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Ad. L. Goerwitz Was lehrt die neue Kirche? Kurzes
Überblick über die Lehren der Neuen Kirche und das Leben Emanuel Swedenborg „Siehe, ich mache alles neu?“ (Off.Joh.21,5) Einleitung Innere
und äußere Zerrissenheit und Verwirrung kennzeichnen die sich christlich
nennende Welt; die Erdbeben, die die Länder hier und dort erschüttern,
erscheinen wie ein begleitendes Gleichnis zu den Erschütterungen des ganzen
geistigen Lebens. Wie ist das zu erklären fast zweitausend Jahre mach dem
Kommen und Wirken des Heilandes? Wohl mit der Tatsache, die schon Lessing
einst feststellte: "Nachdem die Religion Jesu Christi siebzehn
Jahrhunderte verkündet und gepredigt worden ist, muß man sagen, daß sie noch
nie voll ausprobiert worden ist", was leider auch heute noch gilt; ja
die Folgen davon, daß das so ist, sind seit Lessings Tagen nur noch
offensichtlicher geworden. Der
Herr hat freilich, noch als Er auf Erden weilte, deutlich vorausgesagt, daß
solche Zeiten, wie wir sie erleben, kommen würden. Und tatsächlich ist die
sich nach Christus nennende Kirche schon in den ersten Jahrhunderten von
ihrer ursprünglichen Reinheit, wo das Wesentliche – die Liebe – vorgeherrscht
hatte, hinabgesunken in dogmatische Streitereien, inmitten welcher im 4.
Jahrhundert von Bischöfen ein Glaubensbekenntnis aufgestellt wurde, welches
keineswegs mit dem Evangelium in Einklang steht. In der Folge machten sich
zunehmende Äußerlichkeiten und manche heidnische Mißbräuche in der Kirche
breit. Die Reformation hat diese abgeschafft und die Bibel wieder in der
Kirche verbreitet. Die Reformatoren aber wagten das von Bischöfen einst
aufgestellte Glaubensbekenntnis nicht anzutasten, sodaß die Reformation im
Glauben keine durchgreifende Läuterung im Sinne des Evangeliums brachte.
Maßgebend blieben statt des Evangeliums von Menschen aufgestellte Lehren, die
dem denkenden Menschen der Neuzeit je länger je unannehmbarer wurden, sodaß
Abfall und Unglaube sich in den sog. christlichen Ländern mehr verbreiteten
als in der heidnischen Welt. Klarheit über die christliche Wahrheit tut immer
dringender not. Jesus
hat aber auch am letzten Abend Seines Erdenlebens den Jüngern gestanden:
"Ich habe euch noch Vieles zu sagen, doch ihr könnet es jetzt nicht
tragen." Nun ist die Stunde gekommen, dies zu offenbaren, wofür die
Menschen bei der ersten Ankunft des Herrn noch nicht reif waren. Für
die Verkündigung dieser Wahrheit aus dem Worte erweckte Gott, der Herr, der
für die Offenbarung Seiner Wahrheit stets Menschen als Werkzeuge berief, in
unserer Neuzeit. Jugendzeit
Daß
er trotz der Dringlichkeit seiner Aufgabe ein Vierteljahrtausend nach seiner
Geburt der großen Mehrheit der Christenheit noch so gut wie unbekannt ist,
rührt davon her, daß diese sich noch so wenig bereit zeigte für Das, was Gott
ihr da zugedacht hat. Aber ist das je anders gewesen? Sind die Propheten
Gottes je anders als ablehnend aufgenommen worden, wenn ihre Botschaft irgend
eine wesentliche Wandlung von den Menschen forderte? So
fängt Swedenborg, wennschon seine Hauptschriften nunmehr in zwanzig Sprachen
zu haben sind, doch heute erst an, einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu
werden. "Bei großen Geistern verhält es sich wie bei den Sternen: Das
Licht der größten Sterne erreicht uns am letzten, so weit ist der Weg, denn
es bis zu uns zurückzulegen hat. So geht es auch bei großen Geistern: Ihre
Gedanken erreichen die Menschheit spät. Die Frage: Wie lange brauchen die
Gedanken, bis sie bei der Menschheit ankommen? schafft einen Prüfstein und
Rang für Stern und Geist." Auf wenige Gestalten in der geistigen
Geschichte der Menschheit dürfte dieses Denkerwort in solchem Maße zutreffen
wie auf Swedenborg, wobei wir darauf achten wollen, daß er die durch ihn
verkündeten Lehren nicht sich selbst zuschreibt, sondern daß er sich als
"Diener des Herrn Jesus Christus" bezeichnet und bezeugt, daß er
sie vom "Herrn Selbst, als er das Wort las, empfangen" habe. Bevor
wir nun einen Überblick über die Lehren bieten, die er aus der Heiligen Schrift
darlegte, wollen wir einen kurzen Blick auf den Lebensweg werfen, auf welchem
er von der Vorstellung für sein hohes Amt vorbereitet wurde. *
* * Emanuel
Swedenborg stammt aus einer Familie von Bergwerk-Ingenieuren. Sein Großvater,
ein frommer tüchtiger Kupferschmelzer, machte sich mit einigen Anderen
zusammen an die neuerliche Erschließung eines verlassenen, mit Wasser
angefüllten Kupferbergwerkes in der Nähe von Fahlun
in Dalekarlien, was ihn allmählich zu Wohlstand
brachte, der ihm nach seiner Überzeugung von Gott um seiner großen
Kinderschar willen geschenkt ward. Einer
der Söhne war Jesper, später der Vater Emanuel Swedenborgs. (Er hieß noch
Swedberg von dem Familiengute Sweden; der Name
wurde dann erst 1719 bei der Erhebung in den Adelsstand in Swedenborg
umgewandelt.) Er wurde der angesehensten Theologen von Sweden,
unerschrocken und echter Frömmigkeit; eine große Zahl der beliebtesten
Kirchenlieder sollen von ihm stammen. Zur zeit, als sein Sohn Emanuel ihm
geboren wurde, war er Hofprediger in Stockholm und vom König hochgeschätzt.
Er war bald darauf auch Superintendent der schwedischen Kirchen in London,
Amerika und Portugal. Seine Gattin war Sara Behm, Tochter eines Assessors im
Bergwerkskollegium, die aber schon 8 Jahre nach Emanuels Geburt starb. *
* * Emanuel
Swedenborg ward in Stockholm am Sonntag, den 29. Januar 1688 geboren. Als er
vierjährig war, siedelte seine Familie nach Upsala über, wo sein Vater eine
Professur an der Universität erhielt und alsbald auch Dekan der Kathedrale
wurde. Hier in der malerischen Universitätsstadt wuchs Swedenborg auf bis zum
15. Lebensjahre und setzte in dieser Zeit seinen Vater oft in Staunen durch
die Klarheit, mir der er religiöse Wahrheiten aussprach. Nach einigen in
Skara verbrachten Jahren, wohin sein Vater als Bischof versetzt wurde, kehrte
er nach Upsala zurück, als er das Alter für die Universität hatte. Sein Vater
hätte es wohl gerne gesehen, wenn er ebenfalls Theologe geworden wäre; doch
zog ihn neben den Sprachen hauptsächlich die Mathematik und Naturwissenschaft
an. Schon 1709, d.h. mit 21 Jahren, beendete er das Universitätsstudium und
hielt seine Doktordiputation. Zu
jener Zeit hatten sich die epochemachenden mathematisch-physikalischen
Entdeckungen Neuton's verbreitet. Fühlte der junge
Swedenborg sich im schwedischen Norden etwas getrennt von den geistigen
Mittelpunkten Europas? Jedenfalls drängte es ihn nach den Hauptstätten des
Wissens der damaligen Zeit. So entschoß er sich,
den Mann seiner Schwester, den hochgelehrten und vielseitigen Eric Benzelius,
den späteren Erzbischof, mit dem er einen regen Briefverkehr über die
verschiedenen wissenschaftlichen Fragen führte, um eine Art Reisestipendium
zu bitten. Diese Bitte ward ihm offenbar gern gewährt, und so war er nun über
vier Jahre unterwegs und ließ es sich angelegen sein, die bedeutendsten
Männer der Wissenschaft, Sammlungen und alles Wissenswerte zu sehen und zu
erforschen, vor allem in London, Oxford, Paris, Hamburg und Greifswalde. Sein
Hauptinteresse gehörte in diesem Jahre vielleicht der Mathematik, namentlich
seit Descartes die Algebra, Leibnitz und Newton die Differential- und
Integralrechnung aufgebracht hatten. Er schrieb in 10 Büchern ein Lehrbuch
über diese Gebiete, wo er auch Probleme der Mechanik und Ballistik
behandelte, lehnte aber als 29-Jähriger eine Professur für höhere Mathematik
an der Universität Upsala ab, da er seinem Vaterlande in praktischer Weise
dienen wollte. Erfindungen
Was
selten in einem und demselben Geiste vereint ist, das war bei ihm in
ungewöhnlichem Maße vorhanden: neben der Fähigkeit zu theoretischem Denken
ein außerordentlich praktischer Sinn, der seinem Vaterland von großen Nutzen
geworden ist. Schon während seiner Universitätsjahre hatte er sein Zimmer bei
verschiedenen Praktikern genommen und sich so einige handwerkliche
Fertigkeiten angeeignet, so das Buchbindern, die Anfertigung physikalischer
Präzisionsinstrumente und das Stechen von Globuskarten. Die
Jahre nach seiner Heimkehr von der Studienreise waren besonders reich an
Erfindungen auf mancherlei Gebieten, so von 1714 an folgende: Neue
Wasserpumpen, das Heben von Gewichten mit Hülfe von Wasser,
Schleusenkonstruktionen, die noch heute zwischen den Wenner- und Wetterseen
in Brauch sein sollen, eine Wasserwurfmaschine, eine Ziehbrücke, Luftpumpen, eine
Wasseruhr, ein Wagen mit mechanischen Werken, Versuche zur Konstruktion eines
Flugzeug, neue Konstruktion von Federn, Arbeiten über Kunst des
Schattenzeichnens, über Perspektive, über verschiedene Erdarten, über
Fossilien, über das Segeln gegen den Strom, über Schrauben, über das Echo,
über die Konstruktion eines Kranes, über Zinn- und Salzwerke, sodann einen
Ofen mit langsamer Verbrennung, dessen Model noch heute bestens in Brauch
ist. Da
sein Vaterland gerade damals in den Nordischen Krieg (1700—1721) gegen
Dänemark, Polen und Rußland verwickelt war, der ihm seine Großmachtstellung
und verschiedene Gebiete jenseits der Ostsee kostete und Rußlands Übergewicht
begründete, finden wir aus jenen Jahren auch Pläne für ein Unterseeboot,
"welches mit seinem Mann, wohin es will, unter dem Wasser fahren und der
feindlichen Flotte viel Schaden zufügen kann." Auch entwarf er im selben
Jahre 1714 ein Luftdruckgewehr, das 60 bis 70 Kugeln abschießen konnte, ohne
frisch geladen zu werden. Und bei der Belagerung von Friederikshall
(1718) transportierte er 8 Schiffe, die wegen der dänisch-englischen Flotte
den offenen Seeweg nicht wagen durften, durch ein geschicktes Rollensystem
über 20 Kilometer weit über Berg und Tal in die Bucht, wo sie die dortigen
dänischen Schiffe unschädlich machen konnten. Der
König Karl XII, der nach Swedenborgs Zeugnis selbst ein mathematisches Genie
war, empfand große Bewunderung für seine mechanischen Fähigkeiten und
wünschte, daß er mit Polhem, dem "Archimedes
des Nordens", zusammenarbeite, und ernannte ihn schon 1716 zum
Außerordentlichen Assessor des Bergwerkkollegiums. Auch übertrug er ihm auf
seine Denkschrift hin die Erstellung von Anlagen zu Schwedens eigener
Salzerzeugung. Polhem schrieb an Benzelius: "Wir fanden viel Gefallen
aneinander, besonders als ich ihn fähig fand, mir in meinen mechanischen
Arbeiten zu helfen und die dabei nötigen Experimente zu machen. Hiebei
verdanke ich ihm mehr als er mir." Swedenborg entwarf die Pläne für eine
wissenschaftliche Gesellschaft, die dann auch zu Stande kam, und gründete mit
Polhem zusammen die erste naturwissenschaftliche
Zeitschrift Schwedens, den "Nordischen Deadalus",
wo er seine Erfindungen und Pläne freimütig darlegte und zu welcher König
Karl XII freigebig beitrug. wohnte zeitweise im Hause Polhems und verliebte sich in dessen Tochter Emerentia,
die ihm vom Vater auch freudig zugesprochen wurde. Als jedoch der junge
Swedenborg erfuhr, daß sie seine Liebe nicht erwiderte, sondern einen Andern
liebte, gab er sie frei und blieb zeitlebens unverheiratet. Da er hierauf Polhem's Haus begreiflicherweise verließ, kam die engere
Zusammenarbeit mit ihm zu einem natürlichen Ende. Bergwerkskollegium
Swedenborg
ging nun auch wissenschaftlich seine eigenen Wege, die seinem Vaterlande und
der Wissenschaft von großen Nutzen wurden. Bisher hatte er sich dem Wunsche
des Königs gemäß nur so viel im Bergwerkskollegium beschäftigt, als ihm das
Zusammenarbeiten mit Polhem Zeit ließ. Nun wollte
er sich diesem Berufe vollständiger widmen. Ehe er diese Stellung antrat,
wollte er aber die fortgeschrittensten Bergbaumethoden
im Auslande kennen lernen und reiste 1721 auf ein Jahr zunächst nach
Holland-Belgien und ins Harzgebirge, wo er die ganze Zeit Gast des Herzog von
Braunschweig war, der hohe Bewunderung für seine Gelehrsamkeit hegte. Er
hatte sich auch da schon theoretisch sehr in die Mineralogie einarbeitet und
gab in Hamburg und Leipzig Werke heraus, namentlich über das Eisen. Darauf
trat er seine Stelle als Assessor des Bergwerkkollegiums regelrecht an.
Dieses war folgendermaßen geordnet: Unter einem Oberhaupt, das aus dem
höheren Adel gestellt wurde, standen zwei Bergräte, welchen sechs Assessoren
unterstellt waren, die gewöhnlich tägliche Sitzungen abhielten und wo
Swedenborg nach den vorhandenen Protokollen nie gefehlt hat, wenn er nicht
auf einem Auslandurlaub weilte. Das Amt beanspruchte seinen Inhaber
weitgehend. Swedenborg hätte leicht zum Rat aufsteigen können, wenn er
gewollt hätte; die Beförderung wurde ihm auch nochmals angeboten, als er den
König um die Versetzung in den Ruhestand bat, doch verzichtete er darauf. Wir
können uns wohl denken, wie viel er als höchste Autorität der Metallurgie und
als genialer Ingenieur seinem Lande genützt hat in den dreißig Jahren seit
seiner Ernennung zum Assessor des Bergwerkkollegiums. Prof. Schleiden sagt denn auch: "Man würde nicht fertig,
wenn man alle die Verbesserungen aufzählen wollte, welche Swedenborg im
Bergwerkbetrieb seines Vaterlandes einführte; und seine Verdienste um
Industrie und Künste in Schweden sind unbeschreiblich groß." *
* * Es
ist kaum zu begreifen, daß Swedenborg trotz der reichen Tätigkeit in seinem
Amte seine wissenschaftliche Hauptarbeit, durch welche er einst einen
führenden Namen in der Geschichte der Naturwissenschaften behaupten wird, in der
wenigen Freizeit neben seiner Berufsarbeit leistete. In diesen freien
Studien hat er in den dreißig Jahren seines wissenschaftlichen Forschens
beinahe in allen Naturwissenschaften nicht nur das Wissen seiner Zeit voll
beherrscht, sondern es auf allen Gebieten um wesentliche Neuentdeckungen
bereichert, — Neuentdeckungen, die z.T. seitdem ihre Bestätigung gefunden
haben, zum Teil aber nach dem Urteil der Fachleute noch heute nicht eingeholt
sind. Da
fand er zunächst eine Methode, den Standort zu Land oder Wasser hinsichtlich
der Längengrade (Ost-West) nach dem
Monde zu bestimmen; dieses Werkchen mußte er im Laufe seines Lebens öfters wiederdrucken lassen; und dem Vernehmen nach muß man sich
noch heute an Marineschulen beim Steuermannsexamen über die Kenntnis dieser
Swedenborg'schen Methode ausweisen. Geologie
Zugleich
aber widmete sich Swedenborg geologischen Fragen zu einer Zeit, als es eine
Wissenschaft der Geologie
eigentlich noch nicht gab. Von 1716 an zeugen manche Veröffentlichungen von
dieser unabhängigen Tätigkeit: "Die verschiedenen Erdarten", "Ueber Fossile", "Die Umdrehung der Erde",
"Die Höhe des Wasserstandes" in früheren Zeiten, "Neue
Hinweise zur Auffindung von Metalladern", — Swedenborg regte das einfache Mittel an, die
Pflanzenwelt über metallhaltigem Boden zu vergleichen mit derjenigen von
anderem Boden und sie so je nachdem als Anzeichen für das Vorkommen oder
Fehlen von Metalladern darunter zu gebrauchen. "Anzeichen einer früheren
Flut", "Ueber die Strata
in Steinen und Bergen", "Die Entstehung der Salze im Urmeer",
Versuche und Theorien über verschiedene Metalle und Stoffe, die Wirkung der
Urflut auf die Felsen, u.A. — Prof. Nordenskjölb sagte in einem Vortrag vor der Kgl.
Schwedischen Akademie der Wissenschaften: "Das Verdienst, als Erster die
Frage von der wechselnden Höhe der Meeresflut ernsthaft angefaßt und sie zum
Gegenstand ernsthafter wissenschaftlicher Untersuchung gemacht zu haben,
gebührt Emanuel Swedenborg, da er 1719 ein werk veröffentlichte mit dem
Titel: 'Ueber die Höhe des Wassers und die große
Ebbe und Flut in der Urwelt: Beweis aus Schweden'. Aus der Struktur der Berge
in Westgotland, aus den Versteinerungen in den horizontalen Betten von Kalk
und Mergel, aus Schalenbänken, die weit über der gegenwärtigen Meereshöhe
gelegen sind, aus Schiffswracks und dem Skelett eines Walfisches, das weit
vom Meer entfernt gefunden wurde, aus den Gestaltungen der Sandbänke und der
gerundeten Form der darin gefundenen Steine, aus den Wanderblöcken oder — wie
Swedenborg es ausdrückt — 'den Steinen, die über die ganze Welt verstreut
sind', aus den Riesentöpfen, aus den Küstenlinien von Halleberg und Hunnerberg, aus Fischen in Inland-Seen, die weit über
Meereshöhe liegen, und schließlich von dem jährlichen Sinken des Baltischen
Meeres, das durch manche Beweise bekräftig ist, zieht Swedenborg den Schluß,
daß die Meereshöhe in Schweden in früheren Zeiten einige hundert Ellen über
ihrer heutigen Höhe lag. Die Ursache der Veränderung schreibt er teils einer
Änderung in der Schnelligkeit der Umdrehung der Erde und im Kreislauf des
Mondes um die Erde zu, wodurch das Wasser von den Polen gegen den Äquator hin
getrieben wird, teils dem Zustand des Wassers im Baltikum, das höher ist als
in der Nordsee und dessen Höhe allmählich abnimmt. — Swedenborgs Aufsatz,
welcher den Grundton zu so Vielem in der Lehre von der Erdgeschichte enthält,
worüber auch heute noch Auseinandersetzungen stattfinden, blieb zuerst
unbeachtet und unverstanden in der gelehrten Welt. Er wurde aber zum ersten
führenden Fingerzeig für die Untersuchungen von Anders Celsius, die er im
Jahre 1724 während seinen Reisen der Künste entlang über die Höhe des Wassers
im Baltikum unternahm und deren Ergebnisse dieser dann 1743
veröffentlichte." Wir
verstehen es darnach, wenn der heutige Gelehrte prof. Nathorst schreibt:
"Swedenborgs Beiträge auf geologischem Gebiet sind von solcher Tragweite
und Bedeutung, daß sie allein hinreichen würden, ihm einen hochgeachteten
Namen in der Wissenschaft zu sichern." Von Dumas wird Swedenborg ferner der
Vater der Kristallographie genannt. *
* * Nach
seiner Berufung ins Bergkollegium wandte er sich mit Eifer der Metallurgie zu
und hat da mit seinen Studien über die Metalle, namentlich über Eisen und
Kupfer damals schon europäischen Ruhm geerntet, sodaß er zum Mitglied
mehrerer Akademien der Wissenschaften ernannt wurde. Die Französische
Akademie in Paris gab damals ein großangelegtes Werk "Beschreibung der
mechanischen Künste" heraus, das auch einen Teil über das Eisen
enthalten sollte; da aber keine der eingesandten Arbeiten an das Werk
Swedenborgs heranreichte, veröffentlichte sie aus seinem 1734 in Leipzig
hierüber erschienenen Buche, dem 2. Band seiner dreibändigen "Prinzipia",
vor allem die Kapitel, welche von der Verarbeitung des Roheisens zu Stahl
handeln. Kosmologe und Astronom
In
diesem Werk "Principia Rerum Naturalium" ("Uranfänge der
natürlichen Dinge"), das er auf Kosten des Herzogs von Braunschweig
durfte drucken lassen, schreibt Swedenborg dem Wissen und Denken seiner Zeit
weit voraus. Während der obgenannte 2. Band vom Eisen und der 3. vom Kupfer
handelt, behandelt der erste die Entstehung
des Weltalls. Da spricht Swedenborg im 1. Kapitel von den Mitteln, welche
zu einer wahren Philosophie führen, und vom echten Philosophen; alsdann aber
vom "Ersten Einfachen, aus welchem die Welt mit ihren natürlichen Dingen
ihre Entstehung nahm, d.h. vom Ersten Natürlichen Punkt und seiner Entstehung
aus dem Unendlichen." Von da verfolgt er die Entwicklung weiter bis zum
Dasein der Sonnen und der Bildung des Sonnenwirbels. Im
zweiten teil, der 250 Seiten umfaßt, behandelt Swedenborg den Magneten und seine Ausstrahlungen;
Forscher haben gesagt, daß dies die erste gründliche wissenschaftliche Studie
über diesen Gegenstand sei. Fesselnd sind dabei auch für Den, der Swedenborgs
Forschungen auf diesem Gebiete nicht im Einzelnen zu folgen vermag, die Schlüsse, welche er aus seinen
Versuchen zieht: Er ist überzeugt, daß in der gesamten Schöpfung des Einen
allmächtigen Schöpfers überall die gleichen Gesetze und Ordnungen im Größten
wie im Kleinsten walten und daß man darum von da aus, wo man z.B. die
magnetischen Strahlungen und die sich so ergebenden magnetischen Kraftfelder
untersuchen und feststellen kann, darauf schließen kann, wie sie im Bereich
des Kleinsten: — in Molekülen und
Atomen — und des Größten: — in den
Sonnenwelten — sich auswirken. Im
3. Teil des 1. Bandes, der die übrigen 80 großen Seiten füllt, behandelt
Swedenborg u.A. folgende Gegenstände: Vergleichung
des Sternenhimmels mit den magnetischen Sphären. Die Mannigfaltigkeit der
Welten. Das allgemeine Sonnen- und Planetenchaos und seine Scheidung in
Planeten und Satelliten. Über Äther, Luft, Feuer, Wasser. Über den die Erde
umgebenden Wirbel und den Weg der Erde von der Sonne hinweg zu ihrem
Kreislauf um die Sonne. Und er schließt diesen ersten Band mit dem Hinweis
darauf, daß die Erde zur Wohnstätte von Leben und zuletzt des Menschen
geschaffen ward, dem er im letzten Satz zuruft: "O glücklichstes Wesen,
zu den Freuden der Welt sowohl wie des Himmels geboren!" In
diesem Bande hat Swedenborg als Erster die Lehre über den Ursprung der Erde
aus der Sonne aufgestellt, die sog. Nebulartheorie, die allgemein Kant und
Laplace zugeschrieben wird, — doch war Kant in dem Jahre, als Swedenborg
diese Theorie in Leipzig veröffentlichte, erst 10 Jahre alt und hat seine
Darlegung dieser Theorie erst 21 Jahre nach dem Erscheinen von Swedenborgs
Buch herausgebracht. Laplace wurde überhaupt erst 1749, — 15 Jahre nach der
Veröffentlichung der "Prinzipia" geboren. Prof.
Nyrén schrieb in der deutschen
"Vierteljahrschrift der Astronomischen Gesellschaft" Bd. 14 über
Swedenborgs Kosmologie: "Es
kann nicht geleugnet werden, daß der wesentliche Teil der Nebulartheorie,
nämlich daß sich das ganze Sonnensystem aus einer einzigen chaotischen Masse
gebildet hat, das sich zuerst in einen riesigen Ball zusammenrollte und
darauf durch Drehung einen Ring von sich abtrennte, der dann bei der
fortgesetzten Drehung in verschiedene Teile zerbrach und sich schließlich zu
den Planetenmassen zusammenzog, zuerst von Swedenborg zum Ausdruck gebracht
wurde. Das hier in Frage stehende Werk von Kant, die "Allgemeine
Naturgeschichte und Theorie des Himmels", ward 1755 veröffentlicht, d.h.
21 Jahre später; Laplace veröffentlichte seine Theorie erst 62 Jahre später.
Es sollte weiter beachtet werden, daß Swedenborg aller Wahrscheinlichkeit
nach seiner Theorie die richtigste Form gegeben hat." Der
Kosmologe Prof. Arrhenius faßt die Ergebnisse seiner Untersuchungen über
Swedenborgs Beiträge an die Kosmologie in folgende Sätze kurz zusammen:
"Wenn wir die Gedanken kurz zusammenfassen, welche von Swedenborg als
Erstem zum Ausdruck gebracht wurden und später — wenn auch gewöhnlich in
recht abgewandelter Form — bewußt oder unbewußt — von anderen Verfassern auf
dem Gebiete der Kosmologie übernommen wurden, so finden wir folgende: "Die
Planeten in unserem Sonnensystem haben ihren Ursprung in der
Sonnensubstanz" — ausgenommen von Busson, Kant
Laplace und Anderen. "Die
Erde — und die anderen Planeten — haben sich allmählich von der Sonne
entfernt und eine allmählich verlängerte Umdrehungszeit erhalten" — eine
Anschauung, die dann wieder von G. H. Darwin geäußert wurde. "Die
Umdrehungszeit der Erde, d.h. die Tageslänge hat allmählich zugenommen"
— eine Anschauung, welche später wieder von G. H. Darwin geäußert wurde. "Die
Sonnen sind um die Milchstraße gruppiert" — ausgenommen von Breit, Kant und Lambert. "Es
gibt noch größere Systeme, in welchen die Milchstraßen eingeordnet sind"
— ausgenommen von Lambert. Die
im ersten Teil der "Principia" dargelegten Lehren von den ersten
Anfängen des Natürlichen sind — vielleicht um ihres theoretischen Inhalts
willen — noch kaum zu ihrem Rechte gekommen; doch sind dort schon manche
andere als ganz modern angesehene Gedanken dargelegt. Der Physik-Professor M.
Th. French sagt darüber: "Folgende Lehren der modernen Wissenschaft
findet man mehr oder weniger bestimmt in den "Principia" schon
dargelegt: Die Atomtheorie (das Atom als kleines Sonnensystem aus
Energiekernen, mit Bewegungen nach mathematischen Gesetzen), den Ursprung der
Erde und ihrer Schwesterplaneten aus der Sonne, die Nebulartheorie, die
Wellentheorie des Lichtes, die Lehre, daß Wärme eine Art Bewegung ist, daß
Magnetismus und Elektrizität (auch Licht und Elektrizität) eng zusammenhängen,
daß Elektrizität eine form der Ätherbewegung ist und daß die Molekularkräfte
von der Wirkung eines Äthermediums herkommen. *
* * Prof.
Lönnberg, der die Kgl. Schwedische Akademie der
Wissenschaften 1910 in London vertrat, sagte dort u.A.:
"Es muß zugegeben werden, daß weder in England noch auf dem Festland,
noch in Schweden die wissenschaftlichen Werke Swedenborgs wirklich verstanden
und ihre große Bedeutung zu seinen Lebzeiten erfaßt wurde. Manchmal war er
darüber niedergeschlagen. "Theorien und Erfindungen wie die meinigen
bringen weder Ermutigung noch Brot …" schrieb er einmal seinem Schwager.
Er war jenen Zeiten zu weit voraus, und es ist unseren Tagen überlassen,
seinem Gedächtnis Gerechtigkeit widerfahren zu lassen als dem eines der größten
schwedischen Forscher. Nichtsdestoweniger gibt es Anzeichen dafür, daß
Swedenborgs Werke zu seinen Lebzeiten schon weiter verbreitet und bemerkt
wurden, als allgemein angenommen wird. Das beweißt schon die Tatsache, daß
seine wissenschaftlichen Werke in Rom 1739 gefürchtet und auf den Index
gesetzt wurden. Es ist auch offensichtlich, daß manche Entdeckungen, welche
anderen Urhebern zugeschrieben wurden wie Busson,
La Grange, Laplace und einigen Anderen, von Swedenborg schon vorweggenommen
worden sind. Es will darum sehr seltsam scheinen, daß so viele von
Swedenborgs Werken so lange wenigstens zum Teil der Vergessenheit
überantwortet wurden. Die Erklärung dafür mag von einem französischen
Verfasser, Marquis de Thomé (1785), richtig
dargelegt worden sein, der schrieb: 'Einige Leute fürchten, daß die
aufschlußreichen Werke dieses größten Physiker und Theologen, der je geboren
ward, ihrem eigenen System den Todesstreich versetzten könnte. Andere, die in
aller Stille von ihm geborgt haben, zittern um die Entdeckung, falls ihre
Quelle besser bekannt werden sollte. Die dritte Kategorie von Gegnern sind
Leute, welche ihren Ruhm infolge einer übertriebenen Meinung von ihrer
Gelehrsamkeit genießen, die aber innerlich um deren Unzulänglichkeit wissen
und darum das Auftauchen eines solchen Polargestirns fürchten, das sie selbst
weniger hell leuchten ließe und sie auf ihren wirklichen Wert beschränken
würde'." Anatome
Wie
aus manchen Teilen in diesem wunderbaren Werk "Principia" erhellt,
erkennt Swedenborg schon hier in philosophischer Weise, daß die eigentlichen
Kräfte, die sich in der Natur auswirken, nicht physische sind, sondern von
einer höheren Quelle herrühren.
Diesen tieferen Zusammenhängen nachzuspüren, ist sein lebendigste Interesse,
und wie sehr es ihn auch nach dem Wissen auf allen Gebieten drängt, so ist
ihm aller Wissensstoff doch nur die Grundlage, um von diesem sicheren Boden
aus den Zusammenhang der dinge mit dem Reich der Ursachen zu erforschen. Das
Suchen darnach zieht sich wie ein roter Faden durch seine ganze
wissenschaftliche Arbeit von Jugend auf, wie folgende Liste seiner
diesbezüglichen Schriften beweist: Schon
1714 verfaßt er als 26-Jähriger mitten in seinen Erfindungen von
Wasserpumpen, Schleusen und Wasseruhren eine Schrift über "Die Neigungen des Gemütes". 1717 zwischen seinen Arbeiten an Kranen,
Salz- und Zinnwerken eine Arbeit über "Die Ursachen der Dinge". 1718: "Das Wesen der Natur", "ein Dialog zwischen Mechanik und
Chemie". 1720 erscheint nach einem Werk über
Geometrie und Algebra: "Erste
Anfänge der natürlichen Dinge", ein Vorläufer seines späteren großen
Werkes. Und während er dieses letztere 1734 in
Leipzig drucken ließ, verfaßte und veröffentlichte er noch im selben Jahr
seinen "Prodromus"
oder "Vorläufer einer Philosophie des Forschens nach dem Unendlichen und
nach der Endursache der Schöpfung, sowie über den Mechanismus des Wirkens von
Seele und Leib". Die menschliche Seele zu erforschen, war sein nächstes Ziel; und da sie — die
unsichtbare — mit ihrer stofflichen Wohnung, dem Leibe, so enge verbunden
ist, schien es ihm das Zweckmäßigste, einmal diesen zu erforschen, von wo aus sich dann ein Zugang auch zu
ihrer Erforschung ergeben würde. Und so machte er sich mit der ganzen
Gründlichkeit seines Wesens an die Erforschung unseres Leibesbaues. Er
erkannte wohl, daß die Freizeit neben seinem Amte für die Aufgabe, so wie er
sie sich stellte, nicht genügte, und erbat sich darum vom König einen
mehrjährigen Urlaub, der ihm gewährt wurde. Während wir nun wohl zur Annahme
neigen, Swedenborg müsse in der nun kommende Zeit der Gefangene seines
Studienzimmers und allenfalls der medizinischen Versuchsstätten gewesen sein,
reiste er in Wirklichkeit hierfür von 1736 bis 1740 ins Ausland und hielt
sich hauptsächlich in Paris, Venedig, Rom und Amsterdam auf. Die Früchte seiner anatomischen Forschungen begann er 1740 in Amsterdam in einem
Werke herauszugeben, das er "Oeconomia Regni Animalis"
betitelte, was wir mit "Wirtschaftlichkeit im Reiche der Seele"
übersetzen können*), und dessen erster Teil von der Zusammensetzung und dem
Kreislauf des Blutes handelt, zugleich aber eine Einführung in eine
rationelle Psychologie enthält. [*) Regnum Animale wird im Allgemeinen mit
"Tierreich" übersetzt; es geht aber aus dem ganzen Zweck des Werkes
hervor, daß das Wort Animale hier in seiner Grundbedeutung gebraucht wird,
die sich von Anima = "Seele" herleitet.] Während er dies herausgab,
sah er, daß es besser war, auf breitrer Grundlage den ganzen Organismus,
Organ um Organ, in einem neuen Werk: "Regnum Animale" in siebzehn
Teilen zu behandeln. In seinen hierzu unternommenen Forschungen hat er
manchen anatomischen Tatbestand als Erster entdeckt, sodaß diese und jene
anatomische Einheit eigentlich nach ihm benannt sein müßte. Er betrachtete
solche Entdeckungen aber nicht als seine eigentliche Aufgabe, sondern
vielmehr, aus den festgestellten Tatsachen die physiologischen Schlußfolgerungen zu ziehen und zum
Verständnis der Zusammenhänge zu
gelangen. Ja, um sich nicht den klaren Blick bei dieser Wertung der
festgestellten Tatsachen zu trüben, verzichtete er schließlich ganz auf das
eigene Sezieren und stützte sich auf die Funde der hierfür besonders
Begabten. Seine eigenen Worte in der Einleitung zur "Oeconomia Regni Animalis"
(Nr. 18) sind hierfür sehr bezeichnend und aufschlußreich: "Hie
und da habe ich mir die Freiheit genommen, die Ergebnisse meiner eigenen
Erfahrung einzuwerfen, jedoch nur sparsam; denn nach tieferem Erwägen der
Sache schien es mir am besten, von den von Anderen erbrachten Tatsachen
Gebrauch zu machen. Es gibt in der Tat Einige, welche für Beobachtung durch
Versuche geboren und mit einem
schärferen Einblick als Andere begabt erscheinen, als ob sie eine feinere
Sehschärfe besäßen; solche sind Gustasius, Ruysch, Leuwenhoek u.A. — Dann
gibt es wieder Andere, die eine gewisse natürliche Gabe haben, aus den schon
entdeckten Tatsachen auf die Ursachen zu schließen. Beides sind besondere
Gaben und selten in ein- und derselben Person vereint. Zudem fand ich, daß,
wenn ich — intensiv beschäftigt mit
der Erforschung der Geheimnisse des menschlichen Körpers — irgend etwas
entdeckte, das noch nicht vorher entdeckt worden war, ich — wahrscheinlich
von Selbstliebe verführt — begann blind zu werden für die schärfsten
Erforschungen Anderer und die ganze Reihe induktiver Argumente von meiner
besonderen Entdeckung allein aus
vorzunehmen und mich so unfähig zu machen, den Gedanken des Allgemeinen im
Einzelnen zu sehen und zu verstehen und die Einzelheiten unter den
allgemeinen Gesichtspunkten zu betrachten. Ich legte deshalb meine
Instrumente beiseite und beschloß, indem ich meinem Verlangen nach eigenen
Beobachtungen widerstand, mich lieber auf die Forschungsergebnisse Anderer zu
verlassen, als meinen eigenen zu vertrauen." So
auf die Verwendung einer Gabe und auf den Ruhm solcher Funde zu verzichten,
um durch sie nicht gehemmt zu werden auf dem Wege zur Erkenntnis, das heißt
im wahrsten Sinne dem Gebote des Herrn gemäß das rechte Auge, wenn es ärgert,
ausreißen und von sich werfen, — wenn auch nach einer Seite etwas verkrüppelt
— zum Leben einzugehen, statt in
vollem Ausleben jener gefahrvollen Gabe dem Verderben anheimzufallen. Die
Beschränkung auf das Schaffensgebiet, wofür er im Bereiche der Anatomie seine
besondere Begabung besaß, hat denn auch reichste Früchte getragen, sodaß Swedenborg
in seinem großen anatomischen Werke, soweit er es vollendete, nicht nur das
Wissen der damaligen Zeit umfaßte und nach vielen Richtungen bereicherte,
sondern mit manchen Erkenntnissen sogar von der heutigen Fachwissenschaft
noch nicht eingeholt ist. Das
trifft in besonderem Maße zu bei seinem Werke über das Gehirn. Dr. Rudolf Tafel hat es ins Englische übersetzt und vor
seinem Hinscheide noch zwei von den vorbereiteten vier Bänden desselben
herausgegeben (800 und 650 Seiten) und dabei feststellt, was für die damalige
Zeit neu war und was seitdem durch die Fachwissenschaft bestätigt bzw.
wiederentdeckt worden ist. Er stellt fest, daß Swedenborg beinahe alle
neuzeitlicheren Entdeckungen auf diesem Gebiete vor-entdeckt hat; so die
Bewegung des Gehirns im Zusammenhang mit der Lungenatmung, sowie die Funktion
der verschiedenen Teile desselben und seiner Verlängerung im Rückenmarkt.
