Wenn wir zu dem
ehemaligen zweiten Band der
"Szenen aus dem Geisterreich“,
der nunmehr dem ersten völlig angegliedert wurde, keine
Erläuterungen mehr geben, geschieht dies lediglich deshalb, weil Stilling hier
keine Anmerkungen mehr brachte.
Erst nachdem der erste Band eine so begeisterte Aufnahme im
In- und Ausland gefunden hatte, wurde der zweite geschrieben. Wie Stilling
selbst erklärte, waren zwischen dem Erscheinen des ersten und zweiten Bandes
umfassende innere Erleuchtungen und neue Kenntnisse um das Jenseitige
hinzugekommen, die ihn zwangen, dem ersten Teil durch entsprechende Fußnoten
das gleiche Milieu zu geben. Nur auf der passenden Grundlage konnte das neue
Werk völlig von dem Leser aufgenommen und verarbeitet werden. In diesen 16. bis
27. Kapiteln tritt Stillings überragende Reife und wahre Christlichkeit derart
erschöpfend und umfassend an den Tag, daß eine Hinzufügung unsererseits jetzt
völlig fehl am Platz wäre.
Wenn ein Mensch sich selber in seiner letzten und höchsten
Vollendung in Wort und Schrift erfaßt und niedergelegt hat für andere, dann
kann ein Zweiter niemals zu diesem Erleben etwas von sich hinzutun, ohne dem
Geschaffenen etwas von seinem Wert zu nehmen, das Vollkommene mit neuen
Ansichten und Fragen vielleicht sogar zu verkleinern.
Vor allen Dingen aber kann man im Anregen unter Umständen
die falsche Linie betreten und damit dem Ganzen letzten Endes noch den Stempel
der "Halbheit“ aufdrücken.
Das aber wäre - gerade in diesem Falle - ein Fehler, der zu
einem Übel ausarten könnte. Dessen darf sich niemand schuldig machen, der
gewissenhaft auf den Spuren der Vorangegangenen sucht.
Nur der Mensch kann allen etwas Wahres geben, der in
sich eine unumstößliche Wahrheit gefunden und für andere freigemacht hat.
Wir Menschen von heute, indessen wollen
und müssen hinüberblicken zu jenen, die vor uns
gestrebt und gerungen haben. Wir müssen auch einmal im vergangenen Denken
untergehen können, um dann - auferstehend durch das eigene Gedankengut
- uns selbsttätig dem Göttlichen vereinen zu können. Nur damit können wir - wie
Schiller sagte:
"Neues Leben auf den Ruinen grünen
sehen.“
Auf den Ruinen! Stehen sie nicht täglich
vor unseren Augen - diese Ruinen unserer Zeit?
Mahnen sie uns nicht mehr als jemals
vorher an die Vergäng1ichkeit alles Erdenseins und an die Möglichkeit, immer
wieder auf dem Alten das Neue zu schaffen?
Darum wollen wir nicht trostlos auf sie
schauen - nie mehr mit dem Gedanken:
"Wie war es einst
so schön“
Sondern nur noch mit dem unumstößlichen
Willen, aus der einstigen Größe und Schönheit mit neuer Kraft und bewußter
Energie für uns das Neue in der irdischen und später in der himmlischen
Welt zu bejahen.
Nur durch das "Ja" im
Erdentun gesprochen, finden wir künftig das "Ja" zu allem,
was der geistige Vater für uns bereit hält, und zu dem wir uns hier bereitgemacht
haben.
E r s t e S z e n e.
Die Selbstmörder
Siona und Ich.
Siona. Du nahst dich mir aus dem Geräusch deines
irdischen Wirkungskreises - es wird still in deiner Seele - dein inneres Ohr
öffnet sich meiner Stimme - dein Sehnen nach Licht steigt zum Thron des Ewigen
hinauf. Er winkt, ich soll dich belehren - öffne vor mir das Geheimste deines
Herzens!
Ich. Unaussprechlich erhabene Tochter der Ewigkeit,
es gehen jetzt so viele ungerufen aus diesem Leben in die Geisterwelt
hinüber, daß es dem redlichen Christen - der ohnehin Ursache genug zum Sorgen
und zum Klagen hat - über all dem Jammer des Selbstmords weh ums Herz wird.
Männer von unbescholtenem, ehrbarem Wandel, die glücklich und gesegnet in
ihrem Hauswesen und Gewerbe waren, ihre Weiber und Kinder zärtlich liebten und
auch eben so geliebt wurden, gehen ohne weitere bekannte Veranlassung in die
Einsamkeit und rauben sich selbst das Leben. Mädchen von untadelhafter
Aufführung, liebenswürdig und unschuldig, zerknirschen die Blüte ihres Lebens
und schwinden hinüber ins Tal des Schweigens. Helden unserer Zeit - Riesen wie
vor der Sintflut - sind sich selbst genug, sie bedürfen keines anderen Führers,
als ihrer eigenen Vernunft; sie gehen - wie sie wähnen - ohne den Leitfaden der
Vorsehung nötig zu haben, bloß durch ihre Klugheit geleitet, ihren Lebensweg
einher. - Plötzlich treten ihnen Hindernisse, unübersteigliche Klippen in den
Weg, wo sie ihr Leitstern verläßt; stolz, als unabhängige Selbstherrscher ihres
Ich' s, schneiden sie ihren Lebensfaden ab und stürmen
lästernd und empörend ins Geisterreich hinüber. Dort wird ein Knabe von acht
bis zehn Jahren durch geile Weibspersonen, oder schon im Keim vergiftete Gassenbuben,
mit dem gefährlichen Geheimnis des Geschlechtstriebes bekannt. Ohne zu wissen,
daß er einen Frevel tat, ein Laster, einen Hochverrat an der beleidigten
göttlichen Majestät begeht, raubt er dem allmächtigen Schöpfer, seinem himmlischen
Vater, das kostbarste Werkzeug der Menschen-schöpfung - spielt damit. - Und
siehe! Ein Basilisk schlüpft aus dem Ei, das er in seinem Wesen ausgebrütet
hat; dies Ungeheuer setzt sich in seiner durch die Glut der Hölle erhitzten
Phantasie fest, und fängt da nun sein unendliches Nagen an. Als Jüngling und
Mann sieht er nun zu spät ein, welch' ein herrliches Paradies er verscherzt und
welch' eine Hölle er sich schon diesseits des Grabes in seiner Seele
angezündet hat! - Sein bis auf Haut und Knochen ausgemergelter siecher,
stinkender Körper ist ihm nun ein quälender Kerker und eine Folterbank, auf
welcher er ausgespannt, ächzt, und wo seine Lüste als so viele höllische Furien
an seinen Eingeweiden nagen; ermattet entflieht er seinem Kerker, er durchbricht
eigenmächtig das baufällige Tor und schwankt betäubt und müde zum dunklen Hades
hinüber. Freche Dirnen lüften dem unschuldigen Mädchen den Schleier der
Schamhaftigkeit und unterrichten es im einsamen Greuel. Das unschuldige
Lamm folgt, ohne zu wissen, was es tut, und sein Schicksal ist das nämliche,
wie das des vorhin gedachten Knaben. Ernstlich kämpft und ringt eine fromme
Seele durch Buße und Bekehrung zur neuen Geburt. - Sie erlangt Gnade und
Vergebung ihrer Sünden durch den großen Versöhner; sie lebt nun christlich und
wandelt vor Gott. - In irgend einem unbewachten Augenblicke schießt der
Versucher einen feurigen Pfeil in ihren Sinn, sie glaubt eine unverzeihbare
Sünde begangen zu haben; sie ringt um Gnade, sie kämpft und erlangt keine; sie
fühlt sich schon verdammt, und endlich verzweifelt, sie reißt das Band zwischen
sich und dem Körper gewaltsam entzwei, und sucht nun nackend im dunklen
Totenbehälter den 'Trost, den sie in ihrem Käfig nicht finden konnte. Sage mir,
göttliche Siona, was wird aus allen ungerufenen Ankömmlingen im
Geisterreich?
Siona. Schwinge
die Flügel der geheiligten reinen Phantasie!
Folge mir ins Unendliche! - Komm und
siehe!
Ich. Ich
sehe eine dunkle, endlose Weite - dämmernd wie in einer Dezembernacht, wenn das
junge Licht, durch einen schwärzlichen Nebel verschleiert, alle Gegenstände in
ein zweifelhaftes Dasein verhüllt. - Ich sehe die Geisterwelt - den
Totenbehälter - den Hades. Gott! wie schauerlich, wie leer, wie still! -
Hier läßt sich's ausruhen, bis zum letzten Schritt hinauf oder hinunter - hier
ist es nicht schrecklich, aber auch nicht angenehm; hier ist es, wie es einer
mitbringt, wenn er stirbt. Rechts gegen Morgen schimmert der Tag des ewigen
Lebens über die endlose Gebirgsreihe herüber, vor mir weithin, und links ewige
Nacht.
Siona. Schärfe
deinen Blick dorthin, links hinüber gegen Nordwesten. - Siehst du nichts?
Ich. Noch
sehe ich nichts - aber hier ist ein Ort, wo die Phantasie reichen Stoff zum
Schaffen findet; mich dünkt, als sähe ich so etwas einer Stadt Ähnliches.
Siona. Du
irrst nicht. - Wo die Natur aufhört, da fängt die Phantasie an, nur daß sie in
der Gnade und in der Wahrheit in der Gegenwart Gottes bleibe, sonst kann sie
nicht eine Stätte bereiten, an der der Erlöser keinen Teil hat, da ist auch
keine Seligkeit, sondern Verdammnis. Du glaubst also etwas Stadtähnliches zu
sehen? - Du hast recht, es ist die Wohnung verschiedener Arten der
Selbstmörder, das Zuchthaus der Ewigkeit.
Ich. Hier im
Hades eine Wohnung! - Dessen Natur ja sonst da rinnen besteht, keine
Wohnung zu sein! Hier hat ja kein Wesen - kein Etwas - und kein Nichts eine
bleibende Stätte.
Siona. Ganz
richtig! Und eben darum ist es ein Aufenthalt für Selbstmörder; denn diese
gehören nicht ins Leben, weil sie einen Abscheu dagegen haben, der im Tode mit
dem abgeschiedenen Geiste hierher kommt, und ihn wie ein nagender Wurm immer
verfolgt; nicht in den Tod, denn den hat ihnen der Herr über Leben und Tod noch
nicht angewiesen - nicht in die Hölle denn dazu muß mancher gottlose Selbstmörder
da erst reif werden; nicht in den Himmel: denn auch der frömmste und unschuldigste
Selbstmörder muß ja erst den Abscheu gegen seinen Körper abgelegt haben, ehe
er, mit seinen feinsten Teilen vereinigt, vollkommen selig werden kann.
Ich. Aber
göttliche Freundin, das betrifft doch nicht alle Selbstmörder? - Denn es gibt
Menschen, die sich in völliger Verrückung ganz schuldlos das Leben nehmen -
Menschen, die vorher fromm und tadelfrei gelebt haben, aber entweder durch
Krankheit oder durch schwere unerträgliche Leiden so schwermütig geworden
sind, daß sie nicht wissen, was sie tun. Diese können doch ebensowenig des
Verbrechens des Selbstmordes wegen bestraft werden, als ein Schlafwandler, der
sich von einer gefährlichen Höhe herabstürzt.
Siona. Du
hast recht geurteilt; aber kein Sterblicher kann entscheiden, in was für einer
Seelenstimmung irgend ein Mensch im Augenblick des Selbstmordes steht - und
eben darum gilt hier vorzüglich jenes große Gesetz der Liebe: Richtet nicht,
so werdet ihr nicht gerichtet. Kein Mensch soll über einen Selbstmörder
ein Urteil fällen. - Doch so viel kann ich dir auch in Wahrheit versichern, daß
bei weitem nicht alle Selbstmorde schuldlos sind. Aber komm! Du mußt zur
Belehrung deiner Brüder das Schicksal dieser armen Geister näher kennen
lernen.
Ich. Auf
den Schwingen der Phantasie, und zumal im Hades, kommt man schnell von
einem Ort zum andern; ich schwebte durchs dunkle Tor in diesen Kerker, der
einer weitläufigen Ruine ähnlich schien. Es kam mir vor, als wenn ich in einer
durch Belagerung und Eroberung verödeten Stadt, in einer Dämmerung herumwandelte,
in welcher man soeben Formen und Gestalten erkennen kann, deren ich denn auch
einige sah, die mir Schauder und Entsetzen verursachten: ich bemerkte nämlich
lebende und sich bewegende Totengerippe, welche von anderen Geistern wie
gefangen gehalten und hin und her geführt wurden. Wer sind diese? - fragte ich
meine himmlische Führerin.
Siona. Diese
Totengerippe sind eben die abgeschiedenen Selbstmörder. - Sie können keine
andere Form annehmen als diese; denn sie haßten ihren Körper - die Ursache
ihres Todes bestand darinnen, daß die feinste Materie des Körpers, die Lebensgeister,
die das einzige Werkzeug des unsterblichen Geistes, ausmachen, wodurch er auf
seinen Körper, und wodurch dieser wieder zurück auf jenen wirkt, dem Geiste
unerträglich wurden. - Nun aber kann der menschliche Geist, dieser göttliche
Funke, unmöglich ohne jene feinere Materie, ohne die Lebensgeister wirken. - Er
ist unzertrennlich mit ihnen verbunden und heißt in der Vereinigung mit ihnen: Seele.
Du kannst also denken, wie schrecklich dem armen Geiste zumute sein wird,
wenn er aus der Betäubung des Todes erwacht, und nun findet, daß er keineswegs
dem unerträglichen Dasein durch seinen Tod entlaufen ist, sondern daß er sogar
auf ewig da sein und da bleiben müsse?
Bei einem
Menschen, der in seinem natürlichen Zustande stirbt, verhält sich die Liebe zum
Körper, wie die Liebe zum Leben; daher nimmt der Geist alle Materie, die er nur
brauchen kann, mit in den Hades, und erscheint er also in seiner vollkommenen
Gestalt. Hingegen der Selbstmörder nimmt ihrer aus Haß zum Leben so wenig mit,
als nur möglich ist, und darum erscheint er hier in der scheußlichsten Gestalt
des Totengerippes, und ist daher allen Geistern ein Greuel und dem ganzen
Höllenreiche ein Spott und Gegenstand der äußersten Verachtung.
Ich. Auf
diese Weise ist es also auch möglich, daß es Krankheiten gibt, welche von der
Beschaffenheit sind, daß sie die Lebensgeister dem Geiste ekelhaft machen und
ihn zum Selbstmord verleiten können?
Siona. Das ist
nicht allein möglich, sondern sogar ein gewöhnlicher Fall.
Ich. Aber
dann verzeihe mir auch, himmlische Freundin, wenn ich's sehr streng finde, daß
ein solcher Selbstmörder doch im Grunde nichts dafür kann, daß er eine solche
Krankheit bekommt und nach seinem Tode ein so hartes Schicksal ertragen muß.
Siona. Es kann
sich zutragen, daß einem Manne seine Frau, oder einem Vater sein Kind, ohne
sein Verschulden unerträglich wird; dies geht so weit, daß der Mann oder Vater
endlich den Gegenstand seines Hasses ermordet. - Findest du es nun sehr streng,
wenn ein solcher Mörder hingerichtet - mit dem Tode bestraft wird? -
Ich. Vergib
mir, ich habe geirrt; ich erkenne jetzt die Sache in ihrem wahren Lichte; es
kommt nämlich alles darauf an, ob der Selbstmörder in dem Zeitpunkte, wo er
beschließt, sich das Leben zu nehmen, noch Gutes und Böses richtig und deutlich
unterscheiden kann.
Siona. Du
urteilst recht. - Aber es kommt zugleich auch noch darauf an, ob er durch wissentliche
Sünden und Vergehungen an seiner Geistesschwäche oder an dem Ekel und Haß
des Geistes gegen die Lebensgeister schuld sei?
Ich. Das ist
wahr! - Aber dann kann ihm doch, wie mich dünkt, der Selbstmord nicht
zugerechnet werden; denn diesen begeht er unschuldig; er ist also nur für die
erste Sünde verantwortlich.
Siona. Lieber
Freund, so urteilst du als Mensch, aber vor dem göttlichen Gerichte gilt dein
irdisches Kriminalrecht nicht. Menschen können nicht anders, als nach positiven
Gesetzen richten, weil sie nicht allwissend sind; aber Der, der Herzen
und Nieren prüft, alle Ursachen und Wirkungen überschaut, der schätzt die
Sünden nach ihrem wahren Gehalt, und dann sieht es fürchterlich mit einem
solchen armen Adamskinde aus, wenn es nicht in den Erlösungsanstalten des
Mittlers, Vergebung seiner Sünden gesucht und gefunden hat.
Ich. Dank
dir Göttliche, für deinen Unterricht. - Aber ich möchte doch gern nun noch
näher über das Schicksal der Selbstmörder belehrt werden.
Siona. Folge
mir! Dein Wunsch soll erfüllt werden.
Wie wenn man im
Traum zwischen öden Ruinen, in schattigen Hallen einsam und schauerlich dahin
zu schweben wähnt und Gespenster ahnet, so auch hier. - Endlich brachte mich
meine Führerin in ein hohes und weites Dunstgewölbe, welches durch den Richter,
der dort oben saß, furchtbar dämmernd erhellt wurde. Hoch und hehr saß da auf
seinem Richterstuhl ein Engel, dessen gemäßigter Glanz einem lichten Gewölbe
ähnlich war, so wie man es durch einen schwarzen Flor verschleiert ansieht,
- ich fragte Siona:
Wer ist dieser furchtbare Richter?
Siona. Einer
von den Engeln des Todes, welche sonst den Auftrag haben, den frommen
Sterbenden beizustehen und ihre Seele von der sterblichen Hülle zu entlasten.
Diese Todesengel sind die Richter der Selbstmörder: denn da es ihnen allein
zukommt, die Menschen durch das Tal des Todes zu führen und auf dieser ihrer
Pflichterfüllung ihre Seligkeit beruht, die sich so wie jene verhält, so
entzieht ihnen jeder Selbstmörder einen Teil ihres Amtes, folglich auch einen
Teil ihrer Belohnung. Zum Ersatze dafür haben sie das Recht, die Selbstmörder
zu richten.
Ich. Ich
begreife nicht, wie dieses Richten Ersatz für sie sein kann.
Siona. Dieses
Richtgeschäft vertritt die Stelle des Dienstes, den sie den Sterbenden leisten,
und so verlieren sie nichts dabei.
Ich. Vortrefflich!
Aber ich sehe, daß hier ein Engel richtet: nach dem Ausspruch der heiligen
Schrift sollen ja die Heiligen, das ist: Menschen, die hier weit in der
Gottähnlichkeit vorgerückt sind, die Welt richten.
Siona. Alle richtenden
Engel sind verklärte Menschen, folglich Verwandte des Erlösers, der
für sie Mensch wurde. Es gibt aber auch noch viele andere Engel, welche in
vorigen Aeonen Bewohner der Erde gewesen und ihrem Schöpfer treu geblieben
sind, diese sind dienstbare Geister, welche um dererwillen, die die Seligkeit
ererben sollen, ausgesandt werden. Indessen gibt es auch sehr viele dienende
Engel, die Menschen gewesen sind. Kinder, welche vor den Jahren des
Unterschieds sterben, werden solche Engel. - Plötzlich schwebte ein
Selbstmörder herzu, der von zwei Dienern des Hades vor Gericht geführt
wurde. Ich fragte Siona, wer diese Diener des Hades seien und
bekam zur Antwort:
Der Hades hat
einen Fürsten, dem die bösen Engel des Todes zu dienen untergeordnet sind.
Diese suchen alle abgeschiedenen Geister, welche hier ankommen und noch nicht
vollendet sind, das ist, die noch nicht sanftmütig, demütig und liebend genug
zur Himmelsbürgerschaft sind, oder Christum noch nicht ganz angezogen haben,
auf allerlei Weise zu verführen, zu verwirren, zu berücken, auch wohl zu
quälen. Indessen, wenn sie es nur verlangen, so werden sie immer von guten
Engeln begleitet, die ihnen so lange mit Unterricht an die Hand gehen, bis sie
das noch Rückständige des menschlichen Verderbens durch die Wirkung des
heiligen Geistes vollends abgelegt haben. Daß es einen solchen Fürsten des Hades
gibt, der mit den bösen Todesengeln dereinst ein strenges Gericht wird
aushalten müssen, das beweisen die Stellen Offenbarung Johannes 20. V. 13.
14., wo es in der deutschen Übersetzung heißt: Der Tod und die Hölle gaben ihre
Toten usw. und der Tod und die Hölle wurden geworfen in den feurigen Pfuhl. In
der griechischen Grundsprache heißt es aber nicht Gehenna, Hölle, sondern
Hades, der Totenbehälter. Wie kann nun der Tod und der Totenbehälter in
den feurigen Pfuhl geworfen und bestraft werden? - Das wäre ebenso widersinnig,
als wenn einer sagt: Das Gefängnis sei aufgehangen oder mit dem Schwert
hingerichtet worden! - Folglich wird vielmehr der Kerkermeister, der Fürst des Hades,
mit seiner Dienerschaft, dem gesamten Heere der bösen Todesengel, die
Scharfrichter des Ewigen sind, darunter verstanden.
Da der
Selbstmörder sich selbst vor der bestimmten Zeit das Leben raubt, so sind
keine guten Todesengel bei ihm, wenn er stirbt, sondern die bösen gesellen sich
alsofort im Augenblicke des Abscheidens zu ihm, bemächtigen sich seines armen
Geistes und bringen ihn vor dieses Gericht, wo er dann sein gerechtes Urteil
empfängt, wie du jetzt erfahren wirst.
Ich richtete nun meinen Blick wieder auf
den Selbstmörder, der mir wie ein kaum merkbares Dunstbild in Gestalt eines bis
auf Haut und Knochen abgezehrten Menschen vorkam. Auf jeder Seite stand ein
Todesengel, aus dessen Gesichte die Physiognomie eines Satans hervorblitzte.
Der arme Sünder schien mir mit einer erbarmungswürdigen Miene um Gnade zu
flehen und sie auch zu erwarten, und ich wurde vom innigsten Mitleiden gegen
diesen armen Geist durchdrungen; ich hätte ihm, wenn ich Richter gewesen wäre,
alles verziehen.
Mit einem
durchdringenden Posaunenton sprach nun der furchtbare Richter: Sohn Adams, Merothai,
entwickle deine Lebensrolle! Jetzt sah ich in dem Dunstbilde des Geistes
eine Veränderung vorgehen. Es schienen ihn tausend Gestalten in reger Tätigkeit
zu umschweben, aber mein Auge war für die Sprache der Geisterwelt noch nicht
geöffnet; ich konnte ihre Schrift noch nicht lesen, daher wendete ich mich
wieder an Siona und bat sie, mir zu erklären, was da im Geiste des
Selbstmörders vorginge. Sie antwortete:
Dieser Merothai
war immer ein braver, rechtschaffener Mann; er lebte recht glücklich mit
seiner Familie, war wohlhabend und fürchtete Gott von Herzen, doch ohne viel
davon zu reden, oder wie man zu sagen pflegt, den Schild des Christentums
auszuhängen. Er war insgeheim wohltätig und bestrebte sich, seinen stillen
Glauben durch verborgene edle Handlungen seinem Gott und Erlöser und durch sein
unsträfliches Leben seinen Mitmenschen zu bezeugen. Einstmals, als er an einem
sehr heißen Tage mit bloßem Haupt im Sonnenschein über die Straße ging, bekam
er einen Sonnenstich; dadurch wurde sein Kopf so schwach, daß er zu Zeiten
gleichsam Abwesenheit des Geistes hatte und von einer tiefverborgenen Schwermut
gequält wurde, die manchmal bis zum Lebensüberdruß stieg. Indessen sein
stiller, ohnehin zur Schwermut geneigter Charakter verbarg dies alles vor
seinen Lieben, um sie nicht zu betrüben, bis er endlich einmal einen überfal1
bekam, der ihm zu mächtig wurde, wo er dann einen Spaziergang machte und sich
dort das Leben raubte. Sieh, das ist das Wesentliche aus dem Gemälde seiner
Lebensrolle, die du in ihm sich entwickeln siehst.
Kaum war dieser wichtige Zeitpunkt in der
ganzen Existenz eines menschlichen Geistes vorüber, als der richtende Engel
fortfuhr:
Merothai, dein
Selbstmord wird dir nicht zur Sünde gerechnet:
zwei böse
Todesengel überraschten dich zur Zeit deiner Ohnmacht, wo du nicht mit ihnen
kämpfen konntest. Mit diesen Worten strahlte der furchtbare Richter schrecklich
und schoß einen Blitz auf die beiden Mörder des Merothai, den er mit den
Donnerworten begleitete: Fort, ihr Verfluchten, bis ihr zum Feuersee reif seid!
Die beiden Schrecklichen stoben hin ins Unendliche, und man sah sie nicht
mehr.
Nun strahlte
der Richter sanft, wie der anbrechende Tag, und in diesem Licht verwandelte
sich Merothai in einen Knaben von sechs Jahren, er lächelte himmlisch
und sein Blick war Seligkeit. Hättest du, fuhr der Richter fort, treu und
ununterbrochen, beständig mit Wachen und Beten in der Gegenwart Gottes
gewandelt, so hätte dir dein Trauergeist nicht geschadet. Du hättest Mut und
Kraft zum Kampf bekommen und endlich in der Gemeinschaft der Leiden des
Erlösers siegreich überwunden. Endlich hätte ich oder einer meiner Brüder dich
durch das dunkle Tal des Todes und unmittelbar hinüber ins Reich der Herrlichkeit
geführt, und du wärest zur Würde der Überwinder erhoben worden, die du nun aber
in Ewigkeit nicht erreichen kannst, sondern du wirst keine andere Seligkeit,
als die, die frühzeitig sterbenden Kindern zuteil wird, erlangen.
Hierauf
erschienen zwei andere Engel, die nun den Merothai ins Kinderreich, das
ist in das Reich des Unterrichts, geleiteten, wo er seinem Urteil gemäß die
Ewigkeit durchleben und immer die Seligkeit der Kinder genießen wird.
Mir schien dies
Urteil etwas hart und dunkel zu sein, ich wandte mich daher an Siona und
fragte: Sage mir doch, göttliche Lehrerin, warum wird dieser Selbstmörder des Selbstmordes
wegen - den er doch in der Abwesenheit des Geistes beging auf die Ewigkeit
hin - ohne ferneres Wachstum bloß mit der Kinderseligkeit begnadigt? Und können
denn auch kleine, frühverstorbene Kinder nicht einen ebenso hohen Grad der
Seligkeit erreichen, als Erwachsene?
Siona, Wer
redlich und treu im Wachen und Beten und im Wandel vor Gott bleibt, der wird
nie und auf keinen Fall ein Selbstmörder, denn sein immerwährendes Gebet
erwirbt ihm so viel Kraft, als er zum Kampf gegen jeden Trauergeist nötig hat.
Wenn er auch in Geistesabwesenheit geraten sollte, so wird er doch durch die
heiligen Engel in so sicheren Schutz genommen, daß sich ihm kein böser
Todesengel auch nur von weitem nahen darf. Es ist also eine unbegreiflich große
Barmherzigkeit des Welterlösers, daß er diesem armen Schächer noch diese Gnade
an gedeihen läßt.
Was aber deine zweite Frage, die Seligkeit
der Kinder, betrifft, so kannst du ja leicht einsehen, daß ein Mensch, der
viele Jahre mit allen Arten von Reizen und Versuchungen zur Sünde gekämpft und
endlich überwunden, und so viel Gutes in seinem Leben gewirkt und ausgeübt hat,
große Vorzüge der Seligkeit vor einem Wesen haben müsse, das bloß schuldlos
ist, und in diesem Zustand in jenes Leben befördert wird. Indessen ist doch die
Seligkeit der Kinder so groß, daß alle Erdenherrlichkeit und G1ückseligkeit für
Jammer und Elend dagegen zu achten ist. Es ist die Seligkeit des
nichtgefallenen Menschen.
Ich. Werden
denn die Kinder in jenem Leben nicht immer an Vollkommenheiten wachsen und nach
diesem Verhältnis auch immer seliger werden?
Siona. Allerdings!
Sie werden immer vollkommenere - immer seligere Kinder - so wie die
Erwachsenen immer vollkommenere und immer seligere Erwachsene werden.
Jeder wird nach seinem Tode in dem Zustand, worin ihn der Tod findet,
befestigt, isoliert, und da der Mensch einen unendlichen Vervollkommnungs- und
Beglückungstrieb hat, dem er in alle Ewigkeit folgt und in jedem Zustande
folgen kann, so wird auch jeder Mensch das, was er im Tode war, was
damals sein Charakter war, immer vollständiger, das ist, er
vervollkommnet das, was er in den Hades bringt, bis in Ewigkeit. Da hast
du einen Aufschluß, der dir über verschiedene Dunkelheiten und scheinbare Widersprüche,
in Ansehung des Zustandes der Seelen nach dem Tode, Licht verbreiten kann, und
wovon du in der Furcht des Herrn Gebrauch machen kannst. Ach, wende deinen
Blick auf jenen furchtbaren Auftritt! -
Ich wandte mich um und sah ein neues
schreckliches Riesengerippe - groß und abscheulich stand dieser Selbstmörder
da. Es kam mir vor, als wenn eine dunkle, rote Glut in seinem Innersten
brennte; aus seinen knochigen Augenhöhlen blitzten falbe Schwefelflämmchen
hervor, und auf beiden Seiten standen zwei ungeheure, dicke, ungestaltete
Zwerge, über deren Dasein der Riese vor innerem Ingrimm wütete, welches dann
eben den beiden Zwergen ganz höllische Freude verursachte.
Jetzt hatte sich der Richter wieder in
seine sinaitische Gewitterwolke verhüllt, sein Ansehen war furchtbare
Majestät. Wer bist du? tönte die Gerichtsposaune.
Mit einem drachenähnlichen Gekrächze,
welches zwischen den bebenden Zähnen des Riesen kaum verstehbar herausfuhr, antwortete
er: Es gibt kein Wesen, dem ich eine Antwort schuldig bin!
Der Glanz des
richtenden Engels wurde dunkler, röter und schrecklicher. - Die Stimme donnerte
noch einmal: Wer bist du? - Der Riese schien vorwärts zu streben; ellenlang
bohrten die Flammen aus seinen Augen; aus seinem Maul fuhr ein Schwefelstrahl
mit den Worten: Ich bin ein frei erschaffenes Wesen und niemand eine Antwort
schuldig. Donner und Blitz - in einem Augenblick - so fürchterlich, wie ich
noch nie gehört hatte, schlugen auf das Gerippe hin. - Plötzlich schrumpfte es
in eine unbeschreiblich scheußlich kleine Zwerggestalt zusammen, so wie eine
große Kreuzspinne, wenn man sie in den Brennpunkt eines Zündglases bringt, und
nun das eiterähnliche Blut in der Glut zischt und kocht.
Eine andere Donnerstimme befahl die
Enthüllung seiner Lebensrolle. Wie in dem scheußlichsten Gemische verwesender
Materien die ekelhaftesten Gewürme und Ungeziefer durcheinander wimmeln, so
irrten in der Larve des Sünders die nunmehr zu ewig nagenden Würmern gewordenen
Ideen des ganzen verschwundenen Lebens durcheinander - es war, als wenn sie
sich alle durcheinander mit Heißhunger verzehren wollten. Ich bemerkte, daß
daher eine unaussprechliche Qual entstand, die den Unglückseligen zittern und
beben und ihm die Zähne klappern machte.
O Siona, -
rief ich, wer erträgt diesen Anblick?
Siona. Da
siehst du, welchen Jammer sich der Mensch selbst bereiten kann! - Dieser Selbstmörder
ist Schöpfer aller dieser Ungeheuer, die in seinem Innersten wüten. Gottes
Langmut hat ihn lange getragen und seine Menschenliebe hat alles angewendet, um
ihn zur Bereuung seiner Sünden zu leiten: aber er hat alle diese Mittel mit
Hohn und Spott abgewiesen, jetzt ist nun der höchste Grad der Verdammnis nötig,
um womöglich diesen harten Sinn zum Schmelzen zu bringen.
Ich. Darf
ich dich wohl um die Erklärung seiner sich dort entwickelnden Lebensrolle
bitten? Ich verstehe die Geistersprache noch nicht.
Siona. Dieser
Mensch, der nunmehr hier Merah genannt wird, war in diesem Leben ein
Gelehrter von der Klasse der schönen Geister. Sein Vater, ein ehrlicher,
frommer Bürger in einem gewissen Landstädtchen, hatte ihn nach seiner Art gut
erzogen, fleißig in die Schule geschickt und zu Haus zu allem Guten angehalten.
Da er nun frühzeitig sehr viele Geistesfähigkeiten zeigte und entwickelte, so
beschloß sein Vater, ihn die Gottesgelehrtheit studieren zu lassen. Zu dem
Ende fing er schon im zehnten Jahre an, in seiner Vaterstadt, wo eine kleine
lateinische Schule war, diese Sprache zu erlernen und sich so zu seinem Zwecke
vorzubereiten; aber eben mit dieser Vorbereitung wurde auch der erste Wurm
gezeugt, aus dem all das Otterngezüchte entstanden ist, das ihn nun in Ewigkeit
peinigen wird.
Seine Eltern hatten ein stilles,
gutartiges Mädchen in ihrem Dienst, das aber nicht die geringste Vorstellung
von den Folgen hatte, die aus gewissen, der Ehrbarkeit und Zucht
zuwiderlaufenden Handlungen entstehen; diese Person war wollüstig und bediente
sich des zehnjährigen unschuldigen Knaben, gewisse Reize zu befriedigen, welche
körperliche Gesundheit und erhitzte Einbildungskraft in ihr erzeugten. Von
diesem allem ahnten die Eltern ganz und gar nichts, es fiel ihnen leider nicht
ein, daß so etwas möglich wäre. Ach Gott, wie viele Eltern befinden sich in
nämlichen Falle! - Sie schlafen ruhig, währenddem der Feind den Keim der ewigen
Verdammnis in die Seelen ihrer Kinder pflanzt und sie zu Priestern und Sklaven
der gefährlichsten unter allen höllischen Furien macht!
Dieser Umgang war dem Knaben erwünscht,
und als die Magd in andere Dienste ging, so suchte er nun selbst die nunmehr
mit unzüchtigen Bildern angefüllte Phantasie zu befriedigen. Er suchte - und
fand diese Befriedigung - bei seinesgleichen. Buben, in Satans Schule
unterrichtet, lehrten ihn Geheimnisse der Bosheit, die weder Feder noch Zunge
auszudrücken wagt. Ein Unglück für ihn war, daß seine sehr gesunde Natur so
lange einen Ekel vor solchen Greueln empfand, bis sie sich wieder gestärkt
hatte. Dadurch kam es bei ihm nie zur Übersättigung oder Schwächung, folglich
auch nie zu den schmerzhaften Folgen, womit die Natur die Verbrecher gegen ihre
Gesetze straft, mithin auch nie zum Nachdenken und noch viel weniger zur Reue.
Indessen waren seine Eltern seinetwegen
ganz ruhig. In ihren und aller Menschen Augen (seinen geheimen Kameraden der
Bosheit ausgenommen) war er ein feiner, ehrbarer, sittsamer Jüngling, von dem
man hoffte und glaubte, es werde dereinst ein vortrefflicher Prediger und Seelsorger
aus ihm werden.
Bei dem allem
ließ sich die warnende Stimme der Vaterliebe Gottes an ihm nicht unbezeugt;
mehr als einmal belehrte sie ihn durch schreckliche Beispiele, die er an
Sündern von seiner Art erfuhr, und oft blitzte ihm die Flammenschrift wie vom Sinai
herunter in die Seele: Dein Ende auf diesem Wege ist das ewige Verderben!
Allein nichts machte Eindruck auf ihn, denn er war einer von den Geistern, von
denen Satan gleichsam von der Wiege an Besitz nimmt.
Ich. O Siona! Du sagst da
etwas Schreckliches! - Kann denn Satan von eines unschuldigen Kindes Herzen
oder Geist Besitz nehmen? - Streitet das nicht mit der Vaterliebe und Güte
Gottes?
Siona. Hast du
keine Kinder gekannt, welche ungeachtet der aufmerksamsten und christlichsten
Erziehung zu Bösewichtern, zu Werkzeugen des Satans, Menschen zu verderben,
gereift sind? Weißt du kein Beispiel, daß die heiligsten Männer sehr gottlose
Kinder gehabt haben?
Ich. Ach ja!
Ich weiß ihrer leider sehr viel - aber dadurch wird meine Frage nicht beantwortet.
Siona. Es gibt
körperliche Anlagen, die durch natürliche Ursachen, auch ohne Verschulden oder
aus Unwissenheit der Eltern entstehen, welche diesem oder jenem Laster
besonders günstig sind; hier setzt sich nun frühzeitig der Feind Gottes und
der Menschen fest, hier schärft er die Reize, erhöhet die Leidenschaft und
erhitzt so die Phantasie, um den Wirkungen der vorbereitenden Gnade so starke
Hindernisse in den Weg zu legen, als nur immer möglich ist. Gott aber, der die
ewige Liebe ist Jesus Christus, der nicht will, daß irgend ein Mensch verloren
gehen soll - und der heilige Geist, der unaufhörlich vom Vater und Sohn in alle
gefallenen Menschenseelen überströmt, bietet einer solchen Seele Hilfe genug
dar, und sucht sie auf unzählige Arten und durch alle nur möglichen Mittel zu
gewinnen, aber auf keine Weise zu zwingen. Der Wille muß vollkommen frei
bleiben; folgt sie nun den. mächtigen Zügen und Aufforderungen der Gnade, wird
sich ihr Wille fest und unwiderruflich bestimmen, das zu werden, was die ewige
Liebe aus ihr machen will, so wird ihr auch auf ihr anhaltendes ernstliches
Gebet so viel Kraft geschenkt, als sie zum Kampf gegen die Sünde und ihren
Urheber bedarf. Du siehst also, daß die frühzeitigen Bösewichte auch die
frühzeitigsten und dem Grade ihrer Bosheit angemessensten Mittel zur Bekehrung
und Heiligung erhalten können, so daß sie sich an jenem Tage eben so wenig mit
ihrem stärkeren Hange und mächtigeren sinnlichen Reizen entschuldigen können,
als diejenigen, welche bei geringeren Anlagen zur Sünde verloren gehen.
Ich. Du hast
meinen Zweifel gehoben, göttliche Lehrerin, nun erzähle mir doch ferner die
Geschichte des unglückseligen Merah.
Siona. Es war
nun an dem, daß er die hohe Schule beziehen sollte und seine Eltern hofften,
ihn nach wenigen Jahren als würdigen Religionslehrer wiederkommen zu sehen,
wozu er ihnen auch durch sein äußeres heuchlerisches Betragen Grund zu geben
schien; allein es ging ganz anders als sie erwarteten. Er bezog die Universität
X ..... studierte vorzüglich Philosophie, die ihn bei seinem unbändigen Hang
zum sinnlichen Genusse jeder Art, bald zum vollendeten Freigeist umschuf, und
las dann die schlüpfrigsten Romane der größten Meister, welche in ihm das
Meisterstück des Geistes unserer Zeit bald in aller seiner Stärke darstellten.
Bei dieser
Richtung seines ganzen Wesens war er bei aller seiner Fertigkeit im Heucheln
doch nicht fähig, Theologie zu studieren. Die Vorstellung von Gott, von Christo
und von allen religiösen Tugenden sind einer solchen Seele, was der rasche
Blick in die helle Mittagssonne den Augen ist, die lange im Dunkeln gewesen
sind. Ein bloßer stoischer Philosoph kann den Christen heucheln, aber dem
Epikuräer ist dies schlechterdings nicht möglich. Merah beschloß daher,
um auch seine Eltern zu beruhigen, eine glänzende Bahn zu betreten, und zu
diesem Zwecke eine Hauslehrersteile bei einer vornehmen Familie zu suchen. Um
dazu zu gelangen, war kein gewisseres Mittel, als sich in den damals im
höchsten Flor stehenden Illuminatenorden zu begeben. Dieser Vorsatz gelang ihm
nach Wunsch; und da er ein sehr fähiger, schlangenkluger Kopf war, so wurde er
in den wichtigsten Angelegenheiten des Ordens mit größtem Nutzen gebraucht, und
in der nämlichen Absicht auch zum Hofmeister fürstlicher Kinder an einen gewissen
Hof gebracht, wo er dann den geheimen Auftrag hatte, den Fürsten zu verdunkeln,
hingegen seine ganze Dienerschaft, soweit er nur reichen konnte, zu erhellen.
Merah hätte
vielleicht allmählich seinen Zweck erreicht und wäre zu einer hohen Stufe im
Zivildienst hinaufgestiegen, wenn ihm nicht die französische Revolution einen
weit näheren und seinem Charakter angemesseneren Weg zum Ziel gezeigt hätte.
Hierzu kam aber noch ein mächtiger Beweggrund: seine Wollust atmende Seele
mußte sich an dem fürstlichen Hofe allzusehr in den Schranken der Ehrbarkeit
halten, dies wurde ihm nach und nach unleidlich, und er sehnte sich daher nach
einer Freiheit, wo er ungestraft tun konnte, was er wollte. Zwar hatte er schon
ein paar arme, bis dahin unschuldige Mädchen zu geheimen Kindsmörderinnen
gemacht - Taten, die auch hier zuerst aus ihrem Dunkel enthüllt werden können.
Aber das war ihm lange noch nicht genug; er lechzte nach dem Verbrechen, wie
der Löwe nach Blut. Kaum war also die Revolution ausgebrochen, so suchte er
Gelegenheit, sich in ihren Strudel zu stürzen, und er fand sie bald. Nun wurde
er erst recht zum Empörer gegen Gott und die Natur; er wurde nach einander
Plünderungs-Kommissarius, öffentlicher Ankläger und Deputierter, und spielte
in allen diesen Fächern eine solche durchaus satanische Rolle, daß ihn Adramelech
selbst darum beneidete, und von nun an darauf sann, ihn durch Selbstmord
aus der menschlichen Gesellschaft zu vertilgen. Dies wurde von diesem
Höllenfürsten folgendermaßen bewerkstelligt: Zwei Bösewichter, eben so
lasterhaft, aber nicht so listig wie Merah, wurden von diesem, auf dem
geheimen Wege der schrecklichsten Verbrechen, sehr beleidigt. Sie sannen auf
tödliche Rache; Merah merkte das, kam ihnen zuvor und brachte sie unter
die Guillotine. - Diese beiden sind die zwei Zwerge, die du ihm dort zur Seite
stehen siehst. Dadurch wurden gewisse nahe Verwandte, die eben damals sehr
mächtig waren, gleichsam wütend, und um ihrer Rache zu entgehen, entleibte er
sich selbst. Dies war also die treue Übersetzung der abscheulichen Hieroglyphe
seiner Lebensrolle; und nun erscholl vom Richterstuhle her sein fürchterliches
Urteil:
Merah! Du hast
die menschliche Natur verleugnet und entweiht - du sollst nun auch auf ewig
ihrer holden Gestalt beraubt sein; bilde dich nach deinem Charakter, und sei
fortan der Sklave der niedrigsten Höllenbewohner und ein Scheusal aller bösen
Geister. Alle Ungeheuer, die du in deinem Innersten ausgebrütet hast, sollen
dich ewig mit unnennbaren Qualen martern, und ehe du hinfährst in's ewige
Verderben, sollst du einen Blick in die Seligkeit tun, die du hättest ererben
können, wenn du nur gewollt und die Langmut des Erlösers nicht gehöhnt hättest.
Dies Urteil spricht dir dein eigenes Gewissen. Die ewige Liebe aber fügt hinzu:
es kommt auch jetzt noch auf dich an, deinen Jammer zu mildern. Kannst du in
künftigen Aeonen deinen Stolz in wahre Demut, und deine Selbstsucht in wahre
Gottes- und Menschenliebe wandeln, so kannst du im Versöhnblute Hoffnung
finden. Jetzt fahre hin an den Ort, der für dich bereitet ist!
Die menschliche Einbildungskraft ist nicht
fähig, die entsetzliche Gestalt zu schildern, in die sich der unglückselige
Geist nun verwandelte und dann verschwand. Seine beiden Begleiter wurden nun
auch weggeblitzt: denn da sie keine Selbstmörder
waren, so wartete ein anderes Gericht auf
sie.
Mir standen die
Haare zu Berge, und ich wünschte mich aus dem Hades wieder ins Land der
Lebendigen zurück. Allein Siona befahl mir, noch zu bleiben, damit ich
das Schicksal noch mehrerer Selbstmörder erfahren, und meine sterblichen
Brüder und Schwestern warnen und belehren könnte, besonders in jetzigen Zeiten,
wo der Selbstmord so häufig begangen wird.
Der richtende
Engel nahm nun wieder die ruhig dämmernde Lichtgestalt an, und bald erschien
ein trauriges Totengerippe zwischen zwei Schergen des Hades. Dieses arme
Wesen stand da und bebte vor Angst, und nun erscholl abermals eine Stimme vom
Throne her: Loschabeth, enthülle deine Lebensrolle! --
Dies geschah
und Siona übersetzte sie mir folgendermaßen:
Dieser Geist,
der nun Loschabeth heißt, war ein Mädchen, das von seinem Liebhaber
verlassen wurde und sich dann ertränkte. Seine Lebensgeschichte ist folgende:
Die Eltern dieses jungen Mädchens sind
feine und gesittete Weltleute aus einem der mittleren Stände. Es war ihnen viel
daran gelegen, diese ihre Tochter nach ihrer Einsicht recht gut zu erziehen:
sie wurde daher in feiner Näharbeit, im Zeichnen, im Klavierspielen und Singen
unterrichtet; man hütete sich sehr, ihr einen unaufgeklärten, das heißt,
christlichen Mann, zum Lehrer zu geben, sondern man wählte einen, der die
Religion nach der Mode zu lehren verstand, indem er die leichte Moral des
Wohlstandes ins rosenfarbene Gewand der Phantasie einkleidete, und ihr dann
den erhabenen Namen des Christentums beilegte. Man machte ihr fein fühlendes
Herz für Handlungen der Menschenliebe empfänglich, und lehrte sie auch, wie man
sie ausüben müsse: allein den wahren Grund, aus dem alle edlen Taten und guten
Werke fließen müssen, die unendliche Dankbarkeit gegen Christum dafür, daß Er
den Menschen vom ewigen Verderben erlöset hat, erfuhr sie nie. Ihr Wohltun war
also am Ende nichts anderes, als eine geistige Wollust, ein Kitzel der
Eigenliebe, ein Präsent das man dem lieben Gott macht, damit Er die
Lieblingssünden übersehen möchte. Bei allem dem wurde sie ein liebenswürdiges,
angenehmes Mädchen, das allgemeinen Beifall hatte.
Dann hatten
auch ihre Eltern den Grundsatz, man müsse die jungen heranwachsenden Mädchen
früh in die Kreise erwachsener Leute bringen, damit sie sich desto eher
entwickeln und verständig werden möchten; sie bedachten aber nicht, daß eben
dadurch zwar die Ansprüche der jungen Menschen, aber nicht auch die
Fassungskräfte entwickelt werden. - Mädchen von zehn bis zwölf Jahren werden
dann von weltgewandten jungen Männern schon so behandelt, wie wenn sie
erwachsene Damen wären, und zum Tanz und Spiel aufgefordert. So werden allzu
früh Ideen in die noch unreife Phantasie gebracht, denen Nerven und Körper noch
nicht gewachsen sind. Um nun das ganze Unglück zu vollenden, läßt man solche
armen Geschöpfe - freilich moralische - Schauspiele und Romane lesen - wodurch
dann endlich die Macht der Imagination so hoch gespannt wird, daß die
Organisation des Körpers darunter erliegt und das arme Geschöpf nun mit
Krämpfen gemartert wird.
Aus dieser überladenen Phantasie entsteht
aber noch ein anderes, weit größeres Übel. Man möchte gar gern die Roman- und
Schauspielverwicklungen ins wirkliche Leben übertragen; daher verliebt man sich
bloß schauspielmäßig, und ohne daß es ein solches frühreifes Mädchen nur von
ferne ahnt oder im geringsten will, wird es zur Kokette; und nun flieht jeder
rechtschaffene, edeldenkende Jüngling vor einem solchen, übrigens gutmütigen,
aber nach falschen Grundsätzen gebildeten Mädchen wir vor einer Schlange, und
wenn sie endlich einer heiratet, so ist sie weder eine gute Gattin, noch gute
Hausfrau, noch gute Mutter.
Dies war also
die Methode, nach welcher Loschabeth erzogen
wurde; sie verlebte ein Schmetterlingsleben, sie flatterte buntfarbig
geschmückt von Blume zu Blume, von Ball zu Ball, von Spiel zu Spiel, von
Kränzchen zu Kränzchen, bis sie endlich ohne des Todesengels Winken selbst ins
Licht flog, und so zum Hades hinüberschwankte.
Auf einem Ball,
im Taumel des sinnlichen Vergnügens, hatte sich ein netter, bürgerlich
gesitteter junger Mann in sie verliebt. Dieser Jüngling besuchte sie nachher
öfter, sie gefiel ihm immer besser, und endlich verlobte er sich mit ihr. Da er
aber noch kein Einkommen hatte, so konnte die Heirat noch nicht vollzogen
werden; indessen wurde der Umgang fortgesetzt, und er hatte also nun auch
Gelegenheit, ihre Lebensart und Aufführung genauer zu beobachten. Jetzt fand er
allmählich, daß seine Geliebte auch gegen andere junge Männer zärtlich war.
Dies erregte seine Eifersucht, er machte ihr Vorwürfe, und als diese nichts
fruchteten, weil sie von Jugend auf diese Lebensart gewohnt war, so wurde er
allmählich kalt, blieb endlich ganz weg und kündigte ihr nun in einem Briefe
das Verlöbnis auf, wobei er dann auch seine Gründe anführte. Das hatte Loschabeth
nicht erwartet. -
Sie glaubte
diese Untreue nicht verdient zu haben, weil sie nicht wußte, daß ihre
Aufführung fehlerhaft sei, indem sie nicht anders erzogen worden war. Sie
weinte, sie klagte Sylphen, Dryaden und Nymphen ihr Leid, und
wurde, wie billig, nicht gehört. Gott anzurufen, daran dachte sie nie, denn
ihre Lehrer hatten ihr bewiesen, daß das Beten, diese einzige Zuflucht der
Elenden, dieses einzige Rettungsmittel der Rettungslosen - nicht philosophisch,
das ist, nicht vernünftig sei; folglich blieb der armen Seele nichts anderes
übrig, als Verzweiflung. Sie ging spazieren, klagte und weinte in alle vier
Winde, sprang in den Fluß und - ertrank!
Ich. Ach
Gott! Die Erziehung dieses Mädchens ist jetzt, leider die herrschende; was kann
und was wird aus der nächsten Generation werden? - Satan hat in unseren Zeiten
zwei Meisterstücke gemacht, das erste ist, daß er die Philosophen und
philosophischen Religionslehrer zu bereden gewußt hat, - der Satan - existiere
gar nicht, das sei nur so ein Geschwätz von Christus und seinen Aposteln, das
ihnen nicht Ernst gewesen sei. Und das zweite ist, daß er sie
demonstrieren gelehrt hat, das Beten könne gar nicht helfen, denn Gott tue
doch, was Er wolle: da hätten ebenfalls die Verfasser der Bibel wieder mit den
Kindern kindisch geredet; daher kommt dann eine solche Gottlosigkeit, die
in der Geschichte kein Beispiel hat.
Siona. Deine
Bemerkung ist sehr richtig; aus eben dieser verkehrten Gesinnung kommt es nun
auch, daß Dichter und Dichterlinge die unglückliche Loschabeth - diese
Märtyrerin der Liebe, hoch und selig preisen, sie in den elysäischen Gefilden
bewillkommnen, sie zur Götterwürde erheben, ihren betränten Rest ins einsame
Dunkel des Gartens, nicht ferne vom beschatteten Bache, zwischen Trauerweiden
begraben, ihren Hügel mit Rosen bepflanzen, eine Urne hinaufstellen, an welcher
ein schöner erlogener Spruch an den Wanderer steht, und keiner von allen
diesen Priestern Apollos und der Musen ahnt nur von weitem, was mit dem
verarmten unglücklichen Geiste hier vorgeht~ - Blicke dorthin und höre sein
Urteil!
Die Stimme tönte vom Richterstuhl her:
Loschabeth! - Hier
in diesem Trauerhause der Ewigkeit sollst du in einer einsamen Halle, auf einen
Standpunkt angeheftet, unbeweglich stehen und solange in die Lustbarkeiten
deines vergangenen Erdenlebens zurückschauen, bis sie dir alle zum Ekel
geworden sind und nun deine Sehnsucht nach himmlischen Dingen rege wird; dann
wirst du ins Reich des Unterrichts versetzt werden und die Seligkeit früh
verstorbener Kinder ererben. Nun entferne dich! - Diener des Hades, bringt sie
an ihren Ort.
Siona. Wir
wollen ihr folgen, damit du ihren Zustand kennen lernen mögest.
Ich. Recht
gerne! Aber sie dauert mich innig; ist denn kein Erbarmen über sie möglich?
Siona. Glaubst
du denn, Gott erbarme sich weniger über seine Geschöpfe, als du? - Eben, weil
er diesen Geist so selig machen will, als er es fähig ist, muß er in eine Lage
versetzt werden, in welcher er am raschesten den noch anhangenden eitlen
irdischen Sinn ableben kann. - So, wie Loschabeth jetzt ist, und in der
Gesinnung würde sie es im Himmel keine Stunde aushalten, weil sie sich in die
dortigen Gesellschaften noch weniger schicken würde, als ein grober,
ungeschliffener Bauer, der keine zwei Stunden ohne Branntwein leben kann, in
einer Versammlung von gelehrten Belletristen, die über Kosegartens,
Matthisons und andere alte und neue Meisterstücke in Entzückung geraten
können.
Jetzt verfügten
wir uns an den Ort, wo nun Loschabeth auf eine sehr lange Zeit ihre
Bleibstätte hatte. Das Ganze kam mir vor als ein schmallanges, unterirdisches,
dumpfiges und dunkles Gewölbe, welches nur so viel vom scheinenden Mondsviertel
erhellt wird, als nötig ist, das bloße Dasein der Gegenstände zu erkennen.
Dort stand sie nun an die Wand hingeheftet - die ehemalige Besiegerin der
Herzen der Jünglinge, die Königin der Bälle und Schwelgerin des sinnlichen
Genusses; dort stand der verarmte Geist - nackend - und von allem entfernt, was
nur Genuß genannt werden kann. Ihm war nichts übrig geblieben, als der
Lebensüberdruß im Tode und die heimwehartige Erinnerung der vergangenen
Freuden des Erdenlebens. Da stand die ehemalige Ismene in tiefer, ewiger
Trauer; die einzige Erleichterung im Jammer, das Weinen, war ihr unmöglich,
denn der unsterbliche Geist ist nicht zum Weinen, sondern zum himmlischen
Jubel geschaffen, und dazu war Loschabeth noch nicht fähig. Sie stand da
und empfand sich auch so, wie ein Gespenst in alten Ruinen, das nach den seit
Jahrhunderten verhallten Tönen des Gelagegejauchzes lauscht, oder die in alten
verborgenen Truhen versteckten Schätze bewacht. O ihr Jünglinge und Mädchen -
die ihr euer ganzes Dasein den Lustbarkeiten aufopfert, den sinnlichen Genuß
zum Lebenszweck macht, widmet dem Nachdenken über Loschabeths Schicksal
eine ernste Stunde! Denkt nicht, es sei schwarzgallichte Dichtung. Nein! Die
Dichtung ist Hülle einer ebenso gewissen als schrecklichen Wahrheit. Ich berufe
mich auf die Erfahrung in jenem Leben, die euch bald genug ereilen wird. Ich
entschwand mit Siona dem stillen Trauergewölbe und flehte um Gnade für
die arme, abgeschiedene Seele, dann schwebten wir wieder zur hohen
Gerichtshalle.
Bald stand
wieder dort vor den dunstigen Schranken ein Selbstmörder zwischen seinen
Häschern, ein blasses Gerippe. Es stand da fest und nicht drohend wie Merah,
aber auch nicht bang und bebend wie Loschabeth; ich war begierig auf
die Entwicklung
seiner
Lebensrolle - sie ward befohlen, und Gejon gehorchte wie ein großer,
edler Mann, der auf alles gefaßt ist.
Meine erhabene
Dolmetscherin erzählte: Dieser Mann, der nun Gejon heißt, war in seinem
Leben ein neumodischer Stoiker: ein Mensch, der die christliche Religion haßte
und ihr zum Trotz tugendhaft und rechtschaffen war, um zu zeigen, daß man es
auch ohne Religion sein könne - oder vielmehr sich einbildete, es sein zu
können. Sein Vater war ein herzlich frommer Mann, dem es aber durchaus an
Weisheit fehlte, seinen Sohn zu erziehen, denn er quälte sich von Jugend auf
mit stundenlangem Lesen, Beten und Singen, und pflanzte also dem Knaben von der
Wiege an Haß und Widerwillen gegen alles, was nur auf Religion Bezug hat, in
die Seele. Der Vater bemerkte das mit Leidwesen, er glaubte, er habe die Sache
noch nicht ernstlich genug angegriffen und müsse also noch mehr Ernst
anwenden; daher wurde noch länger gekniet und noch länger gelesen und gesungen,
wodurch also natürlicherweise das Übel immer ärger wurde; denn der Knabe
entlief endlich seinem Vater, ging in die Fremde, traf Leute an, die sich
seiner annahmen, lernte die Handlung und heiratete dann eine reiche Frau, mit
der er aber keine Kinder hatte. Diese starb und hinterließ ihm ein ansehnliches
Vermögen, von dem er reichlich leben konnte.
Ich. Erlaube
mir, daß ich dich unterbreche; - die Bemerkung, welche du soeben über Gejons
Erziehung gemacht hast, ist mir durch deinen Unterricht schon längst
bekannt, und ich habe sie auch hin und wieder in meinen Schriften geäußert.
Dies hat nun einige fromme Väter und Mütter, die ihre Kinder gern christlich
erziehen möchten, verlegen gemacht; belehre mich doch über diesen Punkt und
sage mir, was ich ihnen raten soll!
Siona. Gott
selbst gibt dir in diesem Stück das beste Muster der Erziehungsmethode durch
sein Beispiel an die Hand; studiere diese Methode, so kannst du nicht irren.
