Inhalt

Ad. L. Goerwitz

Was lehrt die neue Kirche?

Kurzes Überblick über die Lehren der Neuen Kirche

und das Leben Emanuel Swedenborg

 

 

 

 

„Siehe, ich mache alles neu?“

(Off.Joh.21,5)

 

 

Einleitung

Innere und äußere Zerrissenheit und Verwirrung kennzeichnen die sich christlich nennende Welt; die Erdbeben, die die Länder hier und dort erschüttern, erscheinen wie ein begleitendes Gleichnis zu den Erschütterungen des ganzen geistigen Lebens. Wie ist das zu erklären fast zweitausend Jahre mach dem Kommen und Wirken des Heilandes? Wohl mit der Tatsache, die schon Lessing einst feststellte: "Nachdem die Religion Jesu Christi siebzehn Jahrhunderte verkündet und gepredigt worden ist, muß man sagen, daß sie noch nie voll ausprobiert worden ist", was leider auch heute noch gilt; ja die Folgen davon, daß das so ist, sind seit Lessings Tagen nur noch offensichtlicher geworden.

Der Herr hat freilich, noch als Er auf Erden weilte, deutlich vorausgesagt, daß solche Zeiten, wie wir sie erleben, kommen würden. Und tatsächlich ist die sich nach Christus nennende Kirche schon in den ersten Jahrhunderten von ihrer ursprünglichen Reinheit, wo das Wesentliche – die Liebe – vorgeherrscht hatte, hinabgesunken in dogmatische Streitereien, inmitten welcher im 4. Jahrhundert von Bischöfen ein Glaubensbekenntnis aufgestellt wurde, welches keineswegs mit dem Evangelium in Einklang steht. In der Folge machten sich zunehmende Äußerlichkeiten und manche heidnische Mißbräuche in der Kirche breit. Die Reformation hat diese abgeschafft und die Bibel wieder in der Kirche verbreitet. Die Reformatoren aber wagten das von Bischöfen einst aufgestellte Glaubensbekenntnis nicht anzutasten, sodaß die Reformation im Glauben keine durchgreifende Läuterung im Sinne des Evangeliums brachte. Maßgebend blieben statt des Evangeliums von Menschen aufgestellte Lehren, die dem denkenden Menschen der Neuzeit je länger je unannehmbarer wurden, sodaß Abfall und Unglaube sich in den sog. christlichen Ländern mehr verbreiteten als in der heidnischen Welt. Klarheit über die christliche Wahrheit tut immer dringender not.

Jesus hat aber auch am letzten Abend Seines Erdenlebens den Jüngern gestanden: "Ich habe euch noch Vieles zu sagen, doch ihr könnet es jetzt nicht tragen." Nun ist die Stunde gekommen, dies zu offenbaren, wofür die Menschen bei der ersten Ankunft des Herrn noch nicht reif waren.

Für die Verkündigung dieser Wahrheit aus dem Worte erweckte Gott, der Herr, der für die Offenbarung Seiner Wahrheit stets Menschen als Werkzeuge berief, in unserer Neuzeit.

 

 

Jugendzeit

Daß er trotz der Dringlichkeit seiner Aufgabe ein Vierteljahrtausend nach seiner Geburt der großen Mehrheit der Christenheit noch so gut wie unbekannt ist, rührt davon her, daß diese sich noch so wenig bereit zeigte für Das, was Gott ihr da zugedacht hat. Aber ist das je anders gewesen? Sind die Propheten Gottes je anders als ablehnend aufgenommen worden, wenn ihre Botschaft irgend eine wesentliche Wandlung von den Menschen forderte?

So fängt Swedenborg, wennschon seine Hauptschriften nunmehr in zwanzig Sprachen zu haben sind, doch heute erst an, einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu werden. "Bei großen Geistern verhält es sich wie bei den Sternen: Das Licht der größten Sterne erreicht uns am letzten, so weit ist der Weg, denn es bis zu uns zurückzulegen hat. So geht es auch bei großen Geistern: Ihre Gedanken erreichen die Menschheit spät. Die Frage: Wie lange brauchen die Gedanken, bis sie bei der Menschheit ankommen? schafft einen Prüfstein und Rang für Stern und Geist." Auf wenige Gestalten in der geistigen Geschichte der Menschheit dürfte dieses Denkerwort in solchem Maße zutreffen wie auf Swedenborg, wobei wir darauf achten wollen, daß er die durch ihn verkündeten Lehren nicht sich selbst zuschreibt, sondern daß er sich als "Diener des Herrn Jesus Christus" bezeichnet und bezeugt, daß er sie vom "Herrn Selbst, als er das Wort las, empfangen" habe.

Bevor wir nun einen Überblick über die Lehren bieten, die er aus der Heiligen Schrift darlegte, wollen wir einen kurzen Blick auf den Lebensweg werfen, auf welchem er von der Vorstellung für sein hohes Amt vorbereitet wurde.

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Emanuel Swedenborg stammt aus einer Familie von Bergwerk-Ingenieuren. Sein Großvater, ein frommer tüchtiger Kupferschmelzer, machte sich mit einigen Anderen zusammen an die neuerliche Erschließung eines verlassenen, mit Wasser angefüllten Kupferbergwerkes in der Nähe von Fahlun in Dalekarlien, was ihn allmählich zu Wohlstand brachte, der ihm nach seiner Überzeugung von Gott um seiner großen Kinderschar willen geschenkt ward.

Einer der Söhne war Jesper, später der Vater Emanuel Swedenborgs. (Er hieß noch Swedberg von dem Familiengute Sweden; der Name wurde dann erst 1719 bei der Erhebung in den Adelsstand in Swedenborg umgewandelt.) Er wurde der angesehensten Theologen von Sweden, unerschrocken und echter Frömmigkeit; eine große Zahl der beliebtesten Kirchenlieder sollen von ihm stammen. Zur zeit, als sein Sohn Emanuel ihm geboren wurde, war er Hofprediger in Stockholm und vom König hochgeschätzt. Er war bald darauf auch Superintendent der schwedischen Kirchen in London, Amerika und Portugal. Seine Gattin war Sara Behm, Tochter eines Assessors im Bergwerkskollegium, die aber schon 8 Jahre nach Emanuels Geburt starb.

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Emanuel Swedenborg ward in Stockholm am Sonntag, den 29. Januar 1688 geboren. Als er vierjährig war, siedelte seine Familie nach Upsala über, wo sein Vater eine Professur an der Universität erhielt und alsbald auch Dekan der Kathedrale wurde. Hier in der malerischen Universitätsstadt wuchs Swedenborg auf bis zum 15. Lebensjahre und setzte in dieser Zeit seinen Vater oft in Staunen durch die Klarheit, mir der er religiöse Wahrheiten aussprach. Nach einigen in Skara verbrachten Jahren, wohin sein Vater als Bischof versetzt wurde, kehrte er nach Upsala zurück, als er das Alter für die Universität hatte. Sein Vater hätte es wohl gerne gesehen, wenn er ebenfalls Theologe geworden wäre; doch zog ihn neben den Sprachen hauptsächlich die Mathematik und Naturwissenschaft an. Schon 1709, d.h. mit 21 Jahren, beendete er das Universitätsstudium und hielt seine Doktordiputation.

Zu jener Zeit hatten sich die epochemachenden mathematisch-physikalischen Entdeckungen Neuton's verbreitet. Fühlte der junge Swedenborg sich im schwedischen Norden etwas getrennt von den geistigen Mittelpunkten Europas? Jedenfalls drängte es ihn nach den Hauptstätten des Wissens der damaligen Zeit. So entschoß er sich, den Mann seiner Schwester, den hochgelehrten und vielseitigen Eric Benzelius, den späteren Erzbischof, mit dem er einen regen Briefverkehr über die verschiedenen wissenschaftlichen Fragen führte, um eine Art Reisestipendium zu bitten. Diese Bitte ward ihm offenbar gern gewährt, und so war er nun über vier Jahre unterwegs und ließ es sich angelegen sein, die bedeutendsten Männer der Wissenschaft, Sammlungen und alles Wissenswerte zu sehen und zu erforschen, vor allem in London, Oxford, Paris, Hamburg und Greifswalde.

Sein Hauptinteresse gehörte in diesem Jahre vielleicht der Mathematik, namentlich seit Descartes die Algebra, Leibnitz und Newton die Differential- und Integralrechnung aufgebracht hatten. Er schrieb in 10 Büchern ein Lehrbuch über diese Gebiete, wo er auch Probleme der Mechanik und Ballistik behandelte, lehnte aber als 29-Jähriger eine Professur für höhere Mathematik an der Universität Upsala ab, da er seinem Vaterlande in praktischer Weise dienen wollte.

Erfindungen

Was selten in einem und demselben Geiste vereint ist, das war bei ihm in ungewöhnlichem Maße vorhanden: neben der Fähigkeit zu theoretischem Denken ein außerordentlich praktischer Sinn, der seinem Vaterland von großen Nutzen geworden ist. Schon während seiner Universitätsjahre hatte er sein Zimmer bei verschiedenen Praktikern genommen und sich so einige handwerkliche Fertigkeiten angeeignet, so das Buchbindern, die Anfertigung physikalischer Präzisionsinstrumente und das Stechen von Globuskarten.

Die Jahre nach seiner Heimkehr von der Studienreise waren besonders reich an Erfindungen auf mancherlei Gebieten, so von 1714 an folgende: Neue Wasserpumpen, das Heben von Gewichten mit Hülfe von Wasser, Schleusenkonstruktionen, die noch heute zwischen den Wenner- und Wetterseen in Brauch sein sollen, eine Wasserwurfmaschine, eine Ziehbrücke, Luftpumpen, eine Wasseruhr, ein Wagen mit mechanischen Werken, Versuche zur Konstruktion eines Flugzeug, neue Konstruktion von Federn, Arbeiten über Kunst des Schattenzeichnens, über Perspektive, über verschiedene Erdarten, über Fossilien, über das Segeln gegen den Strom, über Schrauben, über das Echo, über die Konstruktion eines Kranes, über Zinn- und Salzwerke, sodann einen Ofen mit langsamer Verbrennung, dessen Model noch heute bestens in Brauch ist.

Da sein Vaterland gerade damals in den Nordischen Krieg (1700—1721) gegen Dänemark, Polen und Rußland verwickelt war, der ihm seine Großmachtstellung und verschiedene Gebiete jenseits der Ostsee kostete und Rußlands Übergewicht begründete, finden wir aus jenen Jahren auch Pläne für ein Unterseeboot, "welches mit seinem Mann, wohin es will, unter dem Wasser fahren und der feindlichen Flotte viel Schaden zufügen kann." Auch entwarf er im selben Jahre 1714 ein Luftdruckgewehr, das 60 bis 70 Kugeln abschießen konnte, ohne frisch geladen zu werden. Und bei der Belagerung von Friederikshall (1718) transportierte er 8 Schiffe, die wegen der dänisch-englischen Flotte den offenen Seeweg nicht wagen durften, durch ein geschicktes Rollensystem über 20 Kilometer weit über Berg und Tal in die Bucht, wo sie die dortigen dänischen Schiffe unschädlich machen konnten.

Der König Karl XII, der nach Swedenborgs Zeugnis selbst ein mathematisches Genie war, empfand große Bewunderung für seine mechanischen Fähigkeiten und wünschte, daß er mit Polhem, dem "Archimedes des Nordens", zusammenarbeite, und ernannte ihn schon 1716 zum Außerordentlichen Assessor des Bergwerkkollegiums. Auch übertrug er ihm auf seine Denkschrift hin die Erstellung von Anlagen zu Schwedens eigener Salzerzeugung.

Polhem schrieb an Benzelius: "Wir fanden viel Gefallen aneinander, besonders als ich ihn fähig fand, mir in meinen mechanischen Arbeiten zu helfen und die dabei nötigen Experimente zu machen. Hiebei verdanke ich ihm mehr als er mir." Swedenborg entwarf die Pläne für eine wissenschaftliche Gesellschaft, die dann auch zu Stande kam, und gründete mit Polhem zusammen die erste naturwissenschaftliche Zeitschrift Schwedens, den "Nordischen Deadalus", wo er seine Erfindungen und Pläne freimütig darlegte und zu welcher König Karl XII freigebig beitrug.

 wohnte zeitweise im Hause Polhems und verliebte sich in dessen Tochter Emerentia, die ihm vom Vater auch freudig zugesprochen wurde. Als jedoch der junge Swedenborg erfuhr, daß sie seine Liebe nicht erwiderte, sondern einen Andern liebte, gab er sie frei und blieb zeitlebens unverheiratet. Da er hierauf Polhem's Haus begreiflicherweise verließ, kam die engere Zusammenarbeit mit ihm zu einem natürlichen Ende.

Bergwerkskollegium

Swedenborg ging nun auch wissenschaftlich seine eigenen Wege, die seinem Vaterlande und der Wissenschaft von großen Nutzen wurden. Bisher hatte er sich dem Wunsche des Königs gemäß nur so viel im Bergwerkskollegium beschäftigt, als ihm das Zusammenarbeiten mit Polhem Zeit ließ. Nun wollte er sich diesem Berufe vollständiger widmen. Ehe er diese Stellung antrat, wollte er aber die fortgeschrittensten Bergbaumethoden im Auslande kennen lernen und reiste 1721 auf ein Jahr zunächst nach Holland-Belgien und ins Harzgebirge, wo er die ganze Zeit Gast des Herzog von Braunschweig war, der hohe Bewunderung für seine Gelehrsamkeit hegte. Er hatte sich auch da schon theoretisch sehr in die Mineralogie einarbeitet und gab in Hamburg und Leipzig Werke heraus, namentlich über das Eisen. Darauf trat er seine Stelle als Assessor des Bergwerkkollegiums regelrecht an. Dieses war folgendermaßen geordnet: Unter einem Oberhaupt, das aus dem höheren Adel gestellt wurde, standen zwei Bergräte, welchen sechs Assessoren unterstellt waren, die gewöhnlich tägliche Sitzungen abhielten und wo Swedenborg nach den vorhandenen Protokollen nie gefehlt hat, wenn er nicht auf einem Auslandurlaub weilte. Das Amt beanspruchte seinen Inhaber weitgehend. Swedenborg hätte leicht zum Rat aufsteigen können, wenn er gewollt hätte; die Beförderung wurde ihm auch nochmals angeboten, als er den König um die Versetzung in den Ruhestand bat, doch verzichtete er darauf. Wir können uns wohl denken, wie viel er als höchste Autorität der Metallurgie und als genialer Ingenieur seinem Lande genützt hat in den dreißig Jahren seit seiner Ernennung zum Assessor des Bergwerkkollegiums. Prof. Schleiden sagt denn auch: "Man würde nicht fertig, wenn man alle die Verbesserungen aufzählen wollte, welche Swedenborg im Bergwerkbetrieb seines Vaterlandes einführte; und seine Verdienste um Industrie und Künste in Schweden sind unbeschreiblich groß."

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Es ist kaum zu begreifen, daß Swedenborg trotz der reichen Tätigkeit in seinem Amte seine wissenschaftliche Hauptarbeit, durch welche er einst einen führenden Namen in der Geschichte der Naturwissenschaften behaupten wird, in der wenigen Freizeit neben seiner Berufsarbeit leistete. In diesen freien Studien hat er in den dreißig Jahren seines wissenschaftlichen Forschens beinahe in allen Naturwissenschaften nicht nur das Wissen seiner Zeit voll beherrscht, sondern es auf allen Gebieten um wesentliche Neuentdeckungen bereichert, — Neuentdeckungen, die z.T. seitdem ihre Bestätigung gefunden haben, zum Teil aber nach dem Urteil der Fachleute noch heute nicht eingeholt sind.

Da fand er zunächst eine Methode, den Standort zu Land oder Wasser hinsichtlich der Längengrade (Ost-West) nach dem Monde zu bestimmen; dieses Werkchen mußte er im Laufe seines Lebens öfters wiederdrucken lassen; und dem Vernehmen nach muß man sich noch heute an Marineschulen beim Steuermannsexamen über die Kenntnis dieser Swedenborg'schen Methode ausweisen.

Geologie

Zugleich aber widmete sich Swedenborg geologischen Fragen zu einer Zeit, als es eine Wissenschaft der Geologie eigentlich noch nicht gab. Von 1716 an zeugen manche Veröffentlichungen von dieser unabhängigen Tätigkeit: "Die verschiedenen Erdarten", "Ueber Fossile", "Die Umdrehung der Erde", "Die Höhe des Wasserstandes" in früheren Zeiten, "Neue Hinweise zur Auffindung von Metalladern", — Swedenborg  regte das einfache Mittel an, die Pflanzenwelt über metallhaltigem Boden zu vergleichen mit derjenigen von anderem Boden und sie so je nachdem als Anzeichen für das Vorkommen oder Fehlen von Metalladern darunter zu gebrauchen. "Anzeichen einer früheren Flut", "Ueber die Strata in Steinen und Bergen", "Die Entstehung der Salze im Urmeer", Versuche und Theorien über verschiedene Metalle und Stoffe, die Wirkung der Urflut auf die Felsen, u.A. — Prof. Nordenskjölb sagte in einem Vortrag vor der Kgl. Schwedischen Akademie der Wissenschaften: "Das Verdienst, als Erster die Frage von der wechselnden Höhe der Meeresflut ernsthaft angefaßt und sie zum Gegenstand ernsthafter wissenschaftlicher Untersuchung gemacht zu haben, gebührt Emanuel Swedenborg, da er 1719 ein werk veröffentlichte mit dem Titel: 'Ueber die Höhe des Wassers und die große Ebbe und Flut in der Urwelt: Beweis aus Schweden'. Aus der Struktur der Berge in Westgotland, aus den Versteinerungen in den horizontalen Betten von Kalk und Mergel, aus Schalenbänken, die weit über der gegenwärtigen Meereshöhe gelegen sind, aus Schiffswracks und dem Skelett eines Walfisches, das weit vom Meer entfernt gefunden wurde, aus den Gestaltungen der Sandbänke und der gerundeten Form der darin gefundenen Steine, aus den Wanderblöcken oder — wie Swedenborg es ausdrückt — 'den Steinen, die über die ganze Welt verstreut sind', aus den Riesentöpfen, aus den Küstenlinien von Halleberg und Hunnerberg, aus Fischen in Inland-Seen, die weit über Meereshöhe liegen, und schließlich von dem jährlichen Sinken des Baltischen Meeres, das durch manche Beweise bekräftig ist, zieht Swedenborg den Schluß, daß die Meereshöhe in Schweden in früheren Zeiten einige hundert Ellen über ihrer heutigen Höhe lag. Die Ursache der Veränderung schreibt er teils einer Änderung in der Schnelligkeit der Umdrehung der Erde und im Kreislauf des Mondes um die Erde zu, wodurch das Wasser von den Polen gegen den Äquator hin getrieben wird, teils dem Zustand des Wassers im Baltikum, das höher ist als in der Nordsee und dessen Höhe allmählich abnimmt. — Swedenborgs Aufsatz, welcher den Grundton zu so Vielem in der Lehre von der Erdgeschichte enthält, worüber auch heute noch Auseinandersetzungen stattfinden, blieb zuerst unbeachtet und unverstanden in der gelehrten Welt. Er wurde aber zum ersten führenden Fingerzeig für die Untersuchungen von Anders Celsius, die er im Jahre 1724 während seinen Reisen der Künste entlang über die Höhe des Wassers im Baltikum unternahm und deren Ergebnisse dieser dann 1743 veröffentlichte."

Wir verstehen es darnach, wenn der heutige Gelehrte prof. Nathorst schreibt: "Swedenborgs Beiträge auf geologischem Gebiet sind von solcher Tragweite und Bedeutung, daß sie allein hinreichen würden, ihm einen hochgeachteten Namen in der Wissenschaft zu sichern." Von Dumas wird Swedenborg ferner der Vater der Kristallographie genannt.

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Nach seiner Berufung ins Bergkollegium wandte er sich mit Eifer der Metallurgie zu und hat da mit seinen Studien über die Metalle, namentlich über Eisen und Kupfer damals schon europäischen Ruhm geerntet, sodaß er zum Mitglied mehrerer Akademien der Wissenschaften ernannt wurde. Die Französische Akademie in Paris gab damals ein großangelegtes Werk "Beschreibung der mechanischen Künste" heraus, das auch einen Teil über das Eisen enthalten sollte; da aber keine der eingesandten Arbeiten an das Werk Swedenborgs heranreichte, veröffentlichte sie aus seinem 1734 in Leipzig hierüber erschienenen Buche, dem 2. Band seiner dreibändigen "Prinzipia", vor allem die Kapitel, welche von der Verarbeitung des Roheisens zu Stahl handeln.

Kosmologe und Astronom

In diesem Werk "Principia Rerum Naturalium" ("Uranfänge der natürlichen Dinge"), das er auf Kosten des Herzogs von Braunschweig durfte drucken lassen, schreibt Swedenborg dem Wissen und Denken seiner Zeit weit voraus. Während der obgenannte 2. Band vom Eisen und der 3. vom Kupfer handelt, behandelt der erste die Entstehung des Weltalls. Da spricht Swedenborg im 1. Kapitel von den Mitteln, welche zu einer wahren Philosophie führen, und vom echten Philosophen; alsdann aber vom "Ersten Einfachen, aus welchem die Welt mit ihren natürlichen Dingen ihre Entstehung nahm, d.h. vom Ersten Natürlichen Punkt und seiner Entstehung aus dem Unendlichen." Von da verfolgt er die Entwicklung weiter bis zum Dasein der Sonnen und der Bildung des Sonnenwirbels.

Im zweiten teil, der 250 Seiten umfaßt, behandelt Swedenborg den Magneten und seine Ausstrahlungen; Forscher haben gesagt, daß dies die erste gründliche wissenschaftliche Studie über diesen Gegenstand sei. Fesselnd sind dabei auch für Den, der Swedenborgs Forschungen auf diesem Gebiete nicht im Einzelnen zu folgen vermag, die Schlüsse, welche er aus seinen Versuchen zieht: Er ist überzeugt, daß in der gesamten Schöpfung des Einen allmächtigen Schöpfers überall die gleichen Gesetze und Ordnungen im Größten wie im Kleinsten walten und daß man darum von da aus, wo man z.B. die magnetischen Strahlungen und die sich so ergebenden magnetischen Kraftfelder untersuchen und feststellen kann, darauf schließen kann, wie sie im Bereich des Kleinsten: — in Molekülen und Atomen — und des Größten: — in den Sonnenwelten — sich auswirken.

Im 3. Teil des 1. Bandes, der die übrigen 80 großen Seiten füllt, behandelt Swedenborg u.A. folgende Gegenstände: Vergleichung des Sternenhimmels mit den magnetischen Sphären. Die Mannigfaltigkeit der Welten. Das allgemeine Sonnen- und Planetenchaos und seine Scheidung in Planeten und Satelliten. Über Äther, Luft, Feuer, Wasser. Über den die Erde umgebenden Wirbel und den Weg der Erde von der Sonne hinweg zu ihrem Kreislauf um die Sonne. Und er schließt diesen ersten Band mit dem Hinweis darauf, daß die Erde zur Wohnstätte von Leben und zuletzt des Menschen geschaffen ward, dem er im letzten Satz zuruft: "O glücklichstes Wesen, zu den Freuden der Welt sowohl wie des Himmels geboren!"

In diesem Bande hat Swedenborg als Erster die Lehre über den Ursprung der Erde aus der Sonne aufgestellt, die sog. Nebulartheorie, die allgemein Kant und Laplace zugeschrieben wird, — doch war Kant in dem Jahre, als Swedenborg diese Theorie in Leipzig veröffentlichte, erst 10 Jahre alt und hat seine Darlegung dieser Theorie erst 21 Jahre nach dem Erscheinen von Swedenborgs Buch herausgebracht. Laplace wurde überhaupt erst 1749, — 15 Jahre nach der Veröffentlichung der "Prinzipia" geboren.

Prof. Nyrén schrieb in der deutschen "Vierteljahrschrift der Astronomischen Gesellschaft" Bd. 14 über Swedenborgs Kosmologie: "Es kann nicht geleugnet werden, daß der wesentliche Teil der Nebulartheorie, nämlich daß sich das ganze Sonnensystem aus einer einzigen chaotischen Masse gebildet hat, das sich zuerst in einen riesigen Ball zusammenrollte und darauf durch Drehung einen Ring von sich abtrennte, der dann bei der fortgesetzten Drehung in verschiedene Teile zerbrach und sich schließlich zu den Planetenmassen zusammenzog, zuerst von Swedenborg zum Ausdruck gebracht wurde. Das hier in Frage stehende Werk von Kant, die "Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels", ward 1755 veröffentlicht, d.h. 21 Jahre später; Laplace veröffentlichte seine Theorie erst 62 Jahre später. Es sollte weiter beachtet werden, daß Swedenborg aller Wahrscheinlichkeit nach seiner Theorie die richtigste Form gegeben hat."

Der Kosmologe Prof. Arrhenius faßt die Ergebnisse seiner Untersuchungen über Swedenborgs Beiträge an die Kosmologie in folgende Sätze kurz zusammen: "Wenn wir die Gedanken kurz zusammenfassen, welche von Swedenborg als Erstem zum Ausdruck gebracht wurden und später — wenn auch gewöhnlich in recht abgewandelter Form — bewußt oder unbewußt — von anderen Verfassern auf dem Gebiete der Kosmologie übernommen wurden, so finden wir folgende:

"Die Planeten in unserem Sonnensystem haben ihren Ursprung in der Sonnensubstanz" — ausgenommen von Busson, Kant Laplace und Anderen.

"Die Erde — und die anderen Planeten — haben sich allmählich von der Sonne entfernt und eine allmählich verlängerte Umdrehungszeit erhalten" — eine Anschauung, die dann wieder von G. H. Darwin geäußert wurde.

"Die Umdrehungszeit der Erde, d.h. die Tageslänge hat allmählich zugenommen" — eine Anschauung, welche später wieder von G. H. Darwin geäußert wurde.

"Die Sonnen sind um die Milchstraße gruppiert" —  ausgenommen von Breit, Kant und Lambert.

"Es gibt noch größere Systeme, in welchen die Milchstraßen eingeordnet sind" — ausgenommen von Lambert.

Die im ersten Teil der "Principia" dargelegten Lehren von den ersten Anfängen des Natürlichen sind — vielleicht um ihres theoretischen Inhalts willen — noch kaum zu ihrem Rechte gekommen; doch sind dort schon manche andere als ganz modern angesehene Gedanken dargelegt. Der Physik-Professor M. Th. French sagt darüber: "Folgende Lehren der modernen Wissenschaft findet man mehr oder weniger bestimmt in den "Principia" schon dargelegt: Die Atomtheorie (das Atom als kleines Sonnensystem aus Energiekernen, mit Bewegungen nach mathematischen Gesetzen), den Ursprung der Erde und ihrer Schwesterplaneten aus der Sonne, die Nebulartheorie, die Wellentheorie des Lichtes, die Lehre, daß Wärme eine Art Bewegung ist, daß Magnetismus und Elektrizität (auch Licht und Elektrizität) eng zusammenhängen, daß Elektrizität eine form der Ätherbewegung ist und daß die Molekularkräfte von der Wirkung eines Äthermediums herkommen.

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Prof. Lönnberg, der die Kgl. Schwedische Akademie der Wissenschaften 1910 in London vertrat, sagte dort u.A.: "Es muß zugegeben werden, daß weder in England noch auf dem Festland, noch in Schweden die wissenschaftlichen Werke Swedenborgs wirklich verstanden und ihre große Bedeutung zu seinen Lebzeiten erfaßt wurde. Manchmal war er darüber niedergeschlagen. "Theorien und Erfindungen wie die meinigen bringen weder Ermutigung noch Brot …" schrieb er einmal seinem Schwager. Er war jenen Zeiten zu weit voraus, und es ist unseren Tagen überlassen, seinem Gedächtnis Gerechtigkeit widerfahren zu lassen als dem eines der größten schwedischen Forscher. Nichtsdestoweniger gibt es Anzeichen dafür, daß Swedenborgs Werke zu seinen Lebzeiten schon weiter verbreitet und bemerkt wurden, als allgemein angenommen wird. Das beweißt schon die Tatsache, daß seine wissenschaftlichen Werke in Rom 1739 gefürchtet und auf den Index gesetzt wurden. Es ist auch offensichtlich, daß manche Entdeckungen, welche anderen Urhebern zugeschrieben wurden wie Busson, La Grange, Laplace und einigen Anderen, von Swedenborg schon vorweggenommen worden sind. Es will darum sehr seltsam scheinen, daß so viele von Swedenborgs Werken so lange wenigstens zum Teil der Vergessenheit überantwortet wurden. Die Erklärung dafür mag von einem französischen Verfasser, Marquis de Thomé (1785), richtig dargelegt worden sein, der schrieb: 'Einige Leute fürchten, daß die aufschlußreichen Werke dieses größten Physiker und Theologen, der je geboren ward, ihrem eigenen System den Todesstreich versetzten könnte. Andere, die in aller Stille von ihm geborgt haben, zittern um die Entdeckung, falls ihre Quelle besser bekannt werden sollte. Die dritte Kategorie von Gegnern sind Leute, welche ihren Ruhm infolge einer übertriebenen Meinung von ihrer Gelehrsamkeit genießen, die aber innerlich um deren Unzulänglichkeit wissen und darum das Auftauchen eines solchen Polargestirns fürchten, das sie selbst weniger hell leuchten ließe und sie auf ihren wirklichen Wert beschränken würde'."

Anatome

Wie aus manchen Teilen in diesem wunderbaren Werk "Principia" erhellt, erkennt Swedenborg schon hier in philosophischer Weise, daß die eigentlichen Kräfte, die sich in der Natur auswirken, nicht physische sind, sondern von einer höheren Quelle herrühren. Diesen tieferen Zusammenhängen nachzuspüren, ist sein lebendigste Interesse, und wie sehr es ihn auch nach dem Wissen auf allen Gebieten drängt, so ist ihm aller Wissensstoff doch nur die Grundlage, um von diesem sicheren Boden aus den Zusammenhang der dinge mit dem Reich der Ursachen zu erforschen. Das Suchen darnach zieht sich wie ein roter Faden durch seine ganze wissenschaftliche Arbeit von Jugend auf, wie folgende Liste seiner diesbezüglichen Schriften beweist:

Schon 1714 verfaßt er als 26-Jähriger mitten in seinen Erfindungen von Wasserpumpen, Schleusen und Wasseruhren eine Schrift über "Die Neigungen des Gemütes".

1717 zwischen seinen Arbeiten an Kranen, Salz- und Zinnwerken eine Arbeit über "Die Ursachen der Dinge".

1718: "Das Wesen der Natur", "ein Dialog zwischen Mechanik und Chemie".

1720 erscheint nach einem Werk über Geometrie und Algebra: "Erste Anfänge der natürlichen Dinge", ein Vorläufer seines späteren großen Werkes.

Und während er dieses letztere 1734 in Leipzig drucken ließ, verfaßte und veröffentlichte er noch im selben Jahr seinen "Prodromus" oder "Vorläufer einer Philosophie des Forschens nach dem Unendlichen und nach der Endursache der Schöpfung, sowie über den Mechanismus des Wirkens von Seele und Leib".

Die menschliche Seele zu erforschen, war sein nächstes Ziel; und da sie — die unsichtbare — mit ihrer stofflichen Wohnung, dem Leibe, so enge verbunden ist, schien es ihm das Zweckmäßigste, einmal diesen zu erforschen, von wo aus sich dann ein Zugang auch zu ihrer Erforschung ergeben würde.

Und so machte er sich mit der ganzen Gründlichkeit seines Wesens an die Erforschung unseres Leibesbaues. Er erkannte wohl, daß die Freizeit neben seinem Amte für die Aufgabe, so wie er sie sich stellte, nicht genügte, und erbat sich darum vom König einen mehrjährigen Urlaub, der ihm gewährt wurde. Während wir nun wohl zur Annahme neigen, Swedenborg müsse in der nun kommende Zeit der Gefangene seines Studienzimmers und allenfalls der medizinischen Versuchsstätten gewesen sein, reiste er in Wirklichkeit hierfür von 1736 bis 1740 ins Ausland und hielt sich hauptsächlich in Paris, Venedig, Rom und Amsterdam auf.

Die Früchte seiner anatomischen Forschungen begann er 1740 in Amsterdam in einem Werke herauszugeben, das er "Oeconomia Regni Animalis" betitelte, was wir mit "Wirtschaftlichkeit im Reiche der Seele" übersetzen können*), und dessen erster Teil von der Zusammensetzung und dem Kreislauf des Blutes handelt, zugleich aber eine Einführung in eine rationelle Psychologie enthält. [*) Regnum Animale wird im Allgemeinen mit "Tierreich" übersetzt; es geht aber aus dem ganzen Zweck des Werkes hervor, daß das Wort Animale hier in seiner Grundbedeutung gebraucht wird, die sich von Anima = "Seele" herleitet.] Während er dies herausgab, sah er, daß es besser war, auf breitrer Grundlage den ganzen Organismus, Organ um Organ, in einem neuen Werk: "Regnum Animale" in siebzehn Teilen zu behandeln. In seinen hierzu unternommenen Forschungen hat er manchen anatomischen Tatbestand als Erster entdeckt, sodaß diese und jene anatomische Einheit eigentlich nach ihm benannt sein müßte. Er betrachtete solche Entdeckungen aber nicht als seine eigentliche Aufgabe, sondern vielmehr, aus den festgestellten Tatsachen die physiologischen Schlußfolgerungen zu ziehen und zum Verständnis der Zusammenhänge zu gelangen. Ja, um sich nicht den klaren Blick bei dieser Wertung der festgestellten Tatsachen zu trüben, verzichtete er schließlich ganz auf das eigene Sezieren und stützte sich auf die Funde der hierfür besonders Begabten. Seine eigenen Worte in der Einleitung zur "Oeconomia Regni Animalis" (Nr. 18) sind hierfür sehr bezeichnend und aufschlußreich:

"Hie und da habe ich mir die Freiheit genommen, die Ergebnisse meiner eigenen Erfahrung einzuwerfen, jedoch nur sparsam; denn nach tieferem Erwägen der Sache schien es mir am besten, von den von Anderen erbrachten Tatsachen Gebrauch zu machen. Es gibt in der Tat Einige, welche für Beobachtung durch Versuche geboren und mit einem schärferen Einblick als Andere begabt erscheinen, als ob sie eine feinere Sehschärfe besäßen; solche sind Gustasius, Ruysch, Leuwenhoek u.A. — Dann gibt es wieder Andere, die eine gewisse natürliche Gabe haben, aus den schon entdeckten Tatsachen auf die Ursachen zu schließen. Beides sind besondere Gaben und selten in ein- und derselben Person vereint. Zudem fand ich, daß, wenn ich —  intensiv beschäftigt mit der Erforschung der Geheimnisse des menschlichen Körpers — irgend etwas entdeckte, das noch nicht vorher entdeckt worden war, ich — wahrscheinlich von Selbstliebe verführt — begann blind zu werden für die schärfsten Erforschungen Anderer und die ganze Reihe induktiver Argumente von meiner besonderen Entdeckung allein aus vorzunehmen und mich so unfähig zu machen, den Gedanken des Allgemeinen im Einzelnen zu sehen und zu verstehen und die Einzelheiten unter den allgemeinen Gesichtspunkten zu betrachten. Ich legte deshalb meine Instrumente beiseite und beschloß, indem ich meinem Verlangen nach eigenen Beobachtungen widerstand, mich lieber auf die Forschungsergebnisse Anderer zu verlassen, als meinen eigenen zu vertrauen."

So auf die Verwendung einer Gabe und auf den Ruhm solcher Funde zu verzichten, um durch sie nicht gehemmt zu werden auf dem Wege zur Erkenntnis, das heißt im wahrsten Sinne dem Gebote des Herrn gemäß das rechte Auge, wenn es ärgert, ausreißen und von sich werfen, — wenn auch nach einer Seite etwas verkrüppelt — zum Leben einzugehen, statt in vollem Ausleben jener gefahrvollen Gabe dem Verderben anheimzufallen.

