der von Gott
gegebene Maßstab durch einen falschen verdrängt ist. Sie wählt
die Sünde aus eigenem Antrieb und muß allein deren Folgen tragen.
Secartus
konnte diese Entwicklung aus der Aura meines Vaters klar ablesen, und als
dieser sein Bedauern äußerte, daß er sich beim Erwachen an
nichts mehr erinnern werde, sah mein Freund seine Möglichkeit.
„Wenn
Sie mir erlauben — ich glaube, ich könnte Ihnen vielleicht dabei
helfen, sich zu erinnern.“
„Und
wer sind Sie wohl, daß ich mich in die Obhut eines Unbekannten geben
sollte?“
„Secartus
ist sehr wohl befähigt“, wandte ich ein, „dir zu helfen. Ist
es dein ehrlicher Wunsch, dich zu erinnern ― “
„Ehrlich!
Was soll das heißen? Es ist ja wohl schon ziemlich weit gekommen, wenn
mein eigener Sohn an meiner Ehrlichkeit zweifelt!“
„Ich
zweifelte nicht und bedaure, das Wort gebraucht zu haben. Ich hätte sagen sollen:
„Wenn du dich zu erinnern wünschst.“
„Das
ist besser. Einen Zweifel an meiner Ehrlichkeit hätte ich niemals
verzeihen können. Nun denn, Sir“, wandte sich mein Vater an Secartus
„auf das Wort meines Sohnes hin bin ich bereit, Ihre Hilfe anzunehmen.
Wie sollen wir verfahren?“
„Wir
werden mit Ihnen kommen, wenn Sie aufwachen.“
“Das
wird noch eine Weile dauern, und bis dahin habe ich noch anderes zutun. Wo
werde ich Sie finden?“
„Wir
werden am Wege bereitstehen, wenn Sie zurückkehren.“
*
„Ist
es nicht etwas sehr kühl?“, fragte mein Vater, als er uns, schon
wieder im Bereich der Erde und nahe meines elterlichen Hauses, wiedertraf. Er
schien leutseliger als sonst und machte, um seine Worte zu unterstreichen, eine
kleine Geste des Kälteschauerns.
„Nicht
kühler als sonst in Erdnähe“, meinte Secartus mit einem
Seitenblick zu mir. „Aber wenn Sie es so empfinden, ist das ein gutes
Zeichen für erhöhtes geistiges Empfindungsvermögen“
„Nun
aber keine Predigten, junger Mann. Ich hasse hochtrabende Worte wie den
Teufel.“
„Ihr
Wunsch wird respektiert werden, wenn es auch tausendmal besser für Sie
wäre, wenn Sie gewisse Dinge vor sich selbst zugäben. Aber hier sind
wir schon am Ziel. Nehmen Sie sich jetzt vor, sich an alles Vorgefallene zu
erinnern, wenn Sie wieder von Ihrem Körper Besitz ergreifen. Wir werden
Ihnen nach besten Kräften dabei helfen.“
Langsam
sank der Seelenkörper meines Vaters in die ruhende Schläfergestalt
zurück. Das Erwachen stand bevor. Ein Sichdehnen und Recken — dann
fuhr mein Vater mit einem Ruck aus seinen Kissen hoch.
„Eh!
Was! Woran soll ich mich erinnern?“
Das
Experiment war nicht geglückt. Die geistige Hilfe Secartus reichte nicht
aus, die jetzt wieder in ihren Körper und dessen materielle Interessen
verstrickte Seele meines Vaters wachzuhalten.
Und
leider, so stellten wir fest, gab es noch einen anderen Einfluß, der
unserem Vorhaben entgegenwirkte. Neben dem Bett saß eine Seelengestalt,
ein Mann von hartherzigem, übelwollendem Aussehen, der eine Art
Wärteramt an meinem Vater auszuüben schien.
Secartus
sprach die Gestalt an: „Warum bist du hier?“
„Weil
ich nicht wegkann“, war die gleichgültige Antwort.
„Wer
bist du?“
„Wer
ich bin? Seid ihr blind oder wollt ihr nicht sehen, daß ich an diesen
lebenden Leichnam festgekettet bin?‘
„Deine
Ketten bestehen nur aus gegenseitiger Anziehung. Ihr seid beide daran
schuld.“
„Du
hast gut reden! Wenn du an meiner Stelle wärst, würdest du bald
herausfinden, daß ich aus eigener Kraft nicht fort kann. Der da“,
und damit zeigte er auf meinen Vater, „kann die Ketten eher lösen,
denn er hat noch die Kraft dazu.“
„Einstmals
hieltest du selbst einen erdgebundenen Geist in Fesseln. Hast du dich damals
bemüht, ihn loszuwerden?‘
„Hör‘
auf mit deinen klugen Worten! Hilf mir lieber, loszukommen, wenn du eine Spur
Erbarmen hast.“
„Willst
du wirklich loskommen? Und wo würdest du hingehen, wenn ich dir dabei
hülfe?‘
„Ganz
gleich — irgendwohin! Solange ich nur jemanden finde, der mir nicht immer
mein Selbst zeigt, der nicht so ein furchtbares Monstrum ist wie dieser
Heuchler! Es ist nicht auszuhalten. Warum wußte ich nicht vorher davon,
als ich es noch vermeiden konnte?“
„Du hättest es wissen
können, aber du schlossest absichtlich Augen und Ohren, wie dieser hier
jetzt. Was er ist, warst du früher; die Sünde war süß
für dich und du erntest jetzt nur, was du selber gesät hast. Die
Strafe deiner Fesselung ist nur eine Wiederholung dessen, was du selber
früher einem anderen antatest.“
„Du
willst mir also nicht helfen?“
„Ich
würde es gerne, wenn du ehrlich die Freiheit begehrst und deine Reue mir
die Hilfe möglich machen würde.“
„Schwatz
mir keinen Unsinn von Reue! Wenn ich keine Hilfe bekomme, dann warte nur, bis
dieser fromme Heuchler sein Morgengebet beendet hat, und ich werde schon auf
meine Kosten kommen.“
Secartus‘
Stimme nahm einen eindringlich warnenden Ton an. „Im Namen Gottes, gib
diese Haltung auf und denke an die Folgen! Hast du keine Furcht? Hast du noch
nicht genug Qualen erduldet, daß du noch größere riskieren
willst? Wenn du schon keine Reue zeigen willst, hast du deshalb auch jedes
Gebot der Vorsicht vor Schlimmerem in den Wind geschlagen? Halte ein, ich bitte
dich!“
Niemals
werde ich den verzweifelten Ausdruck des Mannes vergessen, als er bei diesen
Worten seine Augen auf Secartus richtete.
„Was
soll ich tun?“, fragte er, vergeblich nach einem Zeichen der Hilfe
suchend, die wir nicht geben konnten, weil er nur Rettung von Qual und nicht
von Sünde suchte. „Soll ich das schweigend erdulden? Soll ich mich
etwa gar darüber freuen, weil es, wie ich manchmal höre, vielleicht
zu meinem eigenen Wohl nötig ist?“
Dann,
plötzlich in helle Wut ausbrechend, stieß er hervor —
„Nein! Bei Gott, ich nehme das nicht schweigend hin. Wenn dieser
scheinheilige Schmutzkübel hier mein Leben unerträglich macht, indem
er mich ständig an mich selber erinnert, dann will ich mich an ihm auch
rächen! Ich werde ihn zu Ausschweifungen treiben, die noch tausendfach
schlimmer sind als meine es waren!“
Secartus
zog mich fort. Jeder Versuch, einen Mann in diesem Zustand zur Vernunft zu
bringen, war sinnlos. Ohne jede Bereitschaft der Reue ließen sich die
beiden Seelen niemals trennen. Sie waren Zwillingsseelen, nur mit dem
Unterschied, daß der eine — mein Vater — noch seinen
Körper besaß, während der andere bereits den Rubikon überschritten
und nun die Ernte seiner früheren Taten angetreten hatte.
Niemand
entgeht seiner Strafe, sooft dies auf Erden auch so scheinen mag.
Wir
werden uns noch mehr mit diesem Thema beschäftigen.
* * *
Secartus
besaß die Gabe, den Zustand von Seelen wie der des unfreiwilligen
Gefährten meines Vaters in wenigen Augenblicken auf seine Ursache hin zu
analysieren. Er konnte zwar nicht tätig helfen, doch hatte er dem
Unglücklichen immerhin die Tür zur Umkehr gezeigt und ihn belehrt,
daß sein gegenwärtiges Geschick nur die Folge seines früheren
Lebens war, die er bis zum letzten Heller abzutragen hatte.
Es
ist aber wichtig zu wissen, daß es in allen Bereichen des Jenseits stets
Helfer gibt, die bereit und fähig sind, in jeder Lage einzugreifen. Gottes
Gesetz und Ordnung hat für jede Möglichkeit vorgesorgt, um seinen
Willen zu verwirklichen, daß alle Menschen errettet werden sollen. Die
volle und gerechte Strafe muß bezahlt werden; dann aber soll sich das Herz
jedes seiner Kinder heimwärts erheben. Und wo immer der erste Gedanke der
Reue geboren wird, da muß notwendigerweise auch ein Helfer bereitstehen.
Wohl
mag der Psalmist fragen, „Wohin soll ich vor Deiner Gegenwart fliehen?
Bereite ich mein Bett in der Hölle — siehe, Du bist da!“ So
wölbt sich der Regenbogen göttlicher Liebe von Firmament zu
Firmament, über Erde, Hölle und Himmel, und überall trägt
er die tröstliche Inschrift „Gott ist gut!“
Meine
früheren Besuche auf der Erde in Begleitung CUSHNAS
machten es mir möglich, jetzt einige interessante Beobachtungen
anzustellen. Am auffallendsten war, daß mein altes Vaterhaus für
mich setzt jedes Interesse und jeder Anziehung entbehrte. Das Licht darin war
für meine geistigen Augen wenig mehr als Dunkelheit und zeugte von dem
wahren geistigen Barometerstand in diesen Mauern. Gott ist Licht, und Nähe
oder Ferne zu ihm wird automatisch durch Licht oder Schatten angezeigt.
Dennoch, obwohl es an Licht mangelte, konnte ich wahrnehmen, daß sich um
uns herum zahlreiche phantomartige Schatten bewegten. Ich fragte Secartus nach
ihrer Bedeutung.
„Das
sind erdgebundene Seelen, und eine jede von ihnen sucht die jeweilige üble
Leidenschaft zu befriedigen, von der sie versklavt ist. Ein Studium dieser
schmerzlichen Zustände würde deinen Gesichtskreis gewiß
erweitern, wenn du Interesse daran hast.“
„Ich
bin sehr interessiert, wenn sich eine Gelegenheit dazu bietet.
„Das
kann leicht veranlaßt werden. Aber du mußt dich unter die
Führung eines anderen begeben, der auf diesem Gebiet besser befähigt
ist als ich.“ Damit sandte Secartus einen Gedankenstrahl aus, der beinahe
noch in der gleichen Sekunde durch die Ankunft eines Freundes beantwortet
wurde.
„Mein
Bruder Ladas“, sagte Secartus, mich vorstellend, „Aphraar
möchte gerne etwas mehr über die Mission erfahren, in der du
tätig bist. Darf ich ihn dir anvertrauen?“
„Gerne“.
Ladas wandte sich zu mir: „Unsere Arbeit vollzieht sich mehr im Schatten
als im Licht, aber sie wird dir einen guten Eindruck vom Wirken des
göttlichen Gesetzes geben.“
„Dieses
Gesetz möchte ich kennenlernen“, antwortete ich. „Von seiner
Lichtseite durfte ich bereits einiges sehen.“
Secartus
nahm Abschied von uns, und in der Gegenwart meines neuen Führers gewann
ich schnell das Gefühl, daß mir Kräfte zuflossen, die mich
befähigten, den auf diese Ebene verbannten Seelen näherzukommen.
„Ohne
Zweifel kennst du bereits das Gesetz“, begann Ladas ohne Umschweife,
„das jeder Seele den ihr gemäßen Platz zuweist. Unser
Arbeitsgebiet hier umfaßt die Sphäre der
“Erdgebundenheit“, das zeitweilige Gefängnis jener, die von
ihren bösen Leidenschaften und niedrigen Naturen an die Erde gebunden
werden. Vornehmlich an die früheren Stätten ihrer Sünden, an
denen sie ihre bösen Wünsche weiter zu befriedigen hoffen, aber bei
jedem Versuch gleichzeitig Strafe erleiden.“
„Willst
du damit sagen, daß sie noch einen aktiven Einfluß auf die Menschen
ausüben können?“
„Genau
das; und ein solcher Einfluß gehört, wenn dafür günstige
Umstände vorliegen, zu den bisher am wenigsten verstandenen
Wirkkräften des Bösen unter den Menschen.“
„Welcher
Art sind diese begünstigenden Umstände?“
„Sie
sind von zweierlei Art. Das erste und wesentlichste ist die moralische
Schwäche oder Unentschlossenheit der in Versuchung gebrachten Menschen.
Gegenüber einer charakterlich gefestigten und bewußten
Rechtschaffenheit sind diese geistigen Piraten absolut machtlos. Das Böse
weicht zurück vor dem Menschen, der entschlossen ist, sich ihm zu
widersetzen. Aber es hat eine unheimliche Fähigkeit, sich moralische Schwäche
nutzbar zu machen. Sein erster Angriff ist immer strategischer Natur, auf einen
Stützpunkt abzielend, der dann rasch zu einem vernichtenden Eroberungszug
ausgenützt wird.“
„Nun
weißt du gewiß“, fuhr Ladas fort, „daß bestimmte
Dinge in mehr als nur äußerlicher Beziehung an bestimmte Orte
gebunden sind. Der Student kann in seinem eigenen Studierzimmer besser arbeiten
als in einem neutralen Arbeitsraum. Warum? Weil sein eigenes Zimmer von den
Ausstrahlungen seiner geistigen Arbeit durchdrungen ist. Die Schöpfungen seines
Geistes haben einen festen “Wohnplatz“ in diesem Raum, und
Vergangenes mischt sich mit Gegenwärtigem zudem, was wir
“Inspiration“ nennen.
„In
gleicher Weise prallen alle bösen Einflüsse von uns ab, wenn wir an
einer geheiligten Stätte stehen. Umgekehrt aber läßt sich nach
diesem Grundsatz der Sättigung mit geistigen Ausstrahlungen leicht
verstehen, wieso sündhafte Versuchungen an manchen Orten von ganz
besonderer Stärke sind.“
„Das
ist wirklich eine neue Lehre!“
„Sie
brauchte keineswegs neu zu sein, wenn die Menschen auf die Worte Jesu Christi
acht geben würden. Jesus Christus hat diese Wahrheit ganz klar
verkündet, als er von dem unreinen Geist sprach, der aus einem Menschen
ausgetrieben war (Math.12,43-45) und keine Ruhe fand: „Dann kehrte er in
sein altes Haus zurück, fand es aber leer, gekehrt und geschmückt.
Aber er holte sich sieben andere Geister, böser als er selbst, um das Haus
mit ihnen zu bewohnen, und es wird mit demselben Menschen hernach ärger
denn es zuvor war“.“
„Wie
seltsam, daß mir diese Dinge beim Lesen des Evangeliums nie bewußt
geworden sind!“
„Es
ist erschütternd, daß die Menschen so blind sind bis sie dann ins
Jenseits kommen und die furchtbare Wahrheit an sich selbst erfahren. Das
Versäumnis, die geistige Seite des Lebens zu erkennen, ist wohl eine der
häufigsten Torheiten der Menschen. Diese Unterlassung schützt aber
niemanden vor den Folgen. Für die wirtschaftliche und materielle Seite des
Lebens werden Kriege geführt und Regierungen gestürzt, für die
geistige — die einzig bleibende! — hat man höchstens am
Sonntag einen flüchtigen Gedanken übrig.
„Nun
aber schlage ich vor, daß wir einige solche Seelen aufsuchen, damit du
die Folgen ihrer Gleichgültigkeit am praktischen Beispiel sehen
kannst.“
„Ist
der Zustand des “Erdgebundenseins“ vielleicht nur ein anderer Name
für die Hölle?“
„Nein!
Er ist in doppelter Hinsicht nur das Tor, die Vorstufe zur Hölle. An die
Erde gefesselt werden bösartige und offen rebellische Seelen, die der
Sünde sklavisch verfallen sind und nach Befriedigung oder Rache an ihren
Mitmenschen dürsten. Der Kelch ihrer Schande ist noch nicht voll, und in
ihrem Rausch suchen sie auch andere zu Fall zu bringen.“
„Und
das wird ihnen gestattet?“
„Jeder
Mensch hat immerdar seinen freien Willen. Es gibt in dieser Hinsicht keine
Verbotsschranken, wenn auch alles getan wird, diese verworfenen Seelen auf die
Folgen ihres Tuns hinzuweisen und auf das erste Zeichen des Erlahmens zu
achten. Erst dann, wenn das Maß der Sünde ihnen selbst
aufdämmert, gehen sie von hier in die strafende, aber reinigende Zone
ihrer Hölle.“
„Dann
erdulden sie hier noch keine eigentlichen Leiden?“
„Doch,
und auch das ist ein Wirken der Barmherzigkeit! Jede Seele geht nach dem
Ablegen des Körpers zwar an den Ort, der genau ihrem eigenen Zustand entspricht,
aber alle Seelen haben das gleiche, äußerst erhöhte
Empfindungsvermögen. Der größte Heilige und der verderbteste
Sünder empfinden ihre jeweilige Umgebung — ob sie Lohn oder Strafe
ist — gleich stark. Das ist weiter nichts als eine Wirkung der vollkommenen
Gerechtigkeit Gottes. Solange die rebellischen Seelen hier im Erdkreis bleiben
und nicht bereuen, folgt jeder ihrer Sünden unverzüglich eine Strafe,
bis sie die Sinnlosigkeit ihres Tuns erkennen und durch Verzweiflung bereuen.
In diesem Augenblick greifen wir ein und geleiten die Unglücklichen dahin,
wo sie ihre angehäufte Schuld abtragen können.“
„Die
sühnende Wirkung der Hölle setzt hier also noch nicht einmal
ein?“, fragte ich in wachsender Verwirrung.
„Wie
könnte sie das? Die angewachsene Schuld kann nicht festgestellt werden,
bevor nicht die Waffen der Rebellion niedergelegt sind. Vielleicht verstehst du
diese einfache Wirkung des göttlichen Gesetzes besser, wenn ich dir den
Unterschied zwischen der hier und in der Hölle erlittenen Bestrafung erkläre.
Hier im erdgebundenen Zustand ist die Strafe nichts weiter als ein Ergebnis der
gerade zuvor erfolgten sündhaften Handlung, das dieser in jedem Falle auf
dem Fuße folgt. Ursache und Wirkung sind deshalb leicht erkennbar, und
durch diese Einsicht kann der “Teufelskreis“ gebrochen
werden.“
„In
der eigentlichen Hölle wird der Mensch seinem vollen Schuldkonto
gegenübergestellt und veranlaßt, sowohl Kapital als auch Zinsen
abzutragen. Er erntet alles, was er gesät hat, und der einzelne
Sündenakt, den er zu sühnen im Begriff ist bleibt klar sichtbar vor
seinen Augen, bis er bezahlt worden ist.“
„Aber
was wird aus all denen, die weder gut noch ganz schlecht waren, oder jenen, die
im Sterben bereuten?“
„Sie
alle finden ihren eigenen Platz. Vielleicht kann ich dir das mit einem groben
Bildvergleich deutlich machen. Denke an die Legende von Mohammeds Sarg. Wenn du
die Zahl der Särge ins Unendliche erhöhst und dir Himmel und
Hölle als zwei Magneten vorstellst, die auf jeden Sarg nach seinen Eigenschaften
wirken — einige zunächst herniederhaltend, andere hochziehend,
erhältst du ein ungefähres Bild vom “eigenen Platz“ eines
jeden. Eins muß allerdings hinzugefügt werden, wenn der Vergleich
ganz stimmen soll.“
„Und
was ist das?“
„In
welche Richtung auch immer der Magnetismus zunächst wirken mag, er kann
nicht statisch bleiben. Das Gesetz der geistigen Höher-Entwicklung
bestimmt, daß die niedere Kraft ständig schwächer und die
höhere stärker wirken muß, bis eines Tages alle solcherart
“Schwebenden“ in den Ruhezustand um den ewigen Magneten gezogen
worden sind. Aber komm und sieh‘ jetzt selbst, was hier im Erdkreis
geschieht!“
*
Keine
Sprache hat Worte für die Offenbarung des Schreckens, die während der
nun folgenden Reise mit Ladas auf mich einstürzte. Wir betraten einen
unheilschwangeren dunklen Bereich, in dem die Sünde, unentrinnbar
verstrickt in hemmungslose Selbstfolterung, ihre grausamsten Ausschweifungen
feierte.
Jede
Szene, die ich sah, siedete vor wilder, teuflischer Leidenschaft.
Schäumende Kessel der Verderbtheit, in denen die faulsten Seelen nach oben
geworfen zu werden schienen und gierige Vampire mit verzweifelter Kraft darum
kämpften, andere in ihren furchtbaren — aber dennoch nicht
auslöschenden — Verzweiflungskampf zuziehen.
Mehr
als einmal zitterte ich um meine eigene Sicherheit, doch Ladas beruhigte mich
und zeigte mir, wie der Einfluß jeder einzelnen Gruppe auf einen
bestimmten Umkreis beschränkt war, an den sie fest gebannt blieb.
Außerhalb dieser Grenze, außerhalb des Umkreises, an den einzelne
Seelen aus den sich windenden Knäueln geworfen wurden, nur um sich von
dort erneut in die Mitte zu kämpfen, herrschte völlige Ruhe. Und dort
stand eine Menge von Helfern bereit, um auf jeden ehrlichen Hilferuf zu
antworten.
Nicht
nur die entkörperten Seelen in diesem Hexenkessel konnte ich beobachten,
sondern auch die weltliche Seite. Ich sah, wie Opfer über Opfer in die
gleißenden Umkreise gelockt wurde, über die jeweils eine Gruppe
dieser verworfenen Seelen unsichtbar, aber umso unerbittlicher herrschte.
Einige der Opfer zögerten zunächst, zeigten Zweifel, bevor sie sich
— furchtsam noch — hineinziehen ließen. Andere traten
neugierig hinzu, sorglos und halb bereit ihr Glück zu versuchen, wieder
andere waren schuldbewußt und bemüht, nicht erkannt zu werden. Die
Mehrheit aber schien kühn und zuversichtlich, daß sie den Sprung
wagen und bereichert, ohne Schaden zu nehmen, zurückkehren könne. Ich
hörte die Rufe, mit denen die Versucherseele die Neuankömmlinge
begrüßten, unhörbar für sie, aber dennoch von unheimlicher,
verstrickender Wirkung.
Leidenschaft
macht die Erdenmenschen gefühllos gegenüber Schmerzen, nicht aber bei
uns. Hier verschärft sie die Qualen. Dennoch schienen sich die gestraften
Seelen mit jedem neuen Akt hemmungsloser Sünde in noch tollkühnere
Taten hineinzustürzen. Hungrige, gierige Augen blickten auf ihre Opfer,
verkrampfte Hände streckten sich aus, die Zögernden herabzuziehen,
obwohl jede Seele genau wußte, daß der Erfolg nur noch schlimmere
Pein für sie bedeuten würde.
Nein!
Nein! Das alles ist keine dichterische Phantasie sondern eine wahre —
wenn auch unvollkommene — Wiedergabe der furchtbaren Szenen, die mich
Gott in seiner Gnade sehen ließ, damit ich die Menschen davor warnen
kann, Das Feuer von Dantes Inferno ist ein Eisberg verglichen mit dem, was ich
hier mit eigenen Augen sah.
„Gibt
es denn gar keine Möglichkeit, diese unbeschreiblich Qual zu
lindern?“, fragte, ich meinen Begleiter, als er mich schließlich in
einen ruhigeren Bereich fortgeleitet hatte.
„Keine!
Wenn wir mit aktivem Eingreifen etwas erreichen könnten, hätte ich
tausend Helfer für jede einzelne Seele bereit. Aber was können sie
tun? Sieh nur die vielen, die ohnehin für den Augenblick bereitstehen, da
ein Hilferuf erfolgt — hunderte sind es, wo nur einzelne gebraucht
werden. Glücklicherweise ist die Strafe zu hart, als daß sie lange
ertragen werden könnte, außer in sehr seltenen Ausnahmefällen.
Ermüdung tritt ein, und wenn das Fieber der Rache und Leidenschaft sich
ausgetobt hat, kommen diese Wahnwitzigen zur Besinnung, spüren, was mit
ihnen geschehen ist und geben den sinnlosen Kampf auf.“
„Was
meinst du damit: sie spüren, was mit ihnen geschehen ist?“
„Ah,
diese Frage hätte ich allerdings vorwegnehmen sollen, bevor wir unsere
Reise antraten. Aber sie kommt auch jetzt im richtigen Augenblick. Was ich
meinte, ist, daß die meisten dieser Unglücklichen keine Ahnung
haben, daß sie gestorben sind!“
„Ist
das möglich?“
„Nicht
nur möglich, sondern unter den Umständen beinahe natürlich.
Denk‘ einmal an all die nebelhaften, irrigen Vorstellungen, die man auf
der Erde immer noch vom Leben nach dem Tode hat: daß die Seele sofort
allwissend wird, daß eine Bekehrung auf dem Totenbett den ärgsten
Sünder vor Strafe bewahrt, oder daß wir bis zum jüngsten Tage
schlafen, um dann wieder mit unseren körperlichen Leibern aus den
Gräbern aufzustehen. Die Sünder, so meinen andere, werden sofort dem
Teufel und seinen Helfern zur Folterung in den Feuern der Hölle
übereignet, aus der es kein Entrinnen gibt. Wenn alle diese Vorstellungen
auf Erden herrschen und oft sogar von den Kirchen ausdrücklich
verkündet werden, ist es dann ein Wunder, wenn Seelen, die ganz andere
Verhältnisse vorfinden, ihre neue Lage nicht begreifen?“
“Trotzdem
kann ich das schwer glauben.“
„Warum?
Es geschieht viel häufiger, als du denkst. Verstandest du selber gleich,
was geschehen war, als du hier ankamst?“
„Nein“,
mußte ich zugeben. Ich hatte den Fehler begangen, andere nach einem
anderen Maßstab zumessen als mich selbst. „Aber mein
Hinübergang war so plötzlich, so unerwartet, daß sich meine
Verwirrung vielleicht dadurch erklären ließ.“
„Die
Verwirrung entsteht nicht so sehr aus der Plötzlichkeit eines Todes, als
aus den irrigen Vorstellungen, die ihm vorangingen. Die Veränderung deiner
Umgebung, die du wahrnahmst, war zunächst rein äußerlicher Art.
Dein eigenes Ichgefühl, dein Denken war dasselbe wie zuvor, und der
Wechsel der Landschaft genügte keinesfalls, dir sofort klarzumachen, was
geschehen war. Du hättest wahrscheinlich eher annehmen können,
daß jemand sich, während dein Bewußtsein ausgeschaltet war,
einen handfesten Scherz mit dir erlaubt hatte.“
„Ich
muß zugeben, daß du recht hast.“
„Es
gibt eine sehr einfache Erklärung dafür, daß manche Menschen
sich ihres Todes noch eine ganze Weile lang nicht bewußt werden: ihr
Leben hier knüpft ja unmittelbar an ihr Erdendasein an. Gewiß
tauscht man seine Kleider gegen ein spirituelles Gewand ein, aber auch das ist
nicht neu, denn dieses Gewand ist jedem Menschen aus seinem Schlafleben
bekannt.“
„Aber
daran erinnert man sich nicht auf Erden.“
„Vielleicht
nicht, aber die befreite Seele erinnert sich. Und selbst auf Erden sollte und
könnte man sich erinnern. Leider würde der Mann, der dort für
diesen Weg der Offenbarung eintritt, von seinen Mitmenschen der
Lächerlichkeit preisgegeben oder sogar verfolgt. Worauf es ankommt, ist:
während der Körper im Tiefschlaf ruht, lernt jede Seele ein
Stück Wahrheit kennen, ob der Mensch sich im Körper daran erinnert
oder nicht. Der Tod führt ihn keineswegs weiter — er unterbricht nur
die Anziehung, die der Körper auf die wandernde Seele ausübt. Ist es
dann noch verwunderlich, daß diese Unglücklichen nicht begreifen,
was mit ihnen geschehen ist?“
„Wie
setzt dieses Begreifen aber schließlich ein?“
„Ich
könnte dir das an einem praktischen Beispiel zeigen. Oder soll ich dir
lieber von einem Fall erzählen, dem ich kürzlich beiwohnte?“
„Du
hast dir sehr viel Mühe mit mir gegeben, lieber Bruder“, antwortete
ich.
„Aber
im Augenblick könnte ich es kaum ertragen, neue Szenen
mitanzusehen.“
„Gut.
Dann wird meine Schilderung dieses Falles dir ein sehr typisches Beispiel
zeigen. Es betrifft einen Mann, der jahrelang in einem Maklerbüro
angestellt war und sich dort eine Vertrauensstellung erwarb. Schließlich
trat die Versuchung an ihn heran: man bot ihm Geld, wenn er die Interessen
seines Arbeitgebers preisgeben wolle. Zunächst lehnte er ab, dann wurde er
schwankend, und endlich willigte er ein, zwar nicht offenen Verrat zu
verüben, aber gewisse Anfragen auf so zweideutige Weise zu beantworten,
daß damit derselbe Zweck erfüllt wurde. Eines Tages wurde er
durchschaut und entlassen. Mit dem unrecht erworbenen Geld aber hatte er sich
inzwischen ein Vermögen aufgebaut. Sein ganzes Streben war fortan darauf
gerichtet, dieses Kapital Schritt für Schritt zu vermehren.
„Mitten
aus diesem Streben riß ihn der Tod eines Tages fort. Ich war dabei, als
er nach dem Hinübergang wach wurde. Zunächst wunderte er sich
über die fremdartige Umgebung, dann über sein eigenes Aussehen. Aber
der Wunsch, in sein Büro zurückzukehren — wo ihn der Schlag
getroffen hatte — war stärker als alles andere.
„Nun
mußt du wissen, daß den erdgebundenen Seelen die Stätten ihrer
Knechtschaft und die dort lebenden Menschen fast so greifbar und wesenhaft
bleiben wie zuvor, wiewohl sie selbst natürlich für die Erde
unsichtbar geworden sind. Allein dieser Umstand verhindert schon, daß sie
sich ihres Todes bewußt werden.
„Unser
Freund also kehrte, von seinem eigenen Begehren unfehlbar geleitet, in sein
Büro zurück. Dort stellte er fest, daß seine Abwesenheit
offenbar doch von längerer Dauer gewesen sein mußte, denn viele ihm
gar nicht genehme Veränderungen hatten sich zugetragen. Die schlimmste
davon war, daß sich sein Prokurist in seinem Privatbüro eingenistet
hatte und dort offenbar völlig ohne Rücksicht auf ihn selbst die
Geschäfte führte. Energisch verlangte er eine Erklärung, aber
der Prokurist schien taub und blind, er beachtete ihn überhaupt nicht.
Unser Freund tobte, schrie und bat bei den anderen — auch sie beachteten
ihn nicht. Voller Wut stürmte er schließlich nach Hause. Aber dort
erging es ihm eher noch übler, denn er stellte fest, daß seine
Angehörigen ihn offenbar als tot betrachteten. Völlig verwirrt kam er
schließlich zu uns, immer noch in der Hoffnung, an die Stätte seines
Erdendaseins zurückkehren und sich für die vermeintliche Schmach
rächen zu können. Bei wenigstens jeder zweiten der unglücklichen
Seelen, die du beobachtet hast, würdest du ganz ähnliche
Umstände vorfinden. Und wir können ihnen nicht helfen, bis sie
ermüdet und ausgelaugt selber darum bitten.“
Die
Gefahren, die den Schwachen und Leichtsinnigen auf der Erde drohen, waren mir
in einer Weise klar geworden, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen
übrig ließ. Bedruckt fragte ich:
„Ist
die ganze Erde von einer solchen, vom Bösen besessenen Menge
umringt?‘
„Nein!
Wenn dem so wäre, müßte es den endgültigen Sieg des Guten
über das Böse beinahe unmöglich machen. Was du gesehen hast,
sind schwärende Eiterherde der Zivilisation. Die hier weilenden Seelen
wählen in ihrer Sucht nach Reichtum, Macht oder Einfluß bewußt
das Falsche, obgleich sie sehr wohl das Rechte kennen. Viel ward ihnen gegeben
und viel wurde deshalb von ihnen verlangt. Sie erfüllten es nicht, wurden
zu moralischen und geistigen Bankrotteuren und müssen sich jetzt
notwendigerweise einem Verfahren unterwerfen, das sie von ihren Schlacken
reinigt.“
Welch
ein schreckliches Gewicht liegt aber dabei auf dem Grundsatz der
Vergeltung!“
„Das
scheint dir so, weil du das Gesetz am Wirken siehst. Es ist unveränderlich
und deshalb unausweichlich. Die Erdenmenschen machen den großen Fehler,
nur ihre materiellen Gesetze als feststehend anzusehen. Auf geistigem Gebiet
— wenn sie dessen Vorhandensein überhaupt zugeben — glauben
sie, sei das Gesetz launenhaft oder könne doch zumindest durch
Selbsttäuschung und eitle Versprechungen umgangen werden. Niemand, der
etwas von Sprengstoff versteht, würde damit leichtfertig umgehen. Und doch
ist Sprengstoff absolut harmlos im Vergleich zu den geistigen Gesetzen, die die
Menschen mißachten. Vor einer Explosion kann man sich möglicherweise
schützen, nicht aber vor dem Gesetz!“
* * *
Jede
Gruppe dieser erdgebundenen Seelen ist an einen Ort gebannt, der ihren
Leidenschaften und Sünden genau entspricht: die Trunkenbolde an die
Kneipen, die Spieler an die Spielhöllen, um nur zwei Beispiele zu nennen.
Ist die Schuld darüberhinaus mehr individueller Art, wie Habgier,
Haß oder Unterdrückung, so erfolgt eine Fesselung oft unmittelbar an
den Ort, an dem diese Taten begangen wurden.
Ladas
zeigte mir einen besonders eindrucksvollen Fall dieser letzteren Art. Es war
ein Mann, der sich in einem Fischerort an der englischen Küste durch seine
Schläue und “Geschäftstüchtigkeit“ eine
Machtstellung erworben hatte und seinen Besitz im Laufe der Jahre durch Handel
und wucherischen Geldverleih so vergrößerte, daß
schließlich die ganze Gemeinde wirtschaftlich von ihm abhängig war.
Nach dem Tode eines Einwohners, der sich ihm zu widersetzen gewagt hatte,
rächte er sich in teuflischer Weise an dessen Tochter. Er gab dem
Mädchen unter scheinheiligen Versprechungen eine Anstellung in seinem
Kontor und trieb es durch planmäßige Quälereien zur
völligen Verzweiflung und schließlich zum Selbstmord. Die Einwohner
ahnten, was geschehen war, aber niemand wagte etwas zu sagen. Die Kirche wurde
durch eine Spende zum Schweigen gebracht.
Gerade
in dieser Zeit hatte der Geschäftsmann den Grundstein zu einem
prächtigen neuen Wohnsitz für sich legen lassen. Eine Feier
begleitete diesen Akt, bei dem die Honoratioren der Umgebung in langen Reden
das Lob des Bauherrn sangen, während die von ihm unterdrückte
Einwohnerschaft schweigend zuschaute. Es sollte die letzte irdische Feier
für ihn gewesen sein. Das Haus war kaum fertig, als er vor seinen
göttlichen Richter berufen wurde.
Als
Ladas mich zu dem Haus führte, war es bereits seit Jahren das
Gefängnis der Seele dieses Mannes. Ich hatte schon früher, an
lichteren Stätten gelernt, daß jeder Einrichtungsgegenstand unseres
Heims im Jenseits der geistige Ausdruck einer Verhaltensweise oder Handlung im
Erdenleben ist. So war es auch hier! Jede Einzelheit in diesem Hause war die
Verkörperung einer wucherischen gewissenlosen Handlung, einer Lüge,
einer Bereicherung an Schutzlosen, der Erniedrigung von Frauen, der
heuchlerischen Bemäntelung. Das Leben dieses Mannes war geschäftig
gewesen. Die Strafe aber, die er nun schon seit Jahren ohne Unterlaß zu
ernten hatte, war ebenso geschäftig!