Die Eltern müssen nur selbst wahre Christen sein, - das ist, sich nicht durch
langes Beten, Lesen und Singen auszeichnen - wer das nötig hat, in dem ist
wahrlich noch wenig Kraft und Wesen des Christentums. - Wer anders keine Kräfte
zum Gehen und Arbeiten hat, als die er durch stärkende Arzneien bekommt, mit
dessen Gesundheit sieht es übel aus. Wo der Geist Jesu Christi wohnt, da leuchtet
sein Licht hell und weitstrahlend aus Gedanken, Worten und Werken hervor, und
Kinder, die im Glanze dieses Lichts von der Wiege an erwachsen, werden
unbemerkt zur Bewirkung und Einwohnung dieses nämlichen Geistes vorbereitet,
und es bedarf da keiner großen Kunst, Wissenschaft oder psychologischer
Kenntnisse. Man rede nur immer mit Würde von Gott und Christo; man äußere immer
die zärtlichste und ehrfurchtsvollste Liebe gegen den Erlöser; man gedenke
seiner unaussprechlich großen Verdienste immer so, daß die Neugierde der Kinder
dadurch rege gemacht wird; man sage ihnen immer weniger von ihm, als sie zu
wissen wünschen, und doch rede man oft und mit der größten Ehrfurcht von Gott,
aber nie lange, sondern immer kurz abgebrochen. Man erlaube ihnen Kinderspiele
und sinnliche Vergnügen, bezeige sich aber immer wehmütig und traurig, wenn
sie heftige Begierden äußern. Wo es nur immer möglich ist, da suche man es so
einzurichten, daß sich jede Ausschweifung durch eine schmerzhafte Folge selbst
bestraft; man belohne nie ihre guten Handlungen mit irgend einem sinnlichen
Genuß, sondern man präge ihnen tief in die Seele, daß alle edlen Handlungen
erst in der seligen Ewigkeit, aber überschwenglich belohnt werden. Man mache
eine Belohnung daraus, in der Bibel lesen zu dürfen, erlaube es aber niemals
lange; schöne Verschen aus schönen Liedern, auch wohl Kernsprüche, läßt man
sie zu Zeiten lernen, aber nur dann, wenn sie Lust dazu bezeigen. Die
Lebensgeschichten und edlen Handlungen sehr frommer Menschen läßt man sie zum
Vergnügen und zur Erholung lesen, doch nur immer so, daß ja kein Geschäft
dadurch versäumt werde. Zum Beten gewöhnt man sie von Jugend auf, aber so, daß
sie wenig um irdische, sinnliche Dinge bei ihrem himmlischen Vater anhalten,
weil in diesen Fällen die Gebetserhörungen seltener sind und auch sehr geübte
Beter erfordern, sondern man lehrt sie, um Weisheit und Verstand und um Kraft
gegen das Böse zu kämpfen, beten; man führt sie dazu an, daß sie immerfort um
Erkenntnis des Willens flehen müssen, und bringt sie allmählich dahin, daß sie
sich angewöhnen, mit Gott umzugehen und ganz von seiner Führung abhängig zu
werden.
Ich. Ich
danke dir, göttliche Siona, für diesen Unterricht! Aber ich bitte dich
nun, in Gejons Lebensgeschichte fortzufahren.
Siona. Gejon wendete
sein Vermögen sehr gut an; er tat den Armen Gutes, wo er nur Gelegenheit dazu
fand, ließ junge Leute Handwerke lernen und studieren und half manchem jungen
Paar in den Ehestand und zu Brot. Für sich selbst machte er keinen besonderen
Aufwand, außer daß er einiges auf Natur- und Kunstseltenheiten verwendete.
Übrigens lebte er eingezogen, mäßig und tugendhaft. Dies währte verschiedene
Jahre, endlich aber hatte er die Unvorsichtigkeit, sich mit Leuten, denen er zu
viel traute, in ein Geschäft einzulassen, wodurch er um all sein Vermögen kam;
dies war nun der Wink für eine stolze Seele, nach eigener Willkür ein Leben zu
verlassen, das ihm fernerhin kein Vergnügen mehr gewähren konnte. Als Naturalist
glaubte er berechtigt zu sein, eine gewisse unglückliche Zukunft gegen
eine ungewisse vertauschen zu dürfen. - Ein Wahnsinn, in den die
menschliche Vernunft wohlverdienter Weise gerät, sobald sie die Quelle der
Wahrheit, vorzüglich übersinnlicher Dinge, in sich selbst sucht; er ging also
auf die Jagd und jagte seine arme Seele in den Hades. Dort steht sie
nun, und du wirst nun hören, wie gerecht ihr Urteil ist.
Der Richter.
Gejon, du stehst in der Überzeugung, du hättest das Sicherste gewählt,
indem du schlechterdings nichts annahmst und nichts für wahr hieltest, als was
deiner Vernunft einleuchtete; du hast auch dieser Überzeugung gemäß gelebt. Du
bist so tugendhaft gewesen, als es einem natürlichen Menschen nur immer möglich
ist; dir soll also auch nach deiner Überzeugung geschehen, was du selbst für
Recht erkennst. Du hast weder Himmel noch Hölle nach dem Sinne der Bibel
geglaubt, dir soll also auch keins von beiden zu teil werden; sondern du sollst
in einer Gegend dieser Behälter deine ewige Wohnung finden und die Macht haben,
deinen Aufenthalt nach deinen Ideen so, wie du wünschest, zu verschönern, und
deine Gesellschaft soll aus Selbstmördern bestehen, die mit dir gleichen
Charakters sind. Hast du gegen dieses Urteil etwas einzuwenden?
Gejon. Nein,
würdigster Richter! Es ist in der Natur gegründet - ich werde da mein Wesen
immer mehr vervollkommnen können. Aber ich habe in meinem Leben geglaubt, ich
würde nach dem Tode in eine andere höhere Welt versetzt werden, wo ich durch
andere erhabenere Wunder und Reichtümer der Natur meine Kenntnisse würde
vermehren und meine Existenz erhöhen können!
Der Richter. Du hast
richtig geglaubt, aber die Mittel, dein Wesen zu dieser höheren Welt geschickt
zu machen, deinen Geist schon dort aus den Elementen dieser Welt zu nähren,
damit er nun hier seine wahre Heimat finden und darin selig und über allen
Betriff glücklich sein möchte, hast du ganz vernachlässigt; blicke in deine
eigene Seele; empörte sich nicht dein Innerstes mit Wut, wenn du einen wahren
Christen sahest? War dir nicht jeder ein Heuchler, und frohlocktest du nicht,
wenn du Schwächen an ihm entdecktest? - Wie würdest du nun in der höheren Welt
nur eine kleine Zeit ausdauern können, da sie keine anderen Bewohner hat und
auch keine anderen haben kann, als diese dir so verächtlichen Wesen? Und über
das alles würde dir auch die ganze himmlische Natur so unleidlich sein, als
irgend einem Nachtvogel der sonnenhelle Tag! - Es bleibt also nun für dich
nichts anderes übrig, als daß du dich aus Erfahrung belehrst, inwiefern deine
Grundsätze richtig oder unrichtig waren. Diener des Hades, bringt ihn an
seinen Ort! Gejon wurde abgeführt und wir folgten, um mich zu belehren,
was für Folgen dieses Urteil haben würde.
In der Ostseite
des Zuchthauses der Ewigkeit wurde Gejon von den Dienern des Hades verlassen;
da stand er nun wie im Chaos, er konnte sich da eine Wohnung schaffen, so, wie
er sie wünschte. - Allein in der Minute seiner Ankunft kamen noch fünf, die mit
ihm das nämliche Urteil empfangen hatten, und diese sechs sollten nun da eine
kleine Welt nach ihren Ideen schaffen und sich dann darin so glücklich und
selig machen, als es ihnen möglich war.
Anfangs
bewillkommneten sich diese sechs; die Ähnlichkeit ihres Schicksals und auch in
der Hauptsache ihres Charakters machte sie bald zu Freunden, aber, - Gott - die
Geistersprache tat erschreckliche Wirkung auf sie, denn da in der
Geisterwelt keine andere Sprache stattfindet als das Denken, und jeder Geist im
andern alles sieht, was er denkt, so geht die Befremdung, das Erstaunen,
der Abscheu und der Ingrimm bei bösen Geistern und verdammten Seelen, dann,
wann sie sich begegnen und einander mitteilen, über allen Begriff. Ein jeder
besinne sich nur einmal seines unbekehrten Zustandes und der Gedankenreihe in
demselben! - Welche lieblose und nachteilige Vorstellungen über andere Menschen
darin vorkommen - welche Wünsche, Neigungen und Bilder da beständig aufsteigen
- und haben wir es wohl dahin gebracht, daß wir alle unsere innersten Gedanken
und Vorstellungen, ohne die geringste Ausnahme, laut und öffentlich jedermann
könnten bekannt machen? - Freunde, Brüder, so lang das noch nicht geschehen
kann, so lang sind wir auch noch nicht geschickt zum Reiche Gottes. - Denn da
liest jedermann, was in jedermanns Seele vorgeht, so wie in einem Buche oder
einem lebenden Historiengemälde; und eben dies erhöht die Seligkeit unendlich,
so wie es auch die Schrecken und Qualen der Verdammten grenzenlos macht. Ach,
laßt uns bedenken, daß der heilige Gott und seine Engel, die um uns her sind,
unaufhörlich in unsern Seelen lesen und unsere geheimsten Gedanken wissen! -
Dies soll uns in ein heiliges Schaudern versetzen und uns zur beständigen,
betenden Wachsamkeit antreiben, damit wir unablässig auf alles merken, was in
unserer Seele vorgeht, und keinem Gedanken Raum geben, der nicht gottgeziemend
ist, oder den nicht jedermann wissen darf, sobald er nicht irgend eine Sache
betrifft, bei welcher das Schweigen Tugend ist. Dies, meine Lieben ist
eigentlich die einzige Übung des Christen, die größtenteils vom eigenen Willen
und den eigenen Kräften abhängt. - Wer in diesem Stück recht treu ist, den wird
dann auch der Geist des Herrn unterstützen und weiter führen, dies ist's auch
eigentlich, was die wahren Mystiker Wandel in der Gegenwart Gottes nennen,
wiewohl doch auch jene Übung diesen Wandel noch nicht allein ausmacht. Selig
ist der, der es aus Erfahrung weiß!
Die sechs armen
Geister bewillkommneten sich also anfangs gar freundlich, aber bald, nachdem
einer in des andern Seele gelesen hatte, fuhren sie wild auseinander, dann
standen sie, jeder allein, in einsamer Feme, und es schien mir, als wenn sie
sich anstrengten, sich selbst zu verbergen; es kam mir vor, als wenn sie sich
maskierten. - Nun näherten sie sich wieder einander, aber jeder durchschaute
die Maske eines jeden, und so wurden sie sich alle untereinander
unausstehlich, klein und verächtlich. Jeder floh wieder aus Scham in die
Ferne, und nun standen sie und schienen sich zu bedenken, was denn nun bei
diesen traurigen Umständen zu tun sei. Bald fing einer von ihnen an, mit seiner
Imagination um sich her ins Chaos zu wirken, seine Einbildung wurde
verwirklicht, und nun sah man eine Menge römische Altertümer mitten in
angenehmen Lustgefilden, dies freute sie alle, jeder nahte sich und ergötzte
sich an dem Anblick, doch kam keiner dem andern so nahe, daß er in seiner Seele
lesen konnte. Bald imaginierte ein anderer, und siehe da, die ganze
Herrlichkeit des ersten verschwand, und an deren Stelle stand nun eine
paradiesische Gegend da, im englischen Gartengeschmack, die wieder bezaubernd
schön war. Allein der erste ergrimmte über die Zerstörung seiner Schöpfung und
imaginierte stärker, und nun fingen auch die andern Viere an zu wirken, wodurch
dann eine solche unerträgliche Verwirrung entstand, daß alle sechs sich weit
von einander entfernten, und dann jeder sich einen eigenen, von allen andern
verschiedenen Wirkungskreis bildete, in welchem er sein Wesen für sich allein
trieb. So hatte sich nun auch Gejon aus unserem Gesicht verloren, und
wir waren nun wieder allein.
Ich. Sage
mir, Siona, was wird nun aus diesen bejammernswürdigen Geistern?
Siona. Du
siehst, daß sie unmöglich in Gesellschaft leben können, so lange sie ihre
Freiheit zu wirken behalten - und diese hatte ihnen die ewige Liebe eben
deswegen vergönnt, um sie durch die Erfahrung zu überzeugen, wie elend und
inkonsequent ihre so stolze Vernünftelei in ihrem Leben gewesen; - jetzt ergötzen
sie sich nur eine Weile an ihren elenden Gewächsen; da sie aber kein Wesen
ihrer Art hervorbringen können und dürfen, so bleibt immer ihre Schöpfung
leblos, und sie selbst sind einsam. - Wenn dann endlich der ganze Vorrat ihrer
Vorstellungen erschöpft ist, so stehen sie da in ihrem unendlichen Hunger
nackend und bloß, und nun ist es Zeit, daß der Herr sich ihrer erbarme und sie verdamme.
Sie werden alsdann alle sechs zusammen in einen dunklen Behälter gebracht,
wo jedem sein Gedächtnis und seine Vorstellungskraft, von der Geburt an bis an
seinen Selbstmord vollkommen hergestellt, und in vollständige Selbsterinnerung
gebracht wird, und zwar so, daß sie auch jeder andere vollständig erkennen muß.
Dies ist nun die größte Qual für sie, die man sich denken kann. Jeder muß jeden
im höchsten Grade verabscheuen und verachten, und eines jeden Grundtrieb ist
denn doch unbändiger und empörender Stolz, und dessen allem ungeachtet sind sie
ewig mit unauslöslichen Fesseln aneinander geschmiedet.
Ich. Fürchterlich!
Fürchterlich! Ach Gott, wie wichtig ist wahre Demut und Reinheit des Herzens!
Siona. Davon
kann man hier überzeugt werden! Aber komm, ich muß dich noch an einen andern
merkwürdigen Ort führen.
Wir schwebten wie im nächtlichen
Traumgesicht, leicht zwischen alten Ruinen hin, und kamen im dämmernden Dunkel
immer weiter, bis endlich die Gasse, in der wir waren, sich oben zuwölbte, und
wir uns nun in einem langen Gang befanden; hier sah ich ein fürchterliches
Schauspiel; an der einen Seite, längs der Wand hin, stand eine Reihe
Selbstmörder gleichsam angefesselt; sie konnten sich nicht von der Stelle
bewegen, und gegenüber an der andern Seite standen eben so viele Ungeheuer,
deren schreckliche und durchaus höllische Gestalt über alle Beschreibung geht.
Jedes Ungeheuer bestand aus einer unzählbaren Menge scheußlicher Würmer, die
alle so sonderbar miteinander verschlungen und verbunden waren, daß daraus
dann eine drachenähnliche Figur entstand, die man sich nicht schrecklich genug
vorstellen kann. Alle diese gräßlichen Figuren standen auf der Lauer, jede
beobachtete ihren gegenüberstehenden Mann, und wenn sie in demselben mit ihren
grüngelben, leuchtenden Augen irgend eine gewisse Veränderung bemerkte, schoß
sie wie eine Klapperschlange auf ihn zu und gab ihm einen Hieb, von welchem der
arme Geist gleichsam wie in ein Nichts zusammenfuhr, und dann in den
schrecklichsten Schmerzen zitterte und bebte.
Ich. 0 Siona,
wer sind diese? - Ich halte das Anschauen dieses Jammers nicht aus; laß
uns wegeilen, das ist entsetzlich!
Siona. Lieber
Freund, diese Qualen sind die einzig möglichen Mittel, die armen Unglücklichen
zu retten, wie du selbst begreifen wirst, wenn ich dir dies Trauerspiel
erkläre. Diese Geister, die du da siehst, sind lauter Jünglinge, die sich durch
ein gewisses geheimes Laster der Unzucht nach und nach geschwächt haben,
dadurch endlich blödsinnig, dann schwermütig, und zuletzt Selbstmörder geworden
sind. Diese Ungeheuer gegenüber sind ihre eigenen Kinder, die sie mit sich
selbst gezeugt haben; sobald nun ein unkeuscher Gedanke in einem von diesen
Geistern aufsteigt, so empfindet das zu ihm gehörende Ungeheuer gegenüber
einen peinlichen Schmerz, dadurch wird es bewogen, einen Ausfall auf den Geist
zu tun, und so oft dies geschieht, bekommt der Drache einen neuen Zuwachs von
einem Wurm. Wenn sich aber ein solcher Geist mit guten Gedanken, besonders mit
gläubigem Andenken und Beten zum Erlöser beschäftigt, so dorren allmählich die
Würmer ab, das Ungeheuer wird schwächer, bis es endlich ganz vernichtet ist.
Dann wird der Geist, der zu ihm gehört, hinüber ins Kinderreich gebracht, da
unterrichtet und erzogen, bis er der Kinderseligkeit fähig wird.
Noch einmal
führte mich Siona in den Gerichtssaal, um einem Schauspiele von ganz
anderer Art zuzusehen: Mild, glänzend, nicht furchtbar, sah jetzt der richtende
Engel aus, als ein hämischer, riesenähnlicher Diener des Todes einen Geist
brachte, der durch seinen Dienst sich selbst getötet hatte. Mit höhnischem,
aber schrecklichem Lachen (so wie Teufel lachen), brüllte er dem Richter
entgegen: Da hast du wieder eine gar fromme Seele, die von ganzem Herzen an Christum
geglaubt hat - mache sie nun selig, wenn du kannst!
Der Richter: Entwickle
dich, Maria!
Jetzt sah ich
sanfte Figuren im milden Schimmer emporsteigen, die mir Siona folgendergestalt
erklärte:
Die Seele, die
nun Maria heißt, war das Weib eines sehr frommen und wohlhabenden
Handwerksmannes; beide lebten sehr vergnügt und christlich zusammen, und
erzogen auch ihre Kinder in der Furcht Gottes: beide bestrebten sich durch
Wachen und Beten im Glauben, in der Liebe und in der Heiligung zu wachsen, und
waren im Vertrauen auf Gott und in der Hoffnung des ewigen Lebens, aus wahrer
Gottes- und Menschenliebe sehr wohltätig. Endlich, nachdem die Kinder fast
erwachsen und zum Teil versorgt waren, starb ihr Mann; dies ertrug sie nicht
mit der völligen christlichen Gelassenheit, wie sie hätte tun sollen. Indessen
hielt sie sich doch in ihrem Innersten fest an Gott, und wich nicht ab vom Weg
zum Leben; aber die Schwermut über den Tod ihres Gatten bemeisterte sich doch
eines Winkels in ihrem Herzen, und dies benutzte nun der Satansengel, der dort
neben ihr steht. Er setzte sich in diesem dunklen Flecken fest und schoß
feurige Pfeile der Versuchung in den oberen Teil ihres Gemüts: weil da aber nun
der Schild des Glaubens fehlte, so drangen diese Pfeile tief ein. Der Geist
wurde krank, und die arme Seele, fest überzeugt, sie habe die Sünde wider den
heiligen Geist begangen. Alle Gründe, die man dagegen anführte, halfen nichts,
und ehe man sich' s versah, hatte sich das arme Weib eine Schere in das Herz
gestoßen, so daß sie auf der Stelle starb. Jetzt meint nun ihr boshafter
Mörder, der Satansengel dort, wunder, welch ein Meisterwerk er vollbracht habe,
aber er wird bald mit Zittern und Beben ganz etwas anderes erfahren.
Kaum hatte Siona
ihre Erzählung beendigt, als ein himmlischer Glanz die Halle erleuchtete,
in welchem ein anderer Engel in seiner ganzen Herrlichkeit erschien. Zu diesem
sprach der Richter: Mein Bruder Zuriel! Hier kann ich nicht urteilen. Maria
war mein Weib!
Zuriel. Maria, dir
sind deine Sünden, auch die des Selbstmords vergeben. Du sollst selig sein, und
im Reiche des Unterrichts kleine Kinderseelen zu Engeln erziehen!
Maria wurde
verklärt und bekam die Gestalt eines Kinderengels. Der Richterengel nahte sich
ihr, und sprach: ich werde dich oft besuchen, Maria!
Sie. Werden
wir nicht ewig vereinigt sein, wie wir so oft wünschten und hofften?
Er. Ein
unbewachter Augenblick hat dich unfähig dazu gemacht; aber ich werde oft bei
dir sein, und du wirst vollkommen zufrieden und selig sein; ich führe dich
hinüber zum Ziel deines Daseins und du, Zuriel, vertritt meine Stelle,
bis ich wieder komme!
Zuriel setzte
sich auf den Thron des Richters, aber nun verwandelte sich sein himmlischer
Lichtschimmer in die Glut einer Feuersbrunst, und mit dem ernsten Richterblick
und der Stimme des Donners sprach er zu dem höhnenden Satansengel:
Benthemuthah, wie oft
hat die Langmut des Welterlösers deine Greueltaten übersehen, und du achtetest
nicht darauf, sondern häuftest Sünde auf Sünde! - Mariens Mord hat dein
Maß voll gemacht. Von nun an soll Bethjalel deine ewige Wohnung sein.
Zieh nun das Kleid an, das dorthin schicklich ist, und entferne dich!
Unbeschreiblich
schrecklich sind die Gestalten der ewigen Sünder; keine Phantasie malt sie aus.
Benthemuthah entschwand der Halle, wie dereinst sein König nach der
letzten Empörungsprobe. - Müde kehrte ich aus dem Geisterreiche zu dem
Erdenleben zurück; aber mit neuen Vorsätzen zum Kampf gegen alle, auch die
subtilsten Reize der Eigenheit, will ich mich rüsten. Mit unermüdeter Treue
will ich wachen und unablässig im Gebet un1 Licht und Kraft ringen; denn die
Entscheidung meines ewigen Schicksals nach dem Tode ist eine sehr ernste Sache.
Brüder und
Schwestern, denket ja nicht, Gott sei der Vater der Menschen, Er könne seine
Kinder nicht unglücklich machen. Erinnert euch, daß er nun in Christo Vater der
Menschen ist. Ohne Christentum aber ist Er ein schrecklicher Richter; und das
mit Recht; denn was verdient der, der eine solche Anstalt zur Seligkeit nicht
achtet und das Blut der Versöhnung mit Füßen tritt. - In der Seligkeit sollen
die Letzten die Ersten, und die Ersten die Letzten sein. - Wahrlich. Wahrlich,
in der Verdammnis auch!
Z w e i t e S z e n e.
Der Sieg des Glaubens
Der Sieg des Glaubens.
Wenn man jetzt in einsamer Stille ernst
und ruhig über den Gang des Christen in diesem Leben nachdenkt - ja
wahrlich! Dann ist es kein Wunder, wenn einen Angst und Schwermut überfällt! -
Allenthalben siegt die Vernunft mit ihrer sogenannten Aufklärung; der Glaube
des Christen wird für erbarmungswürdigen Aberglauben erklärt, und derjenige,
der sich noch an ihn hält, gehört beinahe unter die Klasse der Verrückten,
derer, die den Verstand verloren haben. Spricht und schreibt man auch liebreich
und vernünftig von der Sache, und bittet die größten Meister in der Aufklärung
um gründliche Widerlegung und Untersuchung, so wird man mit einem höhnischen
Blick abgewiesen, oder man nimmt die gewöhnliche Rezensentenart an, und tadelt,
ohne Gründe anzugeben, und damit ist es zu Ende.
Da harrt nun der Christ auf die hohe
Entwicklung von oben - er harrt und fleht; aber es scheint, als wenn ihn Gott
nicht mehr hörte: ja es scheint, als ob die Aufgeklärten recht hätten, und auf
den Fall wäre er der Elendeste und Betrogenste unter den Menschen. Freilich,
wenn man alle Gänge der Vorsehung beobachtet, wenn man mit Assaph ins
Heiligtum geht, dann glaubt man gewiß, Fußtritte zu bemerken, die für Natur und
Menschen zu tief eingedrückt zu sein scheinen; aber so ganz gewiß ist es dann
doch auch noch nicht, ob nicht auch diese Vorfälle natürlich, das ist, von der
schaffenden Gottheit in den Plan der Welt eingewebt worden sind. - Diese und
noch vielerlei ähnliche Gedanken dängen sich in unseren Zeiten so mancher
rechtschaffenen, wahrheitssuchenden Seele unwillkürlich auf, und es ist
wahrlich der Mühe wert, daß man alle möglichen Gründe aufsuche, um sie zu
beruhigen und ihren schwachen Glauben zu stärken. Ich hoffe, folgende Szene,
die mir Siona in einer feierlichen Stunde erzählte, soll viele wichtige
Gründe dieser Art enthalten.
Ernst und tief anbetend stand Ameniel, der
Engel der Wahrheit auf einem Hügel im Reiche des Lichts, er schaute forschend
in die weite Ferne, als ob er etwas erwartete, die ganze Fülle der Schönheit
der ihn umkreisenden ewigen himmlischen Natur schien keinen Eindruck auf ihn
zu machen; er schaute ins Weite, so wie ein Feldherr, wenn er dem Ausgang eines
wichtigen Kampfes seiner Kriegsvölker zuschaut, und noch nicht recht sieht, wo
es hinaus will.
Adoniel, einer von den vertrautesten Dienern des
Herrn, der ehemals nach der schweren Versuchung in der Wüste, und besonders
auch in Gethsemane, Himmelsstärkung gebracht hatte, zog von weitem auf seinem
goldenen, mit purpurnen Strahlen umkreisten Wolkenwagen einher, es schien, als
ob er eine weite Reise vor hätte.
Sei mir gegrüßt, Bruder Ameniel sprach
er im melodischen Rezitativ, so wie die Engel sprechen, als er ihm nahe kam.
Ameniel. Die Wonne der Seligkeit dir, Bruder Adoniel.
Ist's dir erlaubt, mir zu entdecken, was die Absicht deiner vorhabenden
Reise ist?
Adoniel. Ich habe den Auftrag an dich, daß du mich
begleiten sollst; du stehest und sinnest nach über die traurige Lage des
Christentums; du siehst, wie der Glaube erlöscht und dies macht dich ernsthaft
und nachdenkend, und das mit Recht; aber komm mit mir, wir wollen einen großen
Glaubenskämpfer von seiner sterblichen Hülle entkleiden, und ihn hierher ins
Land des Schauens führen.
Ameniel. Wer ist der Glückliche?
Adoniel. Thamim ist hier sein Name; ich will dir seine Lebensgeschichte
erzählen. Thamim ist der Sohn frommer Eltern, die ihn in wahrer
christlicher Ehrfurcht erzogen, und dann dem geistlichen Stande widmeten; von
der Wiege an entwickelten sich große Talente in ihm, und sein Hunger nach
Wahrheit ging über alles. Vornehmlich war ihm Jesus Christus Ziel und Zweck
seines Wollens und Wünschens: da er nun bei reiferen Jahren den Geist der Zeit
näher kennen lernte und nun fand, mit welchen scheinbaren Gründen die Wahrheit
von der Erlösung durch Christum und die göttliche Würde seiner Person bekämpft
wurde, so machte er sich' s zur vollkommensten Pflicht, solche Gründe für jene
unaussprechlich wichtige Wahrheit ausfindig zu machen, die schlechterdings
durch keine menschliche Vernunft widerlegt werden konnten.
Indessen wurde er Prediger in einer großen
Stadt; er verwaltete sein Amt mit seltener Treue; nicht allein auf der Kanzel,
sondern allenthalben, wo sich nur Gelegenheit darbot, zeugte er vom
Gottmenschen Christus, und das Evangelium war immer die Quelle, woraus er
schöpfte. Es gibt auf Erden kein Mittel zur Belehrung, dessen er sich nicht
bediente, um seine Mitmenschen zu dem großen Ziele zu führen, das seine Seele
erfüllte. Alle seine Schriften (und deren ist eine große Menge) haben unter
allen Formen und Gestalten keinen anderen Zweck, als Jesum Christum den
gekreuzigten, auferstandenen, und nun zur Rechten des Vaters sitzenden Fürsten
des Lebens und der Herrlichkeit, zu bekennen, und Ihm wahre Verehrer zu
werben, und das, was er lehrte, befolgte er auch treulich in seinem Leben und
Wandel.
Indessen drückte denn doch der Geist der
Zeit diesen großen Mann mit seinen blendenden Zweifeln: die Möglichkeit, zu
irren, die jedem helldenkenden Menschen so einleuchtend wahr ist, machte ihn
oft traurig, und in diesen Stunden der Dunkelheit drängten sich ihm immer die
Vorstellungen dieser Möglichkeit in allerlei Larven auf. Ach, seufzte er dann,
wie mancher große und edle Mann glaubt, seine Grundsätze seien unerschütterlich
fest, und am Ende findet er denn doch oft, daß er geirrt habe. Großer Gott,
wenn das auch mein Fall wäre - wie unaussprechlich unglücklich wäre ich dann! -
Diese Stunden des Kampfes erzeugten endlich den festen Entschluß in ihm, nicht
eher mit Beten, Ringen und Kämpfen nachzulassen, bis er durch sinnliche
Erfahrungen von Jesu Christo und seiner Wahrheit vollkommen überzeugt
wäre. Dieser Entschluß wankte nie; seine Augen und Ohren waren beständig
gespannt, um ein sinnliches Zeichen vom Herrn zu ersehen und zu erforschen,
aber er ersah und erforschte nichts. Im Gegenteil, er wurde oft durch seine
Sinne getäuscht, und doch wankte sein Glaube nie, er wurde im Gegenteil immer
fester und immer beständiger, und all sein Predigen, Lehren und Schreiben war
nichts als Gebet und Glauben an Jesum Christum, den Sohn Gottes - das
Bedingnis seines Glaubens wurde nie sinnlich erfüllt und doch wurde sein Glaube
immer stärker.
Dazu kam nun noch eine ebenso starke
Glaubensprobe; er teilte den Notleidenden mit, ohne zu rechnen, und ohne auf
sein Vermögen Rücksicht zu nehmen. Durch andere Umstände und Mißgeschicke
geriet er nach und nach in große Schulden, aber das hinderte ihn nicht, im
festen Glauben und Vertrauen von dem, was er in Händen hatte, immer reichlich
den Armen auf alle mögliche Weise zu helfen; indessen wurden seine Schulden
immer größer, und mit ihnen wuchs sein Vertrauen auf Gott.
Ameniel. Der Glaube dieses Mannes ist kühn und darf
nicht nachgeahmt werden.
Adoniel. Du hast recht, himmlischer Bruder! - Es
ist ein ewiges Grundgesetz für den Christen, daß er sich nie nach der Führung
eines andern bilden darf, sondern er muß lauterlich auf den Herrn sehen, der
jeden nach Maßgabe seines eigenen Charakters zum Ziele leitet. Da dies nun von
vielen nicht beobachtet wird, indem sie sich nach irgendeinem vorzüglich
frommen Menschen modeln wollen, so geraten sie leicht auf Abwege und erleiden
hernach Schiffbruch im Glauben. Thamim ist daher nicht Muster in der
Materie des Glaubens; aber ein großes erhabenes Beispiel im Geist des
Glaubens.
Endlich verfiel er in eine langwierige,
höchst schmerzhafte Krankheit; an inneren geheimen Tröstungen fehlte es ihm
nicht, sein Geist war ruhig und heiter, aber seine Vernunft sah denn doch
keinen Schimmer von sinnlicher Gotteserfahrung, und zur Bezahlung seiner
Schulden zeigte sich kein Ausweg, und doch wankte sein Glaube nicht, er bleibt
fest und unbeweglich wie ein Fels.
Ameniel. Thamim ist ein großer Mann Gottes; wie groß wird
nun seine Freude sein, wenn er sieht, wie herrlich der Ausgang seiner
Glaubensprobe ist. Komm, wir wollen zu ihm eilen, ihn zu entbinden. Gelobet sei
der Herr, der Erbarmer, der auch den kühnsten Glauben krönen will!
Ameniel stieg auf Adoniels Wolkenwagen; Mit
der Geschwindigkeit des Flügels der Morgenröte fuhren sie die Milchstraße
hernieder, und ein langer goldener Lichtstreifen blieb hinter ihnen zurück.
Bald sahen sie den Erdplaneten, diesen Schauplatz des Geheimnisses und der
Erlösung, unter ihren Füßen hinrollen, sie senkten sich seitwärts, hüllten
sich in ihre Schleier und standen unbemerkt an Thamim’s Kampflager.
Der Engel des Todes stand dort gegenüber
in sein Dunkel verhüllt, und harrte sehnlich auf den Wink, seine Sichel schwingen
zu dürfen; der große Kämpfer arbeitete mühselig und sein ganzes Wesen war Gebet
um Erbarmung. Endlich rückte der goldene Zeiger an seiner Lebensuhr auf den vom
Herrn über Leben und Tod bestimmten Punkt; aus dem Allerheiligsten erscholl
die Stimme, Engeln nur hörbar: - "Sein Kampf sei vollendet!" - Nun
schwang der Todesengel seine Sichel und rief:
Sterbliche Hülle - werde Staub! Erlöste
Seele, schwinge dich zum ewigen Urlicht! - Und Thamim entschlummerte.
Jetzt umarmten sich die drei Engel und
jauchzten vor Wonne über den glücklich errungenen Sieg ihres irdischen Bruders,
dessen Seele sich nun sanft und ruhig aus ihrem Körper loswand; so, wie nach
einem schweren Gewitter in der Nacht der Vollmond strahlend aus den finstern
Wolken hervortritt und nun die betränten Fluren überglänzt, so stieg Licht aus
der Leiche Thamim' s empor; und wie man aus einem nächtlichen, schweren,
langwierigen und ängstlichen Traum erwacht, so erwachte jetzt Thamim zum
ewigen Morgen, er staunte um sich her, er ahnte seinen Übergang und glänzte
heller.
Adoniel. Willkommen, vollendeter Bruder! Du hast
einen guten Kampf gekämpft - du hast redlich Glauben behalten, fortan ist dir
nun auch die Krone der Gerechtigkeit zugeteilt; komm mit uns, sie zu empfangen.
Thamim. Wer seid ihr, strahlende Fürsten? Werde
ich nicht durch meine Sinne getäuscht? Ist das nun wirkliche sinnliche
Gotteserfahrung? O täuscht mich nicht! - Seid Engel Gottes, so wie ihr es zu
sein scheint!
Adoniel. Du hast im Dunkeln geglaubt. - Du wirst
nun doch im Lichte nicht zweifeln wollen? Komm und siehe!
Thamim. Verzeiht mir, ihr Himmelsbürger! Ja, ich
fühle in meinem ganzen Dasein, daß ich selig bin. - Nein, das ist keine
Täuschung, mein Selbstbewußtsein ist größer und wahrer als jemals. Ach, ich
fange an mit vollen Atemzügen aus der unversiegbaren Quelle der Seligkeit zu
trinken; lehrt mich eine Sprache, womit ich meine Empfindungen ausdrücken kann!
Adoniel. Deine Empfindungen und Vorstellungen sind
die Sprache der vollendeten Gerechten, wir verstehen dich ganz.
Thamim. Aber wer tilgt meine Schulden? - Wer
versorgt meine lieben Verlassenen? - Ich habe auf den Herrn mein Vertrauen
gesetzt bis zum Tode, und traue ihm auch jetzt noch fest; wird nun auch dies
Vertrauen gekrönt werden?
Adoniel. Es ist gekrönt: der Engel, der die Pläne
der Vorsehung ausführt, wirkt in der Nähe und Ferne, er bildet Werkzeuge zur
vollständigen Rettung, die deine kühnsten Erwartungen übertrifft.
Thamim. Gelobt sei der Herr, der meinen irrenden
Glauben nicht beschämt hat! - Jetzt fange ich an zu erkennen, wo ich gefehlt
habe; der Herr, der Sündentilger, wird mir diesen Irrtum nicht zurechnen; aber
wenn er mit mir rechten wollte, ich würde auf Tausend nicht Eins antworten!
Adoniel. Du bist rein durch die Erlösung, von
Sünden ist hier keine Rede mehr. Komm zu unseres Herrn Freude!
Auch der Todesengel lächelte Thamim selige
Freude zu; dann aber hüllte er sich wieder in seine Trauerwolke, die der Herr
aus den Tränen der Reue Adam’s und Even's schuf, nachdem sie gefallen
und aus dem Paradies vertrieben waren. Der Ernteengel ging hin, einen großen
Mann mit Gewalt aus seiner Bahn zu reißen, damit er sich nicht zum Abgrund
verirren möchte.
Ameniel. Komm erst in meine Arme, mein Bruder! Ich
fing durch die Kraft des Herrn das achtzehnte Jahrhundert auf der Erde so an,
wie du es endigst.
Thamim. Bist du denn auch einer von Adam's
Nachkommen?
Ameniel. Ich bin August Hermann Franke!
Thamim (im vollen Jubel der Umarmung). Möchten
wir beide ewig beisammen leben und wirken können!
Ameniel. Das wird geschehen; denn im Reich der
Herrlichkeit, so wie in allen Himmeln, werden die Seelen zusammengeordnet, die
sich ihrer Führung und ihrem Charakter nach ähnlich sind.
Adoniel. Kommt, Brüder, wir müssen weiter, - der
Herr winkt zu andern Geschäften.
Die drei seligen Brüder des Reiches Gottes
schwangen sich nun empor, aber sie hatten Befehl, ihren neuen Bruder Thamim durch
den Hades zu führen. Bei dem Eintritt in diese dunkle, schweigende Wüste, und
bei dem Anblick der Scharen abgeschiedener Geister, die dort vor dem
Morgengebirge gruppenweise umherwandelten, staunte Thamim und sagte:
Meine Ahnungen haben mich also nicht getäuscht. Dürfen wir hier nicht ein wenig
verweilen? Ich möchte gern das Geschäft der Heiligen, die die Menschen
richten, näher kennen lernen.
Adoniel. Darum wirst du hierher geführt, mein
Bruder! Indem sie noch redeten, kam der Engel Malachiel über das Gebirge
einher, er schwebte hoch auf seiner Wolke, deren Saum das Licht der Ewigkeit
vergoldete - dann senkte er sich herab in die Schatten des Hades, und
die Wolke glänzte sanft wie purpurnes Abendrot; so wie er daher zog, teilten
sich die Scharen in weitem Kreis, und harrten staunend, wen jetzt das Gericht
treffen würde. Jetzt rief Malachiel mit einer Donnerstimme: Aluabon komm
vor Gericht! -
Alsbald erschien ein sehr ansehnlicher
Mann, der mit Zuversicht hervortrat und sich so dahinstellte, als einer, der
die strengste Prüfung bestehen kann; eine große Menge abgeschiedener Seelen
nahte sich, und sie schlossen einen weiten Kreis um Aluabon und seinen
Richter, denn er war in Seinem Leben ein sehr gelehrter und auch wegen seines
tugendhaften Wandels und vieler lehrreichen Schriften sehr berühmter und
allgemein hochgeschätzter Mann gewesen, folglich war jeder neugierig, was für
ein Schicksal auf ihn warte.
Malachiel. Aluabon, du warst ein ansehnlicher Lehrer
der christlichen Religion; dir war viel anvertraut, ich bin gesandt,
Rechenschaft von dir zu fordern, wie du dein Amt verwaltet hast. - Nun bekenne
aufrichtig, was war nach deinem Begriff der Zweck der Sendung Jesu Christi?
Aluabon. Die Menschheit reine und wahre Tugend zu
lehren und von allen Banden des Aberglaubens und der Schwärmerei frei zu
machen.
Malachiel. Ist denn vor Christo reine und
wahre Tugend nicht gelehrt worden?
Aluabon. Ja, aber nicht so vollständig und als das
eigentliche Augenmerk der Bestimmung des Menschen.
Malachiel. Hättest du das alte Testament einer
gründlichen und unparteiischen Betrachtung gewürdigt, so würdest du allenthalben
gefunden haben, daß das, was du reine und wahre Tugend nennest, Ziel und Zweck
aller Anstalten des levitischen Gottesdienstes gewesen, und überall auch so
gelehrt worden sei. Christus hat auch keine einzige Sittenregel zuerst
vorgetragen, alle waren schon vorher bekannt.
Aluabon. Verzeihe mir, du Himmlischer. - Darauf
habe ich nie meine Aufmerksamkeit gerichtet; indessen ist das wahr, was du
sagst. Aber das jüdische Volk achtete doch nicht auf die sittlichen Gesetze,
sondern es hing bloß an den äußeren Zeremonien, und war ganz im Aberglauben
versunken; deswegen kam nun Christus, um sein Volk und die gesamte
Menschheit die wahren Pflichten gegen Gott und den Nächsten zu lehren und sie
vom Aberglauben und dem mühseligen Opferdienst zu befreien.
Malachiel. Das sagst du - hat das aber auch Christus
als den wahren Zweck seiner Sendung bestimmt? - Im Gegenteil behauptet er,
er sei der wahre Sohn Gottes, er sei vor Grundlegung der Welt schon in
Herrlichkeit bei dem Vater gewesen, und bezeugt, er werde nach seinem Leiden
und Sterben wieder auferstehen, in den Himmel fahren, zur Rechten der Majestät
Gottes sitzen und wieder kommen, um die Lebendigen und die Toten zu richten. Er
behauptet, das Recht zu haben, Sünden zu vergeben, und vom Tode zu erwecken,
wen er wolle. Er gibt seine Menschwerdung, sein Leiden und Sterben als das
einzige Mittel an, die Menschheit selig zu machen von ihren Sünden, und setzt
fest, daß dies der eigentliche Zweck seiner Sendung, und daß die Beobachtung
seiner Lehre das Kennzeichen der Wiedergeburt und der Erlösung sei; daß er
gekommen sei, dem Teufel seine Macht zu nehmen und seine Werke zu zerstören:
zum Beweis dessen trieb er die bösen Geister aus den Besessenen. Ihm wurde zu
Zeiten göttliche Ehre erzeigt, und Er nahm diese Ehre an und billigte jene
Anbetung; jetzt sage mir aufrichtig, wie du alles ansiehst?
Aluabon. Christus mußte sich nach den Begriffen und
Vorurteilen der Juden richten, wenn er seinen Zweck erreichen wollte. Sie
hingen fest an ihrem Opferdienste; um sie davon los zu machen, gab er seinen
künftigen Tod als ein Opfer an. Weil das Volk einen Messias, einen
Befreier von aller Dienstbarkeit erwartete, so gab er sich für diesen Messias
aus. Um sich Ansehen zu verschaffen, nahm er göttliche Ehre an, und ebenso
richtete er sich auch in Ansehung des Satans nach den Begriffen des Volks, und
bediente sich auch in seiner Lehrart der erhabenen orientalischen Bilder, und
dies alles, bloß um Nutzen zu stiften.
Malachiel. Aluabon, merke wohl auf das, was ich dir
jetzt sagen will. - Gesetzt, ein helldenkender Mann nehme sich vor, ein Volk,
das noch im Finstern wandelt, voller Vorurteile und Aberglauben ist, zu
erleuchten, oder nach deiner Sprache, aufzuklären; ich will dir ein Land zum
Beispiel geben, das noch im finstersten Papsttum lebt. - Hier finge nun dieser
Mann damit an, zu lehren, er sei gekommen, um für das Volk zu sterben, dann
würden sie keiner Messe mehr bedürfen. Um seine Lehre zu bestätigen, bezöge er
sich immer auf die lügenhaften Legenden der sogenannten Heiligen, dann klärte
er die Leute keineswegs über den Aberglauben der Zauberei und des
Geistersehens auf, sondern er heilte sogar häufig sogenannte bezauberte Personen,
und bezeugte, daß Hexerei, Bündnisse mit dem Satan und dergleichen, möglich
seien. Ich will ferner den Fall stellen, eine solche Nation habe stolze,
hochtrabende Redensarten und Ausdrücke, und dieser Reformator bediente sich
derselben ebenfalls -- sage mir, Aluabon sage mir, was würdest du von
diesem Menschen urteilen? - Sagt dir nicht dein innerstes Wahrheitsgefühl, daß
ein solcher schamloser, abscheulicher Betrüger verdiene, aus der menschlichen
Gesellschaft vertilgt zu werden? Spricht nicht dein Gewissen laut in dir, daß
du Jesum Christum, den Herrn der Herrlichkeit, deiner Überzeugung gemäß, stillschweigend,
für solch einen Bösewicht erklärt hast? Hast du nicht Begriffe in die dir zum
Unterricht anvertraute Jugend gelegt, aus denen bald diese schreckliche
Lästerung notwendig entstehen muß? - Und nun, - was hat dich bewogen, so zu
glauben und so zu lehren?
Aluabon. Ach, furchtbarer Richter, von dieser Seite
habe ich die Sache nie angesehen; die Philosophie, und überhaupt die Gelehrsamkeit
stellten mir die buchstäblichen Lehren des Evangeliums so dumm und läppisch
vor, daß ich mich ihrer schämte, und um doch Amt und Brot nicht zu verlieren,
bequemte ich mich zu den Mitteln, deren man sich jetzt allgemein bedient, indem
man die natürliche Religion Christentum nennt und die Bibel auch so erklärt.
Malachiel. Hast du in der ganzen Natur noch keine
Beispiele angetroffen, wo die stärkste menschliche Vernunft Dinge für dumm und
läppisch erklärte, die sie nachher als große und wichtige Wahrheiten erkannte?
Aluabon. O ja, leider!
Malachiel. Fiel dir das denn nie in der allerwichtigsten
Angelegenheit der ganzen Menschheit ein?
Aluabon. Ach Gott, der Gedanke stieg mir wohl zu
Zeiten auf, aber er zerstörte meine Ruhe und so zerstreute ich ihn wieder
durch andere Gegenstände.
Malachiel. Siehst du, wie du die Winke der züchtigenden
Gnade verscherzt hast! - Jetzt wirst du nun mit Scham und Reue sinnlich
erfahren, daß Jesus Christus die reine heilige Wahrheit gelehrt hat, und daß
alles, was Er und seine Apostel gesagt haben, nach dem einfältigen
Wortverstande müsse geglaubt und erklärt werden.
Aluabon. Ich sehe ein mit Entsetzen und
unaussprechlicher Wehmut, wie sehr ich geirrt, und wie schwer ich gesündigt
habe; gibt es aber nun kein Mittel mehr zu meiner Erlösung?
Malachiel. Die Erfahrung muß dich nun belehren, ob
die schweren Leiden der jammervollen Ewigkeit vermögend sind, deine Ichheit in
wahre Gottes- und Menschenliebe zu verwandeln, und dich so zur
Himmelsbürgerschaft geschickt zu machen; denn wahrlich, wahrlich, die große
Erkenntnis der Wahrheit macht niemand selig. Fahre hin zu Deinesgleichen! -
Dein eigener Zug wird dich führen, wohin du gehörst!
Adoniel. Bruder Thamim, kennst du diesen armen
unglücklichen Geist?
Thamim. Es war mir so, als ob ich ihn kennte,
allein ich konnte mich seiner nicht erinnern.
Adoniel. Es war Philofrast, den du wohl
gekannt, wegen seines großen Genies und seiner bürgerlichen Rechtschaffenheit
so hoch geschätzt und geliebt hast, ob du gleich seine Grundsätze nicht
billigtest. Du mußtest sein Urteil anhören, um dich zu überzeugen, daß man solche
Männer nicht durch Beifall und Freundschaft in ihrem falschen System bestärken
und sicher machen dürfe. Der Christ ist liebreich und dienstfertig gegen alle
Menschen, auch gegen die Feinde, aber er muß sich hüten, durch vorzügliche
Freundschaft mit am Joch der Ungläubigen zu ziehen.
Thamim. Ich fühle mit tiefer Beschämung, wie sehr
ich da gefehlt habe. Es lag in meiner Seele ein tief verborgener, mir nicht
hell genug einleuchtender Zug der Eigenliebe; ich wollte es nicht gern mit den
großen, allgemein geschätzten Männern verderben, um der Schmach, Christi zu
entgehen, und ich Armer täuschte mich mit dem Trugschluß, es geschehe bloß, um
auch auf die großen Modemänner desto besser wirken zu können! Wie betrügerisch
ist das menschliche Herz! - Der Herr verzeihe mir auch diesen, ehemals
verborgenen Fehler!
Adoniel. Er ist dir längst um des Todes des Herrn
willen, so wie alle deine Sünden verziehen, denn du hast doch öffentlich und
laut gegen die Irrtümer dieser Zeit, folglich auch dieses Mannes, gezeugt. Aber
siehe, Malachiel setzt sein Richteramt fort.
Malachiel’s Stimme tönte wieder: Jedidjah, nahe
dich mir! Tief gebeugt, mit Wehmut belastet, schwebte eine soeben im Hades
angekommene Seele herzu. - Sie stand da wie ein armer Sünder, dem sein
Todesurteil gesprochen werden soll.
Malachiel. Sage mir doch, Jedidjah, warum
stehst du so schwermütig vor mir? - Drückt dich noch die Last deiner Sünden?
Jedidjah. Ich darf meinen Mund nicht auftun vor dem
Herrn. Er kennt mein Herz, und ich weiß, daß sein Gericht immer gerecht ist;
sein Wille geschehe an mir in Zeit und Ewigkeit.
Malachiel. Enthülle die Rolle deines Lebens!
Wie ein Wanderer, der in grausender Einöde
zwischen himmelhohen einsturzdrohenden Felsen einhersteigt und den gewissen
Tod vor den Augen zu sehen wähnt, nunmehr aber auf einmal in ein herrliches
Luftgefilde tritt und seine Heimat in der Nähe sieht; so erschien jetzt Jedidjah
in dem Glanze seines Lebensgemäldes, und Thamim wurde vor freudigem
Erstaunen wie emporgehoben, als er in ihm seinen Freund den großen Dulder Arnfried
erkannte; seine Geschichte ist kurz folgende:
Arnfried, nunmehr Jedidjah, war der Sohn
reicher Eltern, die ihm in seiner Jugend einen Hofmeister hielten, der ihn in
allerlei nützlichen Wissenschaften und auch in Kenntnissen der christlichen
Religion unterrichtete, doch so, daß das Herz daran wenigen oder gar keinen
Anteil nahm. Er wuchs also als ein bürgerlich gesitteter und wohlerzogener
Jüngling auf und bezog die hohe Schule, auf welcher er zum Arzt gebildet werden
sollte, weil seine Neigung vorzüglich auf Naturkunde ging. Hier war seine
Aufführung untadelhaft und er verwendete Geld und Kräfte zweckmäßig. Ungeachtet
er nie Gefallen an rohen und wilden Zusammenkünften der Studenten hatte, so
wurde er doch einstmals verleitet, einem sogenannten Klub beizuwohnen, in
welchem es recht ordentlich und gesittet hergehen sollte. Arnfried fand
sich also des Abends daselbst ein. Man war lustig, man trank eine Flasche
Punsch nach der andern, bis endlich die Köpfe erhitzt waren, und nun kam es zum
Disputieren über nichtsbedeutende Gegenstände. Einer unter dieser Gesellschaft
hatte aber seine besondere Freude an gewagten und vermessenen Ausfällen auf die
Religion. Er suchte eine gewisse Größe des Geistes im Lästern, und da er nun
anfing, berauscht zu werden, so hielt seine Zunge kein Maß und Ziel mehr, er
schäumte Worte der Höllen gegen den Erlöser aus. Ein Teil der Gesellschaft
lachte darüber, ein anderer schwieg, und einige bezeugten ihr Mißfallen, unter
diese gehörte auch Arnfried. Endlich trat einer gegen ihn auf, und
befahl ihm ernstlich zu schweigen. - Der Lästerer nahm das übel, es kam zum
Herausfordern, und auf der Stelle zum Duellieren, wo dann der wütende Mensch
tödlich verwundet wurde; er lebte noch zwei Stunden, sein Ende war fürchterlich
und schrecklich, er tobte der Ewigkeit entgegen, und fuhr mit Fluchen hin ins
ewige Verderben.
Die ganze Gesellschaft war darnieder
gedonnert. Der Täter ergriff die Flucht und ging nach Amerika, wo er im Krieg
geblieben ist.
Diese Geschichte machte den tiefsten und
beharrlichsten Eindruck auf Arnfried. Die Welt ward ihm zu enge, und
auf der Universität war nun seines Bleibens nicht mehr; er schrieb seinen
Eltern den ganzen Vorfall, und bat sie aufs wehmütigste, sie möchten ihm doch
erlauben, die Handlung zu lernen. Seine Bitte wurde endlich erhört, und er fand
Gelegenheit, auf ein ansehnliches Kontor zu kommen. Hier kam ihm nun die
erbannende Vaterliebe in Christo entgegen; denn einer von den Handlungsgehilfen
war ein wahrer Christ, dieser suchte auf den Grund seiner Schwermut zu kommen,
und erfuhr ihn auch bald. Eigentlich hatte sich in jener fürchterlichen Stunde
die Idee bei Arnfried festgesetzt, der Mensch könne seinem Schicksal
nicht entgehen; wer also zum Unglück bestimmt sei, werde unglücklich, er möge
tun, was er wolle. Der arme Mensch war also in die Fesseln des Determinismus
geraten, und wer diesen schrecklichen Tyrannen kennt, der weiß, wie schwer es
ist, seiner los zu werden.
Indessen gelang es doch dem frommen
Freund, ihn eines Besseren zu belehren. Arnfried geriet in einen
wohltätigen Bußkampf; er wurde gründlich erweckt und empfing in seinem Innersten
die Versicherung, daß ihm seine Sünden vergeben seien. Bei dem allem aber blieb
eine geheime Schwermut in seiner Seele, von der er sich nie befreien konnte,
und die ihm zum Feuer einer siebenfachen Läuterung dienen mußte. Eben diese
Schwermut war auch die Ursache, daß er mit sehr vielen frommen und
erleuchteten Männern, und also auch mit Thamim bekannt wurde, weil er
bei ihnen Rat für seine Seelenkrankheit suchte.
Mit der Zeit kam es auch dazu, daß er
selbst eine eigene Handlung errichtete; er heiratete eine sehr fromme und
bemittelte Jungfrau, die ihn so glücklich machte, als man es nur immer durch
den Ehestand werden kann. Mit dieser lebte er einige Jahre gleichsam in den
Vorhöfen des Himmels, sie erbauten und erweckten sich wechselweise, aber
mitten im Genuß der Glückseligkeit riß der Engel des Todes dies süße Band
entzwei, denn als Arnfried an einem Abend mit seiner Frau über einen
breiten Fluß fahren mußte und ein Sturm entstand, so schlug das Boot um, er
wurde gerettet, und sie wurde nie wieder gefunden. Betäubt und erstarrt kam Arnfried
in seine Wohnung zurück, er tat, was er in seiner Lage tun mußte, er warf
sich wie ein Schlachtopfer hin zu den Füßen des Herrn, und hörte nicht auf zu
beten, zu ringen und zu kämpfen, bis er mit tiefer Seelenruhe und von Grund
seines Herzens sagen konnte: Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat's genommen,
der Name des Herrn sei gelobet und mein Wille seinem allein guten Willen ewig
aufgeopfert!
Arnfried hatte keine Kinder und sein Vermögen war
beträchtlich; aber die Handlungsgeschäfte fingen nun an, ihm beschwerlich zu
werden; er flehte daher zu Gott um Aufschluß über seinen künftigen
Wirkungskreis. Sein Flehen wurde auch erhört, aber wie gewöhnlich auf eine ganz
unerwartete Weise; denn in weniger als zwei Jahren wurde er von allen
zeitlichen Gütern gänzlich entblößt. Bankerotte ansehnlicher Häuser, denen er
getraut hatte, und andere kaum denkbare Unglücksfälle nahmen ihm beinahe alles
weg, und was er noch erübrigte, reichte kaum hin, um seine eigenen Schulden zu
bezahlen. Dies alles überfiel ihn in kurzer Zeit, gleichsam Schlag auf Schlag,
und jetzt war wiederum kein anderer Rat für ihn übrig, als sich dem Willen
Gottes aufzuopfern. Er tat dieses großmütig und redlich; und warf sich nun mit
völliger Verzichtung seines eigenen Wollens und Begehrens in die Vaterarme
Gottes.
Jetzt war Arnfried arm, ohne Brot
und ohne Beruf; er sah auch gar keinen Ausweg vor sich, und doch traute er der
Vorsehung, ohne zu wanken; indessen mußte er doch auch das seinige tun, und
Gelegenheit suchen, unterzukommen. Gern hätte er sich wieder in
Handlungsdienste begeben, aber jedermann scheute sich und schämte sich, einen
so angesehenen Mann in Dienste zu nehmen; er beschloß daher, in eine entfernte
Gegend zu gehen und da jeden ehrlichen Broterwerb anzunehmen, den ihm der Herr
anweisen würde. Durch eine gnädige Fügung des himmlischen Vaters kam er in die
Nähe der Stadt, in welcher Thamim Prediger war, durch dessen Mitwirkung
er in einer ansehnlichen Fabrik als Werkmeister angestellt wurde. Hier lebte
und wirkte er nun eine geraume Zeit ruhig und wohltätig; allein dies war nur
Stärkung zu noch größeren Leiden; es gefiel dem Herrn, ihn mit einer
langwierigen und schmerzhaften Krankheit zu belegen, womit seine innere
Schwermut und sein Seelenleiden immer verbunden blieb. Da er nun in diesem Zustande
seinem Geschäft nicht gehörig vorstehen konnte, so wurde er verabschiedet, und
es hatte nun das Ansehen, daß er wohl sein Brot vor den Türen werde suchen
müssen. Allein dazu ließ es sein himmlischer Führer nicht kommen. Thamim brachte
es dahin, daß er als Lehrer in einem Waisenhause angestellt wurde, wo er unbeschreiblich
nützlich auf die armen Kinder wirkte und sie dem großen Kinderfreunde zuführte.
Zum Unglück war aber der Prediger dieses Waisenhauses ein Neuling, der unter
der Inspektion des vorhin verurteilten Aluabon' s stand. Dieser Prediger
hielt nun den guten Arnfried für einen Schwärmer, und glaubte, er
verführe die Waisenkinder zu einem ängstlichen Aberglauben, daher arbeitete er
insgeheim an seiner Entlassung, worin ihn Aluabon so kräftig
unterstützte, daß die Sache bald ausgeführt wurde, und Arnfried ohne
Brot war.
Arnfried blieb aber auch jetzt nicht untätig; Thamim
brachte es bei verschiedenen wohlhabenden Freunden dahin, daß ihm jährlich
eine hinlängliche Summe ausgesetzt wurde, mit welcher er ohne Sorgen leben
konnte; nun schrieb er allerhand kleine Erbauungsbücher und schaffte auf
allerhand Weise vielen Nutzen, bis ihn endlich der Engel des Todes, an dem
nämlichen Tage, an welchem auch Thamim starb, von seinen Banden erlöste.
Nun stand Arnfried (Jedidjah) vor
seinem Richter, er schimmerte wie der Morgenstern am anbrechenden Tage, wenn
Lämmerwolken mit vergoldeten, purpurnen Säumen langsam unter ihm herwallen.
Malachiel. Jedidjah! Das Blut der Erlösung hat seine
volle Wirkung an dir getan - komm zum Erbteil der Heiligen im Licht. Willkommen
Thamim! - Ihr himmlischen Brüder, führt diesen vollendeten Gerechten zu
mir; er und sein Freund Jedidjah sollen ewig zusammen wohnen und
wirken. Der Ewige wird ihnen große Dinge anvertrauen; kommt zum Reiche der Herrlichkeit!
Adoniel, Ameniel, Thamim und Jedidjah stiegen auf Malachiel’s
Wolkenwagen und erhoben sich mit ihm in die Höhe des ewigen Morgens.
Unaussprechliche Wonne der Seligkeit durchströmte Jedidjah; er schwieg
und feierte, und Thamim verherrlichte den Erhabenen, den Gottmenschen Immanuel,
mit neuer himmlischer Zunge. Beide Freunde schlossen sich schweigend in
ihre Arme, und schauten mit staunenden Blicken in die unendlichen und
strahlenden Gefilde der himmlischen Reiche, deren Herrlichkeit kein irdischer
Verstand zu fassen vermag.
Bald sahen sie von ferne weit und breit
die Stadt Gottes glänzen, und hinter ihr erhob sich der Berg Zion mit dem Tempel
der Ewigkeit. Malachiel nahm den Zug seitwärts und führte seine
Begleiter in die Nähe der Stadt auf einen erhabenen Hügel. von welchem man die durchsichtigen
goldenen Gassen und durch die Perlentore in unabsehbarer Länge durchschauen
konnte. Hier stand nun ein Palast, der wie Topas glänzte, wenn er schön geschliffen
auf Gold gelegt wird, er strahlte prächtig im Glanze des ewigen Lichts, und
hier kehrte Malachiel ein. Hier gingen sie nun durch einen langen
Säulengang von diamantenem Schimmer in allen Farben des Regenbogens und kamen
bald in einen großen Saal, wo Thamim verschiedene seiner frommen Vorfahren
fand, die ihn himmlisch bewillkommten, so wie man' s irdisch nicht erzählen
kann; auch Jedidjah fand da einige seiner Freunde.