Die Beschränkung auf das Schaffensgebiet, wofür er im Bereiche der Anatomie seine besondere Begabung besaß, hat denn auch reichste Früchte getragen, sodaß Swedenborg in seinem großen anatomischen Werke, soweit er es vollendete, nicht nur das Wissen der damaligen Zeit umfaßte und nach vielen Richtungen bereicherte, sondern mit manchen Erkenntnissen sogar von der heutigen Fachwissenschaft noch nicht eingeholt ist.

Das trifft in besonderem Maße zu bei seinem Werke über das Gehirn. Dr. Rudolf Tafel hat es ins Englische übersetzt und vor seinem Hinscheide noch zwei von den vorbereiteten vier Bänden desselben herausgegeben (800 und 650 Seiten) und dabei feststellt, was für die damalige Zeit neu war und was seitdem durch die Fachwissenschaft bestätigt bzw. wiederentdeckt worden ist. Er stellt fest, daß Swedenborg beinahe alle neuzeitlicheren Entdeckungen auf diesem Gebiete vor-entdeckt hat; so die Bewegung des Gehirns im Zusammenhang mit der Lungenatmung, sowie die Funktion der verschiedenen Teile desselben und seiner Verlängerung im Rückenmarkt. Diejenigen Fachleute der Neuzeit, die sich etwas in Swedenborgs Werk auf diesen Gebieten hineingearbeitet haben wie die Professoren Retzius, Ramström, Neuburger u.A. bezeichnen seinen wissenschaftlichen Seherblick als geradezu wunderbar. Er war der Erste, der die höheren geistigen Funktionen un d die Wahrnehmung der Sinne der grauen Hirnsubstanz zuwies und lehrte, daß die verschiedenen Bewegungsfunktionen jede ihre besondere Lokalisation in der Gehirnrinde haben, außer vielem Anderem, das man für neuzeitliche Entdeckungen zu halten gewohnt ist.

Physiologe

Weit voraus war Swedenborg auch in der Erkenntnis von der Funktion mancher Drüsen mit innerer Sekretion; so z.B. der vorgeburtlichen Bedeutung der Thymus-Drüse, dann der Hypophysis, ferner der Schilddrüse, welche man noch zu Beginn dieses Jahrhunderts vielfach für etwas Überflüssiges hielt. Ferner erkannte er, daß die Leber und der Pankreas eine vielseitigere Tätigkeit ausüben, als ihre Ausgangskanäle erkennen lassen, und daß sie mit der Milz zusammen die Reinigung des Blutes und die Entfernung von Toxica besorgen, wobei sie einander gegenseitig unterstützen.

Er war aber auch in seiner Erkenntnis von der Zusammensetzung des Blutes und den chemischen Eigenschaften seiner Salze seiner Zeit weit voran und erkannte u.A., daß die verschiedenen Organe auch verschiedene Substanzen aus dem Blute aufnehmen, daß das Blut der verschiedenen Menschen und Tiere wieder anders ist, ja daß es beim selben Menschen in verschiedenen Zuständen und Zeiten seines Lebens verschieden ist, wie anderseits verschiedene Menschen aus der gleichen Nahrung Anderes aufnehmen und wiederum der gleiche Mensch aus der gleichen Nahrung Anderes in den verschiedenen Zeiten und Zuständen seines Lebens, je nach dem jeweiligen Bedarf.

Nur der Fachgelehrte vermag Swedenborg in die Einzelheiten seines Schaffens zu folgen und zu ermessen, wie weit er seinem Jahrhundert voraus war. Prof. Dr. Max Neuburger, der Ordinarius für Geschichte der Medizin an der Wiener Universität, der sehr dazu beitragen hat, daß man anfing, Swedenborgs Manuskripte herauszugeben, sagt zusammenfassend: "Jeder, der auch nur leichte Bekanntschaft mit den beiden anatomisch-physiologischen Hauptwerken des schwedischen Aristoteles gemacht hat, weiß, daß es kaum ein Kapitel darin gibt, das uns nicht mit glänzenden Vorwegnehmen der modernen Wissenschaft überraschte. Wo immer wir in das Bergwerk von Swedenborgs Physiologie eindringen, stoßen wir auf eine Metallader so reich, daß es die vereinten Anstrengungen mehrerer Gelehrter benötigen wird, um das Ganze ans Licht zu bringen."

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Wie wir schon eingangs erwähnten, war es Swedenborg beim Zusammentragen und Bearbeiten all des physiologischen Wissensstoffes nicht so sehr um die anatomischen Kenntnisse an sich zu tun; sein eigentliches Ziel war es, zur Klarheit über das Wesen der menschlichen Seele zu gelangen, und das Gefüge des menschlichen Leibes war ihm lediglich die Grundlage und der Ausgangspunkt, von wo er hoffte, an sie herantreten zu können. Aber auch so mußte er erst zur Klarheit über bestimmte grundlegende Ordnungen gelangen, um von ihrem Vorhandensein und Wirken im Sichtbaren auf ihr Walten im Unsichtbaren schließen zu können. So schreibt er im Regnum Animale Nr. 17 einleitend:

"Das es möglich ist, von der organischen, physiologischen und stofflichen Welt aus — ich meine den Leib — unmittelbar zur Seele zu klettern oder zu springen, bei welcher man nicht von Materie oder irgend einer Eigenschaft der Materie reden kann (denn Geist ist über den faßbaren Natureigenschaften und in jener Region, wo die Bezeichnungen physischer Dinge aufhören); darum war es nötig, neue Wege zu planen, auf welchen ich zu ihr geführt werden und so Zugang zu ihrem Schlosse gewinnen konnte: es gelang mir — mit anderen Worten — ob, durch intensivstes Forschen bestimmte neue Lehren zu meiner Führung hervorzubringen, welches die Lehren von den Formen, von der Ordnung und den Stufen, von den Reihen und der Zusammengesellung, von Verbindung und Einfluß, von Entsprechung und Darstellung und Modifikation sind."

Wir werden einige dieser Lehren nachher etwas näher erläutern; doch sehen wir schon hier, wie sich inmitten seiner naturwissenschaftlichen Forschungen, weil diese nicht das Endziel, sondern nur der gesunde feste Boden für ein höheres Suchen waren, der Geist auftat für ein tieferes Begreifen vom inneren Zusammenhang der Dinge.

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Schon bei dem ganzen Weg, den Swedenborg bis hierhin zurückgelegt hat, kommt es uns zum Bewußtsein, daß er dem Volke der Wikinger entstammt, die einst vor vielen Jahrhunderten kühn über die Meere fuhren und dort neue Reiche gründeten, ja die schon Jahrhunderte vor Columbus in ihren kleinen Schiffen über den Atlantischen Ozean nach Amerika fuhren: Nicht nur folgte Swedenborg — wie damals wenige — dem Drang, fremde Länder zu sehen, sondern auch in seinem ganzen Suchen und Forschen offenbart sich jener Wikingergeist: Daß Andere vor ihm noch nicht des Weges gegangen waren, hielt ihn nicht ab: — an alle Rätsel, die sich ihm boten, ging er kühn heran; von unbezwinglichem Wahrheitsdrang beseelt, betrat er ein Neuland der Erkenntnis um das andere. Und dieser gleiche kühne Wikingergeist, der ihn in Mineralogie, Physik, Geologie, Astronomie, Kosmologie und Anatomie so viel bis dahin — und sogar heute! — Unerkanntes entdecken und auf manchen Gebieten Wichtiges erfinden, ja an die modernsten Probleme der Technik herantreten ließ, hieß ihn kühn neue Wege planen, um in das den Sinnen unzugängliche Reich der Seele vorzudringen, — aus dem Reiche der irdischen Hülle zu dem des Ewigen im Menschen.

Erleuchtung

Ohne sein Wissen hatte Gott seinen begnadeten Geist seinem Wahrheitsdrange folgen und ihn zu immer höheren Fragen dringen lassen. Swedenborg war im Laufe all seiner Forschungen nie von der Religion abgekommen. Und nun, da er die Wunder göttlicher Weisheit und Güte an der höchsten aller Schöpfungen Gottes staunend mehr und mehr entdeckte und das Irdische zugleich doch klarer als das vergängliche Gleichnis der noch höheren und noch vollkommeneren geistigen Wirklichkeit begriff, — nun ward seine Seele von noch tieferer und lebendigerer Ehrfurcht vor Gottes Weisheit und Güte ergriffen. Im 2. teil des "Regnum Animale" schreibt er:

"Wir können die Wunder der Welt im letzten Naturkreis aufnehmen, und je wie wir die Stufen und Treppen der Einsicht hinansteigen, noch größere Wunder in all ihrer Bedeutung zu sehen bekommen; und zuletzt können wir mit dem Glauben jene tiefen Wunder verstehen, welche vom Verstande nicht erfaßt werden können, und aus all diesen Dingen in tiefer Ehrfurcht und Staunen die Allmacht und Vorsehung des höchsten Schöpfers verehren und anbeten und so — indem wir Ihn betrachten — Alles, das wir hinter uns lassen, als eitel betrachten… der letzte Endzweck, der auch der erste ist, ist dies: daß unser Geist schließlich zu einer Form der Einsicht und Unschuld werde und einen geistigen Himmel bilden möge, ein Reich Gottes oder eine heilige Gesellschaft, in welcher der Endzweck der Schöpfung von Gott erblickt werden mag und von welchem Gott als das Endziel aller Endziele betrachtet werden kann."

Nun trat in ihm die Religion immer mehr als das Mächtigste und ihn Erfüllende in den Vordergrund. Er tat seine Seele ganz dem Göttlichen auf und gab sich ihm hin. Dieser Zeit war reich an symbolischen und prophetischen Träumen, die er sich aufschrieb und zu deuten suchte. Immer deutlicher pochte eine höhere Aufgabe an seiner Seele an, bis endlich im Jahre 1744, als er 56 Jahre alt war, eines Nachts der Herr ihm erschien und ihm verkündete, daß Er ihn dazu ausersehen habe, den tieferen Sinn der Heiligen Schrift zu erklären und die Lehren der Christlichen Kirche darzulegen.*)

*) Über die Art, wie diese Berufung geschah, wird gewöhnlich eine Legende verbreitet, die nicht authentisch ist, sondern aus den Memoiren des Bankiers Robsahm stammt, die dieser manche Jahre nach Swedenborgs Tod niederschrieb aus der Erinnerung an ein gelegentliches Gespräch, das er — man weiß nicht wie viele Jahre zuvor — mit Swedenborg gehabt hatte und wonach der Herr ihm einmal während des Mittagsessens erschienen sei. Da nun Swedenborg in seinen Aufzeichnungen wohl einen Teil der von Robsahm angeführten Begleitumstände beschreibt, dabei aber nichts von einer Erscheinung des Herrn erwähnt, ist klar, daß Robsahm nach so vielen Jahren den Inhalt verschiedener Gespräche miteinander vermengt, die nicht in Zusammenhang standen. Da Robsahm in seinen Memoiren Swedenborg dies Alles in der ersten Person erzählen läßt, entsteht der Eindruck, als habe man es mit einem authentischen schriftlichen Bericht Swedenborgs zu tun, was nicht zutrifft.

Das war eine Zeit hoher innerer Erhebung, aber auch großer innerer Kämpfe. Einerseits galt es eine Laufbahn wissenschaftlicher Entdeckungen, die seinem Namen höchsten Ruhm einbringen mußten, aufgeben und ein Werk in Angriff nehmen, welches ihm weder bei der wissenschaftlichen Welt noch in kirchlichen Kreisen Anerkennung, sondern viel eher Gegnerschaft und Spott und Hohn einbringen angetan war. Wie recht hat die nachfolgende Zeit diesem traurigen Ausblick gegeben! — ist Swedenborg doch um des auf göttliches Geheiß hin unternommenen Werkes willen von der wissenschaftlichen Welt und von der Kirche in gleicher Weise in Acht und Bann getan worden, also daß heute — ein Vierteljahrtausend nach seiner Geburt — sein Name, trotz seiner beinahe übermenschlichen Leistungen auf so manchen Gebieten, der großen Allgemeinheit noch so gut wie unbekannt ist! Dieser Ausblick vermochte ihn aber nicht zurückzuschrecken; zu unausweichlich war die Berufung des göttlichen Herrn; und sein Geist war ja nun auch vorbereitet für die hohe Aufgabe, war er doch mit all seinem Suchen und Forschen bis an den Punkt gelangt, wo das Fragen nach den Ursachen der Dinge und nach den grundlegenden Ordnungen der Welt und des Menschenlebens, nach dem tiefsten Warum? beherrschend im Vordergrund stand.

Bis dahin hatte er mit kühnem Wagemut ein Naturgebiet um das andere angesteuert und erforscht, soweit es für ihn mit Beobachtungsgabe und scharfem folgerichtigem Denken zu erschließen war, wobei er freilich auch die Führung Gottes empfand. In der Religion höherer Wahrheit, zu welcher Gott ihn nun berief, war er — das erkannte er genau — ganz auf Offenbarung und auf Erleuchtung zu ihrer Aufnahme angewiesen. Scheute er einerseits — wie einst Jeremias bei seiner Berufung — vor der neuen Aufgabe etwas zurück, so wog doch eine tiefe Dankbarkeit und ein Gefühl der Unwürdigkeit vor. Verschiedene Aufzeichnungen offenbaren diese Erhebung und Hingabe an den höheren Willen, welche uns an Maria's Antwort bei der Verkündigung erinnert: "Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe nach deiner Rede." Hatte er, der ungesucht zum Mitglied der wissenschaftlichen Akademien mehrerer Länder ernannt worden war und von Gelehrten um seine Meinung in schwierigen Fragen gebeten wurde, bisanhin seine Arbeit vielleicht in frohem Selbstbewußtsein geleitet, so stand er nun vor Gott in tiefer Demut, die nunmehr das Beherrschende wurde und eigentlich das wesentliche Merkmal seiner Wandlung war. Wir finden aus dieser Zeit folgende Aufzeichnungen von ihm: "Gottes Wille geschehe! ich bin Dein und nicht mein." Bald darauf aber schreibt er: "Vergib, daß ich sagte: 'Ich bin dein und nicht mein'; es ist Gottes recht, das zu sagen, und nicht das meine. Ich bete um die Gnade, Dein zu sein und nicht mir selbst überlassen zu sein." Um dieser Gnade und Hingabe an Gottes Führung willen kann er die Treppe des Erkennens hinansteigen und dort, wo ein Schleier das eigene menschliche Forschen gleichsam abschließt, jenseits desselben weiter emporschreiten, nunmehr offensichtlich von Gott geführt und erleuchtet.

Das weitere Sammeln wissenschaftlicher Kenntnisse scheint ihm nun Zeitverschwendung, — war es ihm doch ohnehin nie Selbstzweck, sondern nur Grundlage und Ausgangspunkt zu höherem Erkennen gewesen. Nun läßt er das begonnene große Werk Regnum Animale, zu dessen Druck in Holland und England er sich 1743 neuerdings einen Urlaub vom König erbeten hatte und wovon nun vorderhand drei Teile gedruckt waren, liegen, und widmet sich vornehmlich dem Lesen der Bibel, zunächst an Hand der damals genauesten lateinischen Übersetzung des Straßburgers Schmidt; doch ward es ihm bald klar, daß er auch das Alte Testament müsse in der Ursprache lesen können, und so lernte er noch im Alter von 56 Jahren hebräisch.

1745 nach Stockholm zurückgekehrt, versah er noch einige Jahre weiterhin sein Amt als Assessor im Bergwerkkollegium. 1747 jedoch erkannte er, daß die wenige Freizeit neben dem Berufe nicht genügte, um dem höheren Amt gerecht zu werden, das ihm vom Herrn übertragen war, und so bat er denn den König um die Versetzung in den Ruhestand unter Belassung des halben Gehaltes als Pension. Der König entließ ihn ungern, willfuhr aber seiner bitte und beließ ihm im Hinblick auf seine ungeheuren Verdienste um das schwedische Bergbauwesen den ganzen Gehalt als Pension; er wollte ihn dabei in einen höheren Rang befördern, wovon Swedenborg jedoch abzusehen bat.

Und nun widmete er sich ganz dem hohen Amte. Wie die Jünger einst auf den Ruf des Herrn ihre Netze liegen ließen und Ihm nachfolgten, um Menschenfischer zu werden, so ließ auch er auf die Berufung des Herrn hin die Netze liegen, mit denen er bis dahin im Bereiche des Wissens so reiche Ernte eingebracht hatte. Auf seinem Schreibtisch lag nur noch die Heilige Schrift, die er viermal ganz durcharbeitete, wobei ihm jedesmal mehr von dem tiefen Sinne in ihr aufging. "Anfangend mit Moses" und in allen Propheten und den Psalmen sah er — wie einst die Jünger in einer Stunde der Erleuchtung — "was über Ihn geschrieben stand."

Nach einem umfangreichen vorbereitenden Werke von vielen Bändern: Adversaria oder "Anmerkungen", die er nicht für den Druck schrieb, sondern nur um die vorläufigen Erkenntnisse festzuhalten, begann er, als ihm der tiefere Sinn der Heiligen Schrift in Klarheit tagte, das erste theologische Hauptwerk zu schreiben: "Himmlische Geheimnisse, die im Worte Gotte oder der Heiligen Schrift enthalten und nun enthüllt sind", worin er in acht großen Bänden (in der deutschen Ausgabe sind es deren 16) den geistigen Sinn der ersten zwei Bücher Mosis, Genesis und Exodus, Kapitel für Kapitel darlegt.

Werkzeug der Offenbarung

Mit seiner Vorbereitung auf sein höheres Amt war eine Wandlung auch auf einem anderen Gebiete verbunden. Vorbereitet durch symbolische und prophetische Träume, die Swedenborg nach seiner Art aufzuschreiben und nach seiner wissenschaftlichen Art nüchtern zu analysieren begann, wurden ihm — wie manchen biblischen Gestalten (Propheten, Johannes, Paulus) — die geistigen Sinne erschlossen, also daß er die geistige Welt mit zunehmender Deutlichkeit wahrnahm und sie beschreiben konnte, was er in dem 1758 erschienenen Werke "Himmel und Hölle" in grundlegender und übersichtlicher Weise getan hat.

Was dieses Werk auszeichnet, ist vor allem dies: daß es nicht so sehr eine Reihe von Einzelbeschreibungen aus der geistigen Welt bietet, als eine Erklärung der geistigen Grundtatsachen, aus welchen man — soweit das Verständnis des Lesers reicht — nicht nur das von Swedenborg "Gehörte und Gesehene" vernimmt, sondern auch versteht, daß es nach den Gesetzen der göttlichen Ordnung, welche die ganze Schöpfung erfüllen und beherrschen, gar nicht anders sein kann, als wie er es beschreibt.

Bei der Kirche wie bei manchen Wissenschaftlern ist Swedenborgs Sehergabe sehr zum Stein des Anstoßes geworden und ist wohl eine Hauptsache, warum er trotz seiner gewaltigen Bedeutung für den Fortschritt menschlichen Wissens totgeschwiegen wurde und infolgedessen beinahe unerkannt geblieben ist. In der wissenschaftlichen Welt erklärt sich diese Einstellung hauptsächlich daraus, daß diese im letzten Jahrhundert — ja noch bis vor kurzem — ganz vom materialistischen Geist beherrscht war. Von dieser krankhaften Einstellung aus, die das Vorhandensein von Geist und damit auch einer geistigen Welt leugnet, kann man natürlich nicht anders als jedwede Gesichte als Halluzinationen zu erklären, also als einen Beweis von Krankheit; und die verschiedenen materialistischen Psychiater versuchten demnach auch, Swedenborg in irgend einer Krankenrubrik unterzubringen; es ist ihnen jedoch bis heute nicht gelungen, da sich sein "Fall" nicht mit den für die jeweilige Diagnose erforderlichen Kennzeichen deckt; vor allem steht ihrer Diagnose die Tatsache im Wege, daß Swedenborgs "Symptome" sich nicht im Laufe der Jahre "verschlimmerten", sondern daß er bis zum Ende seines Lebens geistig rege blieb: sein letztes großes theologisches Werk "Wahre Christliche Religion, enthaltend die ganze Theologie der Neuen Kirche" mit seinen 1072 Seiten in der deutschen Ausgabe in Großformat, ein Muster an klarem, geordnetem und logischem Aufbau — vollendete er im Alter von beinahe 83 Jahren. Dabei hatte er keinerlei Sonderlingswesen an sich, war in der Gesellschaft nach wie vor gern gesehen und hoch geschätzt und lebte überaus mäßig und einfach. Heute allerdings beginnen ernsthafte Fachleute von Ruf die Vorurteile der früheren Generation abzulegen und an diese Fragen und so auch an Swedenborg mit wissenschaftlichem Ernst heranzutreten, wie z.B. der heute maßgebende Leipziger Gelehrte prof. Hans Driesch*).

*) Siehe sein Vor- und Nachwort zu dem 1936 bei der Deutschen Verlagsanstalt erschienenen Werk von H. v. Geymüller "Swedenborg und die übersinnliche Welt".

Während man sich von Seiten der Wissenschaft erst heute mit Ernst an die Fragen heranmacht und die bisherigen Urteile nunmehr die Unwissenheit und die Vorurteile der materialistisch eingestellten Schreiber widerspiegeln, mußte es anderseits verwundern, daß die Kirche Swedenborg so leidenschaftlich abgelehnt und die Krankhaftigkeit seines Zustandes behauptet und mit seiner Seherschaft begründet hat. Es müßte einen verwundern: wüßte man nicht aus dem ganzen Gang der Geschichte, daß Jeder, welcher bisherige Kirchenlehren in Frage stellt und umstürzt, von den am Bisherigen starr Festhaltenden als Irrlehrer bekämpft wird. So ward auch Swedenborg ungeprüft als Irrlehrer angeprangert. Daß das auch hinsichtlich seiner Darlegungen vom Leben nach dem Tode geschah, ist umso verwunderlicher, als seine Botschaft ja durchaus im Einklang steht mit der Bibel, vor allem mit dem Evangelium. Die Ablehnung rührt daher, daß Swedenborg die offizielle Kirchenlehre von der Auferstehung des Fleisches für falsch erklärte und das Fortleben der Seele in der geistigen Welt sofort nach dem Tode des Leibes verkündete. Hierfür erklärten ihn und erklären ihn noch heute die Vertreter der Kirche, ohne eines seiner Bücher gelesen zu haben, feindselig für einen Spiritisten. Goethe dagegen, der die Schriften Swedenborgs von seinem 20. Lebensjahr an gelesen hat und sich allerdings nicht an die Kirchenlehre von der Auferstehung des Fleisches gebunden fühlte, nennt ihn den "gewürdigten Seher unserer Zeiten". Das Werk "Himmel und Hölle", das in ungezählten Auflagen nun schon in zwanzig Sprachen erschienen ist, hat aber trotz der Ablehnung der offiziellen Kirche das Denken der Christenheit über das Leben nach dem Tode völlig umgewandelt.

Der Seher und Beweise seiner Sehergabe

Wer Anspruch darauf erhebt, daß sein Urteil gehört werde, darf natürlich in dieser Frage so wenig wie in einer anderen lediglich von vorgefaßten Meinungen ausgehen, sondern muß sich in erster Linie um die Tatsachen kümmern. Um der seichten Leugnung zum Vornherein die Spitze abzubrechen, hat die Vorsehung die Sehergabe Swedenborgs auch durch einige Begebenheiten beglaubigt, welche von unvoreingenommenen Augenzeugen bestätigt worden sind. Wir wollen einige der bekanntesten hier kurz mitteilen.

Im Jahre 1759 traf Swedenborg auf seiner Rückreise von England an einem Samstagnachmittag in Gotenburg ein, was der Kaufmann Castel daselbst zum Anlaß für eine Einladung nahm, welche er auch an 15 andere Personen ergehen ließ. Abends um 6 Uhr verließ Swedenborg das Haus auf einige Zeit und kehrte dann erregt zurück mit der Mitteilung, es sei in Stockholm ein großes Feuer am Südermalm ausgebrochen; er ging oft hinaus und kehrte wieder und berichtete, daß das Haus eines Bekannten, den er nannte, schon zu Asche geworden sei und der Brand nicht mehr weit von seinem eigenen Hause entfernt sei. Um 8 Uhr berichtete er voll Freude, daß der Brand nun gelöscht sei, die dritte Tür von seiner eigenen entfernt. Diese angaben verbreiteten sich sehr schnell in der Stadt und kamen auch dem Gouverneur zu Ohren, der tags darauf Swedenborg zu sich bat und sich alles genau von ihm berichten ließ. Die erste direkte Meldung traf durch einen Bericht der Kaufmannschaft am Montagabend in Gotenburg ein, während ein von der Regierung abgesandter Reiter dem Gouverneur am Dienstag die Nachricht überbrachte, beide Berichte bestätigten aufs Genaueste die Zeit wie den Umstand des Brandes, der tatsächlich um 8 Uhr drei Häuser von Swedenborgs Haus entfernt gelöscht worden war. — Immanuel Kant hat die Sache selbst einige Jahre nachher von den noch lebenden Augenzeugen erkunden lassen und sie in allen Einzelheiten berichtet und festgestellt, daß an ihrer Tatsächlichkeit nicht zu zweifeln sei.

Eine weitere Begebenheit betrifft eine verlegte Quittung. Frau v. Marteville, der Gattin des holländischen Gesandten am Stockholmer Hofe, legte ein Stockholmer Juwelier nach dem Tode (25. April 1760) ihres Mannes die Rechnung für ein gelieferte Silberservice vor. Die Witwe des Gesandten war sicher, daß ihr Mann, der sehr genau in all solchen Dingen war, die Rechnung noch bei Lebzeiten längst beglichen haben müsse, konnte aber die Quittung nirgends finden und war in etwelcher Verlegenheit, da es sich um eine sehr hohe Summe handelte. Sie berichtete ihre Bedrängnis Swedenborg. Da wir über die Sache keinen schriftlichen authentischen Bericht Swedenborgs haben, sondern nur mündliche Zeugnisse von verschiedenen Seiten, darunter auch Gesandte am Stockholmer Hofe, liegen über das Weitere verschiedene Berichte vor: Nach den einen hätte Swedenborg mit dem verstorbenen Gesandten v. Marteville in der geistigen Welt gesprochen und von ihm vernommen, daß die Quittung nebst anderen wichtigen Dingen in einem bestimmten Geheimfach seines Schreibtisches verwahrt sei, was Swedenborg der Witwe mitteilte, die alles denn auch dort fand. Nach anderen Berichten hätte Swedenborg zwar ebenfalls mit dem Gesandten in der geistigen Welt gesprochen; dieser hätte aber selbst seiner Gattin im Traum den geheimen Aufbewahrungsort angegeben. Wie dem auch sei, alle Berichte stimmen darin überein, daß Frau v. Marteville infolge des Gespräches Swedenborgs mit dem verstorbenen Gesandten in der geistigen Welt zur Kenntnis des verborgenen Aufbewahrungsortes und so in den Besitz der Quittung kam, was wiederum u.A. von Kant, Jung Stilling bestätigt wird.

Einiges Aufsehen erregte s.Z. eine Angelegenheit der schwedischen Königin Luise Ulrika. Diese — die Schwester Friederichs des Großen — reiste 1744 von Berlin nach Schweden, um sich mit dessen König Friedrich Adolf zu verehelichen. Gerade vor ihrer Abfahrt hatte sie im Schloß ohne Ohrenzeugen noch eine kurze Unterredung mit ihrem Bruder, dem Prinzen Wilhelm von Preußen. Im Jahre 1761 wurde die Königin durch einen Brief ihrer Schwester, der Herzogin von Braunschweig darauf aufmerksam gemacht, daß sie in Stockholm einen Mann hätten, der mit Verstorbenen reden könne. Die Königin war mehr skeptischer Art, ließ aber Swedenborg doch durch den Reichsrat Graf Scheffer an den Hof einladen und wollte ihn auf die Probe stellen; darum fragte sie ihn, ob er wohl mit ihrem 1758 verstorbenen Bruder, dem Prinzen Wilhelm von Preußen, sprechen und von ihm erfahren könne, was er noch in dem letzten Gespräch vor ihrer Abreise von Berlin zu ihr gesagt habe. Sie fragte gerade hiernach, weil sie — wie sie bezeugte — sicher sein konnte, daß der Bruder so wenig wie sie selbst je irgend jemandem etwas vom Inhalt des Gesprächs verraten haben würde, sodaß kein Mensch darum wissen konnte. Einige tage darauf ließ Swedenborg sich bei der Königin melden. Da sie nicht im mindesten glaubte, daß er ihr das Verlangte wirklich berichten könne, forderte sie ihn auf, ruhig vor den Anwesenden zu sagen, was er ihr mitteilen wolle. Doch Swedenborg lehnte das ab und bestand darauf, er könne es ihr nur persönlich mitteilen, worauf sie etwas unruhig mit ihm in einen anstoßenden Saal trat; sie postierte den Reichsrat v. Schwerin an der Tür und ging mit Swedenborg an das andere Ende des Zimmers, wo niemand sie hören konnte. Swedenborg sagte, wie die Königin nach dem Bericht des anwesenden Mitgliedes der königlichen Akademie von Berlin, Thiébauld, und des Herrn v. Schwerin selbst erzählte: "Madame, Sie haben Ihrem erlauchten Bruder, dem verewigten Prinzen von Preußen das letzte Lebewohl gesagt zu Charlottenburg an dem und dem Tage, zu der und der Stunde nachmittags; wie Sie nachher durch die lange Galerie des Schlosses von Charlottenburg gingen, begegneten Sie ihm nochmals, und da nahm er Sie bei Hand und führte Sie in die Fensternische, wo er von niemand gehört werden konnte, und sagte Ihnen die folgenden Worte." "Die Königin," fügt Thiébauld hinzu, "gab uns die Worte, um die es sich handelte, nicht an, versicherte uns aber, daß es ebendieselben gewesen seien, die ihr Bruder zu ihr gesprochen und die sie gewiß nicht vergessen habe." — Auch diese Begebenheit wird von General Tuxen und vom Ministerpräsidenten Grafen Hoepken berichtet, und ihre Unanfechtbarkeit wird auch von Kant zugegeben.

Jung-Stilling erzählt noch mehrere Begebenheiten, die sich unter seinen eigenen Bekannten zugetragen, wie Swedenborg einem Freunde in Amsterdam das letzte Gespräch mit einem ihm bekannten Theologiestudenten in Duisburg vor dessen Hinschied wiedergab, ferner wie Swedenborg ebenfalls in Amsterdam 1762 während einer Gesellschaft plötzlich etwas geistesabwesend war und dann — von den Anwesenden bedrängt, mitzuteilen, was er eben erlebt — sagte: "Jetzt eben in dieser Stunde ist Zar Peter III in seinem Gefängnis gestorben." Die Zeitungen berichteten denn auch entsprechend später den Tod des Zaren, der sich tatsächlich an jenem Tage ereignet hatte.

Doch wir wollen diese Berichte nicht weiter fortsetzen, umsomehr als Swedenborg selbst nicht viel darauf gab. Tat er hin und wieder Einzelnen den Gefallen, ihnen über ihre Freunde in der geistigen Welt Solches wie das oben Angeführte zu berichten, so waren das Ausnahmen von der Vorsehung — wie schon gesagt — wohl herbeigeführt zu dem Zwecke, damit einige solche gutbeglaubigte Beweise seiner Sehergabe bestünden, um dem Glauben Solcher einen Halt zu verleihen, welche die Wahrheit über die geistige Welt zu wissen wünschen, sich aber nicht getrauen, den Lehren Swedenborgs lediglich um ihrer inneren Logik willen zu glauben, da sie doch zur allgemeinen Kirchenlehre von der Auferstehung des Fleisches in Widerspruch stehen. Swedenborg, der in der besten Gesellschaft ein hochgeehrter und gesuchter Gast war, drängte seine Lehren nie auf. Vor allem war er nicht willens, mit seinen besonderen ihm vom Herrn verliehenen Gaben bloßer eitler Neugier und Sensationslust zu dienen, noch seine Sehergabe fortwährend unter Beweis zu stellen, da nach seiner Meinung die bis dahin bekannt gewordenen Beweise vollkommen genügten und er überhaupt wünschte, die Leser sollten nicht um solcher Beweise willen, sondern um der inneren Wahrheit seiner Schriften willen an die geistige Welt glauben.

Naturgemäß woben sich um ihn eine Menge Legenden schon zu seinen Lebzeiten und seitdem, und es ist bezeichnend für die verbreitete Sensationslust, daß in Büchern und Zeitschriften vorwiegend solche Geschichten über ihn verbreitet werden, deren Unechtheit sich für den Kenner aus bestimmten Angaben klar ergibt, die aber um der erdichteten Absonderlichkeiten willen bei der Allgemeinheit umso beliebter zu sein scheinen, so die Erzählung, ein Besucher Swedenborgs habe ihn einen unsichtbaren Gast hinausbegleiten sehen, worauf Swedenborg diesen dann als Virgil ausgegeben habe; bei dieser so oft und gern verbreiteten Geschichte beweisen sämtliche Einzelheiten — auch die geschichtlich unmöglichen Zeitangaben — ihre Erdichtung.

Manche verübelten es Swedenborg freilich, daß er auf ihr Verlangen nach immer neuen Beweisen seiner Sehergabe nicht einging. Zu diesen scheint auch der Zürcher Lavater zu gehören, der — noch ein junger Mann — 1768 und 1769 Briefe an den damals 81 jährigen Swedenborg richtete und ihn bat, er möge ihm, damit er an die unglaublichen Berichte über seine Sehergabe glauben könne, einen Beweis derselben geben, indem er ihm über den Zustand seines kürzlich verstorbenen Freundes Heß berichte. Nun hatte Swedenborg schon verschiedentlich dargetan, daß er doch nur solche Menschen in der geistigen Welt finden könne, die ihm irgendwie bekannt seien, sei es daß sie ihm bei ihren Lebzeiten auf Erden bekannt waren, oder daß es sich allgemein bekannte berühmte Männer handle. So willfuhr er auch dem Wunsche Lavaters nicht, und dieser Umstand war es wohl, welcher den Zürcher Theologen, nachdem er — wie seine Predigten und seine Physiognomik beweisen — viel aus Swedenborgs Schriften aufgenommen, später weniger günstig für den großen Schweden stimmte.

Aber es war nicht in Swedenborgs Sinn, dem — wenn auch begreiflich — Verlangen mancher Leute nach immer neuen Beweisen seiner Sehergabe nachzugeben, konnte er doch schon zu seinen Lebzeiten die Verbreitung erfundener Legenden nicht verhindern. So antwortete er noch im Juli 1771, also nur etwa acht Monate vor seinem Hinschied, auf einen Brief Ludwig IX., des Landgrafen von Hessen-Darmstadt, der ihn sehr verehrte und verschiedene Fragen — unter anderen auch über gewisse Legenden — an ihn gerichtet hatte: "Das, was man von der Tochter des Prinz-Markgrafen in Schweden erzählt, hat keine Grundlage, sondern ist von irgend einem geschwätzigen Neuigkeitskrämer erfunden worden; ich hatte noch nie davon gehört. Was jedoch über den Bruder der Königin von Schweden berichtet wird, ist wahr; doch sollte es nicht als ein Wunder betrachtet werden, sondern nur als eine denkwürdige Begebenheit von der Art, wie solche im oben genannten Werk ("Wahre Christliche Religion") über Luther, Melanchton und Calvin berichtet sind. Denn alle diese sind einfach Zeugnis dafür, daß ich meinem Geiste nach vom Herrn in die geistige Welt eingeführt worden bin und mit Engeln und Geistern umgehe."

Die meisten der bekannten Gestalten aus Swedenborgs Zeit wandten ihre Aufmerksamkeit mir einer gewissen Einseitigkeit der Sehergabe Swedenborgs zu und dem, was er über die geistige Welt mitteilte, und ließen das, was in seinen Augen seine Hauptbotschaft war, ziemlich beiseite; das gilt für Goethe, wie für Lavater und den Prälaten Oetinger und manche andere. Johann Christian Cuno sagt in seiner Lebensbeschreibung, deren eigenhändige Urschrift in der Nationalbibliothek in Brüssel aufbewahrt wird: "Swedenborg hat mir die Wahrheit dieser Geschichten (von dem verstorbenen Prinzen von Preußen und der verlorenen Quittung) bezeugt; aber er hat sich nicht lange darüber verbreitet, indem er sagte, es gebe hunderte von Geschichten dieser Art. Nach seiner Ansicht sei es nicht der Mühe wert, seine Zeit damit zu verlieren, an ihnen herumzukritteln; es handle sich da um Bagatellen, die die Gefahr mit sich bringen, daß der Hauptzweck seiner Sendung in den Hintergrund gedrängt werde."