Hunderte
schemenhafter Erscheinungen umdrängten ihn, die Rechnungen präsentierend,
die nun auf sein geistiges Schuldkonto fielen. Dennoch zeigte er nicht die
leiseste Reue. Eine rebellische Entschlossenheit beherrschte ihn, die pausenlos
auf ihn eindringenden geistigen Strafen zu überwinden, um wieder sein
altes Ich herrschen und obsiegen zu lassen. Die Maske der Religion war
längst gefallen; er wußte, daß er gegen Gott kämpfte und
glaubte dennoch, den Sieg davontragen zu können.
Es
war die fürchterlichste Szene der Vergeltung, die ich bisher gesehen
hatte. Aber das Allerschlimmste für diesen Mann schien sein
Bewußtsein zu sein, daß ihn alle bei seinem hoffnungslosen und
blindwütigen Kampf beobachten konnten.
„Hätte
man diesen Mann nicht vorher warnen können?“, fragte ich Ladas.
„Nein!
Er kannte die Gebote seiner Religion ganz genau und traf aus freiem Willen die
Entscheidung, sie allesamt in den Wind zu schlagen. Zurzeit kann ihn keine
Hilfe erreichen. Erst muß er zu sich selbst kommen und entdecken, was er
an anderen gesündigt hat. Dann werden tausend Hände bereit sein, ihn
aus seinem Gefängnis zu befreien. Wie das geschieht möchte ich dir an
einem anderen Fall zeigen.“
Wir
kehrten an eine der Stätten zurück, die wir schon vorher besucht
hatten. Dort stand eine Gruppe von Helfern bereit, deren besonderes Interesse
in diesem Augenblick einer Frau galt, die sich offensichtlich dem Wendepunkt
ihrer Qual näherte. Sie lag stöhnend am Boden und riß sich in
letzter Verzweiflung an den eigenen Haaren, als wollte sie sich durch den
selbstzugefügten Schmerz Ablenkung von ihrer Qual verschaffen.
Plötzlich sprang sie auf, als wolle sie sich erneut in den
Sündenpfuhl vor ihren Augen stürzen, dann aber wich sie zurück,
schlug die Hände vors Gesicht und brach in Tränen aus.
„Mein
Gott, mein Gott, wird diese Qual niemals enden?“ Kaum hatte sie gesprochen,
war sie auch schon von wartenden Engeln umringt, die sie mit einem solchen
Ausdruck der Freude zu sich zogen, daß ich im Augenblick die ganze
furchtbare Szene ringsherum vergaß. „Bevor sie rufen, werde ich
antworten“. — Es bedurfte keines eindringlicheren Beweises,
daß der helfende Arm Gottes uns immerdar geboten wird, daß schon
der erste Gedanke der Reue genügt, von ihm erreicht zu werden.
Die
unglückliche Frau starrte ungläubig auf ihre Retter. Endlich rief
sie: „Wenn ihr Erbarmen habt, dann nehmt mich bitte, bitte fort aus
dieser furchtbaren Qual. Ich kann nicht mehr.“
„Dazu
sind wir hier“, war die Antwort. „Gott hatte deinen Ruf schon
gehört, bevor du deine Stimme erhobst. Wir werden dich an einen Ort
bringen, an dem dich kein sinn- und nutzloses Leid mehr erreichen kann. Von den
Sünden, die dein Leben befleckt haben, wirst du dich noch reinigen
müssen, bevor du die Gegenwart der heiligen Ruhe ertragen kannst, nach der
du dich sehnst. Aber fürchte dich nicht! Das Schlimmste ist jetzt
vorüber. Was du noch an Schmerz erdulden mußt, wird dir zur
Reinigung und Vorbereitung auf ein höheres Leben dienen.“
„Sprich
weiter“, bat sie. „Ich will euch überallhin folgen, wenn ihr
so zu mir sprecht. Ihr seid gut! Ihr haßt mich nicht! Ich kann euch
vertrauen!“
Atemlos,
mit langen Pausen der Erschöpfung, stieß sie diese Sätze
hervor. „Ihr könnt mir den Willen geben gut zu sein — wenn ich
es jemals sein kann! Ihr könnt sogar von Gott sprechen. Wenn andere
früher so zu mir gesprochen hätten, wie ihr jetzt, ich hätte auf
sie gehört!“
„Gott
ist nicht böse mit dir, liebe Schwester. Er fühlt Mitleid mit dir,
liebt dich, will dich zu sich ziehen. Selbst die Strafe, die du erdulden
mußtest, war dazu bestimmt, dich vom Wege blindwütiger Sünde
abzubringen. Und was jetzt noch folgt, wird nur dazu dienen, die Vergangenheit
auszutilgen. Erinnerst du dich, was Christus über den verlorenen Sohn
sagte? Auch auf dich wartet das Willkommen des Vaters, der dich niemals wieder
von sich gehen lassen wird.“
Während
eine Helferin diese Worte sprach, entfernte sich die Gruppe mehr und mehr von
dem Ort, der die Unglückliche an sich gefesselt hatte. Der Bann war
gebrochen.
Ladas
gab mir einen Wink. „Wir wollen ihnen nicht folgen. Dieser Fall
würde dir keine klare Vorstellung davon geben, was die Hölle wirklich
ist.“
*
Wir
entfernten uns in einer Richtung, die dem von den rettenden Engeln
eingeschlagenen Weg genau entgegengesetzt lag. Zunehmende Dunkelheit brachte
mir bald zum Bewußtsein, daß wir den Bereich der
“Erdgebundenheit“ verlassen hatten und in eine neue Region
eintraten. Sie war voll von Geräuschen und lauernden Gefahren. Wie
Schatten bewegten sich hier und dort die Gestalten von Männern und Frauen.
Ein
markerschütternder Schrei traf mein Ohr. „Hilfe, Hilfe, ich bin
blind.“ Die Stimme brach sich an Gängen und Schluchten, und ihr Echo
klang wie Hohngelächter.
Ladas
nahm meine Frage vorweg und wies auf eine Frau, die in einiger Entfernung
undeutlich zu erkennen war. Sie will von hier fort an einen besseren Ort, aber
das ist im Augenblick unmöglich, denn sie hat nicht einmal das Vertrauen
daß ihr dies gelingen könnte.“
„Wie
ist das möglich?“
Mein
Begleiter sah sich die Hilfesuchende etwas näher an, bevor er antwortete.
„Diese
Frau ist ein Beispiel für die Hölle, die auf moralische Feigheit
folgt. Auf Erden besaß sie erheblichen Reichtum und gab
beträchtliche Summen in der müßigen Hoffnung aus, dadurch
Ersatz für das Nichterfüllen eigener Pflichten zu leisten. Sie
scheute vor allem Unangenehmen zurück und glaubte, sich mit ihrem Geld von
jeder tätigen Anteilnahme freikaufen zu können. Die Verwalter ihrer
Spenden scheinen sie in diesem Glauben noch bestärkt zu haben. Aller
irdischen Vorrechte entkleidet, muß sie jetzt die Folgen ihrer
moralischen Feigheit tragen — völlige Blindheit an einem Ort, von
dem zu entweichen man die schärfsten Sinneswerkzeuge, Mut und Vertrauen
benötigen würde.
Die Fallgruben die ringsherum ihren Weg beschneiden, sind übrigens
geistige Folgen des Klassenbewußtseins auf Erden. Wir können dieser
Frau nicht helfen. Sie hat sich ihre eigene Hölle geschaffen und muß
hier bleiben, bis der letzte Heller ihrer Schuld abgetragen ist. Dann wird sie
ihr Augenlicht wiedergewinnen und ihren Weg von hier fort finden.“
Ich
will nicht den hoffnungslosen Versuch machen, in Worte zu kleiden, was ich sah
und hörte, als Ladas mich in noch tiefere Regionen führte — vor
allem jene in mir unauslöschliche Vision der Hölle eines Mannes, der
in seinem Erdenleben wohl den absoluten Tiefpunkt der Verworfenheit erreicht
hatte: des Mutter- und Gattinmörders Nero, ehemals Kaiser von Rom.
Ich
sehe das ungläubige Lächeln meiner Leser, die sich in diesem
Augenblick ausrechnen mögen, daß Nero schon vor mehr als achtzehn
Jahrhunderten durch Selbstmord starb. Ich will mich darauf beschränken, zu
sagen, daß es hier keinen Zeitbegriff im irdischen Sinne gibt und
daß ein unerbittliches Gesetz die Sühne jedes einzelnen
Sündenaktes fordert. Die Hölle kennt keine Pauschalstrafen. Sie kennt
auch keine gleichgültigen Sträflinge, da selbst die Seele des
gefühllosesten Verbrechers mit dem irdischen Tode höchste
Empfindsamkeit gewinnt.
Die
Qualen dieser Seele waren die notwendige gerechte Strafe für ihre
unbeschreiblichen, aus wollüstiger Freude an Grausamkeiten geborenen
Verbrechen. Ich aber hatte, an diesem Punkt angelangt, genug von der Hölle
gesehen und spürte keinen Wunsch, weitere Spielarten kennenzulernen. Wenn
nur den Menschen auf der Erde ein kurzer Einblick in diese Zustände
gegeben werden könnte, vor denen die Macht des Wortes völlig versagt,
der Welt würde eine Warnung vor dem Bösen zuteil, wie sie sterbliche
Augen und Ohren noch nicht erreicht hat!“
„Es
scheint fast unglaublich“, sagte ich zu Ladas, „daß ein
Mensch in den wenigen Jahren seines Lebens solche Strafen ernten kann.“
„Du
hast recht. Es gibt wohl keinen deutlicheren Beweis dafür, wie unser
freier Wille zum Guten oder Bösen wirken kann. Ich habe keine
Möglichkeit, diesem Unglücklichen zu helfen. Du magst es nicht
bemerkt haben, aber vor seinen Augen hängt eine Tafel, auf der er genau
ablesen kann, wofür er jeden einzelnen Schmerz erduldet und wieviel von
seiner Schuld noch übrigbleibt. Sein eigenes Gedächtnis und Gewissen
sind Beisitzer dieses Gerichts und verhindern es schon dadurch, daß ein
Gran Strafe zuviel oder zuwenig ausgeteilt wird.“
„Die
Hilflosigkeit dieses Zustandes scheint seinen Schrecken noch zu
vergrößern,“ meinte ich. Aber es ist barmherzig, daß die
Leidenden dabei wenigstens nicht eingekerkert sind.“
„Das
wäre auch nicht notwendig. Niemand versucht hier, gewaltsam auszubrechen.
Die Hölle ist kein Ort des Aufbegehrens, sondern ein Zustand des passiven
Erduldens. Es gibt nicht eine einzige Seele darin, die nicht durch Erfahrung
begreifen lernt, daß die Liebe Gottes hier ebenso gegenwärtig ist,
wie im höchsten Himmel. Vielleicht ist es gerade diese Erkenntnis, die die
stärkste Reue auslöst — gesündigt zu haben gegen eine so
unwandelbare Liebe, die Mitleid hat, wo man wohlverdiente Rache erwartet. Der
Sünder begreift den Zweck seiner Hölle als das beste Mittel, sich von
seiner Sünde völlig zu reinigen, auf daß er sein wahres
göttliches Erbe antreten kann.
„In
ihrer Unwissenheit neigen die Menschen dazu, die ewigen geistigen Gesetze an
den Maßstäben ihrer weltlichen Rechtsprechung zu messen,“ fuhr
Ladas fort. „Nichts ist verhängnisvoller als das! Die irdische
sogenannte Gerechtigkeit kann man steuern, durch Redegewandtheit, Willkür
oder andere Dinge beeinflussen. Weil Gott nicht auf jedem Marktplatz ein
Tribunal errichtet und jeden Sünder unverzüglich und öffentlich
zur Rechenschaft zieht, meint man, die Sünde werde nur in der Theorie
gestraft. „Wo ist denn euer Gott, wenn es ihn gibt“ rufen die
Frevler und stürzen sich höhnisch auf ihr nächstes Opfer. Wissen
sie nicht, daß Naturgesetze nicht der Willkür unterliegen?
„Du
kannst nicht ein Feuer überlisten oder bestechen, damit es ein Kind nicht
brenne. Ebensowenig kannst du es schelten. Es ist die Natur des Feuers, zu
brennen — und die Natur der Sünde, auf den Sünder strafend
zurück zu fallen. Mit keinem von beiden darf man ungestraft spielen. Die
Tatsache, daß die Bestrafung der Sünde während des Erdenlebens
nicht sichtbar zu werden scheint, besagt gar nichts. Wenn weltliche Gerichte
einen Verbrecher verurteilen, dann geschieht der Strafvollzug ja gewöhnlich
auch hinter den Mauern einer Anstalt, den Blicken der öffentlichen Neugier
verborgen. Nun, die Hölle ist Gottes Besserungsanstalt, und auch sie ist
gnadenvoll verborgen. Ihre Wirkung zum Guten aber ist so unfehlbar, daß
noch keine Seele sie jemals verlassen hat, ohne freimütig zu bekennen: ich
habe gesündigt.“
„Ist
die Absonderung der Sünder in der Hölle stets der Fall?“,
fragte ich.
„Nein.
Die Behandlungsweisen sind so vielfältig wie die zu büßenden
Sünden.“
„Wo
ein so vollkommenes Gesetz am Werke ist, fragt man sich beinahe, was für
den Teufel noch zu tun übrig bleibt.“
Ladas
blickte mich voll an, und in seiner Antwort war weder Überraschung noch
Überheblichkeit zu spüren. „Welchen Teufel meinst du?“
„Nun,
den großen Erzfeind der Menschheit!‘ „Den Erzengel, der vom
Himmel abfiel?“
„Ja,
gewiß. Luzifer und seine Scharen.“
„Lieber
Freund, hast du jemals darüber nachgedacht, was es bedeuten würde,
wenn es ihn gäbe?“
„Wenn
es ihn gäbe! Aber es gibt ihn doch. War es denn nicht immer so?“
„Sag
lieber, man hat es dich so gelehrt. Nein, Aphraar, der Teufel gehört in
den Bereich der Erfindung phantasievoller und leider auch berechnender
Priester, die sein angebliches Vorhandensein zur Stärkung ihrer eigenen
Stellung nützlich fanden. Was nicht von ihnen war, das war vom Teufel.“
„Bist
du vollkommen sicher, daß es ein solches Wesen nicht gibt?“
„Ganz
sicher. Wenn die Hölle einen Gebieter hätte, ich wäre ihm bei
meinen Missionen schon viele Male begegnet! Außerdem steht die
Vorstellung von dem Vorhandensein des Teufels in direktem Widerspruch zu
Gott.“
„Inwiefern?“
„Nehmen
wir an, ein Erzengel wäre tatsächlich von Gott abgefallen. Ein
solcher Fall hätte Gott in seiner Allwissenheit und Allmacht nicht nur
vorher bekannt, er hätte auch vorher von ihm gebilligt sein müssen.
Das aber wäre ein vollkommener Widerspruch in sich selbst und deshalb
unmöglich.“
„Könnte
das aber nicht eine Frage sein, die sich unserer menschlichen Logik
entzieht?“
„Gewiß
gibt es solche Fragen, und es wird ganze Zeitalter dauern, bis wir sie
begreifen lernen. Aber das Vorhandensein eines Teufels gehört nicht dazu.
Du kannst ohne Gefahr davon ausgehen, daß Dinge, die der reinen Vernunft
widersprechen, auch im geistigen nicht sein können. Die Vorstellung von
einem leibhaftigen Teufel aber steht dem allumfassenden Wesen Gottes
völlig entgegen, und je weiter wir unsere Spekulation führen, desto
hoffnungsloser geraten wir in Widersprüche.“
„Laß
uns die ganze Unlogik zuende führen. Der frommen Fabel zufolge rebellierte
Luzifer gegen Gott, um noch mehr Macht zu gewinnen als er schon besaß. Er
verlor seinen Platz im Himmel — einen Platz, den er wegen der ihm
innewohnenden unreinen Gedanken ohnehin niemals hätte einnehmen
können! Er gewann, so heißt es aber weiter, ein Drittel der himmlischen
Heerscharen und einen eigenen, von Gott unabhängigen Thron als Prinz der
Kräfte der Luft und Herr über die Welt, die er durch seine Revolte
aus der Hand ihres Schöpfers gerissen hatte. Der Kreuzestod des
Gottessohnes war notwendig, so urteilt man weiter, um der Welt die
Erlösung aus dieser Herrschaft zu bringen. Dessenungeachtet aber
behält der Teufel sein Zepter, als sei nichts geschehen, und Gott kann
nichts gegen ihn tun … So wollen es diese falschen, der Weisheit und
Allmacht Gottes widersprechenden Theorien.“
“Ich
war sehr nachdenklich geworden. „Stürzt nicht das ganze Gebäude
der Theologie zusammen, wenn es keinen Teufel gibt?“
„Das
brauchte nicht zu sein. Das Verlangen, mehr von Gott zu wissen ist eine Sache,
die Formung versklavender Dogmen aufgrund rein spekulativer Überlegungen
eine andere. All das ändert nichts an der Wahrheit: Gott herrscht allein
über Himmel, Erde und Hölle. Es gibt keinen neben IHM, dem immerdar
Allmächtigen.“
Ich
nahm Abschied von Ladas. Was ich an seiner Seite gesehen hatte, erfüllte
mich mit einem starken Wunsch, für eine Weile allein zu sein. Das volle
Ausmaß dessen, was er zuletzt gesagt hatte, mochte ich noch nicht
verstehen. Aber er hatte genügend mythologische Irrtümer in mir
beseitigt, um mich erkennen zu lassen, daß Gottes Plan den ganzen Kreisbogen
der Schöpfung einbezieht. Erde, Himmel und Hölle haben darin ihren
angestammten Platz wie die Farben in einem Spektrum.
Und
wenn wir aus eigenem Willen oder Versäumnis den Weg über die
Hölle wählen, dann ist auch sie nur eine Station auf dem Pilgerweg,
der nur ein Ziel haben kann. Gott wandelt sich nicht! Solange auch nur eines
seiner Kinder noch nicht heimgekehrt ist, wird Er den Horizont absuchen,
bereit, den Sohn zu empfangen, der sich des Vaterhauses erinnert. Wo der Tag
ewig währt, kann es keine Zu-spät-Gekommene geben
Welch
ein Gegensatz zu der von Menschen geschaffenen Fabel, die die Welt zu gleichen
Teilen in Himmel und Hölle aufteilt und die Einwohner des Himmels
über ihre Brüstung hinab schadenfreudig auf die Leiden der
“Verdammten“ blicken läßt!
* * *
Gibt es eine Wiedergeburt?
Einige
Leser meines ersten Bandes haben mir geschrieben, um — nicht ohne einen
deutlich spürbaren Ton der Enttäuschung — zu fragen, warum ich
nichts über die körperliche Wiedergeburt (Reinkarnation) sage.
Geduld, meine lieben Leser! Ich weiß noch sehr wohl, wie dieses Thema
auch mich auf Erden häufig fesselte. Hier im Jenseits war es mir
vorübergehend aus den Augen geraten, da ich durch nichts an diese Frage
erinnert zu werden schien. Die Antwort kam schließlich unter ganz
natürlichen Umständen. Und der sie gab, war niemand anders als mein
väterlicher Freund CUSHNA.
Schon
lange hatte ich mir gewünscht, das Heim des Ägypters kennenzulernen.
Es ist zugleich ein Heim für die Seelen jener Allerkleinsten, die von der
Erde zu uns kommen, bevor sie zwischen Gut und Böse unterscheiden
können. Ihre Unterweisung ist CUSHNAS Haupt-
und Lieblingsbeschäftigung.
„Sammelt
die Bröcklein auf, damit nichts verloren gehe.“ Diese Worte Christi
nach der Speisung der Fünftausend haben eine tiefe Bedeutung, die die
ganze Schöpfung einbezieht: auch ihre kleinsten Bruchstücke bergen
göttliche Eigenschaften und dürfen nicht verlorengehen. Die Seelen
von Kindern, die während, oder bald nach der Geburt ihre Körperchen
wieder verließen, ja selbst jene, die noch im Mutterschoß ruhten
und dort nur die erste eigene Bewegung machten, sind geistige Bruchstücke,
die im Jenseits sorgfältig aufgesammelt werden um sie in liebevoller
Pflege zu reifen Seelen zu entwickeln.
Das Pflegeheim CUSHNAS ist eines von zahlreichen, die ausschließlich der
Belehrung dieser winzigen Seelen dienen. Es ist dazu mit einer Vielfalt von
Möglichkeiten ausgestattet, wie sie nur die allumfassende Vorsorge Gottes
erfinden kann. Seine Insassen, etwa zweitausend an der Zahl, stammen aus allen
Ländern und Rassen der Erde. Sie werden von vorneherein in so
völliger Gemeinschaft erzogen, daß der Gedanke an Rassenunterschiede
garnicht entstehen kann.
Sobald
die Kleinen nach sorgsamer Pflege und Anleitung dazu befähigt sind, gehen
sie weiter an andere Stätten der Unterweisung. Der Himmel ist ein
vollkommener Ort für vollkommene Seelen. Ein Kind — notwendigerweise
unvollkommen — muß zur vollen geistigen Reife entwickelt werden,
bevor es ihn betreten kann, ebenso wie ein Greis zunächst die Kraft der
Jahre körperlicher Blüte wiedergewinnen muß.
CUSHNA selbst ist ein
unübertreffliches Beispiel für den letzteren Fall. Jedesmal wenn ich
ihn treffe, bewundere ich erneut, wie vollkommen sich das zweifellos hohe Alter
dieses Ägypters auf unbeschreibliche Weise hinter seinem lebensfreudigen,
jugendlichen Äußeren verbirgt. Nirgends empfand ich den
Zusammenklang von gütiger Weisheit und lebendiger Frische deutlicher als
hier in CUSHNAS allereigenstem Wirkungsbereich.“
Die
Methoden der Unterweisung in diesem Heim waren mit einer Sorgfalt
ausgewählt und fortentwickelt, wie sie nur unendliche Erfahrung zeugen
konnte. Stärke, Wachstum, Charakter, Aufgeschlossenheit, ein sanftes
Gemüt verbunden mit entschlußfreudiger Fortschrittlichkeit, Liebe,
Demut und Erfolg, alle diese Dinge zugleich waren hier zu erwecken und zu
entwickeln; CUSHNA hatte für alles vorgesorgt und
darüber hinaus Vorkehrungen getroffen, daß vererbte Neigungen zum
Negativen und Unreinen sorgsam ausgelöscht wurden,
Die
ganze Anlage umfaßt eine größere Anzahl von stattlichen
Gebäuden, die jeweils in eine nach ihrer besonderen Bestimmung gestaltete
Umgebung eingebettet sind. Auch Schlafräume fehlen nicht, da diese Meinen
Seelen alle noch ein bestimmtes Maß von Schlaf brauchen, ferner ein
Museum, ein Theater, naturkundliche Laboratorien und viele andere Stätten,
die jedem nur denkbaren Bildungszweck Genüge tun.
Am
stärksten prägte sich mir die Landschaftsgärtnerei ein, die in
äußerst geschickter Weise darauf abgestellt war, die Kinder zum
Fragen anzuregen. So wirkungsvoll waren diese landschaftlichen
“Fragezeichen“, daß ich selbst in die Falle ging und CUSHNA an jeder Ecke und Wegkreuzung neue Fragen stellte.
Bin
ich mit dieser Schilderung einigen Lesern wieder zu “materialistisch“?
Nun, wir hatten uns bereits überzeugt, daß die menschliche Seele
beim Übertritt ins Jenseits keineswegs sofort allwissend wird. Warum
sollte es mit Kindern anders sein? Sie mögen unschuldig sein, aber Unschuld
ist nicht dasselbe wie bewußte Güte; unentwickelte Intelligenz ist
keine Heiligkeit! Auf Erden läßt man einen jungen Menschen auch
mancherlei Prüfungen ablegen, bevor er seinen Platz als
vollverantwortliches Mitglied seines Berufs oder seiner Gemeinschaft einnehmen
kann. Sollte Gott weniger umsichtig sein? Oder sollte er die Kinder ihrem
Unwissen überlassen, weil sie das Unglück hatten, als hilflose kleine
Wesen zu uns zu kommen? Müssen wir nicht alle lernen, bevor wir auf
unserem langen Wege zu Gott einen Schritt weiter tun dürfen? Gottes
Vorsorge hilft uns dabei, und an Stätten wie dieser ist sie in einer Weise
offenbar, die ausreichend zu beschreiben mir die Worte fehlen.
Und
selbst hier gilt die Regel, daß niemand gegen seinen Willen zum Lernen
gezwungen wird. Alles in CUSHNAS kleinem Reich ist darauf
abgestimmt, die Aufmerksamkeit der Kinder zu wecken und sie von selbst zu
Fragen anzuregen.
CUSHNA führte mich zu einer der vielen
kleinen Gruppen, die sich während meines Besuches in den Gärten
aufhielten. Etwa zwanzig Kinder saßen aufmerksam lauschend um eine
Helferin, die gerade die Eigenschaften eines Grashalmes erklärte, der
durch seine hübsche Form und Farbe die Wißbegierde der Kleinen
erregt hatte. Im Handumdrehen fühlte ich mich selbst in ein Märchenland
der Botanik versetzt. Anschaulich erklärte unsere Schwester zunächst
die Eigenschaften des Halmes in ihrer Hand. Im nächsten Augenblick hielt
sie — offenbar mit Hilfe eines magischen Vorganges, den ich noch nicht
verstand — eine ganze Auswahl verschiedener Gräser zwischen den Fingern
und begann, ihre Unterschiede zu erklären. Der gröbste und einfachste
Halm war von der Sorte, wie er auf Erden zu finden ist, die anderen entstammen
verschiedenen Stufen des höheren Lebens.
Jede
Frage de Kinder wurde geduldig und meist durch ein verblüffend einfaches
Gleichnis beantwortet, das dem Gedächtnis spielerisch leicht
zugänglich war. Und als die Fragen beantwortet waren, hörte ich die
Helferin zu meiner Überraschung sagen, daß sie jetzt zur praktischen
Anwendung des Erklärten kommen werde.
Es
folgte ein absolut verzaubernder Vortrag über die Chemie des Grashalmes
und den Prozeß, durch den er die Bestandteile der Atmosphäre und des
Bodens zu seinem Wachstum benutzt. Die Natur wurde als eine an Schönheit
reiche, unsichtbar wirkende Kraft Gottes erklärt, dazu bestimmt, alles zum
Schutz und zur Erhaltung des Menschen Erforderliche zu liefern, bis er selber
genug Vollkommenheit erlangt, die vorhandenen Kräfte auf geistigem Wege
viel schneller und besser zu seinem Nutzen einzusetzen. Dies wiederum
führte zu einer anschaulichen Beschreibung des Unterschiedes zwischen dem
Menschen und anderen Dingen der Schöpfung, bei dem unsere Schwester
geschickt auf die Beschaffenheit und verborgenen Kräfte der menschlichen
Seele hinwies. Wo immer möglich, benutzte sie bildhafte Erklärungen
zur Unterstützung.
Es
scheint Last unglaublich, daß ein kindlicher Verstand solchem weit- und
tiefreichendem Lehrstoff folgen kann. Aber Gottes Wege sind nicht die der
Menschen. Das scheinbar Unmögliche wurde hier vor meinen Augen langsam
aber dennoch deutlich sichtbar vollbracht.
Auf
die Erläuterung folgte eine praktische Vorführung. Die Lehrerin legte
den Grashalm beiseite und forderte die Kinder auf, ihre ausgestreckte Hand zu
beobachten. Ich war ebenso erstaunt wie die kleinen Schüler, als auf der
Handfläche alsbald langsam ein neuer Grashalm Gestalt gewann, der dem
ersten auf das Genaueste glich.
Aber
damit nicht genug! Jedes Kind wurde nach dem erfolgreichen Abschluß des
Experiments angeregt, es der Lehrerin nachzumachen. Eines nach dem anderen rief
sie zu sich, ermutigte es und beobachtete das Ergebnis dieser ersten Versuche
geistiger Schöpfung. Viele schlugen völlig fehl, manche brachten
genug zustande, um zu weiteren Versuchen angeregt zu werden, und eines brachte
einen in der Form sehr schönen Halm hervor, wenn er auch an Farbe und
Einzelheiten noch viel zu wünschen übrig ließ.
Für
alle fand die Helferin lobende oder anregende Worte und versprach, daß
der volle Erfolg nicht ausbleiben könne, wenn das einmal Gelernte geduldig
und gewissenhaft angewendet wird. Am Ende der Unterrichtsstunde freuten sich
die Kinder schon auf die Fortsetzung beim nächsten Mal.
Ich
konnte mich nur schwer von dem Anblick dieser zauberhaften Szene trennen. Ich
hatte einen Blick in ein Reich tun dürfen, über dessen Schwelle noch
niemals der Schatten der Sünde gefallen ist.
CUSHNA führte mich weiter. Ich will
nicht den Versuch machen, die ungezählten Möglichkeiten des Lernens,
des kindlichen Spiels und der praktischen Übungen aufzuzählen, die dieses
kleine Reich des Ägypters bot. Meine Kritiker würden mich fragen,
warum ich ihnen nicht eine Einrichtung beschreibe, die die Wissenschaft der
Erde noch nicht entdeckt hat.
Angenommen,
ich würde das zu tun versuchen, würde ich damit etwas erreichen? Durchaus
nicht. Man würde vielleicht einräumen, daß es sich um eine
“interessante Theorie“ handele, würde aber ohne die geistigen
Kräfte zu ihrer Verwirklichung schnell wieder in den alten Unglauben
zurückfallen. Nein, auf diese Weise läßt sich die Wahrheit
nicht augenscheinlich machen.
Auch
würde ein solcher Versuch gänzlich über den Zweck dieses Buches
hinausreichen, der darin besteht, meinen Lesern auf Erden die Dinge so zu
schildern, wie ich sie gesehen und erlebt habe, ohne daß ich selber immer
auch gleich alle tieferen Zusammenhänge verstand. In diesem Fall kommt es
mir nur darauf an, verständlich zu machen, daß der göttliche
Wesenskern hier im Jenseits bei jedem Kind anerkannt wird und daß seine
Erziehung, von der ich nur ein allererstes Anfangsstadium gesehen hatte, darauf
aufbaut.
Als
Jesus Christus das Brot brach und die Fische aufteilte und die Nahrung dabei
vervielfachte, wendete er dieselbe Kraft an wie CUSHNAS
Helferin bei der Nachschöpfung des Grashalmes. Und wenn die Helferin den
Kindern Erfolg bei diesem Versuch versprach, so war auch dies gerechtfertigt
durch Christi Versprechen „Wer an mich glaubt, wird die Werke tun, die
ich tue und er wird größere Werke tun als diese.“ — Von
Gruppe zu Gruppe, von Szene zu Szene führte mich CUSHNA, und überall schien die Umwelt einen fast
unersättlichen Wissensdurst zu erzeugen.
„Was
geschieht mit denen“ fragte ich, „die mit ererbten
Charakterschwächen behaftet sind? Sie werden hier doch nicht
gestraft?“
„Auf
keinen Fall. Niemand wird für die Sünden eines anderen gestraft. Wenn
die Seele eines Kindes von seelischen Makeln seiner Eltern angesteckt ist, dann
verdient sie besondere Liebe und Sorge, nicht Strafe. Wir isolieren diese
Kinder hier, um sie besser betreuen zu können und eine Ansteckung anderer
Kinder zu verhindern.“
„Wenn
ein Kind mit seelischen Makeln zur Welt kommt, könnte das nicht auch ein
Beweis für die Theorie der Seelenwanderung sein? Hat man nicht im alten
Ägypten daran geglaubt?“
Bevor
ich dir antwortete, muß ich gegen die Auffassung protestieren, daß
diese Theorie in der Religion Ägyptens einen Platz hatte oder gar dort
entstanden ist. Einige wenige meiner Zeitgenossen mögen in gewisser Weise
daran geglaubt haben, aber unsere Priester kannten nicht die Lehre, wie sie später
in Indien verbreitet wurde, und unser Ritual war frei davon.“
„Dann
hältst du die seelischen Fehler dieser Kinder also nicht für eine
Folge früherer Erdenleben?“
„Wie
könnte das sein, wenn es kein früheres Erdenleben für sie
gegeben hat? Die Methode der Schöpfung besteht nicht darin, daß Gott
eine Serie von Experimenten unternimmt, bis der Erfolg erreicht ist. ER ist
vollkommen und jeder seiner ersten Schöpfungsakte trägt die
Möglichkeit des Erfolges in sich. Hast du nicht erst vor kurzem selber
gesehen, was geschieht, wenn der Mensch diese Möglichkeiten blindlings in
den Wind schlägt? Hast du nicht einen Blick auf die ungezählten
Möglichkeiten tun können, die uns hier zur Verfügung stehen, um
stetig näher an Gott zu gelangen, und dauere es auch die halbe Ewigkeit?
„Führe
dir bitte vor Augen, daß der Same eines Baumes in sich die Keime von
tausenden von Generationen enthält, die sich in ihm spiegeln, um sich zu
entfalten und seine Art zu zeugen, sowie den zu seiner Entwicklung notwendigen
natürlichen Bedingungen entsprochen wird. Ein gleiches geschieht mit den
Menschen. Der Seelenkeim als die Widerspiegelung einer ebenfalls langen
Geschlechterfolge erklimmt die Hänge zur Menschheitsentwicklung, um den
Generationen nachzufolgen, die vor ihm in das Paradies eingingen.
„Alles,
was bereits vergangen ist wie das, was sein wird, wurde auf diese Weise
sorgfältig geplant. Bereits in dem ersten Keim, den Gott aussandte, um
seinen Willen zu vollziehen: “Es werde das Kosmos!“ verbirgt sich
Seine Göttlichkeit. Indem Er es ausspricht, ist es vollbracht. Gott begeht
niemals ungewisse Handlungen, noch läßt er sich jemals auf
Experimente ein. Die Lehre von der irdischen Wiedergeburt findet hier keinen
Platz.“
„Es
gibt viele Gründe dafür, warum diese Lehre noch heute so verbreitet
ist. Ihre Uranfänge sind leicht genug zu erklären. Der primitive
Mensch vergangener Zeitalter spürte sehr wohl, daß der menschliche
Körper von einer Seele belebt sein muß, die bei der Geburt in ihn
eintritt und ihn beim Tode verläßt. Was lag deshalb für ihn
näher, als anzunehmen, daß das Kind bei der Geburt die
“freigewordene“ Seele eines Verstorbenen einatmet? Aus diesem
Aberglauben haben sich im Laufe der Zeit Philosophien und Religionen
entwickelt, nicht selten unter kräftiger Mitwirkung einer Priesterkaste, die
in der Theorie der Wiedergeburt eine Möglichkeit sah, ihre Gewalt
über die Menschen zu festigen. Einmal zum Glaubensartikel geworden, wurde
sie praktisch unausrottbar.
„Nein,
Aphraar, solche Umwege der Seelen würden das ganze System des geistigen
Reiches in ein Chaos verwandeln. Die Bestimmung der Seele ist der Fortschritt,
und dieser wird gewöhnlich weit wirksamer auf einem Weg erreicht, der mit
Gottes Liebe und Gerechtigkeit besser in Einklang steht.“
Für
CUSHNA war das Thema beendet. Ich möchte
dem nur hinzufügen, daß ich mich mit dem Gedanken an eine irdische
Wiedergeburt auf Erden selber befreundet hatte und deshalb hier nach dem
“Überschreiten der Grenze“ umfangreiche Nachforschungen
darüber angestellt habe. Unter den Seelen, die hier noch den Erdeinflüssen
unterliegen, gibt es eine nicht geringe Zahl ernsthaft Suchender, die ein
Wiedergeburts-Gesetz tatsächlich als gegeben ansehen. Unter den Seelen
aber, die sich bereits vollkommen von allen Erdeinflüssen befreien konnten
und die dadurch weit besser in der Lage sind, die unverhüllte Wahrheit zu
erfahren, habe ich keinen einzigen finden können, der die Lehre von einer
irdischen Wiedergeburt als wahr anerkennt.