Auf einmal glänzte die Herrlichkeit des
Herrn durch den Saal hin, und Jesus Christus, der König des Himmels und der
Erde stand da, und mit dem Ton, der Tote ins Leben ruft, mit der Stimme der
ewigen Liebe sprach Er: Thamim und Jedidjah! Hier ist eure ewige
Wohnung - und euer Geschäft soll sein, zur Seligkeit der Heiden zu wirken. Malachiel
wird euch unterrichten.
Dank und Anbetung war jetzt jedes Wesen,
der Herr entfernte sich, und nun erfuhr Thamim mit Entzücken, daß Malachiel
der Bischof der Brüdergemeinde, der selige Spangenberg war. Beide
umarmten sich und begannen ihren neuen Wirkungskreis, dessen Geschichte erst
in jenem Leben erzählt werden kann.
D r i t t e S z e n e.
Lohn der Treue
Ermüdet von mancherlei Berufsgeschäften,
suchte ich auf meinem Spaziergang einsame Gegenden. Ich geriet endlich in einen
Buchenwald, wo ich unter dem dämmernden grünen Gewölbe in Gedanken vertieft,
den wunderbaren Wegen nachdachte, auf denen die ewige Liebe die Menschen zu
ihrem großen Ziele zu führen pflegt. Die langwierigen Leiden, die ich an mir
und anderen von jeher erfahren, und deren endlicher Ausgang dem sterblichen
Auge ins Dunkel der Zukunft verhüllt ist, machten mich schwermütig. Ich
geriet, wie gewöhnlich, in flehendes Sehnen nach Licht, und bat Siona, die
mich immer ungesehen umschwebt, wenn ich die Reinigung des Herzens bewahre, um
Unterricht. Bald bemerkte ich das sanfte Lispeln ihrer holden Stimme, ich
horchte ihren süßen Lehren zu, sie sprach:
Erhebe deine Seele aus dem schwülen
Dunstkreise des Erdenlebens, der weder zum Sehen noch zum Hören der himmlischen
Wahrheit geschickt ist. Reinige und öffne dein Ohr, ich will dir den Lohn
ausharrender Treue erzählen.
Warnfried war der Sohn eines braven Handwerksmannes;
auch er lernte das Leinenweberhandwerk und heiratete dann ein frommes Mädchen,
das ein Haus und ein kleines Gütchen hatte. Beide jungen Leute fingen ihren
Ehestand recht christlich an, und dienten Gott mit aufrichtigem Herzen. Im
Anfange schien es auch, als ob sie Gott im Irdischen segnen würde; allein bald
zeigte sich das Gegenteil. Die guten Menschen konnten sich bei all ihrem Fleiß
kaum die Notdurft erwerben, und endlich wurde ihre Wohnung unvermutet ein Raub
der Flammen.
Warnfried fand nun, daß man ihm kaum so viel Geld
auf sein kleines Gütchen leihen würde, als notwendig wäre, eine notdürftige
Hütte zu bauen, er behalf sich also in einem armseligen Hüttchen, welches er
von Brettern zusammensetzte. Er und Kunigunde, seine treue Gattin, waren
auch so zufrieden; sie dienten ihrem Gotte und Erlöser treu und aufrichtig,
arbeiteten mit allem Fleiß und mit aller Treue, und setzten ihre Hoffnung auf
das große Ziel des Christen. Nun verfiel aber auch der gute Mann in eine
schwere und langwierige Krankheit. Kunigunde blieb standhaft im Glauben
und Vertrauen auf Gott, sie verdoppelte ihren Fleiß, verpflegte ihren Mann und
drei kleine Kinder mit unübertrefflicher Treue, und man hörte nie einen Laut
der Ungeduld oder des Zagens von ihr. Indessen ging denn doch alles hinter
sich, das Gütchen wurde verschuldet, und es schien, als wenn der Konkurs
unvermeidlich wäre. Doch dazu kam es nicht, Warnfried fand Gelegenheit,
es teuer zu verkaufen, daß er seine Schulden vollkomn1en bezahlen konnte und
noch etwas übrig behielt.
Jetzt waren aber die guten Leute ohne
Mittel, ihr Brot zu erwerben; sie flehten um Hilfe und diese erschien. Ein
reicher Mann nahm sich ihrer an, er verpachtete ihnen ein sehr schönes Gut
unter sehr billigen Bedingungen; sie zogen dahin und wirtschafteten mit aller
Vorsicht und mit größtem Fleiß, so daß sie im Zeitlichen vorwärts zu kommen
schienen.
Allein bald zeigte sich eine neue Prüfung,
- die weit schärfer war als alle vorhergehenden. Der Gutsherr war ein
Wollüstling. Er suchte die junge schöne Kunigunde zu Fall zu bringen; er
stellte ihr auf alle mögliche Weise nach; sie widerstand ihm ritterlich, und
überwand auch hier. Da nun der Versucher sah, daß alle seine Mühe vergeblich
war, so fing er an, die armen Leute auf die bitterste Weise zu verfolgen, so
daß ihnen am Ende nichts anderes übrig blieb, als ihre Kinder an die Hand zu
nehmen, im Namen Gottes und im Vertrauen auf Ihn in die weite Welt zu gehen,
und dann zu erwarten, was ihr himmlischer Vater mit ihnen vornehmen würde. Sie
brachten etwas weniges an Geld zusammen, verließen ihre bisherige Wohnung und
ihr Vaterland, und pilgerten nach einer Gegend hin, wo sie glaubten Arbeit zu
finden.
Nach ein paar
Tagreisen war ihr Geldvorrat fast verschwunden, und noch zeigte sich keine
Hoffnung. Müde, traurig und flehend setzten sie sich nahe vor dem Tore einer
großen Stadt auf eine Bank am Wege um auszuruhen. Ein Bürger, der aus der Stadt
kam, um spazieren zu gehen, sah diese fremden Leute da sitzen, ihr ganzes
äußeres Wesen zog ihn an. Freundlich fragte er sie: Ihr guten Leute, wo kommt
ihr her? Warnfried erzählte ihm kurz ihre ganze Geschichte, welcher der
Bürger aufmerksam zuhörte. Als nun dieser erfuhr, daß Warnfried ein
Leineweber sei, riet er ihnen, zwei Stunden weiter zu gehen, dort sei ein
Städtchen, in welchem eine Baumwollweberei errichtet worden, da würden sie
Arbeit finden; dann gab er ihnen noch ein Stück Geldes, und unterrichtete sie
hinsichtlich des Weges, den sie nehmen müßten.
Die beiden
frommen Eheleute dankten ihrem himmlischen Vater und dem guten Bürger mit
Tränen, und wanderten auf das Städtchen zu, wo sie auch bald Arbeit fanden und
sich eine kleine, wohlfeile Wohnung mieteten. Hier blieben sie etliche Jahre,
aber sie brachten sich nur kümmerlich durch; denn mit der Fabrik wollte es
nicht fort, und zudem war an diesem Ort alles sehr teuer. Endlich erfuhren sie,
daß acht Stunden weiter, an einem sehr wohlfeilen Orte, auch eine solche Fabrik
angelegt worden, und daß die Eigentümer derselben rechtschaffene Leute seien;
dies bewog dann Warnfried und seine Frau, dahin zu ziehen. Dort fanden
sie endlich ihr redliches Auskommen; indessen konnten sie nichts erübrigen,
und als Warnfried vollends anfing zu kränkeln, so fingen die guten Leute
auch wieder an, Mangel zu leiden.
Nun wohnte aber
an diesem Orte ein Gelehrter, der in herrschaftlichen Diensten stand; er und
seine Frau waren gottesfürchtig, und obgleich sie nicht reich waren, so
beflissen sie sich doch der Wohltätigkeit und Menschenliebe, so gut sie
konnten. Diese wurden aufmerksam auf Warnfried’s Familie und suchten sie
auf alle mögliche Weise zu unterstützen. Endlich erlag der fromme Dulder seiner
Kränklichkeit. Er bekam die Auszehrung und starb im festen Vertrauen auf seinen
Erlöser und mit der gewissesten Überzeugung, der himmlische Vater werde seine
lieben Hinterlassenen auch väterlich versorgen.
Kunigunde ertrug
diesen Vorausgang ihres geliebten Reisegefährten auf dem mühseligen Lebenswege
mit wahrem christlichem Heldenmute. Der älteste Sohn lernte des Vaters
Handwerk, und sie suchte sich nebst ihren beiden Töchtern mit Baumwollspinnen
zu ernähren. Redlich, aber ärmlich brachte sich diese fromme Witwe noch einige
Jahre durch; aber nun wurde auch sie kränklich, so daß sie die meiste Zeit im
Bette in den größten Gichtschmerzen zubringen mußte. Aber selbst im Bette
kratzte sie noch Baumwolle, und unter gottseligen Gesprächen spannen die Kinder
so fleißig, daß sie sich kaum Zeit zum Essen und zum Schlafen nahmen.
Endlich ahnte
auch Kunigunde ihre nahe Auflösung mit hoher Freude; sie ließ ihren Sohn
zu sich kommen, dem sie einen Brief an obigen gelehrten Freund in die Feder
diktierte. In diesem Brief äußerte sie mit wahrer apostolischer Salbung ihre
erhabene christliche Gesinnung, und mit seltener Freimütigkeit und Zuversicht
übergab sie ihm ihre Kinder zur Versorgung. Bald darauf entschlief Kunigunde,
und der gelehrte Freund hat ihr Testament redlich erfüllt.
Ich. Die
Szene ihres Überganges in jene Welt hätte ich sehen mögen.
Siona. Ich
will sie dir in aller Herrlichkeit darstellen. Richte das Auge der Imagination
auf die Bilder, die ich dir vorführen werde.
Ernst und
feierlich saß der Erhabene auf dem Urthron, und vor ihm an den Stufen harrten
tausend Seraphim auf seine Befehle. Jenseits ihrem Kreise feierte Hanniel.
- Er stand schweigend und schaute ehrfurchtsvoll ins Angesicht des Königs
aller Welten, als ob er den Wink zur Ausrichtung seiner Aufträge erflehen
wollte. Endlich erscholl die Stimme vom Throne her:
Hanniel, sie hat
auch der Prüfung letzte mit Geduld und Glauben ausgehalten, führe sie zu ihrer
Bestimmung.
Hellstrahlend,
mit neuem Lichte überkleidet, neigte sich Hanniel mit unaussprechlichem
Dank zu den Füßen der Majestät Gottes, trat dann hervor auf den Rand des hohen Zions,
und durchlief mit seinen sanftglänzenden Augen die Kreise der Schöpfung,
bis er dort den dunklen Punkt, die nächtliche Erde, unter den Heerscharen der
Welten entdeckte.
Wie sich ein
Blitz in der segensschwangern Wolke plötzlich entzündet, und nun hinfährt -
nicht zu töten, sondern den Pesthauch zu tilgen, der den armen Wanderer
ungesehen umschwebt; so strahlte Hanniel hin ins enge dunkle Gäßchen der
Stadt, wo Kunigunde kämpfte. Da stand er, sein Herz wallte dem engen Kreise
dieser Lieben entgegen. Tätig, voller frommen Gesinnungen, saßen die Kinder,
und die Mutter lag im Bette und rang mit dem starken Gewappneten, der
unaufhörlich Pfeile der Schmerzen auf sie losdrückte.
Kunigunde. Kinder,
ich leide schreckliche Schmerzen, aber doch wird mir auf einmal so wohl. Es
müssen wohl Engel um uns her sein. - Ach ja, mein Heiland! Dich stärkte ja auch
ein Engel, als du in Gethsemane kämpftest. Du stärkst auch mich!
Eine Tochter. Ja,
liebe Mutter, es wird uns auch so wohl, wir sprachen soeben unter uns davon, es
ist uns so zumute, als wenn wir recht glücklich werden sollten.
Kunigunde. Ich
fühle, daß ich bald überwunden habe, der Herr wird mit euch sein!
Hanniel zum
Todesengel, der in seiner Wolke gehüllt, des Winkes harrte. - Himmlischer
Bruder, löse die Bande, die die Seele an die zerbrechliche Hülle knüpften! -
Hanniel wandte sein Gesicht weg, und der Engel der Ernte schwang seine Sichel
und sprach: Verwese, du Wohnplatz der Leiden, bis du das Unverwesliche
anziehen wirst - und du, Siegerin, eile zur Krone. –
Kunigunde (die
den vor Wonne strahlenden Hanniel vor sich sieht). Herr Jesus! Du
erscheinst mir wie der Maria Magdalena!
Hanniel. Ich bin
nicht dein Erlöser, liebe Seele, sondern ein Mitgenosse der Erlösung. Du hast
überwunden, besinne dich!
Kunigunde. Wie ist
das? - Mir war so weh, so ohnmächtig, es war mir, als stürbe ich und auf einmal
träumte mir, es kam mir vor, als wenn ich in einem engen Gewölbe, in einem
Keller wäre, es war stockfinster um mich her, und ich ängstigte mich
sehr. Auf einmal strahlte ein herrliches Licht wie ein Regenbogen aus einer
Ecke her, ich lief dahin und siehe, da war eine enge Spalte, durch die ich
hinausschlüpfte und dich nun vor mir sah.
Hanniel. Du
träumst nicht mehr! Besinne dich! Johanna ist nun dein ewiger Name!
Johanna. Jesus
Christus, wie ist mir? - Ich glänze wie du.
Ach, mein Gott! Jetzt weiß ich, daß ich
gestorben bin; ich fühle himmlischen Frieden, ich bin selig!
Hanniel. Ja,
Erlöste des Herrn, du bist selig! - Komm, ich bin gesandt, dich zu unseres Herrn
Freude heimzuholen.
Johanna
stammelte unaussprechlichen Jubel, und beide schwangen sich ohne Aufenthalt
durch den Hades, auf die Höhe der östlichen Gebirge, Johanna
überschaute mit unbeschreiblichem Staunen die ganze Weite des Kinderreichs und
rief aus:
"Das ist
freilich noch nie in eines Menschen Herz gekommen, was der Herr bereitet
hat, denen, die ihn lieben!“
Hanniel. Und
doch ist dies nur die Morgenröte der Herrlichkeit, es ist der Ort der
Seligkeit für Kinder und Unmündige.
Johanna. Aber
verzeihe mir, wie soll ich dich denn nennen?
Bist du ein Engel? - Oder bist du auch ein
Mensch gewesen, wie ich? -
Hanniel.
Johanna Ich war dein
Mitwanderer in deiner Pilgrimschaft.
Johanna. Du mein
Mitwanderer! Hab' ich dich denn gekannt?
Hanniel. Willst
du dein erstes Söhnchen sehen, das dir im zweiten Jahre seines Erdenlebens
starb?
Johanna. O du
Strom der Seligkeit, wie kann ich dich trinken! - Eile, du himmlischer Bruder,
und führe mich zu meinem Jakob!
Hanniel umschlang
den neuen Engel mit seinem Arm, und so schwebten sie sanft über die flachen
smaragdenen Täler hin; ein purpurner Schimmer strahlte aus der Morgenröte
herüber, und ein kühlendes Hauchen voll Geist und Leben durchdrang die Johanna,
und sie fing an, neue große Entwicklungen ihrer Begriffe zu bekommen, und was
sie jetzt noch nicht hatte, das ahnte sie in der Nähe.
So ging der Zug
bald zwischen Luftwäldchen durch, bald längs silbernen Strömen, bald über
Blumengefilde, die wie Brillanten im siebenfachen sanften Lichte strahlten, bis
sie endlich an einen ziemlich erhabenen Hügel kamen, der mit lauter Lebensgebüschen
und Zionischen Palmen bepflanzt war. Hier stieg ein Palast empor, der wie
durchsichtiger parischer Marmor hell poliert im Morgenlicht schimmerte. Hanniel
führte seine Begleiterin durch hohe Säulengänge, die aus Perlen gebaut zu
sein schienen: aber alles war Geist und Leben, alles war dämmernd, hehr und
erhaben.
Jetzt traten
sie in eine Halle; unbeschreiblich schön war ihr Bau, wie aus Wolken der
Morgenröte, zitronengelb mit purpurnen Säumen, aber nicht gemalt, sondern aus
Licht und Leben bereitet. Hier harrten viele - aber ein Jüngling, hold und lieblich,
schön wie das Urbild der Menschheit, in lasurnes Lichtgewand mit silbernen
Sternen übersät, gekleidet; lächelnd wie der schönste Maimorgen, entriß sich
einem ältlichen Engel und kam herzu. - "Meine Mutter", rief er
in der Sprache der Engel und der ältliche Engel: - Jakobs Erzieherin, rief "Meine
Tochter!'~ - und Hanniel strahlte Seligkeit aus seinen Augen auf Johanna
und rief: "Mein holdes Weib!" - Johanna ward mit
siebenfachem Sonnenlichte verklärt, und ihr Jubel war unaussprechlich.
Wie kann ich
Wandler im Staube durch Worte des Staubes Leben und Seligkeit stammeln? Brüder
und Schwestern, die ihr dies leset, ringet und kämpfet
mit Ausharrung. Was auf uns wartet, ist der Mühe wert.
Die ganze himmlische Gesellschaft schwang sich nun
hinüber ins Lichtreich, und empfing auf der saphirnen Tafel in Hanniels Tempel
erhabene Aufträge.
V i e r t e S z e n e.
Jesus Christus in seinem menschlichen
Charakter
Siona hatte mir Lavaters Verklärung in
die Feder diktiert, und meine geliebten Brüder und Schwestern haben dies
Gedicht mit Vergnügen und Segen gelesen. Die Himmlische führte mich mit meinem
seligen Freunde bis vor den Urthron der Ewigkeit; aber da verließ sie mich, und
ich sank müde und betäubt aus dem Empyreum wieder zur Dunsthülle herab.
In dieser feierlichen Morgenstunde gedenke
ich meines Freundes vor dem Herrn. Sein heißes Forschen nach der Erkenntnis
Jesu Christi, seine ernsten und tiefen Untersuchungen des menschlichen
Angesichts, der Physiognomien der Tugenden und des Lasters, sein Sehnen nach
hellen und reinen Blicken in den Charakter des Herrn, als Mensch betrachtet,
ging lebhaft an meiner Seele vorüber. Auch in mir entstand oder erwachte wieder
das Verlangen, Jesum in seinem irdischen Wandel näher zu kennen, um mich in dem
gewöhnlichen täglichen Leben und Umgang mit den Menschen nach ihm bilden zu
können. Siona sah mein billiges Wünschen, und sie versetzte mich wieder
in der Hülle der Einbildungskraft, in die Gefilde des Reichs der Herrlichkeit.
Israel heißt nun der verklärte Lavater - er
stand auf der Zinne des hohen Zions, sein Geist schwamm im Meere der Seligkeit,
die Umarmung des Königs aller Wesen, an dem er sich zu Tode geliebt hatte,
erhob ihn zur Größe des Seraphs; er dachte nun Gedanken der Ewigkeit, und sein
neu entwickeltes himmlisches Empfindungsorgan durchschaute Welträume; was er
ehemals in seinen Aussichten in die Ewigkeit durch ein trübes trügliches Glas
ahnend zu erblicken gemeint hatte, das sah er jetzt nach der Wahrheit im
reinsten Lichte.
Indem er so dastand und seine Augen dem
Morgenstern ähnlich, im Anschauen der großen goldenen Stadt mit ihren Perlentoren
weidete, schwebte ein majestätisch glänzender Engel mit offenen Armen herzu -
wie himmlischer Harfenton tönten ihm die Worte entgegen: Willkommen, Israel
Lavater dein Freund Jesanjah - ehemals Heinrich Heß, ruft
dich zu erhabenen Geschäften! - Komm in meine Arme, du Freund meines Erdenlebens!
Israel Lavater. Gelobt sei der Herr! (sie umarmen sich und
feiern).
Jesanjah. Wir werden ewig mit einander leben und
wirken.
Felix Heß, Pfenninger und noch andere deiner Freunde,
nebst mir, wir alle wohnen hier unten am Fuß des Berges - dort, wo die hohe
Altane wie Gold im Feuer hervorstrahlt, auf der du unsere Freunde herumwandeln
siehst. Unser Geschäft ist, den aus dem Lande der Sterblichkeit und dem Hades
hier angekommenen Erlösten des Herrn, je nach dem Charakter, ihren Beruf und
Wirkungskreis anzuweisen.
Israel L. Da müßt ihr, himmlische Brüder, mich
belehren. Wie kann ich Herzen- und Nierenprüfer sein?
Jesanjah. Der Wille des Herrn drückt sich jedem von
uns auf der saphirnen Tafel seines Tempels aus, und zwar jedem nach seinem
Charakter und seinen Fähigkeiten gemäß. Du wirst über alles bald hinlänglichen
Aufschluß bekommen.
Israel L. Mein ganzes Wesen ist erweitert wie ein
Weltraum, und der unermeßliche Ozean der Seligkeit durchflutet alle Sphären
meines Wollens, Denkens und Empfindens.
Jesanjah. Und dieses Durchfluten wird dir ewig neu
bleiben, weil dir immer neue Genüsse zuströmen.
Israel L. Halleluja, dem der auf dem Throne sitzt,
Ihm sei Ehre und Ruhm, Preis und Dank in Ewigkeit.
Jesanjah. Ewiger Bruder! Ich habe einen Auftrag an
dich;
Maria, die Mutter der Menschheit des Herrn, die
Königin des Kinderreichs, wünscht dich zu sehen und zu sprechen.
Israel L. Wieder ein neuer Strom der seligen Fülle.
Ich bebe vor Freuden, sie zu sehen, du nennst sie die Königin des Kinderreichs?
-
Jesanjah. Sie hat unter der Leitung des Herrn die
oberste Aufsicht über das ganze Reich des Unterrichts: denn sie war ja die
Erzieherin des Ersten und Größten aller Menschen. Siehst du dort die
paradiesische Ebene auf einer der niedrigsten Höhen des Zions? - Siehst du das
weite und breite Paradies um die silberglänzende Burg her? - Dort wohnt sie!
Israel L. Wir schweben hinüber.
Ich wage es nicht, die Herrlichkeit der
ehemals armen Bürgerin von Nazareth zu beschreiben; alle Bilder der irdischen
Natur sind tote Farben für das Reich des ewigen Lebens. Denke dir,
brüderlicher und schwesterlicher Leser eine weite, große und hohe Halle,
blendend silberweiß im goldenen Schimmer, in welchem das siebenfache
Regenbogenlicht im stärksten Feuer unaufhörlich abwechselt, und in dem sich
die unaussprechlichen Wunder der Ewigkeit in lebenden Gemälden immerwährend und
abwechselnd darstellen. Dadurch belehrt der Vater der ewigen Natur alle
Himmelsbürger ; dies lebendige Wort ist ihre Bibel.
Hier fand mein Freund die hohe Maria und
ihre Freundinnen, Maria Magdalena, Salome, Maria und Marta von Bethanien, nebst
ihrem Bruder Lazarus, auch sah er hier Abraham, David und mehrere wichtige
Personen des Altertums; alle ruhten auf Thronen von Silbergewölke, das im
silberfarbigen Lichtstrome wallte.
Israel Lavater kam am Arm seines Freundes. Die innigste
Demut hätte ihn zu Füßen aller dieser Verherrlichten niedergebeugt, wenn er
nicht tief empfunden hätte, daß er dies nur dem Herrn schuldig sei. - Auch
diese bejahrten Himmelsbürger hätten vor Demut niederknien mögen, wenn sie
nicht die nämliche Empfindung aufrecht gehalten hätte.
Innige Herzensdemut ist der goldene Grund des
neuen Jerusalems und Hochmut die Glut des Pfuhls, der mit Feuer und
Schwefel brennt.
Maria. Wonne der Seligkeit dir, mein himmlischer
Bruder, du erster Blutzeuge der zwölften Stunde! Willkommen im neuen Jerusalem!
Israel L. Sei mir gegrüßet du Hochbegnadigte. - Dein
Anblick erhöht meine Seligkeit!
(Maria und hernach auch alle Anwesenden
umarmten ihn.
Alle setzten sich in weitem Kreise; Israel
Lavater und sein Freund, Jesanjah Heinrich Heß, setzten sich auch
zwischen sie. Wie wird es uns dereinst in einer solchen Gesellschaft sein? Laßt
uns ringen bis aufs Blut, damit wir eine solche Seligkeit nicht versäumen!)
Maria. Himmlischer Bruder! Ich freue mich deines
Weibes und deiner zurückgelassenen Freundinnen; auch der Herr hatte in seinem
irdischen Leben Freundinnen. Diese Engel hier, die mich seit ihrer Verklärung
beständig mit ihrem Rat unterstützen; wir beten für deine Gattin, Töchter,
Söhne, Freunde und Freundinnen, daß sie der Herr in schweren Kämpfen, die ihnen
bevorstehen, kräftig unterstützen und vor dem Falle bewahren möge. Deine Anna,
deine Töchter und Freundinnen sollen einst, wenn sie treu bleiben, diesem
Kreise einverleibt werden, ich will den Herrn um diese Gnade bitten.
(Israel Lavater zerschmolz in zärtlicher Empfindung, und
sein ganzes Wesen war Dank und Feier. Was aber von jeher der heißeste Wunsch
seines Herzens gewesen war, den menschlichen Charakter des Herrn zu kennen, das
wurde auch jetzt wieder rege in seiner Seele.)
(Und nun, 0 Siona, leite du meinen
Gedankengang, daß ich nichts eigenes mit einmische, sondern rein und lauter
dies himmlische Gespräch in den toten Buchstaben einkleide und dann ströme
Feuer und Geist, Licht und Wärme in die Seele jedes Lesers.)
Israel L. Der Erhabene und Hochgelobte war immer der
Gegenstand meiner Betrachtungen und meiner innigsten Liebe. - Ich bitte dich,
du Gebenedeite unter den Weibern, unterrichte mich doch in der großen
Wissenschaft des Charakters unseres Herrn. Wie war sein Leben und Betragen als
Mensch und worin unterschied er sich von andern Menschen? - War er auch körperlich
schön?
Maria. Ich erfülle deinen Wunsch sehr gerne, mein
himmlischer Bruder! Die Erinnerungen an mein ehemaliges Erdenleben und an den
Umgang mit dem Herrn, als Mensch, erhöhen meine Seligkeit.
Jesus war ein wohlgebildeter Mann. An seinem
ganzen Körper war kein Fehl; er war etwas länger als mittlere Statur, mehr
hager als stark, und er hatte die Physiognomie des David'schen Hauses. - Noch
jetzt in seiner Herrlichkeit wirst du einige Ähnlichkeit zwischen David und Ihm
bemerken. Sein Haar war goldgelblich und sein Angesicht rötlich, seine Augen
glänzend blau und schön. Das Haar hing in sanftwallenden Locken um Hals und
Schultern. Bei dem allen war Er so schön nicht, daß Er Aufsehen machte;
nur dann, wenn man Ihn lange und aufmerksam betrachtete, entdeckte man das
Edle, Große, Schöne und Erhabene in seiner Bildung sowohl als in seinem
Betragen. Überhaupt, wer nicht wußte, wer Er war, und Ihn nur so flüchtig
beobachtete, der bemerkte nichts als den gewöhnlichen guten, braven
rechtschaffenen Mann. Er sprach im gemeinen Umgang sehr wenig, was Er aber
sagte, war immer zutreffend. Während seinem Schweigen ruhte ein tiefer, etwas
schwermütiger Ernst auf seiner Stirne und Er sah dann immer aus als einer, der
ein geheimes Leiden hat. Ich fragte ihn einst: Lieber Sohn, Du siehst ja immer
leidtragend aus, fehlt Dir etwas? - Er blickte mich durchdringend, feierlich,
ernst und zärtlich an und sagte: Mutter, erinnere dich des Schwerts, von dem
dir Simeon weissagte, aber ich bitte, darüber frage mich nicht mehr; ich muß
den Willen dessen erfüllen, der mich gesandt hat. Wenn Er mit der Miene
sprach, so entdeckte auch ein blödes Auge etwas Ehrfurchterweckendes,
Ungewöhnliches, mit einem Worte, etwas Göttliches in seinem Angesicht; dies
Göttliche bemerkte man vorzüglich auf seiner Stirne, an dem himmlischen Feuer,
das aus seinen Augen blitzte, und an einem unbeschreiblichen Zug, um seine
Lippen. Von dem an ahnte ich mit tiefer Schwermut ein außerordentliches Leiden,
das ich aber gar nicht mit seiner Bestimmung vereinigen konnte; ich empfahl
also Gott die Sache und schwieg.
Eben diese Miene und diesen Blick hatte Er
auch, wenn er mit den Pharisäern und Vorgesetzten meines Volkes sprach. Ich
konnte oft nicht begreifen, wie es möglich wäre, daß auch die stolzeste und
verwegenste Seele nicht vor dieser unwiderstehbaren Gewalt seines Blickes und
des Ausdrucks seiner Rede in den Staub niedersänke und anbete. Allein sie waren
blind und je mehr sich ihnen seine innewohnende Gottheit aufdrang, desto
rasender wurden sie.
Unbeschreiblich war sein Blick und seine
Miene, wenn Er Leidende tröstete, oder im Kreise seiner Freunde und Freundinnen
sein liebevolles Herz ausschüttete. Das Göttliche, Sanfte in seinen Lippen, die
ewige Liebe in seinen Augen, die Wonne der Wehmut auf seiner Stirne, 0 das
alles wirkte so mächtig auf alle, die zugegen waren, daß man sich des Anbetens
nicht enthalten konnte. Ich habe nie einen Menschen gesehen, auf dessen Angesicht
sich die Seele so rein ausgedrückt hatte, als auf dem Seinigen. - Das war aber
kein Wunder, denn weder Leidenschaft, noch Verstellung hatten je einen Zug in
sein Gesicht eingeprägt, noch viel weniger es beherrscht, jeder Zug war äußerst
beweglich und der Macht der innewohnenden Gottheit gehorsam. Daher kam es denn
auch, daß Jeder, der kein Vorurteil gegen Ihn hatte, mit Liebe und Ehrfurcht für
Ihn eingenommen wurde. Aus eben der Ahnung der verborgenen unaussprechlichen
Majestät in seinem innersten Wesen rührte auch die sonderbare Erscheinung her,
daß keine einzige Frauensperson Ihn auch nur von ferne fleischlich liebte,
wie schön und anziehend auch sein äußeres Ansehen war. Man mußte ihn zärtlich
lieben, aber dieses Lieben war die reinste Freundschaft.
Israel L. Wie war er aber als Kind? - Betrug er sich
auch wie andere Kinder, in Ansehung der Kinderspiele, der sinnlichen Begierden
und dergleichen?
Maria. Er weinte, wie andere Kinder, wenn Ihm
etwas fehlte, aber nie leidenschaftlich, nie ärgerlich oder jähzornig, sondern
Er war ruhig und immer geschäftig. Er spielte, aber der Zweck seiner Spiele war
immer groß und auf Wohltätigkeit gerichtet. Mit guten Kindern ging Er gerne um,
und dann diente Er ihnen; Er lehrte sie, und alle seine Lehren waren als Kind
schon vortrefflich - seine Gespielen wurden in seinem Umgang besser. Bösen
Kindern ging Er immer aus dem Wege, oder sie Ihm. Ich hielt ihn jedoch immer in
meiner Aufsicht, unter meinen Augen; denn ich wußte, was bei dieser erhabenen
Person meine Pflicht war. Sein Verstand entwickelte sich sehr früh; ich
unterrichtete ihn selbst, und in seinem fünften Jahre konnte er schon lesen,
und was er las, das faßte Er alsofort und verstand es. Jetzt fing ich
vorsichtig an, Ihm etwas von seiner Bestimmung zu sagen: Ich erzählte Ihm, daß
mir der Engel Gabriel seine Geburt vorausverkündigt, und mir befohlen habe, ihn
Jehoschuah (Jesus, Seligmacher oder Heiland) zu nennen, denn Er werde Sein Volk
von ihren Sünden befreien. Ewig ist mir der Augenblick gegenwärtig, als ich Ihm
dies zum erstenmal entdeckte. Da bemerkte ich zuerst den göttlichen Blick, von
dem ich vorhin sagte, seine Augen strahlten, seine Stirne erhob sich, auf
seinen Lippen ruhte ein himmlisches Lächeln, und er schaute mit einer
unaussprechlichen Miene empor. Mutter, fing er an, ich werde also wohl der
Maschiach (Messias) sein? Ja, mein Sohn, antwortete ich, der Herr vollende sein
Werk an Dir! Von nun an begann sein Forschen nach den heiligen Schriften. Mit
bewundernswürdiger Leichtigkeit fand Er alle Sprüche, die sich auf Ihn bezogen,
und Er unterschied sehr genau, was mit Grund oder Ungrund auf den Messias
gedeutet wurde. In seinem zehnten Jahre übertraf er schon die Schriftgelehrten
in der Erkenntnis Moses und der Propheten sehr weit, denn Er hatte schon als
Kind den festen Grundsatz, daß in der Religion nichts verbindlich sei, als was
in der heiligen Schrift gegründet wäre.
Israel L. Sagte Er das wohl auch zu Zeiten, daß es
irgend ein Rabbi hörte?
A1aria. Nein, ich überzeugte Ihn bald, daß Er sich
von seiner hohen Bestimmung nicht das Geringste merken lassen dürfe, bis Ihn
der Herr auf eine außerordentliche und ganz unbezweifelbare Weise dazu
aufforderte; unter uns aber sprachen wir täglich davon.
Israel L. Hast du Ihm auch wohl etwas von seiner
geheimnisvollen Geburt gesagt?
Maria. Ich sagte Ihm, Joseph sei sein
Pflegevater, der Ruach Jehovah (der Geist Jehova's), sei aber sein wahrer,
rechter Vater, der Ihm den Joseph zum irdischen Führer und Versorger angewiesen
habe. Dabei blieb's auch immer. Bei reiferem Alter aber verstand Er das
Geheimnis seiner Geburt besser als ich; es wurde aber nie deutlich davon
gesprochen. Von der Zeit an, als ich Ihm dies zum erstenmal sagte, gewöhnte Er
sich daran, besonders wenn wir unter uns waren, Gott seinen Vater zu nennen. Er
tat dies mit Ausdruck und Würde.
Israel L. Sage mir, wie war doch eigentlich die
Geschichte, als du ihn im zwölften Jahre seines Alters verloren hattest und im
Tempel wieder fandest?
Maria. Genau so, wie es der Evangelist Lukas
erzählt: Wir fanden zu Jerusalem, wie gewöhnlich, Bekannte und Freunde. Jetzt
aber, da wir meinen Sohn zum erstenmal dahin brachten, gab es Aufsehen, denn
bei aller Verschwiegenheit war denn doch das Gerücht von Ihm allgemein, und wer
auf den Messias harrte, der wurde aufmerksam auf Ihn. Alle unsere Bekannten und
Freunde nahmen Ihn zu sich. Jeder wollte Ihn bei sich haben, und bei aller
Bescheidenheit leuchtete denn doch immer das verborgene Göttliche aus Ihm
hervor. Daher kam's nun, daß wir Ihn in Jerusalem wenig sahen, wir waren auch
nicht bekümmert um ihn, denn Er war immer in guten Händen und Er war selbst
klug genug, um sich vor Unfällen in acht zu nehmen. Bei unserer Abreise
stellten wir uns nichts anderes vor, als Er sei mit galiläischen Freunden
vorausgegangen und wir würden Ihn am Abend in der Herberge wohl finden; als das
aber nun nicht geschahe, so fühlte ich Simeons Schwert zum erstenmal. Wir
gingen zurück und suchten; an den Tempel aber dachten wir am wenigsten; denn da
Er mit seiner Bestimmung sehr vorsichtig und zurückhaltend war, so konnte es
uns nicht einfallen, daß Er sich dort mit den vornehmsten Personen des Volkes
einlassen und sich ihnen in seiner verborgenen Herrlichkeit zeigen würde.
Indessen da wir Ihn doch nirgends fanden, so fiel uns erst ein, Er könnte auch
wohl im Tempel sein; wir gingen hin, und siehe, da stand Er mitten in einem
Kreise von großen, vornehmen und gelehrten Männern, Priestern, Leviten,
Pharisäern, Sadduzäern, Gesetzgebern und dergleichen. Wir erschraken beide
herzlich über diesen Anblick, besonders auch darum, weil ich in den Mienen
dieser Leute freilich großes Erstaunen und Verwunderung, aber auch tiefen, verachtenden
Neid entdeckte. Es war ihnen unerträglich, daß ein armer, zwar reinlich, aber
ganz gemein gekleideter Knabe aus Nazareth in Galiläa so viel Erkenntnis hatte,
und ihnen ihre oft verfänglichen Fragen so treffend beantwortete, daß sie
selbst darüber beschämt werden mußten. Wäre Er in einer ansehnlichen Familie zu
Jerusalem, oder aus einer andern ansehnlichen Stadt gewesen, so würden sie es
eher ertragen haben; allein jetzt verachteten sie Ihn bei allem ihrem Staunen.
Natürlicherweise war die Rede von seiner
Lieblingsmaterie, vom Messias, gewesen; und ungeachtet der eine oder der andere
darauf angespielt hatte, ob Er sich selbst für den Messias hielte - denn Er
hatte es gewagt, auch hier Gott seinen Vater zu nennen, und dies war ihnen
aufgefallen - so war Er doch immer mit großer Klugheit ausgewichen: endlich
fragte Ihn einer: Sage mir Knabe, wie du heißest? - Antwort: Jehoschuah. - So,
dann bist du wohl der Messias selbst: Antwort: Wen mein Vater sendet, der ist'
s; und selig sind die, die ihn hören und an ihn glauben. Das Erstaunen über
diese Frage währte noch, als wir hereintraten. Mit verdrießlicher Miene sagte
ich zu ihm: Kind, warum behandelst du uns auf diese Art? Siehe, dein Vater und
ich haben dich mit Schmerzen gesucht. Ruhig sah er mich an und antwortete:
Warum habt ihr mich gesucht? Wißt ihr denn nicht, daß es nötig ist, an den
Orten zu sein, die meinem Vater zugehören? - Nun ging Er mit uns fort. Damals
verstanden wir nicht, was Er damit hatte sagen wollen; eigentlich war aber
seine Meinung, wir hätten Ihn ja nicht nötig gehabt zu suchen, denn wir hätten
leicht denken können, daß Er sich da aufhalten würde, wo gleichsam der
sichtbare Wohnplatz seines eigentlichen Vaters sei, und also nur gleich in den
Tempel gehen können. Wir hatten auch damals noch den rechten Begriff von
seiner Sendung nicht. Wir stellten uns nicht vor, daß Er als Lehrer auftreten
würde, sondern wir glaubten, Er würde unter der Leitung seines himmlischen
Vaters nach und nach zum Throne seines Vorfahren Davids emporsteigen; dahin
schienen uns alle Weissagungen zu deuten, und daher kam es auch, daß wir Ihn
unter den Gelehrten im Tempel nicht vermuteten.
Israel L. Man hörte und las viel von Wundern, die Er
in seiner Jugend getan haben sollte, ist das wohl wahr?
Maria. Nicht eine einzige Handlung hat Er
verrichtet, die man ein Wunderwerk nennen könnte. Johannes sagte ja ausdrücklich:
die Verwandlung des Wassers in Wein auf der Hochzeit zu Kana sei sein erstes
Wunderwerk gewesen, und so verhält sich's auch.
Israel L. Es gibt zärtlich denkende Seelen im
irdischen Leben, denen einige Äußerungen des Herrn gegen dich hart und streng
vorkommen: Zum Beispiel, eben bei dieser Hochzeit, äußertest du die Sorge über
den Weinmangel, und Er antwortete dir: Weib, was hab' ich mit dir zu schaffen -
meine Stunde ist noch nicht gekommen. Und ein andermal, als Er unter einer
Menge Menschen saß, die seinen Lehren zuhörten, sagte man ihm: Siehe, deine
Mutter und Brüder sind draußen. Darauf antwortete Er, indem Er mit der Hand um
sich her auf die Anwesenden hinwies:
Diese sind mir Mutter und Brüder! - Auch
dieses lautet etwas hart.
Maria. Dies alles sind Mißverständnisse, die aus
der Sprache herrühren; im Gegenteil, Er hat mich bis in seinen Tod immer als
Mutter und Freundin geliebt und geehrt. In meinem Vaterlande war es
durchgehends gebräuchlich, daß erwachsene Mannspersonen ihre Mutter Ischa, Frau
nannten. Auf der Hochzeit sagte Er zu mir: Frau, was geht das dich und mich
an'? - Meine Stunde ist noch nicht gekommen, oder, der Zeitpunkt, wo ich helfen
kann, ist noch nicht da, denn so oft Er ein Wunder wirken sollte, so ahnte Er
das deutlich vorher, aber Er tat nie eher den Machtspruch, bis Er den Antrieb
der in ihm wohnenden Gottheit spürte.
Was aber den zweiten Fall betrifft, so ist
ja auch die Verwandtschaft derer, die aus Gott geboren sind, viel erhabener
und inniger, weil sie auf der Einigkeit des Glaubens und des Wirkens beruht,
als die fleischliche Blutsverwandtschaft! - Die geistliche Verwandtschaft währt
ewig; die fleischliche aber, wenn sie nicht durch jene geheiligt wird, hört im
Tode wieder auf. Dies wollte der Herr seinen Zuhörern durch sein
eigenes Beispiel zeigen.
Israel L. Erhabene Mutter des Herrn! Ich habe in
meinem sterblichen Leben immer geglaubt, ein Teil der Seligkeit würde auch
darin bestehen, daß sich die vollendeten Gerechten von ihrem irdischen Leben
unterhalten würden; ich wage es darum auch ferner, den Charakter des Herrn von
dir zu erforschen. Darf ich das?
Maria. Du hast recht geglaubt, frage nur weiter!
Israel L. Man liest in den Evangelien, daß Joseph
ein Zimmermann gewesen sei; wahrscheinlich hat sich auch der Herr bis zum
Antritt seines Amtes damit beschäftigt.
Maria. Joseph war überhaupt ein Holzarbeiter,
Zimmermann und Schreiner; was von Holz in einer Haushaltung gebraucht wurde,
das machte er und sowie seine Söhne erwuchsen, so halfen sie ihm, denn er
mußte uns alle mit seinem Handwerk ernähren. Daß mein Sohn dabei sehr
geschäftig und auch sehr geschickt war, das läßt sich von seinem Charakter leicht
denken.
Israel L. Aber ich bitte dich, sage mir doch, wie
war das, daß sogar seine Brüder nicht an Ihn glaubten?
Maria. Das war sehr begreiflich und in der
verdorbenen menschlichen Natur gegründet; denn ob sie gleich alle die wunderbaren
Umstände wußten, die bei seiner Geburt vorgefallen waren, so kam ihnen doch
seine arme, niedrige Lebensart gar nicht übereinstimmend mit dem Charakter
eines künftigen Königs der Juden vor; sie glaubten auch, es schicke sich besser
für seine Bestimmung, wenn Er sich dem Kriegsstande widmete, um mit der Zeit
die Römer aus dem Lande zu jagen, als daß er beständig in der Schrift forschte;
und überhaupt sahen sie sein sanftes, duldendes und demütigendes Betragen als
einen Charakterzug an, der sich gar nicht zur Würde des Messias schickte, dann
mischte sich auch wohl etwas Neid dazwischen. Aber auch diese langwierige
Prüfung seines häuslichen Lebens war Ihm nötig, damit Er auch in diesem Stücke
wie andere Menschen versucht würde. Und am Ende wurden doch seine Brüder noch
seine größten Verehrer und Apostel.
Israel L. Im irdischen Leben sind auch den innigsten
Verehrern des Herrn noch viele Dinge in der Natur des hochgelobten Erlösers
dunkel. Einige glauben, Er habe gar keine Leidenschaften und gar keine Reize
zur Sinnlichkeit gehabt, und andere vermenschlichen Ihn zu sehr. Sage mir doch
die eigentliche Beschaffenheit seines inneren Wesens.
Maria. Er war ganz vollkommen so wie andere
Menschen, der Unterschied bestand bloß darin, daß sein Körper ganz ohne irgend
ein Gebrechen war, und daß seine sittlichen Kräfte mit den sinnlichen in
vollkommenem Gleichgewicht standen. Er war also allen Versuchungen zur Sünde
ausgesetzt, aber Er hatte auch die Kraft, jeder Versuchung vollkommen zu
widerstehen, so daß er immer den Sieg davontrug, ohne auch nur im geringsten zu
sündigen. Er war sich der Ihm innewohnenden Gottheit bewußt, aber diese
Gottheit hielt sich in seinem Wesen verborgen, so daß Er ihre Einwirkung nur
dann empfand, wenn seine menschliche Natur zum Kampfe zu schwach war, oder wenn
Er ein Wunder verrichten oder zukünftige Dinge vorhersagen wollte. Sein Gemüt
war unaufhörlich in der Gegenwart Gottes, all seine Gedanken, Worte und
Handlungen entstanden aus diesem Lichte, daher war auch alles, was er dachte,
sagte und tat, gerade so, wie es sein mußte; nichts war überflüssig, nichts zu
wenig, und nichts zu unrechter Zeit und am unrechten Orte.
Israel Lavater. Man sollte doch denken, diese vollkommene
Frömmigkeit hätte einen tiefen Eindruck auf alle, die ihn kannten und mit Ihm
umgingen, machen müssen.
Maria. Wer Ihn kannte, der hielt Ihn für einen
guten frommen jungen Mann, und für mehr konnte ihn auch niemand halten,
der nicht auf' s vertrauteste mit Ihm bekannt war, weil Er äußerst eingezogen
lebte. In unterhaltende Gesellschaften junger Leute kam Er gar nicht; nicht,
daß Er sie gemißbilligt hätte, wenn es ehrlich und ordentlich zuging; sondern
weil Er keine Zeit dazu hatte, und Scherz und Frohsinn von der Art gar nicht zu
seiner Bestimmung paßte. Immer ruhte ein feierlicher Ernst auf seiner Stirne
und seinen Augenbrauen, denn Er war das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trug;
diese Bürde erlaubte Ihm keine Freude, aber auf seinen Lippen wohnte eine unaussprechlich
ruhige, heitere, göttliche Herzensgüte und aus seinen Augen strahlte die
gewisse zuversichtliche Hoffnung des Wohlgelingens seines großen
Erlösungsplanes.
Israel Lavater. Nun möchte ich aber gerne auch noch seinen
Charakter während seines Lehramtes entwickeln hören. Welches war die
Veranlassung oder der Wink, der ihn aus seiner häuslichen Stille abrief?
Maria. Die Veranlassung dazu war die Taufe des
Johannes.
Ich habe Ihm erzählt, was es mit der
Geburt des Sohnes Zacharias und der Elisabeth für eine Bewandtnis habe, und
daß dieser vor Ihm hergehen und Ihm den Weg bereiten sollte, folglich wartete
Er darauf, wann dieser öffentlich seinen Beruf antreten würde. Aber auch da war
Er noch nicht voreilig, sondern Er wartete nun auch noch die innere
Aufforderung seiner Gottheit ab.
Israel Lavater. Hatten sich diese beiden merkwürdigen Personen
wohl vorher gesehen und gekannt?
Maria. Niemals. Jeder lebte eingezogen für sich.
Beide wandelten vor Gott und taten nicht das Geringste ohne seinen Willen. Der
aber hatte ihnen beiden diese vorläufige Bekanntschaft nicht erlaubt. Sogar als
Jesus zur Taufe Johannes kam, erkannte Ihn dieser noch nicht. (Joh. 1, 31. 33).
Als nun das Gerücht von der Taufe Johannes
im ganzen Lande erscholl und großes Aufsehen machte, so fing nun auch der Herr
an, sich auf seinen großen Zweck vorzubereiten. Er hörte auf zu arbeiten, und
blieb in der Einsamkeit, im beständigen Gebet, bis endlich sein innerer Ruf kam
und Er in aller Stille fort und zum Jordan eilte; dort wurde Er nun durch das
bekannte Zeichen und eine Stimme vom Himmel von Johannes erkannt, und von nun
an wies Johannes auf Ihn, und kündigte Ihn als den Erlöser an.
Israel Lavater. Was hatte es eigentlich für eine
Bewandtnis mit der Versuchung in der Wüste?
Maria. Es war durchaus notwendig, daß die
Menschheit Christi genau die nämliche, wo nicht noch eine stärkere Probe
bestand, als Adam im Paradiese; um diese zu bewerkstelligen, bekam er einen
inneren Antrieb, auf ein sehr rauhes und wüstes Gebirge zu gehen, und da zu
fasten und zu beten. Er folgte diesem Triebe und nährte sich einige Wochen
kümmerlich von wildwachsenden Früchten, Kräutern und Wurzeln; die Forderung von
der innewohnenden Gottheit an Ihn geschah deswegen, um die Reize seiner
sinnlichen Natur aufs höchste zu spannen, und gerade um diese Zeit nahte sich
Ihm eine herrliche Lichtengelsgestalt, die Er aber nicht kannte, denn seine
Gottheit zog sich in Ihm zurück und überließ Ihn sich selbst, seiner eigenen
menschlichen Vernunft. Es war eine heitere mondhelle Nacht, als diese
Erscheinung vor Ihm hinschwebte und freundlich zu Ihm sprach: Wenn Du wirklich
Gottes Sohn bist, so hast Du nicht nötig zu hungern, Du bist ja dann
allmächtig, und kannst diesen Stein in Brot verwandeln? Jesus war gewohnt,
alles mit Sprüchen aus der Schrift zu belegen. Er beantwortete also diese Versuchung
mit den Worten Mosis: Der Mensch lebt nicht von Brot allein, sondern von einem
jeglichen Wort, das durch den Mund Gottes geht. Er gab damit dem Versucher zu
verstehen, daß viele in die Natur ausgesprochenen Worte des Schöpfers zur
Nahrung dienten, und daß es aufs Brot nicht allein ankäme, wenn der Mensch
Nahrung bedürfe.
Satan fand in dieser ersten Probe, daß die
Seele Jesus die sinnliche Natur ganz in ihrer Gewalt habe, und daß die Frucht
vom verbotenen Baum keine Wirkung auf Ihn tun würde, doch hatte er noch einen
Versuch, ob er die Eitelkeit, Wunder zu tun, nicht in Christo rege machen
könnte. Er faßte Ihn also mit starkem Arm, führte Ihn nach Jerusalem und
stellte Ihn oben auf den Turm des Tempels an das Geländer und sprach: Du mußt
doch beweisen, daß Du Gottes Sohn bist; nun heißt es aber von dem, der sein
Vertrauen auf Gott setzt: Er wird seinen Engeln über dir Befehl tun, und sie
werden dich auf den Händen tragen, auf daß du deinen Fuß nicht an einen Stein
stoßest; also, spring da hinab! - Hier hatte der Versucher keinen andern Zweck,
als den Herrn ums Leben zu bringen; denn er wußte sehr wohl, daß die
Wunderkraft der willkürlichen Eitelkeit nicht zu Gebote stünde; aber Jesus
wußte es auch und beantwortete diese satanische Bosheit wiederum, mit dem
Spruch: Du sollst Gott, deinen Herrn nicht versuchen! - Es ist teuflisch, wenn
ein Mensch seinen Herrn und Gott probieren will, ob er auch Wort halte.
Hierauf brachte ihn Satan wieder in die
Wüste, worin Er vorhin gewesen war; und da sie aus einem sehr hohen Gebirge
besteht, so führte er Ihn auf die höchste Spitze desselben und zeigte Ihm nun,
bei dem glänzenden Lichte der aufgehenden Sonne, in der weiten und fernen
Aussicht die herrlichen und fruchtbaren Länder, und weiterhin die Gegenden und
Lagen der blühendsten Weltreiche; dann sprach er nun völlig satanisch: Siehe,
alle diese Reiche und Länder stehen unter meiner Herrschaft; aber ich will sie
dir alle geben, dich zum Könige über das alles machen, wenn du mich nur für
deinen Oberherren erkennest und mir göttliche Ehre erzeigest.
Hier hatte sich der Versucher nun ganz
bloß gegeben, er hatte die drei mächtigsten Leidenschaften der menschlichen
Natur, die Sinnlichkeit, die Eitelkeit und den Stolz zu erregen versucht und
nicht nur nichts ausgerichtet, sondern sich auch selbst aus bloßer höllischer
Leidenschaft entlarvt. Jetzt trat Jesus als Oberwinder auf und sprach mit
gebietendem feierlichem Ernste: Nun kenne ich dich - hinweg mit dir, Satan! Die
Schrift sagt: Du sollst anbeten deinen Herrn und Ihm allein dienen! Satan erschien
in seiner schrecklichen Gestalt und verschwand.
So wie unsere ersten Eltern durch ihren
Sündenfall den Umgang mit den Engeln verscherzt hatten, so hatte nun der
zweite Adam durch seine wohlbestandene Probe diesen Umgang wieder eröffnet;
denn nun kamen sie und brachten ihm Nahrung. Bald darauf kam Er aus der Wüste;
mit einem ungewöhnlichen Heldenmut gestärkt, trat Er nun seine Laufbahn an.
Israel Lavater. Man wundert sich oft im sterblichen Leben,
warum doch Christus nur eine so kurze Zeit gelehrt und eigentlich keinen
schriftlichen Unterricht für seine Verehrer hinterlassen habe.
Maria. Dies rührt aus dem Mißverstande her, den
man von der Sendung Jesus hat. Sein Hauptzweck war, durch sein Leiden und
Sterben die Menschheit von der Herrschaft der Sünde zu erlösen und sie dadurch
selig zu machen; wer an dieser Wohltat teil haben wollte, der mußte an
Ihn, als den Seligmacher, glauben. Um die Menschen zu diesem Glauben zu
bringen, machte Er sie immer aufmerksam auf die pünktliche Erfüllung der
Schrift an seiner Person, und zeigte durch seine Wunder, daß Er wirklich eine
göttliche Person und der versprochene Erlöser sei; und damit jeder wissen
könne, ob Er den wahren, seligmachenden Glauben habe, so lehrte Er die
erhabendsten Pflichten, wozu der Mensch verbunden ist, und die niemand ohne
diesen Glauben ausüben kann. Seine Sittenlehren sollten also nicht Ursache, sondern
Wirkung, nicht der Grund der Seligkeit, sondern das Kennzeichen sein, daß man
durch die Erlösungsanstalten teil an der Seligkeit haben werde. Zu diesem allem
war kein langes Leben und kein langwieriges Lehramt nötig. Sobald er
hinlänglichen Glaubensgrund gelegt hatte, sobald konnte er zu seinem Hauptzweck,
für die Menschheit zu sterben, übergehen.
Israel Lavater. Ich habe manchmal den treffenden Witz bewundert,
den der Herr bei gewissen Gelegenheiten zeigte: z. B. als sie Ihn wegen dem
Zinsgroschen fragten, bei der Erzählung vom barmherzigen Samariter, bei dem
Urteil über die Ehebrecherin usw. Man sollte daraus schließen, Er habe ein
sehr heiteres, aufgewecktes und lebhaftes Temperament gehabt.
Maria. Er hatte einen alles durchdringenden
Verstand und eine anziehende Lebhaftigkeit; aber das alles war mit dem Schleier
der Bescheidenheit verhüllt. Er beherrschte sich ganz, im gewöhnlichen Umgang
war Er die Herzensgüte selbst, und bis zur höchsten Einfalt sanftmütig: aber
wenn Ihm jemand etwas vorheucheln oder Ihn ausholen wollte, dann wurde das Bild
majestätisch, göttlich, durchdringend, und Er fertigte solche Menschen so
treffend und so ruhig hinblitzend ab, daß sie rot und bleich wurden und
wegschlichen. Bei den Vorstehern des Volkes vermehrte dann diese Obergewalt des
Verstandes den Haß gegen Ihn.·
Israel Lavater. Ach erzähle mir doch, du himmlische Schwester
noch so Verschiedenes aus seinem gewöhnlichen Leben! Es ist Wonne, auch für den
seligen Geist, alles, auch das geringste, von Ihm zu wissen.
Maria. Auch mir ist's Wonne, von Ihm zu erzählen:
Er war im Essen und Trinken sehr mäßig und genoß nichts um des Wohlgeschmacks,
sondern bloß um der Nahrung willen. Es gab Speisen, die er vorzüglich liebte;
aber wenn Er Lust dazu merkte, so aß Er sie nicht; ein andermal, wenn Er
gleichgültig dabei war; dann genoß Er sie. In seiner Kleidung und übrigen
Lebensart war Er äußerst reinlich und ordentlich, und im Kleinen wie im Großen
pünktlich. Alles, was sonst gleichgültig ist, war es Ihm nicht mehr, sobald er
merkte, daß es irgend jemand, sogar einem Kinde, unangenehme Empfindungen
machte, daher kam es denn auch, daß Ihn alle Kinder gern hatten und sich ebenso
zu Ihm drängten, wie alle guten Menschen.
Israel Lavater. Aber wie kam es doch, daß Er den Judas
Ischariot zum Apostel wählte?
Maria. Weil Judas anfänglich ein guter Mensch
war.
Israel Lavater. Wußte denn der Herr nicht zum voraus, daß
dieser Judas so schrecklich ausarten würde?
Maria. Man hat im irdischen Leben die richtigen
Begriffe nicht, die man von seiner Natur haben sollte: Jesus war als
Mensch ebenso wenig allwissend als andere Menschen; die in Ihm wohnende
Gottheit hielt sich immer in seinem Innersten verborgen, nur dann, wenn er
Wunder wirken oder zukünftige Dinge vorher wissen sollte, dann strahlte die
Gottheit in seinen Verstand und Imagination und so wußte und konnte Er dann,
was Er wissen und können mußte. Nicht lange vor seinem Leiden wurde Ihm erst
offenbar, daß Ihn Judas verraten würde, und erst nach seiner Himmelfahrt
entsiegelte Er das Buch der göttlichen Ratschlüsse, und erfuhr also auch da
erst die Zeit seiner Wiederkunft und der Gründung seines Reiches; vorher sagte
Er ja ausdrücklich zu seinen Jüngern, daß Er den Tag nicht wisse.
Israel Lavater. Wie kam aber Judas in der Gesellschaft des
besten der Menschen zu einem so schrecklichen Verfalle?
Maria. Judas war von jeher ein stiller, fleißiger
und sparsamer Mensch gewesen. Da er nun eine besondere Zuneigung zu Jesus hatte
und an Ihn glaubte, so nahm Er ihn unter die Zahl seiner Jünger auf. Wegen
seiner Wirtschaftlichkeit übertrug ihm der Herr die Sorge für alles, was er mit
seiner Gesellschaft bedurfte. Judas hatte also auch die Kasse und besorgte
Einnahme und Ausgabe. Dies diente ihm endlich zum Fallstrick, er wurde
allmählich geizig; und weil er sah, daß Jesus die andern Jünger lieber hatte
als ihn, welches ganz natürlich war - er bekam öfters Verweise, die bei andern
nicht nötig waren, - so wurde er auch neidisch, und so verschlimmerte sich sein
Charakter, bis zum Grade der Verräterei. Indessen muß man sich gar nicht
vorstellen, daß Judas seinen Herrn gehaßt und sich an Ihm habe rächen wollen!
