Inhalt

Jakob Lorber

Kreuz und Krone

 

 

 

 

 

 

Sei getreu bis in den Tod,

und Ich werde dir

die Krone des Lebens geben.

[Off. 2,10]

Die Not des Lebens ist ein Gefäß des Lebens,

in welchem dieses gefestet wird.

Daher nehme jeder das Kreuz, welches Ich ihm gebe,

auf seine Schulter und folge Mir in aller Liebe nach,

so wird er sein Leben erhalten ewig.

[HiG.01_41.04.28,01]

 

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Zur Einleitung

Der Herr: Es naht wieder die Woche, da in der Christenheit ernstlicher an Mich gedacht wird, freilich in ganz verschiedener Weise und nicht so, wie Ich es möchte und bei Meinem Erdenwandel eingesetzt habe. Allein, lassen wir das dahingestellt! Es wird sich schon noch alles geben, um so mehr, da schon seit einiger Zeit die nötigen Vorkehrungen in geistiger Hinsicht getroffen sind, um endlich einmal Licht dort scheinen zu lassen, wo bis jetzt Finsternis herrschte.

Auch ihr, Meine Kinder, erinnert euch beim Herannahen dieser Gedenktage an die Worte, welche Ich euch in früheren Jahren gegeben habe. Und so mancher sehnt sich wieder nach neuen Worten, während er doch ein besseres Ergebnis bei sich selbst erwarten und in sich einkehren sollte, um zu sehen, inwiefern er gemäß der früheren Worte seiner Aufgabe nachgekommen ist. — Da Ich aber der Vater der Liebe bin und sehr gut weiß, mit welch schwachen Kindern Ich zu tun habe, so will Ich eure "Generalbeichte" hier nieder schreiben lassen, anstatt daß ihr sie Mir vorsagt. Denn so mancher würde vielleicht seine Hauptfehler auslassen, während Ich nicht gesonnen bin, auch nur einen mit Stillschweigen zu übergehen.

Sehet, die kommende Woche erinnert euch an zwei Tatsachen: Erstens an das Vorbild Meiner Demut, Sanftmut und allumfassenden, allverzeihenden Liebe; zweitens an das große Opfer, welches Ich als Gott in Menschengestalt für euch brachte, um euch nicht zu Tieren der Leidenschaft hinuntersinken zu lassen, sondern eure geistige Würde zu retten, so daß ihr, entsprechend Meinem Ebenbild, das werden könnt, zu was Ich euch geschaffen habe!

Was das erste betrifft, so ist die Frage zu beantworten: Wie und inwiefern seid ihr Meinem Beispiel nachgefolgt, wie habt ihr eure Nächstenliebe gegen eure Mitmenschen bewährt, wie habt ihr Demut, Verzeihung, Liebe ausgeübt?

Nun, da greife ein jeder in seine Brust, erforsche sich, und findet er seine Hauptschwächen, so verbessere er sie! Denn wenn Ich euch eure Schwächen aufzählen sollte, so könnet ihr versichert sein, daß es da schlecht aussieht. Keiner, ohne Ausnahme, ist das, was er sein sollte, oder das, was Ich verlangen könnte nach der Gabe so vielen Lichtes, das ihr bis jetzt von Mir empfangen habt. Denn überall sehe Ich Unduldsamkeit, falschen Bekehrungseifer, unnütze Geschwätzigkeit und schadenfrohes Aufdecken der Fehler anderer. Wahrlich, das sind nicht Eigenschaften Meiner Schüler!

Eben in dieser nächsten Woche steht das Bild der größten Entsagung, der größten Duldung und der größten Liebe vor euch, und wie wenig habt ihr diesem Bilde gleich gelebt und gehandelt!? Während Ich einst sagte: "Wer reinen Gewissens ist, der hebe den ersten Stein auf!" — habt ihr oft mit besudeltem Gewissen andere Fehlende einem ganzen Steinregen ausgesetzt und erbarmungslos in den Kot gezogen, was mit linder Hand daraus gehoben werden sollte! — Ich sprach am Kreuze noch: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!" Wann habt ihr solch eine Sprache geführt? — Sehet, da forschet nur in eurem Herzen nach, und ihr werdet mit Schaudern ersehen, wie viele schwarze Flecken in demselben sich zeigen, wie viele beschmutzte Blätter ihr in eurem Lebenstagebuch besitzet!

Aus allem, was ihr bis jetzt von Mir vernommen habt, leuchtet doch ganz deutlich hervor, wie ihr denken, leben und handeln sollt, und es ist nicht immer nötig, mit neuen Worten stets das Alte wieder zu sagen. Ihr solltet doch schon begriffen haben, daß das Lesen und Anhören Meiner Worte allein nicht genügt, um als Nachfolger Meiner Person zu erscheinen. Ihr solltet wissen, daß nicht gelegentliche Andacht oder Erhebung des Gemütes schon genug ist, um Mein Kind zu sein, sondern daß ein beständiger Hinblick auf Mich nottut, ein beständiges Gedenken, daß jeder Pulsschlag eures Herzens eine Gnade von Mir ist, deren ihr euch meistens nicht würdig zeiget; daß alles Gute, was euch begegnet, von Mir kommt und alles Schlechte, was euch zustößt, meistens euer eigenes Verschulden zum Grunde hat. Ihr solltet auch zu der Einsicht gekommen sein, daß Mensch nach Meinem Sinne zu sein nicht so leicht ist und eben deswegen alle Mühen, alle Kräfte darangesetzt werden müssen, um nur entfernt das hohe Ziel zu erreichen, zu dessen Erlangung euer Leben meist zu kurz ist, so daß ihr das Versäumte im Jenseits unter vielfachen Schwierigkeiten nachholen müßt.

Dieses alles sollte eure Seele als Bild vor sich hinstellen, um sich dann zu fragen: Bin ich denn so, wie ich eben jetzt in dieser herannahenden Woche meinem Jesus, meinem Schöpfer erscheinen möchte? Und ist wohl mein eigenes Gebaren wert, daß eben dieser Jesus, dieser Gott der Liebe solch ein großes Opfer meinetwegen brachte?

Ja, solche Gedanken sollten euch in diesen Tagen ganz besonders beseelen, da nun Mein Leichnam in vielen Kirchen mit allerlei Zeremonien ins Grab gelegt wird, bis Ich, des Harrens müde, zum Schrecken vieler Meine zweite Auferstehung halte, um ihnen zu zeigen, daß nicht, wie sie glauben, Ich ihnen dienen muß, sondern daß sie Mir dienen müssen!

Leget ihr, Meine Kinder, Mich nicht ins Grab! Verziert nicht mit schönen Einbänden Meine Worte, die Mein Ich vorstellen, und lasset sie dann im Bibliothekkasten ruhig stehen! Sondern lasset diesen Christus in euch auferstehen! Er wurde in euer Herz gelegt, auf daß er lebendig werde, auf daß auch in euch leuchte Seine Liebe, Seine Demut und Seine Opferwilligkeit! Solange ihr diesen Eigenschaften nicht nachkommt, so lange habt auch ihr nur einen toten Leichnam in eurem Herzen und nicht das warme, lebendige Wort, welches einst die Welt erschuf, sie erhält und vergeistigt, und das jetzt bald wieder alle Räume von neuem erleuchten wird, um zu zeigen, daß trotz allen Machenschaften doch nur Meine Lehren und Taten ewig leben und ewig den Glanzpunkt für alle geistigen Wesen bilden, die, vom Schöpfer ausgegangen, wieder zu Ihm zurückkehren.

So fasset also die nächste Woche auf! — Ihr wollet ja alle Meine Kinder werden und von Mir so genannt sein! Also zeiget euch dieses Namens und des damit verbundenen Segens und Glückes auch würdig, und es wird sodann in eurem Herzen der ins Grab gelegte Christus in Seinem schönsten Lichte wiedererstehen. Er wird Sein und euer Geburtsfest feiern, indem Er in euch durch die tätige Liebe gegen den Nächsten die Gottesliebe befestigt. Und nachdem Er so wieder auferstanden ist und ihr wiedergeboren seid, werdet ihr den ganzen Bereich Seiner Liebe und Seiner Macht erkennen dürfen.

So sollt ihr jedes Jahr gereinigter und geistig höher vor Mir stehen und mit dem Vorsatz, euch stets zu bessern, nach und nach fortschreiten, bis einen jeden sein irdischer Lebensweg zu Mir ins Jenseits führt, wo zwar die Kämpfe und Leiden nicht aufhören, ihr aber — je nach der errungenen Stufe — mit mehr Kraft und Macht ausgestattet sein werdet, auch diese größere Geistesschule zu Meiner Zufriedenheit zu durchlaufen.

Daher Meine Kinder, wachet und betet, — auf daß ihr nicht in Versuchung fallet!

So, wie Ich es einst Meinen Jüngern am Ölberg zurief, so sage Ich es euch jetzt wieder: Bewachet eure geheimsten Triebe, wenn sie euch beschleichen, damit ihr nicht fallet! Denn wie Petrus seine Verleugnung bereute, so wird auch bei euch der fehlerhaften Tat die Reue folgen. Suchet viel mehr durch guten Willen und gute Taten eure Zufriedenheit und Ruhe zu festigen, damit ihr erstarkt und nicht wie ein Schilfrohr von jedem leichten Wind der Leidenschaften euch beugen lasset! Betrachtet Mein Erdenleben! Wie oft fühlte auch Ich die Wehen der menschlichen Natur und widerstand ihnen! So wie Ich dort als Mensch, so könnet auch ihr als solche geistig siegen. Denn deswegen bin Ich ja gekommen, euch durch Wort und Tat zu zeigen, was der Mensch vermag, wenn ihn etwas Höheres beseelt als nur der gewöhnliche Erhaltungs- und Genußtrieb. Ich verfolgte Meinen Zweck mit Liebe, Ernst und Geduld bis ans Ende, allwo die Worte: "Es ist vollbracht!" die menschliche Lebensbahn abschlossen und Ich es euch überließ, die eurige zu beginnen.

Jetzt, da diese Tage der Erinnerung wieder vor eure Seele treten, erinnert euch also wohl, was Ich einst tat und warum Ich es tat. So werdet ihr leicht erkennen, welche Aufgabe die eurige ist und schon längst mit Flammenschrift in eure Herzen gegraben sein sollte!

Ich stand nach dem Tode des Leibes wieder auf — stehet auch ihr auf, nachdem ihr eure Leidenschaften, das heißt die sinnliche Welt zu Grabe getragen habt! Erhebt euch, irdische Menschen, um geistige Kinder eines ewigen Vaters und Bürger eines geistigen Reiches zu werden. Seid ihr doch alle bestimmt, mit Mir und durch Mich ein großes Auferstehungs- und Wiedergeburtsfest zu feiern, so daß ihr einst, wie Ich, die Krone des Sieges auf dem Haupte, ausrufen könnt "Es ist vollbracht! — vollbracht das große, schwere Tagewerk meiner wahren Menschwerdung! Ich habe gekämpft, gelitten und geduldet, aber der Sieg ist errungen! Ich habe die irdische Natur besiegt und stehe, vergeistigt, vor meinem Schöpfer, vor meinem Christus, der mit Seiner unermeßlichen Liebe mir mit dem höchsten Beispiel voranging, um mich dorthin zu führen, wo Finsternis und Kälte aufgehört haben; wo nur Licht und Wärme, Liebe und Seligkeit diejenigen lohnt, die den Versuchungen der Welt widerstanden, ihre Aufgabe beendigt haben und das Auferstehungsfest in vollstem Maße feiern können!"

Dieses nehmt hin von Mir zu den bevorstehenden Erinnerungsfesten, die ihr nicht äußerlich, aber desto mehr innerlich begehen sollt — damit das Wort wahr werde: "Wer Mich lieben und anbeten will, der muß Mich im Geist und in der Wahrheit anbeten!" Amen.

Der Messias wird ein großes Gastmahl bereiten. Dieses große Gastmahl wird die Lehre des Messias sein. Wer sie anhören und danach tun wird, der wird ein rechter Teilnehmer an dem großen Mahle sein und den Segen in Fülle überkommen. Wer die Lehre aber nur anhören, sie aber nicht tätig ins Werk setzen wird — für den ist sie ein wohlgedeckter Tisch, von dem er nichts ißt, und es ist für den dann einerlei, ob er als Geladener zum Gastmahl kommt oder nicht.

Wie MICH der Vater geliebt hat, so habe auch Ich euch geliebt: bleibt in Meiner Liebe! Wenn ihr Meine Gebote befolgt, werdet ihr in Meiner Liebe bleiben, so wie Ich die Gebote Meines Vaters befolgt habe und in Seiner Liebe bleibe. Das ist Mein Gebot, daß ihr euch unter einander so liebet, wie Ich euch geliebt habe. —

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Betrachtungen zur Passionszeit

Betrachtungen zur Passionszeit

 

Das Abendmahl

DER HERR schildert uns im "Großen Evangelium Johannes" Sein Abschiedsmahl mit den Jüngern:

"Nachdem die Mittagszeit herangekommen war, hieß Ich die Meinen aufbrechen, und wir begaben uns gemächlichen Schrittes wieder nach der Landstraße zwischen Jerusalem und Jericho. Es war aber heute der Tag des Osterlamms, und die Meinen fragten Mich, ob und wo Ich dasselbe mit ihnen essen wolle. Ich bejahte die erstere Frage und Verlangte, zweie sollten vor uns in die Stadt gehen und dort das Lamm bereiten, sodann wolle Ich mit den übrigen nachkommen.

Es lebte aber in der Stadt ein Mensch, welcher zu der Zahl derer gehörte, die von Mir schon im Anfange Meiner Lehrzeit gesundgemacht worden waren. Dieser war ein treuer Anhänger Meiner Lehre und fürchtete sich nicht vor den Juden und den mißgünstigen Pharisäern. Er hatte eine kleinere Herberge, die stets von Gästen guten Standes besucht wurde. Namentlich Verkehrten viele Römer bei ihm, die nach Jerusalem reisten. Er stand daher gut im Ansehen des Volkes wie auch in seinem Lebensunterhalt. Dieser Wirt hatte Mich schon früher durch Meine Jünger des öfteren bitten lassen, bei ihm einzukehren.

Zu ihm sandte Ich nun Petrus und Johannes, um das Osterlamm daselbst zu bereiten. Als Zeichen, wo dessen Haus zu finden sei, gab Ich ihnen an, sie sollten einem Menschen folgen, der einen Wasserkrug in dieses Haus tragen werde.

Beide Jünger waren dem Besitzer nicht unbekannt. Und als er Mein Verlangen hörte, ließ er sogleich in seiner Wohnung seinen besten Saal, den er sonst bei Familienfesten für sich selbst gebrauchte, herrichten, damit wir dort ungestört dem Brauche des Osterlammes folgen konnten, den er selbst als ein nach der Meinung des Tempels abgefallener Israelit nicht mehr beachtete, zumal er eine Griechin zur Frau hatte, mit der er nach Meiner Lehre lebte.

Dies war also der Inhaber des gepflasterten Saales, von dem die Evangelisten mit Ausnahme des Johannes berichten, weil es ihnen später sehr wichtig schien, anzugeben, wo das Abendmahl stattgefunden hat — während Johannes sich nur um die hier gesprochenen Worte und nicht um das Äußere kümmerte.

Es war Abend geworden, als Ich mit den Meinen ankam. Nachdem wir von unserem Gastgeber und dessen Familie freudig begrüßt worden waren, wurden wir unter der Versicherung, daß niemand uns hier stören werde, in den erwähnten Saal geführt, wo wir uns zu dem bereiteten Osterlamme niederließen.

Was an diesem Abend gesprochen worden ist, hat der Evangelist Johannes genau aufgezeichnet und ist daselbst nachzulesen. Hier ist nur einiges noch nachzuholen, damit das Verständnis für die Ereignisse mehr gefördert werde.

Nachdem wir in der hergebrachten Sitte das Lamm verzehrt hatten, stand Ich auf, gürtete Mich und nahm die Fußwaschung vor, wodurch die tiefste Demütigung des Menschensohnes bezeigt wurde, da dies ein Geschäft der niedrigsten Diener und Sklaven war. Gleichzeitig wurde aber damit gesagt, daß niemand Meine Wege wandeln kann, ohne daß Ich ihm vorher die Werkzeuge gereinigt habe, welche es ihm ermöglichen, diese Wege zu gehen. Das heißt, des Menschen Herz muß von allem Staube der bisher gewandelten Landstraßen der Welt völlig gesäubert werden, und zwar bin Ich es, der ihm dazu die Mittel reicht. Es soll daher niemand diese Waschung fürchten, ansonst er keinen Teil an Mir haben wird.

Ich gab also hier den Jüngern eine tiefe Lehre in einer sinnbildlichen Handlung, wobei allerdings die Handlung nicht die Hauptsache war, sondern der in ihr steckende Kern alles bedeutete.

Wie aber Ich Meine Jünger reinigte, so sollen auch die Menschen untereinander bemüht sein, sich zu reinigen, damit sie reinen Herzens, also mit 'gewaschenen' Füßen Mir wahrhaft nachfolgen können.

Es war nun Sitte, daß nach dem Mahl von dem Hausvater noch ein Bissen verabreicht wurde, indem er einen Spruch der Schrift dabei zu dem sagte, der diesen Bissen erhielt. Diese Sitte hat sich nicht bis zur Jetztzeit erhalten, wurde jedoch damals allgemein ausgeübt und galt bei vielen als eine Art Weissagung für die kommende Zeit. Während Ich nun diese Bissen bereitete, überfiel Meine Seele große Traurigkeit, und Ich sagte die Worte: 'Einer unter euch wird Mich verraten!'

Die Jünger, entsetzt über diesen Ausspruch, der ihnen dunkel erschien, bestürmten Mich mit Fragen, wie Ich das meine und wer Mich verraten könne. Ich lehnte aber jede Antwort ab und begann die Bissen zu verteilen, indem Ich jedem nach seinem Charakter noch eine Ermahnung sagte.

Petrus, der einer der ersten war, war am meisten von Meinem Ausspruche bedrückt und winkte dem Johannes, der Mir zunächst saß, er möge forschen, wer es wäre, den Ich meine.

Das 'An-der-Brust-Liegen' des Johannes ist durch Unkenntnis des Sprachgebrauchs vielfach falsch verstanden worden. Wir lagen nicht zu Tische, wie die Römer es taten — diese Sitte nahmen die Juden als heidnisch nie an, wie sie auch alles vermieden, was sie mit heidnischen Völkern hätte gemein machen können, — sondern wir saßen. Derjenige nun, dem eine besondere Freundesauszeichnung gegeben werden sollte, saß dem Hausvater zur Rechten und wurde von ihm dadurch geehrt, daß er ihm die Speisen zubereitete. Geschah dieses, so mußte sich der Hausvater ihm oftmals zuwenden, ihm die Brust entgegenbieten. Im Sprachgebrauch der damaligen Zeit bedeutete dieser Umstand eben das, was jetzt mit 'An-der-Brust-Liegen' übersetzt ist, wodurch allerdings ein anderer Begriff mit unterlaufen ist, der nicht beabsichtigt war.

Johannes fragte Mich nun leise, und ihm, als dem vertrautesten Meiner Jünger, sagte Ich: 'Der ist es, dem Ich den Bissen gebe!' — wonach Judas denselben erhielt mit den Worten: 'Was du tust, das tue bald!'

Natürlich konnten die anderen Jünger aus diesem Spruche nicht entnehmen, was Ich meinte. Judas aber, der ebenfalls durch Meinen ersten Ausspruch erschreckt war, da er sich getroffen fühlte, nahm diese Worte ganz als eine seinen Plänen zustimmende Aufforderung, erhob sich schnell und ging innerlich triumphierend hinaus.

Der ganze Hochmut eines zukünftigen Mitherrschers, der er durch Mich nun zu werden hoffte, sowie die größte Begierde, Ruhm und Ehre rücksichtslos einzuheimsen, erfüllten ihn, so daß Satan mit allen Hochmutsteufeln von seiner Seele Besitz nahm, die nur in dem Wunsch erglühte, zu herrschen und alle Gegner zu vernichten.

Hätte Ich aber nun dieses alles nicht vermeiden können?

Gewiß! Es stand hier aber dem Menschensohn die Wahl zu, allen Glanz und alle Ehre der Welt ergreifen zu können. Er mußte daher auch wahrhaft in die Lage kommen, zu wählen. Und hier nun lag für ihn die Entscheidung.

Daher sprach Ich nach des Judas Fortgang: 'Nun ist des Menschen Sohn verklärt. Und Gott ist verklärt in Ihm. Ist Gott verklärt in Ihm, so wird Ihn Gott auch verklären in Sich Selbst und wird Ihn bald verklären!' Das heißt also:

Der Menschensohn wird wahrhaft Gottes Sohn sein, und der Vater wird Sich bald für alle Ewigkeit mit Ihm vereinen. Ich gab nun Meinen Jüngern nochmals Meine gesamte Lehre in kurzen Worten wieder, wie es in der Schrift des Johannes zu lesen ist mit allen Reden und Gegenreden der Jünger, mit des Petrus und Philippus Einwänden und Meiner Entgegnung.

Es war aber über allen diesen Reden schon spät geworden, und Ich nahm nun das Brot nochmals, von dem Ich die ersten Bissen zubereitet hatte, und sagte zu den elfen: 'Nehme noch jeder einen Bissen, den Ich hier bereite! Es ist Mein Leib, das Fleisch gewordene Wort, welches in euch lebendig werden soll. — Nehmet auch diesen Kelch! Trinket alle daraus! Es ist Mein Blut, welches für euch zur Vergebung eurer Sünden vergossen werden wird. — Wer nicht Mein Fleisch isset und Mein Blut trinket, wird nimmermehr selig werden. Ihr wisset aber nun, wie ihr dieses zu verstehen habt, und werdet euch nicht mehr an solchen Worten stoßen. Esset, trinket, und solches tuet, so oft ihr es tuet, zu Meinem Gedächtnisse! Wo aber auch nur zwei solches tun werden zu Meinem Gedächtnis und sind versammelt in Meinem Namen, da bin auch Ich unter ihnen!'

Die Jünger taten nun also, wie Ich sie gelehrt hatte. So dann begaben wir uns aus dem Hause, nachdem Ich auch unserm Wirte gedankt hatte, der sich liebevoll von Mir verabschiedete."

 

Der Herr beim Sabbatmahl der Urväter

Auf das Liebesmahl des Herrn mit Seinen Jüngern als Gedächtnismahl für den Erdenwandel des himmlischen Vaters in Jesu wurden schon die Urväter im Werk der Neuoffenbarung "Die Haushaltung Gottes" (1/169) hingewiesen.

Zu Adam und seinen Nachkommen auf der Höhe kam Gott, der Herr, des öfteren in verschiedenerlei Gestalt, um sie zu belehren und vor den argen Einflüssen der Tiefe zu bewahren. So kam der "Abba" oder "Vater der Herrlichkeit" auch als ein gotterleuchteter Mensch namens ABEDAM zu den Kindern der Höhe, wandelte unter ihnen und gab ihnen heilige Lehren.

Eines Sabbatmorgens hielt er mit ihnen das Frühmahl, welches in Brot, Milch und Honig bestand. Nach dem das Mahl beendet war und alle in ihren liebeerfüllten Herzen dem Abedam Abba gedankt hatten, da erhob sich der Hohe und richtete an die Väter folgende Worte:

„Höret ihr alle, die ihr zugegen seid! Mit diesem Mahle sollet ihr euch allezeit erinnern, wer der war, ist und sein wird ewig, der zu euch kam und euch Selbst gelehrt hat den gerechten Weg der Liebe und also auch die wahre, unendliche Weisheit aus ihr — nicht eine Weisheit der Welt zur großen Beschwerde des Hauptes und einer noch größeren des Herzens, sondern eine wahre Weisheit der Liebe, welche ist das wahre, freie, ewige Leben.

Dieses Mahl sollet ihr so auch fürder begehen, bevor ihr dem Vater ein Sabbatopfer darbringen wollt. Denn wahrlich, Ich sage euch: Nicht eher soll das Opfer angesehen werden, als bis ihr euch beim Mahle als wahre Brüder und Schwestern in Meiner Liebe und also auch als Kinder eines und desselben Vaters im Herzen wohl erkannt habt!

Sooft ihr in der wahren, lebendigen Liebe eures Herzens zu Mir solches unter euch begehet, werde Ich unter euch sein — manchen, die da zu Mir brennenden Herzens sind sichtbar — oder den Laueren unsichtbar.

Ja, in Meiner Liebe werdet ihr alles vermögen — ohne Meine Liebe aber nichts! Denn Meine Liebe ist ein fetter, guter Acker, auf welchen ihr gesät seid. Wer sich da nicht ausreißen läßt vom Feinde, der wird üppig emporwachsen und wird viele herrliche Früchte bringen. Wer da aber die Wurzeln seines Liebelebens nicht tief und fest genug in den Grund dieses Ackerbodens treibt, wahrlich, dem wird es übel ergehen zur Zeit, wenn der Feind der Liebe kommt und versucht, die Bäumchen aus dem Boden des Ackers zu ziehen. Er wird nicht eines unversucht lassen. Wo er aber ein schwaches antrifft, wird er es wohl verschonen? O nein, er wird es samt den schwachen Wurzeln aus dem Boden des guten Ackers reißen. Und das Bäumchen wird verdorren und endlich ganz in den Tod übergehen! Denn wer hat in der Luft Pflanzen entstehen und gedeihen sehen?!

'Jedes Pflänzchen bedarf auch der Luft zum Leben!' werdet ihr wohl sagen. — Ja, auch Ich sage solches! Aber das Erdreich ist das erste Notwendige, ohne dieses ist die Luft zu nichts nütze!

Es ist die Luft gleich dem göttlichen Worte, und die Liebe eures Herzens gleich dem Erdreich, in welches gesät ist ein lebendiger Geist, umgeben mit einer lebendigen Seele. Dieser Same des ewigen Lebens, der Geist und die Seele in euch, kann nur dann sich die heilige Luft der göttlichen Lehre fruchtbringend zunutze machen, so er aufgegangen ist und feste und tiefe Wurzeln getrieben hat im Erdreich eurer Liebe zu Mir. — Sehet, sonach nützt euch Mein Wort wenig, so eure Herzen nicht voll Liebe sind zu Mir und daraus zu euren Brüdern.

Darum sei euch dieses Morgenmahl ein sichtbares Mahnzeichen, daß ihr euch allzeit an die Liebe halten sollet! Und solange ihr solches tut, werdet ihr auch das Leben haben und auch Mich als den Urborn aller Liebe, alles Lebens und aller wahren Weisheit!

Diese Worte grabet euch tief ins Herz und tut alle unabänderlich danach, so werdet ihr leben durch und durch und nicht fragen: 'Wo ist der Vater?' — und auch nicht zu Ihm rufen: 'Komme!' — Denn da wird Er sein bei euch und in euch wie jetzt — so auch ewig! — Amen."

 

Brot und Wein

Viele Christen sind im unklaren über des Herrn Worte vom Essen Seines Fleisches oder Brotes und vom Trinken Seines Blutes oder Weines — und damit auch über die wahre Bedeutung des vom Herrn empfohlenen Gedächtnismahles. Diese Dunkelheiten werden im "Großen Evangelium Johannes" wunderbar aufgehellt. In einer Aussprache sagt hier ein samaritanischer Mann, dessen Knecht vom Herrn geheilt wurde, zu seinem hohen Gast in tiefer Ehrfurcht: "O Herr und Meister, Deine Taten sind allerwunderbarst! Aber Deine Worte sind wahrhaft pur Wahrheit und Leben! Denn so Du handelst, merkt es auch ein Blinder, daß in Deinem Willen mehr als eine menschliche Kraft und Macht waltet. Aber wenn Du sprichst, dann erkennt man erst in der Fülle, daß Du der Herr Selbst bist! Denn die Weisheit Deiner Rede ist mehr als das hellste Licht der Mittagssonne. Aber nun muß ich dennoch ... des Reiches Gottes wegen an Dich, o Herr und Meister, eine Frage richten, so Du es mir allergnädigst gestatten willst!?"

Sagt DER HERR: "Rede du, was du nur immer willst, und Ich werde dir antworten!"

Sagt der Wirt: "Herr und Meister, Du hast nun vieles von Deiner abermaligen Ankunft und somit auch von der Ankunft des Reiches Gottes auf dieser Erde zu Deinen lieben Jüngern und daneben auch zu mir und meine geheilten Knechte geredet! Da fiel mir eines sehr auf. Du sagtest, daß das Reich Gottes nicht mit äußerem Schaugepränge unter die Menschen kommen werde, sondern es sei schon inwendig im Menschen, der es nur zu suchen, zu finden und in sich zu entfalten habe.

Ich aber bin da nun der Meinung, daß wir uns alle hier in Deiner Gegenwart befinden, die sich sichtlich nicht in uns, sondern noch sehr außer uns befindet, so daß wir mit aller Zuversicht sagen können: Siehe, hier ist Christus, der von Ewigkeit gesalbte Herr aller Herrlichkeit; und Er Selbst ist alles in allem und somit auch das ewige Reich Gottes und das Leben und die Wahrheit! — Da Du nun aber bei uns bist, so ist ja auch Dein Reich nicht in uns, sondern bei uns in unserer Mitte! — Wird in der von Dir uns vorhergesagten Zeit Deiner Wiederkunft sich diese heiligste Sache auch so verhalten, oder wird Deine zweite Ankunft von der jetzigen verschieden sein?“

Sagt DER HERR: "Du Mein lieber Freund hast nun wahrlich gut geredet! Und Ich kann dir sagen, daß dir das nicht dein Fleisch und Blut, sondern dein Geist eingegeben hat. Aber darum verhält sich die Sache von der einstigen Wiederkunft des Menschensohnes dennoch so, wie Ich sie euch allen klar genug gezeigt habe.

Du hast ganz recht, so du nun sagst, daß das Reich Gottes in Mir zu euch gekommen ist und sich bei euch nun in eurer Mitte befindet. Aber das genügt noch nicht zur Erreichung und vollen Erhaltung des ewigen Lebens der Seele, weil das Reich Gottes in Mir wohl zu euch gekommen, aber darum noch nicht in euer Inneres gedrungen ist, was erst dann geschehen kann und wird, wenn ihr ohne alle Rücksicht auf die Welt Meine Lehre ganz in euren Willen und somit auch in die volle Tätigkeit aufgenommen habt. Wenn das einmal der Fall sein wird, dann werdet ihr nicht mehr sagen: 'Christus und mit Ihm das Reich Gottes ist zu uns gekommen und wohnt bei und unter uns!' — sondern ihr werdet sagen: 'Nun lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebet in mir!' — Wenn das bei euch der Fall sein wird, dann werdet ihr in der Fülle auch lebendig begreifen, daß und wie das Reich Gottes nicht mit äußerem Schaugepränge zu und in den Menschen kommt, sondern sich nur inwendig im Menschen entfaltet und die Seele in sein ewiges Leben zieht.

Es muß zwar dem Menschen zuvor von außen her der Weg gezeigt werden durch das Gotteswort, das da kommt aus den Himmeln zum Menschen. Aber darum ist der Mensch noch nicht im Gottesreich und das Reich Gottes ist noch nicht in ihm. Erst so der Mensch ungezweifelt zu glauben anfängt und durch sein Tun nach der Lehre den Glauben lebendig macht, dann entfaltet sich das Reich Gottes im Menschen so, wie sich im Frühjahr das Leben in der Pflanze von innen aus zu entfalten beginnt, wenn die Pflanze vom Lichte der Sonne beschienen und erwärmt und dadurch zur inneren Tätigkeit genötigt wird.

Alles Leben wird wohl wie von außen her angeregt und geweckt — aber die Entstehung, Entwicklung, Entfaltung, Formung und Festung geht dann immer von innen aus. So müssen auch die Tiere und Menschen ihre Nahrung zuerst von außen her in sich aufnehmen. Aber dieses Aufnehmen der Speise und des Trankes ist noch lange die wahre Ernährung des Leibes nicht, sondern diese geht erst dann vom Magen aus in alle Teile des Leibes.

Wie aber gewisserart der Magen das Lebensnährherz des Leibes ist, so ist auch das Herz im Menschen der Nährmagen der Seele zur Erweckung des Geistes aus Gott in ihr. Und Meine Lehre ist die wahre Lebensspeise und der wahre Lebenstrank für den Magen der Seele. Und so bin Ich denn in Meiner Lehre an die Menschen ein wahres Lebensnährbrot aus den Himmeln. Und das Tun nach ihr ist ein wahrer Lebenstrank, ein bester und ein kräftigster Wein, der durch seinen Geist den ganzen Menschen belebt und durch die hell auflodernde Liebesfeuerflamme durch und durch erleuchtet. Wer dieses Brot ißt und diesen Wein trinkt, der wird keinen Tod mehr sehen, fühlen und schmecken in Ewigkeit."

 

"Mein Fleisch und Blut"

Sagen nun die Jünger: "Herr und Meister, diese Deine Belehrung ist wohl verständlich — aber als Du einmal in Kapernaum, wo Dir so viel Volk aus allen Gegenden nachzog, eine ähnliche Lehre vom Essen Deines Fleisches und vom Trinken Deines Blutes verkündet hast, da war das offenbar eine harte Lehre, besonders für jene Menschen, die Dein einfaches und klares Wort nicht so verstanden haben, wie es dem wahren Sinne nach zu verstehen war, weshalb denn damals Dich auch viele der damaligen Jünger verlassen haben! Wir selbst verstanden es auch anfangs nicht. Nur einer, der niemals ein eigentlicher Jünger von Dir war, hat uns die Sache verdolmetscht. Und so wir nun jene Lehre mit dieser jetzigen vergleichen, so besagt sie dasselbe, was Du nun wohl in höchster Klarheit gelehrt hast. — Haben wir recht oder nicht?“

Sagt DER HERR: "Allerdings! — Denn Brot und Fleisch sind da ein und dasselbe. Und wer in Meinem Worte das Brot der Himmel ißt und durch das Tun nach dem Worte, also durch die Werke der wahren, uneigennützigen Liebe zu Gott und zum Nächsten, den Wein des Lebens trinkt, der ißt auch Mein Fleisch und trinkt Mein Blut. Denn wie das von den Menschen genossene natürliche Brot im Menschen zum Fleische und der getrunkene Wein zum Blute umgestaltet wird, so wird in der Seele des Menschen auch Mein Wortbrot zum Fleische und der Liebetatwein zum Blute der Seele umgewandelt.

Wenn Ich aber sage: 'Wer da isset Mein Fleisch', so ist damit schon bedeutet, daß der Mensch Mein Wort nicht nur in sein Gedächtnis und in seinen Gehirnverstand, sondern zugleich in sein Herz, das da der Magen der Seele ist, aufnehmen soll und im gleichen auch den Liebetatwein, der da durch nicht mehr Wein, sondern ein wahres Blut des Lebens wird. Denn das Gedächtnis und der Verstand des Menschen verhalten sich zum Herzen beinahe geradeso wie der Mund zum natürlichen Magen. Solange das natürliche Brot sich noch unter den Zähnen im Munde befindet, ist es noch kein Fleisch, sondern Brot. Wenn es aber zerkaut in den Magen gelassen und dort von den Säften durchmengt wird, so ist es seinen feinen Nährteilen nach schon Fleisch, weil dem Fleische ähnlich. Und ebenso ist es auch mit dem Weine. Solange du den Wein im Munde behältst, geht er nicht ins Blut über; aber im Magen wird er gar bald in dasselbe übergehen.

