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Leopold Engel Mallona Der Untergang des Asteroiden-Planeten Vorwort
und Neubearbeitung von M. Kahir Vorwort Als Zeichen einer Katastrophe von unvorstellbarem
Ausmaße kreisen in unserem Sonnensystem die Trümmer eines einstigen Planeten
als tote kosmische Gebilde umher. Dort, wo heute der Schwarm der sogenannten
Asteroiden seine Bahnen zieht, muß sich in vorgeschichtlichen Zeiten eine
Tragödie abgespielt haben, über die für immer der Schleier eines ungelösten
Geheimnisses gebreitet scheint. Nur durch logische Schlüsse vermag die
Astronomie Theorien aufzustellen über ein Weltengeschehen, dessen gewaltige
Spuren erst aus dem Dunkel traten, als die Sternphotographie immer mehr
Zeugnisse von jenem Tatbestand an den Tag brachte, Blättert man in
irgendeinem astronomischen Werk, so kann man im wesentlichen dazu folgende
Angaben lesen: „Asteroiden, auch Planetoiden genannt, sind eine
Gruppe von Kleinstplaneten, die sich durch außerordentlich geringe Massen und
Durchmesser auszeichnen. Ihre, wenn auch meist sehr unregelmäßigen Umläufe um
unsere Sonne kennzeichnen sie als Planeten (Wandelsterne). Ihre Bahnen sind
zum größten Teil auf den Raum verteilt, der von den Bahnen des benachbarten
Mars, bzw. Jupiters begrenzt wird. Man kennt heute fast zweitausend solcher
Asteroiden, deren Zahl und Bezeichnung insbesondere vom deutschen
Kepler-Institut in Berlin in Evidenz geführt wird. Schon frühzeitig vermutete man Zahlenbeziehungen
zwischen den Sonnenabständen der Planeten, wodurch auch der frühere Astronom
des 17. Jahrhunderts, Johannes Kepler,
zur Entdeckung seiner drei Planetengesetze gelangte. 1766 stellte der
Wittenberger Professor Titius eine
Zahlenreihe auf, für deren Anerkennung sich besonders der Astronom Bode
einsetzte. Diese als "Titius-Bode-Reihe" bekannte
Planeteneinordnung forderte zwischen den Bahnen von Mars und Jupiter das
Vorhandensein eines Planeten, der jedoch am Sternenhimmel unauffindbar blieb. Erst 1801 gelang es Piazzi in Palermo, auf dem in Frage kommenden Himmelsabschnitt
wenn schon nicht einen größeren Planeten, so immerhin einen planeten-
ähnlichen kleinen Weltkörper ("Ceres" mit 768 km Durchmesser) zu
entdecken. Im Verlauf weiterer sechs Jahre wurden noch drei weitere
Kleinplaneten ("Pallas", "Juno" und "Vesta" mit
Durchmessern zwischen 200—500 km) aufgefunden. Es spricht für die geringe
Größe der damals noch unbekannten Vielzahl von Planetoiden, daß der nächste
Planetenzwerg ("Asträa") erst im Jahre 1845 entdeckt werden konnte.
Und erst seit Einführung der Himmelsphotographie tauchten aus dem Dunkel des
Firmaments jene Asteroiden schwärme (Planetensternchen) auf, deren
Gesamtauffindung heute wohl fast als abgeschlossen gelten kann. Außer den zuerst gefundenen vier relativ großen
Asteroiden handelt es sich bei den anderen zumeist um Weltkörper
allerkleinster Dimension, deren geringster Durchmesser sich auf wenig mehr
als 10 km beläuft. Ihre Bahn ist äußerst unregelmäßig. So kann sich z.B.
"Eros" unserer Erde bis auf 600000 km nähern (weniger als die
doppelte Mondentfernung), während "Hidalgo" zuweilen weit über die
Bahn des Jupiters hin ausflüchtet. Auch die Neigungswinkel der Asteroiden zur
Ekliptik sind meist beträchtlich größer als die der anderen Großplaneten. Die
gesamte Masse aller dieser Miniaturwelten wird auf kaum ein Tausendstel der
Erdmasse geschätzt." — (Diese geringe Masse mag wohl heute gelten, doch
muß dieser Zustand ursprünglich durchaus nicht geherrscht haben. Denn die
weitaus größere Zahl jener Bruchstücke dürfte längst von der Sonne, bzw. den
anderen Planeten eingefangen worden sein. Vermutlich sind die beiden
Kleinmonde des Mars (Deimos und Phobos), wie auch die auffallend dürftigen
Kleinsttrabanten unter den Monden des Jupiter, Saturn und Uranus solche
kosmische Trümmer, die in den Anziehungsbereich jener Planeten gerieten.) Über die Entstehung der Asteroiden — ob aus
eingefangenen Massen ehemaliger Kometen und Meteore, oder aus einem früher
die Sonne umkreisenden Nebelring, oder aus Bruchstücken eines einst
zerborstenen Planeten hervorgegangen — gehen die Ansichten der Wissenschaft
auseinander. Letzterer Theorie billigt die moderne Astronomie heute die
größte Wahrscheinlichkeit zu, doch widersetzt sich jenes raum- und zeitferne
Geschehen naturgemäß jeder materiellen Beweisführung. Umso bemerkenswerter ist es, daß wir aus anderen
Quellen als denen der bloßen Naturbetrachtung Kunde über jene Katastrophe im
Planetenreich erhielten, die sich ansonsten jeder Rekonstruktion entzieht.
Zuerst tauchte dieses Thema wiederholt im Schrifttum des österreichischen
Mystikers Jakob Lorber auf, der um die Mitte des vorigen Jahrhunderts auf
geistig inspiriertem Wege u.a. auch Diktate über zahlreiche
Schöpfungsgeheimnisse empfing. In seinem zehnbändigen Werke "Das große
Evangelium Johannis" finden sich mehrfach Hinweise auf einen einstigen
Großplaneten unseres Sonnensystems, der durch das Treiben einer technisch
hochentwickelten, aber grundböse gewordenen Menschheit der völligen
Zerstörung anheim fiel. Von wissenschaftlichem Interesse sind dabei die
Parallelen zwischen Lorbers Angaben über die Beschaffenheit jenes Planeten
und den Feststellungen der Astronomie über die heutigen Asteroiden. So
schrieb Lorber u.a.: "Zu Anfang der sechsten Erdperiode schwebte
der später zerstörte Planet, umkreist von seinen vier Monden (!) zwischen
Mars und Jupiter. An Größe kam er letzterem gleich, doch besaß er einen
höheren Luftkreis, sowie eine stärkere Polneigung und damit eine schiefere
Bahn um die Sonne. (!) Dann aber erfolgte die erwähnte Zerstörung, und diese
Zertrümmerung teilte den ganzen Planeten in viele größere und kleinere
Stücke. Nur die vier Monde blieben ganz (d.s. die heutigen vier größten
Asteroiden, siehe oben! Kh.). Da selbe aber ihren Zentralkörper verloren
hatten, gerieten sie in Unordnung und entfernten sich voneinander mehr und
mehr, indem sie durch die Berstung des Planeten einen sehr merklichen Stoß
erhielten. Die Stücke des Hauptplaneten zerteilten sich in dem breiten Raum
zwischen der Mars- und Jupiterbahn. (!) Eine große Anzahl kleinerer Trümmer
entfernte sich noch weiter hinaus. Etliche fielen auf den Jupiter, andere auf
den Mars, einige sogar auf die Erde, die Venus, den Merkur und in die Sonne.
Auf den Trümmern waltet kein organisches Leben mehr außer dem der Verwitterung
und langsamen Auflösung …" Als Lorber diese durch das Innere Wort empfangenen
Mitteilungen um 1850 niederschrieb, waren somit außer den 1801—1807
entdeckten vier "großen" Kleinplaneten und den 1845 aufgefundenen
weitaus kleineren Planetoiden noch keinerlei Spuren jener Überfülle von
kosmischen Bruchstücken bekannt, die die astronomische Fachwelt später so in
Erstaunen versetzte. Es ist das gleiche Bild wie bei dem Planeten Neptun, der
in dem Lorberwerk "Die natürliche Sonne" (nachweislich entstanden
1842) eingehend nach Größe, Beschaffenheit, Entfernung, Umlaufzeit usw.
beschrieben erscheint, dabei jedoch erst 1846, also vier Jahre später von dem
Astronomen Galle in Berlin erstmalig aufgefunden wurde. Den Zweiflern an der
Möglichkeit innerer Schauung sollten diese historisch beglaubigten Tatsachen
doch etwas zu denken geben. Was durch Lorber über die Menschheit auf dem
geborstenen Planeten und über den Grund seiner Zerstörung ausgesagt wurde,
kann der interessierte Leser dem Bande "Der Kosmos in geistiger
Schau" entnehmen. (Bd. 2/3 der Buchreihe "Das Weltbild des
Geistes" — Lorber Verlag, Bietigheim-Württ.) Eine Ergänzung dieser planetarischen Schilderungen
empfing um die letzte Jahrhundertwende der in Berlin lebende Leopold Engel —
ein Lorber sehr wesensverwandter Geist. Sein Buch "Mallona"
entstand auf ähnlich-verwandtem und doch wieder andersgeartetem Wege. Er
bediente sich dabei eines Hellsehmediums, das in ausgeprägtem Maße jene
seltene Fähigkeit besaß, welche die Parapsychologie als das sogenannte
"psychometrische Schauen" kennt. Über das Wie der Entstehung gibt
seine dem Buch vorangesetzte Einleitung entsprechende Aufklärungen. Engel
faßte die lange Kette von Visionen, die — vor dem geistigen Auge der Seherin
wie ein lebendiger Film abrollend — von ihr zuweilen ekstatisch bewegt
geschildert wurden, zu einem geschlossenen Ganzen zusammen. Und so gibt das
Werk "Mallona" den bisher umfassendsten Rückblick auf ein
raumfernes Ereignis, das sich als eine Weltkatastrophe in grauer Vorzeit abgespielt
hat: die Vernichtung eines Planeten durch das eigene Menschengeschlecht, dem
er als Wohnstätte bis zu ihrer geistigen Vollendung dienen sollte. Sowohl
Lorber wie auch Engel wurde dabei auch ein mystisches Schöpfungsgeheimnis
geoffenbart: daß die Bestimmung dieses einstigen Planeten
nunmehr auf unsere Erde übergegangen sei als die Pflanzschule eines neuen
Menschengeschlechtes, dem hier aufs neue Gelegenheit geboten wird, das Ziel
zu erreichen, auf dessem Wege einst die Mallona-Menschheit scheiterte. Der Bericht vom geborstenen Planeten spricht auch
heute noch am sichtbaren Firmament eine erschütternde Sprache, man muß sie
nur verstehen wollen. Ist es nicht eine große Warnung an die Erdenbewohner,
dieses Trümmerfeld in nächster kosmischer Nachbarschaft? Darum sollten uns
solche geistige Erläuterungen besonders ergreifen und die Menschheit bewegen,
die unumstößliche Naturordnung achten zu lernen, um nicht das gleiche Unheil
erleiden zu müssen wie die Weltbürger Mallonas, deren Herrschsucht und
Besitzgier ihnen samt ihrem kosmischen Wohnhause zum Verderben wurde. Das
Buch "Mallona" ist ein großer und vielleicht letzter Warnruf in
unserer Zeitwende. Denn auf Erden ist heute die Zeit gekommen, von der gemäß
Lorbers "Großem Evangelium" Jesus Christus einst weissagte: "Auch die späteren Nachkommen eurer Erde
werden diese schrecklichen Sprengmittel wieder erfinden samt einer Menge
anderer Zerstörungswerkzeuge. Sie werden damit viele Verheerungen auf Erden
anrichten. Daß sie aber damit nicht in zu große Tiefen der Erde gelangen,
dafür wird von Gott aus vorgesorgt werden. Darum wird auf eurer Erde eine
solche völlige Zerstörung niemals geschehen, doch werden große örtliche
Verwüstungen gewiß stattfinden. Die Menschen werden dabei in große Angst,
Schrecken und Trübsal geraten, und viele werden verschmachten vor Furcht und
banger Erwartungen der Dinge, die über die Erde kommen"… Diese Worte bedeuten zwar — entgegen den
Verkündigungen mancher falscher Propheten von heute — keinen Weltuntergang,
doch vermag sich wohl die kühnste Phantasie nicht vorzustellen, welche
Auswirkungen Katastrophen von "nur" kontinentalen Dimensionen in
der Menschheit auszulösen imstande sind. Auf diese kommenden Dinge aber gilt
es sich innerlich vorzubereiten. Denn alle echten Prophetien vom Altertum bis
auf heute — geboren aus reingeistiger Schau — schildern übereinstimmend die
Entwicklung der menschlichen Kultur bis zu einer großen Zeitenwende, die über
den Fortbestand der Menschheit entscheiden wird. Unverkennbar wird dabei die
Dämonie unseres technischen Zeitalters geoffenbart, dessen Mißbrauch der
Atomkräfte die Verwirklichung jener Schauungen bereits in greifbare Nähe
rückt. Was von altersher bis zur Gegenwart darüber geweissagt wurde von
Propheten und Sehern, wurde in dem Buche von M. Kahir "Nahe an zweitausend
Jahre" (Gegenwart und Zukunft in prophetischer Schau) zusammengefaßt und
entsprechend zeitgemäß kommentiert. (Turm-Verlag, Bietigheim Württ.) Es wird nun manchen Leser geben, der über dieses
Seltsame den Kopf schüttelt und mit hundert Einwänden astronomischer,
physikalischer, archäologischer und vielleicht auch theologischer Natur die
Unglaubwürdigkeit der Mallona-Berichte, ja überhaupt all dieser
übersinnlichen Dinge beweisen möchte. Es soll ein jeder dazu die Stellung
nehmen, die ihm seine Erkenntnisfähigkeit bietet. Denn nicht ein neues Dogma
wollen die Geisteslehren aus Tradition und Offenbarung machen, sondern sie
wollen die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung und religiöser Lehren mit
uralter Überlieferung vermählen, von der auch die Offenbarungsschriften eines
Böhme, Swedenborg und Lorber ein ebenso lebendiges Zeugnis ablegen wie das
Schrifttum Leopold Engels. Trotz ungeheurer Teleskope, trotz Spektralanalyse
und Himmelsphotographie gab es mit den Hilfsmitteln der Materie noch niemals
einen Blick in die Wahrheit des Universums. Es wird ihn auch ferner nicht
geben, denn das Wesenhafte des Makrokosmos ruht als Abbild der Unendlichkeit
im Inneren des Mikrokosmos, dem Menschengeiste. Alles Vergängliche ist nur
ein Gleichnis. Und so ist das sinnfällige Drama vom Ende eines Planeten zwar
eine Wirklichkeit, aber nur ein Gleichnis der dahinter waltenden ewigen
Wahrheit. Auch der Mensch unserer Erde steht heute im Zeichen des Atoms
wieder an einem Wendepunkte, der nicht nur ihm, sondern auch seiner Wohnstätte,
unserer Mutter Erde zum wandelnden und entscheidenden Schicksal werden kann.
Blicken wir doch sehend auf das eindringliche Himmelszeichen in unserem
Planetenreich, auf den Schwarm der Asteroiden als Denkmal kosmischer
Vergänglichkeit — ein Werk ungesegneter Menschenhände! Sollte dies etwa keine
Mahnung und Warnung für das Tun unserer verantwortlichen Zeitgenossen
bedeuten? Ernst und feierlich ziehen die Planeten ihre
Bahnen und bilden eine Harmonie der Sphären, die nur das größte
Schöpfungswunder, der Mensch in seiner Willensfreiheit, durch Mißklang zu
stören vermag. Der Wille Gottes aber ist die Ordnung und seine Liebe fügt
wieder zusammen, was Luzifer im Menschen und durch den Menschen zerbricht. Einleitung
Die merkwürdigen Entdeckungen der Psychometrie,
jener Eigenschaft des inneren Gesichts, durch die längst Vergangenes für den
Beschauer wieder in die Gegenwart zurückversetzt werden kann, hatten stets
mein größtes Interesse erregt. In mir erwachte der lebhafte Wunsch, möglichst
selbst psychometrische Bilder schauen zu können oder wenigstens ein
geeignetes Medium zu entdecken, das in unzweifelhaft echter Art diese
Fähigkeit besitzt. Alle Versuche, günstige Erfolge selbst zu erzielen,
mißlangen völlig. So blieb nur der zweite Weg gangbar. Die Suche nach einer
geeigneten Persönlichkeit wurde mit Ausdauer von mir betrieben, ohne zu
ahnen, wie nahe die Verwirklichung dieses Wunsches lag. Bevor ich jedoch die
Entdeckung jenes Mediums schildere, durch das die Veröffentlichung der
folgenden merkwürdigen Bilder erst möglich wurde, ist es notwendig, einen
kurzen Blick auf das Wesen der Psychometrie selbst zu werfen. Es ist eine bekannte Tatsache, daß alle Dinge,
welche jemals geschehen sind, nichts weniger als spurlos aus der Gegenwart
verschwinden, sondern im Gegenteil im Weltenraum gleichsam photographiert
aufbewahrt bleiben. Von jedem Geschehnis gehen Lichtschwingungen aus, die in
den Weltenraum entschwinden. Gelänge es, diese Schwingungen an einem anderen
Orte aufzufangen und in einem geeigneten Apparate zu sammeln, resp. auf einen
Empfänger zu übertragen, so würde sich dasselbe Bild, gleichgültig auf welche
Entfernung, wiederum so darstellen lassen, wie es durch die von der Quelle
ausgehenden Schwingungen ausgestrahlt wurde. Eine solche Erfindung würde den
Anfang jener Kunst bedeuten, welche die Psychometrie in vollendeter Art
auszuüben vermag. Denn diese will nicht nur Gegenwärtiges, sondern längst
Vergangenes reproduzieren vermöge der Tatsache, daß die in den Raum
entsandten Schwingungen, die von einem Geschehnis ausgingen, eingeholt,
gesammelt und zu einem Bilde wieder zusammengestellt werden können. Der
Apparat, der diese wunderbare Leistung vollbringt, ist das Gehirn. Entzieht sich auch das Gesetz, wodurch diese Dinge
möglich werden, heute noch unserer Kenntnis, so bestehen doch die Wirkungen
dieses Gesetzes. Denn es gibt Personen, die, sobald sie irgend einen
Gegenstand an die Stirne halten mit dem lebhaften Wunsche, über dessen
Herkunft genaue Auskunft zu erhalten, in klaren, lebhaften Bildern die Geschichte
des Gegenstandes an ihrem geistigen Auge vorüber ziehen sehen. Diese Entdeckung, psychometrisches Schauen
genannt, kam wie so manche auf dem Gebiete des Okkultismus aus Amerika. Sie
wurde dort namentlich durch Dr. Buchanan zu einem System ausgearbeitet,
mittels dessen die merkwürdigsten Experimente möglich wurden. Schilderungen
des Unterganges von Pompeji, von vulkanischen Ausbrüchen aus der
prähistorischen Zeit unseres Erdballes u.a. wurden von geeigneten, mit
psychometrischer Begabung ausgestatteten Persönlichkeiten gegeben. Die
Umstände bewiesen klar, daß hier mehr als nur erregte Einbildungskraft im
Spiele sein müsse, weil die Kenntnisse der betreffenden Personen über die
geschilderten Ereignisse nicht ausreichten, um diese Bilder lediglich als
Spiel der Phantasie zu erklären. Es ist leicht einzusehen, daß der Wunsch, solche
Fähigkeiten auf ihre Wahrheit oder Unwahrheit hin zu prüfen, sich zu
lebhaftem Verlangen eines Forschers gestalten muß, der die Probleme der
menschlichen Seele auf dem Gebiete ihres magischen Könnens verfolgt und
naturgesetzmäßig zu lösen bemüht ist. In diesem Bestreben hatte ich mich seit
Jahren mit einem wissenschaftlich hochgebildeten Freund vereint, dessen
ärztlicher Beruf ihn ganz besonders geeignet machte, den dunklen Schatten des
Unbewußten im Menschen nachzuspüren und dessen Beobachtungen nicht leicht dem
von Gegnern gern gemachten Vorwurf der Beobachtungsfehler unterlagen, noch
weniger aber einem Selbstbetrug oder der Überschätzung der gewonnenen
Resultate. In seiner eigenen Familie machten wir Versuche mit
Psychometrie, und zwar mit überraschendem Erfolg. Bald erwies sich seine
Tochter als ein hervorragendes, schnell immer vollkommener werdendes Medium,
die bei vollem Bewußtsein imstande war, mit überraschen der Korrektheit die
Herkunft eines jeden Gegenstandes und was sonst mit dessen Geschichte
zusammenhing zu berichten. Die Mitteilungen durch die junge Dame beschränkten
sich zuerst nur auf alltägliche Dinge, deren Richtigkeit kontrolliert werden
konnte und uns Experimentierenden bekannt waren. Dann aber gingen wir zu
Gegenständen über, deren Herkunft uns selbst unbekannt blieb, die wir jedoch
nachträglich kontrollieren konnten; stets wurde mit größter Genauigkeit alles
berichtet. Eines der ersten Experimente ist mir besonders in
Erinnerung geblieben, weil es charakteristisch ist für die Art dieses
Schauens und gleichzeitig den Beweis lieferte, daß wir keiner Selbsttäuschung
unterlagen. Wir hatten bei einem mit Gipsfiguren handelnden Bildhauer eine
kleine Figur erstanden, die uns von der Verkäuferin ohne jede weitere
Auskunft übergeben worden war. Zuhause ersuchten wir die junge Dame, uns über
deren Herstellung eine kleine Schilderung zu geben. Der Bildhauer war uns bekannt,
wir demnach in der Lage, die Angabe nachzuprüfen. Das junge Mädchen legte die Stirn an die Figur,
schloß die Augen und erzählte uns sofort, sie sähe den Laden, in dem wir die
Figur kauften. Wir wären beide zugegen — man gäbe uns die Figur, wir zahlten
zwei Mark dafür. — Jetzt verändert sich das Bild — ein Mann mit Bart im
weißen Arbeitsanzug stehe allein im Laden (es war der uns bekannte
Bildhauer); eine Frau, seine Frau, trete in den Laden durch eine hintere Tür
ein, sie hat die von euch gekaufte Figur in der Hand; sie redet ihren Mann
an, sie habe auf einer Wohltätigkeitslotterie diese Figur gewonnen — sie weiß
nichts damit anzufangen, — sie sagt, vielleicht kauft sie jemand. Ihr Mann
lacht, er nennt sie seine kleine praktische Frau, — er stellt die Figur auf
den Tisch und schreibt 2 Mark als Preis auf den Sockel. — Ich sehe jetzt
einen großen Saal, — lange Tische, mit Geschenken bedeckt, — an einem Tisch
werden Lose verkauft, — die Dame aus dem Laden kommt, — sie kauft fünf Lose,
— sie öffnet sie, — sie hat zwei Gewinne, — sie geht zur Gewinnausgabe, —
ach, da steht die Figur, man gibt ihr diese und noch eine kleine Ledertasche.
— In dieser Weise wurde noch ausführlicher die Herkunft der Figur, immer
weiter rückwärts in die Vergangenheit gehend, geschildert. Diese Dinge zu
erzählen ist zwecklos, weil wir nicht in der Lage waren, die Wahrheit der
Angaben festzustellen, wohl aber vermochten wir es über das bis dahin
Geschilderte. Es stimmte alles auf ein Haar! Längst schon hatten wir die Überzeugung gewonnen,
daß unser Medium ein absolut sicheres Ferngesicht besaß, die vielfachen
Beweise hiefür waren schlagend. Eines Tages fiel mir ein, demselben einen
Ring zur Prüfung zu übergeben, dessen merkwürdiger Stein schon manchem
Archäologen ein Kopfschütteln abgenötigt hatte. Der Ring enthielt eine antike
Gemme: auf weißem Grund zeigt sich ein erhaben brauner Kopf von
eigentümlichem Gesichtsschnitt und merkwürdigem Helmaufsatz. Der Stein ist
kein Achat, dessen verschieden gefärbte Adern besonders gerne zu derartigen
Darstellungen benutzt werden, sondern ein Stein, dessen Herkunft nicht
festzustellen ist. Am ähnlichsten erscheint er noch unserem Quarz, reagiert
jedoch nicht auf Proben mit Salzsäure, denn letztere griff ihn nicht an.
Gesicht und Helmschmuck des Kopfes hatten nichts ähnliches mit anderen Gemmen
bekannter Museen aufzuweisen, so daß jeder Archäologe über die Herkunft
dieses alten, aus unbekannter Zeit stammenden Ringes im unklaren blieb. Die junge Dame prüfte den Ring, resp. die
denselben enthaltende Gemme, und es entwickelten sich die frappierendsten
Bilder, die in den nachfolgenden Blättern zu einem übersichtlichen Ganzen
zusammengestellt worden sind. Es wurde uns damit durch Psychometrie ein
Einblick in eine uns gänzlich fremde und dennoch wiederum bekannte Welt
gegeben. Jene Bilder führen uns auf einen unserem Sonnensystem einst
angehörigen Planeten, der vor langen Zeiten zerstört wurde durch die Schuld
des ihn bewohnenden Menschengeschlechtes. Ein furchtbares Zeugnis, wohin der
Wahn und die Verworfenheit des Menschen führen kann, der sich selbst höher
dünkt als die das All regierende göttliche Kraft. Die Gesetze der Psychometrie ergeben (man
vergleiche das geschilderte Beispiel), daß sich die Ereignisse, immer mehr
die Vergangenheit erschließend, rückläufig darstellen. Da jedoch eine
Erzählung gerade den umgekehrten Weg geht, so sind in dem folgenden Gang der
Handlung zwar alle Schilderungen genau wiedergegeben, jedoch der Art
entsprechend, wie es der Leser gewöhnt ist, d.h. fortschreitend und nicht rückläufig.
Es war eine Bearbeitung der nur in abgerissenen Sätzen dargestellten Bilder
notwendig, die zwar sehr oft lange Dialoge der auftretenden Personen
enthielten, deren stenographisch mitgeschriebener Wortlaut jedoch in seinem
ursprünglichen Text ermüden würde. Die Aufgabe des Schriftstellers war es, ein
geschlossenes Ganzes zu bieten. Diese Arbeit hoffe ich geleistet zu haben,
ohne dabei dem psychometrisch Geschauten etwas hinzuzusetzen oder abzunehmen.
Möge der Leser Gefallen an der Arbeit finden, mehr aber noch Nutzen ziehen
aus den Lehren und den Darstellungen, die sich ihm nun erschließen werden. Der
Verfasser
Von der Erde ins Weltall
Von vielen Erdenbewohnern, die nachts zum
gestirnten Himmel emporschauen, wird oft der Wunsch gehegt, sie möchten den
unendlichen Raum durchdringen und hinübereilen zu jenen ferne leuchtenden
Welten, die unsere Nächte so glanzvoll verschönen. Zu jenen Sonnensystemen
mit ihren vermuteten Planeten, um zu erfahren, ob auf jenen Welten auch
menschliche Wesen leben gleich denen unserer Erde, und ob diese ebenfalls
unter den Gesetzen des vegetabilen und intellektuellen Lebens stehen, die den
Menschen auf der Erde ins Leben riefen. Tausend neue Fragen drängen sich dem
auf, der jemals den Versuch gemacht, diese Hauptfrage zu lösen, deren
endgültige Beantwortung in dem irdischen Leben, das uns körperlich an unseren
Planeten gefesselt hat, wohl nie beantwortet werden kann. Wird es jemals dem
Menschen gelingen, Mittel und Wege zu finden, um den Weltraum im Körper zu
durcheilen? So weit es auch die Technik noch bringen wird, die irdische
Sphäre scheint jedem Wunsch eines waghalsigen Fluges auf körperlichem Wege
unüberwindliche Hindernisse entgegenzusetzen. Die Kunst des Ingenieurs und
des Physikers erlahmt an dem gebieterischen Halt der Mutter Erde, das sie
ihren Kindern, die sich körperlich ihrem Schoße entwinden möchten, zuruft. Anders ist es mit dem Geiste, der nicht aus ihrem
Schoße entsprungen; sie kann ihn nicht fesseln, sie kann ihm nicht zurufen:
Ich gebiete dir zu bleiben innerhalb der Grenzen meines Reiches! Ein
Gottessohn, geboren aus dem Wesen des Alls, durchdringt er das All, seine
ewige Heimat, aus der er entsprossen, und die ihm auch, hat er sich einmal
seinem stofflichen Kerker entwunden, alle Geheimnisse offenbart. Wir sind im innersten Wesen Geist, Gotteskinder
aus dem urewigen Gottesgeiste! Wir ersehen in dem Spiegelbilde unseres Seins
das Wesen des ewigen Weltenschöpfers, vor dessen Walten wir wohl in Ehrfurcht
erschauern, jedoch nicht in Furcht vor dessen Allgewalt erzittern. Denn wir
erglühen in Liebe, je mehr wir erkennen, wie alles wohlgetan, das aus seinem
Willenszentrum fließt. Wir empfinden, daß dieses All nie uns feindlich ist,
wenn wir nicht selbst uns töricht ihm entgegenstellen; daß es uns freundlich,
dienlich, heilbringend ist, wenn der Mensch die tiefe Wahrheit des Urgesetzes
alles Lebens erkennt: Schöpfer und Geschöpf sind nicht getrennte Wesen,
sondern sollen darstellen eine Ehe, die ihre reichsten Früchte in steter
Vollendung zeitigt. Auch mein Geist erkennt diese Absicht des
Weltplanes und so erkühne ich mich, einzudringen in die Geheimnisse seines
Werdeganges, einen kleinen Teil desselben zu erforschen. Ich befreie mich von
den Banden des irdischen Körpers, schwinge mich empor in den ewigen Raum, tief
unten die Welt, Stätte der irdischen Leiden und Freuden, zurücklassend. Ich steige empor in sonnendurchglänzte Lüfte. Über
mir wölbt sich ein tiefes Blau, das sich allmählich zu einem
undurchdringlichen Schwarz verdichtet, je höher ich die Atmosphäre der Erde
durchdringe. — Jetzt habe ich diese hinter mir gelassen und schwebe frei im
unendlichen Raume. Unter mir sehe ich die mächtige Erdkugel schweben, deren
Umfang sich immer mehr verkleinert, je höher ich einem mir unbekannten Ziele
entgegenziehe. Die Sonne durchwärmt die Stille des Raumes nicht mehr, wohl
aber spendet sie noch ihr Licht, denn ich durchquere nicht den Erdschatten,
der als langer Kegel sich in die Unendlichkeit verliert. In dieser ewigen Stille und Öde erzittert die
menschliche Seele. Denn sie empfindet hier das Walten der unsichtbaren
Gottheit, deren Wille alle die glänzenden Gestirne zwingt, sich nach den
Gesetzen zu bewegen, die sie aus eigener Machtvollkommenheit aufgestellt.
Auch ich bin ihnen untertan, ich — dem es vergönnt ist, als ein vom Irdischen
losgewundener Geist all diese Erhabenheit zu schauen, die Werke des Ewigen zu
bewundern. Immer höher geht der Flug. Rechts von mir scheint
eine Welt auf mich zuzukommen als eine glänzende Scheibe, die sich allmählich
vergrößert und im rötlichen Schein das Licht der Sonne widerstrahlt. Ich
weiß, es ist der Planet Mars, der sich rechts von mir liegend meinen Blicken
zeigt, so nahe, wie keines Astronomen Auge ihn je gesehen. Jetzt sinkt auch
er unter meine Füße, denn immer höher geht der Flug, einem Gestirn entgegen,
das sich gerade über meinem Haupte befindet. Unter mir gewahre ich die
Scheibe der Erde, noch deutlich kann ich die Flecken erkennen, die ihre Meere
bilden, die Kontinente zeichnen sich hell ab. Ich erkenne Europa, aussehend
wie eine Halbinsel des gewaltigen Asien Afrika und am Rande der Kontinent von
Amerika tauchen auf. Immer höher geht der Flug, den eine mir
unerklärliche Kraft ermöglicht. Und jetzt — jetzt vergrößert sich zusehends
der Planet, der über meinem Haupte schwebt und dem mich die treibende Kraft
zusteuern läßt. Was ist das? Zeigt sich mir ein Abbild der Erde? Deutlich
hatte ich die Ländermassen der Erde in Erinnerung und nun sehe ich in
ähnlicher Form das Abbild derselben? Ist das eine Absicht der schaffenden
Hand des Schöpfers, die jenen Planeten entstehen ließ, der sich immer mehr
meinen Blicken enthüllt? Deutlich kann ich zwei getrennte mächtige Erdteile
erkennen, sie gleichen denen von Amerika, nur daß die Landenge von Panama
fehlt und das Meer sich ungehindert zwischen beiden ergießt. Am linken Rande
tauchen weitere Kontinente auf. Der Flug wendet sich ihnen zu und je weiter
eine Wendung erfolgt — augenscheinlich, um die andere Seite des Gestirnes zu
erreichen — sehe ich nun, daß diese der Gestalt des zusammenhängenden Asiens
mit Europa ähnelt. Die mich treibende Kraft führt mich der noch unsichtbaren
Seite des Planeten zu, die, der Sonne abgewendet, im Dunkel seines Schattens
liegt. Immer mehr mich dessen Oberfläche nähernd, nimmt die riesige Wölbung
der Kugel den ganzen Horizont bereits ein. Bald werde ich erkennen können,
was ihre Oberfläche birgt, noch ist die Entfernung für das menschliche Auge
zu weit. — Was ist das für ein Gestirn, dem ich zueile? Nach der Bahn des
Mars, die ich durchschnitten, folgt doch die Zone der Asteroiden, nach dieser
die Bahn des Jupiter! Jupiter aber ist es nicht, ich müßte seine Monde auch
erblicken, doch dieser Planet scheint keinen Trabanten wie die Erde zu
besitzen. Ist es einer der größten jener Asteroiden, die in großer Anzahl jenen
Raum durchlaufen, an dessen Stelle jahrelang ein Planet gesucht und nicht
gefunden wurde, bis die Kraft des Fernrohres zuerst vier allerdings nur
kleine Welten entdeckte? Er scheint mir zu mächtig in seiner Masse, auch
findet das Auge im Raum keinen der Genossen, die doch diese Bahn mit ihm
teilen? — Wer bist du, unbekannte Welt, der ich entgegeneile, die mir jetzt
so nahe kam, daß ich farbige Abstufungen von Wäldern, Flächen, Seen, Meeren
und Flüssen erkennen kann. Enthülle mir deine Herkunft, deinen Namen! — Da
zuckt es durch meine Seele: "Du siehst die Trümmer einer einstigen
großen, schönen Welt, die jetzt als Asteroiden den Raum durchschwirren,
wieder zusammengefügt zu einem Ganzen. Der einstige Planet, er ist in seiner
Schönheit wiedererstanden vor deinen staunenden Augen, denn du sollst von ihm
Kunde geben, den keines Menschen Augen je vor dir sahen! Du sollst schauen,
was vor Jahrtausenden auf ihm geschehen, sollst Zeugnis geben von dem großen
Weltengeist, der geschehen ließ, was er nicht hindern wollte um des großen
Zieles willen, das es zu erreichen galt!" — Ich komme immer näher, — da
— tiefe Dunkelheit umgibt mich, schwarze, tiefe Nacht. Ich bin in den
Schatten des Planeten getaucht und mit rasender Geschwindigkeit eile ich
jetzt dem Ziel meiner Reise zu. Ich atme Luft wie auf Bergeshöhen, Wolken
werden von mir zerteilt. Dunkle Bergspitzen strecken sich mir drohend
entgegen, als wollten sie es versagen, daß mein Fuß das Land betrete und
dessen Geheimnisse verrate, — doch nichts kann mich hindern. Über Berge, Klüfte, rauchende und feuerspeiende
Vulkane hinweg verlangsamt sich mein Flug; das Donnern brandender Wogen
schlägt an mein Ohr, grüne Matten dehnen sich auf sanft gewölbten Bergen,
matt erleuchtet von dem Glanze einer wunderbaren Sternenwelt und dem ersten
Schimmer eines jetzt heranbrechenden Morgens. Auf einer solchen Höhe, von
wallenden Nebeln umgeben, die die Aussicht auf das tieferliegende Land noch
verschleiern, endet meine wunderbare Fahrt von der Erde zu jenem fernen
Planeten. Ich stehe auf dem Gebiete von Mallona,
der einst zerstörten Welt unseres Sonnensystems. Die Herkunft des Ringes
Langsam rötet es sich im Osten. Die Sonne steigt
majestätisch empor über den Horizont und verscheucht die wallenden Nebel, die
rings umher die tiefen Täler dem Blick verhüllen, die Höhen des Gebirges noch
verschleiern. Es wird lichter, die Gegend wird klarer. Immer mehr enthüllt
sich die den hohen Berg umgebende Landschaft, auf dessen dem Meere
zugewandter Seite der kühne Flug geendet hatte. Ein lebhafter Wind, der vom Meere herweht und
dessen Fläche zu leichten, schaumgekrönten Wellen kräuselt, zerreißt die
letzten gespensterhaften Nebel- streifen. Jetzt liegt die Landschaft klar vor
mir in der Röte eines herrlichen neuanbrechenden Morgens. Wie so ganz der
Erde ähnlich ist doch diese Gegend, nur alles gigantischer und mächtigeren
Eindruck auf die Seele ausübend. Der Berg, von dessen Gipfel ich herabschaue, ist
hoch bewachsen mit Bäumen und Gesträuchen, die auch unsere Erde trägt. Er ist
der letzte in der Reihe einer imposanten, jedoch lieblichen Gebirgsreihe. An
ihn reiht sich eine Gebirgsszenerie von wild zerrissenem Charakter, die, wie
es scheint, von noch nicht erstorbenen vulkanischen Kräften gebildet wurde
und wohl auch noch von diesen verändert wird. So weit das Auge reicht, wird
hier das Meer durch hochemporstrebende, gewaltige Felsen abgeschlossen, die
dessen Fluten einen unübersteigbaren Wall entgegensetzen. Dieser ist dringend
nötig, denn — ein merkwürdiger Anblick — nur eine kurze Strecke hinter der
natürlichen Schutzwehr beginnt das Land zu sinken und bildet eine Einsenkung,
die bedeutend tiefer als das Meer liegt. Wehe dem Land dort unten, wenn
jemals die gewaltige Felsenmauer zerrisse: unwiderstehlich würden sich die Fluten
in jene Senkung ergießen und alles zerstörend mit den Gewässern des Meeres
bedecken. Dort hinten am Horizont sehe ich Rauch aufsteigen;
ab und zu zucken Flammen auf, denen ein leiser, unterirdischer Donner folgt.
Vulkanische Kräfte müssen dort tätig sein und einen Kampf führen mit dem
Meere, das hier eine tiefe Bucht in das Land einschneidet und auch dort von
dem Herde jener Eruptionen nur durch jene fortlaufende, hochstrebende
Felsenmauer getrennt wird. Ich hegte den Wunsch, diese Stätte näher ins Auge
zu fassen. Und siehe, leicht wie eine Feder hebt sich mein Körper in die
Lüfte und strebt dem Ziel meines Wunsches zu. — Jetzt kenne ich die treibende
Kraft, die mir die Reise von der Erde aus ermöglichte: es ist mein Wille, der
stärker ist als der Widerstand, den die Materie bildet. Welch fürchterlicher Anblick wild tobender und
entfesselter Naturkräfte bietet sich hier! Ähnliches gibt es nicht auf Erden.
Jetzt sehe ich, daß eine andere, fremde Welt von mir betreten wurde. Es ist
ein Hüllenrachen, der sich hier zeigt. Nehmt alle Vulkane unserer Erde, häuft
sie zusammen auf einen Fleck, so habt ihr ein Bild von dem, was sich hier
zeigt. — Nicht nur einen einzigen Schlund, aus dem glühende Lavamassen,
Flammen und erstickende Dünste sich ergießen, gibt es hier. Nein, so weit das
Auge reicht, reiht sich Krater an Krater, eine tätige Werkstätte gewaltiger
Kräfte. Hier ist das wahrhaftige Reich des Pluto und Vulkan, hier sind sie
unumschränkte Gebieter. Aber ihr Feind, der Gott Neptun, der Herr aller
Wasser, zeigt sich in bedrohlicher Nähe. Alles Land, von vulkanischen
Eruptionen so wild zerrissen, zeigt gleichzeitig die merkwürdige Depression,
wie wir sie auch auf Erden kennen. Wäre nicht der Felsenwall, der das Meer
begrenzt, es müßte sich unaufhaltsam in jene Feuerschlünde stürzen. Wehe dann
diesem Lande, es ist nicht abzusehen, welch fürchterliche Katastrophe über
dasselbe hereinbrechen würde! Ich schwebe an dem Felsenkamm entlang durch diese
Gegend des Schreckens, aus deren Kratern unaufhörlich Flammen und feurige,
oft mit betäubendem Lärm in den Lüften zerplatzende Bomben aufsteigen. Jetzt
gelange ich, in rasender Geschwindigkeit die Lüfte durcheilend, zu dem Ende
dieser schreckensvollen Landschaft. Hohe Berge fallen schroff zum Meere ab,
nackte Felsen starren längs der Küste und bieten einen ungastlichen
Aufenthalt dem armen Schiffbrüchigen, der sein Leben vielleicht hierher
gerettet. Dort springt ein Vorgebirge weit ins Meer, eine Bucht schließt sich
dahinter an und sieh, gleich einer freundlichen Oase in der Wüste zeigt sich
am Gelände dieser Bucht ein freundliches Landschaftsbild. Hier grünt und sprießt es hervor von wunderbaren
Blumen, Sträuchern und Bäumen, ein kleines Paradies offenbart sich dem
erstaunten Blick. Es ist rings eingeschlossen von hohen, schroff abfallenden
Bergen, von denen anscheinend ein Niedersteigen zur Küste unmöglich; nach der
Meeresseite hin geöffnet, wird die paradiesische Bucht durch eine Felsenbank
geschützt, die die Kraft der Wellen bricht: ein natürlicher Hafen, in dem des
Wassers ruhige Fläche die himmelhohen Berge widerspiegelt. Hier hat die
gütige Natur einen Ort des Friedens geschaffen, gesichert vor den gewaltigen
Kräften des Feuers, die man zeitweilig mit dumpfem Donnern hinter den Bergen
poltern hört, sowie des Wassers, dem es unmöglich ist, über die Felsenbank
hinweg den Strand mit verzehrender Gewalt zu überfluten. In dem weiten Halbkreis dieser sturmgeschützten
Bucht hat sich eine üppige Vegetation entwickelt. Voll behangene Fruchtbäume
stehen umher und laden zum Genuß; ein Quell entspringt an der Felsenwand und
plätschert abwärts dem Meere zu. In der Mitte des Halbkreises haben die einst
wohl durch Erdbeben abgestürzten Felsenmassen eine Art Terrasse erbaut, so
daß es möglich ist, bis zu einem Drittel des schroff abfallenden Gebirges
hinanzusteigen. Auch hier hat das verwitternde Gestein ein fruchtbares
Erdreich geschaffen, alles grünt und blüht dort in leuchtenden Farben. Dieser
anscheinend weltver!assene Winkel bietet in Fülle was die gütige Mutter Natur
zu geben vermag. — Heller Tag ist es inzwischen geworden, die Sonne übergießt
mit warmen Strahlen das kleine Paradies. Hier ist es wohlig, hier wohnt der
Frieden. Ob auch Menschen? Es scheint fast nicht. Doch regt sich nicht etwas
auf der Terrasse? Ganz recht, dort sehe ich einen jungen Menschen!
Notdürftig bekleidet mit Fellen, macht er den Eindruck, als sehe man einen
der jungen Germanen, wie sie einst in den Wäldern Deutschlands gehaust haben
mögen. Die abgestürzten Felsblöcke haben auf der Terrasse eine Höhle gebildet,
die, dicht umwachsen von blühenden Schlingpflanzen, einen eigenartigen
Anblick bietet. Man könnte glauben, einen von Gnomen gebildeten Felspalast
vor sich zu sehen, dem die Zauberkunst ihrer Bewohner einen mit märchenhafter
Blumenpracht geschmückten Eingang verliehen hat. Es duftet und blüht ringsum.
Brennende Farben der Blütenkelche erfreuen das Auge vor dem Eingang der
Höhle, in die der junge Mensch nun verschwunden ist. Ein herrlicher Blick auf
Meer und Bucht bietet sich von dieser Höhe aus. Wahrlich eine Wohnstätte, die
jeden Freund der Natur entzücken muß. — Jetzt regt es sich in der Höhle, und
auf den Jüngling gestützt tritt langsam eine Ehrfurcht gebietende Gestalt
hervor. Es ist ein Greis mit langwallendem Haupt- und Barthaar. Und welch ein
Auge! Das ist der Blick eines Menschen, der sich losgerungen von dem Leid des
Daseins, der nur lebt in der Erkenntnis seines Gottes und die Tiefen der
Schöpfung zu ergründen vermag. So mögen sie ausgesehen haben, die gewaltigen
Propheten Israels, die ohne Menschenfurcht einherschritten, furchtlose
Verkünder des Wortes und Willens Jehovas. Ein einfaches, die ganze Gestalt umhüllendes
grobes Gewand — um die Hüften gehalten von einem ledernen Gürtel — bekleidet
den muskulösen Körper des Alten, der keineswegs ein schwacher Greis, sich nur
liebevoll auf den jungen Mann an seiner Seite stützt. Langsam kommen beide
hervor; jetzt schreitet der Alte allein voraus, ehrfürchtig bleibt der
Jüngere zurück. Der Alte streckt seine Hände zum Himmel und kniet nieder.