Nein, das kam in seine Seele nicht; er glaubte von Herzen, daß Jesus der wahre
Messias sei, und eben dieser starke Glaube machte, daß es ihm nie einfiel,
seine Verräterei könne seinen Lehrer zum Tode bringen. Er hatte ihn so viele
Wunder wirken sehen, daß es ihm die größte Gewißheit war, sein Herr werde sich
wohl zu retten wissen; indessen würden die Juden einmal tüchtig angeführt, und
das schade ihnen nicht, und er bekäme Geld. Als er aber nachher sah, daß es
wirklich mit Jesus zum Tode ging, so lagerte sich eine Welt auf seine Seele;
denn nun fand er alle seine Hoffnungen vereitelt, und das Gefühl der Blutschuld
wütete in seinem Gewissen.
Israel Lavater. Aber wie war euch Lieben zumute, als ihr
sahet, daß es mit Ihm zu einer so schrecklichen Hinrichtung kam?
Maria. Uns allen war unaussprechlich übel zumute;
doch gewährten uns die Winke, die er so oft von seinem Leiden gegeben hatte,
einen Schimmer von Hoffnung, der uns aufrecht erhielt. Indessen durchkämpften
wir von seiner Gefangennehmung an bis zu seiner Auferstehung drei schreckliche
Tage.
Israel Lavater. Wie betrugen sich die Bürger zu Jerusalem
in diesen Tagen?
Maria. Alles war still, man sah wenig Menschen
auf den Gassen; auch der rohe Haufe, der mit den Ratsherrn auf Golgatha gespottet
hatte, war nun ruhig und nachdenkend; es war überhaupt eine allgemeine
Empfindung. - Ein Gefühl, man habe sich übereilt und ein großes Unrecht
begangen. Selbst Pilatus war unruhig, grämlich, und machte dem jüdischen Rate
die bittersten Vorwürfe. Herodes aber sah auf sie alle von oben herab
und triumphierte, daß er an der Untat keinen Anteil habe.
Israel Lavater. Aber wie war euch bei der ersten gewissen
Nachricht von seiner Auferstehung?
Maria. So wie dir, als du aus dem Tode zum Leben
erwachtest.
Israel Lavater. Gelobt sei der Herr in Ewigkeit! - Sage
mir doch, in welchem Augenblick seines Erdenlebens war Er wohl am erhabensten?
Wo und wann machte Er den tiefsten Eindruck als Gottmensch auf die Seinigen?
Maria. überhaupt am letzten Abend, als Er das Abendmah1
einsetzte, und nun das große, unaussprechlich herrliche Gebet aussprach,
welches Johannes von Wort zu Wort aufbewahrt hat. Überhaupt hat Johannes seine
Redensarten und Ausdrücke am genauesten getroffen.
Israel Lavater. Ach, der unendlich Geliebte und
Ewigliebende, wie kann man Ihm in Ewigkeit vergelten, was Er für uns getan hat?
Maria. Er hat alles aus Liebe getan, und bloß
durch Gegenliebe wird Ihm alles vergolten. Liebe ist die Seligkeit
Gottes und der Menschen.
Auf einmal strahlten die Lichtfarben
heller in Marias Halle.
Vom hohen Zion ergoß sich ein Ozean von
Herrlichkeit. Alle Heere der Seraphim bildeten sich im weiten Kreise und Maria
mit ihrer Gesellschaft vereinigten sich mit diesen Heeren. Jeder an seinem
gebührenden Ort. Es war eine hohe Siegesfeier. In irgend einer von den
Millionen Welten hatte ein Geschlecht vernünftiger Wesen eine höhere Stufe
erstiegen, worüber sich der Herr mit allen Heiligen freute!
Siona! Ich ermatte. - Vergönne meinem sterblichen
Staube, daß er wieder neue Kräfte sammle! Nur in der Vorstellung, sich zu den
Sphären der Heiligen hinaufschwingen zu wollen, ist ein vergeblicher Versuch.
Leite du meinen Gang, du Geist des Vaters und des Sohnes, damit meine Flügel
dereinst zu diesem Aufschwung taugen mögen. Amen!
Fünfte Szene.
Die Seligkeit der Kinder
Wenn ich an meine sechs frühverstorbenen
Kinder denke, so wünsche ich oft zu wissen, wie es ihnen gehe. Daß sie selig
sin.d, daran zweifle ich nicht; aber wie sie selig sind, das weiß ich nicht.
Ein dringendes Verlangen zu dieser Kenntnis hab' ich auch eben nicht; denn ich
werde es zu seiner Zeit wohl erfahren. Um aber doch zärtlich liebenden Eltern
einen dämmernden Blick in das Schicksal ihrer früh entflohenen Lieben zu
gewähren, bat ich Siona um eine Szene aus dem Kinderreiche, sie erhörte
meine Bitte, und was ich in der Imagination sah, das teile ich Ihnen hier mit.
Ich sah eine Gegend im Kinderreiche, die
mir eine der schönsten zu sein schien. Der ewige sanftglänzende Morgen strömte
sein mäßiges Licht über einen Hügel her, der mit gelind wehenden,
unaussprechlich schönen, grünen Gebüschen bewachsen war. Ein perlenfarbiger
Duft senkte sich leise an der Seite herab, den das Morgenlicht mit einem
Regenbogen kränzte.
Vor diesem Hügel her erstreckte sich eine
sanfte abhängige Ebene, die untenher mit einem kristallenen Bach begrenzt
wurde. Rechts hinüber sah ich Alleen, die im schönsten Perspektiv wie ins
Unendliche fortliefen, und über denen unbeschreiblich schöne Gestalten
schwebten, die mit Tönen, der Harmonika ähnlich, den Herrn der Herrlichkeit
lobten.
Linker Hand floß gleichsam ein enges Tal
zwischen Luftwäldem hin, durch welches obiger Silberbach schweigend hinwegeilte,
um die Harmonien nicht zu stören, die von allen Wesen der himmlischen Natur dem
Schöpfer entgegen tönten.
Fünfte Szene.
Die Seligkeit der Kinder
Wenn ich an meine sechs frühverstorbenen
Kinder denke, so wünsche ich oft zu wissen, wie es ihnen gehe. Daß sie selig
sind, daran zweifle ich nicht; aber wie sie selig sind, das weiß ich nicht. Ein
dringendes Verlangen zu dieser Kenntnis hab' ich auch eben nicht; denn ich
werde es zu seiner Zeit wohl erfahren. Um aber doch zärtlich liebenden Eltern
einen dämmernden Blick in das Schicksal ihrer früh entflohenen Lieben zu
gewähren, bat ich Siona um eine Szene aus dem Kinderreiche, sie erhörte
meine Bitte, und was ich in der Imagination sah, das teile ich Ihnen hier mit.
Ich sah eine Gegend im Kinderreiche, die
mir eine der schönsten zu sein schien. Der ewige sanftglänzende Morgen strömte
sein mäßiges Licht über einen Hügel her, der mit gelind wehenden,
unaussprechlich schönen, grünen Gebüschen bewachsen war. Ein perlenfarbiger
Duft senkte sich leise an der Seite herab, den das Morgenlicht mit einem
Regenbogen kränzte.
Vor diesem Hügel her erstreckte sich eine
sanfte abhängige Ebene, die untenher mit einem kristallenen Bach begrenzt
wurde. Rechts hinüber sah ich Alleen, die im schönsten Perspektiv wie ins
Unendliche fortliefen, und über denen unbeschreiblich schöne Gestalten
schwebten, die mit Tönen, der Harmonika ähnlich, den Herrn der Herrlichkeit
lobten.
Linker Hand floß gleichsam ein enges Tal
zwischen Luftwäldern hin, durch welches obiger Silberbach schweigend hinwegeilte,
um die Harmonien nicht zu stören, die von allen Wesen der himmlischen Natur dem
Schöpfer entgegen tönten.
Wie ein großer grüner Sammet, mit kaum
sichtbarem Silberflor überzogen und mit Millionen Edelsteinen, die in ihrem
sanften Feuer äugeln, übersäet, lag da vor mir jene Ebene; der Schatten des
perlenduftenden Hügels dämmerte über die Landschaft hin, und im sanft
hingleitenden Bache spiegelte sich das Haupt des Hügels mit seiner aus dem
Purpur der Morgenröte sich bildenden Krone.
Lebende Wesen - vielleicht die Ideale
unseres irdischen Vogelreichs - schwebten leise in mäßiger Höhe über den unbeschreiblich
schönen Blumen und Kräutern, deren Duft vermutlich ihre Nahrung war. Auch
größere hinschwebende, unbegreiflich schöne, bald sichtbare, bald unsichtbare
und dann wie bleich rosenfarbenes Glas durchsichtige Gestalten, eilten
gleichsam schneller, bald hieher, bald dorthin, es schien, als ob sie bestimmt
wären, die Produktion der, himmlischen Natur zu besorgen.
Indem ich mein Geistesauge an diesen
Schönheiten weidete, wandelten verklärte Menschen aus den Alleen herüber; ein
ältlicher Engel führte Kinderseelen auf diese paradiesische Flur. Die kleinen
Engel waren sehr geschäftigt, alles zu sehen, zu berühren und zu empfinden. Sie
schienen über alles, was ihnen vorkam, ganz entzückt zu sein. Einer von ihnen
schmiegte sich an den Führer und sprach:
Sage mir doch, Abitob, wie bin ich
in das schöne Land gekommen? - Gestern war ich noch sehr krank; ich war an
einem sehr dunklen - sehr traurigen Orte; meine Mutter saß bei mir und weinte,
und andere Leute weinten auch. Ich hatte so viele Schmerzen, und jetzt bin ich
so gesund und so froh; aber ich möchte doch gern wieder zu meiner Mutter gehen.
Abitob. Lieber Elidad!
Deine Mutter wird
zu dir kommen, wenn der Herr will; jetzt mußt du nun den Herrn kennen lernen,
der dich und das alles geschaffen hat.
Elidad. Der Herr, der mich und das alles gemacht
hat, muß sehr gut sein. Mir ist so wohl - ich bin gar nicht krank mehr - und
das alles ist so schön, und ich hab' auch nun so gute, liebe Knaben, die mit
mir spielen, und du bist auch ein so guter Vater, wenn ich nur eine gute Mutter
hätte; die andere Mutter, die so weinte, habe ich nicht mehr.
Abitob. Sieh dich einmal um! - Kennst du deine
Base Elisabeth nicht, die dich doch so lieb hatte und dich so treulich verpflegte?
Elidad. Ja, die ist aber gestorben!
Abitob. Ja, sie ist gestorben, aber nun ist sie
hier im Himmel.
Elidad. Ist das denn der Himmel? - Bin ich denn
auch im Himmel? Sag' mir doch, lieber Vater, wie bin ich hieher gekommen?
Abitob. Deine Base Elisabeth hat dich hierher
geholt, du warst sehr krank und konntest auf der traurigen Erde nicht wieder gesund
werden.
Elidad. Ach, das ist sehr gut! - Aber wo ist denn
meine Base, die mich in den Himmel geholt hat?
Elisabeth. Sieh, mich an, Johannes, nun heißest du Elidad
und ich heiße Jedid, Sieh mich an! Jetzt sind wir zusammen im Himmel,
ich bin nun deine Mutter!
Elidad. Nun bin ich froh, nun fehlt mir nichts
mehr, wenn nur auch die andere Mutter, die so um mich weinte, hierher kommt.
Abitob. Sie wird auch kommen, wenn sie fertig ist,
sie hat noch viel zu tun.
Elidad. Meine Mutter und du auch, meine jetzige
Mutter, ihr sagtet immer; wenn man gestorben sei und fromm wäre, so käme man in
den Himmel, und nun bin ich doch nicht gestorben; wie ist denn das? - Ich war
sehr krank - nun schlief ich ein nun wurde ich wieder wach, und da bin ich nun
schon im Himmel?
Abitob. Dein Einschlafen war sterben, du bist
gestorben!
Elidad. Bin ich gestorben? - Ich bin ja nicht in
der Erde, im Grab, sondern im Himmel!
Abitob. Betrachte dich einmal recht, besieh doch
deine Hände und Füße und alles, was an dir ist! - War das alles sonst auch so?
Elidad. Ach siehe! - Nein das war ganz anders. -
Alles an mir war so schwer; und wenn ich fort wollte, so mußte ich laufen, und
dann wurde ich müde; wenn ich in die Höhe klettern wollte,. so wurde mir das
sauer, und dann fiel ich oft, und das tat mir dann so weh, daß ich weinen
mußte. - Jetzt ist alles ganz anders, wo ich hin will, da flieg' ich hin, ich
kann in die Höhe fliegen und hab' doch keine Flügel, auch falle ich nicht,
alles ist so leicht, so sonderbar, aber das alles ist sehr gut; denn nun kann
ich bald auf die höchsten Berge kommen und alles recht besehen. Ach, das ist
doch gar schön, gar gut!
Abitob. Sind denn das noch die nämlichen Hände und
Füße ist das noch der nämliche Leib, den du sonst hattest?
Elidad. Nun sehe ich’s! - Ich hab' einen andern
Leib, der viel besser ist. Aber wo ist denn der erste schwere Leib hingekommen?
Abitob. Den haben deine Eltern auf dem Kirchhof
begraben.
Elidad. Ach, so ist das! - Jetzt begreif' ich's -
da wird nun meine Mutter erst recht geweint haben, - die arme Mutter! Aber es
ist doch recht einfältig, daß die Leute weinen, wenn man den schweren Leib, der
doch so unbequem, so wenig nütze ist, in die Erde scharrt; man bekommt ja dann
einen weit besseren Leib. Wissen das die Menschen auf der Erde nicht?
Abitob. Sie wissen es wohl, aber doch nicht recht,
und dann weinen sie auch darum, weil sie ihre Lieben in ihrem Leben nicht
wiedersehen.
Elidad. Das ist ja gut! Hier ist es ja weit
besser, und sie kommen ja dann auch hieher. Aber sage mir doch, lieber
Vater, wie hab' ich denn diesen so gar schönen Leib bekommen? Den hatte ich
doch sonst nicht?
Abitob. Der Herr, der diesen schönen Himmel
gemacht hat, der gab dir auch, als du im Sterben einschliefst, den schönen
Leib, und als du erwachtest, so hattest du ihn.
Elidad. (Jauchzt und freut sich hoch.) Ach, das
ist doch noch weit schöner als sonst, wenn mir meine Mutter sagte: Morgen soll
dir auch das Christkindchen etwas bescheren, und ich erwachte dann des
Morgens, so stand da so viel Schönes; das dann mein war; aber das alles mag ich
nun nicht mehr haben, das ist nun gar nicht schön mehr. Hat er mir den schönen
Leib zum Christkindchen gegeben?
Abitob. Der Herr ist das Christkindchen selbst.
Elidad. Der Herr ist das Christkindchen? - Ist
denn der große Herr, der alles gemacht hat, ein Kind?
Abitob. Er war einmal ein Kind auf der Erde und so
ein Knabe wie du; dann wuchs er und ward ein Mann, und zum Andenken, daß Er ein
Kind war, schenken die Leute auf der Erde ihren Kindern etwas Angenehmes,
damit sie Ihn lieb haben sollen.
Elidad. Nun, deswegen hab' ich ihn nicht lieb,
sondern darum, daß Er mir einen so schönen Leib gegeben und einen so schönen Himmel
gemacht hat. Aber sage mir doch, mein lieber Vater, wie ist es denn gekommen,
daß er nun ein so großer Herr geworden ist? Ich bin ja auch ein Kind und im
kann doch so nichts machen, und auch die großen Leute, die sterben und hieher
kommen, können es nicht, oder können nur sie es nicht?
Abitob. Nein, sie können es nicht; aber der Herr
war nicht allein Mensch, wie du und andere Menschen, sondern Er war auch
zugleich Gott.
Elidad. Ja, das glaub ich. - Dann kann Er wohl so
alles recht schön machen? Aber du sagst, Er wäre auch ein Kind und ein Knabe
gewesen wie ich; was machte er doch auf der dunklen, schweren Erde, Er hätte
hier bleiben sollen, hier ist es ja viel schöner!
Abitob. Lieber Elidad!
Dann wärst du
nimmermehr hieher gekommen, du hättest auch nie diesen schönen Leib bekommen.
Elidad. Nicht? - Warum nicht? - Er war ja Gott, da
konnte Er ja doch einen so schönen Himmel, und einen so schönen Leib machen.
Auf der Erde hat er das doch nicht gelernt, da kann man das nicht.
Abitob. Warum geben die Eltern auf der Erde bösen,
gottlosen Knaben, die sich im Kot wälzen und sich mit andern Kindern rupfen und
schlagen, keine schönen Kleider?
Elidad. Da würden sie nicht wohl daran tun, denn
sie würden sie verderben und das wäre schade.
Abitob. Und wenn sie dann auch so fliegen könnten
wie du, - und hätten so viele Gesundheit und Mut, als du jetzt hast, was würden
sie dann anfangen?
Elidad. Ach, das würde nicht gut sein. Was würden
solche Kinder für Unheil anfangen!
Abitob. Siehst du, lieber Elidad! Darum gab
der liebe Gott den Menschen nicht einen so schönen Leib und einen so schönen
Himmel; sie würden das alles schrecklich gemißbraucht haben.
Elidad. Sind denn nun die Menschen besser
geworden, daß sie es nun nicht mißbrauchen?
Abitob. Sie können nun besser werden, wenn sie nur
wollen; und deswegen eben wurde der liebe Gott ein Mensch.
Elidad. Ach, nun hab' ich den lieben Gott, der nun
auch Mensch ist, noch einmal so lieb. Aber wie hieß denn der Gottmensch, als
er auf der Erde war?
Abitob. Er hieß Jesus Christus.
Elidad. Ach ja, der Herr Jesus, oder auch der Herr
Christus! Von Ihm hat mir meine Mutter so viel erzählt - daß Er das
Christkindchen wäre, daß Er auf der Erde gelebt habe, und daß Er mit vielen
Schmerzen hingerichtet worden sei, und das alles nur, um die Menschen selig zu
machen. Aber nun kann ich doch nicht begreifen, wie die Menschen dadurch besser
werden können, daß der Herr Mensch wurde und so schmerzlich starb.
Abitob. Das wirst du nun hier verstehen lernen.
Jetzt kannst du es freilich noch nicht begreifen.
Elidad. Aber es gibt doch auch viele gottlose
Menschen, die kommen doch nicht hieher, die würden ja auch hier alles verderben;
warum hat doch der Herr Christus nicht alle gut gemacht?
Abitob. Weil sie nicht alle gut sein wollen! Denn
vielen schmecken die Erdenlustbarkeiten besser als das Frommsein, und so kommen
sie dann auch nicht hierher.
Elidad. O, die armseligen, einfältigen Menschen! -
Wüßten sie nur, was ich weiß, wie fromm würden sie sein. - Ach, darf ich nicht
wieder auf die Erde gehen? - Ich will den armen Menschen sagen, wie gut es hier
ist! Sie sollten doch nur ja recht fromm sein.
Abitob. Wenn ein Vater zwei Knaben hätte und er
sagte zu ihnen: Kinder, ich muß euch ernähren und Kleider geben, darum müßt ihr
auch recht brav sein und fleißig arbeiten. Nun erführe aber der eine Knabe von
einem Bedienten im Hause, daß der Vater ganz außerordentlich schöne Sachen für
die zwei Knaben aufgehoben hätte, die er ihnen schenken wollte, wenn sie recht
brav und fleißig wären, er nähme ihn auch wohl heimlich mit, ließe ihn durch
ein Fenster die schönen Sachen sehen: nun sage mir, Elidad, wenn nun
dieser Knabe auch rechtschaffen und fleißig wäre, aber der andere, der nichts
davon wußte, wäre es auch, welcher wäre dann der Beste?
Elidad. Jetzt begreif' ich das auch. - Nein, der
erste Knabe möchte ich nicht sein - man kann ja nicht wissen, ob er auch von
Herzen gut ist; aber von dem an dem weiß man's gewiß. Nein, nun mag ich nicht
mehr auf die Erde. Aber die Menschen wissen ja doch, daß sie in den Himmel
kommen, wenn sie fromm sind. Freilich, daß es so gut hier ist, das wissen sie
wohl nicht.
Abitob. Desto schlimmer für sie! Siehe, so gut ist
der Herr!
Er hat ihnen so viel vom Himmel offenbart,
als ihnen zur Aufmunterung nötig ist.
Elidad. Aber sage mir einmal, lieber Vater, wie
ist es denn nun hier? - Wie kann ich aber nun hier im Himmel beweisen, daß im
gut und fromm bin? - Hier ist es ja keine Kunst! - Ich wollte, ich wäre noch
ein Mensch und wüßte vom Himmel nichts, damit ich's auch dem. Herrn beweisen
könnte, daß ich recht treu wäre, und ihm nicht um des Himmels willen diente,
sondern weil ich Ihn lieb hätte.
Abitob umarmte und küßte den Elidad. -
Du holder Engel, sprach er, so dachte auch
der Herr: Er wollte Mensch werden wie du, aus Liebe zu Gott, und Er wollte auf
die Erde gehen wie du, um die Menschen selig zu machen, also aus Liebe zu den
Menschen; deine Liebe zu Gott und den Menschen wird dir auch hier Mittel genug
an die Hand geben, zu zeigen, daß du gut und fromm bist.
Jetzt kam ein majestätischer Engel, der
viele Kinderengel um sich her hatte. Er lächelte dem Elidad zu und
sprach zu ihm; Komm' zu mir, mein Kind!
Elidad nahte sich ihm etwas schüchtern. - Du
glänzest so sehr; wer bist du denn, sagte er.
Der Engel. Ich bin derjenige, von dem dir deine
Mutter erzählte, daß er die Kinder so lieb habe, und der gesagt hat:
"Lasset die Kinder zu mir kommen!“
Elidad. Ach, das war ja der Herr! - Bist du mein
lieber Herr Jesus? - Ach, ich sehe es ja an den schönen roten Sternen auf
deinen Händen und Füßen; meine Mutter erzählte mir's. Ach, was soll ich
anfangen? - Laß mich wieder auf Erden in meinen schweren Körper - ich will auch für dich sterben.
Der Herr. Elidad, komm in meine Arme! - ,,Wer nicht
das Reich Gottes nimmt als ein Kind, der wird nicht hinein kommen." –
Sechste Szene
Verschiedene Wirkungen der Bekehrung am
Ende des Lebens
Man hat nun auch unter der Leitung der
Aufklärung die Frage: Ob ein großer Sünder, der auf dem Totenbette noch Buße
tut, auch selig werde, dahin entschieden, daß dies nicht möglich sei, weil dazu
ein frommes, der Sittenlehre Jesu gemäßes Leben erfordert werde. Antwortet man
ihnen aber darauf, ja, wer kann denn selig werden, so wissen sie weiter nichts
darauf zu sagen, als: Gott kenne die schwachen Kräfte des Menschen, Er werde
wohl Gnade für Recht ergehen lassen, und es mit dem übrigens gutherzigen Gemüt
so genau nicht nehmen. Daß ein merklicher Widerspruch in diesen Behauptungen
versteckt liege, sieht jeder Nachdenkende leicht ein, aber man sucht auch
durch dergleichen Sophismen so durchzuschleichen, damit man die altmodische
Lehre der Obskuranten vom Fall Adams und von der Erlösung durch das Leiden und
Sterben Christi, ohne großes Aufsehen zu machen, umgehen könne.
Aus diesem Grunde rührt nun auch die
neologische Pastoralregel her, daß es unnötig und absurd sei, wenn Prediger
die armen Sünder im Gefängnis noch zu bekehren suchten, und man tadelt
entweder bitter oder mit Verachtung solche abergläubige Schwärmerei, oder man
spottet sogar darüber.
Wahrlich! Wahrlich, es gehört viel
Glaubensmut und Standhaftigkeit dazu, um heutzutage die verachtete Lehre vom
Kreuze des verachteten Christus öffentlich unter Christen zu bekennen, und wenn
je die Worte des Apostels - "Hofften wir in diesem Leben allein auf
Christum, so wären wir die Elendesten unter allen Menschen", (1. Kor. 5,
19) anwendbar waren, so sind sie's jetzt. Wie ruhig und wie geehrt könnte ich
unter meinen Zeitgenossen leben, wenn ich in der Stille meinem Gotte nach
meiner Überzeugung diente und als Schriftsteller mich bloß auf meinen Beruf
einschränkte. Gott weiß, wie manchen Kampf es mich gekostet hat, bis ich mein,
ohnehin zur Menschengefälligkeit und zur Eitelkeit geneigtes Gemüt unter die
Herrschaft gebracht habe, und dem höheren mächtigeren Zuge folgsam geworden
bin. Aber wehe mir, wenn jene Neigung herrschend geworden wäre, ich würde dann
der Knecht sein, der sein Pfund vergrub, und folglich auch sein schreckliches
Schicksal haben.
Indessen ist es denn doch, auch für die
erleuchtete Vernunft eine schwere Frage, wie es möglich sei, daß ein gänzlich
umgekehrter und zum Guten fest entschlossener Wille, einen in Laster und
Greueltaten verhärteten Geist alsofort zur Himmelsbürgerschaft geschickt machen
könne. - Wiederum, was für Mittel bei dem Bekenntnis dieser Lehre angewendet
werden müssen, damit der Sünder nicht dadurch sicher gemacht werde und seine
Bekehrung bis aufs Totenbett verschiebe. Das gewöhnliche Mittel, man könne
nicht wissen, ob man stürbe, oder ob man auf dem Sterbebette Besonnenheit und
Gelegenheit haben werde, sich bekehren zu können - ist für den Leichtsinn zu
schwach und nicht dringend genug, denn jeder hofft, die Gelegenheit zu haben,
und läßt es dann darauf ankommen.
Ich flehte um Belehrung über diesen
wichtigen Punkt und Siona erzählte mir in einer stillen, einsamen
Feierstunde folgende Szene aus dem Geisterreiche :
Zwei große Verbrecher Raschang und Tobam,
wurden gefangen, überführt und zum schmählichen Tode verdammt, die
Obrigkeit dachte christlich und gab ihnen Zeit zur Bekehrung, und der Prediger
des Ortes, ein wahrer evangelischer Lehrer, wendete die kräftigsten Mittel an,
um sie zur gründlichen Erkenntnis ihres Sündenelendes und zum reumütigen
Zufluchtnehmen zum großen Versöhner zu bewegen. Soviel Menschen beurteilen
können, erreichte er seinen Zweck vollkommen. Beide schienen in der Verfassung
eines wahrhaft versöhnten Sünders den Tod zu leiden.
Raschang und Tobam erwachten im Hades zur
Unsterblichkeit, sie staunten in die endlose Wüste hin, und nahten sich einer
unübersehbaren Menge abgeschiedener Seelen, die vor den Morgengebirge ihres
Gerichts harrten.
Raschang. Ich glaubte, wir würden sofort in den
Himmel kommen, wenn wir gestorben wären.
Tobam. Glaubst du denn, daß wir wert sind, in den
Himmel aufgenommen zu werden?
Raschang. Wert sind wir' s nicht, aber wir haben uns
doch bekehrt, wir haben Buße getan, und Christus hat denen, die das tun, den
Himmel versprochen.
Tobam. Wenn ich mein ganzes Leben überdenke, so
fühle ich tief, daß ich ohne ein Wunder der Barmherzigkeit Gottes nicht selig
werden kann, könnte ich jetzt wieder als Kind auf die Welt geboren werden, 0, ich
würde kämpfen bis aufs Blut, und gewiß mit aller Treue Gott dienen.
Raschang. Würdest du das aber können? - Die
menschliche Natur ist zu schwach dazu!
Tobam. Ja, aber ich will es ernstlich, - und ich
würde nicht nachlassen zu beten, bis ich Kraft bekäme.
Raschang. Jetzt hilft uns aber all das Wünschen
nichts, ich verlasse mich nun auf das Versprechen, daß diejenigen selig werden
sollen, die wahre Buße getan haben. Da ich mich nun von Herzen bekehrt habe, so
hoffe ich auch, ich werde Gnade erlangen.
Jetzt nahte sich ihnen ein Engel in
verhüllter Majestät, er hatte ihnen im Tode beigestanden und sie unsichtbar in
den Hades geführt. Folgt mir, sprach er zu ihnen, damit euer Schicksal
entschieden werde! Sie folgten ihm mit Freuden und kamen bald in eine hellere,
erhabenere Gegend, in eine weite Fläche. Hier schien die ewige Natur den Anfang
ihrer Versuche zu himmlischen Gefilden zu machen. So wie in den ersten
Frühlingstagen bei warmen Sonnenblicken hin und wieder ein Märzblümchen
hervorbricht, einzelne Grasspitzen lichtgrün aus der toten Erde entsprießen,
und am verdorrt scheinenden Gebüsche hie und da eine Knospe aufquillt, so
bemerkte man die entfernten Kräfte des Himmels; auch wehte die Luft des ewigen
Morgens erquickenden Tau herüber, der die lechzende Seele stärkte.
Hier fanden sie nun kleinere und größere
Gesellschaften auch einsam wandelnde Menschenseelen. Der Engel führte sie in
diese Kreise, schwieg und überließ sie sich selbst.
Tobam. Ach, Bruder, hier ist gut sein, hier
möchte ich ewig wohnen, komm, wir wollen da zu der Gesellschaft gehen, die so
ruhig, friedlich und froh ist. Raschang schwieg und folgte.
Die Gesellschaft empfing sie freundlich; Tobam
nahte sich demütig und sprach; Ach, ihr himmlischen Brüder! Verzeiht mir, daß
sich euch ein so großer Sünder, wie ich bin, zugesellt; ich wäre zwar der
ewigen Verdammnis würdig, aber die unendliche Barmherzigkeit des Herrn hat mich
Teil an seiner Erlösung nehmen lassen, Er hat mir meine Sünden verziehen -
verzeihet ihr mir auch?
Die Gesellschaft. Wir sind alle verdammniswürdige
Sünder, aber auch uns ist Barmherzigkeit widerfahren; komm zu uns, du bist uns
willkommen!
Raschang stand in einiger Entfernung, er schien
mißvergnügt. - Tobam nahte sich ihm freundlich und sprach; Bruder, ist
dir nicht wohl? Wie ist das, dein Gemüt ist unruhig.
Raschang. Ich schäme mich - du bekennst gleich, du
wärest ein großer Sünder; es ist ja genug, wenn es Gott weiß.
Tobam. Ich will öffentlich allen Himmeln
erzählen, welch ein großer Verbrecher ich bin, damit die Barmherzigkeit, die
der Herr an mir getan hat, allen Heerscharen bekannt, und Er so durch mich
verherrlicht werde. - Aber ich wittere Totengeruch! - Dein Ansehen verändert
sich, ich muß von dir weichen! Ach, Raschang, dein schreckliches
Geschwür war nur oben zugeheilt, nun bricht es mit viel stärkerer Bösartigkeit
wieder auf. Ach, drücke es rein aus, damit kein Tropfen Eiter zurückbleibe, du
bist sonst ewig verloren!
Raschang. Ach, mir wird so ohnmächtig, ich kann es
hier nicht länger aushalten!
Tobam ging wieder zur vorigen Gesellschaft, Raschang
aber entfernte sich, er entwich gegen Westen, wo auch in der öden, dunklen
Wüste viele Gruppen von Gesellschaften beieinander wandelten. Der Engel folgte
ihm, nahte sich ihm und sprach:
Raschang, deine Bekehrung war nicht aufrichtig vor
Gott! Blicke einmal tief in dein Gemüt und sage mir, warum suchtest du Gnade
bei Gott? -
Raschang schwieg und wendete sich weg. Der Engel
fuhr fort: Siehe, du hast aus Furcht vor der ewigen Verdammnis Buße getan; du
bereutest deine Sünden bloß, um der Strafe zu entgehen, und der Seligkeit
teilhaftig zu werden.
Raschang. Ja, das ist wahr! Aber ist das denn nicht
genug? Was muß ich denn noch mehr tun?
Der Engel. Prüfe dich genau und untersuche dein
Innerstes, ob du, wenn dir die Obrigkeit dein Leben geschenkt hätte, auf Erden
noch ein frommer, Gott ganz ergebener Christ geworden sein würdest. Ob du nicht
vielmehr allmählich in dein voriges Lasterleben verfallen, oder, wenn du den
Scharfrichter gefürchtet hättest, ob du denn doch nicht ein böser Mensch geblieben
wärest? - Tobam tat Buße, weil er die Sünde als schrecklich erkannte:
er würde sie selbst in die Hölle verabscheuen, du aber tatest Buße, weil dir
nur die Folgen der Sünde schrecklich waren. Sobald diese Furcht behoben
wird, so bist du wieder ein Sünder wie vorher, und du würdest es im Himmel
sein, wenn es möglich wäre, daß du im gegenwärtigen Zustande da leben könntest.
Raschang, der Grund deines Gemüts ist noch nicht geändert; die neue
Geburt aus dem Geiste Gottes fehlt ihm noch.
Raschang. Sage mir, du furchtbarer Unbekannter, was
muß ich denn nun tun?
Der Engel. Siehe, Raschang, der Stolz ist die
Wurzel der Sünde. Kannst du dich jener Gesellschaft nähern und ihr sagen, wer
du bist? Kannst du ihr dein Herz so ganz offen darlegen und dann ihren Spott
und Verachtung ohne Zorn und mit völliger Zustimmung ertragen? Wenn du dies
kannst, wirst du Erleichterung spüren, und wenn du diese Demütigung so lang
fortsetzest, bis dein Stolz ganz überwunden ist, so wirst du dich den besseren
Gesellschaften wieder nähern können, und nach und nach zum Himmelreich
geschickt werden.
Raschang. Wie kommt es aber, daß die Menschen auf
der Erde eine so strenge Buße nicht nötig haben? - Da braucht man ja den andern
Menschen seine Sünden nicht zu offenbaren, warum muß ich es denn hier tun?
Der Engel. Im sterblichen Leibe ist die Seele doch
mit dem Körper vereinigt: dort ist alles so eingerichtet, daß dem gefallenen
Menschen die Bekehrung und Wiedergeburt am leichtesten wird. Die sinnliche
Natur gibt dort Stärke und Erholung im Leiden, diese mangelt aber hier ganz.
Sie muß aber auch mangeln, denn die ewige Liebe will einmal, daß
sich der Sünder bekehren soll; - je hartnäckiger er nun ist, desto strengere
Mittel sind auch nötig. Im irdischen Leben kommt der Mensch erst zu seiner
Existenz, er hat noch nicht gesündigt, sondern er bringt nur die Neigung zum
Sündigen mit auf die Welt. Von der Geburt an fangen die Erlösungsanstalten und
Gnadenmittel an, auf ihn zu wirken, und wirken fort bis an seinen Tod. Wenn er
nun diese vernachlässigt, so sind strengere Mittel nötig, um einen so harten,
unbeugsamen Geist zur Rückkehr zu bringen; und je härter und widerspenstiger
ein solcher Geist ist, je länger er widerstrebt, desto strenger auch seine
Rettungsanstalten.
Raschang. Aber warum hat mir Gott einen so harten
Sinn gegeben; warum wendete er in meinem Leben auf Erden nicht so strenge
Mittel an, daß ich dadurch gründlich bekehrt wurde?
Der Engel. Wenn durch unvermeidliche Wirkungen der
Natur ein Mensch mehr zum Bösen geneigt wird, als der andere, so gibt ihm auch
Gott nach eben dem Verhältnis mehrere Gelegenheiten, Bewegungsgründe und
Anleitungen zur Überwindung. Durchdenke dein Leben, so wirst du Proben genug
davon finden; und war nicht Tobam ein eben so verruchter Bösewicht wie
du? -- Bedenke nur, du fragtest eben, warum Gott nicht auf Erden so strenge
Mittel gebraucht hätte, daß du dadurch gründlich bekehrt worden wärest. Gibt' s
denn wohl ein strengeres und mächtigeres Mittel zur Buße, als die Gefangenschaft
und das schimpfliche Ende eines Missetäters auf dem Schafott? - An Tobam tat
es seine volle Wirkung und an dir nicht; wer war daran schuld? Besinne dich, Raschang!
Alle deine Sünden sind dir um des Leidens und Sterbens Christi willen gänzlich
verziehen, ihrer soll in Ewigkeit nicht mehr gedacht werden; denn du hast sie
ernstlich bereut, und Vergebung der Sünden erlangt. Aber damit hast du dich nun
beruhigt, du hast deinen Willen nicht ganz unbedingt dem Herrn so aufgeopfert,
daß du, wenn dir das Leben geschenkt worden wäre, ihm von ganzem Herzen und aus
allen Kräften gedient hättest. - Du hättest dich im Gefühl der Vergebung
deiner Sünden beruhigt, und dann wieder fortgesündigt wie vorher. Jetzt folge
nun meinem Rate, den ich dir vorhin gegeben habe, damit dein Zustand nicht
schrecklicher werden möge! Hier werden die Leiden der Ewigkeit immer größer, je
länger du deine Rückkehr verschiebst, und diese besteht in nichts anderem, als
im Tode der stolzen Eigenliebe.
Raschang wandte sich traurig um, und nahte sich der
ersten, westlichen Gesellschaft, an die ihn der Engel angewiesen hatte. Scham
und Stolz kämpften mit dem Verlangen, selig zu werden; er nahte sich, und
sprach schüchtern. Ich bin ein großer Sünder, erlaubet mir, daß ich in eure
Gesellschaft kommen darf.
Einer aus ihnen antwortete. Das sind wir
wohl alle; aber wer bist du denn, und was hast du getan?
Raschang besann sich, der Engel nahte sich wieder,
und ermahnte ihn redlich, seine Sünden zu bekennen und seine Geschichte zu
erzählen, aber Raschang besann sich; und nun trat ein anderer
unbekannter Geist herzu und sagte: Nein, dieser Gesellschaft nicht; komm, ich
will dich zu einer andern führen, der du alles sagen darfst.
Der Engel wandte sich ernst und traurig
weg, und Raschang folgte dem neuen Führer weiter gegen Westen. Hier fand
er nun viele Seelen beisammen stehen, die mit anscheinendem Vergnügen unruhig
durcheinander liefen und sich gelegentlich mit Erzählungen unterhielten. Raschang
empfand hier weniger Widerstand in seinem Gemüte; er trat also hinzu, und
entdeckte sich, wer er wäre; man horchte ihm aufmerksam zu und freute sich
seiner Ankunft; dies machte ihn kühner. Er ging also weiter und fing nun auch
an, seine Greueltaten zu erzählen; allein jetzt bemerkte er, daß man anfing ihn
zu verachten, ihm Vorwürfe zu machen und sich von ihm zu entfernen.
Noch einmal trat der Engel zu ihm und
sprach: Raschang, kehre um; wenn du weiter gehst, so bist du ewig
verloren. Aber die Verachtung und der Spott, den er soeben bemerkt hatte, war
tief in sein Herz gedrungen, und hatte seinen Stolz noch mehr angefacht; als
ihm daher der andere Führer noch einmal winkte und sagte: komm, ich führe dich
an einen Ort, wo man dir freundlich begegnen wird - so zog ihn sein innerer
Hang unaufhaltbar fort und der Engel verließ ihn auf immer.
Raschang kam nun noch weiter gegen Westen, wo man
den Morgenschimmer des Himmels nur noch von ferne bemerkte. Hier traf er eine
Menge Seelen an, die mit Ungestüm ihr Wesen trieben, und sich mit der
Erinnerung der Untaten ihres vergangenen Lebens unterhielten. Raschang bekam
mehr Mut, sein Herz wurde freier, auch er fing an, seine Greuel zu erzählen,
und das gefiel ihnen, sie erkannten ihn für ihren Bruder. Aber nun fing er auch
an, zu empfinden, was es zu sagen habe, ein Mitglied dieser Brüderschaft zu
sein; hier zerrann das letzte Bächlein der Lebensquelle aus den Wunden des
Erlösers; das sanfte Beruhigende des Wortes des Lebens: dir sind deine Sünden
vergeben, losch in Raschang's Seele aus, und die Wut der Leidenschaften stellte
sich wieder ein. Die Erzählung der Sünden des einen fachte die Lust des andern
an, oft belogen sie sich untereinander; und da nun ein jeder in der Seele des
andern lesen konnte, so entdeckte jeder auch eine solche Lüge und spottete
darüber, wodurch denn der Stolz und die Scham des Lügners bis zur Wut rege
wurde: daher kam die Unruhe und das Toben durcheinander.
Eine solche Gesellschaft wird bald reif
zur Verdammnis. Bald erschien also auch hier der richtende Engel, jeder
entwickelte seine Lebensrolle, verwandelte sich in die Karikatur, die seinem
Wesen gemäß war, und wurde dann durch seinen eigenen Zug unaufhaltbar an den
Ort des ewigen Verderbens hingerissen, wohin ihn seine Natur bestimmte.
Während dieser schrecklichen Entscheidung
des Schicksals Raschang’s ruhte Tobam bei seinen Brüdern, die
eben solche begnadigte Sünder waren, wie er; sie unterhielten sich von den
großen und unbegreiflichen Wundern der Barmherzigkeit Gottes in Christo. Engel
gingen ab und zu, und unterrichteten sie in dem, was ihnen als zukünftigen
Bürgern des Reiches Gottes zu wissen nötig war: denn da sie bis an ihr Ende
große Sünder gewesen waren, so waren ihre Seelen noch nicht an die Ausübungen
der Gottseligkeit gewöhnt, und diese müssen praktisch, und dem Geiste wesentlich
werden, ehe man als Bürger des Reiches Gottes wirken kann.
Tobam war insonderheit tief gebeugt wegen der
unaussprechlichen Gnade, die ihm widerfahren war; als daher einstmals der
Engel Salem eine belehrende Unterredung mit ihnen hatte, so sprach Tobam mit
innigst bewegtem Gemüte: Sage mir doch, Engel des Herrn, wie ist es möglich,
daß ein Mensch, der in seinem Leben Sünde auf Sünde gehäuft, und durchaus
nichts als Böses getan und die größten Greuel verübt hat, noch am Ende seines
Lebens Gnade bei Gott finden kann?
Salem. Der ewige Vater aller Wesen und des
Menschen hat in seinem Ratschluß festgesetzt, daß das Leiden und Sterben des
menschgewordenen Sohnes Gottes die Bedingung sein sollte, unter welchem Er alle
Sünden aller Menschen, vom ersten an bis auf den letzten, so vergeben und
vergessen wolle, als wenn sie nie begangen worden wären; doch mit dem
unausbleiblichen Vorbehalt, daß nur der Mensch teil an dieser Gnade
haben könne, der von ganzem Herzen die begangenen Fehler bereut, den
unüberwindlichen Willen faßt, nie wieder zu sündigen, und sich dann in wahrem
Glauben an den Heiland der Menschen zum ewigen Eigentum hingibt, und sich von
seinem Geiste bewirken und heiligen läßt. Wer aber diesen Ratschluß Gottes zur
Seligkeit der Menschen nicht annimmt, den verurteilt die Gerechtigkeit nach
seinem eigenen Verdienst, und die Erlösungsanstalten des Herrn gehen ihn nichts
an. Siehst du nun, wie es möglich ist, daß dir deine schweren Sünden vergeben
werden konnten?
Tobam. Wie es zugeht, daß Gott die Sünden
vergibt, das sehe ich wohl ein, aber wie es möglich ist, das begreife ich
nicht. Ich habe einmal bei einem nächtlichen Einbruch einen Knecht erschlagen,
der seines Herrn Güter beschützen wollte und sich wehrte; diesen Mord kann doch
keine Erlösung und keine Vergebung mehr ungeschehen machen, am wenigsten kann
ich' s. Ein andermal hatte eine arme Witwe, aus Furcht, bestohlen zu werden,
ihre besten Sachen einem reichen Verwandten in Verwahrung gegeben; diesen Mann
beraubte ich, und nahm auch der armen Witwe ihre Sachen mit; sie wurde nun
vollends ganz arm, sie grämte sich und starb, und ihre Kinder betteln. Auch
habe ich einen Knaben ermordet, weil ich befürchtete, er möchte mich verraten.
Meiner Verbrechen ist kein Ende, und doch sind sie mir alle vergeben; ich bin
beruhigt darüber, aber tief, unendlich tief gebeugt! Könnte ich doch allen,
die ich so schwer beleidigt habe, in Ewigkeit dienen! O wie gerne, wie gerne
würde ich wieder in' s sterbliche Leben zurückkehren und das größte Elend
ausstehen, wenn ich nur dadurch das Geschehene ungeschehen machen, oder denen,
die ich beleidigt habe, ihren Schaden ersetzen könnte!
Salem lächelte, und winkte dem Tobam, dieser
folgte ihm; der Engel führte ihn nordöstlich an die Grenze des Kinderreichs und
stellte ihn auf einen Hügel, von dem er einen Teil des ersten Himmels übersehen
konnte; Tobam stand bei dem Anblick dieser Himmelsdämmerung tief
gebeugt, betete an und feierte. Nun erhub sich Salem und rief Nathan!
- Bald schwebte ein Verklärter herzu, dem die selige Ruhe aus seinem
ganzen Wesen hervorglänzte. Nathan, sprach der Engel zu ihm, hier siehe
deinen Mörder! - Nathan glänzte heller: Gelobt sei der Herr in Ewigkeit,
daß ich dich hier finde, rief er, und umarmte Tobam. Dieser verging fast
vor Beugung und antwortete: Wie kannst du dich freuen, daß ich hier bin, - ach
vergib, vergib!
Nathan. Der Herr hat dir vergeben, und ich preise
Ihn dafür, denn du bist mein größter Wohltäter unter allen Menschen.
Tobam. Wieso? Das begreif ich nicht!
Nathan. Ich hatte zwar ein bürgerliches ehrbares
Leben geführt, aber von der neuen Geburt war ich noch weit entfernt. Dies
machte denn auch, daß ich mich in eine junge verheiratete Frau verliebte, so
wie sie in mich; den Tag nach deinem Einbruch wäre der Ehebruch förmlich vollzogen
worden, wenn du mich nicht gerettet hättest, und da ich nicht auf der Stelle
tot blieb, sondern noch einige Wochen schwere Leiden und Schmerzen auszustehen
hatte, so bediente sich die ewige Liebe dieses Mittels, um mich ganz zu sich zu
ziehen, ich bekehrte mich herzlich und fand Gnade und Vergebung der Sünden.
Während dem hatte auch Salem die arme
Witwe und den ermordeten Knaben herbeigerufen: Beide waren verklärte Engel.
Salem. Siehe, Tobam, diese ist die
beraubte Witwe. Und du Salome! Dieser ist der, der dich beraubt hat!
Auch hier stand Tobam wie ein armer
Sünder vor dem Gerichte, aber Salome flog in seine Arme. Freude der
Seligkeit dir, rief sie; du bist mein Retter. Gelobt sei der Herr, der
Erbarmer, der auch dich gerettet hat.
Tobam. Die Wunder der Ewigkeit sind
unbegreiflich! - Wie bin ich denn dein Retter geworden?
Salome. Ein böser, liederlicher, junger Mensch
hatte, meines wenigen Vermögens wegen, um mich geworben, ich hatte ihm die Ehe
versprochen und wäre zuverlässig mit ihm in's Verderben geraten. Da aber nun
das, was ich hatte, verloren war, so kündigte er mir sein Versprechen auf, ich
grämte mich tödlich darüber, aber während meiner Krankheit zog mich der Vater,
der Erbarmer, zum Sohne, und ich fand Gnade und Vergebung der Sünden. Siehe, so
wurdest du mein Retter.
Salem. Und dieser Knabe hier wäre der größte
Bösewicht geworden, wenn er am Leben geblieben wäre; das Gebet seiner frommen
verklärten Mutter hat ihn gerettet und du warst das Werkzeug.
Tobam. Die Wege des Herrn sind unbegreiflich,
seine Werke groß und erhaben. Er braucht also die größten Verbrecher, um die
herrlichsten Zwecke dadurch zu erreichen. Sind aber auch Raschang’s besondere
Verbrechen, an denen ich keinen Teil habe, solche Mittel zum Guten gewesen?
Salem. Alle Verbrechen, alle Sünden, die die
Menschen und bösen Geister begehen, werden gelenkt, daß sie Gutes bewirken müssen.
Darin besteht eben die Regierungsweisheit des durch Leiden und Sterben
vollendeten erhabenen Erlösers, der nun zur Rechten der Majestät sitzt und alle
Gewalt hat im Himmel und auf Erden; und darin besteht auch eben ein Teil des
Geheimnisses der Erlösung. - Christus hat durch seine Menschwerdung und durch
die Ausführung des ewigen verborgenen Ratschlusses Gottes, seines Vaters, die
Macht erlangt, alle freien Handlungen der Menschen so zu lenken, daß die Sünden
hier im Geisterreiche lauter gesegnete und zur Seligkeit der bekehrten und
begnadigten Adamskinder abzweckende Folgen haben müssen. Auf diese
Weise geschieht also der strengen und unerbittlichen Gerechtigkeit Gottes
vollkommene Genüge - denn die Sünde wird durch ihre gesegneten Folgen in der
Hand des Weltregenten zur Erfüllerin dieser Gerechtigkeit; und diese
göttlich-weise Methode zu regieren ist nun eben die Gerechtigkeit Christi, an
welcher der bußfertige Sünder so Teil nimmt, als wenn er sie selbst ausgeübt
hätte.
Siehe, Tobam jetzt begreifst du,
wie Gott alle Sünden des ganzen menschlichen Geschlechts, um Christi willen, so
vollkommen vergeben kann, als wenn sie nie begangen und die ersten Menschen
nie gefallen wären; denn Christus braucht sie alle zu Beglückungs- und
Segnungsmitteln der Menschheit.
Ebenso wird dir nun begreiflich, wie auch
dem größten Sünder seine Sünden um Christi willen nicht mehr können zugerechnet
werden, sobald er durch den Glauben sich mit Ihm vereinigt hat und nun von
seinem Geiste bewirkt wird; denn seine Sünden sind ohnehin durch die
Gerechtigkeit Christi getilgt und da er nun ein Geist mit ihm ist, so wirkt er
nun auch ewig der Gerechtigkeit Christi gemäß, und muß also auch ewig mit Ihm
selig sein.
Dann aber ist' s auch ewig so
gewiß, daß ein Mensch, der in seinen Sünden stirbt und sich durch den Glauben
Christo nicht einverleibt hat, unmöglich an der Gerechtigkeit Christi teilhaben
könne: den er sündigt immer fort, und vermehrt also immer die Masse er Sünden,
indem sie die Gerechtigkeit Christi zu mindern und ihren giftigen Stachel zu
töten sucht. Darum müssen ihm auch notwendig seine Sünden zugerechnet und er
nach Verhältnis des Gras seines bösen Willens gestraft werden, damit diese
Strafe wieder als ein Mittel der Gerechtigkeit Christi dazu dienen möge, den
bösen Willen, als die Wurzel der Sünde, nach und nach auszudorren, damit auch
noch dieser Geist erlöst werden möge, jedoch durch' s Feuer.
Tobam. Ich fühle in meinem Innersten, wie sich
der Quell der Seligkeit mir öffnet. O Dank dir, du Himmlischer, für diese Belehrung.
-
Salem. Ein Sünder, der durch das Versöhnblut
gereinigt ist, entwickelt seine Lebensrolle nur von seiner Bekehrung an; dieses
aber ist bei dir kurz vor deinem Ende geschehen, folglich hast du nichts zu
entwickeln. - Ich kündige dir also hiemit im Namen dessen, der auf dem Throne
sitzt, an, daß du von nun an in deines Herrn Freude eingehen sollst.
Tobam wurde jetzt zum Engel verklärt, und ihm
wurde ein Wirkungskreis angewiesen, der sich zu seinen Anlagen schickte und
worin er nun ewig zum Besten des Reichs Gottes tätig sein, und wieder gut
machen könnte, was er in seinem Leben auf Erden verdorben hatte.
Ich danke dir, O, Siona, für diese
belehrende Szene - sie zeigt uns, daß nicht jede, auch noch so ernstlich
scheinende Buße, am Ende des Lebens zur Seligkeit hinreichend sei. Nur der
Sünder, der sich nicht bloß aus Furcht vor der Verdammnis, und aus Verlangen,
selig zu werden, bekehrt, sondern bei dem ein so gründlicher Haß gegen die
Sünde entsteht, daß er, wenn er auch noch sehr lange auf Erden leben und den
schwersten Kampfweg durchdringen müßte, dennoch treu bleiben, und endlich
redlich überwinden würde. Es ist also ganz gewiß und eine ausgemachte
Wahrheit, daß ein Mensch, der seine Buße und Bekehrung bis auf das Totenbett
verschieben will, gerade entgegengesetzte Gesinnungen habe, denn er liebt die
Sünde, und will sie genießen, so lange er kann, und bloß die Furcht vor
der Verdammnis, und die Hoffnung, selig zu werden, sind der Grund seines
oberflächlichen Willens zur Bekehrung; und gerade diese Menschen sind zur
wahren, bis auf den Grund gehenden Reue auf dem Totenbette am wenigsten
geschickt. Wer also seine Buße bis an sein Lebensende vorsätzlich verschiebt,
dem wird diese Gnade schwerlich und vielleicht nie zu Teil
werden.
Daß aber ein wahrhaft bekehrter und
gründlich gebesserter Sünder bald zum Reiche Gottes und zur Bürgerschaft des
Himmels geschickt werden könne, ist sehr vernünftig und begreiflich: denn die
wahre Bekehrung besteht in einer vollständigen Erkenntnis seiner eigenen
Sünden; diese bewirkt eine ebenso vollständige Reue: diese erzeugt
Geringschätzung seiner selbst, je nach dem Grade der Sündhaftigkeit, folglich wahre
Demut. Damit geht dann der unüberwindliche Vorsatz gepaart, nie wieder zu
sündigen; das Gefühl des Mangels an Kraft und der großen Verschuldigungen
treibt zu Christo, der Sünder erlangt Gnade, Kraft und Vergebung der Sünden.
Dies erzeugt einen Grad der Liebe, der dem Grade der Sündhaftigkeit und ihrer
Vergebung gleich ist; Demut und Liebe sind die Eigenschaften, die
den Geist zur Himmelsbürgerschaft fähig machen, mithin kann der größte Sünder,
wenn er gründlich bekehrt ist, gar bald zur Bürgerschaft des Himmels gelangen,
und in diesem Falle könnte man sagen: der größte Sünder sei alsdann der
demütigste und liebevollste, folglich auch zur Himmelsbürgerschaft der
geschickteste; in dieser Beziehung sagt auch Christus, es würde mehr Freude im
Himmel sein über einen Sünder, der Buße tue, als über neunundneunzig
Gerechte, die der Buße nicht bedürfen. Allein bei allem dem hat denn doch
derjenige einen großen Vorzug, der sich durch einen vieljährigen Kampf gegen
die Sünde und Fortschritte in der Heiligung, Erfahrung und Erkenntnis in den
Wegen Gottes und Geheimnissen der Erlösung erworben hat. Dieser wird ein
mitwirkender Geschäftsmann im Reiche Gottes, wenn jener nur als gemeiner Bürger
einen seiner Fähigkeit angemessenen Wirkungskreis bekommt. Darum sei, was
du bist, und werde, was du werden kannst! –
i e b t e S z e n e
Ein pantomimisches Drama in der
Geisterwelt
Die Schlafenden schlafen des Nachts, und
die Betrunkenen sind des Nachts betrunken, sagt der Apostel. Aber die Schlafenden
träumen jetzt, es sei Tag; sie wähnen, ihr Traumlicht der Aufklärung sei die
Sonne; im Taumel der Trunkenheit halten sie ihren Rausch für Tatkraft und die
Schwärmerei ihrer vom Wein der Philosophie benebelten Vernunft für Weisheit. Da
wandelt dann der Altgläubige mit der Leuchte des Evangeliums unter ihnen herum,
und sucht sich auf seinem schmalen Wege durch das Gewühl durchzudrängen. Spott,
Verachtung, Versperrung des Weges, Rippenstöße und glänzende Verführungssucht
stürmen auf ihn zu; da hat er dann große Ursache, wachsam und nüchtern zu sein,
und sich durch alle Schwierigkeiten durchzubeten und durchzukämpfen.
Kinder, es ist die letzte Stunde! - Jetzt
laßt uns treu und ehrlich aushalten, der heiße Kampf geht bald vorüber; aber es
tut weh, unter den Kindern Adams, unter Geschwistern, so verkannt zu sein, und
sie in der Gefahr zu sehen, ohne Rettung verloren zu gehen. Vater der Menschen
- großer Erbarmer und kämpfet in Gethsemane und auf Golgatha - rette, was zu
retten ist und uns, deine Kinder, führe mit starker Hand durch den Jordan
hinüber - hinüber in dein Reich! Amen!
Die menschliche Gesellschaft drückt mich -
da freut man sich des Friedens, hofft goldene Zeiten, schwärmt von einer Lustpartie
zur andern, und freut sich der Aufklärung und seines eigenen Daseins; zeigt
man Bedenklichkeit, so beruft man sich auf die vorigen Zeiten; man sagt ganz
unbefangen und leichtsinnig: Es war ehemals noch schlimmer, und wurde doch
wieder besser; in der Welt ist das nicht anders; es ist ja Friede und hat keine
Gefahr; man zuckte die Achseln über mich, und sagt, ich sei ein schwermütiger
Schwärmer.
Darum betrauere ich meine Zeitgenossen;
denn es ist nicht lange mehr hin, so werden sie traurig, ich aber
und alle Schwärmer meinesgleichen werden uns dann hoch freuen!
Darum wähle ich auch so gerne einsame
Spaziergänge, tröste mich der Zukunft, und freue mich, daß mich der Herr
würdigt. in diesen letzten Zeiten einer seiner letzten Zeugen und Boten an
seine Christenheit zu sein. Mag mir dann auch widerfahren, was allen meinesgleichen
und meinem Herrn und Meister selbst widerfahren ist. Er wird dann auch Kraft
geben - sein Wille geschehe!
Ich wandelte vor kurzem in der
Abenddämmerung auf meinem, von Menschen entfernten, abgelegenen Spazierwege,
und dachte über die Vergangenheit und Zukunft nach; ich sehnte mich nach
Aufschluß über die nahen Schicksale der kleinen Herde des Herrn, und Siona führte
folgende Szene an meiner Seele vorüber.
Ich befand mich in meiner Imagination auf
einem Hügel; gegen Süden und Norden hin strich ein langes, schroffes Felsengebirge,
dessen Gipfel die Wolken berührte; dadurch wurde die Gegend, die ich
überschaute, in zwei große Hälften geteilt. Die westliche war dunkeldämmernd
und ganz eben wie der unbegrenzte Ozean; im tiefsten Westen ruhte weit und
breit ein schweres Gewitter und man sah gleichsam in abgemessenen Pausen
schwefelgelbe Blitze hin und her zucken. Die ganze, große, unermeßliche Fläche
stellte dem Auge meines Geistes ein Gewirr von Gegenständen dar, das man nur
mit vieler Mühe auseinandersetzen konnte.
Gegen Osten hin sah ich eine eben
so große Fläche; im äußersten Horizont stieg der schönste Morgen in einem
unermeßlichen Lichtkreis empor. Das Ganze schien mir eine neue Erde zu sein,
als wenn sie so eben dem Worte des Schöpfers entquollen wäre. Am Fuße meines
Hügels hinab keimten Grasspitzen, Schlüsselblümchen, Märzviolen und Röschen
aus der jungfräulichen Erde hervor, weiterhin ruhte ein kühler, perlenweißer
Duft, in langen Streifen hin und wieder; er brütete auf den Keimen der weisen
Allmacht, aus denen die Schätze der folgenden Jahrhunderte emporreifen sollten.
Hier ahnete mein Geist den Standpunkt seines zukünftigen Wirkungskreises - dort
wird der Herr verkläret, dort ist gut sein dachte ich, aber zum Hüttenbauen
ist es noch zu früh.