Diejenigen Fachleute der Neuzeit, die sich etwas in Swedenborgs Werk auf
diesen Gebieten hineingearbeitet haben wie die Professoren Retzius, Ramström, Neuburger u.A.
bezeichnen seinen wissenschaftlichen Seherblick als geradezu wunderbar. Er
war der Erste, der die höheren geistigen Funktionen un
d die Wahrnehmung der Sinne der grauen Hirnsubstanz zuwies und lehrte, daß
die verschiedenen Bewegungsfunktionen jede ihre besondere Lokalisation in der
Gehirnrinde haben, außer vielem Anderem, das man für neuzeitliche
Entdeckungen zu halten gewohnt ist. Physiologe
Weit voraus war Swedenborg auch in der
Erkenntnis von der Funktion mancher Drüsen
mit innerer Sekretion; so z.B. der vorgeburtlichen Bedeutung der
Thymus-Drüse, dann der Hypophysis, ferner der
Schilddrüse, welche man noch zu Beginn dieses Jahrhunderts vielfach für etwas
Überflüssiges hielt. Ferner erkannte er, daß die Leber und der Pankreas eine
vielseitigere Tätigkeit ausüben, als ihre Ausgangskanäle erkennen lassen, und
daß sie mit der Milz zusammen die Reinigung des Blutes und die Entfernung von
Toxica besorgen, wobei sie einander gegenseitig
unterstützen. Er war aber auch in seiner Erkenntnis von
der Zusammensetzung des Blutes und
den chemischen Eigenschaften seiner Salze seiner Zeit weit voran und erkannte
u.A., daß die verschiedenen Organe auch
verschiedene Substanzen aus dem Blute aufnehmen, daß das Blut der
verschiedenen Menschen und Tiere wieder anders ist, ja daß es beim selben
Menschen in verschiedenen Zuständen und Zeiten seines Lebens verschieden ist,
wie anderseits verschiedene Menschen aus der gleichen Nahrung Anderes aufnehmen und wiederum der gleiche Mensch aus der
gleichen Nahrung Anderes in den verschiedenen Zeiten und Zuständen seines
Lebens, je nach dem jeweiligen Bedarf. Nur der Fachgelehrte vermag Swedenborg in
die Einzelheiten seines Schaffens zu folgen und zu ermessen, wie weit er
seinem Jahrhundert voraus war. Prof. Dr. Max Neuburger, der Ordinarius für
Geschichte der Medizin an der Wiener Universität, der sehr dazu beitragen
hat, daß man anfing, Swedenborgs Manuskripte herauszugeben, sagt
zusammenfassend: "Jeder, der auch nur leichte Bekanntschaft mit den beiden
anatomisch-physiologischen Hauptwerken des schwedischen Aristoteles gemacht
hat, weiß, daß es kaum ein Kapitel darin gibt, das uns nicht mit glänzenden
Vorwegnehmen der modernen Wissenschaft überraschte. Wo immer wir in das
Bergwerk von Swedenborgs Physiologie eindringen, stoßen wir auf eine
Metallader so reich, daß es die vereinten Anstrengungen mehrerer Gelehrter
benötigen wird, um das Ganze ans Licht zu bringen." * *
* Wie wir schon eingangs erwähnten, war es
Swedenborg beim Zusammentragen und Bearbeiten all des physiologischen
Wissensstoffes nicht so sehr um die anatomischen Kenntnisse an sich zu tun;
sein eigentliches Ziel war es, zur Klarheit über das Wesen der menschlichen Seele zu gelangen, und das Gefüge des
menschlichen Leibes war ihm lediglich die Grundlage und der Ausgangspunkt,
von wo er hoffte, an sie herantreten zu können. Aber auch so mußte er erst
zur Klarheit über bestimmte grundlegende Ordnungen
gelangen, um von ihrem Vorhandensein und Wirken im Sichtbaren auf ihr Walten
im Unsichtbaren schließen zu können. So schreibt er im Regnum Animale Nr. 17 einleitend: "Das es möglich ist, von der
organischen, physiologischen und stofflichen Welt aus — ich meine den Leib —
unmittelbar zur Seele zu klettern oder zu springen, bei welcher man nicht von
Materie oder irgend einer Eigenschaft der Materie reden kann (denn Geist ist
über den faßbaren Natureigenschaften und in jener Region, wo die
Bezeichnungen physischer Dinge aufhören); darum war es nötig, neue Wege zu
planen, auf welchen ich zu ihr geführt werden und so Zugang zu ihrem Schlosse
gewinnen konnte: es gelang mir — mit anderen Worten — ob, durch intensivstes
Forschen bestimmte neue Lehren zu meiner Führung hervorzubringen, welches die
Lehren von den Formen, von der Ordnung und den Stufen, von den Reihen und der
Zusammengesellung, von Verbindung und Einfluß, von Entsprechung und
Darstellung und Modifikation sind." Wir werden einige dieser Lehren nachher
etwas näher erläutern; doch sehen wir schon hier, wie sich inmitten seiner
naturwissenschaftlichen Forschungen, weil diese nicht das Endziel, sondern
nur der gesunde feste Boden für ein
höheres Suchen waren, der Geist auftat für ein tieferes Begreifen vom inneren
Zusammenhang der Dinge. * *
* Schon bei dem ganzen Weg, den Swedenborg bis
hierhin zurückgelegt hat, kommt es uns zum Bewußtsein, daß er dem Volke der
Wikinger entstammt, die einst vor vielen Jahrhunderten kühn über die Meere
fuhren und dort neue Reiche gründeten, ja die schon Jahrhunderte vor Columbus
in ihren kleinen Schiffen über den Atlantischen Ozean nach Amerika fuhren:
Nicht nur folgte Swedenborg — wie damals wenige — dem Drang, fremde Länder zu
sehen, sondern auch in seinem ganzen Suchen und Forschen offenbart sich jener
Wikingergeist: Daß Andere vor ihm noch nicht des Weges gegangen waren, hielt
ihn nicht ab: — an alle Rätsel, die sich ihm boten, ging er kühn heran; von
unbezwinglichem Wahrheitsdrang beseelt, betrat er ein Neuland der Erkenntnis
um das andere. Und dieser gleiche kühne Wikingergeist, der ihn in Mineralogie,
Physik, Geologie, Astronomie, Kosmologie und Anatomie so viel bis dahin — und
sogar heute! — Unerkanntes entdecken und auf manchen Gebieten Wichtiges
erfinden, ja an die modernsten Probleme der Technik herantreten ließ, hieß
ihn kühn neue Wege planen, um in das den Sinnen unzugängliche Reich der Seele
vorzudringen, — aus dem Reiche der irdischen Hülle zu dem des Ewigen
im Menschen. Erleuchtung
Ohne sein Wissen hatte Gott seinen
begnadeten Geist seinem Wahrheitsdrange folgen und ihn zu immer höheren
Fragen dringen lassen. Swedenborg war im Laufe all seiner Forschungen nie von
der Religion abgekommen. Und nun, da er die Wunder göttlicher Weisheit und
Güte an der höchsten aller Schöpfungen Gottes staunend mehr und mehr
entdeckte und das Irdische zugleich doch klarer als das vergängliche
Gleichnis der noch höheren und noch vollkommeneren geistigen Wirklichkeit begriff, — nun ward seine Seele von noch
tieferer und lebendigerer Ehrfurcht vor Gottes Weisheit und Güte ergriffen.
Im 2. teil des "Regnum Animale"
schreibt er: "Wir können die Wunder der Welt im
letzten Naturkreis aufnehmen, und je wie wir die Stufen und Treppen der
Einsicht hinansteigen, noch größere Wunder in all ihrer Bedeutung zu sehen
bekommen; und zuletzt können wir mit dem Glauben jene tiefen Wunder
verstehen, welche vom Verstande nicht erfaßt werden können, und aus all
diesen Dingen in tiefer Ehrfurcht und Staunen die Allmacht und Vorsehung des
höchsten Schöpfers verehren und anbeten und so — indem wir Ihn
betrachten — Alles, das wir hinter uns lassen, als eitel betrachten… der
letzte Endzweck, der auch der erste ist, ist dies: daß unser Geist
schließlich zu einer Form der Einsicht und Unschuld werde und einen geistigen
Himmel bilden möge, ein Reich Gottes oder eine heilige Gesellschaft, in
welcher der Endzweck der Schöpfung von Gott erblickt werden mag und von
welchem Gott als das Endziel aller Endziele betrachtet werden kann." Nun trat in ihm die Religion immer mehr als
das Mächtigste und ihn Erfüllende in den Vordergrund. Er tat seine Seele ganz
dem Göttlichen auf und gab sich ihm hin. Dieser Zeit war reich an
symbolischen und prophetischen Träumen, die er sich aufschrieb und zu deuten
suchte. Immer deutlicher pochte eine höhere Aufgabe an seiner Seele an, bis
endlich im Jahre 1744, als er 56 Jahre alt war, eines Nachts der Herr ihm
erschien und ihm verkündete, daß Er ihn dazu ausersehen habe, den tieferen
Sinn der Heiligen Schrift zu erklären und die Lehren der Christlichen Kirche
darzulegen.*) *) Über die Art, wie diese Berufung geschah,
wird gewöhnlich eine Legende verbreitet, die nicht authentisch ist, sondern
aus den Memoiren des Bankiers Robsahm stammt, die
dieser manche Jahre nach Swedenborgs Tod niederschrieb aus der Erinnerung an
ein gelegentliches Gespräch, das er — man weiß nicht wie viele Jahre zuvor —
mit Swedenborg gehabt hatte und wonach der Herr ihm einmal während des
Mittagsessens erschienen sei. Da nun Swedenborg in seinen Aufzeichnungen wohl
einen Teil der von Robsahm angeführten
Begleitumstände beschreibt, dabei aber nichts von einer Erscheinung des Herrn
erwähnt, ist klar, daß Robsahm nach so vielen
Jahren den Inhalt verschiedener Gespräche miteinander vermengt, die nicht in
Zusammenhang standen. Da Robsahm in seinen Memoiren
Swedenborg dies Alles in der ersten Person erzählen läßt, entsteht der
Eindruck, als habe man es mit einem authentischen schriftlichen Bericht
Swedenborgs zu tun, was nicht zutrifft. Das war eine Zeit hoher innerer Erhebung,
aber auch großer innerer Kämpfe. Einerseits galt es eine Laufbahn
wissenschaftlicher Entdeckungen, die seinem Namen höchsten Ruhm einbringen
mußten, aufgeben und ein Werk in Angriff nehmen, welches ihm weder bei der
wissenschaftlichen Welt noch in kirchlichen Kreisen Anerkennung, sondern viel
eher Gegnerschaft und Spott und Hohn einbringen angetan war. Wie recht hat
die nachfolgende Zeit diesem traurigen Ausblick gegeben! — ist Swedenborg
doch um des auf göttliches Geheiß hin unternommenen Werkes willen von der
wissenschaftlichen Welt und von der Kirche in gleicher Weise in Acht und Bann
getan worden, also daß heute — ein Vierteljahrtausend nach seiner Geburt —
sein Name, trotz seiner beinahe übermenschlichen Leistungen auf so manchen
Gebieten, der großen Allgemeinheit noch so gut wie unbekannt ist! Dieser
Ausblick vermochte ihn aber nicht zurückzuschrecken; zu unausweichlich war
die Berufung des göttlichen Herrn; und sein Geist war ja nun auch vorbereitet
für die hohe Aufgabe, war er doch mit all seinem Suchen und Forschen bis an
den Punkt gelangt, wo das Fragen nach den Ursachen der Dinge und nach den
grundlegenden Ordnungen der Welt und des Menschenlebens, nach dem tiefsten
Warum? beherrschend im Vordergrund stand. Bis dahin hatte er mit kühnem Wagemut ein
Naturgebiet um das andere angesteuert und erforscht, soweit es für ihn mit
Beobachtungsgabe und scharfem folgerichtigem Denken zu erschließen war, wobei
er freilich auch die Führung Gottes empfand. In der Religion höherer
Wahrheit, zu welcher Gott ihn nun berief, war er — das erkannte er genau —
ganz auf Offenbarung und auf Erleuchtung zu ihrer Aufnahme angewiesen.
Scheute er einerseits — wie einst Jeremias bei seiner Berufung — vor der
neuen Aufgabe etwas zurück, so wog doch eine tiefe Dankbarkeit und ein Gefühl
der Unwürdigkeit vor. Verschiedene Aufzeichnungen offenbaren diese Erhebung
und Hingabe an den höheren Willen, welche uns an Maria's
Antwort bei der Verkündigung erinnert: "Siehe, ich bin des Herrn Magd;
mir geschehe nach deiner Rede." Hatte er, der ungesucht zum Mitglied der
wissenschaftlichen Akademien mehrerer Länder ernannt worden war und von
Gelehrten um seine Meinung in schwierigen Fragen gebeten wurde, bisanhin seine Arbeit vielleicht in frohem
Selbstbewußtsein geleitet, so stand er nun vor Gott in tiefer Demut,
die nunmehr das Beherrschende wurde und eigentlich das wesentliche Merkmal
seiner Wandlung war. Wir finden aus dieser Zeit folgende Aufzeichnungen von
ihm: "Gottes Wille geschehe! ich bin Dein und nicht mein." Bald
darauf aber schreibt er: "Vergib, daß ich sagte: 'Ich bin dein und nicht
mein'; es ist Gottes recht, das zu sagen,
und nicht das meine. Ich bete um die Gnade,
Dein zu sein und nicht mir selbst überlassen zu sein." Um dieser Gnade
und Hingabe an Gottes Führung willen kann er die Treppe des Erkennens
hinansteigen und dort, wo ein Schleier das eigene menschliche Forschen
gleichsam abschließt, jenseits desselben weiter emporschreiten,
nunmehr offensichtlich von Gott geführt und erleuchtet. Das weitere Sammeln wissenschaftlicher
Kenntnisse scheint ihm nun Zeitverschwendung, — war es ihm doch ohnehin nie
Selbstzweck, sondern nur Grundlage und Ausgangspunkt zu höherem Erkennen
gewesen. Nun läßt er das begonnene große Werk Regnum Animale, zu dessen Druck in Holland und England er sich
1743 neuerdings einen Urlaub vom König erbeten hatte und wovon nun vorderhand
drei Teile gedruckt waren, liegen, und widmet sich vornehmlich dem Lesen der
Bibel, zunächst an Hand der damals genauesten lateinischen Übersetzung des
Straßburgers Schmidt; doch ward es ihm bald klar, daß er auch das Alte
Testament müsse in der Ursprache lesen können, und so lernte er noch im Alter
von 56 Jahren hebräisch. 1745 nach Stockholm zurückgekehrt, versah er
noch einige Jahre weiterhin sein Amt als Assessor im Bergwerkkollegium. 1747
jedoch erkannte er, daß die wenige Freizeit neben dem Berufe nicht genügte,
um dem höheren Amt gerecht zu werden, das ihm vom Herrn übertragen war, und
so bat er denn den König um die Versetzung in den Ruhestand unter Belassung
des halben Gehaltes als Pension. Der König entließ ihn ungern, willfuhr aber
seiner bitte und beließ ihm im Hinblick auf seine ungeheuren Verdienste um
das schwedische Bergbauwesen den ganzen Gehalt als Pension; er wollte ihn
dabei in einen höheren Rang befördern, wovon Swedenborg jedoch abzusehen bat. Und nun widmete er sich ganz dem hohen Amte.
Wie die Jünger einst auf den Ruf des Herrn ihre Netze liegen ließen und Ihm
nachfolgten, um Menschenfischer zu werden, so ließ auch er auf die Berufung
des Herrn hin die Netze liegen, mit denen er bis dahin im Bereiche des
Wissens so reiche Ernte eingebracht hatte. Auf seinem Schreibtisch lag nur
noch die Heilige Schrift, die er viermal ganz durcharbeitete, wobei ihm
jedesmal mehr von dem tiefen Sinne in ihr aufging. "Anfangend mit
Moses" und in allen Propheten und den Psalmen sah er — wie einst die
Jünger in einer Stunde der Erleuchtung — "was über Ihn geschrieben
stand." Nach einem umfangreichen vorbereitenden
Werke von vielen Bändern: Adversaria
oder "Anmerkungen", die er nicht für den Druck schrieb, sondern nur
um die vorläufigen Erkenntnisse festzuhalten, begann er, als ihm der tiefere
Sinn der Heiligen Schrift in Klarheit tagte, das erste theologische Hauptwerk
zu schreiben: "Himmlische
Geheimnisse, die im Worte Gotte oder der Heiligen Schrift enthalten und nun
enthüllt sind", worin er in acht großen Bänden (in der deutschen
Ausgabe sind es deren 16) den geistigen Sinn der ersten zwei Bücher Mosis,
Genesis und Exodus, Kapitel für Kapitel darlegt. Werkzeug der Offenbarung
Mit
seiner Vorbereitung auf sein höheres Amt war eine Wandlung auch auf einem
anderen Gebiete verbunden. Vorbereitet durch symbolische und prophetische
Träume, die Swedenborg nach seiner Art aufzuschreiben und nach seiner
wissenschaftlichen Art nüchtern zu analysieren begann, wurden ihm — wie
manchen biblischen Gestalten (Propheten, Johannes, Paulus) — die geistigen Sinne erschlossen, also daß
er die geistige Welt mit zunehmender Deutlichkeit wahrnahm und sie
beschreiben konnte, was er in dem 1758 erschienenen Werke "Himmel und
Hölle" in grundlegender und übersichtlicher Weise getan hat. Was
dieses Werk auszeichnet, ist vor allem dies: daß es nicht so sehr eine Reihe
von Einzelbeschreibungen aus der geistigen Welt bietet, als eine Erklärung
der geistigen Grundtatsachen, aus welchen man — soweit das Verständnis des
Lesers reicht — nicht nur das von Swedenborg "Gehörte und Gesehene"
vernimmt, sondern auch versteht, daß es nach den Gesetzen der göttlichen
Ordnung, welche die ganze Schöpfung erfüllen und beherrschen, gar nicht
anders sein kann, als wie er es beschreibt. Bei
der Kirche wie bei manchen Wissenschaftlern ist Swedenborgs Sehergabe sehr
zum Stein des Anstoßes geworden und ist wohl eine Hauptsache, warum er trotz
seiner gewaltigen Bedeutung für den Fortschritt menschlichen Wissens
totgeschwiegen wurde und infolgedessen beinahe unerkannt geblieben ist. In
der wissenschaftlichen Welt erklärt sich diese Einstellung hauptsächlich
daraus, daß diese im letzten Jahrhundert — ja noch bis vor kurzem — ganz vom
materialistischen Geist beherrscht war. Von dieser krankhaften Einstellung
aus, die das Vorhandensein von Geist und damit auch einer geistigen Welt
leugnet, kann man natürlich nicht anders als jedwede Gesichte als
Halluzinationen zu erklären, also als einen Beweis von Krankheit; und die
verschiedenen materialistischen Psychiater versuchten demnach auch,
Swedenborg in irgend einer Krankenrubrik unterzubringen; es ist ihnen jedoch
bis heute nicht gelungen, da sich sein "Fall" nicht mit den für die
jeweilige Diagnose erforderlichen Kennzeichen deckt; vor allem steht ihrer
Diagnose die Tatsache im Wege, daß Swedenborgs "Symptome" sich
nicht im Laufe der Jahre "verschlimmerten", sondern daß er bis zum
Ende seines Lebens geistig rege blieb: sein letztes großes theologisches Werk
"Wahre Christliche Religion, enthaltend die ganze Theologie der Neuen
Kirche" mit seinen 1072 Seiten in der deutschen Ausgabe in Großformat,
ein Muster an klarem, geordnetem und logischem Aufbau — vollendete er im
Alter von beinahe 83 Jahren. Dabei hatte er keinerlei Sonderlingswesen an
sich, war in der Gesellschaft nach wie vor gern gesehen und hoch geschätzt
und lebte überaus mäßig und einfach. Heute allerdings beginnen ernsthafte
Fachleute von Ruf die Vorurteile der früheren Generation abzulegen und an
diese Fragen und so auch an Swedenborg mit wissenschaftlichem Ernst
heranzutreten, wie z.B. der heute maßgebende Leipziger Gelehrte prof. Hans
Driesch*). *)
Siehe sein Vor- und Nachwort zu dem 1936 bei der Deutschen Verlagsanstalt
erschienenen Werk von H. v. Geymüller "Swedenborg und die übersinnliche
Welt". Während
man sich von Seiten der Wissenschaft erst heute mit Ernst an die Fragen
heranmacht und die bisherigen Urteile nunmehr die Unwissenheit und die
Vorurteile der materialistisch eingestellten Schreiber widerspiegeln, mußte
es anderseits verwundern, daß die Kirche Swedenborg so leidenschaftlich
abgelehnt und die Krankhaftigkeit seines Zustandes behauptet und mit seiner
Seherschaft begründet hat. Es müßte einen verwundern: wüßte man nicht aus dem
ganzen Gang der Geschichte, daß Jeder, welcher bisherige Kirchenlehren in
Frage stellt und umstürzt, von den am Bisherigen starr Festhaltenden als
Irrlehrer bekämpft wird. So ward auch Swedenborg ungeprüft als Irrlehrer angeprangert. Daß das auch hinsichtlich
seiner Darlegungen vom Leben nach dem Tode geschah, ist umso verwunderlicher,
als seine Botschaft ja durchaus im Einklang steht mit der Bibel, vor allem
mit dem Evangelium. Die Ablehnung rührt daher, daß Swedenborg die offizielle
Kirchenlehre von der Auferstehung des Fleisches für falsch erklärte und das
Fortleben der Seele in der geistigen Welt sofort nach dem Tode des Leibes
verkündete. Hierfür erklärten ihn und erklären ihn noch heute die Vertreter
der Kirche, ohne eines seiner Bücher gelesen zu haben, feindselig für einen
Spiritisten. Goethe dagegen, der die Schriften Swedenborgs von seinem 20.
Lebensjahr an gelesen hat und sich allerdings nicht an die Kirchenlehre von
der Auferstehung des Fleisches gebunden fühlte, nennt ihn den
"gewürdigten Seher unserer Zeiten". Das Werk "Himmel und
Hölle", das in ungezählten Auflagen nun schon in zwanzig Sprachen
erschienen ist, hat aber trotz der Ablehnung der offiziellen Kirche das
Denken der Christenheit über das Leben nach dem Tode völlig umgewandelt. Der Seher und Beweise seiner
Sehergabe
Wer Anspruch darauf erhebt, daß sein Urteil
gehört werde, darf natürlich in dieser Frage so wenig wie in einer anderen
lediglich von vorgefaßten Meinungen ausgehen, sondern muß sich in erster
Linie um die Tatsachen kümmern. Um
der seichten Leugnung zum Vornherein die Spitze abzubrechen, hat die
Vorsehung die Sehergabe Swedenborgs auch durch einige
Begebenheiten beglaubigt, welche von unvoreingenommenen Augenzeugen bestätigt
worden sind. Wir wollen einige der bekanntesten hier kurz mitteilen. Im Jahre 1759 traf Swedenborg auf seiner
Rückreise von England an einem Samstagnachmittag in Gotenburg ein, was der
Kaufmann Castel daselbst zum Anlaß für eine Einladung nahm, welche er auch an
15 andere Personen ergehen ließ. Abends um 6 Uhr verließ Swedenborg das Haus
auf einige Zeit und kehrte dann erregt zurück mit der Mitteilung, es sei in Stockholm ein großes Feuer am Südermalm ausgebrochen; er ging oft hinaus und kehrte
wieder und berichtete, daß das Haus eines Bekannten, den er nannte, schon zu
Asche geworden sei und der Brand nicht mehr weit von seinem eigenen Hause entfernt
sei. Um 8 Uhr berichtete er voll Freude, daß der Brand nun gelöscht sei, die
dritte Tür von seiner eigenen entfernt. Diese angaben verbreiteten sich sehr
schnell in der Stadt und kamen auch dem Gouverneur zu Ohren, der tags darauf
Swedenborg zu sich bat und sich alles genau von ihm berichten ließ. Die erste
direkte Meldung traf durch einen Bericht der Kaufmannschaft am Montagabend in
Gotenburg ein, während ein von der Regierung abgesandter Reiter dem
Gouverneur am Dienstag die Nachricht überbrachte, beide Berichte bestätigten
aufs Genaueste die Zeit wie den Umstand des Brandes, der tatsächlich um 8 Uhr
drei Häuser von Swedenborgs Haus entfernt gelöscht worden war. — Immanuel
Kant hat die Sache selbst einige Jahre nachher von den noch lebenden Augenzeugen
erkunden lassen und sie in allen Einzelheiten berichtet und festgestellt, daß
an ihrer Tatsächlichkeit nicht zu zweifeln sei. Eine weitere Begebenheit betrifft eine verlegte Quittung. Frau v. Marteville, der Gattin des holländischen Gesandten am
Stockholmer Hofe, legte ein Stockholmer Juwelier nach dem Tode (25. April
1760) ihres Mannes die Rechnung für ein gelieferte Silberservice vor. Die
Witwe des Gesandten war sicher, daß ihr Mann, der sehr genau in all solchen
Dingen war, die Rechnung noch bei Lebzeiten längst beglichen haben müsse,
konnte aber die Quittung nirgends finden und war in etwelcher Verlegenheit,
da es sich um eine sehr hohe Summe handelte. Sie berichtete ihre Bedrängnis
Swedenborg. Da wir über die Sache keinen schriftlichen authentischen Bericht
Swedenborgs haben, sondern nur mündliche Zeugnisse von verschiedenen Seiten,
darunter auch Gesandte am Stockholmer Hofe, liegen über das Weitere
verschiedene Berichte vor: Nach den einen hätte Swedenborg mit dem
verstorbenen Gesandten v. Marteville in der
geistigen Welt gesprochen und von ihm vernommen, daß die Quittung nebst
anderen wichtigen Dingen in einem bestimmten Geheimfach seines Schreibtisches
verwahrt sei, was Swedenborg der Witwe mitteilte, die alles denn auch dort
fand. Nach anderen Berichten hätte Swedenborg zwar ebenfalls mit dem
Gesandten in der geistigen Welt gesprochen; dieser hätte aber selbst seiner Gattin im Traum den geheimen Aufbewahrungsort
angegeben. Wie dem auch sei, alle Berichte stimmen darin überein, daß Frau v.
Marteville infolge des Gespräches Swedenborgs mit
dem verstorbenen Gesandten in der geistigen Welt zur Kenntnis des verborgenen
Aufbewahrungsortes und so in den Besitz der Quittung kam, was wiederum u.A. von Kant, Jung Stilling bestätigt wird. Einiges Aufsehen erregte s.Z. eine
Angelegenheit der schwedischen Königin
Luise Ulrika. Diese — die Schwester Friederichs des Großen — reiste 1744
von Berlin nach Schweden, um sich mit dessen König Friedrich Adolf zu
verehelichen. Gerade vor ihrer Abfahrt hatte sie im Schloß ohne Ohrenzeugen
noch eine kurze Unterredung mit ihrem Bruder, dem Prinzen Wilhelm von
Preußen. Im Jahre 1761 wurde die Königin durch einen Brief ihrer Schwester,
der Herzogin von Braunschweig darauf aufmerksam gemacht, daß sie in Stockholm
einen Mann hätten, der mit Verstorbenen reden könne. Die Königin war mehr
skeptischer Art, ließ aber Swedenborg doch durch den Reichsrat Graf Scheffer
an den Hof einladen und wollte ihn auf die Probe stellen; darum fragte sie
ihn, ob er wohl mit ihrem 1758 verstorbenen Bruder, dem Prinzen Wilhelm von
Preußen, sprechen und von ihm erfahren könne, was er noch in dem letzten
Gespräch vor ihrer Abreise von Berlin zu ihr gesagt habe. Sie fragte gerade
hiernach, weil sie — wie sie bezeugte — sicher sein konnte, daß der Bruder so
wenig wie sie selbst je irgend jemandem etwas vom Inhalt des Gesprächs
verraten haben würde, sodaß kein Mensch darum wissen konnte. Einige tage
darauf ließ Swedenborg sich bei der Königin melden. Da sie nicht im mindesten
glaubte, daß er ihr das Verlangte wirklich berichten könne, forderte sie ihn
auf, ruhig vor den Anwesenden zu sagen, was er ihr mitteilen wolle. Doch
Swedenborg lehnte das ab und bestand darauf, er könne es ihr nur persönlich
mitteilen, worauf sie etwas unruhig mit ihm in einen anstoßenden Saal trat;
sie postierte den Reichsrat v. Schwerin an der Tür und ging mit Swedenborg an
das andere Ende des Zimmers, wo niemand sie hören konnte. Swedenborg sagte,
wie die Königin nach dem Bericht des anwesenden Mitgliedes der königlichen
Akademie von Berlin, Thiébauld, und des Herrn v.
Schwerin selbst erzählte: "Madame, Sie haben Ihrem erlauchten Bruder,
dem verewigten Prinzen von Preußen das letzte Lebewohl gesagt zu
Charlottenburg an dem und dem Tage, zu der und der Stunde nachmittags; wie
Sie nachher durch die lange Galerie des Schlosses von Charlottenburg gingen,
begegneten Sie ihm nochmals, und da nahm er Sie bei Hand und führte Sie in
die Fensternische, wo er von niemand gehört werden konnte, und sagte Ihnen
die folgenden Worte." "Die Königin," fügt Thiébauld
hinzu, "gab uns die Worte, um die es sich handelte, nicht an,
versicherte uns aber, daß es ebendieselben gewesen seien, die ihr Bruder zu
ihr gesprochen und die sie gewiß nicht vergessen habe." — Auch diese
Begebenheit wird von General Tuxen und vom
Ministerpräsidenten Grafen Hoepken berichtet, und
ihre Unanfechtbarkeit wird auch von Kant zugegeben. Jung-Stilling erzählt noch mehrere
Begebenheiten, die sich unter seinen eigenen Bekannten zugetragen, wie
Swedenborg einem Freunde in Amsterdam das letzte Gespräch mit einem ihm
bekannten Theologiestudenten in Duisburg vor dessen Hinschied wiedergab,
ferner wie Swedenborg ebenfalls in Amsterdam 1762 während einer Gesellschaft
plötzlich etwas geistesabwesend war und dann — von den Anwesenden bedrängt,
mitzuteilen, was er eben erlebt — sagte: "Jetzt eben in dieser Stunde
ist Zar Peter III in seinem Gefängnis gestorben." Die Zeitungen
berichteten denn auch entsprechend später den Tod des Zaren, der sich
tatsächlich an jenem Tage ereignet hatte. Doch wir wollen diese Berichte nicht weiter
fortsetzen, umsomehr als Swedenborg selbst nicht viel darauf gab. Tat er hin
und wieder Einzelnen den Gefallen, ihnen über ihre Freunde in der geistigen
Welt Solches wie das oben Angeführte zu berichten, so waren das Ausnahmen von
der Vorsehung — wie schon gesagt — wohl herbeigeführt zu dem Zwecke, damit
einige solche gutbeglaubigte Beweise seiner Sehergabe bestünden, um dem Glauben Solcher einen Halt zu verleihen, welche
die Wahrheit über die geistige Welt zu wissen wünschen, sich aber nicht
getrauen, den Lehren Swedenborgs lediglich um ihrer inneren Logik willen zu
glauben, da sie doch zur allgemeinen Kirchenlehre von der Auferstehung des
Fleisches in Widerspruch stehen. Swedenborg, der in der besten Gesellschaft
ein hochgeehrter und gesuchter Gast war, drängte seine Lehren nie auf. Vor
allem war er nicht willens, mit seinen besonderen ihm vom Herrn verliehenen
Gaben bloßer eitler Neugier und Sensationslust zu dienen, noch seine
Sehergabe fortwährend unter Beweis zu stellen, da nach seiner Meinung die bis
dahin bekannt gewordenen Beweise vollkommen genügten und er überhaupt
wünschte, die Leser sollten nicht um solcher Beweise willen, sondern um der
inneren Wahrheit seiner Schriften willen an die geistige Welt glauben. Naturgemäß woben sich um ihn eine Menge
Legenden schon zu seinen Lebzeiten und seitdem, und es ist bezeichnend für
die verbreitete Sensationslust, daß in Büchern und Zeitschriften vorwiegend
solche Geschichten über ihn verbreitet werden, deren Unechtheit sich für den
Kenner aus bestimmten Angaben klar ergibt, die aber um der erdichteten
Absonderlichkeiten willen bei der Allgemeinheit umso beliebter zu sein
scheinen, so die Erzählung, ein Besucher Swedenborgs habe ihn einen
unsichtbaren Gast hinausbegleiten sehen, worauf Swedenborg diesen dann als
Virgil ausgegeben habe; bei dieser so oft und gern verbreiteten Geschichte
beweisen sämtliche Einzelheiten — auch die geschichtlich unmöglichen
Zeitangaben — ihre Erdichtung. Manche verübelten es Swedenborg freilich, daß
er auf ihr Verlangen nach immer neuen Beweisen seiner Sehergabe nicht
einging. Zu diesen scheint auch der Zürcher Lavater zu gehören, der — noch ein junger Mann — 1768 und 1769
Briefe an den damals 81 jährigen Swedenborg richtete und ihn bat, er möge ihm,
damit er an die unglaublichen Berichte über seine Sehergabe glauben könne,
einen Beweis derselben geben, indem er ihm über den Zustand seines kürzlich
verstorbenen Freundes Heß berichte. Nun hatte Swedenborg schon
verschiedentlich dargetan, daß er doch nur solche Menschen in der geistigen
Welt finden könne, die ihm irgendwie bekannt seien, sei es daß sie ihm bei
ihren Lebzeiten auf Erden bekannt waren, oder daß es sich allgemein bekannte
berühmte Männer handle. So willfuhr er auch dem Wunsche Lavaters nicht, und
dieser Umstand war es wohl, welcher den Zürcher Theologen, nachdem er — wie
seine Predigten und seine Physiognomik beweisen — viel aus Swedenborgs
Schriften aufgenommen, später weniger günstig für den großen Schweden
stimmte. Aber es war nicht in Swedenborgs Sinn, dem —
wenn auch begreiflich — Verlangen mancher Leute nach immer neuen Beweisen
seiner Sehergabe nachzugeben, konnte er doch schon zu seinen Lebzeiten die
Verbreitung erfundener Legenden nicht verhindern. So antwortete er noch im
Juli 1771, also nur etwa acht Monate vor seinem Hinschied, auf einen Brief
Ludwig IX., des Landgrafen von Hessen-Darmstadt, der ihn sehr verehrte und
verschiedene Fragen — unter anderen auch über gewisse Legenden — an ihn
gerichtet hatte: "Das, was man von der Tochter des Prinz-Markgrafen in
Schweden erzählt, hat keine Grundlage, sondern ist von irgend einem
geschwätzigen Neuigkeitskrämer erfunden worden; ich hatte noch nie davon
gehört. Was jedoch über den Bruder der Königin von Schweden berichtet wird,
ist wahr; doch sollte es nicht als ein Wunder betrachtet werden, sondern nur
als eine denkwürdige Begebenheit von der Art, wie solche im oben genannten
Werk ("Wahre Christliche Religion") über Luther, Melanchton und Calvin berichtet sind. Denn alle diese
sind einfach Zeugnis dafür, daß ich meinem Geiste nach vom Herrn in die
geistige Welt eingeführt worden bin und mit Engeln und Geistern umgehe." Die meisten der bekannten Gestalten aus
Swedenborgs Zeit wandten ihre Aufmerksamkeit mir einer gewissen Einseitigkeit
der Sehergabe Swedenborgs zu und dem, was er über die geistige Welt
mitteilte, und ließen das, was in seinen Augen seine Hauptbotschaft war,
ziemlich beiseite; das gilt für Goethe, wie für Lavater und den Prälaten
Oetinger und manche andere. Johann Christian Cuno sagt in seiner
Lebensbeschreibung, deren eigenhändige Urschrift in der Nationalbibliothek in
Brüssel aufbewahrt wird: "Swedenborg hat mir die Wahrheit dieser
Geschichten (von dem verstorbenen Prinzen von Preußen und der verlorenen
Quittung) bezeugt; aber er hat sich nicht lange darüber verbreitet, indem er
sagte, es gebe hunderte von Geschichten dieser Art. Nach seiner Ansicht sei
es nicht der Mühe wert, seine Zeit damit zu verlieren, an ihnen
herumzukritteln; es handle sich da um Bagatellen, die die Gefahr mit sich
bringen, daß der Hauptzweck seiner Sendung in den Hintergrund gedrängt
werde." Auch wollte Swedenborg in der Regel nicht
persönlich als der Lehrende auftreten; wenn er in Gesellschaft um alle
möglichen Einzelheiten seiner Lehre gefragt wurde, verwies er den Frager
gewöhnlich auf seine Schriften, wo alles Wesentliche dargelegt sei. Seine theologischen Werke
Von diesen Schriften hat Swedenborg eine
große Reihe verfaßt von dem Jahre 1747 an, als er sich vom Staatsamte
zurückzog und sich ganz der Niederschrift der zu veröffentlichenden Werke
widmete. Am Rande vom Stockholm hatte er sein Haus mit Garten, wo ein alter
Gärtner und dessen Frau ihm die Wirtschaft besorgten. Inmitten der Bäume und
Blumen, die er sehr liebte und sorgfältig pflegte, hatte er sich ein
geräumiges Gartenhaus gebaut, wo er außer einer Orgel einen Schreibtisch
hatte und die meisten seiner theologischen Werke schrieb. (Dieses Gartenhaus
hat der schwedische Staat vor Jahren erworben und im Nationalpark Skansen vor Stockholm draußen untergebracht; auch heute
noch stehen seine Orgel und seine Möbel darin.) Zuerst mag er nur die Absicht gehabt haben,
ein Werk über den tieferen Sinn der Heiligen Schrift zu verfassen, und so
schrieb er zunächst das große Werk, das in der deutschen Ausgabe sechzehn
Bände umfaßt: "Himmlische Geheimnisse, welche im Worte Gottes oder in
der Heiligen Schrift enthalten und nun enthüllt sind"; hier legte er —
wie oben schon erwähnt — den inneren Sinn der ersten zwei Bücher Mosis dar,
Kapitel für Kapitel. Als er so weit gekommen war, sah er die Wünschbarkeit
kürzerer Schriften ein, die die Hauptfragen des Glaubens behandeln, und so
verfaßte er nach dem obigen Hauptwerk nachstehende religiöse Werke bis zum
Jahre 1770, d.h. bis zu seinem 83. Lebensjahre: "Himmel und Hölle" "Vom weißen Pferd in der Offenbarung" "Von dem Neuen Jerusalem und seiner
himmlischen Lehre" "Die Erdkörper in unserem Sonnensystem" "Vom Jüngsten Gericht" und
"Fortsetzung vom Jüngsten Gericht" "Die göttliche Liebe und Weisheit" "Die göttliche Vorsehung" "Enthüllte Offenbarung Johannis" "Die eheliche Liebe" "Der Verkehr zwischen Seele und Leib" "Wahre Christliche Religion" "Kurze Darstellung der Lehre der Neuen Kirche "Die Vier Hauptlehren der Neuen Kirche": - Die Lehre vom Herrn, - Die Lehre von der Heiligen Schrift, - Die Lebenslehre, - Die Lehre vom Glauben. Außer diesen von Swedenborg selbst
herausgegebenen Schriften finden sich in seinem Nachlaß noch einige, die
nicht vollendet hat, die vielmehr als Vorarbeiten für das eine und andere der
obigen Werke dienten; von diesen letzten wurden bis anhin in deutscher
Übersetzung das Fragment "Von der tätigen Liebe" herausgegeben, das
eine Vorarbeit für die "Lebenslehre" ist, sowie die "Erklärte
Offenbarung", eine Vorarbeit zur "Enthüllten Offenbarung". Swedenborg hat alle diese Werke in
lateinischen Sprache — der damaligen Gelehrtensprache — verfaßt. Seine
Schreibweise ist in diesen Werken überaus einfach, sodaß sie auch der Leser
ohne höhere Schulbildung leicht lesen kann, sofern er nur ein für die Wahrheit
erschlossenes Gemüt hat. Seine Werke sind Vorbilder an logischem Aufbau, was
schon in der übersichtlichen Einteilung in die Kapitel und Unterabschnitte,
sodann aus der Nummerierung der einzelnen Abschnitte in all seinen
veröffentlichten Werken zutage tritt. So zählt sein erstes Werk von den
himmlischen Geheimnissen des inneren Schriftsinnes 10837 Nummern. Wie sehr
diese Einteilung das Auffinden bestimmter Stellen erleichtert, läßt sich
denken. Dabei ist die Schreibart Swedenborgs so, daß er selbst sehr zurücktritt
und möglich die Wahrheit aus dem Worte selbst für sich sprechen lassen will;
er faßte sich wirklich nur als "Diener des Herrn Jesus Christus"
auf; darum gab er die meisten der obgenannten Werke ohne seinen Namen heraus,
damit nur die Wahrheit selbst für sich spreche und vom Leser geprüft werde.
