Brausend und schaurig erklang es aus dem Volkshaufen:
„Kreuzige - Kreuzige Ihn!“ -, und durch die aufgeregten Menschen schien eine
Welle von Blut-Rausch zu gehen. Den Verhandlungen mit Pontius Pilatus folgte
aufmerksam ein Hauptmann der in Jerusalem stationierten römischen Besatzung;
eisern seine Ruhe! -, und doch verfolgte er mit innerem Interesse das weitere
traurige Geschehen. Als Jesus - ein Bild tiefsten Jammers - zurückgeführt
wurde, schien es, als wollte dieser Hauptmann auf Jesus zueilen und in die
Verhandlungen eingreifen. Da sah ihn Jesus an mit Augen, die den Römer bis ins
Innerste erschütterten. Dann ging der Hauptmann hinaus; es war zuviel!-, er
blieb im Vorraum und erwartete weitere Befehle.
Noch einmal erfolgte Getöse von draußen, und dann war
Toten-Stille! Das Todes-Urteil wurde gesprochen und vom Volk bestätigt! Mit
zusammengebissenen Zähnen lauschte der Hauptmann und durchschritt dann
aufgeregt die Halle; da erschien ein Bote und beorderte ihn zum Landpfleger.
Hier angekommen wurde ihm der Befehl, „Die Kreuzigung auf Golgatha“
vorzunehmen! Schweigend übernahm der Hauptmann den bitteren Auftrag; doch nach
einer kurzen Pause sagte er zu Pilatus: „Mein Bruder! Noch an keinem Verbrecher
habe ich diese Würde, diese Hoheit beobachten können wie an diesem Menschen!
Wenn nun dieser Mann unschuldig ist? Was dann? Wohl wuschest du die Schuld von
deinen Händen - mit Wasser, wie aber willst du die Schuld von deinem Gewissen
abwaschen? Ich diene meinem Kaiser, und du bist hier sein Stellvertreter! Also
geschehe es nach deinem Befehle! Dixi! --Doch, mein Bruder, höre: Sollte noch
auf dem Wege dorthin oder auf Golgatha ein Zeuge Seiner Unschuld auftreten,
werde ich die Ausführung verhindern!“ Mit diesen Worten trat der Hauptmann
hinaus und erteilte seine Befehle. Und so nahm die Kreuzigung ihren Anfang. Auf
dem Wege nach der Richtstätte befahl er drei Hauptleuten von der Tempel-Garde,
nicht von seiner Seite zu weichen. So erreichten sie dann mit einigen Störungen
Golgatha!
Taugende von Menschen, Neugierige, Männer und Frauen,
hatten sich angesammelt; der Hauptmann aber ließ bekanntmachen, daß sofort alle
Kinder den Hügel zu verlassen hätten. Dann erging die Aufforderung, sich mit
keinem Laut, Wort oder gar Tätlichkeiten an diesem Geschehen zu -beteiligen!
Und ein Trompetenstoß ertönte! - Noch einen Aufruf erließ der Hauptmann, der
also lautete: „Sehet diesen Menschen! Auf Grund eurer Anklage wurde er zum Tode
verurteilt! Doch vermisse ich Zeugen, die das Gegenteil eurer Anklage
behaupten! Denn Jesus verteidigte sich nicht! Hat niemand den Mut dazu? Kraft
meiner Amtsbefugnisse frage ich .euch und gebe euch noch zehn Minuten Zeit. Du
aber, zum Tode Verurteilter, bereite dich vor! Nimm Abschied, so du Freunde
hast!“
Erstaunt blickten die Tempeloffiziere auf den
römischen Machthabenden, bleich waren ihre Züge; und der Hauptmann sprach zu
ihnen: „Höret, wenn hier ein Wunder geschieht oder Zeugen für die Unschuld des
Verurteilten auftreten, dann kommt ihr drei ans Kreuz, und sollte alle Welt
zugrunde gehen! Denn ein Schuldiger sieht anders aus! Warten wir also ab!“ Nach einer Weile trat ein Unterführer heran und
meldete, daß die zehn Minuten vergangen seien. Da gab der Hauptmann ein
Zeichen, denn seine Pflicht gebot es ihm, und die Kreuzigung begann und nahm,
wie bekannt, ihren Verlauf.
Als Jesus die Worte ausrief: „Vater! - Vergib ihnen! -
Denn sie wissen nicht, was sie tun!“ -, da erfaßte den Hauptmann ein Sehnen,
daß er zum Kreuze hineilte und schmerzenden Herzens noch einen Blick von Jesus
suchte; und Jesus, ohne der eigenen Schmerzen zu achten, schaute ihn lächelnd
an! Da erlebte der Römer ein Glücks-Gefühl in sich, das zu dieser Stätte des
größten Unrechts in seltsamem Widerspruch stand. „Mir ist verziehen!“, dachte
er befreit, trat zu den Templern und sagte: „Sehet hin, welch reinem Menschen
ihr den Tod bereitet! Wie wollt ihr das verantworten? Habt ihr jemals erlebt,
daß ein Verbrecher seinen Gott und Vater um Vergebung bittet für die, die ihm
das schlimmste Unrecht antun? Noch nie ist so etwas geschehen! Anders als in
Wut oder Verstocktheit oder Angst sah ich keinen, der zu solch gewaltsamem Tode
verurteilt ward.“
Und weiter nahm das Verhängnis seinen Lauf. Jesus
ertrug mit Würde Seine furchtbaren Schmerzen; und Maria, aus ihrer Ohnmacht
erwachend, schaute hinauf zu ihrem Sohn; ihre sanften
Mutterhände glitten suchend empor am Stamm des
Kreuzes, kamen an die Füße Jesu, an die Nägel und ein Schrei ertönte, der alle,
Volk und Soldaten, aufs tiefste erschütterte. So fühlt nur eine Mutter für
ihr Kind! Da ging eine große Bewegung
durch alles Volk, der Blut-Rausch war verflogen! Maria aber sah empor, stand
auf und umschlang die blutenden Füße, und Jesus lächelte Seiner Mutter
entgegen! Marias Herz ward dadurch erfüllt vom Geiste der Kraft und der Hingabe
in den unerforschlichen göttlichen Willen! - Auch der Jünger Johannes kam nun
näher und erhielt seine besondere Weihe vom Kreuze herab! - Nach und nach
verließen viele den schaurigen Ort und flüchteten nach der Stadt zurück; doch
jetzt gebot der Hauptmann: „Niemand verläßt den Platz, bis ich es gestatte! Es
war euer Wunsch, nun sehet zu, daß euch nichts Ärgeres widerfährt!“ Und
sogleich gab er auch seinen Soldaten den Befehl, das Verlassen der Richtstätte
zu verhindern.
Von tiefem Mitleid erfüllt hörte der Hauptmann die
weiteren Worte des sterbenden Jesus mit an; dann trieb ihn sein Herz zu den
drei Frauen, und er war überrascht von der Erhabenheit ihres Seelenschmerzes. Grüßend trat er
näher und bat Johannes um Aufklärung über Jesus und Seine Lehre. Johannes erzählte
ihm, daß ihr Meister Jesus ein guter Freund der römischen Befehlshaber
Cyrenius, Cornelius und Julius war, daß aber Jesus Selbst ihnen allen schon
angedeutet habe, daß Er einen traurigen und entehrenden Tod einst sterben
würde und daß kein Mensch dies je verhindern könne, da es Gottes Heiliger
Wille so sei! „Und wenn auch heute dieses
nun geschieht -, unser Meister, unser Herr, wird als Erlöser auch den Tod
siegreich überwinden!“ Erstaunt und bewegt hörte der Hauptmann zu, reichte dem
Johannes die Hand und sagte: „Gehört habe ich schon öfter von dem Nazarener,
aber begegnet bin ich Ihm noch nicht. Hätte ich Ihn jedoch früher so erkannt
wie heute, so hätte ich diese Kreuzigung nicht ausgeführt!“ - Und zu den
Templern gerichtet rief er mit drohender Stimme: „Ihr Juden und
Tempelgelichter, mit euch wird noch abgerechnet werden!** „Nicht so“, sprach
Johannes milde, „siehe, unserem Meister wäre es ein Leichtes gewesen, dieses
alles zu verhindern! Denn alle Kräfte des Himmels und der Erde stehen Ihm ja
zur Verfügung! Sein gestriger Kampf im Garten Gethsemane war vielleicht ein
noch größerer als heute! Da rang Er mit Sich, daß wir alle, Seine Jünger,
zaghaft wurden und Ihn nicht mehr verstanden! Doch Jesus sprach zu Seinem
Allmächtigen Vater: «Nicht Mein, - sondern Dein Wille geschehe!» Nun lasse mich
mit den Frauen allein, - uns alle blutet das Herz! Hab Dank für dein Mitgefühl,
der du doch ein Heide bist! Du erleichterst unserem Meister den Todes-Kampf;
darum komme nach Bethanien, zum Lazarus! Dort triffst du die Freunde unseres
Meisters!“ - Johannes stärkte nun die Frauen; vor allem litt Maria Magdalena,
die immer wieder das Kreuz umarmte. Noch einmal leuchtete Jesu Auge auf im
größten Schmerz -. als danke Er für die erhaltenen Liebesbeweise.
Der Himmel umwölkte sich, und eine graue, trostlose
Finsternis brach herein. Jesus rief nach einem Trunk; der Haupt man u konnte
nichts anderes als bitteres Essig-Wasser in einem Schwamm Ihm reichen lassen.
Finster und finsterer wurde es auf Golgatha’ - Wie gerne wäre das Volk jetzt
geflüchtet, doch die Furcht vor den Körnern hielt alle davon ab. Der Hauptmann
wandte sich zu den Templern und sprach: „Was sagt nun ihr, die ihr dieses
reinen Menschen Tod verlangt habt? Sehet ihr nicht, daß dieser unschuldig
ist?“. Die Templer aber schwiegen, und der Hauptmann fuhr fort: „Nur, weil der
Nazarener mir verziehen, unterlasse ich alles Weitere! Aber sehet zu, daß euch
nichts Ärgeres widerfährt! Denn aus dieser eurer ungerechten Tat wird eine böse
Saat entstehen, die euch allen den Tod bringen muß!“ Ein furchtbarer Erdstoß
erschütterte plötzlich den Boden, daß alle Anwesenden vor Angst und Furcht
zitterten. - Wie Donner-Rollen drang Jesu Ausruf „Es ist vollbracht!“ in ihre
Ohren! Endlich hatte Jesus ausgelitten!
Erschüttert rief der Hauptmann: „0 - Du! - Gott!, Den
ich erst heute kennen lerne! Habe Dank, daß Du dieses Leiden verkürztest! Von nun an diene ich Dir! Denn wahrlich, dieser Jesu«
muß Dein Sohn gewesen sein!“ Dann trat er zu den gebeugten Frauen. Da erfolgten
noch ärgere Erdstöße, die Erde bebte! Nun gab es kein Halten mehr: die Menge
durchbrach die Kette der furchtsam gewordenen Soldaten und eilte, wie von
Furien getrieben, der nahen Stadt zu, in der so mancher stolze Bau diesem Erdbeben
zum Opfer fiel.
Allmählich wich die Finsternis, und die untergehende
Sonne beleuchtete noch einmal die traurige Stätte. Der Hauptmann ließ seine
Leute sammeln und befahl seinem Unterführer, Sänften herbeizuschaffen für die
drei Frauen, damit sie sicher heimkämen; denn zum Gehen waren sie zu schwach!
Dann gebot er: „Bewachet diesen Gekreuzigten! Ich eile zum Landpfleger“,
bestieg sein Roß und stürmte in die Stadt zu Pontius Pilatus. Ohne Anmeldung
eilte er in dessen Wohnung, erstattete ihm ausführlichen Bericht und bat um
eine starke Bewachung des Leichnams Jesu, da er dem Tempel nicht träne! Dann
kam auch schon eine Abordnung des Tempels zu Pilatus und erbat sich die Abnahme
des Leichnams Jesu zur Grablegung. Der Hauptmann aber setzte es durch, daß
diese nur unter römischer Bewachung geschehe! Da sagten Nikodemus und Joseph
von Arimathia: „Fürchte nichts! Wir selbst sind Freunde von Ihm! Willst du uns
aber dienstlich behilflich sein, s» erntest du unseren Dank!“ Zweifelnd schaute
der Hauptmann die beiden an und sprach: „Ihr wollet Freunde des Nazareners
sein? Wo seid ihr denn gewesen, als ich Zeugen für Seine Unschuld forderte?
Glaubet mir, wäre ich Sein Freund gewesen, - eher wäre der Tempel zerstört
worden, als Jesus gekreuzigt!“ Pontius Pilatus bewilligte die Abnahme des
Leichnams, da der Hauptmann aufs neue’ versicherte: „Dieser Nazarener hat
unschuldig den Tod erlitten!“ Der Hauptmann eilte nach Golgatha zurück, doch
konnte er nicht verhindern, daß ein Soldat mit seinem Speer in die Seite des
Gekreuzigten stieß. Sofort verständigte er hier die Freunde von der Erlaubnis
zur Abnahme und Grablegung und ließ Wasser, Salben und Wäsche dazu holen. -
Mit heiliger Liebe trugen seine Freunde den Körper ihres geliebten Meisters zum
Felsen-Grabe; nach der Bestattung ließ der Hauptmann das Grab versiegeln und
ordnete strenge Bewachung an! Nachdem alles in Ordnung gebracht war, schloß er
sich den Frauen und Johannes au, welche sich in den Sänften auf Einladung des
Nikodemus in dessen Haus tragen ließen; und Nikodemus lud auch den Hauptmann
ein, an dem Nachtmahl bei ihm teilzunehmen. In seinem Hause angekommen blieben
die Frauen allein; denn jetzt fühlten sie doppelt, wie einsam sie waren! Die
anderen aber nahmen das Nachtmahl ein, und der römische Hauptmann ließ sich
noch manches vom Gastgeber und von Johannes aus dem Leben und Wirken Jesu
erzählen. Erst spät in der Nacht trennte er sich von ihnen und eilte seinem
Hause zu.
02. Des Hauptmanns
Erlebnis in der Nacht darauf
In seiner Wohnung angekommen blieb der Hauptmann bis
zum anbrechenden Morgen an seinem Tisch sitzen und ließ nochmals alle Vorgänge
an sich vorüberziehen. Da auf einmal wurde es ganz hell um ihn! Ein junger Mann in leuchtender Kleidung stand vor ihm,
verneigte sich und sprach: „Lieber Freund! - Die Liebe zu unserem Gott und
Schöpfer, der uns heute das Allergrößte miterleben ließ, treibt mich zu dir, um
dir zu danken für das, was da im unbewußten Drang deines Herzens getan hast!
Siehe in Diesem Jesus, in Diesem Sohn der Menschen, keinen ändern als unsern
Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit! Es gab für Gott, den Schöpfer aller Menschen
und Wesen, keinen anderen Weg mehr, nachdem alles, alles versucht war, um Seine
Schöpfung und alle geschaffenen Wesen darin vor dem inneren Untergang zu
retten, als Selber ein Erden-Mensch zu werden! Hätte Jesus weltliche Hilfe
angerufen oder nach Zeugen verlangt*) Jesus durfte nur von Innen her die
Kraft sammeln zur Überwindung der Feindes., so hätte der Gegenpol Gottes,
Lucifer, triumphiert! Diese hohe Bedeutung von Jesu Leiden und Sterben für die
ganze Schöpfung kam auch zum entsprechenden Ausdruck, als die Sonne sich
verfinsterte und die Erde erbebte! Alle Geist-Wesen schauten nach Golgatha!
Doch wir Bewohner der Himmel waren hier machtlos, weil die ewige Gottes-Liebe
es also wollte! Darum erfasse dieses! - Und auch du wirst erkennen lernen die
oft schmerzlichen Wege, aber auch die hohen Ziele, die Gott zur Rettung der
Menschen-Seelen jetzt angebahnt hat!“
Betroffen und verwundert stand der Hauptmann auf,
reichte dem Fremden die Hand und sprach: „Lieber Freund! Ich frage dich nicht:
„Wer bist du?“ oder „Wie kommst du hier herein durch verschlossene Türen?“;
denn zuviel des Wunderbaren habe ich heute schon erlebt, und mein Inneres ist
erregt wie nie! Doch fragen möchte ich dich: „Wo ist Jesus jetzt?“ da Er, nach
Seiner eigenen Aussage, trotz Seines Sterbens am Kreuz als „Der Überwinder des
Todes“ sich uns offenbaren will! Wenn dies wahr ist, und Er nur gestorben ist,
damit „nichts Sterbliches“ mehr in Zukunft an Ihm sei, so muß Er doch sicher
irgendwo leben! Aber wie und wo? - Diese Frage läßt mir keine Ruhe! Und, so du
kannst, hilf mir, daß mir Klarheit werde!“ „Mein lieber Freund und Bruder“,
sprach der Engel, „werde vorerst im Innern ganz ruhig, damit ich dir zeigen
kann: Die Gnade unseres Gottes - Seine Heilige Erbarmung! - und Seine erlösende
Liebe! - Gehe in dich hinein! Versenke dich in die liebenden Blicke, die unser
Herr und Meister dir zuteil werden ließ, und habe acht auf alles, was du dann
erlebst! Ich werde dich durch die Kraft und Güte Gottes in einen geistigen
Zustand versetzen, damit du mir folgen kannst! Doch nur, wenn du mir freiwillig
folgst, wird dieses mir möglich sein; ohne deinen freien Willen aber darf ich
solches nicht tun! Und so du nun willst, dann befiehl deinen Dienern, daß sie dieses
Zimmer jetzt nicht betreten; denn dein Körper darf nicht berührt werden in der
Zeit, in der dein innerer Mensch mit mir ins Geistige Reich wandert.’“ Der
Hauptmann tat, wie ihm geheißen und sprach dann die Worte: „Ja! - Es ist mein
Wille! - Führe mich, damit Klarheit in mir werde - und Ruhe und Frieden!“ Der
Engel berührte nun des Römers Stirn und Herz, und dieser fiel in einen tiefen
Schlaf! Es löste sich die Seele als schöne Gestalt vom Leib des Ruhenden und
eilte mit dem Engel in Gedankenschnelle nach Golgatha!
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<02. des hauptmanns erlebnis in der
nacht darauf.doc |
03. Geistige Vorgänge auf Golgatha
An der Richtstätte erlebten sie einen unermeßlichen
Andrang großer Geister-Heere! In einem alles überstrahlenden Licht stand Jesus
und zeigte den in öder, grauer Finsternis weilenden Geistern Seine noch
blutenden Hände und Füße. Wie auf lautlosen Befehl öffnete sich zwischen den
Geistern eine kleine Gasse für die beiden Ankommenden, und bald standen sie
bei Ihm! Erwartungsvolle Stille war um Jesus, als Er sprach: „Alles, was ihr
von Mir gesehen und gehört, war Liebe, heilige Liebe! Und Mein ganzes Tun
geschah aus diesem Geiste der Göttlichen Liebe! Jetzt aber will Ich euch allen
einen neuen Beweis Meiner erlösenden Liebe geben. Und so komme du, der du mit
Mir gekreuzigt wurdest, und dem Ich versprach: „Heute noch wirst du mit Mir im
Paradiese*) Paradies - Innerer Zustand völliger Harmonie! (ohne
disharmonische Gefühle). sein“-, tritt hervor ohne Zagen! Warst du Zeuge
Meines Leidens, so sollst du jetzt Zeuge Meines Sieges sein! Doch eine
Bedingung knüpfe Ich an Meine Verheißung: daß du verzeihen kannst denen, die
dich erschlugen! Hier kniete der Schacher nieder, stammelte Bitte um Bitte um
Verzeihung ob seiner großen Schuld-und versprach, alles auszulöschen, was als
Haß und Böses noch in ihm sei! Da hob Jesus ihn auf und sprach: „So gehe und
hole Meinen verlorenen Bruder, der in blinder Leidenschaft und Verzweiflung
seinem Leben selbst ein Ende setzte! Im Tempel wirst du ihn finden!“ - Der
Schacher bat: „O Du göttlicher Meister! Dein Wille geschehe! Gib mir Mut und
Kraft dazu um Deiner großen Liebe willen!“ Und .Jesus segnete und entließ
ihn. Dann sprach Er zu den anderen: „Ihr
alle, die ihr in und an euren finsteren Gräbern weilet! Kehret euch zu Mir, ins
Licht! Alle, die ihr Mich heute höret, dürfet glauben, daß Ich Der bin, auf Den
eure Väter hofften! Ihr dürft nun heute schauen Den, Der euch die Tür öffnet,
die bisher verschlossen war!
Höret: Nicht richtend will Ich unter euch treten,
nein, erlösend! Darum gehet in euch! Es ist die Gnaden-Zeit eures Seins! Wenn
ihr heute „Mich“ erkennet und „Mein Wort“ annehmet., dann dürft ihr alle, auch
der Finsterste, mit Mir ziehen zum Tempel und Zeugen sein, wie Ich auch dort
Meine Mission vollende! Wer mit Mir geht, tritt aus den Elementen des Todes ins
„Freie, Ewige Leben“ ein! Doch eines müßt ihr alle zurücklassen: Euren Haß -
eure noch in euch wühlenden Begierden und Leidenschaften!*) die Hölle im
Menschen. Denn sehet: Wie Ich in selbst-vergessener Liebe wirkte und
schaffte, so ist es in Zukunft nur denen möglich, mit Mir zu verkehren, die
auch in dieser selbstlosen Liebe handeln. Wollt ihr Mir folgen, so söhnet euch
in eurem Herzen mit allen aus, und die Folge wird euch den Beweis erbringen,
daß wir im vergebenden Liebe-Geist uns die Hände reichen. Darum kommt alle zu
Mir, die ihr mühselig und beladen seid und Den ersehnet, Der euch Hilfe bringen
kann in eurer Not! Der euch Brot des Lebens reicht! Der euch führen will aus
diesem kalten, finsteren Sein in ein Leben der Liebe und der Freude! Amen!“
Ruhe, heilige Ruhe folgte diesen Worten! Dann trat ein
Greis, gebeugt von der Last seiner Sünden, hervor, schritt auf Jesus zu. fiel
auf seine Knie nieder und stammelte: „O Du, der Du uns Licht und Leben bringen
willst, wie freudig begrüßen wir alle Dein Kommen! Wie ewig lang währte unsere
Gefangenschaft! Wie Himmels-Musik klingen Deine so verheißungsvollen Worte! O
Du!, der Du sagst, daß Du uns liebst, in Dir würden wir gern erschauen: Den
Heiland! - Den Retter! - Den Gesalbten! Doch nun wir Dir folgen wollen, da
türmen sich in uns Schranken auf Schranken auf! Wir können Dir ja nicht folgen,
denn nur Du hast „Das Gesetz“ erfüllt! Wir aber fühlen uns schuldig,
schuldbeladen! 0 Gott! - 0 Jehova! - Dein Gesetz zermalmt uns! Und doch sahen
wir als Geister all Dein Tun, sahen Dein Leiden, Dein unschuldig Sterben! Wir
erlebten: Du hast einem Mit-Gekreuzigten Hilfe, Gnade und Vergebung gereicht! 0
zeige uns allen, wie auch uns Erlösung kommen kann! Siehe, wir alle hier
möchten gerne zu Dir kommen, doch die Schlange der Eva*)unser
Begierden-Leben. ist die Fessel, die uns an das Niedere bindet! 0 Herr! - 0
Jesus! - Hilf! - Hilf Du uns, wie Du anderen so gnädig geholfen hast!“ Tränen
entstürzten den Augen des Alten. Jesus trat an ihn heran, legte Seine
durchbohrte Rechte auf sein Haupt und sprach: „So fasse in deinem Herzen denn
Mut und bekenne frei, aber voll Reue, deine Schuld und wolle von nun an in das
wahre Leben der selbstlos dienenden Liebe eingehen! Dean nur darum komme Ich zu
euch, die ihr Zeugen wäret Meiner größten Herablassung und in Mir konntet
erschauen den Neuen Geist der Gnade! Erfasse nun diesen Neuen Geist und kehre
dich zu Mir! Denn in Mir ersiehest du Gott und Jehova!“
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<03. geistige vorgänge auf
golgatha.doc> |
04. Judas vor dem Herrn
Wiederum wurde lautlos eine Gasse gebildet unter den
unzählbaren Geistern, - und der Schacher Dismas kam Hand in Hand mit Judas!
Zitternd trat Judas vor seinen Meister. Jesus aber sah ihn an mit Augen
herzlicher Liebe und sprach: „Judas!! - Erkennest du jetzt nach all deinen
Leiden, daß „Das wahre Leben“ nur in der Liebe zu finden ist? Siehe, Tausenden
habe Ich helfen können, und diesen tausend mal Tausenden ist bald geholfen,
indem sie das neue Gnaden-Leben schon schauen und erfassen wollen! Du aber hast
Meine Worte nicht geachtet! - Meine Lehre, nach welcher unzählige Herzen sich
sehnten, und die auch deinem Herzen zum Heile dienen sollte! Darum zeige Ich
dir jetzt Meine Wunden! Diese Wunden werden allen denen, die da in der Irre
gehen, zum Wegweiser zur alles vergebenden Gnade. Zu allen diesen hier - konnte
Ich sagen: 0 gehet mit Mir! Ich zeige euch den Weg zum Leben! Dir aber sage Ich
nun: Du mußt den Weg zu Mir allein finden! Denn du kennst Mein Wort, Meine
Lehre und Mein Tun! Judas, dir kann Ich weder raten noch helfen! Nur verzeihen
kann ich dir!“ Judas stürzte vor seinem Meister nieder und wollte Seine Füße
umklammern, da sprach Jesus erneut zu ihm: „Judas, du Armer! Da wir noch Menschen
waren, da hätte Ich dir helfen können, da warst du ein noch Unwissender! Doch
hier, im Reiche des Geistigen Lebens, bestimmt nur der eigene, freie Wille! Du
bist jetzt ein Wissender und kannst den Weg zu Meinem Wesen nur finden durch
deinen noch tiefer zu beugenden Sinn! - Noch lebt Haß, Wut und gekränkte
Eigenliebe in dir! Noch führt dein weltliches Verstandes-Leben die Herrschaft!
Doch darum vergab Ich dir, weil du in blinder Weltsucht gehandelt hast! Jetzt
aber erfasse es, daß Mein Reich ein Geistiges Reich ist! Das Reich des Ewigen
Lebens! Und so beherzige Meine Worte!“ -
Zu den anderen sprach Jesus: „Nun lasset uns nach dem
Tempel ziehen! Wer da will, der komme mit!“ Wieder bildete sich eine Gasse.
Jesus ging mitten durch die Heere der Geister, ein endlos langer Zug folgte Ihm
und zog ein in den Tempel. Es war, als ob die Mauern sich erweiterten: Alle
fanden im Tempel Platz; Jesus aber ging hinein bis ins Allerheiligste. Nur zwei
blieben auf Golgatha zurück: Judas und der Schacher vom Kreuz.
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<04. judas vor dem herrn.doc> |
05. Der Herr - im Tempel
Im Tempel herrschte größte Verwirrung, denn der
kostbare Vorhang, der das Allerheiligste verhüllen sollte, war zerrissen und
konnte nicht wieder zusammengenäht werden; so oft es auch versucht wurde,
zerriß er aufs neue. Nun kam Jesus mit dem großen, Ihm folgenden Zuge der
Geister in den Tempel und betrat das Allerheiligste. Doch keiner der Priester,
kein irdischer Mensch, hatte eine Ahnung von dem gewaltigen geistigen Ereignis,
welches sich nun hier im Tempel abspielen sollte. Der Engel mit dem
Römer-Hauptmann hatte wiederum in der Nähe Jesu seinen Platz; und beide
verfolgten mit höchstem Interesse alle Reden und Handlungen. Engel mit
Posaunen traten an den Herrn heran; und auf ein Zeichen Rafaels, der die ändern
führte, ließen sie ihre Posaunen eindringlich ertönen! Da öffneten sich die
Gräber, die Katakomben unter dem Tempel, und überall erschienen Geist-Wesen in
der Tracht der Priester und Hohenpriester. Einer unter ihnen trat hervor und
fragte mit lauter Stimme, was all dieses bedeute? Und Rafael, der Gottes-Bote,
gab ihm zur Antwort: „Das sind die Posaunen des Jüngsten Gerichtes! Jetzt ist
Der gekommen, Der all die Seelen in Empfang nehmen will, die euch anvertraut waren!
Der Herr nimmt nun die Pfunde zurück, über die ihr gesetzet waret in eurem
Amte! Freuet euch, wenn ihr als gerecht befunden, sonst wird es euch nicht zum
Besten ergehen!“
Ernsten Blickes und mit gesenktem Haupte ging nun der
Hohepriester hin zu Jesus, dessen Kleid leuchtete wie von der Sonne
beschienener, frisch gefallener Schnee. Als der Hohepriester aber die Wundmale
sah, erschrak er und fiel wie tot zu den Füßen des Herrn. Und die vielen
Priester, die sahen, daß ihr Führer sich nicht wieder erhob, fielen auch auf
ihre Knie und harrten ängstlich der Dinge, die sich ereignen sollten. Jesus
wandte sich nach allen Seiten, hob die durchbohrten Hände und neigte Sein
Haupt. Totenstille war unter den Geister-Heeren; denn die Stimmen der hier
anwesenden, noch im Fleische lebenden Templer hörten sie nicht! Nun ertönte
eine feine zarte Musik, anschwellend bis zum Rauschen, zum stärksten Rauschen,
um dann wieder weicher und leiser zu verklingen.
Da erwachte der Hohepriester, und Jesus sprach zu ihm:
„Stehe auf! Heute komme Ich nun Selbst! Ich habe euch erweckt aus eurer Ruhe,
eurem geistigen Schlafe! Ich, Das Leben, habe durchbrochen die Schranken! Ich
habe den Tod überwunden, um allen den Weg zu zeigen zum wahren, ewigen Leben!
Bis tief ins Geister-Reich drang die Kunde von Meinem Sein auf Erden! Und viele
konnten sich schon laben an dem Quell des Lebens, belehrt durch Meine Engel! Aber ihr? Wo wäret
ihr? Wie kommt es, daß ihr Mich nicht
kennet, und daß erst der Posaunen Ruf ertönen mußte, um eure dunklen Zellen zu
öffnen?“
Da endlich ermannte sich der Priester und fragte:
„Bist Du der Herr? - Gott! - Zebaoth? oder von Ihm gesandt? Dein Auge blickt
mild, doch tragen Deine Hände und Füße das Symbol eines Gekreuzigten! Wer bist
Du? Als ich Dich vorhin im Lichte sah, da überwältigte mich das Gefühl: Du -
bist - Gott! Aber nun ich Deine Wunden schaue, da kannst Du nicht - „Gott“
sein. Und nicht Der, auf Den wir hoffen, Der da kommen soll uns zu erlösen und
Der doch nur in Begleitung hoher, heiliger Engel kommen wird! Ich sehe aber
weiter nichts als Volk, viel Volk um Dich! Daß Du in unsere Ruhestätten bist
eingedrungen, beweist mir nicht, - daß Du Der Allmächtige bist! Und Dein
Gewand, so schön und rein, ist mir auch kein Beweis! Denn mancher kam schon zu
uns und wollte Gesandter von Gott sein! Aber wir glaubten ihm nicht. Doch bin
ich verantwortlich als Diener dieses heiligen Tempels, und so muß ich schon von
Dir verlangen, uns zu sagen, wer Du bist! Die Posaunen, die da erklangen wie
Posaunen des Gerichts, können auch falsche sein, und die Musik, die schöne,
herrliche, kann auch Zauber-Musik sein, um uns aus dem Tempel zu locken! Darum
rede nun Du! Denn ich, der Hohepriester, habe hier das Recht, da wir uns im
Allerheiligsten befinden! Vor langer Zeit schon zerriß der Vorhang (im
Geistigen scheint es ihnen so), darum weise ich Dich auch nicht aus diesem
Heiligtum, da Gott euch darin duldet!“
Jesus sprach: „Eljasib! Du Armer! Verblendeter! Wie
lange willst du noch hier verweilen? Kommt dir nicht zum Bewußtsein, daß dieser
euer Tempel nur Schein oder Erscheinlichkeit ist? Hast da noch nicht erkannt,
daß dein Dienst hier in eurem „Schein-Tempel“ völlig wertlos ist? Hast du nicht
bemerkt, daß auf den Altären immer ein und dasselbe Opfer benutzt wird? Ist dir
noch nicht der Gedanke gekommen, daß du mit deinen vielen Priestern nur das
tust, was euch gefällt? Sage, wann wollt ihr denn anfangen, den Willen Jehovas
zu tun? Aber hast du dich jemals bemüht, den Willen Gottes zu erforschen? Ja,
als du gesalbt wurdest, da hattest du die besten Vorsätze; und weil du im
Herzen ehrlich batest, Gott möge dir in deinem neuen Amte immer zur Seite
stehen, darum komme Ich nun gerade zu dir und erinnere dich daran! Nie habe Ich
vergessen, was Ich dir sagen und verheißen ließ! Aber du hast bald deinen Herrn
und Gott, deinen Schöpfer vergessen und hast dich dennoch wohl gefühlt in
deinem hohen Amte! Doch sage Ich dir und euch allen: eure Stunden hier sind
gezählt! Weil ihr keinen Sinn für das Ewig Göttliche gehabt, konnte es
geschehen, daß ihr schliefet und euch ausruhtet auf den Polstern und Ruhebetten
in eurem Schein-Tempel; und konntet nie vernehmen die Kunde von den Großen,
Heiligen Vorgängen auf eurer Erde! Du hast noch den Ausspruch Simeons gehört:
«Herr! Nun lassest Du Deinen Diener in Frieden fahren; denn meine Augen haben
Den Heiland gesehen!» Wärest du wach gewesen, hättest auch du sehen können „die
Herrlichkeit“ im Sohne Gottes! Schauet über euch! Viele Bekannte werdet ihr
sehen, die schon Seligkeiten genießen, da sie erkannten die große Gnaden-Zeit,
die für alle angebrochen ist, die in Mir - Den erkennen und erschauen, von Dem
die Schrift spricht, und Der allen denen Freiheit und Leben bringt, die Ihn
lieben, an Ihn glauben und Ihm folgen wollen! Darum ergeht noch einmal an euch
Mein Ruf: «Verlasset diese eure verkehrte Einstellung!» Denn längst seid ihr
im Geister-Reiche! Und Ich Selbst, als Geist und Todes-Überwinder, komme jetzt
zu euch, um euch zum wahren Leben zu führen! Ich sage euch, daß ihr arm seid,
ärmer als ihr denkt! Und nur durch Mich, als euren Messias könnet ihr zu dem
Bewußtsein kommen: «Gott hat euch auch heute noch lieb!» Sehet her: Meine Hände
und Füße, durchbohrt am Kreuzesstamm! Sie sind der sichtbare Beweis Meines
Gehorsams gegen den Willen Gottes und Meiner vergebenden Liebe zu euch allen.
Der unsichtbare, bei weitem bessere Beweis aber wird euch erst in eurem Herzen
werden, so ihr empfindet, daß Ich gesühnt all eure Schuld! Nur Glauben verlange
ich von euch und, daß ihr Mir folget dorthin, wo das wahre Leben eines
Gottes-Dieners in der selbstlosen Liebe-Betätigung euch erwartet! So frage Ich dich,
Eljasib: Kannst du Mir glauben?“ „Nein,
ich glaube Dir nicht!“, entgegnete der Hohepriester scharf. „Wärest Du der
Messias, so hättest Du «rissen müssen, daß dieser Raum das Allerheiligste ist,
obwohl der Vorhang dasselbe nicht mehr verhüllt! Und so sage ich Dir kraft
meines Amtes: Verlasse dieses Heiligtum mit deinen Heeren, damit wenigstens
wir uns wieder reinigen können!“ „Halt!, rede kein Wort weiter, du blinder Tor!“
entgegnete Jesus ernst! „Was dir heute im Gnaden-Licht gereicht werden sollte,
wirst du noch schwer suchen müssen! Wie aber denkt ihr anderen darüber? Wollt
ihr hier weiterleben in eurem Schein - oder wollt ihr im Lichte der Wahrheit in
Mein Reich eingehen? Meine Zeit ist gemessen; denn noch anderen will ich den
Gnaden-Ruf bringen! Wieviele erwarten mit Sehnsucht die Zeit, da Ich kommen
werde, um die Gefängnisse ihres Irrtums zu offnen! Somit beenden wir hier
unsere Mission! Und du, Mein Rafael, sorge, daß, wenn alle, die eines guten
Willens sind, den Tempel verlassen haben, dieses Schein-Gemäuer in Trümmer
zusammenfällt!“ - Nun erhoben die Engel ihre Posaunen, und unter ihren Klängen
zog der Herr mit den Seinen nach dem ölberge. Alle hier Gewonnenen ließ Er von
den Engeln ihren neuen Bestimmungen zuführen; und so hatte der Herr wieder eine
Beute dem geistigen Tode abgerungen.
Als niemand mehr den Tempel verließ, stürzte unter
Rauch und Feuer dieses geistige Truggebäude in sich zusammen und begrub den
Hohepriester Eljasib mit seinen Anhängern. Mühsam und vor Qual und Schmerz sich
krümmend richteten sie sich dann aus den Trümmern wieder auf und wären jetzt
gerne Ihm gefolgt, Der sie so ernstlich darum bat; jedoch um sie war und blieb
es finster!
Und so war auch dem Hauptmann diese Nacht vergangen,
die geistige Nacht, in der er bisher gelebt; und es war Licht geworden in
seinem Bewußtsein über Göttliches und Menschliches! Der Engel führte ihn in
seine Wohnung, gab ihn der irdischen Wirklichkeit zurück und sprach: „Glaube
ja nicht, daß du geträumt hast oder noch träumst! Glaube lebendig! - Liebe
wahrhaftig! - Und diene Dem getreu, Den du als wahr erkannt! Alsdann wirst du
noch weiterhin schauen dürfen die Führungen unseres herrlichen Gottes! Und so
verlasse ich dich nun. Fürchte nichts! Von nun an hast du die Gabe des
Geistigen Schauens! Und wenn es der Wille unseres Heiligen Gottes ist, so führe ich dich
wieder! Und so walte Gottes Wille weiterhin mit uns und in uns! Amen!“
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<05. der herr im tempel.doc> |
06. Am
Sonnabend vor Ostern
Der Hauptmann war allein, und der anbrechende Morgen
mahnte ihn an seine Pflichten. Er fühlte nicht die geringste Müdigkeit, nahm
sein Morgenmahl und machte sich in Begleitung einiger Soldaten auf, die Wächter
des Grabes zu kontrollieren. Von außen fand er auch alles in bester Ordnung;
die Soldaten aber erzählten, in der Nacht wäre immer ein leises Singen, ein
herrlich zartes, von vielen Sängern dargebrachtes Lied zu hören gewesen, und
keiner hätte an Schlaf gedacht! Menschen aber seien nicht in ihre Nähe
gekommen. Der Hauptmann glaubte seinen Soldaten und sah dankbar auf zum
Himmel! - Da erschaute er wiederum herrliche Engel und Jesus mitten unter
ihnen! Doch nun regte sich ein Zweifel in ihm: was ist hier Wahrheit?
Nachdenklich sah er auf das verschlossene Grab und schaute jetzt mit
geöffnetem Geistes-Auge: es war leer! Doch zwei Engel befanden sich darin, die
ihn freundlich anblickten. Nun erst war er überzeugt von der Wahrheit seiner
geistigen Erlebnisse! Nun wußte er: Jesus lebt! Und Freude und Glück
durchströmten sein Inneres. Anbetend
schaute er auf in Jesus, Der im strahlenden Licht-Kleide wie ein Herr unter den
Seinen weilte. Freundlich winkte Jesus dem Hauptmann zu, und nun kannte sein
Glück keine Grenzen; er eilte so schnell er konnte zu Nikodemus, der kaum vom
Schlafe aufgestanden war, und erzählte ihm seine geistigen Erlebnisse und, daß
Jesus lebt! Nikodemus horchte erstaunt auf, doch er glaubte seinem neuen
Freunde; und dann begaben sich beide zum Tempel. In der Nähe des Tempels
schaute nun der Hauptmann wieder mit geistigen Augen die Trümmer des
Schein-Tempels und sah und hörte, wie der ehemalige Hohepriester und einige
Priester sich gegenseitig zuriefen, aber sich nicht finden konnten wegen der
Finsternis und dem großen Trümmerhaufen. Der Hauptmann erzählte nun dem
Nikodemus auch diese im Tempel erlebten Vorgänge und nannte den Namen Eljasib.
Da erstaunte Nikodemus und sagte: „Ja, Eljasib war ein Hohepriester, vor langer
Zeit! Doch nun er den Herrn nicht erkennen wollte, wird er wohl noch lange
suchen müssen, ehe er zum Licht gelangt.“
Nun gingen sie in den Tempel. Viel Volk war da, und
die Templer waren wegen des zerrissenen Vorhanges in arger Verlegenheit. Mit
bösen Blicken schauten sie auf den römischen Hauptmann, dieser aber beachtete
sie nicht, verabschiedete sich vom Nikodemus und ging zum Pilatus. Pilatus kam
mit ihm wiederum in ernste Gespräche; und als der Hauptmann beteuerte: „Ich
weiß, daß das Grab leer ist! Jesus weilt als Lebender unter den Gestorbenen!
Ich habe Ihn gesehen in der Glorie Seiner Macht und Herrlichkeit!“ -, da gab
Pilatus den Befehl: „öffnet das Grab, damit wir uns überzeugen von der Wahrheit
deiner Rede!“ Doch der Hauptmann entgegnete: „Es ist nicht nötig, dies zu tun!
Der Nazarener weiß um die Stunde, wo Er das Grab selbst öffnen wird! Und es
wird Sein Sieg offenbar werden über die in Hochmut schwelgenden Templer! Ich
gönne ihnen diese Lektion, denn an Ansehen wird der Tempel gewaltig verlieren.
Du solltest nur sehen, wie verstört sie waren, als ich heute morgen im Tempel
war! Auch der zerrissene Vorhang macht ihnen allerhand Sorgen, denn sobald er
zusammengeheftet wird, reißt er von neuem entzwei.“ Nach diesen Worten
verabschiedete er sich von Pilatus und beurlaubte sich nach Bethanien. Im Hause
wieder angekommen, ließ er sich von seinen Dienern das Pferd satteln und
bestimmte, daß ein Diener ihn begleiten solle. Und sie ritten nach Bethanien.
Unterwegs, unweit von Emmaus, sah der Hauptmann seinen
geistigen Führer wiederum auf sich zukommen. Und schon rief der Engel: „Steige
herab von deinem Pferd, ich habe dir von unserem Herrn und Meister Botschaft
zu überbringen! Kehre um und gehe erst nach dem Fest nach Bethanien! Lazarus
ist jetzt in seiner Herberge bei Jerusalem. Suche ihn dort auf!“ Und weiter:
„Joseph von Arimathia, der sich um den Leichnam Jesu bemühte und ihn in seinem
eigenen Grundstück beisetzen ließ, ist von den Templern gefangen gesetzt! Von
Pilatus ist keine Hilfe zu erwarten; gehe und befreie du ihn kraft deiner
Amtsbefugnisse; denn du bist es, der Jesu Kreuzigung, Grablegung und die
Versiegelung des Grabes leitete. Es ist ein neues Verbrechen der Templer, weil
sie den Gekreuzigten noch jetzt fürchten! Sorge dich nicht! Denn Jesus, der
Herr, wird dich leiten und dir in den Mund legen, was du reden sollst. Fürchte
dich nicht! Aufs neue sollst du Jesu Gnade fühlen! Jesus mit dir!“ Verschwunden
war der Gottesbote! Der Hauptmann kehrte um, und im schnellen Ritt ging es
zurück nach Jerusalem, ins Lager der Besatzung; er kommandierte eine Abteilung
Soldaten und zog mit ihnen in den Tempel. Dort angekommen ging er zu dem
Hohenpriester und forderte die Freilassung des gefangenen Joseph von
Arimathia. Der Hohepriester und seine Räte waren erstaunt, zugleich aber
innerlich erschreckt, und leugneten solche Tat.
Da trat der Hauptmann mit drohender Haltung und Stimme
vor sie hin und rief: „Wenn ihr nicht gutwillig und in kürzester Zeit den
Gefangenen hierher bringt, lasse ich durch meine Soldaten den Tempel vom
tiefsten Grabgewölbe bis zur höchsten Kuppel durchsuchen! Und so sie ihn
gefunden, lasse ich an allen Seiten Feuer anlegen und diesen ganzen Bau
zerstören! Einen Gerechten habe ich, durch eure teuflische Art, töten müssen!
Aber die Nächsten seid ihr, so wahr ich ein Römer bin! Einen Fehler übersehen
wir gern und lassen die größte Milde walten, aber solche Verbrechen, wie ihr
sie unter den Augen der Römer im Namen eure» Jehova tut, werden geahndet mit
der allergrößten Schärfe!“ Erschreckt gingen die Priester auseinander; doch
einer wandte sich an den erregten Römer und sprach: „Hoher Herr! Lasse durch
deine Soldaten den Tempel durchsuchen; ich versichere dir, mir ist nichts
bewußt von der Verhaftung des Joseph von Arimathia! Ist er doch mein Freund,
und so er verschwunden sein sollte, so wollen auch wir mit euch nach ihm
suchen.“ Da trat in der Kleidung der Römer der Engel zu dem Hauptmann und
sagte: „Ich werde den Gefangenen von seinen Fesseln erlösen und hierher
bringen! Doch schone den Tempel, der Herr will es!“ In kurzer Zeit brachte der
Gottes-Bote den erschöpften Joseph von Arimathia in zerrissenem Gewand an, und
dieser dankte mit Tränen in den Augen dem Hauptmann. Der Römer sprach: „Mein
teurer Freund! Danke Dem, Der uns geschaffen hat, und Der mit Seinen scharfen
Augen uns alle bewacht! Nur Ihm allein hast du zu danken! Gedulde dich noch,
bald, ja bald erleben wir das größte Wunder!« Mittlerweile kamen die anderen
Priester wieder zusammen und waren erstaunt, den bekannten Joseph von Arimathia
in diesem Zustande zu sehen! Und der Engel bestätigte, daß alle diese mit
Ausnahme des Kaiphas nichts davon wußten. Da ging der Hauptmann zu dem
Hohenpriester und sagte ihm ins Gesicht: „Du bist es gewesen! Hüte dich, das
Maß deiner Schändlichkeit ist voll! Ein Glück für dich, daß ich ein Jünger Jesu
bin! Ohne zu Gericht zu sitzen, ließe ich dich jetzt ans Kreuz heften auf
Golgatha! Daß du heute nochmals frei bleibst, - verdankst du nur Jesus von
Na-zareth!“ Dann nahm er Joseph von Arimathia in die Mitte, zog mit seinen
Soldaten aus dem Tempel und suchte dann die Herberge des Lazarus unweit des
Ölberges auf.
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<06. am sonnabend vor ostern.doc> |
07. In der Herberge
des Lazarus
Des Hauptmanns Soldaten lagerten sich im Hof und
Garten; Lazarus und der Pächter begrüßten den Hauptmann und waren sehr
erstaunt, den reichen Joseph von Arimathia in solch elendem Zustand mitten
unter den Römern anzutreffen. Lazarus fragte, warum sie diesen Ehrenmann
mitführten und sagte: „Lasset ihn frei, Herr, ich bürge für ihn!“ Lächelnd
dankte der Hauptmann dem Lazarus für die Liebe, reichte ihm nochmals die Hände
und sprach: „Frei ist er erst durch mich geworden, das heißt: ich durfte das
Werkzeug des großen Nazareners sein; der Hohepriester ließ ihn heimlich
gefangen nehmen! Heute war ich schon auf dem Wege zu dir nach Bethanien, da
erhielt ich Anweisung durch einen Gottes-Boten, ich solle diesen Freund erst
aus seiner Gefangenschaft befreien und dich dann hier in deiner Herberge aufsuchen.
Ich gehorchte, zog mit meinen Soldaten in den Tempel und forderte die
Freilassung unseres Freundes! Da kam mir der Gottesbote, jetzt in der Tracht
einer meiner Soldaten, zu Hilfe und holte ihn ans seinem tiefen Gefängnis
hervor. Es stellte sich dann heraus, daß der Hohepriester allein dieses Unrecht
vollbrachte, alle ändern Priester aber nichts davon wußten; und darum, denke
ich, muß ich nach dem Willen des Herrn wohl die Templer schonen! Denn der Wille
Gottes ist auch mir jetzt heilig!“ Lazarus war sehr erstaunt und erfuhr dann
die ganze traurige Begebenheit, die Joseph von Arimathia erzählte:
„Frühmorgens war mein erster Weg nach dem Garten, nach
dem Grabe; ins Gebet versunken verweilte ich dort und ging dann durch eine
Nebenpforte zum Bach, der unterhalb meines Gartens liegt. Da kamen fünf Männer
und unterhielten sich scheinbar harmlos; beim Vorübergehen aber bekam ich einen
Sack über den Kopf, einen Augenblick später waren Hände und Füße gebunden, und
man trug mich fort. Nach einer längeren Zeit gewahrte ich, daß es Treppen
abwärts ging, und ich hörte einen Riegel und einen Balken krachen; dann setzte
man mich ab, löste meine Fesseln und machte mein Gesicht frei; die Männer hatte
ich noch nicht gesehen; einer aber spottete: „So, nun kannst du nachdenken, wie
auch der Hohepriester nachdenken kann, wie du stumm gemacht wirst.“ Dann
verließen sie den Raum und schlössen hinter sich zu. Oben an der Decke war ein
Licht-Loch, viel zu hoch, um hinauf zu können, und so blieb mir nichts anderes
übrig als abzuwarten; denn rufen und schreien war ja zwecklos. Aber ein Gedanke
kam und belebte mich: «Gott! - Der Herr Zebaoth! wird mich nicht fallen
lassen!» - und dabei ward ich wunderbar ruhig. Lange Zeit habe ich auf dem
Boden gesessen, da öffnete sich lautlos die Tür, ein römischer Soldat trat
herein und zog mich an der Hand hinaus. Ich sah noch, wie der Riegel wieder
vorgelegt und verschlossen wurde; und dann wurde ich zum Forum der Priester
geführt; dieser Hauptmann aber machte mich dann ganz frei, und so bin ich
hier. Über eins aber muß ich noch nachsinnen: Was wird der Hohepriester denken,
da der Riegel noch vorgeschoben ist!“
Dann erzählte der Römer auch diesen Freunden, daß in
der Nacht ein Engel, ein Bote Gottes, zu ihm gekommen sei und ihn in die
Geistige Welt geführt habe, wo Jesus als der Herr wirklich lebt und lehrt! Auch
in das noch immer verschlossene Grab habe er schon mit geistigen Augen schauen
dürfen - Es sei leer!“ Lazarus, von heiliger Freude erfüllt, rief: „0 wäre doch
Maria hier!“ - und in diesem Augenblick traten Maria und Magdalena mit
Nikodemus herein; ruhig und gefaßt waren beide Frauen, und bei ihrem Anblick
erfüllte den Hauptmann Bewunderung ob der ernsten Schönheit solcher
Seelengröße! Fast zaghaft wandte er sich an Maria und sagte: „Holde Frau und
Mutter, ich würdige deinen Schmerz! Aber laß dir sagen: bald wird die größte
Freude in dein Herz einziehen, denn: Gebrochen ist die Macht des Todes!
Jesus-lebt! Er Selbst ließ mich diese Wahrheit schauen! - Und eine Verheißung
trage ich tief in meinem Herzen: daß Er immerdar uns erfüllen wird mit Seinem
Geiste und Seiner Kraft!“
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<07. in der herberge des lazarus.doc> |
08. Wie der Erlöser in
einem ändern Tempel schon erwartet wurde
Und so war wieder Freude eingekehrt bei den
Anwesenden. Auch Maria und Magdalena fühlten sich gestärkt und waren voller
Erwartung. Da bemerkten sie, wie der Hauptmann mit starren Augen immer auf
einen Punkt sah, und so wurden alle still. Der Römer aber fing an zu reden: „0,
liebe Freunde, laßt mich erzählen, was ich jetzt erlebe! Ich sehe einen
riesengroßen Tempel; der Eingang wird durch zwei Löwen dargestellt, die an zwei
Säulen*)die beiden Grundpfeiler, Nächsten-Liebe und Gottes-Liebe
darstellend. ruhen, und der Bogen darüber ist mit leuchtenden Edelsteinen
in verschiedenen Farben geschmückt. Das Innere ist ein majestätischer Bau,
herrlich ausgeschmückt. Im Hintergrund sehe ich einen Altar, auf dem ein sehr
helles, strahlendes Licht brennt. An jeder Seite des Altares steht ein Engel,
in der einen Hand das zu Boden zeigende Schwert, in der anderen erhobenen Hand
eine Krone mit funkelnden Diamanten haltend*) Auf das schwere Gesetz und die
strahlende Überwinder-Liebe hinweisend. Und vor dem Altar steht Jesus,
wiederum seine Wundmale zeigend; und jetzt sehe ich den Tempel angefüllt mit
unzähligen Menschen, aber alle sind wie durchsichtig, also Geist-Wesen*)Sie
haben Ihren Leib schon abgelegt. Wie dort im Tempel zu Jerusalem so kommt
auch hier ein Priester; sein Gewand ist verziert mit goldenen Schnüren und
Bändern und auf der Brust trägt er einen goldenen Schmuck. Er verneigt sich bis
auf den Boden, tritt vor Jesus hin und sagt: „Herr, endlich ist die Zeit
erfüllt! Endlich schlägt auch uns die Stande, wo wir frei werden, wo die Zeit vorüber
ist, da wir unter dem Zwang standen, immer nur das zu tun, was uns im
Erdenleben groß und mächtig machte. O Herr! Alle, die Du mir anvertraut, bringe
ich Dir hier, und so lege ich vertrauend und dankend mein Amt als Seelen-Hirte
in Deine Hände zurück. O Dank, tausend Dank, daß wir Dich hier erschauen
dürfen! Wie waren wir beglückt, als Deine Engel uns kündeten, daß Du die Wege
bereitetest, auf denen wir wandeln können, um im Lichte Deiner Weisheit von
Klarheit zu Klarheit geführt zu werden! 0 Dank Dir! Du Ewig Großer Gott! Du
hast wahr gemacht Deine Verheißung, Du wollest einst öffnen die Pforten des
Todes und der Nacht! Und Du, herrlicher Gottes-Sohn! Du Märtyrer Deiner Liebes-Wahrheit! Auch zu uns komme
Dein Reich der Liebe! und der Gerechtigkeit! Verkünde weiter Deinen Willen! Was
sollen wir tun, damit wir würdig werden, Dir zu folgen?“ Liebevoll spricht
Jesus: „Meine Freunde und auch Meine Kinder! Erkennen sollt ihr Mich als Den,
Der da kommen sollte, zu erlösen alle Gefangenen, freizumachen alle Gebundenen!
Und
ihr sollet ändern euern Sinn! Denn da ihr längst nicht mehr Menschen seid, so
leget alles Menschliche ab und scheuet euch nicht, frei und freudig zu
bekennen, daß ihr alle Sünder seid und Mich braucht als Heiland und Erlöser! Alles weitere hängt nur von euch ab.“ Der Priester
nimmt seine Insignien ab; er trennt die Bänder von seinem Gewand und will alles
Jesus zu Füßen legen; Da schüttelt Jesus das Haupt, und so hängt der Priester
einem wachehaltenden Engel den Schmuck um, kniet vor Jesus nieder und sagt:
„Herr und Heiland, hier bin ich, und ich spreche im Namen aller Anwesenden! -
(nun knien alle mit ihm nieder) Wir sind bereit, alles dieses zu tun! Wir glauben an Dich
und an Deine Sendung!
O vergib uns, was
wir im falschen Wahn getan! Und so Du strafen willst, Herr, so strafe nur mich
und lasse alle anderen frei! - Lasse mich büßen, was da gefehlt und gesündigt
wurde; denn sie taten nur, was ich allen anriet.“ Da tritt Jesus zu dem Priester, schaut ihn an, zieht
ihn empor und spricht: „Der Friede sei mit euch! Nicht komme Ich, um
Rechenschaft zu fordern! 0 nein! Ich komme, um euch zu helfen, um euch zu
zeigen das Leben in seiner größten Herrlichkeit! Doch was euch noch fehlt, ist
die vergebende, erlösende Liebe! Ihr glaubtet bis jetzt, mit euren
Gottesdiensten alles getan zu haben, was euch vor Gott gerecht macht! Ihr
irrtet! Liebe geben! Liebe üben! Liebend ausgleichen! Und nur einem einzigen
Ziele nachstreben: Glücklich zu machen den Armen und Bedrückten! Dies fehlt
euch noch! Und dieses lernet nun von Mir! Denn Ich bin Liebe und Sanftmut,
Geduld und Barmherzigkeit! Alle Liebe gehet aus vom Vater! Der Vater aber ist
Mein Innen-Leben! Und dieses Mein innerstes Liebe-Leben gebe Ich euch, wenn ihr
Mir aus freiestem Wollen das eure gebt! Sehet: Meine durchbohrten Hände!
Sehet: Meine durchbohrten Füße! Diese sind und bleiben für Ewigkeiten der
äußere Beweis Meiner Liebe und Geduld mit allen Gefallenen! Den inneren Beweis
Meiner Liebe aber erlebt ihr erst in euch, so ihr tut nach Meinen sanften Worten:
Liebet euch! - Und nähret diese Liebe in euch durch Dienen, durch heiligen
Eifer, nur Mir zu gefallen und zu opfern eure Eigen-Liebe! Wollet ihr dieses,
so erhebet euch alle und stärket euch; Meine Engel werden euch reichen Brot und
Wasser des Lebens.*) Brot = das Gute des Tuns, Wasser = Erkenntnis der
Ewigen Wahrheit! Wein = Himmlische Erkenntnisse der Liebe!
Und so erscheinen jetzt Engel-Scharen mit Krügen und
Brot in der Hand, um alle zu erquicken. Da tritt einer der Priester vor Jesus
hin, verneigt sich tief, reicht Ihm sein Brot und seinen Kelch hin und spricht:
„Herr, so es nicht Vermessenheit ist, da möchte ich Dir den Trunk reichen!
Trinke Du den mir zugedachten Teil, ich wäre glücklich darüber!“ Freundlich
antwortet Jesus ihm: „Mein Bruder, siehe, wie allen die Kost mundet, es ist das
erste Mahl der Liebe, welches sie genießen! Nun komme auch du und genieße mit
Mir davon und gedenke nicht mehr deiner Sünden! Denn hast du genossen mit Mir
Brot und Wein, wird auch alles Vergangene gesühnt sein! Denn Ich bin Leben und
Licht, bin Brot und Wein! Genieße davon ohne Scheu, damit wir den Brüdern
helfen können.“ Jetzt kommen die Engel und scharen sich um Jesus; Er aber
spricht zu allen: „Meine Kinder! Folget Meinen getreuen Dienern in die
Wohnungen, die die Liebe euch bereitet hat! Du aber, Mein Bruder, bleibe bei
Mir! Du sollst noch mehr Meiner Erbarmungen sehen!“ -
Hier schwand dem Hauptmann das geistige Bild, und alle
waren tief ergriffen, hatten sie doch etwas von ihrem Jesus gehört! Auch der Hauptmann
war still. Ein Blick aus den fragenden Augen der Magdalena offenbarte ihm ihre
große Liebe zum Herrn, und ea währte auch nicht lange, da wandte sie sich
direkt an den Hauptmann: „Ist es zuviel, wenn ich frage: Wie sah Jesus
aus? Trug Er noch Spuren von Seinen
Leiden?“ Und ihre Augen hingen an dem Mund des Römers. Dieser sagte: „Holde
Tochter Zions! Jesus sah aus wie ein Verklärter! Seine Augen leuchteten wie
Tautropfen, die die Sonne bescheint; und um Seine Wunden lag ein dunkler Kranz.
Jesus muß einzig glücklich sein! Seine Stimme war sanft und glich dem Ton einer
Aeolsharfe! Sein ganzes Auftreten ist königlich. Und also ist Er der Große
Sieger! Alle anderen aber sind Besiegte!“ Magdalena dankte freundlich, und
Maria reichte ihm die Hand, die der Hauptmann innig küßte. Dann trat Stille
ein, denn alle waren innerlich mit Jesus beschäftigt. Später bat Lazarus seine
Gäste, in den Garten zu gehen und sich an den Bäumen und Blumen zu erfreuen,
„denn unser Herz war voll Trauer“, sprach er, „doch jetzt ist alles in
Erwartung verwandelt! Es wird mir zu eng in der Brust! O wüßten dies doch alle
Jünger und Freunde! So aber müssen wir noch schweigen nach des Herrn Willen;
denn für uns ist Er noch nicht auferstanden! Was unser Hauptmann sah, erlebte
er ja nur in seinem Geiste; doch hat Jesus versprochen, zu uns zu kommen! Also warten wir
Seiner!“ Und so verließen alle das Haus.
-
Der Hauptmann aber blieb zurück, denn er wollte allein
sein. Es war zuviel des Erlebten in den wenigen Stunden! Einige Minuten
verblieb noch Lazarus bei ihm und dankte nochmals für die erhaltenen
Liebes-Beweise.
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<08. wie der erlöser in einem ändern
tempel schon erwartet wurde.doc> |
09. Jesus inmitten jüdischer Kaufleute
Die Geschäfte riefen Lazarus hinaus, und so hatte
unser Hauptmann Gelegenheit, alles noch einmal in Ruhe zu überdenken. Dabei
wurde er wiederum im Geiste zu Jesus hingeführt, den er nun in einem großen
Garten erschaute! Viel Volk, vor allem Kaufleute mit ihren Karawanen, hatten
sich rings um den Garten gelagert; aber alle die Tausenden von Menschen wußten
nicht einmal, dass sie gestorben waren, und ihr Handel war noch ihr ganzes
Streben. Unter diese trat nun Jesus, und eine große Schar Erlöster war in Seinem
Gefolge. Jesus, in Seiner erbarmenden Liebe, schaute alle die Verirrten an, und
ein heißes Weh regte sich in Seinem Herzen, hatten doch die allermeisten von
diesen Geistern mit ansehen dürfen Seine Taten, Sein Leiden und Sein Sterben!
Aber es war nur ein Schauspiel für sie, und alle diese Zeichen konnten nichts
erschüttern an ihrer falschen, verkehrten Liebe zum Weltlichen! - „Höret
alle“, rief nun Jesus, „was Ich euch sage! Kennet ihr Mich nicht? - Habt ihr
doch alle Meine Leiden und Qualen gesehen*) als Geister hatten sie Golgatha
miterlebt.! Ist denn schon alles wieder ausgelöscht in euch? Bedenket doch,
daß ihr keine irdischen Menschen mehr seid! - Ihr seid Geister, die da im Wahn
leben, immer noch auf Erden zu weilen! Habt ihr schon darüber nachgedacht, was
werden wird, wenn alle eure Waren und Vermögen einmal verschwinden? Und so
komme Ich zu euch, um euch zu künden, daß auch für euch die Erlösungs-Stunde
angebrochen ist, wo ihr inne werden sollet, daß euer Heil und ewiges Sein nur
in Meiner Liebe zu euch allen zu finden ist! Nur diese Meine Liebe zu den
irrenden Menschen gab Mir die Kraft, alles von ihnen zu erleiden, alles zu
dulden, damit der Weg bereitet wird, auf dem ihr zu Mir und Ich zu euch kommen
kann! Fraget alle, die da sahen die Wunder Meiner Liebe, doch Mich noch nicht
kannten; sie müssen zugeben, daß Ich nicht wie ein Mensch unter Menschen,
sondern wie ein Gott unter den Menschen lebte! Und so Ich nun am Kreuze endete,
so bezeugte Ich damit nur, daß Mir für euch wie für alle Erdenkinder kein Ziel
zu weit, ‚keine Last zu schwer und keine Arbeit zu viel war! Und so schuf Ich
durch Mein Sterben euch einen Zugangs-Weg zum ewig-liebenden Gottes-Herzen!
Fraget alle Meine Engel! Was sie bei Meiner Geburt sangen ist wenig im
Vergleich zu dem, was sie heute erleben! Fraget diese Zeugen hier, und ihr
müsset inne werden, daß auch euch heute das größte Gnaden-Leben ergreifen will!
Und so frage Ich euch: Könnt ihr Meinen Worten glauben?“
Ein alter Jude trat heran und sprach: „Ja, Du bist es!
Jesus, des Zimmermanns Joseph Sohn! Wie kommt es aber, daß Du gerade uns
aufsuchst? Wir haben geglaubt, Du seiest bei denen im Tempel! Wir aber haben
keine Gemeinschaft mehr mit ihnen! Denn ihre Gewinnsucht und ihre Strenge haben
uns zur besseren Einsicht gebracht. Aber was willst Du denn bei uns wirken?
Lasse uns unseren Frieden, wir wollen Dir den Deinen auch nicht rauben. Es tut
uns leid, daß Du leiden mußtest! Doch Deine Ohnmacht am Kreuze besagt ja
deutlich, daß Du selber der Hilfe bedarfst! Wenn wir hier noch weilen, so tun
wir das nur, weil uns etwas Geheimnisvolles hält, sonst wären wir längst
weitergezogen. Oder brauchst Du uns? - Sage, ob wir Dir helfen können?“ „Sehet
Meine Hände! Sehet Meine Seite und Meine Füße!“ rief Jesus. „Hier sind die Signaturen!*)
Diese Wunden bluten, solange noch Menschen in Wahrheits-Ferne den göttlichen
Liebe-Gesetzen entgegenhandeln.
und wer die anerkennt, findet auch Verständnis für
Meine Worte! Diese Meine fünf Wunden zeigen allen, daß ein bestimmter Zweck
Mich auf die Erde gehen hieß! Darum lautete Mein letztes Wort: „Es ist
vollbracht!“ Findet ihr darin wirklich nichts zum Nachdenken? Seid euch doch
endlich soweit klar, daß dieses „euer Sein“ nicht länger bestehen kann! Und nun
gebet acht: Alle eure Wagen und Waren werden verschwinden, damit ihr erkennet
in Mir - Die Macht, aber auch Den, Der „in Mir“ zu euch gekommen ist! Wohl bin
Ich der euch bekannte Jesus von Nazareth, aber dieses sagte ich nur von Meinem
Leib! Mein Innerstes ist der ewige Gottes-Geist! Durch Meinen Tod am Kreuz ist
all Mein Vergängliches an Mir vom Ewigen Gottesgeist durchdrungen worden, so
daß nichts Vergängliches mehr an Mir ist! Und nun Ich vollbracht habe und
gekommen bin, euch zu helfen, da wäre es doch von euch das Richtige, euch und
Mich zu prüfen! Ich habe die Macht und könnte es euch beweisen! Doch nie werde
Ich zwingend an ein Wesen herantreten! Nur wer freiwillig kommt, wird
angenommen! Heute ist für euch eine Gnadenzeit! Nutzet sie, damit ihr euren
Eigensinn nicht bereuet! Denn all euer Besitz ist von nun an nur der, der ans
eurer Liebe euch geworden! Meine Liebe gilt allen Wesen, auch euch! Und alles
soll vergessen sein, wenn ihr vergesset euren doch so vergänglichen Besitz und
suchet Meine Ziele! Tretet ein in die Gemeinschaft mit Meinen Engeln und
verbindet euch im reinen Liebe-Geiste untereinander! Dann werdet ihr in Mir -
Den erschauen, Der Moses und Elias Gottes Herrlichkeiten erleben ließ!“
Staunend hörten alle diese Botschaft! Doch
Enttäuschung und Angst zeigte sich auf ihren Gesichtern, als ihre Karawanen verschwunden
waren und keiner wußte, wo dies alles hingekommen sei. Da fragte der alte Jude
den Herrn: „Sage uns, wo sind denn unsere Waren geblieben? Deine ganze Rede
geht dahin, wir sollen Dir folgen! Ja, wohin denn? Wir wissen nicht, wohin Du uns
führen willst, und so bitten wir Dich um Antwort!“ „Höret, ihr Armen alle!“, sprach Jesus. „Eure Wagen
und euer Gut sind nicht spurlos verschwunden, sondern in Wirklichkeit
existierte dies alles gar nicht, weil eure ganze Liebe diese Karawanen nur in
euren Gedanken schuf! Diese Schemen konnten jetzt nicht mehr bestehen, da das
wahre Leben in Mir alles wie tot Daseiende in neue Formen drängt und neues
Leben, neue Wirkungen zeitigt! Wie der Schnee vergeht, so die Sonne immer
heißer scheint, so vergehen auch alle Schein-Wahrheiten in ein Nichts vor Mir!
Erkennet nun, was und wer ihr seid! Euer irdisches Sein ist schon seit vielen
Jahren vergangen! Aber als Bewohner eurer eigenen Welt wußtet ihr bisher noch
nicht, daß ihr gestorben seid, und konntet noch alle Vorgänge auf der Erde um
euch beachten. Gerade du hast Beweise Meiner Liebe zu dir; gerade ihr, die ihr
aus dem Stamme Davids seid, seid euch bewußt, daß auch Ich aus Davids Stamm
bin! Und
so ihr Mir nun folgen wollt, so führe ich euch dort hin, wo Abraham und David
weilen! Viele Stammesgenossen werdet ihr
dort treffen, und dann wird euch erst zum Bewußtsein kommen, was ihr verloren
hattet, und werdet dann Mir danken, weil Ich das Verlorene euch wiedergebracht
habe. Darum gebet nun euren Willen kund!“ Ruhig, ganz ruhig wurde es um den
Herrn! Da kniete der alte Jude nieder und bat herzlich, unter Tränen, um
Verzeihung, daß er Ihn nicht gleich erkannt habe! Aber nun er wisse, daß Seine
Liebe ehrlich, Seine Worte wahr seien; nun folge er gern und wolle auch die
anderen bitten, mitzugehen, - wohin der Herr sie führen werde. Jesus legte dem
Alten die Hand auf das Haupt und sagte: „Stehe du auf! Da du nun Mich
erkennest, ist es nicht nötig, noch Vor Mir zu knien! Beuge deinen Sinn! Und dein
Herz möge erwachen, damit es den leisen Liebes-Zug erfahre, der nötig ist, um
Mir zu folgen!“ Sogleich stand der Alte auf und rief laut: „Brüder, alle, höret
auf mich! Jedes Wort aus Jesu Mund erschüttert mich! Seine Worte sind Wahrheit!
Und wenn einer uns Hilfe bringen kann, so ist es nur Jesus von Nazareth!
Verlassen wir diese Stätte, wo uns unser Besitz verlassen hat! Ich glaube, in
Jesus finden wir alles! Hat Er so vielen gegeben, so vielen geholfen, so wird
Er auch uns helfen! Sein Tod ist uns zum Leben geworden, und Sein Leiden der
Freispruch unserer Sünden. Er erbot Sich Selbst, uns dorthin zu führen, wo
unsere Väter sind; und so frage ich euch: Wollet ihr mitkommen?“ Einstimmig
ertönte da „Ja!“ -, und so rief Jesus: „So kommet und lernet die Liebe kennen
und die Kräfte, die sie dauernd erneuern! Amen!“ Der Hauptmann sah und hörte
jedes Wort, doch dann war das Gesicht verschwunden! Als alle ans dem Garten
zurückkamen, merkte Lazarus es dem Hauptmann an, dass dieser wieder etwas
Inneres erlebt haben mußte; er ging aber hin, legte die rechte Hand auf seine
Schulter und sprach: „Bruder, behalte es für dich, damit unsere Herzen ruhig
bleiben und auch wir dann erleben dürfen diese Gemeinschaft mit Jesus!“
Frisch und erholt sahen die Frauen ans; und nun
besprachen sie, früh am nächsten Morgen nach dem Grabe zu gehen, um den Leib
Jesu nochmals zu schmücken und zu ehren. Dann sprachen sie noch von so manchem
Schönen, was sie erlebt mit ihrem geliebten Meister. Maria Magdalena konnte
nicht genug erzählen und betonte immer wieder, daß sie nie aufhören könne, Ihn
zu lieben, weil alles, was sie empfangen, nur von Ihm sei, und daß sie noch
einmal Seine Füße umklammern möchte! »Nur einmal möchte ich an Seiner Brust
liegen, dann möchte auch ich sterben!“ Maria aber sprach: „Liebe, höre doch
auf, so zu reden! Zerreiße den Faden nicht! Laß nicht zerrinnen das Bewußtsein:
Es ist der Herr! Er bleibt nicht immer im Grabe! Doch nur im Geiste dürfen wir
Ihn lieben, .da Er uns doch Selbst so heiß geliebt hat! - Jetzt wird mir erst
klar, was Er errungen und vollbracht hat! Seine Liebe soll unser Innen-Leben
werden! In Seiner Liebe weilt Er ja unsichtbar unter uns! Und so erfüllt Er uns
mit Kraft aus Seiner Kraft, mit Licht aus Seinem Licht und wirket Frieden und
Ruhe für unser Herz!“ Lieblich klangen die Worte der Mutter Maria, und es war
allen, als wenn ein Echo ertönte, zart und fein, und so wurde Ruhe um die Anwesenden.
Es ward Abend. - Der Hauptmann wollte mit Nikodemus nach der Stadt zurück, aber
Lazarus wies auf den Sabbath hin und, daß es bei Nacht doch nicht ratsam wäre.
„Gehet früh, wenn die Frauen gehen, so wird es das Richtige sein!“ Und so blieben
alle in dieser Nacht in der Herberge des Lazarus.
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<09. jesus inmitten jüdischer
kaufleute.doc> |
10. Warum mußte
Jesus sterben?
Als sich nun alle zur Ruhe begeben wollten, bat der
Hauptmann den Lazarus, noch eine Weile bei ihm zu bleiben, da er in all diesem
Geschehen noch nicht die rechte Klarheit finde. Lazarus gab freudig seine
Zustimmung und forderte auch die anderen Brüder auf, ein Stündlein noch dem
Hauptmann zu schenken. Die Frauen waren zur Ruhe gegangen, und so blieben die
Männer allein. Lazarus ging auf den Hauptmann zu, legte beide Hände auf seine
Schultern und sprach: „Mein lieber Hauptmann! Es ist recht von dir, daß du uns
offen um Aufklärung bittest, wenn noch manches in dir dunkel ist. Sei
überzeugt, daß nach dem Willen des Herrn auch dir volles Licht und Verständnis
darüber wird! Und so enthülle uns, was dir noch unklar ist!" Der Hauptmann sah die Brüder an, gewahrte auf allen
Gesichtern heiligen Ernst und sprach: »Brüder und Freund Lazarus! Die hier bei
euch erlebte Liebe und der Geist unter euch, den man hier so wohltuend
empfindet, berechtigen mich, auch euch Brüder und Freund zu nennen! Und so
bitte ich euch, meine Offenheit in diesem Geiste zu betrachten, und frage:
Warum mußte Jesus von Nazareth, der ein Jude war, gerade diesen heidnischen Tod
sterben? - Gab es keine andere Möglichkeit als die der größten Schande? Und:
Welchen hohen Zweck verfolgte denn Jesus dabei? Und dann: Wie soll mir, dem
Heiden, Jesu Leiden und Sterben ein Akt des Heils und der größten Gnade Gottes
sein? Sehet, dieses sind Punkte, die bei mir noch arg im Dunkeln liegen."
Lazarus reichte dem Hauptmann die Hand und sprach: „Teurer Freund und Bruder im
Herrn, nenne dich nicht mehr einen Heiden! Du tatest zwar deine Pflicht, - da
du nicht anders konntest! Als aber dein Auge dabei suchend umherschweifte,
gewahrte der Meister in dir die Herzens-Bitte um Vergebung! Er schaute dich an
mit den Augen Seiner Liebe, und Sein Blick kündete dir volle Entsühnung!