Ich fühlte in meinem Inneren die
Aufforderung, die westliche Fläche näher zu untersuchen; ich wandelte also den
Hügel hinab und ehe ich an seinen Fuß kam, wehte mir eine betäubende, laulichte
Luft entgegen; sie trug einen Leichengeruch auf ihren matten Schwingen, Moder
und Verwesung schien die Quelle zu sein, aus welcher dieser Pesthauch
einherschlich und ich bemerkte zähe, klebrichte Meteore, welche in der niedern
Luft unstät umherschwankten und allerlei seltsame Gestalten bildeten. Sonderbar
und schrecklich kam es mir aber vor, daß man unten, in einiger Entfernung vom
Hügel, keine Spur mehr von ihm entdecken konnte: alles schien von hier aus ein
unübersteigliches Gebirge zu sein. Es kam mir vor, als ob eine magische Decke
über diesem Hügel hinge; wenn man sich ihm aber näherte und nur ein wenig
hinanstieg, so verschwand die Täuschung und man sah nur den Morgenschimmer über
den Hügel her. Ich machte nachher die Bemerkung, daß dieser optische Betrug
lediglich von dem durch und durch verdorbenen Dunstkreise des Abendlandes
herrührte.
Da ich nun aber willens war, mich in
diesem zwar fürchterlichen, aber für den Wahrheitsforscher äußerst merkwürdigen
Lande etwas umzusehen und mich nach seiner eigentlichen Beschaffenheit zu
erkundigen, so befürchtete ich, nicht ohne Grund, ich möchte den Rückweg nach
dem Hügel nicht wiederfinden und suchte deswegen mit genau forschendem Blick
ein Merkzeichen an diesem Gebirge, allein ich fand keines, das mir sicher genug
gewesen wäre. Indem ich so dastand und überlegte, was ich tun sollte, nahte
sich mir ein Mensch, der bis auf Haut und Knochen ausgezehrt war - sein Gesicht
war aber sehr heiter und angenehm und, was mir am seltsamsten vorkam, seine
Ausdünstung und sein Odem hatte einen stärkenden und erquickenden Wohlgeruch,
der einem in dieser tötenden Atmosphäre äußerst angenehm war. Ich grüßte ihn
freundlich und klagte ihm meine Angelegenheit; sehr heiter lächelnd und
liebevoll antwortete er mir: "Dir soll geholfen werden!“ - Dann zog er aus
seiner Tasche ein Perspektiv hervor und sagte: "Dies brauchst du, so lange
du hier bist; ohne dies Werkzeug wärest du rettungslos verloren.“ Ich eilte, um
es zu versuchen, und siehe da, - ich sah den Hügel mit aller seiner
Herrlichkeit und das sanft glänzende Morgenlicht oben darüber. Ich freute mich
hoch und äußerte meinen herzlichen Wunsch, ein solches Perspektiv eigentümlich
zu besitzen. "Das behältst du“, versetzte der Freund; "unser Herr
sendet dies herrliche Werkzeug hieher, um jeden damit zu bedienen; allein
wenige machen leider Gebrauch davon.
Ich. Das ist doch sonderbar! Man sollte denken,
alles müßte aus diesem traurigen Aufenthalte über den Hügel hin in das
herrliche Land eilen.
Er. Nichts weniger als das; man hält den Hügel
mit seinem schönen Morgenglanze, so wie man ihn durch das Perspektiv sieht, für
optischen Betrug; man sagt, die natürlichen Augen müssen doch wohl richtig
sehen, denn der Schöpfer habe gewiß seine Geschöpfe nicht durch trügliche
Sinneswerkzeuge getäuscht.
Ich. Das hat er freilich nicht; aber die Luft
ist so schwer, so neblicht und trübe, daß man mit den besten Augen unrichtig
sieht.
Er. Du urteilst ganz recht; und was das
Schlimmste ist, an dieser grundverdorbenen ungesunden Luft sind die Einwohner
dieser Gegend selbst schuld.
Ich. Wie ist das möglich?
Er. Sie empfinden wohl, daß sie von Natur
kraftvoll und ungesunder sind, als sie ihrer Organisation und Anlagen nach
sein sollten; sie glaubten aber, Gott habe sie so geschaffen, sie sollten und
müßten gerade diese Klasse Wesen auf der unendlichen Stufenleiter erschaffener
Dinge sein, und sie müßten sich ihrer Natur nach immer mehr und mehr
vervollkommnen. Dieses ist auch an sich richtig und wahr, allein sie verwerfen
die wahren Mittel dazu, und bedienen sich statt derselben gerade derjenigen Mittel
wodurch sie immer unvollkommener und ihre Umstände immer trauriger werden;
denn sie stellen den Grundsatz fest: Gott habe der Natur, in welcher sich seine
Geschöpfe befinden, auch die Eigenschaft gegeben, daß diese Geschöpfe darinnen
ihre Bestimmung erreichen könnten, welches an sich wiederum wahr ist. Allein
wenn nun diese Geschöpfe einen freien Willen, haben und durch ihre freien
Handlungen die Natur, in der sie leben, so verderben, daß sie gerade
entgegengesetzte Wirkung tut, so ist ja wohl auch natürlich, daß sie immer
ungesunder werden, und gerade dies ist der Fall mit den armen Einwohnern dieses
Landes. Anfänglich trennte kein Gebirge das westliche Land von dem östlichen;
vom ewigen Morgen bis an den ewigen Abend war alles eine neue Erde und ein
klarer, fruchtbarer Strom lebendigen Wassers, der dem Aufgang aus der Höhe
entquoll, verbreitete sich in tausend Bächen ins Unendliche und erfüllte alles
mit segnender Fruchtbarkeit. Hier schuf nun Gott dieses freihandelnde
Geschlecht und setzte es in diese junge Natur, die es immer mehr und mehr
veredeln, immer urbarer machen, sich selbst dadurch vervollkommnen, und sich
gegen das Urlicht hin, im Osten, immer mehr ausbreiten und also auch immer mehr
veredeln sollte. Nun wohnt aber im tiefsten Westen eine Klasse feindseliger
Geister, die Gott in eine noch schönere Natur geschaffen hatte. Diese wollten
sich von Gott unabhängig machen und empörten sich gegen ihren Schöpfer. Daher
türmte die Allmacht große Gebirge gegen sie auf, die den Lebensstrom von ihrem
Lande ablenkten, wodurch es zu einer ungeheuer stinkenden Pfütze, noch weit
schlimmer als dieses unser Land, geworden ist.
Diese feindseligen Geister waren neidisch
auf unser Geschlecht; sie suchten es zu verführen und ihres Landes zu
bemeistern und dieses gelang ihnen, leider, allzugut: der Hauptverführer
machte uns weiß: Gott habe uns das Vermögen gegeben, zu erkennen, was böse und
gut, recht oder unrecht sei; es sei also auch ewiges Recht der Natur, daß wir
uns selbst unsere Gesetze geben, uns selbst regieren müßten; denn freie Wesen
könnten unmöglich von irgend einem anderen Wesen, ohne die größte
Ungerechtigkeit und Tyrannei beherrscht werden. Dieser Trugschluß fand
Eingang, unser Geschlecht empörte sich auch, und auf einmal türmte die Allmacht
auch uns diese Gebirge in den Weg, und schnitt uns dadurch den Strom des Lebens
und den Fortschritt gegen Osten ab. Nun verwandelten sich nach und nach alle
stehenden Gewässer in stinkende Pfützen, die ganze Natur modert, und wir würden
alle vernichtet werden, wenn wir nicht von Natur unsterblich wären.
Indessen, der Schöpfer und Vater aller
Wesen erbarmte sich unser. Sein ewiges Wort, der König des Lichts, brach durch
das Gebirge und warf diesen Hügel auf: sieh' dort, an seinem Fuße ist eine
Quelle lebendigen Wassers; diese rinnt immer, und verbreitet sich dahin, wohin
sie einer leitet; wer daraus trinkt, der wird gesund, sein Verstand wird
nüchtern, und sein Wesen nähert sich immer mehr der göttlichen Natur.
Ich. Das ist ein trauriger Zustand! Aber
belehre mich weiter! Wie suchen denn die geistigen Bewohner dieses Landes ihren
Zustand zu verbessern?
Er. Luft, Wasser, und alles, was dieser Boden
hervorbringt, ist betäubend und schwächend; anstatt daß es den wirkenden T eil
der Organisation nähren und stärken sollte, nährt und stärkt es den leidenden
Teil derselben. Trink aus jener Quelle: - verwahre dein Fernrohr wohl - und
komm mit mir - ich will dir die Beschaffenheit dieses Landes und seiner
Einwohner zeigen.
Ich trank aus der Lebensquelle des Hügels,
faßte mein Fernrohr in die Hand und folgte meinem Führer.
Wir wandelten zwischen einigen Gruppen von
Bäumen und Gebüschen durch und sahen hin und wieder einige Geister still und
gerade mit geschlossenen Augen stehen, genau so, als wenn sie Schatten wären;
sie regten sich nicht, und man bemerkte kein Zeichen des Lebens an ihnen. Wer
sind diese; fragte ich meinen Führer, und warum sehen sie so abgezehrt aus? -
Eben dies bemerkte ich auch mit Verwunderung an dir; sage mir doch, woher
kommt das?
Er. Ich machte dir soeben bemerklich, daß die
hiesigen Nahrungsmittel die leidenden Teile unseres Ichs nährten, das geistig
wirkende Prinzip aber betäubten und schwächten; wer nun die hiesige Natur bloß
zur Notdurft braucht und sich aus dem Lebensbrunnen sättigt, der bekommt die
Gestalt, die du an mir und jenen dort Stehenden siehst; unser wirkender Teil
wird stark und der Bewirkte schwach; wir behalten nun unsere Besonnenheit und
hoffen auf unsere Erlösung aus diesem Lande des Jammers.
Ich. Warum stehen diese Geister aber so
unbeweglich und so hingepflanzt da, als wenn kein Leben in ihnen wäre?
Er. Sie stehen in der Meinung, man müsse sich
aller Wirksamkeit in dieser Natur enthalten und sich bloß allein von der Lebensquelle
nähren: in ihrem Innern aber richten sie ihr Andenken und ihr Gemüt
unaufhörlich zu Gott.
Ich. Täten sie aber nicht besser, wenn sie auf
andere Geister wohltätig wirkten, um sie auch zu guten Gesinnungen zu bewegen
und sie vom drohenden Verderben zu retten?
Er. Daß dies meine Pflicht ist, das weiß ich;
ob's aber die ihrige sei, das weiß ich nicht. - Der Herr hat vielerlei
Werkzeuge; diese sind reine, edle Wesen, er wird sie zu brauchen wissen.
Ich. Du hast recht - und ich hatte unrecht, so
zu fragen.
Wir gingen nun weiter und fanden Geister,
die wie ungeheure Zwerge schmutzig und ekelhaft aussahen; ihre Köpfe waren unförmlich
dick, der obere Teil der Stirn ragte weit hervor, desgleichen auch das Kinn;
die Nase und der Mund aber lagen tief zurück. Diese Wesen arbeiteten an einer
tiefen Grube, in welcher hin und wieder ein trübes Wasser hervorquoll, von
welchem sie mit großer Begierde tranken; sie zankten sich über die Erfindung
dieser Quellen, weil jeder die Ehre der ersten Entdeckung haben wollte; je mehr
sie tranken, desto berauschter und desto durstiger wurden sie; des Grabens,
Trinkens und Zankens war also kein Ende.
Ich. Werden diese wohl auch selig werden?
Er. Nicht eher, als bis der Herr kommt.
Wir wendeten uns nordwestlich und trafen
bald eine große Pfütze an, die mit Schilf angefüllt zu sein schien; hin und
wieder schimmerten Throne, die mir so vorkamen, als ob sie aus Torfstücken
aufgemauert wären: sie hatten einen Glast, der etwas regenbogenähnliches
zeigte; so wie die kupferfarbenen Häutchen, die auf unreinen Wassern gleißen.
Die Wesen dieser Region hatten ungeheuer dicke Bäuche, aber Arme und Füße wie
die Spinnen; die Stirn lag glatt und breit zurück, der Mund aber strebte
vorwärts im breiten Kreise; sie schienen sich alle recht wohl zu befinden, und
wenn sie das faule Wasser ihres Elements einschlürften, so fingen sie an zu
jubeln und sehr froh zu sein. Auf jedem Thron saß einer von ihnen, der einen
dickeren Bauch und breiteren Mund als die andern hatte, ein Diadem von Binsen
zierte sein Haupt und ein goldgelber Stern, aus Stroh geflochten, glänzte auf
seiner Brust.
Diese Archonten fingen von Zeit zu Zeit
an, wunderbare Töne von sich zu geben, die aber immer anders waren als die
vorigen; sobald dieser Laut erscholl, versammelten sich Heere um sie her, die
sich dann alle bemühten, diese Töne nachzumachen. Schrecklich und
bedauernswürdig kamen mir diese Geister vor - eine Baracke voll Betrunkener,
aus der verworfensten Menschenklasse, ist nichts gegen sie.
Mein Führer winkte mir links gegen Abend;
wir wandelten eine Weile in dunklen, Schwermut einflößenden Gängen und kamen
dann auf eine große Ebene, die voll Geister war, welche alle durcheinander hin
und her eilten, als ob sie etwas sehr Wichtiges zu betreiben hätten, ihre
Gestalt war sonderbar. Sie waren eigentlich auch Zwerge von sehr kleiner
Statur, aber der Kopf verlängerte sich oben in einen hohen Kegel, welcher sich
in einer scharfen Spitze endigte, so daß einer den andern mit seinem Kopfe
durchbohren konnte, und wirklich bestand auch ihre Rache darin, daß der Beleidigte
seinen Feind so bestrafte. Ich bemerkte auch, daß diese Köpfe bei weitem nicht
alle gleich dick, gleich hoch und gleich spitzig waren. Einige liefen auch
krumm und schneckenförmig aufwärts, andere bogen sich sichelförn1ig vorwärts,
und wieder andere waren gegen oben zu beweglich, so daß sie die Spitze lenken
konnten, wohin sie wollten. Diese hatten auch Widerhaken an den Spitzen und
sahen abscheulich aus, bei allen aber war der Kopf länger als der übrige Körper
und das Gesicht war unter der Mitte der ganzen Statur.
Indem wir unter diesen Wesen
umherwandelten, kamen wir endlich an einen Ort, auf dem sich die ganze
Betriebsamkeit der großen Menge dieser himmelbohrenden Geister vereinigte;
viele hundert arbeiteten an einer ungeheuer langen Kette, die wie Messing
aussah; andere webten große und breite Tücher, so fein wie ein Spinngewebe;
wieder andere bereiteten eine feine harzige Tünche, mit der sie die Tücher
bestrichen und luftdicht machten; und endlich waren viele mit Destillieren
beschäftigt. Was sie machten, wußte ich nicht. Ich fragte meinen Führer, was
das alles zu bedeuten habe?
Er. Freund, das Geschäft dieser Wesen ist
wichtig und so schrecklich, daß es das große Gericht, welches diesem lande des
Jammers bevorsteht, bewirken wird. Diese Geisterklasse arbeitet an einem
ungeheuer großen Luftballon, an welchem diese Kette angeheftet werden soll;
diesen wollen sie steigen lassen, wenn jenes drohende Gewitter gegen Abend
näher kommt, und so soll er ihnen dann zum Gewitterableiter dienen; die armen
Tröpfe sehen aber nicht ein, daß eben dies das Einschlagen des Gewitters
befördern wird. Aber komm, du sollst noch schrecklichere Dinge sehen!
Er führte mich eine weite Strecke hin
gegen Westen - hier entdeckte ich einen großen See, das Wasser sah schwärzlich
aus, aber es war sehr hell, ganz und gar nicht trübe; recht vorn in ·der Mitte
am See wurde ein sehr großer und hoher Turm gebaut, von dessen Spitze man das
ganze Land sollte übersehen können, er war beinahe fertig. Ich war verlangend,
zu wissen, was alle diese Anstalten bezweckten, und mein Führer gab mir darüber
folgende Auskunft: Dieser Turm, sagte er, ist zu einer Wasserkunst bestimmt;
auf seiner höchsten Spitze wird eine Windmaschine angebracht, welche durch die
erforderliche Anzahl Pumpensätze das Wasser aus dem See in einen großen Behälter
oben auf den Turm hebt, aus welchem es dann durch Röhren ins ganze Land
geleitet werden soll.
Ich. Aber was für Eigenschaften hat das Wasser?
Er. Dies Wasser ist ein Spiritus, der aus dem
aufrührerischen Lande gegen Westen ausdünstet, in die Höhe steigt, dann wieder,
in Tropfen gebildet, herabfällt und sich in diesem See sammelt; es ist stark
berauschend, und zwar so, daß diejenigen, - die viel davon trinken, gleichsam
wütend werden und tobend alles vernichten, daher wirst du auch bemerken, daß
alle Geister dieser Gegend weit unruhiger, ärgerlicher und beleidigender sind.
als alle anderen, die du bisher gesehen hast und noch sehen wirst.
Ich. Wie, wenn nun ihnen aber ihr Vorhaben
gelingt, - wenn dies höllische Wasser durch' s ganze Land verteilt wird, so
müssen ja auch alle Geister des ganzen Landes, insofern sie davon trinken,
rasend werden?
Er. Es wird ihnen gelingen, aber dadurch
werden sie auch den vor ihren Augen verborgenen Ratschluß des über alles Erhabenen
ausführen: Alle, die noch zur Besinnung zu bringen sind, werden durch die
Folgen, welche die törichten Bemühungen aller Klassen der hiesigen Geister,
besonders aber dies höllische Wasser nach sich zieht, folglich durch die
Erfahrung belehrt werden, daß es keinen andern Weg zur Rettung für sie gebe,
als der Genuß des Wassers aus der Lebensquelle; sie werden also daraus
trinken, das Perspektiv bekommen, den Hügel finden und sich dann hinüber ins
Land des Friedens retten. Sobald der Letzte hinüber ist, wird jener
Gewitterableiter seine Dienste tun. Ein Sturmwind wird das Wetter schleunigst
über das ganze Land führen; dadurch wird die Windmaschine so stark pumpen, daß
der ganze See erschöpft und über das Land verteilt wird; alle werden davon trinken,
und des Rasens und Tobens wird kein Ende sein, und das alles nennen sie dann
Tätigkeit zum allgemeinen Besten. Der Gewitterableiter richtet nun das
elektrische Feuer des Blitzes in das geistige Giftwasser, welches sich
allenthalben entzündet und so den Pfuhl erzeugt, der mit Feuer und Schwefel
brennt, in welchem dann auch diejenigen, die sich ihm bereitet haben, empfangen
werden, was ihre Taten wert sind. Dieser schreckliche allgemeine Brand wird
sich aber auch gegen Westen verbreiten, und das Land der Erzempörer ebenfalls
in einen Feuersee verwandeln.
Ich. Wird’s noch lange währen, bis es zu diesem
schrecklichen Gerichte kommt? - Mir wird's bange; laß uns hier wegeilen!
Hierauf brachte mich mein Führer
südwestlich an einen abgelegenen Ort; hier war der Leichengeruch kaum
auszuhalten; mein Begleiter reichte mir aber eine Flasche, aus welcher wir uns
beide erquickten; indessen, wir mußten doch wegeilen, wenn wir nicht betäubt zu
Boden sinken wollten; das wenige, was ich hier sah und erfuhr, machte, daß mir
die Haare zu Berge standen. Hier war der Ort, wo der noch minderjährige König
der himmelbohrenden Spitzköpfe erzogen wurde; sein Ansehen war schrecklich und
abscheulich, der Körper war ein ungeheuer dicker, aber sehr kleiner Zwerg. Der
Kopf aber verlängerte sich in eine große Riesenschlange, die mit goldenen,
purpurnen, grünen und himmelblauen Flecken und Streifen prangte, und sich mit
großer Kraft in die Höhe erstreckte; dies Wesen war niemals ruhig, sondern der
himmelbohrende Schweif mit seinem stählernen Widerhaken wand sich immer
aufwärts und strebte bald hier, bald dort empor, als wenn er in der Höhe etwas
zu bekämpfen suchte. Eins aber war mir vorzüglich merkwürdig: ich gedachte
gleich anfangs zäher, klebrichter, leuchtender Meteore; für solche hielt ich
sie damals auch, aber jetzt erfuhr ich erst, wer sie seien. Diese glänzenden
Lufterscheinungen waren ebenfalls Geister von einer besonderen Gattung; ihre
Nahrung war eine besondere Pflanze, die sie an geheimen, unzugänglichen Orten
erzogen, und dann tranken sie aus dem schwarzen See; aus diesen beiden Säften
entstand nun in ihrem Wesen ein leuchtender Phosphorus, den sie für himmlisches
Licht ausgaben. Das trügliche, dämmernde Licht, das diese unstät und flüchtig
in der Luft umherschwärmenden Geister sparsam verbreiteten, war auch das
einzige, was diesem Jammerlande einige Dämmerung gewährte; wer das Perspektiv
nicht brauchte, der kannte kein anderes Licht. Die mageren Geister aber hatten
ihre Augen so durch das Perspektiv gestärkt, daß ihnen der über den Hügel
herschimmernde Morgen so viel Licht gab, als sie brauchten. Durch diese Menge
von Irrwischgeistern waren alle Klassen der Einwohner, die mageren
ausgenommen, so irre geworden, daß sie den wahren ewigen Osten nicht mehr
wußten, sondern den Westen mit seinem Gewitter dafür hielten, und glaubten, daß
die Blitze Strahlen des Urlichts seien.
Diese Irrwischgeister waren die Erzieher
des jungen Königs; sie nährten ihn auch mit ihrer geheimen Speise, und tränkten
ihn aus dem schwarzen See, woher es dann kam, daß er auch schon zu schwimmen
anfing, und es fehlte nicht viel mehr, so war er auch schon so verfeinert, daß
er sich in der dicken Dunstluft emporschwingen, und sich dann aus der Höhe als
ein schreckliches, rotglühender Meteor zeigen konnte; das war denn auch der
Zeitpunkt, wo er als Gott und König des Landes zu herrschen anfangen sollte.
Ich fragte meinen Führer, ob es noch lange bis dahin sei - und ob diese
schreckliche Regierung lange dauern werde.
Er. Wir werden an einen Ort kommen, wo man dir
darüber Aufschluß geben wird. Dieser König des Verderbens wird uns magere
Geister zwingen wollen, von seiner Giftpflanze zu essen und aus dem schwarzen
See zu trinken; dann wird er den Entschluß fassen, die Wasserquelle des Lebens
zu verstopfen; aber gerade in diesem Zeitpunkt wird der Herr uns, die wir ihm
treu geblieben sind, über den Hügel an einen sichern Ort der Ruhe bringen, und
nun wird der Gewitterableiter seine schreckliche Wirkung tun. Das Land wird in
Brand geraten, und diese Glut wird den himmelstürmenden König lähmen, so daß er
von seiner Höhe herab in den Feuersee stürzen wird.
Ich. Eines ist mir überaus merkwürdig, nämlich,
daß die Geister sich selbst ihr ganzes Gericht und ihre ganze
schreckliche Strafe bereiten.
Er. Das ist eben eine der weisesten
Regierungsmaximen unseres Herrn: Diese unglücklichen Wesen können Gott hernach
unmöglich die Schuld geben, sie hatten die Lebensquelle ebenso wie wir, und das
Fernrohr bekamen sie umsonst; aber sie wollten sich selbst helfen und
durch ihre eigene Vernunft und Kraft herrschen und ihr Gebiet auch über Geister
verbreiten; nun erfahren sie die Folgen, die ganz natürlich und keine
göttliche Dazwischenkunft sind.
Nun wendeten wir uns wieder links, etwas
vorwärts gegen das Gebirge zu und kamen an einen Ort, wo wir Geister antrafen,
die in einem großen Laboratorium arbeiteten. Diese Wesen waren von ganz
besonderer Gestalt; sie waren alle verlarvt; alle hatten Masken, die den
mageren Geistern ähnlich waren; wenn sie aber diese Verkleidung ablegten, so
waren sie von der Klasse der leuchtenden Meteore, oder auch Spitzköpfe. Die
Geister waren die gefährlichsten unter allen; denn nur wenige magere Geister,
die ein gutes Gesicht hatten, konnten durch oder hinter die Maske schauen; die
schwächeren aber hielten sie für ihresgleichen und wurden dann von ihnen
hintergangen und ins Verderben gestürzt. Dies ging so zu:
Da die Lebensquelle von den meisten
Einwohnern weit entfernt ist, so wurden von jeher aus allen Klassen
Wasserträger bestellt, die mit reinen Gefäßen aus der Lebensquelle schöpften
und es so allen Einwohnern zutragen mußten, damit es niemandem daran fehlen
möchte. Dies Geschäft war sehr ehrwürdig und nützlich. - Nun gab es aber viele
solche Wasserträger die ihre Krüge und Gefäße gar nicht rein hielten, auch wohl
nicht aus der Quelle selbst, sondern aus dem Bächlein schöpften, das von ihr
herabrinnt und schon den hiesigen Erdgeschmack angenommen hat, woher es denn
kam, daß die Wasserträger verächtlich wurden; hierzu halfen nun die Irrwischgeister
aus allen Kräften, und unter dem Vorwand, die Einwohner besser zu bedienen und
diese uralte nützliche Zunft der Wasserträger zu reformieren, zogen sie
allmählich das ganze Geschäft an sich, da aber bei weitem die meisten Einwohner
den Irrwischen nicht trauten, so legten sie nun die Larven an und verkleideten
sich in die Gestalt der Wasserträger. Der ganze Jammer aber besteht darin, daß
sie das Lebenswasser verfälschten und das Fernrohr für Aberglauben erklärten.
Jene Verfälschung geschieht hier in diesem Laboratorium, denn da sie vorgeben,
die Lebensquelle sei zwar ein gutes Quellwasser, sie habe aber unreine mineralische
Teilchen in sich aufgelöst, welche die subtilen Nahrungswege verstopfen, und
verursachten, daß die Geister die Auszehrung bekämen und hypochondrisch
würden, die man ja deutlich an uns wahrnehmen könne, so müßte man sie
destillieren und korrigieren. Dies geschieht nun so, daß sie Wasser aus dem
schwarzen See dazu mischen, und es dann zusammen destillieren. Dies destillierte
Wasser ist nun noch gefährlicher, als das, welches im See selbst geschöpft
worden: denn dies kennt man allsofort am Geruch und Geschmack, so daß man sich
davor hüten kann; jenes aber schmeckt noch immer nach der Lebensquelle, und so
werden diejenigen, welche nie aus der reinen Quelle selbst getrunken haben,
betrogen; wobei das nun noch das allerschlimmste ist, daß man die schädlichen
Folgen davon nicht eher merkt, als bis man sie nicht mehr für schädlich hält
und der Kopf schon so spitz geworden ist, daß man den spitzigsten und höchsten
für den schönsten hält.
Wie geht es aber zu, sagte ich zu meinem
Führer, daß ihr mageren Geister euch nicht vereinigt und selbst reines Wasser
holt, um es unter alle Geisterklassen auszuteilen?
Er. Das geschieht auch schon einigermaßen;
allein eben an der innigen Vereinigung fehlt es noch; auch gibt es noch hier
und da ehrliche Wasserträger von der alten Art, aber ihre Zahl nimmt doch mehr
und mehr ab. Wenn nun unsereiner Wasser holt und es den Geistern anbietet, so sagt
der eine, "du holst das Wasser in einem Kruge, der nicht die gehörige Form
hat;“ der andere: "du hast ja den Gang und den Schritt nicht, der den
Wasserträgern geziemt;" der dritte: "dein Kleid schickt sich für
einen Wasserträger nicht;" der vierte: "dein Wasser hat den rechten
Geschmack nicht, es muß etwas süßlicht sein;" der fünfte: „es muß einen
säuerlichen, pikanten Geschmack haben;" der sechste: „es muß etwas
gesalzen schmecken," und der siebente: „es muß kühlend sein und gar keinen
Geschmack haben." Wie kann man nun da etwas richten, indem die
Geschmackswerkzeuge so verdorben sind, daß jedem das Wasser anders schmeckt,
als dem andern?
Ich. Das ist ein erbärmlicher,
beklagenswürdiger Zustand!
Er. Das ist es allerdings; aber doch kann ich
dir zum Troste sagen, daß es eine sehr große Menge magerer Geister gibt, und
daß täglich noch immer mehrere angeworben werden. Komm, ich will dir nun auch
zum Trost und zur Beruhigung die Herrlichkeit dieses Landes zeigen.
Wir gingen eine weite Strecke fort und wandten
uns dann gegen Osten, gegen den Hügel zu. Hier bemerkte ich eine gesundere
Luft, man konnte freier atmen, und es kam mir so vor1 als wenn mir
ein Frühlingsduft entgegen wehete, und mir däuchte, ich könnte den Hügel und
den Morgenschimmer oben darüber mit bloßen Augen erkennen; hier wurde mir wohl.
Bald kamen wir auf eine grüne Ebene, durch welche ein kleines Bächlein
Lebenswasser langsam und sanft fortrieselte; an diesem Bächlein saßen viele
kleine Gesellschaften magerer Geister, die gar ruhig und liebreich miteinander
umgingen; sie tranken aus dem Bache und reichten den weiter entfernten in
reinen kristallenen Schalen so viel von diesem Wasser, als zu ihrem Unterhalte
nötig war. Hier war es dämmernder Morgen, und man sah den Hügel ziemlich
deutlich.
Ich fragte meinen Führer, wie lange diese
noch so harren müßten.
Er. Bis sich der Drachenkönig in die Höhe
schwingt und die schwarze Wassermaschine ihre Wirkung tut.
Ich. Ist' s aber noch lange bis dahin?
Er. Komm, du sollst erfahren, was du erfahren darfst.
Wir folgten dem Bächlein aufwärts (denn
abwärts verlor es sich in der weiten Wüste), und fanden noch viele magere
Geister, welche aber einzeln umherwandelten und sich nicht in Gesellschaften
bildeten; dieser Einsiedler waren sehr viele, daß ich mich herzlich über ihre
große Anzahl freute. Aber wie kommt es, fragte ich, daß diese frommen Geister
nicht einander mitteilen, nicht Gesellschaften bilden?
Er. Das ist eben noch ihr Fehler - jeder
glaubt von jedem andern, es sei noch nicht so recht mit ihm; seine eigenen
Einsichten aber hält er für die allein wahren.
Ich. Lieber Freund, das ist schlimm, die
Einigkeit des Geistes ist der Grund der Liebe; die Liebe bindet die Geister in
Garben, in Gesellschaften und nur die Garben können in unseres Herrn Scheuem
geerntet werden, einzelne Halme und Ähren fallen den Ährenlesern in die
Hände.
Er. Du hast ganz recht! Eben darum steht auch
diesen Geistern noch eine große Prüfung und Sichtung bevor. Diese wird sie zu
Selbsterkenntnis bringen; was dann die Probe besteht, wird erhalten werden, und
die andern werden verloren gehen.
Ich. Worin mag wohl diese Probe bestehen?
Er. Das will ich dir sagen: Die Spitzköpfe
werden immer mächtiger, und durch Gottes gerechtes Verhängnis auf eine kurze
Zeit allgemein herrschend werden, dann nämlich, wenn der große Drache
emporsteigt. Während der Zeit künsteln die Masken immer mehr an ihrem
Giftwasser, und die Irrwische werden durch allerhand verführerische Mittel die
Vereinigung der Geisterklassen dadurch bewirken, daß sie alle zu überreden
suchen, das Giftwasser sei das wahre Wasser des Lebens; und da es einen
angenehmen, pikanten Geschmack hat, auch berauscht, munter und lustig macht, so
wird ihnen ihr Plan bei den meisten Geistern gelingen; auch viele der mageren
werden diese Versuchung nicht überwinden, sondern ihnen zufallen, und nur die
auserlesensten und edelsten werden getreu bleiben, aber dafür werden sie dann
auch vorzüglich vor allen andern belohnt werden. Es ist beklagenswürdig und
höchst traurig, daß sich gleichsam alle Umstände vereinigen, um den Plan der
Verführer zu befördern; je länger man in diesem schrecklichen Lande lebt, desto
mehr gewöhnt man sich an die verpestete Luft und an den tötenden Leichengeruch.
Wenn man nicht täglich und stündlich von dem Lebenswasser trinkt, so macht es
einen hernach weh und übel, man bekommt Erbrechen, und mit der Zeit einen Ekel
dagegen; trinkt man nun von dem schwarzen Giftwasser dazwischen, so ist es
vollends geschehen; das hiesige Klima wird einem zum angenehmen natürlichen
Aufenthalt und dann gehört viel dazu, um sich wieder ans Lebenswasser zu
gewöhnen. Siehe, das macht eben die Prüfung und die Überwindung der Versuchung
so schwer. Ehemals, als man von den Spitzköpfen und ihrem schwarzen See noch
nichts wußte, da war das Aushalten der Probe viel leichter.
Ich. Werden aber keine Versuche gemacht,
diese Einsiedler mit einander zu verständigen, und sie alle zusammen mit allen
andern mageren Geistern in eine friedliche, sich herzlich liebende Gesellschaft
zu vereinigen?
Er. O ja, es wird stark daran gearbeitet;
allein die eigentliche große Vereinigung in Eine Herde wird erst dann zustande
kommen, wenn der Sturm aus Westen sie zusammen auf ein Häuflein weht.
Wir wandelten indessen immer ostwärts dem
Bächlein nach und kamen nun endlich zur Quelle, am Fuße des Hügels.
Das erste, was mir hier in die Augen fiel,
war eine tiefeinwärts gehende Höhle oder Grotte, aus welcher mir mit dem
sanftrauschenden kühlen Bach ein höchst angenehmes, erquickendes Lüftchen
entgegenwehte. Mein ganzes Wesen wurde gestärkt und erfrischt. Ich fragte
meinen Führer, ob man nicht in die Höhle bis an die Quelle selbst gehen dürfe?
Er. O ja, allerdings!
Ich. Es ist aber finster und wir haben kein
Licht; können wir uns dann nicht verirren?
Er. Eben dann würden wir uns am ersten
verirren, wenn wir mit einem Licht hineingehen; man sieht dann so viele Seltenheiten,
Naturwunder und merkwürdige Seitenhöhlen, daß man darüber des rechten Weges
vergißt und nie zur eigentlichen rechten Quelle kommt; alle diese Seitenhöhlen
geben aber auch eine mehr, die andere weniger, kleine Bächlein ab, die den
Hauptbach verstärken.
Ich. Wie kann man aber im Finstern den rechten
Weg finden?
Er. Auf eine sehr leichte und einfache Art;
es kommt nur darauf an, daß man's weiß. Jetzt stehe einmal still - kannst du
nun nicht ganz genau in deinem Angesicht empfinden, woher die kühle,
erquickende, beständig fortwehende Luft kommt?
Ich. O ja, das kann ich sehr genau wahrnehmen.
Er. Nun, so gehe nur ruhig ohne Furcht
schnurgerade dem Wind entgegen, so wirst du gewiß zur Hauptquelle kommen.
Ich. Aber ich möchte doch auch gerne die
übrigen Merkwürdigkeiten dieser Höhle kennen lernen.
Er. Dein Wunsch wird erfüllt - aber es kann
nicht eher geschehen, als bis du an der Hauptquelle gewesen bist.
Ich. Das ist doch sehr sonderbar!
Er. Du wirst es dann gar nicht sonderbar,
sondern sehr natürlich finden; gehe nur genau dem Luftstrom entgegen, so kann
es dir gar nicht fehlen.
Ich folgte dem Rat meines Führers, und
bemerkte nach einiger Zeit gerade vor mir hin einen sehr angenehmen bläulichen
Schimmer, aus dem mir der erquickende Wind entgegen wehte. Jetzt beschleunigte
ich meine Schritte und kam bald in eine geräumige, viereckige, über und über
vergoldete Kammer; sie schien mir mit meiner Vorstellung, die ich mir von dem
Allerheiligsten im Tempel zu Jerusalem machte, überein zu kommen. An der
Ostseite dieses vortrefflichen Aufenthalts war eine viereckige Öffnung, mit
schönen goldenen Einfassungen geziert; hier schaute ich mit unaussprechlicher
Freude in das östliche Land; der ewige Morgen strahlte mir entgegen, und durch
diese Öffnung strömte aus jenen paradiesischen Gegenden die reine Himmelsluft
in die Grotte und weiter hinaus ins westliche Land. Dies Fenster war also an
der Morgenseite des Hügels, dessen Sohle ich durchwandert hatte. Ich stand an
diesem Fenster und blickte in den sanften Morgen, um meine Augen zu stärken.
Mit dem ewigen Winde des Aufgangs aus der Höhle flutete seliger Friede durch
mein ganzes Wesen, und es war mir, als wenn mir jemand ins Ohr gelispelt hätte:
Hier kannst du ausharren! So wird mir einst sein, wenn der Ernteengel
ungesehen mir nahe ist - und sich mein Geist den Fesseln im Staube entwindet.
Eine große Ebene in endloser Weite und
Breite lag da vor meinen Augen; der Hügel grünte wie im kommenden Mai, und von
seinem Fuße an bis weithin verklärte sich das keimende Grün im bläulichen
Morgenduft. Gewächse von aller Art entwanden sich der jungfräulichen Erde, und
man glaubte sie wachsen zu sehen. Große Gedanken gingen jetzt in meiner Seele
vorüber. - Noch ruhte einsame Stille auf den Fluren des Landes Bengulah, noch
steigen keine Zinnen von Hephzibah empor. (Jes. 62, 4.) Aber bald werden
friedfertige Scharen vollendeter Gerechten wie auenwässernde Bäche nach allen
Richtungen hinströmen, und auch ich werde unter ihnen sein! Nicht eine Wolkensäule,
die den Gesetzgeber auf Sinai einhüllt, wird vor ihnen herziehen, sondern
Jehoschuah, Jesus Christus, wird sie anführen und ihnen das Land austeilen. -
Darum - fürchte dich nicht, du kleine Herde, es ist des Vaters Wohlgefallen,
dir dies Reich zu bescheiden!
Ich muß mich von diesem Fenster losreißen
.- ich muß hingehen und wirken, so lange mein Weg währt, damit ich nichts
versäume und am großen Feierabend mitgehen kann.
Diese goldene Kammer enthielt aber noch
eine große Merkwürdigkeit, nämlich die Quelle des Lebenswassers; genau in der
Mitte war eine Vertiefung im Boden, die ein Grab zu sein schien; aus diesem
Grabe stiegen fünf Quellen sanft in die Höhe, sie. füllten den Sarkophag an und
flossen dann in einem starken Bach durch eine Öffnung gegen Westen. Ich trank
aus dieser Quelle und fühlte mich neu belebt und gestärkt zum Fortpilgern.
Ich wäre vielleicht noch lange hier
geblieben, wenn mich mein Führer nicht zum Wegeilen angetrieben hätte. An
diesem Fenster, sagte er zu mir, steht man nur zuzeiten, um sich zu stärken,
aber nicht, um da die Stunden des Wirkens zu verschwenden. Komm, ich will dir
noch mehrere wichtige Sachen zeigen! Hiemit öffnete er eine Tür an der
Nordseite und hieß mich da hineintreten. Dieses Zimmer war inwendig
perlenfarbig ohne irgend einen andern Schmuck, auch hier war ein Fenster gegen
Osten, aber so hoch, daß man ohne Leiter und Treppe nicht durch dasselbe ins
östliche Land sehen konnte. Man sah also nichts, als den Morgenschimmer und das
war auch für die, welche hier ihre Geschäfte zu verrichten hatten, hinlänglich.
Hier saßen sieben Männer um eine runde Tafel auf Sesseln und viele magere
Geister beschäftigten sich an besonderen Tischen und durch eine Türe gegen
Westen gingen viele Boten ab und zu. Die sieben Männer waren außerordentlich
ehrwürdig und ernsthaft, sie unterredeten sich leise, kaum hörbar, von
merkwürdigen Dingen; ich verstand vieles, das mir aber als ein Geheimnis zu behandeln
anbefohlen wurde; auch ging eins und anderes vor, das mir in wichtigen Fällen
in der Zukunft Wink und Warnung geben kann. Diese waren die Engel der sieben
Zeitläufe, von dem ersten Pfingstfest an bis auf das große letzte, wenn der
Geist des Herrn über alles Fleisch ausgegossen werden wird. Der siebente, Neemann,
hatte jetzt den Vorsitz, und als Direktoren saßen ihm zur Rechten und
Linken Ahabathahi und Sariam. Diese drei werden den Beschluß
machen und Ahabathahi wird die lange geprüfte Herde dem Erzhirten
vorführen.
Ernst und feierlich saßen die Sieben da -
und ich sah ihnen an, daß es bald zum Ende kommen würde, denn die Hoffnung des
ewigen Lebens strahlte aus ihren Augen. So blickt ein Feldherr in den Kampf,
wenn er vom Hügel herab rechts und links Befehle erteilt und sein Plan gut
ausgeführt wird.
Ich hätte gerne gefragt, ob es noch
weithin bis zum Ziel sei? Allein mein Führer warnte mich und versicherte mich,
daß ich an einem andern Orte hinlänglich Nachricht über diesen Punkt erhalten
würde. Mir war hier ganz schauerlich! - Hier war die verborgene Majestät Gottes
nicht sichtbar, aber spürbar, gegenwärtig.
Vor hier gingen wir wieder durch die
goldene Kammer, und mein Begleiter öffnete an der Südseite eine andere Türe,
welche in ein merkwürdiges Zimmer führte. Dieses war die Kammer der heiligen
Geheimnisse; auch hier war an der Ostseite ein Fenster, aber so niedrig, daß
man dadurch hätte sehen können, wenn es nicht mit Kristallen von ganz
sonderbaren Gestalten und Formen ausgefüllt gewesen wäre: dadurch wurde das
Licht nicht nur in seine sieben Farben geteilt, sondern es wurde eine hieroglyphische
Schrift dadurch an der gegenüberstehenden Wand vorgestellt, die immer in den
bestimmten Zeitpunkten den Ratschluß des Ewigen und über alles Erhabenen
offenbarte; hier erholten sich auch die sieben Gemeindeengel Rats, wie wenn sie
es bedurften und ein sehr ansehnlicher Geist oder Engel, namens Eschmareer,
bemerkte alles, schrieb es in ein Buch und erklärte auch dem Wißbegierigen,
was ihm zu wissen dienlich war. Hier erfuhr ich nun einen Termin, aber nicht
auf Tag und Stunde, sondern mir wurde ein Zeitraum von sehr langer Dauer
gezeigt, innerhalb welchem der Herr kommen und dem Jammer ein Ende machen
würde.
Hier sah ich auch eine genaue Karte und Beschreibung
der Höhle oder Grotte, in welcher ich mich befand; ich erfuhr die Seltenheiten
jedes Orts und ihre Beziehung auf das Ganze. Von hier aus öffnete sich in einer
Ecke der Westseite eine Tür, welche der Eingang zu allen Seitenhöhlen war;
neben der Tür war ein Leitfaden angeknüpft, den man nur in die Hand zu nehmen
und ihm zu folgen brauchte; so führte er den Wanderer in gehöriger Ordnung,
ohne zu irren, durch alle labyrinthischen Gänge, und zwar so, daß immer ein
merkwürdiger Ort, so wie er sich dem Auge eröffnete, auch dem folgenden sein
Licht mitteilte. Wenn man a1so die letzte Grotte betrachten wollte, so mußte
man die Seltenheiten aller vorigen kennen, sonst begriff man nichts oder doch sehr wenig von ihren Geheimnissen.
Freunde und Freundinnen! - Brüder und
Schwestern! - Denkt über diese Bilderschrift, die ich euch hier mitgeteilt
habe, ruhig nach! Ihr werdet keiner näheren Erklärung bedürfen; der Geist, der
mich anhauchte, wird auch euch anhauchen, und wir werden uns verstehen. Der
Herr lege Segen auf dieses Anwehen, damit es zum Wachen und Beten treiben möge.
Amen!
S i e b t e S z e n e
Ein
pantomimisches Drama in der Geisterwelt
Die Schlafenden schlafen des Nachts,
und die Betrunkenen sind des Nachts betrunken, sagt der Apostel. Aber die Schlafenden
träumen jetzt, es sei Tag; sie wähnen, ihr Traumlicht der Aufklärung sei die
Sonne; im Taumel der Trunkenheit halten sie ihren Rausch für Tatkraft und die
Schwärmerei ihrer vom Wein der Philosophie benebelten Vernunft für Weisheit. Da
wandelt dann der Altgläubige mit der Leuchte des Evangeliums unter ihnen herum,
und sucht sich auf seinem schmalen Wege durch das Gewühl durchzudrängen. Spott,
Verachtung, Versperrung des Weges, Rippenstöße und glänzende Verführungssucht
stürmen auf ihn zu; da hat er dann große Ursache, wachsam und nüchtern zu sein,
und sich durch alle Schwierigkeiten durchzubeten und durchzukämpfen.
Kinder, es ist die letzte Stunde! -
Jetzt laßt uns treu und ehrlich aushalten, der heiße Kampf geht bald vorüber;
aber es tut weh, unter den Kindern Adams, unter Geschwistern, so verkannt zu
sein, und sie in der Gefahr zu sehen, ohne Rettung verloren zu gehen. Vater der
Menschen - großer Erbarmer und kämpfet in Gethsemane und auf Golgatha - rette,
was zu retten ist und uns, deine Kinder, führe mit starker Hand durch den
Jordan hinüber - hinüber in dein Reich! Amen!
Die menschliche Gesellschaft drückt
mich - da freut man sich des Friedens, hofft goldene Zeiten, schwärmt von einer
Lustpartie zur andern, und freut sich der Aufklärung und seines eigenen
Daseins; zeigt man Bedenklichkeit, so beruft man sich auf die vorigen Zeiten;
man sagt ganz unbefangen und leichtsinnig: Es war ehemals noch schlimmer, und
wurde doch wieder besser; in der Welt ist das nicht anders; es ist ja Friede und
hat keine Gefahr; man zuckte die Achseln über mich, und sagt, ich sei ein
schwermütiger Schwärmer.
Darum betrauere ich meine
Zeitgenossen; denn es ist nicht lange mehr hin, so werden sie traurig, ich
aber und alle Schwärmer meinesgleichen werden uns dann hoch freuen!
Darum wähle ich auch so gerne einsame
Spaziergänge, tröste mich der Zukunft, und freue mich, daß mich der Herr
würdigt. in diesen letzten Zeiten einer seiner letzten Zeugen und Boten an
seine Christenheit zu sein. Mag mir dann auch widerfahren, was allen
meinesgleichen und meinem Herrn und Meister selbst widerfahren ist. Er wird
dann auch Kraft geben - sein Wille geschehe!
Ich wandelte vor kurzem in der
Abenddämmerung auf meinem, von Menschen entfernten, abgelegenen Spazierwege,
und dachte über die Vergangenheit und Zukunft nach; ich sehnte mich nach
Aufschluß über die nahen Schicksale der kleinen Herde des Herrn, und Siona führte
folgende Szene an meiner Seele vorüber.
Ich befand mich in meiner Imagination
auf einem Hügel; gegen Süden und Norden hin strich ein langes, schroffes
Felsengebirge, dessen Gipfel die Wolken berührte; dadurch wurde die Gegend,
die ich überschaute, in zwei große Hälften geteilt. Die westliche war
dunkeldämmernd und ganz eben wie der unbegrenzte Ozean; im tiefsten Westen
ruhte weit und breit ein schweres Gewitter und man sah gleichsam in
abgemessenen Pausen schwefelgelbe Blitze hin und her zucken. Die ganze, große,
unermeßliche Fläche stellte dem Auge meines Geistes ein Gewirr von Gegenständen
dar, das man nur mit vieler Mühe auseinandersetzen konnte.
Gegen Osten hin sah ich eine eben so große Fläche; im
äußersten Horizont stieg der schönste Morgen in einem unermeßlichen Lichtkreis
empor. Das Ganze schien mir eine neue Erde zu sein, als wenn sie so eben dem Worte
des Schöpfers entquollen wäre. Am Fuße meines Hügels hinab keimten Grasspitzen,
Schlüsselblümchen, Märzviolen und Röschen aus der jungfräulichen Erde hervor,
weiterhin ruhte ein kühler, perlenweißer Duft, in langen Streifen hin und
wieder; er brütete auf den Keimen der weisen Allmacht, aus denen die Schätze
der folgenden Jahrhunderte emporreifen sollten. Hier ahnete mein Geist den
Standpunkt seines zukünftigen Wirkungskreises - dort wird der Herr verkläret,
dort ist gut sein dachte ich, aber zum Hüttenbauen ist es noch zu früh.
Ich fühlte in meinem Inneren die
Aufforderung, die westliche Fläche näher zu untersuchen; ich wandelte also den
Hügel hinab und ehe ich an seinen Fuß kam, wehte mir eine betäubende, laulichte
Luft entgegen; sie trug einen Leichengeruch auf ihren matten Schwingen, Moder
und Verwesung schien die Quelle zu sein, aus welcher dieser Pesthauch
einherschlich und ich bemerkte zähe, klebrichte Meteore, welche in der niedern
Luft unstät umherschwankten und allerlei seltsame Gestalten bildeten. Sonderbar
und schrecklich kam es mir aber vor, daß man unten, in einiger Entfernung vom
Hügel, keine Spur mehr von ihm entdecken konnte: alles schien von hier aus ein
unübersteigliches Gebirge zu sein. Es kam mir vor, als ob eine magische Decke
über diesem Hügel hinge; wenn man sich ihm aber näherte und nur ein wenig
hinanstieg, so verschwand die Täuschung und man sah nur den Morgenschimmer über
den Hügel her. Ich machte nachher die Bemerkung, daß dieser optische Betrug
lediglich von dem durch und durch verdorbenen Dunstkreise des Abendlandes
herrührte.
Da ich nun aber willens war, mich in
diesem zwar fürchterlichen, aber für den Wahrheitsforscher äußerst merkwürdigen
Lande etwas umzusehen und mich nach seiner eigentlichen Beschaffenheit zu erkundigen,
so befürchtete ich, nicht ohne Grund, ich möchte den Rückweg nach dem Hügel
nicht wiederfinden und suchte deswegen mit genau forschendem Blick ein
Merkzeichen an diesem Gebirge, allein ich fand keines, das mir sicher genug
gewesen wäre. Indem ich so dastand und überlegte, was ich tun sollte, nahte
sich mir ein Mensch, der bis auf Haut und Knochen ausgezehrt war - sein Gesicht
war aber sehr heiter und angenehm und, was mir am seltsamsten vorkam, seine
Ausdünstung und sein Odem hatte einen stärkenden und erquickenden Wohlgeruch,
der einem in dieser tötenden Atmosphäre äußerst angenehm war. Ich grüßte ihn
freundlich und klagte ihm meine Angelegenheit; sehr heiter lächelnd und
liebevoll antwortete er mir: "Dir soll geholfen werden!“ - Dann zog er aus
seiner Tasche ein Perspektiv hervor und sagte: "Dies brauchst du, so lange
du hier bist; ohne dies Werkzeug wärest du rettungslos verloren.“ Ich eilte, um
es zu versuchen, und siehe da, - ich sah den Hügel mit aller seiner
Herrlichkeit und das sanft glänzende Morgenlicht oben darüber. Ich freute mich
hoch und äußerte meinen herzlichen Wunsch, ein solches Perspektiv eigentümlich
zu besitzen. "Das behältst du“, versetzte der Freund; "unser Herr
sendet dies herrliche Werkzeug hieher, um jeden damit zu bedienen; allein
wenige machen leider Gebrauch davon.
Ich. Das ist doch sonderbar! Man sollte denken, alles müßte
aus diesem traurigen Aufenthalte über den Hügel hin in das herrliche Land
eilen.
Er. Nichts weniger als das; man hält den Hügel mit seinem
schönen Morgenglanze, so wie man ihn durch das Perspektiv sieht, für optischen
Betrug; man sagt, die natürlichen Augen müssen doch wohl richtig sehen, denn
der Schöpfer habe gewiß seine Geschöpfe nicht durch trügliche Sinneswerkzeuge
getäuscht.
Ich. Das hat er freilich nicht; aber die Luft ist so
schwer, so neblicht und trübe, daß man mit den besten Augen unrichtig sieht.
Er. Du urteilst ganz recht; und was das Schlimmste ist, an
dieser grundverdorbenen ungesunden Luft sind die Einwohner dieser Gegend selbst
schuld.
Ich. Wie ist das möglich?
Er. Sie empfinden wohl, daß sie von Natur kraftvoll und
ungesunder sind, als sie ihrer Organisation und Anlagen nach sein sollten; sie
glaubten aber, Gott habe sie so geschaffen, sie sollten und müßten gerade diese
Klasse Wesen auf der unendlichen Stufenleiter erschaffener Dinge sein, und sie
müßten sich ihrer Natur nach immer mehr und mehr vervollkommnen. Dieses ist
auch an sich richtig und wahr, allein sie verwerfen die wahren Mittel dazu, und
bedienen sich statt derselben gerade derjenigen Mittel wodurch sie immer
unvollkommener und ihre Umstände immer trauriger werden; denn sie stellen den
Grundsatz fest: Gott habe der Natur, in welcher sich seine Geschöpfe befinden,
auch die Eigenschaft gegeben, daß diese Geschöpfe darinnen ihre Bestimmung
erreichen könnten, welches an sich wiederum wahr ist. Allein wenn nun diese
Geschöpfe einen freien Willen, haben und durch ihre freien Handlungen die
Natur, in der sie leben, so verderben, daß sie gerade entgegengesetzte Wirkung
tut, so ist ja wohl auch natürlich, daß sie immer ungesunder werden, und gerade
dies ist der Fall mit den armen Einwohnern dieses Landes. Anfänglich trennte
kein Gebirge das westliche Land von dem östlichen; vom ewigen Morgen bis an den
ewigen Abend war alles eine neue Erde und ein klarer, fruchtbarer Strom
lebendigen Wassers, der dem Aufgang aus der Höhe entquoll, verbreitete sich in
tausend Bächen ins Unendliche und erfüllte alles mit segnender Fruchtbarkeit.
Hier schuf nun Gott dieses freihandelnde Geschlecht und setzte es in diese
junge Natur, die es immer mehr und mehr veredeln, immer urbarer machen, sich
selbst dadurch vervollkommnen, und sich gegen das Urlicht hin, im Osten, immer
mehr ausbreiten und also auch immer mehr veredeln sollte. Nun wohnt aber im
tiefsten Westen eine Klasse feindseliger Geister, die Gott in eine noch
schönere Natur geschaffen hatte. Diese wollten sich von Gott unabhängig machen
und empörten sich gegen ihren Schöpfer. Daher türmte die Allmacht große Gebirge
gegen sie auf, die den Lebensstrom von ihrem Lande ablenkten, wodurch es zu
einer ungeheuer stinkenden Pfütze, noch weit schlimmer als dieses unser Land,
geworden ist.
Diese feindseligen Geister waren
neidisch auf unser Geschlecht; sie suchten es zu verführen und ihres Landes zu
bemeistern und dieses gelang ihnen, leider, allzugut: der Hauptverführer
machte uns weiß: Gott habe uns das Vermögen gegeben, zu erkennen, was böse und
gut, recht oder unrecht sei; es sei also auch ewiges Recht der Natur, daß wir
uns selbst unsere Gesetze geben, uns selbst regieren müßten; denn freie Wesen
könnten unmöglich von irgend einem anderen Wesen, ohne die größte
Ungerechtigkeit und Tyrannei beherrscht werden. Dieser Trugschluß fand
Eingang, unser Geschlecht empörte sich auch, und auf einmal türmte die Allmacht
auch uns diese Gebirge in den Weg, und schnitt uns dadurch den Strom des Lebens
und den Fortschritt gegen Osten ab. Nun verwandelten sich nach und nach alle
stehenden Gewässer in stinkende Pfützen, die ganze Natur modert, und wir würden
alle vernichtet werden, wenn wir nicht von Natur unsterblich wären.
Indessen, der Schöpfer und Vater
aller Wesen erbarmte sich unser. Sein ewiges Wort, der König des Lichts, brach
durch das Gebirge und warf diesen Hügel auf: sieh' dort, an seinem Fuße ist
eine Quelle lebendigen Wassers; diese rinnt immer, und verbreitet sich dahin,
wohin sie einer leitet; wer daraus trinkt, der wird gesund, sein Verstand wird
nüchtern, und sein Wesen nähert sich immer mehr der göttlichen Natur.
Ich. Das ist ein trauriger Zustand! Aber belehre mich
weiter! Wie suchen denn die geistigen Bewohner dieses Landes ihren Zustand zu
verbessern?
Er. Luft, Wasser, und alles, was dieser Boden
hervorbringt, ist betäubend und schwächend; anstatt daß es den wirkenden T eil
der Organisation nähren und stärken sollte, nährt und stärkt es den leidenden
Teil derselben. Trink aus jener Quelle: - verwahre dein Fernrohr wohl - und
komm mit mir - ich will dir die Beschaffenheit dieses Landes und seiner
Einwohner zeigen.
Ich trank aus der Lebensquelle des
Hügels, faßte mein Fernrohr in die Hand und folgte meinem Führer.
Wir wandelten zwischen einigen
Gruppen von Bäumen und Gebüschen durch und sahen hin und wieder einige Geister
still und gerade mit geschlossenen Augen stehen, genau so, als wenn sie
Schatten wären; sie regten sich nicht, und man bemerkte kein Zeichen des Lebens
an ihnen. Wer sind diese; fragte ich meinen Führer, und warum sehen sie so
abgezehrt aus? - Eben dies bemerkte ich auch mit Verwunderung an dir; sage mir
doch, woher kommt das?
Er. Ich machte dir soeben bemerklich, daß die hiesigen Nahrungsmittel
die leidenden Teile unseres Ichs nährten, das geistig wirkende Prinzip aber
betäubten und schwächten; wer nun die hiesige Natur bloß zur Notdurft braucht
und sich aus dem Lebensbrunnen sättigt, der bekommt die Gestalt, die du an mir
und jenen dort Stehenden siehst; unser wirkender Teil wird stark und der
Bewirkte schwach; wir behalten nun unsere Besonnenheit und hoffen auf unsere
Erlösung aus diesem Lande des Jammers.
Ich. Warum stehen diese Geister aber so unbeweglich und so
hingepflanzt da, als wenn kein Leben in ihnen wäre?
Er. Sie stehen in der Meinung, man müsse sich aller
Wirksamkeit in dieser Natur enthalten und sich bloß allein von der Lebensquelle
nähren: in ihrem Innern aber richten sie ihr Andenken und ihr Gemüt
unaufhörlich zu Gott.
Ich. Täten sie aber nicht besser, wenn sie auf andere
Geister wohltätig wirkten, um sie auch zu guten Gesinnungen zu bewegen und sie
vom drohenden Verderben zu retten?
Er. Daß dies meine Pflicht ist, das weiß ich; ob's aber
die ihrige sei, das weiß ich nicht. - Der Herr hat vielerlei Werkzeuge; diese
sind reine, edle Wesen, er wird sie zu brauchen wissen.
Ich. Du hast recht - und ich hatte unrecht, so zu fragen.
Wir gingen nun weiter und fanden
Geister, die wie ungeheure Zwerge schmutzig und ekelhaft aussahen; ihre Köpfe
waren unförmlich dick, der obere Teil der Stirn ragte weit hervor, desgleichen
auch das Kinn; die Nase und der Mund aber lagen tief zurück. Diese Wesen arbeiteten
an einer tiefen Grube, in welcher hin und wieder ein trübes Wasser hervorquoll,
von welchem sie mit großer Begierde tranken; sie zankten sich über die
Erfindung dieser Quellen, weil jeder die Ehre der ersten Entdeckung haben
wollte; je mehr sie tranken, desto berauschter und desto durstiger wurden sie;
des Grabens, Trinkens und Zankens war also kein Ende.