Erst wenige Jahre vor seinem Hinschied fing er mit dem Werk "Eheliche
Liebe" (1768) an, seine Verfasserschaft anzugeben und sie auch für die
vorausgegangenen Werke zu bezeugen. Hatte er jeweils ein Werk oder mehrere
vollendet, so sah er sie nochmals für den Druck durch, legte bei einigen
sogar einen Sach-Index an und schrieb einzelne für den Buchdrucker nochmals
deutlich ab. Dann begab er sich nach Amsterdam oder London, in welchen beiden
Städten er Verbindung mit leistungsfähigen Druckereien besaß, blieb bis zur
Beendigung des Druckes und arbeitete inzwischen an neubegonnenen anderen
Werken weiter. Die Druckkosten bestritt er aus dem eigenen Geld, und die
Buchdrucker schätzten ihn als Auftraggeber, da er nicht um den Preis
feilschte; einen Teil der Bücher versandte er sodann unentgeltlich an
Bibliotheken, gelehrte Kollegien und Geistliche, während er die übrigen dem
Buchdrucker zum freien Verkauf überließ. Schon zu seinen Lebzeiten mußte er
dem Landgrafen von Hessen-Darmstadt mitteilen, daß die "Himmlischen
Geheimnisse", die sich dieser sehr gerne angeschafft hätte, nicht mehr
zu haben und nur noch von einem Privatbesitzer zurückzukaufen wären. Er
selbst nahm für seine theologischen Werke kein Scherflein an. * *
* Swedenborg lebte höchst einfach, daheim fast
nur vegetarisch, und zwar hauptsächlich von Früchten, Mandeln und Weinbeeren;
Wein trank er nur, wenn er zu Gast war, und dann nie mehr als zwei Gläser,
dem Kaffee dagegen sprach er gerne zu und bereitete ihn sich selbst. Solche,
die ihn durchaus als einen pathologischen Fall hinstellen wollen, haben
deshalb schon seine ganze Seherschafft dem Kaffee zuschreiben wollen; wir
müssen darauf mit Dr. Wilkinson, seinem englischen Biografen sagen:
"Wenn es war ist, daß Kaffee einem solche Offenbarung bringen kann, dann
laßt uns Kaffe trinken!" Zudem übersehen jene, welche grundsätzlich
Gesichte zu Halluzinationen stempeln wollen, alle die Beweise seiner
Sehergabe, von denen wir soeben einige angeführt haben und welche nicht auf
Halluzinationen beruhen konnten. Volkswirtschafter und Staatsmann
Alle,
welche Swedenborg für einen Mystiker oder gar Schwärmer halten, werden diese
ganz unzutreffende Vorstellung von ihm sofort verlieren, sobald ernstlich
Einblick in sein Leben nehmen, hat er doch nicht nur bis zum Ende seines
Lebens völlige Klarheit und ungewöhnliche Schaffenskraft bewahrt, sondern er
hat sich auch in all den Jahren, da seine reformatorischen Werke schrieb und
da sein geistiges Gesicht erschlossen war, mit großen volkswirtschaftlichen und nationalen
Fragen beschäftigt und ist auch da seiner Zeit in Manchem weit
vorgeschritten. Gelegenheit zu solcher Betätigung gab ihm schon die Tatsache,
daß er von 1719 an ein halbes Jahrhundert lang Mitglied des schwedischen Herrenhauses war, an dessen Tagungen
er — wenn die Diät tagte — regelmäßig teilnahm, sofern er nicht zur
Herausgabe seiner Werke im Ausland weilte. Manche
seiner Denkschriften und Gutachten, die er im Laufe der Jahre dem Herrenhaus
unterbreitete, sind im Staatsarchiv aufbewahrt, wenige aber bis jetzt bekannt
geworden. Beim Lesen hat man keineswegs das Gefühl, Gedankengänge aus längst
vergangener Zeit vor sich zu haben, sondern man würde eher meinen, es mit
Darlegungen aus der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts zu tun zu haben, so
modern mutet uns die ganze Behandlung an, welche Swedenborg den verschiedenen
Fragen angedeihen läßt. Das gilt ganz besonders für die volkswirtschaftlichen
Fragen. Wir finden da sehr großzügige und weitblickende Gutachten, bis ins
Einzelne ausgearbeitete Grundlagen zur Hebung der Industrie im eigenen
Vaterland. So weist Swedenborg darauf hin, daß das Roheisen von Schweden nach
Holland gebracht, dort zu Stahl verarbeitet und da in aller Welt verkauft
werde; er regte nun an, daß diese Verarbeitung in Sweden
selbst besogt werde, wodurch eine neue Industrie geschaffen und die
ungünstige Handelsbilanz erheblich verbessert werden könnte; er legte den
sehr klar aufgestellten Gutachten auch gleich Pläne für die Einrichtung von
Hochöfen bei, mit genauer Berechnung des Kohlenverbrauchs und der Förderung
auf Tag und Jahr. Schweden
besitzt außer den Eisen- auch Kupfer- und Silbervorkommen; die Neigung zu
Swedenborgs Zeit ging dahin, die Eisengewinnung hintanzusetzen zugunsten
einer nicht sehr wirtschaftlichen Gewinnung der spärlichen Adern jener
wertvolleren Metalle. In mehreren Denkschriften wandte sich Swedenborg gegen
eine einseitige Bevorzugung der teuren Metalle und wies darauf hin, wie die
ganze Volkswirtschaft auf einer möglichst weitgehenden Eisenförderung und –bearbeitung fuße, welche viel größeren Bevölkerungsteilen
Arbeit verschaffe als jene geringen Vorkommen an wertvolleren Metallen:
"Es ist nicht nur das Edle eines Metalls in Betracht zu ziehen, sondern
auch das öffentliche Wohl, d.h. all jene Einzelheiten und Umstände, aus
welchen hervorgeht, daß die eine Arbeit mit der Zeit dem Lande mehr nützt als
eine andere, oder daß die Arbeit selbst edel ist und das Metall im Vergleich
damit unedel."*) Diese Hochschätzung der Arbeit und ihrer Beschaffung
für möglichst weite Volkskreise ist kennzeichnend für Swedenborgs
tieferblickendes und gesundes volkswirtschaftliches Verständnis. *)
Aus Dokument 169 aus Dr. Rudolph Tafels "Dokumente über das Leben und
den Charakter Emanuel Swedenborgs", einem Werke, dem wir bei der
Abfassung auch dieser kurzen Lebensbeschreibung sehr zu Dank verpflichtet
sind. Großen
staatsmännischen Sinn offenbart eine Denkschrift gegen eine Kriegserklärung an Rußland. Schweden hatte in dem
unglücklichen Nordischen Krieg, der sich über 18 Jahre hinzog, wertvolle
Länder auf dem Festland an der Ostsee eingebüßt, so die baltischen Provinzen
an Rußland; begreiflicherweise schmerzte das die schwedischen Patrioten,
weshalb von einer ziemlich starken Partei auf einen Revanche-Krieg gegen
Rußland hingearbeitet wurde. In einer eingehenden Denkschrift, die Swedenborg
allen Mitgliedern des Geheimkomitees, dessen Mitglied er war, zustellte,
setzte er in meisterhafter Weise mit staatsmännischem Weitblick die
europäische Lage und die Vorteile und Nachteile eines Offensiv- und
Defensivbündnisses mit Frankreich auseinander und legte dar, wie wenig
Aussicht auf Erfolg ein Krieg mit Rußland hätte. Es ist gewiß nicht wenig dem
Einfluß dieser meisterhaften Denkschrift zuzuschreiben, daß damals vom kriege
abgesehen wurde, der dann sechs Jahre später, als die Kriegspartei
übermächtig geworden war, doch eröffnet wurde — sehr zum Schaden Schwedens,
das unterlag und einen Teil von Finnland verlor. Obschon
Swedenborg bei Hofe gut angesehen war, ließ er ich dadurch doch nicht
beirren; als der König Adolf Friedrich auf einen Absolutismus hinstrebte,
gehörte Swedenborg zu Denen, die sich einer Erweiterung der königlichen Macht
in diesem Sinne entschieden widersetzten und die Machenschaften vereilten. Als
großer Fachmann erwies sich Swedenborg in Fragen der Geldwirtschaft und der Währung;
in mehr als einer Denkschrift beschwor er das Parlament in klaren sachlichen
Darlegungen zur Metallwährung zurückzukehren, damit das schwedische Geld
nicht völlig der Entwertung verfalle. Dies inmitten der Jahre, da er seine
theologischen Schriften verfaßte. Einen
weiteren Beweis seines volkswirtschaftlichen Weitblicks lieferte Swedenborg,
als er 1755 im Parlament auf staatliche Branntweinkontrolle drang — hundert
Jahre, bevor solche Schritte anderswo zum erstenmal angebahnt wurden. Zur
Zeit Swedenborgs konnte sich ein Jeder nach Belieben daheim aus Korn
Branntwein destillieren, was zu einem Übermaß von Branntweingenuß in den
breitesten Volksschichten führte. Auf einem Blatt mitten unter seinen
theologischen Manuskripten finden wir die Aufzeichnung: "Der unmäßige
Genuß von Branntwein wird der Untergang des schwedischen Volkes sein."
Er suchte dem Übel von Gesetzes wegen beizukommen. In einer Eingabe an das
Herrenhaus vom Jahre 1755 legte er dar, wie Schweden jedes Jahr mehr Waren
einführte als ausführte, was ausgeglichen werden müsse durch gesteigerte
Ausfuhr von Erzen, für welche genügend Nachfrage bestehe. Das Volk sei aber
nicht fähig zu höherer Arbeitsleistung, solange die Trinksitten weiter
bestünden, und diese würden sich kaum ändern, solange sich ein Jeder daheim
so viel Branntwein aus Korn herstellen könne, wie er wolle. Das Recht zur
Branntweinherstellung müsse der Allgemeinheit darum von Gesetz wegen genommen
und nur an Einzelne gegen eine hohe Steuer vergeben werden, wodurch der Staat
auch Kontrolle über die Menge des hergestellten Branntweines erhalte. Er ging
sogar so weit, zu verlangen, daß der Branntwein nicht mehr im Wirtshaus
ausgeschenkt werden dürfe, sondern nach Art der Bäckerläden (wie sie auch bei
uns noch in alten Stadteilen bestehen) nur durch ein Schiebefenster auf die
Straße hinaus verabreicht werden sollte. Im
Jahre 1760 brachte Swedenborg die Sache nochmals vor das Herrenhaus:
"Wenn die Destillation von Branntwein — vorausgesetzt, die
Öffentlichkeit lasse sich zu einer solchen Maßnahme bewegen — in allen
Gerichtsbezirken und auch in den Städten an den Meistbietenden vergeben
würde, würde dem Lande daraus ein erhebliches Einkommen erwachsen, und
zugleich könnte der Verbrauch von Korn für diesen Zweck beschränkt werden:
das heißt, wenn der Genuß von Branntwein nicht ganz abgeschafft werden kann,
was für das Gedeihen und die Sittlichkeit des Landes mehr zu wünschen wäre
als alles Einkommen, das aus einem so verderblichen Getränk erzielt werden
kann." Hat
Schweden auch damals Swedenborgs weitblickende Gedanken noch nicht
angenommen, so scheint sein Wirken doch nicht umsonst gewesen zu sein; denn
es ist doch der Staat, der zuerst weitgehende staatliche Maßnahmen zur
Bekämpfung des Branntweinübels traf. *
* * All das zeigt uns, wie weit Swedenborg davon
entfernt war, ein Schwärmer oder "Mystiker" zu sein, als welcher er
bisanhin im allgemeinen dargestellt wurde von
Leuten, die — selbst in den Konversationslexika — über ihn schrieben, ohne je
tieferen Einblick in seinen Lebenslauf oder in seine Werke genommen zu haben.
Es zeigt auch, wie weit er entfernt war von einer "Umnachtung", als
welche seine materialistischen und kirchlichen Kritiker seine Erleuchtung hinstellen
wollten, zeichnet er sich doch im Gegenteil aus gerade durch ganz
ungewöhnliche Klarheit des Geistes und Folgerichtigkeit und Vernünftigkeit
des Denkens, welche sich unvermindert bis zu seinem im 85. Lebensjahr
erfolgten Hinschied offenbarte, sowohl in seinen theologischen wie in seinen
wissenschaftlichen Werken und in seinen politischen und volkswirtschaftlichen
Denkschriften, und zwar sowohl im Stil wie im Inhalt und Aufbau. Daß er von
seinen Gegnern trotz alledem gelegentlich als geisteskrank hingestellt wird,
erinnert den Kenner seines Lebens daher höchstens daran, daß selbst von Dem,
der das Licht der Welt war, Diejenigen, welche Seiner Botschaft innerlich
ferne standen, sagten: "Er ist von Sinnen." Sein Hinschied
Swedenborg wußte und sagte es schon einige
Wochen vor seinem Hinschied voraus, daß er am 29. März 1772 aus dem Diesseits
abgerufen werden würde. Ein Schlaganfall zwang ihn kurz vor diesem Datum aufs
Krankenlager. Als der Pastor der schwedischen Gemeinde in London, Arvid Ferelius, ihn besuchte, ermahnte er ihn, falls er sein
neues theologisches System nur aufgestellt habe, um sich einen Namen zu
machen, so sollte er es jetzt, angesichts des bevorstehenden Todes, ganz oder
zum Teil widerrufen. Swedenborg erhob sich hierauf halb in seinem Bett und
sagte, indem er eine Hand auf sein Herz legte, feierlich: "So wahr als
Sie mich hier vor Ihren Augen sehen, so wahr ist Alles, was ich geschrieben
habe; und ich hätte mehr sagen können, wäre es mir erlaubt gewesen. Wenn Sie
in die Ewigkeit eingehen, werden Sie Alles sehen, und dann werden Sie und ich
über Vieles zu reden haben." Die Beerdigung der irdischen Hülle
Swedenborgs war die letzte Amtshandlung des Pastors Ferelius,
der hierauf zum Dekan in einem schwedischen Wirkungskreis befördert wurde. * *
* Die irdische Hülle Swedenborgs lag in der
Gruft der kleinen schwedischen Kirche in London, bis sie im Jahre 1908 von
einem schwedischen Kriegsschiff abgeholt und dann in feierlichem Zuge unter
Beteiligung des ganzen Hofe und aller Ministerien und der Studentenschaft und
der Körperschaften der Universität nach Upsala überführt und dort in dem
Sarkophag aus schwedischem Granit die letzte irdische Ruhestatt fand. * *
* Im
großen Ganzen blieb Swedenborg der Allgemeinheit unbekannt, da er um seiner
Gesichte willen von der wissenschaftlichen Welt wie von der Kirche in Bann
getan war. Nun eine Unzahl größerer unabhängiger Geister, die sich an jene
Vorurteile nicht so gebunden fühlten, haben zu seinen Schriften gefunden und
viel daraus geschöpft, so Goethe, Lavater, Kant, Krause, Schopenhauer und
Andere, von denen wir im Anfange einige Zeugnisse anführen wollen. Erst
in der Jetztzeit fangen weitere Kreise an, die Botschaft Swedenborgs zu Rate
zu ziehen. Zu seinem 250. Geburtstage am 29. Januar 1938 gab die schwedische
Post eine Marke mit seinem Bildnis heraus, die wir hier etwas vergrößert
wiedergeben, in violetter und grüner Farbe in den Werten von 10 Öre und einer
Krone, und benützte einen besonderen Swedenborg-Stempel für diesen Gedenktag.
Auch der Rundfunk gab anläßlich dieses Tages Kunde von Swedenborgs Leistungen
in Deutschland, der Schweiz, in Frankreich und in den nordischen Staaten, und
in England und Amerika. Dieser Gedenktag ward in unzähligen Veranstaltungen
über die ganze Erde hin gefeiert, und es haben auch u.A.
die Könige von Schweden und England sowie der Kronprinz von Schweden und der
Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Franklin D. Roosevelt, dazu
ihre Grüße gesandt. Die Swedenborg-Gesellschaft aber gab bei diesem Anlaß
Swedenborgs kleines Werk "Von neuen Jerusalem und seiner himmlischen
Lehre" in zwanzig Sprachen heraus, darunter nicht nur die
hauptsächlichsten Kultursprachen, sondern auch solche von Indien und von
Eingeborenen in Südafrika. ««« — — — »»» Wir
haben im vorstehenden Abschnitt den Lebenslauf Swedenborgs nur in groben
Zügen skizziert, von seiner wissenschaftlichen wie volkswirtschaftlichen
Tätigkeit konnten wir leider nur die Titel seiner Werke und einiges Wenige
von deren Inhalt angeben, währen wir das Wesentliche: seine
wissenschaftlichen Lehren auf vielen Gebieten nicht im Einzelnen verfolgen
konnten, obschon darin eigentlich
die Schilderung des inneren Werdeganges läge; doch würde das nicht nur über
den uns zur Verfügung stehenden Raum weit hinaus gegangen sein, sondern auch
in wissenschaftliche Regionen geführt haben, welche den meisten Lesern allzu
fern liegen. Auch kommt es uns hier vor Allem auf Das an, was uns durch ihn
in den letzten Jahrzehnten seines Erdenlebens gegeben worden ist zur
Erneuerung und Klärung des Glaubens,
beginnt doch mit seinen Klarlegungen aus dem Worte nach seinem Zeugnisse eine
neue Epoche der christlichen Kirche. Wir
bieten hier darum einen Sollten
wir die Stellung Swedenborgs in der Geschichte der christlichen Kirche mit
einem Stichwort kennzeichnen, so ist es vielleicht am deutlichsten, wenn wir
als Sinn seiner Sendung die Vollendung der Reformation
nennen.
Die Reformation unter Luthers und Zwinglis Führung hat einige schwere Schäden
abgeschafft, welche sich in der christlichen Kirche breit machten, wie die
Bilder- und Heiligenanbetung, Ablaßhandel u.A., und
sie hat als größten Segen die Bibel ins Volk getragen. Was aber die Lehre betrifft, so galt ihnen das von
den Bischöfen auf dem Konzil zu Nicäa im Jahre 325 beschlossene
Glaubensbekenntnis für unantastbar, obschon dieses keineswegs mehr die reine
Lehre des Herrn im Evangelium zum Ausdruck brachte. Eine wirkliche christliche Kirche aber muß sich auf
die Worte Christi aufbauen. Darum vollendete Swedenborg die Reformation,
indem er über die Beschlüsse der Bischöfe im 4. Jahrhundert hinweg zum Evangelium durchdrang und aus den
Lehren Jesu Christi Selbst die Lehre der christlichen Kirche darlegte. Unter
den Lehren, welche Swedenborg so verkündete, hat diejenige über das Fortleben nach dem Tode
die
Aufmerksamkeit der Welt am stärksten an sich gelenkt, obschon Swedenborg sie
keineswegs als die Hauptsache ansah und ihr weder in seinem Werke "Die
vier Hauptlehren der Neuen Kirche", noch in seinem umfangreichen letzten
Hauptwerk "Wahre Christliche Religion, enthaltend die ganze Theologie
der Neuen Kirche" ein Kapitel gewidmet hat; nichtsdestoweniger wurde
eine große Zahl Christen von dem gefesselt, was Swedenborg über das Fortleben
nach dem Tode darlegte — denn das Ende des Erdenlebens steht einem Jeden
gewißlich bevor; also stellt sich auch Jedem die Frage: "Was dann?" Die Antwort, welche die bisherige
Kirche darauf gab
mit der Lehre von der einstigen
Auferstehung des Leibes, fand je länger je weniger Glauben in der Christenheit.
Darnach müßte der in der Erde bestattete oder durch Feuer verzehrte Leib
einmal wieder auferstehen; die Seele würde die Substanzen, welche den
irdischen Körper einst bildeten, wieder an sich ziehen, und erst das wäre die Auferstehung. Diese Lehre
wurzelt in der — bei den Juden heimischen — materialistischen
Grundauffassung, als sei nur die greifbare Materie etwas Wirkliches, sodaß
man sich ein wirkliches Leben ohne den irdischen Leib einfach nicht denken
konnte. Diese Lehre von der Auferstehung des Fleisches widerspricht aber
sowohl jeglichem vernünftigen Denken wie der Lehre des Herrn im Evangelium. Bedenken
wir zunächst einmal, daß in den vielen Jahrtausenden, seit es Menschen auf
unserer Erde gibt, der Leib der Milliarden und Milliarden dicht unter der
Oberfläche der Erde begraben wurde, sich dort früher oder später vollständig
in Erde verwandelte und in der Pflanzenwelt aufging, welche dem Boden entsproßte und woraus sich Mensch und Tier nährte, und
das in fortwährender Wiederkehr die ganzen vielen Jahrtausende hindurch: da müssen die gleichen Atome und Moleküle
der Grundstoffe nacheinander dem Leibe ungezählter Menschen angehört haben
und demnach von ungezählten Seelen bei einer solchen Auferstehung wieder
beansprucht werden! Wohl entziehen sich die Befürworter jener Lehre diesen
Folgerungen etwa mit dem Hinweis darauf, daß bei Gott alle Dinge möglich
seien. Doch kann sich der denkende Mensch der Gewalt jener Tatsachen nicht
entziehen. Auch wäre es kaum zu glauben, daß der Schöpfer, falls es in Seinem
Plane läge, die Körper wieder auferstehen zu lassen, diese erst völlig
vergehen ließe. Eine
Großzahl von Christen fühlt sich zum Glauben an die fleischliche Auferstehung
verpflichtet, weil sie meinen, das sei es, was die Heilige Schrift lehre; sie
denken an die Schilderung des Ezechiel (Kap.37), wie die Gebeine auf dem
Knochenfeld sich mit Fleisch bekleideten und belebten; bei näherem Hinsehen
erkennt man jedoch, daß dort nicht von der fleischlichen Auferstehung,
sondern von ganz Anderem die Rede ist. Auch meint man, das sei die Lehre des
Paulus. Und tatsächlich scheint Paulus, als er im Jahre 51 an die
Thessalonicher schrieb (1 Thess. 4,14-17), noch den jüdischen Glauben an die
Auferstehung des stofflichen Leibes geteilt zu haben. Einige Jahre später
aber hatte sich seine Auffassung wesentlich geändert, und so schrieb er vier
bis fünft Jahre nachher an die Korinther (1 Kor. 15): "Fleisch und Blut
können das Reich Gottes nicht ererben. Es gibt einen natürlichen Leib und
gibt einen geistigen Leib." Doch war es Paulus nicht gegeben, mehr
darüber zu sagen, sodaß es den Christen nicht genügte, um einen Glauben an
die Auferstehung darauf zu gründen, weswegen man bei dem tiefwurzelnden
bisherigen Glauben an die Auferstehung des Fleisches blieb. Maßgebend für
eine Kirche, welche wirklich christlich sein will, ist aber die Lehre des
Herrn Selbst im Evangelium. Was lehrt aber der Herr im
Evangelium?
Auf
die Frage der Sadduzäer, die an keine Auferstehung glaubten, weist der Herr
darauf hin, daß Gott Sich vor Moses bei dem brennenden Dornbusch darauf
berief, daß Er der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs sei, was keinen Sinn
hätte, wenn diese zweitausend Jahre zuvor gestorbenen Patriarchen nicht noch lebten, denn "Gott ist nicht ein
Gott der Toten, sondern der Lebendigen; denn "sie leben Ihm Alle."
(Luk.
20,38). Hier auf Erden leben sie nicht mehr; da besteht — wenn's hoch kommt —
noch ihr Grab, in welchem nach langer Zeit aber nicht einmal mehr etwas von
ihrem Körper übrig geblieben ist. Für die Erdenmenschen sind sie gestorben. Für Gott aber leben sie Alle nach dem
Zeugnis des Herrn. Darauf werden Anhänger der bisherigen Auferstehung
vielleicht antworten: Freilich ist ihre Seele nicht gestorben, sondern sie schläft bis zu ihrer Wiedervereinigung
mit dem Körper. Wäre es dann aber nicht irreführend, wenn der Herr lehrte:
"Sie leben Ihm Alle?" Zudem sprach der Herr zu dem Einen der mit
Ihm Gekreuzigten: "Heute sollst du mit mir im Paradiese sein." Kann
das von einem unbewußten Zustand des Schlafes
gesagt werden? Der Herr lehrt es aber im Evangelium zudem ganz deutlich, daß
die Gestorbenen nicht schlafen, sondern bei vollem Bewußtsein
sind
und reden wie in der Welt: In dem Gleichnis vom armen Lazarus und reichen
Prasser beschreibt der Herr den letzteren, wie er — noch während sein Leib im
Garbe ruht und seine Brüder noch alle auf Erden leben — erwacht und bei
vollem Bewußtsein ist und redet. Wo weilte seine Seele da? Wo ist das
Paradies, wo der mit dem Herrn Gekreuzigte gleich nach dem Tode mit Ihm sein
sollte? Wo leben sie Ihm Alle? Antwort: da es nicht in der irdischen Welt der
Fall ist, ist es — auch nach der genannten Lehre des Paulus — in einer
nicht-irdischen, also in der geistigen Welt.
Das
Wort lehrt deutlich, daß es außer der irdischen Welt, die wir mit den Sinnen
Wahrnehmen, eine andere Welt gibt, die wir mit den Sinnen nicht wahrnehmen.
Als der Prophet Elischa in Dothan von der syrischen
Heerschar umzingelt war und sein Junge sich darum verloren glaubte, da
antwortete ihm Elischa: "Fürchte dich nicht, denn der Unsern ist mehr
als der Ihrigen." Und Elischa betete und sprach: "Jehovah, tu ihm
doch die Augen auf, daß er sehe! Und Jehovah tat dem Jungen die Augen auf,
und er sah, und siehe, der Berg war voll Rosse und feuriger Wagen rings um Elischa
her." Das war eine sehr wirkliche Umgebung um den Propheten, die sein
Junge erst sah, als ihm von Gott die geistigen Augen aufgetan wurden (2 Kön.
6,17). Und Johannes berichtet ausdrücklich, daß er all das in der Offenbarung
Beschriebene sah, als er "im Geiste" war (Off. 1,10). Und so
berichtet ja auch Paulus (2 Kor. 12,2) von Einem, der bis in den dritten
Himmel entrückt worden sei und dort unaussprechliche Dinge gehört habe,
welche ein Mensch nicht sagen könne. Zudem hören wir im Evangelium wieder und
wieder, daß der Herr böse Geister austrieb, die durch die Besessenen sogar
redeten und antworteten. Wie
ist es zu erklären, daß die Christliche Kirche an diesen deutlichen
Zeugnissen der Bibel vom Dasein einer geistigen Welt und unserem Fortleben in
ihr nach dem Tode des Leibes so achtlos, ja ablehnend vorbeiging? Doch nur
damit, daß diese Zeugnisse dem vom Judentum übernommenen Glauben an die
Auferstehung des Fleisches, welchen man festhalten zu müssen glaubte, den
Boden entziehen. Warum
ward aber von der Vorsehung ein so irriger Glaube an ein Wiedererstehen des
aufgelösten Körpers überhaupt zugelassen? "Weil der natürliche Mensch
annimmt, es sei einzig der Leib, welcher lebe; wenn er daher nicht glaubte,
der Leib empfange wieder Leben, so würde er die Auferstehung überhaupt
leugnen," sagt Swedenborg (H.G. 5078). War
aber damals die Zeit für mehr Aufschluß noch nicht gekommen und sind im
Evangelium nur diese wenigen Zeugnisse des Herrn berichtet, so sagte er doch
am letzten Abend Seines Erdenlebens zu den Jüngern: "Ich habe euch noch
vieles zu sagen, aber ihr könnet es jetzt nicht tragen." Die Zeit für
mehr Licht über alle Fragen und so auch über diese ist nun zweifellos
gekommen, ansonst der Glaube an ein Fortleben nach dem Tode überhaupt
untergeht, wie dies bei Millionen in den christlichen Ländern längst der Fall
ist, da der denkende Mensch der Neuzeit an die Wiederzusammensetzung des
aufgelösten Körpers einfach nicht mehr glauben kann. Gott,
der Herr, hat die Menschheit denn auch nicht im Unklaren gelassen, nun der
Zeitpunkt für mehr Licht gekommen ist. Er hat Emanuel Swedenborg, den Er Sich
zum Werkzeug zur Darlegung des tieferen Schriftsinnes ausersehen und
vorbereitet hat, auch die geistigen Sinne erschlossen, wie einst dem Apostel
Johannes und andern biblischen Gestalten, nun aber in umfassendem Maße, damit
nunmehr Klarheit werde auch über diese wichtige Frage. Was Swedenborg sah und
hörte und beschrieb, ist aber nichts Anderes als eine Bestätigung von Dem,
was der Herr Jesus Christus im Evangelium selbst verkündet hat. Seltsamerweise
hat trotzdem die offizielle Kirche bisanhin das
durch Swedenborg Verkündigte blindlings abgelehnt und mit der Bezeichnung "Spiritismus"
abgetan,
so in ziemlich allen uns bekannten Büchlein von Pfarrern, die hier und dort
selbständig oder im Auftrag einer Pfarrsynode dem Kirchenvolk eine Aufklärung
über die Religionsgemeinschaften außerhalb der Landeskirche anbieten. Nun ist
ja stets Vorsicht geboten, wenn jemand von Visionen berichtet, die er gehabt
habe, und nicht sollte ungeprüft angenommen werden. Anderseits aber ist es
unrichtig und schriftwidrig, Gesichte zum Vornherein abzulehnen und
nun gar Swedenborg als Spiritisten zu bezeichnen, bloß weil sein geistiges
Gesicht erschlossen war, wobei die meisten Vertreter der offiziellen Kirche bisanhin darauf verzichtet haben, vor der Bildung und
Veröffentlichung ihres Urteils Einblick in Swedenborgs Leben und Schriften zu
nehmen. Worin besteht Spiritismus? Doch darin, daß man einen Verkehr mit
Geistern anstrebt, sei es zur Unterhaltung, sei es um sich von ihnen belehren
und führen zu lassen. Von all dem trifft aber bei Swedenborg nichts zu: er
suchte den Verkehr mit der geistigen Welt keineswegs, sondern dieser ward ihm
von Gott ungesucht verliehen als
Teil seiner Sendung; und anderseits ermutigt Swedenborg nicht zum Verkehr mit
Geistern, sondern warnt wiederholt sehr entschieden davor, da man weit mehr
Aussicht habe, von ihnen getäuscht zu werden als die Wahrheit zu erfahren; in
diesem Sinne schrieb er z.B. auch an den Landgrafen von Hessen-Darmstadt. Ein
Zürcher Pfarrer, der Swedenborg um seiner Gesichte willen öffentlich als
"Spiritisten" bezeichnet hatte und auf die Unrichtigkeit dieser
Kennzeichnung aufmerksam gemacht wurde, suchte sich mit der Behauptung zu
rechtfertigen, schon das sich-befassen mit solchen Dingen sei Spiritismus.