Auch wollte Swedenborg in der Regel nicht persönlich als der Lehrende auftreten; wenn er in Gesellschaft um alle möglichen Einzelheiten seiner Lehre gefragt wurde, verwies er den Frager gewöhnlich auf seine Schriften, wo alles Wesentliche dargelegt sei.

Seine theologischen Werke

Von diesen Schriften hat Swedenborg eine große Reihe verfaßt von dem Jahre 1747 an, als er sich vom Staatsamte zurückzog und sich ganz der Niederschrift der zu veröffentlichenden Werke widmete. Am Rande vom Stockholm hatte er sein Haus mit Garten, wo ein alter Gärtner und dessen Frau ihm die Wirtschaft besorgten. Inmitten der Bäume und Blumen, die er sehr liebte und sorgfältig pflegte, hatte er sich ein geräumiges Gartenhaus gebaut, wo er außer einer Orgel einen Schreibtisch hatte und die meisten seiner theologischen Werke schrieb. (Dieses Gartenhaus hat der schwedische Staat vor Jahren erworben und im Nationalpark Skansen vor Stockholm draußen untergebracht; auch heute noch stehen seine Orgel und seine Möbel darin.)

Zuerst mag er nur die Absicht gehabt haben, ein Werk über den tieferen Sinn der Heiligen Schrift zu verfassen, und so schrieb er zunächst das große Werk, das in der deutschen Ausgabe sechzehn Bände umfaßt: "Himmlische Geheimnisse, welche im Worte Gottes oder in der Heiligen Schrift enthalten und nun enthüllt sind"; hier legte er — wie oben schon erwähnt — den inneren Sinn der ersten zwei Bücher Mosis dar, Kapitel für Kapitel. Als er so weit gekommen war, sah er die Wünschbarkeit kürzerer Schriften ein, die die Hauptfragen des Glaubens behandeln, und so verfaßte er nach dem obigen Hauptwerk nachstehende religiöse Werke bis zum Jahre 1770, d.h. bis zu seinem 83. Lebensjahre:

"Himmel und Hölle"

"Vom weißen Pferd in der Offenbarung"

"Von dem Neuen Jerusalem und seiner himmlischen Lehre"

"Die Erdkörper in unserem Sonnensystem"

"Vom Jüngsten Gericht" und "Fortsetzung vom Jüngsten Gericht"

"Die göttliche Liebe und Weisheit"

"Die göttliche Vorsehung"

"Enthüllte Offenbarung Johannis"

"Die eheliche Liebe"

"Der Verkehr zwischen Seele und Leib"

"Wahre Christliche Religion"

"Kurze Darstellung der Lehre der Neuen Kirche

"Die Vier Hauptlehren der Neuen Kirche":

- Die Lehre vom Herrn,

- Die Lehre von der Heiligen Schrift,

- Die Lebenslehre,

- Die Lehre vom Glauben.

Außer diesen von Swedenborg selbst herausgegebenen Schriften finden sich in seinem Nachlaß noch einige, die nicht vollendet hat, die vielmehr als Vorarbeiten für das eine und andere der obigen Werke dienten; von diesen letzten wurden bis anhin in deutscher Übersetzung das Fragment "Von der tätigen Liebe" herausgegeben, das eine Vorarbeit für die "Lebenslehre" ist, sowie die "Erklärte Offenbarung", eine Vorarbeit zur "Enthüllten Offenbarung".

Swedenborg hat alle diese Werke in lateinischen Sprache — der damaligen Gelehrtensprache — verfaßt. Seine Schreibweise ist in diesen Werken überaus einfach, sodaß sie auch der Leser ohne höhere Schulbildung leicht lesen kann, sofern er nur ein für die Wahrheit erschlossenes Gemüt hat. Seine Werke sind Vorbilder an logischem Aufbau, was schon in der übersichtlichen Einteilung in die Kapitel und Unterabschnitte, sodann aus der Nummerierung der einzelnen Abschnitte in all seinen veröffentlichten Werken zutage tritt. So zählt sein erstes Werk von den himmlischen Geheimnissen des inneren Schriftsinnes 10837 Nummern. Wie sehr diese Einteilung das Auffinden bestimmter Stellen erleichtert, läßt sich denken. Dabei ist die Schreibart Swedenborgs so, daß er selbst sehr zurücktritt und möglich die Wahrheit aus dem Worte selbst für sich sprechen lassen will; er faßte sich wirklich nur als "Diener des Herrn Jesus Christus" auf; darum gab er die meisten der obgenannten Werke ohne seinen Namen heraus, damit nur die Wahrheit selbst für sich spreche und vom Leser geprüft werde. Erst wenige Jahre vor seinem Hinschied fing er mit dem Werk "Eheliche Liebe" (1768) an, seine Verfasserschaft anzugeben und sie auch für die vorausgegangenen Werke zu bezeugen. Hatte er jeweils ein Werk oder mehrere vollendet, so sah er sie nochmals für den Druck durch, legte bei einigen sogar einen Sach-Index an und schrieb einzelne für den Buchdrucker nochmals deutlich ab. Dann begab er sich nach Amsterdam oder London, in welchen beiden Städten er Verbindung mit leistungsfähigen Druckereien besaß, blieb bis zur Beendigung des Druckes und arbeitete inzwischen an neubegonnenen anderen Werken weiter. Die Druckkosten bestritt er aus dem eigenen Geld, und die Buchdrucker schätzten ihn als Auftraggeber, da er nicht um den Preis feilschte; einen Teil der Bücher versandte er sodann unentgeltlich an Bibliotheken, gelehrte Kollegien und Geistliche, während er die übrigen dem Buchdrucker zum freien Verkauf überließ. Schon zu seinen Lebzeiten mußte er dem Landgrafen von Hessen-Darmstadt mitteilen, daß die "Himmlischen Geheimnisse", die sich dieser sehr gerne angeschafft hätte, nicht mehr zu haben und nur noch von einem Privatbesitzer zurückzukaufen wären. Er selbst nahm für seine theologischen Werke kein Scherflein an.

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Swedenborg lebte höchst einfach, daheim fast nur vegetarisch, und zwar hauptsächlich von Früchten, Mandeln und Weinbeeren; Wein trank er nur, wenn er zu Gast war, und dann nie mehr als zwei Gläser, dem Kaffee dagegen sprach er gerne zu und bereitete ihn sich selbst. Solche, die ihn durchaus als einen pathologischen Fall hinstellen wollen, haben deshalb schon seine ganze Seherschafft dem Kaffee zuschreiben wollen; wir müssen darauf mit Dr. Wilkinson, seinem englischen Biografen sagen: "Wenn es war ist, daß Kaffee einem solche Offenbarung bringen kann, dann laßt uns Kaffe trinken!" Zudem übersehen jene, welche grundsätzlich Gesichte zu Halluzinationen stempeln wollen, alle die Beweise seiner Sehergabe, von denen wir soeben einige angeführt haben und welche nicht auf Halluzinationen beruhen konnten.

Volkswirtschafter und Staatsmann

Alle, welche Swedenborg für einen Mystiker oder gar Schwärmer halten, werden diese ganz unzutreffende Vorstellung von ihm sofort verlieren, sobald ernstlich Einblick in sein Leben nehmen, hat er doch nicht nur bis zum Ende seines Lebens völlige Klarheit und ungewöhnliche Schaffenskraft bewahrt, sondern er hat sich auch in all den Jahren, da seine reformatorischen Werke schrieb und da sein geistiges Gesicht erschlossen war, mit großen volkswirtschaftlichen und nationalen Fragen beschäftigt und ist auch da seiner Zeit in Manchem weit vorgeschritten. Gelegenheit zu solcher Betätigung gab ihm schon die Tatsache, daß er von 1719 an ein halbes Jahrhundert lang Mitglied des schwedischen Herrenhauses war, an dessen Tagungen er — wenn die Diät tagte — regelmäßig teilnahm, sofern er nicht zur Herausgabe seiner Werke im Ausland weilte.

Manche seiner Denkschriften und Gutachten, die er im Laufe der Jahre dem Herrenhaus unterbreitete, sind im Staatsarchiv aufbewahrt, wenige aber bis jetzt bekannt geworden. Beim Lesen hat man keineswegs das Gefühl, Gedankengänge aus längst vergangener Zeit vor sich zu haben, sondern man würde eher meinen, es mit Darlegungen aus der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts zu tun zu haben, so modern mutet uns die ganze Behandlung an, welche Swedenborg den verschiedenen Fragen angedeihen läßt. Das gilt ganz besonders für die volkswirtschaftlichen Fragen. Wir finden da sehr großzügige und weitblickende Gutachten, bis ins Einzelne ausgearbeitete Grundlagen zur Hebung der Industrie im eigenen Vaterland. So weist Swedenborg darauf hin, daß das Roheisen von Schweden nach Holland gebracht, dort zu Stahl verarbeitet und da in aller Welt verkauft werde; er regte nun an, daß diese Verarbeitung in Sweden selbst besogt werde, wodurch eine neue Industrie geschaffen und die ungünstige Handelsbilanz erheblich verbessert werden könnte; er legte den sehr klar aufgestellten Gutachten auch gleich Pläne für die Einrichtung von Hochöfen bei, mit genauer Berechnung des Kohlenverbrauchs und der Förderung auf Tag und Jahr.

Schweden besitzt außer den Eisen- auch Kupfer- und Silbervorkommen; die Neigung zu Swedenborgs Zeit ging dahin, die Eisengewinnung hintanzusetzen zugunsten einer nicht sehr wirtschaftlichen Gewinnung der spärlichen Adern jener wertvolleren Metalle. In mehreren Denkschriften wandte sich Swedenborg gegen eine einseitige Bevorzugung der teuren Metalle und wies darauf hin, wie die ganze Volkswirtschaft auf einer möglichst weitgehenden Eisenförderung und –bearbeitung fuße, welche viel größeren Bevölkerungsteilen Arbeit verschaffe als jene geringen Vorkommen an wertvolleren Metallen: "Es ist nicht nur das Edle eines Metalls in Betracht zu ziehen, sondern auch das öffentliche Wohl, d.h. all jene Einzelheiten und Umstände, aus welchen hervorgeht, daß die eine Arbeit mit der Zeit dem Lande mehr nützt als eine andere, oder daß die Arbeit selbst edel ist und das Metall im Vergleich damit unedel."*) Diese Hochschätzung der Arbeit und ihrer Beschaffung für möglichst weite Volkskreise ist kennzeichnend für Swedenborgs tieferblickendes und gesundes volkswirtschaftliches Verständnis.

*) Aus Dokument 169 aus Dr. Rudolph Tafels "Dokumente über das Leben und den Charakter Emanuel Swedenborgs", einem Werke, dem wir bei der Abfassung auch dieser kurzen Lebensbeschreibung sehr zu Dank verpflichtet sind.

Großen staatsmännischen Sinn offenbart eine Denkschrift gegen eine Kriegserklärung an Rußland. Schweden hatte in dem unglücklichen Nordischen Krieg, der sich über 18 Jahre hinzog, wertvolle Länder auf dem Festland an der Ostsee eingebüßt, so die baltischen Provinzen an Rußland; begreiflicherweise schmerzte das die schwedischen Patrioten, weshalb von einer ziemlich starken Partei auf einen Revanche-Krieg gegen Rußland hingearbeitet wurde. In einer eingehenden Denkschrift, die Swedenborg allen Mitgliedern des Geheimkomitees, dessen Mitglied er war, zustellte, setzte er in meisterhafter Weise mit staatsmännischem Weitblick die europäische Lage und die Vorteile und Nachteile eines Offensiv- und Defensivbündnisses mit Frankreich auseinander und legte dar, wie wenig Aussicht auf Erfolg ein Krieg mit Rußland hätte. Es ist gewiß nicht wenig dem Einfluß dieser meisterhaften Denkschrift zuzuschreiben, daß damals vom kriege abgesehen wurde, der dann sechs Jahre später, als die Kriegspartei übermächtig geworden war, doch eröffnet wurde — sehr zum Schaden Schwedens, das unterlag und einen Teil von Finnland verlor.

Obschon Swedenborg bei Hofe gut angesehen war, ließ er ich dadurch doch nicht beirren; als der König Adolf Friedrich auf einen Absolutismus hinstrebte, gehörte Swedenborg zu Denen, die sich einer Erweiterung der königlichen Macht in diesem Sinne entschieden widersetzten und die Machenschaften vereilten.

Als großer Fachmann erwies sich Swedenborg in Fragen der Geldwirtschaft und der Währung; in mehr als einer Denkschrift beschwor er das Parlament in klaren sachlichen Darlegungen zur Metallwährung zurückzukehren, damit das schwedische Geld nicht völlig der Entwertung verfalle. Dies inmitten der Jahre, da er seine theologischen Schriften verfaßte.

Einen weiteren Beweis seines volkswirtschaftlichen Weitblicks lieferte Swedenborg, als er 1755 im Parlament auf staatliche Branntweinkontrolle drang — hundert Jahre, bevor solche Schritte anderswo zum erstenmal angebahnt wurden. Zur Zeit Swedenborgs konnte sich ein Jeder nach Belieben daheim aus Korn Branntwein destillieren, was zu einem Übermaß von Branntweingenuß in den breitesten Volksschichten führte. Auf einem Blatt mitten unter seinen theologischen Manuskripten finden wir die Aufzeichnung: "Der unmäßige Genuß von Branntwein wird der Untergang des schwedischen Volkes sein." Er suchte dem Übel von Gesetzes wegen beizukommen. In einer Eingabe an das Herrenhaus vom Jahre 1755 legte er dar, wie Schweden jedes Jahr mehr Waren einführte als ausführte, was ausgeglichen werden müsse durch gesteigerte Ausfuhr von Erzen, für welche genügend Nachfrage bestehe. Das Volk sei aber nicht fähig zu höherer Arbeitsleistung, solange die Trinksitten weiter bestünden, und diese würden sich kaum ändern, solange sich ein Jeder daheim so viel Branntwein aus Korn herstellen könne, wie er wolle. Das Recht zur Branntweinherstellung müsse der Allgemeinheit darum von Gesetz wegen genommen und nur an Einzelne gegen eine hohe Steuer vergeben werden, wodurch der Staat auch Kontrolle über die Menge des hergestellten Branntweines erhalte. Er ging sogar so weit, zu verlangen, daß der Branntwein nicht mehr im Wirtshaus ausgeschenkt werden dürfe, sondern nach Art der Bäckerläden (wie sie auch bei uns noch in alten Stadteilen bestehen) nur durch ein Schiebefenster auf die Straße hinaus verabreicht werden sollte.

Im Jahre 1760 brachte Swedenborg die Sache nochmals vor das Herrenhaus: "Wenn die Destillation von Branntwein — vorausgesetzt, die Öffentlichkeit lasse sich zu einer solchen Maßnahme bewegen — in allen Gerichtsbezirken und auch in den Städten an den Meistbietenden vergeben würde, würde dem Lande daraus ein erhebliches Einkommen erwachsen, und zugleich könnte der Verbrauch von Korn für diesen Zweck beschränkt werden: das heißt, wenn der Genuß von Branntwein nicht ganz abgeschafft werden kann, was für das Gedeihen und die Sittlichkeit des Landes mehr zu wünschen wäre als alles Einkommen, das aus einem so verderblichen Getränk erzielt werden kann."

Hat Schweden auch damals Swedenborgs weitblickende Gedanken noch nicht angenommen, so scheint sein Wirken doch nicht umsonst gewesen zu sein; denn es ist doch der Staat, der zuerst weitgehende staatliche Maßnahmen zur Bekämpfung des Branntweinübels traf.

*   *   *

All das zeigt uns, wie weit Swedenborg davon entfernt war, ein Schwärmer oder "Mystiker" zu sein, als welcher er bisanhin im allgemeinen dargestellt wurde von Leuten, die — selbst in den Konversationslexika — über ihn schrieben, ohne je tieferen Einblick in seinen Lebenslauf oder in seine Werke genommen zu haben. Es zeigt auch, wie weit er entfernt war von einer "Umnachtung", als welche seine materialistischen und kirchlichen Kritiker seine Erleuchtung hinstellen wollten, zeichnet er sich doch im Gegenteil aus gerade durch ganz ungewöhnliche Klarheit des Geistes und Folgerichtigkeit und Vernünftigkeit des Denkens, welche sich unvermindert bis zu seinem im 85. Lebensjahr erfolgten Hinschied offenbarte, sowohl in seinen theologischen wie in seinen wissenschaftlichen Werken und in seinen politischen und volkswirtschaftlichen Denkschriften, und zwar sowohl im Stil wie im Inhalt und Aufbau. Daß er von seinen Gegnern trotz alledem gelegentlich als geisteskrank hingestellt wird, erinnert den Kenner seines Lebens daher höchstens daran, daß selbst von Dem, der das Licht der Welt war, Diejenigen, welche Seiner Botschaft innerlich ferne standen, sagten: "Er ist von Sinnen."

Sein Hinschied

Swedenborg wußte und sagte es schon einige Wochen vor seinem Hinschied voraus, daß er am 29. März 1772 aus dem Diesseits abgerufen werden würde. Ein Schlaganfall zwang ihn kurz vor diesem Datum aufs Krankenlager. Als der Pastor der schwedischen Gemeinde in London, Arvid Ferelius, ihn besuchte, ermahnte er ihn, falls er sein neues theologisches System nur aufgestellt habe, um sich einen Namen zu machen, so sollte er es jetzt, angesichts des bevorstehenden Todes, ganz oder zum Teil widerrufen. Swedenborg erhob sich hierauf halb in seinem Bett und sagte, indem er eine Hand auf sein Herz legte, feierlich: "So wahr als Sie mich hier vor Ihren Augen sehen, so wahr ist Alles, was ich geschrieben habe; und ich hätte mehr sagen können, wäre es mir erlaubt gewesen. Wenn Sie in die Ewigkeit eingehen, werden Sie Alles sehen, und dann werden Sie und ich über Vieles zu reden haben."

Die Beerdigung der irdischen Hülle Swedenborgs war die letzte Amtshandlung des Pastors Ferelius, der hierauf zum Dekan in einem schwedischen Wirkungskreis befördert wurde.

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Die irdische Hülle Swedenborgs lag in der Gruft der kleinen schwedischen Kirche in London, bis sie im Jahre 1908 von einem schwedischen Kriegsschiff abgeholt und dann in feierlichem Zuge unter Beteiligung des ganzen Hofe und aller Ministerien und der Studentenschaft und der Körperschaften der Universität nach Upsala überführt und dort in dem Sarkophag aus schwedischem Granit die letzte irdische Ruhestatt fand.

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Im großen Ganzen blieb Swedenborg der Allgemeinheit unbekannt, da er um seiner Gesichte willen von der wissenschaftlichen Welt wie von der Kirche in Bann getan war. Nun eine Unzahl größerer unabhängiger Geister, die sich an jene Vorurteile nicht so gebunden fühlten, haben zu seinen Schriften gefunden und viel daraus geschöpft, so Goethe, Lavater, Kant, Krause, Schopenhauer und Andere, von denen wir im Anfange einige Zeugnisse anführen wollen.

Erst in der Jetztzeit fangen weitere Kreise an, die Botschaft Swedenborgs zu Rate zu ziehen. Zu seinem 250. Geburtstage am 29. Januar 1938 gab die schwedische Post eine Marke mit seinem Bildnis heraus, die wir hier etwas vergrößert wiedergeben, in violetter und grüner Farbe in den Werten von 10 Öre und einer Krone, und benützte einen besonderen Swedenborg-Stempel für diesen Gedenktag. Auch der Rundfunk gab anläßlich dieses Tages Kunde von Swedenborgs Leistungen in Deutschland, der Schweiz, in Frankreich und in den nordischen Staaten, und in England und Amerika. Dieser Gedenktag ward in unzähligen Veranstaltungen über die ganze Erde hin gefeiert, und es haben auch u.A. die Könige von Schweden und England sowie der Kronprinz von Schweden und der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Franklin D. Roosevelt, dazu ihre Grüße gesandt. Die Swedenborg-Gesellschaft aber gab bei diesem Anlaß Swedenborgs kleines Werk "Von neuen Jerusalem und seiner himmlischen Lehre" in zwanzig Sprachen heraus, darunter nicht nur die hauptsächlichsten Kultursprachen, sondern auch solche von Indien und von Eingeborenen in Südafrika.

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Wir haben im vorstehenden Abschnitt den Lebenslauf Swedenborgs nur in groben Zügen skizziert, von seiner wissenschaftlichen wie volkswirtschaftlichen Tätigkeit konnten wir leider nur die Titel seiner Werke und einiges Wenige von deren Inhalt angeben, währen wir das Wesentliche: seine wissenschaftlichen Lehren auf vielen Gebieten nicht im Einzelnen verfolgen konnten, obschon darin eigentlich die Schilderung des inneren Werdeganges läge; doch würde das nicht nur über den uns zur Verfügung stehenden Raum weit hinaus gegangen sein, sondern auch in wissenschaftliche Regionen geführt haben, welche den meisten Lesern allzu fern liegen. Auch kommt es uns hier vor Allem auf Das an, was uns durch ihn in den letzten Jahrzehnten seines Erdenlebens gegeben worden ist zur Erneuerung und Klärung des Glaubens, beginnt doch mit seinen Klarlegungen aus dem Worte nach seinem Zeugnisse eine neue Epoche der christlichen Kirche.

Wir bieten hier darum einen

 

 

Sollten wir die Stellung Swedenborgs in der Geschichte der christlichen Kirche mit einem Stichwort kennzeichnen, so ist es vielleicht am deutlichsten, wenn wir als Sinn seiner Sendung

die Vollendung der Reformation

nennen. Die Reformation unter Luthers und Zwinglis Führung hat einige schwere Schäden abgeschafft, welche sich in der christlichen Kirche breit machten, wie die Bilder- und Heiligenanbetung, Ablaßhandel u.A., und sie hat als größten Segen die Bibel ins Volk getragen. Was aber die Lehre betrifft, so galt ihnen das von den Bischöfen auf dem Konzil zu Nicäa im Jahre 325 beschlossene Glaubensbekenntnis für unantastbar, obschon dieses keineswegs mehr die reine Lehre des Herrn im Evangelium zum Ausdruck brachte. Eine wirkliche christliche Kirche aber muß sich auf die Worte Christi aufbauen. Darum vollendete Swedenborg die Reformation, indem er über die Beschlüsse der Bischöfe im 4. Jahrhundert hinweg zum Evangelium durchdrang und aus den Lehren Jesu Christi Selbst die Lehre der christlichen Kirche darlegte.

Unter den Lehren, welche Swedenborg so verkündete, hat diejenige über

das Fortleben nach dem Tode

die Aufmerksamkeit der Welt am stärksten an sich gelenkt, obschon Swedenborg sie keineswegs als die Hauptsache ansah und ihr weder in seinem Werke "Die vier Hauptlehren der Neuen Kirche", noch in seinem umfangreichen letzten Hauptwerk "Wahre Christliche Religion, enthaltend die ganze Theologie der Neuen Kirche" ein Kapitel gewidmet hat; nichtsdestoweniger wurde eine große Zahl Christen von dem gefesselt, was Swedenborg über das Fortleben nach dem Tode darlegte — denn das Ende des Erdenlebens steht einem Jeden gewißlich bevor; also stellt sich auch Jedem die Frage: "Was dann?"

Die Antwort, welche die bisherige Kirche darauf gab

mit der Lehre von der einstigen Auferstehung des Leibes, fand je länger je weniger Glauben in der Christenheit. Darnach müßte der in der Erde bestattete oder durch Feuer verzehrte Leib einmal wieder auferstehen; die Seele würde die Substanzen, welche den irdischen Körper einst bildeten, wieder an sich ziehen, und erst das wäre die Auferstehung. Diese Lehre wurzelt in der — bei den Juden heimischen — materialistischen Grundauffassung, als sei nur die greifbare Materie etwas Wirkliches, sodaß man sich ein wirkliches Leben ohne den irdischen Leib einfach nicht denken konnte. Diese Lehre von der Auferstehung des Fleisches widerspricht aber sowohl jeglichem vernünftigen Denken wie der Lehre des Herrn im Evangelium.

Bedenken wir zunächst einmal, daß in den vielen Jahrtausenden, seit es Menschen auf unserer Erde gibt, der Leib der Milliarden und Milliarden dicht unter der Oberfläche der Erde begraben wurde, sich dort früher oder später vollständig in Erde verwandelte und in der Pflanzenwelt aufging, welche dem Boden entsproßte und woraus sich Mensch und Tier nährte, und das in fortwährender Wiederkehr die ganzen vielen Jahrtausende hindurch: da müssen die gleichen Atome und Moleküle der Grundstoffe nacheinander dem Leibe ungezählter Menschen angehört haben und demnach von ungezählten Seelen bei einer solchen Auferstehung wieder beansprucht werden! Wohl entziehen sich die Befürworter jener Lehre diesen Folgerungen etwa mit dem Hinweis darauf, daß bei Gott alle Dinge möglich seien. Doch kann sich der denkende Mensch der Gewalt jener Tatsachen nicht entziehen. Auch wäre es kaum zu glauben, daß der Schöpfer, falls es in Seinem Plane läge, die Körper wieder auferstehen zu lassen, diese erst völlig vergehen ließe.

Eine Großzahl von Christen fühlt sich zum Glauben an die fleischliche Auferstehung verpflichtet, weil sie meinen, das sei es, was die Heilige Schrift lehre; sie denken an die Schilderung des Ezechiel (Kap.37), wie die Gebeine auf dem Knochenfeld sich mit Fleisch bekleideten und belebten; bei näherem Hinsehen erkennt man jedoch, daß dort nicht von der fleischlichen Auferstehung, sondern von ganz Anderem die Rede ist. Auch meint man, das sei die Lehre des Paulus. Und tatsächlich scheint Paulus, als er im Jahre 51 an die Thessalonicher schrieb (1 Thess. 4,14-17), noch den jüdischen Glauben an die Auferstehung des stofflichen Leibes geteilt zu haben. Einige Jahre später aber hatte sich seine Auffassung wesentlich geändert, und so schrieb er vier bis fünft Jahre nachher an die Korinther (1 Kor. 15): "Fleisch und Blut können das Reich Gottes nicht ererben. Es gibt einen natürlichen Leib und gibt einen geistigen Leib." Doch war es Paulus nicht gegeben, mehr darüber zu sagen, sodaß es den Christen nicht genügte, um einen Glauben an die Auferstehung darauf zu gründen, weswegen man bei dem tiefwurzelnden bisherigen Glauben an die Auferstehung des Fleisches blieb. Maßgebend für eine Kirche, welche wirklich christlich sein will, ist aber die Lehre des Herrn Selbst im Evangelium.

Was lehrt aber der Herr im Evangelium?

Auf die Frage der Sadduzäer, die an keine Auferstehung glaubten, weist der Herr darauf hin, daß Gott Sich vor Moses bei dem brennenden Dornbusch darauf berief, daß Er der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs sei, was keinen Sinn hätte, wenn diese zweitausend Jahre zuvor gestorbenen Patriarchen nicht noch lebten, denn "Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebendigen; denn

"sie leben Ihm Alle."

(Luk. 20,38). Hier auf Erden leben sie nicht mehr; da besteht — wenn's hoch kommt — noch ihr Grab, in welchem nach langer Zeit aber nicht einmal mehr etwas von ihrem Körper übrig geblieben ist. Für die Erdenmenschen sind sie gestorben. Für Gott aber leben sie Alle nach dem Zeugnis des Herrn. Darauf werden Anhänger der bisherigen Auferstehung vielleicht antworten: Freilich ist ihre Seele nicht gestorben, sondern sie schläft bis zu ihrer Wiedervereinigung mit dem Körper. Wäre es dann aber nicht irreführend, wenn der Herr lehrte: "Sie leben Ihm Alle?" Zudem sprach der Herr zu dem Einen der mit Ihm Gekreuzigten: "Heute sollst du mit mir im Paradiese sein." Kann das von einem unbewußten Zustand des Schlafes gesagt werden? Der Herr lehrt es aber im Evangelium zudem ganz deutlich, daß die Gestorbenen nicht schlafen, sondern

bei vollem Bewußtsein

sind und reden wie in der Welt: In dem Gleichnis vom armen Lazarus und reichen Prasser beschreibt der Herr den letzteren, wie er — noch während sein Leib im Garbe ruht und seine Brüder noch alle auf Erden leben — erwacht und bei vollem Bewußtsein ist und redet. Wo weilte seine Seele da? Wo ist das Paradies, wo der mit dem Herrn Gekreuzigte gleich nach dem Tode mit Ihm sein sollte? Wo leben sie Ihm Alle? Antwort: da es nicht in der irdischen Welt der Fall ist, ist es — auch nach der genannten Lehre des Paulus — in einer nicht-irdischen, also

in der geistigen Welt.

Das Wort lehrt deutlich, daß es außer der irdischen Welt, die wir mit den Sinnen Wahrnehmen, eine andere Welt gibt, die wir mit den Sinnen nicht wahrnehmen. Als der Prophet Elischa in Dothan von der syrischen Heerschar umzingelt war und sein Junge sich darum verloren glaubte, da antwortete ihm Elischa: "Fürchte dich nicht, denn der Unsern ist mehr als der Ihrigen." Und Elischa betete und sprach: "Jehovah, tu ihm doch die Augen auf, daß er sehe! Und Jehovah tat dem Jungen die Augen auf, und er sah, und siehe, der Berg war voll Rosse und feuriger Wagen rings um Elischa her." Das war eine sehr wirkliche Umgebung um den Propheten, die sein Junge erst sah, als ihm von Gott die geistigen Augen aufgetan wurden (2 Kön. 6,17). Und Johannes berichtet ausdrücklich, daß er all das in der Offenbarung Beschriebene sah, als er "im Geiste" war (Off. 1,10). Und so berichtet ja auch Paulus (2 Kor. 12,2) von Einem, der bis in den dritten Himmel entrückt worden sei und dort unaussprechliche Dinge gehört habe, welche ein Mensch nicht sagen könne. Zudem hören wir im Evangelium wieder und wieder, daß der Herr böse Geister austrieb, die durch die Besessenen sogar redeten und antworteten.

Wie ist es zu erklären, daß die Christliche Kirche an diesen deutlichen Zeugnissen der Bibel vom Dasein einer geistigen Welt und unserem Fortleben in ihr nach dem Tode des Leibes so achtlos, ja ablehnend vorbeiging? Doch nur damit, daß diese Zeugnisse dem vom Judentum übernommenen Glauben an die Auferstehung des Fleisches, welchen man festhalten zu müssen glaubte, den Boden entziehen.

Warum ward aber von der Vorsehung ein so irriger Glaube an ein Wiedererstehen des aufgelösten Körpers überhaupt zugelassen? "Weil der natürliche Mensch annimmt, es sei einzig der Leib, welcher lebe; wenn er daher nicht glaubte, der Leib empfange wieder Leben, so würde er die Auferstehung überhaupt leugnen," sagt Swedenborg (H.G. 5078).

War aber damals die Zeit für mehr Aufschluß noch nicht gekommen und sind im Evangelium nur diese wenigen Zeugnisse des Herrn berichtet, so sagte er doch am letzten Abend Seines Erdenlebens zu den Jüngern: "Ich habe euch noch vieles zu sagen, aber ihr könnet es jetzt nicht tragen." Die Zeit für mehr Licht über alle Fragen und so auch über diese ist nun zweifellos gekommen, ansonst der Glaube an ein Fortleben nach dem Tode überhaupt untergeht, wie dies bei Millionen in den christlichen Ländern längst der Fall ist, da der denkende Mensch der Neuzeit an die Wiederzusammensetzung des aufgelösten Körpers einfach nicht mehr glauben kann.

Gott, der Herr, hat die Menschheit denn auch nicht im Unklaren gelassen, nun der Zeitpunkt für mehr Licht gekommen ist. Er hat Emanuel Swedenborg, den Er Sich zum Werkzeug zur Darlegung des tieferen Schriftsinnes ausersehen und vorbereitet hat, auch die geistigen Sinne erschlossen, wie einst dem Apostel Johannes und andern biblischen Gestalten, nun aber in umfassendem Maße, damit nunmehr Klarheit werde auch über diese wichtige Frage. Was Swedenborg sah und hörte und beschrieb, ist aber nichts Anderes als eine Bestätigung von Dem, was der Herr Jesus Christus im Evangelium selbst verkündet hat.

Seltsamerweise hat trotzdem die offizielle Kirche bisanhin das durch Swedenborg Verkündigte blindlings abgelehnt und mit der Bezeichnung

"Spiritismus"

abgetan, so in ziemlich allen uns bekannten Büchlein von Pfarrern, die hier und dort selbständig oder im Auftrag einer Pfarrsynode dem Kirchenvolk eine Aufklärung über die Religionsgemeinschaften außerhalb der Landeskirche anbieten. Nun ist ja stets Vorsicht geboten, wenn jemand von Visionen berichtet, die er gehabt habe, und nicht sollte ungeprüft angenommen werden. Anderseits aber ist es unrichtig und schriftwidrig, Gesichte zum Vornherein abzulehnen und nun gar Swedenborg als Spiritisten zu bezeichnen, bloß weil sein geistiges Gesicht erschlossen war, wobei die meisten Vertreter der offiziellen Kirche bisanhin darauf verzichtet haben, vor der Bildung und Veröffentlichung ihres Urteils Einblick in Swedenborgs Leben und Schriften zu nehmen. Worin besteht Spiritismus? Doch darin, daß man einen Verkehr mit Geistern anstrebt, sei es zur Unterhaltung, sei es um sich von ihnen belehren und führen zu lassen. Von all dem trifft aber bei Swedenborg nichts zu: er suchte den Verkehr mit der geistigen Welt keineswegs, sondern dieser ward ihm von Gott ungesucht verliehen als Teil seiner Sendung; und anderseits ermutigt Swedenborg nicht zum Verkehr mit Geistern, sondern warnt wiederholt sehr entschieden davor, da man weit mehr Aussicht habe, von ihnen getäuscht zu werden als die Wahrheit zu erfahren; in diesem Sinne schrieb er z.B. auch an den Landgrafen von Hessen-Darmstadt.

Ein Zürcher Pfarrer, der Swedenborg um seiner Gesichte willen öffentlich als "Spiritisten" bezeichnet hatte und auf die Unrichtigkeit dieser Kennzeichnung aufmerksam gemacht wurde, suchte sich mit der Behauptung zu rechtfertigen, schon das sich-befassen mit solchen Dingen sei Spiritismus. Waren demnach die biblischen Gestalten, welche Gesichte hatten, Spiritisten? die Propheten? Johannes? Paulus mit seiner Christusvision und mit seinem Bericht über den Menschen, der in den dritten Himmel entrückt worden war, was er ohne Weiteres glaubte und der Korinthergemeinde berichtete? Und gar der Herr Jesus Christus mit den oben angeführten Äußerungen und Zeugnissen in den Evangelien? Und der allmächtige Schöpfer der Welten, Der die geistige Welt geschaffen und zur Wohnstätte des Menschen bestimmt hat? Viele Pfarrer der bisherigen Kirche erwecken tatsächlich den Eindruck, als wißbilligen sie es, daß der Allmächtige die geistige Welt geschaffen und manchen biblischen Gestalten Einblick in sie gewährt hat ohne Rücksicht darauf, daß dadurch die von ihnen hartnäckig gelehrte Auferstehung des Fleisches noch mehr an Glaubwürdigkeit einbüßt und sie es infolgedessen ablehnen, von dem Dasein der geistigen Welt und von den Hinweisen der Heiligen Schrift darauf Kenntnis zu nehmen!