*
Anmerkung
des Herausgebers: Aus späteren
Äußerungen Myhanenes geht hervor,
daß sich diese Verneinung auf die Lehre von der zwangsläufigen
Rückkehr noch nicht ausgereifter Seelen auf die Erde bezieht. Das
Vorkommen von Netz-Einverleibungen in vielen Fällen wird als solches nicht
bestritten. Myhanene betont jedoch ausdrücklich,
daß solche Einverleibungen nicht etwa Glieder einer
schicksalsmäßigen Kette des Immer-Wieder-Zurückmüssens
seien, sondern aus freiem Willen erfolgen. Es sei sogar Voraussetzung,
daß die Seele im Jenseits vorher einen gewissen Reifegrad erreicht hat
und von dem starken Wunsch beseelt ist, auf Erden bestimmte Aufgaben zu
erfüllen.
Myhanene
erinnert daran, daß eine Reinkarnationslehre auch nicht zur
Erklärung der Vorexistenz der menschlichen Seele vonnöten sei; er
verweist dabei auf den langen Entwicklungsweg, den die Seelenkeime durch die
niederen Naturstufen zu nehmen haben, bis sie die Ebene des Menschen erreichen.
Von dieser Stufe an — also auch im Jenseits — werde die
Weiterentwicklung der Seele allein durch den freien Willen bestimmt.
Möglichkeiten dazu gebe es auch auf anderen Weltenkörpern mit
zahlreichen geistig höheren Lebenssphären.
* * *
CUSHNA hatte seinen Rundgang mit mir
beendet. Welch ein Seelenarzt war dieser Ägypter! Man hatte mir gesagt,
daß ich ihn in seinem Zuhause, in der Atmosphäre dieses
Zaubergartens, erst richtig kennenlernen würde — und mit Recht.
Seine Sicherheit und liebende Weisheit erfüllte mich mit einem Gefühl
tiefen Vertrauens, und der sanfte Schalk in seinen Augen schien alle in seinen
Bann zu ziehen. Kein Wunder, daß ihn jeder hier liebte.
„Weißt
du“, fragte ich, „was mir an deinem Heim am allerbesten
gefällt?“
„Als
Sohn des Landes der Sphinx ist es eigentlich an mir, die Rätselfragen zu
stellen.“
„Laß
es diesmal umgekehrt sein, und sei es nur, um dich bei deinem eigenen Spiel auf
die Probe zu stellen.“
„Dein
Rätsel ist nicht schwer“, lachte CUSHNA.
„Du vergißt, daß ich die Antwort aus deinen Gedanken ablesen
kann. Aber als guter Ägypter sollte ich diesen Vorteil nicht
ausnützen und will mich deshalb geschlagen bekennen.“
„Nun
gut, — die Antwort ist, daß mich an deinem Heim nichts mehr erfreut
hat als die Tatsache, daß Kinder aller Rassen hier so freundschaftlich
zusammenleben. Dort, wo ich selber zuhause bin, ist es anders.“
„Das
hat seinen Grund darin, daß die Nationen in den ersten drei Stufen
jenseits der Erde noch mit Vorbedacht getrennt sind. Erst später, wenn sie
alle rassischen und religiösen Vorurteile abgelegt haben, leben sie
zusammen. Die Kinder aber werden von Anfang an zusammengebracht, damit solche
Gefühle garnicht erst entstehen. Und an der Harmonie der Naturfarben
erklären wir ihnen die Vielfalt der menschlichen Rasse, deren
Zusammenklang das Vollkommene ergibt.“
„Aber
die geistigen Fähigkeiten der Kinder sind doch sicher sehr
verschieden?“
„Gewiß
sind sie das. Aber das hat weit mehr individuelle als rassische Grunde,
besonders bei den Kleineren.“
„Es
muß außerordentlich interessant sein, ihre Entwicklung zu
verfolgen.“
„Du
hast nur einen kleinen Ausschnitt gesehen. Nur wer ständig hier wirkt
weiß, wie fesselnd es wirklich ist.“
„Sicher
stellst du, von der Rasse abgesehen, auch starke Stammesmerkmale fest?“
„Nur
bei denen, die etwas länger auf der Erde gelebt haben. Bei den anderen,
die vor, während, oder kurz nach ihrer Geburt zu uns kamen, können wir
das Entstehen solcher Merkmale durch erzieherische Maßnahmen
verhindern.“
„Und
welche Nation zeigt nach deinen Erfahrungen die besten Ansätze?“
Aus CUSHNAS Augen sprach ein vielsagendes Lächeln.
„Ein neues Rätsel, Aphraar? Nimm an, ich würde sagen, Ägypten,
oder Indien, oder Neu Guinea oder Deutschland. Was würdest du
denken?“
„Ich
weiß wirklich nicht.“
„Hattest
du nicht gehofft, ich werde ‚England‘ sagen? Schau einmal in dich
hinein, Aphraar. Nationale Vorurteile sitzen manchmal tiefer als man selber
weiß, und es braucht auch im Jenseits einige Zeit, bis sie
dahinschwinden. In diesem Heim aber ist es anders: die Kinder kennen noch keine
nationalen Unterschiede und wir haben deshalb keine Gelegenheit, Vergleiche zu
ziehen!“
„Du
hast mich überzeugt. Sag‘ mir noch, wie lange bleiben die Kinder
hier?“
„Das
hängt von den Umständen ab. In gewissen Fällen ist, wie ich dir
schon sagte, zunächst eine Absonderung notwendig um ererbte
Charakterfehler zu behandeln. Sonst aber bleiben sie, bis sie an einem bestimmten
Lehrgebiet besonderes Interesse finden.“
„Gehen
sie dann in Schulen höherer Grade, um diesem Interesse zu folgen?“
„Nein.
Die anregende Umwelt, in der sie hier gelebt haben, zusammen mit unserem
Erziehungssystem, begünstigt eine rasche Entwicklung des Intellekts und
des Körpers — beide diese Dinge sind bei Kindern miteinander
verbunden. Wenn sie uns verlassen, ist deshalb das Gesetz der Anziehung schon
voll wirksam. Jedes geht an seinen eigenen Platz und erhält dort die Hilfe
und Unterweisung, die es noch brauchen mag.“
„Dann
ist das hier gewonnene Interesse bestimmend für den spätern
Weg?“
„Immer.“
„Gilt
das Gesetz, daß das Interesse an einer Sache den späteren
Wirkungskreis einer Seele bestimmt, auch für uns Erwachsene?“ CUSHNA blickte mich an. „Du denkst an deinen Wunsch,
zur Erde zurückzukehren? Laß mich dir sagen, daß ich deinen
Auftrag, mit der Gruppe MYHANENES zusammen zu arbeiten, schon
seit langem kenne.“
„Aber
warum hast du mir nichts davon gesagt?“
„Die
Zeit war noch nicht gekommen. Zunächst mußtest du darauf vorbereitet
werden, und ich habe versucht, das Meinige dabei zu tun.“
„Und
du hast meinen Wunsch damit noch erheblich gestärkt! Ich wagte nicht, auf
seine Verwirklichung zu hoffen, bis Ladas eine Andeutung in dieser Richtung
machte. Darf ich wirklich an dieser Arbeit teilnehmen, CUSHNA?“
„Gewiß;
aber Sorge, daß du wohl gerüstet bist, bevor du damit beginnst. Das
Wirken im Erdkreis erfordert mehr Verantwortung als du glauben magst.“
„Ladas
hat mir einen Einblick in diese Region und in das Schicksal erdgebundener
Seelen gewährt, die ich nicht so leicht vergessen werde.“
„All‘
das wird dir ohne Zweifel sehr helfen. Aber laß mich dir sehr ernsthaft
raten, auch fürderhin jede Gelegenheit zu nutzen, um dein Wissen zu
vervollkommnen. Wann immer möglich, schließe dich einem vom MYHANENES Helfern an, wenn er auf eine Mission jenseits der
Nebelwand geht, und schließe Bekanntschaft mit dem Manne, der auf der
Erde unser Sprachrohr ist. Vor allem präge dir ein, niemals ohne Erlaubnis
zu sprechen, und wenn sie gegeben wird, versuche nicht gleich alles zu sagen,
was du weißt, sondern sei sicher, daß du alles weißt, was du
sagst. Der Irrtum auf der Erde ist gerade schlimm genug. Es ist viel besser, zu
schweigen, als ihm auch nur ein Jota hinzuzufügen.“
„Willst
du mich von meinem Vorhaben abbringen, CUSHNA?“
„Durchaus
nicht. Meine Absicht ist nur, dich zu warnen und zu beschützen. Du hast
gut gewählt. Wenn du deine Möglichkeiten mit Umsicht verfolgst, wird
die Belohnung nicht ausbleiben.“
CUSHNAS Worte mögen meinen Lesern einen
kleinen Hinweis darauf geben, mit welcher unendlichen Vorsicht
verantwortungsbewußte, wissende und wirklich gereifte Seelen die
Verbindung zur Erde handhaben. Welch einen bejammernswerten Gegensatz hierzu
bilden einige unter den spiritistischen Zirkeln, die, allein der Befriedigung
von Neugier und Sensationslust dienend, den schandbarsten Unsinn unter die
Menschen bringen.
Wie
das möglich ist? Jeder zieht die Schwingungen an, mit denen er selber
verwandt ist. Wenn das Gefäß auf Erden nicht rein ist, wie kann es
mit Reinem gefüllt werden? Eine hohe Seele wird sich niemals zu einer
Salonunterhaltung hergeben. Leider gibt es nur allzuviele leichtfertige oder
einfach unwissende Geister, die dann an seine Stelle treten. Das Gesetz,
daß jede Seele frei ist, zu tun was sie will, solange sie sich in dem
ihrer Entwicklung gemäßen Bereich bewegt, gilt uneingeschränkt
auch hier.
Ganz
bestimmte Vorbedingungen müssen bestehen und eingehalten werden, wenn
höher entwickelte Seelen in Verbindung mit der Erde treten sollen. Jeder
große Virtuose kann am besten auf seinem eigenen Instrument spielen,
jeder Chirurg setzt größeres Vertrauen in seine eigenen Instrumente.
Ebenso muß der Mensch, der als Instrument für die Verbindung der
beiden Welten wirken soll, genau auf die Schwingungen derer abgestimmt sein,
die sich seiner bedienen.
An
solchen Instrumenten besteht ein großer Mangel. Edeldenkende,
opferbereite Menschen werden dazu gebraucht, die das Wesen ihrer Mission
verstehen und deren große Verantwortung tragen können. Nur Reinheit
und Demut können hohe Kräfte aus dem geistigen Reich anziehen, und je
näher der das Instrumentbenutzende Engelsbote dem Throne Gottes steht,
desto größer ist die physische Belastung, die seine Gegenwart dem
Medium auferlegt. Der Mann oder die Frau, die einem solchen hohen Ruf folgte,
müssen bereit sein, ein “lebendiges Opfer zum Wohlgefallen
Gottes“ zu sein.
Solche
Instrumente sind selten, aber wenn sie gefunden sind, dann wissen jene, in
deren Obhut sie gelangen, sehr wohl um ihren Wert. Sie werden es niemals
zulassen, daß sie unbefugt oder leichtfertig benutzt werden.
In MYHANENES Mission ist es mir erlaubt, mich unseres
Sprachrohres auf der Erde zu bedienen, und ich kann meinen Lesern versichern,
daß ungezählte Seelen noch darauf warten, die Schätze und
Wahrheiten des Paradieses der Erde zu Füßen zu legen, wenn diese
ehrlich gesucht werden und geeignete Instrumente vorhanden sind.
Man
lasse mich diesen letzten Punkt noch einmal hervorheben: Radio und drahtlose
Telegraphie hängen davon ab, daß Sender und Empfänger
aufeinander abgestimmt sind. In genau der gleichen Weise sind Botschaften aus
dem Jenseits von der geistigen Qualität ihres Empfängers
abhängig. Es mag besondere Fälle geben, in denen Gott aus
Gründen, die nur er selbst weiß, durch den Mund eines Ungeistigen
spricht, wie er zu Bileam (4.Mose,22-24) sogar durch eine Eselin sprach. Aber
wehe denen, die sich nach einem solchen Sonderfall zu richten versuchen!
Dampfschiffe können nicht durch den Weltenraum fahren und das Mikroskop
kann niemals die Arbeit des Teleskops leisten. So muß ein Instrument der
Wahrheit ständig rein sein, innerlich und äußerlich, wenn Gott
es wirksam benutzen soll.
* * *
Eine
Botschaft Vaones hat mich aus CUSHNAS Heim
zurückgerufen. Jene Gedankenblitze, die uns immer und überall
erreichen können, sind eine nützliche, ja notwendige Einrichtung des
Paradieses. Denn seine Schönheiten und lehrreichen Überraschungen
fesselten mich oft so, daß ich in Gefahr geriet, gar nicht mehr in ein
eigenes Heim zurückzufinden.
Vaone
schloß mich liebevoll in ihre Arme. „Weißt du warum ich dich
gerufen habe?“
„Vielleicht
ganz einfach, weil du ein wenig Sehnsucht nach mir hattest?“
Ihre
Augen lachten Zustimmung. „Glaube das nur, ich kann dich nicht einmal
schelten deswegen. Aber es gibt noch einen anderen Grund. Ich habe einen
Auftrag zu erfüllen und dachte, daß du vielleicht gerne dabei sein
würdest.“
„Ganz
gewiß! Aber worum handelt es sich?“
„Ich
gehe auf die Erde, um dabei zu helfen, unseren kleinen Freund Dandy
herüberzubringen. MYHANENE hat Azal
mit dieser Aufgabe betraut, und ich bin sicher, daß er nichts dagegen
hat, wenn du mitkommst.“
„Diese
Mission interessiert mich aus mehr als einem Grunde“, antwortete ich.
„Weiß
Dandy schon davon?“
„Nein
er wird es erst von Azal erfahren.“
„Ist
der Junge denn hier bei uns?“
„Ja.
Sein Körper schläft zurzeit. Ich glaube, der Junge wird durch einen
Unfall erlöst werden, der davon abhängt, daß er die Zeit
verschläft. Aber dort kommt Azal schon, wir
werden gleich Näheres erfahren.“
Azal war bei uns, fast noch bevor Vaone ihren Satz beendet hatte.
Er willigte sofort ein, daß ich mitkommen könne. „Es wird eine
neue und interessante Erfahrung für dich sein“, fügte er hinzu.
„Aber wir müssen den Jungen finden, bevor es zu spät
ist.“
—
Wir brauchten nicht lange zu suchen. Dandy — einen anderen Namen hatte
dieser unglückliche, elternlose Straßenjunge nicht — war bei
seinem Freunde Himpy Jack, der nun schon seit einiger
Zeit für immer zu uns gekommen war. Die beiden schmiedeten gerade
Pläne für den vom “Todesengel“ Arvez
versprochenen Tag, an dem auch Dandy nicht mehr in die grausame Welt seines
Erdenschicksals zurückkehren müßte.
„Ich
wunsch‘ bloß, es wäre schon das letztemal gewesen“,
hörte ich den kleinen Burschen sagen, als wir uns näherten.
„Warum
wünscht du das?‘, fragte Azal, der nun
neben ihn getreten war.
„Du
weißt ja nicht, was ich auszustehen habe.“ Neugierig und ein wenig
argwöhnisch blickte der Junge unseren Freund an. Dann, mich erkennend, kam
er zu mir und ergriff meine Hand.
„Wer
ist der da, ich kenn‘ ihn nicht.“
„Aber
du kennst doch Arvez, der dich hier zu Himpy Jack gebracht hat? Azal ist
ein Freund von Arvez.“
„Und
was will er?“
„Ich
bin gekommen“, antwortete Azal nun wieder
selbst, „um dir bei dem zu helfen, das du gerade gewünscht
hast.“
„Daß
ich nicht mehr aufwachen muß?“
„Genau
das, und Jack kann mitkommen, wenn er will.“
„Aber
kann ich denn nicht gleich hierbleiben?“
„Nein,
wir müssen erst zur Erde. Dein Körper muß erst noch einmal
aufwachen. Dann wird es nicht mehr lange dauern.“
Aus
der Tiefe seines Bewußtseins schien dem Jungen langsam zu dämmern,
was bevorstand. Aber seine Miene zeigte keine Spur des Schreckens oder der
Angst. Im Gegenteil, er riß sich von mir los und lief auf Azal zu, ihn festhaltend wie zum Pfand für sein
Versprechen. „Jetzt weiß ich“ rief er. „Du willst mich
totmachen. Aber ich habe keine Angst davor. Wirst du es auch gleich tun?“
Azal strich ihm über den Kopf. Nein, ich werde dich nicht
töten. Aber wenn du das nächstemal wieder eingeschlafen bist, werden
wir die Schnur durchreißen können, die dich an deinen Körper
hält. Es wird nicht weh tun.“
„Aber
dann werde ich tot sein?“
„Nur
dein Körper.“
„Das
ist mir gleich. Wird jedenfalls besser sein, als zu leben. Komm, laß uns
gehen!“
Aber
noch bevor wir aufbrechen konnten, hielt Dandy plötzlich wieder ein.
„Augenblick mal! Ich habe noch dreißig Pfennige in der Tasche. Ich
muß sie Bully Peg geben, bevor es zu spät
ist. Er hat es verdammt schwer, und für die dreißig Pfennig kann er
neue Streichhölzer kaufen.“
Anmerkung:
Im England des 19. Jahrhunderts war der Verkauf von Streichhölzern auf den
Straßen manchmal die einzige Möglichkeit für Eltern, und
heimatlose Jungen, ein kümmerliches Leben zu fristen. Der
Herausgeber
Für
einen Augenblick war keiner von uns einer Antwort fähig. Dandys Wunsch war
gleich einem mächtigen Gebet, vor dessen Kraft wir schweigend die
Häupter senkten. Wäre es nötig gewesen, es hätte die vom
Schicksal bestimmte Todesstunde hinauszögern können.
Aber
Azal wußte, daß alles gut werden
würde. „Dein Wunsch wird erfüllt werden“, sagte er.
„Bully Peg wird das Geld bekommen.“
Wäre
unsere Reise zur Erde von sterblichen Augen verfolgt worden, ich glaube, sie
hätte ob ihres Zweckes und Zieles so manche Kritik ausgelöst. Am
meisten gegen alle überlieferten Vorstellungen aber hätte Dandy
selbst verstoßen. Niemals habe ich einen Schuljungen freudiger bewegt in
seine Ferien gehen sehen, als diesen obdachlosen Gassenjungen bei den Gedanken,
die ihn jetzt erfüllten.
Aber
wir sind am Bestimmungsort.
Unser
kleiner Freund — sein Körper vielmehr — hatte sein Nachtlager
gemeinsam mit Bully Peg in einem Lagerhaus
aufgeschlagen. Dort, zwischen aufgetürmten Kisten, war es leidlich warm,
und kein Polizist konnte sie entdecken.
Aber
Dandy hatte sich „verschlafen“. Der Tag war angebrochen, und die
ersten Güterpacker hatten ihre Arbeit begonnen. Sie hantierten ihre Kisten
gefährlich nahe an dem geheimen Schlaflager. Bully
Peg, der längst wach war, hatte schon einen Ausflug auf die Straße
unternommen. Es war nicht schwer, ihn zurückzurufen. Dandy war der
Beschützer dieses Knirpses geworden, versorgte ihn mit Streichhölzern
und teilte mit ihm das meist einzige Mahl, das der Tag ihnen bescherte. Zwischen
den beiden bestand ein Band natürlicher Sympathie, das es uns leicht
machte, Dandys Erwachen seinem Schützling telepathisch bewußt werden
zu lassen.
Aber
Bully Peg kam zu spät. In der Sekunde, da Dandy
wieder von seinem Körper Besitz nahm und auf seinem Schlaflager die erste
Bewegung sich reckenden Erwachens tat, vollzog sich das Schicksal. Eine
große Kiste, von den Stemmeisen der Arbeiter bewegt, kippte und begrub
den kleinen Körper unter sich.
Ein
durchdringender Schrei, ein Sekundenbruchteil schneidenden Schmerzes, dann sank
Dandy in das barmherzige Dunkel der Bewußtlosigkeit. Die vor Schrecken
fast erstarrten Arbeiter holten Hilfe herbei, befreiten den
blutüberströmten kleinen Körper aus seiner Lage und trugen ihn
schließlich auf einer Bahre in das benachbarte Krankenhaus.
Fünf
Minuten später lag Dandy auf de Operationstisch.
Ob
die guten Ärzte und Schwestern, die sich um ihn bemühten, wohl
wußten, wie oft die Engel Gottes Zeugen ihrer Mühen im Dienst am
Nächsten sind? Und wie oft sie unsichtbare Unterstützung von ihnen
erhalten?
Vielleicht
spürten sie etwas bei dieser Gelegenheit, denn sie bemühten sich um
den kleinen Straßenjungen mit größter Sorgfalt. Man sah
sofort, daß eines seiner Beine mehrfach gebrochen war, aber der Chirurg
mußte zunächst ein Belebungsmittel geben, um das Ausmaß der
inneren Verletzungen festzustellen.
Mit
einem schweren Seufzer kam Dandy schließlich wieder zu sich und
öffnete die Augen.
„Das
ist gut“, sagte der Arzt beruhigend. „Wir werden uns jetzt bald
besser fühlen.“
Die
zitternden Lippen des Jungen bewegten sich. Der Chirurg beugte sich herab um
die sich hauchend formenden Worte zu vernehmen.
„Geld?
Ja, ich höre. Bully Peg soll es haben? Ist er
dein Freund?“
Wieder
formten sich die Lippen zu einem „Ja“, aber es war nicht mehr
hörbar.
„Schaut
mal nach, ob er Geld in seinen Taschen hat.“
Einer
der assistierenden Medizinstudenten untersuchte die Kleiderfetzen, die man von
dem kleinen Körper entfernt hatte. „Zwei oder drei Groschen sind
da.“
„In
Ordnung.“ Der Arzt nickte Dandy zu. ,,Bully Peg
soll sie haben.“
Ein
schwaches Lächeln auf Dandys Lippen zeigte, daß der Junge verstanden
hatte.
Inzwischen
stand fest, daß der kleine Patient schwere innere Verletzungen erlitten
hatte, und der Arzt gab den Studenten zu verstehen, daß es keine Hilfe
mehr geben könne. Das zerschmetterte Bein wurde in eine Stellung gebracht,
die so wenig Schmerz wie möglich verursachte. Dann brachte man den Jungen
in ein Bett, um das Ende zu erwarten.
Wenig
später versank Dandy in einen barmherzigen Schlaf der Erschöpfung,
und seine Seele kam wieder zu uns. Eine kaum faßbare Veränderung war
mit ihr vorgegangen. Dandy war nicht mehr der muntere, frohgemute Bursche, den
wir zur Erde zurückgeleitet hatten. Das Sakrament des körperlichen
Todes lag auf ihm, es war die Dämmerstunde des Lebens. Der Tag begann
anzubrechen; nur noch einige Pendelschläge und für eine müde
kleine Seele würde die Stunde der Befreiung schlagen.
Nirgends
läßt sich die liebende Vorsorge Gottes besser beobachten als in
einer solchen Stunde, da die Erde ihren Griff lockert und der Himmel die im
ausebbenden Lebensstrom auftauchende Seele in seinen Armen auffängt. Azal hielt unseren kleinen Freund fest an sich
gepreßt. Dandy brauchte einen Augenblick, um sich zurückzufinden.
„Was
ist? Oh ja, jetzt weiß ich alles. Bin ich jetzt tot?“
„Noch
nicht, mein Junge. Du schläfst, aber noch nicht tief genug, als daß
wir dich befreien könnten. Gott wird bald einen seiner strahlenden Engel
schicken, und er wird dich mitnehmen.“
„Muß
ich noch einmal zurück?“
„Nicht
für lange.“
„Wenn
ich es doch nicht bräuchte! Ich kann mich dann nicht an euch erinnern, und
es schmerzt so sehr!“
„Dieses
letztemal wirst du wissen, daß wir bei dir sind. Wir können dir dann
so helfen, daß du keinen Schmerz mehr spürst.“
Hoffentlich
ist es bald vorbei! Aber — Moment mal“, stockte Dandy mitten im
Satz, „was ist mit Bully Peg? Hat er meine drei
Groschen bekommen?“
„Noch
nicht. Aber der Doktor hat versprochen, daß Bully
Peg sie haben soll.“
„Aber
der Doktor kennt ihn doch nicht! Können wir Bully
nicht finden und ihm das Geld geben?“
„Wir
werden es versuchen.“ Es dauerte nicht lange, bis Azal
in der Eingangshalle des Krankenhauses den kleinen Burschen erspäht hatte.
Jetzt galt es jemanden zu finden, der ihm das Geld bringen würde.
Was
jetzt folgte war für mich äußerst interessant und lehrreich. Azal fand schnell den Medizinstudenten, der bei der
Untersuchung Dandys assistiert und die drei Groschen in seiner Hosentasche
gefunden hatte. Er begann, seinen Willen auf den jungen Mann zu konzentrieren.
Eine
Weile lang schien sich kein Erfolg einzustellen, dann aber beobachtete ich, wie
der Student plötzlich gegen einen Impuls anzukämpfen begann, das
medizinische Heft, in dem er gerade las, beiseite zu legen und zum Hauptportal
des Gebäudes zu gehen.
Es
war erstaunlich zu sehen, wie dieser offenbar “sinnlose“ Impuls
immer stärker und schließlich völlig unwiderstehlich wurde.
Zuletzt warf der junge Mann sein Heft beiseite, stand auf und ging den Korridor
hinunter zur Eingangshalle — und sei es auch nur, um sich selber die
Lächerlichkeit seiner fixen Idee zu beweisen.
Auf
der obersten Stufe des Hallenaufgangs machte er halt, sah sich prüfend um,
lachte in sich hinein ob seiner eigenen Torheit und war schon wieder im Begriff
umzukehren, als er plötzlich den kleinen Knirps entdeckte, der sich
verschüchtert zwischen eine Säule und die Mauer verkrochen hatte.
„Hallo,
Bürschchen, was suchst du hier?“
Der
kleine Eindringling brachte kein Wort heraus. Furchtsam blickte er abwechselnd
auf den Studenten und seine eigenen Fußspitzen, die er, wenn das
möglich gewesen wäre, noch weiter hinter die Säule gezogen
hätte. Schließlich zog der junge Mann ihn hervor und wiederholte
seine Frage.
„Ich
möchte bloß wissen, wie es Dandy geht“, war die stammelnd
hervorgebrachte Antwort.
„Wer
ist Dandy?“
„Eine
Kiste ist auf ihn gefallen, und sie haben ihn hierher gebracht.“
„Ach,
ich weiß schon; ist er dein Bruder?‘
„Nein,
aber wir sind immer zusammen.“
„Wie
heißt du denn?“
„Bully Peg.“
„Bully Peg! Ja, er hat von dir gesprochen und will,
daß du sein Geld bekommst.“ Der Student zog eine kleine
Silbermünze aus der Tasche. ‚Hier sind fünfzig Pfennig für
dich.“
Ungläubig
blickte der kleine Bursche auf die Münze. Er schien nicht zu begreifen.
„Ist sie auch echt?“
Der
Praktikant lachte. „Aber natürlich. Meinst du, Dandy würde dir
ein Stück Falschgeld schicken?‘
„Nein,
aber er hatte nicht soviel.“
Vielleicht
ist es gewachsen! Auf jeden Fall soll ich dir das Geld geben und damit
gut.“
„Geht
es Dandy besser?“
Der
junge Mann zögerte einen Augenblick. Medizinstudenten sind gewöhnlich
nicht allzu zart besaitet. Aber unser Freund schien zu fühlen, daß
er in diesem Falle sehr, sehr behutsam sein müsse.
„Es
wird ihm bald besser gehen“, sagte er schließlich. „Kann ich
ihn sehen?“
„Jetzt
nicht, mein Junge, komm am Sonntag wieder.“
„Darf
ich heute Abend wissen, wie es ihm geht?‘
„Na
schön, wenn du herkommst, werde ich es dir sagen.“
Immer
noch zögernd, aber doch einigermaßen zufrieden, trollte sich der
kleine Bursche davon. Dandy, der — immer noch von seinem schlafenden
Körper getrennt — die ganze Szene mitangesehen hatte, war
höchst beglückt über Bully Peg und
seine Silbermünze.
Kaum
hatten wir Bully Peg aus den Augen verloren, als MYHANENE eintraf. Sein Erscheinen war ein untrügliches
Zeichen dafür, daß Dandys letzter Erschöpfungsschlaf seinem
Ende zuging. Seine Stunde war gekommen.
Dandy
schien es zu ahnen. „Bist du der Engel, der mich totmacht?“, fragte
er MYHANENE.
„Nein,
mein Junge. Bald wirst du richtig leben. Aber komm, wir müssen dich
für einen Augenblick aufwecken.“
„Wird
es weh tun?“
„Nein,
du wirst nichts mehr spüren. Und du wirst uns die ganze Zeit sehen
können.“
Dandys
Körper bewegte sich schwach in seinem Bett. Zum letztenmal zog er die
Seele zu sich zurück.
Die
aufmerksame Krankenschwester war an der Seite des Jungen, noch bevor er die
Augen öffnete.
„Geht
es jetzt besser, mein lieber Junge?“
Dandy
schien für einen Augenblick nicht zu begreifen, was mit ihm geschehen war.
Dann sagte er fast unhörbar: „Ich bin so müde.“
„Ich
weiß“, antwortete die Schwester. „Willst du versuchen, wieder
einzuschlafen?“
„Ja,
ich will — schlafen.“
Es
war alles vorüber. Der zitternde Lebensfaden riß, und MYHANENE eilte mit der schlafenden kleinen Seele davon
— heimwärts.
* * *
Es
wird den meisten meiner Leser vielleicht seltsam erscheinen, daß die
Seele, die während ihrer Bindung an den Körper (also auch im Schlafe)
niemals das Bewußtsein verliert, bei ihrer endgültigen
Loslösung für kürzere oder längere Zeit in einen
bewußtlosen Zustand tritt. Dennoch ist das bei den allermeisten Menschen
der Fall, besonders wenn der körperliche Tod durch einen Unfall verursacht
wird.
Eine
Maschine, die eben noch auf vollen Touren in einer bestimmten Richtung gelaufen
ist, muß erst zum völligen Stillstand gebracht werden, bevor sie in
der anderen Richtung laufen kann. Ähnlich ist es mit der Seele. Die
Räder unseres Erdenlebens, mag es uns Erfolg oder Mißerfolg gebracht
haben, müssen auslaufen bevor sie sich in die geistige — die wahre
— Richtung bewegen können. In dieser kürzeren oder
längeren Periode der Ruhe fallen die gröbsten irdischen Schwingungen
von uns ab und enthüllen uns als das, was wir wirklich sind.
Dieser
Seelenschlaf beginnt immer, bevor der Lebensfaden endgültig reißt.
Er unterscheidet sich vom gewöhnlichen Tiefschlaf nur dadurch, daß
die Seele nicht mehr in den Körper zurückgeht und, in den meisten
Fällen, in Bewußtlosigkeit sinkt.
Der
Tod ist also im wahrsten Sinne des Wortes ein Bruder des Schlafes. Ich habe
hier im Jenseits viele meiner Brüder und Schwestern nach ihren Erfahrungen
befragt. Die allermeisten beschrieben den Vorgang ihres Todes als ein
In-den-Schlaf-Sinken, die wenigen Übrigen sprachen von einem Gefühl,
als ob man in eine tiefe Ohnmacht sinke. Niemals habe ich Jemanden getroffen,
der vom körperlichen Tode in einer beunruhigenden Weise gesprochen
hätte.
MYHANENE hatte unseren kleinen Freund Dandy
zum Heim des SIAMEDES gebracht, und hier schlief er
jetzt, liebevoll bewacht von Vaone und einer anderen Seele, die den Jungen auf
Erden gekannt hatte.
„Komm“,
wandte sich MYHANENE zu mir, als wir unseren Abschied
nahmen. „Unsere Mission ist beendet. Laß uns ein wenig durch die
Gärten gehen. Du hast manches gelernt, seit wir uns das letztemal sahen.
Ich möchte wissen, ob dieses Leben für dich an Reiz und
Überraschungen verloren hat?“
„Ganz
im Gegenteil“, antwortete ich. „Es gewinnt immer noch mehr mit
jeder neuen Erfahrung.“
„So
ist es immer und für jeden“, bestätigte er. „Es muß
so sein. Ebenso wie der in Christus geoffenbarte Gott so unendlich viel mehr
war, als die Erde begreifen konnte, ist auch Gott in seinem eigenen Reich immer
mehr, als seine Kinder wissen und verstehen können.“
Ich
wünschte, ich könnte Worte finden, um der perlenden Musik der Stimme
meines Begleiters auch nur andeutungsweise Ausdruck zu geben. Ich bin kein
Dichter, sondern nur ein nüchterner Berichterstatter. Vielleicht
würde die brillante Ausdrucksfähigkeit und Phantasie eines Milton,
Dante oder Homer manchen Schönheiten hier bessere Gerechtigkeit angedeihen
lassen — mich, der ich nur von Dingen spreche, die ich selbst erlebt
habe, würde sie bei meinem Vorhaben gewiß nur hindern.
MYHANENE spricht auch über die tiefsten Dinge
mit einer so sprühenden, glockenreinen Leichtigkeit des Tons, daß
man zunächst versucht sein könnte, einen Mangel an Ernst zu vermuten.
Man würde aber einen solchen Argwohn schnell bereuen, denn bevor die Musik
seiner Worte ausgeklungen ist, rühren ihre reinen Schwingungen die Tiefen
unserer Seele mit einer Gewalt an, die uns überflutet und mit sich
fortreißt.
„Wenn
du von der Liebe Gottes und Christi sprichst“, sagte ich, „regt
sich in mir eine Ahnung von ihrer Süße und Fülle. Manchmal
versuchte ich auf Erden sie zu finden, aber ich spürte niemals ihre
Wirklichkeit bis —“
„Bis
wann, mein Bruder?“
Mein
Begleiter legte seinen Arm um meine Schultern und zog mich zu sich heran, als
wolle er mir ein Geständnis erleichtern. Aber er drängte mich nicht.
MYHANENES Schweigen ist beredter als alle
Worte.
„Bis
ich dich traf“, sagte ich schließlich und beugte den Kopf.
Der
Druck seines Armes um meine Schultern verstärkte sich. „Wenn sich
die Liebe des Herrn für dich schon in meiner unwürdigen Person
widerspiegelt, wie wird dann erst die Fülle seiner Herrlichkeit auf dich
wirken?“
„Ich
weiß es nicht“, erwiderte ich. „Ich bin nur dankbar,
daß Seine Offenbarung von mir ferngehalten wird, bis ich sie ertragen
kann.“
„Aber
du würdest diesen Tag nicht absichtlich hinauszögern, nicht
wahr?“
„Nein,
ich möchte ihn weder hinauszögern noch beschleunigen. Ich möchte
nur meine Pflicht tun und alles andere Ihm überlassen. Sag‘ mir
bitte, MYHANENE, ist es wirklich wahr, daß ich
an deiner Mission auf der Erde mitwirken darf?“
„Aber
gewiß, wenn es dein Wunsch ist. Du wirst mir ein sehr willkommener Helfer
sein. Zunächst aber mußt du noch mehr über die Art der
Botschaft lernen, die wir zu verkünden haben. Es ist eine Botschaft der
Freiheit, aber immer ist diese Freiheit durch das Gesetz verbürgt und
bestimmt. Du mußt es genau verstehen, bevor du zu anderen darüber
sprechen kannst.“
„Wo
soll ich beginnen?“
„Bei
der Beseitigung des Irrtums, daß das Leben im Jenseits zwei voneinander
getrennte “Klassen“ von Seelen hat — die Erretteten und die
Verlorenen. An die Stelle dieses Irrglaubens wirst du die Erkenntnis zu
pflanzen haben, daß jede Seele nach ihrer Ankunft im Jenseits an ihren
eigenen Ort geht, den sie sich durch ihre Handlungen und Wünsche im
Erdenleben selbst gestaltet hat.“
„Einige
dieser Zusammenhänge wurden mir ja schon an Beispielen praktisch gezeigt,
die ich nie vergessen werde“, sagte ich. „Aber es gibt da zumindest
einen Punkt, der mir bisher ein Rätsel geblieben ist!“
„Nenne
ihn, und ich werde versuchen, dir das Rätsel zu erklären.“
„Wenn
jeder Mensch an seinen eigenen Ort geht, und wenn wir bedenken, welche
unendliche Zahl voneinander verschiedener seelischer Zustände schon allein
für die Menschen ein und derselben Rasse möglich sind, wie
können dann soviele Orte für die gesamte Menschheit gefunden
werden?“
„Diese
Frage wird auf der Erde häufig gestellt, und du mußt darauf
vorbereitet sein, sie zu beantworten. Die einfachste Antwort wäre,
daß der Bedarf an solchen Orten — wie groß er auch sein mag,
das Endliche nicht übersteigen kann. Gott, der unendlich ist, wird ihn
also in jedem Falle befriedigen können! Leider geben sich nur die
wenigsten Menschen die Mühe, auf religiösem Gebiet einen höheren
Gedankenkreis zu erreichen als den, den sie — mit allen Vorurteilen —
geerbt haben.