Seine Lippen bewegen sich im stummen Gebet. Gleich einer Statue bleibt er in
unbeweglicher Stellung. Auch der Jüngere kniet nieder und beugt das Haupt auf
seine Brust, die Arme über diese gekreuzt. Der seltsame Ort, das leise Rauschen des Meeres,
das gemeinsam mit dem weitentfernten Donner vulkanischer Eruptionen die
sonstige Stille nur unterbricht, — die unbeweglichen Gestalten der beiden
anscheinend einzigen Bewohner dieser Felsenhöhle, übergossen von dem warmen,
hellen Lichte der immer höher steigen den Sonne, im tiefen Gebet versunken
ihrem Gotte dienend: das ist ein Bild von mächtigem Eindruck! Es erfüllt mich
mit Ahnungen großer Dinge, die sich enthüllen werden. Der alte Mann neigt das Haupt tief zur Erde. Seine
emporgestreckten Arme kreuzen sich über seine Brust. Er murmelt leise Worte
und scheint einer Person, die ich nicht sehen kann, zu antworten. — Längere
Zeit dauert diese Unterhaltung mit einem unsichtbaren Wesen. Jetzt erhebt
sich der Alte, sein Blick sucht den jüngeren Gefährten und dieser eilt auf
ihn zu. "Muraval", tönt es von seinen Lippen,
"Allvater gab mir Aufklärungen über das Schicksal, dem Mallona entgegen
geht, wenn nicht bald ein besserer Geist die Herzen jener umstimmt, die sich
Herrscher der Welt nennen. Würdest du bereit sein, die Befehle Allvaters zu
erfüllen, die er mir gibt?" — Der Jüngling antwortet: "Vater, alles
was du mir sagst, werde ich tun, denn ich weiß, du forderst nichts von mir,
was nicht im Willen Allvaters liegt!" "Komm, setze dich zu mir", sagt der Alte
und wendet sich zu einem flachen Felsstück, einer natürlichen Bank am Eingang
der blumenumrankten Höhle. Merkwürdig, ich verstehe die Sprache dieser
Menschen, obgleich sie doch ein mir gänzlich fremdes Idiom reden! Es ist also
wahr, daß der freie Geist unabhängig ist von der Form des Wortes, nur der in
diese eingekleidete Begriff spricht zu ihm und er versteht den Eindruck, den
Worte hervorrufen, gleichviel in welcher Form er versteckt liegt. Jetzt
begreife ich, was es heißt, das Wort ist lebendig; Wort ist der von
Buchstaben oder Lauten nur umschlossene Begriff, der unabhängig ist von
seiner toten Hülle; gleichwie ich nun unabhängig bin von meinem den Geist
umhüllenden Körper. "Muraval", sagt nun der Alte zu dem
Jüngling, "die Stunde ist gekommen, in der ich dir erklären darf, wozu
uns Allvater in diese Gegend wandern hieß, die ich nunmehr mit dir schon
siebzehn Kreisläufe allein bewohne. Zum siebzehnten Male stieg heute die
Sonne dort an dem geschweiften Felsenufer dieser Bucht aus dem Meere empor,
als zeichne jener Felsenbogen ihr die Bahn am Himmelszelte. Nur einmal in
jeder Jahrung gleitet sie langsam an dessen Kante hin, ohne den Schatten des
Felsens in die Bucht zu werfen; was wird geschehen sein, wenn die achtzehnte
Jahrung naht? Muraval, du weißt doch, hinter jenen Bergen wohnen
Menschen, die wir fliehen. Sie wissen nichts von uns, doch habe ich dir
gezeigt, wie sie so ganz anders gesinnt sind als wir. Du weißt, was Sünde
ist, und daß jene drüben nur der Sünde dienen. Einst lebte ich mitten unter
ihnen, geehrt und umgeben von allem Glanz, den sie sich geben können. Doch
nicht den äußeren Schimmer suchte ich, ich fand Befriedigung nur im Suchen
nach der hehren Wahrheit, die nicht im Weltgetümmel lebt, für die in uns der
gute Gott, Allvater allein eine Wohnstätte bereitet hat. Ich sehe, wohin es führen muß, wenn nicht noch
einmal jenen Selbstherrlichen dort hinter den Bergen die Wahrheit gepredigt
wird, ihnen ein Spiegel vorgehalten wird, in dem sie sich selbst erkennen
können. Möchten ihre Herzen dann gerührt, ihr Sinn geändert werden. Muraval, mein Sohn, wisse, daß König Areval nun
mehr den Erdkreis beherrscht. Es ist ihm gelungen, durch die Kraft seines
Feldherrn Arvodo den letzten Widerstand zu brechen, den ihm der vierte und
letzte Teil des Mallonakreises entgegenstellte. Er beherrscht nunmehr Mallona
ganz und gar. Ein Reich, ein unumschränktes Weltenreich ist ihm eigen. Doch glücklich ist er nicht. Der Druck, den seine
Untertanen von den Großen des Königs ertragen müssen, hat sie längst zu
Sklaven, fast zu Tieren gemacht. Unsäglicher Hochmut, Genußsucht, alle
Freuden und Lüste des Daseins findest du bei den Hohen, tiefste Schmach und
Erniedrigung, Hunger und Not bei den Niedrigen. Nur das Heer des Herrschers,
durch das er seine Macht erhält, lebt in Freuden und Fülle: alles ist dem
Krieger zu eigen, er ist der wahre Herrscher, der Gewalttätige, der dem
Könige dient, um sich zu dienen. Wie so ganz anders könnte, sollte es sein auf
unserer schönen Welt. Anstatt einer Stätte des Fluches wäre Mallona eine der
erhabensten Freuden, wäre nicht der Mensch ein Verworfener geworden,
entheiligt in sich selbst. Anstatt dem Allvater, hat sich König Areval dem
Geist der Finsternis in die Arme geworfen. Unsere Aufgabe soll es sein, den
letzten Versuch zu wagen, ihn diesen Fängen zu entreißen. Allvater, ich werde
gehorchen, gib uns Weg und Mittel an." Aufmerksam hört der Jüngling auf die Worte des
Alten und feurig beteuert er nochmals seine Bereitwilligkeit zu allem. Sinnend schaut der Prophet auf das glitzernde Meer
und spricht leise: "Noch ist es nicht Zeit, doch bald kommt sie heran
und wird von uns vieles, vielleicht alles fordern, was wir noch zu geben
haben. Dann fürchte dich nicht, Muraval, denn gegen die Macht des Allvaters
ist die des Königs nur ein Hauch und wir werden geborgen sein im Schutze
unseres ewigen Herrn und Vaters. — Komm jetzt, laß uns die Früchte von den
Sträuchern brechen, die wir zu unserem Mahle brauchen." — Schnell erhebt
sich der Alte, der Jüngling gleichfalls, beide steigen hinab zum Strande und
verschwinden schnell zwischen den blühenden Büschen und Bäumen. Mich hat es festgehalten vor der Höhle mit
magnetischer Kraft. Jetzt zieht es mich, die Wohnstätte beider zu sehen, und
ich betrete die Höhle. Sie ist groß, geräumig und führt seitwärts unter die
übereinander getürmten Felsblöcke. Dort ist die Lagerstätte beider,
hergestellt von Moos und trockenem Laub. Weniges Hausgerät liegt geordnet
umher, es ist aus den harten Schalen großer Früchte hergestellt, ähnlich den
Kokosnußschalen und Kürbissen. Auch Felle von Tieren sehe ich hier, teils als
Teppiche dienend, teils als Vorhänge aufgehängt bei der einen Lagerstätte,
wohl die des Alten, als Schutz gegen den die Höhle aufsuchenden Wind. Zu
ihren Häupten sehe ich ein größeres Gefäß, verziert mit Zeichen, die ich
nicht zu deuten weiß; es treibt mich, dasselbe zu öffnen, um den Inhalt
kennen zu lernen. Es enthält glänzenden Schmuck, einen Kopfreif mit
funkelndem Juwel und auf dem Grunde liegt ein goldener Ring mit großem weißem
Stein. — Das ist der selbe Stein mit eingeschnittenem Kopfe, der mir gezeigt
wurde und den ich mir noch an die Stirn halte, ich erkenne ihn jetzt
deutlich. Von hier also stammt er, hier hat er lange in diesem Gefäß geruht! Der Orostein
Wiederum fühle ich mich von der wunderbaren Kraft
erfaßt, die es mir ermöglichte, mich loszuringen von der Erde,
hinaufzuschwingen zu dieser fremden Welt, um der Geschichte des Ringes
nachzuforschen. Ich werde fortgetragen von ihr durch die Lüfte, über die
hohen Berge hinweg in das Innere des Landes. Der Flug wendet sich der Grenze
jener vulkanischen Gegend zu, die mir bereits bekannt geworden ist. Wie
merkwürdig: Tod und heiteres Leben liegt hier nahe beieinander. Dort links sehe ich am fernen Horizonte das Toben
vulkanischer Kräfte. Dann folgt ein schmaler Gürtel öden Gesteins und ohne
Übergang schließt sich daran eine lachende, blühende Landschaft; Wälder,
Flüsse, Felder und Seen kann ich überblicken, schöne Liebliche Täler, sanft
gerundete Hügel, augenscheinlich bearbeitet von fleißigen Menschenhänden.
Doch nicht die kultivierten Gegenden sind das jetzige Ziel, dem ich zustrebe.
Jener Gürtel dort scheint es zu sein, der die blühenden Ländereien von der
Gegend des Feuers abschließt. Ich bemerke, daß dort Menschen, Geschöpfe wie wir,
nur bedeutend größer an Gestalt, tätig sind und fleißig arbeiten. Ein
Bergwerk ist hier entstanden. Tiefe Gänge sind in das Gestein gebohrt,
hunderte, nein tausende von Arbeitern sind geschäftig. Aber wie streng
bewacht sie werden und wie gedrückt die Arbeiter aussehen, das sind nicht
glückliche Menschen! Gezwungen werden sie zur Arbeit, nicht aus freiem Willen
haben sie sich ihr gewidmet. Unbarmherzig werden sie von rohen Aufsehern,
deren jeder von zwei bewaffneten Männern begleitet ist, in tief sich in die
Felsen einbohrende Gänge getrieben, aus denen ich einige gänzlich erschöpft,
mit außerordentlich weißen, unregelmäßig großen Steinen hervorkommen sehe. —
Sie werfen die Steine von sich und stürzen mühsam atmend, halb ohnmächtig zu
Boden. Gefährten übergießen sie mit Wasser und suchen sie wieder zu sich zu
bringen. Wie elend sind doch diese Menschen am Körper, nur Haut und Knochen! In den tiefen Gängen kommen sie dem Herde
vulkanischen Feuers und seinen erstickenden Dämpfen so nahe, daß sie nur mit
steter Lebensgefahr dort die weißen Steine gewinnen. Längs des ganzen
Felsengürtels, der sich meilenweit erstreckt, sehe ich die mühevolle Arbeit
dieser Unglücklichen. Welch hohen Wert müssen diese Steine besitzen, daß
so viele Menschen bei deren Gewinnung geopfert werden? Solche Arbeit muß
Tausende von Leben hinraffen. Nur Gewalt, die Wahl zwischen Tod oder Arbeit
ist das Mittel, die Unglücklichen zu zwingen. Unbarmherzig wird von den
Bewaffneten mittels langen Spießen jeder niedergestoßen, der sich weigert,
noch länger die Höhlungen zu betreten. Viele ziehen diesen schnellen Tod dem
langsamen Hinmorden in den Dünsten der Felsenschächte vor. Die Barbaren scheinen ihre Arbeit als
Henkersknechte schon mehrfach vollzogen zu haben. Ich sehe dort hinter den Felsen,
nahe einem tiefen Abgrund leblose Körper mit noch blutenden Wunden liegen,
neben solchen, deren verzerrte Gesichter den Erstickungstod durch giftige
Dünste anzeigen. Ein Bild des Grauens und Entsetzens. Sind die Menschen
dieses Erdballes gefühllos, ohne jedes Mitleid in der Brust? — Es ist so!
Jedenfalls besitzen die Aufseher und die zahlreichen Bewaffneten keine Spur
menschlicher Empfindungen mehr. Lachend stürzen sie die Leichen der
Unglücklichen in den tiefen Schlund, der ihnen eine letzte Ruhestätte
gewährt. Wieviele mögen in der Tiefe, aus der ein dumpfes Wassertoben
emporschallt, schon ruhen? Wieviel Elend, Schmerzen und Flüche haben die
tosenden Wasser dort unten am Grunde der fürchterlichen Schlucht dem Meere
zugespült! Nicht weit von dieser Stätte des Jammers steht ein
großes Gebäude. Dorthin werden alle die mit Blut erworbenen Steine
hineingeschafft, sorgfältig untersucht, je nach Reinheit der Farbe sortiert
und in besonderen festen Gemächern aufgespeichert. Ich ahne, daß diese Steine
die Stelle des Geldes auf unserer Erde vertreten, daß ihr Wert den Wert der
übrigen Produkte dieses Weltkörpers bemißt und jedenfalls als ein
Zahlungsmittel, als Geld betrachtet werden und dienen. Das weitläufige
Gebäude, von gewaltigen Quadern aufgeführt, gleicht einer Festung. Ich
betrete es und sehe überall arbeitsame Menschen, die mittels mir unbekannten
Maschinen die Steine spalten und in handlichere viereckige Stücke
zerschneiden, diese werden wieder zu dünnen Platten zubereitet und sodann in
Kisten verpackt, die mit besonderen Schlössern und Siegeln versehen auf
schwere Wagen verladen werden. Vor dem Hause beginnt eine höchst sorgfältig
gepflasterte, breite Straße, die keine Unebenheiten aufweist, sie verliert
sich am Horizont in unbestimmter Ferne. Auf dieser Straße kommen, von zwei
Männern geführt, leere Wagen zu dem Bau heran, beladene fahren ab. Die Wagen
bewegen sich von selbst, getrieben von einer mir noch nicht erkennbaren
Kraft. Ich sehe nur, daß am Rückende der Wagen ein längeres Rohr herausragt,
aus dem ohne Geräusch ein leichter Dunst emporsteigt. Leicht, geräuschlos und
ungemein schnell fahren diese Wagen hin und her. Dort von jenen Stätten der Arbeit und des Greuels,
vor dem Eingang eines der Felsenlöcher ertönt jetzt ein lauter Ruf. Von allen
Seiten kommen Aufseher und Arbeiter herbei, sie umringen einen tief
Erschöpften, der soeben aus dem Gange trat und sorgsam etwas in den Händen
birgt. Beglückwünschende Rufe werden gehört, lebhaftes Treiben und Drängen
entwickelt sich. Aufgeregte Stimmen werden immer deutlicher und ein Zug
regelt sich nach dem mächtigen Empfangsspeicher der erbeuteten Schätze. Er kommt näher. Aus dem Hause tritt eine
gebietende Persönlichkeit, ein Mann mit harten, stechenden Augen, umgeben von
andern Männern; es sind seine Unterbeamten, er selbst ist der Obere dieses
Bergwerkbetriebes. Der Zug ist ihm jetzt ganz nahe. Man führt jenen Menschen
vor ihn, der den Auflauf durch seinen lauten Ruf verursachte. Erwartungsvoll
fragt der Gestrenge: "Bist du ein Glücklicher?" "Herr, ich war es", antwortet ihm der
Gefragte und überreicht knieend einen nur faustgroßen flachen Stein, dessen
untere Fläche schneeweiß, die obere dunkelbraun gefärbt ist. Überrascht sieht der Obere auf den Stein und nimmt
ihn entgegen. Er dreht ihn hin und her, Staunen prägt sich in seinen Mienen
aus. Er winkt seine Untergebenen zu sich und zeigt ihnen das Stück, auch
diese zeigen höchste Überraschung. "Wie heißt du?" fragt der Gestrenge. "Upal!" antwortet ihm der glückliche
Finder. "Upal, du bist frei und wirst dem König
berichten, wo und wie du diesen herrlichen Stein, den größten, den ich je
gesehen, gefunden. Du weißt, der Tod ist dir gewiß, falls du zu anderen
redest. Mach dich bereit zur Fahrt!" Der Obere geht mit seinen Unterbeamten zurück ins
Haus. Die Menge der Soldaten und Arbeiter verteilt sich wieder, nach den
Stätten ihrer mühseligen Arbeit zurückkehrend. Upal begibt sich mit einigen
anderen Beamten, die ihn lebhaft beglückwünschen und mit neidischen Blicken
betrachten, zu einem andern Eingang des Hauses und wird in ein Zimmer
geführt, in dem eine gedeckte Tafel mit Speisen und Getränken steht. Dort
ruht er aus und erfrischt seine ermatteten Kräfte an den sonst nur für höhere
Beamte bereit stehenden Leckerbissen. Nach einiger Zeit tritt ein Diener ein und fordert
ihn auf, ihm zu dem höchsten Oberen zu folgen. Er wird in ein Gemach
geleitet, das ausgestattet ist ähnlich wie bei uns die Gemächer der
Orientalen. Säulen, mit bunten Steinen gezierte Wände, ausgeschmückt mit
bunten Vorhängen, tragen die Decke. Teppiche bedecken den Boden, hohe Fenster
lassen helles Sonnenlicht herein, das sich auf den blanken Steinwänden
widerspiegelt. Der Obere trägt ein Gewand nach griechischer Art, die
Schultern bedeckt von einem Mantel, der bis zur Erde reicht. Weite Beinkleider,
die in gestickten Stiefeln von naturfarbigem Leder enden, vollenden seine
Kleidung; um die Hüften gegürtet hängt ihm ein breites Schwert. Er sitzt an
einem Tisch, vor ihm liegen Schriften. Er sieht diese durch und vergleicht
mehrere. Zu dem eintretenden Upal sagt er jetzt:
"Tritt näher und höre die Bestimmungen, die den glücklichen Findern des
Orosteines gelten. Du, ein bisheriger Sklave des Königs, bist von jetzt ab
freier Bürger, entbunden aller Abgaben, die die Untertanen im Mallonareiche
zu leisten haben. Dir wird die Summe von 10000 Tesas ausgehändigt und du
darfst dir vom Könige eine Gnade ausbitten, sobald er dich empfängt. Fasse
deine Rede wohl zusammen, wenn du vor dem Gewaltigen stehst und ihm und den
Großen bekundest, wie du im Innern den Orostein gefunden. Hier ist die
Beglaubigung deines Fundes, dein Freibrief und die Anweisung deines
Vermögens." Der Obere gibt ihm drei Papiere, sie gleichen
anscheinend in ihrem Stoff ganz dem unserer Erde, doch die Schriftzeichen
sind fremde, verschnörkelt und kraus. Upal dankt mit finsterer Miene. Sorgsam
steckt er die Dokumente in sein zerfetztes Arbeitskleid, dann beugt er sich
tief und geht. Der Obere wendet sich an seinem Tische anderer Arbeit zu. Upal schreitet den langen Gang entlang, der zum
großen Tore führt. Jetzt tritt er hinaus und überschaut mit finsterem Blick
jene Gegend, die ihm so lange eine Stätte der Qual, der härtesten
Sklavenarbeit gewesen ist. In seinen Zügen spiegelt sich, was der Mann
empfindet: Haß gegen die Unterdrücker, Freude über die errungene Freiheit,
Wunsch nach Vergeltung für die überstandenen Qualen. Tiefatmend steht jetzt
der Mann auf der letzten Stufe der Freitreppe, die vom Portale nach der
Straße führt und sein Auge sieht sehnsüchtig nach den Wagen, die schnell
fahrend die Landstraße beleben. Jetzt rafft er sich auf und geht zu einer
Halle, in die die Wagen verschwinden. Geschäftiges Leben herrscht in dieser Halle. Es
ist ein Raum, in dem die wohlverpackten, schon bearbeiteten Steine auf die
Wagen verladen und so dem mir noch unbekannten Ziel zugeführt werden. Ein
Wagen ist bereit zur Abfahrt. Upals Eintritt hat unter den Arbeitern eine
gewisse Bewegung hervorgerufen. Wissen doch alle, daß er jetzt ein freier und
reicher Mann geworden ist, den jeder um sein Glück beneidet, während sie alle
noch Sklaven bleiben müssen, Leibeigene eines Königs, der ihr Leben nicht
schont, um sich zu bereichern. "Glücklicher", redet ihn ein Beamter an,
der die Verladung der Schätze auf den zur Abfahrt bereitstehen den Wagen
überwacht, "Du kannst mit diesem Wagen heimfahren, willst du?" "Gern will ich", erwidert Upal,
"sei meines Danks gewiß!" "So komm, setze dich zu mir!" Der Beamte steigt auf den vorderen Sitz des
Wagens, der für zwei Personen bequemen Raum bietet. Er nimmt einem neben ihm stehenden
Mann ein breites Schild ab, das dieser an einer Kette um den Hals trägt, und
reicht es Upal, der sich damit behängt. "Du weißt warum!" flüsterte er ihm zu. Upal nickt schweigend und nimmt seinen Sitz neben
dem Beamten ein. Dieser drückt an einem Griff und leicht, geräuschlos bewegt
sich der Wagen vorwärts die Straße entlang, auf der ich schon viele gleiche
Wagen kommen und gehen sah. In der Heimat
Schnurgerade verliert sich die Straße in
unabsehbarer Ferne am Horizonte. Rechts und links ist sie von einer starken,
bis zur halben Manneshöhe aufgeführten Mauer eingefaßt. Nachdem der Wagen die
Abfahrtsstation verlassen hat, verengt sich die Straße alsbald derartig, daß
nur zwei Wagen nebeneinander fahren können; eine schmale Erhöhung trennt den
Weg in zwei Hälften: rechts für die abfahrenden, links für die
zurückkehrenden Wagen. In Entfernungen, die etwa unserem irdischen Kilometer
entsprechen mögen, sehe ich rechts und links abwechselnd Wächterhäuser. Diese
sind mit Soldaten bewohnt, die jeden Wagen, namentlich die von der Station
kommenden scharf beobachten. Die Wächter sind mit langen Spießen bewehrt, die
solche Insassen eines Wagens, die nicht mit einem Schilde gekennzeichnet
sind, wie es Upal und der Beamte trägt, trotz der schnellen Fahrt niederstoßen
würden. Außer dem sind Fallgatter an jedem Wächterhause angebracht, durch
welche die Fahrstraße schnell abzuschließen möglich ist. Mittels eigentümlich geformter, an hohe Masten
hinaufgezogenen Signalfiguren sind die einzelnen Wachtposten imstande, sich
gegenseitig zu verständigen. Sollte ein Flüchtling auch glücklich bei einem
Hause vorbeikommen, diese Signale setzen bei dem nächsten Wächterhause seiner
Fahrt ein Ziel. Die errungenen Schätze werden auf solche Weise sicher zu der
fernen Hauptstadt des Königs geleitet. Keine Möglichkeit, sie unbemerkt
fortzuschaffen, aber auch keine Möglichkeit für die zahlreichen Arbeiter,
unbemerkt zu entschlüpfen! Denn auf den einengenden Mauern patrouillieren
Soldaten! Man sieht es ihnen an, diese kennen kein Erbarmen. Schweigend geht die Fahrt der Hauptstadt zu. Der
Beamte hat seine ganze Aufmerksamkeit auf die Führung des Wagens gerichtet.
Upal hängt seinen Gedanken nach und ist augenscheinlich jedem Gespräch
abgeneigt. Der Weg fängt an, Windungen zu machen, bald sind Steigungen zu
nehmen, bald Gefälle mit sausender Geschwindigkeit zu überwinden. Die Mauer
rechts und links wird immer höher und läßt keinen Ausblick auf das
abgeschlossene Land vom Wagen aus mehr zu. Die Straße geht jetzt durch
bewohntere Gegend. Zwar sieht man in nächster Nähe keine Wohnstätten, doch in
einer gewissen gleichmäßigen Entfernung beginnen oftmals die Spuren
menschlicher Tätigkeit aufzutauchen: bebaute Felder und Wohnhäuser in der
Art, wie sie bei uns im Morgenlande gebräuchlich sind. In nächster Nähe
dieser Staatsstraße darf niemand anbauen, nicht einmal in die Nähe darf sich
ein Bewohner wagen, sein Leben wäre verwirkt. Am Horizonte taucht eine Stadt auf, das Ziel der
weiten Fahrt. Nach unserer Zeit mag diese etwa zwei Stunden gedauert haben,
jedoch wurde dabei eine Strecke zurückgelegt mindestens noch einmal so weit,
als es in derselben Zeit ein Erdenexpreßzug vermag. Die Gegend ist herrlich,
die Stadt ist imposant. Sie liegt an einem breiten Fluß und breitet sich
teilweise terrassenartig auf einem sanft aufsteigenden Gebirgsausläufer aus,
umgeben von einer gewaltigen Mauer. Eine wunderbare Burg erhebt sich auf einem Hügel
inmitten der Stadt, die Königsburg des mächtigen Herrschers. Alles sieht so
irdisch verwandt und doch fremdartig morgenländisch aus. So mögen die
Heimstätten der alten Babylonier ausgesehen haben. Vielleicht sehe ich vor
mir eine Art Kopie des alten Babylon, in der ein Nebukadnezar thronte, nicht
minder gewaltig, gefürchtet und — verworfen, wie er es war. Der Wagen fährt jetzt in eine überwölbte Halle an
der Stadtmauer ein und hält. Zyklopisches Mauerwerk türmt sich rings umher.
Soviel der erste Blick es zu überschauen vermag, befindet man sich in einer
wohlverwahrten Festung, die jeder Gewalt zu trotzen vermag. Es ist das Schatzhaus
des Reiches, wohin alle Schätze fließen, die draußen gewonnen werden.
Zahlreiche Menschen sind hier beschäftigt, ein lebhaftes Getriebe zeigt sich
überall. Mich interessiert die Kleidung, die ähnlich der uns bekannten
altgriechischen Tracht in einer kurzen Tunika bei den Arbeitern besteht. Die
höheren Beamten tragen außer dieser noch Mäntel, die Füße werden durch hohe
geschnürte Stiefel geschützt. Upal und der Beamte sind jetzt in das Innere
getreten. Er dankt seinem Begleiter und wendet sich einer Türe zu, auf die
derselbe hingewiesen hat. Er öffnet und gelangt in einen weiten Raum, in dem
viele Männer sitzen, augenscheinlich mit Schreiben beschäftigt. Der Obere
dieser Schreibstube nimmt die Papiere ab, welche Upal überreicht und heißt
ihn warten. Es dauert lange, bis er wiederkommt; nun führt er ihn in ein
anderes Zimmer. Upal ist allein; keine Veränderung in seinen Zügen zeigt
irgend eine Erregung. Er ist still in sich gekehrt, nur das Auge blitzt
manchmal verstohlen auf, doch zähmt die eiserne Willenskraft des Mannes jede
verräterische Regung. Ein Diener tritt ein und fordert ihn auf zu folgen. Er führt ihn in ein Gemach, in dem mehrere hohe
Beamte dieses Schatzhauses sitzen, die ihn interessiert betrachten. Sie reden
ihm ermunternd zu. Der Vorsitzende dieses Rates kündigt ihm nochmals volle
Freiheit an und händigt ihm eine Anzahl Papiere aus; zuletzt mit besonderem
Nachdruck ein Dokument, das Upal berechtigt, bei den Königskassen die große
Summe zu erheben, die ihm als Finder des Orosteines gebührt. Upal ist jetzt
reich, sehr reich. — Es wird ihm eingeprägt, gewärtig zu sein, jeden Tages
zum König gerufen zu werden. Er stimmt dem zu, beteuert seine
Bereitwilligkeit und wird entlassen. Ein Diener führt ihn hinaus, einen langen Gang
entlang; jetzt steht er wiederum an einer Tür, die in mir unbekannter Schrift
eine Inschrift trägt. Er öffnet. Es ist eine Kasse, ein gewölbter Raum,
abgetrennt durch eine Mauer mit kleinen Fenstern, hinter jedem sitzt ein
Mann. Upal reicht bei einem Fenster seinen Schein hinein und erhält eine
Anzahl Beutel, die er in sein Gewand verbirgt. Einen Beutel öffnet er, er ist
gefüllt mit schmalen, viereckigen weißen Platten, jede trägt ein Zeichen, —
es ist das gemünzte Gold von Mallona, das zu erringen er sein Leben mehr als
einmal eingesetzt. Ich muß lachen. Diese Steinchen sind also Geld,
Geld wie bei uns, was ist ihr Wert, worin liegt er? — Ja, worin liegt denn
der Wert unseres Goldes, ist es nicht auch ein Phantom, eine Einbildung, die
uns vorgaukelt, unsere Münze habe Wert? — Würde man hier dieses Geld
bewerten, würden wir für die viereckigen Steinchen nur eine Brotkrume
erhalten. — Was wir bewerten sollten, die redliche, nützliche Arbeit, ist
längst von dem selbstgemachten Götzen des Geldphantoms verschlungen worden.
Der Schein, die Einbildung siegte und schuf die Schätze, welche der Rost und
die Motten fressen! — Upal hat sich aus der Kasse entfernt und ferner
zwingt mich eine magische Gewalt, ihm zu folgen. Er tritt jetzt aus dem
mächtigen Gebäude hinaus und sieht sich innerhalb der Stadtmauer vor einem
freien Platz, den er schnell überschreitet. Tief atmet der Mann auf,
unwillkürlich faßt er nach dem Schatz in seinem Gewande, wirft noch einen
Abschiedsblick auf das Gebäude, das er verlassen und eilt schnellen Schrittes
durch die Gassen der Vorstadt, in der er sich bald befindet. Eigenartig gebaute Häuser sehe ich überall. Ich
kann sie nur mit denen des Morgenlandes vergleichen. Flache Dächer wie dort,
jedoch sind sie durchgängig mit herrlich blühenden Pflanzen bedeckt, wie
schwebende Gärten der Semiramis. Die Fenster sind hoch und weit, man sieht
durch diese in luftige Räume, Vorhänge verhüllen viele Fensteröffnungen. Glas
scheint hier unbekannt zu sein, wohl aber sehe ich überall Rollvorhänge, von
einem durchsichtigen, festen, mir unbekannten Stoff, der die Dienste der
Glasfenster zu versehen scheint. Die Häuser sind nicht zu vielstöckigen
Kasernen erbaut, sondern nur zwei Stockwerke hoch, lang gedehnt und meist mit
Seitenflügeln versehen, die einen Garten einschließen. Milde Luft weht
überall. Die Menschen, die ich sehe, sind alle sehr muskulös, stark gebaut
und groß. Es muß das der Eigenheit dieses Planeten entspringen, dessen
physikalische Eigenschaften doch andere sein müssen als die unserer Erde,
schon infolge seiner größeren Entfernung von der Sonne und verschiedenen
Umdrehungszeit. Mir fällt jetzt auf, daß die Atmosphäre hier eine dichtere zu
sein scheint, der Luftdruck ist größer. Ich werde das später zu erforschen
suchen, denn mich interessiert es, tiefer einzudringen in die Geheimnisse des
Weltalls, die sich mir eröffnen. Upal ist in eine Gegend gelangt, die weit kleinere
Häuser aufweist, es gehört wenig Beobachtung dazu, um zu erkennen, daß hier
eine Stätte der Armut ist. Die Häuser sind niedrig, eng, viele nur eine Art
Hütte. Vor einer solchen steht er jetzt still und blickt prüfend umher. Die
Gasse ist leer, keine Menschen sind zu sehen. Er klopft an einer niedrigen
Tür aus starkem Holze. Eine Stimme von innen fragt nach dem Störer. Als er
seinen Namen nennt, tönt ein unterdrückter Schrei und hastig wird von innen
geöffnet. Eine alte, verhärmt aussehende Frau, der Not und Sorge aus allen
Zügen sprechen, öffnet und sieht mit dem Ausdrucke höchster ungläubiger
Überraschung auf den Ankömmling. Dann, als sie sieht, daß das Unglaubliche
Wahrheit ist, schreit sie auf und fällt ihm um den Hals. Das Mutterherz ist
auch auf dieser fremden Welt dasselbe! Upal löst sich sanft aus den Armen der vor Freude
laut weinenden Mutter und führt sie sorgsam nach einer halbgeöffneten Tür,
aus der man besorgte Fragen schallen hört, was geschehen sei. Beide treten
ein und schnell schreitet Upal nach einer Lagerstätte, auf der ein
gebrechlicher alter Mann ruht. Dieselbe Szene wiederholt sich hier. Upal
kniet am Bette seines kranken Vaters. Jetzt beginnt ein Fragen ohne Ende.
Upal erklärt, und freudiges Staunen zwingt die beiden Alten zum Schweigen,
als sie hören, daß er als ein Finder des Orosteines reich zurückkehrt. Upal holt seine Schätze aus dem Gewande und zeigt
die Anweisung, die ihn berechtigt, noch weit mehr zu erheben. Groß ist die
Freude der alten Leute, hat doch jetzt alle bittere Not, in der sie sich
befanden, ein jähes Ende. Der Vater sieht ihn fragend an. "Hast du so
getan, wie ich dir sagte?" fragt er leise, als die Mutter in geschäftiger
Eile bemüht ist, einige Speisen herbeizuschaffen. Ebenso leise antwortet der
Sohn: "Ich tat's, nur dir verdanke ich den Fund, doch später
davon!" Upal gibt der Mutter von seinem Schatze und bittet sie, die
besten Speisen zu beschaffen, indessen er bei dem Vater bleiben wolle. Gern
willfahrt die Frau und unter vielen Liebkosungen entfernt sie sich, um das
Beste einzuholen. Vater und Sohn sind jetzt allein. Der Alte hat
sich von seinem Lager erhoben. Eine gewaltige Kraft muß einst diesen nunmehr
von Krankheit und Not zerrütteten Körper erfüllt haben. Jetzt, da die Freude,
den Sohn wieder zu besitzen, die erloschenen Kräfte erfrischt, ahnt man, wie
der Greis als jugendlicher Mann einst gewesen sein muß. Upal gleicht zwar
sehr seinem Vater, doch ist er trotz aller Kraft nicht das jugendliche
Ebenbild desselben, das unwillkürlich beim Betrachten dieses alten Mannes in
mir entsteht. Der Alte reicht dem Sohne die Hand und zieht ihn
liebevoll an seine Seite: "Hast du viel gelitten in der langen Zeit, die
du dort zugebracht?" — so fragt er in besorgtem Ton. Wild blitzt es auf
in den Augen Upals. Der ganze langverhaltene Haß spiegelt sich in seinem
Antlitz und aus tiefster, bitterster Seele ruft er: "Unsäglich litt ich,
doch die Pein ist ihnen nicht geschenkt, sie sollen es noch büßen an einem
Tage, den mir Allvater schenken möge. Alle sollen sie es büßen, alle!" —
"Mein Sohn, wer sich selber rächt, entwindet Allvater die Rache.
Vergeltung übt nur Er im gerechten Maße. Noch ist die erlittene Pein zu
frisch in deinem Herzen, laß durch die Zeit sie lindern, daß friedliche
Gedanken in dein Herz einkehren." Upal bezwingt sich und sieht stumm vor sich
nieder. Der Alte fährt fort: "Es ist so vieles anders geworden seit
meiner Jugend, daß ich mich nicht wundern darf, von dir gewiß noch vieles
darüber zu hören, wie es jetzt in den Höhlen des Wirdu aussieht. Zu meiner
Zeit, als unser letzter guter König Maban noch lebte, war es eine Ehre, nach
dem köstlichen Orostein zu suchen: ein Heldenstück, das um seiner Kühnheit wegen
unternommen wurde und um der Kräfte, die der Stein besitzt. Das weiße Rod
findet sich auch an anderen Stellen von Mallona, doch nur hier findet sich in
ihm der köstliche Orostein. Niemals wurde Rod und Orostein so gierig früher
gesucht, nie wurde darum ein Mensch geopfert. Die kühnen freien Männer
trotzten damals aus Liebe zum Volke und zum Könige der Gefahr. Jetzt werden
die Kriegsgefangenen und die Bürger, die schwere Steuern nicht entrichten
können, hineingestoßen und gezwungen. O König Areval, wann wird deine Gier gesättigt
sein!" Upal knirscht mit den Zähnen, als er diesen Namen
hört und vor Erregung klingen fast zischend die Worte: "Nie wird die
Gier dieses Scheusals befriedigt werden! Verflucht sei dieses Haupt von
Mallona, das das Land aussaugt, die Bürger mordet, das mich um elender Steuer
wegen, die wir nicht zahlen konnten, in jene Schlünde führte. Fluch ihm, bis
jede Schuld beglichen ist, die er auf sich lud!" Hoch richtet sich der Greis auf, mit
traurig-ernstem Blick sieht er auf seinen Sohn und in vorwurfsvollem, doch
liebevollem Tone sagt er: "Upal, König Areval hat mir das Liebste, das
ich besaß, hingemordet: deine Schwester Fedijah. Und ich habe ihm nicht
geflucht! Allvater spricht: die Vergeltung ist Mein! — Laß dir von Areval
nicht den Glauben an ihn, den Weltherrn rauben, der in seiner Weisheit auch
solchen König noch auf dem Throne läßt, der dich den Orostein finden ließ und
sicher in das Vaterhaus zurückgeführt hat! Mein Sohn, mein Schmerz war groß,
als ich Fedijah sterben sah durch Arevals Schuld. Größer wäre es, sähe ich
deine Seele sterben, durch ihn vernichtet." Upal faßt die Hand des Vaters und legt sie als das
Zeichen tiefster Ergebenheit auf sein Herz. Mit ruhiger Stimme sagt er:
"Vater, der Glaube an Allvater hat mich allein erhalten, ohne diesen
wäre ich nicht hier. Ich weiß, ich bin noch auserkoren zu großer Tat, und bei
meinem Leben, ich werde sie vollführen!" Mit blitzenden Augen hat er
gesprochen und besorgt fragt ihn der Alte: "Du verbirgst mir etwas, mein
Sohn, was hast du vor?" "Nichts verberge ich dir, mein Vater, du
sollst alles wissen, alles! Ich muß dir sagen, was ich in den Höhlen des
Wirdu erfahren habe. Als damals mein Schicksal besiegelt war, daß ich
zum Ersatz der nicht entrichteten Steuern gleich einem Leibeigenen nach dem
weißen Rod suchen müsse, gabst du, mein Vater, mir deine Erfahrungen kund,
welche dir einstens in den Höhlen des Wirdu geworden; vielleicht daß sie mir
nützen könnten. Mein Vater, wie reich hat sich an mir deine Fürsorge belohnt,
denn jene tiefste Höhle, die du erreichtest und deren Dasein du als Geheimnis
in Deiner Brust bisher verschlossest — wohl wissend, wie wenig Glück die
Schätze bringen würden, die dort verborgen — ich fand sie wieder. Es war nicht leicht, sich dahin zu finden.
Unzählige Gänge hat man in das Gestein gebohrt, bis jene natürlichen
Galerien, weiten Höhlungen und Schluchten erreicht werden, die das Feuer
geschaffen und in denen das weiße Rod im Gestein eingesprengt sich findet. Alle
künstlichen Gänge kommen noch heute, wie zu deiner Zeit, zu einem
unterirdischen Flusse, dessen Oberfläche durch die Glut des nahen Feuers
dampft und den du kennst als eine Grenze des Lebens von dem Tode. Unverändert
ist noch die gewaltige Felsenhalle, durch die er fließt: das einzige Tor zu
den fürchterlichen Tiefen, die von erstickenden Dünsten erfüllt, die Schätze
Arevals bergen, das weiße Rod und den Orostein. Wohl beachtet hatte ich
deinen Rat, genau zu berechnen die Zeiten des Meeres, weil die Gefährlichkeit
der Dünste mit diesen eng zusammenhängt. In wenigen Tagen wußte ich, daß nur
dann die größten Tiefen zu erreichen möglich sei, wenn das hochflutende Meer
nicht die giftigen Dünste hindert, auszutreten nach der unzugänglichen
Kratergegend Marda, dem Sitz des bösen Dämons Usglom, den zu besiegen Arevals
größter Wunsch ist. Ich fand die von dir bezeichnete Stelle an dem
unterirdischen Strom und sah mit innigem Dank im Herzen das unbeachtete
kleine Zeichen, das du einst in den Felsen grubst; damals nicht ahnend, wie
es deinem Sohne zum Retter werden könne. Dieser Stelle gegenüber fand ich auf
dem andern Ufer, fast verschüttet, den Eingang zu einem Felsengang, den du
einst betreten haben mußtest, der jedoch nicht beachtet wurde von den andern
Mitsklaven, die gleich mir verdammt waren zu der Zwangsarbeit. Betäubender
Dunst schlug mir daraus entgegen, ein Beweis, daß dieser Gang tief ins Innere
führen müsse, so daß ich es zunächst aufgeben mußte, dort einzudringen. Bald
jedoch gewahrte ich, wie nur zur Zeit der Hochflut dem Gange Dunst
entschwand, und daß es außer diesen Stunden ungefährlich sei, ihn für die
Dauer fast eines halben Tages zu betreten. Ich wollte es wagen, denn war ich
am rechten Ziele, so mußte mir die Freiheit winken. Hattest doch du einst als
freier Mann an dieser Stätte den Orostein gefunden, doch nicht den ganzen
Fund geborgen, sondern ein gutes Teil desselben zurückgelassen, vertrieben
von den aufsteigenden Dünsten. Diesen jetzt aufzufinden galt es; das Gelingen
schloß in sich Freiheit und Reichtum. Wohl versehen mit Manga, Werkzeug und mit
Nahrungsmitteln — die ihm reichlich werden, wenn der Leibeigene erklärt, eine
Todesfahrt zum Zwecke der Entdeckungen zu unternehmen — begab ich mich hinab,
besorgt, daß niemand beobachte, welchen Weg ich nehme. Gut hatte ich die Zeit
gewählt. Es war fast Ende der Hochflut, als ich am Eingang des Felsenganges
war, dem nur noch leichter Dunst entstieg. Bald ließ er gänzlich nach und
frische, reine Luft quoll mir entgegen, als ich den Gang betrat. Nur kriechend
kam ich weiter, Felsblöcke wehrten mir den Weg, mühsam mußte ich die
Hindernisse zur Seite räumen. Endlich erweiterte sich der steil in die Tiefe
führende Weg, der stark nach der entgegengesetzten Seite abbog, als wo man
allgemein die Schätze sucht. Der Gang teilte sich in zwei Arme, ich wählte den
rechts abzweigenden; hattest du mir doch gesagt, daß der andere Arm zu einer
endlosen Schlucht führe, aus der für den Abstürzenden kein Entrinnen mehr
möglich sei. Wieder mußte ich kriechen durch enge Felsspalten und erreichte
nun die wunderbare kleine Höhle, die du mir schildertest, wo das weiße Rod
aus den Felsen lugte. Du sagtest, am Ende der Höhle sei ein Abgrund, aus dem
der giftige Dunst emporsteige, fortgewirbelt von unerklärlichem Luftzuge, und
wie in einem Schornstein hinaufgesogen würde zu einer Höhe, die dir zu
erblicken nicht möglich war. Ich sah den Abgrund, doch stiegen nicht mehr
Dünste empor. Die unterirdischen Gewalten des Feuers und Wassers hatten
Änderungen geschaffen im Laufe der Jahre; still und ruhig lag der tiefe
Abgrund vor mir. Sah ich an dessen Rande empor, so leuchtete aus gewaltiger
Höhe ein Stern auf mich nieder. Es war das Sonnenlicht, das durch einen Riß
der Felsen schien und matt die fürchterliche Tiefe erhellte. Ich erkannte, wo ich war. An einer Stätte, aus der
das Feuer einst vertrieben wurde durch die Gewalt des Wassers, das ich in der
Tiefe noch rauschen hörte: in einem ausgekühlten Kessel, entrissen dem
Feuergotte Dämon Usglom, der hier besiegt seine Schätze an einem der seltenen
Plätze hinterließ, die frei von Dünsten dem Entdecker mühelos die
aufgespeicherten Reichtümer schenken. Ich hatte hier nicht mehr die Dünste zu fürchten,
die einstens durch jenen sonnenerhellten Spalt hoch oben abzogen und dich
vertrieben, weil das in der Tiefe rauschende, hochflutende Wasser den
Gegenzug unmöglich machte. Daher hatte ich Zeit nebst Muße, genau die Lage
dieser Höhle zu untersuchen. Ich fand nach kurzem Suchen, die Wände mit Manga
beleuchtend, die Stelle, aus der du den Orostein gebrochen, und auch die
andere Hälfte noch in dem Rod fest eingezwängt, die mitzunehmen dir Usglom
nicht vergönnte. Ich nahm den Fund und barg, als ich den Stein abgab, ein
Bruchstück in meinem Munde, hoffend, ihn für dich zu retten. Gesundheit soll
er dir, Vater, bringen! Gering achte ich es, ein Dieb am Eigentum des Königs
zu sein, hat er uns doch viel mehr gestohlen." — Upal legte einen
kleinen dunkelbraunen Stein, den er seinem Kleid entnahm, vor den erstaunten
Vater, der ihn begierig ergriff und leuchtenden Blickes betrachtete. "Ja, das ist er, der seltene, köstliche
Stein, der mir Gesundheit wieder schaffen kann und wird. Verbirg ihn wohl,
mein Sohn, auch ich achte es nicht als Verbrechen, daß du um deines Vaters
Willen ihn entwendest; denn ich habe wohl ein sicheres Recht an diesem
Fund." — "Wäre nicht das Erstaunen über den abgegebenen Orostein so
groß gewesen, daß man nicht mehr daran dachte, mich am Körper zu untersuchen,
er wäre nicht dein eigen", meinte Upal lächelnd. "Doch höre weiter.
Es regte sich in mir die Lust, den Abgrund näher zu untersuchen, denn es
schien mir fast sicher, daß dieser noch weit mehr der Schätze bergen müsse
als die Höhle, in der ich mich befand. Ich fand einen Abstieg, band mich an
mein mitgenommenes Seil, dieses an einen Felsblock, und wagte es, mich in den
Abgrund weiter hinabzulassen. In kurzer Tiefe fand ich einen weiten Spalt in
der steilen Felsenwand, kroch hinein und gelangte in eine große runde
Höhlung. Vater, alle Pracht des Königs Areval ist nicht
imstande, nur einen Schimmer dessen zu geben, was hier der Dämon geschaffen.
Ein Thron des Fürsten Weiskee tat sich mir auf. In Tausenden von Kristallen
spiegelte sich das Licht in meiner Hand. Die Decke, der Boden waren bedeckt
von kostbaren Steinen, die der erstarrte Felsenboden hier geboren. Und
weiter, immer tiefer konnte ich wandeln in die nie gesehene Höhle des Wirdu,
die wohl zum erstenmal ein Mallonakind betrat. Das weiße Rod, der Orostein
liegen in dieser Schatzkammer in ungezählten Mengen, die köstlichsten Steine,
die die Krone Arevals schmücken, findest du zu Tausenden. Dieser Reichtum in
dem Besitze eines Menschen macht ihn zum Herrn der Welt." — "Und du
schwiegst von dem, was du gefunden?" fragte Upals Vater ernst. —
"Ich tat es und werde auch Areval nichts verraten, er soll nichts
genießen von dem, was ich entdeckt. Hast nicht auch du dem König, dem weisen
Maban einst versprechen müssen, zu schweigen von Deiner Todesfahrt? Er wußte
wohl wie wenig Glück in den Reichtümern liegt, die nur die kleine uns allein
bekannte Höhle birgt. Um wie viel mehr würde er mir Schweigen auferlegen,
lebte er noch und hörte von dem, was ich gefunden. Nein, Areval erfährt es
nie, niemals! O, er soll nur vor mir stehen, der stolze König, er soll nur
fragen! Er und sein gleisnerischer Kanzler, sie sollen eine Schilderung der
Todesfahrt erhalten, die nie und nimmer sie finden läßt, was ich geschaut
habe." Auf der Flur werden schlürfende Schritte laut.