Dadurch wurde es in deinem Geiste rege und lebendig! Du schmecktest Heimat-Luft
und wurdest einen Augenblick erfüllt von der Wonne aus den Ewigen Regionen! Du
vertieftest diese Eindrücke in der Stille der Nacht, und Gott Selbst, in Seiner
Ewigen Liebe und Erbarmung, sandte dir einen Boten und offenbarte dir im
Geiste, was Millionen nicht erfahren! All dein Erschautes konntest du nicht
zurückweisen und mußtest erkennen, daß der getötete Heiland und Meister Jesus
lebt, aber ein Leben, welches nicht mit unseren fünf Sinnen wahrnehmbar ist!
Dein Verstand wehrt sich noch und muß sich wehren, und berechtigt ist die
Frage: „Wenn Jesus doch nicht zu töten ist, warum dann diese Qualen, Leiden und
diese Schande?" Siehe, mein teurer Bruder! Was du auf Golgatha geistig
erlebtest, war die Enthüllung Seines innersten Göttlichen Seins! Und allen
Wesen, aller Menschheit, ja der ganzen Unendlichkeit wurde hier gezeigt, daß
der Ur-Grnnd alles Innen-Lebens in der Göttlichen Liebe zu uns Menschen liegt
und in Ihrer Erbarmung mit unserm Gott-fernen Wandel! Du wirst verstehen, was
ich dir jetzt aus dem Geiste des Herrn sagen muß! Denn Er will auch dir zeigen
dieses große Warum? - und seine Lösung. Durch Luzifer, den ersten großen, aber
von Gott abgefallenen Engel, wurden Legionen Engel, dann Menschen, auf eine
Bahn gedrängt*)auf die abwärts führende Bahn, in immer größere Gottes-Ferne.,
die allen die Zugehörigkeit zur ewigen Licht-Heimat raubte! Und so ward Luzifer
zum Feind alles Lebens aus Gott! Gott
aber ist nicht nur Schöpfer, sondern will auch Vater sein*)Vater aller
Menschen und Geistwesen.
und ist besorgt um Seine in der Irre lebenden Kinder!
Es galt nun, einen Weg zurückzufinden, der auch dem Gott-Entferntesten gangbar
gemacht werden konnte! Und nach langen Zeitläufen endlich konnte Gott Selbst
als Mensch .und im Menschen dieses ermöglichen! Es führte zu weit, wollte ich
dir alles erzählen, was ich darüber schon weiß; aber laß dir genügen an dem,
was ich dir nun noch sage: In dem Menschen Jesus regte sich frühzeitig schon
das Innere Leben aus Seinem Ewigen Gottes-Geiste! Im Kindesalter wußte Er schon
um Seine hohe Berufung und Sendung, und mit zwölf Jahren war Er den Templern
weit überlegen in der Auslegung unserer Heiligen Schriften; denn in Ihm war
„Leben aus Gott!" und Gott Selbst war Sein Leben! Kämpfe, äußere und
innere, und immer schwerere Kämpfe machten Ihn innerlich immer reifer und
freier! Denn Gott konnte nur soweit „Leben" in Ihm gewinnen, als Jesus
alles Menschliche an sich freiwillig verleugnen und überwinden lernte. Das
klare Bewußtsein: „Gott Selbst lebt in Mir!", schuf Licht und Kraft in
Seiner Innen-Welt! Dazu gesellte sich die Liebe zu Seiner hohen Berufung, und
so kannte Jesus nur noch den einen Wunsch: Gott in allem zu dienen und nur nach
Seinem Heiligen Willen zu handeln! Immer neue Gottes-Kräfte belebten Seine
Liebe! Seine Liebe aber drängte nach Erfüllung Seiner Aufgabe und kannte nur
ein Sehnen: Diesen Geist der Liebe, diese Quelle aller Freuden, diese Fundgrube
ewigen Glückes, - nun auch allen denen zu schenken, die Verlangen danach haben!
Wie aber konnte Jesus diesen Gottes-Geist in Seinem Innern Seinen Mitmenschen
beweisen, ja, ihnen schenken? Wohl tat und wirkte Er Wunder und gewaltige
Zeichen! Wohl sprach Sein Mund heilige und wunderbare Worte, aber daran konnte
die Welt sich nnr berauschen*)Doch der Feind alles Innenlebens war dadurch
nicht besiegt!! Es galt, ein Opfer zu bringen, das all Sein bisheriges
Wirken in den Schatten stellte! Ein Opfer, an dem der Feind zugrunde gehen
mußte, so er diese Liebe und dieses Geistige Leben aus Gott antastete! Was
Jesus litt, kann nur ermessen, wer Ihn kennt! Was Jesus trug, kann nur fühlen,
wer Ihn liebt! Und so ich mich in Sein Leiden und Dulden hinein versetze, fühle
ich mich versetzt an Seine Seite! Sein Sterben aber wird für mich eine
Beruhigung meines innersten Seins, da ich Seine unendliche Liebe zur uns
Menschen nun erst wahrhaft fühle und empfinde und verstehen lerne!
Ja, ich ersehe jetzt in meinem Geiste, was diese ganze
Opferung auf Golgatha auslöste und in alle Zukunft noch auslösen wird! Das
Kreuz, das Symbol der Schande, ward von Jesus Selbst erwählt zum Zeichen des
Sieges über die Sünde, die ihren Stempel darauf gedrückt hat. Im Zeichen dieses
Kreuzes und im Geiste von Golgatha verschwindet alle Schuld und alle Sünde!
(vor Gott!) Im Zeichen des Kreuzes und im Geiste von Golgatha öffnen sich erst
'unsere inneren Quellen und ergießen sich in dem einen Gefühl: „Mir ist
geholfen durch den gekreuzigten Heiland und Erlöser!“ Denn ein ganz
neues Leben fängt an, in mir zu pulsieren, und macht mich zum neuen und anderen
Menschen! In diesem neuen Geiste meines Inneren Lebens gibt es keine Leiden
mehr, nur noch Schulen, da Jesus Selbst ja alles mit mir trägt und mein Helfer
ist*) Indem nun auch ich meine Leiden freiwillig tragen will und, Ihm
nachfolgend, sagen lerne: „Herr!, vergib allen! denn - -". Siehe, du
brauchst nicht einmal Bekenner mit dem Munde zu sein! So du aber diesen neuen
Geist, der allen zum Heile, zum wahren Glück verhilft, erfassest und das tuest,
wozu dieser Geist dich drängt, dann wirst du inne werden: Nicht ich, sondern
Jesus wirkt dieses neue Leben in mir! Kannst du nun dieses recht erfassen und
verstehen?" „Bruder und Freund Lazarus!" antwortete der Hauptmann,
„erfassen wohl, doch am Verstehen mangelt es noch! Denn bedenke, du und ihr
anderen wäret Freunde Jesu und wäret eingeweiht in Seine Lehre und in Sein
Vorhaben! - So nun Sein Tod, Seine qualvollen Leiden in mir dieses noch
schlafende Gottes-Leben wecken sollen, so steigt doch noch die Frage auf: Hatte
Gott nicht andere Mittel, um die Menschheit wieder an Sich zu ziehen, und gab
es wirklich keinen anderen Ausweg? Es muß doch etwas sehr Schreckliches sein,
so ein Mensch, der jahrelang nichts als nur Gutes tat, auf einmal als der
größte Sünder für alle büßen soll! Ich gehe jetzt weniger von Jesus aus, aber
von euch aus, von allen, die da an Ihm hingen und Ihm glaubten, muß doch dieses
sehr schmerzvoll sein."
Lazarus antwortete: „Lieber Hauptmann, auch hier kann
ich dir nur sagen, daß der Herr auch dieses wußte; denn Sein Mund sprach die
verheißungsvollen Worte: „So Ich nicht zum Vater gehe, kann zu euch nicht der
Tröster kommen, der euch in alle Wahrheit leiten wird!" Es ist wahr, wie
du sagst: Es ist schrecklich, so einer die Schuld für alle tragen muß, dazu
noch unschuldig!
Aber Gott Selbst wollte es so, damit ein Weg gebahnt
werde für alle Ewigkeit, auf dem alle Leiden ein Ende finden sollen! Jesus litt
und trug in Seinem Fleische allen Fluch und alle Sünde unseres Fleisches an das
Marterholz! Und eben dieser Sein größter Liebes-Dienst, dieser Geist aus
innerster Gott-Verbundenheit, schuf die von Gott ersehnten Möglichkeiten: unseres
Zurückkehrens zu Seinem Wegen! Jesu Sterben ging auch uns ans Leben, und in uns
wurde es Nacht! Aber um so leuchtender wird es einst in uns werden, da wir die
Offenbarung erhielten: „Ich lebe, und auch ihr werdet leben!" Dieses
Leiden und Sterben bedeutet in der großen Geschichte der Menschheit einen
Abschluß! Erstens kann von dieser Stunde an niemand mehr sagen: „Das
Herrlichste von allem Herrlichen unsere Gott-Ähnlichkeit wurde uns Menschen
vorenthalten, da wir Sünder sind!" Denn Gott in Jesus hat auf alle Seine
Herrlichkeiten verzichtet und durch diesen Geist stiller hingebender
Erlöser-Liebe jedem Menschen den Schlüssel*) Durch unsere Nachfolge in
dieser freiwillig sich opfernden und erlösenden Liebe!
gereicht zu allen Seinen Herrlichkeiten*)Dem Göttlichen
Leben In der eigenen Innenwelt. Zweitens: Durch Jesu Leiden und Sterben ist
erst Sein wahres vorbildliches Himmlisches Dienen uns und allen Menschen so
recht zum Bewußtsein gekommen! Denn nur in diesem Geiste des Dienens in der
Liebe werden die Menschen wieder zu Brüdern! Denn in diesem Geiste leidet ein
jeder für die anderen und mit den anderen; und so werden Schmerzen und Leiden,
Trübsale und Not überwunden und zu Quellen gegenseitiger Freude und
Dankbarkeit! Und drittens, lieber Bruder: Endlich hat das Leben der Menschen
wieder einen heiligen Zweck! Diese Erde als unser Prüfungs-Feld ist wieder
geheiligt durch den Herrn! Auf dieser Erde soll wieder zurückgeführt werden in
die Arme unseres himmlischen Vaters alles, was in der Irre lebt oder noch wandelt!
Hier, wo sich auf Golgatha der Himmel aller Gottes-Liebe bekundete, wo Gott und
Mensch einen neuen Bund geschlossen haben, ist der Leuchtturm gebaut, an dem
sich leuchtende Feuer und Lichtstrahlen als Weg-Weiser zeigen und uns fort und
fort bekunden: Von hier aus erfahret ihr erst das wahre und rechte „Leben"
in eurem Innern! Siehe, in diesen Aufschlüssen wirst du deine Fragen
beantwortet finden! Und was du als traurig und schrecklich in Jesu Sterben
erstehest, soll für uns alle zur befreienden Gewißheit werden: Nun sind wir
Sein Eigentum! Denn für uns opferte Er Sich! Und für alle Ewigkeiten wird
derjenige, der in dem Leiden und Sterben Jesu die Sühne sieht für das, was
gesühnt werden muß, erst wahrhaft froh und glücklich werden können!" Der
Hauptmann war überwältigt von. dieser Größe der Jesus-Liebe, von der Lazarus so
einfach sprechen konnte und sagte: „Bruder! Nun ist es Licht in mir, und eines
weiteren bedarf es nicht mehr! Denn was der Glaube und die Erkenntnis in mir
noch reifen lassen, sind dann auch Grund-Pfeiler, die so leicht keine Sturmflut
hinwegraffen kann! Aber dieses Eine bekunde ich doch: Es wird lange, lange
dauern, ehe das heute Gehörte Eigentum der Menschheit wird! Und noch mancher
wird ins Grab sinken und sich verlassen und verstoßen fühlen, da nur dieser
Glaube an Jesu Liebe zu uns die allerengste Verbundenheit mit Ihm vollbringen
kann! 0 Jesus, Du Meister der Liebe, wie wenige werden Dich in Deinem
Ur-Geiste, in dieser Deiner Ur-Liebe erfassen! Und doch wirst Du wartend zur
Seite stehen - und hoffen! O lasse mich Dich ganz erfassen! Lasse mich, den
Fremdling, auch eindringen in den Geist Deiner Liebe! Erfülle Du mein Sein mit
Deinem Geiste! Und ich will Dir danken mit Wort und Tat!" „So ist es recht mein Bruder", sprach Lazarus,
„bleibe bittend! Dann hast du schon erfaßt das neue Leben, das dich zum
Gottes-Kind macht! Und du dringst ein in das auch für dich offenstehende
Gottes-Herz! Dann erst kannst du schöpfen (auch für andere), wenn du in dir das
allergrößte Glück gefunden hast: Jesus ist in dir! Er hat dein Herz erwählt zur
Wohnung für Sich. Dann ist in dir alles „Leben" geworden! Dann dient ein
jedes Glied nur „Diesem Leben", welches lodert auf dem Altar reiner
Kindesliebe! Glaube fest: Jesus, im größten Schmerz, war dennoch glücklich!
Denn in Seinem Geistes sah Er schon, wie Seine Saat, Seine Mühe und Sein Ringen
so erfolgverheißend ist! Darum, liebe, liebe Brüder, lassen wir es für heute
genug sein und wollen wir zur Ruhe gehen! Auch wir wollen in diesem Glauben
weiter leben, daß nur der uns so herrlich geoffenbarte Geist von Golgatha alle
Kraft zum Überwinden uns geben kann! Der Herr hat überwunden und mit Ihm werden
auch wir „Überwinder!" Du aber, Da treuer Meister, laß uns Deiner nie und
nimmer vergessen! Denn Do hast den Sieg errungen für uns alle - auf Golgatha!
Amen."
Und dann stieg am Horizont schon strahlend die
Oster-Sonne empor.
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<10. warum mußte jesus sterben.doc> |
01. Der Gang nach Emmaus
Ein heller, schöner Sommer-Tag machte alle Menschen
wieder etwas froher; die letzten drei Tage (seit Freitag) hatten wie ein
finsterer Alp auf ihren Gemütern gelegen, seit sie wußten: „Jesus ist tot!“
Jesus war den Armen und Kranken verlorengegangen. Jesus fehlte allen, auch
denen, die Ihn noch nicht so recht verstehen wollten! Er war der Gesprächsstoff
in allen Häusern Jerusalems und der ganzen Umgebung! Auf einmal kam von
irgendwoher die Kunde: „Jesus ist nicht mehr im Grabe! Er soll von den Toten
auferstanden sein!“ Wie ein Lauffeuer, unaufhaltsam, eilte diese Botschaft
von Haus zu Haus, doch nirgends war etwas Bestimmtes zu erfahren.
02. Der Gang nach Emmaus
An der Landstraße von Jerusalem lagerte ein Trupp
römischer Soldaten; zwei Männer aus Emmaus, Simon und Kleophas, kamen eilig auf
die Römer zu, grüßten den Anführer und baten: „Herr! Wir sind Bürger ans
Emmans; wir gehören zu den Freunden des Jesus von Nazareth. Üble Kunde
berichtete uns von Seinem Tod auf Golgatha; darum trieb uns die Unruhe vom
Hause fort, um Näheres zu erfahren. Aber es sollen Unruhen dort herrschen, und
so getrauten wir uns noch nicht nach der Gottesstadt. Nun wir aber heute
hörten: Jesus sei nicht tot! Er sei einigen erschienen, da peinigt Zweifel
unser Herz; und so bitten wir dich um Auskunft, Herr, so du uns etwas sagen
kannst und willst über die legten Tage in Jerusalem.“
„Liebe Männer“, antwortete der Anführer, „es ist
leider wahr: Euer Freund Jesus ist eines gewaltsamen Todes gestorben! Er wurde
ans Kreuz geschlagen! Ihm war wirklich nicht zu helfen, da Er jede Schuld auf
sich nahm und auch Sein Todes-Urteil ruhig anerkannte! Von dem Gerücht, Er sei
von den Toten auferstanden, haben auch wir schon gehört, doch nichts Bestimmtes
erfahren können, da wir abberufen wurden. leb habe Ihn nicht gekannt, muß euch
zum Trost jedoch sagen: Wer solchen Menschen näher kennen durfte und Ihn zum
Freunde hatte, der ist wahrlich glücklich zu preisen! Doch machet euch auf und
gehet selbst nach Jerusalem; dort werdet ihr mehr erfahren.“ - Er grüßte kurz
und gab seinen Leuten Befehl zum Weitermarschieren.
Nach langem Schweigen fragte Kleophas: „Simon! Was
sagst du nun?“ - „Lieber Bruder“, antwortet dieser, „was sollen wir darüber
noch reden? Unser geliebter Herr und Meister ist nicht mehr! O welch ein
Kummer! Und
wir taten nichts zu Seiner Befreiung! Ich
leide zu sehr darunter, darum laß uns wieder umkehren und nach Hause gehen.
Könnte ich mein Leben einsetzen, nur daß Er wieder lebe!“
Kleophas antwortete: „Du liebe, treue Seele! Dein
Kummer ist ja auch der meine! Aber wer so oft bei Ihm war wie du, dürfte sich
doch nicht so niedergeschlagen und trostlos fühlen! Denn was ihr und wir alle
als Wahrheit von Ihm empfangen durften, bleibt für ewig unvergessen! Auch mich schmerzt
Sein Tod! Doch bedenken wir: Sein Leben
und Lieben, Sein Wirken und Schaffen, dies alles lebt doch fort und muß
fortwirken! Und darum dürfen wir nicht zu sehr trauern.“
„Bruder!“ sprach Simon, „ich sehe, auch du empfindest
tiefen Schmerz! Und doch willst du mir beweisen, daß meine Trauer nicht
berechtigt ist? Kannst dn denn über dein Herz gebieten, so es weint? Kannst du
lächeln, wenn es in dir blutet? 0 Bruder, hier könnte nur Einer helfen, und der
ist uns genommen!“
Kleophas entgegnete: „Bruder Simon, dein Leid spricht
tiefe Worte, aber vergiß nicht, was der Meister einst zu uns sagte: Wer in
tiefem Leid und Kummer steht, der komme zu Mir! Ich werde ihn trösten und ihm
wahrhaft helfen! Und Ich werde alles Leid und allen Kummer in Freude
verwandeln!“
Schmerzvoll sprach
Simon: „O Bruder Kleophas! Deine Trostworte
sind wie Morgentau für meine wunde Seele! Aber sie helfen mir nicht in meinem
Weh! - O Jesus! Warum? Warum ließest Dn dies mit Dir geschehen? Du, der Reine!
Du, der Göttliche hier auf Erden! Und nun ist alles, alles Hoffen umsonst?“
Kleophas fühlte den bitteren Kummer seines Freundes,
und sein Auge schaute wie Hilfe suchend umher. Da sah er einen Fremden eilends
zu ihnen kommen; Kleophas blieb stehen, und auch Simon sah ihn erstaunt an. Nun
grüßte der Ankommende: „Der Friede sei mit euch!“ Sie dankten: „Und auch mit
dir! - bis in Ewigkeit!“, und fragten ihn: „Wohin geht dein Weg? - Wir gehen
zurück nach Emmaus, das unsere Heimat ist.“ -
Der Fremdling antwortete: „Auch mein Weg geht nach
Emmaus und noch weiter hinaus. Schon von weitem hörte ich eure Trauerreden und
eilte deshalb schnell zu euch, da euer Kummer auch meinem Herzen Leid und
Schmerz bereitet.“
Simon fragte erstaunt: „Wie kann denn unser Kummer
dich bedrücken, da wir selber doch nicht die Ursache dazu sein können! So du
aber schon mit uns fühlst und leidest, so kennst du vielleicht auch die Ursache
unserer Trauer?“
Gewiß!“, antwortet der Fremdling, „eure Reden haben
mir doch schon genug davon verraten. Aber ich denke, ihr übertreibt und gebt
euren Gefühlen zu viel Spielraum!*)Auch wir machen uns oft von unseren
menschlichen Gefühlen zu sehr abhängig, und verlieren dadurch die Fühlung mit
dem Himmlischen Vater!
Oder es muß etwas ganz Gewaltiges sein, was
seinesgleichen nicht hat!“
Simon sprach:
„Lieber Freund! Kommst du denn wirklich aus so weiter Ferne, daß du so
ahnungslos sein kannst? - Höre: Wir trauern schmerzbewegt um Jesus von
Nazareth! - Den Freund und Helfer aller Armen! Es ist kein Mensch im ganzen Juden-Lande, der nicht von diesem großen
Unglück mitbetroffen wäre, mit Ausnahme der Templer und der Römer! Denn Jesus
ist tot, ist uns gewaltsam entrissen! Und Größtes hatten wir alle doch von Ihm
erwartet!“
Der Fremdling antwortete sanft: „Ich verstehe solchen
Schmerz völlig, da er aus eurer Seele kommt, die so froher Hoffnungen voll war!
Doch eines scheint ihr dabei zu vergessen, und das ist: Jesus verfolgte nur ein
großes Ziel! Und mit Seinem Tode erst konnte dieses Ziel erreicht werden,
nämlich: ,Die Erfüllung all der Hoffnungen, die Gott, der Ewige, auf Ihn
setzte!’ Oder denkt ihr, das Opfer Jesu hätte nur den Zweck, Seinen
Widersachern einen Triumph zu bereiten?!“ -
Simon antwortete: „Lieber Freund! Du sagst, mit Jesu
Tod seien die Hoffnungen Gottes erfüllt! Du magst ja recht haben, denn es
klingt wahrscheinlich; aber unsere Hoffnungen sind dahin, und wir müssen weiter
die Geknechteten und Bedrückten bleiben. Es ist, als wenn sich die Sonne
abwenden will von unseren gesegneten Fluren, als wenn alle Freunde sich
verbergen, und alle Feinde wieder die Oberhand bekommen! Siehe, unser Glaube war:
Nur Er kann und wird unser Volk erlösen! Was kann uns das Gerücht einiger
Frauen nützen, Jesus sei gesehen worden! Er lebe!, so wir doch jetzt die
Gewißheit haben: Er ist tot! Was der Tod in seinen Armen hält, gibt er nicht
zurück.“
Der Fremdling sprach ernst: „Simon! Der
Schmerz um Jesus macht dich blind und taub und läßt dich alles vergessen, was
Jesus euch und allen doch so oft sagte! Dies ist kein Ruhm für dich! - Und wenn
alle Seine Jünger ihre Herzen solchen Zweifeln öffnen, dann freilich gewinnt der
Gegner und Feind alles Lebens*) Der große Feind alles Gott-verbundenen
Innenlebens.
gewaltig an Kraft und Stärke. Gewiß, dein Schmerz ist
groß, und jeder Schmerz ist mir heilig, da ich weiß, jeder Schmerz geht zuvor
durch das Gottes-Herz! Aber, bist du dir wohl bewußt, daß du auch deinem Jesus
durch diesen deinen Zwiespalt großen Schmerz zufügst? Ja, noch mehr! Auch Gott
fügst du diesen Schmerz zu! Da doch Jesus durch Sein Opfer und Sterben nur den
Willen Gottes erfüllen wollte, um dadurch allen Menschen ihren Erlösungs-Weg zu
zeigen.“
Simon entgegnete erstaunt: „Bruder im Herrn, welche
Worte gebrauchst du? Bist du auch Sein Jünger, von dem ich nur nichts weiß?
Bist du auch einer von denen, die Er berufen hat, damit Seine Lehre weiter
verbreitet wird? Oh, rede von Ihm, damit ich wieder froh werde!“
Auch Kleophas sprach: „Ja, Bruder! Deine Worte bergen
in sich den Ton, den wir vermissen! Den Ton der Hoffnung! Wie schmerzlich ist
es für uns, zu wissen: Er ist nicht mehr! Wenn Ihm wenigstens dieses unsagbare
Leid einer Kreuzigung nicht zugefügt worden wäre! Siehe, Er wußte doch um alle
Dinge! Selbst Römer waren Seine Freunde, denn Er nannte auch sie «Meine
Brüder!» Oh, warum forderte Er nicht Seine Freunde und Jünger auf, gegen dieses
große, große Unrecht zu kämpfen? Warum? Oh, wer gibt uns hier Antwort?“
Der Fremdling antwortete vertrauensvoll: „Jesus
Selbst, meine Brüder! Denn, wenn Er auch körperlich gestorben ist, - lebt Er
nicht in euch? Werden Seine Worte, Seine Liebe und Seine Taten nicht schon
lebendig in euch? Sagen sie euch nicht, daß es gar nicht anders sein und
geschehen konnte!? Sollte Sein Tod nicht bezwecken, daß Er, der Gestorbene,
nun unter Seinen Anhängern und Nachfolgern geistig neu erstehen will, um in
jedem das Bewusstsein zu erwecken: «Auch ich will nun mithelfen an Seinem
Großen Werk der Erlösung, welches durch Seinen gewaltsamen Tod einen Stillstand
erlitt.» Liebe Brüder! Jesus zeigte euch Selbst, daß es ,im Plan’ der Ewigen
Gottes-Liebe lag, dieses zu leiden und dem Körper nach zu sterben! Fraget nicht
mehr: Warum? - Warum? - Denn diese Frage Seiner Freunde ist ärger als das große
Unrecht, welches Ihm blinde und irregeleitete Menschenbrüder zufügten! Du,
Bruder, bist ein Geweckter, ein vom Jesu-Geist schon belebter Mensch! Dein
Glaube und deine Liebe zu Ihm sollen ,Sein Leben’ in dir schaffen und ,Neues
Leben’ in andern zeugen, es aber nicht unterbinden! Du kennst Moses und die
Propheten, und ihr wißt um alle Verheißungen! Bedenke, wenn Gott alle
Feindschaft, die zwischen Ihm und dem Lebens-Feinde besteht, aufheben will, muß
auch das rechte Mittel dazu angewendet werden! Und dieses Mittel war und ist -
,Jesus’! und wird es bleiben, bis alle Feindschaft aufgehoben ist.“
Simon sprach erstaunt: „Bruder im Herrn! Ich kann dir
nicht recht folgen und bitte dich, mich nicht mißzuverstehen. Was meinst denn
du eigentlich mit dieser Feindschaft zwischen Gott und dem Lebens-Feind? Hast
du dabei das Böse im Auge? Wenn ja, warum wurde dann nicht offen der Kampf
gegen den Satan geführt? Es wäre doch dem Meister mit Hilfe der Engel ein
Leichtes gewesen, diesen Feind alles Göttlichen Lebens unschädlich zu machen.“
Mahnend antwortete der Fremdling: „Simon, so verstehst
du deinen Meister?*) Der doch nie etwas vernichten, sondern alles Übel
erlösen will!
Der unter euch lebte wie der Allergeringste, der euch
diente mit einer Liebe, die die Erde und ihre Bewohner noch nicht kannte!
Simon! Simon! Dein Herz erschrecke nicht, so ich dir zurufe: auch dich hatte Er
doch ausersehen und gewürdigt, ein Kämpfer Seiner Heiligen Sache zu werden! Du
bist aber in einer gewaltigen Irre, wenn du so an der Person Jesu hängst, da es
doch nur auf Seinen ,Geist’, auf Sein gewaltiges Innen-Leben und -Wesen,
ankommt! Und ,Dieser Geist’, den Jesus in sich trug, während Er nach außen hin
lebte wie jeder andere Mensch, - dieser Geist ist ja das Mittel, welches den
Feind zwingt, zurückzukehren zur inneren Gottes-Ordnung und zum Leben mit
Gott.“. ,,
Simon sprach:
„Bruder im Herrn! Ich möchte dir danken
für den Mahnruf, den du mir gabst, wenn der Schmerz um Jesus nicht so groß
wäre! Da du aber besser unterrichtet zu sein scheinst denn ich, so frage ich
dich: Gab es wirklich kein anderes Mittel als Seinen Kreuzes-Tod? Und hatte
Gott wirklich die Absicht, dieses Mittel auf Jesus anzuwenden? Bedenke: Ein
Gott des Lebens und der Liebe nimmt keine Rücksicht auf den, den Er Selbst uns
sandte, und fordert Gehorsam, Gehorsam bis zum Kreuzestod von Ihm! Was aber
noch nicht das. Ende ist, denn auch wir und alle Jünger müssen gewärtig sein,
denselben Tod zu erleiden wie Er! Ich bin am Ende und finde mich nicht zurecht!
O Jesus! Wenn Du noch lebtest, wie leicht könntest Du alle Zweifel beseitigen.“
Der Fremdling fragte ernst: „Simon! Warum bereitest du
deinem Meister, deinem Jesus und Heiland zu Seinen Wunden neuen Schmerz? Du
weißt doch, wie Jesaias spricht, daß Er um unseretwillen alles Leid auf Sich
nehmen wird, alle unsere Krankheit und unsere Schmerzen! Und um unserer Sünde
und Missetat willen gemartert, ja, den Tod erleiden würde - damit wir befreit
würden von allem Übel und in Seiner Liebe unsern Frieden finden können!*
Jesaias 53, 4-6.) Weiter will ich dir sagen, was Jesaias noch sagte, daß
denen, die auf Ihn hoffen und an Ihn glauben, ein wahrhafter Erlöser erstehen
wird, der sie hineinführen wird in das herrliche Jerusalem, welches erst die
Erfüllung sein wird aller Wünsche and Sehnsucht Gottes wie auch Seiner Kinder!
Du denkst, es war ein Gebot von Gott, dieser Kreuzes-Tod? O nein, mein Bruder!
Es war der freie Wille, der Zug aus dem allerinnersten Herzen Jesu, dieses
Opfer zu bringen und es Selbst zu sein! Und Gott, der Ewige, nahm dies Opfer an
und erhöhte Ihn darum und setzte Ihn zum Herrn über alles, was da lebt im
Himmel und auf Erden! Wäre jedoch der geringste Zwang auf Ihn angewendet worden,
so jubelte jetzt die Hölle mit ihrem Anhang. Dieser Tod Jesu am Kreuze ist nun
der Kreuz-Weg, auf dem sich alle Bewohner der Hölle und alle, die noch mit
Jesus im Widerspruch stehen, nicht so leicht zurechtfinden werden! Gerade das,
was dich bedrückt und deinen Jammer größer werden läßt, das Kreuz von Golgatha
soll zum Rettungs-Weg und zum Anker für alle werden. An diesem Kreuz muß ein
jeder vorüber! Keiner kann es umgehen, da es ja die Grund-Bedingung in sich
trägt: Nur durch dieses Kreuz*) Nur durch das stille und freiwillige Opfern
des Eigen-Wlllens, oft wie im schmerzlichsten Kreuzes-Tod, lernt der Mensch den
Willen Gottes erkennen! In der Form des Kreuzes entspricht der Längsbalken dem
hohen Gottes-Wlllen, der Querbalken aber unserm Eigenwillen.
geht der Weg zum wahren Leben mit Gott! Kannst du. nun
Meine Worte verstehen, Mein Simon und auch du, Kleophas?“
Kleophas antwortete freudig: „Ja Bruder! Es ist
lichter geworden in mir, und alle Traurigkeit ist hinweg! Und ich denke, auch
Simon ist überzeugt davon, daß der Herr ja gar nicht sterben konnte, ohne uns
und allen Menschen etwas zu hinterlassen, was wie Er selbst ist! Siehe, dort
ist meine Behausung; komm und kehre mit uns ein und schenke uns noch mehr von
deiner Liebe und Weisheit.“ Der Fremdling wollte ablehnen und sagte: „Ich
möchte aber noch weiter, denn Mein Herz drängt, auch andere zu beglücken. Ihr
seid ja nun zu Hause, und der Frieden wird in eure Herzen zurückkehren.“
Kleophas aber bat: „Lieber Bruder, der Tag neigt sich,
und bald bricht die Nacht herein! Bleibe bei uns und nimm teil an unserem
einfachen Mahl. Hast du unsere Herzen gespeist mit der Kost aus deinem Herzen
und uns so viel Schmerz und Kummer abgenommen, so lasse dich auch von uns
stärken und erquicken!“
Der Fremdling lächelte gütig und erwiderte: „Nun, dann
sei es, weil es der Zug eures Herzens will.“ Beim Eintreten ins Haus sprach er:
„Und so sei der Friede des Herrn mit dir und mit deinem Hause!“
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<02. der gang nach emmaus.doc> |
03. Der Gang nach Emmaus
Das Weib des Kleophas sah die drei ankommen, brachte
Wasser und wusch erst dem Fremden, dann Simon und zulegt ihrem Mann die Füße;
und dann begrüßte es den Fremden mit den Worten: „Herr, gegrüßest seiest du im
Namen des Herrn, und dein Segen werde unser Friede!“
Der Fremdling antwortete ihr sanft: „Weib des
Kleophas! Dein Wunsch und Wille ist erfüllt, so du immer in dieser Demut
bleibst! Und der Friede in dir sei deine Kraft und die Erfüllung!“ Dankend zog
sie sich in die Küche zurück; Kleophas ging ihr nach und sprach: „Hanna, diesem
Fremden habe ich viel zu danken! Bereite ein gutes Mahl und richte in der
oberen Kammer die Lagerstätte her; denn der Gast bleibt über Nacht bei uns.“
Voll Freude sprach
Hanna: „0 Kleophas! Nichts tue ich lieber
als das, was du jefjt verlangst, denn mir gab der Gast so viel wie dir! Aber
wie kommt es, daß du deinen Gast als Fremden bezeichnest? Mir ist er jedenfalls
nicht fremd! Du mußt ein schlechtes Gedächtnis haben, sonst müßtest du wissen,
wen du ins Haus gebracht hast!“ hast!“
Kleophas entschuldigte sich und sagte: „Hanna, wir
haben ihn nicht nach seinem Namen gefragt: aber eins wissen wir, er ist einer
der unsrigen, einer, der auch an den Meister glaubt! Doch beeile dich, damit
das Mahl fertig wird!“
Hanna lächelte und erwiderte: „Ja, gehe nur! Denn
deine Worte stören mich in meiner Andacht. - Dir aber, o Herr, will ich ein
Mahl bereiten, wie es deine Mutter nicht besser machen konnte !“
Inzwischen nahm Simon mit dem Fremden in der großen
Stube Platz und sprach einladend: „Mache es dir recht bequem, im Hause des
Bruders Kleophas ist gut ruhen, denn die Gnade und der Segen des Herrn ruht
sichtbar über seinem Grunde. Leider sind beide allein; deshalb sieht er gern
Gäste und Freunde um sich, und Hanna, sein Weib, ist glücklich, so sie allen
dienen kann.“
Freundlich sprach der Fremdling:
„Simon, auch ich kehre gerne ein, wo Liebe und Gastlichkeit des Hauses Zierde
sind. Denn die größte Zierde eines wahren Menschen ist Dienen, aber mit einem
Herzen voller Liebe und Hingabe! Wäre ich euch nicht begegnet, und ihr wäret
nun heimgekommen, und einige Freunde und Brüder hätten euch mit sehnsüchtigem
Herzen erwartet, da auch ihnen der Friede gleich euch genommen war - , sage
mir, was hätte euch die Liebe und Gastlichkeit dieses Hauses genügt? Ihr hättet
gemeinsam den Kummer und die Zweifel eurer Herzen noch vermehrt, statt sie zu
vermindern. Darum ist die größte Liebe und herzlichste Gastlichkeit dort, wo
der Jünger freudig zeugen kann, in seinem ganzen Wesen, von der Herrlichkeit
des Herrn! Komme, Kleophas, und höre auch du, was ich nun sage: Nie ist die
Erde reicher beschenkt worden denn in diesen Tagen, wo Gottes Herrlichkeit Sich
auf Golgatha offenbaren konnte! Endlich, endlich ist es unserm Gott gelungen,
ein Werk ins Dasein zu stellen, das aus der allerfreiesten Liebe und Hingabe
eines Menschen geboren wurde! - (nicht aus der Göttlichen Allmacht). Nicht dies
war in Jesus das Größte, daß Er Wunder wirkte und durch Tatsachen bewies, daß
Er ein Herr und Meister ist, sondern daß durch Seinen Tod am Kreuz eine Möglichkeit
geschaffen wurde, allen Menschen die wahre Erlösung zu bringen! Und diese
Erlösung ist nun geschaffen! Denn Jesus lebt! Und wo in aller Zukunft Jesus
leben kann (als Geist der Liebe), da ist das Tor geöffnet zum Reiche des wahren
Lebens.“*)zum Reiche des lebendigen Empfindungs-Lebens, wo mit erwachten
geistigen Sinnen überall die Herrlichkeit Gottes erlebt wird.
Hoch erstaunt fragte Simon: „Bruder, hast du Jesus
schon gesehen und gesprochen? O sage, wo, - wo treffen wir Ihn? Heute noch, jetzt gleich will ich zu Ihm eilen; denn
mein ganzes Sinnen und Trachten ist jetzt nur auf Jesus gerichtet.“ Der
Fremdling fragte sanft: „Simon, weißt du noch, was der Meister sagte, als Er
von uns Abschied nahm und weiter Seines Wege« ziehen mußte? Sagte Er nicht: «Im
Geiste bleibe Ich bei euch und unter euch, so ihr in Meinem Geiste verbleibet!»
Warum zieht es dich noch hin zu der Person Jesu, die ja nur der äußere
Sammelpunkt Seines inneren Göttlichen Liebe-Wesens war? 0 Mein Simon, so viel
müßtet ihr euch schon von eurem Meister angeeignet haben, daß in eurer
Gegenwart niemand den Heiland vermißt! Es würde Jesu größte Wonne sein, so
Seine wahren Jünger in Seinem Geiste sich betrachten als die Bewahrer des hohen
heiligen Gutes, welches Er durch Sein freiwilliges Sterben allen, allen
hinterlassen hat! *)Den Weg zur Erlösung vom Schein-Leben uns vorzuleben! Betrachtet
nun in diesem Sinne Sein Leben und Sterben und setzet alle eure Hoffnungen
jetzt auf Seinen Geist, dann ist alle Trauer dahin! Und Sein Leben wird sich bald
bekunden in euch und dann auch - um euch.“
Bewundernd sprach
Kleophas: „O Bruder und Freund des Herrn! Nie
sah ich dich um den Meister und doch ist deine Sprache die Sprache Seines
Geistes!*) diese aufblitzende Ahnung! Wie kommt es, daß du von dem
Kummer um Ihn nicht berührt wirst? Denn dein herrliches Zeugen für den Meister
beweist mir, daß dein Inneres frei von Leid und Sorgen ist! Gewiß, es ist jedes
Wort lebendige Wahrheit, welches du zu uns gesprochen hast; aber wir sehen an
uns selber, welch ein großer Weg noch vor uns liegt, ehe wir zu solch
heißersehntem Ziele kommen.*) auch solche Zeugen zu werden.
Du sagtest: Setzet alle Hoffnung nur auf Seinen Geist!
Ja, dürfen und können wir es denn noch? Du sagtest zu uns Worte des Lebens, und
so wirst du auch in unsere Herzen schauen können und den Trümmerhaufen
gewahren, der erst wieder geordnet werden muß. 0 Freund, wer Söhne und Töchter
besitzt - und sie vor der Zeit dahinwelken sieht, der braucht eine andere Kraft,
um sein Herz zusammenzuhalten, sonst bricht er zusammen! Und in diesem Zustand
fandest du uns! Denn, daß wir Sein Sterben noch nicht in deinem Sinne
betrachten können, wird dir auch verständlich sein?“
Liebreich antwortete der Fremdling: „Kleophas, du brauchst
dich nicht zu entschuldigen ob deines Schmerzes und Kummers; denn der Meister
weiß um alles! Darum nur kam ich zu euch, um diese Banden zu lösen, die ihr
selbst in euren noch zu menschlichen Begriffen - um den Menschen Jesus webtet.
Sein Tod löste alles Menschliche von Ihm und will allen den euch liebenden Erlöser
offenbaren! Und je mehr ihr in diesem Sinne nun Sein herrliches Werk
fortseiet, je mehr Kraft quillt in euch empor und ordnet alle Trümmer und noch
falschen Begriffe in dem Sinne Jesu: «Wer Mich liebt, der wird den Willen tun
Meines himmlischen Vaters! Denn Er sandte Mich in diese Welt, damit dieselbe
selig werde durch Mich.» So lauteten Seine Worte an euch! Und jeder, der das tun wird, was ihr nun im Geiste und
im Sinne Jesu tun könnt an euren Mitmenschen, der wird die Seligkeit schmecken,
die Jesus genoß all die Zeit hindurch, - da Er restlos den Willen Gottes.
Seines himmlischen Vaters, erfüllte! Sehet: durfte Er zurückschrecken vor der
allergrößten Liebes-Tat, die Sein Werk doch krönen sollte, wodurch nun endlich
der Weg und die Verbindung zwischen Gott und Mensch wahrhaft hergestellt werden
konnte? Hätte Jesus noch mehr Leben zum Opfer gehabt, hätte Er willig, ohne zu
zögern, alles hingegeben! Denn es galt, das Innen-Leben aller Menschenkinder
von ihrer Knechtschaft zu erretten!*)Es galt, unser Empflndungs-Leben zu
lösen von den Banden der materiellen Wünsche! Darum sollte der Mensch mehr auf
das herrliche Vorbild Jesu achten. Und ihr nun, die ihr Seine Jünger seid,
seid auch die ersten, die aus und von ,Diesem Leben in euch’ zeugen sollen!“
Simon dankte: „Lieber, lieber Bruder, wie notwendig
solches Zeugnis ist, sehe ich an mir! Wie wenig hat es dich gekostet, und schon
fühlen wir im Herzen den geheimen Zug dieses Geistes aus Gott. Es ist
selbstverständlich, daß ich mir dieses nicht mehr rauben lasse, da der Feind
des Lebens doch außerhalb meines Herzens leben muß, so lange das Bewußtsein der
Gott-Verbundenheit in mir besteht! Und so danke ich dir, mein Bruder, wie ich
auch dem Meister danken werde! Wohl fühlte ich deine Worte wie Hammerschläge in
meiner Brust, aber jetzt sind sie mir Lebens-Brot und -Wasser! Oh, wenn doch
alle die anderen Brüder auch hier wären, wie würden sie sich freuen und gleich
mir dankbar sich erweisen.“
Der Fremdling belehrte weiter: „Simon! Nun erst, da du
an deine Brüder denkst, wirst du völlig befreit vom Druck deiner Schmerzen!
Denn was sind eigene Schmerzen, so ich andere heilen kann? Nichts als nur der
Antrieb zur Auswirkung dieses freien Gottes-Lebens in mir! So du dich aber in
deinem Schmerze windest und gar klagst, schaltest du den Strom des Lebens aus!
Und alle Welt in dir und um dich ist gefesselt und geknechtet, wenn nicht gar
gebrochen, und der Helfer und Heiland in dir ebenso! - Sehet! Die ganze Welt ist
nicht das, was sie scheint, - sondern wie du sie siehst von deinem Innen-Leben
aus! Bist du in dir ein freier und froher, ein vom wahren Gottes-Leben
durchdrungener Mensch, ein Gottes-Kind, bö denkst du nicht an eigenen
Kummer! Sondern alle Wünsche in dir gehen dahin, deine Umwelt ebenso frei und
froh zu machen! Und bald werden dir dabei Göttliche Kräfte zum Helfen zu Gebote
stehen! Bist du aber ein klagender, von Unruhe und Unrast gequälter Mensch, so
ärgert dich jede frohe Seele, und in dir ballen sich Kräfte, die nur stören und
zerstören wollen! Und die Welt um dich erscheint finster und. unschön! Sehet,
welche Gegensäge! Und so findet ihr im Leben und Vorbild Jesu alles! Hätte aber Jesus an
Sich gedacht, nur Seinen eigenen Wünschen lebend, so hätten alle Menschen ohne
Tröstung, ohne Halt und ohne Hoffnung auf ein seliges Innen-Leben bleiben
müssen, welches nicht erst im Jenseits, sondern schon hier im Erden-Sein .sich
bekunden soll! «Ich bin ein guter
Hirte»-, waren Seine Worte, und als echter Hirte sorgte Er auch für die
Zukunft! Eure Zukunft aber ist Sein Geist in euch! Denn Er ist: das A und O! -
Anfang und Ende aller Dinge.“
Beglückt wendete sich Simon an seinen Freund: „O
Bruder Kleophas! Was sagen wir nun zu dem Gehörten? Ist es nicht, - als wenn
der Herr und Meister Selbst*)Nochmals taucht diese Ahnung auf! - Und geht
nicht Jesus ebenso unerkannt auch oft an unserm Bewußtsein vorüber? uns
diese heilige Lebens-Wahrheit kundgibt? Mein Inneres ist genau so von Heiligem
Leben erfüllt, als wenn wir um den Meister wären! Wahrlich, es ist fast kein
Unterschied mehr!“
Kleophas antwortete
ihm etwas besorgt: „Simon! Simon! Wirst
du auch nicht in den Sorgen- und Kummer-Geist wieder zurückfallen und anderen
das Leben schwer machen? Denn mir scheint, als wenn du dich jetzt zu sehr von
unserem Freund beeinflussen läßt. Es ist wahr, du Freund und Bruder hast uns
durch deine Liebe und dein Mitgehen von unserem Kummer befreit, und in mir ist
es wahrlich, als wäre Jesus nicht mehr im Tode! Sein Tod hat mich auch an
meinen Tod gemahnt, da ich Seine Worte so rasch vergessen konnte! Doch nun
fühle ich mich wohl, und ein ganz anderes Leben ist in mich eingezogen. Morgen
früh gehen wir mit dir, und ich weiß, du wirst das Wohin finden; denn aus dir
leuchtet schon das Leben, welches uns frei machen soll! Bruder Simon, denkst du
nicht auch wie ich?“
Freudig stimmte Simon zu: „0 Bruder Kleophas, frage
nicht; das ist doch selbstverständlich! Aber dich, Bruder aus der Ferne, möchte
ich noch fragen: Ist Jesus wahrhaft auferstanden, wie einige Frauen erzählt
haben sollen? Hast du uns so viel von dem Leben des Meisters gegeben, weißt du
vielleicht auch hier Bescheid. Auch hast du selber den Ausspruch gebraucht:
Jesus lebt! Freilich gebrauchtest du dies Wort im geistigen Sinne; aber ich
meine jetzt, ob Er wirklich dem Grabe entstiegen ist, und ob wir Ihn genau wie
dich sehen, sprechen und mit Ihm gehen könnten?“
Der Fremdling entgegnete ernst: „Bruder! Diese Frage
ist nicht deinem Gottes-Leben, sondern deiner Seele entsprungen! Doch auch hier
will ich euch die rechte Antwort nicht vorenthalten, also höret: Jesus lebt!
Wie Er Selbst es euch verheißen hat! Sagte Er nicht: «Brechet diesen Tempel ab,*)Seinen
Körper, da für Jeden sein Körper „ein Tempel“ des Gottes-Gelstes sein soll!
und in drei Tagen will Ich ihn neu aufbauen!» Ja! - Jesus lebt! Er lebt nun in
einem unzerstörbaren Leibe und richtet auf alle Herzen, die der Schmerz und
die Sorge um Ihn beugten! Ja! Jesus lebt und macht wahr Seine Liebe, - die da
kündete: «Ich will euch nicht waisen lassen! Nur eine kleine Zeit will Ich Mich
verbergen; aber dann komme Ich wieder, um Mich nicht mehr zu trennen von denen,
die Mich wahrhaft lieben!» Und nun begreifet: Um diesen auferstandenen und ewig
lebendigen Jesus zu schauen, dazu gehört ein lebendiger Glaube, der aber auch
nicht den geringsten Zweifel ins innere Herzens-Leben einläßt! Nur, wo dieser
Glaube lebendig wird, ist das Herz eingestellt auf den, der nie mehr sterben
kann! Denn in solchem echten lebendigen Glauben stirbt zwar der Menschen-Sohn
Jesus am Kreuze und verherrlicht selbst im Todesschmerz noch das Leben Seines
Ewigen Vaters! Dafür aber wird das Innere Geistes-Leben aus Jesus im eigenen
Herzen lebendig und gehet dort als Frucht, als unzerstörbares geistiges
Erlöser-Leben auf! Und somit ist wahr, was ich euch kündete: Er starb, damit
die Seinen - leben! Die aber nur dieses Neue Leben erhalten aus Seinem
Geistes-Leben, welches allen Tod und alles Gericht überwunden hat! Bruder
Simon, kannst du nun glauben, daß Er wahrhaft lebt?“
Simon antwortete lebhaft: „Bruder im Herrn! Wie du es
darstellst, bin ich genötigt, dir zu sagen: Ja, Er lebt! Aber warum ist mein
Herz so voller Unruhe? In mir sagt es laut: Ja! - Er lebt!
Aber in meiner ganzen Sehnsucht drängt es mich, dir zu
sagen: Ich möchte Jesus sehen! - So wie Er als Mensch lebte! So, - wie Er noch
in meiner Erinnerung lebt! Und ich glaube, dann erst wäre meine Sehnsucht
gestillt!“
Ernst sprach der Fremdling weiter: „Bruder Simon,
höre, was ich dir nun sagen werde: Lasse dich von deiner Sehnsucht, Ihn
äußerlich zu sehen, nicht in Irrtum führen! Denn du weißt aus der Schrift,
welche List der Feind alles Lebens anwenden kann! - Dem, welcher sogar in ein
Engels-Gewand sich kleiden kann, würde es nicht schwer fallen, das Äußere des
Menschen-Sohnes Jesus nachzuahmen! Doch könnte dieses deiner Sehnsucht
Erfüllung sein? Ist es dir noch immer nicht möglich, dich ganz hinein zu leben
und hinein zu versehen in das Geistes-Leben deines Meisters und Heilandes
Jesu? Nur dann erst wirst du frei von allen äußeren Wünschen und wirst
innerlich gefestigt! Wie willst du denn im Sinne deines Meisters wirken, wenn
du noch den Hemmschuh Sehnsucht in dir nährst? O Simon, eine andere Zeit ist
nun für euch angebrochen, eine Zeit des rein geistigen Schaffens und Wirkens!
Denn diese Zeit braucht Zeugen! Zeugen, die innerlich ganz frei und gefestigt
und mit ganzer Kraft ihr Leben weihen Dem, Der das Leben ist und Leben gibt!
Sehnsucht schafft nur Hunger, aber kein Leben! Darum suche nun in dir das, was du
noch äußerlich von deinem Jesus erwartest!
Als der Meister in schwerstem Kampfe in sich und mit
sich rang,*) in Gethsemane tauchte auch in Ihm eine Hoffnung auf! Und
diese Hoffnung wurde zur Sehnsucht und letztlich zur Qual! Denn es betraf
euch, Seine Jünger und Brüder! Nur ein einziger froher Blick aus euren Augen
wäre für Ihn Erfüllung gewesen, und Seine Qualen wären bedeutend verringert
worden! Denn Er erhoffte und ersehnte von euch und aus euch: Volles Verstehen
für das, was zu tun Ihm die Liebe - zur Liebe -, die Liebe zu allen
geknechteten Menschen und Wesen gebot! Als in Ihm aber diese Hoffnung und Sehnsucht
sterben mußte, lebte eine geistige, größere, gewaltigere auf! Und innerlich
gestärkt gab es jetzt für Ihn nur noch ein Wollen und Vollbringen - für den
Vater! 0 meine Brüder! So ihr alles dieses nicht erfaßt und in euch erlebt,
werdet ihr nicht Seine wahren Jünger und Nachfolger werden können!*)welch
ein schwerbedeutsames Wort für uns! Denn nur in Ihm ist das wahre Leben!,
und dieses göttliche Leben - ist das Licht für die irrende Menschheit! Wer
dieses göttliche Licht in sich trägt, läßt alle irdische Hoffnung und Sehnsucht
weit hinter sich zurück. Es gilt nun nur eins: Lasset alles Nichtige auch in
euch sterben! Dann lebt Er nicht nur unter euch, sondern in euch! Und Sein
Geist erseht euch Seine äußere Gegenwart.“
Erschüttert sprach Simon: „Bruder, Bruder! Du
beschämst uns immer mehr, und ich gebe zu, daß du voll und ganz recht hast!
Aber einen Punkt hast du berührt, den ich nicht fassen kann: Diese Seine
Sehnsucht mußte auch in Jesus sterben? Ja, ist denn dieses möglich? Nur, so eine
Sehnsucht sich erfüllt, bin ich frei und .froh! Doch unser Herr und Meister, dem nichts unmöglich war, mußte etwas
unerfüllt wieder in sein Herz versenken? Dies begreife ich nicht! - Doch du
sagtest dann weiter: „Eine neue, geistige, gewaltigere Sehnsucht lebte in Ihm
auf und brachte den Willen in Ihm zum Durchbruch: Zum Vollbringen für den
Vater!“
Der Fremdling belehrte weiter: „Simon! Wenige nur
werden erfahren, was du gehört und wonach du eben fragtest! Und so höret: Der
Herr und Meister im größten Lebens-Kampfe war allein! Nirgends Aussicht auf
Hilfe oder Beistand, da es Sein ausdrücklich Gebot war an alle Engel und
Diener des Ewigen Gottes: «Lasset Mich allein! Denn Der Mir hilft und beistehen
kann, ist in Mir und ist der Vater!» Aber noch ist Jesus Mensch! Noch hat Er
Augen, die Verständnis für das große, zu erfüllende Werk suchen! Noch ist Er
Mensch mit einem Herzen, welches sich nach Stärkung sehnt durch einen Seiner
Brüder. Doch verständnislos sehet ihr den Meister in Gethsemane ringen, und
einer aus euch bringt den Mut auf, sich an die Seite eures Meisters zu stellen
und zu sagen: «Herr! Mag kommen, was da will, - mein Leben gehört Dir!» Dieses
wäre die Erfüllung Seiner Hoffnung und Sehnsucht gewesen! Kämpfen wolltet ihr,
ja! Aber nichts tragen, nicht mit dulden! Da starb das letzte Menschliche in
Ihm!
Doch in Ihm lebte ein größerer Gedanke auf, - ein
Etwas, das Ihn stark und willig machte! Und dieser Gedanke wurde zum klaren
Bewußtsein, zur lebendigen Tatsache, indem Sein Inneres jetzt erfüllt wurde von
dem einen Willen: «Nicht mehr Mein, sondern nur Dein Wille geschehe!» Nun war
es, als wenn alle hohen Geist-Wesen, die Ihn ringen und kämpfen sahen, Ihm ihre
tiefe Dankbarkeit bezeugen wollten und Ihm Kräfte reichten! (und jetzt reichen
durften!) Und ein Engel sammelte alle diese Strahlen-Kräfte wie in einem
Brennglas und stärkte Ihn in Seinem in Ihm neu-erstandenen Wollen!*)Lukas
22, V. 43. Hunderte, ja Tausende von Jahren werden vergehen, - dann erst
wird offenbar,*)Jetzt erst! was den Herrn und Meister alles Lebens
festigte in dem Willen, zu dulden und zu sterben für Sein großes heiliges
Liebes-Werk! In dieser Stunde wurde der größte aller Siege erkämpft! Und was
nachher erfolgte, konnte leichter ertragen werden! Denn der zum Durchbruch
gekommene Geistes-Wille schuf unaufhörlich neue Kräfte in Ihm! Dieser Stunde
habt ihr und haben alle kommenden Geschlechter es zu verdanken, daß nun ein Weg
geschaffen wurde, der alle bestimmt zum herrlichen Lebens-Ziel führt! Was ihr
dann auf Golgatha erschautet und erlebtet, war die Krönung alles dessen, was
zuvor schon im Herzen Jesu sich formte und bildete, um nun, der ganzen
Unendlichkeit sichtbar, den seit Ewigkeiten versprochenen Beweis zu geben: Gott
- ist Liebe! - Und Liebe ist und war das Leben in Gott!
Von nun an wird jeder, der diese Liebe sich
angeeignet, leben: aus dem Überwinder-Geiste von Gethsemane und Golgatha! Und
kein Feind noch Gegner wird es je wagen dürfen, sich an diesem Heiligtum des
Lebens zu vergreifen! In diesem Strahlen-Leben ist Jesus nicht mehr ein Gast
der Erde, sondern in Sein Eigentum zurückgekehrt.*)in die Innere
Göttlichkeit Des Vaters. Und dieses himmlische Wissen, dieses Bewußtsein,
wurde Ihm in jener schweren Stunde! - Darum, liebe Brüder, trauert nicht! -
Denn Er lebt dort, wo Seine Kinder und Seine Brüder erwachen! Dort, wo ein
kindliches Herz vom Geiste der Dankbarkeit durchdrungen ist: Dies tatest Du für
mich, damit ich nun leben darf ein Leben in Deiner Gnade, ein Leben der Freude
und der Erfüllung!“
Hanna hatte die ganze Rede des Fremden mit angehört,
die beiden Brüder aber hatten sie nicht bemerkt; da wandte sich der Fremde um
und sprach zu ihr: „Komme auch du näher und vernimm auch weiterhin, was ich
den beiden noch sagen werde, da es für alle so wichtig ist! Denn nicht nur
Männer und Jünger des Herrn, sondern alle Menschen, ob groß oder klein, ob arm
oder reich, sind berufen, Träger jenes gewaltigen Gottes-Lebens zu sein, um damit
zu wirken und zu schaffen nach dem Willen des Erlösers! Denn nicht mehr habt
ihr es jetzt mit ,dem Gesetz’ zu tun, - sondern mit dem Geiste des Erlösers,
und eure Aufgaben sind nur in diesem Geiste zu lösen! Fraget nicht: ,Welche
Aufgaben harren unser’?, - sondern seid jederzeit bereit, den Ruf dazu in euch
zu vernehmen! Denn der euch zur Arbeit dingt, gibt auch die Anweisung! Wie ihr
aber die Aufgaben löset, bleibt eurer freien Liebe und Weisheit überlassen! In
euch liegt noch so manches in Trümmern, was Jesu Tod verursachte;’ doch ihr
selbst seid es, die da wieder Ordnung schaffen müssen! Darum denket daran, wie
schwer euer Meister kämpfte, als es galt, die Hemmungen in Ihm zu lösen, um
restlos den Willen Gottes zu erfüllen! - Bedenket aber auch das andere: Luzifer
ist jetzt der Besiegte, und sein Haß ist grenzenlos! Es gibt keinen Engel, der
diesen großen und doch so tief gesunkenen und verirrten Bruder nicht bedauert!
Doch mit des Herrn Tod auf Golgatha - ist auch diesem der Weg zur Freiheit,
zurück zu Gott, jetjt nur noch möglich - über Golgatha!*)d. h.: durch den
freiwilligen Kreuzes-Tod seines Eigen-Willens. Das Kreuz, das dem
Menschen-Sohne Jesus alles Göttliche rauben sollte, ist zum großen Wendepunkt
für alle geworden! So wie ein jeder nun das freie Recht ergreifen kann, auch
auf sich den Geist von Golgatha wirken zu lassen, um in sich das Bewußtsein zu
steigern: «Jesus, der Erlöser, lebt auch in mir! Und Sein Leben sei meine
Kraft, die mir hilft, alles Irdische in mir zu überwinden!» -, so ist es nun
aber nicht mehr möglich, in einem anderen Geiste diesen Sieg zu erringen! Das
Kreuz ist nicht nur das Symbol von Leiden und Prüfungen, sondern auch das
Zeichen des Erwählten! Denn ,Im Kreuze eich bewähren’ heißt: in sich öffnen
alle Tore*)alle geistigen Sinne und Sinneswerkzeuge. zum wahren, ewigen
Leben.“
Stumm sahen sich die Brüder an! - Da nun Hanna
bemerkte, daß der Gast nicht mehr weiter sprach, ging sie still hinaus und
besorgte das Mahl. Die drei aber schwiegen, und jeder war tief bewegt. Als die
Speisen bereitstanden, bat Kleophas: „Bruder! Das Mahl harret unser, und
Gott gab uns das Recht, zu segnen! So segne du die Speise und danke du für
uns.“ Segnend hob der Fremde Seine Hände über das Mahl, nahm das Brot, brach es
und sprach: „So genießet es im Namen des Herrn, damit es in euch zur Stärkung
für Leib und Seele werde, und ihr erfüllet werdet mit der Dankbarkeit, mit der
Ich erfüllet war, so daß Ich den Willen des Vaters in Mir restlos erfüllen
konnte! Amen.“ „Herr! - Du bist es!“
riefen Simon und Kleophas zugleich und sprangen hin, um Ihn mit ihren Händen zu
fassen, aber - der Platz war leer! verschwunden war der Herr! Nun sahen sie
sich an, und Simon sprach erschütert: „Es war - der Herr!“ - „Oh, - warum haben
wir Ihn nicht eher erkannt? Wie weh muß Ihm ums Herz gewesen sein! -
Wir, Seine Jünger, sehen vor lauter Kummer und
Sorge nicht einmal den Herrn bei uns! Der uns doch so liebevoll aller Sorgen
ledig machte! Wir aber überhören die Stimme unseres Herzens, die da mahnet: «Es
ist der Herr! - Das ist der Herr Selbst!»“
„Simon“, sprach Kleophas, „Ja! - Es war der Herr! Und
nur Er weiß, warum Er fremd bleiben wollte, denn schlugen nicht unsere Herzen
gewaltig, als wollten sie protestieren gegen unsere Blindheit! Ich aber sage
dir, der Herr wollte es so, sonst hätten wir Ihn erkennen müssen!“
Simon rief erregt: „O Bruder! Jet}t bist du in der
Irre! Der Herr sollte es wollen, daß wir Ihn nicht erkennen? Nein! Ich denke
anders! Wohl wurden unsere Augen gehalten, - aber von unserer Schwäche, von
unserer Menschlichkeit, die da keinen Ausweg sehen wollte aus unserer Trauer.
Und in dieser Schwäche kam der Herr zu uns und machte uns frei davon! Darum
will ich heute noch zu den Brüdern gehen und ihnen die große Kunde bringen: Der
Herr - lebt!“
Nun sprach Hanna: „O ihr Männer, ihr Toren! Wie kam es
denn, daß ich wußte, wer der Gast war? Ehe Er zu mir sprach, wußte ich: Es ist
der Herr! Als ich Seine Füße abstaubte, da gewahrte ich die Nägel-Male, und so
schaute ich auf Seine Hände --, auch hier bemerkte ich die Wundmale! Da
begrüßte ich Ihn als den Herrn!, und Sein Dank war für mich ein Geschenk aus
den Himmeln.“
Kleophas fragte erstaunt: „Was, Hanna, du hast Ihn
erkannt und sagtest mir nichts davon?“ Hanna lächelte und erwiderte: „Doch! -
Aber du warst ja taub und blind, und nur der Herr konnte dich wieder sehend und
hörend machen. Nun eilet hin zu den Brüdern und bringt ihnen die Kunde: «Der
Herr ist nicht mehr im Grabe, sondern Er ist bei uns gewesen - und hat uns
tiefe Geheimnisse Seines Lebens enthüllet!»
Sehet, auch ohne die Wundmale hätten mich Seine Worte
aufhorchen lassen! Denn, welcher Fremde weiß wohl um Dinge, die nur uns
bekannt sind? Und welcher Fremdling könnte sich wohl so einsetzen für den
Heiland Jesus? Aber es ist alles gut so! Hat der Herr es doch erreicht, daß ihr
nicht mehr klagt, sondern wieder froh seid und nun die angstvollen Gemüter der
anderen aufrichten könnt.“
Simon fragte erstaunt: „Hanna, seit wann trittst denn
du so für den Meister ein? Das war ja früher nicht der Fall; im Gegenteil, du
hast oft behauptet: «So kann es nicht immer fortgehen.»“
Hanna erklärte ihm: „Simon, du hast recht geredet: ich
war ja auch nur eine Dienende und mußte mich begnügen mit den Brocken, die da
übrig blieben! Aber heute hat mich der Herr gesegnet! Und ich fühle in mir
noch den Strom von Lebens-Kraft, der aus Ihm in mich übergegangen ist! Immer
hätte ich jubeln mögen über Seine Worte: «Dein Wunsch und Wille ist erfüllt, so
du in der Demut bleibest! Und dieser Friede in dir - sei deine Kraft und die
Erfüllung!» 0 ihr Männer! Begreifet, was es heißt, von Ihm gesegnet zu sein!
Sein Friede ist unsere Kraft und Erfüllung! Weiter brauche ich nichts mehr für
mein Erdenleben. Sein Friede trägt mich! Sein Friede ist mir Halt und gibt mir
die Gewißheit: Er lebt! - Er lebt! -, wenn auch andere es nicht glauben können.
Welch beseligenden Zustand hat Er mit den wenigen Worten in mir geschaffen? Ihr
habt eine Stunde lang mit Ihm geredet und seid doch an aller Seligkeit
vorbeigegangen!“ -
Simon bestätigte: „Hanna, gewiß, du bist die
Glücklichere! Und ich freue mich über dein doch wahrhaft verdientes Glück. Daß
wir den Herrn nicht gleich erkannten, hat uns wohl um Wonnen gebracht, die nur
die höchsten Engel erleben; aber ist es nicht genug Glück zu wissen: Der Herr
kam zu uns! Zu uns, die wir in Trauer und Zweifeln lagen! Und hat uns frei
und froh gemacht!“
Hanna begütigte: „Ja, Simon, wir wollen nicht
streiten, wer glücklicher ist! Ist doch der Herr Selbst zu uns gekommen und hat
uns den Frieden unserer Seele gebracht. Aber ich denke, es hat der Herr noch
einen ganz besonderen Grund dabei gehabt,*)Ja, es war eine besondere Aufgabe
noch dabei, was Hanna schon ahnt; wir aber sehen dieses auch erst später ein. und
darum sage ich euch: Genießet nun das von Ihm gesegnete Mahl; denn nicht
umsonst hat dies der Herr getan! Und gedenket Seiner Worte dabei, daß es euch
erfüllen soll mit Dankbarkeit, um freudiger für Ihn weiter zu wirken und
schaffen! Denn ebenso, wie ihr im Zweifel wäret, - so werden auch viele andere
noch in Trauer um Ihn sein.“
Bald war das Mahl beendet; denn Hanna hatte ihren
Eifer gelockt, Ihm ihre Dankbarkeit durch Taten zu bekunden. Und so
verabschiedeten sie sich und eilten nach Jerusalem, obgleich es schon Nacht
wurde.
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<03. der gang nach emmaus.doc> |
04. Der Gang nach
Emmaus
Die beiden Männer waren innerlich mit dem Erlebten
beschäftigt; jeder wartete auf eine Anrede des anderen, doch keiner wollte die
Stille entweihen, und so gingen sie schweigend mit raschen Schritten vorwärts.
Auf dem Wege kamen ihnen zwei Männer entgegen; doch erst, als sie ganz nahe
waren, erkannten sie sich in dem schwachen Mondlicht, und der eine grüßte:
„Frieden sei mit euch!“ - Er wendete sich an Kleophas und fragte: „Nun, Bruder
Kleophas, wohin wollt ihr noch? Es geht auf Mitternacht! Was ist denn geschehen,
daß es nicht Zeit hätte bis zum frühen Morgen?“
Kleophas antwortete: „Bruder Joseph! Wir haben das
größte Wunder aller Wunder erlebt: Der Meister Jesus ist vom Tode auf
erstanden, und wir haben mit Ihm gesprochen! Dieses wollen wir allen Brüdern
verkünden, die noch in Angst und Schmerzen um Jesus trauern.“
Joseph fragte erstaunt: „Ihr sahet Jesus? - Er lebt
wirklich? Wir kommen von Jerusalem; dort herrscht Zweifel und allerlei Gerede,
aber keiner weiß, was wahr und unwahr ist. Zu Bruder Ephraim sagte man sogar,
Jesus wäre in Begleitung zweier Engel im Tempel gewesen und hätte mit dem
Hohenpriester abgerechnet.“
Kleophas fragte erstaunt: „Brüder, habt ihr diesem
Gerücht geglaubt? Unser Meister Jesus, der Sich schlagen und töten ließ, hätte
jetzt mit Seinen Feinden abgerechnet? Dies hätte Er als Mensch doch leichter
tun können! Aber Er litt lieber unschuldig, als um sein Recht zu kämpfen! Nun
wir aber mit Ihm gesprochen haben, wissen wir, warum dies alles so geschehen
mußte! Doch haltet uns nicht auf, wir haben größte Eile; denn jede Stunde Verzögerung
könnte Sein Werk in Gefahr bringen.“
Ephraim fragte: „Brüder, was wollt ihr mitten in der
Nacht denn ausrichten? So Jesus lebt, wird Er Selbst wissen, was zu tun ist.
Übrigens kann ich es noch nicht glauben; denn was der Tod uns nimmt, ist und
bleibt für uns Menschen tot. Darum kehret nur ruhig um und überlaßt alles
Kommende eurem Meister!“
Simon entgegnete ihm: „Bruder Ephraim, wir wissen, wie
es vorher um uns stand, und wir haben Grund, uns jetjt zu freuen! Denn der Herr
Selbst hat uns diese Freude gebracht. Als Jesus als Heiland Kranken Heilung
brachte und mancher Not ein Ende machte, war es dir lieb; da Er dir aber keinen
irdischen Vorteil brachte, war Er weniger dein Freund; und so ist es dir nicht
so wichtig, ob Er lebt oder nicht. Uns aber ist es das Allerwichtigste! Denn,
ist Jesus wahrhaft von den Toten auferstanden, so können wir wieder hoffen!
Komm Kleophas! Unser Ziel sind unsere Brüder; auch ihnen tut diese Freude und
frohe Kunde wohl: Unser Jesus lebt!
Simon und Kleophas verabschiedeten sich kurz und
lenkten ihre Schritte nach Jerusalem. Die beiden anderen aber blieben betroffen
zurück, und Joseph fragte: „Was ist nun eigentlich wahr? Weißt du, zur Ruhe
kommen wir heute doch nicht! Wir wollen den beiden nacheilen und mit ihnen
gehen; dann werden wir wohl endlich die reine Wahrheit erfahren!“
Ephraim antwortete: „Joseph, du redest, als wäre dies
die leichteste Sache von der Welt. Wie kann ich mitgehen zu Seinen Jüngern, der
ich so geringes Interesse für Jesus zeigte, solange Er lebte, und auch jetzt
noch nicht Feuer und Flamme für Ihn bin. Ist Er wahrhaft auferstanden, dann war
es schade um all die Schmerzen und Leiden.“ Joseph erregte sich und sagte:
„Zweifler! So bleibe allein, - in mir ist ein Zug zu Jesus! Wenn Er lebt, -
welches Glück! Dann wird Er sicher noch Sein Volk erlösen, da Er nicht mehr zu
vernichten sein wird! Das Überwältigende ist doch: Erst Leiden, dann Tod und
nun ein Neues Leben! Darum, Bruder Ephraim, ich eile den beiden nach.“
Ephraim murrte: „Dann gehe, du Schwärmer! Ich ziehe
meine Ruhe vor.“
Joseph aber hörte diese Worte nicht mehr, denn er
eilte den beiden nach, konnte sie aber nicht gleich einholen. „Tut nichts“,
sprach er für sich, „ich finde sie doch; denn nur in der Herberge beim Lazarus
werden sie einkehren!“ Darauf zog ein Glücks-Gefühl in ihn ein, so daß er laut
ausrief: „0 Herr und Heiland Jeans! Warum lief ich Dir nicht nach, als Du noch
lebtest? Je$t erst fühle ich diesen Drang in mir, wo Du bewiesen hast, daß Dein
Wort nicht Ton und Schall war, sondern Wahrheit. O lasse mich die Überzeugung
finden, daß Du noch wahrhaft bei uns bist.“
Simon und Kleophas aber eilten unentwegt weiter, und
Simon sprach: „Bruder Kleophas! Die Liebe beflügelt unsere Schritte, wir sind
schon ein gutes Stück dem Ziele näher gekommen! Siehe, auch die Sterne am
Himmel bekunden durch ihr Leuchten den Dank, den sie ihrem Schöpfer schulden!
Immer noch denke ich nach, was der Herr über die Dankbarkeit sagte! Wie
verstehst du eigentlich dieses Sein Wort?“
Kleophas antwortete: „Bruder, wie ist es wohl anders
zu verstehen, als sich zu bemühen, so zu werden, wie der Meister Selbst war.
Nicht nur so zu reden, nein, vor allem so denken zu lernen, wie Er dachte! Alle
Seine Gedanken richteten sich auf Seinen Heiligen Vater! Und in dieser
Verbundenheit kannte Er ja kein anderes Ziel als Gott, und Gottes Willen zu
tun! - Alles andere Denken war ja nur die Folge Seines innigen Verbundenseins
mit Gott! Und jetzt verstehe ich auch alle Seine Worte ganz anders! Sieh, wir,
die wir an Ihn glaubten, hofften auf Vorteile, hofften auf Erlösung unseres
geknechteten Volkes! Und darum taten wir, was Er von uns forderte. Aber, wollte
Jesus das auch, was wir von Ihm erhofften? Immer betonte Er: «Tuet nach Meinen
Worten, dann werdet ihr inne werden, daß nicht Ich, sondern der Vater in dem
Himmel zu euch gesprochen hat.» Und so nahm Er zwar unsere Liebe an, zeigte uns
aber immer wieder, was wahre Liebe bedeutet. Jetzt weiß ich erst, - was Liebe
ist, Bruder Simon! Und mein Handeln Jesu gegenüber würde heute ein anderes
sein, da eben das Bewußtsein in mir auflebt: Ihm immer dankbarer zu sein, weil
Er mich erwählt hat, zu arbeiten für Ihn, aber nicht aus meinem Geiste zu
arbeiten, sondern aus Seinem Geiste! Und dies fehlte uns!*) Das Bewußtsein: „Ohne Mich könnt Ihr nichts tun!“ Siehe, ich will dir beweisen, daß wir auch in dieser
Stunde nicht aus dem Geiste Jesu, sondern aus unserem Geiste heraus nach Jerusalem
gehen! Er sagte, und in Seiner Liebe lag ein bestimmter Plan: - «Gehet zu den
anderen, um die große Freude zu verkünden!» Wir gehen, und Seine Liebe stellte
uns vor eine herrliche Aufgabe, die wir aber nicht beachteten, wie ich es jetzt
in mir ersehe! Denn die beiden Nachbarn Joseph und Ephraim waren uns zur
Aufgabe gestellt! Wir durften uns nicht so leicht von ihnen trennen: wir mußten
versuchen, den beiden das große Erleben so eindringlich ans Herz zu legen, daß
auch sie es hätten glauben müssen: Der Herr lebt! Wäre ihr Glaube zu solcher
Gewißheit geworden, dann erst, Bruder Simon, wäre unserer Bruder-Liebe Genüge
getan und dadurch wären wir dem Herrn dankbar gewesen für die Gnade, die wir
heute erlebten! So aber ist meine Freude schon gedämpft, denn vorhin haben wir
versagt!“
Simon sprach nachdenklich: „Mein Bruder Kleophas! Es
liegt tiefer Sinn und tiefe, reine Wahrheit in deinen Worten, aber ich glaube,
du urteilst jetzt zu scharf über dich und unser Tun. Du kannst recht haben,
aber dann wäre ja jede verfehlte Handlung eine Anklage! Wer aber will
behaupten, der Herr habe es anders gewollt? Ich glaube, du gehst hier zu weit!