„Die
beste Erklärung“, führ MYHANENE nach
einer Pause des Nachdenkens fort, „geht wohl von dem Wort Jesu an seine
Jünger aus: „im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen, wenn es
nicht so wäre, würde ich es euch gesagt haben; ich gehe hin, euch
eine Stätte zu bereiten!“ Hast du jemals darüber nachgedacht,
was und wo diese Wohnungen sind und wie viele es von ihnen geben mag?“
Die
Frage kam so überraschend, daß ich nur mit einem hilflosen
„Nein“ antworten konnte.
MYHANENE lächelte. „Ich hatte es
auch nicht erwartet. Fast alle Menschen bilden sich, wenn sie überhaupt
über diesen Punkt nachdenken, nur eine nebelhafte Vorstellung, die in
jedem Falle unendlich weit hinter der Wirklichkeit zurückbleibt. Aber
laß uns weiter forschen. Paulus sagte, daß er einmal bis zum
dritten Himmel gelangt sei. Auch versicherte er den Ephesern, daß
Christus “weit über alle Himmel aufgestiegen“ sei. Und von
Gott wird gesagt “Der Himmel aller Himmel kann ihn nicht umschließen“.
„Die
Heilige Schrift selber berechtigt uns also, vom Himmel in der Mehrzahl zu
sprechen, ebenso wie Jesus Christus von den “vielen Wohnungen“
sprach. Nun, die Grundmauern zumindest eines Teils dieser Wohnungen, oder
Himmel, sind für die Erdenmenschen nicht ganz so unsichtbar wie allgemein
angenommen wird. Ich glaube, daß die Zahl der optisch erkennbaren
Himmelskörper auf etwa einhundert Millionen geschätzt wird. Ihnen
muß noch eine sehr große Zahl Sterne hinzugezählt werden,
deren Licht die Erde nicht erreicht. Soweit ich weiß, könntest du innerhalb
dieser gewaltigen Vielzahl von Himmelskörpern jene, die wie die Erde nur
dem ersten Stadium des Lebens dienen, an den Fingern deiner beiden Hände
abzählen.“
„MYHANENE!“
„Die
übrigen sind Sammelpunkte für verschiedene Grade geistiger
Entwicklung. Du hast bereits gesehen, wie eine bestimmte Gruppen von Seelen an
die Erde gefesselt ist, bis deren Einfluß soweit zurückgeht,
daß sich diese Seelen aus dem Erdkreis fortreißen
können?“
„Ja.“
„Eine
im Prinzip ähnliche, halbmaterielle Substanz strahlt von der Masse eines
jeden Himmelskörpers aus. Auf dieser Ausstrahlung baut sich dann wiederum
eine stufenförmige Ordnung rein geistiger Zustände auf. Sie alle
formen die majestätische Treppe, die Himmel mit Himmel verbindet, bis der äußerste
Himmel erreicht ist.“
„Und
das Leben, das auf diesen Himmelskörpern besteht — ausgenommen die
wenigen, die wie du sagst der Erde vergleichbar sind — ist immer
geistiger Art?“
„Es
ist tatsächlich geistiger Art. Glaube nicht, daß ich etwa in der
Lage wäre, dir über jede Einzelheit Auskunft zu geben. Ich habe kaum
begonnen, einen Zipfel der unendlichen Wahrheit zu erfassen. Aber soviel
weiß ich, daß Gott immer größer sein wird, als
wir denken, und daß es in seinem Reich Platz für jedes Erfordernis
seiner Kinder gibt.“
Ich schwieg
für einen Augenblick, überwältigt von der Größe der
Vorstellung, die MYHANENES Worte in mir wachgerufen
hatte.
„Ist
daraus etwa auch zu verstehen, meinte ich schließlich, „daß
für die Bewohner der Himmel die Reise von einem Stern zum andern
möglich ist?“
„Nicht
nur möglich, sondern durchaus notwendig, und für alle, die eine
entsprechende Entwicklung erreicht haben, ebenso leicht zu vollführen, wie
auf der Erde die Fortbewegung von einem Haus zum andern. Wenn ich von hier aus
in mein Heim zurückkehre, werde ich einen solchen Kurs nehmen, aber du
könntest mir nicht folgen, weil du auf diese Art der Fortbewegung noch
nicht vorbereitet bist. Von einem andern Punkt aus hast du mein Heim ja schon
gesehen, nachdem ich dir die Kraft dazu verlieh. Das Gesetz*, daß niemand
aus eigener Kraft in Regionen eindringen kann, deren Schwingungen höher
sind als seine eigenen, gilt im ganzen Universum.“
*) Über dieses Gesetz der
Durchdringung habe ich in meinem ebenfalls im Drei Eichen Verlag München
erschienenen Buch: „Wie du ein glückliches Leben gewinnst“ in
dem Abschnitt: „Unsere Welt, eine Vielfalt von
Schwingungszuständen“ in den Einzelheiten berichtet. Der
Herausgeber
„Gibt
es eine solche — soll ich sie brückenlose Leere nennen? —
zwischen der Erde und hier?“
„Nenne
sie Himmelsschranke. Ja, du überquerst eine solche, wenn du zur Erde
zurückkehrst.“
„Warum
habe ich sie nicht bemerkt?“
„Weil
unser Flug dafür gewöhnlich zu schnell ist. Er geht mit
Gedankenschnelle vor sich und läßt uns deshalb keine Zeit für
Beobachtungen.“
„Und
besteht das ganze Universum allein für die Fortentwicklung von zehn oder
zwanzig oder selbst fünfzig Welten wie die Erde?“
„Das
Universum, wie der Mensch es begreift.“
Worin
liegt der Unterschied?“
MYHANENE preßte seinen Arm noch ein wenig
stärker um mich, als wolle er mich für mein
Nicht-Verstehen-können entschädigen. „Wenn ich dich schon mit
dem bisher Gesagten in Erstaunen versetzt habe, wie könnte ich dir das
begreiflich machen, was ich selber noch studiere?“
„Könntest
du nicht einen Fingerzeig geben?“
„Ich
will es mit einem bildlichen Vergleich versuchen. Kannst du dir eine Orange
vorstellen, die in sechzehn Teile aufgeteilt ist?“
„Gewiß.“
Dann
stell‘ dir vor, daß das Sternen-Universum, wie die Erde es kennt,
in einem dieser Teilchen Platz findet. Wir wollen diese Sternsammlung die
“weiße Gruppe“ nennen. Jedes der anderen fünfzehn
Teilchen enthält eine weitere — gelbe, blaue, grüne usw.
— Gruppe von ähnlichem Umfang. Aber selbst dann werden in diesem
Gesamtbild noch nicht alle Sternsysteme Platz haben, die die Seelen
höherer Regionen erreichen können.“
Ich
starrte MYHANENE in fassungslosem Staunen an.
„Wenn
wir die Bedeutung all‘ dessen erfaßt haben“, fuhr er fort,
„sind wir erst an der Schwelle der Unendlichkeit angelangt, denn
außerhalb unserer Orange bestehen noch zahlreiche andere Sternenwelten.
Im Mittelpunkt all‘ dieser gigantischen Systeme mag sich vielleicht der
Thron des unfaßbaren Gottes befinden.“
„Aber
MYHANENE, bedenkst du, wie unerreichbar weit du
Gott damit stellst?“
„Das
ist ein menschlicher Standpunkt gewiß. Aber du vergißt, daß
vom Standpunkt Christi aus eine einzige Seele weit größeren inneren
Wert hat als die ganze Welt. Trotz seiner Unendlichkeit werden wir alle Gott
finden. Der Mensch kann dieser seiner Bestimmung ebensowenig entrinnen, wie der
Allgegenwart Gottes. Innerhalb der Grenzen seines endlichen Reichs aber ist
genug Raum für unseren freien Willen, für die Bestrafung der
Sünden und für die Wiedergesundung von ihnen. An einem Punkt der
Ewigkeit wird das letzte säumige Kind zum Vater heimgeholt sein!“
„Wir
sündigen auf der Erde — aber das Säumen — kann es das
auch im Jenseits geben?“
Wo
immer Fortschritt erzielbar ist, besteht auch die Möglichkeit des
Säumens. Vergiß das nie! Gewiß, je höher und näher
zu Gott wir gelangen, desto mehr wird auch unsere Energie erhöht werden,
so daß wir weniger versucht sind, am Wege zu verweilen. Für dich
aber wird es lohnend sein, wenn du die Bedingungen deines eigenen
gegenwärtigen Heimes studierst. Es liegt gerade außerhalb des
letzten schwachen Erdeinflusses, und jede Seele dort freut sich
naturgemäß der neuen, vollkommenen Freiheit. Du wirst dort eine
ausgesprochene Neigung zur Ruhe finden, einen Wunsch, nicht gestört zu
werden, ein Gefühl der tiefen Zufriedenheit mit dem Erreichten. Man meint
dort einen Himmel erreicht zu haben, der nicht mehr verbessert zu werden
braucht. Ich möchte dich bitten, vor diesem Gefühl auf der Hut zu
sein.“
Ich
mußte an eine Bemerkung Vaones über unser Heim denken. War sie ihm
bekannt? Ich weiß es nicht. MYHANENE ist
nicht so leicht zu durchschauen, wie es im ersten Augenblick den Anschein hat.
„Ich
danke dir für diese Warnung“, antwortete ich, „und verspreche,
sie nicht zu vergessen. Aber sag‘ mir, wenn du davon sprichst, daß
unser Tal gerade jenseits des Einflusses der Erde liegt, bedeutet das,
daß es nur einen Schritt von der Region entfernt ist, durch die mich
Ladas geführt hat?“
„Nein.
Es gibt eine ganze Reihe von Stufen dazwischen. Ladas und seine Helfer wirken
für die Befreiung der erdgebundenen Seelen, die durch den Wunsch, ein
irdisches Vorhaben zu vollenden, ihren Leidenschaften zu frönen oder Rache
zu nehmen, an die Erde gekettet sind. Wenn es gelungen ist, sie von der
Sinnlosigkeit ihres Tuns zu überzeugen, bringt man sie an einen Ort, an
dem die eigentliche Reinigung beginnt.“
„Ist
das nicht der katholischen Vorstellung von einem Purgatorium sehr
ähnlich?“
„Auf
den ersten Blick, ja — aber mit einer sehr wichtigen Einschränkung.
Ich meine den priesterlichen Anspruch, die Seele durch das Instrument der
Seelenmesse befreien zu können, wobei die Messe außerdem durch eine
geldliche oder andere Gegenleistung erkauft zu werden pflegt. Das ist einer der
überlieferten Irrtümer, die den Menschen die Sicht in die Wahrheit
versperren. Aber eher noch schlimmer ist jener andere Anspruch, alle
nicht-absolvierten Sünder der Verdammung anheimgeben zu
können.“
„Und
welcher Art sind die anderen noch dem Erdeinfluß unterliegenden
Entwicklungsstufen im Jenseits?“
„Die
gesamte Region ist von der riesigen Armee von Seelen bevölkert, denen es
auf der Erde an moralischer Energie und Zielstrebigkeit fehlte. Sie halfen
weder, noch hinderten sie, sie existierten einfach. Als soziales, moralisches
und geistiges Treibgut ohne eigenen Charakter schwammen sie gleichgültig
zwischen Gut und Böse. Wie alle anderen Seelen bleiben auch sie im
Jenseits dieselben wie zuvor, eine hilflose, träge Masse, deren geistige
Erweckung uns vor die größten Probleme stellt.
„Unwissenheit
und fehlgeleitete Energie sind einfach zu behandelnde Fälle für den
geistigen Arzt. Aber bei diesen verkümmerten Seelen müssen wir
zunächst die eingetrockneten und verfallenen Empfindungsorgane
wiederbeleben, bevor der geringste Fortschritt möglich ist. Es ist oft
beinahe so schwer, als wollte man eine ägyptische Mumie wieder zum Leben
erwecken! Wäre es möglich, daß unsere Arbeit auf irgend einem
Gebiet ganz fruchtlos sein könnte, dann wäre das hier der Fall. Nach
Gottes Gesetz ist das aber nicht möglich, wenn es auch noch so langsam
vorangehen mag. Auch die Gefahr, die dieser Bereich für die Erde
darstellt, spornt uns immer wieder zu doppeltem Eifer an.“
„Worin
liegt diese Gefahr?“
„Jeder
Stillstand birgt Gefahren in sich; schon deshalb dürfte er nicht geduldet
werden. Der weitaus schlimmste Gefahrenherd sind in diesem Fall aber die
Kräfte gegenseitiger Anziehung zwischen der Erde und diesem Zwischenreich.
Die Seelen dieser Regionen fühlen sich zu solchen auf der Erde, die ihnen
verwandt sind, geradezu magnetisch hingezogen. Du wirst verstehen lernen, was
ich meine, wenn du deine Mission angetreten hast. Sei auf viele Schwierigkeiten
vorbereitet!“
„Könntest
du mir nicht noch mehr davon sagen?“
Dort,
wo eine Verbindung zwischen dem Jenseits und der Erde zustandekommt, erfolgt
sie immer nur zwischen verwandten Geistern. Was, meinst du, muß die Folge
sein, wenn die meisten Menschen dabei nicht von dem Bestreben geleitet werden,
Christus nachzufolgen, sondern von der Neugier? Wenn es ihnen mehr um das Brot
und die Fische zu tun ist, als um die geistige Wahrheit? Ihre heuchlerischen
oder gänzlich ich-bezogenen Fragen werden naturgemäß von Seelen
beantwortet, die selber der Erde zugehörig sind, die sich nicht selten
sogar Informationen zu verschaffen wissen, um sich einen falschen
Persönlichkeitswert anzueignen. Mit deren Hilfe gelingt es ihnen dann
leicht, Fragesteller zu täuschen, die nicht Gottes Wahrheit, sondern nur
eine Befriedigung ihrer Eitelkeiten und Neugier suchen.“
„Aber
kann man eine solche Täuschung nicht verhindern?“
„Nein!
Wenn Gott eine Tür öffnet, dann steht sie allen offen, ohne Ansehen
der Person. Worum die Erde bittet, das wird sie auch erhalten. Wenn sie also
falschen Tand erhält, dann einfach deshalb, weil sie nicht auf die rechte
Weise gebeten hat. Die Region der Unwissenheit und Täuschung liegt der
Erde am nächsten und kann von ihr am leichtesten erreicht werden. Nur
wenige auf der Erde sind der Energie und Opfer fähig, die nötig sind,
um höhere Regionen zu erreichen. Dennoch gibt es einige, und ihrer
müssen wir uns im Vertrauen darauf bedienen, daß die Wahrheit
schließlich über das Trugbild des Zwischenreiches obsiegen wird.
„All
das wirst du bald aus eigener Erfahrung besser verstehen. Zunächst
laß uns einen kurzen Besuch auf der Erde machen. Ich werde dich zu dem
Manne führen, der dort unser “Sprachrohr“ ist.“
* * *
Man
wird vielleicht fragen, warum jemand in MYHANENES
hoher Stellung es für nötig finden sollte, mich zur Erde zu
begleiten. Hätte er nicht einen seiner zahlreichen Helfer damit
beauftragen können? Die Antwort darauf ist, daß es im Himmel selbst
für den höchsten Engel Gottes keine Aufgabe geben kann, die zu
niedrig für ihn wäre. Das kleinste Senfkorn ist es wert, gehegt zu
werden. Und Christus sagte: „Der Größte unter euch soll euer
Diener sein“. Wie oft wird dieses Gesetz der dienenden Liebe und Demut
auf der Erde vergessen!
Der
Dienst, den MYHANENE zu leisten im Begriff war, galt auch
weniger meiner Person als der gemeinsamen Sache. Seine Erlaubnis war
nötig, bevor ich mit Hilfe des von ihm gewählten Instrumentes das
Schweigen des Todes brechen konnte. MYHANENE ist
nicht der Mann, leichtfertige Wagnisse einzugehen, wenn es darum geht, die ihm
Anvertrauten vor Unbill zu schützen. Er und sein Kreis hatten um ihren
Helfer auf der Erde eine geistige Schutzmauer gezogen, die vor Angriffen
unbefugter Geisteswesen vollkommene Sicherheit bot. Etwas Ähnliches
muß Satan bei Hiob vorgefunden haben: „Hast du nicht eine Hecke um
ihn und sein Haus gezogen …?“ Ich brauchte jetzt die Erlaubnis,
diese Hecke zu übersteigen. Das Wort meines Begleiters würde
dafür maßgebend sein.
Außerdem
bot unsere gemeinsame Reise eine vorzügliche Gelegenheit, das
Phänomen der “Himmelsschranke“ durch eigenen Augenschein
kennenzulernen. Auf halbem Wege stoppte MYHANENE
plötzlich unseren Flug, um mir den trennenden Raum zwischen den beiden
Welten bewußt werden zu lassen. Es war ein unvergeßlicher
Augenblick! Wir schwebten in der erschreckenden Einsamkeit des Raumes in
vollkommener Stille, wie sie vor der Erschaffung der Welten geherrscht haben
mochte. In weiter Entfernung zeigte ein Lichtpunkt an, woher wir gekommen
waren. In entgegengesetzter Richtung ebenso fern unser Ziel, die Erde.
Ich
schauderte. Die überwältigende Majestät des Äther-Ozeans,
die furchtbare Stille, das Gefühl absoluten Alleinseins —
außer der Gewißheit, daß Gott auch hier so nah wie immer war
— waren mehr, als ich ertragen konnte.
„Laß
uns gehen“, bat ich.
„Komm
denn“, antwortete mein Begleiter. „Wir halten auf unseren
Flügen selten ein, aber ich wollte, daß du eine der unsichtbaren
Schranken kennen und verstehen lernst, die zwischen den einzelnen Stufen
unserer Entwicklung liegen. Es sind gleichsam die Abstände zwischen den
Stufen der Jakobsleiter.“
Während
wir die Reise fortsetzten, bat ich MYHANENE noch
um eine Erklärung, warum die Rassen und Nationalitäten im Jenseits
getrennt seien.
„Das
ist nur eine zeitweilige Einrichtung, die für das unmittelbar an die Erde
grenzende Zwischenreich gilt“, antwortete er. „Neu angekommene
Seelen unterliegen für eine gewisse Zeit noch den nachschwingenden
Einflüssen der Erde. Ich sprach schon davon, wie leicht sich ein
Gefühl der wunschlosen Zufriedenheit einstellen kann, das Untätigkeit
zur Folge hat. Nationale und religiöse Vorurteile klingen noch für
eine Zeitlang nach, bis sich die Seele auf ihre neue Umgebung eingestellt hat.
Aus diesem Grunde ist eine Trennung der Nationalitäten im ersten Stadium
des Jenseits wünschenswert — sie vermeidet Reibungen. Aber schon in
der zweiten Region bleiben nur noch sehr schwache Erdspuren übrig, und in
der dritten erreichst du die wirkliche Gemeinschaft aller Rassen und
Religionen, die fortan nie mehr getrennt sein werden, da sie erfahren haben,
daß in jeder das Gute enthalten ist. Welcher Art das Gute ist, das wird
jeder leicht entdecken.“
Wieder
Liebe!“ fügte ich hinzu.
„Ja,
überall und stets — Liebe!“
*
An
unserem Bestimmungsort trafen wir CUSHNA an. Das
war durchaus nicht überraschend, denn der Ägypter benutzte unser
Medium häufig, um kranken Erdenmenschen zu helfen. Ich will versuchen,
möglichst genau zu beschreiben, was ich sah:
CUSHNA hatte gerade begonnen, den Vorgang
einzuleiten, der ihn für die Dauer seiner ärztlichen Aufgabe in den
Besitz des Körpers unseres Mediums — James — bringen sollte.
Auf den ersten Blick hatte sein Verhalten gewisse Ähnlichkeit mit dem
Andrängen erdgebundener Seelen an ihre Opfer, das ich in der Begleitung
Ladas‘ beobachtet haue. Es sah aus, als ob die beiden Körper
ineinander verstrickt werden sollten. Sekunden später aber kam Klarheit in
das Bild: unser Medium versank in einen Tranceschlaf, der seine Seele
zeitweilig vom Körper befreite, während CUSHNA zur gleichen Zeit von diesem Körper Besitz
nahm. Dann begann er, ohne einen Augenblick zu verlieren, mit der Behandlung
des kranken Beines eines kleinen Mädchens, das James um Hilfe gebeten
hatte.
“Dämonische
Besessenheit!“ werden vielleicht einige meiner zweifelnden Leser
ausrufen. Nichts dergleichen. “Prophetische Verklärung“
würde der beste Ausdruck sein, wenn wir schon nach einem biblischen
Vergleich suchen wollen. Beide Formen sind durch die Bibel bezeugt. Leider nur
sind die Menschen viel schneller mit der ersteren Erklärung zur Hand, wenn
sie vor einem Phänomen stehen, das sie nicht begreifen. Doch dafür besteht
nicht der geringste Grund. Gottes Gesetze gelten in gleicher Weise für
alle. Wenn sie es zulassen — wie die Bibel bezeugt — daß
Dämonen von den Körpern unglücklicher Menschen Besitz nehmen,
warum sollten sie es nicht andererseits wohltätigen Engeln erlauben, sich
der gleichen Mittel für gute Zwecke zu bedienen! Gibt Gott seinen Freunden
weniger Freiheit als seinen Feinden?
Was
bedeuten die Worte Samuels an Saul, als er ihn zum König von Israel
gesalbt hatte: Der Geist des HERRN soll
über dich kommen, und du sollst prophezeien … und sollst in einen
anderen Menschen gewandelt werden; und so laß es sein, wenn dir diese
Zeichen gekommen sind, daß du tust nach dem Gebot der Stunde; denn Gott
ist mit dir?‘ (1.Samuel,10,6-7).
Kann
es Böses geben, ohne daß es dem Guten erlaubt ist, sich der gleichen
Gesetze auf seine Weise zu seinem Ziele zu bedienen?
Für
mich selbst gab es keine Zweifel mehr. Schritt für Schritt hatte ich
erlebt, wie der trennende Abgrund zwischen den beiden Welten
überbrückt werden konnte. Ich hatte gesehen, wie wirkungsvoll
Gedankenbotschaften und -einflüsse von einer Seite zur anderen gelangten,
wie klar die Stimme der Liebe über die größte Entfernung
vernehmbar ist. Und jetzt war mir gezeigt worden, daß wir einander
berühren konnten, daß der unversiegbare Lebensstrom des Paradieses
zur Verfügung stand, um Krankheit und Gebrechen auf der Erde zu heilen.
„Wie
viel weiter werden diese Offenbarungen noch gehen?“, fragte ich mich
selber im Stillen, und aus der Tiefe meines Selbst kam die Antwort:
„Vertraue auf Gott, denn durch Ihn sind alle Dinge möglich.“
CUSHNA hatte seine Behandlung mit
sichtbarem Erfolg beendet und zog sich nun aus dem Körper des Mediums
zurück, das gleich darauf sein normales Bewußtsein wiedererlangte. MYHANENE gab mir einen Wink, genau auf das zu achten, was
jetzt folgen sollte, denn er wollte nun selbst mit unserem irdischen Helfer
sprechen. Und zwar auf eine Weise, die noch wesentlich vollkommener war.
Er
stellte sich dazu in einige Schritt Entfernung von dem Medium und nahm dann
— durch einen Prozeß, den ich damals nicht begriff, aber seither
selber anzuwenden gelernt habe — allmählich eine festere, physisch
greifbare Gestalt an, in der er schließlich vorwärts trat und
unseren Freund begrüßte.
„Guten
Tag, James. Hat CUSHNAS Arbeit dich sehr
ermüdet?“*
*) Körperliche
Trancezustände sind gewöhnlich mit einer Ermüdung des Mediums
verbunden, die umso größer ist, je höher die Schwingungen des
Kontrollgeistes sind. Der Herausgeber.
„Nicht
wenn ich irgendetwas für dich tun kann, MYHANENE“,
sagte unser Freund mit einem Lächeln des Willkomms.
„Ich
möchte dir einen Freund vorstellen. Er ist im Begriff, sich unserer
Mission anzuschließen, kann aber im Augenblick noch keine für dich
sichtbare Form annehmen.“
„Ich
glaube, ich fühle seine Gegenwart. Aber wenn ich nicht irre, war er schon
einmal hier.“
„Du
hast recht, er kam einmal mit CUSHNA
hierher. Heute aber kommt er als ein neues Mitglied unserer Gruppe, wenn du es
erlaubst.“
„Ist
das auch dein eigener Wunsch?“
„Ja,
ich möchte dich um dein Einverständnis bitten, daß er durch
dich sprechen darf — bis auf weiteres allerdings nur in der Gegenwart
eines anderen Mitglieds unserer Gruppe.“
„Bei
welchem Namen werde ich ihn kennen?“
„Aphraar.“
„Um
deinet- und unserer Sache willen: er ist mir willkommen.“
„Ich
wußte es.“ MYHANENE schlug vor, er wolle unserem
Freunde einige Verse in die Feder diktieren, derweil ich Gelegenheit haben
würde, meinen Kontakt mit ihm zu verstärken.
Dann
war die Reihe an mir, meinen ersten Versuch mit diesem staunenswertesten aller
Instrumente zu machen, das das vermeintlich ungebrochene “Schweigen des
Todes“ spielend zu überwinden schien. MYHANENE gab
mir ein Zeichen, zu sprechen.
„Kannst
du mich hören?“, fragte ich zaghaft. Meine eigene Stimme klang mir
plötzlich hohl und unwirklich.
„Ja,
klar und deutlich.“
Mir
fehlen die Worte, um die Wirkung zu beschreiben, die diese kurze Rede und
Antwort auf mich ausübten. Als MYHANENE
sprach, hatte ich den Vorgang der Verständigung mit gebannter
Aufmerksamkeit verfolgt. Doch jetzt, da ich dieses geheimnisvolle geistige
Telefon zum ersten Mal selber bediente, erschrak ich vor dem Klang meiner
eigenen Stimme und empfand beim Hören der Antwort ein Gefühl des
Gruselns, wie jemand, der plötzlich ein Gespenst erblickt. MYHANENE beobachtete meine verblüffte Miene nicht ohne
Belustigung, und auch mein Gesprächspartner schien meine Verwirrung zu
bemerken obwohl er mich nicht sehen konnte.
„Hat
meine Stimme dich erschreckt?“, fragte er.
„Ich
weiß selber nicht, wie mir geschehen ist“, antwortete ich.
„Ich glaube, ich hatte noch nicht völlig begriffen, was dies alles
wirklich bedeutet, bevor ich dich zu mir selber sprechen hörte.“
„Das
kann ich gut verstehen, besser vielleicht noch als MYHANENE. Wie vollkommen man auch das Wirken der natürlichen
Gesetze verstehen mag, deren wir uns bedienen, die Explosion, die mit einem
Schlage die Mauern des Todes niederreißt und den Weg freigibt,
überrascht und erschüttert uns. “
„Ich
habe dieselbe Erfahrung gemacht“, sagte MYHANENE.
„Aber ich hielt es für viel besser, dich die volle Wucht dieser
Offenbarung fühlen zu lassen, als dich darauf vorzubereiten.“
„Nun“,
warf James ein, „du hast es überstanden. Das letzte Hindernis ist
für dich beseitigt, und fortan werden wir ohne die geringsten
Schwierigkeiten miteinander verkehren können. Darf ich dich jetzt noch
einmal um deinen Namen bitten, damit ich ihn niederschreiben kann?“
„Aphraar“,
sagte ich.
Unser
Freund lächelte, dann schlug er ein Heft auf und fügte den Namen
einer bereits stattlichen Liste hinzu.
„Warum
lächelst du?“, wollte ich wissen.
„Weil
dein Name mir deutlich anzeigt, daß du mit MYHANENE
verbunden bist. Alle seine Freunde verbergen ihren wahren Namen für eine
Weile hinter einem Pseudonym, aber gewöhnlich erfahre ich ihre wirklichen
Namen im Laufe der Zeit.“
„Was
mich betrifft“, antwortete ich, so will ich dich in keinem Zweifel
über meinen eigenen lassen, wenn du mir einen großen Wunsch
erfüllen könntest.“
„Gern,
wenn ich es kann.“
„Höre
lieber erst um was es geht, bevor du mir etwas versprichst.“
„Nur
keine Angst. Wenn ich wirklich Zweifel haben sollte, würde ich die Sache MYHANENE vortragen und mich dann nach seiner Entscheidung
richten. Er ist jetzt bei uns, also trage mir gleich deinen Wunsch vor.“
„Es
ist etwas, das mir sehr am Herzen liegt. Ich möchte gerne meinem Vater
eine Botschaft senden, um zwei durch meinen Tod verursachte Mißgeschicke
zu beseitigen. Er wohnt im Stadtteil Süd-Kensington.“
„Möchtest
du, daß ich ihn aufsuche, oder soll ich ihm schreiben?“
„Würdest
du ihn aufsuchen?“
„Gewiß.
Wenn du es wünschst und MYHANENE
einwilligt.“
„Ich
habe nichts dagegen“, fügte MYHANENE ein.
„Ich
fürchte allerdings, daß du nicht sehr herzlich aufgenommen werden
wirst“, mußte ich hinzusetzen. Ich kannte meinen Vater nur allzu
gut.
„Das
ist von geringerem Interesse für mich“, meinte James,
„vorausgesetzt, daß deine Botschaft ein beweiskräftiges
Echtheitsmerkmal enthält. Würdest du mir Namen und Adresse deines
Vaters sagen?“
Ich
nannte den Namen, Stephen Winterleigh, und die Adresse. James schrieb beides
sorgfältig nieder.
„Und
nun deine Botschaft?“
„Sage
ihm, wie sehr ich es bedauere, daß ich den Band “Lodges Portraits“ an meinen Freund und Zimmernachbarn
Ralph Unacliff auslieh und ihm dadurch Ärgernis
verursachte. Bitte erkläre meinem Vater, daß dies erst zwei Tage vor
meinem — ich muß wohl “Tod“ sagen, um verstanden zu
werden, — geschah, und wenn er Herrn Unacliff
freundlichst aufsuchen wolle, werde er den Band unverzüglich
zurückerhalten. Außerdem — und dies wird der unangenehme Teil
deiner Mitteilung sein — möchte ich meinen Vater wissen lassen,
daß der Anspruch meines Zimmerdieners auf zwanzig Pfund völlig zu
Recht besteht. Der Mann heißt Acres. Er hatte mich gebeten, das Geld
für ihn zu investieren, aber mein Unfall ließ mir keine Zeit mehr
dazu. Ich wäre meinem Vater dankbar, wenn er das Geld zurückzahlen
wollte!“
„Das
ist alles?“
„Ja.
Ich würde mehr als zufrieden sein, wenn diese beiden Dinge veranlaßt
werden können.“
„Ich
werde deinen Vater morgen aufsuchen und will mein Bestes tun.“
Dieses
erste Gespräch mit James liegt jetzt schon viele Jahre zurück. Aber
ich erinnere mich noch heute an jede Einzelheit, an das bange und zugleich
freudige Gefühl der Erwartung, das diese meine erste Botschaft über
die Schranke des Todes hinweg in mir auslöste. Heute weiß ich, wie
leicht es ist, diese Brücke zu schlagen, sobald einmal die Leitungen
dieses “geistigen Telefons“ gelegt sind und sorgfältig vor
Schaden bewahrt werden.
* * *
Die
materialistische Lebensauffassung meines Vaters hätte mir von vornherein
wenig Hoffnung lassen dürfen, daß er etwas anerkennen würde,
das für Leute wie ihn in den Bereich des Aberglaubens gehörte.
Dennoch hielt ich es für möglich, daß meine Botschaft
vielleicht in seinem Gedächtnis einen Funken der Erinnerung an unsere
Schlafbegegnung wachrufen und auf diesem Wege zum Erfolg führen
könnte.
Nichts
dergleichen! Ich hatte damals noch nicht gelernt um wieviel mehr die Seele
schon allein im Zustand der nächtlichen Trennung vom Körper auf das
eigene Gewissen hört, als innerhalb des Mantels von Fleisch und Blut.
Deshalb beging ich den grundlegenden Irrtum, aus der Begegnung mit meinem Vater
im Grenzbereich optimistische Schlüsse zu ziehen. Wenn die Menschen nur wüßten,
wie sehr die Maske des Fleisches ihr wahres Ich sogar vor ihnen selbst
verbirgt! “Erkenne dich selbst“ ist nicht nur die Mahnung des
Philosophen, es ist auch ein Ausdruck des Mitleids mit einer blinden
Menschheit.
In
meiner eitlen Hoffnung auf Erfolg hatte ich es unterlassen, dieses
entscheidende Hindernis gebührend zu berücksichtigen. MYHANENE erkannte das, wie ich später feststellte,
aber er griff nicht ein, weil er wünschte, daß ich die Bleigewichte
des in der Materie gefangenen Wachbewußtseins aus eigener Anschauung
kennen lernte.
Mein
Mentor hatte mir erlaubt, dem Besuch James bei meinem Vater am anderen Tage
beizuwohnen. Eusemos sollte mich dabei begleiten.
Erneut zeigte sich dabei, wie mühelos sich der Kontakt zwischen uns und
unserem Helfer auf der Erde zu allen Zeiten aufrecht erhalten ließ. James
sandte uns eine Gedankenbotschaft, als er zum Hause meines Vaters aufbrach. Und
als er von diesem empfangen wurde, waren wir bereits als unsichtbare Beobachter
zugegen.
Mein
Vater benahm sich, wie er dies gewöhnlich im Umgang mit Menschen zu tun
pflegte, die er als unter seiner eigenen Gesellschaftsklasse stehend ansah.
„Sie
wünschen mich zu sprechen?“
„Ja,
aber der Grund meines Kommens erfordert eine gewisse Erläuterung.“
„Bitte,
fassen Sie sich kurz, ich bin sehr beschäftigt und habe wenig Zeit zu
verschwenden.“
„Auch
ich habe das nicht, aber angesichts der Nachricht, die ich ―“
„Erlauben
Sie, von wem bringen Sie eine Nachricht?“
„Von
Ihrem Sohn, Herrn Frederic Winterleigh.“ Mein Vater wendete sich abrupt,
um die Tür zu öffnen.
„Dann
ist die Nachricht falsch! Mein Sohn ist tot, und damit ist wohl nichts mehr zu
sagen.“
„Wie
Sie wünschen“, erwiderte James, „aber ich glaube, daß
Ihr Sohn, ob er nun tot ist oder nicht, es gerne sehen würde, wenn Sie
Ihren Band “Lodges Portraits“ wieder
erhielten.“
„Was
wissen Sie von dem Buch? Ich warne Sie — wenn Sie es in Ihrem Besitz
haben, schaffen Sie es unverzüglich her, ohne mich mit irgendwelchem
spiritistischem Unsinn zu erpressen, oder Sie sollen Ihren Versuch sehr bereuen!“
Die
ungerechte Verdächtigung trieb dem Überbringer der Botschaft die
Zornesröte auf die Stirn.