Waren demnach die biblischen Gestalten, welche Gesichte hatten, Spiritisten?
die Propheten? Johannes? Paulus mit seiner Christusvision und mit seinem
Bericht über den Menschen, der in den dritten Himmel entrückt worden war, was
er ohne Weiteres glaubte und der Korinthergemeinde berichtete? Und gar der
Herr Jesus Christus mit den oben angeführten Äußerungen und Zeugnissen in den
Evangelien? Und der allmächtige Schöpfer der Welten, Der die geistige Welt geschaffen und zur Wohnstätte des
Menschen bestimmt hat? Viele Pfarrer der bisherigen Kirche erwecken
tatsächlich den Eindruck, als wißbilligen sie es, daß der Allmächtige die
geistige Welt geschaffen und manchen biblischen Gestalten Einblick in sie
gewährt hat ohne Rücksicht darauf, daß dadurch die von ihnen hartnäckig
gelehrte Auferstehung des Fleisches noch mehr an Glaubwürdigkeit einbüßt und
sie es infolgedessen ablehnen, von dem Dasein der geistigen Welt und von den
Hinweisen der Heiligen Schrift darauf Kenntnis zu nehmen! In
Tat und Wahrheit schützen die vom
Herrn durch Swedenborg gegebenen Aufschlüsse vor dem Spiritismus, denn im
Besitze dieser Klarheit hat Niemand Anlaß, sich an eine so dunkle Quelle wie
den Verkehr mit Geistern zu wenden, und die Anhänger der durch Swedenborg aus
der Bibel dargelegten Lehren treiben
auch keinen Spiritismus. Schuld an seinem Aufkommen trägt vielmehr gerade die
Kirche, die bis jetzt die Lehre des Herrn im Evangelium abgelehnt und statt
ihrer die unhaltbare Auferstehung des Fleisches gelehrt hat. Wer das
Hauptwerk Swedenborgs über diesen Gegenstand, "Himmel und Hölle"
liest,
erkennt — vielleicht zu seiner Enttäuschung —, daß es nicht so sehr viele
Einzelheiten und Erlebnisse beschreibt als vielmehr die großen Grundgesetze,
welche das Wesen und die Einleitung der geistigen Welt beherrschen, und daß
sich diese ganz natürlicherweise aus den Gesetzen der göttlichen Ordnung
ergeben, welche die ganze Schöpfung beherrschen, vor allem aus dem Wesen
Gottes und des Menschen. Es
leuchtet ein, daß wir die Schöpfung nur verstehen, je wie wir auch ein Wissen
vom Schöpfer haben, da all ihr Wie
und Warum natürlich in Seinem Wesen
begründet ist. Warum gibt es überhaupt eine
Schöpfung?
Warum
eine geistige Welt? Warum ein irdisches Weltall? Das eigentliche Ziel der Schöpfung kann nur im
eigentlichen Wesen des Schöpfer
begründet sein. Das eigentliche Wesen Gottes aber ist Liebe. Was ist Liebe?
Wahre Liebe ist: "Andere außer sich lieben, Eins mit ihnen sein wollen
und sie aus sich beglücken wollen." (WCR. 43). Liebe erheischt also in
erster Linie Wesen außer einem selbst, und die Liebe des unendlichen Gottes
erheischt Wesen, die Er in Ewigkeit
immer mehr beglücken kann durch immer innerlicheres wahreres Verbundensein.
Hieraus ergibt sich von selbst als Endzweck der gesamten Schöpfung: ein Himmel von Engeln aus dem
menschlichen Geschlecht
(WCR
13, 66, 773), — eine Welt von Wesen, welche ihrer Anlage nach fähig sind,
Gottes Leben in ewiger, geistiger
Gestalt aufzunehmen, Ihm mit dem Glauben zu erkennen, Seine Liebe zu erwidern
und mit Ihm in Freude und Freiheit zum Aufbau seines Lebens zusammenzuwirken. Der Mensch
ist
seinem Wesen nach ein Aufnahmegefäß des Lebens. Er ist nach der
Schöpfungsgeschichte zum Ebenbild
nach der Ähnlichkeit Gottes
geschaffen. Gott ist also der Ur-Mensch, in welchem das, was das Menschentum
ausmacht: Liebe und Weisheit, in
göttlicher Vollkommenheit und in unendlicher Fülle lebt. Da der Mensch in
Sein Ebenbild geschaffen ist, ist er befähigt, dieses wesentlich menschliche
Leben — Liebe und Weisheit*) — aufzunehmen in seinen Willen und Verstand.
Dadurch, daß er denkt aus Gottes Wahrheit und will, wie Gott will, wird er
Mensch, — Ebenbild Gottes. Das Menschentum liegt also nicht in seinem Körper,
sondern in seiner Seele; der Körper
ist nur die entsprechende Hülle. (Aber auch hier sehen wir eine Auswirkung
von der Zweiförmigkeit des Lebens in der zweiteiligen Anlage: linke und
rechte Hälfte und der doppelten Anlage so vieler Organe: Augen, Ohren, Nase,
Hirn, Hände, Füße, Lungen, usw.) Der Mensch ist also seinem Wesen nach ein
Geist, der — für die Jahre seines Wohnens in der irdischen Welt — mit einem
stofflichen Körper umkleidet ist. Mit seiner Seele lebt er von Anfang an in
der geistigen Welt; solange er aber im irdischen Körper lebt, sind seine
geistigen Sinne noch nicht erschlossen außer in den Ausnahmen, welche Gott
fügen mag und von welchen manche in der Bibel berichtet sind. *)
In der hebräischen Sprache kommt die Tatsache, daß wir das Leben in diesen
zwei Formen aufnehmen, in seiner Weise dadurch zum Ausdruck, daß das Wort für
"Leben" — chajjim — weder eine Einzahl
noch eine Mehrzahl, sondern eine Dualform ist, welche anzeigt, daß es zwei
sind. Wenn
er aber doch ein geistiges Wesen ist und nach den kurzen Erdenjahren für das
Leben in der geistigen Welt bestimmt ist, warum beginnt er sein Leben in der
irdischen Welt?
warum
wird er nicht von Anfang an nur in der geistigen Welt geschaffen? Wir mögen
nicht alle Gründe verstehen, welche
den Allmächtigen diese Ordnung einsetzen ließen. Wir hören einerseits von
Swedenborg, daß auch unser geistiger
Leib ein Äußerstes, gleichsam einen Saum (Limbus) hat, der aus den feinsten
Substanzen der Natur besteht, sodaß der Mensch seinen Lebenslauf in der
Naturwelt beginnen muß. Wir mögen besser einen weiteren Grund verstehen: In
der natürlichen Welt, wo uns nur die körperlichen Sinne erschlossen und all
die tieferen Ursachen und Zusammenhänge des Daseins: — Gott, geistige Welt,
geistige und irdische Kräfte usw. — verborgen sind, da sind wir in der
vollsten Freiheit, all diese wichtigsten und wirklichsten Grundtatsachen des
Daseins anzuerkennen oder zu leugnen; da wir sie nicht mit den Sinnen sehen,
unterstehen wir keinem äußeren
Zwange zu ihrer Anerkennung, sondern nur allfällig dem inneren der Einsicht
und gesunden Denken; aber wir sind frei,
auf eine Weise, wie wir es nicht wären, würden wir von Anfang an im Himmel
geschaffen. Gottes Schöpfungszweck können nur Wesen erfüllen, die sich in Freiheit zu Seiner Anerkennung und zur
Jüngerschaft entschließen und zur Gegenliebe aufschwingen; Seine göttliche
Liebe kann sich mit nichts Geringerem zufrieden geben, kann dies doch nicht
einmal Menschenliebe. Nur Menschen,
die in voller Freiheit an Gott glauben und Ihn lieben, die so als Seine
Ebenbilder Seine Liebe und Weisheit aufnehmen und verkörpern und so aus Gott
geboren werden, können den Himmel von Engeln bilden, den Endzweck Seiner
Schöpfung. In
der christlichen Kirche ist die Meinung verbreitet, die Engel seien von Gott
als solche in all ihrer Vollkommenheit geschaffen wie eine Art Gottwesen, —
eine Meinung, die man in der Christenheit unbesehen von den Juden und
Babyloniern und anderen Religionen übernahm. Die Schöpfung berichtet von keiner
Erschaffung von Engeln.
Die
Engel sind später in der Bibel einfach da: weil es keine anderen Engel gibt
als die Menschen, die auf Erden gestorben sind und nun den Himmel bevölkern.
(Die Cherube, die schon im 3. Kapitel der Bibel erwähnt werden, sind keine
persönlichen Wesen, sondern Versinnbildlichungen, wie schon aus ihrer Beschreibung
(Ez. 10) hervorgeht, abgesehen davon, daß die ersten Kapitel der Bibel nur
sinnbildlich, nicht buchstäblich zu verstehen sind, wovon wir an anderer
Stelle sprechen werden.) Wenn
sich die Erschaffung von fertigen vollkommenen Wesen, wie es die Engel nach
allgemeiner Vorstellung sind, mit Gottes Schöpfungsplan vereinbaren ließe,
dann würde Gott zweifellos alle
Menschen gleich von Anfang an so vollkommen geschaffen haben und uns nicht
unser Dasein auf Erden beginnen lassen, begabt mit der gefahrvollen Freiheit
und damit mit der Möglichkeit zu so viel Irrtümern und Abwegen! Aber solche
gleichsam automatisch vollkommen geschaffenen Wesen könnten Seine Gottesliebe
niemals befriedigen, und darum gibt
es sie auch nicht; Sondern alle bestehenden Engel haben ihr Dasein im
Fleische begonnen, und auch wir werden von ihrer Schar sein, wenn wir den
inneren Weg gehen, welchen sie einst gingen. Wir
alle beginnen also unser Dasein nach weisem Schöpfungsplan im Fleische, um zu
gegebener Zeit diese irdische Hülle — wie ein Schmetterling seine Verpuppung
— abzulegen, wenn nach Gottes Ratschluß die Stunde hierfür gekommen ist. Der Tod
ist
etwas, das nur die irdische Hülle des Menschen betrifft, nicht ihn selbst.
Der stoffliche Leib, der sein Leben und seine Gestalt nur aus der Seele hat,
die ihm von innen her innewohnt, sinkt dahin, sobald ihr Einfluß ihn nicht
mehr belebt, und löst sich in seine chemischen Urbestandteile auf, weshalb es
für den Menschen völlig belanglos ist, ob die Auflösung so oder so geschieht,
in der Erde vor sich geht oder durch die Flamme bewirkt wird, denn der Mensch
braucht das verlassene Erdenhaus nie wieder. Die Auferstehung.
Beim
Hinschied eines Menschen sind immer Engel zugegen, deren schönes Amt es ist,
die Seele sachte aus den Geweben der Hülle zu lösen; ihre lichte Umgebung
wird von den Entschlafenden ja oft mit den sich schon erschießenden geistigen
Sinnen als schönes beglückendes Licht geschaut, und ihre wohltuende Sphäre
breitet sich gar oft noch über das Antlitz des schon Entschlafenen, wo die
Spuren der letzten Scherzen und Bangigkeit schwinden und der Weihe eines
schönen tiefen Friedens weichen. Während dieser Loslösung aus der irdischen
Hülle schlummert der Mensch; ist aber seine Seele völlig aus dem Leibe
gelöst, so erwacht der Mensch,
was
gewöhnlich spätestens am dritten Tage geschieht. Er erwacht mit einem Gefühl
großer Befreitheit, das umso freudiger ist, wenn er an einer langen und
schmerzhaften Krankheit darniedergelegen hat. Ihn umgeben die Engel, begrüßen
ihn und führen ihn mit seinem Verständnis ins neue Dasein ein. Es können auch
Solche zugegen sein, die er bei Leibesleben gekannt und denen er besonders
nahe gestanden hat, insbesondere aber Solche, die mit seinem inneren Leben
besonders innig verbunden waren und die ihm nun wie Verwandte erscheinen, die
er schon immer gut gekannt hat. Er empfindet den Wandel, der mit ihm
vorgegangen ist, nicht als eine große Veränderung, denn er lebt auch jetzt im
Leibe, aber im geistigen Leibe.
Den
empfängt er nicht jetzt, sondern hat ihn schon während seines ganzen Lebens
gehabt, und aus dessen Einfluß und
Innewohnen lebte der stoffliche Leib und hatte seine Gestalt, wennschon der
träge Stoff nur langsam und unvollkommen dem geistigen Einfluß folgt. Dieser
unser geistiger Leib, der nicht nur ein Hauch oder ein Gedankenbild ist,
sondern aus wirklichen geistigen
Substanzen besteht, hat alle Sinne,
die
der stoffliche Leib hatte, nur schärfer und feiner empfindsam als unsere
körperlichen Sinne. Wenn
wir in der geistigen Welt zu neuem Bewußtsein erweckt worden sind, befinden
wir uns noch keineswegs im Himmel, denn wir sind innerlich noch nicht reif
hierfür, hängt uns doch zur Zeit unseres Hinschiedes von der Erde noch
mancherlei Fehler und unhimmlische Gesinnungsweise an, die wir erst ablegen
müssen, ehe wir in den Himmel eingehen können. Wir sind noch in einem
Zwischenzustand und demgemäß in einer Zwischenwelt,
in
jener "großen Kluft",
welche sich nach dem Zeugnis des Herrn (Luk. 16,26) zwischen Himmel und Hölle
befindet.
Nun erst zeigt es sich, wohin wir gehören, und das entscheidet sich ganz nach
unserer eigentlichen Gesinnung, —
nicht nach dem äußeren Anschein unserer Lebensführung. Wir drängen aber von
selbst dem einen oder andern Pol zu und machen demgemäß eine gewisse Entwicklung
durch
in der geistigen Welt, welche im Grunde einfach darin besteht, daß unsere
eigentliche Sinnesart in ihrem Wesen zu Tage tritt, worauf wir uns zu Denen
gesellen, die innerlich gleicher Art sind wie wir: zum Himmel oder zur Hölle. Diese
Entwicklung zum einen oder anderen Ziel hin erfolgt in der Hauptsache in drei Stufen. Im ersten Zustand, den
Swedenborg den "Zustand des Äußern"
nennt, erscheinen wir noch ganz so wie in der Welt. Dann aber folgt der
"Zustand des Innern", wo
unsere innere Gesinnung zu Tage tritt, und wo wir nicht mehr anders
erscheinen können, als wie wir innerlich wirklich gesinnt sind. Das ist im
Wesentlichen das Gericht,
von
welchem der Herr besonders in den letzten Tagen Seines Erdenlebens sprach, wo
unsere Lebensbücher aufgetan und wir nach unseren Werken gerichtet werden.
Damit wir in den Himmel eingehen können, muß unsere Gerechtigkeit — wie der
Herr schon in der ganzen Bergpredigt (ausdrücklich aber Matth. 5,20)
dargelegt — mehr sein als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, d.h. es
genügt nicht ein nur äußerliches halten der Gebote, sondern auch unsere Gesinnung muß sich vom Geiste der Gebote erleuchten und
führen lassen. Von außen ist das nicht notwendigerweise ersichtlich, ob
unsere Religion innerlich echt ist oder nicht; denn Böses unterlasen und
Gutes tun kann man auch aus weltlicher Klugheit, im Hinblick auf den Ruf und
um der gesellschaftlichen Form willen. Und diese Art wird auch in der
geistigen Welt in der ersten Zeit nach dem Tode beibehalten, wo Gute und Böse
noch beisammen sind. Dann aber verliert sich die Fähigkeit, äußerlich anders
zu erscheinen, als wie man der inneren Gesinnung nach beschaffen ist; das
Innere tritt zu Tage. Das wird natürlich gar nicht als ein Gericht empfunden
von Denen, deren Leben ihren Glauben an Gott bewiesen hat. Darum sagt der
Herr von ihnen (Joh. 5,24), daß sie nicht in das Gericht kommen. Als
ein Gericht aber wird dieses Offenbarwerden des Innern von den Heuchlern empfunden. Doch entgehen sie
ihm nicht, denn es tritt das Wort des Herrn in Geltung: "Nichts ist
verdeckt, das nicht offenbar würde, und nichts verborgen, das man nicht
wissen wird" (Matth. 10,26). Wer seine Heuchelei aufrecht erhalten will,
der wird aus seinem eigenen Gedächtnis überführt, wo Alles bis ins Einzelnste
aufgeschrieben ist. Ein
Jeder schreibt sein Lebensbuch
selbst:
im Äußern besteht es aus dem äußern Ablauf unseres Lebens, unserem Tun und
Lassen und Erleben. Zugleich aber schreibt sich unser inneres Lebensbuch in uns auf, wo sich nicht so sehr das äußere
Tun und Lassen an sich, sondern die Empfindungen
aufzeichnen, die uns dabei beseelen, der unsichtbare Beweggrund. Das ist
unser eigentliches Lebensbuch, und aus diesem werden wir gerichtet. Wenn es
im Worte (Off. Joh. 14,13) heißt: "ihre Werke folgen ihnen
nach",
so
ist diese Innenseite der Werke
gemeint: der Beweggrund, der uns dabei beseelt
hat, denn das ist das Lebendige und Ewige an unseren Werken, das wir in
unserem ewigen Ich tragen. Beim Gericht zählt darum nicht der Scheins, sondern das Sein. So können sich Menschen, deren
äußeres Tun und Lassen ziemlich gleich aussah, innerlich als sehr verschieden
erweisen: "Alsdann werden zwei auf dem Felde sein: der Eine wird
angenommen, der Andere wird gelassen. Zwei mahlen am Mühlstein: die Eine wird
genommen, die Andere gelassen" (Matth. 24,40.41). Aber es herrscht beim
Gericht nicht nur menschliche
Gerechtigkeit, sondern göttliche,
welche voll ermessen kann, mit welcher erblichen Last Einer belastet war. Die
Gerechtigkeit Dessen, Der uns heißt barmherzig sein, ist beseelt von der
göttlichen Güte und Liebe, und es wird Niemand vom Himmel ausgeschlossen, der
sich nicht selbst davon ausschließt und ihn meidet. Denn der Himmel ist nicht
ein Ort, wo man nach Belieben hin kann oder zugelassen werden kann, sondern
er ist der Zustand des Menschen, da er will, wie Gott will, und urteilt aus
Gottes Wahrheit. Jemand, der nicht so den Himmel in sich hat, wünscht und
erträgt den Himmel darum auch gar nicht. Wer trotz allen Gelegenheiten, die
Gottes Vorsehung schuf, sich bestärkt hat in seiner Selbstliebe und
Weltliebe, der bleibt auch jetzt darin und sucht die Gesellschaft von
seinesgleichen, woraus sich von selbst die Hölle ergibt. Es tritt das Gesetz
in Kraft, das noch die letzte Seite der Bibel verkündet: "Wer ungerecht
ist, werde noch ungerechter, und der Unreine noch unreiner; und der Gerechte
werde noch gerechter, und der Heilige noch heiliger". (Off. 22,11). Wer
seiner Grundneigung nach zum Guten strebt, wird für den Himmel vorbereitet.
Freilich muß er erst alles ablegen, was ihm an Fehlern allenfalls noch
anhängt, was ihm noch recht schweres Erleben einbringen kann, weswegen wir
gut daran tun, auf Erden alle
Fehler zu bekämpfen, zu deren Erkenntnis Gott uns führt, denn wir können
unmöglich mit unhimmlischer Empfindungsweise in das Reich und Sphäre des
Herrn eingehen. Ebenso
aber müssen wir von allen Irrtümern frei werden, namentlich von allen über
Gott und die Gesetze Seines Lebens, von aller falschen Religion, welche sich
nicht auf Seiner Wahrheit aufbaut, denn wir können nicht in Gottes Reich
leben und atmen mit ganz falschen Vorstellungen von Ihm und von den Gesetzen
Seines Reiches. Nur wer sich vom Willen
aus in ihnen bestärkt hat, hält die falschen Lehren fest und lehnt die
Wahrheit ab; wer aber ehrlich nach dem Guten strebt, der läßt die Irrtümer,
in denen er vielleicht aufgewachsen ist, fahren. Solche werden über die
Wahrheit aufgeklärt, was — ihrem aufblühenden Erkennen entsprechend — in
einer Umgebung paradiesischer Gärten geschieht. Auf diese Paradiese der
Vorbereitung für den Himmel mag der Ausspruch des Herrn an den Einen der mit
Ihm Gekreuzigten hinweisen: "Heute sollst du mit mir im Paradiese
sein", wobei zu bedenken ist, daß der Herr hier nicht vom Himmel,
sondern vom Paradies spricht, was nichts anderes als "Garten, Park"
bedeutet; dieser Gekreuzigte war aber trotzdem im Allgemeinen von gutem
Streben geleitet und darum für den Himmel empfänglich war. Der Himmel
Der
Himmel besteht aus Allen, die Gottes Wahrheit und Güte in ihrem Denken und
Wollen verkörpern. Wie in der gesamten Schöpfung aus dem Wesen des Schöpfers
heraus Ordnung und Einstellung bis ins Einzelnste herrscht, so ist auch die
unermeßliche Schar Derjenigen, die den Himmel bilden, nicht ein wahlloses
Durcheinander, sondern der Himmel, das Reich des Herrn, bildet erst recht den
Inbegriff der höchsten Ordnung, weil sich hier Alles dem Willen Gottes gemäß
gestaltet. Durch Swedenborg ist der Menschheit die große Grundeinheit
enthüllt worden, nach welcher sich der Himmel vom Größten bis ins Kleinste
ordnet, welche — wie für jeden tiefer Denkenden klar ist — keine andere sein
kann als die menschliche Form,
da
der göttliche Mensch die Seele
alles Wollens und Denkens von Allen ist, die den Himmel, d.h. die
Verkörperung und gleichsam den Leib bilden. Wir müssen uns dabei hüten, von
außen her und zu gestalthaft zu denken. Wohl ist unser irdischer Leib die
letzte Auswirkung des Menschentums im Irdischen; doch den Funktionen der irdischen Organe entsprechen solche im
geistigen Leben und im
Innerlichsten ursprünglich göttliche
Ordnungen, wie sie in ihrer Urvollkommenheit im Gottmenschentum leben. Wie
schon oben dargelegt, nimmt der Mensch die beiden Formen des Lebens — Liebe
und Weisheit — auf in seinen Willen und Verstand. Diesen beiden Lebensformen
entsprechend teilt sich der Himmel in zwei Reiche
ein,
die der rechten und linken Seite des Körpers verglichen werden können; und je
nachdem in einem Menschen die Liebe oder die Weisheit, das Gefühl oder der
Verstand führend ist, gehört er zu dem einen oder zu dem anderen dieser
Reiche, die Swedenborg — da er vorhandene Wörter verwenden müßte — das
himmlische und das geistige Reich
nennt, wobei das himmlische Reich
Diejenigen umfaßt, welche sich mehr von der Liebe und vom Gefühl, das
geistige Reich dagegen Diejenigen umfaßt, de sich mehr von Verstandesüberlegungen
leiten lassen. Sowohl
die Liebe wie die Weisheit können aber von sehr verschiedener Innerlichkeit
sein; dem entsprechen drei Himmel,
von
denen ja auch Paulus spricht und die äußerlich der Dreiteilung des Körpers in
Haupt, Rumpf und Beine verglichen werden können. Im
untersten oder natürlichen Himmel
finden ich Diejenigen, die die Wahrheit wohl aufnehmen, ohne jedoch tiefer in
sie einzudringen, und die sie aus Gehorsam
befolgen. Im
zweiten oder geistigen Himmel sind
Diejenigen, die tiefer in das Verständnis
der Wahrheit eindringen und aus Nächstenliebe
handeln. Im
höchsten oder himmlischen Himmel
sind die innerlichten Menschen, die aus Liebe
zu Gott handeln und daraus in der höchsten Weisheit sind. Aber
auch innerhalb jeder dieser drei Hauptstufen gibt es unendliche
Mannigfaltigkeiten des Charakters, der Verkörperung der Liebe und Weisheit,
die sich vom göttlichen Einfluß her vereinen und gliedern in Gruppen und Vereinigungen
entsprechend
den Organen und Gliedern des Leibes und die für die Gesamtmenschheit einen
Nutzen wirken, welcher demjenigen aller Teile des Körpers bis zur letzten
Zelle entspricht. Durch
die Aufschlüsse Swedenborgs wird es uns befreiend klar, daß das Leben des
Himmels kein ewiges Beten und Singen
ist,
worin kein Mensch auch nur eine Woche lang seine Seligkeit finden könnte,
geschweige denn die ganze Ewigkeit. Nein, kein gesunder Mensch kann auf die
Dauer glücklich sein, wenn er nicht etwas Nützliches leistet, sind wir doch
unserer Anlage nach in Gottes Ebenbild geschaffen; und wie bei Gott die Liebe
und Weisheit sich auswirkt im Dritten: in dem von Ihm ausgehenden Schaffen
und Wirken, so tragen auch wir den Drang in uns, das uns von Gott gegebene
Leben, die uns von Gott gegebenen Kräfte irgendwie in nützlichem Wirken
auszuleben.
Freilich können wir uns hienieden nur von den geistigen Berufen des Lehrens
und Erziehens eine rechte Vorstellung machen, doch sagt uns Swedenborg, daß
auch die Tätigkeiten im Himmel sich in unendlicher Mannigfaltigkeit gliedern
und einteilen. Weil
unsere Arbeit auf Erden oft so unbefriedigend ist und so oft gar nicht den
Wünschen und Veranlagungen der Einzelnen entspricht und zudem weitgehend
eingeklemmt ist in ein soziales System voll Härte und Ungerechtigkeit und
Ausbeutung, erscheint Vielen die Arbeit
an sich als etwas Hassenswertes, das es im Himmel einmal nicht mehr geben
dürfte, und so bestärkte man sich ohne weiteres in dieser Meinung durch
solche Bibelstellen, die diese Auffassung zu bestätigen scheinen, vor allem
durch folgende zwei: daß dem Menschen (1 Mose 3,19) nach dem Sündenfall als
Strafe für seinen Sündenfall gesagt wird: "Im Schweiße deines
Angesichtes sollst du Brot essen", und es andererseits in der Off. Joh.
14,13 heißt: "Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben von nun an!
Ja, spricht der Geist, auf daß sie ruhen von ihren Arbeiten; ihre Werke aber
folgen ihnen nach." Diese beiden Stellen stammen nun aber aus Teilen der
Bibel — die, wie wir später sehen werden, gar nicht buchstäblich zu verstehen
sind, sodaß auch hier die innere Arbeit
der Überwindung des Bösen gemeint
ist, welche der Mensch auf sich lud dadurch, daß er sich ins Böse sinken
ließ, und die erst dann aufhört, wenn er es aus dem Herrn überwunden hat. Eine
ewige Glückseligkeit ist in ewiger Trägheit nicht nur undenkbar, sondern
widerspricht auch dem Wesen der Liebe, die doch ihre Seligkeit nur darin
findet, daß sie sich für Andere auslebt, und aus der Selbstlosigkeit des
Wirkens quillt auch die eigentliche himmlische Freude, wie denn der Herr, sobald Er den Jüngern am letzten Abend
Seines Erdenlebens das Gebot der Liebe
gegeben hatte, zu ihnen sprach: "Solches habe ich zu euch geredet, auf
daß meine Freude in euch sei und eure Freude voll werde." Solche,
die auf Erden schon als Kinder
sterben,
werden im Himmel von Müttern gepflegt und dann unterrichtet und für den
Himmel erzogen, wie denn der Herr sagte: "Also ist es auch nicht der
Wille vor eurem Vater in den Himmeln, daß eines dieser Kleinen verloren
gehe." — Freilich fehlt Denen, die schon als Kinder hinübergehen, eine gewisse
Grundlage, welche zum Verständnis von Manchem unerläßlich ist; doch würden in
Zeiten, wie den jetzigen gewisse innerlichere Himmel von Erde her ohne sie
kaum bevölkert werden. Doch müssen auch die Kinder in der geistigen Welt erst
heranwachsen, ehe sie zu Engeln werden, wie denn der Herr ihre kindliche
Unschuld nicht aus ihnen selbst, sondern von den Engeln her erklärt, die bei
den Kindern auf Eden sind: "Denn ihre Engel schauen allezeit das Antlitz
Meines Vaters in den Himmeln" (Matth. 18,14). *
* * Auch
in Denen, die in der geistigen Welt heranwachsen, keimt mit der werdenden
Reife die Fähigkeit zur ehelichen Liebe, und wenn sie ihren Liebespartner
gefunden haben, schließen sie die Ehe.
Denn
wir sind ja nicht nur irdisch-körperlich Mann oder Weib, sondern auch geistig
und seelisch, also auch in unserem ewigen Ich, das über den Tod des Leibes
hinaus besteht. "Gott schuf den Menschen in Sein Bild, … männlich und weiblich schuf Er sie," hören wir in der
Schöpfungsgeschichte (1 Mose 1,27), und ein Mensch, der wirklich eheliche
Liebe kennen gelernt hat, weiß auch, daß die Verbundenheit von zwei in wahrer
ehelicher Liebe Vereinten mit dem Tode des Leibes nicht aufhören kann. Daß
trotzdem selbst in der christlichen Kirche die Meinung ziemlich allgemein
ist, es gebe nach dem Tode des Leibes keine Geschlechter mehr, rührt
einerseits davon her, daß man über das Wesen der Ehe in Unwissenheit ist und
deswegen außerchristlichen Irrtümern verfiel und gewisse Worte des Herrn
mißdeutete. Da
es sich dem Bewußtsein der Menschheit tief einprägte, daß die Sinne — durch
die kriechende Schlange verkörpert (1 Mose 39 — einst das Mittel zum Abfall
der Menschen von Gott gewesen waren, lag ein Fluch auf ihnen, und in
vorchristlicher Zeit war es schon allgemeine Auffassung, daß ein heiliges
Leben nur in der völligen Absage an Alles, was die Sinne ansprechen kann,
bestehe, — ein in den Religionen des Orients allgemein herrschender Glaube.
In der Unwissenheit über das Wesen der Ehe sah man sie nur von der physischen
Seite her an und rechnete sie und Alles, was mit der Liebe zum anderen
Geschlechte zusammenhängt — ja dies in erster
Linie — zu dem, was mit einem heiligen Leben unvereinbar sei. Paulus hat
diesem Irrtum unglücklicherweise Vorschub geleistet mit dem Satze:
"Heiraten ist gut, ledig bleiben ist besser", und so hielt diese
außerchristliche Auffassung Einzug auch in die christliche Kirche und kommt
zum Ausdruck in der Forderung der katholischen Kirche, daß zumindest
Priester, Mönche und Nonnen, d.h. alle Diejenigen, welche sich die volle
Verwirklichung des heiligen Lebens zur Pflicht machen, ehelos leben müßten.
Aber auch die protestantische Kirche, die diesen Grundsatz zwar verwirft,
glaubt, soweit sie überhaupt etwas darüber lehrt, daß die Engel
geschlechtslos seien und auch wir es sein werden, wenn wir zum Himmel
eingehen. Die eheliche Liebe hat ihren
Ursprung in Gott Selbst. Wie schon oben dargelegt, ist Gott der Mensch von
unendlicher göttlicher Liebe und Weisheit. Wir Menschen — Mann und Weib —
nehmen diese beiden Elemente des Menschentums von Ihm auf in unseren Willen
und Verstand. Nun nehmen aber Mann und Weib sie nicht im gleichen Verhältnis
auf: im Vergleich zum Weibe ist der Mann ein verstandesmäßiges Wesen, und im
Vergleich zum Manne läßt sich das Weib mehr von Gefühlen leiten. Wie der von
der Sonne ausgehende Lichtstrahl sich im Regen oder an irgend einem Prisma in
die Regenbogenfarben aufteilt, die wiederum zum einheitlichen weißen Strahl
vereint werden können, so spaltet sich das von Gott ausströmende Leben gleichsam
in die zwei Formen seiner Aufnahme: in männlich und weiblich, von denen also
jedes das Leben aus Gott notwendigerweise unvollständig, d.h. etwas einseitig verkörpert. Nun leben wir
aber in der Sphäre Gottes, in welchem Liebe und Weisheit noch völlig ungetrennt vorhanden sind; aus Seiner Sphäre keimt darum in uns der
Drang zur Wiedervereinigung dessen, was in Ihm Eins, in uns aber getrennt
ist. Im Wesen Gottes also keimt der
Ursprung der Anziehung der Geschlechter, deren unterste Form die bloße Geschlechtsliebe,
deren edelste, reinste Form aber die wahre eheliche Liebe ist, über welche
Swedenborg ein herrliches Werk geschrieben hat. In
ihrer höchsten Entwicklung ist also die eheliche Liebe — meistens wohl hinter der Schwelle des uns Bewußten —
eine Verbindung der Liebe und Weisheit oder des Guten und Wahren; alles
was bei Mann und Weib zur Verbindung dient, ist daher heilig vom Innersten
bis ins Letzte. Keusch ist also nicht so sehr die Unberührtheit an sich,
sondern vielmehr jene Einstellung
zu Allem, was mit der Liebe zwischen Mann und Weib zusammenhängt, welche
Alles als heiligen Boden empfindet und behandelt; keusch im vollen Sinne des
Wortes ist nur die wahre eheliche Liebe, soweit Engel und Menschen sie zu
verwirklichen vermögen. Der
Ehe hat der Schöpfer das hohe Amt geschenkt, die neuen Menschen in Leben zu
rufen, sodaß sie die Pflanzstätte der Menschheit auf Erden und im Himmel it.
Aber auch wo dem Lebensaustausch keine Kinder beschieden sind, dient er zur
immer neuen Besiegelung und Vertiefung des inneren Verbundenseins. Das sind
seine Segnungen im Himmel. — Jedem Menschen, der sich nach wahrer Ehe sehnt,
wird vom Herrn eine "Ähnlichkeit" vorgesehen, welcher er — wenn
nicht in dieser Welt — so doch notwendigerweise im anderen Leben begegnet.