Upals Mutter kehrt zurück mit den eingekauften Speisen. Schnell tauschen die
Männer einen verständnisvollen Blick. Upal verbirgt den braunen Orostein in
seinem Kleide und laut lobend begrüßt er die Mutter, die freudig aus einem
Korbe die Speisen kramt, um sie den Hungrigen darzubieten. Aus der Vergangenheit des Mallona-Reiches
Die Kraft, welche mich hierher geführt, erfaßt
mich wieder und führt mich fort aus der Hütte Upals. Ich hatte den Wunsch, zu
ergründen, welche Geschicke in der Familie verborgen liegen, die Upals Vater
und dieser erwähnten. Als der Wunsch zum Willen in mir wurde, fühle ich mich
fortgehoben und sehe nun vor meinem Blick lebendige Bilder entstehen, die mir
die Antwort geben. — Laß mich schauen, ich muß schweigen, um die schnell
wechselnden und in sich verbundenen Geschehnisse erfassen zu können, und
werde sie dann schildern. — — Lange Zeit ist bereits vergangen, als König Maban,
der Vater des jetzt herrschenden Königs Areval regierte. Er war es, der das
große Mallonareich gründete, denn vor ihm herrschten mehrere Könige auf den
vier Hauptteilen des Planeten. Diese vier Hauptteile heißen: Nustra, Monna,
Sutona und Mallona. Der König von Monna war der letzte seines Stammes und
durch Erbschaft wurde Maban auch König dieses Teiles. Beide Reiche waren
jedoch in der Art getrennt, wie Asien von Amerika. Und es war leichter, von
dem dritten Teile Nustra — das mit Mallona zusammenhing wie Europa und Asien
— nach Monna zu gelangen, als von Mallona; ähnlich wie der Weg von Europa
nach Amerika näher ist als der von Asien; auf diesem Planeten war außerdem
die Entfernung eine noch kürzere, als der Atlantische Ozean der Erde bedingt. Es lag in Mabans Interesse, ein enges Bündnis mit
dem König von Nustra einzugehen; schon aus dem Grunde, weil das mächtige
Reich der Sutonen unter ihrem Gewaltherrscher Ksontu nach der
Alleinherrschaft strebte und lange blutige, höchst grausame Kriege deswegen
zwischen Maban und dem Könige von Sutona geführt worden waren. Dieses Bündnis
wurde geschaffen, denn das Volk von Nustra war entnervt und träge geworden.
Sie hofften, unter Maban friedvoller, unbehelligt von Ksontu leben zu können,
da ihrer Meinung nach die drei Reiche zusammen den oftmaligen Friedensstörer
zur Ruhe zwingen könnten. Doch Ksontu, im Bewußtsein seiner Kraft und Macht,
fürchtete alle drei Reiche zusammen nicht und vermaß sich hoch und teuer,
entweder die gesamte Herrschaft an sich zu reißen oder unterzugehen. Sein
Land war arm an Schätzen, wie sie Maban aus dem Boden seines Reiches gewann;
doch gewaltig, bedürfnislos, wenn auch roh und unwissend, war das Volk der
Sutonen. Es kam zum Kriege. Als Maban das Bündnis mit dem
Reich Nustra geschlossen, überfiel Ksontu den neuen, entnervten
Bundesgenossen von seinem südlicher (ähnlich wie Afrika) gelegenen Reiche und
bezwang ihn schnell. Maban eilte mit gewaltiger Kriegsmacht herbei und lange
schwankte das Kriegsglück hin und her. Der überlegenen, geschickten
Kriegskunst Mabans gelang es, der urwüchsigen Tapferkeit Ksontus und seiner
Scharen Herr zu werden und bezwungen wurde Ksontu tributpflichtig. Maban
wußte die Tapferkeit des besiegten Königs und des Volkes wohl zu schätzen. Er
fürchtete etwaige spätere Aufstände und sann auf Mittel, friedfertig eine
Verbrüderung zu erreichen, die unabhängig von der Kraft des Schwertes die
Volksstamme miteinander versöhne. Er ehelichte die Tochter Ksontus, erhob sie zur rechtmäßigen
Königin und gewann den einstigen Feind durch diesen Schritt zum vollen
Freund. Denn nach den Gesetzen in den vier Reichen war die Erbfolge nicht nur
in absteigender, sondern auch aufsteigender Linie vollberechtigt, falls
Nachkommen nicht vorhanden. Ksontu trat durch diesen Schritt Mabans zunächst
in den Rang eines Thronfolgers, bis aus der Ehe mit seiner Tochter Erben
entsprangen. Er genoß das volle Vertrauen und die Vertretung des Königs, war
also mühelos Mitherrscher für den Rest seiner vorgeschrittenen Jahre. Er erkannte die wohlwollende Absicht seines
Schwiegersohnes und da er, selbst bedeutend älter als Maban, außer seiner
Tochter auch keine Erben besaß, fügte er sich gerne und blieb ein guter
Freund des tatkräftigen Maban, nur daß sein heißes Blut oftmals dem
nunmehrigen Alleinherrscher in Mallona unbequem wurde. Nicht lange brauchte Maban Nachsicht gegen Ksontu
zu üben, denn der König, gewöhnt an kriegerische Unternehmungen, an rauhe
Sitten, Einfachheit und selbst Entbehrungen, teilte das Schicksal vieler auf
Erden vergangener Despoten, die sich in den Strudel ihnen vorher unbekannter
Freuden und Laster werfen, nach dem sie die frühere Einfachheit mit dem
zugänglichen Luxus vertauschten. Ksontus kräftige, nach Taten strebende Natur
versank alsbald im Schlamme des Genusses, und inmitten aller sinnlichen, im
Übermaß genossener Freuden überraschte ihn der Tod. Maban war nun unbestrittener Herr des gesamten
Planeten und der Name seines Reiches ward zu dessen Namen. Aus der Ehe Mabans
mit der Tochter Ksontus entsprangen zwei Söhne, Muhareb und Areval, beide
ungleich im Charakter. Der ältere, Muhareb, erbte die vornehmsten
Eigenschaften seines Vaters, er war ernst, forschend, von tiefem religiösem
Gefühl beseelt, von unerschütterlicher Rechtlichkeit und Gerechtigkeit. Bereits in jüngeren Jahren übertraf er alle
Altersgenossen an Verstand und Urteilskraft. Er konnte heftig weinen bei
fremdem Unglück und empfand die größte Freude bei dem Glück der ihm
Näherstehenden und selbst Fremder. Seine Erziehung war eine solche, die dem
künftigen Erben des gewaltigen Reiches geziemte, doch war es nutzlos, ihm im
Laufe der Jahre die Schliche einer sogenannten klugen Politik beibringen zu
wollen. Sein Rechts- und Wahrheitsgefühl verschmähte alle Winkelzüge. Offen und
wahr wollte er handeln, zum oftmaligen Entsetzen der Ratgeber König Mabans,
die es in allerhand Winkelzügen zur Erreichung ihrer Zwecke recht weit
gebracht hatten, zumal Maban nicht dem Grundsatze abgeneigt war, die Wahrheit
müsse manchmal verschleiert werden, um ein Ziel um so sicherer zu erreichen. Die Regierung des weiten Reiches war schwierig.
Die vier mächtigen Hauptreiche, gleichbedeutend mit den auf Mallona
vorhandenen vier Erdteilen zu verwalten, bedurfte weiser Einteilung. Jedes
der drei angegliederten Reiche besaß einen Vizekönig, der völlig abhängig von
Maban, nicht auf Lebenszeit ernannt, sondern von der Gunst des Herrschers
abhängig war. Maban konnte entthronen und krönen nach Belieben. Die Einkünfte
aller Staaten wurden von seiner Hauptstadt aus verwaltet. Klug richtete er es
allmählich so ein, daß ein Reich, außer das seine, niemals durch Bürger des
eigenen Landes in den hohen Verwaltungsstellen geleitet wurde, sondern stets
von Beamten, die in einem anderen Lande erbgesessen und geboren waren. Er
verhütete durch einen steten Wechsel die Bildung des Ortsinteresses und
schickte nach einer bestimmten Zeit diejenigen Beamten, die etwa Sehnsucht
nach der Heimat verspürten, bereitwillig heim. Auf diese Weise erreichte er, daß die
Regierungsbeamten nur ein bedingtes Interesse an den Sitz ihrer Tätigkeit
knüpfte und diese nicht in die Lage kamen, mit dem Volke aus Ortsinteressen
besonders schonend umzugehen. Die Autorität wuchs allerdings, damit aber auch
langsam ein strafferes Regiment, das, in unrechte Hände getan, zu den
fürchterlichsten Folgen sich auswachsen konnte. Maban wußte das und glaubte
durch seine vollständig autokratische Machtstellung und durch peinliche
Charakterausbildung der zu hohen Stellen bestimmten Würdenträger, allen
etwaigen schlimmen Folgen für die Zukunft vorzubeugen. Er verbot den Erwerb von Grund und Boden als
Privatbesitz, alles gehörte dem Staat, der den Grundbesitz verteilte an
würdige Bürger; jedoch nicht als Besitz zum eigenen Gebrauch, nur als obere
Inspektoren der einzelnen Gemeinden, denen sie vorgesetzt waren und für deren
Wohl sie zu sorgen hatten. Sie waren große Gutsverwalter, die zwar ihren
Untergebenen im reichlichen Maße je nach dem Werte der gelieferten Arbeit
Vergütungen zuteil werden ließen. Aber alle Produkte ihres Reichs sammelten
sie, so daß keine Bewohner aus der Hand seines Nachbars etwas erhalten
konnte, sondern sich stets an die großen Orts-Vorratshäuser wenden mußte, die
von staatswegen errichtet wurden und für eine gleich gute Lieferung aller
Bedürfnisse sorgten. In jedem Orte befanden sich Vorrats- und Arbeitshäuser,
die nach genauen Gesetzen verwaltet wurden. Mallona war das Vorbild jenes
sozialen Zukunftsstaates, der auf Erden von bestimmten Parteien erstrebt
wird. Als Zahlungsmittel galt schon damals das weiße
Rod, welches Maban einführte, jener weiße Stein, der hauptsächlich im
eigentlichen Mallonareiche Mabans gefunden wurde. Dieser Stein galt früher
nur als Naturseltenheit, solange der eigentliche reiche Fundort noch nicht
bekannt war. Maban fand die reichen Lager in seinem Lande und führte das Rod
als Zahlungsmittel ein. Um den Besitz des Geldes als wandernde Münze
unmöglich zu machen und die Arbeit des Einzelnen als Wertmaß festzustellen
und zu schützen, fand er folgendes Auskunftsmittel: Jeder Bürger, der etwas leistete, seine Produkte
an die Vorratshäuser ablieferte oder notwendige Arbeiten in den staatlichen
Fabriken ausführte, auch in Künsten für die Erheiterung der Bürger sorgte,
wurde entschädigt von den öffentlichen Kassen und vielfachen Zahlstellen der
Reiche. Denn jeder Bürger war ein Staatsangestellter. Die ihm für irgend eine
Leistung übergebenen Platten des Rod, von verschiedenem Werte, wurden mittels
einer unverwischlichen Tinte vor seinen Augen mit seinem Namen und Zeichen
gezeichnet, die beide in den Einwohnerregistern amtlich eingetragen waren.
Der Wert seiner Arbeit war nach der staatlich festgestellten Taxe bedingt, so
daß Ungerechtigkeit ausgeschlossen war. Zudem wurden unangenehme oder gefährliche
Arbeiten höher bewertet als solche, die keine allzu große Überwindung
verlangten. Der empfangene Lohn hatte nur Wert für den Ausüber
der Arbeit, denn nur dieser konnte an den Ausgabestellen seines Wohnsitzes
Bedarfsdinge für seine Platten erhalten. Wollte er verreisen, so stand ihm
das zu, doch ohne eine amtliche Bestätigung seines Heimatortes konnte er an
anderen Kassen nichts erhalten. Das als Zahlung eingegangene Rod wurde an den
Kassenstellen gesammelt und der Zentrale wieder zugesandt, dort wurde es von
der gezeichneten Tinte gereinigt (Herstellung und Entfernung derselben war
ein Staatsgeheimnis) und weiterhin benutzt. Diese Geldverhältnisse schufen ganz besondere
Lebensverhältnisse. Jedes Haus gehörte dem Staat, die Bürger mieteten
ihre Wohnräume und zahlten die Miete von ihrem Verdienst. Die freie Bebauung
eines zu jedem Hause gehörigen Gartens war gestattet, so daß der Bewohner für
seine täglichen Bedürfnisse sich selbst versorgen konnte. Wie auf Erden waren
Städte vorhanden, die zum Sitze der Industrie sich ausbildeten; und ebenso
wie der irdische Bauer sorgte die Landbevölkerung für den Anbau der
Landesprodukte. Die staatliche Bewertung der Arbeit, die jeder nach freier
Wahl sich wählen konnte, die allgemeine Erkenntnis von der gleichen Nützlichkeit
und Notwendigkeit aller Arbeit ließ Standesdünkel kaum aufkommen. Solches
verhinderten auch die öffentlichen Schulen, weil diese jedem frei zugänglich
waren und damit allgemein für die gleiche Ausbildung des auf Mallona
bekannten Wissens und Könnens gesorgt wurde. Auch das Alter wurde geehrt. Nach einer bestimmten
Zeit der Arbeit hatten die Bürger das Recht auf freie Versorgung, doch
machten nur Kranke und Schwache hiervon Gebrauch. Denn es galt als
unehrenhaft, faul seine Zeit zu verbringen, namentlich, da die Arbeit älterer
Leute besser bezahlt wurde als die der jüngeren, die noch im Vollbesitze
aller Kräfte leichter und schneller arbeiten konnten. Diese Hauptzüge der Staatsverwaltung, die Maban
einführte, stießen zuerst in dem Reiche der verweichlichten Nustraner auf
starken Widerspruch. Wurden sie doch durch diese neuen Gesetze genötigt, ihr
schlaffes Leben aufzugeben und ernsthaft zu arbeiten. Unzufriedene suchten
zwar dagegen zu rebellieren, doch Maban verstand keinen Scherz und ging gegen
die Rebellen mit eiserner Strenge vor, so daß das eingeschüchterte Volk sich
bald fügte. In kurzem empfand das Volk von Nustra den Segen der Arbeit, und
da der Volkscharakter ein solcher war, gerne im gleichmäßigen Leben der
Gewohnheit zu folgen, so war es gerade in späteren Jahren Nustra, das
hartnäckig diese Einrichtungen festhielt, als die schlaffe Hand Arevals das
Werk seines Vaters wieder zerstörte. Maban erkannte sehr wohl, daß eine Schöpfung nur
dann Dauer haben könne, wenn er den Charakter seiner Untertanen und
namentlich den der Landesgroßen stählte; wenn er dafür sorgte, daß die
aufwachsende Generation seine Grundsätze völlig in sich aufnahm; wenn Glück
und Behaglichkeit in den weiten Reichen herrschte und dadurch Not und Mangel
unbekannt blieben. Der Herrschaft der letztgenannten Feinde aller
Glückseligkeit setzte die Verstaatlichung aller Arbeitsleistung und Bewertung
ein sicheres Ziel, Hand in Hand mit der Eigentümlichkeit des eingeführten
Zahlungsmittels. Die Erziehung der Charaktere war jedoch ein weit schwereres
Werk! Er suchte es zu vollbringen, indem er in seiner nächsten Umgebung
oftmals alle die Männer vereinte, denen er die verantwortlichsten Stellen im
Reiche verliehen hatte oder einzuräumen gedachte. Durch sein Beispiel suchte
er auf diese einzuwirken und ihnen seine Grundsätze im direkten Verkehr fest
einzuprägen. Die drei Vizekönige der ihm zugefallenen Reiche mußten öfters
längere Zeit an seinem Hofe verbleiben, um ihm genaue Einblicke in alle
Fortschritte der Landesregierung zu geben. Er selbst überzeugte sich oft ganz
unverhofft durch weite Reisen von dem wahren Stand der Dinge. Er war dann
unerbittlich streng, fand er bei solchen Revisionsreisen Unregelmäßigkeiten
in den Verwaltungsdistrikten, jedoch anerkennend und belohnend dem geringsten
seiner Beamten gegenüber, der die oft mühevollen Arbeiten mit Sorgfalt
ausführte. Kein Wunder, daß man ihn überall liebte und ehrte, ja ihn als den
Verwirklicher des ewigen Friedens pries. Um den Volkscharakter zur geistigen Höhe
verfeinerter Bildung emporzuziehen, Mut, Tapferkeit und persönliche
Tüchtigkeit des Geistes und Körpers heranzubilden und zu bewahren, wurden
besondere Feste gefeiert, die ähnlich den olympischen Spielen Wettkämpfe des
Geistes und Körpers boten. Dichtkunst, Redekunst, die darstellende Kunst
waren demzufolge hoch ausgebildet, die körperliche Gewandtheit wurde infolge
dieser Feste eine Hauptbedingung der Jugenderziehung. Jedermann konnte auf
diesen Festen einen Preis erringen, der stets aus der Hand des Königs
empfangen, Ehre und mannigfache Vorteile brachte. Die Sieger erhielten das
Recht, je nach ihren besonderen Neigungen sich eine Gnade von Maban
auszubitten, die stets erfüllt wurde, so das Erbetene nur ausführbar
erschien. Besondere Akademien bestanden für die Ausführung neuer Erfindungen,
welche im Reiche gemacht wurden. Jedem war hier Gelegenheit gegeben, seine zu
verwirklichenden Ideen auf ihren Wert oder Unwert zu prüfen, Modelle
anzufertigen und Versuche anzustellen. Kein ernsthafter Erfinder war um
Geldmittel verlegen, denn die Staatswerkstätten lieferten ihm alles, sobald
eine Idee nur die geringste Aussicht der Möglichkeit ihrer Ausführung dem
Komitee bot, das die eingehenden Anträge keineswegs kleinlich prüfte. Maban
hatte befohlen, nach dieser Richtung hin die größte Toleranz zu üben und
erzielte hierdurch ungeheure Erfolge auf dem Gebiete der Technik. — Geniale
Köpfe leiden auf Erden nur zu oft an der Unmöglichkeit der Ausführung ihrer
Ideen aus Geldmangel. Die irdische Regierung ist für unausgeführte Ideen, für
unbewiesene, nur durch vielfache Experimente zum Erfolg führende Projekte
nicht leicht zu haben. Hier war es anders: Auf Mallona wurde bei selbst
aussichtslos scheinenden Projekten weiter experimentiert, seitdem wichtige
neue Entdeckungen zufällig gemacht worden waren, infolge Mißlingens der
eigentlich beabsichtigten Versuche. (Denn auch auf Mallona gab es nicht
selten unfreiwillige Erfinder wie Böttcher, der Gold machen wollte und das
Porzellan erfand!) Die hervorragendste Entdeckung für Maban war die
Erfindung ungeheuer schnell fahrender Wagen, die auf besonderen planierten
Straßen die Verbindung überallhin herstellten. Die Ingenieurkunst hatte es
fertig gebracht, Hindernisse bezüglich Terrainschwierigkeiten nicht mehr zu
achten. Die einzelnen Ortschaften waren stets in geradester Linie durch
Straßen verbunden, auf denen Wagen in verschiedener Größe in rasender
Geschwindigkeit hin- und herfahren konnten. Selbstredend war auch diese Bahn
staatlich, die Wagen wurden den Gemeinden geliefert, die Benutzung derselben
stand jedermann frei zu, der nachweislich eine kürzere oder weitere Fahrt
antreten mußte. Schiffahrt fand auf dem Meere fast gar nicht
statt. Sie war unnötig, um die durch Wasser getrennten Reiche Nustra und
Monna zu verbinden. Denn das Meer an einigen Stellen sehr inselreich und ohne
große Tiefe war von Mabans Ingenieuren, die Riesenbrücken von einer Insel zur
andern schlugen und dadurch beide Erdteile an verschiedenen Stellen
miteinander verbanden, bezwungen worden. Würde der Planet Mallona ebenso wie
unsere Erde dem schroffen Wechsel der Jahreszeiten ausgesetzt gewesen sein,
hätten ebenso heftige Stürme zum Frühjahr und Herbst seine Wasser aufgewühlt,
so wäre auch die hochausgebildete Kunst der Ingenieure bald gescheitert am
Widerstand der Elemente. Mallona besaß jedoch eine andere Achsenstellung als
unsere Erde, wodurch die Zonen gleichmäßiger und die Jahreszeiten weniger
wechselreich auftraten; wenn auch genügend, um Sommer und Winter, Regen und
Sonnenzeit sehr wesentlich zu scheiden. Gleichzeitig mit der Entdeckung schnell fahrender
Wagen hatte ein kundiger Chemiker einen Sprengstoff erfunden, mit dem
ungeheure Wirkungen erzielt werden konnten. Seine Zusammenstellung wurde
jedoch als größtes Staatsgeheimnis bewahrt und dessen Herstellung wurde nur
zu besonderen Zwecken auf Befehl des Königs angeordnet. Dieses Geheimnis
machte Maban für alle Feinde unüberwindlich, denn vermöge der enormen
Sprenggewalt war er imstande, ganze Landstrecken mit einem Schlage zu
verwüsten! Hatte er doch in dem letzten Kriege einen nicht unbedeutenden
Berg, der von einer Festung gekrönt wurde, mittels seines fürchterlichen
Sprengmittels zerstört, so daß Widerstand gegen ihn als Feind, der mit
solchen Waffen gerüstet war, unmöglich wurde. Merkwürdigerweise hatte diese Entdeckung nicht zu
einer Konstruktion von Feuerwaffen geführt, deren Zerstörungskraft allerdings
im Vergleiche zur Vernichtungskraft dieses Sprengstoffes nur unbedeutend
erscheint. Wohl aber waren infolgedessen mächtige Bohrmaschinen und
besondere, wie Maulwürfe schnell arbeitende Werkzeuge zur Herstellung
unterirdischer Minen erfunden worden. Sodann Schleudermaschinen, die aus
weiter Entfernung den Sprengstoff nach einem Ziele senden konnten, der
explodierend im weiten Umkreise gleich einem berstenden Krater alles vernichtete. Maban hütete dieses fürchterliche Geheimnis mit
aller Sorgfalt, er wußte sehr wohl, daß es ihm zu seiner beschränkten Macht
verholfen hatte und diese sicherte. Unter seiner Regierung entstand auch der
Wert des Orosteines, der im Rod eingebettet nur selten vorkam. Als ein
Produkt des Feuers fand er sich nur in großen Tiefen vor, namentlich in den
schon geschilderten unterirdischen Höhlungen der Kratergegend Marda. Seine
Gewinnung war mit großen Gefahren verbunden. Mut und Kraft gehörte dazu, und
eben deswegen setzte Maban große Belohnungen und die Erreichung besonderer
Ehren auf dessen Ablieferung, um durch diese als Sport betriebene Besiegung
der Gefahren ein weiteres Mittel zur Stählung der Charaktere zu besitzen. Der
Orostein galt als ein magisches Mittel, das Gesundheit verleiht, dem Besitzer
Kraft und langes Leben versprach, pulverisiert sollte er jede Krankheit
heilen. Es war natürlich, daß der Glaube, der sich an die Kraft des Steines
anknüpfte, vieles vermochte, wozu der Stein selbst wohl unfähig war. Maban
wußte das sehr wohl, nichtsdestoweniger unterstützte er alles, was seinem
Ansehen dienen konnte, weil er dem ökonomischen Grundsatze huldigte: Schaffe
einen höchsten Wert und halte ihn auf höchster Höhe, so hast du ein sicheres
Maß für die Bewertung jedweder Arbeit. Der übertrieben hochgesteckte Wert des
Orosteines begünstigte wohl anfangs die gute Absicht, wurde aber später zum
Verderben. Jahrungen waren seit dem Antritt der Regierung
Mabans vergangen und seine schon genannten Söhne Muhareb und Areval waren
erwachsene Männer geworden. Maban setzte alle Hoffnungen auf seinen würdigen
ältesten Sohn und Thronfolger Muhareb, während Areval, seiner heißblütigen
Mutter ähnlicher, oftmals Charaktereigenschaften entwickelte, die den Vater
nur zu sehr an seinen Schwiegervater Ksontu erinnerten: Eigenschaften, die
ihm nicht gefielen, die jedoch angesichts der gesicherten Thronfolge ihm
ungefährlicher erschienen, als sie waren. Areval war klug aber hinterlistig, genußsüchtig
und doch wieder aus Klugheit enthaltsam. Er beneidete seinen älteren Bruder
und fürchtete in ihm den zukünftigen Herrscher. Er wünschte selbst Herrscher
zu sein und suchte sich mit Getreuen zu umgeben, die ihm fest anhingen.
Allmählich, je älter der Vater wurde, festete sich in seiner Seele ein
bestimmter Plan. Er wurde unversehens von Frömmigkeit ergriffen und spielte
dem Vater gegenüber den glühendsten Bewunderer seiner Pläne. Es gelang ihm,
die Maske so gut vorzuhalten, daß Maban immer mehr Vertrauen zu ihm gewann
und glaubte, nur die schäumende Jugend habe ihn früher zu Verirrungen
geleitet, die der reifende Mann jetzt als solche erkannt und verachtete. Er
übergab ihm die Verwaltung eines der Residenzstadt nahen Distrikts und Areval
wußte so sehr seine Zufriedenheit zu erringen, daß er nach Verlauf einiger
Jahre ihn zum Vizekönig von Nustra einsetzte. Das hatte Areval gewollt,
seiner Herrschsucht war zunächst Genüge geschehen. In seiner Residenz war er
durchaus nicht mehr der gütige Herrscher, der er schien, wenn er sich auch
den von Maban geschaffenen Verwaltungsgesetzen zwangsweise unterwarf, sondern
ein Mann, der eigenwillig blieb, wo er nur konnte, der selbstsüchtig und
leidenschaftlich nur das eine Ziel kannte, sich und seinen Begierden zu
dienen. Die Zeiten, die er am Hofe seines Vaters zubringen
mußte, schienen ihm als Strafe, denn während derselben war er gänzlich dem
Willen seines Vaters unterworfen. Um so zügelloser wurde er jedesmal nach der
Rückkehr in sein Reich. Es war ihm nicht schwer gefallen, unter den
Nustranern, die wie bekannt zur Sinnlichkeit und Genußsucht neigten, Anhänger
seines Lebens zu finden. Diese wünschten nichts mehr, als Areval zu ihrem
stetigen Herrscher zu haben. Seine nächste Umgebung sorgte auch getreulich
dafür, daß Maban trotz mancher ihm zugeführten Berichte über das eigentliche
Treiben seines Sohnes im Unklaren blieb, während Areval durch ausschweifendes
Leben den ersten Keim zu einer schleichenden, Körper und Geist zerrüttenden
Krankheit legte. Zwischen den beiden Brüdern Muhareb und Areval
hatte sich im Laufe der Zeiten der Gegensatz noch mehr verstärkt, als sich
immer mehr herausstellte, daß die Staatseinrichtungen Mabans nicht zu den
gehofften Resultaten führen konnten, wenn nicht die Bevölkerung ein hohes
sittliches Ideal erreichte. Von dem war sie jedoch noch weit entfernt.
Zunächst beugte sie sich nur dem alles niederwerfenden Willen Mabans, der mit
eiserner Hand durchzuführen wußte, was er als gerecht erkannte. Die Partei
der durch ihn Großgemachten, ohne Unterschied von Stand und Ahnenkultus, der
früher eine ebenso große Rolle in Mallona spielte als jetzt noch auf der
Erde, hing zwar mit schwärmerischer Liebe an ihrem König. Jedoch die mangels
eines besonderen Verdienstes nicht mehr an der Spitze stehenden Gernegroßen,
des Vorrechtes von Geburt und Ahnenrecht sowie vieler Vorteile beraubt,
nährten in sich einen versteckten Haß, den sie auch auf ihre Nachkommen
übertrugen. Letzteren erschienen die verloren gegangenen Rechte ihrer Väter,
Unmöglichkeit von Besitz und Herrschaft, die Gleichheit und vor allen Dingen
die Notwendigkeit einer Arbeit, um leben zu können, als Undinge, die einstens
zu beseitigen das erstrebenswerteste Ziel sei. Von Muhareb war eine Änderung nicht zu erwarten.
Seine tiefe Verehrung für seinen Vater und das Erkennen der guten Absichten
war viel zu tief in ihm eingewurzelt, als daß er dessen Einrichtungen jemals
verworfen hätte. In den beteiligten Kreisen kannte man diese
Aussichtslosigkeit. Anders würde es, so hofften die Häupter der heimlichen
Gegner Mabans, falls Areval einst den Thron besteigen könnte. Muhareb blieben in seiner tiefen Erkenntnis diese
Strömungen nicht verborgen. Er litt darunter, denn sein Menschen liebendes
Herz sah voraus, welche voraussichtlichen Kämpfe entstehen müßten, falls er
den Thron würde zu besteigen haben. Er schauderte vor dem Gedanken, Blut
vergießen zu müssen, um seinen Thron zu festigen. Er wußte, wie Areval immer
mehr heimliche Anhänger sich gewann, war jedoch nicht imstande, die ihm
zugetragenen Beweise der gegen ihn gerichteten Verschwörung seinem Vater
mitzuteilen. Wußte er doch zu gut, daß dieser nicht davor zurückschrecken
würde, nötigenfalls das Blut seines zweiten Sohnes zu opfern, um seine
Schöpfung zu retten. Muhareb hatte in sich einen ungeheuren Kampf
durchzuführen, aus dem er mit freudigem Siegesgefühl hervorging. Er war
entschlossen, die Völker nicht einem gewaltigen Bürgerkriege
entgegenzuführen, seinen Bruder nicht dem Verderben zu überliefern, sondern
fest der höchsten Kraft zu vertrauen, die es zugelassen, daß Maban so Großes erreicht
hatte. Diese würde auch ihn Mittel finden lassen, das Erreichte zu bewahren
und zu schützen. In Mallona war es Sitte, daß Ehen erst sehr spät
von seiten der Männer geschlossen wurden. Man verlangte, daß jeder Mann erst
Beweise seiner Tatkraft und Charaktertüchtigkeit gegeben habe, ehe er würdig
befunden wurde, ein Weib heimzuführen. Der Grund lag in dem religiösen
Empfinden der Völker, das in dieser Hinsicht in allen vier großen Reichen das
gleiche war. Die Gottheit stellte man sich vor in zwei Prinzipien getrennt:
gut und böse, jedoch nicht sich gegenseitig befeindend, sondern ergänzend.
Die urheiligste Lehre sagte. "Was in dem Schoße der Gottheit ruht, ist
Leben und Kraft zum Lehen. Die Betätigung des Lebens ist das Wollen zum
Leben. Alles, was zu dieser Betätigung dient, ist Ausfluß göttlicher Kraft.
Geschieht es, daß dieses Ausfließen unterbunden wird, so wird die Gottheit
einstens sterben." Nach dieser Lehre war auch eine böse Tat das
Resultat göttlicher Kraft. Man unterwarf sich ihr als von der Gottheit
gewollt, verspürte man nicht Kraft genug, sie zu verhindern. Insofern sah man
selbst in seinem Feinde als Sieger den Ausfluß der Gotteskraft und unterwarf
sich ihm ohne Murren, bis die selbstbewußt gewordene Kraft des Unterdrückten
imstande war, ein Joch abzuschütteln. Hierauf ruhte zum großen Teil der
Erfolg Mabans. Das Gute, d.h. alles, was dem Menschen angenehm
war, wurde verehrt in der Form des Schönen, und zwar als weibliches Prinzip;
das Harte, Tatkräftige, das auch als Böses auftreten konnte, in der Gestalt
des Mannes. Ein schönes Weib wurde geachtet als besonders von der Gottheit
begnadet. In ihm sah man den Inbegriff des zu Verehrenden als sichtbares
Zeichen ihres Wirkens. Der Mann, welcher sich betätigen mußte, um zu
zeigen, daß er ein Ebenbild der Gottheit zu sein strebe, wurde deswegen auch
nur dann würdig erachtet, ein Weib zu freien, wenn er Beweise seiner Tatkraft
gegeben hatte. Eine Folge dieser Anschauung war, daß namentlich das schöne
Weib den Fallstricken der Eitelkeit sehr unterlegen war. Genügte es doch für
ein Mädchen, nur schön zu sein, um hoch im Ansehen zu stehen. Daß das Weib
dadurch im ganzen Leben der Mallonabewohner eine Macht ausüben mußte, die die
größten Gefahren heraufzubeschwören imstande war, falls Genußsucht, Sinnlichkeit
und Käuflichkeit an Stelle der einfachen Sitten treten würden, ist leicht
erklärlich. Weiterhin war in den Tempeln ein Kultus zu finden,
durch den die Schönheit des Weibes gefeiert wurde, der in den sittlich reinen
Zeiten des Reiches würdevoll und eingedenk des eigentlichen Sinnes sich
vollzog, später jedoch zu wüsten Orgien ausartete. Eine Erscheinung, wie sie
auch das antike Griechenland hervorgerufen hat. Die höchsten Männer des Staates konnten
unbeanstandet das ärmste Mädchen des Landes zur Gattin erheben. Diese Fälle
waren sehr häufig, jedoch mußte der Mann gewärtig sein, daß das Mädchen ihn
ausschlug. Maßgebend für das Mädchen war der Ruhm des Mannes, den er sich in
seinen Kreisen erworben. Nichts fürchtete sie mehr, als daß der Mann ihres
Herzens sich durch irgend eine Tat lächerlich machen könne. Siege auf den
öffentlichen Spielen galten ihr als eine hervorragende Ehre des Geliebten. Die einmal geschlossene Ehe war unlöslich, auch
durfte der Mann nur ein Weib haben. Dies wieder infolge der religiösen
Anschauung, daß die in eins wirkende Dualität der Gottheit sich nie wieder
trenne, sobald sie das Wollen in sich zur Tätigkeit entwickelt habe und
daraus immer neue Taten entspringen. Das Weib als Prinzip des latenten
Lebens, der Mann als das der aktiven Lebenskraft durften sich nicht wieder
trennen, um den erweckten Lebenswillen nicht wieder zu zerstören. Muhareb hatte sich umgesehen unter den Töchtern
des Landes und ganz im Geheimen hatte er ein Mädchen gefunden, das ihm das
Ideal dessen wurde, was er ersehnt hatte. Es war die Schwester Upals, des
glücklichen Finders des Orosteines. Zwischen Muhareb und Fedijah war ein inniges
Gefühl reiner Liebe entstanden, jedoch wußte Fedijah nicht, wer Muhareb war.
Er hatte bisher seinen hohen Stand verschwiegen, um sicher zu sein, daß er
seiner selbst willen geliebt würde. Auf diese Weise hatte er sich überzeugt,
welch ein Kleinod an Herzensreinheit, Tugend und hingebender Liebe er in dem
Mädchen gefunden. Fest war er gewillt, sie zu seiner Gattin zu erheben.
Schwierigkeiten, diesen Wunsch auszuführen, standen nicht im Wege. Die
bereits geschilderten Eigenschaften berechtigten jedes schöne Mädchen zur
Verbindung mit dem höchstangesehenen Manne des Landes, und Fedijah war
vollendet schön. An einem Feste, das das Geburtsfest der Gottheit
genannt wurde und als das höchste der Jahrung galt, wurden die schönsten
Mädchen zum Gottesdienste in dem Tempel bestimmt. Fedijah wurde dabei die
Zeremonie der Opferentzündung übergeben. Bei dieser Gelegenheit sah sie
Areval, der am Hofe seines Vaters die übliche Zeit zubrachte, und faßte eine
tiefe Leidenschaft zu dem Mädchen. Mittels seiner ihm auf Tod und Leben
ergebenen Getreuen erkundigte er bald, wer die schöne Opfernde gewesen, und
eines Tages war Fedijah spurlos verschwunden. Muhareb hatte, an der Seite
seines Bruders stehend, den bewundernden Ausruf Arevals über die blendende
Schönheit Fedijahs vernommen und sofort Argwohn der Liebe geschöpft, kannte
er doch zu gut die tugendhafte Maske seines Bruders. Areval reiste sofort nach dem Verschwinden
Fedijahs in sein Reich zurück. Muhareb, sicher, daß sein Bruder der Räuber
seiner Braut und bedacht sei, diese gewaltsam nach seinem Reiche zu
schleppen, eilte auf dem schneller fahrenden Wagen dem Bruder voraus und er
teilte die nötigen Befehle, an einem wenig bewohnten Orte den Troß Arevals
aufzuhalten. Areval kam in einem prunkvollen verdeckten Wagen
angefahren. Wütend über die plötzliche Störung seiner Reise, wollte er
herrisch gegen die den Wagen umgebenden Männer auffahren. Da sah er sich
seinem Bruder Muhareb gegenüber, der mit dem Schwert in der Hand seinen Wagen
allein betrat und durchsuchte. Eingeschläfert von betäubenden Mitteln fand er
Fedijah in einem verborgenen Teile des Wagens in einem Zustande, der ihm
bewies, daß Areval die heiligsten Empfindungen des Volkes, die es mit
weiblicher Schönheit verband, mißachtete. Rasend vor Wut und Schmerz erhob er das Schwert
gegen seinen Bruder und hätte ihn getötet, würde nicht dieser in seiner Angst
vor dem ihm an Körperkraft weit überlegenen Bruder die List gebraucht haben,
sich blitzschnell hinter Fedijahs Körper zu werfen und diesen zur Deckung zu
benutzen. Wenige Augenblicke genügten, Muhareb seine Besinnung wiederzugeben
und ihn von dem Brudermorde abzuhalten. Er herrschte Areval an, ihm zu
gehorchen und den Wagen nicht zu verlassen. Als er Miene machte, zu
widersprechen, sprang er auf ihn zu und fesselte ihn gewaltsam. So dann gab
er Befehl nach der Hauptstadt zurückzufahren. Die Getreuen Arevals und Muharebs hatten zwar
bemerkt, daß im Inneren des festgefügten Wagens zwischen den Brüdern ein
Streit entstanden, doch keiner hatte gewagt, sich hineinzubegeben. Schweigend
wurde der Befehl Muharebs entgegengenommen und in sausender Eile ging die
Fahrt zurück. — Kein Wort wechselten die Brüder während der Fahrt,
Fedijah blieb in tiefer Betäubung. Am Ziele angekommen, übergab Muhareb die
noch immer Leblose einem treuen Diener, der sie in das Elternhaus brachte. Er
selbst zwang Areval, ihm zu Maban zu folgen und vor dem Vater Rede zu stehen.
Dieser entsetzte sich zwar über die Tat seines Sohnes, die nach den
herrschenden Begriffen mehr als eine Schandtat war, suchte jedoch die Brüder
zu versöhnen um des fürchterlichen Aufsehens wegen, die sie im Volke machen
mußte. Muhareb bestand auf voller öffentlicher Anklage gegen seinen Bruder,
denn seiner Überzeugung nach war nur durch eine strenge Bestrafung die Sitte
des Volkes zu retten, die durch Areval in seinen Kreisen untergraben wurde. Weitschauend
erkannte er, daß nur durch Ausrottung des Übels der beginnende Verfall alten
Glaubens, die Mißachtung heiliger Empfindungen verhindert werden könne. Der alt gewordene Maban war anderer Meinung: ihm
war darum zu tun, das äußere Ansehen zu retten, er glaubte den inneren
Schaden auch ohne Lärm zu beseitigen. Muhareb stellte seinem Vater alle
Gefahren vor die Seele und bewies ihm, wohin bereits in dem Reiche seine
Nachsicht die Seelen geführt. Maban blieb bei seinem Entschlusse und befahl
sogar seinem Sohne zu schweigen und Areval zu verzeihen. Kaum war dieser Befehl von Mabans Lippen gekommen,
richtete sich Muhareb hoch auf, warf einen Blick auf seinen Vater und den
triumphierenden Areval, verneigte sich stumm und ging. Von dieser Stunde an
war Muhareb und bald darauf auch Fedijah verschwunden. Niemand hat beide mehr
gesehen. Jahrungen vergingen. Maban alterte zusehends, der Gram um seinen
Erstgeborenen fraß an seinem Herzen. Er starb und Areval wurde König von
Mallona. — König Areval
Die Bilder der Vergangenheit sind an meiner Seele
vorübergezogen und wieder sehe ich die Hauptstadt vor mir, die Heimat Upals,
der einstige Herrschersitz Mabans, die Residenz des jetzigen Königs Areval.
Auf Bergeshöhe steht ein schimmernder Palast, seine Wände glänzen wie
bläulich gefärbtes Milchglas. Herrliche Arabesken von sorgfältigster Arbeit
zieren Fensteröffnungen und Gesimse. Das Dach schimmert goldig, erhebt sich
ziemlich schräg und trägt rings um die flache Schlußecke ein goldenes Gitter.
Das ganze Gebäude ist von beträchtlichem Umfang, enthält weite Hallen und
beherrscht von seinem Standpunkte aus die ganze am Fuße des Berges
terrassenartig aufgebaute Stadt. Eine breite Treppe führt als einziger Zugang von
den ersten Stadtgebäuden zu den Vorhöfen des Schlosses. Eine starke dreifache
Mauer, gekrönt mit Zinnen und dreieckigen Türmen, umgürtet den Königssitz.
Überall sehe ich Soldaten, die Leibwache des Königs, welche namentlich die
große Treppe bewachen und es unmöglich machen, daß ein Fremder den Palast
betrete. Mich hindert die Wache nicht, keine fest verschlossenen Pforten
gebieten mir Halt. Ich durcheile prunkvolle, mit den versammelten Großen des
Reiches gefüllte Säle, weite Hallen und Gänge und gelange zu einer Reihe
hochgewölbter, kostbar ausgestatteter Räume. Nur flüchtig gleitet mein Blick
über allerhand Gerät, kostbar glitzernde Schaustücke, Waffen und
Verzierungen, denn die mich ziehende Kraft gestattet mir keine genaue
Umschau. Nun befinde ich mich in einem weiten Zimmer, unter
dessen offenem Fenster auf einem Ruhebette zwischen weichen Kissen der
unruhig sich hin- und herwälzende Körper eines kostbar gekleideten Mannes
liegt. Ein Diadem mit großem, funkelndem Stein ziert seine Stirne; der
Ausdruck des Gesichtes ist verstört, augenscheinlich leidet der Mann. Es ist
Areval, der mächtige König von Mallona. Vor ihm steht ein großer, in langem
Talar gekleideter Mann, der unbeweglich, die Augen fest auf den König
gerichtet, die Hände verborgen in den weiten Ärmeln, dem Zustande des Königs
zuschaut. — Der Kranke ächzt und leidet Schmerzen, seine Augen stieren
plötzlich ins Leere und scheinen Ungewöhnliches zu sehen. Hastig macht er
abwehrende Bewegungen, richtet sich auf und ruft: "Schaff‘ mir die Fratze vor meinen Augen
fort!" — Schnell tritt der große Mann heran, legt seine Hand auf des
Königs Stirn, murmelt unverständliche Worte und reicht ihm aus einer Schale
zu trinken. Gierig schlürft dieser den kühlenden Trank und sinkt erschöpft in
die Kissen zurück. Der König schließt die Augen und entschlummert; ein Zug der
Verachtung und des Hohnes zeigt sich auf dem Antlitz seines Trösters. Dann
löst dieser den Vorhang vor dem offenen Fenster, beugt sich über den Kranken
und flüstert ihm leise Worte zu. Tiefe Atemzüge zeigen alsbald den festen Schlaf
des Königs an und befriedigt zieht sich der Helfer zurück. Er geht zur Tür,
öffnet und gebietet zwei draußen harrenden Dienern, den Schlaf des Königs zu
bewachen. Sodann durchschreitet er drei längere Säle und gelangt in ein
Zimmer, in dem Soldaten und Diener den Zugang zu den innersten Gemächern des
Königs bewachen. Ehrfurchts- und erwartungsvoll blicken die se auf ihn. Mit
ruhigem Tone, der jedoch spitz und scharf ans Ohr klingt, sagt er: "Der
König ist ermüdet, kein Empfang heute!" — Zwei der Diener gehen in den anstoßenden großen
Saal, in dem sich die Großen des Reiches versammelt hatten, um die Absage zu
verkünden. Ein anderer schlägt einen Vorhang von einer hohen Tür zurück; man
sieht einen längeren Gang, welcher in ein offenes Zimmer ausmündet. Diesen
durchschreitet der Große und begrüßt in dem runden Gemach einen phlegmatisch
dreinschauenden Mann, der den Kommenden ruhig und freundlich betrachtet. Es
ist der Vizekönig von Monna, der hier auf Karmuno wartet, den Oberpriester
und ersten Vertrauten des Königs Areval. Im vertraulichen Ton fragt der Vizekönig:
"Wie steht es um unseren Bruder und Herrn?" Ihm wird die leise Antwort: "Besser als zu
hoffen. Die Krankheit geht langsam vorwärts. Der Kopf bleibt klar, wenn auch
die Denkkraft sich manchmal verdunkelt. Herr, die Zeit ist noch nicht nahe,
wo es handeln heißt!" — Ein Schatten fliegt über das Gesicht des
Vizekönigs. Dann sagt er ruhig lächelnd, indem er die Hand grüßend erhebt:
"Wir können warten! Karmuno kennt seinen Freund und wird ihm vertrauen.
Monna ist gerüstet für den Fall, daß unser Bruder und Herr zu dem Volk der
Toten geht." Vorsichtig nähert sich der Oberpriester dem
Vizekönige: "Areval wird weder heute noch in nächster Zeit den Rat des
Landes halten können. Nutzt diese Frist. Ich suche den König zu bestimmen, euch
als Stellvertreter einzusetzen, dies bringt uns dem Ziele näher. Könnt Ihr
dem Feldherrn Arvodo auch ganz vertrauen? In seiner Hand liegt die Gewalt der
Heeres in Mallona, wenn Ihr hier Mitregent Arevals seid. Es droht Gefahr,
wenn Ihr nicht des Mannes sicher seid." — Der Vizekönig wehrt ab und sagt mißmutig:
"Karmuno, ich weiß, Ihr seid kein Freund des Feldherrn, doch geht das
Mißtrauen weiter als es sollte. Arvodo steht fest zu mir, ich traue ihm ganz,
denn er ist getreu, doch weiß er nicht, welche Pläne uns verbinden. Er soll
es auch nicht eher erfahren, als bis die Stunde naht." Ein leichtes abwehrendes Lächeln gleitet über des
Priesters hageres Gesicht: "Ich fürchte, Arvodo wird sich nicht täuschen
lassen. Wehe uns, spielt er falsch und erwachen in seiner Brust ehrgeizige
Pläne!" Der Vizekönig erhebt sich und sagt kurz: "Wir
sind vorsichtig und wachsam, Karmuno, Ihr seid es auch, es wird uns also
nicht an dem Erfolge fehlen." Er grüßt mit der Hand und schreitet zu der Tür in
den großen Empfangssaal hinaus. Einen Augenblick bleibt der Priester in der bisher
unterwürfigen Stellung stehen. Dann erhebt er sich zur vollen Höhe, blickt
dem sich Entfernenden giftig nach und murmelt leise Worte, sodann folgt er
ihm. Im Empfangssaale ist es leer geworden. In einer
Nische stehen zwei Männer. Der eine in voller Kriegsrüstung. Eine Art
strahlender Schuppenpanzer bedeckt den Oberkörper, ein wallender weißer
Mantel mit gestickten Verzierungen hängt von seinen Schultern, ein breites
Schwert an der Hüfte. Er ist ein ideal schöner Mann nach unseren Begriffen,
kraftvoll und klug aussehend. Ein leichter Vollbart umrahmt das edle Gesicht,
das Auge ist klar. Die leicht zusammengekniffenen Lippen, die etwas gesenkten
Augenlider zeigen an, daß er mit großer Selbstbeherrschung bemüht ist, jede
Erregung des Inneren zu verbergen. Der neben ihm stehende, fast gleich
gekleidete kleinere Gefährte zeigt auffallende Ähnlichkeit mit ihm, ich
erkenne, es sind Brüder. Der Vizekönig schreitet an beiden vorüber,
freundlich lächelnd die Rechte erhebend. Ein Gruß, der nur befreundeten
Personen geschenkt wird. Beide danken, indem sie die Rechte zur Erde senken
und den Kopf neigen. Karmuno nähert sich jetzt den beiden und redet den
Großen an: "Arvodo wolle mir stets Freundschaft
bewahren!" Verbindlich antwortet der Angeredete: "Karmuno weiß, wie
glücklich er seine Freunde durch seine Liebe macht." Seufzend sagt der Priester: "Des Königs
Zustand gestattet ihm nicht, dem Feldherrn heute neue Beweise seines
Vertrauens zu geben. Der König ist sehr krank!" "Karmunos Kunst wird seine Krankheit zu
bannen wissen, wie schon oft. In seiner Hand ist Areval wohl geborgen." Ein lauernder Blick des Priesters und Arztes
trifft den Sprechenden, der ihm jedoch verbindlich lächelnd ins Auge schaut.