Wer demnach Mein Wort hört und es in seinem Gedächtnisse behält, der hält das Brot im Munde der Seele. — Wenn er im Gehirnverstand darüber ernstlich nachzudenken anfängt, dann zerkaut er das Brot mit den Zähnen der Seele, denn der Gehirnverstand ist für die Seele das, was die Zähne im Munde für den Leibmenschen sind. — Ist vom Gehirnverstand Mein Brot, also Meine Lehre, zerkaut, oder als volle Wahrheit verstanden und angenommen, so muß sie dann auch von der Liebe zur Wahrheit im Herzen aufgenommen werden und durch den festen Willen in die Tat übergehen. Geschieht das, so wird das Wort in das Fleisch und durch den ernsten Tatwillen in das Blut der Seele, das da ist Mein Geist in ihr, umgestaltet.

Darum sei keiner von euch nur Hörer, sondern sogleich ein ernstwilliger und emsiger Täter Meines Wortes!

Wenn ihr dadurch dann in den Vollbesitz Meines Reiches in euch gekommen seid, dann werdet ihr über Schlangen und Skorpione wandeln und Gifte aus der Hölle trinken können und es wird euch das nimmerdar schaden.

Und so ihr das alles nun wohl begriffen habt, werdet ihr auch der vollen und lebendigen Wahrheit nach einsehen, was Ich unter dem 'Mein Fleisch essen' und 'Mein Blut trinken' verstanden haben will. Und ihr werdet das hinfort auch sicher keine harte Lehre mehr nennen."

 

Äußerliche Anbetung

Mit großem Ernst gibt DER HERR im "Großen Evangelium Johannes" den Verkündern Seiner Lehre die Weisung mit auf den Weg:

"Es werden in den späteren Zeiten falsche und herrschsüchtige Propheten in Meinem Namen das gleiche tun, was nun tun die Pharisäer und ihre Anhänger, und werden Mich vor den Augen des Volkes ehren mit allerlei Zeremonie und mit Gold, Silber und Edelsteinen. Aber Ich werde zu ihnen durch den Mund Meiner Erweckten sagen: 'Siehe, dies Volk ehrt Mich, den Herrn des Lebens, mit dem Kot und mit dem Tod und Gerichte der Materie — aber sein Herz ist ferne von Mir! Darum werde auch Ich ferne von solch einem Volke sein!'

Daher sollet ihr Mir in der Folge auch nicht irgend Tempel und Altäre erbauen! Denn Ich werde nimmerdar wohnen in den von Menschenhänden erbauten Tempeln und werde Mich nicht ehren lassen auf den Altären. Wer Mich liebt und Meine leichten Gebote hält, der ist Mein lebendiger Tempel. Und sein Herz voll Liebe und Geduld ist der wahre und lebendige und Mir allein wohlgefällige Opferaltar zu Meiner Ehre."

 

Ein rechtes Liebes- und Gedächtnismahl

Was nach dem Sinn und Willen des himmlischen Vaters recht und gut ist als äußeres Zeichen der Zugehörigkeit und zur Feier des Gedächtnismahls, bekundet DER HERR im "Großen Evangelium Johannes" mit den Worten:

"Es genügt, daß ihr den, der Meine Lehre im Herzen angenommen hat, in Meinem Namen taufet und ihm einen Namen der Ordnung wegen gebet, und Ich werde ihn stärken. — Dann möget ihr auch in Meinem Namen und in eurer Liebe zu Mir denen, die an Mich lebendig glauben und Meine Gebote halten, von Zeit zu Zeit, so ihr es habt, Brot und Wein geben zu Meinem Gedächtnisse.

Wo ihr ein solches Liebesmahl unter euch haltet, da werde auch Ich unter euch und in euch sein. Denn das Brot, das eure Liebe zu Mir den Brüdern und Schwestern bietet, wird gleich sein wie Mein Fleisch und der Wein wie Mein Blut, das bald für Viele wird Vergossen werden.

Dies allein genüge euch als ein äußeres Zeichen, das aber nur durch die Liebe einen rechten Wert vor Mir überkommen wird."

 

Sündenbekenntnis

DER HERR Ich bin nicht dagegen, so ein schwacher und seelenkranker Mensch im guten Willen einem stärkeren und seelengesunden Menschen seine Schwächen und Gebrechen treu bekennt — weil dann der gesunde und lichtstarke Mensch ihm aus wahrer Nächstenliebe jene wahren Mittel an die Hand geben kann, durch die des schwachen Nächsten Seele erstarken und gesunden kann. Denn auf diese Weise wird dann ein Mensch dem andern ein rechter Seelenheiland. Aber Ich mache daraus auch kein Gesetz, sondern gebe euch damit nur einen guten Rat. Und was Ich tue, das tuet auch ihr und lehret jedermann die Wahrheit!

Das Bekenntnis allein aber reinigt einen Menschen ebensowenig von seinen Sünden wie es einen leiblich Kranken schon gesund macht, so er einem Arzt seine Leiden und deren Grund noch so treu bekennt. Der Kranke muß vielmehr auf den Rat des weisen, kenntnisreichen Arztes hören, ihn getreu befolgen und in der Folge alles meiden, was ihn zum Leiden gebracht hat.

So ist es denn auch gut, daß in einer Gemeinde ein jeder Bruder den andern kennt, sowohl in seinen starken wie auch schwachen Seiten, damit einer den andern der Vollen Wahrheit nach seelisch und auch leiblich unterstützen kann. Wer aber verschlossen sein und bleiben will in der Meinung, daß er durch sein Bekenntnis jemanden ärgern könnte, dem soll niemand seine Schwächen herausfordern!

Wenn dagegen jemand von euch ein Weiser ist, und sein Geist offenbart ihm die Mängel des schwachen und ängstlichen Bruders, so gebe ihm der Weise unter vier Augen einen guten Rat und helfe ihm mit Rat und Tat aus der geheimen Not, und sein Lohn wird nicht unterm Wege bleiben! Doch lasset jedem den freien Willen, und tuet niemandem einen Zwang an. Denn ihr wisset, daß ein jeder geistige Zwang völlig wider Meine ewige Ordnung ist!

Ihr sollet daher auch dem schwachen Bruder, der sich euch vertraulich enthüllt hat, ja nicht mit einer richterlich drohenden Miene begegnen, sondern ihm stets mit aller Liebe und Freundlichkeit die Wahrheit offen kundtun und ihm auch die Mittel an die Hand geben, durch die er leicht und sicher geheilt werden kann. So wird er auch den Mut nicht sinken lassen und ein dankbarer Jünger der freien Wahrheit werden. Aber wenn ihr ihm mit allerlei Strafpredigten kommt, so werdet ihr nichts oder wenig ausrichten, sondern ihn nur um vieles elender machen."

 

Sündenvergebung

DER HERR: "Ich habe euch, besonders Meinen alten Jüngern, auch einmal gesagt, daß ihr denen, die an euch gesündigt haben, die Sünden vergeben könnet, und denen ihr sie Vergeben werdet hier auf Erden, denen sollen sie auch im Himmel vergeben sein. Solltet ihr aber wegen sichtlicher Unverbesserlichkeit guten Grund haben, einem Menschen die Sünden, die er gegen euch begangen hat, vorzuenthalten, so werden sie ihm auch im Himmel vorenthalten sein. Wir haben aber schon damals ausgemacht, daß ihr erst dann das Recht haben sollet, den Sündern ihre Sünden gegen euch vorzuenthalten, so ihr ihnen zuvor schon siebenmal sieben und siebzig Male vergeben habt.

So aber ihr als Meine nächsten Jünger nur auf die besagte Weise von Mir aus das Recht habt, den Sündern die gegen euch begangenen Sünden vorzuenthalten oder auch zu vergeben, so ist es klar, daß kein Priester je das Recht von Gott aus haben konnte und kann, auch fremde Sünden zu vergeben oder vorzuenthalten. Wer zum Beispiel sich an Kaiphas versündigt hat, dem kann Kaiphas die Sünde vergeben oder nach Gestalt der Sache auch vorenthalten. Wer sich aber gegen den Herodes versündigt hat, der hat mit dem Kaiphas, oder Kaiphas mit ihm, nichts zu tun — sondern nur allein mit Herodes!"

"Der Mensch kann nur dadurch die wahre und volle Vergebung seiner begangenen Sünden erlangen, so er erstens seine Sünden als ein Unrecht gegen Gottes Ordnung erkennt, sie bereut und nach Möglichkeit den Schaden gegenüber seinen Nebenmenschen wiedergutmacht, und zweitens aber dann auch Gott um Vergebung bittet mit dem ernsten Vorsatz, die Sünden nicht mehr zu begehen und dem gemachten guten Vorsatz auch treu zu bleiben. So ihr das in euren Herzen euch treu und wahr vornehmet und dann auch nach der Vornahme handelt, so sage Ich euch jetzt und immerdar: Eure Sünden sind euch vergeben!"

 

 

 

 

1. Vor dem Liebesmahl

Meine lieben Kinder. Ihr wollt Mich einladen, ein Mahl der Liebe mit euch zu feiern, und Ich gebe euch die Verheißung, welche Ich für immerdar gültig ausgesprochen habe in der Heiligen Schrift: "Wo zwei oder drei beisammen sind in Meinem Namen, da bin Ich mitten unter ihnen!"

In Meinem Namen, in Meiner Liebe sollet ihr daher euch auch jetzt zusammenfinden. Nur um Meinetwillen sollet ihr dieses Mahl halten. Und jedes unter euch trage das größte Verlangen in sich, durch Meinen Geist gestärkt zu werden in der Liebe zu Mir und den Geschwistern. Und dieses Verlangen will Ich euch reichlich segnen.

Haltet fest daran, daß ihr immer noch zu wenig Liebe für Mich und für eure Geschwister wie überhaupt für eure Mitmenschen habt! Kommet in eurem Schwachheitsgefühle zu Mir in dieser Stunde, da ihr das Mahl zu Meinem Gedächtnisse genießen wollt, damit Ich unter euch treten kann mit dem Gruße: "Friede sei mit euch!" Und diesen Gruß verwahret als heiliges Vermächtnis in eurem Herzen! Jedes sei dieser Worte eingedenk, wenn in seiner Seele ein Sturm der Leidenschaft im Anzug ist! Es gedenke Meiner Liebe, die es in sich aufgenommen hat, und sei nicht undankbar durch Mißachtung dieses Gnadengeschenkes. Es bedenke wohl, daß Ich bei ihm Wohnung genommen habe, und entweihe nicht die geheiligte Stätte mit Unreinem, das vom Gegenteil zeugt. Erkennet euch alle selbst und eure Leidenschaften, die euch von Mir scheiden! Legt sie auf den Altar der Selbstbeherrschung! Und Ich will durch Meinen Geist die Liebe als Feuer dazutun, damit sie dieselben verzehre.

So sollet ihr nun das Liebesmahl feiern — nicht um eine Form einzuführen als Zeichen eines Bundes unter euch; sondern ein heiliger Ernst, ein feierliches Gelöbnis soll euer Herz erfüllen in Meiner Nähe, da Ich als Vater bei euch zu Tische sitzen will.

Meine Freude dabei ist, einem jeden zu geben, was zu seinem Frieden dient. Gar viel will Ich euch ja noch geben. Nur müsset ihr euch auch bemühen, würdige Empfänger zu werden. Und so will Ich diesen Tag euch segnen und die Verheißung erfüllen: "Was ihr den Vater bittet in Meinem Namen, das wird Er euch geben!" Aber nicht nur euch allein, sondern allen Meinen Kindern! Darum bittet für alle, welche ihr im Herzen mit euch verbunden fühlet! — Amen! Euer Vater in Jesu.

 

2. Während des Liebesmahles

Vater, die Stunde ist gekommen; verherrliche Deinen Sohn, auf daß Dein Sohn Dich verherrliche! Du hast Ihm ja die Macht verliehen über alles Fleisch, damit Er allen, die Du Ihm gegeben hast, ewiges Leben verleihe. Darin aber besteht das ewige Leben, daß sie Dich, den allein wahren Gott, und Den Du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen. Ich habe Dich hier auf Erden verherrlicht, indem Ich das Werk vollendet habe, das Du Mir zu vollführen übertragen hast. Und nun verherrliche Du Mich, Vater, bei Dir selbst mit der Herrlichkeit, die Ich bei Dir hatte, ehe die Welt war.

Ich habe Deinen Namen den Menschen geoffenbart, die Du Mir aus der Welt gegeben hast. Dein waren sie, und Mir hast Du sie gegeben, und sie haben Dein Wort bewahrt. Jetzt haben sie erkannt, daß alles, das Du Mir gegeben hast, von Dir stammt. Denn die Worte, die Du Mir gegeben hast, habe Ich ihnen gegeben, und sie haben sie auch angenommen und die Wahrheit erkannt, daß Ich von Dir ausgegangen bin, und haben den Glauben gewonnen, daß Du es bist, der Mich gesandt hat.

Ich bitte für sie; nicht für die Welt bitte Ich, sondern für die, welche Du Mir gegeben hast; denn sie sind Dein Eigentum — was Mein ist, ist ja alles Dein, und was Dein ist, ist Mein — und Ich bin in ihnen verherrlicht. Ich bin ja nicht länger in der Welt, doch sie sind noch in der Welt, während Ich zu Dir gehe. Heiliger Vater, bewahre sie in Deinem Namen, den Du Mir kundzutun verliehen hast! Laß sie eins sein, so wie wir es sind. Solange Ich bei ihnen war, habe Ich sie, die Du Mir gegeben hast, einträchtig in Deinem Namen bewahrt und behütet; und keiner von ihnen ist verloren gegangen außer dem Sohne des Verderbens. Jetzt aber gehe Ich zu Dir und rede hier dieses noch, damit auch sie in der Welt die Freude, wie Ich sie habe, vollkommen in sich tragen. Ich habe ihnen Dein Wort gegeben, und die Welt hat sie dafür gehaßt; denn sie sind nicht von der Welt, gleichwie Ich nicht von der Welt bin. Ich bitte Dich nicht, sie aus der Welt hinwegzunehmen, sondern sie vor dem Bösen zu behüten. Heilige sie in Deiner Wahrheit! Dein Wort ist ja die Wahrheit. Gleichwie Du Mich in die Welt gesandt hast, habe auch Ich sie in die Welt gesandt; und für sie heilige Ich Mich, damit auch sie geheiligt werden in der Wahrheit.

Ich bitte aber nicht nur für diese, sondern auch für die, welche durch ihr Wort zum Glauben an Mich kommen werden: gib, daß sie alle eins seien; wie Du, Vater, in Mir bist und Ich in Dir bin, so laß auch sie in uns eins sein, damit die Welt glauben lerne, daß Du Mich gesandt hast. Ich habe die Herrlichkeit, die Du Mir gegeben hast, ihnen gegeben, auf daß sie eins seien, wie wir eins sind, und die Welt erkenne, daß Du Mich gesandt hast und sie liebst, gleichwie Du Mich liebst.

Vater, Ich will, daß, wo Ich bin, auch die bei Mir seien, die Du Mir gegeben hast, damit sie Meine Herrlichkeit schauen, die Ich von Dir habe; denn Du hast Mich schon vor Grundlegung der Welt geliebt. Gerechter Vater, die Welt hat Dich nicht erkannt, aber Ich habe Dich erkannt; und diese haben erkannt, daß Du Mich gesandt hast. Ich habe ihnen Deinen Namen kundgetan und werde ihn auch ferner kundtun, damit die Liebe, mit der Du Mich geliebt hast, in ihnen sei und Ich in ihnen.

 

3. Nach dem Mahl

Kinder Meiner Liebe! In jenen Worten des hohepriesterlichen Gebets ist Meine ganze Liebe zu euch ausgedrückt und das enge Band euch gezeigt, das Vater und Kind verbinden soll. Gleichwie Ich und der Vater eins sind, also sollet auch ihr in Mir und Ich in euch wohnen. Scheiden euch aber eure Leidenschaften fürder von Mir, so will Ich euch diese Worte in die Erinnerung rufen, damit ihr wieder umkehret. Leset sie in solchen Stunden der Anfechtung, und Ich will Mich eurer erbarmen und euch zu Hilfe kommen.

Jeder Schritt im herzlichen Verlangen nach Mir bringt euch mit Mir in engere Verbindung. Ich rechne euch alle Seufzer der Sehnsucht nach Mir als Liebe an und übersehe dafür so gerne die Verfehlungen, wenn sie bereut werden.

Dies soll heute unser Bund sein! Und dabei seid ihr ja im großen Vorteile, wenn Ich eure mangelhafte Liebe mit Meiner reinen, göttlichen Liebe tausendfach vergelte!

So nehmet denn Meinen vollen Segen mit nach Hause! Ich verspreche euch, bald bei jedem anzuklopfen und zu fragen, wie er sich dabei befindet! — Amen! Amen! Amen! Euer Vater bei euch.

 

Mahnung zur Einmütigkeit

"Sehet, es kommt die Stunde und ist schon gekommen, da ihr euch zerstreuen werdet, jeder an seinen Ort, und Mich allein lasset!"

Dieser Text besagt, was heute offenkundig vor euren Augen liegt! — Was wird denn hier unter dem Wort "Zerstreuung" verstanden? Etwa das persönliche Auseinandergehen Meiner Jünger und Apostel? — O nein! Das war ja ihre Bestimmung und zu dem habe Ich sie berufen, daß sie ausgehen sollten in alle Lande und predigen das Evangelium aller Kreatur!

Von einer persönlichen und örtlichen Zerstreuung ist in jener Vorhersage also nicht die Rede, wovon ja auch schon der Text selbst zeugt, da es weiter heißt: "Wenn ihr Mich aber auch verlassen werdet, so werde Ich dennoch nicht allein sein; denn der Vater ist in Mir."

Und urteilet selbst: Kann Mich persönlicher- und örtlicherweise jemand verlassen? Wohin wohl sollte er gehen, daß er Mir ferner oder näher zu stehen komme? Wo wird er wohl weiter von Mir sein, ob er ist an diesem oder jenem Ende der Welt? Ich meine, das wird für Mich, den Allgegenwärtigen, doch sicher ein und dasselbe sein!

Was für eine Zerstreuung ist denn nun aber hier gemeint? — Sehet hin auf die Sekten, die gegenwärtig vor euren Augen bestehen und schon zu Meinen Lebzeiten kleinspurlich vorhanden waren. In wenigen Jahrhunderten nach Meiner Auffahrt war die Zerstreuung schon so groß, daß niemand mehr recht wußte, wer da Koch und Kellner ist! Man mußte zu großartigen Konzilien schreiten, blieb aber nach dem Konzil so wie vor demselben — zerstreut. Und wie es jetzt aussieht, brauche Ich euch sicher nicht zu zeigen; denn wo ihr nur immer hinblicket, werdet ihr die Zerstreuung entdecken!

Es heißt in jenem Worte: "Ein jeglicher an seinen Ort". Das besagt soviel als: "Eine jede Sekte hält sich für die beste und reinste".

Bin Ich aber darum allein? —   O nein! Der Vater oder die Ewige Liebe ist ja in Mir!

An der Liebe erkenne Ich die Meinigen, aber nicht an der Sekte! Wer Mich liebt und hält Mein Wort, der hat die Liebe des Vaters in sich, wie Ich den Vater habe in Mir — und der ist eins mit Mir, wie Ich eins bin mit dem Vater! Darum bin Ich nicht allein; denn wie der Vater in Mir ist, so bin Ich in einem jeden. Und ein jeder ist in Mir, der Mich liebt und Mir nachfolgt.

Da gibt die Sekte keinen Unterschied. Und verflucht sei derjenige, der vorzugsweise aus weltlichen Rücksichten eine Sekte vor der andern bevorzugt! Denn in keiner unduldsamen Sekte ist Wahrheit und Leben; alles wird da auf den Zwangsglauben und auf den Überredungsglauben, der um kein Haar besser ist, angelegt. — Wo bleibt da der freie Mensch? — Wann habe Ich jemanden je zum Glauben genötigt? — Ich ließ es einem jeden frei! — Wem Meine Werke nicht genügten zur inneren Überzeugung, der wurde durch kein anderes Mittel gezwungen. Denn Ich habe Meine Lehre nicht für den bloßen Glauben, sondern für die Tat gegeben.

Und so viel mußte ich ja doch voraussehen, daß ein und dasselbe Licht die Gegenstände, dahin es fällt, so verschieden beleuchtet, wie verschieden die Gegenstände selbst sind! — So ist es auch mit dem Licht des Glaubens! Je nachdem es auf ein verschieden gefärbtes menschliches Gemüt fällt, so muß es dasselbe auch beleuchten. Eine Forderung aber, daß ein und dasselbe Licht von all den tausendfarbigen Gemütern vollkommen gleich zurückstrahle, ist daher eine große Torheit.

Die Wirkung des Lichtes muß verschieden sein. Aber die Wirkung der Liebe bleibt dieselbe, wie an und für sich die Wärme nur eine Wirkung hat, nämlich: Sie erwärmt das Rot auf dieselbe Weise wie das Blau, und alles kann glühend gemacht werden. Und die Farbe der wahren, lebendigen Liebesglut ist ewig eine und dieselbe, und ein glühendes Gold unterscheidet sich nicht von einem glühenden Stück Eisen.

Sehet, das ist die Bedeutung dieses Textes! — Zerstreuet euch daher nicht in den Glaubensauffassungen, sondern bleibet eins in der Liebe, so werdet ihr leben! — Amen.

 

Der Vater zu den Seinen beim Liebesmahl in den Himmeln

Meine geliebten Kindlein! Als Ich einst auf Erden nach Meiner Auferstehung zu euch kam, da fragte Ich euch, weil ihr hungrig waret und nicht viel zu essen hattet: "Kindlein, habt ihr nichts zu essen?" — Und da zeigtet ihr Mir etwas Brot und etliche Fische. Ich segnete euch die Fische und das Brot und setzte Mich dann mit euch zu Tische und aß mit euch. Nun frage Ich euch nicht mehr, ob ihr zu essen oder nicht zu essen habt, sondern aus Meinem unendlichen Schatz und Vorrat habt ihr in endloser Fülle ewig genug. Aber soll darum dieses von Mir auf Erden gesprochene Wort hier keine Geltung haben?

Ich sage euch: Diese Frage soll hier noch eine vollkommenere Geltung haben als damals. Denn sehet, die Kinder der Erde sind nun in demselben Zustande, in dem ihr waret als bald nach Meiner Auferstehung. Sie sind voll trauriger Gedanken und wissen nicht, was mit dem Herrn geschehen ist. Sie haben ebenfalls nur eine dürftige Nahrung, die da gleicht den Fischen und dem Brote, das ihr hattet.

Die "Fische" sind das Alte und das "Brot" das Neue Testament. Da aber diese Speise bei den Kindern auf der Erde zum Teil versalzen, zum Teil ausgetrocknet ist, so ist es hier unter uns um so mehr an der Zeit, uns nun öfter an jene Kindlein zu wenden und sie zu fragen: "Kindlein, habt ihr nichts zu essen?" -

Und sie werden uns ihren Vorrat vorweisen. Und wir wollen ihnen diese Speise segnen zum guten, lebendigen Gedeihen, wie Ich euch eure Fische und euer Brot gesegnet habe, und wollen uns dann mit ihnen zum Tische ihres Glaubens und ihrer Liebe setzen und mit ihnen essen, das heißt, wir wollen sie im Geiste und in der Wahrheit aus ihrem schwachen Vorrate die wahren Wege zum ewigen Leben kennen lehren!

Esset also nun mit Mir und trinket und seid dabei in aller Liebe eingedenk derjenigen, die noch in der Tiefe ihres Fleisches wohnen und nicht erschauen können Mein Reich, Meine Gnade, Meine Liebe und Erbarmung!

 

Des Herrn Gleichnis vom königlichen Hochzeitsmahl

Das Himmel- oder Gottesreich ist gleich einem Könige, der seinem Sohne Hochzeit machte. Er sandte darum seine Knechte und Diener aus, auf daß sie gar viele vornehme Gäste zur königlichen Hochzeit luden.

Aber die Geladenen sagten bei sich: "Was bedürfen wir einer königlichen Hochzeitstafel!? Wir haben es daheim besser und brauchen niemandem zu danken!" — Und es wollte daher keiner der Geladenen zur königlichen Hochzeit kommen.

Als der König Kunde erhielt, daß die erstgeladenen Gäste nicht kommen wollten, sandte er abermals andere Knechte aus und sprach zu ihnen: "Saget den Gästen: 'Sehet, meine Hochzeit habe ich bereitet! Meine Ochsen und mein Mastvieh sind geschlachtet und alles ist wohl bestellt! Darum kommet alle zur Hochzeit!"

Da gingen die Knechte hin und richteten das Gebotene treulich den einzuladenden Gästen aus. Die Geladenen aber kehrten sich abermals nicht daran, sondern verachteten den Ruf und gingen der eine auf seinen Acker, der andere zu seiner andersartigen Hantierung, und noch andere ergriffen die Knechte und verhöhnten sie und töteten sogar etliche.

Als das der König hörte, da sandte er in seinem gerechten Zorne alsbald seine Heere aus, brachte alle Mörder um, zündete ihre Stadt an und ließ sie von Grund aus verwüsten.

Darauf sprach der König abermals zu seinen Knechten: "Die Hochzeit ist zwar wohlbereitet, aber die geladenen Gäste waren ihrer nicht wert. Darum gehet nun hin auf alle Straßen und Gassen und ladet zur Hochzeit, wen ihr findet!"

Und die Knechte gingen und brachten, wen sie nur immer fanden, Böse und Gute. Und sehet, die Tische wurden voll besetzt!

Als die Tische aber auf diese Weise bestellt waren, da ging der König hinein in den großen Speisesaal, um die Gäste zu begrüßen. Da ersah er einen, der kein auch nur von fernehin hochzeitlich Kleid anhatte, während doch alle anderen, als sie geladen wurden, nach Hause geeilt waren und sich so gut als möglich hochzeitlich geschmückt hatten.

Da fragte der König die Knechte: "Warum hat denn jener Mensch sich nicht hochzeitlich geschmückt, auf daß er meine Augen erquicke und den vielen anderen Gästen kein Ärgernis gebe?"

Die Knechte aber sagten: "O mächtigster König, das ist einer von den Erstgeladenen, die nicht kommen wollten! Wir fanden ihn nun beim dritten Einladen auch auf der Straße, luden ihn abermals ein und rieten ihm, daß auch er sich mit einem hochzeitlichen Kleide schmücken solle. Er aber sagte: 'Ei was da! Ich will mir der Hochzeit wegen keine saure Mühe machen, sondern ich werde zur Hochzeit gehen, wie ich bin!' Und so ging er denn auch, wie wir ihn auf der Gasse trafen, mit den anderen Gästen zur Hochzeit herein, und wir wehrten es ihm nicht, da wir dazu von dir aus kein Recht hatten!"

Als das der König von den Knechten vernahm, da ging er hin zu dem, der kein Hochzeitskleid anhatte, und sagte zu ihm: "Wie mochtest du wohl hier hereinkommen, ohne hochzeitlich mit einem Festgewande geschmückt zu sein? Siehe, die Tische sind voll besetzt nun mit Armen, von denen ein Teil böse war und nur ein geringer Teil gut; aber alle haben sich so geschmückt, daß nun mein Auge ein rechtes Wohlgefallen an ihnen hat! Du aber warst schon ein erstes Mal geladen und wolltest nicht der Einladung folgen. Und da nun die dritte, allgemeine Einladung erging, hast du dich zwar bewegen lassen, hereinzugehen, kommst jedoch ohne allen Hochzeitsschmuck und hast doch des Vermögens zur Genüge für ein Hochzeitsgewand! Warum tatest du mir eine solche Unehre an?"

Da ward der also Gefragte im höchsten Grade unwillig über den König und wollte sich nicht einmal entschuldigen und den König um Vergebung bitten; sondern er blieb stumm und gab dem Könige keine wie immer geartete Antwort, obwohl der König ihn zuvor als Freund angeredet hatte.

Diese böse Verstocktheit erboste aber den König so sehr, daß er zu seinen Dienern sagte: "Dieweil dieser Mensch also verstockt ist und meine große Herablassung und Freundlichkeit nur mit Unmut, Zorn und Verachtung lohnt, so bindet ihm Hände und Füße (Liebewillen und Weisheit) und werfet ihn in die äußerste Finsternis (des puren Weltverstands) hinaus (in die Materie)! Da wird sein Heulen und Zähneklappern" —

Ich aber sage euch hiermit, daß zum wahren Reiche Gottes von Gott aus durch Seine erweckten Knechte auch viele von euch geladen und berufen worden sind — aber auserwählt dann nur wenige. Denn einmal wollten sie der Einladung gar nicht Folge leisten, darauf widersetzten sie sich derselben. Und als zum dritten Male auch alle Heiden zur Hochzeit geladen wurden, sich schmückten und zur Hochzeit kamen, da kam der Erstgeladenen nur einer im unhochzeitlichen Gewand, und dieser ist das Bild eures Starrsinns, der euch in die äußerste Weltfinsternis und Not hinausstoßen wird. Und darum werden unter den vielen schon von Anbeginn Berufenen sich gar wenige Auserwählte befinden.

Darin aber besteht das Reich Gottes im Menschen, daß er die Gebote Gottes hält und an Den glaubt, der in Mir zu euch gesandt worden ist. Wahrlich, Ich sage euch: Wer an Mich glaubt und nach Meinem Worte tut, der hat das ewige Leben in sich und damit auch das wahre Reich Gottes. Denn Ich Selbst bin die Wahrheit, das Licht, der Weg und das ewige Leben!

Wie könnt ich sein vergessen,

der mein noch nie vergaß?

Wie seine Lieb ermessen,

durch die mein Herz genas?

Ich lag in bittern Schmerzen,

Er kommt und macht mich frei.

Und stets quillt aus dem Herzen

Ihm neue Lieb und Treu.

Wie sollt ich Ihn nicht lieben,

der mir so hold sich zeigt?

Wie dessen Herz betrüben,

der so zu mir sich neigt?

Er, der ans Kreuz gehoben

für mich ging himmelan

und täglich nun von oben

mich segnend will umfahn.

Ich darf, ich darf Ihn lieben,

der mir aus Todesnacht,

von meinem Schmerz getrieben,

Unsterblichkeit gebracht,

der noch zur letzten Stunde

mir reicht die treue Hand,

bis auch die letzte Wunde

ausheilt, die mich gebrannt.

Er gibt zum treuen Pfande

mir selbst sein Fleisch und Blut,

hebt mich vom Erdentande,

füllt mich mit Himmelsmut,

will selber in mir thronen

mit Trost und Licht und Schein:

sollt ich nicht in Ihm wohnen,

in Ihm nicht selig sein?!

(Christian Gottlob Kern)

 

Gethsemane

DER HERR: … Wir gingen nun zum Tore hinaus und wandten uns dem Ölberge zu.

Dort lag der Garten, der jetzt noch "Gethsemane" genannt wird, jedoch an einem ganz andern Orte. Er gehörte zu jener Herberge auf dem Ölberge, die ein Besitztum des Lazarus und als beliebter Ausflugsort bekannt war. Unterhalb jener Herberge, die auf der Höhe lag und eine weite Aussicht bot, erstreckte sich eine parkartige Anlage, durch welche hindurch ein sehr angenehmer Weg zur Höhe hinaufführte. Dieser Park ist das eigentliche Gethsemane gewesen und liegt, wie erwähnt, an einer ganz andern Stelle als das jetzt gezeigte, das mit ihm nur den Namen gemeinsam hat, weil die dortigen sehr alten Bäume den späteren Suchern dieses Ortes es wahrscheinlich machten, hier die richtige Stätte gefunden zu haben.

Wegen der großen Stille, die dort herrschte, bot der Park einen geeigneten Ort zur inneren Beschauung, und darum führte Ich denn die Jünger dorthin, damit sie die letzten Ereignisse nochmals überdenken möchten.

Wir lagerten uns abseits des Weges, und Ich forderte Petrus, Johannes und Jakobus auf, mit Mir von den andern hinweg etwas abseits zu gehen. Sie taten so und folgten Mir.

Hier trat nun der Augenblick ein, da die ganze Wucht des nahenden Unheils die Seele des Menschensohnes befiel und die Gottheit Sich von ihr gänzlich zurückzog, um die freieste Entschließung dem Menschen Jesus zu überlassen. Daher empfand dieser auch die bange Stunde und sagte: "Meine Seele ist betrübt bis in den Tod!" — Er sagte sodann auch zu den dreien: "Bleibet hier und wachet mit mir!"

Sodann ging Er abseits und betete die Worte: "Mein Vater, ist es möglich, so gehe dieser Kelch von mir! Doch nicht wie ich will, sondern wie Du willst!"

Da jedoch in diesen Worten noch nicht der eigene feste Entschluß stand, so trat die Gottheit auch noch nicht in den Menschen zurück.

Jesus ging nun zu den Seinen zurück und fand sie schlafend.

Daraus ersah er, daß er nur an dem Vater in sich eine Stütze finden könne, weckte die drei und sprach die Worte:

"Könnet ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen? Wachet und betet, daß ihr nicht in Anfechtung fallet! Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach!"

Mit diesen Worten meinte er nicht nur die drei, sondern auch sich selbst.

Nun ging Jesus zurück und betete abermals: "Mein Vater, ist es nicht möglich, daß dieser Kelch von mir gehe, so trinke ich ihn denn, und Dein Wille geschehe!"

Wiederum von Unruhe getrieben, suchte die Seele Anschluß nach außen bei den Ihren und fand diese wiederum schlafend, und zwar so fest, daß sie nicht erweckt wurden, sondern beim Anrufe sich nur schlaftrunken regten.

Jetzt hatte Jesus der Menschensohn gesiegt.

Mit einem Blicke des Mitleids überschaute er die Seinen, eilte zurück und rief laut: "Vater, ich weiß, es ist möglich, daß dieser Kelch vorübergehe; aber Dein Wille allein geschehe, und darum will ich ihn trinken!"

Da kehrte die Gottheit in den Menschensohn Jesus zurück und stärkte ihn, durchdrang ihn völlig und sprach "Mein Sohn, zum letztenmal hattest du dich zu entscheiden! Nun sind Vater und Sohn in dir geeint und ewig untrennbar geworden. Trage, was dir zu tragen gegeben ist. Amen!"

Darauf erhob Ich Mich wieder und ging zu Meinen Jüngern, die wieder schlafend dalagen, weckte sie und sprach:

"Wie könnet ihr nur schlafen und Mich allein lassen in der schwersten Stunde? Wachet und betet, daß ihr nicht in Anfechtung fallet; denn der Geist ist wohl willig, aber das Fleisch ist schwach. Ihr aber sollet allzeit stark sein! Sehet, jetzt ist die Stunde gekommen, da Ich Meinen Feinden überliefert werde. Darum schlafet nicht und seid stark!"

In diesem Augenblick nahte sich eine Schar bewaffneter Tempelwächter mit Fackeln, welche Judas anführte und nach der Herberge geleiten wollte, wo er Mich vermutete.

Die Jünger fragten Mich, was das bedeute. Ich aber hieß sie zurücktreten und ging auf dem Wege der Schar entgegen.