Ist es nicht unsere Liebe, die uns zu den Brüdern treibt? Ist Liebe und
Dankbarkeit nicht eins wie das andere?“
Kleophas erwiderte: „Bruder, du hast den Sinn nicht
erfaßt! Und so ich es dir erklären wollte, hättest du doch wieder Einwürfe, da
alles, was ich in mir sehe, nicht mit Worten auszudrücken ist! - Dieses aber
offenbare ich dir: Was uns der Meister in Seinem Erden-Sein - noch nicht
offenbaren konnte, kann Er jetzt! Aber nur denen kann Er es offenbaren, die Ihm
so nahe gekommen sind, daß sie, wenn sie mit Ihm verbunden sind, alles selber
bei Ihm finden, was Er in Seiner unendlichen Güte, Liebe und Erbarmung für sie
in Bereitschaft hält.“
Erstaunt fragte Simon: „Kleophas, meinst du mit deinen
Worten, daß der Herr uns noch mehr hätte sagen wollen, als wir heute von Ihm
hörten, daß aber etwas Ihn abgehalten hätte, ganz offen mit uns zu reden?“
Kleophas entgegnete ernst: „Bruder, ich sage dir, dies
ist nicht nur meine Meinung, sondern es ist jetzt bewußtes Erkennen! Denn der
Herr konnte uns nur geben, was wir benötigten! Aber Er hat damit meinen inneren
Geist rege gemacht! - Und nun ich dem Gesagten in mir nachgehe, finde ich den
Herrn viel, viel herrlicher als zuvor! Ist es da ein Wunder, wenn neue
Gedanken, neue Lebens-Ströme in mir lebendig werden? Und, Bruder Simon, - wenn
der Herr gibt, gibt Er mit offenem Herzen! So schaue ich in Sein mir nun
geöffnetes Herz und finde noch viel, viel Ungesprochenes darin! Darum sage ich
dir noch einmal: Wir haben den Herrn enttäuscht! Denn jene beiden waren uns zur
Probe gestellt -, und der Herr hatte auf uns eine Hoffnung gesetzt!“
Simon fragte erregt: „Bruder, können wir morgen nicht
vollenden, was heute unvollendet blieb? Ich glaube doch, daß es noch
nachzuholen ist, was wir versäumten.“
Kleophas antwortete: „Was versäumt ist, ist versäumt!
So, wie ich die vergangene Stunde nicht mehr zurückrufen kann, so ist auch eine
versäumte Gelegenheit nicht mehr einzuholen! Doch der Herr ist gütig! Was wir
nicht können, ist dem Herrn ein Leichtes! Es gilt ja nicht, den Willen des
Herrn zu erfüllen, weil Er Der Herr und Meister ist, sondern, Seinen Willen zu
erfüllen, weil Er uns zu Seinen Auserwählten machen will! Seinen Engeln will Er
uns gleich machen! - Sein Inneres Leben sollen wir jetzt betrachten
lernen als unser Eigentum! Also, daß Sein Leben und das meine keinen
Unterschied mehr aufweisen in allen Lebens-Lagen! O Bruder, fühlst du darin nicht
das Große, das Herrliche? Er, mein Heiland und mein Gott, legte in mich das
Fühlen und Empfinden, was Er Selbst als Herr und Meister fühlte und empfand,
als Er sich mit mir verband! Groß ist der Herr, und gewaltig Seine Macht! Aber
für diese Liebe, die sich hier offenbart, fehlen mir alle Worte.“
Ergriffen antwortete Simon: „Mein Bruder! Ich ahne,
was du empfindest, stehe aber selbst noch wie im Nebel! Denn die Gestalt Jesu
will mir fast verschwinden vor dem Geiste dieser Liebe aus Jesus! Hier ist ein
Kreuz-Weg für mich, und darum kann ich deinen Empfindungen nicht weiter folgen.
In der Gestalt Jesu trat mir ein Leben gegenüber, das mich tief erfaßte, bis
ins Innerste. Und aller Sehnsucht Erfüllung wäre ja die, mit Ihm - ganz eins zu
werden!“
Da sprach Kleophas:
„Simon! Simon! - Was sagte der Herr? «Lasse
dich von deiner Sehnsucht nicht irreführen!» Nach deinen Begriffen könnte Sein
Leben nur in der Person und Gestalt Jesu zu dir kommen? Wie aber willst du Sein
Wort auffassen: Wenn aber der Tröster kommt, - der wird euch in alle Wahrheit
leiten!“ - Bruder, Bruder, von wo wird dieser Tröster kommen? Wo ist derselbe
jetzt und wer ist der Tröster? Ist es nicht das neu erstandene, aus Seinem
Liebes-Geist in uns gewordene Leben, welches das Bewußtsein auslöst: «Nur Du,
Herr Jesus, kannst der wahre Tröster sein! Denn wo Du lebst, wirkt Deine
Wahrheit und Dein Leben!» Sein Geistes-Leben aber will erkannt und dann erfaßt
sein! Denn nie hat Jesus zu uns gesagt: «Ich bin der Herr und dein Gott!», sondern:
«Suche Mich, Mein Kind! Gern will Ich Mich finden lassen und will dir geben,
nach dem du Verlangen hast! Aber suchen mußt du aus deinem freiesten kindlichen
Herzens-Zug zu Mir.» Siehst du, mein Simon, so erkenne ich jetzt die Liebe Jesu
und finde Ihn Selbst in mir!“
Simon entgegnete zweifelnd: „Bruder, wir entfernen uns
voneinander, statt uns zu einen! Deine Auffassung ist für mich zu hoch. Und
dann, Bruder, - wie willst du mir beweisen, daß dieser dein jetziger
Liebe-Begriff bei weitem besser sei denn der meine? In Jesus sah ich alles
Schöne und Gute! In Jesus habe ich das Vorbild, welches ich in meinem
Erdenleben sonst vergebens suchte. Durch jahrelanges Zusammensein mit Ihm habe
ich gefunden, was mir innerlich und äußerlich alles gab, um mich glücklich und
zufrieden zu machen! - Und nun sprichst du: «Wir haben versagt und den Herrn
enttäuscht?» Bruder, ich meine, immer hat uns etwas zusammengeschmiedet, was
uns auch beglückte! Wir trugen gemeinsam Freude und Leid, und nie gab es einen
Mißton in unserer Freundschaft; aber nun verstehe ich nicht, wie du in deinem
Eifer etwas vertreten kannst, wofür dir doch alle Beweise fehlen!“
Mit ruhiger Freundlichkeit antwortete darauf Kleophas:
Bruder Simon, trennen werde Und kann ich mich nicht von dir! Daß die ewige und
herrliche Gnade mich in mir etwas finden ließ, ist ja eben der Anstoß oder
Antrieb, noch weiter zu suchen auf dem Boden völliger Hingabe! Was du aber
nicht begreifen willst: du willst für dich - alles haben, - vornehmlich Jesus!
Während ich alles hingeben möchte, auch meinen Jesus.*) d. h.: seinen
früheren Begriff von Ihm! Wenn du meinst, mir fehlen die Beweise, so irrst
du; denn siehe: gleich wird Joseph hier sein, der uns nacheilt! Und dieses
Wissen fand ich in mir, da es mir der Herr in meinem Herzen so anzeigte. Und
nun sage selbst, ist dieses in mir erwachte und sich in dieser Weise bekundende
Leben nicht herrlicher als deine Sehnsucht? Siehe, der Herr gibt! -, und gibt
uns vieles auch unaufgefordert! Er weiß, was nötig und tunlich ist! Wie drängte
der Versucher in der Wüste: «Mache aus Steinen-Brot!» Aber der Meister wußte,
warum Er es nicht tat! Und als wir bei der Sättigung und Speisung der 5000
dabei waren, wußte Er längst, was nötig war, um alle die Zuhörer zu sättigen!
Auch.-ohne daß nur einer gebeten hätte: «Herr, die Menge hungert, --schaffe Du
Brot.» Findest du nicht auch etwas Großes in dir, das noch ungesprochen ist?
Doch nun kommt Joseph, wir wollen ihn erwarten!“ Ehe Simon etwas erwidern
konnte, kam Joseph eilig an und sprach: „Daß ich euch gefunden habe! - O Gott,
sei gepriesen und gelobt! Ich habe mir schon ernste Vorwürfe gemacht; - denn:
ist Jesus wahrhaft auferstanden und bei euch gewesen, dann dürfen wir alle auch
weiter hoffen, daß Er doch noch Sein Volk erlösen wird aus aller Knechtschaft
und Bande! 0 Brüder, verzeihet mir meinen früheren Zweifel, da jetjt neue große
Hoffnungen in mir aufleben!“ Trotz der Freude über Josephs Erscheinen mahnte
Kleophas: .,Lieber, täuschest du dich auch nicht? Ist es wirklich der Zug
deines Herzens, zu Jesus zu eilen, oder sind die irdischen Vorteile der Beweggrund
deiner Hoffnungen? Ich sage auch dir: Jesus starb nicht, um aus dem Tode
hervorzugehen als ein Sieger über Seine Feinde und sie nun dauernd zu richten,
sondern Jesus starb, - auf daß alle, die an Ihn glauben, ein ganz neues Leben
empfangen! Seine Auferstehung - ist das Siegel, ist die für alle Ewigkeiten
gültige Unterschrift unter Sein Vermächtnis an alle Seine Kinder: «Ich lebe!
Und ihr alle sollet durch Mich auch zu diesem
herrlichen Gottes-Leben erwachen!» Darum prüfe dich ernstlich! Denn der Herr,
unser Meister, will nicht mehr Herr sein ans Sich, sondern der Herr aus der
Liebe Seiner Kinder! Sein Geistes-Leben schenkt Er uns, auf daß wir durch Sein
Leben in uns Seine Segnungen empfangen und als Gesegnete weiter arbeiten dürfen
am großen Erlösungs-Werke des Herrn.“
Joseph antwortete ernst: „Bruder Kleophas, deine Worte
sind wie ein Schwert, aber auch wie Balsam. Du meinst es gut mit mir, obwohl
ich es war, der früher manchmal von euch ging und euch nicht in dem Maße
unterstützte, wie du und ihr anderen es verdient hättet um Jesu willen! Doch
denke ich, daß, so der Meister hier wäre, Er mich nicht verstoßen, sondern
willkommen heißen würde! Mag ich gefehlt haben, indem mein Interesse für Ihn so
gering war, aber nun, Bruder, hat mich innerlich etwas ergriffen, und dies
zieht mich gewaltig hin zu Ihm! Oder meinst du, es sei nur Einbildung?“
Erfreut sprach Kleophas: „O Bruder Joseph! Der Herr
weiß um dein Verlangen, - und so sei versichert: Er tut das Seine, tue auch du
das deine! Denn es geht auf die Dauer nicht an, immer zu bitten, und immer
wieder nur zu bitten, daß der Herr zu uns komme - und uns helfe nach unserem
Verlangen! Solange der Meister unter uns lebte als Mensch, gab Er und diente Er
uns als Mensch, wie ein Bruder! Jetzt aber, wo alles Menschliche von Ihm
abgelegt und Er in Seiner wahren himmlischen Natur zu uns kommt, da, liebe
Brüder, wollen wir uns bemühen, die Gebenden und Dienenden für unsere Brüder
zu werden! Denn Er ist nun unser Vater, und wir sind Seine Kinder! So wie Er
durch Sein Vorbild uns dieses Geben und Dienen lehrte, so wollen wir Ihm darin
nachfolgen, und wir werden erfüllt von Ihm und Seinem Geiste! Es ist aber
nicht, was wir unser eigen nennen könnten! Alles ist von Ihm und aus Ihm! Und
so dir, Bruder Joseph, der Gedanke kommt: «Ich will zu Ihm!» -, so sei
versichert, daß auch dieser Gedanke von Ihm in dich gelegt wurde, um dich zu
einem suchenden und verlangenden Menschen zu gestalten. Daß sich in deiner
Seele noch fremde Einflüsse bemerkbar machen, ist selbstverständlich; aber die
Liebe zum Herrn und das wachsende Verlangen, mit Ihm immer enger verbunden zu
sein, schaffen Licht und Klarheit darüber in uns! Darum, Bruder Joseph, freue
dich! Du bist auf dem rechten Wege, da du uns suchtest und nun auch fandest!
Freilich triffst du bei uns nicht den Herrn! Aber den Weg zu Ihm zeigen wir
dir, damit du Ihn dann allein findest - in dir!“ deine Worte klingen mir zu
gewaltig! Bruder Siinon, wie denkst du darüber?“
Simon lächelte gütig und erwiderte: „Joseph! Ich sage
dir, daß wir alle beide noch große Toren sind. Es geht uns wie so vielen! Wir
suchen nach etwas, was wir schon lange in der Hand haben. Was gab uns heute
alles der Meister Selbst! Und im Herzen drängt es und mahnt es; vor Liebe
möchte es zerspringen; doch der kalte Verstand baut Dämme und Schutzwälle,
damit das Neue Leben nicht hindurch kann! Nun bin ich genügend kuriert! Denn
ich bekenne dir, daß Bruder Kleophas das Neue Leben erfaßt hat und es uns schon
bekundete! 0 wie klar sind mir jetzt die Worte: «Siehe, es kommt die Stunde und
ist schon gekommen, daß ihr zerstreuet werdet, ein jeglicher in das Seine, und
Mich allein lasset! Aber Ich bin nicht allein, denn Der Vater ist bei Mir.» Wie
wahr sind Seine Worte, und wie recht hatte Er! Und was war Seine Kraft? Der Vater ist bei Ihm! Und Brüder, dieses Wort mache
auch ich mir zu eigen: «Der Vater - ist bei mir!» So wie Jesus tat, in diesem
Geiste will auch ich Dir, Vater, dienen! Denn Du bist ja auch mein Vater, Du
bist ja unser aller Vater!“
In diesem Augenblick ging eine große Sternschnuppe
nieder und erleuchtete tageshell die Gegend. Nach ihrem Erlöschen aber war es,
als sei finstere Nacht; doch dann leuchten auch die Sterne wieder!*)dies -
als herrliches Entsprechungs-Bild über die Vorgänge In unserer Innen-Welt.
Dann sprach Kleophas: „Wollt ihr noch eine bessere
Antwort haben, als sie uns eben gegeben wurde? Wo alle Elemente bezeugen, wie
sie dem Leben und den Gesetzen aus Gott Untertan sind? Darum gilt auch für uns
nur eins: Mit Freude erfüllen den Willen des lebendigen und heiligen Meisters
Jesu! Dann wird die Welt erfahren: Unser Meister lebt! Wenn aber das Verlangen
nach äußerer Freiheit und materiellen Vorteilen in euch nicht stirbt, dann
kann und wird Er Sich niemals in euch offenbaren, - noch Sich euch zeigen
können! «Mein Reich ist nicht von dieser Welt», sprach Sein heiliger Mund. In
diesem Reiche lebt Er! Und damit wir in Seinem Reiche mit Ihm leben dürfen, hat
Er Selbst die Tore weit geöffnet durch Seine Auferstehung! Glaubet mir, liebe
Brüder: Dem Herrn wäre viel, viel erspart geblieben, hätten wir den Sinn Seiner
Reden und den Geist Seiner Liebe besser erfaßt. Sein Sterben hätte uns nicht
zerstreut, sondern gesammelt und geeint und hätte in uns Seinen Geist reifen
lassen, der so gerne gibt - und allen dient!“
Bewegt sprach Simon: „Bruder Kleophas, jetzt verstehe
ich dich besser! Es tut mir leid, daß ich erst meine Wege ging! Aber dem Herrn
sei gedankt! Ich habe mich wieder zurechtgefunden und verstehe nun auch, wie
du denkst. Wie werden sich die Brüder freuen, wenn wir ihnen diese frohe Kunde
bringen!“
Kleophas: antwortete: „Bruder, ob sie auch so verzagt
sind, wie wir es waren? Wo wären wir, wenn uns nicht der Herr frei gemacht?
Doch beeilen wir uns und lassen den Mund ruhen, dafür aber unsere Herzen um so
lebendiger sprechen!“
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<04. der gang nach emmaus.doc> |
05. Der Gang nach Emmaus
In Jerusalem hatte die Kunde „Das Grab - ist leer!“
die größte Erregung ausgelöst! Die Templer ließen sich nicht sehen, und so
konnten sich die Freunde des Herrn etwas freier bewegen. In der Herberge des
Lazarus ging es auch lebhaft zu: ein Kommen und Gehen, ein Fragen und
Antworten, doch keiner wußte Genaues. Es war nach Mitternacht, aber im Hause
dachte niemand an Schlaf; denn Petrus hatte die Nachricht mitgebracht, der Herr
sei von den Frauen gesehen worden! Und das Verlangen aller, Ihn auch
wiederzusehen, wurde nun immer stärker. Da öffnete sich die Tür und herein
traten Simon, Kleophas und Joseph; sie wurden willkommen geheißen, und die
Ankommenden waren froh, die Brüder hier anzutreffen.
Petrus fragte sie gleich: „Meine Brüder! Was treibt
euch Wichtiges mitten in der Nacht nach Jerusalem? Ist es auch die Sehnsucht
und das Verlangen, den Herrn zu sehen? Dann muß ich euch die betrübende Antwort
geben: Der Herr ist noch nicht hier gewesen! Wohl ließ uns der Herr durch die
Frauen sagen, Er lebe; aber gesehen haben wir Ihn noch nicht!“
Simon antwortete: „Bruder Petrus und ihr alle, die ihr
hier in Sehnsucht der Gnade harret, den Herrn Selbst auch zu sehen, - ich
verkündige euch die frohe Botschaft: Wir haben mit dem Herrn gesprochen! Ja, Er
ist im Hause des Bruders Kleophas mit uns eingekehrt! Doch haben wir dem Herrn
wenig Freude bereitet, denn unsere Herzen und Gemüter waren noch voller Angst,
Sorgen und Schmerzen um Ihn! Er kam zu uns als Fremder, als einer, der nichts
weiß, - und ließ sich von uns unseren Kummer erzählen. Wie wunderbar wohltuend
waren Seine tröstenden Worte! - Doch sagte Er auch, daß es für Jünger des Herrn
unwürdig sei, das Herz von Zweifeln in Aufruhr bringen zu lassen! Und doch
bedurfte es so langer Zeit, ehe wir Ihn erkannten! Wir kommen nun, um euch zu
sagen: Fürchtet nichts! Denn der Herr weiß um alles und ist besorgt um alle!“
„Erzähle!“, baten die Brüder, „erzähle und sage uns:
Wie sah Er aus? Und was sagte Er zu Euch?“
Simon antwortete: „Brüder, erzählen läßt sich das
nicht! Denn als der Herr zu uns kam, waren wir andere als jetzt! Darum möchte
ich euch bitten, Brüder, machen wir es wie früher: seien wir schweigsam und
achten wir auf uns und unser Inneres! Denn wie kommt es, daß der Herr noch
nicht hier war? Sollten wir selbst nicht die Ursache dazu sein? So der Herr
sich dem einen oder anderen offenbarte, so konnte Er es nur, da ihre Liebe die
Bedingungen zu Seinem Kommen erfüllte. Brüder, wo war unsere Liebe,
da der Herr litt? Wo war die Einigkeit,
die da nötig war, um den Herrn zu stärken? Sie war verflogen wie Spreu im
Winde, und wir ließen Ihn allein! Wir hofften, daß Er seine Feinde
zerschmettere!
Doch diese Hoffnung war trügerisch und konnte sich
nicht erfüllen. Er aber blieb allein in Seinem Schmerz! Allein mit Seiner
Aufgabe! Nun wissen wir aus Seinem Munde, was nottut, und tragen in uns die
Freude Seiner Verheißung und kennen auch die Mittel, um weiter zu arbeiten an
dem Werke Seiner großen Erlösung.“
„Wie froh macht es mich“, sprach Petrus, „von euch zu
hören, daß der Meister bei euch war! Denn nun weiß ich, daß Er auch uns
besuchen wird! Dein Vorwurf, lieber Simon, ist nicht ganz unberechtigt! Aber
nun der Herr lebt und uns Beweise Seiner Liebe gibt und uns unsere Schwäche
nicht nachträgt, so wollen wir auch nur auf den Meister hören, was Er uns sagt!
Meine Brüder, es war eine trauer-volle Zeit, aber auch eine Zeit, wo wir
erfahren mußten: Wir können ja ohne Ihn nicht mehr leben! So wollen wir Ihn
recht bitten: «0 Herr und Meister! Komme auch zu uns und richte unsere Herzen
auf, damit wir wieder froh werden.»“
Nun sprach Kleophas: „Brüder, es ist recht, so wir
bitten und in der Hoffnung leben: Er kommt auch zu uns und wird uns weiter
helfen und stützen! Aber sollte es nicht noch etwas anderes geben, als nur
bitten und hoffen? Ich denke doch, da der Herr und Meister uns allen solche
untrüglichen Beweise Seiner Liebe gab, daß in unsern Herzen noch etwas anderes
aufleben sollte. Denkt ihr nicht, daß es für uns und mit uns besser stünde,*)auch
in um jetzt! so nun ein Jubel durch unsere Herzen dringen möchte - und
laut, aber wortlos verkündete: «Der Herr lebt! Ja, ich fühle Ihn bei mir und
in mir!» Es würde bestimmt nicht mehr vorkommen, daß noch ein Zweifel uns
unruhig macht. Für das, was der Herr tat und uns allen gab, sind unsere
menschlichen Begriffe viel zu klein! Es ist für den menschlichen Verstand unfaßbar!
Können wir des Herrn Leid ermessen? Dürfen wir überhaupt noch von Seinem Leid
sprechen? Brüder! Nur, wenn wir uns ganz in Seine Liebe versenken, dürfen wir
es, sonst nicht! Denn des Herrn Leid und Leiden lehrt uns schweigen! Nun der
Herr alles Leid überwunden hat, gab Er uns Möglichkeiten, daß auch wir zu
Überwindern werden! Der Weg dahin ist nicht weit, da er ja in mein eigenes Herz
führt! Brüder! Dort ist der Ort, wo ich mich mit dem Herrn verbunden fühlen
kann! Und dort ist auch der Ort, von wo ich allen Menschen den rechten Trost
reichen kann aus der Liebe des Vaters in Jesus. Je bewußter und inniger die
Verbindung mit Ihm, um so stärker wird das Verlangen erwachen, auch zu dienen
und zu geben! - Unsere Liebe zu Ihm ist ja auch Seine Liebe zu uns! Und so tief
wie wir den Meister lieben, soviel können auch wir schon dem Nächsten dienen!
Und der mir Allernächste ist und bleibt mein Jesus! Der gestrige Tag zeigte mir
unser ganzes Elend, da der Herr gestorben und für ums nicht mehr hier war! Doch
dieser nun anbrechende neue Tag sieht einen anderen Kleophas! Denn der Herr lebt,
und ich lebe mit Ihm! Mein weiteres Leben
soll nur von dem einen Willen getragen sein, Dir, Du guter, treuer Jesus, Dir
Deinen Anteil von Liebe zu mir zurückzugeben nach allen, mir zu Gebote
stehenden Kräften.“
Die Brüder schauten verwundert auf den Bruder
Kleophas, wie er in flammender Rede sein Ich nur noch in den Dienst der
Jesus-Liebe zu stellen sich entschloß. Und so mancher fühlte sich gemahnt ob
seiner Angst und Sorge, und es wurde still in dem großen Räume. - Die Worte
Kleophas schwangen wie ein zwingender Bann durch alle Herzen, und nichts konnte
diese heilige Stille zerreißen!
Nach einer Weile erst fing Kleophas wieder an: „Brüder
im Herrn! Dem Herrn alles Lebens und Seins liegt die Sorge um aus an Seinem
Herzen! Wie gerne würde Er uns alle ganz frei machen! Aber nun Er bewiesen, daß
Er der Herr über alles Leben und allen Tod ist, ist es für Ihn schwer, uns in
der Weise zu helfen, wie wir et gewohnt von Ihm waren. Er ist nicht mehr
Mensch, - sondern unser Gott, unser Ewiger Vater, der uns alle«, alles gab und
nichts für Sich zurückbehielt! Und mit dem, was Er uns gab und hinterließ,
können und dürfen wir nun - in uns eine ganz neue Welt auf- und ausbauen! Wir
sind nicht mehr - kleine Menschen, die »ich fürchten müssen vor jedem, auch dem
kleinsten Feind des Lebens! O nein, liebe Brüder! legt sind wir Seine Kinder!
Seine mit Seinem Herz-Blut erkämpften Kinder! Und dies zu wissen, dies als
unzerstörbares Leben aus Ihm in uns tragend, verpflichtet uns und spornt uns
zum Danken, zur Lobpreisung an! - Oder denkt einer unter uns anders? ,- Nicht
umsonst stelle ich diese Frage, denn ich enthalte in euch doch noch geringe
Zweifel! Was aber ein Zweifel, und sei er noch so klein, bedeutet, habe ich
genugsam in mir erfahren.“
Die Brüder wurden nun unruhig und flüsterten
untereinander. Darum sprach nun Philippus: „Bruder Kleophas, deine Rede klingt
wie Musik; aber ich fürchte, sie ist nicht deinem Herzensgrunde entwachsen,
sondern nur deiner neuen Begeisterung für Jesus! Siehe, bei dem Meister war
alles natürlich, und darum war es auch gar nicht möglich, je einen Widerspruch
in Seiner Rede zu finden. Du und Simon, ihr habt den Herrn bei euch gesehen und
mit Ihm gesprochen, und trotzdem sprichst du: «Der Herr lebt nun in mir, und
nichts kann nun kommen, was mich je in Zweifel bringen kann!» Lieber Bruder! -
Ich denke, auch wir kennen den Herrn! Trog Vorhersage seines Leidens und
Sterbens waren wir geschlagen und sind es noch! Ich bekenne freimütig, daß ich
dir gerne glauben möchte, aber in mir schmerzt etwas, was sich nicht eher
wieder beruhigt, bis auch ich den Herrn gesehen habe! Deine Worte mögen noch so
gut gemeint sein; aber in mir bleibe ich derselbe wie vorher.“ ‚
Kleophas antwortete
ruhig: „Bruder Philippus! Es tut mir
leid, daB du die Worte wohl gehört, aber ihren Sinn nicht erfaßt hast! Auch
vergißt du, daß ich betonte: Das Verhältnis des Herrn zu uns muß nun ein
anderes werden! Denn der Herr ist jetzt nur Geist und Leben und gibt uns nun
ein Leben aus Seinem Geiste! So wie Er starb in der Außenwelt, so muß Er auch
als Mensch in unserer Innenwelt sterben und dann in unserm Glauben geistig
wieder auferstehen als der Herr, als der Sieger, als der Erlöser! Wenn dein
Glaube dies nicht zu schaffen vermag, dann müssen erst Enttäuschungen dich
zwingen, dies anzuerkennen! Glaube! Auch wenn du nicht siehst! Denn dazu hat Er
ja in uns allen den Grund gelegt! Er ist nun unser Grund, auf den wir bauen!
Und wer diesen Grund verwirft, verwirft sich selbst; wer aber sich selbst
verwirft, dem kann dann auch Gott nicht mehr helfen! Liebe Brüder, ist der
Meister nur gekommen, um uns den Vater zu zeigen? Oder brachte Er uns den Vater
Selbst? Dieses muß in uns eine klare Gewißheit sein! Und so ich durch Jesus,
unseren Liebe-Meister, nun einen Ewigen Vater habe, so wüßte ich nicht, was
mich abhalten sollte, mich als Sein Kind zu betrachten! Brüder, habt ihr
vergessen, was uns der Meister immer sagte: «Wer Mich liebt, der liebt auch
Meinen Vater und kann auch tun die Werke, die Ich aus dem Geiste Meines Vaters
tue!» Darum lasset uns rechte Brüder sein und im Geiste Jesu uns einen! Dann -,
dann offenbart Er uns Seine Liebe und ist persönlich unter uns.“ Kleophas
schwieg. - Das Wunder - der Herr war bei den beiden - schien aber allen zu
groß, darum bestürmten sie nun Simon.
Petrus aber sprach: „Brüder, hinter uns liegt eine
Zeit, da uns die größten Wundertaten ruhig ließen, und jetzt fiebert euch förmlich
nach dem Wunder, den Herrn zu sehen? Was gab uns am legten Donnerstag der
Meister für Ratschläge? Und Seine Worte vergeßt nicht, liebe Brüder: «Ihr seid
Mein Eigentum! Betrachtet «Mich als Meine, schon seit Ewigkeiten bestimmten
Brüder! Und bleibet eins mit Mir, dann kann euch kein Ungemach treffen.» Und.
liebe Brüder, was ist inzwischen geschehen? Der Herr ging in Sein Eigentum
zurück, uns mit dem Auftrag zurücklassend: «Setzet fort Mein Werk zu Meines
Vaters Preise, und vergeßt Mich nicht! Dann lebe und wirke Ich in
euch fort!» Es scheint, liebe Brüder, als
sei uns der Herr und Meister genommen; aber gerade das Gegenteil ist der Fall!
Nun ist Er auch unser Eigentum! Denn der Feind alles Lebens rechnete nicht mit
Seiner Auferstehung! Doch stille, stiller werden, liebe Brüder, damit der Herr
auch zu uns kommen kann!“
Auch Simon und Kleophas wollten die Brüder zur Ruhe
mahnen, aber es war wie ein großes Gewässer, das von Sturm und Böen aufgewühlt
ist bis in die tiefsten Tiefen. Und immer lebhafter wurde zum Ausdruck
gebracht: ,Nur der Herr Selbst kann uns Gewißheit geben’!“ Und gerade als
Kleophas im Begriff war, etwas zu erwidern, - stand der Meister unter ihnen!!
„Friede! Friede sei mit euch!“, sprach Er, „und fürchtet euch nicht! Denn Ich
bin es Selbst, der zu euch kommt, und bringe euch den Frieden und die Ruhe! Nun
sehet selbst: Kein Tod und kein Grab konnte Mich in den Fesseln finsterster
Todes-Macht behalten! Denn in Mir ist Licht! Ich bin das Licht! Glaubet dies,
auch wenn euch Beweise fehlen! Denn Meinem Geistes-Leben sind keine Schranken
zu stellen! Wer aber Mich aufnimmt, hat auch Mein Leben in sich aufgenommen!
Meine Brüder! Sehet diese Meine Hände und Füße! Doch sie sind nur der äußere
Beweis Meiner Liebe zu euch! Den anderen, den inneren Beweis aber: bringet ihr
ihn der Menschheit!*)durch euer Vorbild! Dann will Ich mit Freuden all
der Schmerzen gedenken, die Ich um euch und um alle Menschen ertrug. Was heute
noch keinem Menschen, keinem Engel in den Sinn gekommen, sollet ihr nun
erkennen und erfassen! Doch dazu gehört der lebendige Glaube! Jetzt, wo ihr
Mich sehet, glaubt ihr! - Aber selig, selig, der da glaubt, ohne Mich zu
schauen!
In dessen Herz soll sich ergießen ein Strom der Kraft
und des Segens! Denn von nun an soll alle Herrlichkeit Meines Lebens sich dort
offenbaren, wo Glaube und Liebe - ein neues Geistes-Leben schaffen! Ein Leben
aus dem Göttlichen Leben! Licht aus dem Göttlichen Licht, und Liebe aus dem
Ewigen Vater! Dies sei Meine Verheißung an euch!! Doch erfüllen kann sich dies
alles erst, wenn Ich nicht mehr sichtbar unter euch weile!“ - Alle stürzten hin
zum Herrn, segnend legte Er Seine durchbohrten Hände auf ihre Häupter und
sprach nochmals: „Wachet! - Und verbleibet in Diesem Meinem Geiste! Dann kann
auch Ich in euch verbleiben! Seid gesegnet aus der Fülle Meiner Kraft und Meiner
Liebe! Und setzet Mein Werk fort !*)Das Werk der Erlösung der Seelen von
allen Hemmungen Wider-göttlichen Wollens. damit es euch und allen zum
Ewigen Heile gereiche! Amen“ Leer war der Platz, wo der Meister gestanden!
Aber nun war auch alle Traurigkeit gewichen, und die große Freude belebte alle
Herzen: Er lebt! - Er lebt! Tod, wo ist dein Stachel? - Hölle, wo ist dein
Sieg? - Der Herr hat Hölle und Tod wahrhaft siegreich überwunden! Freudig
trennten sich die Brüder. Kleophas, Simon und Joseph blieben in der Herberge,
und die Freude, wiederum mit dem Herrn verbunden zu sein, schuf Kräfte, die
keine Müdigkeit aufkommen ließen. In heiliger Stille verbrachten sie den Rest
der Nacht. Der kommende Tag aber zeigte ihnen klar ihre neue Aufgabe, die in
ihren Herzen wie in Flammenschrift eingegraben stand: Allen die Botschaft zu
bringen: Der Herr ist auferstanden, ist wahrhaftig auferstanden! - Er will nun
leben in unseren Herzen! Amen!
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<05. der gang nach emmaus.doc> |
01. Am Ostermorgen bei Nikodemus.
In der Herberge des Lazarus waren alle frühzeitig
aufgestanden, um denen, die in die Stadt gehen wollten, noch zu dienen.
Schweigsam und in sich gekehrt gingen dann Nikodemus, der Hauptmann, die
Mutter Maria und Maria Magdalena wieder zum Hause des Nikodemus, wo sie außer
Petrus und Johannes auch Salome und Maria, die Mutter des Jakobus, antrafen.
Der Schmerz des Wiedersehens löste bei den Frauen einen Tränenstrom aus. Doch
während die Jünger versuchten, Worte des Trostes zu finden, ging Maria
Magdalena still hinaus, um allein am Grabe Jesu zu weinen.
Die Frauen hatten Salbe und Spezereien zum Einbalsamieren
besorgt, hatten aber noch ihren Kummer wegen des großen Steines, der das Grab
verschlossen hielt; da sprach der Hauptmann: „Ich bin überzeugt, daß ihr euere
Spezereien nicht mehr braucht. Ein geistiges Erlebnis mit Jesus gibt mir die Gewißheit:
Sein Grab ist leer! Jesus lebt! Er ist auferstanden! - Darum freuet euch und
lasset alle Trauer! Jesus hat den Tod überwunden!“ - Alle sehen ihn erstaunt
an, fragten aber nichts; dann gingen auch die drei Frauen schweigend nach dem
Felsengrab.
Im Garten des Nikodemus kam ihnen Maria Magdalena
schon entgegen und rief bewegt: „Das Grab ist leer! Jesus lebt! Ich sah Ihn von
weitem, eilte auf Ihn zu, um Ihn zu umfassen, aber Er wehrte ab und sprach:
.Rühre Mich nicht an!’ - Ich aber soll euch allen verkünden, daß ich Ihn
gesehen! O, mein Herz ist so bewegt, ich habe Ihn wiedergesehen!“
Ganz bestürzt eilten die Frauen mit ihr an das Grab
zurück und fanden ihre Worte bestätigt: der Stein war weggewälzt, das Grab war
leer! Doch zwei leuchtende Jünglinge behüteten die Grabstätte und gaben ihnen
die Auskunft, daß der Meister auferstanden sei.
Petrus und Johannes waren den Frauen nachgegangen und sahen
nun ebenfalls die Engel am Grabe. Seltsam bewegt kehrten alle ins Haus des
Nikodemus zurück und erzählten den Freunden von diesem Wunder. Nun schwirrten
die Reden durcheinander: „Der Meister lebt? - Er kann vielleicht jeden
Augenblick zu uns kommen! - Oder suchen wir Ihn bei den anderen Jüngern?“ - Nur
Maria Magdalena war still und voll innerer Trauer, denn: Ihn sehen, Ihn
sprechen und doch nicht anrühren dürfen - das war für ihr nach Jesum
verlangendes Herz zu schmerzlich l
Johannes sah ihren Kummer und versuchte, ihr klar zu
machen, daß der Meister jetzt nur „in geistig-himmlischer Liebe“ zu erfassen
sei. ,,Und darum mußt auch du, liebe Magdalena“ - so sagte Johannes wörtlich -
„zurückstellen, daß Jesus ein Mensch war, uns gleich! Du mußt nun begreifen
lernen, daß Er Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit ist!“
Johannes fuhr fort: „Du mußt begreifen, daß Seine
Menschwerdung geschah, um uns Menschen von dem alten Adamsfluch zu befreien.
Ja, um uns Menschen den Weg zu bahnen zum inneren Leben mit Gott als mit
unserem Schöpfer und Vater! Und allen Menschen den Gebrauch der rechten Mittel
zu diesem hohen Ziel darum selber vorzuleben! Um zu dieser glückseligen, aber
rein geistigen Verbindung mit Ihm als unserem Gottvater zu gelangen, hat Er
Sein großes, lang verheißenes Erlösungswerk als Mensch hier unter uns
begonnen. Diese Epoche Seines Werkes ist jetzt vorüber. Die zweite dürfen w i r
noch miterleben. Doch die dritte steht allen denen noch bevor, die Seinem
Vorbild als Mensch im Geiste Seiner Liebe und inneren Wahrheit nachfolgen
werden. Darum liebe Jesus nicht mehr als Menschen mit deinen Sinnen, sondern
liebe Ihn als reinsten Geist, nur in deinem Herzen! Dann wird Er sich nach
Seiner Verheißung auch Dir, wie uns, im Geiste offenbaren!“
Diese Worte waren wie Balsam für ihr wundes Herz; aber
auch die ändern hatten dieser tiefen Offenbarung über die innere Wesenheit Jesu
aufmerksam zugehört und wurden innerlich froher, obwohl ihr geliebter Meister
ihnen allen doch sehr fehlte. Dann machten sich die Jünger, Petrus als erster,
auf und eilten nach Jerusalem zu den anderen Brüdern, um ihnen zu verkünden:
Der Meister lebt!
Der Hauptmann hatte sich schon vorher mit den Worten
verabschiedet: „Meine Pflicht ruft! Ich muß das Grab untersuchen und dann
Pilatus Meldung erstatten.“ Als er durch den Garten eilte, war keiner der
römischen Posten zu sehen; er stutzte und ging dann selber in die Felsenhöhle
hinein. Hier sah er wieder die beiden Jünglinge in überirdischer Helle, die er
schon einmal im Geiste gesehen und die ihm jetzt zuriefen: „Eile und tue deine
Pflicht! Der Meister braucht dich!“
Der Hauptmann eilte zu Pilatus und berichtete: „Das
Grab des Gekreuzigten ist leer! Jesus lebt! Einige Frauen haben Ihn schon
gesehen und gesprochen! Jeder Irrtum ist hier ausgeschlossen, ich selbst habe
das Grab durchsucht!“
Pilatus, dem diese seltsame Kunde schon kurz vorher
überbracht worden war, ließ jetzt die Wachen kommen. Sie mußten mit einem Eid
ihre Aussagen bekräftigen und auch, daß ein Betrug unmöglich sei; und dann
berichteten sie: „In der Nacht erhellte plötzlich ein starker Blitz die ganze
Umgebung, und seine Helligkeit machte alles sichtbar; aber ein Mensch war
nirgends zu sehen. Der Blitz zerriß das Felsengrab, und der Stein vor der
Öffnung war wie verschwunden; doch aus dem Grabe drangen so helle Strahlen
eines Lichtes, daß wir davon ganz geblendet uns auf die Erde warfen. Und dann
war ringsum wieder tiefe Nacht. Plötzlich wurde der Erdboden unter uns so
unheimlich heiß, daß wir flohen und in unserem Quartier die Vorgänge
meldeten.“
Pilatus fühlte sich solch ungewöhnlichen Vorgängen
gegenüber ratlos; er schickte deshalb ein Schreiben zum Hohenpriester mit der
Frage: „Was saget ihr zu diesem Geschehen?“ Das Schreiben schloß mit den
Worten: „Dieser gewaltsame Tod eines Unschuldigen war nicht mein Wille, sondern
der eurige! Nun traget auch ihr die Verantwortung!“
Diese Botschaft löste unter den Templern eine Panik
aus! Sie glaubten plötzlich, der jüngste Tag sei für sie angebrochen! Jesus lebt? Jesus
lebt? Was war zu tun? Die meisten
schlichen vom Tempel fort. In ihrem Herzen meldete sich das Gewissen! Pilatus
aber erhielt keine Antwort.
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<01. am ostermorgen bei nikodemus.doc> |
02. In der Herberge des Lazarus.
Auch in die Herberge des Lazarus bei Jerusalem, die
allen Freunden bekannt war, brachten die Jünger die frohe Botschaft, daß das
Grab leer sei, und daß einige Frauen Jesum schon gesehen und mit Ihm gesprochen
hätten. Als am Abend alle Jünger und viele Freunde dort versammelt waren,
sprach Johannes nochmals darüber, daß Jesus nun nicht mehr Mensch sei, sondern
reinster Geist, der aber in seiner früheren Menschenform ihnen jetzt überall
erscheinen könne. - „Denn“ - so sagte Johannes - „so unbegreiflich es auch
klingen mag, hier wird es zur Wahrheit: Er wird dort sein, wo Er im Geiste und
in der Wahrheit angebetet und geliebt wird! Und so wir alle uns nun in unsern
Herzen innig verbinden, so ist Er auch bei uns und unter uns! Dieses rein
geistige Sein ist die Folge Seines freiwilligen unschuldigen Leidens und
Sterbens. Alle menschlichen Schranken des Todes hat Er durchbrochen. Alles
Irdisch-Menschliche ist göttlich geworden. Und darum gedulden wir uns! Er weiß
schon um die Stunde, wann Er auch uns sichtbar werden kann. Wir aber wollen auf
Sein Kommen hoffen und uns dankbar freuen, daß Er für uns auch den Tod
überwunden hat! Damit unser Ziel, das ewige Leben mit Ihm, umso leuchtender vor
uns sichtbar werde!“
Diesen neuen Enthüllungen über die göttlichen
Absichten beim freiwilligen Sterben ihres geliebten Meisters lauschten alle
still und suchten sie in sich aufzunehmen. Um Mitternacht kamen dann die
Jünger aus Emmaus an und erzählten von ihren wunderbaren Erlebnissen mit dem
auferstandenen Jesus.
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<02. in der herberge des lazarus.doc> |
03. Bei Nikodemus.
Am frühen Morgen gingen die Jünger mit Lazarus und den
Freunden wieder zu Nikodemus zurück und erzählten den dort Zurückgebliebenen
von dem Erscheinen des Auferstandenen bei ihnen. Alle lauschten andächtig den
wunderbaren Worten; dann trat eine tiefe Stille ein und niemand wagte eine
Frage. Da, auf einmal, stand der Meister unter ihnen! Sein klarer Blick ging
allen tief ins Herz, und die Frauen konnten sich der Tränen nicht erwehren.
Jesus aber sprach: „Friede! Heiliger Friede sei mit
euch! Euer Leid sei in Freude verwandelt! All Eure Trauer sei vorüber, da Ich
nun wieder unter euch bin! Aber so sichtbar, wie jetzt, kann Ich nicht immer
bei euch verweilen. Ihr müßt wieder ganz frei und innerlich gefestigt werden
zu Meinen Zeugen, zu Trägern Meines Geistes, um frei zu tun, was Ich euch so
oft gelehrt habe! Mein Geist in euch wird euch jederzeit bekunden, was ihr tun
und wirken dürft in Meinem Namen! Bleibet in der Liebe! Bleibet verbunden in
Meinem Geiste und dienet einander! Dann sollt ihr erfahren, daß Ich es bin, der
euch auch jetzt dient, wie Ich es als Mensch getan! Fraget nicht: „Wo warst
Du?“ Mein Geist gibt eurem Geist davon Kunde! Er wird euch in alle Wahrheit und
Weisheit einführen! Und alle, die Meinen Willen erfüllen, sollen dies erfahren.
Schweiget aber nun nicht mehr vor den Menschen, damit auch ihr Vollbringer
werdet! Fürchtet euch nicht, denn Ich habe für euch alles überwunden! Meine
Liebe in euch sei allezeit eure Kraft! Seid alle gesegnet und grüßt die anderen
Brüder! - Friede sei mit euch!“
Seine Blicke ruhten segnend auf den Anwesenden, und so
schnell, wie Er erschienen, ward Er auch wieder unsichtbar!
Die Jünger blickten sich schweigend an. Seine Mutter
aber weinte in reinster Freude! Wiederum war es Johannes, der das Wort ergriff
und sprach: „Liebe Brüder und geliebte Schwestern! Nun habt ihr alle es selber
gesehen: der Meister lebt! Er ist unter uns und in Seiner Liebe immer
gegenwärtig! Nun liegt es an uns, Ihm nur Freude zu bereiten! Unermeßlich ist
dieses Glück, daß Er Selbst uns erschienen ist. Und was Er uns nicht sagte, das
fühlen wir, daß Seine unendliche Liebe zu uns immer noch dieselbe ist wie
einst, als Er unter uns als Mensch lebte. Einer aber ist unter uns, der Zeuge
Seiner allergrößten Erbarmung war.*)Der römische Hauptmann durch seine
geistigen Schauungen. Und ich bin mir bewußt, daß diese Großtat Jesu kein
Mensch je erfassen und ermessen kann! Wie hoch steht doch Seine Liebe da gegen
unsere schwache Liebe! Wie waren wir selbstsüchtig, haben nur gehofft auf ein
Zeichen Seiner Liebe und Allmacht und kümmerten uns nicht um die ändern! Hier
muß ich an Bruder Judas erinnern! Warum ließen wir ihn in seiner Seelennot
allein? Aber der Herr wußte auch darum und erweckte einen anderen Bruder, der
sich des Verirrten liebend annahm!*)Dismas, vgl. Heft 8/9.
Wir, die wir dauernd an Seinem Tische saßen und Liebe
um Liebe von Ihm und Gnade um Gnade genossen haben, wir fühlten uns verlassen
und voll Trauer! O, der großen Armut unserer Seelen an Liebe, die wir hier an
den Tag legten, möchte ich mich schämen! Statt zu glauben, waren wir verzagt!
Doch nun wir den Meister gesehen und gehört, sind wir erst wieder froh
geworden! Darum lasset uns alle Ihm danken für dieses neue Glücksgefühl: O Herr
Jesu! Bleibe Du bei uns, daß es nicht mehr Abend werde in uns! Schütte aus das
Füllhorn Deines Geistes auf unsere noch so schwachen Seelen, auf daß wir
gesunden an Seele und Leib! Auf daß wir
ein rechtes Zeugnis werden für Deine ewig unendliche Liebe! Amen!“
Heilige Stille, heiliger Friede umgab alle Herzen.
Dann stand Lazarus auf, dankte nochmals dem Herrn für die unendliche Gnade
Seines Kommens und bat die Jünger und alle Anwesenden, mit nach Bethanien zu
kommen, auf daß auch dort alle erführen, daß Jesus lebt, und auf daß Frieden
und Freude auch in ihre Herzen einzöge. Nach einem Liebesmahl, als die
allgemeine Freude ihren Höhepunkt erreicht hatte, mahnte Lazarus nochmals zum
Aufbruch. Der Abschied war bewegt, da viele erst später nachkommen wollten.
Jeder fühlte, wiegemeinsames Leid und gemeinsame Freude alle Herzen fester
zusammenschmiedet.
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<03. bei nikodemus.doc> |
04. In der Gottesstadt.
Auf dem Wege nach Bethanien zogen die Männer durch
Jerusalem, wo alle Gemüter sichtlich erregt waren. Die Templer hatten das
Felsengrab durchsucht, römische Besatzung verstärkte ihre Wachen, und neue
Truppen waren im Anmarsch, die von den Einwohnern mit verängstigten Blicken
beobachtet wurden. Überall hatten sich lebhaft redende Menschen angesammelt,
weshalb die römischen Befehlshaber alle öffentlichen Plätze mit doppelten
Posten besetzen ließen. Und dies alles - wegen Jesus!
Als der Hauptmann mit Lazarus am Palast des Pontius
Pilatus vorbeikam, erbat er sich noch einige Soldaten als Begleitung zur
Sicherung auf dem Weg nach Bethanien. Auch in der Umgebung des Tempels
herrschte große Unruhe: aus dem Allerheiligsten strömte eine Glut, daß der
Hohepriester nicht an den Räucheraltar treten konnte, und der Vorhang hing noch
zerrissen herab. War der Tempelvorhof sonst der Ort, wo so manche ihr gutes
Geschäft machten, so ruhte heute alles; denn die Menschen hatten nur Interesse
für das Wunder der Auferstehung Jesu. Der Karfreitag-Schrecken wirkte sich aus,
und die Einsichtigeren riefen laut: „Einen Unschuldigen habt ihr gekreuzigt!
Wer hilft uns, damit uns das Strafgericht Gottes erlassen werde!“
Der Hauptmann ging mit Lazarus zu ihnen, gebot Ruhe
und rief: „Ihr Bürger von Jerusalem, bewahret Ruhe und geht heim in eure Wohnungen!
Jesus, der Gekreuzigte, lebt! Fürchtet Ihn nicht! Denn, war Er als Mensch euer
Freund, so ist Er es heute als der aus dem Grabe Auferstandene noch mehr! Und
alle Seine Lehren der Liebe und Demut leben fort! Darum glaubet an Ihn, liebet
euch untereinander und vergesset das Traurige der letzten Tage; denn ,Er hat
gelitten für fremde Schuld und hat gesühnt all unser verkehrtes Tun!’, wie im
Jesaias schon geschrieben steht, und hat damit Gottes Wort eingelöst! Nun
sollen wir Ihm beweisen, daß Er nicht umsonst gelitten und gerungen hat!
.Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun!’ - Dies Sein letztes
Wort gibt uns den Beweis Seiner übergroßen Liebe zu den Menschen. Nun bedürfet
ihr keiner Priesterkaste mehr; denn Jesus hat das Amt des Hohenpriesters
übernommen. Er lebt! Aber Er will unser eigenes Herz als Seinen von Gott Ihm
geweihten Tempel bewohnen. Darum ziehet in Frieden heim und bewahret allezeit
Ruhe! Wir als römische Heiden schützen euren neuen Glauben!“ Der Hauptmann
trat grüßend zurück. Lazarus aber freute sich über den neuen Bruder und sagte:
„Welch ein Feuer! Welch ein Geist! Wahrlich, das Evangelium ist eine Gotteskraft,
die alle selig macht, die daran glauben!“
<04. in der
gottesstadt.doc>05. In
Bethanien.
Nach längerem Ritt waren die Freunde in Bethanien angelangt,
wo ihnen alles Erdenkliche an Liebe zuteil ward. Auch hierhin war bereits die
Kunde gedrungen, daß Jesus nicht mehr im Grabe sei. Nun aber wurde allen
Bewohnern, auch den Knechten und Mägden, die Wahrheit verkündet: Jesus lebt!
Jesus ist durch die finstere Nacht des Todes hindurchgedrungen und hat somit
dem Tode alles Traurige und Schwere genommen! Nun verstand die Schwester
Martha Sein Wort: „Ich bin die Auferstehung und das Leben!“ Doch Maria, die
sonst so ruhige, war jetzt erregt und stellte so viele Fragen, daß keiner ihr
eine rechte Antwort zu geben vermochte. Da trat der Hauptmann an sie heran und
sprach: „Beruhige und freue Dich! Jesus läßt auch dich, wie alle anderen hier,
grüßen!“ Sogleich wurde sie ruhiger und dankte dem Haupt-mann für das rechte
Wort. Dieser Gruß war das Brot, nach dem ihre Liebe sich sehnte, und so reichte
sie dem Römer beide Hände, dankte ihm nochmals und bat ihn, dieses Heim als das
seine zu betrachten.
Nach einer kleinen Ruhepause, während der sich die Wanderer
reinigten und erfrischten, konnte dann erzählt werden von dem Gang der
einzelnen Erlebnisse mit dem Auferstandenen. Die Nacht kam und verging,
niemand dachte an Müdigkeit oder Ruhe; das Neue, Ungeahnte ließ kein anderes Gefühl
aufkommen als das große Glück: Der Meister lebt und kommt vielleicht auch zu
uns?! - Und Maria, die Schwester Lazarus’ gab schon Anweisung, zur
Bewillkommnung des Meisters alles bereit zu halten. So vergingen einige Tage
der Ruhe und der Beschaulichkeit! Gäste und Freunde kamen und gingen; der
Hauptmann freute sich besonders, als Maria, die Mutter Jesu, und Magdalena
ankamen, um für längere Zeit in Bethanien bleiben zu wollen.
Eines Morgens brachte ein Bote aus Kis die Nachricht
vom Nahen Kisjonahs; und als die Mitte des Tages erreicht war, kam er selber
schon in Bethanien an. Welch ein freudiges „Wiedersehen! Die Freude steigerte
sich zur Seligkeit, als Kisjonah und Maria gemeinsam etwas schauen durften von
dem großen Erlösungswerk ihres geliebten Jesus in der geistigen Welt!
Himmlische Geistwesen verkündeten ihnen von dem überseligen Glück, daß alle,
die längst verstorben waren und in der Dunkelheit ihrer Begriffe über Aufgabe
und Ziel ihres Daseins umherirrten, nun die Gnadenhand Jesu ergreifen konnten,
um zur lichtklaren Erlösung von allem Irrtum geführt zu werden. Ein leuchtender
Engel erklärte den beiden: „Seit Bestehen der gesamten Schöpfung ist so etwas
noch nie erlebt worden, daß das Gute sich behauptet und die Liebe siegt! Wohl
erschauerten wir vor Weh, als der Herr in der Hülle des Mensehensohnes Jesus
sterbend sich opferte und dadurch Seiner Schöpfung einen neuen Geist verlieh.
Aber welch ein Segen, welch eine Freude war es dann, das lebendige Glück all
derer zu sehen und zu fühlen, die in ihren engen Gräbern schmachteten.*)Gräber
= die engen weltlichen Begriffe und Werte, die doch im geistigen Reich keinen
Bestand haben. Nun ist kein Tor mehr geschlossen! Es ist kein Wächter mehr
vonnöten! Jeder ist über sich selber sein eigener Wächter. Wir aber stehen
ehrfurchtsvoll vor dem Leben dieses neuen Geistes in all den Herzen, die Jesum
lieben und im Geiste mitbauen wollen am Erlösungswerk des Herrn! In dankbarer
Liebe drängen viele schon hin zu solcher Arbeit. Denn der seligste Himmelsort
ist von nun an Gemeingut derer, welche auf dieser Erde Jesus als unsern Herrn
erkennen, wodurch die Macht des Bösen gewaltig im Schwinden begriffen ist!“
Nach einer Pause fuhr der Engel fort: „Ihr hättet nur
sehen und erleben sollen, wie Luzifer, der gefallene Bruder, mit seinen Engeln
sich um Golgatha versammelte, um seinen Vasallen den Beweis zu erbringen: ,Ein
Großer bleibt ein Großer!’ (d. h.: Er beugt sich nicht in Demut dem göttlichen
Willen!) Deshalb werde ihm, Luzifer, die Herrschaft bald ganz gehören! Doch da
erlebte er seine größte Niederlage! Denn das Große wurde nicht nur zum Kiemen,
nein, es wurde freiwillig zum Allergeringsten! Und dadurch ist für alle
Ewigkeit die Möglichkeit gegeben, daß das Allergeringste in Jesu Geist zum
Allerhöchsten erhoben werden kann. Konnte sich das Auge unseres Gottes bis
jetzt an der Reinheit einer Seele erfreuen und mit Wohlgefallen auf alle
schauen, die da in Ordnung und’ Gewissenhaftigkeit sich bemühten, das Gesetz zu
erfüllen, so ist Sein Blick jetzt denen besonders zugewandt, die tief in Sünde
und Schuld stehen. Liebend reicht Er ihnen Seine Vaterhand, auf daß auch sie
das Heil ergreifen und ihr Innenleben eintauchen in das ihres Erlösers!
Und so vernehmet:
„Was wir sehen, sieht auch Luzifer! Und
sein größter Kummer ist, daß er diesem Leben des Geistes aus Gethsemane und
Golgatha keinen Widerstand mehr entgegensetzen kann. Freuet euch! Freuet euch,
ihr Menschen dieser Erde: Der Himmel hat sich zu euch herniedergesenkt! Seine
seligen Bewohner drängen zur Erde und möchten mitbauen an dem neuen Himmel, der
seine Grundfeste auf dieser Erde errichtet hat und allen offenbar wird durch
den lebendigen Jesugeist im Menschen! Amen!“
Tränen der Freude stiegen in allen Anwesenden auf, als
diese geistigen Erlebnisse wortgetreu berichtet wurden; doch das Schönste
fehlte ihren Herzen dennoch, ihr geliebter Jesus selbst! Und schon schwand die
Hoffnung, Ihn hier zu sehen.
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<04. in der gottesstadt.doc> |
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06. Wo weilt Jesus?
Dann kamen noch Freunde aus Tyrus und Sidon, um sich
bei Lazarus über Jesus Gewißheit zu holen. „Denn“ - so sagten sie - „in
Jerusalem ist die Wahrheit von der Lüge nicht mehr zu trennen. Es gehen viele
Legenden um, wo Jesus gesehen worden sein soll. Und so sage du uns, treuer
Freund und Bruder Lazarus, hast du Jesum gesehen oder gar gesprochen?“
Lazarus zeigte mit der Hand auf Maria und Magdalena
und sagte: „Diese waren die ersten, die Jesum sahen! Wir anderen sahen Ihn
auch, aber erst später. Doch, so ihr den tiefen Glauben an Seine Mission
hättet und Seinen Worten mehr nachgegangen wäret, hättet auch ihr das
Wunderbare Seiner Auferstehung schon erleben können! Doch nicht das ist das
Wichtigste, daß jemand Ihn gesehen hat; nein, das Wichtigste ist, daß wir
glauben, daß Er lebt und daß Er durch unseren lebendigen Glauben auch in uns
leben kann. Dann führt unser Glaube uns zum Innenleben mit Ihm und zeigt uns
die Notwendigkeit, noch mehr auf Seinen Willen zu achten und zu versuchen, ihn
zu erfüllen.
Seid versichert, nun wird aller Welt offenbart: Der
Mensch Jesus hat Fleisch und Blut getragen, um im Opfer damit unsere und aller
Menschen vergangene Schuld zu bezahlen! Nun sollen wir Ihn tragen in unserem
Fleisch, damit wir bezahlen, was noch schuldig blieb in uns selber an dem
geheiligten Gottestrieb. So wird uns Sein Leben zum Vorbild und Sein Sterben
und Auferstehen zum Rettungsanker, an dem sich anklammern kann, wer nur will!
Wo aber ein ernstes Wollen vorhanden ist, kommt die Kraft von oben dazu. Denn
durch Jesu Fortgehen von uns Menschen hier fließt uns geistige Kraft aus Seiner
Kraft und geistiges Leben aus Seinem Leben zu.
Solange Er unter uns weilte, nahmen wir Gnade um Gnade
von Ihm. So wir aber jetzt Seinen geheiligten Willen annehmen und danach tun,
dürfen wir geben! Und so wird es bis in alle Ewigkeit bleiben, daß der
Seligkeiten größte im glücklichen Geben bestehen wird. Was wir aber geben
dürfen, ist Seine Liebe in unserem Sein!“
Alle blickten ernst auf Lazarus, dessen Rede auf die
Neu-Angekommenen einen tiefen Eindruck gemacht hatte. Doch das heimliche
Verlangen, Jesus, wenn möglich, auch zu sehen, war größer als ihr Glaube und
ihr Verlangen nach solchem inneren Verkehr mit Ihm!
Der Hauptmann las ihre Gedanken und äußerte seine Bedenken,
indem er sagte: „Verzeiht, liebe Freunde! Hier sucht ihr Jesum, in Bethanien?
Wisset ihr nicht, was er allen so eindringlich ans Herz legte: .Verbleibet in
meinem Geiste! Dann verbleibe Ich bei euch und in euch!’ - Glaubet ihr, liebe
Freunde, Jesus als der Auferstandene würde euch nochmals so entgegenkommen, wie
er als Mensch getan? Nein! Sein von Ewigkeit her geplantes Werk ist vollbracht!
Nun haben die Menschen durch Sein Menschsein den Geist Seiner Liebe empfangen!
Und Sein Sterben am Kreuz war das Siegel, die Bestätigung vom Schlußakt Seiner
Menschwerdung! Himmel und Erde sind Ihm nun gleich nahe! Doch durch Seinen
heiligen Liebegeist und Wahrheitssinn finden wir den Weg zu Ihm und auch die
Kraft in uns, diesen oft beschwerlichen Weg zu gehen. Leuchtend gibt der in
jedem Menschen wohnende Geistfunke aus Gott uns die Richtung an und stellt an
uns das Verlangen, stets so zu handeln, wie Er es uns vorgelebt hat.
O, hätte ich Jesum früher gekannt! Ich, der das
Schmachvollste an Ihm ausführen ließ, gerade ich habe das Wunderbarste Seiner
Liebe erleben dürfen. Denn Er als die ewige Liebe hat mir verziehen, und
himmlische Freude belebt mein Herz, seitdem ich weiß, daß Jesus lebt. Darum
suchet Jesus nicht äußerlich! Suchet zu werden, wie Jesus war - und Er ist bei
euch und in euch! Auch ihr werdet Seine Segnungen erfahren, wie ich sie
erfahren durfte! Doch nun will ich schweigen, weil mein Herz mir Ruhe
gebietet.“
Erstaunt blickten alle Anwesenden auf den römischen
Hauptmann und blieben still. Lazarus fühlte, wie die Gnade mächtig in allen
Herzen wirkte, und sprach zu sich: „Nur ruhig, mein Herz! Je ruhiger ich bin,
umso aufnahmefähiger wird es für diesen Seinen Gnadengeist.“
Dann wurde zu Ehren der Freunde ein Mahl der Liebe bereitet,
wobei ein Platz frei blieb für den immer noch so sehnsüchtig Erwarteten. Lazarus
und Kisjonah erzählten so manches aus Jesu Leben, und alle wurden recht froh;
bis Lazarus seine Gäste aufforderte, nun der Ruhe zu pflegen und lieber am
frühen Morgen vom nahen Hügel aus den Sonnenaufgang zu betrachten.
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<06. wo weilt jesus.doc> |
07. Morgenandacht auf dem Hügel.
Die wenigen Stunden der Nacht vergingen schnell.
Lazarus hatte auf dem Hügel schon alles vorbereiten lassen; als er die
bereitliegenden Decken und Teppiche noch einmal überschaute, kam von der anderen
Seite ein Mann auf ihn zu. Lazarus schaute den Wanderer an und ging ihm
entgegen, um ihn zu begrüßen und nach dem Woher und Wohin zu fragen. Da stockte
sein Atem und er sank fast wie tot zu Boden: Er hatte in dem Fremden den
Meister erkannt!
Dieser legte ihm Seine Hände aufs Haupt, faßte nach
seiner Hand, hob ihn wieder auf und sprach: „Mein Bruder, zu dir zieht es Mich
gewaltig hin, denn deine Liebe ist Balsam für Mein Herz! Stärke nun auch du
dich in Meiner Liebe, damit du deine Liebepflichten erfüllen kannst und ein
Träger Meines Liebelebens bist und bleibst. Und nun hole auch deine Freunde
hierher; doch verrate Mich nicht, sie selber sollen Mich erkennen!“
Lazarus küßte des Meisters Hände, und Tränen reinster
Freude rannen über sein Gesicht; dann eilte er ins Haus zurück und lud alle
ein, schnell nach dem Hügel zu kommen; auch seinen Schwestern gebot er, die
Arbeit den Mägden zu überlassen und bestimmt mitzukommen.
Voll Verwunderung schauten Maria und Martha ihren Bruder
an und sahen, daß er geweint hatte; da fragte Maria ihn: „Bruder, warum bist du
traurig und hast du geweint?“ Lazarus antwortete lächelnd: „Nicht Traurigkeit,
sondern Freude war die Ursache. Ihr Werdet es auch noch sehen, kommt nur,
kommt!“ Voll heiliger Ahnung im Herzen folgten sie schnell dem voraneilenden
Lazarus.
Die anderen konnten sich diese Eile nicht erklären.
Sie waren auch so ins Gespräch vertieft, daß sie nicht bemerkten, wie ein Mann
im weißen Mantel unter sie trat und mit nach dem Hügel ging. Nun kamen auch
Kisjonah, Nikodemus und die Freunde aus Tyrus in sehr ernster Unterhaltung an,
und Lazarus hörte noch die Worte: „Nicht dies ist die Hauptsache, daß ihr
bezeugen könnt: ,Ich habe Jesus gesehen! Er ist wahrhaft von den Toten
auferstanden!’, sondern es wird jetzt und in aller Zukunft wichtiger seih, daß
wir Seinen Liebegeist in unserem Leben offenbaren, und daß alle Welt dadurch
erfahren maß, daß Jesus lebt! Dann ist er nicht umsonst gestorben! Dann ist
Seine Auferstehung in uns Wahrheit geworden und für jeden Seiner Nachfolger der
untrügliche Beweis: nun darf auch ich wahrhaft leben durch Seinen Geist in
mir!“
Lazarus freute sich über den Eifer seiner Freunde und
sah dabei den still lächelnden Meister an. Nun blieben die Freunde Stehen,
schauten wie unwillkürlich in die Ferne - und dann erkannten auch sie den
Meister. Auch die ändern sahen Ihn nun und erkannten Ihn, und alle waren in
himmlischer Freude zu Tränen gerührt. Erwartungsvoll lauschten sie dann den
Worten des Meisters, der sprach: „Friede, Friede, heiliger Friede sei mit euch!
Meine Liebe zu euch treibt mich noch einmal in eure Mitte, um euch die Zeichen
Meiner Liebe und Demut zu zeigen. Sehet Meine Hände! Sehet Meine Füße!
Durchbohrt von den Händen Meiner blinden Kinder! Segensvoll lege ich diese
Meine Hände euch auf das Haupt!“ Dabei ging Jesus von einem zum ändern und
legte Seine Hände segnend auf ihre Häupter. Bei Maria, Seiner Leibesmutter,
fing er an und sagte: „Daß du Mich liebst, weiß nicht nur Ich, sondern alle
wissen es, die dich kennen. In Zukunft aber wird deine Liebe zu Mir sein wie
eine aufgehende Sonne am Himmel. Und durch dich wird noch manches Kindlein
erfahren, was Liebe zu ertragen vermag und vollbringen kann! Wir bleiben eins!“
An Maria Magdalena richtete Er die Worte: „O Kindlein!
So lange die Sehnsucht, Mich zu sehen, größer ist, als Mein Liebeleben dir
anzueignen, wird dein Sehnen ungestillt bleiben! Liebe! Liebe! Liebe! Und nie
werde Ich dich verlassen! Doch darfst du Mich nicht mit deinen Armen erfassen
wollen, sondern mit deinem Herzen!“ Jesus ging segnend weiter, indem er zu
jedem Worte der Liebe und Verheißung sprach. Als Er zu Kisjonah kam, sagte Er:
„Bruder, nun fehlt noch eins, und dies ist, daß du den Deinen und allen, mit
denen du in Berührung kommst, Mich ersetzst.“
Nun kam Er zu Maria, Martha und Lazarus, segnete sie
und sprach: „Auch ihr, Meine Geliebten, gebt allen, die zu euch kommen, Kunde
Meiner Liebe! Ihr wißt, daß Bethanien dem Himmel geweiht ist. Jeder, auch der
Geringste soll hier erfahren, daß ihr Mein seid, und daß alles, was euch
gehört, allen gehört, wenn Meine Getreuen in Not und Leid kommen. Tretet nun
ein in die Gemeinschaft mit Meinem Geiste, nicht nur ihr Anwesenden, nein alle,
die das Wort und der Geist Meiner Liebe verbindet! Denn so Ich dem Auge nach
nicht mehr unter euch weile, soll doch niemand Mich vermissen! Euer Herz soll
es allen verkünden: Ich bin bei euch alle Tage, zu jeder Zeit und Stunde! Und
nun setze Ich euch an Meiner statt: Alles, was ihr in diesem Geiste sagt und
tut, soll sein, als ob Ich es gesagt oder getan hätte! Denn in Zukunft soll
sich dieses Wort völlig bestätigen: Von nun an werdet ihr nichts mehr ohne
Mich tun. Und nun gebt der hungernden und blinden, nach Liebelicht verlangenden
Welt Mein Wort und einen Abglanz Meines ewigen Lebens. So wie aller Tod aus
Mir gewichen ist und Mein Leben nun die ganze Unendlichkeit durchdringen
kann, so soll auch euch geschehen! Darum verbleibet in Mir, und Ich werde bei
euch verbleiben bis in alle Ewigkeit!
Und nun werdet frei! Frei von allen Schwächen, von
aller geistigen Dunkelheit! Frei von allen falschen Begriffen über Mein Dasein
als euer Gott, der euch als der Menschensohn Jesus zu eurem liebevollen Vater
geworden ist! Werdet Zeugen Meines Seins, und ihr sprenget die Bande, Ketten
und Tore der Hölle! Alles, was noch gebunden ist, hofft auf Befreiung durch
euch, was noch unerlöst ist, sei euch ans Herz gelegt! Und so scheide Ich nun
von euch und bleibe doch bei euch und unter euch! Ihr werdet euch manchmal
einsam fühlen, und doch bin Ich euch nahe! Leid und Prüfung werden euch
schwächen wollen, und doch bin Ich in euch die Kraft! Darum bedenket: Mein Wort
und Meine Lehre, die euch doch verbleiben, verlangen Selbständigkeit und ein
freies, zufriedenes Wesen! Immer bin Ich zu finden in euch, wie Ich auch euch
finden will in Mir für alle Ewigkeit! Mein Segen und Mein Frieden sei mit euch!
Amen!“
Nach diesen Worten war der Herr ihren Blicken
entschwunden. Auf dem Hügel aber war es totenstill, alle waren tief ergriffen,
einige weinten. Nach einer Zeit des inneren Lauschens auf den Nachhall Seiner
Worte im eigenen Herzen sprach dann Lazarus: „Geliebte Freunde! Es drängt mich,
euch nochmals für euer Hiersein zu danken. Ich bin mir bewußt: hättet ihr mich
nicht besucht, so hätte ich die Gnade nicht gehabt, unsern geliebten Herrn und
Meister noch einmal zu schauen. Und ebenso erkenne ich auch dankbar an diese
Liebe unseres treuen Gottes und Vaters, der da weiß, warum und wozu alles
geschieht. Aber nun ist mein Rat an euch wie an mich selber: Wir wollen nicht
der Vergangenheit und Erinnerung leben, sondern der Gegenwart und der Zukunft.
Wir wissen nun, dass nur dies eine not tut, nämlich in allen Dingen auf den
Herrn zu schauen. Denn durch Seine Auferstehung ist uns allen der untrügliche
Beweis geworden, daß Er lebt! Und so Er lebt, lebt auch Seine Liebe zu uns, zu
allen Menschen. Jetzt, in dieser Morgenstunde, erlebten wir den Anbruch eines
Ewigkeitsmorgens. Von nun an sind wir Menschen berufen, in dieser Ewigkeit zu
leben und fort und fort zu zeugen, daß auch wir leben dürfen, denn Sein Zeugnis
hier auf dem Hügel ist unser Freiheitsbrief und Siegel.“
Plötzlich, in geistiges Schauen versetzt, sprach
Lazarus: „O Erde, was durftest du erleben! Kaum, daß du dich von dem Schrecken
erholtest, als dein Schöpfer dem Fleischleibe nach starb, da geht schon eine
neue Erschütterung durch deinen Leib! Du durftest erfahren, daß dein Schöpfer
nicht im Tod geblieben ist, und deine Wunden heilten rasch. Aber nun du
gewürdigt warst, daß dein Schöpfer wiederum mit Seinen heiligen Füßen dich o
Erde betrat, da hast du einen neuen Samen empfangen! O du Erde, du reich
gesegnete! Bitte du den Schöpfer, daß Er
Menschen erwecke und Engel berufe, die diesen neuen Samen schützen! Denn nur
unter den allergrößten Schmerzen wird diese neue Geistesfrucht hier ausgeboren
werden! . Ich sehe Völker kommen und Völker vergehen, aber leben wird dieser
neue Samen aus Gott, unserem Herrn! Und ich sehe eine Zeit erstehen, wo alles,
alles darnieder liegt! Die Liebe wird erkalten, und der Fluch der bösen Taten
wird weiter zeugen und einen anderen Geist gebären. Und dieser wird das Ende
beschleunigen! O Erde, noch einmal wirst du eine Zeit erleben, blutend aus
abertausend Wunden, und selbst die Elemente werden drohen, dich zu vernichten.
Dann wird der Geist der Sanftmut und Liebe, gepaart mit reinster Demut, hier
und da erstehen und deinen Fluch lösen! Eine neue Welle von Liebe wird über
deinen wunden Leib ziehen, und wie Tau und Balsam wirst du nach langer Zeit
wieder den Geist der Gottesliebe empfinden.
Alle großen Geister drängen hin zu dir! Jeder möchte
helfen und Helfer sein auf dieser Erde! Denn das allergrößte Wunder darfst du
dann erleben: Luzifer, dein Gefangener, öffnet selbst die Pforten seines
Gefängnisses und beugt sich vor dem neuerstandenen Geist der Liebe aus Gott!
Ja, du Erde, du wirst dann im Hochzeitsglanz erstehen; denn dein Schöpfer, Gott
und Erhalter geht Hand in Hand mit Luzifer über deinen mit Blumen und Früchten
lieblich geschmückten Leib. Das aus Jesu Wunden vergossene Blut, welches deinen
Boden heiligte, wird zu einer Quelle ewiger Kraft und Herrlichkeit. Und du,
Hügel Golgatha, du wirst zu einer Warte im Geistesleben! Du wirst zu einer
Stätte ewigen Friedens, denn kein Feind wird es mehr wagen, dich schief
anzusehen! Für ewig ist dann der Feind überwunden! Dann bist du der Ort und die
Zufluchtsstätte, wo Irrende das für die Ewigkeit notwendige Heil erfahren.
Und nun, du Erde, du heilige Schöpfung, nimm hin den Dank, daß wir dieses hier
schon erfahren durften. Amen!“
Staunend hörten alle diese Worte des Lazarus, die er
zur Erde gesprochen hatte. Und dann sagte Lazarus: „Ja, liebe Brüder, ich
erschaute dies in meinem Geiste! Und da ich es so erleben durfte, wird es wohl auch so
sein, denn noch nie trog mich solches Schauen! Doch halten wir uns nicht dabei auf! Wichtiger ist, daß wir des Herrn
nicht vergessen und unsere Pflicht erfüllen als Mensch zum Menschen und zu
aller Kreatur und so auch der Erde gegenüber. Dann wird Sein Segen nicht
ausbleiben! Doch all das Geschehene dieses Morgens nimmt uns fast den Sinn für
das Materielle; darum forderte ich euch auf, ins Haus zurückzukommen, etwas zu
essen und den heutigen Tag noch nützlich zu verbringen!“
Die Trennung von dem schönen Hügel wurde allen schwer.
Doch Maria und Martha dachten sogleich an ihre Pflichten gegen die Gäste und
eilten als erste zurück ins Haus. Lazarus war der Letzte. Beim Mahl wurde
wieder lebhaft über die letzten Ereignisse gesprochen, und alle waren fröhlich
im Herzen.
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<07. morgenandacht auf dem hügel.doc> |
08. Pilatus.
Mitten im fröhlichen Mahl öffnete sich die Tür, und
herein kam ein Soldat in römischer Kleidung, um dem Hauptmann einen Brief zu
übergeben. Beim Empfang erkannte der Hauptmann in dem Soldaten seinen
Engels-Freund und sprach heiter: „Nun, Freund, seit wann bist du in römischen
Diensten?“ Der Engel aber antwortete in seiner himmlischen Art: „Nicht in
römischen Diensten stehe ich, sondern im Dienste der ewigen Liebe! Lies diesen
Brief, dann wirst du sehen, wie nötig du meiner Dienste bedarfst!“
Der Hauptmann brach das Siegel, las und erblaßte; denn
es war seine Rückberufung nach Jerusalem! So er nicht dem Befehl nachkomme,
habe er mit seiner Verhaftung zu rechnen, stand in dem Brief zu lesen. Denn der
Hohepriester habe ihn bei Pilatus beschuldigt, den Raub Jesu aus dem Grabe
unterstützt zu haben! Für Jesu Auferstehung von dem Tode fehlten aber alle
Beweise! In dem Schreiben war noch vermerkt, allen Gerächten zufolge sei Jesus
nur bei Seinen Freunden erschienen, warum aber nicht im Tempel? Nun gab es für
den Hauptmann keinen Aufenthalt mehr! Es galt Abschied zu nehmen von
Bethanien und all den Freunden, die ihm so lieb geworden waren! Länger als
sonst ruhte seine Hand in Maria Magdalenas Hand, und Glück- und
Friedens-Wünsche folgten ihm auf den Weg. Nikodemus wollte gleichfalls zurück
nach Jerusalem, und so ward es ein wunderbarer Ritt, denn der Engel begleitete
sie. Gegen Mittag meldete sich der Hauptmann bei Pilatus, der sehr erstaunt
war, ihn schon zu sehen, worauf der Hauptmann erklärte: „Ja, wenn es nicht der
Wille des Nazareners gewesen wäre, so hätte ich jetzt erst die Botschaft in
Händen. Nun aber sandte mir der Nazarener diesen Boten, und so bin ich sogleich
hier, um die Anklage gegen mich zu entkräften! Vor allem aber dürfte es
endlich an der Zeit sein, den Hohenpriester Kaiphas unschädlich zu machen!