Gewichtig sagt er dann: "Arvodo sollte heute zum Ober-Feldherrn von
Mallona ernannt werden, in seiner Obhut wird König Areval vor allen Feinden
sicher schlafen können." Beteuernd legt Arvodo seine Rechte auf die Brust
und sagt in ernstem Ton: "Unserem Herrn, dem König Areval, gehören meine
Dienste und mein Leben. Seine Feinde sind die meinen!" Karmuno weiß nichts darauf zu erwidern. Er grüßt
und geht. Die beiden Brüder wechseln einen verständnisinnigen Blick, sodann
wenden auch sie sich dem Ausgange der Halle zu und verlassen den Palast. Als beide an den Stufen der großen Freitreppe
stehen, blickt Arvodo auf die vor ihm liegende Stadt und die herrliche sie
umgebende Gebirgsgegend. Ernst blickt er auf das wunderbare Panorama und sagt
leise zu dem Bruder: "Eine Gegend, herrlich und lieblich, und eine
Stadt, zeugend von der Kraft unseres Volkes. Und dennoch nur ein Sitz von
verkommenen Seelen! Werde ich sie zurückführen können? Mir bangt vor der
Aufgabe und dem glücklichen Gelingen." Ohne eine Entgegnung des Bruders abzuwarten,
schreitet er schnell die Stufen hinab. Unten am Fuße der Treppen außerhalb
der Wachen, steht Upal in wartender Haltung, gespannt auf Arvodo blickend.
Der feste Blick Upals bewegt den Feldherrn, ihn näher anzusehen. Eine
eigentümlich neigende und gleichzeitig kreisende, unauffällige Bewegung des
Kopfes, die Upal bei seinem Gruße ausführt, überrascht Arvodo ersichtlich. Er
winkt ihn heranzutreten und fragt leise: "Wer bist du?" — Freudig
sieht Upal in das edle Antlitz des Feldherrn und flüstert: "Herr, ein
Diener der Unglücklichen! Upal ist mein Name." "Du willst mich sprechen?" "Ja, Herr, doch im Geheimen und Euch
allein!" "Komme, wenn der Abend sinkt." — Upal legt die Hand auf seine Brust und entfernt
sich stillschweigend. — Schnell wendet sich Arvodo jetzt seitwärts zu
seinem Bruder, flüstert ihm zu: "Es ist ein Getreuer!" und geht
schnell einem Platze zu, wo eine Anzahl ähnlicher kleiner Wagen stehen, wie
ich sie auf der Fahrt Upals nach der Hauptstadt gesehen. Die Brüder besteigen
ein kostbar ausgeschmücktes Gefährt, das von einem Diener Arvodos geführt
wird, und schnell eilt dasselbe durch die breiten, volksgefüllten Straßen der
Stadt. Die nicht sehr hohen Häuser sind geschmückt mit
Blumen, auf den flachen Dächern sind überall künstliche Gärten angelegt. Ich
sehe allerhand mir unbekannte, breitblätterige Schlingpflanzen in Kübeln,
zusammengestellt zu Laubgängen, die schattige Ruheplätze bieten. Nach der
Straße zu oftmals farbige Vorhänge, zugezogen zum Schutze gegen neugierige
Blicke. Alles zeigt Wohlstand, selbst Reichtum der Bewohner. Wir sind im
Viertel der Wohlhabenden, die mit den Sorgen des Lebens nicht zu kämpfen
haben. Vor einem größeren Gebäude hält jetzt der Wagen Arvodos. Die beiden
Brüder steigen aus und betreten das Haus; es ist das ihrige. Sie werden von
Dienern empfangen und in die inneren Gemächer geführt. Arvodo entledigt sich der Rüstung; er zieht ein
weites, mantelartiges Hausgewand an, ähnlich der römischen Toga. Sein Bruder
hat dasselbe getan und jetzt begeben sie sich auf das Dach ihres Hauses, wo
sie unbelauscht von Spähern sich unterreden können. Eine schmale Treppe führt
hinauf, sie wird oben abgeschlossen durch ein Gitter. Arvodo verschließt
dieses und beide Brüder sind nunmehr ungestört in dem Dachgarten, ein
Kunstwerk gärtnerischen Geschmackes. Blühende Blumen, Lauben ringsum, die
Pflanzen eingepflanzt zwischen künstlich zusammengebauten Steinen; nirgends
unschöne Töpfe, alles zierlich, der Natur getreu nachgeahmt und doch nicht
das Dach des Hauses zu stark belastend. Arvodo setzt sich in seine Laube, von der aus der
Aufgang zum Dachgarten beobachtet werden kann, sein Bruder betrachtet ihn
besorgt und liebevoll. Schweigend gleitet des Feldherrn Blick über die
duftende Blumenpracht der benachbarten Gärten. Eine finstere Falte hat sich
zwischen die Augenbrauen gelegt und aufseufzend begegnet sein Blick jetzt dem
seines Bruders. "Deine Gedanken sind nicht freudig,
weshalb?" fragt ihn der jüngere Rusar. "Wie könnten sie es sein, wenn ich mich in
allem gehemmt sehe! Areval hat es verstanden, alle Schätze derart an sich zu
reißen, daß dem ausgesogenen Volke nichts geblieben. Auch wir, die Großen,
hängen nur von seiner Gnade ab. Er kann jeden durch ein Machtwort zum Bettler
machen und hat es auch schon mit vielen getan, die es wagten, ihm
entgegenzutreten. Das Heer ist größtenteils ihm ergeben; es führt das müßige,
üppige Leben doch nur durch seine Schätze. Ja, gehörten die Schätze des Wirdu
mir, wie bald wäre es mit diesem Könige vorbei, der das Volk so tief
hinabgeführt, als einst Maban es groß gemacht!" "Vergißt mein Bruder ganz, daß er die
Hoffnung des Heeres ist, daß man mit Stolz auf ihn blickt als den fähigsten
Feldherrn, der mit Kriegsruhm bedeckte?" Arvodo lacht auf: "Ein schöner, ein herrlicher
Ruhm, mit einer Übermacht gegen ein aufständisches Völkchen von Nustra zu
ziehen, das der Lasten müde ist, nicht mehr die Steuern erschwingen kann und
sich deshalb empört; ein noch größeres Werk, es zu besiegen. Ein Schandwerk
jedoch, es zu bestrafen und den Henker zu spielen. — Von unserem Vater
lernten wir die Grundsätze und die Bestrebungen Mabans. Mit Schaudern erkenne
ich, wie tief wir gesunken sind. Mit Schmerz, daß vielleicht kein Zurück mehr
möglich und daß die Völker Mallonas zerrüttet und vernichtet wurden durch
diesen König, den der Fluch der Gottheit uns gegeben. Ich habe geschworen,
den Versuch zu wagen, Änderung zu schaffen. Mein Leben steht auf dem Spiel,
doch nutzlos will ich es nicht wagen." — "Warum so verzagt, die Vizekönige von Nustra
und Sutona stehen auf deiner Seite, sie sind getreu." "Gewiß, und wenn auch nur getreu, um nicht
länger Areval dienen zu müssen. Auch den schlaffen Monnakönig fürchte ich
nicht. Die Tage des Vizekönigs von Nustra sind gezählt, er ist alt und wird
bald zu den Göttern gehen. Gelingt es mir, an seiner Stelle zunächst in Monna
zu herrschen, so wird mein Bruder den Platz, den ich ihm einräume, sich zu
wahren wissen." Rusars Augen leuchten auf bei diesen Worten und
sich zu dem Bruder neigend flüstert er: "Keine Macht kann mich trennen
von dir, mit dir will ich sterben oder leben, um König Mabans Vermächtnis zu
retten." "Vielleicht heißt es sterben", sagt
düster Arvodo. "Gelingt der Handstreich nicht, zuerst die Schätze
Arevals zu erlangen und somit das Heer zu füttern, sind wir verloren. Du
weißt, wie wachsam Karmuno ist, dieser Beherrscher des kranken abgelebten
Königs, der im Lande herrscht und allen eine so demütige Miene zeigt, daß er
die meisten täuscht. Ich weiß, wohin er strebt. Die Hand Artayas will er erringen,
um sich durch die Tochter Arevals, einst mit ihr vermählt, das Recht auf den
Thron zu sichern." Heftig fährt Rusar auf: "Artaya, die Gattin
des niederträchtigen Karmuno, nimmermehr!" "Steht Artaya auch deinem Herzen so nahe, daß
der Gedanke dich so aufbringt?“ fragt Arvodo. — "Bruder, ihr alle beurteilt das Mädchen
falsch! Sie ist nicht nach dem Vater geraten, Falschheit ist ihr fremd." "Wolle Allvater, daß du die Wahrheit
sprächst, doch hüte dein Herz. Schon lange sah ich, daß deine Augen sie nicht
gleichgültig betrachten. Doch sage, Bruder, wenn du ihre Hand erringen
könntest, so wirst du auf friedlichem Wege, was ich nur mit Gewalt erreiche,
nämlich Herrscher von Mallona. Für dich liegt die Wahl zwischen deinem Bruder
und Artaya." "Als wüßte ich nicht, daß Areval mir nie die
Hand seiner einzigen Tochter gewähren würde. Selbst wenn er wollte, der
Widerstand Karmunos ist nicht zu überwinden. Auch mich kann nur Gewalt zu dem
gewünschten Ziel bringen. Ist mein Bruder Herrscher von Nustra, so ist er es
auch bald von Mallona. Aus seiner Hand würde ich alsdann die Gattin
erhalten." "Wenn sie selbst es will, gewiß." Rusar
blickt unmutig den Bruder an. "Oder soll ich die von Maban dem Weib
gewährte, durch Areval längst untergrabene Freiheit des Entschlusses nicht
auch dem Volke zurück erobern?" — "Verzeih die Regung der Selbstsucht in
mir", antwortet verlegen Rusar, "doch du hast recht wie
immer." Der Ton einer Glocke erschallt aus den unteren
Räumen. Arvodo richtet sich auf. "Wir werden gestört, still!" An den letzten Stufen vor dem verschlossenen
Gitter erscheint ein Diener. Er meldet, daß hohe Gäste Arvodo erwarten und in
den unteren Gemächern seiner harrten. Schnell öffnen die Brüder und begeben
sich hinab. In einem kostbar ausgestatteten Zimmer, dessen weite, offene
Fenster die laue Luft ungehindert eintreten lassen, stehen sechs Große des
Reiches und werden von Arvodo mit Freundlichkeit und Hoheit begrüßt. Der
älteste von ihnen, ein Mann in anscheinend mittleren Jahren, tritt vor und
spricht im Tone der Ergebenheit: "Herr des Kriegsvolkes, im Auftrage und
Namen des Königs, unseres Gebieters, überreiche ich Euch das Zeichen der
Macht, welches Ihr nunmehr mit dem Könige tragen sollt. Das tückische Leiden
desselben versagte ihm heute die Freude, Euch dieses Ehrenzeichen vor den
versammelten Großen des Reiches zu überreichen, doch ist es sein Wille, nicht
länger Euch dasselbe vorzuenthalten. Er begibt sich hiermit unter den Schutz
seines Feldherrn, dieser wolle es tragen als ein Höchster in Mallona!" Der Sprecher übergibt dem Feldherrn einen Ring.
Die genaue Nachbildung dessen ist es, den wir schon kennen; keinen
Unterschied kann ich entdecken zwischen ihm und dem anderen schon gesehenen. Arvodo bleibt kalt, er nimmt den Ring entgegen,
steckt ihn an den vierten Finger der rechten Hand, ballt sie zur Faust und
streckt diese empor. "Areval soll die Macht, die er mir gibt, nicht
einem Unwürdigen gegeben haben. Ich harre des Augenblickes, wo ich dem König
selbst meinen Dank zu Füßen legen darf! Sagt ihm, sein Feldherr hält von nun
ab treue Wacht!" — Die Anwesenden verbeugen sich tief und rufen
gleichzeitig: "Wir ehren in Dir die Macht unseres Königs Areval, Heil
Dir und ihm!" In höflichsten Redewendungen spricht nunmehr Arvodo und
dessen Bruder mit den Abgesandten, die die größte Ergebenheit dem nunmehr
mächtigsten Manne zeigen: dem Stellvertreter des Königs, dem Gebieter aller
Heere in Mallona, der mit königlicher Macht ausgerüstet ist und keinem
anderen mehr als nur seinem Herrscher verantwortlich ist. — Die Abgesandten
entfernten sich wieder, dann sind die Brüder allein. — Länger kann der
jüngere Rusar die Maske der Gleichgültigkeit nicht mehr tragen. Seinen
älteren Bruder erregt umschlingend, ruft er triumphierend: "Erreicht ist
das Ziel!" Finster schaut Arvodo nieder und sagt dumpf:
"Ja, erreicht! Doch der Preis ist hoch, ich opfere mein eignes Selbst,
mein besseres Ich. Was uns der Vater lehrte, Ehrlichkeit, Treue, Wahrheit und
Offenheit, sie sind Schatten in mir geworden um des Zieles willen. Wird es
möglich sein, aus dieser Saat des Truges einst köstliche Früchte zu ernten,
Mabans Vermächtnis zu retten?" — Rusar meint leichthin: "Mein Bruder wird das
vermögen, jetzt nur voran und nicht gegrübelt!" — Ein Zug festester Entschlossenheit zeigt sich auf
Arvodos Antlitz, er richtet sich hoch auf: "Ja, ich werde es vermögen!
Doch was hat den König bewegt, so außergewöhnliche Schritte zu tun, das
Zeichen der königlichen Gewalt mir zu übersenden? Es ist nie Sitte in unseren
Landen gewesen, anders als vor versammeltem Volke und Hofe persönlich die
Gewalt zu verleihen. Ich muß zu ihm, ich muß die Gründe wissen und der
Pflicht genügen, meinen Dank sogleich abzustatten. Folge mir zum König." In einem kostbar ausgestatteten Zimmer sitzt König
Areval an der Seite eines jungen, wunderbar schönen Mädchens. Es ist seine
Tochter. Sie spielen ganz vertieft ein fremdes Spiel, ähnlich dem Schach.
Areval scheint den Anfall überwunden zu haben, denn nichts verrät an ihm, daß
er krank war. Jetzt führt die Tochter einen entscheidenden Zug aus und hell
auflachend erklärt sie den Vater für besiegt. Areval nickt und lehnt sich tief aufatmend in die
Kissen des Ruhebettes zurück. Sein Auge ruht wohl gefällig auf Artaya, deren
herrliche, doch kalte Schönheit anzeigt, daß in diesem Mädchenherzen das
Gemüt wenig ausgebildet ist. Artaya ist sich ihres blendenden Äußeren bewußt,
doch innerlich berechnend, grausam und lüstern; stets bereit, ihre Wünsche um
jeden Preis durchzusetzen, gleichviel, welche Folgen daraus entstehen; ihren
Launen unterworfen, ohne inneren Halt, ein würdiger Sproß des Vaters. Ein Diener tritt ein und meldet dem König, daß der
Feldherr Arvodo bereit ist, seine Wünsche zu hören. In Arevals müden Augen
zuckt es plötzlich auf, er lächelt und gibt den Befehl, den Harrenden zu ihm
zu führen. Artaya erhebt sich, setzt das Spiel mit den Figuren langsam
beiseite und zeigt sich besorgt um Areval. Augenscheinlich will sie Zeit
gewinnen, den Erwarteten noch zu begrüßen, trotzdem es Sitte ist, daß sich
die Frauen entfernen, wenn Männerbesuch zu erwarten ist. Nur wenn letzterer
vom Hausherrn bereits empfangen, haben sie Zutritt, falls sie dazu
aufgefordert werden. Der schwere Teppich vor dem Türeingange wird
zurückgeschlagen und Arvodos hohe, in strahlenden Schuppenpanzer gekleidete
Gestalt wird sichtbar. Ein verlangender Blick Artayas trifft Arvodo, nicht
unbeachtet von ihm, dann schlüpft sie schnell in ein Nebengemach. Arvodo
bleibt an der Türe stehen, tief neigt er seine Arme zur Erde. Der König sieht
ihn scharf an und macht eine Bewegung, daß er näher treten soll. Es
geschieht. Plötzlich fährt Areval empor und sagt:
"Arvodo, Ihr seid mein erster Feldherr, Ihr habt, die Pflicht, mein
Leben mit dem Euren zu schützen! Seid Ihr gewillt, das zu tun?" Arvodo antwortet: "Mein König weiß es!" "Ich gab Euch das Siegel meiner Macht, Ihr
tragt es so wie ich." Er hebt die Hand und zeigt den Ring an seinem
Finger. Es ist der gleiche, wie ihn Arvodo übersandt erhielt. "Werdet
Ihr es nie mißbrauchen?" — "Zweifelt mein König, so gebe ich zurück, was
ich empfing!" Arvodo macht eine Bewegung, den Ring vom Finger zu
streichen. "Laßt das!" — Arevals Stimme sinkt zum
Flüstertone. "Noch weiß ich, was ich will. Kommt näher, ganz nahe. —
Jetzt hört. — Ich kenne Euch, Arvodo, als einen Mann von Wort und ich
vertraue Euch ganz allein. Ihr sollt mich schützen vor diesem Priester, von
dem ich abhänge und den ich dennoch hasse! Ihr staunt? Das habt Ihr nicht
erwartet. — Unterbrecht mich nicht. Ich könnte ihn töten, so hasse ich ihn,
doch ohne ihn lebte ich vielleicht nicht mehr. Er ist ein guter Arzt, nur
seiner Kraft allein verdanke ich mein Leben. Ich leb' durch ihn. Wenn es mich
packt, rasende Schmerzen meinen Körper durchtoben: sein Wort, seine Hand
bannen sie! Wenn wilde Gestalten, Fratzen und die Gespenster der
Vergangenheit auftauchen, kann sie dein Schwert, Arvodo, nicht vernichten.
Denn sie sind Schemen, nicht faßbar, unverwundbar durch die Waffe. So ist
sein Wort allein nur mächtig, sie zu bannen. — Ich, der mächtige König dieser
Welt, bin rettungslos in seinen Händen. Ich weiß, wonach er strebt. Die Hand
Artayas will er, er hat es angedeutet, und mein Wille, der nur fest ist, wenn
er nicht hier weilt, fängt an zu erlahmen. Noch widerstehe ich ihm, wer weiß
wie lange? Du, — du sollst mich retten, Arvodo, hörst du, dein König, dein
Herr, er bittet dich!" Arevals Gesicht verzerrt sich in Angst. Er blickt
Arvodo an, der starr vor Staunen atemlos den geflüsterten Worten lauscht. "Artaya liebt dich, ich weiß es längst, du
sollst ihr Gatte werden, du sollst den Thron nach mir erhalten! Du bist der
Würdigste von allen den schmeichlerischen Kreaturen, die vor mir sich beugen.
In dir will und werde ich die Kraft zurückgewinnen, die ich suche. Hahaha,
sie sollen dann wieder vor mir zittern so wie früher, die Schurken, die mich
jetzt verspotten und verlachen, weil ich krank und schwach geworden! Noch
lebt in mir der Funke, den du zur Flamme entfachen wirst, du sollst der Arm
sein, den mein Wille leitet." Areval atmet schwer vor innerer Erregung,
plötzlich starrt er in eine Ecke des Zimmers: "Sieh dort, dort, da wallt
es wieder auf in schwarzem Nebel, Gesichter blicken hervor mit glühenden
Augen. Ich kenne sie, das ist mein Bruder und Fedijah und andere, die mich
verfluchten! Arvodo, schütze mich vor ihnen, sie kommen näher!"
Angstvoll klammert sich Areval an den Feldherrn und sucht sich hinter ihm zu
verbergen. Arvodo springt auf. Rasend schnell schossen die Gedanken durch
seinen Kopf, als er die Lage erkannte, und seinem entschlossenen Charakter
angemessen, sucht er Herr der Situation zu werden. Er reißt sein Schwert aus der Scheide und spricht
fest und laut: "Sieh, König Areval, so verjage ich in Nichts auch deine
unsichtbaren Feinde!" Dann schlägt er wuchtige Lufthiebe nach der Ecke
hin, wo der König die Gestalten gesehen, und freudig auflachend stellt er
sich selbst in die äußerste Ecke. Zum König gewandt, ihm fest in die Augen
blickend, das Schwert in die Scheide stoßend, ruft er aus: "Ich habe
gesiegt, König Areval! Zeige mir, wo noch ein Feind ist, damit ich ihn vernichte!"
— Arevals Antlitz zeigt Staunen und Bewunderung.
"Ein Wunder, Arvodo, ein Wunder bist du!" Stammelnd flüstert er:
"Er hat dieselbe Kraft wie Karmuno, die Geister fliehen vor seinem
Schwert. Er wird mich schützen — schützen." Arevals Augen werden müde;
wie nach jedem Anfall tritt auch jetzt bei ihm Schlafbedürfnis ein. Arvodo
eilt näher und bettet den König auf sein Ruhelager. — Areval murmelt:
"Gut so, gut. Morgen sehe ich dich wieder, hörst du, morgen!" Dann
schläft er ein. — Arvodo will sich zur Tür wenden, um den Dienern
draußen Befehle zu geben, da wird seitwärts schnell der Vorhang zurückgezogen
und Artaya eilt hervor. Glühend und strahlenden Auges steht das schöne
Mädchen vor dem Feldherrn und sagt lächelnd: "Habt keine Sorge um den
Vater, sein Schlaf wird ungestört bleiben, ich sorge dafür. Hat Arvodo keine
Antwort auf meines Vaters Wunsch?" Arvodo erwidert höflich: "Herrin, der König
ist krank, morgen werde ich ihn gesünder sehen, dann werden seine Wünsche
vielleicht andere sein." Artaya sieht ihn unwillig an: "Gleichviel, ob
sich seine Wünsche ändern, die meinen bleiben, und ich will dich!"
Leidenschaftlich eilt sie auf Arvodo zu und wirft sich in seine Arme:
"Hörst du, dich will ich, dich, du wirst mir nicht widerstehen!"
Sie umschlingt Arvodo schnell und küßt ihn: "Jetzt bist du mein, mit
diesem Kuß bin ich dir geweiht, verschmähst du mich, so fürchte meine
Rache!" — Schnell ist Artaya in das Nebengemach geschlüpft,
den halb betäubten Arvodo zurücklassend. Es erklingen Stimmen von dort, und
um den Kommenden auszuweichen, verläßt Arvodo schnell das Gemach und den
Königspalast. Nach den Höhlen des Wirdu
Arvodo ist wie betäubt in seinem Palast
angekommen. Mit erleichtertem Herzen hört er, daß sein Bruder das Haus
verlassen habe. Es ist ihm wohltuend, jetzt nicht Rede stehen zu brauchen, er
will allein sein und überlegen, was zu tun ist. In sein einsames
Arbeitszimmer zurückgezogen, schaut er düster zu Boden, während die
widerstreitendsten Empfindungen seine Brust durchziehen. Er sieht seinen
Bruder im Geiste, der wie er weiß Artaya liebt, in den Banden der Eifer
sucht, wenn er ihm eröffnet, was er erfahren. Er sieht sich am Ziele, falls
er Artaya und dem Wunsche des Königs nachgibt, die er beide verachtet. Das
grinsende Gesicht des Oberpriesters Karmuno lächelt ihm zu, der selbst nach
der Herrschaft strebt und durch die Priesterschaft im Lande einen gewaltigen
Einfluß auf die Volksschichten ausübt. Glauben diese doch in ihm den Mann zu
sehen, durch den die Gottheit ihren Willen dem Könige Areval kundgibt. Arvodo fühlt sich nicht sicher genug für das
Gelingen eines kühnen Handstreiches, doch nur zwischen diesem und dem neu
sich eröffnenden Wege, Gatte Artayas zu werden, hat er zu wählen. Zu ersterem
braucht er die unbedingte Gefolgschaft des Heeres. Wie sehr diese jedoch von
den Mitteln abhängig ist, die er dem durch die Schätze Arevals verwöhnten
Heere gewähren kann, ist ihm nur zu bekannt. Allerdings ist im Weltenreiche
kein Name so beim Heer geachtet als der seine, doch diese Achtung allein
nützt ihm nichts ohne eigene Schätze. Über die Hüter und Wächter der
Schatzkammern in der Hauptstadt des Königs, sowie über die zahlreiche
Besatzung derselben hat Arvodo keine Amtsgewalt; nur Areval allein gebietet
hier und Karmuno. Arvodos Vermögen reicht bei weitem nicht aus, nur
eine Tagung lang den Sold zu zahlen, den die Leibwache des Königs verbraucht,
denn dieser ist dreifach höher als der aller anderen Soldaten im Reiche. Er
schaudert vor dem Gedanken, Artayas Gatte zu sein, deren Schönheit ihn nicht
blendet. Er wäre ihr nach den Gesetzen untertan, da er nicht königlichen
Blutes ist. Sie würde stets seine Herrin bleiben und bald in den Armen eines
Günstlings seiner vergessen. Eine Verbindung mit ihr wäre ihm sichere
Vernichtung seiner heiligen Pflichten gegen das Geheimnis Mabans, das ihm
anvertraut wurde von dem sterbenden Vater. Vor Arvodos Auge taucht das Antlitz des Vaters
auf. Er durchlebt nochmals, wie dessen erlöschender Blick auf ihm in der
sicheren Hoffnung ruht, daß der Sohn ausführe, was ihm nicht gelungen. In
sein Gedächtnis haben sich tief die Worte eingegraben, mit denen er dem
Sterbenden das gewichtige Gelöbnis aussprach. Er ist fest gewillt, es zu
halten. Arvodo springt auf, er ist entschlossen, den einmal betretenen Weg
weiter zu wandeln. Die Mittel, zum Ziele zu gelangen, müssen sich ergeben. Es ist inzwischen dunkler geworden. Arvodo geht
zum Fenster und schlägt die Vorhänge zurück, so daß der warme Abendhauch
durch das Zimmer streicht. Nach wenigen Augenblicken tritt ein Diener ins
Zimmer und stellt eine metallene Säule auf den Tisch. Sie trägt eine
glänzende Kugel, die helles und doch mildes Licht ausstrahlt, das das Zimmer
in den dunklen Teilen scharf beleuchtet. Es ist eine Manga-Lampe, welche,
ohne Flamme brennend, nur durch chemische Eigenschaften ein Licht ausstrahlen
kann, stärker als alle unsere irdischen künstlichen Lichtquellen. Der Diener meldet Arvoda, daß ein Mann den
Feldherrn zu sprechen verlange, weil dieser ihn auf die Abendstunde
herberufen hätte. Arvodo fällt die Begegnung mit dem Getreuen ein und kurz
gibt er Befehl, den Wartenden zu ihm zu führen. Bald tritt Upal ein und
bleibt ehrfürchtig an der Tür stehen. Den ihn begleitenden Diener schickt
Arvodo fort mit dem Bedeuten, er solle sorgen, daß keine Störung eintrete.
Fest sieht Arvodo auf den jetzt gutgekleideten Upal und sagt zu ihm: "Du gabst mir das Zeichen der Getreuen, noch
nie habe ich dich gesehen, lehre mich dich erkennen!" Statt aller Antwort greift Upal in eine geheime
Tasche seines Gewandes und überreicht dem Feldherrn einen verschlossenen
Brief. Arvodo nimmt das Schreiben entgegen, öffnet und liest lange mit
steigendem Erstaunen. Dann wendet er sich an Upal mit freundlichem Tone: "Durch dieses Schreiben habe ich dich
wahrhaft als zum Bunde der Getreuen gehörend erkannt! Einen besseren
Fürsprecher als den Schreiber dieses Briefes konntest du nicht haben. Ich
glaube dir. Ich weiß nunmehr, daß ich dir vertrauen kann, doch erzähle mir
von dem, was nach dem Briefe du nur mir allein mitteilen willst." — Upal holt tief Atem und beginnt seine
Lebensgeschichte zu erzählen. Er schildert, wie seine verschwundene Schwester
von Areval entführt und von Muhareb wieder befreit wurde. Er gesteht seinen
glühenden Haß gegen den König, der nach dem Verschwinden Muharebs gegen seine
Familie den ganzen Zorn entflammen ließ und nicht eher ruhte, bis sie in die
höchste Armut gestoßen worden; wie der Vater nur dadurch der Verfolgung
Arevals entging, daß er sich dem Tempeldienste in der niedrigsten Stufe der
Diener widmete. Als Kranker ward er jedoch auch dort entlassen und brotlos.
Alt und schwach geworden, lebte er nur durch kärgliche Unterstützung Upals
und einiger mitleidiger Freunde, die ihm aus besserer Zeit geblieben. Upal
schildert nun lebhaft, wie er Sklave des Königs in den Höhlen des Wirdu
geworden, weil er die Abgaben nicht mehr erschwingen konnte, und wie er dort
den Orostein gefunden, der ihn reich gemacht. — "Hat Areval dich nicht erkannt als Bruder
Fedijahs, als du ihm Bericht gegeben über deinen Fund?" fragt Arvodo. "Herr, ich habe den König nicht gesehen,
Karmuno hörte meinen Bericht, der König war krank! Auch sind der Jahre viele
hingegangen, seit er mich zuletzt gesehen; mein Name ist geändert, Areval
weiß nicht, wer Upal ist. Es ist die Aufgabe meines Lebens, mich vor ihm zu
verbergen, um ihn zu vernichten. Darum ward ich lange schon ein Glied im
Bunde der Getreuen. Ihn zu verderben gilt mir alles, und du, Herr, wirst auch
meine Schwester, mein Haus an dem Verruchten rächen." Upal ist vor Arvodo niedergesunken und beugt als
Zeichen seiner unlösbaren Ergebung vor ihm tief den Nacken. Arvodo tritt zu
ihm und legt seine Hand auf dessen Haupt. "Du beugst dich mir! Wohlan.
Ich nehme das Opfer an, Upal. So sei nunmehr der meine, mir verbunden bis in
den Tod!" Upal ergreift die Hände des Feldherrn und flüstert
mit erstickter Stimme: "Dank, Herr, daß du mich angenommen! Doch der
Sklave kann sich schon jetzt dankbar erweisen, und beim Schodufaleb, Herr,
ich will es!" Upal erzählt nun dem in immer größeres Staunen
geratenden Feldherrn, was er in den Höhlen des Wirdu entdeckt. Daß die
ungeheuren Schätze zu heben gar nicht so schwer sei. Daß er ihm den Weg
zeigen könne und daß es Arvodo leicht sein müsse, mit den ihm zu Gebote
stehenden Mitteln heimlich ein ungeheures Vermögen, größer als das des
Königs, zu sammeln. Er erzählt ihm, wie er mittels des Flugapparates bei
günstigem Winde unermüdlich geforscht habe, bis er den gewaltigen Felsenspalt
gefunden, der tief bis in das Innere der Höhlen reicht. Wie er es dann gewagt
habe, sich mit dem Apparat hinabzulassen und gewaltige Entdeckungen gemacht
habe. Fast entsetzt blickt Arvodo auf Upal "Du hast
es gewagt, dich in die Lüfte zu erheben? Wahrlich, wenige sind es in Mallona,
die so kühn sind, die Flugschiffe zu besteigen. Wir fürchten das unsichere
Element der Luft und auch des Wassers." Lächelnd meint Upal: "Es ist nicht so
gefahrvoll, als das Volk und die Großen meinen: mir begegneten keine
hemmenden Dämonen, das Flugschiff zu zertrümmern. Groß war der Geist des
Meisters Mirto, der das Mittel fand, den Äther zu zwingen, doch zu klein ist
der des Volkes, um zu würdigen, was er uns gab. Doch wohl uns, Herr, daß dem
so ist, wie würdest du sonst die Schätze heben." Kalt und ruhig steht Arvodo da, dann sagt er
plötzlich: "Ich will die Schätze sehen. Bist du bereit, sie mir zu
zeigen, mich in dem Flugwagen hinabzuführen?" Erfreut ruft Upal: "Herr ich wußte, daß du
dich mir anvertrauen würdest, nur du allein noch wagst entschlossen das, was
außer mir keiner jemals ausgeführt. Befiehl, ich bin bereit." "Wo ist dein Flugwagen?" — "Er liegt wohlgeborgen in unzugänglicher
Gegend an einem nur mir bekannten Orte. Leicht gelangt man im Wagen bis nahe
dorthin." "Wie lange brauchst du Zeit, uns
zurückzuführen?" "Herr, es wäre gut, wolltest du zwei Tagungen
dafür opfern, denn nur nachts können wir ungesehen den Weg zurücklegen."
"Bereite alles zur Fahrt morgen Abend.
Erwarte mich am großen See, dort, wo die Straße seinen Ufern am nächsten
läuft. Ich werde kommen, sobald die Sonne sinkt. Jetzt geh, die Fahrt ist
weit, die wir zurückzulegen haben. Was ich noch zu fragen habe, verspare ich
auf morgen." — Upal grüßt schweigend mit innigem Blick und geht.
Arvodo bleibt tief in Gedanken zurück, kühn blitzen seine Augen, seine Lippen
lispeln: "Am Ziele wäre ich fast, wenn es völlig wahr ist, was dieser
Mann mir sagte." * Es ist sternenhelle Nacht. Im Westen schimmert
noch der leuchtende Glanz der untergegangenen Sonne, balsamisch haucht ein
warmer Abendwind über die Fluren. Am Himmel erglänzen als ein wunderbarer
Anblick im Zenit und am Horizonte zwei Monde. Sie zeigen verschiedene Phasen.
Im Laufe der Nacht wird auch der dritte Mond noch aufgehen als
hellbeleuchtete Scheibe. Doch diese Monde sind kleiner als der eine unserer
Erde. Sie geben zusammen noch nicht die Helligkeit, die unser Mond der Erde
spendet. Im Osten in der Ferne liegt die Stadt, umgeben nach der Südseite von
Wäldern und Wiesen, die Nordseite beherrscht von der stolzen Königsburg. Am Horizont erheben sich hohe Berge, verschwimmend
im tiefen Blau der Nacht. Ein breiter See dehnt sich zwischen einer
Hügelkette und der Stadt, seine klare Flut ist unbewegt wie ein Spiegel. Ein
breiter Weg führt an seinem Ufer entlang von der Stadt her. Es ist die
Landstraße, welche die Hauptstadt Arevals mit der nächsten bedeutenderen
Stadt seines Reiches verbindet. Sie läuft neben der früher geschilderten
Staatsstraße, auf der die Schätze aus der Kratergegend herbeigeschafft
werden. Erhabene Ruhe ist über die ganze Landschaft gebreitet,
auf die hellschimmernd die leuchtenden Sterne des Firmamentes nieder blicken.
Dicht am See befindet sich ein hohes Gebüsch von blühenden Sträuchern, die
ihre Zweige bis zur Erde senken. Im Schatten derselben ruht Upal versteckt,
nur den Kopf zeitweilig erhebend und aufmerksam die Straße entlang blickend,
ob Arvodo naht. Bereits ist die Stunde vorüber, die der Feldherr ihm
angegeben, und ängstliche Zweifel, ob Hindernisse sein Kommen unmöglich
machen, durchziehen seine Seele. Da erscheint auf der Landstraße unten ein
schwarzer Punkt und kommt rasch näher. Es ist einer der schnellfahrenden
Wagen, deren sich Mallonas Bewohner bedienen. Nun weiß Upal, daß sein Warten
nicht vergebens gewesen. Er springt auf und stellt sich so, daß der Besitzer
des Wagens, der sich rasend schnell nähert, ihn bemerken muß. Der Wagen fährt
langsamer. Upal erkennt den in einen dunklen Mantel gehüllten Arvodo und
einen Diener, den Leiter des Gefährtes. Der Wagen hält, Arvodo grüßt den
Wartenden und befiehlt ihm, sich zu ihm zu setzen. Upal steigt ein und
schnell fliegt, wie von unsichtbarer Gewalt getrieben, das Gefährt wieder die
Straße entlang. Arvodo verhält sich schweigend. Er bedeutet Upal,
daß er in Gegenwart des Dieners nicht sprechen wolle, der ihm zwar treu
ergeben, dennoch über Ziel und Zweck der Fahrt nicht unterrichtet zu sein
brauche. Upal hat Arvodo leise bekannt gegeben, wie weit sie fahren müssen.
Der Diener erhält von dem Feldherrn die nötigen Befehle und nun stürmt das
Gefährt seinem Ziele zu. Stunden sind nach unserer Zeitrechnung vergangen.
Da hält der Wagen zwischen hohen Bergen. Der Weg führt hier durch ein
liebliches Tal, an dessen Ende sich eine Ebene zeigt und eine Anzahl Häuser.
Es ist eine Ortschaft namens Resma, die erste bedeutendere Station an der Landstraße.
Upal und Arvodo steigen aus, letzterer gibt seinem Diener den Befehl, ihn in
Resma nach einiger Zeit zu erwarten und sich genau so zu verhalten, wie sein
Herr ihm vor der Abfahrt schon gesagt. Das Gefährt entschwindet auf der Straße. Upal
schreitet voran, links von der Straße in den nahen Wald abbiegend, Arvodo
folgt. Upal nimmt seinen Weg auf kaum sichtbaren Fußpfaden, die sich unter
den Bäumen hinziehen. Er sieht umher, ob Menschen in der Nähe sind. Sodann
nimmt er aus seinem Gewande einen starken Stab, hebt dessen Hülle empor und
helles Licht strahlt von dieser Mangafackel, die Wege und Umgegend des Waldes
hell erleuchtend. Bald befinden sich beide zwischen Felstrümmern, Upal sagt: "Herr, die Maschine liegt oben auf der Höhe
verborgen. Niemand kann sie finden, doch der Weg ist sehr beschwerlich. Von
hier aus geht ein Weg zur Ebene diesen Felsenweg entlang. Geht ihr diesen, so
kann ich Euch später von der Ebene abholen mit dem Flugschiff. Im anderen
Falle müßt Ihr mit mir diese Felsen besteigen." Arvodo sagt kurz: "Gehe voran, ich fürchte
keine Beschwerden und folge dir." Upal nickt und wendet sich dem Fuße eines dicht
bewachsenen Berges zu, dessen zerrissene Felsenwände drohend in die Nacht
starren. Mit den Händen sich oftmals haltend, über Baumwurzeln, durch
Gestrüpp und zwischen getürmten Felsen geht der ungebahnte Weg zur Höhe des
Berges. Upal hilft dem Gefährten, beleuchtet die Stellen, wohin er sicher den
Fuß setzen kann, und schließlich ist der Gipfel erreicht. Es ist ein kahler
Felsen, der die Gegend beherrscht und eine herrliche Aussicht bietet links in
das Tal, rechts auf ein massiges Gebirge, hinter dem sich das vulkanische
Gebiet anschließen muß, das Reiseziel der kühnen Männer. Der Scheitel des Felsens ist breit und zerrissen.
Die Felsen bilden ein Gewirr, als hätte eine wilde Kraft sie durcheinander
geworfen. "Tretet zur Seite", sagt Upal, "hier steht Ihr
sicher, ich muß die Höhle öffnen!" Er weist auf einen freien Platz vor
einem gewaltigen Haufen übereinander getürmter Felsblöcke und gibt dem
Feldherrn für sein beabsichtigtes Tun den sichersten Standpunkt. "Ist hier das Flugschiff?" fragt Arvodo. "Hier hinter jenem Felsblock in der Höhle,
die ich entdeckte!" — "Wie willst du ihn entfernen?" — "„Mit Nimah!" "Du besitzest das?" fragt Arvodo
erstaunt. "Ja, Herr, doch nicht in seiner ganzen
Stärke." "So öffne die Höhle." Upal geht auf die Felsen zu, wälzt mühevoll einige
größere Blöcke fort, so daß eine Lücke entsteht; durch diese schlüpft er, die
Mangafackel mit sich nehmend. Längere Zeit gibt es keinen Laut. Plötzlich
bewegt sich ein mächtiger Felsblock und rollt einige Schritte von der übrigen
Wand ab. Eine große Öffnung ist entstanden, die, von dem Block verdeckt, den
Eingang zu einer weiten Höhlung bildet. Darin steht Upal vor einer fremdartigen
Maschine, Arvodo heranwinkend. Dieser naht, nimmt die Mangafackel in die Hand
und betrachtet mit Staunen das ruhende Luftschiff. Die Teile desselben sind
auseinander genommen, Upal trägt diese auf den freien Platz vor der Höhle und
fügt sie rasch und sicher aneinander. Die Maschine stellt sich jetzt dar als ein festes
Gestell, das unten eine Art Gondel umschließt, die den Erdboden nicht
berührt. Oberhalb deckt ein großes drehbares Flügelrad die Reisenden. An der
Seite befinden sich zwei Flügelräder, deren Drehungen gerade abgemessen sind
mit denen des Steigrades; sie verhindern, daß sich die Gondel wirbelnd wie
dieses dreht. Diese Seitenräder bewirken die Fortbewegung in Verbindung mit
einem dritten Rad im Rücken der Gondel. Am Boden der Gondel sind starke
elastische Federn angebracht, um den Stoß beim Niedersetzen aufzufangen. Die
ganze Maschine ist aus einem festen, leichten Metall angefertigt, doch sieht
man nicht das eigentliche treibende Werk, das die Flugräder drehen muß.
Dieses ist in dem doppelten Boden und den Seitenwänden verdeckt angebracht. Upal hat ein Gefäß aus der Höhle entnommen und
schüttet ein weißliches Pulver in eine Öffnung an der Seite der Gondel. "Sieh dich vor mit genügender
Treibkraft!" erinnert Arvodo. — "Seid unbesorgt, Herr", ist die Antwort,
"das Mitgenommene genügt für eine doppelt so weite Reise hin und
zurück!" Verschiedene Gegenstände, deren Gebrauch uns
unbekannt, legt Upal in die Gondel, dann steigt er ein und fordert Arvodo
auf, das gleiche zu tun. Beide setzen sich nieder. Einige Griffe Upals und
das obere Flügelrad fängt an, sich um die Achse zu drehen, erst langsam, dann
rasend schnell. Es ertönt ein leiser, tief summender Ton, der allmählich an
Höhe zunimmt, erzeugt durch die ungeheuer schnelle Drehung. Upal hat die Hand
an einem Griff, der die Schnelligkeit der Umdrehungen reguliert. In dem Augenblick, als das Luftschiff sich hebt,
setzen auch die seitlichen Räder mit Drehungen ein. Es gibt einen kurzen Ruck
und jetzt erhebt sich das Flugschiff leicht und sicher mit seinen Insassen
und steigt in die klare Nachtluft. Der summende Ton ist gleichmäßig, die
Geschwindigkeit daher geregelt. Upal setzt das Flügelrad an der Rückseite in
Bewegung und nun nimmt das Luftschiff schnell seinen Flug vorwärts. Vorn an
der Gondel befindet sich ein beweglicher Metallvorsprung, aussehend wie ein
Schiffssteuer; es ist das Steuer der Maschine. Das Luftschiff wird durch das
obere Flügelrad gehoben, durch die seitlichen Räder unbeweglich gehalten und
durch diese nebst dem dritten Rad nach der gewünschten Richtung getrieben.
Alles arbeitet mit unheimlicher Geschwindigkeit, wie an dem starken Luftzug
zu merken ist. Auch das Steuer, auf das der Widerstand der Luft wirkt, lenkt
sicher. Durch drei Umstände ist auf Mallona diese
Erfindung möglich geworden. Die Atmosphäre ist erstens dichter und ruhiger,
nicht so von Stürmen gepeitscht wie auf der Erde, infolgedessen auch
tragfähiger. Zweitens ist die treibende Kraft der chemische Stoff Nimah, das
berüchtigte Explosionsmittel Mabans. Ähnlich unserem Dynamit kann es
unvermengt kolossale Kraft nach einer Richtung ausüben, ist jedoch mit
anderen Stoffen gemischt nicht explosiv, sondern regelbar, so daß er in
seiner Wirkung dem denkbar stärksten Dampfdruck ähnlich erscheint. Dieser
Stoff wird in unschädlicher Form in Staatsfabriken hergestellt und verkauft.
Er dient unter dem Namen Maha zur Fortbewegung aller Wagen und auch zum
Antrieb der in den Wänden der Gondel verdeckten Maschinerie. Drittens verfügt
man in Mallona über eine höchst feste, widerstandsfähige und leichte
Metallmischung, die alle Eigenschaften des Stahls und Aluminiums in idealstem
Maße in sich trägt, daher auch die notwendige gewaltige Kraftentwicklung der
Flugräder zu leisten imstande ist. Es ist ein herrlicher Anblick für Arvodo, der
durch eine haubenartige Erhöhung der Gondelränder vor dem starken Luftzug
geschützt zum erstenmal über die Berge, Wälder und Klüfte der erhabenen
Gebirgswelt schwebt. Er ist keines Wortes mächtig; Upal ist ganz mit der
Lenkung des Flugschiffes beschäftigt, so daß die von Arvodo während der Fahrt
beabsichtigte Aussprache unterbleibt. Die kühnen Männer schweben in solcher Höhe, daß
das Auge der unten lebenden Bewohner sie am nächtlichen Himmel nicht
entdecken kann. Bald sehen sie auch bewohnte Stätten nicht mehr unter sich.