Als Mich Judas sah, trat er auf Mich zu, grüßte Mich und wollte Mich küssen zum Erkennungszeichen für die Schergen. Ich aber wehrte ihm und sagte: "Judas, verrätst du also des Menschen Sohn?! Dir wäre besser, nie geboren zu sein!"

Darauf wandte Ich Mich zu dem Haufen und fragte mit starker Stimme: "Wen suchet ihr?"

Der Anführer antwortete: "Jesum von Nazareth!"

Darauf gab Ich Mich ihnen mit den Worten: "Ich bin's" zu erkennen und trat ihnen einige Schritte näher.

Die Schergen aber wichen zurück, weil sie von Meiner Kraft gar manches gehört hatten und sich davor fürchteten — weswegen auch von Kaiphas nur solche Knechte ausgewählt worden waren, die Mich noch nicht persönlich kannten. Einige der zuletzt Stehenden fielen von dem Anprall der Vorderen sogar zu Boden.

Wiederum fragte Ich sie, da die Knechte zögernd und ängstlich dastanden: "Wen suchet ihr?"

Und auf die nochmalige Antwort des Anführers wiederholte Ich: "Ich habe es euch gesagt, daß Ich es bin! Suchet ihr aber Mich, so lasset diese gehen!"

Als nun die Knechte merkten, daß ihnen nichts geschehe, schämten sie sich ihres anfänglichen Schreckens, drangen auf Mich ein und umringten Mich alsbald, während der Anführer ihnen zurief, nur auf Mich zu achten, da der Befehl des Hohenpriesters laute, nur Mich zu fangen.

Petrus aber, der da nun erkannte, daß für Mich ernstliche Gefahr drohe und keinerlei Wunder geschehe, Mich zu befreien, zog das stets verborgen getragene Schwert und drang zu Mir hin. Ihm stellte sich Malchus entgegen, der ihn mit dem Spieße abwehrte. Da führte Petrus einen Streich nach ihm, der dem Malchus das Ohr abtrennte.

Ich rief nun dem Petrus zu: "Stecke dein Schwert in die Scheide! Soll Ich den Kelch nicht trinken, den Mir Mein Vater gegeben hat?!"

Darauf wich Petrus zurück. Ich aber berührte das wunde Ohr des Knechtes, und alsobald ward es heil. Diese Tat verwunderte die Knechte, so daß sie sich um die Jünger nicht weiter kümmerten, sondern nur bedacht waren, Mich fortzubringen. Da Ich nun fortan alles schweigend über Mich ergehen ließ, Mir auch die Hände von ihnen ohne jedes Widerstreben binden ließ, so sprachen sie unter sich ihre Verwunderung aus, warum ihnen gesagt worden sei, die äußerste Gewalt zu gebrauchen, da doch einen solchen Menschen zu fangen nichts weniger als gefährlich sei.

Judas aber stand dabei und wartete, daß irgend etwas geschehe, wodurch die Wächter in Schreck versetzt würden. Da aber nichts geschah, glaubte er um so sicherer, es werde sich vor dem Hohen Rate Meine Kraft schon noch entfalten.

 

Das Geheimnis der Person Jesu

Um Gethsemane und des Herrn seelisches Ringen in jener entscheidenden Stunde zu verstehen, muß man über die wahre Natur Jesu Christi Näheres wissen. In den Schriften der Neuoffenbarung ist es uns tief und klar enthüllt.

Jesus war, wie wir Menschen alle, in Sich eine Dreieinheit von Geist, Seele und Leib.

Sein Geist — Sein innerstes Grundleben — war an Liebe, Weisheit, Macht und Herrlichkeit freilich unermeßlich größer als der unsere. Denn in Ihm, Jesus, wohnte als Geist "die ganze Fülle der Gottheit", das heißt, das urewige göttliche Machtzentrum, genannt die Ewige Liebe oder der Vater, woraus alles Geschaffene — auch unser Geist — hervorgegangen ist.

"Von Ewigkeit wohnte Ich", so spricht dieser Vater Gottgeist im "Großen Evangelium Johannes" zu dem schwer begreifenden Judas, "in Meiner unzugänglichen Mitte und in Meinem unzugänglichen Lichte aus Mir Selbst. Aber Mir hat es der Menschen dieser Erde wegen wohlgefallen, aus Meiner unzugänglichen Mitte und Meinem unzugänglichen Lichte derart herauszutreten, daß Ich nun in ebenderselben Mitte und ebendemselben Lichte, das auch den höchsten Engeln von Ewigkeit völlig unzugänglich war, Mich auf diese Erde begab und nun sogar euch Menschen von allen Seiten her wohl zugänglich bin und ihr Mein Licht wohl ertragen könnet."

"Bei all den zahllos vielen Vorschöpfungen bin Ich nie auf irgendeiner Erde durch die Kraft Meines Willens als ein Mensch ins Fleisch gehüllt worden, sondern verkehrte mit den Menschengeschöpfen nur durch geschaffene, mit Meinem Geiste gänzlich erfüllte reinste Engelsgeister. Nur diese Schöpfungsperiode hatte die Bestimmung, auf einem kleinen Weltkörper, welcher gerade diese Erde ist, Mich für alle die vorhergehenden wie für alle ewig nachfolgenden Schöpfungen in Meiner urgöttlichen Wesenheit im Fleische und in engster Form vor sich zu haben und von Mir Selbst belehrt zu werden.

Ich wollte für alle künftigen Zeiten und Ewigkeiten Mir wahre, völlig ähnliche Kinder nicht nur wie gewöhnlich erschaffen, sondern durch Meine väterliche Liebe wahrhaft heranbilden, damit sie dann mit Mir beherrschen die ganze Unendlichkeit. Um aber das zu erzielen, nahm Ich, der unendliche, ewige Gott, für das Hauptlebenszentrum Meines göttlichen Seins Fleisch an, um Mich euch, Meinen Kindern, als schau- und fühlbarer Vater darzubieten und euch Selbst aus Meinem höchsteigenen Munde und Herzen zu lehren die wahre, göttliche Liebe, Weisheit und Kraft, durch die ihr dann Mir gleich beherrschen (und  zur Vollendung reifen) sollet alle Wesen der ganzen Schöpfung."

So war und ist also Jesu Geist der Ur-Vatergottgeist der ganzen Unendlichkeit; und darum nennt Jesajas den von ihm seherisch erschauten Erlöser "Vater der Ewigkeit". Johannes sagt von Ihm: "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott — und Gott war das Wort." Und Paulus erklärt: "In Christo wohnet die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig." Auch hat der Herr Selbst deutlich dem Philippus verkündet: "Wer Mich sieht, der sieht den Vater. Der Vater, der in Mir wohnet, der tut die Werke."

So war also Jesus, der Herr, dem Geiste nach der ewige, alleinige Ur-Vatergottgeist, der Seele und dem Leibe nach ein Mensch wie wir.

Im "Großen Evangelium Johannes" bezeugt DER HERR selbst über die Einzeugung und Entwicklung Seiner menschlichen Seele:

"Nur das erste Menschenpaar erhielt den Leib aus der Willenshand Gottes, alle anderen Menschen sind aus einem Mutterleibe geboren. Und so stammt auch dieser Mein Leib aus einer irdischen Mutter — wenn auch nicht durch einen irdischen Vater auf die gewöhnliche Art, sondern allein durch den allmächtigen Willensgeist Gottes gezeugt, was bei ganz reinen und gottergebenen Menschen sehr wohl möglich ist, vor alters bei solchen nichts Seltenes war und dann und wann auch noch in jetzigen Zeiten geschieht. Daß solche, auf rein geistigem Wege gezeugten Menschen auch geistiger sind als jene auf dem gewöhnlichen Wege gezeugten, ist klar. Denn Kinder sehr starker und völlig gesunder Eltern werden ja auch stark und gesund, Kinder schwacher und kranker Eltern dagegen gewöhnlich auch schwach und kränklich.

Ich, als Mensch, wie Ich nun vor euch dastehe, bin kein Gott, wohl aber ein Gottessohn, was eigentlich ein jeder Mensch sein soll. Denn die Menschen dieser Erde sind berufen, Kinder Gottes zu werden und zu sein, indem sie nach dem erkannten Willen Gottes leben. — Einer von ihnen aber ist von Gott aus und von Ewigkeit her bestimmt gewesen, der Erste zu sein, das Leben in Sich zu haben und es jedermann zu geben, der an Ihn glaubt und nach Seiner Lehre lebt. Und dieser Erste bin Ich.

Aber Ich habe solches Leben aus Gott nicht etwa vom Mutterleibe aus in diese Welt gebracht! Der Keim lag wohl in Mir, aber er mußte erst entwickelt werden, was Mich nahezu volle dreißig Jahre Zeit und Mühe gekostet hat. Nun stehe Ich freilich als vollendet vor euch und kann euch sagen, daß Mir alle Gewalt und Macht gegeben ist im Himmel und auf Erden, und daß der Geist in Mir völlig eins ist mit dem Geiste Gottes, darum Ich denn auch solche Zeichen wirken kann, die vor Mir noch nie ein Mensch gewirkt hat. Aber es ist das für die Folge eben kein besonderes Vorrecht ausschließlich nur für Mich, sondern auch für jeden Menschen, der an Mich glaubt, daß Ich von Gott in diese Welt gesandt bin, um den Menschen das Licht des Lebens zu geben, und der dann handelt nach Meiner Lehre, welche den Menschen den Willen des Geistes Gottes zeigt, der in aller Fülle in Mir wohnt.

Dieser Geist ist wohl Gott, doch Ich als purer Menschensohn nicht. Als solcher habe auch Ich Mir wie jeder andere Mensch durch viele Mühe und Übung die Würde eines Gottes erst erwerben müssen und konnte Mich als solcher erst einen mit dem Geiste Gottes. Nun bin Ich wohl eins mit Ihm im Geiste, aber im Leibe noch nicht. Doch Ich werde auch da völlig eins werden, aber erst nach einem großen Leiden und gänzlicher und tiefst demütigender Selbstverleugnung Meiner Seele."

 

Die Kämpfe der reifenden Jesus-Seele

Welche echt menschlichen Kämpfe der Herr in Seinem Inneren zur Läuterung und völligen Verklärung Seiner Seele durch den in ihr wohnenden Vater-Gottgeist durchzumachen hatte, deutet die Heilige Schrift der Bibel an mit der Schilderung der Versuchung in der Wüste. — Ausführliches findet sich in dem durch Jakob Lorber neu geoffenbarten Jugendevangelium. In den Schlußkapiteln dieses Buches, genannt "Die Jugend Jesu", lesen wir:

"Es heißt in der Schrift: 'Und Er nahm zu an Gnade und Weisheit vor Gott und den Menschen und blieb untertänig und gehorsam Seinen Eltern, bis da Er Sein Lehramt antrat.' — Hier erhebt sich die Frage: Wie konnte Jesus denn als das alleinige, ewige Gottwesen an Weisheit und Gnade vor Gott und den Menschen zunehmen, da Er doch Gott von Ewigkeit war? Und wie namentlich vor den Menschen, da Er doch von Ewigkeit das allervollkommenste Wesen war?

Um das richtig zu fassen, muß man Jesus nicht lediglich als den alleinigen Gott ansehen, sondern man muß sich Ihn als einen Menschen vorstellen, in dem die alleinige, ewige Gottheit Sich geradeso als untätig scheinend einkerkerte, wie da in eines jeden Menschen Wesen der Geist eingekerkert ist. — Was aber ein jeder Mensch nach göttlicher Ordnung tun muß, um seinen Geist in sich frei zu machen, das mußte auch der Mensch Jesus ganz vollernstlich tun, um das Gottwesen in sich frei zu machen, auf daß es eins würde mit Ihm.

Es muß aber jeder Mensch gewisse Schwächen in sich tragen, welche die gewöhnlichen Fesseln des Geistes sind, durch welche dieser wie in einer festen Hülse eingeschlossen ist. Die Fesseln aber können erst dann zersprengt werden, wenn die mit dem Fleische vermengte Seele sich durch die gerechte Selbstverleugnung also gestärkt hat, daß sie fest genug ist, den freien Geist zu fassen und zu halten. Aus diesem Grunde kann der Mensch auch nur durch allerlei Versuchungen seine Schwächen gewahren und erfahren, wie und worin sein Geist geknebelt ist. Wenn er dann gerade in diesen Punkten sich in seiner Seele selbst verleugnet, so löst er dadurch dem Geiste die Fesseln ab und fesselt damit die Seele. Ist dann mit der gerechten Zeit die Seele mit allen den ehemaligen Geistesbanden gefestet, so geht ganz natürlicherweise der entfesselte Geist in die erstarkte Seele über. Und diese gelangt dadurch in alle Machtvollkommenheit des Geistes und wird für ewig vollkommen eins mit ihm.

In dem Ablösen einer Fessel um die andere aber besteht das Zunehmen der Seele in der geistigen Kraft, welche da ist die Weisheit und die Gnade. Die Weisheit ist das helle Schauen der ewigen Ordnung Gottes in sich. Und die Gnade ist das ewige Liebelicht, durch das alle die endlosen und zahllosen Dinge, ihre Verhältnisse und Wege erleuchtet werden.

Wie aber das beim Menschen der Fall ist, so war es auch bei dem Gottmenschen Jesus! Seine Seele war gleich wie die eines jeden Menschen und war mit um so mehr Schwächen behaftet, weil der allmächtige Gottgeist Sich Selbst in die gewaltigsten Bande legen mußte, um in Seiner Seele gehalten werden zu können. Also mußte die Seele Jesu auch die größten Versuchungen, sich selbst verleugnend, bestehen, um ihrem Gottgeiste die Bande abzunehmen, sich damit zu stärken für die endloseste Freiheit des Geistes aller Geister und so völlig eins zu werden mit Ihm."

 

Die Zubereitung für den Sieg

"Wie lebte denn nun Jesus der Herr in den Hauptentwicklungsjahren von Seinem zwölften bis zu Seinem dreißigsten Jahre?

Er fühlte in Sich fortwährend auf das Lebendigste die allmächtige Gottheit. Er wußte es in Seiner Seele, daß alles, was die Unendlichkeit faßt, Seinem leisesten Winke untertan war und ewig sein muß. Dazu hatte Er den größten Drang in Seiner Seele, zu herrschen über alles. Stolz, Herrschlust, vollste Freiheit, Sinn fürs Wohlleben, Weiberlust und dergleichen mehr, ebenso auch Zorn waren die Hauptschwächen Seiner Seele.

Aber Er kämpfte mit dem Willen der Seele gegen alle diese gar mächtigen, tödlichen Triebfedern Seiner Seele. —

Den Stolz demütigte Er durch die Armut. Aber welch ein hartes Mittel war das für Den, dem alles zugehörte und der aber dennoch nichts 'Mein' nennen durfte! — Die Herrschlust bändigte Er durch den willigsten Gehorsam gegenüber denen, die wie alle Menschen gegen Ihn wie gar nichts waren. — Seine ewige, allerhöchste Freiheit bestürmte Er damit, daß Er Sich, wenn schon endlos schwer, den Menschen wie ein sklavischer Knecht zu niedrigen Arbeiten gefangen gab. — Den starken Hang zum Wohlleben bekämpfte Er durch gar oftmaliges Fasten — aus Not und auch aus dem freien Willen Seiner Seele. — Die Weiberlust bekämpfte Er durch nicht selten schwere Arbeit, durch magere Kost, durch Gebet und durch den Umgang mit weisen Männern. Ja, in diesem Punkte hatte Er ungemein viel auszustehen, da Sein Äußeres und der Ton Seiner Rede von höchst einnehmender Art waren, aus welchem Grunde die fünf überaus schönen Pflegetöchter des Cyrenius in Ihn sterbensverliebt waren und untereinander wetteiferten, Ihm am besten zu gefallen. Ihm gefiel solche Liebe wohl; aber dennoch mußte Er allezeit zu jeder sagen: 'Noli me tangere!' ('Rühre mich nicht an!') — Da Er ferner die Bosheit der Menschen mit einem Blicke durchschaute und ihre Hinterlist und Heuchelei, Verschmitztheit und Selbstsucht sah, so ist es auch begreiflich, daß Er sehr erregbar war und leichtlich beleidigt und erzürnt werden konnte. Aber da mäßigte Er Sein göttliches Gemüt durch Seine Liebe und Erbarmung.

Und so übte Er Sein Leben hindurch lauter schwerste Selbstverleugnung, um dadurch die zerrüttete ewige Ordnung wiederherzustellen. Aus dem aber läßt sich leicht ersehen, wie Jesus als Mensch die achtzehn Jahre unter beständigen Versuchungen und deren Bekämpfung zubrachte.

Dadurch aber geschah dann auch das Zunehmen der Weisheit und Gnade in der Seele Jesu vor Gott und den Menschen, und zwar in dem Maße, als Sich der Gottgeist nach und nach stets mehr und mehr einte mit Seiner freilich göttlichen Seele, welche da war der eigentliche Sohn."

 

Das Gebetsringen des Herrn in Gethsemane

Nun verstehen wir auch, was im Garten Gethsemane vor dem Hereinbrechen des furchtbaren Geschehens in der Seele des Menschensohnes vorging und warum hier die Schrift von einem "Trauern und Zagen" zu berichten hat.

Wie kann denn ein Gott oder Gottmensch bangen und zagen, und wie kann Jesus, wenn in Ihm der "Vater" wohnt, zu diesem Vater beten? — In den Zeiten, da Jesus "voll des Geistes" lehrend und wirkend unter den Menschen von Ort zu Ort wanderte, wirkte der Gottgeist mächtig in der Seele des "Menschensohnes" — gab Ihm die Worte, die Er zu verkünden hatte, in den Mund und verlieh Ihm die Kraft zu Seinen "Zeichen und Wundern". Dies mußte jedoch anders werden, als die große Entscheidungsstunde sich nahte. Denn jetzt handelte es sich darum, daß die Seele Jesu ganz aus freiestem Willen sich dem großen, weisen Liebewillen und Schöpfungsplan des in Ihm wohnenden Vatergeistes unterwarf. Bisher hatte der Menschensohn Jesus für den Vater und die Ausbreitung Seines Reiches gelebt, gelehrt und gekämpft, jetzt sollte Er nach dem heiligen Plane Gottes allen Menschen, Geistern und Engeln ein ewiges Vorbild der vollen Hingabe an den Vaterwillen darbieten. Er sollte für die Erlösung und Errettung Seiner noch im Banne der Materie schlafenden Brüder das letzte Opfer darbringen und um der Erfüllung Seiner Aufgabe willen dem Leibe nach sterben, und zwar in voller Freiheit des Willens und der Entschließung den Tod am Kreuz. Und darum zog Sich der Vater-Gottgeist in dieser großen, entscheidenden Stunde von der Seele Jesu, dem Menschensohn, zu deren Willenserprobung zurück.

"Meine Seele", sprach der Herr zu den Jüngern, "ist betrübt bis zum Tode" — nicht sowohl weil sie des Leibes Hülle und Leben unter Martern hingeben sollte, sondern hauptsächlich weil sie in sich nicht mehr die heilige Macht und Kraft, die selige Nähe des göttlichen Vatergeistes empfand.

Gänzlich auf sich selbst gestellt, mußte die Seele Jesu durch die enge Pforte der äußersten Schwäche und Demut. Und es entrang sich ihr der Wunsch und die Bitte gegenüber den Brüdern: "Bleibet hier und wachet mit mir!" — und gegenüber dem himmlischen Vater: "Mein Vater, ist es möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber!"

Aber die Jesu-Seele wußte auch in der Trübsal der Verlassenheit, daß allein im Vater das Heil der ganzen Unendlichkeit gelegen war. Und so stärkte sie sich im heißen Gebete zum Vater in tiefster Demut: "Nicht mein Wille, sondern Dein Wille geschehe!"

Das Beten des Herrn, das so vielen denkenden Christen immer ein Rätsel ist, läßt sich vom Standpunkt dieser Erkenntnis aus gar wohl begreifen. Im "Großen Evangelium Johannes" unterreden sich über diese von Jesus täglich geübte Herzensverbindung mit Gott einige Uneingeweihte und sagen: 'Sonderbar, jetzt geht Er hin zu beten und Sich auf den morgigen Tag vorzubereiten! Wen kann Er denn noch anrufen und zu wem kann Er denn beten!? Ist Er denn ungeachtet Seines tiefsten Wissens dennoch nicht das höchste Gottwesen? Sich selbst wird Er ja doch nicht anbeten!?' — Diesen Zweiflern erwidert ein erleuchteter Jünger, Mathael:

'O ihr Blinden! Trägt Er hier auf Erden nicht, gleichwie wir alle, Fleisch und Blut, aus dem Seine Seele wie die unsrige sich entwickelt hat, um fähig zu sein, in den Vollverband mit dem ewigen, grundgöttlichen Geiste zu treten?! Nur der Geist in Ihm ist Gott, alles andere ist Mensch, wie wir da Menschen sind. So Er betet, so heißt das mit anderen Worten: Er läßt Seinen Menschen ganz durchdringen von Seinem urewigen Gottes-Grundgeiste, von dem alle anderen Geister ebenso herrühren, wie das kleine Abbild der Sonne in einem Tautropfen von der wirklichen Sonne.'"

 

Dein Wille allein geschehe!

Im inbrünstigen Ringen nach dem Vater-Geiste in ihm fand der Menschensohn Jesus denn auch bald eine große Erleuchtung und Stärkung. — Lukas berichtet: "Und ein Engel kam vom Himmel und stärkte ihn!"

Durch diese geistige Hilfe erkannte Jesu Seele in den schlafenden Jüngern plötzlich mit voller Klarheit ihre Aufgabe. Wie diese im Banne der Schwachheit und Ohnmacht im Garten Gethsemane lagen und schlummerten, ebenso schliefen ja noch in der ganzen Schöpfung in und auf der Erde und allen Gestirnen Myriaden unerlöster Seelen im Gerichte der Materie und harrten der Erweckung und Rückführung aus den Banden der Widerordnung und des Gerichtes in das Reich der göttlichen Ordnung, der Liebe, des Lichts und des ewigen Lebens!

Ein großes Mitleid erfaßte den Menschensohn. Der göttliche Ur-Geist ließ die Seele erkennen, daß durch ein großes, ewig wirkendes Beispiel des vollsten Gehorsams und der uneigennützigsten, opferbereiten Liebe diese Seelen alle er weckt und der "ganzen Kreatur" (Römer 8,21) der Weg zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes gezeigt und gebahnt werden müsse. Und so erstand in Jesu Gemüt nach Trauern und Zagen und inbrünstigem Gebet der vollkommen freie, aus reinster Liebe zu Gott und den Brüdern erwachsene Entschluß: "Vater, ich weiß, es ist möglich, daß dieser Kelch an mir vorübergehe — aber Dein Wille allein geschehe! Und darum will ich ihn trinken!"

Nun war die Seele Jesu vollkommen eines Sinnes mit ihrem göttlichen Geiste, und nun konnte das vom Vater seit Ewigkeit vorgesehene Werk der Erlösung sich vollziehen.

 

Der Herr und Judas

Der vollkommene Gegensatz zum Menschensohne Jesus war der Mensch Judas, der sich der Gesellschaft des Herrn angeschlossen hatte, weil er hoffte, der mit überirdischen Kräften begabte galiläische "Prophet" werde bald ein mächtiges irdisches Reich gründen und dann auch ihn, Judas, als seinen Anhänger und eifrigen Gehilfen zu einem großen Würdenträger machen. Auch gedachte Judas vom Herrn die geheimen Wissenschaften und Künste der Magie zu erlernen, um sich dadurch irdische Reichtümer und Schätze zu erwerben. Während also auf Seite des Herrn Jesus die reinste Gottes- und Nächstenliebe in der tiefsten Demut der Grund des göttlichen heilbringenden Handelns war, bewegten den Judas die argen Triebe der Selbstliebe, des Hochmuts und der Habsucht. Und während den Herrn Sein Denken, Wollen und Handeln immer inniger mit dem göttlichen Urgeiste verband, machte den Judas sein Sinnen und Streben zu einer Beute des Satans und der Hölle.

Über Leben und Wesen des Judas spricht DER HERR im "Großen Evangelium Johannes":

"An dem Jünger Judas Ischariot habt ihr ein sprechendes Beispiel falscher Erziehung. — Judas war der einzige Sohn seines sehr vermögenden Vaters und seiner bis zum Sterben in ihn verliebten Närrin von Mutter. Die Folge war, daß die beiden Eltern ihren Sohn affenartig verzärtelten und ihm alles angehen ließen und auch alles gaben, wonach es den Jun gen nur immer gelüstete. Und die weitere Folge davon war, daß der Junge, als er kräftig geworden, die Alten zum Hau se hinaustrieb und sich selbst mit feilen Dirnen belustigte. Es brauchte keine lange Zeit, so hatte der Junge das Vermögen der Alten auch schon derart geschmälert, daß beide den Bettelstab ergreifen mußten und bald darauf aus Gram und Kummer starben.

Der Junge, nun ebenfalls verarmt, ging etwas in sich und fing am Ende an, sich selbst zu fragen: 'Warum bin ich denn so und nicht anders geworden? Geboren habe ich mich nicht, gezeugt noch viel weniger; erziehen habe ich mich doch auch nicht selbst können — und doch ruft ein jeder Mensch mir ins Gesicht, daß ich ein elender Schurke und Bösewicht sei, der durch seine liederlichen und bösen Streiche seine Eltern um all ihr schwererworbenes Vermögen an den Bettelstab und am Ende gar so frühzeitig ins Grab gebracht habe! Was kann denn ich dafür? Es mag von mir al les das recht schlecht gewesen sein; kann ich aber darum, wenn mich die Alten zu nichts Besserem erzogen haben?! — Aber was tue ich nun? Arm, ohne Geld, ohne Haus, ohne Dienst, ohne Brot! Stehlen und Rauben wäre das Leichteste, und man käme zuerst zu einem guten Ziel. Aber als ein ungeschickter Dieb erwischt und dann blutig gezüchtigt zu werden, schmeckt durchaus nicht süß! Mit dem Rauben sieht es noch schlimmer aus! — Ich weiß aber nun, was ich tun werde! Ich erlerne irgendeine Kunst und wäre es die alte, dumme Töpferei, die meinen Vater reich gemacht hat!'

Judas ging in Kapernaum zu einem Töpfer in die Lehre und erlernte mit vielem Fleiß dessen Kunst in kurzer Zeit. Der alte Töpfer aber hatte eine Tochter, die bald darauf des Kunstjüngers Weib ward. Aber so flott unser Judas früher war, so hart und geizig war er nun als ein Töpfermeister. Sein Weib verkostete oftmals seine Härte. Er machte gute Ware und fing an, alle Märkte zu besuchen, ließ aber daheim seine Leute darben und bis zum blutigen Schweiß arbeiten. Kam er von einem Markt nach Hause mit vielem Geld, so bedachte er die fleißigsten Arbeiter wohl mit etwas wenigem; kam er aber mit weniger Beute nach Hause, so gab es dann harte Dinge in seinem kargen Hause.

Um sich neben seiner Töpferei noch einen Nebenverdienst zu verschaffen, pachtete er auch eine Fischerei und fing an, sich auf die Magie zu verlegen, weil er in Jerusalem zu öfteren Malen gesehen hatte, wie sehr viel Geldes sich da so manche ägyptische oder persische Magier erwarben. Er brachte aber nichts Ordentliches zustande, trotzdem er viel Geld dafür ausgab. Schließlich nahm er darin auch Unterricht bei einigen auswärtigen Essäern, die ihm vorgemacht hatten, als könnten sie, wenn es sein müßte, schon gleich auch eine Welt erschaffen mit allem, was sie faßt und trägt. Aber er überzeugte sich bald, daß er der Betrogene war, und zeigte seinen feinen Meistern den Rücken.

In diesem Jahre nun vernahm er, was Ich alles tue und wie das in einem höchsten Grade alles übertreffe, was man auf dieser Erde bisher 'Wunderwirken' nannte. Das war denn auch der eigentliche Grund, warum er sich an Mich anschloß, daheim alles verließ, um nur von Mir das Wunderwirken zu erlernen und danach viel Goldes und Silbers zu verdienen. An Meiner Lehre liegt ihm wenig. Wenn er aufmerkt auf Meinen Mund, so möchte er eigentlich nur eine Erklärung vernehmen, auf welche Weise und mit welchen Mitteln Ich das eine oder andere Wunderwerk zustande gebracht habe. Davon kann er nun aber als für ihn brauchbar nie etwas vernehmen und ist daher stets mürrisch.

Schließlich wird er für diese Welt bei Mir eine ganz entsetzlich schlechte Rechnung finden. Eine verräterische Handlung und darauf die finsterste Verzweiflung wird aus ihm einen Selbstmörder machen, und ein Strick und ein Weidenbaum werden sein trauriges Weltende sein! Denn er ist einer, der Gott versuchen will, was ein großer Frevel ist."

 

Simon Jona, genannt Petrus

Eine ganz andere Natur als Judas war Simon Jona, vom Herrn genannt Petrus.

Er war ein Mensch wohl auch mit manchen Schwachheiten, aber mit einem aufrichtigen, begeisterungsfähigen Herzen. Vom Messias erwartete er ursprünglich, daß er "den Armen helfen" und "die hartherzigen Reichen völlig vertilgen" werde. Er selber hatte ja als ein armer Fischer am Ufer des Galiläischen Meeres mit seiner Familie hart um das Leben zu kämpfen. Und so hörte er von Andreas, seinem Bruder, mit großer Freude, daß in dem geistesstarken Zimmermannssohne Jesus aus Nazareth der erhoffte Volksbefreier erstanden und von dem Täufer Johannes als der auserwählte Sohn Gottes bezeichnet worden sei. Schnell entschloß er sich, dem Manne der Zukunft sich anzuschließen, in der Erwartung, daß dieser ein irdisches Reich der Freiheit und Brüderlichkeit bald aufrichten werde.

Aber schon auf der Hochzeit zu Kana erkannte er durch das Weinwunder, daß in diesem Jesus mehr verborgen sein müsse als nur ein gottberufener Messias und Volkskönig. Erschüttert von der bedeutungsvollen Wandlung des Wassers in Wein sagte er insgeheim zum Herrn: "Herr, laß mich wieder von dannen ziehen. Denn Du bist Jehova Selbst, wie Dein Knecht David von Dir geweissagt hat in den Psalmen! Ich aber bin ein armer Sünder und Deiner durch und durch unwert!"

DER HERR aber erwiderte ihm: "So du dich für unwürdig hältst, an Meiner Seite zu wandeln, wen hältst du dann für würdig!? Siehe, Ich bin nicht gekommen zu den Starken, so sie irgendwo sind, sondern zu den Schwachen und Kranken. So jemand gesund ist, bedarf er des Arztes wohl nicht. Nur der Kranke und Schwache bedarf des Arztes. Bleibe du daher nur guten Mutes bei Mir, denn Ich habe dir deine Sünden schon lange vergeben um deiner Liebe willen. Und auch so du an Meiner Seite sündigen wirst, werde Ich dir es vergeben. Denn nicht in deiner Stärke, sondern in deiner Schwäche, in der du Mich demütig erkannt hast und nun schon ein Fels im Glauben bist, sollst du vollendet werden durch die alleinige Gnade von oben!"

Auf solche Belehrung kamen dem Petrus die Tränen, und er sagte mit großer Begeisterung: "Herr — so Dich alle verlassen sollten, dann werde ich Dich dennoch nicht verlassen! Denn Deine heiligen Worte sind Wahrheit und Leben!"

Und dann erhob er den Becher und sprach: "Heil dir, Israel und dreimal Heil uns! Denn wir sind Zeugen der erfüllten Verheißung. Gott hat Sein Volk heimgesucht! Was schwer zu glauben war, ist nun vor unseren Sinnen erfüllt! Nun dürfen wir nicht mehr schreien aus der Tiefe zur Höhe. Denn die Höhe der Höhen ist zu uns in die Tiefe unseres Elends gekommen! — Darum alle Ehre Dem, der unter uns ist und uns aus Seiner Macht und Gnade diesen Wein gegeben hat, auf daß wir an Ihn glauben und von nun an in Ihm Gott die Ehre geben!"

Die Seele des Petrus ahnte es damals zwar sicher noch nicht völlig, aber der in ihr wohnende göttliche Geist wußte es, daß diese auf der Hochzeit von Kana vom Herrn gewirkte Wandlung des Wassers in köstlichen Wein eine große, tiefgeistige Bedeutung hatte, die DER HERR im "Großen Evangelium Johannes" Selber dahin enthüllt:

"Wie Mein Fasten in der Wüste die Verfolgung, die Mir vom Tempel in Jerusalem zuteil ward, und die Taufe des Johannes Meinen Kreuzestod vorandeutete, also deutete diese Hochzeit Meine Auferstehung an, und das Zeichen des Weinwunders war ein Vorbild der Wiedergeburt des Geistes zum ewigen Leben.

Denn also, wie Ich das Wasser in den Wein verkehrte durch Mein Wort, wird auch des Menschen naturmäßig Sinnliches in den Geist verwandelt werden durch das Wort aus Meinem Munde, so er danach lebt. Daher sollte jeder den Rat in seinem Herzen genau befolgen, den Maria den Dienern gab, indem sie sprach: Was Er sagt, das tuet!"

 

Des Petrus Schwert

Einer der ersten, an welchem der Herr in der Folge die Wandlung der Vergeistigung vollzog, war Petrus. Freilich, das Naturmäßig-Welttümliche, das ursprünglich in diesem einfachen Mann aus dem Volk steckte und das ihn in dem kommenden Messias einen Vertilger der hartherzigen Reichen und einen die armen Leute beschützenden Volkskönig erhoffen ließ, wich nicht so schnell aus seinem Gemüt. Er konnte lange Zeit so manches Himmlisch-Höchste des göttlichen Geistes Jesu und Seiner Lehre nicht erfassen.

So war es ihm anfänglich sehr befremdend, daß man nach der Lehre des Herrn auch seine Feinde lieben und denen Gutes tun solle, die uns hassen und verfolgen. Petrus forderte scharfe Gesetze mit kräftigen, abschreckenden Strafen gegen alle Übeltäter.

"Herr", sprach er, als eines Tages eine rohe Menge den Herrn auf der Straße belästigte und beschimpfte, "wenn ich nur einen Funken Deiner geistigen Kraft und Macht hätte, dann wüßte ich, was ich diesen dummen und bösen Lästerern zufügte ??? So wir nach Deiner Lehre die Strafen auf Übeltaten gänzlich aufheben, so werden sich in Kürze die Übeltäter mehren wie das Gras auf Erden!"

Dem Eiferer aber antwortete DER HERR: "Mein Lieber! Die Hölle bedarf wohl der strengsten Gesetze, versehen mit der peinlichsten Strafdrohung; aber Mein Reich, das der Himmel ist, bedarf weder eines äußeren Gesetzes noch einer Strafdrohung! Ich bin nicht gekommen, euch durch die Schärfe der Gesetze für die Hölle, sondern durch Liebe, Sanftmut und Wahrheit für den Himmel zu erziehen! Segnet daher lieber eure Feinde und vergeltet Böses mit Gutem, so ihr Mir Diener zur Ausbreitung Meines Reiches auf Erden sein wollt!"