Siehe, mein Bruder, entweder sind die Aussagen der Templer Wahrheit, und die
Auferstehung des Nazareners ist Lüge! Oder umgekehrt: die Auferstehung ist
Wahrheit! Ich aber weiß bestimmt: Jesus, der Gekreuzigte und Begrabene lebt,
wie ich es dir schon verkündete.*)Siehe Heft 8/9! In Bethanien ist Er
heute bei uns gewesen; wir haben Ihn gesehen, und Er hat zu uns gesprochen und
uns versichert, daß durch Sein Leben auch wir dieses neue Geistes-Leben erhalten
können! Sende darum sofort diesen Boten - er ist ein Diener und Engel Gottes -
nach Bethanien und lasse dir schriftlich berichten über all diese Vorgänge am
heutigen Morgen! Während der Bote unterwegs ist, schildere ich dir schon unsere
Erlebnisse mit Jesus. Dies dürfte dir doch dann ein Beweis sein für die
Wahrheit der Auferstehung, wenn die Antwort von Bethanien mit meiner
Schilderung übereinstimmt. Denn hier handelt es sich nicht um meine Ehre, sondern
um die Wahrheit des von den Toten auferstandenen Jesus!“
Pilatus ließ ein Schreiben an Lazarus in Bethanien anfertigen
und brachte darin die Bitte zum Ausdruck, alle Vorgänge in Bethanien seit dem
Osterfeste so gut wie möglich zu schildern, da er Beweise brauche! Denn der
Hauptmann stehe unter Anklage, den Leichnam Jesu mit Freunden geraubt zu haben
und einen anderen dem Volke vorzustellen, als ob Jesus lebe! Pilatus glaubte
dem Hauptmann zunächst nicht, daß dieser Soldat ein Engel Gottes sei; vielmehr
war er der Ansicht, daß der Hauptmann schon auf der Rückkehr begriffen gewesen
sei und unterwegs den Soldaten getroffen habe. Pilatus ließ sich nun vom
Hauptmann im Beisein von anderen Hauptleuten alles schildern; er schaute ihn
manchmal betroffen an, unterbrach ihn aber nicht. Als der Hauptmann seinen
Bericht beendet hatte, gab Pilatus ihm die Hand und sagte: „Kommt der Bericht
von Bethanien deinem nur in etwa nahe, dann bist du gerechtfertigt, und ich
glaube dir! Alles Weitere warte ich nun ab.“
Es vergingen kaum zwei Stunden*)die Lazarus
brauchte, das Schreiben zu beantworten., da meldete sich der Bote zurück,
worüber Pilatus nun wieder sehr erstaunt war. Der Bote übergab ihm eine
vollgeschriebene Rolle; Pilatus las zuerst die Unterschriften, deren Namen
schon allein für die Wahrheit bürgten! Laut las Pilatus dann dem kleinen Forum
den ganzen Bericht vor, und es war fast dasselbe, was der Hauptmann erzählt
hatte. Aufgeregt ging er hin und her, reichte dem Hauptmann die Hand und sagte:
„Verzeihe, daß ich dir, einem Römer, einen Augenblick nicht glaubte, sondern
die geschickt gewählten Anklagen des Tempels für Wahrheit hielt. Nun aber sende
ich dich in geheimer Mission nach Rom! Der Kaiser muß von den Vorgängen hier
erfahren, das ist einfach unsere Pflicht! Denn wir haben einen Unschuldigen getötet,
wir haben nach dem Schein geurteilt! Doch Geschehenes läßt sich nicht ändern!
Mache dich sofort zu dieser Reise bereit, eine Kohorte wird dich begleiten!
Doch es muß geheim bleiben, damit der Tempel nichts vereitelt! Nimm diesen
deinen Freund nur mit, so er will, und morgen früh beim Aufbrach nimmst du
meine Schriftstücke an den Kaiser in Empfang.“ Damit verabschiedete Pilatus
sich. -
Der Hauptmann aber war innerlich ergriffen von dieser
Wendung, die ihn nun zwang, von Jerusalem wegzugehen! Vor seine Augen trat das
Bild der Maria Magdalena. „So gerne ich von hier weggehe, so ungerne gehe ich
aus deiner Nähe“, dachte er „doch Befehl ist Befehl!“ Und sogleich kam ihm der
Gedanke, nochmals nach Bethanien zu gehen und beim Vorbeiziehen dort eine kurze
Rast zu machen. Der Engel reichte ihm nun die Hand und sprach: „Lieber Freund!
Freue dich dieser deiner Mission, denn du darfst von Jesus zeugen! Kein Weg
darf dir zu weit sein, keine Mühe zu groß und kein Opfer zu schwer! Denn was du
für Jesus, den Auferstandenen, tust, das tust du für dich und für alle
Menschen. Pilatus hat Furcht, weil er einen Unschuldigen gerichtet hat, und
hofft, da du Zeuge Seiner Auferstehung bist, die Strenge des Kaisers durch dich
zu mildern, um seinen Platz hier in Jerusalem weiter zu behalten. Ich gehe
nicht mit dir, sondern komme nur gelegentlich, je nach dem Willen des Herrn,
sichtbar zu dir. In Kürze aber wird Jesus, wie in einer Wolke, sichtbar von
dieser Erde enthoben werden! Und dieses wird das Zeichen sein, daß Seine
Mission als Mensch hier beendet ist, und daß eine neue Zeit beginnt! Nicht
etwas anderes sollt ihr dann tun, o nein! Nur was Er als Mensch allen
vorgelebt, sollet auch ihr stets tun, und was Er alle Menschen gelehrt, sollen
sie glauben und dann ihr Leben darnach einrichten! Dann wird Er zu allen denen
kommen, die diese Seine Bedingungen erfüllt haben, und wird sie erfüllen mit
Seinem Geist der Liebe und der Wahrheit! Darum gehe getrost! Der Herr sei mit
dir und in dir! Friede sei mit dir!“ - und verschwunden war der Engel.
Nun kam Pilatus noch einmal zurück und lud den Hauptmann
ein, als Gast in seinem Hause ein Mahl einzunehmen. Er fragte noch: „Wo ist
dein wunderbarer Freund hingegangen?“, und war sehr erstaunt, zu hören: „Er
ist in sein wahres Sein zurückgekehrt! Denn er ist ja kein Mensch, sondern ein
Engel, ein Diener Gottes!“ Kopfschüttelnd schaute Pilatus seinen Hauptmann an,
dann gingen sie nach oben in seine Wohnung. Beim Eintritt kam das Weib des
Pilatus ihnen schon entgegen, und lachend sprach Pilatus: „Nun siehe dir
unseren Gast nur recht an, denn er ist, gleich dir, ein Schwärmer für den
Nazarener! Und denke dir: ein Zeuge Seiner Auferstehung! Nie in meinem Leben
hätte ich gedacht, daß Jesus von Nazareth mir jetzt mehr Sorgen macht, als da
Er noch lebte! Und wer weiß, was noch kommen wird.“
Der Hauptmann aber entgegnete: „Dieses stimmt nicht
ganz, denn Sorgen kann Er nur denen machen, die an Seiner hohen Mission
zweifelten und Ihn, ohne zu prüfen, verurteilten, wie der Tempel es getan!
Bruder, gehe einmal zu Seinen Freunden, welche biedere Männer, ehrenwerte
Juden und achtungswerte Römer sind! Dort wird dir Wahrheit über Seine Lehre
gegeben. Welch herzliches Verhältnis waltet unter Jesu Freunden, und welcher
Eifer, nur Gutes zu tun! Ähnliches habe ich unter Römern, Griechen und Juden
noch nie gefunden! Das Allerherrlichste von Jesu Lehre aber ist: Wir alle sind
Brüder untereinander! Und Er, Jesus, als unser Schöpfer, unser Gott und
Erhalter, will allen denen Vater sein, die Sein Göttliches Leben in sich
aufnehmen wollen! Dieses Leben aber wird sich als selbstlose Liebe und segnende
Tatkraft zuerst im innersten Herzen bekunden! Und mit solchem Innen-Leben wird
man Ihm erst nachfolgen können, um das herrliche Ziel zu erreichen, im Geiste
Jesu wahrhaft vollkommen zu werden! Bewußter in der Liebe, bewußter in der
Wahrheit, um mit diesem Ur-Grund-Leben in uns dann auf dieser Erde ein neues
Geschlecht erstehen zu lassen! Denn aufhören können erst der Haß und die Lüge,
wenn sie aus dem Gottes-Geiste Jesu im Menschen - sofort erkannt werden, und
wir uns dadurch nicht mehr täuschen oder von ihnen beherrschen lassen. Darum
gehe ich gern nach Rom! Aber vorher möchte ich noch einmal nach Bethanien, um
von meinen neuen Freunden Abschied zu nehmen. Vielleicht gehet ihr mit und
lernet in jenem Kreise diesen neuen Geist brüderlicher Liebe und gegenseitiger
Achtung kennen?“
Pilatus lehnte ab; aber sein Weib Claudia bat so
dringend, daß er seine Einwilligung gab, dann nahmen sie das Mahl ein.
Inzwischen wurde der Bericht an den Kaiser geschrieben, den ein Sekretär nach
den Anweisungen Pilatus anfertigte. Pilatus unterschrieb, versiegelte die Rolle
und überreichte sie dem Hauptmann, der feierlich versprach, dieselbe im Sinne
des Pilatus dem Kaiser zu überreichen, so es der Wille Gottes sei! Claudia
bat, doch noch am Abend nach Bethanien aufzubrechen; und beide Männer gaben
ihre Anweisungen, damit die Abreise bald erfolgen konnte. Zwei Unterführer
erhielten von Pilatus den Befehl, in zwei Stunden mit zwanzig Mann in
vollständiger Ausrüstung und Verpflegung für zwei Monate im Hofe zu sein und
nur die tüchtigsten Leute auszuwählen. Ebenso bat Pilatus den Hauptmann, in
zwei Stunden abmarschbereit sich wieder einzufinden. Dieser eilte in seine
Wohnung, wo schnell gepackt wurde; einige Zeilen sendete er noch an Nikodemus,
um ihm mitzuteilen, daß er in Sachen Jesu nach Rom ziehen müsse.
Zur festgesetzten Zeit waren Soldaten und Pferde im
Hofe des Landpflegers zur Abreise bereit, und die Leute waren voll Neugierde,
wohin wohl diese Reise, so schnell und unvorbereitet, gehen werde. Pilatus,
den Hauptmann an seiner Seite, trat mit seinem Weibe unter die von Waffen
starrenden, herkulischen Gestalten und sprach zu ihnen: „Soldaten! Ich sende
diesen meinen und euren Hauptmann in besonderer Mission zu unserem Kaiser nach
Rom! Es ist eine besondere Ehre für euch, ihn zu begleiten! Und darum erwarte
ich auch, daß ihr jederzeit einsteht für das Leben eures Hauptmanns! Denn von
dieser Mission hängen ab die Geschicke Roms wie auch die unsrigen! Der Kaiser
wird entscheiden über unsere Zukunft hier, und ich hoffe, euch alle gesund
wieder zu sehen nach eurer Rückkehr! Es geschehe!“ Nun erhielt der Hauptmann
das Kommando über die kleine Schar und sagte dann: „Im Namen des Allmächtigen
wollen wir die weite Reise antreten! Sein Beistand wird uns zum Ziele führen!“
Pilatus nahm mit seinem Weibe in dem besonders bereitgestellten Wagen Platz,
und im scharfen Trab ging es auf die Reise.
Der Tag neigte sich. In Bethanien war man ebenso
erstaunt wie hocherfreut über die Gäste, die der Hauptmann mitbrachte. Lazarus
begrüßte Pilatus und sein Weib auf das herzlichste - und führte sie in sein
Haus, indem er zu Pilatus sprach: „Betrachte es als das deinige, hoher Herr,
und fühle und empfinde den Geist, der in diesem Hause herrscht!“ Dann machte er
ihn mit den ändern Gästen bekannt.
Pilatus wurde bis ins Innerste erschüttert, als
Lazarus ihm Maria als die Mutter Jesu vorstellte! Aber ihr stiller, reiner
Blick und ihr sanfter Händedruck sagten ihm: „Hier ist mehr denn menschliches
Verzeihen! Hier ist himmlisches Verstehen!“ Und jetzt erst fühlte er die
Schuld, die große Schuld, die er mit Wasser von seinen Händen glaubte abwaschen
zu können, und so stammelte er fast: „Hätte ich gewußt, was ich heute weiß:
Jesus würde noch leben!“
Maria antwortete ihm sanft: „Jesus lebt! Er hat den
Tod überwunden und aus Seiner tiefen Liebe heraus allen vergeben! Darum habe
ich dir nichts mehr zu verzeihen! Im Sinne des Herrn aber sage ich dir und
deinem lieben Weibe: Seid herzlich willkommen in Bethanien! Der Geist des
Friedens und der Liebe erfülle auch euch, daß ihr eingedenk bleibet dieser
heiligen Stunde! Auch mir bereitet euer Kommen nur Freude! War unser Leid auch
überwältigend und der Schmerz fast unerträglich, so ist doch die Freude über
Seine Auferstehung noch tausendfältig größer! Denn hier wirkt unseres Gottes
Gnade übermächtig!“
Auch der Hauptmann begrüßte die Freunde und gab ihnen
seine neue Mission kund. Dann suchte er Maria Magdalena; lange hielt er ihre
Hand in der seinen, schaute ihr tief in die Augen und sagte: „Nur um
deinetwillen kam ich noch einmal nach Bethanien; morgen bin ich schon über die
Grenzen Judäas hinaus.“
Lazarus fragte die Diener, ob auch alle Soldaten und
Pferde gut untergebracht wären, was ihm zugesichert wurde. Der Hauptmann
sprach: „Wenn deine Diener sagen, daß es in Ordnung ist, so glaube ich es
auch; doch, lieber Bruder, wenn es dir recht ist, so laß mich in dieser Nacht
einmal mit dir allein etwas besprechen.“ Hier sagte Lazarus ihm gern zu.
Beim Mahle herrschte fröhliche Stimmung, da alle eines
Sinnes waren, und fast hatte man vergessen, daß der oberste römische
Befehlshaber unter ihnen weilte. Johannes, in seiner sanft-ernsten Art, erzählte
manche Begebenheit aus dem Leben des Herrn. Als aber Lazarus von seiner
Auferweckung durch Jesus erzählte, da schluchzte der stolze Römer. Pilatus
sagte: „O, meine Schuld, meine große Schuld an Ihm! - Jetzt wird sie zu einem
Berg, der mich zu erdrücken droht! Wer, wer nimmt solche Schuld von mir?“
Lazarus legte seine Hände auf Pilatus’ Schultern und
sprach: „Nicht so, Bruder! Es gibt keine Schuld, die nicht durch Gutes-Tun
getilgt werden könnte! Doch, willst du wahrhaft gut machen, wo du glaubst,
gesündigt zu haben, so biete deinen ganzen Einfluß auf, daß den Freunden Jesu
nicht zu viel Übles vom Tempel aus geschieht; denn die Templer werden nicht
aufhören, Jesu Lehre zu bekämpfen, da sie argen Herzens sind. Bei solchem
Gutes-Tun wirst du in dir selber dann erfahren, daß Jesus dir vergeben hat!
Wohl sind wir überzeugt von Seiner göttlichen Wahrheit, Kraft und Herrlichkeit!
Aber soll diese Erkenntnis nur uns nützen? O nein! Die ganze Menschheit muß es
nun erfahren: In Jesus lebte die Kraft und Herrlichkeit Gottes!“
Lazarus schwieg. Pilatus aber gab ihm keine Antwort
auf seine Worte, sondern verblieb in tiefem Sinnen. In seinem Inneren
arbeitete es übermächtig, und noch einmal zogen all die Szenen an seinen Augen
vorüber! Noch einmal trat die schwere Frage: „Was ist hier Wahrheit?“ vor seine
Seele; da war es ihm, als sehe er, in sich, eine Sonne mit mildem Licht
aufgehen; er stand auf und ging schweigend hinaus.
Claudia beobachtete ihren Mann und sprach zur Mutter
Maria: „Lasset ihn jetzt gehen; er braucht Alleinsein; zu mächtig sind die
Eindrücke, die wir hier erleben. Warum sind wir nicht früher mit euch
zusammengekommen? Es- wäre uns allen viel Kampf und Leid erspart
geblieben.“
Tröstend antwortete Maria ihr: „Claudia, lasse alles
Vergangene vergangen sein! Wenn die Nacht vorüber ist, und der Tag mit seinem
Licht uns alle Schönheiten des Lebens offenbart, da gedenken wir auch nicht
mehr der Nacht, sondern freuen uns und danken beschwingten Herzens dem gütigen
Schöpfer, daß Er uns einen winzigen Teil Seiner so herrlichen Schöpfung zeigt. So lasse es auch in
dir sein! Die letzten Tage glichen einer
Nacht, in der schwere Gewitter und Erderschütterungen sich abwechselten. Sie
ist vergangen, und vor uns liegt ein Tag, der nicht mehr vergehen wird! Denn
Jesus ist nicht tot! Er war uns nur eine kleine Zeit genommen, um für ewig bei
uns, um uns und in uns zu bleiben, je nach unserem Wollen und unserer Hingabe
an Ihn!“
Claudia sprach: „Allerbeste Mutter! Dies verstehe ich
noch nicht ganz, aber deine Worte erfüllen mich mit einer seligen Wonne, die
ich noch nie in meinem Leben erlebte. Eure Liebe, eure Verbundenheit
untereinander zeigen mir ja, was ich in meinem Leben immer vermißte. Was in der
Stadt, in unseren Kreisen, Höflichkeit und Sitte verlangen, finde ich hier ungekünstelt
in eurer Liebe, in dem Geiste, nach dem sich längst mein Herz sehnte.“
Der Hauptmann unterhielt sich unterdessen mit Maria
Magdalena, und für beide Seelen war dies wie ein Gnaden-Geschenk. Als Pilatus
hinausging, folgte ihm auf dem Fuße Lazarus. Pilatus setzte sich unter einem großen Baum auf eine Ruhebank, zu der
auch Lazarus kam und sprach: „Mein Freund, ich fühle in mir das Verlangen, dich
nicht allein zu lassen mit deinem inneren Kampf. Auch uns ist es so ergangen,
da die Jesus-Wahrheit alle Irrtümer in uns erschütterte! Sprich dich nur nicht
selbst schuldig, sondern lege alle Schuld Dem zu Füßen, dem du glaubst das
größte Unrecht zugefügt zu haben! Mir ist dein innerer Kampf bewußt, und darum
bin ich dir gefolgt, da es im Sinne Jesu liegt, einen jeden, der da kämpft und
leidet, zu stützen und zu stärken! Wie bei uns, wird es auch bei dir werden:
Das Alte wird vergehen, es wird alles neu werden! Schon künden sich in dir
Hoffnungsstrahlen des kommenden Friedens; sei versichert, dies ist ein Beweis
der Vergebung durch unseren Jesus! Trage auch du dazu bei und erhalte dir dann
diese Gnade der ewigen Gottesliebe, indem du Jesum, als den allmächtigen Herrn
Himmels und der Erden erkennst und anerkennst! Er hat allen Tod überwunden! Und
auch Seinen Kindern, Seinen Brüdern und Anhängern ist dasselbe zugesagt, wie
ich selber als Beweis dir gelten kann. Darum, mein Bruder, lebe nicht mehr der
Vergangenheit nach, sondern dem Kommenden entgegen!“
Pilatus sprach: „Lazarus! Du rechter Freund! Wahrlich,
der heutige Tag gibt und gab mir ein neues Leben! Noch ist es nicht so klar in
mir, wie es sein sollte nach dieser erlebten Stunde; denn ganz hinwegwischen
lassen sich die Erinnerungen dieser vergangenen Tage nicht. Gerne hätte ich
Jesus gerettet, da mein Weib mir erzählte, sie hätte im Traum Jesus gesehen,
umgeben von unzähligen Engeln. Diese heimlichen Engel hätten immer gerufen:
»Heil dem ewigen Überwinder des Todes und der Hölle! Wehe aber euch in
Jerusalem, da ihr Jesum richtet und ihn kreuzigt; euer Teil wird sein der ewige
Tod!« Es gelang mir nicht, Ihn zu retten, und die Vorwürfe in mir, doch nicht
alles getan zu haben, was zu tun nötig gewesen wäre, legen sich nicht. Auf der
einen Seite zieht es mich innerlich hin zu euch und zu Jesus, aber auf der
anderen Seite steht meine Schuld!“
Lazarus antwortete ihm: „Bruder! In dem Kommenden findest
du neue Aufgaben, um. Dem zu dienen, zu dem dein Herz dich zieht. Dann fallen
von selbst die Schranken, die die Schuld in dir errichtet! Denn, im Geiste Jesu
sich betätigen, darin liegt das erlösende Abtragen unserer Schuld! So viel ich abtrage,
eben so viel baue ich auf! Und bald wird
es auch dir offenbar werden, daß dein Tun gesegnet ist! Willst du dich würdig
machen dieser großen Gottes-Gnade, dann wache über die Templer; denn in ihrem
Hochmut kennen sie nun keine Grenzen, nur der Macht eines Römers beugen sie
sich. Du wirst in dir die Bestätigung erhalten, daß du gewürdigt wirst von Ihm,
für Ihn und Sein herrliches Werk zu arbeiten! Siehe, alle Schönheiten des
Himmels sind nichts gegen das, was Gott bereitet hat denen, die für Ihn die
Hände und Füße regen und mit ihrem Herzen bekunden: »Er ist mein Herr und Gott,
mein Vater und Erhalter!« Komme mit ins Haus, die Stunden eilen und vergehen,
aber der Geist der ewigen Liebe bleibt, so wir in der Liehe verbleiben!“
Beide erhoben sich, und im Gehen sprach Pilatus:
„Bruder, Bruder bist du mir, dies fühle ich lebendig! Sei mir auch weiterhin
Bruder, um mich zu stützen und zu stärken! Sollte ich aber in meine alten Zweifel
zurückfallen, so rüttle mich auf und erinnere mich an diesen Tag! Doch ich
hoffe, daß Jesus den Sieg über mich feiern kann.“ Lazarus sprach: „Freue, freue
dich; denn des Menschen größtes Glück kommt nur von Jesus!“ Beide traten wieder
ins Haus, und Pilatus sah sein Weib glücklich an der Seite Marias. Er ging hin
zu den beiden und sprach: ..Meine Teuren! Der heutige Tag ist ein Wendepunkt
in meinem Leben! Von heute an weiß ich, daß ich ohne diese Liebe nicht mehr
leben kann! Es ist nicht zu begreifen, was wir bis jetzt versäumt haben. Wohl
versuchte ich, in Wahrheit, Recht und Pflichterfüllung meinem Kaiser und
meinem Volk zu dienen! Aber ich sehe ein: Ohne diesen Geist von Liebe, Achtung
und Hingabe ist jede Pflichterfüllung einseitig! Darum danke ich euch allen!
Dir, meinem Hauptmann, zuerst, da du den Mut fandest, dein in dir gewecktes
Gottes-Leben in meiner Gegenwart nach außen zu stellen! Und euch, ihr lieben
Bethanier, weil ihr mir zeigtet und mich erleben ließet den Geist des Jesus von
Nazareth! Es hätte dieser Worte nicht bedurft, denn in Bethanien ist alles
durchdrungen vom Geiste der Liebe und des Verstehens! Aber ich hoffe, euch
allen den Beweis zu erbringen, daß auch ich mich an eure Seite stelle und mit
helfen will, im Geiste des Gekreuzigten und Auferstandenen Sein göttliches
Werk zu fördern! Lasset uns für heute Abschied nehmen und nochmals danken!“
Auch Claudia verabschiedete sich und sprach: „Die wenigen
Stunden unter euch haben es fertiggebracht, daß ich sagen muß: Ihr seid mir
teuer geworden! Was ich heute Liebes und Gutes erlebte, was ich heute empfangen
habe an Liebe und Verstehen, ist unaussprechlich! Darum Dank, herzlichen Dank
Dir, o guter Jesus! Über welche Herrlichkeiten mußt Du verfügen, wenn Du uns
schon so beglücken kannst, die wir nicht mit Dir gingen! Darum erbitte ich mir
Deine Huld und Gnade, damit ich Dein sein und bleiben kann für alle Zeiten!
Bald sehen wir uns wieder, damit wir Eins werden im Lieben - wie im Dienen!“
Lazarus aber sprach: „Ziehet in Frieden heim nach
Jerusalem! Der Geist der Liebe und des Friedens geleite euch - und festigte
euch im Glauben und im Vertrauen auf Jesus - unseren Herrn!“ -
<08. pilatus.doc>09. Maria Magdalena.
Dann sprach Lazarus zum Hauptmann: ,,Komm Bruder, wir
wollen noch einige Augenblicke in den Garten gehen, da du mit mir zu sprechen
wünschest.“ Dort ließen sie sich an einem Tisch nieder, und der Hauptmann
sprach: „Höre, mein Bruder! Deine Liebe war mir eine große Wohltat, wie ich sie
in meinem Leben bisher nie empfunden habe. Die Umstände zwingen mich nun, an
deine Liebe eine große Bitte zu richten; du weißt, ich muß jetzt nach Rom, doch
mein Herz bleibt in Bethanien! Ich liebe Maria Magdalena und möchte sie zu
meinem Weibe machen, habe aber noch kein Wort zu ihr davon gesprochen, und so
liegt die Zukunft ungewiß vor mir. Maria Magdaiena befindet sich als Gast in
deinem Hause, lieber Bruder Lazarus, behalte sie so lange hier, bis ich wieder
zurück bin. Ich denke, wenn ich solch ein Heim mir gründen könnte, wie du es
hier besitzest als eine Pflegestätte für den Geist unseres Meisters Jesus, so
würde ich gern aufhören, Soldat zu sein!“
Lazarus antwortete erfreut: „Tue erst deine Pflicht in
dieser gerechten göttlichen Sache! Denn die Gnade, die du erfahren, und
alles, was du im Geistigen schon erleben durftest, verpflichtet dich zu größtem
Eifer für die Sache Jesu! In Magdalena aber würdest du ein Geschenk des Himmels
erhalten, denn noch keiner hat solche Liebe dem Herrn entgegengebracht wie
sie. Sie ist nicht arm, und eure Zukunft wäre nicht dunkel, sondern könnte
sonnig und von Gnadenwellen der ewigen Liebe erfüllt sein, wenn du eine Pflegestätte
gründen würdest für unsere noch verirrten, suchenden Menschenbrüder! - Laß mich
unterdessen Umschau halten danach, aber nicht hier, in meinem Heimatlande,
sondern außerhalb Judäas müßte es sein! Denn der Meister hat mir offenbart:
»Hier wird einst kein Stein auf dem ändern bleiben!«, und bei der Verkündigung
Seiner Lehre sollten wir gleichzeitig Schutzstätten gründen für obdachlose Brüder
und Flüchtlinge! - Nun laß uns hineingehen! Meinen Segen und meine Wünsche hast
du schon jetzt zu deiner Wahl.“
Wieder im Saale angelangt, bat der Hauptmann nun
Magdalena um einige Minuten Beisammensein im Garten; zögernd stand sie auf und
ging mit ihm hinaus. Draußen aber fiel ihm das Reden schwer; doch als endlich
der Bann gewichen, sagte er entschlossen: „Maria Magdalena! Morgen bin ich
schon weit von hier; die Pflicht gebietet, und ich muß gehorchen! Aber mein
Herz bleibt hier zurück, und nur darum habe ich nochmals Bethanien aufgesucht,
um mit dir zu sprechen. Siehe, ich liebe dich mehr als eine Schwester! Die
Umstände verlangen, wenig Worte zu machen, und so frage ich dich: Willst du
mein Weib werden? Ich brauche dich als Helfer und Berater für mein neues Leben!
Ich möchte aus Dank gegen Jesus ein Heim gründen, wie es hier bei Lazarus ist,
zur Aufnahme vieler Freunde der Lehre Jesu! Mit Lazarus habe ich gesprochen; er
will mir gern dabei behilflich sein; und so bitte ich dich um deine offene Antwort.
Wie sie auch ausfallen möge: ich bleibe immer dein Bruder im Geiste Jesu!“
Magdalena antwortete sinnend: „Lieber Bruder! Auch ich
habe schon darüber nachgedacht, wie ich mein Leben künftig gestalten möchte, um
dem geliebten Meister am besten zu dienen! Ich wollte vorläufig dem Bruder
Lazarus mit seinen Schwestern Maria und Martha hier helfend zur Seite stehen.
Siehe, ich liebe nur Jesus! - Doch Er lehrte mich, Ihn so zu lieben, daß mir
aus Seiner Gegenliebe stets die Kraft zuströme, um andere zu lieben und ihnen
ihr Erdenleid zu erleichtern! Darum könnte dein Wunsch nach einer rechten
Pflegestätte für Jesu Freunde wohl auch der meinige werden. Doch muß ich dir
zuvor bekennen: Ich bin keine Jungfrau mehr! Ich war einst eine tief Gefallene,
und nur Jesus allein danke ich es, daß ich wieder zu einem Menschen wurde!
Darum überlege dir deine Frage noch, lieber Bruder! Nur, wenn ich wüßte, daß
dies auch Jesu Wille ist, möchte ich dir wohl angehören, da du den Geist und
die Erbarmung Jesu in dich aufgenommen hast! Und nun rede du und sei auch du
offen zu mir.“
Der Hauptmann antwortete beglückt: „Maria Magdalena!
Was kümmert mich deine Vergangenheit? Bist du gewürdigt worden vom Herrn alles
Lebens, daß Er, in Seiner unendlichen Liebe und Gnade, einen Schlußstrich unter
dein vergangenes Leben zog, und daß du Ihm nun dienen darfst, so will ich mich
als glücklichsten Menschen betrachten, wenn du mein Weib werden willst, das ich
als ein Gnadengeschenk der ewigen Liebe dankbar annehme. Ich verspreche dir im
Angesichte Jesu, so zu leben, daß du nie bereuen brauchst, mich als Fremden
deines Landes mit deiner Liebe beschenkt zu haben!“
Magdalena sank bewegt auf ihre Knie und betete laut:
„O Jesus! Du Gütiger! In Deine Hände wollen wir unsere Zukunft legen! Wache Du
über uns! Und gibt uns die rechten Gedanken und richtigen Erkenntnisse, damit
wir unseren Bund, gestützt auf Deinen Geist und Deinen Segen, in Deinem Sinne
verwirklichen und zeugen dürfen von Deiner Liebe, Kraft und Herrlichkeit!
Amen.“
Da, auf einmal wurde es Licht um sie, und Jesus stand
plötzlich vor ihnen. Sanft sprach Er: „Meine Kinder! Im Geiste reichte Ich euch
beiden schon Meine Hände, nun du Mich aber nochmals gebeten hast um Meinen
Segen, so will Ich auch sichtbar bei euch sein und sage euch: Werdet eins in
allen Dingen, im Wirken, Tun und Schaffen, und laßt Mich jederzeit in eurer
Mitte sein, damit ihr allen drohenden Stürmen gewachsen seid! Denn bis jetzt
konnte Ich euer Wächter sein und konnte wie eine Mutter sorgen und wie ein
Vater schaffen! Wenn Ich aber aufgefahren sein werde, dann kann Ich nur noch
in euch wirken und schaffen! Und dazu ist viel Kraft, viel Demut und volle
Hingebung eurerseits nötig! Kein Schmerz darf euch niederdrücken! Doch den
Schmerz eurer Mitmenschen müßt ihr mitfühlen. Kein Leid darf euch die Freude am
Dienen nehmen! Doch das Leid der anderen soll euch stark machen, das Übel zu
beseitigen, welches Leid verursacht! Keine Sünde darf trennend stehen zwischen
euch und den Menschen, denn Ich war und bin es und werde es für ewig bleiben,
der über allen Sünden steht! Überall, wo die Sünde mit ihrem Verderben
verheerend eingebrochen, dahin gehet und reichet liebend eure Hände zum Helfen
und Erretten! Dies sei der Grundstein für eueren Lebensbund! Sage, meine Tochter,
damit alle Engel es aus deinem Munde erfahren, hast du ein anderes Ziel?“
Tränenden Auges sprach Magdalena: „Nun ich es nochmals aus Deinem Munde
erfahre, Jesus, weiß ich: Das höchste Ziel, es ist nicht an Dir, sondern Du in
mir! O, Herr Jesus, gib mir Kraft zum Gelingen! Dein Wille geschehe und sei
auch der meine.“ Liebreich antwortete Jesus ihr: „Nun komm an Meine Brust, Mein
Kind; denn jetzt bist du gereinigt! Und nun komm auch du, Mein Sohn, und fühlet
beide, was für Seligkeiten Ich denen bereiten kann, die Mir ihr Erdenleben
weihen!“
Nun hörten beide den Gesang himmlischer Engel-Chöre,
denn auch viele aus dem großen Geisterreiche waren Zeuge dieser gnadenvollen
Szene. Dann sprach Jesus: „Nun habet ihr die Weihe von Mir empfangen für euren
Lebensbund! Doch nur Wenigen kann solch sichtbare Gnade zuteil werden. Bleibet
gut und treu! Haltet fern von euch alle Einflüsse der Finsternis und leuchtet
wie ein heller Stern in aller geistigen Nacht, damit Mein Werk gedeihe, damit
der Anfang der Erlösung allen offenbar werde! Und nun seid gesegnet aus Meinem
Geiste der Liebe und der Tatkraft, damit die Fußspuren eurer Tritte überall
verraten und verkünden: Hier wandelten Gotteskinder! Amen!“
Der Meister war verschwunden! Schweigend und
tiefbewegt verharrten beide, dann sprach der Hauptmann: ,,Maria Magdalena! Vor
Gott sind wir nun eins geworden! Bleibe nun in Bethanien; hier findest du
genügend Zeit, allen von unserer Weihe durch Ihn, unseren Gott, zu erzählen!
Ich aber gehe nun gern nach Rom, denn nun habe ich ein so herrliches Ziel vor
mir! Und so wollen wir hier Abschied nehmen, es ist der Wille des Herrn! Sein
Wille geschehe!“ Und so gingen sie beglückt zurück ins Haus.
Lazarus aber schlug vor, noch etwas der Ruhe zu
pflegen, da der Hauptmann ja eine weite Reise antrete, und so lagerten sich die
Gäste und machten es sich bequem; für die Frauen aber waren Zimmer
hergerichtet. Als sich der erste Sonnenstrahl zeigte, wurde es im Hause
lebendig; der Hauptmann weckte seine Soldaten, die Pferde wurden versorgt, und
im großen Gastzimmer hatten sich schon die Freunde versammelt, um Abschied zu
nehmen. Noch einmal drückten sie sich die Hände, und Magdalena konnte sich der
Tränen nicht erwehren. Als der Befehl zum Abmarsch gegeben war, scheute das
Pferd des Hauptmanns.*)als Entsprechung der Schwierigkeiten, die ihm noch
bevorstanden. Magdalena schrie auf, aber die starke Faust des Römers
behielt die Oberhand. - Noch einmal grüßte er zurück, und dann ging es in
scharfem Trab ins Ungewisse, einem weiten Ziel entgegen.
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<08.
pilatus.doc> |
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10.
Rom.
Von weitem schon
sah der Hauptmann die große Stadt, und nun konnte er nicht unterlassen, seinen
Untergebenen zu danken für ihre Treue und Aufmerksamkeit, wodurch die ganze
Karawane nicht einen einzigen Unfall oder Zwischenfall auf ihrer langen Reise
hatte. Mit einem letzten scharfen Ritt erreichten
sie Rom und suchten sogleich die Wachen des Stadt und Palast-Kommandanten auf.
Als der Hauptmann von seiner Mission an den Kaiser berichtete, sprach der
Kommandant: „Das trifft sich gut! Denn auch der hohe Cyrenius ist hier anwesend;
ich werde dich sogleich anmelden; und die Quartiere für deine Soldaten werden
auch sogleich verteilt.“ Hocherfreut dankte der Hauptmann dem Kommandanten,
aber im Herzen noch mehr seinem herrlichen Gott, der alles so wunderbar führte.
Nach einer Stunde, als er sich etwas erfrischt hatte, kam schon eine Ordonnanz
mit dem Befehl, sobald wie möglich sich im Empfangszimmer seines obersten Herrn
zu melden, und wenige Minuten darauf befand er sich dem Kaiser und Cyrenius
gegenüber.
Lange schauten die beiden den Hauptmann an, dann erst
begrüßte der Kaiser seinen Hauptmann. Dieser überreichte ihm die versiegelte
Rolle des Pilatus, welche der Kaiser sofort erbrach und las. Inzwischen
unterhielten sich Cyrenius und der Hauptmann miteinander-, sie kamen aber zu
keinem rechten Austausch, da sich der Kaiser beim Lesen erregte und dem
Cyrenius die Rolle überreichte. Sinnend schritt der Kaiser im Zimmer auf und
ab; als aber Cyrenius alles gelesen hatte, sagte er zu seinem Bruder, dem Kaiser:
„Nun, zweifelst du noch daran? Ich wußte es längst, daß der Tempel zu Jerusalem
nur Lüge und Rache im Schilde führt.“
Der Hauptmann mußte nun ausführlich alles berichten,
was er wußte und selber erlebt hatte. Cyrenius konnte nicht genug Einzelheiten
darüber hören, denn jetzt wurde Jesus ihm wieder persönlich lebendig; doch der
Kaiser war nicht davon zu überzeugen, Jesus sei von den Toten auferstanden!
Dann erfuhr der Hauptmann, daß auch der Tempel schon Boten nach Rom gesandt
habe, die gestern ihre Anklagen gegen Pilatus und gegen ihn selber vorgebracht
hätten-, Cyrenius aber habe diese Tempelbotschaft sogleich als Lüge erkannt.
Hierbei konnte nun der Hauptmann einen tiefen Einblick in das innere Getriebe
des Tempels tun; und nun erst sah er ein - wie notwendig seine eilige Mission
an den Kaiser war.
Vor seinen geistigen Augen erschien das Bild Jesü - in
Seiner großen unendlichen Liebe zu den Menschen. So erbat er sich noch einmal
das Wort, um die traurige Szene auf Golgatha zu schildern, und schloß mit den
Worten: „So endete dieser wunderbare Mensch, der in Seinem Herzen eine Liebe
entfaltete, die auch das allergrößte Unrecht vergeben konnte! Nicht ein
einziger Blick verriet, daß Er etwa diesem ganzen Vorgang ohnmächtig gegenüber
stehe! Nein! - Auch Seine Jünger und Seine Anhänger geben Ihm dieses Zeugnis:
»Er wollte, daß es so an Ihm geschehe!« Ihre ehrliche Liebe und Liebe-Tätigkeit
zu allen Menschen zeugen von dem Geist der Wahrheit und der Selbstlosigkeit
ihres Meisters. Ich selber habe Jesus nach Seiner Auferstehung gesehen und
bekenne frei und freudig: Jesus lebt! Und wir dürfen nun auch in Seinem Geiste
leben.“
Cyrenius dankte dem Hauptmann und lud ihn als Gast in
sein Haus. Der Kaiser aber zweifelte an der Rede seines Hauptmanns, zweifelte aber
auch an der Botschaft des Tempels - und überließ darum dem Cyrenius die
Fortführung der weiteren Verhandlungen. Der Hauptmann verlebte nun einige
ruhige Tage als Gast im Hause des Cyrenius und durfte von der Kraft und
Herrlichkeit Jesu zeugen. Die Boten des Tempels jedoch hatten es schwer, denn
Cyrenius ging mit ihnen scharf ins Gericht; doch konnte er sie nicht gefangen
setzen, denn sie überbrachten ja nur den Bericht des Hohenpriesters Kaiphas.
So endete in Rom die Mission des Hauptmanns. Eine
große Genugtuung war ihm, daß er hier noch manchen Freund für die Lehre Jesu
gewinnen konnte. Dann sehnte er sich wieder fort nach Bethanien und erbat sich
bei Cyrenius, aus dem Wehrstand austreten zu dürfen, um ganz für das Werk Jesu
wirken zu können! Dieser Wunsch wurde ihm gern erfüllt. Als Kommissar nach
Sidon und Asien wurde er entlassen und trat eine leichtere Rückreise mit seinen
Soldaten an. Die Fahrt auf dem Meere zeigte ihm wiederholt die große
Herrlichkeit Gottes in Seinen Werken! Und dankbar lernten auch seine Begleiter
dies anerkennen!
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11. Ein Fest in Bethanien.
Nach Monaten kamen alle wohlbehalten in Jerusalem wieder
an. Als die Formalitäten beim Landpfleger Pilatus erledigt waren, und der
Hauptmann in seinem neuen Beruf als römischer Kommissar anerkannt war, machte
er zuerst einen Besuch bei Nikodemus. Hier erfuhr nun der Römer von den Vorgängen
bei Jesu Himmelfahrt und von der Ausgießung des lebendigen Heiligen Geistes
über Seine Jünger. Nikodemus schilderte ihm: „Die Templer waren ratlos gegen
diese plötzlich so gewaltige Redemacht der Apostel! Und als einige Priester
versuchten, es so hinzustellen, als seien diese Jünger in trunkenem Zustande,
da ging eine helle Empörung durch alle Zuhörer, und, gleich ob Jude oder
Fremder, alle traten auf die Seite der Jesu-Jünger und verlangten auch nach der
Taufe! Im Tempel gärte es gewaltig! Der Hohepriester war voll Haß und Rache,
und ich habe mich darum vom Tempel losgesagt! Nun werden die Schlechtigkeiten
nicht mehr geheim, sondern öffentlich betrieben! Es wird nicht lange mehr
währen, so sind die Gefängnisse des Tempels voll; denn irgend eine Schuld
werden sie an jedem Anhänger Jesu finden.“ Bei diesen Worten krampfte sich des
Nikodemus Herz in tiefem Schmerz zusammen! Obgleich Pilatus von der Herrlichkeit
des Auferstandenen auch etwas erfahren und fühlen durfte, blieb er doch der
alte, der den Tempel gewähren ließ und auch gewähren lassen mußte; denn es
waren ja Juden, um die es sich handelte! Und diese selbst hatten nicht den
Mut, von den Römern als ihren Feinden Hilfe zu erbitten.
In der Nacht blieb der Hauptmann noch bei Nikodemus -
am Morgen aber befand er sich schon auf dem Ritt nach Bethanien. Unterwegs traf
er zwei Wanderer, die auch zu Lazarus wollten, und denen er den Weg beschreiben
konnte. Von ihnen erfuhr er, daß sie Flüchtlinge wären, die, um den
Verfolgungen des Tempels aus dem Wege zu gehen, in Bethanien Schutz suchen
wollten; denn nach Bethanien würden sich die Templer nicht getrauen.
Lazarus erwartete den Hauptmann schon voll Freude;
denn der Herr hatte ihm sein Kommen innerlich angezeigt. Gegen Mittag kam er,
von allen Anwesenden herzlich begrüßt, dort an; und lange hielt er Maria
Magdalena umschlungen. Nun schlössen sie auch vor aller Welt ihren Lebensbund,
und wiederum war nur ihr Jesus, ihr treuer Gott und Vater, der Frieden, Glück
und Seligkeiten Gebende! Ihre Hochzeit im Hause des Lazarus sollte ein Fest für
alle Jünger und Freunde Jesu werden; denn Lazarus hielt es für seine Pflicht,
Maria Magdalena und dem Hauptmann ein rechtes Hochzeitsmahl zu bereiten. Alle
Freunde Jesu waren geladen, bis zum einfachsten Arbeiter, und am Abend
vereinten sie sich in innerster Verbundenheit zu einer geistigen Feierstunde.
Lazarus und seine beiden Schwestern waren sehr
glücklich in dem Bewußtsein: »Auch der Meister nimmt teil an dieser Feier!«,
und ganz erfüllt davon bat Lazarus alle Gäste und Hausbewohner, noch bewußter
den treuen Meister in ihre Freude mit einzuschließen! „Denn die wahre Freude“,
sprach Lazarus, „ist die Bekundung rechter Dankbarkeit! So, wie wir nun bitten:
Herr! Segne uns und diese Feier durch Deine Gegenwart, so wollen wir auch
gemeinsam danken in innigster Freude, da Er uns gewürdigt hat, im Geiste
himmlischer Harmonien unter uns zu weilen! Sein herrliches Erlösungswerk
begann, für uns sichtbar, mit der Hochzeit zu Kanal Heute dürfen wir als Seine
Berufenen und Erwählten in der Fortsetzung Seines Werkes auch an einer
Hochzeit teilnehmen. Damals sorgte Seine Liebe, daß es an Wein nicht mangelte.
Heute wollen wir besorgt sein um den geistigen Wein, der in unseren Herzen erst
die wahre Freude hervorruft! Und so bin ich gewiß, ganz im Sinne des Herrn zu
handeln, so ich dich, Bruder Johannes, bitte, aus dem Tiefinnersten deines
Herzens uns etwas zu schenken von dem, was Jesu Liebe in dich legte.“
Nach dieser Aufforderung fühlte Johannes den Strom
innerster Gott-Verbundenheit in sich einziehen - und bat seinen Jesus um die
rechten Worte. Dann erhob er sich von seinem Platze, ging hin zu dem
neuvermählten Paar, segnete es und sprach: „Meine Geliebten! Dem Herrn und
Heiland Jesus, welcher Seine Liebe uns so herrlich offenbart hat, ist es eine
rechte Freude, euch glücklich zu sehen! Vergangen ist alle Trauer, Ihn nicht
mehr unter uns zu sehen wie einst! Wissen wir doch jetzt: Der Herr lebt!- Er ist bei uns und
unter uns! Er weiß, warum Er sich unseren
suchenden Augen verbergen muß; Seine Liebe aber begleitet uns fühlbar und
sorgt immerdar, daß es uns, Seinen Kindern und Pfleglingen, an nichts mangele!
Auch dieser Abend und diese von Jesus gesegnete Hochzeitsfeier sind ein Beweis
Seiner fürsorgenden Liebe, mit der Er uns, vor allem dir, mein lieber Bruder,
und dir, liebe Schwester, die Bedeutung und Heiligkeit eurer Ehe zeigen will!
Schon öfter war es uns, Seinen Jüngern, vergönnt, mit Ihm an einer
Hochzeitsfeier teilzunehmen, und stets legte der Meister Wert darauf, die
Neu-Vermählten, wie auch alle Teilnehmer, über den Zweck und das Wesen der von
Gott gewollten Ehe zu unterrichten. Nicht alle, die solchen Bund für das Erdenleben
schließen, wissen, daß ohne den Segen von oben die Ehe keinen glücklichen
Bestand haben kann! Im Sinnen-Rausch wähnen viele, sich lieben zu können; aber
bald erkennen beide Teile, daß ihre Verbindung ein Irrtum war! Eine Ehe aber,
getragen vom Geiste wahrer Achtung und reiner Liebe, zeugt einen besonderen,
heiligen Geist, und zwar einen Geist, der nicht Eigentum der Erde, sondern ein
Teil der Himmel ist! Aller Himmel Herrlichkeiten aber liegen wie ein
wohlverwahrtes Gut in den Herzen der Menschenkinder noch verborgen und sollen
durch den Geist himmlischer Gemeinschaft erst geweckt werden! Wir durften es
erstmalig erleben an unserem Meister Selber, der nur mit dem Ihm innewohnenden
Himmelsgut alle glücklich zu machen suchte, die in innere Verbindung mit Ihm
kamen. Seiner Liebe heiligste Aufgabe war, alles zu erlösen, allen ein Helfer
und Heiland zu sein!
Wie eine liebende Mutter alles zu einen und zu
ergänzen sucht, was die Welt mit ihrem Unfrieden, mit ihrem zersetzenden Geist
in Verwirrung bringt, so stehest du, o Bruder, jetzt vor solcher gewaltigen
Aufgabe! Und der Herr, unser heiliger Gott und liebevollster Vater, gab dir
darum dieses dein Weib zur Seite, das Ihn und alle Seine Worte kennt und liebt!
In drei Stufen liegt diese Lebensaufgabe vor dir. Erstens: Suchet mit eurem
Körper, welcher die Hülle eurer Seele ist, stets in die rechte Ordnung zu
kommen, damit die zweite Stufe, die Reinheit und Lauterkeit der Seelenregungen,
erreicht werden kann! Dann erst ist der Weg zur dritten Stufe offen, wo der
Geist alles Lebens, welcher der Geist alles Verstehens und der wahren Liebe
ist, sich in euch entfalten und auch entäußern kann. Darum, lieber Bruder,
sage ich dir nicht: Habet euch wahrhaft lieb und haltet euch die Treue! Sondern
ich sage euch: Ringet um diesen Geist, der sich offenbarte in und durch Jesum,
unsern Meister, auf daß euch die Fülle rechten Gott-Erlebens werde! Dann bist
du, o Schwester, ein Handlanger der ewigen Liebe und ein Hüter und Bewahrer
jenes Gutes, welches die ewige Liebe dir schenkte, um zu dienen und zu
beglücken! Ringet, ringet nach der inneren Einheit! Nur im Eins-Sein könnt ihr
vollbringen euer großes Liebeswerk! Seid euch immer bewußt: So ihr in der
rechten Liebe bleibet, könnt ihr alles, was sich als Gegensatz an euch herandrängt,
auch überwinden! Denn dann werden auch Helfer erstehen, die aus dem Herzen
Gottes zu euch gesandt werden! Ergänzet nun einander das euch noch Fehlende!
Und haltet euch stets vor Augen: Wahre Ehen werden im Himmel geschlossen! Dann
wird all euer Tun zeugen von dem beglückenden Geiste himmlischer Harmonien in
euch! Dann kann es nicht fehlen, daß auch die Früchte eurer Liebe ein Teil der
lichtvollen Himmel sind. Seid euch aber auch bewußt, daß die Schlange noch
nicht tot ist, sondern ruhig und versteckt auch in euch noch lebt! Darum hütet
euch vor ihr und wachet über den guten Geist in euch, damit der Geifer der
Schlange eure Regungen nie verunreinige.
Einer trage in Geduld des anderen Last! Und für immer
bedenke, daß vereinte Kräfte, vereintes Wirken und Schaffen auf dem Wege zum
Ziele doppelt beglücken! Mein Bruder, du warst ein Heide; doch heilig war dir
immer anderer Glaube. Da du aber nun ein Eingeweihter in unseren Glauben
wurdest und die Weihe dazu vom Herrn Selbst erhalten hast, so wird es dir nicht
schwer werden, deine selbstgewählte Lebensaufgabe, ein Heim für verfolgte
Freunde Jesu zu gründen, nun im Sinn des Herrn zu erfüllen. Dein Weib liebt den
Herrn wie keiner von uns allen, und in ihrem Herzen ist schon erbaut ein
heiliger Altar für Ihn! Achte darum ihr Innen-Leben, dann werdet ihr eins! Und
Sein herrliches Wort: »Mann und Weib - sollen Eines-sein!«, wird in Erfüllung
gehen! Und Jesus, unser herrlicher Meister, kann fruchtbringend in euch und
dann auch um euch das Werk Seiner Erlösung fortsetzen. Die leid-erlösende Liebe
dränge euch zur Verwirklichung des göttlichen Planes, der auch in euch liegt
und euch ahnen und empfinden läßt, was der Meister noch nicht mit Worten ausgesprochen
hat! So gehet nun euren Weg, getragen von der Liebe all derer, die euch kennen!
Blicket nicht nach dem, was hinter euch liegt, sondern nach oben! Denn von dort
erhaltet ihr alles, was da nötig ist zum Überwinden aller noch bestehenden
Gegensätze! Auch mein Segen begleite euch, und unseres Meisters Liebe und Gnade
sei allezeit mit euch! Amen!“
Aller Augen waren während dieser Rede auf Johannes gerichtet.
Magdalena dankte ihm mit den Worten: „Bruder Johannes! - Deine Worte waren wie
ein Begießen unserer Herzensblumen, die da die ewige Liebe zu unsrer und zu
anderer Freude in uns wachsen ließ! Wenn ich aber alle Worte so recht bedenke,
die du aus deiner Herzens-Liebe für uns beide gesprochen hast, da, lieber
Bruder, erscheint mir unsere Aufgabe doch sehr groß. Ja, so der Herr und
Meister noch dann und wann zu uns käme, so lebte ich in der Hoffnung, Ihm meine
Sorgen und Nöte offenbaren zu können und Rat von Ihm zu erhalten! - Denn
erfüllen will und muß ich diese unsere Aufgaben, das bin ich meinem geliebten
Jesus schuldig.“ -
Johannes antwortete
ihr: „Schwester, o Schwester! Mache dir
deinen Lebens-Weg nicht unnütz schwer! Der Meister hat dich geliebt und mit
himmlischer Kost beglückt als Dank für deine Liebe! Meinst du, der Herr könnte
je nachlassen, dich zu lieben? Siehe, erst wenn Er uns sichtbar genommen ist,
beginnt für uns die Zeit der Reife, da wir anfangen müssen, auf uns selber zu
achten! Dann
entlasten wir Ihn und bringen Ihm unser Herz zur Freude und Stärkung dar! Dann ist Seine Zeit gekommen, wo Sein innigster Wunsch
erfüllt ist, daß wir immer verbunden sind mit Ihm durch den Geist freiester,
kindlicher Hingabe! Dann ist nicht mehr Sorge, sondern Kraft und Friede unser
Anteil. So lebe nun mit deinem, .von Ihm Selbst dir erwählten Lebensgefährten
als Bundesgenosse für Ihn und Sein Werk! Darum ist Er gegenwärtig, euch fühlbar
und vielleicht euch schaubar! Seine Liebe sei euer Leben und Sein, und eure
Hingabe der Dank für alle Seine Liebe! Amen.“
Fröhlich wurde der Tag beschlossen. In allen Herzen
glühte der Dank für Jesus, den geliebten Meister! Denn sie wußten: Wenn auch
unsichtbar ihren Augen, weilte der Herr doch, alle beglückend, unter ihnen!-
So endete dieser Tag als ein Ereignis wie zu des Herrn
Lebzeiten! Und lange noch erzählte man in Bethanien von der Hochzeit des
römischen Hauptmanns. Und wie auch ein Heide ein Werkzeug der großen
Heilandsliebe würde.
O, ihr Leser! Wachet alle auf und erglühet in der Liebe zu Dem, der
in Seiner großen Liebe Sein Leben für uns alle dahingegeben hat! Der auch uns
gedient bis zu dieser Stunde und uns dienen will fort und fort zu unserer
Vollendung! Dies gibt uns erst die Kraft, an Seinem Erlösungswerke
mitzuarbeiten und alle Herzen vorzubereiten, damit Sein heiliger Fuß diese Erde
wieder betreten kann, und Er, geführt von Kindeshand, in Sein Eigentum einziehe!
Halleluja!
Amen!
(Bruder Georg Riehle.)
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<11. ein fest in bethanien.doc> |
01. Nach der
Kreuzigung - im Hause eines Templers
Durch die Straßen von Jerusalem wankte ein junger
Priester; er stand noch unter dem Schrecken des auf Golgatha Geschehenen, und
das Beben der Erde sowie die, ungewöhnliche Finsternis verursachten in ihm eine
Furcht, die sich fast zur Todesangst steigerte: „O Jesus,
Du hast ausgelitten! Doch mir hast Du heute meine
schwere Schuld gezeigt. Wenn ich doch gutmachen könnte, was ich in meiner
Unerfahrenheit Dir angetan! 0 Jehova, wenn wir nun einen Unschuldigen
gerichtet haben? Wie wirst Du uns strafen.“
Nun kam er an die elterliche Behausung; auf sein
Klopfen öffnete seine Schwester, sah ihm ins Gesicht und fragte erschrocken:
„Wo kommst du her, Ruben? Die Mutter ist voll Angst und Sorge um dich und fast
krank geworden!“
„Ach laß mich in Ruhe, ich bin wie gefoltert, ich muß
allein sein!“
„Aber Ruben, Mutter verlangt so sehr nach dir!“,
wendete Ruth ein.
„Morgen, Schwester, heute Vermag ich es nicht! Denn
ich habe Erschütterndes erlebt beim Tode eines Unschuldigen! Grüß“ die Mutter;
gute Nacht!“
Nun war er allein! Allein mit sich und seinem
Gewissen! Immer wieder drangen die Worte Jesu peinigend in sein Inneres:
„Vater, vergib ihnen! Denn sie wissen nicht, was sie tun!“ „Und diesen Menschen
haben wir gerichtet? 0 Gott, o Jehova! Warum waren wir nur so blind? Warum haben wir dem Hohepriester alles geglaubt?“
Lange und bange Stunden verbrachte er in diesem qualvollen und zerrisenen
Zustand; immer sah er den Blick Jesu auf sich gerichtet mit der stummen Frage:
Was tat Ich dir, daß du dich an Meinen Schmerzen freuen wolltest? - „O Jesus,
vergib mir, ich habe Dich nicht kennen wollen!“, bat er laut, - „doch nun ist
es zu spät!“
Der alte Vater aber fand in dieser Nacht auch keine
Ruhe, denn seine Frau lag wie im Fieber, da sich die innere Zerrissenheit ihres
Sohnes unbewußt auf ihre Seele legte. Endlich tagte der Morgen, und sie
verlangte sogleich nach Ruben.
„Beruhige dich, Mutter, Ruben schläft noch“, sprach
Ruth, „deine Angst war unbegründet; bald kommt er zu dir.“
Ruth besorgte nun das Morgenmahl; da kam Ruben in die
Küche und sprach: „Schwester, ich muß euch verlassen! Ich fühle mich wie Kain
und muß ruhelos vor mir selber fliehen, denn gestern half ich Jesu morden! Er
aber war doch Gottes Sohn!“
„Ruben“, antwortete Ruth, „wir Frauen durften ja nie
etwas sagen über den euch so verhaßten Nazarener; und nun ihr endlich am Ziel
seid, klagst du dich an? Weißt du, wie schwer die Mutter um deinetwillen
gelitten hat? Mutter hat den Nazarener tief verehrt und sagte noch gestern: „Er
wird alle Seine Feinde zermalmen und sie wie Spreu in alle Winde zerstreuen!“
Wir wissen nicht, wie es um Ihn steht, da wir uns eingeschlossen hielten; aber
um dich hat Mutter so sehr gebangt. Nun willst du uns verlassen? Dies wäre der
Mutter Tod!“
„Liebe Ruth“, sprach Ruben, „könntest du dich in meine
Lage versetzen, so würdest du sagen: Ja, fliehe! Fliehe vor dir selber, denn du
hast dich an dem Heiligen Gottes versündigt! Und diese Sünde fordert Sühne.“
„Dies verstehe ich nicht!“, entgegnete Ruth, „du
hättest Jesus morden helfen? Wie kannst du dich selber dieser Schuld
bezichtigen? Ich meine, das hätte doch der Hohepriester zu bestimmen!“
„Schwester, du kannst von dem Nazarener nur das
wissen, was der Vater und ich hier im Hause besprachen; aber es war ja alles
ganz anders! Um mich zu verstehen, will ich dir mein Herz öffnen, und du magst
hineinschauen, wie es darin aussieht. Also: Jesus ward verurteilt! Im Tempel hatten alle ihre Freude darüber! Wie man
dann mit dem Verurteilten umging, das gefiel mir ja nicht; doch was wollte ich
ändern?“ Ich folgte dem Zug und sah mit kalten Augen den Schrecken, den mancher
erlebte, weil sein Freund und Helfer ihm genommen wurde. Das Wehklagen der
Frauen berührte mein Herz nicht, denn in mir war es noch tot! Endlich war
Golgatha erreicht und die Kreuzigung begann- Hier war ich begierig, wie Jesus
sich wohl verhalten würde. Aber da erlebte ich etwas, was ich nicht für möglich
gehalten hatte: ich sah das auf der Erde liegende Kreuz und sah Jesus und
erbebte in diesem Augenblick! Ich sah die Kreuzigung und wollte Einspruch
erheben, - aber ich war wie gelähmt Als die Knechte endlich unter vielen Mühen
das Kreuz aufrichteten, muß Jesus ohne Besinnung gewesen sein, denn es dauerte
eine ganze Weile, bis sich Seine Brust wieder hob und senkte; dann rief er
laut: , Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!’ Da, Schwester,
fiel eine Binde von meinen Augen, und meine Schuld wurde mir offenbar! Denn ein
Schuldiger stirbt anders. Nur Einer, der bei den Menschen um Liebe und
Verstehen ringt, kann so sterben! Ich wollte mich beschämt davonschleichen,
aber die römischen Soldaten ließen niemanden gehen. Blutenden Herzens mußte ich
mit ansehen, wie ein Unschuldiger grauenvoll litt, nur weil wir glaubten, Er
sei dem Tempel gefährlich! Du kannst dir die Angst derer nicht vorstellen, die
aus Neugierde mit hinaus nach der Schädelstätte geeilt waren, als nun die Erde
erbebte, als es finster wurde und die drei Kreuze schwer anklagend in die Höhe
ragten! Denn um die Kreuze war es nicht finster. Kannst du nun meine
Zerrissenheit verstehen und meine Furcht, wie Jehova uns noch richten wird?“
„Bruder, es ist erschütternd, was du mir erzählt
hast!“, sprach Ruth. „Doch willst du nicht mit dem Vater sprechen? Ich kann dir
nur sagen, wenn der Nazarener allen vergeben hat, wie du erzähltest, so hätte
Er ja auch dir vergeben! Wenn du aber in dir noch Schmerz und Reue fühlst, so
gehe doch zum Hohepriester, damit er dir wieder Ruhe und Friede gebe! Ich
möchte dich aber bitten, sprich zuerst mit dem Vater; schweige aber vor der
Mutter! Und mit dem Fortgehen -, da besinne dich auf deinen Gehorsam, den du,
als Diener Jehovas, Gott und den Eltern schuldig bist. Und nun komm, Ruben! Die
Mutter wird erst ruhig, so sie mit dir gesprochen hat.“
Beide traten ins Schlafgemach, und die Mutter sprach
erfreut: „O Jehova! Dir Preis und Dank! Mein Sohn lebt und ist gesund! Nun
werde auch ich wieder froher.“
Ruben fragte liebevoll: „Mutter, warum sorgst du dich
um meinetwillen? Liegt unser aller Leben nicht in der Hand Jehovas?“
„Ja, mein Sohn!“, antwortete die Mutter, „doch hättest
du den Glauben, den Jehova fordert, so wärest du gestern fern geblieben, als
man den Heiligen Jehovas gefangen nahm! Nun frage ich dich, Ruben: wo ist der
Heilige Gottes? Und du, bist du verschont geblieben von Seiner Macht und
Stärke? Rede! Mein Herz kann nicht zur Ruhe kommen, so ich nicht die volle
Wahrheit weiß.“
„Mutter, fasse dich!“, sprach Ruben ernst. „Jesus ist
tot! Ist vom Tempel gekreuzigt worden. Doch Vater und ich sind genau so schuldig
wie die ändern Templer! Erst heute weiß ich: Er war Gottes Sohn! Unschuldig hat
er diesen Tod erleiden müssen! Darum bleibt kein anderes Urteil für mich übrig:
ich bin mitschuldig an Seinem Tode! Wie Vater darüber denkt, weiß ich nicht,
denn seit gestern sah ich ihn nicht mehr.“
Die Tür zum Nebengemach aber war offen, und der Vater
hatte jedes Wort gehört; darum trat er nun unter die Seinen und fragte: „Wessen
klagst du dich an, Ruben? und auch mich? Hier am Lager deiner kranken Mutter?
Bist du dir überhaupt bewußt, was du in deiner Erregung alles gesagt hast? Mir
entging kein Wort.“
„Vater“, sprach Ruben, „dann brauche ich ja nicht mehr
zu wiederholen, wessen ich mich anklage! Hättest du erlebt, was ich gestern
auf Golgatha erleben mußte, würdest du mich vielleicht besser verstehen; aber
ihr seid ja trunken vor Freude, daß es euch gelungen ist, diesen Heiligen
Gottes zu vernichten! Daß ich mit zugestimmt habe beim großen Rat, bereue ich
tief und betone offen, daß ich büßen will, bis Jehova mein Herz wieder ruhig
macht! Darum kann ich nicht mehr im Hause, nicht mehr in Jerusalem bleiben;
denn das Kreuz von Golgatha ist mein Richter!“
„Ruben!“, beruhigte der Vater, „das Beben der Erde und
die Finsternis haben wohl diese Furcht und diese Gedanken in dir aufsteigen
lassen. Laß den Sabbath und Nachsabbath vergehen, dann wirst du dich genau so
freuen wie wir, daß die Gefahr der Vergiftung unserer Heiligen Lehren durch den
Nazarener endlich ein Ende hat.“
„Vater!, entgegnete Ruben erregt, „du lästerst Gott
und entehrst den Unschuldigen! Ein Mensch, der für seine Peiniger und Marder in
der schwersten und schmerzlichsten Stunde seines Lebens noch Gedanken der
Verzeihung hat und sie in Worte edelster Fürbitte kleidet, kann kein Feind
unserer Gottes-Lehre sein! Ihr aber wollet euren Irrtum nicht einsehen; darum
ladet ihr alle Schuld auf diesen göttlichen Dulder! Vater, es ist immer dasselbe,
wessen ihr Ihn beschuldigt! Und ich Verblendeter -, ich glaubte euch und
stimmte von Herzen eurem Urteil zu in der Annahme, Jehova und dem Volke einen
guten Dienst zu erweisen’“
„Ruben! Du bist mein Sohn! Und ich als dein Vater
mahne dich an deine Pflicht als Sohn! Du hast dich jeden Vorwurfs zu enthalten!
Was der Tempel beschlossen hat, und was wir gut hießen, ist richtig! Niemand
kann auftreten und sagen, daß wir verkehrt gehandelt hätten. Wo war denn Jesu
Macht und Herrlichkeit? Wo waren alle Seine Freunde? - Zerstoben in nichts!
Denn noch lebt der Gott unserer Väter und hat uns, Seinen Dienern, das
Rächeramt übergeben.“
„Vater!“, rief Ruben, „es hat keinen Zweck, daß wir
weiter reden, denn du stehst ganz auf der Seite des Tempels! Ich aber trenne
mich von euch und werde bei anderen nach Trost, Vergebung und Frieden suchen!
Ich habe dem sterbenden Jesus in die Augen geschaut und fühle noch immer Seinen
anklagenden Blick! Und mir ist, als wenn von Seinem Blick und von Seinen Augen
mehr Heil ausginge als vom ganzen Tempel und seinen Dienern.“
„Du bleibst!“, sprach Enos streng, „und verläßt das
Haus nicht! Auch du bist von dem Nazarener beeinflußt; du bist mir ein ärgernis!
Und deshalb wollen wir heute fasten, damit wir nicht noch mehr Schuld auf uns
häufen. Du Ruth, bleibst bei der Mutter, ich aber gehe in den Tempel.“
„Ja, gehe nur in deinen Tempel“, sprach die Mutter,
„was fragst du nach den Deinen! Dir ist der Tempel alles, aber wir sind dir
nichts. Sterben könnte man, dann sprichst du immer noch: Im Tempel ist man Gott
am nächsten! Mit Ruben kann ich nun endlich offenen Herzens reden!“
„So bist wohl auch du erfüllt von der Lehre des
Nazareners?“, erwiderte Enos böse; „aber wartet nur, bald werdet ihr die
starke Faust des Tempels spüren! Rechne ja nicht auf Rücksicht, weil du mein
Weib bist und mir Kinder geboren hast. Es fehlt nur noch, daß auch du, Ruth,
sagtest: ich bekenne mich zu dem Nazarener!“
Ruth sprach sanft: „Vater, aus deinen Worten klingt
nur Haß, und in all den letzten Monaten hörten wir nichts anderes von dir.
Hättest du gestern abend Ruben gesehen, so würdest du wohl deinen Worten einen
anderen Ausdruck geben, denn Ruben muß etwas erlebt haben, was uns allen noch
unbegreiflich ist. Zu dem Nazarener kann ich mich nicht bekennen, weil ich noch
nicht mit Ihm zusammengekommen bin -, dank deiner Wachsamkeit. Wenn ich mir
aber den Haß überlege, der in allen Dienern Jehovas lebt, dann, Vater, graut
mir vor euch! Aber gehe nur ruhig in den Tempel, ich sorge mit Ruben für die
Mutter.“
Ärgerlich verließ der alte Priester, ohne ein Mahl
genommen zu haben, das Haus. -
Ruben war über seinen Vater erbittert und sprach
grollend: „Es ist immer dasselbe! Darum kann ich nicht hier bei euch bleiben.
Doch heute wird Vater nicht so bald zurück kommen, und so bleiben wir noch in
Liebe zusammen.“
Die Schwester ermahnte ihn: „Ruben, nun sei aber nicht
mehr so verbittert, denn es muß doch ein günstiges Zeichen für dich sein, daß
du immer noch den Blick des Gekreuzigten fühlst. Mutter und ich haben oft über Jesus
gesprochen, wir konnten zwar auch nicht alles glauben, was wir von anderen über
Ihn hörten, aber eines muß wahr sein: nie hat Er etwas Liebloses über einen
Menschen gesagt. Darum, denke ich, brauchst du dir keine Vorwürfe zu machen, Er
wird auch dir verziehen haben, - wenn Er am Kreuze ausrief, wie du sagtest:
,Vater, vergib ihnen!’ Als die Magd uns gestern erzählte, Jesus sei dem Hohen
Rate gefangen vorgeführt worden, schickten wir sie sogleich wieder fort, um
Weiteres zu erfahren; sie brachte uns die Botschaft? ,Er wird gekreuzigt
werden!’ „
Ruben klagte; „Mutter, ein Weh lebt in mir, wie ich es
noch nie empfunden habe. Was nützt mir eure Liebe, da ich mir nicht vergeben
kann! Wie oft hätte ich Gelegenheit gehabt, mit dem Nazarener zusammen zu treffen,
aber ich wollte nicht, ich ging Ihm aus dem Wege. Mein eingeimpfter Haß ließ
mich die Gelegenheit nicht wahrnehmen, doch nun ist es zu spät!“
Die Mutter bat: „Ruben, denke daran, daß Jesu Sendung
noch nicht eu Ende sein kann! Lebt Er auch nicht mehr, so hatte Er doch Vorsorge
getroffen und hat sich Junger erwählt. Diese Jünger werden bestimmt nicht zu
allem schweigen. Überhaupt wollen wir erst abwarten, wie sich ganz Israel zum
Tode Jesu stellt, denn Er war ja aller Freund und Wohltäter.“
Ruben lächelte: „Mutter, deine Worte sind wie Balsam
auf mein wundes Herz! Du hast wohl auch zu denen gehört, die Jesus so lieb
hatten, und hast in Ihm den Messias erschaut?“
„Ja, mein Sohn“, sprach die Mutter offen, „ich liebe
Ihn auch jetzt noch, und Sein Tod kann diese Liebe nicht zum Erlöschen bringen.
Ich habe immer gehofft, auch euch noch überzeugen zu können von Seiner wahrhaft
göttlichen Sendung! Aber nun ist er doch ein Opfer Seiner Feinde geworden.“
„Aber mich, Mutter, wolltest du doch nicht
überzeugen?“, sprach Ruth. „Wohl sprachst du manchmal sehr lieb und gut von
Jesus, aber von einer Bekennerin für Ihn und Seine Lehre hast du mich nichts
merken lassen.“
Die Mutter seufzte: „Kind, ich hatte meine Gründe,
indem ich Vater und Ruben fürchtete. Ich hoffte auf einen günstigen Zufall,
aber nun ist Jesus tot, und wir wollen abwarten, was weiterhin geschehen mag.“
Am späten Abend erst kehrte der Vater aus dem Tempel
heim; doch sein kalter, triumphierender Blick tat allen weh, weshalb sie sich
zeitig zurückzogen.
In Ruben vollzog sich in dieser Nacht eine gewaltige
Wandlung. Nach stundenlangem Ringen mit sich schlief er erst gegen Morgen ein,
und beim Erwachen schien alles um ihn so viel heller zu sein. „O Gott!“,
fragte er, „was habe ich nur in dieser Nacht erlebt? Wo war ich denn in meinen
Träumen?“
Beim Morgenmahl, ohne den alten Vater, erzählte nun
Ruben lebhaft: „Lange sehnte ich vergeblich den Schlaf herbei und mußte immer
wieder über meine ganze Lage nachdenken; da fühlte ich auf einmal wieder den
Blick des Nazareners auf mich gerichtet. Sein Auge blickte so mild, doch war es
mir, als ob der stumme Schmerzensausdruck um Seinen Mund sagen wollte: -Habe
ich noch nicht genug um dich gelitten?’ Da brach mein ganzes Ich schmerzlich zusammen,
und ich rief flehend: Jesus, kannst Du wirklich mir vergeben? - Denn auch an
meinen Händen klebt dein Blut! Da war es mir, als wenn ich nochmals hörte:
,Vater, vergib ihn, er wußte nicht, was er tat!’ Endlich kamen mir erlösende
Tränen, und ich schluchzte: ,0 Jesus, so Du wirklich noch bist und mir vergeben
kannst, da will ich mich an Deine Jünger wenden und von ihnen lernen, wie ich
meine Schuld gutmachen kann.’ Da zog durch meine Kammer ein Wohlgeruch, und wie
weggehaucht war all mein Seelenschmerz! Ich labte mich an diesem wundersamen
Duft und schlief ein. Und nun hört, was mir träumte: Von zwei Knaben werde ich
geführt auf einen hohen Berg; die Sonne umstrahlt die ganze Gegend, und ich
sehe, wie zahllose Scharen lichtgekleideter Wesen sich uns nähern; ich wollte
die Knaben fragen, da legt einer seine kleine Hand auf meinen Mund und zeigt
mit der anderen nach all den Scharen, die zu uns hinauf pilgern. Wo wollen sie
wohl alle hin, denke ich still, sie haben doch kaum Platz hier oben? Die Knaben
führen mich nun nach einer anderen Seite des Berges, und auch von dort ziehen
Unzählbare zu uns nach oben- Als die ersten uns schon ganz nahe sind, stehen
plötzlich alle still, drehen sich um und schauen nach der Niederung, und jetzt
erst sehe auch ich in die wunderschöne Ebene unter uns! - Da durchzuckt ein
heller Blitz das ganze All, aus den Wolken lösen sich lichte Gestalten und
sammeln sich auf der Erde, am Fuße unseres hohen Berges, und plötzlich steht
Jesus mitten unter ihnen und ruft in die lautlose Menge:
.Heute ist eure heiße Sehnsucht erfüllt! Endlich ist
die Zeit gekommen, wo eurer Liebe keine Fesseln mehr angelegt sind. Ihr alle
habt das leere Grab geschaut, habt euch überzeugt, daß der Tod und die
Grabesnacht keinen Anteil an Mir haben! Was euch allen unbegreiflich schien,
ist erfüllt: Ich habe den Tod überwunden! Überwunden für alle, die da guten
und willigen Herzens sind! So wie Ich nun Brüder im Erdenleben erfüllen werde
mit diesem Überwinder-Geiste, so werde Ich euch erfüllen mit Kraft und Weisheit
aus Meiner ewigen Liebe! So setzet nun Mein Werk fort! Das ganze All, es steht
euch offen! Es gibt nun kein Hindernis mehr; denn Mein Geist ist der
Sieger-Geist, ist das Leben, welches immer wieder neues Leben schafft! Was der
Erde Ich als Eigentum gegeben, dürft ihr tragen in alle Welten, in alle Sonnen.