Am Horizont rötet sich leicht der Himmel, die Kratergegend naht, das Ziel der
Reise. Upal steigt höher. Gilt es doch, aus jeglichem Bereich der giftigen
Dünste zu kommen, die von dort aufsteigen und jedes atmende Wesen töten
müßten. Mit gespannter Aufmerksamkeit läßt Upal das Luftschiff gemäßigten
Fluges dahingleiten. Unten zeigen sich die unergründlichen Tiefen erloschener
Vulkane, starre Schlackenberge, erstarrte Lavamassen. Jene Gegend, in der die
Sklaven des Königs arbeiten, ist im weiten Bogen umflogen worden aus Vorsicht
vor allzu aufmerksamen Augen. Jetzt muß dieser Bogen bis zu einem Halbkreis
ausgedehnt werden, um den Krater zu finden, der in die Höhlen des Wirdu
führt. Kurze Zeit und Upal hemmt die Bewegung der
rückwärtigen Schraube gänzlich. Er zieht das vordere Steuer ein, so daß es
sich an die Seite der Gondel legt. Jetzt reguliert er auch die seitlichen
Räder und unbeweglich schwebt das Flugschiff über einem fürchterlichen
Kessel, dessen Tiefe schwarz entgegengähnt. Leise flüstert Upal: "Wir
sind zur Stelle, dort ist der Eingang." Arvodo blickt schaudernd hinab. Sein tapferes Herz
schlägt schneller, als er den Schlund unter sich sieht. Fest preßt er die
Lippen aufeinander und sagt kurz: "Hinab, Allvater schütze uns!" Der
summende Ton des Flugrades wird tiefer, als Upal den regulierenden Griff
vorsichtig dreht, und langsam fällt das Flugschiff senkrecht der
Krateröffnung zu. Der schauerliche Schlund scheint sich wie ein hungriges
Untier mit offenem Rachen auf seine Opfer zu stürzen, die zerrissenen Felsen
treten immer deutlicher hervor. Da flammt es taghell an den Seiten der Gondel
auf. Upal hat die Hüllen der dort befestigten Mangafackeln entfernt und
gleich einem Meteor versinkt das Flugschiff in die unergründlichen Tiefen des
Kraters. Die Höhlen des Wirdu
Welch ein mächtiger, nie gesehener Anblick
einstigen Wirkens nunmehr erstarrter Kräfte bietet sich dar. Arvodo ist
überwältigt von der Majestät der schaffenden Natur, die sich ihm offenbart.
Wild zerrissene Lavablöcke, schwarz ausgebrannt und genäßt von dem fallenden
Tau, umgeben ihn drohend. Glitzernd fällt das Licht der Mangaleuchten auf die
phantastischen Gebilde der Lavafelsen. Oft erscheinen diese als furchtbare,
schreckenerregende Ungeheuer, starrend aus der Tiefe. Dann als Phantome von
Riesen, die das langsam sinkende Flugschiff umgeben und, Gefühl und
Augetäuschend, ihre Gestalten oftmals wandeln und nach oben schweben, wo sie
verschwinden. Auf Upal übt jedoch dieses Schauspiel keine
Wirkung aus. Er kennt bereits die unschädlichen Schrecken dieser Umgebung,
senkt er sich doch nicht zum ersten mal in diesen fürchterlichen Kessel. Mit
sicherer Hand lenkt er das Schiff und regelt die Umdrehungen des Flugrades,
dessen summender Ton an den Wölbungen dumpf und schauerlich widerhallt. Der
Krater erweitert sich nach unten, er nimmt eine etwas seitliche Richtung an.
Upal läßt daher die steuernde Rückenschraube ebenfalls langsam wirken, um die
Felsen zu meiden, die unter ihm den Eingang zu verwehren scheinen. Immer tiefer sinkt das Schiff. Upal regelt das
Flugrad so, daß die Maschine unbeweglich und ruhig frei schwebt. Er weist
nach links und wirft das volle Licht der Mangafackel auf die Felsen. Arvodo
sieht eine weite Höhlung. "Herr", erklärt Upal, "hier ist die
Stelle, über die ich kletterte, um die erste Höhle der Schätze zu finden.
Dort stand ich einst am Rande des Abgrundes, über dem wir schweben, und sah
den Eingang zum Krater nur als schwachen Lichtspalt über mir. Wäre es Tag, so
würdet ihr das Sonnenlicht von hier aus schimmern sehen. Später erst wurde es
mir klar, daß es möglich sein müsse, von oben her an diese Stellen zu
gelangen, wie ich jetzt gezeigt. Doch unmöglich ist es ohne Flugschiff. Jetzt
achtet auf, Herr, Usgloms erste Schatzkammer öffnet sich." Gespannt blickt Arvodo auf die Felswand, während
das Flugschiff wieder sinkt. Ein Spalt öffnet sich, er weitert sich zur Höhle
und nun fällt das volle Licht der Mangafackel auf jene Stätte, die Upal
seinem Vater schon beschrieb. Einen lauten Ruf des Staunens stößt Arvodo aus. Ja,
hier liegen die so viel gesuchten Schätze aufgehäuft und warten nur der Hand,
die sie mühelos sammelt. "Areval, du wirst besiegt!", lispelt
Arvodo leise. "Ich möchte diese Höhle betreten, Upal, kannst du das
Schiff dahin leiten?" "Herr, verzichtet darauf, tiefer liegen noch
andere Schätze, nicht minder reich als diese, doch bequem zu erreichen. Diese
hier entziehen sich noch unserem Besitz. Es wäre gefährlich, das Schiff zu
nahe an die Felsen zu bringen." — "Gut, ich folge dir, zeige mir die
Stätten!" Wieder sinkt das Flugschiff, leises Wasserrauschen
klingt aus der Tiefe. Aufmerksam hebt Arvodo den Kopf und sieht Upal fragend
an. Dieser erklärt: "Es ist das Meer, das unten rauscht und zur Flutzeit
brausend eindringt. Jetzt strömt es nur noch kurze Zeit dem großen Becken im
Inneren wieder zu, aus dem es Usglom einst vertrieben hat." Festen Boden beleuchteten jetzt die Mangafacheln,
dem das Flugschiff zustrebt. Ein leiser Stoß und sicher steht es auf dem
Grunde des Kraters, der sich als riesige Halle über die Kühnen wölbt. Ringsum
verliert sich der Blick in tiefste Finsternis. Das Licht der Fackeln ist
nicht imstande, die begrenzenden Felsenwände zu erreichen. Upal hemmt die
Bewegung des Flugrades gänzlich. Nur dumpfes Wasserbrausen, das an den
Wölbungen dieses gewaltigen Naturdomes in vielfachem Echo widerhallt, stört
die Stille dieses Grabes alles Lebens. Unwillkürlich schaudert Arvodo, als
Upal ihn aufmuntert, die Gondel zu verlassen und ihm zu folgen. Ist doch
dieses Gefährt das einzige Mittel, dem hier lauernden Tode zu entfliehen.
Besorgt hört er auf den brausenden Ton des Wassers. "Ist das Gefährt hier sicher?" fragt er. "Ganz sicher! Tief unten und weit von hier
strömt das Wasser einem unterirdischen Seebecken zu, das die Flut stets
füllt. Wir sind hier fast so tief als der Meeresstrand, doch noch immer
höher, als daß eine große Flut diese Stätte je erreichen könnte. Vertraut
mir, Herr, würde ich nicht alles ausgemessen und berechnet haben, wie hätte
ich es dann gewagt, Euch Usgloms Reich zu zeigen!" — Arvodo nickt,
ergreift eine der Mangafackeln und gebietet Upal, ihm den weiteren Weg zu
zeigen. Upal gehorcht und schreitet auf dem ebenen Boden weiter. Man sieht,
daß das Wasser ihn einstens ausgewaschen und geglättet hat. Ein riesiger
Kampf der Elemente Feuer und Wasser muß zu ungunsten Plutos hier vor langen
Zeiten stattgefunden haben, überall sind die Spuren. Upal weist oftmals auf in das Gestein gehauene
Zeichen, die er zur Kennzeichnung des Weges eingegraben hatte. Sie führen
nach einer Seitenwand des erstarrten Vulkans, die jetzt in den Bereich des
Lichtes tritt. Rasch schreitet Upal über den körnigen Sand, den einstens die
Meereswogen hineingepeitscht, untersucht aufmerksam die ungeheuren Risse des
Gesteins und bleibt vor einer engeren Spalte stehen. Er tritt mit Arvodo in
diese hinein. Nach wenigen Schritten erweitert sich die Spalte
zu einer blendenden Höhle, wie die Männer eine solche bereits in der Höhe
gesehen. Unendliche Schätze sind hier hervorgebracht. Funkelnde Kristalle
allüberall, in denen sich das Licht der Mangafackeln bricht, das weiße Rod
blickt auch hier aus dem Fels nebst dem kostbaren Orostein hervor. Arvodo ist überwältigt, er traut seinen Augen
nicht. Er betastet die kostbaren Steine, schlägt mit dem Griffe seines
Schwertes einige von den Felsen los und zeigt eine Aufregung, wie sie der
willensstarke Mann wohl noch nie empfunden. Endlich findet er Worte des
Dankes für Upal. Tief blickt sein Auge in das seine und er sagt: "Du
bist der Getreueste der Getreuen, du sollst bald erfahren, wie ich dir zu
danken weiß durch die Tat!" Upal beugt sich tief vor ihm und im Tone wahrer
Ergebenheit flüstert er: "Herr, räche meine Schwester an Areval! Mir
sind diese Schätze nichts, Wiedervergeltung ist mir alles!" Arvodo nickt
stumm, er versteht Upal. Dann fragt er: "Kennst du noch mehrere solcher Höhlen?" "So reich wie diese nicht, doch finden sich
noch viele kleinere. Möglich ist, daß mir noch unbekannte vorhanden sind.
Nicht alle Gänge hier unten habe ich durchforscht." — "Zeige mir auch die andern, die dir bekannt
sind!" Upal tritt durch den Spalt wieder auf den früheren
Weg. Der Felsenwand entlang öffnen sich oft kleinere Höhlungen, in die er
hineinleuchtet. Überall tritt dar in das weiße Rod hervor, oder kostbare
Kristalle zeigen sich an dem Gestein: eine Schatzkammer, die unermeßliche
Werte in sich birgt. Die Felsen entlang gehend, müssen sie jetzt im Bogen
fast rechtwinkelig abbiegen; die kühnen Eindringlinge sind an der inneren
Rundung des einstigen Kraters angelangt. "Herr, weiter bin ich nie gekommen, laßt uns
zurückgehen mahnt Upal. Arvodo, dessen Unternehmungslust sich stark
gesteigert hat, meint: "Wir haben Zeit, laß uns weiter gehen. Vielleicht
entdecken wir noch mehr, so günstige Gelegenheit muß ausgebeutet werden. Den
Weg zurück können wir nicht verfehlen!" "Wie du befiehlst, Herr!" Vorsichtig schreiten beide Männer weiter. Der
Boden ist nicht mehr so eben, Steine und Gerölle bedecken ihn. Totenstille
umgibt sie, das Brausen des Wassers ist ganz verstummt. Das Meer treibt seine
Wellen zur Ebbezeit, die um diese Stunde eintritt, nicht in den Kessel. Jetzt
öffnet sich in der Seite der Felsen ein weiter Gang, dessen Ende unabsehbar
ist. Arvodo hebt die Leuchte, schreitet hinein und sieht, daß er gangbar ist.
Weißer, mit Muscheln durchsetzter Sand bedeckt den Boden. "Durch diesen Gang flutete einst das Meer,
sollte er hinaus bis zu diesem führen?" Upal sieht erstaunt umher. "Herr, Ihr habt
recht, Muscheln sind vorhanden. Hier seitwärts fällt der Weg zur Tiefe.
Dorthin nahmen einst die Meeresfluten ihren Lauf, sie kamen aus diesem
Gang!" Arvodo betrachtet nachdenklich die Höhlung:
"Upal, wir müssen wissen, wohin dieser Weg führt. Kann man auf ihm zum
Meer gelangen, so wird es uns ein leichtes sein, heimlich die Schätze zu
bergen. Aber auch vor Entdeckung müssen wir uns sichern. Unkenntnis über
einen Zugang in das Innere könnte uns verderben!" — Upal bejaht diese
Ansicht des Feldherrn und beide wenden sich entschlossen der unbekannten
Höhlung zu. Es ist ein weiter tunnelartiger Raum, den sie
betreten. Deutlich erkennt man an dessen Wänden die Wirkungen des Wassers,
das einstens mit großer Kraft eindringend die Wände abgeschliffen hat. Das
Gehen ist auf dem weichen Meeressande leicht. Die beiden Männer schreiten
lange vorwärts. Kein Ende zeigt der gewundene, sich manchmal stark
erweiternde Gang, den Felsblöcke nicht versperren und dessen Entstehung ihnen
rätselhaft erscheint. Endlich erweitert sich der Gang zu einer weiten
Höhle, jäh hört der Weg auf und ein Chaos von Felsblöcken liegt vor ihnen.
Über diese müssen sie hinabsteigen, falls sie die Tiefe gewinnen wollen, die
sich jetzt vor ihnen ausdehnt. Einen Augenblick schwanken sie, ob weiter oder
zurück. Beide wissen jedoch, daß der Wunsch, Klarheit zu gewinnen, sie
unbedingt weiter führen muß. Nicht ungefährlich ist der Abstieg, doch wird er
vollbracht, bedeutend ist die Höhe, von der sie hinabsteigen. Sie befinden sich jetzt auf dem Grunde eines
unterirdischen Seebeckens, das nunmehr ausgetrocknet ist. Phantastisch hohe
Felsformationen lassen nicht erkennen, wohin sie sich wenden müssen, um die
einstige Eingangsstelle des Wassers zu finden. Tiefer Sand deckt den Boden,
aus dem hohe Felsblöcke sich erheben. Ungeheure Muscheln, die einstigen
Wohnhäuser der Meeresbewohner, finden sich eingeklemmt zwischen Klippen,
unzählige kleinere liegen überall zerstreut. Als sie weiterschreiten, finden
sie Skelette großer Wassertiere, die einstens den See bewohnt. Jahrtausende mögen vergangen sein,
als sie die Fluten belebten. Staunend
blicken die Männer umher, ratlos wohin sie sich begeben, hemmt doch das
Felsenchaos den Überblick Plötzlich zittert ein leiser klagender Ton durch
die Todesstille dieses Ortes, dann noch einer. Die Töne reihen sich
aneinander zu einer Melodie, die anscheinend in weiter Ferne ertönt.
Unwillkürlich hat Arvodo zum Schwerte gegriffen, Upal hält die leuchtenden
Fackeln zur Erde gesenkt und vorgestreckten Kopfes lauschen beide Männer den
leisen Tönen. Upal
findet zuerst Worte des Erstaunens: "Singt Muaga, die Tochter Usgloms,
um uns zu warnen?" Arvodo
erwidert finster: "Nicht Muaga, noch Usglom sind es, ich verachte beide.
Aber ein Mensch singt die Totenklage des Königshauses. Wir müssen wissen, wer
es ist. Senke die Fackeln, damit sie nur den Weg erleuchten, und nun dem
Schall der Stimme nach!" Es ist
nicht leicht, die Richtung zu finden. In diesem Felsendome täuschen die
Echos. Arvodo jedoch hat ein feines Ohr, er findet den rechten Weg trotz
aller Hindernisse. Hinter den Felsen, die sie umgehen müssen, tönt die klagende
Stimme lauter und voller, ein Zeichen, daß sie sich ihr nähern. Nun
stehen sie am jenseitigen steilen Ufer des einstigen Seebeckens, klar tönt
der Gesang von der Höhe herab. Vorsichtig über Felsblöcke kriechend, klettern
die Männer empor. Täuschen sie sich? Dort schimmert Licht! Schnell überdecken
sie die Mangafackeln mit den schützenden Hüllen; undurchdringliche Finsternis
umgibt sie. Bald hat sich das Auge daran gewöhnt und sie sehen hellen
Lichtschein über sich leuchten. Vorsichtig
gleich Katzen schleichen die Männer weiter. Arvodo trägt das Schwert
griffbereit unter dem Arm. Deutlich hören sie jetzt den Gesang zweier
Stimmen. Sie verstehen die Worte, es ist die Klage über einen Toten, die nur
den Mitgliedern des Königshauses gesungen wird und deren letzter Vers
verhallt. Er lautet: "Geliebt im Leben kann der Tod nicht trennen, Denn deine Seele lebt durch ihre Taten, Die ruhmesvoll und herrlich allen leuchten. Geh ein zum Vater alles Seins; die Liebe Sie hütet dich und wird uns einst vereinen!" Während
dieses Gesanges sind die beiden Männer bis zum Rande emporgeklettert und
blicken auf eine ergreifende Gruppe. In
einer Felsengrotte liegt erhöht der ausgestreckte Leichnam einer wunderbar
schönen Frau, gekleidet in ein lichtblaues Gewand. Die Grotte ist von
schillernden Kristallen erfüllt wie die bereits von Arvodo geschauten. Der
Eingang ist von brennenden Lampen umhangen, die helles Licht auf die nächste
Umgebung werfen. Zu Häupten der Leiche steht die ehrfurchtgebietende Gestalt
des Einsiedlers vom Meere; zu den Füßen der junge Mann, den er Mureval
geheißen. Beide hatten den Totengesang ertönen lassen, dessen Klänge Arvodo
und Upal geleiteten. Als
Upal die Gruppe erschaut, die nur etwa zwanzig Schritte entfernt sich den
erstaunten Blicken darbietet, erstarrt sein Antlitz in namenlosem Schrecken.
Arvodo bemerkt es und flüstert dem regungslosen Gefährten zu: "Kennst du
diese Menschen?" Da tönt ein gellender Schrei aus dessen Munde. Ehe
Arvodo es hindern kann, springt Upal empor und mit dem Rufe: "Fedijah,
Schwester!" stürzt er auf die schöne Leiche zu. Er
will sie umarmen, seine Hand faßt kalten Stein. Der Frauenleichnam, den
einstens warmes Leben durchströmte, ist zu Marmor erstarrt, versteint durch
die mumifizierenden Dünste dieser Höhle. Verwirrt sieht er empor in das
Antlitz des ehrwürdigen Alten, dessen Blicke durchdringend auf dem
Eindringling ruhen und mit dem lauten Ausruf: "Muhareb, mein
König!" sinkt er bewußtlos in die Arme des herbeigeeilten Jünglings
Mureval. Als
Arvodo sah, daß er den Gefährten nicht hindern konnte, ist er ebenfalls auf
den Uferrand getreten. Er hört die Ausrufe Upals und sieht staunend auf die
edle Greisengestalt. Dieser
also ist der langgesuchte, der verschwundene rechtmäßige König, der Bruder
Arevals? Er vermag es nicht zu fassen. Irrend schweift sein Auge umher, auf
die seltsame Umgebung, die schöne versteinerte Leiche, den majestätischen
Alten, den bewußtlosen Upal. Er ist verwirrt und vermag keinen festen
Entschluß zu fassen. Ruhig
tönt plötzlich die Stimme des Greises an sein Ohr. Zwingend hört er den
Befehl, ihm zu folgen. Der Alte hat die Upal entfallene Mangafackel gefaßt.
Ein Griff und sämtliche Lampen in der Grotte, die die Leiche birgt,
verlöschen. Sodann gibt er dem Jüngling einen Wink. Beide erfassen den bewußtlosen
Upal, heben ihn auf und schreiten schnell einer dunklen Höhlung zu, der
Fortsetzung jenes Ganges, den Arvodo und Upal aufzufinden unternommen hatten. Durch
einen Tunnel geht schnellen Schrittes der schweigende Zug. Plötzlich leuchtet
schwaches Licht in der Ferne. Noch eine kurze Strecke und es weht frische
Luft entgegen, gewürzt vom Meeresdunst. Nun weitet sich der abwärts fallende
Gang schnell. Die Höhle verwandelt sich zur engen Schlucht, in die aus der
Höhe leuchtende Sterne hinabblicken. Vor ihnen breitet sich das Meer aus,
dessen Horizont umsäumt ist von leuchtendem Rot, dem ersten Morgengruß des
anbrechenden neuen Tages. Der
Zug hat sich vom Meere abgewandt, hinauf zu der Terrasse, die wir schon
kennen. Arvodos Auge blickt erstaunt auf die blühende Pracht ringsum. Es ist
das versteckte Paradies, das den Wohnsitz der beiden Einsiedler am Meere
umgibt. Sie sind mit dem noch immer bewußtlosen Upal jetzt in ihrem Obdach
angelangt und legen ihn auf ein Mooslager nieder. Der Alte legt seine Hände
auf den Kopf des Bewußtlosen und leise bewegen sich seine Lippen im stummen
Gebet. Dann nähert er sich Arvodo, winkt ihm und beide begeben sich abseits,
um den Schlaf des von der Gewalt der Ereignisse niedergeworfenen Upal nicht
zu stören. Arvodo findet endlich Worte und es entwickelt sich zwischen beiden
folgendes Gespräch: "Mein
Gefährte nannte dich beim Namen des verschwundenen Königssohnes Muhareb. Bist
du es, der rechtmäßige König von Mallona?" "Ich
bin Muhareb, Mabans Sohn. Ich bin der rechtmäßige König, aber Areval thront
in seiner Hauptstadt!" In
dringendem, aufgeregtem Tone, mit bittender Gebärde nähert sich Arvodo: "Herr,
gebt mir einen Beweis, daß ich nicht zweifeln kann, für mich hängt alles
davon ab!" "Der
Beweis wird dir nichts nützen, Arvodo. Ich kenne dich, kenne deine Pläne,
denn mir ist's vergönnt vom Allvater, in den Herzen der Menschen zu lesen, zu
erkennen ihr Wollen, ob es gut oder böse sei. Doch will ich dir den Beweis
geben, den du forderst! Erfülle ich damit doch den Befehl dessen, dem ich
allein noch diene." Der
Alte entfernt sich und kommt bald zurück mit jenem Gefäß, das ich schon
früher geschaut und das Kleinodien enthält. "Arvodo,
einstens ließ Maban drei Ringe herstellen als Zeichen der unumschränkten
Macht seines Hauses, geschnitten aus ein und demselben Orostein. Der Stein
zeigt auf weißem Grunde das Bildnis Furos, des heldenhaften Stammvaters
unseres Geschlechtes, bedeckt mit dem Helme der Macht und Stärke, den er
einst dem Dämon Usglom selbst im harten Kampfe entrissen haben soll. Du
weißt, daß seitdem Usglom unserem Geschlechte grollt und es zu verderben
gesonnen ist. Areval und mir gab Maban je einen Ring, er selbst trug stets
den dritten. Areval besaß nach dem Tode Mabans dessen Ring, er glänzt jetzt
an deiner Hand als Zeichen seiner dir gewordenen Gunst. Er legte einen Teil
seiner Macht in deine Hand. Hier sieh den dritten gleichen Ring." Der
Alte öffnet das Gefäß und zeigt Arvodo den Ring, der darin ruht. Der
Feldherr betrachtet mit Staunen das Kleinod. Er sieht auch das königliche
Diadem, das auf dem Grunde des Behälters ruht, verziert mit einem funkeln den
Diamant von ungeheurem Wert. Er zweifelt nicht mehr, denn nur Areval trägt
bei besonderen Gelegenheiten einen gleichen Reif als Zeichen seiner
königlichen Würde. Er zieht seinen Ring vom Finger, kniet vor Muhareb nieder
und spricht: "Mein
Herr und König, dieses Zeichen meiner Macht gebe ich zurück der Hand, der sie
gebührt. Der Befehl meines sterbenden Vaters ist erfüllt. Er wußte, daß mein
Gebieter lebt und befahl mir, bestrebt zu sein, dir die Gewalt
zurückzubringen, der du entsagtest. Nur du allein kannst der Retter des
entarteten Volkes werden. Ich habe geschworen, dich zu suchen, und siehe, mir
ist das Glück geworden, dich zu finden. O komme zu deinem Volke, gib diese
Einöde auf, in der du bisher gelebt! Alle Herzen werden dir zujauchzen, dir,
dem rechtmäßigen Könige von Mallona!" Ruhig
und unbewegt blickt der hohe Greis auf den Knieenden. Er nimmt den Ring
nicht, hebt ihn auf und sagt milde: „Herr
und König von Mallona bin nicht ich, nicht Areval. Keiner von euch kennt Ihn
mehr. Ich aber habe Ihn erkannt und werde Seinen Willen erfüllen. Ich sehe,
daß dein Herz voll Eifer ist, doch schlägt es falsche Bahnen ein. Nicht ich
kann das Volk mehr retten. Ein Tier, das in Sümpfen leben will, kehrt dahin
zurück, wo es ihm wohl ist. Mallonas Völker sind zu solchem Tier geworden,
die Großen derselben zu reißenden Bestien. Wenden sie sich nicht ab von ihrem
Tun, so ist keine Hilfe möglich, sie müssen die Folgen ihrer Schuld
tragen." „Sie
werden sich abwenden, Herr, wenn du ihnen das Beispiel gibst! Dein Gedächtnis
ist nicht erloschen in ihnen. Noch preist man den Prinzen Muhareb als
Inbegriff der Tugend. Kehrt er zurück als König, — so wird ein Blutbad
beginnen, wie noch keines war. Ist der erste Rausch verflogen, so wird der
Sittenprediger Haß ernten, wo er Liebe säen will. Das Tier will seinen Sumpf
haben. Suche es herauszureißen, nachdem es verlernt hat, sich nach reinerer
Wohnstätte zu sehnen, und es wird dich verschlingen. Nicht mit Gewalt werde
ich den Händen Arevals je zu entreißen suchen, was er durch Allvaters Willen
erhielt. Jeder Herrscher ist so beschaffen, wie sein Volk ihn braucht. Das
Volk und die Großen machen ihn erst zu dem, was er ist. Areval
aber wurde ein Scheusal durch sich selbst. Er unterdrückt das Volk und
verpraßt das von ihm Er preßte mit seinen Kreaturen. Was Maban erbaute, riß
er längst wieder ein. Wie dieser ein Muster des Guten war, so ist er ein
Muster des Bösen. Warum fanden die Völker Mallonas denn nicht durch die
Ausübung des Guten, das Maban sie gelehrt, die Kraft, den Versuchungen des
Bösen durch Areval zu widerstehen? Weil sie nicht gut waren, weil Maban sich
täuschte und glaubte, seine aufgedrungene Tugend habe auch die Kraft einer Umwandlung
der bösen Eigenschaften, die in unseren Völkern schon von den Vätern
herstammt. In Maban war der letzte Wall gegen ein einst sicher
hereinbrechendes Verderben geschaffen. Er war ein letzter Wegweiser, seinen
Völkern zu zeigen, welche Wege sie wandeln müßten, um sich emporzuraffen aus
dem Sumpfe der Genußsucht und Begierden. Mir sollte es vorbehalten sein, sein
Werk fortzusetzen, wenn die Völker sich ihrer Würde erinnern wollten, die sie
als Geschöpfe des ewigen Allvaters zu bewahren haben. Sie taten es jedoch
nicht, beugten sich nur der Gewalt. Der Herrscher hat keine Gewalt über den
Sklavensinn eines Volkes, der sich hinter der Sehnsucht nach Gesetz und Recht
oft verbirgt. Die öffentliche Ordnung zu erhalten, bedarf es keiner Gewalt,
sobald das Bewußtsein des Rechtes in jedem Einzelnen lebendig ist. Fehlt aber
dieses, so beginnt erst die Macht und Schärfe des Gesetzes nach dem Willen
eines Mächtigen, der oft selbst des Gesetzes am meisten bedarf. Arvodo,
ich sah diese Stunde im Geiste kommen. Ich wußte, daß sie mir Entscheidung
bringen würde, nochmals zurückzukehren in den äußeren Glanz. Ich weiß auch,
daß um den Preis eines härteren Tyrannen, als Areval es ist, ich diese Welt
mit Zwang beugen würde. Doch der Weg geht dann über Leichen und Blut. Das Mittel
ist Zerstörung, Vernichtung der Seelen, die dahinfahren in Wut, Rachsucht und
Begierden, verloren der weiteren Entwicklung im Hause Allvaters. Ich sehe
auch die weiteren unabwendbaren Folgen. Ich weiß, daß der Vernichtung der
Leiber nicht entgangen werden kann, das Wie verschleiert mir noch die Hand
des Allvaters. Aber ich habe gewählt und verlasse nicht mehr diese Stätte, an
der ich das Licht der Seele errungen, das Wehen des ewigen Geistes gefühlt
und die wahren Ziele der Menschenwesen erkannte. Ich kann der von dir
erhoffte Retter nicht sein und verlange, daß du schweigst von mir, kehrst du
zurück zu den Deinen!" "Verlangst
du auch, daß ich den Plänen entsage, die ich in mir hege?" "Die
Erfüllung aller Pläne, wie du sie gefaßt, liegt nicht in meiner, nicht in
deiner Hand, sie wird gelenkt nach erhabenen Absichten des Ewigen. Alle Pläne
können nie das letzte Ziel durchkreuzen, dem die Menschheit zustrebt, kaum
dessen Erreichung verzögern. Handle nach deinem Erkennen, ich werde dich
nicht hindern." — "Und
wenn diese Pläne mich nun hindern würden, zu verschweigen, daß Muhareb, der
wahre König von Mallona, lebt?" "So
kann ich dich, nachdem du diese Wahrheit einmal gefunden, daran nicht
hindern. Doch glaube nicht, daß Muhareb gesehen werden kann, wenn es nicht
der Wille Allvaters ist. Es war Sein Wille, daß ihr mich fandet. Euer
Flugschiff, das euch in die Tiefe der Wirduhöhle brachte, konnte
zerschmettert werden; ich hätte euch verderben können, beides geschah nicht.
Ich handle nach dem Willen dessen, der mir im Herzen vorschreibt, was ich tun
soll. Gehet beide in Frieden, wir werden euch zurückgeleiten. Sicher werdet
ihr wie der zu den Euren gelangen. Unser Tun ist nicht das selbe!" Muhareb
hat mit solcher Macht der Überzeugung gesprochen, daß es Arvodo unmöglich
ist, etwas zu entgegnen. Finster blickt er vor sich nieder, dann sagt er, auf
den heller werdenden Streifen am Meereshorizont weisend: "Es
naht die Zeit, daß ich zurückkehren muß. Wirst du uns hindern?" "Nein,
du hörtest, wir werden dich geleiten. Harre hier, ich werde sehen, wie sich
dein Begleiter fühlt!" Ohne
eine Antwort zu erwarten, wendet sich Muhareb ab und geht der Lagerstätte
Upals zu. Er findet Upal erwacht und mit dem Jüngling im eifrigen Gespräch.
Als er den nähertretenden Muhareb erblickt, springt er auf und eilt auf den
Greis zu. Muhareb schließt den Tieferschütterten in seine Arme und flüstert
ihm beruhigende Worte zu. "Upal,
jetzt ist es nicht an der Zeit, deine Fragen alle zu beantworten, doch soll
dir Antwort werden auf alles, was dir nötig ist zu wissen. Bringe den
Gefährten zurück, es drängt die Zeit. Hast du diese Aufgabe erfüllt, so führe
dein Luftschiff bald wieder hierher zu mir. Siehst du dort den weit ins Meer
ragenden hohen Felsenvorsprung? Du siehst ihn von der Höhe des Kraters, in
den du dich senktest. Halte auf ihn zu, so fehlst du nicht die Richtung zu
unserer versteckten Bucht. Ich erwarte dich. Arvodo laß allein heimkehren.
Sei verschwiegen ihm gegenüber, damit du einstens nichts zu bereuen
hast." Upal
sieht überrascht auf Muhareb und fragt: "Ist der Feldherr in unserer
Nähe?" "Er
ist es und erwartet dein Kommen. Fühlst du dich wieder stark?" "Ich
bin es! O wie viele Fragen drängen sich mir auf die Zunge, doch ich
unterdrücke sie und gehorche deinem Befehle!" Muhareb
wendet sich ab mit einem Wink an Upal und den Jüngling. Beide folgen. Die
drei begeben sich zu dem harrenden Arvodo. Dieser steht dort, wo ihn Muhareb
verlassen, und starrt auf das offene Meer. Als er das Geräusch der Schritte
hört, wendet er sich um, faßt Muhareb fest ins Auge und nähert sich ihm. Upal
und der Jüngling bleiben unwillkürlich zurück, da sie empfinden, daß der
Feldherr mit Muhareb allein zu reden wünscht. Im Flüstertone sagt Arvodo: "Es
ist für immer dein Entschluß, dem Throne zu entsagen, Muhareb?" "Er
ist es!" "Mabans
Vermächtnis an meinen Vater, der dessen getreuester Vasall gewesen, war die
Aufgabe, dich zu suchen und zurückzuführen. Der König wußte, daß sein Sohn
lebt und konnte nicht glauben, daß er sich gänzlich von ihm abgewendet. Auf
mich ging nach meines Vaters Tode dieses Vermächtnis über; soll es für immer
zu Schanden werden?" "Ich
gab dir meine Antwort bereits, sie bleibt bestehen." "So
entbindest du mich des Eides, den ich dem sterbenden Vater gab?" "Ohne
Kraft ist dein Versprechen, von dem du nicht wußtest, ob du es je würdest
erfüllen können. Frei, ohne Verpflichtung stehst du mir gegenüber!" Arvodo
blickt Muhareb mit Erstaunen an; unmutig ruft er aus: "Deine
Weigerung tötet in mir die besten Regungen meines Herzens. In dir lebt nicht
deines Vaters Geist. Ein Höhlenmann sein und bleiben wollen, wenn ein Thron
winkt, ich fasse es nicht!" "Weil
du nicht fassen kannst, was mich bestimmt, so ist es besser, wir scheiden
schnell. Handle nach deiner Erkenntnis, ich folge der meinen. Unsere Wege
sind nicht dieselben." Kurz
wendet sich Muhareb ab und winkt den beiden Zurückgebliebenen. Eine auf den
Weg zum Meeresstrande hinweisende Gebärde des Greises veranlaßt Arvodo,
denselben zu betreten. Muhareb schreitet voran. Upal und der Jüngling, die beide
Mangafackeln tragen, folgen. Sie betreten eine andere als die erste Schlucht,
durch welche sie aus dem Bergesinnern traten und befinden sich bald zwischen
einengenden Felsen. Ein dem früheren ähnlicher Höhlenweg nimmt sie auf und
sie gehen lange in gewundener Linie tief in das Innere. Es scheint, daß
dieser Weg nur zur Zeit der Ebbe gangbar ist, denn feucht ist der Sand unter
den Füßen, naß und tropfend die einengenden Felsen. Plötzlich wendet sich
Muhareb nach rechts ab und steigt zwischen Felsen empor. Ein weiter Tunnel
führt jetzt bergauf. Er weitet sich und sie treten in eine weite Felsenhalle. Upal
erkennt sofort den Ort. Sie sind wieder dort angelangt, wo sie den Gang zum
ausgetrockneten Seebecken entdeckten. Muhareb hatte seine Begleiter auf schnellerem
Wege nach dem Kratergrunde zurückgeführt, nahe der Stelle, an der sie das
Flugschiff verließen. Rings umgibt sie finstere Nacht, die das Licht der
Mangafackeln nicht verscheucht. Jetzt blinkt es in der Ferne auf, das Licht
spiegelt sich auf metallenen Stäben und Flächen, die Form des Flugschiffes
tritt aus dem Dunkel hervor. Arvodo
blickt finster auf das Gefährt. Mit anderen Gefühlen, als er es verlassen,
sieht er es wieder. Das Verlangen, schnell diesen fürchterlichen
unterirdischen Grüften zu entrinnen, macht sich ihm zwingend fühlbar. Muhareb
sieht durchdringend auf den Feldherrn. Arvodo meidet diesen Blick, sind doch
seit der letzten hartnäckigen Abweisung Gedanken in ihm aufgestiegen, die,
zwar noch unklar, einen Gegensatz zwischen ihm und dem Greise hervorrufen. "Unsere
Wege sind nicht dieselben", tönt es in ihm nach — gut, so mögen sich
diese schnell trennen und jeder seines Weges gehen. Upal
ist in die Maschine getreten und hat alles geordnet. Er entflammt alle die
Gondel umgebenden Mangafackeln, läßt das aufwärtstreibende Flugrad sich
drehen und meldet dem Feldherrn, daß er bereit zur Abfahrt sei. Muhareb,
dem Arvodos Gedanken klar geworden, sagt: "Allvater, der euch
hergeführt, schütze eure Ausfahrt!" — Arvodo
steigt ein. Noch einmal wallt es in ihm auf, als er dem Greis ins Auge
blickt. "Werde
ich dich wiedersehen?" fragt er. "Allvaters
Wille entscheidet, nicht wir. Tue Seinen Willen. Laß dich nicht blenden von
Usgloms Schätzen, so rettest du dein Selbst und wir werden uns
wiedersehen." Arvodos
Antlitz zeigt Unwillen. Kurz gibt er Upal den Befehl zum Aufstieg. Schneller
dreht sich das Flugrad. Die Maschine hebt sich und schwebt empor dem Ausgang
des Kraters zu, sicher gelenkt von Upals kundiger Hand. Ohne
Unfall gelingt die Fahrt. Die Mündung des Kraters wird passiert. Dämmerung
liegt über das Land gebreitet. Upal läßt das Flugschiff hoch in die Lüfte
steigen, um unbemerkt nach dem einsamen Ort zu gelangen, von dem sie
aufgestiegen. Eine Entdeckung desselben wäre jetzt leichter als in der nächtlichen
Finsternis. Schnell gleitet das Flugschiff mit ihnen durch die Lüfte. Upal
redet zu dem in tiefem Sinnen versunkenen Arvodo jetzt folgendes: "Herr,
ist es euch genehm, so lenke ich den Flugwagen zum Fuß des Berges, auf dessen
Höhe ich ihn stets verberge. Ihr erspart dadurch den Abstieg und gelangt
schnell in den Ort, wo euer Diener mit dem Wagen wartet. Viel Zeit
verbrauchten wir in den Höhlen des Wirdu, sie einzubringen, ist euch vielleicht
von Nutzen!" — Arvodo
nickt, ihm ist es offenbar angenehm, den Gefährten zu verlieren. Er sagt:
"Tue so. Ich erwarte dich so bald als möglich in meinem Palast. Schweige
gegen jedermann, gedenke deines Schwurs!" Upal
hebt seinen rechten Arm und legt die Hand auf seinen Kopf: ein Zeichen, das
die Getreuen geben, um ihre unbedingte Zustimmung auszusprechen. Mit
schärfster Aufmerksamkeit lenkt er nun den Flug der Maschine. Bald haben sie
die Kratergegend überflogen und nahen sich bewohnteren Gegenden. Jetzt dehnen
sich weite Wälder unten aus, das Luftschiff senkt sich schnell und schwebt
bald in geringer Höhe über die Wipfel der Bäume. Nun zeigt sich der schroff
aufsteigende Gipfel des Berges, auf dem Upal sein Gefährt verbirgt. Zu dessen
Füßen die Ebene, welcher er zustrebt. Langsam senkt sich das Flugschiff. Ein
leichter Stoß und es steht still auf Wiesengrund, durch den ein schmaler Weg
sich in den nahen Wald am Fuße des Berges verliert. "Herr",
sagt Upal, "dieser Pfad führt euch sicher zu dem Orte, in dem der
Wagenlenker eurer wartet!" Arvodo
entsteigt der Gondel, reicht Upal die Hand und sagt: "Bereite alles vor,
daß es dir zu späteren Fahrten an nichts gebricht. Noch weiß ich nicht, wozu
ich mich entschließe. Doch ich will, daß du jederzeit bereit bist, weitere
Fahrten zu unternehmen. Versorge dein Lager droben mit allem, was du
brauchst." "Herr,
ich bedarf dazu einiger Zeit, bis ich dazu vorbereitet bin." "So
säume nicht und melde dich bei mir erst dann, wenn du alles wohl vollendet
hast." Upal
wiederholt das Zeichen der Zustimmung. Als Arvodo sich wendet und schnell dem
Walde zuschreitet, in dem er bald verschwindet, erhebt sich die Maschine
wieder in die Lüfte und schwebt anscheinend dem Bergungsorte zu. Das
Gift der Selbstsucht
Arvodo
hat schnell den Ort erreicht, an dem sein Wagenführer seiner harrte und fährt
alsbald zurück, der Königsstadt zu. Zurückgelehnt in die Ecke seines
Gefährtes, ist er in tiefes Sinnen versunken. Seine Seele ringt nach einem
Entschluß, den er nunmehr zu fassen genötigt ist. Die Ereignisse der letzten
Tage ziehen an seinem geistigen Auge vorüber und unwillkürlich führt er ein
leises Selbstgespräch: "Das
Ziel, das ich mir in Muhareb setzte, ist verloren. Nimmer wagt dieser
Höhlenmensch mehr eine tapfere Tat. Versunken ist Mabans Geist in ihm. Sein
Weg ist nicht der meine. Gehe er seine Wege, ich werde die meinen gehen! Doch
welche sollen diese sein? Unermeßlich sind die gefundenen Schätze. Leicht
erringe ich mit diesen durch Gewalt ganz, was Areval mir schon halb gegeben
hat, die Herrschaft! Wozu aber jetzt noch Gewalt? Von selbst ist mir längst
die Frucht zugewachsen durch Arevals Zuneigung. Aus Arevals Hand kann ich zu
jeder Stunde das Szepter nehmen. Wenn
Areval weiß, daß Muhareb lebt, so gibt die Furcht vor seinem Bruder ihn mir
ganz in die Hände. Muhareb will nicht König von Mallona werden. Ich Tor
wollte ihm die Macht ausliefern. Wohlan, ich werde nunmehr für mich selbst
die Kräfte brauchen. Areval fällt, wenn ich es will. Der nächste König heißt
Arvodo. Die Gleichberechtigung vor dem Volke als anerkannter König wird mir
aber nur durch Artayas Hand. Ich hasse dieses Weib, die nur sich selbst und
ihren Lüsten lebt. Artayas Hand gibt mir zwar die Gleichberechtigung des
Thronanspruches, doch bleibt sie die Königin, so lang sie lebt." Arvodo
atmet tief auf und wiederholt: "So
lang sie lebt! Und wenn ich einst diese Schlange zertrete, würde das ein
Verbrechen sein? Ist nicht mein Bruder selbst von ihr betäubt? Wie wird er es
aufnehmen, sieht er mich als seinen Nebenbuhler? Er muß vergessen um des
hohen Zieles wegen, das mir und ihm winkt. Ich erkenne es jetzt klar, Gewalt
führt nur viel leicht und mühsam zum Ziele, der andere Weg sicher und
mühelos. Da wählt der Kluge wohl stets den gangbareren und nicht den rauhen
Pfad. — Und Muhareb, der Höhlenmann, was wird er tun? Nichts, wie er während
Jahrungen nichts getan. Was kümmert mich noch dieser Höhlenmensch, mag er
beten an Fedijahs Leiche, das erkennt er als seine Bestimmung. Die meine ist,
zu herrschen, dem kraftlosen Areval das Zepter zu entwinden, ein Fürst zu
werden, wie noch keiner war!" Heiß
wird es Arvodo bei diesen Gedanken. Sein Entschluß ist gefaßt und ungeduldig
blickt er nach dem Horizont, an dessen Saume im Glanze des heranbrechenden
Morgens die Königsburg der Hauptstadt blinkt. — — — Um das
Weitere verstehen zu können, ist es notwendig, hier einige Aufklärungen der
kosmischen Verhältnisse des Planeten einzuschalten, wie sie nach
verschiedenen Versuchen des Mediums ergründet wurden. Der Planet Mallona
umkreiste die Sonne in einer Entfernung von ca. 70 Millionen Meilen. Er
besaß, wie bereits gesagt, eine weit dichtere Atmosphäre, wodurch ein weit
stärkerer Luftdruck auf ihm herrschte als bei uns. Da die Achse des Planeten
nicht in einem Winkel von 23,5 Grad wie die der Erde geneigt war, sondern
weniger, so hatte dies zur Folge, daß die Zonen des Planeten weit geringeren
Temperaturschwankungen unterworfen waren. In Verbindung mit der dichteren
Atmosphäre, die die Wirkung der Sonnenstrahlen konzentrierte, wurde damit
verhindert, daß trotz des weiten Sonnenabstandes Licht und Wärmeverteilung
geringer als auf unserer Erde gewesen wären. Im Gegenteil, die Jahreszeiten
waren gleichmäßiger als in unseren gemäßigten Zonen. Nur am Äquator herrschte
eine fast beständige Hitze, die den heißen Gürtel Mallonas zur Wüste
gestaltete und von den Bewohnern gemieden wurde. Die
Erdteile Mallonas lagen hauptsächlich nach der nördlichen Hälfte der
Halbkugel; jenseits der heißen Zone galt das Land noch unentdeckt und war
auch unbewohnt. Die Bewohner scheuten es, in jene Gegenden einzudringen, die
ihnen gar keine Existenzmittel boten. Noch weniger waren sie zur Schiffahrt
geneigt, um zur See den heißen Gürtel zu durchbrechen und sich jenseits
desselben anzusiedeln. Die Gründe hiefür lagen in den Stürmen, die
alljährlich zur anbrechenden Winters- und Sommerszeit die Meere wie auf Erden
unsicher machten und die gebräuchlichen kleinen Schiffe leicht zertrümmerten.
Ihre Wagen machten Schiffe, die auf kleinen Seebecken und Flüssen benützt
wurden, für Reisezwecke unnötig. Eine
tiefe Abneigung gegen die Luftschiffe und ihren Gebrauch herrschte auf
Mallona. Kein Bewohner wagte es so leicht, sich den unsicheren Elementen
anzuvertrauen, da der sichere Erdboden zur schnellen Fortbewegung genügte.