Wenn zwei also Zusammengehörige sich schon auf Erden gefunden haben, dann
finden sie sich auch drüben wieder zusammen und führen im Himmel ihren Bund
beglückt fort. Ist das aber nicht schon hienieden beschieden gewesen, so gibt
es keine bleibende Wiedervereinigung, wohl aber ein Jedes, das eine echte Ehe
ersehnt, seinen beglückenden Partner. Im
Himmel kehren wir — befreit von dem Leib mit seinen Altersbeschwerden — zur
wahren Jugendlichkeit und Schönheit zurück, die sich aus dem lebendigen
Verbundensein mit Gott in Ewigkeit erneut. Die
Christenheit glaubt im Allgemeinen, der Herr habe mit Seiner Antwort an die
Sadduzäer deutlich gelehrt, daß es in der andern Welt keine Ehe gebe. Doch
lesen wir die betreffende Episode (Matth. 22,23-33), so sehen wir, daß es
sich dort gar nicht so sehr um die Frage der Ehe im andern Leben, sondern
überhaupt um die Frage der Auferstehung handelt: und da meinten die
materialistischen Sadduzäer die Unmöglichkeit einer Auferstehung zu beweisen,
weil nach Moses Gesetz ein Weib unter Umständen mehrere Brüder nacheinander
zum Manne haben konnte, sodaß sie also bei einer Auferstehung, wie sie
meinten, das Weib des Einen wie des Andern sein müßte. Dese materialistischen
Sadduzäer über das wahre Wesen der Ehe aufzuklären, was aussichtslos; und
hier handelte es sich ja auch lediglich um die Frage der Auferstehung. Darum lehnte der Herr ihr törichtes Geschichtlein,
auf das ihnen wohl noch niemand zu antworten vermocht hatte, einfach mit dem
Worten: "Ihr sein im Irrtum und wisset die Schriften und die Kraft
Gottes nicht," und belehrte sie, daß es das, was sie unter der Ehe
verstanden — dieses bloß körperliche und juristische Freien und sich freien
lassen — bei den Engeln nicht gibt. Dann aber gab Er Seine deutliche Lehre
über die Auferstehung. Freilich haben die Worte des Herrn noch einen tieferen
Sinn, auf den wir hier nicht eingehen können. Er Selbst aber hebt im
Evangelium die Grundtatsache hervor, daß "Er, der sie von Anfang an
gemacht hat, sie als Mann und Weib
schuf." *
* * Da
das Vorhandensein einer geistigen Welt für einen Großteil der christlichen
Kirche heute noch etwas Neues ist, sind die Vorstellungen davon
dementsprechend nebelhaft, als könne es sich dabei nicht um eine tatsächliche
substanzielle Wirklichkeit handeln. Mit dieser Wirklichkeit räumt Swedenborg
völlig auf. Die geistige Welt, in welcher wir unserm Innern nach schon auf
Erden leben, nach dem Tode des Leibes jedoch sichtbar, ist eine Welt von wirklicher Substanz,
wie
auch unser geistiger Leib wirkliche Substanz ist, jedoch nicht die grobe
materielle, sondern die feinere geistige. Es
tut uns not, darüber klar zu sein, daß vor Allem Gott nicht nur ein
Gedankenbild ist, sondern die
eigentliche Lebenssubstanz in jener innerlichsten Lebendigkeit und
Vollkommenheit, die wir göttlich nennen und mit dem Gedanken nicht erfassen
können, die innerste Seele alles Lebens aller Welten. Daraus
ergibt sich auch erst eine sinnvolle Erkenntnis vom Hergang der Schöpfung,
auf
welchen wir hier allerdings nicht eingehen, sondern nur einen raschen
umspannenden Blick werfen können: Von
Gott strahlt das Leben aus, und diese Ausstrahlung wird von den Engeln als Sonne geschaut, wie denn das Wort
verkündet: "Er hüllt in Licht sich wie in ein Gewand" (Ps. 104,2);
und darum sahen die Jünger, als sie bei der Verklärung des Herrn das
Göttliche durch Sein Menschliches
hindurchleuchten sahen, "Sein Antlitz leuchten wie die Sonne"
(Matth. 17,2). Von dieser Lebenssonne
strahlt
das Leben aus und bildet zunächst die Atmosphären der geistigen Welt — in
drei verschiedenen Stufen der Innerlichkeit, welche die drei Himmel bilden. Da
der Endzweck der Schöpfung ein Himmel von Engeln aus dem menschlichen
Geschlechte ist, welche — wie wir sahen — ihr Dasein in der irdischen Welt
beginnen müssen, bleibt das von Gott ausstrahlende Leben mit der Erschaffung
der geistigen Welt nicht stehen, sondern steigt noch weiter herab oder —
richtiger gesagt — nach außen: aus
dem Bereich des Geistigen drängt es zum Letzten, — zum Stoffe. So Entstand —
wie Swedenborg in seinem kosmologischen Werk "Principia" ausführt —
der erste natürliche Punkt; und aus dem drängenden Einfluß der
Lebenssonne entstanden die Urfeuer der Sonnen der natürlichen Welt
Wir
können hieraus erkennen, daß das Leben in ganz bestimmten, von einander
gesonderten Graden oder Stufen von Gott bis zum Stoffe
herabsteigt, wobei es sich nicht um räumlich
getrennte Stufen handelt, sondern um Stufen der Lebendigkeit, Innerlichkeit
und Vollkommenheit. Wir bekommen vielleicht eher einen Begriff vom Wesen
dieser Grade, wenn wir an die drei Aggregatzustände des Stoffes, z.B. des
Wassers denken: wie es vom flüssigen Zustand aus bei Kälte plötzlich von
einem Augenblick zum anderen fest wird, und bei Wärme ebenso in Gasform
übergeht; wohl nimmt seine Dichtigkeit und Festigkeit mit jedem Wärmegrad zu
oder ab, der Übergang von einem Aggregatzustand zum anderen ist aber dennoch
ein plötzlicher; der Vergleich ist natürlich unzulänglich, handelt es sich
hier nur um verschiedene Festigkeitsstufen des Stoffes, nicht um Stufen der
Vollkommenheit. In der gesamten Schöpfung ergeben sich als die großen
Hauptstufen diese Drei: das Göttliche, das Geistige und das Stoffliche, die
nicht räumlich getrennt sind, wo vielmehr das Göttliche als innerste Seele
innewohnt, während das Geistige und zuletzt das Stoffliche es umkleidet. So
entstanden aus dem Einfluß der Lebenssonne die Sonnen des natürlichen
Weltalls. Aus
unserer Sonne dürfen dann — nach der von Kant und Laplace übernommenen
Nebulartheorie Swedenborgs — die Planeten abgeschleudert worden sein, welche
um die Sonne zu kreisen begannen und nach genügender Abkühlung zur Werkstatt
der Natur wurden. Das Ziel Gottes drängte zur Schaffung des Menschen, in
welchem sich der Endzweck der Schöpfung erfüllen konnte; darum ließ Gott auf
Erden Leben entstehen, das Pflanzen und Tierreich, zuerst in einfachsten
Formen, dann in immer entwickelteren und höheren, bis zuletzt der Mensch
geschaffen wurde, welcher Gottes Leben im Geiste in ewigen Formen aufnehmen
kann. Diese Evolution,
dieses
Ansteigen der Lebensformen aus einfachsten zu entwickelteren mit der
Entstehung neuer Arten in Pflanzen- und Tierwelt haben materialistisch
eingestellte Vertreter der Wissenschaft — unter Ausschaltung des Schöpfers —
einfach mit dem "Kampf ums Dasein" zu erklären versucht, in welchem
auf die Dauer nur die zu diesem Kampfe am besten Ausgestatteten zu bestehen
vermochten, wobei sich immer neue und höhere Arten hätten bilden müssen. Sie
übersehen dabei, daß die Entstehung der ersten Zellen nicht auf einen Kampf
ums Dasein zurückgeführt werden kann und daß nach dem Gesetze der Abnützung
nicht einmal das Bestehenbleiben einer vorhandenen
Entwicklungshöhe, geschweige denn eine Entwicklung von neuen und höheren
Lebensformen ohne einen beständigen Einfluß aus einem höheren Quell des
Lebens erklärt werden könnte, ganz abgesehen davon, daß die einfachsten
einzelligen Lebewesen, die nach jener Theorie längst aus der Schöpfung müßten
verschwunden sein, auch heute noch in ungezählten Milliarden weiterbestehen
und ihre Nahrung finden. Das Rätsel dieses Aufstiegs, dieses Hinstreben zur
menschlichen Form, findet seine Erklärung lediglich in dem Einfluß vom
Schöpfer, Der in Seiner Schöpfung Sein Ebenbild zu schaffen trachtete. *
* * Da
so Alles aus Gott eigenem Leben — und nicht aus Nichts — hervorgegangen ist,
muß alles von Gott Geschaffene so oder so ein Gleichnis und Ausdruck von
etwas sein, das in seiner reinsten Urform in Gott ist, — und da die
Wesensseiten Gottes Liebe und Weisheit sind, so muß alles von Ihm Geschaffene
so oder so im höchsten Sinne Liebe und Weisheit im Gleichnis zum Ausdruck
bringen und da der Mensch Liebe und Weisheit von Gott aufnimmt, kann Alles in
der Schöpfung nur etwas darstellen, was er — zumindest der Anlage nach — auch
in sich hat. Alle Dinge in der Schöpfung sind sonach notwendigerweise Entsprechungen
von
etwas Geistigem, denn Alles hat seinen Ursprung zunächst im geistigen Bereich
und zuletzt in Gott. Die ganze Natur ist somit gleichsam eine Schaubühne, auf welcher sich geistige — und im Innersten göttliche — Kräfte und Sachverhalte im
Bereiche des Stoffes auswirken und im Gleichnis zur Anschauung bringen. Am
deutlichsten wird uns das wohl aus unserem Körper, namentlich am Antlitz: jede Miene und Gebärde ist nichts anderes als eine Bewegung des
Körpers, etwas Physisches, bringt aber so deutlich eine Stimmung des Geistes zum Ausdruck, daß sie ohne
Worte von jedermann, selbst vom Tier, verstanden wird. Freude, Zorn, Schmerz
und alle Gemütsregungen können wir so aus den minimalen Veränderungen der
Gesichtsmuskeln ablesen, weil und wenn diese der inneren Stimmung
entsprechen. Ebenso
besteht unsere menschliche Sprache
aus einer Aneinanderreihung von Lauten, welche von unserer Kehle, Zunge und
Lippen hervorgebracht werden; doch daran denkt beim Reden oder Lesen Niemand,
denn diese physischen Laute sind uns der Ausdruck von Gedanken, die etwas Geistiges
sind. Noch
deutlicher ist uns dies vielleicht in der Musik:
kein Mensch denkt, wenn er eine Melodie hört, daran, daß sie — von außen
besehen — im Grunde nichts anderes ist als die Schwingungen der Luft, wobei
unser Ohr niedere oder höhere Töne hört, je nachdem es mehr oder weniger
Schwingungen in der Sekunde sind; dem Komponisten waren diese Töne einfach
der Ausdruck einer freudigen oder wehmutigen Stimmung; diese ist etwas Geistiges, während die Schwingungen
der Luft etwas Physikalisches sind; doch wenn sie vom Musiker geschickt
verwendet werden, daß die so entstehende Melodie jene Stimmung gleichsam verkörpert, so entspricht sie, sodaß
jeder Musikempfängliche aus der Melodie jene Stimmung der Seele vernimmt. Diese
Tatsache der Entsprechung ist das Gesetz
der Schöpfung: alles in der Natur besteht kraft der Tatsache, daß höhere,
über der Materie liegende Kräfte diese benützen und sie so gestalten und
anordnen, daß sie zum entsprechenden Ausdruck im Bereiche des Stoffes dienen
kann. Die
Chemie macht uns das Wie? einigermaßen vorstellbar: sie ist bis in das Atom
gedrungen und hat erkannt, daß auch dieses — bis vor kurzer Zeit als kleinste
Einheit betrachtet — sich ähnlich wie ein Sonnensystem aufbaut: um einen
Atomkern kreisen kleinste Pünktlein, die man
Elektronen benannt hat, und davon, wie viele solcher Elektronen um den Kern
kreisen, scheint es abzuhängen, welchem Element ein Atom angehört, — ob Gold,
Eisen, Silber, Kupfer, Sauerstoff, Wasserstoff, Kohle, Schwefel, Phosphor,
Radium, oder welchem von den 90 bisher festgestellten Elementen. Die
Wissenschaft wagt heute diese Elektronen kaum mehr mit Sicherheit als Stoff
anzusehen, sondern fragt sich, ob sie nicht Kräfte seien, und führt uns bis zu dem Punkte, wo wir erkennen,
daß über dem Stoffe liegenden
Kräfte auf diesen einwirken, ihn beherrschen, ordnen und gestalten und für
ihren Ausdruck dienstbar machen. In
der Tat ist es so, wie Goethe es als frucht seines langjährigen Lesens in den
Schriften Swedenborgs in den letzten Zeilen seines "Faust"
verkündet: "Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis." Und diese
Tatsache, so neu sie manchem klingen mag, ist dennoch dem Empfinden der
Menschen so fest eingeschrieben, daß wir die Spuren davon im Sprachgebrauch
mancher Völker finden. Wenn z.B. davon die Rede ist, daß einer ein warmes
Herz habe oder mit Wärme für eine Sache spreche, — wer versteht das etwa so,
als sei die Bluttemperatur des Betreffenden erhöht? Obschon Wärme eine Sache
des Thermometers ist, versteht doch Jeder die Wärme als Gleichnis der Liebe, weil eben Wärme der Liebe entspricht, d.h. im physischen Leben
die Rolle spielt, welche die Liebe im geistigen
Leben spielt. Ebenso
denkt Niemand an irdisches Licht,
wenn man von Erleuchtung, erleuchteten Menschen oder Leuchten der
Wissenschaft spricht oder wenn der Herr Sich und die Jünger das Licht der
Welt nennt oder wenn schon der Prophet Sein Kommen in diesem Bilde
beschreibt: "Ein Volk, das wandelt in der Finsternis, hat ein großes Licht
gesehen; über Die, so im Lande des Todesschattens wohnen, erglänzet ein
Licht" (Jes. 9,1), weil Jedermann im Licht ohne weiteres ein Gleichnis
für die Wahrheit erblickt, denn wie
wir die Dinge sehen, wenn Licht auf
sie Fällt, so sehen wir sie mit unserem Verstande, wenn das Licht der Wahrheit darauf fällt; so ist uns auch
das körperliche Sehen das Gleichnis für das Sehen des Geistes oder für das Einsehen. Viele
Bibelleser lächeln vielleicht heute über das samaritische
Weib (Joh. 4), das — als der Herr vom "lebendigen Wasser" sprach,
das Er geben könne — darunter irdisches
Wasser verstand; sie sind sich aber wohl kaum bewußt, daß Sein Gleichnis sich
nicht nur auf ein willkürlich gebrauchtes Bild stützt, sondern auf das die
ganze Schöpfung umfassende grundgesetzt der Entsprechung, wonach geistige Wirklichkeiten sich im Stoffe
offenbaren, indem sie den Urstoff so beherrschen und benützen, daß er im
Aufbau und in seiner Wirkung ihnen entspricht
und als Ausdruck und Grundlage dient. Der Nutzen,
den etwas in der Schöpfung uns leisten kann, ist gewöhnlich der Schlüssel zum
Verständnis seiner Entsprechung. Bedenken wir z.B., um bei dem Gleichniswort
des Herrn zu bleiben, die verschiedenen Nutzwirkungen des Wassers, aus welchem weit mehr als die
Hälfte nicht nur unserer Nahrung, sondern unseres eigenen Körpers besteht, so
werden wir finden, daß es im natürlichen Leben die gleiche Rolle spielt, wie
das Wissen der Wahrheit im
geistigen Leben: schon im Aufbau des geistigen Lebens nimmt dieses den
gleichen Raum ein wie das Wasser in den uns dienenden natürlichen Organismen;
und das Bild bleibt gültig, wenn wir das Wasser in seinen verschiedenen
typischen Nutzwirkungen verfolgen: wie es einen wichtigen Teil unserer
Nahrung ausmacht und auch im Erdboden die dienlichen Stoffe auflöst und in
die Pflanzen hinaufträgt, so ist das Wissen — handle es sich nun um
Wahrheiten der Wissenschaft oder des Berufskreises oder der Religion — eines
der wichtigsten Elemente im Aufbau und in der Nahrung unseres geistigen
Lebens; und ebenso wie wir durch Anwendung des Wassers rein werden, indem es
die Stabteilchen von unserer Haut löst, so werden wir innerlich rein, wenn wir die Kenntnisse der Wahrheit, z.B. der
Gebote anwenden. Das sind nun nicht
lediglich hübsche Übereinstimmungen, sondern das Wasser hat diese
Eigenschaften im Natürlichen, weil
es die Entsprechung des Wissens
ist. Darum kehrt es im göttlichen Worte immer wieder als Gleichnis der Kenntnis der Wahrheit: "Ihr Himmel,
horchet auf, und ich werde reden, und meines Mundes Sprüche höre die Erde!
Wie Regen träufle meine Rede und mein Spruch fließe wie der Tau! Wie Regenschauer auf junges Grün,
wie Regengüsse auf das Kraut!"
(5 Mose 32,1.2) Man
kann freilich auch des Wissens zu viel
haben, — mehr als man nützlich auszuleben vermag, sodaß es, statt unser
geistiges Leben segensvoll aufzubauen, die gleichen Verheerungen anrichtet
wie die Überschwemmungen in der Natur. Sehen wir nicht ein Bild davon in
unserer Neuzeit, wo die vom Gottesglauben weithin gelöste Menschheit die
fülle des neuen Wissens nicht voll zum Segen zu verwenden vermag? So hat sie
dort, wo die Seele nicht im Gottesglauben wurzelt, den Glauben weggeschwemmt
statt ihn zu festigen; und so wird, weil der soziale Wille im allgemeinen
noch rückständig und nicht auf der Höhe ist, mancher Fortschritt im Wissen,
welcher ein Segen sein könnte, wie z.B. die Erfindung einer neuen Maschine,
welche viel Handarbeit ersetzt, ein Unsegen, indem sie wieder Tausende um
Arbeit und so ums Brot bringt. Wir
können in diesem kurzen Überblick natürlich keine ins Einzelne gehende
Darlegung der Entsprechungen gehen, dürfen aber vielleicht noch ein Beispiel
zur Verdeutlichung anführen. Im göttlichen Worte wird auch das Öl viel
erwähnt, und zwar als Sinnbild
himmlischer Liebe. Der, dessen Kommen das ganze Alte Testament verkündet
und Den alle anderen Gesalbten — Könige und Priester — nur vorbildeten, ist
der Gesalbte, weil an Ihm die göttliche Liebe lebendig in Erscheinung treten
sollte, und darum nahm Er am Ende Seines irdischen Lebens auch die Salbung mit
dem kostbaren Salböl an. Aber auch in allen seinen sonstigen Nutzwirkungen
ist das Öl eine deutliche Entsprechung himmlischer Liebe: wie im Heiligtum
des Tempels der Leuchter immer Öl enthalten und daraus brennen sollte, so
zeigte der Herr im Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen, daß wie
die Lampen, so schön geschmückt sie sein können, nichts nützen ohne Öl, auch
unser Glaube kein wahres Licht spendet ohne Liebe. Früher pflegte man auf die
stürmische See zur Beruhigung Fässer von Öl auszugießen, — stillt nicht auch
die gütige Freundlichkeit himmlischer Liebe am ehesten die Wogen stürmischer
Erregung? Und wie Öl die Schmerzen von Wunden lindern kann, so tut himmlische
Liebe Wunden der Seele wohl. Und ist nicht die wichtige Rolle, welche das Öl
in der heutigen Maschinenindustrie spielt, wo mit etwas wenigem Öl ohne
Schaden Stahl sich hart an Stahl reiben und so außerordentliche Arbeit
verrichten kann, während ohne Öl jede Maschine binnen kurzem heißlaufen und
zugrunde gehen würde, ein deutlichster Ausdruck von der Tatsache, daß der
Verkehr unter Menschen, wo die verschiedenartigsten Interessen
aufeinanderstoßen, trotz aller Reibung harmonisch von Statten gehen kann,
sobald er von freundlicher Güte begleitet ist, ohne welche die "Maschine"
heißläuft und zum Bruche führt? Das sind nun nicht hübsche Vergleiche, die
zufällig stimmen, sondern es ist vielmehr so, daß das Öl alle diese
Eigenschaften hat, weil es sein Werden dem Einflusse solcher Sphären in der
geistigen Welt, wo diese himmlische Liebe solcher Sphären in der geistigen
Welt, wo diese himmlische Liebe aus dem Herr in besonderer Reinheit lebendig
ist, verdankt. Es entsteht und wird nichts in der Natur ohne diesen geistigen
Einfluß, d.h. letztlich den Lebenseinfluß aus dem Göttlichen. So
erklärt es sich, daß die Dinge, wie wir auf Erden in der Natur finden, sich zuerst in der geistigen Welt finden in
ihrer Urform und daß, weil unsere
Natur aus dem Einströmen dieser Einflüsse lebt, unsere Welt dem äußeren
Aussehen nach sich gar nicht so sehr von der geistigen unterscheidet. Es
haben schon etwas gedankenlose Kritiker Swedenborg Mangel an Phantasie
vorgeworfen, eben weil er die geistige Welt in ihrer Außengestalt unserer
irdischen Welt so ähnlich
schildere; nun, es war eben nicht Swedenborgs Amt, hier Phantasie zu
entwickeln, sondern vielmehr einfach und wahrheitsgetreu die Tatsachen zu
schildern und soweit wie möglich zu erklären; wie die meisten bisherigen
Kritiker sind eben auch die genannten nicht tief genug in diese Erklärungen
eingedrungen, um zu verstehen, daß die geistige Welt gar nicht so verschieden
von der irdischen aussehen kann,
ebenso wie der Hauptausdruck des Antlitzes nicht allzu verschieden vom
geistigen Zustand eines Menschen sein kann, wenn er sich frei gibt, wie er
ist.* *)
Siehe Prof. Dr. Ernst Benz, Marburg a.d.L., "Swedenborg und Lavater, Ueber die religiösen Grundlagen der Physiognomik",
Sonderabdruck aus der "Zeitschrift für Kirchengeschichte", 1938,
Verlag von W. Kohlhammer, Stuttgart. Freilich
sind die Formen der geistigen Substanz
vollkommener als die des trägen
irdischen Stoffes und wandeln sich auch rascher dem Zustande des Menschen
gemäß. So bringt z.B. die Pflanzenwelt in der Umgebung des Menschen sein
Erkenntnisleben der Entsprechung gemäß je nach dem in ziemlich raschen
Wandlungen zum Ausdruck, währen anderseits die Regungen seines Wollens — von
ferne gesehen — oft im Bilde eines Tieres oder anderer entsprechender
Gestalten bildlich darstellen. Die Sphäre der Unschuld einer bestimmten
Gruppe kann z.B. von ferne wie ein Lamm geschaut werden oder aber auch im
Bilde eines unschuldigen Kindes. In
der geistigen Welt, zumal im Himmel, ist ein feines Verständnis lebendig für
die innere Bedeutung jeder form bis ins Feinste; dadurch wird die Freude an
allem Schönen unendlich verinnerlicht und erhöht; ein nicht geringer Teil der
himmlischen Glückseligkeit stammt von daher. Darum ist auch im Himmel die Kunst
in
ihrem eigentlichen Urborn, da sie — auf welchem Gebiete es auch sei —
hervorströmt aus der unendlich innerlichen Harmonie zwischen göttlicher Liebe
und Weisheit, wie sie vom Menschengeist empfunden wird und mehr oder weniger
auch in seinem Innern verwirklicht
ist; von daher stammt die Zweipoligkeit, welche sich in lebensvollem Rhythmus
und Symmetrie offenbart, einem wichtigen Element in manchen Formen der Kunst
(z.B. im Auf- und Abtakt in der Musik). Das Böse in der Natur.
Noch
ist ein Wort zu sagen auf die Frage: Wenn doch Alles von Gott geschaffen ist
und alles von Ihm Geschaffene so oder so seine Liebe oder Weisheit im Gleichnis
zum Ausdruck bringen soll — wie ist dann das Vorkommen von so Vielem in der
Natur zu verstehen, das keineswegs ein Bild von etwas Göttlichem ein kann,
wie Dornen und Distel und Krankheiten
im Pflanzenreich und Raubtiere und
widerliches Ungeziefer und Krankheitsbazillen im Tierreich? Die
Antwort gibt uns die Heilige Schrift selbst: Nachdem in 1 Mose 3 der Abfall
der Menschheit in Ungehorsam gegen Gott im Bilde geschildert ist, verkündet
Gott dem Menschen als eine Folge des Bösen, das er so in die Welt gebracht
hat: daß nunmehr der Boden ihm Dorn
und Distel bringen werde. Damit ist
offenbart, daß aus den schlimmen Sphären des Bösen, welche nun in der
geistigen Welt mächtig zu werden und auf die Entwicklung auch der Natur
Einfluß zu haben beginnen, sich solche Lebensformen entwickeln würden, welche
den verschiedenen Formen des Bösen entsprachen.
Das Leben an sich auch in diesen schlimmen Schöpfungen ist von Gott, — die Formen aber, in welche sich dieses Leben einkleidet,
stehen unter dem Gesetze des Einflusses aus der geistigen Welt in den Bereich
des Stoffes. Wie Gutes so in Böses verkehrt wird, so konnten nun gute
Lebensformen zu bösen entarten, — in der Welt der an sich harmlosen Schlangen
z.B. konnten sich nun giftige Arten entwickeln, neben den Bienen die Wespen, usw; so aber konnten auch Krankheitskeime in Pflanzen-
Tier- und Menschenwelt entstehen, welche als Geißel der Menschheit in
entsprechungsvollen Gleichnissen die schlimmen Mächte vor Augen führen, von
welchen sie sich mehr oder weniger weitgehend leiten läßt. Aus
diesem Ursprung des Schlimmen in der Natur geht auch hervor, daß aller
Vertilgungskampf gegen Plagen von außen her allein diese nie endgültig zu
beseitigen vermag; erst wenn die betreffenden schlimmen Sphären dadurch zum
Aufhören kommen, daß die Menschheit von dem betreffenden Bösen frei wird,
wird auch die Lebenskraft der entsprechenden üblen Schöpfungen vermindert,
sodaß sie im Kampf ums Dasein nicht mehr bestehen können und untergehen, —
ein Wegweiser zum Verständnis des Rätsels vom Entstehen neuer Arten und dem
Verschwinden bestehender und früherer. In
den frühen Zeiten des sog. Silbernen Zeitalters waren diese Zusammenhänge
bekannt; mit der zunehmenden Veräußerlichung aber schwand das Verständnis und
führte zur Meinung, in jedem bösen Insekt z.B. sei ein bestimmter böser Geist
"inkarniert"; auch diese Seite der Lehre von der Seelenwanderung
ist der verzehrte Überrest von einer ursprünglichen Kenntnis dieser
Zusammenhänge. Wenn solche Auffassungen hin und wieder von Kritikern auch Swedenborg
zugeschrieben erden, so beruht das auf leichtfertiger Unterschiebung auf
Grund von mangelhafter Einsichtnahme in seine Lehren. Die Heilige Schrift
Wie
beinahe alle bisherigen Lehren der christlichen Kirche befindet sich auch der Glaube an die Heilige Schrift
in einer Krise.
Diese
rührt in der Hauptsache davon her, daß das Denken auch Dogmen gegenüber
freier geworden ist und infolge der wissenschaftlichen Entdeckungen der
Neuzeit das Welt- und Lebensbild sich sehr geändert hat, die Bibel aber in
Vielem auf Begriffe gegründet zu sein scheint, welche jetzt als überwunden
gelten. Das stellte Vieles in Frage, was in der Bibel steht, worauf die
Kirche — noch befangen in manchen von ihr selbst ausgestellten oder
festgehaltenen irrigen Meinungen — im Allgemeinen nicht zu antworten wußte,
es sei denn mit der starren Forderung: Was in der Bibel stehe, müsse man eben
glauben und hiezu "den Verstand unter den Gehorsam des Glaubens
zwingen." In
den unter Gottes Erleuchtung geschriebenen Erklärungen Swedenborgs finden wir
auf alle diese Fragen eine Antwort, die den denkenden
Menschen aufklärt, befriedigt und beglückt.
Selbstverständlich
richten sich diese Darlegungen nur an Solche, welche gewillt sind, eine Offenbarung Gottes an die Menschen
anzuerkennen
und nicht an Solche, welche entschlossen sind, weder eine Offenbarung Gottes,
noch überhaupt einen Gott anzuerkennen. Wer aber willens ist, in der Frage
nach dem Sinn seines Daseins und einer so gewaltigen Schöpfung seinen
gesunden Menschenverstand walten zu lassen, der wird anerkennen müssen, daß
wenn ein weiser Schöpfer uns Menschen für ein ewiges, über das Diesseits
hinaus reichendes Ziel geschaffen hat, es eine erste Forderung Seiner
Gerechtigkeit und Weisheit sein muß, dem Menschen den Weg zu diesem Ziele in irgend
einer Weise zu offenbaren. Freilich hatten die Menschen ja nicht von
ihren ersten Anfängen an eine Schrift. In der Urkirche, die unter der
Menschheit vor der "Sintflut" zu verstehen ist und deren höchste
Stufe das "Goldene Zeitalter"
bildete, wo sie noch keine artikulierte Sprache hatten, noch brauchten, weil
die Ursprachen: Mienen- und Gebärdenspiel weitaus genügten*), *) Kurz vor dem Weltkriege wurden in
Südfrankreich Menschenskelette gefunden, aus deren Kieferbildung die
Gelehrten mit Sicherheit glauben schließen zu können, daß sie noch keine
artikulierte Sprache haben konnten. da konnten sie in ihrer Unverdorbenheit von
Gott direkt geführt werden durch
ein Innewerden
der
göttlichen Wahrheit, eine Art Intuition oder Instinkt innerlicher Art, welche
Offenbarungsweise nicht mehr möglich war, nachdem die Menschen durch
Versinken in Selbstliebe jene innere Verbindung mit Gott verloren hatten. Im
"Silbernen Zeitalter",
das durch Noah und einen Teil seiner Nachkommenschaft dargestellt wird, ward
den Menschen eine göttliche Offenbarung zuteil, welche ihrem Genius und ihrem
Verständnis der Entsprechungen angepaßt und ganz in sinnbildlicher Sprache
geschrieben war, aber fehlgedeutet wurde und verloren ging, als die Menschen
veräußerlichten und in Vielgötterei und Götzendienst versanken. Wir kommen
darauf nachher noch zurück. Bei
diesem Stand der Dinge wurde der Menschheit ein Wort gegeben, welches —
während es im Innern die göttliche Wahrheit birgt — im Buchstaben sich dem
Zustand der Menschen anpaßte und die Wahrheit in bedeutungsvolle Vorbildungen
einkleidete, welche durch Christus erfüllt wurden, der das Wesentlichste aus
dem innern Gehalt von Moses und den Propheten in Seiner Botschaft
herausschälte, vor Allem, was für die Lebensführung
wichtig ist; so besitzen wir denn Gottes Wort Alten und Neuen
Testaments.
Die
Neue Kirche bestätigt und vertieft den bisherigen Glauben der christlichen
Kirche, daß die Heilige Schrift unter göttlicher Eingebung geschrieben wurde;
weil in deren Innerstem Gott Selbst spricht, kommen wir mit Ihm in Fühlung,
wenn wir sie mit Ehrfurcht lesen, um uns durch sie von Gott erleuchten und
führen zu lassen. Daß in den Ländern der Reformation die Bibel
jahrhundertelang in jedem Heim täglich mit Ehrfurcht gelesen wurde, ist wohl
die Ursache davon, daß jene Länder auch auf dem Gebiete der Wissenschaft den
offeneren Sinn für neue Gedanken und Entdeckungen gehabt haben und darum an
der Spitze neuzeitlicher Entwicklung stehen. In den gleichen Ländern wurden
aber auch starke Bedenken gegen die Glaubwürdigkeit
der Bibel
als
göttliche Offenbarung laut. In der Hauptsache gingen die Einwände von Kreisen
aus, die überhaupt keine göttliche Offenbarung, weil überhaupt keinen Gott
anzuerkennen gewillt sind, für deren Unglauben die bisherige christliche Kirche
mit ihrem Starren Festhalten an vernunft- und schriftwidrigen Lehren
allerdings in erheblichem Maße verantwortlich ist. Jene Einwände müssen aber
beantwortet werden um Derer willen, welche durch sie beunruhigt sind und doch
gerne glauben möchten, wenn das mit gesundem Denken vereinbar ist.
Grundlegend ist die Irrmeinung, daß Religion und Vernunft
unvereinbar
seien, daß die letztere von dem religiösen Menschen unbedingt geopfert werden
müsse. Das ist natürlich ein Irrtum; der Glaube an einen allweisen
Schöpfer ist vielmehr eine Forderung
vernünftigen Denkens. Der gesunden Vernunft widersprechen lediglich einige
von Menschen aufgestellte Dogmen, niemals aber Gottes offenbarte Wahrheit.
Das will freilich nicht heißen, daß unsere Vernunft alles fassen könne: vielmehr übersteigt
Alles, was mit Gottes Unendlichkeit
zusammenhängt, unsere menschliche Fassungskraft; kein Mensch kann eine klare
Vorstellung davon haben, daß Gott von
Ewigkeit her lebte; Niemand kann sich eine unendliche Ausdehnung des
irdischen Weltalls, noch auch das Gegenteil davon: ein Ende des Weltalls und
eine Raumlosigkeit außerhalb
derselben vorstellen. Das will aber nicht besagen, daß Glaube an das
Unendliche deswegen gegen unsere Vernunft verstoße, sondern einfach daß es über unsere Vernunft hinausgeht, weil
wir endlich sind. Göttliche Wahrheiten haben, um geglaubt werden zu können,
das Kirchengebot nicht nötig, man müsse im Bereiche der Religion "den
Verstand unter den Gehorsam des Glaubens knebeln"; dieses Gebot ist von
der Kirche lediglich zum Schutze gewisser von ihr selbst ohne Befugnis
ausgestellter vernunftwidriger Glaubenslehren zur Gewissenspflicht gemacht
worden. *
* * Vielen
erschweren den Glauben an die Bibel die Wunder,
die
darin berichtet werden und von denen sie meinen, daß sie gegen die
Naturgesetze verstoßen. Gewöhnlich aber wären sie in Verlegenheit, sollten
sie genau angeben, gegen welches Naturgesetz dies und jenes Wunder verstoße.
Freilich gibt es Einiges, z.B. die ersten Kapitel der Genesis, das nicht
wirklich stattgefunden hat, sondern von Anfang an nur sinnbildlich gemeint war, wovon wir weiter unten kurz sprechen
wollen. Von den übrigen Wundern können wir höchstens sagen, daß sie von dem
üblichen Verlauf der Dinge abweichen. Durch Swedenborg werden wir auch hier
im Verständnis ein Stück weiter geführt. Da ist zuerst festzuhalten, daß wir
auch das üblichste Naturgeschehen wissenschaftlich nicht zu erklären
vermögen; insofern ist für unser Wissen einfach Alles ein Wunder; mag z.B. das Wachstum in der Natur jeden Frühling
in ungezählten Millionen Formen vor sich gehen, so werden wir's doch nie
erklären können, wieso das Weizenkörnchen zur gegebenen Zeit in der Scholle
seine Schale bricht und Keim und Wurzeln ausstreckt und Halm und Ähre und das
Vielfache an Weizenkörnern hervorbringt. Durch Swedenborg hören wir, daß
alles Naturgeschehen nur kraft des Einflusses
aus der geistigen Welt in die Welt des Stoffes vor sich geht, indem der
Stoff nur Umhüllung des einströmenden und gestaltenden Lebens ist. Die Wunder
der Bibel geschahen nicht durch ein Außer-Kraft-setzen der Naturgesetze,
sondern aus einem besonderen Wirken dieses gleichen Einflusses des
Geistigen ins Natürliche; als z.B. der Herr aus fünf Broten genug für über
fünftausend Menschen werden ließ, was gewöhnlich als im Widerspruch zu den
Naturgesetzen stehend angesehen wird, da geschah es nach den gleichen
Gesetzen, welche auf den Feldern alljährlich aus wenig viel werden lassen,
nur durch ein besonderes Wirken dieses Einflusses, über welche der Göttliche
natürlich Macht hatte. Und der Herr wirkte jene Wunder alle nicht lediglich,
um Seine Macht zu zeigen und zu helfen, sondern sie wollen uns für alle
Zeiten Gleichnis und Veranschaulichung im Letzten sein von den Wundern,
welche Er immerdar an unserer Seele
zu wirken bereit ist. So stellen die Krankheiten alle, die Er heilte, Krankes
mannigfacher Art in unserer Seele dar, das Er zu heilen mächtig und willens
ist, wenn wir zu Ihm kommen. Und mit der Speisung der Fünftausend aus
anfänglich fünf Broten zeigt Er, wie Er willens und mächtig ist, das wenige
Gute, das wir in uns haben mögen, — zu wenig, um höheren Forderungen gerecht
zu werden, — zu segnen und zu mehren, also daß wir all unseren Aufgaben
gerecht werden und auch die schwersten Gebote, die uns zunächst allzuschwer scheinen mögen, halten können. *
* * Doch
die Wunder sind nicht das einzige Hindernis für den Glauben an die heilige
Schrift als göttliche Offenbarung; vielmehr gibt es in der Bibel so viel Ungereimtes;
Anschauungen
und Empfindungsweisen kommen da zum Ausdruck, welche mit einem sich aus dem
Evangelium aufbauenden Empfinden nicht in Einklang stehen. Dabei ist eben zu
bedenken, daß Gottes Wahrheit, um vom Menschen aufgenommen werden zu können,
sich in ihrer Ausdrucksweise sehr seinem unvollkommenen Zustand anpassen und
oft sehr verhüllen muß. Daß Gott Seine Wahrheit und Ordnung nicht in der
Vollkommenheit offenbaren konnte, wie Er gewollt hätte, das kommt in dem
Bericht zum Ausdruck, daß auf den ersten Tafeln, die Moses vom Sinai
herabbrachte und angesichts des Tanzes um das goldene Kalb zerbrach, die
Gebote von Gottes Finger geschrieben waren, auf den zweiten Tafeln aber, die er wirklich
zum Volke herabbrachte, von Moses geschrieben waren. Dies lehrt ja der Herr
Jesus in aller Deutlichkeit, als Er den Pharisäern, die sich in der Frage der
Ehescheidung Seiner Lehre gegenüber auf Moses berufen, erwidert: "Um eures Herzens Härtigkeit
willen hat Moses erlaubt, euch von eurem Weibe zu scheiden; von Anfang an ist es nicht also gewesen"
(Matth. 15,8). Das Innerste ist und bleibt göttliche Wahrheit; der letzte
Ausdruck aber steigt oft weit herab in die sehr unvollkommene
Vorstellungswelt unreifer Menschen. So wird der Gott der Liebe viel als ein
zürnender, strafender Gott hingestellt; denn nicht nur für das jüdische Volk
war Er das und mußte Er als solcher erscheinen, sondern wohl für alle
Menschen in der oft langen Zeit religiöser Unreife. Indem Gott im letzten
Ausdruck im Buchstaben mit manchen Scheinwahrheiten auf die irrtumsvollen
Vorstellungen des unreifen Menschen eingeht, erreicht Er ihn, während Er ihn mit der unverhüllten göttlichen
Wahrheit nicht erreichen würde. *
* * Aber
auch dies beantwortet nicht alle Zweifel gegenüber der Heiligen Schrift. Was sollen uns heute jene alten
Geschichten?
Was
soll uns heute die Geschichte von Abraham, Isaak und Jakob, vom Volke Israel
und vom Tempelbau und dem Gottesdienst darin? Das ist heute die berechtigte
Frage von Vielen. Wohl wird darauf geantwortet, man könne aus diesen
Geschichten doch manche nützliche Lehre ziehen; und Lessing hat in seiner
bleibend lesenswerten "Erziehung des Menschengeschlechts" wohl am
besten gezeigt, wie die Geschichte des Volkes Israel eine Veranschaulichung
davon ist, wie Gott den Menschen führt und erzieht. Immerhin will es dem
modernen Menschen nicht recht einleuchten, daß der Bericht über jene in so
anderen Zeiten und Verhältnissen und Ländern geschehenen Begebenheiten Gottes
Wort an uns heute sein soll.