Ich. Werden diese wohl auch selig werden?
Er. Nicht eher, als bis der Herr kommt.
Wir wendeten uns nordwestlich und
trafen bald eine große Pfütze an, die mit Schilf angefüllt zu sein schien; hin
und wieder schimmerten Throne, die mir so vorkamen, als ob sie aus Torfstücken
aufgemauert wären: sie hatten einen Glast, der etwas regenbogenähnliches
zeigte; so wie die kupferfarbenen Häutchen, die auf unreinen Wassern gleißen.
Die Wesen dieser Region hatten ungeheuer dicke Bäuche, aber Arme und Füße wie
die Spinnen; die Stirn lag glatt und breit zurück, der Mund aber strebte
vorwärts im breiten Kreise; sie schienen sich alle recht wohl zu befinden, und
wenn sie das faule Wasser ihres Elements einschlürften, so fingen sie an zu
jubeln und sehr froh zu sein. Auf jedem Thron saß einer von ihnen, der einen
dickeren Bauch und breiteren Mund als die andern hatte, ein Diadem von Binsen
zierte sein Haupt und ein goldgelber Stern, aus Stroh geflochten, glänzte auf
seiner Brust.
Diese Archonten fingen von Zeit zu
Zeit an, wunderbare Töne von sich zu geben, die aber immer anders waren als die
vorigen; sobald dieser Laut erscholl, versammelten sich Heere um sie her, die
sich dann alle bemühten, diese Töne nachzumachen. Schrecklich und
bedauernswürdig kamen mir diese Geister vor - eine Baracke voll Betrunkener,
aus der verworfensten Menschenklasse, ist nichts gegen sie.
Mein Führer winkte mir links gegen
Abend; wir wandelten eine Weile in dunklen, Schwermut einflößenden Gängen und
kamen dann auf eine große Ebene, die voll Geister war, welche alle
durcheinander hin und her eilten, als ob sie etwas sehr Wichtiges zu betreiben
hätten, ihre Gestalt war sonderbar. Sie waren eigentlich auch Zwerge von sehr
kleiner Statur, aber der Kopf verlängerte sich oben in einen hohen Kegel,
welcher sich in einer scharfen Spitze endigte, so daß einer den andern mit
seinem Kopfe durchbohren konnte, und wirklich bestand auch ihre Rache darin,
daß der Beleidigte seinen Feind so bestrafte. Ich bemerkte auch, daß diese
Köpfe bei weitem nicht alle gleich dick, gleich hoch und gleich spitzig waren.
Einige liefen auch krumm und schneckenförmig aufwärts, andere bogen sich
sichelförn1ig vorwärts, und wieder andere waren gegen oben zu beweglich, so daß
sie die Spitze lenken konnten, wohin sie wollten. Diese hatten auch Widerhaken
an den Spitzen und sahen abscheulich aus, bei allen aber war der Kopf länger
als der übrige Körper und das Gesicht war unter der Mitte der ganzen Statur.
Indem wir unter diesen Wesen
umherwandelten, kamen wir endlich an einen Ort, auf dem sich die ganze
Betriebsamkeit der großen Menge dieser himmelbohrenden Geister vereinigte;
viele hundert arbeiteten an einer ungeheuer langen Kette, die wie Messing
aussah; andere webten große und breite Tücher, so fein wie ein Spinngewebe;
wieder andere bereiteten eine feine harzige Tünche, mit der sie die Tücher
bestrichen und luftdicht machten; und endlich waren viele mit Destillieren
beschäftigt. Was sie machten, wußte ich nicht. Ich fragte meinen Führer, was
das alles zu bedeuten habe?
Er. Freund, das Geschäft dieser Wesen ist wichtig und so
schrecklich, daß es das große Gericht, welches diesem lande des Jammers
bevorsteht, bewirken wird. Diese Geisterklasse arbeitet an einem ungeheuer
großen Luftballon, an welchem diese Kette angeheftet werden soll; diesen wollen
sie steigen lassen, wenn jenes drohende Gewitter gegen Abend näher kommt, und
so soll er ihnen dann zum Gewitterableiter dienen; die armen Tröpfe sehen aber
nicht ein, daß eben dies das Einschlagen des Gewitters befördern wird. Aber
komm, du sollst noch schrecklichere Dinge sehen!
Er führte mich eine weite Strecke hin
gegen Westen - hier entdeckte ich einen großen See, das Wasser sah schwärzlich
aus, aber es war sehr hell, ganz und gar nicht trübe; recht vorn in ·der Mitte
am See wurde ein sehr großer und hoher Turm gebaut, von dessen Spitze man das
ganze Land sollte übersehen können, er war beinahe fertig. Ich war verlangend,
zu wissen, was alle diese Anstalten bezweckten, und mein Führer gab mir darüber
folgende Auskunft: Dieser Turm, sagte er, ist zu einer Wasserkunst bestimmt;
auf seiner höchsten Spitze wird eine Windmaschine angebracht, welche durch die
erforderliche Anzahl Pumpensätze das Wasser aus dem See in einen großen Behälter
oben auf den Turm hebt, aus welchem es dann durch Röhren ins ganze Land
geleitet werden soll.
Ich. Aber was für Eigenschaften hat das Wasser?
Er. Dies Wasser ist ein Spiritus, der aus dem
aufrührerischen Lande gegen Westen ausdünstet, in die Höhe steigt, dann wieder,
in Tropfen gebildet, herabfällt und sich in diesem See sammelt; es ist stark
berauschend, und zwar so, daß diejenigen, - die viel davon trinken, gleichsam
wütend werden und tobend alles vernichten, daher wirst du auch bemerken, daß
alle Geister dieser Gegend weit unruhiger, ärgerlicher und beleidigender sind.
als alle anderen, die du bisher gesehen hast und noch sehen wirst.
Ich. Wie, wenn nun ihnen aber ihr Vorhaben gelingt, - wenn dies
höllische Wasser durch' s ganze Land verteilt wird, so müssen ja auch alle
Geister des ganzen Landes, insofern sie davon trinken, rasend werden?
Er. Es wird ihnen gelingen, aber dadurch werden sie auch
den vor ihren Augen verborgenen Ratschluß des über alles Erhabenen ausführen:
Alle, die noch zur Besinnung zu bringen sind, werden durch die Folgen, welche
die törichten Bemühungen aller Klassen der hiesigen Geister, besonders aber
dies höllische Wasser nach sich zieht, folglich durch die Erfahrung belehrt
werden, daß es keinen andern Weg zur Rettung für sie gebe, als der Genuß des
Wassers aus der Lebensquelle; sie werden also daraus trinken, das Perspektiv
bekommen, den Hügel finden und sich dann hinüber ins Land des Friedens retten. Sobald
der Letzte hinüber ist, wird jener Gewitterableiter seine Dienste tun. Ein
Sturmwind wird das Wetter schleunigst über das ganze Land führen; dadurch wird
die Windmaschine so stark pumpen, daß der ganze See erschöpft und über das Land
verteilt wird; alle werden davon trinken, und des Rasens und Tobens wird kein
Ende sein, und das alles nennen sie dann Tätigkeit zum allgemeinen Besten. Der
Gewitterableiter richtet nun das elektrische Feuer des Blitzes in das geistige
Giftwasser, welches sich allenthalben entzündet und so den Pfuhl erzeugt, der
mit Feuer und Schwefel brennt, in welchem dann auch diejenigen, die sich ihm
bereitet haben, empfangen werden, was ihre Taten wert sind. Dieser schreckliche
allgemeine Brand wird sich aber auch gegen Westen verbreiten, und das Land der
Erzempörer ebenfalls in einen Feuersee verwandeln.
Ich. Wird’s noch lange währen, bis es zu diesem
schrecklichen Gerichte kommt? - Mir wird's bange; laß uns hier wegeilen!
Hierauf brachte mich mein Führer
südwestlich an einen abgelegenen Ort; hier war der Leichengeruch kaum
auszuhalten; mein Begleiter reichte mir aber eine Flasche, aus welcher wir uns
beide erquickten; indessen, wir mußten doch wegeilen, wenn wir nicht betäubt zu
Boden sinken wollten; das wenige, was ich hier sah und erfuhr, machte, daß mir
die Haare zu Berge standen. Hier war der Ort, wo der noch minderjährige König
der himmelbohrenden Spitzköpfe erzogen wurde; sein Ansehen war schrecklich und
abscheulich, der Körper war ein ungeheuer dicker, aber sehr kleiner Zwerg. Der
Kopf aber verlängerte sich in eine große Riesenschlange, die mit goldenen,
purpurnen, grünen und himmelblauen Flecken und Streifen prangte, und sich mit
großer Kraft in die Höhe erstreckte; dies Wesen war niemals ruhig, sondern der
himmelbohrende Schweif mit seinem stählernen Widerhaken wand sich immer
aufwärts und strebte bald hier, bald dort empor, als wenn er in der Höhe etwas
zu bekämpfen suchte. Eins aber war mir vorzüglich merkwürdig: ich gedachte
gleich anfangs zäher, klebrichter, leuchtender Meteore; für solche hielt ich
sie damals auch, aber jetzt erfuhr ich erst, wer sie seien. Diese glänzenden
Lufterscheinungen waren ebenfalls Geister von einer besonderen Gattung; ihre
Nahrung war eine besondere Pflanze, die sie an geheimen, unzugänglichen Orten
erzogen, und dann tranken sie aus dem schwarzen See; aus diesen beiden Säften
entstand nun in ihrem Wesen ein leuchtender Phosphorus, den sie für himmlisches
Licht ausgaben. Das trügliche, dämmernde Licht, das diese unstät und flüchtig
in der Luft umherschwärmenden Geister sparsam verbreiteten, war auch das
einzige, was diesem Jammerlande einige Dämmerung gewährte; wer das Perspektiv
nicht brauchte, der kannte kein anderes Licht. Die mageren Geister aber hatten
ihre Augen so durch das Perspektiv gestärkt, daß ihnen der über den Hügel
herschimmernde Morgen so viel Licht gab, als sie brauchten. Durch diese Menge
von Irrwischgeistern waren alle Klassen der Einwohner, die mageren
ausgenommen, so irre geworden, daß sie den wahren ewigen Osten nicht mehr
wußten, sondern den Westen mit seinem Gewitter dafür hielten, und glaubten, daß
die Blitze Strahlen des Urlichts seien.
Diese Irrwischgeister waren die
Erzieher des jungen Königs; sie nährten ihn auch mit ihrer geheimen Speise, und
tränkten ihn aus dem schwarzen See, woher es dann kam, daß er auch schon zu
schwimmen anfing, und es fehlte nicht viel mehr, so war er auch schon so
verfeinert, daß er sich in der dicken Dunstluft emporschwingen, und sich dann
aus der Höhe als ein schreckliches, rotglühender Meteor zeigen konnte; das war
denn auch der Zeitpunkt, wo er als Gott und König des Landes zu herrschen
anfangen sollte. Ich fragte meinen Führer, ob es noch lange bis dahin sei - und
ob diese schreckliche Regierung lange dauern werde.
Er. Wir werden an einen Ort kommen, wo man dir darüber
Aufschluß geben wird. Dieser König des Verderbens wird uns magere Geister
zwingen wollen, von seiner Giftpflanze zu essen und aus dem schwarzen See zu
trinken; dann wird er den Entschluß fassen, die Wasserquelle des Lebens zu
verstopfen; aber gerade in diesem Zeitpunkt wird der Herr uns, die wir ihm treu
geblieben sind, über den Hügel an einen sichern Ort der Ruhe bringen, und nun
wird der Gewitterableiter seine schreckliche Wirkung tun. Das Land wird in
Brand geraten, und diese Glut wird den himmelstürmenden König lähmen, so daß er
von seiner Höhe herab in den Feuersee stürzen wird.
Ich. Eines ist mir überaus merkwürdig, nämlich, daß die Geister
sich selbst ihr ganzes Gericht und ihre ganze schreckliche Strafe bereiten.
Er. Das ist eben eine der weisesten Regierungsmaximen unseres
Herrn: Diese unglücklichen Wesen können Gott hernach unmöglich die Schuld
geben, sie hatten die Lebensquelle ebenso wie wir, und das Fernrohr bekamen sie
umsonst; aber sie wollten sich selbst helfen und durch ihre eigene
Vernunft und Kraft herrschen und ihr Gebiet auch über Geister verbreiten; nun
erfahren sie die Folgen, die ganz natürlich und keine göttliche Dazwischenkunft
sind.
Nun wendeten wir uns wieder links,
etwas vorwärts gegen das Gebirge zu und kamen an einen Ort, wo wir Geister
antrafen, die in einem großen Laboratorium arbeiteten. Diese Wesen waren von
ganz besonderer Gestalt; sie waren alle verlarvt; alle hatten Masken, die den
mageren Geistern ähnlich waren; wenn sie aber diese Verkleidung ablegten, so
waren sie von der Klasse der leuchtenden Meteore, oder auch Spitzköpfe. Die
Geister waren die gefährlichsten unter allen; denn nur wenige magere Geister,
die ein gutes Gesicht hatten, konnten durch oder hinter die Maske schauen; die
schwächeren aber hielten sie für ihresgleichen und wurden dann von ihnen
hintergangen und ins Verderben gestürzt. Dies ging so zu:
Da die Lebensquelle von den meisten
Einwohnern weit entfernt ist, so wurden von jeher aus allen Klassen Wasserträger
bestellt, die mit reinen Gefäßen aus der Lebensquelle schöpften und es so allen
Einwohnern zutragen mußten, damit es niemandem daran fehlen möchte. Dies
Geschäft war sehr ehrwürdig und nützlich. - Nun gab es aber viele solche
Wasserträger die ihre Krüge und Gefäße gar nicht rein hielten, auch wohl nicht
aus der Quelle selbst, sondern aus dem Bächlein schöpften, das von ihr
herabrinnt und schon den hiesigen Erdgeschmack angenommen hat, woher es denn
kam, daß die Wasserträger verächtlich wurden; hierzu halfen nun die
Irrwischgeister aus allen Kräften, und unter dem Vorwand, die Einwohner besser
zu bedienen und diese uralte nützliche Zunft der Wasserträger zu reformieren,
zogen sie allmählich das ganze Geschäft an sich, da aber bei weitem die meisten
Einwohner den Irrwischen nicht trauten, so legten sie nun die Larven an und
verkleideten sich in die Gestalt der Wasserträger. Der ganze Jammer aber
besteht darin, daß sie das Lebenswasser verfälschten und das Fernrohr für
Aberglauben erklärten. Jene Verfälschung geschieht hier in diesem Laboratorium,
denn da sie vorgeben, die Lebensquelle sei zwar ein gutes Quellwasser, sie habe
aber unreine mineralische Teilchen in sich aufgelöst, welche die subtilen
Nahrungswege verstopfen, und verursachten, daß die Geister die Auszehrung
bekämen und hypochondrisch würden, die man ja deutlich an uns wahrnehmen
könne, so müßte man sie destillieren und korrigieren. Dies geschieht nun so,
daß sie Wasser aus dem schwarzen See dazu mischen, und es dann zusammen
destillieren. Dies destillierte Wasser ist nun noch gefährlicher, als das, welches
im See selbst geschöpft worden: denn dies kennt man allsofort am Geruch und
Geschmack, so daß man sich davor hüten kann; jenes aber schmeckt noch immer
nach der Lebensquelle, und so werden diejenigen, welche nie aus der reinen
Quelle selbst getrunken haben, betrogen; wobei das nun noch das allerschlimmste
ist, daß man die schädlichen Folgen davon nicht eher merkt, als bis man sie
nicht mehr für schädlich hält und der Kopf schon so spitz geworden ist, daß man
den spitzigsten und höchsten für den schönsten hält.
Wie geht es aber zu, sagte ich zu
meinem Führer, daß ihr mageren Geister euch nicht vereinigt und selbst reines
Wasser holt, um es unter alle Geisterklassen auszuteilen?
Er. Das geschieht auch schon einigermaßen; allein eben an
der innigen Vereinigung fehlt es noch; auch gibt es noch hier und da ehrliche
Wasserträger von der alten Art, aber ihre Zahl nimmt doch mehr und mehr ab.
Wenn nun unsereiner Wasser holt und es den Geistern anbietet, so sagt der eine,
"du holst das Wasser in einem Kruge, der nicht die gehörige Form hat;“ der
andere: "du hast ja den Gang und den Schritt nicht, der den Wasserträgern
geziemt;" der dritte: "dein Kleid schickt sich für einen Wasserträger
nicht;" der vierte: "dein Wasser hat den rechten Geschmack nicht, es
muß etwas süßlicht sein;" der fünfte: „es muß einen säuerlichen, pikanten
Geschmack haben;" der sechste: „es muß etwas gesalzen schmecken," und
der siebente: „es muß kühlend sein und gar keinen Geschmack haben." Wie
kann man nun da etwas richten, indem die Geschmackswerkzeuge so verdorben
sind, daß jedem das Wasser anders schmeckt, als dem andern?
Ich. Das ist ein erbärmlicher, beklagenswürdiger Zustand!
Er. Das ist es allerdings; aber doch kann ich dir zum
Troste sagen, daß es eine sehr große Menge magerer Geister gibt, und daß
täglich noch immer mehrere angeworben werden. Komm, ich will dir nun auch zum
Trost und zur Beruhigung die Herrlichkeit dieses Landes zeigen.
Wir gingen eine weite Strecke fort
und wandten uns dann gegen Osten, gegen den Hügel zu. Hier bemerkte ich eine gesundere
Luft, man konnte freier atmen, und es kam mir so vor1 als wenn mir
ein Frühlingsduft entgegen wehete, und mir däuchte, ich könnte den Hügel und
den Morgenschimmer oben darüber mit bloßen Augen erkennen; hier wurde mir wohl.
Bald kamen wir auf eine grüne Ebene, durch welche ein kleines Bächlein
Lebenswasser langsam und sanft fortrieselte; an diesem Bächlein saßen viele
kleine Gesellschaften magerer Geister, die gar ruhig und liebreich miteinander
umgingen; sie tranken aus dem Bache und reichten den weiter entfernten in
reinen kristallenen Schalen so viel von diesem Wasser, als zu ihrem Unterhalte
nötig war. Hier war es dämmernder Morgen, und man sah den Hügel ziemlich
deutlich.
Ich fragte meinen Führer, wie lange
diese noch so harren müßten.
Er. Bis sich der Drachenkönig in die Höhe schwingt und die
schwarze Wassermaschine ihre Wirkung tut.
Ich. Ist' s aber noch lange bis dahin?
Er. Komm, du sollst erfahren, was du erfahren darfst.
Wir folgten dem Bächlein aufwärts
(denn abwärts verlor es sich in der weiten Wüste), und fanden noch viele magere
Geister, welche aber einzeln umherwandelten und sich nicht in Gesellschaften
bildeten; dieser Einsiedler waren sehr viele, daß ich mich herzlich über ihre
große Anzahl freute. Aber wie kommt es, fragte ich, daß diese frommen Geister
nicht einander mitteilen, nicht Gesellschaften bilden?
Er. Das ist eben noch ihr Fehler - jeder glaubt von jedem
andern, es sei noch nicht so recht mit ihm; seine eigenen Einsichten aber hält
er für die allein wahren.
Ich. Lieber Freund, das ist schlimm, die Einigkeit des
Geistes ist der Grund der Liebe; die Liebe bindet die Geister in Garben, in
Gesellschaften und nur die Garben können in unseres Herrn Scheuem
geerntet werden, einzelne Halme und Ähren fallen den Ährenlesern in die
Hände.
Er. Du hast ganz recht! Eben darum steht auch diesen Geistern
noch eine große Prüfung und Sichtung bevor. Diese wird sie zu Selbsterkenntnis
bringen; was dann die Probe besteht, wird erhalten werden, und die andern
werden verloren gehen.
Ich. Worin mag wohl diese Probe bestehen?
Er. Das will ich dir sagen: Die Spitzköpfe werden immer
mächtiger, und durch Gottes gerechtes Verhängnis auf eine kurze Zeit allgemein
herrschend werden, dann nämlich, wenn der große Drache emporsteigt. Während der
Zeit künsteln die Masken immer mehr an ihrem Giftwasser, und die Irrwische
werden durch allerhand verführerische Mittel die Vereinigung der Geisterklassen
dadurch bewirken, daß sie alle zu überreden suchen, das Giftwasser sei das
wahre Wasser des Lebens; und da es einen angenehmen, pikanten Geschmack hat,
auch berauscht, munter und lustig macht, so wird ihnen ihr Plan bei den meisten
Geistern gelingen; auch viele der mageren werden diese Versuchung nicht
überwinden, sondern ihnen zufallen, und nur die auserlesensten und edelsten
werden getreu bleiben, aber dafür werden sie dann auch vorzüglich vor allen
andern belohnt werden. Es ist beklagenswürdig und höchst traurig, daß sich
gleichsam alle Umstände vereinigen, um den Plan der Verführer zu befördern; je
länger man in diesem schrecklichen Lande lebt, desto mehr gewöhnt man sich an
die verpestete Luft und an den tötenden Leichengeruch. Wenn man nicht täglich
und stündlich von dem Lebenswasser trinkt, so macht es einen hernach weh und
übel, man bekommt Erbrechen, und mit der Zeit einen Ekel dagegen; trinkt man
nun von dem schwarzen Giftwasser dazwischen, so ist es vollends geschehen; das
hiesige Klima wird einem zum angenehmen natürlichen Aufenthalt und dann gehört
viel dazu, um sich wieder ans Lebenswasser zu gewöhnen. Siehe, das macht eben
die Prüfung und die Überwindung der Versuchung so schwer. Ehemals, als man von
den Spitzköpfen und ihrem schwarzen See noch nichts wußte, da war das Aushalten
der Probe viel leichter.
Ich. Werden aber keine Versuche
gemacht, diese Einsiedler mit einander zu verständigen, und sie alle zusammen
mit allen andern mageren Geistern in eine friedliche, sich herzlich liebende
Gesellschaft zu vereinigen?
Er. O ja, es wird stark daran gearbeitet; allein die
eigentliche große Vereinigung in Eine Herde wird erst dann zustande kommen,
wenn der Sturm aus Westen sie zusammen auf ein Häuflein weht.
Wir wandelten indessen immer ostwärts
dem Bächlein nach und kamen nun endlich zur Quelle, am Fuße des Hügels.
Das erste, was mir hier in die Augen
fiel, war eine tiefeinwärts gehende Höhle oder Grotte, aus welcher mir mit dem
sanftrauschenden kühlen Bach ein höchst angenehmes, erquickendes Lüftchen
entgegenwehte. Mein ganzes Wesen wurde gestärkt und erfrischt. Ich fragte
meinen Führer, ob man nicht in die Höhle bis an die Quelle selbst gehen dürfe?
Er. O ja, allerdings!
Ich. Es ist aber finster und wir haben kein Licht; können
wir uns dann nicht verirren?
Er. Eben dann würden wir uns am ersten verirren, wenn wir
mit einem Licht hineingehen; man sieht dann so viele Seltenheiten, Naturwunder
und merkwürdige Seitenhöhlen, daß man darüber des rechten Weges vergißt und nie
zur eigentlichen rechten Quelle kommt; alle diese Seitenhöhlen geben aber auch
eine mehr, die andere weniger, kleine Bächlein ab, die den Hauptbach
verstärken.
Ich. Wie kann man aber im Finstern den rechten Weg finden?
Er. Auf eine sehr leichte und einfache Art; es kommt nur
darauf an, daß man's weiß. Jetzt stehe einmal still - kannst du nun nicht ganz
genau in deinem Angesicht empfinden, woher die kühle, erquickende, beständig
fortwehende Luft kommt?
Ich. O ja, das kann ich sehr genau wahrnehmen.
Er. Nun, so gehe nur ruhig ohne Furcht schnurgerade dem
Wind entgegen, so wirst du gewiß zur Hauptquelle kommen.
Ich. Aber ich möchte doch auch gerne die übrigen Merkwürdigkeiten
dieser Höhle kennen lernen.
Er. Dein Wunsch wird erfüllt - aber es kann nicht eher geschehen,
als bis du an der Hauptquelle gewesen bist.
Ich. Das ist doch sehr sonderbar!
Er. Du wirst es dann gar nicht sonderbar, sondern sehr
natürlich finden; gehe nur genau dem Luftstrom entgegen, so kann es dir gar
nicht fehlen.
Ich folgte dem Rat meines Führers, und
bemerkte nach einiger Zeit gerade vor mir hin einen sehr angenehmen bläulichen
Schimmer, aus dem mir der erquickende Wind entgegen wehte. Jetzt beschleunigte
ich meine Schritte und kam bald in eine geräumige, viereckige, über und über
vergoldete Kammer; sie schien mir mit meiner Vorstellung, die ich mir von dem
Allerheiligsten im Tempel zu Jerusalem machte, überein zu kommen. An der
Ostseite dieses vortrefflichen Aufenthalts war eine viereckige Öffnung, mit
schönen goldenen Einfassungen geziert; hier schaute ich mit unaussprechlicher
Freude in das östliche Land; der ewige Morgen strahlte mir entgegen, und durch
diese Öffnung strömte aus jenen paradiesischen Gegenden die reine Himmelsluft
in die Grotte und weiter hinaus ins westliche Land. Dies Fenster war also an
der Morgenseite des Hügels, dessen Sohle ich durchwandert hatte. Ich stand an
diesem Fenster und blickte in den sanften Morgen, um meine Augen zu stärken.
Mit dem ewigen Winde des Aufgangs aus der Höhle flutete seliger Friede durch
mein ganzes Wesen, und es war mir, als wenn mir jemand ins Ohr gelispelt hätte:
Hier kannst du ausharren! So wird mir einst sein, wenn der Ernteengel
ungesehen mir nahe ist - und sich mein Geist den Fesseln im Staube entwindet.
Eine große Ebene in endloser Weite
und Breite lag da vor meinen Augen; der Hügel grünte wie im kommenden Mai, und
von seinem Fuße an bis weithin verklärte sich das keimende Grün im bläulichen
Morgenduft. Gewächse von aller Art entwanden sich der jungfräulichen Erde, und
man glaubte sie wachsen zu sehen. Große Gedanken gingen jetzt in meiner Seele
vorüber. - Noch ruhte einsame Stille auf den Fluren des Landes Bengulah, noch
steigen keine Zinnen von Hephzibah empor. (Jes. 62, 4.) Aber bald werden
friedfertige Scharen vollendeter Gerechten wie auenwässernde Bäche nach allen
Richtungen hinströmen, und auch ich werde unter ihnen sein! Nicht eine Wolkensäule,
die den Gesetzgeber auf Sinai einhüllt, wird vor ihnen herziehen, sondern
Jehoschuah, Jesus Christus, wird sie anführen und ihnen das Land austeilen. -
Darum - fürchte dich nicht, du kleine Herde, es ist des Vaters Wohlgefallen,
dir dies Reich zu bescheiden!
Ich muß mich von diesem Fenster
losreißen .- ich muß hingehen und wirken, so lange mein Weg währt, damit ich
nichts versäume und am großen Feierabend mitgehen kann.
Diese goldene Kammer enthielt aber
noch eine große Merkwürdigkeit, nämlich die Quelle des Lebenswassers; genau in
der Mitte war eine Vertiefung im Boden, die ein Grab zu sein schien; aus diesem
Grabe stiegen fünf Quellen sanft in die Höhe, sie. füllten den Sarkophag an und
flossen dann in einem starken Bach durch eine Öffnung gegen Westen. Ich trank
aus dieser Quelle und fühlte mich neu belebt und gestärkt zum Fortpilgern.
Ich wäre vielleicht noch lange hier
geblieben, wenn mich mein Führer nicht zum Wegeilen angetrieben hätte. An
diesem Fenster, sagte er zu mir, steht man nur zuzeiten, um sich zu stärken,
aber nicht, um da die Stunden des Wirkens zu verschwenden. Komm, ich will dir
noch mehrere wichtige Sachen zeigen! Hiemit öffnete er eine Tür an der
Nordseite und hieß mich da hineintreten. Dieses Zimmer war inwendig
perlenfarbig ohne irgend einen andern Schmuck, auch hier war ein Fenster gegen
Osten, aber so hoch, daß man ohne Leiter und Treppe nicht durch dasselbe ins östliche
Land sehen konnte. Man sah also nichts, als den Morgenschimmer und das war auch
für die, welche hier ihre Geschäfte zu verrichten hatten, hinlänglich. Hier
saßen sieben Männer um eine runde Tafel auf Sesseln und viele magere Geister
beschäftigten sich an besonderen Tischen und durch eine Türe gegen Westen
gingen viele Boten ab und zu. Die sieben Männer waren außerordentlich ehrwürdig
und ernsthaft, sie unterredeten sich leise, kaum hörbar, von merkwürdigen
Dingen; ich verstand vieles, das mir aber als ein Geheimnis zu behandeln
anbefohlen wurde; auch ging eins und anderes vor, das mir in wichtigen Fällen
in der Zukunft Wink und Warnung geben kann. Diese waren die Engel der sieben
Zeitläufe, von dem ersten Pfingstfest an bis auf das große letzte, wenn der
Geist des Herrn über alles Fleisch ausgegossen werden wird. Der siebente, Neemann,
hatte jetzt den Vorsitz, und als Direktoren saßen ihm zur Rechten und
Linken Ahabathahi und Sariam. Diese drei werden den Beschluß
machen und Ahabathahi wird die lange geprüfte Herde dem Erzhirten
vorführen.
Ernst und feierlich saßen die Sieben
da - und ich sah ihnen an, daß es bald zum Ende kommen würde, denn die Hoffnung
des ewigen Lebens strahlte aus ihren Augen. So blickt ein Feldherr in den
Kampf, wenn er vom Hügel herab rechts und links Befehle erteilt und sein Plan
gut ausgeführt wird.
Ich hätte gerne gefragt, ob es noch
weithin bis zum Ziel sei? Allein mein Führer warnte mich und versicherte mich,
daß ich an einem andern Orte hinlänglich Nachricht über diesen Punkt erhalten
würde. Mir war hier ganz schauerlich! - Hier war die verborgene Majestät Gottes
nicht sichtbar, aber spürbar, gegenwärtig.
Vor hier gingen wir wieder durch die
goldene Kammer, und mein Begleiter öffnete an der Südseite eine andere Türe, welche
in ein merkwürdiges Zimmer führte. Dieses war die Kammer der heiligen
Geheimnisse; auch hier war an der Ostseite ein Fenster, aber so niedrig, daß
man dadurch hätte sehen können, wenn es nicht mit Kristallen von ganz
sonderbaren Gestalten und Formen ausgefüllt gewesen wäre: dadurch wurde das
Licht nicht nur in seine sieben Farben geteilt, sondern es wurde eine hieroglyphische
Schrift dadurch an der gegenüberstehenden Wand vorgestellt, die immer in den
bestimmten Zeitpunkten den Ratschluß des Ewigen und über alles Erhabenen
offenbarte; hier erholten sich auch die sieben Gemeindeengel Rats, wie wenn sie
es bedurften und ein sehr ansehnlicher Geist oder Engel, namens Eschmareer,
bemerkte alles, schrieb es in ein Buch und erklärte auch dem Wißbegierigen,
was ihm zu wissen dienlich war. Hier erfuhr ich nun einen Termin, aber nicht
auf Tag und Stunde, sondern mir wurde ein Zeitraum von sehr langer Dauer
gezeigt, innerhalb welchem der Herr kommen und dem Jammer ein Ende machen
würde.
Hier sah ich auch eine genaue Karte
und Beschreibung der Höhle oder Grotte, in welcher ich mich befand; ich erfuhr
die Seltenheiten jedes Orts und ihre Beziehung auf das Ganze. Von hier aus
öffnete sich in einer Ecke der Westseite eine Tür, welche der Eingang zu allen
Seitenhöhlen war; neben der Tür war ein Leitfaden angeknüpft, den man nur in
die Hand zu nehmen und ihm zu folgen brauchte; so führte er den Wanderer in
gehöriger Ordnung, ohne zu irren, durch alle labyrinthischen Gänge, und zwar
so, daß immer ein merkwürdiger Ort, so wie er sich dem Auge eröffnete, auch dem
folgenden sein Licht mitteilte. Wenn man a1so die letzte Grotte betrachten
wollte, so mußte man die Seltenheiten aller vorigen kennen, sonst begriff man
nichts oder doch sehr wenig von ihren Geheimnissen.
Freunde und Freundinnen! - Brüder und
Schwestern! - Denkt über diese Bilderschrift, die ich euch hier mitgeteilt
habe, ruhig nach! Ihr werdet keiner näheren Erklärung bedürfen; der Geist, der
mich anhauchte, wird auch euch anhauchen, und wir werden uns verstehen. Der
Herr lege Segen auf dieses Anwehen, damit es zum Wachen und Beten treiben möge.
Amen!
A c h t e S z e n e
Die Pietisten
In der ersten Auflage des ersten Teils der
Szenen aus dem Geisterreiche hatte die vierzehnte Szene eben diesen Titel. Damals
wollte ich die falschen Scheinheiligen, welche diesen Namen brandmarken,
kenntlich machen und vor ihnen und ihrer Denkart warnen, gutdenkende Seelen
aber, die auch durch den Namen Pietisten von andern unterschieden werden,
bedauerten, daß ich dieser Szene diese Überschrift gegeben hätte. - Ich
bedauerte es nun auch, bat deshalb im grauen Manne um Verzeihung und änderte in
der zweiten Auflage den Titel - die Pietisten - in die Überschrift: Die
christlichen Pharisäer.
Indessen möchte ich auch gerne meinen
Brüdern und Schwestern, den wahren Pietisten eins und anderes ans Herz
legen, und dies bewog mich, auch in diesen Teil eine Szene mit dem nämlichen
Titel einzurücken. Leset und beherzigt sie, meine Freunde!
Die Verschiedenheit der Meinungen in
Nebensachen, die man zu Hauptsachen macht, ungeachtet der wahre Glaubensgrund
bei allen einerlei ist, trennt noch immer die Gemüter der besten
Menschen. - Ach Gott, bedenkt doch, wie kann eine Herde zu einem Hirten, wie
kann eine philadelphische Gemeinde aus Euch werden, wenn jeder auf
seiner Rechthaberei besteht und jeder seine eigene spezielle Führung zur
einzigen wahren macht? - Euer aller Heiligtum und Seligkeit beruht einzig und
allein auf der Erlösung durch Christum; das glaubt Ihr alle, habt es auch alle
erfahren; warum vereinigt Ihr Euch nun in diesem Einen, das not ist, und laßt
dann jedem in allen übrigen Nebensachen seine Überzeugung? - Wenn er dann auch
irren sollte, so wird ihn der Geist gewiß in alle Wahrheit leiten, wenn er es
nur redlich meint - und ist dies der Fall nicht, so hilft alles nichts. - Wir
- meine Lieben - wir dürfen einmal nicht verurteilen, sondern unsere Sache
ist: lieben. - Der Herr, der allein die Wahrheit ist, wird zur
Erntezeit seine Schnitter senden, die das "Jäten“ besser verstehen
als wir. Nun leset folgende Szene - so wie ich diese Wahrheit in Bilder
eingekleidet habe.
Mein innerer Beruf drängt mich seit vielen
Jahren, auf die Einigkeit des Geistes, auf innere, nicht äußere Vereinigung
aller wahren christlichen Religionsparteien zu wirken, und in diesem Drang
führt Siona in einer einsamen, stillen Stunde diese Szene meiner Seele
vorüber:
Ich befand mich in meiner Imagination in
den östlichen Gebirgen zwischen dem Schattenreiche und dem Reiche des Unterrichts
oder dem Kinderreiche. Es war mir so, als wenn ein Wanderer in der Nacht einen
gefährlichen Wald durchgeirrt und nun den östlichen Rand desselben erreicht
hat, starke Engelwachen sichern nun den Wanderer, und er schaut, wie an einem
schönen, dämmernden Frühlingsmorgen, über eine paradiesische Ebene hin, in
deren Ferne er froh seine Heimat ahnet.
Mir däuchte, ich stände in der Mitte am
östlichen Abhange eines Hügels; von mir hinab verflächte er sich und ging
allmählich in die Ebene über. Himmlisch schön war diese Gegend; der Ostwind
fächelte mir Wohlgerüche zu, welche Millionen paradiesischer Pflanzen
ausdufteten, und ich sah viele abgeschiedene Seelen in stolzer Ruhe einsam
umherwandeln; mehrenteils ging jede gleichsam in tiefen Betrachtungen, für sich
allein, selten sah ich zwei und noch seltener drei zusammen gehen.
Ich nahte mich im Geiste einem, der
zunächst unten am Fuße des Hügels tiefsinnig einher ging; zugleich bemerkte ich
einen andern, der von ferne diesem entgegenkam. Beide schienen sich zu kennen.
Ei, willkommen, Misthoriah, kommst du nun auch aus dem Lande der
Sterblichen im Lande des Friedens an?
Misthoriah. Ja, ich bin zum ewigen Leben erwacht - wie
ich nun wahrnehme, aber wer bist du denn? - Ich kenne dich nicht!
Der Erste. Nenne mich hier Schabathon, ich bin
...
Misthoriah. Das ist nun der erste Genuß der Seligkeit,
dich hier anzutreffen. Ach, welch eine Sicherheit, welch eine Ruhe! Gott Lob,
wir sind selig!
Schabathon. Ja, selig sind wir - und dieser Zustand,
worin wir uns befinden, ist schon weit mehr wert, als wir, unserer grund
verdorbenen Natur nach, erwarten konnten. Gelobet sei der Herr in Ewigkeit -
und doch empfinde ich in meinem Innersten ein tief verborgenes Sehnen nach dem
Anschauen des über alles geliebten! - Ich bin schon einige Zeit hier in seliger
Ruhe; aber - einsam - wandle ich im Frieden - aber ich habe noch nichts, noch
keine fernere Ahnung von Jesus Christus erfahren; auch hat sich noch keiner
von den Verklärten des Himmels gezeigt; ich weiß nicht, woran es fehlt, denn
daß ich selbst daran schuld bin, ist keinem Zweifel unterworfen.
Erleucht' mich, Herr, mein Licht!
Ich bin mir selbst verborgen,
Und kenne mich noch nicht;
Doch Du wirst für mich sorgen!
Ich merke dieses zwar,
Ich bin nicht wie ich war,
Indessen führ ich wohl,
Ich sei nicht, wie ich soll.
Misthoriah. Das ist sonderbar! - Aber ich sehe da
viele einsam wandeln, hast du dich ihnen, oder haben sie sich dir nicht
genähert?
Schabathon. O ja, mehrmals, aber entweder finden sie
etwas an mir, oder ich etwas an ihnen, das keine brüderliche Vereinigung
zuläßt.
Misthoriah. Ihr seid also noch unreinen Herzens und
könnet also auch Gott nicht schauen - nicht vollkommen selig sein.
Schabathon. Das ist allerdings richtig: aber meine
Unreinigkeit kann ich nicht finden, das ist eben meine Klage.
Misthoriah. Komm, Bruder, wir wollen uns dem nahen,
der da unten wandelt, sein Ansehen gefällt mir.
Sie gingen und ich ging mit; die drei
grüßten sich brüderlich; ich erfuhr, daß der Geist, den wir besuchten, Zedekiel
hieß. Nun begann folgendes Gespräch.
Misthoriah. Ich bin soeben aus dem Lande der
Sterblichen in diesem Lande des Friedens angelangt; ich traf diesen meinen
Herzensfreund, Schabathon, an, mit dem ich viele Jahre den Buß- und
Verleugnungsweg gewandelt habe; ich fand ihn zu meiner Verwunderung ganz
allein, und er klagte mir, daß er noch nicht zum Anschauen des Herrn gelangen
könne. Wie mir bedünkt, so besteht der ganze Fehler darin, daß alle, die hier
für sich einsam wandeln, noch nicht reines Herzens sind, denn sobald das ist,
so bald müßtet ihr Gott schauen, und vollkommen selig sein.
Zedekiel. Du hast vollkommen recht, lieber Bruder!
Aber du äußerst da schon einen Gedanken, der mich von dir zurückstößt. Du
sagst, du hättest mit deinem Freunde viele Jahre den Buß- und Verleugnungsweg
gewandelt, da doch derjenige, der alsofort im tiefsten Gefühl seines
Sündenelends, dem Herrn sein ganzes Herz hingibt und es durch seinen Geist
reinigen läßt, mit der Buße und Verleugnung fertig ist; denn der neue Mensch
wird nun herrschend, und dann kostet die Verleugnung aller sinnlichen Dinge
keine Mühe mehr, die Buße hat ein- für allemal ein Ende.
Schabathon und Misthoriah sahen sich traurig
an und wichen schon zurück, als ein alter Patriarch herzunahte, der mir tiefe
Ehrfurcht und hohe Ahnung von seiner erhabenen Würde einflößte. Ich bemerkte,
daß er seine Heiligkeit verbarg; sein Name war Phanuel. Dieser
Ehrwürdige winkte den beiden Weichenden freundlich und sprach: Liebe Brüder,
warum entfernt ihr euch?
Schabathon. Dieser Bruder tadelt uns, daß wir viele
Jahre den Buß- und Verleugnungsweg gewandelt haben, und hat uns deswegen
im Verdacht, daß wir uns dem Herrn und seinem Geiste nicht so ganz zur
Reinigung und Heiligung übergeben hätten.
Phanuel. Habt ihr das denn so ganz vollkommen und
untadelhaft getan, daß darüber gar keine Bemerkung stattfindet?
Beide. Der Herr erbarme sich unser, hätten wir
das so vollkommen getan, wie es getan sein muß, so wäre freilich mancher saure
Bußkampf und manche schwere Verleugnung erspart worden; aber du weißt, wie
schwach die verdorbene menschliche Natur ist - und eben dies muß ja doch auch
dieser Bruder Zedekiel erfahren haben, und doch war er so bald mit
seiner Buße und. Verleugnung fertig.
Phanuel. Aber was geht das euch an, wenn er früh
damit fertig wurde? Wenn er euch die Wahrheit gesagt hat, so müßt ihr sie mit
Dank annehmen. Seht ihr nun, woran es euch noch fehlt? Euer Herz sagt euch,
daß Zedekiel recht hat, und doch entfernt ihr euch von ihm - und warum?
Weil noch ein feiner Rest von Eigenliebe in euch rückständig ist, der den Tadel
nicht ertragen kann, und sich in den Schleier der Wahrheit einhüllt, als sei Zedekiel'
s Weg nicht ganz richtig vor dem Herrn!
Beide. Ja, du Himmlischer, du hast ganz recht!
Dieser Rest der Eigenliebe leuchtet uns klar ein; aber das ist uns noch dunkel,
wie Zedekiel so bald durchkommen konnte.
Phanuel. Die Gnade des Herrn bewirkt Jeden nach
seinem Charakter und muß ihn so bewirken. Zedekiel war rauschenden,
heftigen Gemüts; was er ergriff, das hielt er fest, ohne es jemals wieder zu
verlassen: er war von Jugend auf wild, unbändig, und eilte von einer Sünde zur
andern; auf einmal wurde er in einer Predigt tief gerührt und erschüttert; in
seinem Innersten eröffnete sich die Hölle mit allen ihren Qualen; er suchte Tod
und Vernichtung und fand sie nicht, endlich wandte er sich mit aller seiner
Heftigkeit zum erlösenden Erbarmer, er hörte nicht auf zu ringen, zu kämpfen
und auszuhalten, bis das Wort des Herrn - "dir sind deine Sünden
vergeben" - durch sein ganzes Wesen erscholl; nun ergriff er mit einem
nie zu erschütternden Glauben die Gerechtigkeit Christi und eilte nun von einem
Grade der Gottseligkeit zum andern. Dagegen habt ihr beide von Jugend auf
sittlich gelebt; ihr habt den Buß- und Glaubensweg in unmerklichen Graden
durchwandelt, und mußtet also unaufhörlich wachend, betend, büßend und
verleugnend in der Gegenwart Gottes bleiben; euer Weg und Zedekiel’s Weg
sind beide der wahre; nur die Art, ihn zu gehen - ist verschieden.
Zedekiel. Wie tief durchdringt mich deine Rede,
himmlischer Bruder! Ich habe gröblich geirrt - ich Sünder ohne Gleichen! Jesus
Christus vergib, 0 vergib mir! Auch ich glaubte, jeder müsse den Weg so rasch
gehen, wie ich ihn gegangen habe und bedachte nicht, daß unter allen Sündern
keiner des Raschgehens so nötig hatte, wie ich. O Brüder! - Kommt in meine
Arme, wir sind alle Erlöste des Herrn! -
Misthoriah. Gelobt sei der Herr, der Erbarmer ! Vergib, O
Bruder mein liebloses Urteil.
Schabathon. Vergib auch mir; du Teurer! Wir wollen
ewig vereint bleiben und den, der auf dem Throne sitzt, verherrlichen!
Phanuel. Eure Wonne würde noch um vieles erhöht
worden sein, wenn ihr euch jenseits noch durch den Geist Jesu Christi von
dieser Eigenheit hättet reinigen lassen. Aber kommt mit mir, wir wollen
weitergehen; der Zweck meiner Sendung ist, die Erlösten des Herrn, die in
diesen Vorhöfen einsam umherirren, zu sammeln.
Sie gingen weiter und ich wandelte im
Geiste mit. Bald entdeckten wir zwei ansehnliche Männer, an denen das
verborgene Licht ahnend durchschimmerte; sie sprachen ernstlich miteinander,
im Augenblick unserer Annäherung aber trennten sie sich und beide waren sehr
traurig.
Phanuel. Bleibt, Brüder! - Ich habe Worte der
Erbarmung an euch! -
Ahabdalim und Gadol näherten sich uns mit
Wehmut.
Phanuel. Was fehlt euch ihr Lieben? Warum seid ihr
so traurig?
Ahabdalim. Ich kann diesen sonst so vortrefflichen
Bruder nicht von der großen Wahrheit überzeugen, daß der Geist durchaus alles
um Christi willen für Kot und Unflat auf den Gassen achten muß. Wir kannten
uns im irdischen Leben sehr gut; einer schätzte und liebte den andern; aber ich
suchte beständig die Niedrigkeit, ich besuchte die Armen und Kranken, ging
schlecht gekleidet und schränkte mich in meiner Haushaltung bloß auf die
Notdurft ein. Dieser Bruder Gadol aber liebte den Umgang mit den Großen
der Welt, er ging sauber und nach der Mode gekleidet, trug kostbare Ringe an
den Fingern, alles war prächtig in seinem Hause, die Großen und Vornehmen
besuchten auch ihn, und er fand sich auch zuzeiten bei ihren Lustbarkeiten ein;
dies alles ziemt den Christen nicht, und doch kann ich ihn nicht davon
überzeugen.
Gadol. Ich habe dir aber so oft unwidersprechlich
bewiesen, daß ich eben so, wie du, meine Ringe, meine Kleider, meine
Hausgeräte, kurz alle Pracht des Erdenlebens, für Kot und des Ansehens nicht
wert geachtet habe. Du müßtest doch jetzt davon deutlich überzeugt sein, da du
ja siehst und im Licht erkennest, daß ich jetzt nicht die geringste
Anhänglichkeit mehr an dergleichen Sachen habe; aber daß du den Schmutz und
die Unreinlichkeit in deiner Haushaltung dermaßen überhandnehmen ließest, daß
man ohne Grausen nicht mit dir essen konnte, das war nicht recht - der Christ
darf durchaus nicht, auch im Äußern nicht, unrein sein.
Phanuel Aber, liebe Brüder! Wie könnt ihr über
Gegenstände, die ja nun alle vergangen sind und hier durchaus nicht mehr
stattfinden, noch Worte wechseln und das Zusammenfließen im Geist der Liebe
aufhalten? Ihr habt im Erdenleben beide reichlich gesäet, und könntet nun ohne
Aufhören ernten, wenn ihr euch nicht selbst aufhieltet.
Ahabdalim. Verzeihe, du Himmlischer! - Freilich
finden jene Gegenstände, die uns beide trennten, nun nicht mehr statt; aber so
lange Gadol noch nicht erkennt, daß der Grund und die Gesinnung, aus denen
diese Lebensart entstand, nicht christlich sind, so lange er noch in diesen
Grundsätzen beharrt, so lange ist ja keine Vereinigung in der Liebe möglich.
Gadol. Gerade so ist auch mein Fall!
Phanuel. Sage mir, Ahabdalim, glaubst du
denn nicht, daß der Herr auch Werkzeuge brauche, die auf die Großen der Erde,
Fürsten, Regenten, Reiche und Gewaltige wirken müssen, damit auch sie
unterrichtet, bekehrt und errettet werden mögen?
Ahabdalim. Allerdings - und eben in diesem Wirkungskreis
hat Gadol viel gewirkt und viel ausgerichtet.
Phanuel. Gut, aber, lieber Bruder, die Großen der
Erde, die noch nicht bekehrt sind, werden einem Manne, der sich ihnen nicht
nach ihrem Geschmacke darstellt, der nicht einen feinen gebildeten Umgang hat,
der sich nicht so kleidet, wie sie es zu sehen gewohnt sind, der ihnen also
auffallend und unangenehm ist, kein Gehör geben, und ihm den Zutritt zu ihnen
nicht erlauben; folglich kann er auch nicht auf sie wirken. Nun höre ferner. Gadol
war von Jugend auf leichtsinnig, er achtete weder auf Putz noch auf
Reinlichkeit, eben so wenig waren ihm die Stände unter den Menschen eine
wichtige Sache; alles war ihm gleichgültig, nur sinnlicher Genuß, Wollust und
Wissenschaften, besonders Musik und Dichtkunst waren Gegenstände seiner Leidenschaften.
Nun zog ihn der Herr allmählich zu sich, und er fand ihn zum Dienste seiner
Religion nach allen seinen Anlagen eben darum am geschicktesten, weil Pracht,
Eitelkeit und weltliche Ehre für ihn nicht gefährlich waren, und er seine
Leidenschaften alle in den Kreuzestod hingeopfert hatte. Du aber hingst von
Jugend auf am Putz, an Pracht und am Glänzen; deine Neigung ging dahin, ein
großer und reicher Mann in der Welt zu werden; als du nun bekehrt wurdest, so
sahst du alle diese Greuel in ihrem stärksten Lichte ein, und um sie zu
vermeiden, aus Abscheu gegen sie, wichest du ihnen so weit aus dem Wege, als
du konntest, und wirktest nun im Segen auf die Armen, Elenden und Verlassenen.
- Seht ihr nun, wo es fehlt? - Jeder glaubt, sein Weg sei der einzig wahre, und
verurteilt nun seinen Bruder, der den nämlichen Weg nur auf eine andere Weise
wandelt, wie er. Wenn jeder an seinem Bruder nur das Gute aufsucht, und das
Mangelhafte an sich selbst, so wird die Liebe wachsen und die Einigkeit des
Geistes nach und nach hergestellt werden; und wenn einer am andern etwas sieht,
das ihm nicht gefällt, so soll er ihn brüderlich erinnern, und seine Erklärung
darüber in Liebe anhören, und so lange alles zum Besten deuten, als der christliche
Glaubensgrund richtig ist.
Ahabdalim und Gadol erkannten ihren Irrtum,
sie umarmten sich innig, und ihre Seelen flossen über von inniger Liebe und
Dank gegen den Herrn. Beide schlossen sich an uns an, und nun wandelten wir
weiter. Bald trafen wir eine ziemlich große Gesellschaft an; alle diese Seelen
standen im Kreise und unterredeten sich ruhig miteinander; ich merkte
alsofort, daß sie Theosophen waren.
Der ehrwürdige Verborgene, der uns führte,
redete sie an, und sprach: Was macht ihr hier, liebe Brüder? Was hält euch auf,
daß ihr noch immer in den Vorhöfen bleibt?
Einer von ihnen, der der Vornehmste zu
sein schien und Schealthiel hieß, antwortete: Himmlischer Unbekannter,
wir haben den Herrn in seinem Worte und in der Natur gesucht; wir haben unsere
Grundverdorbenheit erkannt und im großen Geheimnis der Erlösung Gnade gefunden,
auf diesem Wege erlangten wir durch die erbarmende Liebe Gottes mancherlei
Einsichten in die Verborgenheiten der himmlischen Natur, der Prinzipien des
göttlichen Wesens, in die göttliche Regierung, in die endliche
Wiederherstellung aller abgefallenen Geister, in das Geisterreich und in die
Zeichenkunde der erschaffenen Natur. Die Kenntnisse, die wir erlangt hatten,
lehrten wir mündlich und schriftlich, und glaubten auch Nutzen dadurch
gestiftet zu haben: allein andere Christen und erweckte Seelen tadelten uns deswegen,
und glaubten, diese Grundsätze seien schädlich, nur das Eine, das Nötigste
müßte gelehrt werden, weiter nichts. Jetzt sind wir nun hier. Jeder, der uns sieht,
weicht uns aus, und auch wir finden einen Widerstand in uns, wenn wir uns ihnen
nähern und uns mit ihnen vereinigen wollen. Rate uns, Ehrwürdiger, was wir tun
sollen? - Währenddem, daß Schealthiel redete, nahten sich von allen
Seiten die einsamen Wanderer, und horchten sehnend, was Phanuel antworten
würde.
Phanuel. Liebe Brüder, euer Weg war sehr
gefährlich; der Herr hat euch bewahrt, ihr seid glücklich gerettet, aber ein
feines Selbstgefallen in eurem Lichte hat sich unvermerkt in eurem Wesen festgesetzt;
ihr habt nicht so ganz lauter und einfältig die euch anvertrauten Geheimnisse
gelehrt, es lag ein geheimer Stolz auf eure Weisheit im Seelengrunde verborgen;
und solche göttliche Geheimnisse dürfen auch nicht ohne besondere Veranlassung
und Gewißheit des göttlichen Wohlgefallens öffentlich bekannt gemacht werden.
Sobald ihr die Wahrheit dessen, was ich gesagt habe, erkennet, so wird auch der
wiedergeborene Wille diesen Rest der gefallenen Natur verabscheuen, und er wird
im Glanz des Erlösungswerks verschwinden wie ein Schatten in der aufgehenden
Sonne .
Schealthiel und seine Gesellschaft standen tief
gerührt; sie erkannten ihren Fehler und waren nun versöhnt und begnadigt. Nun
redete aber auch Phanuel die herbeieilenden Scharen an und sprach:
Kommt, ihr Erlöste des Herrn, und freut
euch des Guten, das er in jeder Seele, je nach ihrem Charakter, bewirkt hat! -
Tadelt denn die Rose die Lilie, daß sie keine Rose ist, oder das niedrige
Veilchen die Tulipane, daß sie nicht riecht! Kommt, verherrlicht den Herrn in
der Mannigfaltigkeit seiner Werke, und freuet euch seiner Gnade!
Währenddem Phanuel so redete, fing
er an, seine Majestät zu enthüllen; er strahlte in blendendem Lichte, wie ein
Engel des Herrn, und nun entdeckten alle, daß er der selige Gerhard
Terstegen war. Alle jauchzten ihm entgegen, alle wurden verklärt, und nun
schwangen sich alle mit ihm empor, und dem ewigen Morgen entgegen.
N e u n t e S z e n e
Eickels Verklärung
Eickel war ein
sehr frommer und verdienstvoller Prediger zu Elberfeld im Herzogtum Berg. Ich
war in dieser blühenden Handelsstadt sieben Jahre ausübender Arzt, und Eickel
war mein wahrer Freund; wir trafen uns gar oft am Krankenbette, und daher
hatte ich Gelegenheit, diesen trefflichen apostolischen Mann ganz kennen zu
lernen. Als ich nun hier in Marburg im Jahre 1788 seinen Tod erfuhr, so feierte
ich durch ein Gedicht - Eickels Verklärung, eine Szene aus der Geisterwelt -
sein Andenken.
Dieses Gedicht
wurde in Elberfeld von Buchhändler Giesen verlegt und überall wohl aufgenommen.
Dies bewegte mich, es dieser Sammlung der Szenen aus dem Geisterreich einzuverleiben,
und es so der Vergessenheit zu entreißen.
Z e h n t e S z e n e
Die ewige Ehescheidung
Es ist, leider oft der Fall, daß Eheleute
verschiedener Gesinnungen sind, so daß der eine Ehegatte den Weg zum Leben,
und der andere den Pfad des ewigen Verderbens wandelt, oder auch, daß fromme
Eltern gottlose Kinder, und begnadigte Kinder unbußfertige Eltern haben. Das
schreckliche Schicksal, welches auf alle diejenigen wartet, die in diesem
Leben die Erlösungsgnade verscherzt haben, muß notwendig den frommen Ehegatten,
frommen Eltern oder Kindern schwer auf der Seele lasten, und man kann sich des
Gedankens nicht erwehren, daß sich kaum eine vollkommene Seligkeit denken
lasse, wenn man eine Person, die man so herzlich liebt, in der Verdammnis
weiß.
Himmlische
Lehrerin, göttliche Weisheit! Siona, lehre mich dies Geheimnis einsehen,
damit ich meine lieben Brüder und Schwestern unterrichten und ihnen zeigen
möge, was sie hier zu tun haben, damit sie dort die Freuden des
ewigen Lebens ungetrübt mögen genießen können. Amen!
Siona erhörte
mich, und führte folgende Szene dem Anschauungsvermögen meiner Seele vorüber.
Ich befand mich
in der Einbildung im Reiche der Schatten der noch nicht gerichteten Geister;
indem ich so umher wandelte und über die Scharen der Verstorbenen und die
unendlich mannigfaltigen Schicksale, die ihrer nun harren, nachdachte, so
entdeckte ich eine Gruppe, die meine ganze Aufmerksamkeit auf sich zog. Zwei
soeben aus dem irdischen Leben ankommende Seelen hielten sich mit den Armen
umschlungen und zwei Engel begleiteten sie; beide waren Eheleute und zusammen
in einem Schiffbruch ertrunken; drei Kinder mit eben so vielen Engeln folgten
ihnen nach. Sie hatten mit ihren Eltern das gleiche Schicksal gehabt; und nun
sollte jedes vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden, und dann empfangen,
je nachdem jedes in seinem Leben gewirkt und was es sich da erworben hatte.
Die drei Kinder wurden alsofort von ihren
Engeln weggeführt, um sie in's Kinderreich zu versetzen. Beide Eltern seufzten
über diese Trennung; die Kinderengel aber trösteten sie und sagten; wenn ihr
bei dem Erlöser Gnade findet, so werdet ihr sehr bald eure Kinder verklärt
wieder sehen und euch ihrer hoch erfreuen.
Jetzt ließen auch die andern Engel das
Ehepaar allein und beobachteten es aus der Ferne.
Der erste
Engel, der den Mann abgeholt hatte, redete den andern mir
verstehbar an. Lieber Bruder, sprach er, bei diesem Ehepaar wird es, leider
eine ewige Scheidung geben; du hast die Frau geführt, wer ist sie, und was hat
sie für einen Charakter?
Der andere
Engel. Mahbilah war schön und wollüstig, zugleich aber weich und gutherzig;
sie konnte des sinnlichen Genusses nicht satt werden und gelüstete nach jeder
schönen Mannesperson. Noschang gefiel ihr vorzüglich, und sie auch ihm.