Luftschiffer und Seeleute, die hin und wieder die in der Konstruktion genau
bekannten Fahrzeuge benutzten, wurden als eine Art Wahnsinnige betrachtet,
die den Dämonen des Wassers und der Luft verfallen waren und von den Launen
der Unsichtbaren abhängig wurden. Abergläubige Furcht umgab deren Tätigkeit
mit dem Schein des Übernatürlichen, beruhend auf einem Pakt mit den
unsichtbaren Mächten. So schien es nicht geraten, sich an den Fahrzeugen und
deren Besitzern zu vergreifen, um die dienstbaren Elemente nicht zu erzürnen. Diese
Umstände verursachten, daß Muhareb unentdeckt an der Küste leben konnte,
nicht allzuweit von dem Königssitz. Ferner, daß Upal im Besitze eines
Flugschiffes unbehelligt blieb und es niemand gewagt hätte, selbes auf der
Felsenhöhe zu zerstören, sobald dessen Vorhandensein entdeckt worden wäre. Arvodo
entflieht meinen Augen und wiederum wendet sich der Blick den Gestaden zu,
auf denen Muhareb weilt. Schnell
tauchen sie vor mir auf. Ich sehe die Flugmaschine Upals in der Bucht auf dem
weißen Sande ruhend, ihn selbst mit Muhareb vor dem Eingange der Höhle in
eifrigem Gespräch. Den Jüngling sehe ich in einem kleinen Bote fischen. Mich
zieht es zu den beiden, Zeuge ihrer Unterredung zu sein. Ich unterscheide
jetzt genau die Stimmen und verstehe den Sinn ihrer Rede. Upal
fragt: "Darf ich wissen, weshalb du den Feldherrn abgewiesen hast? Er
scheint doch guter Absicht und edel im Gemüt!" Muhareb
antwortet: "Er ist beides nicht. Eine schöne Außendecke verbirgt die
Regungen eines Herzens, das nur der Veranlassung braucht, um sich schlimmer
zu äußern als Areval. Leicht ist es, gut zu sein, fehlt die Gelegenheit zum
bösen Handeln. Stark ist sein Wille, doch nur geübt, das auszuführen, was
Vorteil bringt. Solche Seelen fallen, stehen sie vor der Entscheidung, zu
entsagen um eines inneren Preises willen. Das Gift, das alle Bewohner
Mallonas eingesogen, zerstört auch ihn, er findet nicht die Kraft in sich, es
zu zerstören!" Voller
Verwunderung fragt Upal: "Ein Gift, das alle Bewohner Mallonas
eingesogen? Welches Gift?" "Das
Gift der Verderbnis, dem Maban das letzte Mittel entgegenzusetzen suchte —
Gehorsam! Würden sich die Bewohner dieses Erdenrundes gefügt haben, hätten
sie die Staatseinrichtungen verteidigt und den Geist begriffen, der in diesen
lag, sie wären gerettet und glücklich. Weise Gesetze, willig befolgt ihrem
Erziehungsgedanken nach, führen ein Volk zur geistigen und äußeren Freiheit.
Das Gegenteil aber geschieht, wenn die Gesetze ausgeklügelt verdreht werden.
Wenn sie nur zur Erhaltung unterdrückender Macht, zu Betrug und Eigennutz
dienen, führen sie zum Untergang, in das Verderben. Früh
habe ich erkannt, wohin Mallonas Völker gelangen müssen, gehen sie nicht den
Weg zur Ordnung zurück, den Maban wies. Hier lag die Rettung, doch der Weg
ist rauh Hart muß der Retter sein können, keine Rücksicht üben darf er auch
gegen das eigene Fleisch und Blut, gilt es, erkannte Fehler auszurotten. Hier
fehlte Maban. Er zerstörte durch Nachgiebigkeit wieder, wo er aufgebaut. Der
ihm folgenden Generation hätte lieb und teuer werden können, was die
Zeitgenossen noch widerwillig trugen. Aber er durfte den Herd der Zerstörung,
den er kannte und der in Areval lebte, nicht gewähren lassen. Er tat es und
der Fall war demzufolge tiefer, als jemals unsere Völker vordem sanken. Das
Unheil naht mit raschen Schritten. Die Stunde des Untergangs ist nicht mehr
weit. Im König vereinigt sich die Seele des Volkes, denn der Herrscher ist
ein Erzeugnis ihres Sinnes. Kein freies, in seinem Empfinden reines Volk
duldet einen Tyrannen. Zu Sklaven können nur Männer werden mit sklavischem
Sinn. Die Umgebung des Herrschers kann nur mit diesem herrschen, wenn das
Volk sich beugt. Will es das nicht, so bringt es bald siegende
Freiheitskämpfer hervor. — Doch nur dann führt der hehre Gedanke zum Siege,
wenn in der Brust der Menschen noch nicht alles tot ist. Es muß noch möglich
sein, auf dem Altar des Herzens eine Opferflamme zu entzünden, geweiht der
höchsten, allwaltenden Kraft, die uns ins Leben rief. Jenem Allgeiste, dem
wir Dank schulden und Rechenschaft zu geben haben von unserem Wollen, Denken
und Tun. Die innere Flamme ist das Leuchtfeuer für die Richtung unseres Tuns.
Sie verzehrt, was unrein, sie kann aus einem Fünkchen zur glänzenden Lohe
werden. Hat Selbstsucht diesen Altar zerstört, glimmt die Opferflamme bald
erstickend. Dann ist es vorbei mit der Zukunft des Volkes: die Besseren
sterben aus, getötet durch die Macht des siegenden Bösen. Kurze Zeit
triumphiert dieses, spottet und verhöhnt die warnende Stimme der letzten
Gerechten, glaubt in maßloser Herrschsucht auch den Gewalten des Alls ins
Antlitz schlagen zu können und gräbt in wahnsinniger Verblendung sich selbst
das eigene Grab." Muhareb
hat mit der Begeisterung des Sehers gesprochen, atemlos lauscht Upal. Nach
einer Pause fährt der Sprecher fort. "Schon
klingt das Scharren der Grabschaufel an mein Ohr. Still wird es werden, ist
der Tote erst begraben, ganz still. Nie wird die Öde sich wieder beleben. Der
Königssohn ist in mir erstorben, weil es mir nicht vergönnt werden konnte,
das Volk zu retten. Ich habe von dieser Einsamkeit gesucht nach Menschen, in
deren Herzen der Altar noch nicht gestürzt und habe keine gefunden. Mir,
dem ältesten Königssohne, stehen alle Erfindungen zu Gebote, die das törichte
Volk mißachtet. In den Höhlen hier ringsum ist mancherlei davon verborgen.
Ich habe gelernt, den Genius im Menschen hoch zuachten, der sich die Kräfte
der Natur zu Dienern machte. Gewaltiger Herrscher im Hause der Natur ist der
Mensch durch den in ihm wohnenden Geist. Dieser erhebt ihn über die Schwäche
seines Körpers, und untertänig legen sich dem Menschen die Geister der
Elemente zu Füßen. Auf Mallona haben nur wenige die unermeßliche Kraft des
Geistes erkannt, die uns gegeben worden, um Selbstschöpfer im gegebenen
Kreise zu werden. Durch die besiegten Kräfte der Natur kann der Mensch immer
tiefer eindringen in die Weisheit Allvaters. Wir sollen die Elemente
beherrschen. Nicht zum Eigennutz, wohl aber um dadurch den Gesetzgeber immer
mehr kennen und lieben zu lernen. Das Volk verschmäht die himmlische Gabe.
Aberglauben, Trägheit, Sinnlichkeit und Furcht läßt es nicht zu, daß ihnen
zum Eigentum werde, was der Geist der Weisen fand. Unzählige
Entdeckungen wurden gemacht und den noch wendet sich jetzt das Volk von allen
Neuerungen ab. Es fürchtet sich vor den Errungenschaften des Geistes und will
nicht gestört werden in seiner Bequemlichkeit. Dort in jener Bucht flutet das
Wasser in eine versteckte Höhle. Wohlgeborgen findest du darin ein
schnellfahrendes Schiff, mit dem die Meere sicher befahren werden können.
Beseelt vom Aberglauben wollte niemand es besteigen aus Furcht, die Dämonen
des Wassers verschlängen den Kühnen, so blieb diese große Erfindung wertlos.
Mir aber dient es hier seit Jahren, unerkannt ferne Orte zu besuchen, mit
eigenen Augen das Treiben der Völker zu beobachten. Nicht fremd ist mir
daher, was ringsum geschieht. Ich erkenne, wie der Geist in den Menschen
immer mehr erlischt, wie in den Seelen der Glaube an den Zweck des Lebens
erstorben. Mit diesem Stillstand jeder Entwicklung ist die Erstarrung
eingetreten; das Errungene geht wieder verloren, das Gericht, die Vernichtung
steht im Hintergrunde. Du
trautest Arvodo und zeigtest ihm darum die Schätze im Bergesinnern. In dir
lebt noch Wagemut. Du hassest Areval als den Vernichter des Guten und
glaubtest, Arvodo werde sich deinen Wünschen geneigt zeigen als Rächer deines
Geschickes. Allein du bist ihm nur Mittel, kein Gefühl hat er für dich, auch
nicht für mich. Auch ich hätte ihm dankbar das Mittel sein müssen für Zwecke,
die sich bald offenbaren werden. Denn nachdem er von mir abgewiesen, wird er
nun bei Areval finden, was er sucht — Befriedigung seiner Herrschlust, die
unaufhaltsam aus seinem Inneren hervorbrechen wird. — Geh' nicht zurück zu
ihm, dein Schicksal würde sich besiegeln. Du suchtest einen Freund und
findest einen Feind, der dich vernichtet. Um dir dies zu sagen, forderte ich
dein Kommen, doch frei sei deine Entschließung!" "Arvodo
sollte falsch sein?" fragte Upal erstaunt. "Ist er nicht das
geheime Haupt der Getreuen, die sich weihten, das Recht wieder siegen zu
lassen und Mabans Pläne zu vollenden? Ich gehöre zum Bunde. Er weiß es und
könnte mich vernichten wollen? Ich bin sein Sklave und habe mich ihm
gebeugt!" "Was
uns gestern noch fremd war, kann heute schon Entschluß und Tat sein. Nicht
wollte er gestern, was ihm heute notwendig erscheint. Folge mir, lerne
Mallona kennen mit meinen Augen. Ich werde dir Licht geben und die
verdunkelnden Schleier werden vor deiner Erkenntnis niederfallen. Ich habe
die letzte Reise zu vollziehen. Der letzte Versuch, die Geister aufzurütteln,
ist mir anbefohlen. Sei mein Begleiter, folge mir. Willst du?" Entschlossen
springt Upal auf und ruft: "Ich will!" Der
Vizekönig von Nustra
Wolken
schieben sich jetzt vor, ich sehe nicht mehr das Meeresgestade. Das Bild
ändert sich. Aus dem Nebel, der meinen Blick verschleiert, bilden sich
allmählich deutliche Umrisse. Eine
weite Halle wölbt sich mir entgegen, es ist der große Empfangssaal des Königs
Areval. Alle Edlen des Reiches sind hier versammelt und warten auf den
Eintritt des Königs. Spannung liegt auf den Zügen der Männer, die einen
prächtigen Thron umstehen und verstohlen verwunderte Blicke auf den
Oberpriester Karmuno werfen. Unbeweglich steht dieser an den Stufen des
Thrones, die Augen auf eine große Pforte gerichtet, aus der der König treten
muß. Bisher unterstützte Karmuno stets den König, wenn er sich den Großen des
Reiches zeigte. Jetzt ist es anders geworden. Areval bedarf seiner nicht
mehr, sowohl als Arzt, wie als Ratgeber. Die Großen flüstern und freuen sich
über diese Ungnade, fürchten jedoch noch immer den einst so mächtigen Mann.
Man kennt seine Tatkraft, seine Macht als oberster Priester des Reiches,
seine Klugheit und nicht am wenigsten seine Niedertracht. Jetzt
geht eine Bewegung durch die Versammlung. Die große Pforte springt auf,
kostbar gekleidete Bewaffnete, die Leibgarde des Königs, marschieren herein
und stellen sich in zwei Reihen von der Pforte bis zum Throne auf. Vor den
Stufen steht Karmuno. Areval
tritt festen Schrittes ein, man sieht ihm nichts mehr von früherer Krankheit
an. Ihm zur Rechten geht der Feldherr Arvodo, beiden folgen die Vizekönige
von Monna und Sutona, diesen wieder Rusar, Arvodos Bruder, mit den ersten
Häuptern des Landes. Langsam gelangt der Zug bis zu des Thrones Stufen.
Karmuno steigt zwei derselben hinauf und wendet sich dem König zu. Der Zug
hält. Klar, jedoch kalt wie schneidendes Erz hallt die Stimme des Priesters
durch die Halle: "Großer
König, du beriefest die Edlen von Mallona, damit sie hören, was du
beschlossen hast zum Wohle des Landes und seiner Bewohner. Der gewaltige
Geist des Weltalls hat deinen Sinn erleuchtet, das Rechte zu wählen. Nach
alter Sitte der Väter frage ich dich hier als Stellvertreter der ewigen
Gottheit: "Ist es dir gewiß, daß der Entschluß, den du gesonnen bist
hier kundzugeben, entsprungen ist dem ewigen Willen, dem wir alle
untertan?" Areval
antwortet fest: "Es ist mir gewiß!" "Bist du gewillt auch
ferner nur diesem Willen zu dienen?" "Ich
will es!" "So
zeige dich im Glanze ihres Willens und verkünde ihre Botschaft dem hörenden
Volke!" "Ich
werde es!" — Diese
Worte bilden eine übliche Zeremonie, ausgesonnen, um weltliche und geistliche
Macht untrennbar zu vereinen. In ihr liegt eine bedeutende Kraft zur Bindung
der Gemüter: Man sieht es den Zügen der Hörer an, die nunmehr begierig sind,
der kommenden Botschaft zu lauschen. Areval
hat den zur Seite getretenen Karmuno keines weiteren Blickes gewürdigt. Er
besteigt den Thron und spricht: "Männer
von Mallona, Getreue meines Thrones! Es hat dem Dämon des Todes gefallen,
einen getreuen Vasallen in das Schattenreich zu senden. Nustra, unser
Nachbarstaat entbehrt seit zwei Tagungen des Nustrors. Wir sind daher
gewillt, uns einig wissend mit dem Willen der ewigen Gottheit, einen neuen
Vizekönig einzusetzen und ihm Gewalt im Lande zu verleihen. Unsere Wahl ist
vollzogen, sie zu verkünden bleibt noch übrig. "Rusar,
Sohn des Mutro, des Edelsten einer, der noch Maban diente, Bruder unseres
Feldherrn Arvodo, tritt hervor!" Erstaunen
zeigt sich in den Gesichtern der Anwesenden, nur Arvodo und die Vizekönige
sind nicht überrascht. Rusar selbst ist es jedoch am meisten; zögernd tritt
er heran und kniet am Throne nieder. Areval spricht weiter: "Rusar,
stehe auf als Nustror und leiste mir den Schwur der Treue!" Karmuno
sagt nun eine lange Eidesformel vor, die von Rusar nachgesprochen wird.
Areval zieht ihn zu sich empor und krönt ihn mit einem goldenen Reif, den ein
Orostein schmückt. Jetzt beglückwünschen ihn die Vizekönige von Monna und
Sutona, auch in der Halle ist es unter den Anwesenden lebendig geworden.
Laute Rufe ertönen, freudige Zustimmung zur Ernennung. Karmuno scheint reden
zu wollen, Areval gebietet der Versammlung Schweigen und beginnt, ehe noch
der Oberpriester zu Worte kommen kann, selbst die Schlußworte des
Zeremoniells zu sprechen. Er sagt sich beugend: "Der Wille der Gottheit,
dem ich mich beuge, ist erfüllt. Auf, Rusar, zeige dich dem Volke in deiner
neuen Würde!" Funkelnden
Blicks, aber dennoch lächelnd, hat sich der Oberpriester wie alle Anwesenden
tief geneigt und tritt zurück. In der allgemeinen Erregung ist es nicht allen
aufgefallen, daß der Oberpriester zu sagen hätte: "Der
Wille der Gottheit, dem sich der König beugt, ist erfüllt!" — wobei er
als Vertreter der Gottheit ungebeugt stehen bleiben darf, während der König
und die Anwesenden sich tief verneigen müssen. Die jedoch das Zeremoniells
kennen, wissen nun auch, daß Areval dem Oberpriester mit dieser Abweichung
vom Althergebrachten den Fehdehandschuh hinwirft. Rusar,
geleitet von den Vizekönigen begibt sich durch die Gasse der Leibwache zur
Halle hinaus. Areval folgt mit Arvodo. Beide ziehen sich sofort in die inneren
Gemächer des Schlosses zurück. Langsam verhallt der Lärm, verursacht durch
die Bildung eines imposanten Triumphzuges unter Vorantritt eines Heroldes,
der die Ernennung des neuen Vizekönigs dem Volke verkündet. Während Rusar
alle Ehren genießt, beraten sich Areval und Arvodo im Zimmer des Königs. Ich
sehe sie allein. Die günstige Veränderung im Wesen Arevals tritt jetzt noch
deutlicher hervor als beim großen Empfang. Seitdem er durch den Feldherrn
weiß, daß Muhareb lebt, sind die Wahngestalten von früher gewichen. Das
Bewußtsein einer drohenden Gefahr hat ihn zur Entfaltung äußerster Energie
gebracht. Er will das seinem Throne drohende Unheil bannen und sinnt auf
Mittel, sich vor dem etwa wiederkehrenden Bruder zu schützen. Arvodo
hat es vortrefflich verstanden, den König völlig für sich einzunehmen und
Karmuno zu ersetzen. Er weiß, daß der Oberpriester ihn deswegen tödlich haßt,
ist jedoch klug genug, diesem gegenüber stets eine freundliche Außenseite zu
zeigen. Heute jedoch hat die Handlungsweise Arevals ihm gezeigt, daß der
König eine versteckte Absicht auszuführen gedenkt, die er erforschen will. Er
harrt nur des günstigen Augenblicks, der ihm Arevals geheime Gedanken
entdecken wird. Areval spricht nun klar und deutlich: "Bist du mit
deinem König zufrieden, Arvodo? Dein Bruder ist Vizekönig, wie du es
wünschtest. Dir verdanke ich viel und der Lohn soll auch dir werden. Mein
Wille ist, daß du Artayas Hand bald erhältst. Ich erkenne dich dann an. Du
bist der Mann, der zu mir steht und mir helfen wird, Mabans Ruhm zu
verdunkeln." Arvodos
Miene verrät nicht die tiefe Befriedigung seines Herzens. Mit ruhiger Stimme
antwortet er: "Mein
König weiß, daß meine Ergebenheit unbegrenzt ist. Befiehl, Herr, was ich tun
soll!" "Erst
eine Frage, Arvodo. Welche Gefühle glaubst du, hegt der Oberpriester Karmuno
gegen dich? Ist er dein Feind?“ "Wenn
glattes Lächeln ein Zeichen der Freundschaft ist, so ist er mein bester
Freund, doch traue ich nicht der Außenseite. Er beneidet die Gunst, die mir
mein König schenkt. Wer sieht in seine Seele und erkennt, was in deren Tiefe
ruht?" "Sicherlich
nicht Gutes für mich und dich. Ich habe die Ketten durch dich gesprengt, die
mich an ihn fesselten. Er wird bemüht sein, sie neu zu schmieden. Ich kenne
diesen Herrn aller Tempel des Reiches. Von ihm hängt es ab, Stimmungen im
Volke wachzurufen und die Schar der Priester in allen Landen gehorcht ihm.
Wollte ich wahrhafter König sein, alleiniger Herrscher in allen Landen, ich
müßte die ganze Brut vernichten, die ihm gehorcht. Ich muß mit ihm die
Herrschaft in Mallona teilen und sehe den Tag kommen, an dem ein Kampf auf
Leben und Tod mit ihm ausbricht." Düster
sieht Arvodo auf den König: "Hat mein König bedacht, wie dieser Kampf zu
führen wäre?" Areval
neigt sich zu ihm: "Solange ich von ihm abhängig war in meiner
Krankheit, war es ein Unding. Doch jetzt, da du an meiner Seite stehst, ist
es möglich. Die Macht der Tempel muß gestürzt werden. Das Volk sieht auf
diese in abergläubischer Scheu und die Macht der Dämonen scheint ihm größer
als die des Königs. Ich muß beweisen, daß die Götter mir gehorchen, daß in
dem Könige sich alle Kräfte einen. Karmuno war seit langen Jahren besorgt,
die Königsmacht zu untergraben, indem er die Lehre verbreitet, der König sei
untertan der Kraft der Gottheit, die in Mallonas Haupttempel allein sich
offenbart. Du weißt, wie alles hinwallt zu den Pforten des Heiligtums, sich
Rat zu holen, wie günstiger oder ungünstiger Spruch die Gemüter begeistert
oder versteint. Selbst meine Krieger sind nicht davon befreit. Es ist fraglich,
wie viele wagen würden, gegen den Spruch der Gottheit Karmunos zu tun, was
der König befiehlt." "Darum
scheint es besser, mit Karmuno in Frieden zu leben, als ihn zu reizen." "Und
weiter Sklave zu sein? Nein, nimmermehr! Er oder ich, zusammen können wir
nicht regieren. Das Königtum oder der Tempel. Eins muß fallen. Nicht ohne
Überlegung weigerte ich mich heute, das Zeremoniell in alter Form zu
schließen. Ich will zeigen, daß der König keines Mittlers braucht, um im
Namen der Gottheit zu handeln. Die Gottheit wohnt auch in mir oder
nirgends." Arevals
Augen glühen. Der so lange gegen den Priester gehegte Groll spricht deutlich
aus seinen Zügen. Schnell aber beherrscht er die Erregung und leise flüstert
er zu Arvodo: "Der Einsiedler am Meere war bisher gefahrlos, doch wer
ist sicher vor Karmunos Spähern? Entdeckt er das Geheimnis, so wird er es
gegen mich zu nützen wissen. Die eigene Sicherheit verlangt schnelles
Handeln. Arvodo, trage Sorge, daß der Einsiedler unerkannt durch die
Getreuesten der Wache in Gewahrsam kommt! Man bringe ihn dann nach Sutona;
auf Ksontus Schloß ist er wohl verwahrt und beschließe dort seine Tage. Das
Reich soll er mir nicht erschüttern. Er nicht und nicht Karmuno!" — Und
jetzt komme mit zu Artaya. Der König führt dich zu der Braut!" Areval
erhebt sich und leicht auf Arvodo gestützt verläßt er das Gemach. Ein
leises Geräusch an der Wand macht mich aufmerksam. Mein Blick durchdringt
dieselbe und entdeckt innerhalb der starken Mauer einen schmalen geheimen
Raum. Karmuno verläßt diesen Späherposten, auf dem er die geheimsten
Gespräche des Königs in dessen Gemache belauscht. In
Nustra
Von
der Hauptstadt Mallona aus ziehen sich nach den verschiedenen Städten des
Reiches schnurgerade Straßen hin: die Verbindungswege, auf denen die schnellfahrenden
Wagen mühelos in kurzer Zeit lange Strecken zurücklegen. Östlich von Mallona
sehe ich die Hauptstraße, die nach dem Nachbarreiche Nustra führt. Schneller
als die Wagen gleite ich jetzt sanft durch die Lüfte und bewundere die
Kunstfertigkeit, mit der die Straße angelegt worden ist. Nichts ist imstande,
die gerade Richtung zu hemmen. Flüsse, Täler, Schluchten sind überbrückt,
Berge wurden gesprengt um der Straße willen. Auf dem geglätteten Boden macht
sich keine Erschütterung der Wagen bemerkbar. Wahrlich, diese Straßen sind
eine Mustereinrichtung, gegen die unsere Verkehrswege mir unvollkommen
erscheinen. Je
mehr ich mich von der Hauptstadt entferne, desto romantischer wird die
Gegend. Ich sehe am Horizont gewaltige Bergmassen auftauchen, schneeige
Bergriesen glänzen mir im Sonnenschein entgegen. Eine mächtige Gebirgswelt
als Grenze zweier Erdteile, ähnlich dem Ural zwischen Europa und Asien, türmt
sich vor mir auf und scheint dem Eindringling ein Halt zu gebieten. Die
Straße aber baut sich weiter auf und klimmt, nur selten in Bogen den
gewaltigen Hindernissen ausweichend, zu fabelhafter Höhe empor. Schluchten
und Täler werden durch staunenerregende Bogenbauten überbrückt. In
schwindelnder Höhe, ganz nahe den Schneefeldern und Gletschern, windet sich
jetzt die Straße zu den höchsten Höhen, die sie überschreiten muß. Und mitten
durch das Schweigen einer eisstarrenden Gletscherwelt führt sie sicher und
gefahrlos den Reisenden auf eine schneebedeckte Hochebene, die Grenzscheide
von Mallona und Nustra. Ich
bewundere die Kunst der Ingenieure, solche Bauten auszuführen, die zweifellos
auf unserer Erde unmöglich sein würden. Die Last der Massen würde solche
Bogenbauten nicht zulassen, wie ich sie sah. Zusammenstürzen in sich selbst
würde alles, wollte man es wagen, Brückenbogen von solcher Spannungsweite
auszuführen. Die
geringere Schwerkraft des Planeten Mallona ermöglicht hier diese Ausführung.
In der reinen Gebirgsluft empfinde ich deutlich die anderen kosmischen
Bedingungen. Auch scheint mir das Urgestein des Planeten ein wesentlich
anderes zu sein als das der Erde. Es scheint mir leichter in seiner Struktur;
leichtere Massen, gleich den Produkten der Kreidezeit und Triasperiode, die
hier mit Schneekappen bedeckt, sich schwarz aus den blauweißen Gletschern und
Schneefeldern erheben. Doch mich duldet es hier nicht länger. Es treibt mich
rastlos weiter zu dem Ende der Hochebene, und dann hinab nach Nustra, dem
Königreiche Rosars, dessen Reisewagen und die seiner zahlreichen Begleitung
mir folgen. Jetzt
ist die Höhe überwunden. Weit dehnt sich das Land vor mir. Schroff fallen
nach Nustra hin die Berge ab und zahlreiche fruchtbare Felder, grünende
Wälder, blinkende Seen, sanfte Hügelketten liegen nunmehr vor dem entzückten
Blick. In sausender Fahrt geht es talwärts. Sicher gleiten die Wagen die
wellenförmige gerade Straße hinab, gleich einer Rutschbahn von ungeheurer
Länge. In kurzer Zeit ist die Talfahrt vollendet und in stundenlanger
weiterer Fahrt geht es nun durch ebenes, fruchtbares Land, der Hauptstadt des
Landes gleichen Namens zu. Die Sonne steht bereits tief am Horizont, als die
Bauten Nustras in der Ferne erscheinen und Abend ist es geworden, als Rusar
mit seinem Gefolge in die weite Halle einfährt. Nustra
hat sich zum Empfang des neuen Vizekönigs geschmückt. Überall flammen
Holzstöße und große Bündel von Mangafackeln, die die Hauptstraßen und Plätze
hell beleuchten. Der Weg zum Herrscherpalast auf einer Anhöhe ist besonders
festlich beleuchtet. Eine froherregte Menge, reich geschmückt, bewegt sich auf
den Straßen und begrüßt mit brausenden Heilrufen den einziehenden Vizekönig.
Rusar steht auf einem Prunkwagen, gekleidet in golddurchwirkter Gewandung,
und nimmt die Rufe dankend entgegen. Er scheint glücklich zu sein über alle
Ehren und freut sich der Sympathie des Volkes. Der Zug verschwindet hinter
den offenen Toren des Königsschlosses. Nustra besitzt wieder einen Herrscher. Ich
sehe einen weiten Saal, geschmückt in festlichem Gepräge. Rusar, die
Vizekönige von Monna und Sutona sitzen auf einer Erhöhung und blicken in die
bewegte Menge von Hofleuten und Vornehmen des Vizekönigreiches, denen der
neue Herrscher ein Gelage gibt. Ich scheine hier versetzt in die Zeiten des
üppigen römischen Kaiserreiches. Die Tafeln biegen sich unter den
aufgetragenen Speisen. Die Gäste sind durch berauschende Getränke nicht mehr
völlig ihrer Sinne mächtig. Tänzerinnen zeigen ihre Künste und winden die
schlanken Körper in sinnlich aufregenden Tänzen. Gaukler produzieren sich und
suchen durch waghalsige Sprünge die Zuschauer zu unterhalten. Hier entwickelt
sich eine Orgie, wie sie wilder nicht gedacht und bei festlichen
Gelegenheiten schon längst in allen Teilen des gesamten Mallona-Reiches zum
Vergnügen der Großen geübt wird. Auch
dem Rusar ist ein derartiges Treiben keineswegs fremd. Suchte doch Areval
seine wilden Phantasien durch tolle Bachanale zu verscheuchen, denen er
beigewohnt hatte nicht ohne erwachende Lüsternheit, der die Jugend so leicht
anheimfällt. Der Vizekönig von Monna an Rusars rechter Seite ist in
lustigster Laune. Soeben hat er eine schöne Tänzerin zu sich gerufen und das
Mädchen im Armee haltend, sagt er zu Rusar: "Nustror, die Blumen deines
Landes sind lieblich, doch kann ich dir nicht weniger schöne zeigen, sobald
es dir gefallen wird, mein Land zu besuchen. Versprich mir das zu tun, dann
sollst du die Wunder meines Liebesgartens schauen." Rusar
meint gelassen: "Wir wissen, Monnor, welch feiner Kenner du in
Liebesdingen bist, doch verlangt mich noch wenig nach diesen. Die Pflicht des
Herrschers ist sein Volk zu beglücken!" Hellauflachend
preßt der Vizekönig das Mädchen an sich und ruft mit lallender Stimme:
"Beglücke ich nicht mein Volk? Sieh, wie ich mit den Kindern des Volkes
beginne." Der
Vizekönig von Sutona, Sutor genannt, lacht ebenfalls laut auf: "Wer
wüßte nicht, daß du bemüht bist, der Vater deiner Landeskinder zu werden!
Auch der Nustror wird sich in diesen schönen Pflichten noch üben." In
diesem Augenblick ertönt schmetternde Musik. Das Mädchen entwindet sich den
Armen des Vizekönigs und eilt den andern Tänzerinnen zu, die sich zu einem
Reigen aufgestellt haben und nun einen Tanz beginnen, der an Wildheit und
Aufreizung der Nerven das denkbar Höchste leistet. Die Gäste erfaßt ein
allgemeiner Taumel. Sie klatschen nach dem Takt in die Hände, rufen Beifall
und mischen sich unter die Tänzerinnen. Bald wirbelt alles durcheinander
unter Gejohle und Ausrufen der Lust. Angewidert
von diesem Bilde, wende ich mich ab. Ich habe einen tiefen Blick getan in die
Verworfenheit der Bewohner dieses Planeten. Es ist genug. — — — Das
Bild ändert sich jetzt. Nebel ziehen vorüber und allmählich bilden sich
andere Gestalten. Jetzt wird es klarer. — Ich
erkenne Karmuno und Arvodos Bruder Rusar in einem kleinen Gemach des Schlosses
von Nustra. Karmuno ist heimlich dem neuen Vizekönig gefolgt und eifrig
spricht er auf Rusar ein. Finster und bleich starrt der Jüngling zu Boden,
während der Oberpriester ihn zu überreden sucht. Ich höre jetzt auch die
Worte und verstehe sie. Karmuno sagt: "Fort
mit allen Bedenken, ich stehe für den Erfolg. Welch brüderliche Liebe Arvodo
für Euch hat, erkennt Ihr aus seinem Tun. Er stiehlt Euch die Liebe Artayas.
Oder glaubet Ihr, mir sei fremd geblieben, was Euch bewegt? Die Macht
Arvodos, die er seit einiger Zeit über den König ausübt, führt ihn zum
erkannten Ziel. Er will König von Mallona werden. Euch machte er jetzt zum
Vizekönig von Nustra, denn die Nähe des Bruders ist ihm hinderlich. Er
ehelicht Artaya, deren Hand ihn zum Thronerben macht." Leidenschaftlich
fährt Rusar auf: "Das soll er nicht!" Mit kalter Miene spricht der
Priester: "Wollt Ihr es hindern, da Artaya selbst diese Verbindung
wünscht und Areval gleichfalls?" Aufstöhnend
seufzt Rusar: "Mich ließ sie glauben, ihr Herz habe sich mir zugewandt
und nun —" "Gefällt
ihr der Bruder besser. Nichts Neues, Herr, bei diesem Weibe. Artaya kennt nur
sich. Wüßte sie Arvodos Herz für sie entflammt, bald würde sie seiner
überdrüssig. Doch so muß sie ihn erobern; sie ruht nicht, bis sie den Mann in
ihm besiegt. Er wäre der erste, der sich nicht vor ihrem Lächeln beugte, und
das duldet ihre Eitelkeit nicht. Ihr, Herr, wurdet ihr Sklave und solche
werden abgetan, sobald man sie nicht mehr braucht." Rusar
knirscht vor Erregung: "Ich werde nie diesem Weibe ein Sklave sein.
Getötet sei die Liebe zu ihr, und nur noch der Haß lebe für sie!" Karmuno
lächelt heimlich und sein Auge blitzt triumphierend. Leise flüstert er Rusar
zu. "Ich kenne ein Mittel, wie Ihr Euch an diesem Verrat rächen
könnt!" "Und
wie das?" "Ihr
trefft sie, wenn Ihr Arvodo treffen werdet!" "Er ist jetzt
mächtiger als wir alle und — mein Bruder!" "Euer
Herr, der Euch nicht schonen wird, falls es ihm notwendig scheint!" — "Welch
ein Mittel kennt Ihr?" Rusar
blickt den Priester fragend an, dieser sieht ihm scharf in die Augen und
antwortet leise: „Muhareb
lebt!“ Wie
von einer Natter gestochen fährt Rusar empor. Voller Entsetzen starrt er den
Priester an und stammelt: "Muhareb lebt? Unmöglich!" "Warum
unmöglich?" — "Weil mein Bruder vor kurzem von einer Fahrt
zurückkehrte, bei der ihm Beweise von Muharebs Tode geworden. Er hat den Mann
gesehen und gesprochen, in dessen Armen Muhareb starb!" "So
sagte Euch Arvodo, und Ihr habt ihm geglaubt. Ihr ahntet nicht, daß der
Bruder log um seiner geheimen Zwecke willen, die ich durchschaue. Muhareb
lebt und ich kenne seinen Aufenthalt!" "Ihr
kennt seinen Aufenthalt? Wo ist derselbe?" "Herr, man gibt
Geheimnisse nicht ohne weiteres kund. Ihr seht, daß Arvodo Euch betrog.
Areval fürchtet nicht den toten, doch um so mehr den lebenden Muhareb. Durch
Arvodo hat er von dessen Dasein erfahren und Arvodo weiß seine Furcht wohl zu
nützen. Jetzt wißt Ihr, wodurch Euer Bruder die Macht über den König besitzt.
— Nehmt dem König seine Furcht vor Muhareb und es werden sich dann auch
Mittel finden, Arvodo zu stürzen." "Karmuno,
ich kenne Euch, Ihr wißt die Mittel schon und hofft sie anzuwenden. Ihr wart
nie ein Freund Arvodos. Ich bin es jetzt auch nicht mehr, — drum
sprecht." "Es
ist nötig, daß Muhareb falle oder daß er als rechtmäßiger König anerkannt
werde. Wozu würdet Ihr Euch entschließen?" Vorsichtig
fragt Rusar: "Läßt sich das schon jetzt bestimmen? Vielleicht ist weder
das eine noch das andere ratsam. Handelt so, daß die Wege offen
bleiben." Erfreut
tritt Karmuno auf Rusar zu: "Ich sehe, Ihr versteht mich. Laßt uns
Verbündete sein, so werden wir die Geschicke Mallonas lenken! Ergreift jetzt
mit fester Hand die Zügel der Regierung. Von mir wird die Priesterschaft des
Landes unterrichtet werden, Euch zu unterstützen. Was bei Areval vorgeht,
bleibt uns kein Geheimnis. Wenn ich will, haben die Mauern Augen und Ohren.
Weder Areval noch Arvodo entgehen diesem Netz." "Was
aber geschieht unterdessen mit Muhareb?" Karmuno
lächelt listig. "Ein Königssohn, der sich vergräbt in der Einsamkeit,
wird untauglich für den Thron. Wir brauchen seinen Namen, weniger seine
Person. Laßt in Nustra zuerst das Gerücht entstehen, Muhareb lebe und sei
gesehen worden. Des Vizekönigs von Monna sind wir sicher, er wird unseren
Plänen folgen. Auch dort wird Muharebs Name das Ansehen Arevals untergraben,
noch mehr dann in Mallona selbst. Werden die Ereignisse uns erst beweisen,
wie groß die Macht ist, die Muharebs Name gibt, so werden wir beschließen.
Seine Getreuen werden die unseren. "Auch
diesen Bund kennt Ihr?" fragt in unverhohlenem Erstaunen Rusar. "Dem
Oberpriester aller Tempel darf nichts fremd sein. Nicht jedem fällt die
Frucht zu von dem, was er gesät hat. Klügere, die zu warten wissen, können
die Ernte einheimsen. Arvodo hat daran nicht gedacht, aber er wird es
erfahren." Rusar
hat staunend Karmuno zugehört. In seinen Gedanken bildet sich klar das Bild
dieses anscheinend allwissenden Priesters, der den König unumschränkt
beherrschte, bis Arvodo diese Macht ihm augenscheinlich streitig machte. Der
aber auch für diesen Fall gesorgt hatte und sicherlich ein Netz von Spähern,
Vertrauten und Helfern besaß. Er wittert die Gefahr eines Bündnisses mit
diesem Manne, erkennt aber auch die Ohnmacht, sich ihm zu entziehen. In einer
Art Trotz sagt er: "Und wenn ich nun Arvodo enthülle, was Ihr mir
anvertraut, ihm verrate, wovon Ihr Kenntnis habt?" Kalt
lächelnd und ihn bedeutungsvoll ansehend sagt Karmuno kurz: "Versucht
es!" Rusar
weiß, Karmuno würde vor keinem Mittel zu rückschrecken. Er steht auf, und
sich zum Lachen zwingend meint er: "Ich will durch einen solchen Versuch
die Freundschaft Karmunos nicht verlieren. Gemeinsames Wissen gibt
gemeinsames Handeln. Ich bin bereit dazu." Im
Tempel der Schönheit
Ich
bin wieder in Mallona und stehe vor dem Haupttempel des Reiches. Es ist ein
überaus prächtiger Bau. Hochragende Säulen umschließen das Hauptgebäude und
von jeder der Säulen strahlt eine große Mangafackel. Der Tempel ist wie ein
gewaltiger Würfel gestaltet, zeigt keine Fenster und nur ein großes
Eingangstor, geschmückt mit Relieffiguren von symbolischer Bedeutung. Über
dem Tore sehe ich die Kolossalstatue eines wunderbaren Weibes: die
Darstellung der Schönheit, für deren Verehrung einst Maban diesen Tempel
erbaute. Das
ganze Gebäude wirkt durch seine Massigkeit. Es ist äußerlich prunklos, jedoch
imponieren die Größenverhältnisse, die Säulengänge und der Strom von Licht,
der nachts von den Säulen herabfließt und das Gebäude sowie die nächste
Umgebung taghell erleuchtet. Ich bemerke, daß der Tempel einen zweiten weit
kleineren Würfelaufsatz trägt, der als Altar dient. Hier werden an besonderen
Festtagen mächtige Opferfeuer entzündet, und aus der Art des entfachten
Brandes verkündet der Oberpriester Karmuno dann das Wohlgefallen oder
Mißfallen der Gottheit. Ich
trete durch das große Tor in das Innere des Tempels. Feierliche Stille und
Dunkel umgibt mich. Im Hintergrunde sehe ich buntleuchtende Lichter, die das
Heiligtum des Tempels schwach erhellen. Dort sind Statuen von vollendet
schönen Frauen aufgestellt, die sich alle einem Mittelpunkte zuneigen, der
durch ein steinernes Podium mit sechs Stufen angedeutet ist. Was
bedeutet dieser Kreis von Statuen? Mir wird die Antwort: "Du
siehst hier den Kreis der guten Eigenschaften im Menschen dargestellt. Jede
einzelne Figur personifiziert eine solche: Die Güte, die Verzeihung, die
Nachsicht, die Liebe, die Barmherzigkeit, das Vertrauen, die Tapferkeit usw. Sie
alle beugen sich jedoch dem belebenden Prinzip der Tatkraft entgegen, von dem
allein ihr Dasein abhängt. Auf diesem Podium erscheint an Opfertagen die
bewegliche Figur eines riesenhaften Mannes, der umwoben von nebelhaftem Dampf
aromatischen Räucherwerks sich kurze Zeit der Menge als die höchste Gottheit
Schodufaleb zeigt. Die umgebenden Statuen sind dann ersetzt durch schöne
lebende Frauen, die ohne sich zu rühren längere Zeit in den gegebenen
Stellungen verbleiben. — Erscheint der Riese, so werden auch sie beweglich,
eilen zu ihm und die ganze Gruppe versinkt dann in den Boden. Karmuno
weiß seinen Pfaffentrug bestens auszubauen und auszubeuten. Dieser Tempel ist
nur zu oft Zeuge von Orgien niedrigster Art, die sich in den dunkeln Hallen
vollziehen zur Ehre der Gottheit. Mich
zieht die Kraft des Geistes hinauf auf das Podium. Ich betrete es und — versinke.
Ich stehe jetzt in einem schwach erleuchteten Gang und komme zu einer hohen
Pforte. Sie öffnet sich. Ich gelange in einen größeren Raum, in dem
Bewaffnete stehen. Es sind Untergebene Karmunos, Tempelhüter und Diener, die
jederzeit bereit sind, auch seine blutigen Befehle zu vollziehen. Dann komme
ich zu einer zweiten großen Pforte, auch diese öffnet sich. Ich trete in
einen schön geschmückten Raum, in dem einige Priester warten und sich mit
Spielen die Zeit vertreiben. Sie halten anscheinend Wache vor einer kleinen,
eisenbeschlagenen Tür, denn oftmals richten sich ihre Blicke nach dieser, als
erwarteten sie von dort Eintretende. Für
mich ist auch diese Tür kein Hindernis, sie öffnet sich und ich stehe vor
einer zweiten. Sechs solcher festen Türen muß ich öffnen, ehe ich in einen
weiteren, hell beleuchteten Raum gelange. Auf
erhöhtem Platze thront Karmuno. Im Kreise um ihn sitzen noch elf Priester,
Männer in mittleren Jahren, denen Festigkeit und Verschmitztheit aus den
Augen leuchtet. Je drei von ihnen bilden den höchsten Priesterstand des von
ihnen vertretenen Landes. Ich bin in den geheimsten Tempelrat eingedrungen,
der in diesem gesicherten Raume zusammenkommt, um Karmunos Befehle
entgegenzunehmen. Dieser spricht jetzt und sagt: Höchste
Priester des Reiches! Ich grüße euch im vertrauten Beratungszimmer unseres
heiligen Tempels. Wir sind hier versammelt als die Hüter des Volkes, als
Vermittler der Gottheit und — als Freunde und Vertraute. Laßt uns als solche
beraten, was unser Interesse in der nächsten Zeit verlangt. Jeder gebe
ungefärbten Bericht, wie es in seinem Lande mit unserem Einfluß steht.
Mansor, Höchstpriester von Nustra, beginne du mit deinem Bericht!" Ein
großer Mann von imponierendem Aussehen, scharf gebogener Nase und klugen,
doch tückisch blitzenden Augen erhebt sich würdevoll von seinem Sitze und
spricht: "Geliebte
Brüder! Nicht viel änderte sich in Nustra, seit wir zum letztenmal hier
vereint waren, doch habe ich gute Fortschritte auf dem angewiesenen Wege zu
berichten. Das Volk der Nustraner ist leicht zu lenken, sobald man ihm seine
Bequemlichkeit läßt. Es hängt am Gewohnten und viele halten deswegen das Alte
stets für besser als das Gegenwärtige. Sie schwärmen darum noch ebenso wie
früher von Maban und halten ihn für einen Gott, der seinerzeit herniederstieg
zum Besten des Volkes. Ihr wißt es, Brüder, wie schwer es uns geworden, an
Stelle der leitenden Ideen Mabans die unseren zu setzen, um die Gemüter des
Volkes so zu lenken, wie es unser Interesse verlangt. Nun ist dieses Werk
dank der Trägheit der Geister gelungen. Man denkt in Nustra jetzt, wie wir es
wollen. Du
Höchster unseres Bundes, weiser Karmuno, wolltest, daß Stimmung gemacht werde
für Rusar, den neuen Vizekönig. Es ist geschehen! Von den Tempeln des
gesamten Nustra aus haben unsere treuen Diener den Willen der Gottheit
verkündet, daß Rusar wohlgefällig sei. Dank unseren Vorrichtungen flammten
auf den Altären die Opferflammen für ihn hochschlagend und glänzend auf.
Rusar, wenn er sich freigebig zeigt und den Ratschlägen dieses hohen Rates
folgt, wird glücklicher Herrscher eines glücklichen Volkes bleiben können. Es
ist nicht zu fürchten, daß unsere Herrschaft in Nustra erschüttert
werde." Nachdenklich
fragt Karmuno: "Die Nustraner reden noch viel von Mabans Sohn,
Muhareb?" "Ein
ganzer Sagenkreis hat sich um die Person des Prinzen gewoben. Sein
Verschwinden wird nach allen Richtungen hin erklärt. Bald soll er ermordet,
bald ertrunken sein, bald soll Dämon Usglom ihn geraubt haben. Bald heißt es,
er sei ob der Güte seines Wesens nicht vom Dämon, wohl aber von Anarba, der
Schönheitsgöttin entführt und er lebe in ihrem Zaubergarten als Gefangener in
jugendlicher Frische. Sein Name genügt, um die Nustraner mit Ehrfurcht zu
erfüllen!" "Es
ist gut, wir sprechen später von ihm weiter. Sind alle Stellen des Staates in
Nustra noch mit den uns ergebenen Männern besetzt?" "Sie
sind es." "Ich
danke dir. Berichte du nun, Höchstpriester von Monna, wie steht es bei euch
im Reiche?" Ein
etwas beleibter Mann, dem die Freude am Genuß von seinem runden Gesicht
abgelesen werden kann, erhebt sich und spricht: "Heil
widerfahre stets unserem Tempel und seinen getreuen Dienern. Wenn irgendwo
auf Mallona, so steht es gut mit uns im Königreich Monna. Ihr wißt, meine
Brüder, daß der Monnor ein Leben des ausgiebigsten Genusses führt, und er
jede ernsthafte Arbeit scheut. Gern überläßt er die Zügel der Regierung
solchen Männern, die seine Vergnügungen nicht stören. Und da es mir gelungen
ist, ihm zu beweisen, daß in den Kreisen unseres Tempels Nachsicht mit seinen
Schwächen besteht und wir imstande sind, seine Sorgen für ihn zu tragen, so
war der Monnor gern bereit, dem Tempel die größere Last der Arbeit zu
übergeben." "Und
du trägst diese Last?" unterbricht ihn Karmuno kalt und forschend. "Zur
Ehre des Tempels hat sein Diener bereitwillig die große Last auf sich
genommen, denn es ist eine solche. Mit vollen Händen streut der Monnor Geld
unter das Volk. Wer ihm schmeichelt, braucht nicht zu arbeiten. Die Mittel
fließen ihm in ungeahnter Menge zu, denn das weiße Rod hat sich in letzter
Zeit in unglaublicher Menge in den Feuergegenden unseres Landes vorgefunden,
die sich längs des Meeres hinziehen. Er wäre verpflichtet, alles gemünzte Rod
der Staatskasse zu übergeben, doch behält er den größeren Teil für sich." "Wer
ist Münzmeister in Monna?" fragt Karmuno. "Volto,
einer der treuesten Diener unseres Tempels." "Ich
weiß. Sein Bruder wurde auf deine Veranlassung Oberaufseher der aus den
Bergen gegrabenen Rodschätze. Er liefert jedoch dem Staate nur die Hälfte ab,
die andere empfängst du und birgst sie in dem Tempel von Monna." Diese
Worte bringen großes Erstaunen im Kreise hervor. Der fast sprachlos gewordene
Höchstpriester stammelt endlich: "Darüber Höchster — wollte ich — gerade
berichten — denn deinem Auge entgeht nichts." "Ich
heiße Karmuno, der Weitsichtige", bemerkt trocken der Oberpriester, und
scharf betonend sagt er: "Berichte jetzt weiter!" Monnas
Höchstpriester ist eingeschüchtert. Er ist unsicher, wieviel Karmuno von
seinem Treiben erfahren hat, das klarzustellen nicht seine Absicht war. Jetzt
fühlt er, daß eine Lüge, auf der er ertappt wird, ihm verhängnisvoll werden
könnte und entschließt sich darum, nichts zu verschweigen. Mit sicherer
Stimme fährt er fort: "Im
Tempel sind große Schätze aufgehäuft, von denen Areval nichts weiß, die
jedoch dem Tempelrate zur Verfügung stehen, sobald darüber beschlossen wird.