So wie euch jetzt eine Sonne spendet ein wunderbar herrliches Licht, so werdet
ihr Licht-Spender manchen Sonnen! Ihr habt erlebt: Der Liebe größtes Wunder auf
dieser armen Erde! Durch Mich ist nun alle Armut befähigt, das herrlichste
Leben sich zu eigen zu machen! So gebet allen Kunde von Mir und lasset euch
treiben von dem Geiste, der Mich trieb und vollendet, was Ich begonnen! Mein
Segen und Meine Liebe sei euer Teil!’ Verschwunden waren alle, nur die zwei
Knaben waren noch bei mir; der Berg schien nicht mehr so hoch, und als ich mich
umsehe, bin ich auf dem ölberge. Dann spricht der eine Knabe: »Wundere dich
über nichts! Was du eben schauen durftest, war Gnade, die nur wenigen zuteil
geworden! Da du um Verzeihung gebeten hast und gut machen willst, so gab der
Herr dir den Beweis Seiner Liebe und die Antwort, daß Er deine Liebe annimmt!
Daß wir dir das Überherrliche nicht länger zeigen dürfen, liegt an dir, da
deine Seele noch zu fest mit dem Irdischen und Materiellen verbunden ist. -
Aber noch ist diese Gnade nicht zu Ende! Darum komm, auch du darfst einen Blick
werfen in das Grab, und sollst in deiner Seele Grund zeichnen das mächtigste
aller Wunder: Er - hat den Tod überwunden!’ Rasch sind wir angelangt; Tausende
ziehen vorüber und blicken hinein in das Grab; und so habe ich Muße, alle diese
Gestalten mir anzusehen; alle Völker und Stämme müssen sich hier
zusammengefunden haben, doch über allen lagert ein tiefes Schweigen. Zwei
herrliche Gestalten in strahlenden Gewändern halten mit ihrem Blick alle in
Ordnung; aus dem Grabe aber leuchtet ein helles Licht und erhellt matt die
ganze Umgebung. Nun schaue auch ich ehrfurchtsvoll hinein in die Höhle, ein
Wohlgeruch duftet uns entgegen, und ich sehe zwei Jünglinge freundlich grüßen.
- Wir alle sammeln uns um das Grab; da spricht ein Engel: .Höret und vernehmet
das Wort, welches die ewige Liebe für euch mir ins Herz legt: Die Liebe zu euch
und allen Menschen war die Triebkraft zu diesem gewaltigen Opfer! Was ihr
nicht glauben wolltet, ist Wirklichkeit geworden: Der Herr lebt und wird ewig
leben! Und wir alle dürfen mit Ihm leben! Aber diesem Leben sind Bedingungen
gestellt, und diese lauten: Lebet, wie der Herr gelebt, und folget Seiner Lehre
nach im rechten Geiste wahrer Demut und Hingebung! Dann werdet ihr alle inne
werden: Er ist der Herr, und ihr seid zu Seinen Kindern berufen und zu Trägern
seines Geistes! Der Frieden des Herrn aber sei euer Teil!’
Die beiden Knaben führen mich noch ein Stück Weges,
und beim Abschied sagt der eine noch: ,Wenn du dieses eben Erlebte dir zu eigen
machen willst, dann denke nicht mehr so viel an dich‚ *)und an deinen
besonderen Kummer!, - sondern lebe für Jesus! Er lebt auch für dich und
schuf dir Mittel zu deiner Erlösung! So eigne du dir diese Mittel an und lebe
nur für Jesus! Dann wird Er bald auch
deinem Grabe entsteigen, in welches du Ihn legtest - in dir! Gottes Segen mit
dir!’
Ich war allein und wollte unserer Behausung zueilen,
dachte noch über all das Erlebte nach und gewahrte nicht, wie mir zwei finstere
Männer folgten. Als sie mich einholten, fragte der eine: .Wo kommst du her, da
du so glücklich aussiehst?’ Ich antwortete: .Vom Grabe Jesu, welches leer ist,
das aber von Engeln bewacht •wird“ Da schlug er mich nieder und schrie: ,Du Lügner,
willst du mir Märchen erzählen?’ Flehend rief ich in meiner Not: ,0 Jesus hilf
mir!’ Im selben Augenblick stand schon mein kleiner Knabe bei mir, und vor
seinem festen, sehr ernsten Blick entflohen die beiden! Ich erwachte und bedauere
noch jetzt, daß es nur ein Traum war!“
„Mein Sohn“, sprach die Mutter beglückt- ,ist der
Traum nicht auch ein Himmelsgeschenk? - Und stehet nicht geschrieben. daß sich
der Herr auch durch Träume offenbaren kann? Mir hast du damit viel gegeben,
darum danke ich dir und dem ewigen Gott für alles eben Gehörte.“
Der Vater aber hatte auch jedes Wort gehört, trat
durch die angelehnte Tür und sprach erregt: „Mir habt ihr auch genug gegeben
und es wird Zeit, daß ich euch zur Besinnung bringe! Hier herrscht nur einer
und dieser bin ich! Und ich bestimme über euer Tun und Denken. Gelobt sei Gott,
daß dieser Nazarener nicht mehr lebt und keien Schaden mehr anrichten kann! Du,
Ruben, und ich, wir gehen sogleich in den Tempel, der Hohepriester wird sich
wundern, in dir einen Abtrünnigen kennen zu lernen.“
„Vater, ich gehe mit dir“, sprach Ruben ernst, „um
euch allen zu sagen, wie verblendet und irregeleitet ihr seid! Was kann mir
noch der Tempel zufügen? Hat er nicht meine Seele vergiftet mit dem ewigen Haß,
hat mir dauernd gedroht so ich nicht im blinden Gehorsam mich fügte, während
der Herrliche und Erhabene uns eine neue Lehre brachte, die uns allen
Unsagbares schenken wollte. Ihr glaubt, Jesus getötet zu haben! Aber Er lebt
und wird immer leben!“
„Schweige, du Ehrloser“, rief Enos, „ich weiß jetzt:
ihr alle seid Ungetreue und Verräter des Tempels! Ich kenne nur ein Ziel und
dieses lautet: Die Giftsaat des Nazareners tot, für ewig tot zu treten!“
„Gut, Vater, tue nach deinem Willen“, sprach der Sohn-
„ich aber sage dir jetzt in dieser Morgenstunde: Jesus ist schon Sieger! Denn
Sein Grab ist leer!“
„Schweige!“, donnerte nochmals der Alte, „meine Geduld
ist zu Ende!“
Ängstlich schwiegen auch die Mutter und Ruth, denn so
böse sahen sie den Vater noch nie. Da sprach Ruben: „Wir wollen uns nicht
fürchten, sondern hoffen auf den ewigen Gott! Ich mache mich fertig und gehe
mit nach dem Tempel.“
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<01. nach der kreuzigung, im hause eines
templers.doc> |
02. Das Grab ist leer!
In Jerusalem war große Aufregung. Die Straßen waren
voller Menschen, die nach dem Tempel strömten; wie ein Lauffeuer durcheilte
die Straßen die Kunde: Das Grab des Heilands Jesus ist leer!
Vater und Sohn eilten schweigend nach dem Tempel, aber
dem alten Enos ward innerlich schwül bei diesen Reden und er war froh, als sich
die Tore zum Tempel öffneten; doch auch hier herrschte große Unruhe, die
Templer warteten auf den Hohepriester, welcher sich mit einigen Ältesten
eingeschlossen hatte, denn die Kunde: „Das Grab ist leer“ hatte alle ihre
Berechnungen und Voraussetzungen zerstört.
Ruben beteiligte sich nicht an ihren Gesprächen, denn
in seinem Herzen keimte der Same zu etwas Edlerem; und als sich die Aufregung
noch steigerte, verließ er unauffällig den Tempel und ging nach der Herberge am
Ölberg, welche Lazarus gehörte. Die Sonne stand schon hoch am Himmel; es waren
viele Gäste im großen Gastzimmer, doch als er eintrat, verstummte jede
Unterhaltung. Er wunderte sich, daß man ihm die gewohnte Ehrung als Priester
nicht darbrachte;
der Herbergswirt fragte den neuen Gast nach seinen
Wünschen. Ruben aber besann sich und sagte: „Heute komme ich nicht als
Priester, sondern suche nach einigen Freunden Jesu. Immer konnte man sie hier
treffen, doch heute sehe ich keine.“
Der Wirt antwortete: „Lieber Freund, da darfst du
nicht in priesterlichem Kleide kommen! Denn Jesu Freunde wissen, wie sehr ihr
sie verachtet und verfolgt! So ich dir aber Auskunft geben kann, so stehe ich
gerne zu Diensten.“ Ruben sprach enttäuscht: „Ja, es ist besser, ich gehe
wieder; denn mir glaubt ja doch keiner, daß ich jetzt kein Templer mehr bin.“
Der Wirt betrachtete ihn mitleidig und sprach:
„Freund, so du Kummer und Leid in dir trägst und weißt nicht wohin, suche
Lazarus in Bethanien auf! Der wäre der rechte Tröster für dich; dort wirst du
bestimmt keine Enttäuschung erleben.“
Zur Türe herein kamen neue Gäste; einer von ihnen rief
laut, daß es alle hören mußten: „Freunde und ihr alle, höret, was ich euch
berichte: Der Heiland und Wundermann Jesus ist von den Toten auferstanden!“
Der Wirt. der mit Ruben ganz in der Nähe stand, fragte
erstaunt;
„Joseph, was redest du hier so bestimmt: Der Meister
lebt und ist nicht im Tode verblieben?“ Joseph aber antwortete strahlend: „Hast
du von Jesus etwas anderes erwartet, lieber Freund? Hat Er nicht oft genug
gesagt: ,Wer an Mich glaubet, der wird das ewige Leben durch Mich erhalten!’ Da
Er doch Selbst das Leben und die Wahrheit ist!“
Der Wirt mußte gestehen: »Mein Freund und Bruder im
Herrn! Gewiß sind dies Worte des Meisters! Aber ich nahm diese Worte rein
geistig und wendete sie für das jenseitige Leben an. Denn oft mußten wir doch
auch hören, daß Er Selbst auch noch den Tod erleiden werde!“
Joseph sprach: „Recht hast du, Bruder! Aber Er ist
doch der Herr und wußte bestimmt, was Er sagte. Wäre Er im Tode verblieben,
wäre Seine Lehre vom ewigen Leben bald, gar bald in Vergessenheit geraten.“
Nun drängten sich die Gäste zu den Sprechern und
lauschten begierig ihren Worten; da sprach einer: „Was der gute Freund erzählen
will, gehört uns allen! Darum bitte ich dich, gib uns über dein Gehörtes
genaueren Bescheid! Denn es handelt sich doch um Jesus, den man uns genommen.“
„Beruhigt euch, liebe Freunde, alles sollt ihr
erfahren“, sprach Joseph. „Wie ihr fast alle wißt, bin ich mit Maria, der
Mutter unseres Herrn und Meisters, befreundet; mit großer Sorge war ich
erfüllt über das grausame Geschick, das sie betroffen hatte. So war ich auch
heute in der Nähe des Grabes, als zwei Frauen mir entgegen kamen und
erzählten, das Grab sei nur von zwei leuchtenden Jünglingen bewacht, die uns
den Auftrag gaben, allen zu verkünden, der Herr sei auferstanden! Nun wollte
ich mich selber von der Richtigkeit dieser Aussagen überzeugen und ging direkt
nach dem Grabe; Soldaten aber hatten alles abgesperrt. Ich gab dem Unterführer
ein gutes Wort und durfte hineinschauen, und wirklich, das Grab war leer! Nur
Tücher und Binden lagen dort, aber von den Jünglingen sah ich nichts. Ich bin
hierher geeilt, um Seine Jünger zu finden; denn ich muß bekennen: ich glaube
den Frauen, daß der Herr lebt!“
Ruben hörte alles mit Ruhe an; doch plötzlich entstand
in ihm ein Drängen, er mußte reden: „Freunde! Stoßet euch nicht an meinem
Kleide oder daran, daß ich ein Priester bin; mich trieb es hierher, da ich in
meiner inneren Not jemanden suchte, der mir Verständnis entgegenbringt. Seit
der Kreuzigung kämpfe ich einen furchtbaren inneren Kampf, da ich erkennen
mußte: Wir haben einen Unschuldigen gerichtet! Bei meinem Vater stieß ich auf
Nichtverstehen, ja, ich mußte seine Verachtung ertragen! Im inneren Kampfe mit
mir rief ich den Herrn und Gott Jehova um Hilfe und bat den Heiland Jesus innig
um Vergebung. Er war mir gnädig, und in dieser Nacht durfte ich, im Traume, den
Meister lebend unter tausenden von Engeln sehen und hören. Dann durfte ich in
das leere Grab schauen, und zwei Jünglinge verkündeten strahlenden Auges: Der
Herr ist auferstanden! Freunde, ich bin glücklich über diese Botschaft! Ich
brauche Jesus nicht mehr zu fürchten, er lebt!“
Joseph sprach jetzt erstaunt: „Du bist Ruben, des Enos
Sohn! Wir kennen euch beide, ihr seid Feinde des Herrn und Meisters! Ist deine
Aussage aber wahr, dann werde doch unser Freund! Doch dann müßtest du dich vom
Tempel und vom Vaterhause trennen. Nur der kann Sein Jünger werden, der das
ehrliche Wollen besitzt, Ihm nachzufolgen! Deine Schuld, die dich drückt, wird
dir von allen vergeben werden, die im Geiste des Meisters sich für Seine
heilige Sache einsetzen! Darum bringe erst alles in Ordnung und dann komme
wieder. Es ist genug, daß der Herr verraten wurde von einem, der sich zu Seiner
Jüngerschar bekannte. Einen zweiten Verräter möchte ich nicht in unserer Mitte
sehen.“
Ruben bekannte: „Du hast recht, daß du nicht ohne
weiteres meinen Worten glaubst! Darum gehe ich und werde nach deinem Rat
handeln.“ Ruben ging. Es wurde Nachmittag; die Straßen hatten sich geleert und
er war froh, endlich wieder daheim zu sein.
Die Schwester empfing ihn mit den Worten: „Der Vater
war hier und suchte dich! - Als wir ihm sagten, du seiest noch nicht zurück,
ist er ganz erregt wieder fortgegangen; er drohte, dich gefangen nehmen zu
lassen, da du ein Verräter seiest!“
„Ruth, sehe ich wie ein Verräter aus?“, fragte Ruben
sanft. „Heute, da ich im Begriff stehe, ein ganz neues Leben zu beginnen, will
mich der Vater zwingen, das alte Leben weiter zu führen? - Nein! Mag kommen,
was da will, im Tempel sieht midi niemand mehr! Frage nichts Unnützes, ich bin
froh, diese große Schuld nicht mehr auf meinem Gewissen lastend zu fühlen. Gib
mir zu essen, mich hungert nach Speise - und nach Liebe.“
Während Ruth das Mahl bereitete, konnte Ruben der
Mutter alle seine Eindrücke vom Tempel und von der Herberge erzählen. „Hast du
in der Herberge auch Bekannte getroffen?“, fragte die Mutter ängstlich. „Daß du
einen groben Fehler begangen hast, wirst du nicht einsehen wollen, aber wie
kann man im Priestergewand offen für den Heiland werben, wo du doch weißt, daß
die Schergen des Tempels alles belauschen? Wärest du verkleidet gewesen, es
wäre besser für dich.“
Ruben bat: „Mutter, sorge dich um nichts! Morgen früh
suche ich den Besitzer von Bethanien auf; dort genieße ich solange Schutz, bis
ich mich vom Tempel gelöst habe. Nun ich dies feste Ziel habe, sorge ich mich
nicht mehr, denn Jesus hat mir einen Beweis Seiner Liebe gegeben!“
Der Klopfer ertönte. „Der Vater kommt“, rief Ruth und
eilte, um zu öffnen. „Ist Ruben hier?“, fragte der alte Enos; Ruth bejahte. „Es
ist gut“, sprach Enos; da bemerkte sie, daß der Vater nicht allein war, noch
zwei Priester betraten das Haus. In der Wohnung, wo sich die Mutter mit Ruben
befand, trat nun Enos mit den beiden ein:
„Da sitzt der Verräter! Fragt ihn selbst, er war am
längsten mein Sohn!“
„Vater!“, rief Ruben, „mit diesen Worten beweist du
mir aufs neue eure Blindheit und euren Haß. Alle Vorgänge an diesem Tage müßten
doch dir und dem ganzen Tempel die Augen geöffnet haben! Aber wie es scheint,
haben sie euch nur noch verbitterter und gehässiger gemacht.“
„Schweige!“, rief Enos bitter, „stehe Rede den beiden
Beauftragten! Denn für dich habe ich kein gutes Wort mehr, du Ungetreuer!“
„Ruben“, sprach nun Joab, einer der beiden Priester,
„du bist angeklagt, die Interessen des Tempels nicht mehr zu vertreten und
dich zu den Bekennern des Gekreuzigten gesellt zu haben. Antworte mir treu und
ehrlich, wie es sich für einen Diener Jehovas geziemt. Bedenke aber auch,
welche Folgen dir entstehen, so du nicht der Wahrheit gemäß redest.“
„Mit welchem Rechte spielst du dich zu einem Richter
zwischen mir und meinem Vater auf?“, fragte Ruben erregt; „so du die Wahrheit
aber wissen willst, so ist es ja nicht mehr nötig zu fragen, denn mein Vater
weiß ja um alles.“
Joab sprach weiter: „Ruben, nicht zwischen dir und
deinem Vater, sondern zwischen dem Tempel und dir sind Differenzen schwerster
Art! Denn du hast deinen Eid gebrochen und das Haus Jehovas geschändet. Du
weißt auch, welche Folgen deiner harren! Wir wissen um deine Rede in der
Herberge am Ölberg, wir wissen auch, daß du gewillt bist, weiterhin den Tempel
zu verraten!“
„Joab, du warst immer einer der Verständigsten, so
einer dich um Rat und Hilfe anging“, entgegnete Ruben, „doch vom Nazarener
wolltest du ja nichts wissen - und bist geflissentlich bei Seite gegangen,
wenn gegen Ihn etwas unternommen werden sollte! - Einstimmig aber fiel die
letzte Beschlußfassung aus, wo der Stab über Jesus gebrochen wurde. Ihr habt es
nicht für nötig gehalten, auch die abwesenden Priester um ihre Meinung zu
befragen; und die vom Hohepriester Geladenen waren ja ausgesprochene Gegner des
Nazareners. Auch ich gehörte zu denen; als ich mich aber weiden wollte an den
Schmerzen des Verhaßten, erlebte ich einen Umschwung meiner Gefühle! Denn mir
wurde klar, daß es mehr als ein Irrtum, daß es Mord war, was wir verübten an
dem zum Tode Verurteilten! Voller Schmerz und Reue darüber, daß ich selber
mich zu Seinen Mördern rechnen mußte, verlebte ich eine furchtbare Nacht! Doch
Sein anklagender und aber auch verzeihender Blick überwältigte mich so, daß
ich, wie einst Jakob, im heißen Gebete ringen mußte um Erlösung und Klarheit!
Und in diesem Ringen mit mir und in mir fiel es wie Schuppen von meinen Augen!
Und manches wurde mir klar, worüber ich noch nie nachgedacht hatte. In der
folgenden Nacht erlebte ich, daß Jesus von Nazareth nicht mehr im Grabe,
sondern lebendig war und zahllosen Engelswesen erschien und auch zu ihnen
redete. Mag es auch nur ein Traum gewesen sein! Als aber in der Herberge, zu
der es mich mit Gewalt hinzog, die Kunde offenbar wurde: Jesus lebt! - da,
lieber Joab, fiel auch die letzte Fessel, die mich noch an den Tempel band! Und
morgen hätte ich mich bestimmt vom Tempel gelöst.“
„Ruben, du magst recht haben, so du von dir sprichst,“
antwortete ihm Joab, „aber du gehörst nicht dir, sondern dem Tempel! Was der
Rat beschloß und ausführte, muß frei von jeder Kritik sein. Hättest du
geschwiegen vor jedermann und hättest du eine Zeitlang noch gewartet, wärest
auch du zur Ruhe gekommen! Aber du stelltest dich offen auf die Seite unserer
Feinde; damit aber hast du dich strafbar gemacht! Denn noch band dich dein Eid,
und noch bist du Priester, und so mußt du die Folgen tragen!“
„Deine Worte klingen, als wärest du mir wohlgesinnt“,
entgegnete Ruben, „aber ich fühle auch deinen Haß, den du auf alle überträgst,
die zum Nazarener stehen! - So sei dir und jedem gesagt: Der Tempel hat in mir
alles ertötet, was mich je mit ihm verband! Mein Leben gehört nicht mehr mir,
sondern dem Auferstandenen, der mir Beweise Seiner Vergebung schenkte und in
mir den Entschluß belebte, nur Ihm und Seiner Sache zu dienen! Eure Drohungen
schrecken mich nicht mehr! Denn so Jesus lebt, brauche ich euch und den Tempel
nicht zu fürchten.“
Der andere Priester, Hosea, war ganz entsetzt und
sprach mahnend: „Ruben, überlege deine Worte recht und wäge sie genau! Es
könnte doch sein, daß dich dein Entschluß bitter enttäuschen wird! Denn auf
Gnade und Vergebung vom Tempel aus ist nicht zu rechnen; du weißt, es wird
scharf zugegriffen und keiner verschont, der seinem Gott und seinem Glauben
untreu wird.“
Ruhig entgegnete Ruben: „Ich fürchte mich nicht vor
euch! Denn euer Gott und euer Glaube ward ja zum Deckmantel eures Handelns aus
der tiefsten Hölle. Ihr seid ja gar keine Menschen mehr, sondern haß- und
blutgierige Bestien. Aber Jesus lebt und ist Sieger auch über den Tod
geworden! Und auch Seine Lehre wird, trotz Tempel und seinen Dienern, ewig
Sieger bleiben!“
„Nun hört ihr selbst, was ihr nicht fassen wolltet“,
sprach der Vater; „statt zu bereuen, möchte er uns bekehren! Darum waltet eures
Amtes und nehmet keine Rücksicht! Er ist mein Sohn nicht mehr!“ - -
Nun aber trat die Mutter zu den Männern und sprach
entschlossen: „Aber er ist mein Sohn! - und ich, seine Mutter, bitte euch:
Verlasset unser Haus und macht es nicht zu einem
Klage- und Trauerhaus! Auch ich fühle die Wahrheit aus Rubens Munde! Darum,
wäre es nicht richtiger, so ihr seine Worte einer gerechten Prüfung unterziehen
würdet? Du, Enos, schäme dich, deinen Sohn vor das Forum des Tempel-Gerichtes
ziehen zu wollen! - Denn, was dort einmal ist, bleibt auch dort!“
Enos aber rief erregt: „Schweige! Und nimm dich in
acht, daß nicht auch du noch an die Reihe kommst! Denn jetzt muß scharf zugegriffen
werden!“
Ruben bat: „Mutter,
beruhige dich und sei ohne Furcht! Jesus
lebt! Und in diesen zwei Worten liegt unser Heil und unsere Hilfe, - aber auch
der Untergang des Tempels! - Ich gehe mit! - Wir können sofort gehen, denn ich
bin ohne Sorge und weiß bestimmt:
Der Tausenden geholfen hat, wird auch mir helfen!“
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<02. das grab ist leer.doc> |
03. In der Gewalt des Tempels
Ruben stand vor dem Hohen Rat, vor dem Hohenpriester,
- innerlich ruhig, und auf die Frage des wortführenden Priesters:
„Bekennst du dich schuldig, das Heiligste des Tempels
verraten - und dich zu den Nazarenern bekannt zu haben?“ - antwortete er:
„Schuldig? - Ja! - Schuldig, das Heiligste entweiht zu
haben, war ich, solange ich mich zu euch bekannte und in euren fanatischen Haß
gegen Andersdenkende mit einstimmte! - Solange war ich schuldig! Nun aber, wo
ich meine und eure verkehrte und sündige Art erkennen durfte, ist es mir, als
ob alle Schuld abgewaschen sei! Daß ich die Güte und Barmherzigkeit des
Auferstandenen rühmte, ist meine heilige Pflicht! Denn wie ein Verräter müßte
ich mir vorkommen, so ich es nicht getan hätte oder heucheln würde, noch einer
der eurigen zu sein!“
„Du redest von dem „Auferstandenen“ und meinst wohl
den geraubten Leichnam? - Es wäre noch zu untersuchen, inwieweit auch du mit
schuld bist an diesem Raube!“, sprach nun Joab listig.
Ruben aber rief erregt: „Wieder eine neue Lüge! Alles,
was ihr sagt, muß ja mit Lügen bekräftigt sein! Und immer habt ihr es gut
verstanden, eure Lügen schmackhaft als Wahrheit ändern vorzusetzen. Ist euch
denn niemals in den Sinn gekommen, daß letztlich doch alles offenbar wird?
Sehet auf den Vorhang! Dies ist die Sprache Gottes, daß alles offenbar werden
muß, und wenn es bis ins Allerheiligste versteckt wird! Warum sind eure
Bemühungen erfolglos, den Schaden auszubessern? Weil Gott uns allen zeigen
will, daß in dem Gottes-Sohne Jesus Seine Wahrheit und Sein Heiliges Wort
lebendig zu uns Menschen gekommen sind!“
Joab aber sprach böse: „Es bedarf keiner Worte weiter,
deine Schuld ist erwiesen! - Nur eins könnte dich noch vor Strafe retten:
so du widerrufst und mit allem Eifer versuchst, deine
Schuld gutzumachen.“
„Ihr redet von meiner Schuld!“, sprach Ruben, „mir
ist, seit ich all die inneren Kämpfe und die Gedanken des Zweifels überwunden
habe, so wohl wie noch nie in meinem Leben! Und warum? Weil ich den Blick
aufgefangen, den der große Dulder mir schenkte! Und in diesem Blick lag so viel
Liebe und Verzeihen! Dies ist mein Bekenntnis! - davon kann ich nichts
widerrufen!“
Der Hohepriester trat nun nahe an Ruben heran und
sprach:
„Verblendeter! Willst du denn wirklich den Tod und das
Verderben? Du kennst doch unsere Gesetze zur Genüge! Was du von dem
„Auferstandenen“ wissen willst, sind ja Märchen. Was der Nazarener war, ist
bewiesen: ein sterblicher Mensch, wie jeder andere auch! Um von den Toten
aufzuerstehen, hätte er sich nicht erst töten lassen brauchen. Dort am Kreuz
war Gelegenheit, uns seine Kraft und Macht zu beweisen! Doch er selbst rief ja
vor Schmerz verzweifelt aus: ,Mein Gott! - Warum hast du mich verlassen?’
Siehe, wir sind die Hüter Jehovas und haben nüchtern diese Sachen zu prüfen und
zu überwachen; darum höre meine Mahnung: Prüfe dich ernstlich und streng, und
dann will ich dich nochmals hören! - Bis dahin aber bleibst du im Tempel, in
sicherem Gewahrsam.“
„Also doch gefangen und von aller Welt abgeschnitten“,
sprach Ruben. „Nun, wehren kann ich mich jetzt nicht, aber beten werde ich zu
Gott, dem Ewigen und Herrlichen, daß ich ganz erfüllt werde von dem, was in
Gott lebt und webt! Einmal muß sich die Wahrheit Gottes doch offenbaren! Bis
dahin heißt es nun ausharren!“ -
Man führte ihn in ein sicheres Gewahrsam, worin nur
ein Tisch und eine Bank standen, ab als Gefangenen. Dann war er lange allein. -
Inbrünstig betete er in dieser Stille „Großer und heiliger Gott! Abgeschnitten
von aller Welt und den Meinen befinde ich mich hier und will nun über alle
meine Irrtümer und Fehler nachdenken! Da ich bisher immer gute Zeiten hatte,
wird es mir schwer werden, diese Tage der Prüfung zu erdulden! Da bitte ich
Dich aus tiefstem Herzensgrund um Beistand und Hilfe! Wie Du Hiob durch das
Leid führtest, so führe Du auch mich und erweise Dich an mir als Der, Der da
helfen und erretten kann! So wie Du Jesus erfülltest mit Kraft, so erfülle
auch mich, damit ich Dich stets loben und preisen kann! - Über meine Eltern und
Schwester aber halte Deine starke Hand - um Jesu Liebe willen! Amen!“
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<03. in der gewalt des tempels.doc> |
04. In Zweifel und Herzens-Not
Im Hause Enos aber war Leid und Kummer eingezogen: der
Sohn lebte seit drei Wochen gefangen im Tempel, und die Mutter konnte diesen
Schmerz nicht überwinden, obgleich Ruth unermüdlich bemüht war, sie, die im
Fieber immer wieder nach ihrem Sohn rief, zu trösten. Der alte Enos stellte
deshalb wiederholt beim Hohen Rat den Antrag auf Befreiung seines Sohnes, aber
seine Bitten wurden abgewiesen! In diesem inneren Zwiespalt mit dem Tempel
wurde er unsicher, und jetzt wirkten die Worte seines Sohnes sich aus: „Ihr
seid ja in eurem grenzenlosen Haß gar keine Menschen mehr!“ Er mußte nun an
sich selber erfahren, wie hart und lieblos die Herren des Tempels sein konnten.
Wieder war es nahe an Mitternacht, die Mutter rief im
Fieber nach Ruben, aber die kühlende Hand von Ruth versagte. In ihrer Angst
rief sie den Vater, der erschrocken war über das Aussehen seines Weibes, das
ihm entgegenrief: „Gehe fort, du Unnatürlicher! Du allein bist an allem Jammer
und Elend schuld! Gehe nur in deinen Tempel und freuet euch, daß ihr
Unschuldige in den Tod treiben könnt! Aber noch ist ein Wächter über Israel!
Was willst du noch hier bei uns? Sorge dafür, daß Ruben zurückkehrt, oder es
geht mit mir zu Ende! Dann hast du nicht nur deinen Sohn, sondern auch mich auf
dem Gewissen!“
„Miriam, beruhige dich! Ich will versuchen, alles
gutzumachen, will mich nocheinmal bemühen, daß Ruben die Freiheit wieder erhält“,
sprach der Alte, aber ein Zittern befiel ihn, so daß Ruth besorgt fragte:
„Vater, glaubst du wirklich, daß noch alles wieder gut werden kann?“
„Meine Ruth“, sprach der Vater, „ich glaube jetzt: ich
tat euch Unrecht! Wie oft habe ich schon versucht, seine Freilassung zu bewirken,
sogar beim Hohen Rat bin ich gewesen, - aber vergebens! Man sagte mir, Ruben
solle widerrufen! Dies tut er aber nicht. Ich selbst kann nicht mehr bitten und
kann auch nicht beten zu Jehova! Dazu fehlt mir der wahre Glaube! Wenn du
wüßtest, in welche harten Zweifel ich in dieser Not schon geraten bin! Solange
ich dem Tempel diente und Gott und Gottes Wort verkündete, war dies nur eine
Sache des Kopfes auf Grund meiner Befähigung. Nie hätte ich es für möglich
gehalten, daß man in solche Herzensnot kommen kann! Das Traurigste aber ist,
daß ich nie etwas tat, um mir eure Liebe und euer Zutrauen zu erringen! Wir
sind Priester! Alle unsere Handlungsweisen schienen uns richtig, und niemandem
stand ein Recht zu, sie zu verurteilen! So wurde ich alt und blieb immer
derselbe, und wäre dieser Nazarener nicht gekommen, könnte alles gut sein!
Ruth sprach leise: „Vater, mit dem Vergangenen retten
wir Mutter und Ruben nicht! Wenn du noch einen Funken Liebe für sie in deiner
Brust trägst, dann eile, eile! Stirbt Mutter, dann, Vater, trägst du die Schuld
an ihrem Tode!“
„Höre auf, Kind! Ich will ja alles versuchen“, - damit eilte der alte
Enos in den Tempel, innerlich und äußerlich ein gebrochener Mann.
Der Hohepriester war nicht anwesend, aber dafür viele
andere, und man hatte nochmals beschlossen, die Nazarener mit strengen Augen zu
bewachen, denn die Stimmen mehrten sich, die bekundeten, Jesus lebe wahr und
wahrhaftig! Da kam der alte Enos, trat vor die Ratsversammlung und bat nochmals
innig um die Freilassung seines Sohnes. „Sei es nur auf einige Tage! Mein Weib
stirbt, so ich ihr nicht den Sohn zurückbringe! Nehmt mich als Geisel, behaltet
mich an seiner Statt, aber beurlaubt meinen Sohn!“
„Ist es so schlimm?“, fragte Hosea, der doch ein
Freund des Hauses war, „oder ist es nur eine krankhafte Laune deines Weibes?“
„Überzeugt euch selbst!“, sprach Enos, „aber laßt mich
einmal zu meinem Sohn! Nach langem Hin und Her endlich wurde es dem Vater
erlaubt, seinen Sohn zu besuchen. Zu Miriam aber begaben sich die Freunde Joab
und Hosea.
In Ruben waren aber nun doch Zweifel gekommen; seine
Gebete verloren an Kraft; die Nächte wurden immer qualvoller, und in ihm nagte
es: Tat ich recht oder nicht? Wenn ich Jesus nützen will, brauche ich vor allem
meine Freiheit, aber wie sie erhalten? - Das enge, dunkle Gemach erdrückte ihn
fast, und die Langeweile machte ihm das Leben unerträglich. Oft schon betete
er: „O Herr Jesus, wenn Du lebst, warum hilfst Du mir nicht? Warum läßt Du es zu,
daß ich gefangen sitze?“ - Aber alles in ihm und um ihn blieb stumm! Er nahm
keine Speise mehr zu sich, das Leben war ihm nichts mehr! In einer solchen
trüben Stimmung kam sein Vater zu ihm.
Ruben fragte müde: „Du kommst wohl nachschauen, ob ich
noch nicht soweit bin, daß ich zu allem Ja und Amen sage? Wahrlich, eure Mittel
sind gut, um Steine zu erweichen! 0, zum Verzweifeln ist es hier!“
„Ruben, höre mich an,“ bat der Vater; „ich komme heute
zu dir, um dir eine traurige Kunde zu bringen. Die Mutter ist schwer krank und
verlangt nach dir! Um sie zu retten, ist es nötig, daß du heimkommst, und sei
es auch nur für einige Tage. Ich habe mich selbst als Geisel angeboten, damit
du für einige Tage das Gefängnis verlassen kannst. An mir liegt nichts mehr,
denn mein Vertrauen zum Tempel ist fast erschüttert! Nie hätte ich geglaubt,
da3 Hartherzigkeit so weh tun kann! Und wo ich hoffte, daß der Tempel mir nur
ein wenig entgegenkäme, mußte ich erfahren, daß die Templer ein Entgegenkommen
garnicht kennen! Um es mit wenigen Worten zu sagen: mir ist der Tempel zuwider
geworden.“
„Vater!“ rief Ruben, „für dich ist es zu spät, um vom
Tempel loszukommen, denn dein ganzes Sein ist mit ihm verwachsen! Siehe, fast
bin ich nun auch schon so weit, wie mich der Tempel haben will! Ich bin am Ende
meiner Kraft! Ich kann nicht länger den Mut aufbringen, um für eine Sache zu
kämpfen und zu dulden, für die mir die Beweise fehlen! Wohl kann ich den Blick
des sterbenden Jesus nicht vergessen! Und dies ist das einzige, für das ich
Beweise habe! Das andere aber sind Erlebnisse, die auch falsch sein können. Wie
habe ich gerungen, geprüft und gebetet, habe gebetet mit zerrissenem und
blutendem Herzen, - aber in mir und um mich ist es stumm geblieben! Lange halte
ich es hier nicht mehr aus, und dann würde ich aus Verzweiflung noch etwas ganz
anderes tun.“
„Mein Sohn“, sprach Enos, „wenn du dem Hohen Rat
mitteilst, was du mir eben sagtest, und deine Erlebnisse als einen Irrtum
betrachtest, dann steht ja deiner Freilassung nichts mehr im Wege! Und für
deine Mutter wärest du der rettende Engel.“
„Vater, wenn mein Erleben aber kein Irrtum war, was
dann?“ besann sich Ruben; „dürfte ich jemals meine Stimme erheben und die Liebe
und die Geduld des sterbenden Jesus rühmen? - Noch widerrufe ich nichts; denn
noch kann der Auferstandene mir die Freiheit bringen.“
„Und deine Mutter?“, fragte Enos traurig; „ich möchte
dich bitten, bringe dieses Opfer um deiner Mutter und Schwester willen!“
„Vater, ich leide um Jesu willen“, erwiderte Ruben
entschlossen, „und warte immer noch auf Ihn! Wenn ich auch widerrufe und dann
in die Freiheit zurückkehren’ könnte, würde doch der Kampf in mir nicht zur
Ruhe kommen! Aber dem Tempel gönne ich den Triumph auch nicht, mich wieder in
seine alten Bahnen gebracht zu haben! Denn mich friert, so ich an den Tempel
nur denke und an all seine Diener mit den steinernen Herzen! - Lieber mache ich
ein Ende.“
Plötzlich wurde die Tür geöffnet, zwei Diener kamen
und forderten die beiden auf, zum Hohen Rat zu kommen. „Was ist denn geschehen?“,
fragte Enos die Diener; diese aber konnten keine Auskunft geben, und so gingen
sie und traten in den Ratssaal ein. Der stellvertretende Hohepriester kam den
beiden entgegen und sprach:
„Ruben! - Noch bist du ein Priester und Diener des
Tempels, und durch zwei Zeugen haben wir Kenntnis erhalten, was du deinem
Vater, einem bewährten Priester und Diener Jehovas, soeben offenbart hast! Es
ist uns eine Freude, daß du wieder dahin gekommen bist, wo wir dich zu sehen
wünschen! Doch hüte dich in Zukunft, jemals wieder unter Nazarenern zu weilen,
denn dann müßte dich die ganze Strenge des Tempels treffen. Wir warten noch auf
die beiden Priester, die nach deiner Mutter schauen; ist es dringend erwünscht,
so steht deinem Heimgang ins Elternhaus nichts mehr entgegen!“
Enos wollte noch etwas erwidern, da kamen auch schon
in aller Eile Joab und Hosea zurück und bekundeten: „Höchste Eile tut not!“,
und so wurden unter den besten Wünschen Vater und Sohn rasch entlassen! Ruben
war müde und kraftlos, der alte Enos nicht minder; kummervoll eilten sie heim;
es galt ja, die Mutter zu retten. Endlich, endlich daheim! Ruth führte die beiden zur Mutter, und ihr Kommen
bewirkte Wunder, denn in der Mutter erwachte ein neues Leben! Wie im Traume
noch sprach sie; „Nun bist du wieder da! Aber um dich kreisen schwarze Raben,
die dir am liebsten die Augen aushacken möchten! Du aber, Enos, hast ein paar
Nachteulen mitgebracht!“
Ruben sprach erregt: „Vater! Seit wann redet die
Mutter irre?“ „Nein, dies ist kein Irre-Reden, sondern ich sage euch nur, was
ich um euch sehe!“, erklärte die Mutter.
„Mutter, schaue uns an und nicht, was dir um uns als
Erscheinung entgegentritt! Denn ich möchte dich wieder gesund sehen und bin
gekommen, dank der Gnade Gottes, dich zu pflegen! Blicke voll Vertrauen auf den
großen Gott! Dann wird dir froh und leicht! Nun
aber schlafe, während ich bei dir bleibe!“ Der alte Vater aber sorgte, daß
Ruben wieder zu Kräften kam.
Anderen Tages kamen Joab und Hosea und waren erfreut,
daß sich im Hause alles zur Besserung gewendet. Der Vater fragte:
„Sagt mal, Freunde, wie kam es, daß auf einmal der
Freilassung nichts mehr hinderlich war? - Während ich mir so oft die größte
Mühe gab und sogar das Opfer auf mich nahm, als Geisel dort zu bleiben!“
„Enos“, sprach Hosea, „als du gestern nach dem Tempel
gingst, wurdest du schon beobachtet und wir wußten, wie es bei euch stand, denn
dein ganzes Gebaren verriet Not und Kummer. Wir untereinander waren uns schon
einig, daß etwas für dich geschehen müsse, aber der Hohepriester wollte nichts
davon hören. Da dieser nun seit einigen Tagen abwesend ist, beschlossen wir,
dir zu helfen, sobald dein Sohn nur den Willen zeigte, seine Torheit zu
bereuen! Als du bei deinem Sohn wärest, belauschten euch zwei Priester; da wir
von ihnen hörten, wie Ruben nun eingestellt ist, wurde uns klar, daß wir hier
durch Milde mehr erreichen als durch Strenge!“
Enos sprach: „Aber Freunde, noch ist nicht bewiesen,
daß mein Sohn sich voll und ganz dem Tempel wieder zuwenden wird! - Jetzt ist
er für nichts zu haben, da die Gefangenschaft ihn sehr mitgenommen hat; mir
selbst geht es auch nicht gut, darum könnt ihr von uns heute nichts erwarten!“
„Bruder Enos!“, sprach Hosea, „alles geht vorüber!
Auch diese vergangenen Tage werdet ihr vergessen und werdet wieder die Alten
sein wie vorher!“ -
Ruben fragte erregt: „Meinet ihr, daß ich jemals
vergessen könnte, was mir in den vergangenen Wochen an Leid, Kummer und inneren
Kämpfen begegnet ist? - Eines aber versichere ich euch: Alles sehe ich von nun
an mit anderen Augen! Nie mehr werde ich so lenkbar sein wie früher! Denn ein
anderes, ein Gewaltigeres ist in mir rege geworden und drängt mich, zu suchen
und nach dem zu forschen, was mir bisher ganz fremd und unbekannt war. An Alter
überragt ihr mich ums doppelte; ich wünschte, ihr hättet auch die nötige
Erfahrung dazu, da könnte ich euch um Aufschluß und um Klarheit bitten über
das, was in mir nach Licht und Aufklärung verlangt!“
Hosea wollte begütigen: „Mein Ruben! Verirre dich
nicht auf Wege, die du nicht zu gehen hast! Begnüge dich mit dem, was dir der
Tempel und die Schrift geben, dann wirst du wohl fahren. Was jetzt in dir nach
Klärung drängt, kommt allmählich wieder ins Gleichgewicht; es ist noch keiner
gekommen, der da bekundete:
Seit ich mich vom Tempel trennte, bin ich glücklicher!
Darum nimm meinen Rat an, der aus Zuneigung zu dir entspringt, und bleibe dem
Tempel und Jehova treu!“
Ruben erwiderte: „Ich müßte dir danken für die
väterliche Art, die du mir gegenüber anwendest, aber ich kann nicht! Denn ein Neues
ist über mich gekommen, dessen ich mich nicht erwehren kann. Ich weiß, daß ich
zu euch nicht davon sprechen darf, aber ihr seid ja unsere Freunde, darum
erlaubt mir nur eine einzige Frage und gebt mir offene Antwort: Glaubet ihr,
daß Jesus von Nazareth schuldig war?“
„Ob schuldig oder nicht!“, sprach Hosea, „er hatte den
Tod verdient, da er das Volk vom Tempel trennte und uns mit seiner Lehre
unmöglich machte.“
„Diese Antwort kann mich nicht befriedigen“,
entgegnete Ruben, „da darin zum Ausdruck kommt, daß nur um eurer Interessen willen
Jesus sterben mußte! Könnte es nicht möglich sein, daß sich der Tempel irrte
und ein Fehlurteil fällte? Hier liegt mein Zweifel! Hier fehlt das Überzeugende
eures Rechtes! Und durch meine Gefangenschaft sind meine Zweifel nur noch
größer geworden! Ist Jesus schuldig? Dann kann ich mir nicht erklären, wie Er
noch Liebe und Vergebung denen entgegenbringen konnte, die Ihm auf so grausame
Art das Leben nahmen! Ist aber Jesus unschuldig, so verstehe ich nicht, daß
sich im Tempelkollegium keiner fand, der da offen für Seine Unschuld eintrat.
Gebt mir Licht und Klarheit! Ohne diese kann ich zu keinem Frieden kommen!“
„Ruben!“, sprach Hosea, „du fragst viel und sorgst
dich um Nichtiges. Warum hast du nicht dagegen gestimmt, wenn dir an der
Unschuld des Nazareners so viel lag? Was geschehen ist, ist geschehen! Und
durch eine Klarstellung, ob schuldig oder nicht, kann diese Kreuzigung nicht
ungeschehen gemacht werden! Dieser Nazarener macht uns sowieso schon viel
Sorgen! Darum ist es Pflicht, daß wir, als die Vertreter des Hauses Jehova,
ernst und treu zusammenstehen und uns nicht beunruhigen lassen von der Frage:
war der Nazarener schuldig oder nicht?“ -
„Freunde, so laßt mich schweigen!“, sprach Ruben
ergeben. „Ich muß sehen, daß ich allein mit mir fertig werde. Gott, der Ewige
und Heilige, an den ich nun innig glaube, kann allein mir helfen!“ - Beide
Priester waren froh, daß Ruben das Gespräch beendete und verabschiedeten sich
bald darauf.
Als sie das Haus verlassen hatten, fragte der Vater
bekümmert:
„Mein Sohn! Willst du denn durchaus wieder ins
Tempelgefängnis zurück, da du dich so offen zu einem Verteidiger des Nazareners
machst? Sei froh, daß man dir so entgegengekommen ist und dich wieder auf
freien Fuß setzte; es würde mich nicht wundern, so man dich bald wieder
zurückholte.“
„Vater“, sprach Ruben, „jetzt bin ich noch ein Freier
und werde mich hüten, hier auf die zu warten, die nur horchen können! Denkst
du, die Priester wollten wissen, ob es der Mutter oder uns besser geht? Ich
glaube vielmehr, daß sie mich nur frei ließen, um dich nicht zu verlieren. Ich
weiß ja nichts weiter von Jesus, als was ich erlebte! Daß sich aber noch mehr
abgespielt haben muß, hörte ich aus den Reden des Hosea, weil er von so viel
Sorgen sprach. Vater, ich werde heimlich das Haus verlassen und mich in fremden
Schutz begeben, da ich mich vom Tempel lösen muß; denn zwischen mir und dem
Tempel steht der Gekreuzigte!“
Enos hörte schweigend die Worte seines Sohnes; -
lange, lange kämpfte er mit seinem alten Glauben, dann sprach er ernst: „Ruben,
mein Sohn! Gehe mit Gott! Und ich sage dir,
zwischen dem Tempel und mir stehst du!“
„Ich?“, sprach Ruben betroffen, „warum ich, mein
Vater? Hast du uns nicht immer als Fremde behandelt, - und war dir der Tempel
nicht alles?“
„Eben, weil mir der Tempel alles war,“ versetzte Enos
bitter, „und ich Tor Familienglück und -leben als nichts achtete, darum mußte
ich wohl diesen Dank der Templer erleben, als ich so oft meine Bitte
vorbrachte, um dich frei zu bekommen! Hätte nur ein einziger gesagt: „Der Enos
bürgt mit seiner Gesinnung für seinen Sohn!“, - siehe, das wäre mir ein Dank
gewesen! Aber so waren nur Hartherzigkeit, Lieblosigkeit und Haß ihr Dank!“
„Vater, reden wir nicht mehr davon“, sprach Ruben, „da
wir uns in dieser Stunde, wo wir uns trennen müssen, doch erst richtig gefunden
haben! Laß
mich von Mutter und Ruth Abschied nehmen. Ich glaube, wenn ich in Sicherheit
bin, wird Mutter auch ruhiger!“
Als die Mutter aus
Rubens Munde hörte, daß seine Freiheit und Sicherheit gefährdet wären, sprach
sie ergeben: „Mein einziger Sohn! Ja,
gehe, ehe es zu spät ist! Und nimm Ruth mit dir, damit ich erfahren kann, ob du
in Sicherheit bist! Denn du hast ja ein bestimmtes Ziel im Auge, sonst würdest
du nicht so eilig an den Aufbruch denken können!“
„Ja Mutter, nach Bethanien lenke ich meine Schritte
und hoffe, dort bei dem Besitzer Aufnahme und Zuflucht zu finden. Finde ich in
Bethanien aber nicht, was ich suche, so komme ich wieder und bleibe Priester im
Tempel! Finde ich aber, was ich so nötig brauche, dann sollt auch ihr nicht im
Ungewissen bleiben; dann werde ich ein Priester - für Jesus!“
<04. in zweifel
und herzensnot.doc>05.
Auf der Flucht
Nach einer Stunde verließen zwei junge Menschenkinder
durch eine kleine Pforte leise das Elternhaus; Ruben in Verkleidung und Ruth
durch einen Schleier unkenntlich gemacht. Eilig suchten sie nur Nebenstraßen
und kamen ungesehen ans Tor, das, da es Mittag war, völlig unbewacht war.
Klopfenden Herzens durchschritten sie das Tor und eilten so schnell wie möglich
nach dem Kydrontal, um von dort nach dem Ölberg zu gelangen. Noch einmal
schauten sie zurück nach dem Stephanustor und nach der Gottesstadt, da sprach
Ruth: „Bruder, ich wollte, ich wäre ein Mann! Nie mehr kehrte ich zurück nach den
Stätten der Lüge und des Hasses und suchte nur noch das Heil, das mich voll und
ganz befriedigte!“
„Ruth“, sprach Ruben, „es ist nicht leicht für mich,
da ich doch ins Ungewisse gehe! Ich kenne den Herrn von Bethanien nicht und
weiß nicht, ob er mir Heimat und Schutz bieten wird. Wir jungen Templer wurden
ja wie Gefangene gehalten und durften mit den älteren nie Besuche in die Ferne
machen. Wenn man, wie ich hoffe, meinen Wünschen entgegenkommt, so werde ich
bald vom Tempel frei sein! Doch wir wollen ausschreiten, damit wir ungefährdet
nach Bethanien kommen.“
Auf der Straße zogen Kaufleute in Begleitung von
Soldaten nach Jericho; da schlössen sich die beiden Wanderer an und so fiel es
nicht auf, daß sie jeder Begegnung aus dem Wege gingen. Ein Gefährt begegnete
ihnen und sie erfuhren, daß darin Lazarus saß, der Herr von Bethanien.
Erschrocken sahen sich beide an, und Ruben sprach bedauernd: „O, so finden wir
den Herrn nicht zu Hause.“
„Aber jemand wird schon da sein!“, tröstete Ruth.
„Dann muß ich eben über Nacht dableiben, wie ich es der Mutter schon sagte.“
Von weitem sah man seitlich Bethanien liegen; aber sie
wanderten weiter, da sie nicht wußten, ob Späher vom Tempel auf dem Wege
waren; und es war gut so, denn die Templer paßten genau auf, wer nach und von
Bethanien ging. Erst von der Nordseite her wanderten beide durch blühende
Gärten und grünende Felder nach Bethanien und die Sonne neigte sich, als beide
ermattet in den großen Hof eintraten.
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<04. in zweifel und herzensnot.doc> |
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06. In Bethanien!
Über den Hof kam gerade ein freundlicher, junger Mann
ihnen entgegen, bewillkommnete beide und lud zur Einkehr ein. Wie wohltuend
berührte es beide, so freundlich eingeladen zu werden;
aber noch mehr beglückte es sie, als später Maria sie
begrüßte: „Seid willkommen in Bethanien, wer ihr auch sein möget! Betrachtet
euch als zum Hause-gehörig und fühlet euch wie daheim. Zwar ist mein Bruder
jetzt nicht anwesend, aber heute noch kehrt er wieder zurück. Im Geiste und in
der Liebe Jesu aber wollen wir wie eins werden!"
Ruben sprach: „Wenn schon bei den ersten Worten
unserer Begegnung eure Liebe so fühlbar ist, da sind schon alle unsere Sorgen
wie verschwunden; ich bin ein Flüchtling! - Nicht nur aus dem Tempel und aus
dem Elternhaus, sondern auch vor mir selber floh ich hierher in der Hoffnung,
das zu finden, wonach mein Herz, überhaupt mein ganzes Sein sich so
sehnt!"
Der junge Mann, der beide führte, sprach einladend:
„Stärket euch und ruhet recht aus, Bethanien ist der Liebe geweiht und ein
jedes Sehnen wird, so es in unseren Kräften liegt, gestillt. Es ist ja der
Liebe höchstes Sehnen, alles Leid und allen Kummer zu heilen, um das unruhvolle
Herz wieder ruhig zu machen, damit es fähig werde, aufzunehmen das neue und
gnadenreiche Leben aus dem Geiste Jesu, unseres Herrn und Meisters!"
„Ruth", sprach Ruben bewegt, „dies ist ein
anderer Ton als in Jerusalem! Wie im Himmelreich fühle ich mich."
Nun kam auch Martha und begrüßte in ebenso
herzlicher Weise die Geschwister. Rasch waren Brot und Wein zur Stelle, an einem
Tische nahmen alle Platz, und die Schwestern stellten nun den jungen Mann als
den Jünger Johannes vor. Nun erzählte Ruben von allem, was seine Seele
beschwerte.
Johannes aber sprach ermunternd: „Mein lieber, lieber
Bruder! So du hier bleiben willst, bis der Herr und Meister Selbst dir neue
Wege ebnet, und du in dir erkennst, daß du dann auch neue Aufgaben zu erfüllen
hast, so möchte ich dich in der Folge Theophil nennen; denn es liegt nicht nur
daran, daß der Mensch einen Namen besitzt, sondern ein rechter Name soll auch
den Menschen besitzen! Du willst Kämpfer und Erfüller sein, darum trage diesen
neuen Namen und sei versichert, daß in diesem Moment, wo du wahrhaft das Neue
und Herrliche willst, alles Vergangene in dir wie ausgelöscht wird! Mit dem Willen
zum wahrhaft Guten erkennst du auch den Herrn und Meister Jesus immer mehr,
der, obwohl gestorben, dennoch lebt und uns sogar mehrere Male schon aufs Neue
unterwiesen hat, nicht nachzulassen in der Tätigkeit zum Guten und Wahren! Wir
alle hier in Bethanien und viele, viele Freunde wissen: Der Herr lebt! - Er
ist wahrhaft vom Tode auferstanden!"
Theophil sprach erfreut: „O ich danke dir, Johannes,
für deine Worte, die mich innerlich so beschwingen! Noch mehr aber fühle ich
mich beglückt, da ich aus deinem Munde einen neuen Namen erhielt! Und es will
mir scheinen, als ob du schon in mir einen anderen Menschen, als ich bisher
war, schauen kannst! Wer so lange in Kälte, in Lieblosigkeit und Rechthaberei
leben mußte wie ich, dem tun sich Himmel auf, so man in eure Sphäre kommt! Wie
reich bin ich entschädigt worden für die bittere Gefangenschaft in dieser einen
Stunde! Und ich wage kaum daran zu denken, daß ich in diesem Glück bleiben
darf! 0 Schwester Ruth! Wie bedrückt mich der Gedanke, daß du heim mußt zu
Mutter und Vater, während ich hier bleiben darf!"
„Schwesterchen", sprach Martha, pflege deine
Mutter so weit, daß auch sie bald nach Bethariien kommen kann! Dann ist kein
Grund mehr zum Sorgen! Hier bei uns ist Raum für viele."
„Ihr Menschen hier in Bethanien," sprach Ruth
verwundert, „was tragt ihr für ein besonderes Leben in euch, indem ihr einem
jeden, der nach Bethanien kommt, sogleich helfen, ja ihn beglücken wollt? Für
mich ist es ein Wunder, solche Menschen kennen zu lernen! Dazu in einer Zeit, wo
überall Selbstsucht, Neid und Haß regieren! Mein Vater und auch mein Bruder
sind Priester, also Diener Gottes! Aber zu einem Ton von Liebe und Glück für
andere konnten sie sich nie aufschwingen. Oft unterhielt ich mich mit meiner
Mutter über Jesus von Nazareth, und wir bewunderten Seine Kraft sowie auch
Seine Zuneigung zu allen armen und kranken Menschen. Heute aber erlebe ich ein
Neues, welches ich aber doch ganz natürlich finde! Und es macht mich unsagbar
glücklich, daß mein Bruder in dieser eurer Mitte wahrhaft froh werden kann.
Ach, könnten meine Eltern nur einmal dieses Glück genießen!"
„Liebe Ruth", sprach nun Maria, „dein Vater ist
schon öfter bei meinem Bruder gewesen, hat aber von diesem Geist und dem Leben
hier nichts bemerkt! Im Gegenteil, voll Groll und mit Fluchen verließ er
Bethanien, und warum? Weil nur der alles als schön, gut und beglückend fühlen
kann, der Schönes, Gutes und Glücklich-Machendes in sich trägt. Von Jesus,
unserem herrlichen Meister, wissen wir, daß nur die Herzen befähigt sind,
wahrhaft und getreu im göttlichen Liebes-Sinn zu handeln, die erkannt haben,
daß Eigen-Liebe und Eigen-Sinn die großen Hindernisse sind, die ein Menschenherz
im Streben nach dem Guten und Wahren zum Stillstand bringen! Hat sich der
Mensch von diesen Fesseln nun ernstlich befreit, dann erlebt er erst, wie
wenig er bisher wirklich gelebt hat! Für deinen Bruder soll diese Stunde der
erste Beweis für die Wahrheit unserer Lehre sein! Denn nichts tun wir ohne
einen bestimmten Grund. Der Hauptgrund unserer Handlungen ist stets der: Wie
gewinne ich meine Mit- und Nebenmenschen, damit ich mit ihnen im Geiste eins
werde? Denn ich weiß, daß ein jedes Herz, wenn es sich mit mir verbunden fühlt,
sich auch diesen Geist und Liebeszug aneignen will, der andere in die Herzens-
und Lebens-Gemeinschaft einschließt."
„Ich verstehe euch gut", antwortete Ruth, „aber
kommt es nicht auch vor, daß Unwürdige eure Liebe empfangen und euch mit Undank
lohnen? Seid ihr da nicht enttäuscht? Und kommen da nicht Gedanken, wo ihr bereut,
Gutes und Liebes ihnen angetan zu haben?" „Schwester", sprach Maria,
„für eine wahre Liebestat gibt es niemals etwas zu bereuen! Denn nicht um des
Ansehens oder um des Dankes willen, sondern wahrhaft nur um der Liebe willen
üben und pflegen wir diesen Geist, der uns schon so viel, so Reiches und
Herrliches brachte! Kommt es vor, wie z.B. bei deinem Vater, daß er unsere
Liebe und unser Entgegenkommen nicht achtet und beachtet, da fragen wir uns
stets: Haben wir es doch noch an etwas fehlen lassen? Und wir sind erst dann
beruhigt, so in unseren Herzen die Zustimmung kommt: Ihr habt im Geiste der
Liebe richtig gehandelt! Glaube es, liebe Schwester Ruth, eine Liebe, und sei
sie noch so klein, trägt den Keim himmlischer Herrlichkeiten in sich und lohnt
und belohnt den Nehmenden wie den Gebenden! Freilich, auf die Zeit darf ich
nicht warten, so sich noch keine Frucht der ausgesäten Liebe zeigen will. Wir
alle hier in Bethanien haben nur das Verlangen, in allen Dingen möglichst so zu
handeln, wie eben der Meister gehandelt hätte! Seine Liebe, die alle
menschliche Liebe so hoch überragt, ist uns in allen Dingen das Vorbild! Darum,
mag kommen, wer da will, Bethanien ist und bleibt eine Pflegestätte Seiner
großen Liebe!"
Da trat Maria, die Mutter Jesu, mit Maria Magdalena
zur Türe herein; Johannes machte die Eintretenden mit den Geschwistern bekannt,
und ebenso herzlich war auch hier die Begrüßung. Als aber Theophil erfuhr, dies
sei die Mutter Jesu, da bekannte er tief bewegt: „O, wie war ich verirrt! Dieser Mutter habe
ich so viel Trauer und Schmerz bereitet!"
Die Mutter Jesu aber tröstete: „Mein lieber Bruder!
Nun, wo alles Leid überwunden, ist nicht mehr Grund zum Klagen! So aber der
Menschen-Sohn Jesus allen Seinen Feinden vergeben hat, wird der Gottes-Sohn Christus
Jesus nicht anders handeln! Wir aber können und dürfen nicht mit Lieblosigkeit
jenen gegenüberstehen, die da glaubten, mit Seinem Tode der Welt und dem Tempel
einen rechten Dienst geleistet zu haben; es ist unsere Pflicht, sie mit
doppelter Liebe und Aufmerksamkeit zu überzeugen, daß sie sich selbst das Beste
raubten, nämlich den Erlöser und Friede-Fürsten! Er lebt! Dies ist unsere
Freude! Er lebt! Das sei in Zukunft dein Glück und dein Halt in allen schweren
Tagen! Nur was da lebt, kann uns etwas sein! Und was lebt, kann nicht verborgen
bleiben! Darum hat Er Sich so manchem geoffenbart, der in seinem Herzen die
große Sehnsucht trug, Ihn zu schauen! Auch uns ist Er erschienen und hat uns
den Beweis erbracht, daß der Tod an Ihm keine Spuren hinterlassen hat! Im
Gegenteil; nun trägt Er einen unzerstörbaren Leib und ist Herr über alle Zeit
und allen Raum."
„Wie wohltuend klingen diese Worte aus deinem
Munde", sprach Theophil, „und mir ist, als ob in ihnen schon die
Bestätigung liegt, daß Er auch mir vergeben hat! Wie habe ich um diese
Bestätigung gerungen! Wie aber blieb es in meinem Herzen so stumm, wenn ich
verlangend rief, Jesus möge mir helfen und mein Beistand sein!
Aber nun ist alles gut; o du gütiger Gott, wie soll
ich Dir danken, daß ich wieder froh sein darf! Laß mich werden, wie diese hier,
damit ich nichts mehr zu bereuen habe!"
„Lieber Bruder", sprach nun Johannes, „lerne vor
allem Jesus erst näher kennen, damit du vertraut wirst mit Seinem Wesen und
Seinen Eigenschaften. Prüfe ernstlich, aber überstürze nichts! Und sei offen
gegen uns, denn wir sind gern bereit, dir zu helfen! Denke aber stets daran:
Hier handelt es sich um ein ganz neues Leben, um das wahre und ewig währende
Leben deiner Seele! Siehe, wie bald ist dieses irdische Sein dahin, dann stehen
wir vor einem rein-geistigen Leben, welches aber hier im irdischen Sein
grundlegend und bestimmend seinen Anfang nehmen muß! Wisse: Darum nur wurde uns
allen durch Gnade die große Liebe Gottes zu uns Menschen so lebendig offenbar
gemacht, daß wir dieses neue Leben im vollkommenen Menschen anschauen lernten
in all seiner Macht und Herrlichkeit! Du bist Priester und kennst die Schrift!
Doch ihr begnügt euch mit dem äußeren Buchstaben-Sinn des Wortes! Allein der
innere Sinn im Worte Gottes, welches Licht und Leben ist und neues Leben
schafft, ist dir noch fremd! - Wir aber sind durchdrungen von diesem heiligen
Leben in jedem Worte, das uns durch das Fleischgewordene Wort, Jesu,
geoffenbart ward! Doch all dies mußt du erst in dir selber erleben und mußt es
als dein eigenes Erkennen besitzen, damit dir weitere unnötigen Kämpfe erspart
bleiben! Ruhe dich nun mit deiner Schwester genügend aus! Es wird richtiger
sein, wenn Bruder Lazarus deine Sache in die Hand nimmt; er wird bestimmt das
Richtige finden. Wenn du willst, kannst du jetzt mit mir hinaus in den großen
Garten gehen, wo wir noch viele Arbeiter beschäftigen können; deine Schwester
aber wird lieber bei den Frauen bleiben."
„Von Herzen gern", sprach Ruth, „da kann ich
wenigstens für unsere Mutter noch recht viel erfahren von dem Heiland, den wir
ja nie hören durften."
„Ich gehe gern mit dir", sprach Theophil, „da ich
doch zu keiner Ruhe komme, ehe ich nicht mein künftiges Schicksal kenne."
Wie erstaunte er über den großen Garten, durch den mitten hindurch ein breiter,
schöner Weg ging und rechts und links Gemüse und Früchtesträucher, gut
gepflegt, das Auge entzückten! „O welche Ordnung in diesem Garten", sprach
er bewundernd, „da sieht man, wie die Liebe tätig war! In meines Vaters Garten
sieht es dagegen wenig schön aus, er wird ja auch von fremden Leuten
versorgt."
„Bruder", entgegnete Johannes, „alles und ein
jedes Ding gibt zurück das zuvor Empfangene. Wir wissen, daß, wenn wir eine
jede Verrichtung mit Liebe und Freude ausführen, uns auch Dankbarkeit und
Freude zurückkommt! Schaue einmal diese Feigen- und Dattelbäume an, mit
welcher Wonne erfüllen sie das Herz, da sie schon so viel Frucht angesetzt
haben! Wem, meinst du wohl, wem die Ernte gehört?"
„Nun, dem Besitzer Lazarus doch", antwortete
Theophil, „denn einen zweiten Besitzer wird der Garten wohl nicht haben!"
„Schlecht geraten, Bruder Theophil!", lächelte
Johannes. „Alles, soweit du blicken kannst, ist Eigentum der Liebe, die bei uns
durch Jesus eingekehrt ist! Dieser Ertrag ist schon von vornherein bestimmt
für die Armen und Hilfsbedürftigen; doch dort weiter links, wo die Ölbäume
stehen, liegt der wertvolle Grund dieses Besitztums. Alle Häuser, die du hier
siehst, sind Wohnungen, und dahinter liegen die Stallungen. Eine jede Familie
lebt mit ihren Kindern für sich, und doch sind wir alle nur eine Familie! Die
Alleinstehenden wohnen dort vorn links vom großen Wohnhaus und werden vom
Hausherrn beköstigt. Die großen Vorratskammern und Scheunen liegen ganz
hinten, und auch in ihnen ist der Segen der sprechendste Beweis, daß wir ohne
die geringste Sorge noch tausend Arbeiter mehr beschäftigen könnten!"
„Wie groß sind denn die Besitzungen dieses
Menschenfreundes? Und wieviel Arbeiter sind hier beschäftigt?" -
„Bruder Theophil, wie groß das Besitztum ist, entzieht
sich meiner Kenntnis. Schau hin, auch der halbe Ölberg gehört uns, und mehr
als 500 Arbeiter sind hier wohl schon beschäftigt, und ein jeder fühlt sich
wohl und zufrieden. Auch ist es ein besonderes Zeichen unserer Brüderlichkeit,
daß wir keine Aufseher, sondern nur Arbeits-Einteiler haben; denn es ist keiner
mehr und keiner weniger, sondern im richtigen Sinne ist eigentlich ein jeder
Mitbesitzer. Die Freude strahlt aus allen Augen, so Lazarus oder seine beiden
Schwestern bei ihren Leuten einkehren; kannst du nun verstehen, was es heißt:
Bethanien - eine Pflegestätte der großen Liebe!"
„Lieber Johannes", sprach Theophil, „du nennst
mich immer Bruder! Aber noch nicht habe ich den Beweis erbracht, daß ich dein
Bruder bin! Du opferst mir deine Zeit und verfügst über sie, als wärest du Herr
deiner Zeit; ist es wirklich dem Herrn und Besitzer gleich, ob du tätig bist
oder nicht? Nach welchen Richtlinien ist denn eigentlich eure gesamte Tätigkeit
aufgebaut?"
„Bruder Theophil! Deine Fragen sind berechtigt, da du
ja vor der Wahl stehst, ein Bewohner und Arbeiter in Bethanien zu werden. Also
höre: Wir handeln stets nach dem Gesetz der Liebe, welches lautet: Alles, was
du willst, das man dir tue, tue zuvor dem anderen! Weiter handeln wir nach dem
herrlichen Vorbild unseres Meisters, der uns praktisch zeigte, daß wir nur zum
Dienen und um glücklich und zufrieden zu machen unser ganzes Sein einzusetzen
haben! Dies ist alles, mit wenig Worten dir gesagt! Aber ein Menschenleben
reicht nicht aus, um diese hohen Aufgaben zu vollbringen! So sind wir alle
denn täglich bemüht, Vollzieher Seines Willens zu werden! Und Sein Segen kehrt
wahrhaft sichtbar bei uns ein!"
„Bruder Johannes! Jetzt nenne ich dich auch
Bruder!", entgegnete Theophil. „Wenn dem so ist, dann lege ich meine
Priesterwürde gern ab und bleibe bei euch als der geringste Arbeiter. Welchen
Frieden und welch sorgenfreies Sein lebt hier ein jeder, während dort im Tempel
- -"
„Bruder, rede nicht weiter!", unterbrach Johannes
ihn ernst, „und wirf nicht Schatten, sondern nur Licht auf all das Verkehrte!
Alles, was wir sind und sein dürfen, ist Gnade über Gnade! Ist es doch die ewig
erbarmende Liebe selbst, die uns dieses Erdenleben in seinem wahren Sinn
offenbarte und vorlebte! Und nur dadurch sind wir im großen Vorteile all denen
gegenüber, die dieses Leben und Wirken der ewig wahren Liebe noch nicht
erfassen und erkennen durften. Es ist nicht nur so, daß uns in unserem
irdischen Erdenleben das Bewußtsein geworden ist: Wir durften die große Macht
und Herrlichkeit Gottes in unserem Meister erschauen! -, sondern wir haben
erlebt und erleben noch täglich dieses Wunderbare und Unaussprechliche Seiner
großen Liebe, die uns Menschen zu Empfängern Seiner herrlichsten Gnadengaben
machen will!"
„Bruder Johannes", entgegnete Theophil, „mir ist,
als sei ich herausgezogen aus einer Welt des Hasses und Neides - und darf nun
erleben eine Welt der Freude und des himmlischen Friedens. Sage nur noch dies
eine: Sind wirklich alle hier bei dem Menschenfreunde Lazarus so beglückt wie
du, oder gibt es hier doch auch noch Unzufriedene?"
„Bruder! Denke ja nicht, daß dieser innere Frieden und
dieses Glück unserer Betätigung hier in Bethamen nur eine Zugabe sei, weil wir
den Herrn und Meister anerkannten", entgegnete Johannes. „Nur ein
täglicher heiliger Kampf mit uns selbst kann diesen Frieden in uns zeitigen.
Heiliger Kampf, sage ich, weil er sich um das Heiligste handelt, nämlich um
unser Leben und Sein für ewig! - Hast du dich aber durchgerungen zu diesen großen,
herrlichen Lebens-ideen und Gedanken, dann kommt die Folge von selbst! Dich
treibt dann das neue Leben, in diesem Sein nie die Hände und Füße ruhen zu
lassen, sondern zu schaffen und zu wirken aus diesem Geiste, da erst diese
Tätigkeit uns wahrhaftes Glück bereiten kann. - Darum, mein Bruder, wie ich
schon sagte, lerne Jesus kennen! Denn Er ist! Er lebt in diesem Leben! Er ist
unsere ganze Liebe und Seligkeit! Aber ein solches Leben ohne Ihn wäre für uns
undenkbar!"
Von Süden her erklangen Töne wie von einem Hörn; da
sagte Johannes: „Man ruft zum gemeinsamen Mahl nach dem Speisehaus. Lassen wir
nun diese Unterhaltung, denn auch du mußt erst in dir verarbeiten, was in aller
Fülle dir heute gereicht wurde. Siehst du, wie nun die Brüder ihre Arbeiten verlassen
und zum Essen gehen? Es ist eine schöne Sitte, gemeinschaftlich das Essen
einzunehmen! In dem großen Wohnhause ist für die vielen Gäste gedeckt, während
für die Arbeiter und vielen Helfer im Speisehaus gekocht und gedeckt
wird."
Beide gingen nun zurück nach dem Wohnhause; da sprach
Theophil: „Bruder! Ich dachte, wir gehen nach dem Speisehause; so aber lenken
wir unsere Schritte nach dem Hause, wo wir Einkehr hielten?" -
„Ja, Bruder, ihr beide seid doch jetzt unsere lieben
Gäste! Da würden Martha und Maria nicht dulden, daß ich dich nach dem
Speisehause führte, obwohl es dort dasselbe Essen gibt. Erst Bruder Lazarus
muß alles ordnen, ehe du zum Hause gehörst. Schau hin, dort im Hofe scheinen
wieder neue Gäste angekommen zu sein, ja, es ist ein ganzer Troß von Wagen und
Pferden."
„Da kommen wir aber ungelegen!", sprach Theophil,
„wenn so viel Gäste ankommen! Denn wir sind doch immer noch Fremde."
„Bruder, warum zweifelst du an unserer Liebe, die im
Dienen doch das Letzte geben will? Dies darfst du nie mehr tun, wenn ein
künftiges Wirken von Erfolg sein soll", antwortete Johannes. „Für uns gibt
es keine Fremden, sondern nur Brüder, auch die, die uns noch nicht kennen! Sieh
hin, auch Lazarus ist gekommen, wir wollen ihn begrüßen."
Lazarus aber sah schon von weitem, daß Johannes noch
jemanden bei sich hatte, den er nicht kannte; darum ging er den beiden entgegen
und begrüßte Theophil mit den Worten: „Willkommen, mein Bruder, im Namen des
Herrn! - Möge dir Bethanien geben, was du im Stillen erhoffst!
Jetzt aber fühle dich wie zu Hause!"
„Ich wollte, ich könnte dir so danken, wie es mein
Inneres möchte", entgegnete Theophil, „aber mir fehlen die rechten
Worte."
„Dann danke mit deinem Herzen dem Meister! Denn Worte
allein tun es nicht! Aber schau, Johannes, wieder sind herrliche Brüder
angekommen! Dort siehst du Demetrius und dort vorn Ursus, zwei tüchtige Stützen
schon für den Meister! Doch entschuldige mich noch, damit auch die vielen Tiere
in ihre Ordnung kommen." -
Im Hause ging es lebhafter zu; Maria und Martha waren
umringt von den Angekommenen, es war ein Freuen und Fragen. Da kam Johannes
mit Theophil, - ging auf Demetrius und Ursus zu und sagte: „Meine Brüder, welch
eine Freude, euch in Bethanien zu begrüßen! Wir hörten schon von euch, aber
nehmt erst einmal Platz; eine große Freude aber harret eurer noch, die ich euch
nun bereiten will."
Johannes ging hinaus und fragte nach der Mutter Maria;
da kam sie schon mit Maria Magdalena und Ruth und fragte: „Mein Sohn, wer ist
denn mit Lazarus gekommen? Es ist ja eine ganze Karawane in den Hof
eingefahren."
„Mutter, komm und
sieh selbst! Es sind Herzen, die nach der
Liebe Sehnsucht haben und hier in Bethanien erfahren wollen der Liebe
heiligstes Geheimnis!"
Nun kamen sie mit Johannes in die Stube, und freundlich
grüßte Maria, dem alten Demetrius die Hand reichend: „Im Namen Jesu heiße ich
dich und deinen Sohn willkommen in Bethanien, dieser Pflegestätte wahrer
Jesus-Liebe! Möchtest du hier erfahren und erleben der Liebe heiligstes Leben,
damit auch du empfangen kannst den Geist, der uns alle belebt! Dir aber, mein
junger Bruder", zu Ursus gewendet, „möchte ich eine Sehnsucht ins Herz
legen, daß du überall, wohin auch deine Schritte dich lenken, ein Bethanien
aufbauen möchtest!" -
Dann kam auch Lazarus und sagte: „Ihr meine Lieben!
Mit des Herrn Hilfe ist alles schon in Ordnung gebracht; nun gebet euch der
heiligen Herzens-Ruhe hin, denn nun sorgt die Liebe für euch!"