Diese und ähnliche Belehrungen verfehlten nicht ihren Eindruck auf des Petrus Gemüt. Allein er konnte sich den noch nicht so bald von seinen irdisch-menschlichen Gedanken der äußeren Gewalt und Macht lösen, und so kam es, daß er in der großen Wendestunde, bei der Gefangennehmung des Herrn, heimlich ein Schwert trug, das er für alle Fälle der Not zu sich gesteckt hatte und in blindem Wahn zum Schutze Dessen zückte, den er doch schon längst als den Herrn aller Heerscharen, den mächtigen Gott Zebaoth, erkannt hatte. Mußte er denn nicht wissen, daß dieser Herr und Meister aller Elemente Sich in jeder Not und Gefahr mit der Kraft Seines Geistes jederzeit selbst helfen konnte? Petrus wußte es ohne Zweifel wohl. Aber des Menschen Herz neigt von Natur zur Eigenmacht und zur Gewaltsamkeit, und nur schwer eignet es sich den reinen, himmlischen Sinn des wahren Gottvertrauens und der vollkommenen Liebe und Sanftmut an.

"Stecke dein Schwert in die Scheide!" mußte daher DER HERR dem Petrus zurufen. "Soll Ich den Kelch nicht trinken, den Mir Mein Vater gegeben hat!?" — Und nach dem Bericht des Matthäus setzte Er noch hinzu: "Wer zum Schwert greift, soll durch das Schwert umkommen!"

 

"Wer zum Schwert greift, soll durch das Schwert umkommen!"

Diese Worte haben von jeher in der Welt viel Aufsehen erregt. Sie werden mit den Worten der Bergpredigt zusammengestellt:

"Ihr habt gehört, daß da gesagt ist: 'Auge um Auge und Zahn um Zahn!' — Ich aber sage euch: Widerstrebet nicht dem Übel, sondern so dir jemand einen Streich gibt auf die rechte Wange, dem biete auch die andere dar. Und so jemand mit dir rechtet und will dir deinen Rock nehmen, dem laß auch den Mantel. Und so dich jemand nötiget zu einer Meile, mit dem gehe zwei. — Liebet eure Feinde und betet für eure Verfolger, damit ihr euch als Kinder eures himmlischen Vaters erweiset. Denn er läßt seine Sonne über Gute und Böse aufgehen und läßt über Gerechte und Ungerechte regnen. Wenn ihr aber nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn habt ihr davon? Tun das nicht auch die Zöllner?! Und wenn ihr nur eure Freunde grüßt, was tut ihr da Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden!? Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist!"

Was hier der Herr als himmlische Vollkommenheit predigt, das erscheint vielen als der Gipfel der Schwäche, und sie erblicken in diesen Grundsätzen die Auflösung und das Verderben der ganzen menschlichen Gesellschaft. Wohin soll die Menschheit kommen, wenn dem Übel menschlicher Bosheit, Blindheit und Verkehrtheit nicht widerstrebt wird und wenn man dem Willen und den Bestrebungen der Bösen einfach den Lauf läßt, ja den Übeltätern obendrein nur Gutes und Angenehmes tut!? — Nein, rufen viele, dem Bösen muß mit aller Macht und Gewalt Widerstand geleistet werden! Das hartnäckige Böse kann überhaupt nur mit Bösem überwunden und muß letzten Endes gänzlich vertilgt werden! — Petrus, so meinen sie, hatte ganz recht und handelte als ein vernünftiger Mann und Held, als er für seinen geliebten Meister im Augenblick der schändlichen Untat das Schwert zog. Und Feiglinge waren die andern Jünger, die sich nicht zur Wehr setzten!

Sind diese Einwürfe berechtigt, was haben wir davon zu halten?

Zunächst: Bei der Gefangennahme im Garten Gethsemane handelte es sich um ein Geschehen, das im großen Plan des himmlischen Lenkers und Vaters vorgesehen war und sich nach Seiner weisen Absicht vollziehen mußte.

Bis zu dieser Stunde hatten die Tempelpriester, wie im "Großen Evangelium Johannes" zu lesen ist, schon oft versucht, an den Herrn Gewalt anzulegen und Ihn gefangenzunehmen oder zu töten. Aber der Herr hatte, da "Seine Stunde noch nicht gekommen" war, es jedesmal verstanden, Sich ihnen zu entziehen. — Jetzt war die Stunde gekommen, da der Menschensohn nach des Vaters Plan und Willen den Häschern überantwortet werden sollte. Und darum erging hier das Wort an Petrus: "Stecke dein Schwert in die Scheide! Soll Ich den Becher, den Mein Vater Mir gegeben, nicht trinken?" — Und somit bildet dieses Geschehen einen ganz besonderen Fall.

Aber auch sonst wäre es ganz falsch, des Herrn Wort an Petrus und Seine Lehre in der Bergpredigt ganz allgemein dahin zu verstehen, daß man dem Übel überhaupt nicht widerstehen und dem Bösen seinen Lauf lassen solle — etwa im Vertrauen auf Gott, der ja alles schon vergelten und zurechtbringen werde.

Daß diese Auffassung des tatlosen "Gehenlassens" und gänzlichen "Nichtwiderstrebens" gegenüber dem Übel durchaus nicht Gottes Wille ist — dafür ist ja das ganze Lehren und Leben des Heilands ein höchstes und heiligstes Zeugnis, da der Herr ja doch eben darum in die Welt gekommen ist, um uns alle vom Übel zu erlösen und in Wort und Tat uns dessen Überwindung zu lehren!

Nur über die Mittel, mit welchen dieses Ziel zu erreichen ist, will der Herr uns in den Worten der Bergpredigt aufklären. In allererster Linie, so rät Er aus Seiner göttlichen Liebe und Weisheit, sind die Mittel der reinen, selbstlosen, sanften Nächstenliebe in Anwendung zu bringen. Denn die Gewalt ist an sich ein höllisches, vergiftendes und daher verderbliches Mittel, wie die Erfahrung ja immer wieder bestätigt.

"Sehet", spricht DER HERR, "in einer jeden noch so kranken Seele rastet in deren göttlichem Geistfunken ein völlig gesunder Lebenskeim. Und wird die Seele eines schwachen Menschen durch eure brüderliche Liebe gesund gemacht, so habt ihr damit einen Schatz gewonnen, den euch ewig keine Welt bezahlen kann. Welchen Nutzen kann ein solcherweise vollendeter Mensch stiften!? Wer ermißt dessen Tragweite? Ihr Menschen wisset es nicht, Ich aber weiß es, wie weit solch eine Mühe sich lohnt!

Darum sage Ich euch: Seid allezeit barmherzig auch gegen die großen Sünder und Verbrecher wider die göttlichen Gesetze! Denn nur einer kranken Seele ist eine Sünde zu begeben möglich, einer gesunden wohl niemals, weil eine gesunde Seele gar nicht sündigen kann, indem die Sünde stets nur eine Folge einer Seelenkrankheit ist.

Wer von euch Menschen aber kann eine Seele wegen der Verletzung eines Meiner Gebote richten und strafen, da ihr doch alle unter demselben Gesetze stehet, und ein Gesetz aus Mir eben darin besteht, daß ihr niemanden richten sollt!? Wenn ihr eure Nächsten richtet, die sich an einem Meiner Gesetze versündigt haben, so versündigt ihr euch ja an Meinem Gesetz in gleichem Maße! Wie könnet ihr aber als selbst Sünder andere richten und verdammen?! Wisset ihr denn nicht, daß während ihr euren seelenkranken Bruder zu harter Sühne verdammt, ihr damit auch für euch ein doppeltes Verdammungsurteil ausgesprochen habt, welches an euch dereinst — wenn nicht schon hier — vollzogen wird!?

Somit — wer selbst ein Sünder ist, der lege das Richter amt nieder! Denn richtet er, so richtet er sich selbst ein doppeltes Verderben, aus dem er schwerer frei werden wird als derjenige, den er gerichtet und verdammt hat.

Daher merket euch vor allem, daß ihr niemanden richtet! Und leget dies auch allen denen ans Herz, die dereinst eure Jünger werden! Denn bei der Befolgung dieser Meiner Lehre werdet ihr aus Menschen Engel ziehen, bei der Nichtbefolgung aber Teufel und Richter wider euch selbst!"

"Mit Liebe erreichet ihr alles, mit der Gewalt aber wird der Teufel aus seinem Schlafe geweckt! Und was für Gutes kann dann wohl vom Wachsein der Teufel über euch kommen?! — Es ist also endlos besser, daß da unter den Menschen wachse die Liebe und Sanftmut und nötige, allezeit wachbleibend, die Teufel zum Schlafe und zur Ruhe — als daß man mit dem dröhnenden Gepolter der Gewalt die Teufel wecke und sie dann alles verderben."

Darum ist aber nicht gesagt, daß gegen die Bosheit und Verkehrtheit ganz arger Menschen und Mächte schließlich nicht zuletzt doch auch zu Mitteln schärfster Gewalt gegriffen werden müßte! Der Herr Selbst hat ja im Tempel die Geißel geschwungen gegen die zu argen Frevler am Heiligtum Gottes, und im "Großen Evangelium Johannes" sind noch verschiedene Beispiele dieser Art von Ihm Selbst gegeben. Und hier erteilt Er den Jüngern auch wiederholt die einleuchtendste Aufklärung, wann nach der Ordnung Gottes gegenüber dem Bösen und Verkehrten solch scharfe Mittel in Anwendung zu bringen sind.

 

Himmlischer Liebe himmlische Weisheit

Zu Petrus, dem diese Frage immer besonders wichtig war, und der des Herrn Beispiel vom Backenstreich durchaus nicht begreifen konnte, wird gesagt (DER HERR):

"Es ist ganz klar, daß man einem erzbösen Menschen durch eine zu große Gegenfreundschaft nicht noch mehr Gelegenheit verschaffen soll, daß er dadurch in seiner Bosheit wachse und noch ärger werde, als er vorher war. In diesem Fall wäre eine fortgesetzte Nachsicht nichts anderes als eine wahre Hilfeleistung für des Feindes wachsende Bosheit. Dafür aber habe Ich in dieser Welt zu allen Zeiten strenge Richter aufgestellt und ihnen das Recht erteilt, die zu schlecht und böse gewordenen Menschen, je nachdem sie es verdient haben, zu züchtigen und zu strafen, und habe euch darum auch das Gebot gegeben, daß ihr der weltlichen Obrigkeit untertan sein sollet, ob sie sanft oder strenge ist.

Wer demnach einen so argen Feind besitzt, der gehe zum Weltrichter hin und zeige ihm solches an. Und dieser wird dem schon erzböse Gewordenen seine Bosheit austreiben. Geht das mit puren körperlichen Züchtigungen nicht, so geht es am Ende wirksam durch das Schwert!

Und so ist es auch der Fall mit der Ohrfeige. Erhältst du sie von einem minder bösen Menschen, den eine plötzliche Aufwallung seines Gemütes dazu verleitet hatte, so wehre dich nicht, auf daß er dadurch, daß du ihm mit keiner Ohrfeige entgegenkommst, besänftigt wird. Und ihr werdet darauf leicht ohne Weltrichter wieder zu guten Freunden werden! — Aber so dir jemand mit einer mörderischen Ohrfeige in voller Wut entgegenkommt, so hast du auch ein volles Recht, dich zur Gegenwehr zu stellen.

Oh, sei du des sicher, daß Ich mit Meiner Predigt von der Nächstenliebe die Macht und Gewalt des Schwertes nicht im geringsten aufgehoben, wohl aber auf so lange hin gemildert habe, als die Feindseligkeit unter den Menschen nicht jenen Grad erreicht hat, den man mit vollem Rechte den höllischen nennen kann!"

Und zu Lazarus spricht DER HERR: "Nehmet euch alle ein Beispiel an Mir! Ich Selbst bin von ganzem Herzen demütig und sanftmütig und richte und verdamme niemanden; und ein jeder, der mühselig und mit allerlei Gebrechen behaftet ist, der komme zu Mir, und Ich werde ihn erquicken! Wie aber Ich Selbst bin gegen alle Menschen, so sollet auch ihr sein! Oder könnet ihr, Meine alten Jünger, von Mir sagen, daß Ich hart und grausam war gegen die Menschen, die ohne ihr Verschulden als erzschlecht vor Mich gebracht worden sind?!

Nur jene wenigen bekamen die Schärfe Meines gerechten Zornes irdisch zu verkosten, die mit dem bösesten, hartnäckigsten Willen Mich und euch verderben wollten vor der Zeit, die da bestimmt ist von oben. Auch darin gab Ich euch ein Beispiel, nach dem auch ihr bei vorkommenden ähnlichen Fällen handeln könnet; denn an Macht dazu soll es euch nicht mangeln. Aber bevor ihr den Ernst eintreten lasset, sollet ihr keinen Weg der Milde unversucht lassen. Der Ernst ist stets nur dann zu gebrauchen, wenn euch der Menschen mutwillige Bosheit entgegentritt, euch verfolgt und von euch kein versöhnendes Wort annimmt."

Kurz und bündig ist der rechte, vom Herrn vertretene Grundsatz in dem Buch "Die Jugend Jesu" ausgesprochen:

"Wer Böses tut und kennt es nicht, der soll belehrt werden. Desgleichen auch der, der es tut in der Not. Wer aber das Gute kennt, tut aber dennoch aus eitel Mutwillen Böses, der ist ein Teufel und muß mit Feuer gezüchtigt werden!"

Und über das Schwertführen ist hier das Wort gesprochen: "Wer das Schwert gebraucht als Waffe, der werfe es von sich. Wer es aber gebraucht als einen Hirtenstab, der behalte es! — Denn also ist es der Wille Dessen, dem Himmel und Erde ewig gehorchen müssen."

Im Garten Gethsemane trat Jesus den Häschern entgegen, bot ihnen die Hände zum Binden hin und folgte ihnen vor seine Feinde, um durch das höchste Beispiel Seiner heiligen Sanftmut und Liebe die ganze Welt samt aller Macht des Bösen zu besiegen.

Er litt und schwieg!

Umwogt von Höll' und Pein,

blickt Er nur weh sie an.

Er litt und schwieg!

Es muß ja also sein,

drum war's Ihm wohlgetan.

Er litt und schwieg.

Er fühlte Gottes Meißel.

Er litt und schwieg

selbst unter blutiger Geißel.

Er litt und schwieg!

Er litt und schwieg,

verleumdet und verhöhnt,

verschmäht und rings verlacht.

Er litt und schwieg,

mit Dornen hart gekrönt,

mit Schlägen roh bedacht.

Er litt und schwieg,

selbst als Er angespieen.

Er litt und schwieg

und hat es schon verziehen.

Er litt und schwieg!

(Maria Lutz-Weitmann)

 

Verurteilung

DER HERR: Der Zug ging nun über den Kidron durch dasselbe Tor hindurch, durch welches Mein Einzug geschehen war. Die Tempelwachen führten Mich zunächst zu Hannas, welcher des Hohenpriesters Kaiphas Schwager war. Hannas aber war darum der erste, zu dem Ich gebracht wurde, weil er Stellvertreter des Kaiphas war und in dieser Angelegenheit sich stets sehr regsam verhalten hatte.

Die Art, wie Hannas Mich empfing, und auch des Petrus Fall, ist im Evangelium des Johannes geschildert und dort nachzulesen.

Hannas sandte Mich gebunden zu Kaiphas.

Judas, welcher nun einsah, daß alles wohl anders abzulaufen schien, als er gemeint hatte, sah, wie Ich fortgeführt wurde, und folgte bestürzt und voller Furcht über das Gelingen seiner Absicht. Er wollte auch mit Mir zum Hohenpriester eindringen, jedoch wurde ihm der Eintritt verwehrt.

Bei Kaiphas war der ganze Hohe Rat versammelt, der auf Mein Erscheinen schon längst ungeduldig und rachebrütend wartete. Dort wurde nun in aller Form die Anklage gegen Mich erhoben. Und Zeugen traten wider Mich auf, die da bezeugen sollten, Ich sei ein Hochverräter. Hierzu wurde namentlich der Einzug benutzt sowie, daß Ich es gewagt hätte, das Heiligtum zu betreten und Mir dadurch priesterliche Macht angemaßt hätte, die Ich nicht besäße. Sodann wurde behauptet, daß Ich das Volk gegen den römischen Kaiser aufbringen wolle, um Mich Selbst zum Könige zu machen. Als es jedoch dazu kam, Zeugen hierfür aufzustellen, welche diese Absicht durch Meine Worte beeiden könnten, fanden sich keine. Schließlich traten Zeugen auf, welche angaben, Ich habe gesagt: "Brechet diesen Tempel ab, und in drei Tagen will Ich ihn wieder aufbauen!"

Kaiphas sagte nun, dies sei eine Schmähung gegen den Tempel (gegen Gott) selbst. Denn um dies zu vollbringen, gehöre göttliche Gewalt, die nur allein dem Gesalbten des Herrn, der da einmal in großer Kraft kommen werde, eigen sein könne. Ich aber habe gesagt, Ich sei Christus, der Gesalbte, und so beschwor Er Mich, zu sagen, ob Ich wirklich sei Christus, der Sohn Gottes.

Darauf antwortete ICH: "Du sagst es! — Doch sage Ich euch: Von nun an wird es geschehen, daß des Menschen Sohn wird sitzen zur Rechten der Kraft und kommen in den Wolken des Himmels."

Da zerriß der Hohepriester seine Kleider und sprach: "Er hat Gott gelästert! Was bedürfen wir weiterer Zeugen?! Ihr habt seine Gotteslästerung gehört!"

Natürlich stimmten alsbald alle zu. Denn im Rate waren nur die versammelt, von denen Kaiphas wußte, daß sie ihm ergeben und willfährig waren. Die da aber Mir irgendwie freundlich gesinnt waren, denen war die Absicht, Mich zu fangen, verheimlicht worden. So war denn auch das Todesurteil schnell fertig. Und es handelte sich nur darum, die Genehmigung des Pontius Pilatus zu erlangen.

In der Frühe wurde Ich dahin gebracht, und es wurde dem Landpfleger die Sache vorgetragen: Ich sei ein Aufrührer und Gotteslästerer und habe als solcher den Tod verschuldet. Pontius Pilatus, dem Mein Einzug sehr wohl bekannt war und der nichts Aufrührerisches an ihm hatte finden können, suchte Mich zu retten, da er als Römer geneigt war, in Mir eine Art Halbgott von besonderen Kräften zu sehen. Er sprach mit Mir, wie es im Evangelium des Johannes zu lesen ist, und sagte den vor dem Richthause stehenden Templern, daß er keine Schuld an Mir finde.

Darauf trat einer der höheren Priester vor und erklärte ihm nochmals, daß Ich das Land durchzogen und gegen den Tempel und dessen Diener gepredigt habe, die doch die geistliche Hoheit des Landes und die Stellvertreter Gottes seien.

Bei dieser Gelegenheit wurde auch gesagt, daß Ich aus Galiläa sei.

Pilatus, als er diese (letztre) Botschaft hörte, war froh und sah einen Ausweg, sich den ganzen Handel vom Halse zu schaffen. Galiläa stand nämlich unter der Oberhoheit des Herodes, und so konnte auch nur dieser hier ein Urteil sprechen. Pilatus endete also kurz das Verhör und gab Befehl, Mich zu Herodes zu senden, um diesen Recht sprechen zu lassen über einen seiner Untertanen.

Herodes war sehr erfreut, als Ich zu ihm gebracht wurde, da nun sein Wunsch, Mich persönlich zu sehen, erfüllt wurde und er sich nun überzeugen wollte, was an den vielen Gerüchten von Meiner Wunderkraft Wahres sei. Er ließ Mich sogleich vor sich führen und befahl seiner Umgebung, sich zu entfernen.

Wir blieben allein. Er sprach seine Verwunderung aus, daß ein Mann wie Ich, der doch über besondere Kräfte verfüge, sich habe fangen lassen, und wollte wissen, wie das habe geschehen können. Ich antwortete ihm jedoch nicht, so daß er darüber in Verlegenheit geriet und ernstlich verlangte, er wolle Antwort von Mir haben. Mein fortgesetztes Schweigen verstimmte ihn zunehmend, und er geriet schließlich in eine so große Wut darüber, daß er auf Mich zulief und Mir mit der Folter drohte.

Ich aber sah ihn nur ruhig an, und alsogleich erzitterte der alte Sünder ob dieses Blickes so sehr in seinem Herzen, daß er angstvoll nach seiner Umgebung rief. Ich war ihm äußerst unheimlich geworden. Und um seine Furcht zu verbergen, spottete er nun Meiner vor dem Hofgesinde, das selbstredend sogleich mit dem Herrscher in solche Spottreden mit einstimmte.

Herodes sah sich nun in seinen Hoffnungen betrogen, durch Meine übernatürliche Macht für sich etwas ausrichten zu können, und wollte nun wenigstens noch soviel als möglich Nutzen aus der ganzen Sache ziehen. Daher gab er Befehl, Mich zu Pilatus wieder zurückzuführen, indem er mit verbindlichen Worten sagen ließ, daß er der Oberhoheit Roms gern untertan sei und darauf verzichte, über einen seiner Untertanen zu richten, der nach dem Ausspruch des Tempels sich auch gegen die Oberhoheit Roms auflehnen wollte.

Mit einem weißen Kleide angetan, das Mir Herodes als ein Zeichen der Unterwerfung geben ließ, kam Ich nun zu Pilatus zurück, der nicht sonderlich über Meine Rückkunft erbaut war, wohl aber über das Handeln des Herodes, das auch später eine völlige Versöhnung zwischen beiden Machthabern verursachte.

Pilatus war inzwischen von seinem Weibe gewarnt worden, welches im Traume gesehen hatte, wie die Guten und Bösen vom Sohne geschieden wurden, und er trachtete danach, Mich loszulassen. Er verfiel daher auf den Gedanken, dem Volke vorzuschlagen, Mich freizugeben, da es zur Osterzeit Sitte war, irgendeinen Verbrecher zu entlassen, für den das Volk sprach. Die Priester und Templer hatten je doch ihren ganzen Anhang aufgeboten, der nun vor dem Richthause stand und niemand von dem übrigen Volk hinzuließ, so daß die eingeschüchterte, Mir anhängliche Volksmenge nicht in nächster Nähe stand, sondern nur diese Tempelsippe, die ihren Zweck, Mich zu beseitigen, mit aller Macht zu erreichen suchte.

Da Barabbas bei dem Tempel gut angeschrieben war, so wurde auf die Frage des Landpflegers, welchen Gefangenen er losgeben solle, sogleich verabredetermaßen "Barabbas!" gerufen und Mich zu kreuzigen verlangt, wobei immer betont wurde, Ich sei ein Aufrührer und gegen den Kaiser.

Pilatus wußte sich nicht mehr zu helfen, da wohl Beschuldigungen genug gegen Mich vorgebracht worden waren, er aber die Schuldfrage bei sich nicht bejahen konnte. Er glaubte nun, durch eine Geißelung allein genug Strafe über Mich zu verhängen und verlas diese auch. Und so wurde Ich denn gegeißelt.

Nach dieser Strafe führten die Knechte Mich in erbarmungswürdigstem Zustande, im Purpurmantel und mit Dornen gekrönt, heraus, da Pilatus hoffte, dieser Anblick werde die Juden zum Mitleid bringen, so daß er Mich frei lassen könne.

Doch der Juden Herzen waren härter als Stein, und wieder schrieen sie: "Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!"

Pilatus wiederholte: er finde keine Schuld an Mir, die den Tod verdiene, und Ich sei nun genug gestraft.

Da schrieen die vordersten und erbittertsten pharisäischen Priester: "Er muß sterben, denn er hat Gott gelästert! Er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht! Und nach unserem Gesetz ist der des Todes, der Gott lästert!"

Da erschrak Pilatus noch mehr, als er das hörte, denn seine römische Ansicht, Ich könne ein Halbgott sein, fand hier neue Nahrung. Darum ging er wiederum in das Haus, in das Mich die Knechte ebenfalls zurückgeführt hatten, und fragte Mich, von wannen Ich sei, das heißt, welcher Herkunft und welchen Landes, da er Mir glauben wolle, nicht Meinen Anklägern.

Ich jedoch antwortete ihm nicht, wie Johannes angegeben, und auch die weiteren Ereignisse spielten sich nach dieser Schilderung ab.

Pilatus, welcher nun eingeschüchtert war — denn er kannte den Tempel und wußte, daß dieser zu allem fähig war, wenn es galt, etwas durchzusetzen — wollte der Sache daher ein Ende machen und bestieg den Richtstuhl — eine Zeremonie, die bei den Römern Sitte war, wenn es galt, ein unumstößliches Urteil zu fällen. Er stellte Mich nochmals dem Volke vor und fragte, wen er freilassen solle.

Der Anhang schrie wiederum: "Barabbas!"

Es wurde daher nun nach diesem Gefangenen gesandt, um ihm die Freiheit zu geben. Sodann wies Pilatus auf Mich und sagte: "Sehet hier, euern König! — Was soll geschehen mit ihm?"

Da schrie wiederum der Haufe: "Kreuzige ihn!" — Pilatus entgegnete spöttisch: "Soll ich euern König kreuzigen?"

Darauf trat einer der Hohenpriester vor und sagte sehr nachdrucksvoll: "Wir haben keinen König als den Kaiser! Dieser aber ist gegen den Kaiser und hat sich selbst zum Könige gemacht. Auf ihn kommt die Schuld!"

Da sagte Pilatus sehr ernst: "Und wenn nun dennoch unschuldig Blut vergossen wird?"

"So komme sein Blut über uns und unsere Kinder!" rief laut der Hohepriester. Und der Anhang fiel lärmend in diesen Ausruf ein, ihn oft wiederholend.

Da sah Pilatus, daß er Mir nicht helfen könne, ohne sich selbst schwere Ungelegenheiten zu bereiten. Auch fürchtete er, das römische Ansehen könne darunter leiden, wenn er zu viel Schwäche zeige. Um aber ein äußeres Zeichen zu geben, daß er sich frei von der Verantwortung fühle, wusch er sich vor allem Volke die Hände und sprach: "Ich bin unschuldig an dem Blute dieses Gerechten! Denn nach unserem Gesetze hat er nicht gefehlt. Anders mag es sein nach eurem Gesetze, wie ihr saget. — Und so übergebe ich ihn nun eurem Gesetz!"

Darauf überantwortete Er Mich den bereitstehenden Tempelwächtern, die Mich alsbald in Gewahrsam nahmen, zu derselben Zeit, als der Mörder und Straßenräuber Barabbas entlassen und vom Volk mit lauten Zurufen begrüßt wurde.

 

Der Tempel zu Jesu Zeit

Wie es mit dem Tempel zur Zeit Jesu stand, ersehen wir im "Großen Evangelium Johannes" mehrfach. So wird eine Volksszene geschildert, da der Herr mit Seinen Jüngern und einer Schar Schriftgelehrter und Pharisäer Sich in dem weithin von der Menge umlagerten Hause eines Fischers befand und ein Gichtbrüchiger zur Heilung durch das aufgerissene Dach heruntergelassen wurde. Es kommt zu einem Wortwechsel zwischen einem der Männer, die den Kranken her beischaffen, und den Templern, welche das Dachabtragen rügen als einen Verstoß gegen die Sabbatvorschriften.

Der Führer der Krankenträger erwidert dem rügenden Templer Volkstümlich und derb und fährt fort:

"Moses und die Propheten alle halte ich für rein göttliche Weise! Aber eure Satzungen, von denen dem Moses wie allen anderen Propheten nie etwas geträumt hat, halte ich für übermäßig dumm! Wie dienet ihr Gott?! Mist und Unflat Verbrennt ihr am Gott geweihten Altare, und die fetten Ochsen, Kälber und Hammel verzehret ihr selbst und opfert sie eurem nimmer Voll werdenden Bauche. Das göttlich Reine eurer Lehre habt ihr verworfen. Und wer unter euch es nun wagt, das Reine zu lehren, dem tut ihr, was ihr noch allen euren Propheten getan habt! — Wie lange ist es denn seit den Tagen, als ihr den Zacharias im Tempel ermordet habt? — Zu Bethabara predigte dessen Sohn Johannes die Wahrheit und ermahnte euch Frevler im Heiligtume Gottes zur Buße und zur Rückkehr zu Moses und dessen reiner Lehre. Was tatet ihr mit ihm?! Wo kam er hin?! Er verschwand! Soviel mir bekannt, ist er in der Nacht von argen Schergen abgeholt worden!

Nun ist hier in Nazareth Jesus als ein Prophet von Gott erweckt worden, verrichtet Taten, die nur den allmächtigen Göttern möglich sind — und ihr beobachtet ihn mit Argusaugen! Wehe ihm, so er es wagen sollte, gleich mir wider euch und eure von euch selbst und nicht von Moses geschaffene Lehre ein Wort ergehen zu lassen! Ihr würdet ihn sogleich des höchsten Verbrechens der Gotteslästerung beschuldigen und ihn aus Dankbarkeit, daß er eure Toten erweckte und eure Krüppel gerademachte, steinigen oder gar ans Kreuz binden! Denn eure Sache ist, zu herrschen und dabei im höchsten Wohlleben zu mästen euren Bauch! Wer euch darin schmälern und zurückwenden will zu Moses, der ist euer Feind, und ihr habt Mittel genug, ihn aus dem Wege zu räumen!

Ich bin ein Heide — und doch erkenne ich hier in dem Manne Jesus die reinste Gotteskraft, und das in einer solchen Fülle, wie sie die ganze Erde bisher noch nie erlebt hat! Was erkennet aber ihr an Jesus, der bloß durchs alleinige Wort ohne alle Heilmittel eure Toten erweckt und unsere Krüppel springen macht gleich jungen Hirschen?! Ich frage euch, ihr Blinden: Wer muß der sein, den es nur ein williges Wort kostet, und Sturm und Wind verstummen, die Toten erstehen und die Lahmen beginnen zu gehen und zu springen?!“

Da wandte sich ein Pharisäer an den Herrn und sagte:

"Wie magst du als ein echter Jude schweigen, wenn ein solch elender Heide, dem du Gutes erwiesen hast, sich hier allerfrechst erkühnt, die heilige Lehre unserer Väter gar so schmählich zu beschimpfen?!“

Da entgegnet ihm DER HERR: "Er beschimpfte weder Moses noch die Propheten, sondern nur euch und eure neuen Satzungen! Was soll Ich ihn da zurechtweisen?! Ihr kennet die Schrift und kennet Moses und die Propheten! Fragt euch aber selbst, ob im Tempel auch nur eine Spur von Moses und all den andern Propheten noch anzutreffen ist?! War Ich in diesem Jahre doch Selbst zu Jerusalem und habe zu Meinem großen Ärger gesehen, wie aus dem Bethause Gottes eine Mördergrube gemacht ist!

Die Vorhallen sind voll verkäuflichen Schlachtviehs und auch anderen unreinen Getiers, so daß die Menschen ohne Lebensgefahr gar nicht in den eigentlichen Tempel gelangen können. Im Vortempel wird auf der einen Seite geschlachtet wie in den Schlachtbänken und Fleisch verkauft; auf der andern Seite aber stehen Maklertische und Wechselbuden. Und es ist da ein Lärmen und Schreien, daß nahe kein Mensch sein eigenes Wort zu hören imstande ist. Kommt man dann in den eigentlichen Haupttempel, so kann man sich vor Taubenkrämern und anderen, allerlei Gevögel zum Verkauf ausbietenden Schreiern gar nicht rühren! Und in das Allerheiligste, in das nur der Oberste der Priester einmal im Jahr treten durfte nach der Anordnung Gottes, wird nun gegen Bezahlung sogar ein jeder Heide eingeführt, freilich ganz geheim unter dem Siegel der Verschwiegenheit gegen die Juden! Aber in Rom kennt man das Allerheiligste ebensogut, wie es der Hohepriester in Jerusalem kennt! Und so enthüllt man gegen Geld den Fremden alle Geheimnisse des Tempels. So aber ein armer Jude es wagt, hinter den Vorhang zu treten, so wird er sogleich als ein Gotteslästerer und Tempelschänder gesteinigt hinter der Tempelmauer auf der verfluchten Stelle. Und es vergeht keine Woche, in der nicht wenigstens einer gesteinigt wird und ein paar das verfluchte Wasser trinken müssen! Kurz, das Bethaus Gottes ist eine barste Mördergrube geworden, und Jehovas Geist weilt nicht mehr in der Gestalt einer Feuersäule über der alten Lade des Bundes!

So ihr aber so gut wie Ich und viele tausend Menschen es wisset, wie nun der Tempel bestellt ist, und wisset aber dagegen auch, was Moses und die Propheten alle gelehrt haben, die vom reinsten und wahrsten Geiste Gottes erfüllt waren — wie ist dann euer Glaube an Gott beschaffen, daß ihr so leichten Kaufes Gottes Wort verwerfet und im frechsten und hochmütigsten Eigendünkel eure eigenen bösen Satzungen als vom Geiste Gottes ausgehend dem armen, blinden Volke verkündet und dasselbe mit allen Schrecknissen des Todes dazu anhaltet, daß es sie beachte und anbete?!

Den toten Buchstaben kennet ihr wohl. Aber darin ist Gott nicht, und so könnet ihr aus der Schrift auch Gott nicht erkennen! Denn die Schrift zeigt euch den Weg zu Gott nur dann, so ihr unabweichbar auf diesem Wege wandelt. Ihr aber wollet nicht Gott erkennen. Und denen, die noch den rechten Weg wandeln möchten, verrammet ihr den Weg mit Tod und Verderben!

Darum werdet ihr aber dereinst im andern Leben auch desto mehr Verdammnis überkommen! Denn alle, die ihr verfolgt habt und nun noch in einem fort verfolget, werden eure ewigen Richter sein!"

 

Der Hölle letzte Probe

Auf die Rache des Tempels hatte DER HERR Seine Jünger schon vor Seiner Gefangennahme mehrfach vorbereitet und ihnen auch die Gründe dieser Zulassung dargetan. So eröffnete ER ihnen eines Tages:

"Ich habe euch schon einmal auf dem Ölberge zu verstehen gegeben, daß Ich in nicht gar ferner Zeit zum Gerichte der Frevler und zum Heile der Meinen es Selbst zulassen werde, daß Mich die Menschen ergreifen und Meinen Leib töten, und das am Kreuz wie einen gemeinen Verbrecher. So ihr davon hören werdet, dann ärgert euch nicht über Mich, sondern bleibet im Glauben an Mich und in der Liebe zu Mir, und ihr werdet dadurch einen großen Teil haben an Meinem Werke der Erlösung der Menschen aus den alten und harten Banden der Sünde und des todbringenden Aberglaubens!

Ich sage es euch und auch allen andern noch einmal, daß sich darob niemand ärgere und schwach werde im Glauben! Denn obschon dieser Mein Leib von den Frevlern wird getötet werden, so werde Ich aber dennoch schon am dritten Tage wieder den getöteten Leib beleben und werde auferstehen als ein ewiger Sieger über den Tod und über alles Gericht.

Ich werde dann wieder zu euch kommen und euch geben die Kraft Meines Geistes und Willens zu eurer eigenen Lebendigmachung und Beseligung für ewig. — Ich sage euch dieses darum mit großer Bestimmtheit zum voraus, auf daß, so es geschehen wird, sich von euch niemand ärgere an Mir.