Es ist auch Geheimnis geblieben, daß der Tempel eine besonders reichhaltige
Grube für sich ausbeutet, deren Funde mit Hilfe Voltos und seines Bruders nur
uns zufließen." "Wo
nimmst du die Arbeiter her?" fragt Karmuno. Den Oberpriester prüfend
ansehend, meint der Gefragte: "Höchster, du weißt es." Karmuno
nickt und sagt: "Rede um der andern willen." Anfangs
zögernd, dann zuversichtlicher fährt der Berichtende fort: "Es
ist jetzt ungefähr eine Jahrung her, daß in Monna eine Sekte, deren Treiben
wir eine nicht allzuhohe Bedeutung beigelegt haben, sich plötzlich stark und
für uns gefährlich auszubreiten begann. Ich erinnere die Brüder daran, daß es
sich um Leute handelte, die da behaupteten, unser Tempel der Schönheit sei
ein Herd des Lasters. Die ihm innewohnende hohe Bedeutung, zu sein unter
Maban eine Stätte der Erhebung, sei entweiht, denn die Priesterinnen des
Tempels seien feile Dirnen geworden. Ihr wißt, daß wir beschlossen haben,
solche Gerüchte und schändliche Verleumdungen auf das strengste mit dem Tode
zu ahnden. Da
geschah es nun, daß in einem kleinen Orte ein Mann aufstand und behauptete,
die Gottheit, die alljährlich sichtlich in unserem Tempel erscheint — und ihr
meine Gefährten zweifelt doch alle nicht daran, da sie von euren Augen doch
oft gesehen worden — —‚" (ein zynisches Lächeln und spottend beifällige
Bewegung erfaßt bei diesen Worten die Versammlung) — wäre noch niemals tatsächlich
in des Tempels Mauern eingedrungen. Denn sie wohne nicht in den von uns
selbstgemachten Steinhaufen, sondern in des Menschen Brust. — Suchet die
Gottheit in euch, reinigt euch selbst, den ureigenen Tempel der Gottheit,
seid selbst die Priester inneren Heiligtums — so lautete die neuerwachende
Lehre. Sie fand rasend schnell unter der ärmeren Klasse Anhänger und
bereitete uns, den eigentlichen, wahren Priestern, bald Feindschaft und
Ungehorsam. Heimliche Versammlungen wurden von den neuen Anhängern abgehalten.
Der Prophet zog im Lande umher und wurde von den Anhängern geschützt und
verborgen. Die Unzufriedenheit mit uns drohte in offene Rebellion
auszubrechen, wäre die gefährliche Sekte nicht mit den Wurzeln ausgerissen
und vernichtet worden. Ich
bin zufrieden, hier berichten zu können, daß das gelungen ist. Durch Späher
wußte ich bald, wo die Versammlungen abgehalten wurden. Ich ließ sie
trügerischer Sicherheit sich erfreuen und eines Tages hoben die getreuen
Truppen des Monnor diese Verräter samt ihrem Propheten aus ihren Nestern aus.
Keiner ist dem Tempel entgangen. Sie graben als dessen Sklaven in der
Feuergegend Monnas nach dem unschätzbaren Rod. Das sind die Arbeiter, nach
denen der erleuchtete Oberpriester fragte!" Diese
Rede findet allseitigen Beifall. Nustras Höchstpriester fragt noch: "Was
geschah mit dem schändlichen Verleumder und Aufrührer?" Gleichgültig
antwortet sein Kollege: "Er wurde vor kurzem verbrannt!" "Und
ist die Gefahr in Monna ganz beseitigt?" "Ganz!
Seitdem die Höhlen des Dämons Usglom die Eiferer beherbergt, ist jedermann
von ihrer Schändlichkeit überzeugt. In Monna herrscht wieder Ruhe und die
frühere Gläubigkeit." Die
Versammlung ist außerordentlich zufrieden mit dem Gehörten. Karmunos
stechendes Auge fliegt von einem zum andern. Schweigen entsteht in dem weiten
Raume, das leise Gemurmel des Beifalls verstummt, als er sagt: "Brüder,
es ist billig, daß die Schätze, die im Landestempel von Monna sich anhäufen,
nicht dort vermodern. Jeder Höchstpriester hat Anteil daran, wie auch die ihm
nächststehenden zwei Unterpriester. Wir werden später über deren beste
Verwendung beraten. Seid ihr es so zufrieden?" Freudig
begeisterte Zurufe erschallen, die das Heil der Gottheit Schodufaleb auf den
erleuchteten Oberpriester aller Lande herabwünschen. Karmuno hat die Seelen
der Anwesenden wiederum mit Ketten an sich geschmiedet. Er kennt die Habsucht
und deren Macht.— "Höchstpriester
von Sutona, berichte jetzt du", sagt Karmuno sich setzend, und alsbald
legt sich die freudige Stimmung. Aus
der Reihe der Priester erhebt sich ein Mann, dem geistige Bedeutung aus dem
Antlitz leuchtet. Ruhig, undurchdringlich, fast maskenartig erscheinen seine
Züge. Dieser Mann beherrscht sich vollkommen; sein Mund könnte lachen,
während sein Herz blutet. Unbesiegbare Willenskraft sehe ich aus den dunklen,
meerestiefen Augen leuchten. Ein langer Bart umkräuselt das edel geschnittene
Profil mit dem feinen, festgeschlossenen Mund. Wie er sich mit ruhigem
Anstand erhebt, fällt mir seine königliche Gestalt auf. Fürwahr, das ist ein
Mann, dessen Äußeres ihn würdig eines Thrones scheinen läßt. Er spricht jetzt
langsam mit wohllautender Stimme: "Nichts
Neues habe ich diesem hohen Kreise zu berichten. Was sollte sich auch Neues
ereignen bei den Sutonen, diesem Bergvolke, das um hundert Jahrungen
zurücksteht gegen Mallona, Nustra und Monna? Das Volk hängt an dem, was es
durch uns erhielt, es will nichts anderes und ist zufrieden." Karmuno
hat den Sprecher etwas mißtrauisch beobachtet und fällt ihm jetzt in die
Rede: "Wir
wissen, daß der Sutor ein Riese am Körper ist, doch ausgestattet mit dem
Gehirn eines Kindes. Die Erfahrung lehrt, daß auch Kinder widerspenstig
werden und sich gegen ihre Eltern auflehnen. Hast du das in Sutona nie
erfahren?" "Nie
Höchster, und werde es in Sutona nie erfahren!" Der
Sprecher weiß in den Ausdruck seiner Stimme eine solche Fülle vollster
Überzeugung zu legen, daß diese Worte jeden Zweifel an solcher Möglichkeit
sofort ersticken. Karmuno betont nur scharf: "Du wachst doch über das
Volk und den Sutor?" Das
Auge voll dem Oberpriester zuwendend, sagt der Gefragte mit imponierender
Ruhe und Sicherheit: "Ich
wache, Höchster, und werde wachen!" Karmuno
neigt das Haupt. Auch die andern Priester lassen aus ihren Bewegungen
erkennen, daß sie augenscheinlich Sutona als minderwertig und ungefährlich
betrachten. Der Höchstpriester Sutonas setzt sich nieder. Karmuno
erhebt sich jetzt und flüstert dem rechts sitzenden Priester, seinem
vertrauten Schreiber, einige Worte zu. Dieser entnimmt einer Mappe eine
Anzahl pergamentartiger Papiere. Dem links sitzenden Priester gibt er
anscheinend einen Befehl, worauf dieser dem Ausgange zugeht. Er überzeugt
sich, daß die verschiedenen Türen wohl verschlossen sind und kein unberufener
Lauscher hören kann, was Karmuno dem Kreise mitzuteilen beabsichtigt. Er
kehrt mit der Meldung völliger Sicherheit zurück. Gespannt blicken die
Priester auf Karmuno, dessen Mienen ihnen wichtige Mitteilung versprechen. Er
sagt: "Edle
Brüder und Vertraute, erleuchtete Höchstpriester unserer Lande! Ihr habt
gehört, daß anscheinend Ruhe und Frieden herrscht auf allen Teilen Mallonas.
Ihr wißt, daß Unruhen und Auflehnungen gegen unsere Lehren — die die Gottheit
selbst uns offenbarte, damit die Völker friedvoll leben können — von uns
gestraft und unterdrückt wurden. Es ist besser, einzelne Verderber gehen
gänzlich zugrunde, als daß diese den Sinn der Völker vergiften. Ich
erinnere daran, daß mein Geschlecht unter Mabans Regierung selbst
Verfolgungen erdulden mußte, weil dem sonst großen Könige es nicht gut
erschien, daß es im Rate der Priester die Überzeugung vertrat: dem Mittler
zwischen Gottheit und den Menschen gebühre unbedingte Glaubenswürdigkeit und
seinen Worten unbeschränkte Gesetzeskraft. — Als eine große Priesterschar
sich dieser weisen Lehre anschloß, verbannte uns Maban. Areval rief uns
zurück und sehet — glücklicher Friede ruht auf den Landen, seitdem wir neben
dem Könige stehen, der in uns seine treuesten Gefährten, in mir seinen
aufrichtigsten Berater fand. Zeichen
der Zustimmung werden gegeben. Karmuno fährt fort: "Soll
es auch in Zukunft also bleiben? Ich sehe an euren Mienen, ihr alle wünscht
es und auch ich bin dieser Meinung. Doch sehet, es lauert eine Gefahr hinter
uns. Die Vernichtung unseres Glückes ist nicht mehr weit, wenn wir nicht
einig sind wie bisher, um das Verderben zu bannen. Darum hört: Ihr
alle wißt, daß König Areval bei der Einführung Rusars mir, dem
Höchstpriester, die Oberhoheit durch den euch bekannten Spruch versagte. Ich
forschte nach der tieferen Ursache seines Tuns und fand den wahren Grund.
Zwei Worte nur und ihr erkennt die Größe jenes Unheils, das uns droht:
"Muhareb lebt!" Eine
Explosion kann nicht lähmendere Wirkung he vorrufen als diese Nachricht. Nur
der Höchstpriester von Sutona zeigt keine Spur von Erregung. Ausrufe des
Erstaunens, des Schreckens, erregte Fragen rufen einen Wirrwarr von Lauten
hervor, in dem die harte Stimme des Oberpriesters unhörbar wird. Als sich die
Aufregung legt, fährt Karmuno fort: "Der
Königssohn, dessen Name die Nustraner noch heute nur mit Ehrfurchtschauer
hören, die ihm also mit Leib und Seele gehören würden, falls er die Kraft
dazu entfaltet, sie an sich zu ketten — er lebt! Er könnte Areval die
Königsmacht entreißen, denn sie gehört ihm, dem einst verschwundenen Thronerben.
Doch Dank der Gottheit, Schodufaleb hat es so gefügt: Muhareb scheint uns
nicht gefährlich, wohl aber Areval! Hört, was ich erkundet habe: Als
Einsiedler unbekannt und dürftig, lebte Muhareb am Meeresgestade. Er hat
entsagt. Seinen Schlupfwinkel erkundete ich. Ich ließ ihn suchen und unsere
getreuen Diener des Tempels sollten ihn unbemerkt gefangen nehmen. Doch sein
Wohnort ist leer, wie ich selbst gesehen. Verschwunden ist er von dort, mir
unbekannt wohin. Er muß gefunden werden und ich werde ihn finden, überlaßt
das mir. Nicht fürchte ich, daß er wieder nach der Herrschaft strebt, er
hätte dann solches schon früher tun müssen. Schlimmer ist jedoch, daß Areval
weiß, sein Bruder lebt. Das Bewußtsein, schuldlos zu sein an Muharebs Tode,
gab Areval die Kraft zurück und damit die Widerstandsfähigkeit gegen uns.
Darum jene Nichtachtung gegen mich, darum ist uns der letzte Sieg erschwert,
dem wir schon so nahe waren. Wir
aber wollen anstelle des Königtums die geistige Vollherrschaft des Tempels
setzen! Regiert der Geist, den wir pflegen und als das Beste anerkennen, so
gebührt seinen Vertretern auch die äußere Macht. Die Welt sei untertan
unserem Geiste, nicht umgekehrt. Muharebs Name diene uns dazu, diese
Herrschaft zu sichern. Klug geleitet, wird die erwachte Unzufriedenheit gegen
Areval wachsen, wenn das Volk hört, daß Muhareb lebt! Doch wohlgemerkt, er
lebe nur solange er uns dienlich sei, er vergehe, sobald er Herrscherlust
beweist. Hier,
nehmt diese Blätter, sie enthalten die Anweisungen, die jeder in seinem Lande
erfüllen muß. Werden sie so ausgeführt, wie es angegeben, wird der Sieg nicht
fehlen. Ein jeder lese eifrig und in Ruhe heute Abend und vollführe, was das
Blatt ihm sagt. Wir werden uns morgen zur Sitzung hier wieder vereinen und
fest beschließen, was dem Tempel nottut. Seid Ihr es zufrieden?" Allgemeine
Zustimmung ertönt von allen Seiten. Lebhaftes, eifriges Gemurmel
durchschwirrt den Raum längere Zeit. Karmuno läßt die erregten Gemüter sich
beruhigen, verläßt dann seinen Sitz und spricht verschmitzten Angesichts: "Ihr
seid ermüdet, Brüder, und bedürft der Erholung. Ich schließe darum die
Sitzung!" Wieder
Zustimmung und zufriedenes Lächeln der Anwesenden. Karmuno drückt an einer
Verzierung der Wand. Ein Teil schiebt sich zurück und zeigt einen geheimen
Ausweg. Er und die Priester schreiten in den Gang hinein und gelangen durch
eine weitere Anzahl von Türen in einen weiten, kostbar ausgestalteten Raum.
Reichgedeckte, mit Speisen geladene Tische laden zum Genuß, weiche Polster
zur Ruhe ein. Jetzt
öffnet sich ein Nebengemach und eine Schar bildschöner Mädchen strömt lachend
und scherzend den Priestern entgegen. Es sind die "Göttinnen" des
heiligen Tempels der Schönheit. Der wohlverwahrte, sichere Raum ist der
Liebesgarten seiner Priester, die da opfern … Sutors
Heimfahrt
Auf
dem Bahnhof von Nustra, einem Zentralpunkt der in Nustra einmündenden Straßen
für die bekannten Wagen, geht es recht lebhaft zu. Die Vizekönige von Monna
und Sutona verabschieden sich von Rusar, um in ihre Residenzen
zurückzukehren. Königsbesuche auf unserer Erde zeigen nicht weniger
Formalitäten und Prunk als hier. Ich sehe Soldatenreihen und glänzendes
Gefolge der Herrscher, Beamte und Neugierige, die sich um den Bahnhof von
Nustra drängen. Schienen gibt es hier nicht, aber viele Schranken ziehen sich
durch die Halle, zwischen denen die Wagen ungehindert ein- und ausfahren
können. Der ganze Verkehr ist ebenso geregelt wie auf einem Bahnhof der Erde.
An einer besonders geschützten Stelle steht eine lange Reihe gedeckter Wagen.
Es sind die Hofzüge der Vizekönige. Soeben
ist der Monnor in seinen geräumigen Wagen eingestiegen, nachdem er sich von
Rusar und dem Sutor verabschiedet hat. Musik ertönt und unter Heilrufen fährt
zuerst ein Zug von drei Wagen, dann der Monnor in seinem Prunkwagen und
schließlich eine Reihe von sechs Wagen, in denen sich das Gefolge befindet,
zu der Halle hinaus. Der Zug schlägt die östliche Richtung ein und wird bald
an das Meer gelangen, das in folge einer langen, durch Brücken verbundenen
Inselreihe kein Hindernis bietet, den Kontinent Monna zu erreichen. Rusar
spricht lebhaft mit dem Sutor. In einiger Entfernung sehe ich die
majestätische Gestalt des Höchstpriesters von Sutona. Letzterer ist noch spät
abends von den priesterlichen Ratsitzungen aus Mallona eingetroffen, um
seinen Herrscher nach Sutona zu begleiten. Er ist umgeben von Priestern
höheren Grades von Nustra und spricht ruhig mit dem Landes-Höchstpriester Jetzt
entsteht wiederum Bewegung, der Augenblick der Abfahrt naht heran. Der Sutor
verabschiedet sich von Rusar und besteigt seinen Wagen. Dieser ist eine Art
Salonwagen, der etwas Bewegung erlaubt, mit Sitzen und Klapptischen
ausgestattet ist und nach allen Seiten freie Aussicht gestattet. Geschützt
sind Seiten und Vorderwand durch einen glasartigen Stoff, der biegsam gleich
dem Glimmer ist. Der Stoff ist ein fremdartiges, durchsichtiges,
unzerbrechliches Produkt, das unser Glas zu ersetzen imstande ist. Der
Wagenführer befindet sich auf hohem Rücksitz, vor Windzug geschützt durch
einen Schirm glasartigen Stoffes. Er kann infolge einer aufgeschlagenen Haube
nicht in das Innere des Wagens sehen, jedoch durch Hebel und allerlei
Vorrichtungen denselben bequem leiten. Der
Sutor wendet sich nun zu dem Höchstpriester seines Reiches. Eine Handbewegung
deutet ihm an, den Königswagen zu besteigen. Der Sutor wendet sich nochmals
zu Rusar, umarmt ihn und folgt. Jetzt setzt Musik ein, Winken mit den Händen
von allen Seiten, Zurufe und Geschrei. Langsam fährt die Wagenreihe zur Halle
hinaus, sich jedoch bald südlicher wendend, ebenfalls dem Meere zu. Etwa
eine Stunde nach unserer Zeitrechnung mag der Zug des Sutor unterwegs gewesen
sein. Mir fällt auf, daß sich sein Wagen von den andern sehr absondert. Der
Vor- und Nachtrab hält einen bedeutenden Abstand vom königlichen Wagen ein:
Bei derartigen Reisen eine besondere Anordnung des Sutors, der möglichst
unbehelligt von seinem Gefolge bleiben will. Die beiden Insassen saßen sich
bisher schweigsam gegenüber, gleichgültige Blicke auf die bewohnte Landschaft
werfend. Jetzt sind die Ansiedlungen immer geringer geworden und die
Reisenden können sicher sein, daß neugierige Blicke sie nicht weiter
belästigen. Vor entgegenkommenden Wagen ist der Sutor sicher, denn bei
derartigen Königsfahrten sind die Wege von Station zu Station für den
allgemeinen Verkehr solange gesperrt, bis der Herrscher vorübergefahren ist. Der
Sutor wendet sich nun zu seinem Höchstpriester und sagt freundlich:
"Genug jetzt des Zwanges. Wir sind auf dem Heimwege nach Sutona und
dürfen uns wieder unserer Menschenwürde erinnern. Lege Deine Maske der
Unnahbarkeit ab, mein Curopol. Sei wieder Freund, nicht Priester!" Als
hätten diese warm gesprochenen Worte einen Bann gelöst, schwindet das
maskenartige Aussehen im Antlitz des Höchstpriesters. Die bisher kalt und
unergründlich scheinenden Augen nehmen einen Ausdruck der Milde an, der
festgeschlossene Mund lächelt. Die ganze Gestalt dehnt sich und mit seiner
klangvollen tiefen Stimme sagt dieser wunderbare Mann: "Sobald ich
Sutona verlassen muß, erstarre ich in meinem Innern zu Eis. Erst dein Wort
läßt die Heimatsonne wieder aufleuchten!" "Geht
es mir anders, Curopol? Wohl uns, daß wir Sutonen unberührt blieben von dem
Knechtessinn der andern, die wir verließen. Schodufaleb bewahre uns vor
ihnen!" Düster
und ernst blickt der Angeredete auf den Sutor und schweren Tones klingt es
von seinen Lippen: "Schodufaleb
ist unseren Bitten taub geworden. Auch Sutona rettet nicht mehr, was dem
Verderben preisgegeben wird. Wir gehen an uns selbst zugrunde." "Ich
weiß es", antwortete der Sutor, "und wir verdienen es nicht besser!
Mein Aufenthalt dort in den Landen hat mich wieder mit Ekel erfüllt. Ein
Pesthauch, ein Moderduft und Fäulnisgeruch steigt dort empor, wo jeder Sinn
für höheres Streben erstorben ist. — Sie lachen über uns und begreifen nicht,
daß Ehrfurcht vor der Gottheit uns noch einen inneren Wert gibt, den sie
längst verloren haben. Und daß der kraftvolle Sutone auf Mallona noch allein
ein reines Blut in seinen Adern rollen fühlt, unverdorben durch Lüste und
Leidenschaften!" "Ja,
unverdorben wohl, aber auch unfähig, den Feinden seiner Reinheit ein
donnerndes Halt entgegen zu rufen. Einst war der Sutone gefürchtet durch sein
kraftvolles Handeln, so melden unsere Gesänge und alten Überlieferungen. Er
duldete nicht das Böse, ehrte die Gottheit und deren Walten. Von dieser Höhe
ist er herabgesunken. Kraftvoll ist noch sein Körper, aber schwach sein
Wille. Würdest du es wagen, Sutor, Areval mit deinen Untertanen entgegen zu
treten, um die geistigen Güter Mallonas zu schützen? Du verneinst. Du weißt
so gut wie ich, daß der Untergang unseres Volkes sicher sein würde, denn der
Sutone ist heute nicht mehr zu fürchten, sobald er von seinen Bergen steigt. Zwar
schützen uns die Bergriesen des Heimatlandes vor den räuberischen Einfällen
der Nachbarn, aber wenig würde ein Kriegszug der Unsrigen von Erfolg sein
können. Der Sutone verdorrt leicht in den milden Ebenen, er läßt sich bald
einfangen von den schmeichelnden Klängen der Lust. Im Lande ist der Sutone
noch heute mächtig, die Gewalt der Berge hält seine Seele rein. Steigt er
herab von seinen Bergen, so wird er bald entnervt und ein Schwächling.
Abgeschlossenheit ist darum noch das einzige Mittel, unser Volk zu erhalten.
Bleiben wir dabei, solange es Schodufaleb gefällt und — solange er das
Verderben über uns noch nicht hereinbrechen läßt." Ernst
hat der Höchstpriester Curopol die letzten Worte betont und zustimmend fragt
der Sutor: "Was
hat die Sippe denn Neues beschlossen, um das Verderben, das du schon lange
ahnst, zu beschleunigen?" "Herr,
Karmuno ist der verkörperte Dämon Usglom, der in der Tiefe lauert, sonst
hätte sein Hirn nicht so Ungeheuerliches erdacht. Schon längst herrscht der
Tempel in allen Landen und maßt sich alle Gewalt im Weltall an. Karmuno hat
langsam die Lehre verbreitet, daß nur durch die Höchstpriester die Gottheit
auf Mallona sich darstelle; daß sie nur ihnen sich kundgibt und alles
Sterbliche nur dem Willen gehorchen müsse, der durch den Priester spricht.
Jetzt will er die Herrschaft über alle Gemüter weiter festigen. Er gebietet,
daß jeder Sterbliche sich einen Priester erwähle, dem er alle seine Bitten
und Wünsche, seine Taten und Gedanken anvertraue, damit er sie dem
Höchstpriester überbringe und dieser der Gottheit zur Entscheidung vorlege. Welch
riesenhafter Plan das ist, begreifst du schnell. Nichts wird auf Mallona mehr
geschehen können, was Karmuno nicht erfährt. Gewissenszwang, Verdummung,
Knechtschaft des Geistes zu erzwingen, wird bald die Arbeit dessen sein, der
berufen wäre, das Licht der Gottheit in den Herzen zu entzünden. Karmuno hat
vortreffliche Regeln erfunden, wie der Priester am leichtesten sein Ziel
erreicht. Freudig werden die Vorschriften ausgeführt werden, denn sie sichern
die Herrschaft jedes einzelnen in seinem Kreis, und zugleich hohe Belohnung
bei strenger Ausführung!" "Und
wie wirst du, Curopol, diese Regeln ausführen?" Ich
werde ihnen das Gift zu nehmen wissen, die Spitzen abbrechen und sorgen, daß
die Sutonen bleiben, was sie bisher gewesen, mögen sie darob körperlich
zugrunde gehen. Ich bin und bleibe Sutone, nicht Sklave Karmunos!" "Schodufaleb
schirme dein Beginnen! Ich werde dich wie stets bisher mit Freuden
unterstützen. Was hast du sonst noch erfahren im Priesterrat?" "Karmuno
verkündete, daß Muhareb lebt: eine Nachricht, die uns schon lange bekannt,
die er jedoch für seine Zwecke ausnutzen will. Er denkt die Gemüter durch
diese Tatsache gegen Areval aufzureizen und nach Belieben zu lenken." "Muhareb
strebt nicht nach dem Königsthron." "Er
weiß es und nur deswegen wagt er dieses Spiel." Nachdenklich
fragt der Sutor: "Hast du Upal, den Orofinder, gesprochen und
gesehen?" "Nein,
Herr. Upal ist verschwunden. Niemand, selbst seine Eltern wissen nicht, wo er
sich aufhält. Ich fürchte darum Gefahr für die Alten und bin besorgt um
dieses Kühnen Schicksal. Er ist der einzige, der das fürchterliche Geheimnis
der Herstellung des Explosivstoffes Nimah besitzt, das einst sein Urahn
erfand und Maban anvertraute. Seitdem wird dieses Staatsgeheimnis bewahrt und
nur im Falle des Bedarfes darf es von ganz Vertrauten hergestellt werden.
Möge Schodufaleb es verhüten, daß wir einst Upal zu uns rufen müssen, unser
Land zu verteidigen." — Nach
einer längeren Pause der Schweigsamkeit richtet sich der Sutor auf und fragt: "Wie
denkt die Priesterschaft über den edlen Numo, der in Monna lehrte und es
wagte, die Wahrheit über den Tempel zu sagen?" Zögernd
antwortet Curopol: "Herr, es ist gekommen, wie ich fürchtete. Alles Edle
wurde vernichtet, die Wahrheit erstickt und vertrieben. Nur Lüge, Trug und
Sklaventum hat auf Mallona noch Aussicht auf Erfolg. Bosheit triumphiert
überall und darum ist auch gewiß das Strafgericht nicht mehr fern. Wie und
wodurch es eintrifft, weiß nur die Gottheit; doch auch uns wird es treffen,
denn wir sind alle teilhaftig an der großen Schuld." "Du
weichst mir aus, Curopol! Antworte, was wurde mit dem edlen Numo?" Leise
und bewegt tönt die Antwort: "Sie haben ihn verbrannt!" — Wie
von einer Giftschlange gestochen, fährt der Sutor auf: "Verbrannt, Numo,
diesen Edlen, dessen Mund nur Wahrheit spricht, dessen Herz für alles Gute
schlägt, den Freund der Armen und Bedrückten, getötet? O elende Menschheit,
schmachvolle Priester, die das Beste erwürgen, nur um sich selbst zu dienen!
Die dem Laster folgen, Bosheit ausüben, die Gottheit verhöhnen, — Fluch
diesen Henkern! — Curopol, ich fasse nicht, was du sagst, ist es auch
wahr?" "Es
ist wahr", tönt es leise. Aufstöhnend
wirft sich der Sutor in die Kissen des Wagens und Tränen rinnen über seine Wangen.
Es dauert lange, bis er sich gefaßt hat. Dann wendet er sich zu Curopol und
sagt leise: "Ich
empfinde jetzt klar die Wahrheit deiner steten Prophezeiungen, daß das
Strafgericht naht. Mit Numo starb der letzte Versuch der Gottheit, das
Verderben von Mallona abzuwenden. Die Völker sind versumpft, die Gemüter
erstorben. Das Gute ist erstickt; das Böse triumphiert. Die Pest herrscht auf
Mallona, Fäulnis und Tod! Kein frischer Windhauch vertreibt ihren
erstickenden Atem und wir, — wir stürzen gleichfalls ins Verderben. An uns
selbst gehen wir zugrunde. Wir sind zu schwach, dem weichenden Tag zu folgen.
Willkommen denn Nacht, bedecke uns mit deinen Schleiern, vernichte, töte
uns!" Des
Sutors letzte Worte werden zum Flüstern. Curopol schaut mit tiefem Weh im
Herzen auf seinen Herrn und Freund. — Der
Wagen hat unterdessen die Meeresküste erreicht. Kühne Brückenbauten schwingen
sich von einer Insel zur andern und führen die Reisenden nunmehr dem
Heimatlande Sutona zu. Starres Felsengewirr bildet einen Kranz um die Küste
von Nustra; bequeme Schlupfwinkel für Boote, die etwa bei Sturm die Wogen des
Meeres fürchten. Doch kein Segel ist zu sehen, kein Schiff, denn die
hochgewölbten Brückenbauten verbinden die Kontinente leichter und
gefahrloser. Gerade
fährt des Sutors Wagen auf einem Bogen, der in gewaltigem Schwung vom letzten
Felsen Nustras aus das Meer nach Sutona hin überspannt, da schießt hinter
einem zerrissenen Block ein Schiff hervor, in dem drei Personen sitzen.
Curopol sieht es. Eine unwillkürliche Bewegung zu dem Sutor hin läßt diesen
aufblicken. Auch er erblickt das Schiff und erschrickt. Curopol weist nach
dem hinter Felsen verschwindenden Fahrzeug, und schwer atmend stößt er
hervor: "Muhareb,
Upal! Mit ihnen naht die Rache!" Rebellion
In den
Schilderungen der somnambulen Hellseherin, die gleichsam das Vergangene neu
erlebte, indem sie die geschauten Ereignisse in die Gegenwart
zurückversetzte, trat nach dem letzten Bilde eine Stockung ein. Es war
deutlich an dem Mienenspiel zu beobachten, daß sie wohl Ereignisse sah,
jedoch schwieg sie beharrlich über das Geschaute. Endlich teilte sie in
abgerissenen Sätzen einige Begebenheiten mit, verbot jedoch Niederschriften
darüber zu machen, bis sie selbst solche verlangen würde. Nach einigen Tagen,
als inzwischen Versuche öfters fortgesetzt worden waren, erzählte sie
folgendes: Schreibt
jetzt wieder, was ich gesehen habe. Es sind fürchterliche, unglaubliche
Ereignisse, deren Zeuge ich gewesen bin. Wollte ich alle Einzelheiten
schildern, man würde mir nicht glauben und mich verspotten. Ich sage daher
nur Allgemeines über das, was sich damals ereignet hat: Vorzüglich
hatten Karmuno und seine Priestersippe es verstanden, das Gerücht von
Muharebs Rückkehr zu verbreiten. Er wurde als der Sohn Mabans gepriesen, der
die Eigenschaften des Vaters geerbt habe und das Reich wieder zur höchsten
Blüte bringen könnte. Die Hoffnung auf bessere Zeiten fand eine um so
dunklere Beleuchtung, als bekannt geworden war, daß Areval sich frei machen
wolle von jeder Beeinflussung des Tempels, dem gerade Maban eine so hohe
Bedeutung verliehen hatte. Die
auftretenden Gerüchte, der rechtmäßige Herrscher Muhareb sei
wiedererschienen, fanden anfangs Unglauben. Namentlich Rusar wollte nicht an
diese Möglichkeiten denken, trotzdem Karmuno ihm doch persönliche Mitteilung
über diese Tatsache gemacht hatte. Er kannte jedoch den Oberpriester zu gut.
Seine offen ausgesprochene Absicht, sich des Namens von Muhareb für seine
Zwecke zu bedienen, ließen ihn vermuten, er habe eine Person gewonnen, die
für Karmuno die Rolle des wiedergekommenen Fürsten spielen sollte. Als jedoch
eines Tages Upal vor Rusar erschien und ihn nicht nur über den wirklichen
Muhareb aufklärte, sondern auch über die Absichten seines Bruders Arvodo, da
übermannte der Zorn den Getäuschten und er schwur dem Könige wie dessen
Feldherrn fürchterliche Rache. Er
drang in Upal, ihm den Schlupfwinkel zu nennen, an dem sich Muhareb jetzt
verborgen hält. Upal tat es, und plötzlich ward Muhareb von Rusar mit großem
Gefolge überrascht und ihm als rechtmäßigem Könige gehuldigt. Als Rusar ihn
in der kleinen Hütte am Meere aufgefunden hatte und den ehrwürdigen Mann
staunend betrachtete, fragte er ihn zögernd "Bist du Muhareb, Mabans
Sohn? Mit der Würde des selbstbewußten Mannes, der die ihm gebührenden Ehren
erwartet, antwortete dieser einfach: "Ich bin es." Dabei ruhte sein
Auge durchdringend auf Rusar. Und als dieser sich vor ihm beugte, um seinem
rechtmäßigen König und Herrn zu huldigen, da wehrte es Muhareb nicht, sondern
nahm die Huldigung entgegen. Schweigend folgte er dem Vizekönig. Muhareb
hatte den Arm auf die Schulter seines jungen Begleiters gestützt und willig
stieg er mit diesem und Rusar in den Prunkwagen, der sie nach Nustras
Hauptstadt führte. Ich
habe Muhareb im königlichen Schmuck gesehen, der kostbare Stirnreif schmückte
seine Stirn, der Ring glänzte an einem Finger der rechten Hand. Eine
überwältigende Majestät ging von seiner Person aus und berückte das Volk von
Nustra, das ihm begeistert huldigte. Alle Ehren wurden ihm zuteil; er wohnte
im Palast Rusars, doch blieb er wortkarg und seinem Auge war es anzusehen,
wie wenig sein Herz von all dem Glanze berührt wurde. Dann
sah ich Muhareb umgeben von einer großen Volksmenge. Die Großen von Nustra
waren versammelt und Abgesandte von Monna und Mallona; Muhareb sprach vor
diesen lang und eindringlich gleich einem Propheten, der erfüllt ist von
seiner göttlichen Sendung. Er warnte das Volk vor seiner Genußsucht und
Verweichlichung. Er bewies ihm das Hinfällige des irdischen Glanzes und die
Notwendigkeit des Strebens nach unvergänglichen geistigen Gütern. Er
erklärte, daß er nicht gekommen sei, um Ungehorsam gegen seinen Bruder zu
predigen, sondern Gehorsam gegen die Gottheit und deren Ordnung. Diese
Ordnung habe jedoch das Volk schon längst verlassen. Und er als Königssohn,
der die irdische Macht niederlegte, um geistige zu gewinnen, wolle die Wege
zeigen, wie jeder zu diesem letzten Ziel des Lebens gelangen könne. Die
Rede war von machtvoller Wirkung. Das Volk war ergriffen und wenig fehlte, so
hätte es Muhareb als den sichtbaren Vertreter der Gottheit Schodufaleb
angebetet. Muhareb jedoch ermahnte zum In-sich-gehen und Nachdenken über das
von ihm Gesprochene. Jede weitere Ehrung wies er entschieden zurück. Ich
sah nun Karmuno, der verkleidet und unerkannt dieser Rede zugehört hatte, im
Priesterrate Nustras. Er erklärte, daß der Tempel die von Muhareb erweckte
Strömung jetzt benutzen müsse, um das Volk noch fester an den Tempel zu
ketten wie bisher. Zu diesem Zwecke sei zunächst nötig, die Reden Muharebs zu
unterstützen. Er muß gehört werden, damit dann gehandelt werde, wie das
Interesse des Tempels es erfordere. Anderen Tages predigten die Priester im
Reiche Nustra Buße und suchten das gläubige Vertrauen der Einwohner nach dem
Haupttempel von Mallona zu richten, in dem die Gottheit sichtbar throne. In
Mallona sah ich König Areval und Arvodo. Beide waren über Rusars Huldigung
auf das höchste erbittert. Areval befahl, die Nustraner als Rebellen zu
behandeln, falls sie ihm nicht Muhareb auslieferten. Den Nustranern fiel es
jedoch nicht ein, der Aufforderung Folge zu leisten. Rusar berief sich seinem
Bruder gegenüber auf den seinem sterbenden Vater geleisteten Eid. Arvodo
begriff nicht, weshalb Muhareb sich damals am Meeresgestade zu dem weigerte,
was er augenscheinlich in Nustra jetzt willig tat: nach der Herrschaft
Mallonas zu streben. Wurde Muhareb Herrscher, so fiel Areval und mit ihm der
Feldherr. Er stachelte darum Areval gegen seinen Bruder auf und bald rüstete
sich das Heer Arevals zum Kriegszuge gegen Nustra. Muhareb
schauderte, als er von dem Rachezuge hörte. Wußte er doch, mit welch
entsetzlichen Mitteln Areval Tod und Verderben durch das fürchterliche
Sprengmittel Nimah verbreiten konnte. Upal war bereit, das sorgsam gehütete
Geheimnis seines Urahns, die Herstellung des Nimah, Muhareb anzuvertrauen, um
Gewalt mit Gewalt niederzukämpfen. Muhareb wollte aber kein Blutvergießen. Er
hatte andere Ziele als die der Macht. Er gab Upal die nötigen Befehle und
eines Tages war Muhareb verschwunden. Das Luftschiff Upals hatte ihn
ungesehen mit seinem jungen Begleiter entführt. Der
schlaue Karmuno verhielt sich gänzlich teilnahmslos. Er billigte nur Arevals
Anordnungen und sagte sich, daß er durch den Feldzug am ehesten die ihm so
unbequemen Brüder vernichten und Areval in seine Gewalt bekommen würde. Er
kannte genau die überreizten Nerven des innerlich immer noch kranken Königs
und wußte, daß es nur eines günstigen Anstoßes bedürfe, möglichst in
Abwesenheit Arvodos, um ihn wieder gänzlich zu beherrschen. Dieser Augenblick
kam. Die
Höhlen des Wirdu hatten in letzter Zeit nicht mehr die Ausbeute gegeben wie
sonst. Areval hatte die Besorgnisse der Beamten, die den starken Rückgang als
den Staatskassen gefährlich ansahen, dem Feldherrn und Vertrauten Arvodo
mitgeteilt. Dieser beruhigte den König und erzählte ihm von Upals
Entdeckungen, die er selbst gesehen. Seit jener Zeit fühlte sich Areval als
der Besieger des schätzehütenden Dämon Usglom, dessen Haß gegen sein
Geschlecht er nicht mehr zu fürchten brauche. Er hegte trotz inneren Grauens
das Verlangen, die unermeßlichen Schätze zu sehen und Arvodo versprach ihm
das. Arvodo
glaubte zwar, die einsame Bucht, von der aus ein Gang in das Innere der Erde
führte, auch ohne weitere Hilfe vom Meere aus zu finden. Dennoch fehlte ihm
Upal mit seinem Luftschiff als der sichere Führer. Er ließ ihn deshalb
suchen, fand ihn jedoch nicht. Er ließ die Eltern kommen, und als diese
wahrheitsgemäß erklärten, von seinem Aufenthalt nichts zu wissen, ließ er die
Alten ins Gefängnis werfen. Zornig gab er bekannt, daß Upal, der Orofinder,
wo man ihn fände, als ein Ungehorsamer gefangen zu nehmen sei. Dieser
Befehl empörte die Getreuen, zu denen auch Upal gehörte, die bisher in Arvodo
ihren verbrüderten Oberen erblickt hatten. Außerdem wurde Upal als ein
Begünstigter der Gottheit angesehen, da er sonst nie den Orostein gefunden
haben würde. Gegen Arvodo entstand infolgedessen eine drohende Stimmung, von
der wiederum Karmuno bald Nutzen zu ziehen wußte. Er schürte den
aufsteigenden Haß, als der Feldherr die Hauptstadt verließ zum Zuge gegen
Nustra. Nicht
weit vom Königssitz an den Ufern des Sees befand sich der herrliche Landsitz
Arevals, wohin er flüchtete, um völlig Ruhe zu genießen. Hier fühlte er sich
sicher, denn bei Strafe der Arbeit in den Höhlen des Wirdu durfte sich kein
Unberufener diesem lauschigen Ruhesitz nähern. Areval lustwandelte mit seiner
Tochter Artaya in den einsamen Parkanlagen des Landsitzes. Kein Diener begleitete
sie. Gänzlich sicher fühlte sich Areval hier, denn der weite Park war mit
einer hohen Mauer umgeben. Sie waren zu einem klaren Teich gelangt, den hohes
und dichtes Gebüsch umschloß. Hier pflegte Areval oder Artaya manchmal zu
baden. Neben dem Weiher befand sich ein größerer Rasenplatz, umgeben von
undurchdringlichen Büschen. Als
beide die Wiese besichtigen wollten, stutzten sie. Mitten auf dem Platze
stand die fremdartige Flugmaschine Upals, und als sie näher traten, rauschte
es in den Sträuchern. Heraus trat die hohe Gestalt Muharebs, neben ihm sein
junger Begleiter. Auge in Auge standen sich die Brüder gegenüber: Areval
bleich und mit fliegendem Atem. Muhareb in würdevoller Geistesgröße, das
dunkle Auge wehmütig auf den König gerichtet. "Ich
bin gekommen, dich zu warnen, Bruder", tönte es eindringlich von
Muharebs Lippen. "Du verfolgst mich, der ich nicht dein Feind bin. Du
sandtest deinen Feldherrn aus gegen deine rebellischen Untertanen, wie du
meinst. Doch nicht diese sind zu strafen. Sie sind im Irrtum, glauben sie in
Nustra, ich strebe nach dem Throne. Mein Versuch galt, ihre Seelen zu retten,
wie ich die deine retten möchte. Drum laß ab vom Blutvergießen, rufe Arvodo
zurück!" "Arvodo
zurückrufen!" höhnte der König, "fein und schlau gedacht! Unterdessen
gewinnt Rusar Zeit, alle Pässe des Gebirges zu besetzen. Nustraner spotten
meiner Macht. Ich traue dir nicht, der du in den Höhlen des Wirdu wohnst und
mit Usglom dem Todfeinde des Stammes Furo ein Bündnis schlossest, um mich zu
verderben." "Nichts
liegt mir ferner als dein Verderben, Bruder! Vergeben und vergessen habe ich
das Vergangene. Den Thron, den du jetzt einnimmst, begehre ich nicht. Fedijah
ruht im Reiche Usgloms, seine Schätze umgeben sie, versöhnt ist er mit Furos
Stamm! Fedijahs Geist fordert Versöhnung zwischen uns." Bei
Nennung dieses Namens zuckt Areval zusammen. Seine Augen erweitern sich, sein
Atem stockt. Er sieht wie irre umher und flüstert hastig: "Fedijah ruht
im Reiche Usgloms, ich weiß es von Arvodo. — Sie fordert Versöhnung sagst du
— von mir? —" Muraval,
der junge Begleiter Muharebs, sah mitleidig auf den verängstigten König. Und
als hätte dieser Blick magnetische Gewalt, wandte sich Areval dem Jüngling
zu. Als sich die Augen beider begegnen, schrie Areval auf, taumelte zurück
und stützte sich auf die ihm nahestehende Artaya. "Muhareb,
wer ist der Jüngling dort? Aus seinem Antlitz leuchten mir Fedijahs Augen
entgegen. So blickte sie mich an, als sie mich abwies, so verfolgt mich noch
heute ihr Blick in meinen Träumen und im Wachen. Wer ist dort jener mit
Fedijahs Augen?" Eisern,
schwer und ruhig antwortet Muhareb: "Dein
und Fedijahs Sohn! Ich habe ihn erzogen, ich bringe ihn dem Vater! Er ist der
Erbe dieses Königreiches, — dein Sohn!" — Als hätten Keulenschläge den
König getroffen, so wuchtig wirkten diese Worte. Areval stürzt unter deren
Wirkung zusammen, sein krankes Hirn konnte das Gesagte nicht gleich fassen.
Die einst verscheuchten Wahngestalten sah er wieder auftauchen, sie standen
in greifbarer Gewalt vor ihm. Eine wahnsinnige Angst erfaßte ihn. Gewaltsam
raffte er sich auf und schleuderte dem Bruder die Worte entgegen: "Du
lügst, Scheusal, das nur gekommen ist, um mich zu verderben! Du treibst ein
Gaukelspiel mit mir, ein Blendwerk, das ich vernichte. Arvodo, gib mir dein
Schwert! Die Gestalten, die du getötet, leben wieder auf. Ich selber will sie
töten!" Hastig
riß Areval sein Oberkleid auf, unter dem verborgen er stets ein kurzes
Schwert trug, zerrte es hervor und schleuderte die Waffe gegen den ruhig
dastehenden Jüngling. Er traf nur zu gut. Des Schwertes Spitze grub sich tief
in Muravals Brust. Laut schrie auch Artaya auf, als ein Blutstrom hoch
aufspringend der Brust des Jünglings entquoll, der zusammenbrechend von
Muhareb und Upal aufgefangen wurde ... Areval
starrte geistesabwesend und erstarrt auf den Sterbenden, während Artayas
Hilferufe gellend den Park durchschallten. Von weitem antworteten laute Rufe.
Die wachsame Dienerschaft eilte herbei. In wenigen Augenblicken mußte sie am
Orte sein. Da faßten Muhareb und Upal den leblosen Körper des Jünglings,
trugen ihn schnell zum Luftschiff und legten ihn behutsam in die Gondel
nieder. Schon
hörte man die Diener durch die Büsche brechen, um schnell Artayas Hilferufen
zu folgen, da erhob sich das Luftschiff. Und Muhareb, hoch aufgerichtet,
fürchterlichen Antlitzes, die Augen voll Schmerz und Grimm auf den König
gerichtet, donnerte diesem zu: "Fluch dir, König Areval und den Deinen!