Es wurde das Nachtmahl aufgetragen; fleißige,
hilfsbereite Hände brachten in kurzer Zeit, was nur möglich war: Früchte aller
Art, Honig, Brot, kaltes Fleisch und genügend Wein, um Hunger und Durst zu
stillen; und nach kurzem Gebet beteiligten sich alle fröhlich an dem Mahle.
Lazarus unterhielt sich mit Ursus und Demetrius leise, da er zwischen beiden
seinen Platz hatte. Theophil aber saß neben Johannes, der schweigsam sein Mahl
einnahm; er sah wohl oft zu Ruth hin und suchte ihren Blick, aber Maria
besprach noch vieles mir ihr. Allen schmeckte die gute, aber einfache Kost, nur
Theophil konnte nichts essen; wie Schleier legte es sich vor seine Augen; am
liebsten wäre er hinausgegangen, um seinen tiefen Schmerz zu verbergen.
Johannes beobachtete seinen Schützling, schwieg aber, da er wußte, daß des Heim
Geist mächtig an ihm arbeitete!
Da bemerkte Ursus, der Römer, daß mit Theophil
innerlich etwas nicht in Ordnung sei und fragte Lazarus: „Wie kommt es, daß
dieser Bruder hier so unfrei ist? Trägt er Herzeleid und Kummer?“ Lazarus
antwortete: „Bruder, es ist ein neuer Gast; ich habe ihn erst kurz begrüßt. Daß
er Kummer und Sorgen hat, beweist schon, daß er nach Bethanien gekommen ist!
Denn seit Jahren ist Bethanien eine Zufluchtstätte für alle bedrückten und
sorgenvollen Herzen! Da ist es leicht zu erkennen, wer alte oder neue Freunde
sind. In der Zeit, wo ihr noch hier weilen werdet, könnt ihr viele solche
Schicksale erleben und daraus lernen! Denn uns allen ist ja die herrliche
Aufgabe geworden, zu helfen, zu lindern und zu heilen! Wenn das Mahl beendet
ist, wollen wir versuchen, ihn froher zu stimmen."
„Lieber Lazarus, kommen nur eure Freunde nach
Bethanien?", fragte Ursus wieder, „oder wohl auch Fremde, die die Absicht
haben, euch zu schädigen?" „Da bin ich ganz ohne Sorgen!", antwortete
Lazarus, „der Herr hat uns ein Geschenk vermacht, welches unbestechlich ist,
nämlich zwei große Hunde. Von weitem wittern sie schon das Fluid eines jeden
Ankommenden, und Freunde oder Menschen mit gutem, ehrlichem Willen können
ungehindert näherkommen; aber so da Fremde, Templer oder gar Feinde kommen, da
darf es keiner wagen, einen Schritt nur näher zu treten; durch gewaltiges
Bellen melden sie die Ankunft solcher Fremden und wir sind gewarnt und handeln
dann im Geiste des Herrn, damit uns jeder Vorwurf erspart bleibt.“
„So hat dieses Geschenk des Herrn doch einen sehr
guten Zweck zu erfüllen", entgegnete Ursus. „Wie auch beim Markus sowie in
dem Fischerdörfchen es schien, als wenn der Herr mit solchen Geschenken mehr
die Zukunft bedachte als die Gegenwart!"
„So ist es auch", antwortete Lazarus, „aber mit
dem Zeitpunkte, wo des Herrn Geist und Liebe vernachlässigt oder verleugnet
würde, gehen auch diese Segnungen zu Ende!"
„Also wirkt unsichtbar doch überall des Herrn
Geist'.“, sprach Ursus, „und so verstehe ich nun erst, daß Er euch nicht fehlte
und auch Sein Tod nicht euren Glauben an Ihn erschüttern konnte!"
„Doch, mein Bruder!", entgegnete Lazarus ernst.
„Er fehlte uns von früh bis spät. Wenn wir auch wußten, im Geiste ist Er uns
nahe, so waren doch die Tage Seines Hierseins stets herrliche Festtage!
Erstens übernahm Er die Sorge für alles, und zweitens waren wir selber von
allem Irdischen enthoben! Was tat es, so wir nicht schliefen? Er stärkte uns mit wunderbarer Frische! Was schadete
es, so wir das Essen vergaßen? Er sättigte und stärkte uns durch das Einfließen
Seiner Kraft! Und oft, oft lebten wir schon im Himmel, während Engel unseren
Erdendienst versahen!"
„Bruder Lazarus", fragte Ursus, „sehnst du dich
da nicht wieder zurück nach der Zeit, wo der Herr und Meister Einkehr in deinem
Hause hielt und euch solche Freuden bereitete?"
„Mein teurer Bruder! Höre, was ich dir jetzt sage, und
grabe diese Worte fest in deinen Herzensgrund", antwortete Lazarus. „Nach
jener Zeit sehne ich mich nicht mehr, da mein Verhältnis zu Jesus ein viel,
viel Herrlicheres geworden ist! Solange Er noch Mensch war, habe ich in meinem
menschlichen Empfinden oft das Bedürfnis und die Sehnsucht gehabt, wieder mit
Ihm, und seien es nur Stunden, zusammen zu sein! Warum wohl?, wirst du fragen.
Weil der Herr unserer Schwäche, unserer Sehnsucht entgegenkam und alle Übel in
uns beseitigte, durch die wir schwach und sehnsüchtig wurden! Aber siehe: Er
brachte das schmerzlichste Liebes-Opfer um unser aller ewig Glück und
hinterließ nun uns allen für immer Seinen herrlichen Geist, der in uns alles das
bewirken soll, was Er vorher persönlich in Seiner Liebe uns allen tat. Früher
waren wir die Nehmenden, aber jetzt sind wir die Gebenden! Ich weiß, daß ich
nun Sein lebendiges Werkzeug, sein Seiner Liebe dienendes Kind sein darf!
Darum bin ich glücklich, weil ich sein darf, wozu mich Seine Liebe würdig
machte.“
„Bis ich mir diese Anschauung zu eigen mache, wird es
noch geraume Zeit dauern", meinte Ursus nachdenklich, „da ich ja auf das
Glück verzichten mußte, solche Seligkeiten bei Ihm zu genießen wie ihr und
andere."
„Sage das nicht, Bruder Ursus!", antwortete
Lazarus, „der Herr weiß um alles, weiß auch um deine Liebe! Darum lebe ganz der
Gegenwart in dieser Liebe! In ihr ist der Herr gegenwärtig!“
Das Mahl, das für Theophil viel zu lange dauerte, war beendet;
da sprach Lazarus zu ihm: „Lieber junger Freund und
Bruder! Komm mit hinaus zu der Ruhebank unter dem großen Baum, dort wollen wir
beide eins werden, damit du deiner Last entledigt wirst und ich Gelegenheit
finde, als Mittler des Herrn dir helfend die Hand zu reichen."
Theophil antwortete erfreut: „Gerne komme ich mit!
Doch bitte ich, meine Schwester Ruth auch mit einzuladen, da sie nicht hierbleiben
kann, sondern nach Jerusalem zurück muß."
Lazarus war einverstanden und mit einem freundlichen
Gruß verließen die drei das Mahl. „Nun seid beide ganz offen, wie auch mein
Herz für euch offen steht!", sprach Lazarus einladend. „Unser Herr Jesus
aber möge das Rechte uns finden lassen!"
Theophil erzählte erst stockend, dann fließend alles,
was ihn so bedrückte, was er erlebte und erleiden mußte, und Lazarus unterbrach
ihn auch nicht ein einziges Mal. Als aber Theophil fertig war, erzählte Ruth
von dem Leben im Elternhause, und wie hart und lieblos der Vater mit der Mutter
und ihr war; „Nur der Tempel war seine Liebe und dem Tempel galt sein Leben!
Wir gehen zugrunde, wenn dieser Zustand so bleibt; darum helft uns, ihr guten
Menschen in Bethanien!"
Lazarus sprach tröstend: „Ja, helfen wollen und werden
wir auch! Aber was wird mit eurem Vater? Sehet, bis nach Jerusalem reicht meine
Hilfe nicht! Darum müsset ihr schon nach Bethanien übersiedeln; es ist Raum
und Arbeit genug hier! Aber ihr müsset es freiwillig tun, da ich euch nicht
nötigen darf! Du Ruth, gehst morgen vormittag heim und läßt sobald wie möglich
deine Mutter hierherbringen, damit sie gesund wird, da sie, wie ich
herausfinde, eine krankhafte Liebe zu deinem Bruder hat. Will sie bleiben, dann
gut! Ihr alle habt euren freien Willen. - Du aber, mein Theophil, willst du der
Gnade und der Liebe Jesu dich würdig machen, dann brich mit deiner
Vergangenheit und werde eine Neugeburt im Geiste und im Lichte der Wahrheit
Jesu! Keiner kann dir helfen, wenn du nicht zuerst selber Hand ans Werk legst!
Doch jeder von uns kann dich unterstützen, so dein Wille lebendige Tat wird.
Siehe, bis jetzt standest du unter der Zuchtrute des Gesetzes! Von nun an aber
stehst du unter der fürsorgenden und leiderlösenden Liebe! Doch deine Ziele
seien von nun an nicht mehr nach dem leiblichen Wohlergehen gerichtet, sondern
darauf, daß du den Willen Gottes tust! Sein Wille aber lautet: Liebe deinen
Nächsten! Denn auch er ist, genau wie du selber, ein Kind aus Seiner Liebe! So
lasset uns nun hineingehen; wir vergessen leicht, daß auch noch andere auf uns
warten!"
Als sie in die große Stube traten, waren Ruth und
Theophil erstaunt, wie viele sich noch eingefunden hatten, die atemlos den Erzählungen
des Demetrius lauschten, und was alles sich beim alten Markus ereignete, als
Ursus vor Sehnsucht, den Herrn zu schauen, fast krank geworden wäre! Beim
Eintreten der drei schwieg nun Demetrius, aber Lazarus bat: „Erzähle und
erfreue nur weiter unsere Herzen, denn wir alle haben eine herzliche Freude,
so neue Liebes-Beweise des Herrn offenbar werden!"
Demetrius aber entgegnete: „Meine Freunde, es ist
genug für heute! Lasset nun auch uns etwas erfahren, was unsere Herzen mit
neuer Liebe zu Ihm erfüllt. Es geht uns so wie einem Hungrigen, der nicht satt
werden kann und immer nach neuer Speise verlangt. Siehe, Bruder Lazarus, dein
Bote nach dem Heilbade des Markus hat uns so viel erzählt von den Wundertagen
in Bethanien, daß wir dem Herzenszuge nicht widerstehen konnten, hierher zu
reisen. Nun sind wir hier an der Stätte, die so erfüllt ist von herrlichen
Erinnerungen, da Sein Fuß diesen Erdboden heiligte!" -
„Meine Brüder", begann Lazarus, „nichts tun wir
lieber, als von dem zu zeugen, dem wir alles zu danken haben! Doch wo sollen
wir anfangen und wo aufhören? Denn alles war ja Gnade, war Seine sichtbare
Liebe! Sehet, Jesus kam ja nie, um uns Zeugnis zu geben von Seiner Kraft und
Macht, sondern um uns einzuweihen in den herrlichen Geist Seiner Liebe, welcher
Sein vollkommenes Leben war, und uns hineinzuführen in dieses Reich' Seiner
Liebe und großen Herrlichkeit! Das Herrlichste, was ich euch bezeugen muß,
ist:
da, wo der Herr weilte, waren Himmel und Erde in eins
verschmolzen! Für den Herrn gab es nur ein Ziel; uns allen zu zeigen, wie auch
wir diese Vollkommenheit erreichen können! Um uns aber den hohen Wert der
rechten Vollkommenheit im Menschen zu zeigen, erlebten wir Dinge, die einem
Weltgesinnten, nach Irdischem Strebenden völlig unglaublich, ja fast töricht
erscheinen müssen! Darum, lieber Bruder, wollen wir uns recht Zeit nehmen mit
dem Erzählen, denn ich hoffe doch, euch noch recht lange hier zu haben! An
diesen Wunder-Dingen aber hängen wir nicht im geringsten; nur Seine Liebe und
Sein vollkommenes Innen-Leben sind es, die hier in Bethanien sprechen sollen,
und zwar durch unser aller Tun! Als einmal der Herr mit mir allein oben auf
dem Söller saß, sprach ich:
,Herr! Ewigkeiten reichen nicht zu, um dir die
Dankbarkeit auszudrucken, die ich und wir alle Dir schulden für das, was Du
uns zeigtest und gabst an irdischen wie an geistigen Gütern.' Da sagte der
Herr: ,Bruder Lazarus, da hast du wohl recht! Aber Ich bin nicht gekommen, um
euch zu Schuldnern zu machen, indem Ich euch Meine Macht, Kraft und
Herrlichkeit offenbare, sondern, um euch anzuspornen, gleich Mir ein neues,
vollkommeneres Leben zu leben, welches verwurzelt und verankert ist im ewigen
Ur-Leben Gottes! Dieses Leben ist dann
heilig und stellt ,die Ordnung' aller Dinge wieder her. *)die durch
Adams Fall verloren ging. Darum siehe, alle die herrlichen Eigenschaften im
Menschen, seien es Liebe, Weisheit, Ernst und Wille, müssen in der Ordnung, ja
müssen pure Ordnung sein! Dann erst ergänzt sich in dir eins mit dem anderen
und dann hat sich auch die Wandlung schon, wie von selbst, in dir vollzogen als
das große heißumstrittene Ziel: das Eins-Werden mit dem Ewigen! Hat sich diese
innerste Verbundenheit mit dem großen Gottes-Leben in dir vollzogen, dann ist
alles, was du tust, nun erst dein Werk! Warum dein Werk? Weil Gott, in Seiner
herrlichen Vaterliebe, alles als das Werk Seines liebenden und dankbaren Kindes
gern ansehen will! Wenn du nun von Dankbarkeit reden willst, so müßte auch Ich
von Dankbarkeit reden! Doch Ich glaube, daß dies nicht mehr nötig ist, da wir
uns kennen und alles, was Mein ist, auch nun das deine ist." Sehet nun,
liebe Brüder, in diesem Sinne richten wir hier unser Leben ein und erleben so
täglich Seine Liebe und Gegenwart aufs Neue.“
Ursus konnte garnicht genug seine Sinne auf Lazarus
richten, damit kein Wort ihm entging; als aber Lazarus nun schweigen wollte,
bat er: „O höre nicht auf, das Bild von Seiner Liebe zu schildern! Schon das Anhören
macht mich innerlich so froh und glücklich! Ja,
wir glücklichen Menschen! Und dieses Glück hat dein Volk, haben deine
Stammesgenossen nicht erkannt? - Jetzt verstehe ich den Herrn ganz, so Er
sagte: „Meinen Geist lasset in euch die rechte Triebkraft sein! Der wird euch
in alle Wahrheit führen und leiten'.“
Lazarus entgegnete: „Ja, meine lieben Brüder! Um
diesen Seinen Geist ringen wir trotz allem noch fortwährend, wenn uns so viele
Widerwärtigkeiten begegnen, wo wir eben beweisen müssen: Des Herrn Geist ist in
uns! Und darum ist es gut, daß der Herr im Geiste immer noch lebendig unter uns
weilen will! Aber nur noch kurze Zeit, die der Herr selbst bemessen hat, dann
sind wir ganz auf den Geist als den alleinigen Führer und Tröster in uns angewiesen!"
Demetrius fragte: „Was heißt noch kurze Zeit? Der Herr
ist doch auferstanden und lebt Sein eigenes, herrliches Leben. Ist Er nicht da,
wo sehnsüchtige, liebende und dankbare Menschenkinder sind und kann zu Hilfe
kommen, wann Er will?"
„Bruder Demetrius", antwortete Lazarus sinnend,
„auch uns ist noch nicht völlig klar, was der Herr mit uns, Seinen Jüngern,
noch vor hat; denn Er gab Anordnung bei Seinem letzten Besuch in Jerusalem, wo
die Jünger und noch einige Freunde regelmäßig sich zusammenfinden, daß sie
zusammen bleiben sollen in Liebe und ständigem Gebet, bis Er aufgefahren sei in
Seine ewige Ur-Heimat! Von wo dann der herrliche Tröster und Führer uns erst zu
eigen gegeben werde!"
„So ist also des Herrn Mission noch nicht ganz
abgeschlossen?", fragte Demetrius, „da der Herr noch bestimmte Vorgänge
euch er leben lassen will?" - Johannes erhob sich und sprach mit sanften
Worten: „Freunde, Brüder und Schwestern! Des Herrn Liebe ward unser
Teil! Und diese genügt für alle Zeiten,
uns zu beglücken und zu beseligen! Aber auch wir sind noch nicht völlig
wiedergeborene Menschen und tragen Teile in uns, die noch völlig unerlöst sind.
Denn wie bald verfallen auch wir noch in unser altes, früheres Eigen-Leben
zurück und wie schnell vergessen wir manchmal, daß wir Jünger des Herrn sein
wollen! Im stets heiligen Kampfe mit uns und mit unserer Umwelt ist uns so viel
schon geworden, daß wir sagen können: durch des Herrn Hilfe und Beistand haben
wir vieles überwinden können! Nun gibt es aber noch einen ändern Umstand, den
wir nicht gerne in Rechnung ziehen, der aber für uns alle sehr wichtig ist!
Nämlich, so lange wir wissen: Der Herr ist mit Seiner ganzen Persönlichkeit bei
uns und unterstützt uns mit Seinem Einfluß, da wird es uns ja sehr leicht
gemacht, in Seiner Liebe zu wirken und die Gegner in uns und um uns zu
entwaffnen! Stehen wir aber allein auf dem Boden, da sich unsere Liebe betätigen
soll, dann ist es viel schwerer, eines wahren Gottes-Kindes würdig zu handeln
und zu wandeln.*)denn wir können nicht immer In Jedem Fall wissen, was
Gottes Wille nun Ist. Wäre jedoch der Wille Gottes als bestimmtes Gesetz in
jede Seele gelegt, so könnten wir Ihm ja nur zurückgeben, was wir einst
erhalten haben! Die ewige Liebe aber will nicht Gesetztes, sondern ein ganz
neues, freies Liebe-Leben aus ihren Kindern erblühen sehen! Darum hat unser
herrlicher Vater in vorsorgender und weitschauender Weisheit Sein Leben und
Seinen alles durchdringenden Geist-Funken tief verhüllt ins Menschenherz
gelegt, so daß nun ein jedes im Geiste und in der Jesu-Liebe wachwerdendes Kind
ganz in sich selber finden muß, in welcher Art es seine Liebe betätigen will
und auch seine Feinde besiegen soll! Es muß deshalb für jeden Gott-Suchenden
in der wichtigen Zeit seiner inneren Entscheidung eine dunkle Zeit kommen, wo
er sich ganz allein fühlt und die ewige Liebe für ihn völlig unsichtbar
bleibt, damit die treuen Kinder alles, auch das Kleinste, selbst finden und der
keimende Same der eigenen Liebe-Betätigung seine freie Entwicklung erhalte!
Wir haben hier einen neuen, aber auch herrlichen
Beweis dafür in unserem Bruder Theophil. In tiefer Not und im Zweifel betete er
lange zu Gott; aber alles blieb stumm und dunkel; dann fand er in sich den
Gedanken, dorthin zu gehen, wo die Anhänger des Meisters sich oft aufhielten,
und dort erhielt er die Kunde von der Auferstehung des Herrn! Weiter fand er in
sich das Kalte und Lieblose, welches bisher sein Element war, und findet jetzt
in sich, daß sein ganzes Leben ein verkehrtes und unwürdiges war! Wohl ließ
Sich der Herr erkennen und gab ihm Beweise Seiner Liebe und Vergebung! Aber,
Brüder, seine weitere innere Entwicklung zur Vollkommenheit kann nur aus seiner
freien Liebe-Betätigung geboren werden! Dasselbe gilt auch von dir, Schwester
Ruth! Alles, was ihr nun tut, müßt ihr wie aus eurer Liebe heraus tun! Dadurch
werdet ihr sicherer und bewußter und eure Handlungen werden bei weitem
wertvoller, als wenn der Herr nur neben euch stünde und flüsterte euch zu: Tue
dieses oder jenes! Wie anders wollten wir denn in Zukunft des Herrn Lehre und
Wahrheit verkünden als nur in dem Bewußtsein: Du Herr bist in mir das wahre
Leben! Dein Geist führt mich in diese Sicherheit und Klarheit aller Dinge,
sodaß ich schon von weitem erkennen kann die Absichten des Gegners und seiner
Anhänger! ‚Fürchtet euch nicht! Denn Ich bin es!’, so lauteten die Worte des
verklärten Meisters! Und nur in unserer Furchtlosigkeit quillt Sein Leben,
Sein Einfluß, Sein Wille und Seine Kraft in uns empor! Und ich kann dadurch erst beweisen: Der Herr und
Meister lebt! Und ich lebe in Ihm und durch Ihn! Dieses
zu wissen, macht uns erst zu Seinen wahren Jüngern, zu Helfern und Förderern
Seiner großen Erlöser-Ideen. Ebenso wunderbar ist es aber auch, zu erleben, wie
diese Sicherheit und diese Kraft in uns wächst, wenn man alles unterläßt, was
den Herrn je betrüben könnte.“
„Gut hast du gesprochen, lieber Bruder Johannes!“,
sprach Ursus, „es löste in mir volle Befriedigung aus! Aber wenn ich dich recht
bitte, so erzähle uns noch etwas vom Herrn und Meister, und zwar, wonach mich
besonders verlangt: Wie verhielt sfch der Herr am letzten Tage eures
Beisammenseins, da Er ja bestimmt wüßte, was mit Ihm und mit euch geschehen
werde?“
„Mein Bruder!“, antwortete Johannes sehr ernst, „wir
verstanden den Herrn nicht, als Er uns sagte: ,Wir wollen hinaufgehen nach
Jerusalem, damit an dem Menschen-Sohne alles vollendet werde, was geschrieben
ist durch die Propheten! Denn Er wird verspottet, gegeißelt, ja getötet werden
- aber am dritten Tage wieder auferstehen!’ Wir verstanden Ihn nicht! - Und
warum? - Mit allen Fasern unseres Herzens sträubten wir uns, nur dem Gedanken
nachzugehen, es könnte Ihm solches geschehen! Keiner dachte daran, daß es je
so werden könnte. Der Meister Selbst war ruhig und ließ uns in unseren
Gesprächen allein; wir hofften auf irgend eine Fügung, wodurch noch alles sich
klären würde! Als Sein Geheiß an mich und Bruder Petrus kam, das Osterlamm in
der Stadt zu bereiten, wußte ich: mit dem Herrn ist eine Veränderung vorgegangen!
Denn noch nie brauchten wir für etwas zu sorgen, da Er ja Selbst die Sorge für
alles übernahm. Wir richteten nun das Osterlamm nach gewohnter Weise und waren
für uns im kleinen Saale, nach Seinem Willen, konnten aber nicht bemerken, daß
der Meister traurig sei. So blieben wir allein bis zum Abend, wo Er nun
äußerte: ,Ich gehe heim zum Vater, um allen denen die Stätte zu bereiten, die
in Mir das Heil und das neue Leben gefunden haben! Ich lasse euch allein, auf
daß in euch sich bewähren möge Mein Leben aus Gott, welches ist Kraft und
Wille!’ Da wußten wir: dieses Abendmahl mit den bedeutsamen Abschiedsreden ist
das letzte! Aber glauben konnten wir es nicht! Erst als wir sahen, wie eine
große Traurigkeit über Seine Seele kam und der Meister die erschütternden Worte
sprach: .Einer unter euch wird Mich verraten!’, da umklammerte ich den Herrn
und fragte ängstlich: ‚Verraten, verraten Dich, Herr? Der Du den ganzen Himmel
in uns eröffnet hast!
- Unmöglich!’ ‚Unmöglich', sprachen entsetzt auch die
Brüder. ,Wer ist es, Herr? Bin ich es?', riefen mehrere zugleich. ,Der ist es,
der jetzt mit Mir in die Schüssel taucht!’, spricht der Herr zu mir, dann aber
laut: ,Du aber, mein Judas, was du tun willst, tue bald!'
Wir waren bestürzt über diese Worte; als aber Judas
wirklich hinausging, da mußte ich mich an den Herrn lehnen und sagte:
,Herr und Meister! Tiefbetrübt bin ich über den Bruder
Judas, daß er es fertig bringt, uns jetzt zu verlassen! Aber eines verstehe ich
nicht, daß Du den Bruder Judas nicht zurückgehalten hast, seine verirrten
menschlichen Ideen in die Tat umzusetzen!'
Da antwortete der Herr: .Johannes und ihr meine
Brüder, höret:
Eben, um den Verblendeten nicht zu richten, muß er
sich dessen entledigen, was sich in ihm gegen Mich angesammelt hat! Keiner von
euch weiß so gut wie er um die Kraft und die Herrlichkeit Gottes im Menschen!
Und er möchte, daß diese Schätze allen seinen Stammesgenossen zu Gute kommen
sollen, doch nur nach seiner Art, nach seinem Erkennen!*)als durch den
Irdischen Messias befreit vom Joch der Römer. Darum verachtet ihn nicht und
stoßet euch nicht an seinen Handlungsweisen! - Wisset: vor Millionen von
Jahren, da bat er Mich um einen besonderen Dienst! Doch heute, wo er vor der
Erfüllung seines Wunsches steht, handelt er im verkehrten Sinne! Darum ist in
der Schrift auch von ihm die Rede!'
Sprach Jakobus: ,Herr, wenn Du willst, gelte ich ihn
suchen und will versuchen, sein verkehrtes Tun ihm vor Augen zu halten!'
Antwortete der Herr: ,Und wenn ihr alle geht, würde es
euch doch nicht gelingen, ihn zur Umkehr zu bewegen, da sein Streben nach Macht
und Besitz ihn völlig blind gemacht hat! Er ist jetzt das Werkzeug feindlicher
Kräfte! Und so muß sich die Schrift erfüllen in allem, was Gottes Geist einst
durch Prophetenmund schon verkündete!*)Wir sehen, Jesus zeichnete sich
nicht selber Seine Wege vor, sondern es heißt Immer wieder: „Auf daß die
Schrift erfüllet werde!" Schon Bethlehem z. B. war Erfüllung der
Schrift. Wir fragten uns:
Warum mußte Jesus so streng erfüllen, was dio
Propheten einst verkündet hatten? Darauf erhielt Br. Georg die
Innere Antwort:
„Die göttliche Liebe und Weisheit hatte einen
bestimmten Weg vorgesehen, auf dem jede Gott-ferne Seele sich wieder freiwillig
zurückfinden konnte in Ihre Ur-Bestimmung, die da Ist: eine Wohnstätte für
Göttliches Leben zu werden! Diese Wege der Göttlichen Ordnung wurden schon
durch die Propheten der Menschheit kundgegeben! Und diese Offenbarungen
bestimmten damit auch schon Jesu Erdenleben, von der Geburt bis zum Tode. Und
auf diesen so bestimmt vorgezeichneten Wegen der Inneren Entwicklung haben wir
alle Jesu nachzufolgen, um mit Ihm In das Reich Gottes als das Innere
Himmelreich zu gelangen!"
Dann sprach der Herr in Wehmut weiter: ,Die Stunde ist
da, wo Ich Mich trennen muß von euch, Meinen Brüdern! Du Johannes, du Petrus
und du Jakobus, ihr wäret die, die Ich am tiefsten schauen ließ in die
Geheimnisse des Reiches Gottes. Ihr seid die geistigen Grundpfeiler Meiner
Lehre, welche sich in Liebe, Glauben und Vertrauen in allen Lebenslagen
bewähren sollen!
Darum bauet ihr alle auf diesen Grund, den diese drei
Brüder symbolisch darstellen und errichtet Mir im Geiste ein Haus, Meiner würdig
und wert! *)eine Innere Stiftshütte, einen Tempel, ein Gotteshaus, darin
wir jederzeit Zwiesprache mit Ihm halten können! Denn Ich habe euch geliebt
und werde euch lieben immerfort! Ich komme wieder und dinge euch aufs Neue,
wenn Ich vollendet habe das Werk, welches nach Erfüllung verlangt.'
Wir aber konnten des Herrn Worte nicht fassen; so
blieben wir noch eine Stunde im tiefen Schweigen um den Herrn, keiner wagte,
ein Wort zu reden *)Unsere Liebe wird erst heilig groß, wenn sie des
ändern Liebe über die eigene Liebe stellt und schwelgend wird.. Wir standen
unter einem unbekannten seelischen Druck und erschraken alle, als der Herr
sprach: .Lasset uns gehen! Die Zeit ist da, wo der Menschen-Sohn verherrlichen
muß das in Ihm wohnende Gottes-Lebenl'
Da sprach Bruder Philippus: ,Herr und Meister! Bleibe
doch bei uns! Dein Vater-Geist wird schon einen anderen Weg zeigen, der Dich
nicht solche Opfer kostet! Und dann, Herr, sind Dir nicht alle Dinge möglich?
Ein Hauch, und Deine Feinde sind nicht mehrt Wie viele Male hast Du bewiesen
Deine Macht, Kraft und Herrlichkeit! - Tue es auch heute!'
.Meine Brüder!', antwortete der Herr, ,wund und wehe
ist mein Herz, weil gerade ihr, die Ich berufen habe als Zeugen Meiner großen
Aufgabe, die Ich doch lösen muß und will, dieser so verständnislos
gegenübersteht!*)well ihre Liebe zum Herrn größer war als Ihre Demut vor
Gott! Wisset, das Opfer, das Ich zu bringen gewillt bin, ist ja der letzte Akt
des Gehorsams, den der Menschen-Sohn Gott schuldig ist!*)Dieser Gehorsam
dem göttlichen Willen gegenüber besagt für uns und unsern freien Willen: In
Jeglicher Handlungsweise die göttlichen Absichten mit uns Menschen als
oberstes Motiv zu wählen! Nur dadurch ist es möglich, daß ein Weg gebahnt werde
für alle, die nach Erlösung von der Materie und nach der Würde eines
Gotteskindes streben! Dsfrum haltet Mich nicht auf! Der Wille, einzugehen in
den Gottes-Willen, darf keine Bedenken aufkommen lassen!'
Wir gingen aus der Stadt über den Bach Kydron, und im
Garten Gethsemane vollzog sich der letzte und schwerste Kampf des Meisters,
dem wir wiederum kein rechtes Verständnis entgegenbringen konnten!“
Nun stand Ursus auf und sprach in seiner echt
römischen Gesinnung: „Verzeihet mir, liebe Brüder und Schwestern, daß ich unterbreche
und dich Bruder Johannes frage: Hat denn keiner von euch den Mut gefunden, zu
sagen: ,Herr, wenn Du schon ein Opfer bringen willst, so will auch ich ein
Opfer bringen und an Deiner Seite sterben! Haben wir in guten Tagen Deine
Liebe, Macht und Herrlichkeit erlebt, haben wir zu jeder Zeit als Deine Zeugen
Dir zur Seite gestanden, so gehören wir untrennbar zusammen und auch der Tod
vermag uns nicht zu trennen!' Denke ja nicht, lieber Bruder Johannes, daß ich
euch einen Vorwurf machen will! Aber wie kann ein treuer Diener seinen Herrn in
der Stunde der Not und des bitteren Kampfes verlassen? Wenige Minuten schenkte
mir der Herr, aber in diesem Gnadengeschenk liegt für midi so Großes und Gewaltiges,
daß ich, ohne mit einer Wimper zu zucken, in den Tod für Ihn ginge."
Ruhig entgegnete ihm Johannes: „Bruder Ursus, ich
verstehe dich ganz; und dein Eifer entspricht nur deiner Liebe! Aber der Herr
wollte nicht, daß wir uns in Gefahr begaben! Als Bruder Petrus mit dem Schwert
einen Kriegsknecht verwundete, heilte Er sogleich die Wunde und gebot uns, das
Schwert beiseite zu legen! Er mußte eben das große Opfer allem darbringen!
Siehe, nun all das Geschehene hinter uns liegt, wissen wir auch, warum Er auf
unsere Sicherheit bedacht war! Weil Er uns noch ausrüsten will mit der Kraft
aus der Höhe und uns zu Sendboten machen will für Sein großes, gewaltiges
Erlösungs-Werk!"
Johannes schwieg und alle ändern auch; dann sagte die
Mutter Maria: „Bruder Lazarus! Es ist sehr spät geworden; es wird richtiger
sein, daß wir Frauen die Gemächer aufsuchen und uns der Ruhe hingeben. Auch
habe ich mit meinem Schützling noch manches zu besprechen, da ich ihn
vielleicht auf Wochen nicht zu sehen bekomme."
„Du hast recht, Maria", entgegnete Lazarus, „auch
unsere Gäste werden der Ruhe bedürfen! Ihr aber, liebe Brüder, wenn ihr das
Zeichen zum Frühmahl hört, dann erhebt euch von euren Lagern. Du aber, Herr
Jesus, stärke unsere Liebe und unseren Willen und gib uns Deinen Segen. -
Amen." „Amen" sprachen die anderen. Dann brachen alle auf; Lazarus
aber begleitete seine Gäste in ihre Zimmer und segnete sie noch beim Abschied.
Maria aber sprach zu Ruth: „Komm, mein Kind, in meiner
Kammer ist dein Ruheplatz; du wirst Bedürfnis haben, dich über so manches noch
auszusprechen. Denke, ich sei deine Mutter und zugleich deine Schwester."
Da entgegnete Ruth: „O, wie wird sich meine Mutter
nach einem Bericht von uns sehnen! Es ist die erste Nacht, die ich fern vom
Elternhaus verbringe; aber wiederum, wie wertvoll war der heutige Tag mit all
seinen Erlebnissen! Wie froh muß ich sein, dies alles mit erlebt zu haben; es
ist ja ein anderes Leben, eine ganz neue Welt, die sich mir hier offenbarte!
Sage mir nur dies eine, liebe Mutter Maria: Wenn ihr schon solch große Liebe
und solch ein Bedürfnis habt, anderen unglücklichen Menschen zu helfen, wie
groß muß da die Liebe Jesu gewesen sein, der da sterben konnte für andere?"
Maria erklärte ihr liebevoll: „Mein Kind, für diese
Liebe hat die Erde noch keinen Ausdruck! Wenn alle Zungen diese Liebe rühmen
würden, wäre es immer noch viel zu wenig! Schau einmal nach oben, zum
Himmelszelt. Stern an Stern! Licht an Licht!
Und es ist doch nur ein Bruchteil der Schöpfung, die ihr Dasein dem Herrn und
Schöpfer zu danken hat! So wie Menschenmund nicht besingen kann die ganze
Schöpfung in ihrer Pracht und Größe, so kann auch kein Mund die Liebe des Herrn
und Meisters zu uns Menschen darstellen! Doch, mein Kind, erfasse diese Liebe
in deinem Herzen, dann erlebst auch du, was Tausende erlebten. Nimm morgen auf
deinem Wege das Wort mit: ,Seine Liebe trug den Sieg davon!', und auch du wirst
in solcher echten Liebe Sieger werden. So, nun ruhe! Die Liebe wacht auch über deinen Schlummer! Und so wie ich dich
liebe aus Seiner Liebe, so übe auch du sie! Dann
ist die Liebe auch dein Teil! Und Frieden und Freude dein Lohn! Nun schlafe ruhig, mein Kind - Gottes Liebe
wacht!"
„Liebe Mutter Maria", sprach Ruth noch, „wie
danke ich dir für dieses liebevolle Wort! Oft werde ich mich nach diesen
erlebten Stunden sehnen. Ach könnten doch meine Eltern, vor allem der Vater,
den Geist erfassen, der hier in Bethanien lebt! Aber könntest du auch meinem
Vater so vergeben, wie du meinem Bruder vergeben hast? Es wird sich mein Vater
zwar schwer überzeugen lassen von eurer vergebenden Liebe! So ich aber schon
vorher weiß, daß ihr in Bethanien niemandem etwas nachtragt, so kann ich ja
viel bestimmter und sicherer auftreten und habe eine heilige Waffe in der Hand!
Denn es wird wohl viel Kampf noch kosten! Segne mich, liebe Mutter Maria, da
ich gewillt bin, diesen Kampf aufzunehmen! Und nicht eher werde ich ruhen, bis
auch mein Vater einsehen wird, daß sein ganzes Leben, seine ganze Ehe und
unsere Kindheit ein zerstörtes Leben waren. Nun' ich Bethanien erlebt, das
Heim, wo Liebe und Frieden wohnt, weiß ich, wofür ich ringen werde! Ich weiß
nicht -, ich bin von einem Willen durchdrungen, von einer freudigen Kraft, die
ich garnicht an mir kenne!"
„Mein Kind, siehst du, wie wechselvoll das Leben
ist!", sprach Maria. „Erst weintest du vor Weh, dann vor Glück, und jetzt
bist du schon erfüllt von dem Geiste des Herrn, der da alle frei und froh
machen will! Dies ist die Antwort des Herrn und Meisters Jesu in deinem Herzen!
Darum freue dich, auch du bist erwählt."
Es kamen auf einen Augenblick auch noch die beiden
Schwestern Maria und Martha und schauten nach dem jungen Mädchen; und da sie
sahen, wie sie vor Glück strahlte, sprach Martha: „Schwesterchen, komme recht
bald wieder! Wir sehnen uns nach dir! Dein Glück ist auch das unsere, doch dein
Leid wird auch unser Leid sein. Wir wissen schon, daß es dir gelingen wird,
deine Eltern zu überzeugen, daß hier bei uns ein jeder sein Leben in rechter
Freude genießen kann! Und noch für viele ist Raum in Bethanien! Nun, liebe
Ruth, wollen wir Abschied nehmen; denn frühmorgens gibt es Arbeit in Hülle und
Fülle. Darum sagen wir dir noch: Komme recht bald wieder, wir warten auf euch!
Solltest du aber Hilfe und Rat nötig haben, sende einen Boten, wir geben gern
das Verlangte; oder, so du kannst, komme selbst!"
„Ihr Guten", sprach Ruth gerührt, „eure Liebe ist
wie der Duft vieler herrlicher Rosen! Immer mehr und mehr wird man durchdrungen
von dem Überschönen und Überlieblichen hier! Wie oft werde ich an euch denken
müssen!" - Nun küßten sich die Mädchen und weinten vor Freude über das
Glück, daß sie sich finden lernten durch die Liebe des Meisters!
Die Mutter Maria aber sagte: „Nun Kinder, zur Ruhe!
Der Tag hatte seine Lasten und Mühen und legte uns als Lohn unsere Schwester
Ruth an das Herz. Der kommende Tag bringt neue Mühen, dazu ist Kraft vonnöten.
So seid gesegnet aus dem Geiste Jesu und von der Liebe bewacht bis zum
Erwachen!"
Noch ein
Händedruck, und Ruth war mit Mutter Maria allein. „Nun, Kind, nimm noch einen Kuß von mir! Erinnere dich
oft an diese Stunde, denn sie soll dir heilig sein und bleiben! Geht es dir
schwer, und weißt du nicht, wo aus und ein, so denke an diese Stunde! Der Herr
und Meister gab mir in Seiner erbarmenden Liebe so unendlich viel Schätze, daß
ich immer und jederzeit aus der Schatzkammer Seiner Liebe austeilen kann nach
meinem Belieben! Denke daran, daß auch du jetzt begnadet bist als Verwalter
Seiner Heiligtümer bestellt zu sein. - Enttäusche deinen Herrn und Gott, deinen
Heiland und Erlöser nicht! Bleibe kindlich, bleibe immer fromm und rein! Dann
wird auch dir mein Jesus dein Gott und Vater sein! So ruhe in Frieden! Und Sein
Friede sei dein Anteil Schlafe ruhig, die Liebe wacht! Amen!" So endete dieser
Tag in Bethanien! -
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<06. in bethanien.doc> |
01. Judas in den Hallen des Tempels
In den Hallen des Tempels war Hochbetrieb. Alles war
aufgeregt und hocherfreut: war doch endlich der verhaßte Nazarener unschädlich
gemacht worden l Und dabei war alles so glatt und billig abgelaufen I Kaiphas,
der Hohepriester, sagte:
„So muß es jedem Anhänger des verfluchten Nazareners
ergehen, und rücksichtslos müssen wir alle Anhänger vernichten! Es werden sich
genug Gründe dafür finden lassen. Ha, dieser Großsprecher! Ja, solange er
Freunde hatte, da war ihm schwer beizukommen; aber dieser Augenblick war günstig
für uns, denn Jesus war allein mit seinen schwachen Jungem."
Entgegnete ein anderer Priester:
.Sei nur nicht so
überfroh! Wohl konnten wir Jesum töten,
aber Seine Lehre - nie! Denn armseliger als jetzt stand der Tempel noch nie da,
das werden wir in Kürze erleben. Die Bewegung des Nazareners wird erst durch
die Kreuzigung auf Golgatha ihre wahre Weihe finden. Ich werde der Erste sein,
der nach diesem Unrecht, das man Jesus antat, den Tempel verläßt. Ihr wißt,
ich war Zeuge Seiner Kreuzigung. Hätte Jesus geklagt, geheult oder geflucht,
mir wäre wohl gewesen. Aber Seine Ruhe, Sein Dulden und Seine gewaltigen Worte
zeigten mir meine und eure Verstocktheit. Jesus war unschuldig, das ist sicher
wahr, und nun warte ich ab, was der Tempel unternimmt. Mich rührte der Judas,
als er das Geld, das wir ihm gegeben, hierher schleuderte und voll Verzweiflung
Jesu Freiheit forderte! Ahnt ihr denn nicht, daß Judas etwas anderes wollte als
den Tod seines Meisters? Was mag aus Judas geworden sein?"
Da antwortete der Hohepriester erregt:
„Also bist auch du ein Verräter des Tempels, dir mag
es genau so ergehen wie Judas! Denn dieser hat sich erhängt an einer Weide und
konnte gar nichts besseres tun, ist so doch ein Ankläger weniger!"
Auf Judas, dessen Seele in ihrer Verzweiflung hier im
Tempel Schutt und Ruhe suchte, wirkten diese Worte wie Keulenschläge.
„Ich erhängt? Ich lebe aber doch! Wohl wollte ich
meinem Leben ein Ende machen, da mir alles zerbrochen war, und Jesus auch nicht
den leisesten Versuch machte, mit Hilfe seiner wunderbaren Kraft ein Königreich
aufzurichten und die Macht der Römer zu brechen. Ja, jetzt wird es mir klar:
mein Vorhaben war verkehrt, aber der Tempel ist schuld daran!"
Eine mörderische Wut entbrannte in ihm, doch er war
ohnmächtig und zur Untätigkeit verdammt. - .Ihr Teufel, ihr tausendmal
verfluchten Teufel", schrie er den Priester an, aber ein leeres
Hohngelächter war das ganze Echo, das aus dem Munde vieler verlorener Seelen
kam. Die Templer aber hörten und sahen nichts. Voll Wut ging Judas ins
Allerheiligste und schrie, was er nur schreien konnte -, doch niemand hörte
ihn. Und seine Verzweiflung wuchs mehr und mehr - - da wurde er plötzlich am
Arm gefaßt, er hörte, daß jemand sprach: , Judas komm - dein Meister will, daß
du mit mir zu Ihm kommst!"
Judas aber schrie: „Laß mich" - und riss sich los
- „nie will ich Ihn sehen, denn durch Ihn bin ich erst ins Unglück gekommen!
Wäre ich nicht zu Ihm gekommen, so stände es anders mit mir, und ich hätte
kein so elendes Leben l"
Da sprach der Andere: «Judas, komm mit mir, denn du
bist ein Unglücklicher. Sieh mich an -. ich war ein Verfluchter, an meinen
Händen klebte Blut, aber Jesus, der Heiland, hat mir meine Schuld vergeben. Er
aber machte zur Bedingung, daß ich wiedergutmache, was ich verbrochen. - Meinst
du, daß nicht auch dir geholfen werden könnte?-Komm mit, daß ich dir helfen
kann, und du teilhaftig werdest der Gnade aus Jesus! Dir ist schon geholfen, da
doch der Heiland nach dir verlangt. Hier im Tempel widerfährt dir kein Heil,
denn diese Menschen wollen dich nicht. Und für die, die im Tempel ihre Heimat
haben, kannst du nicht da sein. Es bleibt für dich keine andere Lösung: Komm
mit zu Jesus!"
Da erkannte Judas in dem Sprecher Dismas, einen guten
alten Bekannten. Dieser war ein eifriger Anhänger des Barabbas gewesen.
Barabbas aber hatte allenthalben im Lande das Feuer gegen die Römer geschürt,
er war ein bedeutender Anführer der Jüdischen Freiheitsbewegung. Wenn Judas
sich mit Barabbas getroffen hatte, um mit ihm die Lage zu besprechen, war er
Dismas oft begegnet. Judas war auch ein glühender Nationalist und haßte die
Römer um seines Volkes willen. Aber er war kein Freund von Gewalt und scheute
ängstlich jedes Blutvergießen. Er wollte Jesum, den mächtigen Meister, für
seinen Plan gewinnen. Mit dessen Kraft wollte er das fremde Joch von seinem
Volke abschütteln und einen mächtigen jüdischen Nationalstaat errichten. Judas
erinnerte sich noch, wie er den Meister bei Seinem eigenen Wort nahm und Ihn
fragte:
.Sagtest Du nicht, man solle dem Kaiser geben, was des
Kaisers, und Gott, was Gottes ist?" -Und der Meister hatte darauf
geantwortet: „Sag Judas, steht nicht geschrieben: es ist alles Gottes!? - Gib
jedem das Seine nach deiner Erkenntnis - Ich aber bin Gottes und Mein Reich ist
nicht von dieser Welt! -"
Judas schloß die Augen, und vor seiner inneren Sehe
zog noch einmal alles vorüber: Die Gefangennahme des Barabbas und seiner
Unterführer Dismas und Gesmas. Ja. sie waren wilde Kämpfer, diese beiden
Letzten, und waren nicht leicht zu übertreffen im Blutvergießen. Da wurde es
höchste Zeit - Judas sah keine andere Möglichkeit mehr - den Meister zu
zwingen, die politische Führung zu übernehmen. Er lieferte Jesum dem Tempel
einfach aus. - Doch Jesus schwieg! - Schmerz um den Meister, Schmerz um sein
Volk wühlte in Judas Seele Todesangst peinigte ihn! Die johlende Menge aber,
der stets Ostern ein Strafgefangener freigegeben wurde, schrie: „Barabbas,
Barabbas"! und dann kam für Judas das Ende! Neben dem Meister wurden
Dismas und Gesmas gekreuzigt. Dieser Dismas aber stand jetzt vor Judas und
sprach von Gnade und vom Heiland!!
„Wo ist Jesus", fragte Judas mit rauher Stimme,
„wo?" - Er mochte diese Frage hinausschreien, aber seine Stimme versagte.
- - .Auf Golgatha, dort erwartet uns Jesus", antwortete Dismas.
Judas: „Golgatha? 0 Gott, gerade nach Golgatha? - Das
ist es ja, was mich von Ihm trennt. Ist denn dies die einzige
Möglichkeit?" - - .Ja, gerade nach Golgatha berief uns der Herr",
erwiderte Dismas. „Ich sehe nicht, daß dich etwas aufhalten könnte. Ist es
nicht gleich, wo du Jesum triffst, ob auf Golgatha oder an einem anderen Ort?
Mir ist der Ort gleich, seit ich erkannt habe, daß Jesus mehr ist als ein
Mensch. Gerade mich müßte Golgatha schrecken, doch es ist mir zum Heil
geworden. Darum kommt Ohne dich gehe ich nicht; ich gehe aber auch nicht von
dir fort, ehe nicht Jesus mich von dir trennt. Komm, Jesus wartet auf
uns!"
Judas folgte nun wirklich und verließ mit Dismas den
Tempel. Sie gingen durch die gleichen Straßen, durch die auch Jesus hatte
gehen müssen. - Dabei sah Dismas so manche Frage sich in Judas auftun und in
seinem Gesicht sich widerspiegeln. Das veranlaßte ihn, Judas den ganzen Hergang
der Ereignisse bis zu Jesu Kreuzestod zu schildern. Auch von seinem eigenen
Leiden erzählte er.
„Als es Nacht um mich wurde, und rasende Schmerzen
meinen Körper aufwühlten, da legte sich eine Hand auf meinen Kopf - und ich
sah Jesum! Kein Wort sagte Er zu mir - aber Seine Augen sprachen: „Ich helfe
dir!" Da nahm eine wohltuende Ohnmacht mich gefangen. Als ich erwachte,
sah ich tausende von Menschen um Jesus versammelt. Ich hörte Seine Einladung,
zu Ihm zu kommen, um teilzunehmen an Seiner großen Erlöserliebe. Da bekannte
ich vor allen meine Schuld. Jesus aber sagte, ich solle meinen Feinden
vergeben, um von Ihm Gnade und Vergebung zu erlangen.- Das aber fiel mir
zunächst schwer. Als ich aber nach Seinen Worten tat, wurde mir wohl Darum
bitte ich nun auch dich, Judas:
Vergib denen, die dich blendeten, damit Jesus auch dir
vergeben kann!"
Judas aber
schwieg.
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<01. judas in den hallen des
tempels.doc> |
02. Judas vor Jesus
Nun erreichten sie Golgatha. Wie durch eine
magnetische Kraft gezogen kamen sie zu Jesus, dem Meistert Der ganze Berg war
gedrängt voll von hungrigen Seelen. Sie lauschten den Worten Jesu, mit denen Er
noch einmal zeugte von Seinem Werk und von der ewigen Liebe.
Judas stürzte seinem Meister zu Füßen - - und erlangte
Verzeihung, da er in allzu blinder Leidenschaft gehandelt. Nun wurde ihm
plötzlich klar, mit welch' großer Liebe er doch jederzeit behandelt worden war.
Mit tränenden Augen suchte er den Blick seines Meisters. Wie aus weiter,
weiter Feme hörte er Jesum, den Meister, sprechen:
„Judas, du
Armer! Als wir noch Menschen waren, da
konnte Ich dir weiterhelfen -, weil du noch unwissend warst. Doch hier, im
Reich des Lebens, gilt nur der freie Wille. Da du nun ein Wissender bist,
kannst du den Weg zu Mir finden durch deinen eigenen freien Willen, der sich
aber noch beugen muß, bis auch das Geringste von dem vergangen ist, was dich
von Mir trennte. Siehe, noch leben in dir Haß, Wut und Eigenliebe! Dennoch habe
Ich dir vergeben, weil du blind gehandelt und vergessen hast, daß Mein Reich
nicht von dieser irdischen Welt. - Und so beherzige Meine Worte!"
Des Herrn Worte drangen Judas tief ins Herz. In ihm
klang es wie Donnerrollen, doch brachte er nicht fertig zu sagen: ,0, Herr, laß
mich mit Dir gehen!" - - Er blieb stumm - und blieb allein.
<02. judas vor jesus.doc>03. Judas
Um ihn und in ihm ward es Nacht. - ‚Nun bin ich
allein’ Der Meister nahm alle mit sich. Was wird nun aus mir? Woher kommt plötzlich diese entsetzliche Dunkelheit,
diese Nacht? Es ist für mich wohl beruhigend: ,Der Meister hat mir vergeben!'
- so begann Judas sein Selbstgespräch -, doch was nüt;t mir Vergebung, wenn
ich mir selbst nicht vergeben kann?! Vergeben und allen Haß aus mir schaffen?
Ja, wenn es nur gingel - Als ich den Meister sah und Seine Liebe fühlte, da zog
ein Gefühl der Reue in mein Herz. Doch seit ich wieder allein bin, verstärkt
sich in mir der Haß gegen die Menschen, ja, selbst gegen mich - o, könnte ich
mich doch vernichten!!"
Judas schloß seine Hände krampfhaft um seinen Hals,
doch er griff hindurch, und dies machte ihn noch verzweifelter. - .Ach, Jesus,
wärest Du doch geblieben, dann fände ich mich schon zurecht!" Er bedachte
aber nicht, daß er bei Jesus hätte bleiben können. So stand er auf und ging
umher in der tiefen Finsternis. Da stieß er an das Kreuz, an dem der Meister
gehangen, und umklammerte es mit Tränen des Schmerzes. Und im Selbstgespräch :
„Ja, hier mußtest Du enden, durch meine Schuld. Hier
hast Du ausgelitten für meine Torheit. Ach, ich glaubte, richtig zu handeln,
doch weh' mir, weh', ich glaube, ich gehe dabei zu Grunde! - 0, Herr Jesus, ist
das Deine verzeihende Liebe, daß ich Dein Kreuz finde, an das Dich meine Dummheit
heftete? 0, wer gibt mir in meinem lichtlosen Zustand Trost und Licht? Allein -
in dieser Finsternis, das Kreuz als Ankläger, o, was wird aus mir? Ist denn
niemand da, der mir hilft?"
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<02.
judas vor jesus.doc> |
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04. Judas und Dismas
„Du bist nicht allein, ich, der Dismas, stehe neben
dir. Die Liebe des Herrn gab mir diesen Wink: dir helfend zur Seite zu stehen
in deiner Not. Obschon es für dich noch finster ist, so ist es für mich doch schon Tag:
denn die Liebe zum Herrn wurde mir zum Licht. Und
darum erschaue ich dich in deiner Nacktheit. - Aber höre, solange du hier
verharren und auf Hilfe warten willst, wird dir Zeit und Weile arg lang werden,
denn der Herr ziehet mit den Seinen - du aber hast dich vom Herrn getrennt. Da
darfst du nicht erwarten, daß Er nun zu dir kommt. - Willst du immer hier
verharren und dich anklagen? Siehe, auch das ist Selbstliebe, und du verlangst,
daß dir geholfen werde! Mein armer Judas, das sage ich dir, der ich doch
tausendmal ärmer bin, denn du: ich verlange nichts, garnichts, ich möchte nur
bei dir bleiben und dir dienen dürfen!
Dieses ist mehr für mich - als Seligkeit, und hilft
mir meine Last tragen. - Wohl hat der Heiland mir vergeben, doch das
Bewußtsein meiner Schuld macht mich unfrei. Wohl bin ich angenommen, doch Eines
ist für mich das Erste:
Ich will mich der großen Gnade, der erbarmenden
Heiland- und Jesusliebe würdig erweisen: darum diene ich dir! -
So frage ich dich, Judas, du Armer, Geknechteter, was
soll ich dir tun, damit auch du frei wirst, damit es vor allem Licht um dich
werde und du anfängst, ein ganz anderer zu werden?'
„Höre" - antwortete Judas - „ich werde wohl kein
anderer mehr werden können. Denn einige Male habe ich den Herrn gebeten, mich
doch zu ändern, aber wie Donnerschläge klingen mir noch Seine Worte nach:
Die Reue hinter dem Grabe ist wenig wert. Deshalb habe
ich wenig Hoffnung auf die Gnade, die du erhieltest, denn du vergißt, daß ich
meinem Leben selbst ein Ende setzte und nun bitter erfahren muß, daß es kein
Ende gibt! Wie soll mir geholfen werden? - Der Meister ist von mir gegangen -
und ich könnte den Weg zu Ihm nur finden: durch meinen noch zu beugenden Sinn!
Dies ist mir ein neues Rätsel.
Wie oft sprach der Meister in Rätseln, und jetzt
wieder? Mir kann das wenig Hilfe bringen. Aber dennoch mag und will ich nicht
in dieser Finsternis verbleiben. - Wie sagtest du, um dich ist es Tag und um
mich Nacht! - Wie geht denn das zu? Das ist doch nicht denkbar, es ist zum
Verrücktwerden in dieser finsteren Nacht! - Wenn ich deine Worte nicht-vernehmen
würde, so müßte ich glauben, mir träumt! Aber sag: gibt es denn gar keinen
Ausweg aus dieser Finsternis? Vor allem fort von hier
- von diesem Berg Golgatha, mich erdrückt er, was
wollen wir tun?" -
Da sagte Dismas: „Judas, du alter Freund, meine Schuld
drückt mich ebenso, wie dich die deine. Aber jemanden kennen gelernt zu haben,
der da spricht: dir sei vergeben, wenn du denen vergeben kannst, die dich erschlugen!
-, das löst in mir, in meinem Herzen, eine Hoffnung aus, ~ und so habe ich
Vertrauen gefaßt zu Jesus, dem Heiland! Aus Seinen Worten klingen Liebe und
neue Hoffnung auf ein besseres Sein. Ich glaube nun zu verstehen, wenn Er zu
dir sagte: Die Reue ist wenig wert, so wir gestorben sind. Denn nur Reue hegen
zu wollen für vergangene Schuld
- das wäre leicht und könnte mich wohl fröhlich
stimmen - aber was hätte der andere wohl von meiner Reue, dem ich Uebles getan?
Aber bei sich selbst gilt es anzufangen mit dem Beschreiten eines neuen Weges!“
Und so fühle ich nicht die Verzagtheit, die dich, einen Jünger Jesu, betrübt.
Jesus wird recht haben: du bist ein Wissender! Und was könntest du mir sein, so
du dein Klagen ließest und im Innern dich abfinden würdest mit deiner Lage, die
du doch selbst gewollt hast. - Gewiß - ich, Dismas - habe gemordet! Aber durch
meinen Tod, der auch furchtbar war, ist der Mord immer noch Mord geblieben. Ich
würde wohl für ewig als Mörder angesehen werden - aber das hat hier in diesem
Leben eine andere Seite. Denn die ich räuberisch erschlug, die leben jetzt
ebenso - wie ich und du noch leben! - Du liefertest Jesus an das Kreuz zum Tode
- und dennoch lebt Er! Ich wurde erschlagen und lebe auch. Auch du hast deinem
Leben ein Ende gemacht - und doch lebst du!! - Sag, Judas, ist dies nichts zum
Nachdenken? -
Sobald ich einmal die treffen werde, denen ich das
Lebenslicht ausblies. da werde ich solange um Verzeihung bitten - bis mir
vergeben wird. Und sieh, du hast Vergebung erlangt vom Heiland Jesus, und
trotzdem suchst du um Dinge, die du selber schufest! Sag', bist denn du nicht
ein größerer Tor. als du ehedem warst? - Die rettende Hand bietet dir Jesus in
deiner Niedrigkeit, oder erwartest du, daß ein Engel käme und dich im Triumph
sogleich in einen sogenannten Himmel führe? - 0, welch" herrliche Gerechtigkeit!!
- Jeder wird das finden, was er selbst ausgestreut hat. Darum bitte ich dich im
Namen des Herrn und Heilandes Jesus: Ermanne dich und erkenne in deiner Nacht
die Liebe, die dich sucht, auf daß auch du dich dienstbar erweisen kannst nach
dieser Gnade, in deinem, wenn auch noch traurigen Leben l" -
Sagte Judas: „Dismas, du redest wie ein Heiliger, nur
schade, daß du kein Jünger warst. Doch eins muß ich dir sagen - leichter wurde
mir während deines Redens nicht, hast denn du alles vergessen, was im Leben
wichtig war? - Schaffe lieber dies Kreuz fort, damit ich wenigstens daran nicht
erinnert werde. Ich möchte dir gerne folgen, aber das Kreuz ist ein gewaltiger
Mahner. Ich sehe ein: zu ändern vermag ich Geschehenes nicht, aber ich kann
noch nicht fort aus dieser Oede und Finsternis. Es ist, als wenn ich dieses
Kreuz dauernd umfassen müßte!"
Dismas: „Nun, mein Judas, so nimm es auf deinen
Rücken, und laß uns in den Tempel gehen, wohin indessen der Herr gezogen
ist." -
Judas: „Ich - das Kreuz tragen? - sag, ist dies dein
Ernst? Etwas Törichteres kannst du wohl nicht von mir verlangen ? Ich wäre
froh, wenn ich es nicht mehr fühlte, und nun soll ich es überall hinschleppen,
wohin soll das führen? - dies ist doch wahrlich nicht dein Ernst. Denn, bei
aller Liebe zum Herrn, ist mir immer noch nicht einleuchtend, warum - ja warum
Er Sich überhaupt kreuzigen ließ! - Ach, hätte ich in meiner Dummheit den Herrn
nicht verlassen. Aber diese Dummheit mache ich nicht zum zweiten Male - wenn
ich je wieder zum Herrn gelangen sollte! Aber. wie zu Ihm hinkommen? - Komm',
Freund und Bruder Dismas, führe mich zum Herrn, aber rede mir nicht mehr von
dem Kreuz. Komm', reiche mir deine Hand, damit ich sicher gehe und in dieser
Finsternis nicht in eine noch größere Angst gerate." -
Sagte Dismas: „Lieber Bruder Judas, führen will ich
dich gerne zum Heiland Jesus, aber Sein Kreuz mußt du tragen. Denn im Grunde
ist es ja dein Kreuz, an deinem Kreuze hat Er ausgelitten, weil Er durch dich
ans Kreuz geliefert wurde. Ich sehe nicht ein, warum du dich weigerst, dies
Kreuz zu tragen. Bedenke, am Kreuze litt Er um deinetwillen und am Kreuze hat
Er mich angenommen, der ich dir ein Helfer und Ratgeber sein darf. Und am
Kreuze hat Er allen vergeben! Nun willst du das Kreuz ansehen, als wenn dir das
größte Unrecht geschieht! Ich bitte dich, Bruder Judas, weigere dich nicht
länger. Komm', ich will dir helfen, dies Kreuz auf deine Schultern zu
legen."
Judas: „Nie und nimmer trage ich dieses Kreuz. Du
hättest wohl eine große Freude daran, wenn ich den Beweis meines Verrates durch
die Stadt trüge und im Tempel aufstellte! Alle Welt würde sagen: Sehet Judas.
den Verräter, so lohnte er die Liebe seines Meisters. Nicht genug, daß er sich
selbst richtete, alle Welt müßte ihn richten! - So du mich nicht ohne dieses
Kreuz zum Meister führest, muß ich eben versuchen, von hier fortzukommen ohne
dich. Denn es muß doch irgendwo für mich Gelegenheit sein, auch ohne dich Jesus
zu treffen. Und wer weiß, ob Er noch im Tempel ist? Denn im Tempel hat Er Sich
ja nie lange aufgehalten!" -
In diesem Augenblick erschien dem Dismas ein Engel,
ohne daß Judas ihn wahrnehmen konnte, und sprach: „Lieber Freund, überlasse
Judas seinem eigenen freien Willen, zwinge ihn nie zu einem Tun. Verlasse ihn
nicht, aber verbirg dich vor ihm, damit er sich selber finde! Im übrigen halte
dich im Herzen an Den, Der auch dir geholfen hat und weiter helfen wird. Der
dir dieses sagen läßt durch mich. - Unsichtbar werde ich bei euch verbleiben,
um euch beizustehen, denn die Hölle macht Anstrengungen, euch zu verderben."
-
Nun trat Dismas noch einmal an Judas heran und sprach:
„Bruder Judas, allein der Herr und Meister kann dir helfen! Nie wird dir
geholfen, wenn du Ihn nicht suchst, und ohne das Kreuz kannst du nie zu Ihm
kommen, denn du bliebest den Beweis schuldig, daß du wahrhaft Reue übst. So wie
ich im Herzen fühle, kannst du nur gerettet werden durch die allergrößte
Anstrengung. Siehe, ich habe Anweisung, dich dir selbst zu überlassen, wenn du
nicht das kleine Opfer bringst. Der Herr brachte das allergrößte Opfer, und
dabei war keine Schuld an Ihm. Du sollst nur ein kleines Opfer bringen, doch
deine Schuld ist riesengroß. Der Drang nach Erlösung muß doch in dir nicht so
groß sein, sonst würdest du, ohne zu säumen, dies Kreuz tragen, bis du beim
Herrn angelangt bist. Ich bitte dich um deiner Seligkeit willen: Tue nach dem
Willen des Herrn, es wird dich nicht gereuen!"
Judas: „Nie kann ich das Kreuz tragen, es würde meine
Schande nur noch größer machen." -
Darauf entfernte sich Dismas langsam, nicht ohne
vorher Judas zuzurufen:
„So gehe vorerst allein deinen Weg nach deinem eigenen
Willen- Lade nicht erst noch mehr Schuld auf dich, denn du versuchst den Henn
aufs neue. Erst wenn du anderen Sinnes geworden bist, darf ich dir weiter
dienen!"
<04. judas und dismas.doc>06.
Judas und Gesmas
Wie Judas nun mit seinen Händen dieses Kreuz
abtastete, griff er auf einmal an einen menschlichen Körper. Mit einem Schrei
zog er die Hände zurück. Aber da sich nichts regte, tastete er langsam mit
beiden Händen den Körper ab und versuchte, den scheinbar leblosen Menschen in
dieser Finsternis aufzurichten. Mit einiger Anstrengung gelang es ihm auch, und
wie er ihn ganz aufgerichtet hatte, kam plötzlich Leben in den Körper!
„Wer bist du?, was willst du von mir?", so schrie
voll Wut die Gestalt. Judas erschrak und ließ den Körper los. Doch dieser ergriff
Judas und hielt ihn am Arme fest. „Bist wohl Freund Dismas, he? - Sehr
freundlich von dir, mich aufzusuchen. Der
Nazarener scheint dir Sein Wort nicht gehalten zu haben?" -
.Ich bin nicht Dismas, sondern Judas, der dich hier
aufgefunden hat. Nun sage mir, wer bist du?, denn es ist stockfinstere Nacht,
ich kann dich nicht erkennen."
„Ich?, ich bin Gesmas; ich wurde bei der Kreuzigung
des Nazareners ebenso erschlagen wie Dismas und dieser Jesus. Ich warte nur auf
den Augenblick, um mich zu rächen an denen, die mir das angetan haben."
Judas: „Du und
rächen? Wie willst du das denn fertig
bringen? Kannst du denn fort von hier?"
Gesmas: „Warte nur ab, ich werde schon fortkommen, und
war es auch schon einmal. Nämlich, nachdem ich unter größten Schmerzen mein
Leben ausgehaucht hatte, wurde ich langsam gewahr, daß man mich doch nicht
erschlagen konnte. Denn als ich am Boden lag und Stimmen um mich hörte, da
wußte ich: ich trug nicht mehr meinen Leib, denn meine Beine schlug man mir mit
einer Keule kaputt. Und doch konnte ich stehen, aber um mich war Nacht. Da
bekam ich einen Menschen zu fassen, an dem ich mich hielt, und ging mit diesem
zum Tempel. Dort angekommen, hörte ich allerhand vom Tode des Nazareners. Weil
aber keiner von uns redete, bekam ich eine solche Wut, daß ich hätte alles
zerschlagen können, aber mich sah ja niemand. An den Hohenpriester klammerte
ich mich an, denn in meiner Wut konnte ich einige erkennen - doch alles in
rotem Feuerschein. Und als mich niemand erschauen wollte, da wurde ich vor Wut
sinnlos und habe geflucht und gewettert. Da wurde ich plötzlich von hinten
gepackt, wurde hochgehoben und zu Boden geschleudert. Lange muß ich gelegen
haben; denn als ich erwachte, lag ich hier vor dem Kreuze, und um mich war es
noch finsterer als zuvor. Darauf versuchte ich von hier fortzukommen, was mir
aber nicht möglich war. Als ich nun an das andere Kreuz kam, an dem der
Nazarener gehangen hatte, da bekam ich wieder solche Wut, daß ich hinauf
geklettert bin und oben geschüttelt habe. Aber da bekam ich einen Stoß - und
alles andere weißt du l Hättest mich liegen lassen sollen, es wäre für mich und
dich besser gewesen, denn an meinen Händen klebt Blut. Mit mir kannst du wenig
Spaß erleben, hättest den Dismas suchen sollen, der war weit besser denn ich.
Wo mag er jetzt stecken?" -
Judas: „Der war bis vor kurzem noch hier, aber er hat
mich verlassen. Denke dir, ich sollte das Kreuz, an dem der Meister gestorben
war, nach dem Tempel tragen, was ich aber entschieden abgelehnt habe!"
Gesmas: „Du das Kreuz tragen, ja warum denn? Dazu
müßten ja schließlich Gründe vorhanden gewesen sein. Darf ich diese
wissen?"
Judas: „Nun höre, ich bin Judas, einer der Jünger
Jesu, und habe Seinen Tod auf meinem Gewissen. Denn ich war es, der den
Templern Seinen Aufenthalt in der Nacht verriet für lumpige dreißig
Silberlinge. Nie hätte ich geglaubt, daß der Meister dies sterbliche Ende
nehmen würde. Vielmehr dachte ich. Er würde nun Seine Macht beweisen. Sich zum
Judenkönig machen, dadurch uns vom Römerjoche befreien, und ein Jüdisches
Reich aufrichten! So wenigstens klang es mir aus Seinem Munde, und es schien
mir auch, als wenn es Ihm so recht war. - Da mich auch keiner davon abhielt,
nun, so bin ich eben hingegangen und habe Seinen nächtlichen Aufenthalt
verraten. Als ich aber sah, welches Unheil ich dadurch angerichtet hatte, da
habe ich alle Besinnung verloren und eilte in den Tempel. Dort warf ich den
Pharisäern das erhaltene Geld vor die Füße und verlangte Seine Freisprechung.
Und hier lernte ich den ganzen Haß kennen, der sich gegen Jesus richtete, und
in meiner Verzweiflung hängte ich mich auf. - Wohl wurde mir hier im
Geisterreiche inzwischen Gelegenheit gegeben, Jesus nochmals zu sehen und zu
sprechen. - Uebrigens war eben Dismas derjenige, der mich zu Ihm hinführte,
denn ich war vorher auch im Tempel. Nun aber bin ich allein! -
Jesus sagte zu mir: ich sollte Ihn suchen und würde
den Weg zu Ihm finden, doch meine Liebe müßte ich zuvor opfern. Dismas aber
verlangte, um den Herrn zu finden, sollte ich Sein Kreuz in das Allerheiligste
des Tempels tragen, dort würden wir Ihn treffen! - Nun wirst auch du einsehen
wie ich, daß mir dadurch nicht im geringsten geholfen ist. Was soll nun
werden?"
Gesmas: „Du bist also Judas Isdiariot - dieser
Waschlappen! Ja, ja, ich kenne dich noch. Dem Barabbas zu folgen warst du zu
feige, und mit deinem Jesus hast du noch nichts anfangen können, - diesem
Nazarener! Hab' ich ja vorher gewußt. - Und nun, was werden soll, meinst du -
dumme Frage - ich bleibe hier und warte ab. Glaubst wohl, ich soll mir das
Genick brechen in dieser finsteren Nacht ? Warten wir den Morgen ab, alles
Weitere werden wir sehen. Ja, die Sache ist gut - du ein Jünger des Nazareners,
ein Selbstmörder, und ich ein Hingerichteter! Wir werden Freude miteinander
erleben - aber was für welche! Doch dies eine steht fest, sobald ich einen
Templer oder einen Römer je in meine Hände bekomme, dem wird es nicht zum
Besten ergehen. Also warten wir ab!"
Nun wurde es zwischen den beiden ruhig l Der Engel,
der alles mit Dismas überwachte, machte mit der rechten Hand eine Bewegung, und
darauf donnerte es gewaltig!
Judas ergriff vor Angst den Gesmas und sprach: „Was
muß das für ein Donner gewesen sein, bin ich aber erschrocken! Aber es war
komisch, ich habe gar keinen Bli§ gesehen. Hast du etwas bemerkt?"
Gesmas: .Ich, nein, nur Donnern hörte ich, aber was
gibt es da zu erschrecken ? So hat es auch gedonnert, als man mir meine Beine
zerschlug. Nun, es Ist ja gleich, was wird. Wenn es nur schon Morgen
wäre!" -
Judas: , Gesmas, du wartest auf einen Morgen? Höre,
was Dismas zu mir sagte: Bei mir ist es Tag und bei dir ist es Nacht. Deshalb
glaube ich an keinen Morgen, und wenn wir bis zum Jüngsten Tag hier warten
sollten! Eilen wir wenigstens von hier fort, denn ich möchte nicht mehr an das
Kreuz erinnert werden. Also los! Versuchen wir von hier fortzukommen, irgendwo
muß doch schließlich jemand zu treffen sein. - Am liebsten suchte ich den
Meister auf!" -
Gesmas: «Haha, du alter Esel. bist immer noch nicht
geheilt ? Möchtest wohl nochmals deinen Herrn verraten? Oder möchtest nicht
mehr an deine Schande erinnert werden? - 0, Judas, ich hätte dich für
klüger gehalten. Es fehlt nur noch, daß du wie ein altes Weib heulen würdest!
- Wie kommt es, daß dich die Kreuze ärgern? Mich ärgern sie durchaus nicht.
Warum zerhackst du sie nicht, wenn sie dich stören? Wollen wir uns lieber von
dem Holz ein Feuer machen, dann wird es hell und auch etwas wärmer, denn es ist
merklich kühl geworden. Dies ist mein Vorschlag. Also suchen wir ein Beil,
denn die Kriegsknechte haben ja ihr ganzes Handwerkszeug liegen lassen.
Wenigstens habe ich es gesehen da ich noch lebte. - Du suchst nach rechts, und
ich nach links, wir wollen uns aber gegenseitig rufen, damit wir uns nicht
verlieren!" - Und nun krochen beide auf dem Boden und tasteten mit den
Händen. Der Engel legte ein Beil vor Judas hin, das dieser auch sofort ergriff.
Judas: „Hallo, Freund, ich habe ein Beil gefunden.
Suche nicht mehr weiter - und nun ran an das verhaßte Kreuz!"
Beide fanden sich wieder, und nun ging es an das
mittlere Kreuz. So gut es ging, hieb Judas mit dem Beil in den Kreuzesstamm.
Oefters tasteten die Hände nach den Einschnitten, und der Stamm war bald durch.
Das Kreuz schwankte bereits bedenklich. Noch einige Schläge, und der Stamm war
durchgeschlagen. Das umfallende Kreuz begrub alle beide unter seiner Last.
Stumm lagen sie beide darunter.
Erst nach einer Weile erwachten sie von ihrem Schreck,
um nun zu begreifen: das schwere Kreuz lag auf ihnen!
Nach einer längeren Zeit regten sich Arme und Beine,
und mit den allergrößten Anstrengungen konnte sich Judas befreien. Nachdem er
seine Glieder erst einmal richtig ausgestreckt hatte, half er dem Gesmas aus
seiner Lage. Endlich war auch dieser befreit, und Judas sprach: „Ja, das hätte
dumm ausfallen können; deshalb werde ich mich hüten, nochmals das Beil
anzufassen und aus dem Kreuz Kleinholz zu machen! - Nun liegst du da, du
elendes Stück Holz, beinahe wäre ich unter deiner Last zugrunde gegangen. Es
ist aber auch zum Verrücktwerden. Weißt du, Freund, jetzt gehen wir fort von
hier, und wenn du nicht mitgehst, werde ich allein gehen. Sag', was können wir
hier noch anfangen? Wir können hier zu keinem Ziele kommen!"
Sagte Qesmas: „Du, Judas, geh' ruhig, ich bleibe hier;
und sollte ich Ewigkeiten hier sitzen. Ich muß noch meine Rache kühlen, und das
ist mir ganz gewiß: die Bestien von Menschen werden bestimmt hierher zurückkommen!"
-
Judas: „Da wünsche ich dir recht viel Glück. Ich mache
mich fort vom Ort des Schreckens, vielleicht finde ich anderweitig Hilfe. Also
lasse dir die Zeit nicht lang werden."