Beide heirateten sich und lebten friedlich miteinander. Mahbilah suchte
nun ihre geheimen Ausschweifungen ihrem Manne zu verbergen, weil sie ihn nicht
betrüben mochte und ihn auch wirklich liebte, sie lebte ihm auf alle Weise zu
Gefallen und täuschte ihn durch ihre Weichherzigkeit so, daß er sie für
vollkommen tugendhaft hielt. Durch die Predigt des nunmehr verklärten Razin wurde
er bekehrt; nun nahm auch seine Frau diese Form und Sprache an, aber ohne daß
ihr Herz gebessert wurde; sie setzte heimlich ihr Lasterleben fort und glaubte
es sei eine Schwachheit, die ihr der Schöpfer ihrer Natur verzeihen würde. Sie
hatte zu Zeiten wirklich auch gründliche Rührungen; die züchtigende Gnade ließ
sich nicht unbezeugt an ihr, dies merkte dann ihr Mann, und glaubte nun
vollends, seine Frau gehöre unter die Erlösten des Herrn. Zu Zeiten ahnte er
auch wohl etwas von ihren Ausschweifungen; allein sie wußte ihn so darüber zu
beruhigen, daß er sich zufrieden gab, und sich damit tröstete, daß allzu große
Liebe ihre Schwäche sei, mit der sie zu kämpfen habe.
Indessen würde
sie es endlich unter der Heuchlerlarve nicht mehr ausgehalten haben, denn ihre
Leidenschaft wurde immer im Verborgenen genährt und es war bald an dem, daß sie
zum öffentlichen Ausbruch kommen und sie zu einer weit schrecklicheren
Verdammnis rief, ihren Mann und Kinder aber äußerst unglücklich machen würde,
als sich die ewige Liebe ihrer erbarmte und die ganze Familie durch einen
Schiffbruch aus dem ewigen Schiffbruch rettete. Die Verdammnis, die jetzt auf Mahbilah
wartet, ist zwar schrecklich, aber doch mit der Qual nicht zu vergleichen,
die sie würde haben ausstehen müssen, wenn ihr Plan ihr gelungen wäre.
Ihr Mann war
Kaufmann, nun hatte er unter seinen Kontorgehilfen einen, mit dem seine Frau
in verbotenem Umgang lebte; nach und nach stieg ihre Leidenschaft, ihre Liebe
zu diesem Menschen so hoch, daß sie ihren Mann und ihre Kinder zu verlassen
beschloß, um mit diesem allein zu leben. Damit aber dieses auf eine solche Art
geschehen möchte, daß ihr Ruf und guter Name und auch ihr Mann im Glauben an
ihre Treue erhalten würde, so mußte der Kontorgehilfe unter dem Vorwande seinen
Abschied nehmen, daß er in England Gelegenheit hätte, in ein angesehenes Haus
als Teilhaber einzutreten. Insgeheim aber sollte er an einer wohlbekannten
Küste in einer Stadt sich aufhalten, nach welcher ihr Mann oft
Handlungsgeschäften wegen reisen mußte; sie wollte ihn dahin begleiten und er
sollte sie auf eine Art entführen lassen, die ihre Ehre und guten Namen
sicherte. Sie wollten sich dann unter fremden Namen nach Amerika begeben und
dort ihr übriges Leben zubringen. Alles wurde auch so ausgeführt, bis auf die Ankunft
in der bestimmten Stadt, aber dazu kam es nicht; denn es entstand ein
fürchterlicher Sturm, der sie etliche Tage auf dem Meere herumtrieb: Mahbilah
empfand, daß sie an allem schuld war, in ihrem Herzen wütete Verzweiflung,
und es wäre jetzt bloß darauf angekommen, Gott und ihrem Manne ihre Sünden zu
bekennen und Buße zu tun, so wäre ihre Seele gerettet worden, aber auch dazu
kam es nicht, denn die Hoffnung, ihren Geliebten bald zu sehen, und die Scham
vor ihrem Manne hielten sie von dem Bekenntnis ab, bis endlich das Schiff an
einer verborgenen Klippe scheiterte und kein Mensch davon kam.
Der erste
Engel. Wie unaussprechlich gut ist doch der Herr! --Die arme Mahbilah
war nicht mehr ganz zu retten, darum wurde sie noch, so viel als möglich
war, wenigstens gegen ein größeres Elend gesichert. Der Mann hätte vielleicht
die schwere Probe nicht bestanden und wäre auch darüber ins zeitliche und ewige
Verderben geraten und die Kinder waren dann auch, aus Mangel an einer guten
Erziehung verloren gegangen. Darum sei der Herr gelobet, daß sie nun alle hier
sind!
Der zweite
Engel. Ja, der Herr ist groß und herrlich in seinen Werken. Er
regiert mit wunderbarer Weisheit und macht alles wohl. Er sei gepriesen in
Ewigkeit!
Ich näherte
mich nun auch dem Ehepaar, um zu erfahren, was nun weiter aus ihnen werden
würde. Beide wandelten in sich verschlossen einher, sie besannen sich auf ihr
hingeschwundenes Leben, und dies Besinnen tat sehr verschiedene Wirkung. In
Noschang’s ganzem Wesen waltete tiefe Ruhe und frohe Hoffnung, aber das Gemüt
der Mahbilah durchwühlte tobende Angst und der Jammer des Heimwehs nach
dem vergangenen und vergeblich erwarteten Genuß peinigte ihre Seele mit
höllischen Qualen. Dazu kam noch das unsterbliche Gericht der Barmherzigkeit
Gottes, dessen furchtbare Entscheidung ihr folterndes Gewissen mit Grund
ahnete; sie wandelte mühsam und wankend neben ihrem Noschang einher und
schwieg.
Noschang bemerkte
ihren tiefen Kummer. Liebe Mahbilah fing er endlich an, siehe, wir sind
nun auf dem großen Standpunkte, wo uns die Barmherzigkeit unseres hochgelobten
Erlösers zu seiner Herrlichkeit einführen wird, sei getrost und zweifle nicht!
Er - der große Sündentilger - ist gnädig und barmherzig.
Mahbilah schwieg,
aber sie schwieg schrecklich.
Ein edler frommer
Wanderer pilgerte einsam und müde in der Abenddämmerung auf seinem Pfade fort.
Zu ihm gesellte sich ein freundlicher Fremdling, der ihm seinen Weg durch holde
Gespräche verkürzt; der Wanderer freut sich des Freundes, und die Hoffnung,
länger mit ihm zu reisen, macht seinen Fuß leichter; schon sehen sie von ferne
die friedliche Hütte, wo sie ruhen und sich erquicken sollten. Der Wanderer
faßt seinen Gefährten am Arm, sieht ihm freundlich ins Gesicht, um die Freuden
des nahen Ziels mit ihm zu teilen. - Aber er faßt nur eine modernde Leiche, er
sieht einem Totengerippe in die leeren Augenhöhlen, er wittert einen tötenden
Leichengeruch - er flieht und eilt zur Herberge und empfindet für den Freund
nicht mehr Freundschaft, so auch Noschang. - Starr sah er Mahbilah an
- nicht mehr sah er die reizende liebevolle Gattin - sondern ein drohendes Ungeheuer,
das wie eine rote Glut aus ihrem Wesen herauszuschimmern begann. Er wollte
sich entfernen, aber ein richtender Engel, der auf seinem Wolkenwagen einherzog,
befahl ihnen beiden zu bleiben und ihre Lebensrollen zu entwickeln. - Noschang
Sündenregister war verwischt und auf dem weißen, rein gebleichten Grund
strahlte mit goldener Schrift die Bürgschaft der Gerechtigkeit Christi. Mahbilah
entwickelte lauter Larven, hinter welchen Schlangenbrut zischte. Die
menschliche, liebenswürdige Gestalt, das Ebenmaß der Schönheit schwand auf
immer und die schreckliche Karikatur der gefallenen Geister, die Physiognomie
des ewigen Abgrundes trat an ihre Stelle, ihre äußere Form vergestaltete sich
nach den herrschenden Leidenschaften, und ihr ganzes Ansehen erregte Grausen
und Abscheu; scheußlicher, ekelhafter läßt sich nichts denken, als die Gestalt
eines abgeschiedenen Unzüchtigen, in dem nun die Leidenschaft das anschaubare
Phantom recht nach ihrer Natur formen kann.
Mahbilah flog
hin in die ewige Nacht, wie ein Pestdampf, der im Finstern einen grünlichen
Glast aushaucht und nun auf einmal vom Sturm verweht wird; Noschang
aber folgte dem freundlichen Wink des Richterengels, er schwang sich zu ihm in
die Wolke und mit ihm hoch dem Lichtmeer des ewigen Morgens entgegen.
Nun begreif'
ich, wie ein liebendes Ehepaar, von dem der eine Teil fromm, der andere gottlos
ist, auf ewig getrennt werden kann, ohne daß die Seligkeit des frommen Gatten
dadurch getrübt wird. In einer Ehe, wo eine solche Trennung zu befürchten ist,
findet ohnehin keine wahre geistige Liebe statt; denn diese entsteht bloß und
allein aus der Gleichförmigkeit der Gesinnungen und des Charakters. Diese kann
aber nie in einer solchen Ehe zustande kommen, sondern hier beruht die ganze
Anhänglichkeit des Einen an den Andern auf körperlicher Schönheit und
physischen Bedürfnissen, die Anhänglichkeit aber ist in einer begnadigten Seele
dem Geiste untertan und wird nie zur herrschenden Leidenschaft. Sobald also
der erlöste Geist die sündige Hülle abgelegt hat, so ist er auch von der
Dienstbarkeit der fortpflanzenden Natur befreit, und die Liebe, die bloß darauf
beruhte, hört ganz auf. Dagegen tritt Grausen und Abscheu an ihre Stelle,
sobald sich nun der andern Ehegatte entwickelt und in einen Satan verwandelt,
je nachdem es das eiserne Schicksal seiner Leidenschaft gebeut.
Bei diesen Erläuterungen könnte aber
jemand fragen: ob denn die Leidenschaften nicht aus der körperlichen physischen
Natur entstanden, folglich auch im Tode aufhörten? In diesem Fall könnten sie
hernach im Geisterreiche nicht mehr fortwirken.
Hierauf dient zur Antwort: Allerdings
liegt der Stoff der Materie der Wirksamkeit der Leidenschaften im Körper. So
lange nun dieser Stoff, diese Materie nach den Gesetzen der Natur bewirkt
wird, wie solches von den unvernünftigen Tieren geschieht, so geschieht dem
Willen Gottes Genüge, und in diesem Fall entsteht eine Aktion, eine Tat, aber
keine Pallion, keine Leidenschaft. Sobald aber der unsterbliche vernünftige
Geist die angenehme Empfindung, den Genuß, den der gütige Schöpfer mit solchen
physischen Aktionen verbunden hat, um zur rechten Zeit dazu anzulocken, zum
Zweck macht, und also nicht die Folgen der Aktion, so wirkt er mit seinem
freien Willen in die Gesetze der Natur. Anstatt ihnen zu folgen, ihnen gemäß zu
handeln, mißbraucht er sie und wird zum Empörer gegen ihren und seinen
Schöpfer. Er wiederholt also die Aktionen widernatürlich, bloß um seines
Vergnügens willen. Nach den unwiderruflichen Gesetzen der physischen Natur des
Menschen stärken sich die Organe am meisten, die gebraucht werden, bis sie das
übermaß endlich gar zerrüttet. Je mehr sie sich aber stärken, desto stärker
werden auch ihre Reize, ihre Forderungen an den vernünftigen Geist; er folgt
also auch dann, wenn ihn Vernunft und Gewissen überzeugen, er handle unrecht.
Jetzt ist die Aktion zur Passion, zur Leidenschaft geworden, das ist, der
vernünftige Geist wird nun von dem Genuß beherrscht, anstatt daß er den
Gesetzen der Natur und des Gewissens gehorchen sollte.
In diesem Zustande bringen die physischen
Reize des Körpers die Aktionen immer ins Gedächtnis und in die Imagination;
diese reizen den Geist zum Genuß, und dieser dann den freien Willen zur Tat,
und so geht es in einem ewigen Treiben immer fort. Das Rad der Natur entzündet
sich in seinem unnatürlichen stärkeren Umschwung und gebiert so die Quelle der
Hölle in sich selbst; denn wenn nun der Mensch stirbt, so bleibt der Körper
zurück, die Lebensgeister aber, oder die dem elektrischen Fluidum ähnliche
Lebensmaterie, die dem Geist ewig unentbehrlich ist und mit ihm die Seele
ausmacht, nimmt der Geist mit und bildet sich nun wieder zu einer Form, je nach
seiner Natur. Jetzt hat er nun das Gedächtnis und die Imagination stärker, oder
wenigstens in aller der Stärke wie vorher. Diese stellt ihm unaufhörlich die
ehemaligen Aktionen vor und erinnert ihn an ihren Genuß. Da aber die Organe
dazu fehlen, so ist dieser Genuß unmöglich, daher ewiger Hunger ohne
Sättigung, ein Zustand, der den Geist unaussprechlich elend macht.
Die
Leidenschaften gehen also mit ins Geisterreich, aber nicht die Aktionen, und
dies ist die Quelle der inneren Höllenqualen, die dann durch die äußeren noch
vermehrt werden. Selig ist der, der Herr seiner Leidenschaften wird und ihren
Brand im Blute des Erlösers löscht! -
Nach dieser furchtbaren Ehescheidung, vor
welcher der gute, treue Gott jedes christliche Ehepaar bewahren wolle, bemerkte
ich eine abgeschiedene Seele, welche einsam und traurig einherging; in einiger
Entfernung wandelte eine andere; beide bemerkten sich und näherten sich
einander.
Die erste. Friede
und ewige Ruhe sei mit dir! Die
zweite. Und mit dir ebenfalls!
Die erste. So
lange bin ich nun schon in diesem dunklen Aufenthalt des Schweigens und der
Ungewißheit, und noch sehe ich keinen Ausgang, keinen Weg zum Himmel. Oft werden
Seelen gerichtet, und ich werde übergegangen; zuweilen gesellen sich gute
Geister zu mir, aber bald verlassen sie mich auch wieder. Sie sagen mir, ich
hätte noch Anhänglichkeit an Gegenstände des irdischen Lebens, von denen ich
mich erst losmachen müßte, und dazu fühle ich keine Kraft in mir.
Die zweite. Auch
ich bin schon einige Zeit hier und gerade das nämliche sagt man mir auch. Aber
worin besteht denn eigentlich deine Anhänglichkeit?
Die erste. Ach,
ich hatte eine liebe Frau, einen Engel, den mir Gott zum Schutz und zur Rettung
gab, eine wahrhaft apostolische Seele. Diese brachte mich zum Nachdenken über
meinen gefährlichen Zustand, denn ich war im eigentlichen Sinne ein warmer
Verehrer des dreifachen Götzen: Augenlust, Fleischeslust und Hochmut. Ich
wurde durch ihre ernste und liebreiche Überzeugung zur wahren Buße gebracht,
ich wendete mich von Herzen zum großen Sündentilger und fand Gnade und Vergebung
der Sünde bei ihm. Von nun an suchte ich vor dem Herrn mit aller Treue, mit
Wachen und Beten zu wandeln, aber es währte nicht lange, so bekam ich eine
hitzige Krankheit, in welcher meine Frau mit unaussprechlicher Sehnsucht
entweder um mein Leben oder um meine Seligkeit flehte. Das Erste wurde nicht
erhört, denn ich starb schon am siebenten Tage, und das Zweite ist bis jetzt
noch unerfüllt geblieben. Dann hatte ich auch eine einzige Tochter, die von
Jugend auf von ihrer Mutter zum Engel gebildet wurde, an der mein Herz hing
und noch hängt. -
Ach, ich kann der Anhänglichkeit an diese
lieben Menschen nicht los werden, und doch sehe ich auch wohl ein, daß dieser
Zug rückwärts - meinen Zug vorwärts unausbleiblich hemmen muß. Herr, was soll
ich tun, daß ich selig werde?
Die zweite. - Ich
fange an, dich zu kennen - ich bemerke Ähnlichkeiten - hießest du nicht .... Du
bist mein Vater!
Die erste. Ja, so
hieß ich. - Bist du denn meine Eleonore? Bist du gestorben? - Deiner
Mutter entflohen?
Die zweite. Die bin
ich - und meine Mutter wird auch bald kommen; sie hatte die Auszehrung, so wie
ich; drei Jahre warst du tot, als ich einen Blutsturz bekam, an dessen Folgen
ich vier Jahre Vieles ausgestanden habe, und dann entbunden wurde; nun bin ich
auch schon einige Zeit hier, ohne zum Licht zu kommen; auch mir sagt man, daß
mich eine irdische Anhänglichkeit zurückhalte; aber wie kann ich mich von einem
Gegenstand losmachen, an dem mein Herz mit unauflöslichen ewigen Banden gefesselt
war?
Die erste. Wer ist
denn dieser Gegenstand?
Die zweite. Du
wirst dich noch des jungen .... erinnern, welcher Theologie studierte, dann
Kandidat und bei unserem Nachbar · ... Hauslehrer wurde. Das angenehme, sanfte
und christliche Wesen dieses jungen Mannes, seine ausnehmende Geschicklichkeit
und sein gesitteter Wandel rissen mich unaufhaltsam zu ihm hin; auch er
fesselte sich an mich; wir versprachen uns ewige Liebe und uns zu heiraten,
sobald er ein Amt bekommen würde. Kurz vor meinem Tode bekam er auch eine
Versorgung; er flehte um mein Leben, aber vergebens; - ich entfloh ihm, und nun
sehnt sich mein Geist zurück, das geliebte Bild schwebt mir immer vor Augen.
Der Vater stand bei dieser Erzählung
traurig in sich gekehrt und schwieg, so auch seine Tochter.
Jetzt traten
aber andere Personen auf den Schauplatz. Zwei Engel führten eine soeben
abgeschiedene Seele herzu und dem ewigen Morgen entgegen. Hoch im Licht, wie
der Morgenstern äugelt, erschien von ferne der Richterengel, und bald sank er herab
zu der Neuangekommenen, der er mit froher Miene die Entwicklung gebot. - Ein
Paradies Gottes war diese Rolle, voll von Früchten des ewigen Lebens; Vater und
Tochter erkannten Gattin und Mutter, und ihre Herzen schmolzen wie Wachs in der
Glut; sie wollten sich umarmen, aber sie durften nicht. Jetzt gebot auch der
Engel dem Vater die Enthüllung seiner Lebensgeschichte, sie war rein und
lauter, alle Sünden waren getilgt, Früchte waren gesäet, aber noch nicht reif,
ein schwarzer Flor schien alles zu verhüllen, aber dieser verschwand im
Anschauen der Gattin.
Nun enthüllte
auch Eleonore ihre Rolle; sie war auch voller Lebensfrüchte, aber ein
dichter Flor hing darüber; man konnte kaum erkennen, was darunter verborgen
lag.
Der
Richterengel. Du heißt nun Naemi; lege den Trauerflor ab! Der, den
du liebtest, war deiner nicht wert; er heuchelte dir Frömmigkeit um deiner
Schönheit und irdischen Vermögens willen. Aber heimlich lebte er in Lastern der
Unzucht und in allen Sünden der Üppigkeit, darum hat dich der Herr durch den
Tod dem künftigen Jammer entrissen.
Naemis Schleier
schwand wie ein Wolkenschatten vom Blumenfeld, und dieser Garten des Herrn
stand in voller Blüte.
Aber die Mutter
- Josanna war ihr neuer Name - strahlte in ihrer Verklärung wie ehemals
der Engel, als er in der Nacht den Hirten zu Bethlehem die Geburt des größten
Menschen, des Sternenkönigs, verkündigte. Ebion, ihr Gatte, stand ihr
gegenüber; tief gebeugt sprach er: Ach, möchte ich nur ewig in deiner Nähe
bleiben dürfen! - Wieviel habe ich Armer versäumt - wie kann ich hoffen,
gleichen Grad der Seligkeit mit dir zu genießen?
Der
Richterengel. Sei zufrieden, Ebion, die ewige Liebe trennt die
Erlösten, sich liebenden Ehegatten nie, wenn sie anders gleichen Willen und
gleiches Verlangen beseelt. Die Verschiedenheit besteht nur darin, daß der
Weitergeförderte einen größeren Wirkungskreis bekommt und darin auch größere
Wonne genießt: als der, der auf einer geringeren Stufe steht. Und du, Naemi,
wirst deiner Mutter beigesellt, du sollst ewig mit ihr leben und wirken.
Alle beide, Ebion
und Naemi, wurden nun auch verklärt, und der Richterengel, der, wie
man mir sagte, Fenelon war, nahm sie alle drei zu sich auf seinen
Wolkenwagen und führte sie über das Gebirge dem Urlicht entgegen. -
Gern hätte ich mehreres über das
Verhältnis der Ehegatten in jenem Leben mitgeteilt, allein die Zeit, die mir zu
diesem Teil der Szenen aus dem Geisterreiche vergönnt ist, schwindet, ich kann
für jetzt nicht mehr leisten. Sollten aber meine Lieben die Fortsetzung
wünschen, so werde ich ihnen mit der Zeit ihren Wunsch gewähren.
Diejenigen, denen diese Einkleidung oder auch das Eingekleidete
nicht gefällt, werden freundlich gebeten, durch ihren Tadel und Krittelei
andern den Genuß dieser Seelenweide nicht zu verbittern oder auch mir den Stab
zu brechen. Der Herr ist allein mein Richter und mein Erbarmer. Ihm die Ehre!
Amen!
E l f t e S z e n e
Das Schicksal der Namenchristen
Wenn man den
Lebensgang der christlichen Menschheit nur einigermaßen aufmerksam betrachtet,
so findet man, daß bei weitem der größte Teil des Volkes bürgerlich gesittet
wandelt, die äußeren Religionsgebräuche seiner Kirche ordentlich beobachtet
und in seinem gesellschaftlichen Betragen ziemlich untadelhaft ist. Was soll
man nun von dem Schicksale dieser Menschenklasse nach dem Tode denken? -
Vielleicht soll man gar nicht darüber urteilen? - Lieber Leser, über einzelne,
über abgeschiedene Personen, die wir in diese Klasse ordnen, dürfen wir
schlechterdings kein Urteil fällen. Wie können wir es wissen, was im Innern
dieser Seelen vorgeht, ehe sie den großen Schritt aus der Zeit in die Ewigkeit
tun? - Aber über die ganze Klasse, über Menschen überhaupt, die in einem
solchen Zustande der Gleichgültigkeit sterben, müssen wir allerdings nachdenken;
denn sollen wir das Urteil der Verdammnis über sie sprechen, so schaudert das
menschenliebende Herz vor dem schrecklichen Gedanken, so viele Menschen
unglücklich zu wissen, bebend zurück, und dann wäre die kleine Anzahl der
Auserwählten durch das kostbare Versöhnblut so teuer erkauft. Wollen wir sie
aber auch in die Seligkeit versetzen, so sind die guten Seelen sehr zu
bedauern, die mit so vielem Fleiß und Eifer kämpfen müssen, um das Kleinod zu
erringen; die durch so viele Leidens- und Verleugnungswege geführt werden, ehe
sie der Gnade Christo versichert sein können, und deren Heiligungsweg
mit ihren bluttriefenden Fußstapfen bezeichnet ist, und endlich würde ja auch
durch diese Behauptung einer gefährlichen Sicherheit Tür und Tor geöffnet.
Ich suchte also die Wahrheit an ihrer
Quelle, und mir ward durch folgende Szene in meinem Vorstellungsvermögen der
Aufschluß gegeben.
Sesai hatte
einen schönen Kampf gekämpft, am Glauben nicht Schiffbruch gelitten und
aufrichtig vor Gott gewandelt; seine Stunde schlug und er wurde von dem Engel Semaja
ins Geisterreich geführt.
Sesai. Mir ist
innig wohl, mein himmlischer Bruder, ich fühle mich selig in diesem dämmernden
Lande - wo doch überall nicht das geringste ist, das mich erfreuen könnte,
außer jenem herrlichen Lichte, welches über das Gebirge herstrahlt und der erfrischenden
Kühlung, die von dort herüber weht.
Semaja. Wenn
ein Erlöster und Auserwählter des Herrn, der seinen Christenlauf redlich
vollendet hat, seine irdische Hülle und die Sinnenwelt verlassen hat, so wird
der innere tiefe Gottesfriede, der bisher durchs Fleisch gleichsam gefangen
gehalten wurde, frei, er erfüllt nun das ganze Wesen des Menschen, wie die
Sonne hinter einem dunklen Gewölke hervortritt, und nun Fluren und Auen milde
bestrahlt, so durchglänzt jener Friede die ganze Seele und erfüllt sie mit
himmlischer Wonne; sie mag sein wo sie will, sie wäre selbst in der Hölle
selig!
Sesai. Ach du
herrlicher Bruder, der Herr sei gelobt, daß ich diese Wahrheit an mir selbst
empfinde. Aber auf diese Weise wäre ja kein eigentlicher Ort der Seligkeit
nötig, eine abgeschiedene christliche Seele, die so, wie ich jetzt, die Quelle
unaussprechlicher Wonne in sich selbst hat, ist ja schon glücklicher, als sie
es je erwarten konnte und erwartet hatte.
Semaja. Du
stellst dir die Sache sehr unrichtig vor, wenn du glaubst, dein ewiges Leben
sei nichts weiter, als ein Zustand der Ruhe und des Genusses. Nein, lieber
Bruder, alle deine erhöhten Kräfte müssen nun, ihrer Vorbereitung, Richtung und
Bestimmung gemäß, zum besten des Reiches Gottes tätig sein, und dazu
ist ein Welt erforderlich, die der Natur ihrer Bewohner angemessen ist.
Sesai. Ich
empfinde tief, daß du recht hast; der hohe Gottesfriede, den meine Seele jetzt
so überschwenglich genießt, ist der Boden, auf den ich nun in vollkommener
Abhängigkeit vom Herrn, in meinem künftigen Beruf edle Taten der Gottes- und
Menschenliebe säen und pflanzen muß. Dann erst werden daraus paradiesische
Lebensfrüchte erwachsen, deren Genuß dann die Seligkeit meiner Brüder und auch
die meinige unendlich erhöhen wird.
Semaja. Du
sprichst schon Wahrheit, wie unsereiner, und kommst doch erst aus dem Traumtal
herauf! Verherrlicht werde der Herr durch dich bis in Ewigkeit.
Sesai. Amen! Amen! Sein ist alles,
was an mir ist; nur ihm sei es geweiht! - Aber, mein herrlicher Bruder, ich
habe eine Bitte an dich, ich würde dem Herrn und dir danken, wenn du sie mir
gewähren könntest.
Semaja. Sage
mir das Anliegen deines Herzens.
Sesai. Ich
hatte verschiedene Nachbarn, die vor mir gestorben sind, deren Leben so
beschaffen war, daß man sie weder zu den Frommen noch zu den Gottlosen zählen
konnte. Sie lebten bürgerlich, ehrbar und taten niemand unrecht; sie
beobachteten alle äußeren Pflichten der Religion, des Untertanen, des Ehegatten
und des Vaters. Bei dem allem blieben sie in ihrem natürlichen Zustande; von
wahrer Buße oder Bekehrung und Ausübung eigentlicher wahrer
Christentugenden zeigte sich aber keine Spur, und so starben sie auch, ohne die
geringste Äußerung irgend eines Verlangens nach der Gnade Gottes in Christo;
wenn es nicht Vorwitz oder vorzeitige Neugierde ist, so wünschte ich zu wissen,
was für ein Schicksal nach dem Tode auf diese Art Menschen wartet,
besonders da sie millionenweise in der Christenheit gefunden werden.
Semaja. Siehst
du die unzählbaren Scharen abgeschiedener Seelen am Fuße des östlichen
Gebirges?
Sesai. Ja, ich
sehe sie - ich sehe auch, wie einzelne strahlende Engel über das Gebirge
herüber kommen und einzelne Seelen abholen und hinüber führen; zugleich bemerke
ich auch, daß sehr viele scharenweise gegen Westen hinfliehen, welche
scheußliche
Gestalten annehmen und also wohl, leider,
ins ewige Verderben verwiesen werden.
Semaja. Du
siehst und urteilst ganz richtig; aber dem ungeachtet scheint doch die
ungeheure Menge am Fuße des Berges eher zu- als abzunehmen; begreifst du nicht,
woher das kommt?
Sesai. Ich
stelle mir vor, daß alle, die von den Engeln nicht abgeholt oder verwiesen
werden, zu einem von beiden Schicksalen noch nicht reif sind.
Semaja. Ganz
richtig, aber wie stellst du dir einen Menschen vor, der weder zur Seligkeit,
noch zur Verdammnis reif ist?
Sesai. Dank
dir, himmlischer Bruder, jetzt begreife ich es. Die Menschenklasse also, deren
Schicksal nach dem Tode ich zu wissen wünsche, ist zu keinem von beiden reif.
Darum bleiben solche Seelen, weil ihrer unter allen Völkern und Ständen so
viele sind, in so großer Menge hier stehen. Aber verzeihe mir, wenn meine
Neugierde zu weit geht! - Ich möchte doch wissen, wie solchen Seelen eigentlich
zumute ist?
Semaja. Alle,
ohne Unterschied, sind sehr traurig. Aber in der Art ihrer Traurigkeit sind sie
so verschieden, wie ihre Charaktere. Wenn du näher davon unterrichtet sein und
den Zustand deiner ehemaligen Nachbarn kennen willst, so wähle dir einen in
Gedanken aus, mit dem du dich gern unterhalten möchtest, und fasse den Willen,
bei ihm zu sein, so wird dich dein Wollen zu ihm hinziehen und ich werde dich
begleiten.
Diesem Rate
folgte Sesai; er und sein Begleiter schwangen sich weithin in die Ferne,
und standen nun vor einem Geiste, der dem Sesai ganz unkenntlich war.
Doch nach einigen Fragen und Antworten erkannten sich beide bald und der
Nachbar, den wir um der Mißdeutung willen Kadar nennen wollen, schien
sich etwas aufzuheitern, und nun begann folgendes Gespräch:
Kadar. Also du
bist nun auch hier in diesem ewigen Trauerlande? – O wie unglücklich sind wir!
Sesai. Ich bin
nicht unglücklich, mein Freund, ich bin selig, mir ist hier so innig wohl, daß
ich, wenn es Gottes Wille wäre, ewig hier bleiben könnte.
Kadar. So
haben mir mehrere geantwortet, und alle, die so antworteten, wurden bald von
den Engeln über das Gebirge geführt, dies Glück wirst du auch bald haben, und
ich muß hier immerfort in der größten Schwermut forttrauern.
Sesai. Nun so
sage mir doch aufrichtig worüber du eigentlich trauerst? - Ist es Entbehrung
der ewigen Seligkeit, oder Sehnsucht nach dem ehemaligen irdischen Leben, oder
quälen dich deine Sünden?
Kadar. Ich
habe lange genug Zeit gehabt, den Grund meines unsäglichen Kummers auszuspähen,
das Heimweh nach dem für mich auf ewig verschwundenen Erdenleben peinigt mich.
Ach, - wenn ich in dieser leeren dunklen Wüste an die frohen Stunden denke, die
ich im Kreise meiner Lieben verlebt habe: wenn ich mich an den lieblichen Genuß
erinnere, den ich von meinen Gütern und im Umgang mit meinen Freunden hatte,
dann würde ich vor Kummer vergehen, wenn ich nicht unsterblich wäre.
Sesai. Wenn
dir also die freie Wahl gelassen würde, ob du die ewige Seligkeit wählen, oder
wieder in dein voriges Leben zurückkehren wolltest, so würdest du das letztere
wählen?
Kadar. Ach,
ich kenne ja die ewige Seligkeit nicht, ich weiß ja nicht, wie der Himmel
beschaffen ist. Aber das auf ewig verlorene Leben kenne ich, und empfinde gar
tief, wie wohl mir damals war, und wie wehe mir nun ist.
Sesai. Armer
Freund, du weißt doch, daß es unmöglich ist, das verlorene Leben wieder
zurückzubringen, - du weißt auch, daß alle deine zurückgelassenen Lieben nach
und nach alle hierher kommen, und daß das Erdenleben so veränderlich ist. -
Wende doch deine Aufmerksamkeit und dein Vorstellungs-Vermögen nunmehr vorwärts
nach den unvergänglichen Gütern, denen du hier so nahe bist.
Kadar. Ach
Freund, das ist mir schon oft gesagt worden; Engel haben mich unterrichtet,
was ich tun müßte, um zur Ruhe zu kommen, aber wie kann ich! - Lehre du den
Maulwurf fliegen und in die Sonne schauen, und den Adler unter der Erde sich
Gänge wühlen!
Sesai. Semaja - himmlischer
Bruder, belehre ihn. - Das Mitleiden trübt meine Seligkeit!
Semaja. Sein
Innerstes ist noch nicht reif; er muß mit großem Ernst und unüberwindlicher
Beharrlichkeit alle Vorstellungen der Vergangenheit bekämpfen, und so wie ihm
irgend eine Erinnerung aus seinem verschwundenen Leben einfällt, so muß er sie
alsofort fahren lassen, und an dessen Stelle das Leiden und Sterben unseres
erhabenen Erlösers betrachten. - Diese Vorstellungen muß er sich so lange
wiederholen, bis sie ihm nach und nach angenehm und dadurch die Bilder der
Vergangenheit in seinem Gedächtnisse verwischt werden. So wie nun die Ideen vom
Versöhntod Christi dem Geist anfangen wichtig und rührend zu sein, so entsteht
eine wohltätige Wonne der Wehmut und eine Sehnsucht in ihm, die ihn dann
allmählich dem Lichte näher, und endlich zur Ruhe bringt.
Sesai. O
Kadar, folge diesem Rate; - du kannst noch gerettet werden!
Kadar. Ach
Freund, ich bin wie gelähmt - wie kann ich? Semaja. Schwerer wird es dir
jetzt - viel schwerer als ehemals, da du aber jene Gnadenzeit versäumt hast, so
ist nun kein anderes Mittel mehr für dich übrig. Aber mit allem Ernst der himmlischen
Liebe spreche ich dir tief in dein Inneres folgende Wahrheit aus: Eile, meinem
Rat zu folgen! - Denn wenn du hier im Reich der stillen Ruhe und des
Nachdenkens noch nicht zur Erkenntnis und zur Umkehr kommst, so wirst du an
einen fürchterlichen Ort verwiesen werden, wo qualvolle Läuterungsfeuer die
süßen Bilder der Vergangenheit ausbrennen müssen.
Kadar. Ach du
Himmlischer, ich bebe vor Angst und Jammer, ich wollte ja gern kämpfen, wenn
ich nur Kraft hätte.
Semaja. Du
wolltest gern? - Wolltest du auch vorhin? Kadar. Ich ahne von ferne
etwas erleichterndes - ich wollte vorhin nicht, aber jetzt will ich.
Semaja. O Kadar.
nähre diesen Keim deines Willens, und folge meinem Rat! - Auch hier noch
ist die Kraft der allgenügsamen Gnade in dem Schwachen mächtig - sei standhaft
und kämpfe, so finden wir uns in den Wonnegefilden des Kinderreichs wieder.
(Semaja und Sesai entfernen sich.)
Sesai. Glaubst
du, daß Kadar gerettet wird?
Semaja. Ich
hoffe das Beste; es kommt nun bloß auf die Beharrlichkeit im Wollen an,
dadurch verlängert er die Zeit seines hiesigen Aufenthalts; wird er dann auch
im Wachen und Beten treulich kämpfen, so kann es ihm noch gelingen; doch
gelangt eine solche Seele nie zu dem Grad der Seligkeit derer, die in ihrem
irdischen Leben zur Überwindung gekommen sind. Sie gehört zur niedrigsten
Klasse im Reiche Gottes, denn dieses muß ja auch seine Untertanen, sein
gemeines Volk haben, und dahin bringen es dann endlich solche träge, schlaffe
Namenchristen, wenn sie nach langen und schweren Verlängerungsproben im Hades
sich noch endlich besinnen.
Sesai. O du
ewige Liebe, wie gnädig bist du! Aber sind auch wohl die meisten Namenchristen
so glücklich?
Semaja. Bei
weitem nicht! - Die meisten versinken durch ihre Kraftlosigkeit ins Verderben,
und müssen erst durch die Qualen des geisten Läuterungsfeuers nach und nach
gereinigt werden.
Sesai. Ach
Gott, das ist traurig! Aber wäre es mir wohl erlaubt, mich noch nach einem
meiner Bekannten, nach dem Nadad, zu erkundigen?
Semaja. Wer war
denn dieser Nadad?
Sesai. Er war
ein wohlhabender Bürger und Handwerksmann; er führte ein ehrbares und
untadelhaftes Leben, versäumte keine Kirche und kein Abendmahl, und überall, wo
er lebte und webte, da mischte er Sprüche aus der Bibel und Strophen aus
geistlichen Liedern in seine Gespräche; überall suchte er zu lehren und zu
erbauen, und auf seinem Totenbette blieb er am predigen, bis ihm der Odem
stillstand.
Semaja. Wir
wollen zu ihm und uns nach seinem Zustand erkundigen.
Mit Schrecken
bemerkte Sesai, daß sie der Zug westwärts, vom himmlischen Lichte
abwärts führte. Ach, himmlischer Bruder! seufzte er, ich fürchte sehr, Nadad
ist noch unglücklicher als Kadar.
Semaja. Davon
wirst du dich bald überzeugen können. Siehst du dort in der erlöschenden
Dämmerung einige Hügel?
Sesai. Kaum
bemerke ich sie im scheidenden Lichte.
Semaja. Dort
wird sein Aufenthalt sein, denn die Marktschreier im Reiche Gottes pflegen da
geläutert zu werden.
Sesai. Ach,
ich fürchte sehr, daß er zu dieser Klasse gehört. Semaja und Sesai schwebten
nun zwischen den Hügeln hin; der ewige Morgen fing hier an, zweifelhaft zu
werden; er war nun das, was eine sternhelle Nacht ist. Im tiefsten Westen aber
ahnete man etwas rötliches, und es war einem zu Zeiten so, als ob man einen
dumpfen Donner gehört hätte. Die Hügel waren ungeheuer schroffe Felsstücke, die
der Donner des Allmächtigen aus dem fernen Gehinnom hieher geschleudert hatte.
Sie bildeten schlängelnd sich herumwindende enge Täler, in welchen der Hölle
sich nähernde scheußliche Geistergestalten, teils einsam, teils gruppenweise
herumirrten. Hier fanden sie nun auch den armen Nadad. Er stand erhoben
auf einem niedrigen Felsstück, und vor ihm eine Anzahl Geister, die ihm
zuhörten. So wie ein Fieberkranker im Delirium irre und unzusammenhängend
spricht und die schönsten Wahrheiten und besten Begriffe durcheinander wirft
und verunstaltet, so auch Nadad. In seinem Munde wurde hier alles, was
heilig ist, herabgewürdigt, und seine schrecklichen Zuhörer lästerten,
spotteten und höhnten ihn und das, was er sagte, auf eine recht höllische
Weise. Dies marterte und betrübte dann den armen Redner tief, und doch fuhr er
fort und suchte sie eines besseren zu belehren, allein alle seine Mühe war
vergebens, das Spotten und Lästern wurde immer schlimmer und damit auch sein
Jammer.
Nun nahete sich
ihm Sesai und gab sich zu erkennen. Lieber Freund Nadad, fing er
an, du bist unglücklich - du prüfst dich vergeblich; du predigst und der Herr
hat dich nicht gesandt; du lehrest, ohne vom Geist Gottes unterrichtet zu sein;
dadurch machst du nun, daß der Name des Erhabenen gelästert wird, und so
häufest du dir die Gerichte des Allmächtigen auf den Tag des Zorns.
Nadad. Und
auch du machst mir Vorwürfe - du, der du doch den Namen eines wahren Christen
hattest. - Muß ich denn nicht allenthalben Jesum Christum und sein Wort
bekennen, und wenn ich dazu bestimmt bin, der Hölle seine Ehre zu verkündigen
und seinen Ruhm den bösen Geistern, was geht das dich an?
Semaja. Zürne
nicht, verarmter Geist, damit du nicht die Hölle in deinem Innern anzündest! -
Prüfe dich genau, so wirst du finden, daß du deine Ehre der Hölle und deinen
Ruhm den bösen Geistern verkündigst. Der tiefversteckte Grund deines Scheinchristentums
und deines Weissagens auf den Gassen und Straßen ist Selbstsucht; du
möchtest gern für einen hocherleuchteten apostolischen Mann gehalten werden,
und hast doch nicht eine einzige apostolische Tugend an dir; statt von Herzen
demütig zu sein, ohne welches niemand zur Bürgerschaft des Himmels gelangen
kann, suchst du sogar im Tempel des Herrn deine eigene Ehre. Anstatt durch
Sanftmut deine Feinde zu besiegen, zürnest du und vermehrst dadurch die Glut
der Hölle in dir und in ihnen; anstatt mit Lieben und Dulden wohltätig zu sein,
machst du durch dein unberufenes Lehren und Predigen die Geister lästern und
häufest also Zorn auf Zorn und Verdammnis auf Verdammnis.
Nadad. Deine
Worte sind Wahrheit, aber sie martern mich mit höllischen Qualen. - Entfernt
euch von mir, ihr Himmlischen, ich kann eure Nähe nicht ertragen!
Semaja (indem
er einen himmlischen Lichtstrahl auf ihn hinfließen läßt, der ihn und seine
Zuhörer wegscheucht.) Armer Nadad, das Entfernen ist leider an dir!
Semaja und Sesai
wendeten sich nun wieder dem ewigen Morgen zu.
Sesai. Nadad’s Schicksal
ist bedauernswürdig, und nur die Worte des Herrn, Matth. 7, 22: Herr, Herr,
haben wir nicht in deinem Namen geweissaget usw., geben mir den Aufschluß über
die Gerechtigkeit desselben.
Semaja. Die
Urteile der Menschen sind sehr trüglich; sie halten manchen für fromm, der in
den Augen des Herzens- und Nierenprüfers ein Greuel ist, und viele werden gar
nicht einmal für erweckt gehalten, die doch der Herr unter seine Auserwählten
rechnet, und hier manchen tief erniedrigen und beschämen, der sich in
seinem Herzen für weit besser und begnadigter hält, als sie.
Sesai. Unaussprechlich
wichtig ist der Befehl des Herrn: "Richtet nicht, damit ihr nicht
gerichtet werdet!" Aber nun hab ich noch ein Anliegen, mein himmlischer
Bruder. Ich habe viele Jahre mit einem Manne an einem Orte gelebt, der uns
allen ein Rätsel war. Sein Wandel war durchaus unsträflich, seine herzliche Demut,
seine Sanftmut, seine Geduld und seine unaussprechlich wohltätige Liebe äußerten
sich bei allen Gelegenheiten, aber ohne den mindesten Prunk, ohne sich zeigen
zu wollen. Die edelsten Werke der Liebe, die er kunstlos zu verstecken suchte,
strahlten denn doch zu Zeiten aus ihrem verborgenen Heiligtum hervor und
glänzten dann um so viel herrlicher. Bei dem allem konnte man nie erfahren, ob
er von Herzen an Christum glaube. Immer verbarg er seine Meinung, wenn von dem
Hochgelobten die Rede war; zwar sprach er mit Ehrfurcht und Liebe von Ihm, aber
wenn man ihn auszuforschen suchte, ob er auch die Gottheit Christi und sein
Versöhnungswerk glaubte, so wich er immer mit einer Art von Verlegenheit und
Beschämtheit aus. Dieser Mann hieß Hoschieni, er starb nur einige Wochen
vor mir; man war aufmerksam auf ihn während seiner Krankheit bis in seinen
Tod, sein Betragen war sanft, duldend, lammsartig. Er erkannte sich als den
größten Sünder, aber daß er seine Zuflucht zu dem großen Sündentilger genommen
hätte, darüber äußerte er kein Wort. Dürfte ich mich auch wohl nach ihm
erkundigen?
Semaja. Wir
wollen ihn aufsuchen.
Der Zug des
Willens führte beide weithin gegen das östliche Gebirge zu; auf einem Hügel am
Fuße desselben fanden sie den Hoschieni ruhig hin- und
herwandeln und sich zu Zeiten mit andern abgeschiedenen Seelen unterreden. Sesai
nahte sich ihm; beide erkannten und bewillkommten sich freundlich.
Sesai. Verzeihe
mir, lieber vieljähriger Reisegefährte unserer irdischen Wanderschaft, daß ich
dich aufsuche und mich nach deinem Zustand erkundige.
Hoschieni.
Ich freue mich deines Hierseins und deines Friedens, der aus
deinem Wesen zu mir herüberweht, auch ich empfinde erhabenen Gottesfrieden, ob
ich gleich noch nicht weiß, welches Schicksal auf mich wartet. Ich bin aber
auch mit jedem zufrieden, denn ich weiß, daß sich der Herr aller seiner Werke
erbarmet.
Sesai. Sprichst
du da nicht zu viel? - Kennst du die Qualen der Abgeschiedenen dort im tiefsten
Westen, und würdest du zufrieden sein, wenn ihr Schicksal das deinige würde?
Hoschieni.
Mit diesem inneren Frieden, der in uns beiden wesentlich und
bleibend ist, kann ihr Schicksal nie das unsrige werden, wir würden überall selig
sein.
Sesai. Dieser
Friede ist aber doch eine Frucht des Geistes Christi, die aus seinem
hochheiligen Erlösungswerk hervorblühte und dann in uns erreifte.
Hoschieni.
Lieber Bruder, ich empfinde tief, was du mir sagen willst; ich
habe in meinem irdischen Leben viele schwere und langwierige Kämpfe um dieses
Punkts willen bestehen müssen und die schwersten Leiden haben mich bestürmt;
jetzt hoffe ich auf die erbarmende Gnade des Allgütigen, und was mir ehemals
dunkel war, das werde ich nun bald im Licht erkennen.
Sesai. Verzeihe
mir, wenn ich dich um die Ursache frage, warum du in deinem Leben nie die
Gottheit Christi und sein Erlösungswerk offen und frei bekanntest?
Hoschieni.
Eben aus dieser Quelle entstanden alle meine Leiden, und damit du
richtig über mein Betragen urteilen könnest, will ich dir die geheime
Geschichte meines Herzens nach der Wahrheit erzählen. Ich wurde von Jugend auf
von gottesfürchtigen Eltern erzogen, die mich zu allem Guten anhielten und mir
eine herzliche Liebe zu Gott und Christo einflößten. In diesem seligen Stande
der Unschuld verlebte ich meine Jugend- und Jünglingsjahre. Aber nun mußte ich
auf mein Handwerk wandern; auf dieser Wanderschaft geriet ich in eine gewisse
Stadt, in welcher der vornehmste Prediger fast öffentlich gegen Christum
predigte und in vertrauten Gesprächen laut behauptete: Christus sei nichts
mehr, als ein bloßer guter Mensch und Sittenlehrer gewesen. Dies wußte er mit
so triftigen Gründen vorzutragen, daß mir angst und bang wurde, und von dieser
Zeit an lagerte sich ein tiefer Kummer auf meine Seele, der auch bis in meinen
Tod nicht von mir gewichen ist. Ich suchte alle die Gründe jenes Predigers zu
widerlegen, ich las viele Bücher dafür und dawider, - allein nichts haftete,
der Zweifel hatte sich meiner Vernunft dergestalt bemächtigt, daß mir keine
Beweise Genüge taten.
Bei dem allem aber war meine Liebe zu
Christo und das Verlangen nach Ihm so tief in meinem Wesen gegründet, daß ich
jahrelang die schwersten Leiden ausgehalten hätte, wenn ich mir nur dadurch die
Gewißheit der Wahrheit von Jesu Christo hätte erwerben können, aber ich habe
sie ausgehalten, ohne zu diesem Ziele zu gelangen.
Ich faßte also den Entschluß, Jesum
Christum immer so anzunehmen, wie er im Evangelium verkündigt wird; ich flehte
beständig um Vergebung der Sünden um seines Verdienstes willen und um seinen
heiligen Geist. Ich strebte unaufhörlich nach Licht und Kraft, um mit Wachen und
Beten in der Gegenwart Gottes zu bleiben, und dem allem ungeachtet lastete der
Zweifel auf meinem Gemüt, wie ein Berg hatte er sich auf meine Seele gelagert.
Nach
vieljährigem Ringen und Kämpfen in diesem trostlosen Zustande entstand nach und
nach in meinem inneren Seelengrunde eine sehr wohltätige, einfache, ruhige
Empfindung. Ich fühlte meine sittlichen Kräfte erhöht, und alle christlichen
Tugenden wurden mir leichter, mein Gehorsam gegen die Gebote Christi, meine
Geduld, meine Demut, meine Liebe zu Gott und den Nächsten wuchsen, und ich
empfand gleichsam einen zweiten Menschen in mir. Der eine, den ich den
Vernunftmenschen nennen möchte, stand unter dem Gehorsam des inneren neuen Menschen;
aber da jener unmöglich die Dinge begreifen kann, die des Geistes Gottes und
ihm eine Torheit sind, und da ihm nun einmal die antichristlichen Truggründe
eingeprägt waren, die ohne vernünftige Schlußfolgerung nicht ausgetilgt werden
können, so stellte er immer dem inneren Menschen die dunklen Ideen des Zweifels
vor, und dann entstanden die traurigen Fragen:
Wie aber, wenn dein inneres, verborgenes
Friedensgefühl natürlich wäre? - Wer kennt die Tiefen der menschlichen Natur? Vielleicht
ist jene angenehme Empfindung eine natürliche Folge vom Wachen und Beten und von
der Anstrengung, in der Gegenwart Gottes zu bleiben! - Wie, wenn du dereinst
am Ziel fändest, daß die ganze Sache des Christentums ebenso Irrtum und
Täuschung wäre, als andere Religionen - und was dergleichen Einwürfe mehr
waren. O, dann war mein Kampf schrecklich; aber immer endigte er sich mit dem
festen, unüberwindlichen Entschluß, dem allen ungeachtet meinen dunklen
Glaubenspfad mit aller Treue fortzuwandeln; ich richtete mein Gebet immer zu
Christo und zum Vater in Christo, und ob ich gleich Beispiele genug von den
auffallenden Gebetserhörungen hatte, die auch mein Glaubenslichtchen immer am
Glimmen erhielten, so wurde ich doch in meinem Gebet um nähere Offenbarungen
der Wahrheit von Christo nie erhört. Mein Vernunftmensch mußte zwar gehorchen,
aber überzeugt wurde er nie, weil alle Gründe, wodurch die Bibel als
Gotteswort unterstützt wird, bei ihm nicht hafteten; und jene Gebetserhörungen
kamen ihm immer so vor, als ob es der Zufall so gefügt hätte, daß es so gerade
ergangen wäre, als ich gebeten hatte.
Bei dem allem aber wuchs der innere Mensch
an Kraft und Gnade: ich empfand das Wehen des Geistes des Herrn immer
lebhafter; ich wurde immer gebeugter, und bekam immer tiefere Blicke in mein
natürliches Verderben. Aber immer quoll auch die beruhigende Versicherung der
Vergebung meiner Sünden wie ein Lebensstrom aus dem inneren Grund meiner Seele
hervor.
Mit einem Worte; ich wurde nach und nach
ein Nichts in meinen eigenen Augen, und Gott wurde mir alles!
Sesai. Das
ist eine höchst wunderbare Führung!
Semaja.
Lieber Bruder, solcher Führungen wirst du in Zukunft noch viele
kennen lernen; der Herr ist wunderbar in seinen Wegen, denn er braucht
mancherlei Werkzeuge in seinem Reich, und Er leitet mit großer Weisheit jeden
Charakter, so wie es am schicklichsten ist, zu seiner Bestimmung. Wenn dies nur
die kurzsichtigen Menschen bedächten und nicht richteten!
Sesai. Jawohl,
darum kann auch die Warnung vor dem Urteil über andere nicht genug wiederholt
werden. Aber, lieber Bruder Hoschieni, man sollte doch denken, die
vielen inneren Wirkungen der Gnade hätten endlich deinen Vernunftmenschen überzeugen
müssen, daß Jesus Christus der Herr sei zur Ehre Gottes des Vaters und zur
Erlösung des gefallenen Sünders.
Hoschieni.
Glaube mir, Bruder Sesai - wenn ich in die Lage gekommen
wäre, die Wahrheit des Evangeliums von Jesu Christo mit einem martervollen Tode
und mit meinem Blute zu besiegeln, ja, ich hätte den vollkommenen Willen dazu
gehabt, und ich hätte es, durch die Unterstützung der göttlichen Gnade, die in
mir wohnt, gekonnt. Auch meine Vernunft gebot mir diesen Willen, und zwar aus
dem Grundsatz der Sicherheit; denn sie schloß folgendergestalt. Ist das
Evangelium von Christo wahr, so ist der Martertod um dieser Wahrheit
willen Pflicht. - Daraus folgt aber unwidersprechlich, daß ein Mensch der
zweifelt, die nämliche Pflicht auf sich habe, denn wenn das Evangelium auch
nicht wahr wäre, so würde dieser höchste Grad der Gewissenhaftigkeit doch
zuverlässig belohnt werden. Der innere neue Mensch aber empfand immer im
dunklen nackten Glauben die gewisse Ahnung jener großen Wahrheit.
Oft überdachte ich ruhig meine ganze
Führung und alle meine Erfahrungen, um Gründe - unwiderlegbare Gründe - zu
finden, die auch die Vernunft beruhigen könnten; allein auch diese Mühe war
vergebens, es blieb immer bei dem nackten, dunklen Glauben, in welchem ich
ausgehalten habe bis an meinen letzten Odemzug. Jetzt erwarte ich nun ruhig und
im Frieden, was der Herr nach seiner unergründlichen Barmherzigkeit aus mir
machen wird.
Semaja.
Deine Treue wird dir gewiß belohnt werden, denn wenn dir nun Jesus
Christus wird offenbaret werden in seiner Herrlichkeit, den du nicht gesehen
und doch geliebt hast, an Ihn glaubtest bei allen Widersprüchen deiner
Vernunft, so wirst du dich freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude,
und das Ende eines dunklen und nackten Glaubens wird der Seele Seligkeit sein!
Hoschieni.
Amen. Mir geschehe, wie du gesagt hast, - aber dann ist auch in
allen Himmeln keiner, der dieser Seligkeit unwürdiger ist, als ich, denn ich
habe der Gnade widerstrebt. Mein Vernunft- Mensch wurde nicht gläubig bis in
den Tod, und noch jetzt ist er von der Wahrheit des Evangeliums nicht
überzeugt. Er ist ein Thomas, der mit allen Sinnen empfinden will, ehe er
glaubt, und dann ist es kein Glaube mehr, an den doch der Herr und seine
Apostel die Seligkeit gebunden haben, sondern ein Schauen.
Semaja.
Lieber Bruder, dein Zustand war eine philosophische
Seelenkrankheit, die durch Schwäche des Seelenorgans entstand, indem sie nicht
stark genug war, alle Gründe zu erwägen, auf denen der wahre Glaube beruht.
Hoschieni.
Aber hätte es denn kein Mittel gegeben, um mich von dieser
Krankheit zu heilen?
Semaja.
O ja, ernstlich mit Wachen und Beten nach Kraft und Licht ringen,
ist das wahre Mittel! Du gebrauchst es auch treulich, aber es gefiel nun
einmal dem Herrn, dich diesen Weg zu führen, und selig bist du, daß du diese
äußerst schwere Prüfung mit Treue ausgehalten hast!
Hoschieni.
Ihm gebührt die Ehre allein, und nicht mir. Aber sage mir, lieber
Bruder Sesai, hast du keine Nachricht von deinem ältesten Bruder, der
mit so unaussprechlicher Treue, Geduld und Liebe so viele Jahre das Evangelium
von Jesu Christo unter den wilden Heiden verkündigte?
Sesai. Ich
vermute, daß er schon in den seligen Gefilden den Gnadenlohn seines schweren
Tagewerkes einerntet; denn wir haben in vielen Jahren nichts mehr von ihm
gehört. Wenn mir der Herr so gnädig ist, mich in sein Reich aufzunehmen, so
werde ich in seine Arme eilen, wenn es mir anders vergönnt wird, ihn zu sehen.
Semaja.
Du hast richtig vermutet, er ist schon lange im Reich der
Herrlichkeit, und du wirst ihn sehen.
Sesai fing
an, vor Freude zu strahlen, auch Hoschieni glänzte.
Indem
diese drei so dastanden und sich freuten, stand mit der Schnelle des Blitzes
ein majestätischer Engel vor ihnen, und um ihn her in weitem Kreise glühte der
Bogen des Friedens; Silbergewölke wallte in weitem Kreise umher, und über
demselben schwebte Uriel im himmlischen Strahlenglanze; sein Diadem
durchblitzte alle sieben Farben, sowie er sein Haupt wandte.
Semaja,
Sesai und Hoschieni standen gebückt und feierten. Uriel.
Sei mir gegrüßt, Semaja! - Wo kommst du her in deinem Reisekleide?
Semaja.
Ich habe diesen Bruder Sesai vom irdischen Staube entblößt
und ihn hierher geführt.
Uriel. Ich
bin gesandt, diese beiden, Sesai und Hoschieni zu ihrer
Bestimmung zu führen: Sesai, entwickle die Rolle deines Lebens!
Wie
nach einer Gewitternacht ein goldner Sonnenstrahl eine paradiesische Landschaft
voll reicher Früchte verklärt, so strahlte im dämmernden Hades das ganze
Gemälde der hingeschwundenen Tage des frommen Sesai, und in dem
Augenblick wurde er mit himmlischer Herrlichkeit überkleidet. Er floß über von
jubelnder Freude.
Uriel.
Hoschieni, offenbare dein Inneres!
Wenn
ein Wanderer in der Nacht auf zweifelhaftem Weg mutig fortschreitet, und dann
endlich auf einmal bei anbrechendem Morgen ins Freie heraustritt, sein
Vaterland vor sich sieht, und dort, nicht ferne vor sich hin, den süßen
Wohnplatz seines künftigen Lebens erblickt, und nun sieht, wie alle seine
Lieben, die er für tot hielt, auf ihn zueilen, um· ihn mit offenen Armen zu
empfangen, so empfindet er einen Schatten von dem, was in Hoschien’is Wesen
vorging. Der schwarze Schleier, der über seiner Zukunft hing, schwand wie der
Schatten bei strahlendem Lichte, und nun war seine Freude freilich herrlich und
unaussprechlich.
Uriel genoß
Seligkeiten im Anschauen dieser Verklärung der Erlösten des Herrn, und nun
legte auch Semaja seine Hülle ab. - Er stand da - ein Engel Gottes in
aller seiner Herrlichkeit, und nun erkannte Sesai seinen ehrwürdigen
Vater, der ihn schon in der frühesten Jugend auf den Weg der Wahrheit geleitet
hatte. Neuer Jubel erhob sich; der Hades wäre zum Himmel geworden, wenn das
länger gewährt hätte. Darum lenkte Uriel seinen Wolkenwagen, die drei
andern gesellten sich zu ihm und erhoben siech über das Gebirge; - sie
strahlten dort in der Höhe, wie der Morgenstern, wenn er sich im Sonnenmeer
gebadet hat, und nun die dämmernde Erde beäugelt.
Der
erhabene Engel, der den Zug führte, schwang sich mit ihnen über das Kinderreich
und über das Reich des Lichts hin, und nun standen sie auf dem smaragdenen
Gebirge, welches das Reich des Lichts vom Reich der Herrlichkeit trennt.
Uriel. Seht,
meine Brüder, dort auf dem erhabenen Hügel wohnt Semaja, ihm ist vom
Herrn vergönnt, seine Söhne bei sich zu haben, sie arbeiten mit ihm in den
Geschäften des Reiches Gottes.
Semaja.
Ja, mein Sohn Sesai, dort ist dein ältester Bruder, er ist
ein Fürst im Hause Gottes und ein Pfeiler in seinem Tempel.
Uriel. Dort,
mein Bruder Hoschieni, wo sich der Palmenhain den Berg hinanlagert, ragt
oben eine goldene Altane hervor, sie scheint in der Glorie des heiligen Berges
zu schmelzen; da ist dein Wohnplatz; deinen künftigen Beruf wirst du auf der
saphirnen Tafel deines Tempels finden.