„Wenn
Sie glauben, daß ich irgendwelche finanziellen Motive für diesen
Besuch habe, begehen Sie einen großen Fehler. Ich würde Ihr Geld
verachten selbst wenn Sie es mir anböten!“
„Aber
warum sagen Sie mir dann nicht, wo das Buch ist?“
„Weil
Sie mir bisher keine Gelegenheit gaben.“
„Dann
haben Sie diese Gelegenheit jetzt.“
„Ich
habe zwei Botschaften von Herrn Frederic —“
„Ich
sagte Ihnen schon, mein Sohn ist tot!“
„Habe
ich das bestritten? Wenn Sie erlauben, Mr. Winterleigh, dieses Gespräch
ist mir ebenso unangenehm wie Ihnen. Lassen Sie mich deshalb bitte sagen, was
ich Ihnen zu übermitteln habe, und dann gehen. Es wird dann Ihre Sache
sein, was Sie mit den erhaltenen Informationen tun werden. Ich bin gebeten
worden, zu sagen, daß der Anspruch des Zimmerdieners Acres auf zwanzig
Pfund zu Recht besteht —“
„Ach,
deshalb sind Sie gekommen! Sie sind ein Komplize von ihm, nicht wahr?“
„Nein,
ich weiß nichts von ihm und habe ihn nie gesehen.“
„Woher
wissen Sie dann von seinem Anspruch?“
„Unter
den Umständen muß ich es ablehnen, darauf einzugehen. Aber wollen
Sie mir gütigst erlauben, zu Ende zu sprechen und mich dann
zurückzuziehen?
Meine
Zeit ist ebenso wertvoll wie die Ihre.“
„Was
wollten Sie sagen?“
Daß
Ihr Sohn zwei Tage vor seinem Unfall die zwanzig Pfund von Acres erhielt, um
das Geld anzulegen. Er hatte jedoch keine Gelegenheit mehr dazu und bittet Sie,
das Geld aus seiner Hinterlassenschaft zurückzuzahlen.“
„Ich
werde Nachfrage darüber anstellen. Aber was war mit dem Buch?“
„Am
gleichen Tage lieh Ihr Sohn den fehlenden Band an seinen Freund und
Zimmernachbarn, Mr. Ralph Unacliff.“
Die
ruhige und zurückhaltende Weise, in der James dies aussprach, war zuviel
für die Überlegenheitspose meines Vaters. Er änderte seinen Ton,
sichtlich beeindruckt.
„Sind
Sie sich im Klaren, was es bedeutet wenn sich das eben von Ihnen gesagte als
wahr erweist?“, fragte er.
„Sehr
wohl; und es ist wahr. Aber ich bin zu sehr vertraut mit solchen
Nachrichtenübermittlungen, um Ihr Erstaunen zu teilen.“
Sie
müssen sich genauer erklären; wollen Sie nicht Platz nehmen?“
Nein,
vielen Dank, ich habe meinen Auftrag ausgerichtet, und wir haben beide nicht
viel Zeit.“
„Aber
wenn Ihre Nachricht zutrifft, dann ist das das Erstaunlichste was ich je
gehört habe. Wollen Sie mir nicht eine Erklärung dazu geben?“
„Das
wäre nutzlos, solange Sie sich nicht von der Wahrheit der Botschaft
überzeugt haben. Wenn Sie dies tun wollen und auf das Ergebnis die
notwendigen Schritte ergreifen, bin ich gerne bereit, Ihnen mit
Erklärungen behilflich zu sein. Hier ist meine Karte, falls Sie mein
Angebot annehmen wollen.“
„Ich
könnte aber doch Mr. Unacliff anrufen und das
Ganze sofort unter Beweis stellen!“
An
dieser Stelle bat ich Eusemos, mit James zu sprechen
und vorzuschlagen, daß er auf die Bitte meines Vaters eingehe. Aber Eusemos lehnte ab.
„Warum
nicht?“, wollte ich wissen. „Soll denn das Vorurteil meines Vaters
nicht beseitigt werden?“
„Genau
darauf arbeite ich sorgfältig hin“, antwortete mein Begleiter.
„James handelt nicht ganz allein in dieser Angelegenheit sondern gibt den
Gedanken Ausdruck, die ich ihm zusende. Wenn es deinem Vater mit seinem Wunsch
ernst ist, so soll er das Angebot James‘ annehmen und ihn aufsuchen. Aber
das wird er nicht tun!“
„Bist
du sicher?“
„Seine
Haltung ist von plötzlich erweckter Neugierde bestimmt. Die beiden werden
sich nie wiedersehen, denn das würde deinen Vater zwanzig Pfund kosten.
Und die werden ihm mehr wert sein, als die Wahrheit, sobald sein erstes
Erstaunen abgeklungen ist. Es könnte ja auch sein, daß mehr Wissen
erneute Verpflichtungen für ihn bringen würde, und dein Vater ist
nicht der Mann, ein solches Risiko einzugehen.“
Ich
mußte zugeben, daß Eusemos meinen Vater
richtig beurteilte; darum schwieg ich. Kurz darauf nahm James seinen Abschied.
Mein
Vater hätte seinen Wunsch, mehr über die offenkundig jenseitigen
Informationsquellen seines Besuchers zu erfahren, leicht verwirklichen
können — vorausgesetzt, daß dieser Wunsch aufrichtig genug
war. Er besaß James‘ Visitenkarte. Ob er von ihr Gebrauch machen
und ihn aufsuchen würde, nachdem er sich von der Richtigkeit der Botschaft
überzeugt hatte, sollte die Probe auf seine Aufrichtigkeit sein.
Das
ist ein Teil des Gesetzes, unter dem wir arbeiten. Es beruht auf
Gegenseitigkeit. Wir liefern zuerst einen Beweis, dann stellen wir selbst eine
Forderung. Wir kommen nicht zur Erde, wie so viele zu denken scheinen wie
Angeklagte vor ein Tribunal, darauf bedacht, um jeden Preis gehört zu
werden. Vielmehr bieten wir unsere Hilfe an, dort wo sie notwendig ist, und
erwidern Vertrauen mit Vertrauen, bis die Bekanntschaft so gefestigt ist,
daß ein enges Band der Freundschaft daraus entsteht.
Mein
Vater ging auf dieses Angebot nicht ein. Er brachte das Buch wieder in seinen
Besitz, aber beglich nicht die Schuld an meinem Zimmerdiener. Er ist jetzt hier
bei uns und kennt die Wahrheit. Und würde ich ihn besuchen und die Frage
stellen, er würde alles Gold der Erde — besäße er es
— für die Gelegenheit geben, die er damals so leichtfertig von sich
wies.
Es
ist bei alledem zweifelhaft, ob sein moralisches Niveau unter dem Durchschnitt
war. Im Lichte der Erkenntnis scheint es fast unglaublich, daß Menschen
mit gesundem Geschäftssinn sich, wenn es um ihre geistigen Interessen
geht, von falschen religiösen Begriffen so vollkommen blenden lassen
können. Kein Geschäftsmann würde sich als zahlungsfähig
betrachten, wenn er weiß, daß sein Scheck von der Bank nicht
honoriert wird. Und dennoch gehen dieselben Leute unbekümmert ihrem
geistigen Bankrott entgegen, blind darauf vertrauend, daß sie in der
Stunde der Not hohe Schecks auf eine Bank ziehen können, bei der ihre
Namen unbekannt sind, und daß jede geistige Schuld in der Todesstunde
durch ein Gebet abgetragen werden kann.
Ich
wünschte, ich könnte mich auf dem Kamm eines Hügels aufstellen,
den alle Menschen passieren müssen, und ihnen zurufen: „Habt Acht,
der Weg ist gefährlich“. Wer einmal auf den Abhang gerät, wird
sich vor dem unvermeidlichen Absturz nicht retten können. Das Versprechen,
das der sterbende Sünder auf dem Totenbett erhält, ist nichts mehr
als eine Zusage, daß man ihn bei der Ankunft im Jenseits hören und
gerecht behandeln werde. Er hat damit noch keine Vergebung erreicht. Wie
wäre das auch angesichts eines Gesetzes möglich, das unerbittlich
lautet: „Was immer ein Mensch säet, das wird er auch ernten!“
Gottes
Gnade hat die Tore des Paradieses geöffnet, und Jesus Christus hat in
seiner Liebe den Stein vor dem Eingang des Grabes fortgerollt, auf daß
die Stimmen der Voraufgegangenen auf Erden gehört werden können,
zeugend von dem, was sie selber erfahren haben. Aber Irrtum, Unwissenheit und
dogmatischer Dünkel blenden die Augen der Menschen und verstopfen ihre Ohren,
bis sie eines Tages in der Wahrheit aufwachen und den Preis zahlen müssen
— bis zum letzten Heller und mit Zins und Zinseszins.
* * *
Der
Wert genauer Unterweisung in allen geistigen Dingen ist mir hier so stark
bewußt geworden, daß ich versucht bin, jede Einzelheit in meinem
Bericht zu schildern. Aber meine Schwierigkeit liegt genau darin, daß in
jedem kleinen Geschehnis beinahe unendliche Möglichkeiten verborgen sind.
Die Keimkraft eines jeden Weizenkornes ist unschätzbar. Das eine
unterscheidet sich vom anderen in seinem Wachstum nur durch den Boden, aus dem
es Nahrung zieht und durch die Kraft, diese Nahrung nutzbringend zu verwerten.
Es
gibt keine “großen“ und “kleinen“ Wahrheiten.
Oder vielleicht sollte ich besser sagen, alte sind groß und keine ist
klein. In jeder einzelnen liegt tiefste Bedeutung. Meine Pflicht ist es, zu
säen und das Wachstum der Zukunft und Gott zu überlassen. Ich
wünschte nur, ich könnte meine Gedanken mit einer Feder flüssigen
Feuers niederschreiben, auf daß sie sich tief in das Leben all derer
einbrennen, zu denen ich spreche.
Zur
Erläuterung der Tatsache, daß es nur die Umgebung ist, nicht aber
die Seele selbst, die sich beim Tode verändert, möchte ich meine
Leser am Erwachen unseres kleinen Freundes Dandy teilnehmen lassen. Da es der
erste Fall war, den ich von “beiden Seiten“ aus verfolgt hatte, war
ich besonders interessiert, festzustellen, an wieviel sich der kleine Bursche
erinnern und was er vergessen haben würde, bevor er den Funkt der
Erinnerung berührt, der den letzten Schleier von unserem Gedächtnis
reißt.
Vaone
hatte mich von dem bevorstehenden Erwachen benachrichtigt, und als ich eintraf,
war gerade auch MYHANENE mit einer Schar von Helfern
gekommen. Der jugendliche Meister war diesmal jedoch nicht in das unscheinbare
Gewand gekleidet, in dem ich ihn zuletzt auf Erden gesehen hatte, sondern in
das glänzende Festgewand, das er als Erwecker der Schlafenden während
des “magnetischen Chorals“ trug. Auch Eilele
(die Dichterin, deren Bekanntschaft wir schon machten) und Himpy
Jack, der in ihre Obhut gegebene Freund Dandys, waren zugegen.
Dandy
schlief noch friedlich. Aber welch eine erstaunliche Veränderung hatte
sich an ihm vollzogen! Seine eingefallenen hohlen Wangen waren verschwunden; an
ihrer Stelle sah ich das blühende Gesicht eines gesunden Knaben. Um seine
Lippen spielte der Anflug eines Lächelns oder Vibrierens, als dränge
die ungestüme Lebhaftigkeit seines Wesens danach, sich in der neuen
Umgebung geltend zu machen. Auf Erden hatte die Natur ihm einen
unverwüstlichen Humor mitgegeben, als wolle sie einen Ausgleich für
seine Entbehrungen und Leiden schaffen. Schlafend schien er jetzt bereits zu
ahnen, daß die Schatten verflogen waren und der Sonnenschein
ungetrübter Freude auf ihn wartete.
Ich
blickte hinüber zu Jack, der schon ungeduldig darauf wartete, daß
sein Freund die Augen öffnete. Unter der hingebungsvollen Betreuung durch Eilele hatte der kleine Bursche sich sichtlich gewandelt:
aus einem groben Block war eine kleine Persönlichkeit entstanden, die
schon unverkennbare Spuren des Engels zeigte, der sich aus ihr entwickeln
sollte. Lassen wir uns nie durch den äußeren Anschein des
Erdenkleides täuschen! Der Edelstein, den es verhüllen mag, wird sich
geistigen Augen in umso strahlenderem Licht offenbaren.
MYHANENE nahm Jack jetzt bei der Hand und
führte ihn an die Seite der Liegestatt, der das Antlitz des Schlafenden
zugewandt war. Dann beugte er sich nieder und drückte einen leichten
Kuß auf die Lippen Dandys.
Der
kleine Körper streckte sich, die Lippen bewegend, dann die Augen
öffnend, um sich gleich darauf mit einem Ruck aufzurichten.
„Wo
bin ich? Hallo, Jack! Was ist denn los — wo habt ihr mich
hingebracht?“
„Du
bist jetzt zuhause“, sagte MYHANENE.
„Ja,
Dandy“ rief Jack, der jetzt nicht mehr länger an sich halten konnte,
„du bist jetzt tot und wirst immer bei mir bleiben.“
„Tot?
Mach keinen Unsinn, sehe ich wie ein Toter aus?“ Erstaunt blickte Dandy
auf die vielen, die ihn umstanden. Was ist denn mit dem Krankenhaus?“
„Erinnerst
du dich nicht an mich?“, fragte MYHANENE.
Unsicher
schaute der Junge ihn für einen Augenblick an. „Ja, warst du nicht
der Doktor?“
„Nein,
denk‘ einmal nach.“
„O
ja, jetzt weiß ich! Du sagtest, du würdest mich nicht
verlassen!“
„Richtig.
Dann schliefst du ein, und ich brachte dich hierher.“
„Ist
dann das hier ein anderes Krankenhaus?“ „Ja, eines von Gottes
Krankenhäusern, wo jeder gesund wird.“
„Ich
fühl‘ mich auch viel besser. Aber Jack, hör mal, ich bin doch
nicht richtig tot?“
„Na,
du weißt doch, daß ich tot bin, nicht?“
„Ja,
du bist tot. Aber ich doch nicht! Habe mich wohl gesund geschlafen.“
„Wenn
du nicht tot bist wie kannst du mich dann sehen? Denkst du, du
schläfst?“
„Nein,
schlafen tu‘ ich nicht, jemand hat mich gerade aufgeweckt.“ Dann,
wie um Hilfe suchend, wandte er sich an MYHANENE.
„Sag‘ du es, du weißt es doch. Was ist los mit mir?“
„Ich
will dir alles sagen, mein Junge. Erinnerst du dich, wie du mich fragtest, ob
ich der Engel sei, der dich töten wolle?“
„Ja,
ich glaube“
„Und
du erinnerst dich an Bully Peg?“
„Ja,
hat er das Geld gekriegt?“
MYHANENE brauchte nicht zu antworten. Der
Name seines Schützlings ermöglichte es Dandy, den ersten Punkt der
Erinnerung zu berühren.
„O
ja, jetzt weiß ich. Er bekam fünfzig Pfennig von dem Doktor, nicht?
Und dann sagtest du mir, ich müßte nochmal zurück, aber es
würde nicht mehr weh tun, und die Schwester sagte, ich sollte wieder
einschlafen, ja?“
„Richtig.“
„Aber
wo bin ich denn jetzt? Muß ich nochmal zurück?“
„Nein,
jetzt ist alles überstanden.“
„Aber
ich bin noch nicht tot.“
„Nun,
die Schwester und die Ärzte sagen, du bist tot.“
„Aber
das stimmt doch nicht?“
„Natürlich
stimmt es“, rief Jack. „Das hast alles hinter dir.“
„Wirklich?“
Immer noch zweifelnd richteten sich die Augen des Jungen auf MYHANENE.
„Wirklich,
mein Junge. Du kannst deinem Freunde Jack ruhig glauben. Mehr als dies hier
wirst du nie vom Tode wissen.“
„Aber
ich weiß audch nichts davon. Und es hat
überhaupt nicht wehgetan.“
„Das
hatte ich dir ja auch versprochen.“
„Und
ich kann jetzt aufstehen?“
„Ja,
du sollst jetzt in dein neues Heim gehen, und Jack wird für eine Weile bei
dir bleiben.“
„Jack,
wenn du in die Schule* gehst, dann nimmst du mich doch mit?“
*) Wo sich im Schlafzustand die
Kinder versammeln.
„Ja,
ich nehme dich überallhin mit, wo ich kann.“
„Wir
müssen aber auch Bully Peg treffen, damit ich
weiß, wie es ihm geht.“
Als
alle Fragen beantwortet waren, nahm MYHANENE den
Jungen bei der Hand und führte ihn auf die Terrasse, wo noch eine Schar
anderer Freunde auf ihn wartete. Ich glaube, ihr freudiger
Willkommensgruß kam Dandy kaum zum Bewußtsein vor all der
überwältigenden Schönheit, die hier draußen auf ihn
einstürzte. Und vollends sprachlos vor Staunen wurde unser Neuankömmling,
als MYHANENE und seine Begleiter sich
verabschiedeten und ihren Rückflug durch die Lüfte antraten.
Es
wäre interessant, würde der Raum es gestatten, den beiden Jungen in
ihr Heim zu folgen und zu sehen, wie der Ältere, von Eilele
so liebevoll vorbereitet, seinen Freund in die ersten Dinge seines neuen Lebens
einführt. Jack jedenfalls wußte schon genug, um für den Beginn
wertvolle Dienste zu leisten, und Dandy würde ihm weit eher
bedingungslosen Glauben schenken als irgendeinem Fremden.
So
erlaubt es das göttliche Gesetz auch den Geringsten und Schwächsten
von uns, ihren Teil zu unserer gemeinsamen Mission an unseren Mitmenschen
beizutragen. Mit der Hilfe seines Freundes würde Dandy langsam
vorangeführt werden, bis er in der Lage ist, den Punkt der vollkommenen
Erinnerung an sein Schlafleben zu berühren und so Vergangenheit und
Gegenwart miteinander zu verknüpfen.
Ich
habe Dandy‘s Fall deshalb so ausführlich
beschrieben, weil seine Ungläubigkeit beim Erwachen im Himmel nur der
äußeren Form nach kindlich war, sonst aber durchaus der Haltung
entsprach, die zahlreiche, zum Teil hochgebildete Erwachsene in der gleichen
Lage zeigen. Ich habe sogar Fälle erlebt, in denen solche Erwachsene,
nachdem sie einmal begriffen hatten was geschehen war, darüber Klage
führten, daß sie nicht in einer ihrem irdischen Rang
“angemessenen“ Form empfangen würden!
* * *
Und Bully Peg?
Wir werden nochmals einen kurzen Blick auf die Erde werfen müssen, um zu
sehen, wie Gott auch für diese verlassene kleine Seele sorgte. Und das kam
so:
Erst
kurze Zeit war seit der Heimholung Dandys vergangen, als ich ihn und Jack in
der Nähe der “Schule“ traf. Die beiden steuerten sofort auf
mich zu.
„Dandy
sagt, es wäre besser, er wäre nicht hier“, platzte Jack heraus.
„So
habe ich das nicht gesagt“, rief der andere. „Ich habe gesagt, es
war nicht richtig, mich wegzuholen und Bully Peg
zurückzulassen, ohne daß jemand nach ihm guckt.“
Ich
versuchte, zu trösten. „Aber weiß denn Gott nicht immer, was
das Beste ist, Dandy?“
„Ich
weiß nicht, was Gott weiß oder nicht weiß. Aber wenn ich Gott
wäre, dann hätte ich die Kiste auf den Kleinen fallen lassen und
nicht auf mich, wo ich doch besser für mich selber sorgen konnte.“
„Aber
Gott wird sich bestimmt um Bully Feg kümmern!
Paß nur auf, es wird ihm schon gut gehen.“
„Da
irrst du dich ja eben“, rief Dandy, nun fast herausfordernd. „Es
geht ihm ja so schlecht wie es überhaupt nur möglich ist!“
Nun
erfuhr ich, daß die beiden Bully in der
“Schule“ getroffen und von ihm erfahren hatten, daß er seit
Dandys Tod vom Pech verfolgt gewesen war. Der junge hatte eine schwache
Gesundheit und hatte den ganzen vergangenen Tag nichts zu essen gehabt. Dandy
war außer sich. War es nicht ungerecht von Gott, ihn fortzunehmen und
seinen Freund schutzlos zurückzulassen? Wäre er noch auf der Erde
gewesen, er hätte schon irgendwie für Bully
gesorgt.
Dandys
Zorneseifer war rührend und erschütternd. Er weigerte sich, von der
Verantwortung für seinen Freund nur deshalb entbunden zu sein, weil er von
der Erde abberufen war. Aber wie war ihm zu helfen? Ich war ratlos, doch dann
erinnerte ich mich dessen, was MYHANENE mir
gesagt hatte: Tu‘ immer alles, was in deiner Kraft steht, doch was
über deine Kraft hinausgeht, überlasse Gott. Dandy wäre bereit
gewesen, den eben erreichten Himmel wiederaufzugeben, hätte er Bully damit zu einer Mahlzeit verhelfen können. Mit
Worten des Trostes würde er niemals zufrieden sein.
Ich
wußte, da ich machtlos war, und in meiner Verwirrung sandte ich einen
Gedanken an MYHANENE um Hilfe. Kurz darauf stand er neben
uns. Dandy sprach ihn an, bevor er noch Gelegenheit hatte, sich nach dem Zweck
des Rufes zu erkundigen. „Hallo! Du hast mich doch tot gemacht,
nicht?“
MYHANENE lächelte und streichelte den
Burschen.
„Aber
nicht doch. Tote Jungen sprechen doch nicht so aufgeregt?“
„Na,
jedenfalls hast du mich von Bully weggenommen. Und
weißt du auch, daß es ihm furchtbar schlecht geht und er gestern
den ganzen Tag nichts zu essen gehabt hat?“
„Armer
Kerl. Woher wißt ihr es?“
„Wir
kommen gerade von der Schule“, fiel Jack ein, „und Bully hat es uns selbst erzählt.“
„Ja“,
rief nun wieder Dandy, „kannst du nicht gleich zur Erde fliegen und ihm
etwas zu essen bringen?“
MYHANENE setzte sich nieder und zog den
Jungen zu sich. Gott wird ihm etwas zu essen geben, und wenn Bully es bekommt, wirst du sehen, um wieviel besser alles
ist, als wenn es nach deiner Vorstellung gegangen wäre. Gott weiß
immer mehr als wir, und was er tut, ist immer zum Besten.“
„Aber
es ist doch nicht das Beste für Bully, wenn er
hungert?“
„Vielleicht
doch, für eine kleine Weile. Wir werden gemeinsam zur Erde gehen und
deinen Freund aufsuchen, sobald ich erfahre, wie Gott ihm helfen will.“
MYHANENE hatte den heiligen Ernst des Jungen
sofort erkannt. Und Gott läßt niemals lange auf sich warten, wenn
ein Hilferuf von solcher Stärke an ihn geht. Die innere Stimme, der MYHANENE zu lauschen gewohnt war, gab ihm den erbetenen
Auftrag schon wenige Augenblicke später.
Wir
brachen zur Erde auf.
Unser
kleiner Freund stand barfüßig und zerlumpt an einer Autobushaltestelle
im Herzen der Londoner City, nahe der Börse und der Bank von England.
Seine Hände umklammerten krampfhaft die beiden Streichholzschachteln,
für die er in dieser betriebsamen Umgebung am ehesten Käufer zu
finden hoffte. Es kostete uns einige Mühe, Dandy daran zu hindern, auf
seinen Schützling zuzustürzen. Er konnte es kaum begreifen, daß
Bully ihn hätte weder sehen noch hören
können.
Wie
wenig ahnen die Menschen, daß ständig unsichtbare Helfer um sie
sind, die versuchen, sie zu beschützen oder an Fehlern zu hindern! Was
wäre wohl geschehen, wenn den vorüberhastenden Geschäftsleuten
der Londoner City an diesem Tag für eine Stunde die Augen geöffnet
worden wären und sie gesehen hätten, daß das ärmste und
unscheinbarste Wesen unter ihnen von den Sendboten Gottes umgeben war? In
Gottes Waagschale wog in diesem Augenblick das Wohlergehen eines verlassenen,
ausgehungerten Kindes tausendmal mehr als das gesamte Geschäftsinteresse
des Handelszentrums der Welt.
MYHANENE erklärte mir, daß wir
jetzt noch auf die Hilfe anderer zu warten hätten. Als er selbst seinen
Auftrag erhielt, mit uns hierher zu eilen, ging zugleich an andere Helfer das
Geheiß, barmherzig gestimmte Menschen zu finden und sie zu bewegen, in
die City zu fahren. Bei solchen Missionen wird meist auf mehrere Menschen
zugleich ein Einfluß ausgeübt. Sobald der erste Impuls an einer
Stelle zum Erfolg geführt hat, wird dies jedoch der ganzen Gruppe von
Helfern unverzüglich bekannt, und sie lassen dann von ihren einzelnen
Aufgaben ab, um sich ganz auf den einen Menschen zu konzentrieren, der nun zum
irdischen Träger der Mission geworden ist.
„Was
die Menschen als Vorahnung bezeichnen“, sagte MYHANENE, „ist oft das Ergebnis solcher geistiger
Beeinflussung. Jene, die stets bereit sind, dem Ruf des HERRN zu folgen muß ein solcher Auftrag auch
erreichen. Andere allerdings posaunen ihre Hilfsbereitschaft so laut heraus,
daß sie niemals die leise Stimme in sich selbst hören können.
Ihre Leben werden mit wertlosen Bekenntnissen vertan. Gott kennt viele Wege,
die Echtheit des Glaubens auf die Probe zu stellen. Diese Bedeutung liegt
hinter dem Wort: Viele sind gerufen, aber wenige sind auserwählt!“
„Sind
solche Vorahnungen nicht aber oft sehr unklar und deshalb
unzuverlässig?“, fragte ich.
„Das
hängt ganz davon ab, wie echt das Bekenntnis eines Menschen zu Christus
ist. Wer in wirklich ungebrochener Gemeinschaft mit Gott lebt, braucht nicht zu
fürchten, daß er die innere Stimme falsch versteht. Wer die Stimme
aber nicht hört, sollte den Fehler nicht bei Gott, sondern bei sich selbst
suchen. Jeder Augenblick unseres Lebens birgt ungeahnte Möglichkeiten zum
Guten oder zum Bösen. Danach, wie wir sie nutzen, versäumen oder
mißbrauchen, richtet sich unser geistiger Werdegang. Deshalb sollten die
Menschen in jedem Augenblick ihres Lebens aufmerksam sein.“
Während
MYHANENE zu mir sprach, hatte Bully Peg mehrfach vergeblich versucht, seine
Streichhölzer an Passagiere der haltenden Autobusse zu verkaufen. Jedesmal
aber wurden seine Bemühungen durch einen Konkurrenten vereitelt, einen
größeren Jungen, der schneller war und seinen kleinen Rivalen
einfach beiseite drängte.
Schließlich
kam es ganz arg. Als er wiederum von dem Größeren beiseitegeschubst
wurde, verlor Bully Peg das Gleichgewicht und
ließ seine beiden Schachteln auf das Pflaster fallen. Einen Augenblick
später waren die breiten Räder des anfahrenden Wagens über sie
hinweggerollt. Bully war wie vom Schlage getroffen.
Fassungslos starrte er auf die zermahlenen Reste seines
“Berufskapitals“, dann sank er auf den Gehsteig, schlug die
Hände vor die Augen und brach in ein verzweifeltes Schluchzen aus.
In
diesem Augenblick kam Gottes Hilfe.
Ein
älterer Herr, der den Vorfall beobachtet hatte, trat auf Bully zu. „Na, na, wer wird denn gleich so weinen!
Hast deine Streichhölzer fallen lassen? Macht nichts. Hier hast du einen
Penny, ich kaufe sie.“
Bully wußte kaum, wie ihm geschah. In seiner Verlegenheit
schluchzte er „Es waren zwei“.
„Zwei
Schachteln? Na, dann eben zwei Pennies. Hier hast du noch einen, ich kaufe
beide. — Wie heißt du denn?“
Der
Kleine wischte sich die Tränen fort. „Bully
Peg, Sir.“
„Bully Peg! Wer hat dir denn diesen Namen
gegeben?“
„Ich
weiß nicht, aber so heiß‘ ich.“
„Wo
wohnst du denn?“
„Nirgends“.
„Aber
du hast doch ein Zuhause?“
„Nein.“
„Na,
wo schläfst du denn dann?“
„Irgendwo.“
Hast
du nicht Mutter und Vater?“
„Ich
weiß nicht.“
„Na,
das ist aber doch! Was hast du denn gestern zu essen gehabt?‘
„Nichts.“
„Und
heute morgen auch noch nichts?“
„Nein.“
Den
nächsten Gedanken des freundlichen Herrn konnten wir lesen, obwohl er ihn
nicht laut aussprach. Es war die dankbare Erkenntnis, daß ihn seine
Vorahnung nicht getrogen hatte, als sie ihm auftrug, in die City zu fahren und
eben hier, an dieser Stelle, aus seinem Bus zu steigen. Und laut sagte er:
Komm, mein Junge, wir werden gleich etwas zusammen
frühstücken.“
Dandy
an unserer Seite jubelte. Sein kleiner Freund hatte zwei Pennies in der Tasche
und sollte nun auch noch gratis sein Frühstück bekommen. Es war
alles, worum Dandy gebeten hatte, und er wäre befriedigt mitgegangen,
hätten wir an diesem Punkt den Rückweg angetreten.
Aber
MYHANENE hielt uns zurück. „Wartet
noch, und ihr werdet sehen, wie Gott oft viel mehr gibt, als wir erbeten haben.
Unser irdischer Helfer hat erkannt, daß er Gottes Auftrag folgte, als er
ohne festes Ziel in diese Gegend fuhr. Jetzt bleibt die Frage, wie weit er dem
Jungen helfen wird. Laßt uns ihn beobachten — wir sind nicht
ermächtigt, ihn weiter zu beeinflussen. Was jetzt noch folgt, ist allein
Sache seines freien Willens.“
Es
möge genügen, wenn ich sage, daß unsere Hoffnungen sich weit
über das ursprüngliche Ziel hinaus erfüllten. Der freundliche
Herr nahm Bully in eine nahegelegene
Frühstücksstube, und während der ausgehungerte kleine Bursche
das beste Mahl verzehrte, das er jemals gehabt hatte, reifte in seinem
Wohltäter der Entschluß, ihn in einem ihm bekannten Waisenheim
unterzubringen.
Bully schien seinem Glück noch nicht recht zu trauen und
ließ sich erst überzeugen, als ihm versichert wurde, daß es
ein Heim und nicht etwa ein Gefängnis sei. Dann aber willigte er freudig
ein.
Könnte
es ein besseres Beispiel für die Hilfe geben, die uns von denen zuteil
werden kann, denen der überwiegende Teil der Menschheit allenfalls eine
zweifelhafte, ätherische und absolut machtlose Existenz zubilligt? Welchen
Dienst könnte die Gemeinschaft der Engel leisten, wenn sich die Menschheit
ihrer wahrhaft bewußt würde!
* * *
Unsere
Mission zur Erde war beendet. Vielleicht erscheint sie dem Unbeteiligten als
verhältnismäßig unbedeutend; bestimmt aber war sie voller
nützlicher Lehren, die in gleicher Weise für viele andere Situationen
zu gelten haben.
Eine
dieser Lehren eröffnete sich mir erst auf dem Rückweg, und ich
erwähne sie, weil sie auch für dich, lieber Leser, Bedeutung haben
mag.
Auf
unserem Wege heimwärts fand ich mich mit MYHANENE ein
wenig abseits von den anderen, als mein Begleiter, liebevoll seinen Arm um
meine Schultern legte und sagte:
„Jetzt,
da unsere Mission beendet ist, erlaube mir, dich zu ihrem erfolgreichen Ausgang
zu beglückwünschen.“
„Mich
beglückwünschen?“, rief ich erstaunt und blickte MYHANENE halb prüfend, halb ungläubig an, ob er
meine augenscheinliche Passivität bei dieser Mission etwa durch Sarkasmus
rügen wolle.
Sein
gütiger Blick verriet mir, daß ich mich irrte. „Du hast ganz
recht gehört, Aphraar, ich biete dir meine aufrichtigen
Glückwünsche an. Du hast wohl getan; fahre fort darin, und deine
Mission zur Erde wird reiche Früchte tragen.“
Aber
was habe ich denn getan? Mein Anteil an diesem Unternehmen war doch der
geringste von allen!“
„Wirklich?“,
fragte MYHANENE und zog mit gespieltem Erstaunen die
Augenbrauen empor. „Wie seltsam, daß ich mich so irren
konnte!“
„Ich
bitte dich, sag‘ mir, was du meinst“, bat ich eindringlich.
„Wie könnte ich ein solches Lob denn verstehen!“
„Ich
meine es völlig ernst. Das so erfolgreich abgeschlossene Unternehmen hatte
einen doppelten Zweck — der eine liegt sichtbar vollbracht vor unseren
Augen, aber er ist keinesfalls der wichtigste.“
„Und
der andere, darf ich ihn wissen?“
„Ja,
jetzt, da es hinter uns liegt, sollst du ihn wissen. Meine
Glückwünsche gelten dem Weg, den du wähltest. Als Dandy die Not
seines Freundes sah und du davon hörtest, ergab sich eine vorzügliche
Gelegenheit, zu erproben, was du tun würdest, um in diesem Fall Hilfe zu
bringen. Würdest du, mit deinem unvollkommenen Wissen, versuchen, den
besorgten Jungen zu besänftigen, oder würdest du die Geistesgegenwart
haben, jemanden um Hilfe zu bitten, wie ich es dir geraten hatte? Deine Wahl
war die richtige und du siehst das Ergebnis!“
„Aber
angenommen, ich hätte dich nicht gerufen?‘, fragte ich beinahe
erschreckt über die Verantwortung, die auf mir gelastet hatte.
„Dann
hätte sich ein anderer Weg eröffnet, um Dandys Gebet zu beantworten.
Du aber wärest um den Lohn gekommen.“
„Aber
wie leicht hätte das geschehen können!“
„Die
meisten Gelegenheiten im Leben werden auf diese Weise versäumt. Wenn wir
nicht ständig nach ihnen Ausschau halten, gleiten sie an uns vorüber,
unwiederbringlich. Das Nachgeben gegenüber der Bequemlichkeit, das
Kokettieren mit hundert kleinen Entschuldigungen für die eigene Eigensucht
und Gleichgültigkeit erstickt das geistige Leben der Erde und ist der
Grund dafür, daß ungezählte Seelen mit leeren Händen im
Jenseits eintreffen. Auf dem Schuldkonto, das hier beglichen werden muß,
sind Sünden der Unterlassung ebenso häufig, wie solche der Tat und
die Menschen stellen mit Erstaunen fest, daß beide gleich schwer wiegen
— bis sie daran erinnert werden, daß Christus auch dies in seinem
Gleichnis vom jüngsten Gericht bereits ausgesprochen hat.“
„Was
meine Entscheidung betrifft“, wandte ich ein, „so war sie aber
sicher weit mehr eine von Gott gegebene Gnade als mein eigener bewußter
Entschluß.“
„Das
will ich gerne zugeben. Aber du darfst nicht vergessen, daß die Gnade
Gottes keine willkürliche Handlung ist. Jede Seele, die sich dem Willen
Gottes anheimgibt, wird dem göttlichen Geist so nahegebracht, daß
sie intuitiv seinem Willen entspricht, noch bevor der Verstand das Geheiß
begriffen hat. Bei voller Anheimgabe an Gott bildet Sein Wille die Triebkraft
jeder unserer Handlungen. Wir werden so vollkommen von Ihm gelenkt, daß,
wenn wir unsere Aufgabe begriffen haben, die eigentliche Handlung von uns
bereits eingeleitet oder ausgeführt ist.“
Noch
ist das für mich unbegreiflich. Nicht ohne Furcht kann ich daran denken,
eine solche Beziehung erreichen zu müssen und wünschte fast, ich
könnte entkommen.“
„Tu
das, Aphraar, tu‘ genau das.“
„Entkommen?“
„Ja.
Aber es gibt nur einen einzigen Weg dafür: Ihm noch näher zu kommen.