Und Judas machte kehrt und ging langsam mit den Füßen
tastend in der Richtung nach Jerusalem. Da sprach er wieder zu sich: „Nun bin ich
wieder allein. Fort von diesem Grobian; doch ist es vielleicht nicht recht
gewesen, ihn verlassen zu haben? - aber es mußte sein. Ueberhaupt, dumme Rede
von ihm: Rache zu nehmen! Ich wäre froh, wenn sich mein Zustand besserte. Ich will an keine
Rache mehr denken. Mir wäre es schon
lieber, Dismas zu treffen oder sonst irgend einen guten Menschen. - Ja, Du
lieber Meister, Du hattest recht, als Du lehrtest: Was der Mensch säet, das
wird er ernten! Geschieht mir ganz recht. Ich könnte jetzt noch mit meinen Brüdern
bei dem Meister sein. Wir haben keine Not bei ihm gelitten. Doch, es ist nun
einmal geschehen, vielleicht finde ich einen guten Menschen, der mir
hilft!"
Langsam, Schritt für Schritt, ging er nun den Hügel
abwärts. Er getraute sich gar nicht, seitwärts zu schauen aus Angst, die
Richtung zu verlieren. -
„Kommt denn niemand hier vorbei?", sprach Judas
weiter, „wer es auch sei, das ist mir gleich. Die Hauptsache ist, ich bleibe
nicht mehr allein. Ja, Judas, hier bist du der Verspieler, während die anderen,
die bei dem Meister weilen, im Vorteil sind. Ach, Meister Jesus, könnte ich
meine Schuld wieder gut machen. Könnte ich wieder von vorne anfangen, wie würde
ich an Dich glauben - und nur an Dich glauben! Jesus, Du guter Meister, wenn
Du mir vergeben hast, so hilf mir auch weiter, damit ich nicht noch elender
werde, wie ich schon bin!" - Wie er so sprach, wurde es allmählich etwas
heller am Horizont. Nun blieb er stehen und ruhte sich aus. Da stieß sein Fuß
an einen großen Stein, und auf diesen Stein ließ er sich nieder. Froh, wieder
ein klein wenig erkennen zu können, schaute er in Richtung Jerusalem. Auch
blickte er zurück nach Golgatha und dachte an die beiden Menschen: Dismas und
Gesmas!
„Vielleicht war es falsch, Gesmas zu verlassen",
sprach er, „wenn auch keine Hilfe von ihm zu erwarten war, so war ich
wenigstens nicht allein. Na, es ist nun einmal geschehen! Doch woher kommt nur
die Helligkeit! Ja, was ist denn in Jerusalem los? Da scheint mir ein großes
Feuer zu sein, denn es wird in dieser Richtung am Himmel ein roter Schein sichtbar.
Na, Judas, jetzt hast du Glück, denn wo ein Feuer ist, sind auch Menschen. Also
machen wir hier ein Ende ". - -
Und weiter ging er, in der Richtung des Feuerscheins.
Es brannte aber nicht hell, und die Hoffnung auf weiteres Licht erfüllte sich
nicht.- Nach stundenlangem Umherirren kam er in einen Garten. Die Pforte dazu
war geöffnet, und so ging er hinein. Wie sein Fuß jetzt auf Rasen ging, wurde
ihm wohler, hoffte er doch, auch ein Haus anzutreffen und Menschen. Es fiel
ihm aber nicht ein, daß Menschen, so welche da wären, ihn garnicht wahrnehmen
könnten. Er fühlte sich noch ganz als Mensch, aber allein und einsam! -
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<04.
judas und dismas.doc> |
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07. Judas bei seinem Leichnam
Weiter ging der Weg. Er kam an einen Bach, bückte sich
und griff mit den Händen in das Wasser. Aber ein innerer Ekel hielt ihn ab,
davon zu trinken. Immer weiter ging er am Bach entlang. Viele Bäume standen
hier - aber da! - was war das?: Da hing ein Leichnam an einem Baum! - Und er
erkannte: seinen eigenen Leichnam! „Judas!", ein hilfloser Schrei, so
brach sein eigener Name hervor aus gequälter Brust. Ein Grausen vor sich selbst
packte ihn und er sank wie tot nieder! - -
Der Engel und Dismas sahen den regungslos daliegenden
Judas. „Dies ist der erste Akt in seinem Leben", sprach der Engel, „die
Weiterentwicklung hängt von seinem Erwachen ab!"
„Ja", sprach Dismas, „können wir ihm denn nicht
helfen? Es brennt vor Schmerz in meiner Brust; denn bei allem ist Judas ja
tausendmal besser gewesen als ich. Und doch ist mein Sein ein zufriedenes und
geborgenes, ist doch deine Gesellschaft für mich eine unvorstellbare
Gnade!"
Sprach der Engel: „Laß nur gut sein, Dismas, der Herr
hofft, daß du deine Pflicht erfüllen und überhaupt alles tun wirst, um Judas zu
retten. Du sagst: dein Sein sei ein geborgenes! Weißt du denn auch, was Geborgensein
heißt? Höre: Anderen helfen! I Ihnen Heimat anbieten!! Ihnen dienen!!, - das
heißt: Geborgensein l! Und bedeutet: das Verbleiben im Herrn! - Darum übergab
der Herr dir diese Mission, dem Judas zu dienen und zu helfen mit allen deinen
Kräften! Beachte aber eines allezeit:
Uebe keinen Zwang! Erzwinge nichts! Nie! Hörst du?
Denn wir sind im freien Reiche des Geistes - und alle Unfreiheit ist
Rückschritt in der Entwicklung des geistigen Menschen! -
Eher laß jemand in die Hölle steigen, als daß du ihm
gewissermaßen die Flügel seiner Freiheit beschneidest. Wenn du aber letzteres
tust, dann wird der andere wohl dort bleiben, wo du es wünschest; aber er wird
unfähig sein, sich zu einem neuen Standpunkt zu erheben, er wird sein wie ein
flügellahmer gestufter Vogel! Wer aber im Vollbesitze seiner Freiheit in eine
Tiefe stürzt, den kann diese Freiheit auch wieder heraustragen, wenn er dort
die nötige Reife erlangt hat. - Nun paß auf: ich werde jetzt Judas anrühren,
damit er erwache! Und dann wollen wir im Namen des Herrn unsere neue Aufgabe
erfüllen!" -
Der Engel berührte nun den wie tot daliegenden Judas
an der Stirn und Brust, und mit einem tiefen Atemzug erwachte Judas aus seiner
Ohnmacht. Er griff sich genau an die Stellen, die der Engel berührt hatte und
sprach:
„Nun lebe ich immer noch das alte Sauleben, wäre ich
doch tot! Denn nun bin ich erst recht unglücklich, weil ich meinen Leichnam
gesehen. Es ist fast nicht zu glauben: Da hängt der Judas tot - und der
wirkliche Judas lebt! - 0, hätte ich doch Jesus nicht verraten! Es ist schon
wahr, wenn der gute Meister immer sagte, daß eine Dummheit die andere gebiert.
Ach, hätte ich bloß meine Dummheit nicht begangen, dann wäre auch die andere
nicht erfolgt! Aber was nun? In Jerusalem scheint das Feuer größer zu werden.
Mir ist, als wenn es etwas heller wird, sehe ich doch die Umrisse des Tempels
im Feuerschein. Aber was ist denn das? - der Tempel selbst brennt ja und stürzt
zusammen. 0 weh, der Tempel stürzt ein! 0, Jehova, Dein Haus geht in Trümmer!
Ich will versuchen hinzukommen, vielleicht treffe ich dort jemanden. Sagte
nicht Dismas, der Meister sei nach dem Tempel gezogen? 0, da haben die
verdammten Templer das Heiligtum selbst angezündet - und der Meister ist
vielleicht noch in dem Tempel! Ich eile schon, aber rasch, vielleicht kann ich
noch helfen." - Und Judas lief mit schnellen Schritten in Richtung des
Feuers. Die beiden folgten ihm, ohne daß Judas es bemerkte. - Sein Weg war
mühevoll, denn der Weg ward für ihn von der ewig fürsorgenden Liebe zu einem
beschwerlichen Weg gemacht, - um seinen gefaßten Willen zu stärken! Aber da
Judas unentwegt seinem Ziele zusteuerte, wurde ihm geholfen, indem es etwas
lichter um ihn wurde. - Endlich kam er an der grausigen Stelle an, wo vorher
der Tempel gestanden. Das Feuer war inzwischen- erloschen, es glomm nur noch
allenthalben. Nun ging er um die Trümmerstätte herum und suchte nach einem
Menschen. Aber er fand niemanden. Schon wollte er wieder gehen, da hörte er
Worte, und zwar Verwünschungen gegen Jesus von Nazareth. Ueber Trümmerhaufen
und verkohlte Balken hinweg, durch stinkenden Qualm und Rauch kletternd, kam er
an die Stelle, wo vielleicht früher ein Altar gestanden hatte. Hier kauerte ein
Mensch! Fetzen von Kleidern hingen an seinem zerschundenen und verbrannten
Körper, voller Mitleid richtete ihn Judas auf - um ihn aber erschreckt wieder
los zu lassen, denn er hatte in dem Menschen den obersten Hohenpriester
erkannt! -
„So, du hast also
schon deinen Lohn. du Ungeheuer," sprach Judas langsam und mit bebender
Stimme. „Dir geschah ganz recht, warum
hast du mich und den Meister zugrunde gerichtet?" - Da versuchte der andere
aufzustehen und antwortete: „Was sagst du, ich hätte dich und deinen Meister
zugrunde gerichtet? Wer bist du überhaupt, daß du es wagst, mir etwas
anzuhängen?" -
Sagte Judas: „Ich? Ich bin der Judas, einer der Jünger
des Jesus von Nazareth, und jetzt willst du mich nicht mehr kennen!? Hast doch
selbst mich an deinem Tisch mit einem auserlesenen Mahl und gutem Wein beglückt
und als Lohn für meine unselige Tat noch 30 Silberlinge bezahlt, und heute
willst du nichts mehr davon wissen! Weißt du, was ich am liebsten mit dir täte?
- Dich mit meinen Händen erdrosseln! Hast doch selbst gesagt, als ich noch in
deinem stolzen Tempel weilte, als ich noch meinen Fleischkörper trug, du
möchtest, daß es jedem Jesu-Nachfolger ergehen sollte, wie mir, dem Verräter!
0, Kaiphas, dich trifft Gottes Gericht!"
„Was sagst du da, ich sei Kaiphas? Ich bin Eljasib,
der Hohepriester, und bleibe es trotz Kaiphas und dir! Und du bist also ein
Jünger des Nazareners, dieses ganz gemeinen Teufelsdieners, der meinen Tempel
zerstört hat, den ich hunderte von Jahren recht und gerecht verwaltet habe!
Ist dein Nazarener der, für den er sich ausgibt, dann möge er kommen und mir
meinen Tempel wieder aufrichten, mich wieder zu Ehren und Ansehen bringen.
Erst dann will ich ihn anerkennen als Herrn und will vergessen, was er mir
angetan hat, und dich anerkennen als meinen Priester. Andernfalls aber hasse
ich die ganze Nazarenerbrut und dich am allermeisten, du gemeiner Verräter!
Wisse, hättest du - mich verraten, in den tiefsten Kellergewölben, in
Gemeinschaft mit Schlangen und Ottern, würde ich dich halten und mich jeden Tag
an deiner Qual weiden. Zwei Priester würde ich beordern, die dir bei jedem
Bissen Brot, den du zum Munde führtest, zuschreien sollten: Verräter! Wenn auch
der Nazarener mir mein Haus zerstörte und alle meine Pfleglinge fortführte, so
habe ich doch immer noch meinen Willen und mit diesem trotze ich, solange ich
kann!" -
Judas erschrak über den Ausbruch von Wut und
stammelte: „O, verzeihe mir, ich habe dich verkannt, denn ich vermutete in dir
den Kaiphas. Aber da ich dir doch nichts zuleide tat, will ich dich ja
überhaupt nicht gemeint haben. Uebrigens hätte ich solche Drohungen und
Beschimpfungen von dir, der du doch ein Gesalbter Gottes sein willst, am
allerwenigsten erwartet. Nun über Jesus herzuziehen und Ihn als Teufelsdiener
zu bezeichnen, o, dies wird dir schwer werden zu lösen. - Es ist wahr, ich
habe schlecht gehandelt, aber trotz meiner großen Gemeinheit steht doch der
Meister Jesus hoch über allem Schlechten. Merke dir dies eine: Kein anderer als
Jesus von Nazareth kann dir helfen! Ich, Judas, ein Einsamer und Verlorener,
sage dir, an wen du dich zu wenden hast. Nur Jesus hilft t Halb und halb ist
dir schon geholfen, da er dir deinen Tempel nahm. Alles, was du auch immer
willst, mußt du dir von Ihm erbitten und mußt tief bereuen deine Schuld. Ich
wollte, ich könnte bei Ihm sein." -
„Nun aber höre auf, du Trauerweib, du bist ja der
Richtige", schrie ihn Eljasib an. „Erst lieferst du deinen Herrn an das
Kreuz, und dann willst du mich belehren - daß nur Jesus mir helfen kann! Wenn
du nicht bald fortkommst aus meiner Nähe, dann werde ich dich belehren über
deinen Herrn. Nenne mir ja nicht mehr den Namen, denn hier bin ich der Herr und
werde es auch bleiben. Wohl steht der Tempel nicht mehr, aber ich bin noch, der
ich bin: ein Hoherpriester von Gottes Gnaden?!!-"
Judas wollte etwas erwidern, da ergriff Eljasib ein
Stück verkohltes Holz und schlug nach Judas, doch dieser sprang zur Seite. Der
Hohepriester aber geriet in noch größere Wut und stürmte mit dem Holze auf
Judas ein. Da sprang Judas über die Trümmer davon und ließ den laut schimpfenden
Hohenpriester stehen. -
„O Gott, o Gott," sagte Judas zu sich, „das hätte
aber gefährlich ausgehen können. Nun bin ich froh, daß ich weg bin; doch
leider bin ich auch um eine Hoffnung ärmer. Wo wird der Meister hingezogen
sein? Ja, ja, das habe ich davon, ich wollte helfen, und Schläge sind der Lohn!
Da bin ich ja besser daran, so ich allein bleibe. Aber was nun, wohin? Es ist wenigstens etwas heller geworden, und die ganze
Gegend kommt mir bekannt vor - aber leider bin ich allein! Mich wurmt es
gewaltig, als Verräter hingestellt zu werden - aber der Meister hat mir
vergeben. Wie mache ich es nur, daß mir der Schandfleck abgewaschen wird, was
soll ich tun? - - Ich mache mich jetzt auf und besuche mein Weib und meine
Kinder, denn ich habe ihrer schon ganz vergessen! Was werden sie wohl sagen? Ob
sie es wissen, daß ich der Welt schon gestorben bin? - Also, Judas, auf und ans
Werk! Suchen
wir unser irdisches Heim auf. Jetzt
hindern mich nicht Zeit und Tagesstunden, denn ich bin ja kein Erdenmensch
mehr und hänge nicht mehr an irdischen Gesehen!" -
Nun suchte sich Judas einen Stab, den er bald fand,
weil der Engel ihm einen hingelegt hatte. Er wanderte gegen Abend hin und
suchte und spähte, ob er nicht noch einem Menschen begegnete. Aber die ganze
Gegend war wie ausgestorben, nur der Engel und Dismas begleiteten ihn
unbemerkt. -
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<07. judas bei seinem leichnam.doc> |
08. Offenbarungen
des Engels über Judas
Der Engel sprach unterdessen mit Dismas: „Siehe,
solange Judas nicht die geringste Nächstenliebe besaß, und immer nur an sich
dachte, sich's wohlschmecken ließ, wo es ihn nichts kostete, und in seinem
Beutel immer soviel trug, daß er hätte Not lindern können, stand er einsam und
allein. Obschon er sich alle Gnade verscherzte, da er seinem Erd- und Prüfungsleben
selbst ein Ende setzte, ist ihm Gott dennoch gnädig und gewogen. Denn Judas ist
das Werkzeug, von dem seit hunderten von Jahren geschrieben wurde. Und hätte
nur Judas in seiner Not und seinem Jammer den Weg zum Herrn gefunden, nie hätte
er zu leiden brauchen, denn dann wäre für Luzifer kein Anstoß da gewesen, über
den er hätte Gott einen
Vorwurfmachen können. Siehe, mit Judas ist es so: er
möchte immer-aber es bleibt beim Mögen! - Hätte er den Gesmas nicht verlassen,
ruhig allen Spott ertragen und wäre er geduldig geblieben, es stünde jetzt
besser mit ihm. Ebenso war es auch hier bei dem Hohenpriester. Hätte er allen Spott und sogar die Schläge erlitten, dann
hätten wir ihm beistehen können. Aber so flieht er gerade vor dem, was seiner
Schwäche und Eigenliebe den größten Stoß versehen könnte. Doch der Herr ist
geduldig, wollen wir es ebenso sein - denn Judas ist eine Seele, die zu retten
ist. Dem Herrn aber sei Dank, daß Er uns befähigt, dieser armen Seele schulend
zur Seite zu stehen!" Indessen marschierte Judas unentwegt weiter gen
Abend, und es wunderte ihn nicht einmal, daß dort keine Straße war, wo er
wanderte. Ueber die öden Steppen und Sandwüsten ging sein Weg. Und nun wurde er
müde und legte sich hin zum Ausruhen. Seine Gedanken aber waren bei seinem
Weibe und seinen Kindern, und Sorgen um diese machten ihm das Herz schwer. -
„Ja", sprach er, „ich habe fast gar nicht um sie gesorgt und war nur auf
mich bedacht. Jetzt tut es mir leid, daß ich diese Schande über sie gebracht
habe." -
Judas aber konnte keine Ruhe finden und ging weiter
und weiter. Endlich sah er den Flecken Karivthomit - die Stätte seiner
irdischen Behausung. Vor seinem Hause war ein großer Menschenauflauf.
Neugierig eilte er hin und ärgerlich schlug er mit seinem Stabe zu. Aber ihn
sah ja niemand, und seinem Schreien gab niemand Gehör. Nun ging er in das Haus
und vernahm, wie ein Templer schadenfroh die Botschaft brachte, er, Judas habe
sich erhängt! -
Entsetzt hörten seine Angehörigen die Kunde, klagten
und schimpften über ihren Vater. Nur Judith, die jüngste Tochter, trat dem
Templer gegenüber gefaßt auf und entgegnete ihm:
„Was unser Vater getan hat, mag er mit Jehova
abmachen, uns steht es nicht an, zu richten und zu rechten. Und ihr, die ihr
Stellvertreter Jehovas seid, müßt euch bis ins tiefste Herz hinein schämen.
Denn Mutter und wir brauchen Trost und Hilfe in dieser Prüfungszeit und nicht
Hohn und Spott obendrein. Daß Vater aber seinen Meister Jesus verriet um des
schnöden Geldes willen, das wird Vater auch mit Jesus von Nazareth abmachen
müssen. Sind doch alle beide nun im Reiche des Todes. Ich kenne Jesus von
Nazareth um vieles besser als ihr, und ich sage dir wie allen, die es hören
wollen:
Meinem Vater wurde schon vergeben - ehe er das tat,
denn er hat es getan um falscher Ziele willen. Traurig für uns, daß uns das
Gesetz verbietet, unsern Vater zu beerdigen. Und wissen zu müssen, daß der tote
Körper wilden Tieren zum Fraße dienen soll - das ist für mich das Furchtbarste.
Darum kehre wieder zurück zum Tempel und lasse uns unsere Ruhe!" -
Mit offenen Augen und Ohren hörte Judas seiner Tochter
Rede, die ihn in seinem Herzen zutiefst beschämte. Er stellte seinen Stock in
die Ecke und legte dann beide Hände seiner Tochter Judith auf das Haupt. - Der
Templer ging, einige unverständliche Worte in seinen Bart murmelnd, und die
Nachbarn wurden von Judith hinausgedrängt. Darauf versuchte sie;
die Mutter mit liebenden Worten zu trösten. Sie wollte
jedoch nichts davon wissen, der Schmerz und die Schande waren ihr doch zu
groß. Judith aber ließ nicht locker, und in heißer Kindesliebe sagte sie zum
Schluß:
„Ich mache mich auf, suche den Leichnam des Vaters und
werde ihn beerdigen, damit der Eindruck seines Todes in mir verblaßt! Denn
mein Vater mag gewesen sein, wie er will, ich habe ihn lieb gehabt und liebe
ihn heute auch noch!" -
Für Judas bedeutete dies das größte Wunder. Er kniete
nieder und bat Jehova um Schutz für das Werk seiner Tochter. Reuetränen rollten
über seine Wangen, und seine Lippen sprachen: „Herr und Gott Zebaoth, sei
meiner Tochter und mir Armem gnädig!" Zum ersten Mal gestärkt im Gebet
stand er vom Boden auf und setzte sich vor dem Hause nieder, um auf seine Tochter
Judith zu warten. - Endlich kam sie. Sie trug in der Hand ein Körbchen mit
Lebensmitteln und strebte dem Ausgange des Dörfchens zu. Judas blieb dicht an
ihrer Seite. Judith drehte sich auch nicht nach den Nachbarn um und beachtete
ihre Zurufe und Blicke nicht. Wie blutete ihr Herz, weil ihre Mutter diesen Weg
nicht erlauben wollte; so gerne hätte sie die Hilfe eines Bruders angenommen.
Aber nun eilte sie allein mit schnellen Schritten vorwärts: Jerusalem zu! -
„Wenn ich nur einen Jünger oder einen Freund Jesu treffen würde", dachte
sie, „vielleicht würde mir dann Hilfe!" -
Da legte ihr der Engel, der zusammen mit Dismas die
beiden begleitete, den Gedanken ins Herz, doch erst nach Bethanien zu gehen und
von dort aus nach Jerusalem. -
Judas hätte gerne etwas von seiner Tochter Judith
lernen mögen, aber es gelang ihm nicht, da er viel zu sehr mit sich und seinem
Zustand beschäftigt war. - Dismas fragte deshalb den Engel und dieser
antwortete ihm: „Siehe, mein Freund, im Reiche des Lebens und der Geister lebt
ein jeder in seiner eigenen Welt. Und seine Gedanken bilden eigentlich den
Grund und das Wesen dieser seiner Welt, in der er lebt und sich bewegt. Als
Mensch im Fleische ist das anders, weil ein jeder mit seinen Füßen dort
gebunden ist, wo er gerade steht, sich aber in Gedanken an irgendeinem anderen
Orte befinden kann. Für uns Engel, die wir nur einen Willen kennen, den Willen
des allmächtigen Gottes, ist es ja gleich, wo wir weilen, da uns nichts bindet
als allein dieser göttliche Wille. Und so bin ich jetzt hier, und könnte im
nächsten Augenblick tausende von Meilen entfernt sein. Denn so schnell, wie
die Gedanken wechseln, so schnell kann ich auch eilen an einen anderen Ort. Und
ich könnte dabei tätig sein und dir schon im nächsten Augenblick Beweise meiner
Tätigkeit überbringen l Siehe, bei unserem Judas ist es anders. Weil er nur an
sich denkt und von außen Hilfe erwartet, kann er sich nicht trennen von seinem
nächtlichen Grund und Boden, den seine Lichtlosigkeit, Geiz und Ehrsucht ihm
geschaffen. Darum zählt er zu den Aermsten, die man sich vorstellen kann, weil
er, ohne ein inneres Ziel, völlig haltlos ist. Judas läßt sich treiben von der
Angst in seiner innersten Seele. Sobald ihm aber jemand etwas erzählt, ihm
einen Rat gibt oder einen Spiegel vorhält, wird er bösartig. Darum kann er
noch nicht in die Sphäre seiner Tochter schauen, die in Kindesliebe bereit ist,
sogar eine Sünde nach dem bestehenden Gesetze zu begehen! - Er fühlt den Strom
reiner Kindesliebe, und darum zieht es ihn an die Seite seiner Judith. Wäre ihm
daheim von seinem Weibe eine solche Liebe entgegengebracht worden, so wäre er
geblieben. Denn Geister dieser Art besten keine Ahnung mehr von ihrer Urheimat:
sind also Ausgestoßene durch sich selbst! Wenn sich nur irgend jemand findet,
der sie erbarmend und liebend umgibt, so ergeht es ihnen wie einem Wanderer,
der in der Wüste in eine Oase kommt, wo ihm überdies noch jemand ein
Willkommen zuruft! - Die erbarmende Kindesliebe der Judith, die ihrem Vater um
jeden Preis helfen will, damit er Ruhe findet, wird Judas zum Rettungsanker.
Dies eine aber merke dir, Freund Dismas:
Im Geisterreiche ist nur dem geholfen, der ungeachtet
aller Gegensätze anderen hilft. Hier kommt es nicht darauf an, daß man etwas
gern tun möchte, sondern allein darauf, daß man etwas ernstlich und fest
entschlossen will - und zugleich vollbringt! Bei uns Engeln sind Wille und Tat
eins, bei euch reifenden Gotteskindern aber muß noch viel geläutert und
gefestigt werden. Der Herr jedoch hat noch niemals die Geduld verloren. Ueben
wir uns auch darin, geduldig zu sein, damit es dem Judas zum Heile
gereiche!" -
Dieser aber schritt
immer noch Seite an Seite mit Judith. Doch
sein Herz war wieder leer. All' seine Wünsche waren wie fortgeblasen. Auch
seine Liebe zu Jesus war wie ein Strohfeuer ausgebrannt. Das Mädchen aber hatte
sich inzwischen entschlossen, zuerst nach Bethanien zu gehen. - Ihre Gedanken
eilten voraus zu den Freunden Jesu, und ihre Sinne beschäftigten sich mit dem
Heiland. Dabei wurde ihr das Wandern leicht. Ihr war, als wenn himmlische
Kräfte ihr beistünden, und ihr Herz war voller Hoffnung! - - Langsam neigte
sich der Tag, es ward Abend, und bis zum Ziel waren es noch zwei Stunden,
Da betete sie: „O, lieber Meister Jesus, hilf mir, laß
mich heute noch zu Freunden kommen, damit meine Unruhe gestillt wird, und ich
meiner Liebe folgen kann!"-
Da sah sie, wie ein Trupp Römer die Straße gezogen
kam. Der Anführer war zu Pferde. Er holte das Mädchen ein und fragte: .Wohin
des Weges? Der Tag neigt sich, und hier ist weit und breit kein Unterkommen
l"
„Bethanien ist mein Ziel", antwortete Judith,
„denn der Herr jenes Grundes ist Lazarus, der meinem Vater gewogen war. Ich
brauche nämlich Hilfe und Beistand, da mein Vater gestorben ist!" -
Der Römer sprach ihr, wie er dies hörte, einige
Beileids- und Trostworte zu, aber dann sagte er: »Höre Mädchen, nachts holt man
sich von einem solch entlegenen Orte doch keinen Beistand. Hast du denn keine
Freunde in Jerusalem, die dir helfen könnten? Warum wendest du dich nicht an eure
Priester?"
„Herr", sprach Judith, „es handelt sich nicht um
einen geldlichen Beistand, sondern ich suche jemanden, der mir meinen Vater
begraben hilft;
denn dieser hat in einer schwachen Stunde seinem Leben
selbst ein Ende bereitet. Dies kann aber nur heimlich geschehen, denn nach
unserem Gesetz darf er nämlich nicht der Erde übergeben werden. Seht, ich bin
ein schwaches Mädchen, aber ich liebe meinen Vater. Darum bitte ich euch, Herr,
lasset mich meines Weges ziehen und haltet mich nicht auf!" -
„Wer war denn dein Vater", fragte der Römer
verwundert, „und wo hat er sich denn entleibt?" -
Judith: „Mein Vater hieß Judas und gehörte zu der
kleinen Schar von Jüngern, die dem Heiland und Arzt Jesus folgten. Durch
unselige Verkettung verriet mein Vater seinen Meister an den Tempel, und Jesus
mußte am Kreuz auf Golgatha sterben. Wie mein Vater aber sah, daß sich Jesus
nicht auf wunderbare Art befreite, wie er gehofft hatte, da faßte er den
unseligen Entschluß, sich das Leben zu nehmen. - Ein Priester überbrachte uns
die Nachricht von seinem Tode, aber in einer häßlichen Art, daß wir von
Entsetzen gepackt wurden. Schließlich überwand ich alle Bedenken, und nun will
ich den Leichnam meines Vaters suchen, um ihn zu beerdigen! - Euch, Herr, darf
ich es erzählen, weil ihr kein Jude seid, und ich denke, ihr werdet mich auch
nicht verraten wegen meines Vorhabens!" -
Der Römer: „Nein, meine Tochter, nie werde ich dich an
deinem Liebeswerk hindern, im Gegenteil, ich werde es fördern. Doch sage noch
einmal, wie hieß dein Vater?"
Judith: „Judas, Herr, von Beruf ein Töpfer. Seit Jesus
durch die Lande zog, war mein Vater auch mit dabei. Wir haben daheim manchesmal
Not gelitten und karg leben müssen, doch hat uns Jehova immer so viel
geschenkt, daß wir leben konnten."
Der Römer: „Höre, Mädchen, ich habe deinen Vater
gekannt. Er war ein schlechter Mensch, war habsüchtig und streitsüchtig und hat
sich ungern der Ordnung gefügt!" -
Judith: .Herr, es
war mein Vater!"
Der Römer: „Ja, meine Tochter, es ist schön, in
kindlicher Liebe an seinen Vater zu denken und ihm ein gutes Andenken zu
bewahren. Aber dein Vater ist dieser Liebe nicht wert, darum lasse ihn liegen
und kehre heim." -
Judith: „Nein, Herr, er ist mein Vater und bleibt es
bis in alle Ewigkeit. Jehova verlangt, Vater und Mutter zu ehren. Es steht
nicht geschrieben von guten Vätern und Müttern, sondern nur von Vater und
Mutter. Darum versuche ich, so gut ich kann, meinem Vater zu Hilfe zu kommen,
damit er Ruhe finde!" -
Der Römer: „Höre, Mädchen, deine Liebe erinnert an die
des göttlichen Meisters, sag, bist du eine Anhängerin des Nazareners?" -
Judith: „Ja und nein! Ja, weil ich Ihn liebe!, und
nein, weil ich bis jetzt immer dem Tempel treu blieb - bis dieser uns nun den
lezten Beweis seiner Verkehrtheit geliefert hat. Nun ist es mir unmöglich, dem
Tempel die Treue zu halten. Ich möchte nach Bethanien ziehen für immer. Meine
Mutter kann nachkommen. Meine Brüder aber haben das Wanderblut unseres toten
Vaters in ihren Adern. Die werden ohnehin ihren Weg gehen!" -
Der Römer: „Da handelst du recht; übrigens ist Lazarus
mein Freund, ich werde dich hinbringen zu ihm. Wir wollen nämlich nach
Jerusalem, und so kann ich dir behilflich sein. Sicherlich bist du müde und hungrig?"
Judith: „Herr, den ganzen Tag bin ich gewandert. Gott gab
mir bis hierher Kraft und Er wird auch weiter helfen!"
Der Römer: „Nun, so komme du mit auf mein Pferd!
Brauchst keine Angst zu haben, daß du herunterfällst, ich halte dich fest, so
kommst du eher nach Bethanien!" -
Darauf gab der Römer seinen Soldaten noch einige
Anweisungen, übergab das Kommando einem anderen und befahl ihm, den Trupp nach
Jerusalem zu führen. -
Er selbst ritt in schnellem Trab mit dem Mädchen nach
Bethanien. Dort staunte man nicht wenig, einen römischen Soldaten zu Pferde mit
einem jungen Mädchen im Arm anstürmen zu sehen. Da erkannte Lazarus in ihm
einen alten Bekannten und guten Freund, begrüßte ihn auf das herzlichste und
hieß beide willkommen! Er erzählte dem Römer, daß er schon viele Gäste habe,
viele gemeinsame Bekannte, darunter Pontius Pilatus, sowie fast alle Jünger
Jesu und die Mutter Maria. Dem Römer fiel ein Stein vom Herzen, wie er dies
hörte, denn nun wußte er das Mädchen gut aufgehoben. Er stellte nun Lazams das
Mädchen vor, und dieses erzählte getreulich, wie sich alles zugetragen hatte.
Auch Lazarus war ergriffen von der Kindesliebe des Mädchens. Er führte es
gleich in ein Schlafgemach, damit es sich zur Ruhe begeben konnte. - Der
Römer, der nur noch wenig Zeit hatte, ging inzwischen zu der großen
Gesellschaft, erstattete dem Pilatus Bericht und unterhielt sich lange mit dem
Jünger Johannes. - Spät in der Nacht noch ritt er pflichtgemäß weiter nach
Jerusalem, ohne jedoch Judith noch einmal gesprochen zu haben, da sie fest
schlief. -
Frühmorgens war alles auf den Beinen. Da kam auch
Judith in die große Stube, wo alles beim Morgenmahle saß. Lazarus führte sie zu
Maria, die das Mädchen in die Arme nahm und ihr mütterlich die Tränen vom
Gesicht küßte. Dabei sprach sie liebe Worte zu ihr, Worte, die Judith in ihrem
Leben noch nie vernommen hatte. Gläubig schaute sie zu Maria auf, als sie
hörte: „Siehe, Jesus, mein Sohn, unser guter Heiland und Meister - lebt! Sei
überzeugt, daß auch Judas, dein Vater, lebt! Allerdings ist sein Zustand noch
kein rechtes Leben. Doch wird ihm geholfen, wenn er die rettende Hand der
Ewigen Heilandsliebe ergreift und festhält!"
Judas aber hörte und sah alles. Jeden Vorgang durfte
er miterleben. Die Liebe und Bereitwilligkeit seiner Tochter aber brachte sein
Inneres in den größten Aufruhr! Nichts von Vorwürfen! Nichts von Verwünschungen
l Das war Himmelsmusik für seine bis auf den Tod verwundete Seele! -
Johannes teilte nun dem Mädchen mit, daß Lazarus die
Beerdigung vornehmen lasse, und daß Judas in Bethanien begraben werden solle.
„Du brauchst das Aufregende nicht mitzuerleben", sagte Johannes ihr,
»heute Nacht holen wir den Leichnam deines Vaters, und morgen um diese Zeit
kannst du ihm am Grabe deinen legten Liebesdienst erweisen!"-
In diesem Augenblick ersah Johannes den Judas, da
sprach er zu ihm:
.Mein Bruder Judas, o, es ist eine harte, harte Probe
für dich, der du doch alles so genau wußtest, wie wir, aber immer glaubtest,
Göttlich-Geistiges mit Materiellem vermengen zu können. Siehe, dein Zustand ist
die Folge deines Tuns. Ich mache dir keinen Vorwurf, nur mir, daß ich in deiner
schwachen Stunde nicht bei dir blieb. Doch dir wird geholfen werden. Bleibe
einen Tag mit deinem dir unsichtbar dienenden Bruder Dismas hier in unserer
Liebe - dann wird dir ein neuer Weg werden. Doch beuge deinen Sinn in Demut
vor dem Herrn. „Jesus mit dir!" „Jesus mit Euch!“ -
Staunend fragte das Mädchen: „Ja, sag lieber Freund,
mit wem sprachst du eben?"
Johannes: „Mit Judas, deinem Vater, den du mit zu uns
gebracht hast, und der durch deine tatkräftige Kindesliebe aus den Banden
seiner Nacht herausgehoben wurde und sich nun an dich hält, als wärest du sein
Gott. Freilich, du siehst ihn nicht und kannst darum auch nicht mit ihm
sprechen.
Aber das ist auch gut so, denn du könntest derlei noch
nicht ertragen. Denn: wie sein Zustand, so auch sein Aussehen. Freue dich aber,
denn es geht dein Lebensziel entgegen. Was dein Vater bis jetzt gelitten hat,
ist unvorstellbar. Was aber einmal erfaßt wurde vom Geiste des Lebens, - das
ist schon so gut wie gerettet und empfindet schon eine kleine Wohltat als die
größte Seligkeit!" -
Darauf verabschiedete sich Johannes von Maria und dem
Mädchen, um mit einigen Brüdern und einem Knecht des Lazarus den Leichnam zu
holen. Der Wagen, mit einer längeren Kiste und ein paar größeren Tüchern darin,
war schon bereit, und so fuhren sie nach Jerusalem, Judas mit ihnen. Ihm war,
als wenn ein Magnet ihn zu Johannes zöge. In dessen Nähe wurde ihm leicht, und
um ihn Licht. Diesmal konnte er auch die Umgegend gut erkennen und die Brüder,
die es sich auf dem Wagen bequem machten. Johannes allein wußte, daß Judas mit
ihnen war. Darum enthielt sich Johannes jeden Gespräches, um nicht an inneren
Kräften zu verlieren. In dieser Ruhe und Stille ging ein Strahlen von
Lebenswärme auf Judas über. - Der Engel und Dismas folgten ebenso, und es war
gut, daß dieser Schutz den Brüdern gegeben war. Denn der Gegner wußte wohl um
diese Mission und versuchte zu stören. Eine Karawane von Kaufleuten sollte
aufhalten. Da ging der Engel wie ein Sturmgewitter vorüber, und die Brüder
beeilten sich, möglichst trockenen Fußes nach der Herberge des Lazarus bei
Jerusalem zu kommen. Der Pächter war erstaunt, wie Johannes mit dieser Fuhre
ankam. Als er aber den Grund erfuhr, war er sofort dabei, ihnen behilflich zu
sein, und schickte einen Knecht nach der Stätte, wo sich Judas entleibt hatte.
Seine Befürchtungen waren begründet, denn tatsächlich hatte der Tempel dort
einen Posten aufstellen lassen, um zu verhindern, daß der Leichnam geholt
wurde. - So erschraken die Brüder nicht wenig, als sie die Botschaft hörten.
Johannes aber war zuversichtlich - denn er glaubte an
die Kraft der Liebe! - „Wir wollen kein Aergernis erregen", so sprach er,
„aber nach Sonnenuntergang holen wir ihn heim nach Bethanien. Wir könnten ja zu
dem römischen Befehlshaber gehen und uns bei ihm Schutz sichern; aber wozu
weltliche Hilfe in Anspruch nehmen, wenn uns geistige Hilfe zuteil wird! Sehet,
Engel in großer Zahl stehen uns zur Seite, gilt es doch, den Wunsch eines
Kindes zu erfüllen! Darum sorget nicht, denn Jesus, unser treuer Gott und
Vater, hat schon gesorgt!" - -
Judas litt Folterqualen in dieser Zeit, da er jetzt
Vergleiche ziehen konnte zwischen sich und seinen Brüdern. Tief bereute er sein
Tun, aber sein Inneres blieb leer, weil er immer noch nicht den Weg zu einem
wahrhaften Bitten und Danken fand! Johannes aber sprach wieder zu ihm über den
rechten Begriff der Hingabe und sagte: „Mein Bruder, siehe, Vergangenes können
wir nicht ungeschehen machen, wohl aber können wir die Folgen unseres verkehrten
Tuns abwenden. Dir wollen alle Brüder mit tragen helfen und dir beistehen,
damit du aus dir heraus Neues und Zukünftiges schaffen kannst. Denn am
Vergangenen klebt der, der sein Tun entschuldigt und gerne andere
verantwortlich macht. Aber das Künftige ist ein selbständiges, freies Leben aus
der Liebe zu Jesus, unserem Herrn, das in unseren Herzen erstehen soll. Das
stellt uns vor Aufgaben, denen wir manchmal nicht gewachsen zu sein scheinen;
aber im Glauben an und in Jesu Liebe finden wir die Kraft, die wir brauchen,
und einen wunderbaren Helfer. Du kommst nicht von der Stelle, wenn du in
deiner eigenen Lebensanschauung verharrst. Verabschiede alle deine früheren Anschauungen
und Grundsätze, wie du dich von deinem früheren Leibe verabschiedet hast, und
dir wird wohler werden und du wirst frei in deinem Herzen. Darum werde ruhig
und frei!"
Diese Worte taten dem Judas gut, doch sein Schmerz und
Weh verblieben ihm, denn er faßte noch immer nicht alles. -
Wie sich der Tag neigte, machten sich die Brüder auf
den Weg. Der Himmel umwölkte sich, ein Sturm kam auf, und in kurzer Zeit brach
ein Gewitter herein. Blitz folgte auf Blitz, und das drohende Rollen des Donners
trieb die Templer zurück in den Tempel. Bei dem Wetter wagten sie sich nicht
wieder heraus. - Die Brüder aber blieben trockenen Leibes und erlebten wieder
die Herrlichkeit des Meisters, der ihnen Licht und Schutz gewährte. Angekommen
bei dem Leichnam, lösten sie ihn von dem Strick, wickelten ihn mehrfach in
Tücher und gingen dann still, wie sie gekommen, wieder zurück. - Erst als sie
Jerusalem hinter sich hatten, ließ das Gewitter nach. Allmählich kamen wieder
die Sterne zum Vorschein, und unter einem schönen Nachthimmel ging es zurück
nach Bethanien. Judas kauerte auf der Kiste seines Leichnams, der ihm vor ein
paar Tagen ein Greuel war. Heute kam ihm die bevorstehende Trennung mehr zum Bewußtsein,
und er empfand diese Stunden wie ein Geschenk seines Herrn! Mitten in der Nacht
kamen sie in Bethanien an. Lazarus hatte ein Grab auswerfen lassen, und die
intimsten Freunde erwarteten mit Judith gemeinsam ihr Kommen! - Nun ging es
sofort an die Beerdigung! Still und wortlos wurde der Leichnam der Erde
übergeben. Nachdem die Stricke gelöst waren, erteilte Lazarus den Segen, dann
die Brüder und zulegt Judith, seine Tochter! Keine Träne, aber himmlische
Freude durchzog Judiths Herz, und so betete sie:
„O, Du guter Heiland Jesus! Du Helfer in Not! Du Befreier
aus Angst und Bangigkeit! - Dir will ich mich weihen von nun an bis in
Ewigkeit. Lasse mich lieber untergehen, aber hilf meinem Vater! Schenke ihm Ruhe“
Trost und Frieden, und lasse mich erkennen Deinen
heiligen Liebewillen. Segne Du, denn ohne Deinen Segen kann ich nicht mehr
bleiben! Amen l"
Alle waren ergriffen. Judas aber brach unter der Liebe
seiner Tochter zusammen! -
Beim Fackelschein füllten Knechte das Grab mit Erde.
Die Freunde und Brüder mitsamt Judith waren in das Haus zurückgegangen. Judas aber
blieb bei seinem Grabe. In ihm war alles
wie tot, und gleichgültig stierte er vor sich hin. In diesem Zustande verblieb
er, bis seine Tochter Judith am frühen Morgen an das Grab kam, dort
niederkniete und betete:
„O, Du großer, heiliger Gott! Du Schöpfer aller
Kreaturen! Du Herr über alle Dinge! Siehe, hier im Staube der Niedrigkeit liege
ich vor Dir, um Dich - Du Allerbarmer - anzuflehen um Gnade und Erbarmen! Hier
liegt mein Zeuger und Ernährer, der seinen eigenen Willen mißbraucht hat, um
sein Leben zu zerstören, und uns in Schande und Schmach zurückließ. 0 Herr! Du
weißt alle Dinge, Du allein kennst die Gründe seiner Tat, und darum flehe ich
Dich an: 0, laß Gnade walten! Miß nicht mit dem Maße, mit dem
mein Vater gemessen, sondern übe hier an ihm Deine allzubekannte Milde! Mußt Du
aber, um Deiner Gerechtigkeit willen, das Maß der Strafe ausschütten, o, dann
laß mich tragen das Los - laß mich tragen diese tiefe, tiefe Schuld - und
stelle mich an das rechte Leid - damit ich sühnen - sühnen kann! Gib dem Herzen
meines Vaters die ersehnte Ruhe, und lasse mich als Ruhelose wandern, bis mich
Deine Milde erkennen läßt, daß die Schuld - die große - gesühnt ist. 0 Jehova,
o Herr und Gott Zebaoth! Um Deiner großen Liebe willen laß mich tragen dies
Opfer und verleih mir dazu Kraft und Willen! Amen! Herr Jesus, Du Helfer und
Heiland! Auch zu Dir rufe ich aus kindlichem Herzen und bitte Dich: Trage nicht
nach meines Vaters Schuld und sei Du ihm gnädig und barmherzig um Deiner
großen Liebe willen! Amen!" - - Und von innen gestärkt ging das Mädchen in
das Haus zurück.-
Judas hörte jedes Wort, sah die Gebärden seines
Kindes, und während er die Worte vernahm, war es ihm, als greife ihm eine Hand
in die Brust und zöge aus seinem Herzen ein viele Meter langes, rotes Band
heraus. Da duckte er sich immer mehr und mehr zusammen. Da glühte auf einmal
der ganze Himmel auf, und wie Goldregen funkelte es um ihn; und um ihn und sein
Grab wurde im Durchmesser von 7 Metern eine Lichtschutzwand aufgerichtet, die
immer höher wuchs! -
Dismas aber fragte den Engel über die Bedeutung dieser
gewaltigen Erscheinung und erhielt folgende Antwort: „Siehe, lieber Freund! Die
große, erbarmende Erlöser- und Gottesliebe wurde dir hier sichtbar, wie sie
auch Judas wahrgenommen hat. Sie wurde hervorgerufen durch das Gebet reinster
Kindesliebe, die, um ihren Vater glücklich zu machen, selbst alle Schuld auf
sich nehmen wollte. Was wir hier erleben durften, ist die Geburt einer
wahrhaften Frucht vom Baume des Lebens. Nachdem das Gelöbnis ausgesprochen und
hinausgestellt worden ist bis an das Herz des großen Allerbarmers, wurde diese
Liebe zurückgesandt als Wahrzeichen der Erhörung und als Wellenbrecher
feindlicher Einflüsse! Was wir hier erleben, ist eine allergrößte Seltenheit
und steht fast einzig da!!
Darum soll das Denkmal kindlicher Liebe für alle
Unendlichkeit leuchten
- und zum Altar werden! Wir Engel und Diener Gottes
aber neigen unser Haupt, beugen die Knie und beten an!
Nun ist Judas gerettet! Was er aus sich selbst nicht
vermochte, wird ihm nun leicht gemacht aus dem freien, kindlichen Gottesleben
seiner Tochter. Und die herrliche Erlöserliebe hält mit neu erschlossenen
Gnadenmitteln schon weiter beide Hände hin l Darum habe acht auf alles, denn
des Judas Wachstum ist auch das deine!!" (und auch das unsrige).
Judas richtete sich auf und sah wie in großer Feme das
Licht, das herrliche, goldene! Und nun sprach er zu sich: „O, wie tat meinem
Herzen deine Rede wohl - du liebes, gutes Kind, und wie schlecht komme ich mir
nun vor. 0 Judith, du möchtest tragen Strafe und Schande für mich! 0 Gott, kann
es denn solche Menschen geben? Kann es keine Möglichkeit geben, doch noch einen
Ausweg zu finden? Ach, wenn ich doch Jesum, den Meister, finden würde! Auf den
Knien will ich Ihn bitten solange, bis ich die Gewißheit habe, daß meinem Kinde
diese Liebe gelohnt würde und es nicht meine große Schuldenlast zu tragen
braucht!
- Nun will ich ins Haus gehen und Judith suchen, damit
ich ihr danken kann, wenn sie es auch nicht bemerkt. -"
Und er ging in das Haus, und seine Lichtsäule mit ihm.
Hier fand er Judith und lehnte sich an sie, er gab ihr einen lieben, innigen
Kuß und betete: „O, Jesus, Du lieber, guter Meister! Erhalte dieses Kind in Deinem
Herzen und laß mich Dich finden in meiner Not, damit mir geholfen werde!"
-
Darauf ging er zurück an das Grab. Dort traf er eine
Rotte finsterer, verwegener Gesellen, die da eifrig die Erde aufwühlten. Voll
Neugier verfolgte er ihr Tun. Ihre Reden ließen ihn erkennen, daß sie hier in
dem frisch aufgeworfenen Hügel - Gold oder Schäle vermuteten, und wie sie
eifrig bemüht waren, recht bald auf den Grund des Grabes zu kommen. Wie sie nun
endlich soweit waren, fanden sie statt Gold und Schäden natürlich Judas'
Leichnam und waren arg enttäuscht. Da sah einer von ihnen den Judas und rief:
„Da, Genossen, sehet, dort steht der Eigentümer dieses
Leichnams, uns läßt er aber graben und uns plagen. Ha, komme einmal näher! Wer
bist du denn eigentlich? Dich müßte man ja kennen! Komme nur und drücke dich
nicht, denn du bist ja der Töpfer Judas, der Betrüger und Dieb und, wie wir
hörten, auch noch ein Verräter! Kommt Genossen, er mag büßen seine Neugierde,
uns zugesehen zu haben!"
Und so umringten sie ihn mit finsteren Mienen. - „Na,
willst du nicht reden, du Verräter und Lump, du Erzgauner du, heraus mit der
Sprache!"
Sprach Judas: „Was
habe ich euch getan, daß ihr mich schmähet und mir droht? Wohl bin ich Judas
und habe verraten meinen Herrn, aber dafür bin ich schon jetzt genug bestraft.
- Heute noch könnte ich bei Jesus, meinem Meister, sein und könnte Seligkeiten
genießen. So aber bin ich einsam und
allein und bin mir nicht einmal bewußt, wie lange ich schon im Geisteneiche
bin!"
Sprach einer der Genossen: „Hör auf, du Verräter, uns
große Geschichten zu erzählen, denn wo du gewesen bist, kümmert uns nicht. Daß
du uns aber arbeiten ließest, wo für uns kein Gewinn herausschaut, dies muß gestraft
werden. - Also los, schaufle schnell dein Grab zu, sonst geht es dir schlecht.
Wir aber werden weitergehen, denn wir wollen sehen, daß wir bald zu Gold und
Silber kommen!" -
Judas schwieg, nahm eine Schaufel und füllte das Loch
wieder zu. - Als er fertig war, legte er die Schaufel beiseite und sprach zu
ihnen: „Ja, wo wollt ihr denn hin? Wir sind doch Geistwesen und benötigen nicht
mehr Gold und Silber. Was wir benötigen, ist eine Heimat, ein Ort, wo wir
bleiben können!" -
Ein allgemeines Gelächter schallte dem Judas entgegen
I - Sie sprachen:
„Wir Geister? Und kein Gold mehr brauchen? Du mußt ja
allen Verstand verloren haben l Hast du denn bemerkt, daß unsere Welt eine andere
geworden ist als die materielle? Müßte sie bei einem Verräter anders sein,
unsere ist immer noch die alte! -"
„Liebe Männer", sprach Judas, „hört auf mich: Ich
war ein Jünger des Jesus von Nazareth. Seit ich hier nur einige elende Stunden
hinter mir habe, ist mir ein Licht aufgegangen über mein vergangenes Leben.
Tief bereue ich mein verkehrtes Tun, welches aus meiner verkehrten Gesinnung
hervorgegangen war. Auch ich war ein Streber nach Geld, Gut und Ehre. Wie oft
mußte ich aus dem Munde des Herrn hören: daß alles Gold und alle Schäle der
Erde zu nichts nüt$e sind, und wir alles verlassen müssen, wenn wir unseren
Leib ablegen. Ich habe es jefet erst erfahren müssen, daß ich der Allerärmste
war und noch bin. Ihr müßt es gewiß zugeben, daß ihr ebenso arm seid wie ich,
und daß alles, was ihr Geld und Reichtum nennt, nur in eurer Phantasie lebt.
Wie auch diese Welt, in der wir nun leben, - nur eine Schein- und Phantasiewelt
ist. Ich kann euch den Beweis erbringen, daß diese eure jetzige Welt keinen
Bestand hat. Kommt mit mir nach Jerusalem, dort liegt der Tempel in Trümmern,
der seit l00 Jahren vom Hohepriester Eljasib mit seinem Anhang beherrscht und
bewohnt war. Weil der Meister den Bewohnern dieses Scheintempels helfen wollte,
ließ Er dieses Schein- und Truggebäude zusammenstürzen. Während alle dann den
Worten des Herrn glaubten und sich von Ihm auf einen neuen Weg des Lebens
führen ließen, blieb der Hohepriester hartnäckig und lebt noch dort in den
Trümmern l - Kommt, überzeugt euch selbst von meinen Worten. Und wenn ich
gelogen habe, dann könnt ihr mir soviel antun, wie ihr nur wollt, dann will ich
alles geduldig ertragen. Habe ich aber die Wahrheit gesagt, dann dürft ihr mir
auch weiter glauben, daß euer Scheinleben ein verlorenes ist!" -
Ein weiteres Gelächter erfolgte, aber der Anführer
sprach: „Höret, die Sache wäre zu überlegen, wir versäumen nichts. Und sollte
Judas recht haben, daß der schöne und stolze Tempel in Trümmern liegt, dann
wäre für uns eine große Beute zu erwarten, denn der Tempel birgt große
Reichtümer l °
Dieser Vorschlag gefiel; und dann sprach der Anführer
weiter: „Freue dich aber Freundchen, wenn du uns belogen hast, dann zerstückeln
wir dich!"
Unter Gröhlen, Schreien und Fluchen ging es fort, der
Judas aber wurde in der Mitte gehalten.
Wehmütig schaute sich Judas nach Bethanien um und
schickte im Herzen Segen um Segen und Bitte um Bitte zu seiner Tochter Judith.
Manchen Spott mußte er hören, aber wenn er etwas sagen wollte, mußte er schweigen.
- Nach langer, mühseliger Wanderung erblickten sie von ferne Jerusalem. Aber
keine Tempelzinnen leuchteten ihnen entgegen, sondern, wohin sie sahen, stand
eine dunkle Rauchwolke. - Da sprachen sie untereinander, ob Judas wohl recht
habe ? - In kurzer Zeit waren sie bei den Trümmern des Tempels angekommen und
gingen um die Brand- und Trümmerstätten herum. - Die Genossen hatten jetzt
keinen Sinn mehr für Judas, sondern fingen an, bei und unter den Trümmern nach
Schäden zu suchen, soweit es Rauch und Hitze erlaubten. Judas sah sich
unterdessen nach dem Hohepriester um und dachte, ob er wohl noch hier sein
würde? Wie er aber auf dem weiten Trümmerfeld suchte und herumkletterte, kamen
aus einem Kellerloch der Hohepriester mit noch einigen Priestern heraus und
fielen über Judas her, stießen und schlugen ihn, bis er bewußtlos niederfiel.
Doch zuvor rief er noch: .Herr Jesus, hilf mir!" Das hörten die Genossen.
Wie sie sahen, was geschehen war, eilten sie dem Judas zu Hilfe, und der
Sprecher namens Josef fragte voll Wut: „Warum schlägst du Judas? Was hat er dir
getan?"
Voll Erbitterung schrie der Hohepriester: „Euch wird
es auch gleich so ergehen wie diesem Verräter da. Erst verrät er seinen
Meister, dann mich, und jetzt führt er sogar eine Meute Verbrecher hierher, um
Rache zu nehmen, weil ich ihm drohte, ihn zu vernichten!" -
„Elender Heuchler du", antwortete Josef, „runter
mit deinem Heuchlerkleid, wir werden dich Rache nehmen lehren - von wegen
Verbrecher! Merke dir, mit keinem Wort hat Judas dir Schaden zufügen wollen. Er
führte uns nur hierher, um uns zu beweisen, daß wir im Jenseits sind! Und nun
sehen wir: Judas hat recht, hat uns nicht belogen, darum steht er unter unserem
Schutz. Du aber hast deine Herrlichkeit jetzt ausgespielt in deinem Lügenreich.
Kommt Brüder, angefaßt, mit diesem Gauner auf nach Golgatha, ans Kreuz, wohin
er gehört, damit er niemandem mehr schaden kann!"
In diesem Augenblick kam Judas wieder zu sich, Josef
ging hin zu ihm, stufte ihn und sprach: .Hat er dir eins ausgewischt? Er soll
dafür büßen l Komme nun hoch, damit dir wieder besser wird." -
Und nun war Judas wieder auf den Beinen und sah, wie
sie den Hohepriester ausgezogen und an den Beinen gefesselt hatten. Da fragte
er:
„Warum tut ihr das? Er hat euch doch nichts zuleide
getan."
Sagte Josef: „Uns nicht, aber dir, und das ärgert uns!
Wäre er ein Wegelagerer wie wir, so könnten wir das verstehen, aber er ist ein
Gottesdiener. Darum büße er, er wird gekreuzigt auf Golgatha! Kommt, anfassen,
es geht los, und du, Bruder Judas, hältst die Leichenrede, dieweil wir ihn
kreuzigen!"
Judas: „Haltet ein, so nicht, wir wollen nicht noch
größere Schuld auf uns laden, wollen vergessen, daß er Schlimmes mit uns
vorhatte. Kommt, laßt ihn los, es wird bestimmt euer Schade nicht sein. Euch
hat er nichts getan, und ich bin froh, endlich einmal Gelegenheit zu haben,
nach dem Willen des Meisters handeln zu können. Er sagte: Richtet nicht, auf
daß ihr nicht gerichtet werdet! Deshalb helft mir, seine Bande zu lösen, bleibt
er dann in seiner Halsstarrigkeit und Wut, nun so möget ihr mit ihm machen was
ihr wollt. Ist er aber geneigt, anders zu werden, dann soll er frei sein; denn,
Brüder, er ist in unserer Hand, wir brauchen ihn doch nicht zu fürchten!"
Darauf wandte Judas sich an Eljasib und sprach: „Nun,
lieber Freund, du hast alles mit angehört. Wie gedenkst du dich zu verhalten?
Willst du weiter toben, oder willst du, wie wir, jetit Ruhe und Frieden halten?
Du hast gehört, was dir jetzt blüht, überlege nicht lange und bitte die Brüder
um Verzeihung!" Da lösten die Männer tatsächlich, ohne daß einer
widersprach, die Fesseln von dem Hohepriester, Nun war er frei, und Judas
erbarmte sich des nackenden Eljasib, zog seinen Mantel aus und legte ihn dem
frierenden Mann um. -
In diesem Augenblick kam Dismas und hing dem Judas auf
Geheiß des Engels einen neuen Mantel um. - Da erkannte Judas den Dismas. Voller
Freude umarmte er ihn und sprach: ,0, daß du wieder da bist, nun trenne ich
mich nicht mehr von dir, ich habe bittere Zeiten erlebt!"
Da antwortete Dismas: „Laß gut sein, Bruder Judas, ich
weiß um alles, ich war immer mit dir und fühlte all dein Leid und Weh. Hätte
ich nicht die Verheißung gehabt, daß dir geholfen werde, ich wäre vor Schmerz
vergangen. Aber nun, Bruderherz, beschäftigen wir uns nicht mehr so viel mit
uns selbst. Denn unsere Aufgabe heißt: „Helfen! und soweit du anderen hilfst,
wird auch dir geholfen werden!"
Sprach Judas: „Ist gut, daß du mich daran erinnerst.
Bin doch immer noch der alte Judas!" Er nahm nun Dismas' Hand, führte ihn
zu seinen Gefährten und sprach:
„Hier sehet ihr meinen Freund Dismas, der mir die
erste Hilfe in dieser Welt gebracht hat. Ich hatte ihn verloren, aber Gott sei
Dank, jetzt habe ich ihn wiedergefunden, und nun verlassen wir uns nicht mehr.
Und zwar wir alle nicht! Einverstanden? Wir bleiben zusammen!!" - Der Hohepriester
stand abseits und sprach kein Wort. Aber Josef, der Aelteste der Genossen, ging
auf Dismas zu und sprach:
„Ja, Freund, wir kennen uns doch, wo kommst du denn
her? Wir haben dich ganz aus den Augen verloren seit dem Gefecht, wo uns die
Römer so zugesetzt haben - dich hatten sie ja erwischt! Wir sind im Kampf
gefallen. Es war ja auch zu ungleich, und jetzt treffen wir uns wieder!"
Dismas erkannte seinen alten Kameraden und sprach:
„Ja, lieber Josef, die Zeiten ändern sich schnell. Ich wurde verurteilt und mit
Gesmas zusammen am Kreuze erschlagen. Mit uns wurde zugleich der große
Nazarener gekreuzigt. Dort im Todesringen habe ich auf die einzige Bitte hin,
die mir aus tiefstem Herzen kam, eine helfende Hand ergreifen dürfen, und zwar
- die rettende Hand des Jesus von Nazareth. Nur Ihm danke ich mein Sein und
habe Gnadenbeweise über Gnadenbeweise erleben dürfen von der erlösenden Liebe
Jesu, des Heilandes! Nur Dankbarkeit kennt mein Herz, Dankbarkeit für solch
grenzenlose Liebe und Dankbarkeit dafür, daß ich gewürdigt bin zu helfen! -
Sagt Brüder, verabscheut ihr nicht euren gegenwartigen Zustand? Habt ihr nicht
Lust, ein Leben voller Glück und Zufriedenheit zu führen? Dies wird euch und
allen zuteil, die aufhören, nur auf sich selbst zu sehen. Denn hier im Reich
der Geister wird anders gewogen und anders bewertet als im irdischen Sein!
Fraget doch diesen armen Menschen, den Hohepriester, wie lange er sich schon in
dem sogenannten Jenseits befindet - und wie weit er schon bis jetzt gekommen
ist. Hätte die erbarmende Jesuliebe ihm nicht seinen Scheintempel genommen,
dann wäre er in tausend Jahren immer noch der Schein-Hohepriester! Nur der
Liebe aus Jesus hat er es zu danken, daß er jetzt des Judas Mantel trägt!"
-
„Ach Dismas", unterbrach Josef seinen alten
Kampfgenossen und Anführer, „was erzählst du uns alles?! Wir hatten doch gar
keine Sehnsucht danach, anders zu leben und zu werden. Freilich, ich glaube
nun euch beiden, und die Frage wäre jetzt die: was gedenkt ihr eigentlich mit
uns zu tun ? Wie ich sehe, seid ihr eben solch arme Teufel wie wir. Daß uns
Gold und Silber nichts mehr nützen können, sehe ich nun ein. Aber wohin mit uns?
Blut klebt an unseren Händen, Raub und Brandstiftung war unser Leben! Jetzt auf einmal soll das alles vergeben und vergessen
sein? Kaum glaublich! Wo uns nun offenbar wird und auch alles wahr ist, was uns
in unserer Jugend gelehrt wurde, z. B. daß es nach dem Tode ein Weiterleben
gibt, so wird auch das kommende Gericht Wahrheit sein, daß wir alle verloren
sein werden! Du selbst warst doch vom gleichen Schlage wie wir, auf wen und auf
was willst du dich denn berufen, wenn das Gericht kommt?
Von jenem Nazarener sprichst du, wie auch schon der
Judas. Aber hat denn der die Macht und das Recht, Sünden zu vergeben? Und kann
er ohne weiteres über Menschen verfügen, die dauernd das Gegenteil taten von
dem, was er lehrte? - Da sieh einmal den Judas an, an dessen Händen klebt weder
Blut noch Raub. Er war lange Zeit bei dem Nazarener, zog mit ihm als ein Jünger
durch die Lande und war doch sozusagen sein Freund l Hier ist aber Judas
ebenso schlecht bestellt wie wir. Sein Jesus hat ihn schön im Schlamm sitzen
lassen. Wir hätten ihn zerstückeln können, als er in unsere Hände fiel, und
auch der Hohepriester hat ihn bewußtlos geschlagen. Und kein Jesus ist
gekommen, ihm beizustehen. Nein, Dismas, wenn du uns zu deinem Standpunkt
verhelfen willst und kannst, mußt du uns klaren Wein einschenken und dein Recht
beweisen!"
Hier stufte Dismas, und wie er keine Antwort wußte,
ging er ein paar Schritte zurück zu seinem Engelsführer und bat ihn, ihm doch
beizustehen. Der Engel nickte mit dem Kopfe und sprach:
„Ja, mein Freund, wenn du mich bittest, dann darf ich
dir auch helfen und tue es gerne. Aber warum wendest du dich in deiner Not
nicht an Jesus, den Herrn! - in deinem Herzen? Weißt du denn überhaupt, ob mich
deine Freunde anerkennen und auf mich hören werden? Frage sie zuvor, ob sie
auch damit einverstanden sind!"
Da ging Dismas wieder zurück und sagte zu Josef:
„Höre, hier ist noch jemand in der Nähe, der schon lange ein Bewohner des Geisterreiches
ist, der kann uns auf alle Fragen den rechten Bescheid geben und uns auch über
Jesus das rechte Licht zeigen. Wollt ihr ihn anhören an meiner Statt?"
„Mag er kommen", antwortete Josef, .die
Hauptsache ist, daß er uns Klarheit gibt und geben kann. Wir sind bereit, ihn
anzuhören!" -
Da trat der Engel hinzu und sprach: „Seid mir gegrüßt,
liebe Freunde, ihr bittet mich um Aufschluß über Jesus. Sehet, ich bin ein
uralter Bewohner dieser Geisterwelt und kenne ihre Ordnung wohl. Ich bin ein
Diener meines Herrn und Gottes und bin auch nur hier, um Seinen Willen zu
erfüllen - und der lautet: Demjenigen Hilfe zu bringen, der um Hilfe bittet!
Demjenigen Wahrheit zu geben, der danach verlangt! Nun frage ich euch, wollt
ihr mir Glauben schenken oder achtet ihr mich wie einen. der aus Rechthaberei
spricht?" -
Da antwortete ihm Josef: „Wir kennen dich nicht, und
doch nennst du uns .liebe Freunde'; weißt du auch, wer wir sind? Es ist
gefährlich, mit uns zu verkehren, denn wir sind Räuber und vielfache Mörder.
Zwar waren wir Soldaten, aber das vergossene Blut hat uns immer gieriger
gemacht. Darum ist es nicht gut, sich mit uns abzugeben. Denn, wenn es uns
schlecht geht, so können wir nicht dafür garantieren, daß es nicht auch dir
schlecht ergehen könnte. Wir haben schon viele Erfahrungen gemacht und glauben
daher auch unserem Anführer Dismas nicht so ohne weiteres. Weil du uns aber
,liebe Freunde" nennst, müssen wir dich schon um deiner selbst willen
lieber fortschicken, denn, wie gesagt, bei uns ist nicht gut sein!"
Da lächelte der Engel dem Josef zu und sprach:
„Freunde, sorgt euch nicht um mich, denn ich bin ein Diener Gottes und brauche
nichts zu fürchten. Nur weil Jesus, meinem Herrn, eure Rettung am Herzen liegt,
bin ich hier. Ihr schimpft wohl auch auf Ihn und zweifelt, weil Judas noch fern
von Ihm ist. Ich aber sage euch: Wohl ist Judas noch fern von Jesus, wie auch
ihr noch fern von Ihm seid, Jesus aber ist euch nahe und ist euch allezeit am
allernächsten. Es liegt also nur an euch, euch zu Ihm hinzuwenden und Ihn mit
eurer ganzen Liebe festzuhalten! Aber hier im Geisterreiche geht die ganze
Entwicklung langsamer von statten als im Erdenleben, weil jeder in seiner
eigenen Welt lebt und nur mit denen zusammentrifft, die mit ihm gleichen
Geistes und Sinnes sind. Es kommt im allgemeinen niemand zu ihm, der ihm ein
Licht anzündet! Vielmehr muß alles von innen heraus geboren werden, nämlich:
aus euren eigenen Herzen - und das ist ein langer Weg! - Aber ihr sähet Judas
in seiner Not und Armut und durftet mit ihm zusammentreffen. Sehet, dies wollte
Jesus - da ihr alle mit Judas und Dismas eines Geistes seid. Weil Dismas nur
auf seine Bitte einen Führer bekam und sich nun rasch zum Lichte entwickelt, so
seid ihr auch dieser Entwicklung mit angeschlossen, wenn ihr nur wollt und
willens seid, mit ihm eins zu bleiben. Die Pflege übernimmt Dismas für Judas,
und dieser eure Pflege, aber zuvor muß die rechte Willenseinheit hergestellt
werden. Sobald ihr in Liebe und Eintracht euch die Hände reicht, seid ihr
imstande, eine Stufe höher zu steigen auf dem Wege zur Vollkommenheit. So
bittet vorerst Judas und Dismas um Verzeihung, da ihr ihnen mit eurem Spott
über Jesus von Nazareth sehr weh getan habt. Der Meister hat es ohnehin euch
schon vergeben, weil ihr es aus Unwissenheit getan habt!"-
Da antwortete Josef, der in seinem Herzen den Engel
schon sehr lieb gewonnen hatte: „Ja, höre, du Gottesdiener, du kommst jetzt
mit ganz anderen Dingen, als wir gedacht haben. Wir erwarteten von dir
Beweise, daß wir verkehrt gelebt und gehandelt haben und noch verkehrt leben
und handeln. Du aber sagst nichts davon und willst nun, daß wir Judas und
Dismas um Verzeihung bitten sollen. Wir kennen bis jetzt nur Gewalt und geben
diese auch ohne weiteres nicht aus der Hand. - Brauchten wir nicht Gewalt, um
Judas aus der Hand des Hohepriesters zu retten, wäre es ohne Gewalt überhaupt
möglich gewesen? Da müssen wir wohl auch noch den Hohepriester um Verzeihung
bitten?" -
»Meine lieben Freunde", sprach der Engel, „den
Hohenpriester braucht ihr nicht zu bitten, da ihr ja in eurer Hilfsbereitschaft
zu Judas euch habt hinreißen lassen. Er aber wird euch noch mit dem Herzen um
Verzeihung bitten müssen, da er es bisher nur mit dem Munde getan!" -
Hier trat der Hohepriester im Mantel des Judas vor und
fragte:
„Was, ich soll nochmals um Verzeihung bitten? Erst
werden meine Kleider nicht beachtet, die doch das Zeichen meiner
hohepriesterlichen Würde waren. Dann werden sie mir vom Leibe gerissen, und
schließlich werde ich beleidigt bis zum Tod! Und das nennst du
seinwollender Gottesdiener Fortentwicklung? Wenn
ich nur könnte, wie ich wollte, ich würde es euch allen beweisen!" -
„Eljasib, schweige vorerst", rief ihm der Engel
zu, „du beharrest auf deinem Standpunkt und auf deiner dir eingebildeten Würde.
Ich aber sage dir: wärest du Jesus gefolgt, als er dich einlud, und hättest
Seinen Worten geglaubt, so wärest du nun voller Freude und Wonne, und dein
Tempel stünde jetzt noch zum Segen für Arme und Verirrte. - Euch allen sage ich
nochmals, daß wir eines Sinnes werden müssen, ehe es zu neuen Wegen
weitergeht. Harmonie muß zwischen uns sein, und das geht nur auf der Grundlage
der Verzeihung! -
Oder wollt ihr es weiter treiben wie bisher? - Sehet,
Judas gab euch den Beweis, daß ihr nicht mehr auf der Erde lebt, deshalb seid
ihr ja auch mit ihm gegangen. Und da ihr nun diese Gewissheit habt, daß ihr als
Geister lebt, so müsst ihr logisch folgern und endlich anfangen, bewußt ein
geistiges Leben zu führen. Denn Jesus hat gesagt, daß, wer Seiner Lehre
nachfolgt, auch leben wird! Ihr müsset zugeben, daß ihr lebt, aber es ist ein
Leben voller Jammer und Angst. Werdet ihr aber nach Jesu Worten handeln, dann
werden Frieden und Freude und Erfüllung euer sein! So frage ich euch: Wann habt
ihr in dieser Welt eigentlich das letzte Mal gegessen und getrunken, und wann
seid ihr denn das letzte Mal mit anderen Menschen zusammengekommen?" - -
Hier schaute Josef seine Freunde an und sprach:
„Ja, freilich, daß wir noch nicht daran gedacht haben!
Wir haben weder gegessen noch getrunken, haben aber bis jetzt auch weder Hunger
noch Durst verspürt. Getroffen haben wir auch noch niemanden, ausser euch, mit
denen wir jetzt hier beisammen sind!" -
.Da habt ihr schon viel zugegeben", sagte der
Engel, „und so habt ihr auch wieder einen Beweis, daß euch Judas die Wahrheit
gesprochen. Nun weiter! Auch habt ihr von Jesus, dem Heiland, gehört! Wie kommt
es, daß ihr keine Lust habt, Ihn kennen zu lernen? Ich will euch sagen:
Ihr habt in euren Herzen wohl ganz gut geahnt, daß ihr
dann hättet euer Handwerk lassen müssen, denn Jesus ist Liebe und
Gerechtigkeit. Diese letzte fürchtet ihr und scheut euch deshalb, mit Ihm
zusammenzukommen! Ihr wisset genau, daß dies die Wahrheit ist, aber ich sage
euch: Solange euch noch Furcht ankommt vor Ihm, und ihr Ihn flieht und meidet
durch euer Tun wie bisher, solange kann auch euch nicht geholfen werden! Höret
aber weiter: Jesus lebt! Sein Leben ist Majestät! Macht! Und Vollkommenheit!
Er weiß alle Dinge l Er weiß auch, daß wir jetzt von Ihm reden! Er kennt alle eure
Not und hat mich ausgesandt, euch helfend zur Seite zu stehen I - Meine Heimat
ist Licht - und ein Sein - voll tätigen Lebens!
Die Erde ist nur ein Prüfungstal - nur eine Schule!
Dort kann sich der Mensch auf steinigen oder dornigen Wegen zu den Höhen seines
Herzens emporringen und sich eine bleibende, freie und selbständige,
ewigbleibende Welt erbauen; und sich dort aus einem Geschöpf zu einem
göttlichen Wesen neu gebären“! - Ihr stecket noch tief in den Sphären eurer
Erdenwelt. Ehe ihr aber nicht werdet wiedergeboren sein, solange werdet ihr in
diesem elenden Zustande verbleiben! -
Wir Diener Gottes haben die Aufgabe, denen' zu helfen,
die unsere Hilfe brauchen und die den Vater im Himmel anrufen, der unser Gott
und König ist von Ewigkeit! Aus meinen Worten vernehmt ihr, daß sie einem
heiligen Ernst entstammen. Wohl habe ich alle Macht über euch und könnte euch
zerstreuen, daß ihr wieder allein wäret; -jeder für sich! Aber das will die
Gottesliebe nicht, und so könnt ihr alle, wenn ihr aus freiem Willen folgt,
einem besseren Sein entgegengehen!! - -"
Da wandte sich Josef an seine Genossen und sprach:
‚Ihr alle habt gehört, was uns der Fremde erzählt hat. Er ist bestimmt in
keiner schlechten Absicht zu uns gekommen, und ich habe in meinem Herzen ein
großes Vertrauen zu ihm gewonnen. Meine Ansicht ist die: folgen wir ihm, weg
von hier, je eher, desto besser! Meint ihr nicht auch, daß es das Beste
ist?" -
Alle sechs gaben ihm recht, aber einige flüsterten
untereinander und fragten sich, ob es nicht in ein Strafgericht gehen könnte?!
-
Da kam der Engel und sprach zu ihnen:
„Liebe Freunde, ich hörte eure Sorgen wohl, obwohl
geflüstert! Mir ist nichts von und vor euch verborgen. Aber ich verstehe euch
und versichere euch deshalb, daß es mit der Strafe für ewig vorbei ist, wenn
ihr mir folgt! Nur gutmachen müsst ihr, was ihr verbrochen! Denn eure Schuld
fordert hier keine Sühne mehr, nur Reue, Buße und Opferwilligkeit, d. h. einen
neuen liebevollen und dienenden Sinn!! - Wenn ihr nun wollet, könnt ihr euer jetziges
Leben eintauschen - gegen ein Leben der Freude!"
Jetzt antwortete Josef dem Engel: „Höre, lieber
Freund, deine Rede klingt lieblich, ein Reiz liegt in deinen Worten, sodaß ich
nichts mehr dagegen sagen kann! - - Kommt, Brüder, lassen wir das alte Leben
hier, wir folgen gern, und nun sage du uns, was zu tun ist." - Da wände
sich der Engel um, und nun erblickten alle in nicht zu weiter Feme ein niedliches
kleines Haus, das an einem Hügel stand. „Dorthin folget mir, damit wir uns
stärken, und ihr einmal ein wenig schmeckt von der Liebe Jesu. die euch diese
Freude bereitet!" -
Der Engel ging voran, und die sieben folgten ihm. -
Judas blieb stehen. Darum wartete auch Dismas und fragte ihn:
„Bruder, willst du nicht mitgehen?"