In Tat und Wahrheit schützen die vom Herrn durch Swedenborg gegebenen Aufschlüsse vor dem Spiritismus, denn im Besitze dieser Klarheit hat Niemand Anlaß, sich an eine so dunkle Quelle wie den Verkehr mit Geistern zu wenden, und die Anhänger der durch Swedenborg aus der Bibel dargelegten Lehren treiben auch keinen Spiritismus. Schuld an seinem Aufkommen trägt vielmehr gerade die Kirche, die bis jetzt die Lehre des Herrn im Evangelium abgelehnt und statt ihrer die unhaltbare Auferstehung des Fleisches gelehrt hat. Wer das Hauptwerk Swedenborgs über diesen Gegenstand,

"Himmel und Hölle"

liest, erkennt — vielleicht zu seiner Enttäuschung —, daß es nicht so sehr viele Einzelheiten und Erlebnisse beschreibt als vielmehr die großen Grundgesetze, welche das Wesen und die Einleitung der geistigen Welt beherrschen, und daß sich diese ganz natürlicherweise aus den Gesetzen der göttlichen Ordnung ergeben, welche die ganze Schöpfung beherrschen, vor allem aus dem Wesen Gottes und des Menschen.

Es leuchtet ein, daß wir die Schöpfung nur verstehen, je wie wir auch ein Wissen vom Schöpfer haben, da all ihr Wie und Warum natürlich in Seinem Wesen begründet ist.

Warum gibt es überhaupt eine Schöpfung?

Warum eine geistige Welt? Warum ein irdisches Weltall? Das eigentliche Ziel der Schöpfung kann nur im eigentlichen Wesen des Schöpfer begründet sein. Das eigentliche Wesen Gottes aber ist Liebe. Was ist Liebe? Wahre Liebe ist: "Andere außer sich lieben, Eins mit ihnen sein wollen und sie aus sich beglücken wollen." (WCR. 43). Liebe erheischt also in erster Linie Wesen außer einem selbst, und die Liebe des unendlichen Gottes erheischt Wesen, die Er in Ewigkeit immer mehr beglücken kann durch immer innerlicheres wahreres Verbundensein. Hieraus ergibt sich von selbst als Endzweck der gesamten Schöpfung:

ein Himmel von Engeln aus dem menschlichen Geschlecht

(WCR 13, 66, 773), — eine Welt von Wesen, welche ihrer Anlage nach fähig sind, Gottes Leben in ewiger, geistiger Gestalt aufzunehmen, Ihm mit dem Glauben zu erkennen, Seine Liebe zu erwidern und mit Ihm in Freude und Freiheit zum Aufbau seines Lebens zusammenzuwirken.

Der Mensch

ist seinem Wesen nach ein Aufnahmegefäß des Lebens. Er ist nach der Schöpfungsgeschichte zum Ebenbild nach der Ähnlichkeit Gottes geschaffen. Gott ist also der Ur-Mensch, in welchem das, was das Menschentum ausmacht: Liebe und Weisheit, in göttlicher Vollkommenheit und in unendlicher Fülle lebt. Da der Mensch in Sein Ebenbild geschaffen ist, ist er befähigt, dieses wesentlich menschliche Leben — Liebe und Weisheit*) — aufzunehmen in seinen Willen und Verstand. Dadurch, daß er denkt aus Gottes Wahrheit und will, wie Gott will, wird er Mensch, — Ebenbild Gottes. Das Menschentum liegt also nicht in seinem Körper, sondern in seiner Seele; der Körper ist nur die entsprechende Hülle. (Aber auch hier sehen wir eine Auswirkung von der Zweiförmigkeit des Lebens in der zweiteiligen Anlage: linke und rechte Hälfte und der doppelten Anlage so vieler Organe: Augen, Ohren, Nase, Hirn, Hände, Füße, Lungen, usw.) Der Mensch ist also seinem Wesen nach ein Geist, der — für die Jahre seines Wohnens in der irdischen Welt — mit einem stofflichen Körper umkleidet ist. Mit seiner Seele lebt er von Anfang an in der geistigen Welt; solange er aber im irdischen Körper lebt, sind seine geistigen Sinne noch nicht erschlossen außer in den Ausnahmen, welche Gott fügen mag und von welchen manche in der Bibel berichtet sind.

*) In der hebräischen Sprache kommt die Tatsache, daß wir das Leben in diesen zwei Formen aufnehmen, in seiner Weise dadurch zum Ausdruck, daß das Wort für "Leben" — chajjim — weder eine Einzahl noch eine Mehrzahl, sondern eine Dualform ist, welche anzeigt, daß es zwei sind.

Wenn er aber doch ein geistiges Wesen ist und nach den kurzen Erdenjahren für das Leben in der geistigen Welt bestimmt ist,

warum beginnt er sein Leben in der irdischen Welt?

warum wird er nicht von Anfang an nur in der geistigen Welt geschaffen? Wir mögen nicht alle Gründe verstehen, welche den Allmächtigen diese Ordnung einsetzen ließen. Wir hören einerseits von Swedenborg, daß auch unser geistiger Leib ein Äußerstes, gleichsam einen Saum (Limbus) hat, der aus den feinsten Substanzen der Natur besteht, sodaß der Mensch seinen Lebenslauf in der Naturwelt beginnen muß. Wir mögen besser einen weiteren Grund verstehen: In der natürlichen Welt, wo uns nur die körperlichen Sinne erschlossen und all die tieferen Ursachen und Zusammenhänge des Daseins: — Gott, geistige Welt, geistige und irdische Kräfte usw. — verborgen sind, da sind wir in der vollsten Freiheit, all diese wichtigsten und wirklichsten Grundtatsachen des Daseins anzuerkennen oder zu leugnen; da wir sie nicht mit den Sinnen sehen, unterstehen wir keinem äußeren Zwange zu ihrer Anerkennung, sondern nur allfällig dem inneren der Einsicht und gesunden Denken; aber wir sind frei, auf eine Weise, wie wir es nicht wären, würden wir von Anfang an im Himmel geschaffen. Gottes Schöpfungszweck können nur Wesen erfüllen, die sich in Freiheit zu Seiner Anerkennung und zur Jüngerschaft entschließen und zur Gegenliebe aufschwingen; Seine göttliche Liebe kann sich mit nichts Geringerem zufrieden geben, kann dies doch nicht einmal Menschenliebe. Nur Menschen, die in voller Freiheit an Gott glauben und Ihn lieben, die so als Seine Ebenbilder Seine Liebe und Weisheit aufnehmen und verkörpern und so aus Gott geboren werden, können den Himmel von Engeln bilden, den Endzweck Seiner Schöpfung.

In der christlichen Kirche ist die Meinung verbreitet, die Engel seien von Gott als solche in all ihrer Vollkommenheit geschaffen wie eine Art Gottwesen, — eine Meinung, die man in der Christenheit unbesehen von den Juden und Babyloniern und anderen Religionen übernahm.

Die Schöpfung berichtet von keiner Erschaffung von Engeln.

Die Engel sind später in der Bibel einfach da: weil es keine anderen Engel gibt als die Menschen, die auf Erden gestorben sind und nun den Himmel bevölkern. (Die Cherube, die schon im 3. Kapitel der Bibel erwähnt werden, sind keine persönlichen Wesen, sondern Versinnbildlichungen, wie schon aus ihrer Beschreibung (Ez. 10) hervorgeht, abgesehen davon, daß die ersten Kapitel der Bibel nur sinnbildlich, nicht buchstäblich zu verstehen sind, wovon wir an anderer Stelle sprechen werden.)

Wenn sich die Erschaffung von fertigen vollkommenen Wesen, wie es die Engel nach allgemeiner Vorstellung sind, mit Gottes Schöpfungsplan vereinbaren ließe, dann würde Gott zweifellos alle Menschen gleich von Anfang an so vollkommen geschaffen haben und uns nicht unser Dasein auf Erden beginnen lassen, begabt mit der gefahrvollen Freiheit und damit mit der Möglichkeit zu so viel Irrtümern und Abwegen! Aber solche gleichsam automatisch vollkommen geschaffenen Wesen könnten Seine Gottesliebe niemals befriedigen, und darum gibt es sie auch nicht; Sondern alle bestehenden Engel haben ihr Dasein im Fleische begonnen, und auch wir werden von ihrer Schar sein, wenn wir den inneren Weg gehen, welchen sie einst gingen.

Wir alle beginnen also unser Dasein nach weisem Schöpfungsplan im Fleische, um zu gegebener Zeit diese irdische Hülle — wie ein Schmetterling seine Verpuppung — abzulegen, wenn nach Gottes Ratschluß die Stunde hierfür gekommen ist.

Der Tod

ist etwas, das nur die irdische Hülle des Menschen betrifft, nicht ihn selbst. Der stoffliche Leib, der sein Leben und seine Gestalt nur aus der Seele hat, die ihm von innen her innewohnt, sinkt dahin, sobald ihr Einfluß ihn nicht mehr belebt, und löst sich in seine chemischen Urbestandteile auf, weshalb es für den Menschen völlig belanglos ist, ob die Auflösung so oder so geschieht, in der Erde vor sich geht oder durch die Flamme bewirkt wird, denn der Mensch braucht das verlassene Erdenhaus nie wieder.

Die Auferstehung.

Beim Hinschied eines Menschen sind immer Engel zugegen, deren schönes Amt es ist, die Seele sachte aus den Geweben der Hülle zu lösen; ihre lichte Umgebung wird von den Entschlafenden ja oft mit den sich schon erschießenden geistigen Sinnen als schönes beglückendes Licht geschaut, und ihre wohltuende Sphäre breitet sich gar oft noch über das Antlitz des schon Entschlafenen, wo die Spuren der letzten Scherzen und Bangigkeit schwinden und der Weihe eines schönen tiefen Friedens weichen. Während dieser Loslösung aus der irdischen Hülle schlummert der Mensch; ist aber seine Seele völlig aus dem Leibe gelöst, so

erwacht der Mensch,

was gewöhnlich spätestens am dritten Tage geschieht. Er erwacht mit einem Gefühl großer Befreitheit, das umso freudiger ist, wenn er an einer langen und schmerzhaften Krankheit darniedergelegen hat. Ihn umgeben die Engel, begrüßen ihn und führen ihn mit seinem Verständnis ins neue Dasein ein. Es können auch Solche zugegen sein, die er bei Leibesleben gekannt und denen er besonders nahe gestanden hat, insbesondere aber Solche, die mit seinem inneren Leben besonders innig verbunden waren und die ihm nun wie Verwandte erscheinen, die er schon immer gut gekannt hat. Er empfindet den Wandel, der mit ihm vorgegangen ist, nicht als eine große Veränderung, denn er lebt auch jetzt im Leibe, aber

im geistigen Leibe.

Den empfängt er nicht jetzt, sondern hat ihn schon während seines ganzen Lebens gehabt, und aus dessen Einfluß und Innewohnen lebte der stoffliche Leib und hatte seine Gestalt, wennschon der träge Stoff nur langsam und unvollkommen dem geistigen Einfluß folgt. Dieser unser geistiger Leib, der nicht nur ein Hauch oder ein Gedankenbild ist, sondern aus wirklichen geistigen Substanzen besteht, hat

alle Sinne,

die der stoffliche Leib hatte, nur schärfer und feiner empfindsam als unsere körperlichen Sinne.

Wenn wir in der geistigen Welt zu neuem Bewußtsein erweckt worden sind, befinden wir uns noch keineswegs im Himmel, denn wir sind innerlich noch nicht reif hierfür, hängt uns doch zur Zeit unseres Hinschiedes von der Erde noch mancherlei Fehler und unhimmlische Gesinnungsweise an, die wir erst ablegen müssen, ehe wir in den Himmel eingehen können. Wir sind noch in einem Zwischenzustand und demgemäß in einer

Zwischenwelt,

in jener "großen Kluft", welche sich nach dem Zeugnis des Herrn (Luk. 16,26)

zwischen Himmel und Hölle

befindet. Nun erst zeigt es sich, wohin wir gehören, und das entscheidet sich ganz nach unserer eigentlichen Gesinnung, — nicht nach dem äußeren Anschein unserer Lebensführung. Wir drängen aber von selbst dem einen oder andern Pol zu und machen demgemäß eine gewisse

Entwicklung

durch in der geistigen Welt, welche im Grunde einfach darin besteht, daß unsere eigentliche Sinnesart in ihrem Wesen zu Tage tritt, worauf wir uns zu Denen gesellen, die innerlich gleicher Art sind wie wir: zum Himmel oder zur Hölle.

Diese Entwicklung zum einen oder anderen Ziel hin erfolgt in der Hauptsache in drei Stufen. Im ersten Zustand, den Swedenborg den "Zustand des Äußern" nennt, erscheinen wir noch ganz so wie in der Welt. Dann aber folgt der "Zustand des Innern", wo unsere innere Gesinnung zu Tage tritt, und wo wir nicht mehr anders erscheinen können, als wie wir innerlich wirklich gesinnt sind. Das ist im Wesentlichen

das Gericht,

von welchem der Herr besonders in den letzten Tagen Seines Erdenlebens sprach, wo unsere Lebensbücher aufgetan und wir nach unseren Werken gerichtet werden. Damit wir in den Himmel eingehen können, muß unsere Gerechtigkeit — wie der Herr schon in der ganzen Bergpredigt (ausdrücklich aber Matth. 5,20) dargelegt — mehr sein als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, d.h. es genügt nicht ein nur äußerliches halten der Gebote, sondern auch unsere Gesinnung muß sich vom Geiste der Gebote erleuchten und führen lassen. Von außen ist das nicht notwendigerweise ersichtlich, ob unsere Religion innerlich echt ist oder nicht; denn Böses unterlasen und Gutes tun kann man auch aus weltlicher Klugheit, im Hinblick auf den Ruf und um der gesellschaftlichen Form willen. Und diese Art wird auch in der geistigen Welt in der ersten Zeit nach dem Tode beibehalten, wo Gute und Böse noch beisammen sind. Dann aber verliert sich die Fähigkeit, äußerlich anders zu erscheinen, als wie man der inneren Gesinnung nach beschaffen ist; das Innere tritt zu Tage. Das wird natürlich gar nicht als ein Gericht empfunden von Denen, deren Leben ihren Glauben an Gott bewiesen hat. Darum sagt der Herr von ihnen (Joh. 5,24), daß sie nicht in das Gericht kommen.

Als ein Gericht aber wird dieses Offenbarwerden des Innern von den Heuchlern empfunden. Doch entgehen sie ihm nicht, denn es tritt das Wort des Herrn in Geltung: "Nichts ist verdeckt, das nicht offenbar würde, und nichts verborgen, das man nicht wissen wird" (Matth. 10,26). Wer seine Heuchelei aufrecht erhalten will, der wird aus seinem eigenen Gedächtnis überführt, wo Alles bis ins Einzelnste aufgeschrieben ist.

Ein Jeder schreibt sein

Lebensbuch

selbst: im Äußern besteht es aus dem äußern Ablauf unseres Lebens, unserem Tun und Lassen und Erleben. Zugleich aber schreibt sich unser inneres Lebensbuch in uns auf, wo sich nicht so sehr das äußere Tun und Lassen an sich, sondern die Empfindungen aufzeichnen, die uns dabei beseelen, der unsichtbare Beweggrund. Das ist unser eigentliches Lebensbuch, und aus diesem werden wir gerichtet. Wenn es im Worte (Off. Joh. 14,13) heißt:

"ihre Werke folgen ihnen nach",

so ist diese Innenseite der Werke gemeint: der Beweggrund, der uns dabei beseelt hat, denn das ist das Lebendige und Ewige an unseren Werken, das wir in unserem ewigen Ich tragen. Beim Gericht zählt darum nicht der Scheins, sondern das Sein. So können sich Menschen, deren äußeres Tun und Lassen ziemlich gleich aussah, innerlich als sehr verschieden erweisen: "Alsdann werden zwei auf dem Felde sein: der Eine wird angenommen, der Andere wird gelassen. Zwei mahlen am Mühlstein: die Eine wird genommen, die Andere gelassen" (Matth. 24,40.41). Aber es herrscht beim Gericht nicht nur menschliche Gerechtigkeit, sondern göttliche, welche voll ermessen kann, mit welcher erblichen Last Einer belastet war. Die Gerechtigkeit Dessen, Der uns heißt barmherzig sein, ist beseelt von der göttlichen Güte und Liebe, und es wird Niemand vom Himmel ausgeschlossen, der sich nicht selbst davon ausschließt und ihn meidet. Denn der Himmel ist nicht ein Ort, wo man nach Belieben hin kann oder zugelassen werden kann, sondern er ist der Zustand des Menschen, da er will, wie Gott will, und urteilt aus Gottes Wahrheit. Jemand, der nicht so den Himmel in sich hat, wünscht und erträgt den Himmel darum auch gar nicht. Wer trotz allen Gelegenheiten, die Gottes Vorsehung schuf, sich bestärkt hat in seiner Selbstliebe und Weltliebe, der bleibt auch jetzt darin und sucht die Gesellschaft von seinesgleichen, woraus sich von selbst die Hölle ergibt. Es tritt das Gesetz in Kraft, das noch die letzte Seite der Bibel verkündet: "Wer ungerecht ist, werde noch ungerechter, und der Unreine noch unreiner; und der Gerechte werde noch gerechter, und der Heilige noch heiliger". (Off. 22,11).

Wer seiner Grundneigung nach zum Guten strebt, wird für den Himmel vorbereitet. Freilich muß er erst alles ablegen, was ihm an Fehlern allenfalls noch anhängt, was ihm noch recht schweres Erleben einbringen kann, weswegen wir gut daran tun, auf Erden alle Fehler zu bekämpfen, zu deren Erkenntnis Gott uns führt, denn wir können unmöglich mit unhimmlischer Empfindungsweise in das Reich und Sphäre des Herrn eingehen.

Ebenso aber müssen wir von allen Irrtümern frei werden, namentlich von allen über Gott und die Gesetze Seines Lebens, von aller falschen Religion, welche sich nicht auf Seiner Wahrheit aufbaut, denn wir können nicht in Gottes Reich leben und atmen mit ganz falschen Vorstellungen von Ihm und von den Gesetzen Seines Reiches. Nur wer sich vom Willen aus in ihnen bestärkt hat, hält die falschen Lehren fest und lehnt die Wahrheit ab; wer aber ehrlich nach dem Guten strebt, der läßt die Irrtümer, in denen er vielleicht aufgewachsen ist, fahren. Solche werden über die Wahrheit aufgeklärt, was — ihrem aufblühenden Erkennen entsprechend — in einer Umgebung paradiesischer Gärten geschieht. Auf diese Paradiese der Vorbereitung für den Himmel mag der Ausspruch des Herrn an den Einen der mit Ihm Gekreuzigten hinweisen: "Heute sollst du mit mir im Paradiese sein", wobei zu bedenken ist, daß der Herr hier nicht vom Himmel, sondern vom Paradies spricht, was nichts anderes als "Garten, Park" bedeutet; dieser Gekreuzigte war aber trotzdem im Allgemeinen von gutem Streben geleitet und darum für den Himmel empfänglich war.

Der Himmel

Der Himmel besteht aus Allen, die Gottes Wahrheit und Güte in ihrem Denken und Wollen verkörpern. Wie in der gesamten Schöpfung aus dem Wesen des Schöpfers heraus Ordnung und Einstellung bis ins Einzelnste herrscht, so ist auch die unermeßliche Schar Derjenigen, die den Himmel bilden, nicht ein wahlloses Durcheinander, sondern der Himmel, das Reich des Herrn, bildet erst recht den Inbegriff der höchsten Ordnung, weil sich hier Alles dem Willen Gottes gemäß gestaltet. Durch Swedenborg ist der Menschheit die große Grundeinheit enthüllt worden, nach welcher sich der Himmel vom Größten bis ins Kleinste ordnet, welche — wie für jeden tiefer Denkenden klar ist — keine andere sein kann als die

menschliche Form,

da der göttliche Mensch die Seele alles Wollens und Denkens von Allen ist, die den Himmel, d.h. die Verkörperung und gleichsam den Leib bilden. Wir müssen uns dabei hüten, von außen her und zu gestalthaft zu denken. Wohl ist unser irdischer Leib die letzte Auswirkung des Menschentums im Irdischen; doch den Funktionen der irdischen Organe entsprechen solche im geistigen Leben und im Innerlichsten ursprünglich göttliche Ordnungen, wie sie in ihrer Urvollkommenheit im Gottmenschentum leben.

Wie schon oben dargelegt, nimmt der Mensch die beiden Formen des Lebens — Liebe und Weisheit — auf in seinen Willen und Verstand. Diesen beiden Lebensformen entsprechend teilt sich der Himmel in

zwei Reiche

ein, die der rechten und linken Seite des Körpers verglichen werden können; und je nachdem in einem Menschen die Liebe oder die Weisheit, das Gefühl oder der Verstand führend ist, gehört er zu dem einen oder zu dem anderen dieser Reiche, die Swedenborg — da er vorhandene Wörter verwenden müßte — das himmlische und das geistige Reich nennt, wobei das himmlische Reich Diejenigen umfaßt, welche sich mehr von der Liebe und vom Gefühl, das geistige Reich dagegen Diejenigen umfaßt, de sich mehr von Verstandesüberlegungen leiten lassen.

Sowohl die Liebe wie die Weisheit können aber von sehr verschiedener Innerlichkeit sein; dem entsprechen

drei Himmel,

von denen ja auch Paulus spricht und die äußerlich der Dreiteilung des Körpers in Haupt, Rumpf und Beine verglichen werden können.

Im untersten oder natürlichen Himmel finden ich Diejenigen, die die Wahrheit wohl aufnehmen, ohne jedoch tiefer in sie einzudringen, und die sie aus Gehorsam befolgen.

Im zweiten oder geistigen Himmel sind Diejenigen, die tiefer in das Verständnis der Wahrheit eindringen und aus Nächstenliebe handeln.

Im höchsten oder himmlischen Himmel sind die innerlichten Menschen, die aus Liebe zu Gott handeln und daraus in der höchsten Weisheit sind.

Aber auch innerhalb jeder dieser drei Hauptstufen gibt es unendliche Mannigfaltigkeiten des Charakters, der Verkörperung der Liebe und Weisheit, die sich vom göttlichen Einfluß her vereinen und gliedern in

Gruppen und Vereinigungen

entsprechend den Organen und Gliedern des Leibes und die für die Gesamtmenschheit einen Nutzen wirken, welcher demjenigen aller Teile des Körpers bis zur letzten Zelle entspricht.

Durch die Aufschlüsse Swedenborgs wird es uns befreiend klar, daß das Leben des Himmels

kein ewiges Beten und Singen

ist, worin kein Mensch auch nur eine Woche lang seine Seligkeit finden könnte, geschweige denn die ganze Ewigkeit. Nein, kein gesunder Mensch kann auf die Dauer glücklich sein, wenn er nicht etwas Nützliches leistet, sind wir doch unserer Anlage nach in Gottes Ebenbild geschaffen; und wie bei Gott die Liebe und Weisheit sich auswirkt im Dritten: in dem von Ihm ausgehenden Schaffen und Wirken, so tragen auch wir den Drang in uns, das uns von Gott gegebene Leben, die uns von Gott gegebenen Kräfte irgendwie

in nützlichem Wirken

auszuleben. Freilich können wir uns hienieden nur von den geistigen Berufen des Lehrens und Erziehens eine rechte Vorstellung machen, doch sagt uns Swedenborg, daß auch die Tätigkeiten im Himmel sich in unendlicher Mannigfaltigkeit gliedern und einteilen.

Weil unsere Arbeit auf Erden oft so unbefriedigend ist und so oft gar nicht den Wünschen und Veranlagungen der Einzelnen entspricht und zudem weitgehend eingeklemmt ist in ein soziales System voll Härte und Ungerechtigkeit und Ausbeutung, erscheint Vielen die Arbeit an sich als etwas Hassenswertes, das es im Himmel einmal nicht mehr geben dürfte, und so bestärkte man sich ohne weiteres in dieser Meinung durch solche Bibelstellen, die diese Auffassung zu bestätigen scheinen, vor allem durch folgende zwei: daß dem Menschen (1 Mose 3,19) nach dem Sündenfall als Strafe für seinen Sündenfall gesagt wird: "Im Schweiße deines Angesichtes sollst du Brot essen", und es andererseits in der Off. Joh. 14,13 heißt: "Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben von nun an! Ja, spricht der Geist, auf daß sie ruhen von ihren Arbeiten; ihre Werke aber folgen ihnen nach." Diese beiden Stellen stammen nun aber aus Teilen der Bibel — die, wie wir später sehen werden, gar nicht buchstäblich zu verstehen sind, sodaß auch hier die innere Arbeit der Überwindung des Bösen gemeint ist, welche der Mensch auf sich lud dadurch, daß er sich ins Böse sinken ließ, und die erst dann aufhört, wenn er es aus dem Herrn überwunden hat.

Eine ewige Glückseligkeit ist in ewiger Trägheit nicht nur undenkbar, sondern widerspricht auch dem Wesen der Liebe, die doch ihre Seligkeit nur darin findet, daß sie sich für Andere auslebt, und aus der Selbstlosigkeit des Wirkens quillt auch die eigentliche himmlische Freude, wie denn der Herr, sobald Er den Jüngern am letzten Abend Seines Erdenlebens das Gebot der Liebe gegeben hatte, zu ihnen sprach: "Solches habe ich zu euch geredet, auf daß meine Freude in euch sei und eure Freude voll werde."

Solche, die auf Erden schon als

Kinder

sterben, werden im Himmel von Müttern gepflegt und dann unterrichtet und für den Himmel erzogen, wie denn der Herr sagte: "Also ist es auch nicht der Wille vor eurem Vater in den Himmeln, daß eines dieser Kleinen verloren gehe." — Freilich fehlt Denen, die schon als Kinder hinübergehen, eine gewisse Grundlage, welche zum Verständnis von Manchem unerläßlich ist; doch würden in Zeiten, wie den jetzigen gewisse innerlichere Himmel von Erde her ohne sie kaum bevölkert werden. Doch müssen auch die Kinder in der geistigen Welt erst heranwachsen, ehe sie zu Engeln werden, wie denn der Herr ihre kindliche Unschuld nicht aus ihnen selbst, sondern von den Engeln her erklärt, die bei den Kindern auf Eden sind: "Denn ihre Engel schauen allezeit das Antlitz Meines Vaters in den Himmeln" (Matth. 18,14).

*   *   *

Auch in Denen, die in der geistigen Welt heranwachsen, keimt mit der werdenden Reife die Fähigkeit zur ehelichen Liebe, und wenn sie ihren Liebespartner gefunden haben, schließen sie die

Ehe.

Denn wir sind ja nicht nur irdisch-körperlich Mann oder Weib, sondern auch geistig und seelisch, also auch in unserem ewigen Ich, das über den Tod des Leibes hinaus besteht. "Gott schuf den Menschen in Sein Bild, … männlich und weiblich schuf Er sie," hören wir in der Schöpfungsgeschichte (1 Mose 1,27), und ein Mensch, der wirklich eheliche Liebe kennen gelernt hat, weiß auch, daß die Verbundenheit von zwei in wahrer ehelicher Liebe Vereinten mit dem Tode des Leibes nicht aufhören kann.

Daß trotzdem selbst in der christlichen Kirche die Meinung ziemlich allgemein ist, es gebe nach dem Tode des Leibes keine Geschlechter mehr, rührt einerseits davon her, daß man über das Wesen der Ehe in Unwissenheit ist und deswegen außerchristlichen Irrtümern verfiel und gewisse Worte des Herrn mißdeutete.

Da es sich dem Bewußtsein der Menschheit tief einprägte, daß die Sinne — durch die kriechende Schlange verkörpert (1 Mose 39 — einst das Mittel zum Abfall der Menschen von Gott gewesen waren, lag ein Fluch auf ihnen, und in vorchristlicher Zeit war es schon allgemeine Auffassung, daß ein heiliges Leben nur in der völligen Absage an Alles, was die Sinne ansprechen kann, bestehe, — ein in den Religionen des Orients allgemein herrschender Glaube. In der Unwissenheit über das Wesen der Ehe sah man sie nur von der physischen Seite her an und rechnete sie und Alles, was mit der Liebe zum anderen Geschlechte zusammenhängt — ja dies in erster Linie — zu dem, was mit einem heiligen Leben unvereinbar sei. Paulus hat diesem Irrtum unglücklicherweise Vorschub geleistet mit dem Satze: "Heiraten ist gut, ledig bleiben ist besser", und so hielt diese außerchristliche Auffassung Einzug auch in die christliche Kirche und kommt zum Ausdruck in der Forderung der katholischen Kirche, daß zumindest Priester, Mönche und Nonnen, d.h. alle Diejenigen, welche sich die volle Verwirklichung des heiligen Lebens zur Pflicht machen, ehelos leben müßten. Aber auch die protestantische Kirche, die diesen Grundsatz zwar verwirft, glaubt, soweit sie überhaupt etwas darüber lehrt, daß die Engel geschlechtslos seien und auch wir es sein werden, wenn wir zum Himmel eingehen.

Die eheliche Liebe hat ihren Ursprung in Gott Selbst. Wie schon oben dargelegt, ist Gott der Mensch von unendlicher göttlicher Liebe und Weisheit. Wir Menschen — Mann und Weib — nehmen diese beiden Elemente des Menschentums von Ihm auf in unseren Willen und Verstand. Nun nehmen aber Mann und Weib sie nicht im gleichen Verhältnis auf: im Vergleich zum Weibe ist der Mann ein verstandesmäßiges Wesen, und im Vergleich zum Manne läßt sich das Weib mehr von Gefühlen leiten. Wie der von der Sonne ausgehende Lichtstrahl sich im Regen oder an irgend einem Prisma in die Regenbogenfarben aufteilt, die wiederum zum einheitlichen weißen Strahl vereint werden können, so spaltet sich das von Gott ausströmende Leben gleichsam in die zwei Formen seiner Aufnahme: in männlich und weiblich, von denen also jedes das Leben aus Gott notwendigerweise unvollständig, d.h. etwas einseitig verkörpert. Nun leben wir aber in der Sphäre Gottes, in welchem Liebe und Weisheit noch völlig ungetrennt vorhanden sind; aus Seiner Sphäre keimt darum in uns der Drang zur Wiedervereinigung dessen, was in Ihm Eins, in uns aber getrennt ist. Im Wesen Gottes also keimt der Ursprung der Anziehung der Geschlechter, deren unterste Form die bloße Geschlechtsliebe, deren edelste, reinste Form aber die wahre eheliche Liebe ist, über welche Swedenborg ein herrliches Werk geschrieben hat.

In ihrer höchsten Entwicklung ist also die eheliche Liebe — meistens wohl hinter der Schwelle des uns Bewußten — eine Verbindung der Liebe und Weisheit oder des Guten und Wahren; alles was bei Mann und Weib zur Verbindung dient, ist daher heilig vom Innersten bis ins Letzte. Keusch ist also nicht so sehr die Unberührtheit an sich, sondern vielmehr jene Einstellung zu Allem, was mit der Liebe zwischen Mann und Weib zusammenhängt, welche Alles als heiligen Boden empfindet und behandelt; keusch im vollen Sinne des Wortes ist nur die wahre eheliche Liebe, soweit Engel und Menschen sie zu verwirklichen vermögen.

Der Ehe hat der Schöpfer das hohe Amt geschenkt, die neuen Menschen in Leben zu rufen, sodaß sie die Pflanzstätte der Menschheit auf Erden und im Himmel it. Aber auch wo dem Lebensaustausch keine Kinder beschieden sind, dient er zur immer neuen Besiegelung und Vertiefung des inneren Verbundenseins. Das sind seine Segnungen im Himmel. — Jedem Menschen, der sich nach wahrer Ehe sehnt, wird vom Herrn eine "Ähnlichkeit" vorgesehen, welcher er — wenn nicht in dieser Welt — so doch notwendigerweise im anderen Leben begegnet. Wenn zwei also Zusammengehörige sich schon auf Erden gefunden haben, dann finden sie sich auch drüben wieder zusammen und führen im Himmel ihren Bund beglückt fort. Ist das aber nicht schon hienieden beschieden gewesen, so gibt es keine bleibende Wiedervereinigung, wohl aber ein Jedes, das eine echte Ehe ersehnt, seinen beglückenden Partner.

Im Himmel kehren wir — befreit von dem Leib mit seinen Altersbeschwerden — zur wahren Jugendlichkeit und Schönheit zurück, die sich aus dem lebendigen Verbundensein mit Gott in Ewigkeit erneut.

Die Christenheit glaubt im Allgemeinen, der Herr habe mit Seiner Antwort an die Sadduzäer deutlich gelehrt, daß es in der andern Welt keine Ehe gebe. Doch lesen wir die betreffende Episode (Matth. 22,23-33), so sehen wir, daß es sich dort gar nicht so sehr um die Frage der Ehe im andern Leben, sondern überhaupt um die Frage der Auferstehung handelt: und da meinten die materialistischen Sadduzäer die Unmöglichkeit einer Auferstehung zu beweisen, weil nach Moses Gesetz ein Weib unter Umständen mehrere Brüder nacheinander zum Manne haben konnte, sodaß sie also bei einer Auferstehung, wie sie meinten, das Weib des Einen wie des Andern sein müßte. Dese materialistischen Sadduzäer über das wahre Wesen der Ehe aufzuklären, was aussichtslos; und hier handelte es sich ja auch lediglich um die Frage der Auferstehung. Darum lehnte der Herr ihr törichtes Geschichtlein, auf das ihnen wohl noch niemand zu antworten vermocht hatte, einfach mit dem Worten: "Ihr sein im Irrtum und wisset die Schriften und die Kraft Gottes nicht," und belehrte sie, daß es das, was sie unter der Ehe verstanden — dieses bloß körperliche und juristische Freien und sich freien lassen — bei den Engeln nicht gibt. Dann aber gab Er Seine deutliche Lehre über die Auferstehung. Freilich haben die Worte des Herrn noch einen tieferen Sinn, auf den wir hier nicht eingehen können. Er Selbst aber hebt im Evangelium die Grundtatsache hervor, daß "Er, der sie von Anfang an gemacht hat, sie als Mann und Weib schuf."

*   *   *

Da das Vorhandensein einer geistigen Welt für einen Großteil der christlichen Kirche heute noch etwas Neues ist, sind die Vorstellungen davon dementsprechend nebelhaft, als könne es sich dabei nicht um eine tatsächliche substanzielle Wirklichkeit handeln. Mit dieser Wirklichkeit räumt Swedenborg völlig auf. Die geistige Welt, in welcher wir unserm Innern nach schon auf Erden leben, nach dem Tode des Leibes jedoch sichtbar, ist

eine Welt von wirklicher Substanz,

wie auch unser geistiger Leib wirkliche Substanz ist, jedoch nicht die grobe materielle, sondern die feinere geistige.

Es tut uns not, darüber klar zu sein, daß vor Allem Gott nicht nur ein Gedankenbild ist, sondern die eigentliche Lebenssubstanz in jener innerlichsten Lebendigkeit und Vollkommenheit, die wir göttlich nennen und mit dem Gedanken nicht erfassen können, die innerste Seele alles Lebens aller Welten.

Daraus ergibt sich auch erst eine sinnvolle Erkenntnis vom Hergang der

Schöpfung,

auf welchen wir hier allerdings nicht eingehen, sondern nur einen raschen umspannenden Blick werfen können:

Von Gott strahlt das Leben aus, und diese Ausstrahlung wird von den Engeln als Sonne geschaut, wie denn das Wort verkündet: "Er hüllt in Licht sich wie in ein Gewand" (Ps. 104,2); und darum sahen die Jünger, als sie bei der Verklärung des Herrn das Göttliche  durch Sein Menschliches hindurchleuchten sahen, "Sein Antlitz leuchten wie die Sonne" (Matth. 17,2). Von dieser

Lebenssonne

strahlt das Leben aus und bildet zunächst die Atmosphären der geistigen Welt — in drei verschiedenen Stufen der Innerlichkeit, welche die drei Himmel bilden.