"Ist das nicht bloße jüdische Literatur?" Wem
Jesu Worte etwas zu Bedeutungsvolles sind, als daß er über sie hinwegginge,
der kann das Alte Testament trotz all dieser Unklarheiten nicht einfach
beiseitelegen; denn zu oft zeigt Christus, daß Ihm Moses, die Propheten und
Psalmen etwas Maßgebendes sind. "Denket nicht, daß ich gekommen sei, das
Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen, aufzulösen,
sondern zu erfüllen." Wenn
wir gut auf Seine Worte über Moses und die Propheten horchen, dann finden wir
darin auch die Aufklärung über den eigentlichen Wert und Sinn von Moses und
den Propheten und Psalmen: "Von mir haben sie geschrieben" —
verkündete Er wiederholt. Im Buchstaben
des Alten Testament ist das allerdings an wenigen Stellen sichtbar der Fall,
— zumal in Moses. Es muß also in einem tieferen Sinne der Fall sein, und in
der Tat hören wir, daß den Jüngern eine besondere Erleuchtung zuteil werden
mußte, damit sie das erkennen konnten: "… was in Moses Gesetz und in den
Propheten und den Psalmen von mir geschrieben steht. Dann öffnete er ihnen das Verständnis, auf daß sie die Schriften
verstünden." (Luk. 24,44.45) Das Wort im Sinn, für welchen uns
allerdings das Verständnis aufgetan werden muß. Das geht ja auch deutlich aus
Joh. 6 hervor, wo Jesus Christus sagt: "Wer mein Fleisch isset und
trinket mein Blut, hat ewiges Leben. Denn mein Fleisch ist wahrhaft Speise,
und mein Blut ist wahrhafter Trank." Als sich nun Einige erschreckt von
Ihm zurückzogen, weil sie diese Worte nur äußerlich verstanden, sagte der
Herr zu ihnen: "Nehmet ihr Anstoß daran? Der Geist ist es, der lebendig
macht, das Fleisch ist zu nichts nütze. Die
Reden, die ich zu euch rede, sind Geist und sind Leben." (Joh.
6,54.55.61.63) Am
letzten Abend Seines Erdenlebens sagte der Herr gleichsam schmerzlich zu den
Jüngern: "Ich habe euch noch Vieles zu sagen, aber ihr könnet es jetzt
nicht ertragen." Heute, da durch die Wandlung unseres Wissensbereiches
auch tiefere und vielgestaltigere Fragen an Gottes Wort gestellt werden, ist
die Zeit gekommen, da Gott uns das Viele sagen kann; und wie Er je zur
Verkündigung Seiner Wahrheit Seine Propheten gesandt hat, so hat Er es auch
in der Neuzeit getan, hat ein Werkzeug herangebildet und erleuchtet, durch
das Er uns den Schlüssel aushändigt
zum
Einbringen in ein tieferes Verständnis Seines ewigen Wortes, womit Er auch
uns "das Verständnis erschließt, auf daß wir die Schriften
verstünden", denn nur Er, der das Wort gegeben hat, kann der Menschheit
auch die richtige Erklärung
desselben geben. Gott hat gleichsam zwei Bücher
geschrieben:
die Schöpfung und das geschriebene Wort, und durch
Swedenborg hat uns Gott gezeigt, daß — wie es ja bei göttlichen Werken nicht
anders sein kann — ein wunderbarer
Einklang besteht zwischen diesen beiden Büchern Gottes: Im
vorstehenden Abschnitt haben wir gesehen, wie alles in der Natur Geschaffene,
weil es aus Gottes Leben hervorgegangen ist und dieses einkleidet und
verendlicht, notgedrungenerweise als Gleichnis etwas von Gottes Güte und
Weisheit verkündet, wie denn Goethe diese tiefe Erkenntnis aus den Schriften
Swedenborgs an den Schluß seines "Faust" setzt: "Alles
Vergängliche ist nur ein Gleichnis". Dieser tiefere Sinn wohnt den
geschaffenen Dingen schon von der Schöpfung her inne; es ist die Gleichnissprache Gottes,
wie
sie sich von der Schöpfung selbst aus ergibt, und ist darum die Gleichnissprache
auch in dem geschriebenen Wort, das
heißt: die Dinge werden im Wort in der Bedeutung gebraucht, welche ihnen
schon von der Schöpfung her innewohnt. Der Ausspruch "ohne Gleichnisse
redete er nicht zu ihnen" gilt notgedrungenerweise für alles Reden Gottes zu den endlichen
Menschen, die Seine Wahrheit ohne Einkleidung in Gleichnisse nicht fassen
könnte. Der Sinn dieser Gleichnisse kann uns mehr und mehr aufgetan werden,
je wie unser Geist sich dafür erschließt. Wir haben an den deutlichen
Beispielen von Wasser und Öl dargetan, wie viele Stellen im Worte uns eine
ewige, bis tief ins Innere reichende Lehre spenden, wenn wir so die
Gleichnissprache des Wortes verstehen lernen und zu dem Sinne dringen, in
welchem die Worte, die Er zu uns redet, "Geist und Leben" sind. *
* * Swedenborg
vergleicht den Buchstaben des Wortes einem Menschen: wie bei ihm in Regel nur
Haupt und Hände unbekleidet sind, der weitaus größte Teil seiner Gestalt
jedoch bekleidet ist, so finden sich in der Heiligen Schrift freilich Teile —
z.B. im Evangelium und in den Psalmen — wo der Herr die innere Wahrheit
unverhüllt offenbart, wie in der Bergpredigt; beim weitaus größten Teil des
Buchstabens im Alten Testament gelangen wir zum eigentlichen Gehalt aber erst
durch den inneren Sinn. So veranschaulicht die biblische Geschichte,
die
einen großen Teil des Alten Testaments einnimmt, in Bildern unseren eigenen inneren Werdegang. Im
innersten Sinne freilich schreiben Moses und die Propheten
und Psalmen von Ihm
nach
Seinem eigenen Zeugnis; während uns die Evangelisten mehr nur den äußeren
Lebenslauf des Herrn berichten, Sein Wirken und Seine Worte, dagegen wenig
von Seinem inneren Leben, berichten uns "Moses, die Propheten und
Psalmen" den inneren Werdegang
Jesu und werden so gleichsam zu einem Evangelium, das Sein eigentliches
Lebensbuch bildet. Seine
Verherrlichung ist das leuchtende Urbild unserer Neugeburt. Hat die Kirche im Auszug aus Ägypten nach Kanaan schon
bisanhin eine hievon erblickt, so wird uns nun,
nachdem Gott durch Swedenborg den inneren Sinn des Wortes enthüllt hat, die
gesamte biblische Geschichte zu einer Veranschaulichung unseres inneren
Werdens in seinen verschiedenen Phasen; das ist ihr ewiger Sinn und der
Grund, warum sie einen Teil von Gottes Wort an uns bildet. Inwiefern
sollte uns sonst die ganze Gesetzgebung Israels heute noch Gottes Wort sein,
wenn jenen unvollkommenen zeitbedingten Gesetzen nicht ein bleibend gültiger,
tieferer Sinn innewohnte? Inwiefern könnten uns die ganze Vorschriften über
den Tempel,
über
seine Maße und Einteilungen und über den Gottesdienst darin noch Wort Gottes
sein? Wäre es Gottes würdig, all jene Einzelheiten zu gebieten, wenn kein
tieferer Sinn darinnen läge? Bleibt uns, wenn es kein solchen gibt, etwas
Anderes übrig, als zu leugnen, daß Gott sie geboten habe? Falls ihnen
aber ein tieferer Sinn innewohnt, ist es denkbar, daß Gott ihn uns dauernd
vorenthalte? Wenn schon Gott Sorgfalt darauf verlegen ließ, daß Alles bis
aufs Kleinste so und nicht anders eingehalten werde, dann müssen tiefe geistige
Geheimnisse von bleibendem Werte darin geborgen sein, welche Er uns zur
gegebenen Zeit offenbar machen würde. Das ist nun geschehen durch Emanuel
Swedenborg, und wer Klarheit über diese Frage wünscht, kann lesen, was er
darüber schreibt in seinem großen Werke "Himmlische Geheimnisse, die im Worte Gottes enthalten und nun
enthüllt sind". Hier seien darum nur einige Hauptpunkte daraus
erwähnt: Schon
aus dem Evangelium wissen wir, daß der Tempel irgendwie den Herrn Jesus
vorbildete; er ist in Aufbau und Einrichtung eine Veranschaulichung vom
Gottmenschentum des verheißenen Gesalbten, wie in Ihm das ganze menschliche
Leben in all seinen Stufen eine Offenbarung des Göttlichen im Menschlichen
sein würde; zugleich aber auch, wie in dem von Gott neugeborenen Menschen
Alles Gott untertan ist. Die Dreiteilung in Vorhof, Heiligtum und
Allerheiligstes weist auf die drei Stufen der Innerlichkeit hin, welchen ja
auch die drei Himmel entsprechen: Im
Vorhof, der das äußere Leben, das
Tun und Lassen, darstellt, wurden auf dem Brandopferaltar
reine Tiere dargebracht, welche den Neigungen eines reinen Wollens
entsprechen und kundtaten, daß wir Gott nur mit einem reinen Wollen dienen
können. Im Wasser des ehernen Meeres
mußten sich die Priester Hände und Füße waschen zum Zeichen, daß wir Gott nur
dienen können, wenn wir durch Anwendung Seines Lebenswassers — Seiner
Wahrheit, Seiner Gebote — unser Tun und Lassen rein werden lassen vom Bösen. Das
durch einen Vorhang verhüllte Heiligtum
stellt unser nach außen hin unsichtbares Innere dar; und zwar die zwölf
"Brote des Angesichts"
unsere innere Anerkennung, daß alles Gute in uns von Gott her uns innewohnt
und nicht von uns selbst her, während der immer brennende siebenarmige Leuchter daran mahnt, daß
wir uns auch in den nach außen sichtbaren Gedanken und Gefühlen und Urteilen
und Stellungnahmen in unserem Innern allezeit sollten von Gottes heiliger
Wahrheit erleuchten und führen lassen. Der an den Vorhang zum Allerheiligsten
anstoßende Weihrauchaltar und der von ihm emporsteigende Weihrauch weißt auf unsere Verbindung mit Gott im Gebet hin. Das
Allerheiligste barg die Lade mit
den zehn Geboten, der Zusammenfassung von Gottes Wort: das Symbol von Gottes eigener Gegenwart, die Moses dort
auch erlebte. Von hier breitete sich die Heiligung über den ganzen Tempel,
worin zum Ausdruck kam, wie im Herrn Jesus Christus, dem Fleisch-gewordenen
Wort, das ganze Leben geheiligt werden würde dadurch, daß Gottes Wahrheit es
beherrschen würde vom Innersten bis zum Äußersten.*) *)
Mit den Symbolen der Freimaurer haben die von Swedenborg enthüllten
Entsprechungen nichts zu tun. Im
Herrn Jesus Christus, der schon als Zwölfjähriger eine besondere Beziehung
zum Tempel spürte, erfüllte sich Alles, was dort symbolisch vorgebildet war,
in göttlich-menschlicher Wirklichkeit, weshalb es in der Offenbarung Johannis
in der Beschreibung des Neuen Jerusalems (21,22) heißt: "Ein Tempel sah
ich nicht in ihr; denn der Herr, der allmächtige Gott, ist ihr Tempel und das
Lamm." Zum Zeugnis, daß mit dieser Erfüllung durch Jesus Christus die
Zeit der bloßen Vorbildungen für immer vorbei war, zerriß, als der Herr Alles
"vollbracht" hatte, der das Innere verhüllende Tempelvorhang von
oben bis unten und ward der Tempel einige Jahre später durch Kaiser Titus
zerstört und an seiner Stelle ein heidnischer Jupitertempel uns später eine
türkische Moschee gebaut. Selbst wenn der Tempel nach den Angaben in Moses
wieder aufgebaut würde: die vorbildende Aufgabe, die er einst hatte, wird ihm
nie wieder zuteil; denn durch den Herrn Jesus Christus ist die Zeit gekommen,
da man Gott "weder auf dem Berge da, noch im Jerusalem anbeten
wird", sondern "da die wahren Anbeter den Vater im Geist und in der
Wahrheit anbeten werden." So
ist die Beschreibung des Tempels im Alten Testament etwas, das im Gleichnis
die ewig gültigen Richtlinien bietet für unsere Entwicklung, denn was dort
geschildert wird, ist das Bild des echten Menschentums; für heute genügt uns
das Verständnis der allgemeinsten Umrisse; je wie die Menschheit aber geistig
fortschreitet, wird sie reif werden für das Verständnis auch der dort
erwähnten Einzelheiten. *
* * Solange
dieser innere Sinn in Moses und den Propheten nicht bekannt ist, kann der
Glaube daran als an einen Teil des göttlichen Wortes von der Kirche nur als
ein Dogma gelehrt, nicht aber verständlich gemacht werden. Heute finden wir
nun eine allgemeine Ablehnung des Alten Testaments um sich greifen; es wird
als lediglich jüdisches Geisteserzeugnis
angesehen,
und da die unheilvolle Rolle, welche das Judentum insbesondere in unseren
christlichen Ländern spielte, immer deutlicher erkannt wird, mag man seine
"Literatur" nicht länger als Gotteswort anerkennen. Ganz besonders
lehnt man sich auf gegen die Anschauung, als seien die Juden "ein auserwähltes
Volk",
welchem
von Gott aus die Herrschaft über die anderen Völker und über deren Besitz und
deren Arbeit von Rechts wegen zukomme. Die Juden selbst beharren natürlich
auf diesen sich aus dem Buchstabensinn ergebenden Ansprüchen, und bestimmte
Bewegungen in den christlichen Reihen — wie z.B. die von ihnen finanziell
unterstützten sogenannten "Ernsten Bibelforscher" — stützen diese
ihre Ansprüche und verbreiten die Lehre, das "Reich Gottes" könne
erst kommen, nachdem die Juden die Weltherrschaft in Händen haben. Die
christliche Kirche schweigt im Allgemeinen zu diesen Darlegungen, auf welche
sie nichts zu entgegnen weiß, denn entweder muß sie diese anerkennen oder das
Alte Testament als Teil der göttlichen Offenbarung ablehnen, was sie aber nicht darf, da der Herr Jesus Christus
wieder und wieder "Moses und die Propheten und Psalmen" als
unantastbare Gottesoffenbarung verkündet (so gleich zu Begin der Bergpredigt,
Matth. 5,17.18). Nur
der durch den Swedenborg nunmehr offenbarte geistige Sinn der Heiligen
Schrift bringt uns hier die Klärung: Alle im Worte des Alten Testaments
genannten Völker und Länder stellen in einem ewigen Sinne verschiedene Seiten
und Kräfte in uns dar, — Ägypten, Assyrien, Babylon, die Philister, Syrien,
Moabiter, Ammoniter, Amoriter usw., und so auch Israel. Daß Ägypten, von wo
Israel nach Kanaan ausziehen mußte, einen zu verlassenden nur weltlichen
Zustand darstellt, ist der christlichen Kirche ein geläufiger Gedanke. Im
besonderen Sinne stellt der Ägypter, der in der Wissenschaft im Altertum so
weit voran war, das bloße Wissen an sich dar; der Assyrer (Aschur), der in
seiner Gesetzgebung und seinen Rechtsformen zum Teil beinahe modernen Zeiten
vorgriff, stellt das Gebiet der Vernunft
dar; manche Völker aber Solches, was überwunden werden muß. Das Fast alle jene
Völker als selbständige Nationen und Volkseinheiten verschwunden, d.h. in
anderen Völkern aufgegangen sind, hebt ihre geistige Bedeutung in der Bibel
nicht auf, sondern erleichtert uns vielmehr das Festhalten jener rein
geistigen Bedeutung. So werden wir auch die geistige Bedeutung Israels
leichter begreifen und festhalten können, wenn einmal die Juden nicht mehr
als Fremdkörper mit ihrer unheilvollen Zersetzungsarbeit mitten unter unseren
Völkern wohnen, sondern in einem eigenen Lande ihr nationales Dasein
errichten oder wie die anderen biblischen Völker in der Vergangenheit
untergetaucht sein werden. Denn Israel stellt das geistige Israel
dar,
was
wir an seinen größten Gestalten, den Propheten, einigermaßen verwirklicht
sehen: jenes hören auf Gottes Stimme
als die unbedingt maßgebende. Dieser Höhe sind ja die Juden im Allgemeinen
keineswegs gerecht geworden; sie stellen es in der Bibel auch nur dar, ähnlich wie auf der Bühne ein
schlechter Charakter eine edle Gestalt zur Darstellung bringen kann. Sie konnten gerade infolge ihrer
Äußerlichkeit und ihres peinlichen Festhalten am Buchstaben dazu gebracht
werden, in den Zeiten bloßer Vorbildungen vor der durch Jesus gebrachten
Erfüllung, symbolische Formen, deren eigentlichen Sinn sie gar nicht
verstanden, peinlich genau einzuhalten. Als der Mensch-gewordene Gott dann
Alles in Moses und den Propheten erfüllt hatte und die Juden den ihnen
verheißenen Messias, als Er kam, ablehnten und ans Kreuz schlugen und
"das gesamte Volk sprach: Sein Blut komme über uns und unsere
Kinder!", da war es vorbei mit der vorbildenden Rolle des jüdischen
Volkes und der Buchstabensinn all ihrer Verheißungen erloschen. Es gilt seitdem nur noch ihr geistiger
Sinn; der aber in alle Ewigkeit. Die Juden leisteten bisanhin,
d.h. bis der innere Sinn des Alten Testaments bekannt wird, den Nutzen,
dessen Buchstaben zu sichern, wie
denn der Herr nach der Verheißung Seiner Wiederkunft voraussagt: "Dieses
Geschlecht wird nicht vergehen, bis daß dies Alles geschehe" (Matth.
24,30). Was
immer ihr ferneres Schicksal sei, — unbeeinflußt hievon bleibt die Bedeutung
bestehen, welche sie wie die anderen biblischen Völker in der Bibel haben.
Wie ungeistig die Mehrzahl von ihnen auch sei, — dort stellen sie das Geistige im Menschen dar, — das, was sich von
Gottes Wahrheit führen läßt; und weil es Gottes Wille ist, daß das Geistige
im Menschen herrsche über alle Bereiche seines Lebens, darum heißt es, daß
die anderen Völker ihm sollten untertan sein; dem geistigen Gesichtspunkt,
dem "Licht-sehen in Seinem Lichte" soll auch der Ertrag all unserer
anderen Interessen dienen: die Funde der Wissenschaft
sollen unseren Glauben an Gott stärken, die Vernunft soll ihn vertiefen, worauf Verheißungen wie Jer.
19,23-25 hinweisen, und unser ganzer Alltag mit seiner Arbeit und dem ganzen
Bereich der Sinne soll beseelt sein von der Verantwortung gegenüber Gott:
"An jenem Tag wird ein Altar des Herrn stehen inmitten des
Ägyptenlandes" (Jes. 19, 19). Mit
dem geistigen Sinne werden all die Bedenken hinfällig, welche heute viele
Christen gegen das Alte Testament hegen um mancher Stellen willen, welche in
ihrem Buchstabensinn gegen unser Empfinden und gegen unser aus dem Evangelium
herangebildetes Gerechtigkeitsgefühl verstoßen. *
* * Welche Bücher bilden das Wort?
Freilich
gehören nicht alle Bücher, welche die Juden in ihre Bibel aufnahmen, zu dem
von Gott eingegebenen Worte, und wir haben keinen Anlaß, alle Schriften,
welche die Juden überlieferungsgemäß zwischen den beiden Einbanddecken
gesammelt als ihre Bibel aufbewahren, als vom gleichen Range anzusehen. Der
Herr hat stets nur "Moses und die Propheten und Psalmen" als
maßgebende Schriften des Alten Testaments genannt, wo Moses den historischen
Teil des Wortes darstellt, zu welchem auch Josua, Richter, Samuel und die Könige
gehören. De Hagiographen und Apokryphen des Alten Testaments nennt der Herr
dabei nirgends; sie sind wohl sehr lesenswerte Schriften, sind aber nicht in
gleicher Weise unter göttlicher Eingebung geschrieben und haben nicht in
gleicher Weise einen geistigen Sinn außer dem des Buchstabens. So ist z.B.
das Hohelied nur eine Sammlung von Liebesliedern; und die Bücher der Chronik
stehen mit ihrer Darstellung der gleichen geschichtlichen Ereignisse oft im
Widerspruch zum Berichte der Bücher der Könige; die Geschichtswissenschaft
hat denn auch festgestellt, daß die letzten zuverlässiger sind als die
Chronik. Im
Neuen Testament bilden die vier Evangelien den geschichtlichen Teil, die
Offenbarung des Johannis den prophetischen Teil des Wortes. Die
Apostelgeschichte und die Briefe der Apostel sind sehr nützliche und
aufschlußreiche Lehrschriften aus der ersten Christenzeit; selbstverständlich
aber stehen sie nicht auf der gleichen Stufe wie die Worte des Herrn Selbst,
der "die Wahrheit und das Leben" ist. — So wollte Martin Luther den
Brief Jakobus aus der Reihe der maßgebenden Schriften ausmerzen und nannte
ihn "eine strohene Epistel", weil dieser
Brief mit seiner Forderung guter Werke ihm und seinem Dogma vom Seligwerden
durch "Glauben allein" unbequem war. Auch nannte er die Offenbarung
Johannis "kein göttlich Buch", da er sie nicht zu deuten wußte, wie
sie denn wirklich zu verstehen ist ohne den durch Swedenborg enthüllten
geistigen Sinn. Nicht
menschliche Willkür darf bestimmen wollen, welche Bücher zu Gottes Wort
gehören; daß Swedenborg der von Gott berufene Lehrer auch hierüber ist,
darüber hat er sich reichlich ausgewiesen in den Augen eines Jeden, der seine
Schriften ohne Vorurteil mit Verlangen nach Wahrheit liest. * * * Die meisten Einwände, welche in der Neuzeit
gegen die Bibel erhoben wurden, setzen schon auf de ersten Seite bei der Schöpfungsgeschichte
ein. Von der Wissenschaft her erhoben sich
Zweifel dagegen, daß die gesamte Welt vor weniger als 6000 Jahren sollte
geschaffen worden sein, und zwar in sechs Tagen, wobei Sonne, Mond und Sterne
obendrein erst am vierten Tage nach Schaffung der Erde und erst nach
Schaffung der gesamten Pflanzenwelt sollten geschaffen worden sein, wo doch
nichts gedeiht ohne die Sonne und man viel Anlaß zur Annehme hat, daß die
Erde aus der Sonne hervorgegangen ist und dies nicht erst vor weniger als
6000 Jahren, sondern vor Jahrmillionen. Gleich anschließend an die Schöpfung findet
sich alsbald die Geschichte von der Schlange
im Garten Eden, die redete wie ein Mensch, was nach den Naturgesetzen nicht
glaubhaft ist; ferner daß Kain sich
nach dem Brudermord flüchtete und anderswo eine Ehe schloß und eine Stadt
gründete, — ist all das möglich, wenn er nach dem biblischen Bericht nach
seinen Eltern der einzige Mensch auf Erden war? Es folgt der Bericht von der Sündflut, gegen deren
Geschichtlichkeit, so wie sie in der Bibel steht, sich schwere Bedenken
erhoben. Der Forderung der Kirche, das müsse man blindlings glauben, konnten
nur Diejenigen gerecht werden, die sich des Denkens enthielten, während die Anderen vom Glauben an die Bibel
abkamen. Dazu kam, daß man um die letzte
Jahrhundertwende in Babylon Tontafeln ausgrub, aus denen hervorgeht, daß sich
z.B. die Schöpfungsgeschichte der Bibel, wenn auch in abgewandelter Form,
schon vor Moses bei den Babyloniern und anderswo fand, ebenso andere
Geschichten aus den ersten Kapiteln der Bibel. Prof. Delitzsch machte damals
großes Aufsehen mit seinen Vorträgen über Bibel und Babel und brachte die
Vertreter der Kirche in schwere Verlegenheit, die immer gelehrt hatte, Gott
habe jene Berichte erst durch Moses (1500 v.Chr.) gegeben. Dabei hatte Gott
durch Swedenborg längst den Aufschluß über all diese Zusammenhänge gegeben, —
eine Aufklärung, welche alle jene Fragen und Einwände beantwortet und es
jedem wahrhaftigen Menschen beweist, daß Swedenborg seine Darlegungen nicht
selbst erdacht haben kann, sondern daß sie ihm offenbart worden sein müssen. Durch Swedenborg empfangen wir den
Ausschluß, daß die ersten sieben Kapitel der Bibel nicht erst von Moses
stammen, sondern von diesem übernommen wurden aus einer früheren göttlichen
Offenbarung, welche er das Alte Wort
nennt.
Es ist ja selbstverständlich, daß die Menschheit schon vor Moses und vor dem
jüdischen Volke eine göttliche Offenbarung brauchte; so ward ihnen ein Wort
gegeben im Silbernen Zeitalter, als die Kenntnis der Entsprechungen ihre
höchste Wissenschaft war, demgemäß war dieses Alte Wort ganz in
sinnbildlicher Sprache geschrieben und nicht buchstäblich zu verstehen. Als
es im Laufe der Veräußerlichung der Menschen infolgedessen nicht mehr
verstanden wurde, ließ die göttliche Vorsehung es verloren gehen. Zur Zeit
Moses' und auch später waren teile davon noch bekannt. (Einzelne Bücher
desselben werden in unserm Wort noch hier und dort erwähnt, so die
"Kriege Jehovahs", die "Aussprüche" und das Buch Jaschar, s.4 Mose 21,14.15.27-30 / Jos. 10,12.13 / 2 Sam.
1,17.18) Moses entnahm demselben die ersten sieben Kapitel der Bibel. So sind
also die Geschichten von der Schöpfung, vom Sündenfall, von Kain und Abel und
von der Sündflut gar nie buchstäblich gemeint gewesen; und aller Streit um
ihre Geschichtlichkeit die Jahrhunderte hindurch war grundlos; ebenso geht
die Bitte Josua's um das Stillstehen der Sonne
zurück auf eine Geschichte in diesem Alten Wort, sodaß auch sie nicht
buchstäblich zu verstehen ist, womit wiederum manchen quälenden
Gewissenszweifeln der Boden entzogen ist. Der
Aufschluß über das Alte Wort erklärt es uns, warum wir die Geschichten aus
den ersten Kapiteln der Bibel bei den Babyloniern und Indern und den anderen
Völkern der Alten Welt finden bis tief nach Afrika hinein. Er erklärt uns
aber noch mehr, er macht es uns auch verständlich, warum die
Schöpfungsgeschichte des Alten Worts sich gerade so abwandelte, wie sie es
z.B. bei den Babyloniern tat; das läßt sich nur aus dem ursprünglich
bekannten inneren Sinne dieser Geschichten verstehen. Ursprünglich
diente die Schöpfungsgeschichte, so wie wir sie in der Bibel haben, als
grandioses Gleichnis von der Einen Schöpfung, auf welche es Gott überhaupt
ankommt: der Schaffung des Menschen zum Ebenbilde Gottes, der Neugeburt, durch welche der Mensch aus
einem natürlichen zu einem geistigen und himmlischen wird. Die verschiedenen
Stufen dieses Werdegangs werden durch die Tage der Schöpfung sinnbildlich
beschrieben, — wie zuerst das Licht der
Erkenntnis in ihm geschaffen wird, daß es ein höheres Leben gibt, dem er nachstreben soll, — und wie dann
zuletzt das Ebenbild und die Ähnlichkeit Gottes in ihm ersteht. Aus
diesem von Swedenborg enthüllten inneren Sinn kann man z.B. in der
assyrischen Schöpfungsgeschichte Schritt für Schritt verfolgen, wie sich all
die eigenartigen, scheinbar von ganz Anderem handelnden Bilder entwickelten
und Zeugnis ablegen vom einstigen Verständnis der Bedeutung aller
Einzelheiten zu Beginn der Schöpfungsgeschichte, von Erkenntnissen, welche
sich dann verloren und zu allen möglichen heidnischen Mythen und Göttersagen
entarteten, wie wir sie bei allen alten Religionen vorfinden. Aus der
gemeinsamen Urquelle des Alten Wortes erklärt es sich auch, warum wir gewisse
Mythen überall finden von den Germanen bis zu den Babyloniern, so z.B. den
Krieg der niedern Mächte gegen die Götter: — bei den Germanen das Anstürmen
der Götterfeinde unter Anführung des Fenriswolfes
gegen Walhall, — bei den Babyloniern der Krieg der Urschlange Tihamat und ihrer Gehilfen gegen die Himmelsgötter, — bei
den Griechen ebenfalls der Auflehnungskampf der Riesen, der Söhne der Gäa
(Erde), gegen die Götter, in welchem Kampfe diese nach einer alten Weissagung
den Sieg nur davontragen konnten, wenn auf ihrer Seite ein Sterblicher
kämpfte, was sich in Herkules erfüllte und auf Verheißungen im Alten Wort von
der Menschenwerdung und Erlösung Gottes zurückgehen muß. Die
ganze griechische Herkules-Sage ist deutlich eine Ausgestaltung von
Verheißungen des Erlösers im Alten Wort: wie er — ein Sohn des Zeus und einer
menschlichen Mutter — schon als Kind die zu seiner Tötung gesandten Schlangen
erwürgte und später die zwölf übermenschlichen Krafttaten vollführte und dann
dem Himmel im Kampfe gegen die Riesen zum Siege verhalf. In der
Religionsgeschichte wird ganz allgemein der biblische Bericht von Jesus, —
Seiner göttlichen Herkunft und Geburt von einer menschlichen Mutter und von
Seinem Erlösungskampf lediglich als eine Umwandlung der Herkulessage
hingestellt. Der Sachverhalt ist aber gerade umgekehrt: Der biblische Bericht
über Christus stammt nicht von der Herkulessage, sondern diese ist
vielmehr eine Ausgestaltung von Verheißungen des Erlösers im Alten Wort, — von
Verheißungen, die sich im Herrn Jesus Christus dann wirklich erfüllen. *
* * Auch die Bibelkritik
nahm bei der Schöpfungsgeschichte ihren
Anfang, als der französische Arzt Jean Astruc
(1753) darauf hinwies, daß das 1. und das 2. Kapitel der Genesis zwei
getrennte Schöpfungsgeschichten enthalten und offenbar auf zwei verschiedene
Quellen zurückgehen, von denen die erste von "Gott" (Elohim)
spricht und die zweite von Gen. 2,4 an von "Jehovah Gott", weswegen
diese beiden Quellen Elohist und Jehovist oder Jahwist genannt
werden. Nun ist es wohl möglich, daß da ursprünglich zwei berichte zugrunde
liegen, welche später zusammengestellt wurden. Wie immer dem aber sei, so
hebt er nicht das Wesentliche auf: daß die Niederschrift des uns
überlieferten Textes unter der göttlichen Vorsehung
geschah. Auch Swedenborg wies schon vor
Astruc auf die Tatsache hin, daß in den beiden
Kapiteln die zwei verschiedenen Gottesnamen gebraucht werden, er berichtet
aber, daß die beiden Schöpfungsgeschichten etwas Verschiedenes berichten: das
erste Kapitel berichtet, wie der Mensch durch die Neugeburt aus einem natürlichen ein geistiger wird, das zweite Kapitel aber, das bezeichnenderweise
mit dem Bericht vom Sabbattag beginnt, schildert die Schaffung der noch
innerlichen Stufe: des himmlischen
Menschen. Es würde hier zu weit führen, darauf einzugehen, warum deshalb im
ersten Kapitel der Name "Elohim" und im zweiten "Jehovah
Elohim" gebraucht wird; das kann man im Einzelnen in Swedenborg selbst
nachlesen.*) Jeder, der offenen Sinnes ist, erkennt aber die göttliche
Vorsehung darin, daß der Beginn der Bibelkritik (1753) erst zugelassen ward,
als der wahre Sinn und Zusammenhang der Tatsachen des Bibeltextes, welche
Anlaß zur Bibelkritik gaben, der Welt durch Swedenborg schon bekannt gemacht
worden waren (1749), was ein weiteres Zeugnis für Swedenborgs göttliche
Berufung ist. *) Es wird auch dargelegt in der
kurzgefaßten Schrift "Die Schöpfungsgeschichte im Lichte der Neuen
Kirche" von Ad. L. Goerwitz, im Swedenborg-Verlag Zürich. * * * Da das Wort von Gott stammt, kommt der
Mensch durch das Lesen desselben in Verbindung mit Gott, wenn er es in
Ehrfurcht liest, um die Wahrheit zu finden und um sich von Gott erleuchten
und führen zu lassen. Der Segen des Bibellesens kann sich natürlich durch
etwelche Kenntnis des inneren Sinnes erhöhen. Mit den durch Swedenborg gegebenen
Aufschlüssen werden die Hindernisse behoben, welche so Viele heute nicht an
die Heilige Schrift glauben lassen, sodaß sie uns erst recht zum Worte Gottes
wird, in all ihren Teilen eine Leuchte unserem Fuß und ein Licht auf unserem
Pfade. Auch auf die wichtigste Frage des Christentums: gibt Swedenborg die Antwort aus Gottes Wort,
welche dort in aller Klarheit verkündet ist, woran jedoch bisanhin
die christliche Kirche vorbei ging, was manch unhaltbare Lehren und damit
Unglauben und Zersplitterung, ja eine eigentliche Krise der Kirche zur Folge
hatte. Um eine gigantische Tatsache wie das
Erscheinen Gottes im Fleisch zu erfassen, so wie es im Alten Testament und in
den Evangelien verkündet wird, muß man gleichsam weit genug zurückstehen und
das ganze Werden der Erdenmenschheit
überblicken bis zu ihrem Ursprung: bis zu
dem Ziel, welches der Schöpfer damit hatte. Wie schon früher dargelegt, kann
das Endziel der Schöpfung vom Wesen des Schöpfers aus nichts Anderes sein,
als ein Himmel von Engeln aus dem menschlichen Geschlecht. Die Menschen — als
für ein ewiges Leben bestimmte Wesen — konnten nicht nur Liebe und Weisheit
von Gott aufnehmen, sondern es ward ihnen auch Freiheit verliehen, sowie der Anschein, als lebten sie aus sich
selbst. Diesem unerläßlichen Gottesgeschenk zeigte sich die Menschheit mit
der Zeit nicht gewachsen, sondern verfiel der verführerischen
Anschauungsweise der Sinne (der Schlange), die nichts sehen von Gott noch von
des Menschen Abhängigkeit von Gott und darum den seiner Eigenliebe so
willkommenen Schein begünstigen, er sei aus sich selbst weise (dargestellt
durch das Essen vom "Baume der Erkenntnis des Guten und Bösen"):
"Ihr werdet sein wie Gott, wissend Gutes und Böses." So ließ sich
der Mensch in Selbstliebe und Selbstvergötterung sinken und büßte die innige
Verbindung mit Gott ein. Aus diesen in die geistige Welt eingehenden Menschen bildeten sich höllische Sphären,
welche sich mehrten und nun ihrerseits auf
die Menschheit dieser Erde einwirkten und zu immer gröberer Veräußerlichung
vor allem in der Religion führten. Die
Gott-strebenden Menschen empfanden von früh an mit Schmerz und Trostlosigkeit
die Losgelöstheit von Gott. Ihnen wurden von frühe an Verheißungen von Gott,
daß Er einmal in das Fleisch kommen, die schlimmen Mächte in ihrer vollen
Gewalt fühlen und überwinden und das göttliche Leben im Menschlichen
offenbaren würde. Eine erste ferne Verheißung finden wir schon im Anschluß an
den Bericht vom Abfall, — wo es von dem Nachkommen des Weibes heißt, daß er
der Schlange den Kopf zertreten werde (Mose 3,15). Das Alte Wort enthielt in
den uns vorläufig noch unbekannten Teilen wohl manche Verheißung davon in
sinnbildlicher Einkleidung, woraus sich im späteren Verlauf in den Religionen
des Altertums die Heldenmythen entwickelten. Das Silberne Zeitalter artete in
Heidentum aus, aber selbst in der sich überall entwickelten Vielgötterei
können wir noch einen Abglanz jener Menschheitssehnsucht
erkennen, daß Gott in Seiner Vollkommenheit unserem gesunkenen Menschentum
nicht so unendlich ferne sei; darum
wurden Zwischengötter und Halbgötter ersonnen und mit menschlichen
Unvollkommenheiten ausgestattet, um die unendliche Kluft zwischen dem
unendlichen Gott und dem Zustand der Erdenmenschen nicht so schmerzhaft
empfinden zu lassen. Die unbewußte Sehnsucht nach dem Gott und Menschen
vereinenden Gottmenschentum war es wohl auch, die es ermöglichte, daß
irdische Herrscher sich als Gott konnten ausrufen lassen, ohne wegen
Wahnsinns abgesetzt zu werden; so gesunken war die Gotteserkenntnis, so stark
war aber auch das Sehnen nach einem Gott, den man in Fleisch und Blut wußte,
daß man wünschte, es möchte möglich sein, in einem sichtbaren Menschen Gott
zu erblicken. Diese vieltausendjährige
Menschheitssehnsucht erfüllte sich, als Jesus geboren ward, der am Ende
Seines Erdenlebens sagen konnte: "Ich und der Vater sind Eins. Wer mich
gesehen hat, der hat den Vater gesehen." In Ihm erfüllen sich die
Jahrtausende alten Verheißungen; in Ihm, in Seinem Gottmenschentum
ward
die Kluft zwischen dem unendlichen unfaßbaren Göttlichen und unserem
gefallenen Erdenmenschentum ausgefüllt. *
* * Swedenborg
faßt die wesentliche Wahrheit über Jesus Christus in folgenden Worten
zusammen: "Der Herr von Ewigkeit, welcher Jehovah
ist, kam in die Welt, um die Höllen zu unterjochen und Sein Menschliches zu
verherrlichen; ohne dies hätte kein Sterblicher selig werden können, und
Diejenigen werden selig, welche an Ihn glauben." Diese
Zusammenfassung tönt wohl beim ersten Lesen Manchem so, als sei es das, was
in der christlichen Kirche immer gelehrt wurde; in Wirklichkeit ist es aber
etwas für die Kirche Neues, obschon es die Verkündigung des Wortes ist. Schon
der erste Punkt bringt etwas durchaus Neues für die Kirche: "Der Herr
von Ewigkeit, welcher Jehovah ist, kam in die Welt." Die große
Grundwahrheit des Wortes ist. Es ist nur Ein Gott.