Es gibt keine Sicherheit außer bei Gott. Wir werden ihn niemals ganz
erkennen können. Ich glaube, daß auch die Engel, die ihm am
nächsten stehen, von seinen Offenbarungen aufs neue überrascht
werden. Aber je näher du ihm rückst, desto deutlicher wirst du das
volle Maß seiner Stärke und Liebe erkennen, zugleich aber auch die
Furcht vor der majestätischen Größe verlieren, die ihn umgibt.
Gott legt häufig einen Schleier zwischen sich und jene, die ihn lieben
— vielleicht ist deine gegenwärtige Ratlosigkeit die Folge eines
solchen Zustands. Nimm sie deshalb nicht zu schwer und laß mich dich
führen, bis dieser Schatten der Erkenntnis weicht, daß du dich auf
ungeahnten, unbekannten Wegen IHM ein
weiteres Stück genähert hast.“
„Ja,
führe mich, MYHANENE, wie du es für richtig
hältst. Dir kann ich Vertrauen — ich selber fühle mich
erschöpft, verwirrt und unfähig, mir selber zu helfen.“
„Ich
verstehe das besser, als du glauben magst. In dir wirkt die natürliche
Belastung der Verantwortung nach, die du bei unserer Mission so erfolgreich
getragen hast.“
„Aber
ich hatte doch den geringsten Anteil daran, geringer selbst als Jack!“,
protestierte ich erneut.
„Das
mag deine Auslegung sein — nach unseren Gesetzen aber hast du eine
Aufgabe ehrenvoll verrichtet. Anscheinend geringfügige Nebensachen
erweisen sich manchmal als von größter Bedeutung. Die Bewertung
deiner Tat als du um meine Hilfe riefst, liegt allein bei Gott. Aber laß
mich dir zu deiner Ermutigung sagen: die Erschöpfung, die du fühlst,
zeigt mir, daß du über die Ernte froh sein wirst.“
„Ich
hoffe aufrichtig, daß es so sein wird, und dabei will ich es belassen.
Aber der ganze Vorgang hat mich im Unklaren darüber gelassen, wann
überhaupt ein Gebet wirksam ist. In unserem Fall erfolgte die Antwort auf
Dandys Bitte unverzüglich. Steht das nicht aber in einem starken Gegensatz
zu den meisten anderen Gebeten der Menschen?“
„Es
steht vielleicht im Gegensatz, aber der Grund dafür liegt allein bei den
Gebeten, nicht aber etwa in einer willkürlichen Handlungsweise Gottes. Ein
ewiges Gesetz besagt, daß jede Seele, die sich wahrhaft im Gleichklang
mit Gott befindet, um alles bitten darf — es wird geschehen! Ein solcher
Gleichklang wird sie auch von vornherein daran hindern, um etwas zu bitten, das
dem göttlichen Willen entgegengesetzt ist. Ihr Gebet wird Dinge
berühren, die Gottes Herrschaft unterliegen, und es wird erst
ausgesprochen werden, wenn jede menschlich mögliche Anstrengung gemacht
worden ist, ohne zum Erfolg zu führen.
„Nur
ein winziger Bruchteil dessen, was die Erde “Gebet“ zu nennen
pflegt, verdient diese Bezeichnung. Der Rest ist vergeudete Mühe —
ein Versuch, Gott durch Überredung oder Lobpreisung zum Handeln zu
bewegen. Die Menschen fordern von ihm, was sie selbst aus Faulheit oder
Selbstsucht nicht tun wollen, sie suchen seinen Segen selbst für
Handlungen tyrannischer Unterdrückung anderer Menschen oder Völker,
suchen sich durch seine Anrufung davor zu bewahren, daß ihnen zu Unrecht
erworbenes Gut strittig gemacht wird. Solche Begehren erreichen das Ohr Gottes
nicht in Ewigkeit.
„Laß
uns sehen, warum Dandys Gebet erfolgreich war. Er hatte freiwillig die Rolle
des Betreuers von Bully Peg übernommen. Der
körperliche Tod hinderte ihn daran, diese Rolle in der gewohnten Weise
fortzuführen. Dandy weigerte sich aber, sich deshalb von seiner
Verantwortung entbunden zu betrachten und war fest entschlossen, seinem Freunde
zu helfen, als er von dessen Notlage erfuhr. Sein Verhalten war ein Musterbeispiel
der Treue und des Glaubens an eine Macht des Guten und Gerechten. Alle
Vorbedingungen für die Wirksamkeit seines Gebetes waren deshalb gegeben,
und als der Krisenpunkt erreicht war, gewann seine Bitte die von Gott bestimmte
Allmacht des Gebets.“
„Jetzt
weiß ich, was ein wirkliches Gebet ist“, sagte ich. „Du
hättest den Unterschied nicht klarer zum Ausdruck bringen können. Und
da ich einmal beim Fragen bin — würdest du mir noch eine andere
Frage beantworten, die mir mit der eben behandelten irgendwie verwandt zu sein
scheint? Ich meine, das Problem des Schmerzes und körperlichen Leidens auf
der Erde.“
„Gewiß,
Aphraar. Zunächst muß ich allerdings die beiden Begriffe von
einander trennen: Der erste: Schmerz muß, wie Satan im Buche Hiob, unter
die Boten Gottes eingereiht werden und nicht unter die Vasallen des Bösen.
Sein Amt ist das Wohlbefinden der Menschen zu überwachen und
unverzüglich jedes Abweichen vom Pfade der Gesundheit anzuzeigen. Nicht
zuletzt auch dort, wo es um die geistige und seelische Gesundheit geht. Wer
seine Stimme hört, auch wenn sie leise oder anders klingt, als der
klinische Befund es ahnen läßt, kann gerettet werden. Jene aber, die
nicht hören wollen, müssen die Folgen ihrer Torheit tragen.
„Wenn du der Stimme des Herrn nicht gehorchen willst, sondern gegen das
Geheiß des Herrn rebellierst, so wird die Hand des Herrn gegen dich
sein.“ (1.Samuel,12,15). Der Schmerz übergibt den Sünder dem
Leiden.
„Aber
auch das Leiden, soweit es ein legitimes Mittel Gottes bleibt, ist ein
Instrument zum Guten, wie Christus am Beispiel des blindgeborenen Mannes
erklärte. Dieser war einer der Vorzüge des Lebens beraubt; aber
— nicht wissend was er entbehrte — genoß er gleichzeitig
ausgleichende Gaben, die andere nicht hätten verstehen und schätzen
können. Diese Gaben erloschen, als er das Augenlicht zurückerhielt.
„Aber
das sei nur am Rande gesagt. Worauf es mir ankommt, ist, dir verständlich
zu machen, daß alle, die das Erbe Christi antreten, die gleiche Macht
besitzen wie er, solches Leiden auszulöschen. „Wer an mich glaubt,
wird die gleichen Werke tun, die ich tue“ (Joh.14,12). Hellt die Kranken,
reinigt die Aussätzigen, erweckt die Toten, treibt die Teufel aus; frei
habt ihr empfangen, frei gebet auch (Math.10,7-8). „Diese Zeichen sollen
denen folgen, die glauben: in meinem Namen sollen sie die Teufel austreiben,
sie sollen mit neuen Zungen reden; sie sollen Schlangen aufgreifen, und wenn
sie etwas Tödliches trinken, soll es ihnen nicht schaden; sie sollen ihre
Hände auf die Kranken legen und sie sollen gesund werden
(Markus,16,17-18)“.
„Aber diese Gaben scheinen alle
längst ausgestorben zu sein“, wandte ich ein. „Waren sie denn
nicht nur für die Apostel bestimmt?
„Sage
lieber, sie werden nicht länger angewendet! Gott ändert sich nicht,
und niemals nimmt er etwas zurück. Die Möglichkeit zu ihrer
Ausübung besteht nach wie vor. Du hast dieses Gesetz vor kurzem selber am
Wirken gesehen, als CUSHNA durch sein Medium das kranke Bein
eines Kindes heilte. Das Versickern dieser Gottesgabe ist etwas, für das
die Institutionen, die den Namen Christi tragen, noch Rechenschaft abzulegen
haben werden — eine Unterlassungssünde, die nicht ohne Bestrafung
bleiben kann.
„Aber
der weitaus größte Teil des Leidens auf der Erde ist
unpersönlicher Art. Ich meine das Gebrechen, die Not und die
Verworfenheit, die eine Folge der sogenannten Zivilisation sind. Diese Dinge
sind ein Greuel vor Gott, sie sind das Ergebnis von Habgier, Selbstsucht und
Unmenschlichkeit. Jeder Erdenmensch trägt mehr oder weniger eine Mitverantwortung
daran und wird danach bemessen werden, wie er sich im Leben dazu
verhielt.“
„Ist
es möglich, daß jede Verfehlung auf ihren Ursprung
zurückverfolgt wird?“
„Jede
Taube kehrt zu ihrem eigenen Schlag zurück, lieber Bruder, und jede Biene
in ihren eigenen Stock. Gott ist voll und ganz in der Lage, sein Gesetz mit
absoluter Gerechtigkeit anzuwenden. Auch ich verstehe nicht, wie eine solche
Lückenlose Vollkommenheit möglich ist — aber sie ist es! An
Gottes Gesetz kann kein Strichlein fortfallen.“
„Wer
kann dann gerettet werden?“
„In
seiner Liebe und Weisheit hat Gott einen Weg bereitet, auf dem auch die
verworfenste Seele schließlich zum Frieden gelangen kann. Dieser Weg
führt durch das reinigende Feuer der Hölle und durch ungezählte
Stadien im Jenseits, bis die Schuld endgültig abgetragen und abgefallen
ist. Gott ist geduldig und die Ewigkeit lang genug, um seinen Plan zu
vollenden.“
* * *
Ich
hatte den vor Freude beinahe fassungslosen Dandy in sein Heim
zurückbegleitet. Wir können uns vorstellen, in welchen Tönen der
Begeisterung der temperamentvolle, offenherzige Bursche dort über den
Erfolg unserer Mission berichtete.
Eilele, seine Betreuerin, zog mich unterdessen in ein ernsteres
Gespräch. Sie war eine Dichterin, deren Verse, ja deren ganzes Leben von
der Liebe zu GOTT und zu DEM durchdrungen waren, der von Gott zum Herrscher
über Himmel und Erde eingesetzt ist.
Lange
sprachen wir, und schließlich faßte ich den Mut — immer noch
zögernd und ein “Nein“ erwartend — sie zu fragen
„Hast du denn IHN wenigstens vielleicht ganz von
ferne, schon einmal erblicken dürfen?“
Jubelnd,
überschwenglich kam die Antwort. „Ja, Aphraar, ich habe IHN gesehen! Für die Wonne dieses Augenblicks wird es
niemals Worte geben! Es war eine Vision, eine Offenbarung, die alles
veränderte, alles erklärte, alles erleuchtete. Bei SEINEM Anblick begriff ich, was Johannes meinte, als er
sagte, „In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der
Menschheit.“
„Ja,
Leben und Licht, ewig und schattenlos, voll, übermächtig und
überwältigend! Hege nur das eine Bemühen — Christus zu
kennen und die Wahrheit auszusprechen, die in IHM ist. Dann
muß alles gut werden!“
„Deine
Erfahrung bestätigt auch das?“
„Ja,
sie muß es. ER ist das Alpha und Omega, der Anfang
und das Ende. Und da er das Hauptthema deiner künftigen Mission zur Erde
sein wird, so laß ihn auch dein Vorbild sein. Sprich einfach, daß
alle dich verstehen; gütig, daß alle zu dir hingezogen werden;
geduldig, daß alle einen Freund in dir sehen, und natürlich,
daß sie in der Natur dein Evangelium bestätigt sehen. Vermeide das
Geheimnisvolle, wo immer du kannst!“
Ich
bat Eilele, mir mehr von Jesus Christus zu
erzählen, aber sie lehnte sanft ab. „Ich bin nicht zum Lehrenden
befähigt, lieber Aphraar, und das mag der Grund sein, warum es mich nicht
zur Mission auf der Erde drängt. Ich kann zu dir persönlich sprechen,
nicht aber die Dinge lehren, die du später an andere wirst weitergeben
müssen. Aber es gibt genug Freunde die dazu in der Lage sind, und ich bin
sicher, daß OMRA uns einen seiner Helfer senden
wird.“
Bei
den letzten Worten sandte Eilele einen Gedankenstrahl
aus, wie ich ihn schon bei MYHANENE und
anderen Freunden gesehen hatte, wenngleich ich in diesem Falle zum ersten Mal
begriff, daß der Entschluß und die Ausführung zur gleichen
Zeit erfolgten.
Kurz
darauf stand RHAMYA neben uns.
„OMRA schickt mich“, begrüßte er uns.
„Und er sagte mir, daß du, Aphraar, mehr über die Dinge wissen
möchtest die für deine künftige Mission so wichtig sind. Ich
will dir gern dabei behilflich sein.“
Ich
sah sofort, daß Eilele das Richtige getan
hatte. RHAMYA war zweifellos ein Lehrer der Wahrheit.
Hinter seiner jugendlichen Gestalt verbarg sich die Weisheit großen
Alters, die wie ein unsichtbarer Mantel um seine Schultern gelegt zu sein
schien. Groß, ruhig und von majestätischem Aussehen, erweckte er auf
den ersten Blick den Eindruck eines unerschütterlichen Felsens. Aber ein
zweiter Blick überzeugte mich, daß bei ihm neben granitener Festigkeit
auch Hilfe, Schutz und brüderliches Mitgefühl zu finden waren.
„Du
bist sehr gütig zu mir“, sagte ich, „und ich kann nur hoffen,
daß meine künftige Arbeit zeigen wird, wie sehr ich deine Mühe
schätze.
Laß
uns lieber Vorzug und Vergnügen sagen, statt Mühe“, korrigierte
RHAMYA. „Denn wir alle müssen nach
dem einen Gesetz wirken, das Christus verkündete: Gib, so wird dir
gegeben! Es bestimmt auch unser beider Verhältnis und macht mich zu deinem
Schuldner für die Möglichkeit, die du mir gibst.“
„Ich
weiß, daß es sinnlos wäre, wollte ich widersprechen“,
gab ich zu. Aber erlaube mir dennoch, meine eigene Dankbarkeit als ein Zeichen
der persönlichen Wertschätzung hinzuzufügen.“
RHAMYA lächelte zum gütigen
Einverständnis. Dann nahmen wir Abschied von Eilele,
und mein Lehrer begann sofort, sich seiner Aufgabe zuzuwenden.
„Nun
denn, nimm diesen Rat für deine künftige Tätigkeit voraus: Was
auch immer man dich fragen wird, achte darauf, daß du auf demselben
Grunde stehst wie Jesus Christus. Und wo es dir an einer klaren
Äußerung des Meisters fehlt, sei darauf bedacht, daß du das
von ihm allgemeingültig niedergelegte Gesetz auf natürliche,
folgerichtige und verständliche Weise auslegst. Es hat andere Lehrer als
Jesus gegeben, aber keinen von solcher Autorität wie Ihn, der der
“fleischgewordene Gott“ war, das heißt, soviel von Gott, wie
dies überhaupt möglich ist. Verstehst du, was ich meine?‘
„Vollkommen.“
„Wir
müssen also feststellen, wie Jesus Christus über die Frage der
Autorität oder Stellvertreterschaft Gottes auf Erden gedacht hat, denn auf
diesem Punkt wird die Stärke deiner eigenen Position ruhen.
Glücklicherweise hat er keinerlei Zweifel über diese Frage
zurückgelassen. Sein Geheiß ist “dem Kaiser zu geben, was des
Kaisers ist und Gott zu geben, was Gottes ist“. Dieser Satz ist so klar,
daß keine verschiedenen Auslegungen möglich sind: in allen
zeitlichen Dingen sollen wir uns der zeitlichen Macht unterstellen, in allen
geistigen Dingen der Autorität Gottes allein.
Paulus
sagte dasselbe, als er an Timotheus schrieb: „Es gibt einen Gott und
einen Mittler zwischen Gott und den Menschen, Jesus Christus“. In dieser
Feststellung gibt es keinen Platz für irgendeine stellvertretende
menschliche Einrichtung, und die Lehre des Apostels ist auch in voller
Übereinstimmung mit einem anderen Wort des Meisters* — „Du
sollst den Vater weder auf diesem Berge noch zu Jerusalem anbeten … Gott
ist ein Geist; und jene, die ihn anbeten, müssen dies im Geiste und in der
Wahrheit tun! Deshalb ist die wahre Kirche Christi eine geistige Gemeinschaft,
nicht aber eine sichtbare, die einer menschlichen Autorität
untersteht.“ *) An de Frau zu Sychar
(Joh.4,24)
„Aber
Christus hat doch im Tempel selbst gelehrt?“
„Richtig.
Seine Haltung gegenüber den kirchlichen Einrichtungen seiner Zeit war eher
duldsam als feindlich. Er brachte zwar keine Opfer im Tempel dar — das
konnte er als Prophet auch nicht, wie wir gleich sehen werden — aber er
wetterte auch nicht gegen die Gottesdienste und war gelegentlich sogar selbst
im Tempel zu finden. Er war immer bereit, jedes Streben zur Besserung der
Menschen anzuerkennen und zeigte, wie wir auch an seinem Gleichnis von der
schlechten Saat sehen, niemals unkluge Eile bei der Zerstörung des
Bösen, auf daß er nicht auch das Gute dabei vertilge. Aber dennoch
stand seine Ablehnung der ungeistigen Tempelherren niemals für einen
Augenblick im Zweifel. Seine Haltung gegenüber kirchlichen Einrichtungen
jeder Art war vollkommen klar.“
„Kannst
du mir die genauen Gründe dafür nennen?“
„Es
gibt einen sehr stichhaltigen und äußerst wichtigen Grund. Ohne
göttliche Hilfe ist die Menschheit auch in ihrer edelsten Erscheinungsform
immer noch unvollkommen und unfähig, einen Daseinszustand zu erfassen, der
über ihre fünf Sinne hinausgeht. Ihr höchster Gottesbegriff
unterliegt diesen Einschränkungen und kann sich niemals über die
menschlichen Moralbegriffe erheben. Schon aus diesem Grunde allein wäre es
Gott unmöglich, sich in irgendeiner Form der Autorität einer
menschlichen Institution zu unterstellen.
Das
religiöse Empfindungsvermögen ist die göttlichste Gabe einer
Seele. Ist es vorstellbar, daß Gott das Seelenheil seiner Kinder in die
Hände von Männern legt, die ihnen die Flügel beschneiden und sie
in Ketten legen möchten, die schon vor Jahrhunderten geschmiedet wurden?
Und das, während die Vorkämpfer der materiellen Wissenschaft bereits
in Gebiete vordringen, die an das Unsichtbare grenzen? Gott und Christus sahen
all‘ das voraus. Ihre Weisheit gebot ihnen, zu verkünden, daß
keine noch so geartete menschliche Einrichtung in geistigen Dingen als Autorität
auftreten könne.“
„Vergißt
du nicht, daß es so etwas wie eine göttliche Eingebung gibt?“
„Keineswegs.
Im Gegenteil, ich erkenne durchaus an, daß der Ursprung der meisten
religiösen Systeme in irgend einer göttlichen Eingebung lag. Aber das
tut der Schlußfolgerung keinen Abbruch. Solche Visionen sind nicht von
einer Unfehlbarkeit, die alles Zukünftige unabänderlich bestimmen
muß, und ihre Verkündung mag von vielen Umständen
beeinflußt sein. Christus selbst war sehr deutlich in dieser Hinsicht:
“Ich habe euch viele Dinge zu sagen, aber ihr könnt sie noch nicht
ertragen. Wenn aber der Geist der Wahrheit über euch gekommen ist, wird er
euch zur ganzen Wahrheit führen.“ Die göttliche Eingebung ist
deshalb eher ein Strom, der der Menschheit folgt, eine Evolution von
aufeinanderfolgenden Offenbarungen, ein Erbe, das die Menschheit in dem
Maße antritt, in dem sie es ertragen kann. Mit anderen Worten, keine
Eingebung ist vollkommen in sich selbst, sondern jede führt, wenn sie
richtig verstanden wird, zu einer neuen Stufe, bis die letzte uns eines Tages
in die Gegenwart dessen führen wird, der allein vollkommen ist —
Gott.
„Ich
meine es im wörtlichen Sinne, wenn ich sage, daß keine wirklich
vollkommene Eingebung jemals durch Menschen die Erde erreicht hat, eben weil
der Mensch selber unvollkommen ist. Es gibt keine Ausnahme von dieser Regel.
Christus selber erkannte dies an, als er sagte, es gebe Dinge, “die
selbst den Engeln im Himmel nicht bekannt sind, noch dem Sohne, sondern dem
Vater allein“. Und wo ER seine eigenen Grenzen in dieser Weise zugibt,
steht es uns schwerlich zu, etwas anderes für weniger auserwählte
Personen oder Institutionen zu beanspruchen. Ich betone das, damit du siehst,
daß ich Christus an die erste Stelle setze.
„Dies
aber führt uns zu einem weiteren Einwand gegen die Autorität
kirchlicher Dogmen. Gott bestimmte von Anbeginn, daß der Strom der von
ihm ausgehenden Eingebung das sich stets erweiternde und vertiefende Mittel der
Verständigung zwischen ihm und der sich fortentwickelnden Menschenseele
sein solle. Diese Erkenntnis würde jedoch den Ansprüchen der
Priesterkaste jeden Boden entziehen, und deshalb haben die Priester zu allen
Zeiten eine tödliche Fehde gegen die Propheten geführt. Jesus, als
ein Prophet, konnte niemals an den Opfergottesdiensten im Tempel
teilnehmen.“
„Waren
denn aber nicht diese Opfer gerade dazu bestimmt, sein eigenes großes
Werk einzuleiten?“
„Keineswegs.
Weder der Levitenkanon noch seine Auslegung durch die Rabbiner lassen eine
solche Folgerung zu. Der vom Tempel erwartete Messias sollte ein
alles-erobernder König sein, der den Glanz der Herrschaft Davids
wiederherstellt und für alle Zeiten auf dessen Thron bleibt. Die
Feindschaft der Priester und anderer Mitglieder der Oberklasse gegen Christus,
die bekanntlich schon vor der Kreuzigung erbarmungslos war, entstand gerade
daraus, daß sein Verhalten allen ihren Lehren, Erwartungen und Interessen
zuwiderlief. Christus und der Tempel waren voneinander soweit entfernt wie
Lazarus und der reiche Mann in seinem Gleichnis. Jeder Versuch einer
Überbrückung wäre unmöglich gewesen, es sei denn, daß
der Tempel sich geistig gereinigt und an der Geburt des ewigen Reiches
teilgenommen hätte.
Nichts
kann diese Trennung deutlicher zeigen als die Worte Christi: „Es steht
geschrieben, daß mein Haus das Haus des Gebets genannt werden soll; ihr
aber habt es zu einer Diebeshöhle gemacht.“ (Lukas,19,46) Du kannst
keinen größeren Irrtum begehen, als zu glauben, daß die
Priester Israels ihren Kult als eine Vorbereitung des Opferwirkens Christi
ansahen. Der levitische Kanon enthält zahllose Versicherungen, daß
das Priestertum eine immerwährende Einrichtung sein soll. Alle Propheten
aber erklärten gleichermaßen nachdrücklich, daß dieser
Kult rein menschlicher Natur sei und keine göttliche Autorität
besitze. Jesus war weder ein Priester noch ein Levit, noch teilte er irgendwie
die Geisteshaltung dieser Kasten. Er war durch und durch ein Prophet.“
„Aber
boten nicht die Propheten auch Opfer dar?“
„Nein.“
RHAMYAS Antwort war lakonisch und sehr bestimmt.
Hast
du Elias auf dem Berge Karmel vergessen?“
„Das
war kein Opfer, sondern eher eine Probe auf den Beweis, ob der Gott der
Propheten oder der Gott der Priester der wahre Gott sei. Es war in einer Zeit
nationaler Gefahr für Israel eine endgültige Bekundung dafür,
daß eine organisierte Religion, so gewissenhaft ihr Ritual auch vom Volk
und der Priesterkaste befolgt werden mag, im Himmel weniger Einfluß hat,
als das Gebet einer einzigen sich hingebenden Seele. Der Apostel Paulus drückte
dasselbe später in anderen Worten aus: „Gott der die Welt und alle
Dinge darin erschuf, sehend, daß Er Herr über Himmel und Erde ist,
wohnt nicht in Tempeln, die von Menschenhänden erbaut wurden, noch
können Ihn die Menschen mit der Gabe ihrer Hände anbeten, als ob Er etwas
brauche.“
„Muß
ich noch mehr sagen, um zu beweisen, daß der Gott, den die Menschen in
die theologischen Systeme ihrer Glaubensrichtungen gepreßt haben, nicht
der GOTT ist, den die Welt sucht? Daß dieser
wahre Gott sein Königreich nicht nach dem Willen von Kirchenkonzilien
regiert? Laß‘ es das erste Ziel deiner neuen Mission sein, den
Menschen den Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus zurückzugeben.
Einen Gott der sein Evangelium der Menschheit durch den Mund seiner Propheten immer
wieder von neuem kundtut. Auf Erden gibt es nur eine Autorität: es sind
die Früchte dieses Evangeliums und seiner Verkünder. Sie sind das
einzige Richtmaß, nach dem die Menschen zu ihrem Wohl — und zu
ihrem Schutz — urteilen können.“
* * *
RHAMYAS Worte ließen an Deutlichkeit
nichts zu wünschen übrig; die Art aber, in der er sprach,
kündete von solchem Wissen und solcher Weisheit, daß ich sofort
tiefes Vertrauen zu ihm gewann. Er machte keinen Versuch, die verschiedenen
Glaubensrichtungen der Erde nach ihrem Wert einzuteilen. Keiner von ihnen
billigte er göttliche Autorität zu, aber er erkannte an, daß in
allen der Wunsch vorhanden war, der Menschheit einen Dienst zu leisten. Soweit
dieser Wunsch ehrlich verfolgt wurde, besaßen diese Dienste ihren Wert.
In dem Augenblick aber, da eine Priesterkaste versuchte, ihre menschlichen
Richtmaße mit den göttlichen gleichzusetzen und zu verkünden,
was Gott tun oder nicht tun werde, war das Urteil RHAMYAS gegen sie gefällt.
Die
Kirchen haben eine gute und nützliche Aufgabe zu erfüllen. Die erste
Voraussetzung dazu ist aber, daß sie in Treue und Demut dem Wege Christi
folgen, sein reines Licht leuchten lassen und wahrhaft geistiger statt
weltlicher Natur sind. Die Kirchen können deshalb niemals mehr sein als
ein williger Diener, der den Willen seines Herrn nur in dem Maße kennt in
dem er IHM gleich ist. Gottes Geheimnisse werden
einzelnen Seelen geoffenbart, niemals aber menschlichen Institutionen. Und
keine von diesen kann den Anspruch erheben, Christi Nachfolger und
Stellvertreter auf Erden zu sein.
„Ist
es dir aufgefallen“, fragt RHAMYA,
„daß ich nur aus den prophetischen Teilen der Bibel zitiere? Es
gibt andere Teile der Heiligen Schrift, die vorwiegend auf
menschlich-priesterlichen Einfluß zurückgehen. Sie sind für das
Erkennen der Wahrheit ohne Nutzen. Aber laß uns jetzt von den negativen
Aspekten der Religion zu ihren positiven übergehen. Ich möchte
versuchen, dich auf einem weniger bekannten Pfade auf jene Straße des Heils
zu führen, auf der auch die Unwissenden nicht abirren können, wenn
sie sie einmal gefunden haben. Du wirst sehen, daß wir diese Straße
von unserer heutigen Warte aus unvergleichlich besser überblicken
können, als früher von unserem Standpunkt auf der Erde.“
„Das
will ich gerne glauben“, antwortete ich, „aber sind wir zu diesem
Vergleich auch berechtigt? Müssen wir nicht notwendig unsere
Gottesanschauung auf den jeweiligen Stand unserer Entwicklung einstellen und
diesem uns auf natürliche Weise anpassen?‘
„Es
freut mich, daß du diese Frage selbst stellst, denn sie wird dir helfen,
den Grundgedanken zu begreifen, auf den ich deine Aufmerksamkeit lenken
möchte. Die Antwort darauf wirst du in dem finden, was ich zu sagen im
Begriff bin.
„Von
unserem Standpunkt im geistigen Reich aus gesehen entwickelt sich die ganze
Schöpfung über ungezählte aufeinanderfolgende Stufen auf ein
einziges Ziel zu — eine göttliche Menschheit. Wir brauchen diese
Entwicklung aber nur bis zu dem Punkt in der Vergangenheit zurückzuverfolgen,
an dem der Mensch individuelles Bewußtsein erlangte. Er begann,
Vergleiche zwischen sich und seiner Umgebung anzustellen und stellte dabei
einen solchen Unterschied zwischen sich und den höchstentwickelten Tieren
fest, daß er glauben durfte, einer neuen Klasse der Schöpfung
anzugehören.
„Eine
seiner frühesten Beobachtungen wird ihn dabei mit Schrecken und auch mit
Neugierde erfüllt haben. Denn er fand heraus, daß er im Schlafe
plötzlich andere Augen, Ohren und Gefühlsorgane besaß als die
seines Körpers. Er traf sich und sprach mit Gefährten, die schon
lange dem Kannibalismus zum Opfer gefallen, verbrannt oder beerdigt waren.
Eines Tages sah er im Schlafe sogar etwas voraus, das sich später auf der
Erde verwirklichte; und einige dieser unserer Vorfahren entwickelten die
Fähigkeit, einen gefaßten Vorsatz im Schlaf auszuführen, sich
Rat zu holen und diesen mit ins Wachbewußtsein hinüberzubringen.
„Und er (Bileam) sprach zu ihnen: bleibet hier über Nacht, so will
ich euch antworten, wie mir der Herr sagen wird …“ (4.Mose,22,8-9).
— Andere stellten fest, daß sie im Schlafe Bitten aussprechen und
Gaben erhalten konnten. Salomons Gespräch mit Gott (1.Könige,3,5-15)
ist das klassische Beispiel dafür.
„Gottes
Gaben verschwanden auch keineswegs mit dem Erwachen. Salomons Weisheit ist bis
auf den heutigen Tag sprichwörtlich geblieben. Andere wiederum erhielten,
wie Joseph, die Gabe, Träume zu deuten, und Daniel hören wir sogar um
Zeit bitten, damit er in das Reich des Schlafes zurückkehren und die
Erinnerung an den Traum des Königs zurückholen könne.
„Mit
alledem will ich durchaus nicht sagen, daß alle Träume
göttliche Botschaften sind. Ich stelle nur fest, daß der Schlaf ein
uns seit jeher gegebenes und natürliches Mittel der Verbindung mit dem
Göttlichen ist — und gleichzeitig, wie du aus den genannten
Schriftstellen siehst, der Ursprung der Prophetie!
„Die
Prophetie unter unseren Vorfahren war das naturgegebene göttliche Mittel,
die menschliche Höher-Entwicklung auf geistigem Wege zu fördern. Alle
Völker zu allen Zeiten haben Propheten gehabt, aber in der Bibel kannst du
den Strom prophetischer Offenbarung am klarsten verfolgen. — „Wenn
unter euch ein Prophet ist, soll der Herr gesagt haben (4.Mose,12,6)“,
„so will ich mich ihm in Gesichtern offenbaren und in Träumen zu ihm
reden.“ Ein wenig später finden wir, daß der Geist des Herrn
auf einen Propheten herniedersteigt und ihn „in einen anderen Mann
verwandelt“ (1.Samuel,10,6), der nicht mehr seine eigenen Worte spricht,
sondern die des lenkenden Geistes. Genau das ist die noch heute gültige
Methode, die Gott gewählt hat, um den Menschen seine Offenbarungen zu
senden, und in der Verfolgung dieser Linie werden wir auch den Christus Gottes
finden.“
„Verzeih,
wenn ich dich unterbreche“, wandte ich ein, „aber ist dieses
Herniedersteigen des Geistes, der den Propheten vorübergehend in einen
anderen Mann verwandelt, nicht dasselbe, was CUSHNA tut,
wenn er sein Medium auf Erden lenkt und überschattet?“
„Genau
das! Wenn du CUSHNAS Wirken beobachtet hast, wirst du
den Sinn meiner Worte viel besser verstehen können.“
„Nicht
nur beobachtet — ich durfte sogar selber eine Botschaft an jemanden auf
der Erde senden. Aber bevor du fortfährst, laß mich dich noch um die
Erläuterung einer Bibelstelle bitten, die die Zulässigkeit einer
solchen Verbindung in Frage zu stellen scheint. Ich meine die Stelle im 5. Buch
Mose, an der das Gespräch mit nahestehenden Geistern als eine
Verunglimpfung Gottes bezeichnet wird.“
„Es
ist gut, daß du danach fragst. Dieses Verbot ist ein Geheiß von
Priestern und als solches rein menschlichen Ursprungs. Es hat keinerlei
Gültigkeit gegenüber einem natürlichen Vorgang. Es bestreitet
die Echtheit der Verbindung nicht, sondern bestätigt sie eher, denn sonst
gäbe es keinen Grund, etwas zu verbieten. In der Geschichte gibt es noch
mehr Beispiele dafür, daß Priester ihre obrigkeitliche Stellung dazu
nutzten, die Wahrheit zu unterdrücken.
„Ich
brauche dir gewiß nicht zu sagen, warum die Priester jeden direkten
Verkehr mit dem geistigen Reich bekämpften: Wann immer Priester und Prophet
miteinander zusammenstießen, erwies sich jedesmal der Prophet als der
Überlegene, und die Priester konnten ihre Macht oft nur mit Hilfe des
Thrones aufrechterhalten. Diese Überlegenheit wurde im Laufe der Zeit so
offenkundig, daß die Tempelbehörden in Jerusalem sich
schließlich genötigt sahen, selber zur Prophetie zu greifen: Einmal
im Jahr, so hieß es, könne der Hohepriester direkt bei Gott um Rat
fragen. Erfolg konnte er bei einem solchen Unternehmen im falschen Geiste wohl
kaum erhoffen.
„Eines
aber muß ich noch hinzufügen: Da die Möglichkeit dieser
unmittelbaren Gemeinschaft auf ein natürliches Gesetz zurückgeht,
steht der Zugang zu ihr nicht nur den hohen, sondern auch den niederen Geistern
offen. Die Propheten haben dies von vorneherein auch klar erkannt und deshalb
die folgende Regel niedergelegt: „Wenn der Prophet im Namen des Herrn
redet, und es wird nichts daraus und kommt nicht, so ist es das Wort, das der
Herr nicht geredet hat; der Prophet hat es aus Vermessenheit geredet, darum
scheue dich nicht vor ihm!“ (5.Mose,18,22)
„Dies
Gesetz trägt den Stempel der Wahrheit; es besteht nicht darauf, daß
wir das Verkündete sofort und bedingungslos glauben, selbst wenn es von
erlauchten Lippen kommt. Es ist gleich dem geistigen Gesetz: „An ihren
Früchten sollt ihr sie erkennen.“
„Darum
mußt du bei deinen künftigen Missionen zur Erde niemals eine
Unklarheit darüber lassen, daß diejenigen, die den Kontakt mit der
geistigen Welt suchen, immer solche Seelen anziehen werden, die ihnen gleich
oder ähnlich sind. Die Guten werden gute Geister finden, die Neugierigen,
die Heuchler und die Unreinen werden Seelen finden, die ihnen entsprechen.
Dieses Gesetz ist unabänderlich. Nur wer reinen Herzens ist, wird den
Hügel des Herrn erklimmen, auf dem die Geheimnisse des Königreichs
eröffnet werden.“
* * *
„Du
wirst jetzt verstehen“, sagte RHAMYA,
„welch ein grundlegender Unterschied zwischen den Propheten und den
Priestern besteht. Die Propheten wirken aus einer lebendigen geistigen
Wirklichkeit, und wenn sie sich mit ihren geistigen Helfern in Harmonie
befinden, werden sie zwangsläufig hoch über ihre Mitmenschen gehoben,
denen zu helfen sie bestimmt sind. Sie reichen hinauf an den Quell der
Wahrheit, der unversiegbar ist und dessen Fließen nur durch das Verlangen
nach dieser Wahrheit und das körperliche Schöpfvermögen des
einzelnen Propheten Grenzen gesetzt sind. Ihr Weg führt zum lebendigen
Gott, nicht zu toten Formeln.