Da der Endzweck der Schöpfung ein Himmel von Engeln aus dem menschlichen Geschlechte ist, welche — wie wir sahen — ihr Dasein in der irdischen Welt beginnen müssen, bleibt das von Gott ausstrahlende Leben mit der Erschaffung der geistigen Welt nicht stehen, sondern steigt noch weiter herab oder — richtiger gesagt — nach außen: aus dem Bereich des Geistigen drängt es zum Letzten, — zum Stoffe. So Entstand — wie Swedenborg in seinem kosmologischen Werk "Principia" ausführt —  der erste natürliche Punkt; und aus dem drängenden Einfluß der Lebenssonne entstanden die Urfeuer der

Sonnen der natürlichen Welt

Wir können hieraus erkennen, daß das Leben in ganz bestimmten, von einander gesonderten Graden oder Stufen von Gott bis zum Stoffe herabsteigt, wobei es sich nicht um räumlich getrennte Stufen handelt, sondern um Stufen der Lebendigkeit, Innerlichkeit und Vollkommenheit. Wir bekommen vielleicht eher einen Begriff vom Wesen dieser Grade, wenn wir an die drei Aggregatzustände des Stoffes, z.B. des Wassers denken: wie es vom flüssigen Zustand aus bei Kälte plötzlich von einem Augenblick zum anderen fest wird, und bei Wärme ebenso in Gasform übergeht; wohl nimmt seine Dichtigkeit und Festigkeit mit jedem Wärmegrad zu oder ab, der Übergang von einem Aggregatzustand zum anderen ist aber dennoch ein plötzlicher; der Vergleich ist natürlich unzulänglich, handelt es sich hier nur um verschiedene Festigkeitsstufen des Stoffes, nicht um Stufen der Vollkommenheit. In der gesamten Schöpfung ergeben sich als die großen Hauptstufen diese Drei: das Göttliche, das Geistige und das Stoffliche, die nicht räumlich getrennt sind, wo vielmehr das Göttliche als innerste Seele innewohnt, während das Geistige und zuletzt das Stoffliche es umkleidet. So entstanden aus dem Einfluß der Lebenssonne die Sonnen des natürlichen Weltalls.

Aus unserer Sonne dürfen dann — nach der von Kant und Laplace übernommenen Nebulartheorie Swedenborgs — die Planeten abgeschleudert worden sein, welche um die Sonne zu kreisen begannen und nach genügender Abkühlung zur Werkstatt der Natur wurden. Das Ziel Gottes drängte zur Schaffung des Menschen, in welchem sich der Endzweck der Schöpfung erfüllen konnte; darum ließ Gott auf Erden Leben entstehen, das Pflanzen und Tierreich, zuerst in einfachsten Formen, dann in immer entwickelteren und höheren, bis zuletzt der Mensch geschaffen wurde, welcher Gottes Leben im Geiste in ewigen Formen aufnehmen kann. Diese

Evolution,

dieses Ansteigen der Lebensformen aus einfachsten zu entwickelteren mit der Entstehung neuer Arten in Pflanzen- und Tierwelt haben materialistisch eingestellte Vertreter der Wissenschaft — unter Ausschaltung des Schöpfers — einfach mit dem "Kampf ums Dasein" zu erklären versucht, in welchem auf die Dauer nur die zu diesem Kampfe am besten Ausgestatteten zu bestehen vermochten, wobei sich immer neue und höhere Arten hätten bilden müssen. Sie übersehen dabei, daß die Entstehung der ersten Zellen nicht auf einen Kampf ums Dasein zurückgeführt werden kann und daß nach dem Gesetze der Abnützung nicht einmal das Bestehenbleiben einer vorhandenen Entwicklungshöhe, geschweige denn eine Entwicklung von neuen und höheren Lebensformen ohne einen beständigen Einfluß aus einem höheren Quell des Lebens erklärt werden könnte, ganz abgesehen davon, daß die einfachsten einzelligen Lebewesen, die nach jener Theorie längst aus der Schöpfung müßten verschwunden sein, auch heute noch in ungezählten Milliarden weiterbestehen und ihre Nahrung finden. Das Rätsel dieses Aufstiegs, dieses Hinstreben zur menschlichen Form, findet seine Erklärung lediglich in dem Einfluß vom Schöpfer, Der in Seiner Schöpfung Sein Ebenbild zu schaffen trachtete.

*   *   *

Da so Alles aus Gott eigenem Leben — und nicht aus Nichts — hervorgegangen ist, muß alles von Gott Geschaffene so oder so ein Gleichnis und Ausdruck von etwas sein, das in seiner reinsten Urform in Gott ist, — und da die Wesensseiten Gottes Liebe und Weisheit sind, so muß alles von Ihm Geschaffene so oder so im höchsten Sinne Liebe und Weisheit im Gleichnis zum Ausdruck bringen und da der Mensch Liebe und Weisheit von Gott aufnimmt, kann Alles in der Schöpfung nur etwas darstellen, was er — zumindest der Anlage nach — auch in sich hat. Alle Dinge in der Schöpfung sind sonach notwendigerweise

Entsprechungen

von etwas Geistigem, denn Alles hat seinen Ursprung zunächst im geistigen Bereich und zuletzt in Gott. Die ganze Natur ist somit gleichsam eine Schaubühne, auf welcher sich geistige — und im Innersten göttliche — Kräfte und Sachverhalte im Bereiche des Stoffes auswirken und im Gleichnis zur Anschauung bringen.

Am deutlichsten wird uns das wohl aus unserem Körper, namentlich am Antlitz: jede Miene und Gebärde ist nichts anderes als eine Bewegung des Körpers, etwas Physisches, bringt aber so deutlich eine Stimmung des Geistes zum Ausdruck, daß sie ohne Worte von jedermann, selbst vom Tier, verstanden wird. Freude, Zorn, Schmerz und alle Gemütsregungen können wir so aus den minimalen Veränderungen der Gesichtsmuskeln ablesen, weil und wenn diese der inneren Stimmung entsprechen.

Ebenso besteht unsere menschliche Sprache aus einer Aneinanderreihung von Lauten, welche von unserer Kehle, Zunge und Lippen hervorgebracht werden; doch daran denkt beim Reden oder Lesen Niemand, denn diese physischen Laute sind uns der Ausdruck von Gedanken, die etwas Geistiges sind.

Noch deutlicher ist uns dies vielleicht in der Musik: kein Mensch denkt, wenn er eine Melodie hört, daran, daß sie — von außen besehen — im Grunde nichts anderes ist als die Schwingungen der Luft, wobei unser Ohr niedere oder höhere Töne hört, je nachdem es mehr oder weniger Schwingungen in der Sekunde sind; dem Komponisten waren diese Töne einfach der Ausdruck einer freudigen oder wehmutigen Stimmung; diese ist etwas Geistiges, während die Schwingungen der Luft etwas Physikalisches sind; doch wenn sie vom Musiker geschickt verwendet werden, daß die so entstehende Melodie jene Stimmung gleichsam verkörpert, so entspricht sie, sodaß jeder Musikempfängliche aus der Melodie jene Stimmung der Seele vernimmt.

Diese Tatsache der Entsprechung ist das Gesetz der Schöpfung: alles in der Natur besteht kraft der Tatsache, daß höhere, über der Materie liegende Kräfte diese benützen und sie so gestalten und anordnen, daß sie zum entsprechenden Ausdruck im Bereiche des Stoffes dienen kann.

Die Chemie macht uns das Wie? einigermaßen vorstellbar: sie ist bis in das Atom gedrungen und hat erkannt, daß auch dieses — bis vor kurzer Zeit als kleinste Einheit betrachtet — sich ähnlich wie ein Sonnensystem aufbaut: um einen Atomkern kreisen kleinste Pünktlein, die man Elektronen benannt hat, und davon, wie viele solcher Elektronen um den Kern kreisen, scheint es abzuhängen, welchem Element ein Atom angehört, — ob Gold, Eisen, Silber, Kupfer, Sauerstoff, Wasserstoff, Kohle, Schwefel, Phosphor, Radium, oder welchem von den 90 bisher festgestellten Elementen. Die Wissenschaft wagt heute diese Elektronen kaum mehr mit Sicherheit als Stoff anzusehen, sondern fragt sich, ob sie nicht Kräfte seien, und führt uns bis zu dem Punkte, wo wir erkennen, daß über dem Stoffe liegenden Kräfte auf diesen einwirken, ihn beherrschen, ordnen und gestalten und für ihren Ausdruck dienstbar machen.

In der Tat ist es so, wie Goethe es als frucht seines langjährigen Lesens in den Schriften Swedenborgs in den letzten Zeilen seines "Faust" verkündet: "Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis." Und diese Tatsache, so neu sie manchem klingen mag, ist dennoch dem Empfinden der Menschen so fest eingeschrieben, daß wir die Spuren davon im Sprachgebrauch mancher Völker finden. Wenn z.B. davon die Rede ist, daß einer ein warmes Herz habe oder mit Wärme für eine Sache spreche, — wer versteht das etwa so, als sei die Bluttemperatur des Betreffenden erhöht? Obschon Wärme eine Sache des Thermometers ist, versteht doch Jeder die Wärme als Gleichnis der Liebe, weil eben Wärme der Liebe entspricht, d.h. im physischen Leben die Rolle spielt, welche die Liebe im geistigen Leben spielt.

Ebenso denkt Niemand an irdisches Licht, wenn man von Erleuchtung, erleuchteten Menschen oder Leuchten der Wissenschaft spricht oder wenn der Herr Sich und die Jünger das Licht der Welt nennt oder wenn schon der Prophet Sein Kommen in diesem Bilde beschreibt: "Ein Volk, das wandelt in der Finsternis, hat ein großes Licht gesehen; über Die, so im Lande des Todesschattens wohnen, erglänzet ein Licht" (Jes. 9,1), weil Jedermann im Licht ohne weiteres ein Gleichnis für die Wahrheit erblickt, denn wie wir die Dinge sehen, wenn Licht auf sie Fällt, so sehen wir sie mit unserem Verstande, wenn das Licht der Wahrheit darauf fällt; so ist uns auch das körperliche Sehen das Gleichnis für das Sehen des Geistes oder für das Einsehen.

Viele Bibelleser lächeln vielleicht heute über das samaritische Weib (Joh. 4), das — als der Herr vom "lebendigen Wasser" sprach, das Er geben könne — darunter irdisches Wasser verstand; sie sind sich aber wohl kaum bewußt, daß Sein Gleichnis sich nicht nur auf ein willkürlich gebrauchtes Bild stützt, sondern auf das die ganze Schöpfung umfassende grundgesetzt der Entsprechung, wonach geistige Wirklichkeiten sich im Stoffe offenbaren, indem sie den Urstoff so beherrschen und benützen, daß er im Aufbau und in seiner Wirkung ihnen entspricht und als Ausdruck und Grundlage dient. Der Nutzen, den etwas in der Schöpfung uns leisten kann, ist gewöhnlich der Schlüssel zum Verständnis seiner Entsprechung. Bedenken wir z.B., um bei dem Gleichniswort des Herrn zu bleiben, die verschiedenen Nutzwirkungen des Wassers, aus welchem weit mehr als die Hälfte nicht nur unserer Nahrung, sondern unseres eigenen Körpers besteht, so werden wir finden, daß es im natürlichen Leben die gleiche Rolle spielt, wie das Wissen der Wahrheit im geistigen Leben: schon im Aufbau des geistigen Lebens nimmt dieses den gleichen Raum ein wie das Wasser in den uns dienenden natürlichen Organismen; und das Bild bleibt gültig, wenn wir das Wasser in seinen verschiedenen typischen Nutzwirkungen verfolgen: wie es einen wichtigen Teil unserer Nahrung ausmacht und auch im Erdboden die dienlichen Stoffe auflöst und in die Pflanzen hinaufträgt, so ist das Wissen — handle es sich nun um Wahrheiten der Wissenschaft oder des Berufskreises oder der Religion — eines der wichtigsten Elemente im Aufbau und in der Nahrung unseres geistigen Lebens; und ebenso wie wir durch Anwendung des Wassers rein werden, indem es die Stabteilchen von unserer Haut löst, so werden wir innerlich rein, wenn wir die Kenntnisse der Wahrheit, z.B. der Gebote anwenden. Das sind nun nicht lediglich hübsche Übereinstimmungen, sondern das Wasser hat diese Eigenschaften im Natürlichen, weil es die Entsprechung des Wissens ist. Darum kehrt es im göttlichen Worte immer wieder als Gleichnis der Kenntnis der Wahrheit: "Ihr Himmel, horchet auf, und ich werde reden, und meines Mundes Sprüche höre die Erde! Wie Regen träufle meine Rede und mein Spruch fließe wie der Tau! Wie Regenschauer auf junges Grün, wie Regengüsse auf das Kraut!" (5 Mose 32,1.2)

Man kann freilich auch des Wissens zu viel haben, — mehr als man nützlich auszuleben vermag, sodaß es, statt unser geistiges Leben segensvoll aufzubauen, die gleichen Verheerungen anrichtet wie die Überschwemmungen in der Natur. Sehen wir nicht ein Bild davon in unserer Neuzeit, wo die vom Gottesglauben weithin gelöste Menschheit die fülle des neuen Wissens nicht voll zum Segen zu verwenden vermag? So hat sie dort, wo die Seele nicht im Gottesglauben wurzelt, den Glauben weggeschwemmt statt ihn zu festigen; und so wird, weil der soziale Wille im allgemeinen noch rückständig und nicht auf der Höhe ist, mancher Fortschritt im Wissen, welcher ein Segen sein könnte, wie z.B. die Erfindung einer neuen Maschine, welche viel Handarbeit ersetzt, ein Unsegen, indem sie wieder Tausende um Arbeit und so ums Brot bringt.

Wir können in diesem kurzen Überblick natürlich keine ins Einzelne gehende Darlegung der Entsprechungen gehen, dürfen aber vielleicht noch ein Beispiel zur Verdeutlichung anführen. Im göttlichen Worte wird auch das Öl viel erwähnt, und zwar als Sinnbild himmlischer Liebe. Der, dessen Kommen das ganze Alte Testament verkündet und Den alle anderen Gesalbten — Könige und Priester — nur vorbildeten, ist der Gesalbte, weil an Ihm die göttliche Liebe lebendig in Erscheinung treten sollte, und darum nahm Er am Ende Seines irdischen Lebens auch die Salbung mit dem kostbaren Salböl an. Aber auch in allen seinen sonstigen Nutzwirkungen ist das Öl eine deutliche Entsprechung himmlischer Liebe: wie im Heiligtum des Tempels der Leuchter immer Öl enthalten und daraus brennen sollte, so zeigte der Herr im Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen, daß wie die Lampen, so schön geschmückt sie sein können, nichts nützen ohne Öl, auch unser Glaube kein wahres Licht spendet ohne Liebe. Früher pflegte man auf die stürmische See zur Beruhigung Fässer von Öl auszugießen, — stillt nicht auch die gütige Freundlichkeit himmlischer Liebe am ehesten die Wogen stürmischer Erregung? Und wie Öl die Schmerzen von Wunden lindern kann, so tut himmlische Liebe Wunden der Seele wohl. Und ist nicht die wichtige Rolle, welche das Öl in der heutigen Maschinenindustrie spielt, wo mit etwas wenigem Öl ohne Schaden Stahl sich hart an Stahl reiben und so außerordentliche Arbeit verrichten kann, während ohne Öl jede Maschine binnen kurzem heißlaufen und zugrunde gehen würde, ein deutlichster Ausdruck von der Tatsache, daß der Verkehr unter Menschen, wo die verschiedenartigsten Interessen aufeinanderstoßen, trotz aller Reibung harmonisch von Statten gehen kann, sobald er von freundlicher Güte begleitet ist, ohne welche die "Maschine" heißläuft und zum Bruche führt? Das sind nun nicht hübsche Vergleiche, die zufällig stimmen, sondern es ist vielmehr so, daß das Öl alle diese Eigenschaften hat, weil es sein Werden dem Einflusse solcher Sphären in der geistigen Welt, wo diese himmlische Liebe solcher Sphären in der geistigen Welt, wo diese himmlische Liebe aus dem Herr in besonderer Reinheit lebendig ist, verdankt. Es entsteht und wird nichts in der Natur ohne diesen geistigen Einfluß, d.h. letztlich den Lebenseinfluß aus dem Göttlichen.

So erklärt es sich, daß die Dinge, wie wir auf Erden in der Natur finden, sich zuerst in der geistigen Welt finden in ihrer Urform und daß, weil unsere Natur aus dem Einströmen dieser Einflüsse lebt, unsere Welt dem äußeren Aussehen nach sich gar nicht so sehr von der geistigen unterscheidet.

Es haben schon etwas gedankenlose Kritiker Swedenborg Mangel an Phantasie vorgeworfen, eben weil er die geistige Welt in ihrer Außengestalt unserer irdischen Welt so ähnlich schildere; nun, es war eben nicht Swedenborgs Amt, hier Phantasie zu entwickeln, sondern vielmehr einfach und wahrheitsgetreu die Tatsachen zu schildern und soweit wie möglich zu erklären; wie die meisten bisherigen Kritiker sind eben auch die genannten nicht tief genug in diese Erklärungen eingedrungen, um zu verstehen, daß die geistige Welt gar nicht so verschieden von der irdischen aussehen kann, ebenso wie der Hauptausdruck des Antlitzes nicht allzu verschieden vom geistigen Zustand eines Menschen sein kann, wenn er sich frei gibt, wie er ist.*

*) Siehe Prof. Dr. Ernst Benz, Marburg a.d.L., "Swedenborg und Lavater, Ueber die religiösen Grundlagen der Physiognomik", Sonderabdruck aus der "Zeitschrift für Kirchengeschichte", 1938, Verlag von W. Kohlhammer, Stuttgart.

Freilich sind die Formen der geistigen Substanz vollkommener als die des trägen irdischen Stoffes und wandeln sich auch rascher dem Zustande des Menschen gemäß. So bringt z.B. die Pflanzenwelt in der Umgebung des Menschen sein Erkenntnisleben der Entsprechung gemäß je nach dem in ziemlich raschen Wandlungen zum Ausdruck, währen anderseits die Regungen seines Wollens — von ferne gesehen — oft im Bilde eines Tieres oder anderer entsprechender Gestalten bildlich darstellen. Die Sphäre der Unschuld einer bestimmten Gruppe kann z.B. von ferne wie ein Lamm geschaut werden oder aber auch im Bilde eines unschuldigen Kindes.

In der geistigen Welt, zumal im Himmel, ist ein feines Verständnis lebendig für die innere Bedeutung jeder form bis ins Feinste; dadurch wird die Freude an allem Schönen unendlich verinnerlicht und erhöht; ein nicht geringer Teil der himmlischen Glückseligkeit stammt von daher. Darum ist auch im Himmel die

Kunst

in ihrem eigentlichen Urborn, da sie — auf welchem Gebiete es auch sei — hervorströmt aus der unendlich innerlichen Harmonie zwischen göttlicher Liebe und Weisheit, wie sie vom Menschengeist empfunden wird und mehr oder weniger auch in seinem Innern verwirklicht ist; von daher stammt die Zweipoligkeit, welche sich in lebensvollem Rhythmus und Symmetrie offenbart, einem wichtigen Element in manchen Formen der Kunst (z.B. im Auf- und Abtakt in der Musik).

Das Böse in der Natur.

Noch ist ein Wort zu sagen auf die Frage: Wenn doch Alles von Gott geschaffen ist und alles von Ihm Geschaffene so oder so seine Liebe oder Weisheit im Gleichnis zum Ausdruck bringen soll — wie ist dann das Vorkommen von so Vielem in der Natur zu verstehen, das keineswegs ein Bild von etwas Göttlichem ein kann, wie Dornen und Distel und Krankheiten im Pflanzenreich und Raubtiere und widerliches Ungeziefer und Krankheitsbazillen im Tierreich?

Die Antwort gibt uns die Heilige Schrift selbst: Nachdem in 1 Mose 3 der Abfall der Menschheit in Ungehorsam gegen Gott im Bilde geschildert ist, verkündet Gott dem Menschen als eine Folge des Bösen, das er so in die Welt gebracht hat: daß nunmehr der Boden ihm Dorn und Distel bringen werde. Damit ist offenbart, daß aus den schlimmen Sphären des Bösen, welche nun in der geistigen Welt mächtig zu werden und auf die Entwicklung auch der Natur Einfluß zu haben beginnen, sich solche Lebensformen entwickeln würden, welche den verschiedenen Formen des Bösen entsprachen. Das Leben an sich auch in diesen schlimmen Schöpfungen ist von Gott, — die Formen aber, in welche sich dieses Leben einkleidet, stehen unter dem Gesetze des Einflusses aus der geistigen Welt in den Bereich des Stoffes. Wie Gutes so in Böses verkehrt wird, so konnten nun gute Lebensformen zu bösen entarten, — in der Welt der an sich harmlosen Schlangen z.B. konnten sich nun giftige Arten entwickeln, neben den Bienen die Wespen, usw; so aber konnten auch Krankheitskeime in Pflanzen- Tier- und Menschenwelt entstehen, welche als Geißel der Menschheit in entsprechungsvollen Gleichnissen die schlimmen Mächte vor Augen führen, von welchen sie sich mehr oder weniger weitgehend leiten läßt.

Aus diesem Ursprung des Schlimmen in der Natur geht auch hervor, daß aller Vertilgungskampf gegen Plagen von außen her allein diese nie endgültig zu beseitigen vermag; erst wenn die betreffenden schlimmen Sphären dadurch zum Aufhören kommen, daß die Menschheit von dem betreffenden Bösen frei wird, wird auch die Lebenskraft der entsprechenden üblen Schöpfungen vermindert, sodaß sie im Kampf ums Dasein nicht mehr bestehen können und untergehen, — ein Wegweiser zum Verständnis des Rätsels vom Entstehen neuer Arten und dem Verschwinden bestehender und früherer.

In den frühen Zeiten des sog. Silbernen Zeitalters waren diese Zusammenhänge bekannt; mit der zunehmenden Veräußerlichung aber schwand das Verständnis und führte zur Meinung, in jedem bösen Insekt z.B. sei ein bestimmter böser Geist "inkarniert"; auch diese Seite der Lehre von der Seelenwanderung ist der verzehrte Überrest von einer ursprünglichen Kenntnis dieser Zusammenhänge. Wenn solche Auffassungen hin und wieder von Kritikern auch Swedenborg zugeschrieben erden, so beruht das auf leichtfertiger Unterschiebung auf Grund von mangelhafter Einsichtnahme in seine Lehren.

Die Heilige Schrift

Wie beinahe alle bisherigen Lehren der christlichen Kirche befindet sich auch

der Glaube an die Heilige Schrift in einer Krise.

Diese rührt in der Hauptsache davon her, daß das Denken auch Dogmen gegenüber freier geworden ist und infolge der wissenschaftlichen Entdeckungen der Neuzeit das Welt- und Lebensbild sich sehr geändert hat, die Bibel aber in Vielem auf Begriffe gegründet zu sein scheint, welche jetzt als überwunden gelten. Das stellte Vieles in Frage, was in der Bibel steht, worauf die Kirche — noch befangen in manchen von ihr selbst ausgestellten oder festgehaltenen irrigen Meinungen — im Allgemeinen nicht zu antworten wußte, es sei denn mit der starren Forderung: Was in der Bibel stehe, müsse man eben glauben und hiezu "den Verstand unter den Gehorsam des Glaubens zwingen."

In den unter Gottes Erleuchtung geschriebenen Erklärungen Swedenborgs finden wir auf alle diese Fragen

eine Antwort, die den denkenden Menschen aufklärt, befriedigt und beglückt.

Selbstverständlich richten sich diese Darlegungen nur an Solche, welche gewillt sind, eine

Offenbarung Gottes an die Menschen

anzuerkennen und nicht an Solche, welche entschlossen sind, weder eine Offenbarung Gottes, noch überhaupt einen Gott anzuerkennen. Wer aber willens ist, in der Frage nach dem Sinn seines Daseins und einer so gewaltigen Schöpfung seinen gesunden Menschenverstand walten zu lassen, der wird anerkennen müssen, daß wenn ein weiser Schöpfer uns Menschen für ein ewiges, über das Diesseits hinaus reichendes Ziel geschaffen hat, es eine erste Forderung Seiner Gerechtigkeit und Weisheit sein muß, dem Menschen den Weg zu diesem Ziele in irgend einer Weise zu offenbaren.

Freilich hatten die Menschen ja nicht von ihren ersten Anfängen an eine Schrift. In der Urkirche, die unter der Menschheit vor der "Sintflut" zu verstehen ist und deren höchste Stufe das "Goldene Zeitalter" bildete, wo sie noch keine artikulierte Sprache hatten, noch brauchten, weil die Ursprachen: Mienen- und Gebärdenspiel weitaus genügten*),

*) Kurz vor dem Weltkriege wurden in Südfrankreich Menschenskelette gefunden, aus deren Kieferbildung die Gelehrten mit Sicherheit glauben schließen zu können, daß sie noch keine artikulierte Sprache haben konnten.

da konnten sie in ihrer Unverdorbenheit von Gott direkt geführt werden durch ein

Innewerden

der göttlichen Wahrheit, eine Art Intuition oder Instinkt innerlicher Art, welche Offenbarungsweise nicht mehr möglich war, nachdem die Menschen durch Versinken in Selbstliebe jene innere Verbindung mit Gott verloren hatten.

Im "Silbernen Zeitalter", das durch Noah und einen Teil seiner Nachkommenschaft dargestellt wird, ward den Menschen eine göttliche Offenbarung zuteil, welche ihrem Genius und ihrem Verständnis der Entsprechungen angepaßt und ganz in sinnbildlicher Sprache geschrieben war, aber fehlgedeutet wurde und verloren ging, als die Menschen veräußerlichten und in Vielgötterei und Götzendienst versanken. Wir kommen darauf nachher noch zurück.

Bei diesem Stand der Dinge wurde der Menschheit ein Wort gegeben, welches — während es im Innern die göttliche Wahrheit birgt — im Buchstaben sich dem Zustand der Menschen anpaßte und die Wahrheit in bedeutungsvolle Vorbildungen einkleidete, welche durch Christus erfüllt wurden, der das Wesentlichste aus dem innern Gehalt von Moses und den Propheten in Seiner Botschaft herausschälte, vor Allem, was für die Lebensführung wichtig ist; so besitzen wir denn

Gottes Wort Alten und Neuen Testaments.

Die Neue Kirche bestätigt und vertieft den bisherigen Glauben der christlichen Kirche, daß die Heilige Schrift unter göttlicher Eingebung geschrieben wurde; weil in deren Innerstem Gott Selbst spricht, kommen wir mit Ihm in Fühlung, wenn wir sie mit Ehrfurcht lesen, um uns durch sie von Gott erleuchten und führen zu lassen. Daß in den Ländern der Reformation die Bibel jahrhundertelang in jedem Heim täglich mit Ehrfurcht gelesen wurde, ist wohl die Ursache davon, daß jene Länder auch auf dem Gebiete der Wissenschaft den offeneren Sinn für neue Gedanken und Entdeckungen gehabt haben und darum an der Spitze neuzeitlicher Entwicklung stehen. In den gleichen Ländern wurden aber auch

starke Bedenken gegen die Glaubwürdigkeit der Bibel

als göttliche Offenbarung laut. In der Hauptsache gingen die Einwände von Kreisen aus, die überhaupt keine göttliche Offenbarung, weil überhaupt keinen Gott anzuerkennen gewillt sind, für deren Unglauben die bisherige christliche Kirche mit ihrem Starren Festhalten an vernunft- und schriftwidrigen Lehren allerdings in erheblichem Maße verantwortlich ist. Jene Einwände müssen aber beantwortet werden um Derer willen, welche durch sie beunruhigt sind und doch gerne glauben möchten, wenn das mit gesundem Denken vereinbar ist. Grundlegend ist die Irrmeinung, daß

Religion und Vernunft

unvereinbar seien, daß die letztere von dem religiösen Menschen unbedingt geopfert werden müsse. Das ist natürlich ein Irrtum; der Glaube an einen allweisen Schöpfer ist vielmehr eine Forderung vernünftigen Denkens. Der gesunden Vernunft widersprechen lediglich einige von Menschen aufgestellte Dogmen, niemals aber Gottes offenbarte Wahrheit. Das will freilich nicht heißen, daß unsere Vernunft alles fassen könne: vielmehr übersteigt Alles, was mit Gottes Unendlichkeit zusammenhängt, unsere menschliche Fassungskraft; kein Mensch kann eine klare Vorstellung davon haben, daß Gott von Ewigkeit her lebte; Niemand kann sich eine unendliche Ausdehnung des irdischen Weltalls, noch auch das Gegenteil davon: ein Ende des Weltalls und eine Raumlosigkeit außerhalb derselben vorstellen. Das will aber nicht besagen, daß Glaube an das Unendliche deswegen gegen unsere Vernunft verstoße, sondern einfach daß es über unsere Vernunft hinausgeht, weil wir endlich sind. Göttliche Wahrheiten haben, um geglaubt werden zu können, das Kirchengebot nicht nötig, man müsse im Bereiche der Religion "den Verstand unter den Gehorsam des Glaubens knebeln"; dieses Gebot ist von der Kirche lediglich zum Schutze gewisser von ihr selbst ohne Befugnis ausgestellter vernunftwidriger Glaubenslehren zur Gewissenspflicht gemacht worden.

*   *   *

Vielen erschweren den Glauben an die Bibel

die Wunder,

die darin berichtet werden und von denen sie meinen, daß sie gegen die Naturgesetze verstoßen. Gewöhnlich aber wären sie in Verlegenheit, sollten sie genau angeben, gegen welches Naturgesetz dies und jenes Wunder verstoße. Freilich gibt es Einiges, z.B. die ersten Kapitel der Genesis, das nicht wirklich stattgefunden hat, sondern von Anfang an nur sinnbildlich gemeint war, wovon wir weiter unten kurz sprechen wollen. Von den übrigen Wundern können wir höchstens sagen, daß sie von dem üblichen Verlauf der Dinge abweichen. Durch Swedenborg werden wir auch hier im Verständnis ein Stück weiter geführt. Da ist zuerst festzuhalten, daß wir auch das üblichste Naturgeschehen wissenschaftlich nicht zu erklären vermögen; insofern ist für unser Wissen einfach Alles ein Wunder; mag z.B. das Wachstum in der Natur jeden Frühling in ungezählten Millionen Formen vor sich gehen, so werden wir's doch nie erklären können, wieso das Weizenkörnchen zur gegebenen Zeit in der Scholle seine Schale bricht und Keim und Wurzeln ausstreckt und Halm und Ähre und das Vielfache an Weizenkörnern hervorbringt. Durch Swedenborg hören wir, daß alles Naturgeschehen nur kraft des Einflusses aus der geistigen Welt in die Welt des Stoffes vor sich geht, indem der Stoff nur Umhüllung des einströmenden und gestaltenden Lebens ist. Die Wunder der Bibel geschahen nicht durch ein Außer-Kraft-setzen der Naturgesetze, sondern aus einem besonderen Wirken dieses gleichen Einflusses des Geistigen ins Natürliche; als z.B. der Herr aus fünf Broten genug für über fünftausend Menschen werden ließ, was gewöhnlich als im Widerspruch zu den Naturgesetzen stehend angesehen wird, da geschah es nach den gleichen Gesetzen, welche auf den Feldern alljährlich aus wenig viel werden lassen, nur durch ein besonderes Wirken dieses Einflusses, über welche der Göttliche natürlich Macht hatte. Und der Herr wirkte jene Wunder alle nicht lediglich, um Seine Macht zu zeigen und zu helfen, sondern sie wollen uns für alle Zeiten Gleichnis und Veranschaulichung im Letzten sein von den Wundern, welche Er immerdar an unserer Seele zu wirken bereit ist. So stellen die Krankheiten alle, die Er heilte, Krankes mannigfacher Art in unserer Seele dar, das Er zu heilen mächtig und willens ist, wenn wir zu Ihm kommen. Und mit der Speisung der Fünftausend aus anfänglich fünf Broten zeigt Er, wie Er willens und mächtig ist, das wenige Gute, das wir in uns haben mögen, — zu wenig, um höheren Forderungen gerecht zu werden, — zu segnen und zu mehren, also daß wir all unseren Aufgaben gerecht werden und auch die schwersten Gebote, die uns zunächst allzuschwer scheinen mögen, halten können.

*   *   *

Doch die Wunder sind nicht das einzige Hindernis für den Glauben an die heilige Schrift als göttliche Offenbarung; vielmehr gibt es in der Bibel so

viel Ungereimtes;

Anschauungen und Empfindungsweisen kommen da zum Ausdruck, welche mit einem sich aus dem Evangelium aufbauenden Empfinden nicht in Einklang stehen. Dabei ist eben zu bedenken, daß Gottes Wahrheit, um vom Menschen aufgenommen werden zu können, sich in ihrer Ausdrucksweise sehr seinem unvollkommenen Zustand anpassen und oft sehr verhüllen muß. Daß Gott Seine Wahrheit und Ordnung nicht in der Vollkommenheit offenbaren konnte, wie Er gewollt hätte, das kommt in dem Bericht zum Ausdruck, daß auf den ersten Tafeln, die Moses vom Sinai herabbrachte und angesichts des Tanzes um das goldene Kalb zerbrach, die Gebote von Gottes Finger geschrieben waren, auf den zweiten Tafeln aber, die er wirklich zum Volke herabbrachte, von Moses geschrieben waren. Dies lehrt ja der Herr Jesus in aller Deutlichkeit, als Er den Pharisäern, die sich in der Frage der Ehescheidung Seiner Lehre gegenüber auf Moses berufen, erwidert: "Um eures Herzens Härtigkeit willen hat Moses erlaubt, euch von eurem Weibe zu scheiden; von Anfang an ist es nicht also gewesen" (Matth. 15,8). Das Innerste ist und bleibt göttliche Wahrheit; der letzte Ausdruck aber steigt oft weit herab in die sehr unvollkommene Vorstellungswelt unreifer Menschen. So wird der Gott der Liebe viel als ein zürnender, strafender Gott hingestellt; denn nicht nur für das jüdische Volk war Er das und mußte Er als solcher erscheinen, sondern wohl für alle Menschen in der oft langen Zeit religiöser Unreife. Indem Gott im letzten Ausdruck im Buchstaben mit manchen Scheinwahrheiten auf die irrtumsvollen Vorstellungen des unreifen Menschen eingeht, erreicht Er ihn, während Er ihn mit der unverhüllten göttlichen Wahrheit nicht erreichen würde.

*   *   *

Aber auch dies beantwortet nicht alle Zweifel gegenüber der Heiligen Schrift.

Was sollen uns heute jene alten Geschichten?

Was soll uns heute die Geschichte von Abraham, Isaak und Jakob, vom Volke Israel und vom Tempelbau und dem Gottesdienst darin? Das ist heute die berechtigte Frage von Vielen. Wohl wird darauf geantwortet, man könne aus diesen Geschichten doch manche nützliche Lehre ziehen; und Lessing hat in seiner bleibend lesenswerten "Erziehung des Menschengeschlechts" wohl am besten gezeigt, wie die Geschichte des Volkes Israel eine Veranschaulichung davon ist, wie Gott den Menschen führt und erzieht. Immerhin will es dem modernen Menschen nicht recht einleuchten, daß der Bericht über jene in so anderen Zeiten und Verhältnissen und Ländern geschehenen Begebenheiten Gottes Wort an uns heute sein soll. "Ist das nicht bloße jüdische Literatur?"

Wem Jesu Worte etwas zu Bedeutungsvolles sind, als daß er über sie hinwegginge, der kann das Alte Testament trotz all dieser Unklarheiten nicht einfach beiseitelegen; denn zu oft zeigt Christus, daß Ihm Moses, die Propheten und Psalmen etwas Maßgebendes sind. "Denket nicht, daß ich gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen."