Niemals
gab es neben Ihm einen anderen Gott, wie denn schon das erste aller Gebote
lautet: "Ich, Jehovah, bin dein Gott, … du sollst keine anderen Götter
haben vor meinem Angesicht." Und der Herr Selbst nannte als das
Wesentliche aus dem Alten Testament: "Höre, Israel, der Herr, dein Gott,
ist Ein Herr." Das
Göttliche Selbst stieg herab ins Fleisch, um die Erlösung zu vollbringen.
Darum nennt Er Selbst Sich wiederholt schon im Alten Testament Heiland und
Erlöser. Man überdenke nur folgende wenige Stellen ohne Vorurteil: "Bin
ich es nicht, Jehovah? und außer mir ist kein Gott mehr, ein gerechter Gott
und Heiland, es ist Keiner außer
mir (Jes. 45,21.22). "Ich bin Jehovah,
und außer mir ist kein Heiland" (Jes. 43,11). "Ich, Jehovah, bin
dein Gott, und außer mir sollst du keinen Gott anerkennen, und kein Heiland ist außer mir" (Hosch. 13,4). "Es wisse alles Fleisch, daß ich,
Jehovah, dein Heiland bin und dein Erlöser" (Jes. 49, 26; 60,16).
"Was unseren Erlöser
anbelangt, so ist Jehovah Zebaoth sein Name" (Jes. 47,4). "So
sprach Jehovah, dein Erlöser: Ich
bin es, Jehovah, der Alles macht, und allein von mir Selbst," (Jes.
44,24). "So sprach Jehovah, der König Israels, und dessen Erlöser Jehovah Zebaoth: "Ich bin
der Erste und der Letzte, und außer mir ist kein Gott" (Jes. 44,6) und
manch andere solche Stellen. Für
den vorurteilslos Forschenden steht es fest: "Das Göttliche Selbst nahm eine Menschennatur an:
"An jenem Tage wird man sprechen: Siehe, das ist unser Gott, auf den wir
harreten, daß Er uns erlöse; das ist Jehovah,
auf den wir harreten" (Jes. 25,9). Und so wird denn auch der Name des in
Bethlehem Geborenen genannt: "Gott, … Ewig-Vater, Friedefürst" (Jes. 9,5); und das bezeug der Herr
Jesus Christus am Ende Seiner irdischen Laufbahn: "Ich und der Vater
sind Eins. "Wer mich gesehen hat,
der hat den Vater gesehen" (Joh. 10,30; 14,9). Die von Gott angenommene
Menschennatur wird Sohn Gottes Genannt.
Es
hat niemals einen von Ewigkeit gezeugten Sohn gegeben; erst die christliche
Theologie hat einen solchen geschaffen. Das Wort spricht von keinem Sohn Gottes vor der Menschwerdung, von
keinem von Ewigkeit gezeugten Sohn, sondern nur von der Zeugung zur Zeit der Menschwerdung: "Ich habe
heute dich gezeugt," spricht
Gott im Psalm (2,7); "Heute" ist in der Zeit, nicht von Ewigkeit.
Nicht ein Sohn Gottes, welcher schon vor der Menschwerdung neben Gott bestanden
hätte, ist durch Maria geboren worden, vielmehr verkündet das Evangelium in
aller Deutlichkeit: Das durch sie angenommene Menschliche würde Sohn Gottes genannt werden. Als die Zeit zur
Menschwerdung erfüllt war, da ward der Maria angesagt: "Heiliger Geist
wird über dich kommen, und die Kraft
des Höchsten wird dich überschatten; darum auch das Heilige, das von dir geboren wird, Sohn Gottes
wird genannt werden" (Luk. 1,35). Wie
ist es möglich, daß es beinahe zweitausend Jahre nach Bestehen der christlichen
Kirche nötig ist, die Wahrheit zu verkünden, daß nur ein Gott ist? Die
Vorstellung von manchen Göttern hatte sich vor der Menschwerdung zu viele
Jahrtausende in der Menschheit festgesetzt, als daß sie von einem Tag auf den
andern hätte überwunden werden können; denn auch die Juden gelangten ja — mit
Ausnahme einzelner Propheten — bestenfalls dazu, Jehovah als den einzigen für
sie in Betracht kommenden Gott anzuerkennen, während sie zugleich durchaus
auch an das Vorhandensein der Götter der Philister, Moabiter usw. glaubten.
Die Christenheit brachte es nicht dazu, dieses Heidentum der Mehrgötterei sofort abzulegen, und während die Urchristen
sich im Gebet nur an Jesus, ihren Herrn, wandten, tauchte das unüberwundene
Heidentum nach der wundervollen ersten Zeit alsbald auf in den Versuchen,
sich in einem Glaubensbekenntnis über den Glauben klar zu werden; da
klammerte sich der Hang zu mehreren Göttern an die verschiedenen Namen Gottes, die doch nur
verschiedene Seiten des Einen und einzigen Gottes andeuten, und machte
verschiedene göttliche Personen daraus. Wie erbarmenswürdig tönt diese
Zwiespältigkeit und Verlegenheit aus dem vom Konzil zu Nizäa im Jahre 325
beschlossenen Athanasischen Glaubensbekenntnis, das immer noch die Grundlage
der allgemeinen christlichen Glaubenslehre bildet: "Eine
andere ist die Person des Vaters, eine andere die des Sohnes, und eine andere
die des Heiligen Geistes; Gott und Herr ist der Vater; Gott und Herr ist der
Sohn; und Gott und Herr ist der Heilige Geist; dennoch aber sind nicht drei
Götter und Herren, sondern es ist ein Gott und Herr; wie wir durch die
Christliche Wahrheit angetrieben werden, jede Person einzeln für sich als
Gott und Herr anzuerkennen, so werden wir durch die allgemeine Religion
verhindert, drei Götter oder drei Herren zu nennen." Und
so ist es bis auf diesen Tag geblieben: Die, deren Glaube sich auf dieses
Bekenntnis stützt, bekennen mit dem Munde Einen Gott, haben aber die
Vorstellung von mehr als Einem. Wie not tut da eine durchgreifende
Reformation, welche die Grundwahrheit des Wortes: die Einheit Gottes endlich
klar und deutlich zur Grundlage des Glaubens macht! Das ist es, was die Neue
Kirche vollbringt. Sie verkündigt die Wahrheit des Wortes: Der Herr von
Ewigkeit, welcher Jehovah ist, kam in die Welt. *
* * Gerade gegen das das Wunder der Menschwerdung
erheben
sich nun von manchen sich für wissenschaftlich haltenden Seiten die
allerstärksten Zweifel. Es tritt so aus dem Rahmen des gewöhnlichen Geschehen
heraus, daß Manche meinen, sie müßten alles kritische Denken aufgeben, um es
glauben zu können. Auch hier wird oft auf die Naturgesetze hingewiesen, ohne
daß man sagen könnte, inwiefern die Menschwerdung Gottes jenen Gesetzen
widerspräche. In Tat und Wahrheit widerspricht sie keinem Naturgesetz, sondern
ist vor sich gegangen nach den gleichen Grundgesetzen, nach welchen die ganze
Schöpfung vor sich ging und geht: Dort wie hier steigt göttliches Leben
gleichsam herab und kleidet sich ein in stoffliche Substanzen. Wie sollte der
Schöpfer der Welt, der die Menschenseele in einer einzigen stofflichen Zelle
Wohnung nehmen läßt, nicht die göttliche Seele ebenso einkleiden können? *
* * Von
mancher Seite wird auch als Einwand die erhoben: Wenn Gott auf Erden weilte,
— wer hat dann während jener Zeit die
Welt regiert? Eine Frage, die begreiflich ist, solange man sich Gott in
der unendlichen Ferne des Sternenhimmels vorstellt und von der Gegenwart
Gottes eine nicht viel andere Vorstellung hat als von derjenigen der
körperlichen Gestalt eines Menschen. Jene unreife Kindesvorstellung, welche
aber im Allgemeinen — wie alles Sinnfällige — sehr tief sitzt, muß natürlich
überwunden werden, ehe wir so große Dinge einigermaßen verstehen können. Dazu
ist vor allem nötig, daß wir uns darüber klar werden, daß Gott als innerste Seele alles Lebens
allem Geschaffenen von zu innerst
innewohnt — ohne Raumabstand, denn wirkliche Raumentfernung gibt es nur
für Irdisches, für das Geistige schon nicht mehr und am allerwenigsten für
das Göttliche, das "ohne Raum allem Raume innewohnt". Das
Göttliche, das im gesamten Weltall — unserer Erde gleich nahe wie den Sternen
— von innen her allgegenwärtig ist, kann jederzeit, ohne "den Himmel zu
verlassen", an irgend einem Punkte des Weltalls sich mit einer
Menschennatur stofflich umkleiden und ihr als Seele innewohnen, — wohnt es
doch jedem Atom im gesamten All so inne, ohne den Himmel und das Weltregiment
zu verlassen. Wir dürfen eben an Gott nicht mit den Voraussetzungen unseres
endlichen kleinen Menschentums herantreten, sonst können wir nicht hoffen, so
großes göttliches Walten und Wirken einigermaßen zu verstehen. *
* * Ein vielleicht unbewußter Hintergrund des
verbreiteten Unglaubens gegenüber der Menschwerdung Gottes ist wohl die
Tatsache, daß man nicht einsieht, warum etwas so Ungewöhnliches geschehen
sollte. Es sollte aber einem Menschen, der nicht allzusehr im Alltäglichen
verfangen, sondern offenen Sinnes für große Zusammenhänge ist, einleuchten,
daß es nichts Natürlicheres
gibt, als daß Gott, der Schöpfer, einmal in
den Saum Seiner Schöpfung herabsteigt und Sich Seinen Geschöpfen offenbart
zur Besiegelung Seines Bundes mit ihnen, insbesondere wenn das zur Erreichung
Seines Schöpfungszieles unerläßlich geworden ist. Wir können uns sogar vorstellen, daß das in
der Geschichte der Menschheit eines jeden
Erdkörpers einmal nötig werden kann zur Sicherung des Schöpfungszieles und
zur festen Verbundenheit des Unendlichen mit der betreffenden Menschheit. In
einem gewissen Sinne ward erst durch die Menschwerdung der
Kreislauf der Schöpfung geschlossen.
In
der Schöpfung stieg und steig das Leben herab bis zum Stoffe, wo der
Lebenseinfluß von Gott alsbald, als die Bedingung hierfür auf Erden
geschaffen waren, Schöpfungen hervorbrachte, in zuerst niederen, dann höher
entwickelten Formen des Pflanzen- und Tierreichs; der Mensch alsdann nahm das
Leben in ewiger, geistiger Gestalt
auf; aber auch er in nur gar endlichem Maße; erst Jesus, dessen Seele das Göttliche war, vermochte — obschon
erdgeboren — die Fülle des Göttlichen in sich aufzunehmen; in Seiner
Verherrlichung, in Seinem Eins-werden mit dem Vater, von Dem Er ausgegangen
war, schloß sich der Kreislauf der Schöpfung; in Ihm ward Gott Mensch und
Mensch Gott. *
* * Der
Zeitpunkt, den Gott für Seine Menschwerdung wählte, ward von Ihm so gewählt,
daß sie am segenvollsten der Erlösung
dienen
konnte. "Ohne dies hätte kein Sterblicher selig werden können." Das
ist wieder ein Punkt, welchen viele Menschen nicht leicht wirklich einzusehen
vermögen, weshalb ihnen auch aus diesem Grunde die Menschwerdung als etwas
Fragwürdiges erscheint. Wo unserem kurzen Blick die Einsicht fehlt, da dürfen
getrost der göttlichen Offenbarung glauben, daß Sein Kommen zur Erlösung
unerläßlich war. Zur Erlösung wovon?
"Du
sollst seinen Namen Jesus heißen, denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen," — von den
Sünden, nicht nur von der Strafe
für sie. Die
Sünde wird im Menschen angeregt durch die Höllen.
Diese
bildeten sich vom ersten Abfall des Menschen an in der geistigen Welt, in
welcher wir ja unserem Inneren nach leben, hier unsichtbar, nach dem Tode des
Leibes sichtbar, und sie nahmen zu mit allen Menschen, welche dem Bösen
verfielen, und wurden bis zur Zeit der Menschwerdung übermächtig, sodaß
schließlich die ganze Menschheit ihrer Sphäre erlegen wäre und das
Schöpfungsziel vereitelt hätte, wenn ihre Macht noch weiter zunahm. Ihre Übermacht galt es zu brechen.
Freilich
hätte Gott kraft Seiner Allmacht die gesamten Höllen in einem Nu einfach vernichten können. Warum hat Er das
nicht getan? Nun, einerseits waren die Menschen mit jenen Sphären innerlich
so sehr verwachsen, daß ihnen damit die eigentliche Lebenslust geraubt worden
wäre, wie einem Fisch, den man aus trübem Wasser an die reine Luft setzt.
Anderseits aber lag und liegt Gott nicht an einer Menschheit, welche nur
deshalb nicht Böses tut, weil sie nicht dazu angeregt wird, sondern an einer
Menschheit, welche sich trotz Anreizen zum Bösen fürs Gute entscheidet.
Solchen Möglichkeiten aber war die Menschheit nur gewachsen, wenn sie neuen festeren Rückhalt am
Göttlichen
fand.
In dem vermeintlich so fernen vollkommenen Gott fand sie ihn nicht, — nur in
einem Gott, der in unserer Natur unsere
Erdenwege ging und hier das Göttliche zur Geltung brachte und offenbarte.
Darum ward Gott Mensch. Es
hätte gewiß in Gottes Allmacht gelegen, aus den Stoffen der Natur, welche den
menschlichen Körper bilden, in einem Augenblick eine fertige Menschennatur in
der Gestalt eines erwachsenen Menschen zu schaffen und sich so gleich von
Anfang an in einem göttlichen Menschentum zu offenbaren. So aber wäre Er ja
den höllischen Mächten und damit auch dem Empfinden des Erdenmenschen nicht
zugänglich gewesen; Er wäre den Menschen zwar räumlich sichtbar nahe, — dem
Wesen nach aber gleich ferne gewesen. Er mußte in einer Menschennatur gleich
der unseren einhergehen, um die Kluft zwischen Gott und Menschen zu
überbrücken. Darum kam er wie die anderen Menschen, ging den Weg des
Menschenseins von den ersten Anfängen an, nahm ein Menschentum an nach der
von Ihm eingesetzten Ordnung und ließ es von einer menschlichen Mutter
in
die Welt gebären. So ererbte Er nach den Gesetzen der Vererbung den ganzen Hang zu Bösem aller Art.
Wir
können die Geschlechter, die bei Matthäus (1) von Abraham bis auf die Zeit
des Herrn, bei Lukas (3) bis auf Adam zurückgehen, so verstehen, daß in ihnen
im inneren Sinn wie in einer kurzen Zusammenfassung die menschliche Natur
beschrieben wird, wie sie sich von Anbeginn an entwickelt hat bis zu der
Zeit, da Gott sie annahm. Diese Geschlechtsregister
bildeten
für die Kirche bisanhin eine Verlegenheit; nach
allgemeiner Ansicht ist deren Zweck, die Abstammung Jesu vom Hause Davids
nachzuweisen; da sie aber beide auf Joseph
führen, der wohl nach der Meinung der Welt, nicht aber nach dem Evangelium
der Vater Jesu Christi war, fällt dieser ihr vermeintlicher Sinn ja ganz
dahin. Wohl mochte Maria ebenfalls vom Hause Davids abstammen, doch darüber
wissen wir nichts. In Tat und Wahrheit brauchte der göttliche Herr Seine
Herrlichkeit nicht von David zu beziehen. Er lehnt darum auch ganz deutlich
die Notwendigkeit einer fleischlichen Abstammung von David ab, hält Er doch
den Pharisäern, welche geltend machen, der Messias müsse ein Sohn Davids
sein, Psalm 110,1 vor, wo David ihn im Geiste "Herr" nennt:
"Wenn nun David ihn 'Herr' nennt, wie ist er dann sein Sohn?' Und
Niemand konnte ihm antworten." Jesus Christus war der Sohn Davids eben
nur im geistigen Sinne, auf welchen
wir nachher zurückkommen. Darum ist das Wichtige an den Geschlechtsregistern
nicht die dort gar nicht berichtete physische
Abstammung von David, sondern lediglich die — aus dem bloßen Buchstabensinn
freilich nicht ersichtliche — dort skizzierte geistige Genealogie der Menschheit bis zur Menschwerdung, wobei
festzuhalten ist, daß die Geschlechter vor Abraham in den Teil der Bibel
fallen, welcher nicht buchstäblich zu verstehen ist, wo vielmehr mit den
Einzelnamen im inneren Sinne Entwicklungsstufen der Kirche summarisch gekennzeichnet werden. *
* * Warum nahm Gott die Menschennatur
im jüdischen Volke an?
Die
Genealogie des Menschengeschlechts wird von Abraham an über das jüdische Volk
verfolgt, welchem Maria angehörte, durch die Gott die Menschennatur annahm.
Das wurde im allgemeinen so verstanden, daß eben das jüdische Volk das
auserwählte sei; nun haben wir gesehen, daß das nur in einem geistigen Sinn der Fall ist, wennschon
es bis zur Menschenwerdung den Anschein haben kann, als sei es auch im
Buchstabensinn der Fall. Sie konnten gerade wegen ihrer Äußerlichkeit in der letzten Epoche vor der Menschwerdung für die
genaue Durchführung einer nur vorbildenden, symbolischen Religionsform
benützt werden. An sich waren sie ja — bis auf die großartigen Ausnahmen —
grob materiell, und das Wort im Alten wie Neuen Testament zeigt uns deutlich,
daß Gott die Menschennatur gerade in diesem schwer belasteten Volke annahm,
um den Hang zum Bösen in seiner ganzen Stärke zu ererben und allen Höllen zugänglich zu sein. Die
ganze Geschichte des jüdischen Volkes, wie sie im Alten Testament berichtet
wird, sowie die Botschaft fast des ganzen prophetischen Teils bezeugen die
innere Argheit und Untreue des jüdischen Volkes gegenüber Gottes Geboten; wir
brauchen hiefür keine einzelnen Zitate, da das jedem bekannt ist; man lese
nur Propheten nochmals durch. Aber der Herr bezeugt das Gleiche im
Evangelium. Ist es nicht vielsagend, daß Er, als Er Nathanael auf Sich
zukommen sieht, gleichsam überrascht spricht: "Siehe da! wirklich ein Israelite, in welchem kein Trug ist!" (Joh. 1,48)?
Und später sagt er zu den Juden, die sich darauf berufen, daß Gott ihr Vater
sei: "Wäre Gott euer Vater, dann liebtet ihr mich … Ihr seid von dem
Vater dem Teufel, und nach eures Vaters Begierden wollet ihr tun. Derselbe
war von Anfang an ein Menschenmörder und ist nicht in der Wahrheit bestanden,
dieweil keine Wahrheit in ihm ist. Wenn er Lüge redet, redet er aus sich,
weil er ein Lügner ist und ein Vater derselben" (Joh. 8,42.44). Und wie
scharf hat der Herr namentlich die Führer
des jüdischen Volkes gekennzeichnet in Seiner verurteilenden Strafpredigt
(Matth. 23), denen Er ausdrücklich sagt, daß sie nicht ins Himmelreich kommen
und auch Andere daran hindern. Sind nicht die schärfsten Worte Christi
bestätigt durch den abgründigen Haß, mit welchem die führenden Juden die
Wahrheitsbotschaft des Herrn ablehnten, nach Seinen größten Wundern wie die
Auferweckung des Lazarus nur darauf sannen, wie sie Ihn umbrächten? Welch
grauenhafte Höllen sprühen aus der abgrundtiefen Bosheit, mit welcher die
Führer des Judentums den Herrn verhöhnten, als Er auf ihr unermüdliches Drängen
hin endlich am Kreuze hing! Trotz
aller verbreiteten Grausamkeit finden wir eine gleich abgrundtiefe
Bösartigkeit zu jener Zeit bei keinem anderen Volke. Darum mußte Er in diesem die Menschennatur annehmen,
damit auch die schlimmsten Höllen
versuchend an Ihn heran konnten. Eine erblich belastete Menschennatur mit
einem Hang zu mannigfachem Bösem hätte Er freilich bei jedem Volke annehmen können. Bei
einem ganz niedrigstehenden Volke
wie z.B. den Feuerländern oder den australischen Buschnegern hätte Er einfach
eine unentwickelte, nicht aber so entartete Natur angenommen, was also
dem Erlösungszweck Seines Kommens nicht gedient hätte. Andererseits
hätte Er bei einem verhältnismäßig hochstehenden Volke wie den Germanen zu bestimmten schlimmen Zügen
keinen starken erblichen Hang übernommen; wissen wir doch z.B. von dem
hochentwickelten Ehrgefühl der
Germanen; und über ihre Sitten sagt uns der römische Geschichtsschreiber
Tacitus, daß sie gewöhnlich nicht vor dem 30. Lebensjahr die Ehe schlossen;
daß sie diese rein hielten und auch voreheliche intime Beziehung kaum
vorkamen und sehr verpönt waren. In wesentlichen Hinsichten wäre also eine im
germanischen Volk angenommene Menschennatur bestimmten Versuchungen immerhin weniger ausgesetzt gewesen, was dem
Ziel der Menschenwerdung nicht entsprochen und Ihn nicht allseitig zum Heiland und Erlöser hätte werden lassen. Das
jüdische Volk war von einer gewissen entwickelten Intelligenz, hatte sich
aber — namentlich in den geistig führenden Schichten — in eine arge innere
Verdorbenheit eingelebt, indem sie — nach dem Urteil des Herrn — viel
religiöses Getue entwickelten, womit sie die Tatsache zu verdecken meinten,
daß sie "das Wichtige des
Gesetzes: Recht und Barmherzigkeit und Treue weggelassen" haben. So
entwickelte sich unter ihren Führern das, was der Herr als schweres
Himmelshindernis aufs schärfste verdammte: Heuchelei — eine eigentliche
Gottesfeindschaft unter dem Deckmantel besonders starker Religiosität. Durch eine Tochter de jüdischen Volkes
konnte Gott eine so belastete Menschennatur annehmen, ohne daß Maria
selbst
diesem Bösen besonders ergeben zu sein brauchte. Wir empfinden hohe
Ehrerbietung vor ihr als vor Derjenigen, die wirklich "gesegnet war
unter den Weibern" (Luk. 1,42), da ihr das hohe, lang verheißene Amt
übertragen ward, den verheißenen Heiland zur Welt zu bringen. Über das hinaus
kommt ihr keine Verehrung zu. Sie und ihre Eltern als sündlos zu betrachten
oder auszugeben, hat nicht nur keinerlei Grundlage im Evangelium, sondern
beweißt ein völliges Verkennen des Grundes, warum Gott diesen Weg für die Menschwerdung wählte: eben um durch die
menschliche Mutter den Hang zu Bösem und Falschem jeder Art zu ererben. Die
Lebenssendung Jesu Christi bestand ja eben darin, das von ihr angenommene
Menschliche abzulegen und in Seinem ganzen Denken und Empfinden das Göttliche
aus Seinem Innersten zum Durchbruch kommen zu lassen und zur Geltung zu
bringen. Er mußte gleichsam aus der Verwandtschaft mit ihr herauswachsen.
Darum finden wir Ihn überall im Evangelium ihr gegenüber in einer Haltung,
welche die innere Entfernung deutlich erkennen läßt: Schon als Zwölfjähriger
antwortete Er im Tempel auf ihre Vorwürfe: "Muß ich nicht in dem sein,
was meines Vaters ist?" Und wie sie Ihm bei der Hochzeit zu Kana auf den
Mangel an Wein aufmerksam macht, antwortet Er: "Weib, was ist mir und
dir (gemeinsam)?" (Joh. 27,4). Und als Ihm einmal beim Predigen gemeldet
wird, daß Seine Mutter und Seine Brüder draußen seien und mit Ihm reden
wollen, da sagte Er Sich gleichsam von der Blutsverwandtschaft los und
anerkannte nur die geistige: "Wer ist meine Mutter und wer sind meine
Brüder?' Und er reckte seine Hand aus über seine Jünger und sprach: 'Siehe,
das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! Denn wer den Willen tut
meines Vaters in den Himmeln, der ist mein Bruder und meine Schwester und
meine Mutter'." (Joh. 7,59. — Ob nicht vor allem der Schmerz dieser inneren Trennung gemeint ist, wenn
Simeon der Maria weissagte: "Ein Schwert wird dir durch die Seele
dringen"? Es
wäre schwerlich zu der Marienverehrung der katholischen Kirche gekommen,
hätte man nicht halb unbewußt die feinen weiblichen Züge der anderen im
Evangelium genannten Marien, namentlich der Schwester der Martha, auf die
Mutter Jesu übertragen, und hätte nicht von den vorangegangenen Jahrtausenden
des Heidentums her — ebenso unbewußt — ein Gefühlsbedürfnis nach Anbetung
einer Göttin bestanden. Auch
die Bezeichnung Mutter Gottes" für sie ist natürlich falsch: sie war die
Mutter nicht des Göttlichen,
sondern nur des Natürlich-Menschlichen,
das Gott durch sie annahm, und das Er dann verherrlichte, indem Er alles von
ihr Ererbte ablegte. So
wuchs er auch aus dem Judentum heraus und darüber hinaus; das Kindlein in der
Krippe hatte eine jüdische Menschennatur; der verherrlichte Herr aber hat
diese völlig abgelegt; Er zeigt auch deutlich, wie Er die Juden als ein
Fremdvolk empfand, als Er vor Pilatus bezeugte: "Wäre mein Reich von
dieser Welt, so würden meine Diener kämpfen, daß ich nicht den Juden
überantwortet werde." *
* * Das
Kindlein in der Krippe zu Bethlehem war natürlich nicht der unendliche Gott
des Weltalls: Es war die Menschennatur, mit welcher die Mutter Maria die
göttliche Seele, die dem Kinde tief unbewußt innewohnte, hatte umkleiden
dürfen. Dieses Göttliche aber war dem Zwölfjährigen offenbar schon zum
Bewußtsein gekommen, wie allmählich auch Seine Sendung: dieses Göttliche in
Seinem Denken und Empfinden durchzusetzen gegenüber den Trieben und der
Empfindungsweise des durch Maria empfangenen Menschlichen, in welchem der
Anlage nach Selbstliebe und Weltliebe zu herrschen suchten, — von den Höllen,
deren Macht durch einen jeden Menschen verstärkt worden war, welcher die
Triebe der Selbstsucht und bloßer Weltlichkeit nicht überwunden, sondern sich
ihnen ganz überlassen hatte, — jene ganze Last, jener ungeheure Druck lag auf
Ihm: "Fürwahr, Er trug unsere
Krankheit und lud auf Sich unsere Schmerzen. Er ist durchbohrt um unserer
Übertretung willen, zerstoßen ob unseren Missetaten. Die Züchtigung zu
unserem Frieden liegt auf Ihm, und durch Seine Striemen wird uns Heilung
zuteil. Wir gingen Alle in der Irre wie die Schafe, ein Jeglicher ging seinen
eigenen Weg. Jehovah aber ließ Ihn treffen unser Aller Missetat …" In jeder Versuchung
bekam
Er in Qual jene Macht zu spüren, welche jeder sündigende Mensch stärker und
peinigender gestaltet hatte. Diese prophetischen Worte in Jes. 53 hat man zu
Unrecht nur auf die Schmerzen der Kreuzigung bezogen: die letzteren kamen
vielmehr nur noch hinzu;
verwirklicht hat der Herr diese weltenschwere Weissagung Sein ganzes Leben
hindurch in jeder Versuchung,
welche Ihm die Pein der Entsagung und des Verzichtes auf die Befriedigungen
der Selbst- und Weltliebe auferlegte, — die Pein des Verzichtes auf
Befriedigungen, welche in ungeheurem Maße über Das hinausgingen, was einem
gewöhnlichen Sterblichen als Möglichkeit offensteht, wie wir schon aus den
wenigen im Evangelium berichteten Versuchungen erkennen können. Seine
Menschennatur war der Kriegsschauplatz, wo die Höllen mit aller Gewalt das
Göttliche für immer aus dem Bereich des Menschentums zu verdrängen suchten. Jesus
empfand die Verlockungen der Selbst- und Weltliebe mit voller Gewalt, kämpfte
sie aber zurück aus dem Ihm innewohnenden Göttlichen. In diesen Versuchungen,
wo die Höllen Seine ererbte belastete Natur so sehr anfochten und Sein
Empfinden fast ganz in diese herabrissen, empfand er die Zweiheit
in
Seiner Natur gar stark; da mußte er wie ein gewöhnlicher Mensch zum Vater,
zum Göttlichen, Der gleichsam ferne zu sein schien, betend aufblicken, und
dies bis in die letzten Versuchungen Seines Erdenlebens. Indem Er aber auch
in den schwersten Versuchungen die Stimme des Göttlichen in Sich zur Geltung
kommen ließ und sie durchsetzte gegenüber der Stimme der ererbten
Menschennatur, ward Sein Menschliches
verherrlicht,
d.h.
Erlegte das von der Mutter empfangene Menschliche ab und ward statt dessen
mehr und mehr erfüllt vom Göttlichen, das Ihm als innerste Seele innewohnte.
Dieses Göttlich-Menschliche
war
der Sohn Gottes, dessen Macht von den Höllen immer mehr empfunden wurde.
Einen wertvollen Einblick verschafft uns da die Befreiung der Besessenen: Ist
es nicht vielsagend, daß gerade die bösen Geister
die Göttlichkeit Christi zwar mit Qual, zugleich aber als unwiderlegliche
Tatsache empfanden? Rief Ihm doch ein solcher böser Geist namens einer ganzen
Legion entgegen: "Was habe ich mit dir zu schaffen, Jesus, du Sohn
Gottes, des Allerhöchsten? Ich beschwöre dich bei Gott: Quäle mich
nicht!" (Mark. 5,7). Das bietet uns die deutlichste Veranschaulichung
vom Wesen der Erlösung: So wie der Herr die bösen Geister von den armen
Besessenen wegtreiben konnte, so kann und will Er alle höllischen Einflusse,
welche Unrechtes in uns anregen und uns in den Banden der Sünde halten
möchten, von uns wegtreiben. Es heißt nur: erstens uns bewußt sein, daß das
Böse, zu welchem wir neigen, von höllischen Sphären in uns angefacht
wird — zweitens: befreit werden wollen,
und drittens: unerschütterlich glauben,
daß sie der Macht des Herrn weichen müssen. Wie die vom Herrn ausgesandten
Jünger böse Geister im Namen Jesu Christi austreiben konnten, weil Sein Name
damals schon solche unwiderstehliche Gewalt in der geistigen Welt hatte, die
dieses anfachenden schlimmen Sphären im Namen Jesu Christi aus unserer
inneren Umgebung verjagen. Wie der Mensch gewordene Gott zur Erlösung der
Menschheit die gesamten Höllen in Seinem Menschentum überwand, so ist Er in
Seinem nun göttlich verherrlichten Gottmenschentum innig zugegen beim
Menschen und will Jeden von der höllischen Macht befreien und vom Bösen
erlösen. In Seinem Sieg liegt der unsere enthalten. Dieser Kampf des Herrn
ging Sein ganzes Leben lang vor sich und war im Wesentlichen vor der
Kreuzigung vollendet; denn schon vor derselben tröstete der Herr die Jünger:
"Seid guten Mutes: Ich habe die Welt überwunden" (Joh. 16,33), wie
Er schon vordem (Luk. 10,18) den Satan hatte wie einen Blitz vom Himmel
fallen sehen. Somit war die Erlösung da schon im Wesentlichen vollendet, und
die Menschheit konnte guten Mutes sein, auch wenn Er ohne Kreuzestod aus der
sichtbaren Gegenwart im Fleische dahingegangen wäre. Doch dann hätte Er das
Erlebnis des Sterbens, vor welchem dem Menschen oft so sehr bangt, nicht
gehabt; um alle schweren Stunden,
die der Mensch haben kann, auch erlebt zu haben, nahm Er auch das Sterben auf
Sich und ließ es sogar zu dem schwersten Erleben werden, wo Er ausharrte und
von Seiner Macht nicht zu Seiner Erleichterung Gebrauch machte auch
angesichts der unsagbaren Herausforderung der Hohenpriester: "Nun steige
herab vom Kreuz; dann wollen wir glauben, daß du Gottes Sohn bist!" Und
Er setzte auch in jenen belastetsten Stunden die göttliche Liebe selbst in
Seinem Menschenempfinden durch. So
ward Sein Menschliches verherrlicht, — zur Offenbarung des Göttlichen, sodaß
Er am Schlusse Seines Erdenlebens sagen konnte: "Ich und der Vater sind
Eins." "Ich bin die Wahrheit und das Leben." "Wer mich
gesehen hat, der hat den Vater gesehen." "In Ihn wohnte die ganze Fülle der Gottheit
leibhaftig" — welches Zeugnis des Paulus bisanhin
nur die Neue Kirche wirklich aufnimmt und vertritt. Die volle Verschmelzung
Seines Menschlichen mit dem Göttlichen war vollendet mit dem, was die Jünger
mit ihren erschlossenen geistigen Augen als Himmelfahrt
schauten.
"Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen und verlasse
wieder die Welt und gehe zum Vater." (Joh. 16,28). Aber
durch die Menschwerdung und Verherrlichung gewann Gott eine größere Macht
erlösenden Einwirkens auf den Menschen; das wird im Gleichnis ausdrückt in
den Worten, daß der Herr nun sitze "zur Rechten des Vaters". Von
nun an war in Ihm die Dreieinheit
von
Vater, Sohn und heiligem Geist für die Menschheit erkennbar: Der Vater: das
Göttliche von Ewigkeit, wie es in sich Selbst ist, — unfaßbar für des
Menschen Vorstellung, war offenbar im Sohn: dem Menschlichen, wie die Seele
sich im Leib offenbart: "Niemand hat Gott je gesehen: der einziggezeugte
Gott, der in des Vaters Schoße ist, der hat ihn kundgemacht" (Joh.
1,18*) *)
De ältesten Handschriften schreiben alle: "der einziggezeugte Gott", nicht:
"der einziggezeugte Sohn". Aus
diesem Göttlich-Menschlichen sendet Gott, der Herr nun den Heiligen Geist
aus,
denn durch diesen wird die neue, innigere Einwirkung verstanden, wie sie nun
vom göttlich verherrlichten Menschentum erleuchtend und hebend und stärkend
dem Menschen zuströmt, darum heißt es vordem: "Der heilige Geist war
noch nicht, weil Jesus noch nicht verherrlicht war" (Joh. 7,39). Nach
Seiner Auferstehung aber "hauchte Er die Jünger an und sprach: Nehmet
hin den heiligen Geist!" (Joh. 20,22). *
* * Das
Erlösungswerk des Herrn und die Verherrlichung Seines Menschlichen wird in
"Moses, den Propheten und Psalmen", die "von Ihm
schrieben", in manchen Gestalten vorbildend dargestellt. Die erste geschichtliche Gestalt der Bibel ist
Abraham, der das Innere der angenommenen Menschennatur des Herrn vorbildete;
die zunehmende Verbindung mit dem Göttlichen kommt z.B. darin zum Ausdruck,
daß es verschiedene Male (z.B. Gen.
15 und 17) heißt, daß Jehovah einen Bund mit Abraham geschlossen habe, was
von den Bibelkritikern lediglich als eine auf der Zusammenstellung
verschiedener Quellen beruhende bedeutungslose Wiederholung angesehen wird,
während sie jene stufenweise Verherrlichung darstellt, welche auch im
Evangelium durch die Stimme aus dem Himmel bezeugt wird: "Ich habe ihn verherrlicht und werde ihn
abermals verherrlichen." (Joh. 12,28). Die
Aufnahme des Göttlichen in Sein Menschliches wird u.A.
auch dadurch zum Ausdruck gebracht, daß der Name Abram in Abraham verwandelt
wurde, da der Hauchlaut den göttlichen Geist darstellt. Auf
diese innere Bedeutung Abrams
bezieht sich auch der ihm erteilte Segen: "In dir sollen gesegnet werden
alle Familien des Erdbodens" (Gen. 12,3), und darum anerkannte der Herr
die Juden, die Ihn ablehnten, nur dem Fleische nach als Abrahams Samen, nicht
aber dem Geiste nach: "Währet ihr Abrahams Kinder, tätet ihr auch
Abrahams Werke" (Joh. 8,37.39); denn im lebendigen Sinne wären sie
Abrahams Kinder nur gewesen, wenn sie Sein
Leben und die Führung durch Ihn aufgenommen hätten, Den Abraham im
ewiglebendigen Sinne darstellte. So
bildet auch David den Herr vor, und zwar — da seine Regierungszeit
hauptsächlich ausgefüllt war von Kriegen gegen die Feinde Israels — den Herrn
in Seinen Kämpfen gegen die Höllen.