„Du
wirst jetzt vielleicht fragen, wie es kommt, daß diese Instrumente Gottes
die Religion auf Erden nicht viel stärker beeinflußt haben. Die
Erklärung ist eine sehr “menschliche“: Nur allzuoft waren die
Propheten, einmal überzeugt von der geistigen Quelle ihrer Visionen, mit
dem Erreichten bald zufrieden. Der Strom mochte weiterfließen, aber einer
wirklichen geistigen Fortentwicklung wurde dadurch Einhalt geboten. Das war
dann jedesmal die Stunde der Priester, die, verbündet mit dem Staat, alle
Mittel der weltlichen Macht dazu benutzten, den Einfluß der prophetischen
Lehren zu zerstören und die Herrschaft des Ritus und Zeremoniells wieder
aufzurichten. „Jedoch — kein Vorhaben Gottes wird jemals
aufgegeben. Der Quell mag langsam, kaum sichtbar fließen; er muß
dennoch kraft Gesetz anschwellen und eines Tages die Dämme brechen. Der größte
Fehler, den wir machen können, ist, Gottes Ewigkeit nach der kurzen Spanne
unseres Erdenlebens zu messen und zu glauben, ER habe seine Absicht aufgegeben,
weil sie sich nicht nach dem Uhrwerk unserer kurzen Tage verwirklicht. Durch Äonen
der Erdgeschichte hindurch wartete Gott geduldig darauf, bis die Zeit für
den Menschen reif war. Und seitdem ist noch nicht einmal ein Pulsschlag der
Ewigkeit vergangen. Was sind dagegen die tausend Jahre des jüdischen
Königreiches, in denen der Strom der Prophetie, langsam und unmerklich
vielleicht, aber dennoch unaufhaltsam weiterstieg, bis der Damm mit Jesus
Christus endgültig barst?“
„Würdest
du mir erlauben, eine Frage zu stellen, die mir gerade eingefallen ist?“,
unterbrach ich RHAMYA. „Wenn in der Zeit, von der
du sprichst, auch Engel direkt auf Erden eingegriffen haben, wie die
Überlieferung besagt, konnten sie dann nicht die Aufgabe jener Propheten
übernehmen, die in ihrer Erfüllung nachlässig geworden
waren?“
„Nein,
Aphraar. Dazu waren sie nicht fähig. Es gibt viele Gelegenheiten, wo Hilfe
zu bringen ist, oder andere Aufgaben zu vollführen sind, für die kein
menschlicher Mittler zur Verfügung steht. In allen diesen Fällen sind
wir berechtigt, die menschliche Form anzunehmen. Du wirst noch durch eigene
Erfahrung erkennen, daß dies öfter der Fall ist, als du im
Augenblick glaubst.
Aber
das Lehren von Geboten und Lebensregeln gehört nicht dazu. Es muß
immer durch einen Mittler erfolgen, der auf der gleichen Stufe steht wie die,
zu denen er spricht. Nimm einmal an, ein Engel im vollen Ornat seiner geistigen
Macht wollte versuchen, einem Menschen, der gegen eine starke Versuchung
ankämpft, Mut und Vertrauen einzuflößen. Er würde
vielleicht Ehrerbietung und Bewunderung auslösen. Aber der Mensch in
seiner irrigen Vorstellung von Engeln würde sich sehr bald zu fragen
beginnen, was wir, die wir vermeintlich ohne Sünde geschaffen wurden und
niemals die Macht der Versuchung fühlten, denn von dem täglichen und
stündlichen Kampf wüßten, den die Menschen im Fleische
durchzustehen haben. Im Endergebnis würde eine so tiefe Kluft zwischen den
beiden zurückbleiben, daß der Engel gerade das, wofür er
gekommen war — Selbstvertrauen und Stärke zu bringen — am
allerwenigsten erreicht hätte. Hier setzt die Aufgabe des Propheten ein,
der die Eigenschaften der Erde und des Himmels zugleich in sich
trägt.“
„Wenn
Engel schon so weit von den Menschen entfernt sind“, rief ich,
„dann muß Jesus Christus doch noch unendlich viele Male ferner und
unfaßbarer sein!“
„Nicht
so, mein Freund. Du bist in Gefahr, falsche Maßstäbe anzulegen: Es
gibt keine Engel außer denen, die ihren Zustand auf dem Wege über
das Menschtum erreicht haben! Jakobs Vision der Himmelsleiter spiegelt die
natürliche Ordnung in den Hierarchien der Engel wider, er sah sie
“aufsteigen und niedersteigen“. Wenn sie nicht selber aufgestiegen
wären, könnten sie nicht die Werke Gottes an den Menschen tun. Ich
glaube, ihr Wirken wird noch weit mehr Erfolg haben, wenn die Erde dies erst
einmal begriffen hat.
„Die
Vorstellung von der einsamen Unerreichbarkeit Jesu Christi ist ein noch
betrüblicheres Ergebnis falscher Glaubensvorstellungen, das durch sein
Leben und Wirken auf der Erde in keiner Weise gerechtfertigt wird. Er ist der
gute Hirte, der inmitten seiner Herde wandert, sich um die Schwachen sorgt, die
Jungen zärtlich umhegt und denen, die den Weg verlieren, nachgeht bis er
sie findet. — — „Dies ist der Wille des Vaters, der mich
geschickt hat, daß ich nichts von dem verliere, das er mir gegeben hat.“
— Bei der Ausführung dieses Gebotes setzt er sich so sehr mit seinen
Schützlingen gleich, daß man ihn selber angreift, wenn man einen von
ihnen verletzt. Und hat er nicht für die ganze Menschheit gebetet,
„daß sie eins sein mögen, wie Du, Vater, in mir bist und ich
in dir, daß auch sie in uns eins sein mögen … auf daß
die Welt wisse, daß Du mich geschickt hast und sie geliebt hast, wie Du
mich liebtest? (Joh.17,21-23)
„Ist
da irgendwo der Gedanke an eine isolierte Stellung Jesu Christi zu finden? Ich
gebe zu, daß er während seines Wirkens auf der Erde der einzige
fleischgewordene Sohn des Vaters war, aber nur in dem Sinne eines
‚Erstgeborenen unter vielen Brüdern, die alle dazu bestimmt sind,
das gemeinsame Erbe anzutreten.
„Aber
laß‘ uns die Propheten nicht aus den Augen verlieren. Wir haben
gesehen, wie Samuel dem zum König gesalbten Saul eröffnete, er werde
auf seinem Heimwege an einer bestimmten Stelle vom Geiste des Herrn
überkommen und in einen anderen Mann verwandelt werden. Von da an geht der
Strom göttlicher Eingebung mit nur geringen Abwandlungen rund tausend
Jahre lang fort, bis wir zu der majestätischen Figur Johannes des
Täufers kommen, der — gelenkt vom Geist des Elias — das Kommen
des Christus ankündigte.“
„War
Johannes eine Wiederverkörperung des Elias?“
Nein!
Er war ein Prophet, der Gaben von ganz besonderer magnetischer Kraft hatte.
Elias war der Geist, der ihn im Auftrag Gottes “überschattete“
und “in einen anderen Mann verwandelte“. Darum sagte Christus:
„Elias ist schon gekommen, aber sie kannten ihn nicht.“ Aber als
Johannes gefragt wurde „Bist du Elias?“, antwortete er ebenso
wahrheitsgemäß: „Ich bin es nicht.“
„In
diesen beiden Äußerungen liegt kein Widerspruch. Christus, der durch
die Erscheinungsform der Dinge hindurch bis auf ihren geistigen Kern sah,
erkannte die hinter Johannes stehende Lichtgestalt des großen
hebräischen Propheten; die anderen Menschen um ihn aber erkannten sie
nicht. Ebenso wahrhaft aber war Johannes, als er, nachdem seine Predigt
vorüber war und der lenkende Geist sich zurückgezogen hatte, die
Frage „Bist du Elias?“ verneinte. Jede andere Auslegung würde
die Glaubwürdigkeit eines der beiden in Frage stellen! Die große
Bedeutung der Rolle des Johannes als ein Vorläufer Christi würde auch
völlig verlorengehen ohne diese Auslegung, wie du bald noch erkennen
wirst, wenn ich von dem spreche, der größer als Johannes war.“
„Ja
bitte, sprich von ihm!“ rief ich. Verzeih wenn ich ungeduldig bin —
ich habe so lange auf einen Augenblick wie diesen gewartet!“
RHAMYA machte eine zustimmende und zugleich
zur Geduld mahnende Handbewegung. Die absolute Ruhe und Bestimmtheit, mit der
er sprach, stand in einem seltsamen Gegensatz zu meiner eigenen aufgeregten
Wißbegierde.
„Es
gibt viele Ausgangspunkte“, sagte er, „von denen aus ich mit einer
Beschreibung der Aufgabe Jesu Christi beginnen könnte. Aber wir wollen sie
fürs erste beiseitelassen zugunsten der einen, allerwichtigsten Frage: wie
war das wirkliche Verhältnis Jesu zu Gott und den Menschen? Wir wollen den
vielleicht günstigsten Augenblick für die Beantwortung dieser Frage
herausgreifen, als der Nazarener zugleich mit vielen anderen der Predigt des
Johannes lauschte. Erinnerst du dich, daß Johannes bekannte, er habe
Jesus gesehen, ihn aber nicht erkannt?“
„Ja.
War das nicht sehr seltsam?“
„Ich
will dir sagen, warum es durchaus nicht so seltsam war, und meine Antwort wird
dir künftig vielleicht von gutem Nutzen sein: Gott hat in seiner Weisheit
bestimmt, daß alle aktiv in einer Mission eingesetzten Helfer nicht deren
künftiges Ergebnis vorauswissen dürfen. Solange wir an einer Aufgabe
tätig sind, muß unsere Erfolgsgewißheit allein aus dem Glauben
kommen, daß Gottes Segen auf unserem Vorhaben ruht. Könnten wir
schon das Ergebnis voraussehen, so würden wir vielleicht versucht sein, in
unseren Anstrengungen nachzulassen. Gott weiß unnötige Versuchungen
von seinen Helfern fernzuhalten und senkt deshalb mit Absicht einen Schleier
vor unsere Augen. Hätte Johannes den Nazarener sofort als Messias erkannt,
er hätte vielleicht auch in seinen Bemühungen nachgelassen, bevor
seine Aufgabe erfüllt war.
„Aber
die beiden waren doch miteinander verwandt?“, wandte ich ein. „Die
Umstände der Geburt und Kindheit Jesu und die Ankündigung der Engel
müssen Johannes doch bekannt gewesen sein.“
„Von
deinem Standpunkt aus ist das gewiß ein gültiger Einwand. Aber er
beweist nur, daß dieses Nicht-Erkennen rein geistige Gründe haben
mußte, wie ich sie dir genannt habe. Aber wir dürfen dieses Thema
jetzt unbeschadet beiseitelassen. Worauf es mir allein ankam, war, dir zu
zeigen, daß eine gerade Linie von den Propheten bis zu Jesus Christus
führte, daß die Prophetie die Antwort eines lebendigen Gottes auf
das Suchen der Menschheit nach ewiger Wahrheit war. Wenn die Menschen nur ihren
wahren Zweck und Wert erkennten, sie wären überwältigt von der
Großartigkeit der Kräfte, die Gott ihnen zur Verfügung gestellt
hat. Aber ihre Gedankenlosigkeit ist sprichwörtlich: „Der Ochse
kennt seinen Besitzer, der Esel die Krippe seines Herrn, aber Israel weiß
nichts …“
„Die
Juden, wie du weißt, erkannten den angekündigten Messias nicht, weil
sie völlig falsche Vorstellungen von der Stellung hatten, die er einnehmen
würde. Um dich vor ähnlichen Fehlern zu bewahren, wollen wir uns noch
einmal überlegen, warum der Christus gerade zu diesem Zeitpunkt unter die
Menschen kam und welche Mission er hatte.
„Christus
war der “im Fleische geoffenbarte Gott“. Aber wenn ich dieses und
andere Zitate benutze, mußt du auf der Hut davor sein, sie etwa
theologisch oder dogmatisch auszulegen. Christus ist nicht Gott (Vorsicht !!!),
aber er besaß alle Kräfte Gottes, die notwendig waten, um ihn im
Fleische zu offenbaren. Er ist der Botschafter eines Königs, der sich des
Dolmetsch bedienen muß, damit Monarch und Untertanen sich klar
verständigen können. Er handelt als Diener in Gottes Auftrag und
sieht sich selber immer nur in der Rolle des Dieners.
„Das
Einssein mit Gott nimmt er nur kraft seines offiziellen Eigenschaft in
Anspruch, und stets zieht er dabei die Trennungslinie zwischen „Mein
Vater und ich“ und „Mein Vater ist größer als
ich“. Die Erscheinung Jesu war nicht die eines Gottes, der sich in ihm
verkörperte, um eine niedrigere Form des Seins anzunehmen, sondern
vielmehr die eines in ganz hervorragendem Maße befähigten Propheten,
dessen Körper für das Darinwohnen des Christus bereit war — der
höchsten Offenbarung des Göttlichen, die das Fleisch aufzunehmen
imstande ist.
„Das
wirklich Außerordentliche in Jesus Christus ist daher das Emporheben
eines Menschen als Beispiel für die Möglichkeit geistiger
Höher-Entwicklung; das Ineinandergreifen der zwei Lebensbereiche, wie wenn
die steigende Flut weiter und weiter vordringt, bis sie das gestrandete Boot
erreicht und mit sich in die unendliche See hinausführt. Wir hier auf der
geistigen Seite hatten diese natürliche Entwicklung von Anfang an
vorausgesehen und durch die Propheten darauf hingewiesen.
„Dann
wurde Jesus geboren. Die kirchlichen Dogmen über seine Zeugung und Geburt
sollen uns hier nicht interessieren. Sie widersprechen nicht nur der Vernunft,
sondern auch dem Gesetz der Evolution und Gottes Weise, durch den Mund von
Propheten zu sprechen, die als Söhne der Erde denselben Ausgangspunkt
haben wie die übrige Menschheit.
„Das
soll jedoch nicht heißen, daß der Nazarener nicht schon im
Mutterleibe für seine künftige Aufgabe vorbestimmt wurde. Gott
erhörte die Gebete Marias, einer wahrhaft heiligen Frau, die von der
ersten Regung in ihrem Leibe das werdende Kind als ein Geschenk Gottes ansah
und gelobte, es der Gnade und dem Dienste dieses Gottes anheimzugeben. Durch ihre
Gebete und ihre tiefe Frömmigkeit gab sie dem Wesen des werdenden
Menschleins die charakterlichen Grundvoraussetzungen für sein
späteres Wirken. Jesus ist das Höchste, was eine Mutter durch Gebete,
Fühlen und Denken in ihrem Kinde hervorbringen kann. Ein Mann mag sich
seiner geistigen Fähigkeiten rühmen, aber nur eine Frau kann den
lebendigen Tempel für ein heiliges Wesen schaffen. In der Tat stimmte der
Himmel einen Jubelgesang an, als er diesen Tempel Gottes im Werden sah, und die
Engel Gottes umhegten Mutter und Kind. Jesus war ein Prophet von Anbeginn.
Durch seine ganze Kindheit und Jugend lag die göttliche Erleuchtung
sichtbar auf ihm. Denke nur an Jerusalem, wo sich die Gelehrten und Rabbiner
über seine Weisheit und sein Wissen verwunderten. Es ist ganz
natürlich, daß er sich unwiderstehlich von Johannes dem Täufer
angezogen fühlte, als dessen Mission begann. Wie wurde sein Herz
angerührt, als er den Ruf des Propheten hörte, ein gerechtes Leben zu
führen und sich Gott in einer Weise zu ergeben, wie sie der formgebundene
Tempeldienst niemals zuwege bringen konnte.“
„Gebannt
lauschte er jedem Wort, bis die innere Versenkung zur klaren Vision wurde, in
deren Glanze er geblendet und sprachlos stand. Er sah den hoffnungslosen Kampf
der Menschheit gegen die Kräfte der Finsternis, hörte die
ungezählten qualvollen Hilferufe aus den Tälern des Todes, vernahm
den tausendfachen Schrei nach dem Erretter. Er sah die himmlischen Scharen
bereitstehen, unfähig zu helfen, weil es an einem allmächtigen
Propheten fehlte, der den Menschen das entscheidende Wort bringen würde.
Und aus dem Unsichtbaren hörte er die Frage „Wen soll ich
senden?“.
„In
diesem Zustand warf sich die Seele des Nazareners mit einem einzigen, alles
opfernden Sprung vor Gott und rief „Hier bin ich, sende mich —
sende mich! Und durch mich, was es auch kosten möge, laß Deinen
Willen geschehen auf Erden, wie er im Himmel geschieht!“
„Wir
wissen, was dann geschah. Sein Gelöbnis wurde von Erde, Himmel und
Hölle angenommen, als „sich der Himmel auftat, und er sah den Geist
Gottes wie eine Taube herabsteigen und über ihn kommen. Und siehe, es kam
eine Stimme vom Himmel, die sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich
Wohlgefallen habe! —
„So
erfolgte diese zweite Geburt, zu der Christus später die Welt aufrief
— eine Geburt, bei der Jesus, der Prophet von Nazareth, zu Jesus Christus
wurde.“
* * *
RHAMYA hielt inne, um mir Gelegenheit zu
geben, das Gesagte zu durchdenken. Mir schien, als ständen meine
Füße noch im Dickicht des Unwissens und Irrtums, während meine
Augen bereits klar die Umrisse der geraden Straße zur Wahrheit erkennen
konnten, die reichlich mit Wegweisern und Warntafeln für alle versehen
ist, die Augen haben, zu sehen.
Von
allen Erlebnissen im Jenseits war diese Begegnung mit RHAMYA für mich in seltsamer Weise die ergreifendste.
Ich war in Gefilde geführt worden, deren Vorhandensein ich noch nicht
einmal vermutet hatte und die gänzlich unerwartete Offenbarungen bargen.
Es war ein verzaubertes Land, das mit jedem Schritt, den ich vorantat, neue
Sinne zu wecken schien — gleichzeitig aber ein Gefühl beseligender
Erwartung des Unbekannten, das der nächste Schritt eröffnen
würde.
Ich
war dankbar für die Gesprächspause, und doch wartete meine Seele
ungeduldig auf den Weiterflug. Ich kam näher zu Christus! So viel
näher als jemals zuvor, daß ich gewünscht hätte, mich ihm
zu Füßen zu werfen und mit dem überzeugten Thomas auszurufen:
„Mein Herr und mein Gott“!
RHAMYA wartete geduldig, bis die Pause
beseligender Erwartung ihre volle Wirkung getan hatte. Dann fuhr er fort:
„Du
wirst jetzt in der Lage sein, das wunderbare ineinandergreifen des Menschlichen
mit dem Göttlichen, durch das Gott in Jesus Christus die Versöhnung
der Welt mit sich selbst vollbrachte, ein wenig näher zu betrachten. Zuvor
aber merke wohl: Es war und ist das ganze und einzige Ziel des Werkes Christi,
die Welt mit Gott zu versöhnen — niemals aber, Gott mit der Welt zu
versöhnen, also ihn etwa namens und zugunsten der Welt zu beeinflussen.
Diese Grundvoraussetzung darfst du nie aus den Augen verlieren!
Die
Hauptschwierigkeit auf dem Wege zu diesem Ziele war — auf der irdischen
Seite — der Zweifel, ob der Mensch wirklich unsterblich sei. Und gerade
hier war der Priester leider ebenso unwissend wie der Laie oder der Heide. In
der Tat ist weder der Priester noch der Gelehrte gerüstet, diesen Jordan
zu durchschreiten und aus dem Lande vom jenseitigen Ufer Kunde zu bringen, die
den Zweifel überzeugend beseitigt. Sie
„stehen säumend, zitternd
am Ufer und fürchten die Fahrt“
„Wo
die Gelehrsamkeit versagt, hat Gott die Propheten eingesetzt, und als ihren
größten Jesus, durch den der Christus kam, um Leben und
Unsterblichkeit ans Licht zu bringen. Er brachte ein immerwährendes
— nicht unterbrochenes — Leben, oder vielmehr, er zeigte uns,
daß ein solches Leben das natürliche Erbe der gesamten Menschheit
ist. Diese Offenbarung war das von Gott gesetzte Ziel, auf das alle Prophetie
von Anfang an zustrebte. Jesus endlich bot die Voraussetzungen zu seiner Verwirklichung,
zum Messias, und auf ihn senkte sich der Christus Gottes herab. Ich will
versuchen, dir das Wesen dieser doppelten Persönlichkeit noch etwas
näher zu erklären.“
„Darf
ich dich zuerst bitten“, unterbrach ich RHAMYA,
„mir die Beziehung zwischen Christus und dem Gottwesen etwas
aufzuhellen?“
„Ich
kann dir etwas darüber erzählen“, antwortete er, „aber du
wirst es kaum verstehen, denn es geht hier um eine so außerordentlich
hohe Lebenssphäre, daß ich selbst nur wenig von ihr weiß und
du zur Zeit gar kein Vorstellungsvermögen dafür hast. Wir werden
diese Dinge erst klar verstehen, wenn wir unseren eigenen Entwicklungsstand so
erhöht haben, daß wir sie erreichen können. Dennoch, vielleicht
kann ich dies Eine sagen: der Name Christus bezieht sich mehr auf eine Gemeinschaft
als auf ein Einzelwesen. Diese Gemeinschaft ist ein Kreis aus den
größten Seelen hochentwickelter Kulturwelten — zu denen die
Erde noch nicht zählen darf — und zugleich eine Art Nachhut für
Welten, die eine noch höhere Daseinsstufe erreicht haben, welche auch
über mein eigenes Vorstellungsvermögen weit hinausgeht.
„Das
Ideal nach dem dieser Christus-Kreis strebt, ist die Vereinigung vieler Welten
in dem Gemeinschaftsgeist einer neuen Ordnung, in der die göttlichen
Eigenschaften besser zum Ausdruck kommen. Aber dieses Streben des Christus-
Kreises kennzeichnet auch, daß seine Mitglieder nicht von der Stufe
absoluter Vollkommenheit ausgehen. Es wird gut sein, wenn du bei der
Beurteilung des Verhältnisses zwischen Christus und Jesus von Nazareth daran
denkst; es wird dir als ein Schlüssel zu vielen Äußerungen Jesu
dienen, die dir sonst unklar bleiben müßten.
„Das
Ideal, das Jesus Christus seiner Kirche vorschreibt, “daß sie alle
eins sein mögen“, entspricht der natürlichen geistigen
Atmosphäre, in der er wohnt. Es ist nicht etwa ein Gebet für die
Einswerdung aller Einzelseelen — das wäre unmöglich. Gemeint
ist vielmehr eine geistige Gemeinschaft, wie sie bei GOTT Vater sein muß, von dem Jesus Christus sagt,
“Er ist so viel größer als ich“. Es wäre leicht
zahlreiche solcher Äußerungen des Meisters anzuführen, aber ich
glaube, daß dies im Augenblick für uns nicht nötig ist“.
„Bitte
erlaube mir noch eine Frage“, warf ich ein. „Du führst die
Heilige Schrift so häufig an, daß ich gern wissen möchte, welchen
Grad an Autorität du ihr beimißt.“
„In
allem, was ich sage“, antwortete RHAMYA mit
Nachdruck, „lasse ich mich von dem Gedanken leiten, daß du auf
deine künftige Mission zur Erde vorbereitet werden sollst. Anderenfalls
würde ich alle diese Fragen von einer viel höheren Warte aus
behandeln und meine Erläuterungen aus Quellen schöpfen, die für
uns noch viel befriedigender sind. Das aber würde dir bei deinem Vorhaben
nicht helfen können, und deshalb richte ich mich in meinen Worten nur nach
deinen eigenen Bedürfnissen. Wir dürfen ja nicht vergessen, daß
viele Menschen, mit denen du in Verbindung treten wirst, das erste Mal etwas
über die lebendige Gemeinschaft zwischen den beiden Lebenszuständen
hören. Dabei werden sie sich mit den auf der Erde anerkannten orthodoxen
Auslegungen der Bibel auseinander zu setzen haben. Deshalb kommt es mir vor
allem darauf an, dir vor Augen zu führen, daß diese
strenggläubige Auslegung im Widerspruch zu der viel überzeugenderen
und folgerichtigeren Offenbarung steht, die in der gleichen Heiligen Schrift
verborgen ist.“
„Du
weißt, daß wir die guten Seiten der Kirchen anerkennen und durchaus
würdigen, da sie trotz ihrer zahlreichen Irrtümer in der weltlichen
Sphäre einen bedeutsamen Dienst für die Menschheit geleistet haben,
und daß sie der Ausgangspunkt für zahllose Heilige waren, die sich
über ihre eigene Umgebung erhoben. Deswegen streite ich nicht mit den
Dogmatikern, sondern lege einfach die Wahrheit dar, wie ich sie selber kenne.
Die Heilige Schrift benutze ich dabei einfach als eine Sammlung historischer
Dokumente, die eine Fülle von Ereignissen wiedergeben, an denen wir das
bestätigt finden können, was uns in diesem Falle interessiert. Aber
ich behalte mir das Recht vor, nach meinem eigenen Wissen und meiner Vernunft
jeweils gewisse Bibelstellen anzunehmen oder abzulehnen. Es kann keinen anderen
Standpunkt geben, besonders wenn wir es mit Dokumenten zu tun haben, die oft
eine so doppelzüngige Sprache reden.“
„Du
weißt“, fuhr RHAMYA fort, „daß die
Menschen ständig Manuskripte und Bücher bearbeiten, auslegen und
verschieden übersetzen, ganz wie ihre eigene Überzeugung es ihnen
nahelegt. Die Bedeutung von Worten und Ausdrücken wechselt. Allen diesen
Einflüssen, die es zu allen Zeiten gegeben hat, sind auch jene
Äußerungen unterworfen, für die wir die denkbar höchste
Autorität zu haben glauben. Deswegen hat der lebendige GOTT als sein erstes und wichtigstes Instrument den
Propheten gewählt. „Du wirst eine Stimme hinter dir hören die
sagt, dies ist der Weg“; „Er wird dich in die Obhut seiner Engel
geben, um dich auf allen deinen Wegen zu bewahren“; „Ich werde dich
niemals verlassen oder aufgeben“; „Siehe, ich bin immer bei dir,
selbst bis ans Ende der Welt“. Diese und andere Äußerungen durch
die Lippen der Propheten sind unendlich stärker in Übereinstimmung
mit dem Geist der Gottesvaterschaft als tausend Bezugnahmen auf das
geschriebene Wort.
Dies
ist der Gesichtspunkt, von dem aus ich die Heilige Schrift benutze. Sie hat
einige der Eingebungen der Vergangenheit für uns festgehalten und
ermöglicht uns, gewisse Entwicklungsrichtungen zu verfolgen; sie gibt uns
die äußeren Umrisse, und sie gibt uns ein menschlich gezeichnetes
Bild des Christus, das trotz seiner Unvollkommenheiten und seines mangelnden
Verständnisses der Beziehung Jesu Christi zu GOTT und den Menschen gewiß nicht der Schönheit
entbehrt. Letzten Endes kann die Schrift aber immer nur die äußere
Form des Gotteswirkens wiedergeben — sein Leben, seine Kraft und
Stärke, seine Eingebung können nicht durch ein lebloses Dokument
vermittelt werden. Diese Dinge sind Geist, sie sind Leben und müssen
deshalb notwendigerweise durch lebendige Boten Gottes getragen werden. Mit
anderen Worten: Ich benutze die Heilige Schrift um des Guten und Nützlich
willen das ich in ihr finde, und ich nutze meinen Verstand um die Spreu vom
Weizen zu sondern. Wer sich auf die Weise ehrlich bemüht, kann nicht
fehlgehen. Ich hoffe, ich habe mich klar genug ausgedrückt?“
„Durchaus;
ich hoffe nur, daß meine ständigen Fragen dich nicht allzu sehr
stören.“
„Ganz
und gar nicht. Sie sind natürlich und notwendig für deine
Unterweisung und helfen mir sogar, denn bei jeder Antwort stoße ich noch
auf ein neues, verwandtes Problem, das für dich wichtig sein könnte.
Zum Beispiel können wir, da wir gerade über die Bibel sprechen,
vielleicht an dieser Stelle erst einmal prüfen, was sie über die
Lehre und das Werk Christi zu sagen hat.
„Wenn
du die Evangelien völlig unbefangen das erste Mal studieren würdest,
so würdest du vermutlich zu Auffassungen gelangen, die von den Lehren der
Kirchen sehr verschieden sind. Bei seiner Lehre nahm Christus genau dieselbe
Stellung ein, wie ich sie jetzt dir gegenüber einnehme. Es wäre ihm
ein Leichtes gewesen, eine gelehrtere Sprache mit philosophischen
Erläuterungen zu benutzen und sich auf höhere Quellen zu beziehen.
Aber hätte er das getan, so wäre das Ergebnis wohl ein noch
hoffnungsloseres Mißverstehen gewesen. Den Beweis dafür gibt uns
sein Gespräch mit Nikodemus, der als ein Führer und Lehrer des Volkes
doch sicher Verständnis für geistige Dinge gehabt haben sollte. Aber
selbst an ihn richtet Christus die Frage: „Glaubet ihr nicht, wenn ich
euch von irdischen Dingen spreche, wie werdet ihr glauben, wenn ich von den
himmlischen Dingen sprechen werde?“ (Joh.3,12).
Der
Meister mußte seine Lehre ständig nach der geistigen Dunkelheit
richten, die die Menschen umgab, um sein Licht leuchten zu lassen. Deshalb
sprach er nie über theologische Dinge, obwohl er dies mit der
größten Autorität hätte tun können! Aber es
wären nur, um sein eigenes Gleichnis zu gebrauchen, vor die Schweine
geworfene Perlen gewesen. Die Menschen, unter dem Einfluß des Fleisches
stehend, können keine leidenschaftslose und rein geistige Vorstellung von
dem Charakter, der Vollkommenheit und den Zwecken GOTTES haben, der ein Geist ist und deshalb
notwendigerweise nur in dem schattenlosen Licht verstanden werden kann, das in
der Region der vollkommenen Wahrheit von ihm selbst ausgeht.
Christus
fand ein Geschlecht von Kindern vor, das sich mit derselben Frage plagte, der
es auch heute noch nachjagt: Was ist Wahrheit? Völlig richtig
verkündete er deshalb seine Lehren, wie man einer Kinderklasse die
Grund-Lehren durch bildliche Vergleiche und andere Gleichnisse
verständlich macht. Erst seine Nachfolger konnten diese Lehre allmählich
ausbauen, und dies wird andauern, bis die helfenden Engel Gottes eines Tages
die ganze Menschheit zur Wahrheit geführt haben werden. Christus begann
damit, aus der kindlichen Geistesart, die er vorfand, die verwirrenden
Vorstellungen über Jehova zu entfernen und an ihre Stelle das Bild eines
Vaters zu setzen, den die Kinder als ein gütiges, edles und sorgendes
Wesen sehen konnten. Ein Wesen, das unendlich besser war, als irgend ein
menschlicher Vater es jemals sein konnte; mehr noch ein Wesen, das, obwohl es
selbst unsichtbar blieb, alles hörte, sah und wußte, was die
Menschen taten und sogar dachten.
„Christus
kannte diesen Vater, und wenn die Kinder zu ihm als “Vater unser, der du
bist im Himmel“ beteten und ein Leben führten, wie Jesus Christus es
ihnen vorlebte, dann mußte das Gebet erhört werden. Während
seines Lebens, das ein Beispielleben war, faßte der Meister die Aufgabe
des Menschen immer wieder in einen einzigen Satz zusammen: “Was immer ihr
wollt, das euch die Menschen tun sollen, also tut auch ihr ihnen; denn dies ist
das Gesetz und die Propheten“. Wenn dieses Geheiß wörtlich
befolgt oder ehrlich erstrebt wird, dann braucht sich kein Kind Gottes zu
scheuen, an sein Gebet hinzuzufügen: “Vergib mir meine Schuld, wie
ich meinen Schuldigern vergebe“.“
„Lehrte er nicht auch: Du sollst den HERRN, deinen GOTT von ganzem Herzen lieben?“, fragte ich.
„Gewiß!
Aber die Liebe zu GOTT soll der Liebe zum Menschen nicht
vorausgehen, sondern deren natürliche Folge sein. “Wenn ein Mensch
nicht seinen Bruder liebt, den er gesehen hat wie kann er GOTT lieben, den er nicht gesehen hat?“ In seiner
Menschlichkeit stellte Christus das Tor dar, durch das allein der Weg in das
höhere — wahrhaft geistige — Leben führt; und wer immer
einen anderen Weg zu gehen versucht, “der ist ein Dieb und ein
Räuber“. Merke, wie genau Christus das Gebot niederlegt: “Wenn
du deine Gabe zum Altar bringst und dich dort erinnerst, daß dein Bruder
Unrecht an dir getan hat, laß deine Gabe an dem Altar und gehe fort; erst
sei versöhnt mit deinem Bruder und dann komm und biete deine Gabe
dar“. Der Schlüssel zum Königreich des Himmels ist das gerechte
Verhalten zum Mitmenschen. Christus hat diese Lehre in seiner Bergpredigt, in
seinen Gleichnissen, im Gebet, und durch jede Art seines Wirkens
bekräftigt.
„Er
kam, um die Welt vor den unvermeidlichen Folgen der Sünde zu retten. Der
Weg zu dieser Rettung führt über die Buße zu einem neuen,
gerechten Leben. Aber die Bußfertigkeit gegenüber GOTT kann nur durch Buße gegenüber den Menschen
und Versöhnung mit ihnen bewirkt werden. Zachäus wurde gerettet durch
seine Buße und dadurch, daß er vierfach das zurückgab, was
ungerecht erworben worden war; “Wenn du vollkommen sein willst, gehe und
verkaufe was du hast, und gib den Armen, und du sollst einen Schatz im Himmel
haben; komm und folge mir“. Der Instinkt der Selbstsucht ist im Menschen
ausgesprochen schädlich.“
„Können
wir einmal annehmen, daß eine Verkörperung wie die des Christus
nicht stattgefunden hätte — was wäre dann das Schicksal der
Menschheit gewesen?“
Mein
Lehrer lächelte, als er meine Frage hörte.
„Eine
solche Annahme wäre unmöglich zu verwirklichen. Da eine Menschheit
bestand, war das Kommen des Christus ein ebenso unvermeidliches Ereignis, wie
das Folgen des Abends auf den Morgen. Es wäre müßig, zu
versuchen, den Mittag aus dem Tage fortzunehmen — ebensowenig kann man
sich Christus aus der Entwicklung des Menschengeschlechts fortdenken. Er ist
eine natürliche Stufe in der göttlichen Ordnung der Aufwärtsentwicklung.
Sein Erscheinen ist nicht ein Eingriff, um die Wirkung eines vermeintlichen
Sündenfalls zu berichtigen. Christus steht in keiner Verbindung mit irgend
einem Plan, der Eingriffe oder Korrekturen nötig macht; sein Kommen war
vielmehr die gesetzmäßige Offenbarung eines notwendigen Schrittes
auf dem Wege der Rückkehr der Schöpfung zu GOTT.
„Aber
dies beantwortet nicht den wahren Kern deiner Frage, der lautet: Wäre
Jesus Christus nicht gekommen, würde das Menschengeschlecht dann verloren
gewesen sein? Die Antwort ist: Nein. GOTT ist auf
keine besondere Handlungsweise festgelegt, um seinen vorgefaßten Plan zu
erfüllen. Denn wollte man einen solchen bestimmten Weg annehmen, so
würde man damit behaupten, daß ER in seinen Möglichkeiten
begrenzt und damit endlich sei. Aber solange wir uns nicht auf Spekulationen
über das Wesen Gottes einlassen, das weder du noch ich verstehen, habe ich
volle Autorität für all das, was ich gesagt habe, wie aus dem Zustand
der Seelen erkennbar ist, die vor dem Kommen Jesu Christi ins Jenseits
hinübergingen.“
„Waren
diese Seelen nicht gewissermaßen im Gefängnis?“, fragte ich.