Wenn wir gut auf Seine Worte über Moses und die Propheten horchen, dann finden wir darin auch die Aufklärung über den eigentlichen Wert und Sinn von Moses und den Propheten und Psalmen: "Von mir haben sie geschrieben" — verkündete Er wiederholt. Im Buchstaben des Alten Testament ist das allerdings an wenigen Stellen sichtbar der Fall, — zumal in Moses. Es muß also in einem tieferen Sinne der Fall sein, und in der Tat hören wir, daß den Jüngern eine besondere Erleuchtung zuteil werden mußte, damit sie das erkennen konnten: "… was in Moses Gesetz und in den Propheten und den Psalmen von mir geschrieben steht. Dann öffnete er ihnen das Verständnis, auf daß sie die Schriften verstünden." (Luk. 24,44.45) Das Wort im Sinn, für welchen uns allerdings das Verständnis aufgetan werden muß. Das geht ja auch deutlich aus Joh. 6 hervor, wo Jesus Christus sagt: "Wer mein Fleisch isset und trinket mein Blut, hat ewiges Leben. Denn mein Fleisch ist wahrhaft Speise, und mein Blut ist wahrhafter Trank." Als sich nun Einige erschreckt von Ihm zurückzogen, weil sie diese Worte nur äußerlich verstanden, sagte der Herr zu ihnen: "Nehmet ihr Anstoß daran? Der Geist ist es, der lebendig macht, das Fleisch ist zu nichts nütze. Die Reden, die ich zu euch rede, sind Geist und sind Leben." (Joh. 6,54.55.61.63)

Am letzten Abend Seines Erdenlebens sagte der Herr gleichsam schmerzlich zu den Jüngern: "Ich habe euch noch Vieles zu sagen, aber ihr könnet es jetzt nicht ertragen." Heute, da durch die Wandlung unseres Wissensbereiches auch tiefere und vielgestaltigere Fragen an Gottes Wort gestellt werden, ist die Zeit gekommen, da Gott uns das Viele sagen kann; und wie Er je zur Verkündigung Seiner Wahrheit Seine Propheten gesandt hat, so hat Er es auch in der Neuzeit getan, hat ein Werkzeug herangebildet und erleuchtet, durch das Er uns

den Schlüssel aushändigt

zum Einbringen in ein tieferes Verständnis Seines ewigen Wortes, womit Er auch uns "das Verständnis erschließt, auf daß wir die Schriften verstünden", denn nur Er, der das Wort gegeben hat, kann der Menschheit auch die richtige Erklärung desselben geben. Gott hat gleichsam

zwei Bücher

geschrieben: die Schöpfung und das geschriebene Wort, und durch Swedenborg hat uns Gott gezeigt, daß — wie es ja bei göttlichen Werken nicht anders sein kann — ein wunderbarer Einklang besteht zwischen diesen beiden Büchern Gottes:

Im vorstehenden Abschnitt haben wir gesehen, wie alles in der Natur Geschaffene, weil es aus Gottes Leben hervorgegangen ist und dieses einkleidet und verendlicht, notgedrungenerweise als Gleichnis etwas von Gottes Güte und Weisheit verkündet, wie denn Goethe diese tiefe Erkenntnis aus den Schriften Swedenborgs an den Schluß seines "Faust" setzt: "Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis". Dieser tiefere Sinn wohnt den geschaffenen Dingen schon von der Schöpfung her inne; es ist

die Gleichnissprache Gottes,

wie sie sich von der Schöpfung selbst aus ergibt, und ist darum die Gleichnissprache auch in dem geschriebenen Wort, das heißt: die Dinge werden im Wort in der Bedeutung gebraucht, welche ihnen schon von der Schöpfung her innewohnt. Der Ausspruch "ohne Gleichnisse redete er nicht zu ihnen" gilt notgedrungenerweise für alles Reden Gottes zu den endlichen Menschen, die Seine Wahrheit ohne Einkleidung in Gleichnisse nicht fassen könnte. Der Sinn dieser Gleichnisse kann uns mehr und mehr aufgetan werden, je wie unser Geist sich dafür erschließt. Wir haben an den deutlichen Beispielen von Wasser und Öl dargetan, wie viele Stellen im Worte uns eine ewige, bis tief ins Innere reichende Lehre spenden, wenn wir so die Gleichnissprache des Wortes verstehen lernen und zu dem Sinne dringen, in welchem die Worte, die Er zu uns redet, "Geist und Leben" sind.

*   *   *

Swedenborg vergleicht den Buchstaben des Wortes einem Menschen: wie bei ihm in Regel nur Haupt und Hände unbekleidet sind, der weitaus größte Teil seiner Gestalt jedoch bekleidet ist, so finden sich in der Heiligen Schrift freilich Teile — z.B. im Evangelium und in den Psalmen — wo der Herr die innere Wahrheit unverhüllt offenbart, wie in der Bergpredigt; beim weitaus größten Teil des Buchstabens im Alten Testament gelangen wir zum eigentlichen Gehalt aber erst durch den inneren Sinn. So veranschaulicht

die biblische Geschichte,

die einen großen Teil des Alten Testaments einnimmt, in Bildern unseren eigenen inneren Werdegang. Im innersten Sinne freilich

schreiben Moses und die Propheten und Psalmen von Ihm

nach Seinem eigenen Zeugnis; während uns die Evangelisten mehr nur den äußeren Lebenslauf des Herrn berichten, Sein Wirken und Seine Worte, dagegen wenig von Seinem inneren Leben, berichten uns "Moses, die Propheten und Psalmen" den inneren Werdegang Jesu und werden so gleichsam zu einem Evangelium, das Sein eigentliches Lebensbuch bildet.

Seine Verherrlichung ist das leuchtende Urbild unserer Neugeburt. Hat die Kirche im Auszug aus Ägypten nach Kanaan schon bisanhin eine hievon erblickt, so wird uns nun, nachdem Gott durch Swedenborg den inneren Sinn des Wortes enthüllt hat, die gesamte biblische Geschichte zu einer Veranschaulichung unseres inneren Werdens in seinen verschiedenen Phasen; das ist ihr ewiger Sinn und der Grund, warum sie einen Teil von Gottes Wort an uns bildet.

Inwiefern sollte uns sonst die ganze Gesetzgebung Israels heute noch Gottes Wort sein, wenn jenen unvollkommenen zeitbedingten Gesetzen nicht ein bleibend gültiger, tieferer Sinn innewohnte? Inwiefern könnten uns die ganze Vorschriften über den

Tempel,

über seine Maße und Einteilungen und über den Gottesdienst darin noch Wort Gottes sein? Wäre es Gottes würdig, all jene Einzelheiten zu gebieten, wenn kein tieferer Sinn darinnen läge? Bleibt uns, wenn es kein solchen gibt, etwas Anderes übrig, als zu leugnen, daß Gott sie geboten habe? Falls ihnen aber ein tieferer Sinn innewohnt, ist es denkbar, daß Gott ihn uns dauernd vorenthalte? Wenn schon Gott Sorgfalt darauf verlegen ließ, daß Alles bis aufs Kleinste so und nicht anders eingehalten werde, dann müssen tiefe geistige Geheimnisse von bleibendem Werte darin geborgen sein, welche Er uns zur gegebenen Zeit offenbar machen würde. Das ist nun geschehen durch Emanuel Swedenborg, und wer Klarheit über diese Frage wünscht, kann lesen, was er darüber schreibt in seinem großen Werke "Himmlische Geheimnisse, die im Worte Gottes enthalten und nun enthüllt sind". Hier seien darum nur einige Hauptpunkte daraus erwähnt:

Schon aus dem Evangelium wissen wir, daß der Tempel irgendwie den Herrn Jesus vorbildete; er ist in Aufbau und Einrichtung eine Veranschaulichung vom Gottmenschentum des verheißenen Gesalbten, wie in Ihm das ganze menschliche Leben in all seinen Stufen eine Offenbarung des Göttlichen im Menschlichen sein würde; zugleich aber auch, wie in dem von Gott neugeborenen Menschen Alles Gott untertan ist. Die Dreiteilung in Vorhof, Heiligtum und Allerheiligstes weist auf die drei Stufen der Innerlichkeit hin, welchen ja auch die drei Himmel entsprechen:

Im Vorhof, der das äußere Leben, das Tun und Lassen, darstellt, wurden auf dem Brandopferaltar reine Tiere dargebracht, welche den Neigungen eines reinen Wollens entsprechen und kundtaten, daß wir Gott nur mit einem reinen Wollen dienen können. Im Wasser des ehernen Meeres mußten sich die Priester Hände und Füße waschen zum Zeichen, daß wir Gott nur dienen können, wenn wir durch Anwendung Seines Lebenswassers — Seiner Wahrheit, Seiner Gebote — unser Tun und Lassen rein werden lassen vom Bösen.

Das durch einen Vorhang verhüllte Heiligtum stellt unser nach außen hin unsichtbares Innere dar; und zwar die zwölf "Brote des Angesichts" unsere innere Anerkennung, daß alles Gute in uns von Gott her uns innewohnt und nicht von uns selbst her, während der immer brennende siebenarmige Leuchter daran mahnt, daß wir uns auch in den nach außen sichtbaren Gedanken und Gefühlen und Urteilen und Stellungnahmen in unserem Innern allezeit sollten von Gottes heiliger Wahrheit erleuchten und führen lassen. Der an den Vorhang zum Allerheiligsten anstoßende Weihrauchaltar und der von ihm emporsteigende Weihrauch weißt auf unsere Verbindung mit Gott im Gebet hin.

Das Allerheiligste barg die Lade mit den zehn Geboten, der Zusammenfassung von Gottes Wort: das Symbol von Gottes eigener Gegenwart, die Moses dort auch erlebte. Von hier breitete sich die Heiligung über den ganzen Tempel, worin zum Ausdruck kam, wie im Herrn Jesus Christus, dem Fleisch-gewordenen Wort, das ganze Leben geheiligt werden würde dadurch, daß Gottes Wahrheit es beherrschen würde vom Innersten bis zum Äußersten.*)

*) Mit den Symbolen der Freimaurer haben die von Swedenborg enthüllten Entsprechungen nichts zu tun.

Im Herrn Jesus Christus, der schon als Zwölfjähriger eine besondere Beziehung zum Tempel spürte, erfüllte sich Alles, was dort symbolisch vorgebildet war, in göttlich-menschlicher Wirklichkeit, weshalb es in der Offenbarung Johannis in der Beschreibung des Neuen Jerusalems (21,22) heißt: "Ein Tempel sah ich nicht in ihr; denn der Herr, der allmächtige Gott, ist ihr Tempel und das Lamm." Zum Zeugnis, daß mit dieser Erfüllung durch Jesus Christus die Zeit der bloßen Vorbildungen für immer vorbei war, zerriß, als der Herr Alles "vollbracht" hatte, der das Innere verhüllende Tempelvorhang von oben bis unten und ward der Tempel einige Jahre später durch Kaiser Titus zerstört und an seiner Stelle ein heidnischer Jupitertempel uns später eine türkische Moschee gebaut. Selbst wenn der Tempel nach den Angaben in Moses wieder aufgebaut würde: die vorbildende Aufgabe, die er einst hatte, wird ihm nie wieder zuteil; denn durch den Herrn Jesus Christus ist die Zeit gekommen, da man Gott "weder auf dem Berge da, noch im Jerusalem anbeten wird", sondern "da die wahren Anbeter den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten werden."

So ist die Beschreibung des Tempels im Alten Testament etwas, das im Gleichnis die ewig gültigen Richtlinien bietet für unsere Entwicklung, denn was dort geschildert wird, ist das Bild des echten Menschentums; für heute genügt uns das Verständnis der allgemeinsten Umrisse; je wie die Menschheit aber geistig fortschreitet, wird sie reif werden für das Verständnis auch der dort erwähnten Einzelheiten.

*   *   *

Solange dieser innere Sinn in Moses und den Propheten nicht bekannt ist, kann der Glaube daran als an einen Teil des göttlichen Wortes von der Kirche nur als ein Dogma gelehrt, nicht aber verständlich gemacht werden. Heute finden wir nun eine allgemeine Ablehnung des Alten Testaments um sich greifen; es wird als lediglich

jüdisches Geisteserzeugnis

angesehen, und da die unheilvolle Rolle, welche das Judentum insbesondere in unseren christlichen Ländern spielte, immer deutlicher erkannt wird, mag man seine "Literatur" nicht länger als Gotteswort anerkennen. Ganz besonders lehnt man sich auf gegen die Anschauung, als seien

die Juden "ein auserwähltes Volk",

welchem von Gott aus die Herrschaft über die anderen Völker und über deren Besitz und deren Arbeit von Rechts wegen zukomme. Die Juden selbst beharren natürlich auf diesen sich aus dem Buchstabensinn ergebenden Ansprüchen, und bestimmte Bewegungen in den christlichen Reihen — wie z.B. die von ihnen finanziell unterstützten sogenannten "Ernsten Bibelforscher" — stützen diese ihre Ansprüche und verbreiten die Lehre, das "Reich Gottes" könne erst kommen, nachdem die Juden die Weltherrschaft in Händen haben. Die christliche Kirche schweigt im Allgemeinen zu diesen Darlegungen, auf welche sie nichts zu entgegnen weiß, denn entweder muß sie diese anerkennen oder das Alte Testament als Teil der göttlichen Offenbarung ablehnen, was sie aber nicht darf, da der Herr Jesus Christus wieder und wieder "Moses und die Propheten und Psalmen" als unantastbare Gottesoffenbarung verkündet (so gleich zu Begin der Bergpredigt, Matth. 5,17.18).

Nur der durch den Swedenborg nunmehr offenbarte geistige Sinn der Heiligen Schrift bringt uns hier die Klärung: Alle im Worte des Alten Testaments genannten Völker und Länder stellen in einem ewigen Sinne verschiedene Seiten und Kräfte in uns dar, — Ägypten, Assyrien, Babylon, die Philister, Syrien, Moabiter, Ammoniter, Amoriter usw., und so auch Israel. Daß Ägypten, von wo Israel nach Kanaan ausziehen mußte, einen zu verlassenden nur weltlichen Zustand darstellt, ist der christlichen Kirche ein geläufiger Gedanke. Im besonderen Sinne stellt der Ägypter, der in der Wissenschaft im Altertum so weit voran war, das bloße Wissen an sich dar; der Assyrer (Aschur), der in seiner Gesetzgebung und seinen Rechtsformen zum Teil beinahe modernen Zeiten vorgriff, stellt das Gebiet der Vernunft dar; manche Völker aber Solches, was überwunden werden muß. Das Fast alle jene Völker als selbständige Nationen und Volkseinheiten verschwunden, d.h. in anderen Völkern aufgegangen sind, hebt ihre geistige Bedeutung in der Bibel nicht auf, sondern erleichtert uns vielmehr das Festhalten jener rein geistigen Bedeutung. So werden wir auch die geistige Bedeutung Israels leichter begreifen und festhalten können, wenn einmal die Juden nicht mehr als Fremdkörper mit ihrer unheilvollen Zersetzungsarbeit mitten unter unseren Völkern wohnen, sondern in einem eigenen Lande ihr nationales Dasein errichten oder wie die anderen biblischen Völker in der Vergangenheit untergetaucht sein werden. Denn

Israel stellt das geistige Israel dar,

was wir an seinen größten Gestalten, den Propheten, einigermaßen verwirklicht sehen: jenes hören auf Gottes Stimme als die unbedingt maßgebende. Dieser Höhe sind ja die Juden im Allgemeinen keineswegs gerecht geworden; sie stellen es in der Bibel auch nur dar, ähnlich wie auf der Bühne ein schlechter Charakter eine edle Gestalt zur Darstellung bringen kann. Sie konnten gerade infolge ihrer Äußerlichkeit und ihres peinlichen Festhalten am Buchstaben dazu gebracht werden, in den Zeiten bloßer Vorbildungen vor der durch Jesus gebrachten Erfüllung, symbolische Formen, deren eigentlichen Sinn sie gar nicht verstanden, peinlich genau einzuhalten. Als der Mensch-gewordene Gott dann Alles in Moses und den Propheten erfüllt hatte und die Juden den ihnen verheißenen Messias, als Er kam, ablehnten und ans Kreuz schlugen und "das gesamte Volk sprach: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!", da war es vorbei mit der vorbildenden Rolle des jüdischen Volkes und der Buchstabensinn all ihrer Verheißungen erloschen. Es gilt seitdem nur noch ihr geistiger Sinn; der aber in alle Ewigkeit.

Die Juden leisteten bisanhin, d.h. bis der innere Sinn des Alten Testaments bekannt wird, den Nutzen, dessen Buchstaben zu sichern, wie denn der Herr nach der Verheißung Seiner Wiederkunft voraussagt: "Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis daß dies Alles geschehe" (Matth. 24,30).

Was immer ihr ferneres Schicksal sei, — unbeeinflußt hievon bleibt die Bedeutung bestehen, welche sie wie die anderen biblischen Völker in der Bibel haben. Wie ungeistig die Mehrzahl von ihnen auch sei, — dort stellen sie das Geistige im Menschen dar, — das, was sich von Gottes Wahrheit führen läßt; und weil es Gottes Wille ist, daß das Geistige im Menschen herrsche über alle Bereiche seines Lebens, darum heißt es, daß die anderen Völker ihm sollten untertan sein; dem geistigen Gesichtspunkt, dem "Licht-sehen in Seinem Lichte" soll auch der Ertrag all unserer anderen Interessen dienen: die Funde der Wissenschaft sollen unseren Glauben an Gott stärken, die Vernunft soll ihn vertiefen, worauf Verheißungen wie Jer. 19,23-25 hinweisen, und unser ganzer Alltag mit seiner Arbeit und dem ganzen Bereich der Sinne soll beseelt sein von der Verantwortung gegenüber Gott: "An jenem Tag wird ein Altar des Herrn stehen inmitten des Ägyptenlandes" (Jes. 19, 19).

Mit dem geistigen Sinne werden all die Bedenken hinfällig, welche heute viele Christen gegen das Alte Testament hegen um mancher Stellen willen, welche in ihrem Buchstabensinn gegen unser Empfinden und gegen unser aus dem Evangelium herangebildetes Gerechtigkeitsgefühl verstoßen.

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Welche Bücher bilden das Wort?

Freilich gehören nicht alle Bücher, welche die Juden in ihre Bibel aufnahmen, zu dem von Gott eingegebenen Worte, und wir haben keinen Anlaß, alle Schriften, welche die Juden überlieferungsgemäß zwischen den beiden Einbanddecken gesammelt als ihre Bibel aufbewahren, als vom gleichen Range anzusehen. Der Herr hat stets nur "Moses und die Propheten und Psalmen" als maßgebende Schriften des Alten Testaments genannt, wo Moses den historischen Teil des Wortes darstellt, zu welchem auch Josua, Richter, Samuel und die Könige gehören. De Hagiographen und Apokryphen des Alten Testaments nennt der Herr dabei nirgends; sie sind wohl sehr lesenswerte Schriften, sind aber nicht in gleicher Weise unter göttlicher Eingebung geschrieben und haben nicht in gleicher Weise einen geistigen Sinn außer dem des Buchstabens. So ist z.B. das Hohelied nur eine Sammlung von Liebesliedern; und die Bücher der Chronik stehen mit ihrer Darstellung der gleichen geschichtlichen Ereignisse oft im Widerspruch zum Berichte der Bücher der Könige; die Geschichtswissenschaft hat denn auch festgestellt, daß die letzten zuverlässiger sind als die Chronik.

Im Neuen Testament bilden die vier Evangelien den geschichtlichen Teil, die Offenbarung des Johannis den prophetischen Teil des Wortes. Die Apostelgeschichte und die Briefe der Apostel sind sehr nützliche und aufschlußreiche Lehrschriften aus der ersten Christenzeit; selbstverständlich aber stehen sie nicht auf der gleichen Stufe wie die Worte des Herrn Selbst, der "die Wahrheit und das Leben" ist. — So wollte Martin Luther den Brief Jakobus aus der Reihe der maßgebenden Schriften ausmerzen und nannte ihn "eine strohene Epistel", weil dieser Brief mit seiner Forderung guter Werke ihm und seinem Dogma vom Seligwerden durch "Glauben allein" unbequem war. Auch nannte er die Offenbarung Johannis "kein göttlich Buch", da er sie nicht zu deuten wußte, wie sie denn wirklich zu verstehen ist ohne den durch Swedenborg enthüllten geistigen Sinn.

Nicht menschliche Willkür darf bestimmen wollen, welche Bücher zu Gottes Wort gehören; daß Swedenborg der von Gott berufene Lehrer auch hierüber ist, darüber hat er sich reichlich ausgewiesen in den Augen eines Jeden, der seine Schriften ohne Vorurteil mit Verlangen nach Wahrheit liest.

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Die meisten Einwände, welche in der Neuzeit gegen die Bibel erhoben wurden, setzen schon auf de ersten Seite bei der

Schöpfungsgeschichte

ein. Von der Wissenschaft her erhoben sich Zweifel dagegen, daß die gesamte Welt vor weniger als 6000 Jahren sollte geschaffen worden sein, und zwar in sechs Tagen, wobei Sonne, Mond und Sterne obendrein erst am vierten Tage nach Schaffung der Erde und erst nach Schaffung der gesamten Pflanzenwelt sollten geschaffen worden sein, wo doch nichts gedeiht ohne die Sonne und man viel Anlaß zur Annehme hat, daß die Erde aus der Sonne hervorgegangen ist und dies nicht erst vor weniger als 6000 Jahren, sondern vor Jahrmillionen.

Gleich anschließend an die Schöpfung findet sich alsbald die Geschichte von der Schlange im Garten Eden, die redete wie ein Mensch, was nach den Naturgesetzen nicht glaubhaft ist; ferner daß Kain sich nach dem Brudermord flüchtete und anderswo eine Ehe schloß und eine Stadt gründete, — ist all das möglich, wenn er nach dem biblischen Bericht nach seinen Eltern der einzige Mensch auf Erden war? Es folgt der Bericht von der Sündflut, gegen deren Geschichtlichkeit, so wie sie in der Bibel steht, sich schwere Bedenken erhoben. Der Forderung der Kirche, das müsse man blindlings glauben, konnten nur Diejenigen gerecht werden, die sich des Denkens enthielten, während die Anderen vom Glauben an die Bibel abkamen.

Dazu kam, daß man um die letzte Jahrhundertwende in Babylon Tontafeln ausgrub, aus denen hervorgeht, daß sich z.B. die Schöpfungsgeschichte der Bibel, wenn auch in abgewandelter Form, schon vor Moses bei den Babyloniern und anderswo fand, ebenso andere Geschichten aus den ersten Kapiteln der Bibel. Prof. Delitzsch machte damals großes Aufsehen mit seinen Vorträgen über Bibel und Babel und brachte die Vertreter der Kirche in schwere Verlegenheit, die immer gelehrt hatte, Gott habe jene Berichte erst durch Moses (1500 v.Chr.) gegeben. Dabei hatte Gott durch Swedenborg längst den Aufschluß über all diese Zusammenhänge gegeben, — eine Aufklärung, welche alle jene Fragen und Einwände beantwortet und es jedem wahrhaftigen Menschen beweist, daß Swedenborg seine Darlegungen nicht selbst erdacht haben kann, sondern daß sie ihm offenbart worden sein müssen.

Durch Swedenborg empfangen wir den Ausschluß, daß die ersten sieben Kapitel der Bibel nicht erst von Moses stammen, sondern von diesem übernommen wurden aus einer früheren göttlichen Offenbarung, welche er

das Alte Wort

nennt. Es ist ja selbstverständlich, daß die Menschheit schon vor Moses und vor dem jüdischen Volke eine göttliche Offenbarung brauchte; so ward ihnen ein Wort gegeben im Silbernen Zeitalter, als die Kenntnis der Entsprechungen ihre höchste Wissenschaft war, demgemäß war dieses Alte Wort ganz in sinnbildlicher Sprache geschrieben und nicht buchstäblich zu verstehen. Als es im Laufe der Veräußerlichung der Menschen infolgedessen nicht mehr verstanden wurde, ließ die göttliche Vorsehung es verloren gehen. Zur Zeit Moses' und auch später waren teile davon noch bekannt. (Einzelne Bücher desselben werden in unserm Wort noch hier und dort erwähnt, so die "Kriege Jehovahs", die "Aussprüche" und das Buch Jaschar, s.4 Mose 21,14.15.27-30 / Jos. 10,12.13 / 2 Sam. 1,17.18) Moses entnahm demselben die ersten sieben Kapitel der Bibel. So sind also die Geschichten von der Schöpfung, vom Sündenfall, von Kain und Abel und von der Sündflut gar nie buchstäblich gemeint gewesen; und aller Streit um ihre Geschichtlichkeit die Jahrhunderte hindurch war grundlos; ebenso geht die Bitte Josua's um das Stillstehen der Sonne zurück auf eine Geschichte in diesem Alten Wort, sodaß auch sie nicht buchstäblich zu verstehen ist, womit wiederum manchen quälenden Gewissenszweifeln der Boden entzogen ist.

Der Aufschluß über das Alte Wort erklärt es uns, warum wir die Geschichten aus den ersten Kapiteln der Bibel bei den Babyloniern und Indern und den anderen Völkern der Alten Welt finden bis tief nach Afrika hinein. Er erklärt uns aber noch mehr, er macht es uns auch verständlich, warum die Schöpfungsgeschichte des Alten Worts sich gerade so abwandelte, wie sie es z.B. bei den Babyloniern tat; das läßt sich nur aus dem ursprünglich bekannten inneren Sinne dieser Geschichten verstehen.

Ursprünglich diente die Schöpfungsgeschichte, so wie wir sie in der Bibel haben, als grandioses Gleichnis von der Einen Schöpfung, auf welche es Gott überhaupt ankommt: der Schaffung des Menschen zum Ebenbilde Gottes, der Neugeburt, durch welche der Mensch aus einem natürlichen zu einem geistigen und himmlischen wird. Die verschiedenen Stufen dieses Werdegangs werden durch die Tage der Schöpfung sinnbildlich beschrieben, — wie zuerst das Licht der Erkenntnis in ihm geschaffen wird, daß es ein höheres Leben gibt, dem er nachstreben soll, — und wie dann zuletzt das Ebenbild und die Ähnlichkeit Gottes in ihm ersteht.

Aus diesem von Swedenborg enthüllten inneren Sinn kann man z.B. in der assyrischen Schöpfungsgeschichte Schritt für Schritt verfolgen, wie sich all die eigenartigen, scheinbar von ganz Anderem handelnden Bilder entwickelten und Zeugnis ablegen vom einstigen Verständnis der Bedeutung aller Einzelheiten zu Beginn der Schöpfungsgeschichte, von Erkenntnissen, welche sich dann verloren und zu allen möglichen heidnischen Mythen und Göttersagen entarteten, wie wir sie bei allen alten Religionen vorfinden. Aus der gemeinsamen Urquelle des Alten Wortes erklärt es sich auch, warum wir gewisse Mythen überall finden von den Germanen bis zu den Babyloniern, so z.B. den Krieg der niedern Mächte gegen die Götter: — bei den Germanen das Anstürmen der Götterfeinde unter Anführung des Fenriswolfes gegen Walhall, — bei den Babyloniern der Krieg der Urschlange Tihamat und ihrer Gehilfen gegen die Himmelsgötter, — bei den Griechen ebenfalls der Auflehnungskampf der Riesen, der Söhne der Gäa (Erde), gegen die Götter, in welchem Kampfe diese nach einer alten Weissagung den Sieg nur davontragen konnten, wenn auf ihrer Seite ein Sterblicher kämpfte, was sich in Herkules erfüllte und auf Verheißungen im Alten Wort von der Menschenwerdung und Erlösung Gottes zurückgehen muß.

Die ganze griechische Herkules-Sage ist deutlich eine Ausgestaltung von Verheißungen des Erlösers im Alten Wort: wie er — ein Sohn des Zeus und einer menschlichen Mutter — schon als Kind die zu seiner Tötung gesandten Schlangen erwürgte und später die zwölf übermenschlichen Krafttaten vollführte und dann dem Himmel im Kampfe gegen die Riesen zum Siege verhalf. In der Religionsgeschichte wird ganz allgemein der biblische Bericht von Jesus, — Seiner göttlichen Herkunft und Geburt von einer menschlichen Mutter und von Seinem Erlösungskampf lediglich als eine Umwandlung der Herkulessage hingestellt. Der Sachverhalt ist aber gerade umgekehrt: Der biblische Bericht über Christus stammt nicht von der Herkulessage, sondern diese ist vielmehr eine Ausgestaltung von Verheißungen des Erlösers im Alten Wort, — von Verheißungen, die sich im Herrn Jesus Christus dann wirklich erfüllen.

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Auch die

Bibelkritik

nahm bei der Schöpfungsgeschichte ihren Anfang, als der französische Arzt Jean Astruc (1753) darauf hinwies, daß das 1. und das 2. Kapitel der Genesis zwei getrennte Schöpfungsgeschichten enthalten und offenbar auf zwei verschiedene Quellen zurückgehen, von denen die erste von "Gott" (Elohim) spricht und die zweite von Gen. 2,4 an von "Jehovah Gott", weswegen diese beiden Quellen Elohist und Jehovist oder Jahwist genannt werden. Nun ist es wohl möglich, daß da ursprünglich zwei berichte zugrunde liegen, welche später zusammengestellt wurden. Wie immer dem aber sei, so hebt er nicht das Wesentliche auf: daß die Niederschrift des uns überlieferten Textes unter der göttlichen Vorsehung geschah. Auch Swedenborg wies schon vor Astruc auf die Tatsache hin, daß in den beiden Kapiteln die zwei verschiedenen Gottesnamen gebraucht werden, er berichtet aber, daß die beiden Schöpfungsgeschichten etwas Verschiedenes berichten: das erste Kapitel berichtet, wie der Mensch durch die Neugeburt aus einem natürlichen ein geistiger wird, das zweite Kapitel aber, das bezeichnenderweise mit dem Bericht vom Sabbattag beginnt, schildert die Schaffung der noch innerlichen Stufe: des himmlischen Menschen. Es würde hier zu weit führen, darauf einzugehen, warum deshalb im ersten Kapitel der Name "Elohim" und im zweiten "Jehovah Elohim" gebraucht wird; das kann man im Einzelnen in Swedenborg selbst nachlesen.*) Jeder, der offenen Sinnes ist, erkennt aber die göttliche Vorsehung darin, daß der Beginn der Bibelkritik (1753) erst zugelassen ward, als der wahre Sinn und Zusammenhang der Tatsachen des Bibeltextes, welche Anlaß zur Bibelkritik gaben, der Welt durch Swedenborg schon bekannt gemacht worden waren (1749), was ein weiteres Zeugnis für Swedenborgs göttliche Berufung ist.

*) Es wird auch dargelegt in der kurzgefaßten Schrift "Die Schöpfungsgeschichte im Lichte der Neuen Kirche" von Ad. L. Goerwitz, im Swedenborg-Verlag Zürich.

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Da das Wort von Gott stammt, kommt der Mensch durch das Lesen desselben in Verbindung mit Gott, wenn er es in Ehrfurcht liest, um die Wahrheit zu finden und um sich von Gott erleuchten und führen zu lassen. Der Segen des Bibellesens kann sich natürlich durch etwelche Kenntnis des inneren Sinnes erhöhen.

Mit den durch Swedenborg gegebenen Aufschlüssen werden die Hindernisse behoben, welche so Viele heute nicht an die Heilige Schrift glauben lassen, sodaß sie uns erst recht zum Worte Gottes wird, in all ihren Teilen eine Leuchte unserem Fuß und ein Licht auf unserem Pfade. Auch auf die wichtigste Frage des Christentums:

 

 

gibt Swedenborg die Antwort aus Gottes Wort, welche dort in aller Klarheit verkündet ist, woran jedoch bisanhin die christliche Kirche vorbei ging, was manch unhaltbare Lehren und damit Unglauben und Zersplitterung, ja eine eigentliche Krise der Kirche zur Folge hatte.

Um eine gigantische Tatsache wie das Erscheinen Gottes im Fleisch zu erfassen, so wie es im Alten Testament und in den Evangelien verkündet wird, muß man gleichsam weit genug zurückstehen und das ganze

Werden der Erdenmenschheit

überblicken bis zu ihrem Ursprung: bis zu dem Ziel, welches der Schöpfer damit hatte. Wie schon früher dargelegt, kann das Endziel der Schöpfung vom Wesen des Schöpfers aus nichts Anderes sein, als ein Himmel von Engeln aus dem menschlichen Geschlecht. Die Menschen — als für ein ewiges Leben bestimmte Wesen — konnten nicht nur Liebe und Weisheit von Gott aufnehmen, sondern es ward ihnen auch Freiheit verliehen, sowie der Anschein, als lebten sie aus sich selbst. Diesem unerläßlichen Gottesgeschenk zeigte sich die Menschheit mit der Zeit nicht gewachsen, sondern verfiel der verführerischen Anschauungsweise der Sinne (der Schlange), die nichts sehen von Gott noch von des Menschen Abhängigkeit von Gott und darum den seiner Eigenliebe so willkommenen Schein begünstigen, er sei aus sich selbst weise (dargestellt durch das Essen vom "Baume der Erkenntnis des Guten und Bösen"): "Ihr werdet sein wie Gott, wissend Gutes und Böses." So ließ sich der Mensch in Selbstliebe und Selbstvergötterung sinken und büßte die innige Verbindung mit Gott ein. Aus diesen in die geistige Welt eingehenden Menschen

bildeten sich höllische Sphären,

welche sich mehrten und nun ihrerseits auf die Menschheit dieser Erde einwirkten und zu immer gröberer

Veräußerlichung

vor allem in der Religion führten. Die Gott-strebenden Menschen empfanden von früh an mit Schmerz und Trostlosigkeit die Losgelöstheit von Gott. Ihnen wurden von frühe an Verheißungen von Gott, daß Er einmal in das Fleisch kommen, die schlimmen Mächte in ihrer vollen Gewalt fühlen und überwinden und das göttliche Leben im Menschlichen offenbaren würde. Eine erste ferne Verheißung finden wir schon im Anschluß an den Bericht vom Abfall, — wo es von dem Nachkommen des Weibes heißt, daß er der Schlange den Kopf zertreten werde (Mose 3,15). Das Alte Wort enthielt in den uns vorläufig noch unbekannten Teilen wohl manche Verheißung davon in sinnbildlicher Einkleidung, woraus sich im späteren Verlauf in den Religionen des Altertums die Heldenmythen entwickelten. Das Silberne Zeitalter artete in Heidentum aus, aber selbst in der sich überall entwickelten

Vielgötterei

können wir noch einen Abglanz jener Menschheitssehnsucht erkennen, daß Gott in Seiner Vollkommenheit unserem gesunkenen Menschentum nicht so unendlich ferne sei; darum wurden Zwischengötter und Halbgötter ersonnen und mit menschlichen Unvollkommenheiten ausgestattet, um die unendliche Kluft zwischen dem unendlichen Gott und dem Zustand der Erdenmenschen nicht so schmerzhaft empfinden zu lassen. Die unbewußte Sehnsucht nach dem Gott und Menschen vereinenden Gottmenschentum war es wohl auch, die es ermöglichte, daß irdische Herrscher sich als Gott konnten ausrufen lassen, ohne wegen Wahnsinns abgesetzt zu werden; so gesunken war die Gotteserkenntnis, so stark war aber auch das Sehnen nach einem Gott, den man in Fleisch und Blut wußte, daß man wünschte, es möchte möglich sein, in einem sichtbaren Menschen Gott zu erblicken.

Diese vieltausendjährige Menschheitssehnsucht erfüllte sich, als Jesus geboren ward, der am Ende Seines Erdenlebens sagen konnte: "Ich und der Vater sind Eins. Wer mich gesehen hat, der hat den Vater gesehen." In Ihm erfüllen sich die Jahrtausende alten Verheißungen; in Ihm, in Seinem

Gottmenschentum

ward die Kluft zwischen dem unendlichen unfaßbaren Göttlichen und unserem gefallenen Erdenmenschentum ausgefüllt.

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Swedenborg faßt die wesentliche Wahrheit über Jesus Christus in folgenden Worten zusammen:

"Der Herr von Ewigkeit, welcher Jehovah ist, kam in die Welt, um die Höllen zu unterjochen und Sein Menschliches zu verherrlichen; ohne dies hätte kein Sterblicher selig werden können, und Diejenigen werden selig, welche an Ihn glauben."

Diese Zusammenfassung tönt wohl beim ersten Lesen Manchem so, als sei es das, was in der christlichen Kirche immer gelehrt wurde; in Wirklichkeit ist es aber etwas für die Kirche Neues, obschon es die Verkündigung des Wortes ist.

Schon der erste Punkt bringt etwas durchaus Neues für die Kirche: "Der Herr von Ewigkeit, welcher Jehovah ist, kam in die Welt." Die große Grundwahrheit des Wortes ist.

Es ist nur Ein Gott.

Niemals gab es neben Ihm einen anderen Gott, wie denn schon das erste aller Gebote lautet: "Ich, Jehovah, bin dein Gott, … du sollst keine anderen Götter haben vor meinem Angesicht." Und der Herr Selbst nannte als das Wesentliche aus dem Alten Testament: "Höre, Israel, der Herr, dein Gott, ist Ein Herr."