Die Vorbildung hat der Herr auf dem für die Menschheit wichtigen inneren Lebensgebiet erfüllt und ist
dadurch im einzig wichtigen lebendigen geistigen
Sinn zum "Sohn Davids"
geworden, weswegen Er den Pharisäern zu bedenken gibt, daß hiezu eine
Abstammung von David dem Fleische nach nicht nötig ist. (Matth. 22,41-46) *
* * So
sind Moses, die Propheten und Psalmen in ihrem inneren Sinn gleichsam das
Lebensbuch Jesu. "Von mir haben sie geschrieben." Während die
Evangelien den äußeren Ablauf
Seines öffentlichen Lebens berichten, machen Moses, die Propheten und Psalmen
Seinen inneren Werdegang kund, je
wie ihr innerer Sinn durchleuchtet durch die Wolken des Buchstabensinnes:
überall erscheint dort nach dem eigenen Zeugnis des Herrn "das Zechen
des Menschensohnes"; Moses, die Propheten und Psalmen werden wie zu
einem neugefundenen Evangelium, das uns den ganzen inneren Weg des Gottmenschen berichtet, wodurch Er neu vor uns
tritt, neu zur Menschheit kommt. Und bedenken wir, daß das Wort Gott ist
(Joh. 1,1), so erkennen wir, daß eine Neuoffenbarung des inneren Gehaltes des
Wortes eine Neuoffenbarung Gottes Selbst ist und daß der Herr die Verheißung
Seiner Wiederkunft
erfüllt,
indem Er so aus dem Innern Seines Wortes, das von Ihm spricht,
hervortritt zu klarerer Erkenntnis der Christenheit als der
Göttlich-Menschliche Herr Gott Heiland Jesus Christus. Das Innere des
Gotteswortes, wo Gottes Wahrheit in ihrem unverhüllten Lichte wohnt, ist
gleichsam dessen Himmel, und wenn wir das Wort in seinem nunmehr
erschlossenen Inneren lesen, so sehen wir überall darin "des Menschen
Sohn mit Kraft und großer Herrlichkeit auf den Wolken des Himmels
kommen." Was
der Herr im Fleische wirken konnte,
das hat Er bei Seiner ersten Ankunft getan.
Eines neuen Kommens im Fleische bedarf es nicht. Seine verheißene neue
Ankunft ist ein Kommen zu neuem lichtvollerem Glaubenserkennen der Christenheit, daß sie Ihn endlich erkennen
als Den, welchen das ganze Wort von Moses bis zur Offenbarung Johannis
offenbart: als den schaubaren Gott, in welchem
der Anschaubare wohnt
wie
de Seele m Körper, in welchem sich das größte Rätsel des Alls für uns löst:
Das unendliche Göttliche von Ewigkeit offenbar, schaubar im verherrlichten
Menschentum Jesu Christi: Ein Gott, Ein
Heiland. Da der Herr bei der Himmelfahrt von den Jüngern mit den geistigen Augen geschaut ward und
nicht in das irdische Firmament
emporstieg, wird man Ihn auch vergeblich in den irdischen Wolken erwarten. Die
erste Ankunft Christi geschah ganz anders, als wie die Juden es erwartet
hatten. Die zweite Ankunft geschieht wiederum anders, als die Christenheit es
gedacht. Darum wohl fragt der Herr Selbst: "Wird des Menschen Sohn, wenn
er kommt, auch Glauben auf der Erde finden?" (Luk. 18,8). *
* * Die
Botschaft des Wortes, daß der Herr von Ewigkeit, welcher Jehovah ist, Selbst
in die Welt kam und die Menschheit erlöst hat, indem Er die Höllen besiegte,
und uns in Ewigkeit aus der Kraft Seines Gottmenschentums erlöst, indem Er
auch von uns die in die Irre drängenden höllischen Sphären fortdämmt, wenn wir
vom Bösen frei werden wollen und an Ihn glauben, — diese Botschaft des
Gotteswortes wurde bisanhin von der christlichen
Kirche nicht verkündet. Statt
dessen lautet die — namentlich in der protestantischen Kirche — allgemein
verkündete Lehre, um des Ungehorsams von Adam und Eva willen habe das Todes-
und Verdammnis-Urteil Gottes auf der Menschheit gelastet, das Gott um Seiner
Gerechtigkeit willen nicht habe aufheben können; Blut habe fließen müssen, um
Seiner Gerechtigkeit Genüge zu tun; um nun nicht die ganze Menschheit zu
vernichten, habe Gott Seinen Sohn, der von Ewigkeit her neben Ihm bestanden
habe, in die Welt gesandt, und dieser habe dann Sühne geleistet für die
Menschheit durch Seinen unschuldigen Tod am Kreuz; nehmen wir nun dieses
Opfer gläubig an, dann seien wir durch Jesu Opfertod gerechtfertigt vor
Gott-Vater, der nun unserer Sünden nicht gedenke, sondern infolge der durch
Seinen Sohn geleisteten Sühne mit uns versöhnt sei und uns die ewige
Seligkeit beschere. Diese Lehre von der Versöhnung Gottes
durch Jesu Opfertod,
die
nach Luther und seinen Nachfolgern den Mittelpunkt des Christentums bildet,
stammt nicht von dem Herrn Jesus
Christus, sondern ist erst später von Paulus
aufgestellt worden, der — freilich in bester Meinung — vom Judentum her das
Bedürfnis empfinden mochte, den Tod Jesu gleichsam juristisch in den
Heilsplan einzubauen. Der Herr Jesus hat oft von Seinem bevorstehenden Tode
geredet, hat aber dabei nicht die Lehre vom Opfertod und von der
Rechtfertigung verkündet. Da Jesus ausdrücklich Seinen Jüngern gebot:
"Ihr sollet euch nicht Lehrer nennen lassen, denn Einer ist euer Lehrer:
Christus" (Matth. 23,10), hatte kein Jünger und kein Paulus die
Befugnis, eine solche Lehre aufzustellen, welche gar nicht die Lehre des
Herrn ist. Auch sagte Er ausdrücklich: "Wenn ihr in meinem Worte bleibet, seid ihr wahrhaft meine Jünger
und werdet die Wahrheit erkennen,
und die Wahrheit wird euch frei machen" (Joh. 8,31.32). Paulus ist mit
dieser Lehre nicht m Worte des Herrn geblieben; und mögen auch seine
Briefe viel Segenvolles und Herrliches enthalten: diese Lehre ist ein Irrtum. Freilich ward sie in der — z.B. aus
dem Judentum stammenden — Urchristengemeinde und auch von einzelnen Aposteln
um ihrer Sinnfälligkeit willen bereitwilligst aufgenommen. Petrus aber weiß in seiner Pfingstpredigt,
wo er vom Tode des Herrn spricht, noch
nichts von ihr, sondern verkündet nur freudig den Auferstanden. Leider haben die Reformatoren — allen voran Luther
— des Paulus Lehre noch verschärft; wo Paulus den lediglich ritualischen Bestimmungen des Gesetzes gegenüber den
Glauben hervorhebt, fügte Luther, nur um einen recht starken Gegensatz zur
Katholischen Kirche zu schaffen, ohne Befugnis verhängnisvollerweise das Wort
"allein" hinzu und
lehrte, wir würden "durch Glauben allein"
selig. Hat auch Luther als lebendiger Christ in seinen Predigten, Reden und
Schriften diese Lehre tausendfach aufgehoben, sodaß man Luther mit Luther
widerlegen kann, so hat er doch hinsichtlich der Dogmatik die protestantische
Kirche zum Vornherein leider auf ein falsches Gleis geführt. Diese
Lehre von der Rechtfertigung stammt nicht nur nicht vom Herrn, sondern steht
im Widerspruch zum ganzen Gehalt des Evangeliums und des Wortes: Erstens
setzt sie zumindest zwei voneinander getrennte Gottpersonen voraus, und
zweitens dichtet sie Gott eine schauerliche Ungerechtigkeit an: Sollte
wirklich Gott Adam und Eva — um mit der bisherigen Kirche einmal beim bloßen
Buchstaben zu bleiben — ihren Ungehorsam nicht vergeben haben können, — Er,
der uns heißt, dem schuldigen Bruder siebenzig mal sieben Mal vergeben?
Sollte der Gerechte um dieses Ungehorsams Adams und Evas willen die
Verdammnis über die ganze Menschheit verhängen? Sollte der Göttlich-Gerechte
Sich nur versöhnen lassen, wenn er Blut fließen sieht? Sollte Gott den Tod
eines Unschuldigen für die Schuldigen annehmen, was sogar gegen unser unvollkommenes
Gerechtigkeitsgefühl verstößt und auch der ganzen Verkündigung des Wortes
widerspricht? Diese Lehre widerspricht der Wahrheit in jedem einzelnen
Punkte. Freilich kann man im Worte manche Stellen finden, die so gedeutet
werden können, daß sie sie zu bestätigen scheinen. Dieser Sinn kommt aber in
die Worte des Herrn erst hinein, wenn man sie hineinlegt; für Den, welcher nicht in jener Lehre Pauli und der
Reformatoren verfangen ist, haben sie diesen Sinn nicht. Manche ihrer
Verkündiger fühlen ihre Unhaltbarkeit wohl; darum schrieb zu ihrer
Verteidigung ein Theologieprofessor der Zürcher Universität: "Die
Theologie ist nicht dazu da, um göttliche Geheimnisse zu erklären," wozu
zu sagen ist: Vor allem ist die Theologie nicht dazu da, um unhaltbare
Menschenlehren zu einem "göttlichen Geheimnis" zu stempeln und sie
zum Ausgangspunkt ihrer ganzen Konstruktionen zu machen. Vielmehr ist die
christliche Theologie dazu da, um von den Worten des Herrn auszugehen
und ihre Geheimnisse zu erklären soweit der Menschengeist das vermag. Die
Kirche hat wie die Jünger den Auftrag: "Lehret sie halten Alles, was Ich
euch geboten habe!" (Matth. 28,20). Der Herr hat aber ganz Anderes
gelehrt als eine Rechtfertigung des Sünders vor Gott durch Seinen Opfertod.
Auf die Frage: "Was muß ich tun, daß ich das ewige Leben ererbe?"
sagte Er nichts davon und nichts von Seligwerden durch den Glauben allein,
sondern: "Willst du ins Leben eingehen, so halte die Gebote" (Matth. 19,17). Diese Lehre des Herrn
hören wir das ganze Evangelium hindurch. Dazu, daß wir das können, hat Gott
ja die Höllen überwunden und bannt sie auch von uns; uns von unseren Sünden,
nicht lediglich von der Strafe für
die Sünden zu erlösen, ist Er gekommen (Matth. 1,21), und Er lehrt uns beten:
"Erlöse uns vom Bösen." Der Herr hat uns durch Seinen Sieg
ermöglicht, daß wir in einer Wiedergeburt
zu
Seinem Ebenbilde werden: Indem wir Seine Wahrheiten aufnehmen und Seine
Gebote befolgen, ersteht in uns von Ihm her ein neues Denken und ein neues
Wollen, ein neuer Geist und ein neues Herz: "Wie Viele Ihn aber
aufnahmen, denen gab Er Macht, Gottes Kinder zu werden." Je wie wir das Böse meiden, — nicht bloß aus
berechnender Klugheit wegen der möglichen unangenehmen Folgen —, sondern als Sünde gegen Gott, zieht Sein Leben in
uns ein, Seine Liebe und Weisheit, Seine Freude am Guten und das Denken und
Urteil aus Seiner Wahrheit. Diesem
aus Gott-geboren-werden (Joh. 1,13), das sich durch einen großen Teil unseres
Lebens hinziehen kann, will das Heilige Abendmahl
dienen,
nennt doch der Herr dort das Brot und den Wein Seinen Leib und sein Blut, die
wir essen und trinken müssen, damit wir in Ihm seien und Er in uns, woraus
wir ewiges Leben haben (Joh. 6,48-63); denn das Fleisch und Blut Seines
Gottmenschentums im ewig-lebendigen Sinn sind Seine göttliche Güte und
Wahrheit; dadurch, daß wir diese "beiden Leben" in unser Denken und
Wollen aufnehmen und sie in unserem Charakter, in unserem Sinnen und Trachten
immer reiner verkörpern, wachsen wir in die innere ewige Verwandtschaft mit
Gott hinein: "Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine
Schwester und meine Mutter." Seine Wahrheit ist Sein Blut, das uns im
ewig-lebendigem Sinne wäscht oder löst von unseren Sünden. Daß dies der wahre
Sinn der Worte des Herrn und Seines Mahles ist und dieses sich nicht bloß auf
das Vergießen Seines Blutes bei der Kreuzigung bezieht, geht daraus hervor,
daß der Herr das Abendmahl vor der
Kreuzigung einsetzte und dabei — wie auch schon früher (Joh. 6) — von dem Essen und Trinken Seines Fleisches und
Blutes sprach, welche Worte in Gültigkeit waren, sobald die Verherrlichung
Seines Menschlichen so weit gediehen und die Offenbarung des Göttlichen
geworden war; diese Worte hätten ihren vollen und ewig-gültigen Sinn, auch
wenn das Leben des Herrn nicht mit einem gewaltsamen Tode, sondern ohne Tod
mit einer Vergöttlichung Seines Leibes geendet hätte. *
* * Der
Herr hat — namentlich in den letzten Tagen Seines Lebens (Matth. 24 u. 25) —
geweissagt, daß eine Vollendung des Zeitlaufs (was oft irrtümlich mit
"Ende der Welt" übersetzt wird) kommen würde, mit einem Gericht,
bei
welchem Gute und Böse, echte und Scheinjünger getrennt und gesondert würden.
Schon während der Herr auf Erden weilte, fand ein Gericht statt, sagt Er
doch: "Jetzt ist das Gericht dieser Welt; jetzt wird der Fürst dieser
Welt hinausgestoßen werden" (Joh. 12,31). Niemand auf Erden nahm etwas
von diesem Gerichte wahr, denn es fand — wie alle Gerichte — in der geistigen Welt statt, in der Welt der
Ursachen, von wo alle maßgebenden Einflusse ausgehen. Ohne ein solches
Gericht, das aus der unmittelbaren Umgebung der Menschheit die Sphären
hinwegräumte, die bis zum Kommen Gottes geherrscht hatten, wäre eine
allgemeine Aufnahme des Christentums in der antiken Welt gar nicht möglich
gewesen. Ein
ähnliches Gericht sagte der Herr für das Ende des Zeitlaufs der Ersten
christlichen Kirche voraus. Swedenborg berichtet uns nun: Das Gericht hat stattgefunden
in
der geistigen Welt um die Mitte des 18. Jahrhunderts, als wir auf Erden das
Jahr 1757 hatten. Auf Erden nahm man das freilich so wenig war, wie
dasjenige, als der Herr auf Erden weilte. Der größte Teil der Offenbarung
Johannis schildert in ihrem inneren historischen Sinn, welchen Swedenborg
darlegt in der "Enthüllten Offenbarung", dessen Hergang. Nach dem
heißt es dann am Schlusse der Offenbarung (21,1): "Und ich sah einen
neuen Himmel und eine neue Erde; denn der frühere Himmel und die frühere Erde
waren vergangen": Ist ein Himmel nicht etwas Endgültiges? Was ist das
für ein Himmel, welcher vergeht? Durch Swedenborg erhalten wir folgenden
Aufschluß: Die
christliche Kirche hatte mehr und mehr ein Christentum sich heranbilden
lassen, wo neben Vielen, die dem Evangelium ehrlich getreu zu werden sich
mühten, Manche mit frommen Worten und Gebärden ein Christenrum heuchelten, ohne sich innerlich von
der in ihnen herrschenden Selbstsucht und Weltliebe abzuwenden. Da wir beim
Übergang in die andere Welt zunächst so bleiben, wie wir auf der Welt waren,
behielten sie dieses Scheinchristentum bei, ohne von den einfacheren Christen
erkannt zu werden, sodaß sie mit diesen nicht nur die ganze Geisterwelt,
sondern selbst die unteren Regionen des Himmels bewohnen konnten. Diese Scheinhimmel
waren
ein immer mächtigeres Hindernis für das Werden eines echten Christentums auf
Erden. Darum ließ der Herr zur gegebenen Zeit das Gericht über sie ergehen:
durch Seinen Einfluß wurde — wie durch geistige Röntgenstrahlen — das Innere
der Menschen bloßgestellt, und die bloß "Herr, Herr" zu Ihm sagten,
aber Seine Gebote nicht hielten, gesondert von Denen, die echt nach den
Geboten des Herrn zu leben bemüht waren; jene wurden mit der Hölle verbunden,
welcher sie innerlich angehörten, während die echten Christen zu einem Neuen
Himmel vereint wurden. Während
das Gericht selbst auf Erden nicht wahrgenommen ward, machten sich seine
Wirkungen bald geltend, in einem Dahinfallen von Ketten, insbesondere in den
Ländern, wo seit der Reformation die Bibel täglich ehrfurchtsvoll gelesen
wurde, was eine Empfänglichkeit für das Licht von oben mit sich bringt:
namentlich in den Landen deutscher Zunge brach gleichsam eine Flut von Licht
herein: unsere Klassiker Schiller und Goethe und all die anderen großen
Geister jener Zeit erstanden wie auf einen Schlag, — im Reich der Töne kamen
nach Bach und Händel Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Schumann und so
manche Andere; das Zeitalter der "exakten Wissenschaft" brach an,
Dampf, Elektrizität wurden entdeckt und bauten unser äußeres Leben um; Woge
um Woge gingen auch Revolutionen durch Europa und erwirkten den Völkern das
Mitspracherecht. Haben auch viele von diesen Errungenschaften eine Menschheit
vorgefunden, welche nicht reif war zu ihrer segensvollen Verwendung und
Verwaltung, so können sie doch Segnungen werden,
wenn die Menschheit sich neu von oben führen läßt. Die wesentliche frucht des
Gerichtes war aber die geistige Freiheit,
welche
nun möglich ward, wenn auch diese innerlichste Frucht zunächst am wenigsten
in Erscheinung trat. War die Mehrheit der Christenheit vordem innerlich durch
Kirchendogmen gebunden gewesen, so kam nun eine Freiheit auf, diese in Frage zu stellen. Und hat auch diese
Freiheit wie die vorerwähnte die Menschheit in weiten Kreisen nicht reif
vorgefunden, sodaß nicht nur die falschen
Lehren der Kirche in Frage gestellt wurden, sondern Gottesleugnung sich weit
und breit ausdehnte, so ist trotz diesen Auswüchsen die Freiheit in geistigen
Dingen von der Vorsehung doch als Weg zu einer echteren Verbundenheit des
Menschen mit Gott gemeint. Heute kann die göttliche Vorsehung tiefgreifende
Auseinandersetzungen zulassen, — eine Auseinandersetzung nicht nur über
einzelne Punkte der Lehre, sondern ein in-Frage-stellen bis zu den tiefsten
Grundlagen des Christentums und der Religion überhaupt. Denn der Herr hat uns
aus Seinem eigenen Worte durch Sein hierfür erwähntes und vorbereitetes
Werkzeug Emanuel Swedenborg die Antwort auf alle die Fragen schon gegeben,
wie sie in echten Wahrheitssuchern aufsteigen können; Er hat die Grundlagen
geschaffen für eine Neue Christliche Kirche
in
welcher der Eine und alleinige göttlich-menschliche Herr Gott Heiland Jesus
Christus erkannt und angebetet wird und wo der leitende Lebensgrundsatz
herrscht: "Alle Religion ist eine
Sache des Lebens," — nicht bloßer Frömmigkeit oder bloßen Glaubens,
— nein: des Lebens, "und das Leben der Religion besteht im Tun
von Gutem." Die
Neue Christliche Kirche ersteht aus den Lehren Jesu Christi, der die Wahrheit
ist, selbst und ist damit auf den Fels gegründet. ____________________ Berühmte Schüler.
Wir
haben hier einen kurzen Überblick über einige wesentliche Lehren der auf dem
Evangelium fußenden Neuen Christlichen Kirche gegeben und hoffen damit
Solche, welche aufrichtig nach Wahrheit suchen, zum Lesen der unter
göttlicher Erleuchtung geschriebenen Schriften Swedenborgs anzuregen, wo
segensvolle Aufschlüsse in Fülle zu finden sind. Swedenborg
hat sich damit begnügt, die Werke auf eigene Kosten drucken zu lassen und
umsonst an Bibliotheken und Geistliche zu senden; er selbst hat keine
Anstalten getroffen, eine eigene Körperschaft zu gründen. Seine Schriften
wurden im Allgemeinen stark angefeindet von der Kirche, noch mehr aber
totgeschwiegen. Immerhin haben schon zu seinen Lebzeiten einige hervorragende
Kirchenmänner viel von ihm aufgenommen, die auch mit ihm in Briefwechsel
traten. So der Württemberger Superintendent F. Ch. Oetinger, der 1765 — also sieben Jahre vor Swedenborgs Hinschied
— ein Werk herausgab mit dem Titel "Swedenborg und anderer Irdische und
Himmlische Philosophie"; ferner der Zürcher Lavater, dessen Lehre von der Physiognomik eigentlich ganz auf
sein Lesen in Swedenborg zurückgeht. Goethe hat Swedenborgs Schriften von
seinem 20. Lebensjahr an mit Belehrung gelesen und viele Gedanken daraus in
seinem "Faust" verkörpert; er riet Lavater in den Frankfurter
"Literarischen Nachrichten" öffentlich, sich möglichst an
Swedenborg zu halten, den er "den gewürdigten Seher unserer Zeit"
nennt. Immanuel Kant hat Swedenborg gründlich
gelesen und vieles sowohl aus seinen wissenschaftlichen wie aus den
theologischen Werken übernommen; so übernahm er aus Swedenborg schon 1734
veröffentlichten Prinzipia die Nebulartheorie, die
seitdem unter Kant's und Laplace's
Namen segelt. In seiner Philosophie übernahm er u.A.
Swedenborgs Gedanken von Zeit und Raum als a priori-Vorstellungen, sowie die Forderung, daß man das Gute um
des Guten willen tun sollte; es gibt heute Kant-Forscher, die behaupten, die
gesamte Philosophie Kants liege in ihrem Keime überhaupt in seiner Lektüre
der Schriften Swedenborgs begründet. Kant hat, als er um eine Erklärung der
seherischen Fähigkeiten Swedenborgs angegangen wurde, die Tatsächlichkeit
bestimmter Beweise hievon selbst erforscht und festgestellt, dann aber, als
er se nicht erklären konnte, ohne Swedenborgs Darlegungen über die geistige
Welt anzuerkennen, sich leider nicht gescheut, statt einer Erklärung sich in
recht wohlfeilen Spötteleien zu ergehen, welche weder seinem Charakter noch
seinem Philosophentum ein Ehrenmal setzen. Die
Begreifliche fatale Ähnlichkeit seiner Philosophie mit derjenigen Swedenborgs
erklärt er in dieser Spottschrift "Träume eines Geistersehers"
damit, "daß man entweder in Swedenborgs Schriften mehr Klugheit und
Wahrheit vermuten müsse, als der erste Anschein erblicken läßt, oder daß es
nur so von ohngefähr komme, wenn er mit meinem
System zusammentrifft!" Wer weiß, daß Kant Swedenborgs Schriften
gründlich gelesen hat, wird Mühe haben, zu glauben, daß "es nur so von
ungefähr komme", wenn Swedenborg mit Kant's
System zusammentrifft. Auch
Schopenhauer hat folgende beiden
Grundgedanken seiner Philosophie aus Swedenborg: den vom "Primat des
Willens" und den von der "Welt als Wille und Vorstellung".
Eine Stelle in seinen nun veröffentlichten nachgelassenen Schriften beweist
eine sehr gründliche Lektüre der Schriften Swedenborgs, zum mindesten des
letzten großen Werkes: "Wahre Christliche Religion". Ein
besonders eifriger Verkünder der Lehren Swedenborgs war der Philosoph Karl
Christian Friedrich Krause (†1832), der in Deutschland wenig, dafür umsomehr
in Spanien bekannt geworden ist. Es sind insbesondere folgende Punkte seiner
Philosophie aus Swedenborg: sein "Pantheismus", wonach das
Göttliche wesenhaft allem Geschaffenen innewohnt; die Lehre von den
verschiedenen Reihen oder Stufen in
der Schöpfung; de Auffassung der ganzen Menschheit als eines
zusammenhängenden "Gliedbaus"; der Grundsatz: "Wolle du selbst
und tue das Gute als das Gute". Krause hat ein Buch "Geist der
Lehre Swedenborgs" herausgegeben, das einen eigentlichen Katechismus in
Form von Frage und Antwort enthält. — der Madrider Professor Sanz del Rio übernahm Krauses Lehren
und legte sie 1860 in seinen Arbeiten "El Sistema"
und "El Ideal de la Humanidad" dar und
gründete eine eigentliche Schule von Jüngern, zu welchen auch die drei ersten
Präsidenten der spanischen Republik gehört haben sollen; auch in
Spanisch-Südamerika sollen diese Gedanken weite Verbreitung besitzen. Auch
der fromme Dichter Matthias Claudius
schrieb in seinem "Wandsbecker Boten"
1774 für die Glaubwürdigkeit Swedenborgs. John Wesley, der Begründer des
Methodismus, war stark beeindruckt von Swedenborgs Werken, sodaß er einmal
sogar sagte: "Wir können all unsere Bücher über Theologie verbrennen;
Gott hat uns einen Lehrer vom Himmel gesandt, und in den Lehren Swedenborgs
können wir Alles lernen, was uns zu wissen nottut." Für
Bismarck bedeutete es einen
wichtigen Wendepunkt in seinem innern Leben, als er durch die Schriften
Swedenborgs zur Erkenntnis von der Einheit
Gottes kam. Gustav Werner, der Gründer des
"Bruderhauses" in Reutlingen, Württemberg, war ein eifriger
Verkünder der durch Swedenborg offenbarten Lehren, aus welchen in ihm seine
großen sozialen Gedanken keimten. Emerson schrieb: "Der
bemerkenswerteste Schritt in der Religionsgeschichte der Neuzeit ist der,
welchem der Genius Swedenborgs machte." "Den Wahrheiten, die aus
seinem System in allgemeinen Umlauf gelangen, begegnet man heute jeden Tag,
wie sie die Anschauungen und Glaubensbekenntnisse aller Kirchen gestalten und
von Menschen außerhalb der Kirchen." Honoré de Balzac schrieb: "Ich bin zu
Swedenborg zurückgekehrt nach einem umfassenden Studium aller Religionen und
nachdem ich alle Bücher gelesen habe, die in den letzten sechzig Jahren
erschienen sind. Swedenborg faßt zweifellos alle Religionen — oder eben die
Eine Religion — der Menschheit zusammen." Carlyle äußerte sich wie folgt:
"Swedenborg ist eine der geistigen Sonnen, welche nur immer heller
strahlen werden, je wie die Jahre dahingehen." Wir
wollen die Reihe bedeutender Zeugen, die wir noch sehr vermehren könnten,
schließen mit dem Urteil der taubstummen und blinden Helen Keller, die in ihrem Buche "Meine Religion"
begeistert ihre Dankbarkeit für die Schriften Swedenborgs bezeugt. Sie
schreibt da u.A.: "Swedenborgs Botschaft hat
mir so viel bedeutet. Sie hat meinem Denken über das zukünftige Leben Farbe
und Wirklichkeit und Einheit verliehen; sie hat meine Begriffe von Liebe,
Wahrheit und Nützlichkeit emporgehoben; sie ist mir der stärkste Antrieb dazu
gewesen, Beschränkungen zu überwinden. Swedenborgs "Göttliche Liebe und
Weisheit" ist ein Lebensquell, dem nahe zu sein ich stets glücklich
bin." *
* * Die
Schriften Swedenborgs fanden schon zu seinen Lebzeiten ihre Anhänger, die
bald daran gingen, die eine und andere aus dem Lateinischen zu übersetzen, um
sie weiteren Kreisen ihres Volkes zugänglich zu machen. Um bei unserem
deutschen Sprachgebiet zu bleiben, so hat der schon genannte schwäbische
Prälat Oetinger das Buch über "Himmel und Hölle" gleich nach
Swedenborgs Hinschied (1772) ins Deutsche zu übersetzen begonnen und es 1774
gedruckt; schon 1775 und 1776 mußte er neue ausgaben davon drucken lassen.
1784 bis 1786 erschien in Altenburg — von einem ungenannten Übersetzer — das
große Werk "Wahre Christliche Religion". 1795 erschien in Basel auf
Kosten eines dortigen Leserkreises das gleiche Werk in der Übersetzung eines
Pfarrers Donat. 1814
fand dann Immanuel Tafel
(1796-1863), Sohn eines schwäbischen Pfarrers, dessen Urahnen schon früh
unter den evangelischen Geistlichen nach der Reformation figurieren, das Buch
"Wahre Christliche Religion" bei einem Buchhändler; das Kapitel
über die Dreieinheit behob seine quälenden Zweifel so vollkommen und
beglückend, daß er das Rechtsstudium aufgab und in Tübingen statt dessen
Theologie und Philosophie studierte, um für die Sache der Wahrheit arbeiten
zu können. Er übersetzte alsbald ein Werk Swedenborgs um das andere und gab
sie heraus, — eine Arbeit, welche ihm jahrelang auf Betreiben der Kirche
verboten wurde, deren Fortsetzung ihm aber vom König auf seine Darlegungen
hin wieder erlaubt wurde. Er erhielt auch eine Professur für Philosophie an
der Universität Tübingen, an deren Bibliothek er bald zum Oberbibliothekar
ernannt wurde. Mit ihm traten viele vereinzelte Anhänger in Deutschland und
in der Schweiz in Verbindung. Sobald die Revolution von 1848 die nötige
Freiheit erbracht hatte, fanden unter seiner Leitung auch Versammlungen in
Stuttgart statt. Ein besonderer Förderer der Sache war damals der Industrielle
Müllensiefen. Später wirkte der aus Württemberg
stammende Mittnacht für den weitern Druck der Schriften. Die
damaligen Anhänger dachten nicht daran, eine eigene kirchliche Körperschaft
zu gründen, sondern blieben in ihrer Landeskirche, waren sie doch überzeugt,
daß Alle, die die durch Swedenborg verkündeten Lehren kennen lernen, sie
gleich beglückt aufnehmen würden wie sie, da Alle durch dieselben von den
gleichen quälenden Zweifeln befreit würden; vor allem, glaubten sie, würden
die Geistlichen hochbeglückt diese Aufschlüsse begrüßen, und so würde die
bisherige Kirche ganz von selbst durch allgemeine Aufnahme dieser
evangelischen Wahrheiten erneuert werden. In dieser Hoffnung sahen sie sich
sehr enttäuscht. Die Geistlichen verurteilten die Lehren im Gegenteil als
Irrlehre, gewöhnlich allerdings ohne vorherige Prüfung. Nichtsdestoweniger
blieben die Anhänger bei der Landeskirche. Nur hier und dort versammelten
sich einige von ihnen zu gemeinsamem Lesen und auch zu Gottesdiensten, um
nicht in der Kirche fortwährend in Predigt und Gebet zu hören, welche gegen
ihre evangelische Überzeugung verstießen. Mehrere Organisationen wurden im
deutschen Sprachgebiet gegründet, jedoch nicht als Kirche, sie verliefen
jedoch ins Nichts nach dem vom Herrn verkündeten Gesetz, daß neuer Wein in
neue Schläuche zu füllen ist, ansonst er verschüttet. Erst in neuer Zeit
faßten etliche den Entschuß, eine kirchliche
Körperschaft zu gründen, um auch ihre Kinder entsprechend unterrichten lassen
zu können. So bestehen nun — soweit das deutsche Sprachgebiet in Frage kommt
— in Deutschland und in der Schweiz Körperschaften, — in der Schweiz der
"Schweizerische Bund der Neuen Kirche" und in Deutschland seit 1922
die "Deutsche Neue Kirche". Die Geistlichen müssen in der Regel die
Maturitätsprüfung abgelegt haben, ehe sie an einer der theologischen Schulen
in England oder den Vereinigten Staaten die besondere theologische Ausbildung
erhalten. In diesen Ländern hat die Neue Kirche sich infolge der größeren
äußeren und inneren Freiheit in kirchlicher Hinsicht viel früher entwickeln
können und hat dort ansehnliche Organisationen. Körperschaften finden sich in
allen vorwiegend protestantischen Ländern Europas, sowie in Frankreich und in
der welschen Schweiz und in Triest. Einzelne Anhänger und Kreise aber finden
sich über die ganze Erde hin, in Indien, Japan, Südamerika, usw. In
Indien haben — ganz ohne Verbindung mit der Neuen Kirche — einzelne Inder
Werke Swedenborgs aufgestöbert und sie in ihre Heimatsprache übersetzt, indem
sie sagten: "Das ist die einzige Form, in welcher das Christentum von
Indien aufgenommen werden kann." Dort las auch der berühmte Sadhu Sundar
Sing die Werke Swedenborgs mit viel Verehrung. Ähnlich ging es unter den
Eingeborenen im Basuto-Land in Süd-Afrika. Das
kleine Werk Swedenborgs "Vom Neuen Jerusalem und seiner himmlischen
Lehre" wurde 1938 anläßlich seines 250. Geburtstages in zwanzig
verschiedenen Sprachen herausgegeben: Chinesisch, Dänisch, Deutsch, Englisch,
Finnisch, Französisch, Italienisch, Japanisch, Lateinisch, Lettisch,
Norwegisch, Polnisch, Rumänisch, Russisch, Schwedisch, Sechuana
(in Südafrika), Serbisch-Kroatisch, Spanisch, Tamul und Tschechisch. Der
Swedenborg-Verlag in Zürich veröffentlicht Swedenborg-Schrifttum in deutscher
Sprache, dort werden auf Anfrage hin auch bereitwilligst Auskünfte jeder Art
über Lehren, Swedenborg-Literatur, Organisationen und Zusammenkünfte der
Neuen Kirche erteilt. *
* * Als
zu Nathanael (Joh. 1,46-51), von dem der Herr sagte: "Siehe da, in
Wahrheit ein Israelite, in welchem kein Trug
ist!", Philippus sprach: "Wir haben Den gefunden, von dem Moses im
Gesetz und die Propheten geschrieben, Jesus, Josephs Sohn aus Nazareth,"
antwortete dieser zweifelnd: "Was kann aus Nazareth Gutes kommen?"
Philippus antwortete einfach: "Komm und siehe!" Und Nathanael kam
und sah und sprach zu Jesus: "Du bist Gottes Sohn, du bist der König von
Israel!" — So möchten auch wir
Niemandem zumuten, an die Sendung Swedenborgs auf unser Zeugnis hin zu
glauben, sondern möchten allen Lesern wie Philippus zurufen: "Komm und
siehe!" Und Jeder, dem es um die Wahrheit zu tun ist, wird hier die
Lehre des Herrn Jesus Christus Selbst und hiemit die Vollendung der
Reformation finden. _______ *
_______ Lebensbeschreibung
Emanuel Swedenborgs Der Seher und
Beweise seiner Sehergabe Volkswirtschafter
und Staatsmann Kurzen Überblick über die Lehren der Neuen
Kirche. die Vollendung
der Reformation Die Antwort,
welche die bisherige Kirche darauf gab Was lehrt aber
der Herr im Evangelium? Warum gibt es
überhaupt eine Schöpfung? ein Himmel von
Engeln aus dem menschlichen Geschlecht warum beginnt
er sein Leben in der irdischen Welt? Die Schöpfung
berichtet von keiner Erschaffung von Engeln. "ihre
Werke folgen ihnen nach", eine Welt von
wirklicher Substanz, der Glaube an
die Heilige Schrift in einer Krise. eine Antwort,
die den denkenden Menschen aufklärt, befriedigt und beglückt. Offenbarung
Gottes an die Menschen Gottes Wort
Alten und Neuen Testaments. starke Bedenken
gegen die Glaubwürdigkeit der Bibel Was sollen uns
heute jene alten Geschichten? schreiben Moses
und die Propheten und Psalmen von Ihm die Juden
"ein auserwähltes Volk", Israel stellt
das geistige Israel dar, Welche Bücher
bilden das Wort? bildeten sich
höllische Sphären, Die von Gott
angenommene Menschennatur wird Sohn Gottes Genannt. erst durch die
Menschwerdung der Kreislauf der Schöpfung geschlossen. Ihre Übermacht
galt es zu brechen. neuen festeren
Rückhalt am Göttlichen den ganzen Hang
zu Bösem aller Art. Warum nahm Gott
die Menschennatur im jüdischen Volke an? ward Sein
Menschliches verherrlicht, als den
schaubaren Gott, in welchem der Anschaubare wohnt Lehre von der
Versöhnung Gottes durch Jesu Opfertod, _______ *
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