„Laß
uns sehen, was die Heilige Schrift sagt“, antwortete RHAMYA, „denn in allem was ich jetzt sage,
stütze ich mich auf diese Schrift. In dem Gleichnis von Lazarus und dem
reichen Mann spricht Christus von Abrahams Schoß als einem Ort des
Trostes, Ausgleichs und Segens für den früheren Bettler; und als
Jesus verklärt war, erschienen ihm Moses und Elia “im Glanze“.
Wenn nun Abraham, Moses, Elia und der Bettler Lazarus nicht im Tal des Todes
gefangen gehalten wurden, sondern vielmehr im Glanze waren, dann muß
daraus folgen, daß es ein Gefängnis, wie du es nennst, nicht gegeben
haben kann.
„GOTT ist Liebe, und das Wesen der Liebe ist, dem Geliebten
alles nur erdenklich Gute zu tun und es vor dem Bösen soweit als
möglich zu schützen. Nun “liebte GOTT die Welt
so sehr, daß ER ihr SEINEN eingeborenen Sohn gab
…‚ daß die Welt durch ihn gerettet werde“. Sie sollte
gerettet werden von den Folgen des Übels, das so eng mit der menschlichen
Natur verbunden ist. Das Herniedersteigen des Christus war der Ausdruck der
gottväterlichen Sorge um das Wohlbefinden seiner Kinder. Sie mußten
letzten Endes IHN erreichen. Aber die Liebe sinnt nach Mitteln, um eine
schnellere Erfüllung ihres Herzenswunsches zu erreichen; und so kann GOTT nicht das der langsamen Entwicklung überlassen,
was sich rascher durch das Mittel der Gnade bewerkstelligen läßt.
Dieser Aufgabe dient das Werk Jesu Christi. Denn er offenbarte uns ein
moralisches Gesetz, durch das jeder, der an das Gesetz glaubt und es zu seiner
Lebensregel macht, geistig und seelisch Erlösung findet.“
„Bisher
habe ich mich darauf beschränkt“, fuhr RHAMYA fort, „die Lehre Christi als ein Gesetz
für das menschliche Leben zu erklären. Aber kein weiser Herrscher,
kein liebender und zärtlicher Vater befiehlt irgend etwas, ohne guten
Grund dafür zu haben. Wir haben also jetzt festzustellen, warum dieses von
Jesus Christus neu verkündetes Gesetz herausgestellt wurde. Ich habe schon
von der ewigen Frage der Menschheit gesprochen, die da heißt „Wenn
ein Mensch stirbt, wird er weiterleben?“ Das Kommen Christi ist Gottes
Antwort darauf. Durch sein Leben hat der Nazarener uns gezeigt, wie die der
Liebe Gottes entspringende Erbschaft von den Menschen voll angetreten werden
kann. Jesus Christus war in jeder Weise befähigt, diesen Auftrag zu
erfüllen, denn er hatte dieselbe Entwicklung, wie alle seine Mitmenschen
durchgemacht, dabei aber einen geistigen Zustand erreicht, der weit über
den irgend einer anderen Seele hinausreichte. Dennoch stand er nicht so weit
entfernt, daß er die Schwächen des Fleisches nicht hätte
verstehen können. Von seinem gehobenen Standpunkt aus vermochte er die
Botschaft Gottes allen Menschen zu verkünden, die sie begreifen konnten.
Am Ende seiner Mission mußte er seinen Schülern sagen, daß
noch viele Offenbarungen unausgesprochen bleiben mußten, da sie diese
nicht verstanden hätten.
Jesus
Christus brachte die für ihn geltende Lebensregel mit genialer Kürze
auf einen einzigen Satz, der so einfach ist, daß ihn ein Kind versteht
und der nicht oft genug wiederholt werden kann: Was immer ihr wollt,
daß die Menschen euch tun sollten, das tuet ihr auch ihnen; denn dies ist
das Gesetz und die Propheten. Und er begründet diese Regel nicht etwa
nur mit religiösen oder gesellschaftsmoralischen Überlegungen,
sondern spricht aus seiner eigenen intimen Kenntnis eines unerbittlichen
Gesetzes. Denn das Maß, mit dem ihr misset, mit dem soll auch euch
gemessen werden. Er zeigt uns, daß jeder, der diese natürliche
Regel von Ursache und Wirkung in seinem Leben beachtet, vertrauensvoll vor
seinen Vater treten kann, damit ihm vergeben werde, wie er anderen vergeben
hat.
„Die
Menschen begreifen vielleicht nicht, welchen unerhörten Wert Christus dem
Charakter beimißt, denn sie vergessen nur allzu leicht, daß er von
der unsterblichen Seite des Lebens aus sprach, daß der Tod für ihn
nur ein vorübergehendes Ereignis war und er den Schleier des Jenseits nach
Belieben beiseiteschieben und ein- und austreten konnte. Christus konnte von
der Erde aus das schattenlose Licht des ewigen Tages erblicken. Dieses Licht
ließ er auf das unausgewogene Konto des menschlichen Lebensjournals
scheinen.“
„Achte
bitte darauf“, fuhr RHAMYA fort, „wie sehr Christus
das eherne Gesetz von Ursache und Wirkung betonte, als er dieses Licht Gottes
auf die Menschheit scheinen ließ. Wohl liegen viele Tage und Nächte
zwischen dem Säen und dem Ernten. Was aber der Mensch im Frühjahr
sät, das wird er im Herbst ernten. Äußere Anzeichen gelten
dabei nichts, der Ausgestoßene und Aussätzige ist ein
Gefäß, in dem das göttliche Juwel ebenso ruht wie in jedem
anderen. Die Redewendung von den “Erniedrigten und Beleidigten“ ist
auf der Erde streng wörtlich genommen worden — aber worauf es Jesus
ankam, war, daß vor dem Thron Gottes jedes Bröcklein der Menschheit
aufgesammelt werden muß, damit nichts verloren gehe, auf daß der
König sagen könne: „So ihr es dem Geringsten von diesen getan
habt, meine Brüder, so tatet ihr es mir.“
„Dieses
Gesetz der Reinheit des Lebens, das keine feierlichen Handlungen und keine
Priester erfordert, sondern in dem nur Gott und die Seele des Menschen eine
Rolle spielen, mußte zur Lebenszeit Jesu Christi notwendigerweise zu
einem Zusammenstoß mit den irdischen Gewalten führen. Niemals gab
Jesus Christus auch nur für einen Augenblick eine einzige seiner geistigen
Forderungen an seine Verfolger preis, und Gott benutzte ihren Zorn nur zu
seinem eigenen Ruhm. In aufeinanderfolgenden Stufen, die von unserem Standpunkt
im Jenseits aus klar zu übersehen sind, führte Jesus Christus seine
Mitmenschen zu jener großen und entscheidenden Bekundung, für die er
gekommen war — das Leben und die Unsterblichkeit durch die Auferstehung
zu beweisen. Hast du jemals bemerkt, wie diese Beweisführung erfolgt
ist?“
„Nein“,
antwortete ich „ich verstehe kaum, was du damit sagen willst.“
„Laß
mich dir helfen, indem wir kurz einige Tatsachen beleuchten. Das Ziel der
Mission Jesu Christi war, wie wir sehen die Gewißheit des Lebens nach dem
körperlichen Tode zu verkünden und unter Beweis zustellen. Ich bin
gekommen, sagte er, auf daß ihr Leben haben möget, und es im
Überfluß haben mögt! Die Vermutung, ja die Hoffnung auf die
Wahrheit einer solchen Botschaft war das größte ungelöste Problem
aller Zeitalter. Jesus Christus war mit dem ausdrücklichen Auftrag gesandt
worden, es zu lösen. War er darin erfolgreich, so wurde sich auch der
Zweifel darüber klären, ob der Mensch ein doppeltes Wesen — aus
Körper und Seele — sei. Jesus Christus würde bewiesen haben,
daß er berechtigt war, über die im Reich Gottes geltenden Gesetze zu
sprechen. Solange der Beweis, daß der Mensch tatsächlich nach dem
Tode als dieselbe bewußte und mit Intelligenz begabte Persönlichkeit
weiter besteht, nicht sichtbar ausgeführt war, waren alle anderen Fragen
von zweitrangiger Bedeutung. Das alte prophetische Richtmaß würde zu
gelten haben: Wenn der Prophet im Namen des Herrn redet, und es wird nichts
daraus und kommt nicht, so ist es das Wort, das der Herr nicht geredet
hat.“
„Von
dem Augenblick an, da der Christus auf den Nazarener herniederstieg, war jener
ein anderer Mensch geworden. Alte Dinge waren vergangen und alle Dinge wurden
neu. Neue Kräfte wurden in ihm sichtbar, neue Verhaltensweisen und neue
Kräfte der Erkenntnis — altes wurde neu. Sein Verhältnis zur
übrigen Menschheit hatte sich geändert; er sprach jetzt als einer,
der wahre Autorität hat. Vielleicht kommt dies nirgends besser zum
Ausdruck als in seiner Haltung gegenüber den Verwandten Jesu. Der Christus
weigerte sich, an eine Blutsverwandtschaft gebunden zu sein: „Weib, was
habe ich mit dir zu schaffen? “. Oder wiederum: „Da sprach einer zu
ihm, siehe deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und
wünschen mit dir zu reden. Er aber antwortete: Wer ist meine Mutter und
wer sind meine Brüder? Und er reckte seine Hand aus über seine
Jünger und sprach: Siehe da, dies sind meine Mutter und meine Brüder!
Denn wer den Willen tut meines Vaters, derselbe ist mein Bruder, Schwester und
Mutter!“ (Matthäus,12,47-50)
„Von
Anbeginn an nahm Christus einen geistigen Standpunkt ein und lebte das,
für das er betete: Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel‘. Ein
solcher Standpunkt, der so weit von der leeren Förmlichkeit der
eingesessenen Religion entfernt war, mußte auf Widerspruch stoßen.
Bald bedrängten ihn deshalb die Kritiker, die wissen wollten, mit welcher
Autorität er spreche und seine Werke tue. Die Antwort Jesu Christi sollte
uns klar sein eines großes Ziel sagen — er war bereit, das Urteil
über sich vom Beweis der Auferstehung abhängig zu machen: „Was
für ein Zeichen zeigst du uns, da du solches tust? Jesus antwortete und
sprach zu ihnen: Brechet diesen Tempel ab, und in drei Tagen will ich ihn
aufrichten! Da sprachen die Juden: In sechsundvierzig Jahren ist dieser Tempel
erbaut worden, und du willst ihn in drei Tagen aufrichten? Er aber redete von
dem Tempel seines Leibes.“ (Johannes,2,18-21)
„Während
seiner ganzen Mission auf Erden lenkte Jesus Christus die Augen der Menschheit
auf die Stunde des Wiedererwachens. Seine Lehren sind voll von Hinweisen auf
die Ernte des Lebens, die gesammelt und eingebracht werden muß; seine
Gleichnisse sind voll von Warnungen, auf die Saat zu achten, da die Ernte nach
eben dieser Saat ausfallen werde. Und zwischen den Zeilen jeder seiner
Erläuterungen mögen wir die alles umfassende Bedeutung des Gesetzes
erkennen, das uns nach unseren Taten vergilt. Während Christus wirkte und
predigte, lebte er selbst das Beispiel-Leben, zu dem er die Menschen aufruft
— ein Leben, das uns in dieser Welt die Verbundenheit mit Gott und die besten
Vorbedingungen für die nächste Welt schafft. Laß‘ uns ihm
auf dem Pfade seiner Werke bis zu ihrer Krönung folgen.
„Er
begann damit, die Überlegenheit des Geistigen über das
Körperliche durch die Heilung von einfachen Krankheiten zu zeigen, um dann
zu den Gebrechen mehr chronischer Art voranzuschreiten. Bald hören wir,
wie er eilig an das Bett der Tochter eines Fremden gerufen wird, die im Sterben
liegt. Während er zu den Anwesenden spricht, läßt er zu,
daß das Mädchen den Lethefluß überquert, holt sie aber
fast unverzüglich zurück und übergibt sie gesund an ihre
verwirrten Eltern. Endlich hatte Christus den Gegner getroffen, den zu
zerstören er gekommen war; er hatte dem Tod in den Arm gegriffen, ihn
besiegt.
„Das
nächste Mal trifft er seinen Gegner vor den Toren der Stadt Nain. Hier hätte der Tod wohl seiner Beute sicher sein
mögen, denn der Trauerzug mit der Mutter an der Bahre ihres Sohnes nahm
bereits seinen Weg zum Begräbnisplatz. Christus aber „trat hinzu und
sprach: Jüngling, ich sage dir, stehe auf! Und der Tote setzte sich auf
und fing an zu reden, und er gab ihn seiner Mutter“ (Lukas,7,11-17) Beim
dritten Mal hatte sich das Grab bereits mit dem Tode verbündet, um den
schlafenden Lazarus fortzunehmen. Umsonst! Christus ist die Auferstehung und
das Leben — alle Macht ist ihm gegeben! Darum kommt der
“Tote“ auf seinen Befehl ins Leben zurück. Bedurfte es noch
größerer Taten, um die Wahrhaftigkeit der Lehre Christi zu beweisen?
„Trotzdem
— die letzte und entscheidende Probe stand noch bevor. Aber zunächst
laß‘ uns sicher sein, daß wir wirklich verstehen, was
Christus uns offenbarte. Jesus von Nazareth, ein Mann, der das Wohlgefallen
Gottes besaß, hatte sich uneingeschränkt seinem Gott zur
Verfügung gestellt, auf daß dieser durch ihn die große Frage
beantworten möge, die die Menschheit bewegte. Jesus war “in allen
Punkten“ ein Mann wie andere, — außer in der grenzenlosen
Hingabe für die Sache, der er diente. Wäre er anders gewesen —
nicht ein Menschensohn, sondern unter übernatürlichen Bedingungen geboren
oder gezeugt, wie die Konzilien der Menschen gefolgert haben — alle seine
Taten wären nutzlos gewesen. Denn sie hätten in keiner Beziehung zur
Errettung der übrigen Menschheit gestanden, die unter alltäglichen
Bedingungen zur Welt gekommen war.
„Gerade
die irrige Vorstellung von Jesus Christus und seiner weltbewegenden Aufgabe
macht ihn für viele Menschen so fern und unzugänglich. Jesus war ein
Mensch, der in allen Dingen ebenso wie andere Menschen versucht wurde. Er war
aus der großen Bruderschaft der Menschheit auserwählt worden, weil
er durch die Gebete einer gottergebenen Mutter und sein eigenes geistiges
Streben die Voraussetzungen dazu bot, der höchste Diener Gottes zu sein.
Auf diesen Menschensohn, diesen Körper, der als Tempel für das Darinwohnen
des Geistes des Herrn bereitet war, stieg der Christus hernieder und bewies der
Welt durch viele Werke, daß der Mensch in der Lage ist, in eine
Gemeinschaft mit Kräften jenseits der Materie emporgehoben zu werden,
Wissen weit über die Grenzen der Schulweisheit hinaus zu besitzen und
Dinge zu tun die ihm das materielle Universum untertan machen.
„Dieser
innewohnende Christus, der der Menschheit erstmals durch Jesus von Nazareth
offenbart wird, verschmilzt das Menschliche mit dem Göttlichen und
führt die geistige Entwicklung in ein neues Stadium; er wird der Adam
einer neuen und edleren Rasse. Denn obwohl er der Erstgeborene ist, so ist er
doch nur das Vorbild dessen, was die Menschheit künftig sein soll, wenn
sie das Erbe angetreten hat, das bereits das seine ist. Dieser Erstgeborene
besiegte den Tod und trug die Schlüssel zum ewigen Leben in die Region der
Unsterblichkeit, die uns allen offen steht. Zu diesem letzten Kampf und Sieg
Jesu will ich dich jetzt führen.“
* * *
„Warum
betonst du den Namen Jesus ganz besonders?“, fragte ich RHAMYA.
„Weil
es sehr wichtig ist, daß du jetzt genau zwischen den beiden
Persönlichkeiten unterscheidest, da sie im Begriff sind, sich wieder
voneinander zu trennen. Der Christus wurde nicht geboren; er kam auf Jesus bei
dessen Taufe hernieder. Ebensowenig konnte er sterben. Deshalb stieg er,
nachdem er sein Werk vollendet hatte, vor der Kreuzigung wieder auf. Es
wäre für die Menschheit ebenso wertlos gewesen, wenn Christus den Tod
erlitten hätte, wie eine Wundergeburt des Jesusknaben hätte wertlos
sein müssen. Was der Mensch zu wissen begehrte, war, ob es ein Leben nach
dem Tode gab, nicht, ob ein Unsterblicher, der durch eine Art Tod ging —
der für ihn ja keine Wirklichkeit hätte haben können — nachher
noch am Leben sei.
„Werk
und Lehre Jesu Christi sollten eine unmißverständliche Antwort auf
diese große Frage geben und zur gleichen Zeit den Menschen zeigen, wo der
beste Weg der Vorbereitung für sie lag. Während dieses Beispiellebens
wirkte Christus mit Jesus zusammen; dann aber zog er sich zurück. Es war
Jesus, und nicht der Christus, der in Vorbereitung für dieses Leben
verklärt wurde, als Moses und Elias auf dem Berge erschienen, um ihm von
dem Tode zu sprechen, durch den er würde hindurchgehen müssen, um den
Sieg zu erringen. Die beiden Propheten hätten es nicht nötig gehabt,
mit dem Christus so zu sprechen, denn der Gesalbte hatte direkten Zugang zum
Vater und brauchte keine Mittler. Jesus aber war den Weg noch nicht zuvor gegangen;
er also brauchte Hilfe und guten Zuspruch.
„Laßt
uns nun vom Tode vor der Auferstehung sprechen, der entscheidenden Probe auf
die Gottessohnschaft. Dabei möchte ich dich bitten, sehr genau auf den
Augenblick zu achten, in dem das Werk Christi zu Ende geht und er wieder gen
Himmel steigt, Jesus zurücklassend, damit dieser den Lohn für das
Leben antrete, dem er sich so bereitwillig und aus ganzem Herzen hingegeben
hatte.
„Stelle
dir die Szene vor, die während des Abendmahls herrschte: die Verwirrung
und Kümmernis der Jünger, und die Bemühungen des Meisters, sie
zu trösten. „Euer Herz erschrecke nicht! Glaubet an Gott und glaubet
an mich!“ Und bald darauf hören wir ihn sagen, „Frieden
hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch.“ Kurz nach dieser
göttlichen Segnung aber finden wir ihn im Garten Gethsemane in einem
furchtbarem Kampf, zu dem die Bestürzung der Jünger in keinem
Vergleich steht. In seinem Schrecken tritt aus ihm der Schweiß, als
fielen Blutstropfen auf den Boden, und wir hören ihn rufen „Vater,
willst du, so nimm diesen Kelch von mir, aber nicht mein, sondern Dein Wille
geschehe!“ (Lukas,22,42). Was ist aus dem Frieden geworden, den die Welt
weder geben noch fortnehmen konnte? Wie ist diese völlige Veränderung
in der Haltung des Mannes zu erklären?‘
„Wie?“
wiederholte ich die Frage, ohne eine Antwort zu wissen.
„Es
gibt nur eine Antwort. Die Trostesworte waren ein Teil der Abschiedsrede
Christi, in der er einen anderen Tröster versprach, der für die
Jünger das sein würde, was er — Christus — für Jesus
gewesen war. Dieser andere Tröster würde die Jünger zur Wahrheit
führen, unter der Voraussetzung, daß sie weiterhin ihn — den
Christus — lieben und seine Gebote bewahren würden. Auf diesen
Abschied folgte ein Gebet, in dem Christus unzweideutiger als jemals zuvor den
Unterschied zwischen sich und Jesus erkennen ließ. Das Werk des Christus
ist vorüber — „ich habe dich verherrlicht auf Erden, das Werk
vollendet, das du mir gegeben hast“ (Joh.17,4). Für Jesus, den
Menschen, war das Werk aber noch nicht vollendet! Er mußte weitergehen
zum Tode, damit er die Auferstehung gewönne! Und diesen Weg betrat er
allein, als er zum Garten Gethsemane ging. Christus hatte sein Werk vollendet
und war wieder aufgestiegen. Wir werden nur noch einmal einen kurzen Blick auf
ihn tun, denn er wird zurückkehren, um den Stein vom Grabmal wegzurollen,
auf daß der Mensch, der sich so vollständig verleugnet hatte um sein
Leben dem Christus zu weihen, als Sieger in die glänzende Unsterblichkeit
einkehre, die er sich erworben hatte.“
„Deine
Erfahrung“, fuhr RHAMYA fort, „hat dich noch nicht
gelehrt, welche nervliche Erschöpfung selbst die viel mildere Kontrolle
durch MYHANENE in seinem Instrument auf der Erde
jeweils zurückläßt. Du hast deshalb keine Vorstellung von der
unbeschreiblichen körperlichen Belastung, die Jesus zusammenbrechen
ließ, als ihn der Christus nach seiner Abschiedsrede an die Jünger
verlassen hatte. Der Verzweiflungskampf von Gethsemane wurde nicht nur durch
Furcht und Schrecken vor dem schmerzlichen Tode erzeugt, den Jesus vor sich
wußte; er wurde hundertfach verstärkt durch seine körperliche
Schwäche in dieser Stunde.
„Jesus
mußte den bitteren Kelch auch nicht nur deshalb trinken, weil es Gott so
befahl, sondern damit die Nachwelt sehen könne, daß kein Kummer und
Leid, so groß es auch sein möge, jemals dem Leid Jesu gleichkommen
würde. In seinem Gehorsam und seiner Opferwilligkeit ging er durch
größere Tiefen als sie andere Seelen jemals zu durchschreiten haben
werden. Er hatte seinen Körper zu dem Tempel gemacht, den der Christus
betreten konnte, er hatte durch Jahre hindurch die höchste für einen
Sterblichen denkbare körperliche Spannung auf sich genommen — eine
Leistung, die noch immer uns alle hier, die wir etwas von solchen Dingen
verstehen, in Bewunderung und Ehrfurcht versetzt. Als diese Spannung
plötzlich von ihm wich, setzte eine Reaktion ein, die ihn mit der gleichen
Wucht in die Tiefe drückte. Aber auch in dieser furchtbaren Stunde war
seine Seele dem Gelöbnis treu, das er gegeben hatte: „Sende mich und
laß Deinen Willen in und durch mich auf Erden geschehen, wie er im Himmel
geschieht“.
„Sein
Kelch konnte nicht vorübergehen. Die Menschheit hatte seit Anbeginn einen
Weg durch die Schatten des Todestales zur Auferstehung gesucht, ohne ihn zu
finden. Jetzt stand sie kurz vor dem Ziel. Gott hatte lange auf den
Vorkämpfer gewartet, den er vor den Augen der Welt vertrauensvoll durch
die furchtbaren Schrecken des Todes führen konnte. Welch ein
unerhörtes Wagnis, das Licht von ihm in dieser Stunde fortzunehmen! Aber
Jesus blieb getreu; „Nicht mein Wille, sondern Dein Wille
geschehe“, und während ihm der blutige Schweiß herniederrann,
setzte er den Fuß vorwärts in die Finsternis. Durch sein Ausharren
sollte Gottes Wille der Menschheit offenbar werden, und nicht nur ein Leben,
sondern das Leben der ganzen Menschheit sollte durch die Sonne der Wahrheit
verklärt werden. Er überwand seine Schwäche und schritt
vorwärts auf den ewigen Tag zu. Das Fleisch war schwach, aber der Geist
willig; und dieser Geist war die Saat, die die Ernte der Allmacht in sich trug.
„Doch
er hatte noch nicht die tiefste Stelle des Tales erreicht. Hinter ihm lagen der
Verrat, die Festnahme, Geißelungen, der Gerichtssaal, die Verleugnung. Er
hatte das Fleisch seiner Hände und Füße an den Nägeln des Kreuzes
zerrissen, die höhnischen Worte von Priestern und Hohenpriestern klangen
in seinen Ohren nach, die Qual seines Durstes überwältigte ihn, und
immer noch führte der Weg abwärts. Es war unerträglich! Niemals
konnte es ein Leid geben, das seinem Leide glich. Er konnte nicht weiter. Warum
hatte ihn der Christus verlassen? Warum ließ Gott ihn allein?
„Dann
hielt er inne. Hielt inne, um seine letzte Kraft zusammenzunehmen und aus den
Tiefen seiner Verzweiflung ein Gebet emporzusenden, das eine Antwort erzwingen
würde. Wann immer ihn der Christus (der Gott) zuvor für eine Zeit
verlassen hatte, er hatte nur zu rufen brauchen und die Rückkehr war
unverzüglich. Jetzt rief er noch einmal und Erde, Hölle und Himmel
wurden von seinem herzzerreißenden Schrei durchdrungen: „Mein Gott,
mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
„Dann
schwanden ihm die Sinne — und siehe! — er stieß die ewigen
Tore auf! So hatte er der Menschheit den Weg in die Unsterblichkeit gezeigt. Um
die Wahrheit seiner Entdeckung zu verkünden, kehrte er nach kurzer
Ruhepause wieder zurück.“
Ich
hatte RHAMYA mit steigender Spannung, ja Erregung
zugehört und spürte ein Gefühl der Erleichterung, als er geendet
hatte.
„Noch
niemals habe ich die Bedeutung Seines Todes so stark empfunden“, sagte
ich, „aber hast du diese Bedeutung nicht zugunsten der Auferstehung etwas
zurückgestellt?“
„Nein;
die Auferstehung ist das Wichtigste von allem und der Tod nur eine notwendige
Station auf dem Wege zu ihr. Wir können jetzt zur Lehre Christi an den
Punkt zurückkehren, da wir von der Auferstehung oder, genauer gesagt, dem
Zurückrufen des Lazarus von den Toten hörten!‘
„Aber
sind denn nicht Auferstehung und das Zurückgerufenwerden ein und
dasselbe?“
„Keineswegs
Dieser Unterschied ist unerhört wichtig: Christus rief die drei Personen
in ihre natürlichen Körper zurück. Die Auferstehung aber
muß im geistigen Körper erfolgen, der nicht mehr den Gesetzen der
Materie unterliegt. Dieser Körper erscheint und verschwindet, wie er es
will. Der Auferstandene wird einmal von Maria für den Gärtner
gehalten; ein anderes Mal nimmt er „eine andere Form“ an und wird
nicht erkannt, bis man Emmaus erreicht und Jesus sich durch das Brechen des
Brotes zu erkennen gibt. Thomas muß das Mal der Kreuzesnägel sehen,
bevor er überzeugt ist. Alle diese Veränderungen zeigen uns, wie
verschieden der geistige Körper vom materiellen ist, selbst wenn sein
Besitzer ihn für uns fühlbar und sichtbar macht. Paulus sagt,
daß allein die Auferstehung Jesu das Licht und die Unsterblichkeit
brachten. Der Tod war eine für die Menschen zu vertraute Erscheinung, als
daß sie ihr übermäßige Bedeutung beimessen konnten. Aber
die Auferstehung vom Tode war ein überwältigendes Ereignis!
„Darum
gingen die Apostel in alle Welt, “Jesus und die Auferstehung
predigend“, und bezeichneten sie als den wirklichen Grundstein, auf dem
der christliche Glaube ruhen müsse: „Wenn Christus nicht von den
Toten wieder auferstanden ist, dann ist unser Glaube umsonst.“ Das Ziel
des Paulus war „Zu erkennen ihn und die Kraft seiner Auferstehung und die
Gemeinschaft seiner Leiden, daß ich seinem Tode ähnlich werde, ob
ich vielleicht zur Auferstehung aus den Toten gelangen möchte“
(Philipper,3,10-12). Alle die sorgfältigen Vorbereitungen der Priester und
Römer, sich des Todes Jesu
vergewissern und das Grab intakt zu halten, wurden — ganz gegen den
Willen ihrer Urheber — zu Beweismitteln Gottes! Deshalb, mein Bruder,
magst du deine neue Mission in der Gewißheit antreten, daß die
Bekundung der Rückkehr vom Tode der große Eckstein des christlichen
Glaubens ist.“
„Gab
aber nicht Jesus auch sein Blut für die Sünden der
Menschheit?“, fragte ich.
„Diese
Lehre von der stellvertretenden Buße ist allein in den Köpfen der
Menschen entstanden, sie hat nichts mit der Lehre Christi zu tun. Denke doch
einmal einen Augenblick an das, was er lehrte: Jeder Baum trägt seine eigene
Frucht; das Maß mit dem ihr messet, mit dem soll auch euch gemessen
werden; was immer ein Mensch säet, das soll er auch ernten. Zachäus
wucherte, und er mußte zurückerstatten; der verlorene Sohn
vergeudete und mußte hungern; der reiche Bizel
(Luk.16,19-31) beachtete nicht den armen Bettler an seinem Tor, und er hatte
die Qualen der Hölle zu erdulden; der ungetreue Haushalter mußte ins
Gefängnis, bis der letzte Heller bezahlt war.
„In
diesem Evangelium Jesu Christi gibt es keinen Raum für eine
stellvertretende Sühne — es ist immer der Sünder selbst, der
die Strafe zu tragen hat. Und auch im Hinblick auf das Opfer mögen wir die
Worte des Psalmisten beachten: „Du wünschest kein Opfer. Die Opfer
Gottes sind ein gebrochener Geist. Ein gebrochenes und zerknirschtes Herz, o
Gott, wirst du nicht verachten.“ Ich weiß sehr wohl, daß
zwischen diesen und anderen Stellen der Bibel ein Widerspruch zu bestehen
scheint. Aber die Bibel ist, wie ich dir schon sagte, nun einmal eine
Geschichte sowohl menschlicher als auch prophetischer Dinge, und wir
müssen zumindest Gott und Christus so zu verstehen suchen, daß ihre
Lehre immer folgerichtig bleibt.“
RHAMYA erhob sich, um Abschied zu nehmen.
„Nicht lange mehr, und du wirst selber auf die Erde entsandt werden, um
einen Propheten zu inspirieren. Sei klug und berichte nur von Dingen, die du
kennst und verstehst. Lebe wohl für jetzt, und Friede sei mit dir.“
* * *
Ich
kann mir sehr wohl vorstellen, daß du, mein lieber Leser, in den Worten RHAMYAS schwache Stellen und unzulässige Folgerungen
entdeckt zu haben glaubst. Du hättest ihn in seiner Rede wahrscheinlich an
vielen Stellen protestierend unterbrochen, und RHAMYAS
Beweisführung hätte deshalb gewiß andere Wege und Methoden
verfolgt, wärest du an meiner Stelle gewesen.
Wärest
du an meiner Stelle — eben hierin liegt der ganze Unterschied! Laß
uns für einen Augenblick annehmen, es wäre so gewesen. Was wäre
dann geschehen? Ich kann es dir sagen: Alle deine Zweifel wären
geschwunden! Eine Kette von Erfahrungen, die zwischen deinen jetzigen
Lebensumständen und den meinigen hegen, hätte deine erlernten Urteile
und deine Bedenken zerbrochen, dich aufnahmefähig gemacht und dir den
brennenden Wunsch nach reiner Wahrheit eingeflößt. Die dich
umgebende geistige Atmosphäre würde so klar und dein
Unterscheidungsvermögen so geschärft sein, daß du jedes Wort
der Wahrheit unmißverständlich als solches erkennen würdest.
Deshalb brauchte RHAMYA bei mir keinen anderer Weg zu
gehen. Es war nicht nötig, daß er mir mehr vermittelt, als die
Grundzüge des Lebens Christi. Das genügte, um mit den Weg der
Wahrheit in seinem ganzen göttlichen Glanz zu offenbaren. Wo vorher Chaos
herrschte, breitete sich ruhige Klarheit aus, das Gestrüpp der Theologie
war fortgeräumt, die Auslegungen von Generationen von Priestern und
Konzilien versanken in Bedeutungslosigkeit.
Die
Persönlichkeit Jesu Christi stand im Mittelpunkt aller Dinge. Indem RHAMYA seine Aufmerksamkeit auf den einen,
ausschlaggebenden Punkt richtete, hatte er zugleich auch alle anderen Wolken
vom geistigen Horizont davongefegt. Das galt besonders auch für die Frage
der Verbindung zwischen der irdischen und der geistigen Welt. Ich konnte jetzt
meiner künftigen Aufgabe mit einer Zuversicht und Überzeugungskraft
entgegengehen, die ich mir vorher niemals hätte träumen lassen: Die
Gemeinschaft der Heiligen erschien in einem neuen Licht, und es bedurfte keiner
Auslegung mehr für die Worte aus Hebräer XII: „Ihr seid zum
Berge Zion gekommen und zur Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen
Jerusalem und zu einer unzählbaren Gemeinschaft von Engeln, zur
Versammlung und Kirche des Erstgeborenen … Achtet, daß ihr nicht
den verleugnet, der spricht.“
Niemand
weiß besser als ich, daß der Inhalt dieses Bandes nicht mehr als
einen Bruchteil der Fragen beantworten kann, die die Menschheit bewegen. Es ist
unmöglich, einen Ozean in eine Nußschale zu gießen! In allem,
was ich sagte, ließ ich mich deshalb allein von einem Grundsatz leiten:
meinen Lesern die Wahrheit zu schildern, wie ich sie durch eigene praktische
Erfahrung kennengelernt habe — wohl bedenkend, wie gerne ich diese
Wahrheit gekannt hätte, als ich noch dort stand, wo meine Leser stehen.
Beurteilt
bitte meine Botschaft nach euerem eigenen Verstande. Wenn ihr fühlt,
daß ich die Wahrheit gesprochen habe, so nehmt sie an; wenn nicht, so
seid ihr ebenso berechtigt, sie zu verwerfen, Ob ich wirklich die Wahrheit
spreche, das wird euch bald offenbar werden, und wenn eure Ablehnung aus
ehrlicher Überzeugung geschah, so werdet ihr keine Sünde begangen
haben. Der Gott, dem ich diene, ist nicht so ungerecht zu verlangen, daß
jemand seine ehrliche Überzeugung oder sein Begriffsvermögen blind
verleugnet.
Wenn
ich im Hinblick auf Religionen und Glaubensvorstellungen empfindliche Punkte
berührte, so geschah das nicht aus Bitterkeit. Wir wissen um die
wertvollen Dienste, die die Kirchen im Rahmen der ihnen zukommenden Aufgaben
für die Menschheit geleistet haben, aber wir sind gezwungen ihnen den
Anspruch göttlicher Autorität für ihre menschlichen Dogmen
über Christus, Gott, ewige Verdammnis und andere Vorstellungen
abzuerkennen. Die Kirche wurde ins Leben gerufen, um sich als
“Kinderpflegerin“ der notwendigen Aufgabe zu widmen, die Menschheit
aus ihrem kindlichen Dämmerschlaf zu wecken. Aber ein Kind muß
wachsen. Wie der Jüngling und Mann die Kinderkleider und -sitten ablegt,
so muß die Seele das Erbe der vielen Dinge antreten, die ihr gesagt
werden können, wenn sie entwickelt genug ist, um sie zu fassen und tragen.
Es gibt kein Ende bei Gott! Das anzunehmen, hieße voraussetzen, daß
er auch einen Anfang hätte; dann aber wäre er nicht Gott.
Das
irdische Tempelsystem mit seinen Gesetzen und Dogmen seinen Exkommunikationen
und anderen Mitteln zur Erzwingung der Übereinstimmung, wird an der Pforte
zum Jenseits als unerlaubtes Gut beschlagnahmt. Deshalb möchte ich, so
sehr ich auch das gute Werk der Kirchen auf den ihnen gemäßen
Gebieten anerkenne, meine Leser davor warnen, sich allein darauf zu verlassen,
daß sie einen kirchlichen Freibrief besitzen. Der einzig gültige
Paß zum Eintritt in die Überfülle des Königreichs ist das
Licht Christi, das aus unserem Innern scheint. Laßt deshalb von nun ab,
bis zur Stunde des Scheidens von der Erde, euer Leben ein Gang an der Seite des
Meisters gen Emmaus sein. Hört auf ihn und folget ihm, beobachtet ihn und
tut wie er; erlaubet ihm, in euch den Quell wahren Lebens zu erschließen.
Das
ist mein Wunsch an jeden meiner Leser.
* * *
„In meines Vaters Haus sind viele
Wohnungen“
Ich breche das Schweigen des Todes
_______ * _______
[VH-LIF
2007]