Hoschieni.
Mein ganzes Wesen spricht lauten Dank, und meine ewige Dauer soll
ein immerwährendes Hallelujah sein.
Sanft, wie ein wallender Nebel, schwebten
sie alle vier über die unaussprechlich schönen Fluren dieser himmlischen
Landschaft hin, deren Naturfarben alle lebendiges Licht waren, in einem so
hohen Grade, daß es kein sterbliches Auge würde ertragen können.
Jetzt
ging der Zug durch Semaja’s hohe Hallen. Alles schien in einem purpurnen
Feuer zu glühen, und ein kühlender Duft mit Wohlgeruch wehte Geist und Leben in
die Kommenden. Eliphal, Sesai' s ältester Bruder, schwebte ihnen
entgegen.
Ich verstumme, - mein Stammeln setzt die
Seligkeiten zu weit unter die wahre Beschaffenheit herab.
Selig sind, die reines Herzens sind, denn
sie werden alles in der Wahrheit schauen! –
Z w ö l f t e S z e n e
Christus als Hoherpriester
Eljada und
Senir waren soeben von ihrem Richterengel über das östliche Gebirge des
Geisterreichs, über die Grenze in das Reich des Lichts gebracht und dann von
ihm entlassen worden. Brüder, sprach er bei dem Hinschwinden, ehe ihr weiter
befördert werden könnt, müßt ihr in dem Geheimnis der Erlösung noch näher
unterrichtet und euer Glaube muß berichtigt werden, ehe ihr zum Schauen
gelangen könnt. Eljada und Senir sahen dem scheidenden Engel mit
Sehnsucht nach, und mit einmütiger Stimme fragten sie: Himmlischer Bruder, wer
soll uns unterrichten? Mit strahlender Rechte zeigte er ihnen eine Burg auf
einem Hügel und schwang sich dann empor.
Eljada.
Lieber Bruder Senir! Hier ist gut sein für solche arme
Sünder, wie wir sind, ist dieser Himmel mit seiner Herrlichkeit schon
überschwenglich; der schönste irdische Maimorgen ist tot gegen diese holde
Dämmerung, die so milde erquickend und wohltuend alle Farben des Lichts
durchwandelt. Erinnere dich der schönen Gärten in aller Blütenherrlichkeit -
sind sie nicht tote Gemälde gegen diese geistvolle Natur?
Senir. Jawohl,
welch ein Reichtum an hervorkeimenden und blühenden Gewächsen, - in ihren
Signaturen ahne ich erstaunliche Geheimnisse - wie groß wird unsere Seligkeit
sein, wenn wir unaufhörlich die Wunder der Weisheit, Allmacht und Liebe in
ihren herrlichen Werken forschen und erkennen können?
Eljada.
Du hast Recht, aber bei dem allen hat doch der Ausspruch des
Engels bei seinem Abschied einen tiefen und bleibenden Eindruck auf mich
gemacht. Wir sollen noch weiter befördert werden, wenn unser Glaube an die
Erlösung durch Christum besser berichtigt und dahin vervollkommnet worden, daß
er würdig ist, ins Schauen verwirklicht zu werden. Hast du diese Worte auch
tief empfunden?
Senir. Unauslöschlich
tief! Aber er zeigte uns ja die Burg dort auf jenem Hügel. - Siehe, wie
prächtig sie über den Smaragd des Waldes von Palmen, Zedern und Lebensbäumen
emporglänzt, - sie scheint fließendes Silber zu sein, in dem sich der lasurne
Horizont spiegelt. - Siehe! Engel wandeln auf ihrer Altane; wir wollen
hineilen, dort werden wir den Unterricht finden, den wir suchen.
Wie zwei von der Morgenröte beleuchtete
Lämmerwölkchen schwebten die beiden seligen Geister im reinen Äther über die
Gipfel der Bäume den Hügel hinan, und standen nun auf der Zinne der Burg.
Eliasaph,
der himmlische Bewohner dieses Hauses, nebst zwei besuchenden
Nachbarn, Elipal und Asiel, wandelten dort und unterhielten sich
im Genuß seliger Wonne mit Gesprächen und Betrachtungen über die wundersamen
Führungen Gottes in ihrem ehemaligen Prüfungsleben. Sie bewillkommten die neuen
Ankömmlinge, und nun führte sie Eliasaph jenseits der Burg hinab, wo im
Hintergrunde eines Paradieses voller Früchte ein Tempel von rubinrotem Lichte
weit umher strahlte. In diesen Tempel verfügten sich alle fünfe, um den
Erhabenen zu feiern und seinen Willen zu vernehmen. Während dieser stillen
heiligen Feier erschien die Flammenschrift auf der saphirnen Tafel, welche den Eliasaph
unterrichtete, was er in Ansehung der neu angekommenen Brüder zu tun habe.
Mit der
überfließenden Liebe, die den Engeln eigen ist, führte Eliasaph seine
Gäste in die Laube seines Gartens und nun begann folgendes Gespräch:
Eliasaph.
Liebe Brüder, erzählt uns die Geschichte eures Lebens!
Eljada.
Sehr gerne, ihr seligen Engel, gerne wollen wir euch erzählen,
wie viel Gutes der Herr an uns getan hat, und wie viele Mühe wir Ihn gekostet
haben, um das aus uns zu machen, was wir nun geworden sind.
Wir sind beide Söhne sehr frommer
Kaufleute, die in einer Stadt wohnten und ihr ganzes Leben in vertrauter
Freundschaft und im Wandel vor Gott gemeinschaftlich zubrachten. Wir beide
wurden also auch von Jugend auf in der wahren Gottesfurcht erzogen und im
altevangelischen Christentum unterrichtet. Bei reiferen Jahren wollten uns
unsere Väter in eine Erziehungsanstalt der Brüdergemeinde bringen; allein
dieses wurde ihnen von einem frommen Prediger, der aber Vorurteile gegen diese
Gemeinde hatte, ernstlich widerraten. Da unsere Väter diese Anstalten auch
nicht genug kannten, so unterblieb es, und nun kamen wir zu einem vorbildlich
-gottseligen und gelehrten Manne, der sich ganz aus dem Geräusch der Welt
zurückgezogen hatte, um ungehindert Gott zu dienen. Um aber doch zum Besten
seines Reichs zu wirken, so nahm er junge Leute in Pension, die er dann selbst
unterrichtete, erzog und dem Herrn zuzuführen suchte. Er war unverheiratet, und
seine Schwester, eine ebenso fromme Person, versah den weiblichen Teil der
Haushaltung.
Der liebe Mann hatte sich von Jugend auf
durch das Lesen reiner mystischer Schriften gebildet, er wandelte unaufhörlich
in der Gegenwart Gottes, mit der strengsten Selbstverleugnung alles eigenen
Wollens und Wirkens. Kurz sein ganzes Leben war ein immerwährendes Wachen und
Beten. Er setzte den ganzen Grund seiner Seligkeit in das hochheilige
Erlösungswerk Christi, und in den Glauben an Ihn, als unseren anbetungswürdigen
Erlöser; aber seine Aufmerksamkeit war nur die Auswirkung der Früchte des
wahren Glaubens in seiner Seele, durch den heiligen Geist gerichtet, das
verdienstvolle Leiden und Sterben Christi unterstellte er.
Nach
eben diesem System wurden wir nun auch erzogen und gebildet; wir wandelten auch
treulich, wo nicht mit vollkommenem, doch mit aufrichtigem Herzen, auf diesem
Wege fort, und da wir gleichsam wie Brüder miteinander lebten, uns herzlich
liebten und eines Sinnes waren, so beschlossen wir, unverheiratet und beisammen
zu bleiben und in Kompagnie zu handeln. Wir ließen uns zu Boston in Amerika
nieder, wo wir im Irdischen vielen Segen hatten, und viele Jahre nach unserer
Erkenntnis mit vielem Straucheln, Fallen und Wiederaufstehen unseren Lebensgang
fortpilgerten. Während dieser Zeit starben unsere Väter und endlich auch unser
geliebter Lehrer und geistlicher Vater. Es wird unsere Seligkeit erhöhen, wenn
es uns vergönnt sein wird, diese drei vortrefflichen und geliebten Männer hier
in ihrer Seligkeit zu umarmen! - So sehr wir nun auch glaubten, unserer Sache
gewiß und überzeugt zu sein, daß unser Weg zum Leben der richtigste sei, so
regte sich doch immer im Innern meiner Seele ein verborgenes Etwas, so oft ich
im Neuen Testament von der Versöhnung des Sünders mit Gott durch das Blut
Christi und von seiner Genugtuung für uns so wichtige Zeugnisse fand. Ich
merkte, daß diese Lehre eigentlich die Hauptsache des christlichen Glaubens und
die Grundfeste des alten und neuen Bundes sei; denn im alten starben die Tiere,
für die Sünden der Menschen, und im neuen einmal für allemal der menschgewordene
Sohn Gottes. Dies innere Etwas war ein mißbilligendes Gefühl eines Mangels
in meinem Glauben. Ich wußte wohl und glaubte fest, daß die Sendung des
erhabenen Erlösers in die Welt, sein heiliges Leben, Leiden und Sterben, der
einzige Grund unserer Seligkeit sei; aber meine Vorstellung dieses großen
Geheimnisses schränkte sich bloß auf zwei Gesichtspunkte ein:
1) Glaubte ich,
daß Christus das alles, was Er gelitten, habe leiden müssen, damit Er dadurch,
daß Er gelitten, Gehorsam lernte und so seine menschliche Natur im moralischen
Sinn zur göttlichen Würde, zur höchsten sittlichen Vollkommenheit erheben, und
also durch seinen Geist die, welche an ihn glauben, heiligen und dann
auch die Regierung der Welt übernehmen könnte. Dann auch
2) war
mir die Erlösung des menschlichen Geschlechts durch die Vorstellung
begreiflich, daß nun Christus alle Sünden der Menschen als Mittel zu guten
Zwecken gebrauchte und in seiner allweisen Regierung alles so lenkte, daß am
Ende die Bestimmung des Menschen noch vollkommener erreicht würde, als wenn er
nie gefallen wäre. Ich glaubte, daß auf diese Weise die Genugtuung Christi und
die Versöhnungslehre für den Glauben des Christen hinlänglich faßlich und keine
weitere Erläuterung dieses Geheimnisses nötig sei, - allein bei dem allem war
doch mein Gemüt noch nicht ganz ruhig; meine tiefste Überzeugung belehrte mich,
daß noch etwas mehr zum vollkommenen seligmachenden Glauben erfordert werde,
und doch konnte ich nie in dieser Sache zum Licht und zu einiger Gewißheit
kommen, und dann vermehrte auch das meine Unruhe, daß mein Herz bei der
Betrachtung der unendlichen, unbegreiflich großen Liebe Gottes in Christo und
der schrecklichen Leiden, die Er für uns ausgestanden, so kalt und gefühllos
bliebe. - Mein Verstand erkannte und glaubte das alles, aber wie es mir schien,
so nahm mein Herz zu wenig Anteil daran. Eben diese Beschaffenheit hat es auch
mit diesem meinem Freunde Senir. Wir haben unsern irdischen Pilgerweg
gemeinschaftlich gewandelt, gemeinschaftlich verloren wir unser Leben in einem
Schiffbruch, und auch hier haben wir gemeinschaftlich unser gnädiges Urteil
empfangen. Jetzt bitten wir euch nun, ihr himmlischen Brüder, belehrt uns, was
uns noch fehlt, um vom Glauben zum Schauen zu kommen! - Alles, was wir sind,
das hat der Herr durch schwere Läuterungsproben aus uns machen müssen; wir
haben immer widerstanden, Er hat uns zwingen müssen, was wir haben oder werden
sollten, das mußte Er uns geben und aus uns machen. Und ebenso verhält es sich
nun auch mit dem noch übrigen dunklen Glaubensflecken. - Er muß ihn wegtilgen,
wir können es nicht!
Eliasaph.
Gelobet sei der Herr! Er macht alles wohl! - Ich bin euer Lehrer
gewesen, dieser Bruder Elipal ist dein Vater, Eljada, - und du, Senir,
bist dieses Bruders Usiel’s Sohn! - Willkommen hier in den Gefilden
der Seligkeit! - Himmlische Umarmungen und unaussprechliche Wonne verklärten
diese fünf Lichtsbürger ; sie strahlten wie die Sonne in aller ihrer
Herrlichkeit.
Eliasaph.
In dem dunklen Glaubenszustand, worin ihr gestorben seid, stand
ich auch; aber nicht gar lange vor meinem Tod kam ich durch die Bekehrung eines
großen Sünders zur Erkenntnis und zum Licht. Dieser Mann hatte viele Jahre in
allerhand Lastern und in der ausschweifendsten Sinnlichkeit gelebt; als er nun
einstmals in einer Gesellschaft von Sündern seinesgleichen die ganze Nacht
durch mit ihnen getobt hatte, so entstand des Morgens ein Zank unter ihnen, es
kam zu Schlägen, und einer aus der Gesellschaft wurde tötlich verwundet. Dieser
Unglückliche empfand nun vor seinem Ende die ganze Wut der Hölle in seiner
Seele, seine Bekenntnisse und seine Klagen waren schrecklich und herzbrechend;
dadurch wurde jener Mann so tief erschüttert, daß er in der größten Angst
seiner Seele ausrief:
"Herr, was soll ich tun, daß ich
selig werde?"
Ein
frommer Prediger seines Orts nahm sich hierauf seiner an, er führte ihn durch
einen seligen Bußkampf zum lebendigen Glauben an den Versöhnungstod
unseres Erlösers. Dieses tat auch völlige Wirkung an ihm: denn von nun an
brachte er auch die edelsten Früchte dieses Glaubens, und ich erfuhr nun in der
Tat, das es ewig wahr sei, was der Herr sagt: "Es wird mehr Freude im
Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, als über neunundneunzig Gerechte,
die der Buße nicht bedürfen. Denn gegen diese Wärme, diese unaussprechliche
Liebe zum Erlöser und diesen Ernst, im Christentum und überall Gutes zu wirken,
war mein ganzer Wirkungskreis tot und ein bloßer Schatten. Jetzt entstand eine
Unruhe und ein Sehnen in mir, das mit nichts zu vergleichen war. Ich prüfte
mich tief und fand nun, daß der große Opfertod des Herrn an ihm seine Wirkung
noch nicht getan habe. Diese Entdeckung beugte mich in den Staub; ich kämpfte einen
schweren Kampf, bis alle subtile Höhen eigener Gerechtigkeit geebenet, ich zur
wahren Demut und Erkenntnis meines Nichts gebracht wurde.
Jetzt
durchstrahlte mein inneres Wesen ein reines, geistiges, himmlisches Licht, in
welchem ich das Geheimnis des großen Opfertodes Jesu und sein Hohepriestertum
nach der Ordnung Melchisedeks erkannte, und nun wurde auch mein Herz so warm,
daß es vor Liebe und Dankbarkeit über diese unaussprechliche Gnade Gottes
gegen die Menschen hätte zerschmelzen können; jetzt erst fühlte ich meinen
ganzen Willen geneigt, für Ihn den Tod zu leiden, und von nun an brachte
mein Glaube erst wahre Früchte der Heiligung. In diesem Zustand blieb ich nun
auch, bis ich endlich abgefordert und so lange an diesen Ort versetzt wurde,
bis ich diejenigen, die ich auf dem Wege des Lebens geführt, auch zu diesem
herrlichen Licht gebracht habe.
Eljada. Aber
sage mir doch, verklärter Lehrer, wo haben wir es eigentlich versehen?
Eliasaph. Ich
will euch nun über alles, was diese Sache betrifft, hinlänglichen Aufschluß
geben. Es gibt sehr viele Menschen, die entweder von Jugend auf christlich
erzogen wurden und daher langsam und allmählich geändert und gebessert werden,
oder auch solche, die durch Bücherlesen und erbauliche Predigten bewegt
werden, von nun an von ganzem Herzen Gott zu dienen. Wenn nun solche Seelen
nicht an Führer geraten, die ihnen den nächsten und richtigen Weg zeigen,
sondern wenn sie sich selbst überlassen sind, oder auch Bücher lesen oder
Menschen finden, die ihnen das innere verborgene Leben mit Christo in Gott
empfehlen, so überspringen sie die enge Pforte, üben sich im Wandel in der
Gegenwart Gottes, und wenn sie es auch von Herzen und redlich meinen, so geht'
s ihnen, wie es uns allen Fünfen ergangen ist, sie müssen dann hier im
Kinderreich noch das nachholen, was sie gleich anfangs hätten tun sollen.
Eljada. Aber
jene Bücher oder Menschen, die das verborgene Leben mit Christo in Gott oder
die reine Mystik empfehlen, sind doch wohl nicht schädlich?
Eliasaph. Keineswegs,
- aber sie sind nicht für Anfänger, sie sind keine Milch für Säuglinge im
Christentum, sondern dann, wann der Christ die erste Periode durchgegangen hat,
dann erst sind solche Schriften sehr nützlich; denn sie erhalten ihn im Ernst
und treiben ihn an zum Wachen und Beten, weil er sonst, wenn er den Bußkampf
vollendet und die gnädige Vergebung seiner Sünden tief in seiner Seele
empfunden hat, sich gar leicht auf dieses Faulbettchen hinlagert, einschläft
und nun in süßen Träumen vom Verdienst Christi seine Lebenszeit verschlummert.
Eljada. Nun
sage es doch, himmlischer Bruder, was solche Christen und was wir hätten tun
müssen?
Eliasaph. Wenn
der Mensch sich unwiderruflich entschlossen hat, ein wahrer Christ, das ist,
ein Mensch zu werden, wie er seiner ursprünglichen Bestimmung allen seinen
Anlagen nach werden soll, so ist das allererste, was er zu tun hat, daß er
einen festen unwiderruflichen Entschluß faßt, ganz nach dem Willen Gottes zu
leben, seinen eigenen Willen ganz zu verleugnen und mit Wachen und Beten in der
Gegenwart Gottes zu wandeln, so wie auch wir uns dies alles zu tun bestrebt
haben. Dies muß aber nun mit einem ebenso wichtigen Hauptpunkt verbunden
werden, welchen wir versäumt haben. Jetzt muß er auch sein Leben aufs genaueste
prüfen, sich alle die Sünden, die er von jeher begangen hat, lebhaft und mit
ihren Folgen vorstellen. Die Heiligkeit und die Gerechtigkeit Gottes, mit allen
ihren Forderungen an die Menschen, wohl erwägen und auch in seinem veränderten
Zustande alle seine Gedanken, Worte und Werke genau und unparteiisch prüfen
und sie gegen jene göttlichen Forderungen halten, damit er nach und nach sein
unergründliches Verderben und seine Ohnmacht, den Willen Gottes zu erfüllen,
nicht bloß einsehen, sondern auch empfinden möge! Denn wenn dies unterlassen
wird, so kommt der Mensch nie zur gründlichen Einsicht seines unaussprechlich
großen Verderbens, folglich auch nicht zu der wahren Demut, ohne welche keiner
ein Bürger des Himmels werden kann; ebenso wenig kann dann auch eine unüberwindliche
Sehnsucht nach der Erlösung durch Christum entstehen, weil man dies Bedürfnis
nicht dringend empfindet. Mithin schwebt man so zwischen Himmel und Erden fort:
man glaubt gutmütig, damit man glaube, man wird in der Treue im Wandel vor
Gott zwar vor schweren Sünden bewahrt, aber man gelangt nicht zur wahren
lebendigen Liebe zu Gott und Christo, und daher auch nicht zur wahren
lebendigen Liebe zu dem Nächsten. Seht, ihr Lieben, das ist' s, woran es uns
gefehlt hat und woran es noch vielen guten und redlich denkenden Seelen fehlt,
die den mystischen Weg zum Leben gewählt haben; sie sind streng im Urteil gegen
andere, weil sie sich selbst nicht genug kennen und sich für besser halten, als
sie sind.
Senir. So wie
es dem Blindgeborenen sein mußte, als ihm der Herr sein Gesicht gab, so ist es
mir jetzt; mir fällt eine Hülle von meinem Blick in mein Inneres weg. Ich bin
nackend ausgezogen, und was ich vorhin nur kalt und tot wußte, das fühle ich
nun warm und lebendig, nämlich, daß alles Gute an mir lauter Gnade Gottes, und
alles Übrige ein Greuel in den Augen des Allerheiligsten ist. - Ach Gott, ich
schäme mich, wie Adam, als er sich nackend fand; ich möchte mich ins fernste
Dunkel hüllen - hier in der Wohnung der Seligen kann ich nicht bleiben.
Eljada. Das ist
aufs genaueste auch meine Empfindung. Ach, Bruder Senir, laß uns
wegeilen, wie können wir in dieser Blöße hier bleiben? (Beide suchen sich
zurückzuziehen.) Eliasaph. Bleibt, Brüder, wir wollen uns in meine
Wohnung an einen dunklen Ort verfügen - es ist noch einiges in eurem Innern zu
enthüllen. -
Hierauf führte
sie Eliasaph hinab in eine dunkle Halle, die nur darin vom Hades
verschieden war, daß hier Himmelsluft wehte. Dann fuhr er fort:
Untersucht euch nun genau und prüft euch,
ob nicht noch ein verborgenes Etwas in eurem Innern ist, das euch von dem Zufluchtnehmen
zu Christo zurückgehalten hat?
Senir. Dies
verborgene Etwas ist mir aufgedeckt, es besteht in folgender Bibellehre:
Das ganze verdorbene Menschengeschlecht
liegt unter dem Fluch und Zorn Gottes. - Das ganze Geschlecht von Adam an bis
auf den letzten Menschen, der geboren wird, hat den leiblichen Tod und die
ewige Verdammnis verdient, und es kann nicht anders begnadigt, der Zorn Gottes
nicht anders gestillt werden, als wenn sich ein vollkommen unschuldiger, sündenfreier
Mensch freiwillig hingibt und den schrecklichen Tod, den sogar der größte
Verbrecher kaum verdient, für das menschliche Geschlecht leidet. Dazu wurde nun
der Gottmensch Christus bestimmt, und um das menschliche Geschlecht an diese
Vorstellung zu gewöhnen, so mußten von Anbeginn an Tiere, unschuldige, reine
Geschöpfe geschlachtet und für die Sünden der Menschen geopfert werden, weil
ohne Blutvergießung keine Vergebung möglich ist - bis daß Christus das große
Opfer vollendet hatte.
Dies ist unstreitig die Lehre der heiligen
Schrift von der Erlesung des Menschen und seiner Versöhnung mit Gott. Wir
haben sie aus Ehrfurcht gegen Gott und sein heiliges Wort geglaubt, aber immer
widersprach unser inneres Gefühl von Recht und Unrecht diesem Begriff und
hinderte uns, ihn von ganzem Herzen anzunehmen. Dies ist eigentlich der Grund
von allem, was uns noch am wahren Glauben mangelte.
Eliasaph. Du hast
den rechten Punkt getroffen, lieber Bruder!
Das war auch unser Knoten, den wir lange
nicht lösen konnten, der aber sehr leicht zu lösen ist, wenn man nur den
rechten Handgriff weiß. -
Gott schuf den Menschen rein und
unsterblich und setzte ihn in eine Lage, wo er sich, seiner anerschaffenen
Bestimmung gemäß, immer mehr vervollkommnen und zugleich auch immer
glückseliger werden konnte; zugleich warnte er ihn vor einer Frucht, weil deren
Genuß den Samen des Todes in seine Natur bringen würde.
Nun trat der Versucher herzu und sagte:
Die Frucht kann euch doch Gott unmöglich verboten haben, denn wer sie genießt,
der wird Gott gleich, und erkennt, was gut und böse ist. Daß dies der Mensch in
seinen Willen aufnahm - daß nun der Gedanke in ihm aufstieg: "Also
mißgönnt dir Gott diese Ähnlichkeit", und daß er nun mit dem Ungehorsam gegen
den göttlichen Befehl auch noch die Empörung verband und seinem Schöpfer zum
Trotz gleich sein wollte, das alles zusammen machte seinen Fall aus.
Dieser Fall zog
nun folgende unvermeidliche Folgen nach sich: 1) durch den Genuß der verbotenen
Frucht wurden alle sinnlichen Reize und Lüste bis ins Unendliche erhöht; und
2) wurde der Trieb zur Verähnlichung mit Gott in Selbstsucht verwandelt.
Beides mußte, der Natur des Menschen
gemäß, erblich werden: denn beides teilte sich den Kindern durch die in sie
übergehenden Säfte und durch die Erziehung mit.
Jetzt war also
die göttliche Natur dem Menschen widerwärtig. und ebenso dem reinen und
heiligen Gott die menschliche Natur. Da jede Abweichung von den Gesetzen Gottes
und der Natur bei dem vernünftigen Wesen, ihrer Anlage und Einrichtung nach,
schmerzhafte Folgen nach sich ziehen muß, weil sie eben dadurch von jeder
Abweichung abgeschreckt und auf der Bahn ihrer Bestimmung erhalten werden
sollen, indem vernünftige Wesen ja notwendig frei sein müßten, so war dies nun
bei dem Menschen der Fall. Die Anordnung, die er in seinen Körper gebracht
hatte, machte ihn von der äußeren Natur und seinen eigenen Wirkungen abhängig,
so daß nun Schmerzen, Krankheiten und endlich der Tod unvermeidlich wurden.
Dies alles gereichte ihm eigentlich zu seinem Besten, denn wenn er in seiner
Selbstsucht auf Erden unsterblich geblieben wäre, so würde er den Satan an
Bosheit übertroffen haben; darum ist auch in diesem Sinne der Tod der Sünden
Sold, das ist eine Belohnung für die Sünde.
Wenn sich nun die heilige Schrift der
Wörter: Zorn Gottes, Fluch und dergl. bedient, so will sie damit anzeigen, daß
die Wirkungen der heiligen, reinen, göttlichen Natur auf die verdorbene, in
den Augen Gottes abscheulich gewordene menschliche Natur gerade die nämlichen
sind, als wenn ein frommer Vater über seine ungeratenen Kinder zornig wird und
sie mit seinem Fluch so lange belegt, bis sie sich bekehren und wieder seinem
Willen gemäß leben. Die Bibel muß so reden, wenn sie dem gemeinen
Menschenverstand verständlich sein möge. Die natürlichen schmerzhaften Folgen
des Falls Adams werden also auch unter dem Bilde der Strafe eines Missetäters
vorgestellt, ob sie gleich eigentlich alle miteinander Besserungsmittel, das
ist, eben das sind, was ein guter Vater zur Züchtigung über seine Kinder
verhängt, um sie zu bessern. Daß in dem Wesen Gottes keine Veränderung vorgehe,
kein Zorn im eigentlichen Verstande möglich sei, das versteht sich von selbst;
der Sünder empfindet die Gottheit als ein verzehrendes Feuer und der
begnadigte Christ als eine wohltätige, belebende und erwärmende Sonne.
Die Hauptsache aber, die dem vernünftigen
Unverstand des philosophischen Geistes aller Zeiten am widersinnigsten vorkommt,
ist nun der Punkt, daß dieser Zorn Gottes nicht anders gestillt werden kann,
als durch den Tod und Blutvergießen unschuldiger Tiere, und endlich sogar des
reinsten und besten Menschen. Das ist nun den Juden ein Ärgernis, den Griechen
eine 'Torheit und der heutigen philosophischen Vernunft unerträglich, und doch braucht
man nur den Geist aus dem Buchstaben zu entwickeln, so ist alles Gott geziemend
und sehr vernünftig.
Ein schwaches
Bild oder Gleichnis von diesem hochheiligen Geheimnis kann die unparteiische
Vernunft schon ziemlich beruhigen. Gesetzt den Fall, eine ganze Familie hätte
sich durch frevelhafte Unvorsichtigkeit eine sehr gefährliche und schmerzhafte
Krankheit zugezogen, so daß nun nichts anders als der schreckliche Tod
unvermeidlich zu erwarten wäre; ein einziges Mittel aber wäre noch übrig, um
diese Familie zu retten und sie wieder vollkommen gesund zu machen, wenn sich
nämlich ein vollkommen gesunder Mensch dazu verstünde, sich das Blut bis auf
den letzten Tropfen abzapfen zu lassen, welches dann jeder Kranke ordentlich
und mit gehöriger Diät tropfenweise einnehmen müßte. Da sich nun niemand zu
diesem tötlichen Opfer für die unglückliche Familie verstehen wollte, so
entschlöße sich endlich der älteste Sohn freiwillig und aus lauter Liebe zu
seinen Geschwistern und deren Erhaltung dazu, indem er allein von der
Vergiftung rein geblieben wäre. Weil es aber noch einige Zeit anstehen müßte,
indem dieser Erlöser und Heiland noch vieles zu verrichten hätte, bis er das
große Opfer übernehmen könnte, so müßten die Kranken bis dahin, um sie an die
Blutarznei zu gewöhnen, das Blut reiner Tiere einnehmen. Sagt, Brüder, wäre es
nun vernünftig, wenn man in diesem Falle die Natur oder gar ihren Schöpfer der
Grausamkeit beschuldigen wollte, weil sie nicht anders als durch Blut versöhnt
werden könnten?
Eljada. O himmlischer
Bruder, wie beruhigend! Ach, füge nun auch noch die Anwendung dazu!
Eliasaph. Sehr
gerne! - Die geistliche Krankheit der menschlichen Krankheit besteht darin:
1) Daß die
sinnlichen Reize die Reize zur Frömmigkeit weit überwiegen und
2) daß die Liebe zu Gott, als dem höchsten
Gut, in Selbstsucht verwandelt worden ist.
Wenn diese Krankheit nun gründlich geheilt
werden soll, so ist eine allmächtige, allgegenwärtige, jedem menschlichen
Geiste zugängliche, das ist, eine wesentliche göttliche Kraft nötig, welche,
wenn sie von dem freien Willen des Menschen ergriffen wird, nach und nach seine
sinnlichen Reize schwächen, die Triebe zur Gottähnlichkeit beleben, den Blick
in die abscheulichen Greuel des menschlichen Herzens und in die Tiefen der göttlichen
Liebenswürdigkeit erhellen, und so den Menschen wieder zu seiner wahren
Bestimmung erheben kann.
Hierzu ist aber
der einfache Geist Gottes nicht geeignet. Er kann sich keinem endlichen, und
noch dazu so widrigen Wesen unmittelbar mitteilen. Es muß ein Mittelwesen da
sein, das gleicher Natur mit diesem Geiste Gottes und auch mit dem Menschen
ist. Dieses Mittelwesen muß unzertrennlich mit dem Geiste Gottes vereinigt
sein, mit ihm nur ein Wesen ausmachen; es muß durchaus wahre, aber
vollkommen reine menschliche Natur sein. Das Mittelwesen muß in allen
möglichen Leiden, die nur irgend einem Menschen zustoßen können, unfehlbar zu
helfen fähig sein. Es muß die allerschwersten Leiden, folglich die höchste Seelenangst
und die größten Körperschmerzen, unter Schmach, Spott und Verachtung, mit der
vollkommensten Sanftmut und Liebe, sogar gegen seine Peiniger erduldet und
siegreich bestanden haben. Wenn nun dieser durch alle Proben bewährte Geist
Christi in Vereinigung des Geistes Gottes auf irgend einen Leidenden wirkt, so
teilt er diesem seine eigene, in eben der Probe errungene Überwindungskraft mit
und stärkt ihn zum Sieg.
Durch diesen Leidensweg wird nun aber auch
diese menschliche Natur des Mittlers zur höchsten moralischen, und da sie nun
auch mit dem Geist Gottes wesentlich und unzertrennlich vereinigt ist, zugleich
auch zur göttlichen Würde erhoben; folglich in Verbindung mit diesem
göttlichen, allwissenden und allmächtigen Geiste fähig, die Weltregierung zu
versehen.
Diese Regierung geschieht nun folgendergestalt:
Der allwaltende göttliche Geist Christi wirkt auf eine höchst weise, endlichen
Wesen unbegreifliche Art, durch unsichtbare Kräfte durch das Wort Gottes und
daraus herfließende mündliche Lehren und Schriften. Der Geist Christi wirkt
durch die äußere Natur, auch wohl unmittelbar selbst, auf die Gemüter der
Menschen sowohl der Christen als der Nichtchristen, doch so, daß der Wille des
Menschen vollkommen frei bleibt. Diejenigen nun, die diesen Winken und
Vorstellungen folgen, ihren Willen ganz von seinem Geist leiten lassen und
sich so seiner Führung übergeben, diese werden nach und nach in seine Natur
vergestaltet. Sie sündigen immer weniger, und dadurch, daß sie durch Liebe,
Demut und Sanftmut überall gegen die Wirkungen der verdorbenen menschlichen
Natur kämpfen, werden sie Werkzeuge der Weltregierung und des großen
Erlösungswerkes. Alle Sünden aller Menschen werden nach und nach durch ihre
Folgen Quellen unendlichen Segens, Werkzeuge zur Vervollkommnung, Heiligung
und Seligkeit aller Kinder des gefallenen Adams. Auf diese Weise wird dann die
Erlösung vollkommen vollbracht, der Gerechtigkeit Gottes genug getan, und die
Menschheit mit der Gottheit versöhnt, indem sie ihr Ebenbild wieder errungen
hat.
Diese ganze
Vorstellungsart aber ist für den gemeinen Menschenverstand, besonders
unkultivierter Völker, und überhaupt der großen und allgemeinen Menschenklasse
durchaus nicht faßlich, und noch weniger fähig, harte Herzen zu rühren und dem
heiligen Geist zugänglich zu machen, - deswegen wählte er in der heiligen
Schrift immer die sinnlichsten, treffendsten, aber auch zusammenhängendsten
Bilder, um jene erhabene Dinge und Wahrheiten auch dem einfältigsten und
ungebildetsten Menschen faßlich und tief rührend zu machen. Wie kann demnach das
Erlösungswerk rührender und dem dümmsten Menschen begreiflicher vorgestellt
werden, als auf folgende Weise:
Gott, der allmächtige Schöpfer aller
Dinge, ist aller Menschen Vater. Er schuf die Stammeltern heilig und gut, und
setzte sie in ein gar herrliches Land, wo sie den Himmel auf Erden hatten. Nun
verbot er ihnen aber von einer schädlichen Frucht zu essen, weil sie davon
krank und sterblich werden würden, sie ließen sich aber durch ein böses
feindseliges Wesen verführen, so daß sie doch von der Frucht aßen, und also
ungehorsam und feindselig gegen Gott, aber nun auch krank und sterblich
wurden. Darüber wurde nun der große himmlische Vater sehr zornig, und nun
erklärte Er den ungehorsamen Kindern, daß sie augenblicklich aus dem guten
Lande weg müßten, damit sie nicht noch gottloser würden; Mühe, Jammer und
Trübsal aller Art, und endlich der Tod, mußten nun ihr unvermeidliches
Schicksal sein, nun ihre sinnlichen Triebe im Zaum zu halten. Ob Er sie nun
gleich ihrer woh1verdienten Strafe auf ewig überlassen und sie ganz verstoßen
könnte, so wollte Er sich doch mit unendlicher Liebe ihrer erbarmen, und ihnen
wieder ein Mittel an die Hand geben, wodurch sie, wenn sie es richtig
brauchten, nach ihrem Tode eine unaussprechliche große Seligkeit erlangen
könnten: es würde einst zu seiner Zeit ein vollkommen Heiliger aus ihrem
Geschlecht erscheinen, der würde eine so große Liebe zu seinen Brüdern, den
Menschen, haben, daß er ganz freiwillig und ungezwungen alle die schrecklichen
Strafen, die die Menschen durch ihren Ungehorsam und Sünden verdient hätten,
auf sich nehmen und den schrecklichen Tod für sie ausstehen würde. Wer nun mit
herzlicher Liebe auf diesen Erlöser hoffte, um seinetwillen gern alles
erduldete, von Herzen an ihn glaubte, und den Willen Gottes nach allen seinen
Kräften befolgte, der würde selig werden. Um sich aber des großen Todes des
Erlösers beständig zu erinnern und ihn nicht zu vergessen, sollten sie von
Zeit zu Zeit lebendige Tiere schlachten, besonders sollten sie auch dies Opfer
bringen, wenn sie eine Sünde begangen hätten, und wenn dieses Opfer mit
bußfertigem Herzen und mit dem Vorsatz geschehe, hinführe aus allen seinen
Kräften die Sünde zu meiden, so wolle Er um des künftigen Erlösers willen ihnen
gnädig sein usw.
Dies
war eigentlich der in Bilder gehüllte Bibelbegriff des alten Bundes, der dem
einen mehr, dem andern weniger klar sein mochte; überhaupt aber wurden die
blutigen Opfer von Anbeginn an, bei allen Heiden und entferntesten Nationen,
als Versöhnungsmittel des Sünders mit Gott heilig geachtet und von keinem Volk
unterlassen; woher es denn auch gewiß ist, daß schon die ersten Menschen
hierüber eine göttliche Offenbarung und Befehl gehabt haben müssen, welches
auch Abels Opfer 1. Mos. 4, 4 unwiderlegbar beweist. Zuverlässig wurde auch den
ersten Menschen die Ursache und der Zweck der blutigen Opfer, ungefähr auf die
Art, wie ich euch soeben gesagt habe, vorgestellt. Allein die Unachtsamkeit
ihrer Nachkommen machte, daß sie es außer Acht ließen und bloß bei ihren Opfern
stehen blieben, indessen blieb denn doch eine dunkle Ahnung von einem
künftigen Erlöser übrig, welche hernach durch den israelischen Gottesdienst,
die Propheten und heiligen Männer immer klarer, deutlicher und ausführlicher
gemacht wurde.
Als nun der Erlöser wirklich kam und das
Erlösungswerk ausführte - zu einer Zeit ausführte, als noch alle Welt zur
Tilgung der Sünden Tiere opferte, so konnte ja keine zweckmäßigere Lehrart
gewählt werden, als die, deren sich die Apostel bedienen, wenn sie sagten:
"Hört nun auf zu opfern, Christus hat einmal für allemal seinen eigenen
Leib zum blutigen Opfer für eure Sünden hingegeben. Glaubt nun an Ihn, folgt
seinen Lehren und laßt euch durch seinen Geist regieren, so werdet ihr selig.
Und
noch immer, wo die Menschheit längst die Opferideen vergessen hat, tut die
apostolische Bekehrungsmethode die beste Wirkung. Man versuche es einmal, einem
unbekehrten rohen Menschen die Erlösung auf die Art vorzutragen, wie ich sie
euch faßlich gemacht habe, so wird man immer finden, daß es weiter keine
Wirkung hervorbringt, als etwa eine kalte Bewunderung, in1 Fall er es auch
begreift, dabei bleibt es dann. Auf das Herz und auf den Willen tut es gar
keine Wirkung, daher ist diese Vorstellung blos für weit geförderte Seelen, die
im dunklen Glauben stehen und deren Vernunft sich nicht beruhigen kann, und
dann kann man auch der übermütigen philosophischen Vernunft dadurch zeigen,
daß die Heilslehre nichts Unvernünftiges enthalte.
Sobald aber ein wahrer Christ, der diese
Lehre aus Erfahrung predigen kann, sich der apostolischen Lehrart bedient, und
einem solchen wilden und rohen Menschen Christum bekannt macht, wie er sich
freiwillig und aus lauter Liebe für die Sünden der Menschen, zum schmählichsten
Tod am Kreuz hingegeben und aufgeopfert habe, wie schrecklich also die Sünden
in den Augen Gottes und wie groß die Menschenliebe des Erlösers sein müsse, so
schmelzt das Herz wie Wachs, wenn anders noch Bekehrung möglich ist, und der
heilige Geist bekennt sich augenblicklich zu diesem Vortrag und fängt seine
Wirkung in dem weichgewordenen Herzen an.
Man lese nur alle Missionsgeschichten,
sowohl der Brüder- als anderer Gemeinden, so wird man diese Wirkungen
allenthalben einerlei finden. Hottentotten und Grönländer, Malabaren und
Eskimos, alle werden auf diese Art bekehrt, und alle bekommen den lammsartigen
Sinn, den von jeher alle erlangten, die sich vom Geist des Herrn bewirken
ließen.
Senir. Wir
werden verklärt. Eljada! - Diese Rede hat unsern Glauben völlig erhellt.
Eljada.
Gelobet sei der Erhabene, jetzt kennen wir erst den großen
Hohepriester nach der Ordnung Melchisedeks recht, die Hülle ist weg, und wir
glauben nun ganz an Ihn mit unbedingter Liebe, er mache nun aus uns, was Ihm
wohlgefällt!
Auf einmal strahlte ein wunderbares
siebenfarbiges Licht in diese Dunkelheit, und eine holde Stimme forderte sie
alle fünfe ab in höhere Sphären.
Elim und Salem
Zwei Engel auf ihrer Reise zu Eickel's
Sterbebette.
E l i m.
Du eilst mit schnellem Flug zur Erde
nieder,
Wie Purpur glänzt dein silbernes Gefieder
Im Strahl vom ewigen Morgenrot.
Wo eilst du hin?
S a l e m.
Zu Eickel's Tod.
E l i m.
Zu Eickel's Tod, - zu ihm - dem
Menschenfreund?
Der Tausende unaufgeblühter Kinder
In' s. Paradies verpflanzte - der dem
Sünder
Den Weg zum Himmel wies -ist der gemeint?
S a l e m.
Der ist's! Ich hab' Befehl, den Todeskampf
zu mildern,
Vor seinem Geist die Ehrenkron' zu
schildern,
Die seiner harrt.
E l i m.
Ich geh' mit dir.
S a l e m.
Jehovah will' s - komm Bruder, folge mir!
Seitdem Johannes starb, seitdem Lebbäus
litte,
War nie so ernst der Seraphinen Bitte,
Des Christen Tod und Übergang zu sehn.
Er sprach: - Es soll geschehn!
Sie werden dort auf Silberwolken sitzen
Um Eickel's. Bett, in ihren Händen blitzen
Die goldnen Harfen - wann der Todesengel
zückt,
Den scharfen Pfeil in's Herze drückt,
Dann rauscht ihr Lobgesang.
E l i m.
Mein Bruder! Sage mir:
Du kanntest ihn, wem unsrer Fürsten war er
gleich?
S a l e m.
Nicht Einem ganz - Sein Herz war weich
So wie Lebbäus Herz; Sein Geist entbrannte
schier
Wie Petrus, wenn der Spötter Rotte lachte.
Doch, was ihn fast Johanni ähnlich machte,
Das war die sanfte Huld, die seinem Aug'
entfloß,
Und stromweis - Liebe - in die Seele goß.
Die Wahrheit in Parabeln einzukleiden,
Durch Gleichnisse den Unsinn zu
bestreiten,
Das hatt' er wohl vom Herren selbst
gelernt,
Die Gründlichkeit von allem Schwulst
entfernt,
Die flößt ihm Paulus ein. - Doch seine
Sorgen
Für Menschenglück; die unbegrenzte Mühe
In seinem Dienst, das Ringen spät und frühe
Nach Licht und Kraft, von jedem Morgen
Bis in die Nacht, vermag kein Engel
auszudrücken.
E l i m.
Wie glänzest du!
S a l e m.
Auch dein Gesicht ist Sonne,
Doch sage mir, wen füllet nicht mit Wonne
Ein solches Bild! Welch himmlisches
Entzücken,
Den Willkomm bald vor Gottes Thron zu
sehen!
E l i m.
Komm, Salem! Komm, wir wollen stehen
An seinem Bett, die fromme Seele zu
entbinden!
E i c k e l ' s S t e r b e b e t t
Elim, Salem, Eickel.
E l i m.
Sieh! Wie er ruhig kämpft! - Komm! Weh'
ihm Kühlung zu!
S a l e m.
Ich tu's; - der Zukunft Furcht entferne
du,
Entferne weit von ihm das Schuldbuch
seiner Sünden!
Der Herr hat's weggetilgt.
E l i m.
Ich taue
Morgenduft
Dem
Kämpfer in's. Gesicht - die Himmels1uft
Verträgt er nicht - er fleht!
E i c k e l.
O welcher Friede,
Durchströmt mein Herz!
S a l e m.
Ein Echo von dem Liede
Des Chors, das aus der Höh'
hernieder tönt.
E l i m.
Er kommt!
S a l e m.
Wer kommt?
E l i m.
Ich wittre Totenluft! -
Der
Todesengel kommt. - Er steigt aus seiner Gruft.
Ach
Herr, erbarme dich!
- Sieh wie der Kranke stöhnt!
S a l e m.
Hilf, Bruder! Hilf! - Damit ich nicht erliege!
E l i m.
Ich habe Arznei von Golgatha zum Siege.
S a l e m.
Die wirkt! -
E l i m.
Ich ström' sie ihm ins Herz.
Sie
lindert Krankheit - Tod - und jeden Schmerz.
Hör'! Die Posaune tönt! -
S a 1 e m.
Der Engel schwingt die Rechte,
Und zückt den Pfeil - gehüllt in
Wetternächte
Er zischt - und trifft! -
Der Todesengel
(mit einer Donnerstimme).
Du Menschenkind, sei Staub!
E l i m.
Sieh, wie er ringt! -
Wie ihm durch Mark und Bein der
Todesschauer dringt!
Er stirbt!
S a l e m.
Wie dunkel ist es um uns her! -
Ihr Seraphinen! - Laßt die goldnen Harfen
klingen!
Laßt ihren Silberton zum Ohr des Toten
dringen!
Weckt ihn zum Leben auf!
E 1 i m.
Sieh, hoch und hehr! -
Weht
Lebenskraft vom Thron Jehovas nieder;
Des Toten Geist ermann' sich wieder.
Sieh, wie der neue Mensch zum Engel sich
verklärt!
E i c k e l.
Wo bin im jetzt? - Was hört mein Ohr? -
Was fährt
So süß - und schauervoll durch alle meine
Glieder?
Doch - Glieder
hab' ich nicht - ich glänze - höre Lieder!
Gott - welche Majestät! - Welch' Wohltun -
welche Ruh!
Ich schwebe aufwärts - leicht - dem Thron
der Liebe zu!
Wer seid ihr Strahlenmänner? --
S a l e m.
Deine Brüder! -
Sei froh! - Und selig! - Denn du lebest
wieder,
Lebst ewig! - Komm! - Wir führ'n im Jubel
dich
Zur Gottesstadt - Komm! - Und umarme mich!
E l i m.
Auch mich - du Gottesmann! Du hast mit
Fleiß gesäet;
Jetzt erntest du - wer so lebt, der
empfähet
Den Siegeskranz.
E i c k e l.
Herr Jesus! Welche Freude! -
So ist's denn wahr - was ich geglaubet
habe! -
Und was ich ahnete jenseits dem Grabe?
o laßt mich,
Brüder, -laßt noch einmal heute
Mich auf der Kanzel stehn! Jetzt könnt ich
reden!
S a l e m.
Das geht nicht an! - Der Glaub' erringt
die' Kron',
Das Schauen nicht; denn dieses ist schon
Lohn
Für den, der glaubt.
E i c k e l.
Die für mich flehten, -
Mein Weib! - Die Freunde all - ach tröste
sie!
E l i m.
Das tut der Herr - denn sie verläßt Er
nie!
Sie hielten in der Prüfung aus wie du:
Vom goldnen Altar strömet hohe Ruh
Tief in ihr Herz.
E i c k e l.
Mein liebes Elberfeld! -
Du Acker Gottes - sei gesegnet! - Blühe!
Sei fruchtbar! - Herr! Bekröne doch die
Mühe
Der Brüder dort! - Der Brüder in der
ganzen Welt! -
S a l e m.
Schwing dich hinauf - hinauf zum
Vaterland!
Ihr Seraphinen all - die Harfen nehmt zur
Hand:
Und tönt den Sieg'sgesang den Sonnenweg
hinan!
Wir führ'n ihn im Triumph durch diese
Sternenbahn!
Gerades Wegs zum Thron.
E l i m.
Wie festlich ist es heute! -
E i c k e l.
Ich schweige, staun' - bet' an - Gott, ich
vergeh' vor Freude!
C h o r.
Lob, Preis und Dank, dir Herrscher auf dem
Throne!
Vor deiner Majestät erbebt die ganze Welt.
Lob, Preis und Dank, dem urgeschaffnen
Sohne!
Der immer noch den Sieg behält.
Sie rotten sich, die Feinde seiner Krone
Und drohen seinem Reich den vollen
Untergang.
Sie treten auf, und nähern sich mit Hohne
Dem Ewigen, mit Mut und Drang.
Er siehet sie, noch lächeln seine Blicke
Auch der Empörung Huld, dem Aufruhr Gnade
zu.
Noch hält sein Arm der Blitze Grimm
zurücke,
Gebeut der Rache-Flamme Ruh.
Noch sendet Er der Friedensboten viele,
Er sendet Eickel's hin und unterrichtet
sie,
Sie retten dann noch manchen im Gewühle
Des Unsinns, und verzagen nie.
Dann aber wird sein Zorn zur Rache reifen,
Wenn solcher Männer Müh' vergebens wirkt
und schafft,
Mit leisem Tritt wird lechzend sie
ergreifen
Des Rächers Grimm in seiner Kraft.
Wie selig ist der Knecht, der ausgerungen
In diesem schweren Kampf, und nun gesieget
hat!
Heil ihm! Ihm sei dies hohe Lied gesungen,
Zum Einzug in die Königsstadt.
Triumph! Es siegt der Herr durch seine
Knechte!
Erzittert Welten all vor unserm Jubelton!
Triumph! Sinkt hin, ihr aller Himmel
Mächte!
Und betet an vor seinem Thron!
Eickel vor dem
Throne des Erlösers.
S a l e m.
Dort ist der
Herr! --
E i c k e l.
Allmächtiger! - Erbarmen! -
Das ahnet Keiner - was - und wie Du bist!
Wie furchtbar Liebe, Huld und Ernst
gepaaret ist.
Du Unaussprechlicher! - Hab' Mitleid mit
mir Armen! -
D e r H e r r.
Komm her, mein Knecht! - Komm, ich bin
dein Erlöser!
Du warst mir treu - und meine Gnad ist
größer
Als deine Schuld. - Genieß, der
Seligkeiten Fülle! -
D e r C h o r.
Gelobet sei der Herr - und es gescheh'
sein Wille! – Hallelujah! -
Wie denn von der
Welt her nicht gehöret ist, noch mit Ohren gehöret, hat auch kein Auge gesehen,
ohne Dich Gott! Was denen geschieht, die auf Dich Harren.
Jesaja 64
Zween
Engel auf der Reiße zu Eickels Sterbebette.
Elim:
Du
eilst mit schnellem Flug zur Erde nieder,
Wie
Pupur glänzt dein silbernes Gefieder,
Im
Stral vom ewgen Morgenroth.
Wo
eilst Du hin?
Salem:
Zu
Eickels Tod.
Elim:
Zu
Eickels Tod? – zu ihm – dem Menschenfreund?
Der
Tausende unaufgeblühter Kinder:
Ins
Paradies verpflanzte – der dem Sünder
Den
Weg zum Himmel wies – ists der gemeint?
Salem:
Der
ists! – ich hab Befehl den Todeskampf zu mildern,
Vor
seinm Geist die Ehren Kron zu schildern,
die
seiner harrt.
Elim:
Ich
geh mit dir.
Salem:
Jehova
wills – komm Bruder folge mir!
Seitdem
Johannes starb, seitdem Lebbäus litte,
War
nie so ernst der Seraphinen Bitte,
Des
Christen Tod und Uebergang zu sehn.
Er sprach: -
es soll geschehn!
Sie
werden dort auf Silberwolken sitzen
Um
Eickels Bett, in ihren Händen blitzen
Die
goldnen Harfen – wann der Todes Engel zückt,
Den
scharfen Pfeil ins Herze drückt,
Dann
rauscht ihr Lobgesang.
Elim:
Mein
Bruder! Sage mir:
Du
kanntest ihn, wem unsrer Fürsten war er gleich?
Salem:
Nicht
einem ganz, - Sein Herz war weich
So
wie Lebbäus Herz; - Sein Geit entbrannte schier
Wie
Petrus, wenn der Spötter Rotte lachte.
Doch
was ihn fast Johanni ähnlich machte,
Das
war die sanfte Huld, die seinem Auge entfloß
Und
Stromweis - Liebe – in die Seelen goß.
Die
Wahrheit in Parabeln einzukleiden,
Durch
Gleichnisse den Unsinn zu bestreiten
Das
hatt er wohl vom Herren selbst gelernt.
Die
Gründlichkeit von allem Schwulst entfernt,
Die
flöst ihm Paulus ein. – Doch seine Sorgen
Für
Menschen Glück; die unbegrenzte Mühe
In
seinem Dienst; das Ringen spät und frühe
Nach
Licht und Kraft, von jedem Morgen
Bis
in die Nacht, vermag kein Engel auszudrücken.
Elim:
Wie
glänzest Du!
Salem:
Auch
dein Gesicht ist Sonne,
Doch
sage mir, wen füllet nicht mit Wonne,
Ein
solches Bild? – welch himmlisches Entzücken,
Den
Willkomm bald vor Gottes Thron zu sehn!
Elim:
Komm
Salem! – komm wir wollen stehen
An
seinem Bett, die fromme Seele zu entbinden!
Elim,
Salem, Eickel.
Elim:
Sieh!
Wie er ruhig kämpft! – komm! Weh ihm Külung zu!
Salem:
Ich
thuŽs; - der Zukunft Furcht entferne du,
Entferne
weit von ihm das Schuldbuch seiner Sünden!
Der
Herr hats weggetilgt.
Elim:
Ich
thaue Morgenduft
Dem
Kläger ins Gesicht; die Himmelsluft
Verträgt
er nicht – er flieht!
Eickel:
O
welcher Friede
Durchströmt
mein Herz!
Salem:
Ein
Echo von dem Liede
Des
Chors, das aus der Höh hernieder tönt.
Elim:
Er
kommt! –
Salem:
Wer
kommt?
Elim:
Ich
wittre Todenluft! –
Der
Todes-Engel kommt – er steigt aus seiner Gruft.
Ach
Herr erbarme Dich! – Sie wie der Kranke stöhnt!
Salem:
Hilf,
Bruder! Hilf! – damit er nicht erliege!
Elim:
Ich
habe Arzney von Golgatha zum Siege.
Salem:
Die
würkt!!
Elim:
Ich
ström sie ihm ins Herz.
Sie
lindert Krankheit – Tod – und jeden Schmerz.
Hör!
– die Posaune tönt! –
Salem:
Der
Engel schwingt die Rechte,
Und
zückt den Pfeil – gefüllt in Wetter Nächte –
Er
zischt – und trift - !
Der
Todes-Engel:
Mit
einer Donnerstimme
Du
Menschkind sey Staub!!! –
Elim:
Sieh
wie er ringt! –
Wie
ihm durch Mark und Bein der Todes Schauer dringt!
Er
stirbt!! –
Salem:
Wie
dunkel ist es um uns her!
Ihr
Seraphinen! – lasst die goldnen Harfen klingen!
Laßt
ihren Silberton zum Ohr des Toden dringen!
Weckt
ihn zum Leben auf!
Elim:
Sieh
hoch und hehr!
Weht
Lebenskraft vom Thron JehovaŽs nieder,
Des
Toden Geist ermannt sich wieder.
Sieh
wie der neue Mensch zum Engel sich verklärt!!
Eickel:
Wo
bin ich jetzt? – was hört mein Ohr? – was fährt
So
süß – und schauervoll – durch alle meine Glieder?
Doch
– Glieder hab ich nicht – ich glänze – höre Lieder!
Gott
– welche Majestät! – welch Wolthun! – welche Ruh!
Ich
schwebe aufwärts – leicht – dem Thron der Liebe zu!
Wer
seyd ihr Stralen-Männer!
Salem:
Deine
Brüder! –
Sey
froh! – und seelig! – denn du lebest wieder –
Lebst
ewig! – Komm! – wir führn im Jubel dich
Zu
Gottesstadt – Komm! – und umarme mich!
Elim:
Auch
mich – du Gottesmann! Du hast mit Fleiß gesäet,
Jetzt
erndest du – wer so lebt der empfähet
Den
Sieges Kranz.
Eickel:
Herr
Jesus! – welche Freude! –
So
ists denn wahr – was ich geglaubet habe! –
Und
was ich ahndete jenseits des Grabe?
O
lasst mich Brüder! Lasst noch einmal heute
Mich
auf der Kanzel stehn! Jetzt könnt ich reden.
Salem:
Das
geht nicht an! – Der Glaub erringt die Kron,
Das
Schauen nicht; denn dieses ist schon Lohn
Für
den der glaubt.
Eickel:
Die
für mich flehten,
Mein
Weib! – die Freunde all – ach tröstet sie!
Elim:
Das
thut er Herr – denn die verlässt Er nie.
Sie
hielten in der Prüfungaus wie du.
Vom
goldenen Altar strömet hohe Ruh
Tief
in ihr Herz.
Eickel:
Mein
liebes Elberfeld!
Du
Acker Gottes! Sey gesegnet! – blühe! –
Sey
fruchtbar! – Herr! Bekröne doch die Mühe
Der
Brücer dort! – der Brüder in der ganzen Welt!
Salem:
Schwing
dich hinauf! Hinauf! – zum Vaterland! –
Ihr
Seraphinen all! – die Harfen nehmt zur Hand!
Und
tönt den Siegsgesang den Sonnenweg hinan!
Wir
führn ihn im Triumph, durch diese Sternenbahn
Gerades
Wegs zum Thron.
Elim:
Wie
festlich ist es heute! - !
Eickel:
Ich
schweige, staun – bät an – Gott! – ich vergeh für Freude!
Chor:
Lob,
Preis und Dank, die Herrscher auf dem Throne!
Vor
deiner Majestät erbebt die ganze Welt.
Lob,
Preis und Dank, dem ungeschafnen Sohne!
Der
immer noch den Sieg behält.
Sie
rotten sich, die Feinde seiner Krone,
Und
drohen seinem Reich den vollen Untergang.
Sie
treten auf, und nähern sich mit Hohne
Dem
Ewigen, mit Muth und Drang.
Er
siehet sie, noch lächeln seine Blicke
Auch
der Empörung Huld, dem Aufruhr Gnade zu.
Noch
hält sein Arm der Blitze Grimm zurücke,
Gebeut
der Flammen Rache, Ruh.
Noch
sendet er der Friedenboten viele,
Er
sendet Eickels hin, und unterrichtet sie.
Sie
retten dann noch manchen im Gewühle
Des
Unsinns, und verzagen nie.
Dann
aber wird sein Zorn zur Rache reifen,
Wenn
solcher Männer Müh vergebens würkt und schaft.
Mit
leisem Tritt wird lechzend sie ergreifen
Des
Rächers Grimm in seiner Kraft.
Wie
seelig ist der Knecht der ausgerungen
In
diesem schweren Kampf, und nun gesieget hat!
Heil
ihm! Ihm sey dies hohe Lied gesungen,
Zum
Einzug in die Königsstadt.
Triumph!
Er siegt, der Herr, durch seine Knechte.
Erzittert
Welten all! In unserm Jubelton.
Triumph!
Sinkt hin! Ihr aller Himmel Mächte!
Und
bätet an vor seinem Thron!
Salem:
Dort
ist der Herr! - !
Eickel:
Allmächtiger!
– Erbarmen! –
Das
ahndet keiner – was – und wie Du bist!
Wie
furchtbar Liebe, Huld und Ernst gepaaret ist.
Du
unaussprechlicher! – hab Mitleid mit mir Armen! –
Der
Herr:
Komm
her mein Knecht! – komm ich bin dein Erlöser!
Du
warst mir treu – und meine Gnad ist größer
Als
deine Schuld. – Genieß der Seeligkeiten Fülle!
Der
Chor:
Gelobet
sey der Herr! – und es gescheh sein Wille!
Hallelujah!
- !