Ich sage euch aber auch noch etwas, da ihr in euch fragend denket: 'Ja, muß denn das so geschehen? Hat denn Er als der allweiseste und allmächtige Herr der Himmel und dieser Erde im Ernste kein anderes Mittel, um die vielen Frevler zu bändigen und die an Ihn gläubig sich Haltenden zu beseligen?'

Höret alle, was Ich euch darauf zu sagen habe: Ich will es an sich nicht, daß es also geschehe, und Ich hätte der Mittel und Wege, Meine Kinder auch ohne das, was da geschehen wird, zu erlösen und selig zu machen. Aber die argen Menschen wollen es so. Und darum lasse Ich es denn auch zu, daß es so geschehen möge, auf daß sich eben dadurch auch viele Frevler zur Reue, Buße und zum wahren Glauben an Mich bekehren mögen! — Denn die Brut im Tempel sagt und schreit es ja in einem fort: 'Lasset uns ihn nur ergreifen und töten! Wenn er vom Grabe wieder auferstehen wird, dann wollen auch wir an ihn glauben!' Sie wollen also die letzte Probe an Mir machen. Und so sei es zugelassen! Es werden dadurch viele, die jetzt noch stockblind sind, sehend und an Mich gläubig werden. Doch die Grundargen werden eben dadurch auch ihr Sündenmaß voll machen und in ihr Gericht und ihren ewigen Tod fallen. Ihr aber getröstet und freuet euch! Wenn Ich wieder aus dem Grabe erstehen werde, dann werde Ich zu euch kommen und euch selbst überzeugen von dem, was Ich nun zu euch geredet habe."

 

"Mein Reich ist nicht von dieser Welt"

"Mein Reich ist nicht von dieser Welt!" konnte Jesus mit vollem Recht zu Pilatus sagen. Und Er hatte dies auch schon früher des öfteren Seinen Jüngern und andern, die Ihm nähertraten, erklärt. Denn nicht nur Judas, sondern auch andere, in irdischem Streben befangene Menschen erwarteten oder befürchteten von Ihm die Gründung eines irdischen Reiches nach der Art der weltlich Großen und Mächtigen.

So hatte der Herr schon gleich am Anfang Seiner Lehrtätigkeit über diesen Punkt eine bedeutsame Aussprache mit einem samaritanischen Kaufherrn namens Jairuth.

Jairuth: "Du bist also der, von dem man mir erzählt hat, daß er der Messias sei und solches bezeuge durch wundervolle Taten!? Man erzählte mir auch von einer scharfen Predigt am Berge Garizim, die du gehalten habest, an der sich viele gestoßen hätten, weil sie ganz antimosaisch gewesen sei! Nun, mich freut es, daß du mich besuchst, und ich hoffe dich noch näher kennenzulernen. Weißt du, ich bin dieser Idee nicht abhold und glaube fest, daß der Messias kommen werde! Die Zeit wäre so ungefähr nach meiner Rechnung eine ganz geeignete, denn der Druck der Römer ist nahe nicht mehr zu ertragen! Und warum solltest du nicht der erwartete Messias sein können?!

Wenn du deiner Kraft dir bewußt bist und es gehörig verstehst, dich als solcher allenthalben zu präsentieren, so stehe ich dir sogleich mit meinem ganzen, großen Vermögen zu Diensten. Es sollen diese Römer-Schweine aus den heidnischen Abendlanden bald das Land unserer Väter räumen! Denn sieh, ich habe alle meine Kräfte von meiner Jugend an lediglich darauf verwendet, mir des zu erwartenden Messias wegen möglichst große Reichtümer zu sammeln, auf daß sich damit eine Großmacht der tapfersten und verwegensten Krieger durch guten Sold erkaufen lasse! Ich habe auch schon mit so manchen tapfern Völkern von Hinterasien mich in Verbindung gesetzt. Und es bedurfte da nur einiger Boten, und in einer Zeit von etlichen Monden steht in diesen Gauen eine furchtbare Macht! — Aber nun nichts mehr weiter davon! In meinem Hause werden wir darüber das Weitere verhandeln."

Beim Mittagsmahl, bei welchem dem Kaufmann einige Engelsdiener des Herrn in Gestalt schöner Jünglinge besonders auffallen, erwidert der Herr dem wohlmeinenden, aber ganz in weltlichen Begriffen befangenen Jairuth:

DER HERR: "Mein lieber Freund! Siehe an jene Meine Engelsjünglinge dort! Ich sage es dir: Ich habe deren so viele, daß sie auf tausendmal tausend Erden nicht Platz hätten, und einer genügte vollkommen, das ganze römische Reich in drei Augenblicken zu vernichten. Aber obschon ihr Samaritaner besser seid im Glauben als die Juden, so habt ihr dennoch gleich wie die Juden einen völlig falschen Begriff vom Messias und Seinem Reiche.

Wohl wird der Messias ein neues Reich gründen auf dieser Erde, aber — merke es wohl! — kein materielles unter Krone und Szepter, sondern ein Reich des Geistes, der Wahrheit und der rechten Freiheit unter der alleinigen Herrschaft der Liebe!

Die Welt aber wird berufen werden, in dies Reich einzugehen. Wird sie dem Rufe folgen, so wird das ewige Leben ihr Lohn sein. Wo sie aber dem Rufe nicht folgt, wird sie zwar bleiben, wie sie ist, aber am Ende wird sie den ewigen Tod überkommen!

Der Messias als nun ein Menschensohn ist nicht gekommen, zu richten diese Welt, sondern nur, um zu berufen alle, die nun wandeln in der Finsternis des Todes, zum Reiche der Liebe, des Lichtes und der Wahrheit!

Er kam nicht in diese Welt, um euch das wiederzugewinnen, was eure Väter und Könige an die Heiden verloren haben, sondern nur, um euch das wiederzubringen, was Adam verloren hat für alle Menschen, die je auf dieser Erde gelebt haben und noch leben werden!

Bis jetzt ist noch keine Seele, die den Leib verließ, der Erde entrückt worden. Zahllos viele, von Adam angefangen, schmachten bis zur Stunde noch in der Nacht der Erde. Von nun an erst werden sie frei! Und wenn Ich in die Höhe fahren werde, werde Ich allen den Weg von der Erde in die Himmel öffnen, und sie werden alle eingehen auf diesem Wege zum ewigen Leben!

Siehe, das ist das zu vollbringende Werk des Messias, und nicht irgend etwas anderes! Und du brauchst deine hinterasiatischen Streiter nicht zu rufen, da Ich ihrer nie bedürfen werde. Aber geistige Arbeiter werde Ich viele brauchen für Mein Reich, und diese werde Ich Mir Selbst zubereiten."

Im "Großen Evangelium Johannes" fragt einmal ein römischer Oberste den Herrn über die Zukunft Seiner Lehre, worauf ihm dieser eine wichtige Belehrung zuteil werden läßt.

Der Oberste: "Wie aber Deine wahrlich heilige Lehre sich auf einem möglichst hindernisreinen Wege die Bahn brechen wird in der Nacht, in der nun die Menschheit begraben liegt, das ist mir noch so unklar wie ehedem! Auf einem rein wunderbaren Wege würde sie nach Deiner eigenen Aussage den Menschen nicht viel nützen, weil sie auf diese Weise aus den frei werden und sein sollenden Menschen nur Maschinen machen würde; auf dem ganz natürlichen Wege aber wird sie viel Blut kosten und eine überlange Zeit brauchen! Ja, ich möchte nahe mit Gewißheit behaupten, wenn ich auch keine prophetische Gabe besitze, daß, wie ich die Menschheit so ziemlich weit und breit in Asien, Afrika und Europa herum kenne, von nun an gerechnet, in 2000 Jahren noch lange nicht die Hälfte der Erdenmenschen sich im Lichte dieser Deiner Lehre sonnen wird! — Habe ich recht oder nicht?"

DER HERR: "Da hast du im Grunde durchaus nicht unrecht. Aber es liegt im allgemeinen auch nicht soviel daran als du meinst; denn es handelt sich hier nicht so sehr um die allgemeinste Annahme Meiner Lehre auf dieser Erde, als vielmehr um die durch Meine gegenwärtige Darniederkunft und durch Mein Wort und Meine Lehre endlich einmal errichtete Brücke zwischen dieser materiellen und jener geistigen Welt, deren ewige Gefilde jenseits des Grabes liegen! Wer Meine Lehre diesseits vollernstlich annehmen wird, der wird diese Brücke schon im Leibe überschreiten; wer aber auf der Erde Meine Lehre entweder lau, unvollständig oder auch gar nicht annehmen wird, der wird in großer Nacht in jener Welt anlangen, und es wird ihm sehr schwer werden, diese Brücke zu finden! Den Menschen aber, die nie in den Stand kommen sollten, noch diesseits von Meiner Lehre etwas zu erfahren, werden jenseits Führer gegeben werden, die sie zu dieser Brücke leiten werden. Werden die von Meiner Lehre noch nichts wissenden Geister den Leitern folgen, so werden sie auch über diese Brücke kommen zum wahren ewigen Leben; werden sie aber hartnäckig bei ihrer Lehre verbleiben, so werden sie aus ihrem Lebenswandel nach ihrer Lehre bloß geschöpflich gerichtet werden und werden zur Kindschaft Gottes nicht gelangen!" —

"Wer demnach Mein Wort vollends in sich aufnimmt und unabweichbar danach handelt und lebt, der nimmt dadurch Mich Selbst mit aller Meiner Liebe, Weisheit, Macht und Kraft auf und ist dadurch zu einem wahren Kinde Gottes geworden, dem der Vater im Himmel nicht Eines vorenthalten wird, was Er hat! Mehr kann der heilige Vater nicht tun, als daß Er Sich in Mir, Seinem Sohne, Selbst leibhaftig offenbart, aus euch gerichteten Geschöpfen freieste Götter zeugt und euch sonach Seine Freunde und Brüder nennt!

Bedenket allzeit, wer Der ist, der euch nun das offenbart und was ihr mit dieser Offenbarung überkommet, so wird euch die materielle Welt nicht mehr anfechten, und ihr werdet über sie leicht Sieger werden, was um so notwendiger ist, als ihr, ohne die Welt in euch vollends besiegt zu haben, nicht Kinder des Vaters im Himmel werden könnet!"

Herr, starke mich, Dein Leiden

zu bedenken,

mich in das Meer der Liebe

zu versenken,

die Dich bewog,

von aller Schuld des Bösen

uns zu erlösen.

Seh ich Dein Kreuz den Klugen

dieser Erden

ein Ärgernis und eine Torheit

werden,

so sei's doch mir trotz allen Spottes —

die Weisheit Gottes.

(Christian Fürchtegott Gellert)

(1715—1769)

 

Kreuzigung

DER HERR: Der Tempel hatte nun scheinbar gesiegt, und er beeilte sich, das ausgesprochene Todesurteil so schnell wie möglich zur Vollstreckung zu bringen.

Es war bei den Römern Sitte, daß jeder zum Tode der Kreuzigung verurteilte Verbrecher sein Marterholz selbst bis zur Richtstätte tragen mußte. Und oft, falls ihn die Kräfte verließen, wurde er auf das grausamste gepeinigt, um diese Strafe zu vollführen. Auch Mir blieb solches nicht erspart; jedoch verließen den auf das höchste erschöpften Körper sehr bald die Kräfte, so daß Ich mehrere Male zu Boden stürzte.

Simon von Kyrene, der ein Anhänger Meiner Lehre und als solcher den Priestern sehr wohl bekannt war, begegnete dem Zuge und beobachtete voll Entsetzen und Mitleid Meine jammervolle Lage.

Da rief ihm einer der Templer höhnend zu: "Da sieh deinen großen Meister, der sich nicht selbst helfen kann! Jetzt kommt all sein Betrug elend zutage!"

Simon entgegnete empört und weissagenden Geistes: "Ihr werdet noch der Stunde fluchen, in der ihr solches getan habt! Ich aber wünsche, meinem Meister dienen zu können, damit dieser Schmerzensweg Ihm leichter werde!"

"Das sollst du!" riefen erbost mehrere Priester. "Denn da du es wagst, die Handlungen des Tempels zu schmähen, so legen wir dir die Buße auf: du sollst das Kreuz deines Meisters tragen!"

Als Simon dies hörte, eilte er freudig hinzu, nahm das schwere Kreuz auf seine starken Schultern und bot Mir, dem am Boden Liegenden, noch seine Hand, damit Ich Mich stützen möge. Ich nahm diese Hilfe, und Simon ward so sehr in seiner Kraft gestärkt, daß es ihm leicht wurde, die schwere Last zu tragen.

Es waren aber alle Meine nächsten Freunde, die während der Aburteilung nicht zu dem Richthause gelangen konnten, gefolgt. Auch nahte sich jetzt viel des Volkes, das eingeschüchtert von ferne gestanden hatte, als der Anhang des Tempels sein "Kreuzige ihn!" geschrieen. Diese Mir wohlgesinnte Menge nahm alsbald eine drohende Haltung an, als der Zug sich dem Tore näherte, an dem ein weiter Platz es ermöglichte, sich auszubreiten. Die Pharisäer hatten aber sehr wohl so etwas befürchtet und hatten daher eine größere Abteilung römischer Soldaten beordert, welche den Zug an dem nach Golgatha führenden Tore erwartete, um die Ordnung aufrechtzuerhalten.

Als nun die Mir Wohlgesinnten sahen, daß Ich rettungslos verloren und eine gewaltsame Befreiung aus den Händen der Tempelschergen unmöglich sei, erhob sich ein großes Wehklagen, in das namentlich die Weiber einstimmten.

Ich wandte Mich daher zu den Nächststehenden und sagte zu ihnen: "Weinet nicht über Mich, sondern über euch und eure Kinder! Denn diesen wird noch Schlimmeres widerfahren, als ihr nun sehet, daß Mir geschieht! Ich gehe ein zu Meinem Vater; jene aber werden nicht wissen, wohin sie gehen!"

Als Ich nun hinausgeführt worden war nach Golgatha, der derzeitigen allgemeinen Richtstätte von Jerusalem, kam Judas Ischariot in höchster Verzweiflung herbeigestürzt und versuchte, den Ring zu durchbrechen, welchen die Tempelwächter um die Stätte gezogen hatten. Er wurde jedoch mit Gewalt zurückgetrieben und blieb mit stieren Augen in der Nähe stehen, immer noch hoffend, es werde etwas Außergewöhnliches zu Meiner Befreiung geschehen.

Er war stets in der Nähe gewesen, als Meine Verurteilung erfolgt war. Und je mehr es ihm klar wurde, daß Meine Kraft hier entweder erloschen sei oder nicht von Mir gebraucht werde, in um so größere Angst war er geraten.

Schließlich eilte er zu dem Hohen Rate zurück und wollte das Geld zurückgeben, indem er sagte, er habe unschuldig Blut verraten, und sich selbst heftig anklagte. Voll Hohnes wurde er jedoch abgewiesen mit dem Bemerken, er solle sehen, wie er da selber mit sich fertig werde. Voller Verzweiflung warf er das Geld in den Almosenkasten des Tempels und eilte hinaus, noch immer sich mit schwacher Hoffnung daran haltend, Ich werde Mich zuletzt doch noch Selbst befreien, ehe das Schlimmste eintrete.

Als er nun aber sah, wie Mein Leib zu Boden geworfen und auf das Kreuz gelegt wurde, als er die Hammerschläge hörte, welche die Nägel durch Mein Fleisch ins Holz trieben, schrie er laut auf und stürzte eilends davon. Ohne einen Blick zurückzuwerfen, eilte er in eine einsame Gegend, wo er sich an einem Weidenbaum mittels seines Gürtels erhängte. Er hatte seinen Irrtum, seine Geldgier und Selbstsucht teuer zu bezahlen. Was jedoch mit ihm sodann geworden ist, davon wird noch einmal später berichtet werden.

Erst mehrere Tage nach seinem Leibestode ward sein Leichnam gefunden, der von dem Baume heruntergefallen war und von den Hunden und Schakalen benagt wurde. An derselben Stätte wurde er auch verscharrt.

Es wird nun berichtet, es sei eine Finsternis eingetreten, als Mein Leib am Kreuze hing. Ja, eine große Finsternis trat ein über Jerusalem, aber keine äußere, sondern eine innere — da jeder fühlte, als sei ihm etwas verlorengegangen, ohne daß er wußte, was es sei. Und selbst die Hohenpriester, Schriftgelehrten, Pharisäer und Tempeljuden, die doch sehr nach Meinem Tode verlangt hatten, fanden keine Befriedigung und Freude an ihrer Tat.

Daher kam es auch, daß der Tempel keinerlei Schritte gegen Meine Jünger und nächsten Anverwandten tat, auch nicht gegen Nikodemus, Joseph von Arimathia und Lazarus, die alle zu Meinem Kreuze wallfahrten und in der letzten Lebensstunde zugegen waren. Vornehmlich der Würde des Nikodemus als Mitglied des Hohen Rates verdankten es die Meinen, daß sie in nächster Nähe zu bleiben die Erlaubnis erhielten, während sonst der Platz von Soldaten abgesperrt und niemand hinzugelassen wurde.

Meine allernächsten Jünger jedoch, außer Johannes, waren nicht zugegen, wie Ich es auch schon oftmals früher vorhergesagt hatte. Der Hirte war geschlagen, und so zerstreuten sich die Schafe. Nach Meiner Gefangennahme hatten sie sich teilweise zu Lazarus geflüchtet, teils waren sie bei Freunden versteckt, die sie verborgen hielten.

Nur Johannes allein wagte es, sich überall offen zu zeigen und Meiner Leibesmutter Maria eine Stütze und ein Trost zu sein.

Petrus, der nach seinem Falle von tiefster Reue erfaßt worden war, folgte allerdings heimlich dem Zuge, der Mich durch die Straßen von Jerusalem von einem Oberhaupt zum andern führte, hielt sich jedoch von allen Brüdern fern, da er in seiner Seele das Bedürfnis des Alleinseins fühlte und nun erst zur völligen Klarheit hinsichtlich Meines Wirkens gelangte. Er erkannte das Wesen und den Zweck Meines irdischen Heimganges und war auch fest durchdrungen von dessen Notwendigkeit und von Meiner vorhergesagten Auferstehung.

Als Meine Seele sich nun vom Körper trennte, entstand ein Erdbeben. Aber das war wiederum eine Erscheinung, die nicht zu sehr auffiel, da in jener Gegend zu Meiner Zeit die unterirdischen Gewalten des Jordantales noch weit häufiger sich bemerkbar machten als jetzt, weshalb Erdstöße nicht allzu selten waren. Daß allerdings aber diese Erscheinung wirklich mit Meinem Tode zusammenhing, kam den verstockten Juden nicht in den Sinn.

Auch ist es richtig, daß der Vorhang im Tempel zerriß als ein äußeres Zeichen, daß es nun keine Schranke mehr gebe, um zum allerheiligsten Herzensraume des Vaters zu gelangen, ja daß ein jeder dahin gelangen könne, um das ewige Leben daselbst zu empfangen. Aber auch diese Erscheinung, wenn auch verwunderlich, machte weiter kein Aufsehen. Die diensttuenden Priester hingen den Vorhang wieder auf, und damit war die Sache abgetan.

Weiter wird der Wahrheit gemäß berichtet, daß die Sonne ihren Schein verlor. Es trat zwar keine volle Finsternis ein. Wohl aber ist bekannt, daß sich Erdbeben in heißen Ländern zuweilen durch eine starke Trübung der Atmosphäre ankündigen, wodurch die Sonne an Glanz verliert. So ähnlich geschah es auch hier. Allerdings hatte aber diese Glanzlosigkeit der Sonne einen andern Grund als den gewöhnlichen — wenn auch die Erscheinung die nämliche war.

Endlich wird noch berichtet, daß Verstorbene aus ihren Gräbern stiegen und vielen erschienen seien. Auch diese Kunde muß richtig verstanden werden, und es wird sie jeder begreifen, wenn er den wahren Sinn und Zweck des großen Geschehens auf Golgatha voll in sich aufgenommen haben wird.

 

Vom Kreuztragen

Sein Kreuz nach dem Richtplatze, der Stätte Seiner "Erhöhung" zu tragen, blieb nach der Strafsitte der Römer auch Ihm, dem Herrn der Ewigkeit, nicht erspart. Dürfen da wir uns beklagen, wenn das Leben und die Welt auch uns Kreuz und Leiden auferlegt!? Der Herr trug ein Kreuz, das nicht Er Sich verschuldet und bereitet hatte. Wir aber zimmern uns unser Kreuz und Leiden selbst durch unser verkehrtes, törichtes Streben.

Nicht ohne tiefen Sinn war von der göttlichen Vorsehung gerade das Kreuz als Mittel der Verklärung und Erhöhung des Herrn zugelassen zum ewigen Zeichen der heilig schmerzvollen Vollendung Seines Werkes. Schon in seiner äußeren Form ist und bleibt das Kreuz dem Menschengeschlecht und allen gefallenen und gerichteten Geistern ein ewiges Mahnzeichen.

Der eine Balken, der Stamm des Kreuzes, der von unten nach oben geht, zeigt den göttlichen Geist der Demut und Liebe, der von der Erde, dem Sinnbild der Materie und Selbstsucht, zum Himmel und seinen heiligen und beseligen den Gesetzen und Sphären weist.

Der andere Balken des Kreuzes, der quer zum Stamme läuft, bedeutet den argen Willen unserer aus dem großen Urgeiste Satana stammenden, mit ihm gefallenen und gerichteten Seele. Dieser Balken läuft in seiner Richtung gleich mit dem Boden der Erde. Er zeigt daher, daß unsere Seele mit ihrer Liebe gleichgerichtet ist mit dem argen Geiste der Materie, dem Geist der Selbstherrlichkeit und Selbstsucht, welcher es verschuldete, daß Satana, der große Urgeist, mit allen ihren Untergeistern und kleineren Intelligenzen in den finsteren Abgrund der Widerordnung stürzte in der todesnächtigen Gottesferne.

Auch heute noch schafft dieser arge, gotteswidrige Geist der Selbstherrlichkeit und Selbstsucht in uns den Querbalken unseres Kreuzes, das wir auf dem Wege dieses irdischen Schul- und Probelebens tragen müssen. Heute noch wie ehedem wollen wir den Gotteswillen durchkreuzen, der da lautet: "Liebe Gott über alles und deinen Nächsten wie dich selbst!" Wir aber wollen dieser von der Erde zum Himmel weisenden Richtung unser nichtiges, selbstisches Ich entgegensetzen, wollen raffen und, was unseres Nächsten ist, an uns reißen um unseres eigensüchtigen Genusses wegen. Da aber Gottes heilige Ordnung zu unserem eigenen Heil dieses falsche Streben nicht zulassen kann, zimmern wir uns selbst unsern Querbalken und unser Kreuz.

Nur Jesus trug in heiligem Leiden das Kreuz ohne Schuld; das Kreuz der höchsten Liebe, Demut und Geduld.

Allzumeist liegt es an unseren Schwächen und Leidenschaften, daß wir das Leidenskreuz auf uns nehmen müssen. Aber auch solch ein Kreuz ist eine Gnade. Es wird uns nicht in hartem Gerichtszorn zu unserer Strafe, sondern in großer Erbarmung zu unserer Läuterung und Vollendung auferlegt. Und die Stätte des Leidens soll auch für uns eine Stätte der "Erhöhung" werden, durch die wir eingehen in das Reich des Friedens und der nimmer endenden Seligkeit in Gott.

"Das Kreuz ist eine wahre Not des Lebens. Wenn das Leben keine Not hat, so zerstreut es sich und verflüchtigt sich wie ein Äthertropfen. Die kein Kreuz tragende Seele ermattet und stirbt, und verliert sich dann in die Nacht des Todes. Die Not des Lebens ist aber ein Gefäß des Lebens, in welchem dieses gefestet wird, gleich einem Diamanten, der da auch nur ist ein gefesteter Äthertropfen, obschon nicht ein Lebenstropfen. Daher nehme jeder das Kreuz auf seine Schultern und folge Mir in aller Liebe nach, so wird er sein Leben erhalten ewig. Wer mit seinem Leben zärtelt, der wird es verlieren; wer es aber kreuzigt und von Mir kreuzigen läßt, der wird es erhalten für alle Ewigkeiten."

 

Über den rechten Geist beim Kreuztragen

Über den rechten Geist beim Kreuztragen belehrt im "Großen Evangelium Johannes" ein Engel die Jünger:

"Alles, was auf Erden und in allen Sternen vor sich geht, geschieht zum alleinigen Besten der Menschen. Denn nur im Menschen liegt der Grund und Zweck aller Schöpfung im endlosen Raum.

Wenn ein Mensch so denkt und fühlt, wird er auch in allen Zuständen seines diesirdischen Freiheits-, Bildungs- und Probelebens eine unerschütterliche Ruhe des Herzens haben. Und Gott wird ihn erretten aus jeder Not und wird ihn finden lassen den Weg des wahren Lebens, den Weg des Lichtes und aller Wahrheit.

Aber wer da ungeduldig wird und über dies und jenes, das er doch nicht ändern kann, murrt und oft sogar in seinem geheimen Grimme Lästerungen über die ihm widrig vorkommenden Erscheinungen dieser Welt denkt und ausspricht, der eignet sich die Liebe Gottes nicht an, sondern entfernt sich nur immer mehr von ihr. Und das gibt keinem Menschen weder eine irdische und noch weniger eine jenseitige Ruhe und Glückseligkeit.

Denn alles geschieht ja nur durch die Liebe Gottes zum wahren Wohle des Menschen. Erkennt der Mensch das dankbar in seinem Gemüte an, so nähert er sich auch stets mehr der Liebe und der Ordnung Gottes, geht bald und leicht ganz in dieselbe über und wird dadurch in sich selbst himmlisch weise und mächtig."

 

Des Judas Reue

Auch dem Judas gereichte sein Fall und das Leiden seiner Enttäuschung und Reue zur Läuterung. Und sein aufrichtiger Verzweiflungsschmerz nach Erkenntnis seiner Untat wirft ein milderndes Licht auf sein Inneres und sein Handeln. Wir atmen auf, daß er in diesem Erdendasein wenigstens noch so weit kommen durfte, daß er die Schwere seines Frevels, wenn auch nicht im ganzen, endlosen Umfange, so doch in einem menschlich faßbaren Maße, erkannte.

Aber was Judas in seiner großen Verkehrtheit und daraus sich ergebenden Seelenblindheit nun weiterhin tat, war ebenfalls wieder nicht das Rechte in Gottes Ordnung.

Zunächst eilte er, völlig kopflos, zum Hohen Rat, um diesem die dreißig Silberlinge, das Blutgeld, zurückzugeben. Wohl war dieser Schritt ein Zeichen seiner Reue. Und den hohen Tempelpriestern gab es sicher einen Gewissensstoß, als sie den reuigen Verräter in seiner aufrichtigen Verzweiflung sahen. Allein mit der früheren Annahme des blutigen Solds von den Priestern hatte sich Judas ja nicht gegen den Tempel, sondern gegen den Herrn, seinen Gott und himmlischen Vater versündigt. Und so wäre es nach der Ordnung Gottes das Rechte gewesen, den Schaden auch gegenüber dem Herrn und himmlischen Vater gutzumachen. Und Judas hätte die dreißig Silberlinge besser einem armen, bedürftigen Menschen gegeben — einem "der Geringsten", von welchen der Herr gesprochen hatte: "Was ihr einem solchen tuet, das habt ihr Mir getan!"

Immer — so ist es des Vaters Wille — sollen wir ja, wenn wir ein Unrecht durch die Gnade Gottes einsehen dürfen, nicht bloß im Herzen eine große Reue fassen und Gott um Vergebung bitten, sondern auch nach Kräften den Schaden an einem von uns Beeinträchtigten wieder gutmachen.

"Der Glaube allein", spricht DER HERR, "wird dich nicht selig machen, sondern die Tat nach dem Lichte des Glaubens. Mache daher auch das Unrecht, das du an deinen Nebenmenschen begangen hast, soviel als möglich wieder gut, so werden dir deine Sünden vergeben werden. Denn solange jemand nicht den letzten ungerechten Stater an seinem Nebenmenschen berichtigt hat, wird er ins Reich Gottes nicht eingehen! Wo aber ein Mensch, was er geschadet hat, nicht mehr gutmachen kann, so bekenne er sein Unrecht reuig und wahr im Herzen vor Gott und bitte Ihn um Vergebung und auch darum, daß Er, dem alle Dinge möglich sind, an dem Beschädigten den ihm zugefügten Schaden gutmachen wolle. Dann wird Gott solch eine aufrichtige Bitte auch allezeit sicher erhören und dem ernst-gutwilligen und reuigen Bittsteller die Sünde vergeben, besonders wenn derselbe durch Liebeswerke an anderen das wieder gutzumachen bemüht ist, was er an denen, die für ihn nicht mehr da sind, hätte gutmachen sollen. Solange jedoch die Gelegenheit noch da ist, daß du das deinem Nebenmenschen angetane Unrecht selbst noch gutmachen kannst, da nützt dir der bloße gute Wille, die Reue und Bitte wenig oder nichts, sondern allein die Tat. Nach dieser erst sollst du auch Gott um Vergebung deiner Sünden bitten, und sie werden dir von Gott aus auch vergeben werden, so du dir den wahren und ernsten Vorsatz im Herzen gemacht hast, keine Sünde mehr zu begehen, und den gemachten Vorsatz auch aus allen deinen Lebenskräften, die unter der Herrschaft deines freien Willens stehen, hältst."

Noch größer war das Irren des reuigen Judas, als er in seiner tiefen Verzweiflung seinem irdischen Leben ein Ende machte.

 

Das Los des Selbstmörders

Heute werfen sehr viele Menschen ihr kostbares Erdenleben in Not, Verzweiflung oder — was viel schlimmer ist — in Trotz, feiger Schwäche oder Enttäuschung weg. Sie wähnen damit ihrem üblen Seelenzustand ein Ende zu machen, müssen aber nach der Tat erkennen, daß das Leben ihrer Seele fortgeht, und zwar geistig genau auf dem Punkte, wo sie den irdischen Leib verlassen hat. "Wie der Baum fällt, so liegt er!", das heißt: Alle Sorge und Bangigkeit, alle Enttäuschung und Verzweiflung geht als ein geistiger Inhalt der Seele mit hinüber und bestimmt das fernere, traumartige Leben, das nun zunächst die abgeschiedene Seele umfängt wie das Gespinst der Seidenraupe die Puppe.

Wie die Gnade Gottes nach dem Tode des Leibes auch die Seelen der unglücklichen Lebensverächter zu finden weiß und wie die Ewige Liebe sie hier in neuen Erfahrungsschulen, wenn auch unter größeren Schwierigkeiten, weiterreift, das alles ist in den Werken der Neuoffenbarung lichtvoll geschildert. Auch die Selbstmörder sind von der unendlichen Gnade des himmlischen Vaters nicht ausgeschlossen! Gar gerecht wiegt die Ewige Liebe die mehr oder minder schweren Gründe der unseligen, das kostbare Erdenschulungsleben verachtenden und vernichtenden Tat.

Und unendlich Tröstliches für viele dieser Ärmsten wie auch für ihre Hinterbliebenen bieten die Eröffnungen, welche wir in dem Lorberwerk "Die geistige Sonne" über das weitere, jenseitige Geschick des reuigen Judas finden. Es wird geschildert, wie der Prior eines Klosters nach gnaden voller Reifung im Jenseits schließlich in der höchsten Sphäre der Himmel an den Tisch des Herrn kommt. Mit anderen seligen Geistern und Engeln darf er sich an der himmlischen Tafel niedersetzen, und in heiligen Worten voll Licht und Liebe wendet Sich an ihn DER HERR und himmlische VATER:

"Du fragst hier nach dem Judas — ob dieser auch bei der Tafel sein wird? Was meinst du wohl, ob sich der Verräter hierher schicken möchte?"

Der Prior spricht: "O Herr, Du allerliebevollster, heiliger Vater! Ich weiß wohl, daß Deine Gerechtigkeit so groß ist wie Deine Liebe, Gnade und Erbarmung. Aber dessenungeachtet muß ich Dir offen bekennen, es würde mir dennoch etwas hart geschehen, wenn ich diesen verlorenen Apostel im Ernste für ewig missen müßte. Denn Du hast ja Selbst gesagt, daß dieser eine verloren ging, damit die Schrift erfüllet würde. Dieser Text hat mich denn auch heimlich in Hinsicht dieses unglücklichen Apostels stets mit einem kleinen Trost erfüllt. Denn ich sagte mir: Der Judas mußte vielleicht, wennschon nach seiner freien Wahl, denn doch ein Dir dienendes Werkzeug, also ein Apostel der Toten, sein, damit eben durch seinen Verrat Dein von Ewigkeit vorbestimmter, heiliger Plan in die herrlichste Ausführung kam! — Siehe, o Herr, Du allerliebevollster, heiliger Vater! Solches flößte mir dann immer eine selige Hoffnung für den armen, unglücklichen Apostel ein. Noch mehr aber ward ich allezeit dadurch beruhigt, wenn ich bedachte, wie Du am Kreuz den Vater in Dir für alle Deine Feinde um Vergebung batest. Und da konnte ich den armen Judas trotz seines Selbstmordes nicht ausschließen. Dazu war ja auch doch offenbar an dieser seiner letzten Tat der nach der Schrift in ihn fahrende Teufel schuld. Daher also möchte ich wohl auch diesen Apostel, wennschon nicht hier, so aber doch wenigstens irgendwo nicht im höchsten Grade unglücklich wissen."

DER HERR spricht: "Höre, Mein geliebter Sohn, es gibt nicht einen, sondern zwei Judas Ischariot: der eine ist der Mensch, der mit Mir auf der Erde gelebt, und der andere ist der Satan, der in seiner damaligen Freiheit sich diesen Menschen zinspflichtig gemacht hatte. Dieser zweite Judas Ischariot ist wohl noch gar vollkommen der Grund der alleruntersten Hölle, — aber nicht also der Mensch Ischariot. Denn diesem ward es vergeben. Und inwieweit — um dies zu erkennen, brauchst du dich nur umzusehen! Denn derjenige, der soeben mit deinem Bruder spricht und nun auch einen Liebesverrat begeht, indem er deinem Bruder schon im voraus Meine große Liebe zeigt, ist eben derjenige Judas Ischariot, um den du besorgt warst. — Bist du nun zufrieden mit Mir?"

Der Prior, vor Liebe zum Herrn beinahe vergehend, spricht: "O Herr, Du allerunendlich liebevollster, allerheiligster Vater! Wahrlich wahr, ich habe Dich wohl allezeit für allerhöchst liebevoll und endlos gut mir vorgestellt; dessenungeachtet aber hätte ich mich nie getraut zu denken, daß sich Deine unendliche Erbarmung, Gnade und Liebe in solchem Grade auch bis zum Judas erstrecken sollte! Auf der Erde hätte ich mich mit einem solchen Gedanken sicher für grob sündig geglaubt. Aber nun sehe ich, wie endlos weit Deine unendliche Güte, Gnade und Erbarmung alle menschlichen Vorstellungen übertrifft. — O Herr, was soll ich tun? Wie soll ich Dich denn lieben, daß ich nur einigermaßen in meinem Herzen solcher Deiner unendlichen Liebe entsprechen könnte?“ — — —

 

Die sieben Kreuzesworte

In der kleinen Schrift "Die sieben Worte Jesu Christi am Kreuz" wird die letzte Predigt, welche Jesus vom Kreuze her ab in sieben heiligsten Worten an die Menschheit der Erde und an alle Kreatur der ganzen Schöpfung richtete, mit allen näheren Umständen neu kundgetan und in ihrem tiefen, geistigen Sinne beleuchtet. Wir vernehmen:

"Als Ich, der Erlöser, für das Menschengeschlecht blutend und sterbend am Kreuze hing, da sprach Ich, die ganze Größe menschlicher Schuld und deren Folgen ersehend, jene bedeutungsvollen sieben Worte, die Ich jetzt den Menschen nochmals zu ihrem Heile erklären werde.