Allvaters Zorn erwürge dich, den Sohnesmörder!" — Schnell
erhob sich das Luftschiff und entschwand. Areval brach ohnmächtig zusammen. — Als
Rusar hörte, daß sein Bruder mit einem Heere herannahe, um ihn und die
Nustraner für den Abfall zu züchtigen, blieb er nicht untätig. Schnell wurden
die Gebirgspässe besetzt, die von Mallona nach Nustra führten. Es war
unmöglich, nach den Ebenen Nustras hinabzusteigen, bevor nicht die wenigen
gangbaren und nur die eine fahrbare Straße in den Händen des Feindes war. Rusar
wußte, mit welch fürchterlichen Sprengmitteln Arvodos Heer ausgerüstet
worden, und daß er nur dann erfolgreichen Widerstand leisten könne, wenn der
Übergang des Gebirges vereitelt wurde. Von den Höhen konnte auch er mittels
Schleudermaschinen gewaltige Sprengkörper auf den Feind hinabsenden, wenn
auch diese nicht die allbewältigende Kraft des Nimah besaßen. Die Herstellung
desselben war Staatsgeheimnis Arevals geblieben. Nur die mildeste Form war
bekannt und wurde als Triebkraft für Maschinen allgemein benutzt. Die
stärkere Wirkung kannten nur hohe Staatspersonen, die fürchterlichste Sprengwirkung
jedoch, die einstens Maban angewandt hatte, blieb geheim. Bald
standen sich die Heere Rusars und Arvodos gegenüber, doch vermochte keines
Erfolge zu erringen. Wirksam wurden die rechtzeitig besetzten Höhen
verteidigt, denen sich zu nahen die Mannschaften Arvodos nicht wagten. Andere
Mittel mußten angewandt werden, Nustra zu züchtigen, doch standen die
notwendigen Maschinen nicht sogleich zur Verfügung. Sie mußten erst in den
Staatswerkstätten hergestellt werden und so verging viel tatenlose Zeit, währenddem
in der Hauptstadt Mallona sich entscheidende Dinge ereigneten. Karmuno
siegt
Areval
war durch die heftige Erschütterung seiner Nerven völlig zusammengebrochen:
durch den Fluch des Bruders und den Mord seines eigenen Sohnes, der eine
Frucht seines verbrecherischen Anschlages auf die damals gewaltsam entführte
Fedijah war. Nun kam die Zeit, in der Karmuno ihn wieder wie früher völlig
beherrschte. Den Dienern hatte Karmuno bei strengster Strafe verboten, von
dem Vorfall im Parke nur ein Wort zu reden. Nur Artaya kannte den Vorfall und
hatte ihn Karmuno berichtet. Dieser wußte ihr sofort klar zu machen, wie sehr
ihr Interesse verlangte, darüber zu schweigen, daß vielleicht ein Thronerbe
vorhanden, dessen Tod ungewiß sei. Wohin
hatten sich aber Muhareb und Upal gewandt? Das zu erfahren war dem
Oberpriester wichtig, ebenso ob Muraval nur eine schwere Verwundung erhalten
oder tot sei. Er vermutete Muharebs Zufluchtsort am Meeresgestade und wurde
in dieser Ansicht bestätigt, als Areval ihm die Entdeckung Arvodos von den
wunderbaren Schätzen in den Höhlen des Wirdu berichtete. Sogleich
gab er Befehl, daß eine größere Anzahl der getreuesten Tempeldiener — die
längst verlernt hatten, sich vor Göttern, Dämonen und Allvater zu fürchten —
sich bereit mache, in die Höhlen des Wirdu zu dringen, um dem Zufluchtsorte
Muharebs einen Besuch abzustatten. Unter seiner Führung gelangten sie vom
Meere aus zu dem kleinen Paradiese. Sie fanden die einstige Wohnstätte des
Königssohnes, aber sie war leer! Nichts verriet, daß sie in letzter Zeit
bewohnt worden sei. Auch der Gang in das Innere des Berges wurde gefunden,
die Stätte, an der einst Fedijahs versteinerter Körper gelegen; doch leer war
auch diese Grotte, keine Spur der einstigen Naturkostbarkeiten mehr
vorhanden. Düsteren
Blickes und ahnungsvoll ordnete jetzt Karmuno an, tiefer in die Höhlen des
Wirdu einzudringen. Zahllose Mangafackeln wurden aufgestellt, die die
gewaltigen Höhlen taghell erleuchteten. Die noch sichtbaren Spuren im feinen
Sande zeigten deutlich, welcher Weg einzuschlagen war; er führte zu all den
Stellen, die einst Upal dem Arvodo gezeigt. Doch leer war es auch hier.
Herausgebrochen war der kostbare Orostein, das weiße Rod; kahles Gestein,
geborstene Felsen starrten überall, keine Schätze des Dämons Usglom winkten. Karmuno
fand auch die Stelle, wo das Luftschiff Upals gestanden hatte. Er sah hinauf
in den Riesenkamin, der nur mittels einer solchen Maschine zu erreichen war
und mußte sich sagen, daß die oben befindlichen Schätze vorläufig auch ihm
unerreichbar blieben. Wut im Herzen, mußte er unverrichteter Sache mit den
Seinen umkehren. Er verwünschte den schlauen Upal, der, wie er sicher annahm,
ihm zuvorgekommen war. Karmuno mußte seinen Ingrimm niederkämpfen, gegen
diese Tatsachen half nichts als Geduld. Areval
wütete, als Karmuno ihm mitteilte, daß weder von Muhareb noch den Schätzen
auch nur das Geringste zu finden sei. In seinem kranken Gehirn brütete er
einen Gedanken aus, der ihn immer mehr beherrschte, bis er sich endlich zu
einem furchtbaren Befehl aufraffte. Er
wurde von dem Glauben besessen, daß sein Bruder sich mit dem Dämon Usglom zu
seinem Untergange verschworen habe. Daß darum Usglom die Schätze nur in
größere Tiefen versenkt habe und daß im Inneren der Berge Muhareb mit Usglom
hause, um ihn und sein Haus zu verderben. In fürchterlicher Wut rief er eines
Tages: "Ersäufen will ich beide, denn ich bin der Herrscher von Mallona,
mir gehört diese ganze Welt! Herr bin ich der Oberwelt wie der Unterwelt.
Usglom, du alter Feind meines Stammes, ich vernichte dich!" Er gab
Befehl, man solle die Felsen mit Nimah sprengen und das Meer hineinleiten in
die Höhlen des Wirdu. So wolle er Usglom und Muhareb, den Erbfeind und den
Thronfeind besiegen. — Karmuno
versuchte ihn vergeblich davon abzubringen. Die Wahnsinnsidee war stärker.
Schließlich gab Karmuno nach, denn er glaubte, daß dieses Beginnen von keinen
größeren Folgen sein würde, als daß die Höhlen sich mit Wasser füllen würden.
Heimlich hoffte er jedoch, daß der König bei dem vermeintlichen Sieg über
Usglom seinen Untergang finden würde. Artaya
litt stark unter der Tyrannei ihres Vaters. Nur sie und Karmuno duldete er um
sich. Unwillkürlich schloß sie sich dadurch dem Höchstpriester näher an, der
es verstand, sie zu bedauern und ihr Ratschläge gab, wie sie den Anfällen des
Königs am besten begegnete. Weiter wußte er Arvodo hinzustellen als einen
Mann, der nur selbst herrschen wolle durch sie, der ihr das Zepter entwinden
würde und nicht daran denke, sie an der Herrschaft teilnehmen zu lassen. Alle diese
heimlichen Einflüsterungen ließen sie viel darüber nachdenken, ob es nicht
besser sei, des Höchstpriesters Weib zu werden, dessen Macht und Einfluß sie
sehr wohl kannte. Karmuno, gewandt in allen Künsten, huldigte der Schönheit
Artayas. Und da das Fest der Schönheit nahte, an dem stets das schönste
Mädchen für eine längere Zeit als sichtbare Göttin der Schönheit gefeiert
wurde, ließ er durchblicken, daß Artaya vielleicht in seinem Priesterreiche
den Sieg erringen könnte. Das eitle Geschöpf wurde berauscht von dem
Gedanken, diesen Preis erringen zu können, der als das Höchste auf Mallona
galt, zu dem ein Weib emporgehoben werden konnte. Karmuno
war nun seiner Beute sicher. Den kranken König zu gewinnen, fiel ihm leicht.
Arvodo wurde durch sein Heer am Gebirgsfuße festgehalten, keine Nachricht von
dem Geschehenen gelangte zu ihm. Am Tage des großen Opferfestes der Göttin
der Schönheit ward Artaya der Schönheitspreis zuerkannt. Karmuno erhielt die
Hand der Prinzessin. Der Tempel triumphierte. Fern
am Meeresgestade aber ertönten wuchtige Hammerschläge zur Herstellung der
Minen, deren Sprengung dem Meere einen Zugang in die Höhlen des Wirdu
verschaffen sollte ... Sutona
Das
Medium hatte die Erzählung des Geschauten beendet und erklärte, weitere
Bilder nicht mehr berichten zu können. Als es nun den Ring in gewohnter Weise
an die Stirne legte, begannen jedoch die Darstellungen wieder derartig, als
sei es persönlich bei den Geschehnissen gegenwärtig. * Mich
zieht die Kraft, der ich den Anblick von Mallona verdanke, nach dem Süden des
Planeten, wo das große Reich der Sutonen liegt. Ich überfliege das Meer von
Nustra aus und gelange zu der kühnen Kunststraße: eine ungeheure Brücke,
deren Bogen sich von Insel zu Insel schwingen, bis das Festland Sutona
erreicht wird. Teilweise lernte ich diesen Weg kennen, als ich den Sutor auf
seiner Fahrt begleitete. Jetzt
taucht das Festland von Sutona auf. Eine weite öde Strandfläche, sodann folgt
ein unbewohnter Landstrich, halb Wüste, halb Steppe. Der Boden wird hügelig.
Verschiedene Ortschaften erkenne ich. Jetzt bemerke ich einen breiten, ruhig
fließenden Strom, der seine Wässer dem Meere zutreibt. Eine große Stadt liegt
an diesem Strom. Ein ungewohnter Anblick überrascht mich hier. Ich sehe
Schiffe. Die Sutonen benutzen den Fluß als Straße für größere Lasten, auch
Flöße treiben auf dem breiten und tiefen Strom. Im Süden erkenne ich mächtige
Bergkuppen, eine Fahrstraße zieht sich nach dort hin. Ich folge derselben und
bald umgibt mich eine Gebirgslandschaft, die immer imponierender wird. Die
Berge steigen zu einer gigantischen Höhe, die Gipfel sind umsponnen von
Wolkenschleiern. Die in der Steppe fast unerträgliche Hitze wird immer mehr
gemildert durch einen kühlen Südwind, der von dem unabsehbaren südlichen
Gebirge niedersteigt. Die
gewaltigen Gebirgsmassen treten immer näher zusammen. Der Weg zieht sich
durch ein breites Tal. Zu meiner rechten Seite fließt schnell der Fluß, auf
dem von gewandten Sutonen geführt die Schiffe gleiten. Jetzt naht sich die
Hauptstadt, aufgebaut in einem Talkessel. Den Hintergrund bilden schnee- und
eisbedeckte Riesenberge einer Alpenwelt, wie sie auf Erden nicht zu schauen
ist und gegen die die schneebedeckten Berge des Grenzgebirges von Mallona und
Nustra ein Nichts sind. Entgegen
der raffiniert verfeinerten Lebensweise der anderen Erdteile erblicke ich die
Gebäude der Hauptstadt von Sutona in einfacher Bauart. Unzweifelhaft ist zu
erkennen, daß deren Bewohner den praktischen Lebensbedürfnissen mehr Rechnung
tragen als dem Vergnügen und Wohlleben. Immer
tiefer zieht es mich ins Land. Die Hauptstadt liegt hinter mir. Der Fluß
braust nun stürmend über Felsblöcke und verliert sich seitwärts in einem
Tale, während ich der immer schmäler werdenden Fahrstraße folge. Wilde
Felsgruppen überdachen oft die Straße; Wasserfälle stürzen bald rechts, bald
links von bedeutenden Höhen herab. Menschenleer ist die ganze Gegend, kein
lebendes Wesen stört die Majestät dieser erhabenen Natur. Jetzt
öffnet sich das Tal. Ein höherer Bergeskegel erhebt sich plötzlich, umgeben
von unübersteigbaren Bergriesen, und auf diesem Berge erstrahlt im hellen
Sonnenschein ein gewaltiges, wie von Zyklopenhänden aufgebautes Schloß, das
drohend hinablugt in das weite Land. Das ist Ksontus Schloß. Hier werde ich
den Sutor wiederfinden und werde erfahren, was aus Muhareb geworden ist. In
einer hohen, weiten Halle mit großen Fensteröffnungen sehe ich den Sutor an
einem mit Papieren belegten Tisch sitzen. Curopol, der Höchstpriester und
Vertraute steht neben ihm und reicht ihm Schriften, die er zeichnet und
zurückgibt. Jetzt ist diese Arbeit beendet und der Sutor fragt: "Welche
Nachrichten brachte der Bote aus Mallona?" "Herr,
Karmuno hat gesiegt. Er ist Erbe des Thrones. Artaya wird sein Weib. Er
ordnete im Namen des Tempels an, daß eifrig nach Muhareb gesucht werde und
setzte eine Belohnung für den aus, der sichere Kunde bringt!" "Wie
steht es um Muhareb?" "Wie
immer, Herr, seht selbst!" Curopol
weist auf eine verschlossene Tür, geht zu derselben und schiebt den Teppich
etwas zur Seite. Der Sutor folgt und blickt hindurch. Er
sieht Muhareb an einem hohen Bogenfenster stehen, von dem aus der Blick frei
in das Tal und auf die herrliche Gebirgslandschaft schweifen kann. Das Gemach
ist nicht sehr groß, doch hoch und luftig. Unbeweglich steht die ehrwürdige
Greisengestalt. Die Augen sind den Wolken zugewendet und schimmern im Glanze
der Verzückung, die Hände sind fest auf die Brust gepreßt. Kein Zweifel,
Muhareb ist in seinem Geiste nicht auf Ksontus Schloß, er lebt in den fernen
Regionen unirdischer Freiheit, wohin der Körper noch nicht folgen kann. Nachdem
die beiden ernst und mitleidig den unbeweglichen Greis betrachtet haben,
wendet sich der Sutor ab. Curopol läßt den schweren Teppich niederfallen und
spricht gedämpften Tones: "So
steht er lange Zeiten Tag und Nacht am Fenster, seitdem Upal ihn und den
toten Jüngling herbrachte. Nur manchmal steigt er hinab zur Gruft, in der die
Körper Fedijahs und Muravals ruhen. Er spricht nicht, ißt und trinkt nur das
Notwendigste und dennoch ist sein Geist nicht tot. Er lebt in besseren
Regionen und wird dort ewig leben, wenn hier die Rache wütet." "Wo
ist Upal?" "Er
hat den letzten Flug nach Mallona unternommen. Er wird uns Kunde bringen von
dort. Möglich, daß wir ihn noch heute sehen. Ich fürchte, er wird uns
schlimme Nachricht bringen." "Warum
fürchtest du das?" "Weil
ich sicher glaube, daß Karmuno längst die Höhlen des Wirdu untersuchen ließ,
um nach Muhareb zu suchen; daß die Geheimnisse Upals ihm bekannt sind und er
entdeckt haben wird, daß Upal rechtzeitig die Schätze des Wirdu an sich nahm.
Wohin soll Muhareb geflohen sein, wohin soll ihn Upal gebracht haben? Erhält
Karmuno nicht durch die Priester von Nustra und Monna Nachricht, so weiß er,
daß nur in Sutona die Flüchtigen zu suchen sind. Es ist unmöglich, daß sich
das Flugschiff lange in den oberen Königreichen ungesehen verbergen kann. Karmuno
weiß, daß Upal alles wagen wird. Nicht lange, so segeln weitere Flugschiffe
durch die Lüfte. Um den Widerstand der Nustraner zu brechen, hatte Arvodo den
schnellen Bau von Luftschiffen gefordert, damit diese durch niederfallendes
Nimah die Verteidiger der Pässe töten. Gleich Upal werden sich andere
Verwegene finden. Gereizt durch hohen Lohn werden diese vollbringen, was
Karmuno befiehlt. Sind wir auch sicher hier vor Verrat?" "Hier
im alten Schlosse Ksontus lebt kein Verräter. Upals Vorsicht schätze ich, der
Wege einzuschlagen weiß, auf denen niemand den Verwegenen sieht." "Allvater
gebe, daß es stets so bleibe!" antwortet Curopol, nimmt die unterzeichneten
Papiere, grüßt und entfernt sich. Es ist
Nacht geworden. Wer jemals im Hochgebirge unserer Erde war, weiß, welch ein
magischer Zauber sich in den warmen Sommernächten über ein Gebirge breitet,
das im Mondenschein erglänzt. Weiße zarte Nebel steigen in phantastischen
Gestalten, Geisterzügen ähnelnd, aus den Schluchten auf, ringen sich empor zu
den Höhen und verschwinden im dunklen Äther. Die Stille des Weltalls breitet
sich aus über die schlummernde Natur; ein tiefes Schweigen herrscht in den
Bergen. Das ungewisse Mondlicht läßt Einzelheiten nicht erkennen und täuscht
dem auf einsamen Wegen dahin schreitenden Wanderer oft allerhand
Erscheinungen vor, die bei näherer Betrachtung zu nichts verfallen. So ist es
auch hier. Im
Rücken des Schlosses steigt die voll beleuchtete Scheibe des einen Mondes
hervor. Ein zweiter Vollmond steht etwas höher. Die Sichel des dritten Mondes
steht im Westen. Jetzt sehe ich, wie an der höherstehenden Mondesscheibe eine
Figur vorüberzieht, ähnlich einem lateinischen T. So muß sich Upals
Flugschiff in weiter Ferne ausnehmen. Auf dem Turme des Schlosses regt sich
der Wächter. Auch er hat die Erscheinung bemerkt und meldet es dem vertrauten
Diener des Sutor. Ich
sehe, daß auf der breiten Plattform des Schlosses Vorbereitungen getroffen
werden. Mangafackeln leuchten auf. Jetzt blitzt aus der Höhe ein Lichtstrahl,
dann noch einer. Es ist ein Signal, das Upal gibt. Eine längere Zeit der
Erwartung vergeht, da hört man in den Lüften ein erst leises, dann stärker
werdendes Rauschen. Das Luftschiff senkt sich langsam herab und steht alsbald
ruhig und fest auf der Plattform. Der
Gondel entsteigen Upal und zwei in Mäntel gehüllte Männer. Curopol hat sich
eingefunden und begrüßt Upal. Dieser weist auf seine Begleiter und rasch
begeben sich die vier in das Innere des Schlosses. In
einem hell erleuchteten Gemache ruht auf einem Diwan der Sutor. Schnell tritt
Curopol mit Upal herein. Der Sutor springt erregt auf und begrüßt ihn.
"Herr", redet ihn Upal an, "ich bringe noch zwei Männer mit
mir, deren Antlitz Ihr sicher nicht zu sehen dachtet. Hier sind sie!" Curopol
führt die Männer herein. Als sie die gesenkten Häupter erheben und helles
Licht ihnen ins Antlitz leuchtet, erstaunt der Sutor, denn vor ihm stehen
Arvodo und Rusar! "Herr,
wir sind Flüchtlinge, Verlorene, wenn du uns nicht schützest", sagt mit
bewegter Stimme der Feldherr. "Wie
ist das möglich?" fragt staunend der Sutor. "Beide seid ihr hier,
die feindlich gesinnten Brüder? Was ist geschehen, was tat Areval?" — "Nichts!"
antwortet finster Rusar, "doch um so mehr Karmuno. Wir sind die Opfer
seiner List!" "Erzählt,
wie alles kam!" ruft der Sutor aus. "Sollen
wir die Berichterstatter eigener Schande sein? Laß Upal reden, er weiß wie
sich die Dinge aneinander reihten", wehrte Arvodo ab. Auf
ein Zeichen des Vizekönigs berichtet Upal nun: "Herr,
der Feldherr hatte mich gesucht und meine alten Eltern gefangen gesetzt, als
diese nicht aussagen konnten, wo ich wäre. Als jedoch Arvodo auszog gegen
Rusar, ließ er sie frei. Ich hatte das erfahren und darum machte ich mich auf
nach Mallona, die Alten in Sicherheit zu bringen. Verkleidet kam ich nach der
Hauptstadt, die im Glanze des großen Opferfestes schwelgte. Mir war es ein
Totenfest: Meinen alten Vater fand ich gestorben, die Mutter lag im Sterben. Ich
kann nicht trauern, sondern muß mich freuen, daß Allvater sie in Schutz
genommen, da meine Kraft dazu nicht ausreichte. Sie starb am Tage vor dem
Opferfeste und am selben Tage noch ward sie begraben. Ich durfte nicht
zögern, denn Karmunos Späher lauerten, mich abzufassen, falls sie mich
erblicken. Darum mußte ich den Händen guter Freunde die letzten Liebesdienste
überlassen. Am
Tage des Opferfestes wurde Artaya zur Schönheitskönigin erkoren. Karmuno
krönte sie und noch denselben Tag ward sie sein Weib. Areval bestätige
Karmuno als den Erben seines Reiches und ließ vom Feldherrn seinen Ring
abfordern, der ihm die gleiche Königsmacht gewährte. Listig hatte Karmuno in
Nustra überall verbreiten lassen, daß den Nustranern Verzeihung würde, wenn
sie sich freiwillig am Tage des Opferfestes unterwürfen. Das Volk, erfreut,
den Schrecken eines Krieges zu entrinnen, war damit gewonnen und in dem Heere
Rusars schwand der Kampfesmut. Als Karmuno Erbkönig war, wurde das Heer
Arvodos zurückgerufen. Den Nustranern wurde Verzeihung angeboten und Rusar
als Vizekönig seines Amtes entsetzt, da er zuerst das Schwert zog gegen
Areval und sich Muhareb beugte. Arvodo
trotzte zornig dem Befehl zur Heimkehr, denn er wollte dem listigen
Höchstpriester die Krone streitig machen. Doch der Gehorsam ward ihm versagt,
und Arvodo wurde so ein Feldherr ohne Truppen. Beide Brüder mußten fliehen,
beide geächtet durch Karmunos List. Auf der Höhe des Gebirges trafen sich die
Brüder. Sie konnten sehen, wie sich die Truppen, die sie einstens
befehligten, verbrüderten und nach Mallona zogen, dem neuen Erbkönig zu
huldigen. Der Krieg war aus, bevor er noch begonnen. In
Mallona ist noch Seltsames geschehen. Areval — in dem Wahn, Muhareb lebe noch
in den Höhlen des Wirdu — ließ einen Zufluß sprengen, um die Höhlen unter
Wasser zu setzen. Es sollte ein großes Fest gefeiert werden, das den Sieg des
Stammes Furo über den Todfeind Usglom bedeutet." Erschreckt
fragt Curopol: "Hat er es ausgeführt?" "Er
hat es ausgeführt. Hart ist der Felsen, doch dem Nimah muß er weichen. Dort
wo einst Muhareb lebte und sich die Gänge in das Innere ziehen, hat man einen
schmalen Kanal gesprengt und dem Wasser Einlaß gegeben." "Die
Wahnsinnigen!" murmelt Curopol, "und die Folgen solchen Tuns?" "Sie
waren erst nur gering. Areval war zufrieden, daß ein kleiner Fluß vom Meere
sich ergießt in Usgloms Reich und feierte den Sieg durch ein Fest, wie es nie
zuvor geschehen. Es heißt, daß seit diesem Tage Arevals Geist umnachtet sei,
er wird nicht mehr gesehen. Karmuno herrscht allein im Reiche. Ein
Priesterkönig ist jetzt Herrscher. Möge es Mallona nur gedeihlich sein!" "Wann
war das Fest?" fragt der Sutor. "Vor
drei Tagungen!" "So
kurze Zeit erst! War auch die Sprengung am selben Tag?" "Nein,
Herr, sie war am Tage zuvor, doch fürchte ich, sie wird noch böse Folgen
haben." "Wie
das?" "Noch
einmal habe ich die Höhlen besuchen wollen, um die letzten Kostbarkeiten aus
dem Schlot zu holen. Doch ich konnte nicht eindringen. Als ich mich dem Berge
nähern wollte, quollen Dampf und giftige Gase aus dem Kamin. Unmöglich war
die Einfahrt. Auch bemerkte ich, daß die ganze Kratergegend lebhafter
arbeitete als bisher. Der Zufluß, den die Sprengung geschaffen, hat sich
erweitert und aus dem Berge selbst, dort wo das Meereswasser eindringt,
strömt heißer Dampf hervor. Ich hörte es zischen tief im Inneren des Berges. Usglom
ergibt sich nicht so schnell! Ich floh darum diese Gegend, die ich aufsuchte,
um einen Stoff zusammeln, dessen ich zur Herstellung des Nimah noch bedarf.
Und da ich wußte, ich finde ihn auch am Meeresgestade des Grenzgebirges,
eilte ich im Flugschiff dorthin. Ein Glücksfall ließ mich die Brüder dort
finden. Ich nahm sie auf und kam so mit beiden nach Sutona." "Ihr
suchet Freistatt?" wandte sich fragend der Sutor an die Brüder. "So
ist es, gewährst du sie uns?" "Gewiß,
doch wißt ihr selbst, mein Schutz ist engbegrenzt. Nicht offen könnt ihr hier
verweilen. Aber verbergen kann ich euch und auf Ksontus Schloß seid ihr
gesichert!" "Ihr
seid es nicht, wenn Allvaters Hand euch nicht schirmt!" tönt eine
eindringliche Stimme vom Eingang des Gemaches her. Alle blicken erstaunt
dorthin und sehen Muhareb in der Türöffnung stehen. Seine hohe Gestalt ist
gebeugt, sein Gang, als trüge er eine schwere Last. Upal eilt auf ihn zu, ihn
zu stützen, und er nimmt dankbar lächelnd seine Hilfe an. Vor Arvodo bleibt
er stehen, sieht dem Feldherrn ernst ins Antlitz und sagt in vorwurfsvollem
Tone "Wohin
hat Ehrsucht dich geführt? Du bautest auf deine Kraft, vertrautest
Versprechungen. Wußtest du nicht, daß Leidenschaft der Grund nicht ist, auf
dem der Weise baut? Wo ist die Ehrbarkeit, die Kraft des Wortes, die
Pflichterfüllung, Mitleid, Vertrauen und Glauben an den Vater alles Seins
geblieben? — Erloschen, verstummt ist das Empfinden in der Brust für Güte,
Wahrheit und Ehrlichkeit. Wer betrügt, der siegt nur so lange, bis auch den
Sieger der Betrug zerstört. Du hast es erfahren und gingst daran zu Grunde,
wie unser ganzes Volk daran zu Grunde geht. Die Stunde der Vergeltung naht,
sie ist schon da!" In
diesem Augenblick ertönt ein unheimliches fernes Donnern, anhaltend und tief
grollend. Ein leises Zittern, das jeder deutlich empfindet, geht durch den
Erdboden. Das Rollen verschwindet und erschreckt sehen sich die Anwesenden
an. Nur Muhareb bleibt unberührt, reckt sich plötzlich hoch auf und ruft
glänzenden Auges aus: "Allvater,
Du rufst mich. Ich soll das letzte Elend nicht mehr schauen. Die Geschlechter
hier sind verderbt, sie gehen zu Grunde, sie waren Deiner Liebe nicht mehr
wert. Du hast versucht, sie aufzurütteln, aber sie schliefen. Du straftest
sie mit einem Herrscher, wie sie ihn verdienten, doch spürten sie die Geißel
nicht und blieben träge. Du knechtest sie durch jene, die sich Deine Priester
nennen und siehe, die Finsternis, die diese rings verbreiten, tut ihnen wohl.
Sie wollen nicht das Licht und bemühen sich, es zu ersticken. Nun ist die
Langmut erschöpft, die Strafe naht und anderen wird gegeben werden, was Du in
reicher Fülle hier ausstreuen wolltest. — Auch Dein Diener ist matt geworden,
denn der letzte reine Mensch, Muraval, den ich erzog in Deinem Dienst, ist
tot. Nichts hält Deinen Zorn nunmehr zurück. O nimm mich auf, laß mich das
letzte Gräßliche nicht schauen!" Muharebs
Stimme erstarrt zu einem leisen Flüstern. Sein Antlitz glänzt wie im
überirdischen Lichte. Die Augen nach oben gerichtet scheint es, als sehen
diese eine andere, schönere Welt. So bleibt er starr, hochaufgerichtet,
wortlos eine kurze Zeit. Plötzlich atmet er tief auf, seine Züge erschlaffen,
sein Körper fällt zusammen. Upal fängt ihn auf und läßt ihn sanft zu Boden
gleiten. Die Anwesenden treten näher. — Muhareb ist tot! Das
Ende Mallonas
Ich
sehe die Hauptstadt Mallona. Ungeheure Aufregung des Volkes kann ich
beobachten. Der ganze südwestliche Horizont ist von dicken Rauchwolken
eingenommen, aus denen es tief rotglühend aufblitzt. Ein immerwährendes
leises Zittern des Erdbodens, ein dumpfes, unterirdisches Grollen, dem oft
stärkere Stöße folgen. Verschiedene hohe Gebäude sind eingestürzt. Eine
große Menschenmenge umsteht den königlichen Palast Arevals und stößt
Verwünschungen gegen den König aus, der den Dämon Usglom herausgefordert und
ihn nicht ersäuft hat, wie er glaubte. Die Opferaltäre der Gottheiten flammen
von Opfern auf, um von den guten, schützenden Göttern Hilfe zu erflehen.
Umsonst, das Toben in der Kratergegend wird immer ärger, die Erdbeben folgen
immer schneller. Ich sehe Artaya und Karmuno. Sie will fliehen vor der
Katastrophe, aber Karmuno gibt es nicht zu. Als Vertreterin der Gottheit muß
sie in dem Tempel bleiben, oder das Volk rebelliert vollständig. Sie ist
jetzt die personifizierte Gottheit. Flieht sie, so bedeutet das, die Gottheit
wende sich von dem Haupttempel ab. Artaya wehrt sich, sie befiehlt, sie will
ihre Freiheit. Karmuno, dieser Dämon in Menschengestalt, verlacht sie
hohnvoll und sperrt sie gewaltsam in den Tempel der Schönheit. Er befiehlt
zwei Dienern, sie beim geringsten Fluchtversuch niederzustechen; Artaya muß
sich als Göttin täglich dem Volke zeigen, doch sie zittert für ihr Leben. Karmuno
hält mit seinen Priestern Rat. Es wird beschlossen, daß Arvodo, Rusar und
Muhareb mit Upal unbedingt gefangen werden müssen. Karmuno will Nustra zum
Königssitz erheben, die Nähe der Krater macht ihm jetzt den Sitz in Mallona
unmöglich. Er zweifelt nicht, daß das Naturereignis sich dort beruhigen wird,
doch ist es ihm in dessen Nähe nicht mehr geheuer. Den neuen Königsthron, der
ihm bald zufällt, will er dann mit den Seinen in Ruhe genießen. Seine Absicht
findet ungeteilten Beifall. Da
geschieht Furchtbares. Plötzlich erbebt das ganze Land. Mit fürchterlichem
Getöse springt eine Feuerflut in der Kratergegend empor; ein furchtbares
Erdbeben durchschüttelt die Hauptstadt. Die meisten Häuser, auch der
Schönheitstempel stürzen zusammen. Er begräbt unter seinen Trümmern Artaya,
die Priesterschar und eine Menge der Einwohner, die zu ihm geflüchtet waren.
Entsetzen und wahnsinniger Schrecken ergreift die Überlebenden. Alles
flüchtet planlos, nur besorgt, das Leben zu retten. Karmuno und Areval
verlassen die Königsburg mit wenigen Getreuen. Es gelingt ihnen, einen der
schnellfahrenden Wagen zu erlangen und in rasender Eile fliehen sie nach
Nustra. Kaum haben sie die Stadt verlassen, stürzt durch einen neuen Stoß die
Königsburg zusammen. Ich
sehe den Erdteil Nustra, dort verspürt man nichts von der unseligen
Katastrophe. Karmuno langt mit Areval in Nustra an. Neue
Schreckensnachrichten sind dort eingelaufen. Boten und Flüchtige aus Monna
treffen ein. Die fast erloschenen Krater Monnas an der Meeresküste fingen
wieder zu toben an, und plötzlich senkte sich die ganze Küste. Eine
ungeheure Flut überströmte das Land in tosen der Wut, erreichte die
Hauptstadt und setzte sie unter Wasser. Der Monnor kam in den Fluten um, die
mit rasender Schnelligkeit daherstürzen; ebenso fast die gesamte Bevölkerung
des südlicheren Teils. Nur die südlichste hochgelegene Spitze von Monna blieb
unberührt. Areval hörte diese Berichte mit dem stieren Ausdruck des
Blödsinnigen an. Dann begreift er und nochmals rafft sich in diesem
zerrütteten Geist die letzte Tatkraft auf. "Ich
will sehen, ob ich Sieger bin oder nicht!" schreit er auf. "Von den
Bergen Sutonas will ich den Sieg meines Geschlechtes sehen. Du, Karmuno,
begleitest mich." Dieser Befehl kommt dem Höchstpriester sehr gelegen,
denn auch er sagt sich, daß das Gebirge Sutonas der sicherste Zufluchtsort
sein dürfte. Ich
sehe Upal in seinem Luftschiff durch die Lüfte segeln. Er zieht auf
Kundschaft aus, um zu überblicken, was in den Ländern geschieht. Von der Höhe
aus fällt ihm das leicht. Auch ist er entschlossen, die nach Nustra führende
Brücke zu verteidigen oder zu zerstören, falls Gefahren drohen. Die
Nordküste von Sutona hat die Flutwelle, die Monna überschwemmte, ebenfalls
getroffen, doch nicht geschädigt. Die niedrigen unbewohnten Küstengebiete
wurden zwar überflutet, doch hemmte alsbald das aufsteigende Land die Fluten. In
Upals Herzen glüht die Rache. Er sieht den Untergang des Volkes klar vor
sich. Muharebs letzte Worte entzündeten in ihm eine Art Sterbensfreudigkeit;
er weiß, sein Leben endet. Doch will er es nicht beschließen, ohne sich
gerächt zu haben an jenen, denen er die Schuld für alles Elend aufbürdet. Er
bewacht darum die Zugangsstraße von Nustra und sieht seine Vorsorge belohnt.
Er kennt den königlichen Wagen, der dort heranrollt und ahnt, daß in ihm
Areval flieht. Schnell wie ein Raubvogel schießt das Luftschiff von der Höhe
herab. Im Wagen ist dies sofort bemerkt worden. Der Wagen hält, in weiter
Ferne kommen andere Wagen heran mit Gefolge des Königs. Upal errät Arevals
Absicht, mit deren Hilfe ihn möglichst zu verderben. Er lenkt sein Schiff
dennoch weit entfernten anfahrenden Wagen entgegen und wirft aus sicherer
Höhe einen glänzenden Gegenstand mitten auf die Brücke. Ein
furchtbarer Krach ertönt. Die Brücke wankt, ein Bogen ist gesprengt und
versinkt in den aufgeregten Fluten des Meeres. Arevals Wagen ist nun von
seinen Helfern abgesperrt. Jetzt treibt Upal sein Flugschiff zur höchsten
Geschwindigkeit an. Pfeilschnell fliegt der königliche Wagen dem Festlande
zu, doch Upal überholt ihn. Wieder wirft er einen Sprengkörper aus, der die
Brücke trifft. Ein abermaliges gewaltiges Krachen und die Weiterfahrt ist
gesperrt. Der
Wagen ist gezwungen zu halten. Ihm naht sich jetzt das Flugschiff. Es schwebt
außerhalb der Brücke, und Upal sieht die verzerrten Gesichter Arevals und
Karmunos aus dem Wagen lugen. "Verlaßt
den Wagen", herrscht er beide an, "oder ich zerschmettere
euch!" Der
König und der Höchstpriester gehorchen. "Fahre zurück soweit du
kannst!", befiehlt er dem Wagenlenker. Zitternd geschieht es. Upal lenkt
jetzt sein Luftschiff auf die Brücke und in kurzer Entfernung steht es vor
den einst Gewaltigsten Mallonas. Upal
behält seine Feinde fest im Auge. Er greift vom Boden der Gondel eine Art
Lasso auf und wirft ihn auf Karmuno. Ehe dieser durch eine schnelle Bewegung
sich den Schlingen entziehen kann, gleiten diese bereits um seinen Körper.
Ein scharfer Ruck und Karmuno stürzt gefesselt zusammen. Jetzt springt Upal
aus seinem Luftschiff, stürzt sich auf den erstarrt da stehenden Areval und
packt ihn mit gewaltiger Kraft. Er hebt ihn hoch empor und ihm zurufend:
"Du ersäufst den Usglom, ich ersäufe dich!" schleudert er den König
über den Rand der Brücke in die Fluten des Meeres. Mit
grimmigem Haß wendet er sich jetzt zu Karmuno, umschnürt ihn noch fester mit
Stricken und ruft hohnlachend: "So schnell soll es mit dir nicht gehen.
Zu heiß war stets dein Begehren. Ich will darum für deine Kühlung
sorgen!" Er trägt den Gefesselten in das Flugschiff und steigt mit ihm
in die Lüfte, Sutona zu. — Auch
ich schwebe jetzt hoch im Äther und übersehe die weiten Lande. Mallona ist
eine Wüste. Es zischt, braust, donnert und kracht in jenen Gegenden, wo einst
nach dem Rod und dem Orostein gesucht wurde. Berge sind gestürzt und frei
ergießt sich das Meer in die fürchterlichen Feuerschlünde, die ich schon
beschrieb, als ich Mallona zum ersten male betrat. Ein schrecklicher Kampf
der Elemente ist entbrannt. Erstickende Dünste quellen auf und fahren mit
Sturmgeheul und der rasenden Geschwindigkeit entspannter Dämpfe über den
Erdboden hin. Mit giftigem Hauche töten sie alles Lebende. Auch in Monna
toben die entfesselten Elemente. Es scheint, daß ein Zusammenhang zwischen
den Kratergegenden besteht. Es ruckt und preßt im Inneren des Erdballs. Noch
hält die feste Schale des Planeten, noch trotzt sie der ungeheuren Spannung
der entstandenen Dämpfe. Immer
finsterer, immer giftgeschwängerter wird die Atmosphäre. Jetzt ballt sich von
beiden Feuerherden eine gewaltige Dunstmasse auf; sie breitet sich aus und
überzieht den Erdteil Nustra. Die Dunstmassen treffen sich, fließen zusammen
und stürzen jetzt über Nustra hin dem Süden zu. Sutonas Stunde schlägt. Noch
einmal dringt mein Blick nach Ksontus Schloß. Im stummen Schrecken sehe ich
den Sutor, Curopol, die beiden Brüder und Diener auf der Zinne des Schlosses
stehen und gegen Norden schauen. Dort türmt sich fern am Horizont eine dunkle
Wolkenwand empor, die langsam wachsend sich nähert. Da surrt es in den Lüften:
Upals Luftschiff streicht über das Schloß hin, es fliegt dem nächsten
Gletscher zu. Immer höher steigt es den Schneefeldern entgegen. Oben
angelangt, nimmt Upal den gebundenen Höchstpriester wie ein Kind in seine
Arme, bettet ihn in den Schnee und sagt voll Grimm: Jetzt kühle dich,
Gewaltiger! Rufe deine Götter, deine Priester! Nichts kann dich mehr
retten!" Er
kehrt zum Flugschiff zurück und läßt es nieder schweben. Karmuno hat keinen
Laut von sich gegeben. Vergeblich sucht er sich von den Fesseln zu befreien.
Dann wird er still und bereitet sich zum Sterben. — Immer näher ist die
dunkle Wolke herangerückt. Furchtbare
Schwüle, heiße Dünste gehen ihr voraus. Da plötzlich ein Sausen und Brausen.
Ein Orkan bricht los mit giftigem Hauche und tötet im Nu alles Lebende. Hoch
in den Lüften wird das Luftschiff Upals wie eine Feder hin- und hergeworfen,
seine Teile wurden zerfetzt, zerbrochen. — Auf
Mallona gibt es nichts Lebendes mehr. Die
letzte Vision
Ich
schwebe fern von Mallona im Weltenraum. Der Planet ist umgeben von Dämpfen,
sodaß von seiner Oberfläche nichts zu sehen ist. Da zuckt es plötzlich hell
auf. Flammen sprießen aus den Dünsten, und ich sehe wie der Erdball in
tausend Trümmern auseinandersprengt. Die Monde, die ihn umgaben, verlieren
ihren Umlaufkreis und irren mit den Trümmern im Raume umher. Nach allen
Seiten schießen gleich Sternschnuppen die Reste des gewaltigen Weltkörpers.
Teile treffen auch auf die andern Planeten unseres Sonnensystems und können
erzählen von jener furchtbaren Schicksalstragödie im Weltenraum. Jetzt
sehe ich, wie eine glänzende Gestalt herniedersteigt, gleichsam wie aus dem
Kern Mallonas entstanden. Sie schwebt der Sonne zu. Ein siebensterniges
Strahlendiadem schmückt das Haupt, die Hand hält eine Friedenspalme,
unendliche Güte und Milde zeigt das Antlitz. Die Gestalt winkt mir zu und
spricht: "Gib
Kunde von dem, was du gesehen! Einst sollte Mallona der Träger höchster Liebe
werden. Es sollte ein Menschengeschlecht erzeugen, dem freie Selbstbestimmung
eigen, damit es die höchsten Güter des Geistes erringe und gottähnlich werde.
Nur dort, wo der Mensch ein Engel oder Teufel werden kann, erblüht die
Freiheit des Geistes. Erkennt er die Liebe Allvaters und die Weisheit Seiner
Gesetze, so besiegt er den Tod und erringt das ewige Leben. Verschmäht er
beides, trifft ihn sicherer Untergang. Nur eine Kraft herrscht im All,
nur eine weisheitsvolle Liebe. Sie kennt die Wege und die besten
Mittel des ewigen Schöpfungsplans. Ein
anderer Planet wird jetzt erwählt, Träger der höchsten Liebe zu werden. Sieh
dort hinab, du kennst ihn wohl, es ist dein irdisches Heimattal. In dieser
Stunde entsteht dort der erste Mensch, dem tief ins Herz Ich pflanze den
Geistessamen höchster Menschen würde. Nichts wird ihn hemmen fortzuschreiten
zu höchster Stufe der Kultur, vergißt er der Liebe nicht. Geistesfreiheit
wird das neue Geschlecht dann erringen und über alles Böse
triumphieren!" Die
Gestalt senkt sich hinab und ich sehe die Erde immer näher kommen. Ich
erkenne ihre Oberfläche und sehe die Entstehungsperiode, die man heute die
Tertiärzeit nennt. Ich erkenne in wilden Gegenden längst ausgestorbene
Tiergattungen, sehe den Höhlenbären und auch den Urmenschen. Da
glüht plötzlich im Osten ein rosiges Licht. Ein gelindes Brausen zieht durch
die Lüfte und mir ist es, als flüstere mir eine Stimme zu: "Dort
im fernen Osten ward jetzt ein Menschenpaar geboren als das erste, dessen
Seelen das Samenkorn des ewigen Geistes empfingen. Von diesem werden nun mehr
die Völker ausgehen, die einst wandeln sollen im Lichte der Wahrheit!" — Nachwort
Die
Hellseherin übermittelt uns noch ein Bild. Sie sah ein fremdes Land, das sie
durch die Pyramidenbauten als Ägypten erkannte. Eben
wurde der Grund zu einem Tempelbau gegraben. Da stieß man auf harten Boden
und fand einen riesigen Block, der wie gebrannter Ton aussah. Mühsam wurde
das harte Material aufgeklopft und stückweise entfernt. Plötzlich zeigte das
Innere halbverbrannte Gebeine. Die Reste eines Menschen von gewaltiger Figur
kamen zum Vorschein, fest eingebettet in hartgebranntem Ton. Priester kamen
hinzu, den merkwürdigen Fund zu besichtigen. Unter ihrer Leitung wurde der
Block genau untersucht. Das
Skelett wurde aus seiner harten Umgebung befreit. Es trug an der rechten Hand
die Reste eines Metal an dem noch eine Gemme hing. Dieses unbekannte Zeichen
blieb viele Jahre als Heiligtum im Tempel. Die Römer brachten dann den Stein
nach Italien, und bei der Völkerwanderung wurde er mitgenommen und vergraben.
Nach vielen Jahren fand ihn ein Mann, der ihn als Ring wieder fassen ließ und
ihn seiner Familie als Seltenheit vermachte. Dieser
Ring sprach uns von den vergangenen Zeiten des untergegangenen Planeten
Mallona, dessen Dasein bisher niemand ahnte. Ob
seine Geschichte wohl wahr ist? — wird mancher versucht sein zu fragen.
Wichtig ist es, daß die Kunde von Mallona eine Warnung birgt, die
jeder finden kann, der von dem Untergang hörte und die Entwicklung der
heutigen Menschheit mit dem wachen Blicke des Geistes verfolgt… *
* * Namenverzeichnis Personen
der Handlung: Areval - Zweiter
Sohn König Mabans. Artaya - Tochter König Arevals. Arvodo - Oberster Feldherr in
Mallona Curopol - Oberpriester von Sutona. Fedijah - Schwester Upals. Furo - Stammvater des
Geschlechtes von Mallona. Karmuno - Oberster Priester von
Mallona. Ksontu - ehem.
Gewaltherrscher von Sutona. Mabari - ehem. König von
Mallona. Mansor - Oberpriester von
Nustra. Mirto - Erfinder der
Ätherkraft-Verwertung. Muhareb - Erster Sohn König Mabans. Muraval - Sohn Arevals und
Fedijahs. Numo - Mystischer Lehrer in
Monna. Nustror - Titel des Statthalters
von Nustra. Rusar - Arvodos Bruder,
Statthalter von Monna. Sutor - Titel des
Statthalters von Sutona. Upal - Bruder Fedijahs,
Gegenspieler Arevals. Mythologische
Namen: Anarbe - Göttin der Schönheit. Munga - Tochter Usgloms. Nimri - Symbol der
Schlangenlist. Schodufaleb - Name der höchsten
Gottheit. Usglom - Dämon des Feuers. Weiskee - Mythische Sagengestalt. Geographische Namen:
Mallona - Hauptkontinent des
Planeten. Marda - Vulkan im
Wirdu-Gebirge. Monna - Zweiter Kontinent: Nustra - Dritter Kontinent. Resma - Stadt in Mallona. Sutona - Vierter Kontinent. Wirdu - Felsengebirge in
Mallona. Sachnamen:
Maha - Treibmittel, aus
Nimah gewonnen. Manga - Chemischer Leuchtstoff
(kaltes Licht). Nimah - Sprengmittel von
atomarer Kraft. Orostein - Edelstein, Abzeichen d.
Königsmacht. Rod - Weißes Gestein, Zahlungsmittel. Aus der Vergangenheit des Mallona-Reiches _______ *
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