„Doch", antwortete Judas „aber siehe, ich bin
nicht eingeladen, und zudem steht auch Eljasib noch hier. Soll ich den Armen
wieder verlassen?"
Da fragte Dismas den Eljasib, ob er nicht auch
mitkommen wolle, und wie dieser bejahte, da war auch Judas zufrieden, und nun
eilten die drei den anderen nach. - -
Wie sie am Hause ankamen, öffnete ihnen ein alter
ehrwürdiger Mann mit gütig dreinschauenden Augen die Türe und hieß sie herzlich
willkommen. Er führte sie dann in das Zimmer, in dem sich der Engel mit den
sieben schon befand. Ein großer langer Tisch mit Bänken stand in dem großen,
schönen und gastlichen Raum.
„Hier bringe ich noch drei Nachkömmlinge", sagte
er, „und nun nehmet Platz und macht es euch recht bequem, ich bringe
unterdessen Brot, Salz und Wein!"
Der Engel begrüßte Judas und sagte zu ihm:
„Höre, Freund, daß ich dich nicht eingeladen habe, hat
seinen Grund darin, daß du ein Wissender bist und aus dir schon frei handeln
kannst. Du hast recht gehandelt, daß du gekommen bist, und besonders, daß du
Eljasib mitgebracht hast. Darum sollst du auch die Freude erleben, was es
heißt, geliebt zu haben!"-
Der alte freundliche Wirt kam und deckte den Tisch mit
Brot, Salz und Wein und ermunterte sie, kräftig zuzugreifen. - Und zum ersten
Male nahmen sie im Geisterreiche Speise und Trank zu sich. Nachdem sie sich
recht gesättigt hatten und sich wieder gestärkt fühlten, fing Judas zu erzählen
an und sagte: „Liebe Brüder, dieses Mahl war wieder einmal so wie damals, als
ich noch bei Jesus weilte auf der Erde und an Seinem Tisch saß. Es mochte noch
so wenig erscheinen, was auf dem Tische war, satt wurden wir immer alle, und
wenn wir noch so viele waren. 0, wie wäre es doch schön, wenn der Meister
wieder in unserer Mitte weilen würde! Wo mag Er nun sein? Könnten wir nicht zu
Ihm gehen und bei Ihm bleiben?" -
Der Engel aber antwortete: „Mein lieber Judas, so
konntest du als Mensch wohl sagen: wir wollen hingehen, wo der Meister weilt.
Doch jetzt sind wir im Geisterreiche, und Jesus ist in Wahrheit überall. Du
mußt Ihn in deiner eigenen Welt erst gebären. Dies geht nur vor sich durch
innere größere Liebe zu Ihm, die sich in immer größerem Dienen ausdrückt!! Das
sind Bedingungen, die nötig sind, Ihn zu finden und die Wege, die zu Ihm
führen! - Siehe, du hast noch ein Versäumnis gutzumachen, denn ein Irrender
wartet auf dich: Gesmas auf Golgatha! Ein gangbarer Weg zum Herrn ist das
Empfinden in dir, daß ein Hilfesuchender nach dir verlangt. Gesmas wäre froh,
wenn er dich zur Gesellschaft hätte, denn die Langeweile, die er erlebt, ist
eine furchtbare Strafe. - Längst bereut er, daß er seinen Spott mit dir
getrieben hat, darum gebe ich dir den guten Rat, eile hin nach Golgatha. Bringe
Gesmas hierher, damit sich alles wieder zusammenfinde!" - -
Die anderen bestürmten Judas, sie möchten mitgehen,
aber der Engel sagte: .Nein, liebe Freunde, Judas geht allein, denn er hat
diese Mission zu erfüllen. Es sei denn, er bittet jemanden, ihn zu
begleiten!" - Da bat Judas den Dismas, mitzugehen, weil er sich nicht mehr
von ihm trennen wollte. - So gingen die beiden nach der Richtstätte Golgatha.
Nun konnte Judas alles erkennen, denn es war abendlich hell, und voller Freude
unterhielt er sich mit Dismas. - Sie sprachen über alles, was sie bisher
gemeinsam erlebt, und Judas mußte oft über die Weisheit des Dismas staunen.
Aber er ärgerte sich nicht darüber, sondern gewann ihn noch lieber. - Wie sie
nun bald angekommen waren, sagte Dismas: .Hier handelt es sich nicht allein um
Gesmas l Es handelt sich auch um uns und viele, viele andere, die genau so
eingestellt sind, wie wir es waren. Denn nicht nur auf der Erde leben die
Menschen im Hochmuts- und Geldgiergeist, sondern auch hier im Geisterreiche!
Denk' mal an den Hohepriester 'Eljasib! Die Templer wollen uneingeschränkt
herrschen und dulden niemand an ihrer Seite. Gott kennen sie überhaupt nicht -
nur Sein geschriebenes Wort. Und auch dieses nur von außen, und sie verkünden
es so, daß dabei immer nur für sie selbst Erfolg und Vorteil daraus erwächst.
Darum war ihnen Jesus verhaßt, weil Er einen Weg gezeigt hat, der zu Gott führt
ohne Mittler. Er war ihrer Herrschsucht im Wege, und deshalb haben sie Ihn ans
Kreuz geschlagen. Siehe, auch du warst ihnen als Werkzeug recht. Aber als sie
ihr Ziel erreicht hatten, stießen sie dich beiseite. Jet[t aber wollen wir
Werkzeuge sein in der Hand Jesu. Da dürfen wir aber die Geizigen und
Hochmütigen nicht bekämpfen, wie mich der Engel belehrt hat, sondern müssen in
der Habsucht und im Hochmut Wunden und Krankheiten sehen, die wir heilen wollen
durch Demut, Hingabe und freudiges Dienen!! Nur was wir bei anderen gutmachen
können, ist zurückgewonnenes Gut! Nur was wir bei anderen ausgleichen, wird bei
uns ausgeglichen sein! Und bedenke, daß uns mächtige Engel zur Verfügung
stehen, wo unsere Kräfte nicht ausreichen!" -Judas bejahte das alles aus
offenem Herzen. Nun wurden beide still und gingen schweigsam ihren Weg. Nach
einer geraumen Weile sahen sie schon den Hügel Golgatha, und endlich kamen sie
bei Gesmas an. Er kauerte auf dem Holzbalken, der Judas und ihm bald zum
Verhängnis geworden wäre, und murmelte vor sich hin:
„Es ist doch so, wie ich mir schon hundertmal
vorerzählt habe; keine Seele läßt sich mehr blicken, mit der ich abrechnen
könnte. Das Schlimmste ist die Finsternis. Eine Ewigkeit lange Nacht. So kann
ich warten. wie ich will, und wenn schon jemand käme, so würde ich ihn nicht
sehen. 0, Jammer, es ist ein grausames Elend hier in der Geisterwelt. Zahllos
viele Menschen sind doch schon gestorben!!, und mir ist nicht einer begegnet!!
Wäre ich doch mit Judas gegangen, dann hätte ich wenigstens jemanden. Hm, ja,
es ist, wie ich schon oft sagte: Als Mensch gehetzt wie ein Tier. und als
Mensch im Geisterreiche verlassen und vergessen. Wenn das allen so ergeht, dann
kann ich den Nazarener nur bedauern. 0. Du armer, dummer, guter Mensch, auch
Dich hat man gehest bis hierher an das Kreuz, und jetzt wirst Du vergessen sein
und in Nacht schmachten?!-"
Wie er so sprach und zum ersten Male ohne Wut, sogar
mitleidsvoll, des Nazareners gedachte, da war es ihm. als zöge jemand einen
Vorhang von seinen Augen. Er konnte wieder sehen. Zwar war es noch nicht
richtig hell, aber er erkannte doch, daß die beiden Männer vor ihm standen.
- Nun trat Judas vor ihn hin und sprach:
„Mein Freund Gesmas, ich, Judas, bin wiedergekommen,
um dir zu helfen. Ich habe Gottes Gnade erfahren und habe dir noch einen
Freund mitgebracht. Wenn du willst, kannst du mit uns gehen, denn auf dem Hügel
Golgatha wollen wir doch nicht bleiben! -"
Gesmas jubelte
vor Freude! „Du Judas und du Dismas! 0, erzählt, wo kommt ihr her und wo wollt ihr
hin? Ja, nehmt mich mit, aber schnell,
ehe es euch gereut! Konntet Ihr nicht eher kommen? Hier werden Jahre zu
Ewigkeiten! Du warst doch schlauer, Judas, du gingst fort und hast nun den
Dismas wiedergefunden, während ich hier seit damals auf Menschen warte. Aber
es ist keiner gekommen, niemand, vielleicht ist die Welt besser geworden, weil
niemand mehr gekreuzigt wurde nach uns! Aber Dismas, sage, wie war es bei dem
Nazarener im Paradiese? Warum hast du Ihn verlassen ? Wo, ach, ich bin ganz
verwirrt, das kommt wohl von dem langen Warten und von meiner Freude jetzt!' -
Antwortete ihm
Dismas:
„Lieber Bruder, rede nicht so viel und sei geduldig.
Wir helfen dir gerne, aber dafür müssen wir die Gewissheit haben, daß du deinen
Hass und Rachegedanken hier lassen wirst. Denn mit kindlichem Herzen kannst du
uns nur folgen, wohin wir gehen! Dort gelten nur Liebe, Erbarmung und
Opfersinn. Und so musst du schon einen guten und festentschlossenen Willen
haben! Nun, magst du mitkommen mit uns?" - Gesmas: „Ja, meine Freunde,
freilich will ich, ich folge überall hin, wo es schöner ist als hier. Um aber
ehrlich zu sein, sage ich gleich, daß ich meine Wut und meine Rache nicht so
ohne weiteres ablegen kann. Du tust ja gerade, als wenn ich meine Rache wie einen
Rock oder Mantel nur auszuziehen brauchte, um ihn hier liegen zu lassen. Nein,
so schnell geht es nicht, da müßt ihr schon etwas Geduld mit mir haben. Aber
ich gehe mit, wenn ich darf. Du wirst mich doch nicht wieder verlassen, Judas?
-"
Judas: „Mein Gesmas, du kommst mit, aber es ist nur
unter der einen Bedingung möglich, die du von Dismas gehört hast." -
Da sprach Dismas weiter: „Wenn du dich wahrhaft von
Grund auf ändern willst, wollen wir dir gerne beistehen und dir helfend zur
Seite gehen. Denn wenn du mitgehst, wirst du dich bequemen müssen, denen zu
dienen, die dich erschlugen. Und wirst diejenigen, denen du Arges tatest,
bitten und dich ihnen beugen müssen, damit dir verziehen werde. Ich sage dir
ganz ernstlich, daß es mit dir viel schlimmer steht als du denkst! - Wo wäre
ich jetzt, hätte mir Jesus Seine Gnade vorenthalten, und wo wärest du, wenn
Jesus, Der Allerbarmer, Sich nicht deiner erbarmt hätte! - Denn wisse, dort wo
der Tempel in Trümmern liegt, da ist so mancher Hochmut und Hass begraben. Und
so würdest auch du unter den Trümmern deiner eigenen Welt begraben liegen, und
Ewigkeiten würden vergehen, ehe du dich selbst wiederfinden würdest. Darum sei
willig und folge gerne; denn noch ist es nicht zu spät!" -
Da fasste Gesmas nach der Hand des Dismas und sprach:
„Freund und Bruder, deine Worte sind wie ein Schwert, aber auch wie ein Balsam
zugleich. Ich will nach deinen Worten tun, so gut ich kann - aber helft mir,
Brüder, ich habe ja gar keine Hilfe außer euch! 0, hätte ich den Nazarener nicht
gekränkt, als Er zwischen uns hing und litt - das ist mein neuer Kummer! Ich
will Ihn um Verzeihung bitten, wenn ich Ihn treffen sollte!"
Wieder wurde es heller um ihn, da sagte Dismas: „Mein
Bruder, der Heiland hat dir schon vergeben, weil du Ihn im Herzen darum gebeten
hast. Wenn du nun Seinen Anweisungen durch uns getreulich folgest, wirst du die
Herrlichkeit Seiner Güte und Erbarmung bald erleben! Nun kommt, laßt uns gehen,
es warten viele auf uns! - Du aber. Du gnädiger Gott, sei uns weiterhin gnädig
und barmherzig, damit wir Deine Wege wandeln können! Amen!"
Darauf gingen sie den Berg hinunter, den Weg zurück,
den sie gekommen waren. Doch plötzlich blieb Judas stehen und .sprach: „Liebe
Brüder, wartet hier einige Minuten auf mich, ich habe etwas vergessen!" -
Gesmas aber erwiderte: .Etwas vergessen?, du hast ja
garnichts, was du vergessen könntest. Aber wenn es dem Dismas recht ist, so
gehe ich mit zurück und helfe dir suchen!" -
Dismas aber hielt ihn fest und sagte: „Bleib du bei
mir, bis Judas wieder kommt. Denn solange er uns nicht braucht, können wir ja
hier warten, und ich glaube, er will allein sein".
Judas aber eilte schnell zurück, richtete dann das am
Boden liegende Kreuz, an dem Jesus gehangen, mit vieler Mühe auf und nahm es
auf seine Schultern. Ungeheuer schwer drückte ihn diese Last. Mühsam und
keuchend kam er bei den wartenden Brüdern wieder an. - Gesmas wußte vor Staunen
nicht, was er sagen sollte. Dismas aber weinte vor Freude und Ergriffenheit und
lobte und dankte Gott laut für die wunderbare Gnade, die er an Judas erleben
durfte. Nun wollten sie dem Judas tragen helfen, er aber lehnte jede Hilfe ab.
-
„Ich kann ja ausruhen, wenn es zu schwer wird",
sagte er, „aber mich dünkt, es wird mit jedem Schritt leichter". -
Dismas gab ihm recht und sagte: „Ja, Bruder Judas, die
Furcht vor dem Kreuz löst Qualen aus, die schwerer zu tragen sind als das Kreuz
selbst. Wer aber in Liebe und Vertrauen auf die Kraft und Erbarmung Gottes das
Kreuz, welches ihm auferlegt ist, trägt, der wird wahrlich die Kraft fühlen,
die ihm tragen hilft! Wer aber freiwillig ein Kreuz trägt, um anderen zu dienen
und zu helfen im rechten Geist wahrer Demut, dem werden ungeahnte Kräfte zur
Verfügung stehen, und das schmachvolle Kreuz wird zu einem Zeichen der Verherrlichung
und Verklärung werden!! Judas, Judas, je§t hast du das Leben erfaßt. 0, der ungeahnten Wonnen und Seligkeiten, seit
du nun das Zeichen deiner Schuld allen sichtbar trägst! - Nun wird es soweit
kommen, daß denjenigen, der dich schmäht, das Kreuz an deiner Statt drücken
wird! Wer aber gleich dir das Zeichen seiner Schuld offen tragen wird, mit dem
wird Gott Selbst sein, und die Fülle Seiner Engel wird tragen helfen!!"
Wie sie schließlich an ihrer kleinen Herberge ankamen,
wollten sie in das Haus eintreten, aber Judas merkte, daß das Kreuz nicht durch
die Tür ging. Da wollte er draußen bleiben, denn er mochte sich nicht von dem
Kreuze trennen, ehe er es an den Bestimmungsort gebracht hatte. - Der alte Wirt
aber brachte eine Bank heraus, sprach: „So ruhe hier aus, bis die Brüder
kommen" und verschwand wieder im Hause. Und nun kamen die anderen alle.
und jeder trug etwas in der Hand für Judas. - So reichten sie ihm einen
Labetrunk und etwas Brot.
Judas nahm es gerne und dankte ihnen herzlich. Nachdem
er sich gesättigt hatte, wandte er sich an Dismas und sagte: „Lieber Bruder,
ich benötige deinen Rat, denn ich möchte das Kreuz dahin tragen, wohin es
eigentlich früher sollte. Aber der Tempel ist doch zerstört, und nun bin ich
hier und möchte nicht auf halbem Wege stehen bleiben. Bitte, sieh zu, ob du mir
recht raten kannst, denn diese Sorge drückt meine Freude. Sonst siehe, wo dein
Engelsfreund ist, vielleicht kann der mir raten!"
In diesem Augenblick kam der Wirt mit dem Engel aus
dem Hause.
Judas verneigte sich vor dem Engel und sprach: „O, du
treuer Diener des Herrn, unseres Gottes, kannst du mir nicht den Willen des
Herrn bekunden, wohin ich das Kreuz tragen soll? Ich möchte meine Aufgabe zu
Ende führen, aber mir ist bange, weil der Tempel nicht mehr steht." -
Da antwortete ihm der Engel: .Judas, du bist völlig
frei, denn würde ich dir sagen: Der Herr will dies und das, so wärest du ja ein
Knecht und müßtest tun, was der Herr verlangt. Aber weil du von selbst umgekehrt
bist und das Kreuz aus eigenem Antrieb geholt hast, ja sogar die Hilfe deiner
Brüder abgelehnt hast, da rate ich dir als dein Bruder aus Gott, gehe in dich,
erforsche dich und tue nach deinem Herzen. So wirst du frei von aller Sorge
werden, übertreibe aber nichts und würdige diese Gnadenzeit nicht zur
Alltäglichkeit herab. Vollende dein Werk, damit in dir Gott das Seine
vollenden kann! Friede sei mit dir! Amen!" -
Da nahm Judas Abschied von den anderen, nahm das Kreuz
auf seinen. Rücken und machte sich allein auf den Weg. -
„Gott mit dir, bis wir uns wiedersehen", liefen
die anderen ihm nach. - Judas aber eilte, so schnell er konnte, mit seiner
schweren Last nach Jerusalem. Jetzt erkannte er viele Gestalten, die ihm
verwundert nachschauten. Wie ein Lauffeuer drang die Kunde voraus: .Judas, der
Verräter, bringt das Kreuz seines Meisters." Er hörte das wohl, störte
sich aber nicht daran. - Es wurden immer mehr und mehr, die ihn angafften, und
etliche folgten ihm nach. Die meisten aus Neugierde, einige aber hatten Mitleid
mit ihm und standen ihm bei. Andere wieder verhöhnten ihn, doch wurden diese
Spötter von den Einsichtigen zur Ruhe gebracht. -
Judas aber hatte keine Furcht, ihm war, als hörte er
die sanfte Stimme seines Meisters, der ihn stärkte. Und von dem Kreuz schien
eine Kraft auszugehen, die den Schreiern den Mund stopfte und Ehrfurcht in ihre
Herzen flößte. Zwar mußte Judas öfter absehen, aber je weiter er ging, um so
leichter wurde ihm die Last, und endlich war er am Ziel - dort, wo der Tempel
stand! -
Inzwischen war sein Anhang sehr groß geworden. Es
mochten über Tausend sein, die ihm gefolgt waren, beiderlei Geschlechts. - Wo
der Altar gestanden hatte, war eine Erhöhung, und große Steinblöcke machten ihm
das Aufstellen des Kreuzes möglich. -
In seinem Herzen war Ruhe und Frieden. Er räumte auch
noch einige Trümmer beiseite, sodaß das Kreuz überall gut zu sehen war. Darauf
wischte er sich den Schweiß von der Stirne, stellte sich neben das aufrechtstehende
Kreuz und sprach mit lauter Stimme zu den Anwesenden:
»Liebe Freunde und Brüder, ihr habt meine Kraft und
Ausdauer bewundert und möchtet wohl wissen, warum ich, Judas, dieses Kreuz
hier aufgerichtet habe. Höret, ich habe es von Golgatha geholt. Es ist das
Kreuz, an dem Jesus von Nazareth, mein und nun auch euer Meister gestorben ist
- durch meine große Schuld! Diejenigen unter euch, die mich Verräter
gescholten haben, waren im Recht. Aber wisset, Jesus Selbst hat mir vergeben!
Darum habe ich das Kreuz als das Zeichen meiner Schande, das der Meister zum
Zeichen Seiner Liebe und Erbarmung erhöht hat, hierher getragen. Doch nicht aus
eigener Kraft, sondern Er Selbst hat mir ungesehen tragen geholfen. Hier, wo
der Altar des alten Tempels stand, soll dieses Kreuz von Liebe und Erbarmung zu
uns sprechen! Ich will, so gut ich kann, aus der Stätte des Grauens eine Stätte
des Friedens und der Einkehr machen. Saget nicht, daß es unmöglich sei.
Des Herrn Wille an
mich lautet:
.Vollende dein Werk!" - und ich weiß, daß es
gelingen wird, wenn ich nur recht ernstlich will. Sehet dieses Kreuz an. Wenn
ich müde und verzagt bin, so wird ein Blick darauf genügen, mich zu stärken.
Das Kreuz ermahnt mich an das Leiden meines und auch eures Herrn. Er hat gelitten
um meinetwillen! So will ich eifern, um meine Schuld gut zu machen!" - -
- Bei diesen Worten fing das Kreuz an zu leuchten und strahlte in mildem
Lichte, und Judas rief: „Sehet selbst. Der Herr bestätigt meine Rede!" -
- Da kniete Judas nieder und betete laut um Kraft und Stärkung. - Wie die
anderen das sahen, packte sie eine mächtige Rührung und sie fielen auf ihre
Knie! Da
rief Judas laut: ,0, Herr Jesus, Du Heiland und Erbarmer! Ich bin am Ende meiner Kraft! Deine Gnade und Liebe
zersprengen mir mein Herz! 0 komm und hilf uns allen aus unserer Not. Komm Du
selbst, stärke uns und hilf auch diesen, gleich mir armen Seelen, wir brauchen
Dich! Wohl zeigte ich, o Herr, ihnen Dein Kreuz, aber was kann ich ihnen geben
? Nur einen kleinen Funken, sie aber brauchen Dich! Nur Dich allein! Dein Wille
geschehe! Amen!"
Da sah Judas auf einmal wieder die Lichtsäule über
sich stehen, wie damals, als Judith für ihn betete. Sah, wie die Lichtsäule
sich mit dem Kreuz verschmolz und wie das Kreuz immer heller und heller
leuchtete. Als er sich umschaute, war er in einem neuen Lande, und hoch am Himmel
stand die Sonne. - Judas befand sich in einem großen Garten. Im Hintergrund
erblickte er einen kleinen Tempel. Beim Kreuz aber stand eine Gestalt, streckte
ihm beide Hände entgegen und sprach: „Judas, Mein Bruder, komm an Mein Herz. Ich will dich
erquicken! " Da eilte Judas an die
Brust seines Meisters, und eine ganze Weile herrschte heilige Stille! - Dann
sprach Jesus weiter:
„Siehe, alles, was um dich erstanden ist, ist die aus
deiner Demut geborene, dir eigene Welt! Alle, die dir gefolgt sind, sind arme,
heimatlose Seelen, wie auch du ehemals heimatlos warst. Judas, Ich sage dir,
du warst verloren durch dich selbst, aber die große Liebe deiner Tochter Judith
hat dir diesen Gnadenweg bereitet. Denn alle deine Blindheit und Schuld hat sie
auf sich genommen, damit du selig werdest! Da habe Ich Mich Selbst aufgemacht
in Meiner persönlichen Wesenheit und habe ihr ihre Last abgenommen! Aber nun
laß dich vom Vergangenen nicht mehr bedrücken, sondern freue dich der Gegenwart
- und überlasse die Zukunft Mir!!-
Judas war überglücklich, und wie er nach oben schaute,
erblickte er zahllose Scharen von Engeln und hörte einen gewaltigen Lobgesang!
,0 Jesus, du endlos guter Meister !" rief er, „verlasse mich nimmer.
Bleibe bei uns, vollende Du das Werk! Damit ich nicht mehr dazu komme, etwas zu
zerstören." Da antwortete ihm Jesus:
»Nie werde Ich dich verlassen, wenn du Mich nicht
verlassest Aber mn deiner Entwicklung willen darf Ich nicht immer sichtbar bei
euch verbleiben. Doch noch eine Weile will Ich dich in deine neue Welt geleiten
und dich in deine Aemter als Hausherr einsetzen, doch schweige noch vor den
anderen darüber, wer Ich bin. Komm, laß uns in dein Haus gehen, wovon du
dachtest, es wäre ein Tempel!" -
Da wandte sich Judas zu den anderen und sprach:
»Freunde, und nun auch Brüder l Gott ist uns gnädig und hat aus den
Trümmerstätten alter Lug- und Trugbauten einen rechten Grund geschaffen - wie
ihr ihn hier in diesem schönen Garten erkennen könnt. Dort hinten seht ihr ein
Haus, gleich wie ein Tempel. Doch ist er nicht nach menschlicher Art erbaut,
sondern auf himmlische Weise! Dieser gute, liebe Freund, welcher zugleich der
Besitzer dieser Herrlichkeit ist, gab mir den Auftrag, euch alle einzuladen,
hier bei Ihm zu bleiben! Euer Zweifel, daß in diesem kleinen Tempel nicht Raum
genug sei, wird bald zunichte werden. Denn ich ahne, wir werden bei weitem
nicht genug sein, um ihn zu füllen! Ein jeder kann wieder umkehren, wenn es ihm
nicht gefällt. Vor allem aber soll jeder freiwillig kommen. Nun kommt und tut,
wie ihr denkt!" -
Darauf ging Jesus Hand in Hand mit Judas zu dem Hause,
und alle folgten ihnen nach. Wie sie ankamen, erwartete den Judas eine neue
Ueberraschung. Denn noch jemanden hatte der Vater geholt, und so war die Freude
groß, als Dismas die Tür öffnete und Judas herzlich willkommen hieß in seinem
neuen Heim! -
Jesus nahm sie nun beide bei der Hand, und so zogen
sie ein in die Hallen des Friedens. Beim Eintritt erweiterte sich alles wie von
selbst!! - Sie befanden sich in einem prachtvollen Spiegelsaal, wie sie dergleichen
noch nicht gesehen; er war riesengroß. In zwei Reihen waren große Tafeln mit
Liegesesseln und an den Wänden bequeme Bänke aufgestellt. So lud alles schon
von selbst zum Platznehmen ein. Nach einer Weile hatten alle Platz genommen,
und doch war noch Raum für viele!
Jesus aber sprach unterdessen mit Judas: „Nun beschaue
dir deine Welt, die Ich aufs neue dir erschlossen. Völlig zu deinem Eigentum
wird sie in ihrer Fülle erst werden, wenn du alles heimgebracht haben wirst in
die Hütten des ewigen Friedens. Schalte und walte mit deinen Brüdern, die es
lernen werden, dir dienend zur Seite zu stehen. Nun aber wollen wir Speise und
Trank zu uns nehmen, und die Bedürftigen stärken! Danach gehen wir nochmals
nach draußen, damit du auch dort in allem unterrichtet wirst." -
Mitten unter den anderen nahm der Herr mit Judas
Platz, und nun waren von Dismas und den anderen Brüdern die Tafeln mit
verschiedenen Speisen, Früchten, Brot und Wein besetzt, wovon sie in den
Vorratskammern eine reichliche Fülle antrafen. - Jetzt sah Judas auch Josef
mit den anderen Brüdern und dann Eljasib an ihrem Tisch und begrüßte sie herzlich.
- Dann bat Judas den Meister: „O Herr, sei hier nicht nur unser Gast,
sei uns allen Vater! Segne Du das Mahl und lade zum Essen ein!" -
Da erhob Sich Jesus und sprach: .Meine lieben Freunde,
die ihr in freiwilliger Liebe und nach dem Zuge eures Herzens Judas und Mir
gefolgt seid: Ich heiße euch alle herzlich willkommen in diesem Hause! Es ist
ein Haus, worinnen die Liebe wohnt! Ein Haus, wo jeder Kummer und Schmerz
Linderung erfahren soll, und ein Haus, das niemand zu verlassen braucht, so es
ihm darin gefällt! Aber es ist auch ein Haus von größter Ordnung aus Gott, und
wenn der eine oder der andere nicht in der Ordnung verbleibt, so wird er sich
wieder in der vorigen Gegend befinden! Stärket euch nun und lasset
euch dieses Mahl wohl schmecken!" -
Von allen Seiten hörte man Bewunderung und Dank. Aber
nachdem sich der Herr gesetzt hatte, fingen alle an zu essen. Dann aber erhob
sich einer von den vielen und ging dorthin, wo Jesus und Judas saßen, und
brachte seines Herzens Dank dar mit den Worten:
„O, wie lange ist es her, daß ich eine solche Wohltat
erhielt, wie lange, daß ich solch" gutes Brot und solch' guten Wein
erhielt, und dazu wird uns allen ein Palast als bleibende Wohnstätte angeboten!
Wie dürfen wir euch danken ? Wie sollten wir etwas zurückgeben können ? Wir
sind arme Seelen, besitzen nichts als das nackte Leben. So bleibt mir vorerst
nichts anderes übrig, als im Namen aller meinen und unseren Dank nur mit Worten
auszusprechen!" -
Nun verneigte sich der Dankende und wollte sich
entfernen. Aber da gab Jesus dem Judas einen Wink, und Judas stand auf, reichte
dem Sprecher die Hand und sagte zu ihm:
„Weil dein Herz dich trieb zu danken, so will ich dir
sagen, daß wir uns darüber freuen. Bei uns kommt es aber nicht auf äussere
Formen an, auch nicht auf den Dank mit dem Munde, wir sehen nur auf das Herz!
Uns ist eure Freude schon der allerbeste Dank! Lasset euer Herz voll Liebe und
Demut schlagen für eure Nächsten! Dann vergeltet ihr recht. Einer lehrte uns
dies im Erdenleben so wunderbar, und Dieser hieß:
Jesus von Nazareth - ein Sohn des Allerhöchsten! Den
nur die Liebe zu uns Menschen trieb! - Und dieser Jesus - ist unter uns! Er ist
es, der euch willkommen geheißen hat in diesem Hause: es ist Sein Haus von
Ewigkeit! - Nun aber, da wir alle in Seinem Hause leben, lasst uns unserer
armen Brüder nicht vergessen, die den Heimweg noch nicht wissen. Unser Dank
soll sein: Hinaus zu ziehen in die Nacht, um Arme und Verirrte zu suchen und
ihnen unser Herz voll Liebe anzubieten. Unser Herz, welches uns nun nicht mehr
selbst gehört, sondern Dem, Der in übergroßer Liebe für uns am Kreuz auf
Golgatha gestorben ist. Darum habe ich das Kreuz hierher getragen und vor dem
Hause aufgestellt, damit es ein Wegweiser werden soll und zugleich ein Mahner
und ein ewiges Mahnmal der unvergänglichen Gottesliebe! - - Nun wißt ihr, wie
sich alles verhält. Wer bleiben will, der bleibe - aber zu gemeinsamer Arbeit
und Freude! Wer aber gehen will, der gehe in Frieden E:
Dich aber, Jesus, bitten wir um Kraft, Ausdauer und
Segen! Amen!!"
„Wir bleiben. Bruder und Freund", riefen sie an
den anderen Tischen, „und fügen uns gerne ein. Hier ist Wohlstand und Frieden!
Und wenn wir nur dienen dürfen, dann ist es schon überaus gut!" -
Da erhob sich ein anderer vom Platze, kam zu Jesus an
den Tisch und sprach:
.Höre. guter Freund und Herr dieses Besitztums, höre
auch du, Judas, und ihr alle. ihr lieben Freunde! Wenn ich nun an mein vergangenes
Erdenleben zurückdenke, wird mein Herz unruhig und ängstlich. Denn ich war ein
Diener des Tempels und bin mit vielen anderen mit Ketten und Stricken
ausgezogen - um Dich, Jesus, zu fangen! Allerdings hat jene Mission ein
klägliches Ende gefunden, weil wir alle bei einem Sturm auf dem Meere den
Leibestod fanden. Bisher habe ich meine Teilnahme an dem Unternehmen wohl
bedauert, aber nicht um Deinetwillen, sondern nur wegen meines selbst dabei
erlittenen Unglücks. Und viele sind hier am Tische, die damals mit uns dabei
waren. Jetzt, wo ich Dich kenne, o Herr, bereue ich meine damalige Absicht tief
und bitte Dich, zugleich für alle meine Genossen, um Vergebung! Wenn Du uns
vergeben und hier behalten willst, so wollen wir Dir jeden Dienst erweisen. Wo
aber nicht, so nimm unseren Dank für die genossene Gastfreundschaft an!"-
Da erhob sich Jesus
und antwortete:
„Komme her zu Mir, wer mühselig und beladen ist! Bei
Mir findet ihr Verstehen für euer Leid. Und wer auch immer Mir offen und
aufrichtigen Herzens sich nahet, dem soll Frieden und Heil zuteil werden! Und
wenn die Last der Sünden in's Riesengroße stieg, so höret meinen Ruf: Kommet!!
- Die sich von euch nicht getrauen, da sie unreinen
und schwer beladenen Gewissens sind, denen sage ich : Kommet!!! Wer noch
glaubt, Ich vergelte Gleiches mit Gleichem, zu dem sage Ich auch: Kommet und
erlebet die Macht Meiner Liebe!!! - -
Denn was auch immer ihr gefehlt habt, einer mehr,
einer weniger, das ist mit dem Augenblick gelöscht, so ihr mit demütigem Herzen
zu Mir kommt und in Meiner Liebe .bleiben wollt! Ich will, daß ihr alle gleich
Mir glücklich und vom Joch der Sünde und Schuld entbunden seid. Darum reiche
Ich euch in väterlicher Huld und Weise Meine Hand und Hilfe!! - - Du aber, der
du Mich erkannt und Mich gebeten hast, dir deine Schuld zu vergeben, komme und
trinke mit Mir aus diesem Becher!! Und künde dann allen deinen Brüdern, wie
Meine Liebe und Mein Entgegenkommen schmecken!!“ - Klopfenden Herzens, doch
das Auge fest auf den Meister gerichtet, nahm er den ihm dargereichten Becher
und trank einen Schluck daraus. - Dann rief er: .0, meine Freunde, noch nie
habe ich solche Wonne verspürt, wie nun. 0, liebster Herr, habe Dank und
gestatte mir, daß ich den Becher weiterreiche, damit noch mehrere daraus trinken
können!" -
Jesus gestattete es ihm, und der Becher ging nun von
Mann zu Mann, ohne daß er leerer wurde. Aber niemand wunderte sich mehr
darüber, alle staunten nur über die Köstlichkeit des Weines! Wie Balsam floß es
in ihr Herz, und es entstand eine Stille im Saal: ein jeder empfand das
wohltuende Geborgensein. Zuletzt durfte der Sprecher noch einen Schluck nehmen,
und Jesus lud ihn ein, an Seinem und Judas' Tisch zu bleiben. Jesus wandte Sich
dann zu den anderen und sagte ihnen, daß Er eine Zeitlang mit Judas in den
Garten gehen würde. Der Herr grüßte alle freundlich, darauf gingen beide
hinaus! -
Am Kreuze blieben sie stehen, und Jesus fing an zu
sprechen: „Mein Judas, endlich, endlich bist du überzeugt von der Liebe und
Güte deines Gottes und Vaters! In Väterlicher Weise habe Ich dich gezogen bis
hierher, und ein gewaltiger Abschnitt deines Lebens findet hier sein Ende. -
Du hast das Kreuz bis hierher getragen, um es im Grunde für Mich zu tun. Siehe:
es soll leuchten weit und breit! Und allen, die in Nacht und Finsternis vorüber
gehen, soll es Wegweiser zur Einkehr in dein Haus sein! - Ich werde nun vorerst
nicht länger sichtbar bei dir bleiben, um dich und deine Brüder nicht in der
weiteren Entwicklung zu stören. Du weißt genau, was nötig ist, um des Lebens
höchste Güter zu erlangen: um eins zu werden mit Mir!! Du weißt auch, was noch
im Wege steht und erlöst werden will. - Darum verlasse Ich dich und euch der
Erscheinlichkeit nach - um wieder zu kommen, wenn ihr Mich in euren Herzen geboren
und euch Mir gleichgestellt habt! Auch du mußt, wie alle anderen, noch
gefestigt werden, denn nur das bleibt für ewig dein Eigentum, was aus dem
heiligsten Lebenskampf hervorgegangen und somit selbst erworben und in sich
geboren ist! - Du bist Bewohner Meines ewigen Reiches, doch auch Bewohner einer
eigenen Welt! 0, Judas, wandle weiter in Meinem Sinne, setzte fort das Werk
und errichte Heimstätten für deine noch auf der Erde weilenden Brüder! Dann
wirst du Mich wieder bei dir sehen, ehe du es dich versiehst, und Ich werde dir
selbst Meinen Rat und Beistand geben! Wenn du aber Ruhe brauchst und nicht
weißt, wo aus und ein, dann Judas, du Mein lieber Sohn, komme hierher an das
Kreuz, lehne dich an und lasse dein Inneres ganz durchwehen von dem Geist, der
Meines Herzens Wille ist und Der Sich für euch geopfert hat! - Hier am Kreuz
wirst du heilige Ruhe und Geborgensein finden und wirst gestärkt in dein Haus,
in deine Welt, zurückkehren können! - Laß die Liebe dir als höchstes Ziel
leuchten, sei in Demut stets bereit, - auch dem Geringsten alles zu geben, was
dir dein heiliger Vater so überreichlich bereitet hat! -
Nun gilt es, an die Arbeit zu gehen! Denn bisher waren
die Kammern gefüllt durch Meine Liebe - so soll nun eure Liebe sie füllen! Wenn Ich fort bin,
dann bist du Herr dieses Hauses und Landes. Sei
ein guter Herr, Dismas steht dir als nächster Bruder zur Seite. Für die nächste
Zeit soll euch der Engel, der euch bisher geleitet hat, noch weiter führen und
mit Rat und Tat helfen! Laß Häuser bauen für die vielen Arbeiter in deinem
Lande und hüte Meine Ordnung wohl! Nun nimm hin Meinen Segen! Meine Erbarmung
werde dein Leben und deine Kraft. Wachse und reife zu deinem Heile und zum
Segen der ganzen Schöpfung! Amen, Amen, Amen!!'
Verschwunden war der Herr! Judas war allein, aber um
das Kreuz strahlten in herrlicher Pracht leuchtende Diamanten in hellem Feuer!
Voll Ergriffenheit lehnte Judas sich an das Kreuz, weinte laut vor Glück und
schluchzte: ,0 Jesus, o Jesus! Was hast Du denen bereitet, die Dich lieben!
Jetzt erst habe ich Dich erkannt - wer Du eigentlich bist!! Ja, lieben will ich
Dich mit der Glut alles Lebens! Lieben will ich Dich mit der ganzen Kraft
meiner noch schwachen Seele! Lieben will ich Dich mit der Reinheit, die kein
Dunkel mehr zuläßt! - Jesus Christus! Du unser guter Vater, Du! Du Ewige Liebe!
Du Schöpfer der Unendlichkeit ! Verherrlicht durch dieses Kreuz! Laß' mich
Dein bleiben ewiglich! Amen!" - - -
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<08. offenbarungen des engels über
judas.doc> |
.D. NR. 4876
Paaszaterdag, 8.4.1950
De Kruisgang van
Christus ....
Wie Mij navolgen wil, die gaat een eenzame weg, door
de medemensen niet begrepen, zoals ook mij ten deel viel, ondanks de liefde die
Ik de medemensen schonk. Wie Mij navolgen wil, moet zijn kruis op zich nemen,
zoals Ik het deed, ofschoon Mijn eeuwige liefde van geen enkel mens het kruis
zo zwaar laat worden, zoals dat van de mens Jezus... Hij moet het dragen, maar
hij kan op ieder moment de last verminderen, als hij Mij aanroept om hulp. Ik
neem dan het kruis op Mijn schouders en draag het voor hem, en met Mij wordt
alles lichter, met Mij is hij niet meer eenzaam, Ik begrijp hem ten allen tijde
en deel alles met hem, lijden en vreugde; hij kan steeds samen met Mij in
stilte zijn weg op aarde bewandelen, en hij zal daarom zijn kruis als draaglijk
ervaren en zich, in overgave, in zijn lot schikken ...
Ik nam het leed van de gehele mensheid op Mijn
schouders, toen ik voortschreed, met de kruisdood in het vooruitzicht, en
onnoemelijk lichamelijk lijden dulden moest. Voor allen, die Mij in de toekomst
wilden navolgen, ben ik de moeilijke weg gegaan, die eindigde met de dood aan
het kruis. Als mens leed ik onnoemelijk, opdat het leed van de mensen
verminderd werd. Ik nam deel aan het leed van de totale mensheid en droeg voor
haar het kruis. En wie Mij liefhad, volgde mij na...
Het waren slechts weinigen, vergeleken met de totale
mensheid waar ik voor stierf, slechts weinigen deelden Mijn smart, zij leden
met Mij en voor Mij. Zij droegen eveneens hun kruis, omdat zij Mij navolgden,
want de liefde tot Mij liet hen al het leed dubbel voelen. Maar hun liefde was
als balsem voor Mijn wonden, die de wrede mensen mij toebrachten; hun liefde
versterkte Mijn wil, om voor de mensen te lijden en hen te helpen door mijn
kruisdood. Velen volgden Mij op de weg naar de plaats van de terechtstelling,
doch weinigen namen deel aan mijn smart...
Velen op aarde leven erop los, maar slechts weinigen
volgen Mij na. Ik ben voor alle mensen aan het kruis gestorven, maar slechts
weinigen nemen mijn offer aan en maken gebruik van de verworven genade. Slechts
weinigen volgen Mij na, en toch kunnen de mensen alleen door Mij na te volgen
zalig worden. Een ieder moet zijn kruis op zich nemen en Mijn offergang naar
Golgotha gedenken, die bijna te zwaar was voor een mens en Mij deed
bezwijken...
De liefde van een mens echter hielp Mij, waar Ik het
als mens bijna begaf en Ik bracht het offer, Ik dronk de beker van het lijden
leeg tot de laatste druppel... En wanneer jullie mensen moeten lijden, denk dan
aan Mijn woorden: Wie mij wil navolgen, die neme zijn kruis op zich... Weet,
dat ieder leed dat jullie in overgave aan Mijn Wil dragen, jullie als kruisgang
wordt aangerekend, die voor jullie verlossing en bevrijding van alle schuld
betekent. Weet, dat jullie op aarde zijn, om vrij te worden van schuld, waarvan
jullie als mens de omvang niet kunnen meten, een schuld, waarvoor Ik wel
gestorven ben, om haar te verminderen, die echter ook ieder van jullie moet
helpen voldoen, voor zover jullie daartoe de kracht bezitten, als jullie willen
deelnemen aan het verlossingswerk, dat Mijn liefde is begonnen met Mijn
kruisdood. Jullie mensen is slechts een licht kruisje opgelegd, omdat Ik de
zwaarste last van jullie afgenomen heb, maar geheel zonder leed kunnen jullie
niet blijven om jullie naar Hem toe te drijven, Die jullie altijd helpen wil,
Die jullie moeten navolgen, opdat jullie eeuwig zalig worden.....
Amen.
<Inhoudsopgave.htm>
Home <../../index.htm>
B.D. NR. 5643
3.4.1953
Goede Vrijdag .... Weg
naar Golgotha ....
De Weg naar Golgotha was de beëindiging van Mijn leven
op aarde, het was de overwinning en de vervulling .... het was de zwaarste en
bitterste offergang, want het stond Mij duidelijk in elk detail voor ogen, tot
aan het uur van de dood. Ik wist van alle lijden en kwellingen en ging toch
bewust deze weg. Maar mij stond eveneens de onnoemelijke nood van de zondige
mensen voor ogen, de onmetelijke zondenschuld en haar uitwerking lag als een
samengebalde last op Mijn schouders, en Ik wist, dat, wanneer Ik deze last zou
afschudden - wat ik wel kon met Mijn macht en kracht - de mensheid daaronder
moest bezwijken en de last nooit alleen zou kunnen dragen...
Ik wist, dat deze zondenlast de mensheid eeuwigheden
zou kwellen en haar nooit de vrijheid en zaligheid zou laten bereiken... Ik zag
deze kwellingen van de gehele mensheid voor mijn geestelijk oog en Ik had
medelijden met het onzalige geestelijke. Daarom nam Ik de zondenlast van de
mensheid weg en ging de weg naar Golgotha, Ik nam het onnoemelijke leed op Mij
om de schuld af te lossen, die zo groot was, dat alleen bovenmenselijk lijden
als zoenoffer zou volstaan. Daarom wilde Ik lijden en sterven voor de mensen en
op geen enkele wijze Mijn Lijden verzachten...
Jullie mensen zullen nooit de omvang van het werk van
Mijn barmhartigheid kunnen beoordelen, want ook jullie, die in Mij geloven,
weten dat Mijn goddelijkheid ook het grootste leed zou kunnen verminderen... Ik
echter leed en stierf als mens... Alle kwellingen die een mens maar verdragen
kan, moest Ik ondergaan, geestelijk en lichamelijk werd Ik op de meest
erbarmelijke manier mishandeld, Mijn folteraars kwelden niet alleen het
lichaam, maar ze stootten zulke verschrikkelijke en van haat vervulde woorden
uit, dat Mijn ziel ze als uitingen van de hel herkende en ondraaglijk gemarteld
werd...
Alles wat men zich maar bij lijden kan voorstellen,
heb Ik verdragen, en wel uit liefde voor de mensen, die hun enorme zondenschuld
zelf hadden moeten aflossen en doorvoor eeuwigheden nodig gehad zouden
hebben... Het leed van deze mensen kon Ik als de mens Jezus overzien, en dit
onmetelijke lijden wilde Ik afwenden, door Zelf te verdragen, wat Ik maar
verdragen kon...
Mijn liefde kon niet aan de grote nood der mensheid
voorbij gaan, zij wilde helpen, zij wilde verlossing brengen aan alle
geketenden, zij wilde vergeving afsmeken voor alle zondaren, zij wilde
verzoening tot stand brengen en daarom zichzelf als offer aan de hemelse Vader
aanbieden...
Maar de mensen moeten het gebrachte offer waarderen en
zich door Mij laten verlossen. Daarom roep ik jullie met vurigste liefde op:
Laat Mij niet tevergeefs het offer voor jullie hebben gebracht... Erken, dat
jullie gebukt gaan onder een grote zondenschuld, en wil, dat jullie daarvan
verlost worden. Neem Mijn kruisoffer aan, als voor jullie gebracht, gaan ook
jullie onder het kruis van Golgotha staan, laat Mijn lijden en Mijn dood aan
het kruis niet zonder uitwerking op jullie blijven... Breng Mij al jullie
zonden, opdat Ik jullie bevrijden kan, opdat jullie vergeving verkrijgen, opdat
de Vader jullie aanneemt omwille van de liefde van Zijn Zoon... laat jullie
allen verlossen door Mijn bloed, dat Ik voor jullie mensen aan het kruis heb
vergoten...
Amen.
<Inhoudsopgave.htm>
Home <../../index.htm>
B.D.5791
16 oktober 1953
De weg naar Golgotha.
Het navolgen van Jezus.
De weg naar Golgotha te gaan, is de ware navolging van
Christus. U zult dat (wel) begrijpen als u gelooft, dat Jezus Christus voor u
deze weg gegaan is, dat Hij omwille van uw zonden alle smartelijke kwellingen
van deze gang naar het kruis op Zich nam, dus u het leed heeft afgenomen en
Zelf voor u heeft gedragen. En uw geloof daarover is ook juist. Hij heeft voor
u de schuld teniet gedaan door Zijn lijden en sterven aan het kruis.
Maar de bekroning van Zijn weg over de aarde was de
vereniging met Zijn Vader van eeuwigheid. Hij verenigde Zich voor eeuwig met
Hem. Hij en de Vader werden Een. En om dit doel te bereiken is het navolgen van
Jezus de enige weg en om dit doel te bereiken moet de mens ook een aards leven
vol leed op zich nemen, hij moet geduldig de weg over de aarde gaan tot het
einde, al brengt deze hem nog zo groot leed, nog zo grote tegenspoed en
ontberingen. Hij moet de kelk leegdrinken tot op de bodem en alleen maar steeds
de goddelijke Heer en Heiland voor ogen houden, zijn hele streven moet zijn Hem
na te volgen en met Wie hij ook verenigd zou willen zijn tot in alle
eeuwigheid. Van Hem zal de mens ook kracht toekomen en als de mens zwak wordt
staat de Heiland Jezus Christus naast hem en ondersteunt hem, Hij helpt hem het
kruis dragen tot hij zijn doel heeft bereikt.
En nu zult u begrijpen waarom vrome, God toegedane
mensen vaak door leed en ziekte worden achtervolgd, waarom hun een kruis te
dragen werd gegeven dat hun bijna ondraaglijk voorkomt. Het gaat om het
kindschap God's, om de vereniging met Hem zodanig, dat ze, als het dichtst bij
de Vader staand, onbegrensd kracht en licht kunnen ontvangen en onbeperkte
gelukzaligheid gevoelen die alleen de totale vereniging met Hem teweeg kan brengen,
en dat deze staat daarom het kostelijkste is wat op aarde bereikt kan worden,
doch door grote offers, door het prijsgeven van al datgene wat de mens op aarde
als aangenaam ervaart.
Hij moet in waarheid de weg naar Golgotha gaan, hij
mag niet meer naar de wereld kijken, hij moet met een blik die ervan is
afgewend, schrede voor schrede afleggen in nood en kwelling. Hij moet weten dat
zijn lichaam alleen voor de ziel lijdt, opdat deze dan als volledig gereinigd
voor het Aangezicht God's kan treden, om door de Vader met diepste liefde te
worden aangenomen als Zijn kind, dat uit liefde voor Hem, Hem is nagevolgd, dat
uit liefde voor Hem de weg van het kruis op aarde aflegde en dat nu door Hem
vertrouwd wordt gemaakt met alle rechten van een kind, want het heeft als reeds
naar de Vader teruggekeerd, nu ook nog op aarde de proef afgelegd en doorstaan,
die iedere geschapen engel moet doorstaan om geheel te versmelten met zijn
Schepper en Vader van eeuwigheid, om nu, als volmaakt, te kunnen scheppen en
werken in het rijk van het licht.
Amen
<Inhoudsopgave.htm>
Home <../../index.htm>
B.D. NR. 6512
28.en.29.3.1956
Kruisweg langs
Golgatha ....
De weg naar het kruis moet onherroepelijk worden
gegaan, want deze alleen voert jullie naar de poort der zaligheid... De weg
naar het kruis is de weg van de liefde en het lijden... het is de weg tot Jezus
Christus, het is de weg naar Golgotha...
Jezus Christus Zelf ging hem voor jullie, nochtans
moeten jullie Hem navolgen en alles op jullie nemen, wat jullie beschoren is...
Maar als jullie oprecht de weg naar het kruis willen nemen, naar Hem, de
goddelijke Verlosser, dan staat Hij jullie ook zeker terzijde, want ieder, die
tot Hem wil komen, neemt Hij bij de hand en Hij helpt hem, als hij zwak wordt.
Jullie moeten de weg langs Golgotha nemen, willen jullie de poort der zaligheid
bereiken. Alle lijden en pijn van de goddelijke verlosser Jezus Christus moeten
jullie je aanschouwelijk voorstellen en beseffen, dat Hij dit voor jullie
gedragen heeft.... Jullie moeten Hem als het ware in gedachten begeleiden op
deze weg en bij Hem blijven tot aan het uur van Zijn dood... Zijn leed moet
jullie leed zijn, zodat het jullie hart raakt en de liefde in jullie tot een
heldere gloed doet oplaaien.... Jullie moeten met Hem willen lijden in de erkenning,
dat het jullie zonden zijn, waarvoor Hij geleden heeft en gestorven is aan het
kruis... En zo nemen jullie ook deel aan Zijn verlossingswerk, en jullie worden
tot levende getuigen van Zijn naam.
Niemand kan zalig worden, die zichzelf dit grootste
geestelijke gebeuren niet duidelijk maakt , met een daad, die zijns gelijke
zoekt... Niemand kan worden verlost, die in gedachten nog niet het
verlossingswerk beleefd heeft, die dus eenmaal de weg naar het kruis genomen
heeft, om nu in alle stilte zich bij Jezus op de kruisweg aan te sluiten en bij
Hem te blijven tot Zijn dood... Steeds weer moeten jullie, mensen, deze
gebeurtenis in je herinnering oproepen , en jullie liefde tot Hem zal zich
steeds meer verdiepen, Die voor jullie geleden heeft en gestorven is aan het
kruis...
Deze kruisgang tot Hem en met Hem is onvermijdelijk,
want pas dan dringen jullie door tot het grote geheim van de Menswording Gods
en van Zijn verlossingswerk, dan pas dringt tot jullie door, wat de Mens Jezus
voor jullie gedaan heeft, en dan pas zullen jullie echte volgelingen van Jezus
worden, omdat de liefde tot Hem jullie aandrijft \ prikkelt , omdat jullie niet
meer van Zijn zijde willen wijken, omdat jullie dan ook bereid zijn, het
grootste leed te dragen, om deel te nemen aan Zijn verlossingswerk...
De gebeurtenissen van Jezus’ kruisiging mogen voor
jullie niet slechts woorden blijven, jullie moeten ze in jullie tot leven
wekken, jullie moeten zich verdiepen in het overgrote leed, dat Hij gedragen
heeft en daarom vaak in gedachten de weg naar het kruis gaan... En het kruis
zal voor jullie oplichten, en wijzen naar de poort tot de zaligheid. Dan pas
zullen jullie levendig Zijn Naam kunnen vertegenwoordigen, dan pas zullen
jullie zelf van Verlossing kunnen spreken, dan wordt jullie ziel aangeraakt
door de overgrote liefde van de goddelijke Verlosser, dan echter zal zij nimmer
meer van Hem wijken, en dan zal zij aan Zijn zijde het Lichtrijk kunnen
betreden na het verscheiden van de aarde, omdat haar weg langs Golgotha leidde.
En onnoemelijke zaligheid is haar beschoren, want zij
is nu ontwaakt tot het ware leven, zij heeft de dood overwonnen dankzij Hem,
Die voor haar gestorven is... Het verlossingswerk van Jezus Christus is van zo
grote betekenis, dat Zijn kruisdood steeds weer en in alle innigheid herdacht
moet worden, dat de mens zich steeds weer van Zijn leven en sterven een
voorstelling moet maken, om door te dringen in het mysterie van Zijn
liefdewerk, want hoe meer hij zich bewust wordt van het liefdewerk van Jezus,
des te meer zijn liefde tot Hem aanwakkert, en de liefde drijft hem nu vanzelf
naar het kruis, de liefde neemt ook het lijden van een kruisgang op zich, de
liefde is tot alles bereid, om het offer van Jezus Christus te benutten en als
het ware zelf daaraan deel te nemen, want de liefde offert zich zelf...
Amen
Home
<../../index.htm>
B.D.6938
7
oktober 1957
Laat het kruisoffer
niet tevergeefs gebracht zijn
Mijn lijden en sterven aan het kruis kan voor u mensen
ook nutteloos zijn geweest. Het kruisoffer kan vergeefs gebracht zijn voor u
die er niet van onder de indruk bent, voor u die de Goddelijke Verlosser Jezus
Christus niet erkent en die alleen kennis neemt van de mens Jezus - Hem echter
geen Goddelijke geestelijke zending toekent en zich bijgevolg buiten degenen plaatst
voor wie dat verlossingswerk volbracht werd.
U moet zich bewust tot Hem wenden als u deel wilt
hebben aan de genaden van het verlossingswerk. De verlossing hangt van uzelf
af, ofschoon Ik voor alle mensen aan het kruis gestorven ben. Maar u mensen
beseft niet dat u gebonden bent, dat u zich zonder de verlossing door Jezus
Christus nooit in de vrijheid van licht en kracht zult kunnen verheugen, dat u
gebonden blijft al zouden eeuwige tijden vergaan. U beseft niet dat de toestand
van onvrijheid, van licht en krachteloosheid nooit op een andere manier
veranderd kan worden dan te gaan via Golgotha.
En of u ook de Goddelijke Verlosser Jezus Christus
afwijst, of u ook geen acht slaat op Zijn werk, aan Hem is toch de beslissing
hoelang u zich in een onzalige toestand bevindt. Uw bestaan als mens lijkt
weliswaar niet zo arm, en daarom ziet u niet uit naar Die ENE, Die u een zalig
lot kan verschaffen.
Maar uw aardse bestaan als mens is niet van lange
duur, en daarna worden u de kwellingen van een gebonden toestand pas bewust.
Dan is u de levenskracht ontnomen die u als mens bezat, als u tenminste zelfs
niet gekluisterd in de harde materie bent en hierin ook de kwellingen van het
gebonden zijn moet voelen. Maar zolang u in bezit bent van het ikbewustzijn is
er steeds nog de mogelijkheid dat u tot Jezus Christus uw Verlosser roept, zij
het op deze aarde of in het rijk hierna, als de uiterste duisternis u niet
opneemt.
Daarom is Mijn liefde onvermoeid bezig uw gedachten te
richten op Hem, in Wie Ik Mijzelf belichaamd heb om u te verlossen. Steeds weer
zal Ik trachten u de daad van Jezus voor ogen te stellen, steeds weer zal Ik er
voor zorgen dat er van Zijn verlossingswerk melding wordt gemaakt en u mensen
ervan in kennis wordt gesteld, u die nog geheel afzijdig staat van het kruis en
die aan alles wat met Jezus Christus in verband staat weinig of helemaal geen
belang hecht.
Eens wordt ieder van u aangesproken en op Hem attent
gemaakt en een ieder van u kan zich in gedachten bezig houden met wat hem over
Jezus Christus en Zijn verlossingswerk verkondigd werd en ieder kan nu naar
eigen wil een standpunt over Hem innemen. Maar hoe hij zich instelt is
beslissend voor eindeloze tijden of zelfs voor de eeuwigheid. Want hij kan
eindeloos lange tijden nog in ellende en gebondenheid vertoeven, alsook kan hij
voor eeuwig vrij zijn en in licht en kracht en zaligheid zijn Goddelijke
Verlosser danken voor het werk van barmhartige liefde, waarmee voor hem de
vrijheid betaald werd en waardoor hij weer zijn oertoestand terug kreeg waarin
hij zalig was.
Geen mens is van deze beslissing ontheven en ieder
mens bereidt zelf zijn toekomstig lot, maar Mijn liefde helpt hem voortdurend
de juiste beslissing te nemen. Mijn liefde geeft hem steeds weer aanwijzingen,
zodat geen mens kan zeggen in onwetendheid gebleven te zijn over dat, wat hem
verlossing kan brengen. Doch Mijn liefde bepaalt uw wil niet, want vrijwillig
heeft u deze onzalige toestand gekozen en vrijwillig moet u weer de verlossing
daaruit nastreven.
En daarom stelt dan ook de verlossing door Jezus
Christus uw vrije wil voorop, anders zou de gehele wereld reeds verlost zijn en
niets zich meer in onvrijheid en zwakheid bevinden, daar het verlossingswerk
Voor u mensen volbracht is.
Pas uw wil benut de genaden van het verlossingswerk,
als u zich vrijwillig tot Hem keert Die voor u aan het kruis is gestorven, als
u Mijzelf erkent in Jezus Christus en zodoende zou willen dat Ik voor u
gestorven moge zijn. Dan zult u waarlijk uit de toestand van gebondenheid vrij
worden en zult als verlost van deze aarde kunnen scheiden. U zult kunnen ingaan
in dat rijk waar u in licht en kracht nu onbeperkt kunt werken - en zalig bent.
Amen
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B.D. NR. 7288
20.2.1959
Weten van het
kruisoffer in de duistere sferen ....
Voor alle zielen heb ik Mijn bloed vergoten aan het
kruis van Golgotha... Als de zielen in de duisternis hiervan kennis nemen, dan
is het ook voor deze zielen een straal van hoop, een strohalm, waaraan ze zich
vastklampen, wanneer ze de wil hebben om uit hun kwelling verlost te worden en
uit de hun steeds ondraaglijker wordende nood tevoorschijn te komen.
Want ook in de diepste duisternis wordt soms nog licht
binnen gedragen, wanneer lichtdragers in de diepte afdalen en de zielen verkondigen
dat de Heiland en Verlosser Jezus Christus ook voor hen gestorven is aan het
kruis... Deze lichtdragers komen weliswaar vermomd, ze verschijnen voor de
zielen der duisternis als gelijksoortige zielen, die zich bezonnen hebben en
voor zichzelf een uitweg overwegen, die zich dan Hem herinneren, van Wie zij in
het aardse leven gehoord hebben, maar in Wie zij nooit geloofd hebben...
En nu worden ijverige debatten gevoerd, weliswaar
meestal tegen Mij, Die het verlossingswerk volbracht als de Mens Jezus, want
zij staan allen nog onder het gezag van Mijn tegenstander, die niet wil
toelaten, dat hij één van deze zielen verliest. De lichtdragers echter zijn
voor hem onaantastbaar en hun argumenten overtuigen toch steeds weer
enkelingen, die een uitweg zoeken en zich toevertrouwen aan die boodschappers,
die voorstellen hen daarheen te leiden, waar helder licht straalt, waar hun
kennis zich vergroot en zij beginnen nu hoop te scheppen, omdat zij zich in de
kring van licht goed voelen, maar ook weten, dat zij zich zelf door hun
instelling eerst het recht moeten verwerven, in die sfeer te mogen verblijven.
Zolang zij dit innerlijk afwijzen, kunnen zij nog niet
als aan de duisternis ontsnapt beschouwd worden, zij zal steeds weer boven hen
samenballen en hen opnieuw aan grote kwellingen blootstellen. Maar zij vergeten
niet de woorden van die boodschappers , wanneer ze eenmaal daaraan hebben
deelgenomen en erop ingegaan zijn, ze roepen ze immers door hun gedachten
steeds weer in herinnering, en steeds groter wordt het verlangen, weer in de
kring van licht binnen te kunnen treden en meer te weten te komen over Jezus
Christus, Die ook hen verlost moet hebben en dus ook hen uit hun kwellingen
bevrijden kan.
Dat is het belangrijkste voor de zielen in de
duisternis, dat hen het weten van Jezus Christus en de kruisdood bijgebracht
wordt, wanneer het hen tot nu toe onbekend was. Maar meestal zal slechts een
kleine aanwijzing naar Hem hun herinnering wekken, op voorwaarde dat in hen het
verlangen reeds gewekt is, verlost te worden uit de duisternis. Hebben zij dit
verlangen niet, dan is ook elke kennis van Mijn kruisoffer hen vreemd, dan
hebben ook de boodschappers van liefde en licht geen resultaat, dan staan ze
nog volledig onder het gezag van Mijn tegenstander, en dan zijn veel voorbeden
nodig, om deze verstokte zieken andersdenkend te maken, want zonder Jezus
Christus is er voor hen geen redding uit de duisternis.
In de laatste tijd voor het einde is het juist het
voortdurende werk van de lichtwezens, die zulke zielen in de duisternis willen
helpen, nog voor het einde de diepste diepten te kunnen verlaten, zodat ze niet
opnieuw verbannen zullen worden in een toestand van kwellingen die hun huidige
verblijf nog overtreft. En jullie gebed voor deze zielen draagt er zeer toe
bij, dat hun hardheid vermindert en zij zich openstellen, wanneer hen
hulpvaardige wezens een voorstel doen, om hen naar de vrijheid te leiden.
Het kruis van Christus laat overal zijn Licht stralen,
opdat de zielen steeds meer bedenken, wat dat voor betekenis heeft... Maar pas
de vrije wil van het wezen maakt het mogelijk, dat zich de genade van het
verlossingswerk over de zielen uitstort, want de vrije wil moet bereid zijn Mij
Zelf in Jezus Christus te smeken om redding uit de diepte. En dat zal de ziel
pas doen, wanneer ze onderricht heeft ontvangen, die in haar het geloof aan
Mijn kruisoffer gewekt en versterkt heeft, zo dat zij nu innig daarom bidt, om
door Jezus Christus verlost te worden van haar pijn, die zo lang haar ziel
kwelt, totdat dit besluit in haar rijp geworden is, zich zelf tot Mij in Jezus
Christus te wenden...
Dan echter wordt zij uit de duisternis opgeheven naar
het licht, d.w.z. zij zal de duistere plaatsen niet meer hoeven te betreden,
zij wordt in de kring van lichtzoekers opgenomen en van licht vervuld en zij
zal in diepe dankbaarheid zelf de handen uitsteken, om haar broeders en
zusters, met wie ze de duisternis moest delen, te helpen en te redden... En
zo’n ziel zal ook veel verlossingswerk gelukken, want ze is in haar aandrang
naar liefde ijverig doende, ook aan zulke zielen het evangelie te brengen, ook
hen te overtuigen van het werk van liefde en erbarmen van Hem, Die Zijn bloed
aan het kruis vergoten heeft, om alle zielen te redden van de geestelijke
dood...
Amen
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B.D.7300
6 maart 1959
De kortste weg is de
weg via het kruis
Ik wil u de kortste weg wijzen die naar Mij leidt,
terug in het vaderhuis. Het is de weg via het kruis, de weg naar Jezus Christus
Die Mij als mens Jezus omhulde, opdat Ik voor u het verlossingswerk kon
volbrengen, het werk van genoegdoening voor uw vroegere grote schuld van het
zich van Mij afwenden. Dit werk van erbarming volbracht Mijn Liefde voor u,
Mijn zondig geworden schepselen, die daardoor zichzelf in het grootste ongeluk
hadden gestort en daaruit moesten worden bevrijd.
Mijn Liefde wilde voor u de schuld overnemen en voor u
boete doen, want de Liefde was het enige dat deze grote schuld teniet kon doen.
Uzelf had van elke liefde afgezien, u had elke toestraling van Liefde van Mijn
kant afgewezen, u was totaal zonder enige liefde en omdat deze grote oerschuld
juist alleen met liefde weer was goed te maken, moest Mijn Liefde voor u de
schuld delgen wanneer Ik wilde, dat u ooit weer vrij zou worden en naar Mij
terug zou kunnen keren. U bent daar nu ook door Mijn verlossingswerk vrij van
geworden, met het voorbehoud dat het aan uzelf ligt om in vrijheid weer naar
Mij terug te keren, dat u het zelf moet willen weer door Mij te worden
toegestraald en doorstraald met Mijn Liefde, Die kracht is en licht en
vrijheid.
Deze wil zult u dus eerst moeten opbrengen, als u in
de kring van hen zult willen worden opgenomen, voor wie Ik de bitterste dood
aan het kruis ben gestorven. Slechts uw wil is nodig dat u dan ook de vereiste
kracht wordt toegestuurd om de weg naar Mij af te kunnen leggen, want deze weg
te gaan betekent dat u gewillig bent u weer in het bereik van de zon van Mijn
Liefde te begeven, opdat u uw tot nu toe liefdeloze wezen verandert tot liefde.
Er is dus maar één weg die weer naar Mij terugvoert,
de weg van de liefde, maar die u pas dan zult kunnen gaan, wanneer deze weg
naar het kruis voert, daar u anders te zwak bent, ondanks goede wil, werken van
liefde te verrichten, zolang Mijn tegenstander u nog in zijn macht heeft, zolang
de goddelijke Verlosser Jezus Christus nog niet in uw leven is gekomen, Die u
alleen aan het kruis van Golgotha vindt, wanneer u zich op weg begeeft naar
Hem. Want Hij alleen kan en zal uw nog zwakke wil sterken, doordat Hij u met
zijn aan het kruis verworven genaden overstelpt en u zo a.h.w. de sterkte van
wil terugkrijgt die u eens bezat en door uw val in de diepte had verloren.
Wanneer Ik u dus de kortste weg wil tonen, betekent
dat, dat u absoluut met Jezus Christus in verbinding zult moeten treden, dat u
Hem vraagt om versterking van uw wil, om vergeving van uw schuld en om
verlossing uit uw nog gebonden toestand. En dit alles heeft ook dezelfde
betekenis als een leven in liefde, met onophoudelijk werkzaam zijn in liefde,
dat uw wezen geheel omvormt en u het zo weer aanpast aan het Wezen van Mij, Die
de eeuwige Liefde ben.
Ieder mens die zijn best doet in de liefde te leven,
zal ook de ogen opslaan naar Jezus Christus aan het kruis, hij zal zich
schuldig voelen en vragen om vrij te worden van zijn schuld, hij zal in de
zwakke toestand van zijn ziel de weg nemen naar Jezus Christus en een beroep
doen op Zijn aan het kruis verworven genaden. Hij zal zich bij Hem aansluiten
omdat hij zich zelf te zwak voelt en hij zal niet verder hoeven te gaan dan naar
dit kruis, omdat hij daar alles vindt wat hij nodig heeft om weer opgenomen te
worden in zijn vaderhuis.
De vergeving van de zondeschuld is voor hem zeker,
omdat hij ook zijn wezen heeft veranderd, zodra de gang naar het kruis een
sterke innerlijke behoefte is voor hem en hij daarom ook een heel diep berouw
heeft over zijn schuld. Maar deze verandering van wezen heeft niet plaats
zonder de wil lief te hebben, want het is juist de liefde, die het wezen
ontbreekt en die het weer in zich moet ontsteken om zich aan Mijn Oerwezen aan
te passen. Maar de mens zal het ook kunnen, wanneer hij maar van goede wil is
om zijn opgave op aarde te vervullen, waarvoor hem het bestaan op aarde is
geschonken. De wil is alles en hij krijgt zeker versterking door Jezus Christus.
Daarom echter kan de goddelijke Verlosser niet worden uitgeschakeld en daarom
is de gang naar het kruis de enige grote taak van de mens, waarvan het
volbrengen hem echter kracht en vrijheid, licht en gelukzaligheid verzekert,
zoals het u beloofd is.
Amen
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B.D. NR. 8349
6.12.1962
Delging van de
zondenschuld door het bloed van Jezus ....
Jullie mensen moeten allen kennis nemen van het werk
der verlossing dat de Mens Jezus op aarde heeft volbracht, om Mij verzoening te
brengen voor de overgrote zondenschuld van de destijds van Mij afgevallen
geschapen geesten... en om te voldoen aan Mijn rechtvaardigheid...
Daarom zond Ik Mijn discipelen uit in de wereld, zodat
zij van Mij en Mijn liefde konden getuigen, die zich manifesteerde in de Mens
Jezus, want de Liefde volbracht dit werk van erbarming en de Liefde ben Ik
Zelf. Aldus moesten mijn discipelen bij de verkondiging van Mijn Evangelie
steeds weer van Mij gewag maken, ze moesten de mensen eerst kennis geven van Mijn
goddelijke geboden van Liefde en hen ook uitleg geven over het verlossingswerk
van Jezus Christus... zij moesten steeds Hem gedenken, Die hen uitzond in de
wereld met de opdracht, de mensen te voeden met Mijn Woord en ter gedachtenis
aan Mij Zelf kond te toen van het kruisoffer, dat de Mens Jezus gebracht heeft.
De kennis van dat kruisoffer moet alle mensen
toekomen, en deze kennis zal ook niet verloren gaan, zolang er nog iets
geestelijks bestaat dat niet bevrijd is, dat zich als mens op aarde bevindt. Alle
mensen moeten ervaren, dat een Mens in zuivere, onzelfzuchtige liefde Zijn
Bloed vergoten heeft, om hun schuld te delgen, die een overgroot zoenoffer
vereiste, om als juiste vereffening tegenover hun God en Vader te gelden...
Maar steeds weer wordt jullie gezegd, dat jullie als
mens de omvang van dit kruisoffer niet kunnen bevatten, maar het moet genoeg
zijn, dat jullie weten, dat Jezus Christus moet worden erkend als Gods Zoon en
Verlosser van de wereld, in Wie Zich de Eeuwige Liefde Zelf belichaamd heeft,
om de mensen te verlossen van zonde en dood. En dit weten moet jullie
aansporen, de weg naar het kruis te nemen, d.w.z. uit vrije wil jullie schuldig
te bekennen, jullie schuld aan Hem over te geven, en berouwvol om vergeving te
bidden... om reiniging, om weer voor God’s aangezicht te kunnen treden, Die
jullie mensen nu kunnen aanschouwen in Jezus Zelf...
Weet, dat Ik steeds alleen maar moeite doe, jullie de
weg naar het kruis te laten vinden... dat Ik alles doe, om jullie door Mijn
boodschappers, door Mijn discipelen, die Ik Zelf uitkies, dit probleem van Mijn
Menswording in Jezus en Mijn offerdood aan het kruis begrijpelijk te maken,
omdat er geen andere redding voor jullie bestaat, vrij te worden van de schuld
van de toenmalige ontrouw aan God... omdat alleen de goddelijke Verlosser Jezus
Christus deze schuld gedelgd heeft en jullie daarom Zijn verlossingswerk
erkennen en ook de genade van Zijn verlossingswerk aannemen moeten, omdat
jullie anders voor eeuwig niet tot Mij als jullie Vader kunnen terugkeren...
omdat Ik geen wezen in Mijn Rijk van het Licht en de Zaligheid kan opnemen, dat
met zonden beladen is.
Maar jullie moeten schoongewassen zijn door Zijn
bloed, dat Hij voor jullie aan het kruis vergoten heeft... Zijn dood was een
offerdood, want Hij heeft deze vrijwillig op Zich genomen, Hij is vrijwillig
een onnoemelijk zware lijdensweg gegaan, bekroond met de dood, die de mensheid
verlossing bracht van zonde en dood...
Maar jullie kunnen er ook zeker van zijn, dat voor
ieder mens de schuld gedelgd werd door Zijn werk van erbarming, dat Hij voor
alle mensen van het verleden, van het heden en van de toekomst Zijn Bloed
vergoten heeft en dat slechts jullie vrije wil daarvoor nodig is, om dit werk
van erbarming aan te nemen; dus jullie moeten tot hen willen behoren, die Zijn
Bloed heeft schoongewassen van alle schuld. Hij gaf Zijn leven aan het kruis...
Hij is bewust de laatste weg gegaan, omdat Hij Zich opofferde voor de zonden
van de mensheid, en zo moeten ook jullie bewust de weg nemen tot Hem, onder Zijn
kruis...
Jullie kan niet de verlossing worden geschonken tegen
jullie wil... Een Mens heeft dit uiterst zware offer gebracht, omdat Ik als God
niet had kunnen lijden en daarom ook Mij op het laatste moment terugtrok,
ofschoon Ik Hem volledig vervulde van mijn liefdeskracht, maar de Mens Jezus
benutte deze ongewone kracht niet meer, om Zich te bevrijden van alle nood en
kwelling... wat Hem wel mogelijk was... maar Hij heeft als mens alleen geleden
en is als mens alleen gestorven aan het kruis...
Hij heeft met Zijn Bloed de mensheid vrijgekocht van
Mijn tegenstander, die zo lang nog recht op de zielen heeft, als zij geen
aanspraak maken op het verlossingswerk van Jezus en de schat van genade. Maar
wie verlost wil worden, die moet mijn tegenstander vrij laten, omdat daarvoor
het grote offer gebracht is aan het kruis. En zoals Ik jullie mensen steeds
weer de kennis daarvan doe toekomen, zo moeten ook jullie het doorgeven, jullie
moeten Mijn Naam verkondigen in de wereld, in Wie alleen het heil te vinden is...
Jullie moeten Mijn leer van liefde uitdragen en steeds
weer melding maken van Hem, Die Zelf de geboden van liefde gegeven heeft, Die
Zelf op aarde een leven in liefde leidde en tenslotte door Zijn dood aan het
kruis het grootste werk van liefde volbracht, omdat Hij jullie van de zonde
wilde verlossen, die jullie al eeuwen lang van Hem gescheiden hield en die
jullie ook eeuwig niet hadden kunnen inlossen...
Jullie leven op aarde als mens zal echter tevergeefs
zijn, wanneer deze niet leidt naar het kruis van Golgotha... Want op deze weg
kan en zal Mijn tegenstander jullie niet volgen, hij zal jullie moeten
vrijlaten, want hij heeft dan alle aanspraak op jullie verloren, en jullie
toenmalige afvalligheid van Mij is verzoend door de liefde...
Amen
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