Das erste Wort, welches Ich da gesprochen: 'Herr, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun!' — hat nicht so sehr die blinden Juden angegangen als vielmehr diejenigen Nachkommen, welche nach Annahme Meiner Lehre Meinen Namen tragen und in der spätem Zeit Mir Tempel bauen werden. Diese Menschen haben sich trotz Meiner Lehre, daß Mein Reich nicht von dieser Welt ist, so in die irdische Materie hineingelebt, daß Mein einst an den reichen Sohn des Pharisäers gerichteter Ausspruch: 'Wahrlich, Ich sage dir, eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein solcher Reicher in das Himmelreich!' auf sie eine volle Anwendung findet.

Meine Lehre spricht von Demut, Sanftmut, Duldsamkeit gegenüber den Schwächen des Nächsten. Doch, o weh, wie so wenig wird diese Lehre befolgt! Gerade Meine seinsollenden, Meinen Namen tragenden Jünger sind heutzutage des Hasses voll gegen ihre in menschliche Schwächen verfallenen Brüder!

Ich betete doch, daß alle Menschen sich als gute Brüder und Schwestern untereinander beistehen möchten, aber wie wenig wird dem Folge geleistet! Mord, Raub, Zank und Totschlag aus Nichtbeachtung Meiner himmlischen Lehre ist nur allzu offenbar und wird in eigen- und herrschwilligstem Ungehorsam selbst den Bessern mehr oder minder verderblich.

Das zweite Wort lautete: 'Mich dürstet!' — Obwohl dürstete Mich dort und dürstet Mich noch immer nach so vielen, in ihrem Wahne zugrunde gehenden Seelen, welche nur in ihren Weltgelüsten ihr Heil suchen und sich weder um Gott noch um die Ewigkeit bekümmern. Doch wehe, wehe solchen Weltlingen! Es wird ein furchtbares Gericht über sie hereinbrechen, da das Maß ihrer Sünden übervoll und ihnen nur noch eine kurze Frist gestellt ist! Und wenn auch diese fruchtlos verfließt, werden sie hinweggestrichen aus dem Buche der Lebendigen!

Du fragst Mich in deinen Gedanken, wie es denn komme, daß Ich immer drohe und doch keine feste Zeit Meiner Züchtigung bestimme!? Da sage Ich dir und allen, welche Ohren haben zu hören: Eben weil Ich als euer Vater und ewiger Richter jeder Seele hinlänglich Zeit und Gelegenheit bieten will, sich ihr ewiges Heil zu erwerben, und weil keine Seele am Tage des Gerichtes sich soll entschuldigen und ausreden können, als ob sie verkürzt worden wäre.

Mein drittes Wort war: 'Mein Gott, Mein Gott, warum hast Du Mich verlassen!' Diesen Ausruf haben selbst Meine Freunde für menschliche Schwäche genommen. Und selbst sie gerieten dabei in Zweifel, wie es denn komme, daß Ich früher Mich für Gott ausgegeben habe und jetzt in Meinen Todesängsten zu Gott rufe, im Wahne, Er habe Mich verlassen.

O ihr kurzsichtigen Sterblichen! Merket ihr denn nicht, daß nur der Geist in Mir Gott war, die Hülle oder das Fleisch dagegen aus schwacher Materie bestand und gleich euern Leibern ebenso dem Schmerz und der Pein untertan sein mußte. Denn welches Verdienst wäre es wohl gewesen, wenn Ich nicht in dieser (menschlich schwachen und unvollkommenen) Hülle die große Schuld der Menschen entsündigt hätte dadurch, daß in Mir die Materie gehorsam sein mußte bis zum Tod am Kreuze!?

Nicht ein anderer Gott außer Mir war es, zu dem Ich rief, sondern die Gottheit in Mir, Gottes Geist und Urkraft in ihrem Vollmaße. Nur Meine Leibeshülle war ja gleich wie bei den Menschenkindern aus Erdenstoff genommen. Und diese mußte auch in Mir (dem Schmerz und dem Tode) untertänig sein. Deshalb suchte die Materie in ihrer Verlassenheit Hilfe — zum Vorbild, daß jeder Erdenmensch Hilfe allein bei Gott suchen soll.

So wie Ich Selbst in Meinem dritten Worte werden der einst alle jene am großen Gerichtstage rufen, welche sich im Leben nie oder sehr wenig um Mich und Mein Wort gekümmert haben. Allein, wenn die Zeit der Gnade vorüber ist, dann kann kein noch so lauter Ruf um Gnade und Barmherzigkeit mehr so leicht helfen.

Schaue um dich, und du wirst finden, wie die Welt vorwärts schreitet auf der Bahn der weltlichen Wissenschaften, Künste und neuen Entdeckungen; die Menschen erforschen die geheimsten Kräfte der Natur, und Ich lasse es zu, daß alle Meine Werke ihnen untertan sind, da Ich ja alles herrlich und zum Nutzen Meiner Kinder erschaffen habe. Allein, zu welchem Zweck werden all ihre Wissenschaften verwendet!? Nur um sich zu bereichern mit weltlichen Schätzen oder um ihrer Hoffart und ihrem Übermut zu fröhnen! Dabei vergessen die Wohlhabenden ganz ihrer armen Brüder, die immer tiefer in allerlei Not und Elend versinken und in ihrem Jammer um Hilfe und Erbarmung zu Mir rufen.

Wie sollte Ich da Mich nicht Meiner armen Kinder erbarmen und sie nicht erretten aus ihrem schweren Joch der Sklaverei geistig und leiblich!? — Und wie könnte Ich da Gnade und Barmherzigkeit widerfahren lassen denen, die selber Gnade und Barmherzigkeit nicht kennen!?

Das vierte Wort: 'Maria, siehe deinen Sohn! Und du Sohn, siehe deine Mutter!' — sprach Ich nicht so sehr Meiner Mutter wegen, da Ich ja wußte, daß Meine Jünger Meine Leibesmutter nicht verlassen würden. Vielmehr wollte Ich dadurch gleichsam anzeigen, welche Liebe Ich für alle Meine Kinder im Herzen trug. Ich wollte sie alle der erbarmenden Liebe Gottes, welche durch die Mutterliebe entsprechend angedeutet wird, anempfehlen. Und unter dem 'Sohne' wurden denn auch alle Menschenkinder verstanden, welche sich durch die Befolgung Meiner Lehre dieser Liebe wert machen. Allein wo ist jetzt unter den Menschen die ernste Befolgung Meiner so einfachen und für das Wohl der Seele so nutzbringenden Lehre? Wenige unter allen Meinen Kindern befolgen noch halbwegs Meinen Willen. Die übrigen sind entweder vom Eigendünkel zu sehr umstrickt oder von zu vielen Weltsorgen umgeben, um sich viel um Mein Wort zu kümmern. Deshalb hat sich Meine göttliche Lehre fast nurmehr zu einer Scheinlehre oder zu einem hergebrachten Gebrauche gestaltet und hat dadurch die Sünde die Oberhand über die Menschen gewonnen.

Es ist daher die höchste Zeit, Meine Kinder wieder mit allem Ernst auf den rechten Weg zurückzuführen. Allein das geht leider nicht mehr mit gelinden Mitteln, sondern nur mit aller Strenge des Gerichtes. Denn auch das Sprichwort sagt:

'Wer nicht hören will, muß fühlen!' — und so muß Ich, um die Völker nicht ganz in ihrer maßlosen Verblendung in den ewigen Tod versinken zu lassen, eine ernstliche Züchtigung über sie hereinbrechen lassen.

Ich warnte und warne immer jeden Menschen im einzelnen sowie ganze Völker im allgemeinen durch Zuschickung von Krankheiten, Mißlingen ihrer weltlichen Spekulationen, durch Kriege, Teuerung und dergleichen mehr. Ich ließ und lasse es zu, daß die Menschen durch ihren Eigensinn sich selbst oft den größten Schaden gegenseitig zufügen. Und dennoch ist das alles meist umsonst! Die Menschen suchen die Ursache aller dieser Übelstände stets woanders als bei sich und messen in ihrer Sündhaftigkeit Mir, als ihrem gütigen und langmütigen Gott, die Schuld bei.

O du verblendetes Menschengeschlecht! Wie lange soll Ich deinem tollen Treiben noch zusehen?! Meinst du wohl in deinem Wahn, du könntest Mir, deinem Herrn und Gott, Trotz bieten?! — Wehe dir, du wirst in der Zeit der Not deine Hände vergebens um Hilfe zu Mir emporheben! Ist die Zeit der Gnade vorüber, dann werde Ich Mein Ohr deinem Geschrei verschließen und taub gegen deine Bitten sein! Denn ihr wisset, daß es nicht genug ist, Herr! Herr! zu rufen, sondern daß es gilt, allezeit gerecht auf Meinen euch vorgezeichneten Wegen zu wandeln, wenn ihr Meiner Gnade teilhaft werden wollet.

Nun kommen wir zur Auslegung des fünften Wortes, welches Ich am Kreuze gesprochen. — Diese Trostworte: 'Heute noch wirst du bei Mir im Paradiese sein' richtete Ich an Dismas, den Schächer, welcher zu Meiner rechten Seite am Kreuze hing. Es galten aber diese Worte nicht ihm allein, sondern allen Menschen, welche Meine Lehre annehmen und danach leben. Weshalb Ich dem Dismas aber nur das Paradies und nicht den Himmel versprochen habe, hatte seinen Grund darin, daß jede Menschenseele nach ihrem Leibestod je nach ihrer Vollkommenheit in einen niederen oder höheren Grad des Lichtes gelangt, und daß selbst Seelen, welche alles Irdische schon diesseits abgebüßt haben, zuerst nur in das Paradies oder in den niederen Grad der Seligkeit gelangen können. Denn keine Seele kann, bevor sie ganz geläutert und gereinigt ist, in den Liebehimmel zur höchsten Seligkeit eingehen. So hatte auch Dismas durch die Liebe und das Vertrauen zu Mir den ersten Grad erreicht, und war es möglich, ihm das Paradies zu verheißen.

Es wird bald die Zeit herbeikommen, wo wenige auch nur das Paradies sich erringen werden, weil es von Mir zugelassen wird, daß die Menschen alles, was in ihrem freien Willen liegt, unternehmen können. Selbst den bösen Geistern wird da, bevor die große Zeit Meines Gerichts eintritt, die Freiheit gegeben (wobei freilich auch Meinen guten Engeln der Auftrag gegeben wird, Meine Kinder zu beschützen und sie vor den Fallstricken des Satans zu bewahren!). Dann wird sich das Wort erfüllen: 'Es wird eine Zeit kommen, da, wenn es zugelassen wäre, selbst die Frommen abfallen würden.'

Was wird denn das für eine Zeit sein, werdet ihr fragen!? Und Ich sage euch, es ist eben jene Zeit des Hochmuts, der Hoffart, des Geizes, der Unzucht und der Hurerei aller Art, welche alle Völker nun ergreift und immer tiefer in ihren Lasterpfuhl hinunterzieht, woraus ohne Meine Hilfe ewig keine Rückkehr zu hoffen ist.

Mit Meinem am Kreuze ausgesprochenen sechsten Worte: 'Vater, in Deine Hände empfehle Ich Meinen Geist!' wollte Ich gleichsam allen Menschenkindern das Beispiel geben, daß sich die Seele zu ihrem Urquell zurückzubegeben hat und der Mensch sein Leben und Tun so einrichten soll, daß er am Ende seiner irdischen Laufbahn mit Freude und Frohlocken die Seele seinem himmlischen Vater übergeben kann.

Zum rechten Verständnisse muß man freilich wissen, daß nicht Mein Geist, sondern dessen äußere, seelische Umhüllung, Meine Seele, diese Worte zu dem in Mir wohnenden    Vater-Gottgeiste sprach.

Nun aber sprach Ich Mein letztes Wort: 'Es ist vollbracht!' — Ja, es war vollbracht, das große Werk der Erlösung! Doch was frommte es auch Tausenden und Abertausenden von Seelen, welche zwar ebenfalls durch Meinen Tod und Mein Mittleramt von der Erbsünde erlöst wurden, aber Mir nicht nachfolgten im Geist und in der Tat!? Der Himmel war ihnen erschlossen, allein, durch ihr sündhaftes, liebloses Wesen und ihren unbußfertigen Lebenswandel zogen sie sich wieder aufs neue die ewige Verdammnis (das Gericht) zu!

Ihr Menschenkinder! Als Mein erstes und letztes Wort sage Ich euch denn abermals im vollen Ernste Meiner Liebe:

Tuet Buße! — Kehret zu eurem Herrn und Gott in Wort und Tat zurück. — Lasset ab von eurem Wucher und gedenkt eurer armen Brüder, welche umsonst euch um Barmherzigkeit anflehen! Denket der Witwen und Waisen! Und sprechet Recht den Unmündigen!

Denn es stehet geschrieben: 'Mit welchem Maße ihr ausmesset, mit dem wird euch wieder eingemessen werden!' — Nehmet euch zur Warnung vergangene Geschlechter! Solange sie Gott getreu blieben, waren sie groß und glücklich; als sie aber anfingen, auf sich allein zu bauen, da ließ Gott die Völker sinken und ganze Reiche wurden von der Erde vertilgt."

 

Die Stunden des Scheidens

Über die weiteren, das Hinscheiden des Herrn begleitenden Umstände lauten die biblischen Evangelien verschieden.

MARKUS, der Schüler des Apostels Paulus, bezeugt: "Von der sechsten Stunde an kam dann eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. Um die neunte Stunde aber rief Jesus mit lauter Stimme: 'Eloi, Eloi, lema sabach thanei?' das heißt: 'Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?' Als einige von den dort Stehenden dies hörten, sagten sie: 'Der ruft den Elia'. Sogleich lief einer von ihnen hin, nahm einen Schwamm, füllte ihn mit Essig, steckte ihn an ein Rohr und wollte ihn trinken lassen. Die anderen aber sagten: 'Laß! wir wollen sehen, ob Elia wirklich kommt, um ihn zu retten.' Jesus aber schrie laut auf und verschied. Und der Vorhang im Tempel zerriß in zwei Stücke von oben bis unten". (Mark. 15,33f)

MATTHÄUS fügt diesem Bericht des Markus hinzu: "… Und die Erde erbebte und die Felsen zerrissen. Und die Gräber taten sich auf, und viele Leiber der entschlafenen Heiligen wurden auferweckt, gingen nach seiner Auferstehung in die heilige Stadt und erschienen vielen." (Matth. 27,45f).

LUKAS berichtet: "Und es war um die sechste Stunde, da kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, indem die Sonne ihren Schein verlor. Und der Vorhang im Tempel zerriß mitten entzwei. Da rief Jesus mit lauter Stimme: 'Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist!' Und nach diesen Worten verschied er" (Luk. 23,44f).

JOHANNES dagegen bekundet nur kurz aber bedeutsam: "Als nun Jesus den Essig genommen hatte, rief er aus: 'E ist vollbracht!' — neigte das Haupt und gab seinen Geist auf" (Joh. 19,30). — Von den äußeren, naturmäßigen Ereignissen und Erscheinungen berichtet dieser Augenzeuge nichts.

Dieser merkwürdige Gegensatz und scheinbare Widerspruch der biblischen Überlieferung hat schon manchem Christen zu denken gegeben. Und es ist eine Gnade und für viele eine erlösende Wohltat, daß durch die Schriften der Neuoffenbarung auch dieses Rätsel aufgehellt und geklärt ist.

Johannes, als der auf das Geistige, den tiefen, himmlischen Sinn aller Lehren und Erscheinungen gerichtete Jünger, nahm wohl die äußeren Ereignisse beim Hinscheiden des Herrn und Erlösers ebenfalls wahr. Aber ihm war das Geistige, was es entsprechungsweise darstellte, das allein Wichtige und der Überlieferung Würdige. Und dieses faßte er denn zusammen in dem letzten, großen Ausspruch des Herrn: "Es ist vollbracht!" — —

In diesem Worte lag — geistig genommen — ja tatsächlich alles, was in den äußeren, naturmäßigen Vorgängen gleichsam in lebenden Naturbildern ausgedrückt wurde. Es war — nachdem der "Essig" der Weltbitternis "genommen war" — vollbracht: die Durchdringung und Erschütterung der Materie, die Sprengung der Gefängnisse, die Lösung der vom Geiste der Verneinung gebannten Seelen.

 

Die Sonne verfinstert sich — die Erde bebt

Im Lichte dieser geistigen Erkenntnis erklären sich auch die äußeren, das Hinscheiden des Herrn begleitenden Umstände, welche das große Geschehen entsprechungsweise in der Naturwelt zum Ausdruck brachten.

So verstehen wir die Verfinsterung des Sonnenlichts. — Beim Sterben des Menschensohnes trauerten alle Engel und reinen Geister der materiellen und geistigen Sphären aller Sonnen und Welten. Und das sonst von ihnen ausgehende, den ganzen Äther der Unendlichkeit durchwogende Freudebeben ihrer seligen Liebe, das den ausströmenden Lichtatomen der Sonne ihre belebende und beseligende Wirkungskraft verleiht, war in der Zeit der schmerzvollsten drei Stunden derart gedämpft, daß zuletzt auch bei unserer Erdensonne eine naturmäßig bemerkbare Lichtschwächung eintrat. Allein das Naturleben durfte nicht gänzlich stocken und aufhören, und die Menschheit durfte auch nicht durch ein den Naturgesetzen widersprechendes allzu gewaltiges Wunderzeichen in ihrem freien Glauben, Willen und Handeln genötigt und gerichtet werden. Und so war diese allgemeine Verfinsterung der Sonne mehr eine geistige und nur zu einem geringen Teil eine naturmäßig sich auswirkende. Und sie geschah auch nicht, wie sonst, durch die Verdeckung der Sonne durch die Mondscheibe — weshalb die Sternkundigen durch Rückberechnung des Sonnen- und Mondlaufes vergebens eine Bestätigung der biblischen Angabe gesucht haben und auch nie finden werden.

Das Hinscheiden des Menschensohns, Seine volle Hingabe von Blut und Leibesleben war aber zugleich auch der große, durchdringende Sieg der in Ihm wohnenden Ewigen Liebe und Ihres geistigen Lichtes. Und darum "erbebte" die Erde, das Sinnbild der Materie, der Sitz des alten Geistes der Finsternis und Widerordnung! Ein Größerer, ein Mächtigerer hatte an die Pforten gepocht, war in die Hochburg Luzifers eingedrungen und hatte durch Sein beispielloses Sichopfern eine gewaltige Bresche gelegt. Satans Sphäre, welche der unbeugsame Empörer bis dahin mit allen Mitteln seines starken Willens gewahrt hatte, war durchbrochen, und es kann nicht wundernehmen, wenn er, dies erkennend und empfindend, sich rührte und die unterirdischen Gewölbe seines Kerkersitzes in seinem Grimm auch naturmäßig in Bewegung setzte.

Aber auch dies wurde ihm freilich — um der menschlichen Glaubens- und Willensfreiheit wegen — nicht in einem ungewöhnlichen, für die Landesbewohner auffallenden Maße gestattet. Nur wenige Menschen mit erschlossenen, vor bereiteten Seelen machten sich darüber Gedanken, wie jener römische Hauptmann, von welchem es heißt: "Und als der Hauptmann nun sah, was geschehen war, pries er Gott und sagte: Dieser ist wahr und wirklich ein Gottesmensch gewesen!"

Der naturmäßige, fleischlich gesinnte Mensch vernimmt nichts vom Geiste Gottes. Was auch immer in der Naturwelt geschieht, erklärt er sich mit äußerlichen, stofflichen Ursachen, um nur ja nicht aus seinen ihm liebgewordenen Geleisen des irdisch-stofflichen Denkens und Strebens heraus zu müssen und in höhere Sphären gedrängt zu werden.

Uns möge der Geist kräftig mahnen, wenn das Sonnenlicht der Ewigen Liebe sich uns vermindert oder wenn der Grund und Boden, auf welchem wir stehen, durch Gottes Zulassung von den Gewalten der Tiefe erschüttert wird!

 

Der Vorhang zerreißt — die Gräber öffnen sich

Ein weiteres Geschehen wurde durch das Zerreißen des Vorhangs im Tempel und durch die Öffnung der Gräber und das Hervorgehen der Toten angedeutet.

Der Vorhang im Tempel trennte das Tempelinnerste, den allerheiligsten Raum mit der Bundeslade, von dem größeren Tempelraum, in welchem das betende Volk sich zu versammeln pflegte. Hinter den Vorhang, in das Allerheiligste, durften nach den strengen Tempelsatzungen nur die Priester treten. Und sie wußten wohl, warum sie diese Vorsicht übten; denn die alte Bundeslade war leer und keine Feuersäule stand mehr über ihr und zeigte die Gegenwart Gottes im Allerheiligsten an.

Jetzt — in der Stunde des Hinscheidens Jesu — riß der Vorhang von oben bis unten mitten entzwei. Mit der Vollendung des großen Liebesopfers auf Golgatha fiel vor dein wahren Heiligtum die Schranke, die bis dahin das gefallene, sündige Geschöpf von seinem heiligen Schöpfer, Gott und Vater getrennt hatte. Fortan konnte und kann jede Seele frei ins Vaterhaus heimkehren; der Vater in Jesus hatte am Kreuz dem verlorenen Sohn die Arme weit aufgetan. Es liegt an uns, daß wir uns aufmachen und auf dem bereiteten Weg der Demut und Liebe an das Herz des Vaters, das wahre Allerheiligste der ganzen Unendlichkeit, eilen.

Viele Seelen, die "in den Gräbern" waren, erkannten dies alsbald durch den Wink und Ruf ihres göttlichen Geistes. Im Grabe der Materie sind wir ja alle, solange uns der Geist der Eigenliebe beherrscht — ob wir nun noch auf dieser Erde im Leibe wandeln, oder ob unser Leib in die Erde gelegt ist und unsere Seele sich in der Geisterwelt befindet. Ein geistiges Grab ist überall da, wo man nicht Gott, den himmlischen Vater in Jesu über alles liebt und aus solcher Liebe auch seinen nächsten Mitbruder wie sich selbst.

O Haupt voll Blut und Wunden,

voll Schmerz und voller Hohn;

o Haupt, zum Spott gebunden

mit einer Dornenkron;

o Haupt, sonst schön geschmücket

mit höchster Ehr und Zier,

doch nun von Schmach gedrücket:

gegrüßet seist du mir!

Du edles Angesichte,

davor das Reich der Welt

erschrickt und wird zunichte,

wie bist du so entstellt!

Wie bist du so erbleichet!

Wer hat dem Augenlicht,

dem sonst kein Licht mehr gleichet,

solch Dunkel zugericht't?

Mein Heil, was du erduldet,

ist alles meine Last;

ich, ich hab es selbst verschuldet,

was du getragen hast.

Schau her, hie steh ich Armer,

der Zorn verdienet hat;

gib mir, o mein Erbarmer,

den Anblick deiner Gnad!

Erkenne mich, mein Hüter;

mein Hirte, nimm mich an!

Von dir, Quell aller Güter,

ist mir viel Guts getan:

Dein Mund hat mich gelabet

mit wunderbarem Trost,

dein Geist hat mich begabet

mit reicher Himmeskost.

Paul Oerhardt (1607—1676).

Nach einem lateinischen Lied des Arnulf von Loewen (um 1200—1250)

 

Grablegung

DER HERR: Als nun der Körper gestorben war und die Schar der Feinde ihre Rache völlig gekühlt hatte, verlief sich das Volk auch bald, weil ein inneres Grauen — jene innere, schon berichtete Finsternis — jeden veranlaßte, einen Schutz in seinem Hause zu suchen, wo sich die Juden nach ihren Satzungen nun zum Sabbat vorzubereiten hatten, der mit Sonnenuntergang herannahte.

Meine Anhänger näherten sich jetzt der Richtstätte immer mehr, so daß der Kreis der Mir Nahestehenden sich ziemlich vergrößerte. Joseph von Arimathia war schon vorher zu Pilatus gegangen und hatte um Meinen Leib gebeten, eine Vergünstigung, die nicht immer gegeben wurde. Pilatus jedoch gab sie ihm gern, da er dadurch sowie auch durch die in drei Sprachen ausgeführte Schrift an der Spitze des Kreuzes, welche besagte, Ich sei der Juden König, den Juden einen Ärger bereiten wollte.

Meine Freunde nahmen alsbald den Körper herab, reinigten und salbten ihn und trugen ihn sorgsam zu einem Felsengrab, das dem Joseph von Arimathia gehörte, auf einem Grundstück, welches dieser dem Nikodemus abgekauft hatte, um daselbst seine eigene letzte Ruhestätte zu finden. Golgatha war zwar ein Felsenhügel, jedoch war die Stätte in nächster Nähe eines vielbewohnten Landhausviertels, wo sich viele reiche Römer und Juden angekauft und herrliche Häuser erbaut hatten. Daher ist die Nähe des Gartens erklärlich. In dieses Grab des Joseph von Arimathia legten also die Freunde den Körper und verwahrten die Stätte wohl, aus Furcht, die Juden möchten in ihrer Bosheit sonst auch noch dem Leichname Böses antun.

Die Juden aber hatten wiederum Furcht, Meine Anhänger möchten den Leichnam entführen und dann behaupten, Ich sei auferstanden. Denn sie hörten und wußten sehr wohl, daß die Rede von Meinem vorhergesagten Tod und auch von Meinem Auferstehen im Volke umging. Daher baten sie den Pilatus um Wachen, die dieser auch bewilligte, schon aus Neugierde, ob denn da wirklich etwas Wunderbares herauskommen werde, wie allerseits sowohl von den Freunden erwartet, als auch von den Feinden befürchtet wurde.

Es wurden daher Wächter bestellt, römische Soldaten, welche fünf Tage lang an dem Grabe Wache stehen sollten.

 

Der Herr im Grabe des Joseph von Arimathia

Joseph von Arimathia war ein Freund des Nikodemus und tat den Bittgang zu Pilatus mehr im guten Namen seines Freundes als in seinem eigenen. Denn Nikodemus war ein großer, geheimer Verehrer Christi, aber er getraute sich aus einer gewissen Furcht vor den Hohenpriestern und Pharisäern nicht, so etwas ganz offenbar zu unternehmen. Daher übertrug er es seinem Freund, der ebenfalls ganz im geheimen ein großer Freund Christi war. — Diese kurze Vorbemerkung ist notwendig, damit man das Folgende klarer fasse.

Stellt euch nun unter Nikodemus die verborgene Liebe zum Herrn vor, unter Joseph von Arimathia aber stellt euch den Glauben an den Herrn vor.

Was ist der Glaube bezüglich der Liebe? — Er ist deren Handlanger! Also war auch Joseph von Arimathia hier ein Handlanger des den Herrn geheim liebenden Nikodemus.

Was verlangte aber der Glaube von Pilatus? — Er verlangte den Leichnam des Herrn, wickelte denselben, als er ihn vom Kreuze genommen hatte, in weiße Linnen, nach dem er den Leichnam zuvor mit köstlicher Spezerei gesalbt hatte, und legte ihn dann in ein frisches Felsengrab im eigenen Garten, in welchem Grabe noch nie jemand gelegen hatte.

Was bezeichnet wohl solches alles? — Dies alles bezeichnet die an und für sich edle Wißbegierde des Glaubens, die alles Erdenkliche aufsucht, um darin eine lebendige Befriedigung zu finden. Sie geht zu Pilatus und erbittet sich die Erlaubnis — das heißt soviel als: Solche Wißbegierde geht zur Welt und sucht in ihr alles Mögliche auf, was ihr zur Bestätigung der Wahrheit dienen könnte.

Hat sie von der Welt alles empfangen, was sie sucht, dann wendet sie sich zu dem Gekreuzigten. Aber wie? Sie sucht da alle Worte und Erklärungen ins helle Licht zu stellen, sie alsonach zu befreien von den geheimnisvollen, scheinbaren Widersprüchen, welche in der Heiligen Schrift vorkommen.

Dieses gelingt ihr auch; sie hat schließlich den Leichnam richtig von dem Kreuze, das in seiner Gestalt ja einen "Widerspruch" darstellt, befreit. Aber was hat diese edle Wißbegierde nun vor sich? — Sehet, einen toten Leichnam, in dem kein Leben ist! Die edle Wißbegierde sieht das auch ein; aber sie ist dennoch in sich erfreut über die glückliche Befreiung vom Kreuze. Sie salbt den Leichnam mit köstlichen Spezereien, wickelt ihn in weiße Linnen und legt ihn dann in ein neues Grab, darin noch nie jemand gelegen hat.

Was will das wohl besagen? — Durch solche gründliche Beleuchtung des Wortes in der Heiligen Schrift wird unfehlbar die Göttlichkeit desselben ersichtlich und wird auch also geachtet und hochgeehrt. Das ist die Salbung! Denn nicht selten drückt sich da jemand in den erhabensten Ausdrücken aus über die Würde und göttliche Hoheit der Heiligen Schrift; aber alles das ist die Salbung eines Leichnams.

Der Mensch mit dieser edlen Wißbegierde umwickelt nun solche erkannte Wahrheit mit der höchsten und reinsten Hochachtung, ja er erschauert über die Größe der Wahrheit in diesem Buche; und das ist nichts anderes als die Einwicklung des Leichnams in weiße Linnen. Wie unschuldsvoll und rein an und für sich solche Linnen sind, so auch ist jene demütige Erkenntnis. Aber der Leichnam, die Salbe, wie die Linnen sind nicht lebendig und geben auch kein Leben.

Man wird aber nun diesen Leichnam in ein neues Grab legen. Was ist denn das? — Da die Erkenntnisse, die der Mensch zufolge seiner edlen Wißbegierde sich zu eigen gemacht hat, ihm kein Leben, keine lebendige Überzeugung geben, faßt er sie alle zusammen und legt sie in das Grab seines tieferen Verstandes. Da legt er einen Stein darüber, das heißt, er legt über alle diese rein erkannten Wahrheiten einen recht schweren Zweifel. Denn er spricht: "Alle diese Lösungen der verborgenen Geheimnisse in der Heiligen Schrift lassen sich wohl überaus gut hören; aber die anschauliche Überzeugung geben sie dennoch nicht!"

Und sehet nun, das ist buchstäblich der Zustand eines jeden Viellesers! — Er kann all das Gelesene noch so gut verstehen, vom naturmäßigen bis zum innersten, geistigen Sinne; will er aber von all dem wohl Erkannten eine tatsächliche Probe, dann erfährt er, daß sich nicht einmal ein Sonnenstaubchen vor seinem Willen beugt! Und will er das Leben des Geistes schauen, so begegnet ihm statt dessen allezeit die Grabesnacht, in die er seinen Leichnam gelegt hat. Oder mit anderen Worten: Er bekommt über das Jenseits keine in sich selbst anschauliche Gewißheit, sondern alles ist bei ihm eine unerwiesene Behauptung, also ein Leichnam im Grabe!

Was aber ist ihm wohl damit geholfen? — Wenn er noch soviel gelesen hat, kann aber durch all das Gelesene zu keiner lebendigen Überzeugung gelangen, so gleicht er immer zu einem Joseph von Arimathia, der wohl einen Leichnam um den andern vom Kreuze nimmt und salbt und in weiße Linnen wickelt. Aber der Leichnam bleibt Leichnam und wird allezeit ins Grab getragen.

Betrachten wir daneben aber unsere Magdalena! Diese hat zwar auch allen diesen Handlungen beigewohnt. Aber sie wickelte den Leichnam oder das Wort nicht in Linnen und legte es nicht in das Grab, sondern in ihr liebeglühendes Herz. Und als sie dann zum Grabe kam, war der Stein des Zweifels durch die Macht der Liebe hinweggewälzt. Die Linnen lagen gut geordnet zusammengelegt im Grabe, welches soviel sagt als: Ihre Liebe hat das göttliche Wort in ihr lebendig geordnet. Sie fand keinen Leichnam mehr; aber dafür fand sie den Lebendigen, der aus dem Grabe auferstanden ist.

Was ist nun wohl besser: Den Leichnam in das Grab legen — oder den Lebendigen über dem Grabe finden? — Ich meine, es wird offenbar das zweite besser sein denn das erste.

Warum aber fand die Magdalena, was Joseph von Arimathia nicht gefunden hat? — Weil sie wenig gelesen, aber viel geliebt hat. Joseph aus Arimathia aber hatte viel gelesen — wie der Nikodemus — aber dafür weniger geliebt. Daher hatte er auch mit dem Leichnam zu tun — Maria Magdalena aber mit dem Lebendigen!

 

Niedergefahren zur Hölle

"Im Geiste ist er auch hingegangen und hat den Geistern im Gefängnis die Botschaft gebracht, auch solchen, die einst ungehorsam waren, als die Langmut Gottes in Noahs Tagen zuwartete. ... Dazu aber ward die Heilsbotschaft den Toten verkündet, auf daß auch sie — dem menschlichen Lose entsprechend, zwar leiblich gerichtet — dennoch göttliches Leben haben sollten durch den Geist" (1. Petr. 3,19 ; 4,6).

Diese Worte des Petrus in seinem ersten Brief sind ein hochbedeutsames biblisches Zeugnis dafür, daß die ewige, unbegrenzte Liebe unseres himmlischen Vaters nicht Halt macht an der Schwelle des irdischen Todes, sondern mit ihrem Erbarmen auch hinüberreicht in das andere, jenseitige Leben, in die "Gefängnisse" der Geister und Seelen, die in der Zeit ihres irdischen Lebens blind und ungehorsam waren. Als ein Beispiel führt Petrus diejenigen an, welche in den schlimmen Zeiten Noahs dem göttlichen Geiste trotzten und sich nicht von der Hand Gottes leiten lassen wollten. Diese waren zur Zeit Jesu schon viele Jahrhunderte in den geistigen Gefängnissen und Kerkern des Jenseits, in die ihre eigene Hartnäckigkeit sie verbannte. Und nun hören wir durch den großen Glaubensboten, daß der Herr nach Seinem irdischen Tod im Geiste, das heißt in Seinem verklärten Seelenleibe, zu ihnen hingegangen ist und ihnen die große Heilsbotschaft der ewigen allerbarmenden Liebe verkündet hat, damit auch sie noch das selige, göttliche Leben haben sollten durch den Geist.

Dieses Hingehen zu den Unseligen in der Verdammnis geschah unmittelbar nach dem Tode des Herrn, solange noch der Leib im Grabe lag. Es war das erste, was, vom Kreuze gestiegen, die Ewige Liebe tat! Und es gibt uns dies einen Begriff, wie wichtig ihr gerade diese Heilsbotschaft an die Geister und Seelen in den Gefängnissen des Jenseits war und auch heute noch ist.