Das Göttliche Selbst stieg herab ins Fleisch, um die Erlösung zu vollbringen. Darum nennt Er Selbst Sich wiederholt schon im Alten Testament Heiland und Erlöser. Man überdenke nur folgende wenige Stellen ohne Vorurteil: "Bin ich es nicht, Jehovah? und außer mir ist kein Gott mehr, ein gerechter Gott und Heiland, es ist Keiner außer mir (Jes. 45,21.22). "Ich bin Jehovah, und außer mir ist kein Heiland" (Jes. 43,11). "Ich, Jehovah, bin dein Gott, und außer mir sollst du keinen Gott anerkennen, und kein Heiland ist außer mir" (Hosch. 13,4). "Es wisse alles Fleisch, daß ich, Jehovah, dein Heiland bin und dein Erlöser" (Jes. 49, 26; 60,16). "Was unseren Erlöser anbelangt, so ist Jehovah Zebaoth sein Name" (Jes. 47,4). "So sprach Jehovah, dein Erlöser: Ich bin es, Jehovah, der Alles macht, und allein von mir Selbst," (Jes. 44,24). "So sprach Jehovah, der König Israels, und dessen Erlöser Jehovah Zebaoth: "Ich bin der Erste und der Letzte, und außer mir ist kein Gott" (Jes. 44,6) und manch andere solche Stellen.

Für den vorurteilslos Forschenden steht es fest: "Das Göttliche Selbst nahm eine Menschennatur an: "An jenem Tage wird man sprechen: Siehe, das ist unser Gott, auf den wir harreten, daß Er uns erlöse; das ist Jehovah, auf den wir harreten" (Jes. 25,9). Und so wird denn auch der Name des in Bethlehem Geborenen genannt: "Gott, … Ewig-Vater, Friedefürst" (Jes. 9,5); und das bezeug der Herr Jesus Christus am Ende Seiner irdischen Laufbahn: "Ich und der Vater sind Eins. "Wer mich gesehen hat, der hat den Vater gesehen" (Joh. 10,30; 14,9).

Die von Gott angenommene Menschennatur wird Sohn Gottes Genannt.

Es hat niemals einen von Ewigkeit gezeugten Sohn gegeben; erst die christliche Theologie hat einen solchen geschaffen. Das Wort spricht von keinem Sohn Gottes vor der Menschwerdung, von keinem von Ewigkeit gezeugten Sohn, sondern nur von der Zeugung zur Zeit der Menschwerdung: "Ich habe heute dich gezeugt," spricht Gott im Psalm (2,7); "Heute" ist in der Zeit, nicht von Ewigkeit. Nicht ein Sohn Gottes, welcher schon vor der Menschwerdung neben Gott bestanden hätte, ist durch Maria geboren worden, vielmehr verkündet das Evangelium in aller Deutlichkeit: Das durch sie angenommene Menschliche würde Sohn Gottes genannt werden. Als die Zeit zur Menschwerdung erfüllt war, da ward der Maria angesagt: "Heiliger Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum auch das Heilige, das von dir geboren wird, Sohn Gottes wird genannt werden" (Luk. 1,35).

Wie ist es möglich, daß es beinahe zweitausend Jahre nach Bestehen der christlichen Kirche nötig ist, die Wahrheit zu verkünden, daß nur ein Gott ist? Die Vorstellung von manchen Göttern hatte sich vor der Menschwerdung zu viele Jahrtausende in der Menschheit festgesetzt, als daß sie von einem Tag auf den andern hätte überwunden werden können; denn auch die Juden gelangten ja — mit Ausnahme einzelner Propheten — bestenfalls dazu, Jehovah als den einzigen für sie in Betracht kommenden Gott anzuerkennen, während sie zugleich durchaus auch an das Vorhandensein der Götter der Philister, Moabiter usw. glaubten. Die Christenheit brachte es nicht dazu, dieses Heidentum der Mehrgötterei sofort abzulegen, und während die Urchristen sich im Gebet nur an Jesus, ihren Herrn, wandten, tauchte das unüberwundene Heidentum nach der wundervollen ersten Zeit alsbald auf in den Versuchen, sich in einem Glaubensbekenntnis über den Glauben klar zu werden; da klammerte sich der Hang zu mehreren Göttern an die verschiedenen Namen Gottes, die doch nur verschiedene Seiten des Einen und einzigen Gottes andeuten, und machte verschiedene göttliche Personen daraus. Wie erbarmenswürdig tönt diese Zwiespältigkeit und Verlegenheit aus dem vom Konzil zu Nizäa im Jahre 325 beschlossenen Athanasischen Glaubensbekenntnis, das immer noch die Grundlage der allgemeinen christlichen Glaubenslehre bildet:

"Eine andere ist die Person des Vaters, eine andere die des Sohnes, und eine andere die des Heiligen Geistes; Gott und Herr ist der Vater; Gott und Herr ist der Sohn; und Gott und Herr ist der Heilige Geist; dennoch aber sind nicht drei Götter und Herren, sondern es ist ein Gott und Herr; wie wir durch die Christliche Wahrheit angetrieben werden, jede Person einzeln für sich als Gott und Herr anzuerkennen, so werden wir durch die allgemeine Religion verhindert, drei Götter oder drei Herren zu nennen."

Und so ist es bis auf diesen Tag geblieben: Die, deren Glaube sich auf dieses Bekenntnis stützt, bekennen mit dem Munde Einen Gott, haben aber die Vorstellung von mehr als Einem. Wie not tut da eine durchgreifende Reformation, welche die Grundwahrheit des Wortes: die Einheit Gottes endlich klar und deutlich zur Grundlage des Glaubens macht! Das ist es, was die Neue Kirche vollbringt. Sie verkündigt die Wahrheit des Wortes: Der Herr von Ewigkeit, welcher Jehovah ist, kam in die Welt.

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Gerade gegen das

das Wunder der Menschwerdung

erheben sich nun von manchen sich für wissenschaftlich haltenden Seiten die allerstärksten Zweifel. Es tritt so aus dem Rahmen des gewöhnlichen Geschehen heraus, daß Manche meinen, sie müßten alles kritische Denken aufgeben, um es glauben zu können. Auch hier wird oft auf die Naturgesetze hingewiesen, ohne daß man sagen könnte, inwiefern die Menschwerdung Gottes jenen Gesetzen widerspräche. In Tat und Wahrheit widerspricht sie keinem Naturgesetz, sondern ist vor sich gegangen nach den gleichen Grundgesetzen, nach welchen die ganze Schöpfung vor sich ging und geht: Dort wie hier steigt göttliches Leben gleichsam herab und kleidet sich ein in stoffliche Substanzen. Wie sollte der Schöpfer der Welt, der die Menschenseele in einer einzigen stofflichen Zelle Wohnung nehmen läßt, nicht die göttliche Seele ebenso einkleiden können?

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Von mancher Seite wird auch als Einwand die erhoben: Wenn Gott auf Erden weilte, — wer hat dann während jener Zeit die Welt regiert? Eine Frage, die begreiflich ist, solange man sich Gott in der unendlichen Ferne des Sternenhimmels vorstellt und von der Gegenwart Gottes eine nicht viel andere Vorstellung hat als von derjenigen der körperlichen Gestalt eines Menschen. Jene unreife Kindesvorstellung, welche aber im Allgemeinen — wie alles Sinnfällige — sehr tief sitzt, muß natürlich überwunden werden, ehe wir so große Dinge einigermaßen verstehen können. Dazu ist vor allem nötig, daß wir uns darüber klar werden, daß Gott als innerste Seele alles Lebens allem Geschaffenen von zu innerst innewohnt — ohne Raumabstand, denn wirkliche Raumentfernung gibt es nur für Irdisches, für das Geistige schon nicht mehr und am allerwenigsten für das Göttliche, das "ohne Raum allem Raume innewohnt". Das Göttliche, das im gesamten Weltall — unserer Erde gleich nahe wie den Sternen — von innen her allgegenwärtig ist, kann jederzeit, ohne "den Himmel zu verlassen", an irgend einem Punkte des Weltalls sich mit einer Menschennatur stofflich umkleiden und ihr als Seele innewohnen, — wohnt es doch jedem Atom im gesamten All so inne, ohne den Himmel und das Weltregiment zu verlassen. Wir dürfen eben an Gott nicht mit den Voraussetzungen unseres endlichen kleinen Menschentums herantreten, sonst können wir nicht hoffen, so großes göttliches Walten und Wirken einigermaßen zu verstehen.

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Ein vielleicht unbewußter Hintergrund des verbreiteten Unglaubens gegenüber der Menschwerdung Gottes ist wohl die Tatsache, daß man nicht einsieht, warum etwas so Ungewöhnliches geschehen sollte. Es sollte aber einem Menschen, der nicht allzusehr im Alltäglichen verfangen, sondern offenen Sinnes für große Zusammenhänge ist, einleuchten, daß es

nichts Natürlicheres

gibt, als daß Gott, der Schöpfer, einmal in den Saum Seiner Schöpfung herabsteigt und Sich Seinen Geschöpfen offenbart zur Besiegelung Seines Bundes mit ihnen, insbesondere wenn das zur Erreichung Seines Schöpfungszieles unerläßlich geworden ist.

Wir können uns sogar vorstellen, daß das in der Geschichte der Menschheit eines jeden Erdkörpers einmal nötig werden kann zur Sicherung des Schöpfungszieles und zur festen Verbundenheit des Unendlichen mit der betreffenden Menschheit. In einem gewissen Sinne ward

erst durch die Menschwerdung der Kreislauf der Schöpfung geschlossen.

In der Schöpfung stieg und steig das Leben herab bis zum Stoffe, wo der Lebenseinfluß von Gott alsbald, als die Bedingung hierfür auf Erden geschaffen waren, Schöpfungen hervorbrachte, in zuerst niederen, dann höher entwickelten Formen des Pflanzen- und Tierreichs; der Mensch alsdann nahm das Leben in ewiger, geistiger Gestalt auf; aber auch er in nur gar endlichem Maße; erst Jesus, dessen Seele das Göttliche war, vermochte — obschon erdgeboren — die Fülle des Göttlichen in sich aufzunehmen; in Seiner Verherrlichung, in Seinem Eins-werden mit dem Vater, von Dem Er ausgegangen war, schloß sich der Kreislauf der Schöpfung; in Ihm ward Gott Mensch und Mensch Gott.

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Der Zeitpunkt, den Gott für Seine Menschwerdung wählte, ward von Ihm so gewählt, daß sie am segenvollsten der

Erlösung

dienen konnte. "Ohne dies hätte kein Sterblicher selig werden können." Das ist wieder ein Punkt, welchen viele Menschen nicht leicht wirklich einzusehen vermögen, weshalb ihnen auch aus diesem Grunde die Menschwerdung als etwas Fragwürdiges erscheint. Wo unserem kurzen Blick die Einsicht fehlt, da dürfen getrost der göttlichen Offenbarung glauben, daß Sein Kommen zur Erlösung unerläßlich war. Zur

Erlösung wovon?

"Du sollst seinen Namen Jesus heißen, denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen," — von den Sünden, nicht nur von der Strafe für sie.

Die Sünde wird im Menschen angeregt durch die

Höllen.

Diese bildeten sich vom ersten Abfall des Menschen an in der geistigen Welt, in welcher wir ja unserem Inneren nach leben, hier unsichtbar, nach dem Tode des Leibes sichtbar, und sie nahmen zu mit allen Menschen, welche dem Bösen verfielen, und wurden bis zur Zeit der Menschwerdung übermächtig, sodaß schließlich die ganze Menschheit ihrer Sphäre erlegen wäre und das Schöpfungsziel vereitelt hätte, wenn ihre Macht noch weiter zunahm.

Ihre Übermacht galt es zu brechen.

Freilich hätte Gott kraft Seiner Allmacht die gesamten Höllen in einem Nu einfach vernichten können. Warum hat Er das nicht getan? Nun, einerseits waren die Menschen mit jenen Sphären innerlich so sehr verwachsen, daß ihnen damit die eigentliche Lebenslust geraubt worden wäre, wie einem Fisch, den man aus trübem Wasser an die reine Luft setzt. Anderseits aber lag und liegt Gott nicht an einer Menschheit, welche nur deshalb nicht Böses tut, weil sie nicht dazu angeregt wird, sondern an einer Menschheit, welche sich trotz Anreizen zum Bösen fürs Gute entscheidet. Solchen Möglichkeiten aber war die Menschheit nur gewachsen, wenn sie

neuen festeren Rückhalt am Göttlichen

fand. In dem vermeintlich so fernen vollkommenen Gott fand sie ihn nicht, — nur in einem Gott, der in unserer Natur unsere Erdenwege ging und hier das Göttliche zur Geltung brachte und offenbarte. Darum ward Gott Mensch.

Es hätte gewiß in Gottes Allmacht gelegen, aus den Stoffen der Natur, welche den menschlichen Körper bilden, in einem Augenblick eine fertige Menschennatur in der Gestalt eines erwachsenen Menschen zu schaffen und sich so gleich von Anfang an in einem göttlichen Menschentum zu offenbaren. So aber wäre Er ja den höllischen Mächten und damit auch dem Empfinden des Erdenmenschen nicht zugänglich gewesen; Er wäre den Menschen zwar räumlich sichtbar nahe, — dem Wesen nach aber gleich ferne gewesen. Er mußte in einer Menschennatur gleich der unseren einhergehen, um die Kluft zwischen Gott und Menschen zu überbrücken. Darum kam er wie die anderen Menschen, ging den Weg des Menschenseins von den ersten Anfängen an, nahm ein Menschentum an nach der von Ihm eingesetzten Ordnung und ließ es

von einer menschlichen Mutter

in die Welt gebären. So ererbte Er nach den Gesetzen der Vererbung

den ganzen Hang zu Bösem aller Art.

Wir können die Geschlechter, die bei Matthäus (1) von Abraham bis auf die Zeit des Herrn, bei Lukas (3) bis auf Adam zurückgehen, so verstehen, daß in ihnen im inneren Sinn wie in einer kurzen Zusammenfassung die menschliche Natur beschrieben wird, wie sie sich von Anbeginn an entwickelt hat bis zu der Zeit, da Gott sie annahm. Diese

Geschlechtsregister

bildeten für die Kirche bisanhin eine Verlegenheit; nach allgemeiner Ansicht ist deren Zweck, die Abstammung Jesu vom Hause Davids nachzuweisen; da sie aber beide auf Joseph führen, der wohl nach der Meinung der Welt, nicht aber nach dem Evangelium der Vater Jesu Christi war, fällt dieser ihr vermeintlicher Sinn ja ganz dahin. Wohl mochte Maria ebenfalls vom Hause Davids abstammen, doch darüber wissen wir nichts. In Tat und Wahrheit brauchte der göttliche Herr Seine Herrlichkeit nicht von David zu beziehen. Er lehnt darum auch ganz deutlich die Notwendigkeit einer fleischlichen Abstammung von David ab, hält Er doch den Pharisäern, welche geltend machen, der Messias müsse ein Sohn Davids sein, Psalm 110,1 vor, wo David ihn im Geiste "Herr" nennt: "Wenn nun David ihn 'Herr' nennt, wie ist er dann sein Sohn?' Und Niemand konnte ihm antworten." Jesus Christus war der Sohn Davids eben nur im geistigen Sinne, auf welchen wir nachher zurückkommen. Darum ist das Wichtige an den Geschlechtsregistern nicht die dort gar nicht berichtete physische Abstammung von David, sondern lediglich die — aus dem bloßen Buchstabensinn freilich nicht ersichtliche — dort skizzierte geistige Genealogie der Menschheit bis zur Menschwerdung, wobei festzuhalten ist, daß die Geschlechter vor Abraham in den Teil der Bibel fallen, welcher nicht buchstäblich zu verstehen ist, wo vielmehr mit den Einzelnamen im inneren Sinne Entwicklungsstufen der Kirche summarisch gekennzeichnet werden.

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Warum nahm Gott die Menschennatur im jüdischen Volke an?

Die Genealogie des Menschengeschlechts wird von Abraham an über das jüdische Volk verfolgt, welchem Maria angehörte, durch die Gott die Menschennatur annahm. Das wurde im allgemeinen so verstanden, daß eben das jüdische Volk das auserwählte sei; nun haben wir gesehen, daß das nur in einem geistigen Sinn der Fall ist, wennschon es bis zur Menschenwerdung den Anschein haben kann, als sei es auch im Buchstabensinn der Fall. Sie konnten gerade wegen ihrer Äußerlichkeit in der letzten Epoche vor der Menschwerdung für die genaue Durchführung einer nur vorbildenden, symbolischen Religionsform benützt werden. An sich waren sie ja — bis auf die großartigen Ausnahmen — grob materiell, und das Wort im Alten wie Neuen Testament zeigt uns deutlich, daß Gott die Menschennatur gerade in diesem schwer belasteten Volke annahm, um den Hang zum Bösen in seiner ganzen Stärke zu ererben und allen Höllen zugänglich zu sein. Die ganze Geschichte des jüdischen Volkes, wie sie im Alten Testament berichtet wird, sowie die Botschaft fast des ganzen prophetischen Teils bezeugen die innere Argheit und Untreue des jüdischen Volkes gegenüber Gottes Geboten; wir brauchen hiefür keine einzelnen Zitate, da das jedem bekannt ist; man lese nur Propheten nochmals durch. Aber der Herr bezeugt das Gleiche im Evangelium. Ist es nicht vielsagend, daß Er, als Er Nathanael auf Sich zukommen sieht, gleichsam überrascht spricht: "Siehe da! wirklich ein Israelite, in welchem kein Trug ist!" (Joh. 1,48)? Und später sagt er zu den Juden, die sich darauf berufen, daß Gott ihr Vater sei: "Wäre Gott euer Vater, dann liebtet ihr mich … Ihr seid von dem Vater dem Teufel, und nach eures Vaters Begierden wollet ihr tun. Derselbe war von Anfang an ein Menschenmörder und ist nicht in der Wahrheit bestanden, dieweil keine Wahrheit in ihm ist. Wenn er Lüge redet, redet er aus sich, weil er ein Lügner ist und ein Vater derselben" (Joh. 8,42.44). Und wie scharf hat der Herr namentlich die Führer des jüdischen Volkes gekennzeichnet in Seiner verurteilenden Strafpredigt (Matth. 23), denen Er ausdrücklich sagt, daß sie nicht ins Himmelreich kommen und auch Andere daran hindern. Sind nicht die schärfsten Worte Christi bestätigt durch den abgründigen Haß, mit welchem die führenden Juden die Wahrheitsbotschaft des Herrn ablehnten, nach Seinen größten Wundern wie die Auferweckung des Lazarus nur darauf sannen, wie sie Ihn umbrächten? Welch grauenhafte Höllen sprühen aus der abgrundtiefen Bosheit, mit welcher die Führer des Judentums den Herrn verhöhnten, als Er auf ihr unermüdliches Drängen hin endlich am Kreuze hing!

Trotz aller verbreiteten Grausamkeit finden wir eine gleich abgrundtiefe Bösartigkeit zu jener Zeit bei keinem anderen Volke. Darum mußte Er in diesem die Menschennatur annehmen, damit auch die schlimmsten Höllen versuchend an Ihn heran konnten. Eine erblich belastete Menschennatur mit einem Hang zu mannigfachem Bösem hätte Er freilich bei jedem Volke annehmen können.

Bei einem ganz niedrigstehenden Volke wie z.B. den Feuerländern oder den australischen Buschnegern hätte Er einfach eine unentwickelte, nicht aber so entartete Natur angenommen, was also dem Erlösungszweck Seines Kommens nicht gedient hätte.

Andererseits hätte Er bei einem verhältnismäßig hochstehenden Volke wie den Germanen zu bestimmten schlimmen Zügen keinen starken erblichen Hang übernommen; wissen wir doch z.B. von dem hochentwickelten Ehrgefühl der Germanen; und über ihre Sitten sagt uns der römische Geschichtsschreiber Tacitus, daß sie gewöhnlich nicht vor dem 30. Lebensjahr die Ehe schlossen; daß sie diese rein hielten und auch voreheliche intime Beziehung kaum vorkamen und sehr verpönt waren. In wesentlichen Hinsichten wäre also eine im germanischen Volk angenommene Menschennatur bestimmten Versuchungen immerhin weniger ausgesetzt gewesen, was dem Ziel der Menschenwerdung nicht entsprochen und Ihn nicht allseitig zum Heiland und Erlöser hätte werden lassen.

Das jüdische Volk war von einer gewissen entwickelten Intelligenz, hatte sich aber — namentlich in den geistig führenden Schichten — in eine arge innere Verdorbenheit eingelebt, indem sie — nach dem Urteil des Herrn — viel religiöses Getue entwickelten, womit sie die Tatsache zu verdecken meinten, daß sie "das Wichtige des Gesetzes: Recht und Barmherzigkeit und Treue weggelassen" haben. So entwickelte sich unter ihren Führern das, was der Herr als schweres Himmelshindernis aufs schärfste verdammte: Heuchelei — eine eigentliche Gottesfeindschaft unter dem Deckmantel besonders starker Religiosität.

 Durch eine Tochter de jüdischen Volkes konnte Gott eine so belastete Menschennatur annehmen, ohne daß

Maria

selbst diesem Bösen besonders ergeben zu sein brauchte. Wir empfinden hohe Ehrerbietung vor ihr als vor Derjenigen, die wirklich "gesegnet war unter den Weibern" (Luk. 1,42), da ihr das hohe, lang verheißene Amt übertragen ward, den verheißenen Heiland zur Welt zu bringen. Über das hinaus kommt ihr keine Verehrung zu. Sie und ihre Eltern als sündlos zu betrachten oder auszugeben, hat nicht nur keinerlei Grundlage im Evangelium, sondern beweißt ein völliges Verkennen des Grundes, warum Gott diesen Weg für die Menschwerdung wählte: eben um durch die menschliche Mutter den Hang zu Bösem und Falschem jeder Art zu ererben. Die Lebenssendung Jesu Christi bestand ja eben darin, das von ihr angenommene Menschliche abzulegen und in Seinem ganzen Denken und Empfinden das Göttliche aus Seinem Innersten zum Durchbruch kommen zu lassen und zur Geltung zu bringen. Er mußte gleichsam aus der Verwandtschaft mit ihr herauswachsen. Darum finden wir Ihn überall im Evangelium ihr gegenüber in einer Haltung, welche die innere Entfernung deutlich erkennen läßt: Schon als Zwölfjähriger antwortete Er im Tempel auf ihre Vorwürfe: "Muß ich nicht in dem sein, was meines Vaters ist?" Und wie sie Ihm bei der Hochzeit zu Kana auf den Mangel an Wein aufmerksam macht, antwortet Er: "Weib, was ist mir und dir (gemeinsam)?" (Joh. 27,4). Und als Ihm einmal beim Predigen gemeldet wird, daß Seine Mutter und Seine Brüder draußen seien und mit Ihm reden wollen, da sagte Er Sich gleichsam von der Blutsverwandtschaft los und anerkannte nur die geistige: "Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder?' Und er reckte seine Hand aus über seine Jünger und sprach: 'Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! Denn wer den Willen tut meines Vaters in den Himmeln, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter'." (Joh. 7,59. — Ob nicht vor allem der Schmerz dieser inneren Trennung gemeint ist, wenn Simeon der Maria weissagte: "Ein Schwert wird dir durch die Seele dringen"?

Es wäre schwerlich zu der Marienverehrung der katholischen Kirche gekommen, hätte man nicht halb unbewußt die feinen weiblichen Züge der anderen im Evangelium genannten Marien, namentlich der Schwester der Martha, auf die Mutter Jesu übertragen, und hätte nicht von den vorangegangenen Jahrtausenden des Heidentums her — ebenso unbewußt — ein Gefühlsbedürfnis nach Anbetung einer Göttin bestanden.

Auch die Bezeichnung Mutter Gottes" für sie ist natürlich falsch: sie war die Mutter nicht des Göttlichen, sondern nur des Natürlich-Menschlichen, das Gott durch sie annahm, und das Er dann verherrlichte, indem Er alles von ihr Ererbte ablegte.

So wuchs er auch aus dem Judentum heraus und darüber hinaus; das Kindlein in der Krippe hatte eine jüdische Menschennatur; der verherrlichte Herr aber hat diese völlig abgelegt; Er zeigt auch deutlich, wie Er die Juden als ein Fremdvolk empfand, als Er vor Pilatus bezeugte: "Wäre mein Reich von dieser Welt, so würden meine Diener kämpfen, daß ich nicht den Juden überantwortet werde."

*   *   *

Das Kindlein in der Krippe zu Bethlehem war natürlich nicht der unendliche Gott des Weltalls: Es war die Menschennatur, mit welcher die Mutter Maria die göttliche Seele, die dem Kinde tief unbewußt innewohnte, hatte umkleiden dürfen. Dieses Göttliche aber war dem Zwölfjährigen offenbar schon zum Bewußtsein gekommen, wie allmählich auch Seine Sendung: dieses Göttliche in Seinem Denken und Empfinden durchzusetzen gegenüber den Trieben und der Empfindungsweise des durch Maria empfangenen Menschlichen, in welchem der Anlage nach Selbstliebe und Weltliebe zu herrschen suchten, — von den Höllen, deren Macht durch einen jeden Menschen verstärkt worden war, welcher die Triebe der Selbstsucht und bloßer Weltlichkeit nicht überwunden, sondern sich ihnen ganz überlassen hatte, — jene ganze Last, jener ungeheure Druck lag auf Ihm:

"Fürwahr, Er trug unsere Krankheit und lud auf Sich unsere Schmerzen. Er ist durchbohrt um unserer Übertretung willen, zerstoßen ob unseren Missetaten. Die Züchtigung zu unserem Frieden liegt auf Ihm, und durch Seine Striemen wird uns Heilung zuteil. Wir gingen Alle in der Irre wie die Schafe, ein Jeglicher ging seinen eigenen Weg. Jehovah aber ließ Ihn treffen unser Aller Missetat …"

In jeder Versuchung

bekam Er in Qual jene Macht zu spüren, welche jeder sündigende Mensch stärker und peinigender gestaltet hatte. Diese prophetischen Worte in Jes. 53 hat man zu Unrecht nur auf die Schmerzen der Kreuzigung bezogen: die letzteren kamen vielmehr nur noch hinzu; verwirklicht hat der Herr diese weltenschwere Weissagung Sein ganzes Leben hindurch in jeder Versuchung, welche Ihm die Pein der Entsagung und des Verzichtes auf die Befriedigungen der Selbst- und Weltliebe auferlegte, — die Pein des Verzichtes auf Befriedigungen, welche in ungeheurem Maße über Das hinausgingen, was einem gewöhnlichen Sterblichen als Möglichkeit offensteht, wie wir schon aus den wenigen im Evangelium berichteten Versuchungen erkennen können. Seine Menschennatur war der Kriegsschauplatz, wo die Höllen mit aller Gewalt das Göttliche für immer aus dem Bereich des Menschentums zu verdrängen suchten.

Jesus empfand die Verlockungen der Selbst- und Weltliebe mit voller Gewalt, kämpfte sie aber zurück aus dem Ihm innewohnenden Göttlichen. In diesen Versuchungen, wo die Höllen Seine ererbte belastete Natur so sehr anfochten und Sein Empfinden fast ganz in diese herabrissen, empfand er die

Zweiheit

in Seiner Natur gar stark; da mußte er wie ein gewöhnlicher Mensch zum Vater, zum Göttlichen, Der gleichsam ferne zu sein schien, betend aufblicken, und dies bis in die letzten Versuchungen Seines Erdenlebens. Indem Er aber auch in den schwersten Versuchungen die Stimme des Göttlichen in Sich zur Geltung kommen ließ und sie durchsetzte gegenüber der Stimme der ererbten Menschennatur,

ward Sein Menschliches verherrlicht,

d.h. Erlegte das von der Mutter empfangene Menschliche ab und ward statt dessen mehr und mehr erfüllt vom Göttlichen, das Ihm als innerste Seele innewohnte. Dieses

Göttlich-Menschliche

war der Sohn Gottes, dessen Macht von den Höllen immer mehr empfunden wurde. Einen wertvollen Einblick verschafft uns da die Befreiung der Besessenen: Ist es nicht vielsagend, daß gerade die bösen Geister die Göttlichkeit Christi zwar mit Qual, zugleich aber als unwiderlegliche Tatsache empfanden? Rief Ihm doch ein solcher böser Geist namens einer ganzen Legion entgegen: "Was habe ich mit dir zu schaffen, Jesus, du Sohn Gottes, des Allerhöchsten? Ich beschwöre dich bei Gott: Quäle mich nicht!" (Mark. 5,7). Das bietet uns die deutlichste Veranschaulichung vom Wesen der Erlösung: So wie der Herr die bösen Geister von den armen Besessenen wegtreiben konnte, so kann und will Er alle höllischen Einflusse, welche Unrechtes in uns anregen und uns in den Banden der Sünde halten möchten, von uns wegtreiben. Es heißt nur: erstens uns bewußt sein, daß das Böse, zu welchem wir neigen, von höllischen Sphären in uns angefacht wird — zweitens: befreit werden wollen, und drittens: unerschütterlich glauben, daß sie der Macht des Herrn weichen müssen. Wie die vom Herrn ausgesandten Jünger böse Geister im Namen Jesu Christi austreiben konnten, weil Sein Name damals schon solche unwiderstehliche Gewalt in der geistigen Welt hatte, die dieses anfachenden schlimmen Sphären im Namen Jesu Christi aus unserer inneren Umgebung verjagen. Wie der Mensch gewordene Gott zur Erlösung der Menschheit die gesamten Höllen in Seinem Menschentum überwand, so ist Er in Seinem nun göttlich verherrlichten Gottmenschentum innig zugegen beim Menschen und will Jeden von der höllischen Macht befreien und vom Bösen erlösen. In Seinem Sieg liegt der unsere enthalten. Dieser Kampf des Herrn ging Sein ganzes Leben lang vor sich und war im Wesentlichen vor der Kreuzigung vollendet; denn schon vor derselben tröstete der Herr die Jünger: "Seid guten Mutes: Ich habe die Welt überwunden" (Joh. 16,33), wie Er schon vordem (Luk. 10,18) den Satan hatte wie einen Blitz vom Himmel fallen sehen. Somit war die Erlösung da schon im Wesentlichen vollendet, und die Menschheit konnte guten Mutes sein, auch wenn Er ohne Kreuzestod aus der sichtbaren Gegenwart im Fleische dahingegangen wäre. Doch dann hätte Er das Erlebnis des Sterbens, vor welchem dem Menschen oft so sehr bangt, nicht gehabt; um alle schweren Stunden, die der Mensch haben kann, auch erlebt zu haben, nahm Er auch das Sterben auf Sich und ließ es sogar zu dem schwersten Erleben werden, wo Er ausharrte und von Seiner Macht nicht zu Seiner Erleichterung Gebrauch machte auch angesichts der unsagbaren Herausforderung der Hohenpriester: "Nun steige herab vom Kreuz; dann wollen wir glauben, daß du Gottes Sohn bist!" Und Er setzte auch in jenen belastetsten Stunden die göttliche Liebe selbst in Seinem Menschenempfinden durch.

So ward Sein Menschliches verherrlicht, — zur Offenbarung des Göttlichen, sodaß Er am Schlusse Seines Erdenlebens sagen konnte: "Ich und der Vater sind Eins." "Ich bin die Wahrheit und das Leben." "Wer mich gesehen hat, der hat den Vater gesehen." "In Ihn wohnte die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig" — welches Zeugnis des Paulus bisanhin nur die Neue Kirche wirklich aufnimmt und vertritt. Die volle Verschmelzung Seines Menschlichen mit dem Göttlichen war vollendet mit dem, was die Jünger mit ihren erschlossenen geistigen Augen als

Himmelfahrt

schauten. "Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen und verlasse wieder die Welt und gehe zum Vater." (Joh. 16,28).

Aber durch die Menschwerdung und Verherrlichung gewann Gott eine größere Macht erlösenden Einwirkens auf den Menschen; das wird im Gleichnis ausdrückt in den Worten, daß der Herr nun sitze "zur Rechten des Vaters".

Von nun an war in Ihm die

Dreieinheit

von Vater, Sohn und heiligem Geist für die Menschheit erkennbar: Der Vater: das Göttliche von Ewigkeit, wie es in sich Selbst ist, — unfaßbar für des Menschen Vorstellung, war offenbar im Sohn: dem Menschlichen, wie die Seele sich im Leib offenbart: "Niemand hat Gott je gesehen: der einziggezeugte Gott, der in des Vaters Schoße ist, der hat ihn kundgemacht" (Joh. 1,18*)

*) De ältesten Handschriften schreiben alle: "der einziggezeugte Gott", nicht: "der einziggezeugte Sohn".

Aus diesem Göttlich-Menschlichen sendet Gott, der Herr nun

den Heiligen Geist

aus, denn durch diesen wird die neue, innigere Einwirkung verstanden, wie sie nun vom göttlich verherrlichten Menschentum erleuchtend und hebend und stärkend dem Menschen zuströmt, darum heißt es vordem: "Der heilige Geist war noch nicht, weil Jesus noch nicht verherrlicht war" (Joh. 7,39). Nach Seiner Auferstehung aber "hauchte Er die Jünger an und sprach: Nehmet hin den heiligen Geist!" (Joh. 20,22).

*   *   *

Das Erlösungswerk des Herrn und die Verherrlichung Seines Menschlichen wird in "Moses, den Propheten und Psalmen", die "von Ihm schrieben", in manchen Gestalten vorbildend dargestellt. Die erste geschichtliche Gestalt der Bibel ist Abraham, der das Innere der angenommenen Menschennatur des Herrn vorbildete; die zunehmende Verbindung mit dem Göttlichen kommt z.B. darin zum Ausdruck, daß es verschiedene Male (z.B. Gen. 15 und 17) heißt, daß Jehovah einen Bund mit Abraham geschlossen habe, was von den Bibelkritikern lediglich als eine auf der Zusammenstellung verschiedener Quellen beruhende bedeutungslose Wiederholung angesehen wird, während sie jene stufenweise Verherrlichung darstellt, welche auch im Evangelium durch die Stimme aus dem Himmel bezeugt wird: "Ich habe ihn verherrlicht und werde ihn abermals verherrlichen." (Joh. 12,28).

Die Aufnahme des Göttlichen in Sein Menschliches wird u.A. auch dadurch zum Ausdruck gebracht, daß der Name Abram in Abraham verwandelt wurde, da der Hauchlaut den göttlichen Geist darstellt.

Auf diese innere Bedeutung Abrams bezieht sich auch der ihm erteilte Segen: "In dir sollen gesegnet werden alle Familien des Erdbodens" (Gen. 12,3), und darum anerkannte der Herr die Juden, die Ihn ablehnten, nur dem Fleische nach als Abrahams Samen, nicht aber dem Geiste nach: "Währet ihr Abrahams Kinder, tätet ihr auch Abrahams Werke" (Joh. 8,37.39); denn im lebendigen Sinne wären sie Abrahams Kinder nur gewesen, wenn sie Sein Leben und die Führung durch Ihn aufgenommen hätten, Den Abraham im ewiglebendigen Sinne darstellte.

So bildet auch David den Herr vor, und zwar — da seine Regierungszeit hauptsächlich ausgefüllt war von Kriegen gegen die Feinde Israels — den Herrn in Seinen Kämpfen gegen die Höllen. Die Vorbildung hat der Herr auf dem für die Menschheit wichtigen inneren Lebensgebiet erfüllt und ist dadurch im einzig wichtigen lebendigen geistigen Sinn zum "Sohn Davids" geworden, weswegen Er den Pharisäern zu bedenken gibt, daß hiezu eine Abstammung von David dem Fleische nach nicht nötig ist. (Matth. 22,41-46)

*   *   *

So sind Moses, die Propheten und Psalmen in ihrem inneren Sinn gleichsam das Lebensbuch Jesu. "Von mir haben sie geschrieben." Während die Evangelien den äußeren Ablauf Seines öffentlichen Lebens berichten, machen Moses, die Propheten und Psalmen Seinen inneren Werdegang kund, je wie ihr innerer Sinn durchleuchtet durch die Wolken des Buchstabensinnes: überall erscheint dort nach dem eigenen Zeugnis des Herrn "das Zechen des Menschensohnes"; Moses, die Propheten und Psalmen werden wie zu einem neugefundenen Evangelium, das uns den ganzen inneren Weg des Gottmenschen berichtet, wodurch Er neu vor uns tritt, neu zur Menschheit kommt. Und bedenken wir, daß das Wort Gott ist (Joh. 1,1), so erkennen wir, daß eine Neuoffenbarung des inneren Gehaltes des Wortes eine Neuoffenbarung Gottes Selbst ist und daß der Herr die Verheißung Seiner

Wiederkunft

erfüllt, indem Er so aus dem Innern Seines Wortes, das von Ihm spricht, hervortritt zu klarerer Erkenntnis der Christenheit als der Göttlich-Menschliche Herr Gott Heiland Jesus Christus. Das Innere des Gotteswortes, wo Gottes Wahrheit in ihrem unverhüllten Lichte wohnt, ist gleichsam dessen Himmel, und wenn wir das Wort in seinem nunmehr erschlossenen Inneren lesen, so sehen wir überall darin "des Menschen Sohn mit Kraft und großer Herrlichkeit auf den Wolken des Himmels kommen."