Viele Christen leugnen zwar, daß es auch noch nach dem irdischen Tod eine Gnade, Vollendung und Seligmachung gibt. Sie wollen nur noch Gericht und Urteil und — nach Maßgabe des irdischen Glaubensstandes — entweder ein ewiges, seliges Leben oder eine ewige Verdammnis gelten lassen. Dem widerspricht aber die frohe, beglückende Kunde in dem Briefe des Petrus! Die Erbarmung des Vaters hat keine Grenzen! Ja des Herrn erstes war es, daß Er vom Kreuze herab gerade den Unseligen in der gerichteten geistigen Welt die Botschaft Seiner großen, versöhnlichen Tat und der allumfassenden Liebe Gottes brachte.

Diese endlose Liebe entfaltet DER HERR in Seinem neuen Offenbarungswort:

"Da Ich Selbst", so spricht Er in dem Jenseitswerk "Robert Blum", "das ewige Leben bin, so kann Ich nie Wesen für den ewigen Tod erschaffen haben! — Es steht wohl geschrieben von einem ewigen Tode, welches da ist ein ewig festes Gericht. Und dieses Gericht geht hervor aus Meiner ewig unwandelbaren Ordnung. Diese aber ist das sogenannte Zorn- oder besser Eiferfeuer Meines Willens, der ganz natürlich für ewig also unwandelbar verbleiben muß — ansonst es mit allem Geschaffenen auf einmal aus wäre. Wer sich von der Welt und von ihrer Materie hinreißen läßt, der ist so lange als verloren und tot zu betrachten, als er sich von der gerichteten Materie nicht trennen will. Es muß also der Geschaffenen wegen wohl ein ewiges Gericht, ein ewiges Feuer und einen ewigen Tod geben. Aber darin liegt nicht, daß ein gefangener Geist auch ewig darin verbleiben müsse. — Ist denn Gefängnis und Gefangenschaft nicht zweierlei?! Das Gefängnis ist und bleibt freilich ewig, und das Feuer Meines Eifers darf nimmer erlöschen; aber die Gefangenen bleiben nur so lange im Gefängnisse, bis sie sich bekehrt haben."

 

Die "unübersteigliche Kluft"

DER HERR: "In der ganzen Schrift steht auch nicht eine Silbe von einer ewigen Verwerfung oder Verdammnis eines Geistes, sondern nur von einer ewigen Verdammnis der Widerordnung gegenüber Meiner ewigen Ordnung, die notwendig ist, weil sonst nichts bestehen könnte. Das Laster als Widerordnung ist wahrlich ewig verdammt, aber der Lasterhafte nur so lange, als er sich im Laster befindet!

So gibt es denn auch zwar in Wahrheit eine ewige Hölle; aber keinen Geist, der seiner Laster wegen ewig darin zu bleiben verdammt wäre, sondern nur zeitlich zu seiner Besserung! Ich habe wohl zu den Pharisäern gesagt: 'Darum werdet ihr desto mehr Verdammnis überkommen'; aber nie: 'Darum werdet ihr auf ewig verdammt werden!'

Auch die 'unübersteigliche Kluft' in der Erzählung vom reichen Prasser bedeutet nur den nie übersteigbaren Unterschied zwischen Meiner freiesten Ordnung in den Himmeln und der ihr in allem schnurgerade widerstrebenden Widerordnung in der Hölle!

Daß aber einer, der in sich selbst vermöge seines freien Willens schon vollkommen zur Hölle ward, eben nicht gar zu bald und leicht aus der Hölle herauskommt, das versteht sich gewiß auch von selbst, da es euch ja nur zu bekannt sein muß, wie schwer und hart es einen Bösestolzen und in allem Selbstischen und Herrschsuchts-Hochmute Gefangenen ankommt, in die Sanftmut und Demut der Himmel überzugehen. Es ist so etwas gerade wohl keine Unmöglichkeit, aber dennoch eine große Schwierigkeit! Der Stolze kehrt immer wieder zum Stolz zurück, der Unkeusche zur Unkeuschheit, der Träge zur Trägheit, der Neider zum Neid, der Geizhals zum Geiz, der Lügner zur Lüge, der Prasser und Schwelger zum Prassen und Schwelgen, der Mörder zum Mord, der Rohe zur Rohheit, der Wollüstling zur Wollust, usw. Wenn man ihnen die unordentlichen Eigenschaften auch tausend mal rügt, so verfallen sie doch wieder in die gleichen sündigen Leidenschaften, sobald ihnen zu ihrer Sich-selbst-richtung die fürs ewige Leben nötige Freiheit gegeben wird. Und je öfter sie in einen Rückfall kommen, desto schwächer werden sie stets und desto schwerer wird es ihnen, sich aus den bösen Leidenschaften zu erheben und als lautere Geister in Meine wahre, ewige, göttliche Freiheit überzugehen.

Dies also besagt jene sinnbildliche 'Kluft', über die es im allgemeinen so schwer ein Herüber und Hinüber gibt, so wohl im Jenseits wie auch schon im Diesseits! — Aber bei den Menschen ist wohl gar vieles unmöglich, was Mir am Ende dennoch gar wohl möglich ist und sein wird!"

 

Die Verklärung des Leibes

Was geschah nun aber mit dem Leib des Herrn, indes dieser im Dunkel des Felsengrabes lag, von römischen Kriegsleuten bewacht? — Weder die Grabesnacht noch die Felsendecke, noch die wachende Kriegsmannschaft konnten es verhindern, daß mit dem einstigen Gefäße der heiligen Seele und des göttlichen Geistes Jesu eine große Veränderung vor sich ging und daß diese Erdenhülle bis zum dritten Tage sich völlig auflöste und verklärte.

Längst zuvor hatte der göttliche Vatergeist die Seele des Menschensohnes mehr und mehr durchdrungen, und beim Hinscheiden, als Jesus ausrief: "Vater, in Deine Hände befehle Ich Meinen Geist!" hatte sich die Seele gänzlich und für ewig mit dem Urgeiste, aus welchem sie einst als "Sohn" entsprungen war, vereint. Nun galt es, auch den materiellen Leib noch zu vergeistigen. Und dieses Werk der Erlösung und Wiederbringung auch der grobstofflichen Elemente des Menschensohnes geschah eben in jener Zeit des Weilens im Grabe.

Auch mit dieser "Verklärung" Seines Leibes ist der Herr uns und den Menschen aller Gestirne ewig ein höchstes und heiligstes Vorbild. Wir alle werden, so wenig wie Er, in unserem alten, natürlichen Fleischleibe auferstehen. "Fleisch und Blut", sagt Paulus, "können das Reich Gottes nicht ererben. Es wird gesäet ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein geistlicher Leib." — Und in Seinem neuen Offenbarungswort spricht Der HERR:

"Es ist ja sicher leicht verständlich, daß der irdische Leib, so er einmal entseelt ist, nimmerdar auferstehen und in allen seinen Teilen wiederbelebt werden wird. Denn, wenn solches der Fall wäre, so müßten auch alle durch das ganze zeitliche Leben vom Leibe abgelegten Teile als da sind die Haare, Nägel wie auch die in manchen bitteren Fällen verlorenen Bluts- und Schweißtropfen und anderes miterweckt und belebt werden. Nun stellet euch eine solche, an ihrem jüngsten Tage wiederbelebte Menschengestalt vor! Welch ein lächerliches Aussehen müßte sie haben! Auch hat der Mensch ja zu verschiedenen Zeiten einen verschiedenen Leib. So ist der Leib eines Kindes ein anderer als der eines Jünglings, ein anderer der eines Mannes und ein ganz anderer der eines Greises. Bei einer vollkommenen Wiederbelebung der verstorbenen Menschenleiber müßte da nun notwendig gefragt werden, ob alle die von der Kindheit bis zum Greisenalter innegehabten Leibesformen zugleich oder eine nach der andern oder gar nur eine allein wiederbelebt werden soll. Auch kommt es vor, daß Leichen verbrannt oder von Tieren verzehrt oder sonstwie aufgelöst und ihre Bestandteile neuen Lebensformen eingefügt werden. Wer soll denn da die früheren menschlichen Leibesbestandteile aus den neuen Formen heraussuchen und wieder zur Menschengestalt zusammenfügen!?

Und wenn sogar dies bei Gott nichts Unmögliches wäre, zu welch einem Nutz und Frommen könnte solches einer Seele dienen? Wahrlich, da würde sich jede vom schweren Leib einmal erlöste Seele doch sicher im höchsten Grad unglücklich fühlen, wenn sie wieder in einen solchen schweren Leib — und das gleich für ewig — treten müßte! Dazu wäre das auch noch eine Sache, die sich mit der ewigen Ordnung Gottes nie vertragen könnte — insofern Gott Selbst ein reinster Geist ist und am Ende auch die Menschen ausschließlich nur die Bestimmung haben, zu gottähnlichen, reinen Geistern für ewig zu werden. Wozu sollen ihnen da die alten, fleischlichen Leiber dienen?! — Ja, die Menschen werden auch drüben mit Leibern angetan sein, aber nicht mit den irdischen, grobstofflichen, sondern mit ganz neuen, geistigen, die da hervorgehen werden aus ihren diesirdischen guten Werken nach der göttlichen Lehre."

Wenn nun demnach zwar der fleischliche Leib als solcher nicht auferstehen und das Reich Gottes "nicht erben kann", so kann sich bei geistig hochentwickelten Menschen dennoch nicht nur die Seele, sondern, wie beim Herrn — auch der Leib vergeistigen und verklären dadurch, daß auch seine grobstofflichen, aus Satans Grundwesen stammenden Elemente sich vom göttlichen Geiste der Demut und Liebe durchdringen und völlig in dessen himmlisches Wesen umwandeln lassen. Da wird dann von einem solchen Menschen alles dem Schöpfer und himmlischen Vater wiedergebracht und auch selbst vom Leibe nicht ein Atom mehr dem Fürsten der Finsternis hinterlassen.

Dieses höchste Lebensziel erreichte schon im Alten Bund Henoch, der sich auflöste und "nicht mehr gesehen ward", ebenso Elias, der "auf einem feurigen Wagen", dem Sinnbild seines Geistes, gen Himmel fuhr. Und auch im Neuen Bund gibt es dafür Beispiele.

"Kindlein", spricht DER VATER in dem Jenseitswerk "Bischof Martin" zu einer Seele im Jenseits, "merke dir dies: Wessen Liebe zu Mir wahrhaft über alles stark, rein und mächtig ist, der wird auch schon im Leibe verwandelt durch die heftige Liebe zu Mir also, daß sein Fleisch vom Feuer seines Geistes alsbald zersetzt, geläutert und in das eigene Leben und Wesen des Geistes aufgenommen wird. Die Erde hat solcher Verwandlungsbeispiele genug aufzuweisen, und das sowohl in der alten wie in der jungen Zeit. Aber einer solchen Wirkung muß auch die dazu erforderliche Ursache vorangehen. Bei zu wenig Wärme zerschmilzt nicht einmal das Wachs, geschweige das Erz! — Verstehest du dies?!"

Spricht die Seele: "Ja, Vater, das verstehe ich wohl; denn ich selbst bin ein solches Wachs oder Erz und habe viel zu wenig Wärme in mir, um das Wachs damit auch nur um ein geringes zu erweichen, geschweige das harte Erz in meiner Materie zu zerschmelzen. Und so werden wohl eine Menge Brüder die Erde bewohnen, deren Materie nicht nur Erz, sondern Diamant ist! — Wir alle werden also wohl schwer so, wie du sagst, verwandelt werden können!?"

Spricht DER VATER: "Du weißt, daß Mir gar vieles möglich ist, was dir unmöglich erscheint! — Ich sage dir, auch in den Gräbern geschehen Wunder, die von den Fleischesaugen der Erdenmenschen nicht gesehen und beobachtet werden!"

Liebe, die Du mich zum Bilde

Deiner Gottheit hast gemacht;

Liebe, die Du mich so milde

nach dem Fall hast wiederbracht:

Liebe, Dir ergeb' ich mich,

Dein zu bleiben ewiglich!

Liebe, die Du mich erkoren,

eh als ich geschaffen war;

Liebe, die Du Mensch geboren

und mir gleich wardst ganz und gar:

Liebe, Dir ergeb' ich mich,

Dein zu bleiben ewiglich!

Liebe, die für mich gelitten

und gestorben in der Zeit;

Liebe, die mir hat erstritten

Ew'ge Lust und Seligkeit:

Liebe, Dir ergeb' ich mich,

Dein zu bleiben ewiglich!

Liebe, die mich wird entrücken

aus dem Grab der Sterblichkeit;

Liebe, die mein Haupt wird schmücken

mit dem Laub der Herrlichkeit:

Liebe, Dir ergeb' ich mich,

Dein zu bleiben ewiglich!

(Johann Scheffler 1624—1677)

Mein Leib ist der Stellvertreter eurer Seelen; auf daß eure Seelen leben, muß er das Leben lassen, und das von ihm gelassene Leben wird ewig zugute kommen euren Seelen. Am dritten Tage aber wird auch dieser Mein Leib das Leben ganz verwandelt wieder nehmen, und die Überfülle Meines ewigen Geistes wird dann dringen in euch und wird euch leiten in alle Wahrheit.

Ich bin der Weg, die Wahrheit, die Auferstehung und das Leben. Wer an Mich glaubt und nach Meiner Lehre lebt, der hat das ewige Leben in sich und wird den Tod weder sehen noch fühlen, wenn er dem Leibe nach auch tausendmal stürbe. Denn wer an Mich glaubt, Meine Gebote hält und Mich über alles liebt, der ist in Mir und Ich im Geiste in ihm. In dem aber Ich bin, in dem ist auch das ewige Leben.

 

Auferstehung

Johannes: Am ersten Tage nach dem Sabbat kam Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab und sah, daß der Stein vom Grabe weggenommen war. Da lief sie und kam zu Simon Petrus und zu dem andern Jünger, den Jesus besonders liebhatte, und sagte zu ihnen:

"Man hat den Herrn aus dem Grabe weggenommen, und wir wissen nicht, wohin man Ihn gebracht hat."

Da gingen Petrus und der andere Jünger hinaus und machten sich auf den Weg zum Grabe. Die beiden liefen miteinander, doch der andere Jünger lief voraus, schneller als Petrus, und kam zuerst an das Grab. Er beugte sich vor und sah die leinenen Tücher daliegen, ging jedoch nicht hin ein. Nun kam auch Simon Petrus hinter ihm her und trat in das Grab hinein. Er sah dort die leinenen Tücher liegen; das Schweißtuch aber, das auf Jesu Haupt gelegen hatte, lag nicht bei den Tüchern, sondern für sich zusammengefaltet an einer besonderen Stelle. — Jetzt ging auch der andere Jünger hinein, der zuerst am Grabe angekommen war, und sah es auch und glaubte; denn sie hatten die Schrift noch nicht verstanden, daß Er von den Toten auferstehen müsse. — Dann gingen die beiden Jünger wieder heim.

Maria aber stand draußen am Grab und weinte. Mit Tränen in den Augen beugte sie sich vor und blickte in das Grab hinein. Da sah sie zwei Engel in weißen Gewändern dasitzen, den einen am Kopfende und den andern am Fußende der Stelle, wo der Leichnam Jesu gelegen hatte. — Jene sagten zu ihr: "Weib, warum weinest du?" — Sie antwortete ihnen: "Weil man meinen Herrn weggeholt hat und ich nicht weiß, wohin man Ihn gebracht hat." Nach diesen Worten wandte sie sich um und sah Jesus dastehen, wußte aber nicht, daß es Jesus sei. — Da sagte Jesus zu ihr: "Weib, warum weinest du? Wen suchst du?" — Maria aber hielt Ihn für den Gärtner und sagte zu Ihm: "Herr, wenn du Ihn weg getragen hast, so sage mir, wo du Ihn hingelegt hast; dann will ich Ihn wieder holen." — Nun sagte Jesus zu ihr: "Maria!" — Da wandte sie sich um und rief auf hebräisch aus: "Rabbuni!", das heißt "Meister". — Jesus aber sagte zu ihr: "Rühre Mich nicht an! denn Ich bin noch nicht zum Vater aufgefahren. Geh aber zu Meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu Meinem Vater und eurem Vater, zu Meinem Gott und eurem Gott." — Da ging Maria von Magdala hin und verkündigte den Jüngern, sie habe den Herrn gesehen, und Er habe dies zu ihr gesagt.

Als es nun an jenem ersten Tage nach dem Sabbat Abend geworden war und die Türen an dem Ort, wo die Jünger sich befanden, aus Furcht vor den Juden verschlossen waren, kam Jesus, trat mitten unter sie und sagte zu ihnen: "Friede sei mit euch!" Nach diesen Worten zeigte Er ihnen Seine Hände und Seine Seite. Da freuten sich die Jünger, den Herrn zu sehen. Dann sagte Er nochmals zu ihnen: "Friede sei mit euch! Wie Mich der Vater abgesandt hat, so sende auch Ich euch." Nach diesen Worten hauchte Er sie an und sagte zu ihnen: "Nehmet hin den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr sie behaltet, dem sind sie behalten."

Thomas aber, einer von den Zwölfen, mit dem Beinamen "Zwilling", war nicht bei ihnen gewesen, als Jesus gekommen war. Da erzählten ihm die andern Jünger: "Wir haben den Herrn gesehen." Er aber antwortete ihnen: "Wenn ich nicht in Seinen Händen das Nägelmal sehe und meinen Finger in das Mal und meine Hand in Seine Seite legen darf, werde ich es nimmermehr glauben." — Acht Tage später befanden sich die Jünger wiederum in dem Hause, und diesmal war Thomas bei ihnen. Da kam Jesus bei verschlossenen Türen, trat mitten unter sie und sagte: "Friede sei mit euch!" Darauf sagte Er zu Thomas: "Reiche deinen Finger her und sieh Meine Hände an! Dann reiche deine Hand her und lege sie in Meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!" — Da antwortete ihm Thomas: "Mein Herr und mein Gott!" — Jesus erwiderte ihm: "Weil du Mich gesehen hast, bist du gläubig geworden. Selig sind die, welche nicht gesehen haben und doch glauben!"

Noch viele andere Wunderzeichen hat Jesus vor Seinen Jüngern getan, die in diesem Buche nicht verzeichnet stehen. Diese aber sind niedergeschrieben worden, damit ihr zum Glauben gelanget, daß Jesus der Messias, der Sohn Gottes ist, und damit ihr durch den Glauben Leben in Seinem Namen habet.

 

Widerspruch in den Berichten

Die Angaben der biblischen Evangelien über die Geschehnisse bei der Auferstehung lauten, wie bekannt, sehr verschieden. Am schlichtesten schildert das Wesentliche der Vorgänge Johannes, der Augenzeuge und geistig Erleuchtetste unter den Jüngern.

Durch das neue Wort Gottes, das durch Jakob Lorber erging, ist auch über das Dunkel dieser verschieden lautenden Auferstehungsberichte ein klärendes Licht gegeben.

Es wird uns gesagt: Als Maria Magdalena am Morgen nach dem Sabbat zum Grabe des Herrn ging, war sie nicht allein, sondern es gingen noch etliche andere Frauen mit ihr. Mit Maria von Magdala waren es im ganzen sieben. Da nun diese ersten Zeuginnen in ihrem naturmäßigen wie auch geistigen Schauen und Erkennen verschieden veranlagt waren, so lauteten auch ihre Beobachtungen und Berichte entsprechend verschieden. Und so kamen die mehrfachen Gerüchte, die auf den verschiedenen Beobachtungen beruhten, schließlich auch in sehr verschiedener Gestalt zu den vier Evangelisten.

"So ihr nun dies zusammenfasset", sagt DER HERR in einem Aufklärungswort durch Jakob Lorber, "dann kann es euch unmöglich schwer werden, den Grund jener scheinbar sich widersprechenden Angaben der vier Evangelisten zu begreifen. Denn je nachdem die Angaben gestaltet waren, die von seiten der (naturmäßig und geistig) verschieden veranlagten Frauen an die Apostel und Jünger gelangten, so waren auch die Aufzeichnungen nach dem Glauben der Schreiber verschieden. Denn obschon diese unter der Leitung Meines Geistes geschrieben haben, so war aber ihr Wille dennoch frei, und so auch ihr Urteil und ihre Annahme. Und selbst so ihr Wille (wie bei Johannes) durch die erfolgte Wiedergeburt ein völlig göttlich gerichteter war, so war ihre Mitteilung demnach um so vollkommener Meinem Willen gemäß. So ihr dieses alles wisset, dann lasset euch also durch solche Mückenklüfte nicht mehr beirren, sondern werdet eifrige und wahre Täter des Wortes, so werdet ihr euch gar bald an keinem Widerspruch mehr stoßen!

So ihr aber nur bloße Hörer des Wortes seid und möchtet dasselbe unter die träge Ordnung eures Verstandes bringen, dann werdet ihr freilich gerade da die größten und ärgsten Widersprüche finden, wo es sich um eure ewige Auferstehung handelt.

Wollt ihr aber durchaus kritisch zu Werke gehen, dann fasset zuerst die in der Bibel sich findende Ordnung der aufeinanderfolgenden Evangelisten ins Auge und vergleichet diese mit den vier Hauptzuständen des Menschen von seinem äußerlichen Glauben bis zur innersten Wiedergeburt, bei welcher Entwicklung der Mensch am Abend beginnt, durch die Nacht versucht wird, bis dann die Morgendämmerung anbricht und diese stets zunimmt bis zum Aufgang des ewigen Lebenstages durch Johannes! — Verstehet ihr das, so werdet ihr bald zu einer vollkommenen Klarheit in euch gelangen."

 

Maria Magdalena — die erste am Grab

In dem Berichte des Johannes über die Auferstehung hat, der großen Wichtigkeit dieser grundlegenden Heilstatsache gemäß, jedes Wort nächst seinem natürlichen Sinn auch eine tiefe geistige Bedeutung, und erst in diesem höheren Licht erkennen wir den ewigen Wert jener im reinen Geiste der göttlichen Liebe und Wahrheit gegebenen Schilderung des Lieblingsjüngers.

"Am ersten Tage nach dem Sabbat" — damit beginnt der Johannes-Bericht. Und da für die Juden mit diesem Tage eine neue Woche des Wirkens anbrach, so ist mit diesen Eingangsworten angedeutet, daß auch mit der Auferstehung Jesu Christi ein neues Sein und Leben der ganzen Schöpfung begann durch die Erschließung eines neuen Himmels. — "Siehe, Ich mache alles neu!"

Aber es war noch "früh morgens, als es noch dunkel war". Und nur einige wenige Seelen waren schon wach. Mit diesen verfügt sich Maria von Magdala zum Grabe des geliebten Herrn. Aber der Stein vor dem Grabe ist weggewälzt, das Grab ist leer. Und die Liebe Magdalenas, die noch am Äußeren, am Leiblichen hängt, ist aufs höchste bestürzt und eilt fassungslos nach Haus zurück zu Petrus, dem festen, verstandesklaren Glauben, und zu Johannes, der reinen, himmlischen Liebe: "Man hat den Herrn aus dem Grabe weggenommen — wir wissen nicht wohin!"

 

Der Wettlauf der Jünger

Nun machen sich abermals zwei auf den Weg, um den Herrn zu suchen und zu finden: Petrus und Johannes — der feste Glaube und die reine, himmlische Liebe.

Sie laufen beide miteinander. Aber der "andere Jünger", der seinen irdischen Namen nicht nennt, weil er das rein Himmlische darstellt, läuft schneller als Petrus — und kommt zuerst ans Ziel des leeren, vom Herrn verlassenen Grabes.

Johannes, die himmlische Liebe, "beugt sich vor", und in dieser Haltung und Stellung der sich beugenden Demut erkennt sie in einem kürzesten Augenblick die ersten Beweise der großen, unermeßlichen Heilstatsache. Sie sieht die leeren leinenen Tücher da liegen, und der Geist sagt der Seele mit diesem äußeren Zeichen schon soviel, daß deren lichte, himmlische Liebe zu weiterem Forschen nicht in das Grab, das heißt in die äußeren, materiellen Bestätigungen und Beweise, hinein zu gehen braucht. Johannes "sah — ging jedoch nicht hinein". Denn gewaltige Ahnungen durchbebten schon sein Herz.

Nun kam auch der zugleich mit Johannes nach dem göttlichen Heil und seiner Erkenntnis laufende Verstand, Simon Petrus, "hinter ihm her". Der Verstand — und wäre er noch so eifrig und geschickt — läuft nicht so schnell wie die Liebe. Er hat nicht diesen mächtigen, feurigen Drang, noch diese göttliche Kraft. Und der Verstand erkennt auch nicht so schnell und so leicht schon von weitem wie die vor dem Ziele stillhaltende sich demütig dem Säuseln des Geistes beugende Liebe. So muß der Glaube auch ohne Aufenthalt "hineintreten" ins Grab, in die stoffliche, materielle Hülle des göttlichen Geisteslebens, und aus nächster Nähe die Beweise genau erkunden und erforschen in den äußeren Zeichen.

Der Verstand des Petrus "sah" denn auch dort ebenfalls "die leinenen Tücher". Und weiterforschend sieht er: "das Schweißtuch, das auf Jesu Haupte gelegen hatte, lag nicht bei den Tüchern, sondern für sich zusammengefaltet an einer andern Stelle". Daraus konnte des Petrus Verstand nun klar und folgerichtig schließen, daß der Leib des Herrn nicht durch Feinde geraubt, sondern auf andere Weise, durch eine friedliche Macht der Ordnung, hinweggenommen worden war. Denn böswillige Räuber und Feinde hätten das Schweißtuch doch sicher nicht mit Sorgfalt zusammengefaltet und beiseite gelegt, sondern mit den andern Tüchern achtlos und ordnungslos zerstreut. Aber zu einem vollen Glauben an ein wirkliches Gotteswunder, an die Auferstehung des Herrn vom Tode konnte Petrus noch nicht gelangen. Er blieb stumm und getraute sich nicht zum Nein noch zum Ja.

Jetzt aber geht auch der "andere Jünger", der die reine, himmlische Liebe darstellt und der vor dem Grab dem Geisteswehen stillegehalten hatte, hinein, sieht "es" auch und — glaubt! Glaubt, daß der Herr aus eigener Gotteskraft vom Tode auferstanden ist zum ewigen Leben! — Während der Verstand noch steht und fragt, ist die reine Liebe schon am Ziel der Wahrheit.

So gehen die beiden Jünger nach ihrem gemeinsamen Gange "heim" — jeder mit dem Ergebnis seines Laufens und Forschens. Und so wird einmal auch jeder von uns in das ewige Vaterhaus heimkehren mit dem, was er mit seinen Gaben durch seine Liebe und sein Tun errungen hat.

 

"Rühre Mich nicht an!"

Was war indessen in Maria, der liebenden Magd, vorgegangen? Sie "stand draußen am Grabe und weinte". Ihre noch stark irdische Liebe ahnte noch nichts von diesem großen himmlischen Geheimnis. Ihr Denken geht noch auf das Irdisch-Stoffliche, die äußere Erscheinlichkeit hin. Mit Tränen in den Augen "beugt sie sich vor" und "blickt in das Grab". — Und so kommt dieser demütigen Liebe Gott, der Herr und Vater mit Seinem beseligenden Wahrheitslichte stufen- und schrittweise, sowie sie es fassen und tragen kann, in Gnade entgegen. Die geistige Sehe wird ihr aufgetan. Am Kopf- und Fußende der Stelle, wo sie den Leichnam Jesu gesucht, sieht sie, Wächtern gleich, zwei Engel sitzen in weißen Gewändern.

"Weib!" sagen diese zu ihr, "warum weinest du?" — Sie erwidert ihnen: "Weil man mir meinen Herrn hinweggenommen hat und ich nicht weiß wohin."

Da wendet sie sich um, einem geheimen Zuge ihres Herzens folgend, und sie erblickt mit dem Auge des Geistes den Herrn im verklärten Seelenleibe vor sich stehen. Noch aber ist Marias geistige Sehe nicht geschärft genug, um den Herrn, der im "Dunkel der Morgenfrüh" noch in Seiner Auffahrt begriffen ist ("Ich bin noch nicht aufgefahren zu Meinem Vater"), zu erkennen. Und erst als sie mit dem geistigen Gehör Seine Stimme und ihren Namen aus Seinem Munde vernimmt, da erkennt ihn ihr Herz. Und mit dem Schrei: "Meister!", den sie "auf hebräisch", in ihrer Muttersprache, der Sprache ihres Innersten, ausstößt — eilt sie auf ihn zu, um ihn zu umarmen. Aber in ihrer noch zu irdischen Liebe darf sie sich dem reinsten Göttlichen noch nicht nahen. Und so vernimmt sie aus dem Munde des Auferstandenen die Worte: "Rühre Mich nicht an! denn Ich bin noch nicht aufgefahren zu Meinem Vater." Die allerheiligste Brust ist erst später für sie zugänglich, wenn der Herr gänzlich aufgefahren ist und auch sie gereinigt haben wird von allem irdischen Wesen durch den mächtigen Strom des Heiligen Geistes, den Er alsdann aussenden wird. Aber des Herrn Füße umfangen, das darf sie. Und so berichtet Matthäus, daß sie im Gefühl ihrer irdisch-menschlichen Unwürdigkeit auf die Knie stürzte und voll Liebe und Demut des Herrn Füße umklammerte.

 

Das Umklammern der Füße

Auch über diese Szene und über die verschieden lautende Überlieferung des Johannes und des Matthäus ist bei Jakob Lorber ein aufklärendes Licht gegeben.

"Siehe", so heißt es, "Magdalena war auch sinnlich bis zur Eifersucht in Mich verliebt und hielt mich förmlich für ihren einzig erwählten Liebhaber. Sie hatte von Mir nur die Meinung, daß Ich ein großer Prophet sei. Meine Göttlichkeit aber war ihr noch fremd. In Anbetracht ihres verliebten Herzens hatte somit durch Mein Leiden und Sterben auch niemand so viel verloren als gerade sie, da sie nicht nur ihren Retter, Herrn und Meister, sondern im Ernste auch ihres Herzens einzigen Geliebten verloren hatte; daher sie auch untröstlich war.

Und sehet, so kam es denn auch, daß sie die erste war, die sich nach Mir erkundigte — im Beisein der übrigen, die ebendasselbe mehr aus andächtiger Trauer als aus solch unversiegbarer Liebe taten.

Als sie Mich, ihren verlorenen Geliebten, nun auf einmal vor sich stehen sah, war ihr Herz aus allen Fesseln gehoben. Sie schrie auf und wollte alsogleich im Ausbruch ihrer leidenschaftlichen Liebe auf Mich stürzen. Nun aber bedenket, wer und was Ich war und bin, so wird euch klar das:

'Noli me tangere!' — Bedenket aber auch der Magdalena überstarke Liebe und euch wird auch verständlich die Umklammerung Meiner Füße.

Dazu denket noch hinzu, daß Mein Liebling Johannes Mir aus der Seele, Matthäus aber 'aus Meinen Füßen' schrieb, so wird euch alles dieses noch klarer werden; und begreiflich auch die nachherige große Buße der Magdalena, da sie erst nach Meiner vollen Auffahrt erfahren durfte, wer eigentlich hinter ihrem vermeinten Geliebten war, worauf sie Mich dann durch ihre große Buße erst so recht im Geiste der Demut und aller Wahrheit hat zu lieben angefangen.

Ich sage euch aber, so Mich jemand nicht lieben wird gleich der Magdalena, der wird Mich nicht finden fürder und 'auf Meinen Füßen' zum Leben eingehen und wird nimmer eine Erlösung finden vom steten Widerspruche seines Weltlebens. Sehet, Mein Reich ist von größter, heiligster Klarheit, und es kann nichts Unreines je hineinkommen. Daher denket nur an den Feigenbaum ohne Frucht und an den Diener zweier Feinde und löset selber den Herzenswiderspruch in euch. Vergesset in der Zukunft nie mehr ob der Welt, wer Ich, euer Gott, euer Vater, euer allzeitiger Ratgeber bin!

Sehet, heute rede Ich, morgen handle Ich und übermorgen möchte Ich kommen! Wer nicht zu Hause sein wird, vor dessen Wohnung werde Ich vorüberziehen. — Amen.

Das sagt Der, der Sich allezeit umklammern lässet Seine Füße! — Amen, Amen, Amen!"

 

"Friede sei mit euch!"

Nachdem auch die Elemente des Leibes Jesu sich beim Aufgange des dritten Tages gänzlich vergeistigt und geordnet und samt der Seele mit dem Vater, dem Urlichte — "ihrem Gott und unserem Gott" — völlig verbunden hatten und so die Auferstehung vollendet war, konnte der Herr, nunmehr im völlig neuen, unverweslichen Geistleibe, zu den Jüngern treten, die in Furcht und Hoffnung hinter verschlossenen Türen versammelt waren.

Warum begrüßte Er sie nun bei dieser Begegnung zweimal mit dem Worte: "Friede sei mit euch!"?

Das erste Mal, beim Kommen, findet Er die führerlose, verlassene Schar in banger Furcht und Sorge. Wird es sich bewähren, was der Herr zu Seinen Lebzeiten verheißen und was Johannes glaubt, Petrus noch immer halb bezweifelt und Magdalena in überschwenglicher Freude allen kundtut? Wird der große Beweis der Göttlichkeit und des unvergänglichen Lebens durch die Auferstehung des Menschensohnes erbracht werden? Dies waren die Fragen, welche die aufgewühlten Gemüter der furchtsam hinter verschlossenen Türen versammelten Jünger bewegten.

Und wie den Jüngern damals, ergeht es auch jedem Menschen, bevor der Herr als der Meister des Lebens zu ihm kommt und ihm den Gruß des Friedens in das verschlossene Gemach seines bangen Innern bringt. — Ja, der ganzen Welt ergeht es nicht anders, bis Er auch ihr mit dem Wort: "Friede sei mit euch!" Seine Auferstehung verkündet und Seine Wundmale vorweist. Nur in Ihm, in dem für uns Hingegebenen und für uns Auferstandenen, haben wir alle einen wahren und ewigen Frieden! Und darum lautete denn auch das erste Wort des Wiedergekehrten so, wie Johannes es uns überliefert.

Aber auch im Gehen sprach der Herr nochmals zu der Schar der Jünger: "Friede sei mit euch!"

Jetzt, nachdem sie Ihn erkannt hatten als den vom Tode Auferstandenen, den Herrn und Meister des ewigen Lebens, war alle Furcht aus ihren Herzen gewichen.

Wer wäre nicht am liebsten mit dem Auferstandenen sogleich in das Reich des himmlischen Vaters, in das Reich des Geistes eingegangen!? — Kennen wir nicht alle diese "Entrückungssehnsucht"?!

Aber "Friede sei mit euch!" spricht der Herr zu den Jüngern. "Nicht Auffahrt und Entrückung in Mein unsichtbares Reich ist nun nach des Vaters großem Plan und weisem Willen eure Aufgabe Sondern: Wie der Vater Mich gesandt hat, so sende Ich euch! Empfanget Meinen Heiligen Geist, auf daß eure Liebe, Weisheit und Kraft eine vollkommene werde und ihr wirken könnet nach Meinem Willen. Lehret und zeuget, was durch Mich euch der Geist gelehrt und gezeugt hat. Welchem ihr die Sünden vergebet, dem sind sie vergeben. Wem ihr sie behaltet, dem sind sie behalten. Denn der Geist wird es euch sagen, wer in der Ordnung des Vaters stehet und wer nicht in der Ordnung ist und von euch mit Liebe, Geduld, Erbarmung und Sanftmut weiter geleitet, belehrt und getragen werden muß zum Ziele der Vollkommenheit und des ewigen Lebens bei und in Mir."

 

Thomas

"Thomas, einer von den Zwölfen, mit dem Beinamen 'der Zwilling', war jedoch nicht bei ihnen gewesen, als Jesus kam." — Warum berichtet der sonst so wortkarge und geistig-innerliche Johannes hier etwas so Äußerliches — daß nämlich der Jünger Thomas den Beinamen der "Zwilling" führte? — Dieser Name deutet an, daß in Thomas eine Doppelnatur vorhanden war und sich immer wieder geltend machte.

Thomas war, wie wir aus dem Lorberwerk wissen, mit Andreas, dem Bruder des Petrus, der erste Jünger, der sich dem Herrn schon zu Bethabara, am Taufort des Wegbereiters Johannes, angeschlossen hatte. Es war also in ihm ein starker Trieb und Drang zum göttlich Reinen, Großen und Guten, das seine Seele durch das Walten ihres Geistes schon beim Anblicke des "Lammes Gottes" empfand. Und aus des Thomas Mund hören wir auch später, als der Herr den gefahrvollen Gang nach Bethanien antrat, um vor den Augen des Tempels dessen großen Gegner Lazarus aus dem Grabe zu rufen, die todesmutige Aufforderung an die Jünger: "Kommt, lasset uns mit Ihm gehen und mit Ihm sterben!" (Joh. 11,16).

Aber als Thomas vom Herrn als Jünger angenommen und bei Ihm in bester Hut und Lehre war, da konnte er es sich andererseits doch nicht versagen, um sein irdisches Haus und seine irdischen Angelegenheiten sich zu bangen und zu sorgen. Bevor er dem Herrn endgültig folgte, glaubte er, nochmals nach seiner Heimat gehen zu müssen, um dort alles in Ordnung zu bringen, die Toten zu begraben, die Lebendigen zu versorgen und über den Grund seines Weilens bei Jesus seine Angehörigen und Freunde aufzuklären.! Diese tätige irdische Sorge und Fürsorge erwuchs bei Thomas wie bei der Schwester des Lazarus, Martha, allerdings auf dem Boden einer reinen Liebe zum teuren Nächsten. Und so war sie vor den Augen des Herrn auch nicht ungesegnet; ist doch der werktätige Menschenfreund ja auch Gottes nächster Freund und von Ihm allezeit großer Liebe, Gnade und Erbarmung gewürdigt.

Aber dennoch war des Thomas Liebe vor dem Angesichte der allerhöchsten Liebe noch nicht ganz vollkommen. In der himmlischen Ordnung geht die Liebe zum Nächsten nicht selbständig und eigenmächtig aus sich selbst vor; sondern in der Vollkommenheit lieben wir zuerst Gott über alles. Und was da nicht Schöpfer, sondern nur Geschöpf heißt, lieben wir nur aus Ihm und nach Ihm als Sein Eigentum. Denn von Ihm hat ja doch alles sein ewiges, unverlierbares Leben — das liebende wie das geliebte Geschöpf. Der Vater — nicht das Geschöpf — ist alles in allem! Und wer als Jünger und Kind beim Vater ist, der kann auch für die Seinen, die geschöpfliche Kreatur, erst so richtig sorgen, wachen, wirken und beten.

Und so handelte der "Zwilling" Thomas aus seiner Doppelnatur heraus dennoch nicht so ganz in der Ordnung Gottes, wenn er in seiner Sorge für die Welt und für seine Lieben und Freunde vom Herrn, von der himmlischen Heimat in die irdische wegging. Und es ist bezeichnend und von tiefer Bedeutung, daß er es war, der gerade damals von seinem weltsorglichen Gange als neuen Jünger seinen Landsmann Judas, zu dessen Segen und Fluch, mitbrachte und zu seinem eigenen, großen Gram und Ärger in die Gesellschaft des Herrn einführte!

Und nun auch bei jenem ersten Erscheinen des wiedererstandenen Herrn war Thomas wegen seiner Weltsorge nicht unter der kleinen glücklichen Schar, die sich um Petrus und Johannes, der großen himmlischen Dinge wartend, in der heiligen Stadt der Offenbarung treulich zusammengefunden hatte. Thomas hatte sich nach des Herrn Tod, von Unruhe und Zweifeln getrieben, aufgemacht, auf eigenen Wegen und an anderem Ort das nun nach seiner Ansicht Erforderliche zu unternehmen. Wo er weilte und was er tat, wird uns nicht berichtet, weil ja das irdische Wirken des eigenmächtigen Menschen ohne den Geist Gottes nie eine bleibende, heilswichtige Bedeutung hat und haben kann.

Aber was Thomas durch seine Wesensart versäumte — das ist uns durch Johannes überliefert. Er, der als einer der ersten den Menschensohn Jesus in Seiner Messiasbedeutung erkannt hatte, mußte der letzte sein, der den rein Geistigen, Auferstandenen in Seiner Verklärung und Vollendung erschauen durfte.

Aber nach dieser weisen Demütigung hatte Thomas zu letzt wegen seiner starken Bruderliebe dennoch auch wieder eine große, ja übergroße Gnade, insofern er vielleicht als erster der Jünger in dem einstigen Menschensohne und nun verklärt vor ihm stehenden Jesus — den alleinigen Gott Jehova mit aller Klarheit erkennen durfte, indem er, auf die Knie stürzend, aus tiefst erleuchtetem Herzensgrunde ausrief: "Mein Herr und mein Gott!"

 

Mein Herr und mein Gott!

Wie kam es, daß gerade Thomas zu dieser allertiefsten und allerheiligsten Erkenntnis — daß in Jesus Gott, der Vater Selbst, Sich offenbarte — durchdrang, während ein Philippus noch unmittelbar vor der Kreuzigung, also wenige Tage zuvor, hatte fragen und sagen müssen: "Zeige uns den Vater!"?

Des Thomas Bruderliebe war eben doch ein bestes Fundament für seine spätere, durch die Erfahrung und Belehrung erreichte Gottesliebe. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie soll der Gott lieben, den er nicht sieht!? Wer aber seinen Bruder liebt, der weitet dadurch sein Herz, um den Geist Gottes und damit auch die Gottesliebe im vollsten Maße nach und nach in sich aufzunehmen. Einem solchen Menschen, der die göttliche, reine Liebe in der Form der Bruderliebe schon in sich hat, dem braucht Gott, der Schöpfer und himmlische Vater, nur durch etliche Beweise die Erkenntnisbinde von den Augen zu lösen. Dann wendet und wandelt sich ein liebefähiges Herz rasch und gern zu Ihm, dem wahrhaft vollkommenen Urmenschen, dem Vater aller Väter und Bruder aller Brüder. Und wer rein seinen Nächsten bisher geliebt hat, der liebt nun doppelt seinen Allernächsten, der ja nun nicht — wie die andern — geschöpflich unvollkommen, sondern göttlich allervollkommenst ist im Nehmen und Geben.

So hat der Herr dem Thomas, dem "Zwie-ling", nur die Erkenntnisbinde vom Angesicht zu nehmen brauchen. Und Er tat dies, wie Johannes kündet, mit großer, ja unendlicher Milde und Sorgfalt. Für ihn, Thomas, kommt der Herr nochmals ganz besonders! Und durften die andern bei dem ersten Besuch die heiligen Male der dahingeopferten Liebe nur beschauen, so darf sie dieser betasten — zuerst Füße und Hände und dann die tödliche Wunde des Herzens.

Beweise über Beweise werden dem Zweifelnden geboten, der durch seine Doppelnatur vom Himmelssinn zur Welt und von der Welt zum Himmelssinne schwankte. Und zu dem erkennenden Thomas spricht dann der Herr mit tiefem Ernst und Nachdruck: "Nun, sei fürder nicht mehr ungläubig, sondern gläubig!"

Ich bete an die Macht der Liebe,

die sich in Jesu offenbart.

Ich geb mich hin dem freien Triebe,

wodurch auch ich geliebet ward.

Ich will, anstatt an mich zu denken,

ins Meer der Liebe mich versenken.

Wie bist Du mir so zart gewogen,

und wie verlangt Dein Herz nach mir!

Durch Liebe sanft und tief gezogen,

neigt sich mein alles hin zu Dir.

Du traute Liebe, gutes Wesen,

Du hast mich und ich Dich erlesen.

Ich fühl's, Du bist's, Dich muß ich haben.

Ich fühl's, ich muß für Dich nur sein.

Nicht im Geschöpf, nicht in den Gaben:

Mein Ruhplatz ist in Dir allein.

Hier ist die Ruh‘, hier ist Vergnügen,

drum folg‘ ich Deinen sel'gen Zügen.

O Jesu, daß Dein Name bliebe

im Grunde tief gedrücket ein;

möcht‘ Deine süße Jesusliebe

in Herz und Sinn gepräget sein!

Im Wort, im Werk und allem Wesen

sei Jesus und sonst nichts zu lesen!

Gerhard Tersteegen, 1697— 1769

 

Himmelfahrt

DER HERR: Also lautete damals unter der Jüngerschaft allgemein der Bericht über des Herrn Auffahrt, erzählt von allen Augenzeugen:

Nach dem Erscheinen des Herrn am See, da Seine Brüder einen Fischfang taten, verweilte der Herr noch etliche Tage unter ihnen und enthüllte ihnen tiefe Geheimnisse des inneren Lebens. Was Er aber in dieser Zeit zu ihnen redete, durfte nicht aufgezeichnet werden, der Menge wegen und um des Unverstandes der Welt willen.

Es waren aber da nicht alle Seine Brüder und Jünger zugegen, sondern nur vorzüglich Seine Lieblinge. Solche aber waren: Petrus, Jakobus, Philippus, Jakobus der Jüngere, Andreas, Matthäus und Johannes.

Zwei Tage aber vor einem Sabbate sprach der Herr zu Petrus: "Simon, da du Mir dreimal in deinem Herzen geschworen hast, daß du Mich liebest, auf daß du weidest Meine Schafe, so gehe denn hin und verkündige es den andern Brüdern, daß der Herr ihrer harret."

Und Simon Petrus ging und tat, was ihm der Herr geboten hatte. Als aber die andern Brüder solches erfuhren, da verließen sie sobald Jerusalem und zogen hinaus gen Bethanien und viel Volkes mit ihnen, das da auch glaubte an das Wort des Herrn.

Als sie aber an die Stelle kamen, da der Herr weilte mit den sechsen, glaubten viele, daß es der Herr sei, der da war gekreuzigt worden. — Aber es waren auch viele unter dem Volke, welche nicht glaubten und hielten den Herrn für einen verkleideten Jünger, der dem Herrn ähnlich wäre von Gesicht und Person.

Der Herr aber öffnete Seinen Mund und sprach zu Seinen Aposteln: "Verwahret euch noch zehn Tage lang, dann werde Ich euch den Heiligen Geist senden und geben.

Nicht einen fremden Geist werde Ich euch geben, sondern Meinen Geist der Liebe und aller Weisheit werde Ich euch senden und geben, auf daß ihr mächtig werdet durch ihn, wie Ich mächtig war unter euch durch den Vater, der Mich gesandt hat in Seiner Fülle zu euch aus der Höhe aller Heiligkeit Gottes.

Wie aber der Vater in Mir ist und Ich in Ihm und Wir eines sind gewesen von Ewigkeit, also werdet auch ihr und Mein Geist in euch eines sein bis ans Ende der Welt.

Ich zwar werde euch jetzt sichtbarlich verlassen, und ihr werdet Mich hinfort mit den Augen eures Fleisches nicht mehr sehen; aber in Meinem Geiste werde Ich bei euch verbleiben bis ans Ende der Welt. Und dieser Mein Geist wird euch in alle Weisheit leiten und wird euch alles geben, was ihr bittet in Meinem Namen.

Ich aber kann also hinfort nicht unter euch verweilen, sondern um eures eigenen Heiles willen muß Ich auffahren in die Höhe Meiner ewigen Herrschaft, auf daß Ich euch bereite eine bleibende Wohnstätte im Reiche der Himmel.

Jetzt könnet ihr zwar noch nicht dahin, wohin ihr Mich werdet ziehen sehen. Wenn aber eure Stunde kommen wird, dann werdet ihr auch dahin ziehen können, wohin Ich nun ziehe.

Wenn ihr aber den Geist aus Mir werdet überkommen haben, dann ziehet aus nach allen Landen der Erde und lehret alle Völker, was Ich euch gelehret habe und was ihr gesehen habt, und taufet sie dann im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes in euch!

Und welche da eure Lehre annehmen und von euch getauft werden, wie Ich getaufet ward im Flusse Jordan von Johannes, über die wird auch sobald der Heilige Geist aus Mir kommen und wird in ihren Herzen zeugen von Mir vor euren Augen.

Nach diesen Worten hauchte der Herr alle Seine Apostel an und sagte darnach zu ihnen: "Dies ist mein Geist! Wie Ich einst dem Adam eine lebendige Seele in seine Nüstern hauchte, also hauche Ich in euch nun Meinen lebendigen Geist zum voraus, auf daß ihr auch nicht einen Augenblick als Waisen dastehen sollet!

Nehmet aber hin diesen Meinen Geist, auf daß ihr wissen möget, wer da ist ein Sünder. Dem Reuigen wird dieser Mein Geist die Sünden erlassen in Meinem Namen; dem Verstockten aber wird Mein Geist in euch die Sünde vorenthalten. Desgleichen tuet auch ihr in Meinem Namen!

Löset also und bindet auf Erden, und es wird desgleichen auch im Himmel gelöset oder gebunden sein.

Richtet aber niemanden und verdammet keine Seele, wollet ihr der Rache der Welt nicht zu früh in den Rachen fallen!"

Nach diesen Worten bestieg der Herr den kleinen Berg bei Bethanien, welcher zuvor keinen Namen hatte, welcher aber "Die Höhe des Herrn", auch "Höhe der Auffahrt", von einigen auch "Der Weg in die Höhe Gottes" genannt ward. Daselbst nahm eine lichte Wolke Ihn auf, und Er ward sobald unsichtbar vor den Augen aller Anwesenden. Und viele Ungläubige wurden dadurch bekehrt.

Es kamen aber bald zwei lichte Männer von oben, gaben Zeugnis vom Herrn, verhießen Seine einstige Wiederkunft und verschwanden dann. — Und die Brüder und das Volk kehrten frohlockend wieder nach Jerusalem.

 

In die Gnadensonne zurück

Die Auferstehung am Ostermorgen hatte bedeutet, daß die verklärte Seele Jesu samt den von ihr aufgelösten und vergeistigten Elementen des Leibes sich völlig mit ihrem inwendigen Grundleben, dem ewigen Vater-Gottgeiste, verband und einte als dessen nun für ewig bleibende seelische Hülle und Offenbarungsgestalt. — Die Himmelfahrt dagegen bedeutete, daß der ewige Vater-Gottgeist in der Hülle der verklärten Jesu-Seele sich nunmehr, nach Vollbringung des vorgesetzten Werkes der Erlösung, wieder an den Ort im Schöpfungsraume zurück begab, wo nach Seinem göttlichen Willen der Sitz Seines allbelebenden Machtzentrums zuvor gewesen war und wo er nun wieder fürderhin sein sollte.

Diesen eigentlichen Wohnort des "VATERS" oder der all zeugenden EWIGEN LIEBE hat uns der Herr Selbst in den Schriften der Neuoffenbarung näher beschrieben. Man nennt ihn in der Welt der reinen Geister und Engel die Gnadensonne. Und in dem Buche "Robert Blum" wird ausgesprochen, Gott, der Vater in Jesu, wohne, von der Erde aus gesehen, in der Gegend des großen Sternbildes "Der Löwe", und zwar in der reingeistigen Sphäre jener allergewaltigsten Ur- und Hauptmittelsonne unserer Welteninsel (Hülsenglobe), welche bei uns Regulus, das heißt Regent oder Königsstern heißt.

Diese Gnadensonne war ehedem, vor der Menschwerdung Gottes, auch für die höchsten urgeschaffenen Engel ein "unzugängliches Licht". Jetzt ist sie allen vollendeten Gotteskindern zugänglich und sie alle können sich dort nun dem Vater in Jesu nahen und mit Ihm in wonnevollster Seligkeit verkehren, da durch die Hülle der verklärten Jesuseele das allverzehrende, für kein geschaffenes Wesen ertragbare Feuer der göttlichen Machtmitte bedeckt ist.

Die Gnadensonne wird auch der oberste "Liebehimmel" genannt. Vorbereitende himmlische Sphären sind der "Weisheitshimmel" und der "Liebe-Weisheitshimmel". Und diese drei himmlischen Stufen sind die "Wohnstätten", welche der Vater in Jesus den Seinen zubereitet hat im ewigen Lichte.

 

Ein nahbarer Vatergott in einem neuen Himmel

Das große Neue, das den Menschen und Engeln der ganzen Unendlichkeit durch die Menschwerdung Gottes, das Opfer auf Golgatha und die siegreiche Rückkehr in die Sonne der Gnade gewährleistet wurde, wird im Lorberwerk "Die geistige Sonne" kundgeben:

"Vor der Darniederkunft des Herrn konnte nie ein Mensch mit dem eigentlichen Wesen Gottes sprechen. Niemand konnte Dasselbe je erschauen, ohne dabei das Leben gänzlich zu verlieren; wie es denn auch bei Moses heißt: 'Gott kann niemand sehen und leben zugleich!' — Es hat Sich zwar der Herr in der Urkirche wie auch in der Kirche des Melchisedek, zu der sich Abraham bekannte, wohl öfter persönlich gezeigt und hat mit Seinen Heiligen gesprochen und Selbst Seine Kinder gelehrt. Aber dieser persönliche Herr war eigentlich doch nicht unmittelbar der Herr Selbst, sondern allzeit nur ein zu diesem Zwecke mit dem Geiste Gottes erfüllter Engelsgeist. Aus solch einem Engelsgeiste redete dann der Geist des Herrn also, als wenn es unmittelbar der Herr Selbst redete. Aber in einem solchen Engelsgeiste war dennoch nie die vollkommene Fülle des Geistes Gottes gegenwärtig, sondern nur insoweit, als es für den bevorstehenden Zweck nötig war. Ihr könnet es glauben, in jener Zeit konnten auch nicht einmal die allerreinsten Engelsgeister die Gottheit je anders sehen, als ihr da sehet die Sonne am Firmamente. Und keiner von den Engelsgeistern hätte es je gewagt, sich die Gottheit unter irgendeinem Bilde vorzustellen, wie denn auch noch zu Mosis Zeiten dem israelitischen Volke auf das strengste geboten war, daß es sich von Gott kein geschnitztes Bild und durchaus keine bildliche Vorstellung machen solle.

Aber nun höret: Diesem unendlichen Wesen Gottes hat es einesmales wohlgefallen — und zwar zu einer Zeit, in welcher die Menschen am wenigsten daran dachten — Sich in Seiner ganzen, unendlichen Fülle zu vereinen und in dieser Vereinigung die vollkommene menschliche Natur anzunehmen!

Nun denket euch: Gott, den nie ein geschaffenes Auge schaute, kommt als der von der allerhöchsten Liebe und Weisheit erfüllte Jesus auf die Welt! Er, der Unendliche, der Ewige, vor Dessen Hauche Ewigkeiten zerstäubten wie lockere Spreu, wandelt und lehrt Seine Geschöpfe, Seine Kinder, nicht wie ein Vater, sondern wie ein Bruder!

Aber das alles wäre noch zu wenig! Er, der Allmächtige, läßt Sich sogar verfolgen, gefangennehmen und dem Leibe nach töten von Seinen nichtigen Geschöpfen! Saget mir, könnet ihr euch eine größere Liebe, eine größere Herablassung denken als diese, die ihr an Jesus kennet?!

Durch diese unbegreifliche Tat hat Er alle Dinge des Himmels neu gestaltet. Wohnt Er jetzt auch in Seiner Gnadensonne, aus welcher das Licht allen Himmeln unversiegbar zuströmt, so ist Er aber dennoch ganz derselbe leibhaftige Jesus, wie Er auf der Erde in all Seiner göttlichen Fülle gewandelt ist als ein wahrer Vater und Bruder, als vollkommener Mensch unter Seinen Kindern, gibt all Seinen Kindern alle Seine Gnade, Liebe und Macht und leitet sie Selbst persönlich wesenhaft an, machtvoll zu wirken in Seiner Ordnung!

Ehedem war zwischen Gott und den geschaffenen Menschen eine unendliche Kluft. Aber in Jesus ist diese Kluft beinahe völlig aufgehoben worden. Und Er Selbst, wie ihr wisset, hat uns dieses sichtbar angezeigt, indem Er Selbst durch Seine Allmacht den Vorhang im Tempel, welcher das Allerheiligste vom Volke trennte, zerrissen hat.

Daher ist Er auch der alleinige Weg, das Leben, das Licht und die Wahrheit. Er ist die Tür, durch welche wir zu Gott gelangen können, das heißt, durch diese Türe überschreiten wir die unendliche Kluft zwischen Gott und uns und finden da — Jesum, den ewigen, unendlich heiligen Bruder.

Und Ihn, der es also gewollt hat, daß diese Kluft aufgehoben wurde, können wir denn nun doch sicher auch über alles lieben!"

 

Aufhebung der Kluft zwischen Gott und allen Gefallenen

Nicht nur etlichen Erlesenen und Auserwählten ist durch das Leben und Sterben des Herrn der Weg zur höchsten Seligkeit, zum Herzen Gottes eröffnet worden — eine Frohbotschaft ohnegleichen erfüllt alle Räume der Unendlichkeit und zumal der gerichteten, materiellen Schöpfung: Die Annäherung an Gott, die Rückkehr zum Vaterhause ist fortan allen — auch den gefallenen Geistern, gewährt, so sie dem Menschensohne im lebendigen Glauben, in Demut und Sanftmut und in reiner, werktätiger Liebe nachfolgen!

Wir vernehmen aus dem Munde des Herrn:

"Nach der alten Ordnung konnte niemand in den Himmel kommen, der einmal in der Materie gesteckt ist. Von nun an wird niemand wahrhaft zu Mir in den höchsten und reinsten Himmel kommen können, der nicht gleich Mir den Weg der Materie und des Fleisches durchgemacht hat.

Wer immer von nun an in Meinem Namen getauft wird mit dem lebendigen Wasser Meiner Liebe und mit dem Geiste Meiner Lehre und in Meinem Namen der Kraft und Tat nach, von dem ist die alte Erbsünde für ewig abgewischt und sein Leib wird nun nicht mehr sein eine alte Mördergrube der Sünde, sondern ein Tempel des Heiligen Geistes.

Aber ein jeglicher gebe acht, daß er sich nicht von neuem verunreinige durch das alte, giftige Unkraut der Eigenliebe! Hütet euch vor diesem Übel, dann werdet ihr heiligen auch euer Fleisch und Blut. Und wenn der reine Geist in euch zur vollen Alleinherrschaft gelangt ist, dann wird in ihm und durch ihn zu vollendetem, ewigem Leben auferstehen nicht nur die Seele, sondern auch des Leibes Fleisch und Blut!

Sehet, welch ein Unterschied ist da zwischen früher und jetzt! Wie es aber nun eingerichtet wird, so wird es bleiben in Ewigkeit.

Und nicht nur die Menschen der Erde, sondern alle Menschen, welche da bewohnen alle Sonnen und alle Planeten der ganzen Unendlichkeit, haben dadurch ein geheimes Recht auf dieses unermeßliche Glück. Aber auf keinem andern Wege können sie zu diesem Glücke gelangen, als allein nur auf dem Wege der tiefsten Demut und, aus dieser heraus, auf dem Wege der vollkommensten Liebe ihres ganzen Wesens zu Gott!"

 

"Es ist vollbracht!" — "Mich dürstet!"

Am Kreuz sprach der Herr die Worte: "Mich dürstet!" und "Es ist vollbracht!" — Seitdem ruft Er sie uns immer wieder in umgekehrter Reihenfolge zu: "Es ist vollbracht! — Mich dürstet!"

"Mich dürstet! — Wonach? — Nach dem Leben, das Ich Selbst ursprünglich von Ewigkeit her bin und das Ich in so reichlicher Fülle seit Urbeginn an zahllose Wesen verschwendet habe!

Also nach diesem Leben dürstet Mich! Endlos vielfach ist dieses Leben in den Tod übergegangen. Ich kam, um es dem Tode zu entreißen. Darum dürstete Mich gar sehr im Augenblick der großen Erlösung nach diesem verschwendeten Leben; aber der Tod hatte so sehr überhandgenommen, daß selbst das ewig-lebendige Blut der Liebe ihn nicht sogleich zu erwecken vermochte! Als Ich verlangte das Leben zu trinken, gab man Mir nicht das Leben, sondern den Tod zu trinken! Essig und Galle war der Trank! Essig als das Symbol des Zusammenziehenden und Verhärtenden, und die Galle als das Symbol des Hasses, Zornes und Grimmes.

Sehet, noch heute rufe Ich fortwährend aller Welt zu: 'Mich dürstet!', oder was dasselbe ist: 'Liebet Mich, gebet Mir zu trinken eure Liebe! Liebet Gott über alles und euern Nächsten wie euch selbst!' — Das ist das Wasser des Lebens, danach Mich in euch dürstet!

Fraget euch aber selbst: Reicht ihr Mir wohl dieses Wasser? Oder reicht ihr Mir nicht vielmehr ebenfalls Essig und Galle?! Das wenige, das Ich von euch verlange, ist nichts als die Liebe und die Tat danach. Wenn ihr aber anstatt der wahren, lebendigen Liebetat nur im Worte leset und dabei nichts tuet, außer was euerm Weltsinn zusagt — ist das dann nicht Essig und Galle, was ihr Mir anstelle des lebendigen Wassers reichet? Ja, Ich sage euch: Je mehr ihr nun leset und dabei aber nichts tuet, als was euch nach euerm Sinn weltlich erfreut, desto saurer wird der Essig und desto bitterer die Galle!

Es heißt dann weiterhin freilich: 'Es ist vollbracht!' — Aber was? — Mein eigener Kampf um euch; denn mehr kann Ich, euer Schöpfer, Gott und Herr, nicht tun, als euern Tod auf Mich zu nehmen! Es ist vollbracht; aber nicht für euch, sondern leider nur für Mich Selbst! Ich habe für euch alles getan, was nur immer in der göttlichen Möglichkeit stand und steht. Aber tuet auch ihr danach, daß das Werk auch in euch vollbracht wäre?

O ja — ihr leset fleißig, ihr schreibet auch fleißig, ihr besprechet euch auch gern von Mir. Aber wenn Ich sage: 'Widmet Mir anstelle eurer vielen Weltgedanken und Welterheiterungen nur eine volle Stunde am Tage; heiliget sie dadurch, daß ihr euch in derselben mit nichts als nur mit Mir in euerm Herzen abgebet!' — oh, da werdet ihr hundert Anstände für einen finden, und hundert weltliche Gedanken werden sich um einen einzigen schwachen geistigen wie ein Wirbelwind drehen! Seht, das alles ist Essig und Galle! Und es ist in euch somit nicht vollbracht, wenn Ich zufolge Meiner unendlichen Liebe alles Erdenkliche tue, um euch auf den rechten Weg des Lebens zu bringen; denn zur Vollbringung in euch ist nötig, daß ein jeder sich selbst verleugne aus wahrer Liebe zu Mir, sein Kreuz auf sich nehme und Mir treulich nachfolge! Daher seid nicht eitle Hörer, sondern Täter des Wortes! Denn nur als Täter löschet ihr Meinen Durst mit dem lebendigen Liebewasser, sonst aber reicht ihr Mir allzeit Essig und Galle!"

 

Christus der Mittler

"Christus ist allein der Mittler zwischen Gott und der Menschennatur. Durch den Tod Seines Fleisches und durch Sein vergossenes Blut hat Er allem Fleische, das da ist die alte Sünde des Satans, den Weg gebahnt zur Auferstehung und Rückkehr zu Gott! — Christus aber ist die Grundliebe in Gott, das Hauptwort allen Wortes, das da ist Fleisch geworden und dadurch geworden zum Fleische allen Fleisches und zum Blute allen Blutes. Dieses Fleisch nahm freiwillig alle Sünde der Welt auf sich und reinigte sie vor Gott durch Sein heilig Blut. — Mache dich teilhaftig dieses größten Erlösungswerkes Gottes, so wirst du rein sein vor Gott! Denn kein Wesen und kein Ding kann rein werden durch sich, sondern allein durch die Verdienste Christi, die da sind die höchste Gnade und Erbarmung Gottes. — Du allein vermagst nichts, alles aber vermag Christus!"

 

Das große Zeugnis des Johannes

"Ich sage euch, Jesus ist etwas so ungeheuer Großes, daß, so dieser Name ausgesprochen wird, die ganze Unendlichkeit vor Ehrfurcht erbebt! Saget ihr 'Gott', so nennet ihr zwar auch das allerhöchste Wesen; aber ihr nennet Es in Seiner Unendlichkeit, da Es erfüllet das unendliche All mit Seiner unendlichen Kraft von Ewigkeit zu Ewigkeit. — Aber in dem Namen 'Jesus' bezeichnet ihr das vollkommene, allmächtige, wesenhafte Zentrum Gottes, oder noch deutlicher gesprochen: Jesus ist der wahrhaftigste, allereigentlichste, wesenhafte Gott als Mensch, aus dem alle Gottheit, welche die Unendlichkeit erfüllt, als der Geist Seiner unendlichen Macht und Kraft gleich den Strahlen der Sonne hervorgeht. Jesus ist demnach der Inbegriff der ganzen Fülle der Gottheit. Oder — in Jesu wohnt die Gottheit in Ihrer unendlichen Fülle wahrhaft wesenhaft. Darum denn auch allezeit die ganze göttliche Unendlichkeit angeregt wird, so dieser heilig erhabene Name in der wahren Demut und Liebe ausgesprochen wird!"

 

Anbetung

Adam: "O Kinder, sehet, sehet, wie gut unser heiliger Vater ist; und wie konntet ihr auch nur einen Augenblick Seiner vergessen!

Wir alle sind der ewigen Liebe entsprossen und sind darob Kinder ein und desselben heiligen Vaters, der da wohnt in Seiner ewigen Glorie und Heiligkeit unendlich und in Seiner Liebe bei uns und wir bei Ihm. Daher muß uns auch alles an Seiner Liebe gelegen sein. Denn nur in und durch die Liebe sind wir Seine Kinder; nur durch die Liebe können wir Ihn als Gott und Herrn würdig preisen; durch die Liebe können wir Ihn erkennen; in der Liebe können wir uns Ihm nähern und so nur, durch und in der Liebe, leben und das ewige Leben finden und erhalten.

Gott in Seiner Heiligkeit ist unzugänglich, in Seiner Weisheit unerforschlich, in Seiner Gnade unermeßlich, in Seiner Macht über alles fürchterlich, in Seiner Stärke ewig unüberwindlich. Sein Licht ist ein Licht allen Lichtes und Sein Feuer ein Feuer allen Feuers. Und so ist Er in allem diesem ein unantastbarer, uns auch ganz fremder Gott, der uns nicht will und uns ewigdar von Sich stößt; aber eben dieser Gott ist auch die allerhöchste Liebe Selbst. Diese Liebe sänftet Sein Göttliches so sehr, daß Er uns will; und so wir Ihn lieben, so ergießt Er Sich dann aus allem Seinem Göttlichen durch die Liebe zu uns, macht uns zu Kindern und gibt Sich uns dann als der beste, allerliebevollste, heilige Vater in allem, was wir nur ansehen mögen, zu erkennen, mehr und mehr zu lieben, zu genießen und endlich im freien, ewigen Leben selbst als solcher vollends zu erschauen.

Daher bedenket wohl, Kinder, wer und was Gott ist, — und wer und was unser heiligster Vater ist, und handelt danach getreu! Amen."

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Der Inhalt dieses Buches wurde mit wenigen Ausnahmen aus den Werken des prophetischen Mystikers JAKOB L0RBER (1800—1864 in Graz) geschöpft, und zwar zumeist aus dessen Hauptwerken:

Das große Evangelium Johannes (Gr. Ev.), Die Haushaltung Gottes (H.), Die Jugend Jesu (Jug.), Die geistige Sonne (GS.), Bischof Martin (BM.), Robert Blum (Rbl.) [jetzt: "Von der Hölle bis zum Himmel"], Schrifttexterklärungen (Schrft.). Die Verbindungstexte sind von Dr. W. Lutz und wurden aus der 1. Auflage in gekürzter Fassung übernommen. Einige Beiträge stammen auch aus Schriften von G. Mayerhofer und anderen.

In den genannten, vornehmlich durch Jakob Lorber gegebenen Werken der Neuoffenbarung wird die Lehre Jesu Christi in höchster Reinheit und mit bezwingender Macht und Kraft neu verkündet. In aller Liebe und Klarheit wird den Menschen der wahre Weg zu Gott, zur geistigen Neugeburt der Seele und zum ewigen Leben gewiesen.

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      Inhalt

Zur Einleitung

Betrachtungen zur Passionszeit

Das Abendmahl

Der Herr beim Sabbatmahl der Urväter

Brot und Wein

"Mein Fleisch und Blut"

Äußerliche Anbetung

Ein rechtes Liebes- und Gedächtnismahl

Sündenbekenntnis

Sündenvergebung

 

Worte des Herrn

1. Vor dem Liebesmahl

2. Während des Liebesmahles

3. Nach dem Mahl

Mahnung zur Einmütigkeit

Der Vater zu den Seinen beim Liebesmahl in den Himmeln

Des Herrn Gleichnis vom königlichen Hochzeitsmahl

Gethsemane

Das Geheimnis der Person Jesu

Die Kämpfe der reifenden Jesus-Seele

Die Zubereitung für den Sieg

Das Gebetsringen des Herrn in Gethsemane

Dein Wille allein geschehe!

Der Herr und Judas

Simon Jona, genannt Petrus

Des Petrus Schwert

"Wer zum Schwert greift, soll durch das Schwert umkommen!"

Himmlischer Liebe himmlische Weisheit

Verurteilung

Der Tempel zu Jesu Zeit

Der Hölle letzte Probe

"Mein Reich ist nicht von dieser Welt"

Kreuzigung

Vom Kreuztragen

Über den rechten Geist beim Kreuztragen

Des Judas Reue

Das Los des Selbstmörders

Die sieben Kreuzesworte

Die Stunden des Scheidens

Die Sonne verfinstert sich — die Erde bebt

Der Vorhang zerreißt — die Gräber öffnen sich

Grablegung

Der Herr im Grabe des Joseph von Arimathia

Niedergefahren zur Hölle

Die "unübersteigliche Kluft"

Die Verklärung des Leibes

Auferstehung

Widerspruch in den Berichten

Maria Magdalena — die erste am Grab

Der Wettlauf der Jünger

"Rühre Mich nicht an!"

Das Umklammern der Füße

"Friede sei mit euch!"

Thomas

Mein Herr und mein Gott!

Himmelfahrt

In die Gnadensonne zurück

Ein nahbarer Vatergott in einem neuen Himmel

Aufhebung der Kluft zwischen Gott und allen Gefallenen

"Es ist vollbracht!" — "Mich dürstet!"

Christus der Mittler

Das große Zeugnis des Johannes

Anbetung

 

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