Was der Herr im Fleische wirken konnte, das hat Er bei Seiner ersten Ankunft getan. Eines neuen Kommens im Fleische bedarf es nicht. Seine verheißene neue Ankunft ist ein Kommen zu neuem lichtvollerem Glaubenserkennen der Christenheit, daß sie Ihn endlich erkennen als Den, welchen das ganze Wort von Moses bis zur Offenbarung Johannis offenbart:

als den schaubaren Gott, in welchem der Anschaubare wohnt

wie de Seele m Körper, in welchem sich das größte Rätsel des Alls für uns löst: Das unendliche Göttliche von Ewigkeit offenbar, schaubar im verherrlichten Menschentum Jesu Christi: Ein Gott, Ein Heiland. Da der Herr bei der Himmelfahrt von den Jüngern mit den geistigen Augen geschaut ward und nicht in das irdische Firmament emporstieg, wird man Ihn auch vergeblich in den irdischen Wolken erwarten.

Die erste Ankunft Christi geschah ganz anders, als wie die Juden es erwartet hatten. Die zweite Ankunft geschieht wiederum anders, als die Christenheit es gedacht. Darum wohl fragt der Herr Selbst: "Wird des Menschen Sohn, wenn er kommt, auch Glauben auf der Erde finden?" (Luk. 18,8).

*   *   *

Die Botschaft des Wortes, daß der Herr von Ewigkeit, welcher Jehovah ist, Selbst in die Welt kam und die Menschheit erlöst hat, indem Er die Höllen besiegte, und uns in Ewigkeit aus der Kraft Seines Gottmenschentums erlöst, indem Er auch von uns die in die Irre drängenden höllischen Sphären fortdämmt, wenn wir vom Bösen frei werden wollen und an Ihn glauben, — diese Botschaft des Gotteswortes wurde bisanhin von der christlichen Kirche nicht verkündet. Statt dessen lautet die — namentlich in der protestantischen Kirche — allgemein verkündete Lehre, um des Ungehorsams von Adam und Eva willen habe das Todes- und Verdammnis-Urteil Gottes auf der Menschheit gelastet, das Gott um Seiner Gerechtigkeit willen nicht habe aufheben können; Blut habe fließen müssen, um Seiner Gerechtigkeit Genüge zu tun; um nun nicht die ganze Menschheit zu vernichten, habe Gott Seinen Sohn, der von Ewigkeit her neben Ihm bestanden habe, in die Welt gesandt, und dieser habe dann Sühne geleistet für die Menschheit durch Seinen unschuldigen Tod am Kreuz; nehmen wir nun dieses Opfer gläubig an, dann seien wir durch Jesu Opfertod gerechtfertigt vor Gott-Vater, der nun unserer Sünden nicht gedenke, sondern infolge der durch Seinen Sohn geleisteten Sühne mit uns versöhnt sei und uns die ewige Seligkeit beschere. Diese

Lehre von der Versöhnung Gottes durch Jesu Opfertod,

die nach Luther und seinen Nachfolgern den Mittelpunkt des Christentums bildet, stammt nicht von dem Herrn Jesus Christus, sondern ist erst später von Paulus aufgestellt worden, der — freilich in bester Meinung — vom Judentum her das Bedürfnis empfinden mochte, den Tod Jesu gleichsam juristisch in den Heilsplan einzubauen. Der Herr Jesus hat oft von Seinem bevorstehenden Tode geredet, hat aber dabei nicht die Lehre vom Opfertod und von der Rechtfertigung verkündet. Da Jesus ausdrücklich Seinen Jüngern gebot: "Ihr sollet euch nicht Lehrer nennen lassen, denn Einer ist euer Lehrer: Christus" (Matth. 23,10), hatte kein Jünger und kein Paulus die Befugnis, eine solche Lehre aufzustellen, welche gar nicht die Lehre des Herrn ist. Auch sagte Er ausdrücklich: "Wenn ihr in meinem Worte bleibet, seid ihr wahrhaft meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen" (Joh. 8,31.32). Paulus ist mit dieser Lehre nicht m Worte des Herrn geblieben; und mögen auch seine Briefe viel Segenvolles und Herrliches enthalten: diese Lehre ist ein Irrtum. Freilich ward sie in der — z.B. aus dem Judentum stammenden — Urchristengemeinde und auch von einzelnen Aposteln um ihrer Sinnfälligkeit willen bereitwilligst aufgenommen. Petrus aber weiß in seiner Pfingstpredigt, wo er vom Tode des Herrn spricht, noch nichts von ihr, sondern verkündet nur freudig den Auferstanden. Leider haben die Reformatoren — allen voran Luther — des Paulus Lehre noch verschärft; wo Paulus den lediglich ritualischen Bestimmungen des Gesetzes gegenüber den Glauben hervorhebt, fügte Luther, nur um einen recht starken Gegensatz zur Katholischen Kirche zu schaffen, ohne Befugnis verhängnisvollerweise das Wort "allein" hinzu und lehrte, wir würden "durch Glauben allein" selig. Hat auch Luther als lebendiger Christ in seinen Predigten, Reden und Schriften diese Lehre tausendfach aufgehoben, sodaß man Luther mit Luther widerlegen kann, so hat er doch hinsichtlich der Dogmatik die protestantische Kirche zum Vornherein leider auf ein falsches Gleis geführt.

Diese Lehre von der Rechtfertigung stammt nicht nur nicht vom Herrn, sondern steht im Widerspruch zum ganzen Gehalt des Evangeliums und des Wortes: Erstens setzt sie zumindest zwei voneinander getrennte Gottpersonen voraus, und zweitens dichtet sie Gott eine schauerliche Ungerechtigkeit an: Sollte wirklich Gott Adam und Eva — um mit der bisherigen Kirche einmal beim bloßen Buchstaben zu bleiben — ihren Ungehorsam nicht vergeben haben können, — Er, der uns heißt, dem schuldigen Bruder siebenzig mal sieben Mal vergeben? Sollte der Gerechte um dieses Ungehorsams Adams und Evas willen die Verdammnis über die ganze Menschheit verhängen? Sollte der Göttlich-Gerechte Sich nur versöhnen lassen, wenn er Blut fließen sieht? Sollte Gott den Tod eines Unschuldigen für die Schuldigen annehmen, was sogar gegen unser unvollkommenes Gerechtigkeitsgefühl verstößt und auch der ganzen Verkündigung des Wortes widerspricht? Diese Lehre widerspricht der Wahrheit in jedem einzelnen Punkte. Freilich kann man im Worte manche Stellen finden, die so gedeutet werden können, daß sie sie zu bestätigen scheinen. Dieser Sinn kommt aber in die Worte des Herrn erst hinein, wenn man sie hineinlegt; für Den, welcher nicht in jener Lehre Pauli und der Reformatoren verfangen ist, haben sie diesen Sinn nicht. Manche ihrer Verkündiger fühlen ihre Unhaltbarkeit wohl; darum schrieb zu ihrer Verteidigung ein Theologieprofessor der Zürcher Universität: "Die Theologie ist nicht dazu da, um göttliche Geheimnisse zu erklären," wozu zu sagen ist: Vor allem ist die Theologie nicht dazu da, um unhaltbare Menschenlehren zu einem "göttlichen Geheimnis" zu stempeln und sie zum Ausgangspunkt ihrer ganzen Konstruktionen zu machen. Vielmehr ist die christliche Theologie dazu da, um von den Worten des Herrn auszugehen und ihre Geheimnisse zu erklären soweit der Menschengeist das vermag.

Die Kirche hat wie die Jünger den Auftrag: "Lehret sie halten Alles, was Ich euch geboten habe!" (Matth. 28,20). Der Herr hat aber ganz Anderes gelehrt als eine Rechtfertigung des Sünders vor Gott durch Seinen Opfertod. Auf die Frage: "Was muß ich tun, daß ich das ewige Leben ererbe?" sagte Er nichts davon und nichts von Seligwerden durch den Glauben allein, sondern: "Willst du ins Leben eingehen, so halte die Gebote" (Matth. 19,17). Diese Lehre des Herrn hören wir das ganze Evangelium hindurch. Dazu, daß wir das können, hat Gott ja die Höllen überwunden und bannt sie auch von uns; uns von unseren Sünden, nicht lediglich von der Strafe für die Sünden zu erlösen, ist Er gekommen (Matth. 1,21), und Er lehrt uns beten: "Erlöse uns vom Bösen." Der Herr hat uns durch Seinen Sieg ermöglicht, daß wir in einer

Wiedergeburt

zu Seinem Ebenbilde werden: Indem wir Seine Wahrheiten aufnehmen und Seine Gebote befolgen, ersteht in uns von Ihm her ein neues Denken und ein neues Wollen, ein neuer Geist und ein neues Herz: "Wie Viele Ihn aber aufnahmen, denen gab Er Macht, Gottes Kinder zu werden." Je wie wir das Böse meiden, — nicht bloß aus berechnender Klugheit wegen der möglichen unangenehmen Folgen —, sondern als Sünde gegen Gott, zieht Sein Leben in uns ein, Seine Liebe und Weisheit, Seine Freude am Guten und das Denken und Urteil aus Seiner Wahrheit.

Diesem aus Gott-geboren-werden (Joh. 1,13), das sich durch einen großen Teil unseres Lebens hinziehen kann, will das

Heilige Abendmahl

dienen, nennt doch der Herr dort das Brot und den Wein Seinen Leib und sein Blut, die wir essen und trinken müssen, damit wir in Ihm seien und Er in uns, woraus wir ewiges Leben haben (Joh. 6,48-63); denn das Fleisch und Blut Seines Gottmenschentums im ewig-lebendigen Sinn sind Seine göttliche Güte und Wahrheit; dadurch, daß wir diese "beiden Leben" in unser Denken und Wollen aufnehmen und sie in unserem Charakter, in unserem Sinnen und Trachten immer reiner verkörpern, wachsen wir in die innere ewige Verwandtschaft mit Gott hinein: "Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter." Seine Wahrheit ist Sein Blut, das uns im ewig-lebendigem Sinne wäscht oder löst von unseren Sünden. Daß dies der wahre Sinn der Worte des Herrn und Seines Mahles ist und dieses sich nicht bloß auf das Vergießen Seines Blutes bei der Kreuzigung bezieht, geht daraus hervor, daß der Herr das Abendmahl vor der Kreuzigung einsetzte und dabei — wie auch schon früher (Joh. 6) — von dem Essen und Trinken Seines Fleisches und Blutes sprach, welche Worte in Gültigkeit waren, sobald die Verherrlichung Seines Menschlichen so weit gediehen und die Offenbarung des Göttlichen geworden war; diese Worte hätten ihren vollen und ewig-gültigen Sinn, auch wenn das Leben des Herrn nicht mit einem gewaltsamen Tode, sondern ohne Tod mit einer Vergöttlichung Seines Leibes geendet hätte.

*   *   *

Der Herr hat — namentlich in den letzten Tagen Seines Lebens (Matth. 24 u. 25) — geweissagt, daß eine Vollendung des Zeitlaufs (was oft irrtümlich mit "Ende der Welt" übersetzt wird) kommen würde, mit einem

Gericht,

bei welchem Gute und Böse, echte und Scheinjünger getrennt und gesondert würden. Schon während der Herr auf Erden weilte, fand ein Gericht statt, sagt Er doch: "Jetzt ist das Gericht dieser Welt; jetzt wird der Fürst dieser Welt hinausgestoßen werden" (Joh. 12,31). Niemand auf Erden nahm etwas von diesem Gerichte wahr, denn es fand — wie alle Gerichte — in der geistigen Welt statt, in der Welt der Ursachen, von wo alle maßgebenden Einflusse ausgehen. Ohne ein solches Gericht, das aus der unmittelbaren Umgebung der Menschheit die Sphären hinwegräumte, die bis zum Kommen Gottes geherrscht hatten, wäre eine allgemeine Aufnahme des Christentums in der antiken Welt gar nicht möglich gewesen.

Ein ähnliches Gericht sagte der Herr für das Ende des Zeitlaufs der Ersten christlichen Kirche voraus. Swedenborg berichtet uns nun:

Das Gericht hat stattgefunden

in der geistigen Welt um die Mitte des 18. Jahrhunderts, als wir auf Erden das Jahr 1757 hatten. Auf Erden nahm man das freilich so wenig war, wie dasjenige, als der Herr auf Erden weilte. Der größte Teil der Offenbarung Johannis schildert in ihrem inneren historischen Sinn, welchen Swedenborg darlegt in der "Enthüllten Offenbarung", dessen Hergang. Nach dem heißt es dann am Schlusse der Offenbarung (21,1): "Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der frühere Himmel und die frühere Erde waren vergangen": Ist ein Himmel nicht etwas Endgültiges? Was ist das für ein Himmel, welcher vergeht? Durch Swedenborg erhalten wir folgenden Aufschluß:

Die christliche Kirche hatte mehr und mehr ein Christentum sich heranbilden lassen, wo neben Vielen, die dem Evangelium ehrlich getreu zu werden sich mühten, Manche mit frommen Worten und Gebärden ein Christenrum heuchelten, ohne sich innerlich von der in ihnen herrschenden Selbstsucht und Weltliebe abzuwenden. Da wir beim Übergang in die andere Welt zunächst so bleiben, wie wir auf der Welt waren, behielten sie dieses Scheinchristentum bei, ohne von den einfacheren Christen erkannt zu werden, sodaß sie mit diesen nicht nur die ganze Geisterwelt, sondern selbst die unteren Regionen des Himmels bewohnen konnten. Diese

Scheinhimmel

waren ein immer mächtigeres Hindernis für das Werden eines echten Christentums auf Erden. Darum ließ der Herr zur gegebenen Zeit das Gericht über sie ergehen: durch Seinen Einfluß wurde — wie durch geistige Röntgenstrahlen — das Innere der Menschen bloßgestellt, und die bloß "Herr, Herr" zu Ihm sagten, aber Seine Gebote nicht hielten, gesondert von Denen, die echt nach den Geboten des Herrn zu leben bemüht waren; jene wurden mit der Hölle verbunden, welcher sie innerlich angehörten, während die echten Christen zu einem Neuen Himmel vereint wurden.

Während das Gericht selbst auf Erden nicht wahrgenommen ward, machten sich seine Wirkungen bald geltend, in einem Dahinfallen von Ketten, insbesondere in den Ländern, wo seit der Reformation die Bibel täglich ehrfurchtsvoll gelesen wurde, was eine Empfänglichkeit für das Licht von oben mit sich bringt: namentlich in den Landen deutscher Zunge brach gleichsam eine Flut von Licht herein: unsere Klassiker Schiller und Goethe und all die anderen großen Geister jener Zeit erstanden wie auf einen Schlag, — im Reich der Töne kamen nach Bach und Händel Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Schumann und so manche Andere; das Zeitalter der "exakten Wissenschaft" brach an, Dampf, Elektrizität wurden entdeckt und bauten unser äußeres Leben um; Woge um Woge gingen auch Revolutionen durch Europa und erwirkten den Völkern das Mitspracherecht. Haben auch viele von diesen Errungenschaften eine Menschheit vorgefunden, welche nicht reif war zu ihrer segensvollen Verwendung und Verwaltung, so können sie doch Segnungen werden, wenn die Menschheit sich neu von oben führen läßt. Die wesentliche frucht des Gerichtes war aber die

geistige Freiheit,

welche nun möglich ward, wenn auch diese innerlichste Frucht zunächst am wenigsten in Erscheinung trat. War die Mehrheit der Christenheit vordem innerlich durch Kirchendogmen gebunden gewesen, so kam nun eine Freiheit auf, diese in Frage zu stellen. Und hat auch diese Freiheit wie die vorerwähnte die Menschheit in weiten Kreisen nicht reif vorgefunden, sodaß nicht nur die falschen Lehren der Kirche in Frage gestellt wurden, sondern Gottesleugnung sich weit und breit ausdehnte, so ist trotz diesen Auswüchsen die Freiheit in geistigen Dingen von der Vorsehung doch als Weg zu einer echteren Verbundenheit des Menschen mit Gott gemeint. Heute kann die göttliche Vorsehung tiefgreifende Auseinandersetzungen zulassen, — eine Auseinandersetzung nicht nur über einzelne Punkte der Lehre, sondern ein in-Frage-stellen bis zu den tiefsten Grundlagen des Christentums und der Religion überhaupt. Denn der Herr hat uns aus Seinem eigenen Worte durch Sein hierfür erwähntes und vorbereitetes Werkzeug Emanuel Swedenborg die Antwort auf alle die Fragen schon gegeben, wie sie in echten Wahrheitssuchern aufsteigen können; Er hat die Grundlagen geschaffen für eine

Neue Christliche Kirche

in welcher der Eine und alleinige göttlich-menschliche Herr Gott Heiland Jesus Christus erkannt und angebetet wird und wo der leitende Lebensgrundsatz herrscht: "Alle Religion ist eine Sache des Lebens," — nicht bloßer Frömmigkeit oder bloßen Glaubens, — nein: des Lebens, "und das Leben der Religion besteht im Tun von Gutem."

Die Neue Christliche Kirche ersteht aus den Lehren Jesu Christi, der die Wahrheit ist, selbst und ist damit auf den Fels gegründet.

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Berühmte Schüler.

Wir haben hier einen kurzen Überblick über einige wesentliche Lehren der auf dem Evangelium fußenden Neuen Christlichen Kirche gegeben und hoffen damit Solche, welche aufrichtig nach Wahrheit suchen, zum Lesen der unter göttlicher Erleuchtung geschriebenen Schriften Swedenborgs anzuregen, wo segensvolle Aufschlüsse in Fülle zu finden sind.

Swedenborg hat sich damit begnügt, die Werke auf eigene Kosten drucken zu lassen und umsonst an Bibliotheken und Geistliche zu senden; er selbst hat keine Anstalten getroffen, eine eigene Körperschaft zu gründen. Seine Schriften wurden im Allgemeinen stark angefeindet von der Kirche, noch mehr aber totgeschwiegen. Immerhin haben schon zu seinen Lebzeiten einige hervorragende Kirchenmänner viel von ihm aufgenommen, die auch mit ihm in Briefwechsel traten. So der Württemberger Superintendent F. Ch. Oetinger, der 1765 — also sieben Jahre vor Swedenborgs Hinschied — ein Werk herausgab mit dem Titel "Swedenborg und anderer Irdische und Himmlische Philosophie"; ferner der Zürcher Lavater, dessen Lehre von der Physiognomik eigentlich ganz auf sein Lesen in Swedenborg zurückgeht.

Goethe hat Swedenborgs Schriften von seinem 20. Lebensjahr an mit Belehrung gelesen und viele Gedanken daraus in seinem "Faust" verkörpert; er riet Lavater in den Frankfurter "Literarischen Nachrichten" öffentlich, sich möglichst an Swedenborg zu halten, den er "den gewürdigten Seher unserer Zeit" nennt.

Immanuel Kant hat Swedenborg gründlich gelesen und vieles sowohl aus seinen wissenschaftlichen wie aus den theologischen Werken übernommen; so übernahm er aus Swedenborg schon 1734 veröffentlichten Prinzipia die Nebulartheorie, die seitdem unter Kant's und Laplace's Namen segelt. In seiner Philosophie übernahm er u.A. Swedenborgs Gedanken von Zeit und Raum als a priori-Vorstellungen, sowie die Forderung, daß man das Gute um des Guten willen tun sollte; es gibt heute Kant-Forscher, die behaupten, die gesamte Philosophie Kants liege in ihrem Keime überhaupt in seiner Lektüre der Schriften Swedenborgs begründet. Kant hat, als er um eine Erklärung der seherischen Fähigkeiten Swedenborgs angegangen wurde, die Tatsächlichkeit bestimmter Beweise hievon selbst erforscht und festgestellt, dann aber, als er se nicht erklären konnte, ohne Swedenborgs Darlegungen über die geistige Welt anzuerkennen, sich leider nicht gescheut, statt einer Erklärung sich in recht wohlfeilen Spötteleien zu ergehen, welche weder seinem Charakter noch seinem Philosophentum ein Ehrenmal setzen. Die Begreifliche fatale Ähnlichkeit seiner Philosophie mit derjenigen Swedenborgs erklärt er in dieser Spottschrift "Träume eines Geistersehers" damit, "daß man entweder in Swedenborgs Schriften mehr Klugheit und Wahrheit vermuten müsse, als der erste Anschein erblicken läßt, oder daß es nur so von ohngefähr komme, wenn er mit meinem System zusammentrifft!" Wer weiß, daß Kant Swedenborgs Schriften gründlich gelesen hat, wird Mühe haben, zu glauben, daß "es nur so von ungefähr komme", wenn Swedenborg mit Kant's System zusammentrifft.

Auch Schopenhauer hat folgende beiden Grundgedanken seiner Philosophie aus Swedenborg: den vom "Primat des Willens" und den von der "Welt als Wille und Vorstellung". Eine Stelle in seinen nun veröffentlichten nachgelassenen Schriften beweist eine sehr gründliche Lektüre der Schriften Swedenborgs, zum mindesten des letzten großen Werkes: "Wahre Christliche Religion".

Ein besonders eifriger Verkünder der Lehren Swedenborgs war der Philosoph Karl Christian Friedrich Krause (†1832), der in Deutschland wenig, dafür umsomehr in Spanien bekannt geworden ist. Es sind insbesondere folgende Punkte seiner Philosophie aus Swedenborg: sein "Pantheismus", wonach das Göttliche wesenhaft allem Geschaffenen innewohnt; die Lehre von den verschiedenen Reihen oder Stufen in der Schöpfung; de Auffassung der ganzen Menschheit als eines zusammenhängenden "Gliedbaus"; der Grundsatz: "Wolle du selbst und tue das Gute als das Gute". Krause hat ein Buch "Geist der Lehre Swedenborgs" herausgegeben, das einen eigentlichen Katechismus in Form von Frage und Antwort enthält. — der Madrider Professor Sanz del Rio übernahm Krauses Lehren und legte sie 1860 in seinen Arbeiten "El Sistema" und "El Ideal de la Humanidad" dar und gründete eine eigentliche Schule von Jüngern, zu welchen auch die drei ersten Präsidenten der spanischen Republik gehört haben sollen; auch in Spanisch-Südamerika sollen diese Gedanken weite Verbreitung besitzen.

Auch der fromme Dichter Matthias Claudius schrieb in seinem "Wandsbecker Boten" 1774 für die Glaubwürdigkeit Swedenborgs.

John Wesley, der Begründer des Methodismus, war stark beeindruckt von Swedenborgs Werken, sodaß er einmal sogar sagte: "Wir können all unsere Bücher über Theologie verbrennen; Gott hat uns einen Lehrer vom Himmel gesandt, und in den Lehren Swedenborgs können wir Alles lernen, was uns zu wissen nottut."

Für Bismarck bedeutete es einen wichtigen Wendepunkt in seinem innern Leben, als er durch die Schriften Swedenborgs zur Erkenntnis von der Einheit Gottes kam.

Gustav Werner, der Gründer des "Bruderhauses" in Reutlingen, Württemberg, war ein eifriger Verkünder der durch Swedenborg offenbarten Lehren, aus welchen in ihm seine großen sozialen Gedanken keimten.

Emerson schrieb: "Der bemerkenswerteste Schritt in der Religionsgeschichte der Neuzeit ist der, welchem der Genius Swedenborgs machte." "Den Wahrheiten, die aus seinem System in allgemeinen Umlauf gelangen, begegnet man heute jeden Tag, wie sie die Anschauungen und Glaubensbekenntnisse aller Kirchen gestalten und von Menschen außerhalb der Kirchen."

Honoré de Balzac schrieb: "Ich bin zu Swedenborg zurückgekehrt nach einem umfassenden Studium aller Religionen und nachdem ich alle Bücher gelesen habe, die in den letzten sechzig Jahren erschienen sind. Swedenborg faßt zweifellos alle Religionen — oder eben die Eine Religion — der Menschheit zusammen."

Carlyle äußerte sich wie folgt: "Swedenborg ist eine der geistigen Sonnen, welche nur immer heller strahlen werden, je wie die Jahre dahingehen."

Wir wollen die Reihe bedeutender Zeugen, die wir noch sehr vermehren könnten, schließen mit dem Urteil der taubstummen und blinden Helen Keller, die in ihrem Buche "Meine Religion" begeistert ihre Dankbarkeit für die Schriften Swedenborgs bezeugt. Sie schreibt da u.A.: "Swedenborgs Botschaft hat mir so viel bedeutet. Sie hat meinem Denken über das zukünftige Leben Farbe und Wirklichkeit und Einheit verliehen; sie hat meine Begriffe von Liebe, Wahrheit und Nützlichkeit emporgehoben; sie ist mir der stärkste Antrieb dazu gewesen, Beschränkungen zu überwinden. Swedenborgs "Göttliche Liebe und Weisheit" ist ein Lebensquell, dem nahe zu sein ich stets glücklich bin."

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Die Schriften Swedenborgs fanden schon zu seinen Lebzeiten ihre Anhänger, die bald daran gingen, die eine und andere aus dem Lateinischen zu übersetzen, um sie weiteren Kreisen ihres Volkes zugänglich zu machen. Um bei unserem deutschen Sprachgebiet zu bleiben, so hat der schon genannte schwäbische Prälat Oetinger das Buch über "Himmel und Hölle" gleich nach Swedenborgs Hinschied (1772) ins Deutsche zu übersetzen begonnen und es 1774 gedruckt; schon 1775 und 1776 mußte er neue ausgaben davon drucken lassen. 1784 bis 1786 erschien in Altenburg — von einem ungenannten Übersetzer — das große Werk "Wahre Christliche Religion". 1795 erschien in Basel auf Kosten eines dortigen Leserkreises das gleiche Werk in der Übersetzung eines Pfarrers Donat.

1814 fand dann Immanuel Tafel (1796-1863), Sohn eines schwäbischen Pfarrers, dessen Urahnen schon früh unter den evangelischen Geistlichen nach der Reformation figurieren, das Buch "Wahre Christliche Religion" bei einem Buchhändler; das Kapitel über die Dreieinheit behob seine quälenden Zweifel so vollkommen und beglückend, daß er das Rechtsstudium aufgab und in Tübingen statt dessen Theologie und Philosophie studierte, um für die Sache der Wahrheit arbeiten zu können. Er übersetzte alsbald ein Werk Swedenborgs um das andere und gab sie heraus, — eine Arbeit, welche ihm jahrelang auf Betreiben der Kirche verboten wurde, deren Fortsetzung ihm aber vom König auf seine Darlegungen hin wieder erlaubt wurde. Er erhielt auch eine Professur für Philosophie an der Universität Tübingen, an deren Bibliothek er bald zum Oberbibliothekar ernannt wurde. Mit ihm traten viele vereinzelte Anhänger in Deutschland und in der Schweiz in Verbindung. Sobald die Revolution von 1848 die nötige Freiheit erbracht hatte, fanden unter seiner Leitung auch Versammlungen in Stuttgart statt. Ein besonderer Förderer der Sache war damals der Industrielle Müllensiefen. Später wirkte der aus Württemberg stammende Mittnacht für den weitern Druck der Schriften.

Die damaligen Anhänger dachten nicht daran, eine eigene kirchliche Körperschaft zu gründen, sondern blieben in ihrer Landeskirche, waren sie doch überzeugt, daß Alle, die die durch Swedenborg verkündeten Lehren kennen lernen, sie gleich beglückt aufnehmen würden wie sie, da Alle durch dieselben von den gleichen quälenden Zweifeln befreit würden; vor allem, glaubten sie, würden die Geistlichen hochbeglückt diese Aufschlüsse begrüßen, und so würde die bisherige Kirche ganz von selbst durch allgemeine Aufnahme dieser evangelischen Wahrheiten erneuert werden. In dieser Hoffnung sahen sie sich sehr enttäuscht. Die Geistlichen verurteilten die Lehren im Gegenteil als Irrlehre, gewöhnlich allerdings ohne vorherige Prüfung. Nichtsdestoweniger blieben die Anhänger bei der Landeskirche. Nur hier und dort versammelten sich einige von ihnen zu gemeinsamem Lesen und auch zu Gottesdiensten, um nicht in der Kirche fortwährend in Predigt und Gebet zu hören, welche gegen ihre evangelische Überzeugung verstießen. Mehrere Organisationen wurden im deutschen Sprachgebiet gegründet, jedoch nicht als Kirche, sie verliefen jedoch ins Nichts nach dem vom Herrn verkündeten Gesetz, daß neuer Wein in neue Schläuche zu füllen ist, ansonst er verschüttet. Erst in neuer Zeit faßten etliche den Entschuß, eine kirchliche Körperschaft zu gründen, um auch ihre Kinder entsprechend unterrichten lassen zu können. So bestehen nun — soweit das deutsche Sprachgebiet in Frage kommt — in Deutschland und in der Schweiz Körperschaften, — in der Schweiz der "Schweizerische Bund der Neuen Kirche" und in Deutschland seit 1922 die "Deutsche Neue Kirche". Die Geistlichen müssen in der Regel die Maturitätsprüfung abgelegt haben, ehe sie an einer der theologischen Schulen in England oder den Vereinigten Staaten die besondere theologische Ausbildung erhalten. In diesen Ländern hat die Neue Kirche sich infolge der größeren äußeren und inneren Freiheit in kirchlicher Hinsicht viel früher entwickeln können und hat dort ansehnliche Organisationen. Körperschaften finden sich in allen vorwiegend protestantischen Ländern Europas, sowie in Frankreich und in der welschen Schweiz und in Triest. Einzelne Anhänger und Kreise aber finden sich über die ganze Erde hin, in Indien, Japan, Südamerika, usw.

In Indien haben — ganz ohne Verbindung mit der Neuen Kirche — einzelne Inder Werke Swedenborgs aufgestöbert und sie in ihre Heimatsprache übersetzt, indem sie sagten: "Das ist die einzige Form, in welcher das Christentum von Indien aufgenommen werden kann." Dort las auch der berühmte Sadhu Sundar Sing die Werke Swedenborgs mit viel Verehrung. Ähnlich ging es unter den Eingeborenen im Basuto-Land in Süd-Afrika.

Das kleine Werk Swedenborgs "Vom Neuen Jerusalem und seiner himmlischen Lehre" wurde 1938 anläßlich seines 250. Geburtstages in zwanzig verschiedenen Sprachen herausgegeben: Chinesisch, Dänisch, Deutsch, Englisch, Finnisch, Französisch, Italienisch, Japanisch, Lateinisch, Lettisch, Norwegisch, Polnisch, Rumänisch, Russisch, Schwedisch, Sechuana (in Südafrika), Serbisch-Kroatisch, Spanisch, Tamul und Tschechisch.

Der Swedenborg-Verlag in Zürich veröffentlicht Swedenborg-Schrifttum in deutscher Sprache, dort werden auf Anfrage hin auch bereitwilligst Auskünfte jeder Art über Lehren, Swedenborg-Literatur, Organisationen und Zusammenkünfte der Neuen Kirche erteilt.

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Als zu Nathanael (Joh. 1,46-51), von dem der Herr sagte: "Siehe da, in Wahrheit ein Israelite, in welchem kein Trug ist!", Philippus sprach: "Wir haben Den gefunden, von dem Moses im Gesetz und die Propheten geschrieben, Jesus, Josephs Sohn aus Nazareth," antwortete dieser zweifelnd: "Was kann aus Nazareth Gutes kommen?" Philippus antwortete einfach: "Komm und siehe!" Und Nathanael kam und sah und sprach zu Jesus: "Du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel!" — So möchten  auch wir Niemandem zumuten, an die Sendung Swedenborgs auf unser Zeugnis hin zu glauben, sondern möchten allen Lesern wie Philippus zurufen: "Komm und siehe!" Und Jeder, dem es um die Wahrheit zu tun ist, wird hier die Lehre des Herrn Jesus Christus Selbst und hiemit die Vollendung der Reformation finden.

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Inhalt

 

Lebensbeschreibung Emanuel Swedenborgs

Jugendzeit

Erfindungen

Bergwerkskollegium

Geologie

Kosmologe und Astronom

Anatome

Physiologe

Erleuchtung

Werkzeug der Offenbarung

Der Seher und Beweise seiner Sehergabe

Seine theologischen Werke

Volkswirtschafter und Staatsmann

Sein Hinschied

 

Kurzen Überblick über die Lehren der Neuen Kirche.

die Vollendung der Reformation

das Fortleben nach dem Tode

Die Antwort, welche die bisherige Kirche darauf gab

Was lehrt aber der Herr im Evangelium?

"sie leben Ihm Alle."

bei vollem Bewußtsein

in der geistigen Welt.

"Spiritismus"

"Himmel und Hölle"

Warum gibt es überhaupt eine Schöpfung?

ein Himmel von Engeln aus dem menschlichen Geschlecht

Der Mensch

warum beginnt er sein Leben in der irdischen Welt?

Die Schöpfung berichtet von keiner Erschaffung von Engeln.

Der Tod

Die Auferstehung.

erwacht der Mensch,

im geistigen Leibe.

alle Sinne,

Zwischenwelt,

zwischen Himmel und Hölle

Entwicklung

das Gericht,

Lebensbuch

"ihre Werke folgen ihnen nach",

Der Himmel

menschliche Form,

zwei Reiche

drei Himmel,

Gruppen und Vereinigungen

kein ewiges Beten und Singen

in nützlichem Wirken

Kinder

Ehe.

eine Welt von wirklicher Substanz,

Schöpfung,

Lebenssonne

Sonnen der natürlichen Welt

Evolution,

Entsprechungen

Kunst

Das Böse in der Natur.

Die Heilige Schrift

der Glaube an die Heilige Schrift in einer Krise.

eine Antwort, die den denkenden Menschen aufklärt, befriedigt und beglückt.

Offenbarung Gottes an die Menschen

Innewerden

Gottes Wort Alten und Neuen Testaments.

starke Bedenken gegen die Glaubwürdigkeit der Bibel

Religion und Vernunft

die Wunder,

viel Ungereimtes;

Was sollen uns heute jene alten Geschichten?

den Schlüssel aushändigt

zwei Bücher

die Gleichnissprache Gottes,

die biblische Geschichte,

schreiben Moses und die Propheten und Psalmen von Ihm

Tempel,

jüdisches Geisteserzeugnis

die Juden "ein auserwähltes Volk",

Israel stellt das geistige Israel dar,

Welche Bücher bilden das Wort?

Schöpfungsgeschichte

das Alte Wort

Bibelkritik

 

Wer war Jesus Christus?

Werden der Erdenmenschheit

bildeten sich höllische Sphären,

Veräußerlichung

Vielgötterei

Gottmenschentum

Es ist nur Ein Gott.

Die von Gott angenommene Menschennatur wird Sohn Gottes Genannt.

das Wunder der Menschwerdung

nichts Natürlicheres

erst durch die Menschwerdung der Kreislauf der Schöpfung geschlossen.

Erlösung

Erlösung wovon?

Höllen.

Ihre Übermacht galt es zu brechen.

neuen festeren Rückhalt am Göttlichen

von einer menschlichen Mutter

den ganzen Hang zu Bösem aller Art.

Geschlechtsregister

Warum nahm Gott die Menschennatur im jüdischen Volke an?

Maria

In jeder Versuchung

Zweiheit

ward Sein Menschliches verherrlicht,

Göttlich-Menschliche

Himmelfahrt

Dreieinheit

den Heiligen Geist

Wiederkunft

als den schaubaren Gott, in welchem der Anschaubare wohnt

Lehre von der Versöhnung Gottes durch Jesu Opfertod,

Wiedergeburt

Heilige Abendmahl

Gericht,

Das Gericht hat stattgefunden

Scheinhimmel

geistige Freiheit,

Neue Christliche Kirche

Berühmte Schüler.

 

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